Deutscher Bundestag: Stenografischer Bericht 93. Sitzung
Deutscher Bundestag: Stenografischer Bericht 93. Sitzung
Deutscher Bundestag
Stenografischer Bericht
93. Sitzung
Inhalt:
Wahl des Abgeordneten Bernd Siebert als Volker Beck (Köln) (BÜNDNIS 90/
stellvertretendes Mitglied in der Parlamenta- DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10437 A
rischen Versammlung des Europarates und Paul Schäfer (Köln) (DIE LINKE) . . . . . . . . 10437 C
in der Versammlung der Westeuropäischen
Union . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10421 B Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10438 C
Wahl des Abgeordneten Jörn Wunderlich als
Mitglied im Beirat bei der Bundesbeauf- Jürgen Hardt (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 10439 C
tragten für die Unterlagen des Staats-
sicherheitsdienstes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10421 B Agnes Malczak (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10440 A
Erweiterung und Abwicklung der Tagesord-
nung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10421 B Dr. Reinhard Brandl (CDU/CSU) . . . . . . . . . 10441 A
– zu dem Antrag der Abgeordneten b) Erste Beratung des von der Bundesregie-
Dr. Martina Bunge, Dr. Gregor Gysi, rung eingebrachten Entwurfs eines Geset-
Dr. Dietmar Bartsch, weiterer Abgeordne- zes zu dem Abkommen vom 1. Juli 2010
ter und der Fraktion DIE LINKE: Wert- zwischen der Bundesrepublik Deutsch-
neutralität im Rentenrecht auch für land und den Vereinigten Arabischen
Personen mit bestimmten Funktionen Emiraten zur Vermeidung der Doppel-
in der DDR besteuerung und der Steuerverkürzung
auf dem Gebiet der Steuern vom Ein-
– zu dem Antrag der Abgeordneten kommen
Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn, Fritz
(Drucksache 17/4806) . . . . . . . . . . . . . . . 10465 A
Kuhn, Stephan Kühn, weiterer Abgeord-
neter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE c) Erste Beratung des von der Bundesregie-
GRÜNEN: Verbesserung der Versor- rung eingebrachten Entwurfs eines Geset-
gung der im Beitrittsgebiet vor dem zes zur Beschleunigung der Zahlung
1. Januar 1992 Geschiedenen von Entschädigungsleistungen bei der
(Drucksachen 17/1631, 17/3871, 17/3872, Anrechnung des Lastenausgleichs und
17/3873, 17/3874, 17/3875, 17/3876, 17/3877, zur Änderung des Aufbauhilfefondsge-
17/3878, 17/3879, 17/3880, 17/3881, 17/3882, setzes (ZEALG)
17/3883, 17/3884, 17/3885, 17/3886, 17/3887, (Drucksache 17/4807) . . . . . . . . . . . . . . . 10465 A
17/3888, 17/4195, 17/4769) . . . . . . . . . . . . . . 10442 B
d) Erste Beratung des von der Bundesregie-
Eckhardt Rehberg (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 10443 D rung eingebrachten Entwurfs eines Geset-
Silvia Schmidt (Eisleben) (SPD) . . . . . . . . . . 10445 A zes zu dem Abkommen vom 20. August
2009 zwischen der Bundesrepublik
Dr. Heinrich L. Kolb (FDP) . . . . . . . . . . . . . . 10447 A Deutschland und der Schweizerischen
Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 10448 D Eidgenossenschaft über die Wehrpflicht
der Doppelstaater/Doppelbürger
Anton Schaaf (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10449 D (Drucksache 17/4810) . . . . . . . . . . . . . . . 10465 B
Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn
(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . 10452 A e) Antrag der Fraktionen CDU/CSU und
FDP: Einvernehmensherstellung von
Peter Weiß (Emmendingen) Bundestag und Bundesregierung zur
(CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10453 A Ergänzung von Art. 136 des Vertrages
über die Arbeitsweise der Europäischen
Ottmar Schreiner (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 10454 D
Union (AEUV) hinsichtlich der Einrich-
Dr. Martina Bunge (DIE LINKE) . . . . . . . 10455 A tung eines Europäischen Stabilitätsme-
chanismus (ESM)
Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE) . . . . . . . . . 10456 C
hier: Stellungnahme des Deutschen
Pascal Kober (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10458 A
Bundestages nach Art. 23 Abs. 3
Monika Lazar (BÜNDNIS 90/ des Grundgesetzes i. V. m. § 10 des
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10459 C Gesetzes über die Zusammenar-
beit von Bundesregierung und
Max Straubinger (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 10460 C Deutschem Bundestag in Angele-
Frank Heinrich (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 10461 C genheiten der Europäische Union
(Drucksache 17/4880) . . . . . . . . . . . . . . . 10465 B
Maria Michalk (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 10463 A
f) Antrag der Abgeordneten Steffen
Bockhahn, Dr. Dietmar Bartsch, Herbert
Namentliche Abstimmungen . . . . . . . . . . . . . 10464 A Behrens, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion DIE LINKE: Keine weiteren
Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10471 C Einlagerungen ins Zwischenlager Nord
(Lubmin)
(Drucksache 17/4848) . . . . . . . . . . . . . . . 10465 C
Tagesordnungspunkt 33:
a) Erste Beratung des von den Fraktionen Zusatztagesordnungspunkt 2:
CDU/CSU und FDP eingebrachten Ent-
wurfs eines Zehnten Gesetzes zur Ände- a) Antrag der Abgeordneten Tom Koenigs,
rung des Bundes-Immissionsschutzge- Renate Künast, Claudia Roth (Augsburg),
setzes – Privilegierung des von weiterer Abgeordneter und der Fraktion
Kindertageseinrichtungen und Kinder- BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Berichte
spielplätzen ausgehenden Kinderlärms zur NS-Vergangenheit des Bundes-
(Drucksache 17/4836) . . . . . . . . . . . . . . . . 10464 D ministeriums für Ernährung, Land-
IV Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
Dr. Ralf Brauksiepe, Parl. Staatssekretär Katja Kipping (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 10524 C
BMAS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10500 C
Ekin Deligöz (BÜNDNIS 90/
Hubertus Heil (Peine) (SPD) . . . . . . . . . . . . . 10502 A DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10525 D
Dr. Heinrich L. Kolb (FDP) . . . . . . . . . . . . . . 10503 D Dr. Kristina Schröder, Bundesministerin
BMFSFJ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10527 C
Sigmar Gabriel (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . 10504 B
Karin Roth (Esslingen) (SPD) . . . . . . . . . . . . 10529 B
Hubertus Heil (Peine) (SPD) . . . . . . . . . . . 10505 B
Nicole Bracht-Bendt (FDP) . . . . . . . . . . . . . . 10530 C
Jutta Krellmann (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 10506 C
Dagmar Ziegler (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10531 C
Beate Müller-Gemmeke (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10507 D Ingrid Fischbach (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 10532 C
Karl Schiewerling (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 10509 B Nadine Schön (St. Wendel) (CDU/CSU) . . . . 10534 A
Dr. Heinrich L. Kolb (FDP) . . . . . . . . . . . . 10512 C Zweite und dritte Beratung des von den Abge-
ordneten Bettina Herlitzius, Friedrich
Johannes Vogel (Lüdenscheid) (FDP) . . . . . . 10513 A Ostendorff, Undine Kurth (Quedlinburg),
weiteren Abgeordneten und der Fraktion
Ulrich Lange (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 10514 D
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN eingebrachten
Hubertus Heil (Peine) (SPD) . . . . . . . . . . . 10515 C Entwurfs eines Ersten Gesetzes zur Ände-
rung des Baugesetzbuchs – Beschränkung
Jutta Krellmann (DIE LINKE) . . . . . . . . . 10516 B der Massentierhaltung im Außenbereich
Gitta Connemann (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 10516 D (Drucksachen 17/1582, 17/4724) . . . . . . . . . . 10535 B
Beate Müller-Gemmeke (BÜNDNIS 90/ Peter Götz (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . 10535 C
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10517 D Hans-Joachim Hacker (SPD) . . . . . . . . . . . . . 10537 B
Katja Kipping (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 10518 D Petra Müller (Aachen) (FDP) . . . . . . . . . . . . . 10539 C
Alexander Süßmair (DIE LINKE) . . . . . . . . . 10540 D
Tagesordnungspunkt 8: Friedrich Ostendorff (BÜNDNIS 90/
a) Antrag der Abgeordneten Dorothee Bär, DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10542 A
Markus Grübel, Nadine Schön, weiterer Dr. Max Lehmer (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 10543 B
Abgeordneter und der Fraktion der CDU/
CSU sowie der Abgeordneten Miriam Hans-Michael Goldmann (FDP) . . . . . . . . . . 10544 D
Gruß, Nicole Bracht-Bendt, Sibylle
Laurischk, weiterer Abgeordneter und der Namentliche Abstimmung . . . . . . . . . . . . . . . 10545 D
Fraktion der FDP: 100 Jahre Internatio-
naler Frauentag
(Drucksache 17/4860) . . . . . . . . . . . . . . . . 10520 B Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10548 C
Tagesordnungspunkt 19:
Tagesordnungspunkt 22:
Zweite und dritte Beratung des von der Bun-
desregierung eingebrachten Entwurfs eines Antrag der Abgeordneten Dr. Ilja Seifert,
Zweiten Gesetzes zur erbrechtlichen Dr. Dietmar Bartsch, Herbert Behrens, weite-
Gleichstellung nichtehelicher Kinder rer Abgeordneter und der Fraktion DIE
(Drucksachen 17/3305, 17/4776) . . . . . . . . . . 10603 B LINKE: Mitgliedschaft in der International
Organisation of Social Tourism
Ute Granold (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . 10603 C (Drucksache 17/4844) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10620 A
Sonja Steffen (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10604 D Marlene Mortler (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 10620 A
Stephan Thomae (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . 10605 C Ingbert Liebing (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 10621 B
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011 IX
Anlage 8
Anlage 3
Endgültiges Ergebnis der namentlichen Ab-
Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten stimmung über den Antrag der Abgeordneten
Iris Gleicke, Daniela Kolbe (Leipzig), Dr. Martina Bunge, Dr. Gregor Gysi,
Steffen-Claudio Lemme, Andrea Wicklein, Dr. Dietmar Bartsch, weiterer Abgeordneter
Sonja Steffen, Burkhard Lischka, Angelika und der Fraktion DIE LINKE: Gerechte Ver-
Krüger-Leißner, Silvia Schmidt (Eisleben), sorgungslösung für Ballettmitglieder in der
Mechthild Rawert, Dr. Marlies Volkmer, DDR (Tagesordnungspunkt 5) . . . . . . . . . . . . 10664 A
Wolfgang Gunkel, Waltraud Wolff (Wol-
mirstedt), Rüdiger Veit, Dr. h. c. Wolfgang
Thierse und Dagmar Ziegler (alle SPD) zur Anlage 9
namentlichen Abstimmung über die 19 An-
träge der Fraktion Die Linke zu Korrekturen Endgültiges Ergebnis der namentlichen Ab-
bei der Überleitung der Alterssicherungen der stimmung über den Antrag der Abgeordneten
DDR in das bundesdeutsche Recht (Tagesord- Dr. Martina Bunge, Dr. Gregor Gysi,
nungspunkt 5) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10654 D Dr. Dietmar Bartsch, weiterer Abgeordneter
und der Fraktion DIE LINKE: Regelung der
Ansprüche der Bergleute der Braunkohlenver-
edelung (Tagesordnungspunkt 5) . . . . . . . . . . 10666 B
Anlage 4
Erklärung nach § 31 GO des Abgeordneten
Rolf Schwanitz (SPD) zur namentlichen Ab- Anlage 10
stimmung über die 19 Anträge der Fraktion
Endgültiges Ergebnis der namentlichen Ab-
Die Linke zu Korrekturen bei der Überleitung stimmung über den Antrag der Abgeordneten
der Alterssicherungen der DDR in das bun- Dr. Martina Bunge, Dr. Gregor Gysi,
desdeutsche Recht sowie über die Beschluss- Dr. Dietmar Bartsch, weiterer Abgeordneter
empfehlung zu dem Antrag der Fraktion und der Fraktion DIE LINKE: Beseitigung
Bündnis 90/Die Grünen: Verbesserung der von Rentennachteilen für Zeiten der Pflege
Versorgung der im Beitrittsgebiet vor dem von Angehörigen in der DDR (Tagesord-
1. Januar 1992 Geschiedenen (Tagesord- nungspunkt 5) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10669 A
nungspunkt 5) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10655 D
Anlage 11
Anlage 5
Endgültiges Ergebnis der namentlichen Ab-
Endgültiges Ergebnis der namentlichen Ab- stimmung über den Antrag der Abgeordneten
stimmung über den Antrag der Abgeordneten Dr. Martina Bunge, Dr. Gregor Gysi,
Dr. Martina Bunge, Dr. Gregor Gysi, Klaus Dr. Dietmar Bartsch, weiterer Abgeordneter
Ernst, weiterer Abgeordneter und der Fraktion und der Fraktion DIE LINKE: Rentenrechtli-
DIE LINKE: Korrektur der Überleitung von che Lösung für Land- und Forstwirte, Hand-
DDR-Alterssicherungen in bundesdeutsches werkerinnen und Handwerker, andere
Recht (Tagesordnungspunkt 5) . . . . . . . . . . . . 10656 A Selbstständige sowie deren mithelfende Fami-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011 XI
Anlage 21
Anlage 16
Endgültiges Ergebnis der namentlichen Ab-
Endgültiges Ergebnis der namentlichen Ab- stimmung über den Antrag der Abgeordneten
stimmung über den Antrag der Abgeordneten Dr. Martina Bunge, Dr. Gregor Gysi,
Dr. Martina Bunge, Dr. Gregor Gysi, Dr. Dietmar Bartsch, weiterer Abgeordneter
Dr. Dietmar Bartsch, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE: Angemessene
und der Fraktion DIE LINKE: Vertrauens- Altersversorgung für Angehörige von Bun-
schutz für Versorgungsberechtigte der DDR deswehr, Zoll und Polizei, die mit DDR-Be-
mit einem Ruhestandsbeginn bis zum 30. Juni schäftigungszeiten nach 1990 ihre Tätigkeit
1995 schaffen (Tagesordnungspunkt 5) . . . . . 10684 A fortgesetzt haben (Tagesordnungspunkt 5) . . 10697 A
XII Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
(A) (C)
Redetext
93. Sitzung
(B) ZP 6 Beratung des Antrags der Abgeordneten Uwe Änderung des Vormundschaftsrechts und wei- (D)
Beckmeyer, Sören Bartol, Martin Burkert, weite- tere familienrechtliche Maßnahmen
rer Abgeordneter und der Fraktion der SPD sowie
– Drucksache 17/2411 –
der Abgeordneten Dr. Anton Hofreiter, Winfried
Hermann, Stephan Kühn, weiterer Abgeordneter Überweisungsvorschlag:
Rechtsausschuss (f)
und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Innenausschuss
Konsequenzen aus dem Zugunglück von Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Hordorf ziehen Der am 10. Februar 2011 überwiesene nachfolgende
– Drucksache 17/4854 – Antrag soll zusätzlich dem Auswärtigen Ausschuss
(3. Ausschuss) zur Mitberatung überwiesen werden:
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (f) Beratung des Antrags der Abgeordneten Frank
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Tempel, Sevim Dağdelen, Heike Hänsel, weiterer
Verbraucherschutz Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE zu
Haushaltsausschuss der Mitteilung der Kommission an das Europäi-
Von der Frist für den Beginn der Beratungen soll, so- sche Parlament und den Rat
weit erforderlich, abgewichen werden. Auf dem Weg zu einer verstärkten europäi-
Der Tagesordnungspunkt 28 – dabei handelt es sich schen Katastrophenabwehr: die Rolle von Ka-
um das Schwarzgeldbekämpfungsgesetz – wird heute tastrophenschutz und humanitärer Hilfe
abgesetzt. (KOM[2010] 600 endg.; Ratsdok. 15614/10)
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- hier: Stellungnahme gegenüber der Bundes-
NEN]: Schwarz-Gelb?) regierung gemäß Art. 23 Abs. 2 des
Grundgesetzes i. V. m. § 9 des Gesetzes
– Schwarzgeldbekämpfungsgesetz, Herr Kollege Trittin. über die Zusammenarbeit von Bundesre-
(Heiterkeit) gierung und Deutschem Bundestag in An-
gelegenheiten der Europäischen Union
Ich finde es beruhigend, dass sich offenkundig niemand
ernsthaft durch die Ankündigung einer solchen Gesetz- – Drucksache 17/4672 –
gebungsabsicht irritiert fühlt. Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)
(Heiterkeit) Auswärtiger Ausschuss
10424 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
Gerade haben Sie selbst, Herr Verteidigungsminister, (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
Ihr Maßnahmenpaket zitiert. Ich lese einmal ein biss- des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
chen daraus vor, weil das deutlich macht, dass das alles Ihre sogenannte Bundeswehrreform entfaltet bei den (D)
(B) Floskeln sind. Ich zitiere eine schöne Formulierung zu
jungen Männern und Frauen in Deutschland gerade eine
einem Punkt, den Sie selber gerade angesprochen haben: enorme Signalwirkung. Das kann man wohl sagen. Wir
„Die bisherigen Mannschaftslaufbahnen sind mit dem lesen, dass von 166 000 Briefen der Kreiswehrersatzäm-
Ziel der Erhöhung der Attraktivität neu zu gestalten.“ – ter an junge Frauen und Männer nur ganze 7 000 mit In-
Aber dann ist Schluss. Dazu, wie das geschehen soll, teressenbekundungen zurückkamen, also nur knapp
steht nichts in Ihrem Maßnahmenpaket. Es finden sich 4 Prozent. Das ist die Signalwirkung, die von Ihnen aus-
nur wolkige Formulierungen, aber nichts Konkretes. Im geht, und zwar nicht deshalb, weil die Bundeswehr ein
Hinblick auf tatsächlich vorhandene gute Vorschläge wie schlechter Arbeitgeber wäre, sondern weil die jungen
die von Ihnen eben angesprochene Vereinbarkeit von Fa- Männer und Frauen auf jede konkrete Frage, wie ihr frei-
milie und Beruf muss Ihr Staatssekretär sofort zugeben, williger Dienst in der Bundeswehr denn aussehen soll,
dass dies alles unter dem Finanzierungsvorbehalt des Fi- keine konkrete Antwort bekommen. Sie haben ein Chaos
nanzministers steht. Das ist Camouflage. Sie haben Ihren organisiert, wenn Sie so weitermachen.
Job nicht gemacht. Sie haben nicht gesagt, was man
schaffen muss, wenn man die Bundeswehrreform zu ei- (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
nem Erfolg machen will. Das ist unser Vorwurf. des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten Noch einmal: In fünf Wochen soll der Nachwuchs der
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) Bundeswehr allein aus Freiwilligen gewonnen werden.
Wir bekommen ein hohles Gesetz ohne jeden Reali- Diese Eile haben Sie sich übrigens selbst auferlegt. Das
tätsbezug. Der Verteidigungsminister kann keine Ant- Kabinett hat beschlossen, dass erst zum 1. Juli 2011 um-
wort auf die Frage nach der künftigen Struktur der Bun- gestellt werden soll. Sie aber sagen: Nein, es muss schon
deswehr oder nach den Standorten geben. Er kann keine zum 1. April 2011 geschehen.
Antwort auf die Fragen zur Nachwuchsgewinnung der (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Armee und schon gar keine zum Finanzierungskonzept NEN]: Macht doch eine Anzeige in der Bild-
geben. Auf jede Frage bleibt der Verteidigungsminister Zeitung!)
die Antwort schuldig – und das, obwohl die Reform am
1. April 2011 starten soll. Es geht immer nach dem alten Motto: Schnell, schnei-
dig, schick!
Im Weise-Bericht heißt es: „Gefordert sind schnelle
Entscheidungen …“ Wir fragen uns, Herr Minister, was (Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Sie in den letzten knapp fünf Monaten seit Vorlage des NEN]: Schick?)
10428 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
Sigmar Gabriel
(A) Aber es geht nicht um ein Wettrennen, Herr Verteidi- schichte des Parlaments ein amtierender Minister mehr- (C)
gungsminister. Es geht um unsere Soldatinnen und Sol- fach von Abgeordneten Lügner, Hochstapler und
daten und um die Leistungsstärke und Funktionsfähig- Betrüger genannt wurde.
keit der Armee. Wir können Sie nur auffordern:
(Paul Lehrieder [CDU/CSU]: Thierse!
Verschieben Sie die Reform so lange, bis Sie wirklich
Vizepräsident!)
wissen, wohin Sie wollen und wie Sie das machen wol-
len. – Nein, Frau Göring-Eckardt war gestern die Präsiden-
tin.
(Beifall bei der SPD)
(Volker Kauder [CDU/CSU]: Sie rügen also
Sie müssen erst die Voraussetzungen für die Reform
die Präsidentin!)
schaffen und dann handeln und nicht umgekehrt. Wenn
Sie weiter im Blindflug unterwegs sind, ist die Reform Es gab keine große Aufregung bei Ihnen und keinen
schon gescheitert, bevor sie überhaupt begonnen hat. Ordnungsruf. Frau Bundeskanzlerin, was glauben Sie
wohl, warum das so war? Weil jeder hier im Haus
Das größte Kapital bei dieser wirklich großen Reform
wusste, dass das Tatsachenbehauptungen sind.
ist doch das Vertrauen der Menschen, auch der Soldatin-
nen und Soldaten, in die politische Führung. Genau die- (Dr. Hans-Peter Friedrich [Hof] [CDU/CSU]:
ses für die Reform wichtige Vertrauen verspielen Sie ge- Eine Unverschämtheit! Unerhört!)
rade. Hinter der glitzernden Fassade aus großen Worten
Das ist doch das Problem. Jeder weiß, dass wir es mit ei-
und schillernden Begriffen von der größten Reform aller
nem politischen Hochstapler zu tun haben.
Zeiten befindet sich bei Ihnen nur der unbedingte Wille
zur Ankündigung, Herr Minister, mehr nicht. Es ist nicht (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE
das erste Mal, dass wir merken, dass Schein und Sein bei GRÜNEN – Zuruf von der CDU/CSU)
Ihnen ziemlich unterschiedlich sind.
– Ich habe kein Problem damit, wenn wir das einmal
Weil es um das Vertrauen geht, Frau Bundeskanzlerin, problematisieren würden. Vielleicht stellt auch jemand
möchte ich Sie ganz persönlich ansprechen. Ich achte Strafantrag. Das wäre interessant.
Sie nicht nur wegen Ihres Amtes, Frau Kanzlerin. Ich
achte Sie auch, weil wir uns in der Großen Koalition Frau Bundeskanzlerin, stellen Sie sich doch nur für
kennengelernt haben. eine Sekunde vor, die Zeitungsberichte über das Verhal-
ten des Verteidigungsministers, die Sie gelesen haben,
(Lachen bei Abgeordneten der CDU/CSU und enthielten nicht den Namen zu Guttenberg, sondern die
der FDP) Namen Trittin, Lafontaine oder Gabriel. Stellen Sie sich
(B) doch nur einmal vor, was Sie gesagt und gedacht hätten, (D)
– Sie müssen nicht lachen. Ich meine das ganz ernsthaft.
wenn das nicht Herr zu Guttenberg gewesen wäre. Dann
(Elke Hoff [FDP]: Lächeln darf man noch!) wissen Sie, wie weit wir hier inzwischen weg sind von
Recht und Gesetz, was für alle gelten soll. Dann wissen
– Wenn Sie lächeln, wenn ich Sie lobe, verzeihe ich Ih-
Sie das.
nen das. Ich habe die Absicht, das zu tun.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
(Heiterkeit und Beifall bei der SPD sowie bei
DIE GRÜNEN)
Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN) Ehre, Pflichtgefühl, Recht und Anstand, das sind Be-
griffe, die gerade für den Inhaber der Befehls- und Kom-
Ich habe Sie als jemanden kennengelernt, der, na klar,
mandogewalt über die Bundeswehr von großer Bedeu-
machtbewusst ist. Das ist keine Frage. Aber ich habe Sie
tung sein müssen. Nichts davon findet sich im Handeln
nie als machtvergessen und auch nie als machtversessen
Ihres Ministers. Frau Bundeskanzlerin, was soll Ihre
erlebt. Ich habe mir das immer damit erklärt, dass Ihre
seltsame Bemerkung, Sie hätten einen Minister und kei-
Biografie Sie für demokratische Herausforderungen sen-
nen wissenschaftlichen Mitarbeiter berufen? Spielt ei-
sibel gemacht hat. Gerade weil ich Sie so kennengelernt
gentlich – das frage ich Sie – der Charakter eines Men-
habe, bitte ich Sie um eines: Muten Sie uns und der Bun-
schen bei der Berufung in Ihr Kabinett für Sie keine
deswehr, sich und unserem Land dieses unwürdige
Rolle mehr?
Schauspiel, das wir seit Wochen mit Ihrem Verteidi-
gungsminister erleben, nicht länger zu. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Ich weiß nicht, ob Sie, Frau Bundeskanzlerin, die De-
batte im Bundestag gestern verfolgt haben. Wenn Sie das Ich sage Ihnen: Es ist eine Zumutung für jeden Abge-
gemacht haben, dann ist Ihnen vielleicht eines aufgefal- ordneten im Saal, dass wir hier von einem Regierungs-
len. mitglied für dumm verkauft werden sollen.
(Dr. Reinhard Brandl [CDU/CSU]: Sie waren (Christine Buchholz [DIE LINKE]: Das gibt
nicht da!) es schon länger! – Weiterer Zuruf von der
CDU/CSU)
– Ich habe sie mir angeschaut und war erstaunt über das,
was hier passiert ist. – Es gab keinen Ordnungsruf des – Für dumm verkauft? Sagen Sie einmal: Glauben Sie
Präsidenten, nicht einmal Tumulte oder allzu laute Pro- wirklich daran, dass jemand aus Versehen 270 von
teste auf Ihrer Seite, als hier zum ersten Mal in der Ge- 400 Seiten abschreiben kann? Was ist das denn für eine
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011 10429
Sigmar Gabriel
(A) seltsame Ausrede? So etwas habe ich überhaupt noch Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, (C)
nicht gehört. Aus Versehen?
meine Frau und ich haben sechs Kinder im Alter
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ zwischen 14 und 29 Jahren. Wir haben als Eltern
DIE GRÜNEN) versucht, unseren Kindern sog. christliche Werte
und solche der bürgerlichen Aufklärung zu vermit-
Ich sage Ihnen: Für jeden von uns, der fair arbeitet, teln. Hierzu gehören u. a. das Bemühen um Wahr-
der etwas von Leistung, von Anstand hält, für jeden Ab- haftigkeit und der Respekt vor dem Eigentum ande-
geordneten ist es eine Zumutung, dass wir uns auf dieses rer – ohne Ansehung der Person!
intellektuelle und moralische Niveau herabbegeben müs- Er schreibt weiter:
sen. Das ist die Zumutung, die hier im Parlament gerade
stattfindet. Einer Ihrer Minister hat nachweislich in höchst gra-
vierendem Umfang gelogen, betrogen und gestoh-
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten len. Sie wissen das. Alle wissen das.
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Trotzdem ziehen Sie aus machttaktischen Erwägun-
Frau Bundeskanzlerin, es geht nicht mehr um Herrn gen nicht die einzig zulässige Schlussfolgerung: die
zu Guttenberg, es geht inzwischen um ganz prinzipielle Entlassung dieses Herrn aus Ihrem Kabinett.
Fragen von Rechtsstaat und Demokratie. Rücktritte in Die weltweite Finanzkrise, deren Folgen allseits zu
unserer parlamentarischen Demokratie waren ein Zei- besichtigen sind, wurde von Schrott-Immobilien
chen der Stärke. Sie haben gezeigt, dass das Parlament und einem Übermaß an Gier nach Geld ausgelöst.
und die demokratischen Institutionen zur Korrektur fä- Die Legitimationskrise des bürgerlichen Lagers
hig sind, dass sie Fehlverhalten am Ende nicht durchge- schwelt schon lange und wurde jetzt in dem von Ih-
hen lassen und ohne Ansehen der Person und des Amtes nen regierten Land durch eine Schrott-Dissertation
handeln. Das hat die Demokratie gestärkt. und ein Übermaß an Macht- und Geltungsgier akut.
