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Deutscher Bundestag: Stenografischer Bericht 146. Sitzung

Das Dokument ist ein Auszug aus dem Plenarprotokoll des Deutschen Bundestags. Es listet die Tagesordnungspunkte und Redebeiträge der 146. Sitzung auf und beschreibt Debatten und Abstimmungen zu Gesetzesentwürfen aus den Bereichen Gesundheit und Inklusion.

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Deutscher Bundestag: Stenografischer Bericht 146. Sitzung

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Inhaltsverzeichnis Plenarprotokoll 17/146

Deutscher Bundestag
Stenografischer Bericht

146. Sitzung

Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Inhalt:

Glückwünsche zum Geburtstag des Abgeord- – Beschlussempfehlung und Bericht des


neten Dr. Heinz Riesenhuber . . . . . . . . . . . . 17315 A Ausschusses für Gesundheit
Wahl des Abgeordneten Dr. Andreas (Drucksache 17/8005) . . . . . . . . . . . . . 17317 C
Schockenhoff als ordentliches Mitglied in – Bericht des Haushaltsausschusses ge-
den Verwaltungsrat des Deutsch-Französi- mäß § 96 der Geschäftsordnung
schen Jugendwerks . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17315 B (Drucksache 17/8006) . . . . . . . . . . . . . 17317 C
Wahl der Abgeordneten Caren Marks als b) Beschlussempfehlung und Bericht des
stellvertretendes Mitglied in den Verwal- Ausschusses für Gesundheit
tungsrat des Deutsch-Französischen Ju-
gendwerks . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17315 B – zu dem Antrag der Abgeordneten
Dr. Martina Bunge, Agnes Alpers,
Wahl des Abgeordneten Michael Groß als or-
dentliches Mitglied im Stiftungsrat der Bun- Karin Binder, weiterer Abgeordneter
desstiftung Baukultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17315 B und der Fraktion DIE LINKE: Wirk-
samere Bedarfsplanung zur Siche-
Wahl des Abgeordneten Lars Lindemann als rung einer wohnortnahen und be-
ordentliches Mitglied im Stiftungsrat der darfsgerechten gesundheitlichen
„Stiftung Berliner Schloss – Humboldtfo- Versorgung
rum“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17315 B
– zu dem Antrag der Abgeordneten
Wahl des Abgeordneten Patrick Döring als Dr. Harald Terpe, Birgitt Bender,
stellvertretendes Mitglied im Stiftungsrat Maria Klein-Schmeink, weiterer Ab-
der „Stiftung Berliner Schloss – Humboldt- geordneter und der Fraktion BÜND-
forum“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17315 B NIS 90/DIE GRÜNEN: Wirksame
Erweiterung und Abwicklung der Tagesord- Strukturreformen für eine patien-
nung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17315 C tenorientierte Gesundheitsversor-
gung auf den Weg bringen
Nachträgliche Ausschussüberweisung . . . . . 17317 A
Begrüßung des Präsidenten des Parlaments der – zu dem Antrag der Abgeordneten
Republik Kosovo, Herr Dr. Jakup Krasniqi . . . 17317 B Dr. Martina Bunge, Kathrin Vogler,
Jan Korte, weiterer Abgeordneter und
der Fraktion DIE LINKE: Morato-
Tagesordnungspunkt 3: rium für die elektronische Gesund-
a) – Zweite und dritte Beratung des von der heitskarte
Bundesregierung eingebrachten Ent- (Drucksachen 17/3215, 17/7190, 17/7460,
wurfs eines Gesetzes zur Verbesse- 17/8005) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17317 D
rung der Versorgungsstrukturen in
der gesetzlichen Krankenversiche- Heinz Lanfermann (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . 17318 A
rung (GKV-Versorgungsstrukturge- Elke Ferner (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17319 B
setz – GKV-VStG)
(Drucksachen 17/6906, 17/7274) . . . . 17317 B Wolfgang Zöller (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 17320 C
II Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Dr. Martina Bunge (DIE LINKE) . . . . . . . . . . 17322 B Tagesordnungspunkt 20:


Dr. Harald Terpe (BÜNDNIS 90/ Antrag der Abgeordneten Gabriele Hiller-
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17323 C Ohm, Elvira Drobinski-Weiß, Hans-Joachim
Hacker, weiterer Abgeordneter und der Frak-
Daniel Bahr, Bundesminister tion der SPD: Tag des Barrierefreien Tou-
BMG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17325 C rismus auf der ITB unterstützen
Dr. Karl Lauterbach (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . 17327 C (Drucksache 17/7827) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17338 B
Dr. Erwin Lotter (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . 17328 D Elke Ferner (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17338 B
Jens Spahn (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . 17329 C Dr. Ursula von der Leyen, Bundesministerin
BMAS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17339 C
Kathrin Vogler (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 17332 B
Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 17341 A
Maria Michalk (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 17333 B
Gabriele Molitor (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . 17342 C
Dr. Marlies Volkmer (SPD) . . . . . . . . . . . . . . 17334 C
Markus Kurth (BÜNDNIS 90/
Lothar Riebsamen (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 17335 D DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17343 D
Maria Michalk (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 17346 A
Tagesordnungspunkt 4: Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 17347 A
a) Antrag der Abgeordneten Silvia Schmidt Markus Kurth (BÜNDNIS 90/
(Eisleben), Anette Kramme, Elke Ferner, DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17348 A
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der Silvia Schmidt (Eisleben) (SPD) . . . . . . . . . . 17348 D
SPD: UN-Konvention jetzt umsetzen –
Chancen für eine inklusive Gesellschaft Heinz Golombeck (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . 17350 B
nutzen
Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 17351 C
(Drucksache 17/7942) . . . . . . . . . . . . . . . . 17337 B
Paul Lehrieder (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 17352 C
b) Erste Beratung des von den Abgeordneten
Sabine Zimmermann, Dr. Ilja Seifert, Ulla Schmidt (Aachen) (SPD) . . . . . . . . . . . . 17354 C
Dr. Martina Bunge, weiteren Abgeordne-
Marlene Mortler (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 17356 A
ten und der Fraktion DIE LINKE einge-
brachten Entwurfs eines Gesetzes zur Anette Kramme (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . 17356 D
Änderung des Neunten Buches Sozial-
gesetzbuch – Gesetzliche Fristen für die Gabriele Hiller-Ohm (SPD) . . . . . . . . . . . . . . 17358 A
Feststellung der Behinderung und die Otto Fricke (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17358 C
Erteilung des Ausweises
(Drucksache 17/6586) . . . . . . . . . . . . . . . . 17337 C Dr. Andreas Scheuer (CDU/CSU) . . . . . . . 17359 A

c) Antrag der Abgeordneten Dr. Ilja Seifert,


Dr. Martina Bunge, Matthias W. Birkwald, Tagesordnungspunkt 39:
weiterer Abgeordneter und der Fraktion
DIE LINKE: Behindern ist heilbar – Un- a) Erste Beratung des von der Bundesregie-
ser Weg in eine inklusive Gesellschaft rung eingebrachten Entwurfs eines Geset-
(Drucksache 17/7872) . . . . . . . . . . . . . . . . 17337 D zes über die geodätischen Referenzsys-
teme, -netze und geotopographischen
d) Antrag der Abgeordneten Dr. Ilja Seifert, Referenzdaten des Bundes (Bundesgeo-
Dr. Martina Bunge, Agnes Alpers, weite- referenzdatengesetz – BGeoRG)
rer Abgeordneter und der Fraktion DIE (Drucksache 17/7375) . . . . . . . . . . . . . . . 17359 D
LINKE: Teilhabesicherungsgesetz vorle-
gen b) Erste Beratung des von der Bundesregie-
(Drucksache 17/7889) . . . . . . . . . . . . . . . . 17338 A rung eingebrachten Entwurfs eines Geset-
zes zur Änderung des Düngegesetzes,
e) Antrag der Abgeordneten Markus Kurth, des Saatgutverkehrsgesetzes und des
Fritz Kuhn, Katrin Göring-Eckardt, weite- Lebensmittel- und Futtermittelgesetz-
rer Abgeordneter und der Fraktion buches
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Neuntes (Drucksache 17/7744) . . . . . . . . . . . . . . . 17359 D
Buch Sozialgesetzbuch im Sinne des
c) Erste Beratung des von der Bundesregie-
Selbstbestimmungsrechts der Menschen
rung eingebrachten Entwurfs eines Geset-
mit Behinderung weiterentwickeln
zes zu dem Protokoll vom 17. Mai 2011
(Drucksache 17/7951) . . . . . . . . . . . . . . . . 17338 A
zur Änderung des Abkommens vom
3. Mai 2006 zwischen der Bundesrepu-
in Verbindung mit blik Deutschland und der Republik Slo-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 III

wenien zur Vermeidung der Doppelbe- d) Antrag der Abgeordneten Willi Brase,
steuerung auf dem Gebiet der Steuern Klaus Barthel, Dr. Ernst Dieter Rossmann,
vom Einkommen und vom Vermögen weiterer Abgeordneter und der Fraktion
(Drucksache 17/7917) . . . . . . . . . . . . . . . . 17360 A der SPD: Gleichwertigkeit von Berufs-
bildung und Abitur sichern
d) Antrag der Abgeordneten Dr. Petra Sitte, (Drucksache 17/7957) . . . . . . . . . . . . . . . 17360 D
Herbert Behrens, Agnes Alpers, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion DIE
LINKE: Die Ergebnisse öffentlicher Tagesordnungspunkt 40:
Forschung für alle zugänglich machen –
Open Access in der Wissenschaft unter- a) Zweite und dritte Beratung des von den
stützen Fraktionen der CDU/CSU und FDP einge-
(Drucksache 17/7864) . . . . . . . . . . . . . . . . 17360 A brachten Entwurfs eines Zweiten Geset-
zes zur Neuregelung energiewirtschafts-
e) Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und rechtlicher Vorschriften
FDP: Neue Impulse für die Sportboot- (Drucksache 17/7632) . . . . . . . . . . . . . . . 17361 A
schifffahrt
(Drucksache 17/7937) . . . . . . . . . . . . . . . . 17360 B Beschlussempfehlung und Bericht des
Ausschusses für Wirtschaft und Technolo-
f) Antrag der Abgeordneten Martin Gerster, gie
Sabine Bätzing-Lichtenthäler, Petra (Drucksache 17/7984) . . . . . . . . . . . . . . . 17361 A
Ernstberger, weiterer Abgeordneter und
der Fraktion der SPD: Förderung eines c) Beratung der Beschlussempfehlung des
offenen Umgangs mit Homosexualität Rechtsausschusses: zu dem Streitverfah-
im Sport ren vor dem Bundesverfassungsgericht
(Drucksache 17/7955) . . . . . . . . . . . . . . . . 17360 B 2 BvE 1/11
(Drucksache 17/7986) . . . . . . . . . . . . . . . 17361 B
g) Antrag der Abgeordneten Oliver Krischer,
Dr. Valerie Wilms, Hans-Josef Fell, weite- d) – k)
rer Abgeordneter und der Fraktion
Beratung der Beschlussempfehlung des Pe-
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Schlechte
titionsausschusses: Sammelübersichten
Treibhausgasbilanz von Kraftstoffen
346, 347, 348, 349, 350, 351, 352 und 353
aus Teersanden bei der Umsetzung der
zu Petitionen
Kraftstoffqualitätsrichtlinie berück-
sichtigen (Drucksachen 17/7876, 17/7877, 17/7878,
(Drucksache 17/7956) . . . . . . . . . . . . . . . . 17360 B 17/7879, 17/7880, 17/7881, 17/7882,
17/7883) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17361 C

Zusatztagesordnungspunkt 2:
Zusatztagesordnungspunkt 3:
a) Erste Beratung des von den Abgeordneten
Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-
Dr. Anton Hofreiter, Bettina Herlitzius,
schusses für Umwelt, Naturschutz und Reak-
Stephan Kühn, weiteren Abgeordneten
torsicherheit
und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines – zu dem Antrag der Abgeordneten Eva
Gesetzes zur Bedarfsfestlegung des Bulling-Schröter, Ralph Lenkert, Sabine
Baus oder Ausbaus von Bundesfern- Stüber, weiterer Abgeordneter und der
straßen Fraktion DIE LINKE: zu dem Vorschlag
(Drucksache 17/7885) . . . . . . . . . . . . . . . . 17360 C der Europäischen Kommission für eine
Richtlinie des Europäischen Parlaments
b) Erste Beratung des von den Abgeordneten und des Rates zur Schaffung eines Ord-
Rüdiger Veit, Gabriele Fograscher, Petra nungsrahmens für den Bodenschutz
Ernstberger, weiteren Abgeordneten und und zur Änderung der Richtlinie 2004/
der Fraktion der SPD eingebrachten Ent- 35/EG (KOM [2006] 232 endg.; Rats-
wurfs eines Gesetzes zur Schaffung dok. 1388/06)
einer aufenthaltsrechtlichen Bleibe-
rechtsregelung hier: Stellungnahme des Deutschen
(Drucksache 17/7933) . . . . . . . . . . . . . . . . 17360 C Bundestages gemäß Artikel 23 Absatz 3
des Grundgesetzes i. V. m. § 9 Absatz 4
c) Antrag der Abgeordneten Dr. Wilhelm des Gesetzes über die Zusammenarbeit
Priesmeier, Willi Brase, Petra Crone, wei- von Bundesregierung und Deutschem
terer Abgeordneter und der Fraktion der Bundestag in Angelegenheiten der
SPD: Klassische Schweinepest zeitge- Europäischen Union
mäß bekämpfen – Impfen statt Töten
(Drucksache 17/7958) . . . . . . . . . . . . . . . . 17360 D Bodenschutz europaweit stärken
IV Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

– zu dem Antrag der Abgeordneten Frank Schwabe (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17363 C


Dorothea Steiner, Cornelia Behm, Ulrike
Höfken, weiterer Abgeordneter und der Andreas Jung (Konstanz) (CDU/CSU) . . . . . 17364 C
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Dr. Hermann E. Ott (BÜNDNIS 90/
Blockade beim Bodenschutz aufgeben – DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17365 D
EU-Bodenschutzrahmenrichtlinien vo-
ranbringen Michael Kauch (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17366 D
(Drucksachen 17/7024, 17/3855, 17/7503) . . . 17362 C Eva Bulling-Schröter (DIE LINKE) . . . . . . . 17368 A
Dr. Thomas Gebhart (CDU/CSU) . . . . . . . . . 17369 A
Tagesordnungspunkt 17:
Dirk Becker (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17370 A
a) Antrag der Abgeordneten Dr. Hermann E.
Ott, Bärbel Höhn, Hans-Josef Fell, weite- Dr. Christiane Ratjen-Damerau (FDP) . . . . . . 17371 A
rer Abgeordneter und der Fraktion
Bärbel Höhn (BÜNDNIS 90/
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Klima-
konferenz Durban: 10 Punkte für ein DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17372 A
besseres Klima Josef Göppel (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 17373 D
(Drucksache 17/7828) . . . . . . . . . . . . . . . . 17362 D
Dr. Matthias Miersch (SPD) . . . . . . . . . . . . . 17374 D
b) Antrag der Abgeordneten Andreas Jung
(Konstanz), Marie-Luise Dött, Peter Dr. Norbert Röttgen, Bundesminister
Altmaier, weiterer Abgeordneter und der BMU . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17375 D
Fraktion der CDU/CSU sowie der Abge-
ordneten Michael Kauch, Horst Ulrich Kelber (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17377 C
Meierhofer, Angelika Brunkhorst, weite- Dr. Christian Ruck (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 17378 D
rer Abgeordneter und der Fraktion der
FDP: Die UN-Klimakonferenz in Dur-
ban – Vertrauen schaffen, konkrete Er-
gebnisse erzielen Tagesordnungspunkt 6:
(Drucksache 17/7936) . . . . . . . . . . . . . . . . 17362 D – Beschlussempfehlung und Bericht des
c) Antrag der Abgeordneten Frank Schwabe, Auswärtigen Ausschusses zu dem Antrag
Dirk Becker, Gerd Bollmann, weiterer der Bundesregierung: Fortsetzung des
Abgeordneter und der Fraktion der SPD: Einsatzes bewaffneter deutscher Streit-
Die Klimakonferenz in Durban zum Er- kräfte bei der Unterstützung der ge-
folg führen – Kyoto-Protokoll verlän- meinsamen Reaktion auf terroristische
gern, Klimaschutz finanzieren und Angriffe gegen die USA auf Grundlage
Cancún-Beschlüsse umsetzen des Artikels 51 der Satzung der Verein-
(Drucksache 17/7938) . . . . . . . . . . . . . . . . 17363 A ten Nationen und des Artikels 5 des
Nordatlantikvertrages sowie der Reso-
d) Antrag der Abgeordneten Eva Bulling- lutionen 1368 (2001) und 1373 (2001)
Schröter, Dorothée Menzner, Sabine des Sicherheitsrates der Vereinten Na-
Stüber, weiterer Abgeordneter und der tionen
Fraktion DIE LINKE: Nur konsequenter
(Drucksachen 17/7743, 17/7995) . . . . . . . 17380 A
Klimaschutz führt aus der Sackgasse
der UN-Klimaverhandlungen – Bericht des Haushaltsausschusses gemäß
(Drucksache 17/7939) . . . . . . . . . . . . . . . . 17363 A § 96 der Geschäftsordnung
(Drucksache 17/8002) . . . . . . . . . . . . . . . 17380 A
Tagesordnungspunkt 5: Joachim Spatz (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17380 B
Wahlvorschläge der Fraktionen CDU/CSU, Ulla Schmidt (Aachen) (SPD) . . . . . . . . . . . . 17381 A
SPD, FDP, DIE LINKE und BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN: Wahl der Mitglieder des Robert Hochbaum (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 17382 B
Kuratoriums der „Bundesstiftung Magnus
Hirschfeld“ Wolfgang Gehrcke (DIE LINKE) . . . . . . . . . 17383 B
(Drucksache 17/7935) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17363 B Omid Nouripour (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17384 A
Zusatztagesordnungspunkt 4: Dr. Wolfgang Götzer (CDU/CSU) . . . . . . . . . 17385 A
Aktuelle Stunde
auf Verlangen der Fraktionen SPD und Namentliche Abstimmung . . . . . . . . . . . . . . . 17386 A
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Weltklima-
konferenz in Durban – Klimapolitik am
Scheideweg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17363 B Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17387 C
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 V

Tagesordnungspunkt 7: Florian Hahn (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 17398 B


Beratung der Großen Anfrage der Abgeordne- Jan van Aken (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 17399 B
ten Petra Pau, Jan Korte, Sevim Dağdelen, Torsten Staffeldt (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . 17400 A
weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE
LINKE: Mindestens 137 Todesopfer rechter Kerstin Müller (Köln) (BÜNDNIS 90/
Gewalt in der Bundesrepublik Deutschland DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17400 D
seit 1990
Burkhardt Müller-Sönksen (FDP) . . . . . . . . . 17402 A
(Drucksachen 17/5303, 17/7161) . . . . . . . . . . 17386 A
Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS 90/
Petra Pau (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . . . 17386 B DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17402 D
Dr. Ole Schröder, Parl. Staatssekretär Burkhardt Müller-Sönksen (FDP) . . . . . . . . . 17403 A
BMI . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17389 B
Hartwig Fischer (Göttingen) (CDU/CSU) . . . 17403 B
Gabriele Fograscher (SPD) . . . . . . . . . . . . . . 17390 D
Wolfgang Gehrcke (DIE LINKE) . . . . . . . . . 17404 B
Hartfrid Wolff (Rems-Murr) (FDP) . . . . . . . . 17391 B
Hartwig Fischer (Göttingen) (CDU/CSU) . . . 17404 C
Monika Lazar (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17392 B
Namentliche Abstimmung . . . . . . . . . . . . . . . 17404 C
Helmut Brandt (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 17393 B
Sönke Rix (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17394 C Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17407 C
Dr. Stefan Ruppert (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . 17395 B
Tagesordnungspunkt 9:
Tagesordnungspunkt 8: a) Antrag der Abgeordneten Katja Keul,
Marieluise Beck (Bremen), Volker Beck
– Beschlussempfehlung und Bericht des (Köln), weiterer Abgeordneter und der
Auswärtigen Ausschusses zu dem Antrag Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:
der Bundesregierung: Fortsetzung der Private Sicherheitsfirmen umfassend
Beteiligung bewaffneter deutscher regulieren und zertifizieren
Streitkräfte an der EU-geführten Ope- (Drucksache 17/7640) . . . . . . . . . . . . . . . 17404 D
ration Atalanta zur Bekämpfung der
Piraterie vor der Küste Somalias auf b) Beratung der Großen Anfrage der Abge-
Grundlage des Seerechtsübereinkom- ordneten Katja Keul, Tom Koenigs, Omid
mens der Vereinten Nationen von 1982 Nouripour, weiterer Abgeordneter und der
und der Resolutionen 1814 (2008) vom Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:
15. Mai 2008, 1816 (2008) vom 2. Juni Regulierung privater Militär- und Si-
2008, 1838 (2008) vom 7. Oktober 2008, cherheitsfirmen
1846 (2008) vom 2. Dezember 2008, (Drucksachen 17/4573, 17/6780) . . . . . . . 17405 A
1897 (2009) vom 30. November 2009, c) Beschlussempfehlung und Bericht des
1950 (2010) vom 23. November 2010 Auswärtigen Ausschusses zu dem Antrag
und nachfolgender Resolutionen des Si- der Fraktion der SPD: Nichtstaatliche mi-
cherheitsrates der Vereinten Nationen litärische Sicherheitsunternehmen re-
in Verbindung mit der Gemeinsamen gistrieren und kontrollieren
Aktion 2008/851/GASP des Rates der (Drucksachen 17/4198, 17/7998) . . . . . . . 17405 A
Europäischen Union vom 10. November
2008, dem Beschluss 2009/907/GASP d) Beschlussempfehlung und Bericht des
des Rates der Europäischen Union vom Verteidigungsausschusses zu dem Antrag
8. Dezember 2009, dem Beschluss 2010/ der Abgeordneten Inge Höger, Paul
437/GASP des Rates der Europäischen Schäfer (Köln), Jan van Aken, weiterer
Union vom 30. Juli 2010 und dem Be- Abgeordneter und der Fraktion DIE
schluss 2010/766/GASP des Rates der LINKE: Vorlage eines Gesetzentwurfes
Europäischen Union vom 7. Dezember zur Ratifizierung der „Internationalen
2010 Konvention gegen die Anwerbung, den
(Drucksachen 17/7742, 17/7996) . . . . . . . 17396 A Einsatz, die Finanzierung und die Aus-
bildung von Söldnern“ der Generalver-
– Bericht des Haushaltsausschusses gemäß sammlung der Vereinten Nationen
§ 96 der Geschäftsordnung (Drucksachen 17/4663, 17/5799) . . . . . . . 17405 A
(Drucksache 17/8004) . . . . . . . . . . . . . . . . 17396 B
Katja Keul (BÜNDNIS 90/
Joachim Spatz (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17396 C DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17405 B
Karin Evers-Meyer (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . 17397 A Roderich Kiesewetter (CDU/CSU) . . . . . . . . 17406 B
VI Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Dr. Rolf Mützenich (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . 17409 B Kai Gehring (BÜNDNIS 90/


DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17429 B
Dr. Bijan Djir-Sarai (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . 17411 A
Michael Frieser (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 17430 B
Paul Schäfer (Köln) (DIE LINKE) . . . . . . . . . 17412 A
Robert Hochbaum (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 17412 D Dr. Barbara Hendricks (SPD) . . . . . . . . . . 17431 A

Tagesordnungspunkt 10: Tagesordnungspunkt 12:

– Beschlussempfehlung und Bericht des Beschlussempfehlung und Bericht des Vertei-


Auswärtigen Ausschusses zu dem Antrag digungsausschusses als 1. Untersuchungs-
der Bundesregierung: Fortsetzung der ausschuss gemäß Artikel 45 a Absatz 2 des
Beteiligung bewaffneter deutscher Grundgesetzes
Streitkräfte an der EU-geführten Ope- (Drucksache 17/7400) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17432 D
ration „ALTHEA“ zur weiteren Stabili- Michael Brand (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 17432 D
sierung des Friedensprozesses in Bos-
nien und Herzegowina im Rahmen der Wolfgang Gehrcke (DIE LINKE) . . . . . . . . . 17434 D
Implementierung der Annexe 1-A und 2 Michael Brand (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 17435 A
der Dayton-Friedensvereinbarung so-
wie an dem NATO-Hauptquartier Sara- Rainer Arnold (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17435 B
jevo und seinen Aufgaben, auf Grund-
Joachim Spatz (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17437 A
lage der Resolution des Sicherheitsrates
der Vereinten Nationen 1575 (2004) und Paul Schäfer (Köln) (DIE LINKE) . . . . . . . . 17438 B
Folgeresolutionen
(Drucksachen 17/7577, 17/7997) . . . . . . . 17414 B Omid Nouripour (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17440 A
– Bericht des Haushaltsausschusses gemäß
§ 96 der Geschäftsordnung Siegfried Kauder (Villingen-Schwenningen)
(Drucksache 17/7999) . . . . . . . . . . . . . . . . 17414 C (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17441 C
Dr. Rainer Stinner (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . 17414 D Heike Hänsel (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 17442 D
Michael Groschek (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . 17416 A Katja Keul (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17443 A
Philipp Mißfelder (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 17417 A
Siegfried Kauder (Villingen-Schwenningen)
Annette Groth (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 17418 A (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17443 B
Marieluise Beck (Bremen) (BÜNDNIS 90/ Dr. Hans-Peter Bartels (SPD) . . . . . . . . . . . . 17443 C
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17419 A
Florian Hahn (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 17445 A
Peter Beyer (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . 17420 A
Katja Keul (BÜNDNIS 90/
Namentliche Abstimmung . . . . . . . . . . . . . . . 17421 A DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17446 B
Florian Hahn (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 17446 C
Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17423 C
Tagesordnungspunkt 13:
Tagesordnungspunkt 11: Antrag der Abgeordneten Uta Zapf, Doris
Antrag der Abgeordneten Daniela Kolbe Barnett, Dr. h. c. Gernot Erler, weiterer Abge-
(Leipzig), Gabriele Fograscher, Dr. Hans- ordneter und der Fraktion der SPD sowie der
Peter Bartels, weiterer Abgeordneter und der Abgeordneten Viola von Cramon-Taubadel,
Fraktion der SPD: Rechtsextremismus vor- Volker Beck (Köln), Marieluise Beck (Bre-
beugen – Unsere Demokratie braucht gute men), weiterer Abgeordneter und der Fraktion
politische Bildung und eine starke Bundes- BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Die OSZE
zentrale für politische Bildung ausbauen und stärken
(Drucksache 17/7943) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17421 B (Drucksache 17/7824) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17446 D
Daniela Kolbe (Leipzig) (SPD) . . . . . . . . . . . 17421 C Uta Zapf (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17446 D
Dr. Christoph Bergner, Parl. Staatssekretär Thomas Silberhorn (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 17448 A
BMI . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17425 B Stefan Liebich (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 17449 B
Agnes Alpers (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 17427 A
Dr. Bijan Djir-Sarai (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . 17450 A
Dr. Stefan Ruppert (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . 17427 D
Viola von Cramon-Taubadel (BÜNDNIS 90/
Agnes Alpers (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 17428 B DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17451 A
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 VII

Tagesordnungspunkt 18: Tagesordnungspunkt 15:


a) – Zweite und dritte Beratung des von der Antrag der Abgeordneten Richard Pitterle,
Bundesregierung eingebrachten Ent- Dr. Barbara Höll, Dr. Axel Troost, weiterer
wurfs eines Gesetzes zur Aufhebung Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE:
von Sperrregelungen bei der Be- Deutsch-französische Initiative zur Be-
kämpfung von Kinderpornographie kämpfung der Euro-Krise und zur Regu-
in Kommunikationsnetzen lierung der Finanzmärkte starten
(Drucksache 17/6644) . . . . . . . . . . . . . 17451 D (Drucksache 17/7884) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17459 C

– Zweite und dritte Beratung des von der Dr. Axel Troost (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 17459 C
Fraktion der SPD eingebrachten Ent-
Ralph Brinkhaus (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 17460 C
wurfs eines Gesetzes zur Aufhebung
des Gesetzes zur Bekämpfung der Manfred Zöllmer (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 17463 C
Kinderpornographie in Kommuni-
kationsnetzen Dr. Volker Wissing (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . 17465 C
(Drucksache 17/776) . . . . . . . . . . . . . . 17452 A
Lisa Paus (BÜNDNIS 90/
– Zweite und dritte Beratung des von DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17466 D
den Abgeordneten Jörn Wunderlich,
Lisa Paus (BÜNDNIS 90/
Dr. Petra Sitte, Agnes Alpers, weiteren
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17468 A
Abgeordneten und der Fraktion DIE
LINKE eingebrachten Entwurfs eines Dr. Volker Wissing (FDP) . . . . . . . . . . . . . 17469 A
Gesetzes zur Aufhebung von Zu-
gangsbeschränkungen in Kommuni-
kationsnetzen Tagesordnungspunkt 19:
(Drucksache 17/646) . . . . . . . . . . . . . . 17452 A
– Zweite und dritte Beratung des von der
– Zweite und dritte Beratung des von Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
den Abgeordneten Dr. Konstantin von eines Gesetzes zur Errichtung einer
Notz, Volker Beck (Köln), Birgitt Visa-Warndatei und zur Änderung des
Bender, weiteren Abgeordneten und Aufenthaltsgesetzes
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- (Drucksache 17/6643) . . . . . . . . . . . . . . . 17469 C
NEN eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zur Aufhebung des Geset- – Beschlussempfehlung und Bericht des In-
zes zur Erschwerung des Zugangs nenausschusses
zu kinderpornographischen Inhal- (Drucksache 17/7994) . . . . . . . . . . . . . . . 17469 D
ten in Kommunikationsnetzen und
Änderung weiterer Gesetze
(Drucksache 17/772) . . . . . . . . . . . . . . 17452 A Tagesordnungspunkt 24:

– Beschlussempfehlung und Bericht des Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-


Rechtsausschusses schusses für Bildung, Forschung und Tech-
(Drucksache 17/8001) . . . . . . . . . . . . . . . . 17452 B nikfolgenabschätzung zu dem Antrag der Ab-
geordneten Sylvia Kotting-Uhl, Hans-Josef
b) Beschlussempfehlung und Bericht des Fell, Krista Sager, weiterer Abgeordneter und
Rechtsausschusses zu dem Antrag der Ab- der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:
geordneten Burkhard Lischka, Lars Moratorium jetzt – Dringliche Klärung
Klingbeil, Christine Lambrecht, weiterer von Fragen zu Mehrkosten des ITER-Pro-
Abgeordneter und der Fraktion der SPD: jekts
Zugangserschwerungsgesetz aufheben – (Drucksachen 17/6321, 17/7934) . . . . . . . . . . 17470 A
Verfassungswidrigen Zustand beenden
(Drucksachen 17/4427, 17/8001) . . . . . . . 17452 B Dr. Stefan Kaufmann (CDU/CSU) . . . . . . . . . 17470 B
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger,
Florian Hahn (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 17471 B
Bundesministerin BMJ . . . . . . . . . . . . . . . 17452 C
Lars Klingbeil (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17453 B René Röspel (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17472 B

Ansgar Heveling (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 17455 A Dr. Peter Röhlinger (FDP) . . . . . . . . . . . . . . 17473 B

Jörn Wunderlich (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 17457 A Dr. Petra Sitte (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 17473 D

Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/ Sylvia Kotting-Uhl (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17457 D DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17474 C
VIII Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Tagesordnungspunkt 14: – Beschlussempfehlung und Bericht des


Finanzausschusses
Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-
(Drucksachen 17/7950, 17/8043) . . . . . . . 17476 C
schusses für die Angelegenheiten der Euro-
päischen Union Peter Aumer (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 17476 D
– zu dem Antrag der Fraktionen der CDU/ Ingo Egloff (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17478 C
CSU und FDP: Einvernehmensherstel-
Björn Sänger (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17479 D
lung von Bundestag und Bundesregie-
rung zum Beitrittsantrag der Republik Richard Pitterle (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 17480 D
Montenegro zur Europäischen Union
Dr. Gerhard Schick (BÜNDNIS 90/
und zur Empfehlung der EU-Kommis-
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17481 D
sion vom 12. Oktober 2011 zur Auf-
nahme von Beitrittsverhandlungen
hier: Stellungnahme des Deutschen Tagesordnungspunkt 22:
Bundestages gemäß Artikel 23 Absatz 3
a) Beschlussempfehlung und Bericht des
des Grundgesetzes i. V. m. § 10 des Ge-
Auswärtigen Ausschusses zu dem Antrag
setzes über die Zusammenarbeit von
der Abgeordneten Sevim Dağdelen, Jan van
Bundesregierung und Deutschem Bun-
Aken, Christine Buchholz, weiterer Abge-
destag in Angelegenheiten der Europäi-
ordneter und der Fraktion DIE LINKE: Für
schen Union
eine Normalisierung der Beziehungen der
– zu dem Antrag der Fraktion der SPD: Ein- Europäischen Union zu Kuba
vernehmensherstellung von Bundestag (Drucksachen 17/3188, 17/4273) . . . . . . . 17482 D
und Bundesregierung zur Empfehlung
b) Antrag der Abgeordneten Ulrich Maurer,
der EU-Kommission vom 12. Oktober
Heike Hänsel, Wolfgang Gehrcke, weite-
2011 zur Aufnahme von Beitrittsver-
rer Abgeordneter und der Fraktion DIE
handlungen mit Montenegro
LINKE: Freilassung der „Miami Five“
hier: Stellungnahme des Deutschen (Drucksache 17/7416) . . . . . . . . . . . . . . . 17483 A
Bundestages gemäß Artikel 23 Absatz 3
Dr. Egon Jüttner (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 17483 A
des Grundgesetzes i. V. m. § 10 des Ge-
setzes über die Zusammenarbeit von Dr. Johann Wadephul (CDU/CSU) . . . . . . . . 17484 A
Bundesregierung und Deutschem Bun-
Klaus Barthel (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17485 B
destag in Angelegenheiten der Europäi-
schen Union Marina Schuster (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . 17486 B
– zu dem Antrag der Abgeordneten Manuel Heike Hänsel (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 17487 C
Sarrazin, Volker Beck (Köln), Marieluise
Tom Koenigs (BÜNDNIS 90/
Beck (Bremen), weiterer Abgeordneter und
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17488 A
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN: Einvernehmensherstellung von
Bundestag und Bundesregierung zur
Tagesordnungspunkt 21:
Empfehlung der EU-Kommission vom
12. Oktober 2011 zur Aufnahme von Bei- – Zweite und dritte Beratung des von den
trittsverhandlungen mit Montenegro Fraktionen der CDU/CSU und FDP einge-
brachten Entwurfs eines Gesetzes zur
hier: Stellungnahme des Deutschen
Wiedergewährung der Sonderzahlung
Bundestages gemäß Artikel 23 Absatz 3
(Drucksache 17/7631) . . . . . . . . . . . . . . . 17489 A
des Grundgesetzes i. V. m. § 10 des Ge-
setzes über die Zusammenarbeit von Beschlussempfehlung und Bericht des In-
Bundesregierung und Deutschem Bun- nenausschusses
destag in Angelegenheiten der Europäi- (Drucksache 17/8007) . . . . . . . . . . . . . . . 17489 A
schen Union
– Bericht des Haushaltsausschusses gemäß
(Drucksachen 17/7768, 17/7809, 17/7769, § 96 der Geschäftsordnung
17/8012) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17476 A (Drucksache 17/8011) . . . . . . . . . . . . . . . 17489 B

Tagesordnungspunkt 16: Tagesordnungspunkt 28:


– Zweite und dritte Beratung des von der Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs schusses für Umwelt, Naturschutz und Reak-
eines Gesetzes zur Optimierung der torsicherheit zu dem Antrag der Abgeordne-
Geldwäscheprävention ten Dorothea Steiner, Stephan Kühn, Undine
(Drucksache 17/6804) . . . . . . . . . . . . . . . . 17476 C Kurth (Quedlinburg), weiterer Abgeordneter
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 IX

und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Europäischen Union (Anwendung der
NEN: Elberaum entwickeln – Nachhaltig, Grundsätze der Subsidiarität und der Ver-
zukunftsfähig und naturverträglich hältnismäßigkeit)
(Drucksachen 17/4554, 17/7681) . . . . . . . . . . 17489 C (Drucksachen 17/7713 Nr. A.5, 17/8000) . . . 17501 A
Ulrich Petzold (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 17489 D Dr. Jan-Marco Luczak (CDU/CSU) . . . . . . . . 17501 B
Dr. Matthias Miersch (SPD) . . . . . . . . . . . . . . 17491 D Thomas Silberhorn (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 17503 B
Horst Meierhofer (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . 17493 A Burkhard Lischka (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . 17504 D
Sabine Stüber (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 17493 D Marco Buschmann (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . 17505 D
Dorothea Steiner (BÜNDNIS 90/ Raju Sharma (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 17506 B
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17494 C
Ingrid Hönlinger (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17507 A
Zusatztagesordnungspunkt 5:
– Zweite und dritte Beratung des von der Tagesordnungspunkt 30:
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
eines Vierten Gesetzes zur Änderung Antrag der Abgeordneten Niema Movassat,
des Vierten Buches Sozialgesetzbuch Dr. Petra Sitte, Kathrin Vogler, weiterer Abge-
und anderer Gesetze ordneter und der Fraktion DIE LINKE: For-
(Drucksache 17/6764) . . . . . . . . . . . . . . . . 17495 C schungsförderung zur Bekämpfung ver-
nachlässigter Krankheiten ausbauen –
– Beschlussempfehlung und Bericht des Zugang zu Medikamenten für arme Regio-
Ausschusses für Arbeit und Soziales nen ermöglichen
(Drucksache 17/7991) . . . . . . . . . . . . . . . . 17495 C (Drucksache 17/7372) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17507 D
– Bericht des Haushaltsausschusses gemäß Anette Hübinger (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 17508 A
§ 96 der Geschäftsordnung
(Drucksache 17/8003) . . . . . . . . . . . . . . . . 17495 C Eberhard Gienger (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 17509 A
René Röspel (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17509 D
Tagesordnungspunkt 26: Karin Roth (Esslingen) (SPD) . . . . . . . . . . . . 17510 C
Antrag der Abgeordneten Sabine Leidig, Dr. Peter Röhlinger (FDP) . . . . . . . . . . . . . . 17511 B
Caren Lay, Dr. Kirsten Tackmann, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE: Niema Movassat (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 17511 D
Bahnpreiserhöhung stoppen
(Drucksache 17/7940) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17495 D Uwe Kekeritz (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17512 D
Ulrich Lange (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 17496 A
Thomas Jarzombek (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 17497 A
Tagesordnungspunkt 27:
Martin Burkert (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17498 A
Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-
Patrick Döring (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17498 C schusses für die Angelegenheiten der Euro-
päischen Union
Sabine Leidig (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 17499 B
– zu dem Antrag der Fraktionen der
Dr. Valerie Wilms (BÜNDNIS 90/ CDU/CSU und FDP: Der Mehr-
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17500 A jährige Finanzrahmen der EU
2014–2020 – Ein strategischer Rah-
men für nachhaltige und verantwor-
Tagesordnungspunkt 25: tungsvolle Haushaltspolitik mit eu-
Beschlussempfehlung und Bericht des ropäischem Mehrwert
Rechtsausschusses zu dem: Vorschlag für – zu dem Antrag der Fraktion der SPD:
eine Verordnung des Europäischen Parla- Für einen progressiven europäi-
ments und des Rates über ein Gemeinsa- schen Haushalt – Der Mehrjährige
mes Europäisches Kaufrecht (KOM [2011] Finanzrahmen der EU 2014–2020
635 endg.; Ratsdok. 15429/11)
(Drucksachen 17/7767, 17/7808, 17/8013) 17513 D
hier: Stellungnahme gemäß Protokoll Nr. 2
zum Vertrag über die Europäische Union
und zum Vertrag über die Arbeitsweise der in Verbindung mit
X Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Zusatztagesordnungspunkt 6: Sibylle Laurischk (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . 17532 C


Antrag der Abgeordneten Manuel Sarrazin, Cornelia Möhring (DIE LINKE) . . . . . . . . . . 17533 A
Lisa Paus, Viola von Cramon-Taubadel, wei-
terer Abgeordneter und der Fraktion BÜND- Monika Lazar (BÜNDNIS 90/
NIS 90/DIE GRÜNEN: Ein starker Haus- DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17534 A
halt für ein ökologisches und solidarisches
Europa – Der Mehrjährige Finanzrahmen
2014–2020 Tagesordnungspunkt 32:
(Drucksache 17/7952) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17514 A
Antrag der Abgeordneten Wolfgang Börnsen
Bettina Kudla (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 17514 B (Bönstrup), Peter Altmaier, Dorothee Bär,
Alois Karl (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17515 B weiterer Abgeordneter und der Fraktion der
CDU/CSU sowie der Abgeordneten
Peer Steinbrück (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17516 D Dr. Claudia Winterstein, Burkhardt Müller-
Sönksen, Gabriele Molitor, weiterer Abgeord-
Michael Link (Heilbronn) (FDP) . . . . . . . . . . 17518 A
neter und der Fraktion der FDP: Barriere-
Dr. Diether Dehm (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 17520 D freies Filmangebot umfassend ausweiten –
Mehr Angebote für Hör- und Sehbehin-
Manuel Sarrazin (BÜNDNIS 90/ derte
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17521 C (Drucksache 17/7709) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17535 A
Wolfgang Börnsen (Bönstrup)
Tagesordnungspunkt 29: (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17535 B
– Zweite und dritte Beratung des von der Dorothee Bär (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 17537 A
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
eines Gesetzes zur Änderung des Seefi- Angelika Krüger-Leißner (SPD) . . . . . . . . . . 17537 C
schereigesetzes und des Seeaufgaben-
Dr. Claudia Winterstein (FDP) . . . . . . . . . . . 17538 C
gesetzes
(Drucksache 17/6332) . . . . . . . . . . . . . . . . 17523 A Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 17539 B
– Beschlussempfehlung und Bericht des Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/
Ausschusses für Ernährung, Landwirt- DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17540 B
schaft und Verbraucherschutz
(Drucksache 17/7992) . . . . . . . . . . . . . . . . 17523 A
Nächste Sitzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17541 C
Gitta Connemann (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 17523 A
Holger Ortel (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17524 D
Berichtigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17541 A
Dr. Christel Happach-Kasan (FDP) . . . . . . . 17526 C
Dr. Kirsten Tackmann (DIE LINKE) . . . . . . . 17527 B
Anlage 1
Cornelia Behm (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17528 B Liste der entschuldigten Abgeordneten . . . . . 17543 A

Tagesordnungspunkt 31: Anlage 2


– Zweite und dritte Beratung des von der Mündliche Frage 98
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs Harald Weinberg (DIE LINKE)
eines Gesetzes zur Einrichtung und zum
Betrieb eines bundesweiten Hilfetele- Wiederherstellung der Fusionskontrolle
fons „Gewalt gegen Frauen“ (Hilfetele- der Krankenkassen
fongesetz – HilfetelefonG) Antwort
(Drucksache 17/7238) . . . . . . . . . . . . . . . . 17529 B Peter Hintze, Parl. Staatssekretär
– Beschlussempfehlung und Bericht des BMWT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17543 D
Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen
und Jugend
(Drucksache 17/8008) . . . . . . . . . . . . . . . . 17529 C Anlage 3
Elisabeth Winkelmeier-Becker Erklärung nach § 31 GO des Abgeordneten
(CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17529 C Norbert Schindler (CDU/CSU) zur Abstim-
Norbert Geis (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 17530 C mung über den Entwurf eines Gesetzes zur
Optimierung der Geldwäscheprävention (Ta-
Marlene Rupprecht (Tuchenbach) (SPD) . . . . 17531 D gesordnungspunkt 16) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17544 A
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 XI

Anlage 4 Thomas Nord (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 17550 A


Zu Protokoll gegebene Rede zur Beratung des Manuel Sarrazin (BÜNDNIS 90/
Antrags: Die OSZE ausbauen und stärken DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17551 A
(Tagesordnungspunkt 13)
Manfred Grund (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 17544 D Anlage 6
Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung
Anlage 5 des Entwurfs eines Gesetzes zur Errichtung
einer Visa-Warndatei und zur Änderung des
Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung Aufenthaltsgesetzes (Tagesordnungspunkt 19)
der Beschlussempfehlung und Bericht zu den
Anträgen: Reinhard Grindel (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 17552 A

– Einvernehmensherstellung von Bundes- Stephan Mayer (Altötting) (CDU/CSU) . . . . . 17553 B


tag und Bundesregierung zum Beitritts-
antrag der Republik Montenegro zur Euro- Rüdiger Veit (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17554 B
päischen Union und zur Empfehlung der Hartfrid Wolff (Rems-Murr) (FDP) . . . . . . . . 17555 A
EU-Kommission vom 12. Oktober 2011
zur Aufnahme von Beitrittsverhandlun- Ulla Jelpke (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . . 17555 D
gen
Memet Kilic (BÜNDNIS 90/
hier: Stellungnahme des Deutschen Bun- DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17556 D
destages gemäß Artikel 23 Absatz 3 des
Grundgesetzes i. V. m. § 10 des Gesetzes
über die Zusammenarbeit von Bundesre- Anlage 7
gierung und Deutschem Bundestag in An-
gelegenheiten der Europäischen Union Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung
des Entwurfs eines Gesetzes zur Wiederge-
– Einvernehmensherstellung von Bundes- währung der Sonderzahlung (Tagesordnungs-
tag und Bundesregierung zur Empfehlung punkt 21)
der EU-Kommission vom 12. Oktober
2011 zur Aufnahme von Beitrittsverhand- Armin Schuster (Weil am Rhein)
lungen mit Montenegro (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17557 D

hier: Stellungnahme des Deutschen Bun- Stephan Mayer (Altötting) (CDU/CSU) . . . . . 17558 C
destages gemäß Artikel 23 Absatz 3 des
Grundgesetzes i. V. m. § 10 des Gesetzes Michael Hartmann (Wackernheim) (SPD) . . . 17559 B
über die Zusammenarbeit von Bundesre- Dr. Stefan Ruppert (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . 17559 D
gierung und Deutschem Bundestag in An-
gelegenheiten der Europäischen Union Petra Pau (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . . . 17560 D
– Einvernehmensherstellung von Bundes- Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/
tag und Bundesregierung zur Empfehlung DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17561 A
der EU-Kommission vom 12. Oktober
2011 zur Aufnahme von Beitrittsverhand-
lungen mit Montenegro Anlage 8
hier: Stellungnahme des Deutschen Bun- Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung
destages gemäß Artikel 23 Absatz 3 des des Entwurfs eines Vierten Gesetzes zur Än-
Grundgesetzes i. V. m. § 10 des Gesetzes derung des Vierten Buches Sozialgesetzbuch
über die Zusammenarbeit von Bundesre- und anderer Gesetze (Zusatztagesordnungs-
gierung und Deutschem Bundestag in An- punkt 5)
gelegenheiten der Europäischen Union
Max Straubinger (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 17562 A
(Tagesordnungspunkt 14)
Ottmar Schreiner (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 17563 A
Thomas Dörflinger (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 17546 A
Dr. Heinrich L. Kolb (FDP) . . . . . . . . . . . . . . 17564 A
Peter Beyer (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . 17547 A
Matthias W. Birkwald (DIE LINKE) . . . . . . . 17564 D
Josip Juratovic (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17548 A
Markus Kurth (BÜNDNIS 90/
Oliver Luksic (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17549 A DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17565 B
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17315

(A) (C)

146. Sitzung

Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Beginn: 9.00 Uhr

Präsident Dr. Norbert Lammert: die Kollegen in ihren neuen Funktionen in den Stiftungs-
Die Sitzung ist eröffnet. Nehmen Sie bitte Platz. rat gewählt.
(Zurufe von der SPD: Guten Morgen, Herr Interfraktionell ist vereinbart worden, die Tagesord-
Präsident!) nungspunkte 23 und 40 b abzusetzen, die Tagesordnungs-
punkte 4 und 20 zusammen zu beraten, den Tagesord-
– Guten Morgen, liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich nungspunkt 17 zusammen mit Tagesordnungspunkt 40
freue mich, dass Sie heute offenkundig besonders gut und Zusatzpunkt 3 aufzurufen und die Tagesordnung um
gelaunt zur 146. Sitzung des Deutschen Bundestages er- die in der Zusatzpunktliste aufgeführten Punkte zu erwei-
schienen sind, zu der ich Sie alle herzlich begrüße. tern:
Um gleich mit einem Höhepunkt unserer heutigen
ZP 1 Aktuelle Stunde auf Verlangen der Fraktionen
Befassung anzufangen: Der Kollege Dr. Heinz der CDU/CSU und FDP:
Riesenhuber feiert heute seinen 76. Geburtstag.
(B) Standort Deutschland sichern – Stuttgart 21 (D)
(Beifall)
zügig umsetzen und geplante Mehrbelastung
Herzliche Gratulation! Alle guten Wünsche des ganzen für den Mittelstand durch grüne Steuerpolitik
Hauses begleiten ihn in das neue Lebensjahr. verhindern
(siehe 145. Sitzung)
Meine Damen und Herren, wir müssen vor Eintritt in
die Tagesordnung noch eine Reihe von Wahlen durch- ZP 2 Weitere Überweisungen im vereinfachten Ver-
führen. fahren
Ergänzung zu TOP 39
Für die neue Amtsperiode des Verwaltungsrats des
Deutsch-Französischen Jugendwerks schlägt die Frak- a) Erste Beratung des von den Abgeordneten
tion der CDU/CSU als ordentliches Mitglied den Kolle- Dr. Anton Hofreiter, Bettina Herlitzius, Stephan
gen Dr. Andreas Schockenhoff und die SPD-Fraktion Kühn, weiteren Abgeordneten und der Fraktion
als stellvertretendes Mitglied die Kollegin Caren Marks BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN eingebrachten Ent-
vor. Können Sie diesem Vorschlag zustimmen? – Das ist wurfs eines Gesetzes zur Bedarfsfestlegung des
so. Dann sind die Kollegen in den Verwaltungsrat des Baus oder Ausbaus von Bundesfernstraßen
Jugendwerks gewählt.
– Drucksache 17/7885 –
Die SPD-Fraktion hat mitgeteilt, dass der Kollege Überweisungsvorschlag:
Michael Groß für den Kollegen Sören Bartol neues or- Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (f)
dentliches Mitglied im Stiftungsrat der Bundesstiftung Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Baukultur werden soll. Können Sie auch diesem Vor- Haushaltsausschuss
schlag etwas abgewinnen? – Das ist so. Dann ist der b) Erste Beratung des von den Abgeordneten Rüdiger
Kollege Groß in den Stiftungsrat gewählt. Veit, Gabriele Fograscher, Petra Ernstberger, weite-
Schließlich hat die FDP-Fraktion mitgeteilt, dass der ren Abgeordneten und der Fraktion der SPD
Kollege Lars Lindemann für den Kollegen Patrick eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
Döring neues ordentliches Mitglied im Stiftungsrat der Schaffung einer aufenthaltsrechtlichen Bleibe-
Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum und der rechtsregelung
Kollege Döring für den Kollegen Lindemann neues – Drucksache 17/7933 –
stellvertretendes Mitglied werden soll. Darf ich auch für Überweisungsvorschlag:
diese gewaltige Rochade Ihr Einvernehmen feststellen? – Innenausschuss (f)
Das ist im Ergebnis offensichtlich der Fall. Dann sind Rechtsausschuss
17316 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Präsident Dr. Norbert Lammert


(A) Ausschuss für Arbeit und Soziales Berichterstattung: (C)
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe Abgeordnete Ulrich Petzold
c) Beratung des Antrags der Abgeordneten Ute Vogt
Dr. Wilhelm Priesmeier, Willi Brase, Petra Judith Skudelny
Crone, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Eva Bulling-Schröter
der SPD Dorothea Steiner
Klassische Schweinepest zeitgemäß bekämp- ZP 4 Aktuelle Stunde auf Verlangen der Fraktionen
fen – Impfen statt Töten SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:
– Drucksache 17/7958 – Weltklimakonferenz in Durban – Klimapolitik
Überweisungsvorschlag: am Scheideweg
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz
ZP 5 Zweite und dritte Beratung des von der Bundesre-
gierung eingebrachten Entwurfs eines Vierten
d) Beratung des Antrags der Abgeordneten Willi Gesetzes zur Änderung des Vierten Buches So-
Brase, Klaus Barthel, Dr. Ernst Dieter Rossmann, zialgesetzbuch und anderer Gesetze
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD
– Drucksache 17/6764 –
Gleichwertigkeit von Berufsbildung und Abi-
tur sichern Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschus-
ses für Arbeit und Soziales (11. Ausschuss)
– Drucksache 17/7957 –
– Drucksache 17/7991 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Bildung, Forschung und Berichterstattung:
Technikfolgenabschätzung (f)
Ausschuss für Arbeit und Soziales
Abgeordneter Markus Kurth
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – Bericht des Haushaltsausschusses (8. Aus-
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
Haushaltsausschuss schuss) gemäß § 96 der Geschäftsordnung
ZP 3 Weitere abschließende Beratung ohne Aus- – Drucksache 17/8003 –
sprache Berichterstattung:
Ergänzung zu TOP 40 Abgeordnete Axel E. Fischer (Karlsruhe-Land)
Beratung der Beschlussempfehlung und des Be- Bettina Hagedorn
(B) richts des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz Dr. Claudia Winterstein (D)
und Reaktorsicherheit (16. Ausschuss) Dr. Gesine Lötzsch
Priska Hinz (Herborn)
– zu dem Antrag der Abgeordneten Eva Bulling-
Schröter, Ralph Lenkert, Sabine Stüber, weite- ZP 6 Beratung des Antrags der Abgeordneten Manuel
rer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE Sarrazin, Lisa Paus, Viola von Cramon-Taubadel,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜND-
zu dem Vorschlag der Europäischen Kom- NIS 90/DIE GRÜNEN
mission für eine Richtlinie des Europäischen
Parlaments und des Rates zur Schaffung ei- Ein starker Haushalt für ein ökologisches und
nes Ordnungsrahmens für den Bodenschutz solidarisches Europa – Der Mehrjährige Fi-
und zur Änderung der Richtlinie 2004/35/ nanzrahmen 2014–2020
EG (KOM (2006) 232 endg.; Ratsdok 1388/ – Drucksache 17/7952 –
06)
Überweisungsvorschlag:
hier: Stellungnahme des Deutschen Bundes- Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union (f)
tages gemäß Artikel 23 Absatz 3 des Grund- Auswärtiger Ausschuss
Innenausschuss
gesetzes i. V. m. § 9 Absatz 4 des Gesetzes Sportausschuss
über die Zusammenarbeit von Bundesregie- Rechtsausschuss
rung und Deutschem Bundestag in Angele- Finanzausschuss
genheiten der Europäischen Union Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Bodenschutz europaweit stärken Verbraucherschutz
Ausschuss für Arbeit und Soziales
– zu dem Antrag der Abgeordneten Dorothea Verteidigungsausschuss
Steiner, Cornelia Behm, Ulrike Höfken, weite- Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Gesundheit
rer Abgeordneter und der Fraktion BÜND- Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
NIS 90/DIE GRÜNEN Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
Blockade beim Bodenschutz aufgeben – EU- Ausschuss für Bildung, Forschung und
Bodenschutzrahmenrichtlinien voranbrin- Technikfolgenabschätzung
gen Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung
– Drucksachen 17/7024, 17/3855, 17/7503 – Ausschuss für Tourismus
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17317
Präsident Dr. Norbert Lammert
(A) Ausschuss für Kultur und Medien cherung (GKV-Versorgungsstrukturgesetz – (C)
Haushaltsausschuss GKV-VStG)
ZP 7 Abgabe einer Regierungserklärung durch die – Drucksachen 17/6906, 17/7274 –
Bundeskanzlerin
Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-
zum Europäischen Rat am 9. Dezember 2011 schusses für Gesundheit (14. Ausschuss)
in Brüssel – Drucksache 17/8005 –
ZP 8 Aktuelle Stunde auf Verlangen der Fraktion DIE Berichterstattung:
LINKE: Abgeordnete Jens Spahn
Dr. Marlies Volkmer
Auswirkungen der deutlich gestiegenen deut- Heinz Lanfermann
schen Rüstungsexporte auf die internationalen Dr. Martina Bunge
Beziehungen Dr. Harald Terpe
Wie üblich soll von der Frist für den Beginn der Bera- – Bericht des Haushaltsausschusses (8. Aus-
tungen, soweit erforderlich, abgewichen werden. Da- schuss) gemäß § 96 der Geschäftsordnung
rüber hinaus kommt es zu den in der Zusatzpunktliste
dargestellten weiteren Änderungen des Ablaufs. – Drucksache 17/8006 –
Berichterstattung:
Schließlich mache ich auf eine nachträgliche Aus- Abgeordnete Alois Karl
schussüberweisung im Zusammenhang mit der Zusatz- Ewald Schurer
punktliste aufmerksam: Otto Fricke
Der am 10. November 2011 überwiesene nachfol- Michael Leutert
gende Gesetzentwurf soll zusätzlich dem Ausschuss für Katja Dörner
Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (15. Ausschuss) zur b) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
Mitberatung überwiesen werden: richts des Ausschusses für Gesundheit (14. Aus-
schuss)
Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Durch- – zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Martina
führung der Internationalen Gesundheitsvor- Bunge, Agnes Alpers, Karin Binder, weiterer
schriften (2005) und zur Änderung weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE
(B) Gesetze (D)
Wirksamere Bedarfsplanung zur Sicherung
– Drucksache 17/7576 – einer wohnortnahen und bedarfsgerechten
gesundheitlichen Versorgung
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Gesundheit (f) – zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Harald
Innenausschuss Terpe, Birgitt Bender, Maria Klein-Schmeink,
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜND-
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
NIS 90/DIE GRÜNEN
Sind Sie mit diesen Vereinbarungen einverstanden? – Wirksame Strukturreformen für eine pa-
Ich höre keinen Widerspruch. Dann ist das so vereinbart. tientenorientierte Gesundheitsversorgung
auf den Weg bringen
Liebe Kolleginnen und Kollegen, auf der Besuchertri-
büne hat der Präsident des Parlaments der Republik – zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Martina
Kosovo, Herr Dr. Jakup Krasniqi, mit seiner Delega- Bunge, Kathrin Vogler, Jan Korte, weiterer
tion Platz genommen, den ich herzlich begrüße. Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE
(Beifall) Moratorium für die elektronische Gesund-
heitskarte
Ich bin zuversichtlich, dass die ebenso freundschaftli-
– Drucksachen 17/3215, 17/7190, 17/7460,
chen wie offenen Gespräche, die Sie in diesen Tagen in
17/8005 –
Berlin mit vielen Mitgliedern des Deutschen Bundesta-
ges und anderen Repräsentanten unseres Landes führen, Berichterstattung:
einen Beitrag leisten zur weiteren Entwicklung Ihres Abgeordnete Jens Spahn
Landes für demokratische Strukturen und zur Festigung Dr. Marlies Volkmer
rechtsstaatlicher Entwicklungen. Alle guten Wünsche! Heinz Lanfermann
Dr. Martina Bunge
Ich rufe nun die Tagesordnungspunkt 3 a und b auf: Dr. Harald Terpe
a) – Zweite und dritte Beratung des von der Bun- Zu dem Gesetzentwurf der Bundesregierung liegen
desregierung eingebrachten Entwurfs eines ein Entschließungsantrag der Fraktionen der CDU/CSU
Gesetzes zur Verbesserung der Versorgungs- und FDP sowie ein Entschließungsantrag der SPD-Frak-
strukturen in der gesetzlichen Krankenversi- tion vor.
17318 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Präsident Dr. Norbert Lammert


(A) Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für (Zuruf von der LINKEN) (C)
die Aussprache 90 Minuten vorgesehen. – Niemand
wehrt sich. Dann ist das so beschlossen. Wir wollen junge Ärzte gewinnen. Sie sollen nicht ins
Ausland gehen, sondern hier studieren und dann hier vor
Ich eröffne die Aussprache und erteile das Wort zu- Ort für die Bevölkerung da sein.
nächst dem Kollegen Heinz Lanfermann für die FDP-
Fraktion. (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU – Elke Ferner [SPD]: Wo steht
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten das denn?)
der CDU/CSU)
Wir ermöglichen eine zielgenauere Bedarfsplanung,
flexiblere Ansätze und eine stärkere Selbstverwaltung.
Heinz Lanfermann (FDP): Wir heben die Residenzpflicht auf – und zwar, ohne dass
Vielen Dank, Herr Präsident. – Meine sehr geehrten die Notfallversorgung gefährdet wird –, damit Ärzte hin-
Damen und Herren! Heute ist ein wichtiger Tag für das sichtlich ihrer Arbeit und ihrer Familie flexibler sein kön-
deutsche Gesundheitswesen, für alle Patienten, Versi- nen. Familie ist ein gutes Stichwort: Wir verbessern die
cherten, die darauf warten, dass die Politik aktiv wird, Vereinbarkeit von Familie und Beruf in ganz entscheiden-
um gegen die Entwicklungen vorzugehen, die es vor al- den Punkten. Wir fördern den Ausbau moderner und
lem aufgrund des demografischen Wandels, aber auch innovativer Versorgungskonzepte. Wir wollen – dazu ste-
aufgrund vieler – ja, man muss es so nennen – Fehlsteue- hen wir – Leistungen von Ärzten, die in strukturschwa-
rungen, Verkrustungen und Bürokratisierungen in den chen Gebieten tätig sind, grundsätzlich von der Abstaffe-
letzten Jahren in unserem Gesundheitssystem gegeben lung bei der Vergütung ausnehmen.
hat. Unser Gesundheitssystem ist nach wie vor gut; es
könnte aber noch besser sein. Es gibt eine ganze Reihe von guten Punkten in diesem
Gesetz – man kann sie gar nicht alle aufzählen –: Wir tun
(Christine Aschenberg-Dugnus [FDP]: Sehr zum Beispiel etwas für Patienten mit Grauem Star, die
richtig!) bisher, wenn sie sich einer entsprechenden Operation un-
In wichtigen Punkten nehmen wir nun einen behutsa- terziehen mussten, damit konfrontiert waren, dass sie,
men, aber ebenso konsequenten Umbau vor. wenn sie eine bessere, für sie verträglichere Linse haben
wollten, nichts mehr von der Krankenkasse ersetzt be-
Wir haben das in den ersten zwei erfolgreichen Jahren kommen haben, sondern die Kosten komplett selber tra-
der christlich-liberalen Gesundheitspolitik schon bewie- gen mussten. Das haben wir jetzt geändert. Die betroffe-
sen. Wir hatten ein Defizit in Höhe von 11 Milliarden nen Patienten zahlen jetzt das, was es mehr kostet – daher
Euro geerbt; dies haben wir in ein Plus verwandelt. der Name „Mehrkostenregelung“ –, aber das, was die (D)
(B)
(Elke Ferner [SPD]: Das war kein Defizit!) Kasse ohnehin zahlen müsste, zahlt weiterhin die Kasse.
Es hat viele Jahre gedauert, um dieses liberale Ansinnen
– Lesen Sie die Zeitung, und quaken Sie nicht immer da- durchzusetzen.
zwischen.
(Beifall bei der FDP – Kathrin Vogler [DIE
(Heiterkeit bei Abgeordneten der FDP und der LINKE]: Mehr Zuzahlungen!)
SPD – Beifall des Abg. Rainer Brüderle
[FDP]) Wir tun etwas gegen die Bürokratie, indem wir die
ambulanten Kodierrichtlinien, die allen Ärzten drohten,
Wir haben mit dem Arzneimittelmarktneuordnungs- gestoppt haben. Wir haben dafür gesorgt, dass in über-
gesetz faire Bedingungen geschaffen und das Preisdiktat versorgten Gebieten in Zukunft Arztsitze durch die Kas-
abgeschafft. Jahrzehntelang wurden in Deutschland senärztliche Vereinigung aufgekauft, sozusagen vom
Preise verlangt, ohne dass über diese verhandelt wurde. Markt genommen werden können. Im Bereich der Richt-
Damit haben wir Schluss gemacht und nicht etwa Vor- größen und Wirtschaftlichkeitsprüfungen erfolgen mehr
gängerregierungen. Flexibilisierungen. Wir schaffen mit der spezialfachärzt-
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten lichen Versorgung ein neues Element zur besseren Zu-
der CDU/CSU) sammenarbeit zwischen stationärer und ambulanter Ver-
sorgung. Dazu gehört natürlich auch eine Verbesserung
Wir haben neue Hygienestandards gesetzt. Kranken- des Entlassungsmanagements.
hauskeime haben es jetzt wesentlich schwerer in
Deutschland. Wir haben die Selbstverwaltung gestärkt, Ich habe nur fünf Minuten Redezeit; sonst würde ich
und wir haben in den Bereichen des Gesundheitswesens, Ihnen noch viel mehr Wohltaten vortragen.
in denen es sinnvoll und richtig ist, mehr Wettbewerb (Beifall der Abg. Volker Kauder [CDU/CSU]
eingeführt, und zwar zum Vorteil der Patienten. und Rainer Brüderle [FDP] – Zurufe von der
Wir bringen jetzt mit dem GKV-Versorgungsstruktur- SPD: Oh!)
gesetz eine ganze Reihe von Regelungen auf den Weg, Schauen Sie in den Entschließungsantrag der Koalition.
die sich als sehr segensreich erweisen werden. Wir tun Meine lieben Kolleginnen und Kollegen von der Opposi-
etwas gegen den drohenden Ärztemangel insbesondere tion, schauen Sie nicht so verbissen, wenn so viel Gutes
im ländlichen Raum, und zwar über Anreize und nicht auf Sie zukommt.
mit Zwang, nicht mit Planwirtschaft und nicht mit Büro-
kratie, wie es die Vorschläge der Opposition vorsehen. (Lachen der Abg. Elke Ferner [SPD])
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17319
Heinz Lanfermann
(A) Man sah es auch gestern im Ausschuss, dass verkniffene dorf. Das wissen mittlerweile alle. Deshalb brauchen wir (C)
Lippen es nicht schaffen, dieses Gesetz zu loben. Sie funktionierende Lösungen. Das Gesetz gibt darauf keine
sollten es aber tun. Es lohnt sich wirklich. Antworten. Der Kollege Spahn hatte ja zum Ende letzten
Jahres die Weihnachtspause genutzt, um alle möglichen
Schließen Sie sich uns an – das soll mein letzter Ge-
Heilsversprechungen zu verkünden, wovon nicht wirk-
danke sein – in dem Appell an die Länder, dass sie – das
lich etwas umgesetzt worden ist.
ist ihr Zuständigkeitsbereich, in den wir uns nicht einmi-
schen wollen, abgesehen davon, dass wir ab und zu Geld (Jens Spahn [CDU/CSU]: Alles!)
gegeben haben – mehr Studienplätze schaffen. Jede Be-
hebung des Ärztemangels fängt mit mehr Studienplätzen Schauen wir uns einmal an, wie Sie die Unterversor-
an. gung bekämpfen wollen. Es ist zwar richtig, dass Sie ein
größeres Honorarvolumen für Ärzte in unterversorgten
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten Bereichen zur Verfügung stellen, aber Sie tun überhaupt
der CDU/CSU) nichts, um die Überversorgung abzubauen. Das eine
kann aber nur mit dem anderen zusammen funktionie-
Die Länder sollten zur Verbesserung der Ausbildung das
ren, liebe Kollegen und Kolleginnen.
tun, was sie tun können. Sie müssen auch da mitarbeiten.
Es sind noch mehr Menschen, die gefragt sind, auch (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
auf der kommunalen Ebene, wo viele sehr bemüht sind. der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Präsident Dr. Norbert Lammert: Sie haben das Thema der besseren Vereinbarkeit von
Herr Kollege. Familie und Beruf für junge Ärztinnen, aber auch für
junge Ärzte angesprochen. Ich kann nicht verstehen, wa-
rum Sie die Bedingungen ausgerechnet für die Organisa-
Heinz Lanfermann (FDP):
tionsformen, in denen viele jüngere Ärzte und Ärztinnen
Auch die Ärzteschaft und die Krankenkassen sind na-
lieber arbeiten möchten als in den bisherigen niederge-
türlich aufgerufen: Arbeiten Sie mit uns gemeinsam an
lassenen Praxen, verschlechtern. Sie nehmen hier im
der Verbesserung der Situation, zugunsten der Patienten,
Prinzip Einschränkungen vor. Sie monopolisieren die
der Bürger in Deutschland.
MVZ. Zusätzlich schaffen Sie das Problem, dass diejeni-
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. gen, die schon ein MVZ gegründet haben, zumindest
dann, wenn es um Erweiterungen geht, unter das neue
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Regime fallen und sich damit nicht weiter verbessern
(B) können. Das alles, was Sie da vorgelegt haben, ist nicht (D)
Präsident Dr. Norbert Lammert: wirklich ausgegoren. Vor allen Dingen führt dies – um es
Die Kollegin Elke Ferner guckt so fröhlich, wie der noch einmal am Beispiel der MVZ deutlich zu machen –
Kollege Lanfermann das ausdrücklich eingefordert hat, zu dem Ergebnis: Das, was jetzt im Gesetz steht, ist im
(Heiterkeit) Prinzip das glatte Gegenteil von dem, was Sie zu Beginn
des Gesetzgebungsverfahrens wollten.
und bekommt jetzt für die SPD-Fraktion das Wort.
(Christine Aschenberg-Dugnus [FDP]: Viel-
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten leicht sollten Sie es mal lesen!)
der FDP)
– Im Gegensatz zu Ihnen habe ich es gelesen, Frau Kol-
legin.
Elke Ferner (SPD):
Vielen Dank, Herr Präsident. – Liebe Kollegen und (Christine Aschenberg-Dugnus [FDP]: Merkt
Kolleginnen! Wissen Sie, Herr Lanfermann, gut gemeint man aber nicht!)
ist noch lange nicht gut gemacht. Zu diesem Gesetz Das ist typisch das, was Schwarz-Gelb die ganze Zeit
muss man sagen: Es mag zwar gut gemeint gewesen macht: Sie versprechen etwas. Sie versuchen nicht, den
sein, aber es ist einfach schlecht gemacht, und gute Ab- Menschen die Augen zu öffnen, sondern Sie versuchen,
sichten ersetzen eben keine gute Politik. ihnen Sand in die Augen zu streuen. Im Ergebnis kommt
(Beifall bei der SPD) dann etwas ganz anderes heraus als das, was Sie verspre-
chen. Sie werden damit keinen Erfolg haben. Wir wer-
Es gibt in unserem Gesundheitswesen gute und sehr den nach 2013, nach der Bundestagswahl, ein Versor-
gute Elemente. Vor allen Dingen verdanken wir das den gungsgesetz vorlegen, das diesen Namen auch wirklich
hochmotivierten Frauen und Männern in den Praxen, in verdient und das die Probleme, die wir haben, auch wirk-
den Krankenhäusern, in den Heimen, bei den Pflege- lich angeht.
diensten. Das verdient, denke ich, unseren Respekt.
(Beifall bei der SPD)
Aber es gibt trotzdem Probleme, die auf dem Tisch
liegen. Wir haben Unterversorgungen in den Flächenlän- Sie machen auch nichts, um die strukturellen Pro-
dern, in den ländlichen Regionen, aber auch in städti- bleme unseres Gesundheitswesens zu beseitigen. Es gibt
schen Bereichen wie beispielsweise hier in Berlin in beispielsweise Fehlanreize bei der Finanzierung der
Neukölln, und wir haben Überversorgungen in Freiburg, Krankenhäuser. Wir haben in der Großen Koalition
in München und beispielsweise auch in Berlin-Zehlen- schon einmal den Versuch unternommen, hier etwas zu
17320 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Elke Ferner
(A) verändern – das ist am Widerstand der Länder geschei- sorgung vermieden wird, durch dieses Gesetz jetzt auch (C)
tert –, aber Sie haben noch nicht einmal einen Versuch noch gestärkt werden.
unternommen.
Ich kann Ihnen nur sagen: Das Gesetz, das Sie hier
Sie tun keinen einzigen Schritt, um die überholte Tren- und heute mit Ihrer Mehrheit auf den Weg bringen, wird
nung von GKV und PKV aufzuheben. Auch das ist eines nicht zu dem führen, was Sie angekündigt haben. Es
der Probleme, das wir in unserem Gesundheitswesen ha- wird nicht zu einer besseren Versorgung auf dem Land
ben. Warum müssen denn so viele gesetzlich versicherte führen. Es wird nicht zu einem nennenswerten Abbau
Patienten und Patientinnen auf Termine beim Facharzt der Überversorgung führen. Es wird vielleicht dazu füh-
oder bei der Fachärztin warten? Das liegt nicht daran, ren, dass sich ein paar mehr Ärzte und Ärztinnen in un-
dass es zu wenige Fachärzte gibt – in den überversorgten terversorgten Gebieten niederlassen werden. Aber mehr
Gebieten kann man besichtigen, dass es genügend gibt –, Versorgungsangebote im ländlichen Raum werden nicht
sondern schlicht und ergreifend daran, dass für PKV-Ver- entstehen, auch nicht dort, wo MVZ wirklich Sinn ma-
sicherte bei gleicher Leistung deutlich höhere Honorare chen würden. Insofern werden wir Ihren Gesetzentwurf
als für gesetzlich Versicherte gezahlt werden. Daran ablehnen und nach der Regierungsübernahme 2013
müssten Sie eigentlich arbeiten, anstatt dieses Reförm-
(Zurufe von der FDP: Oh! Oh!)
chen zu machen, das Sie heute auf den Weg bringen wol-
len. ganz schnell alle erforderlichen Maßnahmen in die Wege
leiten, um die Situation zu verbessern.
(Beifall bei der SPD)
Schönen Dank.
Darüber hinaus kostet das Ganze auch ein bisschen
Geld. Auch da gehen die Meinungen auseinander: Der (Beifall bei der SPD – Heinz Lanfermann
Finanzminister hat schon deutlich gemacht, dass er die [FDP]: Traumtänzerin!)
Schätzungen des Gesundheitsministers nicht teilt. Er hat
gesagt: Wenn das so ist, dann schieben wir das Ganze Präsident Dr. Norbert Lammert:
auf den Sozialausgleich. Indem wir weniger für den So- Wolfgang Zöller ist der nächste Redner für die Frak-
zialausgleich tun, finanzieren wir die Mehrkosten, die tion CDU/CSU.
durch das GKV-Versorgungsstrukturgesetz möglicher-
weise entstehen. – Das ist schon ein bisschen verrückt. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vor allen Dingen: Die gesetzlichen Krankenversicherun-
gen sagen voraus, dass die entstehenden Mehrkosten Wolfgang Zöller (CDU/CSU):
durchaus im Milliardenbereich liegen könnten. Wir wer- Grüß Gott, Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
(B) den sehen, was dann passiert. Kollegen! Frau Kollegin Ferner, Ihre Äußerungen zu un- (D)
Herr Lanfermann, noch einmal: Sie mögen das noch serem Gesetzentwurf waren nicht fern, sie waren ferner.
so oft wiederholen; Lügen werden durch Wiederholun- (Harald Weinberg [DIE LINKE]: Oh! Er kann
gen nicht wahrer. auch Wortspiele!)
(Rainer Brüderle [FDP]: Was? Lügen? – Heinz Im Gesetzentwurf steht nämlich etwas anderes als das,
Lanfermann [FDP]: Na, na, na!) was Sie hier verkündet haben.
Sie haben einen Überschuss übernommen, als Sie an die (Jörg van Essen [FDP]: Ja! Aber wenn man
Regierung gekommen sind. nicht im Ausschuss ist, kann man das schlecht
(Lachen bei der FDP) wissen!)
Ich war in den letzten Jahren auf zig Veranstaltungen
Im darauffolgenden Jahr sind Sie auf ein Defizit zuge-
zu Themen wie „Ein Land ohne Ärzte“, „Zu lange War-
steuert und haben erst einmal ein Dreivierteljahr die
tezeiten“ oder „Was passiert nach der Entlassung aus
Hände in den Schoß gelegt und nichts unternommen, um
dem Krankenhaus?“. Ich muss sagen: Die meisten
dem Defizit, das vorauszusehen war, zu begegnen.
Briefe, die mich zurzeit erreichen, sind ebenfalls einer
(Beifall bei der SPD – Heinz Lanfermann dieser Kategorien zuzuordnen.
[FDP]: Ach was! Das war jetzt gerade eine Le-
Wie ist es dazu gekommen? Sie alle wissen: Die Zahl
benslüge!)
chronischer Erkrankungen und die Multimorbidität neh-
Durch die Ausweitung der kollektivvertraglichen Re- men zu; dies führt zu einem steigenden Bedarf an medi-
gelungen und die Einengung der einzelvertraglichen zinischen Leistungen. Gleichzeitig sinkt das Nach-
bzw. selektivvertraglichen Regelungen beschränken Sie wuchspotenzial in medizinischen und pflegerischen
die Möglichkeiten der Hausärzte. Sie schwächen also Berufen.
– vielleicht wollen Sie das ja – wieder einmal die Haus-
Was waren bisher die Antworten der Politik? Wenn
ärzte. Beispielsweise haben Sie keine Regelung getrof-
wir ehrlich sind, ging es nie um die Qualität unseres Ge-
fen, um die hausarztzentrierte Versorgung zu stärken.
sundheitswesens, sondern bei allen Reformen ging es
Die Entwicklung geht vielmehr in die Gegenrichtung.
meistens um das Ziel, die Stabilisierung des Beitragssat-
Ein bisschen merkwürdig ist, dass ausgerechnet dieje- zes zu gewährleisten – mit den Nebenwirkungen: Ein-
nigen, die mit ihren Planungen bisher nicht dafür sorgen schränkungen der Leistungen und Erhöhung der Zuzah-
konnten, dass Überversorgung abgebaut und Unterver- lungen. Fest im Blick waren dabei immer die
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17321
Wolfgang Zöller
(A) vorhandenen Strukturen und die Frage, wie man sie er- Die Sicherstellung des Notdienstes wird erleichtert, (C)
halten und finanzieren kann. Theoretisch hieß es immer, zum Beispiel durch Kooperationen mit Krankenhäusern
die Reform stelle den Patienten in den Mittelpunkt. Nach oder durch Notfallpraxen an den Krankenhäusern.
der Reform hatte man aber den Eindruck, dass der Pa-
Mobile Versorgungskonzepte werden gefördert. Mit
tient allen im Wege stand.
der Lockerung der Zweigpraxenregelung und der Aufhe-
Die bürgerlich-liberale Koalition hat mit der Gesund- bung der bislang geltenden Residenzpflicht haben Ärzte
heitsreform 2011 das Gesundheitssystem dauerhaft auf zudem die Möglichkeit, eine Praxis im ländlichen Raum
ein solides finanzielles Fundament gestellt auch von einem Wohnort in der Stadt aus zu betreiben
oder zum Beispiel mehr als eine Praxis zu unterhalten,
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) um den Wegeaufwand für alle Beteiligten zu reduzieren.
und damit auch Planungssicherheit für alle Beteiligten Weiterhin wird die Möglichkeit zum Betrieb von Ei-
geschaffen. Nur auf dieser Basis sind wir in die Lage geneinrichtungen durch kommunale Träger geschaffen.
versetzt worden, einen Gesetzentwurf zu verabschieden, Das heißt, die Kommunen können sich auch an dieser
der die Bedürfnisse der Patienten in den Mittelpunkt Daseinsvorsorge beteiligen.
stellt.
Die Kassenärztlichen Vereinigungen erhalten die
Ab Januar werden endlich die Strukturen an die Be- Möglichkeit, aus den Mitteln einzurichtender Struktur-
dürfnisse der Menschen angepasst und nicht umgekehrt. fonds die Neuniederlassung von Ärzten in Gebieten, in
denen eine Unterversorgung oder ein lokaler Versor-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Elke gungsbedarf besteht, gezielt zu unterstützen.
Ferner [SPD]: Oh, ab Januar gibt es keine Un-
terversorgung mehr!) Die Delegation ärztlicher Leistungen und die Teleme-
dizin werden gefördert.
Mit dem Versorgungsstrukturgesetz sind wir auf dem
richtigen Weg, eine flächendeckende, wohnortnahe me- Eine langjährige Forderung der Betroffenen wird um-
dizinische Versorgung sicherzustellen. gesetzt: die ambulante spezialfachärztliche Versorgung.
Damit erhalten Menschen mit schweren Erkrankungen
Auch hierüber sollten wir offen diskutieren: Es wird wie Aids, Krebs und Multiple Sklerose oder mit beson-
keinen Königsweg geben können. Mit den vielen Einzel- ders seltenen Erkrankungen eine reibungslose, ineinan-
maßnahmen werden wir den regionalen Besonderheiten dergreifende stationäre und ambulante Behandlung.
aber am ehesten gerecht.
Das Entlassungsmanagement nach einem Kranken-
Ein ganz wesentlicher Punkt wird hier zum Beispiel hausaufenthalt wird wesentlich verbessert und wird eine (D)
(B)
die flexible Ausgestaltung der Bedarfsplanung sein. Pla- verbindliche Leistung der Krankenkassen.
nungsbereiche müssen künftig nicht mehr, wie bisher,
den Stadt- und Landkreisen entsprechen. Wer wie ich Daneben werden noch andere Dinge geregelt. Zum
aus einem Flächenlandkreis kommt, weiß, dass aufgrund Beispiel dürfen Kliniken nicht mehr überhöhte Entgelte
der Landkreisgrenzen oft Regionen entstehen können, in – gerade bei Beihilfeempfängern – verlangen. So man-
denen man zum Beispiel den nächsten Augenarzt 40 Ki- cher Patient hat hier in der Vergangenheit beim Öffnen
lometer und mehr entfernt findet. Dies werden wir än- der Rechnung eine Überraschung erlebt.
dern. (Zuruf der Abg. Elke Ferner [SPD])
Von den Versicherten wird auch immer wieder be- Wir werden eine bundeseinheitliche Rufnummer für
klagt, dass es insbesondere beim Übergang von der den ärztlichen Bereitschaftsdienst, die 116 117, einrich-
haus- zur fachärztlichen Versorgung zu längeren Warte- ten. Für Menschen mit Behinderung wird die zahnmedizi-
zeiten kommt. Mit den Maßnahmen in diesem Gesetz nische Versorgung wesentlich erleichtert und verbessert.
werden sich die Wartezeiten besonders auch bei der Die elektronische Patientenquittung wird patienten-
fachärztlichen Versorgung verkürzen, und die Versor- freundlich gestaltet.
gungsrealität der Patienten wird nachhaltig verbessert.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, damit schaf-
(Maria Klein-Schmeink [BÜNDNIS 90/DIE fen wir endlich die dringend benötigten gesetzlichen
GRÜNEN]: Wie denn?) Grundlagen für eine gute, wohnortnahe und flächende-
ckende Versorgung der Menschen mit medizinischen
Der sogenannte Landarzt kann, wenn die neuen viel-
Leistungen.
fältigen Möglichkeiten genutzt werden, wieder zu einem
Beruf werden, der mehr Freude macht. Auch der Tatsa- (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
che, dass immer mehr Frauen den Arztberuf ergreifen, neten der FDP)
wird durch frauen- und familienfreundlichere Regelun-
gen Rechnung getragen. Ich bin lange genug im Gesundheitswesen, in diesem
Haifischbecken, tätig. So weiß ich auch, dass sich nun
Insbesondere wird die Anerkennung von Praxisbe- garantiert viele sogenannte Berater auf den Weg machen
sonderheiten vereinheitlicht und erleichtert. Vertrags- werden, um aus diesem Gesetz den größten Nutzen
ärzte sollen die medizinisch notwendigen Leistungen – sprich: viele Euros – herauszuschlagen, sei es für Kas-
verordnen können, ohne befürchten zu müssen, hierfür sen, Krankenhäuser, bestimmte Arztgruppen usw. All
in Regress genommen zu werden. jene, die aus Gewohnheit dieses Gesetz wieder so ausle-
17322 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Wolfgang Zöller
(A) gen, dass Patienten nur als Mittel zum Zweck im Ge- Dorfes ausbauen will, darauf, ob Kindergarten, Schule (C)
sundheitssystem degradiert werden, möchte ich warnen: und Arztpraxis vorhanden sind. Was kommt für die Er-
Bei der Umsetzung dieses Gesetzes werden wir sehr ge- krankten heraus, die derzeit im Ruhrgebiet 17 Wochen
nau hinschauen, damit bei demjenigen, für den all diese und in Mecklenburg-Vorpommern gar 18 Wochen auf
Regelungen geschaffen wurden, die Verbesserungen ein Erstgespräch bei einem Psychotherapeuten warten?
auch ankommen – beim Patienten. Was kommt heraus für Menschen mit Behinderungen,
beispielsweise die junge Frau mit geistiger Behinderung,
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) die ohnehin vor Männern in weißen Kitteln einen Horror
Wir wollen eine wirklich konsequente Orientierung hat und nun noch beim Zahnarzt den Mund aufmachen
am Patienten. Nach der Gesundheitsreform 2011 zur soll? Leider kommt dabei wenig zur Lösung dieser Pro-
nachhaltigen Finanzierung, nach dem AMNOG mit sei- bleme heraus.
ner Kosten-Nutzen-Bewertung für Arzneimittel, nach Der vorliegende Gesetzentwurf ist alles andere als ein
der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland für großer Wurf. Das Gesetz beinhaltet erste klägliche
bessere Informationen, nach dem Krankenhaushygiene- Schritte eines notwendigen Marathons. Kein Grund, sich
gesetz zum Schutz vor Infektionen folgt jetzt das Versor- zu rühmen!
gungsstrukturgesetz, das den Patienten und die von ihm
benötigten Strukturen in den Mittelpunkt stellt. (Beifall bei der LINKEN)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Sie rühmen sich damit, wie es eingangs Herr
Lanfermann wieder getan hat, erstmalig kein Kosten-
Auf diesen Satz werden Sie bestimmt warten: Danach dämpfungsgesetz gemacht zu haben. Ja, Ihr Gesetz
wird natürlich konsequenterweise das Patientenrechtege- bringt Mehrkosten in noch unkalkulierbarer Höhe mit
setz vorgelegt, sich. Diese nehmen Sie einfach hin. Warum? Sie nehmen
(Elke Ferner [SPD]: War das nicht schon im diese Mehrkosten hin, nachdem Sie mit Zusatzbeiträgen,
Sommer vorgesehen?) der Kopfpauschale durch die Hintertür, dafür gesorgt ha-
ben, dass alle Ausgabensteigerungen allein von den Ver-
welches Patientenrechte weiterentwickelt, verständlich sicherten getragen werden müssen: Arbeitgeber und
zusammenfasst und dadurch auch einen Beitrag dazu Staat sind von den Zahlungsverpflichtungen ausgenom-
leistet, das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Pa- men. Da lassen sich leicht Regelungen für Zuwächse
tient zu stärken. beim Honorar der Ärzte und Zahnärzte machen.
Schlimm dabei ist, dass Ihr Honorarplus nicht einmal die
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ärztinnen und Ärzte erreicht, die es wirklich brauchen.
Diese Gesetze sind Ausdruck einer erfolgreichen bür- Das alles hat mit Gerechtigkeit nichts zu tun.
(B) (D)
gerlichen Gesundheitspolitik, die den Patienten stärkt
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
und ihn damit zum Partner und nicht zum Bittsteller in neten der SPD)
diesem Gesundheitssystem macht.
Kommen wir zurück zu den Regelungen. Viele Be-
Heute ist ein guter Tag für die Patienten. rufsgruppen scheinen diese Bundesregierung gar nicht
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) zu interessieren. Sie scheinen gar nichts mit gesundheit-
licher Versorgung zu tun zu haben. Kein Wunder, dass
Präsident Dr. Norbert Lammert: wir haufenweise Briefe von Physio-, Ergo- und Psycho-
Martina Bunge ist die nächste Rednerin für die Frak- therapeuten erhalten. Kein Wunder, dass sich die Pflege-
verbände fragen, ob denn die Pflege neuerdings nicht
tion Die Linke.
mehr zur Versorgungsstruktur zählt.
(Beifall bei der LINKEN)
Aber auch die ärztliche und psychotherapeutische
Versorgung der Bevölkerung wird sich mit diesem Ver-
Dr. Martina Bunge (DIE LINKE): sorgungsgesetz nicht ausreichend verbessern. Sie wird
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! damit auch nicht zukunftssicherer. Nach wie vor wissen
Nun wollen Sie es verabschieden, Ihr sogenanntes Ver- wir nicht, wie viele Ärztinnen und Ärzte, wie viele Psy-
sorgungsstrukturgesetz. chotherapeutinnen und Psychotherapeuten wir eigentlich
(Heinz Lanfermann [FDP]: Werden wir!) brauchen. Es hätte Mut erfordert, die Bedarfsplanung
endlich vom Kopf auf die Füße zu stellen. Aber Mut hat
Dringender Handlungsbedarf besteht, um die gesund- diese Bundesregierung nicht.
heitliche Versorgung überall, in Stadt und Land, für jede
und jeden, die oder der Hilfe braucht, wirklich flächen- (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
neten der SPD – Zuruf des Abg. Heinz
deckend zu sichern.
Lanfermann [FDP])
Doch was folgt aus dem heutigen Gesetz, beispiels-
Wir haben mit unserem Antrag gezeigt, worum es geht:
weise für den ländlichen Raum,
Alle Gesundheitsberufe müssen in die Bedarfspla-
(Karin Maag [CDU/CSU]: Nur Gutes!)
nung einbezogen werden, auch die Pflegeberufe, auch
wo sich Omi und Opi fragen: Mein Arzt geht in Rente; die Heilberufe, auch die Hebammen. Gesundheitsversor-
wohin gehe ich? Ebenso schaut die junge Lehrerin, die gung ist mehr als ärztliche Versorgung. Fehlanzeige bei
mit Mann und den Lütten ein Bauernhaus am Rande des Ihnen!
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17323
Dr. Martina Bunge
(A) Die Ermittlung des gesundheitlichen Bedarfs muss Dr. Harald Terpe (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): (C)
auf eine wissenschaftliche Basis gestellt werden, statt Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
bei den Ärzten Zufallszahlen aus dem Jahre 1993 und to-
tal unterdeckte Zahlen bei den Psychotherapeuten aus Tagtäglich leisten Tausende von Pflegern und Pfle-
dem Jahre 1999 einfach fortzuschreiben. Fehlanzeige bei gerinnen, von Ärzten und Ärztinnen, von Arzthelfe-
Ihnen! rinnen und Arzthelfern, von Physiotherapeuten,
Psychotherapeuten, Ergotherapeuten und Angehö-
Es muss endlich sektorenübergreifend geplant und rige vieler anderer Berufsgruppen ihre Arbeit.
versorgt werden. Was nützt eine gut durchgeführte Ope-
Zitat des Bundesgesundheitsministers aus der ersten Le-
ration im Krankenhaus, wenn die Nachsorge im Wohn-
sung des vorliegenden Gesetzentwurfs. – Richtig. Wir
umfeld nicht gesichert ist? Fehlanzeige bei Ihnen!
alle haben Grund, uns bei den vielen für die geleistete
(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Quatsch! Was Arbeit zu bedanken.
haben Sie denn gelesen?) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Wir müssen endlich dafür sorgen, dass das Geld dahin und bei der FDP sowie bei Abgeordneten der
fließt, wo der Bedarf am größten ist, und nicht dorthin, CDU/CSU, der SPD und der LINKEN)
wo die meisten Ärzte sind. Ich zitiere weiter:
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord- Für die Leistung, die in den Gesundheitsberufen
neten der SPD) tagtäglich erbracht wird, braucht es Motivation,
Nur so könnte es gelingen, bei der Attraktivität struktur- Vertrauen und Anerkennung. Genau das ist das Ziel
schwachen Regionen einen Schub zu geben und eine des Versorgungsstrukturgesetzes.
einheitliche Entwicklung in unserem Land zu befördern. Wo bitte findet sich die Anerkennung der Pflegeberufe
Thema Barrierefreiheit. Auch bei der gesundheit- außer im Kontext ärztlicher Entlastung, ganz zu schwei-
lichen Versorgung von Menschen mit Behinderungen gen von Regelungen zur Beseitigung des Pflegenot-
herrscht trotz der eingefügten Miniregelung letztendlich stands in den Kliniken?
Fehlanzeige. Es lagen gute Vorschläge vor, endlich die (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
zum Teil beschwerliche ärztliche und schlechte zahn- sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
ärztliche Versorgung von Menschen mit Behinderungen KEN)
zu verbessern. In der UN-Behindertenrechtskonvention
wird gefordert, hier etwas zu tun. Beschämend, dass Stattdessen werden vorrangig Partikularinteressen be-
Deutschland mit dieser Bundesregierung nicht schneller dient. Bei mir zu Hause würde man sagen: Da will uns
(B) vom Fleck kommt. einer ein X für ein U vormachen. (D)
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord- Aber vielleicht ist das nur im Überschwang des Eigen-
neten der SPD) lobs herausgerutscht. Im Problemaufriss des Gesetzent-
wurfs wird die nachhaltige und sozial ausgewogene
Ich kann nur wiederholen, was wir seitens der Oppo- Finanzierung der GKV gepriesen, um sich dann weiter
sition schon bei der Verabschiedung des letzten Gesetzes hinten im Gesetzentwurf zugunsten von ärztlichen und
gesagt haben – zahnärztlichen Honorarsteigerungen notfalls unter Preis-
gabe des Sozialausgleichs der sozialen Tarnung völlig zu
(Heinz Lanfermann [FDP]: Weil Sie zu jedem
entledigen.
Gesetz dasselbe sagen!)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
das bekommen wir auch allabendlich bei Gesundheits-
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
veranstaltungen immer wieder zu hören –: Das Beste an
KEN)
dem Gesetz ist, dass es keinen dauerhaften Schaden ver-
ursacht. Ich empfinde das als Vorsatz für die zweite dreiste
Umverteilung zulasten der finanziell Schwächeren. Es
Gut, dass es ab 2013 die Chance gibt, die Versorgung wird uns von dieser Regierung immer wieder ein X für
ordentlich zu regeln. Wenn dann für eine optimale ge- ein U vorgemacht. Irreführendes politisches Marketing
sundheitliche Versorgung der Bevölkerung und für gute und schillernde Ankündigungen einerseits,
Arbeitsbedingungen aller im Gesundheitssystem Be-
schäftigten wirklich mehr Geld erforderlich sein sollte, (Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Das ist bei der
wäre durch Einführung einer solidarischen Bürgerinnen- Bürgerversicherung so!)
und Bürgerversicherung finanzieller Spielraum vorhan-
aber keine oder minderwertige Lieferung andererseits:
den, und zwar gerecht von allen getragen.
Das ist das Markenzeichen der Koalition.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord- sowie bei Abgeordneten der SPD und der
neten der SPD) LINKEN – Wolfgang Zöller [CDU/CSU]:
17 Punkte habe ich genannt!)
Präsident Dr. Norbert Lammert: Ich muss an dieser Stelle auch mit dem Selbstlob im
Das Wort erhält nun der Kollege Harald Terpe für Gesetzentwurf aufräumen, es gäbe keinen Sparzwang.
Bündnis 90/Die Grünen. Ich schicke vorweg: Ich finde einen verantwortlichen
17324 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Dr. Harald Terpe


(A) Umgang mit finanziellen Ressourcen generell richtig. fähige Leistungen zur Entlastung der Ärztinnen und (C)
Aber wer die Beitragssätze in so klarer Weise erhöht und Ärzte festgelegt werden sollen.
Zusatzbeiträge eingeführt hat und damit im Grunde ge-
nommen die Krankenkassen unter Spardruck setzt und (Dr. Martina Bunge [DIE LINKE]: Gerade die,
ihnen die Möglichkeit nimmt, innovative Ansätze zu för- die es mit Enthusiasmus machen, bekommen
dern oder in diese zu investieren, schafft nichts weiter das Geld nicht!)
als einen Sparzwang durch die Hintertür. Aber das hat nichts mit dem notwendigen strukturellen
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Wandel infolge der Veränderung der Morbiditätsstruktur
sowie bei Abgeordneten der LINKEN) zu tun.

