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Deutscher Bundestag: Stenografischer Bericht 142. Sitzung

Das Dokument ist ein Protokoll des Deutschen Bundestags aus dem Jahr 2011. Es enthält die Tagesordnung und die Redebeiträge verschiedener Abgeordneter zu mehreren Themen wie dem Bundeshaushalt, dem Auswärtigen Amt und dem Verteidigungsministerium.

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Deutscher Bundestag: Stenografischer Bericht 142. Sitzung

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Inhaltsverzeichnis Plenarprotokoll 17/142

Deutscher Bundestag
Stenografischer Bericht

142. Sitzung

Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Inhalt:

Tagesordnungspunkt II: (Fortsetzung) Dr. Lukrezia Jochimsen (DIE LINKE) . . . . . 16944 A


a) Zweite Beratung des von der Bundesregie- Reiner Deutschmann (FDP) . . . . . . . . . . . . . . 16944 D
rung eingebrachten Entwurfs eines Geset-
Tabea Rößner (BÜNDNIS 90/
zes über die Feststellung des Bundes-
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16945 D
haushaltsplans für das Haushaltsjahr
2012 (Haushaltsgesetz 2012)
(Drucksachen 17/6600, 17/6602) . . . . . . . 16907 A Namentliche Abstimmung . . . . . . . . . . . . . . . 16946 D
b) Beratung der Beschlussempfehlung des
Haushaltsausschusses zu der Unterrich- Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16948 D
tung durch die Bundesregierung: Finanz-
plan des Bundes 2011 bis 2015 II.11. Einzelplan 05
(Drucksachen 17/6601, 17/6602, 17/7126) 16907 A
Auswärtiges Amt
(Drucksachen 17/7105, 17/7123) . . . . 16947 A
II.10. Einzelplan 04
Klaus Brandner (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16947 A
Bundeskanzlerin und Bundeskanz-
leramt Dr. Rainer Stinner (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . 16951 A
(Drucksachen 17/7123, 17/7124) . . . . 16907 B
Michael Leutert (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 16952 C
Sigmar Gabriel (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16907 C
Philipp Mißfelder (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 16953 C
Dr. Angela Merkel,
Sven-Christian Kindler (BÜNDNIS 90/
Bundeskanzlerin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16913 C
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16955 B
Klaus Ernst (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . 16920 D
Dr. Bijan Djir-Sarai (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . 16956 C
Rainer Brüderle (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16924 D
Edelgard Bulmahn (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . 16957 B
Renate Künast (BÜNDNIS 90/
Erika Steinbach (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 16958 D
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16928 D
Dr. Guido Westerwelle,
Volker Kauder (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 16932 B
Bundesminister AA . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16960 A
Joachim Poß (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16934 D
Sevim Dağdelen (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 16961 B
Dr. Hermann Otto Solms (FDP) . . . . . . . . . . . 16936 B
Manuel Sarrazin (BÜNDNIS 90/
Gerda Hasselfeldt (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 16938 A DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16962 C
Rüdiger Kruse (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 16940 B Michael Link (Heilbronn) (FDP) . . . . . . . . . . 16963 D
Petra Merkel (Berlin) (SPD) . . . . . . . . . . . . . . 16941 B Manuel Sarrazin (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16964 A
Wolfgang Börnsen (Bönstrup)
(CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16943 A Michael Stübgen (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 16964 D
II Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Axel Schäfer (Bochum) (SPD) . . . . . . . . . . . . 16966 B EU-Kommission vom 12. Oktober 2011
zur Aufnahme von Beitrittsverhandlun-
Herbert Frankenhauser (CDU/CSU) . . . . . . . 16967 C gen mit Montenegro – Stellungnahme
des Deutschen Bundestages gemäß
II.12. Einzelplan 14 Artikel 23 Absatz 3 des Grundgesetzes
i. V. m. § 10 des Gesetzes über die Zu-
Bundesministerium der Verteidi- sammenarbeit von Bundesregierung
gung und Deutschem Bundestag in Angele-
(Drucksachen 17/7113, 17/7123) . . . . 16968 D genheiten der Europäischen Union
Bernhard Brinkmann (Hildesheim) (SPD) . . . 16969 A (Drucksache 17/7809) . . . . . . . . . . . . . . . 16986 C
Klaus-Peter Willsch (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 16970 B d) Antrag der Abgeordneten Manuel
Sarrazin, Volker Beck (Köln), Marieluise
Christine Buchholz (DIE LINKE) . . . . . . . . . 16972 A Beck (Bremen), weiterer Abgeordneter
Dr. h. c. Jürgen Koppelin (FDP) . . . . . . . . . . . 16973 A und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN: Einvernehmensherstellung
Dr. Tobias Lindner (BÜNDNIS 90/ von Bundestag und Bundesregierung
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16974 C zur Empfehlung der EU-Kommission
Dr. Thomas de Maizière, vom 12. Oktober 2011 zur Aufnahme
Bundesminister BMVg . . . . . . . . . . . . . . . 16975 C von Beitrittsverhandlungen mit Monte-
negro – Stellungnahme des Deutschen
Rainer Arnold (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16977 B Bundestages gemäß Artikel 23 Absatz 3
des Grundgesetzes i. V. m. § 10 des Ge-
Joachim Spatz (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16979 A
setzes über die Zusammenarbeit von
Paul Schäfer (Köln) (DIE LINKE) . . . . . . . . . 16980 A Bundesregierung und Deutschem Bun-
destag in Angelegenheiten der Europäi-
Omid Nouripour (BÜNDNIS 90/ schen Union
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16981 A (Drucksache 17/7769) . . . . . . . . . . . . . . . 16986 C
Ernst-Reinhard Beck (Reutlingen)
(CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16982 B e) Antrag der Fraktion der SPD: Bei der
Vergabe von Exportkreditgarantien
Dr. Hans-Peter Bartels (SPD) . . . . . . . . . . . . . 16984 A auch menschenrechtliche Aspekte prü-
fen
Dr. Reinhard Brandl (CDU/CSU) . . . . . . . . . 16985 A (Drucksache 17/7810) . . . . . . . . . . . . . . . 16986 D
g) Antrag der Abgeordneten Krista Sager,
Tagesordnungspunkt X: Kai Gehring, Sylvia Kotting-Uhl, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion BÜND-
a) Antrag der Abgeordneten Paul Schäfer
NIS 90/DIE GRÜNEN: Wissenschafts-
(Köln), Inge Höger, Wolfgang Gehrcke,
zeitvertragsgesetz wissenschaftsad-
weiterer Abgeordneter und der Fraktion
äquat verändern
DIE LINKE: Umbenennung von Bun-
(Drucksache 17/7773) . . . . . . . . . . . . . . . 16986 D
deswehrkasernen und Straßennamen
auf den Bundeswehrliegenschaften h) Antrag der Abgeordneten Marieluise Beck
(Drucksache 17/7485) . . . . . . . . . . . . . . . . 16986 A (Bremen), Manuel Sarrazin, Dr. Frithjof
b) Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und Schmidt, weiterer Abgeordneter und der
FDP: Einvernehmensherstellung von Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:
Bundestag und Bundesregierung zum Für eine Strategie zur europäischen In-
Beitrittsantrag der Republik Montene- tegration der Länder des westlichen
gro zur Europäischen Union und zur Balkans
Empfehlung der EU-Kommission vom (Drucksache 17/7774) . . . . . . . . . . . . . . . 16987 A
12. Oktober 2011 zur Aufnahme von
Beitrittsverhandlungen – Stellung-
nahme des Deutschen Bundestages ge- Tagesordnungspunkt XI:
mäß Artikel 23 Absatz 3 des Grundge-
a) Zweite Beratung und Schlussabstimmung
setzes i. V. m. § 10 des Gesetzes über die
des von der Bundesregierung eingebrach-
Zusammenarbeit von Bundesregierung
ten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Ab-
und Deutschem Bundestag in Angele-
kommen vom 17. Juni 2010 zwischen
genheiten der Europäischen Union
der Regierung der Bundesrepublik
(Drucksache 17/7768) . . . . . . . . . . . . . . . . 16986 B
Deutschland und dem Ministerrat der
c) Antrag der Fraktion der SPD: Einverneh- Republik Albanien über die Seeschiff-
mensherstellung von Bundestag und fahrt
Bundesregierung zur Empfehlung der (Drucksachen 17/7237, 17/7683) . . . . . . . 16987 B
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 III

b) Zweite und dritte Beratung des von der nen 1814 (2008) vom 15. Mai 2008, 1816
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs (2008) vom 2. Juni 2008, 1838 (2008) vom
eines Gesetzes über die Statistik der 7. Oktober 2008, 1846 (2008) vom 2. De-
Überschuldung privater Personen zember 2008, 1897 (2009) vom 30. Novem-
(Überschuldungsstatistikgesetz – ber 2009, 1950 (2010) vom 23. November
ÜSchuldStatG) 2010 und nachfolgender Resolutionen des
(Drucksachen 17/7418, 17/7698) . . . . . . . 16987 C Sicherheitsrates der Vereinten Nationen in
Verbindung mit der Gemeinsamen Aktion
c)–k)
2008/851/GASP des Rates der Europäi-
Beratung der Beschlussempfehlungen des
schen Union vom 10. November 2008, dem
Petitionsausschusses: Sammelübersich-
Beschluss 2009/907/GASP des Rates der
ten 337, 338, 339, 340, 341, 342, 343, 344
Europäischen Union vom 8. Dezember
und 345 zu Petitionen
2009, dem Beschluss 2010/437/GASP des
(Drucksachen 17/7656, 17/7657, 17/7658,
Rates der Europäischen Union vom 30. Juli
17/7659, 17/7660, 17/7661, 17/7662, 17/7663,
2010 und dem Beschluss 2010/766/GASP
17/7664) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16988 A
des Rates der Europäischen Union vom
7. Dezember 2010
II.13. Einzelplan 23 (Drucksache 17/7742) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17010 A
Bundesministerium für wirtschaftli- Dr. Guido Westerwelle,
che Zusammenarbeit und Entwick- Bundesminister AA . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17010 B
lung Dr. Rolf Mützenich (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . 17011 D
(Drucksachen 17/7119, 17/7123) . . . . 16988 D
Thomas Kossendey (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 17013 A
Lothar Binding (Heidelberg) (SPD) . . . . . . . . 16989 A
Christine Buchholz (DIE LINKE) . . . . . . . . . 17014 B
Dr. Christiane Ratjen-Damerau (FDP) . . . . . . 16990 C Omid Nouripour (BÜNDNIS 90/
Heike Hänsel (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 16992 A DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
17015 B
Volkmar Klein (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 16993 B Philipp Mißfelder (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 17016 A

Priska Hinz (Herborn) (BÜNDNIS 90/


DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16995 B Tagesordnungspunkt IV:
Dirk Niebel, Bundesminister Antrag der Bundesregierung: Fortsetzung
BMZ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16996 B des Einsatzes bewaffneter deutscher Streit-
Dr. Bärbel Kofler (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 16997 D kräfte bei der Unterstützung der gemeinsa-
men Reaktion auf terroristische Angriffe
Dagmar G. Wöhrl (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 16999 A gegen die USA auf Grundlage des Arti-
kels 51 der Satzung der Vereinten Nationen
Niema Movassat (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 17001 A
und des Artikels 5 des Nordatlantikver-
Thilo Hoppe (BÜNDNIS 90/ trags sowie der Resolutionen 1368 (2001)
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17002 B und 1373 (2001) des Sicherheitsrates der
Vereinten Nationen
Jürgen Klimke (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 17003 B (Drucksache 17/7743) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17017 B
Dr. Sascha Raabe (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 17005 A Dr. Guido Westerwelle,
Hartwig Fischer (Göttingen) Bundesminister AA . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17017 C
(CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17005 B Ullrich Meßmer (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17018 D
Sibylle Pfeiffer (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 17006 C Thomas Kossendey (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 17019 D
Thilo Hoppe (BÜNDNIS 90/ Paul Schäfer (Köln) (DIE LINKE) . . . . . . . . 17020 D
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17007 D Katja Keul (BÜNDNIS 90/
Johannes Selle (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 17008 B DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17021 D
Philipp Mißfelder (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 17022 D
Katja Keul (BÜNDNIS 90/
Tagesordnungspunkt III:
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17023 C
Antrag der Bundesregierung: Fortsetzung
der Beteiligung bewaffneter deutscher Nächste Sitzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17024 C
Streitkräfte an der EU-geführten Opera-
tion Atalanta zur Bekämpfung der Pirate-
rie vor der Küste Somalias auf Grundlage
Anlage
des Seerechtsübereinkommens der Verein-
ten Nationen von 1982 und der Resolutio- Liste der entschuldigten Abgeordneten . . . . . 17025 A
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16907

(A) (C)

142. Sitzung

Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Beginn: 9.01 Uhr

Präsident Dr. Norbert Lammert: Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
Die Sitzung ist eröffnet. Nehmen Sie bitte Platz. die Aussprache dreieinhalb Stunden vorgesehen. Sind
Sie damit einverstanden? – Das ist der Fall. Dann ist das
Guten Morgen, liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir so beschlossen.
setzen unsere Haushaltsberatungen – Tagesordnungs-
punkt II – fort: Ich eröffne die Aussprache. Das Wort erhält zunächst
der Kollege Sigmar Gabriel für die SPD-Fraktion.
a) Zweite Beratung des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes über die (Beifall bei der SPD)
Feststellung des Bundeshaushaltsplans für das
Haushaltsjahr 2012 (Haushaltsgesetz 2012) Sigmar Gabriel (SPD):
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Es genü-
– Drucksachen 17/6600, 17/6602 – gen drei Zahlen, um den von der Bundeskanzlerin vorge-
(B) b) Beratung der Beschlussempfehlung des Haus- legten Haushalt zu bewerten: (D)
haltsausschusses (8. Ausschuss) zu der Unterrich- Die erste Zahl ist die Summe neuer Schulden, die
tung durch die Bundesregierung CDU/CSU und FDP im laufenden Jahr, 2011, aufgenom-
men haben. Sie beträgt nach Auskunft der Bundesregie-
Finanzplan des Bundes 2011 bis 2015
rung 22 Milliarden Euro.
– Drucksachen 17/6601, 17/6602, 17/7126 – Die zweite Zahl ist die Summe der Steuermehreinnah-
Berichterstattung: men laut Steuerschätzung vom Herbst 2011 und die
Abgeordnete Norbert Barthle Summe der Zinsersparnisse im kommenden Jahr. Die
Carsten Schneider (Erfurt) beiden Summen ergeben im Saldo eine Entlastung im
Otto Fricke Jahr 2012 in Höhe von mindestens 4,3 Milliarden Euro.
Dr. Gesine Lötzsch Die dritte Zahl ist die Summe neuer Schulden, die
Priska Hinz (Herborn) Sie, Frau Bundeskanzlerin, im kommenden Jahr, 2012,
trotz dieser Entlastung um 4,3 Milliarden Euro aufneh-
Dazu rufe ich ohne weitere Vorankündigungen den
men wollen. Die Zahl liegt nicht etwa um 4,3 Milliarden
Tagesordnungspunkt II.10 auf:
Euro niedriger als im Jahr 2011, sondern, im Gegenteil:
Einzelplan 04 Angela Merkel und ihr Finanzminister wollen im kom-
Bundeskanzlerin und Bundeskanzleramt menden Jahr trotz steigender Steuereinnahmen, trotz ge-
ringerer Zinsbelastungen, trotz sinkender Arbeitslosig-
– Drucksachen 17/7123, 17/7124 – keit, trotz sinkender Sozialabgaben nicht etwa weniger
Berichterstattung: Schulden aufnehmen, sondern die Neuverschuldung um
Abgeordnete Norbert Barthle sage und schreibe 4 Milliarden Euro auf 26 Milliarden
Rüdiger Kruse Euro erhöhen.
Petra Merkel (Berlin) (Carsten Schneider [Erfurt] [SPD]: Pfui!)
Dr. h. c. Jürgen Koppelin
Dr. Gesine Lötzsch Es geht nicht um den Vergleich von Äpfeln und Bir-
Dr. Tobias Lindner nen,
Priska Hinz (Herborn) (Norbert Barthle [CDU/CSU]: Sehr wohl!)
Über den Einzelplan 04 werden wir später namentlich wie sich angesichts dieser drei Zahlen der Herr Bundes-
abstimmen. finanzminister gestern herauszureden versucht hat. Es
16908 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Sigmar Gabriel
(A) geht vielmehr, meine Damen und Herren, um die Um- ten der FDP – Norbert Barthle [CDU/CSU]: (C)
stände, unter denen die Schulden erhöht werden sollen. Genau das machen wir!)
In einer Zeit sehr guten Wirtschaftswachstums, in einer
Das ist das, was Sie gesagt haben; aber jetzt machen Sie
Zeit stetig steigender Staatseinnahmen vergrößern Sie,
das genaue Gegenteil.
vergrößert diese Koalition den Schuldenberg Deutsch-
lands. Ich habe ja Humor. Aber dass Sie selbst öffentlich er-
klären: „Wir wollen weniger Schulden machen“,
(Norbert Barthle [CDU/CSU]: Das ist doch
nicht wahr!) (Beifall bei Abgeordneten der FDP)
Die Schuldenbremse in unserer Verfassung will übrigens und damit durch die Lande ziehen und dann im Bundes-
das genaue Gegenteil: in guten Zeiten sparen und in tag für nächstes Jahr 4 Milliarden Euro mehr Schulden
schlechten Zeiten investieren. Sie stellen diese Schul- beschließen als für dieses Jahr, obwohl es Deutschland
denbremse in unserer Verfassung auf den Kopf, Frau so gut geht, und gleichzeitig anderen Ländern empfeh-
Bundeskanzlerin. Das ist verheerend, und deshalb wer- len, sie sollen ihre Schulden senken, obwohl sie in der
fen Ihnen das auch alle vor. Krise stecken, das ist wirklich nicht zum Lachen. Das ist
eine ziemlich finstere Angelegenheit, was Sie hier in
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
Deutschland veranstalten.
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Nor-
bert Barthle [CDU/CSU]: Unfug!) (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
Ihr Finanzminister hat gestern so gereizt reagiert, weil er
sich dabei ertappt gefühlt hat. Denn Bundesrechnungs- Ich verstehe Sie: Sie haben sich an das Handeln der
hof, Bundesbank, Wirtschaftsweisen – alle kritisieren Kanzlerin nach dem Motto „Was stört mich mein Ge-
das. Wie sagte die Frau Bundeskanzlerin, wie sagten Sie, schwätz von gestern?“ längst gewöhnt, wir noch nicht;
Frau Merkel, noch hier im Bundestag: Wir sparen, aller- das ist der einzige Unterschied in der heutigen Debatte.
dings intelligent. – Das nennt man dann wohl Intelli-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
genzbestie.
Meine Damen und Herren, die öffentlichen Kommen-
(Heiterkeit bei der SPD – Widerspruch bei der
tare zu Ihrer Finanzpolitik sind entsprechend. Das Han-
CDU/CSU und der FDP)
delsblatt spricht von „deutscher Heuchelei“. Die Finan-
– Ich zitiere sie nur. – Wenn Sie der Öffentlichkeit sagen: cial Times Deutschland titelt: „Bundesbank rechnet mit
„Wir sparen, aber intelligent“, und die Schulden erhö- Schäuble ab“ und zitiert dann die Bundesbank – viel-
hen, dann wollen Sie doch die Öffentlichkeit für dumm leicht klatschen Sie jetzt wieder –:
(B) (D)
verkaufen und zum Narren halten. Das haben Sie doch
„Mit dem Bundeshaushalt 2012 ist eine merkliche
vor.
Abkehr von den Konsolidierungsbeschlüssen vom
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten Juni 2010 verbunden“ …
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Nor-
Das kann man wohl sagen. Warum klatschen Sie jetzt ei-
bert Barthle [CDU/CSU]: Sie verkaufen die
gentlich nicht? Das ist eine Beurteilung der Bundesbank.
Öffentlichkeit für dumm! Wir wollen wissen,
wo wir nächstes Jahr landen bei den Schulden! (Widerspruch bei der CDU/CSU und der FDP)
– Volker Kauder [CDU/CSU]: Jeder Markt-
– Bisschen nervös, oder? Es wird ja so unruhig bei Ih-
schreier ist besser als Sie!)
nen. Fühlen Sie sich ertappt, oder was ist der Grund?
Sie erklären landauf, landab, dass die Zeiten steigen-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
der Staatsverschuldung endlich zu Ende sein müssten.
Sie verordnen Europa einen ganz harten Sparkurs. Was Was hatten Sie der deutschen Öffentlichkeit nicht al-
denken Sie eigentlich, wie glaubwürdig diese Politik in les versprochen: 80 Milliarden Euro wollten CDU/CSU
Europa ist, wenn Sie hier in Deutschland, unter weit bes- und FDP zwischen 2011 und 2014 einsparen. Wir – an-
seren Bedingungen als in allen anderen Staaten Europas, ders als Sie – erinnern uns noch ganz gut an die voll-
die Schulden erhöhen? „Deutschland geht es so gut wie mundigen Versprechungen vor einem Jahr. Was sollte da
lange nicht.“ alles passieren! Ein Jahrhundertpaket sollte es werden.
Kleiner geht es bei Ihren Selbstinszenierungen ja meis-
(Anhaltender Beifall bei der CDU/CSU und
tens nicht.
der FDP)
Schauen wir uns einmal an, was aus Ihrem Jahrhun-
– Man kann Sie ausrechnen; Sie sind wirklich ganz put-
dertpaket geworden ist: 4 Milliarden Euro sollte die Ab-
zig. Wir haben darüber gewettet, ob Sie an der Stelle klat-
schaffung der Wehrpflicht einsparen. Aufgrund der
schen. Aber Sie haben den letzten Satz noch nicht gehört;
desaströsen Fehlleistung Ihres einstigen bayerischen Su-
es handelt sich um ein Zitat von Ihrer Kanzlerin. – Der
perstars fallen jetzt Mehrkosten an. 6 Milliarden Euro
letzte Satz lautet: Deshalb ist das zentrale Thema der
sollte die Beteiligung des Finanzsektors an den Kosten
Abbau von Schulden und die Haushaltskonsolidierung.
der Finanzkrise bringen. Ergebnis: ersatzlos gestrichen.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten Weit mehr als 10 Milliarden Euro sollte die Streichung
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Bei- von Steuersubventionen und Steuervergünstigungen er-
fall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordne- bringen. Ergebnis: wieder Fehlanzeige.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16909
Sigmar Gabriel
(A) Und was ist eigentlich aus der von Ihnen so lautstark Glauben Sie eigentlich selbst an Ihre Sprüche, dass das (C)
angekündigten Mehrwertsteuerreform geworden? Nur den Massenkonsum und die Binnenkonjunktur in
weil es die Phrasendrescherei Ihrer Koalition so schön il- Deutschland fördern soll?
lustriert: Was ist mit den Milliardenbeträgen, die durch
Bürokratie- und Personalabbau eingespart werden soll- Herr Kollege Fricke, Sie fragen: Ist das nichts? Ich
ten? Das Gegenteil ist passiert. will Ihnen einmal sagen, was die Folge ist. Die Folge ist
nicht, dass der Durchschnittsverdiener 4 Euro mehr hat.
Besonders auffällig sind die Versorgungsfälle in den Die Folge ist, dass Sie in diesem Zusammenhang 2 Mil-
FDP-Ministerien. liarden Euro von den Städten und Gemeinden bezahlen
lassen. In der Folge wird der, der von Ihnen 4 Euro im
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem Monat geschenkt bekommt, mit höheren Kindergarten-
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) gebühren und anderen städtischen Abgaben belastet wer-
Sie reden vom Sparen, schaffen aber 480 neue Stellen al- den. Das ist das Ergebnis, das dabei herauskommen
leine in den Bundesministerien. Beeindruckend – das wird.
muss ich zugeben – sind die 166 neuen Stellen, die al- (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
leine im Entwicklungsministerium von Herrn Niebel ge- der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
schaffen wurden – ein Ministerium, das er eigentlich GRÜNEN)
einmal ganz abschaffen wollte. Ausgerechnet eine Par-
tei, die so gerne über den schlanken Staat und Entbüro- Die Gemeinden kostet das Ganze 2 Milliarden Euro, und
kratisierung schwadroniert, bringt noch schnell die letz- deswegen müssen wir darüber reden. Denn die Kommu-
ten Mitarbeiter aus der FDP-Parteizentrale in einem nen sind immer diejenigen, die bei Ihrer Steuerpolitik
sicheren Job bei der Bundesregierung unter. am Ende daran glauben müssen. Das war schon beim
Hoteliergesetz so.
(Christian Lindner [FDP]: Quatsch!)
In diesem Zusammenhang möchte ich auf unsere ges-
Das ist aus Ihren Versprechungen zum Personalabbau trige Debatte zum Kampf gegen Rechtsextremismus in
geworden, meine Damen und Herren! Deutschland zurückkommen.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten (Zurufe von der FDP)
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
– Hören Sie einmal zu. – Denn zwischen dem Ausbluten
So kann man die Liste weiter fortsetzen. Aus Ihrem der Städte und Gemeinden in Deutschland und dem Er-
Jahrhundertwerk, Frau Merkel, ist wohl eher eine Tages- starken des Rechtsextremismus gibt es für mich einen
baustelle geworden. Wo Sie von anderen Staaten mas- ganz eindeutigen Zusammenhang: Dort, wo sich Ge- (D)
(B)
sive Einschnitte zum Abbau der Verschuldung fordern, meinden und Städte aufgrund ihrer Finanznot zurückzie-
muten Sie sich selbst gar nichts zu – im Gegenteil: Statt hen, dringen Neonazis ein. Wo Jugendeinrichtungen ge-
zu sparen, ziehen Sie auch noch die Spendierhosen an. schlossen werden, Vereine, Ehrenamt und Sport nicht
6 Milliarden Euro soll die Steuersenkung kosten, die mehr ausreichend gefördert werden und Freizeit- und
den Geringverdienern in Deutschland gar nichts bringt. Kulturangebote verschwinden, dort entstehen sozial ent-
leerte Räume. In diese sozial entleerten Räume dringen
(Otto Fricke [FDP]: Das ist doch gar nicht der Rechtsradikale ein.
Haushalt jetzt, das ist 2013!)
(Zurufe von der CDU/CSU)
– Der Zwischenruf von Herrn Fricke ist wirklich klasse.
Ich kann Ihnen den nicht vorenthalten. Er sagt: Das ist – Da Sie hier unruhig werden: Sie sind doch genau wie
doch erst später, das ist doch nicht gleich in einem Jahr. – wir der Überzeugung, dass es uns nachdenklich machen
Verstehen Sie eigentlich gar nicht, Herr Fricke, dass wir muss und zum Handeln auffordert, wenn die NPD den
uns mit wirtschaftlichen und konjunkturellen Risiken Kommunen anbietet, den Betrieb von Jugendzentren und
auseinandersetzen müssen? Deshalb müssen wir jetzt Kindergärten fortzuführen, wenn sie wegen der kommu-
sparen, und zwar jeden Cent, damit wir morgen wieder nalen Finanznot geschlossen werden sollen. Das sind
Arbeitsplätze in diesem Land sichern können. Das haben doch praktische Beispiele, die wir in Deutschland prä-
Sie überhaupt nicht begriffen. sentiert bekommen. Ich sage Ihnen: Mindestens so wich-
tig wie ein Verbot der NPD, mindestens so wichtig wie
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten die sichtbare Präsenz der Polizei in den Stadtvierteln und
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) Gemeinden, in denen die Rechtsradikalen die Herrschaft
übernehmen wollen, ist es, die soziale und kulturelle
Ich finde es auch interessant, sich mit dem Inhalt die-
Verwahrlosung in unseren Städten und Gemeinden zu
ser Steuersenkung auseinanderzusetzen. Der Geringver-
bekämpfen.
diener – für den soll sie ja vorgenommen werden – be-
kommt freundlicherweise 0 Cent; der zahlt nämlich (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
keine Steuern. 40 Prozent der deutschen Haushalte ha- des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
ben nichts von dem, was Sie da planen. Der Durch-
schnittsverdiener mit einem Einkommen von 2 250 Euro So wichtig die Debatten im Bundestag auch sind: Der
hat eine monatliche Steuerersparnis von 4 Euro. Kampf um Demokratie und gegen den Rechtsextremis-
mus wird nicht hier im Parlament entschieden, sondern
(Otto Fricke [FDP]: Ist das nichts?) vor Ort. Die soziale und demokratische Gesellschaft be-
16910 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Sigmar Gabriel
(A) ginnt in der sozialen und demokratischen Stadt und Ge- (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten (C)
meinde. Es ist deshalb ein Fehler, den Kommunen noch- der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
mals Geld zu entziehen, ob durch Steuersenkungen oder GRÜNEN)
durch Kürzungen der Programme für die soziale Stadt-
entwicklung. Das halte ich für eine Unverschämtheit den Gewerk-
schaften gegenüber, wie ich sie selten gehört habe.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) Das alles kostet den Staat viel Geld: Mindestens
7 Milliarden Euro geben wir für Lohnzuschüsse aus. Üb-
Die 6 Milliarden Euro für die Steuersenkung als Kauf- rigens: Wenn sich die Sozialministerin jetzt Sorgen um
preis für das Stillhalten der FDP bei der Euro-Achterbahn die Altersarmut macht, ist das berechtigt. Aber irgend-
waren noch nicht genug. Frau Bundeskanzlerin, Sie muss- wer muss ihr einmal erklären, dass es Altersarmut nicht
ten auch noch die CSU bedienen. Da haben Sie dann zu- ohne Erwerbsarmut gibt.
lasten der Verschuldung unseres Landes eine wahrlich
abenteuerliche Verabredung getroffen: 150 Euro im Mo- (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
nat – Milliardenbeträge – sollen Eltern jetzt bekommen, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
wenn sie ihre Kinder nicht in den Kindergarten schicken. GRÜNEN)
Ich muss wirklich fragen: Wie verrückt oder – besser – Ich finde, das muss doch irgendwann einmal bei Ihnen
wie verantwortungslos muss man eigentlich sein, um auf ankommen.
diese Idee zu kommen?
Das eigentliche Problem ist aber, dass Sie nicht ver-
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ standen haben, was die CDU-Arbeitnehmer wirklich
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der wollten. Sie wussten, dass zwei Dinge wichtig sind:
LINKEN)
Erstens. Mindestlohn bedeutet: Einer, der Vollzeit ar-
Selbst die Bild-Zeitung ist fassungslos, Frau Bundes- beiten geht, muss hinterher nicht zum Sozialamt, um
kanzlerin. Dort steht: sich den Rest zu holen, damit er die Miete bezahlen
Statt Milliarden für ein unsinniges Betreuungsgeld kann; denn das ist unwürdig. Ein Mindestlohn ist nur
zu verpulvern, sollte die Regierung jeden Cent in dann ein guter Mindestlohn, wenn er von Hartz IV und
die Kinderbetreuung investieren! Sozialhilfe unabhängig macht.
Wo die Bild-Zeitung recht hat, hat sie recht: Das wäre Zweitens. Ihre CDU-Arbeitnehmer wussten, dass es
ein angemessener Umgang mit dem Thema gewesen. um die Würde der Arbeit geht und es demütigend ist,
(B) Menschen, die Vollzeit arbeiten, hinterher zum Sozial- (D)
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ amt zu schicken. Deshalb wollten die CDU-Arbeitneh-
DIE GRÜNEN) mer einen gesetzlichen Mindestlohn für alle, der von So-
Es ist übrigens – ich sage das an die CSU gerichtet – zialhilfe unabhängig macht. Daher ist es eine Schande,
keineswegs so, dass Eltern, die ihre Kinder in die Kin- Frau Bundeskanzlerin, dass Sie Ihren Arbeitnehmern in
dertagesstätte bringen, Rabeneltern sind. den Rücken gefallen sind; denn das ist gerade nicht das
Ergebnis der Mindestlohndebatte auf Ihrem Parteitag.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
Viele von denen müssen das übrigens, weil ihre Löhne BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
so niedrig sind, dass beide arbeiten gehen müssen. Da
wäre ein echter Mindestlohn eine richtige Hilfe für die Meine Damen und Herren, das kostet uns 7 Milliar-
Eltern von Kindern; auch da wäre der Mindestlohn rich- den Euro, die bei der Senkung der Verschuldung oder bei
tig, unseren Schulen besser aufgehoben wären. Wir müssen
Recht und Ordnung auf dem Arbeitsmarkt wiederher-
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten stellen. Frau Bundeskanzlerin, gut 10 Milliarden Euro
der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE haben Sie insgesamt nächtens in Ihrer Koalitionsrunde
GRÜNEN) verteilt, um das Stillhalten Ihrer Koalitionspartner zu er-
aber nicht so ein Papiertiger, wie Sie ihn auf Ihrem Par- kaufen. Die 10 Milliarden Euro zulasten der Verschul-
teitag beschlossen haben. Fast 1,5 Millionen Menschen dung sind so etwas wie eine Stillhalteprämie in Ihrer Ko-
in Deutschland stocken ihren Lohn mit Arbeitslosen- alition gewesen. Wo sind allerdings, Frau Kanzlerin, die
geld II auf; 320 000 von ihnen sind sogar sozialversiche- Sparvorschläge für diese 10 Milliarden Euro? Nichts zu
rungspflichtig in Vollzeit beschäftigt. Stundenlöhne von sehen! Stattdessen machen Sie Politik auf Pump. Das ist
3,18 Euro, 5,33 Euro und 6,19 Euro sind eine Schande genau die alte Politik, die wir nicht mehr gebrauchen
für unser Land. können – weder in Griechenland noch in Italien noch in
Deutschland, Frau Dr. Merkel, weder dort noch hier.
(Beifall bei der SPD – Dr. Michael Fuchs [CDU/
CSU]: Von Gewerkschaften tarifiert!) (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
Die FDP, die hier jahrelang eine Politik zur Bekämpfung
der Tariffähigkeit der deutschen Gewerkschaften ge- Denn wann, wenn nicht jetzt, wo die Steuerquellen spru-
macht hat, wirft jetzt den Gewerkschaften vor, dass sie deln, wollen wir eigentlich Schulden abbauen? Wann,
das nicht durch Tariflöhne verhindern können. wenn nicht im wirtschaftlichen Aufschwung, wollen wir
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16911
Sigmar Gabriel
(A) Vorsorge treffen für die mit Sicherheit wieder kommen- Die Bundesbank befürchtet also auf gut Deutsch: Ein (C)
den wirtschaftlichen Schwierigkeiten? zu geringer Schuldenabbaupfad jetzt kann dazu führen,
dass bei einem wirtschaftlich schlechteren Klima die
Frau Bundeskanzlerin, irritiert Sie eigentlich gar
deutschen Staatsschulden so stark steigen, dass auch un-
nicht, dass Sie inzwischen einhellig Ihr eigener Sachver-
ser Land in die Schwierigkeiten gerät, in die inzwischen
ständigenrat der Wirtschaftsweisen, der Bundesrech-
Frankreich gekommen ist. Sie befürchtet also, dass die
nungshof und sogar Ihr ehemaliger Kanzleramtsberater
Zinsen für deutsche Staatsanleihen steigen und wir in ei-
kritisieren? Ich weiß nicht, Frau Kanzlerin, was Sie unter
nen ähnlichen Teufelskreis geraten könnten wie unsere
einer Schuldenbremse verstehen. Wir verstehen darun-
europäischen Nachbarn.
ter, dass man weniger neue Schulden macht – und nicht
mehr. Der Spiegel bezieht sich in einem Artikel auf diesen
Bericht der Bundesbank und nennt Sie deshalb zu Recht
(Zuruf des Abg. Dr. Michael Fuchs [CDU/
einen „Scheinriesen“, Frau Bundeskanzlerin. Fest steht:
CSU])
Der Bundesfinanzminister kann beim Schuldendienst
– Sie scheinen das eher mit dem Gaspedal zu verwech- enorm sparen, weil immer mehr Anleger die deutschen
seln. Sie haben offenbar bei der Verfassungsänderung Staatsanleihen suchen und das Zinsniveau deshalb sinkt.
nicht ganz aufgepasst. Ganz nebenbei kassiert er auch noch Zinsen für die Kre-
dite an Griechenland.
(Zuruf des Abg. Dr. Michael Fuchs [CDU/
CSU]) Wenn wir diese Krisengewinne stillschweigend kas-
sieren, selbst keine Schulden abbauen, gleichzeitig aber
– Ich kann verstehen, dass Sie das von mir nicht hören
andere Länder lautstark für ihr Schuldengebaren kritisie-
wollen. Aber unangenehmer wird es – warten Sie ab –,
ren, obwohl deren Lage weitaus schlechter ist, gibt es
wenn Sie hören, wer noch alles Ihnen das sagt.
viele in Europa, die wegen dieser arroganten Haltung Ih-
Dass Ihr Finanzminister den Ausgangswert der Ver- rer Regierung, Frau Merkel, meine Damen und Herren,
schuldung bewusst manipuliert und zu hoch angesetzt zu Recht die Faust in der Tasche ballen.
hat, um Ihre viel zu geringe Absenkung der Verschul-
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
dung optisch zu verkleistern, schreibt Ihnen die Bundes-
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
bank ins Stammbuch. Dort heißt es – ich zitiere –:
Sie haben in den letzten 24 Monaten Ihre Position zur
Nach Artikel 143 d GG wäre eine entsprechende
Euro-Krise ständig gewechselt. Sehr lange wollten Sie
Absenkung des Ausgangswertes und damit auch
die Krise im europäischen Währungsraum den betroffe-
des Anpassungspfades allerdings letztlich geboten.
nen Nachbarn selbst überlassen. Ich halte es für den
(B) (D)
Damit keine Missverständnisse aufkommen, was die größten Fehler Ihrer Amtszeit, dass Sie der europäischen
Bundesbank damit meint, erklärt der Bundesbankpräsi- Herausforderung sehr lange nur mit nationalen Antwor-
dent – ich zitiere –: Deutschland darf keine Zeit verlie- ten und nur mit dem Eigeninteresse Ihrer Regierung be-
ren, seinen Haushalt auszugleichen. – Aber Sie erhöhen gegnet sind. Erst als nacheinander ein Land nach dem
die Schulden. Das kritisiert Herr Weidmann in seinem anderen zum Spielball der Finanzmärkte wurde, haben
Bericht der Bundesbank. Sie gemerkt, dass Ihre nationalen Antworten nicht rei-
chen. Nun ist die Verunsicherung so groß, dass selbst der
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
gigantische Rettungsschirm mit 1 Billion Euro nicht
DIE GRÜNEN)
mehr ausreicht. Im Gegenteil: Die Finanzmärkte miss-
Manchmal, Frau Dr. Merkel, habe ich den Eindruck, trauen uns nicht nur, sie wetten sogar auf das Auseinan-
Sie halten das alles für Ratschläge an die Adresse Grie- derbrechen der Euro-Zone.
chenlands, Italiens oder Portugals. Aber, ehrlich gesagt,
Nichts von dem, was Sie jeweils in Ihren Regierungs-
Herr Weidmann meint Sie ganz persönlich. Er ermahnt
erklärungen zum Euro im Bundestag erklärt haben, hat
Sie in diesem Bericht, keinen Verfassungsbruch zu bege-
Wirkung gezeigt. Das meiste ist hinterher sowieso wie-
hen. Sie sind aber drauf und dran, genau das zu tun, nur
der verändert worden. Die Zinsen für die Krisenstaaten
weil Sie Ruhe in der Koalition haben wollen und sich
steigen. Stattdessen erhalten die Staaten der Euro-Zone
eine Kriegskasse für den Wahlkampf anlegen wollen.
auf den internationalen Kapitalmärkten selbst dann kein
Denn um nichts anderes geht es hier.
Geld zu erträglichen Zinsen, wenn sie massive Sparpro-
(Carsten Schneider [Erfurt] [SPD]: Ganz schä- gramme auflegen. Im Kern geht es jetzt darum, dass wir
big!) endlich die entscheidende Frage beantworten: Stehen
wir in Europa füreinander ein, und kann ein Investor in
Das eigentlich Besorgniserregende an dieser Kritik der der Euro-Zone sicher sein, dass er sein geliehenes Geld
Bundesbank ist allerdings nicht einmal die kurzfristige zurückerhält, ja oder nein? Diese Frage werden wir, so
Wirkung Ihrer Schuldenpolitik, sondern die Bundesbank unangenehm das ist, endlich beantworten müssen.
sorgt sich um das Vertrauen der internationalen
Finanzmärkte auch in die Schuldentragfähigkeit Deutsch- (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
lands. Ich zitiere noch einmal die Bundesbank: des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Bei weiteren Belastungen geht das Vertrauen in die Natürlich gehört dazu Klarheit über den Abbaupfad
Tragfähigkeit auch der deutschen Staatsfinanzen hinsichtlich der Schulden in Europa, aber auch in
verloren. Deutschland, und eine gemeinsame Finanz-, Wirt-
16912 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Sigmar Gabriel
(A) schafts- und Steuerpolitik. Statt dies klar zu beantwor- Sie müssen Ihre Politik ändern. Sie wollen keine (C)
ten, zwingen Sie, Frau Bundeskanzlerin, die Europäi- Euro-Bonds, wie sie die Wirtschaftsweisen vorschlagen.
sche Zentralbank immer weiter dazu, Staatsanleihen
(Norbert Barthle [CDU/CSU]: Was will die
aufzukaufen. 200 Milliarden Euro beträgt inzwischen
SPD eigentlich?)
das Risiko der Europäischen Zentralbank, für das wir ge-
meinschaftlich haften. – Passen Sie auf: Es ist doch gar nicht so schlimm, wenn
Sie gegen uns sind. Seien Sie aber wenigstens für das,
(Petra Merkel [Berlin] [SPD]: Ja! – Carsten was Ihre eigenen Sachverständigen sagen.
Schneider [Erfurt] [SPD]: Das wollen sie nicht
hören!) (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN – Norbert Barthle [CDU/
Wollten Sie, Frau Merkel, nicht genau das verhin- CSU]: Was wollen Sie denn?)
dern? Wollten Sie nicht ebenso, Frau Bundeskanzlerin,
verhindern, dass die Europäische Zentralbank zur No- Ihre Sachverständigen schlagen einen Schuldentilgungs-
tenbank wird, die Staaten durch das Anwerfen der No- fonds für Europa vor, und Ihre Kanzlerin ist nicht einmal
tenpresse bedient? Wir wollten doch keine Schulden- bereit, darüber öffentlich zu beraten. So gehen Sie mit
und Transferunion in Europa zulassen. Aber genau das denen um, die Sie auf dem Weg zu einer besseren Politik
passiert gerade durch die Hintertür der Europäischen beraten sollen.
Zentralbank. (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
(Norbert Barthle [CDU/CSU]: Sie wollen
doch Euro-Bonds!) Wir brauchen deutlich mehr als diese beiden Mühl-
steine der europäischen Politik. Europa braucht mehr als
Das sind Euro-Bonds durch die Hintertür, aber ohne je- ein reines Sparprogramm. Wir brauchen auch gezielte
den Einfluss darauf, wie sich die Staaten hinterher be- Wachstumsprogramme in den Ländern, damit es wieder
nehmen. Das ist das, was Sie derzeit zu verantworten ha- Entwicklungsperspektiven gibt.
ben.
(Zuruf von der FDP: Jetzt will er wieder Geld
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten ausgeben!)
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Nor-
bert Barthle [CDU/CSU]: Wie steht denn die – Ja, genau. Und wissen Sie, wo ich es herhaben will?
SPD zu den Euro-Bonds? Gibt es dazu eine Von denen, die Sie ständig schonen, genau Sie!
Aussage?) (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
(B) des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) (D)
Die „Merkel-Bonds“, die die EZB ausgibt, sind su-
perbequem für die Regierungschefin in Deutschland. Sie Ich will, dass die Finanzmärkte endlich einen Teil des
kann sich nämlich öffentlich hinstellen und sagen: Ich Geldes zurückgeben, das wir wegen ihnen haben versen-
will das alles nicht, aber leider sind die unabhängig, des- ken müssen. Und Sie – Sie schützen die Finanzmärkte
wegen dürfen die das weiterhin machen. – Vor allen Din- vor dieser Steuer.
gen hat das den Vorteil: Wenn die EZB diese Arbeit
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
macht, braucht sie Ihre seltsame Koalition nicht zu fra-
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
gen, weil sie natürlich nicht weiß, welches Chaos entste-
hen würde, wenn Sie sich mit den Realitäten der Europä- Ja, wir wollen Geld ausgeben für Wachstum, wir wol-
ischen Zentralbank auseinandersetzen müssten. len die Jugendarbeitslosigkeit in Europa bekämpfen.
Wenn 48 Prozent der jungen Menschen in Griechenland,
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten 40 Prozent in Spanien und fast 30 Prozent in Frankreich
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) arbeitslos sind, wer soll denn dann die Zukunft Europas
Frau Bundeskanzlerin, Sie spielen mit dem Feuer. Sie aufbauen? Die Leute dürfen nicht in ihrer Existenz ge-
zwingen Europa in einen Zweifrontenkrieg. Sie zwingen fährdet werden. Wir können das nicht sich selbst über-
die Staaten, die schon in der Rezession sind, zu immer lassen. Sie überlassen die Finanzmärkte lieber sich
weiteren Sparmaßnahmen, sodass sie nicht weniger, son- selbst.
dern höhere Schulden produzieren. Sie verhindern, dass (Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]:
sie sich zu einigermaßen fairen Zinsen auf dem Kapital- Was wollen Sie tun?)
markt refinanzieren können. Beides zusammen führt zu
einer von Ihrer Politik zu verantwortenden und organi- Ja, wir wollen sie besteuern, auch in der Euro-Zone, und
sierten Rezessionsgefahr. Sie können den Staaten und wir wollen das Geld in den Kampf gegen die Arbeits-
Europa nicht beide Hände fesseln: die Zinsschraube auf losigkeit in Europa investieren. Das ist der Unterschied
der einen Seite und die Schuldenschraube auf der ande- zwischen uns beiden.
ren. Wenn beide Hände gefesselt sind, dann werden die (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
Leute in Europa und am Ende auch in Deutschland ar- des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Zu-
beitslos! Das ist das, was Sie gerade vorbereiten. ruf)
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten – Ich habe leider nicht mit, womit ich gut auf Leute wie
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) Sie, die mich „Westentaschenkommunist“ nennen, rea-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16913
Sigmar Gabriel
(A) gieren könnte. Es ist zwar schon viel behauptet worden, dumm! Die wissen doch, dass die Wirtschaftskrise naht, (C)
aber dass einer behauptet, ich würde in eine Westen- und sie wollen, dass der Staat handlungsfähig ist und
tasche passen, ist noch nicht passiert. notfalls wieder eine Kurzarbeiterregelung bezahlen
kann. Das sind die Forderungen von Gewerkschaften
(Heiterkeit bei Abgeordneten der CDU/CSU)
und Arbeitgebern – und nicht der Blödsinn, den Sie da
Wissen Sie, wenn ich das schon höre: Das nächste Mal le- mit den Steuersenkungen verbreiten.
sen wir Ihnen einmal – wir suchen eine nette Rede heraus, (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
mit der das geht – Karl-Hermann Flach vor. Das war mal DIE GRÜNEN)
Ihr Generalsekretär. Wissen Sie, was der sagt? Wir müs-
sen endlich die Vermögenden und die Erbschaften stärker Dieser Haushalt entlarvt alle Sprechblasen, auch die
besteuern, damit der Staat Einfluss hat und Wachstum der Kanzlerin, aus den letzten zwei Jahren. Wie hieß es
kreieren kann. Er, der bei Ihnen früher Generalsekretär noch am 31. Januar dieses Jahres, Frau Merkel, aus Ih-
war, würde heute wahrscheinlich wegen Linksabwei- rem Munde?
chung aus der FDP ausgeschlossen; das nehme ich stark
Die Regierung hat einen klaren Kompass für den
an.
Abbau der Schulden.
(Beifall bei der SPD)
Diesen Kompass sollten Sie zur Reparatur bringen. In
Wenn Sie wissen wollen, warum Sie da stehen, wo Sie See stechen würde ich damit jedenfalls nicht, meine Da-
heute stehen: weil solche Leute bei Ihnen heute keine men und Herren.
Chance mehr hätten. Das ist der Grund, warum Sie bei
(Anhaltender Beifall bei der SPD – Beifall
2 Prozent gelandet sind.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) Präsident Dr. Norbert Lammert:
Frau Bundeskanzlerin, natürlich müssen wir an die Das Wort hat nun die Bundeskanzlerin, Frau
Veränderung der europäischen Verträge herangehen. Das Dr. Angela Merkel.
gilt aber nicht nur für die Stabilitätskriterien, sondern (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
auch für eine gemeinsame Finanz- und Steuerpolitik in
der Euro-Zone; denn sonst bleibt die Währungsunion ein
Dr. Angela Merkel, Bundeskanzlerin:
Torso. Wenn Sie auf diesem Weg auch das Thema einer
Fiskalunion mit angehen wollen, haben Sie uns an Ihrer Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Seite. Wenn Sie allerdings nichts von dem tun, dann zah- Meine Damen und Herren! Meine Rede in der heutigen
(B)
len in absehbarer Zeit auch die Deutschen die Zeche für Generaldebatte will ich nicht beginnen, ohne zunächst (D)
Ihren verfehlten Kurs. auf die Ereignisse einzugehen, die seit dem 4. Novem-
ber, seit einem scheinbar routinemäßigen Polizeieinsatz
In Deutschland zeichnet sich gerade ab, dass die nach einem Banküberfall in Eisenach, Schritt für Schritt
Exportindustrie bereits den Preis für Ihre doppelte Re- ans Licht kommen.
zessionsstrategie in Europa zu zahlen hat. Statt nun be-
Die Nachrichten über das eigentliche Ausmaß der
herzt zu sparen und damit Risikovorsorge für eine
Verbrechen sind schockierend. Wir wissen heute, dass
schwierige Wirtschaftslage zu treffen, geben Sie das
wir es mit einer rechtsextremistischen Gruppe aus
Geld aus. Wir sagen Ihnen: Lassen Sie die nutzlosen
Zwickau zu tun haben, der eine grausame Mordserie und
Ausgaben! Gewerkschaften und Arbeitgeber fordern
schreckliche Gewaltakte zur Last gelegt werden. Wir
schon jetzt, die Kurzarbeiterregelung zu verlängern. Die
sind entsetzt über das Maß an Hass und Fremdenfeind-
ahnen doch, dass es da losgeht. Das hat ein sozialdemo-
lichkeit, das hier zum Ausdruck kommt. Ich denke heute
kratischer Arbeitsminister durchgesetzt, und Sie wollen
zuallererst an die Opfer: Enver Şimşek, Abdurrahim
das jetzt auslaufen lassen. Wir werden die Kurzarbeiter-
Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kiliç, Yunus
regelung wieder brauchen, um Jobs in Deutschland zu
Turgut, Ismail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet
sichern. Wissen Sie, wie viel diese Regelung kostet? In
Kubaşik, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter. Unsere
der Krise hat sie 6 Milliarden Euro gekostet. Das sind
Gedanken sind bei ihnen und bei allen weiteren Men-
die 6 Milliarden Euro, die Sie gerade für Ministeuersen-
schen, die den grausamen Gewalttaten dieser Gruppe
kungen verplempern. Für die Leute wird es wichtiger
zum Opfer gefallen sind.
sein, ihren Job und damit ihren Lohn zu behalten, als
4 Euro Steuersenkung durch den Unfug zu bekommen, Ich sage es noch einmal für die ganze Bundesregie-
den Sie hier verbreiten. rung: Unsere Pflicht gegenüber den Angehörigen der
Opfer ist es, alles zur Aufklärung dieser furchtbaren Ta-
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
ten und ihrer Hintergründe zu unternehmen. Das erlit-
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Zu-
tene Leid lässt sich nicht wiedergutmachen. Aber wir
ruf)
sind es den Angehörigen schuldig, sie zu unterstützen.
– Nein, ich wehre mich nicht dagegen, dass die Leute Ich begrüße daher ausdrücklich den Vorschlag von Bun-
4 Euro bekommen. Ich glaube nur, dass sie dieses Geld desjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger, die
gar nicht bekommen werden, weil die Gebühren bei den Opfer und ihre Familien aus dem Fonds für Opfer extre-
Kommunen steigen. Außerdem brauchen wir das Geld, mistischer Übergriffe zu entschädigen. Ich danke auch
um die Jobs zu erhalten. Die Leute sind doch nicht Bundespräsident Wulff, dass er sich heute mit Angehöri-
16914 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel


(A) gen trifft und damit ein Zeichen der Zuwendung und der Sie haben damit deutlich gemacht: Deutschlands Zu- (C)
Verbundenheit des ganzen deutschen Volkes setzt. kunft ist untrennbar mit der Zukunft Europas verbunden.
Deutschlands und Europas Zukunft sind untrennbar ver-
Die Tatsache, dass solch eine rechtsextremistische bunden mit dem Zustand der internationalen Staatenge-
Zelle existiert, schweigend solche Gräueltaten begeht meinschaft und den globalen Herausforderungen, die wir
und über ein Jahrzehnt unentdeckt im Untergrund agiert, nur gemeinsam bewältigen können. Gleichzeitig ist klar:
ist ohne Beispiel. Was die Ermittler, die mit ihrer Arbeit Jedes Land muss seinen Beitrag dazu leisten. Genau das
erst am Anfang sind, an Perversion im Denken und Han- erleben wir in diesen Tagen in Europa: gemeinschaftli-
deln, an Menschenfeindlichkeit und -verachtung aus ei- ches Handeln und Eigenverantwortung.
nem verfestigten rechtsextremen Milieu ans Tageslicht
bringen, beunruhigt nicht nur mich zutiefst. Es scho- Wir sind in den vielen Monaten der Beschäftigung
ckiert unser Land und seine Bürger, und es ist eine Ge- mit der Schuldenkrise im Euro-Raum Schritt für Schritt,
fahr für uns auch mit Blick auf andere in der Welt. glaube ich, sehr klar zu einer Analyse dessen gekom-
men, was in der Vergangenheit falsch gemacht wurde:
Justiz- und Sicherheitsbehörden stehen angesichts ei-
erstens eine übermäßige Staatsverschuldung, zweitens
ner Vielzahl von Pannen und Versagen vor sehr grundle-
eine mangelnde Wettbewerbsfähigkeit in einigen der
genden Fragen. In der letzten Woche hat sich das Kabi-
Staaten – das hat damit zu tun, dass sich die globale Ent-
nett mit diesen Verbrechen befasst. Die Innen- und
wicklung hin zu mehr Wettbewerbsfähigkeit gerade auch
Justizminister von Bund und Ländern haben mit einer
auf anderen Kontinenten sehr beschleunigt hat – und
kurzfristig anberaumten Konferenz reagiert und erste
drittens grundlegende Mängel in der Konstruktion der
Entscheidungen getroffen. Wir prüfen alle rechtsstaat-
Wirtschafts- und Währungsunion. Deshalb gehören Kri-
lichen Mittel, auch die schwierige Frage von Parteiver-
senbewältigung, also Beschäftigung mit der Vergangen-
boten. In der Vergangenheit wurde bereits eine Fülle von
heit, und Vorsorge für die Zukunft unmittelbar zusam-
Vereinigungen verboten. Bei Razzien wurden immer
men.
wieder verhetzendes, menschenfeindliches Propaganda-
material und Schusswaffen sichergestellt. Wir nehmen Ich möchte noch einmal auf die Beschlüsse vom
die Gefahren des Rechtsextremismus sehr ernst. Aber 26. Oktober zurückkommen. Da gab es zum einen das
wir sollten uns alle den Vorwurf, auf irgendeinem Auge Griechenland-Programm. Dazu muss man sagen: Hier
blind zu sein, ersparen. Das treibt nur einen Keil in die sind wir zu einer Vereinbarung über eine freiwillige Um-
Gemeinsamkeit der Demokraten. schuldung Griechenlands gekommen. Herr Gabriel,
Der Kampf gegen Extremismus jeglicher Couleur und wenn Sie heute davon sprechen, dass es eine Verunsiche-
die Stärkung der Demokratie sind Daueraufgaben für je- rung darüber gibt, ob man für europäische Staatsanlei-
(B) den von uns. Deshalb hat die Bundesregierung allein hen noch das wiederbekommt, was man einmal inves- (D)
2011 so viele Mittel für die Extremismusprävention wie tiert hat, dann muss ich sagen, dass das sehr viel mit
nie zuvor bereitgestellt, und wir werden das auch weiter dieser freiwilligen Restrukturierung zu tun hat. Diese ist
tun. notwendig, weil der IWF, die Kommission und die Euro-
päische Zentralbank festgestellt haben, dass die Schul-
Diese Taten sind nicht mehr und nicht weniger als ein dentragfähigkeit Griechenlands nicht gegeben ist.
Angriff auf unser demokratisches Gemeinwesen. Die ges-
trige Abstimmung hat eines gezeigt: dass wir entschlos- Sie haben sehr markig und oft gefordert, dass man
sen sind, unser offenes, tolerantes und menschliches nun endlich einmal einen richtigen Schuldenschnitt ma-
Zusammenleben gegenüber gemeinen Verbrechern und chen soll. Ich habe immer wieder gesagt: Lasst uns die-
menschenverachtenden Ideologien zu verteidigen. Das sen Schritt sehr wohl vorbereiten. Ich sage: Er ist richtig,
war das Signal von gestern, ein wichtiges Signal. aber wir sehen auch die Nebenwirkungen dieses
Schnitts, ganz klar.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
(Sigmar Gabriel [SPD]: Erst jetzt! Warum ha-
Diese Debatte über den Bundeshaushalt 2012 findet ben Sie so lange gewartet?)
in einer Zeit statt, in der wir insgesamt vor vielen und
schwierigen Herausforderungen stehen. Die größte Auf- Denn jetzt steht die Frage im Raum – sie hätte zu je-
gabe ist zweifellos die Überwindung der Krise im Euro- dem Zeitpunkt im Raum gestanden –: Was passiert mit
Raum. Dabei hat sich das Parlament in den vergangenen anderen Ländern? Deshalb ist es ganz wichtig, zu sagen
Monaten in mehreren Abstimmungen in großer Mehrheit – dies haben wir beim Europäischen Rat am 21. Juli
ganz klar für die Zukunft entschieden, für eine Zukunft 2011 getan –: Griechenland ist ein Ausnahmefall. Hier
in einem gemeinsamen Europa. Zuletzt am 26. Oktober ist die Verschuldung sehr, sehr hoch, und deshalb muss-
war parteiübergreifende Unterstützung des Deutschen ten wir zu diesem Mittel greifen.
Bundestages vorhanden, als es um die Abstimmung über
die EFSF ging. Gerade weil viele von Ihnen diese Unter- Wir haben dann einen weiteren Vertrauensverlust er-
stützung nicht leichten Herzens gewähren konnten, weil lebt durch die unerwartete Ankündigung eines Referen-
riesige Summen zur Disposition stehen, gerade wegen dums; verbunden gewesen damit wären im Falle eines
mancher Zweifel und Unsicherheiten angesichts dessen, Neins bei einem solchen Referendum auch die Konse-
was noch vor uns liegt, möchte ich noch einmal ganz quenzen. Das alles hat Themen auf die Tagesordnung
herzlich dafür danken, dass Sie diese Rückendeckung gebracht, mit denen sich die internationalen Finanz-
durch den Deutschen Bundestag gegeben haben. märkte, die ja keine anonymen Größen sind – es sind
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16915
Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel
(A) zum Teil die Anleger von Lebensversicherungen und Was kriege ich für meine Staatsanleihen wieder? Das (C)
viele andere –, befassen müssen. heißt, wir sind durch die übermäßige Verschuldung in
eine Situation geraten, in der es den goldenen Weg, der
Der Ausgangspunkt ist, dass Griechenland die Schul-
keine Risiken kennt, nicht mehr gibt. Deshalb müssen
dentragfähigkeit nicht hat. Jetzt müssen wir schauen, wir diesen richtigen Weg immer sehr sorgsam finden.
dass wir unsere Instrumente so weit entwickeln – das
geht leider ziemlich langsam, auch nach den Beschlüs- Drittens. Wir haben hier miteinander beschlossen,
sen vom 26. Oktober –, dass wir uns dagegen wappnen dass wir die EFSF schaffen und gleichzeitig die Mög-
und wehren können. lichkeiten einer Hebelung prüfen. Auch hier müssen am
Die griechische Frage ist jetzt noch nicht geklärt, weil 29. oder 30. November die entsprechenden Beschlüsse
wir noch nicht die Voraussetzungen für die Auszahlung bezüglich der Leitlinien endlich gefällt werden, damit
der nächsten Tranche haben. Dazu ist erforderlich – ich die Suche nach potenziellen Investoren dann in die rich-
muss das heute hier in diesem Parlament noch einmal sa- tige Runde gehen kann; denn ohne Leitlinien überzeugt
gen; wir stimmen da, glaube ich, alle überein –, dass wir man Investoren nicht.
nicht nur die Unterschrift des griechischen Premiermi- Jetzt wird beklagt, dass die europäische Währungsu-
nisters haben, sondern auch die Unterschriften der die nion eine Zentralbank hat, die – das ist richtig und unter-
Regierung in Griechenland tragenden Parteien. Ansons- scheidet die europäische Währungsunion von der Situa-
ten kann es keine Auszahlung der sechsten Tranche ge- tion von Nationalstaaten wie Großbritannien und den
ben. Vereinigten Staaten von Amerika – die einzig und allein,
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie das war die Voraussetzung für diese Währungsunion, für
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE die Geldwertstabilität verantwortlich ist. Das ist ihr
GRÜNEN – Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE Mandat; das übt sie aus. Ich wäre sehr vorsichtig, die
GRÜNEN]: Das sind doch Ihre Freunde, nicht Europäische Zentralbank unentwegt zu kritisieren.
unsere! – Dr. Barbara Hendricks [SPD]: Das (Bettina Hagedorn [SPD]: Kein Mensch hat
sind doch die Verantwortungslosen aus Ihrer das gemacht!)
Parteienfamilie, die da nicht unterschreiben! –
Ulrich Kelber [SPD]: Mit denen sind Sie im Ihre Unabhängigkeit, die wir alle so hochhalten, besteht
Europaparlament in einer Fraktionsgemein- in jeder Richtung, ob sie etwas tut oder ob sie etwas
schaft! – Weiterer Zuruf von der SPD: Welche nicht tut. Das ist ähnlich wie beim Bundesverfassungs-
Partei weigert sich denn?) gericht. Es ist, glaube ich, auch ganz wichtig, dass Eur-
– Schauen Sie mal: Es ist doch wirklich der Ernsthaftig- opa sich auf solche unabhängigen Instanzen gründet.
(B)
keit gegenüber kleine Münze, ob das nun eine Partei ist, Deshalb darf an dem Mandat für die Europäische Zen- (D)
die zur Europäischen Volkspartei gehört. Umso bitterer tralbank nach meiner festen Überzeugung nichts, aber
ist es, dass derjenige nicht unterschreibt, für mich. Aber auch gar nichts geändert werden, meine Damen und Her-
ich wünsche Ihnen nicht, dass Sie einmal in eine Lage ren.
kommen, wo auch von Ihnen einer etwas nicht tut, was (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
erwartet wird. Also wirklich!
Das hat in dieser Schuldensituation aber nun zur
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Folge, dass wir nach der Rechtsprechung des Bundes-
Dr. Barbara Hendricks [SPD]: Wir handeln verfassungsgerichts, aber auch nach unseren Beschlüs-
verantwortungsvoll! – Dr. Gregor Gysi [DIE sen hier immer eine endliche Menge an Geld zur Verfü-
LINKE]: Kleinkariert!) gung haben, mit der wir Schutzwälle aufbauen können
Zweitens. Immer wieder ist gesagt worden: Wir brau- – das liegt in der Definition der Fonds, der EFSF oder
chen eine Rekapitalisierung der europäischen Banken. – Ähnlichem –, und damit gegenüber den Märkten natür-
Dazu haben wir einen Beschluss gefasst. Ich hoffe, dass lich ein Stück weit angreifbarer sind, als es Länder sind,
die europäische Bankenaufsicht am 30. November, wenn die nach ihrer Tradition eher Geld drucken können und
der nächste Ecofin-Rat tagt, auch die präzisen Zahlen in denen die Zentralbanken Staatsanleihen aufkaufen
bekannt gibt, wie die Rekapitalisierung ablaufen wird. können.
Denn die Tatsache, dass wir jetzt seit Wochen darüber
Dennoch: Angesichts des politischen Konstrukts der
sprechen, aber noch keine komplette Klarheit da ist, trägt
Europäischen Union und des Euro-Raums, in dem es
auch nicht zur größeren Sicherheit bei. Wir haben ges-
eine nationale Hoheit für die Budgets und eine gemein-
tern am Beispiel einer deutschen Bank gesehen, welche
same Währung gibt, tritt jetzt der eigentliche Wider-
Unsicherheiten dann die Banken selbst haben.
spruch oder die eigentliche Kalamität zutage, dass näm-
Auch da ist es so: Die internationale Staatengemein- lich letztlich keine europäische Möglichkeit besteht,
schaft hat von uns verlangt – sicherlich mit guten Grün- durchzugreifen und einzugreifen, wenn ein Land sich an
den –, auch die Risiken bei Staatsanleihen einem Stress- die gemeinsamen Verabredungen des Stabilitäts- und
test zu unterziehen. Aber dies hat nicht nur eine positive Wachstumspakts permanent nicht hält. Das eigentliche
Wirkung – dass wir genügend Kapital für die Banken ha- Problem ist, dass wir in den zehn Jahren mindestens
ben –, sondern es hat wiederum auch eine negative Wir- 60 solcher Verstöße hatten und dass in keinem der Fälle
kung, weil natürlich, wenn man Stresstests auch bei irgendeine Wirkung entfaltet wurde, wodurch ein Land
Staatsanleihen macht, sofort die Diskussion aufkommt: daran gehindert worden wäre, so weiterzumachen. Des-
16916 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

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(A) halb ist Vertrauen verloren gegangen, Vertrauen der in- (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und (C)
ternationalen Märkte in die Handlungsfähigkeit. der FDP)
Deswegen sage ich: Ich halte es für außerordentlich Das ist es, wie wir Europa angehen müssen. Zumindest
bekümmerlich – sage ich mal –, unpassend, dass die ist das meine Überzeugung.
Kommission heute Euro-Bonds in verschiedener Aus- Die Bundesregierung wird beim Europäischen Rat am
prägung vorschlägt, also so tut, als könnten wir – das 8. und 9. Dezember 2011 genau diese Vorschläge vor-
wird die kommunikative Wirkung sein, selbst wenn das bringen. Weil politisches Vertrauen verloren gegangen
vielleicht nicht so gesagt wird – durch Vergemeinschaf- ist, wird dieses Vertrauen auch nur durch politische
tung der Schulden aus den Mängeln der Struktur der eu- Maßnahmen Schritt für Schritt wiedergewonnen werden
ropäischen Währungsunion herauskommen. Genau das können. Das ist unsere Überzeugung.
wird nicht klappen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Natürlich schaut die Welt jetzt auf Europa, weil alle
Deshalb darf man das Pferd nicht von hinten aufzäu- wissen, dass wir in der globalen Verflechtung alle ge-
men, sondern man muss jetzt mit dem nächsten Schritt be- meinsam für das Wirtschaftswachstum verantwortlich
ginnen und sagen: Wenn wir wieder Vertrauen bekommen sind. Das wurde auch durch das G-20-Treffen in Cannes
wollen, dann dürfen wir freiwilligen Beteuerungen nicht ausgedrückt. In den nächsten Jahren wird sich – ich
mehr glauben, sondern dann wird man verlangen, dass glaube, die Gruppe der G 20 auf der Ebene der Staats-
vertraglich, rechtlich bindend durchgesetzt wird – dazu und Regierungschefs hat sich bewährt – im weltweiten
brauchen wir Vertragsänderungen –, dass die Regeln des Gefüge vieles verschieben. Man sieht das zum Beispiel
europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakts auch ein- schon am internationalen Währungssystem. Wir werden
gehalten werden. Schritt für Schritt zu einem multipolaren Währungssys-
tem kommen, indem zum Beispiel auch China eine grö-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) ßere Rolle in dem Maße spielt, wie China bereit ist, ei-
Das ist der erste Schritt in Richtung einer Fiskalunion, nen Wechselkurs zuzulassen, der den Fundamentaldaten
in Richtung eines politischen Gebäudes, das natürlich der eigenen Wirtschaft entspricht. Aber diese Tendenz
auch Harmonisierungen in Bereichen nach sich ziehen ist erkennbar. Die Arbeiten am gemeinsamen Weltwäh-
wird, die in nationaler Kompetenz liegen. Das genau war rungssystem sind unter der französischen Präsident-
der Grund, warum ich für einen Euro-Plus-Pakt eingetre- schaft deutlich vorangekommen.
ten bin, einen Pakt, in dem wir über Arbeitsrecht, über Wir brauchen vor allen Dingen weiterhin – dafür sind
(B) Renteneintrittsalter und über Harmonisierung von Steu- alle europäischen Teilnehmer in Cannes sehr stark einge- (D)
ersystemen sprechen, und das war der Grund, warum ich treten – eine Regulierung der Finanzmärke, die die
mit dem französischen Präsidenten verabredet habe, dass Dinge endlich wieder geraderückt, nämlich dass die Fi-
Deutschland und Frankreich zum Jahrestag des Élysée- nanzwirtschaft im Dienste der Realwirtschaft und der
Vertrags im Jahre 2013 ein gemeinsames Unternehmen- Menschen zu stehen hat und nicht umgekehrt. Da sind
steuerrecht vorlegen wollen, damit wir ein gutes Beispiel wir noch nicht angelangt; das sage ich ausdrücklich.
für mehr Gemeinsamkeit im Euro-Raum geben, weil es
anders auf Dauer nicht funktionieren wird. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
Thomas Oppermann [SPD]: Na, dann mal los!
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Jür- Gut, dass Sie diese Erkenntnis inzwischen
gen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: auch haben!)
Was passiert bis dahin?)
Das wird auch nicht von alleine passieren, sondern
Es hat keinen Sinn, dass man, wie es oft geschieht dazu muss der gemeinsame Wille der Regierungen da
– mit welchen Wortschöpfungen auch immer –, ver- sein. Deshalb ist es nicht erfreulich, dass wir auch in die-
sucht, leichte Lösungen vorzugaukeln, sondern wir müs- sem Jahr kein globales Einvernehmen darüber erreicht
sen den Vertrauensverlust Schritt für Schritt abarbeiten haben, dass eine Finanztransaktionsteuer die richtige
und Vertrauen wieder zurückbekommen. Das muss na- Antwort und, wenn man es global machte, die beste Ant-
türlich mit einer verbesserten Wettbewerbsfähigkeit und wort wäre. Deshalb werden wir jetzt ganz intensiv den
einem Wachstumspfad kombiniert werden, den wir in Vorschlag der Kommission für die Erhebung einer Fi-
der Europäischen Union einschlagen. Hier können wir nanztransaktionsteuer im europäischen Raum weiter dis-
vieles zur Vervollkommnung des Binnenmarktes tun; kutieren. Da sich in Europa schon vieles geändert hat,
hier können auch wir in Deutschland noch einiges tun. werde ich die Hoffnung nicht aufgeben. Wir sind alle ei-
Wir können vieles tun durch bessere Ausnutzung der ner Meinung, dass eine Finanztransaktionsteuer ein rich-
Struktur- und Kohäsionsfonds, die von den Ländern, die tiges Zeichen wäre, um zu zeigen: Wir haben verstan-
jetzt sparen müssen, ja noch gar nicht ausgenutzt wur- den, dass die Finanzmärkte ihren Teil zur Gesundung der
den, und vor allen Dingen können wir vieles tun, indem Volkswirtschaften beitragen müssen.
wir für die zukünftige finanzielle Vorausschau noch ein-
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
mal überlegen, ob die Struktur der Struktur- und Kohä-
neten der FDP)
sionsfonds richtig ist oder ob wir das Wachstum damit
gar nicht so gefördert haben, wie wir uns das eigentlich Wir haben in Cannes einen wichtigen Erfolg errungen
gewünscht haben. – wir haben bei der Finanzmarktregulierung schon eini-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16917
Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel
(A) ges geschafft –, nämlich dass jetzt klar ist, dass die parlamentarischen Versammlung in Tunesien ein ausge- (C)
29 systemischen, weltweit agierenden Bankinstitute, die sprochen erfreuliches Ereignis war. Wir beobachten mit
bisher als „too big to fail“ galten, also zu groß, um plei- Bangen die Entwicklung in Ägypten. Wir sehen mit
tezugehen, in Zukunft Auflagen bekommen, damit das Schrecken die Entwicklung in Syrien. Ich will ganz ein-
nicht mehr durch die Gemeinschaft, durch die Bürgerin- deutig sagen, dass die gesamte Bundesregierung mit
nen und Bürger gezahlt werden muss. Das ist ein wichti- aller Kraft daran arbeitet, dass wir endlich eine UN-
ger Schritt. Aber mindestens so wichtig wie dieser Sicherheitsratsresolution gegen die Menschenrechtsver-
Schritt ist, dass wir ähnliche Regulierungen auch für die letzungen in Syrien bekommen.
Schattenbanken bekommen. Deshalb war es gut, dass
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie
das Financial Stability Board den Auftrag bekommen
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
hat, uns bis zum nächsten G-20-Treffen hierfür Vor-
GRÜNEN)
schläge zu machen.
Es ist nicht mehr verständlich, dass das, was dort pas-
Angesichts der Finanzkrisen ist ein Thema leider et-
siert, nicht endlich auch in Form einer UN-Sicherheits-
was in den Hintergrund geraten, das ich hier aber auch er-
ratsresolution geahndet wird.
wähnen möchte, weil die CO2-Emissionen in diesem Jahr
weltweit so hoch waren wie nie zuvor. Demnächst wird Der Bundesaußenminister wird Gastgeber einer Kon-
die Konferenz zum Klimaschutz in Durban stattfinden. ferenz über die Zukunft Afghanistans sein.
Wir befinden uns in einer ausgesprochen schwierigen und
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
unerfreulichen Situation; ich will das klar beim Namen
NEN]: Das darf er noch?)
nennen. Das Kioto-Protokoll läuft aus. Wir sind nicht so
weit – das wird in Durban leider nicht passieren –, dass Diese Afghanistan-Konferenz in Bonn wird vor allen
eine Anschlussregelung für das Kioto-Protokoll gefun- Dingen den politischen Prozess hin zu einem friedlichen
den wird. und stabilen Afghanistan im Fokus haben. Hier sind von
der deutschen Seite sehr große Anstrengungen erbracht
Das heißt nichts anderes – das bringt für Europa na-
worden. Wir werden dafür auch international sehr geach-
türlich schwierige Situationen mit sich –, als dass gerade
tet. Ich glaube, es ist wichtig, noch einmal in Erinnerung
die großen Emittenten der Zukunft, teilweise auch schon
zu rufen: Wir sind in Afghanistan wegen Afghanistan,
der Gegenwart, wie China, Indien, Brasilien usw., im
aber auch wegen unserer eigenen Sicherheit. Deshalb
Augenblick noch nicht bereit sind, bindende internatio-
bleibt es in unserem Interesse, auch nach 2014 Afghani-
nale Abkommen zur Reduktion oder aber zur Begleitung
stan zur Seite zu stehen, um nicht wieder einen Staat zu
ihrer CO2-Emissionen einzugehen. Das bedeutet, dass
haben, der nicht stabil ist und von dem internationaler
wir leider eine Welt bekommen werden, in der zwar die
(B) Terrorismus ausgehen kann. (D)
Bedeutung der neuen Wirtschaftskräfte, der aufstreben-
den Ökonomien wirtschaftlich größer wird, aber dies Meine Damen und Herren, wir wissen, dass unsere
nicht mit einer entsprechenden Beteiligung auch an den Soldatinnen und Soldaten nicht nur in Afghanistan, aber
Fragen der Nachhaltigkeit und des Umweltschutzes ein- vor allem auch dort ihren Dienst tun. Deshalb möchte
hergeht. ich auch in dieser Debatte noch einmal daran erinnern,
dass wir 2011 bereits sieben Gefallene haben und seit
Europa wird hier einen sehr klaren Kurs fahren. Un-
Beginn der Mission 52 Soldaten zu Tode gekommen
sere Reduktionsziele stehen fest. Diese werden wir nicht
sind, davon 34 durch Feindeinwirkung. Ich möchte die
ändern. Wir werden sie auch weiterhin international bin-
Gelegenheit nutzen, unseren Soldatinnen und Soldaten
dend halten. Aber wenn wir uns anschauen, dass der
für ihren Dienst in unserem Interesse ein herzliches Dan-
europäische Anteil an der Weltproduktion tendenziell
keschön zu sagen.
abnehmen wird, dann ist schon heute sicher: Das
2-Grad-Ziel im Klimaschutz kann man nicht erreichen, (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und der
wenn nicht die aufstrebenden Ökonomien bereit sind, FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNIS-
bindende Verpflichtungen einzugehen. SES 90/DIE GRÜNEN)
Deshalb geht es jetzt in Durban vor allen Dingen da- Ich bin sehr froh, dass sich heute schon abzeichnet, dass
rum, den ärmsten und gefährdetsten Ländern weiterzu- wir, wenn wir im Dezember und Januar die nächste Ver-
helfen. Wir müssen auf dem Weg, den wir in Kopenha- längerung des Afghanistan-Mandats diskutieren, die
gen gefunden haben, dem sogenannten Copenhagen Zahl unserer Soldaten verringern können: von heute ma-
Accord, mit freiwilligen Verpflichtungen weitergehen. ximal 5 350 auf 4 900 mit weiteren Reduzierungen bis
Aus diesen Verpflichtungen wird aber klar, dass dann, zum Ende des Mandatszeitraums. Ich bedanke mich bei
wenn ihnen nichts hinzugefügt wird, das 2-Grad-Ziel bis allen, die sich mit dem Gedanken tragen, dies zu unter-
zum Jahre 2050 nicht erreicht werden kann. stützen. Je breiter dieses Mandat vom Hohen Haus getra-
gen wird, desto besser ist es für die Soldatinnen und Sol-
Meine Damen und Herren, wenn wir uns die internati-
daten.
onale Situation ansehen, dann sind neben dem Klima-
schutz und der Bewältigung der Finanzkrise auch im si- Wir haben als eine der großen Reformen dieser Legis-
cherheitspolitischen Bereich intensive Entwicklungen zu laturperiode die Bundeswehrreform zu nennen. Wir wis-
beobachten. Das ist auf der einen Seite der sogenannte sen, dass wir natürlich mittelfristig Einsparungen haben.
arabische Frühling mit Höhen und auch mit Enttäu- Aber ich will ausdrücklich sagen – ich danke auch allen
schungen. Ich will ausdrücklich sagen, dass die Wahl zur in den Wahlkreisen und Ländern, die dies bei der Um-
16918 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel


(A) strukturierung eingesehen haben –, dass es keine Um- Aber wir sind davon überzeugt, dass wir ohne moderne (C)
strukturierung ohne Veränderung gibt. Ich will dem Bun- Infrastruktur kein Land mit Wohlstand sein können. Des-
desverteidigungsminister dafür danken, dass er dies halb ist die Verkehrsinfrastruktur ein wesentlicher Be-
durch gute Vorbereitung und Einbindung so gestaltet hat, standteil der Frage, wovon wir morgen leben wollen.
dass sich die Schmerzen, die damit verbunden sind, in
Grenzen halten und die Einsicht in die Reform über- (Dr. Hermann E. Ott [BÜNDNIS 90/DIE
wiegt. GRÜNEN]: Moderne Infrastruktur!)
Wir sind uns vielleicht mehr einig darüber, dass un-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
sere Zukunftschancen, auch angesichts der demografi-
Natürlich müssen wir auch in Deutschland unseren schen Veränderungen, vor allen Dingen in dem Erfolg
Beitrag für die Zukunftsfähigkeit unseres Kontinents bei Innovation, in der Kreativität der Menschen in unse-
und unseres Landes leisten. Dabei stehen zwei Fragen rem Lande und in der produktiven Unruhe, weiter nach
im Vordergrund. Die eine heißt: Wovon wollen wir in der besten Lösung zu suchen, liegen. Die Bundesregie-
Deutschland in Zukunft leben? Wir sind ein Land, in rung ist genau auf dem richtigen Pfad, wenn sie in dieser
dem sich die Bevölkerungszusammensetzung verändert. Legislaturperiode 6 Milliarden Euro mehr für Forschung
Wir werden mehr Ältere haben und weniger Jüngere. und 6 Milliarden Euro mehr für Bildung ausgibt. Das
Wir werden eine vielfältigere Bevölkerung haben, weil gab es bisher in der Geschichte der Bundesrepublik noch
der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund zu- nie. Die Ausgaben dafür sind höher denn je. Das sind
nimmt, und wir werden weniger werden. Darauf müssen Zukunftsinvestitionen, die wir dringend brauchen.
wir uns in allen Facetten vorbereiten. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wenn wir uns fragen, wovon wir leben wollen, dann Wir wissen, dass wir angesichts der demografischen
ist sicherlich eine der großen und hier im Hause parteiü- Veränderungen darauf achten müssen, dass Kinder mit
bergreifend entschiedenen Veränderungen die unserer Migrationshintergrund einen guten Schulabschluss ha-
Energiepolitik gewesen. Wir haben verstanden, dass wir ben, die deutsche Sprache vernünftig lernen und in die
in den nächsten Jahren diesen Wandel hin zum Zeitalter Arbeitswelt integriert werden. Wir wissen, dass wir un-
der erneuerbaren Energien gestalten müssen. Das geht ter 3 Millionen Arbeitslose haben – eine so niedrige Zahl
nicht mit Nein, sondern nur mit Ja. Deshalb hat die Bun- hat es seit der deutschen Einheit nie gegeben –,
desregierung einen Monitoringprozess in Gang gesetzt.
Wir werden jährlich dem Parlament berichten. Die Ar- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
beit ist noch nicht getan. Der Bundeswirtschaftsminister
dass wir mit über 41 Millionen Menschen im Übrigen
und der Bundesumweltminister werden gemeinsam die-
(B) sen Prozess mit aller Intensität voranbringen. Wir wer- mehr Erwerbstätige haben, als wir jemals hatten, und (D)
dass die Zahl der versicherungspflichtigen Beschäfti-
den auch Konflikten nicht aus dem Wege gehen, die da-
gungsverhältnisse deutlich zugenommen hat. Aber wir
mit verbunden sind, dass neue Infrastruktur gebaut
wissen auch, dass wir noch viel zu tun haben. Die Aus-
werden muss. Ohne die wird das Zeitalter der erneuerba-
gaben im Bereich der Langzeitarbeitslosigkeit sinken an
ren Energien nicht zu erreichen sein.
einigen Stellen, aber durch die Erhöhung der Hartz-IV-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Sätze sinken sie in der Summe nicht so, wie wir uns das
vorstellen. Deshalb liegt der Fokus auf der Bekämpfung
Ich glaube, es ist auch gut, dass wir in der Endlager- der Langzeitarbeitslosigkeit und in ganz besonderer
frage ein neues Herangehen vereinbart haben. Hier wird Weise auf der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit derer,
es in Gesprächen mit den Ländern bis zum Sommer kon- die jung sind und noch ein langes Leben vor sich haben.
krete Ergebnisse geben. Ich sage ganz ausdrücklich: Der Diese müssen in Arbeit gebracht werden. Dabei haben
Umstieg auf die erneuerbaren Energien ist eine Genera- wir Erfolge vorzuweisen.
tionenaufgabe. Das wird in einer Legislaturperiode
selbstverständlich nicht zu machen sein. (Zurufe von der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
Ein Zweites im Zusammenhang mit der Frage, wovon
wir leben wollen: Wir müssen die Aufmerksamkeit dar- – Ich weiß gar nicht, warum Sie so schreien. Ich erinnere
auf lenken, dass wir in vielen Bereichen heute von der mich an die Schröder-Zeit und daran, wie Sie in Sachen
Substanz leben. Deshalb ist es ein ganz wichtiger Arbeitslosigkeit dastanden. Wir haben die Zahl der ju-
Schwerpunkt in diesem Haushalt, dass wir mehr in die gendlichen Arbeitslosen halbiert. Das hätten Sie einmal
Verkehrsinfrastruktur investieren. Nur so werden wir als schaffen sollen. Das waren sieben verschwendete Jahre
ein Land im Zentrum Europas überhaupt wettbewerbsfä- in diesem Bereich.
hig sein. Das ruft bei den Grünen nur ein schmales Lä- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
cheln hervor, weil man darauf nicht so viel Wert legt,
Wir bieten Chancen für junge Menschen. Deshalb
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- werden wir da weitermachen. Gleichzeitig wissen wir,
NEN]: Was?) dass wir auch einen Fachkräftebedarf haben und um die
angefangen von den Autobahnen bis hin zu den Bahnhö- besten Köpfe auch von außen werben müssen. Deshalb
fen. haben wir zwei Dinge gemacht: Erst einmal haben wir
die Berufsabschlüsse derjenigen anerkannt, die aus ei-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) nem anderen Land kommen und dort ihren Berufsab-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16919
Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel
(A) schluss erworben haben. Auch dazu hätten Sie sieben könne und dass die das prima machten. Die machen das (C)
Jahre Zeit gehabt, wenn Ihnen das so am Herzen gelegen im Übrigen auch prima, was die Vereinbarkeit von Beruf
hätte. Sie haben das nicht gemacht. Die Bundesbildungs- und Familie angeht. Aber schauen Sie sich bitte einmal
ministerin hat es jetzt in mühevoller Kleinarbeit ge- die Regelungen an: Dort gibt es das Elterngeld und das
macht. Wir haben auch die Länder dafür gewonnen, dem Betreuungsgeld. Das gibt es in Schweden, in Finnland
zuzustimmen. Jetzt muss es nur noch umgesetzt werden. und in Norwegen. Wollen Sie uns etwa erzählen, dass
Das ist ein Riesenerfolg, weil Menschen in Zukunft end- das die Länder sind, in denen man Familienpolitik so
lich wieder entsprechend ihrer Qualifikation arbeiten macht, wie Sie es nicht wollen? Man sorgt für die Ver-
können. Das sind wir diesen Menschen schuldig. einbarkeit von Beruf und Familie und für Wahlfreiheit.
Akzeptieren Sie das doch einmal! Machen Sie keine Ro-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
sinenpickerei – Elterngeld ja, aber ansonsten ist es das
Gleichzeitig werden wir die Blue-Card-Richtlinie umset- Letzte, was wir machen. Das, was Sie tun, ist nicht fair.
zen und die Gehaltsschwelle für diejenigen, die nach
drei Jahren durch eine Überprüfung, ob sie auch wirklich (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Arbeit haben, eine Niederlassungserlaubnis bekommen, Man kann sagen – daran kommt niemand vorbei –,
von 66 000 Euro auf in Zukunft 48 000 Euro absenken. dass sich die Situation in Deutschland in den letzten Jah-
Auch das ist eine Reaktion auf die Erfordernisse. ren verbessert hat, obwohl wir noch viele große Aufga-
Wir werden auch intensiv an dem Thema Integration ben vor uns haben und obwohl wir bereits viele Schritte
weiterarbeiten. Ende Januar wird der nächste Integra- in Richtung einer nachhaltigen Politik gegangen sind
tionsgipfel stattfinden. Wir werden von der Situation und die Nachhaltigkeitslücken noch längst nicht an allen
wegkommen, nur Einzelfälle zu betrachten, und künftig Stellen geschlossen haben.
ganz klare Zielvorgaben machen, was wir bei der Inte- (Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Nachhaltiger
gration erreichen wollen. Auch das ist eine Weiterent- Unsinn ist das! – Gegenruf des Abg. Volker
wicklung. Kauder [CDU/CSU]: Unsinn ist das, was Sie
Wir wissen: Vorbereitung auf den demografischen sagen!)
Wandel heißt, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Wir ha- Nach vielen Einschränkungen in der Wirtschafts- und
ben bereits in der letzten Legislaturperiode mit der Rente Finanzkrise ist es erfreulich – Sie werden nicht bestrei-
mit 67 darauf reagiert. Wir tun das jetzt mit einer Erwei- ten, dass das erfreulich ist –, dass die Realeinkommen in
terung der Pflegeleistungen. Zum ersten Mal werden wir Deutschland in diesem Jahr gestiegen sind und auch im
sowohl für die Betroffenen von Demenzerkrankungen nächsten Jahr steigen werden.
als auch für die pflegenden Angehörigen und die Be-
(B) Jetzt kommen wir zu einem ganz spannenden Punkt: (D)
schäftigten in den Pflegeheimen die Leistungen deutlich
erweitern. Zwar kann man immer sagen, das sei zu we-
nig. Aber es ist erst einmal das richtige Signal, um Men- (Zurufe von der SPD: Oh! – Klaus Ernst [DIE
schen und ihren Angehörigen zu helfen, die heute von LINKE]: Das wurde auch Zeit!)
der Pflegeversicherung nicht erfasst werden. Das Bundesverfassungsgericht hat uns aufgegeben, dass
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) die Regelsätze für das Arbeitslosengeld II jedes Jahr an-
zupassen sind. Das Bundesverfassungsgericht hat uns
Wir werden einen Einstieg in die private Vorsorge schon vor vielen Jahren aufgegeben, dass angesichts der
vornehmen. Die Arbeiten zum neuen Pflegebegriff wer- Lebenshaltungskosten nicht nur die Regelsätze für Lang-
den in dieser Legislaturperiode abgeschlossen werden. zeitarbeitslose anzupassen sind, sondern genauso der
(Fritz Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Grundfreibetrag im Steuersystem.
Sie arbeiten mit Hochdruck!) (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
– Herr Kuhn, man kann so tun, als ob dies einfach wäre. der CDU/CSU)
Das ist es aber nicht. Ich habe mich sehr intensiv damit Wenn Sie den Menschen in Deutschland ernsthaft sagen
beschäftigt. Man kann nicht einfach einen neuen Pflege- möchten: „Wir tun etwas für die, die leider keine Arbeit
begriff einführen, in dessen Folge es anschließend vielen haben, aber für die, deren Verdienst im Eingangssteuer-
besser geht, viele aber auch schlechter dastehen als bereich liegt, tun wir nichts“, dann können wir das gerne
heute. Das wollen wir nicht. Wir machen das gründlich, in der Öffentlichkeit austragen. Ich sage Ihnen unter dem
damit wir für die Pflegenden nicht eine einzigartige Ent- Motto „Wer arbeitet, muss mehr haben als dann, wenn er
täuschung produzieren. nicht arbeitet“: Wir werden dafür Mehrheiten bekom-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) men. Dass man den Grundfreibetrag angleichen muss, ist
überhaupt keine Frage.
Mit der Familienpflegezeit haben wir ein wichtiges Sig-
nal zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie gesetzt. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich möchte noch ein Wort zur Wahlfreiheit und zum Wenn der Hartz-IV-Satz um 10 Euro steigt und die Steu-
Betreuungsgeld sagen. Als wir damals das Elterngeld erentlastung nur 4 Euro beträgt, dann werden Sie eher
eingeführt haben, hat jeder das schwedische Vorbild in Mühe haben, das zu erklären. Ich würde an Ihrer Stelle
den höchsten Tönen gelobt und gesagt, dass man von nicht zu laut davon sprechen, sondern sagen: 4 Euro sind
den skandinavischen Ländern fürchterlich viel lernen das Mindeste, was man machen muss.
16920 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel


(A) Wenn Sie sich den Verlauf der Steuerprogression im Europa bittet – weil wir das können –, wenigstens dann (C)
Eingangssteuerbereich anschauen – den kennen Sie ge- einen Beitrag zum Wachstum zu leisten, dann werfen Sie
nauso gut wie wir –, uns das vor. Das passt nicht zusammen, meine Damen
und Herren. Das werden wir auch immer wieder sagen.
(Sigmar Gabriel [SPD]: Einsparungen!)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Sig-
und den Menschen sagen wollen: „Wir heben den
mar Gabriel [SPD]: Sie machen ja nichts! Sie
Grundfreibetrag an; das müssen wir machen, weil uns
machen ja immer nur Schulden!)
das Bundesverfassungsgericht das abverlangt“, Sie aber
nicht bereit sind, Verschiebungen vorzunehmen, sodass Jeder in Europa sagt: Ihr habt glücklicherweise noch
die Progression nicht mehr steigt, dann diskutiere ich mit Wachstum, könnt einen Beitrag leisten und unsere Pro-
Ihnen darüber wieder gerne in der Öffentlichkeit. dukte kaufen. – Denn inzwischen ist unser Wachstum
nicht mehr exportgetrieben.
(Sigmar Gabriel [SPD]: Einsparungen!)
(Sigmar Gabriel [SPD]: Sagen Sie das eigent-
Das sind die Belastungen, die auf die Kommunen und
lich auch der Bundesbank? Was sagt Herr
die Länder zukommen. Weil wir uns freuen, dass die
Weidmann dazu?)
Bruttolöhne im Jahr 2011 im Durchschnitt um 3,4 Pro-
zent steigen, aber auch wissen, dass wir eine Inflations- – Ich habe die Eigenschaft, überall gleich zu sprechen,
rate von 2,3 Prozent haben, wollen wir in Zukunft das, ob ich mit Ihnen rede, mit meinen politischen Freunden,
was durch die Inflation verloren geht, durch eine weitere mit der Bundesbank oder mit meinen europäischen Kol-
Verschiebung des Steuertarifs kompensieren. Weil wir legen. Das macht mein Leben so einfach, weil ich über-
wissen, dass die Kommunen und die Länder den daraus all gleich spreche und nicht doppelzüngig spreche. Das
resultierenden Steuerausfall wahrscheinlich nicht aus- ist mein Vorteil.
gleichen können, sagen wir: Der Bund übernimmt das
ganz. – Das ist das, was wir für die Arbeitnehmerinnen (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
und Arbeitnehmer in der Republik tun, die in der Krise Unser Wachstum ist inzwischen binnenmarktgetrie-
viel geleistet haben. Ich finde das nicht nur vernünftig, ben; das ist gut, und das ist richtig. Wir tun im Rahmen
sondern auch absolut gerecht. Steuergerechtigkeit, da- dessen, was wir können, das, was dazu notwendig ist.
rum geht es.
Wir müssen die Fragen beantworten: Wovon wollen
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) wir morgen leben? Wie wollen wir morgen zusammen-
Meine Damen und Herren, nun möchte ich auf das leben? Die Bundesregierung geht da Schritt für Schritt
voran. Liebe Kolleginnen und Kollegen, es wird weiter
(B) eingehen, was Sie zu den Verschuldungsraten und den (D)
Ausgabepositionen gesagt haben. Die Steigerung im so sein, auch im nächsten Jahr, dass wir vor riesigen
Bundeshaushalt lag in der Vergangenheit bei 1 Prozent. Herausforderungen in einer Welt stehen, die sich massiv
ändert. Es gibt Herausforderungen, mit denen sich noch
(Klaus Hagemann [SPD]: Und die Schulden?) künftige Generationen beschäftigen werden. Aber wir
Das wurde zu Ihren Zeiten so gut wie nie erreicht, um es können sagen: Unser Land hat gute Ausgangsbedingun-
ganz vorsichtig zu sagen. gen. Die christlich-liberale Koalition stellt sich mit Ent-
schlossenheit genau dieser Aufgabe. Ich sage Ihnen: Un-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) ser Ziel ist eine menschliche Gesellschaft und eine
erfolgreiche Gesellschaft – das ist die Botschaft an die
Wenn wir uns aufgrund der Tatsache, dass das Wirt-
Menschen in unserem Land –, und dafür werden wir
schaftswachstum in diesem Jahr stärker ist, als wir prog-
weiter arbeiten.
nostiziert haben, dafür entscheiden, das zusätzliche Geld
nicht in letzter Minute auszugeben, um die Verschuldung Herzlichen Dank.
zu verringern, und sagen: „Wir haben eine geringere
Verschuldung, weil wir ein höheres Wachstum haben, (Langanhaltender Beifall bei der CDU/CSU
und nächstes Jahr eventuell eine höhere Neuverschul- und der FDP)
dung, weil das Wachstum dann wieder geringer ist“,
dann ist das ehrlich. Dann finde ich das richtig, und dann Präsident Dr. Norbert Lammert:
ist Ihre Argumentation wohlfeil. Klaus Ernst ist der nächste Redner für die Fraktion
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Die Linke.