Sie machen das Gegenteil. Sie und Ihr Minister sind Bitte verraten Sie mir und meiner Frau, wie wir bei
in der letzten Woche eine politische Schicksalsgemein- einer solchen Sachlage unseren Kindern noch Ver-
schaft eingegangen. Sie haben die demokratische Achse trauen in die Verfassungswirklichkeit des von Ihnen
unserer parlamentarischen Demokratie verschoben, und regierten Landes vermitteln sollen. Bitte verraten
Sie haben einen Berufungsfall für künftige Parlamente Sie uns, wie wir unsere Kinder dazu motivieren sol-
und Regierungen geschaffen. Denn eines ist klar: Ein len, auf ehrliche Weise einen Beruf zu erlernen und
(B) Verteidigungsminister, der eigene Regeln für sich bean- auszuüben. (D)
sprucht, die sich außerhalb des Werte- und Rechtssys- Bitte überdenken Sie noch einmal Ihre Entschei-
tems der Bundesrepublik Deutschland bewegen, der dung. Es kann, es darf nicht das letzte Wort in die-
höhlt dieses Rechts- und Wertesystem scheibchenweise ser Sache gesprochen sein!
aus, weil er sich über Recht, Gesetz und Regeln setzt. Er
offenbart eine Haltung, die ihre Wurzeln in der Stände- Dem ist nichts hinzuzufügen.
gesellschaft, aber keinen Platz in einem demokratischen (Anhaltender Beifall bei der SPD – Beifall
Land hat. beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) Präsident Dr. Norbert Lammert:
Elke Hoff ist die nächste Rednerin für die FDP-Frak-
Frau Kanzlerin, es geht nicht mehr darum, ob Ihr Ver- tion.
teidigungsminister die Kraft und das Format hat, Konse-
quenzen zu ziehen, sondern es geht darum, ob Sie als (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Regierungschefin noch bereit sind, Schaden von unse-
rem Land und seinen Institutionen abzuwenden. Elke Hoff (FDP):
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen!
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ Liebe Kollegen! Meine sehr geehrten Damen und Her-
DIE GRÜNEN – Zurufe von der CDU/CSU ren! Herr Kollege Gabriel, Sie haben eben dem Bundes-
und der FDP: Oh!) minister der Verteidigung bzw. der Bundesregierung
vorgeworfen, sie verspiele das Vertrauen der Soldaten.
Ich bedaure es, aber ich bin mir sicher, dass Sie sich sel-
ber in Zukunft hier im Deutschen Bundestag noch an (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
diese Tat erinnern werden. Ich bedaure, dass Sie – ge- NEN]: So ist es!)
nauso wie wir – noch erleben werden, welche Konse- Glauben Sie wirklich, dass Sie mit dem Beitrag, den Sie
quenzen das hat. hier gerade geleistet haben, Wesentliches dazu beige-
steuert haben, dass unsere Bürgerinnen und Bürger das
Ich lese Ihnen zum Schluss vor, was jemand geschrie-
Vertrauen zurückgewinnen? Ich glaube, nicht.
ben hat, der mit Sicherheit zu Ihrer Wählerschaft gehört
und nicht zu der der Sozialdemokraten. Dr. Christoph (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Lo-
Berglar hat an Sie geschrieben: thar Binding [Heidelberg] [SPD]: Wieso? Was
10430 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
Elke Hoff
(A) er gesagt hat, ist doch nur die Wahrheit gewe- (Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: (C)
sen! – Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE Immer? – Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Das sollten Sie machen, Frau GRÜNEN]: Ach ja?)
Hoff! Sie haben ja schon eine ganz rote Nase
vor lauter Lügen! Das ist doch Ihre Aufgabe! – sage ich Ihnen: Das tun wir heute. Wir schaffen heute die
Gegenruf des Abg. Volker Kauder [CDU/ Voraussetzungen dafür, dass die neuen sicherheitspoliti-
CSU]: Jetzt ist es aber wirklich genug, Frau schen Herausforderungen in der Welt bewältigt werden
Künast! Sie können die Kollegin doch nicht können.
als Lügnerin bezeichnen!) (Zurufe von der SPD)
Ich möchte mich an dieser Stelle, auch im Namen – Hören Sie doch einfach einmal zu!
meiner Fraktion, von den Beschuldigungen, die gestern
in diesem Hause erhoben und von der Bundestagsvize- Ich bin ganz bei der Bundeskanzlerin, wenn sie sagt,
präsidentin nicht gerügt wurden – es hieß, der Bundes- dass solide Haushalte eine wesentliche Grundlage für die
minister der Verteidigung sei ein Hochstapler –, aus- Sicherheit von Staaten sind.
drücklich distanzieren. Das ist nicht der Stil der (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Auseinandersetzung, der in diesem Hause gepflegt wer- Was sagen Sie denn zu Libyen?)
den sollte.
Das kann man auch in anderen Staaten feststellen. Nicht
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Wi- umsonst haben unsere amerikanischen Verbündeten in
derspruch bei der SPD) ihrer nationalen Sicherheitsstrategie festgestellt, dass die
Solidität von Haushalten ein entscheidender Parameter
Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir beraten für die Sicherheit ist.
heute in erster Lesung das Wehrrechtsänderungsgesetz.
Ich bedaure sehr, dass dieses wichtige Thema, eine his- (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
torische Zäsur in der Geschichte der Bundeswehr, heute NEN]: Dann schauen Sie sich mal den US-
wieder benutzt wird, um zu versuchen, Menschen, die Haushalt an!)
sich gestern auch hier im Parlament sehr klar und deut-
lich zu ihren Fehlern bekannt haben, zu diskreditieren. Wir müssen jetzt gemeinsam versuchen, diesen Anforde-
rungen gerecht zu werden.
(Widerspruch bei der SPD und der LINKEN)
Es ist kein Fehler, wenn wir auch vom Bundesminis-
– Wissen Sie: Lautstärke alleine ersetzt die Argumente ter der Verteidigung Einsparungen verlangen.
(B) nicht. (Agnes Malczak [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: (D)
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Ach! Die hat er ja gar nicht geliefert!)
Ich darf darauf zurückkommen: Wir reden heute über Die Fragen lauten: Auf welchem Wege und auf welcher
das Wehrrechtsänderungsgesetz. Wir müssen für die Zu- Zeitachse? Wir als FDP-Fraktion haben uns immer sehr
kunft der Bundeswehr junge Männer und Frauen davon deutlich dazu positioniert und gesagt: Ja, wir möchten
überzeugen, dass der Bundestag hinter ihnen steht, dass die Einsparungsziele erreichen, aber in einem anderen
wir im Hinblick auf die Streitkräfte eine Freiwilligenkul- Zeitrahmen als dem, den sich Teile der Bundesregierung
tur befürworten. vorstellen. Das ist legitim, darüber müssen wir diskutie-
ren, und wir werden auch zu einem Ergebnis kommen.
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Meine Damen und Herren, es ist eben sehr deutlich
NEN]: Nein! Hinter dem stehen wir nicht! Das
dargestellt worden, dass uns letztendlich bestimmte äu-
kann ich Ihnen garantieren! – Gegenruf des
ßere Rahmenbedingungen zu der Entscheidung, die wir
Abg. Volker Kauder [CDU/CSU]: Das brau-
heute im Plenum treffen, geführt haben. Die demografi-
chen Sie auch nicht! Auf Sie kommt es näm-
sche Entwicklung macht es schwerer, die Wehrpflicht so
lich gar nicht an! – Gegenruf des Abg. Jürgen
zu organisieren, wie es sich der Verfassungsgeber da-
Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aha!
mals vorgestellt hat. Wir haben eine neue sicherheitspo-
Dann ist es ja okay!)
litische Lage, die Streitkräfte erfordert, die kleiner sind,
Lassen Sie mich an dieser Stelle etwas Positives sa- die schmaler sind, die flexibler sind.
gen. Der Kollege Dr. Bartels hat gestern im Verteidi- Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen: Das ist
gungsausschuss einen sehr bedenkenswerten und diskus- keine Herausforderung, der sich die Bundesrepublik al-
sionswürdigen Vorschlag gemacht. Er hat gesagt: Wir als leine stellen muss. Das ist eine Herausforderung, die alle
Parlament sollten uns über die Parteigrenzen hinweg zur Staaten betrifft. Wenn Sie sich die Situation in Deutsch-
Freiwilligenkultur in diesem Lande bekennen. lands Nachbarstaaten und jenseits des Atlantiks an-
(Zuruf von der SPD: Ja! Das tun wir doch auch!) schauen, stellen Sie fest: Die Streitkräfte unterliegen
zurzeit überall einer Neubewertung, einer Neubeurtei-
Wir sollten eine Debatte darüber führen, wie wir die lung. Wir müssen einen Spagat schaffen: zwischen einer
Freiwilligenkultur stärken können. Da die SPD-Fraktion finanziellen Konsolidierung und einer vernünftigen und
immer Befürworter einer Aussetzung der Wehrpflicht auch belastbaren Sicherheitspolitik und Landesverteidi-
gewesen ist, gung. Dem versuchen wir Rechnung zu tragen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011 10431
Elke Hoff
(A) Ich denke, es ist hier im Hause auch Konsens, dass Präsident Dr. Norbert Lammert: (C)
wir junge Männer und Frauen zukünftig nur dann für den Ich erteile das Wort der Kollegin Christine Buchholz
Dienst in den Streitkräften gewinnen können, wenn er für die Fraktion Die Linke.
attraktiv ist. Meines Erachtens kommen zu den Punkten,
die der Minister eben sehr richtig dargestellt hat, weitere (Beifall bei der LINKEN)
Aspekte hinzu. Die freie Wirtschaft und die Bundeswehr
dürfen auf dem Arbeitsmarkt in Zukunft nicht in Form Christine Buchholz (DIE LINKE):
eines Gegeneinanders um junge Männer und Frauen Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die Bun-
konkurrieren, sondern man sollte versuchen – ich darf es desregierung plant, das Wehrpflichtgesetz zu ändern,
einmal so sagen –, Arbeitsbiografien aufzubauen. Die und will damit die rechtliche Umwandlung der alten
Bundeswehr sollte einen Teil der Ausbildung junger Wehrpflichtigenarmee in eine Armee aus Zeit- und Be-
Männer und Frauen übernehmen, sodass sie später die rufssoldaten vollenden. Deswegen wird die Wehrpflicht
Möglichkeit haben, auch in der Wirtschaft ein Auskom- ausgesetzt. Die Linke ist gegen jede Form von Zwangs-
men zu finden. Dafür tragen wir auch Verantwortung. diensten – das betrifft auch die Wehrpflicht.
Ich glaube, Herr Minister, dass Sie in diese Richtung
recht bald Initiativen ergreifen werden. (Beifall bei der LINKEN)
Meine Damen und Herren, wir dürfen mit Blick auf Schon die Aussetzung der Wehrpflicht befreit jährlich
die Attraktivität unserer Streitkräfte auch folgende Fra- Tausende junger Männer von einem erzwungenen Mili-
gen nicht außer Acht lassen: Was passiert mit den Solda- tärdienst. Das begrüßen wir, auch wenn wir eigentlich
tinnen und Soldaten, wenn sie aus einem Einsatz zurück- die Abschaffung der Wehrpflicht wollen.
kommen, wenn sie verwundet oder traumatisiert sind?
(Beifall bei der LINKEN)
Was passiert mit den Hinterbliebenen, wenn gefallene
Soldaten zu beklagen sind? Auch hier müssen wir als Aber wir können dieses Gesetz nicht ohne den eigent-
Gesellschaft und als Deutscher Bundestag die richtigen lichen Zweck bewerten, zu dem die Bundesregierung
Eckpunkte und Rahmenbedingungen setzen, damit El- das Gesetz ändern möchte. Herr zu Guttenberg hat kei-
tern und Familien die Bundeswehr als attraktiven Arbeit- nen Zweifel daran gelassen: Es geht darum, die Bundes-
geber ansehen und ihre Kinder ermuntern, den Dienst an wehr schlagkräftiger und einsatzfähiger zu machen.
der Waffe für das Vaterland aufzunehmen. Aber mich wundert doch, dass in dieser Debatte noch
keiner davon gesprochen hat, dass drei Soldaten, die sich
Die Diskussionen, die wir in den letzten Wochen füh-
in einem dieser Einsätze befunden haben, am letzten
ren, führen bestimmt nicht dazu, dass die Streitkräfte at-
Freitag getötet wurden.
(B) traktiver werden. Diese Diskussionen führen bestimmt (D)
nicht dazu, dass junge Männer und Frauen sich aufgeru- (Zurufe von der CDU/CSU und der FDP: Der
fen fühlen, diesem Land zu dienen. Ich persönlich – und Minister!)
ich denke, ich spreche auch im Namen meiner Fraktion
und unseres Koalitionspartners – bin stolz auf unsere Herr zu Guttenberg bringt zu Ende, was in den 90er-
Streitkräfte, auf das, was sie jeden Tag dort, wo wir sie Jahren unter der Kohl-Regierung begann: Damals wurde
hinschicken, leisten. Deshalb ist es notwendig, dass wir die Absicherung des Zugangs zu Rohstoffen und Absatz-
die Tür öffnen und entsprechende Möglichkeiten schaf- märkten offiziell zur Aufgabe der Verteidigungspolitik
fen, damit die Bundeswehr ein attraktiver Arbeitgeber erklärt. Seitdem haben Minister von CDU/CSU und SPD
wird. Auch wir als Parlament müssen unseren Beitrag die Bundeswehr in zahllosen Umstrukturierungen Schritt
dazu leisten. Das ist eine gesellschaftliche Herausforde- für Schritt zu einer Einsatzarmee umfunktioniert. Heute
rung und nicht alleine die Herausforderung an einen Mi- gilt der Krieg nicht mehr als letztes Mittel zur Landes-
nister. Du lieber Gott! Wer als einzelne Person kann eine verteidigung – Krieg ist Dauerzustand. Die Linke ist ge-
solche Reform stemmen? gen diese Kriege.
(Volker Kauder [CDU/CSU]: Herr Gabriel stemmt (Beifall bei der LINKEN)
alles!) Wehrpflicht ist Zwang. Aber Zwang wird nicht nur
Das ist unser aller Aufgabe. Es ist eine gesellschaftliche durch eine gesetzliche Wehrpflicht ausgeübt. Wo Armut
Aufgabe. herrscht, herrscht Zwang, Zwang, seine soziale Not zu
überwinden. Das wollen Sie ausnutzen. Schon heute die-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) nen in Auslandseinsätzen überproportional viele Solda-
Wenn wir wollen, dass die Bundeswehr zur Freiwilli- ten aus strukturschwachen Regionen. 2009 stammte
genarmee wird, dann müssen wir alle auch dazu beitra- etwa die Hälfte der Soldaten aus Ostdeutschland. Dieses
gen, dass das Ansehen der Bundeswehr gesteigert und Ungleichgewicht verstärkt sich im Einsatz, wie man an
ihre Zukunft gesichert wird, damit junge Männer und den Dienstgraden erkennen kann: Während 62 Prozent
Frauen mit Freude Dienst an der Waffe tun. Wir als der Mannschaftsdienstgrade aus Ostdeutschland kom-
FDP-Fraktion werden Sie, Herr Minister zu Guttenberg, men, sind nur 16 Prozent der Stabsoffiziere und 0 Pro-
nach Kräften dabei unterstützen. zent der Generäle aus dem Osten.
Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit. (Jörg van Essen [FDP]: Es gibt einen General,
der Arzt und aus dem Osten ist! Ist doch abso-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) luter Unsinn!)
10432 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
Christine Buchholz
(A) Alle drei Bundeswehrsoldaten, die am 23. Juni 2010 Vorzüge der Bundeswehr als Arbeitgeber deutlich zu (C)
bei einem Feuergefecht getötet wurden, kamen aus Ost- machen. Diese Werbung für den Kriegsdienst lehnen wir
deutschland. Einer von ihnen hatte einen Migrationshin- ab.
tergrund; über einen weiteren sagen seine Freunde, dass
er nur zur Bundeswehr gegangen ist, weil er keine an- (Beifall bei der LINKEN)
dere Arbeit gefunden hat. Die richtigen Maßnahmen im Interesse sowohl der
(Christoph Schnurr [FDP]: Was soll das denn Soldaten als auch der vielen jungen perspektivlosen
jetzt?) Menschen lauten: nicht Kriegseinsätze, sondern Abzug
der Bundeswehr aus Afghanistan, ein Ende der Ausland-
Das ist aber kein spezifisch ostdeutsches Problem. seinsätze und ein Programm, das ausreichend zivile Aus-
Von 328 Hamburgern, die Anfang 2007 ihren freiwilli- bildung und Arbeitsplätze schafft. Das ist die Perspek-
gen Dienst antraten, waren 107 zuvor arbeitslos. Sie tive, für die die Linke steht.
meldeten sich freiwillig und sahen die Bundeswehr als
Sprungbrett, das sie aus der eigenen Misere herauskata- (Beifall bei der LINKEN – Christoph Schnurr
pultiert. Das Sozialwissenschaftliche Institut der Bun- [FDP]: Thema verfehlt!)
deswehr stellt fest – ich zitiere –:
Je höher die Arbeitslosigkeit, desto größer ist das Präsident Dr. Norbert Lammert:
Interesse an einer beruflichen Tätigkeit bei der Ich erteile das Wort der Kollegin Agnes Malczak für
Bundeswehr. die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.
Agnes Malczak
(A) In den vergangenen Tagen wurde aus den Reihen der Menschen haben durch den Wehrdienst einen unmittel- (C)
Union immer wieder gesagt, Sie würden Ihr Amt als Ver- baren Eindruck von der Bundeswehr gewinnen können
teidigungsminister so gut führen, dass man Ihnen persön- und sind nicht auf die oft verzerrten Darstellungen in den
liche Verfehlungen nachsehen müsse. Die derzeit größte Medien angewiesen, die von extremen Einzelfällen be-
Herausforderung für die Bundeswehr – die Reform eben- richten. Aber auch viele Mütter, die Olivzeug und Fleck-
dieser – ist nur ein Beispiel dafür, dass diese Verteidi- tarn gewaschen haben, und viele Freundinnen, die am
gungslinie – verzeihen Sie mir das Zitat – „abstrus“ ist. Wochenende gewartet haben, haben sich eng mit der
Bundeswehr verbunden. Ich möchte allen, die Wehr-
Herr Verteidigungsminister zu Guttenberg, Sie sind
dienst geleistet haben, und auch allen Familienangehöri-
ein Pfuscher. Sie haben nicht nur bei Ihrer Doktorarbeit
gen ganz herzlich dafür danken.
gepfuscht. Sie sind gerade dabei, die Aussetzung der
Wehrpflicht und die ganze Bundeswehrreform zu ver- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie
pfuschen. des Abg. Dr. Hans-Peter Bartels [SPD])
Vielen Dank. Wenn wir uns nun von dieser langjährigen und be-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN währten Institution trennen, macht sich Wehmut breit bei
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der vielen in Deutschland, aber zu meiner Überraschung
LINKEN) auch bei der taz; von ihr hätte ich es am wenigsten er-
wartet. Die taz hat in einem Bericht geschrieben, die
Wehrpflicht sei ein Mittel gegen schlechten Korpsgeist
Präsident Dr. Norbert Lammert: und Abschottung; von daher sei die Aussetzung zu be-
Nächster Redner ist der Kollege Markus Grübel für dauern. Das ist sicherlich berechtigt, weil sich der Wehr-
die CDU/CSU-Fraktion. dienst, den ich übrigens nicht als Zwangsdienst, Frau
(Beifall bei der CDU/CSU) Buchholz, sondern als Pflichtdienst bezeichnen würde,
in der Vergangenheit zweifellos bewährt hat. Aber ge-
Markus Grübel (CDU/CSU): rade das Bewährte des Wehrdienstes bzw. der Wehr-
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kollegin- pflicht wollen wir behalten: den Staatsbürger in Uni-
nen und Kollegen! Wir haben im Grunde über eine Viel- form, das Prinzip der Inneren Führung, die Offenheit der
zahl von Themen zu diskutieren, die alle miteinander ver- Bundeswehr für alle gesellschaftlichen Schichten und
bunden sind: die Diskussion über die Sicherheitspolitik die verantwortungsvollen Entscheidungen über Einsätze
Deutschlands in Fortsetzung des Weißbuches 2006, die im Ausland.
Priorisierung der Rüstungsvorhaben, die Konsolidierung Art. 12 a des Grundgesetzes schränkt die Grundrechte
(B) des Bundeshaushalts, die Strukturreform der Bundeswehr ein. Das bedarf einer starken Begründung. Wir können (D)
und die Standortentscheidungen. Heute stehen auf unse- feststellen, dass die Gründe, die vor rund 200 Jahren
rer Tagesordnung zwei Gesetzentwürfe, die vor allem für die preußischen Heeresreformer um Scharnhorst und
junge Menschen in unserem Land und ihr Verhältnis zur Gneisenau dazu bewogen haben, eine allgemeine Wehr-
Gesellschaft eine ganz neue Chance darstellen: das Wehr- pflicht einzuführen, und die Gründe, die vor rund 50 Jah-
rechtsänderungsgesetz und das Gesetz zur Einführung ei- ren zur Wiedereinführung der Wehrpflicht geführt ha-
nes Bundesfreiwilligendienstes. Zu all dem haben Sie ben, heute so nicht mehr vorliegen. Die Bedrohungslage
wenig gesagt, Herr Gabriel und Frau Malczak. hat sich geändert. Mittlerweile haben wir es verstärkt mit
(Agnes Malczak [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Einsätzen zur internationalen Krisen- und Konfliktbe-
NEN]: Wir sagen schon seit mehreren Jahren wältigung und einem neuen Typus militärischer Aufga-
was dazu!) ben zu tun. Europa ist enger zusammengewachsen. Erb-
feinde gibt es nicht mehr. Zum ersten Mal in unserer
Sie sind stillos und haben heute einfach das Thema ver- Geschichte sind wir nur von Freunden und Verbündeten
fehlt. als Nachbarn umgeben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) (Inge Höger [DIE LINKE]: Dann brauchen
Zurück zum eigentlichen Thema. Soldatin oder Soldat wir ja die Bundeswehr nicht mehr!)
soll künftig nur werden, wer sich freiwillig dafür ent- Für uns bleibt der Grundsatz der wehrhaften Demo-
scheidet. Ergänzend dazu wollen wir mit dem Bundes- kratie, unabhängig von der Wehrform. Es bleibt auch die
freiwilligendienst eine weitere Möglichkeit schaffen, Verantwortung der ganzen Gesellschaft für die Sicher-
sich für das Gemeinwohl zu engagieren. Es gab noch nie heit unseres Landes und den Frieden in der Welt. Dies
so viel Freiwilligkeit in Deutschland. Die Aussetzung kann nicht auf einige wenige delegiert werden. Die Wahl
der Wehrpflicht ist für viele von uns, insbesondere in der zwischen den verschiedenen Wehrformen, also die Wahl
CDU/CSU, eine schwierige, wenn nicht gar schmerz- zwischen Wehrpflichtarmee und Freiwilligenarmee, ist
hafte Entscheidung gewesen. Ich selbst habe wie viele eine staatspolitische Ermessensentscheidung, bei der der
andere hier im Haus Wehrdienst geleistet, und zwar aus Gesetzgeber neben sicherheits- und verteidigungspoliti-
Gewissensgründen. Die Wehrpflicht hat sich bewährt. schen Aspekten haushalts-, wirtschafts- und gesell-
Das Bild des Staatsbürgers in Uniform wird mit einer schaftspolitische Gesichtspunkte einbeziehen muss.
Wehrpflicht gut deutlich. Arme und reiche, gebildete
und bildungsferne Menschen mit und ohne Migrations- Außerdem geht es heute – viele Vorredner haben dar-
erfahrung leisten gemeinsam Wehrdienst. Viele junge auf hingewiesen – nicht um die Abschaffung, sondern
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011 10435
Markus Grübel
(A) um die Aussetzung der Wehrpflicht. Der Blick in die Ge- (Sigmar Gabriel [SPD]: Herr Kollege, kom- (C)
schichte, auch in die unseres Landes, zeigt, wie schnell men Sie aus der Nähe von Stuttgart? Kann das
sich die sicherheitspolitische Lage ändern kann; das gilt sein?)
auch für gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Darum
– Herr Gabriel, es ist richtig: Ich komme aus einem Bal-
kommt es zu einer Aussetzung und nicht zu einer Ab-
lungsraum in der Nähe von Stuttgart.
schaffung der Wehrpflicht. Ebenso wie Art. 12 a Grund-
gesetz bleibt das Wehrpflichtgesetz als solches bestehen (Sigmar Gabriel [SPD]: Okay!)
und garantiert damit die Rekonstitutionsfähigkeit der
Aber die drei Standorte in meinem Wahlkreis und auch
Wehrpflicht.
sämtliche Standorte in allen umliegenden Wahlkreisen
Zwei Wege ermöglichen, den Wehrdienst als Pflicht- sind im Grunde längst aufgelöst.
dienst wieder einzuführen: automatisch bei Feststellung (Sigmar Gabriel [SPD]: Das war eine reine In-
des Spannungs- oder Verteidigungsfalls und einfachge- teressenfrage, kein Vorwurf, Herr Kollege!)
setzlich, wenn das heutige Gesetz wieder abgeändert
wird, zum Beispiel, wenn die Bundeswehr ihren Bedarf Daher habe ich hier keine eigenen Interessen.
nicht anders decken kann. Eine wichtige Herausforde-
Ich komme zum Schluss. Liebe Kolleginnen und Kol-
rung wird sein, dass wir viele junge Menschen für eine legen, das Wehrrechtsänderungsgesetz 2011 ist Teil einer
Laufbahn bei der Bundeswehr gewinnen. Dabei müssen umfassenden Reform der Bundeswehr, deren Ziel es ist,
wir die geeignetsten Bewerber auswählen können. Diese
dafür zu sorgen, dass unsere Bundeswehr ihre Aufgaben
Aufgabe ist und wird nicht einfach. Wichtig sind die künftig gut erfüllen kann.
richtigen ideellen und materiellen Anreize.
Herzlichen Dank.
Das Maßnahmenpaket – 82 Maßnahmen! – zur Stei-
gerung der Attraktivität des Dienstes in der Bundeswehr (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
wurde bereits ausgearbeitet. Herr Gabriel, ich werfe Ih-
nen nicht vor, dass Sie diese Details vielleicht nicht ken- Präsident Dr. Norbert Lammert:
nen. Ulrich Meßmer ist der nächste Redner für die SPD-
(Dr. Hans-Peter Friedrich [Hof] [CDU/CSU]: Fraktion.
Eine Mischung aus Ahnungslosigkeit und (Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Bösartigkeit!)
Ich unterstreiche: Es gibt bereits 82 Maßnahmen, durch Ullrich Meßmer (SPD):
(B) die die Attraktivität der Bundeswehr gesteigert werden Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Frau Kolle- (D)
kann. gin Hoff, ich will deutlich sagen: Vertrauen herstellen ist
ja wohl etwas, was man – nicht nur in dieser Situation –
(Kirsten Lühmann [SPD]: Die nicht finanziert nicht in erster Linie von der Opposition fordern kann;
sind!) vielmehr ist das Herstellen von Vertrauen in die Hand-
Dieses Maßnahmenpaket muss nun priorisiert und in der lungsfähigkeit einer Regierung zuallererst Aufgabe der
Tat finanziell unterlegt werden. Regierung und der beteiligten Personen. Wir äußern hier
die Sorge darüber, ob dies in Zukunft gegenüber den
Damit die Bundeswehr als Arbeitgeber attraktiv ist, Soldatinnen und Soldaten noch gewährleistet werden
braucht es interessante Arbeitsplätze mit vielfältigen kann, vor allen Dingen aber gegenüber einer jungen Ge-
Fortbildungsmöglichkeiten und Qualifizierungen, die neration, für die der Dienst in der Bundeswehr auch
auch zivil genutzt werden können. Auch soziale Rah- dank der in Angriff genommenen Gesetzesvorhaben at-
menbedingungen sind für die Attraktivität eines Berufs traktiv werden soll.
entscheidend. Dazu zählen die Vereinbarkeit von Dienst
und Familie, die Kinderbetreuung, anständige Rahmen- (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
bedingungen für Fernpendler, auch richtige Standortent- des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
scheidungen. Aus strukturpolitischen Gesichtspunkten Wir haben daran einige Zweifel.
wird oft auf die Standorte im ländlichen Raum verwie-
sen. Wir brauchen aber auch Standorte in Ballungsräu- Eines möchte ich gleich klarstellen: Die Soldatinnen
men. Für viele Soldatinnen und Soldaten und ihre Ange- und Soldaten im Einsatz werden sich auch in Zukunft
hörigen ist es wichtig, in einem Ballungsraum stationiert darauf verlassen können, dass wir das, was für den Ein-
zu sein, weil dort zum Beispiel der Ehemann oder die satz erforderlich ist, mittragen. Das war in der Vergan-
Ehefrau die Möglichkeit hat, berufstätig zu sein, weil genheit so. Das war nicht nur das Verdienst des jetzigen
Kinder dort zur Schule gehen können etc. Ministers, bei dem man nicht weiß, wie lange er noch
Minister ist, sondern das war auch das Verdienst dieses
Neben einer erfolgreichen Personalgewinnung ist die Parlaments. Wir werden dafür sorgen, dass dies auch in
Bundeswehr auch in Zukunft auf die Reservisten ange- Zukunft der Fall sein wird.
wiesen. Wichtig ist daher, dass wir zukünftig stärker das
(Beifall bei der SPD)
Potenzial der Reservisten ausschöpfen. Die Aufforde-
rung des Reservistenverbandes „Tu was für dein Land!“ Zweite Bemerkung: Mit Blick auf den notwendigen
möchte ich ergänzen: Tu etwas für dein Land, tu etwas Konsens hinsichtlich des Systems der Freiwilligkeit und
für dich – als Freiwilliger! auf die Frage, wie man das Modell bekannt machen
10436 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
Ullrich Meßmer
(A) kann, reicht es nicht, allein auf die Initiative „Tu was für Joachim Spatz (FDP): (C)
dein Land!“ und auch darauf hinzuweisen, dass man das Herr Präsident! Sehr verehrte Kolleginnen und Kolle-
als Parlament gemeinsam machen will. Wir vermissen gen! Zunächst einmal sind wir froh darüber, dass eine
Aussagen dazu, wie die Opposition dort konkret einge- über zehn Jahre alte Forderung der FDP, nämlich die
bunden werden soll. Aussetzung der Wehrpflicht, jetzt endlich realisiert wer-
den kann.