Zweifelsohne steht unser Gesundheitswesen vor gro- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
ßen Herausforderungen. Eine älter werdende Bevölkerung sowie bei Abgeordneten der SPD)
und die damit einhergehende Zunahme von chronischen Dort geht es um die notwendige Stärkung eigenständiger
und Mehrfacherkrankungen verlangen grundlegende nichtärztlicher Kompetenz – ein völlig anderer Horizont
strukturelle Veränderungen in der gesundheitlichen Ver- als Ihrer.
sorgung, und das umso mehr, je weniger und später wir
die Gesundheitsförderung und Prävention vorantreiben. Lassen Sie mich kurz die wenigen Ansatzpunkte einer
sektorenübergreifenden Versorgung bewerten.
Diagnostik und Heilung von Krankheiten wird zuneh-
mend von kontinuierlicher Betreuung und Begleitung Zunächst die spezialfachärztliche Versorgung: Sie
zur Sicherung der Lebensqualität der Betroffenen flan- wurde als eigenständiger Sektor und mit eigenständigen
kiert. Dieser Wandel der Morbidität führt zwangsläufig Vergütungstatbeständen konzipiert. Das ist – entgegen
zu einem häufigeren Wechsel der Patientinnen und Pa- meiner Hoffnung in der ersten Lesung – kein Start in die
tienten zwischen den Sektoren des Gesundheitssystems sektorenübergreifende Versorgung, weil nunmehr die
und zieht auch schon aktuell eine multiprofessionelle Einengung der im Leistungskatalog vorgesehenen Maß-
Behandlung nach sich. nahmen zwar die Kostenexplosion bremst, aber natürlich
innovative Ansätze ebenfalls ausbremst. Es wäre besser
Umso bedauerlicher ist, dass der Gesetzentwurf nach gewesen, klare Regelungen zu Organisation und Umfang
den vielen Anregungen und Diskussionen im parlamen- der Versorgung ins Gesetz zu schreiben. Ich glaube, dass
tarischen Prozess die strukturellen Erfordernisse so we- dadurch jetzt eher eine Konkurrenzveranstaltung zweier
nig verfolgt. Der Koalition ist es nicht gelungen, ihre Sektoren organisiert wird, wenn auch mit Kooperations-
arzt- und sektorenzentrierte Sichtweise zu relativieren. gebot und vermutlich der Entstehung zusätzlicher Ver-
(B) sorgungskapazitäten für seltene und besondere Erkran- (D)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN kungen – das sei Ihnen zugestanden; das ist eine
sowie bei Abgeordneten der SPD und der Verbesserung. Aber ich glaube, Chancen und Risiken der
LINKEN) Regelung dürften relativ dicht beieinander liegen, auch
In ihrer Gesundheitspolitik geht die Bedienung der Parti- deshalb, weil dadurch ein Run zulasten anderer Fach-
kularinteressen in der Ärzteschaft, zum Beispiel durch arztgruppen droht.
die Stärkung der Leistungserbringer im G-BA oder die Besonders auffällig an Ihrem Gesetzentwurf ist die
kostentreibende Honorarreform, mit einer Schwächung völlige Ausblendung des Krankenhaussektors, so, als ob
der Kassen und letztendlich der Patienteninteressen ein- zukunftsweisende sektorenübergreifende Strukturverän-
her. Wir werden das nicht widerstandslos akzeptieren. derungen ohne Krankenhäuser denkbar wären. Das ist
Mit unserem Antrag „Wirksame Strukturreformen für für mich auch ein fatales Signal, besonders an die klei-
eine patientenorientierte Gesundheitsversorgung auf den nen Krankenhäuser in strukturschwachen Regionen.
Weg bringen“ setzen wir eine klare Botschaft, wohin die (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Reise mit den Bündnisgrünen in Sachen Strukturreform sowie bei Abgeordneten der LINKEN)
geht. Unser Ziel ist eine sektorenübergreifende und pro-
fessionenübergreifende Versorgung. Dabei soll die Pri- Lassen Sie mich noch auf zwei von der Koalition ge-
märversorgung deutlich aufgewertet werden. Sie ist für setzte zentrale Botschaften eingehen.
uns mehr als eine hausärztliche bzw. hausarztzentrierte
Versorgung. Es bedeutet nämlich eine teamorientierte Erstens zur Novellierung der Bedarfsplanung: Hier
Zusammenarbeit der unterschiedlichen Gesundheitspro- findet sich in Ihrem Gesetzentwurf nach unserer Auffas-
fessionen mit neugestalteter Aufgabenverteilung. Ärz- sung keine nachhaltige Reform der Bedarfsplanung, um
tinnen und Ärzte als verantwortungsvolle Teamplayer zum Beispiel auf der Grundlage verbindlicher Analysen
sind nicht nur eine schöne Vision, sondern es gibt sie den künftigen Versorgungsbedarf besser ermitteln und
auch schon heute – trotz der Fehlanreize und berufsstän- planen zu können. Obwohl die Möglichkeit eines ge-
dischen Zementierungen, durch die ihre Arbeit immer meinsamen Landesgremiums geschaffen wird und im
wieder erschwert wird. G-BA den Ländern Mitspracherechte bei den Bedarfs-
planungsrichtlinien eingeräumt werden, fehlt es an der
Sucht man in Ihrem Gesetzentwurf nach Regelungen Durchsetzung einer sektorenübergreifenden Versor-
zu nichtärztlichen Gesundheitsberufen, so stößt man auf gungsplanung, die insbesondere auch in strukturschwa-
die in § 28 vorgesehene Regelung, nach der delegations- chen Regionen zusätzliche Versorgungskapazitäten, bei-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17325
Dr. Harald Terpe
(A) spielsweise aus dem Krankenhausbereich, mobilisieren (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (C)
könnte. sowie bei Abgeordneten der SPD)
Die zweite Botschaft war die Schaffung eines Land-
arztgesetzes. Präsident Dr. Norbert Lammert:
Das Wort erhält nun der Bundesgesundheitsminister.
(Maria Klein-Schmeink [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Genau! Schon ganz vergessen!) (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Unter diesem Deckmantel bringen Sie eine erneute
Reform der vertragsärztlichen Vergütung auf den Weg. Daniel Bahr, Bundesminister für Gesundheit:
Angeblich sollen die regionalen Verantwortlichkeiten Guten Morgen, Herr Präsident! Liebe Kolleginnen
gestärkt werden. In der Praxis wird Ihre Reform aber und Kollegen! Heute ist Welt-Aids-Tag. Wir tragen aus
eher dazu führen, dass wieder diejenigen bei der Hono- Solidarität mit Menschen, die an einer lebensbedrohli-
rarverteilung das Rennen machen, deren Einfluss am chen Krankheit leiden, heute diese Aidsschleife. Dabei
weitesten reicht. – Willkommen in der Vergangenheit! haben wir in Deutschland im Vergleich zu vielen ande-
ren Ländern seit Jahren durch unsere Arbeit die nied-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN rigste Neuinfektionsrate der Welt. Gegenüber 2006, als
sowie bei Abgeordneten der SPD und der wir 3 400 Aids-/HIV-Neuinfizierte hatten, ist es uns ge-
LINKEN) lungen, diese Zahl 2011 nochmals zu senken: auf 2 700.
Das ist gewiss nicht im Interesse der Patientinnen und Das ist ein großer Erfolg der gemeinsamen Präventions-
Patienten, sondern es ist der Abschied vom Bekenntnis arbeit im Kampf gegen HIV und Aids, die wir in
zur schrittweisen Konvergenz mit dem Ziel, vergleich- Deutschland seit vielen Jahren leisten.
bare Leistungen auch gleich zu honorieren. Das ist in der (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie bei
Diskussion im Ausschuss ja auch klar geworden. Abgeordneten der SPD und der LINKEN)
Das Problem der Unterversorgung und der Niederlas- Es zeigt uns auch, dass die Versorgung von HIV-Infizier-
sungsunwilligkeit ist unserer Überzeugung nach allein ten mittlerweile immer besser geworden ist, dass HIV-
mit der Zahlung eines Sicherstellungszuschlags und des Infizierte mit dieser nicht heilbaren Krankheit dennoch
vermeintlichen Wegfalls von Mengenbegrenzungen so behandelt werden können, dass sie am gesellschaftli-
nicht zu lösen, zumal es bei den Hausärzten auf dem chen Leben teilhaben.
Land eine Begrenzung im relevanten Umfang gar nicht
gegeben hat und von der Neuregelung jetzt Fachärzte in Warum erzähle ich das ganz bewusst am Anfang mei-
(B) Regionen profitieren, die gar keine Unterversorgung ha- ner Rede? Weil auch das GKV-Versorgungsstrukturge- (D)
ben. setz Antworten auf die Sorgen und Nöte dieser Men-
schen bietet, nämlich eine gute medizinische Versorgung
(Zuruf von der LINKEN: So ist das!) im Alltag zu erleben. Das Versorgungsstrukturgesetz
Insbesondere auch deshalb wird dieses Problem schafft für Krankheiten mit besonders schwerem Verlauf
dadurch nicht gelöst, weil in gut versorgten Metropol- wie HIV/Aids, wie Multiple Sklerose und wie andere
regionen infolge einer größeren Zahl an und höheren seltene Erkrankungen extra eine spezialfachärztliche
Vergütung durch Privatpatienten ohnehin bessere Hono- ambulante Versorgung. Damit erreichen wir, dass end-
rarsituationen bestehen. Sie verweigern eine Honorarre- lich die starren Sektoren zwischen dem Krankenhausbe-
form, die die PKV letztendlich einbezieht. Das ist ganz reich und den niedergelassenen Ärzten überwunden wer-
klar zu kritisieren. den, dass die Behandlung der Patienten bestmöglich – in
der Regel in Kooperation zwischen Krankenhaus und
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN niedergelassenen Fachärzten – gelingt. Das ist eine deut-
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN- liche Verbesserung für die Versorgung der Menschen,
KEN)
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Bei der Abstimmung über Ihren Entschließungsantrag
– er enthält Forderungen an die Länder, die wir durchaus gerade derer, die aufgrund einer Krankheit mit besonders
teilen – werden wir uns enthalten müssen, da Sie es sich schwerem Verlauf oder einer seltenen Erkrankung darauf
im Feststellungsteil nicht verkneifen konnten, Ihr Ver- angewiesen sind, dass sie die bestmögliche Versorgung
sorgungsstrukturgesetz zu beweihräuchern. von Spezialisten bekommen.
(Dr. Martina Bunge [DIE LINKE]: Die Forde- Wir, die CDU/CSU-FDP-Koalition, haben die Priori-
rungen sind aber sehr halbherzig!) täten in der Gesundheitspolitik in Deutschland verän-
dert.
Ich komme zu dem Schluss, dass dieser Gesetzent-
wurf nicht geeignet ist, die notwendigen strukturellen (Elke Ferner [SPD]: Das stimmt wohl!)
Reformen, die sich aus der veränderten Morbiditäts-
struktur und dem demografischen Wandel ergeben, ein- Während lange Jahre in Deutschland mehr Geld für Arz-
zuleiten. Wir lehnen diesen Gesetzentwurf deshalb als neimittel als für die ambulante Versorgung ausgegeben
unzureichend ab. wurde, können wir nun feststellen, dass in Deutschland
wieder mehr Geld für die ambulante Versorgung als für
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. die Arzneimittel ausgegeben wird. Das ist ein Erfolg un-
17326 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Bundesminister Daniel Bahr


(A) serer Politik, unserer Gesetze; denn wir haben mit dem bestmögliche Versorgung für den Patienten zu erbringen. (C)
Arzneimittelgesetz Einsparungen vollzogen. Ich kann dieses Gegeneinanderstellen nicht mehr verste-
hen. Deswegen sorgen wir mit den richtigen Anreizen
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
und eben nicht mit Zwang dafür, dass die wohnortnahe
Die Menschen wissen, dass sie sich in Deutschland Versorgung für die Menschen gerade in der Fläche ge-
auf ein Gesundheitswesen verlassen können, das seines- währleistet ist.
gleichen sucht. Die Herausforderung ist, dieses Gesund-
Wenn es etwas gebracht hat, dass die FDP im Bundes-
heitssystem so zu erhalten, wie die Menschen es zu
gesundheitsministerium ist und Sie in der Opposition
schätzen wissen. Wir gewährleisten, dass im Krankheits-
sind, dann ist es offensichtlich eines: dass wir heute über
fall jede Bürgerin und jeder Bürger unabhängig von Ein-
einen drohenden Ärztemangel reden und endlich Schritte
kommen, Alter, Geschlecht, Herkunft oder Vorerkran-
diskutieren, wie dieser drohende Ärztemangel angegan-
kung die medizinische Behandlung und Betreuung
gen wird.
erhält, die notwendig ist.
(Dr. Martina Bunge [DIE LINKE]: Mit Praxis- (Zuruf der Abg. Elke Ferner [SPD])
gebühr und Zuzahlungen!) Sie haben noch vor zwei Jahren, als wir die Regierung
Dazu zählt eben auch, dass sich die Menschen auf das übernommen haben, geleugnet, dass uns in Deutschland
verlassen können, was andere Länder so nicht kennen: ein Ärztemangel droht.
freie Arztwahl, freie Krankenhauswahl, freie Kranken- (Elke Ferner [SPD]: Herr Bahr, Sie lügen,
versicherungswahl und Therapiefreiheit. Das sind Frei- ohne rot zu werden!)
heiten, die Menschen in anderen Ländern, insbesondere
mit staatlichen Gesundheitssystemen, von denen Sie uns Sie haben gesagt: Wir haben genügend Ärzte; die müs-
immer so gerne erzählen und die Sie uns hier empfehlen sen nur zwangsweise aufs Land verteilt werden. Mit
wollen, nicht erleben. Dort erleben sie Mangelverwal- Zwang werden Sie aber keine jungen Mediziner motivie-
tung, die längsten Wartezeiten und die schärfsten Unter- ren, in der Fläche tätig zu sein. Wir setzen die richtigen
schiede aufgrund einer Zweiklassenmedizin. Wir in Anreize.
Deutschland können stolz darauf sein, dass unser Ge- (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
sundheitssystem so leistungsfähig ist. Zu dessen Erhal-
tung wollen wir mit diesem Gesetz beitragen. Jetzt reden Sie immer von Unterversorgung und
Überversorgung. Selbstverständlich gibt es auch Über-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – versorgung in Deutschland. Es gibt Über-, Unter- und
Mechthild Rawert [SPD]: Sie regieren zum Fehlversorgung in Deutschland. Wir gehen das mit einer
(B) Glück noch nicht so lange! – Zuruf der Abg. flexiblen Bedarfsplanung an. Die Bedarfsplanung, die (D)
Elke Ferner [SPD]) wir heute haben, entspricht doch gar nicht dem Bedarf.
– Liebe Frau Ferner, liebe Frau Rawert, Sie krakeelen ja Sie ist auf den Stand Anfang der 90er-Jahre aufgesetzt,
schon wieder herum. Herr Lanfermann hat allerdings als man einfach alle vorhandenen Ärzte gezählt hat. Die-
recht: Das Dazwischenrufen macht es nicht besser. sen Bestand hat man dann festgeschrieben und ihn als
Bedarfsplan bezeichnet.
(Dr. Martina Bunge [DIE LINKE]: Er ist heute
sehr ruhig! Normalerweise ist er derjenige!) (Zurufe von der LINKEN)
Es scheint ja wehzutun, was ich gesagt habe. Wir ändern das, weil wir endlich dafür sorgen, dass in
den Regionen, in den Landkreisen genau geschaut wird,
Ihr Entschließungsantrag zeigt die Ideologie, die Ihre
wo Bedarf besteht, wo ein zusätzlicher Psychologe, ein
Gesundheitspolitik prägt.
zusätzlicher Neurologe, ein zusätzlicher Dermatologe
(Jens Spahn [CDU/CSU]: Jawohl!) gebraucht wird. Das heißt, wir geben die Flexibilität, um
genau zu schauen: Wo besteht Bedarf? Wo besteht viel-
Sie versuchen die Interessen derjenigen, die im Gesund-
leicht eine Überversorgung, die abgebaut werden muss?
heitswesen tätig sind, die Belange der Leistungserbrin-
Auch das ist nämlich bei uns enthalten: Die Kassenärzt-
ger, gegen die Interessen der Patienten zu stellen. Liebe
lichen Vereinigungen erhalten die Möglichkeit, dort, wo
Kolleginnen und Kollegen, hören Sie endlich damit auf,
unbegründet eine Überversorgung besteht, wo die Ver-
zu glauben, dass der Patient besonders gut bedient ist,
sorgung nicht dem Bedarf entspricht, frei werdende
wenn der Arzt demotiviert ist. Nein, wir brauchen An-
Arztsitze aufzukaufen. Das – und nicht das, was Sie for-
reize, damit der Leistungserbringer motiviert ist, damit
dern – ist ein nachhaltiger Abbau der Überversorgung.
er Spaß an der Arbeit hat!
Das, was Sie fordern, ist doch nichts anderes als mo-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
dernes Robin-Hood-Gehabe. Sie sagen, Überversorgung
Wie soll denn ein Patient besser versorgt werden, wenn werde abgebaut, wenn man jene Ärztinnen und Ärzte be-
der Arzt mit Bürokratie überlastet ist, wenn er das Ge- straft, die sich vor 10 oder 20 Jahren entschieden haben,
fühl hat, er bekomme keine leistungsgerechte Vergü- in einem Ballungsraum eine Arztpraxis mit viel Geld
tung? Meinen Sie, dadurch werde eine bessere Versor- aufzubauen. Glauben Sie, dass irgendein Arzt aus Ham-
gung für den Patienten gewährleistet? Das liegt doch im burg seine Praxis schließt und eine neue Praxis an der
gemeinsamen Interesse; der Patient profitiert doch da- Schlei eröffnet, nur weil Sie ihm Honorarkürzungen von
von, wenn auch der Arzt ein Interesse daran hat, die 5 Prozent oder 10 Prozent verordnen?
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17327
Bundesminister Daniel Bahr
(A) (Zurufe von der SPD) Insofern: Dies ist ein gutes Gesetz, und damit werden (C)
endlich die Probleme der Menschen vor Ort angepackt,
Diese Regelung stand jahrelang im Gesetz, und Sie ha- die sich sorgen: Habe ich morgen noch eine wohnort-
ben sie unter Ihrer Führung nicht angewandt. Das zeigt nahe Versorgung? Kann ich mich darauf verlassen, dass
uns doch, dass dieses Instrument dem Abbau der Über- es in der Fläche noch Ärzte gibt? Wir sorgen dafür, dass
versorgung nicht gerecht wird, sondern nur einen Vertei- die Menschen den Landarzt nicht nur aus einer idylli-
lungskampf in die Ärzteschaft hineinträgt. Damit ver- schen Vorabendserie kennen, sondern ihn auch weiterhin
bessern wir die Versorgung der Menschen in den real erleben. Wir sorgen dafür, dass sie sich auf das best-
Ballungsräumen und in der Fläche keineswegs. mögliche Gesundheitswesen in Deutschland verlassen
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) können.
Interessant ist, dass die Ländergesundheitsminister Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
dort, wo Sie – Linke, Grüne, SPD – Verantwortung tra- (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
gen, sagen, der Bund müsse etwas für den Abbau der
Überversorgung tun. Landtagsfraktionen von Union und
FDP haben einmal vor Ort nachgefragt. Plötzlich stellen Präsident Dr. Norbert Lammert:
wir fest, dass diese Ländergesundheitsminister, wie zum Nächster Redner ist der Kollege Karl Lauterbach für
Beispiel die Gesundheitssenatorin in Hamburg, leugnen, die SPD-Fraktion.
dass es bei ihnen eine Überversorgung gibt. (Beifall bei der SPD)
(Zurufe von der SPD)
Dr. Karl Lauterbach (SPD):
Dann kritisieren Sie die langen Wartezeiten, und wir
fragen: Wie sähe es denn aus, wenn in Hamburg Arzt- Herr Präsident! Meine sehr verehrten Kolleginnen
praxen geschlossen würden, wenn Überversorgung ab- und Kollegen! Herr Brüderle, ich saß vor einigen Jahren
gebaut werden würde? Was würde das für die Wartezei- mit einem Ihrer Vorgänger in der Businessclass.
ten bedeuten? Und schon wieder stellen wir Unlogisches (Zurufe von der FDP: Oh! – Volker Kauder
fest. Schon wieder stellen wir fest, dass Sie offensicht- [CDU/CSU]: Sie hätten in der Economyclass
lich nur bei Allgemeinplätzen verharren und die Pro- sitzen sollen!)
bleme und Sorgen der Menschen nicht lösen. Wir ma-
chen das. Wir hatten damals über Gesundheitsreformen verhan-
delt. Damals habe ich mich bitter beschwert, dass die
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Zu- Reform wieder einmal an der FDP gescheitert ist. Da
(B) rufe von der SPD) seufzte der Kollege und meinte: Im Gesundheitsbereich (D)
– das gebe ich zu – sitzen bei uns die falschen Leute. Zu
Viele junge Mediziner haben Sorge, dass sie, wenn sie
viel Lobbyismus war damals unser Thema: zu viel Lob-
sich in der Fläche niederlassen, doppelt bestraft werden;
byismus, zu wenig Wettbewerb. Wissen Sie, was die
nämlich mit immer mehr Patienten. Deswegen sorgen
Rede des Kollegen Bahr gerade gezeigt hat? Bis heute
wir dafür, dass die Mengenabstaffelung in der Fläche ab-
sitzen im Gesundheitsbereich bei Ihnen die falschen
geschafft wird, dass es Zuschläge geben kann, damit die
Leute. Der Lobbyismus ist Ihnen wichtiger als der Wett-
jungen Mediziner, die in die Fläche gehen, auch die Per-
bewerb, Herr Kollege Brüderle.
spektive haben, dass sie dort eine leistungsgerechte Ver-
gütung bekommen. Wir schaffen die Residenzpflicht ab. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
Wir lockern die Regelungen zu Zweitpraxen. Wir geben der LINKEN)
die Möglichkeit einer Eigeneinrichtung dort, wo sich
kein Arzt findet, und wir bauen die Sorgen vor Regress- Ich will versuchen, das darzustellen. Womit haben wir
forderungen ab, damit der Arzt, der viele Patienten zu es jetzt zu tun? Das Gesetz ist ein Versorgungsgesetz.
betreuen hat, keine Angst haben muss, für zu viele Arz- Aber um welche Versorgung geht es denn? Es geht doch
neimittelverschreibungen in Haftung genommen zu wer- nicht um die Versorgung der Patienten oder der Versi-
den. Auch das ist ein wichtiger Bereich. cherten. Es geht um die Ärzteversorgung. Das Gesetz
müsste korrekterweise Ärzteversorgungsgesetz heißen
Außerdem sorgen wir dafür, dass der gesellschaftliche oder noch präziser: Gesetz zur Stärkung der Kassenärzt-
Wandel im Gesundheitswesen ankommt; denn wir wis- lichen Vereinigungen. Das entspricht doch dem, was be-
sen, dass die Medizin immer weiblicher wird und dass schlossen wurde. Sie haben von allen Maßnahmen, die
junge Männer wie Frauen heute eine andere Einstellung die Versorgung der Patienten verbessert hätten, Abstand
zum Beruf haben. Auch auf diesen gesellschaftlichen genommen, beispielsweise von der ungleichen Honorie-
Wandel müssen wir Antworten finden. Die Vereinbarkeit rung durch gesetzlich Versicherte und Privatpatienten.
von Familie und Gesundheitsberuf ist uns ein ganz wich- Dies ist einer der wichtigsten Gründe, weshalb die Ärzte
tiges Anliegen in diesem Gesetzentwurf, auf dem Land für wenig Geld lange arbeiten müssen und
in den Großstädten zum Teil mit wenig Patienten gut
(Dr. Martina Bunge [DIE LINKE]: Schöne
verdienen.
Worte!)
(Beifall bei der SPD)
weil der Arztberuf leider noch auf einem alten Gesell-
schaftsbild in den Strukturen von Krankenhäusern und Dieses Problem haben Sie überhaupt nicht anzugehen
Kassenärztlichen Vereinigungen aufbaut. gewagt. Die FDP steht dafür, dass die gleiche medizini-
17328 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Dr. Karl Lauterbach


(A) sche Leistung vom Privatpatienten teurer bezahlt werden (Beifall bei der SPD – Elke Ferner [SPD]: Mit- (C)
muss. Was ist denn das für ein Wettbewerb, Herr tel gestrichen!)
Brüderle? Das ist doch ein Witz. In Wirklichkeit ist es
Sie machen nichts für die Vorbeugung und nennen aus-
so: Der Hauptgrund für die Fehlverteilung der Ärzte
gerechnet das Beispiel Aids.
wird nicht beseitigt.
Das einzige, was Sie machen, ist der Aufbau einer
Der zweite Punkt. Auch hier werden allein die Vor- neuen Versorgungsstruktur, die spezielle fachärztliche
stellungen der Kassenärztlichen Vereinigungen berück- Versorgung. Die speziellen Fachärzte werden aber mit
sichtigt. Wer wird demnächst die präzise regionalisierte den Hausärzten konkurrieren. Somit wird es letztendlich
Honorarverteilung vornehmen? Nicht die Patientenver- weniger Hausärzte geben. Eine junge Ärztin, die sich
treter, sie erfolgt auch nicht über den Wettbewerb der nach dem Studium entscheiden muss, wohin sie geht und
Krankenkassen, sondern sie wird durch die Kassenärztli- was sie macht, hat eine weitere Option, die mit der
chen Vereinigungen vorgenommen, also genau durch die Hausarztversorgung nichts zu tun hat: Sie kann sich als
Einrichtung, die die Fehlverteilung, die der Minister be- spezialärztliche Versorgerin in der Stadt niederlassen.
klagt, verursacht hat. Es ändert sich nichts. Es wird de Das führt dazu, dass wir weniger Hausärzte haben und
facto nichts geändert. nicht mehr.
Der einzige Punkt, der geändert wird, ist: Die Ärzte Die bestehende Versorgung wird teurer, auf der
auf dem Land, die ohnedies überlastet sind, die bis acht Grundlage der Einschätzung der Krankenkassen um
Uhr abends arbeiten, deren Praxen total voll sind, be- etwa 2 Milliarden Euro. Die Versorgung wird aber in der
kommen ein bisschen mehr Geld. Das gönne ich den Qualität nicht besser. Die Kassenärztlichen Vereinigun-
Ärzten – damit wir uns nicht falsch verstehen –, aber gen werden gestärkt. Und das Ganze wollen Sie uns ver-
diese Ärzte können keine zusätzlichen Patienten behan- kaufen als ein Gesetz, mit dem die Versorgung der Pa-
deln. tienten verbessert wird? Ich bitte Sie! Das gelingt noch
nicht einmal Herrn Lanfermann, bei dessen Rede die
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
Union nicht geklatscht hat. Bei allem Selbstlob, für das
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Sie bekannt sind, Herr Lanfermann, dieses Gesetz wird
Somit wird nichts anderes gemacht, als die bestehende die Versorgungsstruktur in Deutschland nicht verändern.
Fehlversorgung aufrechtzuerhalten. Die überlasteten (Beifall bei der SPD)
Ärzte bekommen ein bisschen mehr Geld.
Sie hätten dafür sorgen müssen, dass in den überver- Präsident Dr. Norbert Lammert:
(B) sorgten Gebieten die frei werdenden Praxen aufgekauft Lassen Sie eine Zwischenfrage des Kollegen Lotter (D)
werden – es geht ja nicht um den Kauf von Praxen, die zu?
nicht frei werden – und auf dem Land neue eröffnet wer-
den. Das war die Maßnahme, die wir alle für richtig hiel- Dr. Karl Lauterbach (SPD):
ten. Vor dieser Maßnahme haben Sie Angst gehabt, weil Ja.
Ihnen die Kassenärztlichen Vereinigungen dieses nicht
erlaubt haben. Sie sind eingeknickt vor den Lobbyisten
der Kassenärztlichen Vereinigungen. Daher wird dieses Dr. Norbert Lammert (CDU/CSU):
Gesetz zum Schluss keine Verbesserung der Versor- Bitte schön.
gungsstruktur bringen.
Dr. Erwin Lotter (FDP):
(Beifall bei der SPD – Zuruf von der CDU/ Lieber Herr Kollege Lauterbach, stimmen Sie mir ers-
CSU: Sie malen ein Zerrbild!) tens zu, dass Hausärzte für andere Krankheitsbilder zu-
– Nein, es ist kein Zerrbild. ständig sind als spezialfachärztlich tätige Ärzte und dass
es insofern zu keiner Konkurrenzsituation kommen
(Zuruf von der CDU/CSU: Das ist von vorges- kann, sondern es sich um eine Ergänzung handelt?
tern!)
Stimmen Sie mir zweitens zu, dass Ärzte, die ge-
– Das ist nicht von vorgestern. zwungen werden sollen, in unterversorgte Gebiete zu ge-
hen, dann eher den Weg in die Schweiz oder nach Skan-
Ich nenne ein weiteres Beispiel. Sie bauen eine neue dinavien wählen?
Doppelstruktur auf. Sie bauen eine spezielle fachärzt-
liche Versorgung auf. Der Minister hat die Chuzpe be- (Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Kann man mit
sessen und das sogar im Zusammenhang mit der verbes- Ja beantworten!)
serten Aidsvorbeugung hier vorgetragen. Die Aids-
vorbeugung, die wir alle gemeinsam beschlossen haben, Dr. Karl Lauterbach (SPD):
hat mit dieser Art der Versorgung überhaupt nichts zu Zum ersten Punkt. Ich habe bereits ausgeführt – ich
tun. Sie, Herr Minister, haben das Vorbeugegesetz, das denke, das war leicht verständlich –, dass wir zu wenige
während der Großen Koalition in der Schublade lag, ein- Mediziner haben. Wenn diese wenigen Mediziner sich
gesackt; das war Ihre erste Amtshandlung. Sie haben für zwischen einer schlecht bezahlten Hausarzttätigkeit auf
die Vorbeugung – das ist doch unstrittig im Haus – bis- dem Land und einer gut bezahlten Facharzttätigkeit in
her gar nichts gemacht. der Stadt entscheiden können, dann wird es noch weni-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17329
Dr. Karl Lauterbach
(A) ger Mediziner geben, die sich für die Hausarzttätigkeit Jens Spahn (CDU/CSU): (C)
entscheiden. Somit werden noch weniger Ärzte in der Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Hausarztversorgung und noch mehr Ärzte in der Fach- Herr Kollege Lauterbach, erste Klasse fliegen, aber Apo-
arztversorgung tätig sein. Sie verschlimmern ein beste- loget der Zweiklassenmedizin sein – das ist eine gewisse
hendes Problem. Kunst, die Sie uns hier präsentiert haben.
(Elke Ferner [SPD]: Genau!) (Zurufe von der SPD: Oh!)

Zum zweiten Punkt. Niemand geht ins Ausland, wenn Am Beispiel eines Fluges in der ersten Klasse kann man
die Rahmenbedingungen in Deutschland stimmen. Das wunderschön deutlich machen, wo Ihr Problem in der
heißt, egal ob es um gesetzlich Versicherte oder Privat- Argumentation besteht.
versicherte geht, Ärzte müssen durch Bürokratieabbau (Dr. Karl Lauterbach [SPD]: Dummes
entlastet und auskömmlich bezahlt werden. Die Vorbeu- Geschwätz!)
gung muss besser bezahlt werden. Wir brauchen mehr
Wettbewerb und mehr Transparenz. Wir brauchen all Entscheidend bei einem Flug ist, dass Sie sicher von A
das. Aber das Gesetz leistet dazu keinen Beitrag. Das ist nach B kommen, dass die entsprechenden Sicherheitsan-
doch der Grund, weshalb es sich immer weniger lohnt, forderungen erfüllt sind, dass der Pilot die entsprechende
Ausbildung hat, dass Sie angenehm sitzen können. Derje-
als Arzt in Deutschland tätig zu sein.
nige, der dann zusätzlich etwas will – meinetwegen die
(Beifall bei der SPD – Heinz Lanfermann Schokolade bei der Landung –, gönnt sich die Business-
[FDP]: Und das machen Sie alles ohne Al- class. Genau das ist unser Verständnis von Gesundheits-
terserkrankungen!) politik. Wir wollen eine Grundversorgung, die sicherstellt,
dass jeder – unabhängig vom Alter, vom Einkommen,
– Wir werden das machen. Ich gehe in der Tat fest davon vom sozialen Status und davon, wo er lebt – die notwen-
aus, dass wir Sie ab 2013 bei dieser Aufgabe entlasten dige medizinische Versorgung auf dem aktuellen Stand
können. von Technik und Wissenschaft bekommt. Wer sich aber
mehr leisten will, soll das auch tun können. Beim Flie-
(Beifall bei der SPD) gen den Wettbewerb und die Differenzierung selbst nut-
zen und die erste Klasse genießen, in der Gesundheits-
Ich möchte darauf hinweisen: Dieses Gesetz – da politik aber Wettbewerb und Differenzierung nicht
stimme ich der Kollegin Bunge nicht zu – kann man zulassen – das ist doppelzüngig, lieber Herr Kollege
nicht abtun als ein Gesetz, das zwar nichts bringt, aber Lauterbach. Das ist heute deutlich geworden wie selten.
keinen dauerhaften Schaden anrichtet. Dem ist, glaube
(B) (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) (D)
ich, nicht so. Für all die Probleme, die wir jetzt nicht lö-
sen, gilt: Uns läuft die Zeit weg. Sie müssen bedenken: Wir haben in Deutschland – das ist ohne Zweifel so;
Heute zahlen die Menschen in den unterversorgten Ge- der Herr Minister hat darauf hingewiesen – eines der
bieten den gleichen Beitrag wie die Menschen in den besten Gesundheitssysteme der Welt. Schauen Sie auf
Städten – zum Teil mehr – für eine Versorgung, die sie die Wartezeiten und die flächendeckende Versorgung. Es
de facto nicht haben. Die Menschen auf dem Land zah- nutzt Ihnen nichts, wenn es Spitzenmedizin in London
len den gleichen Beitrag, die gleichen Zusatzbeiträge oder New York gibt, sondern es ist entscheidend, dass
und Sonderbeiträge für eine Leistung, die sie nur bekä- Sie – wie es in Deutschland der Fall ist – eine gute Ver-
men, wenn sie umziehen würden. Wir schulden den sorgung in der Fläche haben. Jedoch steht auch das beste
Menschen in den unterversorgten Gebieten schon seit Gesundheitssystem der Welt vor Herausforderungen,
Jahren eine Verbesserung ihrer Versorgung; denn sie Veränderungen und Problemen. Mit diesem Versor-
zahlen voll, bekommen aber weniger. Im Hinblick da- gungsstrukturgesetz gehen wir die Probleme im Versor-
rauf haben Sie in diesem Gesetz nichts geleistet. Sie sind gungsalltag der Menschen an, die uns ganz konkret
vor den Lobbyisten eingeknickt. Das ist insbesondere für – auch in den Bürgersprechstunden im Wahlkreis sowie
die FDP eine Schande; denn die FDP muss in diesen bei Veranstaltungen – nahegebracht werden. Wir greifen
Zeiten gegen den Ruf kämpfen, nichts anderes zu sein sie auf und wollen sie mit einem Bündel verschiedener
als eine reine Klientel- und Lobbyistenpartei. Maßnahmen lösen. Deswegen ist das – der Patientenbe-
auftragte hat das schon zu Recht gesagt – heute ein guter
Vielen Dank. Tag für die Patientinnen und Patienten in Deutschland.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN –
Christine Aschenberg-Dugnus [FDP]: Das sagt Dieses Gesetz reiht sich nahtlos ein in die Gesund-
der Oberlobbyist!) heitsgesetzgebung der christlich-liberalen Koalition. Wir
haben mit dem GKV-Finanzierungsgesetz eine solide
Basis für die gesetzliche Krankenversicherung geschaf-
Präsident Dr. Norbert Lammert: fen. Eines der größten Defizite, das für 2011 in der Ge-
Das Wort erhält nun der Kollege Jens Spahn für die schichte der gesetzlichen Krankenversicherung erwartet
CDU/CSU-Fraktion. wurde, haben wir mit kurzfristigen Maßnahmen, vor al-
lem aber auch mit einem Konzept zur langfristigen
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung ab-
17330 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Jens Spahn
(A) gewendet. Die Finanzierung erfolgt nicht mehr nur lohn- Versorgung – insbesondere die flächendeckende ärztli- (C)
abhängig, sondern – gerechter – über einen steuerfinan- che Versorgung – in den Blick zu nehmen. Ich selber
zierten Sozialausgleich bzw. über den Zusatzbeitrag. komme vom Land, aus dem Münsterland. Da ist es heute
schon so, dass es für uns in den kleineren Orten nahezu
(Elke Ferner [SPD]: Das ist kein Gesetz, unmöglich ist, einen Nachfolger für jemanden zu finden,
sondern eine Katastrophe!) der seine Praxis aufgibt. Es wird inseriert, um einen
Die gesetzliche Krankenversicherung befindet sich – mit Nachfolger zu finden. Aber es ist nahezu unmöglich, je-
so vielen Rücklagen und so vielen Möglichkeiten wie manden dazu zu bewegen, eine Praxis auf dem Land zu
noch nie – in einer guten Lage. Zum einen ist das ein übernehmen, egal ob im Münsterland, in der Eifel, in
Verdienst derjenigen, die ihren Beitrag leisten mussten: Mecklenburg-Vorpommern oder im Bayerischen Wald.
der Apotheker, der Pharmaindustrie, der Ärzte und der Das gleiche Problem besteht übrigens auch – es ist schon
Krankenhäuser. Sie werden in den Jahren 2011 und 2012 darauf hingewiesen worden; es ist wichtig, zu differen-
weniger haben, als eigentlich geplant war. Zum anderen zieren – in manchen großstädtischen Stadtteilen wie in
ist es dem Beitrag der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber Berlin-Neukölln, in Köln-Chorweiler und im Essener
geschuldet. Es ist aber auch ein großer Erfolg christlich- Norden. Auch hier ist es schwierig, Ärzte zu finden, die
liberaler Gesundheitspolitik. Darauf sind wir auch ein bereit sind, dorthin zu gehen; denn die Arbeit dort ist
Stück weit stolz. schwerer.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Wir gehen an das Problem heran, indem wir zum ei-
nen eine kleinräumigere Bedarfsplanung durchführen.
Neben der Frage der Finanzierung gibt es ein zweites Wir schauen uns kleinere Einheiten an – nicht mehr nur
entscheidendes Qualitätsmerkmal des deutschen Ge- ganze Landkreise oder Großstädte –, um festzustellen,
sundheitswesens, nämlich den Zugang zu Innovationen. wo die Versorgung gut ist und wo nicht. Wir wollen dif-
Auf der gesamten Welt findet man im Grunde kein ande- ferenzieren. Wenn wir wissen, wo die Versorgung gut ist
res gesetzliches Gesundheitssystem, in dem beispiels- und wo zusätzlicher Bedarf an Ärzten besteht, wollen
weise Arzneimittel direkt ab Zulassung erstattungsfähig wir zum anderen Anreize setzen, indem wir etwa ein hö-
sind und bezahlt werden. Das gibt es nur in Deutschland. heres Honorar zahlen und das Honorarsystem so verän-
Wir haben aber gesagt: Es kann nicht sein, dass die jahr- dern, dass es attraktiver wird, sich um die schwierigeren
zehntelange Praxis in Deutschland fortgesetzt wird, Fälle zu kümmern, und indem wir die Regelung zur Re-
unabhängig vom tatsächlichen Zusatznutzen, also unab- sidenzpflicht so ändern, dass der Arzt nicht mehr dort
hängig von der Frage, ob ein neues Medikament tatsäch- wohnen muss, wo er seine Praxis hat. Wir sorgen also für
lich mehr Nutzen bringt und eine Verbesserung darstellt, mehr Flexibilität.
und dass wir jeden Preis zahlen, der verlangt wird. Wir
(B) (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und (D)
haben mit dem sogenannten Arzneimittelmarktneuord-
nungsgesetz die Balance zwischen dem Bedürfnis der der FDP)
Patienten nach Hilfe – denn mit neuen Medikamenten ist Herr Kollege Lauterbach, eines unterscheidet uns
auch viel Hoffnung auf Leidminderung, etwa bei der grundsätzlich – das stört mich schon den ganzen Morgen
Krebstherapie, verbunden – und dem Bedürfnis nach an- hier in der Debatte, auch das, was Sie hier gesagt ha-
gemessenen Preisen hinbekommen. Sie haben jahrelang ben –: Wir wissen, dass man eine gute Versorgung der
davon geredet, wir haben es jetzt vernünftig umgesetzt. Menschen im Land nur mit den Ärzten und nicht gegen
Das ist es doch, was Sie so wurmt, liebe Kolleginnen sie schafft;
und Kollegen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Sie wollen da mit dem Hammer ran. Wir hatten hier im
Das Versorgungsstrukturgesetz passt nahtlos zum Deutschen Bundestag schon Anträge vorliegen, in denen
dritten Qualitätsmerkmal des deutschen Gesundheitswe- Sie gefordert haben: Wer als Facharzt nicht innerhalb
sens, das darin besteht, eine flächendeckende Versor- von zwei oder drei Wochen einen Termin ermöglicht, der
gung bei hoher Qualität sicherzustellen. Wir haben damit soll 10 000 oder 15 000 Euro Strafe zahlen. – Sie wollen
begonnen, mit dem Krankenhausinfektionsschutzgesetz mit dem Hammer ran; Sie wollen mit Zwang arbeiten;
den Versorgungsbereich in den Blick zu nehmen. Dabei Sie wollen Sanktionen. Das ist nicht unser Weg; denn er
geht es um die Frage der Hygiene in den Krankenhäu- führt am Ende nicht zu einer guten Versorgung, sondern
sern. Das ist ein Thema, welches die Menschen – leider zu Frustration.
auch immer wieder wegen trauriger Vorfälle wie jetzt in
Bremen – zu Recht massiv bewegt. Sie wollen nicht (Zuruf von der SPD: Bei den Patienten auf
kranker aus den Krankenhäusern kommen, als sie hi- jeden Fall!)
neingegangen sind. Wir haben da bundesgesetzlich gere-
Deswegen arbeiten wir mit Anreizen, mit den Ärzten,
gelt, was zu regeln war. Jetzt sind die Länder gefragt –
nicht gegen sie, für eine gute Versorgung der Menschen.
übrigens auch Bremen. Wir wollen Anfang nächsten
Jahres den Entwurf eines Patientenrechtegesetzes vorle- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
gen.
Die Menschen haben ein gutes Gespür für das, was
Im Kern der Überlegungen zur Versorgungsstruktur notwendig ist. Sie wissen natürlich, dass die Debatte
steht für uns aber das Versorgungsstrukturgesetz. Ein über die flächendeckende medizinische Versorgung,
Kernelement dieses Gesetzes ist, die flächendeckende über die Verteilung der Ärzte, eine Vorbotendebatte über
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17331
Jens Spahn
(A) die anderen Fragen der Versorgung ist. Deswegen stellen schiedliche Arzneimittel pro Tag bekommen, weil sie (C)
wir das in den Mittelpunkt. Da, wo kein Arzt ist, wird verschiedene chronische Erkrankungen haben. Es bedarf
auf Dauer auch kein Apotheker existieren können. Eine einer besseren Abstimmung zwischen Ärzten und Apo-
Apotheke ohne Rezept, das ist auf Dauer schwierig. Phy- thekern, wenn es darum geht, was wem verschrieben
siotherapeuten zum Beispiel werden sich auf Dauer nicht wird. Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen ohne
dort niederlassen, wo es keine Ärzte gibt, weil sie dort Sorge und ohne Angst – auch ohne Angst vor dem, was
nicht überleben können. im Beipackzettel steht – die Medikamente nehmen, die
nötig sind. Deswegen wollen wir eine bessere Zusam-
Unsere Vorbotendebatte geht übrigens mit anderen menarbeit zwischen Ärzten und Apothekern. Wir erpro-
Diskussionen über die Infrastruktur im ländlichen Raum ben mehrere Modelle, um das zu ermöglichen.
einher. Wir haben Debatten darüber, ob Schulen vor Ort
bestehen bleiben können oder wie es mit dem Einzelhan- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
del vor Ort weitergeht. Selbst Kirchengemeinden müs- Das Gleiche gilt auch – Sie haben es angesprochen –
sen fusionieren. Da ist es für die Menschen gerade im für die Zusammenarbeit mit den Pflegeberufen. Die so-
ländlichen Raum ein entscheidendes Thema, ob es noch genannte Delegation ärztlicher Leistung bedeutet, dass
einen Arzt, einen Hausarzt oder einen Facharzt vor Ort jemand aus einem anderen Gesundheitsberuf, zum Bei-
gibt. Deswegen greifen wir dieses zentrale Thema auf; spiel eine Pflegekraft – das berühmteste Beispiel ist das
es bewegt die Menschen. Es ist fast ein höhnischer Modellprojekt „Gemeindeschwester AGnES“ –, Haus-
Schlag in die Gesichter der Menschen, wenn man hört, besuche übernimmt, um zu sehen, wie es den Patienten
wie Sie hier und heute mit diesem Thema umgehen. vor Ort geht. Er steht in ständigem Kontakt zum zustän-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) digen Hausarzt und hält Rücksprache mit ihm. Er über-
prüft, ob es notwendig ist, dass auch der Hausarzt den
Es steht noch deutlich mehr in diesem Gesetz. Wir Patienten besucht. Hat der Routinebesuch ergeben, dass
wollen das Thema des sogenannten Entlassmanagements es nicht nötig ist, muss der Hausarzt nicht extra kom-
angehen. Wenn ein Patient am Freitagnachmittag nach men.
einer Hüftoperation aus der Klinik entlassen wird: Hat
sich jemand darum gekümmert, was anschließend pas- Die Zusammenarbeit zwischen dem ärztlichen Beruf
siert? Wurde darauf geachtet, ob ambulante oder statio- und den anderen Gesundheitsberufen zu befördern, das
näre Pflege nötig ist, ob eine Familie da ist, die den Pa- greifen wir ganz bewusst in diesem Gesetzentwurf auf.
tienten auffängt, oder ob jemand alleine lebt? Wurde Denn wir wissen: Für eine gute Versorgung der Men-
vorab mit dem Arzt, der weiterbehandelt, gesprochen? schen braucht man nicht nur Ärzte. Man darf nicht ver-
Das passiert heute teilweise schon, aber viel zu selten. gessen, dass Ärzte mit Vertretern anderer Gesundheits-
(B) Deswegen wollen wir das verbessern. berufe eng zusammenarbeiten und kommunizieren (D)
müssen. Die Ärzte sind in dieser Beziehung mittlerweile
Wir greifen das Thema der spezialfachärztlichen Ver- deutlich weiter als vielleicht noch vor einigen Jahren.
sorgung auf – es ist schon angesprochen worden –, um Wir wollen diese Zusammenarbeit in Zukunft befördern.
gerade bei schwierigen Erkrankungen – im Bereich der Denn wir wissen: Eine gute Versorgung in Deutschland
Onkologie, bei der Behandlung von Krebs, bei der Be- schaffen wir nur, wenn wir alle Gesundheitsberufe und
handlung von MS und Parkinson, im Bereich der Bra- alle anderen, die im Gesundheitswesen tätig sind, in ih-
chytherapie – höchste Qualitätsstandards und eine rer Arbeit miteinander verzahnen. Das wollen wir mit
Zusammenarbeit zwischen Krankenhäusern und nieder- dem Gesetz, über dessen Entwurf wir heute abschlie-
gelassenen Ärzten zu erreichen, weil es im Interesse der ßend beraten, leisten.
Menschen liegt, dass etwas für eine gute Versorgung ge-
tan wird. Herr Kollege Terpe, die Veränderungen, die (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
wir bei der spezialfachärztlichen Versorgung vorneh- Mechthild Rawert [SPD]: Sie brauchen Aus-
men, gehören zu den grundlegendsten Strukturverände- stattung, sie brauchen Geld! Sie brauchen
rungen, die es in den letzten Jahren im deutschen Ge- nicht nur Verzahnung!)
sundheitswesen gegeben hat. Deswegen gehen wir sie Es ist schon bezeichnend, dass Ihnen nicht viel mehr
voller Überzeugung im Sinne der Patienten an. einfällt als die lahme Kritik, die Sie vorgebracht haben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Der Entschließungsantrag, den Sie heute vorgelegt ha-
Dr. Harald Terpe [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- ben, ist eigentlich ein Aufguss alter, oft gehörter Über-
NEN]: Deswegen setze ich mich ja so kritisch schriften. Er wird aber nicht besonders konkret, wenn es
damit auseinander!) um die Verbesserung des vom Patienten erlebten Versor-
gungsalltags geht. Wenn wir uns heute das deutsche Ge-
Das Gleiche gilt im Übrigen auch für die Zusammen- sundheitswesen betrachten, dann stellen wir fest: Wir ha-
arbeit der Gesundheitsberufe. Sie haben jetzt wieder, wie ben eine solide Finanzlage der Kassen und wachsenden
schon gestern im Ausschuss, mehrfach behauptet, es Wettbewerb um die beste Qualität in der Versorgung. In
gehe nur um die Ärzte. Das stimmt so pauschal nicht. unserer Gesundheitswirtschaft sind 4,5 Millionen Men-
Wir wollen ganz bewusst die Zusammenarbeit zwischen schen beschäftigt. Es ist übrigens die Branche in
niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern verbes- Deutschland, die am stärksten wächst. Dieses Wachstum
sern, aber auch zwischen Ärzten und Apothekern. Bei- wollen wir befördern. Deswegen brauchen wir eine an-
spiel Medikationskatalog: Es gibt in Deutschland immer dere Finanzierungsgrundlage. Wir haben eine Freiheit
mehr Menschen, die zum Teil 10, 15 oder 20 unter- bei der Ärztewahl und eine Therapiefreiheit, wie es sie
17332 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Jens Spahn
(A) kaum in einem anderen Land auf der Welt gibt. Wir ha- (Beifall bei der LINKEN) (C)
ben eine flächendeckende Versorgung und vor allem
Verständnis für die konkrete Versorgungssituation der Sie behaupten nun, Sie hätten die Bestandsaufnahme
Patienten, für ihre Sorgen und Nöte. Die greifen wir mit erfolgreich abgeschlossen. Das eine Übertreibung zu
diesem Gesetzentwurf auf. nennen, wäre eine ziemliche Untertreibung; denn diese
sogenannte Bestandsaufnahme durch die Betreiber-
Christlich-liberale Gesundheitspolitik ist erfolgreich. gesellschaft Gematik erfolgte unter Ausschluss kriti-
(Steffen-Claudio Lemme [SPD]: Nein!) scher Expertinnen und Experten, auch unter Ausschluss
des Parlaments. Die geplanten Funktionen, die voraus-
Sie wird auch erfolgreich bleiben. Das wurmt Sie – das sichtlichen Kosten oder der zusätzliche Verwaltungsauf-
wissen wir –, weil wir vieles von dem, was Gegenstand wand in den Arztpraxen, all das blieb im Nebel. Ergeb-
der gesundheitspolitischen Debatte in den letzten Jahren nisoffene Prüfungen sehen für mich anders aus.
war, aufgegriffen haben.
(Beifall bei der LINKEN)
Präsident Dr. Norbert Lammert: Deshalb fordert die Linke heute: Setzen Sie nicht alles
Herr Kollege. auf diese eine Karte! Legen Sie die Bremse ein! Machen
Sie einen ehrlichen Stresstest, und lassen Sie vor allem
Jens Spahn (CDU/CSU): auch Alternativen prüfen!
Wir laden Sie dazu ein, diesen Weg mit uns weiterzu- (Beifall bei der LINKEN)
gehen. Christlich-liberale Gesundheitspolitik ist erfolg-
reich, weil sie gut für die Patientinnen und Patienten in Von der SPD haben wir nichts anderes erwartet, als
Deutschland ist. dass sie diesem zweifelhaften Projekt zustimmt; schließ-
lich war dies eines der Lieblingskinder der SPD in der
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Steffen- Zeit, als Ulla Schmidt noch Gesundheitsministerin war.
Claudio Lemme [SPD]: Niemals!) Sie haben die E-Card jahrelang, und zwar nicht nur wäh-
rend Ihrer Regierungszeit, trotz aller Pleiten und Pannen
Präsident Dr. Norbert Lammert: gefördert. Das hat der Kollege Edgar Franke in der De-
Das Wort erhält nun die Kollegin Kathrin Vogler für batte zur Einbringung unseres Antrags bekräftigt. Aber
die Fraktion Die Linke. selbst er gibt zu, dass die E-Card so, wie sie jetzt ist, zu-
nächst – ich betone: zunächst – gar nichts besonders
(Beifall bei der LINKEN) Neues bringt außer das Foto. Wenn es nach ihm geht,
(B) können die Pläne für eine elektronische Patientenakte (D)
Kathrin Vogler (DIE LINKE): aber gar nicht schnell genug umgesetzt werden. Kollege
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Franke meint, dass sie schon 2015 kommen soll. Bis da-
Auch beim Versorgungsstrukturgesetz, über das wir hin ist die Karte nur lästig für die Ärztinnen und Ärzte
heute abschließend beraten, müssen wir über Demenz und teuer für die Versichertengemeinschaft. Ab dann
sprechen, und zwar über eine bestimmte Form von poli- wird es aber riskant für die Sicherheit der sensiblen Ge-
tischem Gedächtnisverlust, die wohl vor allem FDP-Mit- sundheitsdaten der Patientinnen und Patienten und rich-
glieder befällt. tig interessant für diejenigen, die aus diesen Daten pures
Kapital schlagen wollen.
(Beifall bei der LINKEN sowie der Abg. Elke
Ferner [SPD]) (Lars Lindemann [FDP]: Jetzt reden Sie doch
Anders kann ich mir es nicht erklären, Herr Minister einmal zum Gesetz! – Heinz Lanfermann
Bahr, dass Sie jetzt bei der Ausgabe der elektronischen [FDP]: Heute ist Versorgungsstrukturgesetz!)
Gesundheitskarte an die Versicherten den Turbo einle- – Genau. Mit einem Änderungsantrag haben Sie das an-
gen. Bis Ende 2012 sollen 70 Prozent der Versicherten gehängt. Darf ich Ihrem Gedächtnis auch diesbezüglich
mit der E-Card ausgestattet sein, und das, obwohl die auf die Sprünge helfen?
Praxistests reihenweise gescheitert und viele wichtige
Fragen des Datenschutzes, der Selbstbestimmung und Der Kollege Stracke von der Union wies uns damals
der Freiwilligkeit immer noch völlig ungeklärt sind. Da- darauf hin, welche „sehr große Bedeutung“ die Gesund-
rauf hat zu Oppositionszeiten übrigens nicht zuletzt eine heitswirtschaft hat und dass wir uns angesichts dieses
Fraktion hier im Hause deutlich hingewiesen, und das „riesigen Wirtschaftsfaktors“ den „Entwicklungen, egal
war die FDP. in welchem Bereich, nicht verschließen“ dürften.
(Dr. Martina Bunge [DIE LINKE]: Und wir (Zuruf von der CDU/CSU: So ist es!)
haben uns angeschlossen!)
Was ist das eigentlich für eine Argumentation? Wir
Um Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, meinen, im Mittelpunkt des Gesundheitswesens müssen
greift jetzt die Linke diese immer noch richtige Kritik immer zuallererst die Interessen der Patientinnen und
auf. Wir fordern in unserem Entschließungsantrag, die Patienten und dürfen eben nicht Wirtschaftsinteressen
elektronische Gesundheitskarte auszusetzen, bis all diese stehen.
dringenden Fragen geklärt sind, und zwar von unabhän-
gigen Sachverständigen. (Beifall bei der LINKEN)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17333
Kathrin Vogler
(A) Natürlich wecken die Milliardenbeiträge in der ge- derung von gesunden und erkrankten Versicherten, von (C)
setzlichen Krankenversicherung Begehrlichkeiten weit Jungen und Alten, von Menschen mit und ohne Behinde-
über den Gesundheitssektor hinaus. Wir wollen mit un- rung, von Männern und Frauen. Alle bewerten unser
serem Antrag verhindern, dass Interessen von Konzer- vorbildliches Gesundheitswesen – das kann nicht oft ge-
nen und IT-Unternehmen immer mehr Einfluss auf die nug gesagt werden – unter dem Gesichtspunkt ihrer er-
Gesundheitspolitik erhalten. In unserem Antrag fordern lebten Versorgungsrealität. Es gibt in Deutschland die
wir Sie auf, das Projekt noch einmal auf den Prüfstand hochleistungsfähige, individuell gestaltete und abge-
zu stellen. Dafür fehlt Ihnen aber leider der Mut; schließ- stimmte Versorgung, die auf der ganzen Welt vorbildlich
lich geht es um bis zu 14 Milliarden Euro für die IT- ist. Es gibt aber auch lange Wartezeiten, lange Wege und
Industrie. Diese Zahl stammt übrigens nicht von den vielleicht auch Doppeluntersuchungen; das mag sein.
Kritikerinnen und Kritikern des Projekts, sondern sie
stammt aus einem Gutachten der Gematik, das nicht ein- Das Versorgungsstrukturgesetz wird sich in der Praxis
mal der Bundestag kennen würde, hätte es damals nicht bewähren. Wir haben es intensiv und sehr lange beraten.
der Chaos Computer Club gehackt. Die IT-Industrie Über den drohenden und den tatsächlichen Ärztemangel
kann trotz erkennbarer Schwächen im Bereich der Da- in zunehmend mehr Regionen reden wir schon sehr
tensicherheit mit ihrer Lobbyarbeit offensichtlich ganz lange. Ich erinnere an meine allererste parlamentarische
zufrieden sein. Die Zeche zahlen sollen die Versicherten Anfrage 2002 an die damalige Gesundheitsministerin
in der gesetzlichen Krankenkasse mit ihren Beiträgen. Frau Schmidt. Dabei ging es um genau dieses Thema. In
Ob die FDP zu Weihnachten so hübsche Spenden von der Antwort wurde geleugnet, dass ein Mangel droht,
IT-Firmen erhalten wird wie damals nach der Hotelsteu- dass vielleicht sogar schon ein Problem besteht. Es hat
ersenkung von Mövenpick, das werden nicht nur wir von lange gedauert, bis über dieses Thema ernsthaft in der
der Linken ausgesprochen interessiert beobachten. Politik diskutiert wurde.

(Beifall bei der LINKEN) Bestimmte Länder haben – im Grunde genommen auf
Testbasis – im Rahmen von Ausnahmeregelungen ver-
Ich komme zum Schluss. Schon mehr als 750 000 schiedene Modellprojekte durchgeführt. Mit Fördermit-
Menschen haben gegen die E-Card unterschrieben. Ge- teln wurden zusätzliche ambulante Praxen eingerichtet,
meinsam mit ihnen und mit vielen Verbänden und Orga- um junge Mediziner auf das Land zu holen. Kommunen
nisationen fordert die Linke: Patientendaten gehören in zahlten Stipendien für junge Medizinstudenten, um sie
Patientenhand. Deshalb sagen wir allen, die skeptisch an die Region und vielleicht auch an die Kommune zu
sind: Kein Foto für die E-Card! In Großbritannien wurde binden. Vor dem Hintergrund der demografischen Ent-
ein ähnliches Projekt jüngst beerdigt, nachdem es schon wicklung gibt es objektiv die Notwendigkeit, die Unter-
viele Milliarden Pfund verschlungen hatte. In Deutsch- stützung für Ärzte auf dem Land weiterzuentwickeln. (D)
(B)
land erwies sich der elektronische Gehaltsnachweis Daher müssen alle Verantwortlichen im Gesundheits-
ELENA nicht als die Lichtgestalt, als die Sie sie uns ver- wesen, auch die kommunalen Verantwortungsträger und
kaufen wollten, sondern als glatter Rohrkrepierer. Bitte die Landesebene, im Rahmen der kleingliedrigeren Be-
lernen Sie daraus! Bitte schalten Sie Ihr Erinnerungsver- darfsplanung, die wir heute beschließen, in Zukunft noch
mögen wieder an! Werfen Sie Ihr Herz über die Hürde, besser gemeinsam agieren.
und stimmen Sie einmal einem Antrag der Linken zu! Es
tut nicht weh. (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der FDP)
Danke.
Es ist die Koalition aus CDU/CSU und FDP, die dieses
(Beifall bei der LINKEN – Lars Lindemann Problem ernsthaft angeht.
[FDP]: Ganz großes Kino! – Christine
Aschenberg-Dugnus [FDP]: Inhaltsleer!) (Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Das muss ein-
mal gesagt werden! – Zuruf von der LINKEN:
Ach Gott!)
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Maria Michalk hat nun das Wort für die CDU/CSU- Ich möchte jetzt auf zwei Punkte etwas genauer ein-
Fraktion. gehen. Mich freut besonders, dass in Zukunft der Aus-
bau der Telemedizin im ländlichen Raum durch eine bes-
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – sere Vergütung gefördert wird. Mein Appell auch an
Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Maria, hilf!) unsere Wirtschaftsexperten lautet: Vergessen wir dabei
nicht, dass der Ausbau der Breitbandversorgung dafür
Maria Michalk (CDU/CSU): eine grundsätzliche Voraussetzung ist. Auch im länd-
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Kolleginnen lichen Raum muss es eine ausreichende Breitbandver-
und Kollegen! Frau Vogler, dass Sie von einem fahren- sorgung geben und nicht nur in Ballungsgebieten, wo es
den Zug abspringen wollen, das verwundert uns nicht. vielleicht effizienter ist.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der FDP)
Kommen wir zurück zum Versorgungsstrukturgesetz.
Wie wir heute Vormittag merken, ist eine gute, wohnort- Je schneller, desto besser. Wir meinen, dass gerade junge
nahe, flächendeckende medizinische Versorgung für alle Mediziner die Herausforderungen der Telemedizin an-
Menschen in aller Munde. Dies ist eine berechtigte For- nehmen werden, weil sie sich im ländlichen Raum im
17334 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Maria Michalk
(A) Bereich der telemedizinischen Versorgung an innovati- che. Dass wir jetzt eine aufsuchende zahnmedizinische (C)
ven Konzepten erproben und bewähren können. Das ist Versorgung für Menschen, die nicht mobil sind, die wir
eine ganz neue Herausforderung. Dies wird in Zukunft nicht mehr in die Praxis bringen können, die zu Hause
Kreativität fördern und zu Kostenersparnis führen. oder in Heimen krank, pflegebedürftig oder behindert
sind, durch zusätzliche Aufwandsentschädigungen für
Wir sehen im Gesetzentwurf eine Vielzahl von finan-
den Leistungserbringer regeln, ist ein guter und ein
ziellen Anreizen für Ärzte in unterversorgten Gebieten
wichtiger Schritt.
vor. Sie werden von Begrenzungen der Vergütung ausge-
nommen, können Preiszuschläge für ihre Leistungen er- (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
halten und von den KVen über einen Strukturfonds ge- der FDP)
fördert werden.
Insgesamt ist festzustellen, dass wir viele kleine
Ich komme zu meinem zweiten Punkt. Es war uns Punkte aufgeführt haben. Es war eine Fleißarbeit. Ich bin
wichtig, die Zulassungsregelungen für die Medizini- mir sicher, dass alle Leistungserbringer das zum Wohle
schen Versorgungszentren zu konkretisieren. Seit ihrer der Versicherten und der Patientinnen und Patienten und
Einführung im Jahr 2004 beobachten wir die Entwick- – so hoffen wir – im Geiste dieses Gesetzes ausgestalten
lung der MVZ. Mit rund 8 600 Ärzten in rund 1 650 werden.
MVZ sind im Durchschnitt fünf Ärzte pro Einheit tätig,
die meisten im Angestelltenverhältnis. Am häufigsten Ich danke Ihnen.
sind es Hausärzte und Internisten. Bei der Organisations- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
form handelt es sich vorwiegend um GmbH oder GbR.
Der Anteil der Vertragsarztträgerschaft ist höher als der
Anteil der Krankenhausträgerschaft. Bisher gründen sich Präsident Dr. Norbert Lammert:
MVZ sowohl in städtischen als auch in ländlichen Ge- Das Wort erhält nun die Kollegin Marlies Volkmer für
bieten, allerdings lässt sich die Mehrzahl der MVZ in die SPD-Fraktion.
Kernstädten oder in Ober- und Mittelzentren nieder. Im (Beifall bei der SPD)
ländlichen Raum sind es 15 Prozent. Wir schaffen die
Voraussetzungen dafür, dass sich das Bild wandelt und
diese Versorgungsmöglichkeit im ländlichen Raum stär- Dr. Marlies Volkmer (SPD):
ker genutzt werden kann. Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Je
schlechter ein Gesetz ist, umso mehr bedarf es der Nach-
Wir haben für bestehende MVZ eine Bestandsschutz- besserung und umso mehr Änderungsanträge müssen
wahrung festgeschrieben, allerdings mit der Maßgabe, produziert werden. Wer bei der Anhörung war, der hat
(B) dass die ärztlichen Leiter eines MVZ in medizinischen natürlich auch erlebt, wie verheerend diese Anhörung (D)
Fragen weisungsfrei sind. Das war uns besonders wich- für die Koalition gewesen ist. Es kamen praktisch Wat-
tig, weil wir möchten, dass die medizinische Versorgung schen von allen Seiten.
im Vordergrund steht.
(Widerspruch bei der CDU/CSU)
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der FDP) Nun haben Sie fleißig – Frau Michalk hat es noch ein-
mal gesagt – gearbeitet. Sie haben 125 Änderungsan-
Für bestehende MVZ, die dies nicht einhalten, gibt es
träge produziert.
eine Karenzzeit von sechs Monaten, dann muss es gere-
gelt sein. (Elke Ferner [SPD]: Trotzdem ist es nicht
Die Gründung ist nach § 95 Abs. 1 nur durch zugelas- besser geworden!)
sene Ärzte, zugelassene Krankenhäuser gemäß § 108 so- Nur, wenn ich das in einer Beurteilung ausdrücken
wie SGB V sowie gemeinnützige Trägerorganisationen, müsste, würde ich schreiben: hat sich stets fleißig be-
die an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmen, müht. – Sie wissen selbst, was das bedeutet.
möglich – eine Präzisierung, die wir für wichtig halten.
Durch die Änderungsanträge ändert sich die grund-
Wir wollen die Konzentration auf Leistungserbringer, sätzlich falsche Ausrichtung dieses Gesetzes überhaupt
die den überwiegenden Teil der ambulanten und statio- nicht.
nären ärztlichen Versorgung leisten. Deshalb bin ich
froh, dass wir in diesem Gesetz noch eine Ausnahme re- (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
geln, nämlich für gemeinnützige Trägerorganisationen, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
die als Erbringer von nichtärztlichen Dialyseleistungen
Das sogenannte Versorgungsstrukturgesetz ändert eben
an der vertragsärztlichen Versorgung in dieser Form teil-
keine Strukturen. Aber das wäre notwendig gewesen,
nehmen können.
weil wir mit dem klassischen Einzelkämpferarzt den An-
Aktiengesellschaften sind an dieser Stelle nicht mehr forderungen, die vor uns stehen, nicht gerecht werden
zugelassen. Sollte ein Nachbesetzungsverfahren notwen- können.
dig werden, dann entscheidet der Zulassungsausschuss.
Wir müssen hinsichtlich der Gewährleistung der ge-
Ich möchte noch einen weiteren Punkt kurz anführen: sundheitlichen Versorgung nicht vom niedergelassenen
Dass wir die aufsuchende medizinische Versorgung ha- Arzt her denken, wie Sie das tun. Bei Ihnen steht dieser
ben, ist selbstverständlich. Hausärzte machen Hausbesu- nach wie vor im Mittelpunkt. Sie sagen zum Bespiel, wir
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17335
Dr. Marlies Volkmer
(A) müssen die Honorare erhöhen, damit Ärzte in die ländli- (Elke Ferner [SPD]: Wahrscheinlich nicht!) (C)
chen Regionen gehen.
Ich möchte ein weiteres Beispiel nennen: den Um-
(Christine Aschenberg-Dugnus [FDP]: Ja, wir gang mit neuen Medizinprodukten. Verbraucherschützer
setzen auf Anreize!) beklagen, dass zum Beispiel neuartige Endoprothesen
oder neuartige Stents auf den Markt kommen und den
Sie schaffen Voraussetzungen dafür, dass niedergelas-
Patientinnen und Patienten implantiert werden, obwohl
sene Ärzte zusätzlich im Krankenhaus tätig werden kön-
man noch nichts über ihre Qualität und nichts darüber
nen.
sagen kann, ob sie tatsächlich einen Nutzen für die Pa-
Die anderen Leistungserbringer müssen sich, was die tientinnen und Patienten bringen. Durch dieses Gesetz
Strukturen betrifft, nach dem niedergelassenen Arzt rich- wird sich daran leider nichts ändern. Das ist sehr bedau-
ten – sie dürfen ihm quasi nicht in die Quere kommen –, erlich für die Patientinnen und Patienten und natürlich
und die Patientinnen und Patienten, für die diese Versor- auch für die Beitragszahlerinnen und Beitragszahler, die
gung eigentlich da ist, müssen sich mit diesen Strukturen einen Anspruch auf eine qualitätsgesicherte Versorgung
zufriedengeben. Sie müssen quasi damit Vorlieb neh- haben.
men.
Dieses Gesetz ändert trotz seines schönen Namens
(Beifall bei der SPD) nichts an den Versorgungsstrukturen. Es verbessert die
Versorgung der Patientinnen und Patienten nicht. Aber
Das kann nicht so bleiben. Wir müssen hinsichtlich der eines kann man mit Sicherheit sagen: Durch dieses Ge-
Gewährleistung der Versorgung vom Patienten her den- setz wird die Versorgung teurer, zum Beispiel deshalb,
ken. Wir müssen fragen: Was brauchen wir für eine be- weil die Honorare für die Ärzte steigen.
darfsgerechte Versorgung der Patientinnen und Patienten
überall im Land, ganz egal, ob sie in der Großstadt oder (Lars Lindemann [FDP]: Sie müssen sich
auf dem Dorf leben? schon mal entscheiden! Wollen Sie sie nun
besser bezahlen oder nicht?)
Wir alle wissen: Die Menschen werden immer älter
– der Anteil älterer und hochaltriger Menschen steigt –, Wer muss das bezahlen?
die Zahl der Einpersonenhaushalte nimmt zu, und wir (Lars Lindemann [FDP]: Sie wollen sie also
haben schon heute in vielen Regionen Deutschlands Ver- nicht besser bezahlen, ja? Dann sagen Sie das
sorgungsengpässe. Das alles sind Herausforderungen, doch dazu!)
vor denen wir stehen und die wir bewältigen müssen.
Hier ist echte Teamarbeit gefragt, nicht nur zwischen Das müssen die Versicherten über Zusatzbeiträge allein
Hausärzten und Fachärzten, nicht nur zwischen nieder- bezahlen; denn diese Regierung hat die Arbeitgeberbei-
(B) (D)
gelassenen Ärzten und Krankenhäusern, sondern auch träge eingefroren.
zwischen Ärzten und nichtärztlichen Gesundheitsberu-
(Lars Lindemann [FDP]: Mehr Leistung ohne
fen. Es gibt im Übrigen viele Ärztinnen und Ärzte, die
Anreize wollen Sie! Zwangsarbeit!)
das auch so sehen. Aber dieses Gesetz wird diesem An-
spruch nicht gerecht. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn Sie vielleicht
Bedenken haben, einem Gesetz zuzustimmen, das die
Durch das Gesetz zieht sich wie ein roter Faden
Versorgung nicht verbessert, das Gesundheitssystem
Klientelpolitik für Vertragsärzte.
aber teurer macht, dann ermutige ich Sie, unserem Ent-
(Lars Lindemann [FDP]: Und für Patienten!) schließungsantrag zuzustimmen.
Es gibt ein tiefes Misstrauen gegenüber modernen Ver- (Beifall bei der SPD)
sorgungsstrukturen wie zum Beispiel Medizinischen
Versorgungszentren. Auch wenn die Medizinischen Ver- Präsident Dr. Norbert Lammert:
sorgungszentren hier gerade sehr gelobt worden sind, Letzter Redner zu diesem Tagesordnungspunkt ist der
muss man doch feststellen, dass den Medizinischen Ver- Kollege Lothar Riebsamen für die CDU/CSU-Fraktion.
sorgungszentren mit diesem Gesetz wieder Fesseln an-
gelegt werden. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
(Beifall bei der SPD)
Lothar Riebsamen (CDU/CSU):
Eines muss man der Koalition lassen: Sie ist konse- Sehr geehrter Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen
quent, wenn es um die Klientelpolitik für niedergelas- und Kollegen! Das Berlin-Institut für Bevölkerung und
sene Ärzte geht. Entwicklung wurde gestern in meiner Heimatzeitung mit
folgender Überschrift zitiert: Das Land muss sich neu er-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Lars
finden. – Gott sei Dank müssen wir das Gesundheitswe-
Lindemann [FDP]: Und für Patienten!)
sen nicht neu erfinden; denn wir haben ein gutes Ge-
Aber es fehlen der Wille und vielleicht auch der Mut, sundheitswesen.
konsequent etwas für die qualitätsgesicherte Versorgung
(Christine Aschenberg-Dugnus [FDP]:
der Patientinnen und Patienten zu tun. Ein Beispiel dafür
Richtig!)
ist, dass wir schon ewig auf das angekündigte Patienten-
rechtegesetz warten. Ich bin gespannt, ob es im Frühjahr Es ist aber notwendig, dieses Gesundheitswesen weiter-
nächsten Jahres das Licht der Welt erblicken wird. zuentwickeln; das ist wahr.
17336 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Lothar Riebsamen
(A) Wir müssen auf die demografische Entwicklung re- Kompromiss geschlossen werden. Deswegen ist die Ab- (C)
agieren. Die Bevölkerung, also auch die Patientinnen schaffung der Residenzpflicht wichtig.
und Patienten, wird erfreulicherweise immer älter, und
auch die Ärztinnen und Ärzte werden erfreulicherweise Es werden größere Notdienstbereiche geschaffen, da-
immer älter. Durchschnittlich sind sie inzwischen mit die jungen Arztfamilien die Wochenenden und ihre
53 Jahre alt. Damit läuft bereits jetzt eine Welle von In- Freizeit besser planen können, und es werden natürlich
ruhestandsetzungen, und es ist keineswegs gewährleis- auch finanzielle Anreize gesetzt. Diese finanziellen An-
tet, dass all diese niedergelassenen Ärzte auch tatsäch- reize sind notwendig, und es ist auch richtig, diese am
lich einen Nachfolger finden. Das ist ein Problem. konkreten Bedarf vor Ort auszurichten, indem die Hono-
rare dezentral festgesetzt und Abstaffelungen abge-
Ein weiteres Problem ist der Trend, dass die Bevölke- schafft werden. Wenn ein Arzt seine Praxis in einer Ge-
rung raus aus ländlichen Räumen hinein in die Städte meinde schließt und dort nur noch ein Arzt übrig bleibt,
zieht. Das hat damit zu tun, dass wir zu wenige Kinder dann kann es nicht sein, dass dieser dafür bestraft wird,
haben. Familien mit Kindern bevorzugen den ländlichen dass er mehr arbeitet als bisher.
Raum. Diese werden nun leider weniger, mit der Folge,
dass die öffentliche Infrastruktur, wie Schulen, Kinder- Die richtigen Anreize müssen allerdings – ich erlaube
gärten und anderes mehr, und auch die private Infra- mir, das zu sagen – über diesen Gesetzentwurf hinaus
struktur, wie Geschäfte, Bankfilialen und auch Arzt- auch im stationären Bereich gesetzt werden. Hier geht es
praxen, im ländlichen Raum in Nöte kommen, es hier darum, Krankenhäuser in der Fläche zu sichern. Es geht
Einschränkungen gibt und auch Einrichtungen geschlos- aber auch darum, Überkapazitäten dort, wo sie vorhan-
sen werden. den sind, abzuschaffen, und es ist auch nicht unbedingt
das richtige Mittel, fehlende Erlöse in den Krankenhäu-
Die dritte Herausforderung besteht darin, dass die sern permanent durch Mehrleistungen auszugleichen.
heutige junge Ärztegeneration eine etwas andere Vor-
stellung davon hat, ihren Beruf zu leben als die Genera- Deswegen halte ich es für notwendig und richtig, dass
tion vor 20 oder 30 Jahren. Hier spielen die Vereinbar- wir uns über diesen Gesetzentwurf heute hinaus zeitnah
keit von Familie und Beruf, aber auch die Frage, ob man Anfang des neuen Jahres über die Erlössituation in den
das Risiko eingehen kann, im ländlichen Raum in eine Krankenhäusern unterhalten. Dort klafft die Schere zwi-
neue Arztpraxis zu investieren, eine wichtige Rolle. schen Einnahmen und Ausgaben – auch mit Blick auf
die Tarifverhandlungen – allzu weit auseinander. Das
Diesem Bündel von Veränderungen stellen wir mit halte ich für ein wichtiges Ziel dieser Koalition im kom-
diesem Gesetzentwurf ein Bündel von Maßnahmen zur menden Jahr, für das ich mich sehr gern einsetzen werde.
Lösung gegenüber. Wir werden mit diesem Gesetzent-
(B) wurf das Gesundheitsniveau in unserem Land mit wei- Mit diesem Gesetzentwurf wird sichergestellt, dass (D)
terhin freier Arztwahl, freier Krankenhauswahl und ei- wir die Probleme, die auf uns zukommen, nicht nur pas-
ner flächendeckenden Versorgung im ambulanten und siv zur Kenntnis nehmen, sondern aktiv darauf reagie-
stationären Bereich auf hohem Niveau halten. ren. Ich habe mit dem Zitat vom Berlin-Institut für Be-
völkerung und Entwicklung begonnen. Wir müssen auf
Bei dieser Problemlage spielt natürlich die Bedarfs- die Veränderungen, die es nun einmal in der Welt gibt,
planung eine herausragende Rolle. Es ist notwendig, die reagieren. Mit diesem Gesetzentwurf schaffen wir Ver-
Bedarfsplanung nicht mehr global, pauschal zu betrach- besserungen für das System insgesamt, insbesondere
ten, sondern sie ganz konkret an den örtlichen Gegeben- aber für unsere Patientinnen und Patienten.
heiten, an den Distanzen bis zum nächsten Facharzt und
bis zum nächsten Hausarzt, an der konkreten Morbidität Herzlichen Dank.
und an der konkreten Sozialstruktur auszurichten.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Es ist bei dieser Bedarfsplanung auch notwendig, sek-
torübergreifend vorzugehen – das tun wir mit diesem
Gesetzentwurf –, Krankenhäuser und Rehakliniken mit Präsident Dr. Norbert Lammert:
einzubeziehen, aus wirtschaftlichem Interesse dafür zu Ich schließe die Aussprache.
sorgen, dass Doppelstrukturen abgebaut werden, und im Wir kommen zur Abstimmung über den von der Bun-
Interesse der Patienten zu erreichen, dass diese nicht von desregierung eingebrachten Gesetzentwurf zur Verbesse-
Pontius zu Pilatus gehen müssen, sondern die Diagnosen rung der Versorgungsstrukturen in der gesetzlichen
und Therapien möglichst an einer Stelle erhalten kön- Krankenversicherung.
nen.
Der Ausschuss für Gesundheit empfiehlt unter
Diese Ziele können wir nicht ohne die Ärzte, sondern
Buchstabe a seiner Beschlussempfehlung auf Druck-
nur im Zusammenspiel mit den Ärzten erreichen. Des-
sache 17/8005, den Gesetzentwurf der Bundesregierung
wegen müssen wir Anreize setzen, um den niedergelas-
auf den Drucksachen 17/6906 und 17/7274 in der Aus-
senen Ärzten vor allem im ländlichen Bereich und in be-
schussfassung anzunehmen. Ich bitte diejenigen, die
stimmten Stadtbezirken das Leben ein Stück weit zu
dem Gesetzentwurf in dieser Fassung zustimmen wol-
erleichtern.
len, um das Handzeichen. – Wer stimmt dagegen? – Wer
Dazu gehört zum Beispiel die Abschaffung der Resi- enthält sich? – Damit ist der Gesetzentwurf in zweiter
denzpflicht. Wenn beide Partner in verschiedenen Städ- Beratung mit den Stimmen der Koalition gegen die
ten arbeiten, dann muss schon innerhalb der Familie ein Stimmen der Opposition angenommen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17337
Präsident Dr. Norbert Lammert
(A) Dritte Beratung Überweisungsvorschlag: (C)
Ausschuss für Arbeit und Soziales (f)
und Schlussabstimmung. Ich bitte diejenigen, die dem Petitionsausschuss
Gesetzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben. – Auswärtiger Ausschuss
Innenausschuss
Wer stimmt dagegen? – Wer enthält sich? – Damit ist der Sportausschuss
Gesetzentwurf mit den gleichen Mehrheiten angenom- Rechtsausschuss
men. Finanzausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Wir kommen zur Abstimmung über die Entschlie- Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
ßungsanträge. Verbraucherschutz
Verteidigungsausschuss
Wer stimmt für den Entschließungsantrag der Fraktio- Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
nen der CDU/CSU und FDP auf Drucksache 17/8009? – Ausschuss für Gesundheit
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
Gegenprobe! – Wer enthält sich? – Auch dieser Ent- Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
schließungsantrag ist mehrheitlich angenommen. Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung
Wer stimmt für den Entschließungsantrag der Frak- Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
tion der SPD auf Drucksache 17/8010? – Wer stimmt da- Entwicklung
gegen? – Wer enthält sich? – Der Entschließungsantrag Ausschuss für Tourismus
ist mit Mehrheit abgelehnt. Ausschuss für Kultur und Medien
Haushaltsausschuss
Unter Tagesordnungspunkt 3 b setzen wir die Abstim-
mung zur Beschlussempfehlung des Ausschusses für b) Erste Beratung des von den Abgeordneten Sabine
Gesundheit auf Drucksache 17/8005 fort. Der Ausschuss Zimmermann, Dr. Ilja Seifert, Dr. Martina Bunge,
empfiehlt unter Buchstabe b seiner Beschlussempfeh- weiteren Abgeordneten und der Fraktion DIE
lung die Ablehnung des Antrages der Fraktion Die Linke LINKE eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes
auf Drucksache 17/3215 mit dem Titel „Wirksamere Be- zur Änderung des Neunten Buches Sozialge-
darfsplanung zur Sicherung einer wohnortnahen und be- setzbuch – Gesetzliche Fristen für die Feststel-
darfsgerechten gesundheitlichen Versorgung“. Wer lung der Behinderung und die Erteilung des
stimmt für diese Beschlussempfehlung? – Wer stimmt Ausweises
dagegen? – Enthaltungen? – Damit ist die Beschluss- – Drucksache 17/6586 –
empfehlung angenommen.
Überweisungsvorschlag:
Unter Buchstabe c empfiehlt der Ausschuss die Ab- Ausschuss für Arbeit und Soziales (f)
(B) lehnung des Antrages der Fraktion Bündnis 90/Die Grü- Innenausschuss (D)
nen auf Drucksache 17/7190 mit dem Titel „Wirksame Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Gesundheit
Strukturreformen für eine patientenorientierte Gesund-
heitsversorgung auf den Weg bringen“. Wer stimmt die- c) Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Ilja
ser Beschlussempfehlung zu? – Wer stimmt dagegen? – Seifert, Dr. Martina Bunge, Matthias W.
Wer enthält sich? – Die Beschlussempfehlung ist mit Birkwald, weiterer Abgeordneter und der Frak-
Mehrheit angenommen. tion DIE LINKE
Schließlich empfiehlt der Ausschuss unter Buchstabe d Behindern ist heilbar – Unser Weg in eine in-
der gleichen Beschlussempfehlung die Ablehnung des klusive Gesellschaft
Antrages der Fraktion Die Linke auf der Drucksache
17/7460 mit dem Titel „Moratorium für die elektroni- – Drucksache 17/7872 –
sche Gesundheitskarte“. Wer stimmt für diese Be-
Überweisungsvorschlag:
schlussempfehlung? – Wer stimmt dagegen? – Wer ent- Ausschuss für Arbeit und Soziales (f)
hält sich? – Die Beschlussempfehlung ist mit Mehrheit Petitionsausschuss
angenommen worden. Auswärtiger Ausschuss
Innenausschuss
(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Aber Sportausschuss
knapp!) Rechtsausschuss
Finanzausschuss
– Das war schon ziemlich übersichtlich. Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Ich rufe die Tagesordnungspunkte 4 a bis e sowie 20 Verbraucherschutz
auf: Verteidigungsausschuss
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
4 a) Beratung des Antrags der Abgeordneten Silvia Ausschuss für Gesundheit
Schmidt (Eisleben), Anette Kramme, Elke Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
Ferner, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Ausschuss für Bildung, Forschung und
der SPD Technikfolgenabschätzung
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
UN-Konvention jetzt umsetzen – Chancen für Entwicklung
eine inklusive Gesellschaft nutzen Ausschuss für Tourismus
Ausschuss für Kultur und Medien
– Drucksache 17/7942 – Haushaltsausschuss
17338 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Präsident Dr. Norbert Lammert


(A) d) Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Ilja gen. Ich muss sagen: Ich freue mich, dass heute in der (C)
Seifert, Dr. Martina Bunge, Agnes Alpers, weite- Debatte auch Frau von der Leyen das Wort ergreift.
rer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE Nach meiner Erinnerung ist es eine Premiere, dass ein
Mitglied der Bundesregierung, zumindest auf der Minis-
Teilhabesicherungsgesetz vorlegen terebene, das Wort ergreift, wenn die Opposition An-
– Drucksache 17/7889 – träge zu einem Thema einbringt. Ich bin sehr gespannt,
Überweisungsvorschlag: Frau von der Leyen, welche unserer vorgeschlagenen
Ausschuss für Arbeit und Soziales (f) Maßnahmen Sie bereit sind zügig umzusetzen, um den
Innenausschuss Menschen mit Behinderungen entgegenzukommen und
Sportausschuss die Situation zu verbessern.
Rechtsausschuss
Finanzausschuss Am Samstag werden sich viele mit schönen Worten
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie zur Inklusion bekennen. Aber Menschen mit Behinde-
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Gesundheit rungen und ihren Angehörigen ist alleine mit Reden,
Ausschuss für Tourismus auch wenn sie noch so schön sind, nicht geholfen.
Haushaltsausschuss
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
e) Beratung des Antrags der Abgeordneten Markus der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
Kurth, Fritz Kuhn, Katrin Göring-Eckardt, weite- GRÜNEN)
rer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN Sie wollen als selbstverständlicher Teil der Vielfalt einer
Gesellschaft akzeptiert und respektiert werden. Sie wol-
Neuntes Buch Sozialgesetzbuch im Sinne des len nicht als Bittstellerinnen oder Bittsteller am Rande
Selbstbestimmungsrechts der Menschen mit der Gesellschaft stehen. Sie wollen teilhaben können
Behinderung weiterentwickeln und nicht nur bloß teilhaben dürfen.
– Drucksache 17/7951 – Für uns Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen
Überweisungsvorschlag: bilden die gleichberechtigte Teilhabe und die Selbstbe-
Ausschuss für Arbeit und Soziales (f) stimmung aller Menschen, die von gegenseitigem Res-
Rechtsausschuss pekt und von gegenseitiger Solidarität getragen sind, das
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Gesundheit
Fundament unserer Gesellschaft. Behindertenpolitik ist
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe keine Nischenpolitik. Sie ist Menschenrechtspolitik.
Politik für Menschen mit Behinderungen muss immer
20 Beratung des Antrags der Abgeordneten Gabriele Politik zusammen mit den Expertinnen und Experten in
(B) Hiller-Ohm, Elvira Drobinski-Weiß, Hans- (D)
eigener Sache sein und keine Politik über sie.
Joachim Hacker, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion der SPD (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
Tag des Barrierefreien Tourismus auf der ITB GRÜNEN)
unterstützen
Wir haben seit 1998 mit den Grünen viel auf den Weg
– Drucksache 17/7827 – gebracht, auch wenn wir noch lange nicht alles erreicht
Überweisungsvorschlag: haben, was man erreichen muss. Wir haben das Behin-
Ausschuss für Tourismus (f) dertengleichstellungsgesetz gemacht. Damit haben wir
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
erstmals Ansprüche behinderter Menschen auf barriere-
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz freien Zugang sowohl zu Infrastruktureinrichtungen als
Ausschuss für Arbeit und Soziales auch zu Informationen und geistiger Teilhabe gesetzlich
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend verankert. Wir haben mit der Einführung des SGB IX als
Ausschuss für Gesundheit Erste den Versuch unternommen, das zergliederte Sozi-
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
alsystem zugunsten von Menschen mit Behinderungen
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für zusammenzuführen. Wir haben in der Großen Koalition
die Aussprache wiederum 90 Minuten vorgesehen. – Ich gegen die erbitterten Widerstände aus CDU und CSU
höre keinen Widerspruch. Dann können wir offensicht- das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz auch in
lich so verfahren. Deutschland Wirklichkeit werden lassen. Das sind si-
cherlich Meilensteine in der Behindertenpolitik.
Ich eröffne die Aussprache.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
(Unruhe) des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Sobald man sich auf den Bänken neu sortiert hat, erhält Seit 2006 gilt damit erstmals ein eigenes Gesetz, mit
die Kollegin Elke Ferner das Wort für die SPD-Fraktion. dem die Diskriminierung von Menschen mit Behinde-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) rungen sanktioniert wird. Davon – das muss man leider
sagen – zehren die Koalition und die sie tragenden Frak-
tionen immer noch. Bisher sind keine eigenen Initiativen
Elke Ferner (SPD):
auf den Weg gebracht worden.
Herr Präsident! Liebe Kollegen und Kolleginnen! Am
Samstag ist der Welttag der Menschen mit Behinderun- (Beifall bei der SPD)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17339
Elke Ferner
(A) Wir haben vor zwei Jahren die UN-Behinderten- Das macht, glaube ich, auch in der Zukunft den Unter- (C)
rechtskonvention ratifiziert, und die Regierung hat schied aus.
nichts geliefert. Unser Antrag enthält mehr Forderungen
und Möglichkeiten als das, was Sie in Ihrem doch sehr Ich würde mich sehr freuen, wenn wir im Interesse
zögerlichen Nationalen Aktionsplan geliefert haben. Wir der Menschen mit Behinderungen noch in dieser Wahl-
haben kein Erkenntnisdefizit. Wir haben ein Umset- periode nennenswerte Fortschritte auf den Weg bringen
zungsdefizit. Deshalb muss ein Aktionsplan mehr als ein können, auch wenn wir vielleicht nicht in jedem Punkt
paar Absichtserklärungen und Forschungsaufträge ent- einer Meinung sein werden. Den Rest – das kann ich Ih-
halten. nen versprechen – machen wir dann zusammen mit den
Grünen nach dem Jahr 2013.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE Schönen Dank.
GRÜNEN) (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
Ich muss Ihnen sagen: Mit Ihrer konkreten Politik ge- DIE GRÜNEN)
hen Sie zurück und nicht voran. Ich will das an ein paar
Beispielen deutlich machen. Das KfW-Programm zur Präsident Dr. Norbert Lammert:
Förderung von Maßnahmen zum Bau einer barriere- Das Wort hat nun die Bundesministerin für Arbeit und
freien Wohnung läuft aus. Soziales, Frau Dr. von der Leyen.
(Maria Michalk [CDU/CSU]: Nein! Das läuft
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
weiter!)
Was machen Sie mit den Teilen der UN-Behinderten- Dr. Ursula von der Leyen, Bundesministerin für
rechtskonvention, in denen es um Bewusstseinsbildung Arbeit und Soziales:
und Vorgehen gegen Diskriminierung geht? Die Mittel
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Frau
für die Antidiskriminierungsstelle werden gekürzt, und
Ferner, ich habe die Kritik im Detail gehört. Aber ich
zwar Jahr für Jahr. Sie wollen die Rentenversicherungs-
glaube, es gibt auch sehr große Gemeinsamkeiten. Ich
beiträge von Beschäftigten im Ausbildungsbereich einer
möchte zwei, drei Gedanken über diese Gemeinsamkei-
Werkstatt für Behinderte der Verantwortung der Steuer-
ten vorwegschicken. Denn das ist auch der zentrale Leit-
zahler entziehen und diese Kosten auf die Rehaträger ab-
gedanke der UN-Behindertenrechtskonvention, der dies
laden. Auch in der Novelle des Personenbeförderungs-
deutlich formuliert, nämlich die Idee der Inklusion.
gesetzes ist nichts zu umfassender Barrierefreiheit in den
(B) neuen Fernbussen, die bald auf Deutschlands Straßen Unsere Vision, unser Ziel ist die Inklusion. Wir sind (D)
unterwegs sein werden, zu finden. All das sind Schritte auf dem Weg dorthin, dass wir eines Tages in einer Ge-
zurück und nicht nach vorne. sellschaft leben, in der es in Geschäften, auf Straßen, in
Hotels, in einer Pizzeria, im Fernsehen, bei der Arbeit, in
Der letzte Punkt, den ich im Rahmen der konkreten
der Straßenbahn, wo immer wir uns bewegen, Menschen
Beispiele noch anführen möchte, ist, dass Sie bei der
mit unterschiedlichen körperlichen, intellektuellen oder
Neuordnung der Regelsätze Menschen über 25 Jahre un-
mentalen Voraussetzungen gibt, die mit großer Selbst-
gleich behandeln, abhängig davon, ob sie zum Rechts-
verständlichkeit ohne Trennung miteinander leben, und
kreis des SGB XII oder des SGB II zählen. Damit haben
dass wir das als selbstverständlich erleben. Das ist der
Sie de facto Leistungen für Menschen mit Behinderun-
große Gedanke der Inklusion der UN-Behindertenrechts-
gen gekürzt, Frau von der Leyen.
konvention.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie nach der Proto- Für uns ist der Auftrag, die UN-Behindertenrechts-
kollnotiz, die von der Bundesregierung im Bundesrat ab- konvention umzusetzen, ein Focal Point. Die Bundesre-
gegeben worden ist, heute ankündigen würden, dass Sie gierung hat den Nationalen Aktionsplan auf den Weg ge-
schnell eine Lösung anbieten werden, statt ellenlange bracht, mit dem wir mit 200 größeren und kleineren
Briefe zu schreiben und das Ganze auf den Sankt-Nim- Maßnahmen entsprechende Schritte machen. Sie können
merleins-Tag zu verschieben. sie kritisieren und sagen: Das ist zu wenig. Aber die
Konvention sagt zu Recht: Alle – also nicht nur die Bun-
Ich möchte noch einen Punkt ansprechen. Die Einzel- desregierung, sondern auch die Länder, die Kommunen,
heiten werden nachher noch von den anderen Rednern die Wohlfahrtsverbände und die Wirtschaft – sollen sa-
und Rednerinnen erläutert. Ich glaube, dass wir in der gen, was sie dazu beitragen, dass wir in einer inklusiven
Behindertenpolitik einen Paradigmenwechsel brauchen. Gesellschaft leben können. Der Gedanke ist, dass jeder
Wir müssen uns – wir wollen das auch – an den Stärken erst einmal selber sagt, was er oder sie für eine inklusive
und Potenzialen der Menschen mit Behinderungen Gesellschaft tut, bevor man mit dem Finger auf andere
orientieren, und wir müssen die bisherige Defizitorien- zeigt und sagt: Ihr müsst das tun. Man soll erst einmal
tierung endlich überwinden. selber sagen: Was können wir beitragen?
(Gabriele Molitor [FDP]: Genau das macht der (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
Aktionsplan!) neten der FDP)
17340 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Bundesministerin Dr. Ursula von der Leyen


(A) Ich glaube, das ist ein großartiger Ansatz. Denn es ist die schon erreichte Schwelle noch nicht unterschritten. (C)
viel schwerer zu sagen: „Das tun wir aktiv“, sei es ein Wir wollen besser werden. Wir haben die „Initiative In-
Verband, ein Wirtschaftszweig, eine Kommune, die klusion“, mit 100 Millionen Euro unterfüttert, auf den
Bundesregierung oder ein einzelnes Bundesland, als zu Weg gebracht: für 20 000 schwerbehinderte Schülerin-
sagen, was man von anderen fordert. Bisher hat neben nen und Schüler Förderung der Ausbildung, 1 300 be-
der Bundesregierung ein einziges Bundesland einen na- triebliche Ausbildungsplätze zusätzlich, 4 000 neue re-
tionalen Aktionsplan vorgelegt; das ist Rheinland-Pfalz. guläre Jobs für ältere Schwerbehinderte. Das ist unser
Andere sind auf dem Weg. Beitrag.
Aber ich freue mich auch, dass mir zum Beispiel ein- Noch einmal zur Richtigstellung: In den Werkstätten
zelne Wohlfahrtseinrichtungen schreiben, die mir den im Rehabereich ändert sich für Menschen mit Behinde-
Aktionsplan für ihre Einrichtung zeigen wollen und mit rung gar nichts, Frau Ferner.
mir darüber ins Gespräch kommen möchten. Das ist das
Schneeballsystem. Das ist der große Gedanke der Inklu- (Dr. Ilja Seifert [DIE LINKE]: Das ist aber
sion, den wir gemeinsam voranbringen wollen. schlecht!)

