Deutscher Bundestag: Stenografischer Bericht 97. Sitzung
Deutscher Bundestag: Stenografischer Bericht 97. Sitzung
Deutscher Bundestag
Stenografischer Bericht
97. Sitzung
Inhalt:
Zusatztagesordnungspunkt 4: Anlage 1
Beschlussempfehlung und Bericht des Aus- Liste der entschuldigten Abgeordneten . . . . . 11173 A
schusses für Wirtschaft und Technologie zu
dem Antrag der Abgeordneten Katja Keul,
Dr. Frithjof Schmidt, Kerstin Andreae, weite- Anlage 2
rer Abgeordneter und der Fraktion BÜND- Erklärung nach § 31 GO des Abgeordneten
NIS 90/DIE GRÜNEN: Rüstungsexport- Manfred Kolbe (CDU/CSU) zur Abstimmung
berichte zeitnah zum Jahresabrüstungs- über die Beschlussempfehlung zu dem An-
bericht vorlegen trag: Einvernehmensherstellung von Bundes-
(Drucksachen 17/1167, 17/1627) . . . . . . . . . . 11162 D tag und Bundesregierung zur Ergänzung von
Artikel 136 des Vertrages über die Arbeits-
in Verbindung mit weise der Europäischen Union (AEUV) hin-
sichtlich der Einrichtung eines Europäischen
Stabilitätsmechanismus (ESM)
Zusatztagesordnungspunkt 5: hier: Stellungnahme des Deutschen Bundes-
Beschlussempfehlung und Bericht des Aus- tages nach Artikel 23 Absatz 3 Grund-
schusses für Wirtschaft und Technologie zu gesetz i. V. m. § 10 des Gesetzes über
dem Antrag der Abgeordneten Katja Keul, die Zusammenarbeit von Bundesregie-
Marieluise Beck (Bremen), Volker Beck rung und Deutschem Bundestag in An-
(Köln), weiterer Abgeordneter und der Frak- gelegenheiten der Europäische Union
tion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Gemein- (96. Sitzung, Tagesordnungspunkt 11) 11174 B
samen Standpunkt der EU für Waffenaus-
fuhren auch bei Rüstungsexporten an EU-,
NATO- und NATO-gleichgestellte Länder Anlage 3
konsequent umsetzen
(Drucksachen 17/2438, 17/3291) . . . . . . . . . . 11163 A Amtliche Mitteilungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11174 D
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011 11113
(A) (C)
Redetext
97. Sitzung
Florian Pronold
(A) seits und SPD und Grünen andererseits vorgelegt wur- wird, dass diese zentrale Güterverkehrsstrecke gebraucht (C)
den, der muss sehr genau lesen, um Unterschiede zu fin- wird und ausgebaut werden muss. Das ist ja nicht bei al-
den. Es gab die Möglichkeit, hier einen gemeinsamen len Großprojekten so. Umso wichtiger ist es doch, dass
Antrag vorzulegen. Ich glaube, das wäre im Interesse der wir dort alles tun, damit die Anwohnerinnen und An-
Menschen vor Ort gewesen. wohner vor unnötigem Lärm geschützt werden.
(Peter Götz [CDU/CSU]: Warum habt ihr nicht Wie kann man das insbesondere mit Blick auf die Fi-
mitgemacht?) nanzen zusichern? In diesem Zusammenhang stelle ich
die Frage an die Regierungskoalition, wie sie das ma-
Die Rheintalbahn ist ein Infrastrukturgroßprojekt, bei
chen will. Sie haben gerade beschlossen, dass die Ein-
dem wir es mit einer besonderen Situation zu tun haben.
nahmen aus der Lkw-Maut nicht mehr zu einem Drittel
Bei dem Projekt Rheintalbahn besteht die Chance, einen
in die Schiene fließen. Das bedeutet, dass der Bereich
Infrastrukturkonsens herbeizuführen. Der Projektbeirat,
Schiene in den nächsten Jahren hinsichtlich der Finan-
den Wolfgang Tiefensee eingerichtet hat, ist ein gutes In-
zierung immer stärker unter Druck geraten wird, weil
strument, um die unterschiedlichen Anliegen einzubin-
natürlich die Schuldenbremse und andere Auswirkungen
den, ernst zu nehmen – dabei geht es auch um die An-
der Haushaltskonsolidierung viel stärker auf den Bereich
liegen der Betroffenen vor Ort – und besser zu
Schiene durchschlagen als auf jeden anderen.