Wir haben mehrfach angeregt und gefordert – auch
ich habe das von dieser Stelle aus schon getan –, einen (Beifall bei der FDP)
Unterausschuss „Attraktivität der Bundeswehr“ und ei-
nen Unterausschuss „Strukturreform der Bundeswehr“ Wir haben sehr viel Verständnis dafür, dass sich der eine
einzurichten. Das ist ignoriert worden. Ich weiß nicht, oder andere damit schwergetan hat; denn die Wehr-
warum, aber es ist ignoriert worden. pflicht hat in der Zeit, in der sie gegolten hat, in
Deutschland und auch in weiten Teilen Europas ihren
Es reicht nicht aus, sich hinsichtlich der Freiwilligkeit Dienst für die Sicherheit, aber auch für die gesellschaft-
darauf zu berufen, dass man einen Teil der Vorschläge liche Kohärenz in den Ländern geleistet.
der SPD dankenswerterweise in die 82 Punkte aufge-
nommen hat, die angesprochen worden sind. Ich meine Es besteht die Gefahr, dass mit dem Wegfall dieses
vielmehr, wir hätten ein Recht darauf, darüber zu disku- Pflichtdienstes der Pflichtgedanke überhaupt infrage
tieren und dies insgesamt zu gewichten. steht. Deshalb ist es wichtig, dass wir eine Kultur der
Freiwilligkeit befördern, wie es unter anderem vom
Letzter Punkt: Das System der Freiwilligkeit wird Bundeswehrverband, aber auch von weiten Teilen der
ohne finanzielle Unterfütterung langfristig nicht funktio- sozialen und ökologischen Verbände und Einrichtungen
nieren. Wir bleiben dabei – mein Kollege Gabriel hat ge- zum Ausdruck gebracht worden ist.
rade schon darauf hingewiesen –: Wenn eine Armee im
Wettstreit mit anderen Einrichtungen und Betrieben at- Es hat Zeit gebraucht, Frau Malczak, jeden mitzuneh-
traktiv für junge Menschen bleiben will, dann ist es not- men; das ist richtig. Aber ich halte das für keine ver-
wendig, glaubwürdig deutlich zu machen, was der geudete Zeit. Im Gegenteil: Wenn wir es schaffen – wir
Dienst in der Bundeswehr für junge Menschen und deren haben es bereits geschafft –, dass sehr viele gesellschaft-
Familien bedeutet, und die Maßnahmen entsprechend fi- liche und parlamentarische Kräfte diesen Umbau jetzt
nanziell zu unterlegen. gestalten, dann ist das ein Fortschritt und kein Rück-
schritt. Es wird denjenigen helfen, die in der Bundes-
Ich prophezeie schon an dieser Stelle, dass es sich mit wehr davon betroffen sein werden.
den Ankündigungen zum Sparhaushalt wahrscheinlich
(B) genauso wie mit dem Doktortitel verhält: Das Sparziel in (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten (D)
Höhe von 8,3 Milliarden Euro wird zwar groß angekün- der CDU/CSU)
digt, aber dann verabschiedet man sich Schritt für Schritt
Genauso wird es – das möchte ich gerade in Ihre Rich-
davon.
tung, Frau Malczak und Herr Gabriel, sagen – in einer
Ich sage schon jetzt: Wer nicht daran denkt, dass auch Debatte um den Bundesminister helfen, in der die Oppo-
ein Freiwilligendienst eine Anschubfinanzierung braucht sition natürlich das Recht hat, Fragen zu stellen. Wenn
– wir rechnen mit einer Größenordnung von 1 Milliarde wir in der Auseinandersetzung einen Stil pflegen, der
Euro –, und das im Haushalt nicht abbildet, der wird dem, was wir wollen, nämlich die Attraktivität zu stei-
auch in dieser Frage ein Desaster erleben. Wir möchten gern, nicht Hohn spricht, dann können Sie Ihre Fragen
das vermeiden. stellen
Wir bieten abschließend an, darüber zu reden, was (Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
sinnvoll und notwendig ist. Das bedeutet aber auch – Herr NEN]: Danke! – Sigmar Gabriel [SPD]: Und
Minister Schäuble ist gerade hier –, dass sich das im der Minister kann lügen, wie er möchte?)
Haushalt wiederfinden muss. Wir können den Soldaten
und Ihre Diskussionsbeiträge machen, wie Sie das
und den jungen Menschen nicht sagen: „Wir tun etwas
möchten, allerdings in einer Art und Weise, die der Be-
für euch“, und gleichzeitig darauf hinweisen, dass wir
deutung des Themas gerecht wird, das heute Morgen auf
kein Geld haben. Das wird nicht funktionieren, und
der Tagesordnung steht, nämlich der größte Umbau in
schon gar nicht mit Sozialdemokraten.
der Geschichte der Bundeswehr.
Herzlichen Dank.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
(Beifall bei der SPD – Zuruf von der FDP: Wir der CDU/CSU)
tun schon etwas durch das Aussetzen der
Wehrpflicht!)
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage des
Präsident Dr. Norbert Lammert: Kollegen Beck?
Nächster Redner ist der Kollege Joachim Spatz für
die FDP-Fraktion.
Joachim Spatz (FDP):
(Beifall bei der FDP) Ja, gerne.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011 10437
(A) Volker Beck (Köln) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): rechnen, was wir vermeintlich an militärischer Sicher- (C)
Wenn ich mich in den Reihen der Koalition um- heit gewinnen. Deshalb gibt es in ganzheitlichem Sinne
schaue, könnte man glatt meinen, dass das nicht die keine Sicherheit nach Kassenlage.
größte Reform ist, die im Bereich des Bundesministers
Was die Bundeswehr im Einsatz benötigt und was wir
der Verteidigung stattfindet.
für die Attraktivitätssteigerung brauchen, wird sicher
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN auch von der Regierung und den Parteien der Koalition
sowie bei Abgeordneten der SPD) zur Verfügung gestellt werden.
Wie interpretieren Sie das als Koalitionsabgeordnete? Ist Danke schön.
das ein Signal, dass sich die Koalition eigentlich bereits
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU –
vom Verteidigungsminister verabschiedet hat? Im Ple-
Siegfried Kauder [Villingen-Schwenningen]
num hat sie es bereits getan. Wir würden im Moment
[CDU/CSU]: Guter Mann!)
jede Abstimmung gewinnen.
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS- Präsident Dr. Norbert Lammert:
SES 90/DIE GRÜNEN – Jürgen Trittin Das Wort erhält nun der Kollege Paul Schäfer für die
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Abstimmung Fraktion Die Linke.
mit den Füßen!)
(Beifall bei der LINKEN)
Joachim Spatz (FDP):
Herr Kollege Beck, ich verstehe, dass Sie sofort ver- Paul Schäfer (Köln) (DIE LINKE):
suchen, Ihre Schlüsse zu ziehen. Ich bedauere wirklich, Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Her-
dass bei der Fachdebatte heute in allen Parteien – auch ren! Der Minister der Verteidigung hat im März vergan-
bei Ihnen – weniger Kollegen anwesend sind, als das genen Jahres gesagt: „Mit mir ist eine Abschaffung der
gestern der Fall war. Wehrpflicht nicht zu machen.“ Im Mai letzten Jahres hat
er noch einmal begründet, warum die Wehrpflicht si-
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten cherheitspolitisch notwendig ist. Im November hat er
der CDU/CSU – Volker Beck [Köln] [BÜND- dann dargelegt, warum sie sicherheitspolitisch nicht
NIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir sind in der glei- mehr begründbar ist.
chen Mannschaftsstärke da! – Weitere Zurufe
vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Die Frage lautet also: Was hat sich sicherheitspoli-
tisch zwischen Mai und November letzten Jahres verän-
Wenn wir in Bezug auf die Bundeswehr vom Einsatz her
(B) denken, müssen wir auch von den Soldaten her denken. dert? Die Antwort lautet: Nichts. Es hat allerdings etwas (D)
anderes gegeben, und zwar die Euro-Krise und den
Deshalb ist das Thema „Attraktivitätssteigerung“ mit
zweiten Teil des Bankenrettungspakets. Dies ging mas-
den 82 vorgelegten Punkten ein richtiger Ansatz.
siv zulasten der öffentlichen Kassen. Es war der stumme
Zwei Themen will ich allerdings noch ansprechen, die Zwang des allzu knappen Geldes, das Sie zu Eingeständ-
in der Debatte eine Rolle spielen und die der Klarstel- nissen geführt hat, die man aus ideologischen Gründen
lung bedürfen: Erstens. Das Argument „Leichter einsetz- lange abgeblockt hat. Das geschah leider zulasten Zehn-
bar, weil keine Wehrpflichtarmee“ trägt überhaupt nicht. tausender junger Männer, die den Dienst an der Waffe
Der Bundestag wird auch in Zukunft bei jeder Entschei- nicht enthusiastisch geleistet haben.
dung sehr genau darauf achten, wo, in welchem Umfang
(Birgit Homburger [FDP]: Völliger Unsinn!
und mit welchen Einsatzregeln die Bundeswehr einge-
Das sind Bürgschaften!)
setzt wird. Alles andere ist nicht möglich; wir werden
keine Freiwilligen bekommen, die sich für irgendwelche „Sicherheitspolitisch nicht mehr zu begründen“ be-
politischen Abenteuer zur Verfügung stellen. deutet, dass es keine direkte militärische Bedrohung
Deutschlands gibt, und das auf absehbare Zeit. Das sa-
(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
gen Sie selber. Es handelt sich um Zeiträume von deut-
Was denn für politische Abenteuer?)
lich mehr als fünf Jahren. Man hätte die Sache aber
Zweitens. Das Thema „Sparen“: Es ist wohlfeil von gleich konsequent anpacken müssen. Das heißt: Die
der Opposition, mehr Geld zu fordern. Lassen Sie sich Wehrpflicht abschaffen statt sie nur auszusetzen.
aber gesagt sein: Wenn Sie das Thema „Ganzheitliche
(Beifall bei der LINKEN sowie der Abg. Jür-
Sicherheit“ ernst nehmen, dann wird Ihnen nicht entgan-
gen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
gen sein, dass wir auch Geld brauchen, um zivile Kapa-
und Katja Keul [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
zitäten aufzubauen. Dann wird Ihnen auch nicht entgan-
NEN])
gen sein, dass wir gerade in Nordafrika wirtschaftlich
gefragt sein werden, um auf zivile Art und Weise Stabili- Die Frage ist jetzt: Was kommt danach? Das fragen
tät zu erzeugen. sich auch Tausende junger Männer und Frauen, die jetzt
zum Glück anfangen können, zu studieren. Sie fragen
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
sich: Sind entsprechende Vorkehrungen an den Hoch-
der CDU/CSU)
schulen getroffen worden? Aber da passiert nichts. Hier
Wenn Sie die Situation ganzheitlich sehen, dann können müsste viel mehr investiert werden, um entsprechende
Sie nicht einfach die Einsparungsziele gegen das auf- Bedingungen zu schaffen. Das tun Sie aber nicht. Das
10438 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
eine Konstante in Ihrem politischen Wirken. Sie haben Herr Gabriel, Sie haben dem Minister unterstellt, er
(B) immer darauf geachtet, die Unterstützung der Bild-Zei- würde hier die Bundeswehrreform unstrukturiert darstel- (D)
tung, der Bild am Sonntag und von Bild.de zu haben len. Ich kann nur feststellen, dass der Minister bei sei-
nem Amtsantritt vor 15 Monaten gesagt hat:
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
(Sigmar Gabriel [SPD]: Der Minister ist
Bunte nicht vergessen!)
unstrukturiert!)
– Nein, ich rede insbesondere von diesen dreien. – Sie ha- Ich werde innerhalb des Ministeriums eine Studie über
ben heute Morgen unterschlagen, dass im Onlineforum die vorhandenen Reformbedürfnisse anfertigen lassen. –
von Bild.de von den 640 000 Leuten, die abgestimmt ha- Diese Studie hat er fristgerecht vorgelegt. Das war das
ben, 55 000 Ihren Rücktritt gefordert haben, Herr Minis- Wieker-Papier. Er hat dann gesagt: Wir bilden eine ex-
ter. terne Kommission – das war die Weise-Kommission –,
(Sigmar Gabriel [SPD]: 55 Prozent!) sie wird ihre Ergebnisse bis zum Herbst vorlegen. – Sie
hat ihre sehr guten Ergebnisse im letzten Herbst vorge-
Der Unterstützung dieser Zeitung konnten Sie sich im- legt. Dann hat er angekündigt, dass er bis Ende Januar
mer sicher sein. einen Vorschlag für die Struktur des Ministeriums und
der nachgeordneten Behörden vorlegen wird. Er hat uns
Jetzt finde ich es hochinteressant, an wen die Auf- das Papier auf den Tag genau Ende Januar präsentiert.
träge gehen sollen, mit denen um Freiwillige geworben Weiter hat er angekündigt, einen entsprechenden Attrak-
werden soll, nämlich ausschließlich an Bild, BamS und tivitätskatalog für die Bundeswehr vorzulegen. Er liegt
Bild.de. dem Verteidigungsausschuss seit 14 Tagen vor.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (Sigmar Gabriel [SPD]: Es steht aber nichts
und bei der SPD) drin!)
Eine Bundeswehrreform, die auf einem schmutzigen Jetzt hat er angekündigt, zum 1. Juli ein Gesetz vorzule-
Deal mit der Springerpresse beruht, wird und kann nicht gen, die Wehrpflicht auszusetzen. Sie sehen am Zeitplan,
gelingen. dass das entsprechend möglich ist.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD – Burkhardt Müller-Sönksen Präsident Dr. Norbert Lammert:
[FDP]: Das ist eine unglaubliche Unterstel- Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage der
lung!) Kollegin Malczak?
10440 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
(A) Jürgen Hardt (CDU/CSU): des Bundestages all denen herzlichen Dank sagen, die (C)
Bitte, Frau Malczak. Wehrdienst geleistet haben. Ich möchte auch ausdrück-
lich denen Dank sagen, die im Zivildienst oder im zivi-
Agnes Malczak (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): len Katastrophenschutz ihren Dienst geleistet haben. Das
Herr Kollege Hardt, können Sie mir, wenn das alles war auch ein Pflichtdienst, aber es war keinesfalls ein
so strukturiert abgelaufen ist, vielleicht noch mal erklä- Dienst, der nicht auch mit dem Herzen gemacht wurde.
ren, was denn jetzt eigentlich der Sinn der Verkürzung Ich finde, es ist bei dieser Gelegenheit auch angemessen,
des Wehrdienstes auf sechs Monate war und warum das das gleichermaßen zu würdigen.
dann vor dem Papier der Weise-Kommission als Maß- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie
nahme ergriffen wurde? bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
(Volker Kauder [CDU/CSU]: Kommen Sie GRÜNEN)
nachher in mein Büro!) Was ist jetzt zu tun, damit der Übergang von der
Das hat unheimlich viel gekostet. Es hat auch die Bun- Wehrpflicht zur Freiwilligenarmee gelingt? Erstens müs-
deswehr sehr strapaziert, das jetzt so schnell umzuset- sen die Rahmenbedingungen für den Dienst in der Bun-
zen. Vielleicht können Sie mir einfach noch mal den deswehr attraktiv gestaltet sein. Das gilt für Sold und
Sinn erklären, warum man „W 6“ gemacht hat, um dann Prämien, es gilt aber auch für andere Faktoren wie die
ein paar Monate später die Wehrpflicht auszusetzen. Vereinbarkeit von Familie und Dienst, die Frage der
Laufbahnstrukturen und natürlich das weite Feld der
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Aus- und Weiterbildung in der Bundeswehr.
und bei der SPD)
Jeder Soldat, der länger in der Bundeswehr dient,
Jürgen Hardt (CDU/CSU): sollte eine seiner Eignung und Neigung entsprechende,
Das kann ich Ihnen genau sagen: Durch die Entschei- auch zivil nutzbare Ausbildung erhalten. Das fängt mit
dung, auf „W 6“ zu gehen, gibt es für die Wehrdienst- dem Schulabschluss an und geht weiter bis zum Diplom
leistenden zu den Einberufungsterminen, die jetzt zwi- oder Master für diejenigen, die sich als Offizier länger
schen dieser Umstellung und der entsprechenden verpflichten. Ich glaube, die Bundeswehr hat hier bereits
Aussetzung der Wehrpflicht liegen, mehr Wehrgerech- den richtigen Weg eingeschlagen. Ich finde all das, was
tigkeit. in dem Attraktivitätssteigerungspapier zu diesen Punk-
ten steht, richtig.
(Lachen beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Zweitens geht es natürlich jetzt um die Gewinnung
(B) NEN]: Eine Lachnummer!) von Personal für die Bundeswehr durch Herstellung von (D)
Transparenz und Klarheit über die Rahmenbedingungen.
Das war eines der gravierendsten Probleme. Ich glaube, Im Augenblick haben wir zwar bei den Zeit- und Berufs-
dass es ein vernünftiger Schritt war, das so zu machen. soldaten eine zufriedenstellende Bewerberquote, aber
Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das, was zum wir haben im Bereich der freiwillig Wehrdienstleisten-
1. Juli vorliegen wird – jetzt möchte ich zum Thema den deutlich weniger Neueinstellungen, als eingeplant
kommen, nämlich zur Aussetzung der Wehrpflicht –, ei- war. Das ist im Augenblick noch kein akutes Problem,
ner der entscheidendsten Schritte der Bundeswehrreform aber es geht darum, dass wir jetzt auch durch zügige Be-
sein wird, weil es natürlich in Bezug auf die Gewinnung ratung des Gesetzentwurfes die Rahmenbedingungen so
von Zeit- und Berufssoldaten sowie von freiwillig Wehr- klarmachen, dass jeder, der bei der Bundeswehr anfängt,
dienstleistenden besondere neue Anforderungen an die auch weiß, was er davon hat.
Bundeswehr stellt. Ich füge hinzu: Es ist wichtig, zu betonen, dass alle
Zur Aussetzung der Wehrpflicht gibt es, wie ich finde, Leistungen, die wir mit diesem Gesetz beschließen wer-
verfassungsrechtlich keine Alternative. Die einzig zuläs- den, auch auf diejenigen Anwendung finden, die sich be-
sige Begründung, um die Wehrpflicht aufrechtzuerhal- reits heute zu einer Unterschrift entscheiden. Es wäre
ten, wäre, dass die Wehrpflichtigen einen unverzichtba- wirklich schade, wenn junge Männer und Frauen allein
ren Beitrag zur Verteidigung unseres Landes leisten. Das deshalb eine Verpflichtung bei der Bundeswehr nicht
können wir heute in dieser Form nicht mehr nachweisen. eingehen, weil sie die Befürchtung haben, dass dann be-
Sich auf den Aspekt zu stützen, dass es gesellschaftspo- stimmte Vergünstigungen möglicherweise bei ihnen
litisch durchaus erwünscht ist, dass junge Menschen et- nicht Anwendung finden.
was für unsere Gemeinschaft tun, ist eben verfassungs-
Drittens. Es ist mindestens genauso wichtig, dass die
rechtlich nicht haltbar. Dies schmerzt insbesondere viele
Änderung der Wehrform zumindest in der Übergangs-
von uns Christdemokraten. Diese Möglichkeit wollen
phase nicht zum Nulltarif zu haben sein wird. Die Stei-
wir durch die Einführung des Bundesfreiwilligendiens-
gerung der Attraktivität der Bundeswehr kostet Geld,
tes bzw. durch den Freiwilligendienst bei der Bundes-
selbst wenn die Zahl der Soldaten deutlich abnehmen
wehr erhalten.
wird. Hier gilt das Wort von Minister und Bundeskanzle-
In der Bundeswehr haben 8 427 288 Wehrpflichtige rin, dass die Zukunft leistungsfähiger Streitkräfte nicht
gedient. Wenn man denen persönlich die Hand schütteln allein von finanziellen Erwägungen abhängig gemacht
wollte, wäre man sechs Monate lang Tag und Nacht da- werden kann. Die Parteitage von CDU und CSU haben
mit beschäftigt. Deswegen möchte ich auch im Namen sich dazu entsprechend geäußert. Wer in der Bundes-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011 10441
Jürgen Hardt
(A) wehr dient oder dort zukünftig dienen möchte, soll wis- Männern, die wir zu diesem Pflichtdienst heranziehen, in (C)
sen, dass er in der Truppe eine individuelle, gute Zu- der Verantwortung, immer wieder neu zu hinterfragen,
kunftsperspektive erhält; das hat eben auch mit Geld zu ob ihr Dienst tatsächlich noch sicherheitspolitisch be-
tun. gründet werden kann oder nicht. Eine solche Begrün-
dung können wir heute nicht mehr zweifelsfrei geben.
Der vorliegende Gesetzentwurf zur Änderung des Wir vollziehen jetzt den für uns schweren, aber konse-
Wehrrechts ist ein zentraler Baustein der Bundeswehrre- quenten Schritt der Aussetzung der Wehrpflicht.
form. Wir, die CDU/CSU-Bundestagsfraktion, werden
zügig über ihn beraten und damit eine rasche Beschluss- Ein solcher Grundrechtseingriff kann eindeutig nur
fassung vor Ostern ermöglichen. Wir wollen einen er- mit einer sicherheitspolitischen Begründung legitimiert
folgreichen Start für unsere neue Bundeswehr. werden. Ich betone das deshalb, weil die Einführung ei-
ner allgemeinen Dienstpflicht für mich persönlich die
Danke schön. näherliegende Antwort gewesen wäre. Ich musste aber
nach zahlreichen Diskussionen einsehen, dass dies we-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
der unsere Verfassung noch das Völkerrecht zulassen.
Dass diese Debatte heute keine allzu großen Wellen
Präsident Dr. Norbert Lammert: schlägt, haben wir in erster Linie unserem Minister Karl-
Der Kollege Dr. Reinhard Brandl von der CDU/CSU- Theodor zu Guttenberg zu verdanken. Er hat es mit sei-
Fraktion ist der letzte Redner zu diesem Tagesordnungs- ner Persönlichkeit und seiner Überzeugungskraft im ver-
punkt. gangenen Jahr geschafft, die Menschen innerhalb und
außerhalb der Bundeswehr für diese Reform zu gewin-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) nen.
Meine Damen und Herren von der Opposition, bei der
Dr. Reinhard Brandl (CDU/CSU):
Reform liegen wir inhaltlich nicht weit auseinander. Ge-
Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! rade deswegen müssten Sie die Leistung des Ministers
Mit der heutigen ersten Lesung des Wehrrechtsände- anerkennen.
rungsgesetzes vollziehen wir den ersten parlamentari-
schen Schritt der größten Reform der Bundeswehr seit (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
dem Ende des Kalten Krieges. Damals, vor gut der FDP)
20 Jahren, standen noch die Panzer des Warschauer Pak- Stattdessen sind Ihre heutigen Debattenbeiträge geprägt
tes an unserer Ostgrenze; wir mussten ständig in der von einer überhöhten Selbstgerechtigkeit und der offe-
Lage sein, einen direkten Angriff auf unser Territorium nen Genugtuung, endlich etwas gefunden zu haben, mit
abzuwehren. Diese Gefahr besteht Gott sei Dank nicht dem Sie hoffen, ihm persönlich schaden zu können.
(B) (D)
mehr.
(Dr. h. c. Gernot Erler [SPD]: Wir haben nicht
Die Welt ist aber seit dieser Zeit nicht nur friedlicher einmal gesucht! – Dr. Hans-Peter Bartels
geworden: Es gibt neue, sich ständig wandelnde, zum [SPD]: Wir schaden ihm doch nicht! Er hat sich
großen Teil asymmetrisch gelagerte Bedrohungen unse- selbst geschadet!)
rer Freiheit und Sicherheit. Wir begegnen der veränder-
ten Sicherheitslage mit einer breiten Palette an zivilen Überlegen Sie selbstkritisch, ob Sie jemanden in Ihren
und diplomatischen Mitteln. Es treten aber immer wie- Reihen haben, dem die Vermittlung dieser Reform auch
der Situationen ein, in denen wir gezwungen sind, die nur annähernd in dieser Form gelungen wäre.
Bundeswehr als letztes verfügbares Mittel und als Teil (Zuruf von der SPD: Natürlich!)
der internationalen Gemeinschaft in einen Einsatz zu
entsenden. Wir haben letzten Freitag wieder auf traurige Es mag Sie politisch bzw. wahltaktisch stören, dass
Weise erfahren müssen, wie gefährlich solch ein Einsatz Karl-Theodor zu Guttenberg ein hohes Maß an Ver-
sein kann. trauen in der Bevölkerung genießt, aber Tatsache ist: In
einem solchen schwierigen Reformprozess einen sol-
Wir stehen bei der Mandatierung der Einsätze in der chen Minister an der Spitze des Bundesverteidigungsmi-
Verantwortung, die Bundeswehr dafür optimal aufzustel- nisteriums zu haben, ist ein Glücksfall für unser Land
len und auszurüsten. Gemessen an dem, was unsere Sol- und unsere Bundeswehr.
daten heute im Einsatz leisten müssen, haben wir dieses (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
Ziel trotz zahlreicher Anstrengungen in den vergangenen neten der FDP)
Jahren noch nicht vollständig erreicht. Von dieser Ver-
antwortung getragen haben wir uns im letzten Jahr ent- Täuschen Sie sich nicht: Die Menschen in unserem Land
schieden, die Bundeswehr neu zu strukturieren, sie ins- unterscheiden sehr genau, welcher Beitrag der Sache
gesamt zu verkleinern und dafür die Soldaten besser dient und bei welchem Beitrag es nur darum geht, je-
auszurüsten sowie ihren Dienst attraktiver zu gestalten. mandem persönlich zu schaden.
Ein Baustein der Reform ist die Aussetzung der (Lachen bei Abgeordneten der SPD)
Wehrpflicht, über die wir heute hier im Parlament disku- Das hätte ich Herrn Trittin – leider hat er die Debatte
tieren. Wir haben uns diesen Schritt nicht leicht ge- nicht bis zum Ende verfolgt – gerne persönlich gesagt.
macht; er ist nicht nur von dieser Reform getrieben. Die
Wehrpflicht hat sich in den letzten 55 Jahren in vielerlei (Jörg van Essen [FDP]: Herrn Beck vielleicht
Hinsicht bewährt. Wir stehen aber gegenüber den jungen auch! Er fehlt nämlich auch!)