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- Gar nichts ändert sich, es wird gezahlt. Auch bei den ar-
neten der FDP) beitsmarktpolitischen Instrumenten ändert sich für Men-
schen mit Behinderungen gar nichts. Ich glaube, das
Das ist auch Ausdruck der Ernsthaftigkeit, der Gewis- sollte man einfach einmal anerkennen.
senhaftigkeit und des Ehrgeizes, mit dem wir an diese
Aufgabe herangehen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Es bes-
Wir alle wissen: Es gibt auch die andere Seite. Wir sert sich also auch nichts!)
haben sehr komplexe Strukturen. Wir haben lange auf
Sondereinrichtungen, Sonderlösungen und Sonder- Beispiel Gesundheit: Nur 10 Prozent der Arztpraxen
programme gesetzt und eher auseinandergebracht, was sind vollständig barrierefrei.
eigentlich zusammengehört. Es gibt die berechtigte (Zurufe von der SPD: Was?)
Sehnsucht nach Unmittelbarkeit, Einfachheit und Au-
thentizität. Das ist, wenn ich es einmal umgekehrt for- Wir als Bundesregierung setzen uns deswegen mit Ver-
mulieren darf, die Sehnsucht nach einer Gesellschaft, in tretern des Gesundheitswesens zusammen. Denn für
der weder Familien noch Klassengemeinschaften daran Menschen mit Behinderungen ist die vollständige Bar-
zerbrechen, dass ein behindertes Kind in ihnen lebt, in rierefreiheit entscheidend, damit sie ihre freie Arztwahl
der ein Unfall mit bleibenden Folgen nicht zwangsläufig ausüben können; sonst können sie dieses Recht nicht
(B)
den Verlust von Selbstbestimmung und Unabhängigkeit wahrnehmen. Also ist unser Ziel, in den nächsten zehn (D)
bedeutet, in der in Geschäften der Zugang nicht erst Jahren eine deutlich erhöhte Zahl an barrierefreien Pra-
durch eine Verbandsklage erreicht werden kann, in der xen zu schaffen.
Menschen in der Bahn völlig unkompliziert von A nach B (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
fahren können, um nur einige Gedanken vornewegzu-
schicken. Das heißt, wir müssen jetzt konkret in einzel- Das zeigt: Der NAP ist ein Motor für Veränderungen,
nen, vielleicht kleineren oder auch größeren Schritten aber kein Gesetzespaket. Diese Debatte zeigt aber auch
den Weg dorthin gehen. – da danke ich noch einmal für die Anträge, die ich in
ein paar Details unterstütze, in anderen nicht –,
Beispiel Deutsche Bahn: Früher konnten 1,4 Millio-
nen schwerbehinderte Menschen in einem 50-Kilometer- (Elke Ferner [SPD]: In welchen denn?)
Radius um ihren Wohnort kostenlos mit der Regional-
dass wir eine große Übereinstimmung bei den Stichwor-
bahn fahren. Für jeden Kilometer darüber hinaus, ab
ten barrierefreie Arztpraxen, Bildung, Reha, Arbeit und
dem 51. Kilometer, mussten sie ein Ticket lösen. Das be-
Beschäftigung haben.
deutet für Menschen, die im Rollstuhl sitzen, oder für
Menschen, die blind sind, eine enorme Barriere. Seit Wir haben aber auch eine große Übereinstimmung
September sind diese Grenzen bei der Bahn gefallen; der hinsichtlich des Antrages der Fraktion Bündnis 90/Die
Nahverkehr ist für Menschen mit schwerer Behinderung Grünen zur Weiterentwicklung des SGB IX, zur Stär-
in Deutschland unbegrenzt nutzbar. kung des inklusiven Ansatzes. Dazu möchte ich noch
einmal sagen: Wir haben eine Bund-Länder-Arbeits-
(Widerspruch des Abg. Dr. Ilja Seifert [DIE
gruppe, die sehr systematisch an der Veränderung des
LINKE])
SGB IX arbeitet, um einerseits strukturell-inhaltlich die
Ich finde das großartig von der Bahn, und genau diese vielen Brüche und Widersprüche zu eliminieren und an-
Form der Unterstützung wünsche ich mir auch in ande- dererseits das Kostengerüst für unsere gemeinsamen
ren Bereichen. Vorstellungen zu entwickeln. Sie macht eine gute Arbeit
und ist fast fertig.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich sage an dieser Stelle: Ich wünsche mir schlicht
Beispiel Arbeit: Die Arbeitslosenzahl bei Menschen
und einfach – da gibt es einen großen Konsens zwischen
mit Schwerbehinderung liegt bei knapp 174 000. Da wa-
Bund und Ländern,
ren wir vor zwei Jahren auch. Im Januar waren wir bei
190 000. Die Zahl ist wieder gesunken, aber wir haben (Zuruf des Abg. Dr. Ilja Seifert [DIE LINKE])
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17341
Bundesministerin Dr. Ursula von der Leyen
(A) mit den unterschiedlichsten Parteien und den unter- – Ja, ja, ich weiß: Sie kommt nächstes Jahr. – Warum? (C)
schiedlichsten Interessen dahinter –, dass wir diesen Weil über 100 Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer
Weg gemeinsam weitergehen. Dazu werde ich meinen kommen wollten, und dann stellte man fest, dass dieses
Teil beitragen. Gebäude, der Reichstag, der zum Teil umgebaute neue
Bundestag, nicht in der Lage ist, diese Rollstuhlfahrer
Vielen Dank.
aufzunehmen. Das ist doch eine traurige Erkenntnis.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
(Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Das Wort hat nun Gregor Gysi für die Fraktion Die Wir können das nicht anders bezeichnen. Was ist jetzt
Linke. unsere Schlussfolgerung, Frau Bundesministerin von der
Leyen? Diese Begegnung findet nächstes Jahr mit weni-
(Beifall bei der LINKEN) ger Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrern statt.
(Maria Michalk [CDU/CSU]: Ihr Kollege
Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE):
wollte 80 ausladen! Ist das besser?)
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Als ich
mich auf diese Rede vorbereitet habe, habe ich mir Ge- Das kann doch nicht die Antwort sein. Die Antwort
danken darüber gemacht, wie sich mein Verhältnis zu muss sein, dafür zu sorgen, dass sie alle kommen und
Menschen mit Behinderung im Laufe der Jahre verän- teilnehmen können.
dert hat. Wir sprechen hier von Menschen mit bestimm-
(Beifall bei der LINKEN und der SPD)
ten Behinderungen, ob nun mental, geistig oder körper-
lich behindert – damit es da keine Zwischenrufe gibt und Nun geht es um die UN-Behindertenrechtskonven-
Sie wissen, wen wir meinen. Seien wir doch einmal ganz tion; sie ist geltendes Recht. Sie ist übrigens die erste
ehrlich: Meine Generation hat eher ein scheues Verhält- Menschenrechtskonvention in diesem Jahrhundert. Die
nis zu diesen Menschen. Wir haben als Kinder den sozia- Große Koalition hat erklärt: Ein Aktionsprogramm ist
len Umgang mit ihnen nämlich nicht gelernt. Da gibt es gar nicht nötig. Die jetzige Koalition sagt: Wir machen
heute schon deutliche Verbesserungen. Wenn ich Nazis ein Aktionsprogramm. Allerdings müssen Sie doch ein-
jetzt einmal weglasse, die solche Leute schlagen – das ist räumen, Frau Bundesministerin: Fast sämtliche Behin-
völlig indiskutabel; darüber müssen wir gar nicht disku- dertenbewegungen haben Ihren Aktionsplan kritisiert,
tieren –, stelle ich fest: Die anderen sind eher nett, aber und zwar aus gutem Grund: weil er eben nicht den
eben doch zurückhaltend; sie wollen nicht so viel damit Durchbruch bringt, den wir diesbezüglich endlich brau-
zu tun haben und denken deshalb nicht daran. chen.
(B) (D)
Ich bin ganz sicher: In der Unionsfraktion und in un- Diese Konvention verlangt eine einkommens- und
serer Fraktion hat sich dadurch etwas verändert, dass vermögensunabhängige Teilhabesicherung. Davon sind
beide Fraktionen einen Rollstuhlfahrer in ihren Reihen wir aber noch weit entfernt. Ich nenne einmal ein paar
haben. Ich schildere Ihnen einmal, wie das war: Wir or- Beispiele: ICE – nur zwei Plätze für Rollstuhlfahrerin-
ganisierten eine Veranstaltung. Natürlich hatte keiner an nen bzw. Rollstuhlfahrer. Begrenzungen gibt es aber
die Behinderten gedacht. Dann kam Ilja Seifert in den auch in Kinos, in Theatern, in Stadien. In wie vielen
Veranstaltungsraum nicht hinein, und wir mussten vier Gebäuden können Behinderte nicht auf Toiletten? Und
starke Männer organisieren, um das irgendwie zu regeln. in wie viele Gebäude kommen sie gar nicht erst hinein?
Wir hatten an dieses Problem einfach nicht gedacht. Ich Das gilt auch für Arztpraxen – Sie haben sie genannt; die
glaube, dass sich das bei Ihrer Fraktion und bei unserer Zahl 10 Prozent scheint mir übrigens sehr niedrig zu
Fraktion geändert hat, weil wir einfach gezwungen sein; ich glaube, es sind mehr –, Apotheken, Hotels,
waren, daran zu denken. Gaststätten, Kultureinrichtungen, Kirchen und Wohn-
häuser. Überall müssen wir etwas tun. Es gibt übrigens
Ich möchte, dass wir jetzt einmal ehrlich im Umgang
auch viele Straßenbahnen, die noch nicht behinderten-
miteinander sind und sagen: Wir müssen uns wirklich
gerecht sind, das heißt, sie sind nicht entsprechend aus-
einen Ruck geben; wir müssen ganze Generationen
gerüstet. Bei der Bahn ist es schon viel besser; aber dort
darauf vorbereiten, dass sie eine gleichberechtigte Teil-
fehlt oft das Personal, vor allen Dingen wenn Menschen
habe dieser Menschen wollen. Sie müssen erkennen,
mit Behinderung später ein- oder aussteigen wollen.
dass es sie selbst bereichert, wenn sie anders an das
Auch das ist ein Problem. Jetzt beraten wir über ein
Ganze herangehen.
neues Fernbus-Gesetz. Frau Bundesministerin, warum
(Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem schreiben wir in dieses Gesetz nicht hinein, dass Fern-
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Ab- busse künftig barrierefrei zu sein haben? Das könnte
geordneten der CDU/CSU und der FDP) doch verpflichtend in diesem Gesetz stehen.
Für den 2. und 3. Dezember 2011 war eine Begeg- (Beifall bei der LINKEN und der SPD sowie
nung von Bundestagsabgeordneten mit Menschen mit bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
Behinderung geplant; auch Bundesministerinnen und GRÜNEN)
Bundesminister sollten daran teilnehmen. – Abgesagt,
Ich habe im Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpom-
ausgeladen!
mern eine Werkstatt für geistig Behinderte besucht. Ich
(Maria Michalk [CDU/CSU]: Verschoben!) habe festgestellt, dass diese Menschen mit großer Kon-
17342 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Dr. Gregor Gysi


(A) zentration arbeiten und immer gleiche Handgriffe (Beifall bei der LINKEN) (C)
machen, wie ich es überhaupt nicht könnte. Ich habe
festgestellt, dass diese Menschen Dinge können, die ich Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
nicht kann. Das zu erkennen, ist ungeheuer wichtig. Herr Kollege, Sie müssen bitte zum Ende kommen.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE):
GRÜNEN) Ich bin sofort fertig. – Wir haben drei Anträge einge-
bracht, die meines Erachtens sehr sinnvoll sind. Sie soll-
Sie können das mit einer Ausdauer, die ich in einem sol-
ten sie alle annehmen. Es stimmt nämlich: Behinderung
chen Fall gar nicht an den Tag legen könnte. Aber sie be-
ist in einem bestimmten Sinne heilbar. Das müssen wir
kommen nur ein Entgelt. Schon die Bezeichnung „Ent-
durchsetzen.
gelt“ finde ich doof. Warum kann diese Arbeit eigentlich
nicht bezahlt werden? Der Welttag für die Menschen mit Behinderung ist
der 3. Dezember. Wir müssen uns einen Ruck geben und
Die Betreuerinnen und Betreuer erzählten mir, dass
unsere Einrichtungen so ausstatten, dass die Teilhabe der
sie gerne einmal eine Prämie oder etwas Ähnliches
Menschen mit Behinderung am politischen, wissen-
geben würden, aber dass das nicht gehe, weil das Geld
schaftlichen, kulturellen und jedem anderen gesell-
gleich wieder mit der Grundsicherung verrechnet werde.
schaftlichen Leben so weit wie möglich gewährleistet
Das heißt, sie bekommen es nicht wirklich ausbezahlt.
wird.
Mein Gott, warum müssen wir da so kleinkariert sein?
Können wir ihnen nicht einmal eine Anerkennung für (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
ihre Arbeit und ihre Leistung in Form einer Prämie gön- neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE
nen? GRÜNEN)
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
GRÜNEN) Das Wort hat nun Gabriele Molitor für die FDP-Frak-
tion.
Ich habe es, ehrlich gesagt, nicht verstanden.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Ich sage noch einmal: Es geht nicht zuvörderst – das
natürlich auch – um medizinische und soziale Probleme,
Gabriele Molitor (FDP):
sondern um Menschenrechte. Das müssen wir wirklich
begreifen. Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
(B) Herren! Ich mache es einmal ganz anders: Ich fange mit (D)
(Beifall bei der LINKEN) etwas Schönem an.
Die Konvention kann nur umgesetzt werden, wenn Kennen Sie die Band „Seeside“? Oder kennen Sie
alle Fachressorts der Bundesregierung daran mitwirken GSDS? Die Band „Seeside“ hat in dieser Woche den
– nicht sie allein, das wäre gar nicht zu schaffen; die an- integrativen Musikwettbewerb gewonnen. GSDS heißt
deren Ressorts müssen ebenfalls beteiligt werden –, aber „Guildo sucht die Super-Band“. Guildo Horn hat diesen
auch die Länder, die Kommunen und ebenso – sie sollte Wettbewerb gemeinsam mit der Lebenshilfe ausgerufen.
man nicht vergessen – die Wirtschaft, die Wissenschaft 203 Bands und Musiker haben sich beteiligt. „Seeside“
und die Kultur. Letztlich müssen alle Bereiche ein ande- hat den ersten Platz errungen. Bei „Seeside“ musizieren
res Denken an den Tag legen, anders damit umgehen, die geistig und körperlich behinderte Menschen gemeinsam.
Konvention verinnerlichen und sie dann so schnell wie Jetzt hat die Band also den Preis errungen und hofft auf
möglich umsetzen. einen Plattenvertrag.
Es gibt noch etwas: Ich möchte nicht, dass über Men- Der Wettbewerb zeigt, was möglich ist, wenn sich
schen mit Behinderung entschieden oder geredet wird Menschen engagieren. Guildo Horn hat in beispielhafter
ohne sie. Weise deutlich gemacht, was möglich ist.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE der CDU/CSU)
GRÜNEN)
Ich kann Ihnen nur empfehlen: Schauen Sie sich die
Sie müssen das Recht auf Teilhabe haben, und zwar Band an. Sie werden unweigerlich mitwippen, weil Sie
auch, wenn Rechtsakte vorbereitet werden. Wir haben die Lebensfreude erleben, die von diesen Menschen aus-
beim Fernbus-Gesetz keine Menschen mit Behinderung geht. Genau das brauchen wir. Wir brauchen Menschen
gefragt. Sonst hätten sie gesagt: Denkt doch bitte auch mit Behinderung in der Mitte unserer Gesellschaft und
an die Barrierefreiheit! Also müssen wir im Bundestag nicht am Rand.
diese Verpflichtung wahrnehmen und immer daran den-
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
ken. Ilja Seifert hat mich im Laufe der Jahre immer wie-
der CDU/CSU)
der dazu gezwungen, sodass ich es inzwischen nicht
mehr vergesse. Das war früher anders; das bestreite ich Es geht aber auch darum, dass behindernde Umstände
gar nicht. Aber, Ilja, du musst zugeben: Ich habe mich verändert werden können und müssen. Das macht auch
deutlich gebessert. die Kampagne des Bundesarbeitsministeriums „Behin-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17343
Gabriele Molitor
(A) dern ist heilbar“ deutlich. Auf großen Plakatwänden Fortschritt: Andere Ressorts kümmern sich um diese (C)
wird dieses Motto humorvoll umgesetzt, eben ohne Thematik. Das ist genau das, was wir brauchen.
erhobenen Zeigefinger. Auch dabei geht es darum, dass
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
wir gesellschaftliche Veränderung brauchen. Die Politik
gibt den gesetzlichen Rahmen vor. Die Menschen sind Eines sollten wir bei der Debatte nicht vergessen:
es, die das Motto „Behindern ist heilbar“ in die Tat um- Lassen Sie uns vorsichtig sein mit dem Vorwurf, man
setzen müssen. würde die UN-Behindertenrechtskonvention nicht rich-
tig umsetzen oder ihr gar zuwiderhandeln. Deutschland
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
ist ein Land, in dem die Gleichstellung schon weit vo-
der CDU/CSU)
rangeschritten ist.
Mit dem Nationalen Aktionsplan stoßen wir einen
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Veränderungsprozess an, der selbstbestimmtes Leben
der CDU/CSU)
und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Mit über
200 Maßnahmen gehen wir das Ziel einer inklusiven Ge- Für unsere Behindertenpolitik und unsere Umsetzung
sellschaft an. Unabhängig vom Unterstützungsbedarf der Konvention erhalten wir international viel Anerken-
muss jeder Mensch das gleiche und volle Recht auf indi- nung.
viduelle Entwicklung und Teilhabe haben. Wie erreichen
(Dr. Ilja Seifert [DIE LINKE]: Wo denn?)
wir das? Durch die Richtigstellung der Verantwortlich-
keit. Es geht nicht darum, wie Menschen mit Behinde- Viele der 100 Vertragsstaaten haben noch keinen Ak-
rung sein müssen, damit sie teilhaben können, sondern tionsplan. Wir liegen mit unserer Politik auf dem richti-
es muss um die Frage gehen: Wie muss unsere Gesell- gen Kurs, und weitere Verbesserungen werden folgen.
schaft gestaltet sein, damit jeder Mensch teilhaben kann? Sie, sehr geehrte Opposition, sollten zu Engagement er-
mutigen, statt zu behindern.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU) (Zuruf von der LINKEN: Was? – Mechthild
Rawert [SPD]: Lesen Sie unseren Antrag! Da
Genau das ist es, was mit Inklusion gemeint ist. Wenn
steht das drin!)
aber Treppenstufen, komplizierte Sprache, Bevormun-
dung oder Vorurteile Inklusion behindern, muss etwas Der Nationale Aktionsplan ist ein Maßnahmenpaket,
passieren. Es gibt ganz viele Gelegenheiten für Acht- kein Gesetzespaket. Das Paket ist nicht fest verschnürt,
samkeit. Schulen müssen fragen: Welche Konsequenzen sondern offen für weitere Projekte und Ideen. Sie alle
hat der Lehrplan für einen Schüler mit Downsyndrom? sind eingeladen, mitzumachen, wenn es heißt, die klei-
Verkehrsunternehmen müssen fragen: Werden beim nen und die großen Veränderungen voranzubringen.
(B) (D)
Fahrkartenautomaten auch die Belange von sehbehinder-
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
ten Menschen berücksichtigt? Der Unternehmer muss
der CDU/CSU)
sich fragen: Kann ich einen Menschen mit Behinderung
einstellen? Jetzt noch ein Wort zu der Veranstaltung im Deut-
schen Bundestag, die eigentlich für diesen Dezember ge-
(Beifall des Abg. Pascal Kober [FDP])
plant war und die wir auf das nächste Jahr verschoben
Nicht behindern, sondern ermöglichen: Das soll die haben. Diese Veranstaltung musste zunächst abgesagt
Grundidee unserer Projekte sein. werden, weil Sicherheitsbedingungen nicht erfüllt wer-
den konnten. Für mich als verantwortungsvolle Politike-
Inklusion fällt nicht vom Himmel. Viele Bürgerinnen rin ist Sicherheit das oberste Gebot. Ich werde, gemein-
und Bürger – das müssen wir leider feststellen – wissen sam mit den anderen Sprechern, alles daransetzen, dass
wenig über die Bedürfnisse von Menschen mit Behinde- diese Veranstaltung im nächsten Jahr unter hoffentlich
rungen. Dabei ist Behinderung weiß Gott keine Rand- barrierefreien Bedingungen durchgeführt werden kann.
erscheinung. 10 Prozent der Weltbevölkerung gelten als
behindert. In Deutschland leben 9,6 Millionen Menschen Vielen Dank.
mit einer amtlich anerkannten Behinderung. Im Übrigen
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie
sind die Wenigsten von ihnen von Geburt an behindert.
des Abg. Markus Kurth [BÜNDNIS 90/DIE
Behinderung kann jeden von uns aufgrund eines Unfalls
GRÜNEN])
oder einer Erkrankung treffen.
Mit dem gemeinsamen Antrag von CDU/CSU und Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
FDP „Barrierefreies Filmangebot umfassend ausweiten – Das Wort hat nun Markus Kurth für die Fraktion
Mehr Angebote für Hör- und Sehbehinderte“ setzen wir Bündnis 90/Die Grünen.
uns für die kulturelle Teilhabe von Menschen mit Behin-
derung ein. Ich freue mich über diesen Antrag, weil auch
Markus Kurth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
andere Ressorts dieses Thema jetzt bearbeiten und hier
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die
für Verbesserungen sorgen.
Entscheidung darüber, mit wem Sie und wie Sie wohnen
Heute Morgen haben wir bei der Debatte über das wollen, nehmen Sie natürlich für sich ganz selbstver-
GKV-Versorgungsstrukturgesetz festgestellt, dass die ständlich in Anspruch. Sie würden sich dagegen wehren,
zahnärztliche Versorgung für Menschen mit Behinde- wenn Ihnen aufgrund einer medizinischen Diagnose ein
rung verbessert werden soll. Dies ist ein entscheidender Arbeitsort und ein Arbeitsplatz quasi zugewiesen wür-
17344 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Markus Kurth
(A) den. Sie würden es als ungerecht empfinden, wenn Sie sind – koordiniert aufeinander abgestimmt umgesetzt (C)
trotz guter oder gar gesteigerter Arbeitsleistung keine werden. Die große Aufgabe, die Rot-Grün mit dem
entsprechende Entlohnung erhalten würden. Es würde SGB IX angegangen ist – übrigens mit den Stimmen von
Sie empören, wenn Ihnen nach Ihrem ersten berufsbil- CDU/CSU und FDP –, wurde nicht weiterentwickelt.
denden Abschluss keine weitere Möglichkeit zur Quali- Keiner Nachfolgeregierung nach Rot-Grün ist es gelun-
fizierung oder Weiterbildung offenstehen würde. Sie gen, in den Strukturfragen weiterzukommen.
würden sich kaum damit abfinden, wenn Ihnen ein So-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
zialrichter erklären würde, zur Teilhabe am gesellschaft-
und bei der SPD)
lichen Leben genüge es vollkommen, sich im Nahbe-
reich der Wohnung bewegen zu können. Ich glaube sogar, nicht zu übertreiben, wenn ich sage,
dass wir gewisse Rückschritte sehen. Rehabilitationsträ-
Für viele Menschen mit Behinderungen in Deutsch- ger – nach meinem Empfinden insbesondere die Kran-
land sind solche Erfahrungen jedoch Alltag und rechtlich kenkassen – streiten einfach ab, dass etwa das Recht auf
festgelegte Wirklichkeit. Es ist das Besondere an der Teilhabe Vorrang vor den einzelnen Ausführungen der
UN-Behindertenrechtskonvention, dass Rechte und Le- Leistungen hat.
benschancen, die sogenannte Nichtbehinderte ganz selbst-
verständlich in Anspruch nehmen können, nunmehr den (Gabriele Hiller-Ohm [SPD]: So ist es!)
Status von Menschenrechten für Menschen mit Behinde-
Das Problem ist, dass die Zersplitterung sich teilweise
rungen haben.
fortsetzt.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Ich nenne das Beispiel der sogenannten Integrations-
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der fachdienste. Die Integrationsfachdienste als Regelange-
LINKEN) bot – vom Gesetzgeber seinerzeit ins SGB IX gesetzt –
Mit diesem Status von Menschenrechten obliegt es sollen Menschen mit Behinderungen bei der Arbeitsver-
also nicht mehr allein den Menschen mit Behinderung, mittlung unterstützen und dann am Arbeitsplatz beglei-
sich optimal anzupassen und bestmöglich zu integrieren, tend zur Seite stehen. Sie sollen Arbeitgeber beraten
sondern es ist Aufgabe von Gesellschaft, Politik und oder ihnen Hilfestellung beim Umbau des Arbeitsplatzes
Wirtschaft, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass leisten. Sie sollen also eine Leistung aus einer Hand zur
alle Menschen mit ihren jeweiligen körperlichen, seeli- Teilhabe am Arbeitsleben bieten.
schen, mentalen und geistigen Besonderheiten zumin- Was hat diese Bundesregierung jetzt gemacht? Sie hat
dest die Möglichkeit haben, gleichberechtigt und selbst- diese einheitliche Leistung, die genau so, wie ich es hier
bestimmt am Leben teilzuhaben und ihr Leben mit beschrieben habe, im Gesetz steht, zersplittert. Sie hat
(B) anderen zu gestalten. (D)
den Teil der Vermittlung jetzt einfach zur Ausschreibung
Damit schafft die Behindertenrechtskonvention einen freigegeben, abgetrennt vom Teil der Begleitung und
modernen Freiheitsbegriff: Freiheit ist nach diesem in- Beratung der Arbeitgeber.
klusiven Verständnis nicht nur eine Abwesenheit von Das macht natürlich überhaupt keinen Sinn. Arbeitge-
Zwang. Freiheitsrechte sind mehr als Schutzrechte bei ber sagen mir: Wir wollen einen einzigen Ansprechpart-
staatlichen Eingriffen oder übermächtigen Kollektiven. ner. – Es macht natürlich auch keinen Sinn, dass derje-
Damit Menschen mit Beeinträchtigungen, Menschen nige, der die Vermittlung vornimmt, der die Kontakte zu
ohne oder mit wenigen Ressourcen oder Menschen in Arbeitgebern hat, nach der Vermittlung aus dem Spiel ist
Zwangslagen ihre Freiheitsrechte überhaupt erst in und irgendein anderer die Begleitung und Beratung
Anspruch nehmen können, braucht es das aktive ermög- übernimmt. Das Ganze ist eine Leistung aus einer Hand,
lichende Handeln von Staat und Gesellschaft. Dieser die, wie gesagt, so im Gesetz formuliert ist. Ich emp-
Freiheitsbegriff weist weit über die eigentliche UN-Kon- finde es wirklich als Rückschritt und Defizit, wenn das
vention hinaus. jetzt wieder auseinandergerissen wird.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der und bei der SPD sowie des Abg. Dr. Ilja
LINKEN) Seifert [DIE LINKE])
Er macht diese Konvention nicht nur zu einem bemer- Weil der Mut zu größeren Veränderungen fehlt, wer-
kenswerten, sondern, wie ich meine, auch zu einem den Verbesserungen viel zu häufig als Insellösungen vor-
bahnbrechenden Menschenrechtsdokument. genommen. Ich nenne das Beispiel der „Unterstützten
Angesichts der Größe des Handlungsauftrags, den Beschäftigung“, das die letzte Regierung, die Große Ko-
sich die Bundesrepublik Deutschland – wir alle hier – alition, auf den Weg gebracht hat. Vom Ansatz her ist das
mit der Ratifizierung der Konvention selbst gegeben hat, Prinzip, zuerst zu platzieren und dann zu qualifizieren,
ist es allerdings geradezu erschütternd, in welcher Blo- sehr vernünftig; denn auf diese Weise kann sozusagen in-
ckade und Erstarrung sich die Behindertenpolitik in nerbetrieblich gestartet werden, statt dass irgendwelche
Deutschland befindet. In diesem Zusammenhang möchte Maßnahmen in Sondereinrichtungen absolviert werden
ich kurz einige Dinge analysieren. müssen. Was aber wird getan, aus Angst, das Ganze
könnte sich jetzt – im Hinblick auf Kosten oder was auch
Nach wie vor ist nicht geregelt, dass Teilhaberechte immer – unabsehbar entwickeln? Das Programm wird
– die ja zu einem großen Teil im Sozialrecht angesiedelt auf den Ausbildungsbereich beschränkt – also auf zwei
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17345
Markus Kurth
(A) oder maximal drei Jahre –, und es wird keine vernünftige dass die Träger der Sozialhilfe sagen: Wenn er nicht (C)
Nachfolgeregelung entwickelt. Das ist eine reine Insellö- mehr in meiner Werkstatt ist, dann zahle ich gar nichts
sung, die nicht in das sonstige Geschehen der Arbeits- mehr. – Ebenso kann es nicht sein, dass die Agentur für
marktpolitik integriert ist. Arbeit keine Anreize bietet. Wir müssen dort Leistungen
kombinieren und sektorenübergreifend Initiativen er-
Liebe Kolleginnen und Kollegen, mit solch fragmen- greifen; denn sonst werden wir an einen Punkt kommen,
tierten, kleinteiligen und nicht wirklich mutigen, sondern an dem wir das, was wir an Standards erreicht haben,
eher ängstlichen Schritten werden wir nicht weiterkom- nicht mehr aufrechterhalten können.
men.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)
sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg.
Dr. Ilja Seifert [DIE LINKE]) Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich habe jetzt über
den erweiterten Menschenrechtsbegriff bzw. darüber ge-
Angesichts der Finanzlagen besteht das Problem, dass redet, was wir in Bezug auf Ermöglichung an Teilhabe
sich alle, aber auch wirklich alle Akteure eingraben. Sie am gesellschaftlichen Leben brauchen. Lassen Sie mich
versuchen erst einmal – wie in alten Zeiten –, Ansprüche zum Schluss auch noch etwas zur Notwendigkeit der
abzuwehren. Aber auch die Leistungserbringer – das ganz akuten Verteidigung von unmittelbaren Menschen-
sage ich an dieser Stelle ganz offen – versuchen, ihre rechten sagen. Es gibt eine Studie der Universität Biele-
Strukturen zu konservieren. Das gilt selbst für diejeni- feld – sie wird in der nächsten Woche bekannt werden –
gen, die im Prinzip bereit wären, Dinge zu öffnen und zu zur Lebenssituation von Frauen mit Behinderung. Es ist
verändern. Sie sagen sich: Wir machen lieber nichts; wirklich erschütternd, was in ihr bezüglich der Gewalt-
denn wenn wir unsere Wirtschaftlichkeitsreserven bzw. anwendung gegenüber Frauen in Einrichtungen und Fa-
Effizienzpotenziale, die wir vielleicht in unseren Ein- milien festgestellt wird.
richtungen haben, offenlegen, wird das möglicherweise
dazu führen, dass uns die Mittel gekürzt werden. – Im Eine große Anzahl von Frauen wurde befragt. Durch-
Ergebnis passiert im Moment in dem gesamten Bereich schnittlich ein Drittel dieser Frauen hat körperliche Ge-
viel zu wenig. walt erfahren. Sexualisierte Gewalt haben 21 bis 44 Pro-
zent der befragten Frauen und Mädchen erfahren,
Wir brauchen dringend mehr Bewegung. Die gesamte psychische Gewalt in Kindheit und Jugend mehr als die
Entwicklung – auch in Bezug auf Fallzahlen und Kosten; Hälfte. Das sind Zahlen, die uns wirklich alarmieren
das wird auch in der Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur müssen.
Eingliederungshilfe diskutiert – lässt nicht zu, dass wir
(B) uns hier nicht weiter bewegen. Wir bekommen von kom- Gewalt, auch sexualisierte Gewalt, ist nicht nur in den (D)
munaler Seite doch allesamt klar zurückgespiegelt, dass 50er-, 60er- und 70er-Jahren zu verorten, sondern diese
wir etwa im Bereich der Eingliederungshilfe am Ende Studie macht sehr deutlich, dass wir auch heute noch da-
der Fahnenstange angekommen sind. Wenn wir nicht mit zu kämpfen haben. Auch der Frage von Gewalt in
Standards absenken wollen, müssen wir über Struktur- stationären Einrichtungen der Psychiatrie müssen wir
veränderungen diskutieren. uns erneut stellen. Wenn man fast 40 Jahre nach der Psy-
chiatrie-Enquete mit Betroffenen redet, stellt man fest,
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN dass Zwangsmedikamentierungen gegen den eigenen
und bei der SPD) Willen – und zwar über die Maße des sogenannten
Auch der demografische Wandel lässt es nicht zu, dass Selbstschutzes hinaus – an der Tagesordnung sind und
wir an dieser Stelle länger warten. dass auch dort Gewalt – speziell gegen Frauen – weiter-
hin ein Ausmaß hat, das wir nicht akzeptieren können.
Das Projekt „Inklusiver Sozialraum“ – für die Zu-
schauerinnen und Zuschauer sage ich: Dabei handelt es Insofern hoffe ich, dass wir uns an dieser Stelle dieser
sich um das Vorhaben, einen Gemeinderaum bzw. einen Sache noch einmal gemeinsam annehmen und genau
öffentlichen Raum zu schaffen, in dem sich alle mit ih- hinschauen werden, damit wir später nicht wieder sagen
ren Beeinträchtigungen bewegen können – stellt in Be- müssen: Wir haben etwas übersehen. Teilhabe bemisst
zug auf die Lebensqualität in unseren Städten und Ge- sich am erweiterten Freiheits- und Menschenrechtsbe-
meinden eine Zukunftsfrage dar. griff, aber auch an der ganz konkreten Verteidigung von
Menschenrechten im Hier und Jetzt.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Vielen Dank.
Dr. Ilja Seifert [DIE LINKE]) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
Ich meine, dass in dieser Hinsicht gerade im Bereich der bei der SPD und der LINKEN sowie bei Abge-
Kostenträger mehr Kompromissbereitschaft gezeigt wer- ordneten der CDU/CSU und der FDP)
den muss. Wenn wir etwa das sogenannte Budget für Ar-
beit ermöglichen wollen – welches erlaubt, dass Men- Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
schen aus Werkstätten auch an einem allgemeinen Das Wort hat nun Maria Michalk für die CDU/CSU-
Arbeitsplatz tätig sein können –, geht das nur mit einem Fraktion.
Nachteilsausgleich auch in Form eines dauerhaften und
regulären Lohnkostenzuschusses. Es kann nicht sein, (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
17346 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

(A) Maria Michalk (CDU/CSU): (Dr. Ilja Seifert [DIE LINKE]: Das stimmt (C)
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und doch gar nicht! – Diana Golze [DIE LINKE]:
Herren! Wir führen heute eine Debatte, von der wir uns Er hat nicht zugestimmt!)
lange gewünscht haben, dass sie zu einer so prominenten Es war Ihr Kollege, der lieber 80 Rollstuhlfahrer ausla-
Zeit stattfindet. den würde, um die Veranstaltung an diesem Wochenende
(Elke Ferner [SPD]: Und wer hat’s gemacht?) durchführen zu können.
Dafür danke ich auch der Opposition. Sie müssen aber (Markus Kurth [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
annehmen, dass wir den Ernst der Lage schon lange ver- NEN]: Genau so war’s!)
standen haben. Denn was wäre ein deutlicheres Signal Wir haben hier im guten Einvernehmen eine richtige Lö-
dafür, dass wir diese Debatte sehr ernst nehmen, als dass sung gefunden, eine richtige Entscheidung getroffen. Ich
unsere Bundesministerin in dieser Debatte das Wort er- werbe hier ausdrücklich um die Akzeptanz dieser Ent-
greift? scheidung. Wir bemühen uns alle nach bestem Wissen
(Anette Kramme [SPD]: Handeln! Geld ausge- und Gewissen, diese Veranstaltung nächstes Jahr in guter
ben! Warme Worte nützen nichts!) Qualität durchzuführen.

Übrigens ist es bisher gerade bei diesem sachlichen (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
Thema immer üblich gewesen, fraktionsübergreifend neten der FDP und des Abg. Markus Kurth
nach Lösungen zu suchen, zum Wohle der Menschen mit [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Behinderung. Liebe Frau Ferner, das kann ich Ihnen Herr Kurth, Sie haben ein Stück weit die Leistungen
nicht ersparen: Wenn diese Debatte mit dem Anwurf kritisiert. Im Übrigen lobe ich, dass Sie wirklich kon-
beginnt, dass alles nach unten gehe, dann darf ich mit struktiv sind. Sie wissen, dass wir die Ausschreibung der
dem Argument zurückschießen, dass wir in all den Jah- IFD-Leistungen aus Gründen des europäischen Rechts
ren Ihrer Regierungsherrschaft einen unmöglichen, dif- durchführen mussten. Sie wissen auch, dass wir uns
fusen, dünnen Bericht bekommen haben. gerade einvernehmlich darum bemühen, im Vergabe-
(Elke Ferner [SPD]: „Herrschaft“? Was ist recht eine Lösung zu finden, die in Zukunft das umsteu-
denn das für ein Vokabular?) ert, was wir alle gemeinsam kritisieren.
Sie haben vom inklusiven Lebensraum gesprochen.
Es ist unsere Ministerin, die die Datenlage und die Be-
Jawohl, das ist etwas, was wir alle anstreben: dass alle
richterstattung jetzt in eine qualitative Form bringt, so-
miteinander leben. Das gibt mir jetzt die Gelegenheit,
dass wir gut damit arbeiten können.
meine sorbischen Freunde aus der Lausitz zu begrüßen:
(B) (D)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Witaj k nam! Denn dort passiert das schon seit Jahrtau-
senden: Deutsche und Sorben leben in einer Region zu-
Herr Gysi, es tut mir leid: Ich glaube Ihnen natürlich sammen. Wir wollen es schaffen, dass Menschen mit
sofort, dass sich Ihr Verhältnis zu behinderten Menschen und ohne Behinderung genauso selbstverständlich mit-
rapide geändert hat. Wenn Sie ehrlich gewesen wären, einander leben. Einer hat einmal gesagt: Wenn alle Äpfel
hätten Sie an genau der Stelle sagen müssen, was in den pflücken, dann braucht der Kleinwüchsige nur eine Lei-
letzten 20 Jahren im Bereich der Behindertenpolitik ge- ter; dann kann er es auch. – So einfach ist das eigentlich.
rade in den neuen Bundesländern passiert ist, welche
Aufbauleistung zum Wohle der Menschen vollzogen Wir wissen aber – zurück zur Wirklichkeit –, dass uns
wurde. die Wirklichkeit manchmal einholt. Deshalb will ich da-
rauf hinweisen, dass wir neben der Ratifizierung der
(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Das UN-Behindertenrechtskonvention, der breiten Diskus-
streitet keiner ab, Frau Michalk!) sion und den Beschlüssen zum Nationalen Aktionsplan
Sie wissen, dass die Behindertenpolitik in der DDR-Zeit und den vielen Aktivitäten, die der Beauftragte der Bun-
eine Wegsperrpolitik war, dass SED-Genossen und desregierung für die Belange behinderter Menschen,
Staatsträger ihre behinderten Kinder lieber in Klöster Hubert Hüppe – vielen Dank! –, mit dem Inklusionsbei-
gegeben haben, weil sie wussten, dass sie dort gut auf- rat durchführt, weitere Maßnahmen ergreifen. Ich denke
gehoben sind. Das gehört zur Ehrlichkeit. hier an die Länder. Die Bahn wurde schon genannt; viele
Unternehmen überlegen, wie sie den inklusiven Gedan-
Ich finde es ziemlich unverschämt, dass Sie mit Ihrer ken umsetzen können. Das zeigt doch, dass wir auf ei-
Kritik die Verschiebung unserer gemeinsamen Aktion, nem guten Weg sind und in unserer Gesellschaft etwas
bei der sich behinderte Menschen mit dem Parlament erreicht wurde: eine stärkere Sensibilisierung für dieses
treffen sollten, hier kurz vor dem Internationalen Tag der Thema.
Behinderten, an dem die Aktion stattfinden sollte, instru-
mentalisieren. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Das heißt nicht, dass wir die Augen vor Dingen ver-
schließen, die in der Tat ärgerlich sind und die wir verän-
Sie wissen, dass auch Ihr Kollege, Herr Seifert, nach ei- dern wollen. Ich will jetzt einmal einen Punkt heraus-
nem langen, intensiven Beratungsprozess, in dem wir greifen. Es ist schon gesagt worden: Vor zehn Jahren
alle möglichen Alternativen geprüft haben, zugestimmt haben wir das SGB IX beschlossen. Das ist ein gutes
hat. Gesetzbuch, dem auch wir damals aufseiten der Opposi-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17347
Maria Michalk
(A) tion zugestimmt haben. Darin ist auch das Persönliche Ich denke, unsere Lösung ist fair. Ich werbe dafür, dass (C)
Budget geregelt. wir uns hier nicht fetzen, sondern dass wir weiterhin an
einer Lösung arbeiten, um diese Veranstaltung so durch-
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: führen zu können, wie es ursprünglich geplant war.
Frau Kollegin, gestatten Sie eine Zwischenfrage des (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Kollegen Seifert?
Ich möchte noch kurz auf das Persönliche Budget ein-
Maria Michalk (CDU/CSU): gehen. Es ist ein relativ junges Instrument, zehn Jahre
Ja. – Bitte schön. alt, und es ist ärgerlich, dass es nicht richtig angenom-
men wird. Wenn nur in 10 000 bis 15 000 Fällen das Per-
sönliche Budget tatsächlich genutzt wird, dann ist das
Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE): für unsere Bundesrepublik einfach zu wenig. Deshalb
Frau Kollegin Michalk, Sie haben vorhin wahrheits- möchte ich auf einige Hintergründe eingehen.
widrig gesagt, ich hätte zugestimmt, dass die Veranstal-
tung abgesagt wird. Sind Sie so freundlich, zuzugeben, Alle bisherigen Erfahrungen belegen, dass das Per-
dass ich in der Runde der behindertenpolitischen Spre- sönliche Budget die Selbstbestimmung und die Teilhabe-
cherinnen und Sprecher gesagt habe, dass wir alles dafür möglichkeiten für Menschen mit Behinderung verbessert
tun sollten, dass diese Veranstaltung doch stattfindet, und ihr Wahlrecht stärkt, weil sie sich eigenständig oder
wenn es sein muss, mit der Ausladung einiger, mit Unterstützung die jeweilige Integrationsleistung ein-
(Markus Kurth [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- kaufen können. Sie bestellen selbst, und sie bezahlen
NEN]: Von mindestens 80 Leuten!) selbst, und zwar von dem Geld, das ihnen der Sozialstaat
zur Verfügung stellt. So bietet das Persönliche Budget
und dass ich auch gesagt habe, dass es besser wäre, wenn zum Beispiel die Möglichkeit, Menschen mit Behinde-
wir eine Lösung finden würden, sodass alle hereinkom- rungen betriebsintegrierte Qualifizierungsangebote zu
men könnten; denn in einem Jahr ist die Situation in die- machen.
sem Haus sicherlich nicht anders als jetzt. Ich möchte,
dass Sie ausdrücklich bestätigen, dass ich nicht einver- Potenziellen Nutzern wird der Zugang jedoch viel zu
standen war, dass diese Veranstaltung jetzt abgesagt schwer gemacht. Wir kritisieren, dass nur wenige von
wird. diesem Instrument profitieren. Defizite in der Beratungs-
infrastruktur, willkürliche Verfahrensmängel, manchmal
Maria Michalk (CDU/CSU): auch eine intransparente Bedarfsermittlung und unzurei-
(B) (D)
Herr Kollege Seifert, wir haben sehr lange und mehr- chende Budgethöhen konfrontieren die Menschen mit
fach miteinander darüber diskutiert. Wir haben uns von unzumutbaren Hürden, und sie geben resigniert auf.
der Bundestagsverwaltung Alternativen vorlegen las- Regional ist das mitunter unterschiedlich. Das ist ein
sen. Fast alle von uns haben eigene Vorschläge vorgetra- Beweis dafür, dass es sehr davon abhängt, in welchem
gen. Es war allen klar – das haben wir ausdrücklich ge- Umfang sich die betroffenen Bearbeiter in den Institutio-
sagt –, dass wir diese Veranstaltung im Reichstag nicht nen auf dieses Thema einlassen. Die verhältnismäßig
mit 130 Rollstuhlfahrern durchführen können, auch geringe Inanspruchnahme liegt nicht am Instrument
nicht im Paul-Löbe-Haus unter Einbeziehung aller vor- selbst – das will ich ausdrücklich betonen –; oft mangelt
handenen Räume. Wir haben bewusst beschlossen – Sie es an der richtigen Haltung.
waren auch dabei –, dass wir für diese Begegnung das
Fluidum des Reichstages und nicht das einer Messehalle Der Paradigmenwechsel im SGB IX, der vom Gesetz-
möchten. geber beschlossen und mit der UN-Behindertenrechts-
konvention unterstrichen wurde, muss vor Ort gelebt
In diesem Zusammenhang gab es tatsächlich nur die werden. Gerade junge Menschen wünschen sich trotz ih-
Alternative, mindestens 80 Rollstuhlfahrer auszuladen. rer Behinderung berufliche Teilhabemöglichkeiten auch
Dafür haben Sie zunächst votiert. Wir waren uns alle außerhalb von Werkstätten für behinderte Menschen.
einig, dass das schwierig wird; denn wer traut sich, den Die Bundesagentur für Arbeit hat es ermöglicht, dass die
130 Rollstuhlfahrern zu sagen: Du darfst kommen, du Leistungen des Berufsbildungsbereichs der Werkstätten
nicht. – Deshalb haben wir beschlossen, dass es besser
für behinderte Menschen personengebunden auch in
ist, ehrlich zu sagen, dass es so nicht geht und dass wir
Form Persönlicher Budgets zur Erprobung auf dem all-
ein neues Anmeldeverfahren brauchen. Die Rechnung,
die wir aufgrund der Erfahrungen aufgestellt haben, gemeinen Arbeitsmarkt eingesetzt werden können. Ge-
nämlich dass es bei solchen Veranstaltungen im Schnitt rade nach der gestrigen Klarstellung des Bundessozial-
10 Prozent Rollstuhlfahrer gibt, ist hier nicht aufgegan- gerichts zum Persönlichen Budget ist es mir wichtig, zu
gen. Das ist eine Tatsache, die wir alle zur Kenntnis neh- sagen, dass die Menschen mit Behinderungen damit
men müssen. Den Brief, den wir dann gemeinsam an die rechnen können, zukünftig Werkstattleistungen ohne
Teilnehmer geschrieben haben, haben Sie mit unter- Anbindung an eine Werkstatt für behinderte Menschen
schrieben. in Anspruch nehmen zu können. Diese Klarstellung ist
wichtig.
(Widerspruch des Abg. Dr. Ilja Seifert [DIE
LINKE]) (Beifall bei der CDU/CSU)
17348 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

(A) Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: Integration in den ersten Arbeitsmarkt bzw. in den Ar- (C)
Frau Kollegin, gestatten Sie eine Zwischenfrage des beitsmarkt außerhalb der Werkstätten gescheitert ist,
Kollegen Kurth? muss die Möglichkeit zur Rückkehr in die Werkstatt
möglich sein.
Maria Michalk (CDU/CSU): Ich denke, es gibt viele Beispiele für eine gute prak-
Bitte schön. tische Umsetzung vor Ort. Sie müssen bloß stärker pu-
bliziert werden, damit das auch in den Regionen, in de-
Markus Kurth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
nen man sich damit noch schwertut, gelebte Praxis wird.
Frau Michalk, es freut mich sehr, dass Sie das Persön- (Beifall bei der CDU/CSU sowie der Abg.
liche Budget als eine Möglichkeit, um trägerübergreifend Gabriele Molitor [FDP])
Leistungen zusammenzuführen, nennen. Aber wie be-
werten Sie die Tatsache – ich frage vor dem Hintergrund, Ich will noch die anderen Anträge ansprechen. Ob
dass Sie gerade auch über die berufliche Reha gespro- wir, wie in den uns vorliegenden Anträgen teilweise ge-
chen haben –, dass im Haushaltsplan der Bundesagen- fordert, das SGB weiterentwickeln oder die Diskussion
tur für Arbeit beim Persönlichen Budget Folgendes über ein Teilhabesicherungsgesetz vertiefen oder die
steht – das wurde auf Seite 64 umfangreich beschrie- Eingliederungshilfe aus dem SGB XII nehmen und in
ben, sogar unter Nennung der Rechtsgrundlage –: Ist veränderter oder unveränderter Kostenträgerschaft im
2010: 0 Euro; Soll 2011: 0 Euro; Soll 2012: 0 Euro. – SGB IX verankern, darüber lässt sich trefflich streiten.
Meinen Sie nicht, dass wir an dieser Stelle Strukturver- Ich glaube, wir werden uns in der kommenden Aus-
änderungen vornehmen müssen, zum Beispiel, indem wir schusssitzung über das Pro und Kontra austauschen. Das
eine bewilligende Stelle errichten oder die Gemeinsamen ist aber unerheblich. Wir sollten nicht immer suggerie-
Servicestellen mit Entscheidungskompetenz ausstatten, ren, dass alles mit einer Kostensteigerung verbunden ist.
damit solche, sicherlich auch von Ihnen als trostlos emp- Ich erinnere an den Beschluss der Bund-Länder-Kom-
fundene Haushaltsprognosen vermieden werden? mission zur Eingliederungshilfe, der an dem Grundsatz
der Kostenneutralität festhält. Ich glaube, dass schon vor
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS- Ort nachgewiesen wurde, dass die finanziellen Ressour-
SES 90/DIE GRÜNEN) cen zielgenauer eingesetzt werden müssen.
Meinen Sie nicht auch, dass Teilhabegerechtigkeit ei-
Maria Michalk (CDU/CSU): nen viel höheren Stellenwert bekommen muss als die so-
Lieber Kollege Kurth, Sie haben das ja auch in Ihrem genannte Verteilungsgerechtigkeit, weil sie wirklich auf
(B) Antrag unter Nr. 9 festgehalten. Da stimme ich Ihnen zu. die Situation des einzelnen Menschen eingeht und die (D)
Ich habe ja gesagt: Die Bundesagentur für Arbeit hat die Inklusion letztendlich ermöglicht?
Möglichkeit zur Einrichtung eines Persönlichen Bud-
gets; diese wird zu selten genutzt. Wir haben Vergleichs- Ich will zum Abschluss etwas zitieren. Wir alle lesen
möglichkeiten bzw. deckungsfähige Titel, und wir haben ja fleißig die Presse und im Internet. Kobinet ist eine
einen Eingliederungsfonds, dessen Mittel die Mitarbeiter schöne Homepage, auf der man viel Kritik, aber auch
vor Ort in Eigenverantwortung mit Blick auf die kon- Lob lesen kann. Mich hat beeindruckt, was Frau Sabine
krete persönliche Situation einsetzen können. Dafür, Zobel dort geschrieben hat:
dass aus der Null im Soll im Ist etwas mehr wird, plä-
Ein schöner Traum! Ach wie wäre das schön für
diere auch ich. Es ist aber normal, dass die Haushälter
mich als Mensch mit Handicap, in einer Welt leben
sagen: Wenn das bisher wenig in Anspruch genommen
zu können, wo ich nicht tagtäglich merke, dass ich
wurde, dann setzen wir eine Null. Liebe Haushälter, das
anders als die anderen bin.
ist jetzt keine Kritik, sondern eine Werbeveranstaltung:
Die neuen Instrumente sollten im Haushalt ihre Entspre- Das ist ein Appell an uns alle. Ändern wir uns, seien wir
chung finden. Entscheidend ist aber, dass es vor Ort um- wie alle!
gesetzt wird, und nicht, dass wir im Haushalt Mittel vor-
sehen, die später nicht genutzt werden. Vielen Dank.

Noch einmal: Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
mehr tun müssen, dass wir auch öffentlich mehr Wer-
bung machen müssen. In dieser Woche habe ich ein Ge- Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
spräch geführt, das mich davon überzeugt hat. Es ist Das Wort hat nun Silvia Schmidt für die SPD-Frak-
nachgewiesen, dass mit dem Persönlichen Budget die tion.
betroffenen Menschen glücklicher sind und der Staat
einsparen kann. Das wird deutlich, wenn man den (Beifall bei der SPD)
Aspekt der Integration in den Arbeitsmarkt mit einem
möglichen Dauerarbeitsplatz berücksichtigt.
Silvia Schmidt (Eisleben) (SPD):
Noch wichtiger ist für meine Begriffe, gerade für die Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten
Betroffenen, die zum Teil Ängste haben, aus ihrem ge- Damen und Herren! Vor allen Dingen: Liebe Mitstreiter
schützten Bereich herauszugehen, dass wir die Durchläs- auf der Tribüne, schön, dass ihr da seid und die Debatte
sigkeit des Systems stärker leben. Das heißt, wenn die heute mitverfolgen könnt.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17349
Silvia Schmidt (Eisleben)
(A) (Beifall bei der SPD und der LINKEN sowie kann. Ich kann mich einfach in den Zug setzen, ein Roll- (C)
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE stuhlfahrer kann das nicht so einfach. Er muss sich an-
GRÜNEN) melden und warten, und wenn er Glück hat, kommt er
dran und darf mit der Bahn fahren. Das würde uns allen
Sehr verehrter Herr Gysi, diese Gesellschaft muss auf
missfallen.
Menschen mit Behinderungen vorbereitet werden. Das ist
richtig; ich gebe Ihnen grundsätzlich recht. Aber an einer Ich bitte um noch eines. Sehr verehrte Frau Ministe-
Stelle haben Sie nicht recht: Schon die Große Koalition, rin, Sie sagten, dass es schon Inklusionskonzepte bei den
also auch Olaf Scholz, hat gesagt, dass ein Nationaler jeweiligen Wohlfahrtseinrichtungen gibt. Ich bitte, die
Aktionsplan entstehen muss. Das war auch so festge- Betroffenen dabei mitzunehmen. Die Betroffenen sind
schrieben. – Gestatten Sie mir bitte noch eine Anmer- die Experten in eigener Sache. Wir haben damals ge-
kung. Sie sagten, dass Sie in einer Werkstatt für Behin- meinsam das Motto geprägt: nichts über uns ohne uns. –
derte waren, die dort Entgelt bekommen, und das sei Das ist eine ganz wichtige Feststellung, und das sollten
doof. Ja, darüber kann man streiten. wir nicht aus dem Auge verlieren. Die Betroffenen müs-
sen verstärkt einbezogen werden.
(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Nein!
Dass es angerechnet wird!) (Beifall bei der SPD)
– Ja, aber ich spreche jetzt über das Wort „doof“. – Ich Das hat die SPD-Bundestagsfraktion gemacht. Wir
würde mich freuen, wenn das Wort „doof“ auch bei einer haben über Monate hinweg ein Positionspapier mit Men-
Finanzdiskussion fallen würde. schen mit Behinderung erarbeitet.
(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Da (Gabriele Hiller-Ohm [SPD]: Vorbildhaft!)
wäre es auch angebracht!)
Ich möchte mich ganz herzlich bedanken bei ForseA,
Frau Molitor, Treppensteiger zum Beispiel werden Weibernetz, bei den Verbänden von psychisch kranken
nach einem Urteil nicht mehr von den Krankenkassen fi- Menschen, beim Gehörlosen-Bund, beim Blinden- und
nanziert. Das verhindert Teilhabe am gesellschaftlichen Sehbehindertenverband, bei „Gemeinsam leben – Ge-
Leben. Das ist ein Rückschritt; das müssen wir festhal- meinsam lernen“, beim Studentenwerk, bei Gewerkschaf-
ten. Das Gesundheitsministerium hat ganz lapidar auf ten, Wissenschaftlern, beim Landkreis, bei der Lebens-
eine entsprechende Anfrage geantwortet, da müsse man hilfe. Wir haben an einem Tisch gesessen, haben
noch einmal nachfragen bzw. das sei nicht so. Die Men- monatelang diskutiert und gemeinsam ein Positionspapier
schen hängen tatsächlich in der Luft und können nicht entwickelt. Aus diesem Positionspapier ist der heutige
mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Antrag entstanden. Das war für uns selbstverständlich.
(B) Das war der Geist des SGB IX, das wir gemeinsam, alle, (D)
Sehr verehrte Frau Ministerin, wir alle möchten diese
die wir hier sitzen, damals beschlossen haben. So muss es
inklusive Welt noch erleben; sie soll nicht erst eines Ta-
auch weitergetragen werden.
ges Realität sein.
(Beifall bei der SPD – Markus Kurth [BÜND-
(Maria Michalk [CDU/CSU]: Die haben wir doch
NIS 90/DIE GRÜNEN]: Das waren nur ein
schon! Das ist ein Prozess!)
bisschen viel Prüfaufträge!)
Hierbei geht es um ein Menschenrecht für uns alle. Wir
Gestatten Sie mir, noch etwas zu sagen – ich habe nicht
alle profitieren davon. Ich muss Ihnen ganz ehrlich sa-
mehr viel Zeit – zur Reform der Eingliederungshilfe bzw.
gen: Die Aussage über die freie Arztwahl stimmt nicht.
generell zur Eingliederungshilfe. Es ist schon angedeutet
Zum Beispiel in Berlin sind 86 Prozent der Arztpraxen
worden: Ob ich Akademiker bin oder in einer Werkstatt
nicht barrierefrei. Daher gibt es hier keine freie Arzt-
beschäftigt bin, wenn ich Leistungen zur Teilhabe brauche
wahl. Wenn man sich in einer Einrichtung befindet, zum
– Assistenz oder was auch immer –, muss ich zum Sozial-
Beispiel in einem Pflegeheim, hat man einen Heimarzt.
amt gehen, und dann werde ich automatisch zum Sozial-
Auch das ist keine freie Arztwahl.
hilfeempfänger. Ein Mensch geht aufgrund seiner Behin-
In den Werkstätten passiert nichts; das ist ein Problem. derung zum Sozialamt und wird aufgrund seiner
Wir als SPD-Bundestagsfraktion haben zur Werkstatträ- Behinderung – das muss man sich bitte vorstellen – zum
tekonferenz eingeladen. Es gibt ein Positionspapier der Sozialhilfeempfänger und hat keine Chance mehr, aus
Werkstatträte. Sie wollen mehr Mitbestimmung in den dieser Situation herauszukommen. Ich halte das für men-
Werkstätten. Das ist ein wichtiger Schritt. Wir müssen die schenverachtend. Hier muss sehr schnell etwas getan wer-
Mitwirkungsverordnung für Werkstätten ändern. den.
(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Dr. Ilja (Beifall bei der SPD sowie der Abg. Dr. Ilja
Seifert [DIE LINKE]) Seifert [DIE LINKE] und Markus Kurth
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Die Bahn tut schon einiges; das ist richtig. Sie ist hier
einen Schritt weiter. Aber wenn man in einem Rollstuhl Vielleicht noch eine Anmerkung: Die Vermögens-
sitzt oder wenn man blind oder gehörlos ist, dann kann bzw. Einkommensprüfung, die stattfindet, bringt im Jahr
man nur sagen: „Gute Nacht, Marie!“, wenn man sich al- ungefähr 12 Millionen Euro – ForseA hat dazu ein Pa-
leine auf einem Bahnhof befindet; denn sie sind nicht pier herausgegeben –; dem stehen 500 Millionen Euro
überall barrierefrei. Ein Rollstuhlfahrer muss erst einmal Verwaltungskosten gegenüber. So viel Unsinn können
telefonieren, bevor er überhaupt eine Reise antreten wir nun wirklich nicht gebrauchen. Vor allen Dingen:
17350 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Silvia Schmidt (Eisleben)


(A) Welche Belastung das für Menschen mit Behinderung Viele Inhalte der Konvention haben wir schon durch (C)
bedeutet, das wissen wir doch alle hier. Das heißt, diese Einzelgesetze geregelt. Dazu gehören das Behinderten-
Prüfung gilt es so schnell wie möglich auszusetzen. gleichstellungsgesetz, das Allgemeine Gleichbehand-
Auch das steht nicht in Ihrem Aktionsplan. lungsgesetz und das Neunte Buch Sozialgesetzbuch, das
SGB IX. Das Benachteiligungsverbot wird durch Art. 3
(Beifall bei der SPD) des Grundgesetzes umfassend garantiert. Positiv hervor-
Markus Kurth hat vorhin die Studie über Frauen mit heben möchte ich, dass der von der Bundesregierung
Behinderung aufgegriffen, die sexuell missbraucht oder vorgelegte Nationale Aktionsplan die Behindertenfrage
generell Gewalt ausgesetzt werden. Bitte lassen Sie uns zu einer Menschenrechtsfrage gemacht hat und Deutsch-
nicht wieder in die Vergangenheit reisen. Es findet in land hier eine Vorreiterrolle spielt.
den Institutionen, also in den Einrichtungen und in den
Werkstätten, statt. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

(Markus Kurth [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Der Nationale Aktionsplan macht deutlich, dass die
Nicht nur! In der Familie leider auch!) Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und
die damit verbundene Behindertenpolitik in Deutschland
Ich fordere Sie auf: Nehmen Sie Geld in die Hand, und als Querschnittsaufgabe begriffen werden. Behinderten
sagen Sie, dass Frauenbeauftragte in die Einrichtungen Menschen und den sie vertretenden Organisationen wer-
gehören, damit nicht wieder so etwas passiert, was wir den dadurch in allen Politikfeldern Mitwirkungsmöglich-
jetzt sehr schwer und sehr langsam aufarbeiten! Wir ha- keiten eröffnet, und in unserer Gesellschaft etabliert sich
ben das 2008 gemeinsam auf den Weg gebracht. Unter- mehr und mehr eine Kultur der Nichtdiskriminierung zu-
stützen Sie diese Frauen! Ich bitte Sie darum. gunsten behinderter Menschen. Besonders erfreulich ist,
Vielen Dank. dass sich bereits viele Organisationen aus dem Bereich
der Zivilgesellschaft mit der UN-Behindertenrechtskon-
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des vention identifizieren und sich im Rahmen des Nationa-
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) len Aktionsplans engagiert haben. Die bundesweiten Ent-
wicklungen geben Hoffnung auf einen noch besseren
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: Weg in eine inklusive Gesellschaft. Sie verdeutlichen ei-
Das Wort hat nun Heinz Golombeck für die FDP- nen aktiven Bewusstseinswandel in Politik und Gesell-
Fraktion. schaft.
(Beifall bei der FDP) Unser Ziel ist es, diesen Aktionsplan kontinuierlich
(B) auf den Prüfstand zu stellen und entsprechend neuere Er- (D)
Heinz Golombeck (FDP): kenntnisse weiterzuentwickeln. Dazu brauchen wir ei-
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten nen ständigen Dialog mit denjenigen, die Behinderungen
Kolleginnen und Kollegen! Die UN-Behindertenrechts- aufweisen, um herauszufinden, wo Teilhabe noch nicht
konvention gilt als Meilenstein und politischer Impuls- funktioniert.
geber für Menschen mit Behinderung nicht nur bei uns Nicht nur Deutschland startet die Umsetzung der UN-
in Deutschland, auch in der internationalen Politik. Dis- Behindertenrechtskonvention. Das Europäische Parla-
kriminierung von Menschen mit Behinderungen in allen ment hat gerade letzte Woche die „Europäische Strategie
Lebensbereichen wird durch die Konvention verboten. zugunsten von Menschen mit Behinderungen
Bürgerliche, politische, wirtschaftliche und soziale Men- 2010–2020“ beschlossen. Wir begrüßen die Ratifizie-
schenrechte werden garantiert. Dadurch können Men- rung der UN-Behindertenrechtskonvention auf europäi-
schen mit Behinderung in ihrer Andersartigkeit als scher Ebene. Die Aktionslinien lassen sich mit den Arti-
gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft geachtet keln der UN-Behindertenrechtskonvention weitgehend
und als Teil der menschlichen Vielfalt akzeptiert werden. in Einklang bringen. Ziel ist ein wirklich barrierefreies
(Beifall bei der FDP sowie der Abg. Maria Europa für Menschen mit Behinderungen im Jahr 2020.
Michalk [CDU/CSU]) Die Strategie zeigt auf, was vonseiten der EU und ihrer
Mitgliedstaaten zu tun ist, damit Menschen mit Behinde-
Im Zentrum steht dabei das Ziel, die gleichberechtigte rungen ihre Rechte uneingeschränkt wahrnehmen kön-
Chance zur gesellschaftlichen Teilhabe in allen Lebens- nen.
phasen zu verwirklichen – angefangen vom gemeinsa-
men Besuch des Kindergartens, der Schule bis zur In der EU leben über 80 Millionen Menschen mit Be-
Schaffung von Arbeitsplätzen, auf denen Menschen mit hinderungen. Mehr als jeder Dritte der über 75-Jährigen
und ohne Behinderungen gemeinsam arbeiten. hat ein körperliches Handicap, das ihn in seinem Alltag
beeinträchtigt. Folge des demografischen Wandels ist
Die Konvention verlangt von allen Vertragsstaaten
eine immer älter werdende Gesellschaft. Es ist also da-
und auf allen Ebenen, die in ihr verankerten Rechte plan-
von auszugehen, dass der Anteil von Bürgerinnen und
mäßig in der Politik zu verfolgen. Neben dem Bund sind
Bürgern mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen stei-
also auch Länder und Kommunen zu einer erkennbaren
gen wird. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ge-
Umsetzung der Konvention aufgefordert.
staltet sich dann umso schwieriger. Wir unterstützen da-
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten her das Vorhaben der EU-Kommission, die auf eine
der CDU/CSU) europaweite Räumung der bestehenden Barrieren zielt
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17351
Heinz Golombeck
(A) und die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: (C)
ganz Europa stärken möchte. Das Wort hat nun Ilja Seifert für die Fraktion Die
Linke.
Umfassende Barrierefreiheit ist Grundvoraussetzung
für die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Be- (Beifall bei der LINKEN)
hinderungen am gesellschaftlichen Leben; denn der All-
tag von Menschen mit Behinderungen ist voller Heraus- Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE):
forderungen und Tücken. Eine U-Bahn-Haltestelle ist Herr Präsident! Meine lieben Kolleginnen und Kolle-
für einen Rollstuhlfahrer ohne Aufzug kaum erreichbar. gen! Meine Damen und Herren! Heute wäre eigentlich
Baustellen sind ohne fremde Hilfe schwer zu überbrü- die Stunde für eine Regierungserklärung der Bundes-
cken. Das Wohnen zu Hause bereitet Schwierigkeiten. kanzlerin gewesen.
Menschen mit Behinderungen haben kaum Chancen auf
dem Arbeitsmarkt. (Beifall bei der LINKEN)
In Planung sind ganz konkrete Maßnahmen wie die Anscheinend passen Menschen mit Behinderung aber
Verbesserung der Anerkennung von Behindertenauswei- nicht unter Ihre komischen Rettungsschirme. Da gehö-
sen, und zwar EU-weit. ren sie aber hin.
(Dr. Ilja Seifert [DIE LINKE]: Ja! Dafür habt (Dr. Peter Tauber [CDU/CSU]: Ach,
ihr unseren Gesetzentwurf!) unmöglich!)
Durch die Verleihung eines europäischen Preises für gut – Lassen Sie mich doch erst einmal weiterreden. – Die
zugängliche Städte oder durch eine gezielte Berücksich- Kanzlerin hat ja nicht einmal zur Kenntnis genommen, dass
tigung bei der Vergabe öffentlicher Aufträge und der Ge- am vergangenen Wochenende viele Menschen, die Opfer
währung staatlicher Beihilfen soll die Öffentlichkeit für des Conterganskandals geworden sind, um „5 vor 12“ vor
Behinderungen und behindertengerechte Einrichtungen ihrem Kanzleramt standen und dort eine Petition überge-
sensibilisiert werden. Dienstleistungsangebote und Ge- ben wollten, damit ihnen endlich ein würdevolles Leben
räte für Behinderte sollen EU-weit verbessert werden. ermöglicht wird. Aber: Fehlanzeige!
Diese europäische Strategie ergänzt und unterstützt die Der Geist der UN-Behindertenrechtskonvention,
Maßnahmen der Mitgliedstaaten und bestätigt unsere nämlich die Betroffenen ernst zu nehmen und zu beteili-
Behindertenpolitik. gen, ist in dieser Regierung nicht angekommen. Liebe
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten Frau von der Leyen, das muss ich Ihnen auch sagen:
der CDU/CSU) Fehlanzeige! Warum haben Sie denn nicht einmal den
(B) sogenannten Nationalen Aktionsplan dem Parlament als (D)
Wir sind aufgerufen, im Rahmen dieser Strategie zu- Unterrichtung zugeleitet, damit wir uns hier einmal ge-
sammenzuarbeiten, um ein barrierefreies Europa für alle meinsam darüber unterhalten und damit befassen kön-
zu schaffen. Insgesamt müssen wir dabei gewährleisten, nen? Über hundert Unterrichtungen gibt es von der Re-
dass Vorgaben von der EU-Ebene in den Kommunen vor gierung, diese aber nicht.
Ort umgesetzt werden.
Frau von der Leyen, Sie sagen jetzt: Inklusion ist das
Ich denke, wir sind auf einem guten Weg, Menschen Schlüsselwort. – Wenn dem so sein sollte: Warum über-
mit Behinderung wie allen anderen Menschen auch ein nehmen Sie dann nicht die Schattenübersetzung und er-
freies und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Ne- klären sie zur offiziellen Übersetzung? In Ihrer offiziel-
ben Gesetzen, Strategien und Aktionsplänen ist auch der len Übersetzung kommt das Wort „Inklusion“ nämlich
Zusammenhalt in unserer Gesellschaft sehr wichtig. Wir gar nicht vor. Sie haben sogar dagegen gekämpft, als wir
benötigen die innere Einstellung, dass Vielfalt zu unserer es aufgenommen haben wollten.
Gesellschaft gehört und jeden bereichert.
Diese Regierung hat überhaupt nicht begriffen, wo-
rum es geht und dass es alle betrifft. Wo ist denn von
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Herrn Ramsauer, von Herrn Schäuble und von Herrn
Kollege, Sie müssen bitte zum Schluss kommen.
Rösler das Konjunkturprogramm „Deutschland barriere-
frei“ zur Beseitigung bestehender Barrieren? Es gibt den
Heinz Golombeck (FDP): Vorschlag, hierfür ein Konjunkturprogramm zu machen.
Ich komme zum Schluss. – Ich glaube, dass Inklusion Das ist Wirtschaftsförderung! Zehn Jahre lang jedes Jahr
nur gelingen kann, wenn jeder seinen Beitrag dazu leis- mindestens 1 Milliarde Euro nur zur Beseitigung beste-
tet, hender Barrieren im Baubereich, das wäre Wirtschafts-
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten förderung vor Ort.
der CDU/CSU) (Beifall bei der LINKEN)
angefangen mit den kleinen Dingen im Alltag, wie mehr Ihre Kollegin Frau Schröder sagte auf die Frage, wo
Zuwendung und Aufmerksamkeit gegenüber den Men- in ihrem Ressort überhaupt Geld für die Umsetzung der
schen mit Behinderung. UN-Behindertenrechtskonvention eingestellt ist: Das ist
bei uns nicht ressortiert, das macht alles Frau von der
Vielen Dank.
Leyen, ich bin nicht zuständig. – Das Bundesministe-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) rium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist nicht
17352 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Dr. Ilja Seifert


(A) zuständig für die Umsetzung der UN-Behindertenrechts- (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord- (C)
konvention?! Wo wohnen wir denn überhaupt? neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Herr Bahr hat hier heute über die Verbesserung im
Gesundheitswesen geredet. Wo ist denn das Konzept,
mit Geld unterlegt, zur Schaffung barrierefreier Arztpra- Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
xen? Das Wort hat nun Paul Lehrieder für die CDU/CSU-
Fraktion.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE (Beifall bei der CDU/CSU)
GRÜNEN)
Paul Lehrieder (CDU/CSU):
Wir können ja gerne über zahnärztliche Behandlungen
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen!
reden. Wie kommt ein Rollstuhlfahrer überhaupt auf den
Liebe Kollegen! Mit dem Nationalen Aktionsplan, den
Stuhl? Hier haben wir wirklich noch viel zu tun.
die Bundesregierung im Juni dieses Jahres auf den Weg
Frau Schavan, wo ist denn die behindertenpolitische gebracht hat, sorgen wir für eine umfassende Umsetzung
Kompetenz bei zukünftigen Lehrerinnen und Lehrern, der UN-Behindertenrechtskonvention. Frau Ministerin
bei Architekten, bei Ingenieuren? von der Leyen hat in ihrer Rede bereits darauf hingewie-
sen, dass immerhin circa 200 Einzelmaßnahmen bereits
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN und jetzt enthalten sind. Es ist ein lernendes und sich fortent-
der SPD) wickelndes System. Natürlich wird das eine oder andere
noch ergänzt und fortgeschrieben werden können. Das
Wieso gibt es denn da kein Curriculum, keine Pflicht, muss uns natürlich klar sein: Es ist ein Thema, das die
das zu lernen? Gesellschaft dauerhaft – über die nächsten Jahre und
In Karlsruhe wird demnächst der letzte Lehrstuhl für Jahrzehnte – beschäftigen wird.
hörbehinderte Menschen aufgelöst und nicht wieder neu (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
besetzt. Was hat das mit Inklusion und mit Umsetzung neten der FDP – Gitta Connemann [CDU/
der UN-Konvention zu tun? CSU]: Das ist auch gut so!)
Sie von der FDP: Wo ist denn von Ihren Ministern Mit dem Nationalen Aktionsplan gehen wir einen
Westerwelle und Niebel das Programm zur Einbezie- großen und entscheidenden Schritt auf dem Weg zu einer
hung von Menschen mit Behinderung in jegliche Aktivi- inklusiven Gesellschaft voran – einige Vorredner haben
(B) täten in Bezug auf Entwicklungszusammenarbeit? bereits darauf hingewiesen – und regen einen Prozess an, (D)
der in den kommenden zehn Jahren das Leben von rund
Wir fordern mit dem Antrag, den wir eingereicht ha- 9,6 Millionen Menschen mit Behinderung in Deutsch-
ben, einen einkommens- und vermögensunabhängigen land maßgeblich verbessern und beeinflussen wird.
Ausgleich behinderungsbedingter Nachteile durch ein
Teilhabesicherungsgesetz. Es liegt mir sehr am Herzen, Menschen mit Behinde-
rung eine gleichberechtigte und selbstbestimmte Teil-
(Beifall bei der LINKEN) habe mitten in der Gesellschaft zu ermöglichen. Wir ha-
Da kann man den betroffenen Organisationen – ForseA, ben zwar bereits viel erreicht, aber wir sind noch längst
dem Forum behinderter Juristinnen und Juristen, dem All- nicht am Ziel angelangt. Bei der Entwicklung des Ak-
gemeinen Behindertenverband in Deutschland usw. – dan- tionsplans war es wichtig, die gesamte Zivilgesellschaft
ken, dass dafür schon seit Wochen, seit Monaten und zum einzubinden. Es wurden Wünsche und Visionen von
Teil seit Jahren Konzepte vorliegen. Sie greifen die nicht Menschen mit Behinderung, ihren Angehörigen und ih-
auf; wir bringen sie ins Parlament, damit etwas passieren ren Verbänden berücksichtigt. Schließlich sollte der Plan
kann. gerade keine Auflistung über wünschenswerte Verände-
rungsvorschläge und Lebensrealitäten werden, sondern
(Beifall bei der LINKEN) ein Aktionsplan, der den Alltag für Behinderte in
Deutschland nachhaltig und bewusst verändern und in
Die Anträge der SPD unterstützen wir. Das passt zu- der Praxis umgesetzt und gelebt werden soll.
sammen. Als ihr noch die Denkschrift unterschrieben
habt, habt ihr eine ganz andere Position vertreten. Inso- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
fern ist durchaus ein Fortschritt erkennbar. Gitta Connemann [CDU/CSU]: Genau so ist
es!)
Frau von der Leyen, Sie machen eine große Kampa-
gne, die „Behindern ist heilbar“ heißt. Einverstanden! Es freut mich sehr, dass ich bereits wenige Monate
Fangen wir doch bei der Regierung an! Falls Sie einen nach Inkrafttreten von ersten Erfolgen berichten kann.
Therapeuten brauchen sollten, stelle ich mich zur Verfü- Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat mit
gung. Dann würden wir die UN-Konvention zum Regie- der Deutschen Bahn AG vereinbart, die 50-Kilometer-
rungsprogramm machen. Das wäre eine gute Tat für Regelung nach § 147 Abs. 1 SGB IX für schwerbehin-
Deutschland. derte Menschen bereits zum 1. September 2011 aufzuhe-
ben. Damit wird für schwerbehinderte bzw. schwer
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. kriegsbeschädigte Reisende durchgängig eine bundes-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17353
Paul Lehrieder
(A) weite kostenfreie Nutzung der Nahverkehrszüge der DB mir schlichtweg die Augen geöffnet, was wir einfach (C)
Regio AG gewährleistet. übersehen haben, weil das für uns kein Hindernis ist.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Es ist gut, rechtzeitig, vielleicht sogar vor der Pla-
Gitta Connemann [CDU/CSU]: Ein großer Er- nung, stärker die Personen mit Handicap einzubeziehen,
folg! – Anette Kramme [SPD]: Wenn sie denn um solche Fehler oder Nachbesserungen zu vermeiden.
in den Zug reinkommen!) Wir konnten alles nachbessern. Wir konnten Hochbord-
Gehsteige absenken und das Ganze mit einer Rampe be-
Wenn Kollege Seifert gerade eben unseren Verkehrs- hindertengerecht ausgestalten. Aber Sie haben recht ge-
minister Peter Ramsauer angesprochen und ausgeführt habt, Herr Dr. Gysi: Wenn man rechtzeitig hinschaut,
hat, der Nationale Aktionsplan müsste auch im Bereich kann man manches erleichtern. Dazu kommt: Wenn man
Verkehr fortentwickelt werden, so möchte ich ausdrück- das rechtzeitig macht, kostet das relativ wenig Geld.
lich darauf hinweisen, dass wir derzeit mit der Bahn AG
und dem Verkehrsministerium den Umbau einer Vielzahl (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
von Bahnhöfen mit Bundesmitteln forcieren und för- neten der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE
dern, um eine behindertengerechte Ausgestaltung von GRÜNEN)
Bahnanlagen zu ermöglichen.
Erste Berührung mit dem Thema und umfassende In-
Auch in meinem Wahlkreis in Würzburg ist ein Bahn- formation dazu schaffen die Basis, um Toleranz zu ent-
hof, der noch längst nicht behindertengerecht ist und von wickeln und schließlich im nächsten Schritt eine inklu-
dem ich hoffe, dass bis 2018 ein Rollstuhlfahrer oder sive Gesellschaft zu erreichen. Es reicht nicht, Menschen
eine Mutter mit Kinderwagen den Bahnsteig ohne nur zu akzeptieren, sondern sie müssen auch eingebun-
fremde Hilfe erreichen kann. den werden, sowohl im öffentlichen als auch im privaten
Bereich.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der FDP – Gitta Connemann [CDU/ Es ist erschreckend, dass laut der Antidiskriminie-
CSU]: Genau so ist es!) rungsstelle des Bundes Behinderung mit 25 Prozent der
meistgenannte Diskriminierungsgrund ist. Bei Mehr-
Nehmen Sie das als Beispiel, Herr Kollege Seifert, fachdiskriminierungen werden die Kombination Behin-
dafür, dass diese Querschnittsaufgabe in vielen Ministe- derung und Alter mit 17 Prozent sowie Behinderung und
rien angekommen ist und dass in vielen Facetten und mit Geschlecht mit 7 Prozent am häufigsten genannt. Dies
vielen Puzzlesteinen bereits jetzt an einer inklusiven Ge- gilt sowohl für den öffentlichen als auch für den privaten
sellschaft gearbeitet wird. Bereich.
(Dr. Ilja Seifert [DIE LINKE]: Wo denn im Ich möchte an dieser Stelle das C im Namen unserer
(B) Haushalt?) (D)
Fraktion hervorheben.
Die Kampagne „Behindern ist heilbar“, die über zahl- (Elke Ferner [SPD]: Oh je!)
reiche Medien derzeit zu sehen ist, kommt Art. 8 der
Konvention nach, ein gesamtgesellschaftliche Bewusst- Die zentrale Botschaft vieler Weltreligionen, nicht nur
sein für dieses Thema zu schaffen. Sie alle werden das der christlichen, ist es, nach dem Prinzip der Nächsten-
Bild kennen, auf dem ein in 2,30 Meter Höhe angebrach- liebe zu leben. Nur so kann ein gleichberechtigtes Zu-
ter Geldautomat von niemandem zu erreichen ist, weder sammenleben innerhalb eines Völkerbundes und darüber
von dem Behinderten, dem Kleinwüchsigen, noch von hinaus erreicht werden. Deshalb öffnet der Nationale
den normal Gewachsenen. Da ist Behinderung für alle Aktionsplan mit folgender Vision eine Zukunftsgesell-
bemerkbar. Der erste Schritt muss sein, Aufmerksamkeit schaft: Menschen akzeptieren Menschen so, wie sie sind. –
zu erzeugen, Menschen für das Thema Behinderung und Mit der Umsetzung des Nationalen Aktionsplans sind
für alles, was damit zusammenhängt, zu sensibilisieren. wir hier auf dem besten Weg.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) Die Bertelsmann-Stiftung veröffentlichte Ende letzten
Jahres eine Studie zur Inklusion, in welcher insbeson-
Lieber Herr Kollege Gysi, ich habe noch nicht vieles
dere Handlungsbedarf an den Schulen festgestellt wurde.
von dem, was Sie hier an diesem Mikrofon von sich ge-
Die inklusive Bildung der Kinder endet laut Studie nach
geben haben, unterschreiben können, aber heute haben
der Kita. Während in der Kindertageseinrichtung noch
Sie in vielen Punkten recht gehabt.
60 Prozent der Kinder mit Förderbedarf gemeinsam mit
(Beifall bei der LINKEN) anderen spielen und lernen, sind es in der Grundschule
gerade noch 34 Prozent. Beim Übergang in die weiter-
Herr Gysi, Sie haben am Beispiel des Kollegen Seifert führende Schule müssen dann viele Kinder aus Mangel
ausgeführt, dass wir schlichtweg oft nicht an die Belange an inklusiven Bildungsangeboten an eine Förderschule
behinderter Menschen denken. Ich habe selber ein Déjà- wechseln. Mit dem Nationalen Aktionsplan wird
vu-Erlebnis gehabt, ähnlich wie Sie bei Ihren Organisa- Schulen die Möglichkeit gegeben, ihre Arbeit und ihre
tionen: Ich habe als junger Bürgermeister die Gestaltung Angebote individuell auf die Bedürfnisse der Kinder zu-
eines Parkplatzes im Innerortsbereich in Gaukönigsho- zuschneiden. Förderschulen dürfen keine Abschiebe-
fen vorgenommen: Es handelte sich um eine Böschung schulen sein.
mit einer dreistufigen Treppe. Ich bin am Schluss, nach
dieser Baumaßnahme, mit einem Rollstuhlfahrer, der Wir werden über die Finanzierung der Schulbegleiter
durch einen Unfall an den Rollstuhl gebunden war, die diskutieren. Mit den Kommunen werden wir uns zusam-
Strecke abgefahren. Er hat mich darauf hingewiesen und mensetzen und regeln, wer welche Aufgabe in diesem
17354 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Paul Lehrieder
(A) Bereich schultern kann und schultern muss. Hier wird in Es muss das Bewusstsein gestärkt werden – Sie haben (C)
Zukunft mehr Geld erforderlich sein. Da brauchen wir recht, Herr Kurth –, dass in den 8,7 Millionen Menschen
uns gar nichts vorzumachen. mit Behinderung – das sind mehr als 10 Prozent aller
Bürgerinnen und Bürger unseres Landes – ein gewalti-
Es gilt aber auch, physische Barrieren abzubauen, wie ges Potenzial schlummert. Wir brauchen diese Men-
beispielsweise der vorhin bereits angesprochene nicht schen: Wir brauchen sie im Hinblick auf den demografi-
abgesenkte Bordstein, fehlende Aufzüge in öffentlichen schen Wandel; wir brauchen sie im Hinblick auf den
Gebäuden, fehlende Lichtanlagen für hörbehinderte Fachkräftemangel; wir brauchen sie aber auch als Men-
Menschen, fehlende Lautsignale für sehbehinderte Men- schen unter uns.
schen. Ein weiteres Thema wird die Elektromobilität
sein. Hier wird eine zusätzliche akustische Wahrneh- Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
mung für Menschen mit Handicap erforderlich sein:
Wenn ein Elektroauto sehr viel leiser als ein Benziner (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
ist, ist die Sorge der Betroffenen, dass sie das Fahrzeug
überhören können. Wir müssen uns überlegen, wie wir Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
diese Fahrzeuge entsprechend ausstatten können. Das Wort hat nun Ulla Schmidt für die SPD-Fraktion.
Es geht aber auch um jene Barrieren, die in den Köp- (Beifall bei der SPD)
fen sitzen und die Integration und Berührungen mit
Menschen mit Behinderung verhindern. Ulla Schmidt (Aachen) (SPD):
Umfassende Barrierefreiheit ist ein zentrales Element Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
im Nationalen Aktionsplan und auch wesentlicher Inhalt Meine sehr geehrten Damen und Herren! Die Umset-
des Art. 9 der UN-Behindertenrechtskonvention. Die so- zung der UN-Behindertenrechtskonvention ist eine
ziale Wohnraumförderung unterstützt als eine Maß- große Chance für unser Land. Denn in ihrer auf Inklu-
nahme im Nationalen Aktionsplan, die ich beispielhaft sion ausgerichteten Konzeption ist sie ein Angebot an
herausgreifen möchte, sowohl Mietwohnraum als auch alle, unabhängig von ihren Fähigkeiten oder Beeinträch-
die Bildung von selbst genutztem Wohneigentum. So tigungen und unabhängig von ihrer sozialen, ethnischen
können insbesondere für Menschen mit Behinderung oder kulturellen Herkunft gleichberechtigt an Ausbil-
barrierefreie Wohnungen und die barrierefreie Moderni- dung, am Berufsleben, an der gesellschaftlichen Ent-
sierung von Altbauten gefördert werden. wicklung und am politischen Leben teilhaben zu kön-
nen.
Darüber hinaus werden Beratungs- und Informations-
Darin steckt die große Chance, mit der Umsetzung
(B) angebote über die behindertengerechte Gestaltung von (D)
Wohnraum und Umbauten ausgebaut und weiterentwi- der UN-Behindertenrechtskonvention einen neuen Ge-
ckelt. Es ist wichtig, dass sich diese nicht nur auf bauli- sellschaftsvertrag auf den Weg zu bringen und damit
che Vorhaben bezieht, sondern auch auf barrierefreie auch neue Impulse für mehr Gleichheit und für mehr
Kommunikation, barrierefreies Film- und Fernsehange- Wahrung der sozialen Chancen des Einzelnen zu setzen.
bot und barrierefreies Internet. Auch hier sind wir bereits (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
aktiv. Die Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung, DIE GRÜNEN)
BITV 2.0, soll gewährleisten, dass öffentlich zugängliche
Internetdienste und Angebote der Bundesverwaltung von Frau Ministerin, der Schlüssel zu dem, was getan
Menschen mit Behinderung uneingeschränkt genutzt werden muss, findet sich in der Präambel der Behinder-
werden können. tenrechtskonvention. Ich zitiere daraus, weil ich bei Ihrer
Rede nicht sicher war, ob Sie das so gelesen haben.
Meine Damen und Herren, selbstverständlich wäre es
wünschenswert, alle Punkte der umfangreichen UN-Be- (Maria Michalk [CDU/CSU]: Also nein! Das
hindertenrechtskonvention sofort komplett umzusetzen. ist eine Unverschämtheit!)
Es ist aber wichtig, die Umsetzung als Prozess zu sehen.
Darin heißt es – Zitat –,
Nur so kann sie wirkungsvoll sein und auch nachhaltig
in den Köpfen stattfinden. dass alle Menschenrechte und Grundfreiheiten all-
gemein gültig und unteilbar sind, einander bedin-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) gen und miteinander verknüpft sind und dass Men-
Wir können beispielsweise von einem mittelständi- schen mit Behinderungen der volle Genuss dieser
schen Unternehmen nicht fordern, von heute auf morgen Rechte und Freiheiten ohne Diskriminierung garan-
sein komplettes Gebäude mit automatischen Türen aus- tiert werden muss …
zustatten und eine feste Anzahl von Menschen mit Be- Ich betone das Wörtchen „garantiert“. „Garantiert“ heißt
hinderung einzustellen. Dieser Zwang würde sicherlich nicht, dass Sie sich hier hinstellen und sagen: Jeder ist
nicht zur Integration der Mitarbeiter führen, sondern gefordert;
wäre in vielen Bereichen wohl kontraproduktiv.
(Maria Michalk [CDU/CSU]: Das stimmt ja
(Markus Kurth [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- auch!)
NEN]: Es würde aber schon reichen, wenn es
ein betriebliches Eingliederungsmanagement Forderungen an die Regierung reichen nicht. Bringen
gibt!) Sie doch einmal Ihre Vorschläge ein!
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17355
Ulla Schmidt (Aachen)
(A) (Maria Michalk [CDU/CSU]: Sie waren auch möglich ist? All das sind die Dinge, die wir auf den Weg (C)
mal zuständig!) bringen müssen.
– Wir haben auch vieles gemacht, liebe Frau Michalk. Ich muss sagen: Es gibt Dinge, die kosten gar nichts.
Garantie heißt: Das ist Ihre Verantwortung! In einer (Elke Ferner [SPD]: Genau!)
Demokratie und einem Rechtsstaat ist die Exekutive da-
für verantwortlich, dass die Einzelrechte umgesetzt und Man glaubt es nicht, aber es gibt in unserem Land noch
die Rechtsansprüche der Menschen verwirklicht werden Menschen, die eine Oper oder ein Theater nicht besu-
können. chen können, weil sie dorthin den Blindenhund nicht
mitnehmen dürfen. Das muss sofort verboten werden!
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
LINKEN) DIE GRÜNEN)

Deswegen wundert es mich nicht, dass der Aktionsplan Denn uns zwingt auch niemand, unsere Augen an der
heute nicht zur Debatte steht. Wir brauchen nicht mehr Tür abzugeben, aber wir zwingen die Blinden, ihren
darüber zu reden, was wir denn noch alles prüfen sollten Blindenhund abzugeben.
oder tun könnten. Es geht vielmehr darum, in einem
Ich möchte noch zwei Punkte nennen, die wichtig
nachvollziehbaren, transparenten Plan darzulegen: Was
sind und bei denen Sie auch eine Verantwortung haben:
sind die nächsten Schritte, die wir angehen? Wie sieht
Der erste betrifft den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff,
unser Zeithorizont aus? Wie verbindlich setzen wir die
bei dem Sie in der letzten Legislaturperiode verhindert
Rechte von Menschen mit Behinderungen in diesem
haben, dass die Beschlüsse dazu weiter gefasst wurden.
Lande endlich um? Um nichts anderes geht es.
(Elke Ferner [SPD]: Genau!)
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der Menschen mit Behinderung sagen mir: Es ist nicht
LINKEN) schlimm, blind zu sein; darauf kann man sich einstellen.
Schlimm ist es, blind zu sein, alt zu werden und dadurch
Und deswegen: Wir haben in unserem Antrag eine
andere Behinderungen mit dazuzubekommen. Damit
Reihe von ganz konkreten Vorstellungen dargelegt. Über
kommen wir nicht mehr zurecht. – Da wäre der neue
die können wir diskutieren; denn sie heben darauf ab,
Pflegebedürftigkeitsbegriff genau der richtige Ansatz zu
dass die Behindertenrechtskonvention zwar auf die
sagen, wie wir damit eigentlich umgehen wollen.
Rechte von Behinderten fokussiert ist, aber in dem Zu-
(B) sammenhang noch mehr verwirklicht werden kann. Sie (D)
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
bietet die Chance, dass wir nicht nur die Barrierefreiheit DIE GRÜNEN)
umsetzen, wenn es um behinderte Menschen geht – das
müssen wir –; vielmehr bedeutet das auch Barrierefrei- Das Zweite ist die Regelbedarfsstufe 3. Sie haben die
heit für Familien mit Kindern, Barrierefreiheit für die Mittel in diesem Bereich einfach um 20 Prozent gekürzt.
Arbeitswelt und Barrierefreiheit für ältere Menschen. „Behindern ist heilbar!“, diesen Satz kann man auf schö-
Wir sollten jetzt damit anfangen; denn wir müssen in den nen Plakaten überall sehen. Dass Sie aber einem Men-
nächsten zehn Jahren die grundlegenden Voraussetzun- schen, der dauerhaft erwerbsunfähig ist, der entweder
gen dafür schaffen, wie wir mit dem veränderten Alters- alt, behindert oder krank ist – sonst wäre er als junger
aufbau in unserer Gesellschaft umgehen wollen. Mensch nicht dauerhaft erwerbsunfähig –, sagen: „Wenn
du aufgrund deiner mangelnden Fähigkeit, allein zu le-
Deshalb geht es jetzt darum, wie verbindlich und wie ben, in der Wohnung und im Haushalt deiner Eltern
schnell wir die Dinge regeln können. Wir müssen uns lebst, dann wirst du behandelt wie ein Ehepartner!“, das
gemeinsam als Ziel setzen, durch diese Aktionen und verstößt gegen die Würde von erwachsenen Menschen,
unser Handeln darauf hinzuwirken, dass auch in den
Köpfen der Menschen die Barrieren überwunden wer- (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
den. Dazu gibt es eine ganze Menge, das man schnell DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
machen kann. LINKEN)
Ihre Kolleginnen und Kollegen weisen doch nichts die auch dann, wenn sie in der Wohnung ihrer Eltern le-
Konkretes – auch nicht in den Anträgen, die wir heute ben müssen, ein Recht darauf haben, dass sie ihre eigene
diskutieren – zum Kulturbereich auf. Warum können Identität haben und ihr eigenes Leben leben können. Sie
nicht alle Fördermittel, die von der öffentlichen Hand brauchen dann vielleicht einen eigenen Fernsehapparat
gezahlt werden, nur dann zur Verfügung gestellt werden, oder einen eigenen Kühlschrank. Von Ehepartnern kann
wenn Barrierefreiheit garantiert wird? man vielleicht verlangen, dass sie Tisch und Bett teilen,
aber nicht von erwachsenen Menschen, die mit ihren El-
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ tern im gleichen Haushalt leben.
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
LINKEN) Vielen Dank.
Warum gibt es Filmförderung nicht nur noch dann, wenn (Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
untertitelt wird, oder nur dann, wenn Audiodeskription BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
17356 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

(A) Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: Landkreis, in euren Landkreisen, bayernweit, bundesweit (C)
Das Wort hat nun Marlene Mortler für die CDU/CSU- das Thema Inklusion doch von großer Bedeutung – jeden
Fraktion. Tag, jede Woche.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich selber stehe hier, um über den Antrag der SPD-
Marlene Mortler (CDU/CSU): Fraktion „Tag des Barrierefreien Tourismus auf der ITB
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine lieben Kollegin- unterstützen“ zu reden. Ich sage hier als Tourismuspoli-
nen und Kollegen! Wer diese Debatte von Anfang an mit tikerin ganz klar: Unser Motto ist „Teilhabe für alle, bar-
verfolgt hat – ich war wirklich von Beginn an mit rierefreier Tourismus für alle“.
dabei –, der muss den Eindruck gewinnen, wir, die wir
Regierungsverantwortung haben, würden beim Thema (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
Inklusion bzw. UN-Behindertenrechtskonvention bei der FDP Gitta Connemann [CDU/CSU]: Ganz
null anfangen. Er muss außerdem den Eindruck bekom- richtig!)
men Dazu fordern wir ständig auf, und genau darauf zielt ja
(Elke Ferner [SPD]: Sie fangen nicht bei null auch Ihr Antrag ab. Als Tourismuspolitikerin sage ich
an, aber Sie haben null getan! – Markus Kurth ebenfalls ganz deutlich: Wir unterstützen die Forderung,
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Berühmt ist im Rahmen der ITB, der Internationalen Tourismus-
das nicht!) Börse, einen Tag des barrierefreien Tourismus einzurich-
ten.
– Moment! –, als ob wir in der Regierung alles verhin-
dern würden. (Hans-Joachim Hacker [SPD]: Sehr gut, Frau
Mortler!)
Liebe Frau Schmidt, hätten Sie doch in Ihrer Regie-
rungszeit so laut geschrien und gehandelt, Aber wir fordern nicht, dass ein solcher Tag ab sofort
eine Dauereinrichtung wird, sondern wir erwarten, dass
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Elke das Ganze zunächst einmal bewertet wird.
Ferner [SPD]: Haben wir!)
(Hans-Joachim Hacker [SPD]: Dann können Sie
wie Sie das gerade hier getan haben! unserem Antrag auch zustimmen!)
(Ulla Schmidt [Aachen] [SPD]: Das können Das hat eindeutige Hintergründe. Gleichzeitig gibt es
Sie doch gar keinem draußen erklären! Wir ha- eine Aktion der NatKo, der Nationalen Koordinierungs-
(B) ben!) stelle Tourismus für Alle. Diese Koordinierungsstelle (D)
macht übrigens sehr gute Arbeit. Sie hat im Rahmen der
– Ich kann das deshalb erklären, weil ich schon den Ein-
ITB ein Projekt gestartet und mittlerweile konzeptionell
druck gewonnen habe, dass sich aufseiten der Opposi-
fertiggestellt. Erst danach, also im Nachhinein, ist sie an
tion einige zum ersten Mal überhaupt mit diesem Thema
das BMWi herangetreten und hat gefragt, ob sie Geld da-
beschäftigt und versucht haben,
für erhalten kann. Das ist zwar legitim, aber da hier
(Ulla Schmidt [Aachen] [SPD]: Nicht bei heute ständig so viel Offenheit und Transparenz einge-
uns!) fordert werden, würde ich mir schon wünschen, dass Ak-
teure wie die NatKo die Regierung im Vorhinein einbin-
alle Register zu ziehen, die es gibt – und das ist unfair. den, damit sie weiß, worüber sie zu entscheiden und was
(Elke Ferner [SPD]: Sie reden den größten sie im Falle des Falles zu finanzieren hätte.
politischen Müll!) (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Ich weiß, wovon ich rede; denn mein Zwillingsbruder
und ich haben mit dreieinhalb Jahren – jetzt werde ich Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
leiser – Kinderlähmung bekommen. Wir sind schwer er- Frau Kollegin, gestatten Sie eine Zwischenfrage der
krankt. Damals gab es keine Pflichtimpfung. Ich hatte Kollegin Kramme?
Glück. Man sieht mir diese Behinderung heute nicht
mehr an. Mein Bruder hingegen leidet bis heute. Für
mich war ab diesem Zeitpunkt, 1958, klar: Ich habe zu Marlene Mortler (CDU/CSU):
helfen. Ich habe zu unterstützen, in der Schule, im Be- Ja, bitte.
rufsleben, wo auch immer. Ich sehe dieses Thema seit
dieser Zeit grundsätzlich mit anderen Augen. Anette Kramme (SPD):
(Gitta Connemann [CDU/CSU]: Genau das ist Vielen Dank, Frau Mortler. – Sie haben gesagt, Sie
der Punkt!) hätten ein behindertes Familienmitglied. Ich denke, in
diesem Fall müssten Sie in besonderer Weise nachvoll-
Meine Eltern – die anderen Kinder durften mit dem ziehen können, welche Probleme dies mit sich bringt.
Bus in die Schule fahren – haben uns jeden Tag ohne Un- Ich bin in einer ähnlichen Situation: Auch ich habe bzw.
terstützung des Staates vom Dorf in die Schule – sie war hatte drei schwerstbehinderte Familienmitglieder. Meine
eine Ortschaft weiter – gefahren; das war ganz selbstver- Frage geht dahin: Was tun Sie konkret in Richtung des
ständlich. Wenn wir ehrlich sind: Heute ist in meinem barrierefreien Tourismus?
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17357
Anette Kramme
(A) Ich mache es einmal an einem einfachen Beispiel fest: vorübergehend Behinderte, dauerhaft Behinderte. Dies (C)
Mein Vater ist Rollstuhlfahrer. Wir waren in einem Hotel alles sind Zielgruppen und Menschen, die entsprechende
in der Pfalz, und dieses Hotel war als barrierefrei ausge- Angebote brauchen.
wiesen. Wir kamen dorthin: ein wunderbares Hotelzim-
Am 8. Februar werden wir – übrigens auf meine An-
mer, tatsächlich barrierefrei. Wir gingen hinüber in den
regung hin – einschlägige Experten zum Thema „Barrie-
eigentlichen Hotelkomplex und versuchten, zu Abend zu
refreier Tourismus“ öffentlich anhören.
essen. Dort gab es leider drei Stufen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
Was machen Sie in Sachen Siegel? Was machen Sie, Anette Kramme [SPD]: Das hat es schon gege-
damit Menschen sich bei den vorhandenen Einrichtun- ben!
gen tatsächlich darauf verlassen können? Ich weiß, dass
Menschen mit Behinderung nur mit großer Angst und – Sie sagen: „Das hat es schon gegeben.“ Das ist eine
Sorge verreisen. – Erste Frage. tolle Antwort! Aber weil es das schon gegeben hat, sage
ich doch nicht: Das braucht es nicht mehr zu geben.
Eine zweite Frage in diese Richtung: Was geben Sie
mit dem Aktionsplan tatsächlich an Geldern frei, um (Elke Ferner [SPD]: Das ist doch kein Erkenntnis-,
Barrierefreiheit in der Bundesrepublik Deutschland zu sondern ein Umsetzungsdefizit!)
erreichen? Ich kann nämlich Ihre Auffassung nicht tei-
Es geht um einen permanenten Prozess.
len, dass die Situation in der Bundesrepublik Deutsch-
land befriedigend ist. Sie wissen es selber: Ganz gleich, (Anette Kramme [SPD]: Wie viel Geld geben
wohin ich komme, ganz gleich, ob ich in eine Metzgerei Sie konkret?)
gehen will, ob ich einen Arzt aufsuche, ob ich in die
Kneipe will, ob ich ins Restaurant will – ich stoße auf Zum einen ist es ein Umsetzungsproblem; wir sind aber
Barrieren. Ich denke, es geht um einen erheblichen nicht bereit, irgendwelche Gesetze zu stricken und damit
finanziellen Einsatz. Zwang auszuüben. Vielmehr sagen wir: Auch die Privat-
wirtschaft, die Tourismusbranche, muss die Chance ha-
Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir diese beiden ben, die Dinge in die Hand zu nehmen.
Fragen beantworten könnten.
(Anette Kramme [SPD]: 95 Jahre!)