Wenn es um Europa und Deutschland geht, ist Ihre Ar- (Beifall bei der LINKEN)
gumentation an Doppelzüngigkeit nicht zu überbieten.
Wenn Sie über Griechenland, Portugal, Spanien und an- Klaus Ernst (DIE LINKE):
dere Länder sprechen, dann sagen Sie jedes Mal mit Trä- Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
nen in den Augen, wie schlimm es ist, dass dort kein Herren! Frau Bundeskanzlerin, ich möchte als Erstes aus
Wachstum mehr stattfinden kann, weil man dort die Ver- aktuellem Anlass auf Ihre Aussagen zum Rechtsterroris-
schuldung abbauen muss, und was es für eine üble Politik mus in unserem Land eingehen. Sie haben hier richtiger-
Deutschlands ist, darauf zu beharren, dass die Stabilitäts- weise die Gemeinsamkeit der Demokraten angespro-
kriterien wieder eingehalten werden. Wenn gleichzeitig chen. Das freut mich. Es ist uns gestern gelungen, hier
wir die Stabilitätskriterien einhalten und uns ganz eine gemeinsame Erklärung zu verabschieden.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16921
Klaus Ernst
(A) Allerdings, Frau Merkel, muss sich diese Haltung in Frau Merkel, Sie haben wenig darüber gesprochen, (C)
Ihrer Partei noch herumsprechen. wie es den Menschen in unserem Lande wirklich geht.
Wie geht es zum Beispiel den Arbeitnehmerinnen und
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN) Arbeitnehmern in diesem Land? Sie haben gesagt, künf-
Vor einigen Wochen ist in Sachsen aber mit Zustimmung tig würden die Reallöhne steigen. Zum zweiten Mal in
Ihrer Fraktion und mit Zustimmung der NPD die Immu- der Geschichte der Republik mussten trotz eines Auf-
nität des Fraktionsvorsitzenden der Linken aufgehoben schwungs, den Sie – insbesondere die Kolleginnen und
worden, weil er sich gegen die braune Brut in Deutsch- Kollegen von der FDP – so gerne loben, die Arbeitneh-
land zur Wehr gesetzt hat, auch mit seiner Anwesenheit merinnen und Arbeitnehmer seit 2008 einen Reallohn-
bei Demonstrationen. Das ist alles andere als die von Ih- verlust von 1,5 Prozent hinnehmen. Sie haben nach die-
nen angesprochene Gemeinsamkeit der Demokraten. sem Aufschwung weniger in der Tasche als vorher. Das
ist Ausdruck des Zustands unseres Landes. Wir haben
(Beifall bei der LINKEN) insbesondere Einkommensverluste im Niedriglohnsektor
zu verzeichnen. Jeder fünfte Vollzeitbeschäftigte in un-
Was wir jetzt brauchen, Frau Merkel und liebe Kolle- serem Lande arbeitet für weniger als 1 800 Euro brutto.
ginnen und Kollegen der CDU, der CSU und der FDP, Jeder dritte Arbeitnehmer verdient so wenig, dass er im
ist, dass wir die Menschen in unserem Land deutlich Alter mit einer Rente unterhalb der Grundsicherung
stärken, die sich auch außerhalb der Parlamente gegen rechnen muss. Seit 2005 hat Deutschland rund 60 Milli-
Neofaschismus wehren – oft begibt man sich in Gefahr, arden Euro ausgegeben, um die Einkommen wegen der
wenn man das tut –, und dass wir ein Signal geben, dass Dumpinglöhne wenigstens auf Sozialhilfeniveau aufzu-
das gesamte Parlament, alle Parteien, alle Fraktionen, stocken, weil es keinen allgemein verbindlichen Min-
alle Abgeordneten in Deutschland, die Demokraten sind, destlohn gibt. Frau Merkel, mit dem, was Sie auf Ihrem
diese Menschen in unserem Land unterstützen. Parteitag abgezogen haben, als Sie so getan haben, als
(Beifall bei der LINKEN) würden Sie einen Mindestlohn einführen, führen Sie die
Leute hinter die Fichte. In Wirklichkeit verweigern Sie
Solange wir da unterscheiden und solange wir da eine die Einführung eines allgemein verbindlichen Mindest-
Politik machen, wie sie Ihre Regierung betreibt, indem lohns in Deutschland – vor und nach Ihrem Parteitag.
Sie die Menschen, die Unterstützung bräuchten, unter Das ist die Wahrheit, und das werden wir den Menschen
Generalverdacht stellen, wenn es um die Frage geht, ob auch sagen.
sie Geld und Unterstützung des Staates bekommen,
wenn sie sich bei Projekten oder Ähnlichem engagieren, (Beifall bei der LINKEN)
so lange ist es mit der Solidarität und mit der Zusam-
(B) menarbeit aller Demokraten noch nicht weit her. Des- Michael Sommer, der Vorsitzende des DGB, hat recht, (D)
wenn er sagt, Arbeit in diesem Land sei inzwischen so
halb sage ich: Ändern Sie an dieser Stelle Ihre Politik!
billig wie Dreck geworden, und diese Regierung trägt
Sorgen Sie dafür, dass wir den Geist der Entschließung,
die Verantwortung dafür.
die wir gestern hier verabschiedet haben, tatsächlich um-
setzen und dass wir alle gemeinsam in diese Richtung Kommen wir zu den Rentnerinnen und Rentnern. Sie
gehen! Nur dann hat das Sinn; sonst lassen wir die Men- tun so, als würde sich die Lage der Rentnerinnen und
schen alleine, die sich gegen Neofaschismus wehren. Rentner verbessern, weil sie im nächsten Jahr eine saf-
(Beifall bei der LINKEN) tige Rentenerhöhung bekommen. Die Realität ist: Die
Rentenerhöhung 2012 wird nur knapp die erwartete In-
Einen zweiten Punkt muss ich ansprechen, weil ich flation ausgleichen. Das heißt, die Lage der Rentnerin-
Ihnen das so nicht durchgehen lassen kann, Frau Merkel: nen und Rentner wird sich nicht verbessern. Die Be-
die Steuersenkungen. Ja, wir sind mit Ihnen der Auffas- standsrenten sind seit Ende 2008 real um 1 Prozent
sung – auch wenn Sie das nicht sonderlich zu interessie- gesunken, seit der Jahrtausendwende nach Auskunft der
ren scheint –, dass es notwendig ist, Steuergerechtigkeit Bundesregierung um 7 Prozent. Das heißt, die Lage der
in unserem Lande wiederherzustellen. Ein Punkt dabei Rentnerinnen und Rentner in unserem Land verschlech-
ist, dass wir mit Blick auf die Steuerprogression durch tert sich ebenso wie die Lage der abhängig Beschäftig-
den sogenannten Mittelstandsbauch im Steuertarif eine ten.
vernünftige Regelung finden müssen. Wir sind auch der
Auffassung, dass es notwendig ist, den Spitzensteuersatz Jetzt können wir uns noch darüber unterhalten, ob
neu zu regeln. Aber wir unterscheiden uns hier deutlich vielleicht die Arbeitslosen besonders von dem Auf-
von Ihnen, weil wir meinen, dass man, wenn man solche schwung profitieren; denn Sie brüsten sich ja damit, dass
Vorschläge in der jetzigen Haushaltslage der Bundesre- wir zusätzliche Beschäftigung in unserem Land haben.
publik Deutschland einbringt, auch erklären muss, wo Ja, die haben wir, und darüber freuen wir uns auch. Wir
man das Geld dafür hernehmen will. Diese Erklärung freuen uns aber nicht darüber, welcher Art diese zusätzli-
bleiben Sie schuldig. Sie machen Geschenke, ohne sie che Beschäftigung ist. Jede dritte offene Stelle, die bei
gegenzufinanzieren. Wenn wir solche Vorschläge ma- den Arbeitsagenturen gemeldet ist, ist inzwischen nur
chen würden, wäre was los in diesem Haus. Aber Sie noch ein Leiharbeitsjob. In Deutschland haben wir einen
glauben, Sie könnten sich das leisten. Das ist nicht ak- Aufschwung bei der prekären Beschäftigung zu ver-
zeptabel. zeichnen: Minijobs, Leiharbeit, befristete Jobs, Teilzeit-
arbeit. Das ist die Realität der Menschen in unserem
(Beifall bei der LINKEN) Land. Jeder zweite Arbeitnehmer unter 24 Jahren hat nur
16922 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Klaus Ernst
(A) noch einen befristeten Arbeitsvertrag. Über solche Zu- den Bestand der gemeinsamen europäischen Währung (C)
stände am Arbeitsmarkt kann man sich offensichtlich gefährden.
nur freuen, wenn man ein Parteibuch der CDU oder der
Hätten Sie die Forderungen der Linken schon früher
FDP hat. Die Menschen freuen sich darüber nicht; sie
aufgegriffen, dann wären wir nicht in der jetzigen Situa-
wollen vernünftige Arbeitsplätze und gute Arbeit. Dies
tion.
verhindern Sie mit Ihrer Deregulierungspolitik am Ar-
beitsmarkt. (Beifall bei der LINKEN)
(Beifall bei der LINKEN) Jetzt wäre bei Ihnen endlich einmal etwas Einsicht nötig.
Sie müssen erkennen, dass die Maßnahmen, die Ihre Re-
Außerdem möchte ich mit Blick auf das Leistungsniveau gierung den anderen Staaten, insbesondere Griechen-
darauf hinweisen, dass natürlich auch die Erhöhung des land, aufoktroyiert, gescheitert sind, und damit auch Ihre
Arbeitslosengeldes II die Inflation der letzten Jahre nicht Politik.
ausgleicht und damit auch die Arbeitslosengeld-II-Be-
zieher weniger haben als vorher. Sie wollten mit Ihrer Politik – auch mit Ihrer Aufla-
genpolitik – die Schulden Griechenlands verringern. Das
Wo, bitte schön, ist dann Ihr Aufschwung, Frau Mer- hat im Ergebnis dazu geführt, dass die Schulden Grie-
kel? Wo, bitte schön, geht es allen Menschen besser? chenlands – neuester Stand von gestern – einen Rekord-
Das versprechen Sie doch so gerne. stand von 360 Milliarden Euro erreicht haben; das sind
In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Lohn- 165,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Frau Merkel,
quote eingehen, also den Anteil der Löhne und Gehälter die Politik, die Sie Europa verordnen, ist gescheitert. Der
am Volkseinkommen. Die Lohnquote hat sich von 2000 Schuldenstand steigt, und das wissen Sie selbst ganz ge-
bis 2010 von 72 auf 66 Prozent verringert. Das bedeutet: nau.
Hätten wir noch die alte Verteilungsrelation, hätten im (Beifall bei der LINKEN)
Jahr 2010 die Arbeitnehmer in der Summe 112 Milliar-
den Euro mehr gehabt. Sie haben mit Ihrer Politik des Im Kern ist diese Krise eine Krise der entfesselten Fi-
Lohndumpings dazu beigetragen, dass die Arbeitnehme- nanzmärkte. Wo liegen die Ursachen für diese Problema-
rinnen und Arbeitnehmer massive Einbußen bei ihrem tik? Um sich das klarzumachen, muss man einen Blick
Lohneinkommen hinnehmen mussten. auf das werfen, was zwischen 2000 und 2010 in
Deutschland passiert ist. Die Reallöhne sind um 4,5 Pro-
Frau Merkel, Sie haben einen großen Teil Ihrer Rede zent nach OECD-Erkenntnissen gesunken. Deutschland
der Finanzkrise gewidmet. Das möchte ich auch machen. war damit das einzige Industrieland mit sinkenden Löh-
Diese Haushaltsdebatte steht unter dem Eindruck der nen.
(B) schwersten Finanzkrise, die Europa seit dem Ende des (D)
Krieges erlebt hat. Was offensichtlich zu Ihnen noch Gleichzeitig hat Deutschland im selben Zeitraum
nicht durchgedrungen ist – das sagen Ihnen auch alle an- 1,5 Billionen Euro an Auslandsüberschüssen aufgebaut.
deren –, ist die Tatsache, dass wir offensichtlich am Mit anderen Worten: Die deutsche Wirtschaft hat für
Rande einer neuen schweren Rezession stehen. 1,5 Billionen Euro mehr exportiert als importiert. Fazit:
Ja, die Deutschen sind Exportweltmeister. Darüber kön-
Wer sich anschaut, wie diese Regierung in der Krise nen wir uns freuen.
agiert, der muss unweigerlich den Eindruck bekommen,
dass die Regierung weder vernünftige Analysen noch Leider aber sind wir Exportweltmeister, weil wir auch
eine vernünftige Strategie hat. Frau Bundeskanzlerin, es Weltmeister im Lohndumping sind. Das ist eine der Ur-
stimmt ja möglicherweise, dass Sie immer dasselbe sa- sachen für die Verwerfungen in Europa. Der Zusammen-
gen. Aber das bezieht sich immer nur auf einen be- hang ist sehr einfach: Die deutsche Wirtschaft hat sich
stimmten Zeitraum. Denn jedes halbe Jahr erzählen Sie mit sinkenden Löhnen Wettbewerbsvorteile auf Kosten
hier im Bundestag das Gegenteil von dem, was Sie ein der europäischen Nachbarn verschafft.
halbes Jahr zuvor gesagt haben. An dieser Stelle möchte ich Herrn Trittin zitieren.
(Beifall bei der LINKEN) (Zuruf von der CDU/CSU)
Das gilt insbesondere bei der Bewältigung der Finanz- – Bei seiner Rede haben Sie damals auch genölt. – Er
krise. hat recht. Er hat nämlich gesagt: Die Defizite der einen
In der letzten Legislaturperiode haben Sie noch jede sind die Überschüsse der anderen.
Regulierung der Finanzmärkte abgelehnt. Inzwischen Wer wissen will, was das im Einzelnen bedeutet, der
fordern Sie selbst eine Regulierung der Finanzmärkte. sollte einmal nach Griechenland fahren. Ich habe das in
Anfang 2010 haben Sie noch jede Hilfe für Griechenland der letzten Woche gemacht. Dort konnte ich erleben,
abgelehnt. Inzwischen haben wir ein Vielfaches unseres dass man im griechischen Supermarkt inzwischen
Steueraufkommens dafür verpfändet. Milch, Joghurt und Wurst aus Deutschland einkaufen
kann. Wir haben die Situation, dass Deutschland seine
Heute sperren Sie sich als einzige Regierung gegen
Lebensmittelexporte nach Griechenland seit 2000 fast
Euro-Bonds und eine Direktfinanzierung der Euro-Staa-
verdoppelt hat. Es ist unglaublich.
ten durch die EZB. Ich prophezeie Ihnen, Frau Merkel:
Diese Position werden Sie kein halbes Jahr mehr durch- Ob Sie es hören wollen oder nicht, meine Damen und
halten. Wenn Sie sie jedoch durchhielten, würden Sie Herren: Diese Krise hat ihren Ausgangspunkt auch in
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16923
Klaus Ernst
(A) Deutschland. Sie wird auch das Gesicht dieses Landes ber: Die Rentner müssen mit gekürzten Renten die durch (C)
verändern. Das deutsche Entwicklungsmodell – Wachs- Steuererhöhungen drastisch gestiegenen Preise für Güter
tum auf Kosten der eigenen Arbeitnehmer und der be- des täglichen Bedarfs bezahlen. Die nominalen Renten
nachbarten Volkswirtschaften – ist an sein Ende gekom- im öffentlichen Sektor sanken bis jetzt um 10 Prozent.
men. Vor diesem Ende stehen wir jetzt. Die Arbeitslosen werden in Angst und Schrecken ver-
setzt, weil sie nach einem Jahr Arbeitslosigkeit sogar
(Beifall bei der LINKEN)
ihre Krankenversicherung verlieren. Kleine Selbststän-
Das haben alle in Europa begriffen, aber Ihre Regie- dige werden in den Ruin getrieben. Man sieht leere Lä-
rung nicht. Nichts spricht mehr Bände als das, was die den und keine Leute mehr in den Lokalen. Hunderttau-
Vertreter dieser Regierung selbst zu diesem Thema zum senden droht die Abschaltung des Stroms, weil sie die
Besten geben. Ich zitiere hier stellvertretend den Wirt- neue Sondersteuer nicht zahlen können. Die Jugendar-
schaftsminister, Herrn Rösler. Er sagte in der letzten Wo- beitslosigkeit hat sich auf 43,5 Prozent erhöht. 200 000
che der Süddeutschen Zeitung – ich habe es fast nicht ge- kleine Gewerbebetriebe sind pleite. Frau Merkel, wenn
glaubt –: Sie sich einmal mit der wirklichen Lage in Griechenland
vertraut machen würden, dann würden Sie nicht die
Ich bin bei Wirtschaftsministertreffen immer der Frage stellen, ob die griechischen Senioren zu früh in
einzige, der Exportüberschüsse gut findet. Rente gehen, sondern würden fragen, ob die griechi-
(Heiterkeit bei Abgeordneten der LINKEN) schen Eltern in diesem Winter noch ihre Kinder ernähren
können; das ist die Frage, die sich den Griechinnen und
Da kann ich nur sagen: sehr schlau. Er merkt gar nicht, Griechen stellt.
dass wir mit den Exportüberschüssen, die wir in Deutsch-
land produzieren, die Probleme der anderen verursachen. (Beifall bei der LINKEN)
Man denkt bei solchen Aussagen unwillkürlich an den Sie haben von einem Vertrauensverlust in Europa ge-
Geisterfahrer auf der Autobahn, der im Radio hört: Ihnen sprochen. Ja, Frau Merkel, das stimmt: Die Bürgerinnen
kommt ein Fahrzeug entgegen. Der Geisterfahrer sagt: und Bürger vertrauen Europa nicht mehr, weil sie Eur-
Was heißt denn hier „ein Fahrzeug“? Hunderte! – Genau opa als Bedrohung empfinden: als Bedrohung für die
so ist die Situation in der Bundesregierung. Einkommen, die Renten und die Sozialstandards. Des-
(Beifall bei der LINKEN – Jörg van Essen halb sage ich Ihnen: Lassen Sie diese Politik sein. Wenn
[FDP]: Oh, was für ein Unsinn!) wir Europa und den Euro wieder auf die Füße stellen
wollen, dann müssen wir über Konjunkturmaßnahmen
Die zweite Ursache für die Probleme, die wir an den reden, die dazu führen, dass die Menschen in Europa Ar-
Finanzmärkten zu konstatieren haben, liegt im Verhält- beit kriegen, und nicht darüber, wie wir den Sozialstaat
(B) nis der Staaten und ihrer Finanzierung. Wie ist der Zu- (D)
zerschlagen.
sammenhang? 2008 und 2009 mussten alle Staaten mit
viel Geld das Bankensystem retten. Allein in Deutsch- (Beifall bei der LINKEN)
land stieg der Schuldenstand um 265 Milliarden Euro,
Letztendlich merken wir, dass es um zwei Dinge geht.
wohlgemerkt ohne Rettungsschirm. Die Staaten retteten
Zum einen geht es um die Frage der Zerschlagung der
die Banken mit Geld, aber sie hatten das Geld nicht. Die
Sozialsysteme. Diese Politik wird aber gegen den Willen
Staaten borgten sich das Geld bei den Banken, die sie
der Bevölkerung durchgesetzt. Frau Merkel, ich frage
vorher gerettet haben. Jetzt sind wir in der Situation,
mich schon, welches Demokratieverständnis Sie haben,
dass sich die Banken das Geld zu 1,25 Prozent Zinsen
wenn Sie und andere Regierungschefs in Europa offen-
bei der Europäischen Zentralbank leihen und es zu Wu-
sichtlich aufs Heftigste protestieren, wenn in Griechen-
cherzinsen – in Portugal aktuell 20 Prozent für kurzfris-
land die Frage einer Volksabstimmung ins Spiel gebracht
tige Laufzeiten – an die Staaten zurückleihen. Wie be-
wird, bei der die Menschen selbst darüber entscheiden
scheuert sind wir eigentlich, dass wir uns das antun?
sollen, ob sie sich die Sozialleistungen kürzen. Wäre es
(Beifall bei der LINKEN) nicht sinnvoll, zu sagen: Demokratie heißt auch, dass die
Macht vom Volk ausgeht? Das bedeutet auch, dass das
Was für ein absurdes System! Wir lassen uns mit Wu-
Volk selbst entscheiden darf, in welche Zukunft es gehen
cherzinsen über den Tisch ziehen.
will.
Die Strategie bei der Krisenbekämpfung scheitert je-
(Beifall bei der LINKEN)
den Tag aufs Neue. Sie wollen erzwingen, dass die Grie-
chen, die Portugiesen, die Spanier, die Franzosen – ja, ir- Genau das wird verhindert.
gendwann auch die Deutschen – die Wucherzinsen der
Welches Demokratiemodell steht uns in Europa be-
Banken zahlen, und zwar nicht die Millionäre oder die
vor, wenn in Griechenland und Italien – das geschieht in-
Unternehmen oder die Gutverdiener, sondern die einfa-
zwischen auf Druck der Europäischen Union – Regie-
chen Leute: die Arbeitnehmer mit ihren Löhnen, die
rungschefs regieren, die nie kandidiert haben? Sie haben
Rentner mit ihren Renten, die Arbeitslosen mit dem Ar-
sich nie einer Wahl der Bürgerinnen und Bürger gestellt.
beitslosengeld, die Kranken mit Einschnitten im Ge-
Welches Demokratiemodell steht uns bevor, wenn man
sundheitssystem, die Kinder mit dem vernachlässigten
in diesen Ländern inzwischen offensichtlich die Regie-
öffentlichen Bildungssystem.
rungsgeschäfte den Bankern überlässt und selbst nicht
Die Folgen dieser Politik sind sehr dramatisch. Wer in mehr fragt, ob der eine oder andere auch die politische
diesen Tagen Athen besucht, der erlebt eine Stadt im Fie- Qualifikation für das Amt hat, das er ausüben soll? Das,
16924 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Klaus Ernst
(A) was wir hier erleben, ist eine Kapitulation der Demokra- gemeinsame Mindeststandards verständigen. Wir brau- (C)
tie vor den Banken, und Sie befürworten diese, Frau chen Mindestlöhne, Mindeststeuern und Mindeststan-
Merkel. dards für die soziale Absicherung. Weiter brauchen wir
eine Vereinbarung, dass Europa nicht ein Europa der
(Beifall bei der LINKEN) Wirtschaft und der Banken, sondern ein Europa der Bür-
Mit dieser Politik sind wir dabei, das Demokratie- ger wird.
und Sozialstaatsmodell in Europa zu zerstören. Ihre Hal- (Beifall bei der LINKEN)
tung dazu, Frau Merkel, ist deutlich geworden. Sie ha-
ben Anfang September gesagt, man müsse vor allen Din- Wenn wir das nicht schaffen, dann wird dieses Europa
gen dem Wunsch der Märkte nachkommen, den – und zuerst der Euro – auseinanderbröseln.
Europarettungsschirm marktkonform auszugestalten. Ich möchte zum Schluss einen Vorschlag machen, der
Wer bestimmt eigentlich die Richtlinien der Politik? sehr einfach umzusetzen wäre. Wir wissen, dass die grie-
Manchmal habe ich den Eindruck, dass Sie bei diesen chischen Millionäre ihr Geld ins Ausland – offensicht-
Fragen Ihre Redezeit vielleicht direkt Herrn Ackermann lich auch in die Bundesrepublik Deutschland – tragen.
übertragen sollten. Dann wüssten wir wenigstens, wo ge- Ich schlage vor, dass wir alle Konten von Griechen, auf
nau wir dran sind. denen sich über 1 Million Euro befinden, erst einmal
einfrieren und mit der griechischen Regierung klären, ob
(Beifall bei der LINKEN)
dieses Geld durch Steuerhinterziehung angehäuft wer-
Ihr Leitbild und das Ihrer Regierung ist eine Demo- den konnte. Wenn dem so ist, dann führen wir das Geld
kratie, die sich im Zweifelsfall dem Willen der Märkte der griechischen Staatskasse zu. Das reduziert das grie-
unterordnet. Ihre Doktrin heißt nichts anderes, als die In- chische Defizit.
teressen der Banker vor die Interessen der Bürger zu (Beifall bei der LINKEN)
stellen. Sie haben mit Ihrer Politik der Erpressung das
europäische Projekt entleert und die EU zum Inkasso- Ein Politikwechsel ist dringend notwendig, sowohl in
büro der privaten Banken gemacht. Diese Politik wird Deutschland als auch in Europa. Er ist vor allen Dingen
sich rächen. deshalb notwendig, weil Sie mit Ihrer Politik den Sozial-
staat in Europa zerstören und die Demokratie abbauen.
Wir schlagen drei Punkte vor, um die Dinge wieder in Das führt nicht zu Wohlstand, sondern zu einer Entwick-
die richtige Richtung zu lenken. Erstens. Wir wollen lung nach rechts in ganz Europa. Das wollen wir verhin-
eine Entkopplung der Staatsfinanzierung von den Fi- dern.
nanzmärkten. Den Unsinn, den ich vorhin dargestellt
habe, wollen wir beenden. Dazu schlagen wir vor, dass Ich danke Ihnen für das Zuhören.
(B) wir eine Bank für öffentliche Anleihen gründen, die sich (Anhaltender Beifall bei der LINKEN – Volker (D)
direkt bei der EZB verschuldet und dann das Geld, das Kauder [CDU/CSU]: Na, dann mal los! Ver-
sie von der EZB bekommen hat, zu tragbaren Zinsen un- hindert mal! – Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/
ter vernünftigen Auflagen an andere Staaten weiterver- DIE GRÜNEN]: Jetzt kommt der nächste
leiht. Eine vernünftige Auflage wäre für Griechenland „freie Radikale“!)
eben nicht das Senken des Sozialniveaus, sondern für
Griechenland wäre es vernünftig, den Rüstungshaushalt Präsident Dr. Norbert Lammert:
herunterzufahren und die großen Vermögen zu besteu- Für die FDP-Fraktion erhält nun Rainer Brüderle das
ern. Das wäre ein anderer Weg, den die Griechen gehen Wort.
könnten.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU –
(Beifall bei der LINKEN) Thomas Oppermann [SPD]: Aber heute mal
Zweitens. Wir schlagen vor, das Bankensystem künf- ein bisschen sachlich! – Gegenruf des Abg.
Volker Kauder [CDU/CSU]: Das müssen Sie
tig öffentlich-rechtlich zu organisieren. Es gibt gegen-
gerade sagen, Herr Oppermann!)
wärtig nur die Alternative: Entweder übernimmt der
Staat die Banken, oder die Banken übernehmen den
Staat. So weit sind wir. Die Zukunft in der Bundesrepub- Rainer Brüderle (FDP):
lik Deutschland gehört nicht dem „Modell Deutsche Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Das Red-
Bank“, sondern sie gehört eher dem „Modell Sparkasse“. nerkarussell bei der SPD ist schon putzig. Die Kollegen
Steinmeier, Gabriel und Steinbrück wechseln sich bei
Drittens. Wir schlagen einen neuen europäischen Sta- den Kerndebatten ab und halten hier ihre Bewerbungsre-
bilitätspakt vor. Ein Staat kann seine Wettbewerbsfähig- den.
keit steigern, ein gemeinsames Europa muss aber nach
anderen Regeln funktionieren. Wir müssen letztendlich (Dr. Frank-Walter Steinmeier [SPD]: Herr Brüderle,
dafür sorgen, dass es in ganz Europa – so wie es das Sta- so viel Zeit haben Sie auch nicht!)
bilitätsgesetz in Deutschland vorschreibt – ausgegli- Vorpreschen tut keiner. Wenn Schröder, Scharping und
chene Handelsbilanzen gibt. Lafontaine früher das Trio Infernale waren, dann sind
heute Steinmeier, Gabriel und Steinbrück das Trio Im-
Sie haben eine gemeinsame Steuerpolitik und eine ge-
mobile. Sie machen so etwas wie ein Kanzlerkandida-
meinsame Wirtschaftspolitik angesprochen. Dem müsste
tenmikado.
eine gemeinsame Lohnpolitik folgen. Es kommt vor al-
len Dingen darauf an, dass wir uns in Deutschland auf (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16925
Rainer Brüderle
(A) Wer sich von ihnen als Erster bewegt, der hat verloren. Mit der Realität in Deutschland hat das wenig zu tun. (C)
Gesamteuropa mag am Rande einer Rezession stehen,
(Sigmar Gabriel [SPD]: Mensch, du warst
Deutschland nicht. Die deutsche Wirtschaftskraft stabili-
auch schon mal besser!)
siert Europa. Wir wachsen in diesem Jahr noch einmal
Herr Gabriel, zwischen Soll und Ist und Soll und Ha- – das ist außergewöhnlich – um 3 Prozent. Das ist eine
ben besteht ein Unterschied. bemerkenswerte Größe. Nächstes Jahr kommt es eher zu
einer Normalisierung und zu einer Abschwächung, dann
(Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Ist schon wie- haben wir nur noch 1 Prozent Wachstum. Der Arbeits-
der Karneval?) markt ist mehr als robust. Wir bekommen seit Monaten
Im Haushalt 2011 betrug die Ermächtigung zur Kredit- Zahlen, die Lichtjahre von den Ergebnissen von Grün-
aufnahme 48,4 Milliarden Euro. Das sind 22 Milliarden Rot entfernt sind.
Euro mehr; denn für 2012 sind rund 26 Milliarden Euro
neue Schulden vorgesehen. Das Ist wird niedriger sein. (Beifall bei Abgeordneten der FDP und der
Sie haben in Ihren Reihen immer ein Problem: zwischen CDU/CSU)
Soll und Haben, Der Arbeitsmarkt ist robust. Es gab noch nie 41 Milli-
(Beifall bei Abgeordneten der FDP und der onen Beschäftigte in Deutschland. Das hat diese Regie-
CDU/CSU) rung erreicht. Deutschland ist die Bezugsgröße, der si-
chere Hafen für die europäische Entwicklung.
zwischen Soll und Ist und zwischen Mein und Dein. Das
ist Ihr historisches Problem. Unsere stabilitätspolitischen Vorstellungen sind rich-
tig. Das belegt die Entwicklung in Deutschland. Das ist
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) ein Kraftakt. An dieser Stelle danke ich ausdrücklich der
Herr Gabriel, Sie sagen, die Regierung muss sparen, Regierung Merkel/Rösler dafür, dass wir unsere Partner
und verweisen auf Griechenland. Das ist Ihr Job, dafür hinsichtlich dieser Entwicklung bei der Stange halten.
gibt es auch die Elefantenrunde, aber glaubwürdig ist es
nicht. Die SPD-Fraktion hat in diesem Haushalt zusätzli- Andere in Europa wollen die Schuldenkrise mit der
che Ausgaben in Höhe von 5 Milliarden Euro vorge- Notenpresse lösen. Sie besitzen neuerdings Kreativität:
schlagen. Das ist Ihre Realität. Einsparvorschläge? Fehl- Zuerst wollten sie eine Banklizenz für die EFSF. Das hat
anzeige! Sie machen nichts! Deutschland zu Recht verhindert. Dann ging es um den
Griff nach dem Gold der Deutschen Bundesbank. Das
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) haben wir auch zu Recht verhindert. Andere wollen die
EZB nach dem Vorbild der Fed umgestalten. Auch das
Es gibt Steuererhöhungsvorschläge im halben Dut-
(B) werden wir verhindern. Stabilitätsorientierte Politik für (D)
zend und mehr. Von Entschuldung sprechen, aber eigent-
Deutschland sollte nationaler Konsens sein; das sollte
lich die Schleusen öffnen wollen – so geht das nicht. Wir
auch auf Ihrer Agenda stehen.
sind hier nicht bei „Wünsch Dir was“, hier ist „So isses“!
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Thomas (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Oppermann [SPD]: Schlecht ist es!) Herr Steinmeier hat diese Linie im Plenum vertreten.
Statt der Regierung eine Nase zu drehen, sollten Sie Er hat uns sogar kritisiert. Er hat gesagt, mit der EFSF
sich lieber an die eigene Nase fassen. Als Finanzminister würde es zu langsam gehen. Das würde die Notenbank
wollte Herr Steinbrück für das Jahr 2012 fast 60 Milliar- unter Druck bringen. Jetzt kommt Steinmeiers früherer
den Euro Schulden machen. Wir kommen mit weniger Chef, Herr Schröder, aus seiner Ecke hervor und fordert,
als der Hälfte aus. die Notenpresse anzuwerfen, Geld zu drucken. Das ist
immerhin konsequent. Schröder hat den Stabilitätspakt
(Thomas Oppermann [SPD]: Wegen des Kon- ruiniert und die Griechen in die Euro-Zone gelassen.
junkturprogramms, gegen das ihr gestimmt Jetzt den Euro komplett fertigzumachen, zeugt von einer
habt!) gewissen Logik, von einer gewissen Konsequenz; es ist
Zur Einhaltung der Schuldenbremse liegen wir rund aber falsch.
15 Milliarden unter der maximalen Nettokreditauf-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
nahme. Die christlich-liberale Koalition hält Deutsch-
land auf einem Wachstumspfad, und die Konsolidierung Was Steinmeier sagt, juckt Steinbrück nicht. Ich zi-
wird durchgeführt. tiere Steinbrück:
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Allerdings zeigen die Fed der USA und die Bank of
Thomas Oppermann [SPD]: Ihr habt am we- England, dass in Krisenzeiten genau dies
nigsten damit zu tun!)
– gemeint ist die Staatsfinanzierung mit der Notenpresse –
Bei der Wirtschaftsentwicklung verbreitet die Oppo-
sition graue Novemberstimmung, aber Sie überzeichnen, die Rolle von Notenbanken ist.
Sie malen schwarz.
Zitat Ende. Das erklärt Herr Steinbrück wörtlich in sei-
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- nen Anmerkungen zur Verschuldungs- und Bankenkrise.
NEN]: Draußen herrscht Nebel! Das können
Sie nicht bestreiten! Gehen Sie einmal raus!) (Dr. Frank-Walter Steinmeier [SPD]: Ja und?)
16926 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Rainer Brüderle
(A) In deutsche Sprache übersetzt heißt das: Steinbrück will Als es bezüglich Griechenland hier zum Schwur kam, (C)
wie Frankreich und andere die große Geldkanone anset- Herr Gabriel, haben Sie die Biege gemacht. Ich habe
zen, das Geld drucken und nicht die Statik in Europa in Ihre Rede von Mai 2010 dabei: nirgends klare Positio-
Ordnung bringen. Das ist der falsche Weg. nen. Eine Enthaltung zu organisieren, ist kein Konzept,
das ist ein politisches Armutszeugnis. Auch das hat mit
(Thomas Oppermann [SPD]: Das machen Sie
kraftvoller Politik nichts zu tun. Ich empfehle ein biss-
doch selbst!)
chen Zurückhaltung. Beim Euro-Thema haben Sie wirk-
Deswegen ist die Lage bei Ihnen völlig konfus. lich keine klare Linie.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Das Zeitalter der Staatsverschuldung führt zu Pump-
kapitalismus an den Finanzmärkten. Wir haben dort
Das widerspricht der deutschen Stabilitätstradition. Schneeballeffekte. Das müssen wir verändern, korrigie-
Wir alle haben den Menschen in Deutschland verspro- ren; denn das hat mit sozialer Marktwirtschaft nichts zu
chen, der Euro werde genauso stabil sein, wie die tun. Das steht auf der Agenda einer bürgerlichen Regie-
D-Mark es war. Deshalb müssen wir für diese Stabili- rung: wieder zu Maß und Mitte zurückkehren, die Rela-
tätskultur kämpfen und die Ängste der Menschen in tion zwischen Risiko und Haftung wiederherstellen und
Deutschland ernst nehmen. Im Gencode der Deutschen wieder nach Adam Riese rechnen. Das ist unsere Politik,
ist die Angst vor der Hyperinflation eingeprägt, während sie ist nachhaltig. Wir flüchten nicht in Schulden. Das ist
die Amerikaner Angst vor der Deflation haben. Das er- bürgerliche Gemeinschaftsleistung. Deshalb werden wir
klärt die unterschiedlichen Verhaltensweisen diesseits diesen erfolgreichen Kurs kraftvoll gemeinsam fortset-
und jenseits des Atlantiks. Ich glaube, Steinbrück sollte zen.
lieber weiter Schach spielen, aber dieses Mal die Figuren
richtig aufstellen. Das würde ihn vielleicht weiterbrin- (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU –
gen. Lachen bei der SPD)
(Heiterkeit bei Abgeordneten der CDU/CSU – Wir brauchen eine Risikobremse am Kapitalmarkt, an-
Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: dere Eigenkapitalunterlegungen, Transparenz bei Schat-
Tätä! Tätä! Tätä!) tenbanken. Hier ist vieles aus dem Ruder gelaufen. Herr
Gabriel, Rot-Grün hat mit Hegdefondsderivaten den Dra-
Herr Gabriel fordert jetzt wieder Euro-Bonds. Das ist chen der Finanzmärkte gemästet.
Politik nach Schlagzeile. Ihr haushaltspolitischer Spre-
cher, Carsten Schneider, hat heute Morgen im Morgen- (Thomas Oppermann [SPD]: Zwei Hedge-
magazin genau das als nicht machbar und falsch erkannt. fonds!)
Vielleicht hören Sie das einmal nach. Er gilt als Fach- Wenn nun Sigmar als Siegfried auftreten will, dann ist (D)
(B)
mann. Vielleicht hilft Ihnen das weiter. Als Ihre Basis das eine Komikrolle. Erst den Drachen zu züchten und
damals rebellierte, haben Sie die Pläne für die Euro- sich dann als Gegner aufspielen zu wollen – das ist un-
Bonds wieder in die Schublade gelegt. Als das Verfas- redlich, unglaubwürdig. Das sind Theaternummern, aber
sungsgericht klare Grenzen gezogen hat, waren Sie sehr das ist keine reale Politik.
leise. Die SPD-Fraktion hat in ihrem Entschließungsan-
trag einen großen Bogen um Euro-Bonds gemacht. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Sig-
Euro-Bonds sind der falsche Weg. Sie setzen den Zins- mar Gabriel [SPD]: Mit Theater kennen Sie
mechanismus außer Kraft. Das ist Einheitszins! Das ist sich aus!)
Zinssozialismus! Sozialismus ist immer falsch, auch bei Mich hat dieser Tage anderes unruhig gemacht: Der
den Zinsen! russische Präsident will eine eurasische Union. Der ame-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) rikanische Präsident wendet sich verstärkt dem Pazifik
zu.
Herr Steinbrück hat bislang einen Schuldenschnitt für
Griechenland gefordert. Jetzt sagt er, man hätte für die (Thomas Oppermann [SPD]: Die wenden sich
Anleihen Griechenlands von Anfang an Garantien aus- alle von Ihnen ab! – Jürgen Trittin [BÜND-
sprechen sollen. Ständig neue Äußerungen. NIS 90/DIE GRÜNEN]: Was schließen Sie
daraus?)
(Dr. Frank-Walter Steinmeier [SPD]:
Das sollte uns aufhorchen lassen. Aus der Hinwendung
Quatsch!)
zu Asien darf keine Abwendung von Europa werden.
– Ich kann das alles belegen. – Hätte, könnte, sollte – die Europa muss sich neu aufstellen. Wir müssen Strukturen
SPD im Konjunktiv; mit klarer Politik hat das nichts zu und Handlungsfähigkeit schaffen. Das gilt übrigens
tun. nicht nur für den Euro. Es führt uns vor Augen: Europa
hat vieles anzupacken. Wir brauchen auch eine stärkere
(Beifall bei Abgeordneten der FDP)
Integration der Außen- und Sicherheitspolitik und eine
Bilden Sie sich doch einmal eine Meinung. Sagen Sie gemeinsame Sicherheitsarchitektur, wenn Europa in der
sie, auch wenn sie falsch ist; aber haben Sie wenigstens Welt noch eine Rolle spielen will. Die Koalition hat zwei
eine Meinung! wichtige strategische Entscheidungen getroffen: Wir eb-
nen den Weg zu einer Freiwilligenarmee und beginnen
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Sig-
mit dem Abzug unserer Truppen aus Afghanistan.
mar Gabriel [SPD]: Trinken Sie einmal einen
Schluck! Das beruhigt!) (Beifall bei Abgeordneten der FDP)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16927
Rainer Brüderle
(A) Der internationale Einsatz erfordert ein Maß an Flexibi- die Binnennachfrage. Im Gegensatz zu Zeiten der Vor- (C)
lität und Professionalität, das man nur mit einer Freiwil- gängerregierung steigen bei uns die Nettolöhne. Im
ligenarmee leisten kann. Deshalb war der Schritt konse- Jahre 2013 werden weitere Schritte zur Entlastung, bei-
quent. Dank an den Verteidigungsminister de Maizière, spielsweise bei den Rentenbeiträgen, folgen.
der ein vernünftiges Konzept, das auch umsetzbar ist,
auf den Weg gebracht hat. Nun geht es darum, etwas für die kleinen und mittle-
ren Einkommen zu tun. Ich nenne die Stichwörter „Exis-
(Sigmar Gabriel [SPD]: Anders als sein tenzminimum“ und „kalte Progression“. Die kalte Pro-
Vorgänger!) gression ist eine verdeckte Steuererhöhung. Weil die
Wir werden ihn dabei unterstützen. Nominalwerte steigen, kassiert der Staat mehr ab. Das ist
eine Steuererhöhung. Das kann doch nicht im Interesse
In Afghanistan ist der Scheitelpunkt des deutschen mi- gerade der Vertreter der Bezieher kleiner Einkommen
litärischen Engagements überschritten. Das neue ISAF- bei uns im Lande sein. Der Staat darf sich doch nicht
Mandat wird eine Reduktion des Truppeneinsatzes vor- über die Inflation bereichern.
nehmen. Die Bonner Afghanistan-Konferenz im Dezem-
ber wird eine langfristige politische und wirtschaftliche Ich möchte Herrn Steinmeier ganz persönlich anspre-
Partnerschaft der Staatengemeinschaft mit Afghanistan chen. Herr Steinmeier – Sie sind anwesend, nur weiter
auf den Weg bringen. Außenminister Guido Westerwelle hinten im Saal –, vor zehn Jahren haben wir gemeinsam
hat dabei unsere volle Unterstützung. eine Steuerreform auf den Weg gebracht. Ich habe das
damals über Rheinland-Pfalz mit möglich gemacht. Das
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – fanden nicht alle in der FDP schön, aber ich habe es ge-
Thomas Oppermann [SPD]: Gut, dass Sie den macht, weil ich überzeugt war, dass es richtig für unser
auch mal erwähnen!) Land war. Ich erwarte von der SPD und von Ihnen ganz
Wenn wir die erreichten Fortschritte dauerhaft sichern, persönlich: Verhindern Sie bei der Entlastung, Abmilde-
können wir bis 2014 die Sicherheitsverantwortung wei- rung der kalten Progression und dem Existenzminimum,
testgehend oder vollständig in afghanische Hände legen. eine Blockade Ihres Parteivorsitzenden. Das würde Ihre
Kernwählerschaft elementar treffen. Sie müssen hier die
Meine Damen und Herren, Deutschland ist ein ver- Interessen der Menschen über parteitaktische Spielchen
lässlicher Partner. Deutschland hat Exporterfolge, wird stellen, so wie ich es gemacht habe. Ich spreche Sie per-
von der Welt bewundert, manchmal aber auch kritisiert. sönlich an.
Die Opposition fordert immer, wir müssen von unse- (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Wi-
ren hohen Exportüberschüssen herunterkommen. Ich derspruch bei der SPD sowie bei Abgeordne-
(B) gehe davon aus, Sie wollen Deutschland nicht schlechter ten der LINKEN) (D)
machen, obwohl ich manchmal daran Zweifel habe. Im
Kern geht es, wenn Deutschland besser werden soll, um Die Binnennachfrage wird durch die Tarifpolitik ge-
eine höhere Binnennachfrage. Schauen wir doch einmal, stärkt. Ich habe als Wirtschaftsminister gesagt, dass ich
was die Opposition für eine höhere Binnennachfrage im für faire Lohnerhöhungen bin. Ich wiederhole dies. Die
Angebot hat. Sie wollen die Steuern erhöhen. Das erhöht Arbeitnehmer haben sich ihren Anteil am Aufschwung
keine Binnennachfrage. Die Linkspartei macht gerade hart erarbeitet und werden diesen auch bekommen. Die
ein Familienunternehmen Oskar/Sahra & Co. GmbH, Tarifrunden werden widerspiegeln, dass wir die Binnen-
neues menschliches Antlitz des Sozialismus. nachfrage stärken. Der Staat investiert auch noch zusätz-
lich. Wir haben eine Mobilitätsmilliarde in diesem Haus-
(Zurufe von der LINKEN) halt auf den Weg gebracht, weil es richtig ist, Straßen,
– Sie sollten bei dem Thema ruhig sein. Dazu haben Sie Brücken und weitere Infrastruktur auszubauen. Wir tun
wirklich nichts beizutragen. das ganz offensiv. Mit den Grünen gelingt es ja nicht
einmal, 3,5 Kilometer Flüsterbeton in Berlin auf den
Bei der SPD sind es 32 Milliarden Euro mehr Steuern, Weg zu bringen.
bei den Grünen ebenfalls. Sie unterscheiden sich in ihren
Steuervorstellungen nur hinter dem Komma, obwohl (Heiterkeit bei Abgeordneten der FDP, der
man bei der Reaktion auf die Reden eine gewisse Eiszeit CDU/CSU und der SPD)
feststellt. Es gab bei der Rede von Gabriel nur wenig,
fast keinen Beifall von den Grünen. Teilen der SPD ist das peinlich. Sie merken, die Grünen
meinen es ernst mit der Deindustrialisierung. Alles, was
Darüber hinaus wollen Sie Euro-Bonds mit höheren Krach macht, riecht und dampft, wollen die Grünen
Zinsen für Deutschland. Das schwächt die Binnennach- plattmachen, es sei denn, es ist eine Biogasanlage; diese
frage. Auch das ist kein Beitrag hierfür. bleibt natürlich bestehen.
Sie wollen höhere Einnahmen im Bereich der Sozial- (Heiterkeit und Beifall bei der FDP sowie bei
versicherung. Auch das schwächt die Binnennachfrage. Abgeordneten der CDU/CSU)
Wir machen es anders: Wir entlasten die Menschen. Herr Trittin will Finanzminister werden. Er hat sich
In der vergangenen Woche haben wir einen ersten geäußert, die Staatsquote sei eine bloße Recheneinheit.
Schritt im Bereich der Rentenbeiträge gemacht. Arbeit-
nehmer und Arbeitgeber werden um 2,5 Milliarden Euro (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
entlastet. Gleichzeitig steigen die Renten. Das ist gut für NEN]: So ist es!)
16928 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Rainer Brüderle
(A) Da kann man nur sagen, dass da zwei Welten aufeinan- uns und schauen, wie wir es machen, damit sie erfolgrei- (C)
dertreffen: Trittin und die Volkswirtschaft. Die passen cher werden. Das muss so bleiben.
überhaupt nicht zusammen.
Dieser Haushalt ist ein Dreiklang aus Investieren, Sta-
(Heiterkeit und Beifall bei der FDP sowie bei bilisieren und Entlasten, unter Beachtung der Schulden-
Abgeordneten der CDU/CSU) bremse. Wir verstetigen das Wachstum. Deshalb ist es
auch richtig, jetzt nicht zu stark auf die Bremse zu treten,
Herr Trittin, Wirtschaft ist immer rechnen. Aber hier
sondern die Fahrt zu halten. Das ist eine intelligente,
geht es um etwas anderes. Sie wollen eine höhere Staats-
wachstumsfreundliche Konsolidierungspolitik. Das, was
quote. Es ist ein Unterschied, ob wir eine Staatsquote
die Regierung hier macht, ist maßgeschneidert und ge-
von 60, 50, 40 oder 35 Prozent haben. Das kann man
nau richtig.
dort, wo Sie regieren, sehen. In Stuttgart gibt es ein wei-
teres Ministerium mit 180 neuen Stellen, in Mainz zwei Die Rot-Grünen mäkeln und nörgeln; das ist kein Bei-
weitere Ministerien. Der grüne Ministerpräsident trag. Wir arbeiten. Dabei bleibt es. Das ist der Unter-
Kretschmann fliegt als einziger mit dem Hubschrauber schied. Wir sind erfolgreich.
zur Ministerpräsidentenkonferenz nach Lübeck, die
Dienstkarosse fährt 800 Kilometer hinterher. So sieht es (Sigmar Gabriel [SPD]: Oh ja! Sie vor allem!
konkret aus. Sie haben als Opposition die Froschperspek- 2 Prozent!)
tive und als Regierung die Vogelperspektive. Vogel und Sie werden weiter meckern. Nur, das hilft uns nicht wei-
Frosch, das passt aber nicht zusammen. ter.
(Heiterkeit und Beifall bei der FDP und der Vielen Dank.
CDU/CSU – Heiterkeit bei Abgeordneten der
SPD) (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

Sie nennen Bill Clinton als Vorbild für die Haushalts- Vizepräsident Eduard Oswald:
sanierung. Das ist sehr interessant; denn Clinton hat den
Nächste Rednerin in unserer Debatte ist für die Frak-
Haushalt mit Wachstum saniert. Sie aber sind gegen
tion Bündnis 90/Die Grünen unsere Kollegin Renate
Wachstum. Ich kann mich erinnern, als die Grünen in die
Künast. Bitte schön, Kollegin Renate Künast.
Parlamente einzogen, hatten manche die Aufkleber
„computerfreie Zone“. Ich sage Ihnen: Wer Fortschritts- (Christian Lindner [FDP]: Jetzt kommt der
feindlichkeit sät, wird Piraten ernten. Das trifft Sie voll Blick aus der Froschperspektive!)
ins Mark. Fortschrittsfeindlichkeit führt nicht zu weite-
ren Wachstumschancen, aber diese brauchen wir, um in Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
(B) (D)
Deutschland voranzukommen. Wir sind stolz auf unsere Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Nach die-
erfolgreiche Wirtschaft, auf den Mittelstand und die In- ser Rede könnte man fragen: Was denn nun, Frau Mer-
dustrie, im Maschinenbau und in der chemischen Indus- kel?
trie, im Fahrzeugbau und in anderen Bereichen.
(Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]:
Wir mobilisieren die Potenziale im Land mit Investiti- Ach Gott!)
onen in Bildung und Forschung. Hier werden die Ausga-
ben auf fast 13 Milliarden Euro angehoben. Wir ermögli- Sie haben alles so schön beschrieben, alles so schön er-
chen Fachkräftezuzug, indem die Schwellen abgesenkt klärt.
werden – dies war nicht so einfach, aber wir haben es ge-
(Otto Fricke [FDP]: Oh! Sie haben es wohl
meinsam endlich geschafft –, damit wir zukünftige Ta-
zum ersten Mal verstanden!)
lente gewinnen können.
– Ja. Ich habe gesehen, dass Sie fröhlich applaudiert ha-
Wir packen die Pflegereform an. Wir helfen Pflegebe-
ben; es war wahrscheinlich große Erleichterung da. –
dürftigen und vor allen Dingen den Angehörigen. Dieje-
Frau Merkel hat wieder einmal schön erklärt, wie die
nigen, die betreuen und pflegen – ich kenne im privaten
Details sind. Aber was ich nicht gehört habe, ist die Ant-
Bereich solche Fälle –, sind für mich wahre Heldinnen
wort auf die Frage, wo die Reise mit Deutschland hinge-
und Helden des Alltags.
hen soll, wo die Reise in der Europäischen Union hinge-
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten hen soll. Von welcher Zukunft sind Sie eigentlich
der CDU/CSU) gezogen, Frau Merkel? An dieser Stelle war Ihre Rede
eine echte Fehlanzeige.
Ihnen zu helfen, ist notwendig und richtig. Eine Größen-
ordnung von 1 Milliarde Euro ist wahrlich keine Lappa- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
lie. Unser Generalsekretär Christian Lindner hat ange- sowie bei Abgeordneten der SPD)
sprochen, dass dem Renten-Riester, weil wir die
Wir haben jetzt zwei Jahre lang gewartet, dass diese
ergänzende Kapitaldeckung einführen, ein Bruder hinzu-
Koalition endlich beginnt, vernünftige Politik zu ma-
gefügt wird, nämlich der Pflege-Bahr. Das ist der rich-
chen. Aber ich denke, das kommt nicht mehr. Was jetzt
tige Einstieg; denn wir wollen Generationengerechtig-
nur noch geschieht, ist das Auslaufen der Regierungs-
keit betreiben.
zeit. Wir brauchen aber eine Politik, die sich wirklich
Deutschland ist unverändert die Lokomotive der eu- den zentralen Fragen der Gesellschaft und der heutigen
ropäischen Entwicklung. Die anderen orientieren sich an Zeit widmet, die auf den demografischen Wandel ein-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16929
Renate Künast
(A) geht und darauf Antworten gibt. Was Sie machen, ist ein schützen und den ökologischen und sozialen Umbau (C)
bisschen Pflegereform, sodass man sich aussuchen darf, wirklich systematisch zu betreiben. Wir brauchen eine
ob man isst, gewaschen wird oder menschliche Zuwen- große soziale und ökologische Transformation in
dung bekommt. Das ist doch keine Alternative. Man Deutschland und in Europa mit dem Euro, einer gemein-
muss zum Beispiel den Mut haben, eine echte Pflege- samen Währung, als Kern.
reform zu machen, und das kann nur heißen, eine Bür-
Sie, Frau Merkel, haben ja gerade heute – an anderer
gerversicherung zu schaffen. Aber zu solchen grundsätz-
Stelle noch schärfer – gesagt: „Wenn der Euro scheitert,
lichen Dingen haben Sie überhaupt keinen Mut.
dann scheitert Europa“. Uns allen ist wohl klar, dass ein
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Scheitern Europas nicht hinnehmbar ist und dass wir uns
sowie bei Abgeordneten der SPD) das schon gar nicht leisten können. Was bitte schön ist
dann aber Ihr Kompass? Sie reden immer von einem
Ein anderer Punkt: die Situation der Jugendlichen. Kompass. Was sind eigentlich die Maßnahmen, die Sie
Meine Damen und Herren, die befinden sich immer noch ergreifen wollen?
in Warteschleifen. Die befinden sich in Kommunen, die
ihrer Bildungsaufgabe nicht nachkommen können. Die Auf dem Parteitag in Leipzig – das wurde ja schon
befinden sich in Kommunen, in denen schon lange keine veralbert – haben Sie in jedem dritten Satz gesagt: „ein
Jugendarbeit mehr stattfindet und deshalb Rechtsext- Kompass“. Bei diesem Kompass hier habe ich das Ge-
reme immer mehr Platz und Raum haben und auf die fühl, Merkel macht es wie folgt: Sie geht erst einmal
Schulhöfe gehen. Da reicht es aber nicht, Frau Merkel, ohne Kompass los. Wenn sie vor einer Wand steht und
hier nur noch einmal das Bekenntnis der Demokraten, sie fest im Auge hat, dann schaut sie auf den Kompass,
das Bekenntnis des gestrigen Vormittags, anzusprechen. und dann geht es den ganzen langen Weg zurück. Dann,
Ich will hier und heute hören, wie Sie die Kommunen Frau Merkel, ist aber immer schon extrem viel Zeit ver-
mit mehr Geld ausstatten und für mehr Bildung und loren. So war Ihre Rede heute auch.
mehr Jugendarbeit quer durchs Land sorgen wollen. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Dazu haben Sie gar nichts gesagt, kein Wort. sowie bei Abgeordneten der SPD)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Immer viel Zeit verloren:
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Denken Sie einmal an die Finanztransaktionsteuer. Da
Wie geht sozialer Zusammenhalt? Wie geht eine haben Sie alle miteinander auf die unglückselige Frau
Wirtschaftspolitik angesichts des Klimawandels? Wie Homburger gewartet, die gesagt hat: So etwas gibt es gar
wollen Sie der Schuldenkriese beikommen und mehr nicht. Sie haben sich auch an keiner Stelle scharf dafür
(B) Gerechtigkeit schaffen? Wie soll es eigentlich mit dem eingesetzt, dass Finanztransaktionen wie jede andere (D)
Euro weitergehen? Grundlegend ist doch eines klar: Wir wirtschaftliche Tätigkeit eben auch besteuert werden.
brauchen eine andere Art des Wirtschaftens in Deutsch- Jetzt soll sie doch kommen, und Sie kämpfen dafür. Ein
land; sie muss sich grundlegend ändern. Wir müssen Satz lautete einmal: Keinen Cent für Griechenland geben
weg von dem Motto „Wachstum, Wachstum, Wachstum“ wir. – Dann wurden es Milliarden. Ein anderer Satz war
und der Vorstellung, dass wir das, was herauskommt, einmal: Ein Rettungsschirm wird nicht gebraucht. –
nutzen können, wie es dieses Jahr der Fall ist. Selbst Dann kamen Irland und Portugal. Eine EU-Wirtschafts-
konservative Ökonomen und die Europäische Kommis- regierung war immer böse, weil man hier nichts abgeben
sion sagen: Wir müssen anders wirtschaften. Wir müssen will. Jetzt soll sie doch kommen. Heute sagen Sie fak-
uns nach Finanzkrise und gigantischen Schuldenbergen tisch: Niemals Euro-Bonds! – Ich bin mir sicher, sie wer-
jetzt anstrengen, dass wir endlich zu gesellschaftlicher den kommen – oder wir haben es wirklich versemmelt.
Wohlfahrt, zu mehr Gemeinwohl kommen. – Aber was
machen Sie? Sie reden nur über Wachstum, (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

(Norbert Barthle [CDU/CSU]: Das ist doch Alle Ihre Verzögerungen, Frau Merkel, haben die Krise
Unfug! Wollen Sie, dass die Wirtschaft verschlimmert und uns real Geld gekostet.
schrumpft? Wollen Sie etwa eine Schrumpf- Zur Hebelung: Wir haben uns in einer der letzten Ple-
kur?) narsitzungen ja intensivst mit dem Thema „Hebelung
haben hier und heute aber nicht einmal angesprochen, des EFSF“ auseinandergesetzt. Viele von uns erinnern
dass wir lernen müssen, das Wachstum vom Naturver- sich noch daran, wie man versuchte, zu verstehen oder
brauch, vom Rohstoffverbrauch abzukoppeln, um nur anderen draußen zu erklären, was das eigentlich ist. Jetzt
ein Beispiel zu nennen. Wir brauchen ein anderes stellen wir was fest? Die Hebelung funktioniert nicht.
Wachstum, aber das andere haben Sie in Ihrer Rede an Sie ist bei Chinesen, Russen und anderen eiskalt abge-
keiner einzigen Stelle angesprochen. blitzt, weil ihnen die niedrigen Absicherungen gar nicht
reichen und weil sie nicht wissen, ob sie der Handlungs-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN fähigkeit der Europäischen Union und der Euro-Zone
sowie bei Abgeordneten der SPD) überhaupt vertrauen können.
Dieses andere Wirtschaften funktioniert übrigens nur Frau Merkel, es kann doch nicht sein, dass Sie sich
europäisch, nur in diesem Zusammenhalt, nur wenn die heute hier hinstellen und zu dem Vorschlag der Europäi-
Europäische Union stärker dabei wird, die Grundlagen schen Kommission zu verschiedenen Varianten der
zu verändern, Ressourcen zu schonen, das Klima zu Euro-Bonds, der heute kommt, nur sagen, dass sie fürch-
16930 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Renate Künast
(A) ten, dass es irgendwie kommunikativ eine Fehlentwick- künden an dem Tag der größtmöglichen potenziellen (C)
lung gibt. So geht es nicht, Frau Merkel. Verschuldung eine Steuersenkung.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Die Wirtschaft in Deutschland wartet auf die Basis-
sowie des Abg. Dr. Frank-Walter Steinmeier infrastruktur. Herr Brüderle glaubt immer noch, wenn
[SPD]) man nur neue Maßstäbe in der Asphaltierung Deutsch-
lands setzen würde, sei die nötige Infrastruktur für Deutsch-
Wir müssen an dieser Stelle doch eines sagen: Die Vor- land geschaffen. Das ist natürlich albern, Herr Brüderle.
schläge der Europäischen Kommission sind rational zu Das wissen Sie selbst.
analysieren. Einer dieser drei Vorschläge wurde sogar
vom Sachverständigenrat der Bundesregierung faktisch (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
mitentwickelt. Wir müssen an dieser Stelle doch analy- sowie bei Abgeordneten der SPD)
sieren, was das Beste für uns wäre. Nein, es geht um etwas ganz anderes. Zur Verbesserung
der Infrastruktur in diesem Land wäre eine grundsätzli-
Frau Merkel, ich rate Ihnen: Entwickeln Sie doch
che und flächendeckende Breitbandversorgung nötig.
dort, wo Sie Sorgen haben, Zwischenschritte. Wenn es
noch etwas dauern wird, bis die Euro-Bonds kommen, (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
dann ist es Ihre Aufgabe, sich hier hinzustellen und zu
sagen: Mittelfristig kommen sie, aber wir fordern hier Die Infrastruktur in unserem Land wäre angesichts
Regeln für die Wirtschaftsregierung und Sanktionsme- der großen Containertransporte einmal unter dem Aspekt
chanismen. Sie müssen dann auch sagen, was Sie aktuell zu sehen: Wie finanzieren wir den Bau der Schiene, um
tun wollen, um sich mit der Bankenlizenz für die EFSF Güter ökologisch zu transportieren? Auch die Wirtschaft
auseinanderzusetzen. erklärt – aber vielleicht haben Sie diesen Kontakt vor
lauter Sorgen um Ihre 2 Prozent auch schon aufgegeben,
An dieser Stelle haben Sie aber nur bedenkenschwer Herr Brüderle –: Zur Basisinfrastruktur gehören der Er-
agiert. Schon wieder haben wir die Sorge, dass mit Ihrer halt und die Sanierung vorhandener Straßen und Brü-
Verhaltensweise Zeit verplempert und es teurer wird für cken, anstatt neu zu asphaltieren. Darin müssen wir Geld
Deutschland. investieren, nicht in richtungslose Steuersenkungen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD) sowie bei Abgeordneten der SPD)

Zur EZB: Hier belaufen sich die Lasten, die wir durch Was gehört noch zu einem funktionierenden Gemein-
die Ankäufe von Staatsanleihen eventuell zu tragen ha- wesen? Dazu gehört auch ein ordentlicher Lohn; das ist
(B) ben werden, mittlerweile auf 54 Milliarden Euro. Inso- hier schon angesprochen worden. Zur Grundvorausset- (D)
fern kann und darf man nicht einfach nur hinsehen. zung in unserem Land gehört – das könnte Ihnen ein
Kompass zeigen, aber Sie machen eine Politik ohne
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Kompass –, dass Leute, die den ganzen Tag über arbei-
27 Prozent von 200 Milliarden Euro!) ten, von ihrer Hände Lohn leben können, ohne aufs Amt
gehen zu müssen. Aber Sie handeln nach dem Motto:
Was mich eigentlich mindestens genauso geärgert hat, Tun wir etwas für unser soziales Image. Dann gibt viel-
ist diese Mischung, dass Sie am Vormittag beim Euro- leicht auch endlich der Arbeitnehmerflügel Ruhe. Und
Krisengipfel eine Variante verkünden – wir haben sie un- wir haben ein Wahlkampfthema weniger. – In Wahrheit
terstützt –, die mit vielen Risiken für den Bundeshaus- geht es Ihnen doch gar nicht um den Mindestlohn. Das,
halt verbunden ist, aber andererseits die Menschen, die was Sie abgeliefert haben, ist kein Mindestlohn und ist
sich um die Bildung ihrer Kinder sorgen, quer durchs nicht einmal eine verlässliche Lohnuntergrenze. Von die-
Land, vornean in den Kommunen, mit der Frage zurück- sem Lohn kann kein Mensch leben.
lassen: Wo soll das alles enden? Ihre Antwort, Frau Mer-
kel, die Antwort von Schwarz-Gelb auf die Frage, wo (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
das enden soll und ob dieser Weg halbwegs sicher ist, ist sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
die Ankündigung einer Steuersenkung. Absurder geht es KEN)
nicht, Frau Merkel, und inakzeptabler geht es auch nicht! Schauen wir uns das einmal genau an. Sie vereinbaren
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN eine Lohnuntergrenze und lassen immer noch zu, dass
sowie bei Abgeordneten der SPD) unterschreitende Tarife gezahlt werden. Wie soll man
denn von 4 oder 5 Euro leben? Sie haben eine Zeit lang
Ich denke, Sie merken doch gar nicht, was die Men- so getan, als würde sich der Mindestlohn an dem Lohn
schen in Deutschland empfinden. Sie haben Angst um für Zeitarbeit orientieren, aber nicht einmal das. Sie sind,
die Stabilität ihrer Währung. Sie haben Angst, dass es vornean Frau von der Leyen, als Tigerin gestartet und als
bald kein funktionierendes Gemeinwesen in Deutsch- Bettvorlegerin gelandet – mehr nicht.
land mehr gibt. Gemeinwesen fängt in den Kommunen
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
an: bei der Kinderbetreuung, den Kindergärten, den
der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
Schulen, der ganztägigen Betreuung, wo Kinder auch
GRÜNEN)
der bildungsfernen Schichten oder Kinder von Migran-
ten Chancengerechtigkeit erleben, die Möglichkeit Sie sagen, Sie wollten etwas für Facharbeiter tun.
haben, sich in diesem Land zu entwickeln. Sie aber ver- Aber überlegen Sie einmal – Sie haben das Thema Mi-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16931
Renate Künast
(A) grantinnen und Migranten kurz angetippt –: Wie wollen macht haben. Sie haben einmal gesagt: Wer irgendwo (C)
Sie eigentlich mit solchen Löhne Migrantinnen und Mig- aussteigt, muss auch wissen, wo er einsteigt. – Sie wis-
ranten mit guten Bildungsabschlüssen hier halten? Diese sen heute noch nicht, wo Sie einsteigen.
sind doch die Ersten, die gehen. Sie öffnen die Gesell-
schaft nicht für sie, damit sie sich hier weiterentwickeln Sie kommen beim Ausbau der erneuerbaren Energien
können, und Sie sorgen auch nicht für eine entspre- nicht weiter. Das ist ein Dauerzankapfel. Sie wollen al-
chende Lohnentwicklung. lenfalls die Förderung neuer Kohlekraftwerke, dann aus
Geldern des Emissionshandels. Das ist der einzige
Derzeit haben wir die Situation, dass aus den Kindern Punkt, in dem bei Ihnen noch traute Einigkeit herrscht.
der Einwanderer Auswandererkinder werden, weil sie in Sie haben keinen Vorschlag gemacht, wie die Ener-
Brüssel oder in Istanbul willkommen sind und bessere giewende strukturiert und finanziert wird.
Löhne bekommen. Zu diesem Thema haben Sie gar
nichts gesagt, Frau Merkel. Sie müssten als Allererstes Sie haben Durban angesprochen, Frau Merkel. Ja, die
sagen – das wäre auch kostengünstig zu haben –: Wir Klimakonferenz in Durban steht unter ganz besonderer
schaffen die doppelte Staatsbürgerschaft und quälen die Beobachtung. Ihr Chefberater, Herr Schellnhuber, hat
jungen Leute nicht mit einem Optionsmodell, bei dem von einem Endspiel für den Klimaschutz gesprochen.
sie sich entscheiden müssen, welche der beiden Staats- Was aber bieten Sie? Sie haben sich mit ihm als Klima-
bürgerschaften sie wollen. berater geschmückt. Aber daraus sind nicht mehr Forde-
rungen hervorgegangen. Es ist nicht mehr dabei heraus-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN gekommen. Sonst hätten Sie jetzt dafür Sorge getragen,
sowie bei Abgeordneten der SPD) dass die Europäische Union, ohne Bedingungen zu stel-
Dann würden Sie aufgrund des großen Fachkräfte- len, in Durban zusagt, Europa wird seine CO2-Emissio-
mangels, den wir erleben, auch nicht das machen, was nen um 30 Prozent reduzieren. Aber nicht einmal mit
Sie gerade so nett angekündigt haben, Frau Merkel, dieser Morgengabe gehen Sie dorthin.
nämlich mehr Fachkräfte ins Land zu holen, indem man (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
die Gehaltsschwelle von 66 000 auf 48 000 Euro redu- sowie bei Abgeordneten der SPD)
ziert. Der weltweite Run auf Fachkräfte ist so groß, dass
Ihr Vorschlag von 48 000 Euro geradezu putzig ist. Für Die Minderungsziele sind nirgendwo wirklich ange-
48 000 Euro kriegt man keinen Vertrag mit einem ganz gangen worden. Wie wäre es mit dem Abbau ökologisch
normalen Ingenieur. Der Inder geht irgendwohin, aber schädlicher Subventionen? Wie wäre es mit der Redu-
nicht nach Deutschland. zierung und Änderung des Dienstwagenprivilegs? Statt-
dessen gibt es kostenlose CO2-Zertifikate für Energie-
(Dr. Angela Merkel, Bundeskanzlerin: Be-
(B) versorger. So werden wir nicht weiterkommen, meine (D)
kommt er da mehr oder weniger?)
Damen und Herren.
– Weil Sie danach fragen, Frau Merkel: Die Fachkräfte
kommen hierhin mit Jobverträgen über 40 000 oder auch Sie haben keine Vorschläge zu einer wirtschaftlichen
43 000 Euro. Auf 48 000 Euro kommen sie gar nicht. Entwicklung Deutschlands. Ich habe es gerade ange-
Das schaffen sie allenfalls in anderen Ländern. Deshalb sprochen. Beim Thema wirtschaftliche und ökologische
kommen diese Fachkräfte nicht. Das ist auch der Grund Zukunft Deutschlands weiß man gar nicht, welche Zu-
dafür, dass andere Migrantinnen und Migranten, Men- kunft Sie sehen. Es gilt immer nur: „Beton hilft viel“.
schen mit guter Ausbildung, abwandern. Sie machen noch die Witze aus vorigen Jahrzehnten, ma-
chen aber keine Vorschläge.
Zu alledem haben wir noch das Thema Rechtsextre-
mismus. Menschen, die anders aussehen, müssen sich in Mein letzter Punkt. Die Blockade in dieser Gesell-
dieser Gesellschaft Sorgen machen, ob sie, wenn sie zum schaft lösen Sie nicht auf. Frau Merkel, Sie haben Ihre
Beispiel an einer Universität oder in einem Unternehmen Rede mit dem Satz beendet, diese Gesellschaft soll
tätig sind, hier sicher mit ihrer Familie leben können. menschlicher werden. Aber Menschlichkeit fängt beim
Das ist noch ein Grund zu sagen: Wir klären die rechts- Begriff „Gerechtigkeit“ an, und da haben Sie versagt. Zu
extremen Taten nicht nur auf, sondern wir sorgen auch mehr Gerechtigkeit gehört, dass unsere Haushalte nicht
dafür, dass die Projekte gegen Rechtsextremismus in den weiter verschuldet werden, wie Sie es tun. Zu mehr Ge-
Kommunen mit ausreichenden Mitteln ausgestattet wer- rechtigkeit gehört, dass man das Geld nicht für zwei sich
den, damit sie tatsächlich in der Breite arbeiten können widersprechende Zwecke ausgibt. Zum einen geben Sie
und Sicherheit produzieren. das Geld für den Bau von Kitas aus – aber nicht genug –,
zum anderen geben Sie Geld für das Betreuungsgeld aus,
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN damit die Eltern ihre Kinder nicht in die Kitas schicken.
sowie des Abg. Dr. Frank-Walter Steinmeier Das ist haushalterisch bekloppt, um es einmal direkt zu
[SPD]) sagen.
Sie, Frau Merkel, haben gesagt, es müsse mit einem (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
neuen Kompass losgehen, und Sie wollen für das neue, sowie bei Abgeordneten der SPD)
menschliche Deutschland sorgen. Sie sind mit Ihren
Konzepten völlig aus der Zeit gefallen. Nehmen wir al- Es ist nicht menschlicher und nicht gerechter, Frau Mer-
lein das, was Sie mit dem ewigen Hin und Her und Ih- kel, wenn Sie gerade die Kinder, die es am nötigsten hät-
rem Vorwärts und Rückwärts in der Atompolitik ge- ten, davon fernhalten, eines Tages gute Fachkräfte zu
16932 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Renate Künast
(A) werden, die Deutschland so braucht. Sie sind einfach Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir legen (C)
doppelzüngig an der Stelle. heute einen Bundeshaushalt vor, der entgegen dem, was
Sie, Herr Gabriel, heute sehr lautstark gesagt haben,
(Volker Kauder [CDU/CSU]: Na, na!)
(Zuruf von der SPD: Richtig vor allen Din-
Sie reden vielleicht immer das Gleiche – darin liegt auch gen!)
der Mangel, weil Sie sich nicht weiterentwickeln –, aber
Sie reden auch immer das Falsche, bis hin zum Thema etwas Außergewöhnliches bietet, nämlich die größte Ab-
Frauen. Das kann ich Ihnen nicht ersparen. senkung der Nettoneuverschuldung in der Geschichte
der Bundesrepublik Deutschland.
Vizepräsident Eduard Oswald: (Zuruf von der CDU/CSU: So ist es!)
Sie denken an Ihre Redezeit?
Sie haben immer neue Schulden gemacht. Wir senken
die Nettokreditaufnahme. Das ist der Unterschied.
Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Ja. – Das ist ein Armutszeugnis nach 60 Jahren (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Grundgesetz, Frau Merkel. Beim Thema „Frauen als Wir stehen in Europa vor einer großen Herausforde-
Fachkräfte der Gegenwart“ zeigt sich nur eines, nämlich rung. Ja, ich würde sogar sagen: Wir erleben in Europa
dass zwei Ministerinnen draußen eine Show abziehen. eine Zeitenwende. Das, was in dieser Zeitenwende not-
Aber nachher passiert zur Verbesserung der Erwerbs- wendig ist, um Orientierung zu behalten und das Rich-
möglichkeiten von Frauen faktisch nichts. Vom Betreu- tige zu tun, hat die Bundeskanzlerin in wenigen klaren
ungsgeld bis Quote ein absoluter Ausfall. Strichen gezeichnet. Sie, Herr Gabriel, haben dagegen
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN kleinkariert Parteipolitik gemacht. Sie haben auf die gro-
sowie bei Abgeordneten der SPD) ßen Fragen überhaupt keine Antwort gegeben. Deswe-
gen ist es auch richtig, dass Sie, Herr Gabriel, mit Ihrer
Jetzt, meine Damen und Herren, wäre es Zeit dafür, SPD auf der Oppositionsbank sitzen.
Deutschlands Wirtschaft für das 21. Jahrhundert fit zu
machen, Familien und Frauen richtig zu fördern, ihnen (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Hu-
Entwicklungsmöglichkeiten zu geben, Kinder in den bertus Heil [Peine] [SPD]: Tolle Argumente!)
Mittelpunkt zu stellen, die Energiewende zu nutzen und Wir zeigen mit diesem Bundeshaushalt, dass wir das,
eine wettbewerbsfähige Wirtschaft zu organisieren. Aber was wir in Europa teilweise fordern, damit es besser
ich stelle fest: Schwarz-Gelb hat zwei Jahre lang dem wird, nämlich die Neuverschuldung zurückzufahren und
Land geschadet. Die Menschen warten auf eine neue Re- sich an die Schuldenbremse zu halten, im eigenen Land (D)
(B)
gierung. machen. Sie, Herr Gabriel, haben die Schuldenbremse
heute besonders erwähnt. Ich kann mich noch entsinnen,
(Lachen bei der CDU/CSU und der FDP)
wie schwer es war, die SPD in ihrer Breite davon zu
Woran wir uns schon gar nicht orientieren werden, ist überzeugen, dass die Schuldenbremse richtig ist. Ihre
der Merkel’sche Kompass. Merkels Kompass führt nicht Generalsekretärin Nahles hat gesagt: Schuldenbremse
weiter. Damit sind Sie, egal ob auf hoher See oder im heißt, dass man keine Politik mehr machen kann. So
Wald, immer orientierungslos. Deutschland aber hat wird in Ihren Reihen gedacht. Die Schuldenbremse war
mehr verdient. das einzig Richtige, um die Haushalte in Europa auf ei-
nen richtigen Weg zu führen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD) (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Mit dem, was wir jetzt machen, gibt Europa eine Ant-
Vizepräsident Eduard Oswald: wort für die Zukunft. Bisher war Europa eine Antwort
Nächster Redner in unserer Debatte ist für die Frak- auf die Geschichte, nämlich: Nie wieder Krieg, Frieden
tion der CDU/CSU unser Kollege Volker Kauder. Bitte in Europa. Jetzt wird Europa eine Antwort für die Zu-
schön, Kollege Volker Kauder. kunft. Diese Zukunft heißt: Perspektiven in einem harten
Wettbewerb für unser Land und für die jungen Men-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) schen.

Volker Kauder (CDU/CSU): Frau Künast, ich kann mich über Sie nur wundern – ich
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! wundere mich auch darüber, dass die SPD da Beifall ge-
Frau Künast, einer Ihrer letzten Sätze fordert mich gera- klatscht hat –: Sie haben hier in einem pauschalen
dezu heraus, weil er ein Beweis dafür ist, wie falsch Sie Schnitt erklärt, Wachstum müsse anders aussehen. Ich
liegen und wie wenig Sie überhaupt von der Befindlich- will Ihnen einmal etwas sagen – ich habe mir das bei den
keit der Menschen wissen. Sie haben gesagt: Deutsch- Grünen genau angeschaut –: Sie haben gesagt, be-
land wartet auf eine neue Regierung. – Sie haben auch stimmte Wirtschaftsbereiche müssten schrumpfen und
geglaubt, Berlin warte auf eine neue Regierung und Sie geschrumpft werden. In diesem Zusammenhang haben
seien dabei. Sie sind draußen. So wie dieser Satz nicht Sie die Automobilindustrie genannt. 1 Million Menschen
gestimmt hat, stimmt auch jener nicht. arbeiten in der Automobilindustrie. Wer die Automobil-
industrie schrumpfen will, macht den Wirtschaftsstand-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) ort Deutschland kaputt.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16933
Volker Kauder
(A) (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) sind die modernen Straßen unserer Zeit die Entwick- (C)
lungsachsen, die wir brauchen, um Daten zu übertragen.
Sie haben gesagt, die energieintensive Wirtschaft Wir brauchen das schnelle Internet, damit die ländlichen
müsse schrumpfen. 1 Million Menschen arbeiten in die- Räume nicht abgehängt werden. Aber solange die Pro-
sem Bereich und auch in Teilen großer Zukunftsberei- dukte, die wir herstellen, nicht aus dem Drucker kom-
che; ich denke nur an die Karbonherstellung. Wer also men, müssen wir sie transportieren. Deswegen brauchen
sagt, die energieintensive Wirtschaft in Deutschland wir auch Investitionen in den Schienen-, Straßen- und
müsse schrumpfen, der hat gerade keine Perspektive für Wasserwegebau.
Wachstum, für die Beschäftigung von jungen Menschen
und für Innovationen in unserem Land. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Dazu höre ich Unglaubliches aus dem Land, in dem
Weiterhin haben Sie gesagt, die Landwirtschaft müsse die Grünen den Ministerpräsidenten und den Verkehrs-
schrumpfen. Mehr als 1 Million Menschen arbeiten in minister stellen, nämlich aus Baden-Württemberg. Das
der Landwirtschaft. Wie kann man einen solchen Unsinn Bundesverkehrsministerium sagt mir, dass die baden-
sagen, die Landwirtschaft müsse schrumpfen? Wir wol- württembergische Landesregierung beschlossen hat,
len doch Produkte ortsnah produzieren und verkaufen keine einzige Investitionsmaßnahme vorzusehen. Dazu
und nicht immer aus der ganzen Welt importieren müs- kann ich nur sagen: Eine gewisse Zeit kann man das
sen. Wer wie Sie die Landwirtschaft schrumpfen will, durchhalten. Aber Sie führen das Land Baden-Württem-
der muss Produkte aus der ganzen Welt einführen. Das, berg damit absolut in den Schatten.
was Sie da erzählen, ist Unsinn. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Re- Ich kann nur hoffen, dass die Bürgerinnen und Bürger in
nate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Baden-Württemberg am kommenden Sonntag erkennen,
Nein! Sie erzählen einen Unsinn! Wir sind was notwendig ist: Investitionen und Innovationen.
doch die, die Arbeitsplätze in der Landwirt- Beim Bürgerentscheid am kommenden Sonntag muss
schaft schaffen!) derjenige – so irrsinnig sich das anhört –, der Ja sagen
Die SPD hat da auch noch Beifall geklatscht; das ist er- will, mit Nein stimmen. So führen Sie die Leute an der
staunlich. Nase herum. So geht es unter dem ersten grünen Minis-
terpräsidenten in diesem Land zu!
Ich habe jetzt drei Bereiche genannt, in denen insge-
samt 3 Millionen Menschen beschäftigt sind. Ich kann (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
(B) Ihnen nur sagen: Die Konzepte, die Sie zusammen mit Es ist klar, dass wir es in Europa mit einer Staats- (D)
der SPD haben, haben in Ihrer Regierungszeit genau
schuldenkrise zu tun haben – Gott sei Dank handelt es
dazu geführt, dass zwar geschrumpft wurde, aber dass
sich nicht um eine Euro-Krise –
die Arbeitslosigkeit auf 5 Millionen gestiegen ist. Das ist
Ihre Politik. (Lachen des Abg. Klaus Ernst [DIE LINKE])
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) und dass wir diese Staatsschuldenkrise nur bewältigen
Wir haben dann dafür gesorgt, dass die Arbeitslosigkeit können, wenn nicht ständig neue Schulden gemacht wer-
auf einen der niedrigsten Werte überhaupt gesunken ist. den.