10442 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
– zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Martina Rentenrechtliche Anerkennung aller freiwil-
Bunge, Dr. Gregor Gysi, Dr. Dietmar Bartsch, ligen Beiträge aus DDR-Zeiten
weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE
LINKE – zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Martina
Bunge, Dr. Gregor Gysi, Dr. Dietmar Bartsch,
Gerechte Lösung für rentenrechtliche Situa- weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE
tion von in der DDR Geschiedenen LINKE
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011 10443
Präsident Dr. Norbert Lammert
(A) Befristetes System „sui generis“ für die Be- Einheitliche Regelung der Altersversorgung (C)
seitigung des Versorgungsunrechts bei den für Angehörige der technischen Intelligenz
Zusatz- und Sonderversorgungen der DDR der DDR
– zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Martina – zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Martina
Bunge, Dr. Gregor Gysi, Dr. Dietmar Bartsch, Bunge, Dr. Gregor Gysi, Dr. Dietmar Bartsch,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE
LINKE LINKE
– zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Martina – zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Wolfgang
Bunge, Dr. Gregor Gysi, Dr. Dietmar Bartsch, Strengmann-Kuhn, Fritz Kuhn, Stephan Kühn,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE weiterer Abgeordneter und der Fraktion
LINKE BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Verbesserung der Versorgung der im Bei-
Regelung der Ansprüche und Anwartschaf- trittsgebiet vor dem 1. Januar 1992 Geschie-
ten auf Alterssicherung für Angehörige der denen
Deutschen Reichsbahn der DDR
– Drucksachen 17/1631, 17/3871, 17/3872, 17/3873,
– zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Martina 17/3874, 17/3875, 17/3876, 17/3877, 17/3878,
Bunge, Dr. Gregor Gysi, Dr. Dietmar Bartsch, 17/3879, 17/3880, 17/3881, 17/3882, 17/3883,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE 17/3884, 17/3885, 17/3886, 17/3887, 17/3888,
LINKE 17/4195, 17/4769 –
Regelung der Ansprüche und Anwartschaf- Berichterstattung:
ten auf Alterssicherung für Angehörige der Abgeordnete Silvia Schmidt (Eisleben)
Deutschen Post der DDR
Beide Fraktionen haben namentliche Abstimmung
– zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Martina verlangt. Deshalb werden wir nach der Aussprache zu-
Bunge, Dr. Gregor Gysi, Dr. Dietmar Bartsch, nächst über die 19 Anträge der Fraktion Die Linke na-
(B) weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE mentlich auf einem Stimmzettel abstimmen. Anschlie- (D)
LINKE ßend erfolgt die namentliche Abstimmung mit der
üblichen Stimmkarte über die Beschlussempfehlung zu
Angemessene Altersversorgung für Profes- dem Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Wir
sorinnen und Professoren neuen Rechts, werden also zwei getrennte Abstimmungsgänge durch-
Ärztinnen und Ärzte im öffentlichen Dienst führen.
und weitere Beschäftigte universitärer und
anderer wissenschaftlicher Einrichtungen in Auch für diese Aussprache sind nach einer interfrakti-
Ostdeutschland onellen Vereinbarung 90 Minuten vorgesehen. – Ich höre
keinen Widerspruch. Dann können wir so verfahren.
– zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Martina
Bunge, Dr. Gregor Gysi, Dr. Dietmar Bartsch, Ich eröffne die Aussprache und erteile das Wort zu-
weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE nächst dem Kollegen Eckhardt Rehberg für die CDU/
LINKE CSU-Fraktion.
Eckhardt Rehberg
(A) Mindestrente betrug 1983 in der DDR 270 Mark. Das spielsweise bekommt heute ein Arbeitnehmer in Rostock, (C)
sind Almosen. der 10 Euro brutto verdient, eine Aufwertung von
1,90 Euro und erhält das Rentenwertäquivalent eines
(Heinz Lanfermann [FDP]: So ist das!) Bruttolohns von 11,90 Euro, obwohl er nur einen Renten-
1984 gab es 300 Mark Mindestrente, beitrag für 10 Euro bezahlt. Dieses haben viele aus dem
Blick verloren, wenn sie leichtfertig darüber reden, dass
(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Und wir den Rentenwert Ost an West angleichen müssen.
wie hoch war die Miete?)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
nach 45 Arbeitsjahren gab es 370 Mark. Bei einem Brut-
todurchschnittslohn 1984 von 1 080 DDR-Mark erhielt Wenn Arbeitgeber und Gewerkschaften solche Ver-
ein Rentner also ein Almosen von einem Drittel seines einbarungen schließen, wie in den letzten Wochen zum
letzten Bruttodurchschnittslohnes. Beispiel für den Bereich der Zeitarbeit – branchenbezo-
gener Mindestlohn Ost: 6,89 Euro, branchenbezogener
(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Wie Mindestlohn West: 7,79 Euro, Differenz: 90 Cent –,
viel hat ein Brötchen gekostet? Wie hoch war kann man aus Sicht der Arbeitgeber vielleicht sagen: Da-
die Miete? – Gegenruf des Abg. Patrick Kurth für habe ich Verständnis. Aus Sicht der Gewerkschaften
[Kyffhäuser] [FDP]: Und wie sahen die Woh- muss man aber sagen: Dafür habe ich überhaupt kein
nungen aus?) Verständnis. Ich habe gar kein Verständnis dafür, dass
Wenn ich heute über Durchschnittsrenten von über diese Schere in 2013 nicht deutlich, sondern lediglich
1 000 Euro rede, dann wird deutlich, dass dies die Er- geringfügig zusammengeht. Dann sinkt die Differenz
folgsgeschichte der deutschen Einheit, der Erfolg der von 90 Cent auf 79 Cent. Das heißt, solange zwischen
letzten zwei Jahrzehnte ist. Arbeitgebern und Gewerkschaften keine in Ost und West
gleichen branchenspezifischen Mindestlöhne vereinbart
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) werden, brauchen wir uns des ganzen Komplexes Ren-
Neben der Rente für die Masse der Beschäftigten in tenwert Ost/West bzw. Aufwertung der Löhne erst gar
der DDR gab es 63 Zusatzversorgungssysteme und vier nicht anzunehmen.
Sonderversorgungssysteme. In diesen 63 Zusatz- bzw. Ich will noch einen Punkt ansprechen, weil immer
vier Sonderversorgungssystemen wurde das Rentenni- wieder beklagt wird, dass keine Rentengerechtigkeit her-
veau dann auf 90 Prozent bis 100 Prozent des letzten gestellt wurde. Die Punkte, die Sie in Ihren 19 Anträgen
Nettolohnes angehoben. Es ist aber ganz bemerkenswert, anführen, haben aus meiner Sicht nichts im Rentenrecht
für wen das galt: Es gab vier Sonderversorgungssysteme zu suchen. Allein zwischen 2001 und 2010 haben Bund
für die Nationale Volksarmee, für die Volkspolizei, für und Länder rund 34 Milliarden Euro in die Abgeltung
(B) die Zollverwaltung und für das MfS. Zusatzversorgungs- der Ansprüche aus Zusatz- und Sonderversorungssys- (D)
systeme gab es für die technische Intelligenz, für haupt- temen stecken müssen. Pro Jahr sind das etwa 4 Mil-
amtliche Mitarbeiter des Staatsapparates usw. liarden Euro; das müssen Sie sich einmal auf der Zunge
Meine Damen und Herren von den Linken, besonders zergehen lassen. Angesichts dieser Tatsache können
pervers war die Einführung der Freiwilligen Zusatzren- Sie von den Linken nicht sagen, dass für die Beschäf-
tenversicherung 1971. Man merkte, dass die normale tigten in der DDR keine Rentengerechtigkeit herge-
Rente so niedrig war, dass sie im Alter nicht mehr zum stellt wurde.
Leben reichte. Wer dann mehr Rente haben wollte im (Beifall bei der CDU/CSU)
real existierenden Sozialismus, der musste sich privat
zusätzlich versichern. Das muss man sich einmal auf der Lassen Sie mich auch noch anmerken, dass die Zahlen
Zunge zergehen lassen. frappierend sind. Rentenentgeltpunkte ≥ 1 – Durchschnitts-
lohn oder mehr – haben im Jahr 2009 55 Prozent der Män-
Viele haben außerdem vergessen, wie es chronisch ner im Westen, 50 Prozent der Männer im Osten, 16 Pro-
Kranken ergangen ist. Sie hatten einen gesetzlichen zent der Frauen im Westen und 14,4 Prozent der Frauen
Krankengeldanspruch von 300 DDR-Mark ab der sieb- im Osten erworben. Das Beeindruckende ist für mich
ten Krankheitswoche, wenn sie nicht freiwillig zusatz- – das ist für mich ein Maßstab für Gerechtigkeit –, dass im
versichert waren. Lassen Sie sich bitte einmal auf der Osten 38 Prozent der Männer und Frauen zusammen eine
Zunge zergehen, was das zu DDR-Zeiten für chronisch Monatsrente ≥ 1 050 Euro erreicht haben. Im Westen sind
Kranke bedeutet hat. das nur 32 Prozent. Wenn jemand sagt, dass die Rentne-
Bereits an diesen wenigen Beispielen wird der Unter- rinnen und Rentner im Osten, gleich ob Bestands- oder
schied zwischen dem werteorientierten System der sozi- Zugangsrentner, benachteiligt werden, muss ich sagen:
alen Marktwirtschaft und dem ideologiebehafteten Sys- Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Den Rentnern
tem des Sozialismus deutlich. Das ist ein Kernpunkt. aus dem Osten ist mehr als Gerechtigkeit und Solidarität
widerfahren. Die Überleitung in das Rentensystem ist eine
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Erfolgsgeschichte der deutschen Einheit. Meine Damen
Die Rentengeschichte der letzten zwei Jahrzehnte ist und Herren von der Linken, das lassen wir uns von Ihnen
mehr als eine Erfolgsstory. Aus meiner Sicht haben wir nicht kaputt- und auch nicht kleinreden.
viel zu wenig kommuniziert, dass wir die ostdeutschen Herzlichen Dank.
Löhne auf den Durchschnittslohn West angehoben haben.
Wir haben 1990 mit dem Faktor 3 begonnen und sind (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Patrick
heute bei einer Aufwertung um knapp 19 Prozent. Bei- Kurth [Kyffhäuser] [FDP]: So ist das!)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011 10445
(A) Präsident Dr. Norbert Lammert: Trotzdem liegen die Löhne in den neuen Bundeslän- (C)
Ich erteile das Wort der Kollegin Silvia Schmidt für dern durchschnittlich 20 Prozent unterhalb der Löhne in
die SPD-Fraktion. den alten Bundesländern. Das muss man einfach zur
Kenntnis nehmen. 40 Prozent der Ostdeutschen arbeiten
(Beifall bei der SPD) im Niedriglohnbereich. Niedriglohnbereich bedeutet:
Trotz Arbeit leben sie an der Armutsgrenze. Auch das ist
Silvia Schmidt (Eisleben) (SPD): ein Tatbestand. Im Land Sachsen-Anhalt existieren
Sehr verehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten 34 Tarifverträge, die einen Bruttolohn von weniger als
Damen und Herren! Sehr verehrter Herr Rehberg, ich 7,50 Euro vorsehen. Das heißt, die Erwerbstätigen in
habe eine Korrekturanmerkung: Die männlichen Zu- Sachsen-Anhalt und auch in Mecklenburg-Vorpommern
gangsrentner im Osten haben seit 2008 5 Euro weniger arbeiten teilweise zu einem Hungerlohn. Da ist die Al-
als die Zugangsrentner West. Die Schere geht auch in tersarmut im Grunde vorprogrammiert. Das heißt, wir
diesem Bereich immer weiter auseinander. brauchen hier einen gesetzlichen Mindestlohn, was übri-
gens unter anderem auch Jens Bullerjahn, der stellvertre-
Als Willy Brandt gesagt hat: „Jetzt wächst zusam- tende Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt, eindeutig
men, was zusammengehört“, waren wir alle, glaube ich, fordert.
voller Freude. Wir wussten aber auch, dass das ein lan-
(Beifall bei der SPD)
ger und schwieriger Weg wird, dass das eine Herausfor-
derung für unser Land ist. Gerade das Rentenüberlei- Die Anträge der Fraktion Die Linke werden regelmä-
tungsgesetz ist – ich glaube, darin sind wir uns alle einig – ßig zu den Wahlkämpfen eingereicht,
eine einmalige historische Leistung. Das war ein großer
Erfolg. Das können wir alle hier feststellen. (Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: In je-
der Legislaturperiode einmal!)
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
und Sie lassen namentlich über diese Anträge abstim-
der CDU/CSU, der FDP und des BÜNDNIS-
men; das ist natürlich legitim. Diese Anträge zeigen aber
SES 90/DIE GRÜNEN – Dr. Heinrich L. Kolb
auch deutlich Ihren Populismus und eine gewisse Häme.
[FDP]: Das stimmt!)
(Dr. Ilja Seifert [DIE LINKE]: Sie können
Dieser Prozess des Zusammenwachsens ist aber noch auch einfach zustimmen! – Dr. Dagmar Enkel-
nicht beendet, weder gesellschaftlich noch konkret im mann [DIE LINKE]: Dann legen Sie einen
Rentenrecht. Deshalb ist eine Angleichung der Renten- Vorschlag vor!)
systeme, die im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und
(B) FDP versprochen wurde, eine wichtige, aber bestimmt Ich habe deutlich gemacht: Es ist kein leicht zu lösendes (D)
keine einfache Herausforderung. In der letzten Legisla- Problem, es ist ein komplexer Tatbestand. Wir alle wis-
turperiode haben auch wir das versucht. Das haben wir sen, dass das für die Bürger teilweise nicht nachvollzieh-
gesagt, und natürlich sind wir das auch angegangen. Da bar ist. Wir dürfen auch den Anspruch der Solidarität für
dieses große, schwierige und komplexe Thema aber die Rentnerinnen und Rentner in den alten Bundeslän-
nicht so leicht zu stemmen ist, sind wir keinen großen dern nicht vergessen.
Schritt weitergekommen.
(Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]: Ja, das können
Es gibt Fragen, die wir sehr schnell klären können. Sie alles besser machen!)
Ich könnte mir vorstellen, dass Kindererziehungszeiten Niemand wird Anträgen zustimmen, durch die die da-
im Osten wie im Westen gleich bewertet werden. Im mals Staatsnahen begünstigt werden sollen. Das wäre
Westen führen sie zu einem monatlichen Zahlbetrag in eine Missachtung der DDR-Flüchtlinge.
Höhe von 27,30 Euro, in den neuen Bundesländern zu
einem monatlichen Zahlbetrag von 24,13 Euro. Die (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
Wehrpflichtzeiten führen zu einem monatlichen Zahlbe- der CDU/CSU, der FDP und des BÜNDNIS-
trag von im Osten ungefähr 12 Euro, im Westen 15 Euro. SES 90/DIE GRÜNEN)
Dieser Unterschied ist gesellschaftspolitisch nicht mehr
Das kann man mit aller Sachlichkeit feststellen. Manche
zu halten; denn diese Lebensphasen sind in Ost wie West
Flüchtlinge haben ihr Leben geopfert, andere sind unter
eigentlich identisch. Hier könnten wir sehr schnell ein-
schweren Repressalien in die alten Bundesländer ge-
schreiten.
flüchtet. Das war kein Spaziergang, und das war auch
Die Väter des deutschen Einigungsvertrages sind von keine freiwillige Übersiedlung. Auch das sollten Sie zur
einer weitaus schnelleren Angleichung der Lebensver- Kenntnis nehmen.
hältnisse ausgegangen. Aber wir alle wissen: Die An- (Beifall bei Abgeordneten der SPD, der CDU/
gleichung vor allen Dingen der Löhne und damit auch CSU, der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE
des Rentenwertes Ost/West ist seit einem Jahrzehnt zum GRÜNEN)
Stillstand gekommen. Es gibt regionale Unterschiede.
Einige Regionen in den neuen Bundesländern, zum Bei- Noch zu einer Tatsache – es ist vorhin schon ange-
spiel das Umfeld von Berlin, die Potsdamer Region, ste- sprochen worden –, die man vielleicht am persönlichen
hen sehr gut da. Es gibt natürlich auch Regionen in den Bereich darstellen kann. Die Mindestrente lag bis 1983
alten Bundesländern, die schlecht dastehen, zum Bei- bei ungefähr 165 Mark Ost. Man sagt: Etwa 30 Mark
spiel das Saarland. Das alles ist uns bekannt. Miete mussten gezahlt werden, mehr Kosten habe es
10446 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
(A) Präsident Dr. Norbert Lammert: stände, neue Ungerechtigkeiten und Systemwidrigkei- (C)
Nächster Redner ist der Kollege Dr. Heinrich Kolb ten.
für die FDP-Fraktion. Ich weise noch einmal darauf hin: Im Mai 2009 gab
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) es in der Anhörung ein klares Ergebnis. Die Sachver-
ständigen empfahlen keine Korrektur der geltenden Ge-
setze. Sie machten deutlich, dass jede Nachjustierung zu
Dr. Heinrich L. Kolb (FDP):
neuen Ungleichbehandlungen – also zu Ungerechtigkei-
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir ten – führt. Betroffene dürfen nicht bessergestellt werden
debattieren dieses Thema heute nicht zum ersten Mal als vergleichbare Rentner in den alten Bundesländern.
und, wie ich vermute, auch nicht zum letzten Mal.
(Dr. Martina Bunge [DIE LINKE]: Das wollen
(Dr. Gregor Gysi [DIE LINKE]: Richtig! – wir auch nicht!)
Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Ver-
sprochen!) Betroffene dürfen auch nicht bessergestellt werden als
andere Versicherte in den neuen Bundesländern. Diese
Ich halte es für notwendig, in meinem Debattenbeitrag beiden Maximen spielen für uns eine wichtige Rolle.
zu diesem Thema immer zunächst darauf hinzuweisen,
dass die Überführung des Rentenrechts der DDR in das (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
SGB VI eine große und herausragende Leistung der Po- Wir haben nun einmal die paradoxe Situation, dass
litik und der Mitarbeiter der Deutschen Rentenversiche- ein Teil der Betroffenen fordert, das frühere DDR-Recht
rung war. Das war einmalig und ist – das kann man so nicht mehr wirken zu lassen, und ein anderer Teil for-
festhalten – im Großen und Ganzen gelungen. dert, dass die Ansprüche nach dem früheren Recht kom-
Es ist nicht überraschend, dass bei einem so großen plett anerkannt werden. Diesen Gegensatz kann man ein-
Projekt nicht jedes Anliegen zu jedermanns Zufrieden- fach nicht auflösen; das leisten auch Ihre Anträge nicht.
heit erfüllt werden konnte. Insofern steht das Renten- Was mich stört an Ihrem Antragskonvolut, an diesem
recht vielleicht auch stellvertretend für das gesamte Pro- Paket, ist, dass Sie versuchen, uns neben 18 anderen
jekt deutsche Einheit. Gruppen mal eben auch Angehörige des Ministeriums
Die Linke legt zu diesem Thema regelmäßig – und für Staatssicherheit und des Amtes für Nationale Sicher-
auch regelmäßig unveränderte – Anträge vor. heit der DDR unterzuschieben. Wir bleiben dabei: Für
MfS-Angehörige darf nicht mehr als das frühere Durch-
(Widerspruch bei der LINKEN – Dr. Dagmar schnittsentgelt für die Rentenberechnung angesetzt wer-
(B) Enkelmann [DIE LINKE]: Dann haben Sie den. Diese Entscheidung haben wir getroffen, und sie ist (D)
nicht draufgeguckt!) ausdrücklich und mehrfach vom Bundesverfassungsge-
richt bestätigt worden. Das will ich hier sehr deutlich sa-
– Das müssen dann aber marginale Unterschiede sein. gen.
Aber Herr Gysi wird bestimmt gleich erläutern, wo die
großen Fortschritte in Ihren Anträgen sind. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie
bei Abgeordneten der SPD und des BÜND-
(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Er NISSES 90/DIE GRÜNEN)
wird es Ihnen gleich erläutern!)
Sie machen es sich zu einfach. Sie listen alle denkba-
Ich glaube, insgesamt gesehen kann man sagen: Das ist ren Gruppen Betroffener auf und vermischen dabei Pri-
das alte Muster, das da durchscheint, auch bei den jetzt vilegierte, auch Verantwortliche aus DDR-Zeiten mit
vorgelegten Anträgen. Menschen, die ganz einfach – ich sage es einfach einmal
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) so – Pech mit ihrem DDR-Schicksal hatten.
(Manfred Grund [CDU/CSU]: Oder belogen
Sie bleiben hartnäckig bei Ihren Lösungsvorschlägen,
worden sind!)
obwohl in den letzten Jahren in Anhörungen und Aus-
schussdiskussionen mehrfach nachgewiesen worden ist, Sie versuchen, sich als Fürsprecher aller möglichen
dass sie falsch sind. Wir hatten dem schon in 2008 einen Gruppen aufzuspielen, die sich benachteiligt fühlen
kreativen Vorschlag entgegengestellt, und zwar wollten könnten. Aber dabei übersehen Sie Folgendes: Teil der
wir ein Nachversicherungsangebot unterbreiten, was Gerechtigkeit, in die auch alle anderen einbezogen wer-
systemgerecht gewesen wäre und immer noch ist, neue den müssen, ist, auch die Situation und Befindlichkeit
Ungerechtigkeiten vermeidet und allen Betroffenen die derjenigen zu berücksichtigen, die für Ihre großzügigen
Chance gibt, ihre Situation zu verbessern. Lösungsvorschläge am Ende mitbezahlen sollen und
müssen.
(Zuruf der Abg. Dr. Martina Bunge [DIE
LINKE]) Ich will hier festhalten: Ohne deutsche Einheit und
Anpassung des Rentenrechts hätte kein DDR-Rentner
Ähnliches hat sich bewährt, als 1992 die Rentenberech- auch nur annähernd den Lebensstandard erreichen kön-
nung nach Angestelltenversicherungsgesetz in das nen, den er heute hat.
SGB VI überführt worden ist. Wo unsere Vorschläge
systemgerecht und überzeugend sind, liegen die Schwä- (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie
chen Ihrer Anträge: Sie schaffen neue Ausnahmetatbe- bei Abgeordneten der SPD und des BÜND-
10448 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
Anton Schaaf
(A) Dazu müssten Sie sich bekennen und auch sagen, wer In der DDR gab es bis 1961 private Land- und Forst- (C)
den fiktiven Versorgungsausgleich bezahlen soll, den Sie wirte. Es gab immer private Handwerker und andere
fordern. Vielleicht die Beitragszahlerinnen und Beitrags- Selbstständige sowie deren mithelfende Familienange-
zahler, die damit nun wirklich nichts zu tun haben? Wer hörige. Sie unterlagen in der DDR nicht immer einer
soll das, was Sie fordern, bezahlen? Versicherungspflicht, erwarben aber auch in diesen Zei-
ten einen Rentenanspruch. Nach 1990 wurden die Zeiten
(Beifall bei Abgeordneten der SPD, der CDU/ ihrer Selbstständigkeit weiterhin rentenwirksam aner-
CSU und der FDP) kannt, und zwar wiederum bis zum 31. Dezember 1996.
Wer aber etwas jünger war und danach in Rente ging,
Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE): bekam für die Zeit als Selbstständiger oder als mithel-
Hier kriegt man schon für die Frage Beifall. Ich fende Ehefrau keine Rente mehr zuerkannt.
dachte, den gibt es für die Antwort.
Wozu gibt es eigentlich die FDP, wenn Sie sich nicht
(Heiterkeit bei der LINKEN) einmal mehr um die privaten Handwerker und deren
Warten Sie doch ab! Ich wollte dazu noch Folgendes Ehefrauen kümmern? Das alles muss die Linke machen,
sagen: weil Sie nicht einmal diese Art der Interessenvertretung
organisieren.
Erstens können wir uns darauf verständigen, dass es
auch für die entsprechenden Personengruppen aus den (Beifall bei der LINKEN – Dr. Heinrich L.
alten Bundesländern einen Ausgleich geben muss. Heute Kolb [FDP]: Keine Sorge! Das haben wir
geht es um einen Antrag, der den Osten betrifft. schon im Blick!)
Zweitens soll das Vorhaben nicht aus Beiträgen, son- Es gab Personen, die auf dem zweiten Bildungsweg
dern aus Steuern finanziert werden. oder mit längeren Studiengängen verlängerte Ausbil-
dungszeiten hatten. Das galt auch für die Spitzensportler.
(Zuruf von der CDU/CSU: Ach!) Diese verlängerten Ausbildungszeiten wurden renten-
– Ja, warten Sie ab. Wenn wir in Deutschland nur den wirksam anerkannt. Sie haben auch das anerkannt, wie-
Steuerdurchschnitt der 15 alten EU-Mitgliedsländer er- derum bis zum 31. Dezember 1996. Wer danach in Rente
reichen würden, dann hätten wir jährlich Mehreinnah- ging, bekam die verlängerten Ausbildungszeiten nicht
men von 120 Milliarden Euro. Davon wäre das alles mehr anerkannt. Warum bestrafen Sie immer die Jünge-
finanzierbar. ren? Ich kann das nicht nachvollziehen.
(Beifall bei der LINKEN – Zuruf von der Ins Ausland mitgereiste Ehepartnerinnen und Ehe-
(B) FDP: Die sind doch schon 20-mal ausgege- partner von dort Berufstätigen, die selbst nicht beruflich (D)
ben!) tätig waren, erwarben dennoch Rentenansprüche. Auch
diese Ansprüche haben Sie für Personen anerkannt, die
Jetzt komme ich zu einer weiteren Gruppe, nämlich
bis zum 31. Dezember 1996 in Rente gingen. Denjeni-
zu den 500 Bergleuten der Braunkohleveredlung in
gen, die danach in Rente gingen, haben Sie die Anerken-
Borna/Espenhain, die derartig schwere gesundheitliche
nung versagt. Wieder eine Bestrafung der Jüngeren ohne
Belastungen hatten, dass sie einen Rentenanspruch wie
jede Erklärung.
Bergleute unter Tage erwarben. Das ist von Ihnen ab-
erkannt worden. Warum? Erklären Sie das diesen (Patrick Kurth [Kyffhäuser] [FDP]: Das waren
500 Menschen! Genossen an der unsichtbaren Front!)
(Beifall bei der LINKEN – Patrick Kurth [Ky- Dann gab es Versicherte in der DDR, die ihre Er-
ffhäuser] [FDP]: Warum haben Sie das damals werbstätigkeit unterbrachen, zum Beispiel wegen Kin-
nicht geregelt, Herr Gysi?) dererziehung. Es handelt sich dabei überwiegend um
Wer in der DDR Angehörige pflegte und dafür Pfle- Hausfrauen und nur um ganz wenige Hausmänner. Diese
gegeld erhielt, erwarb dafür Rentenanwartschaften. konnten in dieser Zeit „Marken kleben“. Deshalb erwar-
Diese haben Sie bis zum 31. Dezember 1996 anerkannt. ben sie weiterhin Anwartschaften auf Rente. Das haben
Diejenigen, die danach in Rente gegangen sind, bekom- Sie einfach gestrichen. Warum? Erklären Sie doch ein-
men dafür nichts mehr. Erklären Sie jemandem, der im mal den Hausfrauen, die jahrelang „Marken geklebt“ ha-
Dezember 1996 in Rente gegangen ist, dass er anders als ben, warum Sie ihnen diese Jahre nicht anerkennen und
derjenige, der im Januar 1997 in Rente gegangen ist, da- das einfach gestrichen haben! Das ist nicht nachvollzieh-
für eine Rente bekommt! Das ist indiskutabel. bar. Das ist grob ungerecht. Die meisten Betroffenen er-
halten heute Grundsicherung.
(Beifall bei der LINKEN – Dr. Dagmar Enkelmann
[DIE LINKE]: Das ist ungerecht!) (Beifall bei der LINKEN – Patrick Kurth [Ky-
ffhäuser] [FDP]: Wer durfte denn Hausfrau
Davon sind, um zu einer weiteren Kritik zu kommen,
sein?)
auch die Eltern von impfgeschädigten Kindern betroffen,
die ihre Kinder jahrelang gepflegt haben und Rentenan- – Auch Sie haben wirklich keine Ahnung. Aber Sie lade
wartschaften erwarben, die Sie nicht mehr anerkennen, ich nicht zusätzlich zum Essen ein. Einer reicht mir.
und zwar im Unterschied zu Westdeutschen, bei denen
diese Zeiten anerkannt werden. (Heiterkeit bei der LINKEN)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011 10451
Dr. Gregor Gysi
(A) Kommen wir zum Versorgungsunrecht. In der DDR chen Dienstes schon ab 1990 vollständig in die schon da- (C)
gab es – damit haben Sie recht – Zusatzversorgungen für mals geltende Altersversorgung einbezieht?
wissenschaftliche, pädagogische, medizinische, techni-
sche und künstlerische Intelligenz sowie im öffentlichen Dann gibt es Angehörige der Bundeswehr, des Zolls
Dienst. Außerdem gab es Sonderversorgungssysteme für und der Polizei, die ihre Tätigkeit nach 1990 fortsetzten,
sämtliche Sicherheitsorgane, Armee, Polizei, Staats- die Sie also übernommen haben. Diese sind gegenüber
sicherheit etc. Die hier erworbenen Ansprüche wurden ihren westdeutschen Kolleginnen und Kollegen eben-
zu großen Teilen nicht mehr anerkannt. Warum richten falls schlechter gestellt, weil ihre in der DDR erworbe-
Sie nicht wenigstens ein befristetes Versorgungssystem nen Anwartschaften nicht vollständig anerkannt und be-
sui generis ein, das die Ansprüche aus der Zusatzversor- rücksichtigt werden. Warum verweigern Sie hier die
gung der DDR wenigstens einigermaßen wahrt? Übernahme?