Marlene Mortler (CDU/CSU): Qualitätstourismus im Bereich Barrierefreiheit ist unser


Ziel, liebe Frau Kollegin Kramme.
Der Tourismusausschuss ist ein Querschnittsaus-
schuss, und ein Querschnittsausschuss bearbeitet viele (Anette Kramme [SPD]: Wie viele der großen
(B) Themen bzw. hat viele Schnittstellen. Das heißt, unter Anbieter machen barrierefreie Angebote au- (D)
dem Strich ist nicht nur unser Ausschuss gefordert, nicht ßerhalb von Spezialreisen?)
nur die Bundesregierung ist gefordert, sondern alle sind
gefordert, so wie es die Ministerin gerade gesagt hat. – Wir sollten uns nicht ständig schlechter reden, als wir
sind, liebe Frau Kollegin Kramme.
Die Frage lautete: Was tun Sie konkret? Erstens. Be-
(Beifall bei der CDU/CSU)
wusstsein schaffen. Diesbezüglich ist jeder von uns ge-
fordert. Zweitens hat das Bundeswirtschaftsministerium Ich komme zum Schluss: Wir als CDU/CSU-Bundes-
Studien dazu gemacht und große Veranstaltungen durch- tagsfraktion setzen im Deutschland-Tourismus auf das
geführt, um das Bewusstsein zu vertiefen. Drittens ist Qualitätsmerkmal Barrierefreiheit. Denn uns ist voll-
bereits im Oktober ein Projekt angelaufen, in dem es da- kommen bewusst, dass dies die Grundvoraussetzung für
rum geht: Wir brauchen in Zukunft eine einheitliche selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe und am
Kennzeichnung, damit der behinderte Mensch sofort er- Ende auch ein Gewinn für alle ist. Meine Damen und
kennen kann, ob er an einen bestimmten Ort kommt oder Herren, sorgen wir also alle dafür, dass Barrierefreiheit
nicht. Das steht für mich an erster Stelle. Wir wollen in nicht nur anlässlich des Internationalen Tags der Men-
diesem Projekt die Leistungsträger qualifizieren. Wir schen mit Behinderung am Samstag oder im Rahmen der
wollen quasi Schulungsmaßnahmen durchführen. In die- Internationalen Tourismus-Börse in Berlin, sondern
sem Projekt werden wir auch eine Internetplattform er- ständig, nämlich jeden Tag, im Fokus der Öffentlichkeit
richten, auf der der gehandicapte Mensch barrierefreie ist!
Angebote bzw. Dienstleistungen gebündelt finden kann.
Ich glaube, ich habe deutlich gemacht: Aus persön-
Das sind doch alles tolle Wege und Beispiele. Wir tun licher Erfahrung, aber auch aus Überzeugung muss und
immer so, als ob jetzt alles und auf einmal umgesetzt werde ich meinen Beitrag weiterhin dazu leisten.
werden müsste. Bei allem Respekt: Wenn wir ehrlich
Danke schön.
sind, ist dies immer mit einem bestimmten Geldbetrag
verbunden. Auf der anderen Seite gibt es auch Unterneh- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
mer, Reiseveranstalter, die bewusst für sich dieses
Thema entdeckt und gesagt haben: Ich springe in diese Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Lücke; die Anzahl der Menschen mit Behinderung wird
Das Wort hat nun Gabriele Hiller-Ohm für die SPD-
größer – Stichwort „demografischer Wandel“. Frau Ulla
Fraktion.
Schmidt hat die Vielfalt von Behinderungen selber ange-
sprochen: Familie mit Kindern, mit Kinderwagen, (Beifall bei der SPD)
17358 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

(A) Gabriele Hiller-Ohm (SPD): drittens ein Programm für barrierefreie Gaststätten und (C)
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Hotels, viertens ein bundesweites, qualitätsgeprüftes Gü-
Liebe Frau Mortler, wie sieht es tatsächlich mit Barriere- tesiegel „Barrierefreier Tourismus für alle“.
freiheit im Tourismus aus? Auch dazu verpflichtet uns
(Beifall bei der SPD)
die UN-Behindertenrechtskonvention. Ich habe in mei-
nem Wahlkreis mit behinderten Menschen gesprochen Wir müssen alle Zuständigen an einen Tisch holen
und sie gefragt: Wie macht ihr Urlaub? Ich muss Ihnen und für Barrierefreiheit begeistern. Ein tolles Signal
sagen: Es war erschreckend, was ich da erfahren habe. wäre hier ein „Tag des barrierefreien Tourismus“ auf der
Noch immer gibt es viel zu wenig Reiseangebote. Nur Internationalen Tourismus-Börse, der ITB. Frau Mortler
ein winziger Bruchteil der Hotels und Gaststätten ist in hat dies angesprochen.
Deutschland, in unserem Reiseland Nummer eins, tat-
sächlich barrierefrei. Oft scheitert der Urlaub aber schon (Beifall bei der SPD)
an der Anreise. Gehörlose und blinde Menschen haben
immer noch große Schwierigkeiten, sich auf unseren Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Bahnhöfen zurechtzufinden. Herr Lehrieder, kostenfreie
Frau Kollegin, gestatten Sie eine Zwischenfrage des
Beförderung nützt gar nichts, wenn die Menschen über-
Kollegen Fricke? Das würde Ihre Redezeit verlängern,
haupt nicht in die Züge hineinkommen.
die gerade zu Ende gegangen ist. – Bitte schön.
(Beifall bei der SPD)
Für Rollstuhlfahrer sind Busse, Züge und vor allem Otto Fricke (FDP):
Flugzeuge in der Regel entweder gar nicht oder nur mit Frau Kollegin Hiller-Ohm, ich habe erstens vernom-
ganz großen Schwierigkeiten zu nutzen. Das müssen wir men, dass nach Ihrer Meinung der Bund hier mehr tun
ändern; denn das ist beschämend. sollte. Zweitens habe ich Ihre Punkte vernommen.
(Beifall bei der SPD) Ich bin ja nur ein schlicht gestrickter Haushälter, der
dann nach Zahlen fragt. Deshalb würde ich erstens gerne
8 Millionen Menschen sind betroffen. Das entspricht wissen: Wie viele Millionen oder Milliarden Euro fehlen
der Einwohnerzahl von New York oder der achtfachen Ihrer Meinung nach, die der Bund mehr einsetzen
Einwohnerzahl von Köln. Diese Menschen haben ein müsste? Zweitens würde ich gerne wissen: Welche An-
Recht, zu reisen und Urlaub zu machen, wie alle anderen träge dieser Art haben Sie im Haushaltsverfahren ge-
Menschen auch. stellt?
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten (Gitta Connemann [CDU/CSU]: Keinen einzi-
(B) (D)
der LINKEN) gen! Keinen einzigen!)
Die Tourismuswirtschaft scheint dieses Potenzial über-
haupt noch nicht für sich entdeckt zu haben. Wie sonst Gabriele Hiller-Ohm (SPD):
lassen sich die bestehenden Mängel erklären? 5 Milliar- Lieber Herr Kollege, wir müssen gemeinsam fest-
den Euro zusätzlicher Umsatz wären möglich. 90 000 legen, welche Schritte getan werden sollen. Das ist
Vollzeitarbeitsplätze – das entspricht fast der Einwoh- schon mehrfach gesagt worden.
nerzahl einer Großstadt – könnten geschaffen werden.
Für uns alle wären weniger Hindernisse hilfreich. (Gitta Connemann [CDU/CSU]: Jetzt rudern
Sie gerade zurück!)
Was tut die Bundesregierung für barrierefreien Tou-
rismus? Ich habe in Ihren Nationalen Aktionsplan ge- Es gibt einen Aktionsplan, das ist richtig. Dieser Plan
schaut und gelesen, dass erst einmal die Länder, Städte setzt aber keine Prioritäten, was zuerst abgearbeitet wer-
und Gemeinden zuständig sind. Einfacher geht es wohl den soll. Das vermisse ich seitens der Bundesregierung.
nicht.
(Beifall bei der SPD)
(Beifall bei der SPD)
Diese Schritte müssen natürlich im Haushalt verortet
Die Regierung schiebt den Schwarzen Peter den Län- werden. Das ist zunächst einmal Ihre Zuständigkeit. Wir
dern, Städten und Gemeinden zu. Die sollen etwas tun. haben unsere Forderungen auf den Tisch gelegt. Sie aber
Liebe Kolleginnen und Kollegen von der CDU/CSU und sind an der Regierung; Sie müssen handeln.
der FDP, liebe Bundesregierung, ich fordere Barriere-
freiheit in Ihren Köpfen. Es gibt doch auch auf Bundes- (Gitta Connemann [CDU/CSU]: Haben Sie ei-
ebene nun wirklich genug Baustellen, an die wir heran- nen Antrag gestellt? – Gegenruf der Abg.
müssen. Anette Kramme [SPD]: Frau Connemann, bei
Ihnen Anträge zu stellen, ist sowieso sinnlos!)
(Beifall bei der SPD – Otto Fricke [FDP]: Soll
der Bund das bezahlen?) Sie müssen die Prioritäten aufzeigen, wie Sie den
Aktionsplan, den Sie auf den Weg gebracht haben, ab-
Unsere Vorschläge für barrierefreies Reisen liegen arbeiten wollen. Das vermisse ich. Das passiert bei Ihnen
seit langem auf dem Tisch. Wir wollen erstens einen um- leider nicht.
fassenden Masterplan, zweitens Barrierefreiheit im
Schienenfernverkehr inklusive Umbau aller Bahnhöfe, (Beifall bei der SPD)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17359

(A) Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: Da gibt es einfach noch zu viele Schwachstellen. Da (C)
Frau Kollegin, es gibt noch einen Wunsch nach einer müssen wir weiterarbeiten, und da haben Sie auch un-
Zwischenfrage, und zwar vom Kollegen Scheuer. sere Unterstützung.
(Beifall bei der SPD)
Gabriele Hiller-Ohm (SPD):
Das ist ja enorm, was hier alles gefragt wird. Ich komme zurück zum „Tag des barrierefreien Tou-
rismus“ auf der ITB.
(Heiterkeit bei der SPD)
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Dr. Andreas Scheuer (CDU/CSU): Aber vor allem müssen Sie zum Schluss kommen,
Frau Kollegin, wollen Sie bitte akzeptieren und es liebe Kollegin.
näher ausführen, dass die Bundesregierung seit Jahren
für den barrierefreien Ausbau der Bahnhöfe einen drei- Gabriele Hiller-Ohm (SPD):
stelligen Millionenbetrag zur Verfügung stellt und dabei Ja, ich komme zum Schluss. – Es wäre toll, wenn wir
zusammen mit den Behindertenverbänden aussucht, für dieses Projekt Ihre Unterstützung hätten. Ich fordere
welche Bahnhöfe realisiert werden? Herrn Minister Rösler, der leider nicht da ist, und Frau
(Markus Kurth [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Ministerin von der Leyen auf: Unterstützen Sie dieses
NEN]: Das tun sie gerade nicht!) tolle Leuchtturmprojekt! Das wäre eine echte Aktion für
Ihren bisher recht schlappen Nationalen Aktionsplan.
Wollen Sie bitte zur Kenntnis nehmen, dass gerade
diese christlich-liberale Koalition dem Einzelplan 12 des Liebe Kolleginnen und Kollegen, –
Bundesverkehrsministeriums zusätzlich für die Bundes-
schienenwege noch einmal 100 Millionen Euro bereitge- Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
stellt hat, um die Bahnhöfe sauberer, sicherer und schö- Aber Frau Kollegin!
ner zu gestalten, aber vor allem auch, um das Thema der
Barrierefreiheit in dieses Programm zu stellen? Gabriele Hiller-Ohm (SPD):
(Markus Kurth [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- – es gibt eine ganz einfache Erfolgsformel: Barriere-
NEN]: Das dauert noch Jahrzehnte, bis die freiheit ist für 10 Prozent der Bevölkerung unentbehr-
Bahnhöfe barrierefrei sind!) lich, für 40 Prozent hilfreich und für 100 Prozent kom-
fortabel. Wir wollen 100 Prozent.
Welche Aktivitäten und Unterstützungen haben wir
(B) dafür in den letzten Wochen von Ihrer Fraktion bekom- Danke schön. (D)
men? (Beifall bei der SPD)
(Beifall bei der CDU/CSU)
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Gabriele Hiller-Ohm (SPD): Ich schließe die Aussprache.
Herr Kollege, es ist richtig, dass es das Programm zur Interfraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf
Umgestaltung der Bahnhöfe für mehr Barrierefreiheit den Drucksachen 17/7942, 17/6586, 17/7872, 17/7889,
gibt. Das gilt aber nur für die großen Bahnhöfe. Die klei- 17/7951 und 17/7827 an die in der Tagesordnung aufge-
neren sind davon gar nicht erfasst. führten Ausschüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit ein-
verstanden? – Das ist der Fall. Dann sind die Überwei-
(Widerspruch bei der CDU/CSU)
sungen so beschlossen.
Auch in meinem Wahlkreis wurde der Bahnhof ent- Ich rufe den Tagesordnungspunkt 39 a bis g sowie
sprechend umgebaut. Ich musste aber leider feststellen, den Zusatzpunkt 2 a bis d auf:
dass die Standards, die von der Bahn gesetzt werden,
nicht dem entsprechen, was Menschen mit Behinderun- 39 a) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gen brauchen. gebrachten Entwurfs eines Gesetzes über die
geodätischen Referenzsysteme, -netze und geo-
(Beifall bei der SPD) topographischen Referenzdaten des Bundes
So sind zum Beispiel die Fahrkartenautomaten für Roll- (Bundesgeoreferenzdatengesetz – BGeoRG)
stuhlfahrer überhaupt nicht benutzbar. Es gibt aber – Drucksache 17/7375 –
angeblich keine Fahrkartenautomaten anderer Art, die
Überweisungsvorschlag:
für Rollstuhlfahrer unterfahrbar wären. Das ist eine Innenausschuss (f)
Schwachstelle. Da muss nachgearbeitet werden. Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
(Anette Kramme [SPD]: Züge, die ungeeignet b) Erste Beratung des von der Bundesregierung
sind!) eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Än-
derung des Düngegesetzes, des Saatgutver-
Ich gebe Ihnen insofern recht, als dass es das Pro-
kehrsgesetzes und des Lebensmittel- und Fut-
gramm gibt. Das Programm allein reicht aber noch nicht
termittelgesetzbuches
aus. Es muss mehr getan werden, damit die Menschen
reisen können, damit sie die Bahnhöfe benutzen können. – Drucksache 17/7744 –
17360 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse


(A) Überweisungsvorschlag: weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜND- (C)
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und NIS 90/DIE GRÜNEN
Verbraucherschutz (f)
Rechtsausschuss Schlechte Treibhausgasbilanz von Kraftstof-
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit fen aus Teersanden bei der Umsetzung der
Kraftstoffqualitätsrichtlinie berücksichtigen
c) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Pro- – Drucksache 17/7956 –
tokoll vom 17. Mai 2011 zur Änderung des Überweisungsvorschlag:
Abkommens vom 3. Mai 2006 zwischen der Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (f)
Bundesrepublik Deutschland und der Repu- Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
blik Slowenien zur Vermeidung der Doppelbe- Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
steuerung auf dem Gebiet der Steuern vom
Einkommen und vom Vermögen ZP 2a) Erste Beratung des von den Abgeordneten
Dr. Anton Hofreiter, Bettina Herlitzius, Stephan
– Drucksache 17/7917 – Kühn, weiteren Abgeordneten und der Fraktion
Überweisungsvorschlag:
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN eingebrachten Ent-
Finanzausschuss wurfs eines Gesetzes zur Bedarfsfestlegung des
Baus oder Ausbaus von Bundesfernstraßen
d) Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Petra
– Drucksache 17/7885 –
Sitte, Herbert Behrens, Agnes Alpers, weiterer
Überweisungsvorschlag:
Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (f)
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Die Ergebnisse öffentlicher Forschung für alle Haushaltsausschuss
zugänglich machen – Open Access in der Wis-
senschaft unterstützen b) Erste Beratung des von den Abgeordneten
Rüdiger Veit, Gabriele Fograscher, Petra
– Drucksache 17/7864 – Ernstberger, weiteren Abgeordneten und der
Fraktion der SPD eingebrachten Entwurfs eines
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Bildung, Forschung und Gesetzes zur Schaffung einer aufenthaltsrecht-
Technikfolgenabschätzung (f) lichen Bleiberechtsregelung
Innenausschuss
Rechtsausschuss – Drucksache 17/7933 –
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie Überweisungsvorschlag:
(B) Innenausschuss (f)
(D)
Ausschuss für Kultur und Medien
Rechtsausschuss
e) Beratung des Antrags der Fraktionen der CDU/ Ausschuss für Arbeit und Soziales
CSU und FDP Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
c) Beratung des Antrags der Abgeordneten
Neue Impulse für die Sportbootschifffahrt Dr. Wilhelm Priesmeier, Willi Brase, Petra
– Drucksache 17/7937 – Crone, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
der SPD
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (f) Klassische Schweinepest zeitgemäß bekämp-
Sportausschuss fen – Impfen statt Töten
Rechtsausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie – Drucksache 17/7958 –
Ausschuss für Tourismus Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
f) Beratung des Antrags der Abgeordneten Martin Verbraucherschutz
Gerster, Sabine Bätzing-Lichtenthäler, Petra
d) Beratung des Antrags der Abgeordneten Willi
Ernstberger, weiterer Abgeordneter und der Frak- Brase, Klaus Barthel, Dr. Ernst Dieter Rossmann,
tion der SPD weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD
Förderung eines offenen Umgangs mit Homo- Gleichwertigkeit von Berufsbildung und Abi-
sexualität im Sport tur sichern
– Drucksache 17/7955 – – Drucksache 17/7957 –
Überweisungsvorschlag:
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Sportausschuss (f)
Technikfolgenabschätzung (f)
Innenausschuss
Ausschuss für Arbeit und Soziales
Rechtsausschuss Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Verteidigungsausschuss Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Haushaltsausschuss
g) Beratung des Antrags der Abgeordneten Oliver Es handelt sich um Überweisungen im vereinfach-
Krischer, Dr. Valerie Wilms, Hans-Josef Fell, ten Verfahren ohne Debatte.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17361
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse
(A) Interfraktionell wird vorgeschlagen, die Vorlagen an ben und den Präsidenten zu bitten, Professor Dr. Frank (C)
die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse zu Schorkopf als Prozessbevollmächtigten zu bestellen.
überweisen. Sind Sie damit einverstanden? – Das ist of- Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Enthaltun-
fensichtlich der Fall. Dann sind die Überweisungen so gen? – Die Beschlussempfehlung ist mit den Stimmen
beschlossen. der beiden Koalitionsfraktionen und der SPD bei Enthal-
tung von Linken und Grünen angenommen.
Wir kommen zum Tagesordnungspunkt 40 a, 40 c bis
k, dem Zusatzpunkt 3 sowie dem Tagesordnungs- Tagesordnungspunkt 40 d:
punkt 17 a bis d. Es handelt sich um die Beschlussfas-
sung zu Vorlagen, zu denen keine Aussprache vorgese- Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
hen ist. ausschusses (2. Ausschuss)

Zunächst rufe ich Tagesordnungspunkt 40 a auf: Sammelübersicht 346 zu Petitionen

Zweite und dritte Beratung des von den Fraktio- – Drucksache 17/7876 –
nen der CDU/CSU und FDP eingebrachten Ent- Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Enthal-
wurfs eines Zweiten Gesetzes zur Neuregelung tungen? – Die Sammelübersicht 346 ist einstimmig an-
energiewirtschaftsrechtlicher Vorschriften genommen.
– Drucksache 17/7632 – Tagesordnungspunkt 40 e:
Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschus- Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
ses für Wirtschaft und Technologie (9. Aus- ausschusses (2. Ausschuss)
schuss)
Sammelübersicht 347 zu Petitionen
– Drucksache 17/7984 –
– Drucksache 17/7877 –
Berichterstattung:
Abgeordneter Thomas Bareiß Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Enthal-
tungen? – Die Sammelübersicht 347 ist mit den Stimmen
Der Ausschuss für Wirtschaft und Technologie emp- von CDU/CSU, FDP und SPD gegen die Stimmen der
fiehlt in seiner Beschlussempfehlung auf Drucksache Linken bei Enthaltung der Grünen angenommen.
17/7984, den Gesetzentwurf auf Drucksache 17/7632 in
der Ausschussfassung anzunehmen. Ich bitte diejenigen, Tagesordnungspunkt 40 f:
die dem Gesetzentwurf in der Ausschussfassung zustim-
Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
men wollen, um das Handzeichen. – Wer stimmt dage-
(B) ausschusses (2. Ausschuss) (D)
gen? – Enthaltungen? – Der Gesetzentwurf ist damit in
zweiter Beratung mit den Stimmen der beiden Koali- Sammelübersicht 348 zu Petitionen
tionsfraktionen und der Grünen gegen die Stimmen der
Linken bei Enthaltung der SPD angenommen. – Drucksache 17/7878 –

Wir kommen zur Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Enthal-
tungen? – Die Sammelübersicht 348 ist einstimmig an-
dritten Beratung genommen.
und Schlussabstimmung. Ich bitte diejenigen, die dem Tagesordnungspunkt 40 g:
Gesetzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben. –
Wer stimmt dagegen? – Enthaltungen? – Der Gesetzent- Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
wurf ist mit den gleichen Mehrheitsverhältnissen wie zu- ausschusses (2. Ausschuss)
vor angenommen. Sammelübersicht 349 zu Petitionen
Wir kommen zur Abstimmung über den Entschließungs- – Drucksache 17/7879 –
antrag der Fraktion der SPD auf Drucksache 17/7989. Wer
stimmt für diesen Entschließungsantrag? – Wer stimmt Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Enthal-
dagegen? – Enthaltungen? – Der Entschließungsantrag tungen? – Die Sammelübersicht 349 ist mit den Stimmen
ist mit den Stimmen der beiden Koalitionsfraktionen ge- von CDU/CSU, SPD, FDP und Grünen gegen die Stim-
gen die Stimmen der SPD bei Enthaltung von Linken men der Linken angenommen.
und Grünen abgelehnt. Tagesordnungspunkt 40 h:
Tagesordnungspunkt 40 c: Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
Beratung der Beschlussempfehlung des Rechts- ausschusses (2. Ausschuss)
ausschusses (6. Ausschuss) Sammelübersicht 350 zu Petitionen
zu dem Streitverfahren vor dem Bundesver-
– Drucksache 17/7880 –
fassungsgericht 2 BvE 1/11
Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Enthal-
– Drucksache 17/7986 –
tungen? – Die Sammelübersicht 350 ist mit den Stimmen
Der Rechtsausschuss empfiehlt in seiner Beschluss- von CDU/CSU, SPD und FDP gegen die Stimmen von
empfehlung, im Verfahren eine Stellungnahme abzuge- Linken und Grünen angenommen.
17362 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse


(A) Tagesordnungspunkt 40 i: rer Abgeordneter und der Fraktion BÜND- (C)
NIS 90/DIE GRÜNEN
Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
ausschusses (2. Ausschuss) Blockade beim Bodenschutz aufgeben – EU-
Bodenschutzrahmenrichtlinien voranbrin-
Sammelübersicht 351 zu Petitionen gen
– Drucksache 17/7881 – – Drucksachen 17/7024, 17/3855, 17/7503 –
Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Enthal- Berichterstattung:
tungen? – Die Sammelübersicht 351 ist mit den Stimmen Abgeordnete Ulrich Petzold
von CDU/CSU, FDP und Linken gegen die Stimmen Ute Vogt
von SPD und Grünen angenommen. Judith Skudelny
Eva Bulling-Schröter
Tagesordnungspunkt 40 j: Dorothea Steiner
Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions- Der Ausschuss empfiehlt unter Buchstabe a seiner
ausschusses (2. Ausschuss) Beschlussempfehlung die Ablehnung des Antrags der
Sammelübersicht 352 zu Petitionen Fraktion Die Linke auf Drucksache 17/7024 zu dem Vor-
schlag der Europäischen Kommission für eine Richtlinie
– Drucksache 17/7882 – des Europäischen Parlaments und des Rates zur Schaf-
fung eines Ordnungsrahmens für den Bodenschutz und
Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Enthal- zur Änderung der Richtlinie 2004/35/EG mit dem Titel
tungen? – Die Sammelübersicht 352 ist mit den Stimmen „Bodenschutz europaweit stärken“. Wer stimmt für diese
von CDU/CSU, FDP und Grünen gegen die Stimmen Beschlussempfehlung? – Wer stimmt dagegen? – Ent-
von SPD und Linken angenommen. haltungen? – Die Beschlussempfehlung ist mit den Stim-
Tagesordnungspunkt 40 k: men der beiden Koalitionsfraktionen gegen die Stimmen
der drei Oppositionsfraktionen angenommen.
Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
ausschusses (2. Ausschuss) Unter Buchstabe b seiner Beschlussempfehlung emp-
fiehlt der Ausschuss die Ablehnung des Antrags der Frak-
Sammelübersicht 353 zu Petitionen tion Bündnis 90/Die Grünen auf Drucksache 17/3855 mit
dem Titel „Blockade beim Bodenschutz aufgeben – EU-
– Drucksache 17/7883 – Bodenschutzrahmenrichtlinien voranbringen“. Wer stimmt
(B)
Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Enthal- für diese Beschlussempfehlung? – Wer stimmt dagegen? – (D)
tungen? – Die Sammelübersicht 353 ist mit den Stimmen Enthaltungen? – Die Beschlussempfehlung ist mit den
der beiden Koalitionsfraktionen gegen die Stimmen der Stimmen der Koalitionsfraktionen gegen die Stimmen
drei Oppositionsfraktionen angenommen. der Oppositionsfraktionen angenommen.
Tagesordnungspunkt 17 a:
Zusatzpunkt 3:
Beratung des Antrags der Abgeordneten
Beratung der Beschlussempfehlung und des Be- Dr. Hermann E. Ott, Bärbel Höhn, Hans-Josef
richts des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz Fell, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
und Reaktorsicherheit (16. Ausschuss) BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
– zu dem Antrag der Abgeordneten Eva Bulling- Klimakonferenz Durban: 10 Punkte für ein
Schröter, Ralph Lenkert, Sabine Stüber, weite- besseres Klima
rer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE
– Drucksache 17/7828 –
zu dem Vorschlag der Europäischen Kom-
mission für eine Richtlinie des Europäischen Wer stimmt für diesen Antrag? – Wer stimmt dage-
Parlaments und des Rates zur Schaffung ei- gen? – Enthaltungen? – Der Antrag ist mit den Stimmen
nes Ordnungsrahmens für den Bodenschutz der beiden Koalitionsfraktionen gegen die Stimmen von
und zur Änderung der Richtlinie 2004/35/EG SPD und Grünen bei Enthaltung der Linken abgelehnt.
(KOM [2006] 232 endg.; Ratsdok. 1388/06) Tagesordnungspunkt 17 b:
hier: Stellungnahme des Deutschen Bundes- Beratung des Antrags der Abgeordneten Andreas
tages gemäß Artikel 23 Absatz 3 des Grund- Jung (Konstanz), Marie-Luise Dött, Peter
gesetzes i. V. m. § 9 Absatz 4 des Gesetzes Altmaier, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
über die Zusammenarbeit von Bundesregie- der CDU/CSU sowie der Abgeordneten Michael
rung und Deutschem Bundestag in Angele- Kauch, Horst Meierhofer, Angelika Brunkhorst,
genheiten der Europäischen Union weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP
Bodenschutz europaweit stärken Die UN-Klimakonferenz in Durban – Ver-
trauen schaffen, konkrete Ergebnisse erzielen
– zu dem Antrag der Abgeordneten Dorothea
Steiner, Cornelia Behm, Ulrike Höfken, weite- – Drucksache 17/7936 –
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17363
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse
(A) Wer stimmt für diesen Antrag? – Wer stimmt dage- (Beifall bei der SPD) (C)
gen? – Enthaltungen? – Der Antrag ist mit den Stimmen
der Koalitionsfraktionen gegen die Stimmen der Opposi- Frank Schwabe (SPD):
tionsfraktionen angenommen. Herr Präsident! Verehrte Damen und Herren! Es ist
Tagesordnungspunkt 17 c: wirklich absurd: Die Situation des Klimawandels wird
weltweit immer dramatischer. Die Prognosen zu den
Beratung des Antrags der Abgeordneten Frank Auswirkungen des Klimawandels in Zukunft werden im-
Schwabe, Dirk Becker, Gerd Bollmann, weiterer mer dramatischer. Die Treibhausgasemissionen steigen
Abgeordneter und der Fraktion der SPD dramatisch. Dramatisch ist aber vor allem auch die Lü-
Die Klimakonferenz in Durban zum Erfolg cke zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir
führen – Kyoto-Protokoll verlängern, Klima- tun, auf der ganzen Welt und hier im Deutschen Bundes-
schutz finanzieren und Cancún-Beschlüsse tag. Es ist absurd, dass sich kurzfristige Lobbyinteressen
umsetzen gegenüber dem durchsetzen, was eigentlich notwendig
ist. Es ist absurd, dass uns ständig erzählt wird, was alles
– Drucksache 17/7938 – nicht geht, statt darüber zu reden, was geht.
Wer stimmt für diesen Antrag? – Wer stimmt dage- Ich stelle fest: Wir befinden uns in einer Legitima-
gen? – Enthaltungen? – Der Antrag ist mit den Stimmen tionskrise des UN-Prozesses. Es sind nicht nur Politiker
der beiden Koalitionsfraktionen gegen die Stimmen von und Wirtschaftsvertreter, sondern es ist die gesamte
SPD und Grünen bei Enthaltung der Linken abgelehnt. Menschheit gefragt. Auch die Menschen draußen an den
Fernsehern können und sollen sich für mehr Klima-
Tagesordnungspunkt 17 d:
schutz einsetzen. Wenn hier in Berlin Demonstrationen
Beratung des Antrags der Abgeordneten Eva zum Klimaschutz möglich wären wie zum Atomaus-
Bulling-Schröter, Dorothée Menzner, Sabine stieg, dann würde sich, da bin ich mir sicher, in Deutsch-
Stüber, weiterer Abgeordneter und der Fraktion land und auch bei dieser Bundesregierung viel mehr be-
DIE LINKE wegen.
Nur konsequenter Klimaschutz führt aus der (Beifall bei der SPD sowie der Abg. Eva
Sackgasse der UN-Klimaverhandlungen Bulling-Schröter [DIE LINKE])
– Drucksache 17/7939 – Wir befinden uns in einer Glaubwürdigkeitskrise des
gesamten Prozesses, am Ende aber auch in einer Glaub-
Wer stimmt für diesen Antrag? – Wer stimmt dage- würdigkeitskrise einer demokratisch legitimierten Poli-
(B) gen? – Enthaltungen? – Der Antrag ist mit den Stimmen tik, die sich dieser Herausforderung nicht ausreichend (D)
der beiden Koalitionsfraktionen gegen die Stimmen der stellen kann. Ich habe keine Lust mehr, hier im Deut-
Linken bei Enthaltung von SPD und Grünen abgelehnt. schen Bundestag darüber zu diskutieren, was China, die
Ich rufe den Tagesordnungspunkt 5 auf: USA, Indien oder wer sonst alles nicht tun.
Wahlvorschläge der Fraktionen CDU/CSU, SPD, (Dr. Christian Ruck [CDU/CSU]: Dann lassen
FDP, DIE LINKE und BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Sie es halt! Dann gehen Sie nach Hause!)
NEN Wir sind hier im Deutschen Bundestag. Herr Umwelt-
Wahl der Mitglieder des Kuratoriums der minister, Sie können sich sicher sein – das können wir
„Bundesstiftung Magnus Hirschfeld“ zusagen –, dass wir in Durban gemeinsam für eine deut-
sche Position streiten werden. Das wird uns auch gelin-
– Drucksache 17/7935 – gen, aber hier im Deutschen Bundestag müssen wir über
Eine Aussprache ist nicht vorgesehen. das diskutieren, was Europa und Deutschland in dieser
Krise tun bzw. was sie eben nicht tun.
Es liegt ein gemeinsamer Wahlvorschlag aller Frak-
tionen auf Drucksache 17/7935 vor. Wer stimmt für die- (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
sen Wahlvorschlag? – Wer stimmt dagegen? – Enthal- DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
tungen? – Der Wahlvorschlag ist einstimmig LINKEN)
angenommen. Herr Umweltminister, ich kann mir schon denken,
Liebe Kolleginnen und Kollegen, nun rufe ich den was jetzt gleich kommt. Es wird eine schöne Rede kom-
Zusatzpunkt 4 auf: men mit Textbausteinen, die ich bald alle auswendig
kenne.
Aktuelle Stunde
(Dr. Christian Ruck [CDU/CSU]: Dann gehen
auf Verlangen der Fraktionen SPD und BÜND- Sie halt nach Hause!)
NIS 90/DIE GRÜNEN
Das ist alles talkshowtauglich, aber es ist eben nicht re-
Weltklimakonferenz in Durban – Klimapolitik gierungstauglich. Sie müssen schon sagen, was die Bun-
am Scheideweg desregierung tut bzw. tun will und wo Deutschland steht.
Ich eröffne die Aussprache und erteile Kollegen (Beifall bei der SPD – Ulrich Kelber [SPD]:
Frank Schwabe für die SPD-Fraktion das Wort. Butter bei die Fische!)
17364 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Frank Schwabe
(A) Das bereitet mir Sorge. Die taz hatte in der letzten Wo- schen Union um 30 Prozent. Wenn es Länder gibt, die (C)
che die Überschrift „Rösler auf Chinakurs“. Die Finan- weiter sind – wie Großbritannien, Dänemark und andere,
cial Times Deutschland hatte die Überschrift „Minister wo gerade die Diskussion geführt wird – und Deutsch-
für Ineffizienz“. Damit ist Herr Rösler gemeint, aber land eben nicht vorne ist, dann heißt das für mich: Sie
auch Sie, Herr Röttgen, sind damit gemeint; denn das be- können die Vorreiterrolle für sich und Ihre Politik nicht
trifft das Thema Energieeffizienz. Wir lesen über „Solar- mehr reklamieren und damit leider auch nicht für die
deckel“ und anderes. Sie sind nicht in der Lage, das Kli- Bundesrepublik Deutschland.
maschutzziel der Europäischen Union zu verschärfen.
Sie sind ausdrücklich auch persönlich dazu nicht in der Herr Röttgen, Sie haben in Durban zweifellos die Un-
Lage. terstützung der Opposition. Wir werden dort gemeinsam
auftreten. Sie hätten die Unterstützung der Opposition
Deutschland war einmal Vorreiter, da sind wir uns alle auch für eine gute und konsistente Klimaschutzpolitik in
einig. Ich glaube, dass Deutschland in den letzten Mona- Deutschland. Das würde aber bedeuten, dass Sie das
ten und Jahren eher Nachreiter geworden ist. Mittler- Wort Vorreiterrolle nicht nur in den Mund nehmen, son-
weile sind wir zum Bremser innerhalb der Europäischen dern es auch mit realer Politik füllen.
Union verkommen.
Herzlichen Dank.
(Dr. Christian Ruck [CDU/CSU]: Herr
Schwabe, Sie haben keine Ahnung! Keine Ah- (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
nung haben Sie! Ahnungslos!) DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
LINKEN)
Sie sprechen von einer Vorreiterrolle, die uns auf inter-
nationalen Konferenzen zugestanden wird. Das ist aber
eher ein Nachhallen einer Politik von früher, eine gute Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Nachrede, die Sie noch ereilt, aber mit der heutigen Das Wort hat Andreas Jung für die CDU/CSU-Frak-
Rolle Deutschlands in der Europäischen Union hat das tion.
nichts mehr zu tun.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
Andreas Jung (Konstanz) (CDU/CSU):
LINKEN)
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
Ich weiß nicht, ob man das darf, aber ich habe eine Kollegen! Es ist mir ein Anliegen, in dieser Aktuellen
Grafik mitgebracht, die ich Ihnen gerne zeigen würde. Stunde unsere Gemeinsamkeiten in der Klimapolitik zu
(B) Das ist eine Grafik, die die Entwicklung des Emis- betonen. Zunächst will ich aber ein Wort zu den Ausfüh- (D)
sionshandelspreises seit einem Jahr darstellt. Wissen Sie, rungen des Kollegen Frank Schwabe sagen: Selbstver-
was das bedeutet? Die Deutsche Bank hat das vor zwei ständlich ist die Bundesrepublik Deutschland Vorreiter,
Tagen deutlich gemacht. Es bedeutet, dass die Deutsche und selbstverständlich wird die Bundesrepublik Deutsch-
Bank erwartet, dass wir im zweiten Halbjahr 2012 einen land international weiterhin als Vorreiter wahrgenom-
Emissionshandelspreis von 5 bis 7 Euro sehen werden. men.
Wenn die europäische Politik nicht verändert wird, wer-
den wir ab dem Jahr 2013 einen Preis von unter 10 Euro (Beifall bei der CDU/CSU – Ulrich Kelber
sehen. Das ist das Gegenteil von dem, was vor allen Din- [SPD]: Deswegen beschließen wir die 30 Pro-
gen Politiker von der Koalition im Rahmen der Atom- zent auch nicht im Deutschen Bundestag! –
ausstiegsdebatte in Deutschland behauptet haben. Es Gegenruf des Abg. Dr. Christian Ruck [CDU/
wurde damals beschrien, der Preis steige von 15 Euro CSU]: Hör auf, zu krakeelen!)
auf 16,50 Euro, die Industrie müsse Deutschland verlas- In Durban wird es um das Verhandeln gehen. Wir zeigen
sen. Jetzt liegt der Preis bei 8 Euro, und von Herrn hier durch Handeln, dass wir dieser Vorreiterrolle ge-
Fuchs, Herrn Pfeiffer und Herrn Bareiß höre ich zu die- recht werden. Es gibt kein anderes Land, das ein so am-
ser dramatischen Entwicklung der letzten Wochen und bitioniertes Ziel wie unser 40-Prozent-Reduktionsziel –
Monate überhaupt nichts mehr.
Ich frage mich wirklich, wie Sie da noch von einer (Dr. Hermann E. Ott [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Vorreiterrolle sprechen können. Alle wissen, dass wir in NEN]: Großbritannien, na klar!)
der Europäischen Union die Treibhausgasemissionen um das gilt für Deutschland unbedingt – beschlossen hat.
30 Prozent senken müssen. Wenn wir das nicht errei-
chen, dann gibt es für die nächsten sieben, acht Jahre (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU –
keinen Anreiz für eine Klimaschutzpolitik in der Euro- Ulrich Kelber [SPD]: Aber es ist nicht mehr
päischen Union. Wir haben kein Geld mehr für Klima- hinterlegt mit Programmen!)
schutzmaßnahmen. Ihren Energie- und Klimafonds kön-
– Das ist mit Programmen hinterlegt. – Wir zeigen mit
nen Sie vergessen. Am Ende wird kein Geld drin sein.
der Energiewende, mit dem Ausbau der erneuerbaren
Wir können für uns erst recht keine internationale An-
Energien zum Beispiel und mit unseren Anstrengungen
treiberrolle mehr reklamieren.
im Bereich der nachhaltigen Mobilität, dass wir das um-
Vorreiterrolle bedeutet doch, vorne zu stehen im setzen. Wir zeigen damit, dass wir Vorreiter sind, und
Kampf für die Senkung der Emissionen in der Europäi- wir laden andere zum Mitmachen ein.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17365
Andreas Jung (Konstanz)
(A) (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – bisherigen Partnern des Kioto-Protokolls, bei den bishe- (C)
Ulrich Kelber [SPD]: Aber die Wissenschaft- rigen Partnern für internationalen Klimaschutz.
ler sagen Ihnen etwas anderes!)
In Durban wollen wir aber auch sagen: Wir brauchen
Wahr ist, dass wir eine Diskussion in Europa führen. einen umfassenderen Ansatz. Wir müssen das, was in
Ich will auf einen Satz in dem Antrag, den die Koali- Cancún mit der Vereinbarung des 2-Grad-Celsius-Ziels
tionsfraktionen in diesem Zusammenhang eingebracht begonnen wurde, unter der Klimarahmenkonvention
haben, der gerade beschlossen wurde, hinweisen. Es fortführen. Wir wollen, dass es einen konkreten Fahrplan
wird auf unser unkonditioniertes 40-Prozent-Ziel ver- mit konkreten Zielen, konkreten Maßnahmen und Min-
wiesen, zu dem sich die Bundeskanzlerin in ihrer Haus- derungsverpflichtungen unter dem Dach der Klimarah-
haltsrede übrigens glasklar bekannt hat. Sie hat gesagt: menkonvention gibt. Das bedarf der Einbeziehung aller,
Das wird eingehalten; daran halten wir fest. – In unse- auch der USA und Chinas. Wir dürfen sie und die großen
rem Antrag heißt es: Schwellenländer nicht aus der Verantwortung herauslas-
sen.
Es ist anzustreben, dass die EU und die anderen
Mitgliedstaaten sich zu vergleichbar ambitionier- (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU sowie
ten Reduktionszielen wie Deutschland verpflichten. des Abg. Oliver Luksic [FDP])
Die Konferenz ist auch abgesehen von den Verhand-
Ich verstehe das ganz persönlich als Auftrag, weiterhin
lungen über die Minderungsziele notwendig, weil es da-
für das 30-Prozent-Ziel in Europa zu werben.
rum geht, die Maßnahmen, die in Cancún beschlossen
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) und auf den Weg gebracht wurden, zu operationalisieren
und umzusetzen. Es geht um Maßnahmen im Bereich
Wahr ist auch – auch das hat Kollege Frank Schwabe Waldschutz, um Anpassungsmaßnahmen und um Maß-
gesagt –, dass der internationale Klimaprozess in einer nahmen im Bereich der Technologiekooperation, weil
schwierigen Situation ist. Wir haben gemeinsam ein kla- durch all das Klimaschutz sichtbar wird, weil wir mit
res Ziel: Wir wollen ein verbindliches, umfassendes Ab- konkreten Projekten und konkreten Maßnahmen in den
kommen, wie das 2-Grad-Celsius-Ziel erreicht werden Bereichen Klimaschutz und Klimaanpassung vorankom-
kann. Wir wissen schon heute: Auch in Durban wird es men und weil dadurch auch die Glaubwürdigkeit ge-
leider nicht zu einem Durchbruch auf diesem Weg kom- stärkt wird.
men. Deshalb gibt es die eine oder andere Stimme, des-
halb gibt es hier und da Gegrummel, nach dem Motto: Es wird auch darum gehen – Stichwort: Glaubwürdig-
Dann könnt ihr es auch bleiben lassen. Warum fahrt ihr keit –, die Finanzierung sicherzustellen, und zwar die
kurzfristige, aber auch die langfristige Finanzierung.
(B) da überhaupt hin? (D)
Deshalb muss darüber geredet werden, wie die Zusage
Ich finde, als Deutscher Bundestag müssen wir dem der Industriestaaten, 100 Milliarden US-Dollar bis 2020
ein entschiedenes Nein entgegenstellen. Natürlich geht bereitzustellen, mit öffentlichen Mitteln, aber eben auch
das zu langsam. Natürlich sind die Schritte zu klein, und unter Einbeziehung privater Mittel umgesetzt werden
natürlich gibt es Rückschläge. Aber die Frage ist doch: kann.
Was wäre die Alternative? Es gäbe nur eine Alternative:
aufgeben. Aufgeben dürfen wir aber nicht. Deshalb muss (Ulrich Kelber [SPD]: Was ist denn der Vorschlag
dieser Weg unter dem Dach der Vereinten Nationen wei- der Bundesregierung dazu?)
tergeführt werden. Die Verhandlungen müssen weiterge- Dabei muss es auch wieder um die Frage der Einbezie-
hen. Wir werden uns engagiert einsetzen und einbringen. hung des Flugverkehrs in den Emissionshandel gehen.
Wir brauchen hier globale Fortschritte und keine euro-
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- päischen Rückschritte.
neten der FDP)
Herzlichen Dank.
Gerade jetzt ist es notwendig, dass diese Konferenz
stattfindet, weil sich jetzt, vor dem Jahr 2012, die Frage (Beifall bei der CDU/CSU)
stellt, was passieren würde, wenn im Jahr 2012 das Kioto-
Protokoll ohne Anschlussregelung auslaufen würde. Gäbe Vizepräsident Eduard Oswald:
es dann überhaupt keinen internationalen Klimaschutz Vielen Dank, Kollege Jung. – Nächster Redner für die
mehr? Würden wir dann vor einem Scherbenhaufen ste- Fraktion Bündnis 90/Die Grünen ist unser Kollege
hen? Deshalb ist es jetzt notwendig, Folgendes deutlich zu Dr. Hermann Ott. Bitte schön, Kollege Dr. Ott.
machen:
Erstens. Es muss bei den flexiblen Mechanismen des Dr. Hermann E. Ott (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Kioto-Protokolls bleiben, weil sie einen Weg für einen NEN):
effizienten Klimaschutz auf marktwirtschaftlicher Basis Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Es ist
darstellen, weil sie den Entwicklungsländern nutzen und schön, dass wir diese Debatte hier noch bei Tageslicht
uns global voranbringen. führen können; doch es ist schon etwas irritierend, dass
wir sie nicht auf Antrag der Koalition führen. Tatsache
Zweitens. Wir sind bereit, auch weiterhin Verantwor- ist: Wenn es die Opposition nicht gäbe, dann würde über
tung zu übernehmen und uns verbindlich zu Minde- die zukunftsentscheidende Klimakonferenz in Durban in
rungszielen zu bekennen. Wir werben dafür bei den diesem Hause gar nicht diskutiert und dann könnten Sie
17366 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Dr. Hermann E. Ott


(A) Ihren Antrag dazu nicht zur Sprache bringen. Meine Da- Was einst als Belastung empfunden wurde, ist heute ein (C)
men und Herren von der Union und von der FDP, es ist Gewinn. So wird es auch bei der Klimapolitik sein.
erschreckend und beschämend, wie wenig ernsthaft Sie
mit einem so wichtigen Thema umgehen. In Durban müssen Deutschland und die EU einen am-
bitionierten Fahrplan für den Kioto-Folgevertrag auf den
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Weg bringen. Wenn sich die USA sträuben, muss ihnen
bei der SPD und der LINKEN) freundlich, aber unmissverständlich klargemacht wer-
den, dass sie die anderen nicht am Klimaschutz hindern
Leider ist das nicht das einzige Indiz dafür, welch ge-
dürfen. Dann muss eine Allianz ohne die USA gebildet
ringen Stellenwert die internationale Klimapolitik bei Ih-
werden.
nen hat. Die deutsche Klimadiplomatie, früher das Para-
depferd unserer Umweltaußenpolitik, steht, bildlich Wir haben diese Woche einen Zehn-Punkte-Plan in
gesehen, kurz vor dem Abdecker. Sie haben keine neuen den Bundestag eingebracht. Diese zehn Punkte kann
Ideen, wie mit dem Desaster von Kopenhagen umgegan- man jetzt angehen; man muss dafür nicht auf ein neues
gen werden soll, keine strategischen Ansätze, um die Abkommen warten. Dadurch kann das Klima natürlich
festgefahrenen Verhandlungen wieder flottzumachen. nicht gerettet werden, aber es können wichtige Fort-
Herr Röttgen, es tut mir leid, aber Sie sind mithilfe Ihrer schritte beim Klimaschutz erzielt werden. Zu diesen
tüchtigen Beamten im BMU nicht mehr als eine Art Ver- zehn Punkten gehören folgende Forderungen: ein natio-
weser der Politik Ihrer Vorgänger Trittin und Gabriel; nales Klimaschutzgesetz, der Abbau klimaschädlicher
dies gilt auch für Frau Merkel. Subventionen, ein Programm für den Aufbau erneuerba-
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- rer Energien in den Entwicklungsländern und konkret
NEN]: Töpfer!) die Umsetzung von Projekten wie SARI in Südafrika
und Yasuní-ITT in Ecuador, Projekte, die den weltweiten
Viel zu sehr schauen Sie und die EU noch immer auf Klimaschutz mit bahnbrechenden Ideen voranbringen.
die Blockierer im Verhandlungsprozess, vor allem auf
die USA. Nach mittlerweile 16 Vertragsstaatenkonferen- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
zen und nach 100 vorbereitenden Konferenzen muss und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
man doch realisieren, dass von den USA auch bei der LINKEN)
kommenden 17. Klimakonferenz in Durban nichts ande- Herr Röttgen, meine Damen und Herren von der Ko-
res als in der Vergangenheit zu erwarten ist. Ja, mittler- alition, ich habe eben, vielleicht aus Gründen der Rheto-
weile geht es gar nicht mehr darum, ob sich die USA rik, etwas übertrieben. Das Paradepferd der deutschen
konstruktiv beteiligen oder nicht. Man muss ja schon Klimaaußenpolitik lahmt zwar, aber etwas gute Pflege
hoffen, dass sie eine Einigung nicht torpedieren. Dass kann es schnell wieder auf die Beine bringen. Dazu (D)
(B) der amerikanische Kongress es den Fluglinien in den
brauchen Sie nichts als guten Willen und natürlich den
USA verboten hat, am Emissionshandel der EU teilzu- Mut, die Einflüsterungen der Lobbyisten von der Un-
nehmen, ist ein direkter Hieb gegen die Klimapolitik und möglichkeit eines Strategiewechsels als das zu nehmen,
übrigens auch ein Affront sondergleichen gegen die Eu- was sie sind: der hinterhältige Versuch, das fossile Sys-
ropäische Union. tem zu retten und die Lebensinteressen von jetzt 7 Mil-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN liarden Menschen zu opfern. Lassen Sie, lassen wir das
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN- nicht zu!
KEN) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
Weil das so ist, fordern wir einen Strategiewechsel. bei der SPD und der LINKEN)
Diese neue Strategie nennen wir KLUG: Klimapolitik der Denn in der Klimapolitik, meine Damen und Herren,
unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Diese Strategie er- ist es doch wie in der Politik allgemein: Man muss das
kennt die Realität an, nämlich dass die beste Lösung, also
tun, was richtig ist, nicht das, was die anderen einen tun
ein Abkommen mit allen großen Verschmutzern, nicht
lassen.
möglich ist. Die Strategie folgt der Erkenntnis, dass es
wichtig sein kann, letztlich alle ins Boot zu holen, aber Ich danke Ihnen.
dass nicht unbedingt alle zur gleichen Zeit in das Boot
einsteigen müssen. Es ist politisch und völkerrechtlich (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
möglich, auf Grundlage der Klimarahmenkonvention oder bei der SPD und der LINKEN)
des Kioto-Protokolls einen Folgevertrag auszuhandeln,
der nicht von allen Staaten gebilligt werden muss. Vizepräsident Eduard Oswald:
Vielen Dank, Kollege Dr. Ott. – Jetzt für die Fraktion
Ein schönes Beispiel dafür ist die Seerechtskonven-
tion der Vereinten Nationen. Sie wurde von den USA bis der FDP unser Kollege Michael Kauch. Bitte schön,
heute nicht ratifiziert, aber sie halten sich an die Regeln. Kollege Michael Kauch.
Genau die Industrien, die sich zu Anfang vehement ge- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
gen dieses Seerechtsübereinkommen gestellt haben, for- der CDU/CSU)
dern heute dessen Ratifizierung, weil es in ihrem Inte-
resse ist, weil es Rechtssicherheit verspricht.
Michael Kauch (FDP):
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Der Kli-
sowie bei Abgeordneten der SPD) maschutz hat auch in der Finanzkrise nicht an Bedeutung
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17367
Michael Kauch
(A) verloren. Er ist weiterhin eines der zentralen Zukunfts- (Frank Schwabe [SPD]: Trotz FDP! Das hat (C)
felder der deutschen Politik. Ich muss sagen, dass ich doch mit dem Klima nichts zu tun!)
großes Vertrauen in die Politik von Bundesumweltminis-
Dieses Wachstum von morgen dürfen wir nicht aufge-
ter Röttgen und Bundesentwicklungshilfeminister
ben. Wir als Liberale, als christlich-liberale Koalition
Niebel habe,
wollen die industriellen Kerne Deutschlands erhalten.
(Frank Schwabe [SPD]: Und Herr Rösler?) (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU –
die entscheidend dazu beitragen, dass Deutschland auf Ulrich Kelber [SPD]: Sie waren doch für den
der internationalen Bühne weiterhin eine Vorreiterrolle politischen Weg als FDP! Das kann man nach-
zugeschrieben wird. lesen!)

(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Das gilt sowohl für neue als auch für alte Technologien.
Denn wir müssen Wertschöpfungsketten insgesamt im
Dieses Oppositionsgenöle, Deutschland und die EU Land erhalten und dürfen sie nicht über die Grenze, zum
seien ja nicht mehr Vorreiter, seit Sigmar Gabriel nicht Beispiel nach China oder in die Ukraine, treiben, wo
mehr Umweltminister ist, dann mit möglicherweise noch mehr Emissionen die
gleichen Produkte hergestellt werden, aber dann eben
(Frank Schwabe [SPD]: Es ist aber so! – ohne Arbeitsplätze in Deutschland.
Ulrich Kelber [SPD]: Es war selbst unter
Merkel besser und unter Töpfer noch besser!) Deshalb finde ich es sehr legitim, dass der Bundes-
wirtschaftsminister, der für die Wirtschaft in Deutsch-
diese Platte kann man als Opposition immer auflegen. land zuständig ist, ein waches Auge darauf hat, ob Indus-
Das würde ich an Ihrer Stelle wahrscheinlich auch tun. triearbeitsplätze in Deutschland überfordert werden oder
Aber dann erklären Sie mir doch einmal: Wer in der nicht. Wir stehen für eine Balance, dafür, dass der indus-
G 20 ist denn mehr Vorreiter als die Europäische Union, trielle Kern Deutschlands nicht beschädigt wird und wir
(Ulrich Kelber [SPD]: Großbritannien!) zugleich Klimaschutzvorreiter in der Welt bleiben.

mehr Vorreiter als Deutschland und Großbritannien? (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU –
Etwa China, etwa Saudi-Arabien oder etwa die USA? Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Sie werden in der G 20 keine Länder finden, die beim Sie nutzen die Chancen nicht! Sie schaden den
Klimaschutz stärker als die Europäische Union vorange- kleinen und mittelständischen Betrieben!)
hen. Meine Damen und Herren, Cancún war ein Teilerfolg.
Wir haben es geschafft, dass das 2-Grad-Ziel internatio-
(B) (Dr. Hermann E. Ott [BÜNDNIS 90/DIE (D)
nal anerkannt worden ist. Wir haben für die Entwick-
GRÜNEN]: Die anderen sind noch viel
lungsländer Finanzierungsentscheidungen getroffen. Wir
schlechter! Das reicht nicht!)
haben die Schwellenländer dazu gebracht, dass sie ei-
Deshalb sollten Sie den Leuten hier nichts vormachen. gene Minderungsbeiträge zugesagt haben.
Wir sind Vorreiter im Klimaschutz in der G 20. Die Aufgabe, die wir jetzt in Durban haben, ist, deut-
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten lich zu machen, dass die Minderungsbeiträge noch nicht
der CDU/CSU) ausreichend sind, um das vereinbarte 2-Grad-Celsius-
Ziel tatsächlich zu erreichen. Das werden wir im We-
Meine Damen und Herren, einfach immer nur mehr sentlichen dadurch erreichen, dass wir in der Klima-
Ziele zu fordern, ist ja leicht. diplomatie darauf setzen, dass die Staaten, die koopera-
tiv sind, weiterhin das Kioto-Protokoll einhalten. Wir als
(Ulrich Kelber [SPD]: Wir wollen mehr Instru-
christlich-liberale Koalition wollen eine Verlängerung
mente in Deutschland!)
des Kioto-Protokolls, auch wenn wir noch kein globales
Da Sie Großbritannien angesprochen haben: Ich schätze Abkommen hinbekommen. Wir wollen mit den Schwel-
Großbritanniens Engagement sehr. Großbritannien ist lenländern, die kooperativ sind, vorangehen. Deshalb ist
für die internationale Verhandlungslinie der Europäi- es richtig, dass wir uns als Europäische Union und als
schen Union von herausragender Bedeutung. Aber ich deutsche Regierung auch auf die Frage konzentrieren:
muss auch deutlich sagen: Großbritannien ist ein Land, Wie ist in der Klimadiplomatie unser Verhältnis zu
das sich in den letzten Jahrzehnten deindustrialisiert hat. China, Brasilien und Mexiko?
(Frank Schwabe [SPD]: Aber doch nicht we- In einem Punkt gebe ich Herrn Ott recht: Wir können
gen des Klimaschutzes! – Ulrich Kelber und dürfen nicht auf die Vereinigten Staaten von Ame-
[SPD]: Wegen der Marktliberalen!) rika warten. Wenn die USA nicht mitmachen, dann muss
die EU mit anderen Teilen der Welt vorangehen, und
Das Geld wird bei den Banken und im Dienstleistungs- dann müssen sich die USA fragen, ob sie sich nicht zu-
sektor verdient. nehmend isolieren, auch in der Außenpolitik und in an-
deren Feldern der Politik.
Wir in Deutschland sind sehr froh, dass wir unseren
industriellen Kern erhalten haben; denn das hat dazu ge- (Beifall bei der FDP, der CDU/CSU und dem
führt, dass wir glimpflich durch die Finanzkrise gekom- BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg.
men sind. Frank Schwabe [SPD])
17368 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Michael Kauch
(A) Meine Damen und Herren, wir müssen praktisch vo- vor allem deshalb Probleme, weil die Atmosphäre be- (C)
rangehen. Mit seinem Energiekonzept ist Deutschland reits voll ist. Dieses Problem wurde nicht von den Ent-
im Hinblick auf erneuerbare Energien so ambitioniert wicklungsländern, sondern von uns, den Industrielän-
wie kein anderes Industrieland auf der Welt. Wir inves- dern, verursacht. Nicht etwa die Chinesen jetten zweimal
tieren über die Etats des Umwelt- und des Entwicklungs- im Jahr nach Mallorca oder haben einen Zweitwagen in
hilfeministeriums mehr als 1 Milliarde Euro im Jahr in der Garage; das sind ganz andere. Ich möchte jetzt nicht
den Waldschutz und in Klimaanpassungsmaßnahmen. schlaumeiern, wie China oder die USA zu einem ande-
Wir werden die Energiekooperation mit den Entwick- ren Verhalten gebracht werden können. Klar ist aber: In
lungsländern vorantreiben. Durban müssen endlich die Weichen für ein umfassen-
des Post-Kioto-Abkommen gestellt werden.
Vizepräsident Eduard Oswald: (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
Das wäre doch ein schöner Schlusssatz. neten der SPD)

Michael Kauch (FDP): Ich sage Ihnen: Das sind wir unseren Enkeln und vielen
Dirk Niebel beispielsweise hat gerade erst eine Ver- anderen auch schuldig.
einbarung über den Bau einer Solarfabrik in Marokko Die Konferenz muss die Absichtserklärungen von
unterzeichnet. Das ist der Weg, auf dem wir praktisch in Kopenhagen und Cancún mit Leben füllen. Das heißt
das neue Energiezeitalter gehen werden. – es wurde angesprochen –, man muss Vertrauen schaf-
Vielen Dank. fen und gegenseitige Blockaden aufbrechen. Es ist
natürlich die vordringlichste Aufgabe der EU, endlich
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) das 30-Prozent-Ziel zu diskutieren und dann natürlich
auch zu beschließen; wir reden die ganze Zeit darüber.
Vizepräsident Eduard Oswald: Wir sind uns einig, andere – natürlich die Wirtschafts-
Vielen Dank, Kollege Michael Kauch. – Jetzt für die politiker und die Industriebosse – blockieren das.
Fraktion Die Linke unsere Kollegin Frau Eva Bulling- (Dr. Thomas Gebhart [CDU/CSU]: Und
Schröter. Bitte schön, Frau Kollegin. Gewerkschaften!)
(Beifall bei der LINKEN)
Wir brauchen eine entsprechende Finanzierung und
verbindliche Geldzusagen. Wir brauchen frisches Geld
Eva Bulling-Schröter (DIE LINKE): und keine aufgewärmten alten Versprechen. Ich sage Ih-
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! In nen: Den Banken schmeißen Sie es in den Rachen, aber
(B) Durban wird es kein umfassendes internationales Klima- für die betroffenen Leute ist kein Geld da. (D)
schutzabkommen geben, bestenfalls Verhandlungsman-
date auf dem Weg dorthin. Ich halte das angesichts des (Beifall bei der LINKEN – Dr. Christian Ruck
drohenden Klimakollapses für erbärmlich – für richtig [CDU/CSU]: Blödsinn!)
erbärmlich – und sehr traurig. Ich möchte Sie daran erinnern: Nur ein Fünftel der Mit-
Wir wissen ebenfalls: Die angestrebte Minimallö- tel im Bundeshaushalt ist dafür zusätzlich veranschlagt.
sung, nämlich die Verlängerung des Kioto-Protokolls bis Das halte ich für einen Witz. Für diese Menschen muss
2015, wird eine leere Hülle sein: ohne neue Minderungs- jetzt endlich Geld her.
pflichten und ohne Einbindung der USA und Chinas. Letzte Bemerkung. Deutschland ist ein Industrieland,
Das ist nicht mehr als ein Platzhalter, eine Brücke hin zu das fähig ist, die Energieversorgung zügig auf eine rege-
einem umfassenden Abkommen, damit nicht auch die nerative Basis umzustellen. Wir können ein Vorbild da-
wenigen Mechanismen für die Industrieländer entsorgt für sein, wie das ohne Verlust an wirklicher Lebensquali-
werden. Die Bilanz ist ernüchternd. Ich kann die Wut tät geht. Allerdings müssen wir das Tempo erhöhen
verstehen, die die Menschen, die vom Klimawandel be- – das wurde schon angesprochen –, das heißt: Halbie-
troffen sind, haben – aber nicht nur die, sondern auch die rung des CO2-Ausstoßes bis 2020 und 50 Prozent des
Menschen in unserem Land, die endlich etwas tun wol- Stroms aus erneuerbaren Energien. Das ist möglich, aber
len. das wird nur dann gelingen, wenn die Kosten nicht allein
(Beifall bei der LINKEN) die Privathaushalte und die kleinen Betriebe tragen müs-
sen. Die Bundesregierung schont energieintensive Indus-
Es nützt auch nichts, auf dem bevölkerungsreichen trien und große Kraftwerksbetreiber. Das, was Herr
China herumzuhacken, wie es viele zurzeit tun. Die Pro- Kauch gesagt hat, ist eben nicht richtig.
Kopf-Emissionen Chinas liegen deutlich unter denen der
EU und erst recht unter denen der USA, die sich seit (Dr. Christian Ruck [CDU/CSU]: Doch! In
Jahrzehnten nicht um den Klimaschutz kümmern und dem Fall hat er recht!)
lieber Kriege anzetteln, statt Zukunft zu gestalten. Natür-
Schauen wir uns die EEG-Umlage und den Emis-
lich müssen beide Länder mit ins Boot; das ist für mich
sionshandel an. Hier werden Gewinne eingefahren. Das
gar keine Frage. Sonst machen internationale Abkom-
kann man berechnen und beweisen. Es geht hier nicht
men keinen Sinn; das wissen wir.
darum, dass wir irgendwelche Arbeitsplätze abbauen
Ja, die Wachstumsraten beim CO2-Ausstoß in den wollen, sondern wir wollen, dass fair bezahlt wird; denn
Schwellenländern sind beängstigend. Das gibt allerdings alles andere ist absurd. Die energieintensiven Industrien
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17369
Eva Bulling-Schröter
(A) und die großen Kraftwerksbetreiber erhalten leistungslos rin, dass es uns gelingt, Wohlstand und Wachstum mit (C)
Geld. der Ressourcenschonung und dem Klimaschutz in Ein-
klang zu bringen.
Es geht in Deutschland nicht allein um ein paar Pro-
zentpunkte mehr beim Minderungsziel. Es geht darum, Der Schlüssel dazu liegt in neuen Technologien, in
dass das Energiesystem auf komplett neue Grundlagen Effizienztechnologien, erneuerbaren Energien und vie-
gestellt wird, nämlich: erneuerbar, demokratisch und so- lem mehr.
zial. Wenn wir das durchsetzen, dann können wir auch
international etwas bewegen. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU –
Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
(Beifall bei der LINKEN) Dann tun Sie doch mal was! Hauen Sie doch
mal Ihrem Wirtschaftsminister auf die Finger!)
Vizepräsident Eduard Oswald:
– Wir tun sehr viel. Wir sind in Deutschland auf dem
Vielen Dank, Frau Kollegin Bulling-Schröter. – Jetzt Weg. Wir bauen die Energieversorgung zu einer nach-
für die Fraktion der CDU/CSU unser Kollege haltigen Energieversorgung um. Viele schauen in diesen
Dr. Thomas Gebhart. Bitte schön, Kollege Dr. Gebhart. Monaten auf Deutschland und fragen: Schafft ihr das?
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) Ich bin mir sehr sicher: Wir werden es schaffen.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
Dr. Thomas Gebhart (CDU/CSU): neten der FDP – Dr. Hermann E. Ott [BÜND-
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Her- NIS 90/DIE GRÜNEN]: Schauen Sie mal in
ren! Viele fragen in diesen Wochen in der Tat: Was brin- die Enquete! Das reicht nicht aus!)
gen eigentlich diese Klimakonferenzen? Lohnt der Auf-
wand? Ist es nicht grotesk, dass die Warnungen vor den Je besser uns dieser Umbau gelingt, desto attraktiver
Folgen des Klimawandels zunehmen, dass wir bei den wird am Ende dieser Weg auch für andere Länder wer-
Treibhausgasemissionen im letzten Jahr historische Re- den – auch weil sie erkennen, dass darin wirtschaftliche
kordwerte erreicht haben und dass gleichzeitig die Er- Chancen liegen.
wartungen an die jetzige Konferenz eher mäßig sind? Ja, (Zurufe von der CDU/CSU: Genau!)
aber deswegen die Klimakonferenzen grundsätzlich in-
frage zu stellen, wäre sicherlich ein Fehler; denn am Je besser uns dieser Umbau gelingt, desto mehr tragen
Ende gibt es keine vernünftige Alternative dazu. wir am Ende zum Klimaschutz insgesamt bei.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- (Dr. Hermann E. Ott [BÜNDNIS 90/DIE
(B) neten der FDP) (D)
GRÜNEN]: Wenn Sie das machen würden,
Warum ist dies so? Der Klimawandel ist ein klassi- hätten Sie uns doch dabei!)
sches globales Problem, und es ist klar, dass wir für die- Deshalb: Durban ist wichtig; aber das, was danach
ses Problem weltweite Lösungen brauchen. Die Staaten kommt, ist mindestens genauso wichtig.
müssen miteinander kooperieren. Dort, wo es möglich
ist, müssen wir unter dem Dach der Vereinten Nationen Ich will noch einen Punkt aufgreifen. Die Schulden-
miteinander reden, verhandeln und das, was möglich ist, krise überlagert im Moment viele andere Themen. Auch
vereinbaren. Ich hoffe, dass wir in Durban zum Beispiel der Klimawandel ist in der öffentlichen Wahrnehmung
Entscheidungen treffen, die zumindest die Grundlage für ein ganzes Stück weit nach hinten gerutscht. Wenn wir
weltweit verbindliche Vereinbarungen über die Mengen- es aber genau betrachten, dann sind Schuldenkrise und
begrenzung der Treibhausgasemissionen schaffen. Klimawandel im Grunde zwei Seiten der gleichen Me-
daille; denn beide haben die gleiche Ursache: Ein Teil
Deutschland wird dabei weiterhin engagiert für mehr des Wohlstands von heute wird zulasten künftiger Gene-
Klimaschutz werben. Deutschland steht zu seinen ambi- rationen erwirtschaftet.
tionierten Zielsetzungen. Wir wollen die Treibhausgas-
emissionen bis 2020 um 40 Prozent reduzieren. Dies ist (Beifall des Abg. Dr. Hermann E. Ott [BÜND-
Teil unserer Verantwortung. Dies ist der Beitrag, den wir NIS 90/DIE GRÜNEN] – Bärbel Höhn
leisten. Es ist gut, dass es dazu einen breiten Konsens [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das stimmt!)
gibt. Den sollten wir auch heute nicht zerreden.
Gerade die Schuldenkrise lehrt uns, dass es vernünftig
Ich bin überzeugt: Es gibt am Ende keine vernünftige ist, frühzeitig und rechtzeitig den Weg zu einer nachhal-
Alternative zu diesen Klimakonferenzen und zu diesen tigen Wirtschaftsweise und Politik einzuschlagen und
Verhandlungen. Ich bin aber in gleicher Weise fest davon nicht erst dann, wenn es unvermeidlich ist; denn dann
überzeugt, dass diese Verhandlungen – so notwendig sie wird die Anpassung am Ende umso härter ausfallen.
sind – am Ende alleine nicht reichen werden. Warum? Gleiches gilt für den Klimawandel.
Wenn wir heute die Situation weltweit betrachten, stellen
wir fest, dass wir nach wie vor ein Wachstum der Welt- Also überzeugen wir möglichst viele, mit uns gemein-
bevölkerung erleben. Auch jene, die nicht so leben wie sam diese Herausforderung anzugehen, und zwar jetzt!
wir in den westlichen Industrieländern, streben verständ- Danke schön.
licher- und berechtigterweise nach Wohlstand und
Wachstum. Die große Herausforderung besteht also da- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
17370 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

(A) Vizepräsident Eduard Oswald: Wir wollten des Weiteren durch das Marktanreizpro- (C)
Vielen Dank, Herr Kollege Dr. Gebhart. – Jetzt für die gramm im Wärmemarkt rund 10 Millionen Tonnen CO2
Fraktion der Sozialdemokraten unser Kollege Dirk einsparen. Was ist denn Gegenstand Ihrer Politik? Die
Becker. Bitte schön, Kollege Dirk Becker. Förderung durch das Marktanreizprogramm wurde wie-
der und wieder eingeschränkt. Es gibt auf dem Wärme-
(Beifall bei der SPD) markt einen totalen Stillstand. Das heißt, auch hier wer-
den wir die CO2-Minderungsziele aufgrund Ihrer Politik
Dirk Becker (SPD): verfehlen.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Herr Gebhart, ich muss schon sagen: Sie haben beim Der letzte Punkt: Meisterstück ist eigentlich das Ge-
Umweltminister gelernt, wie man ein Thema würdevoll bäudesanierungsprogramm. Während wir noch zu Zeiten
vorträgt. Sie haben viel Richtiges gesagt. Entscheidend der Großen Koalition verlässlich und verbindlich
ist aber, dass die Taten, die Ihre Regierung vornimmt, 1,5 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt haben, in der
auch diesen Aussagen entsprechen. Da ist es leider so, Wirtschaftskrise sogar 2,2 Milliarden Euro, weil der dama-
dass Sie bei vielen energiepolitischen Weichenstellun- lige Finanzminister den Zusammenhang zwischen energeti-
gen der letzten Monate das Gegenteil tun. scher Sanierung und der wirtschaftlichen Bedeutung er-
kannt hat, nehmen Sie dieses Programm komplett aus dem
Herr Kauch hat vorhin gesagt, wir sollten den Leuten Haushalt und verschieben es stattdessen in einen Energie-
nichts vormachen. Das kann ich an Ihre Adresse zurück- und Klimafonds, der niemals über die entsprechenden Mit-
geben. Es wurde auch Sigmar Gabriel angesprochen. Ich tel verfügen wird, weil es zu den Einnahmen, die Sie unter-
greife den Ball gern auf: Bei der Klimakonferenz auf stellen, nicht kommen wird.
Bali im Jahr 2007 war es Sigmar Gabriel, der als erster
Umweltminister eines Industrielandes mit einem Ener- (Michael Kauch [FDP]: Woher wissen Sie
gie- und Klimaprogramm aufgetaucht ist, in dem man das?)
nachlesen konnte, an welchen Stellen die deutsche Re- – Woher ich das weiß? Das kann man mathematisch lö-
gierung wie viel Prozent CO2- bzw. Treibhausgasemis- sen. Sie unterstellen Einnahmen, die auf einem Zertifika-
sionen nachweisbar und nachprüfbar einsparen will, um tepreis von 33 Euro basieren. Heute liegt der Preis, eben
so das 40-Prozent-Ziel zu erreichen. nachgesehen, bei knapp unter 9 Euro.
(Beifall bei der SPD) (Dr. Christian Ruck [CDU/CSU]: Das ist
falsch! Herr Becker, Sie haben keine Ah-
Wenn Sie sagen, dass Sie weiter sind, dann muss ich Sie
nung! – Gegenruf des Abg. Frank Schwabe
enttäuschen.
[SPD]: Lesen Sie einmal bei der Deutschen
(B) (D)
Auch wenn die damalige Opposition erklärt hat, das Bank nach!)
gehe nicht weit genug: Eines lag dem zugrunde, nämlich
Herr Frank Schwabe hat es eben vorgetragen: Die Deut-
eine Liste, mit welchen Maßnahmen man was erreichen
sche Bank rechnet damit, dass der Preis weiter sinken
will. Ich will nur drei oder vier Punkte des damaligen
wird. Dieser Fonds ist ein Flop. Mit diesem Flop floppt
Energie- und Klimaprogramms aufgreifen.
auch der Klimaschutz.
Ich beginne mit der Novelle des Erneuerbare-Ener-
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des
gien-Gesetzes. Man wollte mit dem Ausbau erneuerbarer
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Energien 54 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Diese
Bundesregierung hat auf der Basis von Studien zur Lauf- Dann kommt die dreisteste Nummer, die ich mir vor-
zeitverlängerung die Ausbauphase erneuerbarer Energien stellen kann: Sie zeigen jetzt mit dem Finger auf die
verlängert. Es sollte also einen verlangsamten Ausbau Bundesländer, weil sie beim Thema Steuerentlastungen
geben, weil Sie die Kernenergie wollten. Als Sie Ihren blockieren.
Beschluss zur Laufzeitverlängerung rückgängig machten,
(Dr. Christian Ruck [CDU/CSU]: Völlig zu
haben Sie im Erneuerbare-Energien-Gesetz nicht nachge-
Recht!)
bessert. Das heißt, Sie haben das Vorgehen verlangsamt.
Sie werden mit diesem EEG die Ziele zur Senkung der – Zu Recht? Sie lassen den Umweltminister hier sagen,
Treibhausgasemissionen nicht erreichen. was diese Regierung alles für den Umweltschutz tut. Die
Finanzierung aber schaffen Sie sich vom Hals. Weil Sie
Zweitens haben Sie gesagt, Sie wollten durch Effizi-
in der letzten Woche ohnehin schon eine hohe Neuver-
enzmaßnahmen Stromeinsparungen in großem Umfang
schuldung durchs Parlament jagen mussten, haben Sie
erreichen. Doch wo bleiben die Taten? Wir können es
die Förderung der Gebäudesanierung komplett aus dem
nachlesen: Herr Rösler blockiert die Festlegung verbind-
Haushalt herausgenommen und auf die Länder übertra-
licher Effizienzvorgaben an allen Ecken und Enden. Wir
gen. Die Länder sollen also dafür bezahlen, dass Herr
werden durch Effizienzmaßnahmen die 25 Millionen
Röttgen hier eine schöne Rede halten kann.
Tonnen, die als Ziel hinterlegt sind, dank Ihrer Politik
nicht erreichen. Herr Rösler bremst und blockiert auch (Ulrich Kelber [SPD]: Und auch die Kommu-
hier beim Klimaschutz. nen! – Andreas Jung [Konstanz] [CDU/CSU]:
Das ist falsch!)
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE Auch die CDU-geführten Bundesländer lehnen das zu
GRÜNEN) Recht ab.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17371
Dirk Becker
(A) (Dr. Christian Ruck [CDU/CSU]: Sie haben Wichtige Straßen und Wege, die Lebensadern für die dort (C)
keine Ahnung!) lebenden Menschen sind, werden zerstört.
Sie machen sich hier einen schlanken Fuß, verschieben In Papua-Neuguinea steigt der Meeresspiegel. Über-
die Finanzierung in die Bundesländer und belassen es schwemmungen sind die dort spürbaren Auswirkungen
hier bei warmen Worten und schönen Reden. So funktio- des Klimawandels. Ganze Dörfer verschwinden unter
niert der Klimaschutz nicht. dem Meeresspiegel, und Ernten werden vernichtet.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des Frauen sind von den Auswirkungen des Klimawan-
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) dels am stärksten betroffen. Sie sind für die Ernährung
von Familien zuständig. Wasserknappheit oder die Ver-
Das ist der Grund, warum die Vorreiterrolle Deutsch- unreinigung des Wassers durch Überflutungen führen
lands in der Welt nicht mehr wahrgenommen wird. Herr dazu, dass Frauen immer weitere Wege gehen müssen,
Jung, ich gebe Ihnen recht. Ich glaube Ihnen, dass Sie um sauberes Wasser oder Feuerholz zu finden. Für sie
die Ziele ernst meinen. Das stelle ich überhaupt nicht in- wird es daher immer schwieriger, sich und ihre Familien
frage. Aber die Taten fehlen. Solange die Taten fehlen, zu ernähren.
wird Deutschland nicht mehr Vorreiter beim Klima-
schutz sein können. Für die westliche Welt steht die Minderung der Treib-
hausgase im Vordergrund. Die globale Temperaturerhö-
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ hung soll auf maximal 2 Grad begrenzt werden.
DIE GRÜNEN)
Die Ausgangslage in den Entwicklungsländern ist
Vizepräsident Eduard Oswald: eine erheblich andere: Sie sind nur zu einem geringen
Prozentsatz Verursacher des Klimawandels; doch sie
Vielen Dank, Herr Kollege Becker. – Jetzt für die
sind es, die die Hauptlast der Klimaveränderung tragen
Fraktion der FDP unsere Kollegin Frau Dr. Christiane
müssen. Ihre Küsten werden überschwemmt, ihre Land-
Ratjen-Damerau. Bitte schön, Frau Kollegin.
wirtschaft wird zerstört, und ihre Ernährungsgrundlage
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten ist von Dürren und Flutkatastrophen akut bedroht.
der CDU/CSU)
Die Menschen in den Entwicklungs- und Schwellen-
ländern haben ebenso wie wir ein Recht auf Entwicklung
Dr. Christiane Ratjen-Damerau (FDP): und Wohlstand – und dies fordern sie auch von uns ein.
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten
Kolleginnen und Kollegen! Sehr verehrte Damen und (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
(B) Herren! Wenn Sie heute nach draußen schauen, werden der CDU/CSU und der SPD) (D)
Sie sehen, dass es bewölkt ist. Wie auch für mich ist für Umgekehrt ist eine nachhaltige wirtschaftliche und so-
die meisten von uns die Frage nach dem Wetter eine ziale Entwicklung weltweit, ohne dass klimafreundliche
Frage nach dem eigenen Wohlbefinden. Tatsächlich stel- Entwicklungspfade beschritten werden, nicht möglich.
len aber Wetter und Klima für die meisten Menschen auf Daher müssen wir die Menschen in den Entwicklungs-
dieser Welt eine Frage von Leben und Tod dar. und Schwellenländern auf dem Weg zum globalen Kli-
Der weltweite Ausstoß von Kohlendioxid hat einen maschutz begleiten.
neuen Rekordwert erreicht. Wir haben zurzeit den größ- Unsere Partnerländer in der Entwicklungszusammen-
ten CO2-Anstieg aller Zeiten zu verzeichnen. arbeit brauchen bei der Wiederaufforstung, bei der Ver-
Die Folgen dieses dramatischen Anstiegs des klima- minderung der Wüstenausdehnung und bei dem Schutz
schädlichen Treibhausgases in der Atmosphäre sind der Biodiversität unsere Unterstützung. Das Bundes-
durch den Klimawandel messbar und spürbar geworden. ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Ganz besonders betroffen sind die Menschen auf der Entwicklung gibt mehr als 1 Milliarde Euro pro Jahr für
südlichen Halbkugel dieser Erde und damit genau die diese Projekte. Hinzu kommen Mittel aus dem Energie-
Menschen, die nicht das Glück haben, auf dieser Seite und Klimafonds.
der Erde, nämlich in den reichsten Ländern der Welt, ge- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
boren zu sein. der CDU/CSU)
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten Insbesondere mit den Schwellenländern müssen wir
der CDU/CSU) den Dialog verstärken. Gemessen an ihrer wirtschaftli-
Diese Menschen tragen die Hauptlast des Klimawandels, chen Größe und ihrem Einfluss in der Welt müssen sie
obwohl sie am allerwenigsten dazu beitragen. ihren Beitrag leisten. Ohne sie und ihr Mitwirken ist der
Klimaschutz nicht zu machen. In Durban muss die inter-
Die schwierigen Klimabedingungen der letzten Jahre nationale Gemeinschaft den Weg für ein rechtsverbindli-
führen zum Beispiel in Nigeria dazu, dass Flüsse austrock- ches Klimaabkommen im Rahmen der Vereinten Natio-
nen und viele Wasserquellen versiegen. Allein die Wasser- nen ebnen. Dabei gilt es besonders, die Ambitionen der
menge des Lake Chad ist in den vergangenen Jahren um Länder in Bezug auf ihre Emissionsminderungsziele zu
60 Prozent zurückgegangen. Als Folge der schwer vorher- stärken und eine faire Aufteilung zwischen den Staaten
sehbaren Wetterbedingungen in diesem Land kommt es und ihren Verpflichtungen zu schaffen. Wir werden die
immer öfter zu Bodenerosion und Überschwemmungen. Vereinigten Staaten und die großen Schwellenländer da-
17372 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Dr. Christiane Ratjen-Damerau


(A) bei unterstützen, auch ihre Ambitionen beim Klima- konferenz von der Bundesregierung immer Initiativen (C)
schutz rechtsverbindlich auszugestalten. aus: Da gab es Impulse, da sind wir mit neuen Ideen zu
den Klimakonferenzen gegangen. Mein Vorwurf ist, dass
Im Jahr 2010 hatten wir den größten Anstieg aller
in diesem Jahr, vor Durban, keine solchen Initiativen
Zeiten beim Ausstoß von Kohlendioxid zu verzeichnen.
von der Bundesregierung kommen. Das muss sich än-
Ich wünsche der deutschen Delegation viel Erfolg bei
dern, sonst werden wir diese Vorreiterrolle verlieren.
der Konferenz in Durban. Ich hoffe sehr, dass weitere
Rekordausstöße von Kohlendioxid mit den Ergebnissen (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
der Konferenz in Zukunft zu verhindern sind. bei der SPD und der LINKEN)
Vielen Dank. Deshalb gibt es auch die Idee einer Klimapolitik der
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten verschiedenen Geschwindigkeiten; wir wollen – ich
der CDU/CSU) nenne es einmal so – eine Koalition der Willigen. Aber
wenn man eine Koalition der Willigen schaffen möchte,
weil man die großen Emittenten nicht mit ins Boot be-
Vizepräsident Eduard Oswald:
kommt, dann muss man auch vor Ort, hier in Deutsch-
Vielen Dank, Frau Kollegin. – Nächste Rednerin für land, zeigen, dass man willig ist und dass der Klima-
die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen ist unsere Kollegin schutz hier bei uns eine Rolle spielt. Da vermisse ich das
Frau Bärbel Höhn. Bitte schön, Frau Kollegin Höhn. Engagement der Bundesregierung. Das, was Sie hier bie-
(Beifall des Abg. Ulrich Kelber [SPD] – ten, ist mir zu wenig.
Ulrich Kelber [SPD]: Ich finde das immer
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
doof, dass Sie nicht klatschen! – Dr. Hermann
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
E. Ott [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das
KEN)
finde ich auch! – Beifall des Abg. Dr.
Hermann E. Ott [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Wir haben alle gemeinsam, der ganze Bundestag
NEN]) – das war eine gute Sache –, beschlossen: 40 Prozent
CO2-Reduktion bis zum Jahr 2020. Wir wissen aber alle,
Bärbel Höhn (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): dass dieses Ziel mit den jetzigen Maßnahmen nicht er-
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich reicht werden wird.
möchte noch einmal an das Thema erinnern, um das es (Zuruf von der LINKEN: So ist es!)
hier geht, und dabei die Rolle Deutschlands beim Kampf
gegen die Klimakatastrophe beleuchten. Am Ende landet man vielleicht bei 30 oder 35 Prozent,
(B) nicht aber bei 40 Prozent CO2-Reduktion. Ich sage des- (D)
Deutschland hat im Klimaschutz international in den
halb: Meine Damen und Herren, lassen Sie uns endlich
letzten Jahrzehnten immer eine sehr aktive Rolle ge-
gemeinsam ein Klimaschutzgesetz verabschieden, da-
spielt. Ich finde es auch richtig, deutlich zu sagen: Das
mit wir jedes Jahr überprüfen können, ob wir uns von
war nicht das Anliegen einer einzigen Fraktion, sondern
diesem Ziel entfernen oder nicht, damit wir rechtzeitig
das war das Anliegen vieler Umweltminister aus vielen
agieren können, damit wir hier nicht nur große Predigten
verschiedenen Fraktionen.
und Reden halten, sondern auch handeln. Klimaschutz
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN lebt vom Handeln!
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
CDU/CSU) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
Es hat mit Klaus Töpfer angefangen, der 1992 viel dazu LINKEN)
beigetragen hat, dass wir die Konferenz in Rio hatten.
Dazu gehört auch, dass Deutschland nicht nur im ei-
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) genen Land aktiv ist, sondern vor allen Dingen Deutsch-
Es ist weitergegangen mit der Umweltministerin Angela land auch in Europa aktiv ist. Noch vor der Konferenz in
Merkel. Bali ist eindeutig und klar gesagt worden: 30 Prozent
CO2-Reduktion – wenn die anderen mitmachen. Das war
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) damals etwas Neues. Heute muss man sagen: 30 Prozent
Und es ist – ich hoffe, dass jetzt auch alle wieder klat- CO2-Reduktion in Europa – ohne Wenn und Aber. Eine
schen – mit Jürgen Trittin und Sigmar Gabriel weiterge- solche Ansage hätte ich von der Bundesregierung erwar-
gangen. Ich bitte jetzt auch um Beifall! tet.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der bei der SPD und der LINKEN)
CDU/CSU) Es ist doch eine logische Folge von zu viel ausgege-
– Danke schön! benen Zertifikaten, dass der Preis der Zertifikate jetzt
unter 9 Euro liegt. In den Haushaltsplan sind für die Zer-
Wenn wir heute vor Durban die Situation haben, dass tifikate 17 Euro eingestellt.
man sagt: „Durban steht unter keinem guten Stern“,
dann müssen wir auch fragen: Welche Rolle spielt dabei (Dr. Christian Ruck [CDU/CSU]: Richtig!
eigentlich Deutschland? Bisher gingen vor jeder Klima- Nicht 33 Euro!)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17373
Bärbel Höhn
(A) Das heißt doch umgekehrt, dass wir ehrgeiziger sein diese Unterstützung zu leisten. Stoppen Sie den Wirt- (C)
müssen. Wir müssen den CO2-Ausstoß begrenzen, damit schaftsminister dabei, die Entwicklung der erneuerbaren
wir überhaupt bei 17 Euro landen können. Deshalb müs- Energien immer wieder zu hemmen. Daran, dass sich
sen wir uns in Europa ehrgeizigere Ziele zur Reduktion selbst Herr Kauch für die erneuerbaren Energien einsetzt
des CO2-Ausstoßes setzen. Wir müssen auf jeden Fall und so versucht, den Wirtschaftsminister zu stoppen,
den CO2-Ausstoß in Europa um 30 Prozent reduzieren. sieht man, wo die Koalition steht.
Das ist das Ziel.
Es geht auch darum, dass wir mit dem Abbau klima-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN schädlicher Subventionen wirklich ernst machen müs-
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der sen.
LINKEN – Dr. Hermann E. Ott [BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN]: Röttgen muss sich Vizepräsident Eduard Oswald:
einmal durchsetzen!) Sie haben mir versprochen, zum Schluss zu kommen.
Das Zeitfenster für eine solche Forderung schließt
sich. Denn wenn Sie diese 17 Euro pro Zertifikat nicht Bärbel Höhn (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
bekommen – und danach sieht es aus; ursprünglich lag Jetzt schaffen Sie wieder Ausnahmen für energiein-
das Ziel sogar bei über 30 Euro –, dann heißt das, dass tensive Unternehmen. Das geht nicht. Diese Unterneh-
Sie mit der derzeitigen Konstruktion Ihres Klimafonds men bekommen 8 bis 9 Milliarden Euro an Zuschüssen.
die Energiewende nicht durchsetzen können. Die Zahl
der Gebäudesanierungen bei uns ist doch eingebrochen,
weil die Einnahmen aus den Zertifikaten nicht mehr Vizepräsident Eduard Oswald:
stimmen. Wir alle wissen, die Gebäudesanierung ist ei- Sie müssen zum Schluss kommen.
ner der wichtigsten Bereiche, durch den wir CO2 einspa-
ren können. Hier müssen wir Klimaschutz betreiben. Bärbel Höhn (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Deshalb sage ich Ihnen: Werden Sie ehrgeiziger beim Ich komme zum Schluss. – Mit diesen Subventionen
Klimaschutz, damit wir die Energiewende hier in ohne Gegenleistung muss Schluss sein. Wir brauchen
Deutschland hinbekommen! eine Gegenleistung, auch von diesen Unternehmen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Nur dann, wenn wir bei all diesen Punkten ernst ma-
sowie bei Abgeordneten der SPD) chen, können wir in Deutschland Vorreiter sein und die
Eines muss ich wirklich sagen: Ich ärgere mich ex- anderen dafür begeistern, dasselbe zu tun.
(B) trem über Wirtschaftsminister Rösler. Was ist das für ein Vielen Dank. (D)
Wirtschaftsminister, der wirklich wichtige Bereiche der
Wirtschaft brachliegen lässt? Maßnahmen der Energie- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
effizienz beinhalten ein Potenzial zur Schaffung von sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
250 000 Arbeitsplätzen. Das hat der Bundesumweltmi- KEN)
nister gesagt. Ich vertraue ihm einmal an diesem Punkt.
Vizepräsident Eduard Oswald:
(Zuruf vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:
Der hat doch gute Leute!) Vielen Dank. – Nächster Render in unserer Debatte ist
für die Fraktion der CDU/CSU unser Kollege Josef
Herr Röttgen, dann bringen Sie endlich einmal den Wirt- Göppel.
schaftsminister Rösler dazu, dass er diese Vorhaben
nicht immer blockiert. Es darf doch wohl nicht sein, dass (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
ein Minister die Schaffung solcher Arbeitsplätze in klei- neten der FDP)
nen und mittelständischen Unternehmen blockiert!
Josef Göppel (CDU/CSU):
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich
bei der SPD und der LINKEN) greife den Vorschlag auf, Frau Kollegin Höhn, gemein-
Er betreibt diese Politik aus ideologischen Gründen; er sam das Thema Klimaschutz zu behandeln. Man ist ja
spricht ja von Planwirtschaft. Er hat noch gar nicht ver- wirklich versucht, zu glauben, dass die Grenzlinien nicht
standen, worum es hier geht. Solche Potenziale einfach zwischen den Parteien, sondern innerhalb von Parteien
brachliegen zu lassen, geht nicht. verlaufen. Allein die Präsenz heute hier in diesem Saal
in der Debatte zu diesem Punkt zeigt, dass die Umwelt-
Ja, wir sind bereit, fraktionsübergreifend zu arbeiten. politiker wieder einmal fast unter sich sind. Das ist nicht
Da sollte man sich nicht verweigern; dazu ist die Auf- gut.
gabe viel zu groß.
(Widerspruch bei Abgeordneten der SPD, der
Ich komme zum Schluss. Ich sage noch einmal sehr LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
deutlich: Die EU muss sich verbindlich auf eine CO2- GRÜNEN – Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE
Reduktion um 30 Prozent einigen. Zusätzlich muss die GRÜNEN]: Wir sind alle Umweltpolitiker!
Effizienzrichtlinie der EU-Kommission unterstützt wer- Damit haben Sie recht! – Ulrich Kelber [SPD]:
den. Bringen Sie endlich den Wirtschaftsminister dazu, Bei uns: Umweltpolitiker und NRW!)
17374 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

(A) Vizepräsident Eduard Oswald: Sommer wurde ein gewaltiger Schritt nach vorn getan. (C)
Das wollen wir jetzt natürlich nicht abfragen, Herr Ich habe das Gefühl, dass hinterher der eine oder andere
Kollege. erschrocken ist. Bei großen Entscheidungen überlegt
man sich ja oftmals, was man denn eigentlich mitbe-
Josef Göppel (CDU/CSU): schlossen hat. Wir können auf diese Energiewende ver-
Ich beginne mit der Festlegung von Frau Merkel in trauen und sie vorantreiben, weil sich bereits in der wirt-
ihrer Haushaltsrede am 23. November 2011: schaftlichen Krise der beiden letzten Jahre gezeigt hat,
dass der Erfolg Deutschlands zu einem großen Teil auf
Unsere Reduktionsziele stehen fest. Diese werden den Ausbau der erneuerbaren Energien und auf die Mo-
wir nicht ändern. dernisierung unserer Volkswirtschaft im energetischen
Bereich zurückgeht.
Dafür danke ich der Kanzlerin, und ich unterstütze sie
ausdrücklich. Diese Unterstützung hat sie sicherlich Ich kann auch das Argument nicht akzeptieren, dass
auch nötig; denn offenkundig gibt es Kräfte, die den dieser Teil unserer Wirtschaft über die EEG-Umlage in
Rückzug aus dem weiteren Ausbau von erneuerbaren Höhe von 3,5 Cent subventioniert werde. Wenn man sich
Energien, vom weiteren Klimaschutz und von mehr Kli- anschaut, welch riesige Lasten die alten Formen der
maeffizienz wollen. Diese Beharrungskräfte richten sich Energieversorgung unseren Nachkommen noch aufbür-
nach meiner Meinung gegen deutsche Interessen. Denn den, dann, so denke ich, relativiert sich das sehr schnell.
die Modernisierung unserer Volkswirtschaft durch Kli-
maschutz und energetische Erneuerung ist eine wesentli- (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der
che Triebfeder für unseren Erfolg auf den Weltmärkten. SPD, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/
Der deutsche Erfolg ist das beste Verhandlungsargument DIE GRÜNEN – Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/
auf den Klimakonferenzen. DIE GRÜNEN]: Das stimmt!)