(Thomas Oppermann [SPD]: Das haben Sie (Bettina Hagedorn [SPD]: Ja, super Erkennt-
auf dem Leipziger Parteitag auch immer ge- nis!)
sagt!) Dafür müssen wir die Voraussetzungen schaffen.
Die beste Zahl, über die wir uns wirklich freuen – wir
Ich bin vollkommen anderer Meinung als Sie, Herr
sind nicht stolz, sondern wir freuen uns darüber –, ist,
Gabriel, der Sie von Anfang an dafür waren, einen
dass die Jugendarbeitslosigkeit halbiert wurde und in
Schuldenschnitt herbeizuführen. Es gibt sicherlich viele
vielen Ländern unter 2 Prozent liegt. Herr Gabriel, Sie
Experten, die Ihre Meinung teilen. Aber wir sind uns si-
haben hier vollmundig gesagt, wie schwierig es sei, dass
cher in dem Punkt einig, dass wir mehr Gemeinsamkeit
die Jugendarbeitslosigkeit in vielen Ländern bei über
in Europa, in der Euro-Zone brauchen, um den Euro zu
40 Prozent liege. Das sehen auch wir so. Aber das, was
stabilisieren. Glauben Sie, Herr Gabriel, dass wir auch
Sie diesen Ländern als Konzept verordnen, führt nicht zu
nur einen einzigen entscheidenden Schritt vorangekom-
einem besseren Ergebnis. Schauen Sie sich einmal das
men wären, wenn wir von Anfang an nach dem Motto
an, was wir gemacht haben. Das reduziert die Jugend-
verfahren wären: „Es gibt Hilfen und Unterstützung,
arbeitslosigkeit. Diesen Weg werden wir energisch wei-
aber Veränderung muss nicht sein“? Die Kanzlerin hat
terbeschreiten und weitergehen.
sich zur Solidarität bekannt, aber auch die notwendigen
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Modernisierungen und Reformen durchgesetzt. Nur so
kommt Europa voran. Sie hätten genau das Gegenteil
Neben der Haushaltskonsolidierung – Wolfgang von dem provoziert, was notwendig und was richtig ist.
Schäuble hat gestern ausdrücklich darauf hingewiesen –
machen wir natürlich auch entscheidende Schritte, um (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
unser Land in der Infrastruktur fitzumachen. Natürlich neten der FDP)
16934 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Volker Kauder
(A) Frau Bundeskanzlerin, der Weg, den Sie eingeschla- sagen: Es ist eine dramatische Situation. Es gibt noch (C)
gen haben, ist richtig. Wir brauchen in Europa Verände- einmal den Kampf gegen das Militär und gegen eine Re-
rungen. Wir brauchen insbesondere Vertragsänderungen, gierung, die die Interessen des Volkes offenbar nicht
um Haushaltsdisziplin durchzusetzen, und gemeinsame ernst nimmt. Diesen Kampf unterstützen wir. Aber wir
Regeln, um Europa voranzubringen. Ich begrüße das erwarten bei einem Wandel von einer Diktatur zu einer
Ziel außerordentlich, gemeinsam mit Frankreich einen modernen Gesellschaft natürlich auch, dass in diesem
ersten wichtigen Schritt bei der Unternehmensbesteue- Land alle ihre Religion frei leben können. Deswegen ru-
rung zu tun. Das zeigt, in welche Richtung es gehen fen wir den Ägyptern zu: Seht in erster Linie darauf,
muss. Wir alle müssen bereit sein, Veränderungen hinzu- dass ihr Ägypter seid, und nicht darauf, dass ihr einer
nehmen und Opfer zu bringen. Ich sage Ihnen: Eine sol- Religionsgemeinschaft angehört! Nur so werdet ihr zu
che Bereitschaft wird es aber nicht geben, wenn das ge- einem modernen Land werden. Wenn wir euch helfen
macht wird, was Herr Gabriel will und was sein Finanz- und unterstützen – was wir machen wollen –, erwarten
und Haushaltsexperte für falsch hält. Wir dürfen nicht wir, dass die Menschenrechte eingehalten werden, und
einfach Euro-Bonds einführen. Eine Vergemeinschaf- dazu gehört die Religionsfreiheit ganz existenziell.
tung von Schulden hat noch nie eine Verbesserung im
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
System gebracht. Deswegen sind wir radikal dagegen.
Deutschland ist auf einem guten Weg. Wir werden all
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
unsere Kraft nicht nur für unser Land einsetzen, sondern
Wir müssen jetzt die Veränderungen angehen. Ich bin si- auch für eine gute Entwicklung in Europa. Ich spüre bei
cher, dass wir aus der konkreten Situation und aus der vielen Gesprächen – wir hatten in der letzten Woche
Erkenntnis heraus, dass sich hier einiges tun muss, unser Kolleginnen und Kollegen aus allen europäischen Län-
Ziel erreichen können. dern zu einer Tagung bei uns – den Wunsch und die Be-
reitschaft, diesen Weg, auch wenn er nicht einfach wird,
Frau Bundeskanzlerin, Sie haben darauf hingewiesen, gemeinsam zu gehen. Wir alle wissen: Dieses Europa
dass der Deutsche Bundestag mit großer Mehrheit – das war eine großartige Antwort auf die Geschichte, und die-
war ein schönes Signal – die Bundesregierung bei den ses Europa ist eine notwendige und großartige Antwort,
Verhandlungen auf europäischer Ebene unterstützt hat, wenn es um unser aller Zukunftschancen geht. Deswe-
sodass wichtige Ziele erreicht werden konnten. Ich gen ist es im deutschen Interesse, für einen starken Euro
nenne beispielsweise die Beteiligung des privaten Sek- und für ein starkes Europa zu streiten. Da haben Sie uns,
tors mit den Risiken, die Sie beschrieben haben. Not- Frau Bundeskanzlerin, an Ihrer Seite.
wendig ist die Botschaft, dass nicht alles allein am Steu-
erzahler hängen bleibt, sondern dass auch der private (Anhaltender Beifall bei der CDU/CSU und
(B) Sektor beteiligt werden muss. Deswegen begrüße ich der FDP) (D)
alle Initiativen und den mit dem Ziel, dass wir zu einer
Finanztransaktionsteuer kommen, weiter aufgebauten Vizepräsident Eduard Oswald:
Druck. Ich bin mir sicher – auch wenn einige jetzt noch Nächster Redner in unserer Debatte ist für die Frak-
dagegenhalten –: Die Erkenntnis wird sich durchsetzen, tion der Sozialdemokraten unser Kollege Joachim Poß.
dass wir nur so Zustimmung für die notwendigen Maß- Bitte schön, Kollege Joachim Poß.
nahmen und Erneuerungen erreichen können.
(Beifall bei der SPD)
Dieser Weg in Europa ist der einzige, der uns dorthin
bringt, dass wir wettbewerbsfähig werden, dass wir Zu-
Joachim Poß (SPD):
kunftschancen haben und dass dieses Europa die richtige
Antwort auf die Herausforderungen in der Zukunft ist. Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Wir wollen dieses Europa, wir wollen ein starkes Eur- Liebe Frau Bundeskanzlerin, Ihre heutige Rede war ein
opa. Aber wir wollen ein Europa, in dem jedem klar ist, Beleg dafür, wie Sie in staatstragendem Ton den Proble-
dass jeder seine Verantwortung für die Stabilität der men, die sich in unserem Lande stellen, ausweichen oder
Währung zu tragen hat. Dieser Weg wird schwer; aber sie nur bedingt wahrnehmen wollen.
ich bin sicher: Er wird erfolgreich gegangen werden Zum Rechtsextremismus haben Sie Richtiges gesagt.
können. Aber Ihre Feststellung, dass es nicht richtig sei, wenn im
Plenum gesagt werde, dass beim Rechtsextremismus zu
Bei allem Blick auf Europa und auf unsere Aufgaben
viele auf einem Auge blind waren, kann so nicht stehen
ist es auch notwendig, dass wir nicht vergessen, was sich
bleiben, Frau Bundeskanzlerin.
um uns herum in der Welt tut; denn wir werden von vie-
len Entwicklungen in der Welt beeinflusst. So sehen wir (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
mit großer Sorge – ich bin dankbar, dass es heute ange- der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
sprochen worden ist –, was sich beispielsweise in Nord- GRÜNEN)
afrika entwickelt. Ja, es ist richtig, dass Tunesien auf ei-
nem guten Weg ist. Aber was wir aus Ägypten hören, Denn das war so; das ist die zutreffende Beschreibung
muss uns große Sorgen machen. der Situation. Wenn wir alle in diesem Hause gemeinsam
– was ja nicht selbstverständlich ist – in dieser Frage ei-
Es waren gerade jetzt wieder Vertreter der in Deutsch- nen Neuanfang wollen, dann müssen wir auf eine falsche
land lebenden Kopten in Ägypten. Sie kamen vor zwei Geschichtsanalyse, wie sie von Ihnen gekommen ist,
Tagen zurück und haben mir berichtet. Da kann man nur verzichten.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16935
Joachim Poß
(A) (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten bindet. Niemand sonst hat ein solches Konzept auf den (C)
der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE Weg gebracht. Um es einmal ganz klar zu sagen: Wir ha-
GRÜNEN) ben im Hinblick auf den Haushalt 2012 die richtigen An-
träge gestellt. Das ist schließlich belegt. Sie können mit
Das Wesen Ihres Vorgehens, Frau Merkel, ist, dass
diesem Konzept jedenfalls nicht konkurrieren.
Taktik und nicht politischer Gestaltungswille Ihr Reden
und Handeln bestimmt. Sie haben gesagt, Sie sprächen Wenn wir zur Finanzierung dieses gerechten und soli-
immer gleich, egal wo Sie sind. Aber jeder, auch in den den Konzepts eine stärkere Belastung von Spitzenver-
Reihen von CDU/CSU und FDP, weiß es besser. Das hat dienern und Vermögenden verlangen, dann ist das nur
doch das Elend in Ihrer Koalition verstärkt: dass Sie recht und billig, um den sozialen Zusammenhalt in unse-
nicht überall gleich reden. rer Gesellschaft zu wahren.
Sie sind, Frau Merkel, Ihrer Führungsverantwortung (Beifall bei der SPD)
für Deutschland in den letzten anderthalb Jahren insge-
Aber darum geht es Ihnen nicht, Frau Merkel. Das
samt nicht gerecht geworden.
war auch beim Thema Mindestlohn zu spüren. Das hatte
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) nichts mit Überzeugung zu tun. Nachdem die Wirt-
schaftsverbände, die Sie für Ihre angestrebte Wieder-
Mit einem anderen Verhalten hätten Sie die finanziellen
wahl brauchen, anfingen, Druck auszuüben, haben Sie
Risiken für unser Land begrenzen können. Sie haben
einen Schwenk hin zu dieser schlechten Lösung auf ih-
darauf verzichtet, weil Sie nur einen Maßstab für Ihr Re-
rem Parteitag vollzogen. Das steckt doch dahinter.
den und Handeln haben: die parteitaktische Situation
von CDU, CSU und FDP. Das reicht nicht für die Füh- Daher kann man sagen – das schlägt sich überall in
rungsverantwortung, die man in dieser Position hat. den Ergebnissen Ihrer Politik nieder –: Sie haben einen
ausgeprägten Machtwillen; aber es fehlt Ihnen der Ge-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
staltungswille, jedenfalls der Wille, in unserer Gesell-
Die Belobigungen von Herrn Brüderle oder Herrn schaft die Dinge zum Besseren zu gestalten.
Kauder in allen Ehren, aber sie reichen nicht aus, um von
(Beifall bei der SPD)
dieser Realität abzulenken, die ich hier zusammenfas-
send geschildert habe. Das kann man noch differenzieren und ausbuchstabie-
ren: Was tun Sie denn gegen Kinderarmut oder die her-
In Ihrer Haushaltspolitik wird nach dem Motto „Nach
aufziehende Altersarmut? Was soll denn die Pflegelö-
mir die Sintflut“ agiert: Lasten werden durch ihre ge-
sung, die Sie jetzt vorschlagen? Die Sachverständigen
planten Steuersenkungen und das Betreuungsgeld in die
und Betroffenen lehnen Ihre Beschlüsse zur Pflege na-
(B) Zukunft verschoben. Diese Lasten werden Ihren politi- (D)
hezu unisono als Stückwerk ab. Hier ist viel mehr nötig
schen Erben hinterlassen; die müssen sich dann damit
als das, als Sie vorlegen. Eine Reform ist das jedenfalls
auseinandersetzen – abgesehen davon, dass auch unsere
nicht.
Kinder und Enkel mit den Folgen zu kämpfen haben
werden. Was tun Sie, um strukturschwachen Kommunen zu
helfen? Ihre Gemeindefinanzkommission ist letztlich ge-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
scheitert, weil Ihnen nicht viel mehr einfallen wollte als
Eine solche Politik, die wegen Orientierungslosigkeit die die Aushöhlung der Gewerbesteuer. Ihr Ziel war auch
Realitäten verweigert und zur Ablenkung die Opposition hier nur, die Lasten von den Unternehmen auf die Bürge-
diffamiert, kann nicht zukunftsweisend sein. rinnen und Bürger abzuwälzen. Das ist mit uns nicht zu
machen. Das haben wir nicht mitgemacht, das haben an-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
dere nicht mitgemacht, und das haben auch die kommu-
Von Ihrem 80-Milliarden-Euro-Supersparpaket sind nalen Spitzenverbände nicht mitgemacht. Sie dürfen in
– Sigmar Gabriel hat darauf hingewiesen – vor allem diesem Lande keine Politik gegen die Kommunen betrei-
Streichungen von 40 Milliarden Euro bei Arbeitslosen ben, so wie Sie es versucht haben.
und sozial Schwachen übrig geblieben. Frau Merkel, ich
(Beifall bei der SPD)
erinnere mich noch daran, wie Sie im Fernsehen das
Sparpaket verteidigt haben. Sie haben gesagt: Wir sor- Die Übernahme der Grundsicherung im Alter durch
gen für den sozialen Ausgleich, indem wir zum Beispiel den Bund war kein Ergebnis der Gemeindefinanzkom-
Unternehmen belasten. Was ist davon übrig geblieben? mission, sondern Teil des Kompromisses zu Hartz IV.
Nichts. Stattdessen wächst das soziale Ungleichgewicht Auf Druck der Sozialdemokraten und der kommunalen
in unserer Gesellschaft immer weiter. Das ist das Er- Spitzenverbände mussten Sie das zugestehen. So lautet
gebnis Ihrer Politik. die historische Wahrheit, und nicht so, wie Sie sie zum
Teil darstellen.
(Beifall bei der SPD)
(Beifall bei der SPD)
Angesichts dessen sage ich zu den Vorwürfen zu unse-
rem sozialdemokratischen Finanzkonzept, die auch heute Die Reihe Ihrer großen Ankündigungen und Projekte,
wieder vorgebracht worden sind: Unser Finanzkonzept die zu nichts geführt haben, lässt sich ohne Probleme
ist das einzige Konzept, das den Schuldenabbau mit der fortführen. Frau Merkel, wie viele Bildungsgipfel sind
Finanzierung von Zukunftsinvestitionen und einer Ent- eigentlich in den zwei Jahren Schwarz-Gelb an Ihnen ge-
lastung der Kommunen, die dringend notwendig ist, ver- scheitert? Die SPD-Bundestagsfraktion beantragt in die-
16936 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Joachim Poß
(A) ser Woche für 2012 weitere 300 Millionen Euro für den Sie ist sozialpolitisch und überhaupt der Kern der politi- (C)
Ausbau von Krippenplätzen und 400 Millionen Euro für schen Bemühungen. Die positive Entwicklung ist das
den Ausbau von Ganztagsschulen. Kennzeichen einer sehr erfolgreichen Wirtschaftspolitik.
Sie führt auch zu einer erfolgreichen Finanzpolitik. Es ist
(Otto Fricke [FDP]: Wollten Sie nicht sparen?) schon herausragend, dass wir heute eine so niedrige Ar-
Das ist gut für die Zukunft unserer Kinder. Es wäre eine beitslosigkeit haben, dass wir die Arbeitslosigkeit nahezu
gute und zukunftsgerichtete Politik, wenn Sie diesen An- halbiert haben – nur noch 2,7 Millionen Arbeitslose –,
trägen zustimmen würden. dass die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäf-
tigten auf über 28 Millionen und die Zahl der Erwerbstä-
Aber Sie blockieren sich selbst durch das fragwürdige tigen auf 41,4 Millionen gestiegen ist.
und teure Betreuungsgeld; das ist hier schon mehrfach
dargestellt worden. Die Milliarden, die Sie in das Be- Das ist sozialpolitisch deshalb entscheidend, weil wir
treuungsgeld stecken wollen, fehlen beim Ausbau der damit Menschen in die Lage versetzen, ihren Lebensun-
Betreuungsinfrastruktur. terhalt mit ihrer eigenen Arbeit zu verdienen und ihre
Familie zu ernähren, und sie nicht auf staatliche Trans-
(Beifall bei der SPD) fers und Hilfen von außen angewiesen sind. Das ist die
sozialste Politik, die man überhaupt machen kann.
Man kann einen Euro eben nicht zweimal ausgeben.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Außerdem: Erst das Elterngeld, das wir in der Großen
Koalition gemeinsam vereinbart haben, um die Eltern im Ich weiß nicht, ob den Kollegen von der Opposition
Beruf zu halten, dann das Betreuungsgeld, um die dabei etwas auffällt: Die Regierungen, die in den letzten
Frauen vom Beruf fernzuhalten. Wie gaga ist das eigent- 20 Jahren die sozialsten Ergebnisse überhaupt erzielt ha-
lich, was Sie da vorschlagen? ben, waren unter Beteiligung der FDP, der immer unso-
ziales Verhalten vorgeworfen wird.
(Thomas Oppermann [SPD]: Obergaga!)
(Beifall bei der FDP)
Wo, Frau Merkel, ist Ihre Initiative zur Behebung der
großen Infrastrukturdefizite? Eines der erfolgreichsten Wir wissen, worauf es ankommt, nämlich auf eine intel-
Programme, „Soziale Stadt“, wird von Ihnen weiterhin ligente Mischung aus staatlicher Regulierung, Freiheit
sträflich vernachlässigt. Wenn Sie es mit Ihrem Gerede an den Märkten und Wettbewerb zur Leistungsanspor-
von einer Politik für mehr Wachstum und einer besseren nung. Deswegen wurde dieses fantastische Ergebnis er-
Infrastruktur wirklich ernst meinen, dann setzen Sie hier zielt. Darauf sind wir Liberale ganz besonders stolz.
an und stocken Sie die Programmmittel entsprechend (Beifall bei der FDP)
(B) auf. Wir dürfen unsere Städte sozial und kulturell nicht (D)
verkommen lassen. Denn es zeigt sich, dass diese Politik viel erfolgreicher
ist als die Erhöhung der Mittel für soziale Kassen oder
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten die Schaffung neuer sozialer Bürokratien, die sich nur
der LINKEN) darum kümmern, Geld auszugeben, aber nicht auf die
Ergebnisse achten.
Vizepräsident Eduard Oswald:
Die Entwicklung am Arbeitsmarkt ist also das He-
Nächster Redner in unserer Debatte ist für die Frak- rausragende. Sie, die Sozialdemokraten und die Grünen,
tion der FDP unser Kollege Dr. Hermann Otto Solms. hätten eigentlich ebenfalls Grund, stolz darauf zu sein,
Bitte schön, Kollege Solms. weil Sie einen Beitrag dazu geleistet haben: Sie haben
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) die Arbeitsmarktreformen durchgeführt. Aber Sie von
der SPD haben den Vater der Arbeitsmarktreformen,
Wolfgang Clement, aus der Partei geekelt. Nun wollen
Dr. Hermann Otto Solms (FDP): Sie diese Reformen rückabwickeln. Deswegen ist es
Herr Präsident! Meine lieben Kolleginnen und Kolle- klar, dass Sie sich nicht dazu bekennen können, stolz
gen! Zunächst einmal möchte ich mich bei der Frau Bun- darauf zu sein.
deskanzlerin für ihre brillante Rede heute bedanken.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Wir fahren jetzt die Ernte ein: Die Beiträge zur Ren-
Das war eine wirklich glasklare Positionsbeziehung, die tenversicherung können gesenkt werden.
für die interne Auseinandersetzung genauso wie für die
europäische Auseinandersetzung wichtig ist, in der sich (Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Besser
die Bundesregierung und wir alle gegenwärtig befinden. nicht!)

In der Generalaussprache kommt es darauf an, zu Die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung bleiben auf ei-
kennzeichnen: Was sind eigentlich die zentralen Ergeb- nem niedrigen Niveau; es bestand die Gefahr, dass sie
nisse der Politik unserer Koalition? Das herausragende wieder angehoben werden müssen. Die Beiträge zur ge-
Ergebnis ist die positive Entwicklung auf dem Arbeits- setzlichen Krankenversicherung müssen nicht angehoben
markt. werden, obwohl das von Ihnen immer wieder vorausge-
sagt worden war. Hier entlasten wir die Arbeitnehmerin-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) nen und Arbeitnehmer genauso wie die Unternehmen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16937
Dr. Hermann Otto Solms
(A) Das ist das Ergebnis einer guten Arbeitsmarkt- und Wirt- nur gelöst werden, indem diese Verschuldungspolitik be- (C)
schaftspolitik. endet und die Verschuldung abgebaut wird.
Natürlich fahren wir die Ernte auch im Haushalt ein; (Beifall bei Abgeordneten der FDP und der
denn 2,5 Millionen mehr Beschäftigte sind 2,5 Millionen CDU/CSU)
mehr Steuerzahler und Beitragszahler und 2,5 Millionen Die Verschuldung ist nicht durch die Märkte entstanden,
Menschen weniger, die von den Transfers leben müssen. sondern durch die Staaten. Wenn man die Ursachen be-
Dadurch ergibt sich eine Verbesserung des Finanzsaldos kämpfen will, muss man die Staatsverschuldung in allen
des Staates und der Sozialkassen: Er steigt um rund Ländern zurückführen – auch wenn das nur unter Druck
50 Milliarden Euro. Das finden wir jetzt im Haushalt gelingt.
vor, sodass wir am Ende des Jahres weniger als 25 Milli-
arden Euro Neuverschuldung haben. Ich komme zu meiner letzten Bemerkung. Frau Bun-
deskanzlerin, ich bin in einem Punkt – das sage ich auch
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten Herrn Kauder – sachpolitisch einfach anderer Meinung.
der CDU/CSU) Die Finanztransaktionsteuer kann die Zwecke, die Sie
mit ihr verbinden, nicht erfüllen.
Es kommen im Übrigen immer Klagen von den Ge-
meinden und Ländern. Sie sind an dem Ergebnis aber (Joachim Poß [SPD]: Aha!)
voll beteiligt. Sie haben natürlich auch erhebliche zu-
sätzliche Einnahmen, aber sie schaffen es nicht, ihre Das ist das Problem. Deshalb hat sich der Nobelpreisträ-
Ausgaben so zu gestalten, dass sie ihre Verschuldung ger Tobin kurz vor seinem Tod von dieser Idee verab-
entsprechend abbauen können. Sie steigern ihre Ausga- schiedet. Er hat gesagt: Das kann nicht funktionieren.
ben nämlich in dem gleichen Maße, wie ihre Einnahmen Das kann nicht gelingen. Vergesst es! – Sie könnte nur
wachsen. In manchen Ländern steigen diese sogar funktionieren, wenn sie weltweit eingeführt werden
schneller als die Einnahmen. Ich nenne Nordrhein-West- würde. Wenn es Ausweichstandorte gibt, werden die ge-
falen und Baden-Württemberg als Beispiele. Das ist ein nutzt.
Ausdruck von Verantwortungslosigkeit. Von daher kann Das eigentliche Problem besteht erstens darin: Die Fi-
der Wähler durchaus anhand der Ergebnisse der Politik nanztransaktionsteuer wird nicht von den Akteuren auf
erkennen, wer wo Verantwortung trägt. den Finanzmärkten bezahlt, sondern von den Kunden,
den Anlegern und Sparern, die ihre Altersvorsorge auf-
Meine zweite Bemerkung bezieht sich auf die Euro- bauen. Sie wird also auch von den Riester-Rentnern be-
Bonds. Ich kann die Haltung, welche die Bundeskanzle- zahlt. Die Banken bezahlen das nicht, die leiten das
rin hier eingenommen hat, voll und ganz unterstützen. durch. Es handelt sich um eine Umsatzsteuer.
(B) (D)
(Volker Kauder [CDU/CSU]: Super!) (Volker Kauder [CDU/CSU]: Ist bei jeder
Wir müssen wissen – das sage ich auch an die Adresse Mehrwertsteuer so! – Dr. Barbara Hendricks
der Oppositionsparteien –, dass die deutsche Regierung [SPD]: So ein Blödsinn! – Zuruf des Abg. Ul-
bei ihren Verhandlungen unter ganz erheblichem interna- rich Kelber [SPD])
tionalem Druck steht: sei es vonseiten der Kommission, Zweitens können Sie nicht sicherstellen, dass die
sei es vonseiten der Schuldnerländer in Europa oder sei Transaktionen dort stattfinden, wo der deutsche Fiskus
es vonseiten der Angelsachsen, die es gewohnt sind, die seine Hand im Spiel hat. Das geht nämlich ganz automa-
Druckerpresse anzuschmeißen, um die Probleme durch tisch. Gehen Sie zur Deutschen Börse nach Frankfurt
Inflation zu lösen. Das alles wollen wir nicht. Das dürf- und lassen Sie sich das erklären. Es steht schon in den
ten auch Sie nicht wollen. Wenn das der Fall ist, sollten Programmen, dass die Umsätze dort stattfinden, wo die
Sie die Bundeskanzlerin, die Bundesregierung und auch Kosten für die Umsätze am niedrigsten sind. Das haben
uns hier im Parlament – weil wir das alles mit beschlie- die in Brüssel nun auch erkannt und sind auf die schlaue
ßen – dabei unterstützen, damit wir als geschlossene Idee gekommen, man müsse das an den Wohnort des
Kraft auftreten können; denn die Stabilisierung in Eur- Auftraggebers binden. Ich möchte Sie einmal fragen:
opa kann nur gelingen, wenn Deutschland als Vorbild Wie wollen Sie denn Zürich, London, Singapur, Panama
genommen wird. – wer immer da infrage kommt – dazu zwingen, die Auf-
traggeber bekannt zu geben, damit die besteuert werden
(Dr. Frank-Walter Steinmeier [SPD]: Ge- können?
schlossenheit ist in der Vergangenheit ja eher
an Ihnen gescheitert!) (Zuruf des Abg. Dr. Axel Troost [DIE
LINKE])
Wir haben eine vorbildliche Haushaltsentwicklung, müs-
sen uns aber in den nächsten Jahren wahrscheinlich noch Das ist völlig ausgeschlossen. Es kann nicht funktionie-
mehr anstrengen, wenn die Konjunktur etwas nachlässt. ren und wird kein Steueraufkommen bringen, weil die
Umsätze dann in Sekundenschnelle von europäischen
(Beifall bei der FDP) hin zu anderen Standorten weglaufen. Das ist heute im
elektronischen Zeitalter überhaupt kein Problem mehr;
Ich möchte die Oppositionsfraktionen auffordern, die
es geschieht ganz automatisch.
Regierung im internationalen Bereich zu unterstützen.
Es handelt sich um eine schwere Aufgabe. Die Krise ist Wenn Sie die Banken und Bankakteure besteuern
durch die Verschuldung der Staaten entstanden. Sie kann wollen, müssen Sie an die Bilanzsumme oder den Ge-
16938 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Dr. Hermann Otto Solms


(A) winn herangehen, dürfen aber keine Umsatzsteuer ma- (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- (C)
chen, welche die Bankkunden, aber nicht die Banken neten der FDP)
trifft.
Wir hatten nicht nur andere Daten bei der Verschul-
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. dung; von Solidität und Stabilität der öffentlichen Finan-
zen war gar nicht die Rede. Von einer guten wirtschaftli-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) chen Entwicklung, geschweige denn einer guten
Beschäftigtenentwicklung, war auch nicht die Rede.
Vizepräsident Eduard Oswald:
(Alexander Dobrindt [CDU/CSU]: Das Ge-
Nächste Rednerin in unserer Debatte ist für die Frak- genteil war der Fall!)
tion der CDU/CSU unsere Kollegin Gerda Hasselfeldt.
Bitte schön, Frau Kollegin Gerda Hasselfeldt. Die 5 Millionen Arbeitslosen, die Sie uns hinterlassen
haben, sind heute mehrfach angesprochen worden.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Das Allerschlimmste, was Sie uns hinterlassen haben,
Gerda Hasselfeldt (CDU/CSU): ist das, was Sie damals auf europäischer Ebene verein-
bart haben:
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ein
Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung in unserem (Volker Kauder [CDU/CSU]: Angerichtet ha-
Land, auf die Beschäftigtenzahlen und auch auf die Ent- ben!)
wicklung der öffentlichen Einnahmen und Ausgaben
macht deutlich: Deutschland ist der Wachstumsmotor, Weil Sie selbst nämlich unsolide gewirtschaftet und die
der Jobmotor in Europa. Deutschland ist im europäi- Kriterien nicht beachtet haben, haben Sie diese dann
schen Vergleich, was die Staatsfinanzen betrifft, ein Hort auch noch auf europäischer Ebene aufgeweicht und so
der Stabilität und der Solidität. Deutschland ist Vorbild eine Einladung an alle anderen europäischen Staaten
für viele andere Länder in Europa. ausgesprochen, sich ebenso zu verhalten. Genau mit die-
sem Phänomen haben wir uns heute zu beschäftigen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
Das gilt nicht nur für Europa, sondern auch für viele an- neten der FDP)
dere westliche Industriestaaten. Wir haben dies den
Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Lehren aus der
Menschen in unserem Land zu verdanken: den Unter-
Staatsschuldenkrise sind eindeutig. Wer sich am Prinzip
nehmern, den Arbeitnehmern und denen, die in den Ta-
stabiler Staatsfinanzen versündigt, der versündigt sich
rifverhandlungen verantwortungsvoll entschieden ha-
(B) ben. Sie werden von einer Regierung regiert, die ihnen nicht nur gegenüber den künftigen Generationen, son- (D)
dern den bestrafen auch die Märkte. Das ist eindeutig.
Freiheit und auch die Früchte ihrer Arbeit lässt.
Sie können das übrigens erkennen, wenn Sie die Ent-
(Zuruf von der LINKEN: Was?) wicklung unserer Bundesanleihen auf den Finanzmärk-
ten beobachten. Da sehen Sie, wie wir dafür belohnt
Und das, meine Damen und Herren, ist gut so. werden. Das sind unabhängige Schiedsrichter, die über
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) die Solidität der öffentlichen Haushalte richten und ihre
Aktionen danach ausrichten.
Gut, dass gerade in dieser Zeit eine bürgerlich-christlich-
liberale Regierung in der Verantwortung ist. (Dr. Diether Dehm [DIE LINKE]: Was sind
das? Unabhängige Schiedsrichter?)
(Beifall des Abg. Rainer Brüderle [FDP])
Die Rendite der deutschen Bundesanleihen ist so
Es sind Tatsachen: Bei der wirtschaftlichen Entwick- niedrig wie selten zuvor, die Kurse für die Bundesrepub-
lung und der Haushaltskonsolidierung ist Deutschland lik waren selten so günstig. Das ist Ausdruck von Solidi-
Vorreiter. Im Jahr 2010 und im Jahr 2011 – auch das ist tät. Weil die Märkte so reagieren, gibt es bei der Be-
Tatsache – haben wir haushaltstechnisch jeweils besser kämpfung der Staatsschuldenkrise keine Alternative zu
abgeschnitten, als es vorgesehen war. Das ist nicht einer vernünftigen, sparsamen Konsolidierungspolitik
selbstverständlich, sondern auch das ist Ausfluss von und einer guten Wettbewerbspolitik.
Regierungshandeln und Handeln der Menschen in unse-
rem Land. (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der FDP)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die Krise wird nicht dadurch gelöst, dass die Noten-
Tatsache ist auch, dass die Defizitgrenze, die im europäi- banken unbegrenzt öffentliche Anleihen aufkaufen, auch
schen Stabilitäts- und Wachstumspakt vereinbart wurde, wenn der frühere Bundeskanzler Schröder das jetzt wie-
trotz der Krise, die vor einigen Jahren zu bewältigen der gefordert hat. Sie wird auch nicht dadurch gelöst,
war, wieder eingehalten wird. Tatsache ist auch, dass wir dass Euro-Bonds aufgelegt werden, dass die Schulden
voraussichtlich schon vor 2016 die mit der Schulden- vergemeinschaftet werden. Ich bin der Bundeskanzlerin
bremse vereinbarten Grenzwerte einhalten werden. Das und dem Bundesfinanzminister ausdrücklich dankbar,
ist eine Bilanz, die sich sehen lassen kann. Diese muss dass sie sich so klar und eindeutig gegen eine Verge-
man mit dem vergleichen, was Sie uns nach Ihrer Regie- meinschaftung der europäischen Schulden ausgespro-
rungszeit hinterlassen haben. chen und sich deutlich und klar von den Vorschlägen wie
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16939
Gerda Hasselfeldt
(A) Euro-Bonds distanziert haben und dies auch auf europäi- nämlich dazu – das ist Folge des Zusammenwirkens von (C)
scher Ebene bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck brin- Progression und Inflation –, dass bei denen, die arbeiten,
gen. die Geld verdienen, von einer Lohnerhöhung mehr als
notwendig, mehr als gerecht wäre, vom Staat abkassiert
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
wird.
der FDP – Swen Schulz [Spandau] [SPD]:
Frau Hasselfeldt, was macht denn die EZB?) (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
Meine Damen und Herren, nachhaltige Finanzpolitik der FDP)
bedeutet nicht nur Sparen und Konsolidieren. Nachhal- Genau das soll korrigiert werden. Das ist ein Akt der so-
tige Finanzpolitik bedeutet auch Zukunftssicherung. zialen Gerechtigkeit. Das ist ein Akt der Steuergerech-
Nachhaltige Finanzpolitik bedeutet auch Verstetigung tigkeit – nichts anderes.
und Erhöhung der Investitionen. Nachhaltige Finanz-
politik bedeutet auch, die soziale Balance zu wahren und (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
Spielraum zu schaffen durch eine gerechte Steuerpolitik. neten der FDP – Joachim Poß [SPD]: Das
Auch dies kommt in diesem Haushalt zum Ausdruck: muss belegt werden!)
durch die Erhöhung der Ansätze für Bildung und For-
Jetzt will ich noch ein Wort zu dem heute schon häu-
schung, durch die Erhöhung der Ansätze für die Infra-
fig angesprochenen Betreuungsgeld sagen. Frau Künast,
struktur, insbesondere für die Verkehrsinfrastruktur. All
Sie haben gesagt, dass die Kinder in den Mittelpunkt ge-
das ist notwendig, um die Basis für eine gute Zukunft zu
stellt werden sollen. Da stimme ich Ihnen völlig zu. Das
schaffen. All dies haben wir in den vergangenen Jahren
gilt für die Bildungspolitik, für die Familienpolitik und
mit Erfolg gemacht.
alle anderen Bereiche der Gesellschaftspolitik. Die Kin-
Nun zur Steuerpolitik. Die vorgesehene Erhöhung des der sind das Allerwichtigste, was wir in unserem Land
Existenzminimums, die vorgesehene Erhöhung des haben. Das gilt nicht nur für die eigenen Kinder, sondern
Grundfreibetrags – das ist hier schon mehrfach ange- für alle Kinder in unserer Gesellschaft, egal aus welchen
sprochen worden –, ist verfassungsrechtlich geboten. sozialen Schichten sie kommen, aus welchen Regionen
Das ist notwendig. sie kommen oder in welchem Alter sie sind. Sie sind das
Wichtigste. Keine Diskussion darf uns zu viel sein, wenn
(Klaus Hagemann [SPD]: Jawohl!)
es darum geht, wie wir die Zukunft unserer Kinder gut
Wenn Sie sich an unserer Verfassung orientieren, dann gestalten können, wie wir sie so gestalten können, dass
können Sie sich dagegen nicht verwehren. sie künftig Verantwortung für dieses Land übernehmen
können.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
(B) (D)
der FDP – Klaus Hagemann [SPD]: Das macht (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
doch keiner! – Swen Schulz [Spandau] [SPD]:
Das tut doch keiner! – Joachim Poß [SPD]: In unserer Gesellschaft, in unseren Familien hat sich
Legen Sie Zahlen vor!) vieles verändert, nicht zuletzt durch die veränderte Rolle
der Frau. Darauf geben wir Antworten. In den vergange-
– Ich bin noch nicht fertig. – Das ist der eine Teil dieses nen Jahren haben wir eine Fülle von verschiedenen Ant-
Konzepts. Der zweite Teil betrifft das Problem der soge- worten gegeben. Ich meine nicht nur das Elterngeld, son-
nannten kalten Progression. dern auch den großen Beitrag, den der Bund beim
(Joachim Poß [SPD]: Legen Sie doch einmal Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen leistet, ob-
Zahlen vor! Sie verweigern sie seit einem wohl er nicht zuständig ist. Auch das muss einmal er-
Jahr!) wähnt werden.

– Herr Poß, wir haben im Finanzausschuss lange genug (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
miteinander gearbeitet. Wir unterstützen vonseiten des Bundes die Länder
(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Und was hat es und Kommunen bei der Aufgabe, den Rechtsanspruch
genutzt? – Heiterkeit bei Abgeordneten der auf einen Kinderbetreuungsplatz für die Zwei- und Drei-
CDU/CSU – Gegenruf des Abg. Joachim Poß jährigen ab 2013 zu realisieren. Genau dort setzt das Be-
[SPD]: Ich weiß, worüber ich rede! Im Gegen- treuungsgeld an. Wir wissen, dass etwa die Hälfte der
satz zu Ihnen! – Gegenruf des Abg. Alexander Eltern ihre Kinder in der vertrauten Umgebung aufwach-
Dobrindt [CDU/CSU]: Das ist falsch! Sie ha- sen lassen wollen. Das ist völlig nachvollziehbar. Die ei-
ben keine Ahnung!) nen entscheiden sich relativ früh für eine Betreuung in
einer Kinderbetreuungseinrichtung, und zwar schon ab
Sie wissen so gut wie ich, dass durch die kalte Progres- dem zweiten, dritten Lebensjahr des Kindes und nicht
sion nichts anderes bewirkt wird als eine heimliche staat- erst ab Vollendung des dritten Lebensjahres. Andere
liche Ausbeutung der Lohn- und Einkommensteuerzah- wollen dies zu Hause selbst erledigen. Wiederum andere
ler. Nichts anderes ist die kalte Progression. ziehen es vor, die Großeltern, Geschwister, Nachbarn,
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- Tagesmütter oder andere damit zu beauftragen und sich
neten der FDP) von ihnen wenigstens teilweise unterstützen zu lassen.
Das ist eine heimliche staatliche Ausbeutung der Lohn- Meine Damen und Herren, es entspricht unserem
und Einkommensteuerzahler. Die kalte Progression führt Grundsatz der Wahlfreiheit,
16940 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Gerda Hasselfeldt
(A) (Beifall des Abg. Norbert Geis [CDU/CSU]) Nervenstränge und Muskelgewebe, hat also, um es ins (C)
Technische zu übersetzen, eine Infrastruktur.
dass die Eltern frei entscheiden können, wie sie es ma-
chen wollen. Wir haben im Bereich der Infrastruktur Akzente ge-
setzt, und zwar doppelte. Bei Infrastruktur denkt man zu-
(Petra Merkel [Berlin] [SPD]: Was finanziert
nächst an Lkw und Schiffchen. Johannes Kahrs und ich
der Staat? – Swen Schulz [Spandau] [SPD]:
denken, weil wir von der Küste kommen, mehr an
Sagen Sie das Frau Böhmer, oder wem?)
Schiffe; andere Leute, die mit der Eisenbahn gespielt ha-
Ich bin bis zu dieser Argumentation einen weiten Weg ben, denken an diese. In diesen Tagen denken wir viel-
gegangen; ich will das gerne zugeben. Ich habe mich leicht sehr häufig an Eisenbahnen und an Bahnhöfe. Mit
von den Argumenten überzeugen lassen, von nichts an- der Infrastruktur, mit diesem zentralen Herz- und Ner-
derem. Und ich habe mich überzeugen lassen von den vensystem des Organismus, in deren Instandhaltung und
Wünschen der Eltern, die deutlich zum Ausdruck brin- Erweiterung wir jedes Jahr 10 Milliarden Euro investie-
gen, dass sie selbst entscheiden möchten. Wenn der Staat ren, befähigen wir das Wirtschaftssystem unseres Lan-
durchschnittlich 1 000 Euro für einen Kinderbetreuungs- des, die Arbeitnehmer und die Unternehmer, die Gelder
platz ausgibt, dann ist es nur gerecht, wenn man sagt, zu erwirtschaften, die wir hier umverteilen dürfen. Ohne
dass diejenigen, die das nicht in Anspruch nehmen, ei- eine funktionierende Infrastruktur hätten wir keine funk-
nen Teil davon, nämlich 150 Euro, für die privat organi- tionierende Wirtschaft und könnten nicht jährlich
sierte Betreuung bekommen sollen. Das ist ein Akt der 160 Milliarden Euro für soziale Zwecke im weitesten
Gerechtigkeit. Sinne ausgeben.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und Wenn wir trotz der Notwendigkeit, Ausgaben zu re-
der FDP – Swen Schulz [Spandau] [SPD]: Ob duzieren, 10 Prozent mehr für Infrastruktur ausgeben,
Sie damit die eigenen Frauen überzeugt ha- dann kann man mit Recht davon ausgehen, dass das eine
ben?) Rendite haben wird. Das wird nicht nur eine wirtschafts-
politische, sondern auch eine sozialpolitische Rendite
Man kann ja so oder so argumentieren. Diese Leis-
haben. Denn unser Grundsatz ist, dass sozial ist, was Ar-
tung jedoch als Herdprämie zu bezeichnen,
beit schafft.
(Johannes Kahrs [SPD]: Genau!)
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
stellt nicht nur eine Diffamierung und Beleidigung all der FDP – Dr. Barbara Hendricks [SPD]:
derjenigen dar, die diese Leistung in Anspruch nehmen Sozial ist, was gute Arbeit schafft!)
wollen oder werden, sondern es grenzt wirklich an Eh-
Es wurde schon gesagt, was für einen großen Vorteil es
(B) renrührigkeit. (D)
darstellt, wenn die Menschen Arbeit haben.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Natürlich macht Arbeit Spaß und erfüllt, aber es gibt
Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und auch einen großen anderen Bereich. Ein Land muss
Kollegen, dieser Haushalt ist deutlich geprägt von Soli- nämlich auch eine kulturelle Infrastruktur bereitstellen.
dität und Stabilität der öffentlichen Finanzen. Er gibt die Kultur ist natürlich Ländersache – das betone ich –, und
richtigen Wachstumsimpulse und bewahrt die soziale die Länder haben sich das überlegt. Dieser Bereich ist ja
Balance. Wir sind mit der eingeschlagenen Richtung in nicht sozusagen übrig geblieben, sondern die Länder ha-
den vergangenen Jahren gut gefahren. Und deswegen ben in der Föderalismusdiskussion gesagt: Das ist uns
werden wir diesen Weg fortsetzen. wichtig, weil wir uns damit identifizieren können und so
unser Bild prägen und unsere Unterschiedlichkeit leben
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
können. Daran sollten sich die Länder erinnern.
Swen Schulz [Spandau] [SPD]: Voll gegen die
Wand gefahren sind Sie!) Aber auch der Bund hat eine Aufgabe in der Kultur.
Ich bin sehr zufrieden und stolz, dass es bei den drei letz-
Vizepräsident Eduard Oswald: ten Etats, 2010, 2011 und 2012, die ich mitberaten habe,
Der nächste Redner in unserer Debatte ist für die in diesem Bereich trotz der allgemeinen Entwicklung
Fraktion der CDU/CSU unser Kollege Rüdiger Kruse. – immer einen stetigen Aufwuchs gegeben hat. Wir erhö-
Bitte schön, Kollege Kruse. hen die Mittel für Kultur um etwa 5 Prozent; das ist ein
gutes Ergebnis.
(Beifall bei der CDU/CSU – Johannes Kahrs
[SPD]: Rüdiger, jetzt nett bleiben!) (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der FDP)
Rüdiger Kruse (CDU/CSU): Wir tun dies im Rahmen von Maßnahmen, über die wir
Natürlich, mache ich. – Herr Präsident! Meine sehr uns nicht in zwei, drei oder vier Jahren ärgern müssen.
geehrten Damen und Herren! Zu diesem Haushalt gibt es Es wäre natürlich nett, wenn wir allen Intendanten im
Berichterstatter, und diese Berichterstatter haben ein Lande die Gehälter erhöhen würden – das ist ein schöner
Thema, und auf das will ich gerne eingehen. Gedanke; der eine oder andere hätte es verdient –, aber
es würde uns strukturell belasten.
Wir haben in der heutigen Generaldebatte viel über
das Gemeinwesen gehört. Ein Gemeinwesen ist so etwas Wir machen deshalb sehr viel im Bereich Denkmal-
wie ein Organismus. Ein Organismus hat Blutbahnen, schutz. Es gibt ein Denkmalschutz-Sonderprogramm.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16941
Rüdiger Kruse
(A) Dieses hat einen mehrfachen Nutzen. Die 30 Millionen Höhe von 10 Milliarden Euro vorgesehen. Meine Kolle- (C)
Euro, die wir dort investieren, können Sie im Prinzip ginnen und Kollegen werden, wenn es um die einzelnen
beim Programm „Soziale Stadt“ mitverbuchen, weil Etats geht, auf diesen Bildungspakt zurückkommen und
Denkmäler in Kommunen die Selbstidentifizierung er- auch über den Entschuldungspakt reden. Insofern fasse
möglichen. Das ist der eine Grund. Der zweite Grund ist: ich mich hier kurz.
Wir geben keine Mittel, wenn es nicht ein Nutzungskon-
Bildung heißt selbstverständlich auch kulturelle Bil-
zept für ein Denkmal gibt. In aller Regel geht es um so-
dung. Auch für den Etat des Beauftragten für Kultur und
ziale oder kulturelle Zwecke. Das heißt, mit diesem Pro-
Medien haben wir Mittel eingeplant. Unser Konzept
gramm, das natürlich gleichzeitig Wirtschaftsförderung
sieht für die Bereiche Medienkompetenz, Integration
ist, fördern wir auch das Programm „Soziale Stadt“, und
und Fortbildung zusätzliche Mittel in Höhe von 5 Millio-
zwar mit 30 Millionen Euro; dieser finanzielle Umfang
nen Euro vor, 2 Millionen Euro davon sollten für Ju-
ist in der heutigen Zeit ausgezeichnet.
gendprojekte und für Projekte zur medialen Bildung von
Wir liefern eine Möglichkeit der kulturellen Entfal- Kindern und Jugendlichen eingesetzt werden, und
tung. Das ist wichtig. Bürgerliche Politik ist so zu be- 0,5 Millionen Euro hatten wir für die Medienkompetenz-
schreiben, dass sie Identitäten und Individualität fördert. forschung vorgesehen. Es ist bedauerlich, dass die Koa-
Alles, was extrem links oder extrem rechts von bürger- litionsfraktionen diesen Anträgen nicht zugestimmt ha-
licher Politik liegt, löst diese zugunsten einer gefähr- ben.
lichen Schimäre, eines kollektiven Gesamtbildes auf.
Wir jedoch haben einigen Anträgen der Koalitionsfrak-
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) tionen zugestimmt. Drei Beispiele dazu: 30 Millionen
Euro für ein Denkmalschutz-Sonderprogramm – dazu
Das heißt – das ist das Interessante –, dass in der Kultur-
werde ich gleich noch kommen –, 2,5 Millionen Euro für
szene das Persönlich-Politische häufiger in das eine oder
die Weiterförderung der Völklinger Hütte und zusätz-
andere Extrem gehen mag, aber die Möglichkeiten und
liche Mittel für das Haus der Kulturen der Welt, nämlich
Arbeitsbedingungen sind innerhalb eines bürgerlich de-
3,3 Millionen Euro für ein mehrjähriges Projekt.
mokratischen Systems am größten, weil hier die Freihei-
ten betont und nicht infrage gestellt werden, weil Kunst (Beifall bei der SPD)
und Kultur nicht für einen Verkündungsauftrag miss-
braucht werden. Das ist, glaube ich, wichtig in der De- Ich möchte ein weiteres Thema ansprechen, mit dem
batte um das Leitbild sozialer Gesellschaften. ich seit Jahren immer wieder in Berührung komme und
von dem ich meine, dass es eine größere Bedeutung hat,
In einer Welt, in der wir hinsichtlich der Bevölke- als wir ihm beimessen: die Bewahrung von Kulturgut.
rungszahlen und der Wirtschaftskraft nicht mehr die Be- Viele Stücke sind in einem so schlechten Zustand, dass
(B) deutendsten sein werden, ist es natürlich wichtig, dass (D)
man um ihren Erhalt bangen muss, viele sind kontami-
wir ein Ort sind, der anregt und der aufgrund seiner be- niert, sodass sie gar nicht ausgestellt werden können,
wahrten und in die Zukunft geführten kulturellen Kom- und viele Exponate, die in Museen lagern, lösen sich
petenz attraktiv ist, sodass viele Menschen an diesen Ort leise und langsam auf. Kunstwerke und Schätze aus Pa-
kommen, um mit uns gemeinsam Zukunft zu gestalten. pier, Textilien oder Holz sind von Zerfall und Zersetzung
Danke. bedroht. Skulpturen und Gemälde sind der Zerstörung
durch Klima- und Umweltgifte ausgesetzt.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der FDP) Die Bewahrung von Kulturgut geschieht auf mehre-
ren Ebenen: durch Untersuchungsmethoden, die Expo-
nate nicht zerstören, durch Messungen, bei denen Schad-
Vizepräsident Eduard Oswald: stoffe entdeckt werden, und durch dauerhafte Sicherung
Nächste Rednerin in unserer Debatte ist für die Frak- von Exponaten. Sie können sich vorstellen, dass drin-
tion der Sozialdemokraten unsere Kollegin Petra Mer- gend Forschungsmittel nötig sind, um in diesen Berei-
kel. Bitte schön, Frau Kollegin Petra Merkel. chen tätig zu werden, weil jedes Material eine andere
(Beifall bei der SPD) Behandlung braucht.
In Deutschland haben wir kompetente Einrichtungen,
Petra Merkel (Berlin) (SPD): die sich mit diesem Thema befassen, zum Beispiel die
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Forschungsallianz Kulturerbe, eine Kooperation zwi-
Sehr geehrte Damen und Herren! Lieber Herr Staats- schen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Fraun-
minister Neumann, ich bin sehr froh, dass Sie wieder hofer-Gesellschaft und der Leibniz-Gemeinschaft, die
hier sind. Ich freue mich, dass Sie genesen sind und dass BAM, die Bundesanstalt für Materialforschung und -
wir gemeinsam über den Kulturbereich diskutieren kön- prüfung, das Netzwerk zur interdisziplinären Kultur-
nen. guterhaltung in Deutschland, N.i.Ke., und die Deutsche
Bundesstiftung Umwelt. Die Arbeiten dieser Institutio-
Die SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag hat in den
nen sollten Sie, Herr Staatsminister Neumann, mit dem
Haushaltsberatungen eine Reihe von Änderungsanträgen
Kulturetat unterstützen und verstärken.
eingebracht, um ein Bildungspaket umzusetzen, den na-
tionalen Pakt für Bildung und Entschuldung. Dieser Pakt Ich komme zu den denkmalgeschützten Gebäuden.
sieht jährlich Ausgaben in Höhe von 2 Milliarden Euro Den Regierungsfraktionen ist es erneut gelungen, ein
vor; bis 2016 sind Mehrausgaben im Bildungsbereich in Sonderprogramm aufzulegen; das begrüße ich sehr.
16942 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Petra Merkel (Berlin)


(A) (Johannes Kahrs [SPD]: Das war aber unsere Kultur hört ja nicht an Grenzen auf – auch nicht an (C)
Initiative! War mühsam genug!) der deutschen Grenze –, und die deutsche Kulturpolitik
ebenfalls nicht. Deswegen weise ich kurz auf eine Ne-
Die beiden letzten Programme waren sehr erfolgreich ver-ending Story hin: Tarabya, die Künstlerakademie,
und haben in Deutschland sichtbare Spuren hinterlassen. konnte im Oktober in Istanbul eröffnet werden. Bis aller-
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten dings die ersten Künstlerinnen und Künstler dort einzie-
der CDU/CSU) hen, wird es noch ein wenig dauern. Nach einigen Wi-
derständen und nach dem Einsatz der Kolleginnen und
30 Millionen Euro stehen nun 2012 für die Sanierung Kollegen aus dem Unterausschuss „Auswärtige Kultur-
denkmalgeschützter Bauten zur Verfügung. Sehr gut an und Bildungspolitik“ ist es gelungen, dieses Projekt in
diesem Programm ist übrigens, dass sich sowohl Kom- die Spur zu bringen.
munen als auch Länder und Private beteiligen und so aus
(Beifall bei der SPD – Johannes Kahrs [SPD]:
den 30 Millionen Euro fast 60 Millionen Euro werden
Gegen die Bundesregierung!)
können. Das ist gut investiertes Geld; denn es kommt so-
wohl den Regionen als auch dem vor Ort tätigen Hand- Ich möchte Herrn Staatsminister Neumann für die
werk zugute. gute Zusammenarbeit danken. In diesen Dank schließe
ich selbstverständlich sein Haus und das Haushaltsrefe-
(Beifall des Abg. Norbert Barthle [CDU/ rat ganz besonders mit ein. Ich danke auch meinen Kol-
CSU]) leginnen und Kollegen sowie meiner Mitberichterstatte-
Bei der energetischen Sanierung denkmalgeschützter rin und meinen Mitberichterstattern.
Bauten hakt es allerdings. Wie viel hätte man gewonnen, Zum Schluss will ich noch ein anderes Thema anspre-
wenn man Energieeffizienz auch schon bei der Sanie- chen. Ich danke Professor Parzinger und Michael Nau-
rung berücksichtigen würde? Hier mein Appell an den mann an dieser Stelle ganz besonders. Beide haben in
Beauftragten für Kultur und Medien: Tun Sie etwas, hervorragender Art und Weise gegen die von Vivien
auch mit Mitteln aus diesem Sonderprogramm! Nutzen Stein in ihrem Buch Heinz Berggruen: Leben & Legende
Sie die Energiewende, und unterstützen Sie energieeffi- vorgebrachten Diffamierungen Stellung bezogen und
zientes Sanieren! den Vorwürfen widersprochen. Beide haben mir aus der
(Beifall bei der SPD) Seele gesprochen.
(Beifall der Abg. Stefanie Vogelsang [CDU/
Unterstützen Sie die Forschung in diesem Bereich, und
CSU])
unterstützen Sie Kooperationen auch im Denkmal-
(B) schutz! Das sind keine Mittel, die ausschließlich für Or- Ich bin noch immer froh, dass sich Heinz Berggruen (D)
chideen, die in irgendeinem Zusammenhang mit denk- entschlossen hatte, nach Deutschland zurückzukehren,
malgeschützten Gebäuden stehen, bereitgestellt werden, und dass er nach Berlin zurückgekommen ist. Ich bin
sondern es geht um Verfahren, die man, wenn sie entwi- auch sehr froh darüber, dass der Erweiterungsbau des
ckelt worden sind, auch bei ganz normalen Objekten an- Museums Berggruen aus Bundesmitteln finanziert wird
wenden kann. Übrigens: Sie schaffen auch Arbeits- und im Sommer nächsten Jahres eröffnet werden kann.
plätze.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD, der CDU/
(Beifall bei der SPD) CSU und der LINKEN)
Es passiert bereits etwas auf diesem Gebiet. Die Deut- Ich bedanke mich bei der Familie Berggruen für ihr gro-
sche Bundesstiftung Umwelt zum Beispiel veranstaltet ßes Engagement in Berlin und bei Ihnen für Ihr Zuhören.
im Dezember dieses Jahres eine Tagung zum Thema Danke sehr.
Denkmal und Energie. Auf das Ergebnis bin ich ge-
spannt. (Beifall bei der SPD)

(Johannes Kahrs [SPD]: Wir auch! Das ist


Vizepräsident Eduard Oswald:
wichtig!)
Nächster Redner für die Fraktion der CDU/CSU ist
Und: Das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz unser Kollege Wolfgang Börnsen. Bitte schön, Kollege
hat in einem Positionspapier im April dieses Jahres Wolfgang Börnsen.
Handlungsfelder zur energetischen Sanierung aufge- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie
zeigt, die ich sehr gut finde. Auch hier könnte man mit des Abg. Johannes Kahrs [SPD])
dem Kulturetat Impulse setzen.
(Beifall bei der SPD) Wolfgang Börnsen (Bönstrup) (CDU/CSU):
Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen!
Noch sind wir in Deutschland bei der Entwicklung
Petra Merkel, ich möchte Ihnen für die konstruktive,
von Verfahren zur Sanierung von Kulturgut spitze. Da-
wenn auch kritische, und sehr anerkennende Rede herz-
mit das so bleibt, brauchen wir aber weiter Forschungs-
lich danken. Das ist nicht selbstverständlich.
mittel, um die Entwicklung neuer Techniken und Tech-
nologien voranzutreiben. Diese Chancen müssen wir (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie
nutzen. bei Abgeordneten der SPD – Swen Schulz
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16943
Wolfgang Börnsen (Bönstrup)
(A) [Spandau] [SPD]: Mal sehen, was jetzt von Ih- Sie hier im Parlament tragen durch Ihre Entscheidung (C)
nen kommt!) zur Kulturattraktivität unseres Landes bei. Dabei ist die
Höhe des Kulturetats die Gretchenfrage. Mit der Ent-
Was bleibt, ist die Kultur. Ob der Kölner Dom, die scheidung von heute und von dieser Woche erfährt der
Volkslieder unseres Landes, der Faust von Goethe, die- Haushalt von Staatsminister Bernd Neumann seine
ser Reichstag hier oder Beethovens Ode an die Freude: siebte Steigerung im siebten Jahr. Unser Bremer Kollege
Was bleibt, ist die Kultur. Die Kultur ist das Fundament kann eine noch nie dagewesene Erfolgsgeschichte ver-
unserer Gesellschaft. Sie gibt Menschen Orientierung buchen. Danke!
und Identität, sie schafft Lebensmut und Lebensfreude.
Deshalb ist es angemessen, die Kultur hier im Rahmen (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
des Kanzleretats zu diskutieren. Hier gehört sie hin. neten der FDP)
Dahinter stecken trotz eines lahmen Beines unermüdli-
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
cher Einsatz, viel Geschick und kluge Diplomatie. Herz-
neten der FDP und der Abg. Petra Merkel
lichen Dank und weiterhin gute Genesung!
[Berlin] [SPD])
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
Deutschland, unser Land, ist ein kraftvolles, ein krea- neten der SPD und der FDP)
tives, ein vitales Kulturland.
Auch die Beibehaltung des verminderten Mehrwert-
(Dr. Lukrezia Jochimsen [DIE LINKE]: Ja, steuersatzes gehört dazu. Sie sichert die Existenz für
das sehen wir!) viele Kulturschaffende. Die Buchpreisbindung gehört
ebenso dazu. Alle diese Fundamente müssen wir sichern
Es sind die Künstlerinnen und Künstler, die Kulturschaf- und dürfen sie nicht abbauen. Was sich hier so locker
fenden, die schöpferischen Mitbürger, die diesen Reich- vom Pult verkünden lässt, ist immer im Wettbewerb mit
tum unseres Landes ausmachen. Sie tragen zur Leben- anderen Politikbereichen durchzusetzen. Gleich ob Si-
digkeit, aber auch Einheit unserer Gesellschaft bei, zu cherheit oder Soziales, Finanzkonsolidierung, Forschung
Integration, Zufriedenheit und Lebensperspektive. Ihnen oder Bildung: Sie alle sind von grundlegender Bedeu-
haben wir ganz besonders für ihren Einsatz hier zu dan- tung.
ken.
Ich bedanke mich bei meinen Kollegen im Haushalts-
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der ausschuss: Jürgen Koppelin, Petra Merkel, Rüdiger
SPD und der FDP sowie der Abg. Tabea Röß- Kruse und Herbert Frankenhauser.
ner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
(B) (Dr. Gesine Lötzsch [DIE LINKE]: Wieso ha- (D)
Doch auch die Arrangeure der Kultur – die Dirigen- ben Sie mich nicht erwähnt?)
ten, die Galeristen, die Regisseure, die Bibliothekare, Sie alle haben eine Lanze für die Kultur gebrochen, weil
aber auch die Kassiererin in einer Volkstanzgruppe – ge- sie davon überzeugt sind, dass sie das Fundament unse-
hören dazu; denn ohne sie wäre Kultur für alle von allen rer Gesellschaft bleiben soll. Das gilt auch für die Kolle-
nicht zu realisieren. Auch ihnen gilt deshalb unser Dank. gen der Opposition im Haushaltsausschuss.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ- der FDP sowie des Abg. Wolfgang Wieland
NEN sowie des Abg. Burkhardt Müller-Sönk- [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
sen [FDP])
Der Zugewinn, den wir für die Kultur haben, ist ein
Der Preis, den wir für diese Leistung zu zahlen haben, Zugewinn für unsere Gesellschaft, aber der Preis dafür
ist relativ klein. Er entspricht 1,9 Prozent des Volumens – damit komme ich zum Schluss – ist die Neuverschul-
aller Haushalte – mehr nicht. 9 Milliarden Euro geben dung. Das ist mehr als ein Schönheitsfehler. Auch wenn
Bund, Länder und Gemeinden in Deutschland für die unser Anteil nur minimal ist, wäre es doch gerechtfertigt,
Kultur aus. Die Gemeinden und die Länder tragen daran dass wir in unseren Überlegungen maßvoll sind. Wir als
den Hauptanteil. Kulturpolitiker haben nicht nur eine Fach-, sondern auch
eine Gesamtverantwortung.
Wenn man nur einmal die Musikkultur als Beispiel
Ich bedanke mich.
nimmt, dann kann man erkennen, wie wichtig, notwen-
dig und ertragreich dieser Einsatz ist: Über 50 000 Chöre (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
beleben unsere Gesellschaft, es gibt die gleiche Anzahl neten der SPD, der FDP und des BÜNDNIS-
informeller Musikvereinigungen, also insgesamt über SES 90/DIE GRÜNEN)
100 000 Gruppen. Es gibt 750 erstklassige Orchester und
Musiktheater und 50 000 Rock-, Jazz- und Popbands. Vizepräsident Eduard Oswald:
Wir haben die reichhaltigste Musikszene in Europa.
Nächste Rednerin ist für die Fraktion Die Linke un-
Nicht zu vergessen: 40 Millionen Kulturtouristen kom- sere Kollegin Frau Dr. Lukrezia Jochimsen. Bitte schön,
men jährlich nach Deutschland, um diesen Reichtum zu Frau Kollegin.
genießen. Das bringt insgesamt 85 Milliarden Euro an
Einnahmen für unser Land. (Beifall bei der LINKEN)
16944 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

(A) Dr. Lukrezia Jochimsen (DIE LINKE): Die jahrelang unerkannte Nazi-Mordserie in unserem (C)
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich Land ist doch auch eine geistige und kulturelle Krise. Es
setze jetzt die Ode an die Kultur des Kollegen Börnsen ist nicht nur eine Krise der Behörden, der Verfassungs-
auf etwas andere Art und Weise fort. ämter und der Polizei, nein, es ist auch eine geistige und
kulturelle Krise.
Es ist eben die Kultur, die unser Wertefundament
bildet. Es sind die Künste, die … ganz wesentlich (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
die Basis unseres Gemeinwesens bilden. neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Wer hat das wohl gesagt? – Richtig, Staatsminister Neu-
mann, hier an dieser Stelle in seiner Rede zum Kultur- Zweitens. Ohne Künstlerinnen und Künstler gibt es
haushalt in erster Lesung. Wie wahr ist diese Bewertung. keine Künste. Deshalb müssen endlich Schritte unter-
Wie doppelt wahr klingt sie uns jetzt in einer Zeit, da wir nommen werden, die soziale Lage der Kulturschaffen-
mit blankem Entsetzen das mörderische und unerkannte den entscheidend und wirksam zu verbessern. Um die
Treiben von Rechtsterroristen in unserem Land zur Misere wissen alle Verantwortlichen nun lange genug.
Kenntnis nehmen müssen. (Beifall bei der LINKEN)
Das Gebot der Stunde heißt doch: Wie machen wir Es geht um Initiativen, Gesetze und Umdenken statt nur
die Kultur tatsächlich zu unserem Wertefundament? Wie um Einzelförderung oder Preise. Darüber müssen sich
fördern und stärken wir die Künstlerinnen und Künstler der Staatsminister, die Kulturpolitiker aller Fraktionen
in unserem Land, dass die Künste tatsächlich die Basis und der Kulturausschuss in einer Zeit wie dieser klar
unseres Gemeinwesens bilden können? werden und sich aufs Handeln verständigen.
(Beifall bei der LINKEN) Zum Schluss in diesem Zusammenhang ein Beispiel:
Das erreichen wir nicht mit einem pompösen Schloss- In Weimar gibt es seit Jahren ein renommiertes Kunst-
bau in Berlin samt einem Freiheits- und Einheitsdenkmal fest. Eröffnet wird es stets mit dem großen Orchester-
auf dem Platz davor. konzert „Gedächtnis Buchenwald“, kostenlos und zu-
gänglich für alle, und einer Gedenkveranstaltung für die
(Dr. Gesine Lötzsch [DIE LINKE]: Genau! – Opfer des KZ. An keinem anderen Ort in Deutschland
Bartholomäus Kalb [CDU/CSU]: Das tut euch gehen Kunst und Erinnern so direkt ineinander über.
weh!)
Für dieses Kunstfest, vom Land Thüringen, der Stadt
Das erreichen wir erst recht nicht mit fortgesetzter Fi- Weimar und bisher zeitlich begrenzt von der Bundeskul-
(B) nanzierung der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöh- turstiftung gefördert, wurde für 2012, von der SPD und (D)
nung“, in der der Zentralrat der Juden seine Mitarbeit ru- auch von uns unterstützt, ein Antrag auf Mitfinanzierung
hen lässt und Vertreter von Roma und Sinti gar nicht erst durch den Bund in Höhe von 500 000 Euro gestellt. Die
vorgesehen sind. Das erreichen wir auch nicht mit einem Koalition lehnte ab. Staatsminister Neumann sagte ge-
satten Zuschuss von 2,2 Millionen Euro pro Jahr für die genüber der Thüringischen Landeszeitung, er fördere nur
Bayreuther Festspiele. nachhaltige Projekte; ob das Kunstfest über 2013 hinaus
existiere, sei nicht sichergestellt. Aber es geht doch um
(Beifall bei der LINKEN) das Jahr 2012. Welch eine Logik und welch ein Schaden
Was wir brauchen, ist zweierlei: für ein Projekt, das wir in diesen Zeiten dringender brau-
chen denn je! Bitte lassen Sie uns umdenken.
Erstens. Kulturelle Bildung unserer Kinder, und zwar
Bildung gegen Rassismus und Gewalt von früh an, (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
wohlgemerkt: für alle unsere Kinder. neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
(Beifall bei der LINKEN)
Diese kulturelle Bildung muss in unserem Land und da- Vizepräsident Eduard Oswald:
mit in der Kulturpolitik einen neuen Stellenwert erhal- Nächster Redner in dieser Debatte ist für die Fraktion
ten. der FDP unser Kollege Reiner Deutschmann. Bitte
schön, Kollege Deutschmann.
Ich weiß, dass im Etat des Beauftragten der Bundes-
regierung für Kultur und Medien zusätzliches Geld für (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
weitere Modellprojekte zur Verfügung steht. Aber Mo- der CDU/CSU)
dellprojekte reichen nicht aus. Es muss eine echte Bil-
dungskampagne für Kinder und Jugendliche auf den Reiner Deutschmann (FDP):
Weg gebracht werden. Ich habe das schon vor drei Jah- Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten
ren an dieser Stelle eingefordert. Heute gilt diese Forde- Damen und Herren! Im Koalitionsvertrag haben Union
rung brennender denn je. Kinder und Jugendliche dürfen und FDP vor zwei Jahren Folgendes geschrieben – ich
den braunen Verführern nicht länger zur Beute werden. zitiere –:
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN sowie Kulturförderung ist keine Subvention, sondern eine
der Abg. Tabea Rößner [BÜNDNIS 90/DIE unverzichtbare Investition in die Zukunft unserer
GRÜNEN]) Gesellschaft.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16945
Reiner Deutschmann
(A) Dazu bekennen wir uns auch ausdrücklich in Zeiten der (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten (C)
Euro-Krise. Der Kulturhaushalt wächst, und das schon der CDU/CSU)
seit Jahren. Für 2012 stehen 5,1 Prozent mehr Mittel zur
Nicht zuletzt ist es uns auch gelungen, etwas für den
Verfügung.
Schutz einer besonderen Welterbestätte in Deutschland
Ich möchte Kulturstaatsminister Bernd Neumann so- zu tun. Für dringend notwendige Investitionen in das
wie allen Beteiligten, insbesondere aber auch dem Haus- Weltkulturerbe Völklinger Hütte im Saarland wird ein
haltsausschuss des Deutschen Bundestages für die in Zuschuss von 2,5 Millionen Euro gewährt. Damit wird
Zeiten des Sparens nicht selbstverständliche Erhöhung etwas getan für den Erhalt eines Wahrzeichens der Inge-
des Kulturetats danken. Der Deutsche Bundestag setzt nieurbaukunst, das bereits 1994 von der UNESCO in die
damit ein starkes Zeichen, dass der Förderung von Kunst Liste der Welterbestätten aufgenommen wurde.
und Kultur in Deutschland ein besonderer Stellenwert Ohne ins Detail zu gehen, möchte ich dem Haushalts-
zukommt. Ich würde mir wünschen, dass eine solche ausschuss auch besonders dafür danken, dass er der Stif-
Prioritätensetzung in absehbarer Zeit auch in allen Län- tung TANZ-Transition und dem Gleimhaus in Halber-
dern und Kommunen zum Normalfall wird. stadt Gelder zur Verfügung gestellt hat. Die Stiftung
TANZ-Transition hilft Tänzerinnen und Tänzern nach
(Beifall bei Abgeordneten der FDP und der
dem Ende ihrer körperlich sehr fordernden Tanzkarriere,
CDU/CSU)
ein neues Erwerbsfeld zu finden. Das Gleimhaus in Hal-
Meine verehrten Kolleginnen und Kollegen, in diesen berstadt steht als Stätte der Aufklärung und ist im Blau-
Zeiten kann man sicherlich nicht alle Ziele umsetzen, die buch der Bundesregierung verzeichnet. Anlässlich des
man sich zu Beginn der Haushaltsberatungen gesetzt hat. 150-jährigen Jubiläums im Jahr 2012 wird dort eine
Die Rückführung der Staatsschulden im Rahmen der große Sonderausstellung unter dem Titel „Tempel der
Schuldenbremse hat absoluten Vorrang. Dennoch ist es Freundschaft, Schule der Humanität, Museum der Auf-
uns gelungen, einige wichtige Projekte in den Haushalt klärung“ stattfinden.
2012 neu aufzunehmen oder zu verlängern. Zum Schluss möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass
im Etat des Bundeswirtschaftsministers wieder 3,5 Mil-
Herausragend ist gewiss die bereits genannte Verlänge-
lionen Euro für die vielfältigen Aktivitäten der Initiative
rung des Denkmalschutzprogramms. Zur Substanzerhal-
Kultur- und Kreativwirtschaft eingestellt sind. Hervorzu-
tung und Restaurierung stehen nun zusätzliche 30 Millio-
heben ist hier die ausgezeichnete Zusammenarbeit zwi-
nen Euro zur Verfügung. Damit wird dem Verfall wichtiger
schen dem BMWi und dem BKM.
Kulturgüter von nationalem Rang weiter Einhalt geboten.
Ich denke, wir zollen damit auch dem kürzlich verstorbe- Abschließend und nach vorne blickend, hoffe ich,
(B) nen und von uns allen verehrten Professor Dr. Kiesow dass es uns auch im nächsten Jahr gelingen wird, einen (D)
und der von ihm lange Jahre geleiteten Deutschen Stif- so ausgewogenen und in die Zukunft weisenden Kultur-
tung Denkmalschutz unseren besonderen Respekt und haushalt aufzustellen.
zeigen unsere Anerkennung;
Ich danke Ihnen.
(Beifall bei Abgeordneten der FDP und der (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
CDU/CSU)
denn gerade dort, wo der Staat mit gutem Beispiel vo- Vizepräsident Eduard Oswald:
rangeht, engagiert sich auch die Zivilgesellschaft. Letzte Rednerin unserer Debatte ist unsere Kollegin
Frau Tabea Rößner für die Fraktion Bündnis 90/Die Grü-
Eine weitere Erhöhung betrifft den Haushalt des Bun- nen. – Ich wäre sehr dankbar, wenn wir der Rednerin
desbeauftragten für die Stasiunterlagen. Der BStU kann so noch die gebotene Aufmerksamkeit schenken würden.
beispielsweise in einen zukunftsorientierten Internetauf-
tritt investieren. Durch diese Neugestaltung wird mehr Tabea Rößner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Informationsmaterial für Kinder und Jugendliche bereit-
Danke, Herr Präsident. – Sehr geehrte Damen und
gestellt, und es gibt spezielle Seiten für die Lehrerfortbil-
Herren! Freie Kunst und freie Presse sind die Säulen ei-
dung. Zudem wird der BStU – dem Gedenkstättenkonzept
ner Demokratie. Gerade in Zeiten wie diesen ist es des-
entsprechend – zusammen mit der Antistalinistischen
halb unsere Aufgabe, diese Pfeiler zu stabilisieren. Wir
Aktion ein Dokumentations- und Bildungszentrum im
können und sollten nicht das Schreiben für den Journa-
Haus 1, Normannenstraße, aufbauen, eine Dauerausstel-
listen übernehmen oder der Bildhauerin den Meißel füh-
lung, die die Funktion des Ministeriums für Staatssicher-
ren. Das Grundgesetz schützt Kunst und Presse vor
heit im System der SED-Diktatur darstellen wird.
staatlichem Einfluss – und das ist auch gut so.
Entscheidend wird auch in der Normannenstraße, wie (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
im Netz, der Dialog mit der jungen Generation sein. Hier sowie bei Abgeordneten der SPD)
möchte ich Roland Jahn zitieren, der in seiner Antritts-
rede im März sagte: Aber wir haben die Möglichkeit, Leitplanken zu set-
zen. Ein Beispiel: Das Presse-Grosso ist in Gefahr. Da-
Je besser wir begreifen, wie die Diktatur in der bei ist dieses Vertriebssystem ein wichtiger Garant für
DDR im Alltag funktioniert hat, desto besser kön- die Pressevielfalt in Deutschland. Ob klein oder groß:
nen wir, hier und heute, Demokratie gestalten. Jeder Verlag hat mit seinen Zeitungen den gleichen Zu-
16946 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Tabea Rößner
(A) gang zum Verkaufsregal. Doch jetzt will ein großer Ver- erhalten. Dabei ist gerade Ihr Ressort ein wichtiges Res- (C)
lag aussteigen. Ich frage Sie, was die Bundesregierung sort für unsere Demokratie. Aber dem werden Sie leider
plant, um das seit 60 Jahren bewährte System zu erhal- nicht gerecht. Weder befördern Sie die Debatte um Me-
ten. Hier müsste eine neue Leitplanke gesetzt werden. dienvielfalt noch unterstützen Sie den Kulturbereich in
seinem Beitrag für Demokratie.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Sie könnten in Ihrem Haushalt zum Beispiel ein For-
Die Presse ist in der Krise, Auflagen sinken, Lokalre- schungsprojekt des Archivs für Jugendkulturen fördern.
daktionen werden geschlossen und Personal wird abge- Dort werden pädagogische Konzepte entwickelt, die im
baut. Eine gute Berichterstattung wird immer schwieri- künstlerischen Diskurs Diskriminierung, Gewalt und
ger. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es noch genau Rassismus entgegenwirken sollen. Unseren Antrag dazu
drei Regionalzeitungen. Dort, wo demokratische Medien haben Sie aber abgelehnt. Dass die Bundesregierung ein
fehlen, verteilt die NPD Gratisblätter an alle Haushalte. Jugendkulturprojekt gegen Rechtsextremismus nicht för-
Deshalb brauchen wir starke Medien vor Ort, die infor- dern will, ist insbesondere vor dem aktuellen Hinter-
mieren, die aufklären und die den Rechten die Maske ab- grund das absolut falsche Signal.
reißen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN- KEN)
KEN)
Luc Jochimsen hat darauf hingewiesen: Demokratiebil-
Wie reagiert die Bundesregierung? Sie legt einen Ge- dung ist auch eine kulturpolitische Aufgabe.
setzentwurf zur Pressefusionskontrolle auf den Tisch.
Aber ob das den kleinen Verlagen wirklich helfen wird, Ähnlich wie bei den Zeitungen stoßen auch an Orten,
bezweifle ich. Sie können damit nur leichter von den wo das kulturelle Leben tot ist, Rechtsextreme in diese
Großen geschluckt werden. Nun kann man sagen: Das Lücken und verbreiten in Konzerten ihre Hasslieder.
ist völlig normal in den Märkten. – Aber weil der Deshalb brauchen wir gerade dort soziokulturelle Zen-
Medienmarkt so sensibel ist, braucht er besondere Re- tren, die das Wegbrechen der Kultur verhindern.
gulierungen. Um aber den Verlust an Vielfalt in der Pres- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
selandschaft zu verhindern, sind erleichterte Übernah-
mebedingungen der völlig falsche Weg. Durch eine Aufstockung des Fonds „Soziokultur“ und
durch eine Stärkung der Bundesvereinigung Soziokultu-
Es stellt sich die Frage, wie Zeitungen – oder besser: reller Zentren könnten Sie sich deutlich positionieren.
wie Journalismus – zukünftig überhaupt finanziert wer- Doch auch das tun Sie nicht.
(B) den können, gerade angesichts der immer größeren Nut- (D)
zung des Internets. Die Bundesregierung hat darauf seit Die Bundesregierung ist mit der Maßgabe angetreten,
Beginn ihrer Amtszeit nur eine Antwort: das Leistungs- die tragenden Säulen der Demokratie für die Zukunft zu
schutzrecht. Diese Antwort predigt die Kanzlerin bei al- festigen. Aber nach der Hälfte der Legislaturperiode
len Verlegertreffen wie das neue Evangelium der Presse. bleibt leider nur das Fazit: Sie können nicht einmal den
Ein Leistungsschutzrecht würde Verlage aber nicht ret- Beton dafür anmischen.
ten und käme vor allem wieder nur den Großen zugute, Vielen Dank.
ganz abgesehen von den rechtlichen Unklarheiten und
der Frage, wie viel von den geplanten Einnahmen ei- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
gentlich bei den Journalisten selbst ankäme. sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
KEN)
Offenbar hat sich ein Teil der Koalition unserer Mei-
nung angeschlossen, dass dieses Gesetz nichts bringt.
Daher mein Rat: Lassen Sie diesen Gesetzentwurf in der Vizepräsident Eduard Oswald:
Schublade und kümmern Sie sich um die relevanten Fra- Liebe Kolleginnen und Kollegen, weitere Wortmel-
gen! dungen liegen nicht vor. Ich schließe die Aussprache.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Wir kommen damit zur namentlichen Abstimmung
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN- über den Einzelplan 04, Bundeskanzlerin und Bundes-
KEN) kanzleramt, in der Ausschussfassung. Ich bitte die
Schriftführerinnen und Schriftführer, die vorgesehenen
Aber auch diese wollen Sie leider nicht angehen. Plätze einzunehmen. – Sind alle Plätze besetzt? – Das ist
In der Internet-Enquete sollte ein Gutachten über der Fall. Ich eröffne die Abstimmung.
neue Geschäftsmodelle in Auftrag gegeben werden. Wir Ist ein Mitglied des Hauses anwesend, das seine
hatten uns darauf geeinigt, und Gutachter wurden ange- Stimme noch nicht abgegeben hat? – Das ist nicht der
fragt. Aber kurz vor der endgültigen Beauftragung wird Fall. Ich schließe die Abstimmung und bitte die Schrift-
das Ganze abgeblasen. Dazu kann ich nur sagen: Es geht führerinnen und Schriftführer, mit der Auszählung zu
Ihnen gar nicht um die Sache. Sie wollen nicht in die Zu- beginnen. Das Ergebnis der namentlichen Abstimmung
kunft denken. Sie verharren in der Vergangenheit. wird Ihnen später bekannt gegeben.1)
Auch von Ihnen, Herr Staatsminister Neumann, habe
ich auf diese brennenden Fragen bisher keine Antworten 1) Ergebnis Seite 16948 D
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16947
Vizepräsident Eduard Oswald
(A) Darf ich Sie bitten, die Plätze wieder einzunehmen? – Zeitung mit der Aussage zitiert, dass dies ein falsches (C)
Wir fahren fort. Signal war, das nach außen gesendet worden ist. Damit
hat der Kollege Stinner, wie ich meine, uneingeschränkt
Ich rufe den Punkt II.11 auf:
recht.
Einzelplan 05
(Beifall bei Abgeordneten der SPD, der FDP
Auswärtiges Amt
und der LINKEN)
– Drucksachen 17/7105, 17/7123 –
Ich sprach von zwei Entwicklungen. Ein Zweites hat
Berichterstattung: Irritationen ausgelöst, nämlich die Kooperationsverein-
Abgeordnete Herbert Frankenhauser barung des BMZ mit dem AA. Das war eine weitere
Klaus Brandner Überraschung, die unmittelbar nach der Bereinigungs-
Dr. h. c. Jürgen Koppelin sitzung auf den Tisch kam. Wir hatten den Haushalt AA
Michael Leutert 2012 abgeschlossen – „geschlossen“, wie es formal
Sven-Christian Kindler heißt –, und dann erreichte uns eine Mail mit weitrei-
chenden und finalisierenden Kooperationsregelungen
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für zwischen BMZ und AA. Darüber wurde in der gesamten
die Aussprache eineinhalb Stunden vorgesehen. – Ich Beratungszeit nicht ein Wort verloren. Ich will dazu zwei
höre keinen Widerspruch. Dann ist dies so beschlossen. Dinge feststellen, erstens eine politische Bewertung und
Ich eröffne die Aussprache. Erster Redner in unserer zweitens eine formale Bewertung vornehmen.
Debatte ist für die Fraktion der Sozialdemokraten unser Die politische Bewertung. Im gestrigen Berichterstat-
Kollege Klaus Brandner. Bitte schön, Kollege Klaus tergespräch haben wir Fragen zur Umsetzung der Ko-
Brandner. operationsvereinbarung besprochen und vorberaten. Ich
(Beifall bei der SPD) darf an dieser Stelle dem Minister danken, dass er an ei-
nem Punkt gleich eingelenkt hat. Er hat klargestellt, dass
Klaus Brandner (SPD): die Förderkriterien und Modalitäten für die politischen
Stiftungen, sofern sie für ihre Tätigkeit in Osteuropa
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten
künftig über das AA finanziert werden sollten, an die
Damen und Herren! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen!
Förderkriterien des BMZ angepasst werden, dass diese
Bevor ich zum Einzelplan des Auswärtigen Amtes
also übernommen werden. Damit hat er zumindest einen
komme, möchte ich es nicht versäumen, Dr. Morhard,
Beitrag zur Beruhigung in der Stiftungsszene geleistet.
dem Leiter des für den Haushalt zuständigen Referats,
Dafür darf ich Ihnen an dieser Stelle danken, Herr Mi-
(B) und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die of- (D)
nister.
fene, präzise und konstruktive Zusammenarbeit zu dan-
ken. Das beziehe ich aber auch auf den Minister und sein Ich will ein Weiteres sagen. Völlig unverständlich er-
Umfeld. Ich denke, dass es in der kurzen Zeit zwischen scheint mir zum Beispiel die Regelung in Punkt 11 der
dem Berichterstattergespräch und der Ausschusssitzung Vereinbarung, und da werde ich unruhig. Ich zitiere:
– dazwischen lag nur eine Woche – sehr viel Arbeit zu
erledigen gab. Das ist mit großer Präzision und Sorgfalt AA unterstützt den Wunsch des BMZ, innerhalb
geschehen. Dafür herzlichen Dank! der Bundesregierung die ODA-Koordinierung als
Kernkompetenz zu übernehmen, und geht davon
(Beifall bei der SPD) aus, dass BMZ sich bei der ODA-Koordinierung re-
gelmäßig mit AA abstimmt.
Bevor ich auf die Eckpunkte des Haushalts 2012 ein-
gehe, möchte ich zwei Entwicklungen ansprechen, die Wenn ich an die politischen Freundschaften innerhalb
die Beratungen und die Zukunft des Auswärtigen Amts Ihrer Partei momentan und die Vergangenheit des Minis-
tangieren. ters denke, dann tut mir der Minister wirklich leid. Wenn
man Kernkompetenzen an ein anderes Ministerium über-
Die erste Entwicklung ist die UNESCO-Irritation.
trägt, das in der Sache außenpolitisch wichtige Weichen-
Viele rätseln bis heute, warum es zu der unglücklichen
stellungen vornimmt, dann habe ich große Sorgen dahin
Irritation durch die angekündigte Sperrung sämtlicher
gehend, welche Abstimmungsschrammen und welche
UNESCO-Beiträge kam. Wir Sozialdemokraten waren
Auseinandersetzungen zwischen den Häusern, insbeson-
am Morgen der Bereinigungssitzung sehr überrascht, die
dere zulasten des AA, entstehen können.
Anträge der Koalition auf Sperrvermerke über alle
UNESCO-Positionen über eine Höhe von immerhin (Beifall bei der SPD)
10,8 Millionen Euro zu hören. Erfreulicherweise hat die
Mir reicht es nicht aus – das will ich an dieser Stelle sa-
Koalition, namentlich die Kollegen Frankenhauser und
gen –, festzustellen, dass Kernkompetenzen abgegeben
Koppelin, diese Anträge sehr schnell zurückgezogen. Ich
werden; denn Sie sagen ja selbst in der Vereinbarung: Es
finde, dieser Vorstoß war ein kapitaler Fehler.
ist davon auszugehen, dass eine Abstimmung erfolgt. –
(Beifall der Abg. Dr. Rolf Mützenich [SPD] Es ist davon auszugehen! Die Abstimmung muss gar
und Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]) nicht zwingend erfolgen.
Es ist gut, dass die Anträge zurückgezogen worden sind. Wer den Aufwuchs des Etats des Auswärtigen Amts
Kollege Stinner wurde in der Frankfurter Allgemeinen sieht – er besteht in diesem Jahr fast ausschließlich aus
16948 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Klaus Brandner
(A) ODA-Mitteln; von dem Aufwuchs von 203 Millionen Übrigen auch längere Finanzierungszeiträume als, wie (C)
Euro sind 190 Millionen Euro ODA-Mittel –, der er- zurzeit angepeilt, zwei Jahre. Wir Sozialdemokraten ste-
kennt, dass diese Mittel für das AA elementar sind, und hen dafür, dass Deutschland über mehrere Jahre hinweg
hat große Sorge, dass auf diese Art und Weise die Politik als verlässlicher Partner diesen Prozess unterstützt und
des AA nicht mehr so unabhängig sein kann, wie wir sie auch in Zukunft weiter unterstützen wird und will.
uns wünschen.
(Beifall bei der SPD)
(Beifall bei der SPD)
Ich möchte noch den Bereich der auswärtigen Kultur-
Ich will zu den Eckpunkten des Haushalts 2012 kom- und Bildungspolitik ansprechen. Auch hier kann erfreu-
men. Lassen Sie mich dazu einen Bogen schlagen und licherweise eine Rücknahme der im Regierungsentwurf
auf den Etat generell eingehen. Der Etat steigt um etwa angekündigten Kürzungen bei den Schulen im Ausland
6,5 Prozent. Dadurch entstehen neue Handlungsspiel- festgestellt werden. Ich freue mich sehr, dass Sie endlich
räume für das AA, die genutzt werden müssen. Wir be- Einsicht gezeigt und etwas gegen die mittlerweile chro-
grüßen das uneingeschränkt. Insofern ist es schön, dass nische Unterfinanzierung der Schulen im Ausland getan
der Etat in diesem Jahr so deutlich wächst. Damit wer- haben. Aber ich will an dieser Stelle auch sagen: Das
den essenzielle Außenpolitikfelder wie zum Beispiel die darf nicht davon ablenken, dass die Finanzierung dieses
Sicherung von Frieden und Stabilität wieder gestärkt. So Bereichs im Kern einer Täuschung unterliegt. Denn die
wurden zum Beispiel die Mittel für den Titel für Krisen- schwarz-gelbe Koalition hat in ihrem politischen Pro-
prävention und friedenserhaltende Maßnahmen von gramm vorgesehen, dass in dieser Legislaturperiode
90 Millionen Euro auf 120 Millionen Euro angehoben. 12 Milliarden Euro für Bildung und Forschung ausgege-
Das entspricht einer langjährigen Forderung der Sozial- ben werden sollen. Der Anteil daran für auswärtige Bil-
demokraten. Wir begrüßen dies ausdrücklich. dung und Forschung im Haushalt des AA ist aber nicht
Aber ich will an dieser Stelle gleich sagen, dass bei extra ausgewiesen, sondern verschwindet im Gesamtetat
allen neuen Handlungsspielräumen in diesem Bereich und dient damit als Verfügungsmasse. Wir bestehen dar-
durch die Kooperationsvereinbarung zwischen BMZ und auf, dass die Mittel sichtbar gemacht werden und an der
AA im Titel des BMZ 15 Millionen Euro wieder abgezo- richtigen Stelle ankommen.
gen werden sollen, ohne zu wissen, welche Maßnahmen (Beifall bei Abgeordneten der SPD)
betroffen sind, die dann nicht mehr oder nur noch einge-
schränkt durchgeführt werden können. Es fehlt letztlich Die SPD hat – das möchte ich an dieser Stelle anspre-
an einem schlüssigen Konzept. Ein solches ist dringend chen – einen Pakt für Bildung und Entschuldung aufge-
anzumahnen. Ich bin dankbar, dass auch die Koalitions- stellt. Dieser setzt verlässliche Schwerpunkte. Er stärkt
(B) kollegen auf Initiative des Kollegen Frankenhauser ei- die deutschen Auslandsschulen, aber auch die Mittler- (D)
nen entsprechenden Änderungsantrag in der nächsten organisationen. Durch diesen Pakt würden im nächsten
Haushaltsausschusssitzung einbringen werden, um Jahr 80 Millionen Euro zusätzlich fließen und bei den
schnellstens das Programm für diese Vereinbarung zu er- vielen renommierten Bildungsinstitutionen im Ausland
halten, damit wir entsprechend politisch agieren können. ankommen. Wir hoffen darauf, dass wir bald wieder die
politische Mehrheit haben, um solche Vorhaben in die
Ich möchte nun auf die Transformationspartnerschaft Tat umsetzen zu können. Denn Verlässlichkeit ist ein
mit Nordafrika und dem Nahen Osten zu sprechen kom- wichtiges Zeichen unserer Außenpolitik. Dazu gehört
men. Ausdrücklich begrüße ich, auch als Vorsitzender auch die auswärtige Kulturpolitik, für die wir uneinge-
der Deutsch-Ägyptischen Parlamentariergruppe, dass für schränkt stehen.
2012 und 2013 zusätzlich 100 Millionen Euro zur Verfü-
gung gestellt werden. Aber auch das sind wiederum Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.
ODA-Mittel. Wenn die Kernkompetenzen für diese Auf-
(Beifall bei der SPD)
gaben beim BMZ liegen und nicht mehr beim AA, dann
muss man sich fragen, wie diese Aktivitäten, die wich-
tige Projekte und Maßnahmen zur Förderung der jungen Vizepräsidentin Petra Pau:
Demokratie auf den Weg bringen, zukünftig erfolgen Bevor wir in der Debatte fortfahren, gebe ich Ihnen
können. das von den Schriftführerinnen und Schriftführern ermit-
telte Ergebnis der namentlichen Abstimmung zum
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Einzelplan 04 – Geschäftsbereich der Bundeskanzlerin
Ich gehe jedenfalls davon aus, meine Damen und Her- und des Bundeskanzleramtes – bekannt: abgegebene
ren, dass hier dringend für Klarheit gesorgt werden Stimmen 580, mit Ja haben 319 Kolleginnen und Kolle-
muss; denn der Demokratisierungs- und Transformati- gen gestimmt, mit Nein 261. Es gab keine Enthaltung.
onsprozess braucht einen langen Atem. Er braucht im Der Einzelplan 04 ist damit angenommen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16949
Vizepräsidentin Petra Pau
(A) Endgültiges Ergebnis Peter Götz Paul Lehrieder Uwe Schummer (C)
Abgegebene Stimmen: 580; Dr. Wolfgang Götzer Ingbert Liebing Armin Schuster (Weil am
davon Reinhard Grindel Matthias Lietz Rhein)
Hermann Gröhe Dr. Carsten Linnemann Detlef Seif
ja: 319
Michael Grosse-Brömer Patricia Lips Johannes Selle
nein: 261 Markus Grübel Dr. Jan-Marco Luczak Reinhold Sendker
Manfred Grund Daniela Ludwig Dr. Patrick Sensburg
Ja Monika Grütters Dr. Michael Luther Bernd Siebert
Olav Gutting Karin Maag Thomas Silberhorn
CDU/CSU Florian Hahn Dr. Thomas de Maizière Johannes Singhammer
Dr. Stephan Harbarth Hans-Georg von der Marwitz Jens Spahn
Ilse Aigner
Jürgen Hardt Andreas Mattfeldt Carola Stauche
Peter Altmaier
Gerda Hasselfeldt Stephan Mayer (Altötting) Dr. Frank Steffel
Peter Aumer
Dr. Matthias Heider Dr. Michael Meister Erika Steinbach
Dorothee Bär
Helmut Heiderich Dr. Angela Merkel Christian Freiherr von Stetten
Thomas Bareiß
Mechthild Heil Maria Michalk Dieter Stier
Norbert Barthle
Ursula Heinen-Esser Dr. h. c. Hans Michelbach Gero Storjohann
Günter Baumann
Frank Heinrich Dr. Mathias Middelberg Stephan Stracke
Ernst-Reinhard Beck
Rudolf Henke Philipp Mißfelder Max Straubinger
(Reutlingen)
Michael Hennrich Dietrich Monstadt Karin Strenz
Manfred Behrens (Börde)
Jürgen Herrmann Marlene Mortler Thomas Strobl (Heilbronn)
Veronika Bellmann
Ansgar Heveling Dr. Gerd Müller Lena Strothmann
Dr. Christoph Bergner
Ernst Hinsken Stefan Müller (Erlangen) Michael Stübgen
Peter Beyer
Peter Hintze Dr. Philipp Murmann Dr. Peter Tauber
Steffen Bilger
Christian Hirte Bernd Neumann (Bremen) Antje Tillmann
Clemens Binninger
Robert Hochbaum Michaela Noll Dr. Hans-Peter Uhl
Peter Bleser
Karl Holmeier Dr. Georg Nüßlein Volkmar Vogel (Kleinsaara)
Dr. Maria Böhmer
Franz-Josef Holzenkamp Franz Obermeier Stefanie Vogelsang
Wolfgang Börnsen
Joachim Hörster Eduard Oswald Andrea Astrid Voßhoff
(Bönstrup)
Anette Hübinger Henning Otte Dr. Johann Wadephul
Wolfgang Bosbach
Thomas Jarzombek Dr. Michael Paul Marco Wanderwitz
Norbert Brackmann
Dieter Jasper Rita Pawelski Kai Wegner
Klaus Brähmig
Dr. Franz Josef Jung Ulrich Petzold Marcus Weinberg (Hamburg)
Michael Brand
Andreas Jung (Konstanz) Dr. Joachim Pfeiffer Peter Weiß (Emmendingen)
Dr. Reinhard Brandl
Dr. Egon Jüttner Sibylle Pfeiffer Sabine Weiss (Wesel I)
(B) Helmut Brandt
Ingo Wellenreuther
(D)
Dr. Ralf Brauksiepe Bartholomäus Kalb Beatrix Philipp
Hans-Werner Kammer Ronald Pofalla Karl-Georg Wellmann
Dr. Helge Braun
Steffen Kampeter Christoph Poland Peter Wichtel
Heike Brehmer
Alois Karl Ruprecht Polenz Annette Widmann-Mauz
Ralph Brinkhaus
Bernhard Kaster Eckhard Pols Klaus-Peter Willsch
Cajus Caesar
Siegfried Kauder (Villingen- Thomas Rachel Elisabeth Winkelmeier-
Gitta Connemann
Schwenningen) Dr. Peter Ramsauer Becker
Alexander Dobrindt
Volker Kauder Eckhardt Rehberg Dagmar G. Wöhrl
Thomas Dörflinger
Dr. Stefan Kaufmann Katherina Reiche (Potsdam) Dr. Matthias Zimmer
Marie-Luise Dött
Roderich Kiesewetter Lothar Riebsamen Wolfgang Zöller
Dr. Thomas Feist
Enak Ferlemann Eckart von Klaeden Josef Rief
Ewa Klamt Klaus Riegert FDP
Ingrid Fischbach
Hartwig Fischer (Göttingen) Volkmar Klein Dr. Heinz Riesenhuber Jens Ackermann
Dirk Fischer (Hamburg) Jürgen Klimke Johannes Röring Christian Ahrendt
Axel E. Fischer (Karlsruhe- Axel Knoerig Dr. Norbert Röttgen Christine Aschenberg-
Land) Jens Koeppen Dr. Christian Ruck Dugnus
Dr. Maria Flachsbarth Manfred Kolbe Erwin Rüddel Florian Bernschneider
Klaus-Peter Flosbach Hartmut Koschyk Albert Rupprecht (Weiden) Sebastian Blumenthal
Herbert Frankenhauser Thomas Kossendey Anita Schäfer (Saalstadt) Claudia Bögel
Dr. Hans-Peter Friedrich Michael Kretschmer Dr. Wolfgang Schäuble Nicole Bracht-Bendt
(Hof) Gunther Krichbaum Dr. Annette Schavan Klaus Breil
Michael Frieser Dr. Günter Krings Dr. Andreas Scheuer Rainer Brüderle
Erich G. Fritz Rüdiger Kruse Karl Schiewerling Angelika Brunkhorst
Dr. Michael Fuchs Bettina Kudla Norbert Schindler Ernst Burgbacher
Hans-Joachim Fuchtel Dr. Hermann Kues Tankred Schipanski Marco Buschmann
Alexander Funk Günter Lach Georg Schirmbeck Sylvia Canel
Ingo Gädechens Dr. Karl A. Lamers Christian Schmidt (Fürth) Helga Daub
Dr. Peter Gauweiler (Heidelberg) Patrick Schnieder Reiner Deutschmann
Dr. Thomas Gebhart Andreas G. Lämmel Dr. Andreas Schockenhoff Dr. Bijan Djir-Sarai
Norbert Geis Dr. Norbert Lammert Nadine Schön (St. Wendel) Patrick Döring
Alois Gerig Katharina Landgraf Dr. Kristina Schröder Mechthild Dyckmans
Eberhard Gienger Ulrich Lange Dr. Ole Schröder Rainer Erdel
Josef Göppel Dr. Max Lehmer Bernhard Schulte-Drüggelte Jörg van Essen
16950 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Vizepräsidentin Petra Pau