berücksichtigen, als das bisher bei vielen anderen Groß-
projekten geschehen ist. Sie haben in diesem Hause beschlossen, dass die
Ich glaube, es ist notwendig, dass ein Konsens im Be- Deutsche Bahn jedes Jahr 500 Millionen Euro ihrer Di-
reich der Infrastruktur in Zukunft anders organisiert wird vidende an den allgemeinen Bundeshaushalt abgeben
als in der Vergangenheit. Die vorgebrachten Anliegen soll. Das sind 500 Millionen Euro, die dann vor Ort für
müssen früher und besser eingebunden und tatsächlich Lärmschutzmaßnahmen fehlen. Da braucht man sich
berücksichtigt werden. Spannend ist doch die Frage, ob nichts vorzumachen. Sie von Schwarz-Gelb reden von
die Umsetzung auch tatsächlich erfolgt. Wenn man mehr Lärmschutz, aber Ihre praktischen Handlungen
große Infrastrukturprojekte umsetzen will, gehört der sind das genaue Gegenteil.
Lärmschutz aus meiner Sicht unabdingbar dazu. Dreh- (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
und Angelpunkt ist die Frage, ob man es mit dem Lärm- der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
schutz ernst meint. GRÜNEN)
Dabei geht es auch um den sogenannten Schienenbo-
Das werden die Bürgerinnen und Bürger schließlich
nus. Das ist der Bonus, der bis heute für Infrastruktur-
merken, wenn auch erst lange nachdem die Reden hier
(B) projekte im Bereich Schiene gilt, wenn es darum geht, gehalten wurden. Wenn man jedoch einen Infrastruktur- (D)
wie viel Lärm abgesondert werden darf. Schwarz-Gelb
konsens erreichen will, gehört deshalb dazu, dass man
hat im Koalitionsvertrag festgeschrieben, dass dieser
die Rahmenbedingungen klar und ehrlich benennt und
Bonus abgeschafft werden soll. Angesichts dessen wäre
die Frage nach der notwendigen Finanzierung beantwor-
es hier und heute doch ein guter Zeitpunkt für die Koali-
tet, mit der ein besserer Anwohnerschutz der Betroffe-
tionäre, zu sagen: Die Rheintalbahn ist das erste Projekt,
nen im Rheintal gewährleistet ist.
bei dem der Schienenbonus nicht mehr gilt; für die Men-
schen, die an der Bahnstrecke wohnen, gelten die glei- In diesem Zusammenhang wäre es an der Zeit, zu sa-
chen Lärmgrenzwerte wie für alle anderen Menschen gen: Was tun wir insbesondere mit Blick auf die Güter-
auch. Es wäre doch nichts einfacher, als das heute hier züge, die durchs Rheintal fahren, europaweit für den
zu verkünden. Lärmschutz? Es reichen doch schon zwei oder drei Gü-
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ terwaggons aus, die nicht über einen bestimmten Stan-
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der dard verfügen, um eine entsprechende Lärmentwicklung
LINKEN) hervorzubringen. Warum wird nicht viel stärker auf eine
Initiative auf europäischer Ebene hingewirkt, die moder-
Die zweite Frage, die man stellen muss, lautet: Wie nere, leisere Güterzüge zum europäischen Standard er-
wird das Ganze finanziert? Natürlich ist das eine Kosten- klärt?
frage; das haben wir auch heute wieder gehört. Jeder, der
sich mit größeren Infrastrukturprojekten beschäftigt und (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
fragt, was bessere und bürgernähere Varianten unter Um- der LINKEN)
ständen kosten, muss zum Schluss auch die Frage beant-
Deutschland hat das Hauptinteresse an einer solchen Ini-
worten, wer das bezahlen soll.
tiative, weil der Großteil des Güterverkehrs auf unseren
Hier ist doch ganz offensichtlich, dass wir eine ganze Schienen rollt.