Ich stimme den Rednern der Opposition nicht zu, die Wir dürfen nicht in alte und neue Energien trennen, son-
behaupten, dass wir in diesem Bereich ins Hintertreffen dern wir müssen den Übergang entschlossen angehen.
geraten werden. Ganz im Gegenteil: Es ist so, dass die Das ist die Chance für unser Land. Damit geben wir
Vertreter der anderen Länder darauf schauen, wie den auch auf den internationalen Konferenzen ein gutes Bei-
Deutschen ihre mutigen Schritte „Abschaltung der spiel.
Atomkraftwerke in den nächsten zehn Jahren“ und „Ein- (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
leitung einer Energiewende hin zu einer kohlenstoff- neten der SPD, der FDP, der LINKEN und des
freien Energieversorgung“ gelingen. Wir sind im Blick- BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
feld der Weltöffentlichkeit. Ich möchte hier ausdrücklich
(B) die Grundannahme von Minister Röttgen unterstützen, (D)
Vizepräsident Eduard Oswald:
dass wir mit entschlossenen Klimaschutzmaßnahmen
unseren wirtschaftlichen Erfolg stärken, weil wir so un- Vielen Dank, Kollege Josef Göppel. – Jetzt folgt für
ser Land modernisieren. die Fraktion der Sozialdemokraten unser Kollege
Dr. Matthias Miersch. Bitte schön, Herr Dr. Miersch.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn man von die-
ser Grundannahme ausgeht, dann ist es falsch, das ei- (Beifall bei der SPD)
gene Handeln immer vom Handeln der anderen Akteure
in Europa abhängig zu machen. Dr. Matthias Miersch (SPD):
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Dass die Stenografen eben sehr genau hinschauen muss-
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der ten, wo geklatscht wurde, war symptomatisch. Lieber
SPD, der FDP und der LINKEN) Josef Göppel, ich denke, du hast uns – jedenfalls uns, die
Wenn wir der Meinung sind, dass unser entschlossener wir auf der von mir aus gesehen linken Seite dieses Par-
Klimaschutz zu Modernisierung und wirtschaftlichem laments sitzen – allen aus dem Herzen gesprochen.
Erfolg führt, müssen wir in der Tat den Abwehrring des (Beifall bei Abgeordneten der SPD, der LIN-
Beharrens und Abwartens durchbrechen. KEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ-
Frau Kollegin Höhn, ich stimme Ihnen zu: Wir brau- NEN – Andreas Jung [Konstanz] [CDU/CSU]:
chen eine Koalition der Willigen. Es sind zusammenge- Auch uns!)
rechnet etwa 120 Staaten, die man zu dieser Konferenz Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Organisation
der Willigen bringen kann. Ich möchte auch ausdrück- Germanwatch stellt in ihrem Hintergrundpapier ein Zitat
lich dafür werben, meinem Kollegen Gebhart zuzustim- von Nelson Mandela heraus; dieses lautet:
men, der sagt: Es ist richtig, zu diesen Konferenzen zu
gehen, weil nur dort den vielen kleinen Ländern eine Es scheint immer so lange unmöglich, bis es wirk-
Plattform geboten wird, auf der sie agieren können. – lich getan ist.
Auch nach meiner Meinung wäre es völlig falsch, diese
Beratungen auf die G 20 zu beschränken und alle ande- Wir haben in dieser Legislaturperiode des Parlaments
ren auszuschließen. erlebt, dass ein längst beschlossener Atomausstieg rück-
gängig gemacht wurde und dass dann nach einem be-
Aber unser eigenes Handeln ist Maßstab für unsere stimmten Ereignis wiederum eine Kehrtwende zuguns-
Glaubwürdigkeit. Mit den Beschlüssen im vergangenen ten der Erneuerbaren vollzogen und der Ausstieg erneut
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17375
Dr. Matthias Miersch
(A) beschlossen wurde. Das zeigt, dass politisch ganz viel (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten (C)
möglich ist. Deswegen finde ich, Herr Kollege Gebhart, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Sie haben völlig recht: Es kann jederzeit passieren, dass
sich weltweit die Einsicht durchsetzt, dass eine interna- Dann möchte ich gemeinsam mit Ihnen zum Schluss
tionale Klimaschutzkonferenz Erfolg haben muss. Des- überlegen, ob die Taktik, mit der wir nach Durban fah-
wegen ist es wichtig, diesen internationalen Kontext, ren, eigentlich richtig ist. Wir warten darauf, wie sich die
diese internationalen Verhandlungen nie aus den Augen anderen verhalten. Aber ist es nicht vielmehr sinnvoll, zu
zu verlieren. überlegen, was wir verlieren, wenn wir vorangehen?
Was verlieren wir, wenn wir unserer Industrie vorschrei-
Aber zugleich und zu Recht haben Sie auch darauf ben, effizient zu werden? Es ist nicht nur so, dass es um
hingewiesen, dass es dabei nicht bleiben darf, sondern Klimawandel geht, sondern es geht auch um urökonomi-
dass wir hier unsere Hausaufgaben machen müssen. Da- sche Fragen. Es geht zum Beispiel um die Frage: Welche
ran, lieber Herr Kollege Röttgen, krankt es im Moment. Maschinen wird man weltweit in den nächsten Jahren
Denn seit über zwei Jahren erleben wir, dass hier an die- noch verkaufen können? Das werden die Maschinen
sem Pult gut geredet, aber in keiner Weise gehandelt sein, die am wenigsten Energie verbrauchen.
wird.
Das, was wir hier machen, ist also viel mehr als Um-
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ weltpolitik: Es geht um Gesellschaftspolitik und um ele-
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der mentare Fragen der Gerechtigkeit; es geht um urökono-
LINKEN) mische Fragen. Wir vergeben uns nichts, wenn wir zwei
Schritte weiter sind als die anderen. Deswegen brauchen
Da Sie nach mir reden, möchte ich Ihnen die Gelegen-
wir deutlichere Signale hier in Berlin, aber auch in Brüs-
heit geben, heute zu einer Sache ebenfalls Stellung zu
sel.
nehmen. Es ist eine Woche her, da hatte ich Sie von die-
sem Pult aus darauf angesprochen, wie es um die Ver- Ich danke für die Aufmerksamkeit.
handlungen zwischen Rösler, Röttgen, Pofalla und
Ramsauer über Maßnahmen zur Energieeffizienz steht. (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
Daraufhin haben Sie erklärt – ich zitiere –: DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
LINKEN)
(Frank Schwabe [SPD]: Wahrheitswidrig!)
Das werden wir – darüber sind sich der Bundeswirt- Vizepräsident Eduard Oswald:
schaftsminister, die Bundesregierung und der Bun- Vielen Dank, Kollege Dr. Matthias Miersch. – Jetzt
desumweltminister einig – natürlich nur mit der für die Bundesregierung Herr Bundesminister (D)
(B) verbindlichen Zielsetzung durchsetzen können, … Dr. Norbert Röttgen. Bitte schön, Herr Bundesminister.
(Josef Göppel [CDU/CSU]: So war es an dem (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Abend! – Zuruf des Abg. Frank Schwabe
[SPD])
Dr. Norbert Röttgen, Bundesminister für Umwelt,
Lieber Herr Kollege Röttgen, es dauerte keine 24 Stun- Naturschutz und Reaktorsicherheit:
den, bis wir in der Zeitung lesen konnten, dass Sie sich Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kolle-
nicht einig sind, dass Sie wieder gegen verbindliche Re- gen! Erlauben Sie mir, dass ich zu Beginn meiner Rede
gelungen sind. Das ist unglaubwürdig. darauf eingehe, worum es bei dieser Konferenz geht;
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem denn einige Redner hatten das nicht im Zentrum ihrer
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Rede. Es geht darum, dass der Klimawandel voran-
schreitet, dynamischer als gedacht, mit all seinen Fol-
Daran krankt es, und daran merken die Leute: Dahin- gen, und dass demgegenüber die Handlungsfähigkeit der
ter steckt nicht viel. Deswegen gebe ich Ihnen die Gele- internationalen Politik stagniert oder vielleicht sogar ab-
genheit, nach mir sehr deutlich zu sagen: Ja, ich kämpfe nimmt.
dafür, aber ich habe in dieser Bundesregierung keine
Mehrheit. Ich habe keine Rückendeckung von Herrn (Ulrich Kelber [SPD]: Ja, das teilen wir!)
Pofalla, von der Kanzlerin und von Herrn Rösler.
Das heißt, die Schere geht auseinander. Das kann man
(Beifall bei der SPD) konkret aufzeigen.
Das, was Sie sich dort leisten, leisten Sie sich auch Wenn die Schere auseinandergeht, dann hat das für
auf internationaler Ebene. Wir haben hier letzte Woche viele Menschen existenzielle Folgen. Frau Kollegin, Sie
den Haushalt beraten. Wir haben beraten, was es mit den haben das bereits ausgeführt und von einer Frage von
in Kopenhagen zugesagten Fast-Start-Mitteln auf sich Leben oder Tod gesprochen – und das völlig zu Recht.
hat. Wir haben festgestellt, dass diese Zusagen, die wir Das hat dramatische wirtschaftliche Konsequenzen bis
den Staaten anderer Kontinente gegeben haben, nicht hin zur Zerstörung der Lebensgrundlage von vielen Mil-
eingehalten wurden. Auch das müssen wir hier benen- lionen Menschen. Es hat Auswirkungen auf Flüchtlings-
nen; denn es führt nicht zu der Glaubwürdigkeit und ströme, es begünstigt die Entstehung von Konflikten,
schafft nicht das Vertrauen, die gerade auf internationa- vielleicht sogar Kriegen, um Wasser und Weideland.
ler Ebene notwendig sind. Diese drohen immer öfter.
17376 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Bundesminister Dr. Norbert Röttgen


(A) Letztendlich geht es um eine elementare Frage der maschutzpolitische Aufgabe, der wir uns zu stellen ha- (C)
Menschheit, nämlich um Gerechtigkeit. Wenn wir diese ben.
Entwicklung nicht stoppen und sie weitergeht, dann
kommt es zu einer großen Menschheitsungerechtigkeit; (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
denn durch unsere Wirtschaftsweise – das liegt in unse- Daraus leite ich die Strategie ab. Um es klar zu sagen:
rer Verantwortung – tragen wir dazu bei, dass ganze Ge- Was ist das Ziel für Durban? Wir können niemanden zu
nerationen und Hunderte von Millionen, vielleicht Mil- etwas zwingen; das haben wir in Kopenhagen erleiden
liarden Menschen niemals eine Chance in ihrem Leben und erlernen müssen. Deshalb muss das Ziel für Durban
erhalten. Das ist die globale Menschheitsdimension des sein, auch die anderen Großemittenten – insbesondere
Themas. die USA und China – auf einen Fahrplan bzw. ein Man-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) dat zu verpflichten, sodass es zu einem Rechtsabkom-
men kommt, das im Ziel von rechtlicher Verbindlichkeit
Darum erlauben Sie mir, dass ich einmal zugebe, wo- und von einem hinreichenden Ambitionsniveau geprägt
rüber ich mich ärgere. Ich ärgere mich darüber, dass bei ist. Das 2-Grad-Ziel muss mindestens erreicht werden.
diesem Thema – ich habe keinen Zweifel daran, dass es Unser Ziel ist es, die großen Emittenten – die Schwellen-
nicht einen gibt, der das nicht so sieht – sehr viele, wenn länder und die USA – auf diesen Fahrplan zu verpflich-
auch nicht alle, aus den Oppositionsfraktionen kleinka- ten. Dieses Ziel wollen wir erreichen, und daran arbeiten
riert, relativ provinziell, nicht über den Tellerrand hi- wir mit allen Kräften.
nausschauend debattieren, indem sie zum Beispiel über
energetische Gebäudesanierung sprechen. Unser Ziel ist es selbstverständlich auch, Europa dazu
zu bewegen, sich noch stärker einzubringen. Die Euro-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – päer machen weiter; sie sind zur Verbindlichkeit bereit,
Zurufe von der SPD) und zwar im eigenen Interesse und aus Verantwortung
Bei aller Liebe: Die energetische Gebäudesanierung ist heraus. Es gilt aber einen ernsten Punkt außenpolitischer
wichtig. Ich kann auch gleich etwas dazu sagen. Man Abwägung und Analyse zu bedenken: Ein Kioto-Proto-
muss sich aber auch einmal Herausforderungen einer an- koll mit einer zweiten Verpflichtungsperiode, bei dem
deren Dimension stellen. Wir dürfen nicht immer nur die man sich damit abfindet, dass es noch weniger Teilneh-
kleinkarierten Debatten von gestern und vorgestern füh- merstaaten hat als das jetzige Kioto-Protokoll – Kanada,
ren, nicht nur weil es intellektuell wirklich langweilig Russland und Japan haben glasklar erklärt, dass sie aus-
ist, sondern weil wir alle Verantwortung haben, und zwar steigen –, das nur noch 15 Prozent der globalen Emissio-
nicht nur die Regierung und die Koalitionsfraktionen, nen erfasst und das die USA und die Schwellenländer
mit zunehmenden Emissionen außen vor ließe, würde die
(B) die diese Regierung tragen. Sie sollten sich an Ihrer eige- Unzulänglichkeit der internationalen Bemühungen gera- (D)
nen Verantwortung messen lassen.
dezu zementieren; davon sind wir in der Bundesregierung
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) überzeugt. Wenn man sich damit abfindet, dass Kioto II
nur noch ein EU-Abkommen ist, das im Ergebnis weniger
Die Aufgabe, um die es geht, ist klar zu beschreiben.
bringt als der heutige EU-Rechtszustand, leistet man eben
Was ist unser Ziel? Das Ziel bleibt ein globales Rechtsab-
keinen Beitrag zum Klimaschutz. Damit dürfen wir uns
kommen. Wir wollen, dass es zu einem Klimaschutzre-
nicht zufriedengeben. Wir brauchen mehr als Kioto II.
gime kommt – rechtlich verbindlich und angemessen in
Das ist die unverzichtbare Position, für die wir eintreten
der Ambition –, das es ermöglicht, mindestens das 2-Grad-
und zu der wir uns verpflichten. Kioto II darf nicht ze-
Ziel zu erreichen. Bei diesem Ziel, ein globales Rechtsab-
mentieren, dass 85 Prozent der Emissionen keinem Re-
kommen zu erwirken, bleibt es. Das ist das Ziel deutscher
gime unterworfen werden. Vielmehr müssen wir die ande-
Klimaschutzpolitik, und es ist genau das richtige Ziel.
ren ins Boot holen und selber selbstverständlich bereit
(Beifall bei der CDU/CSU – Dr. Hermann E. sein – das sind wir –, eigene Verpflichtungen zu erfüllen.
Ott [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber der Das ist das Ziel.
falsche Weg!)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wie aber kommen wir dahin? Die außenpolitische
Lage ist kompliziert. Sie können ja einmal außerhalb Darüber hinaus dürfen wir die anderen Themen nicht
dieses Saales, außerhalb Ihrer eigenen Fraktionen, fra- vergessen. Über die ist heute, glaube ich, kaum gespro-
gen, ob irgendeiner glaubt, dass Deutschland oder Eu- chen worden. Dabei geht es unter anderem um Klima-
ropa das Problem seien. Nein, Deutschland oder Europa finanzierung. Die Struktur des diesbezüglichen Fonds
sind nicht das Problem, weil wir dieses Abkommen wol- muss dort beschlossen werden. Das Ziel von Cancún
len, und zwar problemadäquat. Was aber ist das Pro- bleibt: 100 Milliarden Dollar ab 2020. Wir erfüllen un-
blem? Das Problem ist, dass die großen Emittenten – im sere Verpflichtungen.
Wesentlichen China, USA und Indien – noch nicht bereit (Lachen des Abg. Ulrich Kelber [SPD])
sind, sich auf den Weg hin zu einem solchen internatio-
nal verbindlichen Regime zu machen. Das ist das Pro- Wir sind dabei, an der Struktur zu arbeiten. Über die
blem; denn ohne den Beitrag der Verursacher können wir große Frage dürfen wir aber die kleinen Schritte nicht
das Problem nicht lösen. Wir müssen einen Weg finden, aus dem Auge verlieren, die elementar wichtig sind. Das
diese Großemittenten und -verursacher in das gemein- reicht von der Technologiekooperation und der verläss-
same Boot zu holen. Das ist die außenpolitische und kli- lichen Finanzierung – da sind die Industrieländer in der
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17377
Bundesminister Dr. Norbert Röttgen
(A) Verantwortung – bis hin zum Waldschutz. Auch da wer- zusammen geht, will Deutschland in Europa erbringen. (C)
den wir Leistungen erbringen. Das ist der wichtigste Beitrag, den wir international leisten
können. Es wird auch eine wirtschaftliche Erfolgsge-
Ich komme zur Frage: Was ist eigentlich unser Bei-
schichte sein, wenn wir das Klima schützen und die Natur
trag? Er besteht darin, dass wir in unserem Land und in
bewahren. Das ist unser Ansatz. Mit dem sollten Sie sich
Europa so handeln, wie wir international reden. Das ist
– wenn Ihnen noch irgendetwas zu dem Thema einfällt –
die Basis der Glaubwürdigkeit.
vielleicht irgendwann auch einmal inhaltlich auseinander-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) setzen.
Ich frage mich manchmal, in welchem Land Sie eigent- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
lich leben. Es macht keinen Sinn, wenn die Opposition
immer so tut, als wären Entscheidungen gar nicht getrof- Vizepräsident Eduard Oswald:
fen worden. Fällt es Ihnen so schwer – nur weil diese Vielen Dank, Herr Bundesminister. – Nächster Red-
Entscheidungen von einer anderen Koalition, aber nicht ner in unserer Aktuellen Stunde ist für die Fraktion der
von Ihnen getragen werden –, die Fortschritte im Land Sozialdemokraten unser Kollege Ulrich Kelber. Bitte
anzuerkennen? Die Politik dieser Bundesregierung be- schön, Kollege Ulrich Kelber.
steht darin, ein unkonditioniertes Reduzierungsziel von
40 Prozent zu erreichen. Freuen Sie sich darüber, weil es (Beifall bei der SPD)
für das Land gut ist und weil es für den Klimaschutz gut
ist. Ulrich Kelber (SPD):
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Her-
Ulrich Kelber [SPD]: Aber welche Maßnah- ren! Herr Bundesminister Röttgen, Handeln statt Reden
men machen Sie?) einzufordern, ist nicht kleinkariert. Es ist das, was end-
lich – nach zwei Jahren salbungsvoller Reden von Ihrer
Es müsste Ihnen doch möglich sein, zur Kenntnis zu Seite aus – notwendig ist.
nehmen, dass außerhalb der kleinen Gruppe der Opposi-
tion hier in Deutschland – das hat, glaube ich, Josef (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
Göppel so gesagt, und das ist keine Übertreibung – die
ganze Welt auf die deutsche Energiewende schaut. Sie LINKEN)
fragt sich: Bekommen die das hin? Schaffen die das? Sie haben auch deutlich am Thema vorbeigeredet. Heute
geht es nicht darum, dass wir uns alle noch einmal bestä-
(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
tigen, dass Klimaschutz wichtig ist. Das haben wir oft
NEN]: Sie machen das doch gerade kaputt! –
(B) genug in allen Konstellationen gemacht. Die Frage heute (D)
Dr. Matthias Miersch [SPD]: Herr Töpfer
lautet: Welchen Beitrag leistet Deutschland auf der Kli-
sagt Nein!)
maschutzkonferenz und zum nationalen Klimaschutz?
Genau das ist der Maßstab, an dem wir gemessen wer- Dazu haben wir wieder nichts gehört.
den. Es wird gefragt: Schaffen die das, was sie beschlos-
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
sen haben? – Wir haben es jedenfalls beschlossen. Sie
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
haben damit ein parteipolitisches Problem, dass wir die
LINKEN)
richtige Politik machen.
Dabei haben Sie als schwarz-gelbe Bundesregierung
(Ulrich Kelber [SPD]: Herr Töpfer ist neuer-
eine einmalige Chance, die in den letzten 15 Jahren ei-
dings Sozialdemokrat?)
gentlich keine Regierung vor Ihnen hatte, nämlich dass
Das kann aber nicht der Maßstab für uns sein. Wir ma- die gesamte Opposition Sie bei Maßnahmen zum Klima-
chen trotzdem die richtige Politik weiter, auch wenn Sie schutz unterstützt. Ich erinnere mich an die Große Koali-
keine Themen mehr haben und Ihre Einfallslosigkeit in tion, als die FDP in der Opposition war, und an die rot-
allen umwelt- und klimapolitischen Debatten hier sehr grüne Regierung, als CDU/CSU und FDP in der Opposi-
deutlich zum Ausdruck kommt. tion waren. Da war das anders. Der heutige Bundesum-
weltminister hat damals gegen die ökologische Steuer-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
reform, gegen das Erneuerbare-Energien-Gesetz, insge-
Ich bleibe bei dem, was als Maßstab eigentlich von al- samt gegen 19 von 20 Klimaschutzinstrumenten ge-
len Koalitionsrednern formuliert worden ist: Der wich- stimmt. Das war in den ersten zehn Jahren dieses Jahr-
tigste Beitrag, den wir als Bundesrepublik Deutschland hunderts. Heute haben Sie eine Opposition, die möchte,
leisten können und werden, besteht darin, dass wir bewei- dass Sie mehr machen. Diese Opposition unterstützt Sie
sen, dass ein großes Industrieland – das größte in Europa – in der Bevölkerung. Sie würde Sie auch verteidigen,
erfolgreich in der Lage ist, sowohl wirtschaftliches Wachs- wenn Sie handeln würden. Nutzen Sie das doch einfach
tum, industrielle Modernisierung und Innovationen zu aus!
schaffen als auch gleichzeitig ökologische bzw. klima-
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
schutzpolitische Ziele zu erreichen. Dieser Beitrag besteht
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
auch darin, dass wir gerade dadurch, dass wir uns zum Er-
LINKEN)
reichen dieser Ziele verpflichten, Technologien entwi-
ckeln, Innovationen schaffen und so Wachstum erzeugen. Sie haben in den letzten Tagen immer wieder davon
Den Beweis, dass beides zusammen geht, ja dass es nur gesprochen, dass die internationale Klimadiplomatie ein
17378 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Ulrich Kelber
(A) Marathonlauf ist. Ich finde diese Bildsprache richtig. gierung billiger sein wird als die Kilowattstunde aus der (C)
Wenn wir sie verwenden, dann müssen wir sagen: Offshoretechnologie. Welcher Sinn steckt dahinter, die
Deutschland ist nicht mehr der Topläufer; Deutschland billigere Technologie zu blockieren und die andere mit
ist langsamer geworden und bleibt immer wieder stehen. noch mehr Geld zu füttern? Das soll ein Kostenargument
Die Läufer Röttgen und Rösler haben sich zwar zum sein? Das kann ich nicht verstehen.
Ausgleich knallbunte neue Sportkleidung gekauft, mit
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
der man schon im Stehen verdammt schnell aussieht.
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
Aber sie veröffentlichen Fanmagazine und Websites und
LINKEN)
streiten sich am Straßenrand darüber, ob man loslaufen
sollte und in welche Richtung, ob man nicht nur so Förderprogramme werden angehalten und dann zeit-
schnell laufen sollte wie die langsamsten Läufer, anstatt weise wieder aufgelegt. Solche Programme können hei-
einfach einmal loszulaufen und das Ganze zu gewinnen. mische Anbieter nicht nutzen; denn sie sind auf einen
stetigen heimischen Markt angewiesen. In der Folge
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
wird nach Deutschland geliefert, was in anderen Län-
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
dern Überschuss ist. In den Jahren, in denen es hier keine
Röttgen und Rösler sind ein Bild des Jammers. Das sa- Förderung gibt, wird der Markt völlig trockengelegt. Das
gen doch längst nicht nur die Umweltverbände, die das erleben wir jetzt seit zwei Jahren: hü und hott in der
alles heftig kritisieren. Besuchen Sie doch einmal die Technologieförderung.
Konferenzen der Wirtschaftsverbände! Dann erfahren Der letzte Punkt ist das Fast-Start-Programm. Ich
Sie, dass Versäumnisse beim Klimaschutz auch ver- komme da zum Marathon zurück: Die Bundeskanzlerin
passte wirtschaftliche Chancen sind. Wenn Sie zu VKU- hat den ärmsten Läufern versprochen, im Rahmen des
Konferenzen, zur Handelsblatt-Jahrestagung oder zu an- Fast-Start-Programms die Schuhe zu bezahlen. Was
deren Tagungen gehen, dann stellen Sie fest: Man lacht macht sie jetzt? Im Haushalt sind keine Mittel mehr für
da über den Wirtschaftsminister. Es tut sogar einem Op- die Schuhe eingestellt. Es wird jetzt das Mittagessens-
positionspolitiker weh, wenn über eine Regierung nur geld verwendet, um die Schuhe zu kaufen, weil man der
noch gelacht wird. Die Ankündigungen des Umweltmi- buckligen Verwandtschaft das Betreuungsgeld und die
nisters beziehen sich immer nur auf Ziele; Maßnahmen Steuersenkungen finanzieren muss.
bleiben aus. Diese Ankündigungen werden dort nicht
mehr ernst genommen. (Ulrich Petzold [CDU/CSU]: Ja, ja! Die Räu-
ber!)
Schauen wir einfach auf die Maßnahmen, die notwen-
dig wären: Energieeffizienz. Minister Röttgen stellt sich Damit nimmt sich Deutschland die Glaubwürdigkeit;
(B) hier morgens hin und erzählt uns, die Regierung habe aber Glaubwürdigkeit ist die Währung in der internatio- (D)
sich geeinigt, und es komme zu verbindlichen Energie- nalen Klimaschutzdiplomatie.
effizienzvorgaben. Aber schon am Nachmittag lesen wir, (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
dass der Wirtschaftsminister dem Umweltminister wi- des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
derspricht. Bis heute wissen wir nicht, worüber in der
Europäischen Union verhandelt wird, obwohl doch
Deutschland das Land wäre, das die meisten entspre- Vizepräsident Eduard Oswald:
chenden Technologien liefern könnte. Weil man auf we- Vielen Dank, Kollege Ulrich Kelber. – Letzter Redner
nige Lobbyisten hört, nimmt man uns ein großes wirt- in unserer Aktuellen Stunde ist für die Fraktion der
schaftliches Betätigungsfeld weg. Was ist die Linie der CDU/CSU Dr. Christian Ruck. Bitte schön, Kollege
Bundesregierung? Ruck.
Ausbau der Energienetze. Auch da werden keine Ent- (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
scheidungen getroffen. Die Smart-Grid-Technologien
entstehen im Augenblick in anderen Ländern. Wir Dr. Christian Ruck (CDU/CSU):
schauen zu, wie uns andere überholen, obwohl wir tech- Lieber Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen
nologisch einmal die Vor-Läufer waren. und Herren! Am Schluss der Debatte möchte auch ich
bekräftigen, dass wir zwar in einer sehr schwierigen
Seit 2009 könnten die Bedingungen für die Förderung
Phase der Klimaverhandlungen sind, dass nicht viele
hochflexibler, sauberer Kraftwerke definiert werden; seit
Optimismus ausstrahlen, wir aber trotzdem nicht die
2009 erlaubt das die Europäische Union. Bis heute liegt
Flinte ins Korn werfen dürfen, sondern kämpfen müs-
eine solche Definition nicht vor. In der Folge unterblei-
sen; denn das, was wir heute nicht tun, müssen zukünf-
ben milliardenschwere Investitionen in Kraftwerke.
tige Generationen teuer bezahlen. Deswegen stärken wir
Bei den erneuerbaren Technologien gibt es ständig allen aus diesem Hause, die nach Durban fahren
Verunsicherung durch Briefe der Koalitionsfraktionen – Minister Röttgen und allen Politikern der Koalition
und Äußerungen von Fraktionsvizevorsitzenden. Sie und der Opposition –, auch mit dieser Debatte den Rü-
müssten mir irgendwann einmal erklären, warum 2013 cken und wünschen ihnen viel Glück.
die Förderung im Photovoltaikbereich zurückgefahren
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
und die Förderung im Offshorebereich hochgefahren
werden soll, obwohl 2013 die Kilowattstunde Strom aus Ich glaube, dass Durban auch deswegen wichtig ist,
Photovoltaik nach den Berechnungen Ihrer eigenen Re- weil sich die Länder die Meinung sagen und darüber
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17379
Dr. Christian Ruck
(A) sprechen müssen, dass führende Industrienationen wie auf etwas aufmerksam zu machen, das man in Durban (C)
die USA und Japan, aber auch andere politisch sehr am- ansprechen muss, nämlich die Tragödie, die sich in Bra-
bitionierte Staaten wie China und Russland derzeit völlig silien andeutet. Wenn in Brasilien das neue Forstgesetz
unangemessen auf die dramatisch schlechter werdenden tatsächlich in Kraft tritt, dann wird es zu einem Verlust
CO2-Bilanzen reagieren. Wir müssen ihnen sagen, dass von bis zu 76 Millionen Hektar Wald kommen. Das ent-
sie so ihrem Führungsanspruch nicht nur in der Welt, spricht einer Freisetzung von umgerechnet 28 Milliarden
sondern auch gegenüber ihren eigenen Bürgern nicht ge- Tonnen CO2. Das ist das 30-Fache des deutschen Jahres-
recht werden. ausstoßes. Auch das muss man in Durban besprechen.
Ich möchte betonen, was Entwicklungspolitiker und (Ulrich Kelber [SPD]: Wer hat denn nicht ver-
Minister Röttgen heute über die auseinandergehende hindert, dass dafür deutsche Hermesbürgschaf-
Schere gesagt haben. Die Folgen des Klimawandels sind ten gegeben werden?)
in der Tat regional sehr unterschiedlich. Viele Länder in
den gemäßigten Zonen, auch Deutschland, können – so – Kleinkariert, Herr Kelber, furchtbar!
die Wissenschaft – den Klimawandel durchaus verkraf-
ten. Aber das Problem ist, dass es ganze Erdteile gibt, (Ulrich Kelber [SPD]: Sie finanzieren das, was
deren Bevölkerung den Klimawandel nicht verkraften Sie ablehnen! Das ist kleinkariert?)
wird. Das wird dann ein Desaster nicht nur für die be- Niemand braucht nächstes Jahr zur Rio-Konferenz zu
treffenden Regionen in den Entwicklungsländern, son- fahren, wenn die Brasilianer mit diesen Schätzen derma-
dern auch für uns und zum Beispiel für die Amerikaner ßen schlecht umgehen.
werden, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Wir werden
ein riesiges Migrationsproblem und letztendlich auch ein (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
Sicherheitsproblem bekommen. Das müssen wir in Dur- Ulrich Kelber [SPD]: Die Bundesregierung
ban deutlich machen. finanziert den Raubbau doch!)
Ich bin der Meinung, dass wir uns als Deutsche Zu all dem, was der Bundesregierung vorgeworfen
durchaus zum Anwalt für die Entwicklungsländer ma- wurde, wenn es darum geht, was wir im eigenen Land
chen sollten, deren Existenz in den nächsten Jahrzehnten tun, kann ich Ihnen nur die Lektüre des neuesten Gut-
auf der Kippe steht. Herr Kelber, Sie haben hier – entwe- achtens von Ernst & Young empfehlen. Dort steht:
der bewusst oder unbewusst – die Unwahrheit über die
Fast-Start-Initiative gesagt. 17,3 Milliarden investiert Deutschland derzeit im
Kampf gegen den Klimawandel. Das ist im interna-
(Ulrich Kelber [SPD]: Vorsicht! Man könnte tionalen Vergleich das größte Budget – in absoluten
(B) nachrechnen!) (D)
Zahlen und im Verhältnis zum Gesamthaushalt.
– Ich habe die Zahlen dabei. Ich gebe sie Ihnen gerne.
(Ulrich Kelber [SPD]: Private Investitionen!)
(Ulrich Kelber [SPD]: Ja!)
Mit ungeahnten Steigerungen der Mittel für das BMZ,
Ich gebe Ihnen gerne Informationen darüber, was sich in mit Steigerungen der Mittel für die Energieforschung
BMZ und BMU abspielt. und mit dem EEG, mit dem unsere Bundesregierung ge-
(Ulrich Kelber [SPD]: Neue und zusätzliche rade in den letzten Jahren gigantische, positive Erfolge
Mittel!) erzielt hat, haben wir innerhalb von zwei Jahren den An-
teil, der von erneuerbaren Energien beim Stromver-
Wir werden neue Zusagen zum Sockelbetrag in Höhe brauch gedeckt wird, von 16,3 Prozent auf über 20 Pro-
von 894 Millionen Euro machen. zent steigern können. Das ist unser Erfolg. Das lassen
(Frank Schwabe [SPD]: Da weiß doch jeder wir uns von Ihnen nicht kleinreden.
Mensch, dass das nicht stimmt!) (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
Das haben wir entweder schon ausgegeben oder einge- Ulrich Kelber [SPD]: Und wann sind die Anla-
stellt. Wir werden das Plansoll erfüllen. Ich gebe Ihnen gen geplant worden?)
das gerne zur Kenntnis.
Wir können über vieles reden. Wir haben noch viele
(Ulrich Kelber [SPD]: Aber das sind doch Hausaufgaben zu machen, insbesondere im Bereich der
keine neuen und zusätzlichen Mittel! Das ist Energieeffizienz. Das ist vollkommen klar. Ich habe aber
die internationale Zusage!) auch die Hoffnung, dass wir mit unserer Energiewende
in Deutschland einen Technologievorsprung erreichen,
– Herr Kelber, Sie haben keine Ahnung, tut mir leid. der uns einen Wettbewerbsvorteil verschafft. Ich habe
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – die Hoffnung, dass dieser Wettbewerbsvorteil einen Do-
Ulrich Kelber [SPD]: Bis heute Abend legen minoeffekt auslöst und uns in die richtige Richtung
Sie die Zahlen vor, ja? Neu und zusätzlich! – führt. Ökonomie erzwingt Ökologie. Das ist genau das,
Frank Schwabe [SPD]: Wollen wir den Check was wir uns für die nächsten Jahre erhoffen.
machen?)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
Der Schutz der Wälder als CO2-Senken ist für uns ein Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
wichtiger Punkt. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um NEN]: Dann müssen Sie mal loslaufen!)
17380 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

(A) Vizepräsident Eduard Oswald: dat aufgeführte Begründung noch ausreichend für einen (C)
Vielen Dank, Kollege Dr. Ruck. – Mir liegen keine solchen Einsatz sein kann. Wir stellen fest, dass alle
weiteren Wortmeldungen vor. Damit ist die Aktuelle – ich betone: alle – anderen NATO-Partner das als aus-
Stunde beendet. reichend ansehen. Gerade diejenigen – ich sage das vor
allem in Richtung SPD –, die immer anmahnen, wir
Ich rufe den Tagesordnungspunkt 6 auf: dürften uns nur ja nicht isolieren, sollten sich zu Gemüte
– Beratung der Beschlussempfehlung und des Be- führen, dass die Verbündeten dieser Meinung sind. Des-
richts des Auswärtigen Ausschusses (3. Aus- wegen unterstützt auch die Bundesrepublik Deutschland
schuss) zu dem Antrag der Bundesregierung dies. Die Bundesregierung versucht weiterhin, dieses
Mandat in eine Standing Maritime Operation, also in
Fortsetzung des Einsatzes bewaffneter deut- eine dauerhafte maritime Operation im Mittelmeer, zu
scher Streitkräfte bei der Unterstützung der überführen. Das ist bedauerlicherweise aber noch nicht
gemeinsamen Reaktion auf terroristische An- gelungen. Deswegen schließen wir uns der Meinung der
griffe gegen die USA auf Grundlage des Arti- anderen NATO-Partner an.
kels 51 der Satzung der Vereinten Nationen
und des Artikels 5 des Nordatlantikvertrages (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
sowie der Resolutionen 1368 (2001) und 1373 der CDU/CSU)
(2001) des Sicherheitsrates der Vereinten Na-
tionen Im Übrigen möchte ich zu Bedenken geben, dass die
Aufgaben, die speziell für die deutsche Marine vorgese-
– Drucksachen 17/7743, 17/7995 – hen sind – militärische Präsenz im Mittelmeer zeigen,
Berichterstattung: für Aufklärung und Überwachung sorgen und ein ge-
Abgeordnete Philipp Mißfelder meinsames Lagebild erstellen –, auch in der Vorstufe
Dr. Rolf Mützenich einer ständigen maritimen Operation mehr als Sinn ma-
Dr. Rainer Stinner chen; denn der Umbruch in der arabischen Welt, der be-
Wolfgang Gehrcke grüßenswert ist – wir unterstützen all jene, die sich in der
Dr. Frithjof Schmidt Demokratiebewegung engagieren –, birgt auch Risiken,
die man heute noch nicht abschließend bewerten kann.
– Bericht des Haushaltsausschusses (8. Ausschuss) Der Ausgang dieses Prozesses ist offen. Wir können ihn
gemäß § 96 der Geschäftsordnung heute noch nicht endgültig feststellen. Eingedenk der Ri-
– Drucksache 17/8002 – siken macht natürlich die Präsenz unserer deutschen Ma-
rine dort im Rahmen der NATO mehr als Sinn.
(B) Berichterstattung: (D)
Abgeordnete Herbert Frankenhauser (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Klaus Brandner der CDU/CSU)
Dr. h. c. Jürgen Koppelin
Michael Leutert Die Marine ist dort nicht – das ist im Ausschuss un-
Sven-Christian Kindler terstellt worden – als potenzielle Eingreiftruppe im nörd-
lichen Afrika eingesetzt. Wer das unterstellt, ist schief
Ich darf Ihnen mitteilen, dass wir über die Beschluss- gewickelt. Das ist überhaupt nicht der Fall. Sie lenken
empfehlung später namentlich abstimmen werden. mit dieser Unterstellung ein weiteres Mal davon ab, dass
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die wir in der Südflanke der NATO zur Überwachung und
Aussprache eine halbe Stunde vorgesehen. – Sie sind da- Sicherstellung des ordentlichen Seeverkehrs schlicht und
mit einverstanden. Dann ist dies so beschlossen. ergreifend weiterhin gefordert sind.

Darf ich Sie bitten, die Plätze einzunehmen? – Wir (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
wollen dem ersten Redner dieser Debatte zuhören.
Wie gesagt, leider erfolgt das noch nicht im Rahmen ei-
Ich eröffne die Aussprache. Erster Redner ist für die ner ständigen Präsenz der NATO, sondern aufgrund der
Fraktion der FDP unser Kollege Joachim Spatz. Bitte Verlängerung des Mandats, das seinerzeit kurz nach 9/11
schön, Kollege Joachim Spatz. erstmalig erteilt worden ist. Wir setzen diesen Einsatz in
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) dieser Struktur fort. Wenn man Active Endeavour in eine
ständige Mission überführen will, kommt man natürlich
um eine Beschreibung der zugrunde liegenden Szenarien
Joachim Spatz (FDP): nicht herum.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die
Bundesregierung legt Ihnen einen Antrag auf Verlänge- (Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Das geht
rung des Einsatzes im Rahmen der Operation Active doch gar nicht!)
Endeavour vom 1. Januar bis zum 31. Dezember nächs-
ten Jahres vor. Die vorgesehene Höchstzahl der Solda- Ich gebe den Rat, bei der Beschreibung konkreter Szena-
tinnen und Soldaten, die zum Einsatz gebracht werden rien sehr vorsichtig zu sein. Es wäre aus diplomatischer
dürfen, liegt bei 700. Sicht sinnvoll, sich hierbei am schon erteilten Mandat zu
orientieren.
Um es gleich vorwegzunehmen: Natürlich gibt es un-
terschiedliche Meinungen darüber, ob die in dem Man- (Beifall bei Abgeordneten der FDP)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17381
Joachim Spatz
(A) Vor dem Hintergrund der bestehenden sicherheitspoli- Vizepräsident Eduard Oswald: (C)
tischen Herausforderungen und aufgrund der Einbin- Frau Kollegin Ulla Schmidt, gestatten Sie eine Zwi-
dung in das Bündnis – alle anderen Partner im Bündnis schenfrage des Kollegen Joachim Spatz?
sehen es genauso – halten wir es für geboten, den Ein-
satz um ein weiteres Jahr zu verlängern. Wir sollten uns Ulla Schmidt (Aachen) (SPD):
bemühen, es langfristig in eine Standing Maritime Ope- Eigentlich möchte ich jetzt weiterreden. Wir hatten
ration zu überführen. heute schon so viele Zwischenfragen.
Danke schön. Also, liebe Kolleginnen und Kollegen, schauen Sie
sich einmal an, was die Bundesregierung selbst zur Ter-
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten rorgefahr im Mittelmeerraum sagt: Sie sieht selber doch
der CDU/CSU) schon seit langem keine neue Terrorgefahr oder terroris-
tischen Aktivitäten mehr.
Vizepräsident Eduard Oswald: Ich muss auch einmal sagen – Herr Kollege Spatz, Sie
Vielen Dank, Kollege Joachim Spatz. – Jetzt für die haben das auch wieder aufgebracht, und der Herr Staats-
Fraktion der Sozialdemokraten unsere Kollegin Ulla sekretär Kossendey hat das bei der Einbringung gesagt –:
Schmidt. Bitte schön, Frau Kollegin Ulla Schmidt. Es kann doch nicht sein, dass man jetzt als Argument für
das robuste Mandat einfügt, dass sich die Lage wegen der
(Beifall bei der SPD) Umbrüche, der Freiheitsbewegungen und der vielen Ak-
tivitäten in den Ländern Nordafrikas verändert hat. Hier
Ulla Schmidt (Aachen) (SPD): – das wissen wir doch alle – haben wir keine militäri-
schen Aufgaben zu erfüllen und geht es nicht um Terro-
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Seit rismusbekämpfung, sondern hier – dafür haben wir auch
2003 war das Mandat zur Beteiligung an der US-geführ- die Programme – haben wir herausragende gesellschafts-
ten Operation Active Endeavour im Mittelmeer stets mit politische und zivile Aufgaben zu erfüllen. Es geht nicht
der Beteiligung an der US-geführten Operation Enduring um Terrorismusbekämpfung.
Freedom verbunden. Bei Enduring Freedom sind Sie im
vergangenen Jahr zu der Entscheidung gekommen, dass (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
sich die Aktionsformen des internationalen Terrorismus des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN –
verändert haben und dass aus diesem Grund eine weitere Robert Hochbaum [CDU/CSU]: Auch!)
Beteiligung an der Operation nicht mehr gerechtfertigt Auch der Außenminister hat bei der Einbringung da-
(B) ist. Deshalb wurde beschlossen, dieses Mandat nicht zu rauf hingewiesen, dass es Unsicherheiten gibt. Zu den (D)
verlängern. Unsicherheiten sage ich einmal Folgendes. Viele von
uns schauen dorthin und insbesondere auf die Demokra-
Bei der Einbringung des Antrags zur Verlängerung tiebewegungen dort. Wir wissen, dass das kein Prozess
dieses Mandats hat Herr Außenminister Westerwelle da- ist, der in 1, 2 Jahren beendet ist, sondern bei dem unsere
rauf hingewiesen, dass auch die Legitimation dieses Unterstützung in den nächsten 10 oder 20 Jahren gefor-
Mandats schwindet. Außenminister Westerwelle hat im dert ist, damit die Möglichkeit gegeben ist, dass dort sta-
letzten Jahr bei der Einbringung des Antrags und der bile und demokratische Regierungen eingesetzt werden.
Mandatsverlängerung gesagt, dass er die Zeit nutzen Aber da geht es nicht um Terrorismus.
will, um ein neues Konzept und eine neue Legitima-
tionsbasis zu entwickeln. Wir hätten uns gewünscht, Seit Beginn des Mandats vor zehn Jahren wurden im
dass er dies auch getan hätte. Wir Sozialdemokratinnen Mittelmeerraum keine terroristischen Aktivitäten festge-
und Sozialdemokraten hätten sehr gerne daran mitgear- stellt. Wir Sozialdemokraten können absolut nicht sehen,
beitet. dass sich das mit dem arabischen Frühling geändert
hätte.
Wer die Missionen vergleicht, der sieht, dass die Ope-
Liebe Kolleginnen und Kollegen, zehn Jahre nach den
ration Enduring Freedom darauf abzielte, Terroristen Anschlägen von New York und Washington ist das
ausfindig zu machen, gefangen zu setzen und zu be- Recht zur kollektiven und individuellen Selbstverteidi-
kämpfen. Wir sind dort ausgestiegen, weil die Legitima- gung eine äußerst fragwürdige Begründung. Trotzdem
tion nicht mehr gegeben ist. Die Operation Active argumentiert die Bundesregierung immer wieder und so
Endeavour ist hingegen eine reine Beobachtungs- und auch in diesem Antrag mit Art. 5 des Nordatlantikvertra-
Überwachungsmission. Trotzdem ist im Antrag der Bun- ges und mit Art. 51 der Satzung der Vereinten Nationen.
desregierung weiterhin von einer Bekämpfung von Ter- Ich glaube, dass das nicht mehr trägt.
roristen die Rede; weiterhin wird die Operation Active
Endeavour mit einem robusten Mandat für den Einsatz Dazu, dass von manchen das Argument kommt, dass
von bis zu 700 Soldatinnen und Soldaten ausgestattet. Es hier die Bündnistreue gefordert ist,
fällt mir schwer, zu verstehen und logisch nachzuvollzie- (Philipp Mißfelder [CDU/CSU]: Das ist sie
hen, warum man zur Beobachtung und zum Austausch auch, Frau Schmidt!)
von Informationen ein solch robustes Mandat braucht.
muss ich sagen: Es ist schon ein bisschen dünn, von
(Beifall bei der SPD) Bündnistreue zu reden, wenn die Legitimation und die
17382 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Ulla Schmidt (Aachen)


(A) Begründung für ein Mandat nicht mehr da sind. Bünd- 2001 geschah, war ein Angriff auf die gesamte freie Welt, (C)
nistreue hat von uns auch niemand eingefordert, als wir der nie wieder geschehen darf.
im letzten Jahr gesagt haben: An der Operation Enduring
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Freedom beteiligen wir uns nicht mehr. – Aber ich gebe
zu, für mich ist es manchmal nicht nachvollziehbar, Lassen Sie mich anhand von vier Begriffen darstellen,
wann dem Außenminister die Bündnistreue wichtig ist warum der Einsatz auch nach zehn Jahren aktuell ist und
und wann nicht. Aber darüber können wir ja ein anderes unsere Zustimmung verdient, liebe Frau Schmidt.
Mal streiten.
Erstens: unsere Sicherheit. Das Mittelmeer, in dem
(Philipp Mißfelder [CDU/CSU]: Ha, ha!) die Operation durchgeführt wird, ist nicht nur eine
Hauptader des internationalen Seeverkehrs. Nein, es hat
Liebe Kolleginnen und Kollegen, zusammenfassend
lässt sich festhalten: Es gibt keine aktuelle Terrorgefahr auch eine Scharnierfunktion und eine strategische Be-
deutung, weil es zwischen den Kontinenten liegt. Die ak-
oder terroristischen Aktivitäten im Mittelmeer, die über
tuelle Lage im nordafrikanischen Raum und die Umbrü-
dieses Mandat bekämpft werden müssen. Es gibt auch
keine Terroristen, die aufgespürt werden müssen, und che in der arabischen Welt zeigen uns gerade heute die
Instabilität dieser Region auf. Instabilität – das hat uns
keine Terrorcamps, die vernichtet werden müssen.
die Vergangenheit gezeigt – ist oft Nährboden für Terro-
(Philipp Mißfelder [CDU/CSU]: Abschre- rismus. Darum ist es auch wichtig, dort schnell zu siche-
ckung!) ren demokratischen Strukturen zu kommen, die eine sol-
che terroristische Gefahr in Zukunft verhindern.
Vielmehr gibt es ein auch in den Reihen der Bundesre-
gierung und natürlich, wie wir wissen, in den Reihen der Wer aber glaubt, diese Gefahr sei schon gebannt, der
Koalitionsfraktionen erkanntes Legitimationsproblem für afrikanische Kontinent in Gänze friedlich und ohne ter-
ein robustes Mandat nach Art. 5 des Nordatlantikvertrags roristische Gefahr, der handelt meiner Meinung nach
und Art. 51 der Satzung der Vereinten Nationen. Deswe- ziemlich blauäugig und gefährdet die Sicherheit Europas
gen sagen wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokra- und damit natürlich auch die Sicherheit Deutschlands.
ten Ja zu Aufklärung und Überwachung sowie dem Sam- Nicht zuletzt deshalb ist der Auftrag, dem sich die Ope-
meln von Informationen, aber Nein zu dem vorliegenden ration Active Endeavour widmet – ich wiederhole es
Antrag, und zwar ein klares Nein zu der unklaren Formu- sehr gerne: Prävention durch Kontrolle, Abschreckung,
lierung und zu der erneuten Vermischung von Operation Informationsgewinnung und Informationsverarbei-
Active Endeavour und Operation Enduring Freedom im tung –, von essenzieller Bedeutung für die Sicherheit un-
Mandat und in der Begründung. seres Landes.
(B) Die Bundesregierung hat leider die Chance vertan, (Zuruf von der SPD: Das wurde doch alles (D)
sich mit uns gemeinsam für ein neues Konzept einzuset- schon gesagt!)
zen, für eine sinnvolle Gestaltung und Einbettung des
Mandats auch im Sinne der Strategie der NATO. Deswe- Zweitens: die Bündnissolidarität. Frau Schmidt, die
gen, meine Damen und Herren, stimmen wir nicht zu. Operation Active Endeavour ist die Art.-5-Operation der
NATO. Aus dieser internationalen Verantwortung heraus
Danke für die Aufmerksamkeit. stehen wir natürlich auch fest an der Seite unserer Part-
ner.
(Beifall bei der SPD)
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Vizepräsident Eduard Oswald: Für die Beendigung dieses Bündnisfalles wäre es übri-
Vielen Dank, Frau Kollegin Ulla Schmidt. – Jetzt gens notwendig, dass die Mitgliedstaaten der NATO
spricht für die Fraktion der CDU/CSU unser Kollege feststellen, dass von diesem Gebiet keine Gefahr mehr
Robert Hochbaum. Bitte schön, Kollege Hochbaum. ausgeht und für dieses Gebiet keine Gefahr mehr be-
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- steht. Das, meine Damen und Herren, ist aber, wie ich
neten der FDP) eingangs bereits erläutert habe, sicherlich nicht der Fall.
Deswegen halten die NATO-Partner an einer Weiterfüh-
rung des Mandates fest, was wir hier und heute mit einer
Robert Hochbaum (CDU/CSU):
großen Mehrheit ebenfalls tun sollten. Im Übrigen unter-
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
streichen die kürzlich erneut verabschiedeten Resolutio-
Kollegen! Am 11. September 2001 um 8.46 Uhr amerika-
nen des UN-Sicherheitsrates abermals die Notwendig-
nischer Zeit geschah das Unfassbare: 2 977 Menschen,
keit dieses Einsatzes. Was will man da mehr, liebe Frau
darunter 30 Deutsche, starben bei dem bisher perfidesten
Schmidt?
Terroranschlag, den die Welt je gesehen hat. Wir alle sa-
ßen damals fassungslos vor den Bildschirmen, und uns Drittens: die kooperative Sicherheit. Die Operation
allen sind sicherlich die apokalyptischen Bilder der ein- leistet einen hervorragenden Beitrag nicht nur zur Zu-
stürzenden Türme, der schreienden Menschen und der sammenarbeit der NATO-Staaten, sondern auch zur Zu-
weinenden Mütter und Kinder noch deutlich vor Augen. sammenarbeit mit Nicht-NATO-Staaten. Das ist ein sehr
Es sind Bilder des Terrors, die wir nie vergessen werden. wichtiger Punkt. Länder wie Russland, die Ukraine und
Diese Bilder sind unter anderem der Anlass, warum wir Marokko nehmen an der Operation teil. Das ist ein deut-
heute erneut für eine Verlängerung der Operation Active liches Signal und unterstreicht, dass es auch um die Si-
Endeavour stimmen. Denn das, was am 11. September cherheit von Staaten außerhalb der NATO geht.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17383
Robert Hochbaum
(A) Als vierten und letzten Punkt möchte ich auf die Man- Welt stehen geblieben ist. Das ist niemals eine vernünf- (C)
datierung eingehen und mich abermals an die Opposition tige Politik, und damit können Sie das Mandat nicht be-
wenden. Dort hört man in letzter Zeit von Einzelnen, für gründen.
eine solche Aufgabe brauche man ja eigentlich gar kein
(Beifall bei der LINKEN)
Mandat. Ich will Ihnen sagen: Sie wissen nicht, was Sie
wollen. Das eine Mal rufen Sie, wenn irgendwo ein Sol- Ich sage Ihnen dazu aber auch: Sie drücken sich auch
dat mit einen Gewehr auftaucht, sofort nach einem Man- davor, sich den Krieg gegen den Terror einmal genauer
dat, und hier wollen manche ohne Mandat Kriegsschiffe anzuschauen, der ja unter Bush und anderen vorangetrie-
im Mittelmeer patroullieren lassen, immer nach dem ben worden ist. Wir haben immer gesagt: Der Kampf ge-
Motto: Wie es uns gerade gefällt. Ich wünsche mir da gen den Terror kann gewonnen werden, der Krieg gegen
sehr oft eine klarere Linie. Für uns ist es selbstverständ- den Terror aber niemals. Wenn Sie sich die Hauptbe-
lich: Für diesen Auftrag, den wir für richtig und notwen- gründungen für diesen Krieg anschauen, dann sehen Sie,
dig halten, benötigen wir ein Mandat des Deutschen dass nichts eingelöst wurde. Fragen Sie doch ganz ein-
Bundestages. fach: Ist die Gefahr terroristischer Anschläge durch den
Krieg gebannt worden oder nicht? Sie ist nicht gebannt
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
worden. Damit argumentieren Sie ja selber.
neten der FDP)
(Robert Hochbaum [CDU/CSU]: Wir haben
Abschließend möchte ich es nicht versäumen, Dank
doch keine Alternative!)
zu sagen: Dank an all unsere Soldatinnen und Soldaten,
die durch ihren Einsatz im Mittelmeer für die Sicherheit Ich frage Sie ganz einfach: Wurde mit dem Krieg gegen
unseres Landes, ja, für die Sicherheit aller friedfertigen den Terror die Abrüstung vorangebracht? Auch das
und friedliebenden Menschen sorgen. nicht! Die Gefahr, die von Massenvernichtungswaffen
ausgeht, ist heute größer denn je. Ich frage Sie: Hat der
Herzlichen Dank.
Krieg gegen den Terror wirklich zu mehr Demokratie
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) geführt, oder sind wir durch den Krieg gegen den Terror
so verändert worden, dass es weniger Demokratie gibt?
Vizepräsident Eduard Oswald: Ich glaube, Letzteres ist der Fall. Das heißt, mit Ihrer Be-
Vielen Dank, Kollege Hochbaum. – Jetzt spricht für gründung zeigen Sie: Der Krieg gegen den Terror ist ein
die Fraktion Die Linke unser Kollege Wolfgang einziges Desaster. Man darf kein Mandat erteilen, das
Gehrcke. Bitte schön, Kollege Gehrcke. darauf beruht.
(Beifall bei der LINKEN) (Beifall bei der LINKEN)
(B) (D)
Ich will Ihnen noch zwei andere Argumente vortra-
Wolfgang Gehrcke (DIE LINKE): gen, weil die Bundesregierung das Parlament und die
Danke sehr. – Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen Öffentlichkeit mit ihren Anträgen ja immer täuscht.
und Kollegen! Ich finde es schon bedrückend, dass man,
Sie werden mit darüber entscheiden müssen, ob Art. 5
wenn man auf die heutige Tagesordnung des Bundesta-
des Nordatlantikvertrages – Bündnisfall – weiterhin so
ges schaut, sieht: Wir sollen heute drei Mandate für Aus-
gehandhabt wird wie derzeitig. Sie wussten nicht, wie
landseinsätze der Bundeswehr verlängern. Wenn man
man in den Bündnisfall einsteigt, und Sie wissen nicht,
das hier vor ein paar Jahren gesagt hätte, dann wäre man
wie man aus dem Bündnisfall aussteigt. Das ist doch in-
als Spinner und absurder Denker bezeichnet worden.
akzeptabel, und jetzt wollen Sie hier noch einmal die
Das ist aber die Realität geworden. Sie können es be-
Verlängerung beschließen. Ich nenne Ihnen einen ganz
fremdlich finden, aber ich bin nach wie vor froh darüber,
einfachen Weg: Wenn Deutschland feststellt, dass der
dass meine Fraktion die Bundeswehr aus allen Auslands-
Bündnisfall nicht mehr gegeben ist, dann ist nach den
einsätzen zurückholen will. Das ist meine politische
NATO-Vereinbarungen der Bündnisfall aufgehoben. So
Position, und ich halte sie auch für begründet.
einfach kann das gehen, und zwar durch einen Beschluss
(Beifall bei der LINKEN) dieses Parlaments. Nur erklären müssen Sie es!
Beim Mandat für die Operation Active Endeavour (Beifall bei der LINKEN)
geht es ja um den Krieg gegen den Terror. Deswegen
Zum Schluss will ich Ihnen doch noch einmal sagen:
lohnt es sich, besonders hinzuschauen. Ich halte die Au-
Mich hat die ganze Begründung für diesen Mittelmeer-
ßenpolitik der Bundesregierung für leichtgewichtig, aber
Einsatz sehr bedrückt. Es wird jetzt auch davon gespro-
ich nehme sie trotzdem ein Stück weit ernst, und ich will
chen, dass mit dem Mandat nebenbei eine neue NATO-
das auch mit diesem Mandat tun.
Strategie „Mittelmeer“ implementiert werden soll. Sie
Die erste Begründung für das Mandat ist, dass der wollen hier über etwas entscheiden, was hier kein Abge-
Krieg gegen den Terror fortgeführt werden muss und ordneter kennt. Entspricht es Ihrem parlamentarischen
dass die Gefahr der terroristischen Anschläge von 2001 Verständnis, dass man über etwas entscheiden soll, was
bis heute so erhalten geblieben ist. Das steht wörtlich in man nicht kennt? Ich sage Ihnen: Wenn ich über das Mit-
der Mandatsbegründung. Sie können doch nicht ernst- telmeer nachdenke, dann wird mir klar, dass das Mittel-
haft davon ausgehen, dass sich bis jetzt, im elften Jahr, meer für mich nicht mehr das Meer des Friedens, son-
überhaupt nichts geändert hat und dass die Vereinten Na- dern ein Meer ist, in dem über 14 000 Menschen beim
tionen nicht handlungsfähig sind. Sie tun so, als ob die Versuch, nach Europa zu kommen, ertrunken sind.
17384 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Wolfgang Gehrcke
(A) Das müssen Sie doch bedenken. Sie wollen mit die- Ich verstehe das nicht einmal technisch. Ich glaube, dass (C)
sem Mandat im Mittelmeer eine neue Militäraktion – Sie es selbst auch nicht verstehen.
auch als Antwort auf den arabischen Frühling – in Gang
setzen. Das ist doch alles unverantwortlich. Deswegen Angesichts dessen brauchen Sie sich aber auch nicht
kann ein verantwortungsvoller Abgeordneter nur gegen zu wundern, dass Sie bei der Abstimmung über ein sol-
dieses Mandat stimmen. ches Mandat keine Zustimmung über die Fraktionsgren-
zen hinweg bekommen; dann brauchen Sie sich nicht zu
Schönen Dank. wundern, wenn es eine Polarisierung gibt, die die Bun-
deswehr und die Menschen, die wir dorthin schicken,
(Beifall bei der LINKEN) nicht verdient haben.

Vizepräsident Eduard Oswald: (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN


Der nächste Redner in unserer Debatte ist für die sowie bei Abgeordneten der SPD)
Fraktion Bündnis 90/Die Grünen unser Kollege Omid Die Frage ist: Wann kommt die Bundesregierung
Nouripour. Bitte schön, Herr Kollege Nouripour. dazu, die Außen- und Sicherheitspolitik in Form konkre-
ter Gestaltungen voranzutreiben? Wann gibt es Vor-
Omid Nouripour (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): schläge der Bundesregierung für eine Weltsicherheitsar-
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ja, auch chitektur in einem neuen Zeitalter? Es ist immer wieder
zehn Jahre nach 9/11 gibt es eine terroristische Bedro- die Rede von der Standing Defense Structure. Darüber
hung. Ja, diese Bedrohung betrifft auch das Mittelmeer. kann man reden, aber wo wird der Vorschlag eigentlich
Ja, man muss dagegen etwas tun. vorangebracht?

Trotzdem ist die Auslandsmission, über die wir heute Herr Kollege Gehrcke, die Frage, wie man den Bünd-
hier abstimmen, diejenige in der Geschichte der Bundes- nisfall aufhebt, ist ziemlich einfach zu beantworten: ein-
wehr, über die am kontroversesten diskutiert wird. Es stimmig beschlossen muss einstimmig wieder aufgeho-
gab noch nie die Situation, dass die Regierung ein Man- ben werden. Dafür muss aber irgendjemand die Stimme
dat tatsächlich gegen die Stimmen der Opposition durch- erheben. Irgendjemand muss in den NATO-Rat gehen
drücken musste. Da stellt sich die Frage, warum das und sagen: Wollen wir nicht einmal darüber nachden-
diesmal so ist. ken? Sie tun es nicht, obwohl Sie es besser wissen, weil
Sie ganz genau wissen, dass in der Allianz und in der
Sie bringen drei Argumente für dieses Mandat. westlichen Welt niemand mehr auf Sie hört und niemand
Argument eins: Die USA stehen seit zehn Jahren kon- mehr Ihre Außenpolitik ernst nimmt.
(B) tinuierlich unter Angriff. – Da scheinen Sie in den letz- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) (D)
ten vier oder fünf Jahren etwas erlebt zu haben, was wir
anscheinend verpasst haben. Das ist schlicht absurd. Deshalb kommen Sie mit keinem einzigen konkreten
Vorschlag, wie man an dieser Stelle vorankommen kann.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD) Das Problem ist, dass es nicht nur im Bündnis so ist.
Es ist auch innerhalb der eigenen Koalition so. In der
Das zweite Argument ist nicht absurd, das ist krude: letzten Woche sagte der Außenminister, dass eine Militär-
Sie sagen, es gibt nun einmal einen arabischen Frühling. option gegenüber dem Iran nicht existiere. Heute sagt
Wir haben zwar zu dem entscheidenden Zeitpunkt im Ja- der außenpolitische Sprecher der Mehrheitsfraktion ex-
nuar, als es darum ging, sich auf die Seite der Menschen akt das Gegenteil. Gibt es da ein Widerwort? Nein, er
auf dem Tahrir-Platz zu stellen, das nicht gemacht, aber kann sich das erlauben, weil die Stimme dieses Außen-
jetzt brauchen wir etwas anderes, also schicken wir Fre- ministers sowieso kein Gewicht mehr hat, also sowieso
gatten. niemand mehr auf das hört, was er sagt. Das ist im Au-
(Joachim Spatz [FDP]: So ein Quatsch!) genblick das Besorgniserregende, dass nur derjenige,
dessen Stimme das kleinste Gewicht hat, einen solchen
Das ist krude. Militärschlag ausschließt.
Das dritte Argument, das Sie nennen, lautet: Sie sind (Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/
gescheitert. Herr Spatz hat mehrfach gesagt: Wir wollten DIE GRÜNEN)
dies, wir wollten jenes, wir wollten das Mandat so nicht,
aber auf uns hört halt niemand. – Dieses Mandat ist ein Die Stärkung des internationalen Rechts ist der größt-
Zeugnis des Scheiterns dieser Bundesregierung im mögliche Beitrag, den auch die Bundesrepublik Deutsch-
Bündnis und in der gesamten Außen- und Sicherheits- land im Kampf gegen den internationalen Terrorismus
politik. Deswegen können wir dem nicht zustimmen. leisten kann. Mit einem Mandat auf so – milde gesagt –
wackligen rechtlichen Beinen tun Sie genau dieses nicht,
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) sondern Sie beschädigen das Rechtssystem auf interna-
tionaler Bühne. Damit verhindern Sie, dass es hier ein
700 Soldatinnen und Soldaten und zwei Fregatten für breiteres Mandat für diese Mission gibt. Wir können dem
die Überwachung im östlichen Mittelmeer inklusive ei- nicht zustimmen.
nes Kombattanten-Mandats – das macht überhaupt kei-
nen Sinn. Es macht auch keinen Sinn, U-Boote zu schi- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie
cken, um Ausbildungslager der Terroristen zu zerstören. bei Abgeordneten der SPD – Unruhe)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17385

(A) Vizepräsident Eduard Oswald: fung. Dabei begegnet die NATO dem internationalen Ter- (C)
Vielen Dank. – Bevor ich dem letzten Redner in unse- rorismus durch einen zunehmend netzwerkbasierten
rer Debatte das Wort erteile, darf ich darum bitten, dass Ansatz mit einem Schwerpunkt auf Informationsgewin-
wir auch ihm die notwendige Aufmerksamkeit schen- nung und Informationsverarbeitung.
ken. Das Wort für die Fraktion der CDU/CSU hat unser
Als letztes Mittel sieht das OAE-Mandat auch den
Kollege Dr. Wolfgang Götzer. Bitte schön, Kollege
Einsatz von militärischer Gewalt vor. Gemäß dem Parla-
Götzer.
mentsbeteiligungsgesetz ist für diesen Einsatz unsere
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Zustimmung nötig. Mit unserem Votum für eine erneute
Mandatsverlängerung müssen wir auch die Verantwor-
tung für etwaige Fälle, in denen ein Einsatz militärischer
Dr. Wolfgang Götzer (CDU/CSU):
Gewalt unerlässlich ist, übernehmen. Wir tun dies, damit
Herr Präsident, vielen Dank für diese vorausgeschick- OAE auch in Zukunft Stabilität im Mittelmeer gewähr-
ten Worte. – Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Die in- leisten kann.
ternationale Staatengemeinschaft hat die Operation
Active Endeavour der NATO als Reaktion auf den (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
11. September 2001 ins Leben gerufen. Dieser terroristi- neten der FDP)
sche Angriff auf die USA hat bekanntlich erstmals seit
Bestehen der NATO den Bündnisfall gemäß Art. 5 des Aktuell ist der Beitrag der Operation insbesondere
Nordatlantikvertrages ausgelöst. vor dem Hintergrund der schwierigen Sicherheitslage an
den Küsten Nordafrikas unverzichtbar. Darüber hinaus
Der deutsche Beitrag zur OAE besteht in der Unter- hat OAE während des NATO-Einsatzes gegen das
stützung der Seeraumüberwachung und der Terrorismus- Gaddafi-Regime einen wichtigen Beitrag zur Unterstüt-
bekämpfung im Mittelmeer durch Einheiten der deut- zung der NATO-Operation Unified Protector zum
schen Marine. Auch nach zehn Jahren ist OAE für Schutz der libyschen Zivilbevölkerung durch Bereitstel-
Frieden, Sicherheit und Stabilität in der derzeit instabi- lung von Informationen und Sicherung des freien See-
len Mittelmeerregion unverzichtbar. Daher stimmen wir verkehrs leisten können. Somit ist OAE ein zuverlässi-
einer Verlängerung der Operation bis zum 31. Dezember ger Garant von Sicherheit und Stabilität in Zeiten des
2012 zu. Umbruchs in der arabischen Welt. Darüber hinaus ist
OAE offen für die Beteiligung von Drittstaaten, vor al-
Seit nunmehr zehn Jahren leistet die Bundeswehr im len Dingen den Partnerstaaten des Mittelmeerdialogs der
Rahmen von OAE einen wichtigen Beitrag zur mariti- NATO, wie beispielsweise Marokko.
men Sicherheit im Mittelmeerraum. Im Einsatz sind
(B) meistens Fregatten, aber auch U-Boote und AWACS. Für die Zukunft ist zu prüfen, ob OAE im bisherigen (D)
Die Zahl unserer Soldatinnen und Soldaten beträgt der- Rahmen weitergeführt werden soll oder in ständige
zeit insgesamt bis zu 700. Allen, die dort bereits Dienst NATO-Operationen überführt werden kann. Dies erörtert
geleistet haben oder Dienst leisten, möchte ich an dieser die Bundesregierung zurzeit mit den NATO-Bündnis-
Stelle einmal mehr unseren Dank aussprechen. partnern. Bis zu einer Entscheidung hierüber ist die Fort-
führung der Operation auf Grundlage des aktuellen
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Mandats aus bündnispolitischen und aus sicherheitspoli-
Einen Einsatz über ein Jahrzehnt in diesen Dimensio- tischen Erwägungen aus unserer Sicht notwendig. Des-
nen zu unterstützen, zeugt von unserer Solidarität mit halb werden wir der Verlängerung zustimmen.
der NATO und den Vereinigten Staaten. Mit OAE sen- (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
den wir nicht nur ein wichtiges Signal an die NATO, neten der FDP)
dass wir für kollektive Verteidigung nach Art. 5 des
Nordatlantikvertrages bereitstehen, und zwar nicht nur
kurzfristig, sondern eben auch, wenn es die Umstände Vizepräsident Eduard Oswald:
erfordern, über ein Jahrzehnt hinweg. Mit OAE zeigen Vielen Dank, Kollege Dr. Wolfgang Götzer.
wir des Weiteren auch den USA, dass wir auch zehn Ich schließe die Aussprache.
Jahre nach den verheerenden Anschlägen bereit sind, un-
serem transatlantischen Partner im Kampf gegen den Wir kommen zur Abstimmung über die Beschluss-
Terror zuverlässig zur Seite zu stehen. empfehlung des Auswärtigen Ausschusses zu dem An-
trag der Bundesregierung zur Fortsetzung des Einsatzes
Terrorismus ist weiterhin eine der größten Herausfor- bewaffneter deutscher Streitkräfte bei der Unterstützung
derungen für die internationale Staatengemeinschaft. der gemeinsamen Reaktion auf terroristische Angriffe
Seit 2001 hat der Sicherheitsrat in Resolutionen regel- gegen die USA. Der Ausschuss empfiehlt in seiner Be-
mäßig die Notwendigkeit betont, den internationalen schlussempfehlung auf Drucksache 17/7995, den Antrag
Terrorismus umfassend zu bekämpfen. Diesen Kampf der Bundesregierung auf Drucksache 17/7743 anzuneh-
können wir nur gemeinsam gewinnen und nur – das ist men.
leider so – unter Einbeziehung militärischer Kräfte.
Wir werden nun über die Beschlussempfehlung na-
Die OAE ist dazu ein wichtiger Beitrag. Durch den mentlich abstimmen.
fortgesetzten Einsatz von See- und Seeluftstreitkräften
wehrt OAE terroristische Aktivitäten ab und schafft zu- Ich bitte die Schriftführerinnen und Schriftführer, die
gleich die Voraussetzungen zu deren effizienter Bekämp- vorgesehenen Plätze einzunehmen. Sind die Plätze an
17386 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Vizepräsident Eduard Oswald


(A) den Urnen alle besetzt? – Das ist der Fall. Dann eröffne gravierend. Die Bundesregierung verweist in ihrer Ant- (C)
ich die Abstimmung. wort lapidar auf die Angaben der Landesregierungen.
Sie könnte auch auf die Berichte aller Ämter für Verfas-
Ich frage jetzt, nachdem ich ein Signal erhalten habe,
sungsschutz verweisen. Stets wurde verneint, dass es
dass möglicherweise schon alle abgestimmt haben: Ist
systematische rechtsextreme Gewalt oder gar Nazi-Ter-
noch ein Mitglied des Hauses anwesend, das seine
ror gebe. All das gehört mit zum Problem.
Stimme nicht abgegeben hat? – Das ist nicht der Fall.
Wir haben offenbar eine gravierende Fehlstelle in der
Ich schließe die Abstimmung und bitte die Schriftfüh-
offiziellen Wahrnehmung rechtsextremer Gewalt.
rerinnen und Schriftführer, mit der Auszählung zu begin-
nen. Das Ergebnis wird Ihnen später bekannt gegeben.1) (Beifall bei der LINKEN und dem BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordne-
Ich darf Sie bitten, Ihre Plätze wieder einzunehmen.
ten der SPD)
Wir wollen schließlich allen folgenden Rednern die not-
wendige Aufmerksamkeit schenken. Das wiederum bedeutet: Ist die Analyse falsch, dann ist
auch alles falsch, was darauf fußt.
Ich rufe Tagesordnungspunkt 7 auf:
Beratung der Großen Anfrage der Abgeordneten Deshalb wiederholt die Linke ihre Forderung: Wir
Petra Pau, Jan Korte, Sevim Dağdelen, weiterer brauchen endlich eine parteipolitisch unabhängige Beob-
Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE achtungsstelle gegen Rechtsextremismus, Rassismus
und Antisemitismus.
Mindestens 137 Todesopfer rechter Gewalt in
der Bundesrepublik Deutschland seit 1990 (Beifall bei der LINKEN)

– Drucksachen 17/5303, 17/7161 – Zu den übergeordneten Fragen gehört auch die nach
der Rolle der V-Leute und damit nach dem Beitrag des
Hierzu liegt ein Entschließungsantrag der Fraktion Staates bei der Duldung oder gar Unterstützung rechts-
Die Linke vor. extremer Strukturen und gewalttätiger Nazis. Spätestens
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die jetzt dürfte doch klar geworden sein: V-Leute sind keine
Aussprache eine halbe Stunde vorgesehen. – Ich höre netten Informanten, sondern gekaufte Spitzel und ge-
keinen Widerspruch. Dann ist dies so beschlossen. walttätige Täter. Deshalb fordert die Linke: V-Leute sind
abzuschalten, und zwar unverzüglich und alle.
Ich eröffne die Aussprache. Erste Rednerin in unserer
Debatte ist für die Fraktion Die Linke unsere Kollegin (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
(B) Petra Pau. Bitte schön, Kollegin Pau. (D)
(Beifall bei der LINKEN) Die offenen Fragen betreffen nicht nur Versäumnisse
oder Beihilfen von Landesbehörden in Thüringen, Sach-
sen, Niedersachsen oder Hessen, sondern auch von Bun-
Petra Pau (DIE LINKE): desbehörden. Auch diese Fragen müssen geklärt werden,
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich allerdings nicht durch ein handverlesenes Trio des Bun-
habe noch die entsetzten Gesichter in Erinnerung, als die desinnenministers. Das nährt nur den Verdacht, dass et-
Nazi-Mordserie der sogenannten Zwickauer Zelle publik was vertuscht oder verdrängt werden soll. Die Aufklä-
wurde. Entsetzen auch hier im Bundestag, quer durch rung muss unvoreingenommen, transparent und radikal
alle Fraktionen. Wir sollten uns dieses Innehalten be- erfolgen.
wahren und nicht gleich wieder ins politische Klein-
Klein verfallen. (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
(Beifall bei der LINKEN und dem BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordne- Auch deshalb sollten endlich zivilgesellschaftliche
ten der CDU/CSU, der SPD und der FDP) Initiativen zurate gezogen werden. Sie sind offensicht-
lich kompetenter als die meisten Behörden. Wir sollten
Ich finde, das sind wir auch allen Opfern und ihren An- sie endlich stärken und nicht länger verprellen. Der
gehörigen schuldig, zumal viele Fragen weiterhin offen Kampf gegen Rechtsextremismus wird in der Zivilge-
sind. Deshalb hat die Linke diese Debatte heute auf die sellschaft gewonnen – oder verloren. Da hilft auch kein
Tagesordnung setzen lassen. Ad-hoc-Aufstand. Dazu gehört ein langer Atem aller
Es geht um die Frage, wie viele Menschen in Anständigen und aller Zuständigen.
Deutschland seit 1990 von Nazis getötet wurden. Die (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
Recherche seriöser Journalisten belegt 138 Todesopfer. neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE
Hinzu kommen aktuell die 10 Morde der Nazi-Zelle; da- GRÜNEN)
mit sind es also insgesamt 148. Das sind erschreckende
Zahlen. Ein letzter Satz, Herr Präsident. Es gibt inzwischen
den Bericht einer unabhängigen Expertenkommission
Die Bundesregierung verharrt auf Nachfrage der Lin- zum Antisemitismus. Darin kommt man zu dem Schluss:
ken bei der Aussage: 48 Todesopfer. Diese Differenz ist Es fehlt an einem politischen Gesamtkonzept im Kampf
gegen Antisemitismus. Das gleiche Manko haben wir
1) Ergebnis Seite 17387 C beim Rechtsextremismus. Die falschen und auch vereng-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17387
Petra Pau
(A) ten Zuständigkeiten der Bundesregierung gehören dazu. von den Schriftführerinnen und Schriftführern ermittelte (C)
Kurzum, diese großen Fragen verlangen nach anderen Ergebnis der soeben durchgeführten namentlichen Ab-
Antworten, jedenfalls vertragen sie nicht kleine Antwor- stimmung über die Beschlussempfehlung zu dem Antrag
ten, wie es die Antwort der Bundesregierung auf unsere der Bundesregierung „Fortsetzung des Einsatzes bewaff-
Große Anfrage ist. neter deutscher Streitkräfte bei der Unterstützung der ge-
meinsamen Reaktion auf terroristische Angriffe gegen
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord- die USA auf Grundlage des Artikels 51 der Satzung der
neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE
Vereinten Nationen und des Artikels 5 des Nordatlantik-
GRÜNEN)
vertrages sowie der Resolutionen 1368 (2001) und 1373
(2001) des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen“: ab-
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: gegebene Stimmen 560. Mit Ja haben gestimmt 307, mit
Liebe Kolleginnen und Kollegen, bevor ich den nächs- Nein haben gestimmt 253, Enthaltungen keine. Die Be-
ten Redner aufrufe, möchte ich Ihnen bekannt geben das schlussempfehlung ist also angenommen.

Endgültiges Ergebnis Axel E. Fischer (Karlsruhe- Bartholomäus Kalb Dietrich Monstadt


Abgegebene Stimmen: 559; Land) Hans-Werner Kammer Marlene Mortler
davon
Dr. Maria Flachsbarth Alois Karl Dr. Gerd Müller
Klaus-Peter Flosbach Bernhard Kaster Stefan Müller (Erlangen)
ja: 306 Herbert Frankenhauser Siegfried Kauder (Villingen- Dr. Philipp Murmann
nein: 253 Michael Frieser Schwenningen) Michaela Noll
Erich G. Fritz Volker Kauder Dr. Georg Nüßlein
Ja Hans-Joachim Fuchtel Dr. Stefan Kaufmann Franz Obermeier
Ingo Gädechens Roderich Kiesewetter Eduard Oswald
CDU/CSU Dr. Thomas Gebhart Eckart von Klaeden Henning Otte
Norbert Geis Ewa Klamt Dr. Michael Paul
Ilse Aigner Alois Gerig Volkmar Klein Rita Pawelski
Peter Altmaier Eberhard Gienger Jürgen Klimke Ulrich Petzold
Peter Aumer Michael Glos Axel Knoerig Dr. Joachim Pfeiffer
Dorothee Bär Josef Göppel Jens Koeppen Sibylle Pfeiffer
Thomas Bareiß Peter Götz Manfred Kolbe Beatrix Philipp
(B) Norbert Barthle Dr. Wolfgang Götzer Hartmut Koschyk Ronald Pofalla (D)
Günter Baumann Ute Granold Michael Kretschmer Christoph Poland
Ernst-Reinhard Beck Reinhard Grindel Gunther Krichbaum Eckhard Pols
(Reutlingen) Michael Grosse-Brömer Dr. Günter Krings Thomas Rachel
Manfred Behrens (Börde) Markus Grübel Rüdiger Kruse Dr. Peter Ramsauer
Veronika Bellmann Manfred Grund Bettina Kudla Eckhardt Rehberg
Dr. Christoph Bergner Monika Grütters Dr. Hermann Kues Lothar Riebsamen
Peter Beyer Olav Gutting Günter Lach Josef Rief
Steffen Bilger Florian Hahn Dr. Karl A. Lamers Klaus Riegert
Clemens Binninger Dr. Stephan Harbarth (Heidelberg) Dr. Heinz Riesenhuber
Peter Bleser Jürgen Hardt Andreas G. Lämmel Johannes Röring
Wolfgang Börnsen Gerda Hasselfeldt Dr. Norbert Lammert Dr. Norbert Röttgen
(Bönstrup) Dr. Matthias Heider Katharina Landgraf Dr. Christian Ruck
Wolfgang Bosbach Helmut Heiderich Ulrich Lange Erwin Rüddel
Norbert Brackmann Mechthild Heil Dr. Max Lehmer Albert Rupprecht (Weiden)
Ursula Heinen-Esser Paul Lehrieder Anita Schäfer (Saalstadt)
Klaus Brähmig
Frank Heinrich Dr. Ursula von der Leyen Dr. Annette Schavan
Michael Brand
Rudolf Henke Ingbert Liebing Dr. Andreas Scheuer
Dr. Reinhard Brandl
Michael Hennrich Matthias Lietz Karl Schiewerling
Helmut Brandt Norbert Schindler
Jürgen Herrmann Dr. Carsten Linnemann
Dr. Ralf Brauksiepe Ansgar Heveling Patricia Lips Tankred Schipanski
Dr. Helge Braun Ernst Hinsken Dr. Jan-Marco Luczak Georg Schirmbeck
Heike Brehmer Peter Hintze Daniela Ludwig Christian Schmidt (Fürth)
Ralph Brinkhaus Christian Hirte Dr. Michael Luther Patrick Schnieder
Cajus Caesar Robert Hochbaum Karin Maag Dr. Andreas Schockenhoff
Gitta Connemann Karl Holmeier Dr. Thomas de Maizière Nadine Schön (St. Wendel)
Alexander Dobrindt Franz-Josef Holzenkamp Hans-Georg von der Marwitz Dr. Kristina Schröder
Thomas Dörflinger Joachim Hörster Andreas Mattfeldt Dr. Ole Schröder
Marie-Luise Dött Anette Hübinger Stephan Mayer (Altötting) Bernhard Schulte-Drüggelte
Dr. Thomas Feist Thomas Jarzombek Dr. Michael Meister Uwe Schummer
Enak Ferlemann Dieter Jasper Maria Michalk Armin Schuster (Weil am
Ingrid Fischbach Dr. Franz Josef Jung Dr. h. c. Hans Michelbach Rhein)
Hartwig Fischer (Göttingen) Andreas Jung (Konstanz) Dr. Mathias Middelberg Johannes Selle
Dirk Fischer (Hamburg) Dr. Egon Jüttner Philipp Mißfelder Reinhold Sendker
17388 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse


(A) Dr. Patrick Sensburg Jörg van Essen Nein Ute Kumpf (C)
Bernd Siebert Ulrike Flach Christine Lambrecht
Thomas Silberhorn Otto Fricke SPD Christian Lange (Backnang)
Johannes Singhammer Dr. Edmund Peter Geisen Dr. Karl Lauterbach
Ingrid Arndt-Brauer
Jens Spahn Heinz Golombeck Steffen-Claudio Lemme
Rainer Arnold
Carola Stauche Miriam Gruß Burkhard Lischka
Heinz-Joachim Barchmann
Dr. Frank Steffel Joachim Günther (Plauen) Gabriele Lösekrug-Möller
Doris Barnett
Erika Steinbach Dr. Christel Happach-Kasan Dr. Hans-Peter Bartels Kirsten Lühmann
Christian Freiherr von Stetten Heinz-Peter Haustein Klaus Barthel Caren Marks
Dieter Stier Manuel Höferlin Sören Bartol Katja Mast
Gero Storjohann Birgit Homburger Bärbel Bas Hilde Mattheis
Stephan Stracke Dr. Werner Hoyer Dirk Becker Petra Merkel (Berlin)
Max Straubinger Heiner Kamp Lothar Binding (Heidelberg) Ullrich Meßmer
Karin Strenz Michael Kauch Gerd Bollmann Dr. Matthias Miersch
Thomas Strobl (Heilbronn) Dr. Lutz Knopek Bernhard Brinkmann Franz Müntefering
Lena Strothmann Pascal Kober (Hildesheim) Dr. Rolf Mützenich
Michael Stübgen Dr. Heinrich L. Kolb Edelgard Bulmahn Andrea Nahles
Dr. Peter Tauber Gudrun Kopp Marco Bülow Manfred Nink
Antje Tillmann Dr. h. c. Jürgen Koppelin Ulla Burchardt Thomas Oppermann
Dr. Hans-Peter Uhl Sebastian Körber Petra Crone Aydan Özoğuz
Arnold Vaatz Holger Krestel Dr. Peter Danckert Heinz Paula
Volkmar Vogel (Kleinsaara) Patrick Kurth (Kyffhäuser) Martin Dörmann Johannes Pflug
Stefanie Vogelsang Heinz Lanfermann Elvira Drobinski-Weiß Joachim Poß
Andrea Astrid Voßhoff Sibylle Laurischk Garrelt Duin Dr. Wilhelm Priesmeier
Dr. Johann Wadephul Harald Leibrecht Ingo Egloff Florian Pronold
Marco Wanderwitz Lars Lindemann Siegmund Ehrmann Dr. Sascha Raabe
Kai Wegner Dr. Martin Lindner (Berlin) Dr. h. c. Gernot Erler Mechthild Rawert
Marcus Weinberg (Hamburg) Michael Link (Heilbronn) Petra Ernstberger Stefan Rebmann
Peter Weiß (Emmendingen) Dr. Erwin Lotter Karin Evers-Meyer Gerold Reichenbach
Sabine Weiss (Wesel I) Oliver Luksic Elke Ferner Dr. Carola Reimann
Ingo Wellenreuther Horst Meierhofer Gabriele Fograscher Sönke Rix
Karl-Georg Wellmann Patrick Meinhardt Dr. Edgar Franke René Röspel
Peter Wichtel Gabriele Molitor Dagmar Freitag Dr. Ernst Dieter Rossmann
Annette Widmann-Mauz Jan Mücke Michael Gerdes Karin Roth (Esslingen)
(B) Klaus-Peter Willsch Petra Müller (Aachen) Martin Gerster Michael Roth (Heringen) (D)
Elisabeth Winkelmeier- Burkhardt Müller-Sönksen Iris Gleicke Marlene Rupprecht
Becker Dr. Martin Neumann Günter Gloser (Tuchenbach)
Dr. Matthias Zimmer (Lausitz) Ulrike Gottschalck Anton Schaaf
Wolfgang Zöller Hans-Joachim Otto Angelika Graf (Rosenheim) Axel Schäfer (Bochum)
Willi Zylajew (Frankfurt) Kerstin Griese Werner Schieder (Weiden)
Cornelia Pieper Michael Groschek Ulla Schmidt (Aachen)
SPD Gisela Piltz Michael Groß Silvia Schmidt (Eisleben)
Dr. Christiane Ratjen- Wolfgang Gunkel Carsten Schneider (Erfurt)
Hans-Ulrich Klose
Damerau Hans-Joachim Hacker Ottmar Schreiner
Marianne Schieder
Dr. Birgit Reinemund Bettina Hagedorn Swen Schulz (Spandau)
(Schwandorf)
Dr. Peter Röhlinger Klaus Hagemann Ewald Schurer
Dr. Stefan Ruppert Michael Hartmann Frank Schwabe
FDP
Björn Sänger (Wackernheim) Rolf Schwanitz
Jens Ackermann Christoph Schnurr Hubertus Heil (Peine) Stefan Schwartze
Christian Ahrendt Jimmy Schulz Rolf Hempelmann Rita Schwarzelühr-Sutter
Christine Aschenberg- Marina Schuster Dr. Barbara Hendricks Dr. Carsten Sieling
Dugnus Dr. Erik Schweickert Gustav Herzog Sonja Steffen
Daniel Bahr (Münster) Werner Simmling Gabriele Hiller-Ohm Dr. Frank-Walter Steinmeier
Florian Bernschneider Judith Skudelny Petra Hinz (Essen) Christoph Strässer
Sebastian Blumenthal Dr. Hermann Otto Solms Frank Hofmann (Volkach) Kerstin Tack
Claudia Bögel Joachim Spatz Dr. Eva Högl Dr. h. c. Wolfgang Thierse
Nicole Bracht-Bendt Dr. Max Stadler Christel Humme Franz Thönnes
Klaus Breil Torsten Staffeldt Josip Juratovic Wolfgang Tiefensee
Rainer Brüderle Dr. Rainer Stinner Oliver Kaczmarek Rüdiger Veit
Angelika Brunkhorst Stephan Thomae Johannes Kahrs Ute Vogt
Ernst Burgbacher Florian Toncar Ulrich Kelber Dr. Marlies Volkmer
Marco Buschmann Serkan Tören Lars Klingbeil Andrea Wicklein
Sylvia Canel Johannes Vogel Dr. Bärbel Kofler Heidemarie Wieczorek-Zeul
Helga Daub (Lüdenscheid) Daniela Kolbe (Leipzig) Dr. Dieter Wiefelspütz
Reiner Deutschmann Dr. Daniel Volk Fritz Rudolf Körper Uta Zapf
Dr. Bijan Djir-Sarai Dr. Claudia Winterstein Anette Kramme Dagmar Ziegler
Patrick Döring Dr. Volker Wissing Nicolette Kressl Manfred Zöllmer
Rainer Erdel Hartfrid Wolff (Rems-Murr) Angelika Krüger-Leißner Brigitte Zypries
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17389
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse
(A) DIE LINKE Stefan Liebich BÜNDNIS 90/ Renate Künast (C)
Ulla Lötzer DIE GRÜNEN Markus Kurth
Jan van Aken
Dr. Gesine Lötzsch Monika Lazar
Agnes Alpers Marieluise Beck (Bremen)
Thomas Lutze Dr. Tobias Lindner
Dr. Dietmar Bartsch Volker Beck (Köln)
Ulrich Maurer Nicole Maisch
Herbert Behrens Cornelia Behm
Agnes Malczak
Karin Binder Dorothée Menzner Birgitt Bender
Jerzy Montag
Matthias W. Birkwald Cornelia Möhring Viola von Cramon-Taubadel Kerstin Müller (Köln)
Christine Buchholz Wolfgang Nešković Ekin Deligöz Beate Müller-Gemmeke
Eva Bulling-Schröter Thomas Nord Katja Dörner Ingrid Nestle
Dr. Martina Bunge Petra Pau Harald Ebner Dr. Konstantin von Notz
Roland Claus Richard Pitterle Hans-Josef Fell Omid Nouripour
Dr. Diether Dehm Dr. Thomas Gambke Friedrich Ostendorff
Yvonne Ploetz
Werner Dreibus Kai Gehring Dr. Hermann E. Ott
Paul Schäfer (Köln)
Klaus Ernst Katrin Göring-Eckardt Lisa Paus
Wolfgang Gehrcke Dr. Ilja Seifert Britta Haßelmann
Raju Sharma Brigitte Pothmer
Nicole Gohlke Bettina Herlitzius Tabea Rößner
Diana Golze Dr. Petra Sitte Priska Hinz (Herborn) Krista Sager
Annette Groth Kersten Steinke Dr. Anton Hofreiter Manuel Sarrazin
Dr. Gregor Gysi Sabine Stüber Bärbel Höhn Elisabeth Scharfenberg
Heike Hänsel Alexander Süßmair Ingrid Hönlinger Dr. Gerhard Schick
Dr. Rosemarie Hein Dr. Kirsten Tackmann Uwe Kekeritz Dr. Frithjof Schmidt
Dr. Barbara Höll Frank Tempel Katja Keul Dorothea Steiner
Andrej Hunko Dr. Axel Troost Memet Kilic Dr. Wolfgang Strengmann-
Ulla Jelpke Alexander Ulrich Sven-Christian Kindler Kuhn
Dr. Lukrezia Jochimsen Maria Klein-Schmeink Hans-Christian Ströbele
Kathrin Vogler
Harald Koch Ute Koczy Dr. Harald Terpe
Jutta Krellmann Johanna Voß Tom Koenigs Markus Tressel
Katrin Kunert Sahra Wagenknecht Sylvia Kotting-Uhl Jürgen Trittin
Caren Lay Halina Wawzyniak Oliver Krischer Daniela Wagner
Sabine Leidig Harald Weinberg Agnes Krumwiede Wolfgang Wieland
Ralph Lenkert Katrin Werner Fritz Kuhn Dr. Valerie Wilms
Michael Leutert Jörn Wunderlich Stephan Kühn Josef Philip Winkler

(B) (D)

Nun erteile ich dem Parlamentarischen Staatssekretär neuesten Erkenntnisse 58 Todesopfer –, werden 137 To-
Ole Schröder das Wort. desopfer rechtsextremer Gewalt nach der Zählweise von
Journalisten der Zeit und des Tagesspiegels gegen-
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und übergestellt.
der FDP)
Ich möchte hier noch einmal erwähnen, dass auch in
Dr. Ole Schröder, Parl. Staatssekretär beim Bundes-
dieser Statistik nicht die zehn Todesopfer mitgezählt
minister des Innern: werden, die es nach den neuesten Erkenntnissen gab; sie
müssen jetzt natürlich auch in die Statistik aufgenom-
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und men werden.
Herren! Wir alle sind noch immer betroffen, dass es bei
uns in Deutschland möglich war, dass eine rechtsextre- Dabei zeigt das nur eines: Bei der statistischen Erfas-
mistische Terrorzelle zwischen 2000 und 2007 mutmaß- sung eines solchen Phänomens gibt es nie die richtige
lich zehn Morde beging und weitere Taten verübte, die Lösung. Keine Statistik ist in der Lage, ein objektiv un-
Menschenleben gefährdet haben. Es ist abscheulich, angreifbares Bild zu zeichnen.
wenn Menschen zur Projektionsfläche eines rassisti-
schen, menschenverachtenden Weltbildes werden, und (Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE
es macht uns sprachlos, wenn Menschen deswegen ihr GRÜNEN]: Das ist aber eine sehr große Diffe-
Leben lassen müssen. Eines ist klar – darüber sind wir renz!)
uns ebenfalls alle einig –: Unabhängig von der Statistik, Derzeit ist bei der Erfassung das konkrete Tatmotiv
über die wir heute sprechen, ist jedes Opfer rechtsextre- relevant. Das Erfassungssystem ist übrigens 2001 von
mer Gewalt eines zu viel. der damaligen rot-grünen Regierung mit den Ländern
(Beifall im ganzen Hause) vereinbart worden. Es wird seitdem so fortgeführt, im-
mer wieder evaluiert und angepasst. Wir haben es hier-
Die Linke versucht nun, zu unterstellen, dass die Ver- bei mit einer Eingangsstatistik zu tun. Das ist notwendig,
antwortlichen in den Ländern und im Bund das Phäno- damit den Sicherheitsbehörden sofort bekannt ist, mit
men kleinrechnen oder gar verschleiern. 47 Todesopfer, welchen Straftaten wir es zu tun haben. Diese Eingangs-
die die offiziellen Stellen von 1990 bis zum 31. Januar statistik kann dann im Laufe der weiteren Ermittlungen
2011 gezählt haben – mittlerweile sind es aufgrund der und auch durch die Erkenntnisse, die im Gerichtsverfah-
17390 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Parl. Staatssekretär Dr. Ole Schröder


(A) ren zutage treten, korrigiert werden. Deshalb sind jetzt Deshalb ist es wichtig, dass wir auch die Hürden, die es (C)
auch die neuen Erkenntnisse in die Statistik mit einge- im Bereich des Föderalismus gibt, überwinden.
flossen.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
Der Grund für ein solches System zur Analyse des neten der FDP)
konkreten Tatmotivs liegt vor allem darin, dass eine Aber natürlich ist es auch wichtig, dass wir dieses Phä-
reine Zuordnung des Täters zu einem bestimmten Mi- nomen in Statistiken sehr deutlich erfassen. Das machen
lieu, zum Beispiel zum rechtsextremen Milieu, keine wir weiterhin. Wir analysieren natürlich auch die Dinge,
eindeutigen Schlüsse zulässt. Denn gerade in diesem die jetzt zutage treten, und prüfen, ob sie Auswirkungen
braunen Milieu, um das es in dieser Anfrage geht, haben auf notwendige Korrekturen haben.
wir es eben auch mit erheblicher Allgemeinkriminalität
zu tun. Im Bereich rechtsmotivierter Straftaten sind über
50 Prozent der Täter vorher schon durch allgemeinkrimi- Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
nelle Delikte aufgefallen. Herr Kollege, Sie müssen zum Schluss kommen.