(A) Ulrike Flach Dr. Daniel Volk Lars Klingbeil Dr. Dieter Wiefelspütz (C)
Otto Fricke Dr. Guido Westerwelle Hans-Ulrich Klose Uta Zapf
Paul K. Friedhoff Dr. Claudia Winterstein Dr. Bärbel Kofler Dagmar Ziegler
Dr. Edmund Peter Geisen Dr. Volker Wissing Daniela Kolbe (Leipzig) Manfred Zöllmer
Dr. Wolfgang Gerhardt Hartfrid Wolff (Rems-Murr) Fritz Rudolf Körper Brigitte Zypries
Hans-Michael Goldmann Anette Kramme
Heinz Golombeck Nein Ute Kumpf DIE LINKE
Miriam Gruß Christine Lambrecht
Jan van Aken
Joachim Günther (Plauen) SPD Christian Lange (Backnang) Agnes Alpers
Dr. Christel Happach-Kasan Dr. Karl Lauterbach Dr. Dietmar Bartsch
Heinz-Peter Haustein Ingrid Arndt-Brauer Steffen-Claudio Lemme
Rainer Arnold Herbert Behrens
Manuel Höferlin Burkhard Lischka Karin Binder
Birgit Homburger Heinz-Joachim Barchmann Kirsten Lühmann
Doris Barnett Matthias W. Birkwald
Dr. Werner Hoyer Caren Marks Heidrun Bluhm
Heiner Kamp Dr. Hans-Peter Bartels Katja Mast
Klaus Barthel Steffen Bockhahn
Michael Kauch Hilde Mattheis Christine Buchholz
Dr. Lutz Knopek Sören Bartol Petra Merkel (Berlin)
Bärbel Bas Eva Bulling-Schröter
Pascal Kober Ullrich Meßmer Dr. Martina Bunge
Dr. Heinrich L. Kolb Dirk Becker Dr. Matthias Miersch
Uwe Beckmeyer Roland Claus
Gudrun Kopp Franz Müntefering Sevim Dağdelen
Dr. h. c. Jürgen Koppelin Lothar Binding (Heidelberg) Dr. Rolf Mützenich
Gerd Bollmann Dr. Diether Dehm
Sebastian Körber Dietmar Nietan Heidrun Dittrich
Holger Krestel Klaus Brandner Manfred Nink
Willi Brase Werner Dreibus
Patrick Kurth (Kyffhäuser) Thomas Oppermann Dr. Dagmar Enkelmann
Bernhard Brinkmann Holger Ortel
Heinz Lanfermann Klaus Ernst
(Hildesheim) Aydan Özoğuz
Sibylle Laurischk Wolfgang Gehrcke
Edelgard Bulmahn
Harald Leibrecht Heinz Paula Nicole Gohlke
Marco Bülow
Sabine Leutheusser- Johannes Pflug Diana Golze
Petra Crone
Schnarrenberger Joachim Poß Dr. Gregor Gysi
Martin Dörmann
Lars Lindemann Dr. Wilhelm Priesmeier Heike Hänsel
Elvira Drobinski-Weiß
Christian Lindner Florian Pronold Dr. Rosemarie Hein
Garrelt Duin
Dr. Martin Lindner (Berlin) Dr. Sascha Raabe Dr. Barbara Höll
Sebastian Edathy
Michael Link (Heilbronn) Mechthild Rawert Andrej Hunko
Ingo Egloff
Dr. Erwin Lotter Siegmund Ehrmann Stefan Rebmann Ulla Jelpke
(B) Oliver Luksic Dr. h. c. Gernot Erler Gerold Reichenbach Dr. Lukrezia Jochimsen (D)
Horst Meierhofer Petra Ernstberger Dr. Carola Reimann Harald Koch
Patrick Meinhardt Karin Evers-Meyer Sönke Rix Jan Korte
Gabriele Molitor Elke Ferner René Röspel Jutta Krellmann
Jan Mücke Gabriele Fograscher Dr. Ernst Dieter Rossmann Katrin Kunert
Petra Müller (Aachen) Dr. Edgar Franke Karin Roth (Esslingen) Caren Lay
Burkhardt Müller-Sönksen Sigmar Gabriel Axel Schäfer (Bochum) Sabine Leidig
Dr. Martin Neumann Michael Gerdes Bernd Scheelen Ralph Lenkert
(Lausitz) Martin Gerster Marianne Schieder Michael Leutert
Dirk Niebel Iris Gleicke (Schwandorf) Ulla Lötzer
Hans-Joachim Otto Günter Gloser Werner Schieder (Weiden) Dr. Gesine Lötzsch
(Frankfurt) Ulrike Gottschalck Ulla Schmidt (Aachen) Thomas Lutze
Cornelia Pieper Angelika Graf (Rosenheim) Silvia Schmidt (Eisleben) Ulrich Maurer
Gisela Piltz Kerstin Griese Carsten Schneider (Erfurt) Dorothée Menzner
Dr. Christiane Ratjen- Michael Groschek Swen Schulz (Spandau) Cornelia Möhring
Damerau Michael Groß Ewald Schurer Kornelia Möller
Dr. Birgit Reinemund Wolfgang Gunkel Frank Schwabe Niema Movassat
Dr. Peter Röhlinger Hans-Joachim Hacker Dr. Martin Schwanholz Wolfgang Nešković
Dr. Stefan Ruppert Bettina Hagedorn Rolf Schwanitz Thomas Nord
Björn Sänger Klaus Hagemann Stefan Schwartze Petra Pau
Marina Schuster Michael Hartmann Rita Schwarzelühr-Sutter Jens Petermann
Dr. Erik Schweickert (Wackernheim) Sonja Steffen Richard Pitterle
Werner Simmling Hubertus Heil (Peine) Peer Steinbrück Yvonne Ploetz
Judith Skudelny Rolf Hempelmann Dr. Frank-Walter Steinmeier Ingrid Remmers
Dr. Hermann Otto Solms Dr. Barbara Hendricks Christoph Strässer Paul Schäfer (Köln)
Joachim Spatz Gustav Herzog Kerstin Tack Dr. Ilja Seifert
Dr. Max Stadler Gabriele Hiller-Ohm Dr. h. c. Wolfgang Thierse Kathrin Senger-Schäfer
Torsten Staffeldt Petra Hinz (Essen) Franz Thönnes Raju Sharma
Dr. Rainer Stinner Dr. Eva Högl Wolfgang Tiefensee Kersten Steinke
Stephan Thomae Christel Humme Rüdiger Veit Sabine Stüber
Florian Toncar Josip Juratovic Ute Vogt Alexander Süßmair
Serkan Tören Oliver Kaczmarek Dr. Marlies Volkmer Dr. Kirsten Tackmann
Johannes Vogel Johannes Kahrs Andrea Wicklein Frank Tempel
(Lüdenscheid) Ulrich Kelber Heidemarie Wieczorek-Zeul Dr. Axel Troost
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16951
Vizepräsidentin Petra Pau
(A) Kathrin Vogler Hans-Josef Fell Agnes Krumwiede Tabea Rößner (C)
Sahra Wagenknecht Dr. Thomas Gambke Fritz Kuhn Claudia Roth (Augsburg)
Halina Wawzyniak Kai Gehring Stephan Kühn Krista Sager
Harald Weinberg Katrin Göring-Eckardt Renate Künast Manuel Sarrazin
Jörn Wunderlich Britta Haßelmann Markus Kurth Elisabeth Scharfenberg
Sabine Zimmermann Bettina Herlitzius Monika Lazar Christine Scheel
Priska Hinz (Herborn) Dr. Tobias Lindner Dr. Gerhard Schick
BÜNDNIS 90/DIE Dr. Anton Hofreiter Nicole Maisch Dr. Frithjof Schmidt
GRÜNEN Bärbel Höhn Agnes Malczak Dorothea Steiner
Ingrid Hönlinger Jerzy Montag Dr. Wolfgang Strengmann-
Kerstin Andreae Thilo Hoppe Kerstin Müller (Köln) Kuhn
Marieluise Beck (Bremen) Uwe Kekeritz Beate Müller-Gemmeke Hans-Christian Ströbele
Volker Beck (Köln) Katja Keul Ingrid Nestle Dr. Harald Terpe
Cornelia Behm Memet Kilic Dr. Konstantin von Notz Markus Tressel
Birgitt Bender Sven-Christian Kindler Omid Nouripour Jürgen Trittin
Viola von Cramon-Taubadel Maria Klein-Schmeink Friedrich Ostendorff Daniela Wagner
Ekin Deligöz Ute Koczy Dr. Hermann E. Ott Wolfgang Wieland
Katja Dörner Tom Koenigs Lisa Paus Dr. Valerie Wilms
Harald Ebner Oliver Krischer Brigitte Pothmer Josef Philip Winkler

In der Debatte zum Einzelplan 05 – Auswärtiges Amt – Von Marokko über Tunesien bis nach Libyen und Ägyp-
hat nun der Kollege Dr. Rainer Stinner für die FDP-Frak- ten wird Deutschland als wichtiger Partner zur Problem-
tion das Wort. lösung angesehen und herangezogen. Das können Sie
überall in diesen Ländern erkennen.
(Beifall bei der FDP)
(Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Das glau-
ben Sie doch selbst nicht!)
Dr. Rainer Stinner (FDP):
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! – Aber selbstverständlich. Fahren Sie doch nach Kairo,
Auch außenpolitisch stellt die Euro-Schuldenkrise si- fahren Sie nach Tunis, dann werden Sie sehen, dass man
cherlich die größte Herausforderung dar, der wir uns ge- dort auf Deutschland schaut. – Nicht ohne Grund ist in
genwärtig gegenübersehen. Wenn ein kanadischer Kol- Libyen gefordert worden, dass Deutschland vom ersten
(B)
lege zu mir sagt, er habe sich den Wecker gestellt, um Tage an ein wichtiges Mitglied der Libyen-Kontakt- (D)
mitzubekommen, wie der Deutsche Bundestag zur EFSF gruppe bleibt. Daher geht der Anwurf der Opposition,
abstimmt, wenn uns chinesische Finanzpolitiker sagen, wir seien hier isoliert, völlig ins Leere.
dass Deutschland der Anker ist, an dem das Weltfinanz-
system hängt, dann erkennen wir die außenpolitische Di- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
mension dieser Debatte. der CDU/CSU)
Ein weiteres Markenzeichen deutscher Außenpolitik
Deshalb ist es ganz wichtig, dass ich für meine Frak-
ist die zunehmende Zahl von bilateralen Kooperationen
tion eingangs feststelle: Selbstverständlich liegt die Zu-
mit China, Russland, Palästina oder Israel. Eine solch in-
kunft Deutschlands nur in Europa.
tensive Kooperation hat es vorher nie gegeben. Das ist
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) eine neue Qualität deutscher Außen- und Sicherheitspo-
litik.
Selbstverständlich kann deutsche Außenpolitik nur euro-
päisch eingebettet denkbar sein. Selbstverständlich wer- Die deutsche Außenpolitik ist in den letzten zwei Jah-
den wir unsere Verantwortung für die Stabilität der euro- ren, bezogen auf das deutsch-polnische Verhältnis, einen
päischen Währung entsprechend wahrnehmen. Etwas großen Schritt weitergekommen. Ein Signal dafür ist das
anderes ist für die liberale Partei nicht denkbar. gemeinsame Vorgehen von Herrn Westerwelle und
Herrn Sikorski gegenüber Russland. Ich möchte deutlich
(Beifall bei der FDP) sagen, dass die Bemühungen unserer Staatsministerin
Pieper zur Verbesserung des deutsch-polnischen Verhält-
Das sind wir vor unserer Geschichte schuldig, vor allem
nisses nur in den höchsten Tönen zu würdigen sind.
aber vor den Anforderungen der Zukunft, die nur euro-
päisch denkbar ist. (Beifall bei der FDP sowie des Abg. Dr. Andreas
Schockenhoff [CDU/CSU])
Das zweite wichtige Thema ist sicherlich der Um-
bruch in der arabischen Welt. Hier möchte ich gleich ein- Auf diesem Gebiet haben wir viel erreicht. Wir können
gangs mit einem Missverständnis – um es höflich auszu- sagen, dass das deutsch-polnische Verhältnis so gut ist
drücken – aufräumen, nämlich dem Missverständnis im wie noch niemals zuvor. Das stellen wir mit Freude fest.
Rahmen der Anschuldigung, deutsche Außenpolitik sei
hier isoliert. Genau das Gegenteil ist der Fall. In Bezug auf Afghanistan haben diese Bundesregie-
rung und insbesondere dieser Außenminister ein neues
(Beifall bei Abgeordneten der FDP) Kapitel aufgeschlagen. Die Londoner Konferenz im Ja-
16952 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Dr. Rainer Stinner


(A) nuar 2010 hat erstmals – zu spät, aber immerhin – er- (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – (C)
möglicht, dass wir in der NATO ein gemeinsames Ver- Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Das war
ständnis und eine gemeinsame Strategie für das auch schon mal besser!)
Afghanistan-Problem entwickelt haben.
Vizepräsidentin Petra Pau:
Der Bundesaußenminister hat zu Beginn dieses Jahres
Das Wort hat der Kollege Michael Leutert für die
zwei Ankündigungen gemacht: zum einen, dass der
Fraktion Die Linke.
Übergang der Verantwortung zur Mitte dieses Jahres be-
ginnen sollte, und zum anderen, dass zum Ende des Jah- (Beifall bei der LINKEN)
res 2011 mit einer verantwortbaren Reduzierung der
deutschen Soldaten in Afghanistan begonnen wird. Michael Leutert (DIE LINKE):
Beide Versprechen werden eingehalten. Bei dem Man- Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
dat, das wir im Dezember erstmals beraten werden, ist Herr Minister, von meiner Seite recht herzlichen Dank
die Obergrenze, wie Ihnen mitgeteilt worden ist, deutlich an Sie und an die Berichterstatter für die Informationen
reduziert worden. und die fairen Verhandlungen. Ich möchte am Anfang
ein Lob aussprechen: Es gibt jedes Jahr zu jedem Minis-
Die Afghanistan-Konferenz in Bonn ist ein weiteres
terium eine Bemerkung des Bundesrechnungshofes. Ihr
Zeichen dafür, welche Rolle Deutschland international
Ministerium sticht durchaus positiv hervor: Wenn es
bei der Problemlösung spielt. Wir können stolz darauf Probleme gibt, werden sie schnell beseitigt.
sein, dass die ganze Welt nach Deutschland bzw. nach
Bonn kommt, um an diesem schwierigen Problem wei- Ich muss Ihnen allerdings sagen: Das war es dann
terzuarbeiten. auch schon mit Lob. Denn wenn man sich die Zahlen
einmal anschaut, muss man feststellen: In Ihrem Bereich
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten herrschen einigermaßen chaotische Zustände. Ich
der CDU/CSU) möchte das gerne darstellen. Es gibt bei Ihnen ein Auf
und Ab: Im letzten Jahr sind die Mittel des AA um
Damit befinden wir uns an einem wesentlichen Kern- 90 Millionen Euro gekürzt worden, 2012 gehen die Mit-
punkt deutscher Außenpolitik, nämlich dem Einsatz der tel wieder um 203 Millionen Euro nach oben, in der mit-
Bundeswehr. Wir sind dafür. Wir wissen, dass es wich- telfristigen Finanzplanung sehen wir, dass es wieder um
tig, notwendig und verantwortungsvoll ist, deutsche Sol- 208 Millionen Euro nach unten gehen soll. Das zeigt
daten einzusetzen. Das tun wir in Afghanistan, im Ko- sich natürlich auch bei den einzelnen Haushaltstiteln, die
sovo, in Bosnien-Herzegowina, vor Libanon und am uns sehr wichtig sind, zum Beispiel bei den Mitteln für
(B) Horn von Afrika. Aber wir alle wissen, dass endgültige humanitäre Hilfe und Krisenprävention: Letztes Jahr (D)
Lösungen natürlich nur auf politischem Wege erreichbar sind die Mittel um 96 Millionen Euro gekürzt worden,
sind. Es ist ein Kernpunkt deutscher Außenpolitik, dass jetzt steigen sie um 82 Millionen Euro an. Bezüglich der
wir diesen Ansatz weiterentwickelt haben. Nicht um- mittelfristigen Finanzplanung haben wir eine Vermu-
sonst haben wir in dieser Legislaturperiode erstmals tung; ich komme gleich darauf zurück.
einen Unterausschuss „Zivile Krisenprävention und ver-
netzte Sicherheit“ eingerichtet. Das entspricht der Denk- Ich möchte zunächst einmal auf eine neue Entwick-
richtung der Bundesregierung. lung eingehen. Am 17. Oktober hatten wir unser Bericht-
erstattergespräch. Am 8. November hatten wir die Berei-
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich zum Ab- nigungssitzung. Zwei Tage später, am 10. November,
schluss sagen: Natürlich haben wir bei der Gemein- bekamen wir ein Papier auf den Tisch: eine Koopera-
samen Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen tionsvereinbarung zwischen dem BMZ und dem Aus-
Union noch ein dickes Brett zu bohren; das stimmt ohne wärtigen Amt. Nun weiß ich nicht, was Ihr Ziel ist; viel-
jeden Zweifel. Es ist aber auch ohne jeden Zweifel rich- leicht sind es die ersten Schritte zur Auflösung des
tig – damit komme ich zu dem zurück, was ich eingangs BMZ, die Sie einmal angekündigt hatten. Fest steht: Sie
gesagt habe –: Ohne Europa wird Deutschland in Zu- haben in diesem Papier auch angekündigt, dass von den
kunft nicht bestehen können. Wir müssen uns entschei- Mitteln für die zivile Krisenprävention wiederum
den, ob wir und unsere nachfolgenden Generationen in 15 Millionen Euro weggenommen werden sollen. Da
Zukunft als Einzelstaat Objekt weltpolitischer Entschei- tauchen bei mir natürlich einige Fragen auf. Die erste
dungen sein wollen oder ob wir im Rahmen europäischer Frage ist: Warum führen wir dann überhaupt noch Be-
Solidarität, eines europäischen Verbundes, weiter Sub- richterstattergespräche? Die zweite Frage ist: Welche
jekt dieser Entscheidungen sind, Projekte sollen denn überhaupt zum BMZ überführt wer-
den? Wir hatten seinerzeit eigentlich einen Aufwuchs
(Beifall des Abg. Dr. Andreas Schockenhoff der Mittel im Haushalt für diesen Bereich geplant. Da
[CDU/CSU]) stellt sich für mich die dritte Frage: War das eigentlich
eine Irreführung von uns Haushältern? Die Kürzung der
das heißt, ob wir weiter an den weltpolitischen Entschei- Mittel für die Projekte, die zum BMZ überführt werden
dungen teilnehmen wollen. Wir wollen Letzteres. Das sollen, war nämlich schon eingeplant.
will auch die Bundesregierung. Dabei unterstützen wir
sie. Es sieht aber nicht nur im Haushalt so aus, sondern
auch bei einigen Programmen. Ich möchte hier beispiel-
Vielen Dank. haft das Aussteigerprogramm für die Taliban nennen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16953
Michael Leutert
(A) Vor knapp zwei Jahren, letztes Jahr im Januar, wurde zustimmen. Ich vermute allerdings, Sie werden auf Ihren (C)
hier groß angekündigt: Es gibt einen Kurswechsel; wir Pfaden weiterwandeln. Deshalb kann ich Ihnen nur sa-
haben sozusagen ein Wundermittel für Afghanistan ge- gen: Wir müssen den Haushalt ablehnen.
funden; 50 Millionen Euro sollen für das sogenannte Ta-
Vielen Dank.
liban-Aussteigerprogramm bereitgestellt werden. – Jetzt,
nach zwei Jahren, ist es so: Wir haben nicht wirklich ge- (Beifall bei der LINKEN)
naue Erkenntnisse darüber, welche Ergebnisse vorliegen.
Wir können so viel sagen: Es gibt ungefähr 30 000 Auf- Vizepräsidentin Petra Pau:
ständische. Von denen sind angeblich 2 000 integrations- Das Wort hat der Kollege Philipp Mißfelder für die
willig. Das Ergebnis ist jetzt, dass in den knapp zwei Unionsfraktion.
Jahren 170 ehemalige Aufständische in Lohn und Brot
gebracht worden sind, im Übrigen im Bereich der Mi- (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
nenräumung. Selbst der ehemalige Innenminister von neten der FDP)
Afghanistan hat kürzlich der Welt erklärt, er sehe den
Friedensprozess als gescheitert an. Philipp Mißfelder (CDU/CSU):
Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Linke schlägt Frau Präsidentin! Sehr verehrte Kolleginnen und Kol-
vor, etwas mehr Ordnung in diesen Bereich hineinzu- legen! Vor einem Jahr waren alle Augen auf die Ge-
bringen. Ich möchte Ihnen vorschlagen: Schließen Sie schichte und den Wandel in Europa gerichtet. Wir feier-
doch bitte demnächst eine Kooperationsvereinbarung ten das Jubiläum des Einigungsvertrages, den Zwei-
mit dem Verteidigungsministerium ab. Dabei geht es um plus-Vier-Vertrag und letztendlich unsere deutsche Ein-
Folgendes: Wir schlagen vor – dazu liegen auch Anträge heit. Der Europäische Auswärtige Dienst war gerade
der Linken vor –, dass der Haushalt des Auswärtigen frisch geschaffen und das neue Strategische Konzept der
Ausschusses ein klar ziviler Haushalt ist. Alles Militäri- NATO verabschiedet worden. Deutschland war mit sehr
sche hat aus diesem Haushalt zu verschwinden. großer Unterstützung in den Weltsicherheitsrat gewählt
worden. Es hatte zu einer sehr erfolgreichen Konflikt-
(Beifall bei der LINKEN) diplomatie und dank unseres Bundesaußenministers zu
Damit meinen wir die über 47 Millionen Euro, die für einer Entspannung der Lage zwischen Serbien und dem
den NATO-Zivilhaushalt oder die Erweiterung des Kosovo beigetragen.
NATO-Hauptquartiers vorgesehen sind. Außerdem Unmittelbar zu der Zeit, als wir über den Haushalt
schlage ich vor, noch einmal in Betracht zu ziehen – dar- diskutiert haben, ereignete sich südlich Europas etwas,
über haben wir schon vor zwei Jahren gesprochen –, die womit wir alle nicht gerechnet hatten. Im Dezember
(B) Rückerstattungen der UN in Bezug auf Militärauslands- 2010, beginnend mit der Selbstverbrennung eines jungen (D)
einsätze, die im Verteidigungsetat landen, an das Aus- Mannes, entstand im Nahen und Mittleren Osten Un-
wärtige Amt zurückzubuchen; denn die Beiträge an die ruhe. Daraus erwuchs der arabische Frühling, mit dem
UN werden ebenfalls aus dem Etat des Auswärtigen wir so nicht gerechnet hatten. Das stellt die Außenpolitik
Amts gezahlt. Deutschlands vor eine besonders große Herausforde-
Wir schlagen außerdem vor, dass Sie die Kürzungen rung.
beim Titel „Maßnahmen der Abrüstung, Rüstungskont- Schon früh haben gerade die Koalitionsfraktionen
rolle und Nichtverbreitungszusammenarbeit“ zurück- und auch die Bundesregierung – an der Spitze unser Au-
nehmen. Das ist eine Sache, die uns extrem wichtig ist. ßenminister – deutliche Initiativen ergriffen. Sie sind in
Seit Ihrem Amtsantritt wurde dieser Titel von 64 Millio- Tunesien, in Ägypten und, wie wir aktuell sehen, in Sy-
nen Euro auf 40 Millionen Euro heruntergefahren. Wenn rien tätig geworden, wo wir an führender Stelle versu-
wir die derzeitige Situation betrachten, können wir Fol- chen, dem Unrecht entgegenzutreten und deutlich zu
gendes feststellen: In Libyen tauchen G-36-Gewehre aus machen, wo unsere wertebezogene Außenpolitik in die-
deutscher Produktion auf, die eigentlich für Ägypten be- sem Zusammenhang steht. Das ist nicht einfach; denn
stimmt waren. Der Spiegel meldete am 13. November: die Erwartungshaltung, die wir gerade in Bezug auf den
Maschinenpistolen von Heckler & Koch aus deutscher arabischen Frühling hatten, ist an vielen Stellen schon
Produktion wurden in Indien an Polizeieinheiten ausge- jetzt – das kann man zumindest als Zwischenbilanz hier
geben, die in Menschenrechtsverletzungen verstrickt so sagen – enttäuscht worden. Es gab viele naive Haltun-
sind. – Es werden Leopard-Panzer deutscher Produktion gen. Manche Fehleinschätzung gibt es nach wie vor.
nach Saudi-Arabien geliefert. Mittlerweile ist es so, dass
die ehemalige Kanzlermaschine im Iran herumfliegt, Wir freuen uns über Demokratisierungsprozesse, ma-
wahrscheinlich mit Ahmadinedschad. chen uns aber gleichzeitig über Radikalisierungstenden-
zen große Sorgen. Trotzdem darf man nicht alles über ei-
Wenn ich diese Entwicklung betrachte, dann muss ich nen Kamm scheren. Die Menschen in Tunesien
sagen: Wir brauchen diese Gelder in Zukunft für Rüs- beispielsweise haben bewusst eine Entscheidung für al-
tungskontrolle, Nichtverbreitung und Abrüstung. Nahda getroffen. Deshalb lohnt es sich auch, genau hin-
zuschauen, mit welchen handelnden Personen man es
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
dort zu tun hat. Da gibt es Moderate, da gibt es zum Teil
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Extremisten. Deshalb ist gerade der persönliche Einsatz
Wenn Sie diesen Vorschlägen der Linken folgen all derjenigen, die sich in der Region besonders engagie-
könnten, dann könnten wir eventuell diesem Haushalt ren, notwendig. Es ist wichtig, sich dort einzubringen,
16954 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Philipp Mißfelder
(A) um die jungen und sich herausbildenden Demokratien eine besondere Verantwortung zuteil. Dieser müssen wir (C)
aufzubauen und dafür zu sorgen, dass das, was wir an gerecht werden. Deswegen wiederhole ich hier, was un-
demokratischen Werten vertreten, dort Einzug hält. Das sere Bundeskanzlerin 2008 in ihrer historischen Rede in
funktioniert nur, wenn man behilflich ist, eine funktio- der Knesset gesagt hat: Für uns steht unumstößlich fest,
nierende Parteiendemokratie und damit eine parlamenta- dass die Sicherheit Israels ein Teil der deutschen Staats-
rische Demokratie aufzubauen. Diesen Beitrag leistet räson ist. – Danach richtet sich ein Großteil unserer Au-
das Auswärtige Amt in hervorragender Art und Weise. ßenpolitik in dieser Region und darüber hinaus.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der FDP)
Wenn wir in die Region insgesamt blicken, stellen wir
fest: Wir machen uns an vielen Stellen große Sorgen. Das bedeutet, dass es für uns zu keinem Zeitpunkt ak-
Die Schwierigkeiten unseres tagtäglichen Handelns lie- zeptabel ist, dass sich das Mächtegewicht weiter ver-
gen darin, dass es eben nicht Schwarz und Weiß gibt. schiebt.
Saudi-Arabien ist vorhin schon angesprochen worden.
Ich glaube, keiner von uns hat ein gutes Gefühl dabei, (Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Was heißt
wenn man sich in diesen Regionen bewegt, weil keiner denn das?)
sagen kann: Man weiß immer alles zu 100 Prozent, und Es ist auch nicht akzeptabel, dass es ein Land wie der
man hat immer mit all dem recht, was man sagt. Iran unter dem Deckmantel eines zivilen Programms
Trotzdem sind außenpolitische Entscheidungen häu- wagt – wie wir heute durch die Berichte der Internatio-
fig nicht nur emotionale Entscheidungen, sondern in ers- nalen Atomenergie-Organisation wissen –, eine hegemo-
ter Linie natürlich auch interessengeleitete Entscheidun- niale Stellung einzunehmen, und zwar mit der strategi-
gen. Gerade dann, wenn man nicht von einer Schwarz- schen Möglichkeit des Einsatzes von Atomwaffen. Wir
Weiß-Einteilung sprechen kann, muss man gewisse sagen ganz klar Nein zu einer atomaren Aufrüstung die-
Grauzonen benennen und auch in Kauf nehmen. So be- ser Region. Es sollten alle diplomatischen Möglichkei-
findet sich diese Bundesregierung mit unserer parlamen- ten ausgeschöpft werden. Dazu gehören auch weiter ge-
tarischen Unterstützung auf dem Weg zahlreicher Vor- hende Sanktionen, um den Iran von diesem Weg
gängerregierungen, die sich im Übrigen auch mit den abzubringen.
Realitäten arrangieren mussten; denn gerade im Nahen (Beifall des Abg. Roderich Kiesewetter [CDU/
Osten ist tatsächlich nicht alles so, wie wir es uns wün- CSU])
schen würden.
Hier ist Deutschland besonders gefragt, und zwar
Im Hinblick auf den Irak wünschen wir uns, dass nach nicht in erster Linie als Vermittler, sondern als ein Land, (D)
(B)
dem Abzug der Amerikaner, der unmittelbar bevorsteht, das vorangeht und deutlich macht – trotz zahlreicher gu-
mehr Frieden und mehr Freiheit Einzug halten. Das gilt ter Erfahrungen im bilateralen Handel mit dem Iran; er
allerdings nur für einen Teil des Irak. Es gibt eine kleine, hat über Jahre stattgefunden –, dass hier politisch schon
engagierte Region, nämlich Nordirak bzw. Kurdistan, längst eine rote Linie überschritten worden ist. Deshalb
die dafür sorgt, dass das, was wir voranbringen wollen, begrüße ich es ausdrücklich, dass der amerikanische Prä-
beispielsweise die Religionsfreiheit, eine Chance be- sident, der französische Präsident und der britische Pre-
kommt. Das gilt für den größeren Teil des Irak leider mierminister härtere Sanktionen auf den Weg bringen
nicht. wollen, um deutlich zu machen, dass der Iran uns schon
Unser Engagement, das sich vor allem auf die Länder viel zu lange an der Nase herumführt. Ich glaube, die
des arabischen Frühlings konzentriert, gilt der gesamten Bundesregierung ist auf dem richtigen Weg, wenn sie
Region. Wir hoffen natürlich, dass der Irak kein zweiter diese Bemühungen unserer Verbündeten unterstützt.
Libanon wird. Wir müssen mit den Möglichkeiten, die (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
wir haben, umgehen. Das Auswärtige Amt und die Ent- der FDP)
wicklungshilfe machen dies. Die sehr erfolgreiche Reise
von Bundesminister Niebel zu Beginn dieses Jahres Wir blicken voller Sorge in einige Regionen. Bleiben
zeigt, dass wir bereit sind, Verantwortung zu überneh- wir einen kurzen Moment bei den Veränderungen im Na-
men und in die Region zu gehen. Mit einem wirtschaft- hen Osten und den Umwandlungsprozessen in der arabi-
lichen Austausch können wir teilweise mehr bewirken schen Welt. Wir wollen, dass die universellen Men-
als mit Worten, die wir hier zu diesem Thema finden. schenrechte wie Freiheit für alle Menschen gelten. Die
Frauenrechte kommen teilweise zu kurz. Diesbezüglich
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
waren die Hoffnungen weitaus größer. Die Realisierung
der FDP)
dieser Rechte in dieser Region bleibt hinter den Hoff-
Eine der maßgeblichen Leitlinien unserer Nahostpoli- nungen zurück. Ferner möchte ich ansprechen, dass ge-
tik – deshalb freue ich mich auch, dass sich die Bundes- rade die Fraktion der Christdemokraten und der Christ-
regierung in den vergangenen Wochen so engagiert ein- sozialen voller Solidarität und voller Mitgefühl an der
gesetzt hat – ist und bleibt, den Nahost-Friedensprozess Seite der verfolgten Christen in dieser Region steht. Mit
voranzubringen. Da die Erwartungshaltung insbesondere großer Sorge blicken wir – vor allem unser Fraktionsvor-
in Israel wesentlich höher geworden ist, als das noch vor sitzender engagiert sich in dieser Frage sehr stark – auf
einigen Jahren der Fall war – damals haben israelische die Situation der Christen in der Region, sei es im Irak,
Politiker vor allem auf Amerika gesetzt –, wird uns allen sei es in Ägypten. Wir beobachten die Situation der
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16955
Philipp Mißfelder
(A) christlichen Minderheit dort mit großer Sorge. Zu De- nämlich in der Titelgruppe 07, bei Krisenprävention, (C)
mokratie und Freiheit gehört für uns eben auch Religi- Friedenserhaltung und humanitärer Hilfe. Wenn ich jetzt
onsfreiheit. Das will ich hier deutlich zum Ausdruck in den Haushaltsentwurf schaue, stelle ich fest, dass un-
bringen. ser Druck und unsere Anträge Wirkung gezeigt haben:
Sie nehmen einen Teil dieser brutalen Kürzungen wieder
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und zurück. Das ist auch gut.
der FDP)
Was ich aber nicht verstehe, ist Folgendes: Herr Mi-
Unsere Außenpolitik ist in erster Linie wertegebun- nister Westerwelle, Sie sagen immer, dass Abrüstung ei-
den. Natürlich steht sie immer in einem Spannungsver- ner Ihrer Schwerpunkte sein soll, weil Sie sie besonders
hältnis zu einer interessengeleiteten Außenpolitik, gerade wichtig finden. Warum haben Sie dann nicht die Kür-
im Falle einer wichtigen Exportnation, die Deutschland zung im Bereich der Abrüstung korrigiert? Warum fristet
nun einmal ist. die Abrüstung immer noch ein Nischendasein im Haus-
(Sven-Christian Kindler [BÜNDNIS 90/DIE halt? Warum wird in diesem Haushalt kein Schwerpunkt
GRÜNEN]: Das heißt auch: Panzer exportie- beim Thema Abrüstung gesetzt?
ren!)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
– Zu den Panzern sage ich gerne noch etwas. Wir haben
Aber auch bei den Ansätzen in den Bereichen zivile
hier ja schon mehrmals darüber diskutiert. Sie persönlich
Krisenprävention und humanitäre Hilfe bleiben Sie hin-
tragen für frühere Entscheidungen zwar nicht die Verant-
ter den Notwendigkeiten zurück. Das ist eine zaghafte
wortung, aber ich weise Sie trotzdem noch einmal darauf
Fehlerkorrektur. Was wir brauchen, ist ein langfristiges
hin, dass sich auch andere Regierungen in einem schwie-
Konzept zur Absicherung von humanitärer Hilfe und
rigen Spannungsverhältnis befanden und schwierige Ab-
Krisenprävention. Wir haben dafür einen Finanzierungs-
wägungsentscheidungen zu treffen hatten. Ich denke,
vorschlag unterbreitet: Wir wollen die Ticketabgabe im
dass die strategischen Argumente, die wir hier mehrmals
Flugverkehr erhöhen und damit eine langfristige Finan-
angeführt haben, am Ende überwiegen. Natürlich bewegt
zierung erreichen. Die Koalition hat das abgelehnt.
man sich in einer Grauzone, wenngleich klar ist, dass das
Verfahren genauso transparent, genauso demokratisch Weiterhin brauchen wir eine nachhaltige Finanzie-
und genauso abgewogen durchgeführt wurde wie bei al- rung. Gerade im Bereich der Krisenprävention wirkte
len anderen schwierigen Waffenexporten der Vergangen- sich dieses Hin und Her, dieses Auf und Ab, diese Kür-
heit. Der Unterschied ist nur, dass wir weniger Waffen zung fatal aus. Dadurch wurde massiv Vertrauen zer-
exportieren, als die Herren und die Damen von der Grü- stört, in der Szene, aber auch international.
(B) nen-Fraktion es früher getan haben. (D)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Zum Abschluss möchte ich an ein vergessenes Thema sowie des Abg. Klaus Brandner [SPD])
erinnern, an Weißrussland. Wir engagieren uns – das ist
ganz klar – auch für die in weißrussischen Gefängnissen Wenn wir den Blick nach Nordafrika und den Nahen
verbliebenen Gefangenen, die vom letzten Diktator in Osten werfen, so wissen wir, dass Außenpolitik nachhal-
Europa unterdrückt werden. tig sein muss. Die Menschen aus verschiedenen arabi-
schen Ländern sind für Demokratie, für Rechtsstaatlich-
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie keit auf die Straße gegangen. Diese verdienen unseren
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE Respekt, unsere Solidarität, aber auch unsere finanzielle
GRÜNEN) Unterstützung. Denn wir wissen, dass das Ende einer
Diesbezüglich sollten wir als Deutscher Bundestag weit- Diktatur oder Gewaltherrschaft nicht bedeutet, dass es
aus mehr tun und uns viel stärker engagieren. sofort Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gibt. Deswe-
gen ist es wichtig, dass Transformationsgelder in diesem
Herzlichen Dank, meine Damen und Herren. Haushalt bereitgestellt werden. Das große Problem ist
nur – daran zeigt sich die mangelnde Nachhaltigkeit Ih-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) rer Politik –: Es ist nicht richtig finanziert. Die ODA-
Mittel sind nicht in die Finanzplanung eingestellt. Weil
Vizepräsidentin Petra Pau: demokratischer Aufbau Zeit braucht, müssen Sie sich
Das Wort hat der Kollege Kindler für die Fraktion dafür einsetzen, Herr Westerwelle, dass die Gelder lang-
Bündnis 90/Die Grünen. fristig und nachhaltig finanziert werden.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Sven-Christian Kindler (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- sowie bei Abgeordneten der SPD)
NEN):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Überhaupt nicht nachhaltig und verlässlich für die
Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! In Demokratisierung der arabischen Welt ist, wenn Sie als
den letzten Jahren hat diese schwarz-gelbe Koalition im Regierung Diktaturen, in denen Menschenrechte und
Bereich des Haushalts des Auswärtigen Amtes gerade Demokratie mit Füßen getreten werden, und Gewaltherr-
bei der Menschlichkeit gekürzt, scher unterstützen. Einerseits Reden für mehr Demokra-
tie halten, andererseits 200 Kampfpanzer nach Saudi-
(Dr. Rainer Stinner [FDP]: Was?) Arabien liefern wollen, das ist keine Grauzone, Herr
16956 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Sven-Christian Kindler
(A) Mißfelder, sondern eine schizophrene und zynische Au- Vizepräsidentin Petra Pau: (C)
ßenpolitik. Für die FDP-Fraktion hat der Kollege Dr. Djir-Sarai
das Wort.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
KEN) der CDU/CSU)

Ins Bild passt auch, dass Ihre Haushälter, Herr Wester- Dr. Bijan Djir-Sarai (FDP):
welle, alle Gelder für die UNESCO in der Bereinigungs- Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und
sitzung sperren wollten. Die Arbeit der UNESCO in vie- Herren! Wenn wir eine Debatte über den Haushalt des
len Krisenregionen der Welt hätte Schaden genommen. Auswärtigen Amts führen, so ist klar, dass diese Debatte
Aber dies hätte auch dem Multilateralismus insgesamt mehr sein muss als das einfache Vortragen des reinen
schweren Schaden zugefügt. Deswegen war es sehr gut, Zahlenwerkes. Daher ist es wichtig, dass wir bei einer
dass auf massiven Druck von uns diese Sperrung verhin- solchen Debatte auch die wichtigsten außenpolitischen
dert wurde. Ereignisse des Jahres betrachten und daraus Schlussfol-
gerungen für die deutsche Außenpolitik ziehen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD) Das für mich nach wie vor unglaublichste außenpoli-
tische Ereignis des Jahres bis zu diesem Zeitpunkt ist der
Diese peinliche Geschichte zeigt wieder einmal erschre- Aufstand in der arabischen Welt. Dieses Ereignis und die
ckenderweise, wie inkompetent und unzuverlässig die damit verbundene politische Entwicklung wird nicht nur
schwarz-gelbe Außenpolitik ist. Nordafrika, nicht nur die arabischen Länder, sondern die
gesamte Welt nachhaltig beeinflussen.
Zur Kompetenz der Außenpolitik. Mit dem Staatsmi-
nister Hoyer verlässt jetzt ein erfahrener Außenpolitiker Der Aufstand in der arabischen Welt ist daher eine
diese Regierung. Man muss sich fragen: Welches Gewicht Herausforderung für die deutsche und die europäische
hat die deutsche Außenpolitik bald in der Welt? Dazu muss Außenpolitik. Auf diese Herausforderung muss eine
man sich einmal vergegenwärtigen, wer die neue Spitze kluge europäische Außenpolitik vorbereitet sein. Ich bin
des Auswärtigen Amtes ist: Herr Westerwelle, Frau Pie- dankbar, dass die deutsche Außenpolitik auf diese Her-
per, Frau Homburger. Daran kann man klar sehen, welche ausforderung vorbereitet ist. Ich bin auch dankbar, dass
Rolle Deutschland zukünftig außenpolitisch in der Welt die deutsche Entwicklungspolitik auf diese Herausforde-
spielen wird. rung bestens vorbereitet ist.
(B) Wir haben gerade in der Debatte zum Bundeskanzler- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten (D)
amt gehört, welche Relevanz die Energiewende für un- der CDU/CSU)
sere Gesellschaft hat. Das ist eine ganz wichtige Frage. Ich bin dankbar und sehr zufrieden, dass für 2012 zu-
Nach dem nuklearen Super-GAU in Fukushima sind sätzlich Mittel für Maßnahmen der Demokratieförderung
hunderttausend Menschen hier auf die Straße gegangen, in diesen Regionen bereitgestellt wurden. Es werden neue
haben den Atomausstieg erzwungen und dafür gesorgt, Mittel in Höhe von 50 Millionen Euro für die Transfor-
dass alte Schrottreaktoren abgeschaltet wurden und die mationsländer zur Verfügung gestellt. Dabei werden
Laufzeitverlängerung zurückgenommen wurde. Doch wichtige Projekte, angefangen bei guter Regierungsfüh-
was macht diese Regierung international? Diese Regie- rung, Institutionenberatung und Korruptionsbekämpfung
rung will international weiter neue Atomkraftwerke bis hin zu Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung, un-
bauen. terstützt. Das ist sehr gut und auch notwendig.
Der interministerielle Ausschuss, in dem Sie Mitglied Genauso notwendig ist es nach wie vor, sich intensiv
sind, Herr Westerwelle, hat erst im September die Grund- und aufmerksam mit Afghanistan zu beschäftigen. Auch
satzzusage für die Hermesbürgschaft für das AKW Angra 3 zehn Jahre nach Einsatzbeginn ist die zukünftige Ent-
verlängert, obwohl wir längst wissen, dass es für Angra 3 wicklung dieses Landes trotz der vielfältigen Bemühun-
kein Sicherheitskonzept, kein Evakuierungskonzept gibt, gen der internationalen Gemeinschaft schwer vorherzu-
es in einem erdbeben- und erdrutschgefährdeten Gebiet sehen. Afghanistan ist und bleibt ein schwieriges Thema.
errichtet werden soll, es keine unabhängige Atomaufsicht Besonders der Abzug der deutschen Truppen, der bald
in Brasilien gibt und inzwischen die Menschen in Brasi- ansteht, wird das Land vor eine große Herausforderung
lien in Umfragen nach Fukushima gegen den Bau von stellen. Auch hier bin ich sehr dankbar, dass das finanzi-
Angra 3 sind. Deswegen fordere ich Sie auf, Herr Wester- elle Engagement für Afghanistan in 2012 auf dem bishe-
welle: Sorgen Sie im interministeriellen Ausschuss dafür, rigen hohen Niveau fortgesetzt wird. Wir wollen und
dass die Hermesbürgschaft nicht gegeben wird. Ihre Au- können nicht ewig in Afghanistan bleiben. Wir wollen
ßenpolitik ist schon schizophren und unzuverlässig ge- und können Afghanistan aber weiterhin zur Seite stehen.
nug. Machen Sie das nicht noch schlimmer, sondern sor- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
gen Sie dafür, dass dieser Hochrisikomeiler Angra 3 der CDU/CSU)
endgültig beerdigt wird.
Vor diesem Hintergrund sind der gewählte Ansatz und
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN die damit verbundenen Projekte der Bundesregierung
sowie bei Abgeordneten der SPD) völlig richtig. Wir sind nicht nur Gastgeber einer Konfe-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16957
Dr. Bijan Djir-Sarai
(A) renz, sondern wir haben eine Führungsrolle bei der Ge- Kollegen bereits gesagt. Man könnte meinen, alles sei (C)
staltung der Zukunft Afghanistans. Deutschland wird gut. Ich würde mich freuen, wenn es so wäre. Das ist
den politischen Prozess der Aussöhnung und Reintegra- aber leider nicht der Fall. Das zeigt ein Blick auf die mit-
tion nicht nur begleiten, sondern auch unterstützen. telfristige Finanzplanung. Die Steigerungen sind von nur
sehr kurzer Dauer. Bereits für das Jahr 2013, also das
Unterstützenswert finde ich es aber auch – ich komme
übernächste Jahr, sind Kürzungen um 5 Prozent geplant.
zu einem anderen Bereich –, dass bei den Mitteln für
auswärtige Kultur- und Bildungspolitik nicht gespart Ich will auch an die Tatsache erinnern, dass es in die-
wird. Im Haushalt 2012 werden wir den größten Posten sem Jahr, im Jahr 2011, besonders große und, offen ge-
für auswärtige Kultur- und Bildungspolitik in der Ge- sagt, auch sehr fatale Kürzungen gerade im Bereich der
schichte des Auswärtigen Amtes haben. zivilen Krisenprävention und Konfliktbearbeitung gab.
Dort fehlten im Vergleich zum Jahre 2010 mehr als
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
80 Millionen Euro.
der CDU/CSU)
Das ist – Kollege Brandner, das haben Sie gerade bestä- Wenn ich das zusammenfasse, dann muss ich leider
tigt – eine wesentliche Säule der deutschen Außenpoli- sagen, dass die Zahlen des Haushalts zeigen, dass es
tik. Das Auswärtige Amt hält an der Maxime fest: keine nicht mehr als ein kurzes Aufflackern ist, wenn Sie nicht
Mittelkürzungen bei Bildung und Forschung. Dabei langfristig und dauerhaft die Mittel für die zivile Krisen-
konnten die Ansätze für Stipendien, Wissenschaftsbezie- prävention und humanitäre Aufgaben aufstocken. Erst
hungen und die deutsche Sprache auf dem hohen Niveau dann, meine sehr geehrten Herren und Damen, wird es
der Vorjahre gehalten werden. Das ist, wie ich finde, ein wirklich zu einer überzeugenden Strategie.
richtiger Ansatz. (Beifall bei der SPD sowie des Abg.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten Dr. Frithjof Schmidt [BÜNDNIS 90/DIE
der CDU/CSU) GRÜNEN])

Lassen Sie mich eine abschließende Bemerkung zum Ein kurzfristiges Auf und Ab hilft leider niemandem.
Haushalt machen. Das Auswärtige Amt trägt, wie auch Deshalb sage ich ausdrücklich: Notwendig ist eine lang-
die anderen Ressorts, zur Konsolidierung des Bundes- fristige Aufstockung dieser Haushaltstitel.
haushaltes bei. Das Auswärtige Amt nimmt seine origi- Was die jetzige Regierungskoalition betrieben hat, ist
nären Aufgaben erfolgreich wahr und trägt gleichzeitig eine Schadensbegrenzung. Die Nichtregierungsorganisa-
solidarisch zur Erreichung der Kriterien der Schulden- tionen, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
bremse bei. Das ist gut und muss bei solchen Debatten und, wie ich denke, nicht zuletzt auch die Opposition
(B) ebenfalls lobend erwähnt werden. sind gegen die Haushaltskürzungen in diesem Jahr (D)
Vielen Dank. Sturm gelaufen. Die Proteste sind scheinbar auch bei der
Bundesregierung angekommen. Das ist gut. Aber: Bitte
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) nicht nur für ein Jahr, sondern auf Dauer!

Vizepräsidentin Petra Pau: (Beifall bei der SPD)


Das Wort hat die Kollegin Edelgard Bulmahn für die Ich finde, Sie müssten hier Mut haben und gerade in den
SPD-Fraktion. Bereichen der zivilen Krisenprävention und der humani-
(Beifall bei der SPD) tären Hilfe die Akzente richtig setzen und die Haushalts-
mittel auf Dauer, auch in der mittelfristigen Finanzpla-
nung, aufstocken.
Edelgard Bulmahn (SPD):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Ich will als weiteren Punkt ausdrücklich den arabi-
Kolleginnen und Kollegen! In einer Haushaltsdebatte schen Frühling nennen, weil der arabische Frühling, die
geht es in erster Linie um Zahlen – scheinbar. In Wirk- Umbrüche in Nordafrika und die Rufe nach Demokratie
lichkeit geht es um politische Zielsetzungen, es geht um und Menschenrechten im Nahen Osten für uns alle – über
politische Strategien – in diesem Fall um außenpoliti- alle Fraktionen hinweg – ein ganz wichtiges und auch ein
sche Strategien –, und es geht um Schwerpunktsetzun- ermutigendes Signal darstellen.
gen. Deshalb freue ich mich, Herr Bundesminister, dass Ich will aber auch sagen, dass die Nachrichten, die
Sie jetzt doch in dieser Debatte reden werden, obwohl uns aus Syrien oder aktuell aus Kairo erreichen, deutlich
dies ursprünglich offensichtlich nicht geplant war. Als machen, dass der Wunsch nach Demokratie und politi-
Parlament erwarten wir, dass Sie Ihre politischen Ziel- scher Selbstbestimmung in diesen Ländern auf massiven
setzungen und Strategien darlegen. Das ist das gute Widerstand stößt. Menschen werden verfolgt und getötet.
Recht des Parlaments. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Demokratiebewe-
(Beifall bei der SPD) gung, diejenigen, die wirklich für mehr Selbstbestimmung
und Demokratie eintreten, eine starke Unterstützung aus
Wenn ich auf die Zahlen schaue, kann ich sagen, dass der Bundesrepublik Deutschland erhalten
sie auf den ersten Blick erfreulich sind. Das Budget des
Auswärtigen Amtes wächst um 6 Prozent. Gerade im (Beifall bei der SPD sowie des Abg.
Bereich der zivilen Krisenprävention und der auswärti- Dr. Frithjof Schmidt [BÜNDNIS 90/DIE
gen Kulturpolitik gibt es Aufwüchse; das haben meine GRÜNEN])
16958 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Edelgard Bulmahn
(A) und dass sie diese Unterstützung – wiederum – nicht nur Außenpolitik gemacht und dargestellt, wie hier unseres (C)
kurzfristig erhalten. Erachtens Fortschritte erzielt werden können. Es ist
schade, dass es bisher keine Stellungnahme und auch
Ein solcher Transformationsprozess ist nicht in zwei
keine Positionierung der Regierungsfraktionen dazu gibt.
Jahren abgeschlossen; er dauert länger. Deshalb muss
Ich appelliere an die Kolleginnen und Kollegen, dass dies
auch hier die Hilfe langfristig geleistet werden, und sie
geleistet wird, weil wir sonst nicht vorankommen. Ich
muss schwerpunktmäßig gegeben werden; denn sonst
glaube, es ist gut, wenn man gerade bei diesen Fragen
hat Außenpolitik keinen Erfolg. Eine außenpolitische
miteinander um die richtigen Wege, um die richtigen In-
Strategie hat nur dann Erfolg, wenn sie langfristig ver-
strumente und auch um die richtigen Lösungen streitet.
folgt wird, wenn auch die langen Linien stimmen und
wenn die Schwerpunkte richtig gesetzt sind.
Vizepräsidentin Petra Pau:
(Beifall des Abg. Klaus Brandner [SPD]) Kollegin Bulmahn, Sie können gerne weiterreden,
Nur dann können wir – und das müssen wir auch – un- aber das geschieht dann auf Kosten Ihrer Fraktionskolle-
sere Beiträge leisten: zum wirtschaftlichen Aufbau, zum gen.
Aufbau demokratischer Strukturen, zum Aufbau von
Justiz, Polizei und Verwaltung in diesen Ländern, um Edelgard Bulmahn (SPD):
nur einige Beispiele zu nennen. Dazu braucht es zweifel- Sehr geehrte Frau Präsidentin, ich will dann wie folgt
sohne eine finanzielle Grundlage, aber eben auch den schließen: Es muss darum gehen, die außenpolitische
politischen Gestaltungswillen und eine politische Kon- Strategie und die Konzeption nicht nur für die Afghani-
zeption. stan-Politik, sondern insgesamt für die nächsten zwei
Das, meine sehr geehrten Herren und Damen, gilt im Jahre darzulegen, anstatt zum Beispiel über fachliche
Übrigen auch für Afghanistan. Es reicht eben nicht, nur Kompetenzen und ein Hin- und Hergeschiebe zwischen
finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen. Notwendig den beiden Häusern BMZ und Auswärtiges Amt zu strei-
ist auch das politische Konzept. Da stelle ich schon die ten. Ich habe die Hoffnung, dass das in dieser Debatte
Frage – auch an Sie, Herr Bundesminister –: Wo ist das vielleicht noch gelingen wird.
politische Konzept für die Afghanistan-Konferenz, die Vielen Dank.
schon in zwei Wochen in Bonn stattfinden wird?
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
(Beifall bei Abgeordneten der SPD – des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister: Ist
doch schon längst da!)
(B) Vizepräsidentin Petra Pau: (D)
Wir haben im Auswärtigen Ausschuss noch nicht ein Das Wort hat die Kollegin Erika Steinbach für die
einziges Wort dazu gehört. Wir haben auch im Bundes- Unionsfraktion.
tag dazu noch keine Aussagen gehört. Wenn man zwei
Wochen vorher nicht weiß, wohin man will, dann habe (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
ich große Sorge, ob diese Konferenz zu dem Erfolg füh- neten der FDP)
ren wird, den wir alle wollen. Wir alle wollen einen Er-
folg dieser Konferenz, weil wir wissen, dass dies für die Erika Steinbach (CDU/CSU):
Entwicklung in Afghanistan von immenser Bedeutung Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und
ist. Herren! Frau Kollegin Bulmahn, Sie irren. Die Bundes-
Aber dazu gehört auch, dass der Bundesaußenminis- regierung macht eine kontinuierlich menschenrechtskon-
ter und die Regierung wissen, was sie erreichen wollen, forme Politik – auch hinsichtlich der Krisenprävention.
und durch Verhandlungen den Weg dazu bereiten, sodass (Michael Leutert [DIE LINKE]: Saudi-
sie dann auch praktisch prüfen können: Haben wir ei- Arabien!)
gentlich das erreicht, was wir uns vorgenommen haben?
Bisher müssen wir hier ein großes Fragezeichen setzen; Diese Bundesregierung hat noch keinen Präsidenten zum
denn wir zumindest wissen davon nichts. Es kann ja lupenreinen Demokraten erklärt, der ein solcher niemals
sein, dass Sie das mit Ihren Mitarbeitern erörtert haben. gewesen ist. Das muss ich auch einmal deutlich hinzufü-
Aber ich denke, zum politischen Prozess gehört auch, gen.
dass man Verbündete und Mitstreiterinnen und Mitstrei-
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
ter hat. Nur dann kann man einen politischen Erfolg er-
neten der FDP)
zielen.
Außenpolitik ist auch Menschenrechtspolitik. Das ist
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
heute in allen Redebeiträgen zu erkennen gewesen. Die
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Herausforderungen, denen sich Deutschland im Bereich
Sie, Herr Westerwelle, haben immer – ich finde: zu der Menschenrechte gegenübersieht, sind in den letzten
Recht – darauf hingewiesen, dass man mit militärischen Jahren nicht kleiner geworden. Im Gegenteil: In vielen
Mitteln keine Konflikte lösen kann, sondern dass man da- Bereichen prallen religiöse, ethnische oder ideologische
für Politik und zivile Mittel braucht. Wir, die SPD-Frak- Vorstellungen nach wie vor sehr aggressiv aufeinander,
tion, haben schon vor etwa einem Jahr Vorschläge für die und es gibt im Bereich der Menschenrechte leider auch,
Weiterentwicklung einer an zivilen Mitteln orientierten wie am Beispiel von Russland zu erkennen ist, dramati-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16959
Erika Steinbach
(A) sche Rückentwicklungen – dort, wo man es nicht vermu- rigkeiten unter Strafe gestellt werden. Das ist ein wichti- (C)
ten sollte und wo man sich anderes erhofft hätte. ges Zeichen, wie ich meine. Viele Ägypter hoffen nun
auf Freiheit und Menschenrechte nach den Wahlen. Ich
Die Einhaltung von Menschenrechten ist ethisches glaube, wir alle hier im Hause hoffen mit ihnen, dass
Fundament für die demokratische, für die kulturelle und sich diese Sehnsüchte in Ägypten am Ende erfüllen wer-
sogar auch für die wirtschaftliche Entwicklung eines je- den.
den Landes. Dafür engagieren wir uns hier im Deutschen
Bundestag, und dafür engagiert sich die deutsche Au- Mit großer Sorge sehen wir die Entwicklung in Syrien.
ßenpolitik dieser Regierung kontinuierlich – von Anbe- Aber die Menschen haben trotz des brutalen Vorgehens
ginn an. des Assad-Regimes die Angst vor den syrischen Geheim-
diensten überwunden und gehen Tag für Tag auf die
Wir leben in sehr turbulenten Zeiten. Der gesamte Straße und versuchen, sich ihre Freiheit zu erkämpfen.
Nahe Osten ist im Umbruch. Die Hoffnungen der Men- Das ist für ein Volk, das über Jahre hinweg nur ein Leben
schen, die dort leben, sind gewachsen. Durch die tunesi- im Ausnahmezustand kannte, das sich jetzt wehrt, das in-
sche Revolution wurde der arabische Stein ins Rollen zwischen 3 500 Tote und mehr als 10 000 Verhaftete, Ge-
gebracht. Volksbewegungen in Ägypten, Libyen und folterte und Gequälte zu beklagen hat, sehr bewunderns-
Bahrain folgten und gaben den Anstoß für den politi- wert. Auch dieser Freiheitsbewegung wünschen wir viel
schen Wandel in diesen Ländern, allerdings – auch das Erfolg und danach einen verantwortungsvollen Umgang
ist heute in den Beiträgen schon deutlich geworden – mit mit ihrer Freiheit.
noch offenem Ausgang.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Bei aller Euphorie ist auch Skepsis durchaus ange-
bracht: Aber die Instabilität der gesamten Region wird auch
von der transnational organisierten Kriminalität genutzt.
So hat der Übergangsrat in Libyen nach dem Tode Überall, wo es die Möglichkeiten dazu gibt, kann man
Gaddafis angekündigt, die zukünftige Verfassung an der das beobachten. Erst in den vergangenen Tagen erreich-
Scharia ausrichten zu wollen. Was das bedeutet, weiß je- ten uns Meldungen von Organentnahmen an Flüchtlin-
der, der sich damit beschäftigt. gen auf der Sinaihalbinsel in einem ganz erschreckenden
Ausmaß. Medienberichten zufolge sind Tausende davon
In Tunesien wurde im vergangenen Monat gewählt,
betroffen. In diesem Zusammenhang kann man nicht nur
und die islamistische Ennahdha-Partei ist jetzt mit gro-
von korrupten Ärzten oder Medizinern sprechen. Dahin-
ßem Vorsprung stärkste Kraft im Parlament geworden.
ter steckt organisierte Kriminalität.
Die Ennahdha-Partei spricht von Freiheit und Demokra-
(B) tie. Wir hoffen sehr, dass dies auch umgesetzt wird. Der Einsatz für Menschenrechte ist über den arabi- (D)
Gleichzeitig fordert sie aber die Einhaltung einer stren- schen Raum hinaus weltweit nach wie vor dringend ge-
gen religiösen Linie, und es gibt vor diesem Hintergrund boten. Es ist Kern unserer werteorientierten Außenpoli-
Übergriffe von Salafisten auf Kinos und Fernsehstatio- tik, dass wir uns für Menschenrechte einsetzen.
nen, die Filme von Regisseurinnen ins Programm aufge-
nommen haben. Die Möglichkeiten der Frauen sind also Wir befinden uns in den Haushaltsberatungen. Geld
deutlich eingeschränkt. Welche Rechte werden die ist wohl wichtig; es wird mit diesem Haushaltsplan aus-
Frauen und die anderen Menschen, die nach ihren Über- reichend Geld zur Verfügung gestellt. Aber noch wichti-
zeugungen in diesem Land leben wollen, dort denn zu- ger ist, dass wir diese Themen immer wieder aufgreifen.
künftig haben? All das ist völlig offen. Die Bundesregierung, der Außenminister, die Bundes-
kanzlerin sprechen überall dort, wo sie das Wort ergrei-
In Ägypten werden in der kommenden Woche die ers- fen, immer wieder Menschenrechte mit der entsprechen-
ten freien Parlamentswahlen seit sehr, sehr langer Zeit be- den Sensibilität an; wir hier im Hause – davon nehme
ginnen. Das ist hocherfreulich, aber auch in Ägypten – das ich niemanden aus – versuchen in Gesprächen mit Men-
können wir nun Abend für Abend, Tag für Tag beobach- schen aus anderen Ländern immer wieder, zu erklären,
ten – wollen islamistische Kräfte, die sich derzeit im Hin- was Menschenrechte bedeuten. Wir können nicht davon
tergrund halten, die Wahlen gewinnen, und sie machen ausgehen, dass alle ihren Wert sofort erkennen, etwa die-
mobil. Überschattet werden die Vorbereitungen der Wah- jenigen, die nicht so wie wir in Freiheit leben durften.
len zudem durch Unruhen und Repressionen durch das Daran können wir alle gemeinsam mitarbeiten – über
Militär, durch den Geheimdienst und durch die Polizei. den Haushaltsplan hinaus.
Anfang November titelte Zeit Online wörtlich: „Für Danke schön.
Kopten gibt es keinen Arabischen Frühling“. Weiter
schrieb sie: (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die Christen sind die Verlierer der Revolution: Sie
werden verfolgt und getötet. Vizepräsidentin Petra Pau:
Der Bundesminister des Auswärtigen, Dr. Guido
Es gab am 9. Oktober ein Massaker in Kairo. Im An- Westerwelle, hat das Wort.
schluss an diese grausame Tat wurde – das ist gut – das
neue Antidiskriminierungsgesetz auf den Weg gebracht, (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
mit dem Benachteiligungen aufgrund religiöser Zugehö- der CDU/CSU)
16960 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

(A) Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister des Aus- den arabischen Frühling. Wir sprechen von einem arabi- (C)
wärtigen: schen Frühling; das ist aber in Wahrheit eine unscharfe
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Begrifflichkeit. Der arabische Frühling, wenn wir ihn so
Ich möchte die Gelegenheit nutzen, mich nicht nur für nennen wollen, hat übrigens auch nicht in Tunesien be-
die konstruktive Debatte, wie sie bislang stattgefunden gonnen, sondern mit der Farbe Grün im Iran. Wir sollten
hat, sehr herzlich zu bedanken, sondern ausdrücklich niemals vergessen, dass es im Iran nicht nur ein Nuklear-
auch allen Berichterstattern meinen Dank auszuspre- programm gibt, das wir zu besprechen haben, sondern
chen. Ich glaube, dass die Zusammenarbeit mit den Be- auch viele freiheitsliebende Menschen, die unterdrückt
richterstattern und dem Haushaltsausschuss sachorien- wurden und werden. Wir wollen sie nicht vergessen, nur
tiert gewesen ist und dass die aufgeworfenen Fragen, die weil die Scheinwerfer zurzeit nicht dorthin gerichtet
wir gestern, Herr Kollege Brandner, mit den Berichter- sind.
stattern erörtert haben, beantwortet werden können. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie
Über die zeitliche Abfolge habe ich Ihnen gestern das bei Abgeordneten der SPD und des BÜND-
Notwendige gesagt. NISSES 90/DIE GRÜNEN)
In der Sache will ich die Frage beantworten, die Sie Das ist das Selbstverständnis: zu differenzieren statt nur
als Vertreter der Haushälter der größten Oppositionsfrak- zu dem etwas zu sagen und zu tun, was gerade in den
tion hier im Hohen Hause angesprochen haben: Warum Abendnachrichten besonders wichtig ist. Das bewegt
legen wir die Strukturen der humanitären Hilfe zusam- mich genauso wie Sie.
men? Warum ist das unsere politische Absicht? Warum
Ein Beispiel: Mit etwas Glück und Konsequenz
arbeiten wir daran? Das hat einen ganz einfachen Grund:
könnte es sein, dass der Friedensplan des Golfkoopera-
Es soll die Effizienz unserer Arbeit erhöhen. Es ist nicht
tionsrates endlich auch durch Präsident Salih für Jemen
logisch und auch nicht sinnvoll, dass beispielsweise bei
angenommen wird. Es wäre allerhöchste Zeit, dass das
einer humanitären Katastrophe das Kochgeschirr über tatsächlich geschieht. Zurzeit schaut man nicht dorthin,
das Auswärtige Amt angeliefert wird und die Nahrung, aber die Menschen im Jemen haben immer noch berech-
die darin gekocht wird, über ein anderes Ministerium be- tigte Wünsche und Sehnsüchte. Man hat auch nicht im
zogen wird. Wenn solche Strukturen zusammengelegt Blick, was evolutionär vorangeht: die Reformen, die in
werden, bündelt das unsere Kräfte und erhöht die Effizi- den drei Monarchien Marokko, Jordanien und Oman
enz. eingeleitet worden sind. Man schaut nicht dorthin, weil
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten es keine entsprechenden Bilder gibt. Trotzdem unter-
der CDU/CSU) stützt die Bundesregierung den Transformationsprozess
in den evolutionären Ländern genauso wie in den revolu-
(B) Dieser Gedanke steckt dahinter; es sind keine geheimen tionären Ländern. Das ist meiner Meinung nach der rich- (D)
Absichten. Deswegen sage ich das hier noch einmal. tige Ansatz.
Frau Kollegin Bulmahn, Sie haben die Frage gestellt, (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
warum ich nur kurz bzw. am Schluss der Debatte spre-
che. Ich will es Ihnen sagen: Bei uns ist es übliches Par- Wenn Sie sich selbst prüfen, dann müssten Sie sich auch
dahinter versammeln und sagen: Das ist die richtige Po-
lamentsverständnis, dass die Minister nur auf Wunsch in
litik.
der zweiten und dritten Beratung sprechen und dass das
Parlament Priorität hat. In Tunesien gibt es doch positive Signale, nämlich
dass diese Wahlen friedlich stattgefunden haben. Dort
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten wird Geschichte geschrieben. Nach Jahrzehnten der
der CDU/CSU) Herrschaft von Ben Ali ist das, was dort stattgefunden
Bei Ihnen ist das offensichtlich anders. Sie wünschen hat, Geschichte. Das Ende der Geschichte ist noch nicht
sich etwas anderes. Wir haben – übrigens gerade in der klar. Aber es ist ein Anfang gemacht. Deswegen müssen
Zeit der Opposition – immer großen Wert darauf gelegt, wir das konstruktiv unterstützen, aber auch immer und
dass die zweite und dritte Beratung die Stunde des Parla- immer wieder hinschauen.
ments ist. Aber wenn Sie es möchten, werde ich selbst- Für Ägypten gilt, was ich in Ägypten gesagt habe, auf
verständlich das Wort ergreifen. Weil wir den Haushalt dem Tahrir-Platz und an anderen Orten: Die Revolution
in der ersten Beratung mit einer ausführlichen Einbrin- in Ägypten hängt an einem seidenen Faden. Wir müssen
gungsrede von mir vorgestellt haben, rege ich aber an, unsere ganze Kraft einsetzen, damit aus einem Transfor-
dass Sie, wenn Sie ein Defizit sehen, interfraktionell eine mationsprozess ein wirklicher Wandel wird. Die Men-
strategische Debatte zur Außenpolitik vereinbaren, die schen in diesen Ländern haben nicht nur gegen alte Dik-
dann auch etwas mehr Redezeit für alle Beteiligten mit tatoren und autokratische Regime, sondern auch für
sich bringt. In Anbetracht der Umbrüche in der Welt etwas demonstriert: für Lebenschancen, Demokratie,
glaube ich: Hohe Zeit wäre es. Freiheit und Pluralität. Dabei müssen sie zu jeder Stunde
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) unsere Unterstützung haben, egal welcher Partei wir an-
gehören. Das ist die Gemeinsamkeit der Demokraten.
Aber das ist Ihre Entscheidung als Abgeordnete des Das ist die werteorientierte Außenpolitik, Frau Kollegin
Deutschen Bundestages. Steinbach, die Sie zu Recht angesprochen und eingefor-
dert haben.
Ich möchte zwei sachliche Anmerkungen machen, die
mir besonders wichtig sind. Das betrifft zunächst einmal (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16961
Bundesminister Dr. Guido Westerwelle
(A) Zu Afghanistan habe ich bereits Regierungserklärun- chen Kosten des NATO-Kriegs in Afghanistan. Seit zehn (C)
gen abgegeben. Wir verfolgen den mit Ihnen besproche- Jahren führt die Bundeswehr nunmehr Krieg am Hindu-
nen Weg. Darauf haben Sie sich öffentlich positiv einge- kusch. Es ist nicht nur für die zahlreichen Opfer der
lassen. Warum soll hier Schärfe hineingebracht werden? deutschen Kriegspolitik fatal, was dort in unserem Na-
men geschieht. Laut dem Institut der deutschen Wirt-
Ich will eine Schlussbemerkung zu einem aus meiner schaft kostete der deutsche Anteil an diesem schmutzi-
Sicht zentralen Thema machen. Viele Fragen sind wich- gen Krieg bisher bis zu 33 Milliarden Euro. Jährlich
tig, auch zum Thema Nahost, aber dazu fehlt mir die schlage der deutsche Kriegseinsatz mit bis zu 3 Milliar-
Zeit. Ich will abschließend nur noch eine Bemerkung den Euro zu Buche. Das ist auch vor dem Hintergrund
machen. Wir haben heute Morgen eine lebendige und der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise einfach uner-
wichtige Diskussion über das Krisenmanagement in Eur- träglich. Was könnte mit diesem Geld alles getan wer-
opa geführt. Ich möchte als Außenminister nur einen Ge- den?
danken hinzufügen: Ich glaube, es reicht nicht, wenn wir
die Menschen in Europa und auch in Deutschland mit- (Beifall bei der LINKEN)
nehmen wollen, dass wir uns ausschließlich über das
Wenn man diese Kriegskosten beispielsweise auf
Krisenmanagement austauschen, sondern es ist ebenso
meinen Wahlkreis Bochum umrechnet, wird die ganze
notwendig, dass wir alle gemeinsam eine europäische
Dimension klar. Die Kriegskosten treffen nämlich auch
Geschichte schreiben und erkennen, dass es hier in
unsere Kommunen. Umgerechnet bezahlt die Stadt Bo-
Wahrheit nicht nur um die europäische Frage geht, son-
chum über 13 Millionen Euro jährlich für den Afghanis-
dern auch um die deutsche Frage. Es geht darum, ob
tan-Krieg. Das ist doppelt so viel, wie die Stadt Bochum
Deutschland unbeirrt Teil der europäischen und interna-
bisher jährlich für die Gesundheitsvorsorge ausgibt.
tionalen Gemeinschaft sein will, und ich glaube, wir
Während in den Städten und Gemeinden Theater, Biblio-
sollten uns nicht nur mit der Lösung der Krise auseinan-
theken, Schwimmbäder, ganze Schulen bis hin zu Kran-
dersetzen und kontrovers darüber streiten, sondern wir
kenhäusern geschlossen werden, steht diese Bundesre-
sollten alle gemeinsam auch die Meinung vertreten: Wir
gierung dafür, dass dies noch viele Jahre so weitergehen
sind eingebettet in Europa, und diesbezüglich darf nie-
soll. Wir als Linke sagen: Hier ist eine Umkehr nötig. Je-
mand Zweifel säen.
der Euro und jeder Cent für diesen verbrecherischen
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Krieg ist einer zu viel.
Sven-Christian Kindler [BÜNDNIS 90/DIE (Beifall bei der LINKEN)
GRÜNEN]: Sagen Sie das mal der FDP!)
Ihre Rede vom Abzugsdatum 2014 ist, wie sich jetzt
Vizepräsidentin Petra Pau: erneut herausstellt, eine Legende, eine glatte Lüge. Im
(B) (D)
Das Wort hat die Kollegin Sevim Dağdelen für die Vorfeld der Petersberg-II-Konferenz nächste Woche in
Fraktion Die Linke. Bonn wird über ein Stationierungsabkommen verhan-
delt, das eine Präsenz von NATO-Truppen über das Jahr
(Beifall bei der LINKEN) 2024 hinaus vorsieht. Diskutiert wird über bis zu 50 000
ausländische Soldaten, die dauerhaft am Hindukusch
Sevim Dağdelen (DIE LINKE): bleiben sollen. Allein um die Bevölkerung hier in
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Deutschland zu täuschen, erzählen Sie das Märchen vom
Herren! Herr Minister Westerwelle, es reicht einfach Abzug.
nicht aus, dass Sie sich hier hinstellen und positiv über (Michael Brand [CDU/CSU]: Reden Sie mal
den arabischen Frühling sprechen; denn Sie haben auf über Menschenrechte in Afghanistan!)
der anderen Seite bis kurz vor Schluss an der Seite von
Diktatoren wie Mubarak gestanden. Sie reden vom Abzug und vom Frieden, aber Sie führen
Krieg. Hören Sie endlich auf, den Menschen Sand in die
(Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Sehr rich- Augen zu streuen!
tig!)
(Beifall bei der LINKEN)
Es ist auch nicht akzeptabel, dass Sie, wie jetzt aktuell,
beharrlich zu den über 30 Toten auf dem Tahrir-Platz ge- Krise und Krieg sind lediglich zwei Seiten ein und
schwiegen haben. Ihr Schweigen war eine Schande, Herr derselben Medaille. Der NATO-Krieg in Afghanistan
Minister. Überhaupt hat die Regierung lange gebraucht, muss beendet werden. Die Bundeswehr muss umgehend
um über die Massaker auf dem Tahrir-Platz zu sprechen. abgezogen werden. Diesen Krieg können wir uns im
Es war auch nur die Rede von Nachrichten, und es er- Wortsinne nicht mehr leisten. Deshalb unterstützt die
ging ein Appell an beide Seiten, keine Gewalt mehr an- Linke die Proteste gegen die Petersberg-Konferenz, auf
zuwenden. Ich empfinde das als beschämend. der wieder in alter kolonialistischer Manier fernab von
Afghanistan über die Zukunft und auch über die Men-
(Gunther Krichbaum [CDU/CSU]: Und Sie schen Afghanistans mit korrupten Regierungen und
gratulieren Fidel Castro zum Geburtstag! Das Kriegsverbrechern wie Karzai entschieden werden soll.
ist Ihre Auffassung von Menschenrechten!) Während Sie diese Kriegsverbrecher hofieren, wird sich
die Linke an der Seite der hiesigen Bevölkerung an den
Der vorgelegte Haushalt, Herr Minister, ist gerade in
Protesten gegen diesen Krieg beteiligen.
Bezug auf die Auslandseinsätze der Bundeswehr einfach
nur unseriös. Insbesondere nennen Sie nicht die wirkli- (Beifall bei der LINKEN)
16962 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Sevim Dağdelen
Daðdelen
(A) Wie sehr diese Bundesregierung weiterhin auf die Mi- Vizepräsidentin Petra Pau: (C)
litarisierung der deutschen Außen- und Sicherheitspoli- Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat der Kol-
tik setzt, lässt sich an Details des Haushaltsentwurfs lege Manuel Sarrazin das Wort.
deutlich erkennen. So lässt sich die Bundesregierung
ihre zivilen Ausbildungspartnerschaften für Jugendliche
in Drittstaaten gerade einmal 1,3 Millionen Euro kosten. Manuel Sarrazin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
24 Millionen Euro hingegen stellt sie für die Ausbildung Frau Präsidentin! Herr Minister, Sie haben eben Eur-
und Ausrüstung afrikanischer Soldaten und Polizisten im opa und die Geschichte, die wir erzählen müssen, ange-
Rahmen der G-8-Initiative bereit. sprochen. Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, dass wir
uns angewöhnt haben, die wichtigen Debatten über die
Ähnlich sieht es bei den deutschen Beiträgen zu den Zukunft der Europäischen Union mit dem Finanzminis-
Vereinten Nationen aus. Von den knapp über 600 Millio- ter oder mit Beamten im Kanzleramt zu führen und nicht
nen Euro, die an die UN fließen, gehen über 400 Millio- mit Ihnen. Ich muss Ihnen auch ganz ehrlich sagen, dass
nen Euro direkt an deren Militärmissionen. Davon kos- ich das nicht gut finde.
ten allein die UN-Missionen in der Demokratischen
Republik Kongo, im Südsudan und auch in Somalia die (Dr. Rainer Stinner [FDP]: Das liegt aber an
Hälfte, wo Sie wieder einmal völlig illegitime, korrupte Ihnen!)
Regierungen absichern. Wir brauchen aber eine Stär-
kung der Vereinten Nationen mit ihren zivilen Strukturen – Herr Stinner, tun Sie mir bitte den Gefallen und lassen
und keine Militarisierung der UNO. Die Linke will des- Sie mich diesen Punkt zu Ende bringen. – Ich habe nie-
halb die Stärkung des Völkerrechts und nicht seine Aus- mals einen Europaminister erlebt, der in einer solchen
höhlung. Krise monatelang so wortlos zur Zukunft Europas gewe-
sen ist.
(Beifall bei der LINKEN)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Diese Aushöhlung sieht man auch bei Ihrer aktuellen und bei der SPD)
Sanktionspolitik gegen den Iran. Nicht nur, dass Ihre
Sanktionen die Bevölkerung im Iran schwer treffen wer- Ich habe in der Geschichte Europas bisher keine liberale
den. Das erinnert auch fatal an die Politik gegenüber Partei erlebt – außer vielleicht Fidesz, die einmal eine li-
dem Irak vor dem Angriff der Koalition der Willigen berale Partei gewesen ist –, die es in dieser entscheiden-
2003. Viele fühlen sich an die Kriegsvorbereitungen von den Frage nicht geschafft hat, zusammenzuhalten und
damals erinnert. Wieder einmal werden die Berichte von die Minderheit in ihrer Partei auch einmal zur Räson zu
Geheimdiensten für bare Münze genommen, wie es Herr bringen.
Mißfelder hier dargestellt hat, obwohl man doch spätes-
(B) tens seit dem Irakkrieg sehr vorsichtig mit derlei Infor- (Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]: (D)
mationen umgehen sollte. Die Bundesregierung muss Dann sind Sie aber dauernd mit einer Augen-
sich hier klar positionieren. Es ist zweifelhaft, wenn Sie binde durch die Gegend gelaufen!)
sich auf der einen Seite gegen einen Krieg gegen den Ich nehme es Ihnen nicht ab, wenn Sie mir jetzt zurufen,
Iran erklären, aber auf der anderen Seite eine konflikt- das liege an mir.
verschärfende Sanktionspolitik mittragen, die einen
möglichen Krieg mit dem Iran näher rücken lässt. Wir (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
brauchen hier eine politische Lösung. Ein neuer Krieg sowie bei Abgeordneten der SPD)
im Nahen und Mittleren Osten wäre wirklich verhee-
rend. Sie haben hier die Möglichkeit, zu erklären, dass Ich muss Ihnen noch etwas sagen: Der Minister ist in
Krieg für Sie nicht weiter, wie in der Vergangenheit, ein der letzten Sitzungswoche in den Ausschuss gekommen
Mittel der Politik ist. und hat gesagt, dass er in den Ratsformationen seit Mo-
naten für Vertragsänderungen werbe.
(Beifall bei der LINKEN)
(Philipp Mißfelder [CDU/CSU]: Das stimmt
Ich komme zum Schluss. Ziel der Linken ist es, dass doch!)
deutsche Außen- und Sicherheitspolitik wieder Friedens-
politik wird. Doch statt Frieden exportieren Sie immer Aber wir sind zum ersten Mal im Oktober in einem
weiter Krieg und auch deutsche Rüstungsgüter in alle Drahtbericht darüber unterrichtet worden. Er hat uns of-
Welt. Ich finde, eine andere und friedliche Außenpolitik fen ins Gesicht gesagt, er sei an unseren Anregungen in-
ist möglich. Das sind wir den Menschen in Afghanistan, teressiert. Das Strategiepapier des AA lag aber schon
in Saudi-Arabien, im Jemen, in Ägypten und auch an- längst vor.
derswo schuldig. Aber vor allem sind Sie das der großen
Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland schuldig. (Dr. Andreas Schockenhoff [CDU/CSU]: Sie
müssen es lesen! Wird Ihnen das nicht vorge-
Verwenden wir die vielen Milliarden Euro Kriegskos- legt im Büro?)
ten endlich für soziale und ökonomische, für zivile und
vernünftige Projekte, hier und anderswo. Die Sicher- Deshalb möchte ich Ihnen ganz deutlich sagen: Dieser
heitspolitik muss im Interesse der Mehrheit der Bevölke- Außenminister wird der Rolle als Europaminister, als zu-
rung sein und nicht im Interesse der Rüstungsindustrie ständiger Minister für Europapolitik nicht gerecht.
und der Eliten.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
(Beifall bei der LINKEN) sowie bei Abgeordneten der SPD)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16963
Manuel Sarrazin
(A) Ich kann Ihnen noch etwas sagen, was Sie bei diesem sammenzuhalten. Dann können Sie Maßgaben formulie- (C)
Strategiepapier falsch machen. Sie haben mit Herrn Rös- ren. Hören Sie auf, wie Herr Westerwelle und Herr Brü-
ler in der Welt geschrieben – das bezog sich auf Vertrags- derle rote Linien zu ziehen, die den Zweifel daran
änderungen; ich zitiere –: nähren, dass wir dabei sein werden, wenn es darum geht,
dieses Europa zusammenzuhalten.
Nichts ist für uns wichtiger, als die Bürgerinnen
und Bürger auf diesem Weg anzuhören, zu beteili- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
gen und zu überzeugen. und bei der SPD)
Ihnen fällt das schon bei uns schwer. Sie haben tage-, Die Unsicherheit, die Ihre Regierung verbreitet, ist fatal.
wochenlang in Brüssel Ihr Strategiepapier und Ihre Vor- Ihr Krisenmanagement hat Europa nicht auf das vorbe-
stellungen vorgetragen, ohne es uns zuzuleiten. Irgend- reitet, was in den nächsten Tagen und Wochen kommen
wann habe ich eine entsprechende Anforderung gestellt, wird. Sie haben die europäischen Institutionen, die han-
nachdem in den Zeitungen darüber berichtet wurde. Dar- deln könnten, geschwächt. Sie haben die Parlamente
aufhin wurde uns dieses Papier zugeleitet. Aber das hat nicht ausreichend beachtet und beteiligt. Wir werden den
nichts mit dem zu tun, was Sie angekündigt haben, näm- notwendigen Weg ohne starke Unterstützung des Außen-
lich die Bürger auf dem Weg anzuhören, zu beteiligen ministers gehen. Ich wünsche mir, Herr Westerwelle, dass
und zu überzeugen. Das ist Hinterzimmerpolitik, die wir auf Ihrem Stuhl ein echter Europäer sitzt. Es ist Pech für
sonst eher aus dem Kanzleramt gewohnt sind. uns, dass Sie bislang nicht haben liefern können. Ich wün-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) sche mir, dass Sie eine europäische Stimme in der Bun-
desregierung sind. Allein mir fehlt der Glaube. Ich hoffe,
Herr Minister, das, wofür Sie sich einsetzen, ist ein dass Sie die Zeit, die Ihnen noch bleibt, nutzen, um es bes-
Grundfehler, den wir nicht wiederholen sollten. Wir ser zu machen.
brauchen Vertragsänderungen – ich hoffe, dass die Kol-
legen im Europäischen Parlament dieses Thema noch (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
einmal auf die Tagesordnung setzen werden –, die in ei- sowie bei Abgeordneten der SPD)
nem echten europäischen Konvent und vor allen Dingen
unter Beteiligung der Zivilgesellschaft und der Sozial- Vizepräsidentin Petra Pau:
partner zustande kommen und die zu mehr europäischer Zu einer Kurzintervention hat der Kollege Link das
Demokratie unter Berücksichtigung sozialer Fragen füh- Wort.
ren. Solche Änderungen dürfen nicht einfach nur von ir-
gendwelchen Beamten in Brüssel, im Kanzleramt oder Michael Link (Heilbronn) (FDP):
(B) vielleicht noch im Élysée ausverhandelt werden. Herr Kollege Sarrazin, unsere Zusammenarbeit ist im (D)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Ausschuss und auch sonst sehr konstruktiv. Das ändert
sowie bei Abgeordneten der SPD) sich periodisch immer wieder, wenn hier im Plenum Re-
den gehalten werden.
Die Europäische Union ist – das haben wir immer be-
tont – mehr als eine Wirtschaftsunion; darüber sind wir Ich bin sehr erstaunt darüber, in welcher Form Sie
uns einig. Umso wichtiger ist es jetzt, den Menschen zu dargelegt haben, was diese Koalition in der gesamten
erklären, dass wir – um die Wirtschafts- und Solidar- Zeit der Euro-Krise gemacht hat. Unsere Prämisse ist,
union, um die Union des Rechts und der Freiheit zu be- die Euro-Zone zusammenzuhalten und die Währungsu-
wahren – mehr Wirtschaftsunion brauchen werden. Die nion dort fortzuentwickeln, wo wir dringend Änderun-
Wahrheit ist – da haben Sie recht, Herr Stinner –: Klein- gen brauchen. Exakt das tun wir mit Anträgen und tut
staaterei wird nicht der Weg aus der Krise sein. Wenn je- der Bundesaußenminister durch entsprechendes Werben
der Nationalstaat in Europa seinen eigenen Weg geht, seit der Zuspitzung der Krise. Er hat insbesondere dafür
wird uns die Krise einholen und überholen. Das kann geworben, die Lehre aus dem zu ziehen, was wirklich
nicht der Weg in die Zukunft sein. Wir müssen unser falsch gelaufen ist. Rot-Grün hat – daran möchte ich er-
Glück, als Deutsche in Europa eingebunden zu sein, innern – 2002, 2003 und 2004 den Stabilitäts- und
deutlicher zum Ausdruck bringen. Wir brauchen daher Wachstumspakt entkernt. Daraus müssen wir dringend
keinen schwachen Europaminister, der sich monatelang Lehren ziehen. Der Bundesaußenminister wirbt deshalb
zu den angesprochenen Themen im Wesentlichen aus- gemeinsam mit der Bundesregierung für entsprechende
schweigt. Vertragsänderungen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (Beifall der Abg. Birgit Homburger [FDP])
sowie bei Abgeordneten der SPD) Wir gehen das konsequent an.
Wenn wir angesichts der Schlagzeilen sehen, dass wir Wir erwarten bei diesem Punkt, dass immer dann,
vielleicht am Vorabend der entscheidenden Zuspitzung wenn es ernst wird, wenn nämlich Sanktionen tatsächlich
der Krise stehen, und da es vielleicht schon in den nächs- verhängt werden sollen, von der Grünen-Fraktion mehr
ten Tagen und Wochen darauf ankommen wird, ob wir in kommt als nur ein Kuschelkurs, ein Weiter-so, ein Ganz-
dieser Situation zusammenhalten oder nicht, muss ich schnell-die-Schleusen-Öffnen. Wir sollten nicht nur ein
sagen: Hören Sie auf, plump rote Linien zu benennen! Wunschkonzert machen, sondern deutlich sagen, dass wir
Sagen Sie zuallererst, dass Deutschland alles tun wird, wirklich bereit sind, die Lehren aus dieser Krise zu zie-
um den Euro zu retten und die Europäische Union zu- hen. Da würde ich mir von den Grünen mehr Beiträge
16964 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Michael Link (Heilbronn)