Menge mehr Geld brauchen, als bisher im Topf ist, wenn
wir die vielen unterschiedlichen und guten Vorstellungen Deswegen, sehr geehrte Damen und Herren von
der Bürgerinnen und Bürger umsetzen wollen, die natür- Schwarz-Gelb: Nicht an den Worten, an den Taten sollt
lich ein Recht darauf haben, an dieser Strecke besonders ihr sie erkennen. Wenn es tatsächlich einen Infrastruktur-
vor Lärm geschützt zu werden. konsens in der Frage „Rheintal“ geben sollte, warum ha-
ben Sie dann einen gemeinsamen Antrag verweigert,
Es ist eine Besonderheit bei diesem Projekt, dass ei- und warum stellen Sie nicht heute die Mittel zur Ver-
gentlich von allen, die daran beteiligt sind, akzeptiert fügung, sodass es zu einem echten Lärmschutz vor Ort
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011 11117
Florian Pronold
(A) kommen kann? Von Ihnen kommt leider nur Wahl- nanzierungsvereinbarungen getroffen oder gar Finanzie- (C)
kampfgetöse. rungszusagen durch die Bundesregierung gemacht und
vom Haushaltsausschuss akzeptiert worden.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) (Gustav Herzog [SPD]: Das ist falsch!)
Allein schon die Parlamentarierwürde gebietet es, als
Präsident Dr. Norbert Lammert: Haushaltsgesetzgeber zu warten, bis man weiß, was ge-
Ich erteile das Wort dem Kollegen Patrick Döring für baut werden soll, bevor man entscheidet, dass gebaut
die FDP-Fraktion. werden soll. Das ist die richtige Reihenfolge, und des-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) halb warten wir die Planungen mit und ohne Schienen-
bonus ganz in Ruhe ab und werden dann sicher auch die
richtigen Entscheidungen treffen.
Patrick Döring (FDP):
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU –
Nachdem auch dieser Versuch, Gemeinsamkeiten he- Florian Pronold [SPD]: Mit oder ohne vor
rauszustellen, gescheitert ist, will ich einen Versuch wa- allem!)
gen, deutlich zu machen, dass wir in der Sache in Wahr-
Es ist ein gewaltiger Erfolg des Projektbeirates, dass
heit gar nicht so weit auseinander sind.
die Bundesregierung und die Landesregierung in Baden-
Ihnen, sehr geehrter Herr Kollege Pronold, fällt es Württemberg am 8. Februar 2011 im Projektbeirat zusa-
einfach schwer, anzuerkennen, dass die wesentlichen gen konnten, dass die Planungen für die neuen Ab-
Fortschritte bei den Verbesserungen der Planungen, den schnitte sowohl mit als auch ohne Schienenbonus erfol-
Zusagen für mehr Lärmschutz, der Veränderung des gen. Das ist eine historische Situation. Es hat noch nie
technischen Regelwerkes für Schienenbonus und lärm- ein Eisenbahnprojekt mit Planungen ohne Schienen-
abhängige Trassenpreise in dieser Wahlperiode von die- bonus gegeben. Das ist der Einstieg in den schrittweisen
ser Koalition, von diesen Koalitionsfraktionen und die- Abbau des Schienenbonus. Es ist klug, dass diese Zu-
sem Ministerium umgesetzt werden. Deshalb lassen wir sage am 8. Februar 2011 erfolgte, und zwar lange bevor
uns an den Taten messen, geschätzter Kollege Pronold, gesetzliche Regelungen dazu vorliegen konnten. Des-
geschätzte Kolleginnen und Kollegen. halb hat diese Vereinbarung Modellcharakter. Dies wün-
schen sich auch viele andere vor Ort – jedenfalls nach
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU –
Auffassung der Koalitionsfraktionen.
Florian Pronold [SPD]: Dann wenden Sie es
bei der Rheintalbahn an! – Christian Lange (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
(B) [Backnang] [SPD]: Die Zeit der Ankündigun- (D)
gen ist vorbei! Jetzt kommt es auf Taten an!) Lassen Sie mich abschließend auf die Punkte einge-
hen, die über diese Strecke hinaus eisenbahnpolitische
Die Planungen zur Rheintalbahn sind in diesem Bedeutung haben. In Baden-Württemberg ist in den letz-
Hause lang und umfänglich kritisch diskutiert worden. ten zwölf Monaten über zwei Eisenbahnprojekte heftig
Es ist dem Engagement der Kolleginnen und Kollegen diskutiert worden, wenn auch an einer anderen Stelle
aus der Region – das sage ich ausdrücklich: aller Frak- deutlich kontroverser. Ich teile die Auffassung des Kol-
tionen – zu verdanken, dass wir heute so weit sind, wie legen Pronold, dass die Lehren, die wir aus dem anderen
wir sind, und zwar ohne großen Streit und ohne hekti- eisenbahnpolitischen Projekt, aber auch aus dem Projekt
sche ideologische Auseinandersetzungen. Rheintalbahn zu ziehen haben, sind, dass wir unser Plan-
feststellungsrecht erweitern müssen, um die betroffenen
Es ist dem Engagement der Kolleginnen und Kolle-
gen in den Koalitionsfraktionen zu verdanken, dass der Bürgerinnen und Bürger bei der Erweiterung unserer
Verkehrswege, insbesondere unserer Schienenwege,
Einfluss der Diskussion vor Ort – auch über lärmabhän-
frühzeitig einzubinden.