Für solche Personen, die einem Zusatz- oder Sonder- Des Weiteren gibt es keine einheitlichen Regelungen
versorgungssystem der DDR angehörten, werden die für Angehörige der technischen Intelligenz. Lassen Sie
Ansprüche bis zum 30. Juni 1995 nur unvollständig, mich als Beispiel die Ingenieurinnen und Ingenieure
aber immerhin teilweise anerkannt. Wer allerdings da- nennen, die zu DDR-Zeiten eine spezielle Zusatzversor-
nach in Rente ging, bekommt aus diesem System gar gung hatten. Bis heute sind bestimmte Berufsabschlüsse
nichts mehr. Erklären Sie den Jüngeren, warum die einen nicht anerkannt. Wenn der Betreffende Chemiker, die
schlimmere Verbrecher sind als die anderen! Das können Betreffende Physikerin oder der Betreffende Mathemati-
Sie doch auch nicht erklären. Bloß weil jemand ein Jahr ker war, werden die Ansprüche nicht anerkannt. Wenn
jünger ist, bekommt er gar nichts mehr aus dem Sonder- die Betreffenden in landwirtschaftlichen Produktionsge-
versorgungssystem, ganz abgesehen davon, dass es so- nossenschaften, Produktionsgenossenschaften des Hand-
wieso falsch ist, Biografien bei der Rente zu bewerten. werks, beim Konsum oder bei der Interflug tätig waren,
bekommen sie keine Zusatzversorgung. Dann gibt es
(Beifall bei der LINKEN) eine Stichtagsregelung, die absurd ist. Danach muss die
Ingenieurin oder der Ingenieur bis zum 30. Juni 1990 in
Aber weshalb versagen Sie diesem Personenkreis bis einem volkseigenen Betrieb gearbeitet haben. Wenn der
heute den Vertrauensschutz? Betrieb zu diesem Zeitpunkt nicht mehr Volkseigentum
war, sondern schon umgewandelt war, bekommen die
Dann gab es Beschäftigte der Deutschen Reichsbahn, Betreffenden keine Rente. Erklären Sie einer Ingenieurin
die eine spezielle Altersversorgung hatten. Diese galt oder einem Ingenieur, weshalb sie oder er die Rente ver-
– das ist interessant – von 1856 bis 1945. Sie wurde liert, bloß weil der Betrieb nicht mehr Volkseigentum
dann von den Sowjets ausgesetzt und 1956 wieder einge- war, sondern sich in Privatbesitz befand. Das ist gera- (D)
(B) führt. Sie haben das bis 1996 anerkannt. Wer aber ab
dezu absurd, selbst aus kapitalistischer Sicht, finde ich.
1997 in Rente ging, dem wird das nicht mehr anerkannt.
Erklären Sie das den Reichsbahnerinnen und Reichsbah- (Beifall bei der LINKEN)
nern!
(Beifall bei der LINKEN) Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Herr Gysi, bedenken Sie: Ihre Redezeit ist abgelau-
Eine ähnliche Regelung gilt für die Angehörigen der fen.
Deutschen Post. Dort haben Sie dieselbe Entscheidung
getroffen.
Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE):
Dann gibt es Professorinnen und Professoren neuen Außerdem gibt es Personen mit herausgehobenen Po-
Rechts, Ärztinnen und Ärzte im öffentlichen Dienst so- sitionen im Partei- und Staatsapparat. Sie wurden früher
wie Beschäftigte in universitären und wissenschaftlichen nach der Einkommenshöhe beschnitten; jetzt werden sie
Einrichtungen. Sie erhalten wesentlich geringere Alters- wegen ihrer Tätigkeit beschnitten. Ich sage noch einmal:
bezüge als ihre Kolleginnen und Kollegen in den alten Strafrecht hat im Rentenrecht nichts zu suchen. Deshalb
Bundesländern. Besonders benachteiligt sind diejenigen, muss das weg.
die zwischen 1995 und 2005 in Rente gingen. Die Ursa-
che sind verspätete Verbeamtung und Aufnahme in die In Ihrem Koalitionsvertrag steht – damit schließe ich –:
Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder. Warum Wir führen in dieser Legislaturperiode ein einheitli-
behandeln Sie diese Personen nicht nach dem seit 1990 ches Rentensystem in Ost und West ein.
geltenden Recht? Sie hätten sie von Anfang an in die Al-
tersvorsorge einbeziehen müssen. Wenn Sie das wirklich wollen, dann müssen Sie heute
allen Anträgen zustimmen. Eines sage ich Ihnen auch:
Auch die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes in Es stimmt, in jeder Legislaturperiode kommen wir wie-
der DDR, die nach 1990 ihre Tätigkeiten im öffentlichen der mit diesen Anträgen. Es ist ein Glück, dass es die
Dienst fortsetzen konnten, die Sie also übernommen ha- Linke gibt, die diese Ungerechtigkeit immer wieder an-
ben, sind in ihrer Altersversorgung schlechter gestellt, spricht. Sie würden das nie auf die Tagesordnung setzen.
weil auch bei ihnen die Verbeamtung und die Aufnahme
in die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (Anhaltender Beifall bei der LINKEN – Wi-
erst 1997 erfolgten. Weshalb verschließen Sie sich bis derspruch bei Abgeordneten der CDU/CSU
heute einer Regelung, die die Beschäftigten des öffentli- und der FDP)
10452 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
(A) Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: Wenn man diese beiden Kriterien zugrunde legt, kom- (C)
Das Wort hat jetzt der Kollege Dr. Wolfgang Streng- men wir zu dem Ergebnis, dass nur bei einer sehr kleinen
mann-Kuhn von Bündnis 90/Die Grünen. Anzahl von Gruppen Bedarf besteht, nachzujustieren.
Darüber hinaus mag es einzelne Härtefälle geben. Daher
Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn (BÜNDNIS 90/ finde ich den Vorschlag der SPD, einen Härtefallfonds
DIE GRÜNEN): einzurichten, durchaus sympathisch. Ich bin auf den ent-
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! sprechenden Antrag gespannt. Gegebenenfalls kann man
Lieber Herr Gysi, was Sie vernachlässigen, ist: Die DDR ihm zustimmen. Man müsste sich die Kriterien, den Um-
gibt es nicht mehr. fang und die Finanzierung genau anschauen. Dass ganze
Gruppen benachteiligt sind, ist häufig gar nicht unbe-
(Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: dingt der Fall. Diese Behauptung ist zu grob, und es wird
Gott sei Dank!) alles über einen Kamm geschoren.
Das System, in das eingezahlt worden ist, war nicht die Es gibt tatsächlich einige wenige Gruppen, bei denen
gesetzliche Rentenversicherung, sondern das DDR-Ren- es Nachjustierbedarf gibt. Deswegen haben wir einen
tensystem. Antrag zur Verbesserung der Versorgung Geschiedener
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS- gestellt. Wir hoffen, dass dieser Antrag eine Chance hat,
SES 90/DIE GRÜNEN – Manfred Grund angenommen zu werden. Grundlage dieses Antrags ist
[CDU/CSU], an die LINKE gewandt: Sie ha- nämlich ein Beschluss des Bundesrates, in dem die Grü-
ben es vor den Baum fahren lassen!) nen bekanntlich nicht die Mehrheit haben. Der Bundes-
rat hat am 24. September letzten Jahres beschlossen
Dadurch wurden keine Ansprüche in der gesetzlichen – ich zitiere –: Der Bundesrat bittet die Bundesregierung
Rentenversicherung aufgebaut. Es ist in der Tat eine nachdrücklich, eine befriedigende Lösung für die im
große Leistung gewesen, trotzdem die DDR-Rente in Beitrittsgebiet vor dem 1. Januar 1992 geschiedenen
das Gesamtrentensystem zu überführen. Ehegatten herbeizuführen. – Sie, liebe Kolleginnen und
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: So ist es!) Kollegen von CDU/CSU und FDP, insbesondere die Ab-
geordneten aus Ostdeutschland, haben gleich die Mög-
Dass dies gelungen ist, liegt an der Umlagefinanzierung. lichkeit, mit dafür zu sorgen, dass auch der Bundestag
(Dr. Martina Bunge [DIE LINKE]: Das haben die Bundesregierung auffordert, eine Lösung herbeizu-
wir auch gesagt, dass das eine Leistung war!) führen. Wir haben den Beschluss des Bundesrates ein-
fach kopiert und dabei lediglich das Wort „bitten“ durch
Nur durch sie war dies möglich. das Wort „auffordern“ ersetzt. Aber wir sagen wenigs-
(B) tens, woher die Kopie kommt. (D)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordne- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
ten der SPD und der FDP) Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Insofern kann man nicht sagen, dass jegliche Zusatzver- NEN]: Da wir es anmerken, ist es kein Pla-
sorgung übernommen werden musste. Es war ein kom- giat!)
plett anderes System.
– Insofern ist das kein Plagiat, sondern wir haben das
Es ist klar: Wenn man zwei Systeme zusammenführt, korrekt zitiert.
dann gibt es immer einzelne Fälle, in denen sich Men-
schen benachteiligt fühlen oder tatsächlich benachteiligt (Dr. Gesine Lötzsch [DIE LINKE]: Ist denn
sind. Für die Betroffenen haben wir großes Verständnis. eine Fußnote dabei?)
Es ist aber falsch, den ganzen Prozess 20 Jahre später Um es Ihnen besonders leicht zu machen, haben wir so-
von vorne zu beginnen und alles neu zu überlegen. Des- gar eine identische Begründung verwendet.
wegen halten wir die Generalüberholung, wie Sie sie mit
Ihren 19 Anträgen vorschlagen, für falsch. Liebe Kolleginnen und Kollegen der Regierungsfrak-
Wir meinen aber nicht, dass man alles beiseiteschie- tionen, tun Sie es Ihren Landesregierungen nach und
ben und dagegen stimmen sollte, wie das die Koalitions- stimmen Sie unserem Antrag zu!
fraktionen machen. Wir wollen vielmehr genau hin- Die Partei Die Linke beschäftigt sich wieder einmal
schauen. Dabei müssen nach unserem Dafürhalten vor mit der Vergangenheit, nämlich mit der Situation von
allen Dingen zwei Kriterien erfüllt sein: vor 20 Jahren und mit dem, was damals bei der Renten-
Erstens. Die Gruppen, bei denen etwas getan werden überleitung vielleicht schiefgelaufen ist oder nicht. Des-
muss, sind besonders benachteiligt worden. wegen möchte ich die restlichen anderthalb Minuten
meiner Redezeit nutzen, um nach vorne zu gucken.
Zweitens. Es muss gewährleistet werden – darauf hat
der Kollege Schaaf in seiner Zwischenfrage schon hin- Im Koalitionsvertrag steht, es solle ein einheitliches
gewiesen –, dass keine weiteren Ungerechtigkeiten ent- Rentenrecht geben. Ich habe gerade durch einen Zwi-
stehen, etwa in der Form, dass Ostrentner anders als schenruf nachgefragt, wann da endlich etwas passiert.
Westrentner behandelt werden. Das heißt, es muss sich Sicherlich gibt es beim zuständigen Bundesministerium
um eine Benachteiligung gegenüber Westrentnern han- eine Rentenabteilung; sie hat sich sicherlich nicht nur
deln, die gegebenenfalls ausgeglichen werden muss. mit Hartz IV befassen müssen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011 10453
Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn
(A) (Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Aber die Gesetze ma- Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: (C)
chen noch immer die Abgeordneten, oder?) Das Wort hat der Kollege Peter Weiß von der CDU/
CSU-Fraktion.
Aber bisher gibt es da noch keine Initiative. Wenn in die-
ser Legislaturperiode tatsächlich noch etwas passieren (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
soll, dann wird die Zeit dafür langsam knapp; denn die neten der FDP)
Rentenversicherung braucht für eine solch umfangreiche
Reform Zeit, um das zu implementieren.
Peter Weiß (Emmendingen) (CDU/CSU):
Wir finden, dass es über 20 Jahre nach der deutschen Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen!
Einheit endlich Zeit ist, dass der Rentenwert in beiden Man könnte geradezu das Lied „Alle Jahre wieder“ an-
Landesteilen identisch ist und die Rente identisch be- stimmen – wenn es nicht noch zehn Monate bis Weih-
rechnet wird. Das heißt, wir wollen ein einheitliches nachten wären –; denn alle Jahre wieder bekommen wir
Rentenrecht für Ost und West. ungefähr die gleichen Anträge vorgelegt, Anträge, über
die wir schon zigmal beraten haben,
Wir wollen auch, dass in beiden Landesteilen der
gleiche Lohn zu einem gleichen Rentenanspruch führt. (Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Es
Wir werden den Menschen in Ostdeutschland gerecht, wird Zeit, dass Sie sich bewegen! Dann
wenn wir sagen, ihr Lohn ist genauso viel wert wie im brauchte man das nicht!)
Westen und nicht 20 Prozent weniger.
zu denen wir mehrmals Fachexperten angehört haben
(Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Wenn und die zu einem Großteil im Petitionsausschuss des
die Löhne gleich hoch sind, dann ist es ja Deutschen Bundestages behandelt worden sind. Es ist
okay!) schon verwunderlich, dass das Urteil der Rentenexperten
zu den vorgelegten Anträgen offensichtlich von einer
– Herr Birkwald, zu Ihrem Zwischenruf. Ich finde nicht, Fraktion permanent nicht zur Kenntnis genommen wird.
dass man alle Ungerechtigkeiten dieser Welt im Renten-
recht lösen muss. Wir müssen in Ost und West in der Tat (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
zu einer gleichen Bezahlung für gleiche Arbeit kommen. der FDP)
Natürlich brauchen wir einen flächendeckenden Min- Ich möchte Herrn Professor Ruland, immerhin Vorsit-
destlohn, der in Ost und West gleich hoch ist, um da eine zender des Sozialbeirats, aus dem Jahr 2009 – damals
Untergrenze zu finden. So muss man an die Lösung ge- haben wir unsere letzte Anhörung zu diesem Thema
hen. durchgeführt – zitieren. Er hat damals festgestellt: Es hat
(B) (D)
Sie fordern ja auch nicht, dass Frauen für ihren Lohn zu der grundsätzlichen Regelung im Rentenüberleitungs-
höhere Rentenansprüche bekommen sollen, weil Frauen gesetz keine Alternative gegeben.
25 Prozent weniger verdienen als Männer. Dazu sagen (Dr. Ilja Seifert [DIE LINKE]: Es gibt immer
wir: Wir brauchen die gleiche Bezahlung von Männern eine Alternative!)
und Frauen und keine höheren Renten für Frauen wegen
geringerer Löhne. Er führt dazu weiter aus: Bei der Rentenüberleitung
mussten ja in sehr kurzer Zeit sehr verschiedene Systeme
(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Ge- zusammengeführt werden. Das Problem lag darin, dass
nau! Das fordern wir schon ewig!) es in der damaligen Situation außerordentlich schwer
So muss man darangehen. Man darf nicht alles im Ren- war, einen Überblick darüber zu bekommen, welche Re-
tenrecht regeln. gelungen galten und welche Sondersysteme existierten.
Man hat in dieser Zeit fast täglich neue Sondersysteme
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/ entdeckt. Viele davon waren nicht einmal rechtlich kodi-
DIE GRÜNEN) fiziert, dafür gab es kein Gesetz. Im Einigungsvertrag ist
die Schließung der Sonderversorgungssysteme bis zum
Stattdessen wollen wir eine Untergrenze, eine Garan- Dezember 1991 festgelegt worden. Eine Regelung, die
tierente für Ost und West einführen. Jetzt sind die Ren- das rückgängig machte, stünde nicht in Übereinstim-
ten im Osten höher. Wenn man jedoch alles zusammen- mung mit dem Einigungsvertrag.
zählt, sieht man: Die Einkommenssituation im Osten ist
jetzt schlechter als im Westen – anders als vor 20 Jahren, (Maria Michalk [CDU/CSU]: Genau!)
als die Rentner im Osten die Gewinner der deutschen
Das ist das Problem.
Einheit waren. Mit einer solchen Garantierente schaffen
wir tatsächlich einen Schutzwall gegen künftige Alters- (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
armut, von der der Osten besonders betroffen sein wird.
Aber Altersarmut gibt es, wie gesagt, nicht nur im Osten. Mit den Anträgen, die heute wieder zur Abstimmung
Wir sollten viel mehr gesamtdeutsch denken, als das die gestellt werden, wird folgender Fakt vernebelt: Die Ren-
Linke in ihren Anträgen tut. tenüberleitung im Zuge der deutschen Einheit war, ist
und bleibt die größte sozialpolitische Solidarleistung der
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Deutschen, die es je gegeben hat.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
10454 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
Ottmar Schreiner
(A) cherung sind keine Organisationen von irgendwelchen das verstärkt zu tun; das ist nichts Neues. Nur muss man (C)
Fraktionen in diesem Haus. Das sind unabhängige Orga- dann natürlich konsequenterweise dazusagen, dass wir
nisationen, die sich eine Einflussnahme strikt verbitten im bundesdeutschen Recht 1992 zum ersten Mal eine
würden. Anrechnung von Pflegezeiten hatten und dass die von
Ihnen begehrte Anerkennung auf Zeiten fällt, in denen
Ich habe mir die Mühe gemacht, mir die schriftlichen
westdeutsche Versicherte, die notwendige Pflegedienste
Erklärungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes und
leisteten, keinerlei rentenrechtliche Ansprüche erwer-
der Sozialverbände, in Sonderheit die des Sozialver-
ben konnten. Wenn man diese Zeiten anerkennen würde,
bands Deutschland e. V., entlang dieser Anhörung etwas
müsste man es für alle machen. Es macht keinen Sinn,
genauer anzuschauen. Sie werden so gut wie keinen ein-
eine isolierte Ostregelung zu forcieren, weil das in wei-
zigen Vorschlag der Linkspartei finden, der von diesen
ten Teilen des Westens auf großes Unverständnis stoßen
Verbänden nicht deutlich kritisiert worden ist.
würde.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der FDP – Peter Weiß [Em- Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
mendingen] [CDU/CSU]: So ist es!)
Herr Kollege Schreiner, der Herr Kollege Gysi würde
Es ist bedauerlich, dass die Linkspartei letztlich keinen Ihnen gerne eine Zwischenfrage stellen.
der Kritikpunkte, die von den Gewerkschaften und den
Sozialverbänden angesprochen worden sind, aufgenom- Ottmar Schreiner (SPD):
men hat und in veränderte Vorschläge einfließen ließ.
Das abzulehnen, wäre jetzt wirklich merkwürdig. –
Ich will einmal versuchen, das am Beispiel von zwei Bitte.
Bereichen deutlich zu machen. Der erste Bereich – er
wurde bereits vom Kollegen Gysi angesprochen – be- Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE):
trifft die Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialwe-
Herr Schreiner, es geht doch um folgendes Problem:
sen der ehemaligen DDR, die besonders schlecht bezahlt
Den Krankenschwestern etc. in der DDR war das doch
worden sind. Offenkundig war es als eine Entschädigung
versprochen worden,
für die sehr schlechten Löhne gedacht, für diese Be-
schäftigten im DDR-Rentenrecht einen Steigerungsfak- (Maria Michalk [CDU/CSU]: Warum denn?)
tor von 1,5 einzuführen. Jedweder Steigerungsfaktor war
dem westdeutschen Rentenrecht völlig fremd. weil sie zu geringe Löhne bekamen. – Moment! Das
habe ich doch gesagt. – Deshalb war ihnen bei der Rente
(Dr. Martina Bunge [DIE LINKE]: In der ein Erhöhungsfaktor versprochen worden. Das war et-
(B) Knappschaft! – Dr. Gregor Gysi [DIE LINKE]: was, worauf sie sich bei der Arbeit verlassen hatten. (D)
Bei der Knappschaft gibt es das auch!) Aber dann streichen Sie den Erhöhungsfaktor und sagen,
– Bei der Knappschaft gibt es andere Regelungen; aber dass das westdeutsche Recht dies nicht kenne. So be-
es gibt keine Steigerungsfaktoren, die generell in der ge- kommt man doch keine Vereinigung hin. Auch bei der
setzlichen Rentenversicherung wirken. Das bundesdeut- Pflege hatten sie sich darauf verlassen, dass diese Zeiten
sche Recht kennt diese Steigerungsbeträge nicht. als Rentenanwartschaftsjahre gelten. Aber dann sind sie
einfach gestrichen worden. Verstehen Sie? Da ist doch
Ein anderes Problem betrifft die Frage, ob die niedri- Vertrauen verloren gegangen. Diese Menschen sagen:
gen Löhne im Gesundheitsbereich der ehemaligen DDR Ich habe immer gearbeitet, und das war mir zugesichert.
heute rentenrechtlich noch korrigierbar sind und korri- Dann kommt die deutsche Einheit, und dann wird dieser
giert werden sollten. Wenn man das macht, Kollege Faktor gestrichen.
Gysi, dann muss man konsequenterweise hinzufügen,
dass es damals auch in Westdeutschland Niedriglohnsek- (Manfred Grund [CDU/CSU]: Die DDR hat
toren gab, wenn auch nicht in dem Ausmaße wie heute. sich verflüchtigt! Ihr habt euch davongemacht!
Man müsste also auch für diese Bereiche im Nachhinein Ihr habt die Kasse mitgenommen!)
eine spürbare Verbesserung bewerkstelligen, weil man
sich ansonsten dem berechtigten Vorwurf aussetzte: Für Ottmar Schreiner (SPD):
die einen tut ihr was, und die anderen lasst ihr links, Kollege Gysi, wir sind im Kern in dieser Frage nicht
rechts oder sonst wo liegen. – Das ist politisch nicht so furchtbar weit auseinander. Wir sind in der Frage aus-
durchzuhalten. einander, ob dieser Stabilisierungsfaktor, der nur im
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten DDR-Recht galt und vermutlich auch nur für ganz we-
der CDU/CSU und der FDP) nige Bereiche – mir ist nicht klar, ob dies außerhalb des
Gesundheitswesens noch für irgendeinen anderen Sektor
Das zweite Beispiel, das ich im Zusammenhang mit galt –, der Logik nach in die Konstruktion der gesetzli-
Ihren Anträgen nennen will, bezieht sich auf die Beseiti- chen Rentenversicherung mit Beitrags- und Lohnbezo-
gung von Rentennachteilen für Zeiten der Pflege von Fa- genheit, mit Beitragsbemessungsgrenze usw. hineinpasst.
milienangehörigen in der ehemaligen DDR. Das ist für Es bleibt aber das Kernproblem einer rentenrechtlichen
mich ein besonders beeindruckendes Beispiel, weil ich Besserstellung von Leuten im Osten wie im Westen,
immer zu denen gehört habe, die der Meinung waren,
dass wir notwendige Pflegezeiten entsprechend honorie- (Dr. Gregor Gysi [DIE LINKE]: Nein, das
ren müssen. Es gibt auch aktuell eine Debatte darüber, wollen wir nicht!)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011 10457
Ottmar Schreiner
(A) die in schlecht bezahlten Niedriglohnsektoren gearbeitet Ich sage Ihnen nochmals: Der beste Beitrag zur Be- (C)
haben, und Lösungsversuche stoßen bei der SPD auf kämpfung drohender Altersarmut ist es, Menschen für
ausgesprochen große Sympathien. anständige Arbeit anständig zu entlohnen. Das gilt für
Ostdeutschland, aber auch für Westdeutschland. Wir
(Beifall bei der SPD) wissen aus den Zahlen, die wir haben, dass in absehbarer
Ich will dazu einen Kollegen der CDU zitieren, und Zeit 30 bis 40 Prozent der Männer in Ostdeutschland
zwar den Kollegen Karl-Josef Laumann. Er ist inzwi- eine Rente unterhalb der Grundsicherung erwartet. Bei
schen Fraktionsvorsitzender der CDU im nordrhein- den Frauen sind die Zahlen noch deutlich höher. Wir
westfälischen Landtag und gleichzeitig Chef der Christ- kennen Zahlen aus Westdeutschland, nach denen sich die
lich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft. Ich schätze Situation dort nicht ganz so dramatisch darstellt, wir es
den Kollegen Laumann sehr. Er hat vor kurzer Zeit die aber auch dort mit wachsender Altersarmut zu tun be-
Einführung der Rente nach Mindesteinkommen gefordert. kommen.
Er sagte, ein Durchschnittsverdiener müsse 27 Jahre in Es ist kein Leben in Würde, wenn Menschen, die
die Rentenkasse einzahlen, um die Grundsicherung zu jahre- und jahrzehntelang in die Rentenversicherung ein-
bekommen. gezahlt haben, im Alter von der Sozialhilfe leben müs-
(Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Sehr sen. Deshalb besteht hier dringender Reformbedarf, weit
richtig!) über die 19 Einzelpositionen aus den Anträgen der Lin-
ken hinaus.
Das sei nicht leistungsgerecht. Wer Jahrzehnte einge-
zahlt habe, müsse mehr bekommen als jemand, der nie (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
Beiträge überwiesen habe. Dazu kann ich nur sagen: des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Bravo! Das ist völlig richtig. – Der Grundsatz „Leistung Wir von der SPD haben uns vor einiger Zeit dazu ent-
muss sich lohnen“ ist doch das Mantra, das die FDP pau- schieden, eine Kommission mit dem vorrangigen Ziel
senlos vor sich herträgt. Der Grundsatz „Arbeit muss einzusetzen, Vorschläge für die Bekämpfung der drohen-
sich lohnen“ muss für Arbeitnehmerinnen und Arbeit- den Altersarmut zu entwickeln.
nehmer und auch später bei der Rente gelten. Das ist
doch völlig unbestritten. (Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Das tut die Re-
gierung auch!)
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU, der FDP und des BÜNDNIS- Bei der einen oder anderen Frage werden die Probleme,
SES 90/DIE GRÜNEN) die von der Linken dargestellt worden sind, mit aufge-
griffen; das liegt auf der Hand.
(B) Die Bekämpfung drohender Altersarmut, und zwar (D)
nicht erst die im Jahr 2030 drohende Altersarmut, ist Lassen Sie mich zum Abschluss eine Bemerkung zu
– über die 19 Anträge der Linkspartei hinaus – die ei- einem Thema machen, das in keinem unmittelbaren Zu-
gentliche Herausforderung. Ich zitiere aus Welt Online sammenhang zu dem steht, worüber wir heute beraten.
von gestern Morgen: Gleichwohl bin ich der Meinung, dass dieses Thema für
alle Mitglieder des Hohen Hauses beschämend ist. Es
Altersarmut wächst in Berlin rapide. geht um die Art und Weise, wie wir in den letzten Jahren
In Berlin leben immer mehr ältere Menschen, und und Jahrzehnten rentenpolitisch mit ehemaligen DDR-
die Älteren werden immer ärmer. Im Jahr 2009 wa- Flüchtlingen umgegangen sind. Das ist wahrlich kein
ren in der gesamten Stadt mehr als 57 500 Men- Ruhmesblatt der deutschen Rentenpolitik.
schen darauf angewiesen, zusätzlich zu ihrer Rente
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
eine Leistung der Sozialhilfe vom Staat zu bekom-
der CDU/CSU, der LINKEN und des BÜND-
men.