Meine Damen und Herren, lassen Sie uns deshalb die Dr. Ole Schröder, Parl. Staatssekretär beim Bundes-
Beurteilung der Bekämpfung von rechtsextremer Gewalt minister des Innern:
nie allein an Statistiken festmachen.
Was aber überhaupt nicht weiterhilft, ist der gegensei-
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- tige Vorwurf, dass die jeweils andere Seite irgendetwas
neten der FDP) verschleiern wolle. Wichtig ist, dass wir das Phänomen
richtig beschreiben und gemeinsam dagegen vorgehen.
Vor allem muss es darum gehen, das hinter diesen er-
schreckenden Zahlen stehende Phänomen zu erkennen, Vielen Dank.
zu verstehen und zu bekämpfen. Darauf kommt es an. Es (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
geht darum, dass jeder Mensch in unserem Land, unge-
achtet seiner Hautfarbe, seiner Religion, seiner politi-
schen Einstellung und seiner sexuellen Ausrichtung, vor Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
solch verabscheuungswürdiger Gewalt sicher ist. Das Wort hat nun Gabriele Fograscher für die SPD-
Fraktion.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der FDP) (Beifall bei der SPD)

Deshalb ist es wichtig, dass Erkenntnisse über gefähr- Gabriele Fograscher (SPD):
(B) liche Personen und Gruppen künftig systematisch ausge- Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! (D)
tauscht werden können, dass Ermittlungen besser koor- Grundlage der Großen Anfrage der Linken sind die in
diniert werden können, dass wir die Szene und ihre der Zeit und im Tagesspiegel veröffentlichten Zahlen der
Protagonisten noch genauer auf mögliche Gewaltpoten- Opfer rechter Gewalt. Dabei handelt es sich nicht nur um
ziale hin durchleuchten können. Nur so können wir die eine Aufzählung, um Statistik, sondern es ist die Be-
Informationsverluste und die Koordinierungsprobleme, schreibung von brutalen Angriffen, von Gewaltexzessen,
die jetzt bei den Ermittlungen zutage getreten sind, künf- von Tötung und Mord quer durch die Republik.
tig verhindern, und nur so können wir rechtsextreme Ge-
walt konsequent verfolgen oder – noch besser – verhin- 137 Menschen sind von 1990 bis September 2010
dern. grausam umgebracht worden. Mut-gegen-rechte-
gewalt.de nennt 182 Opfer, bei denen die Täter rechts-
Dafür ist es auch wichtig, dass wir den Sicherheitsbe- extremistische Motive hatten. Die polizeiliche Kriminal-
hörden die notwendigen Instrumentarien an die Hand ge- statistik nennt für den gleichen Zeitraum die schon ge-
ben. Wir sind schon einige Schritte weiter. Wir wollen nannten 48 Opfer. Diese Differenz, Herr Schröder, haben
die Führungskompetenz des Bundesamtes für Verfas- Sie zwar zu erklären versucht; aber Sie haben nicht ge-
sungsschutz, wie wir es bereits im Bereich des islamisti- sagt, dass man sie auch so weit wie möglich reduzieren
schen Terrorismus haben, weiter stärken. Wir wollen muss.
eine Gesetzesänderung dahin gehend auf den Weg brin-
gen, dass weitergehende Informationen über Rechts- (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
extremisten eingestellt und abgerufen werden können, der LINKEN)
und dies eben nicht nur bei gewaltbereiten, sondern auch Spätestens seitdem bekannt ist, dass eine rechte Ter-
bei sonstigen. Wir brauchen eine Verbunddatei, damit rorzelle über zehn Jahre lang unentdeckt gemordet und
keine einzige Information verloren geht. Deshalb brau- geraubt hat, müssen wir feststellen, dass wir keine realis-
chen wir auch ein gemeinsames Abwehrzentrum, wie tische Lageeinschätzung rechtsextremistischer Bedro-
wir es bereits im Bereich des islamistischen Terrorismus hungen haben, weder bei den Sicherheitsbehörden noch
haben. in der Öffentlichkeit noch in der Politik. Wir müssen da-
Meine Damen und Herren, keine Information darf bei von ausgehen, dass das Dunkelfeld rechter Gewalt noch
der Verfolgung von solchen abscheulichen Straftaten größer ist; denn nicht jeder Angriff geht tödlich aus,
verloren gehen. nicht jede Einschüchterung und Bedrohung wird zur An-
zeige gebracht. Trotz Anpassung und Differenzierung
(Zuruf der Abg. Monika Lazar [BÜNDNIS 90/ der Kriterien für die Einstufung als Straftaten mit rechter
DIE GRÜNEN]) Motivation bleibt – das beschreiben Sie richtig in der
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17391
Gabriele Fograscher
(A) Anfrage – der rechtsextremistische Hintergrund einer Bevölkerung in die Arbeit der Sicherheitsbehörden (C)
Tat oft im Dunkeln, weil die Motive verschleiert werden, nachhaltig geschädigt. Es gab bereits – vornehmlich in
weil sich das Motiv erst im Laufe der Ermittlungen zeigt rot-grüner Regierungszeit – erkennbare erhebliche, fast
oder weil die Tat falsch zugeordnet wird. unfassbare Fehler und Versäumnisse der Sicherheitsbe-
hörden.
Zu lange ist verharmlost worden, ist man von verwirr-
ten Einzeltätern ausgegangen, ist die zugrunde liegende Die Bürgerinnen und Bürger haben einen Anspruch
Ideologie nicht ernst genommen worden. Diese zu- auf eine lückenlose politische Aufklärung dieses brau-
grunde liegende Ideologie rechter Gefahr und Gewalt ist nen Sumpfes. Der Generalbundesanwalt hat richtiger-
die Ideologie der Ungleichwertigkeit von Menschen. weise die Ermittlungen über Ländergrenzen hinweg an
Diese Ideologie ist es, die zu Fremdenhass, Rassismus, sich gezogen. Er ermittelt zentral die gesamten Zusam-
Antisemitismus, gruppenbezogener Menschenfeindlich- menhänge.
keit und Gewalt führt. Diese Ideologie wird im Internet,
in Musiktexten, in Flugblättern, in Parolen verbreitet. Neben der juristischen und kriminalistischen Aufklä-
Sie kursiert in der rechtsextremistischen Szene, in Ka- rung brauchen wir aber auch die Aufklärung durch eine
meradschaften und in der NPD. Sie zeigt sich bei Auf- gemeinsame politische Stelle, die eine politische Bewer-
märschen, Demonstrationen und leider auch in einigen tung vornimmt und das Ganze kontrolliert. Die Bürge-
Landtagen. Sie macht sich eben nicht nur in den Rand- rinnen und Bürger erwarten, dass wir das hier im
gruppen breit, sondern, wie Studien von Heitmeyer und Deutschen Bundestag tun. Aufgrund der fehlenden Ko-
der Friedrich-Ebert-Stiftung belegen, auch in der Mitte ordination haben die Länder nebeneinanderher gearbei-
der Gesellschaft. tet. Es ist deshalb geradezu unverantwortlich, wenn sich
die Innenminister der Länder nun weigern, ihren Beitrag
(Sven-Christian Kindler [BÜNDNIS 90/DIE zur politischen Aufarbeitung zu leisten.
GRÜNEN]: So ist es!)
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Es geht um mehr als die statistische Erfassung von der CDU/CSU, der SPD, der LINKEN und des
Straftaten mit rechtsextremistischem Hintergrund. Wir BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
brauchen eine Strategie des Zurückdrängens, der Äch-
tung und der Abgrenzung zu rechtsextremen Einstellun- Darüber hinaus stellt sich im konkreten Fall die Frage
gen. nach der besseren Vernetzung der Sicherheitsbehörden.
Deshalb weisen die Vorschläge des Bundesinnenminis-
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem ters in Bezug auf ein gemeinsames Abwehrzentrum und
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Ab- die Zusammenführung von Daten durchaus in die rich-
geordneten der FDP) tige Richtung. Das Nebeneinander der Sicherheitsbehör-
(B) Wir brauchen die lückenlose Aufklärung der Ermitt- den und die unverhohlene Verteidigung von Ressort- (D)
lungspannen, der Fehleinschätzungen und Konsequen- egoismen müssen der Vergangenheit angehören.
zen aus der fehlenden Kooperation zwischen den Sicher- (Beifall bei Abgeordneten der FDP)
heitsbehörden. Wir brauchen eine Demokratieoffensive
mit Verstetigung und Nachhaltigkeit von Programmen Wir brauchen eine neue Sicherheitsarchitektur unter Ein-
zur Demokratieförderung. Wir brauchen eine Stärkung beziehung der Länder.
und Unterstützung der Kommunen und Regionen, in de- Meine Damen und Herren, die Linke geht in ihrem
nen Neonazis Alltag und Meinungsführerschaft bestim- Antrag aus meiner Sicht unseriös mit den Zahlen um und
men. Wir brauchen eine Verständigung über eine legt bei ihren Bewertungen keine rechtsstaatlichen Maß-
Gesamtstrategie gegen Rechtsextremismus und men- stäbe zugrunde. Nur so kommt sie auf eine Zahl von
schenfeindliche Einstellungen, die Bund, Länder, Kom- über 100 Extremismusopfern in den vergangenen mehr
munen, Behörden, Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, als zwei Jahrzehnten. Die Bundesregierung zählt nur die
Arbeitgeberverbände und die Zivilgesellschaft mit ein- Straftaten als rechtsextrem, die gerichtlich als solche
bezieht. Dafür brauchen wir einen langen Atem. Wir verurteilt wurden.
müssen daran arbeiten, auch wenn die Berichterstattung
in den Medien sich längst wieder anderen Themen zu- (Monika Lazar [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
wendet. NEN]: Nicht nur die!)
Danke. Die Linken wollen stattdessen ein Gesinnungsdenun-
ziantentum, das die linke Szene anhand der rechtsextre-
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
men Straftaten hoffähig machen soll.
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
(Monika Lazar [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: NEN]: Das ist peinlich! Unverschämt! In die-
Das Wort hat nun Hartfrid Wolff für die FDP-Frak- ser Situation!)
tion. Das bestätigt noch einmal mehr: Antifaschismusarbeit
(Beifall bei der FDP) ist seit jeher Kernelement linksextremistischer Aktivität.
(Widerspruch bei der SPD, der LINKEN und
Hartfrid Wolff (Rems-Murr) (FDP): dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Stefan
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die Ent- Rebmann [SPD]: Da schießen Sie aber weit
hüllungen in den letzten Tagen haben das Vertrauen der über das Ziel hinaus! Peinlich!)
17392 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Hartfrid Wolff (Rems-Murr)


(A) Es gibt viele seriöse unabhängige Organisationen ge- Jetzt versuchen Sie wieder, die Demokraten zu spalten, (C)
gen den Rechtsextremismus. Diese unabhängigen Orga- und das in dieser Situation. Ich finde das unverantwort-
nisationen, wie zum Beispiel die Kirchen, müssen wir lich!
stärken. Aber der Kampf der Extremisten der einen Seite
hat schon immer den Extremisten der anderen Seite als In der Öffentlichkeit sind unterschiedliche Zahlen ge-
Vorwand und Rechtfertigung gedient. nannt worden: Die Amadeu-Antonio-Stiftung spricht
von 182 Toten, die Zeit und der Tagesspiegel sprechen
(Monika Lazar [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- von 148 Toten. Das alles sind gut recherchierte Zahlen.
NEN]: Sie merken es gar nicht! – Zuruf von Sie können nicht einfach unterstellen, dass das von ir-
der SPD: Schämen Sie sich gar nicht?) gendwelchen antifaschistischen Extremisten kommt.
Das ist wirklich – wie gesagt, mir fehlen die Worte –
Demokraten sollten – und das zeigt Weimar – auf keiner
der beiden Seiten zum Trittbrettfahrer werden. (Gabriele Fograscher [SPD]: Dummes Zeug! –
(Beifall bei Abgeordneten der FDP – Zuruf von der Sönke Rix [SPD]: Unerhört!)
LINKEN: So ein Dummgeschwätz!) einfach unerhört.
Wir brauchen keine linksextreme Unterstützung im (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
Kampf gegen Rechtsextreme. bei der SPD und der LINKEN)
(Beifall bei der FDP – Michael Groschek Die Bundesregierung kommt auf 48 Opfer und hat
[SPD]: Das ist eine Beleidigung, die Rede! – jetzt die 10 dazugezählt; es sind jetzt also 58. Bei Ihrem
Michael Leutert [DIE LINKE]: Das ist un- Redebeitrag hat man gemerkt, dass man sensibilisiert
glaublich! Das ist unerhört!) sein muss.
Es hat keinen Sinn, rechten gegen linken oder musli- (Hartfrid Wolff [Rems-Murr] [FDP]:
misch motivierten Extremismus auszuspielen. Eindeutig!)
(Zuruf von der SPD: Das machen Sie aber ge- Wenn die Sensibilität fehlt, werden die Zahlen nicht an-
rade! – Michael Groschek [SPD]: Dafür sind erkannt. Deshalb ist es wichtig, dass alle Stellen, die da-
Sie der Leithammel! – Stefan Rebmann mit zu tun haben – das gilt auch für Sie –, geschult wer-
[SPD]: Das ist eine Schande!) den,
Ich würde es begrüßen, wenn Demokraten jeglicher (Heiterkeit und Beifall beim BÜNDNIS 90/
Couleur gemeinsam gegen Extremismus jeglicher Cou- DIE GRÜNEN und bei der SPD – Beifall bei
leur zusammenstünden und die gleichen Maßstäbe auf der LINKEN)
(B) (D)
alle Gegner unserer Verfassung anwenden würden.
damit sie erfahren, wie es in Bezug auf dieses Gedan-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – kengut vom Denken zum Handeln kommt. Wie gesagt,
Dr. Gregor Gysi [DIE LINKE]: Deshalb gehen ich bin wirklich erschüttert.
die Liberalen unter!)
Insbesondere im Hinblick auf die Zwickauer Zelle
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: – da sind wir uns wahrscheinlich einig – muss es Aufklä-
rung geben. Dabei nützen aber solche Ausführungen,
Das Wort hat nun Monika Lazar für die Fraktion
wie Sie sie hier kundgetan haben, überhaupt nichts.
Bündnis 90/Die Grünen.
Nicht nur die Rechtsextremisten, sondern insbesondere
die Rechtspopulisten verschärfen das Problem. Ihre
Monika Lazar (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Rede ging ganz klar in diese Richtung.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich
muss sagen: Mir hat es nach Ihrem Redebeitrag die Spra- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
che verschlagen. bei der SPD und der LINKEN – Hartfrid Wolff
[Rems-Murr] [FDP]: Ach was! Das kann ja
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, wohl nicht wahr sein! Das ist Blödsinn! – Ge-
bei der SPD und der LINKEN) genruf von der SPD: Unwürdig!)
Das ist bodenlos! In der aktuellen Situation und nach der – Doch, das ist so. Ich empfinde es so. Sie lenken von
guten Debatte vor einer Woche hier im Bundestag dis- dem Problem ab, und Sie verhöhnen die Opfer.
kreditiert das nicht nur Sie und Ihre Fraktion, sondern
alle, die genauso denken. Zum Abschluss möchte ich noch einige Beispiele aus
meinem Heimatland Sachsen nennen: Am 1. Mai 2008
(Zuruf von der FDP: Ach!) wurde eine Gruppe alternativer Jugendlicher in Stolpen
Es ist unmöglich! Wie können Sie sich hier hinstellen in der Sächsischen Schweiz angegriffen. Mehrere Neo-
und so etwas sagen? Ich bin ebenso wie alle hier für ein nazis verletzten sie schwer mit Knüppeln und Faust-
breites Bündnis aller Demokraten. Vor einer Woche ha- schlägen. Bis heute – dreieinhalb Jahre nach dem
ben wir es geschafft: in Form eines gemeinsamen An- Angriff – ist keiner von ihnen vor Gericht gekommen,
trags mit allen Fraktionen. obwohl allesamt bekannte Neonazis sind. Einer der An-
greifer, Mirko H., war bis mindestens 2002 V-Mann des
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Verfassungsschutzes. Er ist ein maßgeblicher Führungs-
bei der SPD und der LINKEN) kader des Netzwerkes „Hammerskins“, hat eine Firma
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17393
Monika Lazar
(A) namens „Hate Records“ und vertreibt Hass-CDs. Vermu- zugrunde liegen, seinerzeit von Rot-Grün so festgelegt (C)
tet wird, dass er auch mit dem Terrortrio aus Zwickau in worden sind.
Verbindung stand. Es ist beschämend, dass die Täter im-
(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE
mer noch frei herumlaufen, während sich die Opfer auch
GRÜNEN]: Mit den Ländern zusammen! Da
heute noch unwohl und unsicher fühlen.
waren Schwarz und Gelb auch dabei!)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Vereinfacht gesagt, ergibt sich die große Differenz da-
bei der SPD und der LINKEN) durch, ob die Beurteilung, wie in dem einen Fall, aus-
In Leipzig gab es vor einem Jahr einen rassistischen schließlich anhand des Kriteriums erfolgt, ob der Täter
Mord an einem jungen Iraker namens Kamal K. Es dau- dem rechten Milieu zuzuordnen ist, oder ob, wie in dem
erte eine ganze Weile, bis auch die Justiz anerkannte, anderen Fall, sich aufgrund des Ermittlungsverfahrens
dass er Opfer rassistischer Gewalt wurde. In der Urteils- und der Feststellungen der Gerichte hat manifestieren
begründung wurde angeführt: „Er hat das Opfer nicht als lassen, dass die Gesinnung des Täters bei der Tat aus-
Mensch gesehen, sondern als Ausländer, den man töten schlaggebend war.
kann.“ Ich möchte aber gar nicht mit Ihnen darüber streiten,
Lebenslange Haft bekam auch der Mörder von ob die eine oder die andere Zahl die richtige ist. Ich bin
Marwa al-Schirbini aus Dresden. Dieser tragische Vor- mit Ole Schröder der Auffassung: Jedes einzelne Opfer
fall ist Ihnen allen sicherlich noch in Erinnerung. Marwa ist ein Opfer zu viel.
al-Schirbini hatte den Täter, der sie beschimpft hatte, (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie
wegen Beleidigung verklagt. Sie wurde im Gericht er- bei Abgeordneten der SPD)
stochen, und ihr Ehemann wurde lebensgefährlich ver-
letzt. Ich denke, dass wir darin übereinstimmen. Die unsägli-
che Mordserie der Neonazi-Bande aus Thüringen ist für
Es ist traurig, dass die Debatte immer nur dann wie- uns alle erschütternd. Es trifft uns in besonderer Weise,
deraufgenommen wird, wenn etwas so Furchtbares ge- dass solch verabscheuungswürdige Taten gerade in unse-
schieht. Ich finde es wichtig, dass wir unsere Arbeit in rem Land passieren. Dabei wurde in den letzten Wochen,
der Demokratie auf möglichst breiter Basis voranbrin- natürlich immer vorschnell, von interessierter Seite zu-
gen. Wir sollten eine nachhaltige bundesweite Gesamt- mindest unterschwellig die Behauptung aufgestellt, un-
konzeption entwickeln. Dazu gehört auch, dass die sere Behörden seien auf dem rechten Auge blind. Das
Reform der Ermittlungsbehörden unter die Lupe genom- muss ich allerdings mit Entschiedenheit zurückweisen.
men wird. Nicht förderlich ist es, die zivilgesellschaftli- In den letzten Jahrzehnten haben gerade wir in der Bun-
chen Initiativen, die wir mehr denn je brauchen, weiter- desrepublik alles getan, um unsere Vergangenheit aufzu-
(B) hin mit der Extremismusklausel, die von Ministerin arbeiten, aber insbesondere auch, um den Rechtsextre- (D)
Schröder und anderen Unbelehrbaren immer noch auf- mismus in seine Schranken zu weisen. Es ist nicht
rechterhalten wird, zu knebeln. bestreitbar, dass dies nicht vollumfänglich gelungen ist.
Weiterhin ist es wichtig, dass wir jeder Form von Dis- In der letzten Sitzungswoche – das ist hier eben zu
kriminierung und Menschenfeindlichkeit besonders in Recht erwähnt worden – haben wir uns in einer gemein-
der Mitte der Gesellschaft entgegentreten. Wir brauchen samen Erklärung aller fünf Fraktionen ausdrücklich ge-
mehr Aufklärung, Prävention und Kooperation. Das sind gen den Extremismus ausgesprochen. Meine sehr ver-
wir dem Schutz unserer Demokratie und dem Schutz der ehrten Damen und Herren von links bis rechts, ich
Menschenwürde schuldig. meine, wir sollten dieses Einvernehmen gerade in dieser
Frage nicht aufgeben.
Danke.
(Zuruf von der LINKEN: Wer hat das denn
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, aufgekündigt?)
bei der SPD und der LINKEN)
Wichtig ist im Augenblick, dass die Mordtaten um-
fassend aufgeklärt werden und eine umfassende Fehler-
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: analyse vorgenommen wird. Ich danke hier ganz aus-
Das Wort hat nun Helmut Brandt für die CDU/CSU- drücklich dem Innenminister, der hier besonnen, aber
Fraktion. auch mit großer Bestimmtheit nicht nur Konsequenzen
aus diesen Taten gefordert hat, sondern auch unverzüg-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
lich Arbeitskommissionen eingesetzt hat. Inzwischen
liegt der Entwurf eines Gesetzes zur Einrichtung einer
Helmut Brandt (CDU/CSU): Verbunddatei zum Erfassen der Rechtsextremisten in
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten Deutschland bereits vor.
Damen und Herren! Mehrfach ist schon dargestellt wor-
Die Erkenntnisse, die sich hier ergeben, müssen über
den, weshalb wir uns heute hier unterhalten. Es geht tat-
die Fehleranalyse hinaus zu konkreten Schritten führen.
sächlich um eine große Diskrepanz – das ist unbestreit-
Dabei müssen auch die Länder positiv mitwirken, wenn
bar –, was die Zahlen angeht. Nach meiner Auffassung
sich herausstellen sollte, dass die bisherigen Strukturen
ist in der Antwort der Bundesregierung auf die Große
zu Fehleinschätzungen geführt haben.
Anfrage schon hinreichend deutlich geworden, woran
dies liegt. Der Staatssekretär hat eben schon darauf hin- (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
gewiesen, dass die Kriterien, die den offiziellen Zahlen neten der FDP)
17394 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Helmut Brandt
(A) Wie sonst sollte man sich erklären, dass noch im Verfas- Grundrechte, unsere Freiheit bekämpft. Damit liegen (C)
sungsschutzbericht 2010 davon die Rede ist, dass auch nach meiner Auffassung die Kriterien für ein Verbot vor.
im vergangenen Jahr „in Deutschland keine rechtsterro- Wir sollten alles daransetzen, die notwendigen Voraus-
ristischen Strukturen feststellbar“ waren! Diese grobe setzungen für ein Parteiverbot zu schaffen.
Fehleinschätzung, die nur wenige Monate nach der Ver-
Danke schön.
öffentlichung des Verfassungsschutzberichtes erkennbar
wurde, ist nicht hinnehmbar. (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP
und der LINKEN sowie bei Abgeordneten des
Wenn Straftaten aus niederen Beweggründen heraus BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
begangen werden, wenn Menschen lediglich aufgrund
ihrer Hautfarbe, Herkunft oder sonstiger Merkmale getö-
tet werden, so muss dies Gründe haben. Für mich ist die Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
entscheidende Frage: Wie kann man mithin diesen geis- Das Wort hat nun Sönke Rix für die SPD-Fraktion.
tigen Sumpf austrocknen, der zu solchen Straftaten
führt? Sönke Rix (SPD):
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Kolleginnen und
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Kollegen! Meine Damen und Herren! Sehr geehrter Herr
Ich habe bereits auf den Verfassungsschutzbericht Wolff, zunächst einmal muss ich es im Namen der SPD
2010 hingewiesen. Daraus möchte ich zitieren. Ich habe deutlich zurückweisen, wenn Sie den politischen Extre-
mir lange überlegt, ob ich dieses schier unsägliche Zitat mismus und den Antifaschismus auf eine Stufe stellen.
überhaupt verwenden sollte. Ich meine aber, dass die Öf- (Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
fentlichkeit wissen muss, dass es so etwas in unserem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Land tatsächlich gibt. Im Verfassungsschutzbericht ist
von „rechtsextremistischen Bands und Liedermachern“ Gerade für die Sozialdemokraten als älteste demokrati-
die Rede. Es ist auch die Rede davon, dass im Jahr 2010 sche Partei, die auch darunter gelitten hat, von politi-
„mehrere deutsche Tonträger mit strafbaren Inhalten“ er- schen Extremisten verfolgt worden zu sein, unter ande-
schienen sind. Die Musikgruppe Braunau hat auf einem rem wegen antifaschistischer Arbeit, ist das eine be-
Tonträger mit dem Titel Unsere Lösung heißt Gewalt ein schämende Äußerung.
Lied mit folgendem Text veröffentlicht – ich zitiere (Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
wörtlich –: BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Hartfrid Wolff
Man sieht sie überall im Land, ein Mischlingskind [Rems-Murr] [FDP]: Das habe ich nicht getan!
an jeder Hand. Sie präsentieren die häßlichen Krö- Hören Sie doch zu!)
(B) (D)
ten, mit denen sie unsere Rasse töten. … man Grundsätzlich gibt es beim Umgang mit dem Thema
müßte ihnen in die Fresse rotzen. Sie rücksichtslos Rechtsextremismus zwei Strategien. Zum einen gibt es
zusammenschlagen und sie samt ihrer Brut aus die Strategie für eine offene, demokratische und tole-
Deutschland jagen. rante Gesellschaft, die wir unterstützen und fördern müs-
Meine Damen und Herren, es macht mich fassungslos sen. Zum anderen gibt es die Strategie, die besagt: Dort,
– das muss ich Ihnen ganz offen sagen –, dass so etwas wo rechtsextreme Strukturen vorhanden sind, müssen
in unserem Land präsentiert wird. wir ordnungspolitisch, also mit Polizei und den zuständi-
gen Organen, dagegen angehen. Wir wollen hier auch
(Beifall im ganzen Hause) nicht differenzieren, in dem Sinne, dass die eine Strate-
gie wichtiger als die andere ist; beides ist notwendig.
Wer solche Musik verbreitet oder unterstützt, wer es
zulässt, dass im Umfeld seiner politischen Tätigkeit Besonders wichtig ist es, zu wissen, dass der Boden
Konzerte von Musikgruppen stattfinden, die solche und des Rechtsextremismus dadurch gegeben ist, dass wir in
ähnliche Texte verwenden, wer mithin dazu beiträgt, einigen Bundesländern mehr als nur einen kleinen Anteil
dass Menschen aufgestachelt werden, brutalst gegen von NPD-Wählern oder von Nazis, die auf die Straße ge-
Mitmenschen vorzugehen, der macht sich mitverant- hen, haben. Wir haben leider das Problem, dass Rassis-
wortlich für das, was in den letzten 20 Jahren seit der mus und Fremdenfeindlichkeit bis in die Mitte unserer
Wiedervereinigung in Deutschland passiert ist. Gesellschaft reichen. Das ist der Boden für solche extre-
mistischen Bewegungen. Das müssen wir anerkennen.
(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP und Wenn wir glauben, das sei nur eine Randerscheinung
dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) und kein Problem der Mitte unserer Gesellschaft, dann
können wir nicht mit zivilgesellschaftlichen und demo-
Volksverhetzung – um solche handelt es sich hier – ist
kratischen Aktionen dagegen vorgehen. Deshalb ist es
strafbar. Die Justiz ist gefordert, diese Straftaten auch
wichtig, dass wir die Zivilgesellschaft beim Kampf ge-
mit Nachdruck zu verfolgen.
gen Rechtsextremismus, aber vor allem bei ihrer Arbeit
Wenn bekannt ist, dass im Umfeld der NPD und in für mehr Toleranz und Demokratie unterstützen.
der NPD selbst Funktionäre und Unterstützer existieren, (Beifall bei der SPD, der FDP, der LINKEN und
die Konzerte mit solchem „Liedgut“ veranstalten und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
besuchen, so gibt es für mich keinen Zweifel daran, dass
die NPD nicht nur eine verfassungsfeindliche Partei ist. Dazu gehört die politische Bildung; aber dazu gehört
Nein, sie ist auch eine Partei, die unseren Staat, unsere auch, entsprechende Strukturen in den Kommunen vor-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17395
Sönke Rix
(A) zuhalten, damit sich solche Szenen nicht bilden können, Anwaltvereins, die ich sehr interessant fand. Journalisten (C)
damit wieder anerkannt wird, dass die Demokratie das haben das Ganze aufgearbeitet und erklärt, wie es zu den
bessere System ist. Es darf nicht wieder solche dramati- Differenzen in den Statistiken über rechte Gewalt
schen Untersuchungen geben, in denen behauptet wird, kommt.
die Demokratie bringe uns nichts. Daran sollten wir alle
gemeinsam arbeiten. Ich glaube, es ist unser aller Anliegen – es muss unser
aller Anliegen sein –, dass jedem einzelnen dieser Fälle
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) in einer Andenkens- und Gedenkenskultur ausreichend
Ich möchte noch etwas zur Statistik anmerken. Es ist Platz eingeräumt wird. Wir sind uns bewusst, dass jeder
schon fragwürdig – es sind ja keine unseriösen Medien Mensch, der durch rechten Terror gestorben ist, unser
und auch keine unseriösen Vereine und Verbände, die die Gedenken verdient und wir keinen dieser Menschen ver-
Statistik aufgestellt haben –, warum es eine solche Diffe- gessen dürfen.
renz zwischen der offiziellen Statistik und der durch die (Beifall bei der FDP und der SPD sowie bei
Zivilgesellschaft und durch die Medien erarbeiteten Sta- Abgeordneten der CDU/CSU, der LINKEN
tistik gibt. Mich hätte gefreut, wenn vonseiten der Regie- und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
rungskoalition geäußert worden wäre: Ja, es gibt eine
dramatische Differenz, und die gilt es aufzuarbeiten. Alexander von Brünneck hat ein Buch über die Justiz
Diese Aussage habe ich, so deutlich formuliert, leider in der frühen Bundesrepublik geschrieben. Er hat deswe-
nicht gehört. gen selbst Probleme bekommen. Er ist der Frage nachge-
gangen, wie man in der frühen Bundesrepublik mit poli-
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
tischen Prozessen umgegangen ist. Er hat gezeigt, dass
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Ab-
damals in der Tat eine Einseitigkeit bei der politischen
geordneten der FDP)
Bewertung vorherrschte und man oft nicht genau hinge-
Selbstverständlich ist jedes Todesopfer, egal aus wel- schaut hat, wenn es Vorfälle von rechts gab. Ich bin al-
chem Grund getötet wurde, ein Opfer zu viel. Letztend- lerdings der Meinung, dass wir seitdem eine viel reifere
lich kann man natürlich sagen: Das ist nur eine Statistik. Gesellschaft geworden sind. Ich glaube, wir alle kennen
Es macht aber einen Unterschied, wenn ich als Angehö- Polizistinnen und Polizisten, aber niemand von uns
riger eines Opfers höre, dass ein Familienmitglied, zum würde ihnen unterstellen, dass sie Taten, die hier von
Beispiel mein Ehepartner, infolge eines Streits über eine rechter Seite begangen wurden, vertuschen oder auch
banale Sache Opfer einer Gewalttat wurde und die Ge- nur verharmlosen wollen. Diesbezüglich sind wir heute
walttat keinen rassistischen Hintergrund hat. Gerade das viel weiter als in der frühen Bundesrepublik.
zeigen ja die sogenannten Döner-Morde. In diesen Fäl-
(B) len wurde immer davon ausgegangen, dass es keinen (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten (D)
rassistischen Hintergrund gibt. Es ist wichtig, dass der der CDU/CSU)
rassistische Hintergrund deutlich gemacht wird. Ich finde die Art, in der Frau Pau das hier thematisiert
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ hat, vollkommen richtig. Natürlich ist es ein Stachel in
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der unserem Fleisch, wenn ein Fall in unserer Statistik nicht
LINKEN und der FDP) dokumentiert ist. Wir müssen darüber nachdenken, wa-
rum dieser Fall nicht dokumentiert wurde. Wir müssen
Wir können nur dann dagegen vorgehen, wenn wir den bei jedem einzelnen Fall fragen: Wie konnte es dazu
rassistischen Hintergrund anerkennen. Ich glaube, wir kommen? Wir sollten aber nicht so tun – das haben Sie
alle gemeinsam sind es den Angehörigen dieser Opfer auch nicht getan –, als ob dahinter ein bösartiger Kom-
schuldig, zu sagen: Ja, wir überarbeiten die Kriterien plott steht.
dieser Statistik gemeinsam. Wir sollten den Angehörigen
der Opfer sagen: Ja, euer Angehöriger ist Opfer rechter Insofern bitte ich alle Beteiligten, den Schmerz, den
Gewalt geworden. dieser Rechtsextremismus uns allen als Demokraten zu-
fügt, noch eine gewisse Zeit so zu empfinden. Wir soll-
(Ulla Jelpke [DIE LINKE]: Opferentschädi-
ten nicht so schnell nach Lösungen suchen, sei es das
gung!)
NPD-Verbot, seien es konkrete Gesetze oder andere
Danke schön. Dinge. Wir sollten den Schmerz einfach noch ein biss-
chen aushalten. Wir müssen uns der Sache zivilgesell-
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem schaftlich nähern und sollten nicht zu schnell vermeint-
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) liche Lösungen präsentieren; denn wir alle müssen, so
glaube ich, registrieren, dass es angesichts dieses Phäno-
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: mens eine einfache Antwort nicht gibt. Deswegen brau-
Als letztem Redner in dieser Debatte erteile ich Kol- chen wir mehr Ermittlungen. Wir müssen jedem einzel-
legen Stefan Ruppert für die FDP-Fraktion das Wort. nen Fall nachgehen. Unterstellungen wie die meinem
(Beifall bei der FDP) Kollegen Wolff gegenüber sind der Sache sicherlich
nicht dienlich.
Dr. Stefan Ruppert (FDP): (Beifall bei Abgeordneten der FDP – Ulrich
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Her- Kelber [SPD]: Sie haben sich doch auch ge-
ren! Dieser Tage waren Vertreter der Grünen und der schämt für die Rede! – Weitere Zurufe von der
FDP-Fraktion bei einer Veranstaltung des Deutschen SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
17396 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Dr. Stefan Ruppert


(A) Ich glaube, wir sollten hier gemeinsam vorgehen und Über die Beschlussempfehlung werden wir später na- (C)
nicht schon jetzt Differenzen suchen, wo eigentlich mentlich abstimmen. Zudem liegt ein Entschließungsan-
keine sind. trag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen vor.
Vielen Dank. Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die
Aussprache eine halbe Stunde vorgesehen. – Ich höre
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
dazu keinen Widerspruch. Dann ist das so beschlossen.
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: Ich eröffne die Aussprache und erteile Kollegen
Ich schließe die Aussprache. Joachim Spatz für die FDP-Fraktion das Wort.
Wir kommen zur Abstimmung über den Entschließungs- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
antrag der Fraktion Die Linke auf Drucksache 17/7990. der CDU/CSU)
Wer stimmt für diesen Entschließungsantrag? – Wer
stimmt dagegen? – Enthaltungen? – Der Entschließungs- Joachim Spatz (FDP):
antrag ist mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen ge-
Herr Präsident! Meine lieben Kolleginnen und Kolle-
gen die Stimmen von Linken und Grünen bei Enthaltung
gen! Auf der Grundlage der einschlägigen Beschlüsse
der SPD abgelehnt.
des UN-Sicherheitsrates empfiehlt die Bundesregierung
Ich rufe den Tagesordnungspunkt 8 auf: die weitere Teilnahme an der gemeinsamen EU-geführ-
ten Mission Atalanta zur Gewährung der Sicherheit auf
– Beratung der Beschlussempfehlung und des Be- den Seewegen am Horn von Afrika. Dabei ist festzustel-
richts des Auswärtigen Ausschusses (3. Aus- len, dass dieses Mandat bisher erfolgreich ist. Seit sei-
schuss) zu dem Antrag der Bundesregierung nem Bestehen wurden circa 100 Schiffstransporte im
Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deut- Auftrag des Welternährungsprogramms durchgeführt
scher Streitkräfte an der EU-geführten Opera- und circa 700 000 Tonnen Nahrungsmittel zuzüglich an-
tion Atalanta zur Bekämpfung der Piraterie derer Versorgungsgüter erfolgreich nach Somalia ge-
vor der Küste Somalias auf Grundlage des bracht. Genauso ist festzustellen, dass es im letzten Jahr
Seerechtsübereinkommens der Vereinten Na- weniger erfolgreiche Kaperungen durch Piraten gab. Das
tionen von 1982 und der Resolutionen 1814 heißt, erstmals war die Zahl der erfolgreichen Übergriffe
(2008) vom 15. Mai 2008, 1816 (2008) vom auf zivile Schiffe rückgängig. Ich denke, das spricht da-
2. Juni 2008, 1838 (2008) vom 7. Oktober 2008, für, dass dieses Mandat verlängert werden sollte.
1846 (2008) vom 2. Dezember 2008, 1897
(B) Auch die deutsche Hilfe bei der Ausbildung somali- (D)
(2009) vom 30. November 2009, 1950 (2010)
scher Truppen in Uganda sollte fortgesetzt werden; denn
vom 23. November 2010 und nachfolgender
eines ist klar: Wir betreiben durch die Sicherung der
Resolutionen des Sicherheitsrates der Verein-
Seewege nur Symptombekämpfung. Das heißt, parallel
ten Nationen in Verbindung mit der Gemein-
zu dem Mandat muss die Übergangsregierung in Soma-
samen Aktion 2008/851/GASP des Rates der
lia weiterhin politisch unterstützt werden. Uns wird im-
Europäischen Union vom 10. November 2008,
mer wieder vorgeworfen – Herr van Aken, ich weiß, Sie
dem Beschluss 2009/907/GASP des Rates der
werden es wieder tun –, dass wir eine Regierung unter-
Europäischen Union vom 8. Dezember 2009,
stützen, die nicht vollständig von der Bevölkerung getra-
dem Beschluss 2010/437/GASP des Rates der
gen wird. Das ist uns wohl bewusst. Aber diese Regie-
Europäischen Union vom 30. Juli 2010 und
rung – eine Übergangsregierung in einem völlig
dem Beschluss 2010/766/GASP des Rates der
zerrütteten Staatswesen – wird von der Afrikanischen
Europäischen Union vom 7. Dezember 2010
Union und der zuständigen Regionalorganisation für
– Drucksachen 17/7742, 17/7996 – Ostafrika unterstützt. Letztendlich ist sie die einzige
Hoffnung darauf, dass man dort irgendwann zu geordne-
Berichterstattung: ten staatlichen Strukturen zurückkehrt. Auf jeden Fall
Abgeordnete Philipp Mißfelder trauen wir der Afrikanischen Union und ihrer Regional-
Dr. Rolf Mützenich organisation eher zu, das zu beurteilen, als Ihnen.
Dr. Rainer Stinner
Wolfgang Gehrcke Wir verfolgen insofern einen Ansatz mit zwei Zielen:
Kerstin Müller (Köln) Wir sichern durch den Einsatz unserer Schiffe, soweit
möglich, die Seewege und somit die humanitäre Versor-
– Bericht des Haushaltsausschusses (8. Ausschuss)
gung der Menschen im Land; dies ist in der letzten Zeit
gemäß § 96 der Geschäftsordnung
wichtiger und nicht unwichtiger geworden. Gleichzeitig
– Drucksache 17/8004 – unterstützen wir einen politischen Prozess, der irgend-
wann hoffentlich zum Wiederaufbau geordneter staatli-
Berichterstattung: cher Strukturen führt. Deshalb kommen wir zu dem
Abgeordnete Herbert Frankenhauser Schluss, dass dieser Einsatz aus humanitären und aus
Klaus Brandner politischen Gründen weiterhin geboten ist und dass das
Dr. h. c. Jürgen Koppelin Mandat verlängert werden muss.
Michael Leutert
Sven-Christian Kindler Danke schön.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17397
Joachim Spatz
(A) (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) eben im Ernstfall auch mit militärischen Mitteln einset- (C)
zen.
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
Das Wort hat nun Karin Evers-Meyer für die SPD- der FDP)
Fraktion. Die Mission Atalanta sorgt also seit 2008 dafür, dass
(Beifall bei der SPD) wir am Golf von Aden inzwischen eine weitgehend sta-
bile Situation haben. Ein Teil der Angriffe hat sich aber
vor die Ostküste Somalias verlagert. Das macht noch
Karin Evers-Meyer (SPD): einmal klar, dass der Kampf gegen die Piraterie vor So-
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! malia noch nicht vorbei ist. Für die Stabilität und Sicher-
Auch im dritten Jahr der Mission Atalanta bleibt die See- heit der Seewege und natürlich auch für die Sicherheit
fahrt vor Somalia gefährlich. Über 90 Prozent aller Pira- derer, die diese Wege befahren, brauchen wir weiterhin
tenübergriffe weltweit konzentrieren sich auf diese die Unterstützung durch die Marine. Atalanta wird wei-
Region. Im vergangenen Jahr gab es allein vor der soma- ter benötigt. Deshalb wird meine Fraktion dem Mandat
lischen Küste fast 50 Schiffsentführungen. Über 1 000 zustimmen.
Seeleute wurden zu Geiseln der Piraten, und es ist nicht
anzunehmen, dass es 2011 besser sein wird. Das heißt Wir wollen aber natürlich auch die Defizite der deut-
für uns: Atalanta bleibt eine notwendige Mission. Ata- schen Politik in diesem Bereich deutlich benennen. So
lanta bleibt ein wichtiger Bestandteil des Maßnahmenpa- fehlt bis heute ein stringentes Konzept der Bundesregie-
kets, das notwendig ist, um das Sicherheitsproblem vor rung, wie sie denn gemeinsam mit unseren Partnernatio-
der somalischen Küste zu lösen. nen die Piraterie vor Somalia nachhaltig bekämpfen will.
Ich habe es schon gesagt: Die Ursachen für die Piraterie
Sicherheit vor der Küste Afrikas zu schaffen, ist ein liegen an Land. Wir werden die Mission Atalanta erst
zentraler Beitrag, um die dringend notwendige humani- beenden können, wenn die Ursachen für die Piraterie be-
täre Hilfe für Somalia zu gewährleisten. Es geht darum, seitigt sind.
die Lieferungen von Hilfsgütern des Welternährungspro- (Beifall bei der SPD)
gramms nach Somalia sicherzustellen. Wie uns die Hun-
gerkatastrophe in diesem Jahr beweist, ist die Bevölke- Jeder, der sich die Bilder der kleinen Piratenboote an-
rung von Somalia dringend darauf angewiesen, und es sieht, von denen aus auf hoher See die Handelsschiffe
ist in unserem Interesse, dass wir Hunger und Not vor angegriffen werden, bekommt eine Vorstellung davon,
Ort lindern. Denn Hunger und Not sind die bitteren welches Elend und welche Armut an Land herrschen
(B) Nachschubgaranten für die kriminellen Banden, die vor müssen, um die Piraten zu solchen waghalsigen Angrif- (D)
der somalischen Küste ihr Unwesen treiben. fen zu treiben. Im Mandatstext führen Sie zwar einige
Maßnahmen auf, die dabei helfen sollen, die Ursachen
Über 4 Millionen Menschen in Somalia sind abhängig der Piraterie zu bekämpfen – diese Schritte sind richtig –;
von Hilfen der internationalen Gemeinschaft. Diese aber das sind viel zu kleine Schritte, und sie sind zu zö-
Hilfe läuft eben vor allem über See. Daher bleibt es rich- gerlich.
tig, die Hilfstransporte nach Somalia auf dem Seeweg
abzusichern. Seit es den Geleitschutz für die Hilfsgüter Mir ist natürlich klar, dass es unglaublich schwierig
nach Somalia gibt, wurde kein Schiff mehr von Piraten ist, in diesem zerrütteten Land so etwas wie staatliche
überfallen. Über 700 000 Tonnen Nahrungsmittel konn- Strukturen aufzubauen und zu fördern. Genauso schwie-
ten so im letzten Jahr ihr Ziel erreichen. Das ist ein ech- rig ist es sicherlich, dort eine vernünftige wirtschaftliche
ter Erfolg, über den wir eigentlich viel zu wenig spre- Entwicklung in Gang zu bringen. Aber dass es schwierig
chen, wenn wir über den Sinn von Atalanta reden. ist, kann doch nicht bedeuten, dass wir so gut wie gar
nichts vor Ort unternehmen. Es wäre aus meiner Sicht an
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der Zeit, dass wir die Unterstützung für ein Land wie So-
der CDU/CSU, der FDP und des BÜNDNIS- malia gemeinsam mit unseren internationalen Partnern
SES 90/DIE GRÜNEN) organisieren. Wir Deutschen sind nicht die Einzigen, die
ein Interesse an stabilen Verhältnissen dort haben. Dazu
Das humanitäre Interesse an dieser Mission steht zu findet sich im Mandatstext aber so gut wie nichts. Ich
Recht im Vordergrund. Es gibt für unser Land aber auch will von Ihnen wissen, welche Schritte die Bundesregie-
ein wirtschaftliches Interesse. Deutschland ist, wie wir rung hier unternehmen will und – vor allem – ob sie da-
alle wissen, ein äußerst erfolgreiches Exportland. Das bei auf unsere internationalen Partner zugehen will.
soll ja auch so bleiben. Gerade deswegen brauchen wir
nicht nur gute Produkte; wir sind auch auf sichere Han- Ein ganz wichtiges Thema ist die Strafverfolgung.
delswege angewiesen. Diese Handelswege sind eben im Wie wollen wir das regeln? Wir können dieses Thema ja
Falle Deutschlands zu über 90 Prozent Seewege. Die nicht irgendwelchen exotischen Inseln überlassen. Die
Route durch den Suezkanal und den Golf von Aden ist Boote der Piraten zu zerstören, ist auch nicht der Weis-
einer dieser wichtigen Handelswege. Als Exportnation heit letzter Schluss. Also: Die Pirateriebekämpfung ist
haben wir ein fundamentales Interesse daran, dass dieser Stückwerk. Neben Atalanta gibt es Missionen der USA,
Weg sicher bleibt. Daher muss eines ganz klar sein: Wir der NATO, Russlands und Indiens. Außerdem haben
werden uns sehr konsequent für die Sicherheit unserer China, einige arabische Staaten und Japan Schiffe vor
Handelswege nicht nur mit militärischen Mitteln, aber die somalische Küste entsandt. Das zeigt, wie viele Län-
17398 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Karin Evers-Meyer
(A) der diese Bedrohung ernst nehmen. Aber es wäre besser Hier kämpfen nicht nur ein paar arme Fischer darum, (C)
und sehr wahrscheinlich auch effektiver, wenn man ihre Familien ernähren zu können. Nein, wer mit Granat-
diese Einsätze bündeln würde; es liegt ja auch ein ent- werfern oder AK-47 bewaffnet und unter Einsatz mo-
sprechender Beschluss des UN-Sicherheitsrates vor. dernster Kommunikationsmittel wie Sattelitentelefonen
Deswegen regen wir an, eine gemeinsame UN-Mission und GPS-Systemen große Schiffe kapert, der ist weit
zur Bekämpfung der Piraterie vor Somalia einzurichten. weg von unserer romantischen Vorstellung von einem
Das wäre dann auch die Chance, die Bekämpfung der Robin Hood der Meere.
Piraterie an Land auf eine breitere Grundlage zu stellen.
Die Akteure machen sich die Lage in Somalia, einem
Es ist höchste Zeit, dass sich die Bundesregierung mit Land, das über keine funktionierenden staatlichen Struk-
mehr Engagement als bisher daranmacht, die Ursachen turen verfügt, zunutze, um von dort aus der internationa-
gemeinsam zu bekämpfen. Denn wenn wir die Zustände len Gemeinschaft zu schaden. Sie schaden dabei nicht
in Somalia nicht in den Griff bekommen, werden wir nur uns, sondern insbesondere auch dem somalischen
auch die Situation vor Somalia nicht in den Griff bekom- Volk. Daher hat die somalische Übergangsregierung vor
men. Ein Dauermandat für unsere Marine vor der soma- drei Jahren den UN-Sicherheitsrat gebeten, Hilfe zu leis-
lischen Küste kann nicht unser Ziel sein. Ein solches ten. Mit unserem Einsatz schützen wir die Hilfsschiffe
Mandat wird es mit uns auch nicht geben. des World Food Programme und helfen so dem somali-
Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich möchte schen Volk im Kampf gegen den Hunger.
daran erinnern, dass bis zu 1 400 deutsche Soldatinnen Außerdem bedrohen Piraten Schiffe deutscher Reede-
und Soldaten bis 2012 im Rahmen von Atalanta einge- reien und das Leben deutscher Seeleute. Im Oktober
setzt sein werden. Damit ist diese Mission, anders als 2010 wurden zwei Schiffe mit deutschen Besatzungen
etwa UNIFIL, personell gut ausgestattet. Im Namen mei- gekapert. Die Beluga Fortune ist bereits am nächsten
ner Fraktion danke ich von hier aus allen Soldatinnen Tag freigekommen; dies war vor allem aufgrund des um-
und Soldaten, die bei Atalanta eingesetzt sind, für ihren sichtigen Handelns der Besatzung und des Eingreifens
Einsatz. Die Fregatte Köln hat das Einsatzgebiet vor ge- englischer Marineeinheiten möglich. Der 68-jährige
nau einer Woche verlassen und befindet sich auf Heimat- deutsche Kapitän des Tankers York und seine Besatzung
kurs in Richtung Wilhelmshaven. Ich denke, es ist im waren aber über Monate, bis zum März 2011, in den
Sinne des ganzen Hauses, den Soldatinnen und Soldaten Händen der Piraten.
der Fregatte Köln von hier aus eine gute Heimkehr zu
wünschen und ihnen stellvertretend für alle anderen, die Die Erfolgsquote der Piraten ist in den vergangenen
an diesem Einsatz beteiligt sind, für ihr Engagement zu Jahren zum Glück deutlich gesunken. Dennoch erreichte
die Zahl der Piratenüberfälle nach Angaben des Interna-
(B) danken. (D)
tionalen Schifffahrtsbüros in diesem Jahr – alleine bis
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP September waren es 352 – einen neuen Höchststand.
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Wir müssen in Somalia weiter den internationalen
Es ist eine besondere Herausforderung, unter diesen Seeverkehr und die Bemühungen des Welternährungs-
schwierigen klimatischen Bedingungen Tausende Kilo- programms schützen, und wir dürfen im gleichen Be-
meter von Deutschland entfernt Dienst zu tun, einen kenntnis auch unseren Anspruch verankern: Freie See-
Dienst, der große Aufmerksamkeit erfordert und die Fä- handelswege sind im Interesse unseres Landes. Denn
higkeit, innerhalb weniger Minuten die richtige Ent- wenn unsere Unternehmer in der maritimen Wirtschaft
scheidung zu treffen. Die deutschen Einheiten haben das Arbeitsplätze schaffen sollen, dann brauchen sie sichere
bisher gut hinbekommen und bei Atalanta wirklich gute Seehandelswege – und das weltweit. 20 Prozent des
Arbeit geleistet. Das wird allseits anerkannt. Ich bin mir deutschen Außenhandels erfolgten 2008 allein auf dem
sicher, dass das auch in Zukunft so bleibt. Seeweg. Unternehmer in der maritimen Wirtschaft ge-
Vielen Dank. ben knapp einer halben Million Menschen in Deutsch-
land Arbeit. Diese 500 000 Menschen sind von freien
(Beifall bei der SPD) Handelswegen mit abhängig.

Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: Die Piraten schaden Deutschland und seiner Wirt-
Das Wort hat nun Florian Hahn für die CDU/CSU- schaft. Sie bedrohen – und das ist das Schlimmste – tag-
Fraktion. täglich Menschenleben. Ralf Nagel, der Hauptgeschäfts-
führer des Verbandes Deutscher Reeder, sagte:
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die Piraterie im Indischen Ozean und im Golf von
Aden … stellt eine tägliche Lebensbedrohung für
Florian Hahn (CDU/CSU):
unsere Seeleute dar.
Sehr geehrter Herr Präsident! Kolleginnen und Kolle-
gen! Piraterie ist ein Verbrechen und wird international Wir nehmen die Sorgen der Reeder und ihrer Seeleute
geächtet. Sie muss global verfolgt werden; denn sie fügt ernst. Die Bekämpfung der Piraterie auf See geht einher
auch der internationalen Gemeinschaft erheblichen mit der Bemühung um den Staatsaufbau an Land. Bis
Schaden zu. Die Piraterie am Horn von Afrika ist nichts heute hat die EU mehr als 760 Millionen Euro investiert,
anderes als organisierte Kriminalität. Sie richtet sich um die Not zu lindern. In den Schlussfolgerungen des
nicht nur gegen Waren, sondern auch gegen Menschen. Rates hat die EU am 14. November dieses Jahres eine
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17399
Florian Hahn
(A) Strategie für das Horn von Afrika verabschiedet. Sie hat lionen Menschen sind in Somalia im Moment vom Hun- (C)
damit klargemacht, dass wir das Ziel von Frieden, Si- gertod bedroht.
cherheit und guter Regierungsführung nicht aus den Au-
gen verlieren werden. Jetzt werden Sie sagen: Sehen Sie, genau dafür brau-
chen wir Atalanta. – Genau damit liegen Sie komplett
In der gestrigen Sitzung des Rats für Außenbeziehun- falsch.
gen in Brüssel wurde noch einmal über die derzeitige Si-
tuation beraten. Ich begrüße es, dass die Bundesregie- (Beifall bei der LINKEN)
rung eine Erweiterung des Mandats bis an die Strände Atalanta ist kein humanitäres Hilfsprojekt, und Atalanta
Somalias prüfen wird. Sofern diese Prüfungen positiv ist auch keine politische Strategie. Atalanta ist doch ein-
ausfallen, müssten wir das Mandat im Frühjahr nächsten fach nur eine rein militärische Bekämpfung von Sympto-
Jahres gegebenenfalls anpassen. men. Mit Kriegsschiffen können Sie die Armut nicht be-
kämpfen, mit Kriegsschiffen können Sie auch keinen
An dieser Stelle möchte ich den 558 Frauen und Män-
Bürgerkrieg bekämpfen, und mit Kriegsschiffen können
nern der Bundeswehr, die derzeit ihren Dienst am Horn Sie auch das Problem der organisierten Kriminalität
von Afrika leisten, meine Anerkennung und meinen nicht lösen, die hinter der Piraterie steckt.
Dank aussprechen und weiterhin Gottes Segen wün-
schen. (Beifall bei der LINKEN – Joachim Spatz
[FDP]: Das behauptet auch keiner!)
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der FDP) Das Problem der Piraterie – das sagen Sie alle – lässt
sich nur an Land bekämpfen, nur mit einer politischen
Insbesondere möchte ich hierbei die Fregatte Bayern er- Strategie. Hier würde mich doch wirklich einmal interes-
wähnen, in deren Freundeskreis ich Mitglied bin. Mit sieren: Was haben Sie in den letzten drei Jahren für eine
großem Interesse verfolge ich die Berichte von Bord, die politische Lösung getan? Was haben Sie getan, um den
alle paar Wochen zu uns kommen. Es freut mich, zu hö- Bürgerkrieg zu deeskalieren? Was haben Sie getan, um
ren, dass wir hier eine ausgezeichnete Crew und eine endlich eine Waffenruhe und Verhandlungen zu ermögli-
gute Führungsriege an Bord haben, die mit viel Elan und chen? Was haben Sie getan, um die Einmischung der
Einsatz die tagtäglichen Herausforderungen in ausge- Nachbarstaaten zu beenden? Und was haben Sie getan,
zeichneter Weise meistern. In wenigen Tagen wird die um endlich eine lokale wirtschaftliche Entwicklung zu
Bayern heimkehren – nicht an den Tegernsee, das ist fördern? Nichts, nichts und wieder nichts.
klar, aber nach Hause.
Gestern im Ausschuss habe ich Herrn Westerwelle
(Burkhardt Müller-Sönksen [FDP]: Bayern ist genau das gefragt: Was haben Sie konkret getan, außer (D)
(B)
in Deutschland zu Hause! – Michael Groschek Kriegsschiffe zu schicken? Wissen Sie, was er geantwor-
[SPD]: Dahin kehrt jemand anderes zurück!) tet hat? Er hat geantwortet: Ich kann Ihnen gerne unser
Konzept für Somalia vorstellen. – Konzepte kann er
Meine Damen und Herren, unser Kompass ist klar: Es schreiben, wenn er in der Opposition ist, aber als Außen-
gilt, zu helfen, wo die Werte des Völkerrechts bedroht minister muss er doch handeln.
sind. Wir stimmen für die Verlängerung des Atalanta-
Mandats. (Beifall bei der LINKEN)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Einfach nur Kriegsschiffe schicken und nicht eine ein-
zige Sache für die Menschen in Somalia zu tun, finde ich
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: unverantwortlich.
Das Wort hat nun Jan van Aken für die Fraktion Die Sie haben bis heute einfach keine politische Strategie.
Linke.
(Zurufe von der FDP: Machen Sie mal einen
(Beifall bei der LINKEN) Vorschlag! – Wie ist denn Ihr Vorschlag?)
Ihre Fixierung auf das rein Militärische kann nichts zu
Jan van Aken (DIE LINKE): dem dringend notwendigen Friedensprozess beitragen.
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Sie wollen Im Gegenteil: Sie unterstützen völlig einseitig eine Par-
heute zum dritten Mal die Beteiligung am Militäreinsatz tei im Bürgerkrieg. Sie bilden deren Soldaten noch aus,
Atalanta verlängern. und dann wundern Sie sich, dass die Gewalt immer wei-
ter eskaliert. Das ist genau der falsche Weg.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der FDP) (Beifall bei der LINKEN)
Ich frage mich die ganze Zeit: Warum eigentlich?
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Die Menschen in Somalia leben immer noch in bit-
Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage aus
terster Not, sie leiden unter Armut und einem Bürger-
den Reihen der FDP?
krieg, der die Entwicklung in dem Land seit Jahren be-
hindert. In den letzten Jahren, seit es Atalanta gibt, hat
sich die Situation immer weiter verschlechtert. Jetzt Jan van Aken (DIE LINKE):
kommt auch noch diese Dürrekatastrophe dazu: 4 Mil- Gern.
17400 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

(A) Torsten Staffeldt (FDP): (Beifall bei der LINKEN) (C)


Herr van Aken, Sie behaupten, dass für das humani- Jetzt noch ein Wort zur aktuellen humanitären Situa-
täre Engagement in Somalia nichts getan wird. Sind Sie tion in Somalia. Vor einigen Tagen hat die Miliz al-Scha-
in der Lage, nachzuvollziehen, dass das Atalanta-Man- bab verschiedene Hilfsorganisationen aus dem Gebiet,
dat unter anderem die wesentliche Aufgabe hat, die Nah- das sie kontrolliert, ausgewiesen. Das verurteilen wir
rungsmitteltransporte nach Somalia zu beschützen, um ausdrücklich. Der humanitäre Zugang zur notleidenden
so zu helfen, dass die Menschen dort nicht verhungern? Bevölkerung muss überall, in allen Gebieten, möglich
(Beifall bei der FDP) sein. Es kann aber auch nicht sein, dass internationale
Hilfe auf bestimmte kleine Gebiete beschränkt wird. Wir
wissen zum Beispiel von den Amerikanern, dass sie
Jan van Aken (DIE LINKE): Hilfe nur im Gebiet der Übergangsregierung zulassen,
Das ist das, was Sie jetzt sagen. Wo, bitte sehr, treiben und all die hungernden Menschen in anderen Gebieten
sich die manchmal bis zu 46 Kriegsschiffe denn herum? werden alleingelassen. Das geht genauso wenig. Wir sa-
Begleiten diese 46 Kriegsschiffe ausschließlich die gen ferner, dass die kenianischen und äthiopischen Trup-
Schiffe des World Food Programme? Das ist eben nicht pen das Land verlassen müssen; denn sie schneiden den
der Fall. Das wissen Sie genauso gut wie ich. Sie suchen Flüchtigen den Weg in die rettenden Flüchtlingslager ab.
hier händeringend nach einer Entschuldigung, nach ei- Da muss unbedingt etwas passieren.
nem Grund, nach irgendeiner guten Nachricht, weil Sie (Beifall bei der LINKEN)
genau wissen, dass Sie nichts für eine politische Lösung
im Land tun. Herr Westerwelle stellt sich immer hin und Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Deutschland
sagt: „Es kann nur im Land gelöst werden“, tut aber keine Waffen mehr exportieren sollte. Im letzten Jahr hat
nichts. Dann finden Sie etwas und ignorieren, dass die Deutschland beispielsweise zwei Drittel seiner Rüs-
meisten dieser Kriegsschiffe in dem ganzen großen Ge- tungsexporte an Staaten der EU bzw. der NATO gelie-
biet eingesetzt werden – fernab von den Hilfsschiffen fert. Mit diesen Waffen führt die NATO jetzt Krieg, nicht
des World Food Programme. Deswegen ist es eine völlig nur in Afghanistan oder im Irak, sondern auch vor So-
scheinheilige Argumentation von Ihrer Seite. malia im Rahmen von Atalanta. Das lehnen wir ab.
(Beifall bei der LINKEN) Ich bedanke mich.

Wir sind deshalb der Meinung – damit Sie den Kon- (Beifall bei der LINKEN)
flikt nicht weiter eskalieren –, dass Sie die Ausbildung
somalischer Soldaten einstellen und endlich damit auf- Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
(B) hören sollten, die wahnsinnig großen Herausforderungen Das Wort hat nun Kerstin Müller für die Fraktion (D)
in dieser Region immer nur durch die militärische und Bündnis 90/Die Grünen.
polizeiliche Brille zu sehen.
Kerstin Müller (Köln) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Das gilt auch für den Militäreinsatz Atalanta. Ver-
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es
meintliche Piratenschiffe werden nicht nur beschossen,
ist richtig: Seit der letzten Verlängerung des Mandats
sondern auch versenkt – ohne jeden Beweis. Der bloße
Atalanta hat sich die Lage am Horn von Afrika noch ein-
Verdacht genügt. Herr Stinner von der FDP hat es ges-
mal dramatisch verschärft. Auch ich meine damit nicht
tern im Ausschuss noch bestritten. Herr Stinner, ich
die Piratenüberfälle, sondern die Hungerkatastrophe in
muss Ihnen sagen, Sie haben Ihre Hausaufgaben nicht
der Region. Rund 4 Millionen Menschen hungern alleine
gemacht. Jede Woche bekommen wir Meldungen von
in Somalia, 250 000 Menschen sind akut vom Hungertod
der Bundesregierung über die verschiedenen Militärein-
bedroht, und 2,5 Millionen Menschen sind auf der
sätze. Wenn Sie sich die genau durchlesen, stellen Sie
Flucht. Der gescheiterte Staat Somalia kann diesen Men-
fest, dass dort beispielsweise steht: Auftrag, die beiden
schen nicht helfen. Daher ist hier die internationale Ge-
Motorboote zu zerstören, oder: Motorboote durch Be-
meinschaft klar in der Pflicht.
schuss versenkt, usw. Die Bundesmarine hat haufen-
weise Boote versenkt. Sie sind der Einzige in Ihrer Frak- Herr van Aken, dass man vor dem Hintergrund einer
tion, der überhaupt ein bisschen über dieses Mandat solchen Situation behauptet, man brauche die Atalanta-
Bescheid wissen müsste. Wenn nicht einmal Sie wissen, Mission nicht, finde ich wirklich absurd. Sie haben
was vor Ort passiert, wie können Sie dann guten Gewis- nichts, aber auch gar nichts dazu gesagt, wie Sie denn
sens einem solchen Mandat zustimmen? diese Menschen versorgen wollen. Es sind, wie gesagt,
4 Millionen. Diese Antwort sind Sie schuldig geblieben.
(Beifall bei der LINKEN – Zuruf von der
FDP: Sie haben von Booten gesprochen, nicht (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
von Schiffen!) sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der
SPD und der FDP – Widerspruch des Abg. Jan
Machen Sie das nächste Mal bitte Ihre Hausaufgaben! van Aken [DIE LINKE])
Die Piraterie bekämpfen Sie mit der Methode jeden- Diese Menschen können nur von See her versorgt wer-
falls nicht. Sie sorgen doch einfach nur dafür, dass auf den; das wurde auch von Ihnen nicht bestritten. Die
See immer weiter aufgerüstet wird. Deshalb lehnen wir Schiffe auf See werden aber von Piraten bedroht. Das
diesen Antrag ab. heißt, ohne den sicheren Geleitschutz für die Schiffe des
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17401
Kerstin Müller (Köln)
(A) Welternährungsprogrammes können wir die Menschen (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (C)
in Somalia nicht mit Nahrungsmitteln versorgen. Genau sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der
das leistet Atalanta. Deshalb ist es richtig, diesem Man- SPD und der FDP)
dat zuzustimmen.
Leider ist zu befürchten – das möchte ich hier anspre-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN chen –, dass dies auch eine Reaktion auf die militärische
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der Intervention Kenias ist. Ich finde es ziemlich befremd-
SPD und der FDP – Zuruf der Abg. Christine lich, meine Damen und Herren von der Bundesregie-
Buchholz [DIE LINKE]) rung, dass wir hierzu bis heute nichts Kritisches gehört
– Rufen Sie hier nicht rein! Machen Sie einen Vorschlag. haben. Nicht nur, dass dieser Schritt nicht mit der soma-
Sie haben keinen Vorschlag dazu gemacht, wie Sie diese lischen Übergangsregierung abgesprochen war – der
4 Millionen Menschen versorgen wollen, genauso wie Präsident der TFG hat protestiert –, sondern er ist auch
beim letzten Mal. Sie sprechen von der Ursachenbe- sehr riskant für Somalia und das Horn von Afrika.
kämpfung. Das ist richtig.
Wenn wir im Sinne echter Krisenprävention nicht
(Karin Binder [DIE LINKE]: Ja, genau!) rechtzeitig gegensteuern, können der zusätzliche Ein-
marsch äthiopischer Truppen, die Waffenlieferungen an
– Ja, das wollen wir alle. Aber wissen Sie was? Sie wis-
al-Schabab aus Eritrea, also das Wiederaufflammen des
sen genau, dass das nicht von heute auf morgen geht. So-
ewigen Stellvertreterkrieges zwischen diesen beiden
malia ist seit mehr als 20 Jahren ein gescheiterter Staat.
Ländern, zu einem Flächenbrand am gesamten Horn von
(Karin Binder [DIE LINKE]: Warum denn?) Afrika führen. Das dürfen wir nicht zulassen. Diese mili-
tärische Intervention ist für die Lage der Flüchtlinge und
Es wird hier keine schnellen Lösungen geben. Auch das
Hungernden verheerend. Statt Schutz und Nahrung zu
haben Sie verschwiegen. Das finde ich unverantwort-
erhalten, geraten sie noch einmal zwischen die Kriegs-
lich; denn es ist nicht so einfach, eine friedliche Lösung
fronten.
für Somalia und das Horn von Afrika zu finden.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Wenn wir den Menschen langfristig helfen wollen
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der – das heißt hier, das eine tun, ohne das andere zu lassen –,
SPD und der FDP) dann brauchen wir jetzt einen Strategiewechsel in der
europäischen und internationalen Somalia-Politik. Ich
Wenn man all das macht, was Sie vorgeschlagen ha- meine, dass man auf Distanz zu der korrupten und unfä-
ben – es sei dahingestellt, ob das vernünftig ist –, stellt higen Übergangsregierung gehen muss. Sie haben ge-
(B) sich die Frage: Was passiert in der Zwischenzeit? Wollen sagt, Herr Kollege Spatz, die AU arbeite mit ihr zusam- (D)
Sie die Menschen verhungern lassen, bis diese Lösungs- men. Die AU ist nicht die einzige und letzte Instanz, die
ansätze greifen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das für uns einziges Kriterium sein darf.
Ihr Ernst ist.
(Joachim Spatz [FDP]: Nennen Sie eine
Wenn Sie sagen, dass nicht Atalanta oder andere mul-
tilaterale Organisationen dort tätig sein sollen: Was ist bessere Alternative!)
dann die Alternative? Die Alternative ist, dass die Black- Denn die Afrikanische Union hat schon oft versagt, zum
waters dieser Welt auf Container- und Getreideschiffen Beispiel in Libyen, wo sie bis zuletzt an Gaddafi festge-
künftig für Sicherheit sorgen. Ich frage Sie: Wollen Sie halten hat.
das? Wir wollen das nicht, weil wir das für eine gefährli-
che Militarisierung der zivilen Schifffahrt halten. Genau Die Übergangsregierung hat bisher versagt. Das ist
das wollen wir nicht. ziemlich klar. Wir müssen daher viel stärker auf den
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Aufbau lokaler und auch regionaler Strukturen setzen,
sowie bei Abgeordneten der SPD) die es gibt. Dazu gehört auch – das sage ich offen –, ei-
nen Dialog zumindest mit den gesprächsbereiten Teilen
Auch das ist für uns ein Grund, diesem vernünftigen der al-Schabab zu versuchen, ohne den es keine Versöh-
Mandat zuzustimmen. nung geben wird. Das sagen alle Fachleute, und das for-
Die Hungerkatastrophe wird noch dadurch verschärft, dern auch die erfahrenen NGOs vor Ort, sofern sie noch
dass die al-Schabab-Milizen die humanitäre Hilfe poli- dort sind.
tisch instrumentalisieren. Am Montag wurden 16 Büros Also: Eine Friedenslösung für Somalia ist nicht ein-
wichtiger Hilfsorganisationen zur Versorgung der Hun- fach. Aber ich meine, dass die Bundesregierung
gernden durch die al-Schabab geplündert und geschlos- – Deutschland hat einen Sitz im Sicherheitsrat – den da-
sen. Darunter sind UNICEF, WHO und die GIZ. Das hinsiechenden Friedensprozess etwas mutiger voranbrin-
zeigt noch einmal ganz klar, wie skrupellos bestimmte gen muss. Denn die Menschen in Somalia brauchen eine
al-Schabab-Milizen ihren Krieg führen. Ich will hier Zukunft. Auch da haben wir eine Verantwortung.
sehr deutlich sagen: Wir verurteilen das auf das
Schärfste. Das ist absolut zynisch! Das ist absolut inak- Danke.
zeptabel! Wir fordern, dass die Schließung der Büros
dieser Hilfsorganisationen sofort wieder rückgängig ge- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
macht wird. sowie bei Abgeordneten der SPD)
17402 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

(A) Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: Ich begrüße es auch sehr, dass auf Initiative des Mari- (C)
Das Wort hat nun Burkhardt Müller-Sönksen für die timen Koordinators der Bundesregierung, des Kollegen
FDP-Fraktion. Hans-Joachim Otto, ergebnisoffen geprüft wird, inwie-
weit und in welchem Rahmen private Sicherheitskräfte
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten zum Schutze der Besatzungen eingesetzt werden kön-
der CDU/CSU) nen. In dieser – ich gebe zu: in diesem Hause kontrover-
sen – Frage dürfen wir allerdings nicht die Relation aus
Burkhardt Müller-Sönksen (FDP): den Augen verlieren: Jeder Geldtransport in Deutsch-
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die land, der die Tageseinnahmen von Supermärkten abholt,
Mission Atalanta ist ein Erfolg; sie ist ein Erfolg für die wird von bewaffneten privaten Sicherheitskräften be-
Bevölkerung von Somalia. In diesem Jahr hat jedes der gleitet. In diesen Fällen würde – zu Recht – niemand von
Schiffe des Welternährungsprogramms, das in die soma- einer täglichen Unterhöhlung des staatlichen Gewaltmo-
lischen Häfen geschickt wurde, diese auch erreicht. Das nopols sprechen.
ist der Beweis, Herr van Aken, dass Sie nicht recht ha- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
ben und dass Atalanta ein Erfolg ist. der CDU/CSU)
Die Mission Atalanta ist auch ein wichtiger Baustein Für uns als FDP ist in der Frage des Einsatzes privater
zur Verbesserung der Sicherheit der Handelsschifffahrt Sicherheitskräfte ein Punkt nicht verhandelbar: Mit uns
am Horn von Afrika. Auch wenn die Zahl der Angriffe wird es keine Kriegswaffen in privaten Händen an Bord
weiterhin auf demselben Niveau wie im Vorjahr geblie- geben.
ben ist,
Die Mission Atalanta leistet einen wichtigen Beitrag
(Jan van Aken [DIE LINKE]: Falsch, Herr nicht nur für die maritime Sicherheit, sondern dient vor
Müller-Sönksen! Die ist gestiegen!) allem auch der Verbesserung der Situation der somali-
schen Bevölkerung. Damit diese wichtige Arbeit fortge-
hat sich die Zahl der erfolgreichen Entführungen hal- setzt werden kann, bitte auch ich Sie um Zustimmung
biert. zur Verlängerung des Mandats.
Um der Piraterie zu begegnen, braucht es eine umfas- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
sende Strategie, die weit über den militärischen Bereich der CDU/CSU)
hinausreicht. Wir stärken durch eine Vielzahl von Maß-
nahmen die staatlichen Institutionen vor Ort, in der Re-
gion. Ziel ist es, dass sie immer stärker auch selbst gegen Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
(B) die Piraterie vorgehen können. Zu einer Kurzintervention erteile ich Kollegen Hans- (D)
Christian Ströbele das Wort.
Eines sage ich ganz deutlich, weil es in den Debatten
von den Linken, wie auch heute wieder von Ihnen, Herr Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS 90/DIE
van Aken, immer wieder bestritten wird: Piraterie ist GRÜNEN):
mitnichten ein Ausdruck des Protests der notleidenden Herr Kollege, trotz der Nichtzulassung meiner Frage
somalischen Bevölkerung. kommen Sie nicht drum herum, meine Meinung zu hö-
ren. Sie können sich dann auch dazu äußern.
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Sie haben gesagt, Aufgabe sei die Sicherung der Lie-
Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage des ferungen des World Food Programmes, des Welternäh-
Kollegen Ströbele? rungsprogramms. Sie haben hinzugefügt, es sei aber
auch Aufgabe der Kriegsschiffe der kriegsführenden
Burkhardt Müller-Sönksen (FDP): Staaten dort, die Handelswege zu sichern.
Nein. – Piraterie ist eine der schwersten Formen orga- So etwas Ähnliches habe ich vorhin schon von der
nisierter Kriminalität. Kollegin von der SPD, Frau Evers-Meyer, gehört. Für
(Jan van Aken [DIE LINKE]: Ich habe von mich stellt sich deshalb die Frage: Ist es nun tatsächlich
organisierter Kriminalität gesprochen!) nach Auffassung des Deutschen Bundestages – derer, die
hier zustimmen –, Aufgabe der Bundeswehr, in Zukunft
Die Piraten und ihre Hintermänner nehmen Mord, Tot- Handelswege für die deutsche Exportnation zu sichern?
schlag und Entführung billigend in Kauf. Dann sollte man das auch laut so sagen.
In den letzten Monaten wurde häufig über die Mög- Ich erinnere mich daran, dass der frühere Bundesprä-
lichkeit diskutiert, Soldaten an Bord deutscher Schiffe sident aufgrund einer Interviewäußerung, in der er das
zu nehmen. Bei jährlich mehr als 3 000 Schiffen allein ähnlich in den Raum gestellt hat, Veranlassung gesehen
unter deutscher Flagge sind solche Vorschläge illuso- hat, sein Amt abzugeben. Deshalb stellt sich doch ernst-
risch. Um den Schutz der Besatzungen weiter zu erhö- haft die Frage – die müssen Sie gegenüber der deutschen
hen, ist es notwendig, die Sicherheitsmaßnahmen an Bevölkerung beantworten –: Ist es Aufgabe der Bundes-
Bord laufend zu verbessern. Die Reeder leisten hierbei wehr, einer Bundeswehr, die jetzt nicht mehr aus Wehr-
unter anderem mit der Einrichtung von Schutzräumen ei- pflichtigen besteht, in Zukunft die Handelswege für die
nen wichtigen Beitrag. Exportnation Deutschland zu sichern? Wenn das so ist
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17403
Hans-Christian Ströbele
(A) – und das hört sich hier heute so an –, dann schreiben Sie dieser Frage befassen, sollten das zumindest gelesen ha- (C)
das auch in den Auftrag hinein, damit die Bevölkerung ben.
weiß, wofür sie entweder zur Bundeswehr geht oder wo-
für sie Steuern für die Bundeswehr zahlt. Es gibt dort 9,9 Millionen Einwohner, von denen
4 Millionen nicht versorgt werden können, von denen
Meiner Meinung nach darf das nicht Aufgabe der 4 Millionen von Hunger bedroht und von medizinischer
Bundeswehr sein, zumal wenn – wie auch in diesem Fall Versorgung ausgeschlossen sind und deren Lebens-
an der Küste von Somalia – es Alternativen gibt und der erwartung unter 50 Jahre liegt. 44 Prozent der Bevölke-
Einsatz der Bundeswehr bzw. der Einsatz der Atalanta- rung ist unter 14 Jahre alt.
Truppen eben nicht das letzte Mittel, sondern ein Mittel
lange vor dem letzten Mittel ist. Wer sich die Leistungen von „Ärzte ohne Grenzen“,
der SOS-Kinderdörfer oder CARE anguckt, die trotzdem
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN) in diesem Gebiet arbeiten, muss größte Hochachtung vor
den NGOs, den Entwicklungshelfern und denen haben,
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: die sich dort für die Menschen einsetzen.
Bitte schön, Herr Kollege. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir haben hier gemeinsam ein Mandat beschlossen,
Burkhardt Müller-Sönksen (FDP):
um wenigstens die Grundversorgung in einem geringen
Herr Kollege Ströbele, vielen Dank. – Ich will es kurz Umfang sicherstellen zu können.
machen. Einmal verweise ich auf das Weißbuch und zum
anderen auf Nr. 2 b) des Mandates, des Antrags der Bun- Wir sind nicht in dem Land. Herr van Aken, Sie sagen
desregierung. Ich zitiere: die Unwahrheit – Sie sagen bewusst die Unwahrheit –,
wenn Sie ausführen, dass wir uns ausschließlich militä-
… b) aufgrund einer Einzelfallbewertung der Erfor-
risch engagieren. Wir sind es, die für Somalia Polizisten
dernisse Schutz von zivilen Schiffen in den Gebie-
ausbilden, weil es grundsätzlich notwendig ist, dass ein
ten, in denen sie im Einsatz ist; …
Staat auch für Sicherheit und Ordnung sorgt, zum Bei-
Dazu gehören selbstverständlich auch die deutschen spiel die TFG, die derzeitige Übergangsregierung.
Schiffe, von denen ich gerade gesprochen habe.
Wir können nicht akzeptieren – das ist vollkommen
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten klar –, dass diese Regierung jetzt aufgrund des Einmar-
der CDU/CSU) sches von Kenia wichtige Einrichtungen geschlossen
hat, gerade die SOS-Kinder- und Frauenklinik in dem
(B) Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: Flüchtlingslager Badbado. 5 000 Flüchtlinge sind dort (D)
Als letztem Redner in dieser Debatte erteile ich Kol- unversorgt. Da finden auch auf diplomatischer Ebene
legen Hartwig Fischer für die CDU/CSU-Fraktion das Gespräche statt. Es ist unverantwortlich, solche Dinge
Wort. auf dem offenen Markt auszutragen.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- Wenn Sie sich die Informationen des Außenministe-
neten der FDP) riums ansehen, erkennen Sie: Es geht darüber hinaus.
Unser Max-Planck-Institut ist dabei, den Entwurf für
eine Verfassung mit den Menschen im Land zu erarbei-
Hartwig Fischer (Göttingen) (CDU/CSU): ten. Wir sind es, die Teile von AMISOM unterstützt ha-
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! ben. Das heißt, wir arbeiten mit an den begleitenden
Herr Kollege Ströbele, vielleicht schauen Sie auch ein- Maßnahmen, um wieder zu Rechtsstaatlichkeit zu kom-
fach einmal auf die Homepage des Bundesverteidi- men.
gungsministeriums. Der können Sie entnehmen:
Jetzt erfahren wir: 500 000 Flüchtlinge aus Somalia
Auftrag der Mission sind nach Dadaab gegangen, und seit dem 15. November
Neben dem Schutz der Handelsschifffahrt im Golf ist dort Cholera ausgebrochen. Wir wissen nichts über
von Aden und entlang der somalischen Küste beste- die Situation in den Flüchtlingslagern in Somalia, weil
hen deren weitere Aufgaben im Schutz der Schiffe die Rebellen dort, wo sie noch die Macht haben, keinen
des Welternährungsprogramms für Hilfslieferungen Zugang gewähren. Dort findet das Sterben unter Aus-
nach Somalia. schluss der Öffentlichkeit statt. Wir kennen aber Zahlen,
die besagen, dass dort in etwa jedes fünfte Kind das
Das ist also keine geheime Kommandosache oder Ähnli- dritte Lebensjahr nicht erreicht, weil es unter Hunger,
ches. unter einem Mangel an sauberem Wasser und Ähnli-
chem zu leiden hat. Deshalb ist es notwendig, nicht nur
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Atalanta, sondern auch die begleitenden Maßnahmen zu
Ich empfehle sowieso vielen Mitgliedern dieses Hau- stärken. Deshalb ist es richtig, dass in diesem Zusam-
ses, insbesondere auf der linken Seite, doch einmal nur menhang das Entwicklungsministerium sagt: Wir versu-
die Stichworte „Somalia“, „Versorgung“, „Einwohner“, chen punktuell, fragilen Staaten entsprechend zu helfen.
„Sterblichkeitsrate“ in eine Suchmaschine im Internet Das geschieht ja bei Somaliland. Dort hat man eine
einzugeben. Dazu können die Menschen alles bei funktionierende Übergangsregierung, die Menschen aus
Google finden und nachlesen. Diejenigen, die sich mit Somalia können sich orientieren und erkennen, dass
17404 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Hartwig Fischer (Göttingen)


(A) man, wenn man mit den Rebellen nicht zusammenarbei- Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: (C)
tet, eine Perspektive hat. Kollege Fischer, bitte.
Herr van Aken, die Art und Weise, wie Sie hier auf-
treten, ist für mich militante Menschenverachtung Hartwig Fischer (Göttingen) (CDU/CSU):
Herr Kollege Gehrcke, was mich bestürzt, ist, dass es
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – angesichts der Bilder von sterbenden Kindern in den
Karin Binder [DIE LINKE]: Militant sind Flüchtlingslagern, die wir sehen, möglich ist, auszublen-
doch wohl Sie!) den, was notwendig ist, um Hilfstransporte durchzuset-
und keine Rücksichtnahme auf diejenigen, die keine zen – und das bezeichne ich so, wie ich es vorhin getan
Chance haben, sich selbst zu helfen, sondern die auf die habe.
Weltgemeinschaft angewiesen sind, damit sie im Kampf (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie
ums Überleben unterstützt werden. Ich bitte die große bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
Mehrheit dieses Hauses, diesem Antrag zuzustimmen. GRÜNEN)
Ich habe eine weitere Bitte an die Grünen. Die Grü-
nen haben ja einen Entschließungsantrag vorgelegt. Ich Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
möchte Sie bitten, mit den anderen Fraktionen zu reden, Ich schließe die Aussprache.
bevor Sie einen solchen Entschließungsantrag vorlegen. Wir kommen zur Abstimmung über die Beschluss-
Ich sehe in diesem Entschließungsantrag sehr viele gute empfehlung des Auswärtigen Ausschusses zu dem An-
Ansätze; ich könnte sie Punkt für Punkt zitieren. Ich trag der Bundesregierung zur Fortsetzung der Beteili-
glaube, gerade die Stabilisierung Somalias ist ein gung bewaffneter deutscher Streitkräfte an der EU-
Thema, an dem wir gemeinsam arbeiten können, weil es geführten Operation Atalanta zur Bekämpfung der Pira-
viele Gemeinsamkeiten gibt. Die wenigen trennenden terie vor der Küste Somalias.
Punkte sollten beiseitegeschoben werden.
Der Ausschuss empfiehlt in seiner Beschlussempfeh-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – lung auf Drucksache 17/7996, den Antrag der Bundesre-
Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: gierung auf Drucksache 17/7742 anzunehmen. Wir stim-
Darauf kommen wir zurück!) men nun über die Beschlussempfehlung namentlich ab.
Ich bitte die Schriftführerinnen und Schriftführer, die
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: vorgesehenen Plätze einzunehmen. – Das ist offensicht-
Zu einer Kurzintervention erteile ich Kollegen lich erfolgt. Dann eröffne ich die Abstimmung.
(B) Gehrcke das Wort. Die obligatorische Frage: Haben alle anwesenden (D)
Mitglieder des Hauses ihre Stimme abgegeben? – Das ist
Wolfgang Gehrcke (DIE LINKE): offensichtlich der Fall. Dann schließe ich die Abstim-
Schönen Dank, Herr Präsident. – Ich weiß, Sie wollen mung und bitte die Schriftführerinnen und Schriftführer,
abstimmen; es ist ja auch das Recht und die Verpflich- mit der Auszählung zu beginnen. Das Ergebnis wird Ih-
tung des Parlaments, abzustimmen. nen später bekannt gegeben.1)
Ich möchte nicht stehen lassen, dass meinem Kolle- Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich bitte Sie, Platz
gen van Aken „militante Menschenverachtung“ vorge- zu nehmen; denn wir kommen nun zur Abstimmung
halten wird. über den Entschließungsantrag der Fraktion Bündnis 90/
Die Grünen auf Drucksache 17/8014. Wer stimmt für
(Beifall bei der LINKEN) diesen Entschließungsantrag? – Wer stimmt dagegen? –
Enthaltungen? – Der Entschließungsantrag ist mit den
Ich bitte Sie: Überlegen Sie sich einmal, was Sie hier
Stimmen der beiden Koalitionsfraktionen und der Lin-
ausführen. Sie können die Güte, die Korrektheit unserer
ken gegen die Stimmen der Grünen bei Enthaltung der
Konzepte bezweifeln. Sie können zur Kenntnis nehmen,
SPD abgelehnt.
dass wir selber darüber nachdenken, was möglich und
was nicht möglich ist; dass wir skeptisch sind, ob es Ich rufe nun Tagesordnungspunkt 9 a bis d auf:
wirklich so ist, dass nicht Militär, sondern zivile Hilfe
und die politische Auseinandersetzung und Dialog die a) Beratung des Antrags der Abgeordneten Katja
Probleme lösen. Aber eines können Sie nicht machen: Keul, Marieluise Beck (Bremen), Volker Beck
Sie können uns nicht vorhalten, dass irgendjemand bei (Köln), weiterer Abgeordneter und der Fraktion
uns menschenverachtend ist. BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Private Sicherheitsfirmen umfassend regulie-
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)
ren und zertifizieren
Menschenverachtend sind immer Krieg und Kriegs-
– Drucksache 17/7640 –
einsätze; das ist die Wahrheit. Wenn wir uns in der Aus-
einandersetzung über die beste Lösung quälen, sollten Überweisungsvorschlag:
Auswärtiger Ausschuss (f)
Sie uns dabei unterstützen und uns nicht solche Vorhal- Innenausschuss
tungen machen.
(Beifall bei der LINKEN) 1) Ergebnis Seite 17407 C
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17405
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse
(A) Ausschuss für Wirtschaft und Technologie zu lassen, und kündigt dabei ein Zertifizierungssystem (C)
Verteidigungsausschuss an, das die Seetauglichkeit der Dienstleistung absichern
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union soll. Damit widerspricht sie ihrer Antwort auf unsere
Große Anfrage, in der sie immer noch behauptet, es gebe
b) Beratung der Großen Anfrage der Abgeordneten grundsätzlich keinen Regelungsbedarf in diesem Be-
Katja Keul, Tom Koenigs, Omid Nouripour, wei- reich.
terer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS
90/DIE GRÜNEN Derzeit gibt es in Deutschland über 3 000 Unterneh-
men des Bewachungsgewerbes. Wer hier ein solches Un-
Regulierung privater Militär- und Sicherheits- ternehmen anmelden will, muss lediglich die erforderli-
firmen chen Mittel nachweisen und eine Unterrichtung der
– Drucksachen 17/4573, 17/6780 – Industrie- und Handelskammer über sich ergehen lassen.
Eine Prüfung wird nicht verlangt. Damit gehört Deutsch-
c) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be- land in Europa zu den Schlusslichtern, was die Zulas-
richts des Auswärtigen Ausschusses (3. Aus- sungshürden in diesem Gewerbe angeht. Selbst der Bun-
schuss) zu dem Antrag der Fraktion der SPD desverband der Sicherheitswirtschaft hält diese Situation
Nichtstaatliche militärische Sicherheitsunter- mittlerweile für untragbar. Allein die FDP ist immer
nehmen registrieren und kontrollieren noch der Auffassung, das sei alles ausreichend, und ver-
hindert damit ein fraktionsübergreifendes Vorgehen.
– Drucksachen 17/4198, 17/7998 –
Wir fordern mit unserem Antrag strengere Anforde-
Berichterstattung: rungen an die Zulassung von Sicherheitsfirmen, unab-
Abgeordnete Roderich Kiesewetter hängig davon, ob sie ihre Tätigkeiten im Inland oder im
Dr. Rolf Mützenich Ausland anbieten. Die Tätigkeit deutscher Sicherheits-
Dr. Bijan Djir-Sarai firmen im Ausland möchte die Bundesregierung nicht
Jan van Aken regulieren, aus Angst, damit erst Interesse an diesem Ge-
Kerstin Müller (Köln) schäftsfeld zu wecken. Das ist Vogel-Strauß-Politik nach
dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.
d) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Verteidigungsausschusses (12. Aus- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
schuss) zu dem Antrag der Abgeordneten Inge sowie bei Abgeordneten der SPD)
Höger, Paul Schäfer (Köln), Jan van Aken, weite-
rer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE Wir können aber nicht abwarten, bis sich dieses unregu-
(B) lierte Geschäftsfeld im Graubereich von selbst etabliert. (D)
Vorlage eines Gesetzentwurfes zur Ratifizie- Erst im letzten Jahr hat uns der Fall der Firma Asgaard be-
rung der „Internationalen Konvention gegen schäftigt, die mit einem somalischen Warlord vertraglich
die Anwerbung, den Einsatz, die Finanzierung vereinbarte, seine Kämpfer auszubilden und weitere mili-
und die Ausbildung von Söldnern“ der Gene- tärische Dienstleistungen zu erbringen. Glücklicherweise
ralversammlung der Vereinten Nationen gilt im Falle Somalias ein Embargo, gegen das die Firma
– Drucksachen 17/4663, 17/5799 – auf diese Weise verstoßen hatte. Nur auf dieser Grundlage
konnte die Staatsanwaltschaft Münster strafrechtliche Er-
Berichterstattung: mittlungen aufnehmen. Ohne dieses Embargo hätte der
Abgeordnete Henning Otte deutsche Staat keine Handhabe gegenüber der Firma ge-
Michael Groschek habt.
Joachim Spatz
Paul Schäfer (Köln) Wir fordern mit unserem heutigen Antrag, die Erbrin-
Katja Keul gung von Sicherheitsleistungen im Ausland an die stren-
gen Genehmigungsvoraussetzungen des Außenwirt-
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die schaftsgesetzes für Rüstungsexporte zu binden. Die
Aussprache eine halbe Stunde vorgesehen. – Ich höre Kriterien der Rüstungsexportrichtlinien müssen nicht
keinen Widerspruch. Dann haben wir das so beschlos- nur für die Waffe selbst gelten, sondern auch für die
sen. Hand, die die Waffe führt.
Ich eröffne die Aussprache und erteile der Kollegin (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Katja Keul für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen das sowie bei Abgeordneten der SPD)
Wort.
Mit dem Antrag der SPD stimmen wir in vielen Punk-
ten überein. Probleme habe ich allerdings mit dem unbe-
Katja Keul (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
stimmten und weiten Begriff der „Militärdienstleister“.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Hier muss eine klare Linie gezogen werden. Der Kern-
Kollegen! Die Debatte um die Fortsetzung des Atalanta- bereich militärischen Handelns ist nicht zu regulieren,
Einsatzes hat gerade noch einmal deutlich gemacht, dass sondern muss Privaten schlicht verboten sein.
wir uns stärker als bisher mit der Tätigkeit privater Si-
cherheitsfirmen beschäftigen müssen. Die Bundesregie- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
rung empfiehlt mittlerweile deutschen Reedereien, ihre sowie des Abg. Paul Schäfer [Köln] [DIE
Handelsschiffe durch private Sicherheitsteams schützen LINKE])
17406 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Katja Keul
(A) Weder Kampfhandlungen noch Ausbildung von Streit- Unsere strategischen Sicherheitspartner – allen voran (C)
kräften gehören als Aufgabe in private Hände. Gleiches Frankreich, die EU-Länder und die Vereinigten Staaten
gilt für den Besitz und die Nutzung von Kriegswaffen. von Amerika – sind bislang immer auch unsere strategi-
Da uns diese rote Linie im Antrag der SPD nicht deut- schen Handelspartner gewesen. Wenn wir jetzt aber auf
lich genug ist, werden wir uns an dieser Stelle enthalten. Schwellenländer oder auf China schauen, stellen wir
Einig sind wir uns in der Forderung nach einer transpa- fest, dass sich in den letzten zehn Jahren der Handel mit
renten Übersicht über die in Deutschland ansässigen Si- deutschen Firmen verfünffacht hat. China ist mittler-
cherheitsfirmen. Eine Registrierungspflicht ist dafür un- weile unser drittwichtigster Handelspartner.
abdingbar. Auch die Forderung nach internationalen
verbindlichen Normen teilen wir mit der SPD. Wir blicken also in eine Zukunft, in der unsere strate-
gischen sicherheitspolitischen Interessen und unsere
Auf internationaler Ebene tritt die Bundesregierung Handelsinteressen möglicherweise erstmals auseinan-
leider auf die Bremse. Es ist beschämend, dass Deutsch- derklaffen können. Mit zunehmendem Einfluss von
land sich den Verhandlungen im UN-Menschenrechtsrat China, Indien und einigen anderen Staaten ergibt sich
über die Regulierung privater Sicherheitsfirmen verwei- eine Gleichgewichtsverschiebung, die nach neuer Ba-
gert. lance strebt.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Dabei knirschen und knarren einige Achsen. Sie knar-
sowie bei Abgeordneten der SPD) ren und knirschen, weil wir im Umbruch sind. Unser
wichtigster Partner, die Vereinigten Staaten von Amerika,
Wenn Sie meinen, dass das nicht das richtige Forum ist, orientiert sich verstärkt in den pazifischen Raum. Die
dann zeigen Sie wenigstens anderswo Initiative, anstatt Europäische Union erarbeitet sich zurzeit außenpolitische
einfach gar nichts zu tun. Die Regierung unterstützt Handlungsfähigkeit, ist aber genauso wie die Vereinigten
nicht einmal den freiwilligen Verhaltenskodex der inter- Staaten von Amerika momentan vor allem mit sich selbst
nationalen Sicherheitsbranche. Das Auswärtige Amt hat beschäftigt. Die Finanzkrise hält uns in Atem.
weltweit über 140 Sicherheitsfirmen unter Vertrag. Auf
die Unterzeichnung dieser Selbstverpflichtung wird bei Diese Verschiebungen und finanziellen Zwänge haben
der Auftragsvergabe aber kein Wert gelegt. Dabei hat auch Auswirkungen auf unsere Sicherheitspolitik. Der
sich die Bundesrepublik im Dokument von Montreux Verteidigungshaushalt der USA wird nach dem Scheitern
vom September 2008 sogar verpflichtet, innerstaatliches des Super Committees – verteilt über die nächsten zehn
Recht zur effektiven Bindung privater Sicherheitsfirmen Jahre – um 950 Milliarden Dollar gekürzt. In Afghanistan
an das humanitäre Völkerrecht zu erlassen. und im Irak setzten die USA parallel zu staatlichen Sicher-
heitskräften bereits massiv private Sicherheitsunternehmen
(B) Auch das Europäische Parlament hat bereits konkrete ein, weil ihre staatlichen Sicherheitskräfte überdehnt wa- (D)
Vorschläge unterbreitet. Der Europäische Gerichtshof ren.
hat mehrfach erklärt, dass die Europäische Union auf
dem Gebiet des Sicherheitsgewerbes auch selbst tätig Ich sage ganz offen: Wir von der Union stehen zum
werden kann. Gehen Sie endlich voran, und legen Sie staatlichen Gewaltmonopol. Auch wir Deutsche refor-
konkrete Vorschläge vor, bevor es andere tun! mieren unsere staatlichen Sicherheitskräfte, auch wir
müssen einerseits sparen und zugleich verantwortungs-
Vielen Dank. bewusste Sicherheitspolitik gewährleisten. Unsere Bun-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN deswehr steht vor der größten Reform ihrer Geschichte,
sowie bei Abgeordneten der SPD) unsere Länderpolizeien sind immer stärker in der Extre-
mismusabwehr eingebunden. Für uns gilt deshalb das
staatliche Gewaltmonopol als unverzichtbar.
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Das Wort hat nun Roderich Kiesewetter für die CDU/ Aber – in diesem Punkt muss ich den Antragstellern
CSU-Fraktion. recht geben –: Vor allem international ist ein Trend zu
mehr Privatisierung erkennbar. Angesichts begrenzter
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) staatlicher Ressourcen, fortschreitender Spezialisierung
und Technologisierung werden wir – das beobachten wir
Roderich Kiesewetter (CDU/CSU):
international sehr genau – eine erhöhte Nachfrage nach
Leistungen privater Sicherheitsdienste zu verzeichnen
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und haben. Gerade wir von der Union müssen die Entwick-
Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir haben lung vor allem unter dem Aspekt betrachten, dass wir
dieses Thema nicht umsonst bereits in der zweiten Le- Herr des staatlichen Gewaltmonopols bleiben.
gislaturperiode auf der Tagesordnung. Seit dem Ende
des Kalten Krieges hat es im Bereich der Sicherheits- Schauen wir einmal auf unsere Seewege. Die letzte
politik gravierende Änderungen gegeben, nicht nur im Debatte hat uns gezeigt: Sichere Seewege sind für unser
militärischen Bereich, sondern auch im gesellschaftli- Land als Welthandelsnation unverzichtbar. Piraten am
chen, ökonomischen, ökologischen und kulturellen Be- Horn von Afrika – über die Ursachen haben wir schon
reich. All diese Entwicklungen bestimmen die Sicher- debattiert – dehnen ihren Aktionsradius weiter aus. Das
heitspolitik. Wir stehen außerdem vor außerordentlich ist ein Problem, das uns intensiv in Mitleidenschaft
gravierenden Achsverschiebungen, die auch Auswirkun- zieht. Eine Bewachung einzelner Schiffe durch Bundes-
gen auf unsere strategischen Koordinaten haben. polizisten oder die Bundeswehr ist auch weiterhin nicht
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17407
Roderich Kiesewetter
(A) machbar. Wir stellen fest: Mehr und mehr deutsche Ree- lungsbedarf. Auch wenn wir Deutsche das staatliche Ge- (C)
der greifen deshalb schon heute auf den Schutz privater waltmonopol stützen und fördern, ist das international
Sicherheitskräfte zurück. Hier besteht Handlungsbedarf. nicht immer der Fall. Das Problem ist allerdings wesent-
lich komplexer, als in den Anträgen dargestellt.
Es gibt eine weitere Herausforderung, die in Ihren
Anträgen nicht deutlich wird, nämlich dass deutsche Wenn Staaten ihre Aufgaben einschränken, sie auf-
Soldaten im Ausland mehr und mehr mit privaten Si- grund von Haushaltszwängen auch einschränken müs-
cherheits- und Militärunternehmen der Partner kooperie- sen, dann muss man über die Konsequenzen und Alter-
ren werden. In Afghanistan und im Irak haben die USA nativen nachdenken dürfen.
private Sicherheitskräfte eingesetzt. Das ist ein Trend, Ich sage abschließend: Wir von der Union teilen die
der sich auch künftig fortsetzen wird. Das – wir wissen Auffassung, dass die Behandlung des Themas private Si-
es – hat nicht nur positive Konsequenzen. cherheits- und Militärunternehmen drängend ist. Dazu
Ich ziehe für unsere Fraktion zwei Folgerungen: Ers- hatten wir bereits einen Runden Tisch. Ich versichere Ih-
tens. Wir brauchen eine Regelung darüber, wie wir vor- nen, wir bleiben am Thema dran. Ich schlage eine Anhö-
gehen, wenn deutsche Firmen im Ausland auf private Si- rung im zuständigen Unterausschuss dazu vor. Wir hof-
cherheits- und Militärunternehmen zurückgreifen. fen auf Bewegung.
Zweitens. Wir haben einen Regelungsbedarf – den müs- Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.
sen wir definieren – für deutsche staatliche Sicherheits-
kräfte im Ausland, wenn unsere Sicherheitskräfte auf (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
private Unternehmen der Partner statt auf staatliche
Kräfte treffen. Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Bevor ich dem nächsten Redner das Wort erteile, will
Dies ist übrigens in einer Anhörung, die ich im Juni ich das von den Schriftführerinnen und Schriftführern
dieses Jahres zusammen mit dem Koalitionspartner ge- ermittelte Ergebnis der vorhergehenden namentli-
macht habe, von fünf teilnehmenden Ministerien einver- chen Abstimmung über die Beschlussempfehlung des
nehmlich bestätigt worden. Auswärtigen Ausschusses zum Antrag der Bundesregie-
Die Anträge der Opposition sind in diesem Bereich rung „Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deutscher
nicht ausreichend. Wir werden sie deshalb ablehnen. Streitkräfte an der EU-geführten Operation Atalanta …“
– ich verkürze, es ist ein viele Zeilen langer Titel – mit-
Ich halte deshalb fest: Dort, wo sich Staaten mit ihren teilen: Abgegebene Stimmen 547. Mit Ja haben gestimmt
Sicherheitskräften zurückziehen oder nichtstaatliche Un- 472, mit Nein haben gestimmt 63, Enthaltungen 12. Die
(B) ternehmen einbinden, sehen wir als Union einen Hand- Beschlussempfehlung ist damit angenommen. (D)