(A) wünschen. Morgen zum Beispiel hätten sie die Gelegen- Wir werden in den nächsten Tagen – vielleicht auch (C)
heit dazu. Morgen diskutieren wir den EU-Haushalt. Ich erst in den nächsten Wochen – erleben, dass viel größere
warte bis zum jetzigen Moment auf einen Antrag der Grü- Herausforderungen und Anforderungen auf uns zukom-
nen-Fraktion dazu. men werden, als wir bisher glauben. Diese Herausforde-
rungen werden alle in diesem Haus, auch uns, vor große
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Fragen stellen. Ich möchte einfach, dass die Unsicher-
heit, die über die Position dieser Regierung und vor al-
Vizepräsidentin Petra Pau: lem der FDP bisher besteht – ich weiß: nicht alle von Ih-
Sie haben das Wort. nen können etwas dafür –, nicht neu genährt wird über
rote Linien, die Sie ziehen und an die wir stoßen werden.
Manuel Sarrazin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Das ist meine Sorge, weil ich genau weiß: Das, was auf
Verehrter Kollege Link, wir arbeiten im Ausschuss uns zukommt, werden wir nicht mit einfachen Mehrhei-
wirklich sehr gut zusammen, und das kann man auch sa- ten, Rot-Grün gegen Schwarz-Gelb, lösen können; da
gen. Ich glaube aber, dass wir uns dessen bewusst sein wird mehr gefordert sein. Darum bitte ich Sie, keine ro-
müssen, in welcher Lage wir sind. Ich glaube, dass in der ten Linien zu ziehen, zumindest nicht als Erstes, sondern
Lage, in der wir sind, gewisse Fragen des Klein-Klein zunächst die Aussage zu machen: Wir werden alles tun,
– 2004, 2005 – – was nötig ist, um Europa zusammenzuhalten und den
Euro zu retten.
(Dr. Rainer Stinner [FDP]: Klein-Klein? Groß-
Groß! – Michael Link [Heilbronn] [FDP]: Das (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sind die Ursachen der Krise! – Weitere Zurufe sowie bei Abgeordneten der SPD)
von der FDP)
– Frau Homburger, Entschuldigung! Wenn Sie jetzt hier Vizepräsidentin Petra Pau:
so reinblöken, möchte ich Sie einmal darauf hinweisen: Bevor es in der Debatte weitergeht: Ich nehme an,
dass alle Fraktionen wie auch diejenigen, die uns zuhö-
(Dr. Volker Wissing [FDP]: Was ist das für ein ren, die Belebung der Debatte begrüßen. Wir sollten
Stil?) trotzdem, wenn wir bestimmte Reaktionen von Kolle-
Wir haben im Juli hier den Antrag gestellt, automatische ginnen und Kollegen bewerten, bei unserer Wortwahl an
Sanktionen einzuführen. Den haben Sie abgelehnt. Sie die parlamentarische Ausdrucksweise denken.
haben es in Brüssel gekippt. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Für die Unionsfraktion hat der Kollege Michael Stüb-
(B) sowie bei Abgeordneten der SPD) gen das Wort. (D)
Ich wollte nur gerade darauf hinweisen, dass es aus (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
meiner Sicht zwei große Schwierigkeiten gibt: der FDP)
Erstens brauchen wir Vertragsänderungen; darüber re-
den wir schon lange. Wir brauchen weiter gehende Ver- Michael Stübgen (CDU/CSU):
tragsänderungen als die, die diese Bundesregierung, wie Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und
ich glaube, vorschlagen wird. Wir brauchen vor allem Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich will am
die Verbindung der künftigen Wirtschaftsunion oder Anfang ganz kurz auf Ihren Beitrag eingehen, Herr Sar-
Wirtschaftsregierung, wie auch immer wir es nennen, razin. Sie haben sich gerade nachdrücklich darüber be-
mit der Frage der Demokratie. Wir werden die Men- schwert, dass der Bundesaußenminister sich – angeblich
schen auf diesem Weg nicht mitnehmen können, wenn – nicht um Europapolitik kümmert. Das ist Ihr Vorwurf;
wir nicht dazu stehen, das demokratisch zu machen, das Sie sehen das so. Das wundert mich allerdings, da es
zu legitimieren und die europäische Demokratie damit keine zwei Wochen her ist, dass Sie sich sowohl bei uns
zu verbessern. Ich glaube, dass ich mir mit vielen Libe- im Europaausschuss als auch öffentlich heftig darüber
ralen im Europäischen Parlament und in Europa in dieser beschwert haben, dass der Außenminister europapoli-
Frage einig bin. Aber ich sehe nicht, dass dieser Außen- tisch tätig geworden ist. Er hat Grundlinien für eine Ver-
minister dieses Thema auf die Tagesordnung bringt; er tragsänderung entworfen, von der Sie gesagt haben, dass
lässt es sich von den Finanzministerien diktieren. sie gut und richtig wäre. Sie haben allerdings gesagt, er
dürfe das nicht, bevor er mit Ihnen geredet hat. Sie müs-
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS-
sen sich schon entscheiden, was Sie wollen, das eine
SES 90/DIE GRÜNEN)
oder das andere. Beides zu kritisieren, ist aber ein biss-
Zweitens. Sie sehen doch, dass wir ohne eine Gover- chen merkwürdig.
nance nicht aus dieser Krise kommen werden. Aber diese
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Bundesregierung hat die europäischen Institutionen, die
die Governance liefern können, auf den Marschbefehl der Wir sind überhaupt nicht der Meinung – es stimmt
Kanzlerin in der Rede von Brügge hin kleingehalten. Da auch nicht –, dass das Auswärtige Amt und der Bundes-
hätte ich mir gewünscht, dass der Außenminister dage- außenminister europapolitisch nicht aktiv sind. Natürlich
genhält und ein Plädoyer dafür abgibt, dass wir ohne das gibt es immer Fragen, die aktuell im Ecofin und in der
Europäische Parlament, ohne die Europäische Kommis- Euro-Gruppe geklärt werden müssen. Das hat etwas mit
sion nicht aus dieser Krise herauskommen werden. der Substanz der Probleme zu tun. Aber wir wissen sehr
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16965
Michael Stübgen
(A) genau und beraten auch im EU-Ausschuss regelmäßig Meine sehr verehrten Damen und Herren, das kom- (C)
darüber, wie wichtig die Arbeit des Auswärtigen Amts plexe Ursachengeflecht für diese Entwicklung ist wohl
ist. Das sieht man auch an der mittelfristigen Finanzpla- überwiegend objektiv zu erklären. Ich erhebe hier also
nung. Bei dem mehrjährigen Finanzrahmen der EU für nicht den Vorwurf, dass die Europäische Kommission da-
die Jahre 2014 bis 2020 geht es um einen Billionenhaus- für verantwortlich ist – vielleicht zum Teil; es gibt aber
halt, wie Sie alle wissen. Über diese Arbeit des Auswär- objektive Gründe, die im Wesentlichen aus der Wirt-
tigen Amts steht in der Tat nicht jeden Tag etwas in der schafts- und Finanzkrise der letzten Jahre herrühren.
Zeitung; dennoch ist sie von fundamentaler Bedeutung. Nicht akzeptabel ist allerdings die Tatsache, dass wir seit
dem Zeitpunkt vor mehr als sechs Monaten, als die erste
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Mitteilung der Europäischen Kommission über ausste-
Damit bin ich bei meinem ersten Thema. Ich glaube, hende Verpflichtungsermächtigungen in Höhe von
es ist sehr wichtig, dass wir im Rahmen der mittelfristi- 250 Milliarden Euro ergangen ist, keine konkrete Analyse
gen Finanzplanung verstärkt ein Augenmerk auf den – zumindest wurde sie uns nicht vorgelegt – darüber be-
Haushaltsvollzug seitens der Europäischen Kommission kommen haben, welche es sind und mit welchen Laufzei-
richten. Wir als Koalitionsfraktionen werden morgen ei- ten, geschweige denn irgendwelche Vorschläge gemacht
nen Antrag, der sich substanziell und detailliert mit den wurden, wie wir dieses Problem bis 2014 beheben oder
Vorschlägen für den nächsten Finanzrahmen der Europä- zumindest stark reduzieren können.
ischen Union beschäftigt, einbringen. Ich will nur ein Ich halte dies allerdings für ein eklatantes Versäumnis
Detail herausgreifen, das uns als Haushaltsgesetzgeber der Kommission. Sie ist für die Haushaltsdurchführung
nicht beim Haushalt 2012, aber im Rahmen der mittel- verantwortlich und hat daher die Verpflichtung, solchen
fristigen Finanzplanung sehr direkt treffen könnte. Entwicklungen entgegenzuwirken. Sie kann nicht sagen:
Darüber sollen sich die Mitgliedsländer einmal Gedan-
Es geht um den Sachverhalt, dass die Europäische
ken machen. Das halte ich für uns als deutschen Gesetz-
Kommission vor ungefähr einem halben Jahr festgestellt
geber nicht für hinnehmbar. Ich erwarte daher von der
hat, dass sich im Bereich der sogenannten RAL – reste à
Europäischen Kommission, dass sie erstens umgehend
liquider –, also nicht ausgeführter Verpflichtungsermäch-
die Analyse des konkreten Problems fortsetzt und uns
tigungen, eine „Bugwelle“ aufbaut, die ein Ausmaß er-
das Ergebnis vorlegt und uns zweitens sehr bald kon-
reicht, das seinesgleichen bisher nicht kennt. Was sind
krete Vorschläge dazu macht, wie wir diesem Problem
sogenannte nicht ausgeführte oder nicht vollendete Ver-
begegnen können.
pflichtungsermächtigungen? Die Europäische Union gibt
– anders als die nationalen Haushaltsgesetzgeber – für be- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
stimmte Projekte in den Mitgliedsländern Teilfinanzie-
(B) rungen oder Vollfinanzierungen als Verpflichtungser- Anstatt dass sich die Europäische Kommission mit (D)
mächtigungen. Die Projekte dauern manchmal mehrere diesen und anderen dringenden Problemen beschäftigt,
Jahre; manche Projekte verschieben sich auch. Dadurch meint der Präsident der Kommission, Herr Barroso, uns
entstehen nicht vollendete Verpflichtungsermächtigun- mit allerlei Variationen von Euro-Bonds beglücken zu
gen. Insoweit ist das normaler europäischer Haushalts- müssen. Ich bin überrascht, dass das bei dieser Debatte
vollzug. Bisher war es so, dass sich beim Übergang von noch keine Rolle gespielt hat. Wir haben gelernt, dass es
einer Finanzplanung zur nächsten Verpflichtungsermäch- inzwischen einen neuen Begriff hierfür gibt: Stabilitäts-
tigungen in Höhe eines zweistelligen Milliardenbetrages anleihen.
angesammelt hatten. Auch dies war normaler Haushalts- Meine sehr verehrten Damen und Herren, in der
vollzug; sie konnten im laufenden Haushalt berücksich- Kürze der Zeit will ich hierzu nur ein paar Anmerkungen
tigt werden. machen. Seit gut anderthalb Jahren haben wir es mit
Menschen zu tun, die sich berufen fühlen, immer wieder
Die Europäische Kommission hat allerdings festge-
neue Vorschläge und Rettungspläne zu machen, ohne
stellt, dass diese Entwicklung dazu führen könnte, dass
einmal darauf einzugehen, was bei der vorliegenden Be-
wir bis zum Jahr 2014, also bis zum Beginn der neuen
schlusslage überhaupt umgesetzt werden muss. Da gibt
mittelfristigen Finanzplanung, nicht ausgeführte Ver-
es so einiges: Wir müssen die Guidelines im Zusammen-
pflichtungsermächtigungen in Höhe von bis zu 250 Mil-
hang mit EFSF II umsetzen. Das ist sowieso längst über-
liarden Euro haben; das wäre knapp ein Viertel des ge-
fällig und muss noch in diesem Jahr geschehen. Ich gehe
samten Haushalts von 2014 bis 2020. Wenn dies eintritt,
davon aus, dass das passiert. Außerdem müssen wir das
wird Folgendes passieren: Wir, die Geberländer, die Net-
Griechenland-II-Paket mit der Gläubigerbeteiligung spä-
tozahlerländer, haben dann nicht nur den Beitrag für das
testens Anfang nächsten Jahres vorstellen. Wir brauchen
neu anlaufende Finanzprogramm zu zahlen, was völlig
insofern keine Vorschläge zu Euro-Bonds oder diversen
normal wäre – das wird ausgehandelt und einstimmig
Variationen.
beschlossen –, sondern zusätzlich, ohne dass wir uns
vorher darauf einstellen können, diese 250 Milliarden Ich will aber noch auf einen weiteren Punkt eingehen.
Euro, sodass die ersten Jahre, die Jahre 2014 bis 2016, Auf die deutschen Haushalte – und zwar auf die von
unkalkulierbar werden. Dies würde bedeuten, dass für Bund, Ländern und Gemeinden – würden bei der Ein-
uns als Haushaltsgesetzgeber nicht nur unsere Beiträge führung von Euro-Bonds, egal in welcher Form, im-
an die Europäische Union für die mittelfristige Finanz- mense Kosten zukommen. Das Hauptproblem ist aber
planung, sondern auch die Haushalte für das jeweils Folgendes: Wenn wir bei der Einführung von Euro-
nächste Jahr unkalkulierbar würden. Bonds einen ganz massiven Aufwuchs der Gewährleis-
16966 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Michael Stübgen
(A) tungen der Euro-Länder – gerade derjenigen, die noch Der erste Punkt betrifft das, was Kollege Stübgen (C)
Triple-A sind – hätten, würden dabei mit Sicherheit ei- zum Thema Griechenland gesagt hat. In Griechenland
nige Euro-Länder – vielleicht nicht sofort Deutschland – besteht das Problem zurzeit darin, dass die Vereinbarun-
in das Downgrading beim Rating geraten. Das würde mit gen, die unter den Parteien und mit der Troika in Europa
erhöhten Zinsgebühren einhergehen und würde die Ver- getroffen worden sind, von einer Kraft nicht getragen,
schuldenssituation noch verschlechtern. Damit würden nicht unterzeichnet werden und deshalb nicht umgesetzt
wir die Situation noch weiter verschlimmern. werden können, nämlich von der christdemokratischen
Opposition, also von Ihren Parteifreunden. Das ist das
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) aktuelle Problem in Griechenland. Deshalb bitte ich Sie:
Selbst wenn man das alles für hinnehmbar hält, bleibt Reden Sie mit Herrn Samaras. Sie kritisieren auch Herrn
ein weiteres Problem der Euro-Bonds, das sich in den Barroso. Auch er ist einer Ihrer Parteifreunde. Sie kön-
letzten Jahren und insbesondere in den letzten Wochen nen doch hier nicht sagen, es gebe bei diesen Themen
ganz besonders an Griechenland gezeigt hat: Man eine Kakofonie, obwohl es doch letztlich immer um Ihre
konnte beobachten, dass die Entwicklung in den letzen Leute geht.
anderthalb Jahren sehr schleppend vorangegangen ist.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD sowie des
Sie ist aber nur deshalb überhaupt vorangegangen, weil
Abg. Manuel Sarrazin [BÜNDNIS 90/DIE
das Land nach den Vorgaben des bisherigen Hilfspro-
GRÜNEN])
gramms alle drei Monate nachweisen muss, dass es die
Konditionalitäten einhält und seine eigenen Reformbe- Der zweite Punkt. Kollege Stinner, die Rede, die Sie
mühungen mit allen Anstrengungen umsetzt. gehalten haben, betraf weniger den Bundestag als die
Sobald in Griechenland bisher der Eindruck entstan- Mitglieder Ihrer eigenen Partei. Ich kann nur hoffen,
den ist, jetzt habe man erst einmal für drei Monate Luft, dass die europäischen Überzeugungen, die Sie hier vor-
sind die Reformanstrengungen liegengeblieben. Wir ha- getragen haben, von den Mitgliedern Ihrer Partei tat-
ben jetzt mit einer neuen Regierung die Chance auf Ver- sächlich getragen und bei der Abstimmung entsprechend
änderung. Ich hoffe, dass diese Regierung es endlich zur Geltung gebracht werden. Denn es ist wichtig, dass
schafft, das enorme Ungleichgewicht der griechischen wir die FDP an dieser Stelle an Bord behalten.
Reformpolitik abzuschaffen – bislang wurde nämlich nur Liebe Kolleginnen und Kollegen, da wir über Demo-
bei Renten, Arbeitslosengeld, Sozialversicherung etc. kratie reden: Es geht nicht, dass ein Ministerpräsident in
eingespart, aber die großen Einkommensbezieher und Europa, der die mutigsten Sparmaßnahmen, die es bisher
Vermögensbesitzer zahlen nach wie vor fast keine Steu- überhaupt gab, und die schwierigsten Einschnitte, die
ern. Das Ganze ist aber nur durch den direkten Druck der man sich vorstellen kann, vorgenommen hat – dagegen
(B) ständigen Kontrolle erfüllbar. Euro-Bonds würden diese waren Hartz IV und alles andere in unserem Lande nur (D)
Kontrolle unmöglich machen. ein leises Säuseln –, auch von der Bundesregierung be-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) schämt und beschädigt wird. Papandreou hat gesagt: Ich
trete vor die Bürgerinnen und Bürger und mache mein
Deswegen wären sie der falsche Weg. Wir können nur eigenes Schicksal von der Volksabstimmung abhängig. –
auf dem Weg weitergehen, den wir bisher gegangen Sie tun so, als wäre es etwas Unrechtes, den Bürgerinnen
sind. und Bürgern in einem Volksentscheid die Entscheidung
über elementare Fragen zu überlassen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) (Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Ich will auf etwas hinweisen, was in Europa, abgese-
Vizepräsidentin Petra Pau: hen vom luxemburgischen Parlament, wahrscheinlich nur
Der Kollege Axel Schäfer hat für die SPD-Fraktion für den Bundestag gilt: Wir haben in diesem Hause seit
das Wort. 40 Jahren bei allen wichtigen, grundlegenden Entschei-
dungen zur EU bzw. davor zur EG eine Übereinstimmung
(Beifall bei der SPD) zwischen den Christdemokraten, den Sozialdemokraten,
der FDP und – seit 1983 – den Grünen. Dieses kostbare
Axel Schäfer (Bochum) (SPD): Gut, dass wir, egal in welcher Konstellation oder Koali-
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! tion wir waren, dieses Europa gemeinsam entwickelt und
Bei der heutigen Debatte geht es, insbesondere was Eur- vorangebracht haben, müssen wir in der jetzigen Situa-
opa anbelangt, um eine Frage, über die wir 2010, 2009, tion erhalten; darum wird es gehen.
2008, 2007 und davor nie diskutieren mussten.
Ich bin überzeugt: Wir werden 2012 vor ganz andere
Es geht nicht mehr um die Frage: Wie werden wir die Fragen gestellt als vor die, über die wir heute diskutie-
Vertiefung und Erweiterung der EU gestalten? Jetzt geht ren. Wir werden nämlich vor die Frage gestellt werden:
es um die Frage: Wie werden wir die EU erhalten? Das Ist es tatsächlich vorstellbar, dass die Euro-Zone zusam-
ist eine Debatte, die wir in 60 Jahren noch nicht führen menbricht, oder können wir das verhindern? Schauen
mussten. Deshalb muss unsere Debatte in diesem Hause Sie sich bitte die Analysen der SWP und anderer seriöser
dem auch angemessen sein. Weil das so ist, möchte ich Wissenschaftler an: Sie stellen Projektionen auf, die uns
die Kolleginnen und Kollegen von Union und FDP nur wirklich Sorge machen sollten. Die Politik muss an der
an zwei Punkten kritisieren: Stelle agieren und darf nicht nur reagieren.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16967
Axel Schäfer (Bochum)
(A) Was Aktion anbelangt, ist Folgendes das Wichtigste Wir sind noch in der Opposition, haben aber diese Ver- (C)
– und es ist gut, dass sich Sozialdemokratinnen, Sozial- antwortung wahrgenommen und werden sie auch in Zu-
demokraten und Grüne da einig sind –: Wir dürfen nicht kunft wahrnehmen.
mehr Dinge ausschließen, von denen wir wissen, dass
Vielen Dank.
wir sie gebrauchen könnten. Wir müssen auf den Erfah-
rungen der letzten 15 Monate aufbauen, in denen immer (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
wieder Sachen ausgeschlossen wurden, die dann am DIE GRÜNEN)
nächsten Tag realisiert worden sind. So werden wir in
der Europapolitik nicht weitermachen können. Vizepräsidentin Petra Pau:
Das Wort hat der Kollege Frankenhauser für die Uni-
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ onsfraktion.
DIE GRÜNEN)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Deshalb müssen wir auch aussprechen, worum es
hierbei geht. Es darf nicht ausgeschlossen werden, so Herbert Frankenhauser (CDU/CSU):
wie es heute der Präsident der Europäischen Kommis- Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kolle-
sion – wie gesagt: ein Christdemokrat – vorgeschlagen gen! Den Letzten beißen die Hunde. Ich versuche aber
hat: Euro-Bonds, oder wie auch immer man gemein- trotzdem, als Haushälter in die Niederungen des Haus-
schaftliche Anleihen nennt. Am Schluss darf natürlich haltes einzusteigen, nachdem hier fast eineinhalb Stun-
auch nichts ausgeschlossen werden, was die Aktivitäten den lang prächtige „tours d’horizons“ gefahren worden
im Bereich des Geldes bei der Europäischen Zentralbank sind.
anbelangt, und zwar nicht, weil die SPD jetzt sagen
würde „Prima, möglichst schnell Euro-Bonds!“ oder die Herr Kollege Schäfer, Sie sehen, wie schnell sich die
Grünen vielleicht sagen würden „Prima, die EZB muss Zeiten ändern. Herr Samaras hat schriftlich zugesagt,
jetzt geldpolitisch tätig werden!“ dass er die Auflagen mittragen wird.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
(Klaus-Peter Willsch [CDU/CSU]: Sie wollen
Axel Schäfer [Bochum] [SPD]: Bis gestern hat
die Notenpresse anwerfen!)
er sie strikt abgelehnt!)
Die Frage der Notenbank wird dann eine Rolle spielen, Es stellt sich die Frage, ob er Phoenix sieht oder ob es
wenn es darum geht, ob Europa erhalten werden kann unsere Außenpolitik war. Ich stelle das anheim.
oder zerstört wird. Das müssen wir uns bewusst machen.
(B) Gestatten Sie mir, dass ich noch ein paar Minuten (D)
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ lang etwas zum Haushalt sage. Wenn ich richtig infor-
DIE GRÜNEN) miert bin, soll es sich um eine Haushaltsdebatte handeln.
Wie es ohne Geld in der Außenpolitik aussehen würde,
In der Situation, in keiner anderen, werden wir sein. Wir werde ich am Schluss meiner Ausführungen zum Besten
sind im Jahre 2012 – zum Glück gibt es da so wenige geben.
Wahlen – nicht mehr in der Situation, über ökonomische
Dogmen zu reden; wir werden über politische Hand- Zunächst möchte ich mich beim Auswärtigen Amt
lungsfähigkeit reden. Wir müssen weniger, als es heute sehr herzlich bedanken. Das betrifft an erster Stelle den
geschehen ist, über Preise reden; wir müssen mehr über Minister, aber auch Herrn Dr. Morhard. Er ist für die
Haushälter immer ein idealer Ansprechpartner. Die Zu-
Werte reden. Wir müssen nicht wie die Kanzlerin über
sammenarbeit hat hervorragend funktioniert. Genauso
Demoskopie reden, sondern über Demokratie.
herzlich möchte ich mich für die exzellente Zusammen-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des arbeit unter den Kolleginnen und Kollegen bedanken.
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) An der Stelle möchte ich dem Auswärtigen Amt auch für
die vorzügliche Betreuung danken, die viele unserer
Um diese europäische Demokratie wird es im Jahre 2012 Kolleginnen und Kollegen bei den Botschaften im Aus-
gehen. Ich kann, liebe Kolleginnen und Kollegen der land erfahren. Selbst Kolleginnen und Kollegen aus dem
CDU/CSU und der FDP, nur an Sie appellieren: Denken Europäischen Parlament nehmen die Einrichtungen der
Sie an den Weg, den wir von Mai 2010 bis jetzt, zum deutschen Botschaften viel lieber in Anspruch als die des
November 2011, gegangen sind. Sie mussten alle Vor- merkwürdigen Europäischen Auswärtigen Dienstes.
schläge, die wir gemacht haben, entweder übernehmen (Dr. Rainer Stinner [FDP]: Na, na!)
oder stillschweigend annehmen. Verschließen Sie sich
nicht den Notwendigkeiten des Jahres 2012. Es geht um Ich kann erfreulicherweise mitteilen, dass der Haus-
unser gemeinsames Europa, um das, was uns in dieser halt des Auswärtigen Amtes im Verlaufe des Bereini-
Gesellschaft zusammenhält. In dieser Hinsicht werden gungsverfahrens auf nunmehr 3,324 Milliarden Euro er-
nicht nur Grüne und Sozialdemokraten, sondern auch höht werden konnte. Übrigens sei den Kolleginnen und
Christdemokraten und Liberale in Deutschland wie in Kollegen der Opposition ins Stammbuch geschrieben,
ganz Europa ihre Verantwortung anders wahrnehmen dass dies der höchste Haushalt ist, den das Auswärtige
müssen, als sie das bisher getan haben. Amt jemals hatte. Lieber Herr Kollege Kindler, es ist
nicht so, dass wir Ihretwegen einen Schrecken bekom-
(Beifall bei der SPD) men und gezittert haben, vielmehr haben wir das aus ei-
16968 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Herbert Frankenhauser
(A) genem Antrieb gemacht. Wir setzen gerne eine vernünf- Wir haben in einem ersten Schritt versucht, die not- (C)
tige, den Notwendigkeiten angepasste Haushaltspolitik wendige Personalausstattung für das Auswärtige Amt
durch. bereitzustellen; denn es kann nicht sein, dass wir aus po-
litischen Erwägungen sehr viele Auslandsvertretungen
Wie weit wir mit Ihnen kommen würden, lässt sich an neu eröffnen, diese aber keine adäquate Personalausstat-
folgenden Zahlen ablesen: Die Linken haben Zusatzaus- tung haben.
gaben in Höhe von 155,9 Millionen Euro ohne Deckung
gefordert. Bündnis 90/Die Grünen waren etwas beschei- Zum versöhnlichen Abschluss – ich bin der letzte
dener: Bei ihnen waren es 139,7 Millionen Euro ohne Redner zu diesem Einzelplan – möchte ich Ihnen ein Ge-
Deckung. dicht von Alice von Gaudy aus der Zeit Friedrichs des
Großen vortragen, in dem es darum geht, wie es ohne ad-
(Sven-Christian Kindler [BÜNDNIS 90/DIE äquate Mittelausstattung aussehen könnte. Ich zitiere
GRÜNEN]: Die Deckung habe ich vorhin vor- – mit Ihrer Genehmigung, Frau Präsidentin –:
getragen!)
… Auch unterbreite ich ehrfürchtigst Eure Majes-
– Das waren letztes Jahr irgendwelche Abgaben auf tät,
Flugtickets. Das ist auch in die Hose gegangen, Herr dass es mit solchener Sparsamkeit nicht weiter
Kollege Kindler. – Bei der SPD sind es immer noch geht.
80 Millionen Euro. Die Gelder zur Repräsentation –
gehorsamst zu melden – sind allzu knapp.
(Klaus Brandner [SPD]: Mit Deckung!) Erhalt ich keine Subvention,
– Nein, nicht mit Deckung, Herr Kollege. Wir machen ich schaffe – gehorsamst – die Pferde ab,
ingleichen die Equipage.
noch einmal ein Privatissimum in Addition und Subtrak-
Soll man am Londoner Hofe sehn
tion.
Preußens Gesandten zu Fuße gehen,
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und wegen sumissest zu pauvrer Gage?
der FDP) Der König
Dann wird sich herausstellen, dass es 80 Millionen Euro – ich könnte auch sagen: Haushaltsausschuss –
ohne Deckung sind. (Heiterkeit bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir betreiben keine Außenpolitik nach Kassenlage, liest es und lächelt fein.
sondern wir machen sie mit der notwendigen finanziel- Dann taucht er den spitzen Gänsekiel ein,
len Ausstattung. Zum Beispiel haben wir – was, glaube und schreibt an den Rand des Gesandtenberichts:
(B) ich, eine ganz wichtige Maßnahme war – den Schul- (D)
Subvention – jetzt und künftig – nichts.
fonds um 15 Millionen Euro erhöht. Er möge sans ĝene zu Fuße spazieren …
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) In diesem Sinne kann man nur feststellen: Das Auswär-
tige Amt ist bei dieser Koalition bestens aufgehoben.
Ich möchte mich noch einmal an die voll besetzte
Bundesratsbank wenden. Vielen Dank.
(Heiterkeit bei der CDU/CSU und der FDP) (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die Länder erklären uns ständig, wie dringend notwen-
dig die Auslandsschulen sind, aber aus der Finanzierung Vizepräsidentin Petra Pau:
haben sie sich mittlerweile völlig zurückgezogen. Es Ich schließe die Aussprache.
wäre doch eine schöne Geschichte, wenn sich die Herr- Wir kommen zur Abstimmung über den Einzelplan 05
schaften vielleicht im Bundesrat treffen würden, – Auswärtiges Amt – in der Ausschussfassung. Wer
(Heiterkeit bei der CDU/CSU und der FDP – stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Wer enthält
Michaela Noll [CDU/CSU]: Die können das sich? – Der Einzelplan 05 ist mit den Stimmen der Koa-
nachlesen!) litionsfraktionen gegen die Stimmen der Oppositions-
fraktionen angenommen.
um darüber nachzudenken, uns zu unterstützen. Um ei-
ner Mär vorzubeugen: Wir haben den größten Ansatz für Ich rufe den Tagesordnungspunkt II.12 auf:
auswärtige Kultur- und Bildungspolitik. Immer wieder Einzelplan 14
wird das Gegenteil behauptet. Bundesministerium der Verteidigung
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) – Drucksachen 17/7113, 17/7123 –
Die Konsolidierung des Bundeshaushaltes ist eine ge- Berichterstattung:
samtgesellschaftliche Aufgabe, sie kann nicht nur von Abgeordnete Bartholomäus Kalb
wenigen gemacht werden, und sie kann auch nicht vor Klaus-Peter Willsch
Kulturträgern haltmachen. Als besonders inakzeptabel Bernhard Brinkmann (Hildesheim)
empfinde ich es, wenn sich sogenannte Zuwendungs- Dr. h. c. Jürgen Koppelin
empfänger an dem, was wir an Zuwendungen aufbringen Dr. Gesine Lötzsch
– und zwar sehr reichlich – öffentlich Kritik üben. Dr. Tobias Lindner
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16969
Vizepräsidentin Petra Pau
(A) Zum Einzelplan 14 liegen zwei Entschließungsan- Streitkräfte hin zu einer Freiwilligenarmee sowie die (C)
träge der Fraktion Die Linke sowie ein Entschließungs- Standortschließungen werfen weiterhin zahlreiche Fra-
antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen vor, über die gen auf und stellen uns vor die eine oder andere Heraus-
wir am Freitag nach der Schlussabstimmung abstimmen forderung. Es steht außer Frage, dass all diese Neuerun-
werden. gen nicht ohne eine entsprechende Anschubfinanzierung
zu realisieren sind und dafür noch etwas länger Vorsorge
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für getroffen werden muss. Meine Fraktion ist fest davon
die Aussprache anderthalb Stunden vorgesehen. – Ich überzeugt, dass eine erfolgreiche Reform nur gelingen
höre keinen Widerspruch. Dann ist so beschlossen. kann, wenn die Menschen, die in der Bundeswehr Dienst
Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat der Kollege tun, aktiv eingebunden, also mitgenommen werden. Die
Bernhard Brinkmann für die SPD-Fraktion. Zuversicht und Motivation derer, die von den Verände-
rungen unmittelbar betroffen sind, gilt es unbedingt zu
erhalten. In 2012 und in den folgenden Jahren wird sich
Bernhard Brinkmann (Hildesheim) (SPD): zeigen, ob diese Zahlen nur der Anfang sind, wenn es
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und darum geht, den bevorstehenden Prozess erfolgreich vo-
Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Gestatten Sie ranzubringen.
mir, dass ich mich zu Beginn meiner Ausführungen bei
den Kolleginnen und Kollegen Berichterstattern sowie Unsere Soldatinnen und Soldaten sowie die zivilen
beim Ministerium für die in den vergangenen Wochen Angestellten sind das zentrale Kapital der Bundeswehr.
uns zur Verfügung gestellten Unterlagen sehr herzlich Höchst professionell und pflichtbewusst leisten sie ihren
bedanke. Alle Fragen sind bestens beantwortet und alle Dienst im In- und Ausland. Man kann nicht oft genug
Wünsche erfüllt worden. Die Unterlagen, die uns zur betonen, dass ihre Aufgaben mit einem hohen Risiko
Verfügung gestellt worden sind, haben uns die Beratung verbunden sind. Dieses Risiko bedeutet in manchen Fäl-
über den Einzelplan 14 einfacher gemacht. Es war wie len auch den Einsatz von Gesundheit und Leben, nicht
immer eine angenehme und zielorientierte Zusammenar- zu vergessen die persönlichen Entbehrungen für die im
beit. Einsatz Befindlichen selbst und in einem hohen Maße
auch für deren Familien. Ich möchte die Gelegenheit
Der Einzelplan 14 für das Haushaltsjahr 2012 bildet nutzen, hierfür einmal meinen persönlichen Dank, meine
zum ersten Mal die neuen Strukturen, die Neuausrich- Anerkennung und meinen Respekt zum Ausdruck zu
tung unserer Bundeswehr ab. Hierfür sind entgegen der bringen. Ich würde mich freuen, wenn sich dem alle
Planung Ihres Vorgängers, Herr Minister de Maizière, Fraktionen anschließen.
31,9 Milliarden Euro vorgesehen. Ich stelle erneut fest:
(B) Die vollmundigen und nicht haltbaren Sparvorgaben des (Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP (D)
Herrn zu Guttenberg sind damit endgültig Makulatur, und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
und das ist auch gut so.
Es ist mir ein Anliegen, zu betonen – ich denke, dass
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) auch dies große Zustimmung findet –, dass wir hinter
Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten stehen unseren Soldatinnen und Soldaten sowie hinter den zivi-
seit jeher für eine moderne und leistungsfähige Bundes- len Mitarbeitern und Helfern stehen. In diesem Kontext
wehr ein, die fest in unserer Gesellschaft verankert ist. dürfen auch die Reservisten nicht vergessen werden, die
Wir stehen dafür, dass unsere Streitkräfte – neue Struktu- einen ganz hervorragenden Job machen, die eine ganz
ren hin oder her – eine Parlamentsarmee sind und blei- hervorragende Arbeit leisten.
ben. (Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP
Heute Morgen, im Zusammenhang mit dem Einzel- und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
plan des Bundeskanzleramts, sind Sie, Herr Minister de
Maizière, für das, was Sie auf den Weg gebracht haben, Liebe Kolleginnen und Kollegen, wer bei der Bundes-
gelobt worden. Das teile ich uneingeschränkt. Eine Aus- wehr arbeitet, der hat ein Recht darauf, fair behandelt zu
sage der Bundeskanzlerin aber wird uns in den nächsten werden. Dies gilt namentlich auch für die zivilen Mitar-
Wochen, Monaten, vielleicht auch erst in Jahren einho- beiterinnen und Mitarbeiter, die angesichts einer vorgese-
len. Die vollmundigen Sparversprechen des Herrn zu henen Stellenreduzierung auf 55 000 Dienstposten einen
Guttenberg sind kaschiert worden. Die Frau Bundes- Anspruch auf ein angemessenes Maß an Sozialverträg-
kanzlerin hat erklärt: Durch diese Reform wird es mittel- lichkeit haben. Davon abgesehen, dass diese Stellenkür-
fristig zu Einsparungen kommen. – Ich stelle hier einmal zungen aus Sicht der SPD-Fraktion unverhältnismäßig
fest: Belastbare Zahlen liegen bis heute nicht vor. Ich hoch sind und deutlich moderater ausfallen müssen, ist es
gehe davon aus, dass sie uns in den nächsten Jahren auch uns ein unbedingtes Anliegen, dass es keine betriebsbe-
nicht geliefert werden können. Wer den Einzelplan und dingten Kündigungen geben darf. Meine Fraktion wird
seine Strukturen kennt, wer weiß, wie sich das auf der sich daher bei den bevorstehenden Beratungen und Ent-
Ausgabenseite letztendlich auswirkt, der muss zur scheidungen vehement dafür einsetzen, dass bei diesem
Kenntnis nehmen, dass hier nur ein sehr geringes Ein- Vorhaben nicht die Zahlen, sondern die Menschen im
sparpotenzial vorhanden ist. Vordergrund stehen. Natürlich kostet eine solche Maß-
nahme Geld – das steht außer Frage. Es bleibt abzuwar-
Die umfassende Neuausrichtung der Bundeswehr, das ten, ob der angedachte Ansatz der Versetzung von Bun-
Ende der Wehrpflicht, der damit verbundene Umbau der deswehrmitarbeiterinnen und -mitarbeitern in andere
16970 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Bernhard Brinkmann (Hildesheim)


(A) Ministerien in diesem Zusammenhang eine geeignete die letzten Wochen – eigentlich das ganze Jahr, das hin- (C)
Maßnahme sein wird. ter uns liegt – waren für alle, die sich für die Bundes-
wehr interessieren, unstreitig eine ziemlich spannende
Liebe Kolleginnen und Kollegen, es ist doch nichts Zeit. Das hat natürlich Auswirkungen auf das, was auf
weiter als eine Hilfsbrücke, wenn die Personalreduzie- uns zukommt. Wir haben das Thema „Strukturreform
rungen dadurch finanziert bzw. realisiert werden sollen, der Bundeswehr“ in all seinen Facetten bearbeitet. Das
dass man 1 Milliarde Euro in den Einzelplan 60 umbucht. Ministerium hat hier eine vorbildliche Arbeit geleistet.
Ein solches Konstrukt, das mit Haushaltswahrheit und Was die Begleitung unserer Arbeit als Berichterstatter
-klarheit nichts zu tun hat, wird von der SPD klar abge- im Haushaltsausschuss anbelangt, kann ich mich dem
lehnt. Meine Fraktion ist der festen Überzeugung, dass es Dank, den der Kollege Brinkmann gegenüber dem Haus
nach dem genannten Grundsatz wesentlich sinnvoller und ausgesprochen hat, ausdrücklich anschließen. Das war
transparenter gewesen wäre, wenn man hierfür eine sepa- wie immer exzellent. Unsere Fragen wurden schnell, zu-
rate Haushaltsstelle mit der Bezeichnung „Neuausrich- verlässig und zutreffend beantwortet. In dieser Zusam-
tung der Bundeswehr“ im Einzelplan 14 eingestellt hätte. menarbeit fehlt es an nichts. Das spiegelt die Auffas-
Liebe Kolleginnen und Kollegen, der Minister hat sung, dass die Bundeswehr eine Parlamentsarmee ist, gut
Ende Oktober sein Konzept für Schließungen von Bun- wider. Das funktioniert hervorragend. Danke dafür.
deswehrstandorten vorgestellt. Die hierin festgelegten (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Schließungen und Reduzierungen von Standorten betref-
fen Tausende von Soldatinnen und Soldaten sowie zivile Ich will auch dafür danken, Herr Minister de Maizière,
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Wechsel des dass Sie sich die nötige Zeit genommen haben, um die
Dienstorts wird mit unterschiedlicher Härte auch bei de- anstehenden Standortfragen mit der gebotenen Zügig-
ren Familien ankommen. Es steht aus Sicht der SPD außer keit, aber eben auch der notwendigen Gründlichkeit vor-
Frage, dass dies nur dann angemessen abgefangen werden zunehmen. Wir alle sind schon lange genug im Haus-
kann, wenn hierfür ausreichende finanzielle Mittel bereit- haltsausschuss, um zu wissen, dass wir nicht nach
gestellt werden. Auch hierfür ist im Haushalt bisher keine Milchmädchenrechnung sagen können: 31 geschlossen,
entsprechende Hinterlegung erfolgt. 90 reduziert, das ergibt einen Einsparbetrag x. Kollege
Brinkmann hat dankenswerterweise signalisiert, dass er
Liebe Kolleginnen und Kollegen, aus den bisherigen diesem Trugschluss nicht aufsitzt, sondern weiß, dass
Reformen ist uns bekannt, dass auch die Veräußerung ein Umbau erst einmal Geld kostet.
der nicht mehr benötigten Liegenschaften einen unge-
heuren Kraftakt bedeutet. Die hiervon betroffenen Städte Nun gibt es, wie immer, wenn Standortentscheidungen
und Gemeinden können die frei werdenden Flächen anstehen, natürlich fröhliche und weniger fröhliche Ge-
(B) nicht alleine vermarkten. Hierfür ist die für den Februar sichter. In meinem eigenen Wahlkreis befindet sich kein (D)
2012 geplante Informationsveranstaltung der BImA ein Bundeswehrstandort mehr, dort ist nur noch ein Depot,
erster wichtiger Schritt. das abgewickelt wird. Aber wir haben natürlich gespannt
auf die Nachbarschaft, auf Diez, geschaut und uns ge-
Liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie mich ab- freut, dass das Schloss Oranienstein weiterhin Sanitäts-
schließend noch einige positive Ergebnisse für den Vertei- standort bleiben wird. Wir müssen aber genauso zur
digungshaushalt 2012 ansprechen. Wir haben gemeinsam Kenntnis nehmen, dass die Freiherr-vom-Stein-Kaserne
erreicht, dass 25 Millionen Euro für Kleinwaffenmunition keine Zukunft mehr haben wird. Das ist nun einmal so.
und 30 Millionen Euro unter der Überschrift „Infanterist
der Zukunft“ in den Haushalt eingestellt worden sind. Das Daher ist es wichtig, dass die Entscheidungen nach
sind Dinge, die wir gemeinsam in den Beratungen und rationalen und ordentlichen Maßstäben getroffen wer-
auch in der Bereinigungssitzung auf den Weg gebracht den. Das ist, glaube ich, hier geschehen. Klare Kriterien
haben. Ich finde, dass alle diese gemeinsamen Entschei- wurden angelegt: die Eignung der Liegenschaft für die
dungen einmal hervorgehoben werden sollten. Denn bei Auftragserfüllung, die Anbindung an geeignete Ausbil-
allen gegensätzlichen Ansätzen von Koalition und Oppo- dungs- und Übungsmöglichkeiten, die Verkehrsanbin-
sition wollen wir doch alle nur eines, nämlich die richti- dung des Standortes, die räumlichen Zusammenhänge im
gen Impulse für unsere Bundeswehr, unseren Haushalt Rahmen des Aufgaben- und Übungsverbundes, die Lie-
und unser Land setzen. genschaftsbetriebskosten, also Bauunterhaltung, Bewirt-
schaftung und Bewachung, Erfordernis und Kosten von
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Infrastrukturmaßnahmen, bisherige mittelfristig und lang-
(Beifall bei der SPD) fristig erforderliche Infrastrukturinvestitionen und Ver-
fügbarkeit und Vielfalt von Bildungseinrichtungen, öf-
fentlichen Betreuungs-, Freizeit- und Fürsorgeeinrich-
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
tungen.
Das Wort hat der Kollege Klaus-Peter Willsch von
der CDU/CSU-Fraktion. Ich glaube, das ist ein umfassender Strauß an Indika-
toren, die man angelegt hat, um zu den richtigen Ent-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) scheidungen zu kommen. Jeder von uns, der in seiner
Nähe einen betroffenen Standort hat, bekommt natürlich
Klaus-Peter Willsch (CDU/CSU): Post vom Bürgermeister, der Konversion fordert, aber
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Kolleginnen auch von Soldaten und anderen Personen, deren persön-
und Kollegen! Meine Damen und Herren! Herr Minister, liche Lebensplanung durch die Standortschließungen
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16971
Klaus-Peter Willsch
(A) oder Entscheidungen intensiv betroffen wird. Daher ist Das Thema Munition ist ebenfalls angesprochen wor- (C)
es gut, dass man darauf verweisen kann, dass hier nach den. Die entsprechenden Mittel, die für Munition für
einem sehr rationalen und nüchternen Maßstabsystem kleine Waffen gedacht sind, werden um 25 Millionen
vorgegangen wurde. Euro erhöht. Wir haben die Berichte von Soldaten, die
aus einem Einsatz zurückgekehrt sind, und die Anregun-
Lassen Sie mich noch etwas zu unserer Detailarbeit
gen, die uns über den Wehrbeauftragten, auf dem Dienst-
im Haushaltsausschuss sagen. Wir haben noch ein paar
weg gleichermaßen, erreicht haben, aufgenommen. Wir
kleinere Änderungen vorgenommen. Eine Auswirkung
sagen: Wenn wir unsere Armee in einen Einsatz schi-
der Abschaffung der Wehrpflicht ist natürlich, dass es
cken, dann muss sie ordentlich ausgerüstet und ordent-
den Zivildienst als automatischen Zusatznutzen der Wehr-
lich ausgebildet sein. – Wir als Parlament fühlen uns in
pflicht nicht mehr gibt. Aber mit dem Bundesfreiwilli-
gendienst ist für die Träger von ehrenamtlicher gemein- der Pflicht, dafür Sorge zu tragen, auch wenn das bei
nütziger Arbeit im Sozial- und Umweltbereich sowie in dem einen oder anderen Item vielleicht noch nicht der
anderen Bereichen die Möglichkeit geschaffen worden, Fall sein sollte.
Ersatz zu bekommen. Wir müssen uns darüber hinaus natürlich auch über
Wir haben durch einen Haushaltsvermerk dafür Sorge andere Themen Gedanken machen. Wir wissen, dass Ge-
getragen, dass überschüssiges Material, das in der Bun- spräche über langfristige Programme der Beschaffung
deswehr abgängig ist, übernommen werden kann, und und über die Spielräume, die wir in diesem Bereich
zwar nicht nur durch das THW, sondern auch durch an- brauchen, laufen. Sie alle kennen das von der Europäi-
dere anerkannte Katastrophenschutzorganisationen. Ich schen Verteidigungsagentur angestoßene Konzept „Poo-
denke, dass wir damit nicht nur den freiwilligen Wehr- ling & Sharing“. Hier geht es um die Frage: Welche Ei-
dienst, sondern auch andere Organisationen, die dem genschaften und Fähigkeiten fassen wir auf einer
Motto „Wir.Dienen.Deutschland.“ verpflichtet sind, un- geeigneten Aggregatstufe zusammen und sagen: „Das
terstützen. erledigen verschiedene Länder gemeinsam“, und bei
welchen Fähigkeiten spezialisieren sich die Armeen der
Durch die Entscheidungen, die getroffen worden sind, einzelnen Nationen? Dieser Ansatz muss im Umfeld ei-
verfolgen wir das Ziel, eine Armee zu haben, die mit bis ner schwierigen Budgetsituation in allen Partnerländern
zu 185 000 Soldaten dem zukünftigen Einsatzspektrum sicherlich verstärkt verfolgt werden. Wir sind da zu allen
gerecht werden kann und wird. Es geht in der Zukunft Diskussionen bereit.
nicht mehr um die Verteidigung der Landesgrenzen, son-
dern zukünftige Einsätze erfolgen vor allem an der Seite Wir wissen auch: Wenn wir im Hinblick auf Ausrüs-
unserer Partner innerhalb der EU und innerhalb der tung und Verträge Entgegenkommen erzielen und mit der
(B) NATO. Dabei steht die Sicherung der Seewege zum Industrie Möglichkeiten erörtern wollen, die Größe des (D)
Schutz unserer Handelsschifffahrt genauso auf der Tages- einen oder anderen Beschaffungsauftrags zu variieren,
ordnung wie Einsätze gegen den international operieren- dann sollten wir ihr auch auf anderen Märkten helfen.
den Terrorismus, die von hoher Intensität und mit hohen
Risiken verbunden sind. (Dr. Frithjof Schmidt [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Hört! Hört!)
Wir brauchen natürlich eine schlagkräftige Truppe,
die schnell und flexibel einsatzbereit und verlegefähig ist Dabei sind natürlich die strikten Kriterien, die wir dafür
und deren Ausbildung in Deutschland sich darauf kon- entwickelt haben, einzuhalten.
zentriert, sie bestmöglich auf ihr Einsatzspektrum vorzu-
bereiten. Wir haben, damit dieser Umbau gut gelingen (Omid Nouripour [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
kann, versucht, auch im Personalbereich – dazu wird NEN]: Sind die geheim? – Gegenruf des Abg.
Jürgen Koppelin noch etwas sagen – Vorsorge zu treffen. Joachim Spatz [FDP]: Ach was! Die kommen
Wir wollten unter anderem verhindern, dass im Bereich doch von euch!)
der Portepeeträger Beförderungsstaus eintreten. Dane-
ben haben wir auch besonders an die zivilen Beschäftig- Es gibt genügend Nachfrage nach ordentlicher deut-
ten im mittleren Dienst gedacht. scher Präzisionstechnologie und Wertarbeit. Das Parla-
ment und die Regierung können hier also helfen. Das
Bei internationalen Einsätzen und bei der Zusammen- sollte für uns alle eine wichtige Aufgabe sein, nicht zu-
arbeit mit unseren Partnern kommt es natürlich auch dar- letzt angesichts von 80 000 Arbeitsplätzen in diesem Be-
auf an, dass wir kooperationsfähig sind. Deshalb haben reich und des Rufs, den Deutschland auf diesem Feld
wir gesagt – das geht über das, was das Haus dazu vor- hat, weil es auch hier über exzellente Spitzentechnolo-
geschlagen hat, hinaus –: Wir brauchen einen Einstieg in gien verfügt.
das Vorhaben „Infanterist der Zukunft – Erweitertes Sys-
tem“ und wollen hierfür eine Anschubfinanzierung; Kol- (Heike Hänsel [DIE LINKE]: Spitzen-
lege Brinkmann hat diesen Aspekt dankenswerterweise technologie zum Töten!)
angesprochen und auch mit unterstützt. Es ist nämlich
Ausdruck einer Parlamentsarmee, dass wir die wesentli- Sie sehen: Es bleibt viel zu tun. Aber der Zug fährt in
chen Entscheidungen hier im Parlament und in der Regel die richtige Richtung. Ich bedanke mich nochmals aus-
zusammen treffen. Für das Projekt „Infanterist der Zu- drücklich für das gute Miteinander, auch innerhalb der
kunft“ haben wir daher mit einer Anschubfinanzierung Berichterstattergruppe. Mein Dank gilt aber auch dem
von 30 Millionen Euro Vorsorge getroffen. Ministerium.
16972 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Klaus-Peter Willsch
(A) Die CDU/CSU-Fraktion wird dem Einzelplan 14 na- Polizeieinsatz, der eng mit dem Militäreinsatz verwoben (C)
türlich zustimmen. ist.
Danke sehr. Die dritte Mogelpackung. Die gesellschaftlichen Fol-
gekosten, zum Beispiel durch die Schäden, die die betei-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – ligten Soldatinnen und Soldaten an Körper und Seele er-
Omid Nouripour [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- litten haben, werden im Haushalt überhaupt nicht berück-
NEN]: Welch Überraschung!) sichtigt.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
kommt nach Einrechnung all dieser Kosten zu folgen-
Das Wort hat die Kollegin Christine Buchholz von der dem Ergebnis – ich zitiere –:
Fraktion Die Linke.
… kostet jedes weitere Jahr, in dem Deutschland
(Beifall bei der LINKEN) am Einsatz in Afghanistan teilnimmt, zusätzliche
2,5 bis 3 Milliarden Euro.
Christine Buchholz (DIE LINKE):
Und das alles für einen Krieg, der den Menschen in Af-
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Zunächst ghanistan Tod und Leid bringt, das alles zur Stabilisie-
müssen wir feststellen, dass die Bundesregierung offen- rung einer Regierung, die korrupt, unbeliebt und voll-
sichtlich beschlossen hat, das Verteidigungsministerium ständig abhängig von der internationalen Schutztruppe
von den Sparbemühungen des Bundes auszunehmen. Sie ist.
hatten uns versprochen, dass auch beim Militär gespart
werden muss; das war eine zentrale Begründung für die Schauen wir uns den Präsidenten Karzai an, mit dem
Bundeswehrreform. Aber jetzt stellen wir fest: Der Etat der Außenminister im Dezember gemeinsam eine Kon-
des Verteidigungsministeriums ist nicht verkleinert wor- ferenz in Bonn veranstalten wird. Citha Maaß von der
den. Aber nicht nur das: Wenn wir die NATO-Kriterien Stiftung Wissenschaft und Politik sagte kürzlich:
dafür, was Verteidigungsausgaben sind, anlegen, dann Die Drogenindustrie durchdringt Politik und Wirt-
müssen noch weitere 3,7 Milliarden Euro aus anderen schaft in Afghanistan wie ein Krebsgeschwür.
Haushaltstöpfen dazugezählt werden. Das sind 1 Mil-
liarde Euro mehr als noch im laufenden Jahr. Auf diese Der Halbbruder des Präsidenten galt bis zu seiner Er-
Weise versteckt, wächst das Verteidigungsbudget 2012 mordung im August als der Pate von Kandahar. Ein an-
im Vergleich zu 2011 um 1,2 Milliarden Euro auf 35,4 Mil- derer Bruder Karzais ist in die dubiosen Geschäfte der
liarden Euro an. Seien Sie so ehrlich, das den Steuerzah- Kabul Bank verstrickt, durch die er und seine Geschäfts-
freunde sich auf Kosten der Geberländer um Hunderte
(B) lern zu sagen! Millionen Dollar bereichert haben. Derweil ist laut der (D)
(Beifall bei der LINKEN) Hilfsorganisation Oxfam jedes dritte Kind in Afghanis-
tan unterernährt. Dieser Winter könnte sich zu einer Ka-
Aber auch diese Rechnung ist noch lange nicht voll-
tastrophe entwickeln.
ständig. Ich möchte das einmal anhand der Kosten für
den Krieg in Afghanistan deutlich machen: Die reinen Wie dramatisch die Lage der Bevölkerung ist, zeigt
einsatzbedingten Kosten für ISAF im Verteidigungsetat auch das Beispiel der Millionenstadt Kabul. Es gibt dort
belaufen sich auf rund 800 Millionen Euro. In Wirklich- kein Abwassersystem, und laut der Kreditanstalt für
keit ist es aber mehr als das Vierfache. Wiederaufbau wäre es dort nötig, Investitionen in Höhe
von 1,5 Milliarden Dollar zu tätigen. Dafür ist aber kein
Die erste Mogelpackung. Die Regierung rechnet so- Geld da. Es gäbe viel zu tun, aber die Bundesregierung
gar innerhalb des Verteidigungsetats die Kosten für den bevorzugt es, beim Aufbau und bei der Entwicklung zu
Einsatz runter. Beispielsweise wird der Grundsold für kleckern. Geklotzt wird nur beim Militär, und das ma-
die eingesetzten Soldaten nicht dem Einsatz zugeschrie- chen wir nicht mit.
ben. Dabei könnte die Zahl der Soldaten drastisch redu-
ziert werden, wenn die Regierung endlich damit aufhö- (Beifall bei der LINKEN)
ren würde, Soldaten ins Ausland zu schicken. So ist es auch kein Wunder, dass laut einer im Okto-
(Beifall bei der LINKEN) ber veröffentlichten Umfrage der Konrad-Adenauer-Stif-
tung 56 Prozent der afghanischen Bevölkerung die
Dasselbe gilt auch für die Transportflugzeuge, Schützen- NATO-Truppen als Besatzungsmacht empfinden. Auch
panzer, Tornados, AWACS und andere Sachen. Sie wol- in Deutschland hat die Mehrheit das falsche Spiel der
len in Zukunft ja zwei dieser Einsätze durchführen kön- Bundesregierung mit Afghanistan durchschaut. Weil Tö-
nen. Das können wir uns sparen. ten und Sterben für einen sinnlosen Krieg nicht attraktiv
sind, gibt die Bundesregierung dann auch noch 200 Mil-
(Beifall bei der LINKEN)
lionen Euro für ein Attraktivitätsprogramm der Bundes-
Die zweite Mogelpackung. Die Kosten für den Ein- wehr aus, um die Rekrutierungsziele der Bundeswehr er-
satz werden in andere Ressorts ausgelagert, seien es die reichen zu können.
Kosten für die Nachversorgung der Verwundeten und Wir sagen: Beenden Sie die Auslandseinsätze der
Hinterbliebenen, die Kosten für die Entschädigung der Bundeswehr, allen voran die Beteiligung am Krieg in
zivilen afghanischen Opfer – wenn sie denn überhaupt Afghanistan!
bezahlt wird und nicht, wie im Fall des Kunduz-Massa-
kers, nicht bezahlt wird – und auch die Kosten für den (Beifall bei der LINKEN)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16973
Christine Buchholz
(A) Nutzen Sie die freiwerdenden Mittel für friedliche und 112 000 Euro. Das sind im Durchschnitt 1 000 Euro pro (C)
soziale Maßnahmen, die den Menschen in Afghanistan Soldat als Geldstrafe. In diesem Jahr geht das genauso
und in Deutschland zugutekommen! weiter. Ich wäre sehr dankbar, wenn man diesen Dingen
nachgeht. Nach meiner Auffassung scheint da irgend-
Vielen Dank. etwas nicht in Ordnung zu sein. Nicht nur ich, sondern
(Beifall bei der LINKEN) sicherlich auch die Berichterstatter hätten gerne eine um-
fassende Aufklärung darüber, warum es dort so hohe
Geldstrafen gibt.
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Das Wort hat der Kollege Jürgen Koppelin von der Natürlich, wenn man hier im Deutschen Bundestag
FDP-Fraktion. über Auslandseinsätze beschließt, dann muss nach zehn
Jahren Afghanistan darüber nachgedacht werden: Wann
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten kann der Abzug erfolgen? Ich bin sehr froh, auch als je-
der CDU/CSU) mand, der diesem Einsatz in Afghanistan immer sehr
kritisch gegenübergestanden hat, dass nun Schritt für
Dr. h. c. Jürgen Koppelin (FDP): Schritt – in der Debatte zum Haushaltsplan des Auswär-
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich tigen Amts ist darauf schon hingewiesen worden – der
habe von den Linken natürlich keinen anderen Redebei- Rückzug eingeleitet wird. Ich möchte an dieser Stelle
trag erwartet, aber ich möchte mich beim Kollegen auch sagen: Wenn die Bundeswehr aus Afghanistan zu-
Brinkmann und auch beim Kollegen Willsch für ihre rückgekehrt ist, sollten und dürfen wir Afghanistan auch
Beiträge recht herzlich bedanken, zeigen sie doch, dass nach 2014 nicht vergessen. Das wird auch weiterhin un-
wir wirklich Gemeinsamkeiten haben. sere Aufgabe bleiben.
Kollege Brinkmann hat darauf aufmerksam gemacht: Wenn wir von Gemeinsamkeiten sprechen, hätte we-
Die Bundeswehr ist unsere Parlamentsarmee. Die Be- nigstens dies der Linken eine kleine Bemerkung wert
richterstattergespräche – darin schließe ich die Kollegin sein sollen: Ich bin sehr froh, dass es uns mit diesem
Lötzsch als Berichterstatterin ausdrücklich mit ein; Ihr Haushalt endlich gelungen ist, dass die Radargeschädig-
Beitrag, Frau Buchholz, hat das leider nicht wiedergege- ten der Bundeswehr und, das sage ich in Richtung der
ben – waren davon getragen, dass wir uns für die Bun- Linken, auch die Radargeschädigten der NVA einen
deswehr und für die Angehörigen der Bundeswehr ver- Ausgleich bekommen.
antwortlich fühlen. Ich finde, die Angehörigen der
Bundeswehr müssen das Gefühl und die Sicherheit ha- (Bartholomäus Kalb [CDU/CSU]: Sehr rich-
tig!)
(B) ben, dass wir ihre Sorgen und Nöte kennen und dass wir (D)
gemeinsam versuchen, diese Probleme zu lösen, auch Ich möchte mich bei Staatssekretär Schmidt ausdrück-
wenn das manchmal nicht von heute auf morgen geht. lich dafür bedanken – das war eine gute gemeinsame Ar-
(Heike Hänsel [DIE LINKE]: Wir haben von beit –, dass wir jetzt endlich zu einer Lösung gekommen
Ihnen auch nichts anderes erwartet! Immer sind. Ich sage allerdings auch: Wenn man weiß, dass
dasselbe!) manche Fälle 40 Jahre alt sind, dann schämt man sich
ein bisschen, auch hier für uns, für den Bundestag. Wir
Die Angehörigen der Bundeswehr haben Anspruch hätten schneller reagieren müssen.
darauf, angesichts eines solchen Haushalts zu wissen:
Wie sieht zukünftig ihr Dienst aus? Davon waren auch (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie
unsere Beratungen geprägt. Es gab – das will ich aus- bei Abgeordneten der LINKEN)
drücklich sagen; das finde ich sehr angenehm – sehr
Mit diesem Verteidigungsetat sind etwa 500 Stellen-
viele Übereinstimmungen. Zum Beispiel waren wir uns
anhebungen im militärischen Bereich und etwa 300 Stel-
alle darüber einig – dabei schließe ich den Kollegen
lenanhebungen im zivilen Bereich verbunden. Dabei
Lindner mit ein –, dass die Bundeswehrsoldaten im Aus-
geht es vor allem darum, die langen Wartezeiten für die
land das beste Material bekommen müssen, das vorhan-
Feldwebellaufbahn endlich zu verkürzen. Solche Warte-
den ist, und dass wir uns darum bemühen. Dafür möchte
zeiten darf es nicht mehr geben. Damit folgen wir auch
ich mich bei allen recht herzlich bedanken, bei Ihnen,
dem Vorschlag des Ministeriums. Im Haushaltsentwurf
Frau Buchholz, natürlich nicht.
waren zusätzlich Verbesserungen bei 6 000 Planstellen
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten vorgesehen. Das ist ein guter Vorschlag gewesen.
der CDU/CSU)
Zu den Grünen muss ich sagen: Die von euch gestell-
Das Thema Afghanistan, Herr Bundesminister, durch- ten Anträge kann ich nicht verstehen. Das, was ihr for-
zieht die Debatte am heutigen Tag. Deswegen lassen Sie dert, hätten wir nie machen können. So soll die Zahl der
mich direkt einen Punkt ansprechen, der mir bei den Soldatinnen und Soldaten auf 160 000 gesenkt werden.
Haushaltsberatungen aufgefallen ist und dem ich weiter Ich will die anderen Forderungen gar nicht mehr vorle-
nachgehen werde. Da wir über Ihren Etat sprechen, will sen. Ich dachte, dass diese Zeiten bei den Grünen vorbei
ich ganz klar sagen, dass mir das große Sorgen macht. seien. Aber mit euren vielen Kürzungsvorschlägen fallt
2010 hatten wir 100 Fälle, in denen hohe Geldbußen ge- ihr in eurer Entwicklung wieder ein paar Jahre zurück.
gen Soldaten im Auslandseinsatz verhängt wurden. Im- Ihr solltet noch einmal schauen, ob das wirklich so not-
merhin kam es hier zu Einnahmen von insgesamt wendig war.
16974 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Dr. h. c. Jürgen Koppelin


(A) Wir haben eine Verbesserung der Versorgung der im Es ist schon gesagt worden: Alle Rüstungs- und Be- (C)
Ausland verletzten Soldaten beschlossen. Damit ist die schaffungsmaßnahmen werden überprüft. Bundesminis-
soziale und finanzielle Versorgung unserer Bundeswehr- ter de Maizière hat zu Recht am 14. Oktober die Bericht-
angehörigen erheblich verbessert worden. Das trifft übri- erstatter informiert und gesagt, wohin die Reise gehen
gens auch auf traumatisierte Soldaten zu. Ihnen gilt nach soll. Es wird erhebliche Reduzierungen geben. MEADS
wie vor unsere Fürsorge. war immer ein Steckenpferd von uns. Insoweit ist der
Antrag der Grünen auch in diesem Punkt überflüssig. Ihr
Die Bundeswehr wird verkleinert; darüber ist schon braucht nur nachzulesen, was der Rechnungshof ge-
gesprochen worden. Das haben wir hier im Bundestag schrieben und der Minister uns mitgeteilt hat. Dann seht
beschlossen. Es ist selbstverständlich, dass wir dann ihr genau, wohin die Reise gehen soll.
auch finanzielle Mittel bereitstellen müssen, um den Ab-
bau sozialverträglich zu gestalten. Den Betroffenen, Das Problem sind allerdings – das ist keine leichte
Kollege Brinkmann, ist es übrigens egal, ob diese Mittel Aufgabe für den Verteidigungsminister –, die Gespräche
aus dem Einzelplan 60 oder dem Einzelplan 14 kommen. mit der Industrie. Damit komme ich zum Schluss, Herr
Präsident. Denn es geht überwiegend um Beschlüsse und
Durch die Verkleinerung der Bundeswehr – das lange Verträge, die ihr seinerzeit unter Rot-Grün einge-
musste jedem klar sein – müssen auch Standorte ge- tütet habt und die wir jetzt versuchen müssen zu korri-
schlossen werden. Für die betroffenen Orte ist das oft gieren. Ich bin aber sehr optimistisch, dass wir einen
bitter. Das weiß ich. Die Entscheidungen sind schmerz- sehr starken Verteidigungsminister haben, der mit der In-
haft, aber notwendig. Es ist schließlich nicht das erste dustrie sprechen wird. Denn wir brauchen nicht die Sa-
Mal, dass wir Standorte schließen. chen, die ihr irgendwann bestellt habt, sondern wir brau-
Wenn jetzt der Ruf kommt, diesen Orten finanziell zu chen modernes Gerät.
helfen, dann finde ich diese Forderung durchaus berech- Herzlichen Dank für Ihre Geduld.
tigt. Ich darf allerdings die Sozialdemokraten und andere
daran erinnern, dass es in früheren Fällen – in meinem (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Wahlkreis gab es drei große Standorte – null finanzielle
Hilfe gab. Meine Leute an den drei Standorten haben nie Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
etwas gesehen. Damals haben Sozialdemokraten Stand- Jetzt hat der Kollege Dr. Tobias Lindner von Bünd-
orte geschlossen. nis 90/Die Grünen das Wort.
Ich habe allerdings gelernt – das will ich Ihnen nicht
vorenthalten, Herr Minister –: Eigentlich ist nur einer Dr. Tobias Lindner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
(B) schuld daran, dass die Standorte geschlossen werden. Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! (D)
Das sind nicht Sie. Wir haben einen Kollegen, der auch Meine sehr geehrten Damen und Herren! Es ist schon
Landesvorsitzender der SPD in Bayern ist, nämlich Herr mehrfach erwähnt worden: Wir beraten heute den ersten
Pronold. Ich dachte, er wäre heute anwesend, um sich zu Verteidigungshaushalt im Lichte, vor allem aber in
engagieren. Er ist der Auffassung, dass die Standort- Kenntnis der Details der Bundeswehrreform. Es gibt
schließung durch Herrn Seehofer erfolgt ist. mehrere Gründe dafür, unsere Streitkräfte zu reformie-
ren. Ein Grund sind die haushaltspolitischen Rahmenbe-
(Heiterkeit bei der FDP und der CDU/CSU – dingungen.
Omid Nouripour [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Ihr Vorgänger, Herr Minister – das ist der mit der
NEN]: Deshalb ist er schuld!)
neuen Frisur –, hat bereits im Mai 2010 festgestellt, dass
Ich habe die Presseerklärung mitgebracht. Darin heißt der – ich zitiere – „mittelfristig höchste strategische Pa-
es, Herr Seehofer habe damals dem Koalitionsvertrag rameter …, unter dem die Zukunft der Bundeswehr ge-
zugestimmt, in dem die Bundeswehrreform beschlossen staltet werden muss“, die Schuldenbremse sei. Das Spar-
wurde. Hätte er nicht zugestimmt, dann würden auch ziel, mit dem Sie die aus unserer Sicht durchaus
Standorte in Bayern nicht geschlossen werden. Es vernünftige Abschaffung der Wehrpflicht begründen,
kommt aber noch stärker: Damit habe Herr Seehofer die wurde im Jahr 2010 mit 8,3 Milliarden Euro angegeben.
Wehrpflichtarmee geopfert. Nun kommt noch etwas. Auch Sie, Herr de Maizière, haben dieses Ziel mitge-
Das hätte ich nie von den Sozialdemokraten gedacht. tragen, wenn auch in anderer Funktion. Aber auch Sie
Kollege Pronold schreibt weiter: saßen damals mit am Kabinettstisch. Ein Blick in den
Es war ein kapitaler Fehler von Seehofer und der Entwurf zum Einzelplan 14 zeigt, dass von diesem Spar-
CSU, das Verteidigungsministerium nach dem ziel nicht einmal die Hälfte übriggeblieben ist.
Rücktritt von Guttenberg aufzugeben. Begonnen hat das Ende des Sparens mit der Stre-
Ich hätte nie gedacht, dass sich Sozialdemokraten dafür ckung des Sparziels. Anfang dieses Jahres wurde be-
einsetzen, dass das Verteidigungsministerium auch wei- schlossen, dass wir erst im Jahr 2015 den vollen Sparbei-
terhin christlich-sozial geführt wird. Aber man lernt trag erbringen sollen. Als Nächstes – auch das wurde
dazu und hört das gern. erwähnt – wurden mehr als 1 Milliarde Euro in den Ein-
zelplan 60 eingestellt, sodass es möglich ist, Personal-
(Heiterkeit bei der FDP und der CDU/CSU – ausgaben für Zivilbedienstete dorthin auszulagern. Mit
Bernhard Brinkmann [Hildesheim] [SPD]: In anderen Worten: Das ist nichts anderes als 1 Milliarde
diesen Fragen halten die Bayern zusammen!) Euro zusätzlich im Verteidigungsbereich. Mit den
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16975
Dr. Tobias Lindner
(A) Grundsätzen von Haushaltsklarheit und Haushaltswahr- – Warum? Das sind Forderungen des Generalinspek- (C)
heit hat dieser Verschiebebahnhof nichts gemein. teurs, dessen eigene Berechnungen, die wir übernehmen
und anpassen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Zuruf von der CDU/CSU: Das sind Märchen,
Dass Sie Ihr eigenes Sparziel offenbar selbst nicht
die Sie da erzählen!)
sehr ernst nehmen und für glaubwürdig halten, wird erst
recht deutlich, wenn man versucht, sich auf Ihre mittel- Ich komme zum Schluss. Ihr Vorgänger Karl-Theodor
fristige Finanzplanung, also auf den 44. und 45. Finanz- zu Guttenberg veröffentlicht in diesen Tagen ein neues
plan der Bundeswehr, einen Reim zu machen. Im 44. Fi- Buch. Sein Titel, also nicht der Titel von Herrn zu Gut-
nanzplan finden sich noch die erwähnten Einsparungen tenberg, sondern der des Buches, passt wie ein Fazit zu
von 8,3 Milliarden Euro. Schaut man in den 45. Finanz- Ihrer Reform. Er lautet: Vorerst gescheitert.
plan, so findet man Einsparungen von nur noch 2,3 Mil-
liarden Euro. Allein 2014 wollen Sie 3 Milliarden Euro Vielen Dank.
mehr ausgeben. Mit Haushaltskonsolidierung hat das (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
nichts zu tun.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Das Wort hat jetzt der Bundesminister Dr. Thomas de
Wenn man nachfragt – so wie ich dies getan habe –,
Maizière.
warum das Ganze so ist, dann bekommt man von dieser
Regierung allen Ernstes die Antwort, dass das geringere (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Sparziel alleine den Mietzahlungen, die die Bundeswehr
von diesem Jahr an zu leisten hat, geschuldet ist. Das ist Dr. Thomas de Maizière, Bundesminister der Ver-
der Punkt, an dem spätestens Schönreden beginnt. Es teidigung:
war letztes Jahr bekannt, dass die Bundeswehr ihre Lie- Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Das
genschaften übertragen muss, Mietzahlungen zu leisten Jahr 2011, das jetzt schon fast zu Ende geht, war in der
hat und eine Kompensation erhält. Es war bekannt, dass Tat ein Jahr vieler sehr, sehr wichtiger Entscheidungen
diese Zahlungen anfallen werden, und es war im letzten für die Bundeswehr. Es begann mit der Aussetzung der
Jahr noch möglich, Einsparungen auszuweisen. In die- Wehrpflicht. Das Zweite war die Vorlage der Verteidi-
sem Jahr ist plötzlich nichts mehr möglich. Das ist in gungspolitischen Richtlinien im Mai. Es folgte im Zu-
etwa so, als wenn man Anfang Dezember plötzlich sammenhang damit die Festlegung des Gesamtumfangs
merkt, dass am 24. Weihnachten ist und das Geld nicht der Streitkräfte – es war schon die Rede davon – bis zu (D)
(B)
reicht. Ähnlich überraschend kommen nämlich diese 185 000: 170 000 plus 5 000 plus x. Der nächste Schritt
Mietzahlungen. war die Beschlussfassung über den Haushalt auf Regie-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) rungsebene mit dem 45. Finanzplan, der hier sehr unter-
schiedlich bewertet wird. Ich finde das Ergebnis gut.
Nein, Herr Minister, mit Ihrer Sparankündigung sind Sie Darauf komme ich gleich noch einmal zurück.
bei der Reform als Tiger gesprungen und als Bettvorle-
ger gelandet. Es folgte dann die Entscheidung über die Grobpla-
nungen im Einzelnen: Wie groß soll das Heer sein, wie
(Markus Grübel [CDU/CSU]: Das haben wir groß die Luftwaffe oder wie groß die Marine? In der Tat,
irgendwo schon einmal gehört!) Herr Lindner, haben wir uns für den Grundsatz „Breite
Es gibt aber neben dem Sparbeitrag auch andere Not- vor Tiefe“ entschieden. Wir sind zum Beispiel dem Vor-
wendigkeiten, warum wir eine Reform unserer Streit- schlag des von mir im Übrigen wirklich sehr geschätzten
kräfte brauchen. Wir müssen die Bundeswehr an die si- Vorsitzenden der sogenannten Weise-Kommission,
cherheitspolitischen Realitäten anpassen. Es ist richtig, Herrn Weise, nicht gefolgt und haben nicht gesagt: Wisst
Herr de Maizière: Sie krempeln den Laden mit Ihrer ihr was? Wir können im Rahmen von „Pooling &
Bundeswehrreform kräftig um. Aber dennoch greifen Sharing“ auf die Marine verzichten; denn Großbritan-
Sie viel zu kurz. Sie verharren in alten Denkmustern und nien hat eine Marine.
haben die Chance vertan, unsere Streitkräfte auf ihre
(Zuruf von der SPD: Hat er nicht vorge-
wahrscheinlichsten Kernaufgaben zu konzentrieren. Mit
schlagen!)
Ihrem Anspruch „Breite vor Tiefe“ zwingen Sie die
Bundeswehr, an überflüssigen und kostspieligen Fähig- – Na ja, so ähnlich schon. Das würde nicht nur bei Herrn
keiten, wie beispielsweise der nuklearen Teilhabe, fest- Bartels, Herrn Koppelin, Herrn Gädechens usw. auf Pro-
zuhalten. Das muss ein Ende haben. bleme stoßen, sondern das wäre auch falsch. Der Grundsatz
„Breite vor Tiefe“ ist, wenn die Breite eine vernünftige
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Form hat, richtig. In dieser Auffassung unterscheiden
In der Konsequenz ist die Bundeswehr mit 185 000 wir uns.
Soldatinnen und Soldaten viel zu groß und zu teuer. Wir
Es folgten die Entscheidung zur Verkleinerung und
Grüne fordern eine fokussierte Bundeswehr mit 160 000
Umstrukturierung des Ministeriums, das Reservisten-
Soldatinnen und Soldaten.
konzept, die Liste mit Angaben zu den Großgeräten, die
(Zuruf von der CDU/CSU: Warum?) Aufsetzung eines neuen Beschaffungs- und Rüstungs-
16976 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Bundesminister Dr. Thomas


Dr. Thomas de Maizière, de Maizière der Verteidigung
Bundesminister
(A) prozesses – dazu sage ich gleich noch ein paar Worte – Einige haben ihn mit Zwischenrufen darauf hingewie- (C)
und schließlich die Stationierungsentscheidung am sen, dass das zumindest für diesen Bereich nicht gelten
26. Oktober. Diese war – Herr Willsch und einige andere kann. Wenn man für die Kleinverdiener etwas macht,
haben es bereits gesagt – eine Folge der vorhergehenden dann verdient das Lob und nicht Tadel.
Entscheidung. Die Stationierungsentscheidung ist nicht
die Neuausrichtung, sondern eine logische Folge von all- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
dem. Ich verstehe die Sorgen und Nöte der Betroffenen Ich werde den Dank an meine Mitarbeiterinnen und
vor Ort, ob es die Angehörigen, der Bäcker um die Ecke Mitarbeiter im Ministerium weitergeben. Gerne erwidere
oder der Bürgermeister sind. Darüber wird zu sprechen ich den Dank, und zwar nicht nur an die Berichterstatter
sein. Die Entscheidung selbst war notwendig. Ich be- aller Fraktionen, sondern auch an deren Mitarbeiter und
danke mich für die – jedenfalls im Großen und Ganzen – an den Haushaltsausschuss im Ganzen.
damit verbundene Akzeptanz.
Ein solcher Stil und ein solches Klima in diesen De-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) batten, nämlich dass nicht mit Leidenschaft um die gro-
ßen Themen der Sicherheits- und Verteidigungspolitik
Ausgangspunkt unserer Überlegung war das Ziel,
gerungen wird, sondern dass es hier eine große Einigkeit
über Streitkräfte zu verfügen, die dem Stellenwert und
gibt, ist, zumindest wenn man sich einmal die Ge-
der Verantwortung unseres Landes entsprechen und bei
schichte der westdeutschen Bundesrepublik anschaut,
denen Auftrag und Mittel zusammenpassen. Die Neu-
nicht selbstverständlich. Die PDS-Linken schließen sich
ausrichtung ist – wir haben darüber diskutiert – sicher-
da aus. Um es einmal so zu sagen: Ich wäre aber auch
heitspolitisch begründet. Sie ist mit Blick auf unsere
besorgt, wenn es anders wäre.
kleiner werdenden Jahrgänge demografisch abgesichert,
und sie ist solide finanziert. Wir brauchen die Neuaus- (Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und
richtung, um die Herausforderungen und Gefährdungen der FDP – Beifall bei Abgeordneten der LIN-
unserer Sicherheit zu meistern. KEN)
Die Finanzausstattung mit 31,9 Milliarden Euro ist Bei allen anderen freue ich mich darüber. Vielleicht
nicht üppig. Aber sie ist angemessen, und sie ist – soweit denken die Grünen einmal darüber nach, ob Sie bei aller
das angesichts der Zeit, in der wir leben, überhaupt mög- Kritik im Einzelnen, die man natürlich haben kann und
lich ist – mittelfristig gesichert. Folgendes ist uns gelun- die auch wir haben – die SPD kritisiert die Reduzierung
gen – ich will nur ein paar Beispiele nennen; einige sind auf nur noch 55 000 zivile Mitarbeiterinnen und Mitar-
schon genannt worden –: beiter; die Grünen plädieren sogar für eine noch kleinere
Armee mit 160 000 Soldaten; sie haben allerdings nie
(B) Wir werden ein zusätzliches Reformbegleit- und gesagt, ob etwa auch die freiwillig Wehrdienstleistenden (D)
Attraktivitätsprogramm in Höhe von 200 Millionen Euro und andere dazugerechnet werden sollen –, nicht doch
aufstellen. Es wird in den nächsten Jahren etwas auf- wieder zu einem Konsens zurückkommen wollen. Wenn
wachsen. ich die momentanen Differenzen ausblende, muss ich
Wir haben die Ausgaben für die internationalen Ein- feststellen: Dass Union, FDP und SPD in Bundeswehr-
sätze um 250 Millionen Euro erhöht. Frau Buchholz, das fragen einen Konsens hatten, hat dieser Republik in den
wollten wir tun, weil wir finden, dass der Schutz der Sol- letzten 60 Jahren ziemlich gutgetan. Ich möchte, dass
daten, die in unserem Auftrag tätig sind, oberste Priorität das so bleibt.
hat. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
(Christine Buchholz [DIE LINKE]: Ich glaube, es Ein Wort zur Rüstungsindustrie. Herr Koppelin hat
geht eher um Ihre Interessen!) bereits darauf hingewiesen, dass wir schwierige Gesprä-
Wir haben die Ausgaben für die Materialerhaltung ge- che geführt haben. Man muss wissen, dass die Entwick-
genüber der bisherigen Planung um 212 Millionen Euro lung in anderen Staaten ähnlich verläuft. Aber ich muss
verstärkt; denn da gab es immer einen Engpass. Das war wiederholen – das sagen alle meine Kollegen; der fran-
auch immer eine Art Sparbüchse: Wenn es nicht gereicht zösische Verteidigungsminister kommt nachher in den
hat, dann wurde beim Benzin gespart. Das wollen wir Verteidigungsausschuss –: Unsere Beschaffungsprozesse
ändern. sind absolut unzureichend. Das liegt an der Besteller-
seite, aber auch an der Unternehmensseite. Die Qualität
Darüber hinaus nehmen wir – Herr Koppelin hat dar- stimmt oft nicht. Preisabsprachen werden nicht eingehal-
auf hingewiesen; dafür bin ich besonders dankbar – ten, und es wird nicht pünktlich geliefert. So können wir
6 000 Planstellenverbesserungen für die Mannschafts- nicht weitermachen. Wir werden sehr harte Gespräche
dienstgrade und rund 500 Stellenhebungen für Soldaten führen, mit dem Ziel, das zu ändern, aber nicht um ein-
und zivile Mitarbeiter im unteren Bereich vor. Gestern zusparen, sondern um überhaupt wieder Spielraum für
hat Herr Schneider im Zusammenhang mit der ersten Le- neue Beschaffungen zu bekommen.
sung des Etats des Finanzministeriums Stellenhebungen
kritisiert. Ein Wort zum Reformbegleitprogramm. Wir reden
viel über Strukturen. Aber es geht hier in erster Linie um
(Iris Gleicke [SPD]: Das stimmt doch nicht! Er Menschen, um die Soldatinnen und Soldaten sowie um
hat das Vollsaugen kritisiert! Bitte einmal das die zivilen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Für sie alle
Protokoll nachlesen!) wollen wir etwas tun, und zwar sowohl für diejenigen,
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16977
Bundesminister Dr. Thomas
Dr. Thomas de Maizière, de Maizière der Verteidigung
Bundesminister
(A) die bleiben – sie sollen eine Erhöhung der Vergütung für der Tat so, Herr Minister, dass seit dem Ministerwechsel (C)
besondere zeitliche Belastungen erhalten –, als auch für im Frühjahr dieses Jahres der Grundkonsens in der Si-
diejenigen, die die Bundeswehr verlassen müssen. Das cherheits- und Verteidigungspolitik zumindest zwischen
kann man angesichts des Personalabbaus bei den zivilen der Mehrheit der Fraktionen hier im Hause wieder deut-
Beschäftigten in den vergangenen 20, 30 Jahren viel- licher ist und einfacher herzustellen ist. Wir haben das,
leicht großzügig nennen. Aber ich halte es für angemes- glaube ich, in den letzten Wochen bewiesen, als es da-
sen. Derjenige, von dem viel verlangt wird, kann auch rum ging, die Einsatzversorgung für die Soldaten, die
ein besonderes Maß an Fürsorge erwarten. Das wollen Entschädigungsregelungen für die Radargeschädigten
wir hiermit bieten. Ich hoffe, dass wir über den entspre- und – ich hoffe, dass das gelingt – die Kommunikation
chenden Gesetzentwurf, sobald er vorliegt, zügig beraten der Soldaten im Auslandseinsatz mit der Heimat zu ver-
werden. bessern. Ich bin sehr dankbar, dass diese Verantwortung
So viel zu den Entscheidungen in diesem Jahr. Das bei einer Reihe von wichtigen Entscheidungen sichtbar
war, ehrlich gesagt, noch der leichtere Teil der Übung; wurde, die die Haushälter getroffen haben.
denn jetzt geht es um die Umsetzung. Sie wird schwierig (Beifall bei der SPD)
und ist nicht in einem Jahr zu machen. Dafür brauchen
wir Jahre. Wir müssen das alles kontinuierlich umsetzen, Ich möchte unserem Haushälter Bernhard Brinkmann
Mentalitäten verändern, den Spaß an Verantwortung för- ein besonderes Dankeschön aussprechen, der nicht nur
dern und so arbeiten, dass Führen mit Auftrag auf allen einen Blick für Zahlen, sondern auch einen Blick für das,
Ebenen Realität und nicht nur Anspruch ist; das dauert. was die Soldaten brauchen, hat. Herzlichen Dank, Kol-
Die Mühen der Ebenen sind oft größer als die Mühen lege Brinkmann!
des Aufstiegs.
Herr Minister, manche Journalisten schreiben, nach-
Wir müssen das alles bei laufenden Einsätzen tun. dem Sie am heutigen Tag 266 Tage im Amt sind: Ja, der
Wir werden im Dezember in erster Lesung über den Minister administriert sicherlich konsequenter als sein
ISAF-Einsatz in Afghanistan beraten; Herr Koppelin Vorgänger, der eher Überschriften produziert hat. – Das
und andere haben davon in der außenpolitischen Debatte ist gut; ich will das gar nicht bekritteln. Aber ich glaube,
schon gesprochen. Ich würde mich freuen, wenn auch es ist zunehmend berechtigt, zu fragen, ob jenseits der
hier große Einigkeit über Ziel und Umsetzung bestünde. Administration auch die notwendigen politischen Im-
(Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Ohne uns!) pulse von Ihnen gesetzt werden. Es ist an der Zeit, dass
sie gesetzt werden. Ich nenne nur zwei Beispiele.
– Darüber freue ich mich.
(B) (Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Danke Wir kommen nicht voran bei der Debatte in unserer (D)
sehr, wir auch!) Gesellschaft, auch nicht parlamentarisch, über die Frage:
Welche Rolle und welche Verantwortung hat das größte
Wir werden später die Anträge auf Fortsetzung der Wirtschaftsland nicht nur in der Finanz-, sondern auch in
Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte an Ata- der sicherheitspolitischen Welt?
lanta und an Active Endeavour diskutieren. Der franzö-
sische Verteidigungsminister kommt nachher in den Ver- (Markus Grübel [CDU/CSU]: Verteidigungs-
teidigungsausschuss. Wie gesagt, wir müssen alles bei politische Richtlinien mal nachlesen!)
laufenden Einsätzen machen. Es handelt sich quasi um
eine Operation am offenen Herzen. Wir wollen bündnis- Hier gibt es noch viel zu klären. Hätten wir das ge-
fähig bleiben und unseren Verpflichtungen nachkommen schafft, wäre es einfacher, über Einsätze zu reden und zu
und gleichzeitig Umstrukturierungen vornehmen. Das entscheiden. Ich glaube, Sie sind schon in einer besonde-
verlangt viel Kraft, viel Aufmerksamkeit, viel Fürsorge ren Verantwortung, solche Debatten voranzubringen.
und viel Unterstützung. Ich spüre diese Unterstützung Die Sozialdemokraten hätten Sie bei dieser Diskussion
für die Soldatinnen und Soldaten sowie die zivilen Mit- als Partner.
arbeiterinnen und Mitarbeiter hier und außerhalb des
Dasselbe gilt für die Frage: Welche Chancen bietet
Hauses. Dafür bedanke ich mich. Ich bitte darum, dabei-
die Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik
zubleiben, auch wenn es bei der Umsetzung das eine
oder andere Problem gibt. Ich freue mich über die Zu- auf europäischer Ebene in einer Situation, in der alle
stimmung zum Einzelplan 14, die wir hoffentlich gleich Länder sparen müssen? Wir haben wiederholt darüber
erleben werden. gesprochen. Sie sagen, Sie machten lieber konkrete
kleine Schritte, als großen Reden zu halten. Ich will auch
Vielen Dank. gar nicht sagen, dass diese kleinen Schritte falsch sind.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Das ist die eine Seite. Aber nachdem Frankreich und
Großbritannien, zwei Länder, die in ihrer Vorgehens-
weise strategisch übereinstimmen, eine aus ihrer Sicht
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: gute Vereinbarung getroffen haben und in Europa voran-
Für die SPD spricht nun der Kollege Rainer Arnold. gehen, brauchen wir natürlich eine Antwort Deutsch-
lands. Es ist schön, dass der französische Verteidigungs-
Rainer Arnold (SPD): minister heute hier ist; das reicht aber nicht aus. Wir
Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! brauchen auch auf europäischer Ebene jenseits der klei-
Lassen Sie mich mit dem Positiven beginnen: Es ist in nen Schritte eine strategische Debatte.
16978 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Rainer Arnold
(A) Eines ist ganz besonders wichtig: Bei den militäri- Die Reform ist auch nicht solide nachhaltig finanziert. (C)
schen Fähigkeiten der Europäer, auch in der Vernetzung, Wir werden am Ende weniger Soldaten, weniger Ausstat-
ist man weiter und fortschrittlicher als bei den politi- tung und weniger Fähigkeiten haben, und die Schere zwi-
schen Prozessen in Europa. Deshalb wäre es Aufgabe schen den Ansprüchen, die wir Politiker an die Streit-
des Außenministers, der Bundeskanzlerin und des Ver- kräfte und ihre Fähigkeiten haben, und den finanziellen
teidigungsministers, Impulse für diese politischen Pro- Möglichkeiten der Bundeswehr wird nicht geschlossen.
zesse zu geben. Das Problem wird auf niedrigerem Niveau in die Zukunft
transferiert. Darüber sind wir sehr unglücklich.
(Beifall bei der SPD)
Wir sind auch nicht froh über Ihre These „Breite vor
Lassen Sie mich bei dieser Haushaltsberatung ein Tiefe“, die Sie hier geäußert haben. So kann man in vie-
paar Sätze zu den Finanzen sagen. Herr Minister, die So- len Bereichen vorgehen, aber nicht in allen. Manchmal
zialdemokraten hatten recht: Ein Einsparvolumen von ist diese These ganz bequem, weil man keine Prioritäten
8,3 Milliarden Euro ist nicht zu erbringen. Das ist deut- setzen muss. In Wirklichkeit führt „Breite vor Tiefe“
lich geworden. Es wäre schön und ein Zeichen von aber dazu, dass die Durchhaltefähigkeit der Streitkräfte
Größe, wenn auch Sie sagen könnten: Ja, auch ich habe in vielen Bereichen beschädigt wird und dass eher wie-
mich in Neuhardenberg blenden lassen; ich habe ge- der einige hohle Strukturen entstehen werden. Wir hätten
glaubt, dass man 8,3 Milliarden Euro einsparen kann. uns sehr gewünscht, dass man mit Blick auf mangelnde
– Sie sagen aber in Wirklichkeit: Wir können 8,3 Milli- Fähigkeiten in den Vereinten Nationen und in der Euro-
arden Euro einsparen; aber ich brauche mehr Geld. – päischen Union wenigstens die Fähigkeiten, die wirklich
Das passt nicht zusammen. Das steigert auch nicht das knapp sind und mit denen Deutschland Gewicht, Ein-
Vertrauen in die finanziellen Vorgaben für die Streit- fluss und Interessen einbringen könnte, nicht eindampft.
kräfte in den nächsten Jahren. Das gilt für Hubschrauber, für Feldjäger, auch für mari-
time Fähigkeiten und für manches andere mehr. Ich
Sie praktizieren „linke Tasche – rechte Tasche“, in- glaube, hier macht man einen großen strategischen Feh-
dem Sie Kosten, die eigentlich im Verteidigungsressort ler.
anfallen, zum Beispiel für die Berechnung der Gehälter, Lassen Sie mich zum Schluss ganz kurz einige bedeut-
in andere Ministerien verlagern. Sie sind mehr als ein same Punkte ansprechen. Sie sagen, Sie wollen die Men-
Verteidigungsminister: Bundesminister der Verteidi- schen mitnehmen. Das ist wichtig. Auch wir wollen alles
gung. Für den Gesamthaushalt ist es kein Gewinn, wenn tun, damit die Soldaten Vertrauen in die Bundeswehr und
Sie so vorgehen. Was Sie da machen, ist vielleicht tak- in deren konzeptionelle Gestaltung finden. Aber wir müs-
tisch klug; es ist aber, fürchte ich, ein Fehler. Es ist des- sen aufpassen. Eine Armee im Einsatz mit hohen Belas-
halb ein Fehler, weil der größte Personalkörper sein ei- tungen, die von Soldaten im Alter von 23 Jahren getragen
(B) genes Personal nicht mehr bei der Hand hat und damit (D)
werden, verdient unsere Anerkennung und unseren Re-
Kompetenzen sowie das Verständnis für den Soldatenbe- spekt. Deshalb ist es gut, wenn die Opposition zusammen
ruf geringer werden. Das ist ein strategischer Fehler. mit der Regierung das Mandat für Afghanistan erteilt.
Ich sehe schon vor mir, wie irgendwann einmal ein Wir können aber nicht erwarten, dass das zwangsläu-
Finanzminister sagt: Moment, ihr Verteidigungspoliti- fig spurlos an den Menschen und damit an den Streit-
ker, wir erbringen für euch mit der Gehaltsabrechnung kräften vorübergeht. Deshalb muss man bei der Perso-
und allem, was daran hängt, Leistungen, und die stellen nalgewinnung und der Präsentation der Bundeswehr
wir dem Verteidigungsressort in Zukunft selbstverständ- nach außen sehr sorgfältig vorgehen. Ich will gar nicht
lich sichtbar, der Haushaltsklarheit wegen, in Rechnung. – über die Vorfälle in der letzten Woche reden. Wir müssen
Herr Minister, wenn Sie in solchen Fragen schon nicht darauf achten, dass nach außen ein korrektes Bild des
auf die Opposition hören wollen, sehen Sie wenigstens Soldatenberufes präsentiert wird, das der Vielfalt und
von dem Schritt ab, die Verantwortung für das Personal der Kompliziertheit dieses Berufes – der Soldat muss
auszulagern. Lassen Sie das. Hören Sie auf die Personal- nicht nur kämpfen können, sondern in Zukunft auch vie-
vertretung. Nehmen Sie auch die gesetzlichen Bedenken les andere beherrschen – gerecht wird. Denn nur wenn
in diesem Bereich ernst. wir Menschen finden, die verstehen, was die Bundes-
wehr und ihre Aufträge in der Demokratie bedeuten,
(Beifall bei der SPD) werden wir auch in Zukunft noch die Bundeswehr ha-
ben, die wir alle miteinander wollen. Unsere dringende
Nun haben Sie viel über die Reform geredet. Ich will Bitte ist, das noch einmal sorgfältig zu reflektieren. Wir
ausdrücklich sagen: Vieles von dem, was hier angesto- sollten darüber auch im Verteidigungsausschuss eine
ßen wurde, findet unsere Unterstützung. Ich kann hier gründliche Debatte führen.
nicht mit Klein-Klein jeden einzelnen Punkt herausgrei-
fen. Aber eines, Herr Minister, ist nicht richtig, nämlich Recht herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
wenn Sie sagen: Die Reform ist sicherheitspolitisch be- (Beifall bei der SPD)
gründet, gut finanziert und demografiefest. – Die Re-
form ist sicherheitspolitisch nicht begründet. Die Welt Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
hat sich, was die Sicherheitspolitik angeht, in den letzten
Das Wort hat der Kollege Joachim Spatz von der
zwei, drei Jahren nicht wirklich verändert. Das Geld ist
FDP-Fraktion.
knapper. Das ist gar kein Vorwurf; es wäre auch knapp,
wenn die Sozialdemokraten regieren würden. Aber wir (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
sollten es ehrlicherweise auch sagen. der CDU/CSU)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16979