NISSES 90/DIE GRÜNEN)
Die Rentenarmut wächst rapide. Das ist mit Ergebnis ei- Hier geht es zu erheblichen Teilen um Menschen, die bei
ner Politik, die den Niedriglohnsektor – prekäre Be- Gefahr für Leib und Leben die damalige DDR verlassen
schäftigungsverhältnisse – systematisch ausgeweitet hat. haben. Es waren Menschen, die teilweise mit erhebli-
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Durch Ihre Poli- chen Repressalien fertigwerden mussten und sich ent-
tik in Berlin!) schieden hatten, das Land zu verlassen. Die ehemaligen
DDR-Flüchtlinge sind durch die Überleitungsgesetzge-
– Es mag sein, dass auch wir da beteiligt waren. bung Anfang der 90er-Jahre deutlich schlechter gestellt
(Dr. Gesine Lötzsch [DIE LINKE]: Agenda worden. Vorher sind sie nach dem sogenannten Fremd-
2010!) rentengesetz behandelt worden und hatten sich – ähnlich
wie andere aus der ehemaligen DDR – auf den Fortbe-
Ich sage Ihnen nur: Wer erkannt hat, dass das ein Fehler stand dieser Regelung zu ihren Renten verlassen. Da
war, und ihn korrigieren will, ist mir tausendmal lieber sind sie bitter enttäuscht worden. Teilweise mussten sie
als Leute, die mit dem Kopf durch die Wand wollen, wie mit Einkommensminderungen von mehreren Hundert
Sie, Herr Kolb. Euro rechnen. Ich glaube, es stünde dem ganzen Haus
gut an, bei dieser Frage alsbald zu einer vernünftigen
(Beifall bei der SPD sowie des Abg.
Lösung zu kommen.
Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN]) Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.
10458 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
Ottmar Schreiner
(A) (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten ren immer wieder darauf hingewiesen: Man muss fest- (C)
der CDU/CSU, der FDP, der LINKEN und des stellen, dass es eine Herkulesaufgabe und eine Meister-
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) leistung gesetzgeberischer, aber auch finanzieller Art
war, zwei ganz unterschiedliche Rentensysteme zusam-
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: menzuführen.
Das Wort hat der Kollege Pascal Kober von der FDP- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Fraktion. der CDU/CSU)
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten Dass die Grundsatzentscheidung, das DDR-Rentensys-
der CDU/CSU) tem in das bundesdeutsche Rentenversicherungssystem
zu überführen, richtig war, bestreitet niemand. Auch na-
Pascal Kober (FDP): tionale und internationale Gerichte bestätigen seit Jah-
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! ren, dass die Grundsatzentscheidung, im wiedervereinig-
Lieber Herr Gysi, Sie haben Ihre Redezeit bedauerli- ten Deutschland ein einheitliches und gemeinsames
cherweise nicht dafür genutzt, uns deutlich zu machen, beitrags- und lohnbezogenes Rentenrecht einzuführen,
worin sich die Anträge in diesem Jahr von den Anträgen richtig war.
vor zwei Jahren unterscheiden.
(Beifall bei Abgeordneten der FDP und der
(Dr. Martina Bunge [DIE LINKE]: Lesen Sie CDU/CSU)
sie mal!)
Die Alternative wäre gewesen, dass bestimmte Ein-
Insofern können Sie in der Tat nicht damit rechnen, dass zelregelungen des DDR-Rechts in das Sozialgesetz-
Ihre Anträge, die die gleichen wie vor zwei Jahren sind buch VI hätten übertragen werden müssen, obwohl dies
in vielen Fällen nicht passt und den Grundsätzen des
(Dr. Martina Bunge [DIE LINKE]: Es sind Sozialgesetzbuchs VI widerspricht. Durch eine solche
zumindest zwei mehr!) Übertragung von Einzelregelungen des DDR-Rentensys-
und damals von der großen Mehrheit des Hauses abge- tems in das bundesdeutsche Rentenrecht wäre es im
lehnt wurden, jetzt von der Mehrheit dieses Hauses an- Übrigen zu neuen Ungerechtigkeiten gekommen. Bei ei-
genommen werden. nem so komplexen Projekt wie der Überführung zweier
so komplexer Systeme zu einem gemeinsamen System
(Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Dazwi- Einzelfallgerechtigkeit herzustellen, ist unmöglich.
schen war eine Bundestagswahl!)
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Für uns gilt in der Tat: Leistung muss sich lohnen. Das, der CDU/CSU – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: (D)
(B)
was Sie vorgelegt haben, ist aber keine parlamentarische Leider wahr!)
Leistung. Deshalb wird die große Mehrheit dieses Hau-
ses Ihre Anträge auch in diesem Jahr ablehnen. Wir müssen selbstverständlich auch beachten, dass die
Umsetzung dessen, was in manchen Anträgen gefordert
(Dr. Martina Bunge [DIE LINKE]: Was wird, bedeuten würde, dass wir Privilegien einzelner Be-
wissen Sie, was Leistung ist!) rufsgruppen in der DDR gegenüber anderen Berufsgrup-
Zweiter Punkt. Herr Gysi, Sie wollten in Ihrer Rede, pen in der DDR in unser heutiges gesamtdeutsches Ren-
soweit ich ihr folgen konnte, tenrecht übernähmen.
(Lachen bei Abgeordneten der LINKEN) Wir sollten festhalten: Die Integration des Rentensys-
tems der DDR in das Rentensystem der Bundesrepublik
an vielen Einzelbeispielen deutlich machen, warum die ist wahrlich eine große Leistung. Dadurch ist dafür ge-
Überleitung der Renten, so wie sie geschehen ist, unge- sorgt, dass Millionen von Menschen im Alter einen Le-
recht sein soll. Die meisten Beispiele bezogen sich auf bensstandard haben, der ihnen durch das DDR-Renten-
die Frage von Fristen und Stichtagen. Nun ist es aber system nicht gewährt worden wäre.
Wesen des Gesetzgebungsprozesses, dass wir mit Stich-
tagen und Fristen arbeiten müssen. Es gäbe keine Wei- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
terentwicklung des Rechts, wenn wir nicht Stichtage und der CDU/CSU)
Fristen setzen und diese dann auch anerkennen würden.
Unbestritten gehören die Rentnerinnen und Rentner der
Wenn wir dies nicht täten, würde nämlich immer altes
ehemaligen DDR in ihrer Gesamtheit zu der Gruppe, die
Recht gelten und neues Recht nicht möglich sein.
finanziell gesehen am meisten von der Einheit profitiert
Sie haben in Ihrer Rede versucht, die grundsätzlich hat.
richtige Entscheidung zur Rentenüberleitung anhand ei-
(Beifall des Abg. Dr. Heinrich L. Kolb [FDP])
ner Fülle von Einzelbeispielen zu kritisieren.
Schon zweieinhalb Jahre nach der deutschen Einheit
(Dr. Gregor Gysi [DIE LINKE]: Grundsätzlich
hatte sich der Wert der Rentenzahlungen für das Gebiet
richtig!)
der ehemaligen DDR mehr als verdreifacht. Das ver-
Sie versuchen nach wie vor, das Vertrauen in diese deutlicht die große Leistung, die damals insgesamt er-
grundsätzliche Entscheidung zu erschüttern. Ich möchte bracht worden ist. Ohne die Überleitung der Renten wür-
dazu etwas Grundsätzliches sagen. Die Redner haben in den die Rentnerinnen und Rentner im Osten der
dieser Debatte, aber auch schon in den vergangenen Jah- Republik heute fast alle in Armut leben.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011 10459
Pascal Kober
(A) Trotzdem sehen wir als FDP durchaus Handlungsbe- Monika Lazar (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): (C)
darf. Die FDP tritt dafür ein – Herr Kolb hat es schon Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die
ausgeführt –, dass wir den Menschen über eine günstige Kolleginnen und Kollegen der Linksfraktion gerieren
Nachversicherungslösung auf freiwilliger Basis eine sich heute wieder einmal als Rächer der Enterbten und
Perspektive geben, um manche individuellen Härten ab- tun so, als ob sie die Einzigen wären, die sich um die
zumildern. Rentnerinnen und Rentner im Osten kümmern.
(Dr. Martina Bunge [DIE LINKE]: Wovon sol- (Zurufe von der LINKEN: Machen wir doch
len die sich denn nachversichern?) auch! – Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]:
Vorredner heute und in vergangenen Debatten zu diesem Stimmen Sie zu! Dann sind Sie dabei!)
Thema haben stets betont, wie schwierig eine gerechte Vergessen wird, wie die Lage der Rentnerinnen und Rent-
Lösung ist. ner in der DDR war. Zu Beginn der Debatte wurden schon
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: So ist es!) einige Zahlen genannt; ich möchte noch einige nennen.
Anfang der 60er-Jahre lag das Rentenniveau bei etwa
Im Koalitionsvertrag haben FDP und CDU/CSU festge- 27 Prozent des Bruttoarbeitseinkommens. Von 1972 bis
halten, dass wir das Rentensystem von Ost und West zum Ende des Jahrzehnts stieg die Mindestrente von
vereinheitlichen werden. Persönlich habe ich die Hoff- 160 Mark auf 270 Mark. 1989 beschloss die SED, den
nung, dass wir im Zuge dieses Verfahrens zahlreiche Mindestsatz von 300 Mark auf 330 Mark anzuheben. Im
Einzelfragen der Rentenüberleitung erneut behandeln Juni 1990 betrug die durchschnittliche Ostrente 475 DDR-
und abschließend beantworten können. Mark. Vier Jahre später lag sie bei 1 200 D-Mark.
(Beifall des Abg. Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]) (Zuruf von der CDU/CSU: Durchschnittlich!)
Wir können bei diesem Thema keine Einzelfallge- – Durchschnittlich.
rechtigkeit schaffen, auch wenn das wünschenswert
wäre. Sie, werte Kolleginnen und Kollegen der Linken, Es ist beschämend, wie die Menschen in der DDR be-
machen es sich bei diesem Thema wieder einmal viel zu handelt wurden. Zahlreiche Rentnerinnen und Rentner
einfach. Die Lösung des Problems liegt für Sie darin, waren aufgrund des geringen Rentenniveaus gezwun-
einfach allen Forderungen einzelner Berufsgruppen pau- gen, nach Eintritt in das Rentenalter weiter zu arbeiten.
schal und vollkommen nachzugeben. Dies kann aber Man sollte sich genauso vor Augen halten, unter wel-
wieder zu neuen Ungerechtigkeiten zwischen den ver- chen Bedingungen die Menschen gelebt und gearbeitet
schiedenen DDR-Erwerbsbiografien und den daraus re- haben.
(B) sultierenden Rentenansprüchen führen. Wir dürfen nicht Sie, Kolleginnen und Kollegen von der Linken, haben (D)
versuchen, Einzelfallgerechtigkeit herzustellen; denn zum Beispiel auch einen Antrag für die Bergleute aus
das würde zu neuen Ungerechtigkeiten führen. der Braunkohleveredelung eingebracht. Ich komme aus
(Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: dem Süden von Leipzig, einer Landschaft, die früher
Quatsch!) – auch jetzt noch – stark von der Braunkohleindustrie
geprägt war. Ich weiß, wie die Lebensbedingungen und
Liebe Kolleginnen und Kollegen der Linkspartei, man Arbeitsbedingungen der Menschen dort waren. Es wurde
sollte bei diesem Thema vielleicht auch darüber nach- in den Betrieben keinerlei Rücksicht auf die Menschen
denken, dass heutzutage viele Menschen aus der ehema- genommen.
ligen DDR eine geringere Rente erhalten, weil ihnen aus
politischen Gründen durch das System der DDR eine (Dr. Gesine Lötzsch [DIE LINKE]: Das ist das
bessere Ausbildung oder bessere Berufschancen unter- Schlimme!)
sagt oder vorenthalten wurden. Deshalb können Sie sich doch jetzt hier nicht als Retter
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – darstellen.
Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Guter As-
(Dr. Gesine Lötzsch [DIE LINKE]: Quatsch!)
pekt!)
Die SED war doch damals dafür zuständig.
Das muss man in diesem Zusammenhang ansprechen,
auch wenn wir die Ungerechtigkeit des DDR-Systems (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP
nicht durch unser Rentenrecht im Nachhinein rückgän- und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
gig machen können. Ich persönlich finde das schmerz-
lich, kann an dieser Stelle aber nur in Erinnerung rufen, Die Betriebe wurden bankrottgefahren, und jetzt stellen
wo die Zuständigkeiten für dieses Unrecht liegen. Sie sich so hin, als seien Sie überhaupt nicht schuldig.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Diana Golze [DIE LINKE]: Die DDR gibt es
gar nicht mehr!)
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
– Die DDR existiert zum Glück nicht mehr.
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: (Dr. Gesine Lötzsch [DIE LINKE]: Das müs-
Das Wort hat die Kollegin Monika Lazar vom Bünd- sen Sie sich einmal merken, dass sie nicht
nis 90/Die Grünen. mehr existiert! Unsinn, niveaulos!)
10460 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
Monika Lazar
(A) Nach der Ablehnung Ihrer Anträge im Jahr 2009 ha- Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: (C)
ben Sie im Bundestagswahlkampf ein Flugblatt ge- Das Wort hat der Kollege Max Straubinger von der
macht. CDU/CSU-Fraktion.
(Zuruf von der LINKEN: Das machen wir (Beifall bei der CDU/CSU – Katja Kipping
wieder!) [DIE LINKE]: Ich habe mich gemeldet!)
Die Kolleginnen und Kollegen der ostdeutschen Länder – Das ist zu spät. Ich habe Herrn Straubinger schon auf-
können sich sicherlich gut daran erinnern. Ich habe die gerufen.
sächsische Version davon mitgebracht.
Max Straubinger (CDU/CSU):
(Michael Leutert [DIE LINKE]: Super! Das
Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen!
machen wir wieder!)
Ich möchte eine Vorbemerkung machen: Das Renten-
– Bitte nicht vorher lachen. – Wissen Sie, Kolleginnen überleitungsgesetz war und ist für die Menschen in der
und Kollegen von der Linken, wer genauso gestimmt hat ehemaligen DDR ein großer Erfolg. Es gibt ihnen eine
wie Sie? Henry Nitzsche, ehemaliger Rechtsausleger der materielle Sicherheit im Alter, die in der DDR nie mög-
CDU, später fraktionsloser Abgeordneter im Deutschen lich war und nie möglich gewesen wäre. Trotz aller Son-
Bundestag und jetzt im nationalkonservativen Lager in derversicherungssysteme und Zusatzsysteme wäre diese
Sachsen unterwegs. Sind das wirklich Ihre Mitstreiter? materielle Sicherheit für die Menschen in der ehemali-
gen DDR nie erreicht worden.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und der CDU/CSU – Dr. Gesine Lötzsch [DIE (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
LINKE]: Was können die Rentner dafür? – Auch unter sozialpolitischen Gesichtspunkten hat das
Weitere Zurufe von der LINKEN) Rentenüberleitungsgesetz einen großen Beitrag geleistet.
Es hat nämlich – das ist die soziale Komponente – zum
– Wir sehen das Problem durchaus differenziert. Mein
Zusammenwachsen der beiden Teile Deutschlands, von
Kollege hat schon gesagt, dass wir bei einigen in den
Ost und West, beigetragen. Hinter diesem Erfolg stehen
Anträgen angesprochenen Punkten durchaus Verände-
die Beitragszahlerinnen und Beitragszahler und die Steu-
rungsbedarf sehen.
erzahler in unserem Land, die die Grundlage dafür
Die DDR-Geschiedenen sind bereits angesprochen schaffen, dass die Leistungen, die den Menschen über
worden. Ihr Verein ist sehr aktiv, und ich persönlich habe das Rentensystem zuteilwerden, erbracht werden kön-
auch sehr gute Kontakte und unterstütze ihn. Die DDR- nen.
(B) Geschiedenen haben – das richtet sich an die Kollegin- (D)
Natürlich ist es immer möglich, für Verbesserungen
nen und Kollegen von den Regierungsfraktionen – übri- für vermeintlich Benachteiligte einzutreten, wie die
gens auch Beistand von europäischer Ebene bekommen. Fraktion Die Linke dies heute wieder darzustellen ver-
Sie klagen jetzt beim Europäischen Gerichtshof für sucht. Damit will sie sich in der Öffentlichkeit bei Perso-
Menschenrechte, und auch der CEDAW-Ausschuss, also nenkreisen, die sie begünstigen will, anbiedern. Diese
der UN-Überprüfungsausschuss zur Bewertung der Dis- Menschen sollen glauben, dass die Linke die aus ihrer
kriminierung der Frauen, will sich der Sache annehmen. Sicht berechtigten Ansprüche hier einbringt. Ich möchte
Wir hatten schon in der letzten Wahlperiode einen An- schon herausstellen, dass es in der DDR aufgrund eines
trag dazu eingebracht. Heute steht ein Antrag zur Ab- Unrechtssystems zu diversen Sonderzulagen und Son-
stimmung, der – mein Kollege hat das schon angedeutet – derzusagen gekommen ist. Ich habe mir berichten lassen,
vom Bundesrat übernommen wurde. Wir würden uns dass die Menschen in der ehemaligen DDR es ebenfalls
wirklich sehr freuen, wenn insbesondere für diese als große Ungerechtigkeit empfunden haben, dass die In-
Gruppe Abhilfe geschaffen wird. Es gibt eine Rege- telligenzrente wesentlich höher war, die Beitragszahlun-
lungslücke, und wir müssen einer größeren Gruppe Be- gen dafür niedriger. Das können wir in einem bundes-
troffener gerecht werden und sollten nicht erst auf die deutschen Rentensystem nicht fortführen.
europäische Rechtsprechung warten.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
Eine langfristige Lösung ist, wie viele Rednerinnen der FDP)
und Redner zu Recht schon gesagt haben, mit den Anträ-
gen der Linksfraktion natürlich nicht zu erreichen. Wir Das Rentenüberleitungssystem ist gelungen, und deshalb
müssen uns gemeinsam mit allen Fraktionen bemühen, lehnen wir Ihre Anträge zu den einzelnen Bereichen ab.
endlich ein einheitliches Rentensystem zu schaffen. Es ist entscheidend, dass wir der Öffentlichkeit unser
Viele Bundesregierungen in der Vergangenheit haben Rentensystem erklären. Wir müssen immer wieder sa-
sich das schon vorgenommen. Bisher ist es leider nicht gen, dass Beitragszahlungen die Grundlage dieses Sys-
geglückt. Wir sind sehr gespannt, was die aktuelle Bun- tems sind und Ansprüche auf diese Art und Weise erwor-
desregierung vorlegen wird. Vielleicht schaffen wir es ja ben werden. In der ehemaligen DDR gab es den von der
in dieser Wahlperiode, zu einem einheitlichen System zu Linken heute so sehr bekämpften Niedriglohnsektor. Er
kommen, das diesen Namen auch verdient. wurde so begründet: Ihr bekommt zwar jetzt niedrige
Vielen Dank. Löhne, aber dafür später eine höhere Rente. Die Leis-
tung der Arbeit sollte sozusagen erst in der Zukunft be-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) lohnt werden. Auch das ist ein eigenartiges System ge-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011 10461
Max Straubinger
(A) wesen. Wir kämpfen dafür, dass der entsprechende Lohn ist, an gerechten Lösungen in unserem Rentensystem (C)
sofort ausgezahlt wird. Wir verweisen nicht auf die Zu- mitzuarbeiten.
kunft.
Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der CDU/CSU)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Auch daran wird die Ungerechtigkeit des DDR-Systems
deutlich. Diese Ungerechtigkeit wollen Sie, verehrte
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Kolleginnen und Kollegen von der Linken, im deutschen
Rentensystem fortführen. Auch deshalb lehnen wir diese Das Wort hat jetzt der Kollege Frank Heinrich von der
Anträge ab. CDU/CSU-Fraktion.
(Beifall bei der CDU/CSU) (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der FDP)
Heute wurde wieder vorgetragen, dass es zukünftig
mehr Altersarmut geben würde. Natürlich gilt es, das zu Frank Heinrich (CDU/CSU):
beachten, und natürlich lohnt es sich auch, sich damit
auseinandersetzen. Ich möchte aber daran erinnern: Ich Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
komme aus einem Landstrich, in dem die Löhne nach Kollegen! Ich bin sehr dankbar, dass ganz am Anfang
dem Zweiten Weltkrieg grundsätzlich niedrig waren. Er der Debatte ein Kollege von mir, Herr Rehberg, mit fol-
ist ausschließlich landwirtschaftlich geprägt, ohne indus- gender Frage begonnen hat: Woher kommen wir? In der
trielle Arbeitsplätze. In Niederbayern fand der Auf- ganzen Debatte sind wir immer wieder zu dieser Frage
schwung erst in den 70er-/80er-Jahren statt. Letztendlich zurückgekehrt. Wo beginnt denn die Überleitung, die im
würde das bedeuten, dass in diesem Landstrich alle Titel dieser Debatte steht? Ich möchte den Bogen span-
Menschen der Altersarmut anheimgefallen sind, weil in nen. Bei einer Überleitung denkt man an eine Brücke.
den Jahrzehnten nach dem Krieg nur geringe Löhne er- Wenn es ein Woher gibt, dann muss es auch ein Wohin
wirtschaftet werden konnten. Es gab Perioden, in denen geben. Ich bin dankbar, dass Sie, Frau Lazar, gesagt ha-
in einzelnen Landkreisen eine Arbeitslosigkeit von ben: Wir wollen eine Perspektive, wohin das führen soll.
40 Prozent und mehr geherrscht hat, insbesondere im Zu den Anträgen von Ihnen, von den Linken, ist viel
Winter, weil mit der Landwirtschaft viele Saisonberufe gesagt worden, nicht erst heute und, wie Kollege Kolb
verbunden sind. Trotzdem hat unser Rentensystem es zu- gesagt hat, wahrscheinlich nicht zum letzten Mal. Die
stande gebracht, dass wir keine höhere Altersarmut zu 19 Anträge sind unseres Erachtens nicht im ureigensten
verzeichnen haben als vielleicht das Ruhrgebiet. Das Interesse der Gruppen, für die Sie hier sprechen. Das
(B) zeigt sehr deutlich, dass die beste Grundlage gegen Al- Vorgehen wird kaum einer der Gruppen – manche sagen (D)
tersarmut in unserem Land Arbeitsplätze sind. Es lohnt uns das sogar – gerecht. Da wird instrumentalisiert, und
sich, hier dafür einzutreten. es riecht nach seltsamen Motiven. Herr Gysi, wenn Sie
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- hier sagen, dass der Grund, keinen Antrag bezüglich der
neten der FDP) Flüchtlinge zu stellen, der ist, dass diese gern gemein-
sam etwas machen wollen, dann muss ich darauf hinwei-
Geringere Rentenansprüche sind oft verbunden mit sen, dass ich das auch schon von anderen Gruppen ge-
hoher Arbeitslosigkeit, wie sie zum Beispiel in der Ver- hört habe. Diese dürften Sie dann auch nicht vertreten.
gangenheit bei Rot-Grün geherrscht hat. Damals gab es
5 Millionen Arbeitslose, heute sind es nur noch 3 Millio- Am Ende kann die Linke letztlich allen diesen Grup-
nen Arbeitslose; aber auch das sind 3 Millionen Arbeits- pen sagen, dass sie sich für sie eingesetzt hat. Frau
lose zu viel. Deshalb ist es hier mitentscheidend, nicht Schmidt, Sie haben vollkommen recht: Das ist ein Stück
bessere Versprechungen gegenüber den Menschen zu weit Populismus. Wir hören – wir haben miteinander
machen, sondern daran zu arbeiten, dass wir Arbeits- darüber gesprochen – aus den Gruppen andere Einstel-
plätze, dass wir sozialversicherungspflichtige Beschäfti- lungen dazu. Es ist inzwischen zur Genüge gesagt wor-
gungsverhältnisse haben, durch die die Menschen hohe den, dass es eine große gesellschaftliche Leistung ist, die
Rentenansprüche erwerben. ihresgleichen sucht. Die Komplexität der Lösung, die
dann noch nötig sein kann, kommunizieren Sie nicht,
Ein Letztes, verehrte Damen und Herren. Kollege weil es viel zu schwierig ist, das in drei Sätzen zu sagen.
Schreiner hat auf ein Problem hingewiesen, das mit dem Herr Schreiner, da gebe ich Ihnen vollkommen recht. Da
Fremdrentengesetz und den Flüchtlingen aus der ehema- sind die 63 Zusatz- und Sonderversorgungssysteme. Da
ligen DDR und der damit verbundenen Bewertung dieser ist die juristische Realität, die vielem davon im Weg
Zeiten zu tun hat. Wir haben entsprechende Petitionen steht. Das Bundesverfassungsgericht hat die Verfas-
im Bundestag. Es gilt, diese Petitionsverfahren abzuwar- sungsmäßigkeit bestätigt. Die UN-Menschenrechtskom-
ten. Ich glaube nicht, dass wir dies so einfach lösen kön- mission ist damit befasst worden und hat dem Ganzen
nen. Wir müssen aufpassen, dass wir keine neuen Tatbe- stattgegeben. Der Europäische Gerichtshof hat gesagt:
stände der möglichen Ungerechtigkeit schaffen. Deshalb Das ist so nicht widersprüchlich. Es gibt die Grundsätze
gilt für uns, dies alles sehr sachgerecht zu beurteilen, des Bundessozialgerichts und rentenrechtliche Regelun-
aufzunehmen und natürlich auch in einem parlamentari- gen im SGB. So viele Dinge muss man dazusagen, wenn
schen Verfahren darüber zu diskutieren. Hier sind alle man solche einfachen Forderungen – polemisch, wie ich
eingeladen, weiterhin, wenn es notwendig und möglich meine – nutzen möchte.
10462 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
Frank Heinrich
(A) Auch die Fachleute, die auch Sie in den Anhörungen tigkeiten schaffen. – Gestern fiel in einem weiteren Ge- (C)
gehört haben, waren eindeutig. Dazu gab es Bedingun- spräch auch der Begriff der Minimalstungerechtigkeit,
gen und Prinzipien, über die wir nicht einfach springen die wir anstreben. Ich glaube, wir sind mit den momenta-
dürfen: Der Gleichheitsgrundsatz – wir haben hier von nen Möglichkeiten nah an sie herangekommen. Wir wol-
Ost und West gesprochen – muss auf beiden Seiten ge- len schauen – das ist unsere Haltung als Koalition; das
währleistet sein – Herr Schaaf, das haben Sie in Ihrer ist deshalb auch im Koalitionsvertrag verankert –, dass
Zwischenfrage erwähnt –, der Grundsatz der Lohn- und wir so nah wie möglich an die Grundsätze der Gerechtig-
Beitragsbezogenheit ist ein hohes Gut in unserem Land, keit herankommen. Aber da gibt es die Grenze des Ein-
die Systematik der auch schon vorher bestehenden zelfalls. Diese Grenze kann das Gesetz nicht überwin-
Rechtsverordnungen und die Vorgaben im Einigungsver- den, schon gar nicht bei einem so starken Bruch in der
trag, darüber können wir uns nicht einfach hinwegset- deutschen Geschichte, einschließlich der Fehler, die
zen. Ich halte es für polemisch, dass Sie das einfach tun auch noch danach – wohlgemerkt: danach – gemacht
und so einfach kommunizieren wollen. wurden. Ich denke, an der Minimalstungerechtigkeit
sind wir nahe dran.
Die Frage, die sich mir stellt, lautet: Wie ernst neh-
men Sie dieses Anliegen tatsächlich? Wenn einzelne Jetzt gibt es noch Möglichkeiten des Weiterdiskutie-
kleine Nachbesserungen nötig sind, dann sind wir bereit, rens. Sie von der Opposition redeten vorhin von einer
daran mitzuarbeiten. Die meisten der Forderungen sind Fondslösung, die die größten Schwierigkeiten und die
allerdings realitätsfern, insbesondere wenn Sie – da bin größten Schärfen, die durch die Gesetze passiert sind,
ich mir mit den Kollegen von der SPD einig – Anträge auszugleichen versucht. Wir setzen uns da zusammen;
für Personengruppen mit großer Nähe zum Staat, wie das haben wir schon vereinbart. Wie diese Fondslösung
man das allgemein sagen kann, formulieren. aussehen könnte und ob es eine Fondslösung geben
wird, kann ich noch nicht sagen.
Eines noch ganz persönlich zur Debattenkultur, zur
politischen Auseinandersetzung. Sie stellen sich hier hin Insgesamt betrachtet unterstreiche ich noch einmal:
und fordern, dass wir alle gemeinsam so entscheiden sol- Es war eine gewaltige gesellschaftliche Leistung, das hat
len – als ob Sie diese Anliegen vertreten! Ich verstehe sich immer wieder gezeigt; das haben auch Sie an einer
nicht, dass sich, seit ich der Sprecher bzw. der Berichter- Stelle in Ihrem Antrag – fairerweise muss ich das sagen –
statter meiner Fraktion im Bundestag zu diesem konkre- geschrieben. Aber die wirtschaftlichen Fehler von vor
ten Thema bin, nicht einer von Ihnen mit mir zusammen- der Wende, die sich in unzähligen Lebensläufen, in die
gesetzt und gesagt hat: Das Anliegen ist uns so wichtig, widerrechtlich eingegriffen wurde, niedergeschlagen ha-
dass wir hier gemeinsam etwas bewegen sollten. – Kein ben, kann man heute trotz aller rechtmäßigen Bestrebun-
(B) Versuch Ihrerseits, Gespräche dieser bilateralen Art zu gen nicht einfach ausgleichen. Ungerechtigkeit kann (D)
führen. Das ist bei den anderen Fraktionen anders gewe- man nicht gegen Gerechtigkeit aufwiegen, auch ein de-
sen. Ob das wirklich ein Anliegen um der Sache willen mokratischer Rechtsstaat kann das nicht.
ist, möchte ich zumindest bezweifeln.