Endgültiges Ergebnis Wolfgang Bosbach Alois Gerig Robert Hochbaum


Abgegebene Stimmen: 547; Norbert Brackmann Eberhard Gienger Karl Holmeier
davon Klaus Brähmig Michael Glos Franz-Josef Holzenkamp
Michael Brand Josef Göppel Joachim Hörster
ja: 472
Dr. Reinhard Brandl Peter Götz Anette Hübinger
nein: 63 Helmut Brandt Dr. Wolfgang Götzer Thomas Jarzombek
enthalten: 12 Dr. Ralf Brauksiepe Ute Granold Dieter Jasper
Dr. Helge Braun Reinhard Grindel Dr. Franz Josef Jung
Ja Heike Brehmer Michael Grosse-Brömer Andreas Jung (Konstanz)
Ralph Brinkhaus Markus Grübel Dr. Egon Jüttner
CDU/CSU Cajus Caesar Manfred Grund Bartholomäus Kalb
Gitta Connemann Monika Grütters Hans-Werner Kammer
Ilse Aigner Thomas Dörflinger Olav Gutting Alois Karl
Peter Altmaier Marie-Luise Dött Florian Hahn Bernhard Kaster
Peter Aumer Dr. Thomas Feist Dr. Stephan Harbarth Siegfried Kauder (Villingen-
Thomas Bareiß Enak Ferlemann Jürgen Hardt Schwenningen)
Norbert Barthle Ingrid Fischbach Gerda Hasselfeldt Volker Kauder
Günter Baumann Hartwig Fischer (Göttingen) Dr. Matthias Heider Dr. Stefan Kaufmann
Ernst-Reinhard Beck Axel E. Fischer (Karlsruhe- Helmut Heiderich Roderich Kiesewetter
(Reutlingen) Land) Mechthild Heil Eckart von Klaeden
Manfred Behrens (Börde) Dr. Maria Flachsbarth Ursula Heinen-Esser Ewa Klamt
Veronika Bellmann Klaus-Peter Flosbach Frank Heinrich Volkmar Klein
Dr. Christoph Bergner Herbert Frankenhauser Rudolf Henke Jürgen Klimke
Peter Beyer Michael Frieser Michael Hennrich Axel Knoerig
Steffen Bilger Erich G. Fritz Jürgen Herrmann Jens Koeppen
Clemens Binninger Hans-Joachim Fuchtel Ansgar Heveling Manfred Kolbe
Peter Bleser Ingo Gädechens Ernst Hinsken Hartmut Koschyk
Wolfgang Börnsen Dr. Thomas Gebhart Peter Hintze Michael Kretschmer
(Bönstrup) Norbert Geis Christian Hirte Gunther Krichbaum
17408 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse


(A) Dr. Günter Krings Georg Schirmbeck Edelgard Bulmahn Heinz Paula (C)
Rüdiger Kruse Christian Schmidt (Fürth) Marco Bülow Johannes Pflug
Bettina Kudla Patrick Schnieder Petra Crone Dr. Wilhelm Priesmeier
Dr. Hermann Kues Dr. Andreas Schockenhoff Dr. Peter Danckert Florian Pronold
Günter Lach Nadine Schön (St. Wendel) Martin Dörmann Dr. Sascha Raabe
Dr. Karl A. Lamers Dr. Kristina Schröder Elvira Drobinski-Weiß Mechthild Rawert
(Heidelberg) Dr. Ole Schröder Garrelt Duin Stefan Rebmann
Andreas G. Lämmel Bernhard Schulte-Drüggelte Ingo Egloff Gerold Reichenbach
Dr. Norbert Lammert Uwe Schummer Siegmund Ehrmann Dr. Carola Reimann
Katharina Landgraf Armin Schuster (Weil am Dr. h. c. Gernot Erler Sönke Rix
Ulrich Lange Rhein) Petra Ernstberger René Röspel
Dr. Max Lehmer Johannes Selle Karin Evers-Meyer Dr. Ernst Dieter Rossmann
Paul Lehrieder Reinhold Sendker Elke Ferner Karin Roth (Esslingen)
Dr. Ursula von der Leyen Dr. Patrick Sensburg Gabriele Fograscher Michael Roth (Heringen)
Ingbert Liebing Bernd Siebert Dr. Edgar Franke Marlene Rupprecht
Matthias Lietz Thomas Silberhorn Dagmar Freitag (Tuchenbach)
Dr. Carsten Linnemann Johannes Singhammer Michael Gerdes Anton Schaaf
Patricia Lips Jens Spahn Martin Gerster Axel Schäfer (Bochum)
Dr. Jan-Marco Luczak Carola Stauche Iris Gleicke Marianne Schieder
Daniela Ludwig Dr. Frank Steffel Günter Gloser (Schwandorf)
Dr. Michael Luther Erika Steinbach Ulrike Gottschalck Werner Schieder (Weiden)
Karin Maag Christian Freiherr von Stetten Angelika Graf (Rosenheim) Ulla Schmidt (Aachen)
Dr. Thomas de Maizière Dieter Stier Kerstin Griese Silvia Schmidt (Eisleben)
Hans-Georg von der Marwitz Gero Storjohann Michael Groschek Carsten Schneider (Erfurt)
Andreas Mattfeldt Stephan Stracke Michael Groß Ottmar Schreiner
Stephan Mayer (Altötting) Max Straubinger Wolfgang Gunkel Swen Schulz (Spandau)
Dr. Michael Meister Karin Strenz Hans-Joachim Hacker Ewald Schurer
Maria Michalk Thomas Strobl (Heilbronn) Bettina Hagedorn Frank Schwabe
Dr. h. c. Hans Michelbach Lena Strothmann Klaus Hagemann Rolf Schwanitz
Dr. Mathias Middelberg Michael Stübgen Michael Hartmann Stefan Schwartze
Philipp Mißfelder Dr. Peter Tauber (Wackernheim) Rita Schwarzelühr-Sutter
Dietrich Monstadt Antje Tillmann Hubertus Heil (Peine) Sonja Steffen
Marlene Mortler Dr. Hans-Peter Uhl Rolf Hempelmann Dr. Frank-Walter Steinmeier
Dr. Gerd Müller Arnold Vaatz Gustav Herzog Christoph Strässer
Stefan Müller (Erlangen) Volkmar Vogel (Kleinsaara) Gabriele Hiller-Ohm Kerstin Tack
(B) Stefanie Vogelsang Dr. h. c. Wolfgang Thierse
(D)
Dr. Philipp Murmann Frank Hofmann (Volkach)
Bernd Neumann (Bremen) Andrea Astrid Voßhoff Dr. Eva Högl Franz Thönnes
Michaela Noll Dr. Johann Wadephul Christel Humme Wolfgang Tiefensee
Dr. Georg Nüßlein Marco Wanderwitz Josip Juratovic Rüdiger Veit
Franz Obermeier Kai Wegner Oliver Kaczmarek Ute Vogt
Eduard Oswald Marcus Weinberg (Hamburg) Johannes Kahrs Dr. Marlies Volkmer
Henning Otte Peter Weiß (Emmendingen) Ulrich Kelber Andrea Wicklein
Dr. Michael Paul Sabine Weiss (Wesel I) Lars Klingbeil Heidemarie Wieczorek-Zeul
Rita Pawelski Ingo Wellenreuther Hans-Ulrich Klose Dr. Dieter Wiefelspütz
Ulrich Petzold Karl-Georg Wellmann Dr. Bärbel Kofler Uta Zapf
Dr. Joachim Pfeiffer Peter Wichtel Daniela Kolbe (Leipzig) Dagmar Ziegler
Sibylle Pfeiffer Annette Widmann-Mauz Fritz Rudolf Körper Manfred Zöllmer
Beatrix Philipp Klaus-Peter Willsch Anette Kramme Brigitte Zypries
Ronald Pofalla Elisabeth Winkelmeier- Nicolette Kressl
Christoph Poland Becker Angelika Krüger-Leißner FDP
Eckhard Pols Dr. Matthias Zimmer Ute Kumpf Jens Ackermann
Thomas Rachel Wolfgang Zöller Christine Lambrecht Christian Ahrendt
Dr. Peter Ramsauer Willi Zylajew Christian Lange (Backnang) Christine Aschenberg-
Eckhardt Rehberg Dr. Karl Lauterbach Dugnus
Lothar Riebsamen SPD Steffen-Claudio Lemme Daniel Bahr (Münster)
Josef Rief Ingrid Arndt-Brauer Burkhard Lischka Florian Bernschneider
Klaus Riegert Rainer Arnold Kirsten Lühmann Sebastian Blumenthal
Dr. Heinz Riesenhuber Heinz-Joachim Barchmann Caren Marks Claudia Bögel
Johannes Röring Doris Barnett Katja Mast Nicole Bracht-Bendt
Dr. Norbert Röttgen Dr. Hans-Peter Bartels Hilde Mattheis Klaus Breil
Dr. Christian Ruck Klaus Barthel Petra Merkel (Berlin) Rainer Brüderle
Erwin Rüddel Sören Bartol Ullrich Meßmer Angelika Brunkhorst
Albert Rupprecht (Weiden) Bärbel Bas Dr. Matthias Miersch Ernst Burgbacher
Anita Schäfer (Saalstadt) Dirk Becker Franz Müntefering Marco Buschmann
Dr. Andreas Scheuer Gerd Bollmann Dr. Rolf Mützenich Sylvia Canel
Karl Schiewerling Klaus Brandner Manfred Nink Helga Daub
Norbert Schindler Bernhard Brinkmann Thomas Oppermann Reiner Deutschmann
Tankred Schipanski (Hildesheim) Aydan Özoğuz Dr. Bijan Djir-Sarai
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17409
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse
(A) Patrick Döring Marina Schuster Tabea Rößner Dorothee Menzner (C)
Rainer Erdel Dr. Erik Schweickert Krista Sager Cornelia Möhring
Jörg van Essen Werner Simmling Manuel Sarrazin Wolfgang Nešković
Ulrike Flach Judith Skudelny Elisabeth Scharfenberg Thomas Nord
Otto Fricke Dr. Hermann Otto Solms Dr. Gerhard Schick Petra Pau
Dr. Edmund Peter Geisen Joachim Spatz Dr. Frithjof Schmidt Richard Pitterle
Heinz Golombeck Dr. Max Stadler Dorothea Steiner Yvonne Ploetz
Miriam Gruß Torsten Staffeldt Dr. Harald Terpe Paul Schäfer (Köln)
Joachim Günther (Plauen) Dr. Rainer Stinner Markus Tressel Dr. Ilja Seifert
Dr. Christel Happach-Kasan Stephan Thomae Jürgen Trittin Raju Sharma
Heinz-Peter Haustein Florian Toncar Daniela Wagner Dr. Petra Sitte
Manuel Höferlin Serkan Tören Wolfgang Wieland Kersten Steinke
Birgit Homburger Johannes Vogel Dr. Valerie Wilms Sabine Stüber
Dr. Werner Hoyer (Lüdenscheid) Josef Philip Winkler Alexander Süßmair
Heiner Kamp Dr. Daniel Volk Dr. Kirsten Tackmann
Michael Kauch Dr. Claudia Winterstein Nein Frank Tempel
Dr. Lutz Knopek Dr. Volker Wissing Dr. Axel Troost
Pascal Kober Hartfrid Wolff (Rems-Murr) DIE LINKE Alexander Ulrich
Dr. Heinrich L. Kolb Kathrin Vogler
BÜNDNIS 90/ Jan van Aken
Gudrun Kopp Johanna Voß
DIE GRÜNEN Agnes Alpers
Dr. h. c. Jürgen Koppelin Halina Wawzyniak
Dr. Dietmar Bartsch
Sebastian Körber Marieluise Beck (Bremen) Harald Weinberg
Herbert Behrens
Holger Krestel Volker Beck (Köln) Katrin Werner
Karin Binder
Patrick Kurth (Kyffhäuser) Cornelia Behm Jörn Wunderlich
Matthias W. Birkwald
Heinz Lanfermann Viola von Cramon-Taubadel Christine Buchholz
Sibylle Laurischk Ekin Deligöz Eva Bulling-Schröter BÜNDNIS 90/
Harald Leibrecht Harald Ebner Dr. Martina Bunge DIE GRÜNEN
Sabine Leutheusser- Hans-Josef Fell Roland Claus
Schnarrenberger Bettina Herlitzius
Dr. Thomas Gambke Dr. Diether Dehm Monika Lazar
Lars Lindemann Kai Gehring Werner Dreibus
Dr. Martin Lindner (Berlin) Lisa Paus
Katrin Göring-Eckardt Klaus Ernst Hans-Christian Ströbele
Dr. Erwin Lotter Britta Haßelmann Wolfgang Gehrcke
Oliver Luksic Priska Hinz (Herborn) Nicole Gohlke
Horst Meierhofer Bärbel Höhn Diana Golze Enthalten
(B) Patrick Meinhardt Ingrid Hönlinger Annette Groth (D)
Gabriele Molitor Katja Keul Dr. Gregor Gysi SPD
Jan Mücke Ute Koczy Heike Hänsel Petra Hinz (Essen)
Petra Müller (Aachen) Tom Koenigs Dr. Rosemarie Hein
Burkhardt Müller-Sönksen Oliver Krischer Dr. Barbara Höll BÜNDNIS 90/
Dr. Martin Neumann Fritz Kuhn Andrej Hunko DIE GRÜNEN
(Lausitz) Stephan Kühn Ulla Jelpke
Hans-Joachim Otto Renate Künast Dr. Lukrezia Jochimsen Katja Dörner
(Frankfurt) Markus Kurth Harald Koch Dr. Anton Hofreiter
Cornelia Pieper Dr. Tobias Lindner Katrin Kunert Uwe Kekeritz
Gisela Piltz Nicole Maisch Caren Lay Memet Kilic
Dr. Christiane Ratjen- Jerzy Montag Sabine Leidig Sven-Christian Kindler
Damerau Kerstin Müller (Köln) Ralph Lenkert Maria Klein-Schmeink
Dr. Birgit Reinemund Ingrid Nestle Michael Leutert Sylvia Kotting-Uhl
Dr. Peter Röhlinger Dr. Konstantin von Notz Stefan Liebich Agnes Krumwiede
Dr. Stefan Ruppert Omid Nouripour Ulla Lötzer Agnes Malczak
Björn Sänger Friedrich Ostendorff Dr. Gesine Lötzsch Beate Müller-Gemmeke
Christoph Schnurr Dr. Hermann Ott Thomas Lutze Dr. Wolfgang Strengmann-
Jimmy Schulz Brigitte Pothmer Ulrich Maurer Kuhn

Nun erteile ich dem Kollegen Rolf Mützenich für die bei dem es weiteren Handlungsbedarf gibt. Wir müssen
SPD-Fraktion das Wort. offen darüber diskutieren. Das darf nicht in einer Nische
des Ungefähren bleiben. Ich glaube insbesondere, dass
(Beifall bei der SPD)
weitergehende Informationen dringend notwendig sind.
Dr. Rolf Mützenich (SPD): Wir haben mittlerweile – das hat der Kollege
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kiesewetter hier beschrieben – einen Trend in der Si-
Kollegen! Ich glaube, es besteht im Deutschen Bundes- cherheitspolitik, der zunehmend neue Facetten beinhal-
tag – ich hoffe, auch bei der Bundesregierung – Einver- tet. Insbesondere treten offensichtlich neue, private
nehmen, dass wir es hier mit einem Thema zu tun haben, Akteure auf, die einer großen Nachfrage von Staaten
17410 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Dr. Rolf Mützenich


(A) – offensichtlich aber auch von privaten Gewaltakteuren – für private Sicherheitsfirmen und Militärdienstleister“. (C)
nachkommen. Ich glaube, wenn wir eine verantwortliche Ich glaube, das ist dringend notwendig, weil wir zu we-
Außen- und Sicherheitspolitik machen wollen, sollten nig darüber wissen, was sich in Deutschland und darüber
wir uns im Deutschen Bundestag schon Gedanken da- hinaus tut. Wir haben über ein „Lizenzierungssystem für
rüber machen, wie wir bei diesem Thema entsprechende militärische Dienstleistungen“ gesprochen, denn das ist
Regelungen einführen können. ein wichtiger Punkt, der in der Debatte, die der Staatsse-
kretär Otto im Hinblick auf die maritime Begleitung an-
Ich will einen zweiten Punkt benennen – auch er gestrebt hat, offensichtlich eine Rolle spielt. Wir wollen
sollte der Bundesregierung Sorge machen –: Diese hier im Deutschen Bundestag jährliche Berichte disku-
Akteure höhlen das staatliche Gewaltmonopol aus. Es tieren. Wir wollen auch eine Offenlegung von entspre-
handelt sich dabei aus meiner Sicht – neben anderen Be- chenden Verträgen der Bundesregierung mit privaten Si-
reichen – um einen Eckpfeiler der europäischen Frie- cherheitsfirmen, die über eine bestimmte Summe
densordnung, der im Grunde genommen dieses Europa hinausgehen, damit der Deutsche Bundestag darüber Be-
so einzigartig gemacht hat. Schlimme Erfahrungen ha- scheid weiß. Wir haben Sie zu all dem in unserem An-
ben zu der Erkenntnis geführt, das staatliche Gewaltmo- trag aufgefordert.
nopol – dies ist auch gelungen – im Innern, aber auch
nach außen hin zu sichern. Das wird möglicherweise Frau Keul, wenn es von Ihnen oder auch von anderen
durch diesen internationalen Trend mehr und mehr aus- Kritik gegeben hätte, dann wären wir immer dazu bereit
gehöhlt. Deswegen ist es, glaube ich, die Aufgabe von gewesen, diesen Antrag zu verändern; stattdessen führen
Politik, sich insbesondere mit diesen Herausforderungen Sie sozusagen auf den letzten Metern neue Anträge in
zu beschäftigen und nicht nebenher zu erwähnen, dass es die Debatte ein.
keine Rolle spiele.
Wir haben ebenso für den internationalen Bereich
Genau das ist, glaube ich, die Frage, welche heute ins- Forderungen aufgestellt. Wir haben gesagt, dass die Ra-
besondere die Bundesregierung umtreiben muss. Die tifizierung der internationalen Konvention dringend not-
Antwort auf die Große Anfrage der Grünen hat doch ge- wendig ist, weil es um ein internationales Handlungsfeld
zeigt, dass zwar einerseits an der einen oder anderen geht, auf dem es internationaler Anstrengungen bedarf.
Stelle gesagt wird, dass es Handlungsbedarf gibt, wir an- Wir wollen aber gleichzeitig eine Konkretisierung der
dererseits im Grunde genommen aber keine Vorschläge Konvention und langfristig eine eigenständige völker-
dazu haben. Wir beteiligen uns nicht an einer Debatte, rechtliche Regelung.
die unbedingt notwendig ist.
Die Umsetzung all dieser Forderungen wäre dringend
Ich bin der festen Überzeugung: Dieser Bereich ist zu notwendig. Sie haben die Punkte in der Antwort auf die
(B) wenig kontrolliert. Wir wissen zu wenig darüber. Weil er Große Anfrage angesprochen. Der Kollege Hoyer möge (D)
global organisiert ist, müssen wir versuchen, nicht nur es mir – bei aller Sympathie und allen guten Wünschen
national zu handeln, sondern global letztlich unsere Vor- für die weitere Arbeit – verzeihen, dass ich ihn damit
schläge in die Debatte einzuführen. konfrontiere: Ich bin schon ein wenig enttäuscht, dass
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ die Bundesregierung auf die Frage, inwiefern sie sich in-
DIE GRÜNEN) ternational daran beteiligt, diesen Verhaltenskodex nicht
nur zu ratifizieren, sondern ihn auch auszuarbeiten, ge-
Deswegen haben wir, die Sozialdemokratinnen und So- antwortet hat – hier zitiere ich aus der Antwort auf die
zialdemokraten, schon vor zehn Monaten einen Antrag Große Anfrage –:
vorgelegt – nachdem es bereits in der letzten Legislatur-
periode einen Antrag dazu gegeben hatte –, in dem wir Die Bundesregierung hat sich nicht aktiv bei der
uns mit diesem Phänomen auseinandergesetzt und auch Ausarbeitung des Verhaltenskodex engagiert, die-
Vorschläge unterbreitet haben. Ich hatte schon ein wenig sen Prozess aber … beobachtet.
die Hoffnung – nachdem wir in den vergangenen Mona- Herr Kollege Hoyer, ich finde, das ist zu wenig.
ten mit Herrn Kiesewetter, aber auch mit anderen Kolle-
ginnen und Kollegen gesprochen hatten; Herr Mißfelder (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
hat in der letzten Woche, als wir über Atalanta sprachen, DIE GRÜNEN)
gerade auf die Bedeutung des staatlichen Gewaltmono-
Bei diesem Phänomen, das nicht nur für Sie von der
pols hingewiesen –, dass wir zu einer gemeinsamen Lö-
Bundesregierung, sondern auch für das Parlament im
sung im deutschen Parlament kommen würden. Das ist
Hinblick auf die internationale Situation eine Herausfor-
nicht gelungen. Ich bedauere das. Auch bin ich letztlich
derung darstellt, hilft es nicht weiter, nur zu beobachten.
sehr enttäuscht darüber.
Wir müssen hier gestalten. Die Bundesregierung hätte
Herr Kiesewetter, wenn ich Ihre Rede richtig verstan- das tun können.
den habe, war sie weniger ein Appell an die Fraktionen
Sie sind jetzt Mitglied im Sicherheitsrat. Sie hätten
auf der linken Seite, sondern offensichtlich mehr an Ih-
die Initiative an sich ziehen können. Sie hätten in Genf
ren Koalitionspartner, zumindest eine gewisse Bewe-
bei der Lösung dieser Fragen eine wichtige Rolle spielen
gung zu unternehmen. Wir unterstützen Sie darin.
können. Leider kam nichts. Das hat auch der Bundes-
Ich will auf den Antrag hinweisen, der zwischen na- außenminister offenbart, als wir ihn gestern im Auswär-
tionalem und internationalem Handlungsbereich unter- tigen Ausschuss gefragt haben: Was passiert denn ei-
scheidet. Wir sprechen von einer „Registrierungspflicht gentlich in diesem Bereich? Er wusste keine Antwort.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17411
Dr. Rolf Mützenich
(A) Ich finde das schwierig; ich finde das schlecht für die In Bezug auf die nationale Ebene möchte ich erwäh- (C)
deutsche Außenpolitik. nen, dass deutsche Unternehmen im Ausland für die
Bundeswehr ausschließlich logistische und technische
Ich hoffe, dass in nächster Zukunft etwas getan wird, Aufgaben übernommen sowie nichtmilitärische Überwa-
nicht nur im Rahmen des Sicherheitsrats, sondern auch chung durchgeführt haben. Auch in Zukunft sind Ein-
im Rahmen der Europäischen Union; auch hier ist ein sätze von privaten und militärischen Sicherheitsunter-
Handlungsfeld gegeben. Die Regelungen sind dringend nehmen nicht vorgesehen. Das Gewaltmonopol soll und
notwendig, weil die Herausforderungen für Deutschland, muss daher beim Staat bleiben; so sieht das übrigens
aber auch für die internationale Gemeinschaft sehr groß auch die Bundesregierung.
sind. Deswegen werden auch wir, Frau Kollegin Keul,
uns nicht entmutigen lassen; wir werden weiterarbeiten. Des Weiteren gibt es keine Kenntnisse darüber, dass
Herr Kiesewetter, ich warte schon mit Spannung darauf, deutsche Sicherheitsunternehmen bislang militärische
wie Sie in dieser Legislaturperiode mit Ihrem Koali- Leistungen im Ausland erbracht haben. Ich weiß nicht,
tionspartner – wenn Sie wollen, auch mit uns; wir wären wo Sie ihre konkreten Beispiele herholen.
dabei – eine gemeinsame Regelung vorlegen wollen. (Paul Schäfer [Köln] [DIE LINKE]: Das wird
Vielen Dank. auch so bleiben!)
– Herr Kollege, das habe ich ja auch gesagt. – Aus die-
(Beifall bei der SPD)
sem Grunde ist die Diskussion zumindest auf nationaler
Ebene derzeit nicht zielführend. Die Regulierung sorgt
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: zum jetzigen Zeitpunkt nur für eines, nämlich für mehr
Das Wort hat nun Bijan Djir-Sarai für die FDP-Frak- Bürokratie. Im schlimmsten Fall könnte durch Zertifizie-
tion. rung und Regulierung sogar ein Anreiz für Unternehmen
geschaffen werden, sich in diesem Bereich erst recht zu
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) engagieren. Das ist mit Sicherheit nicht wünschenswert,
und das will auch niemand in diesem Haus.
Dr. Bijan Djir-Sarai (FDP): (Beifall bei der FDP)
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Her-
ren! Die Debatte um private und militärische Sicher- Lässt man diese beiden großen Punkte weg, bleibt im-
heitsunternehmen ist in den letzten Jahren besonders mer noch die Frage, wie die Arbeit dieser Unternehmen
aufgrund der internationalen Berichterstattung wieder im Ausland überhaupt überprüft werden soll.
ins Rollen gekommen. Das Unternehmen Blackwater (Beifall bei der FDP sowie des Abg. Hartwig
(B) Worldwide dürfte allen Kollegen ein einschlägiger Be- (D)
Fischer [Göttingen] [CDU/CSU])
griff sein. Auch mir sind die fragwürdigen Methoden
dieses Unternehmens unangenehm aufgefallen. Die Das stelle ich mir ebenfalls sehr schwierig vor, wenn es
Schlagzeilen, die der Einsatz dieses Unternehmens ge- nicht sogar unmöglich ist. Auf europäischer Ebene rei-
macht hat, haben zu einer starken Verunsicherung in der chen zum heutigen Zeitpunkt entsprechende Vorschrif-
Bevölkerung sowie bei Regierungen und Parlamenten ten des Sanktionsrechts, des Gewerberechts und des Au-
geführt. Unkontrollierte Handlungen von privaten und ßenwirtschaftsrechts völlig aus, um Gefahren durch
militärischen Sicherheitsunternehmen in jedem Fall zu militärische Sicherheitsunternehmen entgegenzutreten.
verhindern, ist daher das große Thema, das große Ziel. (Beifall bei der FDP sowie des Abg. Johannes
Daher sehe ich es genauso wie Sie, meine Damen und Selle [CDU/CSU])
Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, dass wir bei
diesem Thema gar nicht so weit auseinanderliegen: Nie- Vor einigen Monaten ist ein weiterer Aspekt dieses
mand will, dass die Sicherheit in nicht stabilen Ländern Themas näher diskutiert worden: Wie kann im mariti-
oder Regionen durch solche Tätigkeiten zusätzlich be- men Bereich stärker mit privaten und militärischen Si-
droht wird. Trotzdem kann ich den vorliegenden Anträ- cherheitsunternehmen zusammengearbeitet werden, um
gen an dieser Stelle nicht mehr als eine gute Intention das sehr hartnäckige Problem der Piraterie zu lösen? Die
abgewinnen. Problematisch sind mehrere rechtliche wie Bundesregierung überprüft in diesem Zusammenhang
auch tatsächliche Aspekte. derzeit mögliche Regelungen zur Zertifizierung von Un-
ternehmen, die für Sicherheit auf deutschen Schiffen
Ganz zu Beginn stellt sich die Frage, wie überhaupt sorgen. Das ist ebenfalls eine interessante Diskussion,
private und militärische Sicherheitsunternehmen in Zu- die ein selbstbewusstes Parlament zum gegebenen Zeit-
kunft verbindlich definiert werden. In den meisten Fäl- punkt führen muss.
len ist eine Vielzahl unterschiedlicher Tätigkeitsfelder
betroffen, die sogar im sogenannten Montreux-Doku- Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
ment nicht abschließend aufgeführt werden. Laut Mon- (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
treux-Dokument werden zivile und militärische Aktivi-
täten sogar auf einer Ebene angesiedelt. Es kann nicht Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
sein, dass sogar Unternehmen, die zivile Hilfstätigkeiten
Das Wort hat nun Paul Schäfer für die Fraktion Die
ausführen, unter die Rubrik „privates und militärisches
Linke.
Sicherheitsunternehmen“ fallen, nur weil sie für eine Si-
cherheitsbehörde arbeiten. (Beifall bei der LINKEN)
17412 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

(A) Paul Schäfer (Köln) (DIE LINKE): Zweitens. Deutschen Firmen soll gesetzlich untersagt (C)
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Es fügt werden, Leistungen der Gefechtsunterstützung, der mili-
sich in der Tat gut, dass wir die Debatte über private Si- tärischen Beratung und Informationsbeschaffung und
cherheitsdienstleister im Anschluss an die Debatte über der Gewährleistung militärischer Sicherheit zu erbrin-
das Mandat für die Operation Atalanta diskutieren. Da- gen.
mit ist klargestellt: Wir diskutieren nicht im luftleeren
Das sind konkrete Forderungen. Darauf kommt es an;
Raum, sondern es geht um sehr praktische Dinge. Am
denn noch gibt es keine deutschen Großfirmen – diesbe-
Horn von Afrika wird seit Jahren versucht, das Problem
züglich hat der Kollege Bijan Djir-Sarai recht –, die, wie
der Piraterie mit militärischen Mitteln in den Griff zu be-
Dyncorp, solche Dienstleistungen im Ausland anbieten.
kommen. Ein durchschlagender Erfolg ist das nicht. Jetzt
Noch kann man die Tür also zuhalten, und genau darauf
sollen private Sicherheitsfirmen Abhilfe schaffen, die
kommt es an. Wir wollen die Tür nicht durch Zertifizie-
man als Wach- und Begleitschutz einsetzen will. Das
rung aufstoßen, sondern wir wollen sie zuhalten.
folgt der sattsam bekannten Logik, Gewalt mit Gewalt
zu bekämpfen. Das Problem wird dabei nicht gelöst. (Beifall bei der LINKEN)
Was aber die Gewaltlogik im Fall der Privatisierung Wir wollen auch ein klares Zeichen setzen und die inter-
angeht, haben wir das besondere Problem, zu klären, wie nationale Debatte von Deutschland aus beeinflussen.
die Wahrung rechtlicher Normen, klare Verantwortlich-
keiten sowie die Vermeidung unkontrollierbarer Eskala- Klar, das ist kein temporäres Einzelphänomen mehr
tion möglich sein sollen. Die Befürworter – oder zumin- – das macht das Problem aus –, aber sich jetzt damit ein-
dest jene, die sagen, es geht nicht anders, als das zurichten, das wäre Fatalismus. Da gehen wir nicht mit.
staatliche Gewaltmonopol aufzuweichen – führen ins Ich glaube, die Frage muss anders beantwortet werden:
Feld, man wolle die Privaten klaren Regeln unterwerfen. Ja, wir wollen diese moderne Form des Söldnertums
Aber ja doch: Auf dem Papier dürfte vermutlich stehen, nicht, und ja, wir wollen diese Fehlentwicklung zurück-
welche Waffen eingesetzt werden und welche Vorschrif- drehen.
ten für die Anwendung von Gewalt einzuhalten sind. (Beifall bei der LINKEN)
Solche Papiere, sprich: Verträge, gab es aber auch schon
beim Einsatz von Blackwater im Irak und in Afghanis- Es kann doch schlicht und einfach nicht sein, dass Si-
tan. Wenn es dann Anwürfe, Klagen gibt, dann wird ein cherheit nur unter ökonomischen Kostengesichtspunkten
solches Unternehmen kurzerhand dichtgemacht, es löst gesehen wird. Staaten sind doch keine Diskos, die Tür-
sich in Luft auf, wird umbenannt und neu gegründet. steher anstellen. Staaten sind auch keine Läden, die ihre
Blackwater heißt heute Xe Services. Das verweist doch Einnahmen vom Wachdienst abholen lassen.
(B) darauf, dass es überhaupt keine Garantien geben wird, (D)
(Beifall bei der LINKEN)
dass die rechtlichen Grenzen eingehalten werden und
dass es klare Verantwortlichkeiten gibt. Das spricht ge- Im Irak und in Afghanistan wurden einschlägige Erfah-
gen die Notwendigkeit, solche Gewaltbefugnisse an pri- rungen gemacht, die von der Politik endlich einmal kon-
vate Firmen zu übertragen. Die Gefahr, dass ethische, sequent verarbeitet werden müssen.
moralische und rechtliche Standards bröckeln, ist riesen-
groß. Warum sollte man eine Gefahr lostreten, wenn Ein letzter Satz. Liebe Kolleginnen und Kollegen, es
man sie abwenden kann? wäre ein erster symbolischer Schritt, wenn Deutschland
die Internationale Konvention gegen die Anwerbung,
(Beifall bei der LINKEN) den Einsatz, die Finanzierung und die Ausbildung von
Söldnern ohne Wenn und Aber umgehend ratifizieren
Transparenz ist natürlich sinnvoll. Die öffentliche Re-
würde. Dazu fordern wir Sie heute auf.
gistrierung und Zertifizierung von Sicherheitsunterneh-
men ist nicht von Übel. Wer wollte dem widersprechen? Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Das fordert die SPD in ihrem Antrag. Abgesehen davon
muss man sagen, dass die demokratische Kontrolle in (Beifall bei der LINKEN)
diesem Milieu verdammt schwierig ist. Das zeigt der
Blick auf den Rüstungssektor und die Waffengeschäfte. Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
Das ist bei kommerziell ausgerichteten Söldner- oder Si- Das Wort hat der Kollege Robert Hochbaum für die
cherheitsfirmen noch schwieriger. Sie haben keine Pro- CDU/CSU-Fraktion.
duktionsstandorte, die man kontrollieren könnte, und
überwiegend freie Mitarbeiter mit kleinem Handgepäck. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
Das tödliche Know-how steckt im Kopf. der FDP)

Entscheidend ist Folgendes – das werden wir in unse-


Robert Hochbaum (CDU/CSU):
rem grundsätzlichen Antrag schreiben; darauf kommt es
nämlich an –: Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Wir beraten heute Anträge, die zumindest teilweise in
Erstens. Die Bundeswehr soll keine Aufträge an aus- die richtige Richtung gehen, bei genauerer Betrachtung
ländische Unternehmen wie Xe Services zu militäri- für uns jedoch leider nicht zustimmungsfähig sind.
schen Unterstützungsleistungen vergeben.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
(Beifall bei der LINKEN) der FDP)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17413
Robert Hochbaum
(A) Lassen Sie mich zunächst auf die Anträge der SPD Robert Hochbaum (CDU/CSU): (C)
und der Grünen eingehen. Hier ist unter anderem als Be- Nein, ein anderes Mal.
gründung zu lesen, dass die Reduzierung der Bundes-
wehr zu einer verstärkten Inanspruchnahme privater mi- Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
litärischer Sicherheitsunternehmen führen kann – ich Das ist also nicht der Fall.
betone: kann – und deshalb eine Zertifizierung notwen-
dig ist. Auch lese ich von umfangreichen Berichten, die
gefordert werden. Sie können doch nicht tatsächlich er- Robert Hochbaum (CDU/CSU):
warten, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt ein neues büro- Abschließend lässt sich zu den Anträgen der SPD und
kratisches Monstrum schaffen. Ein solches fordern Sie der Grünen sagen, dass wir in Deutschland bereits an-
ein, wenn Sie es auch nicht wahrhaben wollen. dere Regelungswerke haben, zum Beispiel das EU-
Sanktionsrecht, das Gewerberecht oder das Außenwirt-
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und schaftsrecht, um falschen oder korrupten Entwicklungen
der FDP) entgegenzuwirken. Diese und andere rechtliche Rege-
lungen sollten wir erst einmal auf ihre Wirksamkeit prü-
Natürlich sehen auch wir Handlungsbedarf, jedoch
fen. Erst danach sollten wir überlegen, ob wir neue Re-
nicht so, wie von Ihnen hier im Einzelnen dargestellt.
gelungen brauchen.
(Beifall bei der FDP) Nun noch einige Worte zum Antrag der Linken.
Es kann doch nicht sein, dass Sie, obwohl wir immer für (Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Der ist gut,
einen Abbau der Bürokratie kämpfen, an dieser Stelle oder?)
vehement nach Bürokratie rufen. Wenn wir uns diesem
Thema nähern – das müssen wir in naher Zukunft; das Nicht nur, dass Ihr Antrag – zumindest in der schriftli-
haben wir heute schon gehört –, sollten wir gerade da- chen Form – ein wenig lieblos mit kaum einer Begrün-
rauf besonders achten. dung daherkommt, er zielt eigentlich darauf ab, ein ge-
nerelles Verbot von privaten Sicherheitsfirmen im
Sie begründen Ihren Antrag mit Negativbeispielen Auslandseinsatz zu erwirken.
aus anderen Staaten. Da stellt sich für mich natürlich die
Frage, ob Sie die Unternehmen in Deutschland sozusa- (Beifall bei Abgeordneten der LINKEN – Zu-
gen prophylaktisch mit in Haftung nehmen wollen, ob ruf von der LINKEN: Genau! Das ist richtig
Sie alle erst einmal unter Generalverdacht stellen, um sie so!)
dann einer Prüfung zu unterziehen. Meiner Meinung Das halten wir für wenig sinnvoll.
(B) nach ist das nicht der richtige Weg. Was in anderen Län- Sicherlich ist ein Söldnereinsatz in Krisengebieten (D)
dern schiefgegangen ist, sollte nicht automatisch auf
Deutschland übertragen werden. Wir brauchen eigene abzulehnen,
Lösungen. (Kathrin Vogler [DIE LINKE]: Wo ist denn ein
Ich unterstelle Ihnen, meine Damen und Herren von Söldnereinsatz nicht abzulehnen?)
der SPD und von den Grünen, dass Sie es gut gemeint aber es gibt heute durchaus sinnvolle Sicherheitspartner-
haben. Ich glaube aber nicht, dass Sie der Sache, zumin- schaften mit privaten Dienstleistern, beispielsweise bei
dest in der vorliegenden Form, einen Gefallen getan ha- humanitären Einsätzen oder bei der Ausbildung lokaler
ben. Wie sieht es denn in Wirklichkeit aus? Wenn es tat- Sicherheitskräfte. Es soll sogar zivile Aufbauhelfer ge-
sächlich sogenannte schwarze Schafe bei den privaten ben, die einen Schutz durch solche Sicherheitsfirmen be-
Sicherheitsunternehmen gibt, werden sich diese sicher- vorzugen, um nicht zu eng mit militärischen Kräften zu
lich nicht in Deutschland zertifizieren lassen. Sie agieren operieren. Also, auch private Dienstleister sorgen somit
dann durch Firmenneugründungen oder Zweitniederlas- unter Umständen aktiv für Sicherheit und Frieden.
sungen in anderen, problematischen Staaten. Man findet
in Ihren Anträgen keine Vorschläge, wie man einer sol- Ebenso ist es wenig zielführend, dieses Thema so ver-
chen Problematik Herr werden kann. kürzt zu betrachten, wie Sie es getan haben, und nicht
detailliert auf die mit Sicherheit wichtigen Probleme und
Nur um den Versuch zu unternehmen, dem einen Rie- Ursachen einzugehen. Ich kann dazu nur sagen: Thema
gel vorzuschieben, müsste weltweit überwacht und kon- verfehlt! Wir lehnen auch diesen Antrag ab.
trolliert werden. Ganz zu schweigen davon, dass dies nur
sehr schwer möglich wäre, müsste verhindert werden, (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
dass die Kosten einer solchen gigantischen Aufgabe aus- der FDP)
ufern. Letztendlich müsste wieder einmal der deutsche Sehr geehrte Damen und Herren, mein Blick geht in
Steuerzahler die Zeche zahlen. Dem können und wollen Richtung SPD und Grüne. Ich sagte schon zu Beginn
wir auf gar keinen Fall zustimmen. meiner Rede: Ihre Anträge, denen wir in der vorliegen-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) den Form nicht zustimmen können, weisen zumindest
teilweise in die richtige Richtung. Darum – ich kann hier
natürlich nur für die CDU/CSU sprechen – sind die Türen
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: zu weiteren Verhandlungen von unserer Seite nicht ver-
Möchten Sie die Zwischenfrage der Kollegin Keul schlossen. Die Messlatte liegt jedoch hoch. Sie liegt,
zulassen? wenn es an der Zeit ist, bei einer kostengünstigen, prakti-
17414 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Robert Hochbaum
(A) kablen, nicht überbürokratisierten und rechtlich sicheren einten Nationen 1575 (2004) und Folgeresolu- (C)
Lösung. tionen
Herzlichen Dank. – Drucksachen 17/7577, 17/7997 –
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Berichterstattung:
Abgeordnete Philipp Mißfelder
Dr. Rolf Mützenich
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
Dr. Rainer Stinner
Ich schließe die Aussprache. Sevim Dağdelen
Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf Marieluise Beck (Bremen)
Drucksache 17/7640 an die Ausschüsse vorgeschlagen, – Bericht des Haushaltsausschusses (8. Ausschuss)
die Sie in der Tagesordnung finden. Damit sind Sie ein- gemäß § 96 der Geschäftsordnung
verstanden? – Dann ist das so beschlossen.
– Drucksache 17/7999 –
Wir kommen zur Beschlussempfehlung des Auswärti-
gen Ausschusses zu dem Antrag der Fraktion der SPD Berichterstattung:
mit dem Titel „Nichtstaatliche militärische Sicherheits- Abgeordnete Herbert Frankenhauser
unternehmen registrieren und kontrollieren“. Der Aus- Klaus Brandner
schuss empfiehlt in seiner Beschlussempfehlung auf Dr. h. c. Jürgen Koppelin
Drucksache 17/7998, den Antrag der Fraktion der SPD Michael Leutert
auf Drucksache 17/4198 abzulehnen. Wer stimmt für Sven-Christian Kindler
diese Beschlussempfehlung? – Wer stimmt dagegen? – Über die Beschlussempfehlung werden wir später na-
Enthaltungen? – Was macht die Linke? mentlich abstimmen.
(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Wir haben Hierzu ist verabredet, eine halbe Stunde zu debattie-
zugestimmt! Wir waren die Ersten, die zuge- ren. – Dazu sehe und höre ich keinen Widerspruch. Dann
stimmt haben!) ist das so beschlossen.
– Sorry, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Ich gebe das Wort dem Kollegen Dr. Rainer Stinner
für die FDP-Fraktion.
(Heiterkeit)
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Die Beschlussempfehlung ist damit angenommen bei der CDU/CSU)
(B) Zustimmung durch die Koalitionsfraktionen und die (D)
Linke. Die SPD hat dagegen gestimmt. Bündnis 90/Die
Grünen hat sich enthalten. Dr. Rainer Stinner (FDP):
Frau Präsidentin! Auch nach 16 Jahren Engagement
Beschlussempfehlung des Verteidigungsausschusses in der Region, um die es nun geht, müssen wir feststel-
zu dem Antrag der Fraktion Die Linke mit dem Titel len: Der militärische Einsatz, den wir damals begonnen
„Vorlage eines Gesetzentwurfs zur Ratifizierung der ‚In- hatten, war notwendig. Im Rückblick können wir sagen:
ternationalen Konvention gegen die Anwerbung, den Er war außerordentlich erfolgreich.
Einsatz, die Finanzierung und die Ausbildung von Söld-
nern‘ der Generalversammlung der Vereinten Nationen“. (Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Na ja!)
Der Ausschuss empfiehlt in seiner Beschlussempfehlung Er hat dazu geführt, dass die grausamen Bilder, die wir
auf Drucksache 17/5799, den Antrag der Fraktion Die alle noch in Erinnerung haben, der Vergangenheit ange-
Linke auf Drucksache 17/4663 abzulehnen. Wer stimmt hören, dass die Situation in Bosnien-Herzegowina we-
für diese Beschlussempfehlung? – Wer stimmt dage- sentlich besser geworden ist und wir jetzt von einem
gen? – Enthaltungen? – Die Beschlussempfehlung ist friedlichen Umfeld reden können.
angenommen bei Zustimmung durch die Koalitionsfrak-
tionen; abgelehnt haben die Oppositionsfraktionen. Erinnern wir uns daran: Wir hatten ursprünglich über
50 000 Soldaten in der Region. Jetzt sind es noch einige
Ich rufe jetzt den Tagesordnungspunkt 10 auf: Hundert, vielleicht tausend. Insgesamt sind gegenwärtig
– Beratung der Beschlussempfehlung und des Be- nur noch vier deutsche Soldaten in Bosnien-Herzego-
richts des Auswärtigen Ausschusses (3. Ausschuss) wina stationiert – nur noch vier.
zu dem Antrag der Bundesregierung Aber natürlich ist es auch weiterhin wichtig und rich-
tig, dass wir als Europäer in diesem geschundenen Land
Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deut-
militärische Präsenz aufrechterhalten, und zwar aus
scher Streitkräfte an der EU-geführten Opera-
symbolischen Gründen. Wir wollen deutlich machen,
tion „ALTHEA“ zur weiteren Stabilisierung
dass wir nicht gewillt sind, eine Rückkehr in alte Zeiten
des Friedensprozesses in Bosnien und Herze-
zuzulassen, dass wir nicht gewillt sind, dass wieder Bür-
gowina im Rahmen der Implementierung der
gerkriegssituationen entstehen.
Annexe 1-A und 2 der Dayton-Friedensverein-
barung sowie an dem NATO-Hauptquartier Aus diesem Grunde umfasst das Mandat auch die Er-
Sarajevo und seinen Aufgaben, auf Grundlage mächtigung, dass wir neben den Soldatinnen und Solda-
der Resolution des Sicherheitsrates der Ver- ten vor Ort ein Reservebataillon vorhalten – „over the
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17415
Dr. Rainer Stinner
(A) horizon“, nennt man das –, das bei Bedarf eingeflogen keine Regierung hat. Das ist auch in einem anderen Land (C)
werden kann, um eventuell notwendige Maßnahmen in Europa der Fall. Natürlich ist das auf Dauer nicht
dort durchzuführen. Das ist völlig richtig; das ist wich- wünschenswert. Deshalb: Da das so ist und wir eine an-
tig. Aus diesem Grunde ist auch die Obergrenze des dere Situation nicht erzwingen können – wie sollten wir
Mandats mit 800 Soldaten völlig richtig. Wir erinnern das auch tun? –, müssen wir versuchen, um eine Regie-
uns: Ein Bataillon hat circa 600 Leute, mit Unterstüt- rung herum zu helfen. Das heißt, wir müssen versuchen,
zung circa 700 Leute. Das Mandat ist völlig richtig zuge- an konkreten Projekten zu arbeiten und so Unterstützung
schnitten. zu geben, damit die Lebenswirklichkeit der Menschen
und die wirtschaftliche, die gesellschaftliche und die
Aber natürlich wissen wir alle, dass das nur eine Seite
der Medaille ist. Worauf es auch hier wieder ankommt Rechtssituation in Bosnien-Herzegowina verbessert wer-
– wir können zu diesem Bereich ähnliche Reden halten den, sodass die Leute merken, dass es Fortschritte gibt
wie zuvor –: Es ist uns klar: Das Militär ist nur ein Teil und diese Fortschritte durch unsere Hilfe zustande kom-
der Problemlösung gewesen. Die wesentliche Problem- men. Das betrifft zum Beispiel den Justizdialog und den
lösung muss natürlich auch in Bosnien-Herzegowina auf Aufbau eines Justizwesens. Hier können wir Projekte
der politischen Ebene erfolgen. Hier sehen wir leider bis anstoßen und durchführen, ohne dass wir unbedingt auf
zum heutigen Tag nicht die Erfolge, auf die wir alle ge- eine Regierung – es wäre natürlich besser, wenn es eine
wartet haben und die dringend notwendig sind, um das gäbe – eingehen müssen.
Land zu befrieden, um das Land vor allen Dingen inner- Wir wissen natürlich auch, welche Blockaden es in
lich zu befrieden, um das zu erreichen, was wir ja wol- Bosnien-Herzegowina gibt. Wir sind uns sehr einig
len: im Sinne des europäischen Lebensgefühls gute – auch wir beide, Frau Beck –, wenn ich sage, dass Herr
Nachbarschaft hervorzurufen. Von guter Nachbarschaft Dodik ein Störfaktor erster Ordnung ist und dass mittler-
ist man bedauerlicherweise in Bosnien-Herzegowina
weile auch die Kroaten – Herr Covic – alles andere als
heute nach wie vor meilenweit entfernt. Das bedauern
eine positive Rolle spielen, wenn es darum geht, einen
wir außerordentlich.
gemeinsamen Staat aufzubauen. Wir sagen aber sehr
Aus diesem Grunde ist auch weiterhin internationale deutlich, auch hier und heute: Wir werden nicht erlau-
Unterstützung, internationale Präsenz in diesem Land ben, dass hier Desintegrationstendenzen Platz greifen,
politisch notwendig. sondern wir erwarten, dass Bosnien-Herzegowina ge-
meinsam den Weg nach Europa gehen kann. Andernfalls
Jetzt kommt routinemäßig, liebe Frau Beck – ich kann
wird dieser Weg für dieses Land außerordentlich schwie-
es uns beiden nicht ersparen –, unsere Auseinanderset-
rig sein.
zung über die Rolle des OHR. Ich bin nachhaltig dafür
(B) – die Bundesregierung ist es auch –, dass die Rolle des Es gibt allerdings eine weitere Möglichkeit, mit dieser (D)
OHR überflüssig geworden ist und deshalb abgeschmol- Situation umzugehen. Wenn es nicht möglich ist, dass
zen werden soll. Bosnien-Herzegowina die Reformen, die notwendig
Wir haben mittlerweile einen europäischen SR, einen sind, von sich aus in Angriff nimmt, dann müssen wir
europäischen Special Representative, Herrn Sörensen. dafür sorgen, dass um Bosnien-Herzegowina herum ein
Er hat seine Arbeit gerade aufgenommen, und ich höre, Cordon von Staaten entsteht, die schrittweise näher an
dass er in der Region sehr gut ankommt und sehr gut an- Europa herankommen. Das Thema Montenegro haben
genommen wird, dass er mit dem richtigen Ton, mit der wir diese Woche behandelt. Was Serbien betrifft, gibt es
richtigen Intention in die Region hineingeht. Genau das gegenwärtig Schwierigkeiten. Ich gehe zum jetzigen
muss die Richtung sein: mit europäischen Instrumenten, Zeitpunkt davon aus, dass wir dem Land am 9. Dezem-
mit europäischen Wertehaltungen das Land näher an die ber dieses Jahres in Brüssel nicht den Kandidatenstatus
Europäische Union zu bringen. verleihen können. Wir haben den Serben in ganz einfa-
chen, platten Worten gesagt: Wenn sich nichts ändert,
(Beifall bei der FDP – Marieluise Beck [Bre- ändert sich nichts. – Hier muss an die Serben appelliert
men] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die werden, dass sie weitere Schritte unternehmen. Wenn sie
CDU/CSU klatscht nicht!) keine signifikanten Fortschritte machen, dann müssen
Wir alle wissen aber auch: Mit dem Rahmen, den wir wir sagen: Liebe Leute, wir können euch diesen Status
geben, sowohl durch die Bereitschaft, militärisch noch jetzt noch nicht geben, obwohl wir bereit sind, diesen
präsent zu sein, wenn es denn notwendig ist – zum Weg mit euch gemeinsam zu gehen.
Glück war das ja schon lange nicht mehr der Fall –, als
auch durch die Bereitschaft, politisch flankierend tätig Das gilt auch für andere Länder, zum Beispiel für Ma-
zu sein, können wir nur eine Hilfestellung geben. Die zedonien; auch hier müssen wir etwas tun. Ich glaube,
Botschaft an das Land Bosnien-Herzegowina muss ein diesen Weg sollten wir gehen. Wir müssen das Commit-
weiteres Mal lauten: Die Tür nach Europa steht offen. ment, das wir 2003 gemeinsam gegeben haben, einhalten
Durch die Tür müsst ihr, muss Bosnien-Herzegowina, und deutlich machen: Der westliche Balkan ist Teil Eu-
selber gehen. Dabei können wir euch nur unterstützen. ropas, und er soll Teil einer friedlichen, demokratischen
Aber den Weg müsst ihr selber beschreiten, so schwer er und rechtsstaatlichen Europäischen Union sein. Diesen
auch sein mag. Weg wollen wir gehen und unterstützen.
Wir erleben im Augenblick die Situation, dass Bos- Ein Beitrag dazu ist die Verlängerung des Mandats,
nien-Herzegowina anderthalb Jahre nach der Wahl noch die wir heute beschließen. Meine Fraktion wird der Ver-
17416 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Dr. Rainer Stinner


(A) längerung des Mandats heute ein weiteres Mal zustim- doppelte Verantwortung: sowohl für Bosnien-Herzego- (C)
men. wina als auch für den Kosovo und den Norden des Ko-
sovo. Serbien muss wissen, dass aggressive Rhetorik,
Schönen Dank.
Nationalismus und Revanchismus kein Schlüssel für den
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Beitritt in das Haus Europa sein kann und dass es durch
ein solches revanchistisches Verhalten und das Fördern
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: von Nationalismen keine Eintrittskarte für die Europäi-
Michael Groschek spricht jetzt für die SPD-Fraktion. sche Union erhält. Deshalb kann man an Serbien nur ap-
pellieren, sich zu besinnen, dass es eine Einheit – auch
(Beifall bei der SPD) eine serbische Einheit – nur bei einer europäischen Ein-
heit geben kann. Serbischer Großnationalismus wird
Michael Groschek (SPD): sich in Europa nicht durchsetzen. Deshalb brauchen wir
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und eine andere Perspektive in der serbischen Politik.
Herren! Ja, auch wir werden der Mandatsverlängerung
zustimmen. Ein ehemals sehr großes europäisches Mili- (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
tärengagement wird jetzt im Grunde in eine Ausbil- des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der
dungsmission umgewandelt, bei der das Militär nur noch Abg. Michael Brand [CDU/CSU] und Dr.
der kleinste Teil, der zu mandatierende Teil ist. Rainer Stinner [FDP])

Althea ist ein gutes Beispiel für eine funktionierende Das führt dazu, dass wir über die Wölfe im Schafspelz
zivil-militärische Kooperation und ein gutes Beispiel für reden müssen. Wir haben unter anderem von General
eine funktionierende Kooperation zwischen NATO und Bühler aktuell gehört, dass manches, was als ethnische
EU und zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten der EU. Identität dargestellt wird, im Grunde nur eine Verklei-
Es war nicht selbstverständlich, dies zu prognostizieren; dung für Korruption und Mafia ist.
denken Sie nur an den Beginn der Mission. Aber seit
2004, als durch den Einsatz von 7 000 Militärs aus SFOR (Beifall der Abg. Marieluise Beck [Bremen]
EUFOR wurde, ist dieses Mandat einem Wandel unterzo- [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] – Marieluise
gen worden, der noch im letzten Jahr zu heftigen Aus- Beck [Bremen] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
einandersetzungen zwischen der Kollegin Beck und dem NEN]: Sehr gut! Der Mann weiß, wovon er re-
Kollegen Stinner geführt hat. Vor einem Jahr ging es um det!)
die Frage: Rückzug und Wandel – ist das Flucht aus der Das muss man dann allerdings schon so präzise benen-
Verantwortung? Das war jedenfalls – zugespitzt – die nen, damit deutlich wird, dass vernetzte Sicherheit neben
(B) Formulierung der Kollegin Beck. Der Vorwurf war, die der militärischen Komponente im zivilen Bereich vor al- (D)
Darstellung der Beendigungsperspektive in Bezug auf len Dingen eines gewährleisten muss: eine konsequente
das Mandat sei pure Schönrednerei, weil sie in Deutsch- Strafverfolgung. Das ist die Voraussetzung für ein Si-
land zwar innenpolitisch notwendig, aber angesichts der cherheitsgefühl, auf das die Menschen Anspruch haben.
Sicherheitslage außenpolitisch verantwortungslos sei. Nur wenn es gelingt, nach der militärischen Sicherheit
Ich glaube, wir sind heute einen Schritt weiter. Die mili- auch juristische und polizeiliche Sicherheit zu gewähr-
tärische Sicherheitslage in Bosnien-Herzegowina ist leisten, werden wir Erfolg dabei haben, den Menschen
durchaus als solide zu bezeichnen. Politisch gibt es we- das Gefühl zu geben: Der staatliche Aufbau und die
sentlich größere Probleme. Diese hat die CDU/CSU auch Rechtsstaatlichkeit machen Fortschritte.
auf den Punkt gebracht. In der Sitzung des Verteidigungs-
ausschusses haben die Kolleginnen und Kollegen der Deshalb abschließend: Ja, die deutsche Außenpolitik
CDU/CSU sehr deutlich gemacht, dass militärische Prä- bräuchte einen neuen Schwung. Wenn Sie die Debatten
senz nicht die Ausrede für außenpolitische Orientierungs- von heute Nachmittag Revue passieren lassen, dann er-
und Ratlosigkeit sein darf. kennen Sie, dass in jeder Debatte ein ähnliches Element
vorkam, nämlich die Kritik daran, dass unsere Außen-
Diesen Vorhalt können wir nur teilen. Wir glauben, politik orientierungslos geworden ist und dass sie eben
dass unter anderem auf dem Balkan die Orientierung der nicht die klaren Perspektiven bietet, die nottäten. Das
deutschen Außenpolitik verloren gegangen ist und dass gilt auch im Zusammenhang mit Bosnien-Herzegowina
hier deshalb im Grunde über ein Mandat diskutiert wird, und dem westlichen Balkan.
ohne eine klare Orientierung dafür zu haben, was wir
jenseits dieser Mandatierung wollen und wie wir die Deshalb ermutigen wir Sie von der Union: Machen
Einladung, die 2003 ausgesprochen wurde – im Hause Sie Ihrem Koalitionspartner Dampf, solange das noch
Europas sind noch Zimmer frei –, in die Tat umsetzen notwendig ist. Es werden andere Zeiten kommen,
wollen. Hier würden wir uns eine aktivere deutsche au-
(Georg Schirmbeck [CDU/CSU]: Das kann
ßenpolitische Rolle wünschen. Hier können wir Sie,
aber lange dauern!)
liebe Kolleginnen und Kollegen der CDU/CSU, nur un-
terstützen, sich in der Koalition durchzusetzen. in denen die Außenpolitik nach innen und außen wieder
(Beifall bei der SPD) verlässlich und Berechenbarkeit ein Gütesiegel dieser
Politik wird.
Seit 2003 gilt: Der Westbalkan gehört zu Europa.
Auch Serbien gehört zu Europa, aber Serbien hat eine (Beifall bei der SPD)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17417

(A) Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: sche Engagement nur eine Komponente der größeren (C)
Philipp Mißfelder hat das Wort für die CDU/CSU- politischen Lösung sein soll.
Fraktion.
Die Operation Althea der EUFOR ist die bislang
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- größte militärische Operation der Europäischen Union.
neten der FDP) Der Einsatz ist durch das Völkerrecht legitimiert und
vom Sicherheitsrat mandatiert. Althea ist ein Einsatz mit
Philipp Mißfelder (CDU/CSU): großer Verantwortung. Die größte Kontingentstärke der
Bundeswehr betrug 1 139 Soldaten. 2007 beschlossen
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Kolleginnen
die EU-Verteidigungsminister, die Truppenstärke in vier
und Kollegen! Zunächst einmal möchte ich auf unsere
Stufen von 6 000 Soldaten auf die heutige Gesamtstärke
Verantwortung hinweisen – auch Kollege Stinner hat dies
von 2 000 Mann zu verringern, was zunächst einmal eine
sehr eindringlich getan –, die wir bei dieser Entscheidung
gute Entwicklung ist. Nichtsdestotrotz, gerade auch aus
haben. Vor 16 Jahren ereignete sich das eigentlich für un-
aktuellem Anlass im Zusammenhang mit anderen Man-
möglich Gehaltene mitten in Europa, nämlich dass wir
daten, bleibt diese Region eine große, auch militärische
Krieg und Zerstörung nach so langer Zeit wieder in Eu-
Herausforderung. Deshalb ist dieses Mandat auch wei-
ropa akzeptieren mussten.
terhin notwendig.
(Marieluise Beck [Bremen] [BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN]: Wir mussten es nicht akzep- Ich möchte auch bei dieser nicht einfachen Mission
tieren, wir haben es akzeptiert!) – auch wenn sie nicht vergleichbar ist mit anderen aktu-
ellen Einsätzen der Bundeswehr –, wie es eigentlich
– Wir wollten es nicht akzeptieren. Dies alles hat trotz- immer bei diesen Debatten der Fall sein sollte, den Bun-
dem vor unserer Haustür stattgefunden, und zwar wegen deswehrangehörigen, den Frauen und Männern der deut-
der Unfähigkeit der europäischen Gemeinschaft, dieses schen Bundeswehr, gerade jetzt in der Adventszeit herz-
Problem in Europa zu lösen. lich für ihren großen Einsatz danken, den sie im Rahmen
dieser EUFOR-Mission leisten.
Deshalb muss man natürlich an dieser Stelle sagen,
dass auch nach so langer Zeit dem NATO-Einsatz und all (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und der
denjenigen ein großer Dank gebührt, die überhaupt bereit FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNIS-
gewesen sind, vor allem die Amerikaner, die Verantwor- SES 90/DIE GRÜNEN)
tung, der wir Europäer allein nicht gerecht geworden sind,
zu übernehmen und letztendlich für Frieden und Sicher- Was tun die Männer und Frauen der Bundeswehr, was
heit in Europa zu sorgen. tun wir in Bosnien-Herzegowina im Rahmen von Althea?
(B) Sie sorgen für die Einhaltung des Friedensvertrages von (D)
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- Dayton. Sie stellen sicher, dass sich internationale Orga-
neten der FDP und der Abg. Marieluise Beck nisationen und NGOs in Bosnien frei bewegen können,
[Bremen] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) um ihre Arbeit zu tun, und sie überwachen die Einhal-
Das Problem und damit auch die größte Herausforde- tung des Rüstungskontrollabkommens. All das sind keine
rung für die Zukunft sind natürlich, einen dauerhaften einfachen Aufgaben.
Frieden in Europa zu implementieren. Dazu gehört auch Dies entbindet nicht davon, politisch auch weiterhin
diese Region, selbst wenn die Länder im Westbalkan aktiv zu sein und daran zu arbeiten, dass sich gerade
nicht Teil der Europäischen Union sind. Wir müssen so- auch im zivilen Bereich Strukturen herausbilden können,
wohl politisch als auch wirtschaftlich dort, wo es not- die dauerhaft selbst und eigenständig für eine funktionie-
wendig ist, sehr viel Engagement daransetzen. Wir spre- rende Polizei und für Militärstrukturen sorgen können.
chen in diesem Rahmen auch über ein militärisches Dazu gibt es natürlich nach wie vor große offene Fragen,
Mandat, um durch das militärische Engagement deutlich die wir auch diskutieren müssen. Außerhalb dieses Man-
zu machen, dass wir als Europäische Union ein großes dats geht es natürlich darum, welche Möglichkeiten die
Interesse daran haben, diese Probleme vor unserer Haus- Europäische Union überhaupt hat, dort stabilisierend
tür – nein, eigentlich in Europa – selbst zu lösen. einzugreifen und auf welche Strukturen und Institutio-
Es ist seit 1995 sehr viel Erfreuliches passiert. Slowe- nen man sich überhaupt verlassen kann.
nien ist 2004 Mitglied der EU geworden, Kroatien steht Unser Kompass ist dabei klar: Wir übernehmen Ver-
nach dem aktuellen Fortschrittsbericht vor einer Auf- antwortung für Frieden und Sicherheit in Europa und
nahme. Die Länder des westlichen Balkans, auch Bos- wollen das auch weiterhin tun. Wir arbeiten an einem
nien und Herzegowina, sehen ihre Zukunft eindeutig in stabilen und sicheren Bosnien. Wir wollen vor diesem
Europa. Die EU ist für Bosnien und Herzegowina der Hintergrund zwar diesen militärischen Beitrag so schnell
mit Abstand wichtigste Handelspartner. Diese Länder es geht beenden, aber da er zurzeit noch notwendig ist,
dauerhaft an uns zu binden, ist natürlich ein viel wichti- wird unsere Fraktion heute für eine Verlängerung dieses
gerer Schritt als das militärische Engagement, auf das Einsatzes stimmen.
wir auch nicht den Schwerpunkt legen, selbst wenn wir
hier über ein Mandat der Bundeswehr diskutieren. Es ist
hier schon sehr deutlich geworden – auch durch die Bei- Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
träge der Vertreter der Koalitionsfraktionen –, dass wir Herr Kollege, möchten Sie eine Zwischenfrage der
eine politische Lösung anstreben und dass das militäri- Kollegin Marieluise Beck zulassen?
17418 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

(A) Philipp Mißfelder (CDU/CSU): einseitige Unabhängigkeitserklärung des Kosovo aner- (C)
Nein. Ich bin schon fertig. kennen?
Herzlichen Dank. (Philipp Mißfelder [CDU/CSU]: Das haben
Sie immer noch nicht verstanden!)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Es ist auch beschämend, dass die Bundesregierung
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: nichts, aber auch gar nichts für den sozialen Zusammen-
Es wäre jetzt eine Kurzintervention möglich. halt von Bosnien-Herzegowina getan hat. Statt beispiels-
weise einen öffentlichen Dienst in Bosnien zu fördern,
(Christian Lange [Backnang] [SPD]: Sie hat der diesen Namen auch verdient, wurde eine Privatisie-
doch gleich noch das Wort!) rungspolitik gefördert, von der vor allem die nationalisti-
schen Kräfte aller Seiten profitiert haben. Die Linke
Marieluise Beck (Bremen) (BÜNDNIS 90/DIE steht gegen diese Förderung des Nationalismus. Es ist
GRÜNEN): ein Skandal, dass von den Milliarden an Hilfsgeldern für
Nein, keine Kurzintervention. Bosnien so wenig bei der Bevölkerung ankommt.
(Beifall bei der LINKEN)
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
Sie beschwören in Bosnien geradezu das völkerrecht-
Dann gebe ich der Kollegin Annette Groth für die
liche Prinzip der territorialen Integrität, welches Sie zu-
Fraktion Die Linke das Wort.
gleich im Kosovo mit Füßen treten. Sie warnen vor Se-
(Beifall bei der LINKEN) paratisten und ethnischen Einzelinteressen in Bosnien
und lassen keine Gelegenheit aus, um sich über die UN-
Annette Groth (DIE LINKE): Resolution 1244 oder die souveränen Grenzen Serbiens
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kol- hinwegzusetzen, notfalls auch durch Gewaltanwendung
legen! Wieder einmal soll der Einsatz deutscher Streit- der KFOR oder durch tatkräftige Unterstützung der Poli-
kräfte in Bosnien verlängert werden. 6,8 Millionen Euro zisten von EULEX.
sollen im nächsten Jahr für diesen sinnlosen Einsatz aus- Die Linke steht dagegen für die Verteidigung des Völ-
gegeben werden. Während andere europäische Staaten kerrechts.
ihre Truppen abziehen, will die Bundesregierung ein
Mandat für den Einsatz von 800 Soldaten. (Beifall bei der LINKEN – Lachen bei Abge-
ordneten der CDU/CSU und der FDP – Philipp
(B) Dieser Militäreinsatz ist nicht nur sicherheitspolitisch Mißfelder [CDU/CSU]: Da müssen Sie selber (D)
fragwürdig. Viele unabhängige Beobachter meinen so- lachen!)
gar, er blockiere geradezu jeglichen politischen Fort-
schritt. Die Linke kämpft gegen Ihre Politik der doppelten Stan-
dards,
(Dr. Rainer Stinner [FDP]: Wer sagt das?)
(Philipp Mißfelder [CDU/CSU]: Doppelte
Nehmen Sie sich ein Beispiel an anderen europäischen Standards machen Sie sonst nur gegenüber Is-
Staaten! Ziehen Sie endlich die deutschen Truppen vom rael!)
Balkan ab!
die schon so viel Unheil angerichtet hat. Die Linke ist
(Beifall bei der LINKEN) auch gegen eine Politik der militärischen Lösungen und
Die Linke steht im Gegensatz zu allen anderen Fraktio- der Militärprotektorate. Deshalb lehnen wir diesen Bun-
nen für die Beendigung dieses Einsatzes. deswehreinsatz ab.

(Beifall bei der LINKEN) (Beifall bei der LINKEN – Michael Brand
[CDU/CSU]: Wissen Sie eigentlich, wie viele
Die Lage in Bosnien-Herzegowina ist katastrophal. Soldaten die Bundeswehr dorthin entsendet?)
Daran haben auch die deutschen Truppen nichts geän-
dert. Es ist verheerend, welche Signale die deutsche Während Sie gegenüber Serbien die Anerkennung der
Balkanpolitik aussendet. Ihre völkerrechtswidrige Aner- einseitigen Unabhängigkeitserklärung des Kosovo zur
kennung der einseitigen Unabhängigkeitserklärung des Bedingung für einen EU-Beitritt machen, hofieren Sie
Kosovo fällt in Bosnien auf fruchtbaren Boden. Mit die- mutmaßliche Kriegsverbrecher, wie diese Woche im
ser Anerkennung haben Sie kroatischen, serbischen und Bundestag den Chef einer kosovarischen Todesschwa-
bosniakischen Nationalisten in Bosnien geradezu in die dron, Xhavit Haliti.
Hände gespielt. Die Linke dagegen steht gegen diese (Patrick Kurth [Kyffhäuser] [FDP]: Wer war
völkerrechtswidrige Anerkennungspolitik. denn eigentlich damals bei Milosevic?)
(Beifall bei der LINKEN) Was wollen Sie den Menschen auf dem Balkan damit si-
Diese Politik schürt immer nur neue Konflikte. Mit gnalisieren?
welchem Recht wollen Sie dem Anspruch der bosni- Ich komme zum Schluss.
schen Serben oder der serbischen Kosovaren auf einen
eigenen Staat entgegentreten, wenn Sie gleichzeitig die (Peter Beyer [CDU/CSU]: Gott sei Dank!)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17419
Annette Groth
(A) Die deutsche Balkanpolitik nach dem Prinzip „Teile und Führer der nationalistischen Parteien bzw. diejenigen, (C)
herrsche!“ ist an Heuchelei nicht zu überbieten. Die die nur davon leben, zu reklamieren, dass ihre Ethnie aus
Linke will, dass deutsche Außenpolitik endlich wieder Angst vor der anderen Ethnie Schutz durch eine eigene
Friedenspolitik wird. Setzen Sie dafür ein Zeichen! Zie- Entität und durch eigene Staatsstrukturen brauche. Diese
hen Sie die Bundeswehr aus Bosnien ab! Beenden Sie könnten deshalb niemals akzeptieren, dass es gemein-
Ihre Politik der doppelten Standards! same gesamtstaatliche Strukturen geben könnte. Denn
das würde bedeuten, dass ihre Ethnie wieder untergebut-
Danke. tert würde und nicht mehr zum Zuge käme.
(Beifall bei der LINKEN)
Wir sind gerade in Cadenabbia mit Vertretern dieser
Parteien zusammengetroffen. Mich beschleicht zuneh-
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: mend das Gefühl, dass wir aufhören müssen, immer wie-
Marieluise Beck hat jetzt das Wort für Bündnis 90/ der denen eine Bühne zu geben, die von genau diesem
Die Grünen. Narrativ leben. Die Macht dieser selbsternannten ethni-
schen Führer liegt darin, dass sie Nationalismus propa-
Marieluise Beck (Bremen) (BÜNDNIS 90/DIE gieren und damit darüber hinweggehen, dass es in Bos-
GRÜNEN): nien viele Menschen gibt, die sich nicht ethnisch
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! zuordnen wollen und dies auch nicht können, weil sie
Bitte gestatten Sie mir, eine Minute über ein anderes gar keiner Ethnie angehören. Ich glaube, wir wären gut
Land zu sprechen, bevor wir zu Bosnien kommen, näm- beraten, endlich den Kräften unsere Aufmerksamkeit zu
lich über Belarus. Gestern sind in Minsk gegenüber schenken, die sich aus dem Würgegriff des Nationalis-
Dmitrij Konowalow und Wladislaw Kowaljow Todesur- mus befreien wollen, und ihnen zu sagen, dass Europa
teile ergangen, von denen wir nicht wissen, ob sie nicht keine weiteren Grenzen bedeutet, sondern dass es Viel-
vielleicht schon heute vollstreckt worden sind – zwei To- falt in demokratischen Staaten mit Gleichheit aller Bür-
desurteile nach völlig zweifelhaften Prozessen nach ei- gerinnen und Bürger statt ethnischer Zuordnung, verbun-
nem ominösen Anschlag in der U-Bahn im vergangenen den sogar mit dem Recht, sich gar keiner Ethnie oder
Frühjahr, von dem niemand weiß, ob die Spuren nicht Religion zuzuordnen, und natürlich auch die Überwin-
eher zum KGB und in den Präsidentenpalast führen als dung nationaler Grenzen bedeutet.
zu diesen beiden Männern. Es gibt niemanden, der ir-
gendeine Verbindung zu diesen beiden jungen Männern (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
hat, die nach zwölf Stunden gestanden haben sollen. sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der
SPD und der FDP)
(B) Ich möchte zunächst meinem Entsetzen über dieses (D)
Urteil Ausdruck verleihen, gegen das keine Revision zu- Ich habe gestern Vertreter der Initiative K 143 getrof-
gelassen wurde, und außerdem von dieser Stelle für den fen. Sie heißt K 143, weil sie aus NGOs besteht, die für
Deutschen Bundestag Präsident Lukaschenko dringlich die 143 bosnischen Kommunen stehen. Ihre Mitglieder in-
auffordern, von den Hinrichtungen abzusehen. teressieren sich nicht mehr für diese Debatte der ethni-
schen Führer; vielmehr fordern sie den Aufbau kommuna-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, ler Strukturen und von Institutionen, die Entscheidungen
bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP so- fällen, wirtschaftliche Entwicklung und den Wiederauf-
wie bei Abgeordneten der LINKEN) bau der Landwirtschaft und Ausbildungsmöglichkeiten
Nun zu Bosnien: Wir sprechen heute über ein Man- und Perspektiven für ihre Jugend. Sie wollen also eine
dat. Auch die Grünen werden der Verlängerung dieses gesamtstaatliche Funktionalität und keinen ethnischen
Mandates, das immer mehr auch eine symbolische Funk- Nationalismus, verbunden mit dem Zwang, sich zu defi-
tion bekommt, zustimmen. Ich möchte aber auch auf die nieren. Das ist die Zukunft Bosniens. Auf diese jungen
Stimmen aus Bosnien selber hinweisen, die uns davor Leute sollte die Europäische Union ihr Augenmerk rich-
warnen, dass wir zugunsten der innenpolitischen Bot- ten und nicht auf die nationalistischen Führer.
schaft, dass wir ein Mandat zu Ende bringen können, da- (Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/
rüber hinwegsehen, dass die Situation krisenhafter ist, DIE GRÜNEN)
als wir es manchmal wahrhaben wollen. Das ist in etwa
das, was ich schon vor einem Jahr gesagt habe. Der Ko- Jetzt noch ein Wort zum OHR, weil alle auf diesen
sovo zeigt uns, wie schnell in einer Situation, die wir für Dauerbrenner, die entsprechende Debatte zwischen
einigermaßen beruhigt halten, der Konflikt wieder auf- Herrn Stinner und mir, warten. Es ist richtig, dass die
brechen kann. Insofern ist das Vorhalten einer gewissen Performance des OHR nicht immer überzeugend ist.
Zahl militärischer Kräfte durchaus sinnvoll. Aber es sollte uns doch stutzig machen, dass es gerade
die Separatisten, Präsident Dodik und Herr Mitrovic,
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/
sind, die die Auflösung des OHR fordern, und nicht die
DIE GRÜNEN)
jungen Leute von der Initiative K 143. Genau das sollte
Wichtiger aber ist es, über die Politik in dem Land uns wirklich stutzig machen. Was haben wir denn noch
und über das zu sprechen, was notwendig ist. Wir hören in der Hand, wenn der OHR nicht mehr existiert, wenn
ständig, es gehe um vermeintliche Konflikte zwischen wir – wie es die deutsche Diplomatie anstrebt – ihn
drei Ethnien. Das erzählen uns vor allem immer wieder „weghauen“ und wir dann nichts mehr über die „Bonn
diejenigen, die von genau diesem Narrativ leben: die Powers“ durchsetzen können?
17420 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

(A) Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: auch 16 Jahre nach Kriegsende, leider immer noch nicht. (C)
Frau Kollegin. Innere Zerrissenheit und ethnische Spannungen gehören
nach wie vor nicht der Vergangenheit an. Bis heute
Marieluise Beck (Bremen) (BÜNDNIS 90/DIE konnten über 100 000 Flüchtlinge nicht in ihre Heimat-
GRÜNEN): orte zurückkehren. Die Kriegszeit, die ethnischen Säube-
rungen – ein unschönes Wort –, die Not in den Flücht-
Was wollen wir tun, wenn zum Beispiel Herr Dodik,
lingslagern – all das ist immer noch sehr präsent.
wie angekündigt, ein Referendum durchführt?
(Beifall des Abg. Michael Brand [CDU/CSU]) Das gesellschaftliche Gefüge in Bosnien-Herzego-
wina ist noch heute zuweilen sehr schwierig. Das zeigt
Ich warne vor dieser risikoreichen Strategie. Lassen Sie exemplarisch der bisher gescheiterte Versuch der Akade-
uns nicht etwas „weghauen“, bevor wir eine gute und mie der Wissenschaften und Künste in Sarajevo, ein
überzeugende Alternative haben. An dem Punkt sind wir viersprachiges Lehrbuchprojekt voranzubringen, an dem
noch nicht. 20 Autoren aus drei verschiedenen Ländern mitarbeiten.
Schönen Dank. Ziel dieses Vorhabens ist es, die wunden Punkte der
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zuvor unter einem Dach lebenden Völker durch Dialog
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der zu überwinden. Bisher haben die Bildungsministerien
SPD und der FDP) der Nachfolgestaaten Jugoslawiens Schulbücher immer
nur dann genehmigt, wenn sie ihre eigene völkische
Identität bestätigten. Objektive Geschichtsforscher ha-
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: ben es daher nach wie vor schwer, gegen die verbreitete
Jetzt hat der Kollege Peter Beyer für die CDU/CSU- Erhöhung der eigenen Nationalität anzukämpfen.
Fraktion das Wort.
Noch wird Althea also in Bosnien-Herzegowina ge-
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- braucht. Auch wenn die Kontingente sehr viel kleiner
neten der FDP) werden: Die Mission behält eine erhebliche symbolische
Bedeutung für die Bürgerinnen und Bürger des Landes.
Peter Beyer (CDU/CSU): Sie manifestiert das Interesse der Staatengemeinschaft,
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und die Präsenz zeigt und sich engagiert.
Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Trotz oder
Meine Damen und Herren, die Frauen und Männer
auch gerade wegen der Routine, die bei der alljährlichen
der Bundeswehr erledigen ihre wichtigen Aufgaben sehr
Debatte über die Verlängerung des Althea-Mandats ein-
gut. Gerade die Bundeswehrangehörigen genießen im
(B) gekehrt ist, bleibt es geboten und unsere Aufgabe, die Land – das hört man in den Gesprächen immer wieder – (D)
Notwendigkeit der weiteren Beteiligung an diesem Ein-
einen hervorragenden Ruf. Darauf können und dürfen
satz immer wieder aufs Neue zu hinterfragen und auch sie stolz sein, und ihnen gebührt unser aller Dank.
neu zu begründen. Denn unser Ziel muss es sein, dass
die Operation Althea keine Dauereinrichtung wird. Es (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der
sollte absehbar das Jahr kommen, in dem eine weitere FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ-
Mandatsverlängerung entbehrlich wird und wir uns eine NEN)
Debatte, wie wir sie heute führen, ersparen können.
Wie geht es nun weiter in Bosnien-Herzegowina?
Staatssekretär Kossendey hat an dieser Stelle vor drei Welchen Weg wird das 4,5-Millionen-Einwohner-Land
Wochen den sicherheitspolitischen Rahmen für diesen auf dem westlichen Balkan nehmen? Das liegt – wie
Einsatz ausführlich skizziert und begründet. Das möchte könnte es anders sein? – zuvörderst in den Kräften vor
ich hier jetzt nicht wiederholen. Ich erlaube mir einer- Ort. Nur sie selbst können wirkliche und nachhaltige
seits, das bisher Erreichte kurz zu bilanzieren, und ande- Fortschritte erzielen. Wir können sie dabei begleiten.
rerseits, auch einen Blick nach vorn zu werfen. Zukunftsfest müssen sie das Land selbst machen. Die
Welche Situation treffen wir heute also in Bosnien politischen Eliten sind dabei gefordert, eine gemeinsame
und in Herzegowina an? Was hat die Operation Althea Haltung zu entwickeln; denn bisher endet die politische
Blockade immer erst dann, wenn das Büro des Hohen
erreicht? Kurz: Wo stehen wir?
Repräsentanten eine Entscheidung auferlegt. Diese Pra-
Um einen sogenannten Frozen Conflict handelt es xis stellt keine tragfähige Strategie da. Im Gegenteil: Die
sich bei dem Konflikt in Bosnien-Herzegowina glückli- politischen Akteure sehen es nur zu gern, wenn ihnen
cherweise nicht. Denn die militärische Karte ist für keine der Hohe Repräsentant die unpopuläre Kompromiss-
der im Land Einfluss ausübenden Gruppen eine Option. suche abnimmt.
Das ist zu einem erheblichen Anteil ein Erfolg der EU,
die sich nachhaltig engagiert und um Krisenbewälti- Aus unserer Sicht ist und bleibt es daher wünschens-
gung, Stabilitätstransfer und Konfliktbewältigung ge- wert, dass am Ende des Prozesses die Mitgliedschaft
kümmert hat. Dennoch ist die Lage im Land kompliziert, Bosnien-Herzegowinas in der Europäischen Union steht.
politisch instabil und auch festgefahren. In der Aus- Man kann allerdings zuweilen Zweifel daran haben, ob
einandersetzung zwischen den Gruppen und Lagern do- die maßgeblichen politischen Kräfte des Landes noch
ernsthaft hinter dem Projekt EU-Beitrittsperspektive ste-
miniert kraftvolle Rhetorik.
hen. Dass der Beitritt allerdings baldmöglichst erfolgen
Der Frieden selbst kann in Bosnien-Herzegowina nur sollte, sehen wir so nicht. Bosnien-Herzegowina muss
von innen heraus wachsen. So weit ist das Land heute, die Effizienz seiner Strukturen und der bisher komple-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17421
Peter Beyer
(A) xen Entscheidungsverfahren erheblich verbessern. Denn anderswo zu tun. Es wäre sehr nett, wenn die Kollegen (C)
am Ende des Tages gelten für Bosnien-Herzegowina wie dort hinten neben der Regierungsbank es ermöglichten,
übrigens für alle anderen EU-Beitrittsaspiranten die glei- dass hier weitgehend nebengeräuschfrei debattiert wer-
chen Kriterien: Kein Beitrittsland darf zeitlich bevorzugt den kann.
werden. Einen EU-Beitritt gibt es nur bei strikter und voll-
ständiger Erfüllung sämtlicher Kriterien. – Das ist die Vo- (Michael Groschek [SPD]: Sie knobeln gerade
raussetzung. Es gilt der Leitsatz: Wer beitritt, muss bei- den Außenministerposten aus!)
tragen. Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat für die
Herzlichen Dank. SPD-Fraktion die Kollegin Daniela Kolbe.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- (Beifall bei der SPD)
neten der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN) Daniela Kolbe (Leipzig) (SPD):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kollegin-
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: nen und Kollegen! Es ist eine spannende Debatte. Es
Ich schließe die Aussprache. geht um politische Bildung. Man kann auf jeden Fall et-
Wir kommen zur Abstimmung über die Beschlussemp- was lernen und wird nicht dümmer.
fehlung des Auswärtigen Ausschusses zu dem Antrag der Am Freitag, dem 11. November, hat die letzte Kurato-
Bundesregierung zur Fortsetzung der Beteiligung bewaff- riumssitzung der Bundeszentrale für politische Bildung
neter deutscher Streitkräfte an der EU-geführten Opera- stattgefunden, sehr früh am Morgen in der Dependance
tion Althea. Der Ausschuss empfiehlt in seiner Beschluss- der Bundeszentrale in Berlin. Wir haben uns über Web-
empfehlung auf Drucksache 17/7997, den Antrag der
2.0-Angebote und über die Angebote unterhalten, die die
Bundesregierung auf Drucksache 17/7577 anzunehmen.
Bundeszentrale für politikferne Schichten anbietet. Die
Wir stimmen nun über die Beschlussempfehlung na-
lebendige Debatte hat gezeigt: Eigentlich wünschen wir
mentlich ab. Ich bitte die Schriftführerinnen und Schrift-
führer, die vorgesehenen Plätze einzunehmen. uns mehr solcher Angebote und nicht weniger.

Sind alle Plätze an den Urnen besetzt? – Das ist der (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
Fall. Dann eröffne ich die Abstimmung. DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
LINKEN)
Ist noch ein Mitglied des Hauses anwesend, das noch
keine Möglichkeit hatte, seine Stimmkarte abzugeben? – Wir haben auch über die Haushaltsdebatte gespro-
chen. Die Bereinigungssitzung war gerade vorbei, und
(B) Das ist nicht der Fall. Nachdem nun auch die letzte Urne fraktionsübergreifend mussten wir alle die schmerzhafte (D)
gefüllt ist, schließe ich die Abstimmung. Ich bitte die
Schriftführerinnen und Schriftführer, mit der Auszäh- Erfahrung machen, dass sich trotz des einstimmigen Ap-
lung zu beginnen. Das Ergebnis wird Ihnen später be- pells des Kuratoriums die Koalitionsfraktionen nicht er-
kannt gegeben.1) weichen ließen und dramatische Kürzungen beschlossen
haben. An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich
Ich rufe jetzt den Tagesordnungspunkt 11 auf: bei allen Kuratoriumsmitgliedern bedanken. Ich emp-
Beratung des Antrags der Abgeordneten Daniela finde die fraktionsübergreifende Zusammenarbeit als
Kolbe (Leipzig), Gabriele Fograscher, Dr. Hans- sehr gut, sehr tiefgründig und auf wirklich hohem Ni-
Peter Bartels, weiterer Abgeordneter und der veau. Vielen Dank dafür.
Fraktion der SPD (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
Rechtsextremismus vorbeugen – Unsere De- DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
mokratie braucht gute politische Bildung und CDU/CSU und der FDP)
eine starke Bundeszentrale für politische Bil- Im Laufe des 11. November geschieht dann Unglaub-
dung liches. Es wird bekannt, dass in einer angezündeten
– Drucksache 17/7943 – Wohnung in Zwickau eine Waffe gefunden wird, eine
Überweisungsvorschlag: Ceska. Es wird bekannt, dass diese Waffe die Waffe war,
Innenausschuss (f) mit der neun Morde an ausländischen Kleinunterneh-
Ausschuss für Bildung, Forschung und mern begangen wurden. Die Erkenntnis, dass 13 Jahre
Technikfolgenabschätzung lang eine rechtsterroristische Zelle unentdeckt durch
Hierzu ist verabredet, eine halbe Stunde zu debattie- Deutschland ziehen und Menschen erschießen konnte,
ren. trifft uns alle wie ein Schlag. Zehn Tote gehen auf das
Konto dieser Rechtsterroristen. Ich persönlich war an
(Unruhe) diesem Wochenende wie in Schockstarre, aber allmäh-
– Damit das möglich wird, bitte ich all jene, die sich lich ist bei mir die Erwartung gewachsen: Jetzt werden
noch mehr für andere Dinge interessieren, den Plenar- die Fraktionen doch erkennen, dass sie die Mittel für die
saal zu verlassen, all jene, die zuhören wollen, sich zu Bundeszentrale nicht in dieser Weise kürzen können.
setzen, und all jene, die miteinander reden wollen, dies (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
1) Ergebnis Seite 17423 C LINKEN)
17422 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Daniela Kolbe (Leipzig)


(A) Immerhin gab es neue Erkenntnisse, und es ist etwas weiter mitfinanzieren angesichts der vorgenommenen (C)
eingetreten, was niemand so erwartet hatte. An anderer Kürzungen?
Stelle hat das – ich nenne hier Fukushima – doch auch zu
Auch die mehr als 430 geförderten Träger der politi-
einer Änderung Ihrer Position geführt. Ich hätte mir ge-
schen Bildung beschäftigen sich mit dem Thema Rechts-
wünscht, dass in der zweiten und dritten Lesung des
extremismus. Hierzu zählen nicht nur die, die Sie als die
Haushaltes auch bei Ihnen eine solche Änderung der
üblichen bezeichnen würden. Ein Beispiel: Die politi-
Haltung eingetreten wäre.
sche Bildungsstädte Helmstedt – das ist ein Träger, der
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des Ihnen sehr nahe stehen dürfte – hat dieses Jahr das Semi-
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) nar „Rechtsextremismus – Gefahr für Gegenwart und
Zukunft?“ veranstaltet, und zwar in Kooperation mit
Wir hätten Ihnen Applaus gespendet für diesen Erkennt- dem Reservistenverband, Kreisgruppe Harz. Das heißt,
nisgewinn. Da können Sie sicher sein. das Thema wird breit diskutiert. Es wird breit von der
Die Bundeszentrale ist die Instanz, die sich massiv Bundeszentrale gefördert.
und nachhaltig für eine lebendige Demokratie und für ei- Der Umfang solcher Aktivitäten ist durch die massi-
nen lebendigen demokratischen Diskurs in unserem ven Kürzungen, die Sie vornehmen, infrage gestellt. Im
Land einsetzt. Wer wollte in diesen Tagen bestreiten, nächsten Jahr sind es insgesamt 3,5 Millionen Euro we-
dass wir einen solchen Diskurs und eine solche leben- niger. Damit stehen fast 13 Prozent weniger bei der Zen-
dige Demokratie dringend brauchen? Sie setzt sich ex- trale selbst für Bücher, Veranstaltungen und dergleichen
plizit gegen Rassismus und Rechtsextremismus ein bzw. und fast 20 Prozent weniger bei der Trägerförderung zur
arbeitet diese Themen auf, und zwar in beiden Säulen. Verfügung.
Es gibt ja das Haupthaus, die Zentrale, und es gibt die
Trägerförderung. Ich kann nur an Sie appellieren: Nehmen Sie diese
Kürzungen zurück!
Ich habe Ihnen ein Beispiel mitgebracht, das auf mei-
nem Schreibtisch lag, als ich an meiner Rede gearbeitet (Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
habe. Es ist ein Abreißblock der Bundeszentrale zum BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Thema Vorurteile; er ist für Lehrer gemacht. Man kann Die Kürzungen waren schon vor Bekanntwerden des
ihn super verwenden. Rechtsterrorismus komplett unverständlich und kontra-
(Monika Lazar [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- produktiv. Jetzt kann man sie nur noch als brandgefähr-
NEN]: Sehr richtig! – Kai Gehring [BÜND- lich und peinlich für Sie bezeichnen.
NIS 90/DIE GRÜNEN]: Aktueller geht es (Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
(B) nicht!) (D)
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Schauen Sie ins Internet. Dort gibt es eine wunder- Gestern in der Fragestunde klang dann durch: Das ist
bare Seite zum Thema Rechtsextremismus von der Bun- doch nicht so schlimm; dann muss die Bundeszentrale
deszentrale. eben umschichten; dann wird eben bei anderen Stellen
gekürzt als beim Rechtsextremismus. – Ich finde das,
(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Für CDU-Kollegen sehr geeignet!) ehrlich gesagt, ziemlich naiv. Die Bundeszentrale hat na-
türlich noch ganz andere Aufgaben als nur die Rechts-
Dort publizieren, auch wenn es Sie im Moment nicht in- extremismusprävention. Sie soll die Euro-Krise erklären.
teressiert, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen von Sie soll die Finanzkrise verständlich machen. Sie soll de-
der Union, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, mokratischen Diskurs initiieren. Wo soll sie denn sparen
die Ihnen nahestehen. Das können Sie dort nachlesen. angesichts der Kürzungen, die schon in den letzten Jah-
ren vorgenommen wurden? Soll sie weniger im Internet
Die Bundeszentrale hat auch infrastrukturell sehr präsent sein? Soll sie weniger Bücher oder „Schwarze
wichtige Projekte auf den Weg gebracht, nicht nur den Hefte“, die viele von Ihnen vielleicht noch aus dem Stu-
Wahl-O-Mat. dium kennen, auflegen? Soll sie sich weniger um die bil-
Ich nenne das Beispiel „Schule ohne Rassismus“. Das dungsfernen Schichten kümmern oder weniger Projekte
ist ein ganz spannendes für Menschen mit Migrationshintergrund entwickeln?
Soll es weniger Veranstaltungen zu aktuellen Themen
(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: geben? Soll sie vielleicht nicht ganz so professionell
Und wichtiges!) oder nicht ganz so unabhängig sein, wie sie es bisher
Projekt. Es wurde von der Bundeszentrale entwickelt war? Wo soll die Bundeszentrale bei der Trägerbezu-
und wird glücklicherweise auch im Jahr 2012 noch schussung sparen? Das wären gravierende Einschnitte.
finanziert, und zwar – das war eine sehr kurzfristige Ent- Soll sie bei Schülerseminaren in der Gedenkstätte Ho-
scheidung – aus Restgeldern des Bündnisses für Demo- henschönhausen oder bei Seminaren zur Integration und
kratie und Toleranz. zur demokratischen Teilhabe sparen? Glauben Sie mir:
Diese Kürzungen werden zu ganz schmerzhaften Ein-
Mitfinanziert wird auch jugendschutz.net. Dort gibt schnitten führen, die wir alle – auch Sie – spüren wer-
es ein Monitoring von Rechtsextremismus in unserem den. Tolle Träger der politischen Bildung werden von
Land. Das kommt auch den Ermittlungsbehörden zu- der Landkarte verschwinden – auch solche, die Ihnen na-
gute. Die Frage ist: Kann das die Bundeszentrale noch hestehen, und auch solche aus Ihren Wahlkreisen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17423
Daniela Kolbe (Leipzig)
(A) Ich kann nur sagen: Wir brauchen derzeit mehr politi- (Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem (C)
sche Bildung und nicht weniger. BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
Bevor wir in der Debatte fortfahren, gebe ich Ihnen
Dazu brauchen wir Ressourcen. Wir brauchen Planungs- das von den Schriftführerinnen und Schriftführern ermit-
sicherheit. Das gilt auch für das Programm „Zusammen- telte Ergebnis der namentlichen Abstimmung be-
halt durch Teilhabe“, das Sie im Kampf gegen Rechts- kannt. Es ging um die Fortsetzung der Beteiligung be-
extremismus in den neuen Ländern bei der Bundes- waffneter deutscher Streitkräfte an der EU-geführten
zentrale angedockt haben. Die Finanzierung hierfür läuft Operation Althea zur weiteren Stabilisierung des Frie-
aus. Auch hier brauchen wir Planungssicherheit. Auch densprozesses in Bosnien und Herzegowina im Rahmen
für die Träger brauchen wir Planungssicherheit, und der Implementierung der Annexe 1-A und 2 der Dayton-
zwar im Hinblick auf Finanzen und neue Richtlinien; die Friedensvereinbarung sowie an dem NATO-Hauptquar-
müssen endlich kommen. Im Haushalt wäre all das dar- tier Sarajevo und seinen Aufgaben, auf Grundlage der
stellbar. Es sind ja auch „nur“ 3,5 Millionen Euro. Das Resolution des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen
Einzige, was dem entgegensteht – das sieht und hört man 1575 (2004) und Folgeresolutionen, Drucksachen 17/
hier auch –, ist das fehlende Problembewusstsein bei ei- 7577 und 17/7997. Abgegeben wurden 535 Stimmen.
nem Großteil der Koalition. Mit Ja haben gestimmt 469 Kolleginnen und Kollegen,
mit Nein haben gestimmt 59, enthalten haben sich 7.