(A) Joachim Spatz (FDP): Ich gebe eines sehr deutlich zu bedenken: Die Zusage (C)
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Kolleginnen der Amerikaner, die Hubschrauber in unserem RC North
und Kollegen! Die Bundeswehrreform, die wir zurzeit präsent zu halten, gilt nur bis zum September 2012. Es
durchführen, hat eigentlich mehr Aufmerksamkeit ver- ist wichtig, dass wir den Partnern auf industrieller Seite
dient, als sie in diesen bewegten Zeiten erhält, weil sie klarmachen: Wenn sie diese Dinge mit uns auch in Zu-
nämlich auf neuen verteidigungspolitischen Herausfor- kunft auf Augenhöhe diskutieren wollen, ist es notwen-
derungen basiert. Es ist, Kollege Arnold, überhaupt kein dig, dass wir auch nach dem September 2012 in unserem
Widerspruch, wenn Sie sagen, dass die sicherheitspoliti- RC North entsprechend handlungsfähig bleiben.
schen Herausforderungen heute dieselben sind wie vor
einigen Jahren. Dann hätten Sie die Bundeswehrreform (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
ja auch damals schon durchführen können, Herr Kollege Das muss eine klare Botschaft an diese Adresse sein.
Arnold.
Zum Schluss noch ein Wort zur internationalen Aus-
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
richtung. Herr Kollege Arnold, Sie haben mit Recht die
der CDU/CSU – Rainer Arnold [SPD]: Wir
europäische Perspektive angesprochen. Nur ist es Ihnen
haben auch eine gemacht!)
wahrscheinlich entgangen, dass die Außenminister des
Sie haben Truppenreduzierungen vorgenommen, wir Weimarer Dreiecks, also Frankreichs, Polens und
machen eine Strukturreform. Deswegen unterscheidet Deutschlands, unter Federführung unseres Außenminis-
sich diese Reform von Reformen in früheren Jahren. Am ters einen Brief an Frau Ashton geschrieben haben, um
Ende werden nicht nur Reduzierungen herauskommen, die europäische Zusammenarbeit einzufordern, und dass
sondern auch klare Schwerpunktverlagerungen. Es gibt Italien und Spanien diesem Schreiben mittlerweile beige-
eine klare Schwerpunktbildung beim Heer, weil dort, treten sind. Auch wenn das Ganze in diesem Fall nicht
wie wir alle wissen, die Einsatzformen der Zukunft lie- vom Verteidigungsminister, sondern vom Außenminister
gen. ausgegangen ist, halte ich das für genau die Zielrichtung,
die wir verfolgen müssen. Ihnen ist das, wie gesagt, leider
Meine Damen und Herren, obwohl auch diesmal wie- entgangen. Trotzdem ist es die Realität. Wir müssen an
der Standorte betroffen waren, ist die Diskussion nach dieser Stelle konsequent fortfahren.
meiner Wahrnehmung sehr sachlich, kriterienorientiert
und dadurch ohne große Widerstände verlaufen. Deshalb Eines ist aber klar: Wir haben es damit zu tun, dass
ganz herzlichen Dank an das Ministerium und alle Frak- aus völlig verschiedenen Denkschulen und Erlebnistra-
tionen, die diesen Prozess unterstützt haben! Es ist eine ditionen stammende Armeen und politische Führungen
– jedenfalls im Moment – gelungene Reform. Wir hof- unter einen Hut gebracht werden müssen. Das wird ei-
(B) fen, dass die Umsetzung genauso konsequent stattfindet. nige Zeit dauern. Die Notwendigkeit für ein solches Vor- (D)
gehen ist allerdings gewachsen. Wer die Äußerungen des
Wir haben, was die Einsatzversorgung angeht, in die- US-Präsidenten in Canberra ernst nimmt, in denen es um
sem Jahr mit sehr breitem Konsens etwas für die Solda- die Schwerpunktverlagerung der amerikanischen Auf-
tinnen und Soldaten, aber auch für die zivilen Bedienste- merksamkeit in den pazifischen Raum geht, und das in
ten der Bundeswehr im Ausland getan. Es ist zugesagt, den Zusammenhang stellt mit den Äußerungen des frü-
die letzten noch offenen Fragen im Rahmen des Reform- heren Verteidigungsministers Gates, wird erkennen, dass
begleitgesetzes zu klären. Das werden wir aufmerksam das den Europäern mehr Eigenverantwortung in ihrem
verfolgen und gegebenenfalls konsequent einfordern. engeren Umfeld abverlangt.
Ich denke, eines ist klar: Das Parlament steht mit brei-
tem Konsens hinter den Soldatinnen und Soldaten sowie Aufgrund der Haushaltslage wird das nur mit Koope-
hinter den Zivilen, die wir ins Ausland entsenden. Dies rationen gehen können. Das heißt, wir sind an dieser
gilt nicht nur in Sonntagsreden, sondern auch, wenn es Stelle zum Erfolg verurteilt, weil es die allumfassende
konkret um Verwundungen an Leib und Seele geht oder Hilfestellung aus Amerika wahrscheinlich auch aus fi-
darum, Folgen für Familien einzudämmen. Dazu dem nanziellen Gründen nicht mehr geben wird. Experten
Hohen Hause ganz herzlichen Dank! schätzen, dass die Amerikaner 54 Milliarden Dollar in
ihrem Verteidigungshaushalt einsparen werden müssen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Dieses Geld wird fehlen, besonders in den Bereichen,
auf denen früher die Schwerpunkte der Amerikaner la-
Die Einsätze im Ausland, geprägt durch den Afgha- gen, und die heute für sie nicht mehr ganz so wichtig
nistan-Einsatz, sind immer besonderer Aufmerksamkeit sind. Ich sage es noch einmal: Wir sind dazu verurteilt,
wert. Es ist mir in diesem Zusammenhang wichtig, noch
an dieser Stelle Erfolg zu haben.
einmal zu betonen, dass wir in Afghanistan den Zenit
unseres militärischen Einsatzes überschritten haben. Es Es ist aber besser, die Regierung hier nicht mit dem
muss klar sein – das wird auch durch die Mandate, die Schwarzen Peter zu versehen, sondern bei unseren euro-
die entsprechenden Reduzierungen vorsehen, deutlich –, päischen Partnern und in unseren Parteien dafür zu wer-
dass die Übergabe in Verantwortung konsequent vorge- ben, dass es in diesem Bereich eine stärkere Kooperation
nommen werden muss und dass sich unsere Partner in gibt.
Afghanistan darauf einstellen werden.
Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit.
In diesem Zusammenhang noch ein Wort zum Thema
Industrie; das ist vorhin bereits angesprochen worden. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
16980 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

(A) Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: Verantwortung für die Bundeswehr und für die Entsen- (C)
Für die Linke hat jetzt das Wort der Kollege Paul dung der Bundeswehr ins Ausland. Wir sind ein Teil die-
Schäfer. ses Parlaments. Deshalb sind auch wir betroffen, wenn
Soldaten tot nach Hause gebracht werden oder sie mit ei-
Paul Schäfer (Köln) (DIE LINKE):
ner Posttraumatischen Belastungsstörung zurückkom-
men. Wir fragen uns nach dem Sinn und Zweck dieser
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Nach Ab- Einsätze: Was erreicht man damit? Was richtet man da-
schluss der Haushaltsberatungen bleibt nur eine Feststel- mit an? Aus genau diesem Grund sagen wir: Holen Sie
lung: Die Nöte der öffentlichen Haushalte werden immer die jungen Leute aus Afghanistan zurück! So sieht un-
größer, die Sparvorgaben für das Bundesministerium der sere Vorstellung von Verantwortung aus.
Verteidigung immer kleiner. Das ist schon bemerkens-
wert. Denn am Anfang der Bundeswehrreform, mit der (Beifall bei der LINKEN)
wir es zu tun haben, stand keine Festlegung im Koaliti-
onsvertrag, kein großer Wurf, sondern ein großes Loch: Meine Damen und Herren, es ist richtig: Die Streit-
das durch Bankenrettungen und Finanzmarktkrise ent- kräfte bedürfen einer grundsätzlichen Reform; aber sie
standene Riesenloch im Bundeshaushalt, weswegen ein muss in die richtige Richtung gehen. Wir sind nicht mehr
Konsolidierungsbeitrag aus dem Rüstungshaushalt ge- militärisch bedroht – das sagen Sie selber –, und wir brau-
leistet werden sollte; immerhin 10 Prozent der Steuergel- chen die dafür eingesetzten Mittel an anderer Stelle: für
der fließen dorthin. Davon ist nun wirklich nicht mehr die Bewältigung globaler Probleme. Genau deshalb sagen
viel, wenn überhaupt noch etwas, übrig geblieben; das wir – das liegt in einem Entschließungsantrag vor –: Hal-
ist schon gesagt worden. Wir hören jetzt wieder die alten bieren wir die Mittel für die Bundeswehr, richten wir die
Töne – „Bei der Sicherheit darf nicht gespart werden“ –, Streitkräfte defensiv aus, beenden wir die Auslandsein-
als ob wir uns wieder in der Bedrohungssituation des sätze, und rüsten wir jährlich um 5 Prozent ab! Das wäre
Kalten Krieges befänden. Absonderlich! sicherheitspolitisch und volkswirtschaftlich vernünftig;
das sollte hier beschlossen werden.
(Beifall bei der LINKEN)
(Beifall bei der LINKEN)
Die Zahlen sind hier genannt worden: Aus dem ur-
Es ist schön und gut, dass Sie, Herr Minister de Mai-
sprünglichen Sparziel – 8,3 Milliarden Euro – wurde
zière, hier ein Reformbegleitgesetz angekündigt haben,
schnell ein kleineres Sparziel: 4,3 Milliarden Euro. Der
bei dem es um die Sicherung der Interessen der Beschäf-
Verteidigungsminister darf sich beim Finanzminister sehr
tigten geht. Was Sie aber nicht vorlegen wollen, ist ein
großzügig bedienen: Er erhält im nächsten Jahr 2 Milliar-
ordentliches Konversionsgesetz; da ist Fehlanzeige. Die
den Euro zusätzlich für den Umbau der Bundeswehr. Ja,
(B) der Strukturwandel muss sozialverträglich gestaltet wer- Reduzierung der Zahl der Soldaten, der Zivilbeschäftig- (D)
ten und der Standorte muss aber mit einer zielgerichteten
den; das kostet Geld. Insofern ist es sogar zu loben, dass
Konversionspolitik verbunden werden. Strukturbrüche
das Weihnachtsgeld für Beamte, Richter und Soldaten,
dieser Art sind nur zu bewältigen, wenn sie langfristig
das gekürzt werden sollte – damit wären Sie wortbrüchig
geplant sind, aktiv gestaltet sind, ausreichend finanziert
geworden –, doch gezahlt wird; es wird aus diesen Mit-
sind und zwischen Bund und Ländern intensiv abge-
teln finanziert. Aber Sie sparen nicht an den Stellen ein,
stimmt werden. Nicht zu vergessen ist, dass die Bürge-
an denen energisch gespart werden muss.
rinnen und Bürger gründlich einbezogen werden müs-
(Beifall bei der LINKEN) sen.
Die Rede ist von den irrsinnigen Beschaffungsvorha- Ein solcher Strukturwandel ist kein normaler gesell-
ben aus den 90er-Jahren: Eurofighter, Tiger und A400M. schaftlicher Prozess, sondern ein extrem wünschenswer-
Jetzt haben Sie festgestellt: Das ist selbst für Sie zu viel. ter Prozess. Jede Photovoltaik- oder Windkraftanlage,
Sie wollen also die Stückzahlen reduzieren. Was macht die einen Schießplatz ersetzt, ist ein gesellschaftlicher
man? Man schickt die Minister dieser Regierung im In- Fortschritt.
teresse der Rüstungsindustrie auf Werbereise; sie sollen
(Beifall bei der LINKEN)
für Absatz sorgen. So sieht die Abrüstungsagenda dieser
Bundesregierung aus. Jeder Technologiepark anstelle eines Munitionsdepots
bedeutet Innovation statt Stillstand. Jede Wohnanlage
(Beifall bei der LINKEN – Sevim Dağdelen
anstelle eines Hangars für Kampfhubschrauber bedeutet
[DIE LINKE]: Skandalös!)
mehr Lebensqualität für die Menschen.
Die Rede ist auch vom Einstieg in neue Rüstungspro-
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)
jekte: EuroHawk, Fregatte 125, Schützenpanzer. Die
Rede ist von der strikten Ausrichtung der gesamten Bun- Das gilt es jetzt zu begreifen, auch in den betroffenen
deswehr auf die Auslandseinsätze. Das hat seinen Preis. Kommunen und Regionen. Die zivile Nachnutzung der
Etwas mehr als 1 Milliarde Euro sind ausgewiesen; den Liegenschaften eröffnet neue Möglichkeiten für Wirt-
wahren Preis hat meine Kollegin Buchholz hier genannt. schaft, Umwelt und Beschäftigung.
Das ist etwas, was wir uns nicht mehr leisten können und
sollten. Jetzt folgt das große Aber: Diese Chancen können
von den Kommunen nur genutzt werden, wenn ihnen ge-
Herr Koppelin, an dieser Stelle eine Anmerkung zu holfen wird, wenn sie finanziell unterstützt werden. Herr
Ihnen – nicht nur zu Ihnen –: Ja, dieses Parlament trägt de Maizière, da reicht es eben nicht, zu sagen: In mei-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16981
Paul Schäfer (Köln)
(A) nem Topf ist nichts; darum soll sich doch die Bundes- Koalitionspartner zu sein und sich nicht in allem durch- (C)
anstalt für Immobilienaufgaben kümmern. – Nein, so setzen zu können.
funktioniert das nicht. Wir brauchen einen gut ausgestat-
teten Konversionsfonds des Bundes; wir brauchen die Als Grüner würde ich auf den MH-90, den NH-90
Bereitstellung verbilligter Kredite für die Gemeinden; und den A400M verweisen. All das ist am Ende immer
wir brauchen eine veränderte Geschäftsgrundlage für die wieder teuer, spät und chaotisch gewesen. Genauso trifft
BImA, die primär am Verwertungsinteresse der Gemein- das auch auf die jetzige Bundeswehrreform zu.
den ausgerichtet ist und nicht an der Gewinnmaximie- Die Bundeswehrreform trug am Anfang die Über-
rung für den Bund; schrift „Größte Reform aller Zeiten“. Das war eine Idee.
(Beifall bei der LINKEN) Damals gab es einen Minister, der dafür bekannt war,
dass er Ideen hatte. Danach kamen Sie, Herr Minister.
und wir brauchen die Wiederbelebung von Strukturen, Sie haben diese Ideen – das muss man zugeben – geord-
die alle Ebenen umfassen, um diesen Konversionspro- net. Sie haben einige Dinge zusammengeführt, die vor-
zess wirklich zu steuern. her nicht zusammengepasst haben. Das ist erst einmal al-
les andere als falsch.
Darum geht es in unserem zweiten Entschließungsan-
trag – um nicht mehr und nicht weniger. Wir wollen die Die Geburtsfehler der Reform sind aber immer noch
Bundesregierung zwingen, an dieser Stelle endlich ihre vorhanden. Wenn man eine große Organisation refor-
Pflicht zu tun. Sie sollten unserem Antrag zustimmen. mieren will, steht die Aufgabenkritik am Anfang und
nicht die Festsetzung einer Gesamtgröße, wie es damals
Vielen Dank.
geschehen ist. Das haben Sie ja jetzt revidiert.
(Beifall bei der LINKEN)
Hinzu kommt, dass alles extrem teuer ist. Es geht da-
bei nicht nur um die öffentliche Hand in toto, sondern
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: auch um die Frage: Tut man der Bundeswehr heute einen
Das Wort hat jetzt der Kollege Omid Nouripour von Gefallen, wenn man die Einsparungen, die demnächst
Bündnis 90/Die Grünen. sowieso fällig werden, nicht jetzt vornimmt, indem man
neue und effizientere Strukturen schafft? Das ist in vie-
Omid Nouripour (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): len Teilen leider bisher nicht geschehen. Deshalb gibt es
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich in vielen Fragen noch nichts Konkretes.
glaube, dass ich die nächsten Sätze im Namen aller im Wer mit den Soldatinnen und Soldaten redet, entdeckt
Hohen Hause sprechen darf. Wir haben heute die Mel- eine riesengroße Verunsicherung, weil wir nicht die
(B) dung erhalten, dass zwei Soldaten in Baglan bei einem größte Reform aller Zeiten, sondern die langwierigste al- (D)
Sprengstoffanschlag verletzt worden sind. Ich denke, ler Zeiten hatten. Es gab Ankündigungen, danach war-
dass wir alle ihnen beste, schnellstmögliche und vor al- tete man auf Entscheidungen. Man wusste nicht, was
lem vollständige Genesung wünschen. Vor allem ihren hinten herauskommt. Natürlich ist man verunsichert,
Familien wünschen wir gerade in diesen schwierigen wenn die Bundeskanzlerin persönlich verspricht, dass
Stunden viel Kraft. das Weihnachtsgeld im nächsten Jahr kommen wird,
(Beifall im ganzen Hause) aber doch nichts passiert. Auch das hilft nicht unbedingt
dabei, Vertrauen zu gewinnen und sicherzustellen, dass
Lieber Herr Koppelin, vor etwa drei Jahrzehnten ist eine große Reform sozialverträglich abläuft.
einmal ein Hubschrauber bestellt worden, der für den
Einsatz gegen die Panzerarmee aus dem Osten gedacht Es ist eigentlich schon ein kleiner Skandal und alles
war. andere als vertrauensbildend, wenn Sie, Herr Minister,
zulassen, dass Kommandeure aus der Presse oder durch
(Heiterkeit des Abg. Joachim Spatz [FDP]) Anrufe vom Bürgermeister erfahren, dass ihr Standort
betroffen ist und geschlossen werden soll. Das ist nicht
Das war der Tiger. Ich weiß, dass Sie sich damals schon
wirklich verantwortungsvoll. Das bringt keine Ruhe in
gewünscht haben, dass die Grünen endlich wieder mitre-
die Bundeswehr.
gieren mögen. Aber selbst heute fliegt das Ding noch
nicht. Der Tiger – das hat der Kollege Spatz gerade de- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
zent angemerkt – war für ganz andere Aufgaben vorge- Florian Hahn [CDU/CSU]: Das verwechseln
sehen zu der Zeit, als er bestellt wurde, als die, die heute Sie mit Struck!)
zu bewältigen sind. Der Tiger ist in der Beschaffung
deutlich teurer geworden. Vor allem ist er, wie gesagt, Wir bleiben dabei, dass wir in vielen Bereichen im-
noch nicht da. Seine Beschaffung ist teuer, spät und cha- mer noch vor einem riesengroßen Fragezeichen stehen.
otisch. Das ist ein Beispiel für viele Beschaffungspro- Die Bundeswehrreform ist weiterhin – und nicht nur in
jekte. Man kann noch einige andere nennen. der Umsetzung – ein Gerüst. Wo bleibt denn eigentlich
die ressortübergreifende Zusammenarbeit bei dieser
Ich weiß, Sie würden da MEADS sagen. Bundeswehrreform? Ich kann sie nicht erkennen. Wo ist
(Zuruf von der FDP) denn eigentlich eine Veränderung der Beschaffungs-
struktur zu erkennen? Sie wollen bestehende Verträge
– Verehrter Kollege von der FDP, ich würde mir heute auflösen und neue abschließen. Wie aber in Zukunft
echt Zwischenrufe dazu ersparen, wie es ist, der kleine neue Beschaffungen durchgeführt werden sollen, da die
16982 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Omid Nouripour
(A) veränderten Strukturen so nicht mehr funktionieren, ist digung ist es gelungen, die Neuausrichtung nicht nur si- (C)
mir bisher überhaupt nicht klar. Die Kommission, die Sie cherheitspolitisch zu begründen, sondern auch ausrei-
selbst zitiert haben, hat damals festgestellt, dass das chend solide zu finanzieren. Herr Kollege Arnold, in
BWB so nicht mehr weiterexistieren sollte. Was sich nun diesem Punkt sind wir unterschiedlicher Auffassung.
aber ändert, außer dass zwei nicht ganz effiziente Struk-
Mit dem Standortkonzept ist ein wichtiger Zwischen-
turen zusammengelegt werden, verstehe ich ohnehin
schritt für die Reform erreicht. Im Namen meiner Frak-
nicht.
tion danke ich allen, die an der Neukonzeption der Bun-
Mannschaftsdienstgrade beschäftigt die zentrale deswehr aktiv mitgewirkt haben. Zeit zum Ausruhen
Frage: Wie können Laufbahnen flexibler und damit at- gibt es aber nicht. Mit der Umsetzung steht uns allen
traktiver gestaltet werden? Es ist mir nicht wirklich klar, noch ein hartes Stück Arbeit bevor, das vor allem das
wie die Attraktivität der Bundeswehr so konzeptioniert Personal bis an die Leistungsgrenzen fordern wird. Herr
werden kann, dass die Breite der Gesellschaft auch nach Minister, Sie haben vorhin von den Mühen der Ebenen
der Aussetzung der Wehrpflicht von ihr widergespiegelt gesprochen, die jetzt vor uns liegen.
werden kann.
Eben dieses Personal als wichtigste Ressource der
Die Arbeitnehmer- und Arbeitnehmerrinnenrechte Bundeswehr bedarf unserer besonderen Aufmerksamkeit
sind ein Thema, das im 21. Jahrhundert wohl auch bei und Fürsorge. Die Menschen in der Bundeswehr müssen
der Bundeswehr auf die Tagesordnung gesetzt werden nun sehr schnell erfahren, wohin die Reise geht: Ändert
sollte. Die Perspektive der inneren Führung, über die wir sich mein Aufgabenfeld? Wo ist mein Standort? Wo
Grüne sehr häufig diskutieren, wirft Fragen auf: Wohin kann meine Familie leben? Wo gehen meine Kinder in
wollen Sie mit der Bundeswehr? In welche Richtung soll die Schule? Habe ich in der Bundeswehr noch eine Pers-
das Konzept der inneren Führung weiterentwickelt wer- pektive, oder lohnt es sich für mich, die Streitkräfte zu
den? Das alles ist nicht klar. verlassen? Das Gleiche gilt übrigens auch für die betrof-
fenen Kommunen. Auch sie brauchen entsprechende
Es ist alles so unglaublich vage, dass ich überhaupt Perspektiven und Planungssicherheit.
nicht zu sagen vermag, ob diese Reform wirklich von
hinten bis vorne Sinn macht. Wir werden Sie weiterhin Denjenigen, die die Bundeswehr verlassen wollen,
kritisch begleiten. Wir hoffen, dass wir am Ende eine Ar- müssen rasch Perspektiven aufgezeigt werden. Dem Re-
mee haben werden, die nicht größer ist, als sie sein muss, formbegleitgesetz – das ist schon mehrfach angespro-
eine Armee, die im Dienste der Vereinten Nationen ihrem chen worden – wird dabei eine Schlüsselfunktion zu-
aus dem Grundgesetz abgeleiteten Auftrag nachgehen kann. kommen. Es darf nicht alles im Klein-Klein zerredet
werden, wenn wir die Bundeswehr attraktiv erhalten
(B) Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit. wollen. Deshalb sind zeitlich begrenzte, gesetzliche (D)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Übergangsregelungen zum Abbau des militärischen und
sowie bei Abgeordneten der SPD – Joachim des zivilen Personalkörpers notwendig.
Spatz [FDP]: Aber nicht ohne Mandat!) Sollten die Zuwendungen des Bundes auf einem ver-
gleichsweise moderaten Niveau bleiben – ich befürchte,
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: dass dies der Fall sein wird –, müssen die Betroffenen
Das Wort hat jetzt der Kollege Ernst-Reinhard Beck selbst die Möglichkeit haben, in ihrem weiteren Arbeits-
von der CDU/CSU-Fraktion. leben die entstandenen Versorgungslücken zu schließen
oder darüber hinaus mehr zu verdienen. In diesem Zu-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) sammenhang darf die Hinzuverdienstgrenze nicht zum
Tabu erklärt werden.
Ernst-Reinhard Beck (Reutlingen) (CDU/CSU):
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
Herr Präsident! Meine lieben Kolleginnen und Kolle-
der FDP)
gen! Der uns vorliegende Verteidigungshaushalt mit sei-
nen rund 31,8 Milliarden Euro musste unterschiedlichs- Geradezu sträflich wäre es aber, jene zu vernachlässi-
ten Vorgaben Rechnung tragen. Ich erinnere noch einmal gen, die bei der Bundeswehr bleiben, auf deren Dienst
kurz daran: Da ist zum einen die Bundeswehrreform, da und Leistung wir tagtäglich angewiesen sind und auf die
sind zum anderen die nicht unerheblichen Kosten für die wir uns verlassen können müssen. Ihnen hat unsere Auf-
laufenden Einsätze, und da ist nicht zuletzt die Notwen- merksamkeit ebenso zu gelten – und nicht nur während
digkeit von Einsparmaßnahmen im Bereich Haushalts- des Übergangs zur neuen Struktur.
konsolidierung. Das sind die drei Ausgangspunkte. We-
Die Bundeswehr steht auf dem Arbeitsmarkt im Wett-
sentliche Bestandteile der Konsolidierungsmaßnahmen
bewerb mit großen und mittelständischen Unternehmen.
sind die Aussetzung der Wehrpflicht, die Schaffung effi-
Dies ist eine andauernde Herausforderung. Die Bundes-
zienterer Strukturen bei der Bundeswehr, die Reduzie-
wehr muss sich, so meine ich, in diesem Wettbewerb
rung von Standorten und der sozial verträgliche Abbau
nicht verstecken. Aber sie kann in einigen Bereichen
von Personal.
besser werden. Die Forderungen nach mehr Fürsorge,
Trotz schwieriger Ausgangslage ist es gelungen, einen zum Beispiel hinsichtlich einer besseren Vereinbarkeit
Finanzrahmen festzulegen, mit dem weiterhin eine ange- von Familie und Dienst – Stichwort „Kinderbetreuung“ –,
messene und verantwortungsvolle Sicherheitspolitik für müssen jetzt konsequent angegangen und erfüllt werden.
unser Land möglich ist. Dem Bundesminister für Vertei- Ich nenne exemplarisch die Wahlmöglichkeit zwischen
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16983
Ernst-Reinhard Beck (Reutlingen)
(A) Umzugskostenvergütung und Trennungsgeld sowie die Nachdem die Neuausrichtung der Bundeswehr in den (C)
Bereitstellung geeigneter Pendlerunterkünfte. Aber auch wichtigsten Schritten planerisch vollzogen ist, müssen
die Anhebung der Sätze für mehrgeleisteten Dienst ist wir unser Augenmerk in Zukunft auch auf die europäi-
ein wichtiges Signal für unsere Soldatinnen und Solda- sche Dimension unserer Sicherheitspolitik lenken. Ich
ten. nenne hier exemplarisch einige Themen: AGS, Luftbe-
tankung, Air Policing, ein mögliches Joint Support Ship.
In diesem Zusammenhang – das ist vorhin kurz ange- Hier gibt es Möglichkeiten, knappe Ressourcen gemein-
sprochen worden – möchte ich auch die Wiedereinfüh- sam zu organisieren. Diesem Ziel dient auch das Kon-
rung der Sonderzuwendung, im Volksmund „Weih- zept „Pooling & Sharing“, das nun zumindest in Kontu-
nachtsgeld“ genannt, besonders positiv hervorheben. ren Gestalt annehmen muss.
Hier hat die Koalition ein wichtiges Versprechen einge-
löst und dadurch, wie ich meine, an Glaubwürdigkeit zu- Seit einer Woche liegt auch die „Konzeption der Re-
rückgewonnen. serve“ vor. Reservisten sind wichtige Multiplikatoren für
die Bundeswehr. Sie üben verantwortungsvolle Tätigkei-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) ten in Bundeswehr und Zivilleben aus. Ihre zivilen Qua-
Es gilt aber auch, die Ausrüstung der Bundeswehr auf lifikationen sind nun noch besser nutzbar zu machen für
die aktuellen und die wahrscheinlichen künftigen Ein- die Bedürfnisse der Streitkräfte. Wenn das gelingt, kön-
sätze abzustimmen. Es gibt noch immer Defizite bei der nen unsere Reservisten Botschafter für die Bundeswehr
vorhandenen Ausrüstung, die rasch behoben werden sein und zum positiven Bild der Streitkräfte in der Ge-
müssen. sellschaft beitragen.
Wir haben, wenn ich das kurz anmerken darf, eine
Handlungsbedarf besteht aber auch bei der in Be-
neue Spitze des Reservistenverbandes. Ich darf an dieser
schaffung befindlichen Ausrüstung. Es ist vorhin schon
Stelle dem Kollegen Kiesewetter als neuem Präsidenten
mehrfach gesagt worden: Sie wurde zum Teil noch in der
Zeit des Kalten Krieges beschafft, und zwar in zu großer (Paul Schäfer [Köln] [DIE LINKE]: Gar nicht
Stückzahl für die nun kleinere Bundeswehr. Diese Groß- da!)
projekte schnüren uns die Luft ab, sodass wir jene Aus-
rüstung, die wir für zukünftige Aufgaben brauchen, nicht und seinen Stellvertretern Erdel und Groschek herzlich
beschaffen können. Hier müssen Freiräume geschaffen gratulieren. Mit diesem Glückwunsch verbinde ich den
werden. Der Minister steht mit den Unternehmen im Ge- Dank an alle Reservistinnen und Reservisten.
spräch, was wir ausdrücklich unterstützen. Letztlich geht (Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und der
es nicht nur um Finanzmittel und Rüstungsgüter, son- SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNIS-
(B) dern auch um industrielle Kernkompetenzen in unserem SES 90/DIE GRÜNEN) (D)
Land. Beide Seiten müssen im Interesse der Soldatinnen
und Soldaten im Einsatz eine Lösung finden. Die Verbundenheit der Gesellschaft mit den Soldatin-
nen und Soldaten ist wichtig für das gegenseitige Ver-
Das richtige Gerät zur rechten Zeit im Einsatz zur ständnis. Gerade vor dem Hintergrund der Einsatzrealität
Verfügung zu haben, das muss die Richtschnur unseres ist dies unverzichtbar. Mit dem Beruf des Soldaten ist
Handelns sein. Risiko für Leib und Leben verbunden. Dies ist wahr.
Herr Kollege Nouripour, Sie haben darauf hingewiesen,
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
dass wir heute wieder zwei verwundete Soldaten zu be-
Voraussetzung dafür ist, dass das Beschaffungswesen klagen haben, denen wir von hier aus unsere besten Ge-
der Bundeswehr zukünftig schneller und kostengünstiger nesungswünsche übermitteln. Das ist schrecklich, kann
Ausrüstung zur Verfügung stellt. Dies ist eine besondere aber trotz bester Ausrüstung und bester Ausbildung nie
Herausforderung für das Gelingen der gesamten Reform. völlig verhindert werden. Umso wichtiger ist der Um-
Die ersten Ansätze stimmen mich hier durchaus optimis- gang mit dieser Situation.
tisch. Bestmögliche Versorgung und Absicherung, auch von
In den Haushaltsberatungen konnten wir beim Titel Hinterbliebenen und Angehörigen, verlangen Fingerspit-
für Handwaffenmunition eine Verbesserung erzielen; zengefühl und Großzügigkeit. Viele Veteranen kommen
Kollege Willsch hat vorhin ausdrücklich darauf hinge- gezeichnet aus dem Einsatz zurück. Die sanitätsdienstli-
wiesen. Der Verbrauch im Einsatz und die einsatznahe che Versorgung von Verwundungen, körperlich wie see-
Schießausbildung haben zu einem signifikanten Mehr- lisch, steht daher ganz oben auf unserer Agenda. Das
bedarf geführt. Ich hebe dies hervor, weil in diesem Be- Parlament hat mit dem Einsatzversorgungs-Verbesse-
reich den Bitten aus den Truppen im Einsatz und in der rungsgesetz darauf reagiert und entscheidende Verbesse-
Ausbildung unmittelbar Rechnung getragen werden rungen erzielt. Wir sind hier auf dem richtigen Weg. Ich
konnte. danke noch einmal allen, die daran Anteil hatten.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) Zum Abschluss, liebe Kolleginnen und Kollegen, ge-
hen meine Gedanken zu unseren Soldatinnen und Solda-
Auch hinsichtlich der Beschaffung eines leichten ten im Einsatz. Auch dieses Jahr werden Tausende von
Mehrzweckhubschraubers zur Verbringung von Spezial- ihnen die Weihnachtstage fernab der Heimat und ge-
kräften bei Nacht und unter Bedrohung sind wir auf ei- trennt von ihren Familien feiern müssen. Sie tun dies in
nem guten Weg. dem Bewusstsein, unserer Sicherheit zu dienen. Sie die-
16984 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Ernst-Reinhard Beck (Reutlingen)


(A) nen Deutschland. Sie verdienen unseren Dank und un- Wir begrüßen, dass die Führungsstrukturen der Teil- (C)
sere volle Unterstützung. streitkräfte schlanker werden. Aus je drei Stäben wird je-
weils einer – das war überfällig.
Herzlichen Dank.
Verglichen mit anderen Teilstreitkräften schrumpft
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) unsere schon kleine Marine am wenigsten, die Luftwaffe
am stärksten. Dafür gibt es gute Gründe. Aber es hätte
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: auch gute Gründe für eine stabile oder sogar leicht auf-
Das Wort hat der Kollege Dr. Hans-Peter Bartels von wachsende Marine gegeben. Nach den Einsätzen auf
der SPD-Fraktion. dem Balkan und in Afghanistan wird sie immer noch ein
wesentlicher Träger der Auslandseinsätze unserer Bun-
(Beifall bei der SPD) deswehr sein. Ihre Bedeutung nimmt eher zu. Hier hätten
Sie einen Schwerpunkt setzen können.
Dr. Hans-Peter Bartels (SPD):
(Beifall des Abg. Ingo Gädechens [CDU/
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! In
CSU])
einer differenzierten Debatte ist es wichtig, über Ge-
meinsamkeiten und über Unterschiede zu reden. In den – Die Marinefraktion versteht, was gemeint ist.
Fragen der äußeren Sicherheit unseres Landes suchen
wir Sozialdemokraten so viel Konsens wie möglich, aber Über den freiwilligen Wehrdienst haben wir schon ei-
wir müssen auch vor Fehlentwicklungen aus unserer nige Male diskutiert. Ich bleibe dabei: Mit diesem Dienst
Sicht warnen und Alternativen vorschlagen. ist es Ihnen nicht ernst. Im Haushalt 2012 sind – das er-
kennt man, wenn man genau hinschaut – keine 15 000,
Es hat keinen Sinn, mit jedem Regierungswechsel die sondern nur 12 500 Dienstposten für freiwillig Wehr-
Bundeswehr ganz neu zu erfinden. Die Bundeswehr, die dienstleistende reserviert. Sie fangen schon an, den Dienst
Soldatinnen und Soldaten sowie die Zivilbeschäftigten wegzusparen. Das ist keine große Strategie der Freiwil-
brauchen Kontinuität. Deshalb war es schlecht, dass Ihr ligkeit, das ist kleinmütig.
Vorgänger, Herr Minister, Hals über Kopf eine Bundes-
wehrreform angekündigt hat, ohne dass die vorherige Wo wir Ihnen vor allem energisch widersprechen
schon abgeschlossen war und ohne zu wissen, wohin er müssen, Herr Minister, ist Ihr Umgang mit den Zivilbe-
überhaupt will. Das hat Vertrauen kaputtgemacht. Dar- schäftigten. Hier haben Sie eine Strategie, und diese
unter leidet die Reform jetzt noch. heißt Outsourcing:

Sie hätten eine europäische Perspektive entwickeln Outsourcing in andere Ressorts der Bundesregierung,
(B) müssen: Was sollen deutsche Streitkräfte in Europa kön- Stichworte: Gebührniswesen und Travel Management. (D)
nen? Was können die Partner machen? Wo sind unsere Die Mitarbeiter bekommen neue Türschilder. Frage: Was
Schwerpunkte? Das ist unterblieben, und das ist teuer. spart das? Es ist dann zwar nicht mehr der Einzelplan 14,
aber immer noch der gleiche Bundeshaushalt, aus dem
Deshalb haben wir künftig immer noch eine Univer- diese Bundeswehrangehörigen bezahlt werden müssen.
salarmee, die fast alles können soll, nur eben mit immer
weniger Personal. Wir begrüßen, dass Sie unter diesen Outsourcing ans Militär, Stichwort: gemischte Ver-
Umständen die Fähigkeit zur Landes- und Bündnisver- waltungsämter. Wieder stellt sich die Frage: Spart das et-
teidigung jedenfalls nicht aufgegeben haben. Ihr Vorgän- was, oder sollen hier nur verfassungsrechtliche Schran-
ger hat das prüfen lassen. ken eingerissen werden?

Wir wollen keine Bundeswehr, die eine reine Expedi- Outsourcing an die Wirtschaft. Das ist Outsourcing
tionsarmee wäre. Es ist deshalb richtig, dass das Heer im klassischen Sinn. Wenn Sie einen von zwei Marine-
weiter in Divisionen und Brigaden gegliedert ist. Auch arsenalbetrieben schließen, wer macht dann die Arbeit?
den Rückgriff auf gekaderte Verbände halten wir für Die Marine wird ja bekanntermaßen und richtigerweise
richtig. nicht halbiert. Also kürzen Sie auf lange Sicht bei den
Personalkosten und schichten um zu Sachposten. Was
Ob allerdings Deutschland und Europa auf lange spart das? Es wird teurer.
Sicht die Stärkung der deutschen Infanterie brauchen,
wage ich zu bezweifeln. Das ist Ausfluss Ihrer ganz ak- Ich warne vor Reformen um der Reform willen, Ver-
tuellen Afghanistan-Politik. Hier wird der gegenwärtig änderungen um der Veränderung willen, Umzügen um
schwierigste Einsatz zum Modell für die Zukunft der des Umziehens willen. Wenn Sie nicht erklären können
Bundeswehr. Damit wäre ich vorsichtig. Wenn Ihre neue oder wollen, welchen Vorteil eine Veränderung hat, dann
Infanteriestärke eines Tages hergestellt sein wird, ist hof- unterlassen Sie diese Veränderung.
fentlich der Einsatz kämpfender Truppen in Afghanistan Lassen Sie als Bundesregierung die Kommunen mit
Geschichte. den Folgen von Arbeitsplatz- und Kaufkraftverlust in
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) den betroffenen Regionen nicht allein. Sie haben ange-
kündigt, hier etwas zu tun. Wir warten auf Vorschläge.
Genau über diese Zukunft des Landes in eigener Ver- Verkehrsminister Ramsauers Idee, aus Liegenschaftsver-
antwortung berät in wenigen Tagen die internationale käufen ganz schnell Geld dafür zu mobilisieren, kommt
Afghanistan-Konferenz in Bonn. Wir wünschen uns, mir irgendwie bekannt vor. Die Erfahrungen damals wa-
dass der Übergang gelingt. ren ernüchternd. Verhandeln Sie lieber mit Ihren Kolle-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16985
Dr. Hans-Peter Bartels
(A) gen Schäuble und Ramsauer darüber, dass existierende (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- (C)
Programme wie „Die soziale Stadt“ stärker und nicht neten der FDP)
schwächer ausgestattet werden! Machen Sie die vorhan-
denen Bundesprogramme nutzbar für die Konversions- Meine Damen und Herren, der Haushalt 2012 und die
kommunen! Sorgen Sie für eine schnelle, preisgünstige mittelfristige Finanzplanung sind aber nur ein Meilen-
stein in diesem Reformprozess. Wir sind noch lange
Abgabe der Liegenschaften, am besten zunächst an die
nicht am Ziel. Viele strukturelle Probleme sind noch
Kommunen selbst!
nicht gelöst. Ich denke hier – das ist heute bereits mehr-
Suchen Sie das Gespräch mit den Beschäftigten und fach angesprochen worden – zum Beispiel an den lang-
den Gemeinden! Lassen Sie uns bei der Umsetzung der wierigen Zulassungs- und Beschaffungsprozess, der
Reform so viel Konsens wie möglich wahren! Sie haben dazu führt, dass Material entweder viel zu spät oder in
gesagt, das Motto sei: Der Sack ist zu. Ich glaube, dass einer Konfiguration und Stückzahl kommt, die sich
wir auch nach der heutigen Debatte sage können: Das längst überholt hat. Der Prozess bindet über viele Jahre
Fass ist auf. – Und das ist keine Drohung. hinweg Geld, das dann an anderer Stelle wieder fehlt,
um die Bundeswehr mit dem zu versorgen und das zu
Vielen Dank. beschaffen, was die Truppe heute viel dringender
(Beifall bei der SPD) bräuchte. Hier bleibt noch viel zu tun.
Was bereits entschieden ist, ist das zukünftige Statio-
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
nierungskonzept der Bundeswehr. Auch hier möchte ich
Als letzter Redner zu diesem Einzelplan hat nun das
dem Minister und all denjenigen, die das Konzept im
Wort der Kollege Dr. Reinhard Brandl von der CDU/
Hintergrund vorbereitet haben, meinen höchsten Respekt
CSU-Fraktion.
aussprechen. Das Ergebnis und die Art und Weise, wie
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) es vorbereitet worden ist, waren erstklassig. Ich sage das
als jemand, der in seiner Heimat selbst von Standort-
Dr. Reinhard Brandl (CDU/CSU): schließungen betroffen ist, der auch vor Ort danach ge-
Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! fragt wird und sie rechtfertigen muss. Ich weiß – ich
Der heute hier zur Debatte stehende Verteidigungshaus- kann da mit allen Kollegen mitfühlen –: Das ist nicht
halt ist ein wichtiger Meilenstein bei der laufenden Re- einfach. Aber verantwortungsvolle Politik darf nicht
form der Bundeswehr. An ihm wird deutlich, dass wir als nach dem Motto vorgehen: Wasch mir den Pelz, aber
christlich-liberale Koalition es ernst meinen, wenn wir mach mich bitte nicht nass.
sagen, dass wir eine Bundeswehr aufstellen wollen, die
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
strukturell besser auf ihre Aufgaben ausgerichtet ist, die
(B) für die Soldaten attraktiver ist, die besser ausgerüstet Eine Verkleinerung der Bundeswehr bedeutet auto- (D)
und die nachhaltig finanziert ist. matisch auch weniger Standorte. Wenn ich das Ergebnis
Der Verteidigungshaushalt 2012 umfasst 31,87 Milli- insgesamt betrachte, stelle ich fest: Das Ziel, dass die
arden Euro. Im Vergleich: Im Jahr 2011 waren es Bundeswehr auch in Zukunft in der Fläche präsent
31,55 Milliarden Euro. Der Aspekt „nachhaltige Finan- bleibt, wurde weitestgehend erreicht.
zierung“ wird erst recht deutlich, wenn man die mittel- (Beifall des Abg. Joachim Spatz [FDP])
fristige Finanzplanung betrachtet: 2013: 31,35 Milliar-
den Euro, 2014: 30,95 Milliarden Euro, und 2015: Trotzdem gibt es Bereiche, die besonders hart getroffen
30,43 Milliarden Euro. Die Bundeswehr wird deutlich wurden. Es geht jetzt darum, gemeinsam mit den betrof-
kleiner werden, aber die Finanzierung bleibt in etwa auf fenen Kommunen und Regionen möglichst passgenaue
dem jetzigen Niveau. Dass uns das gelungen ist, ohne an Lösungen zu erarbeiten, damit sie den Weggang der
anderer Stelle gegen die Einsparauflagen der Schulden- Bundeswehr vor Ort möglichst angemessen kompensie-
bremse zu verstoßen, zeigt die Bedeutung, die wir als ren können.
Koalition einer gut ausgerüsteten und attraktiven Bun-
deswehr zumessen. Genau in diesem Sinne, lieber Herr In dem ganzen schwierigen Prozess, gerade bei der
Kollege Willsch, wurden ja in den parlamentarischen Vorbereitung der Stationierungsentscheidungen, gab es
Beratungen weitere Verbesserungen für die Soldaten er- für mich persönlich immer wieder auch positive Mo-
zielt: bei den Planstellen, aber auch – Sie haben das mente. Diese positiven, erfreulichen Momente waren im-
Thema Munition angesprochen – bei der Ausrüstung. mer dann, wenn ich miterleben durfte, wie sich ganze Re-
Dafür auch von meiner Seite herzlichen Dank! gionen – an der Spitze oft die Bürgermeister, aber auch
viele Vereine und Menschen aus der Zivilgesellschaft –
Man kann, wenn man nicht in der Verantwortung mit ihren Soldaten vor Ort solidarisiert und für deren Ver-
steht, natürlich immer fordern, dass man an der einen bleib in der Region gekämpft haben. Dabei wurde nicht
oder anderen Stelle noch mehr hätte einsparen oder mehr nur deren Bedeutung für die regionale Wirtschaftskraft
hätte ausgeben müssen; in der heutigen Debatte hört man betont. Herausgehoben wurden immer wieder auch die
ja beides. Aber ich finde, mit diesem Haushalt ist es uns Leistungen, die die jeweilige Einheit, insbesondere im
gelungen, eine vernünftige Balance zu finden, auch und Einsatz, für unser Land erbringt. Meine Damen und Her-
vor allem im Sinne der Bundeswehr. Das ist insbeson- ren, ich hoffe, dass es uns gelingt, die sichtbare Solidarität
dere ein Verdienst des Verteidigungsministers Thomas mit der Bundeswehr, die wir an vielen Orten erlebt haben,
de Maizière, der die Reform, die sein Vorgänger, Karl- auch in der Zukunft in dieser Form aufrechtzuerhalten.
Theodor zu Guttenberg, eingeleitet hat, in hervorragen-
der Weise fortgeführt hat. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
16986 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Dr. Reinhard Brandl


(A) Neben den ganzen strukturellen Herausforderungen c) Beratung des Antrags der Fraktion der SPD (C)
– eine ganze Reihe von ihnen wurde heute angespro-
chen – ist es ja die große Aufgabe der Zukunft, genü- Einvernehmensherstellung von Bundestag
gend qualifizierten Nachwuchs für die Bundeswehr zu und Bundesregierung zur Empfehlung der
gewinnen. Das entscheidet sich auch, aber eben nicht nur EU-Kommission vom 12. Oktober 2011 zur
an den materiellen Rahmenbedingungen. Das entschei- Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit
det sich nämlich auch daran, ob die Gesellschaft sichtbar Montenegro
hinter dem Dienst und dem Einsatz der Soldaten steht.
hier: Stellungnahme des Deutschen Bundesta-
Dazu können wir auch vonseiten des Parlaments eini- ges gemäß Artikel 23 Absatz 3 des Grundge-
ges beitragen. setzes i. V. m. § 10 des Gesetzes über die Zu-
sammenarbeit von Bundesregierung und
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Deutschem Bundestag in Angelegenheiten der
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Europäischen Union
– Drucksache 17/7809 –
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: Überweisungsvorschlag:
Ich schließe die Aussprache. Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union (f)
Auswärtiger Ausschuss
Wir kommen zur Abstimmung über den Einzelplan 14 Innenausschuss
– Bundesministerium der Verteidigung – in der Aus- Rechtsausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
schussfassung. Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dage- Haushaltsausschuss
gen? – Enthaltungen? – Der Einzelplan 14 ist mit den
Stimmen der Koalitionsfraktionen gegen die Stimmen d) Beratung des Antrags der Abgeordneten Manuel
der Oppositionsfraktionen angenommen. Sarrazin, Volker Beck (Köln), Marieluise Beck
(Bremen), weiterer Abgeordneter und der Frak-
Ich rufe die Tagesordnungspunkte X a bis e sowie g
tion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und h auf:
Einvernehmensherstellung von Bundestag
a) Beratung des Antrags der Abgeordneten Paul
und Bundesregierung zur Empfehlung der
Schäfer (Köln), Inge Höger, Wolfgang Gehrcke,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE EU-Kommission vom 12. Oktober 2011 zur
LINKE Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit
Montenegro
(B) Umbenennung von Bundeswehrkasernen und (D)
Straßennamen auf den Bundeswehrliegen- hier: Stellungnahme des Deutschen Bundesta-
schaften ges gemäß Artikel 23 Absatz 3 des Grund-
gesetzes i. V. m. § 10 des Gesetzes über die
– Drucksache 17/7485 – Zusammenarbeit von Bundesregierung und
Überweisungsvorschlag: Deutschem Bundestag in Angelegenheiten der
Verteidigungsausschuss (f) Europäischen Union
Ausschuss für Kultur und Medien
– Drucksache 17/7769 –
b) Beratung des Antrags der Fraktionen der CDU/
Überweisungsvorschlag:
CSU und FDP Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union (f)
Auswärtiger Ausschuss
Einvernehmensherstellung von Bundestag und Innenausschuss
Bundesregierung zum Beitrittsantrag der Re- Rechtsausschuss
publik Montenegro zur Europäischen Union Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
und zur Empfehlung der EU-Kommission vom Haushaltsausschuss
12. Oktober 2011 zur Aufnahme von Beitritts- e) Beratung des Antrags der Fraktion der SPD
verhandlungen
Bei der Vergabe von Exportkreditgarantien
hier: Stellungnahme des Deutschen Bundesta- auch menschenrechtliche Aspekte prüfen
ges gemäß Artikel 23 Absatz 3 des Grundge-
setzes i. V. m. § 10 des Gesetzes über die Zu- – Drucksache 17/7810 –
sammenarbeit von Bundesregierung und Überweisungsvorschlag:
Deutschem Bundestag in Angelegenheiten der Ausschuss für Wirtschaft und Technologie (f)
Europäischen Union Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe (f)
Auswärtiger Ausschuss
– Drucksache 17/7768 – Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung
Überweisungsvorschlag: Federführung strittig
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union (f)
Auswärtiger Ausschuss g) Beratung des Antrags der Abgeordneten Krista
Innenausschuss
Rechtsausschuss
Sager, Kai Gehring, Sylvia Kotting-Uhl, weiterer
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/
Haushaltsausschuss DIE GRÜNEN
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16987
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms
(A) Wissenschaftszeitvertragsgesetz wissenschafts- 17. Juni 2010 zwischen der Regierung der (C)
adäquat verändern Bundesrepublik Deutschland und dem Minis-
terrat der Republik Albanien über die See-
– Drucksache 17/7773 –
schifffahrt
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Bildung, Forschung und – Drucksache 17/7237 –
Technikfolgenabschätzung (f)
Ausschuss für Arbeit und Soziales Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschus-
ses für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
h) Beratung des Antrags der Abgeordneten Marieluise
(15. Ausschuss)
Beck (Bremen), Manuel Sarrazin, Dr. Frithjof
Schmidt, weiterer Abgeordneter und der Fraktion – Drucksache 17/7683 –
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Berichterstattung:
Für eine Strategie zur europäischen Integra- Abgeordneter Uwe Beckmeyer
tion der Länder des westlichen Balkans
Der Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwick-
– Drucksache 17/7774 – lung empfiehlt in seiner Beschlussempfehlung auf
Überweisungsvorschlag: Drucksache 17/7683, den Gesetzentwurf der Bundesre-
Auswärtiger Ausschuss (f) gierung auf Drucksache 17/7237 anzunehmen. Ich bitte
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
diejenigen, die dem Gesetzentwurf zustimmen wollen,
Es handelt sich um Überweisungen im vereinfach- sich zu erheben. – Gegenstimmen? – Enthaltungen? –
ten Verfahren ohne Debatte. Der Gesetzentwurf ist bei Gegenstimmen der Fraktion
Die Linke mit den Stimmen aller übrigen Fraktionen an-
Wir kommen zunächst zu einer Überweisung, bei der
genommen.
die Federführung strittig ist.
Tagesordnungspunkt X e. Interfraktionell wird Über- Tagesordnungspunkt XI b:
weisung des Antrags der Fraktion der SPD auf Drucksa- Zweite und dritte Beratung des von der Bundesre-
che 17/7810 zur Vergabe von Exportkreditgarantien an gierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes
die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse vorge- über die Statistik der Überschuldung privater
schlagen. Die Federführung ist jedoch strittig. Die Frak- Personen (Überschuldungsstatistikgesetz –
tionen der CDU/CSU und FDP wünschen Federführung ÜSchuldStatG)
beim Ausschuss für Wirtschaft und Technologie, die
Fraktion der SPD wünscht Federführung beim Aus- – Drucksache 17/7418 –
(B) schuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe. (D)
Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschus-
Ich lasse zuerst über den Überweisungsvorschlag der ses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Fraktion der SPD – Federführung beim Ausschuss für (13. Ausschuss)
Menschenrechte und Humanitäre Hilfe – abstimmen. Wer
– Drucksache 17/7698 –
stimmt für diesen Überweisungsvorschlag? – Wer stimmt
dagegen? – Enthaltungen? – Der Überweisungsvorschlag Berichterstattung:
ist mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen gegen die Abgeordnete Elisabeth Winkelmeier-Becker
Stimmen der Oppositionsfraktionen abgelehnt. Christel Humme
Ich lasse nun über den Überweisungsvorschlag der Florian Bernschneider
Fraktionen der CDU/CSU und FDP – Federführung Heidrun Dittrich
beim Ausschuss für Wirtschaft und Technologie – ab- Katja Dörner
stimmen. Wer stimmt für diesen Überweisungsvor- Der Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Ju-
schlag? – Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Der Über- gend empfiehlt in seiner Beschlussempfehlung auf
weisungsvorschlag ist mit gleichem Stimmenverhältnis Drucksache 17/7698, den Gesetzentwurf der Bundesre-
angenommen. gierung auf Drucksache 17/7418 anzunehmen. Ich bitte
Wir kommen nun zu den unstrittigen Überweisungen: diejenigen, die dem Gesetzentwurf zustimmen wollen,
Tagesordnungspunkt X a bis d sowie g und h. Interfrak- um das Handzeichen. – Gegenstimmen? – Enthaltun-
tionell wird vorgeschlagen, die Vorlagen an die in der gen? – Der Gesetzentwurf ist bei Enthaltung der Frak-
Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse zu überweisen. tion Die Linke mit den Stimmen aller übrigen Fraktionen
Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der Fall. Dann angenommen.
sind die Überweisungen so beschlossen. Dritte Beratung
Ich rufe den Tagesordnungspunkt XI a bis k auf. Es und Schlussabstimmung. Ich bitte diejenigen, die dem
handelt sich um die Beschlussfassung zu Vorlagen, zu Gesetzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben. –
denen keine Aussprache vorgesehen ist. Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Der Gesetzentwurf
Tagesordnungspunkt XI a: ist mit dem gleichen Stimmenverhältnis angenommen.
Zweite Beratung und Schlussabstimmung des Jetzt kommen wir zum Tagesordnungspunkt XI c bis k,
von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs also zu den Beschlussempfehlungen des Petitionsaus-
eines Gesetzes zu dem Abkommen vom schusses.
16988 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms


(A) Tagesordnungspunkt XI c: Wer ist dafür? – Gegenstimmen? – Enthaltungen? – (C)
Sammelübersicht 342 ist mit den Stimmen der Koalitions-
Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
fraktionen und der SPD-Fraktion bei Gegenstimmen der
ausschusses (2. Ausschuss)
Fraktion Die Linke und der Fraktion Bündnis 90/Die Grü-
Sammelübersicht 337 zu Petitionen nen angenommen.
– Drucksache 17/7656 – Tagesordnungspunkt XI i:
Wer stimmt dafür? – Gegenstimmen? – Enthaltun- Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
gen? – Die Sammelübersicht 337 ist einstimmig ange- ausschusses (2. Ausschuss)
nommen.
Sammelübersicht 343 zu Petitionen
Tagesordnungspunkt XI d:
– Drucksache 17/7662 –
Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
Wer ist dafür? – Gegenstimmen? – Enthaltungen? –
ausschusses (2. Ausschuss)
Sammelübersicht 343 ist mit den Stimmen der Koaliti-
Sammelübersicht 338 zu Petitionen onsfraktionen und der Fraktion Die Linke bei Gegen-
stimmen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen ange-
– Drucksache 17/7657 –
nommen.
Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Enthal-
Tagesordnungspunkt XI j:
tungen? – Die Sammelübersicht 338 ist ebenfalls ein-
stimmig angenommen. Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
ausschusses (2. Ausschuss)
Tagesordnungspunkt XI e:
Sammelübersicht 344 zu Petitionen
Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
ausschusses (2. Ausschuss) – Drucksache 17/7663 –
Sammelübersicht 339 zu Petitionen Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Enthal-
tungen? – Sammelübersicht 344 ist mit den Stimmen der
– Drucksache 17/7658 –
Koalitionsfraktionen und der Fraktion Bündnis 90/Die
Wer stimmt dafür? – Gegenstimmen? – Enthaltun- Grünen bei Gegenstimmen von SPD und Linke ange-
gen? – Sammelübersicht 339 ist mit den Stimmen der nommen.
Koalitionsfraktionen und der SPD-Fraktion bei Gegen-
Tagesordnungspunkt XI k:
(B) stimmen der Fraktion Die Linke und Enthaltung von (D)
Bündnis 90/Die Grünen angenommen. Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
ausschusses (2. Ausschuss)
Tagesordnungspunkt XI f:
Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions- Sammelübersicht 345 zu Petitionen
ausschusses (2. Ausschuss) – Drucksache 17/7664 –
Sammelübersicht 340 zu Petitionen Wer stimmt dafür? – Gegenstimmen? – Enthaltun-
– Drucksache 17/7659 – gen? – Sammelübersicht 345 ist mit den Stimmen der
Koalitionsfraktionen bei Gegenstimmen der Oppositi-
Wer stimmt dafür? – Gegenstimmen? – Enthaltun- onsfraktionen angenommen.
gen? – Sammelübersicht 340 ist einstimmig angenom-
men. Ich rufe Tagesordnungspunkt II.13. auf:

Tagesordnungspunkt XI g: Einzelplan 23
Bundesministerium für wirtschaftliche Zu-
Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions- sammenarbeit und Entwicklung
ausschusses (2. Ausschuss)
– Drucksachen 17/7119, 17/7123 –
Sammelübersicht 341 zu Petitionen
Berichterstattung:
– Drucksache 17/7660 – Abgeordnete Volkmar Klein
Wer ist dafür? – Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Lothar Binding (Heidelberg)
Sammelübersicht 341 ist bei Gegenstimmen der Fraktion Dr. h. c. Jürgen Koppelin
Bündnis 90/Die Grünen mit den Stimmen aller übrigen Dr. Dietmar Bartsch
Fraktionen angenommen. Priska Hinz (Herborn)

Tagesordnungspunkt XI h: Hierzu liegen ein gemeinsamer Änderungsantrag der


Fraktionen der SPD und des Bündnisses 90/Die Grünen
Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions- sowie zwei Änderungsanträge der Fraktion der SPD vor.
ausschusses (2. Ausschuss) Außerdem liegen ein Entschließungsantrag der Fraktion
Die Linke und ein Entschließungsantrag der Fraktion
Sammelübersicht 342 zu Petitionen
Bündnis 90/Die Grünen vor, über die wir am Freitag
– Drucksache 17/7661 – nach der Schlussabstimmung abstimmen werden.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16989
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms
(A) Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für Wenige Stunden – Stunden! – später erfährt das Parla- (C)
die Aussprache eineinhalb Stunden vorgesehen. Sind Sie ment
damit einverstanden? – Das ist der Fall. Dann ist das so (Priska Hinz [Herborn] [BÜNDNIS 90/DIE
beschlossen. GRÜNEN]: Nur ein Teil des Parlaments!)
Ich eröffne die Aussprache und erteile als erstem Red- – die meisten von uns übrigens aus der Presse –, dass der
ner dem Kollegen Lothar Binding von der SPD-Fraktion mit 129 Millionen Euro ausgestattete Titel „Entwick-
das Wort. lungsorientierte Not- und Übergangshilfe“ im BMZ-
Haushalt ganz plötzlich aufgelöst werden soll. In den
(Beifall bei der SPD) Wochen davor war davon keine Rede: geheime Ver-
schlusssache. Wir erfahren es direkt nach der Haushalts-
Lothar Binding (Heidelberg) (SPD): beschlussfassung im Haushaltsausschuss und wundern
Herr Präsident! Sehr verehrte Damen und Herren! uns.
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich habe der Presse 95 Millionen Euro sollen an das Auswärtige Amt ge-
des BMZ gestern entnommen, dass wir uns in einer hen. Westerwelle soll – wer mag dabei an Wahlkampf
schwierigen Haushaltslage befinden. Die Zinsen sind denken? – als Katastrophenhelfer im Ausland für schöne
jetzt einmalig niedrig. Auch die Arbeitslosigkeit ist nied- Bilder sorgen. 34 Millionen Euro werden im BMZ um-
rig – dank Olaf Scholz. Was wäre, wenn es die Kurzar- gruppiert. Sechs Stellen gehen an das Auswärtige Amt.
beiterregelung nicht gegeben hätte? Das Wachstum ist Die Zuständigkeit für politische Stiftungen in Osteuropa
komfortabel – dank Steinmeier und Steinbrück. Wo wä- soll auch an das Auswärtige Amt gehen. Was das für die
ren wir heute ohne die Konjunkturprogramme? Die Arbeit der Stiftungen bedeutet, wage ich mir nicht vor-
Steuereinnahmen sind unerwartet hoch. Es wird gegen zustellen. Vielleicht fragen Sie die Stiftungen danach.
den Geist der Schuldenbremse gehandelt. Jedenfalls ist
Im Auswärtigen Amt sollen 46 neue Stellen in den
das die Schlussfolgerung, wenn man sich darauf verstän-
Botschaften geschaffen werden, vom BMZ besetzt. Es
digen kann, dass 26 Milliarden Euro Schulden mehr als sollen auch 12 Stellen in Leitungspositionen geschaffen
22 Milliarden Euro Schulden sind. werden. Vor der nächsten Wahl sollen so viele wie mög-
Trotz dieser schwierigen Haushaltslage, von der Sie lich abgesichert werden, war in der Presse zu lesen. Ja,
selbst sprechen, haben Sie 6 Milliarden Euro für Steuer- wer wohl? Wenn zwei Minister mit dem Parlament so
senkungen übrig, die keiner braucht und keiner will. umgehen und diese beiden zufällig in einer Partei sind,
dann könnte man dahinter mehr vermuten.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
(B) DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der (D)
Das hat heute Morgen unser Vorsitzender sehr schön
ausgeführt. Aber Sie haben keine Milliarde für ihren Be- LINKEN)
reich zusätzlich übrig, um bezüglich der ODA-Quote Auf dieser Basis lohnt es sich eigentlich nicht, über
wenigstens strukturell etwas zu tun, damit den Ärmsten einen Haushalt zu reden, der schon wenige Stunden,
geholfen werden kann. nachdem wir ihn beschlossen haben, obsolet ist. Was
aber lese ich in der Zeitung? Da heißt es: „der größte
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) Etat in der Geschichte des Ministeriums, der größte his-
Ich frage mich: Was wollen Sie eigentlich machen, wenn torische Personalzuwachs“ und „ein neues Zeitalter der
die Haushaltslage wirklich schwierig wird? Kooperation“ zwischen Auswärtigem Amt und BMZ.
Ich bin mir da nicht ganz so sicher.
Zunächst einmal möchte ich mich bei dem Ministe- Ich habe auch gelesen – das hätte von Heidemarie
rium, also bei Dirk Niebel, dem Staatssekretär Beerfeltz Wieczorek-Zeul sein können –:
und auch bei Herrn Schmidt für die wirklich gute Koo-
peration im Rahmen der Haushaltsberatungen bedanken. Dennoch dürfen wir unsere Partner nicht mit immer
Auch bei Priska Hinz als Hauptberichterstatterin und bei neuen Konzepten überfordern. … Konzepte wie
meinen Kollegen Dietmar Bartsch, Volkmar Klein und „Hilfe zur Selbsthilfe“ … gibt es schon lange.
Jürgen Koppelin möchte ich mich bedanken und last, but Weiter heißt es:
not least auch beim Fachausschuss, der von den Haus-
hältern natürlich immer viel mehr verlangt, als wir unter Entwicklungspolitik begründet sich auch aus einer
haushalterischen Gesichtspunkten gewähren können. moralischen Verpflichtung, aus Solidarität und
Das ist ein natürliches Spannungsverhältnis. Ich finde, Nächstenliebe heraus.
dass Sascha Raabe und Bärbel Kofler das immer sehr Das hat übrigens Herr Bundespräsident Wulff anlässlich
fair machen, auch wenn wir zum Schluss einen schwieri- der 50-Jahr-Feier des BMZ gesagt. Ich glaube, wir geben
gen Kompromiss schließen müssen. ihm recht.
Ich bedanke mich bei allen für die gute Information, Dirk Niebel spricht unter dem Stichwort „Eigeninte-
den harmonischen Verlauf, die offene Atmosphäre und ressen“ von Ökonomisierung, aber auch von symboli-
das faire Miteinander. Wir haben viele Wochen gelernt, scher Militarisierung.
gestritten und Ideen ausgetauscht. Wir haben noch bis (Widerspruch bei der FDP)
2 Uhr nachts in der Bereinigungssitzung um Zahlen ge-
fochten und über Strukturen debattiert. – Ich habe „symbolisch“ gesagt.
16990 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Lothar Binding (Heidelberg)


(A) Es gibt eine Anzeige mit dem Titel „wirtschaft. entwi- ein ehemaliger Mitarbeiter von Genscher, rein zufällig. (C)
ckelt. global“. Wer sich an das alte Logo der FDP erin- Dann kommt Christian Lüth, Friedrich-Naumann-Stif-
nert, weiß noch, dass es dort auch solche Punkte gab: tung, zum BMZ, nachdem er Deutschland in Honduras
F.D.P. In der Anzeige heißt es: „Wir wollen erreichen, auf das Peinlichste blamiert hat. Da merkt man schon, in
dass Entwicklungspolitik und deutsche Wirtschaft Hand welche Richtung es geht.
in Hand arbeiten.“ Ich glaube, da ist was dran: Eine
Ich meine, wir brauchen Verstärkung in ganz anderen
Hand wäscht die andere. Auf dieser Basis wird zurzeit
Bereichen: in den Regionen, in den Sektoren. Wir brau-
Entwicklungspolitik gemacht.
chen Antworten auf die Frage, wie die GIZ wirklich ge-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) steuert werden soll. Wir müssen die Armutsbekämpfung
verstärken. Wir brauchen wenigstens einen Pfad zum
Dabei ist es aber so, dass – ich zitiere – „Entwick- Aufbau der ODA-Quote. Im Haushalt ist dazu nichts zu
lungspolitik sich im Kern immer auf einen überparteili- finden. Das sind die wesentlichen Themen, um die wir
chen Konsens“ stützt. uns kümmern müssen. Ich bin froh, dass meine Kollegen
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) dazu noch das Wort ergreifen.
Auch das hat nicht Heidemarie Wieczorek-Zeul gesagt, Vielen Dank.
sondern unser Bundespräsident. Niebel allerdings, habe (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
ich in demselben Artikel gelesen, arbeitet daran, SPD- DIE GRÜNEN)
Spuren im Ministerium zu tilgen. Das bedeutet eine ganz
andere Arbeitsrichtung in der Entwicklungspolitik. Ihm
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
geht es darum, Spuren anderer zu tilgen.
Das Wort hat jetzt die Kollegin Dr. Christiane Ratjen-
Aber woran arbeitet er noch? Ich meine, wir müssen Damerau für die FDP-Fraktion.
dafür ein bisschen Verständnis haben: Er kümmert sich
um die FDP. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

(Heiterkeit und Beifall bei der SPD und dem Dr. Christiane Ratjen-Damerau (FDP):
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident! Liebe Kolle-
Es werden zum Beispiel Mitarbeiter befristet eingestellt; gen und Kolleginnen! Meine sehr verehrten Damen und
diese Stellen werden aber nach kurzer Zeit entfristet. Herren! Herr Binding, im Gegensatz zu Ihnen möchte
Das heißt dann im Ministerium „Auswahlverfahren ich heute zu der Frage Stellung nehmen, wie wir jene
light“. Dieser Zusatz ist auch nötig; denn wenn das Par- Menschen auf dieser Welt unterstützen können, die nicht
(B) teibuch vor Qualifikation geht, dann braucht man ein das Glück haben, in einem der reichsten Länder dieser (D)
Light-Verfahren. Welt geboren zu sein.

Es gibt allerdings auch andere Verfahren. Statt beste- (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie des
hende Referate zu stärken, werden neue geschaffen. Bis- Abg. Lothar Binding [Heidelberg] [SPD])
her gab es ein Referat für den Bereich private Wirt- Entwicklungszusammenarbeit gibt es noch nicht sehr
schaft; jetzt sind es zwei. Bisher gab es zwei Referate für lange. Es gibt sie seit 50 Jahren. Die Vorstellung, dass
Zivilgesellschaft. Jetzt sind es drei. Früher gab es ein Re- wir eine Mitverantwortung für das Schicksal aller Men-
ferat für Personal. Heute sind es zwei. Was ist die Idee? schen dieser Welt tragen, ist ein neuzeitliches Konzept.
Sie verdoppeln sozusagen ein Referat und können damit In der Entwicklungspolitik gibt es noch viele ungelöste
personalpolitisch schön jonglieren, insbesondere wenn Aufgaben, und somit bleibt sehr viel Raum für kontro-
Sie aus anderen Ministerien und der GIZ 300 Stellen be- verse und auch innovative Diskussionen. Für mich heißt
kommen und sie in einer gewissen Weise zu einer freien Entwicklungspolitik, anderen Chancen zu eröffnen, aber
Verfügungsmasse in Ihrem Ministerium machen. gleichzeitig die eigenen Chancen zu nutzen.
Es kommt noch etwas Besonderes hinzu: Durch die (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
vielen neuen Strukturen gibt es einen erhöhten Abstim-
mungsbedarf. Was folgt daraus? Man braucht neue Ab- Der diesjährige Haushalt des Bundesministeriums für
teilungskoordinatoren. Das ist völlig klar. Ich weiß auch, wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gibt
wie sie besetzt werden sollen – den Anspruch wieder, dass Globalisierung eine Chance
für alle Menschen auf dieser Welt ist. Der Haushalt des
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) Bundesministeriums wächst in diesem Jahr um knapp
2 Prozent auf 6 332 900 000 Euro an. Das sind 114 Mil-
jedenfalls liegt die Vermutung nahe –; denn es werden
lionen Euro mehr als im vergangenen Jahr. 114 Millio-
Referatsleiter verschoben.
nen Euro mehr investiert die Bundesregierung in die Zu-
Wem das zu abstrakt ist, dem rufe ich ein paar Namen kunft unserer Welt.
in Erinnerung: Pätz, Vorstandsmitglied in der GIZ, mit
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU –
einer Rückfallstelle auf B-Ebene im Ministerium. Einen
Priska Hinz [Herborn] [BÜNDNIS 90/DIE
peinlichen Vorgang gab es um van Bebber – hier muss
GRÜNEN]: Das ist beschämend wenig!)
man sich einmal im Ministerium umhören –, Kreisvor-
sitzender der FDP in Ahrweiler. Dreimal dürfen Sie ra- Trotz enger haushalterischer Spielräume haben wir
ten, wer Exekutivdirektor der Weltbank geworden ist: damit den dritten Rekordhaushalt in Folge in diesem
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16991
Dr. Christiane Ratjen-Damerau
(A) Jahr. Dass es die gesamte Bundesregierung ernst meint (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) (C)
mit der Entwicklungspolitik, zeigt sich an diesem Haus-
halt. Der Anteil des BMZ am Bundeshaushalt steigt auf Dies ist nachhaltig und sorgt für die Chancen, die dann
2,1 Prozent an. Das Ziel der ODA-Quote, 0,7 Prozent Wohlstand schaffen. Wir geben zusätzliche Mittel zur
des Bruttoinlandsproduktes in die Entwicklungshilfe zu Vergabe von Krediten und investieren in Ausbildung und
investieren, haben wir zwar noch nicht erreicht, aber ich gute Regierungsführung.
möchte an dieser Stelle für uns alle betonen, dass wir an Gleichzeitig sorgen wir mit dem Haushalt und der Ar-
dieser Vereinbarung der Weltgemeinschaft festhalten. beit des Bundesministeriums dafür – da möchte ich
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) gerne Bundesminister Niebel zitieren –, dass die Ent-
wicklungszusammenarbeit stärker in der Gesellschaft
Die christlich-liberale Koalition hat 2009 – damals verankert wird. Entsprechend organisiert sich das BMZ
lag die ODA-Quote bei 0,35 Prozent – die Regierungs- neu und geht andere Wege.
verantwortung übernommen. 2010 lag sie bereits bei
0,39 Prozent, und das bei einem um 3,6 Prozent höheren (Lothar Binding [Heidelberg] [SPD]: Erst ein-
Bruttoinlandsprodukt in Deutschland. mal im Parlament!)
So schafft es aus einer Vielzahl von unübersichtlichen
Ein wichtiger Aspekt einer zeitgemäßen Entwick-
Angeboten eine einzige Servicestelle mit Ansprechpart-
lungspolitik ist allerdings: Mit Geld alleine ist keine
nern zu allen Fragen des bürgerschaftlichen Engage-
sinnvolle und langfristige Entwicklungspolitik möglich.
ments und der kommunalen Entwicklungszusammenar-
Die Qualität und die Schwerpunkte der Entwicklungs-
beit.
zusammenarbeit sind hier entscheidend. Wir Entwick-
lungspolitiker und Entwicklungspolitikerinnen der Koali- Vieles kann jedoch ohne neue Mittel geleistet werden,
tion sind der festen Überzeugung, dass eine nachhaltige und zwar allein durch eine bessere Koordinierung und
Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen in einen effizienteren Einsatz der Mittel. Aber für be-
den Entwicklungsländern nicht durch eine dauerhafte stimmte Maßnahmen brauchen wir mehr Geld. Deswe-
Alimentation erzielt werden kann. gen bin ich mit dem Haushalt des Bundesministeriums
sehr zufrieden und danke an dieser Stelle allen Beteilig-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
ten, die an diesem Haushalt mitgewirkt haben.
Für 2012 kann der Haushalt des BMZ als ein Wirk-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
samkeitshaushalt beschrieben werden, weil sich in ihm
die Zusammenführung der vormaligen Durchführungs- Dieser Haushalt steht für die neue Wirksamkeit der Ent-
(B) organisationen, der Gesellschaft für Technische Zusam- wicklungszusammenarbeit und lässt uns gleichzeitig ei- (D)
menarbeit, der InWEnt und des Deutschen Entwick- nen Schritt hin zur Einlösung unseres Versprechens an
lungsdienstes, zur Gesellschaft für Internationale Zu- die Welt – die Erfüllung der ODA-Quote – gehen.
sammenarbeit wiederfindet. Dies ist die größte Struktur-
reform in der Entwicklungspolitik seit der Gründung des Es gibt noch viel zu tun. Wir, die Politiker der westli-
BMZ und damit seit genau 50 Jahren. chen, wohlhabenden Welt, müssen gemeinsam an einem
Strang ziehen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
(Zurufe der Abg. Priska Hinz [Herborn]
Zudem setzt das Bundesministerium auf die Evaluie- [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Ute Koczy
rung der eigenen Arbeit. Dafür wird im Jahr 2012 ein ei- [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
genes Institut gegründet. Für mich als Liberale ist es
selbstverständlich, dass die Arbeit des Ministeriums auf – Vielleicht hören Sie einmal zu!
den Prüfstand eines unabhängigen Evaluierungsinstitu- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
tes gestellt wird. der CDU/CSU)
Wirksam ist der Haushalt auch deshalb, weil er den Wir müssen so lange an einem Strang ziehen, Frau
Aufbau der Zivilgesellschaften durch private Träger wie Koczy, solange Menschen nicht genug zu essen haben
die Kirchen und Stiftungen in den Entwicklungsländern und solange täglich Menschen an den Folgen von Armut
mehr als je zuvor stärkt und fördert. Denn um das Ziel und Unterernährung sterben. Lassen Sie uns daher ge-
einer nachhaltigen Bekämpfung der Armut und Struktur- meinsam die Menschen unterstützen, die eben nicht das
defizite in den betroffenen Ländern zu erreichen, benöti- Glück hatten, in dem reichsten Land der Welt geboren zu
gen wir die Anstrengung und das Wissen gerade dieser werden.
Institutionen. Ihre Arbeit beginnt meistens dort, wo
staatliches Handeln nicht möglich ist. Vielen Dank.
Den Schwerpunkt der Entwicklungspolitik legen wir (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
weiterhin auf Afrika. Die Armut in den betroffenen Staaten
in Afrika lässt sich nur über Generationen hinweg und Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
insbesondere durch Investitionen in die Bildung der Das Wort hat die Kollegin Heike Hänsel von der
Menschen verringern. Daher verdoppeln wir die Anzahl Fraktion Die Linke.
der Bildungsmaßnahmen im Süden des Kontinents bis
2013 gegenüber dem Jahr 2009. (Beifall bei der LINKEN)
16992 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

(A) Heike Hänsel (DIE LINKE): (Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]: (C)
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen Das ist doch sehr gut!)
und Herren! Aus aktuellem Anlass möchte ich von hier Das ist also Ihre neue Entwicklungsausrichtung. Sie ma-
aus zuerst eine Solidaritätsadresse an die Menschen in chen Politik für die deutsche Großindustrie.
Kairo schicken, die im Moment auf dem Tahrir-Platz sit-
zen und versuchen, die Demokratie dort zu verteidigen, (Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]:
Nein, für die Wertschöpfung! Das ist der
(Beifall bei der LINKEN) Punkt!)
und die im Grunde genommen eine zweite Revolution Sie sprechen von Liberalisierung, neuen Märkten und
gegen die Militärregierung beginnen. Herr Niebel, es neuen Chancen. Aber im Grunde handelt es sich um
wäre schon gut gewesen, von Ihnen aktuell etwas dazu nichts anderes als um den Griff in die neoliberale Mot-
zu hören. Es reicht nicht, dass Sie und Herr Westerwelle tenkiste.
sich dort feiern lassen. Jetzt braucht die Bevölkerung die
(Widerspruch bei der CDU/CSU und der FDP)
Solidarität von uns allen.
Denn genau diese Politik hat bislang Entwicklung in den
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten Ländern des Südens verhindert.
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
(Beifall bei der LINKEN)
Zum Haushalt. Ich lese, dass Sie dieses Jahr einen Re-
kordhaushalt verabschieden. Das steht auf Ihrer Webseite. Viele Arbeitsplätze und kleinbäuerliche Existenzen wur-
den dadurch vernichtet. Sie kommen mit den ewig alten
(Johannes Selle [CDU/CSU]: Das stimmt Rezepten des letzten Jahrhunderts und haben bis heute
auch!) nicht bemerkt, dass der Kapitalismus nicht Teil der Lö-
sung, sondern Teil des Problems ist.
Das ist sehr interessant. Ich kann mir das nur so erklären,
dass es für Sie, Herr Niebel, ein Rekord ist, trotz der gro- (Beifall bei der LINKEN)
ßen Unterstützung, die Sie hier aus dem Parlament er- Wir brauchen eine solidarische Weltwirtschaftsordnung,
fahren haben, trotz der vielen Unterschriften aus der Be- wenn wir nicht nur den reichen Eliten, die ab und zu der
völkerung und trotz der vielen Appelle der Hilfsorgani- FDP Parteispenden zukommen lassen, sondern allen auf
sationen einen solch mickrigen Aufwuchs für das dieser Welt eine menschenwürdige Existenz ermögli-
nächste Jahr zu organisieren, das ist wirklich ein Rekord, chen wollen.
Herr Niebel.
Sie sehen sich als großer Reformer und haben intelli-
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord- genterweise die Not- und Übergangshilfe in das Auswär- (D)
(B)
neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE tige Amt zur humanitären Hilfe verlagert. Das ist die
GRÜNEN – Patrick Meinhardt [FDP]: Ach du entwicklungspolitische Fehlleistung des Jahres. Es wäre
lieber Gott!) wichtig gewesen, die Not- und Übergangshilfe zusam-
men mit der humanitären Hilfe im Entwicklungsministe-
Die Halbzeitbilanz Ihrer Amtszeit ist katastrophal. Sie
rium anzusiedeln, weil die Übergänge sehr schwierig
machen viel Show, organisieren viele Events und spre- sind und wir das entwicklungspolitisch gut organisieren
chen von einer ganz neuen Ausrichtung der Entwick- müssen. Statt die Not- und Übergangshilfe im Auswärti-
lungspolitik. Wenn man sich das aber genau anschaut, gen Amt quasi zu versenken, wäre es vor allem wichtig
dann stellt man fest, dass nicht viel dahinter ist. Sie wol- gewesen, die Mittel dafür massiv zu erhöhen,
len zum Beispiel über eine neue Servicestelle mehr Bür-
gerbeteiligung organisieren und die Zivilgesellschaft in (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
die Entwicklungspolitik stärker einbinden. Das ist schön neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE
und gut. Aber zu den vielen Menschen, die bereits aktiv GRÜNEN)
sind, wenn es um Entwicklungsfragen geht, und auf die und zwar wegen der vielen Katastrophen, die wir haben,
Straße gehen, um das Erreichen des 0,7-Prozent-Ziels, sei es in Pakistan, in Haiti oder in Ostafrika. Da sieht
die Einführung einer Finanztransaktionsteuer und eine man nichts von Ihnen. Sie haben nur neue Posten für die
strengere Regulierung der Finanzmärkte zu fordern und FDP im Außenministerium organisiert.
die Bankenmacht zu brechen, gibt es von Ihnen keine
Reaktion, Herr Niebel. Diese Menschen werden syste- Am unrühmlichsten ist sicherlich Ihre Halbzeitbilanz,
matisch ignoriert. Da brauchen Sie nicht von Bürgerbe- wenn es um Afghanistan geht. Sie haben leider die schon
teiligung zu sprechen. Das ist ein Witz. unter Rot-Grün begonnene zivil-militärische Zusam-
menarbeit massiv vorangetrieben und die Hilfsorganisa-
(Beifall bei der LINKEN) tionen, die staatliche Unterstützung bekommen, gezwun-
gen, mit der Bundeswehr zusammenzuarbeiten. Diese
Sie machen Politik wie bisher, verkaufen sie aber neu. Militarisierung schreitet voran, zum Beispiel bei den
Sie sprechen von Eigenverantwortung und Wirtschafts- Kooperationsverträgen zwischen der GIZ und der Bun-
partnerschaften, meinen aber im Grunde die Förderung deswehr. Dabei geht es nicht nur um Afghanistan, son-
deutscher Wirtschafts- und Rohstoffinteressen. Ich habe dern auch um zukünftige Militärinterventionen. Wir hin-
gelesen – das ist interessant –, dass die neue Rohstoff- gegen haben uns immer gegen eine Militarisierung der
allianz, gegründet vom Bundesverband der Deutschen Entwicklungszusammenarbeit ausgesprochen.
Industrie, jetzt auch vom Entwicklungsministerium be-
grüßt und unterstützt wird. (Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16993
Heike Hänsel
(A) Die soziale Situation in Afghanistan ist nach wie vor (Karin Roth [Esslingen] [SPD]: Ja, aber ohne (C)
schwierig, nicht nur aufgrund von Korruption, sondern Geld nichts los!)
auch aufgrund des dort herrschenden Krieges; denn un-
ter den Bedingungen eines Krieges ist keine Entwick- Das gilt im Übrigen aber auch wechselseitig. Das
lung in einem Land möglich. wird jeder von uns so bestätigen können. Ich persönlich
habe langjährige Verbindungen nach Ghana. Wenn ich
(Beifall bei der LINKEN) von dort zurückkomme, dann fühle ich mich immer wie-
der auch selbst bereichert. Insofern ist das natürlich ein
Nun findet nächste Woche in Bonn die große Afgha- ganz krasser Widerspruch zu dem, was wir gerade von
nistan-Konferenz statt. Überall ist vom Abzug der Trup- meiner Vorrednerin gehört haben.
pen die Rede. Dazu kann ich nur sagen: Das ist schlicht
eine Lüge. Es wird keinen kompletten Abzug der Trup- Ich denke, das Wertvollste, was wir in Deutschland
pen geben, allenfalls einen Teilabzug. Die Kanzlerin hat weiterzugeben haben, ist unsere positive Erfahrung mit
heute Morgen davon gesprochen, dass wir über 2014 hi- der sozialen Marktwirtschaft.
naus in Afghanistan präsent sein werden. Genau deswe-
gen gehen immer mehr Menschen, insbesondere Frie- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
densgruppen, in Afghanistan auf die Straße. Sie fordern:
Wir wollen keine Dauerbesatzung in Afghanistan. Wir Es wäre grandios, wenn es gelingt, in allen Teilen der
wollen über unser Land selbst bestimmen. Welt eine sich selbst tragende Entwicklung anzustoßen:
sich selbst tragend, ökonomisch, ökologisch und sozial.
Diese Gruppen werden von uns unterstützt. Auch sie
kommen nächste Woche nach Bonn. (Heike Hänsel [DIE LINKE]: Immer dieser
Etikettenschwindel!)
(Beifall bei der LINKEN)
Das ist genau das, was wir unter Nachhaltigkeit verste-
Sie werden einen Gegenpunkt setzen. Sie werden in hen.
Bonn auf der Demonstration am 3. Dezember und auf
der Gegenkonferenz am 4. Dezember sprechen. (Karin Roth [Esslingen] [SPD]: Lauter Über-
schriften!)
(Georg Schirmbeck [CDU/CSU]: Bin ich da
eingeladen? Kann ich da auch kommen?) Das heißt nicht, dass es darum geht, anderen irgend-
wie eine Kopie unserer Lösungen zu oktroyieren, aber
Sie stehen für die Forderung nach einem wirklichen Ab- das heißt, dass wir die Erfahrung weitergeben müssen,
zug der Truppen, sie stehen für die Forderung nach ei- dass klare Regeln gebraucht werden sowie Verlässlich-
(B) nem 100-prozentigen Abzug der Bundeswehr aus keit, Spielräume für die Menschen, Ausgleich zwischen (D)
Afghanistan; denn nur so gibt es wirkliche Entwick- den Menschen. Das heißt auch, dass wir eine klare Er-
lungschancen für die Bevölkerung dort. wartung formulieren müssen. Egal welche Lösungen in
Danke. einem Land gefunden werden – wir erwarten von den
dortigen Eliten zumindest, dass sie selber Vertrauen in
(Beifall bei der LINKEN – Georg Schirmbeck ihre Lösungen haben. Das ist, glaube ich, ein großes Pro-
[CDU/CSU]: Meine Frage hat sie nicht beant- blem, über das wir viel zu wenig reden.
wortet! Jetzt wollte ich kommen, und ich habe
auch gefragt!) Natürlich geht das nicht ohne Geld; insofern waren
die Zwischenrufe ja richtig. Es gibt das schöne russische
Sprichwort: Durch Umrühren allein wird der Tee nicht
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: süßer, da muss Zucker hinein. – Das ist, finde ich, ein
Der nächste Redner ist der Kollege Volkmar Klein für tolles Sprichwort. Deutschland liefert ziemlich viel Zu-
die CDU/CSU-Fraktion. cker in alle Welt. Fast 6,4 Milliarden Euro umfasst der
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Einzelplan 23, der Haushalt des Ministeriums für wirt-
schaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Das ist
sehr viel Geld. Fakt ist, dass wir alle uns dafür gegenü-
Volkmar Klein (CDU/CSU): ber unseren Wählern verantworten müssen.
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Klar, das ist hier eine Haushaltsberatung. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der FDP)
(Georg Schirmbeck [CDU/CSU]: Genau!)
Wir müssen begründen, weshalb es richtig ist, so viel
Trotzdem muss ich sagen: Man hat jetzt fast den Ein- Geld zur Unterstützung anderer auszugeben. Ich finde,
druck – das war auch in den letzten Wochen so –, als sei man kann das auch sehr gut begründen. Es ist richtig,
Geld das Wertvollste, was Deutschland zu bieten hat; je weil unsere Verantwortung für den Nächsten nicht an un-
mehr davon, umso besser. Dabei legt doch schon der seren Grenzen endet. Wir müssen einen Teil unserer Er-
Name des Ministeriums, über das wir hier reden, eigent- fahrungen, auch unseres Reichtums abgeben und mit
lich anderes nahe. Es geht um wirtschaftliche Zusam- dem Nächsten jenseits unserer Grenzen teilen.
menarbeit und Entwicklung. Ich denke, wichtiger noch
sind Austausch, Zusammenarbeit, Weitergeben von Er- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie des
fahrung und Teilhaben-Lassen an Erfahrungen. Abg. Lothar Binding [Heidelberg] [SPD])
16994 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Volkmar Klein
(A) – Ich bedanke mich für den breiten Applaus. Ein solcher fristig ausreicht, gerade unter Nachhaltigkeitsgesichts- (C)
wird sicherlich bei meinem nächsten Punkt erneut auf- punkten. Deswegen ist der jetzt von den beiden
branden. zuständigen Ministerien gefundene Kompromiss, Mittel
aus dem Einzelplan 23 und darüber hinaus aus dem En-
Die Steigerung um 2,6 Prozent im Einzelplan 23 ergie- und Klimafonds zur Verfügung zu stellen, ein gu-
(Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und den tes Ergebnis; dadurch können wir hier einiges bewegen.
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Priska Hinz
[Herborn] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber nicht nur die Budgetsteigerung ermöglicht uns
Wow! Wir wollen mehr sehen!) eine Ausweitung des Handelns, sondern auch die Effizi-
enzsteigerung. Im Haushalt 2012 ist die Fusion von
– da ist ja der Beifall – ist angesichts der Steigerung des DED, InWEnt und GTZ zur GIZ abgebildet. Das ist ein
Gesamthaushalts natürlich exorbitant groß. Wir haben klarer Erfolg, auch des zuständigen Ministers.
nämlich ein insgesamt stagnierendes Budget, das um nur
0,1 Prozent steigt. Die Vorrednerin könnte sich vielleicht (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
vom Kollegen Binding, der von Mathematik viel Ah- der FDP)
nung hat, genau erklären lassen, dass damit der Einzel- Lange, auch schon in der früheren Regierung, hat die
plan 23 praktisch die 26-fache Steigerung im Vergleich CDU/CSU gefordert, das in Angriff zu nehmen. Die da-
zum Gesamthaushalt erfährt. malige Ministerin hat es aber nicht geschafft. Jetzt wird
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – auf der Basis dieser Fusion unsere Arbeit mit Sicherheit
Heike Hänsel [DIE LINKE]: Die Vergleichs- effektiver. Insofern möchte ich an dieser Stelle dem zu-
grundlage ist ja hanebüchen!) ständigen Minister Dirk Niebel ganz herzlich gratulie-
ren.
– Gleich noch einmal von Lothar Binding erklären las-
sen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die Budgetsteigerung, meine Damen und Herren, er- Vielleicht sollte ich eher uns allen hier gratulieren, dass
möglicht uns eine Ausweitung unseres Handelns. Bei wir einen solchen Minister haben.
vielen einzelnen Positionen im Einzelplan 23 gibt es
Aufwüchse. Ich will einmal zwei Punkte herausgreifen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Ge-
org Schirmbeck [CDU/CSU]: Ich habe ja ge-
Wir haben schon oft über die Situation in Ostafrika sagt: Die Koalition darf sich loben!)
geredet. Insgesamt sind wir auf der Basis unserer Haus-
halte in der Lage, Ostafrika mit 205 Millionen Euro zu Ein agiler und erfolgreicher Minister agiert manchmal
(B) unterstützen, inklusive – auch das muss erwähnt werden, unter Umständen etwas voreilig. Das haben wir gerade (D)
gerade von denen, die die Bedeutung der internationalen bei der Vereinbarung mit dem Auswärtigen Amt erlebt;
Organisationen immer hochhalten – des deutschen An- darüber werden wir auch im Haushaltsausschuss noch
teils am Europäischen Entwicklungsfonds und bei der beraten. Kollege Binding hat eben schon etwas dazu ge-
Weltbank. Das ist ein stolzes Ergebnis – auch angesichts sagt. Wenn er das nicht in so viel Oppositionsgetöse ver-
der enormen Not, die dort herrscht. packt hätte, wäre sogar etwas Richtiges daran gewesen.
Wir werden sehen, ob die Frau Kollegin Hinz das gleich
Als zweites Beispiel möchte ich erwähnen, dass es sachlich darstellt.
uns möglich sein wird, unter dem Stichwort „Yasuní“,
das inzwischen quasi zu einem Synonym für Regen- (Iris Gleicke [SPD]: Das haben wir jetzt
waldschutz geworden ist, eine ganze Menge zu tun. verstanden! – Priska Hinz [Herborn] [BÜND-
(Dr. Bärbel Kofler [SPD]: Das ist ein schlech- NIS 90/DIE GRÜNEN]: Davon können Sie
tes Beispiel!) ausgehen!)