Ein zweiter Gedanke. Nachdem ich die Frage gestellt Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
habe, inwiefern es Ihnen hier um Quantität – 19 Anträge – Ich bitte Sie, zum Schluss zu kommen.
anstatt um Qualität geht, stellt sich auch die Frage nach
dem Wort „gerecht“. In all Ihren Anträgen kommt das Frank Heinrich (CDU/CSU):
Wort „gerecht“ vor.
Ich komme zum Ende.
(Dr. Gesine Lötzsch [DIE LINKE]: Fragen Sie
sich nicht, warum Ihnen keiner von Ihren eige- Unser Anliegen: Woher, wohin? Wohin wollen wir?
nen Leuten mehr zuhört? Kein Einziger hat ein Wir wollen zu einem einheitlichen Rentenrecht kom-
einziges Mal geklatscht!) men. Dazu haben wir uns bekannt, deshalb werden
wir uns auch mit Ihnen auseinandersetzen; Herr Streng-
Durch die Wende – das haben Sie an keiner Stelle ver- mann-Kuhn, Herr Schaaf, Sie haben darauf hingewiesen.
schwiegen; das habe auch ich in meinen Reden hier ex- Wir unterstützen dieses Bestreben. Allerdings dürfen be-
plizit gesagt – sind Ungerechtigkeiten passiert – Sie ha- stimmte Gruppen nicht erneut benachteiligt werden. Wir
ben das von uns an verschiedenen Stellen gehört –: gehen das an; wir werden in diesem Jahr damit begin-
durch Stichtage – Herr Kober hat das gesagt –, durch nen.
Fristenregelungen. Und doch sind wir in unserem
Rechtssystem an diese Regeln gebunden. Welche Ge- Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
rechtigkeit spielen wir gegen welche aus? Generationen- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
gerechtigkeit? Einzelfallgerechtigkeit? Wir brauchen
Rechtssicherheit für die kommenden Generationen.
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Gestern telefonierte ich mit einer Frau in ungefähr Das Wort hat jetzt als letzte Rednerin zu diesem Ta-
meinem Alter. Sie sagte mir in etwa Folgendes: Egal wie gesordnungspunkt die Kollegin Maria Michalk von der
wir in dieser zugegebenermaßen verfahrenen und teil- CDU/CSU-Fraktion.
weise ungerechten Situation entscheiden, wir werden
wegen der Komplexität immer wieder neue Ungerech- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011 10463
(A) Maria Michalk (CDU/CSU): gibt, der Scheidung zugestimmt, weil das für sie der bes- (C)
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! sere Weg für die Zukunft war.
Normalerweise bin ich eine begeisterte Anhängerin der Wer meint, man könne jedes Einzelschicksal mit ei-
Volksweisheit: Wiederholung ist die Mutter des Er- nem Grundsatzsystem korrigieren, der verkennt, was Po-
folgs. – Aber die Rentenantragsserie der Linken zeigt litik leisten kann. Wir bemühen uns in unseren Diskussi-
ganz deutlich, dass dieser Ansatz dann nicht stimmt, onen durchaus, Brüche zu erkennen und Lösungen zu
wenn bei der Lösung des Grundproblems einfach an der finden. Ich halte in diesem Zusammenhang nichts davon,
falschen Stelle angesetzt wird. immer nur Durchschnittszahlen zu zitieren. Sie sind in-
Sie fordern mit Ihren Anträgen – dabei hangeln Sie terpretationswürdig; in manchen Statistiken werden Be-
sich an den einzelnen Sachverhalten entlang, und das rufsgruppen involviert – zum Beispiel Ingenieure oder
zum wiederholten Male – eine gründliche Überprüfung Ärzte –, die nach heutigem Recht eigene Versorgungs-
und Korrektur der Rentenüberleitung. Das – das ist in werke haben. Insofern kann man nicht jede Statistik kor-
der Debatte sehr deutlich geworden – ist nach fast rekt miteinander vergleichen. Das führt zu einem fal-
20 Jahren der Überleitung in eine beitrags- und lohnbe- schen Ansatz.
zogene Rentensystematik einfach der falsche Ansatz. Sie Uns ist wichtig, dass man jetzt nicht so tut, als ob wir
können noch so viele Anträge stellen, Sie werden nie- mit unseren vielfältigen Bemühungen in diesem komple-
mals unsere Zustimmung dazu bekommen. xen Prozess der Überführung dieses Wirrwarrs von Ren-
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- tensondersystemen Probleme verursacht hätten. Dazu ist
neten der FDP) es aufgrund des Systems gekommen, das diejenigen zu
vertreten haben, die die Anträge stellen. Es geht nicht,
Denn Politik ist nicht, das Wünschenswerte zu formu- dass Sie erst die Sozialsysteme an die Wand fahren,
lieren und die anderen für die Umsetzung bezahlen zu quasi das Haus anbrennen und sich jetzt wiederholt zum
lassen. Das war gelegentlich – nach Gutsherrenart – die Feuerwehrmann aufspielen. Das funktioniert nicht.
Methode der alten SED-Regierung. Unser Prinzip heißt,
das Wünschenswerte mit dem Machbaren zu verglei- (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
chen, sich am Realistischen zu orientieren und das dann neten der FDP)
durchzusetzen. Deshalb sage ich es noch einmal ganz konkret: Dass
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und wir uns bemühen, merken Sie doch; das war auch in der
der FDP) rot-grünen Regierungszeit so. Als es zum Beispiel um
das Problem ging, eine Regelung für die geschiedenen
(B) Die politische Grundsatzentscheidung war damals auf Ehefrauen zu finden, hat es eine interministerielle Ar- (D)
dem Weg zur deutschen Einheit richtig. Wir müssen uns beitsgruppe gegeben. Von den Anhörungen der Experten
noch einmal in Erinnerung rufen: Das Rentenniveau lag wurde schon gesprochen. Auch die Länder waren an die-
damals bei 40 Prozent; und jetzt liegt es bei 88, 89 Pro- ser Abstimmung und an der interministeriellen Arbeits-
zent. Wer meint, das sei keine besondere Leistung, der gruppe beteiligt. Sie haben eben kein Ergebnis vorlegen
verkennt die gesamtdeutsche Solidarität, für die ich mich können, das politisch diskutiert und beschlossen werden
hier noch einmal ausdrücklich bedanken möchte. konnte, weil es neue Ungerechtigkeiten bedeutet hätte.
Deshalb ist die Lösung nicht so einfach.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der SPD) Ich sage Ihnen – ich habe von diesem Pult aus ja wie-
derholt zu diesem Thema gesprochen –:
Ich verkenne natürlich auch nicht, dass es bei Stich-
tagsregelungen, die im politischen Geschäft normal und (Eva Bulling-Schröter [DIE LINKE]: Leider!)
manchmal nicht abwendbar sind, auch Einzelschicksale
gibt, die einem in der Seele leidtun. Aber im Osten – das Wir erkennen, dass sich das Prinzip „Wer arbeitet, soll
war dort die Realität – gab es ein System ohne rote Li- mehr Lohn haben als jemand, der nicht gearbeitet hat“
nie. Herr Gysi, es wird Ihnen nicht gelingen, die Grund- im Grunde genommen in der Rente widerspiegeln muss.
sätze des Einigungsvertrages durch die Hintertür aufzu- Klar haben wir die Grundsicherung im Alter. Das ist ein
heben. Rechtsanspruch. Aber wir sind uns einig: Es ist nicht ge-
rade sehr bequem, das zu beantragen. Ich kenne vor allen
(Beifall bei der CDU/CSU) Dingen viele Frauen, die sich schwertun, diesen Antrag
zu stellen. Ich sage aber immer wieder: Das ist ein
Ich nenne einmal das heute schon mehrfach ange- Rechtsanspruch.
führte Beispiel der Krankenschwester. Ich frage mich:
Wieso mussten in den meisten Fällen die Frauen zu ei- Die Kommission, deren Einsetzung wir in unserem
nem so niedrigen Lohn diese ganz schwere Arbeit ver- Koalitionsvertrag beschlossen haben, wird dieses Ge-
richten? Es gab damals noch keine Pflegebetten oder samtbild betrachten, weil das dann nicht mehr alleine
Badewannen mit Lift. Erinnern Sie sich an die damali- nur ein ostdeutsches Problem ist. Ich bitte Sie herzlich,
gen Zustände: Das war eine äußerst schwere Arbeit in dafür Verständnis zu haben, dass wir bei unserer Grund-
Schichten. Die meisten Frauen haben nebenbei Kinder satzhaltung bleiben, weil sie von Fachexperten, in vielen
erzogen, und wenn es ganz dicke kam, dann hatten Sie Anhörungen und von Gerichten bestätigt worden ist. Ar-
auch noch einen Mann, der sie betrogen hat. Dann haben beitsminister aller Couleur in diesem Haus haben keine
sie oft, wissend, dass es keinen Versorgungsausgleich Patentlösung vorlegen können. Das ist der Beweis dafür,
10464 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
Maria Michalk
(A) dass das ein sehr schwieriger Prozess ist, dem wir uns Gibt es noch Mitglieder des Hauses, die ihren Stimm- (C)
stellen werden. Darüber freue ich mich. zettel nicht eingeworfen haben? – Das scheint nicht der
Fall zu sein. Ich schließe die Abstimmung und bitte die
Wir werden hier wiederholt darüber diskutieren, aber Schriftführerinnen und Schriftführer, mit der Auszäh-
nicht auf der Grundlage Ihrer Anträge, sondern wir ge- lung zu beginnen.
hen das Gesamtpaket an.
Ich darf die Kolleginnen und Kollegen bitten, sich
Herzlichen Dank. wieder auf ihre Plätze zu begeben, damit man den Über-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) blick behalten kann.
Da die vollständige Auswertung der Stimmzettel ei-
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: nen erheblichen Zeitbedarf erfordert, werden die Schrift-
Ich schließe die Aussprache. führerinnen und Schriftführer zunächst noch kein zah-
lenmäßiges Ergebnis ermitteln können, sondern nach
Bevor wir zur Abstimmung kommen, möchte ich Ih- Sichtung der Stimmzettel feststellen, ob die Anträge an-
nen noch einige Hinweise zum Abstimmungsverfahren genommen oder abgelehnt wurden. Das vorläufige Er-
geben. gebnis der Abstimmung wird Ihnen später bekannt gege-
ben.2)
Zunächst möchte ich Ihnen mitteilen, dass eine grö-
ßere Zahl von Erklärungen nach § 31 der Geschäftsord- Bevor wir zu der namentlichen Abstimmung über die
nung von Mitgliedern der SPD-Fraktion vorliegt, die wir Beschlussempfehlung zu dem Antrag der Fraktion
zu Protokoll nehmen.1) Bündnis 90/Die Grünen kommen, weise ich vorsorglich
darauf hin, dass wir unmittelbar nach dieser namentli-
Wir kommen zunächst zur namentlichen Abstimmung chen Abstimmung bei den Beratungen ohne Aussprache
über die 19 Anträge der Fraktion Die Linke zu Korrektu- eine weitere namentliche Abstimmung zu Tagesord-
ren bei der Überleitung der Alterssicherungen der DDR nungspunkt 34 b vorzunehmen haben. Ich bitte Sie also,
in das bundesdeutsche Recht. Bitte beachten Sie: Abge- den Saal nach dieser namentlichen Abstimmung nicht zu
stimmt wird über die Anträge selbst und nicht über das verlassen.
Votum der Beschlussempfehlung. Es ist vereinbart, die
insgesamt 19 namentlichen Abstimmungen auf einem Jetzt setzen wir die Abstimmungen fort. Der Aus-
Stimmzettel durchzuführen. Die Stimmzettel erhalten schuss für Arbeit und Soziales empfiehlt unter
Sie, falls noch nicht geschehen, von den Plenarassisten- Buchstabe t seiner Beschlussempfehlung die Ablehnung
ten hier im Saal. Schreiben Sie bitte zunächst Ihren Na- des Antrags der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen auf
(B) men und die Bezeichnung Ihrer Fraktion deutlich in Drucksache 17/4195 mit dem Titel „Verbesserung der (D)
Druckbuchstaben auf den Stimmzettel. Stimmzettel ohne Versorgung der im Beitrittsgebiet vor dem 1. Januar
Namensangabe sind ungültig. Der Ausschuss für Arbeit 1992 Geschiedenen“. Wir stimmen nun über den
und Soziales empfiehlt in seiner Beschlussempfehlung Buchstaben t der Beschlussempfehlung zu der Vorlage
auf Drucksache 17/4769 unter den Buchstaben a bis s von Bündnis 90/Die Grünen namentlich ab.
die Ablehnung der Vorlagen. Auf dem Stimmzettel fin- Hier wird wie üblich über die Beschlussempfehlung
den Sie unter Ihrem Namen eine Auflistung der 19 abzu- und nicht über den Antrag abgestimmt, damit es hier
stimmenden Anträge. Sie können über jeden einzelnen kein Missverständnis gibt.
Antrag mit „Ja“, „Nein“ oder „Enthaltung“ abstimmen.
Einzelne Abstimmungen mit mehr als einem oder kei- Haben die Schriftführerinnen und Schriftführer die
nem Kreuz sind ungültig. Sie können die Stimmzettel vorgesehenen Plätze eingenommen? – Das ist der Fall.
auf Ihrem Platz ankreuzen. Nachdem Sie den Stimmzet- Dann eröffne ich die Abstimmung.
tel ausgefüllt haben, werfen Sie ihn in eine der aufge- Hat ein Mitglied des Hauses seine Stimmkarte noch
stellten Urnen. nicht eingeworfen? – Wenn das nicht der Fall ist, dann
Bevor wir nun zur Abstimmung kommen, möchte ich schließe ich den Wahlgang und bitte, auszuzählen. Das
Sie an die unmittelbar folgenden zwei namentlichen Ab- Ergebnis der namentlichen Abstimmung wird Ihnen spä-
stimmungen mit der üblichen Stimmkarte erinnern. ter bekannt gegeben.3) Wir setzen die Beratungen fort.
Zunächst folgt die Abstimmung über die 19 Anträge Ich darf zunächst einmal darum bitten, dass sich die
der Fraktion Die Linke. Ich bitte die Schriftführerinnen Kolleginnen und Kollegen wieder zu ihren Plätzen bege-
und Schriftführer, die Plätze einzunehmen. – Sind an al- ben, damit wir die Beratungen vernünftig fortsetzen kön-
len Wahlurnen die notwendigen Schriftführer? – Das ist nen.
der Fall. Ich eröffne die Abstimmung über die Ich rufe jetzt die Tagesordnungspunkte 33 a bis 33 f
19 Anträge der Fraktion Die Linke. Ich bitte, die Stimm- sowie die Zusatzpunkte 2 a bis 2 k auf:
zettel einzuwerfen.
33 a) Erste Beratung des von den Fraktionen CDU/
Ich will daran erinnern, dass die Namen auf den CSU und FDP eingebrachten Entwurfs eines
Stimmzetteln eingetragen sein müssen; sonst ist der Zehnten Gesetzes zur Änderung des Bundes-
Stimmzettel ungültig.
2) Ergebnis Seite 10471 C
1) Anlagen 2 bis 4 3) Ergebnis Seite 10471 C
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011 10465
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms
(A) Immissionsschutzgesetzes – Privilegierung des Überweisungsvorschlag: (C)
von Kindertageseinrichtungen und Kinder- Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union (f)
Innenausschuss
spielplätzen ausgehenden Kinderlärms Rechtsausschuss
Finanzausschuss
– Drucksache 17/4836 – Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Überweisungsvorschlag: Haushaltsausschuss
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (f) f) Beratung des Antrags der Abgeordneten Steffen
Rechtsausschuss
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Bockhahn, Dr. Dietmar Bartsch, Herbert Beh-
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung rens, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
Haushaltsausschuss DIE LINKE
b) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein- Keine weiteren Einlagerungen ins Zwischenla-
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Ab- ger Nord (Lubmin)
kommen vom 1. Juli 2010 zwischen der Bun- – Drucksache 17/4848 –
desrepublik Deutschland und den Vereinigten
Überweisungsvorschlag:
Arabischen Emiraten zur Vermeidung der Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Doppelbesteuerung und der Steuerverkürzung
auf dem Gebiet der Steuern vom Einkommen ZP 2 a)Beratung des Antrags der Abgeordneten Tom Ko-
enigs, Renate Künast, Claudia Roth (Augsburg),
– Drucksache 17/4806 – weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜND-
Überweisungsvorschlag: NIS 90/DIE GRÜNEN
Finanzausschuss
Berichte zur NS-Vergangenheit des Bundesmi-
c) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein- nisteriums für Ernährung, Landwirtschaft
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Be- und Verbraucherschutz veröffentlichen
schleunigung der Zahlung von Entschädi- – Drucksache 17/4696 –
gungsleistungen bei der Anrechnung des
Überweisungsvorschlag:
Lastenausgleichs und zur Änderung des Auf- Ausschuss für Kultur und Medien (f)
bauhilfefondsgesetzes (ZEALG) Innenausschuss
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
– Drucksache 17/4807 – Verbraucherschutz
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
Überweisungsvorschlag:
(B) Finanzausschuss (f) b) Beratung des Antrags der Abgeordneten Stephan (D)
Rechtsausschuss Kühn, Daniela Wagner, Bettina Herlitzius, weite-
Haushaltsausschuss mitberatend und gemäß § 96 GO
rer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/
d) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein- DIE GRÜNEN
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Ab- Altschuldenhilfe für ostdeutsche Wohnungs-
kommen vom 20. August 2009 zwischen der unternehmen neu ausrichten
Bundesrepublik Deutschland und der Schwei-
zerischen Eidgenossenschaft über die Wehr- – Drucksache 17/4698 –
pflicht der Doppelstaater/Doppelbürger Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (f)
– Drucksache 17/4810 – Haushaltsausschuss
Überweisungsvorschlag: c) Beratung des Antrags der Abgeordneten Steffen
Verteidigungsausschuss Bilger, Peter Götz, Armin Schuster (Weil am
e) Beratung des Antrags der Fraktionen CDU/CSU Rhein), weiterer Abgeordneter und der Fraktion
und FDP der CDU/CSU
sowie der Abgeordneten Werner Simmling, Ernst
Einvernehmensherstellung von Bundestag und Burgbacher, Sibylle Laurischk, weiterer Abge-
Bundesregierung zur Ergänzung von Art. 136 ordneter und der Fraktion der FDP
des Vertrages über die Arbeitsweise der Euro- Anwohnerfreundlicher Ausbau der Rheintal-
päischen Union (AEUV) hinsichtlich der Ein- bahn
richtung eines Europäischen Stabilitätsmecha-
nismus (ESM) – Drucksache 17/4861 –
Überweisungsvorschlag:
hier: Stellungnahme des Deutschen Bundesta- Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (f)
ges nach Art. 23 Abs. 3 des Grundgeset- Finanzausschuss
zes i. V. m. § 10 des Gesetzes über die Zu- Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
sammenarbeit von Bundesregierung und Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Ausschuss für Tourismus
Deutschem Bundestag in Angelegenhei- Haushaltsausschuss
ten der Europäische Union
d) Beratung des Antrags der Abgeordneten Ute
– Drucksache 17/4880 – Kumpf, Christian Lange (Backnang), Rainer Ar-
10466 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
e) Beratung des Antrags der Abgeordneten Heinz i) Beratung des Antrags der Abgeordneten
Paula, Dr. Wilhelm Priesmeier, Petra Crone, wei- Dr. Diether Dehm, Alexander Ulrich, Andrej
terer Abgeordneter und der Fraktion der SPD Hunko, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
DIE LINKE
Tierheime entlasten – Einheitliche Regelungen
schaffen zum Entwurf eines Beschlusses des Europäi-
schen Rates zur Änderung des Vertrags über
– Drucksache 17/4851 – die Arbeitsweise der Europäischen Union hin-
Überweisungsvorschlag: sichtlich eines Stabilitätsmechanismus für die
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Mitgliedstaaten, deren Währung der Euro ist
Verbraucherschutz (f)
Haushaltsausschuss
– Ratsdok. 17629/10 (EUCO 30/10, Anlage I) –
f) Beratung des Antrags der Abgeordneten Heinz hier: Stellungnahme gegenüber der Bundes-
Paula, Dr. Wilhelm Priesmeier, Petra Crone, wei- regierung gemäß Art. 23 Abs. 3 des
terer Abgeordneter und der Fraktion der SPD Grundgesetzes
(B) (D)
Endgültiges Ergebnis Klaus Brähmig Eberhard Gienger Franz-Josef Holzenkamp
Abgegebene Stimmen: 577; Michael Brand Michael Glos Anette Hübinger
davon Dr. Reinhard Brandl Josef Göppel Thomas Jarzombek
Helmut Brandt Peter Götz Dieter Jasper
ja: 312
Dr. Ralf Brauksiepe Dr. Wolfgang Götzer Dr. Franz Josef Jung
nein: 264 Dr. Helge Braun Ute Granold Andreas Jung (Konstanz)
enthalten: 1 Heike Brehmer Reinhard Grindel Dr. Egon Jüttner
Ralph Brinkhaus Hermann Gröhe Bartholomäus Kalb
Ja Cajus Caesar Michael Grosse-Brömer Hans-Werner Kammer
Gitta Connemann Markus Grübel Steffen Kampeter
CDU/CSU Alexander Dobrindt Manfred Grund Bernhard Kaster
Thomas Dörflinger Monika Grütters Siegfried Kauder (Villingen-
Ilse Aigner Marie-Luise Dött Karl-Theodor Freiherr zu Schwenningen)
Peter Altmaier Dr. Thomas Feist Guttenberg Volker Kauder
Peter Aumer Enak Ferlemann Olav Gutting Dr. Stefan Kaufmann
Dorothee Bär Ingrid Fischbach Florian Hahn Roderich Kiesewetter
Thomas Bareiß Hartwig Fischer (Göttingen) Holger Haibach Eckart von Klaeden
Norbert Barthle Dirk Fischer (Hamburg) Dr. Stephan Harbarth Ewa Klamt
Günter Baumann Axel E. Fischer (Karlsruhe- Jürgen Hardt Volkmar Klein
Ernst-Reinhard Beck Land) Gerda Hasselfeldt Jürgen Klimke
(Reutlingen) Dr. Maria Flachsbarth Dr. Matthias Heider Julia Klöckner
Manfred Behrens (Börde) Klaus-Peter Flosbach Mechthild Heil Axel Knoerig
Veronika Bellmann Herbert Frankenhauser Ursula Heinen-Esser Jens Koeppen
Dr. Christoph Bergner Dr. Hans-Peter Friedrich Frank Heinrich Dr. Kristina Schröder
Peter Beyer (Hof) Rudolf Henke Dr. Rolf Koschorrek
Steffen Bilger Michael Frieser Michael Hennrich Hartmut Koschyk
Clemens Binninger Erich G. Fritz Jürgen Herrmann Thomas Kossendey
Peter Bleser Hans-Joachim Fuchtel Ansgar Heveling Gunther Krichbaum
Dr. Maria Böhmer Alexander Funk Ernst Hinsken Dr. Günter Krings
Wolfgang Börnsen Ingo Gädechens Peter Hintze Rüdiger Kruse
(Bönstrup) Dr. Thomas Gebhart Christian Hirte Bettina Kudla
Wolfgang Bosbach Norbert Geis Robert Hochbaum Dr. Hermann Kues
Norbert Brackmann Alois Gerig Karl Holmeier Günter Lach
10472 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
Nun zum Ergebnis der namentlichen Abstimmung Stimmen: 578. Mit Ja haben 313 gestimmt, mit Nein 69.
über die Beschlussempfehlung des Haushaltsausschus- Es gab 196 Enthaltungen. Auch diese Beschlussempfeh-
ses zu dem Antrag der Fraktion Die Linke „Keine Priva- lung ist damit angenommen.
tisierung von Äckern, Seen und Wäldern“. Abgegebene
10474 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
Nun hat der Kollege Dr. Andreas Schockenhoff für (Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/
die CDU/CSU das Wort. DIE GRÜNEN)
(Beifall bei der CDU/CSU) Es ist völlig inakzeptabel, dass vor allem ein EU-Land
aus falsch verstandener Partnerschaft zu Libyen die EU
am dringend erforderlichen Handeln hindert und damit
Dr. Andreas Schockenhoff (CDU/CSU): zugleich eine Ignoranz der brutalen Menschenrechtsver-
Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen letzungen zum Ausdruck bringt.
und Kollegen! Libyen steht in Flammen, und das liby-
sche Regime trägt hierfür die volle Verantwortung. Mit (Beifall bei der CDU/CSU und dem BÜND-
brutaler Gewalt unterdrückt es die Proteste der eigenen NIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordne-
(B) Bevölkerung. Diktator Gaddafi hat zur Ermordung der ten der SPD und der FDP) (D)
Demonstranten aufgerufen. Ein Regime, das sein eige- Am kommenden Montag beginnt die nächste Sit-
nes Volk derart behandelt, begeht systematische Verbre- zungsperiode des UN-Menschenrechtsrates. Es ist für
chen gegen die Menschlichkeit. Diese Verbrechen gegen mich ein völlig unerträglicher Gedanke, dass Libyen
die Bürgerinnen und Bürger müssen sofort aufhören. dann wieder in diesem Gremium sitzt, und dies im Bei-
Dieses Vorgehen ist vollkommen inakzeptabel. Wir ver- sein von Lady Ashton, die ihre Teilnahme angekündigt
urteilen es auf das Schärfste. Die Demonstranten neh- hat. Herr Staatsminister, ich erwarte, dass Lady Ashton
men ihre Menschen- und Bürgerrechte wahr. Meinungs- für die EU die geeigneten Worte findet. Ich bin dankbar,
freiheit und das Recht, sich friedlich zu versammeln, dass sich die Bundesregierung im Vorfeld der Sitzung
sind fundamentale Rechte eines jeden Menschen, die re- des UN-Menschenrechtsrates dafür starkmacht.
spektiert und geschützt werden müssen. Sie haben dabei
unsere uneingeschränkte Unterstützung. (Beifall bei der CDU/CSU – Marieluise Beck
[Bremen] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP Iran sitzt da auch!)
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Der UNO-Sicherheitsrat muss darüber beraten, wie
Die Lage in Libyen hat sich in den letzten Tagen sehr die libysche Zivilbevölkerung vor Söldnern des Gaddafi-
unübersichtlich dargestellt. Herr Staatsminister, Sie Regimes geschützt werden kann. Wir erwarten, dass
konnten auch heute ein nur sehr unvollständiges Lage- Deutschland und andere EU-Staaten die Initiative ergrei-
bild geben. Vorrangiges Ziel musste zunächst der Schutz fen und eine Dringlichkeitssitzung beantragen. Nötig ist
der deutschen und europäischen Bürger in Libyen sein. ein Mandat der Vereinten Nationen, um die Flüge nach
Die CDU/CSU-Fraktion dankt deshalb der Bundesregie- Libyen zu unterbinden, mit denen Söldner in das Land
rung und dem Auswärtigen Amt, dass sie in dieser gebracht werden sollen. Die Sperrung der Konten – es ist
schwierigen Lage innerhalb kürzester Zeit deutsche gesagt worden, was dafür technisch erforderlich ist –
Staatsbürger sicher nach Hause haben ausfliegen lassen. sollte ohnehin selbstverständlich erfolgen.