Endgültiges Ergebnis Enak Ferlemann Karl Holmeier Matthias Lietz


Abgegebene Stimmen: 535; Ingrid Fischbach Franz-Josef Holzenkamp Dr. Carsten Linnemann
davon Hartwig Fischer (Göttingen) Joachim Hörster Patricia Lips
Axel E. Fischer (Karlsruhe- Anette Hübinger Dr. Jan-Marco Luczak
ja: 469
Land) Thomas Jarzombek Daniela Ludwig
nein: 59 Dr. Maria Flachsbarth Dieter Jasper Dr. Michael Luther
enthalten: 7 Klaus-Peter Flosbach Dr. Franz Josef Jung Karin Maag
Michael Frieser Andreas Jung (Konstanz) Dr. Thomas de Maizière
Ja Erich G. Fritz Dr. Egon Jüttner Hans-Georg von der Marwitz
(B) Hans-Joachim Fuchtel Bartholomäus Kalb Andreas Mattfeldt (D)
CDU/CSU Ingo Gädechens Hans-Werner Kammer Stephan Mayer (Altötting)
Dr. Thomas Gebhart Alois Karl Dr. Michael Meister
Ilse Aigner Norbert Geis Bernhard Kaster Maria Michalk
Peter Altmaier Alois Gerig Siegfried Kauder (Villingen- Dr. h. c. Hans Michelbach
Peter Aumer Eberhard Gienger Schwenningen) Dr. Mathias Middelberg
Thomas Bareiß Michael Glos Volker Kauder Philipp Mißfelder
Norbert Barthle Josef Göppel Dr. Stefan Kaufmann Dietrich Monstadt
Günter Baumann Peter Götz Roderich Kiesewetter Marlene Mortler
Ernst-Reinhard Beck Dr. Wolfgang Götzer Eckart von Klaeden Dr. Gerd Müller
(Reutlingen) Ute Granold Ewa Klamt Dr. Philipp Murmann
Manfred Behrens (Börde) Reinhard Grindel Volkmar Klein Bernd Neumann (Bremen)
Veronika Bellmann Michael Grosse-Brömer Jürgen Klimke Michaela Noll
Dr. Christoph Bergner Markus Grübel Axel Knoerig Dr. Georg Nüßlein
Peter Beyer Manfred Grund Jens Koeppen Franz Obermeier
Steffen Bilger Monika Grütters Manfred Kolbe Eduard Oswald
Clemens Binninger Olav Gutting Hartmut Koschyk Henning Otte
Peter Bleser Florian Hahn Michael Kretschmer Dr. Michael Paul
Wolfgang Börnsen Dr. Stephan Harbarth Gunther Krichbaum Rita Pawelski
(Bönstrup) Jürgen Hardt Dr. Günter Krings Ulrich Petzold
Wolfgang Bosbach Gerda Hasselfeldt Rüdiger Kruse Dr. Joachim Pfeiffer
Norbert Brackmann Dr. Matthias Heider Bettina Kudla Sibylle Pfeiffer
Klaus Brähmig Helmut Heiderich Dr. Hermann Kues Beatrix Philipp
Michael Brand Mechthild Heil Günter Lach Ronald Pofalla
Dr. Reinhard Brandl Ursula Heinen-Esser Dr. Karl A. Lamers Christoph Poland
Helmut Brandt Frank Heinrich (Heidelberg) Eckhard Pols
Dr. Ralf Brauksiepe Rudolf Henke Andreas G. Lämmel Eckhardt Rehberg
Heike Brehmer Michael Hennrich Dr. Norbert Lammert Lothar Riebsamen
Ralph Brinkhaus Jürgen Herrmann Katharina Landgraf Josef Rief
Cajus Caesar Ansgar Heveling Ulrich Lange Klaus Riegert
Gitta Connemann Ernst Hinsken Dr. Max Lehmer Dr. Heinz Riesenhuber
Thomas Dörflinger Peter Hintze Paul Lehrieder Johannes Röring
Marie-Luise Dött Christian Hirte Dr. Ursula von der Leyen Dr. Norbert Röttgen
Dr. Thomas Feist Robert Hochbaum Ingbert Liebing Dr. Christian Ruck
17424 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt


(A) Erwin Rüddel Sören Bartol Franz Müntefering Helga Daub (C)
Albert Rupprecht (Weiden) Bärbel Bas Dr. Rolf Mützenich Dr. Bijan Djir-Sarai
Anita Schäfer (Saalstadt) Dirk Becker Manfred Nink Patrick Döring
Dr. Andreas Scheuer Gerd Bollmann Thomas Oppermann Rainer Erdel
Karl Schiewerling Klaus Brandner Heinz Paula Jörg van Essen
Norbert Schindler Bernhard Brinkmann Johannes Pflug Ulrike Flach
Tankred Schipanski (Hildesheim) Dr. Wilhelm Priesmeier Otto Fricke
Georg Schirmbeck Edelgard Bulmahn Florian Pronold Dr. Edmund Peter Geisen
Christian Schmidt (Fürth) Marco Bülow Dr. Sascha Raabe Heinz Golombeck
Patrick Schnieder Petra Crone Mechthild Rawert Miriam Gruß
Dr. Andreas Schockenhoff Martin Dörmann Stefan Rebmann Joachim Günther (Plauen)
Nadine Schön (St. Wendel) Elvira Drobinski-Weiß Gerold Reichenbach Dr. Christel Happach-Kasan
Dr. Kristina Schröder Garrelt Duin Dr. Carola Reimann Heinz-Peter Haustein
Dr. Ole Schröder Ingo Egloff Sönke Rix Manuel Höferlin
Bernhard Schulte-Drüggelte Siegmund Ehrmann René Röspel Birgit Homburger
Uwe Schummer Dr. h. c. Gernot Erler Dr. Ernst Dieter Rossmann Dr. Werner Hoyer
Armin Schuster (Weil am Petra Ernstberger Karin Roth (Esslingen) Heiner Kamp
Rhein) Karin Evers-Meyer Michael Roth (Heringen) Michael Kauch
Johannes Selle Elke Ferner Marlene Rupprecht Dr. Lutz Knopek
Reinhold Sendker Gabriele Fograscher (Tuchenbach)
Pascal Kober
Dr. Patrick Sensburg Dr. Edgar Franke Axel Schäfer (Bochum)
Dr. Heinrich L. Kolb
Bernd Siebert Dagmar Freitag Marianne Schieder
Gudrun Kopp
Thomas Silberhorn Michael Gerdes (Schwandorf)
Johannes Singhammer Dr. h. c. Jürgen Koppelin
Martin Gerster Werner Schieder (Weiden)
Jens Spahn Ulla Schmidt (Aachen) Sebastian Körber
Iris Gleicke Holger Krestel
Carola Stauche Günter Gloser Silvia Schmidt (Eisleben)
Dr. Frank Steffel Carsten Schneider (Erfurt) Patrick Kurth (Kyffhäuser)
Ulrike Gottschalck
Erika Steinbach Ottmar Schreiner Heinz Lanfermann
Angelika Graf (Rosenheim)
Christian Freiherr von Stetten Swen Schulz (Spandau) Sibylle Laurischk
Kerstin Griese
Dieter Stier Ewald Schurer Harald Leibrecht
Michael Groschek
Gero Storjohann Frank Schwabe Sabine Leutheusser-
Michael Groß
Stephan Stracke Rolf Schwanitz Schnarrenberger
Wolfgang Gunkel
Max Straubinger Stefan Schwartze Lars Lindemann
Hans-Joachim Hacker
Karin Strenz Rita Schwarzelühr-Sutter Dr. Martin Lindner (Berlin)
Bettina Hagedorn
Thomas Strobl (Heilbronn) Sonja Steffen Dr. Erwin Lotter
(B) Klaus Hagemann (D)
Lena Strothmann Michael Hartmann Dr. Frank-Walter Steinmeier Oliver Luksic
Michael Stübgen (Wackernheim) Christoph Strässer Horst Meierhofer
Dr. Peter Tauber Hubertus Heil (Peine) Kerstin Tack Patrick Meinhardt
Antje Tillmann Rolf Hempelmann Dr. h. c. Wolfgang Thierse Gabriele Molitor
Dr. Hans-Peter Uhl Gustav Herzog Franz Thönnes Jan Mücke
Arnold Vaatz Gabriele Hiller-Ohm Wolfgang Tiefensee Petra Müller (Aachen)
Volkmar Vogel (Kleinsaara) Frank Hofmann (Volkach) Rüdiger Veit Burkhardt Müller-Sönksen
Stefanie Vogelsang Dr. Eva Högl Ute Vogt Dr. Martin Neumann
Andrea Astrid Voßhoff Christel Humme Dr. Marlies Volkmer (Lausitz)
Dr. Johann Wadephul Josip Juratovic Andrea Wicklein Hans-Joachim Otto
Marco Wanderwitz Oliver Kaczmarek Heidemarie Wieczorek-Zeul (Frankfurt)
Kai Wegner Johannes Kahrs Dr. Dieter Wiefelspütz Cornelia Pieper
Marcus Weinberg (Hamburg) Ulrich Kelber Uta Zapf Gisela Piltz
Peter Weiß (Emmendingen) Lars Klingbeil Dagmar Ziegler Dr. Christiane Ratjen-
Sabine Weiss (Wesel I) Hans-Ulrich Klose Manfred Zöllmer Damerau
Ingo Wellenreuther Dr. Bärbel Kofler Brigitte Zypries Dr. Birgit Reinemund
Karl-Georg Wellmann Daniela Kolbe (Leipzig) Dr. Peter Röhlinger
Peter Wichtel Fritz Rudolf Körper FDP Dr. Stefan Ruppert
Annette Widmann-Mauz Anette Kramme Björn Sänger
Jens Ackermann
Klaus-Peter Willsch Nicolette Kressl Christoph Schnurr
Christian Ahrendt
Elisabeth Winkelmeier- Angelika Krüger-Leißner Jimmy Schulz
Christine Aschenberg-
Becker Ute Kumpf Marina Schuster
Dugnus
Dr. Matthias Zimmer Christine Lambrecht Dr. Erik Schweickert
Daniel Bahr (Münster)
Wolfgang Zöller Christian Lange (Backnang) Werner Simmling
Florian Bernschneider
Willi Zylajew Dr. Karl Lauterbach Judith Skudelny
Sebastian Blumenthal
Steffen-Claudio Lemme Claudia Bögel Dr. Hermann Otto Solms
SPD Joachim Spatz
Burkhard Lischka Nicole Bracht-Bendt
Ingrid Arndt-Brauer Kirsten Lühmann Klaus Breil Dr. Max Stadler
Rainer Arnold Caren Marks Rainer Brüderle Torsten Staffeldt
Heinz-Joachim Barchmann Katja Mast Angelika Brunkhorst Dr. Rainer Stinner
Doris Barnett Petra Merkel (Berlin) Ernst Burgbacher Stephan Thomae
Dr. Hans-Peter Bartels Ullrich Meßmer Marco Buschmann Florian Toncar
Klaus Barthel Dr. Matthias Miersch Sylvia Canel Serkan Tören
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17425
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt
(A) Johannes Vogel Stephan Kühn Karin Binder Richard Pitterle (C)
(Lüdenscheid) Renate Künast Matthias W. Birkwald Yvonne Ploetz
Dr. Daniel Volk Markus Kurth Christine Buchholz Paul Schäfer (Köln)
Dr. Claudia Winterstein Dr. Tobias Lindner Eva Bulling-Schröter Dr. Ilja Seifert
Dr. Volker Wissing Nicole Maisch Dr. Martina Bunge Raju Sharma
Hartfrid Wolff (Rems-Murr) Agnes Malczak Roland Claus Dr. Petra Sitte
Jerzy Montag Dr. Diether Dehm Kersten Steinke
BÜNDNIS 90/ Kerstin Müller (Köln) Werner Dreibus Sabine Stüber
DIE GRÜNEN Ingrid Nestle Klaus Ernst Alexander Süßmair
Dr. Konstantin von Notz Wolfgang Gehrcke Dr. Kirsten Tackmann
Marieluise Beck (Bremen)
Omid Nouripour Nicole Gohlke Frank Tempel
Volker Beck (Köln) Diana Golze
Friedrich Ostendorff Dr. Axel Troost
Cornelia Behm Annette Groth
Dr. Hermann E. Ott Alexander Ulrich
Viola von Cramon-Taubadel Dr. Gregor Gysi
Lisa Paus Kathrin Vogler
Ekin Deligöz Brigitte Pothmer Heike Hänsel
Katja Dörner Johanna Voß
Tabea Rößner Dr. Rosemarie Hein Halina Wawzyniak
Harald Ebner Krista Sager Dr. Barbara Höll
Hans-Josef Fell Harald Weinberg
Manuel Sarrazin Andrej Hunko Katrin Werner
Dr. Thomas Gambke Elisabeth Scharfenberg Ulla Jelpke
Kai Gehring Jörn Wunderlich
Dr. Frithjof Schmidt Dr. Lukrezia Jochimsen
Katrin Göring-Eckardt Dorothea Steiner Harald Koch
Britta Haßelmann Dr. Harald Terpe Katrin Kunert Enthalten
Bettina Herlitzius Markus Tressel Caren Lay
Priska Hinz (Herborn) Daniela Wagner Sabine Leidig SPD
Dr. Anton Hofreiter Wolfgang Wieland Ralph Lenkert Petra Hinz (Essen)
Bärbel Höhn Dr. Valerie Wilms Michael Leutert
Ingrid Hönlinger Josef Philip Winkler Stefan Liebich BÜNDNIS 90/
Uwe Kekeritz Ulla Lötzer DIE GRÜNEN
Katja Keul Dr. Gesine Lötzsch
Memet Kilic Nein Thomas Lutze Maria Klein-Schmeink
Sven-Christian Kindler Ulrich Maurer Sylvia Kotting-Uhl
DIE LINKE
Ute Koczy Dorothee Menzner Monika Lazar
Tom Koenigs Jan van Aken Cornelia Möhring Beate Müller-Gemmeke
Oliver Krischer Agnes Alpers Wolfgang Nešković Dr. Wolfgang Strengmann-
(B) Agnes Krumwiede Dr. Dietmar Bartsch Thomas Nord Kuhn (D)
Fritz Kuhn Herbert Behrens Petra Pau Hans-Christian Ströbele

Wir kommen zurück zu unserer Debatte. Ich gebe das der zu dieser Debatte führt, uns alle umtreibt: die Nach-
Wort dem Parlamentarischen Staatssekretär Dr. Christoph richten über rechtsterroristische Aktivitäten. Ich nutze
Bergner. gerne die Gelegenheit, um für die Bundesregierung ein
klares Bekenntnis zur politischen Bildung im Allgemei-
Dr. Christoph Bergner, Parl. Staatssekretär beim nen und zur Arbeit der Bundeszentrale für politische Bil-
Bundesminister des Innern: dung im Besonderen abzugeben.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Verehrte (Zuruf von der SPD: Nicht nur Worte, sondern
Frau Kolbe, es sei mir gestattet, am Anfang auf ein Ver- Taten!)
fahrensproblem aufmerksam zu machen. Wir haben in
der letzten Woche den Haushalt 2012 verabschiedet. Für die Bundeszentrale für politische Bildung ist die
aktive Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus
(Monika Lazar [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- bzw. dem politischen Extremismus insgesamt eine wich-
NEN]: Da hätten Sie ja unseren Anträgen zu- tige, eine wesentliche Daueraufgabe. Als Bildungsein-
stimmen können!) richtung fragt sie nach Bildungszusammenhängen beim
Sie thematisieren jetzt einen Titel und fordern, verhee- Entstehen extremistischer Einstellungen, Weltbilder und
rende Kürzungen schnellstmöglich zurückzunehmen, Haltungen. Sie fragt nach präventiven Möglichkeiten,
ohne irgendeinen haushaltstechnischen Vorschlag zu extremistische Einstellungen zu vermeiden, nach Bil-
machen, dungswegen, um verfestigte extremistische Haltungen
zu verändern, sowie nach Bildungsmöglichkeiten für zivil-
(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: gesellschaftliche Kräfte, um die Auseinandersetzung mit
In den letzten Jahren lagen ständig Haushalts- extremistischen Einstellungen und Handlungen konstruk-
anträge vor! Sie haben alle abgelehnt!) tiv und erfolgreich zu bestehen.
aus dem hervorgeht, wie Sie sich das Ganze nach Verab- (Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
schiedung des Haushalts vorstellen. Warum kürzen Sie denn dann?)
Ich möchte – wenn Sie gestatten und mir Aufmerk- Der Fachbereich Extremismus widmet sich diesem Ar-
samkeit schenken – deutlich machen, dass der Anlass, beitsfeld in enger Verzahnung mit weiteren Fachberei-
17426 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Parl. Staatssekretär Dr. Christoph Bergner


(A) chen innerhalb, aber auch außerhalb der Bundeszentrale haben wir hier auch die Geschäftsstelle des „Bündnisses (C)
für politische Bildung. für Demokratie und Toleranz“ mit Blick auf Synergieef-
fekte eingegliedert. Ich möchte dazu einladen, über die
So weit das klare Bekenntnis zu den Aufgaben, wel- Probleme fair und in gemeinsamer Verantwortung für
che die Bundesregierung für wichtig und zentral erachtet die Bekämpfung des politischen Extremismus zu disku-
und die im Lichte der Ereignisse, die uns umtreiben, eine tieren.
besondere Bedeutung bekommen.
Lassen Sie mich auf drei der in Ihrem Antrag formu-
Daneben ist ein zweiter Gesichtspunkt zu berücksich- lierten Forderungen konkret eingehen.
tigen. Das ist die Notwendigkeit der Haushaltskonsoli-
dierung, der wir uns im Jahr 2010 bei den Haushaltspla- Erster Punkt. Sie fordern die Überprüfung der Kopp-
nungen – mit Blick auf die vom Verfassungsgesetzgeber lung der Höhe des Budgets der Bundeszentrale für politi-
eingeführte Schuldenbremse – zu stellen hatten. sche Bildung an die Höhe des Budgets der parteinahen
Stiftungen. Verehrte Frau Kolbe, ich mache Sie darauf
(Zuruf von der SPD: Aber Steuererleichterun- aufmerksam, dass die Budgets der parteinahen Stiftun-
gen machen!) gen in den letzten Jahren regelmäßig im parlamentari-
schen Verfahren geändert wurden
Meine Damen und Herren, ich darf darauf aufmerksam
machen, dass die SPD in den Haushaltsberatungen ge- (Daniela Kolbe [Leipzig] [SPD]: Aber nach
rade mit Blick auf die Einhaltung der Vorgaben der oben!)
Schuldenbremse – ich erinnere an die Reden von Carsten
Schneider – eher mehr als weniger Konsequenz in Bezug und dies keine Frage ist, die die Bundesregierung bei ih-
auf Einsparungen gefordert hat. ren Haushaltsansätzen zu berücksichtigen hat. Vielleicht
sprechen Sie mit den Kollegen Ihrer Fraktion, die ein
(Michael Groschek [SPD]: Politische Bildung ist entsprechendes Votum abgegeben haben.
Betreuungsgeld für die Demokratie!)
Zweiter Punkt. Sie fordern ein Anschlussprogramm
Sie können davon ausgehen, dass wir uns im Bundesin- für das Programm „Zusammenhalt durch Teilhabe“. Ich
nenministerium dieser Aufgabe mit großem Verantwor- persönlich stehe dieser Forderung sehr aufgeschlossen
tungsbewusstsein gestellt und die Kuratoriumsvoten gegenüber, will aber darauf aufmerksam machen, dass es
noch zu früh ist, um über die Fortsetzung eines Program-
(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: mes zu sprechen, das 2013 ausläuft. Ich betrachte diese
Ignoriert haben!) Forderung aber auch als ein Kompliment für die Gestal-
(B) mit entsprechender Aufmerksamkeit und Sorgfalt ge- tung dieses Programmes. (D)
prüft haben. Ich warne davor, so zu tun – das wird auch Schließlich fordern Sie, „neue Richtlinien für die Trä-
in Ihren Zurufen deutlich –, als ob die nominelle Höhe gerförderung der BpB“ zu erlassen und „Rechtssicher-
des Haushaltstitels der Bundeszentrale für politische Bil- heit hinsichtlich der Umsatzsteuer“ zu schaffen. Ich
dung als ein gewissermaßen schlüssiger und abschlie- kann Ihnen sagen, dass die neue Richtlinie für die Trä-
ßender Indikator für die Bedeutung der politischen Bil- gerförderung vorliegt und im Einvernehmen mit dem
dung gerade auch mit Blick auf die Extremismus- Bundesrechnungshof und dem Bundesfinanzminister er-
bekämpfung betrachtet werden könnte. Ich empfehle Ih- stellt wurde. Wir gehen davon aus, dass sie die rechtli-
nen, sich die Haushaltspläne seit 1998 und die Planun- chen Unsicherheiten bei der Umsatzsteuererhebung be-
gen für die zukünftigen Jahre anzuschauen. Dabei wer- seitigt. Diese Richtlinie muss nun allerdings mit den
den Sie feststellen, dass zwischen 1999 und 2000 – es ist Ländern abgestimmt werden, die für den Steuervollzug
bekannt, wer damals politische Verantwortung trug – der zuständig sind. Ich hoffe, dass das so erfolgreich gelingt
Titel von umgerechnet 41 Millionen Euro auf 36,8 Mil- wie mit dem Bundesrechnungshof und dem Bundes-
lionen Euro abgesenkt wurde. Ich behaupte nicht, dass finanzministerium, sodass dieser Forderung spätestens
die politische Bildung in der damaligen Situation als ab Januar 2013 nachgekommen wird.
Beitrag zur Extremismusbekämpfung weniger ernst ge-
nommen wurde. Wir können aber nicht seriös diskutie- Ich hoffe, ich habe verdeutlicht, dass wir das Anlie-
ren, ohne andere Programme zu berücksichtigen, die da- gen, das Sie vorgetragen haben, durchaus ernst nehmen.
mals in anderen Häusern ins Leben gerufen wurden. Ich möchte Sie dazu einladen, darüber nicht in der Eng-
Auch Umstrukturierungen müssen dabei berücksichtigt führung zu diskutieren: Wie hoch ist der Haushaltstitel?
werden, die in einem Bereich wie dem der politischen Wie ernst wird das politische Anliegen genommen?
Bildung immer wieder erforderlich sind. Wichtig ist, dass man auch in Zeiten der Haushaltskon-
solidierung politisch gestaltet.
Ich weise darauf hin, dass wir – verbunden mit den
Haushaltsentscheidungen, die Sie kritisieren – versucht (Monika Lazar [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
haben, die Bundeszentrale für politische Bildung auch Und nicht am falschen Ende sparen!)
dadurch zu stärken, dass wir die Regiestelle des Bundes-
programms „Zusammenhalt durch Teilhabe“ unter das Das wollen wir gemeinsam tun.
Dach der Bundeszentrale für politische Bildung gestellt Herzlichen Dank.
haben. Dabei geht es um insgesamt 18 Millionen Euro,
die in die Arbeit der Bundeszentrale fließen. Schließlich (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17427

(A) Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: nicht für die Einhaltung der Vorgaben der Schulden- (C)
Agnes Alpers hat jetzt für die Fraktion Die Linke das bremse genutzt. Vielmehr flossen diese Gelder nach-
Wort. weislich direkt in den Topf für innere Sicherheit, und aus
diesem Topf wurden und werden auch V-Männer be-
(Beifall bei der LINKEN) zahlt. Herr Bergner, das ist doch völlig paradox.

Agnes Alpers (DIE LINKE): (Beifall bei der LINKEN)


Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Aus diesem Grunde fordern wir: Stoppen Sie den Wahn-
Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! 5 Millionen sinn! Schalten Sie endlich die V-Männer ab, und zwar
Euro sollen jetzt bei der Bundeszentrale für politische sofort! Bringen Sie das Geld wieder dorthin, wohin es
Bildung gekürzt werden: Millionen Euro weniger für gehört – in die politische Bildung, in die Prävention und
Projekte, die die Teilhabe an Demokratie stärken, Millio- Aufklärung –, damit sich braunes Gedankengut nicht
nen Euro weniger für Projekte, die aufklären und Zivil- weiter breitmachen kann.
courage stärken, gerade auch in den Regionen, in denen
sich der braune Sumpf breitgemacht hat. Ich meine, das (Beifall bei der LINKEN)
ist einfach nur skandalös. Wenn Sie wie vorhin mit dem Argument kommen,
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord- dass man – ich zitiere aus Ihrer Antwort auf unsere
neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE Kleine Anfrage – „mit reduzierten Mitteln eine seriöse
GRÜNEN) und qualitativ hochwertige … Bildungsarbeit“ machen
kann, dann zeigt das nur, dass Sie einfach keine Ahnung
Herr Bergner, zur Klarstellung: Alle Oppositionsfrak- haben. Wir als Linke bleiben dabei: Gute Bildung
tionen haben Vorschläge für den Haushalt gemacht. braucht auch eine gute Ausstattung.
Noch im Februar waren sich alle Mitglieder des Kurato-
riums der Bundeszentrale für politische Bildung einig Vor welchen Herausforderungen steht jetzt die Bun-
– das sind Abgeordnete aller Bundestagsfraktionen –: deszentrale mit ihren 430 Bildungseinrichtungen? Bei
Demokratie braucht politische Bildung. – Deshalb waren wachsenden Aufgaben müssen sie mit weniger Mitteln
wir alle noch im Februar einstimmig gegen die Kürzun- zurechtkommen. Was sollen sie streichen: die Materia-
gen. lien für die Schulen, das neue Projekt für Menschen, die
wenig Zugang zu Bildung haben, oder das Angebot, dass
(Beifall bei der LINKEN und dem BÜND- man über Facebook politische Fragen stellen kann? Bei
NIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordne- den kleinen Bildungsträgern läuten die Alarmglocken,
ten der SPD) weil sie nicht wissen, ob es sie im nächsten Jahr noch ge-
(B) Ich erinnere an die Entschließung des Kuratoriums: ben wird. Ich meine, wir sollten uns bei allen Mitarbeite- (D)
rinnen und Mitarbeitern für ihre gute und wichtige Ar-
Gerade in Deutschland sollte man nicht vergessen, beit bedanken.
dass die Demokratie … tagtäglich neu gelehrt und
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Kai
gelernt, gestaltet und bewahrt werden muss.
Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Wie wahr, meine Damen und Herren! Aber wie viel ist
Herr Bundesinnenminister Friedrich, im Namen aller
der Bundesregierung diese grundlegende politische Ein-
Demokratinnen und Demokraten fordere ich Sie auf,
sicht wert? Nichts, wie sich gleich zeigt. Denn Bundes-
endlich Verantwortung zu übernehmen. An politischer
innenminister Friedrich sagt: Auch die Bundeszentrale
Bildung darf nicht gespart werden.
für politische Bildung muss ihren solidarischen Beitrag
zur Einhaltung der Vorgaben der Schuldenbremse leis- Vielen Dank.
ten; die Aufgaben der Bundeszentrale sind keine Pflicht-
(Beifall bei der LINKEN)
leistung des Staates; die Kürzungen kann man nicht zu-
rücknehmen, weil dies sonst negative Auswirkungen auf
den Sicherheitsbereich hat. – Herr Friedrich, wie blind Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
und ignorant muss man eigentlich in der gegenwärtigen Das Wort hat der Kollege Dr. Stefan Ruppert für die
Situation sein, um solche Aussagen zu treffen? FDP-Fraktion.
(Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) der CDU/CSU)
Tag für Tag gibt es Nachrichten über Nazi-Morde. Tag
Dr. Stefan Ruppert (FDP):
für Tag wird aber auch der Ruf nach einer stärkeren Zi-
vilgesellschaft lauter. Wie soll es nun weitergehen? Es Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und
Herren! Wir alle stehen unter dem Eindruck dieser
kann jedenfalls nicht weitergehen, indem man die einsei-
tig gescheiterte V-Männer-Strategie weiter verfolgt, zu- fürchterlichen rechtsterroristischen Taten. Natürlich
mal wir jetzt hören, dass die V-Leute in der rechten fragt man sich in solchen Momenten: Woran lag es? Was
hätten wir tun können? Was hätten Behörden tun kön-
Szene Nazis sind.
nen? Was hätten andere Demokraten tun können? Was
Die Gelder, die Herr Bergner gerade im Zusammen- hätte man strukturell aufarbeiten können? Wo liegen die
hang mit der Haushaltskonsolidierung angesprochen hat, Defizite? Diese Fragen sollten wir nicht zu schnell zu
wurden bei der Bundeszentrale gekürzt. Aber sie wurden den Akten legen, sondern wir sollten darauf achten, dass
17428 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Dr. Stefan Ruppert


(A) wir eine genaue Aufklärung der Ursachen betreiben. Ich dass dieses Geld nicht zur Einhaltung der Vorgaben der (C)
befürchte, wir werden dann aber feststellen, dass die Be- Schuldenbremse genutzt worden ist, sondern direkt von
antwortung dieser Fragen relativ schwierig ist. der Bundeszentrale für politische Bildung in den Bereich
der inneren Sicherheit verschoben wurde. Was ist denn
Es ist eben nicht so monokausal, wie es hier eben an-
da eingespart worden? Lieber Herr Kollege, das stimmt
klang: Ein bisschen mehr Bildung hier, ein bisschen
nachweislich. Ich bitte Sie, dazu Stellung zu beziehen.
mehr Unterstützung freier Träger dort, ein bisschen mehr
Aufklärungsarbeit an dieser oder jener Stelle, und dann
wird uns das Problem nicht wieder begegnen. Ein laten- Dr. Stefan Ruppert (FDP):
ter Antisemitismus, der in Teilen der Bevölkerung in un- Frau Kollegin, das Bundesministerium des Innern ins-
serem Land leider nach wie vor herrscht, ist eben nicht gesamt musste einen Sparbeitrag leisten. Diesen hat das
dadurch zu bekämpfen, dass man an einzelnen Stellen Bundesministerium des Innern geleistet. Man kann jetzt
etwas mehr draufsetzt. darüber reden, ob die Einsparungen an der richtigen oder
an der falschen Stelle vorgenommen wurden.
(Widerspruch bei Abgeordneten des BÜND-
NISSES 90/DIE GRÜNEN) (Monika Lazar [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Man hätte es sich einfach machen und sagen können: Ja, NEN]: Darüber reden wir ja gerade! – Kai
das war ein Fehler. Wir hätten etwas anderes machen Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Fal-
müssen. – Aber ich sage Ihnen: Nein, die Bürgerinnen sche Stelle!)
und Bürger in unserem Land erwarten von uns allen, Wir sind der Meinung: Das war die richtige Stelle. Sie
dass wir Geld sparen. sind der Meinung: Das war die falsche Stelle. Sie sollten
(Monika Lazar [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- aber nicht so tun, als ob wir durch entsprechende Mit-
NEN]: Aber an der richtigen Stelle! – Kai telaufwendungen dieses gravierende Problem, das wir in
Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann Deutschland haben, auch nur ansatzweise hätten lösen
sparen Sie doch beim Betreuungsgeld!) können.

Viele Menschen sagen mir: Ihr müsst das Problem der (Beifall bei der FDP – Sönke Rix [SPD]: Da-
Haushaltsverschuldung – es war unter anderem Peer rum verschärfen Sie es?)
Steinbrück, der uns Schulden in Höhe von 86 Milliarden Man sollte auch nicht so tun, als ob der Bund an die-
Euro hinterlassen hat – lösen. ser Stelle nicht tätig wäre. Wir haben mehrere Pro-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) gramme aufgelegt, zum Beispiel das Programm „Zusam-
menhalt durch Teilhabe“. Bei vielen Antiextremismus-
(B) Diese Menschen hätten wenig Verständnis dafür, wenn (D)
programmen ist es notwendig, zu schauen, ob sie so
wir wie Ihr Kollege Schneider abstrakt sagten: „Wir funktionieren, wie wir uns das vorstellen. Man schaue
müssen sparen“, aber bei jedem Einsparvorschlag fest- sich die Programme vom Anfang der 90er-Jahre an: Vie-
stellten, dass es gerade an dieser Stelle doch nicht geht. – les von damals wirkt aus heutiger Sicht ein wenig hilf-
Ich mache es mir bewusst nicht einfach. Ich sage: Ja, los, weil man keine klare Vorstellung vom Extremismus
auch das BMI musste sparen. Wir haben nicht nach der hatte, weil man nicht genau wusste, was man bekämpft.
Rasenmähermethode gespart. Wir haben die freien Trä- Gerade bei der Arbeit gegen Extremismus ist es wichtig,
ger anders behandelt als die Bundeszentrale. Insofern immer wieder zu evaluieren und dann festzustellen, wel-
können wir, glaube ich, zu dieser Entscheidung selbstbe- che Tätigkeiten sinnvoll und welche nicht so sinnvoll
wusst stehen. sind. Wir stehen zu diesem Programm. Wir setzen große
(Beifall bei der FDP) Hoffnungen in dieses Programm. Wir wollen es evaluie-
ren, wenn es dazu an der Zeit ist, und dann – hoffentlich –
fortführen.
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
Die Kollegin Alpers würde Ihnen gerne eine Zwi- Ich bitte alle hier vertretenen Fraktionen, nicht zu
schenfrage stellen. Möchten Sie sie zulassen? schnell einzelne Lösungsansätze zu favorisieren; ich
habe das heute schon einmal gesagt. Einige sagen, dass
Dr. Stefan Ruppert (FDP): uns das NPD-Verbotsverfahren entlasten würde. Ich
Gerne. kann Ihnen aufgrund meiner Beschäftigung mit dem
NPD-Verbotsverfahren als wissenschaftlicher Mitarbei-
ter am Bundesverfassungsgericht sagen, dass sich die
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: mediale Aufmerksamkeit nach Stellung des Verbotsan-
Bitte schön. trags erst einmal verringert hat. Das habe ich damals
sehr genau verfolgt. Es war nicht so, dass die Menschen
Agnes Alpers (DIE LINKE): gesagt haben: Jetzt, da der Antrag gestellt ist, sind wir
Vielen Dank, Herr Kollege. – Ich habe folgende motiviert; wir engagieren uns weiter und stärken die Zi-
Nachfrage: Sie haben gerade gesagt, dass wir konsoli- vilgesellschaft. – Man hatte manchmal sogar das Gefühl,
dieren müssen, dass wir die Vorgaben der Schulden- dass der eine oder andere den Eindruck hatte, dass es
bremse einhalten müssen, dass wir sparen müssen. Aus sich um einen symbolischen Akt handelt und man des
der Antwort der Bundesregierung auf unsere Kleine An- Problems schon Herr werden könnte. Dabei gehen die
frage wissen wir – das habe ich gerade schon erwähnt –, Probleme in der Tat viel tiefer.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17429
Dr. Stefan Ruppert
(A) Aus meiner Sicht brauchen wir eine bessere Analyse, Die unfassbare Mordserie der Neonazi-Terrorzelle ist (C)
eine bessere strafrechtliche Verfolgung, bessere Struktu- ein erneuter schockierender Beleg für die aggressive
ren und eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Menschenfeindlichkeit des rechtsextremen Mobs in die-
Landesämtern für Verfassungsschutz und dem Bundes- sem Land. Es ist beschämend, dass konservative Politi-
amt für Verfassungsschutz. Wenn wir wissen, woran es ker, allen voran Frau Ministerin Schröder, jahrelang – und
liegt, können wir Instrumente entwickeln, die dem ent- auch heute noch – tausendfache Übergriffe durch Rechts-
gegenwirken. extreme verharmlost haben und verharmlosen und die
Sicherheitsbehörden auf dem rechten Auge blind waren.
(Daniela Kolbe [Leipzig] [SPD]: Das passiert
seit Jahren!) (Michael Brand [CDU/CSU]: Das stimmt
doch gar nicht!)
Das ist aber nicht so einfach, wie Sie es uns heute hier
suggerieren wollen. Eine solche Gefährdung des friedlichen und freiheitlich-
demokratischen Zusammenlebens darf sich nie wieder-
(Beifall bei der FDP) holen.
Am Ende sage ich ganz persönlich: Wenn wir in der (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Tat feststellen sollten, dass die Bundeszentrale für politi- und bei der SPD sowie der Abg. Agnes Alpers
sche Bildung die zentrale Schaltstelle für die Bekämp- [DIE LINKE] – Dr. Stefan Ruppert [FDP]: Sie
fung des Rechtsextremismus ist, dann werden wir uns ei- haben schon das NPD-Verbotsverfahren ver-
ner zusätzlichen Mittelaufwendung sicherlich nicht in hunzt!)
den Weg stellen. Zuerst kommt aber die Analyse, und
diesbezüglich stehen wir meiner Meinung nach erst ganz Demokratiefeindliche Ideologien, die Fremdenfeind-
am Anfang. Darauf sollten wir mehr Zeit verwenden. lichkeit, Rassismus und gruppenbezogene Menschen-
feindlichkeit propagieren, müssen offensiv bekämpft
(Daniela Kolbe [Leipzig] [SPD]: Das stimmt!) werden. Zur Bekämpfung brauchen wir einen Ausbau
sämtlicher präventiver Mittel. Dazu gehören nicht nur
Vielen Dank.
die Programme gegen Rechtsextremismus – wir haben
(Beifall bei Abgeordneten der FDP und der die Aufstockung der entsprechenden Mittel gefordert;
CDU/CSU) aber auch das hat Schwarz-Gelb leider abgelehnt –, son-
dern auch die politische Bildung aller Generationen.
Politische Bildung ist Zukunftsvorsorge für unsere De-
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
mokratie.
Kai Gehring hat jetzt das Wort für Bündnis 90/Die
(B) Grünen. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (D)
und bei der SPD sowie der Abg. Agnes Alpers
Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
[DIE LINKE])
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wer dem braunen Mob den Nährboden entziehen
Ich muss wirklich sagen: Ich habe selten so einen Unsinn will, muss politische Bildung systematisch stärken. De-
gehört. Wenn es um die Analyse politischer Bildung mokratisches Bewusstsein fällt nicht vom Himmel, son-
geht, dann ist normalerweise völlig unstrittig, dass sie dern muss dauerhaft gefördert werden. Alle Erfahrungen
ein wesentliches Präventivmittel gegen Extremismus ist und Studien zeigen, wie gut politische Bildung funktio-
und der Demokratieförderung dient. Deshalb muss man niert, um Menschen über den demokratischen Prozess zu
den Bereich der politischen Bildung ausbauen, anstatt an informieren, sie zu aktivieren, am Gemeinwesen, am de-
dieser wichtigen Stelle zu knausern. mokratischen Handeln zu partizipieren, gesellschaftliche
Vielfalt als Chance zu schätzen, politische Zusammen-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, hänge und gesellschaftliche Debatten zu reflektieren.
bei der SPD und der LINKEN) Politische Bildung ist auch immer ein Seismograf für ge-
Sie nehmen milliardenschwere Steuersenkungen vor, sellschaftliche Entwicklungen. Aus all diesen Gründen
laufen allen Lobbyisten ist politische Bildung für unsere Demokratie systemrele-
vant.
(Gisela Piltz [FDP]: Was ist mit der Solar-
lobby, Herr Kollege?) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
dieser Republik hinterher, aber knausern an dieser Stelle LINKEN)
im Etat des Innenministeriums, an der es um 3,5 Millio-
nen Euro geht. Das ist die völlig falsche Stelle. Es kann Ich möchte Ihnen, Herr Staatssekretär, und dem
nicht sein, dass sich die Schuldenbremse letztlich als Minister noch einmal in Erinnerung rufen, dass alle Op-
Bildungsinvestitionsbremse entpuppt. Das geht so nicht. positionsfraktionen hier seit Jahren in Anträgen in den
Haushaltsberatungen fordern, die Kürzung der Mittel zu-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN rückzunehmen. Es ist eine Frage des politischen Willens,
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der ob diese Haushaltskürzungen zurückgenommen werden
LINKEN – Dr. Stefan Ruppert [FDP]: Sie ha- oder nicht. Es ist gelogen, wenn die Bundesregierung be-
ben am meisten gekürzt in Ihrer Regierungs- hauptet, beim Kampf gegen Rechtsextremismus werde
zeit!) nicht gekürzt. Sie wollen nur davon ablenken, dass Bun-
17430 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Kai Gehring
(A) desinnenminister Friedrich im Windschatten von Minis- halbe Stunde angesetzt ist. Ich will nur sagen: Schade an (C)
terin Schröders Dauerdilettantismus die Axt an den Etat der heutigen Diskussion ist, dass der Anlass, der uns alle
der Bundeszentrale für politische Bildung gelegt hat. nicht nur nachdenklich stimmt, sondern der in allen Poli-
Das lassen wir Ihnen nicht durchgehen. tikbereichen dafür sorgt, dass wir uns Gedanken, not-
wendigerweise Sorgen um die Organisation, die Schlag-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN kräftigkeit und die Wehrhaftigkeit der Demokratie
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
machen, mit Blick auf die Funktion der heutigen Debatte
KEN)
schon ein bisschen als Hebel herhalten muss.
Bei den fraktionsübergreifenden Arbeiten im Kurato-
(Monika Lazar [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
rium für politische Bildung haben wir alle gemeinsam
Wir diskutieren das schon sehr lange!)
gesagt, dass es keine Kürzungen der Mittel im Bereich
der politischen Bildung geben darf. Daher muss man Ich darf vielleicht auch sagen: Man tut sich überhaupt
hier in der Plenardebatte umso deutlicher machen, dass keinen Gefallen, wenn man diesen Ort und dieses Pult in
Schwarz-Gelb der Bundeszentrale mit den massiven dieser Art und Weise zur Plattform der Agitation macht,
Kürzungen in den Rücken fällt. Es kann nicht sein, dass um gegen oder für etwas oder was auch immer – was
dieser Etat um 21 Prozent, um 3,5 Milliarden Euro, ge- nicht ganz klar ist – zu sein. Aber in jedem Falle geht
kürzt wird. Das sind 3,5 Millionen Euro weniger für Bil- eines nicht: die Fakten aus der Debatte über den Haus-
dungsangebote. Das ist in diesen Zeiten noch unanstän- halt der Bundeszentrale für politische Bildung herumzu-
diger, als es ohnehin schon wäre. drehen und zu sagen, diese Bundesregierung hätte tat-
sächlich in der Frage der Extremismusbekämpfung
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
gespart – das ist definitiv nicht wahr –; einmal abgese-
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
hen von den Vorwürfen, die Sie an Ministerin Schröder
LINKEN – Dr. Stefan Ruppert [FDP]: Nur Sie
oder an Minister Friedrich richten.
haben noch mehr gekürzt!)
(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Ich fordere Sie deshalb auf, diese Kürzungen
Die waren alle richtig!)
schnellstmöglich zurückzunehmen; denn sie würden sich
negativ auch auf die bundesweite Infrastruktur, auf die Es ist in keinster Weise wahr, dass Aufwendungen für
rund 430 Träger politischer Bildung, die überparteilich die Bekämpfung des Extremismus zurückgefahren wor-
wertvolle politische Bildungsarbeit vor Ort fördern, aus- den wären. Auch das Kleinreden trifft nicht zu.
wirken. Wir brauchen eine systematische Aufwertung
der politischen Bildung, nicht nur hinsichtlich der jun- (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU –
Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
(B) gen Generation, sondern auch hinsichtlich der Erwach- Frau Schröder hat mehr Angst vor Deutschen- (D)
senen. Denn die Themen Rechtsextremismus, Men-
schen- und Demokratiefeindlichkeit gehen uns alle an. feindlichkeit als vor Rechtsextremismus!)
Ich wünsche mir, dass von dieser Debatte ein geschlos- Ich will auch zu dieser Fehleinschätzung, der Bundes-
senes Signal ausgeht, zumindest von den Mitgliedern innenminister hätte hier eine Aufrechnung zwischen in-
des Kuratoriums der Bundeszentrale, – nerer Sicherheit und politischer Bildung vorgenommen,
sagen: Ist das Budget beschlossen, dann muss der Minis-
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: ter für Deckung sorgen. In dieser Frage muss ich deut-
Herr Kollege. lich sagen – –
(Abg. Dr. Barbara Hendricks [SPD] meldet
Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): sich zu einer Zwischenfrage)
– aber eben auch von möglichst vielen Fraktionen,
– Die Frau Kollegin möchte gern eine Zwischenfrage
dass die politische Bildung gestärkt werden muss und
stellen. Frau Kollegin, ich würde diesen Gedanken gern
die Kürzungen bei nächster Gelegenheit zurückgenom-
erst zu Ende führen. Vielleicht finden wir dann noch
men werden.
Raum für die Zwischenfrage.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
LINKEN) Heißt das: im Moment nicht, aber dann vielleicht? –
Sie geben ein Zeichen.
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
Der Kollege Michael Frieser hat jetzt das Wort für die Michael Frieser (CDU/CSU):
CDU/CSU-Fraktion. Wenn man das Budget des Haushalts des Innenminis-
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- teriums beschließt, man dann aber einen Austausch vor-
neten der FDP) nehmen möchte, muss man deutlich sagen, welche Haus-
haltmittel wofür genommen werden. Das kann ich
bewusst falsch verstehen, wenn ich will. Ein solches
Michael Frieser (CDU/CSU):
Verhalten dient aber einem Ziel nicht, nämlich der Un-
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und terstützung der politischen Bildung.
Herren! Dass man über politische Bildung spricht, ist
grundsätzlich gut, auch wenn für die Debatte nur eine Frau Kollegin, bitte.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17431

(A) Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: und wen Sie sich alles vorstellen können? Bleiben Sie (C)
Frau Hendricks, das wäre jetzt der passende Zeitpunkt ruhig am Pult. Sie können mir ja gleich antworten.
für Ihre Fragen. Bitte schön.
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
Dr. Barbara Hendricks (SPD): Frau Kollegin Hendricks, auch Zwischenbemerkun-
Danke schön, Frau Präsidentin. Danke schön, Herr gen, die keine Fragen beinhalten, sind keine eigene
Kollege Frieser. – Wir wollen doch bitte noch einmal ge- Rede.
meinsam den Gang der Geschichte darlegen. Im Februar
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
dieses Jahres, also völlig unabhängig von dem Bekannt-
der FDP)
werden der erschreckenden Mordtaten der Nazis, hat das
gesamte Kuratorium der Bundeszentrale für politische Es wäre mir recht, wenn Sie das berücksichtigen wür-
Bildung einen Appell an die Mitglieder des Haushalts- den.
ausschusses und an die Bundesregierung gerichtet, keine
weiteren Kürzungen vorzunehmen, denn schon für das Dr. Barbara Hendricks (SPD):
Jahr 2011 waren Haushaltskürzungen zulasten der Bun- Ja. Das Problem ist, dass der Kollege zwar vom Pult
deszentrale für politische Bildung vorgenommen wor- weggehen, aber auch seine Ohren zumachen kann; das
den. kann ich nicht verhindern. Aber so, wie Sie es dargestellt
(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: haben, Herr Kollege Frieser, trifft es einfach nicht zu.
Auch damals haben wir protestiert!) (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
Die Mitglieder des Kuratoriums wollten parteiübergrei- der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
fend Vorsorge treffen, dass dies nicht wiederum gesche- GRÜNEN)
hen würde.
Michael Frieser (CDU/CSU):
Die Mitglieder des Kuratoriums haben dafür im
Frau Kollegin Hendricks, lassen Sie mich bitte sagen:
Haushaltsausschuss bei der Mehrheit der schwarz-gel-
Wenn Sie Redezeit haben wollen, dann bewerben Sie
ben Koalition keinen Rückhalt gefunden, und zwar auch
sich in Ihrer Fraktion um Redezeit bei diesem Thema.
bevor diese erschreckenden Mordtaten bekannt wurden.
Denn die Beratungen zum Haushalt des Bundesinnen- (Michaela Noll [CDU/CSU]: Genau!)
ministeriums waren ja schon vorher im Gange. Zugege-
ben, die allerletzte Bereinigungssitzung war später, aber Dann können wir über diese Frage ordnungsgemäß dis-
die Beratungen waren natürlich längst im Gange. kutieren.
(B) (D)
Im Übrigen: Wollen Sie bitte zur Kenntnis nehmen, (Zurufe von der SPD: Antwort!)
Herr Kollege Frieser, dass von Ihrer Koalition und auch Ich habe darauf hingewiesen, dass es im Eindruck
von der Bundesregierung schon beabsichtigt war, die dieser wirklich niederschmetternden Erkenntnisse und
Mittel zur Bekämpfung des Rechtsextremismus – also Vorkommnisse durchaus einen politischen Konsens gab,
nicht nur die Mittel für die Bundeszentrale für politische was die Ausstattung freier Träger betrifft. Ich glaube,
Bildung, sondern auch die Mittel zur Bekämpfung des uns kann niemand vorwerfen, dass wir vonseiten der
Rechtsextremismus – zurückzufahren? CDU/CSU-Fraktion und der Koalition hier in irgend-
(Monika Lazar [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: einer Art und Weise auf dem falschen Dampfer gewesen
Das hat er schon wieder vergessen!) wären.
(Monika Lazar [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Im Gespräch der Fraktionsvorsitzenden nach Be-
NEN]: Doch! Das wart ihr!)
kanntwerden dieser schrecklichen Mordtaten hat dann
Ihr Fraktionsvorsitzender, Herr Kauder, eingelenkt. Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass der Haushalt des
Bundesministeriums des Innern natürlich gegen
(Zurufe von der CDU/CSU: Fragen!)
schmerzliche Widerstände so gestaltet worden ist.
Der Antrag der SPD lag schon vor; es war dann nicht
(Sönke Rix [SPD]: Ja, ja! Das sagen Sie!)
mehr nötig, ihn zu stellen, weil Ihr Fraktionsvorsitzender
nach Bekanntwerden der Mordtaten eingelenkt hatte. Glauben Sie denn, wir als diejenigen, die in diesem
Kuratorium Verantwortung tragen, hätten uns nicht mit
Wollen Sie dann bitte im Übrigen zur Kenntnis neh-
den Kollegen auseinandergesetzt? Ich bitte Sie, in Ihren
men, dass die Oppositionsfraktionen im Innenausschuss
Beiträgen darauf zu achten, dass Sie nicht den Eindruck
– wie sich das gehört – selbstverständlich auch Vor-
erwecken, es gehe hier ausschließlich um das Herunter-
schläge zur Deckung einer Erhöhung der Mittel auf die
fahren der Mittel zur Extremismusbekämpfung.
Höhe, wie sie bis 2011 zur Verfügung standen, gemacht
hatten? (Dr. Barbara Hendricks [SPD]: Nein, nein,
nein! Das habe ich nicht gesagt! – Kai Gehring
Wollen Sie weiter zur Kenntnis nehmen, dass mehr
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Es geht doch
als 400 freie Träger auf diese Mittel angewiesen sind
um Demokratieförderung!)
und dass diese mehr als 400 freien Träger einen breiten
gesellschaftlichen Konsens darstellen – über die Kir- Das ist definitiv nicht der Fall. Ich bitte Sie, durch Ihre
chen, die Gewerkschaften, die parteinahen Stiftungen Wortbeiträge auch nicht diesen Eindruck zu erwecken.
17432 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Michael Frieser
(A) Ich will auf die Schwerpunkte der Arbeit der Bundes- (Monika Lazar [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- (C)
zentrale für politische Bildung hinweisen. Sie bestehen NEN]: Sie sollten eigentlich wissen, was bei
darin, politische Sachverhalte aufzuklären und zu för- der Bundeszentrale gemacht wird! – Kai
dern, die Bereitschaft zur politischen Mitarbeit zu stär- Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ich
ken und das demokratische Bewusstsein zu festigen. Das erkläre Ihnen mal, wie das zusammenhängt!)
sind die zentralen Punkte.
Es bedarf gemeinsamer Anstrengungen des gesamten
(Monika Lazar [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Hauses, die organisatorischen Voraussetzungen, vor allem
NEN]: Ja! Aber dann dürfen Sie da doch nicht die der Dienste und der Sicherheitskräfte, zu stärken, um
kürzen! – Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE zu einem guten Ergebnis zu kommen, zur Aufklärung
GRÜNEN]: Aha! Sie kürzen also bei der Stär- beizutragen und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Man
kung des demokratischen Bewusstseins, ja?) sollte an dieser Stelle nicht den Fehler machen, zu versu-
chen, den Menschen etwas Sand in die Augen zu
Ich bin dem Kollegen Ruppert dankbar, dass er deutlich streuen. Man sollte auch nicht versuchen, diese Debatte
gemacht hat: Es ist nicht die Bundeszentrale für den zu einem falschen Ergebnis zu führen,
Kampf gegen Extremismus.
(Monika Lazar [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
(Monika Lazar [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN]: Ja! Daran sollten Sie wirklich mal den-
NEN]: Ach! Das sagt doch niemand!) ken! – Sönke Rix [SPD]: Haben Sie schon ein-
Diesen Eindruck sollten wir auch nicht erwecken. mal etwas von Nährboden gehört?)
nur weil sie im Augenblick zur richtigen Diskussion
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
passt. Damit tun wir der politischen Bildung und der Ex-
der FDP)
tremismusbekämpfung mit Sicherheit keinen Gefallen.
Ich möchte darauf hinweisen, dass man im Hinblick (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Kai
auf das Budget der Bundeszentrale für politische Bil- Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie
dung natürlich die Prioritäten ändern kann. haben von politischer Bildung ja gar keine Ah-
(Monika Lazar [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- nung! – Sönke Rix [SPD]: Das kann man nicht
NEN]: Sie reden am Thema vorbei!) voneinander trennen!)

Man kann auch einmal die Frage stellen, wo Umschich- Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
tungen machbar sind und ob man angesichts der ziem-
Es ist verabredet, die Vorlage auf Drucksache 17/7943
lich großen Veranstaltungsdichte nicht auch den einen
(B) an die Ausschüsse, die Sie in der Tagesordnung finden, (D)
oder anderen Beitrag erwarten kann.
zu überweisen. Sind Sie damit einverstanden? – Das ist
(Ute Koczy [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: offensichtlich der Fall. Dann ist das so beschlossen.
Dann machen Sie es doch! Meine Güte!) Ich rufe jetzt den Tagesordnungspunkt 12 auf:
Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
richts des Verteidigungsausschusses als 1. Unter-
Herr Kollege, es gäbe jetzt noch eine Zwischenfrage suchungsausschuss gemäß Artikel 45 a Absatz 2
des Kollegen Lemme. des Grundgesetzes
– Drucksache 17/7400 –
Michael Frieser (CDU/CSU):
Nein, danke. Ich würde diesen Gedanken gerne zu Es ist vorgesehen, hierzu eine Stunde zu debattieren. –
Ende führen. Dazu sehe und höre ich keinen Widerspruch. Dann ver-
fahren wir so.
Ich bitte Sie, zu beachten, dass man in der gesamten
Diskussion unter keinen Umständen den Eindruck erwe- Ich eröffne die Aussprache und gebe das Wort dem
cken sollte, als könne man Terroristen durch politische Kollegen Michael Brand für die CDU/CSU-Fraktion.
Bildung von ihren Taten abhalten. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
(Monika Lazar [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- der FDP)
NEN]: Wer sagt denn so etwas? – Sönke Rix
[SPD]: Nein! Aber man kann dazu beitragen, Michael Brand (CDU/CSU):
dass der Boden nicht so fruchtbar ist!) Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Wir sprechen hier heute über ein Thema, das mit vielen
Ich will deutlich sagen, dass politische Bildung Sensibi-
Toten und Verletzten sowie viel Trauer bei den Angehö-
lisierung der Öffentlichkeit ist. Dies ist nicht nur ein
rigen der Opfer verknüpft ist. Dem sollten wir in der De-
wesentlicher Faktor der Aufklärung, sondern betrifft vor
batte auch gerecht werden.
allem auch den Blick auf politisch Verirrte. Wir sollten
unter keinen Umständen den Eindruck erwecken, als Das Thema Luftschlag Kunduz ist wie der gesamte
seien wir durch das, was der Staat im Bereich politischer Einsatz in Afghanistan oder auch aktuell im Kosovo
Bildung tun kann, in der Lage, terroristische Anschläge natürlich stark mit der sehr grundsätzlichen Frage ver-
zu verhindern. knüpft, wie und inwieweit wir unserer Bundeswehr in
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17433
Michael Brand
(A) einem lebensbedrohlichen Einsatz Möglichkeiten ein- lich gewalt- und terrorbereite Taliban waren? Es ist na- (C)
räumen, um sich gegen unmittelbar drohende Gefahren türlich nie auszuschließen, dass es im Zusammenhang
für Leib und Leben der Soldatinnen und Soldaten schüt- mit den menschlichen Quellen vor Ort, den einheimi-
zen und nötigenfalls Gewalt dabei anwenden zu können. schen Spähern, auch das Risiko der Fehlinformation
Der Ernst der Frage und die Schwere des Vorfalls gebie- gibt. Dabei – auch das will ich sagen – bleibt diese Infor-
ten es, dieses Thema hier im Hohen Haus in aller Ruhe mationsgewinnung für die Beurteilung unerlässlich.
und aller Sorgfalt und auch im Respekt vor den Toten Beim Luftschlag im September 2009 schien die Lage
und im Respekt vor der Lage der Bundeswehr in einem eindeutig. Es wurde mehrfach geprüft. Dass die Informa-
schweren Einsatz zu erörtern. tionen dennoch falsch blieben, hat zu einer nochmaligen
Überprüfung und Schärfung der Regeln und der internen
Für die Bundeswehr und ihren Einsatz in Afghanistan
Abläufe geführt.
– das gilt für Einsätze generell – ist dieser Vorfall sicher
in gewissem Ausmaß eine Zäsur. Nie zuvor haben Bun- Wir haben im Untersuchungsausschuss auch die inter-
deswehrangehörige einen solchen Luftangriff befohlen, nen Kommunikationswege vom Einsatzort bis in die
und nie zuvor ist ein solches Ausmaß an unschuldigen Spitze der zuständigen Ressorts, des Außenministe-
Toten zu beklagen gewesen. Dabei muss hier zweifels- riums, das damals in SPD-Hand war – Frank-Walter
frei klargestellt werden: Der Einsatz der Bundeswehr in Steinmeier –, und des Verteidigungsministeriums, unter-
Afghanistan ist vom Völkerrecht gedeckt. sucht. Hier ist es bekanntlich zu Fehlern gekommen, die
auch zu entsprechenden Konsequenzen und Veränderun-
(Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Ha!)
gen in den Abläufen geführt haben.
Die Afghanen sind dankbar für den Schutz durch die
Bundeswehr, die Bundeswehr hat das Recht und die Nicht zuletzt waren der Fragenkomplex Einhaltung
Pflicht, ihren Schutzauftrag in Bezug auf die in Afgha- militärischer Vorgaben durch die Bundeswehr und das
nistan zu leistende Aufgabe durchzusetzen, und sie hat Zusammenwirken mit den afghanischen Partnern und
das Recht und die Pflicht, Mörder, Terroristen und At- den Partnern in der NATO und in der Schutztruppe ISAF
tentäter von ihrem mörderischen Tun abzuhalten – und von großer Bedeutung.
das auch mit militärischen Mitteln. Wir müssen ein klares Wort an den damaligen ISAF-
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) Kommandeur richten. Ich will das tun: Es wäre richtiger
gewesen, den ISAF-Partner Bundeswehr intensiver an
Unmittelbar nach dem Luftschlag in Kunduz haben der Aufklärung zu beteiligen. – Es war richtig, dass der
die Bundeskanzlerin, der damalige Außenminister damalige deutsche Verteidigungsminister Franz Josef
Steinmeier und der damalige Verteidigungsminister Jung und auch die Bundeskanzlerin mit deutlichen Wor-
(B) Franz Josef Jung den zivilen Opfern und deren Familien ten vor einer Vorverurteilung warnten. Gerade in solch (D)
auch hier vor dem Hohen Haus ihre aufrichtige Anteil- schweren Fällen muss gelten: erst aufklären, dann urtei-
nahme ausgedrückt. Die Bundeskanzlerin hat in einer ei- len.
genen Regierungserklärung eine umfassende Aufklärung
des Vorgangs angekündigt – und sie hat Wort gehalten. (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der FDP)
Wir als Deutscher Bundestag haben uns ebenso in der
Pflicht gesehen, die Umstände eingehend zu untersu- Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir können festhal-
chen. Der Beschluss zur Einsetzung eines Untersu- ten: Der Ausschuss hat sich die Arbeit nicht leicht ge-
chungsausschusses erfolgte aus gutem Grund im Kon- macht. Trotz aller teils harter und auch polemischer Aus-
sens aller Fraktionen dieses Hauses. einandersetzungen und trotz massiver Kritik vor allem
am Verhalten der SPD im Ausschuss nehme ich die SPD
(Rainer Arnold [SPD]: Weil die Kanzlerin beim Wort. Es gilt das Wort des Kollegen Arnold, der
nicht aufgeklärt hat!) sinngemäß formuliert hat: Wir wollen der Bundeswehr
Der Ausschuss hat zentrale Fragen gestellt und beant- nicht in den Rücken fallen.
wortet. Einige will ich herausgreifen. Wenn das so ist, lieber Herr Arnold, und wenn das
Die Fragen waren unter anderem: Wie sind die Re- von weiten Teilen von SPD und Grünen so mitgetragen
geln im Einsatz? Welche Regeln sind bei internationalen wird, können wir von hier aus den Soldatinnen und Sol-
Einsätzen zu beachten? Was ist nachzujustieren? Hier daten im Einsatz zusichern, dass sie sich gerade auch
gab es unmittelbar nach dem Luftschlag bereits Verände- dann auf dieses Parlament verlassen können, wenn die
rungen, und es hat Klarstellungen gegeben. Situation kritisch wird. Wir lassen sie nicht im Stich, und
wir werden uns nicht auf ihre Kosten profilieren.
Es gab weitere Fragen: Wie kommen wir an verlässli-
che Daten? Wie sichern wir möglichst fehlerfreie Ab- (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
läufe, vor allem beim Einsatz von schweren Waffen? neten der FDP)
Hier hat sich gezeigt, dass wir beim Thema Aufklärung
Wir haben im Ausschuss vor allem die Frage unter-
in technischer und personeller Hinsicht einen klaren
sucht, wie es trotz der obersten Priorität der Bundes-
Nachholbedarf haben.
wehr, nämlich Zivilisten nicht zu schädigen, genau dazu
Zudem war die Frage zu untersuchen: Wie kam es zu kommen konnte. Oberst Klein hat im Untersuchungsaus-
der tragischen Fehlinformation, dass die Personen um schuss die dramatisch verschärfte Sicherheitslage klar
die gewaltsam gekaperten Tanklaster nicht ausschließ- gezeichnet. Er hat überzeugend das damalige Risiko be-
17434 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Michael Brand
(A) schrieben, dass der gekaperte Tanklaster als rollende spiel abzieht, der hat einen Großteil seiner außen- und si- (C)
Megabombe gegen die Bundeswehr genutzt werden cherheitspolitischen Glaubwürdigkeit verspielt.
könnte. Dazu lagen auch im Vorfeld klare Warnungen
(Dr. Hans-Peter Bartels [SPD]: Reden Sie über
vor. Zudem wurde er mit einer kriegerischen Lage kon-
Guttenberg?)
frontiert, in der die Bundeswehr in Gefechten gebunden
wurde. Es gab Gefallene und Verletzte. Die Zahl der Wir haben trotz dieser Obstruktion durchgesetzt, die
Kämpfe war massiv angestiegen. Viele im Ausschuss richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Wir können mit
– auch ich persönlich – waren sehr beeindruckt bis scho- einiger Genugtuung festhalten, dass nach fast zwei Jah-
ckiert über die Kriegsrealität, die sich in den deutschen ren Ausschussarbeit wesentliche Teile der Forderungen
Medien so nicht wiederfand und auch in den Lagebildern bereits sehr zeitnah nach dem Luftschlag umgesetzt wor-
der militärischen Führung bis dahin nicht immer in der den sind.
Deutlichkeit dargestellt wurde. Wie einfach machen es
sich die, die Tausende Kilometer entfernt, von der war- Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
men Stube aus, im Nachhinein alles besser wissen. Herr Brand, Herr Gehrcke wollte Ihnen gerne eine
(Zuruf von der FDP: So ist es!) Zwischenfrage stellen.
Oberst Klein hat in seinen Handlungen und in seinem
Michael Brand (CDU/CSU):
Vortrag einen integeren und sehr verantwortungsvollen
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich komme zum
Eindruck hinterlassen. Er ist auch ein Beleg für das hohe
Schluss.
Maß an Umsicht und Verantwortungsgefühl, das die
Kommandeure der Bundeswehr im Einsatz – von Afgha-
nistan bis hin zum Kosovo – zeigen. Sie räumen sowohl Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
dem Schutz der eigenen Truppe als auch dem Schutz der Aber Sie haben mich gehört?
Zivilisten oberste Priorität ein.
Michael Brand (CDU/CSU):
(Christine Buchholz [DIE LINKE]: Zynis-
mus!) Ich komme jetzt zum Schluss.

Bei aller Tragik der Ereignisse können wir im Ergeb- (Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Lassen Sie
nis festhalten: Selbst in diesem schweren Einsatz – ich die Frage zu?)
sage bewusst: unter Kriegsbedingungen – zeigt sich die Für die CDU/CSU, für die Koalition und sicher auch
Bundeswehr als eine hochverantwortliche, moderne Ar- für die große Mehrheit hier in diesem Haus stelle ich
mee, die den hohen Ansprüchen an eine Einsatzführung fest: Die Bundeswehr kann sich als Parlamentsarmee bei (D)
(B)
gerecht wird, die wir als Deutscher Bundestag auch zu ihren gefährlichen und verantwortungsvollen Einsätzen
Recht anlegen. für Sicherheit und Frieden auf die Unterstützung des
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) Parlaments verlassen. Das gilt von Afghanistan über So-
malia bis hin nach Bosnien und in das Kosovo. Wir ste-
Dabei gilt der Grundsatz: Wer angreift, um zu töten, der hen zu unseren Soldaten. Wir sagen ihnen auch heute
muss mit unserer Verteidigungsbereitschaft rechnen. Dank für ihre zum Teil sehr gefährlichen Einsätze. Das
verdienen die Männer und Frauen, die im Einsatz sprich-
(Zuruf von der LINKEN)
wörtlich Leib und Leben für unsere Sicherheit riskieren.
Wer die Lage in Afghanistan und in Pakistan analy-
Vielen Dank.
siert, wer die Lage in Teilen Ostafrikas und vor der
ostafrikanischen Küste betrachtet, der weiß: Sicherheit (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
kann im Zeitalter des internationalen Terrorismus nicht Dr. Reinhard Brandl [CDU/CSU]: Hervorra-
mehr nur auf dem heimatlichen Territorium verteidigt gend!)
werden. Auch das hat etwas mit unserem Einsatz in Af-
ghanistan und mit dem Luftschlag und seiner ganzen Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
Vorgeschichte zu tun. Der Kollege Gehrcke bekommt das Wort zu einer
Viel ist im Untersuchungsausschuss über Themen und Kurzintervention.
Nebenthemen geredet worden, die nichts mit dem Auf-
trag zu tun hatten. Auch das ist wahr. Ich will nur kurz, Wolfgang Gehrcke (DIE LINKE):
aber dafür umso klarer das Lieblingsthema der Opposi- Schönen Dank, Frau Präsidentin. – Herr Brand, ich
tion aufgreifen – ein Thema, das mit dem Luftschlag habe bis zum Schluss gewartet, ob Sie ein Wort, einen
nichts, aber auch gar nichts zu tun hatte –: die Angriffe Satz, einen halben Gedanken der Trauer oder des Mit-
auf den Minister, der zum Zeitpunkt des Luftschlags gar leids für die Opfer dieses Bombenangriffs finden,
nicht im Amt war. Dazu stellen wir klipp und klar fest:
Wer die Bundeswehr in den Einsatz schickt, der steht in (Dr. Reinhard Brandl [CDU/CSU]: Sie waren
der Verantwortung – auch in der Opposition. am Anfang noch nicht da! – Siegfried Kauder
[Villingen-Schwenningen] [CDU/CSU]: Wa-
(Zuruf von der LINKEN: Vorerst gescheitert!) ren Sie am Anfang noch nicht da?)
Wer dann auf der innenpolitischen Bühne – Tausende ob nicht von diesem Parlament aus endlich ein Signal an
Kilometer vom Einsatz entfernt – ein unwürdiges Schau- die Menschen in Afghanistan gehen kann, deren Ange-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17435
Wolfgang Gehrcke
(A) hörige umgekommen sind: Wir trauern mit euch. Wir und daraus die Konsequenzen zieht und wenn man (C)
entschuldigen uns für das, was passiert ist. falsch als falsch benennt. Sie sind dazu nicht in der
Lage. Dies wird den Opfern dieser tragischen Nacht
Sie haben kein einziges Wort für die Opfer gefunden. nicht gerecht.
(Dr. Reinhard Brandl [CDU/CSU]: Das stimmt (Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
nicht! Sie haben nicht zugehört!) BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Michael
Das finde ich schändlich. Das finde ich bedauerlich. Das Brand [CDU/CSU]: Haben Sie nicht zuge-
entspricht auch nicht der Würde dieses Parlaments. hört?)
(Beifall bei der LINKEN) Übrigens hat Ihre Kanzlerin damals am 8. September
2009 versprochen – ich zitiere –:
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: Die lückenlose Aufklärung des Vorfalls … und sei-
Herr Brand, möchten Sie antworten? – Bitte schön. ner Folgen ist für mich und die ganze Bundesregie-
rung ein Gebot der Selbstverständlichkeit.
Michael Brand (CDU/CSU): Nichts ist passiert.
Herr Kollege Gehrcke, ich möchte Ihre Äußerung als
unwahr zurückweisen. Sie waren ganz offensichtlich zu (Dr. Reinhard Brandl [CDU/CSU]: Das stimmt
Beginn dieser Rede nicht anwesend. doch gar nicht!)

(Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Doch!) Keine Aufklärung durch die Bundesregierung, nicht ein-
mal die angemessene Entschädigung für die Opfer, wie
Ich bitte Sie, zur Kenntnis zu nehmen – wenn Sie es sie in Afghanistan üblich ist.
schon nicht im Plenarsaal tun, dann lesen Sie es im Pro-
tokoll nach –, dass ich mit einer sehr differenzierten (Michael Brand [CDU/CSU]: Das ist unwahr!)
Position und auch mit dem Benennen der Opfer und mit
Deshalb war es notwendig, dass der Untersuchungs-
Worten der Trauer der unschuldigen Opfer gedacht habe.
ausschuss seine Arbeit geleistet hat, dass wir dort aufge-
Herr Gehrcke, Sie zeigen exemplarisch, was die arbeitet haben, wo die Regierung versagt hat. Das ging
Linkspartei in den letzten zwei Jahren in diesem Aus- über viele Stunden. Das war eine große, auch nervliche
schuss veranstaltet hat. Ihnen ging es nicht um die Sa- Belastung für uns alle. Wir müssen das machen, das ist
che. Ihnen ging es um Propaganda. unsere Aufgabe. Ich möchte aber ein ausdrückliches
Dankeschön an unsere Mitarbeiter und vor allen Dingen
(B) (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) (D)
auch an alle Mitarbeiter im Ausschusssekretariat richten,
die über viele Stunden, über 200, zusätzlich gearbeitet
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: haben.
Jetzt hat Rainer Arnold das Wort für die SPD-Frak- (Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und der
tion. FDP sowie bei Abgeordneten der LINKEN
und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Rainer Arnold (SPD):
Dieser Einsatz wurde von der Spitze des Ministe-
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
riums als „militärisch-operativ angemessen“ bezeichnet.
In der Tat, das war der folgenschwerste Waffeneinsatz
Haben Sie, die Kollegen von der Koalition, nicht reflek-
der Bundeswehr, seit die Bundeswehr in unserem Auf-
tiert, dass das ein gesuchter Begriff im Sinne von Schutz
trag bei internationalen Einsätzen engagiert ist: über
für Oberst Klein war? Dafür habe ich Verständnis. Ich
60 erwachsene Zivilisten und über 20 tote Kinder. Das
erwarte sogar von der Führung, dass sie sich schützend
ist eine Tragödie, Herr Kollege Brand, über die wir nicht
vor ihre Untergebenen stellt. Das ist die eine Seite.
mit diesem schneidigen, rechthaberischen und forschen
Ton hinweggehen können und dürfen. Auch mir geht es so. Ich empfinde so, wie es in einem
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem schönen Satz im Talmud geschrieben ist: Verurteile nie-
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) manden, bevor Du in seiner Lage warst. – Niemand
wollte in dieser Nacht in der Lage von Oberst Klein ge-
Jedes Menschenleben in Afghanistan ist so viel wert wesen sein. Deshalb geht es nicht um Verurteilen. Aber,
wie jedes Menschenleben der Welt. In diesem Sinn und liebe Kolleginnen und Kollegen, wir haben als Parlamen-
mit diesem Maßstab haben Sozialdemokraten und auch tarier die Verpflichtung, diesen schwerwiegenden Ein-
andere in dem Ausschuss ihre Aufklärungsarbeit betrie- satz zu beurteilen, die Fakten, auch wenn sie schmerzhaft
ben. Dies heißt auch im Sinn einer Parlamentsarmee, sind, zu benennen. Dabei gibt es nichts herumzureden.
Herr Kollege Brand: Man fällt den Soldaten nicht in den
Rücken, wenn man Fehler sorgfältig untersucht, auswer- Dieser Einsatz war ein schwerer Fehler. Er beruhte
tet auf Fehleinschätzungen, was die Gefährdung durch die
Tanklastzüge und eine Gefahr für das Camp angeht, die
(Michael Brand [CDU/CSU]: Genau das ha- nicht bestanden hat. Schwere Regelverstöße waren ak-
ben wir getan! Da gibt es keinen Wider- tenkundig, was in den Befragungen deutlich wurde. Das
spruch!) steht außer Frage. Es ist auch klar geworden: Ohne die
17436 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Rainer Arnold
(A) Regelverstöße hätte Oberst Klein nicht die Legitimation Sie sind ein Ultrafan von zu Guttenberg im Parlament. (C)
zur Anforderung der Flugzeuge gehabt. Sonst könnte man heute nicht so urteilen, wie Sie es tun.
All dies muss gesagt werden. Das heißt nicht, den (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
Soldaten in den Rücken zu fallen; es ist vielmehr unsere DIE GRÜNEN – Michael Brand [CDU/CSU]:
Aufgabe, seriös aufzuklären. Im Gegensatz zu Ihnen ha- Sie haben meiner Rede gar nicht zugehört!)
ben die Grünen und wir den Begriff „lessons learned“
Lassen Sie mich noch einige Sätze zu der Verantwor-
sehr ernst genommen und auf einigen Seiten in dem
tung des damaligen Ministers Jung sagen. Um es gleich
500 Seiten langen Bericht festgehalten, welche politi-
vorweg klar zu artikulieren: Die Haltung von Minister
schen Konsequenzen und operativen Folgerungen not-
Jung war letzten Endes konsequent. Sie verdient zumin-
wendig sind.
dest Respekt. Er hat angesichts der großen Dramatik und
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ des Leids, das in Afghanistan geschehen ist, vergleichs-
DIE GRÜNEN) weise kleine Fehler begangen. Er hat die Öffentlichkeit
nicht schnell genug informiert. Vielleicht hat er auch
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir Parlamentarier nicht die Kraft gehabt, zu sagen: „Das ist politisch bri-
haben allerdings nicht die Aufgabe, militärisch-operativ sant; ab jetzt laufen alle Fäden bei mir zusammen“, statt
zu beurteilen. Wir haben die Aufgabe, nach politischen, alle Abteilungen vor sich hinarbeiten zu lassen. Das wa-
ethischen und strategischen Maßstäben unser Urteil zu ren seine Versäumnisse. Dafür hat er die Verantwortung
finden. Es geht nicht an, dass eine Bundeskanzlerin fast übernommen. Dies halten wir ausdrücklich für in Ord-
zwei Jahre nach dem schweren Vorfall in der Zeugenbe- nung.
fragung immer noch sagt: Ob er richtig oder falsch war,
kommt auf den Blickwinkel an. Lassen Sie mich abschließend noch ein paar Spiegel-
striche zum Thema „lessons learned“ anmerken.
(Michael Brand [CDU/CSU]: Zitieren Sie die
Kanzlerin bitte richtig!)
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
Nein, es gibt hier nur den politischen Blickwinkel. Dafür Bei „ein paar Spiegelstrichen“ werde ich unruhig.
sind wir als Abgeordnete gewählt. Wir brauchen die
Kraft und den Mut, dies auch deutlich zu sagen. Rainer Arnold (SPD):
Es geht noch weniger an, Herr Kollege Brand, dass Ich nenne nur noch einen Punkt, der uns als Sozialde-
der ehemalige Verteidigungsminister zu Guttenberg, vor mokraten besonders wichtig ist. Wir werden uns damit
den Sie sich gerade wieder schützend gestellt haben, das beschäftigen müssen, ob das deutsche Recht in allen Be-
(B) noch weiter auslegt, indem er sagt: Auch ohne Regelver- reichen zu unseren Soldatinnen und Soldaten im Einsatz (D)
stöße wäre der Einsatz zwingend gewesen. passt. Wir werden uns auch damit beschäftigen müssen,
ob die Arbeit der menschlichen Quellen, die der Arbeit
(Michael Brand [CDU/CSU]: Dazu habe ich des Bundesnachrichtendienstes sehr nahe ist, von der
gar nichts gesagt!) Bundeswehr so weiter geleistet werden soll und welche
parlamentarische Kontrolle dafür notwendig ist.
Er hat dazu von niemandem Rat eingeholt. Im Gegenteil:
General Schneiderhan hat ihn sogar gewarnt, ein biss-
chen vorsichtiger zu sein, und darauf hingewiesen, dass Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
die Dinge wahrscheinlich komplizierter sind als ange- Herr Kollege.
nommen.
Er musste nachher sein Urteil korrigieren, weil der öf- Rainer Arnold (SPD):
fentliche Druck und auch der Druck aus dem Parlament Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Arbeit ist
größer wurden; denn jeder, der den ISAF-Abschlussbe- wichtig. Die Frage ist aber, wie sie gemacht wird.
richt lesen konnte – auch zu Guttenberg sagt, er habe ihn Wir haben also mit dem heutigen Abschlussbericht
gelesen –, kann zu keiner anderen Erkenntnis kommen, keinen Schlussstrich zu ziehen. Mit dem heutigen Ab-
als dass der Einsatz falsch war und es schwere Regelver- schlussbericht sagen wir vielmehr: Vor uns liegt noch
stöße gab. Dass Sie sich heute noch vor den Minister viel Arbeit in dem Sinne, aus Fehlern zu lernen, damit
stellen, finde ich außerordentlich bemerkenswert. Denn sich so etwas nach menschlichem Ermessen nicht mehr
die Geschichte in den letzten zwölf Monaten hat gezeigt: wiederholt.
Es gibt Zweifel an der Seriosität, Wahrhaftigkeit und der
Bereitschaft, Verantwortung gegenüber den beiden Per- Herzlichen Dank.
sonen zu übernehmen, nämlich Generalinspekteur
Schneiderhan und Staatssekretär Wichert, die er entlas- (Beifall bei der SPD)
sen hat. An den beiden gibt es keinen Zweifel.
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
Es würde sich für Sie anbieten, zu lesen, was Volker Der Kollege Joachim Spatz hat jetzt das Wort für die
Rühe, Ihr ehemaliger CDU/CSU-Verteidigungsminister, FDP-Fraktion.
zu diesen Vorgängen festgestellt hat. Sie haben nichts
davon aufgenommen. Sie haben Ihren Abschlussbericht (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
so geschrieben, Herr Brand, dass ich den Eindruck habe, der CDU/CSU)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17437

(A) Joachim Spatz (FDP): nen und mit großer Distanz kann man dieses Urteil fäl- (C)
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! len.
In der Tat stellte das Einsatzjahr 2009 mit den eigenen Wenn es zu einer Fehlentscheidung gekommen ist,
Opfern im April und den bedauernswerten zivilen Op- dann auch deshalb, weil damals die Aufklärungs-, Füh-
fern am Kunduz-Fluss am 4. September 2009 einen Ein- rungs- und Wirkmittel nicht zur Verfügung standen, die
schnitt in der Geschichte der Bundeswehr und auch der einem Kommandeur in Kunduz heute zur Verfügung ste-
Bundesrepublik Deutschland dar. Spätestens mit diesem hen. Auch das ist klar: Hier wurde unmittelbar und
Einsatzjahr war klar, dass wir uns in Afghanistan – man schnell gehandelt.
kann das jetzt juristisch formulieren, aber ich sage es
einmal so, wie es der normale Mensch empfindet – im (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Krieg befinden. Der Vorwurf der parteipolitischen Inszenierung, Kol-
Ich denke, vieles was danach an Konsequenzen leginnen und Kollegen von der Opposition, muss Ihnen
folgte, bis hin zur Bundeswehrreform in der Gestalt, wie natürlich gemacht werden, nachdem der verantwortliche
sie jetzt angegangen wird, ist der Tatsache geschuldet, Minister, Dr. Jung, sehr zügig zurückgetreten ist. Da-
dass man sich diesen Realitäten unausweichlich hat stel- durch, dass Sie sich nach diesem Rücktritt auf den ehe-
len müssen. maligen Minister zu Guttenberg konzentriert haben, ist
Ihre eigentliche Absicht doch mehr als offensichtlich.
Zur Beurteilung des Vorfalls am Kunduz-Fluss war es Die Bewertung des Vorganges rund um den ehemaligen
unumgänglich, einen Untersuchungsausschuss einzu- Generalinspekteur Schneiderhan und den ehemaligen
richten. Deshalb wurde er auch – der Kollege Brand hat Staatssekretär Wichert zeigt doch, wes Geistes Kind Ihre
darauf hingewiesen – einstimmig eingesetzt. Als öffent- Bewertung ist. Ich kann nur sagen: Den Eindruck, den
liche Einrichtung muss sich die Parlamentsarmee genau die beiden Zeugen im Untersuchungsausschuss gemacht
wie die Polizei bei der Wahrnehmung ihrer Machtmittel haben, jedenfalls auf mich, hat sehr glaubwürdig er-
einer kritischen Prüfung unterziehen. Deshalb bekennen scheinen lassen, was der Zeuge zu Guttenberg ausgesagt
wir uns auch dazu, dass sich das Handeln in diesem Fall hat.
der kritischen Prüfung durch einen Untersuchungsaus-
schuss zu unterziehen hatte. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Da der Name Volker Rühe und der seines Nachfolgers
Dabei hat aber nicht nur die Bundesregierung, son- gefallen sind, verbitte ich mir schon, dass sich Leute ein
dern auch das Parlament die Aufgabe, diese Prüfung vor Urteil erlauben, die mit dem Untersuchungsausschuss
dem Hintergrund ihrer Verantwortung wahrzunehmen. und dem Untersuchungsgegenstand in keiner Weise zu
(B) Dazu muss ich schon sagen – da teile ich die Bewertung tun hatten. (D)
des Kollegen Brand –, dass das nicht in jedem Fall die
alleinige Richtschnur gewesen sein kann, an der sich die (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Opposition orientiert hat. Bei uns standen auf jeden Fall der CDU/CSU)
die Sachaufklärung und das, was wir an Folgerungen für
Sowenig wie wir an dieser Stelle ein Werturteil über die
die weitere Tätigkeit der Bundeswehr daraus zu ziehen
Personen oder deren Lebensleistung abgegeben haben,
haben – mit dem Stichwort „lessons learned“ wurde das
schon erwähnt –, im Vordergrund. (Michael Brand [CDU/CSU]: So ist es!)
An der Stelle sei auch einmal erwähnt, dass die Koali- so wenig kann ich diejenigen ernst nehmen, die sich ein
tion gemeinsam mit SPD und Grünen im Feststellungs- Urteil über ein Verhalten in dieser konkret angesproche-
teil unseres Berichtes einen Weg gefunden hat, wenigs- nen Sachlage herausnehmen,
tens die Sachaufklärung auf einen gemeinsamen Stand
(Michael Brand [CDU/CSU]: Genau! Es ging
zu bringen. Eigentlich war bis zum Schluss auch die
nur um den Fall Kunduz!)
Linke mit dabei, die sich dem dann aber ganz kurz vor
Toresschluss entzogen hat. Als Beweggründe dafür eig- obwohl sie in keiner Weise daran beteiligt waren. Das
nen sich – darauf komme ich später bei einzelnen Punk- will ich hier schon noch einmal klarstellen.
ten noch zurück – wohl nur andere als die gemeinsame
Sachaufklärung. Hier hat anscheinend die Regie aus dem (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Backoffice dominiert. der CDU/CSU)
Jetzt zu etwas anderem; das ist vor allem an die Linke
Wir als Koalition haben uns die Bewertung der Tätig- gerichtet. Es geht um den Versuch, die Bundeswehr,
keit oder der Entscheidungen des Oberst Klein an die- Stichwort „Task Force 47“, in eine bestimmte Richtung
sem Tag nicht leichtgemacht. Wir sind zu dem Ergebnis zu rücken, wodurch nahegelegt wird, dass sie gewisser-
gelangt, dass man nach Abschluss aller Untersuchungen
maßen Listen von Targets abarbeitet oder Beihilfe zu
zu dem Schluss kommen muss, dass die Entscheidung
Geheimoperationen leistet. Dergleichen ist noch nicht
zwar militärisch nicht angemessen war – dazu bekennen
einmal im Ansatz belegbar gewesen. Es ist ein Unding,
wir uns auch –, dass er aber nach bestem Wissen und Ge-
dass Sie das offensichtlich weiterhin behaupten.
wissen und zum Wohle der Soldatinnen und Soldaten,
die ihm genauso unterstellt waren wie die zivilen Be- (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU –
diensteten, die im Lager dabei waren, gehandelt hat. Wie Michael Brand [CDU/CSU]: Das ist die Stra-
gesagt: Im Nachhinein, nach Vorliegen aller Informatio- tegie von Diffamieren und Propaganda!)
17438 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011

Joachim Spatz
(A) Es gab nicht einmal einen Anfangsverdacht. Das Ganze Ende des Zweiten Weltkriegs so schwertun, einer Politik (C)
ist nichts anderes als Diffamierung. Auch hier wird wie- zu folgen, die uns wieder zu militärischen Tätern macht.
der der Versuch deutlich, diesen Einsatz, die Bundes-
wehr und ihre Führung an dieser Stelle zu diskreditieren. (Beifall bei der LINKEN)
Man tut so, als ob sich unsere Soldatinnen und Soldaten Man hat das auch „Kultur der Zurückhaltung“ ge-
zu solchem Tun – Geheimdienstoperationen entweder nannt. Für mich schließt das den Begriff der Empathie
aus eigenem Antrieb oder im Auftrag anderer abzuarbei- ein, das Mitgefühl mit den Opfern, deren Angehörigen
ten – hergeben. Das ist nicht der Fall. und Freunden. Deshalb stand für uns, die Linke, aber
auch für viele andere neben der Pflicht zur Aufklärung
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
immer auch im Zentrum, dass die afghanischen Opfer
Es gab nicht einen einzigen Hinweis darauf, dass es an- der Bomben nicht vergessen werden, dass ein Schuldein-
ders gewesen ist. geständnis durch die Verantwortlichen erfolgt – bis heute
nicht geschehen – und dass die betroffenen Familien, die
Zu Ihrer Behauptung, der Luftschlag sei völkerrechts- in großer Armut leben, angemessen entschädigt wer-
widrig gewesen, kann ich nur sagen: Die deutsche Justiz, den – bis heute nicht geschehen. Leider wurde auch un-
die über die Anklage gegen Oberst Klein zu entscheiden ser Vorschlag, am Jahrestag der Bombennacht von
hatte, ist schlicht und ergreifend anderer Meinung. Kunduz hier im Bundestag der Toten zu gedenken, abge-
(Lachen des Abg. Paul Schäfer [Köln] [DIE lehnt. Diese Wunde bleibt.
LINKE]) Was die Öffentlichkeit damals aufgewühlt hat, waren
– Da können Sie lachen. Bei juristischen Meinungen gibt nicht nur die Bomben, die Toten, Menschen, die sich
es natürlich immer unterschiedliche Auffassungen. Es quasi in Luft aufgelöst hatten, sondern es war auch der
gibt ja den Spruch: Drei Juristen, fünf Meinungen. Umgang mit diesem Ereignis. Es war doch damals mit
Händen zu greifen, dass die Wahrheit immer nur scheib-
(Siegfried Kauder [Villingen-Schwenningen] chenweise ans Licht gekommen ist, dass Dinge vorent-
[CDU/CSU]: Falsch!) halten werden sollten. Der Versuch, möglichst rasch zur
Tagesordnung überzugehen, wäre auch fast gelungen,
Wenn es bei solchen Fragen von den zuständigen Institu- wenn nicht Nachrichtenmedien Ende Oktober mit neuen
tionen eine Entscheidung gibt, ist es Aufgabe des Parla- Enthüllungen nachgelegt hätten. Man muss sich daran
ments, das nicht zu ignorieren und nicht weiterhin zu be- noch einmal erinnern.
haupten, dass man völkerrechtswidrig unterwegs ge-
wesen ist. Die Bundeskanzlerin hatte am 8. September 2009 hier
(B) im Bundestag versprochen, rückhaltlos und vollständig (D)
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten aufzuklären. Dieses Versprechen ist bis heute nicht ein-
der CDU/CSU) gelöst.
Alles in allem kann man sagen, dass die Tätigkeit des (Michael Brand [CDU/CSU]: Das stimmt
Untersuchungsausschusses diejenigen Dinge zutage ge- doch gar nicht!)
fördert hat, die wir ändern mussten, sowohl im Einsatz-
gebiet selbst als auch in der Kommunikation des Bun- Wir sind durch die Arbeit des Untersuchungsaus-
desministeriums der Verteidigung; denn auch da waren schusses zu klaren Bewertungen gekommen. Wir sind
offenkundig Unzulänglichkeiten vorhanden. Diese Än- davon überzeugt, dass der Luftangriff vom 4. September
derungen sind weitgehend geschehen. Die Versuche, so- 2009 gegen das humanitäre Völkerrecht verstoßen hat
wohl den Einsatz wie auch handelnde Personen in Miss- und dass er deshalb nie hätte stattfinden dürfen.
kredit zu bringen oder gar zu diffamieren, sind gescheitert.
(Beifall bei der LINKEN sowie der Abg. Katja
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Keul [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] –
Michael Brand [CDU/CSU]: Sie wollen die
Bundeswehr abschaffen! Das ist es doch!)
Vizepräsidentin Petra Pau:
Das Wort hat der Kollege Paul Schäfer für die Frak- Oberst Klein hätte alles tun müssen, um definitiv auszu-
tion Die Linke. schließen, dass sich am Angriffsort Zivilisten befinden.
Davon kann aber keine Rede sein. Schon allein die Frage
(Beifall bei der LINKEN) nach dem Verbleib des besonders schutzbedürftigen,
weil verschleppten Lkw-Fahrers zu ignorieren, war fahr-
Paul Schäfer (Köln) (DIE LINKE): lässig.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Der (Michael Brand [CDU/CSU]: Das ist zynisch,
Bombenangriff von Kunduz am 4. September 2009 war was Sie hier erzählen!)
eine Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Dass
ein Bundeswehroberst den Befehl zu einem Luftangriff Aber auch das stete Kommen und Gehen einer großen
gibt, bei dem über 100 Menschen, darunter überwiegend Zahl von Menschen, die Benzin aus dem Tanklastwagen
unschuldige Zivilisten, umkommen sollten, lag außer- abzapfen wollten, sprach gegen die Annahme, dies seien
halb des Denkhorizonts der deutschen Öffentlichkeit. keine Zivilisten. Oberst Klein hätte vor dem Angriffsbe-
Das hat viele aufgeschreckt, viele entsetzt, und es ist gut, fehl zwingend Tiefflugaktionen der Piloten anordnen
dass sich die Deutschen auch über 60 Jahre nach dem müssen – ich rede vom Bürgerrecht –, um die Zivilisten
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 146. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Dezember 2011 17439
Paul Schäfer (Köln)
(A) auf der Sandbank vor einem Luftangriff zu warnen und politisch aufgestellte Generalbundesanwaltschaft – da- (C)
ihnen die Gelegenheit zu geben, den Ort unverzüglich zu vor brauchen wir die Augen nicht zu verschließen –
verlassen. Das sind völkerrechtliche Gebote. Das ist schon für den Rest sorgen und hilfreich zur Seite stehen
nicht geschehen, weil es ja gerade das Ziel des Bomben- würde. Genau das ist in dem vorliegenden Fall passiert.
angriffs war, den lokalen Taliban-Führern und den ver- Das Verfahren wurde nach fünf Wochen eingestellt.
mein