Der Schutz des Regenwaldes im Amazonasgebiet ist – Wir werden es sehen.


durchaus auch für uns wichtig, weil die klimatischen Insgesamt muss jenseits dieser Reformen mehr als
Auswirkungen weltweit eine Rolle spielen. Auf der Ba- bisher darauf geachtet werden, wie erfolgreich wir arbei-
sis unserer Haushalte – dafür haben sich viele, insbeson- ten. Wir müssen nämlich unser Geld – auch das sind wir
dere unser Kollege Christian Ruck, aber auch Kollegen dem Steuerzahler schuldig – wirklich effizient einsetzen.
aus anderen Fraktionen intensiv eingesetzt – wird es jetzt Deshalb ist es wichtig, das eben schon genannte Evaluie-
möglich sein, einiges in den Regenwaldschutz in rungsinstitut zu gründen, weil wir, so glaube ich, noch
Ecuador zu investieren. viel zu wenig über die tatsächliche Wirksamkeit unserer
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und Maßnahmen wissen.
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN –
Priska Hinz [Herborn] [BÜNDNIS 90/DIE Wichtig in diesem Zusammenhang ist es – auch das
GRÜNEN]: Wir warten drauf! – Dr. Bärbel ist eben schon angeklungen –, sich nicht nur an die staat-
Kofler [SPD]: Können Sie das mal konkreti- lichen Strukturen der Partnerländer zu wenden. Denn die
sieren?) Analysen besagen für viele Länder, dass dort die Regie-
rungen selbst Teil des Problems sind. Eine besonders
Es gibt einige berechtigte Zweifel daran, ob eine ein- eindrucksvolle Analyse hat uns die sambische Wissen-
fache Einzahlung in den ecuadorianischen Fonds lang- schaftlerin Dambisa Moyo vor zwei Jahren geliefert.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16995
Volkmar Klein
(A) (Ute Koczy [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: nicht aus; denn die Barmittel müssen ebenfalls gesteigert (C)
Teilweise schon zurückgenommen!) werden.
Deshalb ist es so wichtig, dass wir auch andere Bereiche Wenn man sich die Finanzplanung anschaut, dann er-
deutlich stärker unterstützen, die nicht an die staatlichen kennt man, dass im Jahr 2013 etwa 10 Prozent des Etats
Strukturen anknüpfen. Die Mittel für die Bereiche der wegfallen sollen. Das heißt, wir wären dann unter dem
Kirchen, der Wirtschaft und der Bürgergesellschaft wer- Status von 2010. Wie wollen Sie denn da das 0,7-Pro-
den mit 8,5 Prozent wesentlich stärker ausgeweitet als zent-Ziel erreichen?
der durchschnittliche Haushalt.
(Ute Koczy [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Zum Abschluss noch zwei Punkte: Ja, ein Rätsel!)
Erstens. Der Dank an die Beteiligten hier im Hause ist Diese Erklärung hätte ich gerne von Ihnen.
schon ausreichend artikuliert worden. Ich möchte mich
an dieser Stelle aber auch bei all denjenigen bedanken, (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
die in aller Welt – teilweise unter harten Bedingungen – bei der SPD und der LINKEN)
Hilfe vor Ort leisten. Das ist im Interesse der Menschen
dort ganz toll, und es ist zugleich eine gute Visitenkarte Herr Minister, wir von der Opposition haben Ihnen
für Deutschland. Dafür ganz herzlichen Dank. sogar zugestanden, dass Sie im Zuge der Fusion der Vor-
feldorganisationen mehr Personal brauchen. Wir sind der
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie Meinung, es hätte nicht ganz so viel sein müssen; wir ha-
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE ben Ihnen aber zugestanden, dass Sie für die Steuerung
GRÜNEN) mehr Personal bekommen; denn eine politische Steue-
rung muss schon sein.
Zweitens. Das wird Sie jetzt nicht wirklich überra-
schen: Die CDU/CSU wird diesem Einzelplan zustim- Nur frage ich mich dann – und ich frage es auch die
men. Koalitionäre –: Was soll denn das Personal bitte steuern,
Herzlichen Dank. wenn es nicht auch mehr Barmittel gibt? Was sollen die
denn bitte schön machen?
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Lo-
thar Binding [Heidelberg] [SPD]: Das ist ja (Zuruf von der FDP: Ihre Arbeit!)
wirklich toll!) Die Projekte und Programme müssen finanziell ausge-
stattet sein, damit man überhaupt steuern kann. Um es
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: mit einem ganz lapidaren Satz zusammenzufassen, den
(B) (D)
Priska Hinz hat das Wort für Bündnis 90/Die Grünen. wir schon in den 80er-Jahren benutzt haben: Ohne Moos
nix los. Ohne Geld werden Sie nicht weiterkommen. Da
Priska Hinz (Herborn) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- können Sie zwar die Effizienz der Entwicklungszusam-
NEN): menarbeit anmahnen, man kann aber nur dann effizient
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Herr und effektiv helfen, wenn man dafür auch genügend
Klein, Ihr letzter Satz war wirklich völlig überraschend. – Geld hat.
Meine Damen und Herren von der Koalition, es reicht (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
nicht aus, sich nur mit Worten an dem 0,7-Prozent-Ziel sowie bei Abgeordneten der SPD)
festzuhalten, sondern man muss das Ziel dann auch er-
reichen wollen. Man muss es tatkräftig ansteuern. Ich komme zum Globalen Fonds. Wir sind uns ziem-
lich einig darüber, dass er dringend notwendig ist, um
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose und Aids vorzu-
bei der SPD und der LINKEN) beugen. Die Kanzlerin hat in internationalen Regie-
Es reicht nicht aus, die internationalen Versprechun- rungsverhandlungen wieder die Bereitstellung der Mittel
gen vor sich her zu tragen, eine Koalitionsvereinbarung zugesagt. Und was macht der Entwicklungsminister? Er
zu unterschreiben und dann in dem Haushalt, den die bekommt von der Organisation selbst einen Bericht über
Regierung vorlegt, nur noch ein wenig hin und her zu mögliche Korruptionsfälle und sperrt dann erst einmal
schieben, aber nicht wirklich den Willen kundzutun, das die Mittel. Da haben wir noch gesagt: Das ist okay; da
0,7-Prozent-Ziel zu erreichen oder sogar noch etwas muss man nachschauen. – Inzwischen will er auch die
draufzusetzen. Das haben Sie versäumt, und Sie müssen letzte Tranche freigeben. Sehr gut! Aber was ist mit den
ertragen, dass wir Ihnen das immer wieder vorhalten Mitteln für das nächste Jahr? Dann gibt es für diese Gel-
werden. der keinen eigenen Titel mehr. Die Gelder werden in den
Titel „Bilaterale Finanzielle Zusammenarbeit“ einge-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN stellt. Da gehören sie nicht hin;
und bei der SPD)
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Positiv ist, dass die KfW-Mittel jetzt unter den Ge-
währleistungsrahmen des Bundes fallen werden. Damit denn die Mittel sollen nicht nach Gutsherrenart verteilt,
kann die ODA-Quote gesteigert werden. Das haben wir sondern je nach Notwendigkeit freigegeben werden. Da
Grünen ja schon im letzten Jahr gefordert. Insofern sind wäre es sinnvoll gewesen, dass der Haushaltsausschuss
Sie uns gefolgt. Das ist wunderbar. Es reicht aber leider eine Sperre einrichtet.
16996 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Priska Hinz (Herborn)


(A) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – gibt uns die Möglichkeit, unsere erfolgreiche Arbeit fort- (C)
Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]: Ef- zusetzen.
fektivität und Antikorruption!)
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Dann hätten wir nach den Berichten sagen können: Das
Ich möchte mich bei den Berichterstatterinnen und
Parlament will, dass die Mittel jetzt freigegeben werden.
Berichterstattern ausdrücklich für die – obwohl es in der
– Aber es entspricht nicht unserer Auffassung von demo-
Debatte im Deutschen Bundestag manchmal etwas an-
kratischer Kontrolle der Regierung durch das Parlament,
ders klingt – hervorragende Zusammenarbeit bedanken.
dass Sie die Mittel nach Gutsherrenart sperren oder frei-
Wir haben einen sehr ergiebigen Diskussionsprozess ge-
geben können. Das kann ich Ihnen an dieser Stelle nicht
führt. Ich möchte mich auch bei den Mitarbeiterinnen
ersparen.
und Mitarbeitern meines Hauses, des Bundesrechnungs-
Wir haben den Minister bei der Fusion der Vorfeldor- hofes und der anderen beteiligten Organisationen bedan-
ganisationen unterstützt. Wir haben ihn bei der Einrich- ken, die dazu beigetragen haben, dass wir diesen guten
tung eines Evaluierungsinstituts und einer Serviceagentur Haushalt hier heute beschließen können.
unterstützt, wobei wir bei der inhaltlichen Ausgestaltung
Die Kolleginnen und Kollegen haben die Stellen an-
der Serviceagentur durchaus Probleme sehen, weil die Zi- gesprochen. Doch mein guter Freund Sigmar Gabriel hat
vilgesellschaft nicht ausreichend eingebunden wurde.
heute Morgen in der Generaldebatte versucht, zu skanda-
Herr Minister, es geht aber nicht – damit haben Sie alle
lisieren, und gesagt, ich würde das Haus mit 166 Stellen
Vertreter des Hauses, die mit diesen Themen befasst sind,
aufblähen.
verärgert –, dass Sie kurz nach der Bereinigungssitzung
gemeinsam mit dem Außenminister eine Vereinbarung (Karin Roth [Esslingen] [SPD]: Ja, recht hat
auf den Weg bringen, wonach Mittel und Stellen vom er!)
BMZ ins Außenministerium und wieder zurück verscho-
ben werden. Um der Wahrheit Genüge zu tun, muss man darauf hin-
weisen: Es sind 182 Stellen; im nächsten Jahr kommen
(Georg Schirmbeck [CDU/CSU]: Gar nichts noch einmal 30 hinzu. Das hat gute Gründe – Sie alle ha-
wird verschoben! Das ist doch Quatsch!) ben es beschlossen –: Es geht um die Wiedererlangung
der politischen Steuerungsfähigkeit gegenüber den Durch-
Wenn es so kommt, wie Sie es vorhaben, ist Ihr Rekord- führungsorganisationen. In diesem Prozess haben wir den
haushalt im Übrigen kein Rekordhaushalt mehr, weil Bundeshaushalt – jetzt hören Sie bitte besonders gut zu –
dann die Aufwüchse beim Auswärtigen Amt landen. trotz der Einrichtung der Servicestelle, der Gründung des
Man kann es ja so wollen, wie Sie es vorhaben; aber Evaluierungsinstituts und der Schaffung der politischen
(B)
– ich komme zum Schluss, Frau Präsidentin – es wäre Steuerungsfähigkeit des Hauses um 300 Stellen netto ent- (D)
das Mindeste gewesen, die Parlamentarier, die monate- lastet. Das ist der größte Bürokratieabbau im Rahmen der
lang über diesen Haushalt beraten haben, die jeden Titel größten Strukturreform, die diese Legislaturperiode gese-
durchgegangen sind und mit Ihnen besprochen haben, hen hat. Ich ahne, dass es in den nächsten zwei Jahren
die deutlich gemacht haben, wo vielleicht nur 10 000 keine wesentlich größere geben wird.
Euro draufkommen und wo 10 000 Euro runterkommen (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
sollen, ausreichend zu informieren, und zwar bevor Sie
solch eine Vereinbarung treffen. Wir erwarten von Ihnen, Die Kollegin Hinz hat gerade beklagt, dass Stellen
dass Sie den Haushaltsausschuss in dieser Sache weiter- verschoben würden und sie davon überrascht gewesen
hin auf dem Laufenden halten und die Zustimmung dazu sei.
einholen. (Karin Roth [Esslingen] [SPD]: Ja!)
Danke schön. Wir können gerne über die Frage des Zeitpunktes strei-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ten – das haben wir gestern sehr intensiv getan –, nicht
und bei der SPD) aber über die Inhalte. Sie wissen, dass ein Bestandteil
der Fusion darin besteht, die politische Steuerungsfähig-
keit zu erlangen. Deswegen gibt es auch in Bezug auf die
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: Außenstruktur der deutschen Entwicklungszusammenar-
Das Wort hat der Bundesminister Dirk Niebel. beit die Notwendigkeit einer Veränderung. Das ist übri-
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten gens auch im Kabinettsbeschluss zur Fusion so vorgese-
der CDU/CSU) hen.
Die 46 Stellen an Botschaften für sogenannte WZ-Re-
Dirk Niebel, Bundesminister für wirtschaftliche Zu- ferenten – das sind die Mitarbeiter meines Hauses, die
sammenarbeit und Entwicklung: dort für die Umsetzung der Entwicklungspolitik sorgen –
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und sind genauso gestaltet, wie es schon heute der Fall ist.
Herren! Wir sind in dieser Regierung angetreten, um die Unsere Mitarbeiter werden an die Botschaften abgeord-
Wirksamkeit und Effizienz der Entwicklungszusammen- net. Unsere Stellen werden dann vom Auswärtigen Amt
arbeit zu erhöhen. Dieser dritte Rekordhaushalt in Folge bewirtschaftet. Ich wundere mich schon sehr, dass man
die Inhalte der wegweisendsten Verwaltungsvereinba-
(Lachen der Abg. Heike Hänsel [DIE LINKE]) rung zwischen den beiden Häusern kritisiert. Damit wird
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16997
Bundesminister Dirk Niebel
(A) endlich das hergestellt, was dieses Parlament – übrigens grenzen hinweg. Bei diesen Staaten handelt es sich um (C)
über alle Fraktionsgrenzen hinweg – immer wieder ge- Namibia, Angola, Sambia, Simbabwe und Botswana.
fordert hat. Diese fünf Staaten versuchen, Biodiversität und wirt-
schaftliche Entwicklung, den Schutz von indigenen Völ-
(Lothar Binding [Heidelberg] [SPD]: So war
kern sowie der Natur unter einen Hut zu bringen. Das
es nicht gemeint! Das ist falsch!)
sind fünf Staaten, die in der Vergangenheit oftmals sehr
Es wurde mehr Kohärenz bzw. die Einhaltung dessen ge- viele unterschiedliche politische Interessen hatten. Jetzt
fordert, was die OECD schon lange von uns verlangt hat: haben sie eine Vereinbarung über eine Art Schengen-Ab-
Klarheit bei humanitärer Hilfe und entwicklungsorien- kommen unterschrieben. Danach wird es ein einheitli-
tierter Nothilfe. ches Visum für diesen Nationalpark geben. Das hätte es
ohne deutsche Entwicklungszusammenarbeit nicht gege-
Lieber Kollege Lothar Binding, zu behaupten, wir ben.
hätten diese Klarheit bei humanitärer Hilfe, bei der
Übergangs- und Nothilfe geschaffen, damit der Außen- (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie des
minister schöne Bilder von Katastrophen liefern kann, Abg. Lothar Binding [Heidelberg] [SPD])
ist an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten.
Wir verbinden Werte mit Interessen. Manch ein linker
(Lothar Binding [Heidelberg] [SPD]: Diesen Ideologe mag es nicht glauben: Werte und Interessen
Zynismus kann ich euch nicht ersparen!) können sich hervorragend ergänzen. In diesem Sinne
werden wir auch in den nächsten Jahren die Entwick-
Ich kenne überhaupt keine einzige Katastrophe, die ein
lungszusammenarbeit in Deutschland reformieren, damit
einziges schönes Bild liefert.
die Menschen als Partner angesehen werden und gute
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Lo- Ergebnisse für die Zukunft erzielt werden.
thar Binding [Heidelberg] [SPD]: Das ist zy-
Ich danke ganz herzlich für die freundliche Aufmerk-
nisch gewesen! Ganz genau!)
samkeit.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, lassen Sie
uns nicht über Geld reden, sondern über Verantwortung. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Lassen Sie uns über die Verantwortung reden, die wir in
der Welt wahrnehmen. Wir haben auf die Demokratiebe- Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
wegungen in Nordafrika unmittelbar reagiert: mit drei Für die SPD-Fraktion hat die Kollegin Bärbel Kofler
Fonds, die ich aufgelegt habe. Ich möchte mich hier ganz das Wort.
besonders bei den Kirchen und vor allem den politischen
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
(B) Stiftungen bedanken, die uns dabei unterstützt haben, (D)
Demokratieprozesse begleiten zu können, damit die Welt
auch hier ein Stückchen besser wird. Dr. Bärbel Kofler (SPD):
Frau Präsidentin! Sehr verehrte Damen und Herren!
Lassen Sie uns über die Entwicklung ländlicher Es ist immer spannend, nach dem Herrn Minister zu re-
Räume reden, die in den vergangenen 10, 15 Jahren den. Er hat wieder mit bescheidenen Worten sein eigenes
schmählich vernachlässigt worden sind. Wir haben bei Arbeiten in den Mittelpunkt gestellt.
der Katastrophe am Horn von Afrika sofort reagiert und
mit über 160 Millionen Euro kurz- und mittelfristig ge- Ich hätte mir angesichts des vorliegenden Haushalts
holfen. Wir machen mehr, weil wir dafür sorgen wollen, eine bescheidenere Rede von Ihnen gewünscht, und
dass die nächste Dürre, die kommen wird, nicht gleich zwar aus zwei Gründen. Der eine ist ein haushalterischer
wieder zu einer Katastrophe führt. Deswegen entwickeln Grund. Es ist leider kein Rekordhaushalt. Dieser Haus-
wir ländliche Räume. Das stellte sich in der Vergangen- halt wächst sehr bescheiden auf.
heit vielleicht weniger charmant dar, weil die Ergebnisse
(Dagmar G. Wöhrl [CDU/CSU]: Aber er
längere Zeit brauchen und man sie nicht gleich medien-
wächst!)
gerecht vermarkten kann. Wir wollen dazu beitragen, die
Menschen nicht nur zu versorgen, sondern für sie vorzu- Sie haben ihn in den vergangenen Jahren und Monaten
sorgen. immer schöngerechnet, indem Sie die mittelfristige Fi-
nanzplanung herangezogen und gesagt haben: Von der
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
ausgehend ist das ein ganz toller Rekordhaushalt. Das ist
Wir übernehmen auch Verantwortung für den Reich- so, als würde man von seiner Firma eine Gehaltskürzung
tum dieser Erde. Zum Beispiel schützen wir die Biodi- angedroht bekommen, die, nachdem andere für einen ge-
versität, indem wir der Regierung in Tansania helfen, an- kämpft haben, wieder zurückgenommen wird, und als
dere Routen für die Straßen zu finden, die gebraucht würde man dann behaupten, man hätte ein Rekordgehalt.
werden, damit die Serengeti nicht zerschnitten wird. Genau das machen Sie in Bezug auf diesen Haushalt, das
Hierzu kann man sagen: Dank deutscher Entwicklungs- ist aber falsch.
zusammenarbeit muss die Serengeti nicht sterben.
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
Weiterhin haben wir den KAZA-Nationalpark erfun- BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Harald Leib-
den. KAZA bedeutet Kavango-Zambesi-Nationalpark. recht [FDP]: Das haben Sie falsch verstanden!
Das ist der größte Nationalpark der Welt. Er ist ungefähr – Johannes Selle [CDU/CSU]: Sie haben nicht
so groß wie Italien und erstreckt sich über fünf Staats- richtig gerechnet!)
16998 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Dr. Bärbel Kofler


(A) Ich hätte mir auch gewünscht, dass Sie den Drive, den eine gegenseitige Rechenschaftspflicht und um die tat- (C)
Ihnen das Parlament in Form einer fraktionsübergreifen- sächliche Umsetzung des Beschlossenen. Ich wieder-
den Initiative für die Haushaltsverhandlungen mitgege- hole: Dazu gehören auch Geberzusagen.
ben hat – Kollegin Hänsel hat es erwähnt –, genutzt hät-
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
ten, die Mittel zur Armutsbekämpfung, die dringend
DIE GRÜNEN)
erforderlich sind, bei Ihren Kollegen einzuwerben.
Hier ist keine immer flachere Debatte gefordert, nach
(Beifall bei der SPD und der LINKEN)
dem Motto: Weniger ist mehr, wir gestalten das nur ein
Ich hätte mir gewünscht, dass Sie hier und heute er- bisschen effektiver. Nun haben wir auch noch die TZ zu-
klären, wie der Aufwuchspfad aussehen soll; Kollegin sammengelegt. Damit haben wir der Wirksamkeit Ge-
Priska Hinz hat es angesprochen. Frau Kollegin Ratjen- nüge getan.
Damerau, es ist schön, wenn Sie im Koalitionsvertrag
Eigentlich hätte ich an dieser Stelle von Ihnen als Mi-
und auch heute in Ihrer Rede am 0,7-Prozent-Ziel fest-
halten, aber ich hätte schon gerne gewusst, wann Sie es nister gerne gehört, wie Sie sich im Lichte von Geberhar-
mit welchen Haushaltsmitteln erreichen wollen. Auch monisierung und internationaler Zusammenarbeit in die
Debatte in Busan einbringen, wenn es um die Fragen
dazu muss der Minister Stellung nehmen.
geht: Wie finanzieren wir zum Beispiel den internationa-
(Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]: Das len Strukturaufbau – Stichworte: soziale Sicherung, Steu-
hat Sie in Ihrer Regierungszeit doch null inter- erbehörden, Verwaltungen – in den verschiedenen Län-
essiert!) dern? Wie stellen wir uns eine weltweite Bekämpfung
von Steuerhinterziehung vor, die die Finanzstruktur be-
Zum zweiten Grund, warum ich glaube, dass Beschei-
sonders der Länder des Südens ganz entscheidend positiv
denheit angemessener gewesen wäre. Sie vermitteln den
beeinflussen würde? Wo stehen wir bei dem Thema „Be-
Eindruck, als hätten wir alle Probleme auf dieser Welt
kämpfung der Nahrungsmittelspekulation“? Was sagen
bereits gelöst. Seit Ende Oktober sind wir 7 Milliarden
Sie zu dem Thema „Finanzierung durch eine weltweite
Menschen auf der Erde. Laut World Food Programme
Finanztransaktionsteuer“? Wie werden Sie sich in diese
leidet immer noch jeder siebte Mensch auf der Welt
ganzen Diskussionen einbringen? Zu all diesen Themen
Hunger. Knapp 800 Millionen Menschen haben keinen
hört man von Ihnen leider nichts. Dabei haben diese The-
Zugang zu Bildung. Hunderte von Millionen Menschen
men sehr viel mit der Wirksamkeit der Entwicklungszu-
haben keinen Zugang zu Gesundheits- und sozialen Si-
sammenarbeit zu tun.
cherungssystemen. Künftig werden Millionen und Aber-
millionen Menschen von den Folgen des Klimawandels (Beifall bei der SPD)
betroffen sein: von Überschwemmungen, Dürre, Vertrei-
(B)
bung aus den angestammten Wohngebieten, aus den Ge- Es gibt ein gutes Beispiel – die Kollegin Hinz hat das (D)
bieten, wo sie ihre Nahrungsmittel anbauen und sich da- bereits angesprochen –, an dem deutlich wird, dass Sie in
durch selbst ernähren können. Auf diese Probleme haben den letzten zwei Jahren Entwicklungspolitik nach Guts-
Sie in den Haushaltstiteln und im Rahmen der Mittel, die herrenart betrieben haben: der Global Fund. Der Kollege
diesem Haushalt zur Verfügung stehen, keine Antwort Sascha Raabe wird das Thema Yasuní noch einmal an-
gegeben. sprechen. Ich finde, das ist das zweite Beispiel, das zeigt,
dass Sie versuchen, Ihre Befindlichkeiten in Politik um-
Ich möchte an dieser Stelle auf Folgendes hinweisen: zusetzen. Zwei renommierte Institute, das Center for
Sowohl das Umweltministerium als auch das BMZ lo- Global Development und Global Economy and Develop-
ben sich selbst sehr gerne, wenn es darum geht, welche ment, haben im Vorfeld der Konferenz zum Thema
Summen man für den Klimaschutz eingestellt hat. Ich Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit in Busan
möchte daran erinnern, dass man beim Energie- und Kli- festgestellt, dass der Global Fund insbesondere auf den
mafonds für die nächsten Jahre eine Haushaltssperre in Gebieten Effizienz, Transparenz und Lernen aus dem ei-
Höhe von 900 Millionen Euro in Bezug auf die Ver- genen Handeln ganz hervorragende Noten verdient. In
pflichtungsermächtigungen vorgesehen hat. Das ist kein dieser Hinsicht ist der Global Fund im Übrigen besser
wegweisender Pfad. Ich hätte, ehrlich gesagt, gerne ge- bewertet worden als Deutschland; das sollte uns zu den-
hört, wie Sie das den Kolleginnen und Kollegen aus den ken geben. Außerdem haben die Fachpolitiker Ihrer ei-
anderen Ländern in Durban erklären möchten. genen Fraktion im Ausschuss für wirtschaftliche Zusam-
menarbeit und Entwicklung zum Ausdruck gebracht,
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
dass sie Ihren Regierungsentwurf an nur einer Stelle kor-
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
rigieren würden, nämlich an der Stelle, an der es um den
LINKEN)
Global Fund geht. Sie haben gesagt: Dieser Titel mit ei-
Sie haben das Thema Wirksamkeit angesprochen. Ich nem Volumen von 200 Millionen Euro muss erhalten
hätte gerne etwas zur bevorstehenden Konferenz in bleiben. Das entspricht im Übrigen auch den Zusagen
Busan gehört, bei der es um die Wirksamkeit in der Ent- der Kanzlerin auf internationaler Ebene. Angesichts all
wicklungszusammenarbeit gehen soll. Es wird immer so dessen bin ich wirklich mehr als verblüfft und irritiert,
getan, als sei das ein Thema, das Sie persönlich erfunden dass Sie es mithilfe Ihrer Haushälter geschafft haben,
haben und das es vorher noch nie gegeben hat. Ich sage den Titel zum Global Fund aus dem Haushalt herauszu-
nur: Rom 2003, Paris 2005, Accra 2008. Um was geht es nehmen. Sie nutzen einfach einen kleinen Buchhalter-
dabei? Es geht um die Stärkung der Eigenverantwortung trick – jetzt kommt es –: Sollten Sie feststellen, dass die
der Partnerländer, um eine bessere Geberabstimmung, Korruptionsvorwürfe doch nicht stichhaltig sind, dann
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 16999
Dr. Bärbel Kofler
(A) könnte man der Finanziellen Zusammenarbeit wieder Wir leben in nicht einfachen Zeiten; das wissen wir. Wir (C)
200 Millionen Euro wegnehmen und zu diesem Titel haben mit einer Schuldenkrise in anderen Ländern zu
schieben. Das ist weder für den Bereich der Finanziellen kämpfen. Wir wollen den nachfolgenden Generationen
Zusammenarbeit zumutbar noch für die Vertreterinnen einen ausgeglichenen Haushalt hinterlassen. Wir sind
und Vertreter des Global Fund, die hervorragende Arbeit auf einem guten Weg dorthin, und das ist das Wichtige.
leisten und zur Aufklärung von Korruptionsfällen bei- Ferner haben wir einen Haushalt, der wächst, und das
getragen haben und nicht Korruptionsvorwürfe verdie- haben andere nicht, und dafür sind wir sehr dankbar.
nen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten Sicher, auch wir hätten gerne mehr Geld. Es wäre ge-
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Hart- logen, wenn wir das Gegenteil behaupten würden. Wir
wig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]: Das war müssen uns fragen, wo wir neue Spielräume finden kön-
ja wohl mehr als recht und billig, dass sie dazu nen. Vielleicht können wir zukünftig den Garantierah-
beigetragen haben! Das ist ja wohl unglaub- men erweitern oder andere Dinge tun. Die Vorstellung
lich!) „mehr Geld ist gleich mehr Entwicklung“ ist eindimen-
sional. Die Summe des ausgegebenen Geldes sagt nichts
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: über die Wirksamkeit und den Wert einer Hilfe aus. Das
Frau Kollegin, Sie kommen zum Ende? Wichtigste für uns ist, das Geld richtig einzusetzen. Wir
wissen, dass falsch eingesetztes Geld Eigeninitiative läh-
Dr. Bärbel Kofler (SPD): men kann. Das ist das Schlimmste, was wir damit errei-
chen können.
Ich komme zum Ende. – Ich glaube, dass Sie mit die-
sem Haushalt viele Chancen, die Ihnen vom Parlament Vor allem wollen wir eines nicht: Wir wollen nicht et-
gegeben worden sind, verpasst haben, dass Sie Ihrer in- was mit einer Hand geben, was mit der anderen Hand
ternationalen Verantwortung nicht gerecht werden. Sie wieder genommen wird. Ich spreche hier – da sind wir
versäumen es leider auch, Beiträge zu der Debatte auf uns im Hause sicherlich einig – faire Wettbewerbsbedin-
internationaler Ebene zu liefern. Man kann nur hoffen, gungen an. Das ist der Schlüssel für die Bekämpfung von
dass in den nächsten Jahren andere Weichenstellungen Armut in der Welt. Hier haben wir noch sehr viel zu tun.
vorgenommen werden. Wir wissen, dass die Entwicklungsländer alleine aufgrund
unfairer Handelsbedingungen mehr als 700 Milliarden
Danke. Dollar im Jahr verlieren. Das ist das Sechsfache von dem,
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten was international für die gesamte Entwicklungshilfe aus-
(B) des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) gegeben wird. Hier müssen wir zukünftig ansetzen. Wir (D)
müssen faire Handelsbedingungen schaffen und wettbe-
werbsverzerrende Maßnahmen beseitigen.
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
Für die CDU/CSU-Fraktion hat Dagmar Wöhrl das (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP,
Wort. der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN – Heike Hänsel [DIE LINKE]: Des-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) wegen: Weg mit dem Kapitalismus!)
Das heißt, nicht nur behandeln, sondern auch handeln.
Dagmar G. Wöhrl (CDU/CSU): Dazu gehört auch mehr Wirksamkeit. Der Terminus ist
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! richtig. Dazu gehören auch mehr Kohärenz und mehr
Liebe Frau Dr. Kofler, ich weiß nicht, was ein Minister Transparenz. Mit der Vorfeldreform sind wir den richti-
in sechs Minuten alles beantworten soll. Ich finde es gen Weg gegangen. Auch mit dem Evaluierungsinstitut
phänomenal, was Sie hier erwarten. ist der Minister den richtigen Weg gegangen.
(Dr. Sascha Raabe [SPD]: Im Haushalt hat er Die Problemlagen in der Welt ändern sich permanent.
ja nichts drinstehen!) Wir haben jetzt das Jubiläum „50 Jahre Ministerium für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ ge-
Man muss wirklich sagen: Alle Punkte, die Sie ange-
feiert. Diejenigen, die damals in dem Ministerium zu-
sprochen haben, haben wir im Ausschuss behandelt.
ständig waren, konnten sich gar nicht vorstellen, mit
(Dr. Bärbel Kofler [SPD]: Aber ohne den Mi- welchen Problemen in der Welt wir in diesem Jahrzehnt
nister!) zu kämpfen haben. Deswegen ist es wichtig, dass man
eine Entwicklungsarchitektur hat. Diese darf nicht so
Die Bundesregierung hat zu jedem dieser Punkte Rede aussehen wie in der Vergangenheit, sondern man muss
und Antwort gestanden. sie immer wieder reformieren, man muss sie modernisie-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) ren, man muss sie immer wieder an die Gegebenheiten
anpassen. Und das wird von dieser Regierung gemacht.
Ich will jetzt keine Argumente dafür anführen, wie
der Haushalt im Einzelnen aufwächst. Er wächst, und Wir sind keine Kolonialherren – so fühlen wir uns
das ist in der heutigen Situation das Wichtige. auch nicht –, die jemandem vorschreiben, was das Beste
für ihn ist. Aber wir wollen eines sein: Chancengeber in
(Beifall des Abg. Harald Leibrecht [FDP]) dieser Welt. Und für uns stellt sich dann die schwierige
17000 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Dagmar G. Wöhrl
(A) Frage: Wie ist man am besten Chancengeber? Es ist (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie (C)
wirklich naiv zu glauben, mit einer staatlichen Entwick- bei Abgeordneten der SPD, der LINKEN und
lungspolitik oder mit staatlichen Institutionen würde des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
man das ganze Elend und die ganze Armut in dieser Welt
Allein in Chicago ist im Mai dieses Jahres virtuell mit
beseitigen. Das sind immense Aufgaben. Frau Dr. Kofler über 350 Millionen Tonnen Weizen gehandelt worden.
hat die Zahlen genannt: Es sind 7 Milliarden Menschen Das ist die Hälfte der ganzen Weizenproduktion der
auf der Welt. 2050 werden es 9 Milliarden Menschen Welt. Da muss man sich schon Gedanken machen und
sein. Ein Mensch braucht täglich durchschnittlich 2 400 fragen: Moment, wie kann ich diesen exzessiven Speku-
Kilokalorien. Dies würde bedeuten, dass 50 Prozent lationen Grenzen setzen? Darf man mit wichtigen Nah-
mehr Nahrungsmittel auf der Welt benötigt werden. Wie rungsmitteln wie Mais, Weizen und Soja, die gerade in
will man das zukünftig erreichen? Mit diesen Dingen den ärmeren Ländern gebraucht werden, spekulieren?
müssen wir umgehen. Jetzt schon hungern 925 Millio- Kann ich Positionslimits festlegen? Deswegen bin ich
nen Menschen auf der Welt. Wie erreicht man zukünftig dankbar, dass man sich jetzt Gedanken darüber macht,
Ernährungssicherung? Wir nehmen uns deswegen zu eine internationale Datenbank zu den Nahrungsmittel-
Recht erstmals des Themas Landwirtschaft richtig an. märkten auf der Welt aufzubauen, sodass man endlich
Dafür bin ich dem Herrn Minister sehr dankbar. Informationen über Angebot und Nachfrage hat. Bis
jetzt hat man diese nicht. Bis jetzt kann man nicht über-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) blicken, wo auf der Welt Nahrungsmittel noch zur Verfü-
gung sind, die an einem anderen Ort auf der Welt ge-
Dieses Thema ist nicht nur von uns vernachlässigt braucht werden.
worden, sondern auch international, auch von den Ent-
wicklungsländern selbst. Hier müssen wir die Entwick- Wir wissen: Almosen verändern keine Strukturen.
lungsländer viel mehr in die Pflicht nehmen. Wir wollen die produktiven Fähigkeiten der Menschen
stärken. Ich glaube, wir sind uns einig: Die deutsche Ent-
Auf das Thema „Land Grabbing“ will ich nicht näher wicklungspolitik ist werteorientiert. Darf sie aber nicht
eingehen. Auch hier sind es die Länder selbst, die bei auch interessenorientiert sein? Diese Diskussion ist mir
diesem Monopoly mitspielen. Deswegen ist es wichtig, fremd. Wir haben perspektivisch immer einen Drei-
auch hier international zu einem verbindlichen Rahmen klang: Bildung, Demokratie und Wirtschaft. Wir wissen
zu kommen. Damit sind weitreichende sozio-ökonomi- ganz genau, dass wirtschaftliche Interessen keinen Vor-
sche Risiken verbunden: Seit 2001 sind weltweit bis zu rang haben, sondern den entwicklungspolitischen Inter-
227 Millionen Hektar erworben worden, 80 Prozent da- essen dienen.
(B) von werden überhaupt nicht bebaut. Es warten Banken, (Heike Hänsel [DIE LINKE]: Ach ja?) (D)
Fonds auf der ganzen Welt, dass die Lebensmittelpreise
steigen, um diese Grundstücke zu verwerten. Hier also Das muss im Mittelpunkt stehen. Liebe Kollegen und
haben wir sozio-ökonomische Risiken von Vertreibung, Kolleginnen von der Opposition, die Wirtschaft – das
von Umsiedlung und vielem mehr. muss klar sein – ist ein unverzichtbarer Partner für eine
erfolgreiche Entwicklungszusammenarbeit.
Es geht darum, wie wir es schaffen, dass die Klein-
bauern mehr Einkommen haben. Aber es geht auch da- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
rum, wie man die stark schwankenden Nahrungsmittel- Wir sind in diesem Bereich stark; daher können wir
preise stabilisiert. Wir wissen, dass gerade in den den Schwächeren helfen. Wir investieren in Ausbil-
ärmeren Ländern 70 Prozent des Einkommens für Nah- dung, in Arbeitsplätze, in technisches Know-how, in
rung ausgegeben werden. In Deutschland sind es 10 Pro- Umweltstandards und Sozialstandards. Das können wir
zent. Wenn nun die Nahrungsmittelpreise steigen, dann den Ärmeren bieten und sie so unterstützen. Damit bin
wird in anderen Bereichen gespart. Dann gibt es kein ich voll auf der Linie unseres Ministers. Dieses Schub-
Gesundheitswesen, keine Schulen usw. mehr. Derzeit er- ladendenken – für die Armen, für den Hunger ist das
leben wir – da sind wir uns sicherlich im ganzen Hause Entwicklungsministerium zuständig und für die Außen-
einig – eine Metamorphose des Lebensmittelmarktes zu wirtschaftsförderung, die Exportförderung das Wirt-
einem Finanzmarkt. Und das ist ein Unding. Inzwischen schaftsministerium – ist so nicht mehr möglich.
gibt es ein internationales Zocken mit Grundnahrungs-
mitteln, wie man es sich vorher nicht vorstellen konnte. Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
Frau Kollegin.
(Heike Hänsel [DIE LINKE]: Dagegen muss
man was machen!)
Dagmar G. Wöhrl (CDU/CSU):
Viele Fonds und Banken haben in diesem Rohstoff- Diese Dinge sind verzahnt, und unsere Politik muss
monopoly ein immens großes Spielfeld entdeckt. Ich dem Rechnung tragen, wenn wir die Zukunft gestalten
glaube, wir müssen dieses Thema angehen. Wir müssen wollen.
dafür eintreten, dass nicht an den Börsen, zum Beispiel
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
in Chicago, New York und London, entschieden werden
darf, was die Menschen in Zukunft zu essen haben oder (Anhaltender Beifall bei der CDU/CSU und
nicht. der FDP)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 17001

(A) Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: gebracht oder sie korrumpiert? Wer hat den Daumen ge- (C)
Ich dachte, das war der Auftrittsapplaus. – Das Wort hoben oder gesenkt über Regierungen und so über Auf-
hat der Kollege Niema Movassat für die Fraktion Die stieg und Fall entschieden? Wer hat den Entwicklungs-
Linke. ländern strukturelle Anpassungsmaßnahmen aufgezwungen
und damit Gesundheits-, Bildungs- und Sozialsysteme
(Beifall bei der LINKEN) zerstört? Das waren nicht die Völker Afrikas, Asiens
oder Lateinamerikas. Das war der Westen.
Niema Movassat (DIE LINKE):
(Beifall bei der LINKEN)
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Für
mich ist das Unwort des Jahres „Systemrelevanz“. Wa- Keinen Funken sind Sie bereit, die Verantwortung der
rum? Alle fünf Sekunden stirbt auf der Welt ein Kind an Industrieländer für die Armut im Süden einzugestehen.
Hunger, gleichzeitig wurden in den letzten Jahren Milli- Das ist wirklich ein Armutszeugnis.
arden und Abermilliarden Euro in den Industrieländern Neulich haben Sie, Herr Niebel, betont, Sie wollten
aufgebracht, um Banken zu retten, wie auch derzeit in bis 2015 das 40 Jahre alte Versprechen, 0,7 Prozent des
der Euro-Krise. Der Widerspruch ist offensichtlich: Die Bruttonationaleinkommens für die öffentliche Entwick-
einen, die Banken, werden als systemrelevant angese- lungszusammenarbeit auszugeben, einhalten. Sie feiern
hen, die anderen, die Menschen, nicht. Wäre die die aktuellen 0,39 Prozent als Erfolg. Abgesehen davon,
Menschheit eine Bank, hätte man sie längst gerettet. Das dass ein guter Teil davon in die Förderung der deutschen
ist die traurige Wahrheit. Wirtschaft fließt, ist es lächerlich, das zu feiern. Wenn
(Beifall bei der LINKEN) Sie das 0,7-Prozent-Ziel wirklich erreichen wollen,
müssten laut Europäischer Kommission ab sofort jedes
Sie, Herr Niebel, haben flapsig gesagt, das Entwick- Jahr knapp 2 Milliarden Euro zusätzlich in Ihren Haus-
lungsministerium solle nicht mehr Weltsozialamt sein. halt fließen. Legen Sie also einen Stufenplan vor, wie Sie
Das ist es niemals gewesen. Dieses Ministerium subven- das Ziel erreichen wollen, statt hier Nebelkerzen zu wer-
tionierte schon immer mit Entwicklungsgeldern deut- fen!
sche Großunternehmen. Ich habe hier eine Liste des Ent-
wicklungsministeriums. Auf 100 Seiten werden alle (Beifall bei der LINKEN)
laufenden Projekte mit deutschen Unternehmen im Rah- Die Bevölkerung haben Sie dabei hinter sich. 92 Pro-
men öffentlich-privater Partnerschaften in den Entwick- zent der Bundesbürger sind laut einer aktuellen Umfrage
lungsländern genannt: Firmen wie Bayer, Shell, Daimler, für Entwicklungshilfe;
Nestlé, BASF und der Bundesverband der Deutschen In-
(Patrick Meinhardt [FDP]: Toll! Wir wollen
(B) dustrie, um nur einige wenige zu nennen. Sie alle bekom- (D)
men Entwicklungshilfegelder. Insgesamt sind es über aber Entwicklungszusammenarbeit!)
1 600 Projekte. Dass das Instrument der öffentlich-priva- das ist ein Auftrag an Sie, Herr Niebel. Allerdings: Wer
ten Partnerschaften schon bei uns in Deutschland erwie- soll Ihnen überhaupt glauben, dass Sie das 0,7-Prozent-
senermaßen gescheitert ist, müsste sich eigentlich sogar Ziel erreichen wollen, wenn Sie, wie jüngst geschehen,
bis zur FDP herumgesprochen haben. die Finanztransaktionsteuer ablehnen?
(Priska Hinz [Herborn] [BÜNDNIS 90/DIE (Heike Hänsel [DIE LINKE]: Genau!)
GRÜNEN]: Das stimmt nicht!)
Während Ihre Koalition Ja dazu sagt, ist sie Ihnen nicht
Bei diesem Modell profitieren fast immer nur die Un- kreativ genug. Herr Niebel, das ist kein Malwettbewerb.
ternehmen und nicht die breite Bevölkerung. Die Berei- Kommen Sie raus aus der Nein-Ecke!
che, die für nachhaltige Entwicklung wichtig sind, wie
kostenloser Zugang zu Bildung, Gesundheit und Wasser, (Patrick Meinhardt [FDP]: Kommen Sie mal
machen gerade einmal 15 Prozent der Gelder aus. Den- rein in die Ja-Ecke!)
noch geben Sie im neuen Haushalt schon wieder mehr Die Finanztransaktionsteuer kann die nötigen Mittel ein-
für die öffentlich-privaten Partnerschaften aus. Sie trei- bringen, um den Entwicklungshaushalt deutlich aufzu-
ben damit die Außenwirtschaftsförderung auf die Spitze. stocken.
Bei Ihnen gilt: Was gut für deutsche Unternehmen ist, ist
gut für die Entwicklung. (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE
(Beifall der Abg. Heike Hänsel [DIE LINKE]) GRÜNEN)
Dabei muss gelten: Was gut für die Menschen ist, ist gut Deutliche Mittelerhöhungen sind auch für Westafrika
für die Entwicklung. nötig. Dort bahnt sich die nächste Hungersnot an. Bei
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Lo- dem Besuch einer Delegation des Entwicklungsaus-
thar Binding [Heidelberg] [SPD]) schusses in Niger schlug der dortige Premierminister
Alarm. Deshalb fordert die Linke heute, 60 Millionen
Geht es um die Ursachen von Armut, behaupten Sie, Euro zur Verfügung zu stellen, um die sich anbahnende
Korruption und schlechte Regierungsführung seien hier- Hungerkatastrophe in Westafrika zu verhindern. Organi-
für maßgeblich. Sie behaupten also, die Entwicklungs- sationen wie das Welternährungsprogramm und die
länder seien selber schuld an ihrer Situation. Doch wer Welthungerhilfe können mit dieser vergleichsweise klei-
hat die korrupten Regierungen oftmals erst an die Macht nen Summe Menschenleben retten. Lassen wir nicht zu,
17002 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Niema Movassat
(A) dass sich die schrecklichen Bilder aus Ostafrika wieder- – bis auf eine Ausnahme – die Ernüchterung. 2004 gab (C)
holen! es die Ausnahme: Da gab es einen erfolgreichen Auf-
stand der Entwicklungspolitiker gegen den Finanzminis-
(Beifall der Abg. Heike Hänsel [DIE LINKE])
ter und gegen die Chefhaushälter. Damals haben wir eine
Das Entwicklungsministerium scheint die Warnungen Plafond-Erhöhung von etwa 100 Millionen Euro erreicht.
diesmal ernst zu nehmen. Es hat die Ursachen benannt:
nicht nur zu geringe Niederschläge, sondern auch Preis- (Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]:
steigerungen bei Nahrungsmitteln auf den Weltmärkten. Aber was war denn 2005 und 2006?)
Die Nahrungsmittelpreise steigen wegen Nahrungsmit- Das war keine Verschiebung innerhalb des Haushalts,
telspekulationen; Frau Wöhrl hat es angesprochen. Man sondern das waren im Vergleich zum Regierungsentwurf
muss endlich gegen diese Zockerei mit Nahrungsmitteln etwa 100 Millionen Euro mehr, allerdings auf einem ins-
vorgehen. Hierzu sind viele Worte gefallen. Es müssen gesamt zu geringen Niveau.
endlich Taten folgen.
(Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]: Da fällt
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord- mir ja gleich der Kitt aus der Brille!)
neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN) Ich muss zugeben, dass in diesem Jahr die Enttäu-
schung bei der zweiten Lesung besonders groß ist. Das
Sogar die USA sind mit einem Transparenzgesetz ei-
hängt natürlich mit der Aufbruchstimmung im März zu-
nen ersten Schritt gegen Nahrungsmittelspekulationen
sammen, als wir den entwicklungspolitischen Konsens
gegangen. Auch in Deutschland brauchen wir Maßnah-
vorgestellt haben und die Presse gewettet hat: Das
men, bis hin zum kompletten Verbot der Spekulation mit
kommt über den Kreis der sogenannten Gutmenschen
Nahrungsmitteln. Dies wäre ein erster wichtiger Schritt,
gar nicht hinaus. – Es gab damals unglaublich viel Un-
damit kein Mensch mehr an Hunger sterben muss, und
terstützung: nahezu alle NGOs, die Kirchen, Promi-
es kostet keinen Cent.
nente, Andris Piebalgs. Viele haben diesen Aufruf also
Danke schön. unterstützt. Zum Schluss haben ihn 372 Parlamentarier
aller Fraktionen auch unterschrieben.
(Beifall bei der LINKEN)
Wir haben also zwar eine Mehrheit hier im Hause,
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: aber leider nicht die Mehrheit in den Koalitionsfraktio-
Der Kollege Thilo Hoppe hat das Wort für Bünd- nen. Trotzdem möchte ich mich bei den Kollegen von
nis 90/Die Grünen. Union und FDP bedanken, die sich für diesen Aufruf
(B) eingesetzt haben, denen es aber leider nicht gelungen ist, (D)
in ihren jeweiligen Fraktionen eine Mehrheit dafür zu
Thilo Hoppe (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
bekommen.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Ich habe festgestellt, dass ich heute ein kleines Jubiläum (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
habe: Ich spreche zum zehnten Mal in der Schlussde- sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
batte, also in der zweiten Lesung zum Einzelplan 23. KEN)
(Beifall des Abg. Manfred Zöllmer [SPD]) – Ja, das verdient natürlich Dank und Applaus.
Wenn man die ersten Lesungen dazuzählt, dann wird das Insgesamt ist es aber schon bitter. Wir haben wirklich
die 18. oder 19. Rede zum Entwicklungshaushalt sein. Es gehofft, dass es uns gemeinsam gelingen würde, zu ei-
ist gar nicht so einfach, hier immer etwas Neues zu sa- nem ernsthaften Aufwuchs zu kommen. Man kann das
gen. zwar immer wieder als Rekordhaushalt bezeichnen, aber
(Dr. Christiane Ratjen-Damerau [FDP]: Ja, nichts täuscht darüber hinweg: Wenn wir heute bzw. am
schön!) Freitag darüber abstimmen, dann ist die Entscheidung
definitiv gefallen – das wird uns auch durch den Ent-
Ich kann aber sagen: Es gibt eine Kontinuität. Ich habe wicklungsausschuss der OECD bescheinigt –, dass wir
immer kritisiert, dass zu wenig in diesen Haushalt einge- das 0,7-Prozent-Ziel nicht mehr fristgerecht bis 2015 er-
stellt wurde – auch in rot-grünen Zeiten. reichen können; denn die ODA-Lücke wird zu groß.
Ich habe mir diese Reden noch einmal angeschaut, Man kann in nachfolgenden Jahren dann nämlich nicht
durchgelesen – eine kann man sich sogar bei YouTube ohne Weiteres auf einmal so viel Geld zur Verfügung
anschauen – und festgestellt: Es gab meistens einen stellen, dass das Ziel doch noch bis 2015 erreicht wird,
Stimmungsumschwung von der ersten zur zweiten Le- selbst dann nicht, wenn man jetzt Lottoscheine ausfüllen
sung. Die meisten Reden in der ersten Lesung habe ich würde und unverschämt viel Glück hätte;
nach dem Prinzip Hoffnung gehalten: (Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]:
(Heiterkeit bei Abgeordneten des BÜNDNIS- Dann hättest du die Knete verspielt!)
SES 90/DIE GRÜNEN)
denn bei den Programmen und Projekten geht es ja auch
Möge es uns gelingen, im Haushaltsverfahren gemein- darum, dass sie anständig geplant werden müssen und
sam noch mehr für den Entwicklungshaushalt herauszu- dass eine Vorlaufzeit notwendig ist. Man kann nicht jede
schlagen. In der zweiten Lesung kam dann fast immer x-beliebige Summe auf die Schnelle absorbieren.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 17003
Thilo Hoppe
(A) (Lothar Binding [Heidelberg] [SPD]: Die Die Feiern zum 50-jährigen Jubiläum der Entwick- (C)
Haushaltsstruktur stimmt nicht!) lungszusammenarbeit liegen nur wenige Tage zurück.
Aber es ist aus meiner Sicht eine Zeitenwende. Es geht
Deswegen wäre es wichtig gewesen, dass wir nicht
mir darum, die strategische Ausrichtung unserer Ent-
nur deutlich mehr Barmittel einstellen. Im Konsens ha-
wicklungszusammenarbeit in diesem Zusammenhang zu
ben wir ja nicht nur allgemein 0,7 Prozent gefordert,
analysieren und deutlich zu machen, dass sich die Ent-
sondern eine ganz konkrete Summe, nämlich 1,2 Milliar-
wicklungszusammenarbeit mehr als andere Bereiche im
den Euro mehr für Entwicklungszusammenarbeit und
Umbruch befindet.
humanitäre Hilfe. Es geht darum, die ODA-Quote ressort-
übergreifend gemeinsam zu erreichen. Nur so wäre es
möglich gewesen, das Ziel doch noch zu erreichen. Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
Herr Kollege, Herr Raabe möchte Ihnen gern eine
Wie gesagt: Dies ist jetzt eigentlich die letzte Aus- Zwischenfrage stellen.
fahrt von der Autobahn, von der abschüssigen Strecke,
die uns zum Wortbruch führt. Das ist, wie gesagt,
Jürgen Klimke (CDU/CSU):
schade; das ist bitter. Sagen Sie jetzt bitte nicht, diese
Summe sei unrealistisch gewesen. Wir haben in diesen Nein, das machen wir hinterher bei einem Kaffee. –
Monaten hier in diesem Hause ganz andere Summen be- Hier ist die Handschrift der christlich-liberalen Koalition
wegt. Das ist einzig und allein eine Frage der Prioritäten- deutlich zu spüren, auch wenn wir von der Union sicher-
setzung. Diese Frage hat die Mehrheit von Union und lich nicht alle Spuren der Vorgängerregierung tilgen
FDP – ich spreche ja nicht von allen – leider auf eine Art konnten, was wir, vielleicht anders als der Herr Minister,
und Weise beantwortet, die, wie ich glaube, eine Mehr- auch nicht unbedingt wollten.
heit hier im Parlament und auch in der Bevölkerung Wir versuchen, kräftig umzubauen. Die Stichworte
nicht in Ordnung findet, enttäuschend findet, als Armuts- dieses Umbaus bzw. Aufbaus sind inzwischen schon ge-
zeugnis empfindet. fallen, also: Vorfeldreform, Konzentration der Länder-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, liste, die Effektivierung unserer Arbeit, die Kohärenz,
bei der SPD und der LINKEN) die stärkere Nachhaltigkeit bei den Maßnahmen und vor
allen Dingen auch eine bessere Serviceorientierung. Auf
Wir haben einen Haushalt vorgelegt, der durchgerech- all diese Punkte könnte man ausführlich eingehen. Ich
net ist, in dem alle Einzelposten abgefragt wurden und möchte jedoch drei weitere Themen kurz ansprechen.
der auch mit den Durchführungsorganisationen durchge- Ein Thema hat die Kollegin Wöhrl – das ist der erste As-
sprochen ist. Er wäre realistisch gewesen. Damit hätten pekt, die Einbeziehung der Wirtschaft – bereits ange-
wir den notwendigen Schritt getan, aber leider wird es sprochen. Deshalb will ich darauf nur kurz eingehen.
(B) keine Zustimmung dafür geben. Das finde ich sehr ent- (D)
täuschend. Man kann es aus unserer Sicht nicht oft genug sagen:
Die richtige Nutzung der Finanzkraft der Wirtschaft auf
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN der einen Seite und die Schaffung von Chancen für deut-
sowie bei Abgeordneten der SPD) sche Unternehmen auf der anderen Seite, beispielsweise
für einen Marktzugang, sind nicht ehrenrührig. Wenn
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: das richtig angegangen wird, kann das beiden Seiten die-
Der Kollege Jürgen Klimke hat jetzt das Wort für die nen, also auch den Partnerländern der deutschen Ent-
CDU/CSU-Fraktion. wicklungszusammenarbeit. Das gilt im Übrigen auch für
die Rohstoffversorgung. Hier sei nur das Konzept der
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Rohstoffpartnerschaft genannt.
Gleichzeitig kann die Einbindung der Wirtschaft in
Jürgen Klimke (CDU/CSU):
die Entwicklungszusammenarbeit massiv zur Erhöhung
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und
menschenrechtlicher, ökologischer und sozialer Stan-
Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen, insbesondere
dards in den Entwicklungsländern beitragen, vor allen
der Opposition! Es ist eine alte Tradition und Ihr gutes
Dingen auch im Zusammenhang mit der Unternehmens-
Recht, gerade bei den Haushaltsberatungen, also bei der
verantwortung der Wirtschaft vor Ort. Zudem verfügt
Abrechnung, nur die Fehlleistungen der Regierung zu
unsere Wirtschaft über ein Know-how, das wir entwick-
sehen und aus jeder Mücke einen Elefanten zu machen.
lungspolitisch noch viel mehr nutzen sollten und kön-
Aber die verbale Aufrüstung und die Polemik führen uns
nen. Lassen Sie mich zum Beispiel auf das duale System
nicht weiter. Es geht vielmehr darum, die Zukunft der
verweisen, die berufliche Bildung. Hier wie auch bei den
Entwicklungspolitik strategisch zu gestalten.
PPP-Programmen gibt es viele Förderinstrumente, die
Hier würde ich mich über die Anerkennung des Mu- eine noch sehr viel intensivere Zusammenarbeit ermögli-
tes freuen, mit dem wir unsere Entwicklungspolitik ver- chen, auch zum Vorteil der Entwicklungsländer.
suchen zukunftsfähig zu machen. Wenn Anerkennung
Ein zweites Thema, das ich für die Zukunft der deut-
vielleicht zu viel sein sollte, dann wären konstruktive
schen Entwicklungszusammenarbeit für ebenso wichtig
Gegenvorschläge gut. Aber wenn überhaupt keine Alter-
halte, ist die Evaluierung unserer Arbeit, oder anders for-
nativen kommen oder die Alternativen meistens von ges-
muliert: die starke Fokussierung auf die erzielten Wir-
tern sind, dann ist das keine konstruktive Diskussion.
kungen. Das erfordert eine ganz andere Herangehens-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) weise und ist auch nicht so einfach wie die Über-
17004 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Jürgen Klimke
(A) wachung der Durchführung von Leistungen. Zukünftig TÜV ist somit eine Entwicklung, die unter der SPD-Füh- (C)
wollen wir nicht die Umsetzung von Maßnahmen evalu- rung des BMZ verschlafen wurde, auch weil die Minis-
ieren, sondern wir wollen beurteilen, ob der erhoffte ent- terin dies damals nicht wollte.
wicklungspolitische Nutzen eingetreten ist. Das macht
die Entwicklungszusammenarbeit effizienter und nach- Dass eine solche Konditionierung wirksam ist, zeigt
haltiger. das Beispiel Uganda. Als dort die Todesstrafe auf Ho-
mosexualität eingeführt werden sollte, haben wir ange-
Auf nationaler Ebene haben wir die Schaffung eines kündigt, dass wir dann die Entwicklungszusammenar-
unabhängigen Evaluierungsinstituts vor uns. Das ist ein beit beenden würden. Das Land hat das Vorhaben dann
wichtiger Schritt in eine richtige Richtung. Wir werden zurückgezogen.
versuchen, sehr intensiv an der konkreten Ausgestaltung
Wir wollen die Rolle der Konditionierung sogar noch
mitzuarbeiten.
stärken. Denn die geplante Verdoppelung der Mittel auf
Eine dritte Herausforderung, die aus meiner Sicht mit 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens – das wollen
der Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit in wir erreichen – und die Konzentration auf die Hälfte der
Verbindung steht, betrifft die Frage der Konditionierung Anzahl der Partnerländer werden rein rechnerisch die
von Entwicklungsmaßnahmen. Der Begriff „Konditio- Mittel pro Land vervierfachen. Das bedeutet, dass wir,
nierung“ bedeutet in unserem entwicklungspolitischen wenn mehr Geld fließt, auch verstärkt Konditionen an
Kontext die Erteilung von Auflagen an den Empfänger die Vergabe des Geldes knüpfen können.
der Mittel. Eine in diesem Sinne von den Staaten zu er- (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
füllende Bedingung ist vor allem eine gute Regierungs- der FDP)
führung, Stichwort „Good Governance“. Es sollte selbst-
verständlich sein, dass wir in Staaten, in denen diese Im Übrigen gilt alles, was ich eben sagte, auch für die
Voraussetzungen fehlen und auch keine positive Ent- Korruption. Wir haben das im Zusammenhang mit dem
wicklung in dieser Hinsicht feststellbar ist, bestimmte GFATM ausführlich diskutiert. Ich glaube, dass das Ein-
Formen der Entwicklungsarbeit nicht ohne Weiteres frieren der Mittel durch das BMZ zunächst richtig war;
durchführen können und vor allen Dingen wollen. denn wir sind als Parlamentarier den Steuerzahlern ver-
pflichtet. Wir müssen den Bürgerinnen und Bürgern im-
Diese Erkenntnis haben die Parteien des linken Spek- mer wieder deutlich machen, dass wir bei jedem einzel-
trums aus meiner Sicht noch nicht verinnerlicht. nen Cent, der irgendwohin fließt, darauf achten, dass er
richtig angelegt ist.
(Lachen bei Abgeordneten der LINKEN)
(B) (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) (D)
Ich möchte das an zwei Beispielen deutlich machen.
Wir dürfen es nicht hinnehmen, dass wir Steuergelder
Zunächst geht es mir um die Verknüpfung von Men- zum Fenster hinauswerfen, nur weil internationale Orga-
schenrechten und entwicklungspolitischen Maßnahmen. nisationen ihre Aufgaben nicht richtig gemacht haben.
Niemand stellt in Abrede, dass die Einhaltung von Men-
schenrechten in der Entwicklungszusammenarbeit schon (Karin Roth [Esslingen] [SPD]: Lieber Herr
länger eine Rolle spielt. Aber erst die christlich-liberale Klimke, das stimmt doch so gar nicht! Das
Regierung hat es fertiggebracht, ein verbindliches, kohä- wissen Sie doch!)
rentes Menschenrechtskonzept vorzulegen. Alle Ent- Hier haben wir die Notbremse gezogen, und das ist auch
wicklungsprojekte werden zukünftig einem Menschen- richtig.
rechts-TÜV unterzogen.
Meine Damen und Herren, die genannten Beispiele
Diese entwicklungspolitische Vorgabe des BMZ um- zeigen, dass wir in der Entwicklungszusammenarbeit
fasst unter anderem einen Kriterienkatalog, mit dem die nicht unbedingt das Rad neu erfinden müssen. Aber wir
Regierungsführung und die Menschenrechtssituation in können ganz entschieden Akzente setzen, und wir kön-
den Partnerländern bewertet und beurteilt werden. nen vor allen Dingen durch neue Herangehensweisen
Grundlage sind die Umsetzung der Menschenrechtskon- deutlich machen, dass unsere Arbeit wirksamer und
vention in nationales Recht, die Schaffung entsprechen- nachhaltiger ist.
der Institutionen und Verfahren sowie die Ergebnisse der
Umsetzung zentraler Menschenrechte. Die Ergebnisse
der Bewertung sind dann Grundlage für Art und Ausge- Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
staltung unserer entwicklungspolitischen Zusammenar- Herr Kollege.
beit.
Jürgen Klimke (CDU/CSU):
Hiermit haben wir ein völlig neues Instrument ge-
schaffen, das aus meiner Sicht auch das Zeug zu einer Das haben wir uns, vor allem als Union, für die Zu-
Vorbildfunktion gegenüber unseren europäischen Part- kunft in der Entwicklungszusammenarbeit vorgenom-
nern hat. Das habe ich im Übrigen in Brüssel sehen kön- men.
nen, als wir dort kürzlich mit den Menschenrechtlern, Danke sehr.
den Entwicklungspolitikern und den Außenpolitikern
der EU zusammengetroffen sind. Der Menschenrechts- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 17005

(A) Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: terschrieben, weil das unsere Zielsetzung ist. Aber es ist (C)
Für die SPD-Fraktion hat jetzt Sascha Raabe das für jeden von uns, der unterschrieben hat, vollkommen
Wort. klar, dass das nicht ausschließlich eine Aufforderung an
den Minister ist, sondern dass diese Frage in die finanzi-
(Beifall bei der SPD) elle Gesamtsituation dieses Landes eingepasst werden
muss. Wer heute Herrn Steinmeier oder Herrn Gabriel
Dr. Sascha Raabe (SPD): hat reden hören, hat gehört, wie die finanzielle Lage ins-
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Kolleginnen gesamt ist und welche finanziellen Möglichkeiten beste-
und Kollegen! Lieber Herr Hoppe, auch ich bin nun hen.
schon eine Weile bei Haushaltsdebatten dabei. In der Tat
war es noch nie so einfach wie in diesem Haushaltsjahr Es gehört zur Redlichkeit, Folgendes – ich habe das
für einen Entwicklungsminister, mit der Unterstützung gerade ausgerechnet – zu erwähnen: 3,9 Milliarden Euro
von 372 Kolleginnen und Kollegen einen deutlichen standen im Haushalt 1998. Wenn der Aufwuchs während
Schritt hin auf das 0,7-Prozent-Ziel im Jahr 2015 zu ma- Ihrer Regierungszeit so wie der während der Großen Ko-
chen. Aber dieser Minister – das ist eine Schande – hat alition und der darauffolgenden Koalition gewesen wäre,
das nicht einmal versucht. hätten wir bereits im Jahre 2005 einen Haushaltsansatz
von 7,4 Milliarden Euro gehabt, und wir hätten jetzt mit
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ dem Zuwachs, den wir in den vergangenen Jahren zu
DIE GRÜNEN) verzeichnen hatten, 9,4 Milliarden Euro. Damit hätten
Dieser Minister hat sich nicht hinter das Parlament ge- wir fast das 0,7-Prozent-Ziel erreicht.
stellt, er hat sich auch nicht hinter die Ärmsten der Ar- Es kommt immer auf die Basiswerte an. Ich möchte
men gestellt, sondern er hat einfach gesagt: Das, was die Sie um Redlichkeit bitten und darum, anzuerkennen,
Mehrheit des Deutschen Bundestags möchte, interessiert dass Sie in der Zeit, in der Sie Verantwortung getragen
mich nicht. – Es interessiert ihn nicht, dass er in der haben, nichts in Sachen Aufwuchs erreicht haben. Im
Pflicht steht, 1 Milliarde hungernden Menschen zu hel- Gegensatz dazu steht das, was wir seit 2005 erreicht ha-
fen, denen man natürlich auch mit Geld helfen muss. ben.
Er hat das einfach ignoriert und auch nicht aufgenom-
men, was Sie, Herr Kollege Klimke, gesagt haben. Sie (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
haben behauptet, es gebe keine Alternativen. In diesem
Jahr war die Finanztransaktionsteuer, die wir als Ent- Dr. Sascha Raabe (SPD):
wicklungspolitiker vor 10, 20 Jahren – damals noch un- Herr Kollege Fischer, gerne beantworte ich Ihre
(B) ter dem Namen „Tobin-Tax“ – immer wieder eingefor- Frage. Zum ersten Teil, nämlich wie die Kollegen Stein- (D)
dert haben, so greifbar nahe wie noch nie auf meier und Gabriel dazu stehen, sage ich Ihnen: Sowohl
europäischer Ebene. Anstatt dass der Entwicklungsmi- der Kollege Sigmar Gabriel als auch der Kollege Frank-
nister jetzt den parteiübergreifenden Rückhalt des Parla- Walter Steinmeier haben den entwicklungspolitischen
ments aufnimmt und sich dafür einsetzt, den Aufwuchs, Konsens unterschrieben. Sie stehen damit in vorderster
den wir brauchen, mithilfe der Finanztransaktionsteuer Front der Fraktion und der Partei für dieses Konzept,
zu finanzieren, also die besten Bedingungen nutzt, ist er welches besagt, in den nächsten vier Jahren jeweils
derjenige in der Bundesregierung, der die Finanztransak- 1,2 Milliarden Euro mehr zur Verfügung zu stellen. Der
tionsteuer bis heute ablehnt, weil ihm freie Märkte und Entwicklungsminister, der eigentlich der Erste sein
Gewinne für Banken und Spekulanten wichtiger sind als müsste, der so etwas unterschreibt, hat nicht unterschrie-
Hilfe für die Armen. Herr Minister, das ist schäbig. ben. Wir als SPD sind uns einig, dass wir diesen Pfad ge-
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem hen wollen. Wir haben bewusst gesagt, dass wir auch
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Heinz-Peter uns selbst in die Pflicht nehmen, weil wir davon ausge-
Haustein [FDP]: Dummes Zeug!) hen, dass wir ab 2013 dem schwarz-gelben Spuk ein
Ende machen und wieder an der Regierung sein werden.
Wir haben gesagt, dass wir auch dann 1,2 Milliarden
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
Euro mehr zur Verfügung stellen werden.
Herr Kollege Raabe, möchten Sie eine Zwischenfrage
des Kollegen Fischer zulassen? Ich möchte auch auf Ihre Behauptung antworten, dass
wir in den vergangenen Jahren, als wir Regierungsver-
Dr. Sascha Raabe (SPD): antwortung getragen haben, keinen Aufwuchs bei der
Gerne. ODA-Quote gehabt hätten. Zu dem, was Sie über die
Jahre 2002 bis 2005 gesagt haben – Sie haben nur die
Zahl im Einzelplan 23 genannt –, muss man wissen, dass
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
wir einen enormen Schuldenerlass hatten. Dieser ba-
Bitte schön. sierte auf unserer Initiative in Köln beim G-8-Gipfel.
Wir haben Tausenden von Kindern in Afrika ermöglicht,
Hartwig Fischer (Göttingen) (CDU/CSU): in die Schule zu gehen, weil wir afrikanischen Ländern
Herr Kollege Raabe, auch ich gehöre zu den über die Schulden erlassen haben. Das war ODA-anrech-
300 Kolleginnen und Kollegen, die diesen Appell unter- nungsfähig. Deswegen mussten wir den Ansatz im Ein-
schrieben haben. Wir haben diesen Appell natürlich un- zelplan 23 nicht so stark steigern.
17006 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Dr. Sascha Raabe


(A) Wir haben dann in der Großen Koalition von 2005 bis Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: (C)
2009 – Herr Fischer, deswegen wundern mich Ihre Äuße- Jetzt hätte Frau Pfeiffer noch eine Zwischenfrage.
rungen und die Ihrer Kollegen von der CDU –, als die Eu- Möchten Sie auch diese zulassen?
ropäische Union im Jahr 2005 auf Druck von Heidemarie
Wieczorek-Zeul erstmals völkerrechtlich verpflichtend Dr. Sascha Raabe (SPD):
den Beschluss gefasst hat, den ODA-Stufenplan verbind- Gerne.
lich zu machen, beschlossen, im Jahr 2010 0,51 Prozent
und im Jahr 2015 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkom-
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
mens für die Entwicklungszusammenarbeit zur Verfü-
gung zu stellen. Damals haben wir Aufwüchse gehabt. Bitte schön.

(Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]: Ja, Sibylle Pfeiffer (CDU/CSU):


in der Regierungszeit Merkel!) Herr Kollege Raabe, ich habe gar keine Frage, son-
dern möchte folgende Feststellung machen: Wir haben
Ich lese Ihnen das gerne einmal vor: im Jahr 2006 diesen 0,7-Prozent-Aufruf zum Großteil unterschrieben,
8,2 Prozent, und zwar mit dem Vermerk, dass wir etwas vermeiden
(Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]: wollen, nämlich genau das, was hier passiert und was ich
Merkel!) beobachte: dass wir uns nach wie vor gegenseitig Vor-
würfe machen, wer was wann getan hat, nicht getan hat,
im Jahr 2007 unter Entwicklungsministerin Heidemarie hätte tun sollen und was weiß ich was.
Wieczorek-Zeul und Finanzminister Peer Steinbrück
7,6 Prozent, Dr. Sascha Raabe (SPD):
Ja, der Kollege Fischer.
(Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]:
Merkel!)
Sibylle Pfeiffer (CDU/CSU):
im Jahr 2008 14,3 Prozent Ich behaupte: Das, was heute hier passiert und was
wir die ganze Zeit beobachten, ist rein theoretisch die
(Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]: Merkel! Aufkündigung dieser Vereinbarung. Wir haben gesagt,
Wo sind die sieben Jahre Schröder?) dass wir genau das vermeiden wollen. Sie haben den
Aufwuchs nicht geschafft, und auch wir werden das nur
und im Jahr 2009 13,2 Prozent. Sie haben gerade gesagt, bedingt schaffen. Wir hatten in den letzten Jahren einen
in diesen Jahren sei nichts passiert. Aufwuchs, aber nie so hoch, wie wir es gewollt haben. (D)
(B)
(Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]: Nein, Wir alle haben gesagt, dass wir einen Aufwuchs auf
„von 1998 bis 2005“ habe ich gesagt!) 0,7 Prozent wollen. Irgendwann werden wir ihn mit mei-
ner Unterstützung hoffentlich auch bekommen. Die Auf-
– Herr Kollege, seit es den Stufenplan gibt, haben wir in kündigung dieses Konsenses ist meiner Meinung nach
den letzten beiden Jahren vor Herrn Niebels Amtszeit hier und heute passiert, indem wir das getan haben, was
Aufwüchse im Bereich von 14,3 Prozent und 13,2 Pro- Hauptbestandteil des Konsenses war; denn eigentlich
zent gehabt. Ich verstehe, ehrlich gesagt, nicht – Frau wollten wir uns gegenseitig keine Vorwürfe machen.
Merkel ist noch immer Bundeskanzlerin; da haben Sie
Sie brauchen nicht darauf zu antworten, Herr Kollege.
recht –,
Ich wollte das nur einmal feststellen.
(Georg Schirmbeck [CDU/CSU]: Sie bleibt
das auch! Wir haben das gestern schon bespro- Dr. Sascha Raabe (SPD):
chen! Mindestens bis 2020!) Doch, ich antworte gerne darauf, Frau Kollegin. Bei
dem Konsens – auch ich habe ihn unterschrieben – ging
warum diese Kanzlerin das, was sie auf jedem Kirchen- es doch nicht darum, dass wir etwas herbeibeten, uns et-
tag sagt, nämlich dass sie zu diesem Versprechen steht, was herbeiwünschen oder dass wir „Friede, Freude, Ei-
mit diesem Minister nicht umsetzt. erkuchen“ sagen nach dem Motto: Wir machen uns
keine Vorwürfe. – Wir haben den Konsens vielmehr ge-
Herr Niebel, ich verstehe nicht – Sie sind doch sonst
macht, um in die Zukunft zu gucken und zu sagen: Im
immer so großspurig, sage ich einmal –, dass Sie es nicht
Haushalt 2012 fangen wir an, bis 2015 jeweils 1,2 Milli-
schaffen, mit der Kanzlerin zu vereinbaren, dass Sie we-
arden Euro mehr zur Verfügung zu stellen.
nigstens die gleichen Aufwüchse bekommen, wie sie
Ihre Vorgängerin bekommen hat. Es ist wirklich sehr Frau Kollegin, ich muss sagen: Es ist wirklich unkol-
schwach, Herr Minister, wenn Sie sich da mit ein paar legial und ein Hammer von Ihnen, dass Sie sagen, der
Prozent zufrieden geben. Es wären jetzt 1,8 Prozent ge- Konsens sei daran gescheitert, dass wir beklagen und an-
wesen, wenn man die Goldreserven herauslässt, die da- prangern, dass dieser Minister unseren gemeinsamen
zugekommen sind. Das „Projekt 18“, das die FDP ein- Konsens einfach nicht umsetzt und anstatt 1,2 Milliarden
mal vorhatte, hätten Sie lieber auf den Haushalt Euro nur ein paar Millionen Euro in den Haushalt ein-
übertragen sollen. Da sind Sie bei 1,8 Prozent gelandet, stellt. Der Konsens ist heute hier in diesem Hause end-
genauso wie mit Ihrer Partei in Berlin. Da gehören Sie gültig gescheitert, weil dieser Minister das Geld im
mit diesem Haushalt auch hin. Haushalt 2012 nicht zur Verfügung stellt. Frau Kollegin,
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 17007
Dr. Sascha Raabe
(A) die Grundrechenarten werden wohl auch Sie ein biss- (Beifall bei der SPD und der LINKEN sowie (C)
chen können. Das darf doch nicht wahr sein! Rechnen bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
Sie doch einmal nach, welche Lücke zwischen 1,2 Mil- GRÜNEN)
liarden Euro und den nun vorgesehenen 163 Millionen Ich kann an dieser Stelle nur sagen: Völlig daneben!
Euro klafft! Ich mache es Ihnen einfach, Frau Kollegin: Dass Sie auch noch die Stirn haben, Italien dafür zu kri-
Über 1 Milliarde Euro fehlt. Damit ist der Konsens auf- tisieren, dass es Schulden umwandelt, um in den entspre-
gekündigt. Das können Sie doch nicht in Abrede stellen. chenden Fonds einzuzahlen, ist erbärmlich. Das ist auf
Es ist sehr schade, dass der Minister den Konsens aufge- der gleichen Linie wie damals, als Sie, als wir während
kündigt hat. der Bankenkrise den Entwicklungsländern 100 Millio-
nen Euro zur Verfügung gestellt haben, gesagt haben, da-
(Beifall bei der SPD – Sibylle Pfeiffer [CDU/
für solle man lieber 2 500 Grundschullehrer einstellen.
CSU]: Wir haben doch nicht den Konsens un- Sie spielen die Schuldenkrise in Europa oder soziale
terschrieben, damit der Minister das umsetzt! Probleme in Deutschland gegen die Probleme und den
Was ist das denn?) Hunger in der Welt aus. Das ist schäbig, Herr Minister.
Der Minister hat auch den Konsens über andere par- Das ist Stammtischniveau. Das haben diese Diskussion
und der Entwicklungsausschuss nicht verdient.
teiübergreifenden Initiativen des Hauses, für die wir ge-
meinsam zwei, drei Jahre gekämpft haben, mit diesem (Beifall bei der SPD)
Haushalt aufgekündigt. Ich erinnere daran, dass 2008
Mit dem Thema Artenvielfalt scheinen Sie in der Tat
eine Delegation des Ausschusses für wirtschaftliche Zu- ein gewisses Problem zu haben. Sie schützen nicht nur
sammenarbeit und Entwicklung nach Ecuador gereist ist. nicht die Artenvielfalt des Regenwaldes. Wenn man sich
Ich habe damals die Ehre gehabt, diese Delegation zu die Personalstruktur Ihres Hauses anschaut, dann stellt
leiten. Wir sind nach Ecuador gereist, um zu schauen, ob man fest – Herr Kollege Binding hat das schon ange-
es möglich ist, ein armes Land wie Ecuador zu unterstüt- sprochen –, dass Sie nicht die roten oder die grünen, son-
zen, wenn es darauf verzichtet – das geht auf einen Vor- dern nur die gelben Vögel fördern, um im Bild des Re-
schlag der dortigen Regierung zurück –, Erdöl in einem genwaldes zu bleiben. Angesichts der Personalstruktur,
Regenwaldgebiet zu fördern, das aufgrund seiner Bio- die Sie geschaffen haben, schreiben die Zeitungen, dass
diversität, also seiner Artenvielfalt, einmalig ist. Der Prä- das nichts anderes als Vetternwirtschaft ist und dass das
sident von Ecuador hat gesagt, wenn die internationale Ministerium zu einem Versorgungsamt für FDP-Funk-
Gemeinschaft die Hälfte der möglichen Einnahmen aus tionäre verkommen ist.
der Erdölförderung ersetze, sei er bereit, auf die Erdölför-
Vor diesem Hintergrund werden wir den Haushalt,
(B) derung zu verzichten, den Lebensraum für die indigene (D)
den Sie hier vorgelegt haben, Herr Minister, leider ableh-
Bevölkerung bestehen zu lassen und die Artenvielfalt zu
nen müssen.
schützen. Alle im Deutschen Bundestag vertretenen Par-
teien haben damals gesagt: Ja, wir wollen diesen Vor- Im Anschluss werden wir auch über unsere Ände-
schlag unterstützen. – Dann wurden viele technische rungsanträge abstimmen. Wir wollen gemäß dem ent-
Fragen geklärt. Es gab viele Gespräche, auch direkt mit wicklungspolitischen Konsens 1,2 Milliarden Euro
Vertretern der ecuadorianischen Regierung. Schließlich mehr für Entwicklungszusammenarbeit, und wir wollen
haben die damalige Ministerin und ihr Staatssekretär im Interesse der Artenvielfalt und des Regenwaldes in
Ecuador mitgeteilt, dass das Land für dieses Projekt mit Ecuador, dass der Yasuní-Nationalpark geschützt wird.
ungefähr 50 Millionen US-Dollar pro Jahr rechnen Ich hoffe, dass möglichst viele Kolleginnen und Kolle-
könne. Das entspricht der Größenordnung, die Deutsch- gen im Parlament dem zustimmen, auch wenn der Mi-
land in ähnlichen internationalen Vereinbarungen festge- nister seine Zustimmung leider verweigert und blockiert,
legt hat. Ich bin sehr froh, dass alle – CDU/CSU, FDP, anstatt die Sache zu befördern.
Linke, Grüne und SPD – gesagt haben: Ja, das wollen Danke schön.
wir.
(Beifall bei der SPD – Zuruf von der CDU/
Ähnlich wie beim entwicklungspolitischen Konsens CSU: Der hat ein Minister-Syndrom!)
ist es enttäuschend, dass Minister Niebel nun sagt, das
interessiere ihn nicht, da werde ein Präzedenzfall ge- Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
schaffen. Da könne auch Saudi-Arabien kommen und Zu einer Kurzintervention geht das Wort an den Kol-
fordern, dass seine Einnahmen ersetzt werden, wenn es legen Thilo Hoppe.
auf die Erdölförderung verzichtet.
Thilo Hoppe (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
(Zuruf von der CDU/CSU: Die Argumentation Ich möchte als einer der Mitinitiatoren des entwick-
war schon etwas differenzierter!) lungspolitischen Konsenses gern eines klarstellen: Zum
Herr Minister, wenn Sie schon nicht die Artenvielfalt in Geist dieses Konsenses gehört es, dass wir aufhören mit
der Wüste von der Artenvielfalt im Regenwald unter- gegenseitigen Schuldzuweisungen in die Vergangenheit
scheiden können, dann sollten Sie wenigstens in der hinein.
Lage sein, einen reichen Ölstaat von einem Entwick- (Dr. Christiane Ratjen-Damerau [FDP]: Wer
lungsland zu unterscheiden. macht das denn?)
17008 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Thilo Hoppe
(A) – Das haben viele heute gemacht, aus mehreren Fraktio- wachsen ist, kann man daran zum Teil ablesen. Ein Par- (C)
nen. – Die Wahrheit ist: Von keiner Regierung sind bis- lamentarier weiß, dass für eine solche Entwicklung im-
her die Aufwüchse in den Haushalt eingestellt worden, mer wieder mit guten Argumenten geworben werden
die notwendig gewesen wären, um dem 0,7-Prozent-Ziel muss, um eben Mehrheiten – hier für fast 164 Millionen
ernsthaft näher zu kommen. Der Streit darüber, welche Euro mehr – zu finden.
Regierung das Wort etwas mehr oder etwas weniger ge-
brochen hat, führt überhaupt nicht weiter. – Das ist das Liebe Kollegin der Opposition, Sie haben richtig be-
eine. merkt, dass nicht alle Wünsche der Entwicklungspoliti-
ker der christlich-liberalen Koalition in Erfüllung gegan-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN gen sind.
sowie der Abg. Dr. Christiane Ratjen-Damerau
[FDP] und Heike Hänsel [DIE LINKE]) (Dr. Bärbel Kofler [SPD]: Ihr hattet überhaupt
nur einen Wunsch!)
Das andere ist: Es steht nicht in dem Konsens, dass ir-
gendwann einmal 0,7 Prozent erreicht werden sollen, Lieber Kollege Hoppe, herzlichen Dank für die nach-
wenn die Haushaltslage gut ist, sondern es ist eine Art trägliche moderate Einschätzung der ganzen Geschichte.
Selbstverpflichtung gewesen, sich mit allen Kräften da- An den Kollegen Raabe eine Bemerkung: Herr Fi-
für einzusetzen, dass im Haushalt 2012 für Entwick- scher hat vollkommen recht. Eine große Differenz aufzu-
lungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe 1,2 Milliar- holen, ist sehr viel schwerer, als eine kleinere Differenz
den Euro mehr eingestellt werden. Darüber, dass dies aufzuholen. Wir agieren inzwischen in einem internatio-
nicht erfolgt ist, kann man zu Recht enttäuscht sein. nalen Umfeld, in dem wir die Balance halten müssen.
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS- Lassen Sie mich dennoch allen Kollegen Dank sagen,
SES 90/DIE GRÜNEN) die mit guten Anträgen und mit Argumenten dazu beige-
Ein Punkt noch: Bei aller berechtigten Kritik – nicht tragen haben, dass der Etat mehrheitlich Zustimmung
der Entwicklungsminister allein bestimmt den Etat. Man findet.
kann fragen, ob er hart genug dafür gekämpft hat, ob er Dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusam-
den Konsens unterstützt oder ob er diesen Rückenwind menarbeit und Entwicklung stehen knapp 2,1 Prozent
genutzt hat. Heidemarie Wieczorek-Zeul hat sich für des Gesamthaushalts zur Verfügung. Über 50 Prozent
mehr Geld für ihr Ressort eingesetzt, hat sich aber oft des Gesamthaushalts geben wir für soziale Zwecke in
nicht durchsetzen können. Man kann also nicht allein Deutschland aus. Ich sage das, weil ich immer wieder
den Entwicklungsminister dafür verantwortlich machen. die Frage beantworten muss, warum wir so viel Geld ins
(B) Aber er hätte mehr kämpfen können und diesen Rücken- Ausland geben, obwohl wir im eigenen Land genügend (D)
wind mehr nutzen können. soziale Probleme haben. Ich denke, wir können diese
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Proportionen gut vertreten; denn neben der Menschlich-
sowie bei Abgeordneten der LINKEN) keit, die wir den Mitmenschen schuldig sind, tragen
diese Mittel zu Frieden, zur Verringerung des Migra-
tionsdrucks und zu wirtschaftlicher Entwicklung bei.
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
Das Wort hat Johannes Selle für die CDU/CSU-Frak- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
tion. Wir kennen viele Beispiele, die uns lehren, dass Geld
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) allein die Probleme nicht lösen kann. Einmal geschaf-
fene Fährverbindungen brechen zusammen, weil es
keine Ersatzinvestitionen gibt, einmal geschaffene Brun-
Johannes Selle (CDU/CSU):
nen verfallen, weil Wartung und Pflege nicht stattfinden.
Sehr verehrte Frau Präsidentin! Meine lieben Kolle- Die Effizienz zu erhöhen und wirklich Nachhaltigkeit zu
ginnen und Kollegen! In den letzten Wochen und Mona- erreichen, bleibt Daueraufgabe, umso mehr, da die Pro-
ten hat das Thema Sparen in unseren Beratungen zum bleme durch Wachstum der Bevölkerung und Verände-
Haushalt 2012 eine große Rolle gespielt. Heute Morgen rung des Klimas objektiv wachsen. Durch die Globali-
wurde uns von der Opposition vorgehalten, wir würden sierung kommen weitere Faktoren hinzu; das haben wir
das nicht konsequent genug machen. Konsolidierung heute schon zur Kenntnis nehmen können.
bleibt unsere Verpflichtung. Heute Morgen war auch
vom intelligenten Sparen die Rede. Für mich ist das kein Es wird immer wieder die Frage gestellt, ob wir unse-
Schimpfwort, sondern die Anerkenntnis, dass nicht jedes rer internationalen Verantwortung gerecht werden kön-
politische Anliegen die gleiche politische Bedeutung be- nen. Diese Frage kann schwer plausibel beantwortet
anspruchen kann. werden, weil nur schwer angegeben werden kann, wie
hoch unsere internationale Verantwortung zu veranschla-
Die Not anderer Menschen zu sehen und sich zu fra- gen ist. Wie wir gerade gehört haben, können wir trotz
gen: „Was können wir tun?“, ist menschlich und von der beachtlichen Steigerung noch nicht unsere Selbstver-
größter Bedeutung. Der entwicklungspolitische Haushalt pflichtung erfüllen. Wir geben die Zielstellung trotzdem
steigt gegenüber dem Vorjahr um 2,63 Prozent und da- nicht auf.
mit wesentlich stärker als der Gesamthaushalt, der fast
konstant bleibt. Dass die Bedeutung der internationalen (Beifall des Abg. Thilo Hoppe [BÜNDNIS 90/
wirtschaftlichen Zusammenarbeit für Deutschland ge- DIE GRÜNEN])
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 17009
Johannes Selle
(A) Mit begründeter Sicherheit kann man feststellen, dass für den GFATM in dem Haushaltstitel 866 01 unterge- (C)
wir nicht alle Erwartungen, die an Deutschland gestellt bracht sind und deshalb auch zur Verfügung stehen.
werden, erfüllen können. In diesem Jahr war ich mit dem
geschätzten Kollegen Kekeritz von den Grünen in der An die Kollegin Hinz möchte ich den Satz richten,
Zentralafrikanischen Republik, einem Land, das beim dass nach § 50 der Bundeshaushaltsordnung die Ministe-
Human Development Index auf Platz 178 von 179 Plät- rien unter Zustimmung des Bundesfinanzministeriums
zen rangiert. In fast allen Gesprächen mit Regierungs- Verschiebungen von Planstellen, Mitteln und Haushalts-
vertretern und der Zivilgesellschaft wurden wir um ein stellen vornehmen können.
umfassendes Engagement gebeten. Unsere Expertise, (Priska Hinz [Herborn] [BÜNDNIS 90/DIE
unser Ansatz der nachhaltigen Entwicklung, unsere faire GRÜNEN]: Darüber müssen Sie mich nicht
Partnerschaft und unsere wirtschaftliche Stellung in der belehren, ich bin im Haushaltsausschuss!)
Welt genießen hohe Wertschätzung. Ähnliches könnte
ich von der neuen Republik Südsudan, aber auch von der Möglicherweise ist der Zeitpunkt unglücklich – das kann
Republik Sudan berichten, und auf den Wunsch nach sein –, in der Sache gibt es aber durchaus interessante,
stärkerem Engagement treffen wir nicht nur in Afrika. diskussionswürdige Aspekte. Wir werden das weiterhin
kritisch begleiten. Insofern ist auch diese Kritik aus un-
Aus meiner Sicht ist es an der Zeit, dem Gedanken ei- serer Sicht nicht gerechtfertigt.
nes stärkeren dauerhaften Engagements in einem Land
oder einer Region in der Form näherzutreten, dass ein
Projekt mit Modellcharakter oder eine Patenschaft mög- Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
lich wird. Das bedeutet neben finanzieller Zusammenar- Herr Kollege.
beit eine vielfach höhere personelle Präsenz. Albert
Schweitzer ist für uns bis heute ein Beispiel dafür, dass Johannes Selle (CDU/CSU):
Erfolg vom Vormachen und Mitmachen abhängt. Das Ich bin gleich fertig.
Wohl der Menschen darf uns nicht nur aus der Ferne in-
teressieren, sondern das Interesse daran muss zu mehr
und intensiverer Nähe führen. Dadurch könnten langfris- Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
tig der Verwaltungsaufbau und damit eine gute Regie- Sie waren schon vor geraumer Zeit fertig.
rungsführung unterstützt werden. Gleichzeitig würden
ganzheitliche Konzepte zur Förderung der Landwirt- Johannes Selle (CDU/CSU):
schaft oder Nutzbarmachung heimischer Ressourcen Mit diesem Haushalt senden wir positive Signale, was
zum Wohle des Volkes leichter möglich. Zudem würde unser Engagement in der Welt anbelangt. Sie alle haben
(B) die Zivilgesellschaft in Deutschland und im Partnerland die Chance, einem guten Einzelplan 23 zustimmen zu (D)
ebenso motiviert wie die wirtschaftlichen Partner, ohne können. Diese Chance sollten Sie sich nicht entgehen
die eine selbsttragende wirtschaftliche Entwicklung lassen.
nicht funktionieren wird. Aber genau das soll das Ziel
wirtschaftlicher Kooperation und Entwicklung sein. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich finde deshalb den Ansatz des Bundesministers
richtig, Menschen aus unserem Land, die es zu einem Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
persönlichen Anliegen gemacht haben, sich in Kirchen Ich schließe die Aussprache.
und Nichtregierungsorganisationen der Entwicklung in
Partnerländern zu widmen, besonders zu unterstützen. Wir kommen zur Abstimmung über den Einzelplan 23 –
Sie tun das sehr verdienstvoll. Dafür wollen wir auch an Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit
dieser Stelle Dank sagen. und Entwicklung – in der Ausschussfassung. Hierzu lie-
gen uns drei Änderungsanträge vor, über die wir zu-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) nächst abstimmen.
Die Haushaltsansätze belegen diese Anerkennung. Änderungsantrag der Fraktionen der SPD und Bünd-
nis 90/Die Grünen auf Drucksache 17/7814. Wer stimmt
Wenn wir über mehr Effizienz der eingesetzten Gel- dafür? – Wer stimmt dagegen? – Enthaltungen? – Damit
der sprechen, dann heißt das nicht nur, im Partnerland ist der Änderungsantrag abgelehnt bei Zustimmung
darauf zu achten, sondern auch, die eigene Tätigkeit zu durch SPD, Bündnis 90/Die Grünen und die Linke.
hinterfragen. Das hat Bundesminister Niebel gemacht CDU/CSU und FDP haben dagegen gestimmt.
und mit der Vorfeldreform auch erfolgreich umgesetzt.
Das sollte bei einer solchen Debatte anerkannt werden, Änderungsantrag der Fraktion der SPD auf Druck-
hilft es doch, Entwicklungspolitik dem Bürger gegen- sache 17/7812. Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dage-
über besser vertreten und die zur Verfügung gestellten gen? – Enthaltungen? – Der Änderungsantrag ist eben-
Mittel effektiver zur Armutsbekämpfung einsetzen zu falls abgelehnt bei dem gleichen Stimmenverhältnis wie
können. In diesem Sinne ist auch die Fokussierung auf bei dem vorherigen Änderungsantrag.
50 Partnerländer, die schon zu zahlreichen Diskussionen
geführt hat, zu begrüßen. Änderungsantrag der SPD auf Drucksache 17/7813.
Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Enthaltun-
Frau Kofler, eine Bemerkung möchte ich noch ma- gen? – Auch dieser Änderungsantrag ist mit dem glei-
chen. Sie müssen wissen, dass die 200 Millionen Euro chen Ergebnis abgelehnt.
17010 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt


(A) Wir kommen jetzt zur Abstimmung über den Einzel- kämpfung vor dem Horn von Afrika durch Atalanta ist (C)
plan 23 – Bundesministerium für wirtschaftliche Zusam- nicht nur breit in diesem Hause getragen, sondern sie ist
menarbeit und Entwicklung – in der Ausschussfassung. auch erfolgreich.
Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Enthaltun-
Seitdem Atalanta vor knapp drei Jahren die Arbeit
gen? – Der Einzelplan 23 ist somit angenommen bei Zu-
aufgenommen hat, haben wir über 120 Schiffstransporte
stimmung durch die Koalitionsfraktionen. Die Opposi-
des Welternährungsprogramms schützen können, und
tionsfraktionen haben abgelehnt.
die Schiffe haben ihre somalischen Zielhäfen sicher er-
Interfraktionell ist verabredet, den Änderungsantrag reichen können. Über 700 000 Tonnen Nahrungsmittel
der Fraktionen der CDU/CSU und FDP auf Drucksache und weitere wichtige Hilfsgüter konnten so nach Soma-
17/7874 zu Einzelplan 32 – Bundesschuld – heute zu be- lia gebracht werden. Nach Angaben der Vereinten Natio-
handeln und jetzt darüber abzustimmen. Wer stimmt für nen sind insgesamt 4 Millionen Menschen auf diese
diesen Änderungsantrag? – Wer stimmt dagegen? – Ent- Hilfe angewiesen. Damit gehört Somalia zu den größten
haltungen? – Dieser Änderungsantrag ist einstimmig an- humanitären Krisengebieten weltweit.
genommen.
Die humanitäre Hilfe durch Lieferungen des Welt-
Ich rufe jetzt den Tagesordnungspunkt III auf: ernährungsprogramms und anderer Hilfsorganisationen
erfolgt fast vollständig auf dem Seeweg. Dass diese
Beratung des Antrags der Bundesregierung Hilfe bei den Menschen auch wirklich ankommt, ist
Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deut- schon ein enormer Erfolg von Atalanta. Deswegen
scher Streitkräfte an der EU-geführten Opera- möchte ich zuallererst den Frauen und Männern der
tion Atalanta zur Bekämpfung der Piraterie Bundeswehr und auch den anderen Bürgern Deutsch-
vor der Küste Somalias auf Grundlage des lands, die bei dieser Aktion ohne Uniform engagiert
Seerechtsübereinkommens der Vereinten Na- sind, herzlich danken. Ich glaube, wenn man die Bilder
tionen von 1982 und der Resolutionen 1814 gesehen und sich ein wenig mit der Lage vor Ort befasst
(2008) vom 15. Mai 2008, 1816 (2008) vom hat, dann erkennt man: Das ist wirklich ein humanitärer
2. Juni 2008, 1838 (2008) vom 7. Oktober 2008, Auftrag; es ist ein Gebot der Mitmenschlichkeit, dass
1846 (2008) vom 2. Dezember 2008, 1897 wir die Hilfslieferungen vor Piraterie schützen. Eigent-
(2009) vom 30. November 2009, 1950 (2010) lich müsste jeder in diesem Hohen Hause, wenn er nach-
vom 23. November 2010 und nachfolgender denkt und seinem Herzen folgt, diesem Mandat zustim-
Resolutionen des Sicherheitsrates der Verein- men.
ten Nationen in Verbindung mit der Gemein- (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
(B) samen Aktion 2008/851/GASP des Rates der (D)
Europäischen Union vom 10. November 2008, Meine Damen und Herren, Atalanta ist erfolgreich.
dem Beschluss 2009/907/GASP des Rates der Aber ich will hinzufügen: Die Pirateriebekämpfung vor
Europäischen Union vom 8. Dezember 2009, dem Horn von Afrika ist unzweifelhaft noch nicht am
dem Beschluss 2010/437/GASP des Rates der Ziel. Immer noch befinden sich zehn Schiffe und etwa
Europäischen Union vom 30. Juli 2010 und 240 Personen in der Gewalt von Piraten. Immer noch
dem Beschluss 2010/766/GASP des Rates der sind die Schiffe des Welternährungsprogramms und die
Europäischen Union vom 7. Dezember 2010 Handelsschifffahrt durch die Piraterie bedroht. Zwar
können aufgrund des robusteren Vorgehens im Rahmen
– Drucksache 17/7742 – von Atalanta und der Umsetzung von Selbstschutzmaß-
Überweisungsvorschlag: nahmen in der zivilen Schifffahrt immer mehr Angriffe
Auswärtiger Ausschuss (f) abgewehrt werden; die Zahl der Angriffe durch Piraten
Rechtsausschuss
Verteidigungsausschuss
auf die Schifffahrt aber bleibt hoch. Die Gefahr, die von
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe den Piraten in den somalischen und den angrenzenden
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Gewässern ausgeht, ist noch nicht gebannt.
Entwicklung
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union Wir alle wissen um die großen Schwierigkeiten in So-
Haushaltsausschuss gemäß § 96 GO malia; wir alle wissen um die Not der Menschen. Aber
daraus die einfache Schlussfolgerung zu ziehen, dass
Nach einer Verabredung zwischen den Fraktionen ist
man die Piraterie entschuldigen oder erklären könnte,
es vorgesehen, hierzu eine halbe Stunde zu debattieren. –
halte ich für einen schweren Fehler. Wir sollten den As-
Dazu sehe und höre ich keinen Widerspruch. Dann ist
pekt der organisierten Kriminalität, die hinter dieser Pi-
das so beschlossen.
raterie steckt, nicht ignorieren und erst recht nicht ver-
Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat der Bundes- harmlosen.
minister Dr. Guido Westerwelle. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) bei Abgeordneten der SPD)
Wir sind darüber einig, dass wir gleichzeitig vor Ort
Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister des Aus- vieles tun müssen, weil die Lage weiterhin extrem fragil
wärtigen: ist und durch die organisierte Kriminalität weiterhin ge-
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und fährdet ist. Somalia wird noch lange nicht in der Lage
Herren! Kolleginnen und Kollegen! Die Pirateriebe- sein, die Piraterie vor seiner Küste in eigener Verantwor-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 17011
Bundesminister Dr. Guido Westerwelle
(A) tung wirksam zu bekämpfen. Dies wird unzweifelhaft der Region auszubauen. Atalanta fügt sich ein in eine (C)
zunächst die Aufgabe der internationalen Gemeinschaft Vielzahl von Maßnahmen, die ein gemeinsames Ziel ha-
bleiben müssen. ben, nämlich die fragile Region am Horn von Afrika zu
stabilisieren. Das soll die Voraussetzung für eine bessere
Für die Bundesregierung bitte ich daher um Ihre Zu- Lebenssituation der Menschen vor Ort und die nachhal-
stimmung zu der Fortsetzung der deutschen Beteiligung tige Entwicklung Somalias schaffen. Sie sehen also, dass
an der EU-geführten Operation Atalanta. Atalanta han-
wir sehr wohl auch die zivilen und entwicklungspoliti-
delt im Auftrag der Vereinten Nationen und auf Bitten schen Aspekte der Stabilisierung mit Ernst und Energie
der somalischen Übergangsregierung. Der Rat der Euro- anpacken. Derzeit ist aber auch der militärische Schutz
päischen Union hatte bereits am 7. Dezember 2010 die notwendig. Zusammen wird ein Schuh daraus. Das ist,
Verlängerung von Atalanta bis zum 12. Dezember 2012 zusammen genommen, überzeugende Politik.
beschlossen. Das heißt, das, was wir tun, ist nicht nur
völkerrechtlich gedeckt, sondern auch europäisch und Ich bitte den Bundestag – wie bisher auch geschehen
international eingebettet. – um eine breite Unterstützung dieses Mandates.
Die Freiheit der Meere und die Sicherung der See- Am heutigen Tag wurde leider die Nachricht übermit-
wege sind von besonderer strategischer Bedeutung. Das telt, dass wieder zwei Soldaten in Afghanistan verletzt
zu ignorieren, wäre ein Fehler. Es würde übrigens auch worden sind. Von daher sollte man jeden Augenblick
das internationale Recht auf den Kopf stellen. Meine Da- voller Dankbarkeit auf die Menschen schauen, die wir
men und Herren, Europa profitiert wie kein anderer alle schon persönlich besucht haben und die ganz per-
Kontinent vom freien Fluss globaler Handelsströme: sönlich ihren Körper und ihre Seele – ihre ganze Persön-
Durch das Seegebiet vor Somalia, vor allem durch den lichkeit – dafür einsetzen, dass wir bei uns sicher leben
Golf von Aden, führt die wichtigste Handelsroute zwi- und auch anderen helfen können, die ohne uns ein ganz
schen Europa, der arabischen Halbinsel und Asien. schreckliches Schicksal haben würden.
Diese Route offen zu halten, ist eine wichtige Aufgabe
internationaler Sicherheitspolitik und liegt im unmittel- Vielen Dank.
baren deutschen Interesse. Ich kann nichts Schlechtes (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
daran erkennen, dass wir die Schiffe der internationalen
Gemeinschaft, auch unsere Schiffe, schützen. Das ist un-
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
ser Recht. Ich glaube sogar: Es ist auch unsere Pflicht,
unsere Schiffe und Besatzungen zu schützen. Rolf Mützenich hat jetzt das Wort für die SPD-Frak-
tion.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
(B) (Beifall bei der SPD) (D)
Meine Damen und Herren, Deutschland gehört bei
Atalanta kontinuierlich zu den führenden Beitragstellern Dr. Rolf Mützenich (SPD):
und stellt gegenwärtig den Kommandeur der Kräfte im
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und
Einsatzgebiet. Wir werden damit unserer Verantwortung
Kollegen! In der Tat, Atalanta ist in erster Linie eine zi-
gegenüber unseren Partnern auch in der Europäischen
vile und humanitäre Maßnahme. Ich glaube, wir sollten
Union gerecht.
in diesem Hause gemeinsam überlegen – das ist an alle
Wir flankieren die Bekämpfung der Piraterie auf See Fraktionen gerichtet –, wie das Leid der Menschen in
natürlich durch Bemühungen zur Bekämpfung der Ursa- Somalia gemindert und die aktuelle Hilfe dort gesichert
chen von Piraterie an Land und durch Unterstützungs- werden kann. Vier Millionen Menschen sind davon be-
leistungen für den Wiederaufbau des somalischen Staa- troffen. Die Vereinten Nationen haben um Unterstützung
tes. Wir leisten humanitäre Hilfe, um das unmittelbare gebeten. Ich finde schon, dass es zur Respekterweisung
Leid von Millionen Menschen zu lindern. dazugehört, dass alle Fraktionen eine Antwort darauf ge-
ben, damit insbesondere in Bezug auf die aktuellen Her-
Wir tragen mit der Beteiligung an der European Trai- ausforderungen, denen sich dieses Land gegenübersieht,
ning Mission Somalia, in deren Rahmen bislang rund diese Hilfe auch gewährleistet werden kann.
2 000 Soldaten der somalischen Übergangsregierung aus-
gebildet worden sind, zur Schaffung eines sicheren Um- Für meine Fraktion komme ich zu der Schlussfolge-
feldes bei. Wir unterstützen die Ausbildung afrikanischer rung, dass natürlich auch ein Schutz insbesondere für die
Polizisten, die als Trainer und Berater der somalischen Hilfstransporte erfolgen muss, die vonseiten der Verein-
Polizei eingesetzt werden. Wir beteiligen uns an den An- ten Nationen angefordert werden und die vielen Men-
strengungen der Europäischen Union, gemeinsam mit schen helfen. Deswegen unterstützen wir das, was der
den afrikanischen Partnern regionale Küstenwachen auf- Bundesaußenminister hinsichtlich dieses Mandates als
zubauen, zu deren Aufgaben auch der Gewässer- und Fi- Gesamtmission angesprochen hat.
schereischutz zählen wird.
Ich würde gerne, Herr Minister, noch auf weitere
Wir unterstützen mit erheblichen Mitteln die Finanzie- Punkte eingehen. Wir werden in der Zukunft über einige
rung der Mission der Afrikanischen Union in Somalia. Punkte sicherlich in ein wenig stärkerem Maße diskutie-
Den Verfassungsprozess in Somalia fördern wir durch ren müssen. Ich verstehe schon, dass man das vonseiten
eine vom Max-Planck-Institut für Völkerrecht durchge- der Bundesregierung hier nicht so offen sagen kann – Par-
führte rechtliche Beratung. Wir helfen den Vereinten Na- lamentarier sollten das aber tun –: Das Problem Somalias
tionen, die rechtsstaatlichen Kapazitäten in den Staaten besteht auch darin, dass einzelne Nachbarstaaten in der
17012 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Dr. Rolf Mützenich


(A) Vergangenheit – das gilt aber offensichtlich auch für die gelungen, die Probleme, die dort seit Jahrzehnten exis- (C)
aktuelle Situation – Einfluss genommen haben bzw. wei- tieren, einzudämmen, und zwar durch bessere Regie-
ter nehmen. Sie nehmen letztlich auch mit Gewalt Ein- rungsführung, aber auch durch Sicherungsmaßnahmen,
fluss. Dabei kommt es auch zu schwierigen Situationen. die sie zum Schluss selbst ergriffen haben. Damals wur-
den sie international unterstützt. Das beste Momentum,
Wir müssen, finde ich, insbesondere die Nachbarstaa- das diese Länder darin unterstützt, die Piraterie zu be-
ten dazu aufrufen, nicht mit Gewalt von außen in dieses kämpfen, ist die regionale Zusammenarbeit. Deswegen
Land einzugreifen, sondern am Aufbau Somalias aktiv müssen wir nach meinem Dafürhalten noch viel stärker
mitzuwirken. Das gehört zu der Diskussion, die wir hier das regionale Zusammenwirken am Horn von Afrika
führen, genauso dazu wie das Debattieren über den so- stärken. Dazu müssen wir die Regierungen ermutigen.
zialen und politischen Aufbau in Somalia.
Ich möchte auf eine innenpolitische Diskussion ein-
In der Tat ist es richtig – das wird hier immer wieder gehen – auch das gehört zu diesem Thema –: Auch die
angesprochen –, dass Armut und Piraterie zusammenge- deutschen Reeder tragen Verantwortung. Die haben sie
hören. In dem Zusammenhang ist auch die Situation zu in der Tat auch wahrgenommen. Es kann aber nicht sein,
nennen, vor die Somalia in den letzten Jahren und Jahr- dass deutsche Reeder deutsche Schiffe ausflaggen und
zehnten gestellt wurde. Gleichzeitig will ich darauf auf- damit ihrer sozialen Verantwortung in Deutschland nicht
merksam machen, mit welchem Respekt wir den Men- mehr gerecht werden, aber gleichzeitig vom deutschen
schen begegnen sollten, die sich in Somalia ganz bewusst Staat Sicherheitsmaßnahmen verlangen. Das müssen wir
gegen Piraterie entscheiden und sagen: Das wird unserem in einer solchen Debatte offen benennen; denn auch die
Land, unserer Kultur und Tradition nicht gerecht. Deswe- Reeder tragen Verantwortung.
gen warne ich vor vereinfachenden Schlussfolgerungen.
Insbesondere nehme ich das auf, was Jack Lang, der Son- Ein weiterer Aspekt, den ich in Ihrer Rede gänzlich
derbeauftragte der Vereinten Nationen, festgestellt hat. Er vermisst habe, war die Diskussion, die die Bundesregie-
sagte, das Problem der Piraterie bestehe insbesondere da- rung im August dieses Jahres hier geführt hat. Es geht
rin – Herr Außenminister, Sie haben das angesprochen –, darum, private Sicherheitsdienste, unter Umständen
dass sie von der organisierten Kriminalität bzw. von den schwer bewaffnet, auf Schiffen zuzulassen. Dazu haben
internationalen Netzwerken unterstützt wird, indem diese Sie heute nichts gesagt. Ich hätte zumindest gerne ge-
das Geld waschen, das die Piraterie erbringt. Es gehört zu wusst, ob diese Angelegenheit im Kabinett vom Tisch
einer ehrlichen Diskussion in der Europäischen Union ist, ob das staatliche Gewaltmonopol möglicherweise
dazu, festzustellen, dass wir die Piraterie insbesondere durch derartiges Vorgehen weiter ausgehöhlt werden
durch internationale Maßnahmen bekämpfen müssen, um soll, ob es weiterhin von der Initiative der Bundesregie-
(B) organisierte Kriminalität weiterhin zurückzudrängen. rung getragen ist oder ob es eine neue Entwicklung gibt? (D)
Man muss hinzufügen: Sie findet auch in westlichen Han- Das sollte in zweiter und dritter Lesung zu diesem Man-
delsstädten statt. dat noch einmal angesprochen werden.
Wir sollten uns immer wieder vergegenwärtigen: Wir vonseiten der SPD-Fraktion sehen beim Vorha-
Piraterie ist nicht das Problem Somalias oder am Horn ben der Bundesregierung große Probleme. Die Pläne se-
von Afrika, sie ist auch in anderen Regionen ein Pro- hen vor, dass private Sicherheitsfirmen zertifiziert und
blem. Sie ist auch ein historisches Phänomen, was mit überwacht werden sollen. Ich frage mich, ob das auch
dem einen oder anderen Land, das heute als Partner be- für andere private Sicherheitsdienste, die es im interna-
zeichnet wird, durchaus in einem Zusammenhang ge- tionalen Umfeld gibt, gelten soll. Wir werden darüber
standen hat. Ich würde gerne in dieser Runde aus einer eine Debatte führen. Ich kündige hier schon an, dass wir
gültigen Verfassung zitieren, die der eine oder andere in der nächsten Woche im Deutschen Bundestag intensi-
vielleicht kennt. Da heißt es: ver über die privaten Sicherheitsfirmen debattieren wer-
den. Wir, die SPD-Fraktion, haben dazu einen Antrag
Die Volksvertretung hat das Recht … Kaperbriefe
vorgelegt.
auszustellen und Vorschriften über das Prisen- und
Beuterecht zu Wasser und zu Lande zu erlassen. Zur letzten Frage, die Sie am Rande angesprochen ha-
ben. Rechtliche Fragen spielen in der Tat eine große
Das ist keine Verfassung eines Landes im Südpazifik,
Rolle. Im Zusammenhang mit diesem Mandat wurde
das ist auch nicht die Verfassung der Malediven, sondern
auch darüber diskutiert, ob ein spezieller Strafgerichts-
es ist die amerikanische Verfassung. Wir sollten uns ver-
hof für Piraterie eingerichtet oder zumindest eine weitere
gegenwärtigen, dass dies durchaus noch aktuelles Recht
Kammer beim Internationalen Seegerichtshof in Ham-
ist.
burg angesiedelt werden sollte;
(Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister:
Na ja!) (Beifall des Abg. Burkhardt Müller-Sönksen
[FDP])
– Ich glaube nicht, dass die Kolleginnen und Kollegen
davon Gebrauch machen, aber will ich auf das histori- denn wir haben diesbezüglich rechtliche Schwierigkei-
sche Phänomen aufmerksam machen, weil das zu einer ten. Das Verwaltungsgericht Köln hat in einem besonde-
politischen Diskussion dazugehört. ren Fall dargelegt, dass die rechtlichen Umgangsformen
in Kenia – darum ging es in diesem Fall – nicht unseren
Regierungen und Parlamente haben die Piraterie zu- Standards entsprechen. Deswegen fordere ich die Bun-
rückgedrängt. Gerade in einzelnen Staaten Asiens ist es desregierung insbesondere vor dem Hintergrund der der-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 17013
Dr. Rolf Mützenich
(A) zeitigen Mitgliedschaft Deutschlands im Sicherheitsrat auch angesprochen –: Das geht völkerrechtlich nicht. (C)
auf, weitere Initiativen zu ergreifen, um hierzu im inter- Dafür brauchen wir Abkommen mit den Flaggenstaaten.
nationalen Recht Änderungen herbeizuführen. Insbeson- Sie wissen, dass das nicht ganz leicht ist.
dere fordere ich sie aber auf, zu diesem Thema im Parla-
Neben den Maßnahmen, die die Reeder ergriffen ha-
ment Stellung zu beziehen.
ben, um ihre Schiffe besser zu sichern – ich sage in
Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit. Klammern: Manchmal ist es betrüblich, festzustellen,
dass das längst nicht alle Reeder tun –, haben wir natür-
(Beifall bei der SPD)
lich auch durch die Änderung der Operationspläne bei
Atalanta dazu beigetragen, dass wir jetzt energischer
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: durchgreifen können. Wir haben mehr Möglichkeiten,
Thomas Kossendey ergreift jetzt das Wort für die die sogenannten Vessel Protection Detachments an Bord
Bundesregierung. zu bringen. Wir haben mehr Möglichkeiten, das Pirate-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) riematerial, das wir an Bord nehmen, sofort zu vernich-
ten, auch ohne große Beweisbeschlüsse. Wir haben auch
mehr Möglichkeiten, um uns um Mutterschiffe zu küm-
Thomas Kossendey, Parl. Staatssekretär beim Bun- mern; das ist ein Thema, das der Kollege Stinner mehr-
desminister der Verteidigung: fach angesprochen hat.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Die EU-Operation Atalanta steht letztendlich für den (Dr. Rainer Stinner [FDP]: Richtig!)
Willen und die Entschlossenheit der internationalen Ge- Von den Ländern der Europäischen Union, die sich an
meinschaft, Piraterie am Horn von Afrika, aber auch im Atalanta beteiligen, stellte die Bundesrepublik Deutsch-
Golf von Aden zurückzudrängen. Gleichzeitig macht sie land in den letzten Jahren neben Spanien den stärksten
die Schiffsverkehre in dieser Region sicherer, und das ist Anteil, nicht, weil die anderen nicht wollten, sondern
im Interesse der Menschen, die dort leben, weil schlichtweg, weil die anderen Länder im maritimen Be-
90 Prozent der Hilfslieferungen, die die Vereinten Natio- reich zum Teil so stark reduziert haben, dass sie sich gar
nen über das Welternährungsprogramm dort hinbringen, nicht beteiligen können. Von den 27 Mitgliedstaaten
auf dem Seeweg transportiert werden. Der Außenminis- beteiligen sich im Wesentlichen Deutschland, Spanien,
ter hat mit eindrucksvollen Zahlen deutlich gemacht, Frankreich, die Niederlande und Luxemburg an diesen
dass diese Hilfslieferungen die Menschen vor Ort errei- Aktivitäten. Wir wollen uns auch in Zukunft beteiligen.
chen. Die Hungersnot, über die in den letzten Wochen Für 2012 haben wir durchgängig eine Fregatte bereitge-
insbesondere aus Somalia und vom Horn von Afrika be- stellt. Wir werden einen Einsatzgruppenversorger hinun-
(B) richtet wurde, zeigt, dass diese Hilfe notwendiger denn terschicken und ab April 2012 wieder ein Seeraumüber- (D)
je ist. Seit 2008 sind alle diese Hilfstransporte angekom- wachungsflugzeug.
men; das ist anders als vorher. Daneben leistet Atalanta
einen ganz wichtigen Beitrag dazu, die Handelsschiffe In den letzten Wochen sind häufig Berichte durch die
auf sichere Seeverbindungslinien zu bringen. deutsche Presse gegeistert, nach denen die deutschen
Kräfte zwar Piraten an Bord ihrer Schiffe festsetzen, sie
Ich will noch etwas ins Gedächtnis rufen: Die Zahl
dann aber mit Nahrungsmitteln auf einem kleinen
der Überfälle durch Piraten liegt in etwa auf dem Niveau
Schlauchboot aussetzen und wieder nach Somalia zu-
der letzten Jahre, die Zahl der erfolgreichen Entführun-
rückschicken. Lassen Sie mich dazu einiges sagen. Zu-
gen konnte allerdings halbiert werden.
nächst einmal: Das Primärziel von Atalanta ist ja nicht
(Joachim Spatz [FDP]: So ist es!) die Piratenjagd. Wer das Mandat liest, weiß, dass das
nicht so ist. Das wird zwar häufig in der Öffentlichkeit
Dafür gibt es viele Ursachen. Das hängt auch damit zu- so diskutiert, aber es steckt mehr dahinter. Wir haben die
sammen, dass die Reeder ihr Verhalten geändert haben; Rules of Engagement geändert. Wir können intensiver
der Kollege Mützenich hat das ja angesprochen. Um Ih- eingreifen. Aber da, wo kein Kläger ist, werden wir auch
nen das mithilfe von Zahlen zu verdeutlichen: Wir haben keinen Richter finden. Deswegen ist es in einigen Fällen
am Horn von Afrika ungefähr 25 000 bis 30 000 Schiffs- auch nach dem internationalen Recht nicht unüblich,
passagen jedes Jahr, davon ungefähr 3 000 unter deut- diejenigen, die man auf frischer Tat ertappt hat, zurück-
scher Flagge. Natürlich haben Sie recht, Herr Kollege zubringen. Wir haben noch keinen Gerichtshof, der in-
Mützenich, wenn Sie sagen, dass die Reeder für ihre ternational diese Straftaten aburteilt.
Schiffe und die Menschen auf ihren Schiffen eine beson-
dere Verantwortung tragen. Diese fordern wir ein. Alle Ich glaube, niemand in diesem Hause wird einer Art
zuständigen Stellen unserer Regierung stehen im ständi- und Weise das Wort reden, die menschenverachtend
gen Gespräch mit den Reedern. Dabei spielt natürlich wäre. Die Piraten werden nicht einfach in ein Schlauch-
auch die Frage der privaten Sicherheitsdienste eine boot gesetzt mit den Worten: Kommt irgendwie nach
Rolle. Dieses Thema geht nicht in erster Linie das Ver- Hause. – Ich bin sicher, dass es hier sonst Diskussionen
teidigungsministerium an. Ich kann aber sagen: Der Ver- gäbe, die wir alle nicht wollen. Der Internationale Straf-
kehrsminister und der Innenminister – beide sind dafür gerichtshof, den Sie, Herr Mützenich, angesprochen ha-
zuständig – klären im Augenblick den rechtlichen Rah- ben, müsste ja in den Vereinten Nationen seine Ursache
men, in dem diese Dienste erfolgen können. Ich sage finden. Auch da wissen wir, dass das im Augenblick sehr
aber auch: Deutsche Soldaten auf Schiffen, die nicht un- schwer ist, weil längst nicht alle Länder der Vereinten
ter deutscher Flagge fahren – dieses Thema haben Sie Nationen das für sinnvoll halten.
17014 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Parl. Staatssekretär Thomas Kossendey


(A) Sie haben das Urteil vom Verwaltungsgericht Köln (Beifall bei der LINKEN) (C)
angesprochen. Sie wissen, dass sich das auf einen Fall
Die Strategie der Regierung hat keinen Erfolg. Hier
bezieht, der sich ereignete, bevor wir mit Kenia ausge-
muss ich Ihnen widersprechen, Herr Westerwelle, das be-
macht haben, dass die Gefangenen, die wir dorthin brin-
legen auch die Zahlen. Auch nach drei Jahren Atalanta
gen, in Umständen gefangen gehalten werden, die men-
müssen wir in diesem Jahr wieder konstatieren: Die
schenrechtlich für uns verantwortbar sind. Sie wissen
Überfälle von Piraten sind auf einem neuen Höchststand.
auch, dass unser Botschafter diese Prozesse und die Um-
stände, unter denen die Gefangenen dort festgehalten (Zuruf von der CDU/CSU: Stimmt doch
wurden, sehr intensiv beobachtet hat. nicht!)
Eines muss aber klar sein: Das, was wir mit der deut- Die Zahl der geglückten Entführungen stagniert auf ho-
schen Marine auf See machen, ist nur ein Bekämpfen hem Niveau, und die Piraten haben ihr Operationsgebiet
von Symptomen. Wir brauchen jenseits dessen, was der weiter ausgedehnt. Von einer erfolgreichen Bekämpfung
Verteidigungsminister an Beitrag zu liefern hat, eine der Piraterie kann keine Rede sein.
weitaus breitere Palette an Aktionsmöglichkeiten, um
(Beifall bei der LINKEN – Zuruf von der CDU/
den Sumpf der Piraterie dort auszutrocknen.
CSU: Knapp an der Realität vorbei!)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Dabei sind sich alle einig, dass Piraterie zur See nicht
Ich meine, wir sollten das insgesamt anpacken. militärisch zu bekämpfen ist. Das ist schon rein tech-
nisch unmöglich. Dafür sind der zu überwachende See-
All den Soldatinnen und Soldaten, die sich in den raum und die Zahl der zu schützenden Schiffe viel zu
letzten Jahren dort engagiert haben, und zwar unter Be- groß.
dingungen, die weiß Gott nicht immer so sind, wie man
sich das hier vorstellt, wenn man die Sonne über Dschi-
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
buti scheinen sieht, sollten wir herzlich danken und sie
mit einem Mandat ausstatten, das von einer breiten Frau Kollegin, möchten Sie eine Zwischenfrage des
Mehrheit im Parlament getragen wird. Kollegen Stinner zulassen?

Herzlichen Dank. Christine Buchholz (DIE LINKE):


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie Nein, möchte ich nicht. Ich rede jetzt die vier Minuten
bei Abgeordneten der SPD) durch, und anschließend kann der Kollege Stinner gerne
etwas sagen.
(B) Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: (Zuruf von der CDU/CSU: Wird ja nicht ange- (D)
Christine Buchholz hat jetzt das Wort für die Fraktion rechnet!)
Die Linke. Wer Piraterie wirklich bekämpfen will, muss die so-
(Beifall bei der LINKEN) zialen und politischen Ursachen angehen. Hier ist die
Bundesregierung keinen Schritt weiter als letztes Jahr.
Denn immer noch beharrt sie darauf, eine von außen ein-
Christine Buchholz (DIE LINKE): gesetzte Regierung in Somalia an der Macht zu halten.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Seit drei Ihr Ansatz ist, Verhandlungen aus der Position der mili-
Jahren ist die Bundeswehr im Rahmen der EU-Militär- tärischen Stärke zu führen. Die wichtigsten Rebellen-
operation Atalanta vor der Küste Somalias unterwegs. gruppen werden von den diplomatischen Gesprächen
(Zuruf von der CDU/CSU: Erfolgreich!) ausgeschlossen.

Das Ziel der Mission, so schreibt die Regierung im Die Menschen in Somalia brauchen dringend Hilfe,
Mandatstext, sei die Bekämpfung der Piraterie und die aber sie brauchen zivile, humanitäre Hilfe.
Sicherung der Versorgung der notleidenden Menschen (Beifall bei der LINKEN)
Somalias. Das Mandat ermächtigt die Bundeswehr zur
„Durchführung der erforderlichen Maßnahmen, ein- Sie brauchen eine Abkehr von der menschenverachten-
schließlich des Einsatzes von Gewalt, zur Abschre- den neoliberalen Handelspolitik
ckung …“. (Widerspruch bei der CDU/CSU und der FDP)
Wie das in der Praxis aussieht, konnten wir wieder und den Spekulationen mit Nahrungsmitteln, die auch
einmal Ende September sehen: Eine deutsche Fregatte zentrale Ursachen für die Krise und den Hunger in So-
versenkte zwei Schiffe in somalischen Gewässern und malia sind.
setzte die Besatzung an Land ab.
(Beifall bei der LINKEN)
(Beifall bei Abgeordneten der FDP)
Sie brauchen keine Eskalation des Krieges, wie sie
Die Unschuldsvermutung gilt anscheinend nicht in so- momentan stattfindet. Der Einmarsch kenianischer und
malischen Gewässern. Der Kommandeur vor Ort richtet äthiopischer Truppen in den letzten Wochen wird die
und setzt auch gleich die Strafe um. Das entspricht nicht Lage der Menschen in Somalia nur noch weiter ver-
unseren Vorstellungen von rechtsstaatlichen Grundsät- schlimmern. Wegen der Militäroperationen im Grenzge-
zen. biet können die vor der Dürre Flüchtenden nicht in die
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 17015
Christine Buchholz
(A) Flüchtlingslager in Kenia gelangen. Deswegen und weil Denkt einfach nach, dann müsst ihr zustimmen. – In un- (C)
wir eine grundsätzliche Umorientierung der Politik in Be- serer Fraktion gibt es viele, die sich sehr intensiv mit
zug auf Somalia fordern, sagen wir: Herr Westerwelle, dem Thema beschäftigt haben und aus diversen Gründen
ändern Sie den eingeschlagenen Kurs! zu dem Ergebnis gekommen sind, dass sie Atalanta nicht
zustimmen. Das ist also nicht nur eine Frage des Nach-
(Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister: denkens. Da werden Sie Ihren eigenen Aufgaben nicht
Nein!)
gerecht.
Hören Sie auf, an einer korrupten Marionette festzuhal- Wir werden hier gleich Operation Active Endeavour
ten! behandeln, eine Mission, die am Anfang Sinn gemacht
(Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister: hat, aber in der Form, wie die Bundesregierung den
Nein!) Mandatstext verhunzt, nicht wirklich zustimmungsfähig
ist. Man kann hier nicht einfach nur arrogant rufen:
Beenden Sie die Ausbildung von Bürgerkriegssoldaten Denk doch einmal nach, dann musst du doch meiner
durch die Bundeswehr! Meinung sein. – So wird man der Ernsthaftigkeit eines
(Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister: Militäreinsatzes nicht gerecht.
Nein!) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Denn das schafft kein sicheres Umfeld. Die notwendige Symptombekämpfung wirft ange-
(Beifall bei der LINKEN – Philipp Mißfelder sichts des jetzt vorliegenden Mandatstexts einige Fragen
[CDU/CSU]: Unglaublich!) auf. Antworten darauf kenne ich noch nicht; diese Fra-
gen werden Thema in den Ausschussberatungen sein.
Setzen Sie auf gleichberechtigte Verhandlungen aller Warum kostet die Mission jetzt das Doppelte? Warum ist
Bürgerkriegsparteien, und geben Sie das Geld für huma- die Mandatsobergrenze weiterhin dreimal so hoch wie
nitäre Hilfe statt für den Marineeinsatz aus! die Zahl der tatsächlich eingesetzten Soldatinnen und
(Beifall bei der LINKEN) Soldaten? Welche „präventiven Maßnahmen“, wie es im
Mandatstext heißt, sind jetzt erlaubt? Diese waren im
Zeigen Sie, dass Ihnen die Somalier wirklich wichtig letzten Mandat noch nicht vorgesehen. Was bedeutet die
sind und nicht, wie es in einem aktuellen Papier des Aussage aus den Koalitionsreihen, dass man jetzt auch
EU-Rates heißt, die „geostrategische Bedeutung der Re- schwer bewaffnete Mitarbeiter privater Sicherheitsfir-
gion“. men an Bord der Schiffe zulassen möchte? Wird das jetzt
Wir lehnen den Einsatz des Militärs zur Sicherung gemacht? Das wäre für uns ein Punkt, bei dem wir ernst-
(B) von Handelsinteressen ab. Wir werden uns auch in die- haft darüber nachdenken müssten, unsere Zustimmung (D)
sem Jahr klar gegen die Mission Atalanta stellen. zum Mandat zu verweigern. Oder ist die Bundesregie-
rung bereit, zu sagen, dass Herr Uhl da wieder einmal
(Beifall bei der LINKEN – Ingo Gädechens nur vor sich hin redet?
[CDU/CSU]: Gott sei Dank stimmen Sie dage-
gen! Die Marinesoldaten würden sich schä- Es geht auch um die Frage, wie mit den Festgesetzten
men, wenn Sie zustimmen würden!) zu verfahren ist. Herr Staatssekretär, da müssen Sie eine
Lösung bieten. Es gibt derzeit keine. Die Lösung, die
Kollege Mützenich genannt hat, wird hoffentlich eines
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: Tages umgesetzt. Aber was passiert jetzt? Was machen
Omid Nouripour hat jetzt das Wort für Bündnis 90/ Soldatinnen und Soldaten heute mit Festgesetzten? Es
Die Grünen. gibt derzeit keine Lösung. Das ist für die Soldatinnen
und Soldaten zutiefst frustrierend. Das ist auch sehr
Omid Nouripour (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): teuer. Diese Situation muss schnellstmöglich verbessert
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Natür- werden. Wenn dieses Problem nicht gelöst wird, wird
lich ist es das Ziel jeder Militärmission, dass sie sich so der ganze Einsatz ein wenig absurd. Aber die politischen
schnell wie möglich überflüssig macht. Dass wir jetzt Lösungen sind natürlich die zentralen.
bereits das vierte Mal über Atalanta entscheiden, zeigt,
Wir reden über eine der größten Hungerkatastrophen,
wie groß und schwer die Aufgabe ist, die zu bewältigen
die es in dem Land je gegeben hat. Im Übrigen, Frau Kol-
ist, und dass wir vom Ziel immer noch weit entfernt
legin Buchholz: Sie müssen bitte – um Gottes willen –
sind. Die Zahl der Angriffe steigt nicht mehr. Es ist gut,
auch einmal ein Wort dazu sagen, wie die Lebensmittel
dass es immer weniger erfolgreiche Angriffe gibt, aber
des World Food Programme ohne einen militärischen
man kann nicht einfach sagen, dass Atalanta bisher ein
Schutz tatsächlich an das Horn von Afrika kommen sol-
riesengroßer Erfolg ist; denn Atalanta allein kann die
len. Dazu haben Sie kein Wort gesagt.
Probleme nicht lösen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
Wir als Grüne haben in den letzten Jahren dem Man- bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP)
dat mehrheitlich zugestimmt, weil wir gesagt haben: Es
ist eine notwendige Symptombekämpfung, nicht mehr Wir haben natürlich weiterhin das Riesenproblem der
und nicht weniger. In diesem Zusammenhang möchte illegalen Fischerei. Wir haben einen regionalen Konflikt,
ich, Herr Außenminister, eines hier empört zurückwei- der deutlich zugenommen hat. Somalia wird auch immer
sen. Man macht es sich zu einfach, wenn man sagt: mehr zum Battleground regionaler Mächte. Dabei ist ein
17016 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Omid Nouripour
(A) Riesenproblem, dass die EU nicht unbedingt einheitlich samt. Dazu gehören auch freie Handelswege. Es ist kein (C)
agiert. Die Franzosen unterstützen gerade die Interven- Selbstzweck, nur Exportinteressen oder Importinteres-
tion Kenias, die Briten sind in Uganda involviert, Eritrea sen durchzusetzen. Es ist in der Debatte schon sehr plas-
hat eine eigene Agenda, die Äthiopier ebenfalls, auch tisch geschildert worden, meine Damen und Herren, wie
mit amerikanischer Unterstützung. wichtig es ist, das World Food Programms zu unterstüt-
zen und auch das Völkerrecht durch die Mission Ata-
Ich vermisse innerhalb der EU ein wenig die Stimme lanta weiter durchzusetzen, weil es im Endeffekt natür-
der Bundesrepublik Deutschland zu diesem Thema. Es lich auch darum geht, zu zeigen, dass wir die Region
wäre gut, wenn Deutschland sich dafür einsetzte, dass die insgesamt für wichtig halten und nicht nur die Handels-
Europäische Union einheitlicher agiert, damit wir zum wege im Blick haben.
Beispiel das, was die UN seit Jahren beschließt, endlich
konsequent umsetzen, nämlich ein Waffenembargo gegen (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Somalia. Dafür brauchen wir die Nachbarstaaten. Die
sind aber zurzeit nicht damit betraut, mit der internationa- Trotzdem: Als Exportnation und im Spannungsbogen
len Gemeinschaft zusammenzuarbeiten. Dieses Problem einer interessengeleiteten und werteorientierten Außen-
kann in Brüssel nicht gelöst werden. Aber in Brüssel kön- politik spielt auch dieses Thema immer eine Rolle; wir
nen Lösungen dafür entwickelt werden, wie man diese lassen es auch gar nicht unter den Tisch fallen. Es ist
Länder besser unter Druck setzen kann. wichtig, auch den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern
zu sagen, warum die 558 Frauen und Männer – bei ihnen
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN haben wir uns gerade schon bedankt – mit ihrem Einsatz
sowie bei Abgeordneten der SPD) einen wirklich wichtigen Beitrag leisten und warum wir
dieses Mandat jetzt erneut verlängern müssen. Ihre Auf-
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: gabe ist bei weitem noch nicht erledigt und ihre Mission
Philipp Mißfelder hat jetzt das Wort für die CDU/ noch nicht zu Ende. Sie leisten an dieser Stelle wirklich
CSU-Fraktion. Hervorragendes. Ich möchte auch für meine Fraktion
noch einmal unterstreichen: Wir sind den Soldatinnen
(Beifall bei der CDU/CSU) und Soldaten, auch und gerade deshalb, weil sie ihren
Dienst unter sehr schwierigen Bedingungen tun, sehr
Philipp Mißfelder (CDU/CSU): dankbar für das, was sie dort tun.
Frau Präsidentin! Sehr verehrte Kolleginnen und Kol-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
legen! Nur ein Satz zu Frau Buchholz: Mir ist bei Ihrer
Rede wieder einmal klar geworden, dass bei Ihnen – ich Die Mission Atalanta und die Aufgabe, die damit zu
(B) beziehe das gar nicht auf Ihre Gesamtfraktion, weil es ja bewältigen ist, bleiben schwierig. Die Piraten bedrohen (D)
auch bei Ihnen viele gibt, die im Ausschuss vernünftig die Versorgung der hungernden Menschen in Somalia.
mitarbeiten – wirklich der Satz gilt: Ideologie vor Hilfe. Wenn die Lieferungen des Welternährungsprogramms
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) auf dem Seeweg nicht durchkommen, dann geht die
letzte Hoffnung – wirklich die letzte Hoffnung – verlo-
Das fällt mir an jedem Ihrer Beiträge auf. Ich verstehe ren. Insofern ist dies auch ein wichtiger Aspekt des hu-
auch gar nicht, wieso sich Ihre Fraktion nicht einen Ge- manitären Beitrags, der im Zentrum dieser Mission steht.
fallen tut und auf die Beiträge an dieser Stelle einfach
verzichtet. Die Bedrohung durch die Piraten ist nicht gebannt;
die Zahlen sind vorhin schon vorgetragen worden. Es
Zum Kollegen Nouripour möchte ich nur sagen: Ich gibt tatsächlich immer mehr Zwischenfälle, selbst wenn
glaube, der letzte Punkt ist ein ganz wichtiger. Ich glaube die Aufklärungsquote vor allem dank des militärischen
auch, dass sich die Bundesregierung dort zu Recht be- Engagements erhöht werden konnte.
sonders engagiert und dass es in der Afrika-Politik nur
europäisch geht. Einzelmaßnahmen von Deutschland Ich selbst finde auch, dass es richtig war, dass die
oder Willenserklärungen unsererseits dürften hier also Reeder einen Beitrag dazu geleistet haben. Wir haben
nur relativ wenig bringen. Es ist tatsächlich so: Wenn immer darauf gedrungen, dass wir die Aufgabe nicht per
wir über die Ursachen in der Region selber reden, dann se übernehmen wollen. Gerade auch die Problematik der
muss man feststellen: Natürlich muss hier europäisches Beflaggung ist vorhin schon geschildert worden. Ich
Engagement entwickelt werden. Die Vielstimmigkeit finde es richtig, dass der Verband Deutscher Reeder auch
auch früherer Kolonialmächte an dieser Stelle ist gerade eigene Maßnahmen ergriffen hat.
schon angesprochen worden. Dies bedaure ich natürlich
Zum Einsatz von privaten Diensten an dieser Stelle
sehr. Aber ich glaube, dass der Hinweis richtig war:
möchte ich ganz klar sagen, dass wir solche Lösungen
Wenn man das Problem wirklich an der Wurzel packen
grundsätzlich natürlich nicht bevorzugen. Ich finde es
will, ist dort natürlich auch weiterhin Engagement not-
auch richtig, dass wir uns hier im Bundestag darüber
wendig. Wir engagieren uns auch. Denn der Erfolg wird
weitestgehend einig sind. Ich finde es nicht richtig, wie
nur an den Ergebnissen gemessen, und zwar zu Recht.
dies in anderen Ländern gehandhabt wird, dass bei-
Deutschland steht als Mitglied der EU und der westli- spielsweise in den USA – in der Debatte in der nächsten
chen Wertegemeinschaft für grundlegende Werte. Dazu Woche wird sich das zeigen – auch aus Kostengründen
gehört natürlich die Durchsetzung von Rechtsstaatlich- mehr und mehr auf private Sicherheitsdienste zurückge-
keit, von Menschenrechten und des Völkerrechts insge- griffen wird.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 17017
Philipp Mißfelder
(A) Wir haben heute Haushaltsberatungen. Wir leisten Ich eröffne die Aussprache und gebe das Wort dem (C)
uns eine teure Bundeswehr, die gut ausgestattet, aber un- Bundesminister Dr. Guido Westerwelle.
ter schwierigen Bedingungen auch in Einsätze geschickt
wird. Selbst wenn das die teurere Variante ist: Zur (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Durchsetzung unserer Interessen ist das bei weitem die
bessere Variante, als diesen Sektor zu privatisieren und Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister des Aus-
damit auch einer demokratischen Kontrolle zu entzie- wärtigen:
hen. Ich stimme den Vorbehalten ausdrücklich zu. Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und Herren! Kolleginnen und Kollegen! Herr Kollege Nouri-
der SPD) pour, ich möchte zu Ihrem Beitrag von eben noch einen
Nachsatz machen.
Nichtsdestotrotz werden die Reeder dadurch nicht aus
der Verantwortung entlassen, auch selber einen Beitrag Sie haben mich zitiert und gesagt, Sie seien ein biss-
zu leisten und selbst zu überlegen, wie sie für Sicherheit chen empört. Ich bitte, mich dann auch umfassend zu zi-
sorgen können. Dafür gibt es auch technische Möglich- tieren. Ich habe niemandem den Verstand abgesprochen,
keiten, die teilweise auch genutzt werden. Das ist ja auch sondern ich habe gesagt: Wer ein bisschen nachdenkt
der richtige Weg, aber ich glaube, dass wir hier nicht al- und sein Herz bewegt, der wird vor dem Hintergrund der
leine die politische Verantwortung für die Sicherung der Tatsache, dass die 700 000 Tonnen Lebensmittel fast
Seehandelswege übernehmen sollten, sondern dass tat- ausschließlich über den Seeweg zu den Hungernden ge-
sächlich auch ein Beitrag der Reeder selbst notwendig langt sind, zu der Entscheidung kommen müssen – aus
ist. Darum haben wir auch sehr lange und sehr intensiv meiner Sicht jedenfalls –, dass man diesem Mandat zu-
mit den Reedern diskutiert. stimmt.
Meine Damen und Herren, ich bitte auch im Namen Sie werden es mir nachsehen: Als Außenminister
meiner Fraktion, dass wir diesem Mandat in der zweiten – auch schon vorher – bin ich sehr viel unterwegs. Ich
Lesung zustimmen. Ich halte es auf jeden Fall für sinn- sammle sehr viele Spendengelder. Gerade bei solchen
voll, diesen Einsatz fortzuführen. humanitären Katastrophen – das ist mit Abstand eine der
größten, die wir weltweit derzeit kennen – möchte ich
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und bitte im Wei-
denen, die spenden – auch den Bürgerinnen und Bürgern
teren um Unterstützung.
in Deutschland, die spenden –, sagen können: Wir tun al-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) les dafür, dass Ihre Spendengelder in Form von Nah-
rungsmitteln auch wirklich bei den Betroffenen ankom-
(B) Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: men. (D)
Ich schließe die Aussprache. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie
Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
Drucksache 17/7742 an die Ausschüsse vorgeschlagen, GRÜNEN)
die Sie in der Vorlage finden. – Damit sind Sie einver- Ich finde, das muss man einfach sehen.
standen. Dann ist die Überweisung so beschlossen.
Ich rufe Tagesordnungspunkt IV auf: Es bleibt Ihnen aber unbenommen: Nur so habe ich
das gesagt, und ich habe niemandem seine andere Mei-
Beratung des Antrags der Bundesregierung nung abgesprochen. Ich bitte Sie!
Fortsetzung des Einsatzes bewaffneter deut- Wir kommen nun zu einem weiteren Mandat, einem
scher Streitkräfte bei der Unterstützung der schwierigen Mandat; das will ich hier unumwunden
gemeinsamen Reaktion auf terroristische An- auch zum Ausdruck bringen. Unter dem Eindruck der
griffe gegen die USA auf Grundlage des Arti- furchtbaren Terroranschläge des 11. Septembers hat der
kels 51 der Satzung der Vereinten Nationen Deutsche Bundestag im November des Jahres 2001 erst-
und des Artikels 5 des Nordatlantikvertrags malig ein Mandat erteilt, damit sich deutsche Streitkräfte
sowie der Resolutionen 1368 (2001) und 1373 an den Einsätzen zum Schutz gegen den internationalen
(2001) des Sicherheitsrats der Vereinten Natio- Terrorismus beteiligen können.
nen
Seit dem Sommer des Jahres 2010 ist dieses auf die
– Drucksache 17/7743 – Operation Active Endeavour begrenzt. Viele von Ihnen
Überweisungsvorschlag: bewegt die Frage – bei uns, bei Ihnen –, ob dieser Ein-
Auswärtiger Ausschuss (f) satz zehn Jahre nach dem 11. September nicht abge-
Rechtsausschuss
Verteidigungsausschuss schlossen werden kann. Für diesen Abwägungsprozess
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe – das möchte ich hier ausdrücklich sagen – habe ich gro-
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und ßes Verständnis. Auch ich habe mir diesen Abwägungs-
Entwicklung prozess nicht leicht gemacht und die völkerrechtliche
Haushaltsausschuss gemäß § 96 GO
Frage mit unseren Experten und der Völkerrechtsbeauf-
Verabredet ist es, eine halbe Stunde zu debattieren. – tragten nachdrücklich erörtert. Aber ich denke, dass sich
Dazu sehe und höre ich keinen Widerspruch. Dann ist die Bundesregierung bewusst sein muss und bewusst ist,
das so beschlossen. dass der Einsatz im Hause nicht unumstritten ist.
17018 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Bundesminister Dr. Guido Westerwelle


(A) Die Notwendigkeit einer umfassenden Bekämpfung Partnerstaaten. Auch diesen Gesichtspunkt dürfen wir (C)
des internationalen Terrorismus bleibt aber bestehen. Sie nicht ignorieren.
ist weiterhin eine der zentralen Herausforderungen für
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
die internationale Staatengemeinschaft. Das hat erst
kürzlich der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit Die NATO legte bei OAE einen Schwerpunkt auf In-
der Resolution 1989 vom 17. Juni 2011 unzweideutig er- formationsgewinnung und Informationsverarbeitung.
neut zum Ausdruck gebracht. Das ist eine neue Resolu- Alle Beteiligten profitieren durch ein verbessertes Lage-
tion vom Sommer dieses Jahres. bild. Auch das darf nicht ignoriert werden. Wer würde
bestreiten, dass ein solches Lagebild gerade im Süden
Ein wichtiger Bestandteil der gemeinsamen Anstren- unseres Bündnisgebietes und gerade zu diesen Zeiten
gungen der internationalen Gemeinschaft bleibt die Be- notwendiger denn je ist? Schließlich gibt es Entwicklun-
reitstellung entsprechender militärischer Fähigkeiten. gen, die wir noch nicht zu Ende kalkulieren können, ge-
Die NATO-geführte Seeraumüberwachungsoperation rade im Bereich des südlichen Mittelmeeres.
steht für den gemeinsamen Handlungswillen der Staa-
tengemeinschaft gegen die Bedrohung des internationa- Das Mittelmeer ist eine der Hauptadern des interna-
len Terrorismus. Die deutsche Beteiligung an OAE dient tionalen Seeverkehrs. Die Unsicherheiten in der Region
der Unterstützung der gemeinsamen Reaktion der NATO südlich des Mittelmeeres nehmen derzeit leider nicht ab,
auf die terroristischen Angriffe gegen die Vereinigten sondern die Unsicherheiten nehmen zu. Präsenz und
Staaten von Amerika. Das heißt, wir haben bei dem Überwachung vor Ort sind daher weiter erforderlich.
Mandat nicht nur die Geschichte, sondern selbstver- Auch wenn die Anwendung militärischer Gewalt in der
ständlich auch die Bündnisaspekte zu berücksichtigen. Vergangenheit überwiegend nicht zum Tragen gekom-
men ist, was eine gute Nachricht ist, so sieht der Opera-
Erst vor wenigen Wochen hat Präsident Obama einen tionsplan von OAE entsprechende Befugnisse weiter
Brief an den NATO-Generalsekretär Rasmussen ge- vor. Darum ist es richtig, dass der Deutsche Bundestag
schrieben. In diesem Brief bedankt er sich im Namen des über dieses Mandat entscheidet.
amerikanischen Volkes ausdrücklich für die Solidarität,
die die NATO-Partner durch ihre Teilnahme an OAE bis Die NATO-geführte Seeraumüberwachungsoperation
heute zeigen. Auch dieser Aspekt muss mit erwogen ist sinnvoll und notwendig, und zwar aus sicherheitspoli-
werden, wenn man hier zu einer Entscheidung kommen tischen wie aus bündnispolitischen Überlegungen. Das
möchte. sage ich deshalb, weil ich weiß, dass das im Ausschuss
ein Thema ist, und es war natürlich auch im letzten Jahr
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) ein wichtiges Thema. Das wissen Sie, und Sie wissen,
(B) dass das bei uns erwogen und genauestens erörtert wor- (D)
Deutschland ist ein verlässlicher Partner. Wir zeigen den ist. Damit wir die richtige Geschäftsgrundlage unse-
mit unserer Beteiligung an der Operation Solidarität im rer Entscheidung haben, möchte ich es noch einmal für
Bündnis. Ich muss Ihnen das so sagen, weil Sie alle wis- die Bundesregierung gewissermaßen amtlich einführen:
sen, dass wir in diesem Jahr einiges versucht und bewegt Durch Art. 51 der UN-Charta und die Resolutionen 1368
haben. Alle unsere Partner, und zwar ohne Ausnahme, und 1373 sowie entsprechende Folgeresolutionen, von
halten eine Fortsetzung von Active Endeavour für erfor- denen ich eine bereits genannt habe, ist die Operation
derlich. Ich bitte Sie, dies bei Ihrer Abwägungsentschei- völkerrechtlich eindeutig legitimiert. Das klarzustellen,
dung mit zur Kenntnis zu nehmen. sind wir auch den Soldatinnen und Soldaten der Bundes-
wehr schuldig, die an dieser Mission mitwirken und de-
Gemeinsam mit unseren Bündnispartnern aber über- nen wir aufrichtig danken und unsere Anerkennung zum
prüft die Bundesregierung, ob und wie die Operation Ausdruck bringen möchten.
Active Endeavour mittelfristig in ständige NATO-Ope-
rationen integriert werden kann. Ich habe bereits mehr- Ich bitte daher den Bundestag, dem Mandat zuzustim-
fach meine Sympathie für diese Richtung zum Ausdruck men.
gebracht, beim letzten Mal auch hier. Ich muss aber hin- (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
zufügen: Wir können das nicht alleine tun. Es gibt Fort-
schritte. Die werden Sie anerkennen. Wir brauchen den
Konsens in der NATO. Um den zu erreichen, müssen wir Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
auch mit der notwendigen Umsicht vorgehen. Ullrich Meßmer hat jetzt das Wort für die SPD-Frak-
tion.
Das neue Strategische Konzept der NATO definiert
kollektive Verteidigung und kooperative Sicherheit als (Beifall bei der SPD)
Kernaufgaben des Bündnisses. Beide Kernaufgaben
werden bei OAE miteinander verbunden. Die Operation Ullrich Meßmer (SPD):
dient der kollektiven Verteidigung gemäß Art. 5 des Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Herr
NATO-Vertrages; auf diesen völkerrechtlichen Zusam- Außenminister, schon Ihre Begründung zeigt, dass das,
menhang weise ich noch einmal hin. Darüber hinaus ver- was Sie am Schluss zum Thema Sicherheit gesagt haben,
folgt sie den Ansatz der kooperativen Sicherheit. Meh- nämlich dass das Mandat völkerrechtlich abgesichert ist,
rere Partnerstaaten der NATO beteiligen sich an OAE, so offensichtlich nicht zutrifft. Ich würde mir das wün-
etwa Russland, die Ukraine und Marokko. Damit dient schen, was wir vor einem Jahr angeboten haben, nämlich
die Operation auch der Vertrauensbildung zwischen den in der Ausschussberatung darüber zu reden, wie man ein
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 17019
Ullrich Meßmer
(A) Mandat formuliert, das nicht zu einer völkerrechtlichen gen jeden Tag, zum Beispiel mit unseren Entscheidun- (C)
Diskussion führt, das wir dann vielleicht im Deutschen gen zu UNIFIL und zu ISAF, deutlich, dass wir bünd-
Bundestag gemeinsam zustande bekommen. nistreu sind. Aber – das sage ich in Richtung der
Regierung – wenn wir im Mittelmeer hätten etwas mehr
Auch wir haben ein Interesse daran, dass die neue Präsenz zeigen und Bündnistreue beweisen wollen, dann
NATO-Strategie greift. Das will ich alles gar nicht be- hätten wir das im Zusammenhang mit der Entscheidung
streiten. Aber wir reden über ein Mandat, das, wie ich zu Libyen tun können. Dann hätten wir jetzt eine andere
finde, eine Geschichte hat, die ursprünglich dadurch ent- Situation, über die wir sprechen könnten.
standen ist, dass auch im Mittelmeerraum eine aktive
Bekämpfung des Terrorismus stattfinden sollte. Wir re- Wir stimmen dem Antrag in der derzeitigen Fassung
den über ein Mandat, das gemeinsam mit einer anderen nicht zu, weil wir ihn nicht für zustimmungsfähig halten.
Operation, der Operation Enduring Freedom, entstanden Wir sind der Meinung, dass es sicherlich richtig und
und hier schon mehrfach gemeinsam verlängert worden sinnvoll ist, weiterhin den Terrorismus zu bekämpfen
ist. und eine vernetzte Sicherheit herzustellen. Das sollte
aber nicht auf dieser Rechtsgrundlage geschehen; wir
Man hätte an dieser Stelle, wenn man sich Mitte 2010 sollten vielmehr darüber reden, wie ein solches Mandat
den wie so oft, auch von uns, vorgetragenen Argumen- aussehen kann. Dafür werden wir sicherlich passende
ten, aus dem Mandat auszusteigen, gebeugt hätte oder Gesprächspartner sein.
sie eingesehen hätte, auch dieses Mandat, über das wir
jetzt reden, neu definieren und andere Begründungszu- Es treibt uns schon die Sorge um, dass man nicht
sammenhänge herstellen müssen. weiß, wann ein Bündnisfall, der vielleicht demnächst
wieder eintritt, eigentlich beendet ist. Wir müssen drin-
Lassen Sie mich zwei Punkte nennen, die ich zum gend klären, wann ein Bündnisfall, der einmal eingetre-
Teil als widersprüchlich empfinde. Ich weiß, dass mir ten ist, beendet ist. Wir sind der Meinung, dass es sinn-
gleich wieder erklärt wird, was in den Resolutionen voll wäre, dann das Gespräch weiterhin zu suchen. Es
steht. Aber ich denke, eine Mission, die ausschließlich wäre auch gut, wenn es uns gelingen würde, gemeinsam
auf Präsenz und Informationsgewinnung ausgelegt ist, ein tragfähiges, der aktuellen Lage entsprechendes Man-
verdient es nicht mehr, dass noch ein Kampfauftrag für dat zu formulieren. Aber ich habe den Eindruck, dass
die Soldaten formuliert wird. Fast alles, auch die ge- diese Chance möglicherweise erneut vertan wird, es sei
samte Begründung zu diesem Antrag, spricht davon, denn, wir finden in den nächsten Beratungen eine For-
dass man Präsenz zeigen, überwachen und helfen will. mulierung. Nachdem ich aber schon im letzten Jahr der
Aber nirgendwo, auch in der Begründung nicht, steht ein Debatte gefolgt bin, habe ich die Befürchtung, dass wir
direkter Kampfauftrag. Am Ende steht ein Satz, Herr auch in einem Jahr wieder an derselben Stelle stehen
(B) Staatssekretär, in dem darauf hingewiesen wird, dass werden. (D)
dies möglich werden könnte. Grundlage für den Einsatz
war aber nicht, dass irgendetwas möglich werden Ich möchte noch einmal deutlich sagen: Die Beobach-
könnte, sondern, wie der Außenminister zu Recht fest- tung, die Überwachung und das Sammeln von Informati-
stellte, der Anschlag im September 2001. Die Grundlage onen im Mittelmeerraum sind etwas anderes als das Be-
war, dass ein Bündnisfall gegenüber einem Partnerland kämpfen. Bündnissolidarität steht für uns zweifelsohne
der NATO festgestellt wurde und dass damit alle ver- ganz oben an, aber sie hat – das ist unsere Position –
pflichtet sind, entsprechend zu helfen. Jetzt, nach zehn nichts mit dem Ursprung und der Grundlage dieses Man-
Jahren, stellt sich die Frage, wie weit wir von dem dats zu tun. Deshalb werden wir voraussichtlich, je nach-
Thema weg sind oder ob man beliebig oft neue Begrün- dem wie die Beratungen ausgehen, diesem Mandat un-
dungen finden kann. Ich denke, damit müssen wir lang- sere Zustimmung nicht erteilen können.
sam Schluss machen. Wir müssen sagen, was wir wol- Herzlichen Dank.
len, statt uns nur auf eine einmal getroffene Begründung
zu berufen. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Ich will dazu auch deutlich sagen – die Frage wird
sich stellen, auch wenn es jetzt nicht unser Thema ist –:
Wir wissen seit 2001, wie man einen Bündnisfall fest- Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
stellt. Aber wir haben keine Regeln und Wege, wie man Thomas Kossendey hat jetzt das Wort für die Bundes-
aus dem Bündnisfall herauskommt. Ich hätte mir ge- regierung.
wünscht, Herr Westerwelle, dass Sie etwas dazu gesagt (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
hätten, welche Aktivitäten die Bundesregierung inner-
halb der NATO ergriffen hat, um auch diese Fragen zu
Thomas Kossendey, Parl. Staatssekretär beim Bun-
klären, damit wir im Parlament darüber informiert sind.
desminister der Verteidigung:
Bei uns überwiegen die Bedenken. Wir halten das Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Mandat in der Form, in der es beantragt wird, für über- Die Operation Active Endeavour ist ein deutlich sichtba-
holt. Wir möchten festhalten, dass wir keine aktuelle res Zeichen unserer Bündnissolidarität, insbesondere
Terrorgefahr oder terroristische Aktivitäten im Mittel- – auch das gilt noch nach zehn Jahren – gegenüber den
meerraum sehen. Wenn wir sagen, dass wir diese Gefah- Vereinigten Staaten. Sie ist die einzige Artikel-5-Opera-
ren nicht sehen, so wollen wir uns nicht dem Vorwurf tion der NATO, und sie dient der Abschreckung terroris-
aussetzen, bündnisuntreu zu werden. Ich glaube, wir zei- tischer Aktivitäten im Mittelmeerraum. Falls erforder-
17020 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Parl. Staatssekretär Thomas Kossendey


(A) lich – deswegen bitten wir Sie um Zustimmung zu aus ein deutliches Signal dafür, dass wir damit auch für (C)
diesem Mandat –, kann das auch bedeuten, dass diese Länder jenseits der NATO Sicherheit schaffen. Ich nenne
Aktivitäten terroristischer Art aktiv bekämpft werden zum Beispiel Marokko als beteiligtes Land.
müssen.
Wir haben uns im letzten Jahr beteiligt und werden
Kollege Meßmer hat angedeutet, er sehe im Augen- uns im nächsten Jahr beteiligen mit zwei Fregatten und
blick keine Gefahr im Mittelmeerraum. Lieber Kollege einem U-Boot. Nach dem Ende der Operation Unified
Meßmer, wenn Sie sich vor Augen führen, dass sich der Protector beteiligen sich deutsche Soldatinnen und Sol-
nordafrikanische Raum von Ost bis West im Augenblick daten auch wieder im Rahmen des Einsatzes der
in einem fundamentalen Umbruch befindet und diese AWACS-Aufklärungsflugzeuge. Die Integration von Fre-
Länder selber im Mittelmeerraum nicht für Sicherheit gatten auf dem Weg zu weiter entfernten Einsatz- und
sorgen können, dann müsste sich eigentlich bei Ihnen ein Übungsgebieten im Rahmen der Operation Active En-
anderes Bild einstellen. deavour hat sich bewährt und ist letztendlich ein sinnvol-
ler Umgang mit unseren knappen Ressourcen. Auch das
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) sollten wir hier genügend respektieren.
Für uns und für alle, die bei der Operation Active En- Wir werden also, was das Mandat angeht, den bisheri-
deavour mitmachen, sendet diese Aktion ein ganz wich- gen vernünftigen, völkerrechtlich eindeutig legitimierten
tiges Signal der Entschlossenheit. Das wird auch durch Ansatz konsequent fortführen. Das künftige Mandat ist
die Resolution der Vereinten Nationen sehr deutlich, von im Wesentlichen unverändert, beinhaltet allerdings auch
der Außenminister Westerwelle gesprochen hat. Es sollte Anpassungen an die Lage. Kollege Meßmer, wenn Sie
für uns ein Anlass zum Nachdenken sein, dass alle sich den Punkt „4. Auftrag“ einmal genau anschauen,
Bündnispartner in der NATO das genauso sehen. Wir werden Sie feststellen, dass wir im ersten und letzten
werden unsere Politik deshalb weiterhin an dieser Linie Absatz durchaus Änderungen vorgenommen haben, die
ausrichten. Wir werden den Bedrohungen des Weltfrie- sinnvoll sind und schon deutlich darauf hinweisen, in
dens und der internationalen Sicherheit durch terroristi- welche Richtung dieses Mandat weiterentwickelt wer-
sche Aktivitäten im Einklang mit der Charta der Verein- den soll, damit wir es eines Tages in eine ständige
ten Nationen Einhalt gebieten, und zwar im Wesent- NATO-Operation überführen können.
lichen nach wie vor präventiv. Darum geht es ja bei Active
Endeavour. Die Beteiligung an der Operation Active Endeavour
unterstreicht unsere Bündnisfähigkeit. Die Operation hat
Diese Operation stützt sich auf das Maritime Kom- nichts von ihrer Bedeutung verloren. Wir tun unseren
mando der NATO in Neapel. Deutsche Soldaten sind an Soldaten, die auf Schiffen und in Flugzeugen Dienst tun,
(B) diesem Kommando beteiligt. Die Operation Active En- einen Gefallen, wenn wir die Diskussion hier sachlich (D)
deavour wirkt allein schon durch die maritime Präsenz und sachgerecht führen und am Ende mit möglichst brei-
im Mittelmeer und durch die Überwachung. Ich glaube, ter Mehrheit zustimmen.
dass die Lagebilderstellung und die Kontrolle des See-
verkehrs ein ganz wichtiger Beitrag sind, wenn wir Ter- Herzlichen Dank.
ror präventiv bekämpfen wollen. Natürlich darf dabei, (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
um abschreckend zu wirken, das exekutive Element
nicht fehlen. Deswegen bleibt es ein integraler Bestand-
teil unseres Mandats. Aufklärung und Abschreckung Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
sind das erste Ziel, ohne dass deswegen militärische Ak- Paul Schäfer hat jetzt das Wort für die Fraktion Die
tivitäten auszuschließen sind. Linke.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- (Beifall bei der LINKEN)
neten der FDP)
Paul Schäfer (Köln) (DIE LINKE):
Wer schon einmal in Neapel zu Gast war, dem steht die
Fortentwicklung dieses Mandats geradezu direkt vor Au- Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Alle
gen. Jahre wieder: Zehn Jahre nach den Terroranschlägen von
New York und Washington sollen für die Antiterrormis-
Diese Operation wird zu einer netzwerkbasierten See- sion Active Endeavour 700 Soldatinnen und Soldaten
raumüberwachung fortentwickelt. Das wollen wir dann der Bundeswehr im Mittelmeer eingesetzt werden kön-
im Rahmen einer ständigen NATO-Mission weiterfüh- nen. Der Einsatz von Gewalt ist gestattet – wozu, bleibt
ren. Ich glaube, darüber gibt es im Bündnis Konsens. mehr als unklar. Ursprünglich sollten Al-Qaida-Terroris-
Was wir allerdings brauchen, ist eine sehr präzise Ausar- ten Rückzugsmöglichkeiten versperrt werden und sollten
beitung dieser Seeraumüberwachung. Was noch notwen- Terroranschläge auf strategisch wichtige Transport-
diger ist: Wir brauchen die technischen Möglichkeiten schiffe unterbunden werden. Ernsthafte Belege, dass
dafür. Das wird in diesem und im nächsten Jahr so man mit dieser Mission tatsächliche Bedrohungen und
schnell nicht zu schaffen sein. Deswegen bitte ich Sie Gefahren abgewendet hat oder abwenden könnte, gibt es
auch heute wieder, diesem Mandat zuzustimmen. keine.
Für Sie sollte auch ein Anlass zum Nachdenken sein, (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
dass Russland und die Ukraine an dieser Aufgabe, an der neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE
Operation Active Endeavour, mitwirken. Das ist durch- GRÜNEN)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 17021
Paul Schäfer (Köln)
(A) An der Antiterrormission Enduring Freedom beteiligt Solidarität gewesen, und natürlich gelte diese Solidarität (C)
sich die Bundesrepublik Deutschland aus guten Gründen über den Tag hinaus. So gesehen stellt sich in der Tat die
nicht mehr. Warum also sollten wir der Beteiligung an Frage nach der Aufhebung des Bündnisfalles ebenso we-
der Operation Active Endeavour zustimmen? nig wie nach der Beendigung von Active Endeavour.
Dann kann man diese militärischen Aktionen endlos
Zu welchen gedanklichen Verrenkungen und Verbie- weiterlaufen lassen und sie je nach Bedarf umfunktionie-
gungen die Bundesregierung greifen muss, um dieses ren. Genau das passiert hier. Dass damit de facto Kon-
Mandat zu begründen, zeigt der vorliegende Antrag: Der troll- und Mitentscheidungsrechte des Parlaments ad ab-
Terrorangriff von New York dauere quasi bis heute an, surdum geführt werden, ist Ihnen offensichtlich ent-
da es ja immer wieder Anschläge gegeben habe. Ent- gangen.
schuldigung, aber wie man mit den Marineeinheiten im
Mittelmeer die Anschläge in London, Madrid oder (Philipp Mißfelder [CDU/CSU]: Was machen
Detroit hätte vereiteln können, das bleibt wirklich das wir denn hier? Wir beraten doch!)
exklusive Geheimnis dieser Bundesregierung. Die Perspektive wird nicht deutlich, sondern diffus
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten formuliert. Man wird über die Bedrohung, gegen die sich
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) der Einsatz richtet, im Unklaren gelassen. Das Ziel des
Marineeinsatzes ist so umfassend und unspezifisch, dass
Noch einmal: Es gibt keine militärische Bedrohung, alles und jedes einbezogen werden kann. Die Risiken,
gegen die sich der Marineeinsatz richten könnte. Die sich in andere Einsätze zu verstricken, deuten Sie nur an;
NATO sagt doch selbst, dass es bei Active Endeavour im Sie benennen sie aber nicht klar. Daher ist die Notwen-
Kern um etwas anderes geht: Ihr primäres Interesse gilt digkeit einer deutschen Beteiligung an einer solchen Mi-
der Etablierung eines umfassenden Systems der See- litärmission mitnichten gegeben. Wir können zu diesem
raumüberwachung. Militäreinsatz nur Nein sagen.
(Beifall bei der LINKEN) Danke.
Staatsminister Hoyer hat schon im letzten Jahr von ei- (Beifall bei der LINKEN)
nem innovativen Zentrum und einem Sicherheitsnetz-
werk gesprochen. Das klingt harmlos, ist aber alles an- Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
dere als harmlos. Es geht um eine machtpolitische Katja Keul hat jetzt das Wort für Bündnis 90/Die Grü-
Demonstration, um Machtausübung und um eine Anma- nen.
ßung: Ohne Mandat der UNO, ohne Zustimmung der
Anrainerstaaten will die NATO im gesamten Mittel-
(B) meerraum quasi dauerhaft polizeiliche Aufsichts- und Katja Keul (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): (D)
Kontrollfunktionen ausüben. Man verspricht sich davon Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und
Vorteile wie die umfassende Kontrolle des Seehandels. Kollegen! Herr Außenminister, Sie legen uns ein Mandat
Man will sich damit auch neue Optionen auf schnelle für einen bewaffneten Einsatz von bis zu 700 Soldaten
militärische Reaktionen auf unliebsame politische Ent- vor, um im Mittelmeer einen terroristischen Angriff auf
wicklungen in den Anrainerstaaten erschließen. die Bündnispartner abzuwehren. Als völkerrechtliche
Grundlage für diesen Einsatz verweisen Sie auf das indi-
Beim Libyen-Einsatz der NATO hat Active Endea- viduelle und kollektive Selbstverteidigungsrecht gegen
vour nur in den Anfangstagen eine kleine Rolle gespielt. die terroristischen Angriffe auf die USA vom 11. Sep-
Das kann sich aber beim nächsten Anlass ändern. Im tember 2001. Dieser Angriff, so heißt es im Mandat,
Antrag der Bundesregierung deutet man zumindest an, dauere bis heute an.
dass aus der passiven Überwachung großer Räume auch
offensive militärische Handlungen werden können. In Ich will hier keine juristischen Ausführungen zur De-
Ihrem Antrag ist von der „Unterstützung spezifischer finition und zur Unmittelbarkeit eines Angriffs oder zur
Operationen der NATO … in Reaktion auf mögliche ter- Definition und zum Umfang des Selbstverteidigungs-
roristische Aktivitäten im Mittelmeer“ die Rede. Das ist rechts machen. Aber zu behaupten, die terroristischen
ein weites Feld. Damit lässt sich vieles rechtfertigen, Angriffe auf die USA im Jahr 2001 dauerten bis heute an
ohne dass dieses Parlament es kontrollieren kann. Und und man dürfe deshalb überall auf der Welt für unbe-
einem solchen Mandat sollen wir zustimmen? Niemals! grenzte Zeit bewaffnete Einsätze ohne Mandat des Si-
cherheitsrates auf den Weg bringen, das haben wir Ihnen
(Beifall bei der LINKEN) schon bei OEF nicht durchgehen lassen, und das machen
wir auch bei Active Endeavour nicht mit.
Es scheint überhaupt gängige Praxis zu werden,
gestützt auf Art. 5 des NATO-Vertrages allgemeine Er- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
mächtigungen für Militäreinsätze aller Art zu erteilen. sowie bei Abgeordneten der SPD)
Beim jüngsten Besuch des Verteidigungsausschusses in
Diesem Einsatz fehlt es an einer völkerrechtlichen
Brüssel haben wir auch mit dem damaligen Direktor des
Legitimation, was allein schon Grund genug wäre, das
Militärausschusses, Herrn Di Paola, gesprochen. – Ja, er
Mandat abzulehnen. Es gibt aber noch mehr gute
ist der neue Verteidigungsminister Italiens. Auf meine
Gründe.
Frage, wann denn die atlantische Allianz den Bündnis-
fall aufzuheben gedenke, hat er sich völlig erstaunt ge- Der Einsatz der Bundeswehr im Mittelmeer steht we-
zeigt und gesagt, das sei doch ein symbolischer Akt der der in einem zeitlichen noch in einem geografischen
17022 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Katja Keul
(A) noch in einem inhaltlichen Zusammenhang mit dem An- Einsatz ebenso zu beenden, wie Sie auch OEF beendet (C)
schlag auf das World Trade Center. Der Auftrag lautet: haben.
aktive Bekämpfung möglicher terroristischer Aktivitäten
Sie haben übrigens schon wieder vergessen, die Man-
im Mittelmeer. Was Sie hier seit zehn Jahren für möglich
datsobergrenze angemessen herabzusetzen. Im letzten
halten, hat es bislang allerdings nicht gegeben.
Jahr schwankte die Zahl der Soldatinnen und Soldaten
Herr Kossendey, wenn Sie an dieser Stelle auf Nord- im Einsatz zwischen 0 und 430. Wieso beantragen Sie
afrika und die Demokratiebewegung verweisen, finde trotz Beendigung von OEF nach wie vor unvermindert
ich das eigentlich mehr als bedenklich. Brauchen wir ei- 700 Soldatinnen und Soldaten?
nen bewaffneten Einsatz, um die Demokratiebewegung
Im Mandatstext berufen Sie sich auf die anhaltende
zu überwachen? Das kann doch wohl nicht sein.
Bedrohung des Weltfriedens. Sie können sicher sein,
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – dass uns Grünen der Weltfrieden ganz besonders am
Philipp Mißfelder [CDU/CSU]: Ach, Frau Herzen liegt.
Keul!)
(Ingo Gädechens [CDU/CSU]: Der Welt-
Durch den Einsatz, so heißt es weiter, werde – angeb- frieden, jawohl!)
lich – ein Beitrag zur maritimen Sicherheit geleistet.
Um den Weltfrieden zu schützen, brauchen Sie aber an-
Nun wissen wir alle, dass wir in der Tat ein massives
dere, politische Lösungen. Mit einem zeitlich und geo-
Problem mit der maritimen Sicherheit am Horn von Af-
grafisch unbegrenzten Antiterrorkrieg wird Ihnen das
rika haben. Deshalb befürwortet meine Fraktion ganz
nicht gelingen, auch nicht mit U-Booten im Mittelmeer.
überwiegend den Atalanta-Einsatz der Marine zur Pira-
tenbekämpfung. Vielen Dank.
(Ingo Gädechens [CDU/CSU]: Sehr schön!) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
Von Piraten im Mittelmeer war allerdings bislang noch
KEN)
nie die Rede, zumal es auch erstaunlich wäre, Piraten
ausgerechnet mit einem U-Boot bekämpfen zu wollen.
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
(Zuruf von der CDU/CSU: Geht auch!) Philipp Mißfelder hat das Wort für die CDU/CSU-
Obwohl seit Beginn des Einsatzes keine Terroristen Fraktion.
im Mittelmeer gefunden wurden, sieht der Operations- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
plan nach wie vor die Anwendung militärischer Gewalt
(B) zur Erfüllung des Auftrages vor. Wozu soll das gut sein? (D)
Um Lagebilder zu gewinnen oder auszutauschen, braucht Philipp Mißfelder (CDU/CSU):
es keinen bewaffneten Einsatz. Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Kolleginnen
und Kollegen! Mit dem Hinweis auf den Weltfrieden ha-
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN) ben Sie viel Zustimmung aus unseren Reihen ausgelöst.
Als letzter Spiegelstrich steht bei den Aufgaben – Zitat –: (Beifall des Abg. Burkhardt Müller-Sönksen
Unterstützung spezifischer Operationen der NATO [FDP])
oder weiterer Partner in Reaktion auf mögliche ter- Es schadet aber auch nicht, sich mit der Sache noch ein-
roristische Aktivitäten im Mittelmeer. mal zu beschäftigen; denn das, was Sie zum Thema Ter-
Was für spezifische Operationen sollen das sein? rorismusbekämpfung gesagt haben, trifft nicht ganz zu.
Wenn Sie von uns ernsthaft eine Zustimmung erwarten, Natürlich, wenn man im Bündnis zu einer gemeinsa-
dann müssen Sie sich schon etwas genauer ausdrücken. men Einschätzung kommt, ist das zeitlich nicht unbe-
Ich habe den Mandatstext immer wieder gelesen, auf grenzt; darüber brauchen wir hier gar nicht zu diskutie-
der Suche nach dem tieferen Sinn dieses Antiterrorein- ren. Wir nehmen eine Mandatierung vor. Wir erneuern
satzes, und habe schließlich in der Begründung tatsäch- ein Mandat. Es ist ja nicht so, dass wir das ohne Parla-
lich noch etwas gefunden. Dort heißt es nämlich – Zitat –: mentsbeteiligung oder am Parlament vorbei tun. Wir dis-
kutieren das Ganze zu einer für parlamentarische Ver-
Operation Active Endeavour bietet somit einen An- hältnisse späten Stunde. Die Erneuerung dieses Mandats
satzpunkt zur Implementierung der aktuellen Mari- geschieht hier absolut transparent. Wir tauschen hier
timen Strategie der NATO … sachliche Argumente aus. Die Beurteilung im Bündnis
selber ist nun einmal eine andere als die, die Sie gerade
Das ist die einzig schlüssige Begründung, die der Text
enthält. Aber leider ist sie nicht geeignet, einen bewaff- vorgenommen haben, auch indem Sie versucht haben, zu
neten Einsatz zu legitimieren. persiflieren, etwa durch den Hinweis auf die U-Boote.
Wenn man den internationalen Terror als Bedrohung
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
ernst nimmt, dann muss man tatsächlich bereit sein, sich
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
KEN) auf bestimmte Szenarien einzulassen. Die NATO ist be-
reit, sich darauf einzulassen und sich mit diesen Fragen
Ich denke, es ist an der Zeit, dass Sie sich gegenüber den zu beschäftigen. Gerade vor dem Hintergrund der Um-
Bündnispartnern endlich offen dafür einsetzen, diesen brüche in der arabischen Welt ist überhaupt nicht auszu-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 17023
Philipp Mißfelder
(A) schließen, dass der Ansporn für Terroristen an manchen Das Phänomen des internationalen Terrorismus ist welt- (C)
Stellen zunehmen wird. Darauf reagiert die NATO adä- weit nicht gebannt. Wenn Sie hier sagen, im Mittelmeer
quat und maßvoll, wie ich finde. Deshalb steht dieses sei noch nichts passiert, möchte ich darauf hinweisen,
Mandat zu Recht vor der Verlängerung. dass die Präsenz der NATO, auch wenn es sich nur um
eine geringe Präsenz handelt, vielleicht ein Grund dafür
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
ist, dass die Terroristen bei ihrer Einschätzung der Lage
Dieses Mandat ist völkerrechtlich legitimiert; daran zu dem Ergebnis kommen, dass es sich nicht lohnt, dort
gibt es überhaupt keinen Zweifel. Ich möchte auch an aktiv zu werden oder Terroristenlinien aufzubauen. Die
dieser Stelle den Soldatinnen und Soldaten danken. Die Terroristen wissen, dass die NATO an dieser Stelle ro-
Obergrenze ist bewusst gewählt: 349 Frauen und Män- bust durchgreifen könnte.
ner sind aktuell für Active Endeavour im Einsatz. Für
den Fall, dass ein Schiff durch das Einsatzgebiet fährt Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
– der Kollege Hardt hat das hier schon vor zwölf Mona- Möchten Sie eine Zwischenfrage von Frau Keul zu-
ten sehr plastisch geschildert –, gibt es unterschiedliche lassen?
rechtliche Bewertungen, welche Reaktion darauf von
diesem Mandat gedeckt ist. Die Mandatsobergrenze ist
also bewusst so hoch gesetzt worden, um nämlich recht- Philipp Mißfelder (CDU/CSU):
lichen Problemen aus dem Weg zu gehen. Das ist hier Ja, selbstverständlich.
schon im vergangenen Jahr deutlich gemacht worden.
Damals gab es darüber einen Streit zwischen dem Kolle- Katja Keul (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
gen Hardt und dem Kollegen Nouripour. Dennoch wollte Vielen Dank, dass Sie um diese Uhrzeit noch Zwi-
ich das an dieser Stelle gerne noch einmal aufgreifen und schenfragen zulassen. – Herr Kollege Mißfelder, wenn
Ihnen erklären; denn es schadet ja nicht, festzustellen: Anschläge in New York, Madrid oder sonst wo auf der
Was vor einem Jahr richtig war, ist nach wie vor gültig. Welt die bewaffnete Präsenz der NATO im Mittelmeer
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) erfordern, heißt das dann in der logischen Konsequenz,
dass diese Präsenz überall auf der Welt erforderlich ist?
Es gibt für uns drei Gründe, das Mandat fortzusetzen: Wo sind die Grenzen des Einsatzes, wenn ein Anschlag
Der erste Grund ist die Sicherheit. in New York einen bewaffneten Einsatz im Mittelmeer
rechtfertigt? Wo sehen Sie die Grenzen für eine solche
Zweitens ist die Fortsetzung notwendig, um im Mit- Reaktion?
telmeerraum präsent zu sein, gerade weil wir in der La-
(B) geeinschätzung dazu kommen, dass wir nicht davon aus- Philipp Mißfelder (CDU/CSU): (D)
gehen können, dass die Sicherheit auf den Seewegen
Das kann ich Ihnen erklären. Die Einschätzung der
automatisch gegeben ist.
Lage liegt dem zugrunde. Darüber wird innerhalb der
Der dritte Grund – das ist ein wichtiges Argument, NATO natürlich diskutiert.
und wir haben es auch an anderer Stelle schon häufig be-
Zu Ihrer Erinnerung: Die Anschläge, mit denen wir
müht – ist die Bündnissolidarität. Das ist kein Selbst-
am 11. September 2001 konfrontiert worden sind, sind
zweck. Aber dort, wo es maßvoll und geboten ist und wo
nicht in einem Vorort von New York konzipiert worden,
der Einsatz und die Kosten des Einsatzes in einem über-
sondern sie sind in Hamburg, in Pakistan, in Afghanistan
schaubaren Verhältnis stehen, ist es richtig, den Wün-
und an ganz anderen Orten, von denen wir zum Teil gar
schen der NATO-Partner nachzukommen, selbst wenn
nichts wissen, konzipiert worden. Wenn man weiß, dass
Sie persönlich hier zu einem anderen Urteil kommen.
irgendwo eine terroristische Bedrohung vorhanden sein
Wir sollten eine solche Frage nicht allein entscheiden. Es
könnte – die Einschätzung der Lage im Mittelmeerraum
ist eine Frage der Teilhabe am Bündnis. Vor diesem Hin-
ist in der NATO weitestgehend unumstritten –,
tergrund werbe ich dafür, dass wir als Deutscher Bun-
destag eine solche Mission nicht einseitig für beendet (Agnes Malczak [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
erklären, wie Ihre Fraktionen es leider getan haben. Viel- NEN]: Aber wie ist die Lage? Das kann man
mehr müssen wir unserer Verantwortung im Bündnis ge- doch mal konkretisieren!)
recht werden. Bündnissolidarität bedeutet für uns eben
auch, in Abstimmung mit den NATO-Partnern zu ge- schadet es nicht, Präsenz zu zeigen und auch robust auf-
meinsamen Ergebnissen zu kommen und sie im Deut- zutreten.
schen Bundestag gemeinsam zu vertreten. Ich möchte die Frage einmal andersherum beantwor-
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und ten. Sie müssen sich eines vor Augen führen: Sollte es
der FDP) tatsächlich hier in Deutschland oder anderswo in Europa
zu einem Anschlag kommen und dabei jemand nach-
Zur Erinnerung möchte ich sagen: Die Terrorgefahr weislich über den Seeweg nach Europa gekommen sein,
ist überhaupt nicht gebannt. In den vergangenen zehn sollten terroristische Gruppierungen beispielsweise See-
Jahren hat es fast jedes Jahr erhebliche Terrorbedrohun- handelswege im Mittelmeer einschränken und dort einen
gen gegeben, ob durch die Sauerland-Bomber, die Atten- Anschlag vornehmen können, nur weil wir damit nicht
tate in Madrid, den vereitelten Anschlag am Detroiter gerechnet haben, dann – das sage ich Ihnen ganz klar –
Flughafen oder den sogenannten Times-Square-Bomber. bin ich nicht bereit, mich vor dem Hintergrund der heuti-
17024 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011

Philipp Mißfelder
(A) gen Debatte hier hinzustellen und zu sagen: Meine Da- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – (C)
men und Herren, wir haben es nicht gewusst; dieses Sze- Dr. Rainer Stinner [FDP]: Sehr weise Ent-
nario war überhaupt nicht denkbar. In Wirklichkeit scheidung!)
handelt es sich nämlich um ein durchaus denkbares Sze-
nario. Auch wenn es bisher nicht eingetreten ist, ist man Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
im Bündnis zu der Einschätzung gekommen, dass es ein- Ich schließe die Aussprache.
treten kann. Deswegen werden wir unserer Bündnisver-
pflichtung an dieser Stelle gerecht werden. Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf
Drucksache 17/7743 an die Ausschüsse vorgeschlagen,
die Sie in der Tagesordnung finden. – Damit sind Sie
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: einverstanden. Dann ist das so beschlossen.
Möchten Sie auch noch die Zwischenfrage von Herrn
Nouripour zulassen? Damit sind wir am Schluss der heutigen Tagesord-
nung. Genießen Sie den restlichen Abend und die ge-
wonnenen Einsichten.
Philipp Mißfelder (CDU/CSU):
Nein. Ich möchte jetzt meinen Beitrag beenden und Ich berufe die nächste Sitzung des Deutschen Bun-
zum Schluss einfach um die Zustimmung zu diesem destages auf morgen, Donnerstag, den 24. November
Mandat bitten, wenn wir hier darüber abstimmen wer- 2011, 9 Uhr, ein.
den. Die Sitzung ist geschlossen.
Herzlichen Dank. (Schluss: 19.51 Uhr)

(B) (D)
Anlagen

Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 142. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 23. November 2011 17025

(A) Anlage zum Stenografischen Bericht (C)

Liste der entschuldigten Abgeordneten

entschuldigt bis entschuldigt bis


Abgeordnete(r) einschließlich Abgeordnete(r) einschließlich

Burkert, Martin SPD 23.11.2011 Schlecht, Michael DIE LINKE 23.11.2011

Dağdelen, Sevim DIE LINKE 23.11.2011 Schmidt (Fürth), CDU/CSU 23.11.2011


Christian
Glos, Michael CDU/CSU 23.11.2011
Schnurr, Christoph FDP 23.11.2011
Granold, Ute CDU/CSU 23.11.2011
Schreiner, Ottmar SPD 23.11.2011
Groth, Annette DIE LINKE 23.11.2011*
Seiler, Till BÜNDNIS 90/ 23.11.2011
Hoff, Elke FDP 23.11.2011 DIE GRÜNEN
Höger, Inge DIE LINKE 23.11.2011 Dr. Strengmann-Kuhn, BÜNDNIS 90/ 23.11.2011
Wolfgang DIE GRÜNEN
Dr. Koschorrek, Rolf CDU/CSU 23.11.2011
Ulrich, Alexander DIE LINKE 23.11.2011
Kotting-Uhl, Sylvia BÜNDNIS 90/ 23.11.2011
DIE GRÜNEN Vaatz, Arnold CDU/CSU 23.11.2011
Kurth (Quedlinburg), BÜNDNIS 90/ 23.11.2011 Werner, Katrin DIE LINKE 23.11.2011*
Undine DIE GRÜNEN
Wolff (Wolmirstedt), SPD 23.11.2011
Liebich, Stefan DIE LINKE 23.11.2011 Waltraud
(B) Nahles, Andrea SPD 23.11.2011 (D)
* für die Teilnahme an Sitzungen der Parlamentarischen Versamm-
Roth (Heringen), SPD 23.11.2011 lung des Europarates
Michael
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co., Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft mbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-7980

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