Die libysche Führung hat den Tod mehrerer Hundert Es gibt unterschiedliche Zahlen hinsichtlich der Flücht-
Menschen zu verantworten; es klebt Blut an den Händen lingssituation. Der Rote Halbmond meldet 5 700 Men-
der libyschen Führung. Dies darf nicht ohne Folgen blei- schen, die ins benachbarte Tunesien geflohen seien. Es
ben. Es muss deshalb Sanktionen gegen die Regierung hilft uns nicht weiter, wenn wir Flüchtlingsströme herbei-
Gaddafi geben. Die EU muss hier mit einer Stimme reden. Um diese zu verhindern, müssen wir die Ursachen
sprechen. der Migration in Afrika – das ist zu Recht von Herrn Ho-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011 10477
Dr. Andreas Schockenhoff
(A) yer und von meiner Vorrednerin gesagt worden – kurz- Das ist die erste Forderung. Da kann es überhaupt kein (C)
fristig wie auch langfristig bekämpfen. Wir müssen da- Vertun geben. Wir müssen dem libyschen Staat, der Fa-
für sorgen, dass den Menschen in ihrer Heimat stabile milie Gaddafi und ihm selbst deutlich machen, dass
Verhältnisse und wirtschaftliche Perspektiven geboten nichts, aber auch gar nichts diese Orgie der Gewalt
werden. Wir brauchen natürlich auch eine Stärkung der rechtfertigen kann und dass wir uns als deutsches Parla-
europäischen Grenzschutzorganisation FRONTEX, aber ment schützend an die Seite der Demonstranten stellen.
nicht, um die Menschen draußen zu halten Das ist zwar eine symbolische Geste, aber solche sym-
bolischen Gesten sind in bestimmten Situationen poli-
(Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Um sie
tisch außerordentlich wichtig.
einzuladen?)
– nein –, sondern um den Menschen dort, wo sie sind, (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
eine echte Lebensperspektive zu geben. neten der SPD)
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) Ich sage genauso klar: Wer in der jetzigen Situation
anfängt, mit dem Gedanken an militärische Maßnahmen
Die CDU/CSU-Fraktion kann Innenminister de Maizière zu spielen und in der Öffentlichkeit über den Einsatz von
nur zustimmen: Wir sollten keine Flüchtlingsströme or- Militär zu spekulieren, der hilft der Familie Gaddafi bei
ganisieren, sondern Aufbauhilfe leisten und Lebenspers- der Durchsetzung ihrer Gewaltpolitik.
pektiven in den Heimatländern bieten.
(Beifall bei der LINKEN)
(Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Heuchle-
risch ist das!) Das schafft ein Klima, das nicht mehr zu steuern ist. Ich
halte auch nichts von der Debatte, Flugverbotszonen ein-
Bei aller Tragik müssen wir die Ereignisse auch als zurichten. Wenn man sie einrichtet, hat man immer das
eine Chance begreifen und beherzt agieren. Ich unter- Problem, sie gewaltsam durchsetzen zu müssen. Damit
stütze ausdrücklich die Initiative der Bundesregierung, befindet man sich mitten in einer militärischen Ausein-
den betroffenen Ländern eine Transformationspartner- andersetzung. Das Militär ist in der jetzigen Situation
schaft anzubieten. das schlechteste Mittel, das man anbieten oder mit dem
(Zuruf von der LINKEN) man drohen kann. Das muss völlig klar sein.
– Wir brauchen uns nicht gegenseitig Vorwürfe zu ma- (Beifall bei der LINKEN)
chen. – Natürlich müssen wir die Nachbarschaftspolitik
Ich mache Ihnen zwei andere Vorschläge. Ich würde
der Europäischen Union im Süden wie im Osten völlig
mich freuen, wenn wir uns demnächst mit Anträgen zu
(B) neu überdenken und uns fragen, was wir falsch gemacht diesem Thema befassen könnten. Ich möchte unbedingt, (D)
haben und warum wir erst dann reagieren, wenn es
dass sich die Europäische Union und auch Deutschland
brennt.
selbst für Flüchtlinge aus dem gesamten arabischen
Die Europäische Union darf universelle Menschen- Raum öffnen
rechte nicht nur predigen; sie muss vielmehr für diejeni-
gen einstehen, die die Geltung dieser Rechte für sich ein- (Beifall bei der LINKEN)
fordern. Es wird uns in der Europäischen Union auf und in der jetzigen Situation FRONTEX nicht verstär-
Dauer nicht gut gehen, wenn es unseren Nachbarn ken. Vielmehr muss man sich jetzt zurücknehmen. Das
schlecht geht. wäre ein erster Vorschlag. Vielleicht können wir uns dar-
Vielen Dank. auf einigen. Das wäre eine konkrete Hilfe für die Men-
schen, nicht ausreichend, aber immerhin eine Hilfe.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie der Abg. Ma- Mein zweiter Vorschlag: Lassen Sie uns gegenüber allen
rieluise Beck [Bremen] [BÜNDNIS 90/DIE Staaten der Europäischen Union, aber auch in unserem
GRÜNEN]) eigenen Land dafür eintreten, dass die Waffenlieferun-
gen sofort eingestellt werden, und zwar endgültig.
Vizepräsidentin Gerda Hasselfeldt:
(Beifall bei der LINKEN)
Das Wort hat nun der Kollege Wolfgang Gehrcke für
die Fraktion Die Linke. Vor diesem Problem kann man sich nicht drücken. Über
(Beifall bei der LINKEN) alles andere reden Sie, aber über solche Probleme reden
Sie nicht. Das hat Ursachen.
Wolfgang Gehrcke (DIE LINKE): Ich möchte über einen weiteren Punkt diskutieren. Ich
Schönen Dank, Frau Präsidentin! – Verehrte Kolle- frage mich: Machen Sie sich eigentlich Gedanken darü-
ginnen und Kollegen! Ich finde, im ganzen Hause muss ber, wie gering die Europäische Union und auch unser
Klarheit darüber bestehen, dass wir fordern und nicht Land in den arabischen Ländern angesehen sind? Ma-
bitten, dass die Gewalt gegen Demonstranten in Libyen chen Sie sich keine Gedanken darüber, dass man dort be-
sofort und endgültig eingestellt wird. merkt, dass unsere Politik mit doppelten Standards ar-
beitet?
(Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. (Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]:
Dr. Wolfgang Götzer [CDU/CSU]) Ihre!)
10478 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
Wolfgang Gehrcke
(A) Ich habe mich gefragt, warum gerade jetzt, nach- (Patrick Kurth [Kyffhäuser] [FDP]: Oh! Rede- (C)
dem vieles passiert ist, eine kritische Abrechnung mit zeit! Das ist ja eine Premiere!)
Mubarak beginnt. Zuvor haben alle geschwiegen. Ich
frage mich, warum Gaddafi gerade jetzt – zu Recht, das Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
möchte ich betonen – angegriffen wird, obwohl man NEN):
vorher mit ihm zur Abwehr der Flüchtlingsströme pak- Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
tiert hat. Das ist doch die Realität. Glauben Sie nicht, Das „liebe“ sage ich heute aus voller Überzeugung, weil
dass das die Menschen nicht spüren? ich den Eindruck habe, dass wir uns im Grunde weitge-
(Beifall bei der LINKEN) hend einig sind bei der Beurteilung der Situation Nord-
afrikas, insbesondere derjenigen Libyens.
Ich war dieser Tage in Ägypten und anderen arabischen
Ländern. Auf der Straße spürt man, dass die Europäische (Dr. h. c. Jürgen Koppelin [FDP]: Das ist ja
Union, unser Land und auch unsere Bundesregierung mal was!)
keine Glaubwürdigkeit mehr besitzen. Ich bin der Auf- In Nordafrika gibt es – ich habe einmal nachgezählt –
fassung, wir müssen unsere Nahostpolitik, unsere Politik ein Dutzend Länder, in denen die Bevölkerung tage-,
gegenüber den arabischen Ländern grundsätzlich korri- manchmal wochenlang für Demokratie, für Freiheit, für
gieren. Menschenrechte, für Würde, aber auch für Brot und Ar-
Herr Hoyer hat recht: Es gibt unterschiedliche Ursa- beit auf der Straße ist. Das zeigt uns, dass auch Völker,
chen für die Proteste, aber es gibt auch vergleichbare. die islamisch geprägt sind, sehr wohl etwas von friedli-
Ich möchte Ihnen einige nennen. Erstens. In allen Bewe- cher Revolution verstehen und eine friedliche Revolu-
gungen erleben wir sehr stark, dass speziell junge Men- tion machen können, und zwar ohne unsere Anleitung.
schen soziale Rechte einfordern. Die soziale Entwurze- Und das ist gut so.
lung ist eine der Ursachen der Proteste. Wenn man die (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
nicht bekämpft, wird man keine demokratische Entwick- sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und
lung befördern können. Ein zweiter Punkt, der eine Rolle der SPD)
spielt, ist der Wunsch nach wirklicher Demokratie, das
heißt, die klare Ablehnung kleptokratischer Regime in Nun stellen wir bezüglich Libyens leider fest, dass
diesen Ländern. Ein dritter Punkt hat etwas mit Würde das Volk auf der Straße ist und sich bemüht, diesen Dik-
zu tun. Wenn Menschen über lange Zeit entwürdigt wor- tator loszuwerden, dieser aber zurückschlägt und das
den sind, hat das politische Auswirkungen und Nachwir- Volk unterdrückt. Die Krone der Unterdrückung und Re-
kungen. Das ist in vielen Ländern identisch. pression ist der kaum für möglich gehaltene Umstand,
(B) dass er sein eigenes Volk aus Flugzeugen der Luftwaffe (D)
(Beifall der Abg. Angelika Graf [Rosenheim] bombardieren und beschießen lässt und dass er Söldner
[SPD]) aus anderen afrikanischen Staaten einfliegen und sein
Volk zusammenschießen lässt.
Entwürdigung muss gestoppt werden.
Auch ich sitze, wie wahrscheinlich viele von uns,
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord- abends vor dem Fernseher oder vor dem Radio und höre
neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE wie vor gut 20 Jahren die Nachrichten und frage mich:
GRÜNEN) Klappt es? Ist er bald weg? So war es in Bezug auf
Wir haben allen Anlass, uns selbstkritisch mit diesem Ägypten, wo es die ganze Nacht darum ging: Geht
Thema auseinanderzusetzen. Warum gehen wir den Mubarak jetzt, oder geht er nicht? So ist es jetzt wieder
selbstkritischen Auseinandersetzungen aus dem Weg, bezüglich Libyens, nur dass die Situation für die Bevöl-
wenn wir uns wirklich ändern wollen? Das ist nicht kerung dort noch viel dramatischer und schlimmer ist,
glaubwürdig, das hat keinen Effekt, und das stärkt De- weil Menschen getötet werden, und zwar nicht Hun-
mokratien nicht, sondern schwächt Demokratien. derte, sondern – wenn die Meldungen stimmen – bereits
über 2 000.
Es ist falsch, den Ägypterinnen und Ägyptern, die
sich selbst befreit haben, jetzt zu sagen: Wenn es um Das ist unerträglich. Die internationale Gemeinschaft,
eine Verfassung und den Aufbau von Demokratie geht, die UNO und Europa müssen klar sagen, dass das Mord-
dann stehen wir euch zur Verfügung. Ihr könnt von uns taten sind. Sie müssen die Fakten benennen und dürfen
lernen. – Umgekehrt ist es richtig: Wir können von vie- es nicht dabei bewenden lassen, vielmehr müssen sie
len Ägypterinnen und Ägyptern sowie Libyerinnen und auch Konsequenzen ziehen und Sanktionen verhängen.
Libyern lernen, die ihren Kopf für die Demokratie (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
– nicht für weise Ratschläge – hingehalten haben. sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und
Schönen Dank. der SPD)
Zunächst fragen wir uns natürlich: Was hat Europa da-
(Beifall bei der LINKEN)
mit zu tun, was haben wir damit zu tun, dass das Gaddafi-
Regime so reagieren kann? Wir müssen uns daran erin-
Vizepräsidentin Gerda Hasselfeldt: nern, dass der Diktator Gaddafi mit seinem Hofstaat
Nächster Redner ist für die Fraktion Bündnis 90/Die noch vor wenigen Wochen und Monaten in Europa ho-
Grünen der Kollege Hans-Christian Ströbele. fiert worden ist. Er durfte seine Zelte auf großen Plätzen
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011 10479
Hans-Christian Ströbele
(A) in europäischen Hauptstädten aufschlagen. Alle waren Vizepräsidentin Gerda Hasselfeldt: (C)
stolz, wenn sie mit ihm eingeladen wurden. Herr Kollege, denken Sie bitte an die Redezeit.
(Zuruf von der LINKEN: Sie auch!)
Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Damit haben wir nicht etwa lediglich auf das falsche NEN):
Pferd gesetzt; wir haben vielmehr wieder einmal den Letzter Satz. – Damit nicht genug: Das Volk in Li-
Fehler gemacht, den wir in vielen Ländern der Welt byen erwartet von uns ganz konkrete Unterstützung. Wir
– nicht nur in Nordafrika – machen: Wir haben auf Po- sollten medizinische, humanitäre Hilfe anbieten, und wir
tentaten gesetzt, weil wir dachten, Stabilität sei wichtiger sollten in den Gebieten, die bereits befreit sind, eine sol-
als Menschenrechte. Das darf nicht wahr sein. So kann che Hilfe bereits jetzt anbieten. Das ist möglich. Das
das nicht weitergehen. kann auf den Weg gebracht werden.
Wir haben an Libyen sogar Technologien geliefert, Ich habe heute in der Zeitung gelesen, –
mit denen die Machthaber jetzt die Handys abschalten
und den Zugang zum Internet sperren können. Wir haben
Polizeihilfe geleistet. Europa hat über 100 000 Kalasch- Vizepräsidentin Gerda Hasselfeldt:
nikows geliefert. Wir müssen es uns eine Lehre sein las- Herr Kollege, keinen neuen Anlauf, bitte.
sen, dass solche Unterstützungsleistungen, dass solche
Hilfen für Militär und Polizei, die als Unterdrückungs- Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
instrumente fungieren, gegen die Bevölkerung einge- NEN):
setzt werden, wie es jetzt in Libyen der Fall ist. – dass deutsche Kriegsschiffe unterwegs sind. Sie
sollten der Bevölkerung in den befreiten Gebieten so
Es reicht nicht aus, dass wir sagen: Wir verurteilen
helfen. Das ist jetzt unsere Aufgabe. Daran müssen wir
das, wir stehen an der Seite der Bevölkerung, die auf die
arbeiten.
Straße geht und der Ermordung droht. Wir müssen etwas
tun. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN der SPD)
sowie des Abg. Dr. Andreas Schockenhoff
[CDU/CSU])
Vizepräsidentin Gerda Hasselfeldt:
Sanktionen sind erforderlich, und zwar zunächst gegen Nächster Redner ist der Kollege Dr. Wolfgang Götzer
den Clan von Gaddafi. Sie dürfen nicht ausreisen. Wenn für die CDU/CSU-Fraktion.
(B) sie ausreisen wollen, müssen sie festgehalten und festge- (D)
setzt werden. Sie müssen vor den Internationalen Straf- (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
gerichtshof gestellt werden. Das müssen wir ganz offen- neten der FDP)
siv fordern. Diese Verfahren müssen wir einleiten.
Dr. Wolfgang Götzer (CDU/CSU):
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kolle-
der SPD) gen! Die gesamte arabische Welt befindet sich derzeit in
Aufruhr. Der Funke, der sich in Tunesien entzündete, ist
Wir müssen die Konten sperren. Wir müssen ihre Ver- auf Ägypten, Algerien, die Golfregion und andere arabi-
mögen einfrieren. All das kann jetzt auf den Weg ge- sche Länder und nun auch auf Libyen übergesprungen.
bracht werden, damit es irgendwann in den nächsten Ta-
gen oder Wochen umgesetzt werden kann. Ich glaube allerdings nicht, dass man angesichts der
Entwicklung in der arabischen Welt von einem Domino-
Wir müssen aber auch den Soldaten Zuflucht gewäh- effekt sprechen kann. Zu unterschiedlich sind Ausgangs-
ren, die ihre Flugzeuge nach Europa bringen wollen, um lage, aktuelle Situation und Perspektiven in den einzel-
ihre Bevölkerung nicht bombardieren zu müssen. Diesen nen Ländern. Libyen ist kein historisch gewachsener
Piloten und den Kapitänen und Matrosen, die mit Schif- Staat. Die Revolten in Tunis und Kairo stellten nie die
fen unterwegs sind, müssen wir Asyl anbieten. Darüber Einheit des jeweiligen Landes infrage. In Libyen verhält
hinaus müssen wir den Menschen helfen, die jetzt in Li- sich das anders. Außerdem gibt es kein homogenes
byen verfolgt werden. Ich meine die Tunesier und Ägyp- Staatsvolk. Deshalb drohen alte Stammeskonflikte jetzt
ter, die ermordet werden, deren Frauen vergewaltigt wer- wieder aufzubrechen. Anders als in Ägypten und Tune-
den, die verfolgt werden, die in Nachbarländer fliehen. sien sind keinerlei Ansätze für eine Zivilgesellschaft und
Diesen Menschen müssen wir helfen. Gerade Länder nicht einmal rudimentäre demokratische Strukturen zu
wie Tunesien und Ägypten müssen wir unterstützen, da- erkennen. Es gibt keine politische Landschaft und vor al-
mit sie diesem Flüchtlingsstrom einigermaßen Herr wer- lem niemanden, der das Land auf Anhieb repräsentieren
den können. Sie müssen in die Lage versetzt werden, die oder in einer Übergangsphase regieren könnte. Auch ist
Flüchtlinge zu humanitären Bedingungen unterzubrin- das libysche Militär, anders als beispielsweise in Ägyp-
gen. ten, kein stabilisierender Faktor. Die Armee ist vielmehr
gespalten. Deshalb ist die Zukunft Libyens ungewiss.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und Aber nicht nur in den genannten Punkten unterschei-
der SPD) den sich die aktuellen Vorgänge in Libyen von den Vor-
10480 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
Ein Beispiel ist die Diskussion über die Flüchtlinge. (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
Ich bin der festen Überzeugung, Libyen und seine Nach- DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
barländer werden an den Grenzen viel größere Probleme CDU/CSU, der FDP und der LINKEN)
mit Flüchtlingen und Binnenflüchtlingen haben, als es in
Europa jemals der Fall sein wird. Auch das gehört zum Vizepräsidentin Gerda Hasselfeldt:
Bild der Lage. Wir müssen bei diesem Thema alle Mög- Das Wort hat der Kollege Dr. Rainer Stinner für die
lichkeiten, die wir in unserer Geschichte entwickelt ha- FDP-Fraktion.
ben, nutzen, auch in Sachen Toleranz.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Insbesondere finde ich, dass wir ein vollkommen fal- der CDU/CSU)
sches Bild von den Menschen zeichnen, die zurzeit ver-
suchen, in ihrer Region, in ihren Ländern neue Gesell- Dr. Rainer Stinner (FDP):
schaften aufzubauen. Sie demonstrieren doch nicht, um
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
fliehen zu können. Sie wollen in ihren Ländern bleiben.
In der vorletzten Sitzungswoche haben wir uns mit Tu-
Sie wollen sich selbst ermöglichen, in ihrem Land zu le-
nesien beschäftigt, in der letzten Sitzungswoche mit
ben. Darin müssen wir sie auch von hier aus unterstüt-
Ägypten, und heute befassen wir uns mit Libyen. Man
zen, und wir dürfen nicht dramatisieren.
könnte die Frage stellen: Womit beschäftigen wir uns in
(Beifall im ganzen Hause) der nächsten Plenarwoche?
10482 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011
Gudrun Kopp
(A) Wenn aber die derzeitigen Strukturen überwunden und die Länder eine Chance haben, in Zukunft weiter (C)
sein sollten und sich abzeichnet, dass es in Libyen demo- agieren zu können, um den Aufbau voranzutreiben, statt
kratische Strukturen und Kräfte gibt, die den Neuaufbau weiter den Mangel zu verwalten.
wollen, wie wir uns das vorstellen, stellt sich die Frage,
ob wir dann helfen können. Ich verweise darauf, dass das Herzlichen Dank.
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie
und Entwicklung des Abg. Thilo Hoppe [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN])
(Günter Gloser [SPD]: Warum ist das eigent-
lich nicht da? – Gegenruf des Abg. Hartwig Fi-
scher [Göttingen] [CDU/CSU]: Frau Kopp ist Vizepräsidentin Gerda Hasselfeldt:
doch die Staatssekretärin!) Nächster Redner ist der Kollege Günter Gloser für die
SPD-Fraktion.
drei Fonds für Nordafrika und Nahost aufgelegt hat, zu
denen ich einige Details nennen möchte. Es gibt einen
Günter Gloser (SPD):
Demokratiefonds, einen Bildungsfonds und einen Wirt-
schaftsfonds. Der Demokratiefonds ist mit 3,25 Millio- Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und
nen Euro ausgestattet, die für den Aufbau und die Unter- Kollegen! Wer auf seine eigene Bevölkerung schießen
stützung der politischen Stiftungen, die Akademie der lässt, wer Söldner anwirbt, um Menschen töten zu las-
Deutschen Welle, die Gründung von Parteien und die sen, wer unzählige Menschen auf dem Gewissen hat,
Organisation von Wahlen bestimmt sind. Der Bildungs- wer seine eigene Bevölkerung als Ratten tituliert, der hat
fonds mit einem Umfang von 8 Millionen Euro hat die wahrlich keinen Schutz verdient.
Qualifizierung von jungen Menschen insbesondere im (Beifall im ganzen Hause)
beruflichen Bereich im Blick. Der Wirtschaftsfonds mit
einem Umfang von 20 Millionen Euro soll dieser Region Schutz verdient haben aber die vielen mutigen Men-
helfen, die Perspektiven zu verbessern und insbesondere schen in Libyen, die auf die Straße gegangen sind.
durch die Gründung von Kleinstunternehmen und mittel- (Beifall bei Abgeordneten der SPD, der CDU/
großen Unternehmen mithilfe von Mikrofinanzierung CSU und der LINKEN)
Arbeitsplätze zu schaffen.
Es gibt auch keinen Streit über die Analyse. Alle ha-
Es gibt also einen breiten Rahmen. Wir müssen sehen, ben gesagt, welche Verhältnisse in Libyen herrschen,
wie sich die Dinge weiterentwickeln. auch im Vergleich zu Ländern wie Ägypten, Tunesien
(B) oder anderen in der Golfregion. Es ist daher wichtig, (D)
Es darf aber nicht der Eindruck entstehen, dass die
jetzt ein Zeichen zu setzen. Manchmal habe ich den Ein-
westlichen Länder möglicherweise von außen diktieren druck, wir haben immer noch nicht richtig verstanden,
wollen, was demnächst vor Ort in den genannten Län- was eine, zwei oder drei Flugstunden vom europäischen
dern in Nordafrika und im Nahen Osten passiert. Viel- Kontinent entfernt passiert. Angesichts dieser Umbruch-
mehr muss der Neubeginn von innen heraus vor Ort ge- phase wäre es wichtig gewesen, dass die Europäische
staltet werden. Die Menschen vor Ort müssen eine Union, abgesehen von der vielbeschworenen einen
Perspektive haben, damit sie Arbeitsplätze finden, dort Stimme, zumindest gesagt hätte: Wir setzen uns mittel-
bleiben können und eine Zukunft haben. Ich glaube, das fristig zusammen und beraten über die Konsequenzen
ist für uns eine sehr wichtige Aufgabe. aus einem solchen Umbruch. – Aber ich kann nicht se-
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten hen, dass man das macht.
der CDU/CSU) Verschiedene Redner haben bereits Kritik an der Vor-
gehensweise geübt. Herr Staatsminister Hoyer, es ist
Wir brauchen zudem sehr individuelle, maßgeschnei- vollkommen richtig, was Sie gesagt haben. Ich glaube,
derte Hilfen und Unterstützung. Auch dafür gibt es keine Sie können die breite Unterstützung des Hauses für Ihre
Allgemeinlösung. Vorschläge bekommen. Aber das, was am Montag auf
Zum Schluss möchte ich einen Punkt betonen. Der europäischer Ebene herausgekommen ist – Sie haben an
Kollege Stinner sprach von einer neuen Mittelmeerpoli- den entsprechenden Sitzungen teilgenommen; ich zitiere
tik, die wir brauchen. Das ist sehr richtig. Denn die Kräf- Sie jetzt nicht –, ist ein schwaches Bild.
teverhältnisse und die Verhältnisse überhaupt haben sich (Beifall des Abg. Wolfgang Gehrcke [DIE
vollkommen geändert. Im Bereich einer neuen Mittel- LINKE])
meerpolitik müssen wir aber den Fokus insbesondere auf
die ländliche Entwicklung richten. Für die ländliche Ent- Wenn ein Regierungschef den Eindruck erweckt – ich zi-
wicklung und den Agrarsektor ist es absolut notwendig, tiere nur aus einer Zeitung, mit einer Fußnote versehen –,
dass die EU-Agrarsubventionen im Export gestrichen dass er sich als Schutzmacht für Herrn Gaddafi geriert,
werden und sagt, man könne keine Sanktionen verhängen, weil
sonst möglicherweise Flüchtlinge zu uns kämen, dann
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten kann ich als Reaktion nur sagen: Das ist nicht die euro-
der CDU/CSU und des Abg. Thilo Hoppe päische Politik, auf die wir uns vor vielen Jahren ver-
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) ständigt haben.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 93. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 24. Februar 2011 10485
Günter Gloser
(A) (Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem etwas anderes gesagt hat, nicht gut. Die Vielstimmigkeit (C)
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dr. Andreas in der Regierung sollte ein Ende haben.
Schockenhoff [CDU/CSU]: Die Fußnote sind
Ich möchte am Schluss ausdrücklich den Kolleginnen
Sie uns noch schuldig!)
und Kollegen, die vor Ort in den deutschen Botschaften,
Bevor ich auf die Binnenwirkung in unserem Land zu in verschiedenen Vertretungen und Institutionen tätig
sprechen komme, darf ich mit Einverständnis der Frau sind, Dank für ihr Engagement und ihre Arbeit sagen.
Präsidentin aus der Berliner Erklärung zum 50. Jahrestag (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der Europäischen Union zitieren: der FDP)
Wir leben und wirken in der Europäischen Union Ich glaube, sie haben keine einfache Aufgabe. Das, was
auf eine einzigartige Weise zusammen. Dies drückt in den letzten Tagen in Libyen passiert ist, ist nicht ver-
sich aus in dem demokratischen Miteinander von gleichbar mit der Situation in anderen Ländern. Auch
Mitgliedstaaten und europäischen Institutionen. Die deshalb bitte ich, Dank auszurichten.
Europäische Union gründet sich auf Gleichberech-
tigung und solidarisches Miteinander. So ermögli- Vielen Dank.
chen wir einen fairen Ausgleich der Interessen zwi- (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
schen den Mitgliedstaaten. der CDU/CSU, der FDP und des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN)
Wenn das so ist, dann müssen wir uns auch in der
Flüchtlingspolitik gegenseitig helfen.
Vizepräsidentin Petra Pau:
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) Für die Unionsfraktion hat der Kollege Fischer das
Wort.
Es hat doch keinen Sinn, dass manche auf der Einhal-
tung jedweder bürokratischen Regelung, die im Rahmen (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
von Dublin II getroffen wurde, bestehen. Da wir gerade
über Flüchtlingspolitik reden: Herr Staatssekretär Berg- Hartwig Fischer (Göttingen) (CDU/CSU):
ner, ich bin Ihnen dankbar, dass jetzt auch das Innenmi- Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
nisterium vertreten ist. Sonst hätte ich das negativ ange- Libyen befindet sich in einem Kontext mit Tunesien,
merkt. Schließlich geht es auch um eine Aufgabe Ihres Ägypten, den MENA-Staaten insgesamt. Trotzdem ist
Ministeriums. jedes Land unterschiedlich. Wie wir sehen, könnten die
Auswirkungen in Tunesien, Ägypten und Libyen nicht
Ich möchte einen Aspekt nennen, über den wir uns,
(B) unterschiedlicher sein. Wir sehen, dass die Rebellion in (D)
glaube ich, einig sind. Es ist sicherlich kein Wider-
Tunesien und Ägypten gegen die eigenen Regierungen
spruch, wenn gesagt wird: Auf der einen Seite müssen
in weiten Bereichen Früchte getragen hat. Wir sehen
die Länder ihre Aufgaben machen. Auf der anderen
aber auch, dass es für die Menschen in Libyen, wo der
Seite müssen wir dafür sorgen, dass die Wirtschaft wie-
Machthaber auf die eigene Bevölkerung schießt, im Au-
der in Schwung kommt und dass Demokratie und Frei-
genblick keinerlei Perspektiven gibt.
heit herrschen. Das bestreitet niemand. Aber, liebe Kol-
leginnen und Kollegen, kann man ernsthaft annehmen, Es gibt immer noch Diktatoren, die ihre Völker in
dass die betreffenden Länder die