gige Trassenpreise und Schienenbonus – so groß war,
dass wir das bereits in die Koalitionsvereinbarung als Diese Einbindung müssen wir, nicht um die Pla-
Ziel für diese Wahlperiode aufgenommen haben. Der nungsprozesse zu verlangsamen, sondern um sie am
Dank gilt auch den Bürgerinitiativen vor Ort, die immer Ende zu beschleunigen, in unserem Gesetz verankern.
eine gute Debatte mit uns geführt haben. Wir haben am Diesbezüglich sollten wir alsbald – ganz im Sinne der
Ende gesehen, dass dies ein richtiger Weg ist, um die gestrigen Debatte – tätig werden. Dieses Ziel sollte uns
Akzeptanz von neuen Schienenwegen zu erhöhen. Da- einen.
rum machen wir das.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE
Ich will für die Freien Demokraten drei Punkte fest- GRÜNEN)
halten. Kollege Pronold hat angemahnt, man solle schon Es ist ein Ergebnis der Besprechungen im Rheintal
jetzt die Finanzierungszusage für die erhöhten Standards und an anderer Stelle, dass es klug ist, lärmabhängige
hier im Deutschen Bundestag festlegen. Ich habe eine Trassenpreise zu erheben. Das ist der schnellere und ein-
schlichte und einfache Antwort darauf. Wir haben bei fachere Weg, als darauf zu warten, dass es ein europa-
allen Infrastrukturprojekten die Reihenfolge: Planung, weites Förderprogramm für Hunderttausende von Güter-
Planfeststellung, Finanzierungsvereinbarung. Noch nie wagen gibt. Wenn es auch nur einen lauten Waggon in
sind vor Beendigung von Planfeststellungsverfahren Fi- einem Güterzug gibt, ist die Gesamtlärmbelastung hö-
11118 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
Patrick Döring
(A) her; da haben Sie völlig recht. Deshalb ist es gut, die Präsident Dr. Norbert Lammert: (C)
Verlader – also diejenigen, die Güterzüge in Verkehr Die Kollegin Karin Binder ist die nächste Rednerin
bringen – über die Preise der Benutzung des deutschen für die Fraktion Die Linke.
Schienennetzes dazu anzuhalten, leises und modernes
Material einzusetzen, und mit den Mehreinnahmen, die (Beifall bei der LINKEN)
wir damit generieren können, zusätzlichen Lärmschutz
zu finanzieren. Das ist der richtige Weg. Karin Binder (DIE LINKE):
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Vielen Dank, Herr Präsident. – Meine Damen und
Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist wichtig,
Als Koalitionsfraktionen haben wir die Bundesregie- mehr Güter auf die Schiene zu bringen. Das sehen auch
rung aufgefordert – das macht deutlich, dass wir hin- die Menschen am Oberrhein so. Deshalb treten sie dafür
sichtlich der Umsetzung unseres Koalitionsvertrages ein ein, dass die Rheintalbahn um ein drittes und viertes
Stück weit ungeduldig geworden sind –, bis zum Jahr Gleis ergänzt wird, und zwar für den Güterverkehr. Die
2012 den schrittweisen Abbau des Schienenbonus bis zu Menschen dort brauchen keine Hochgeschwindig-
seiner endgültigen Abschaffung gesetzlich zu verankern. keitstrasse, wie die Bahn sie nach wie vor in der Planung
Es ist der Wunsch dieser Koalition, dies ins Gesetzblatt hat, sie brauchen einen funktionierenden Personennah-
zu bekommen. Wir werden die Bundesregierung dazu verkehr.
anhalten, dies bis 2012 umzusetzen.
Das haben sie auch in den Projektbeirat eingebracht,
(Zuruf des Abg. Gustav Herzog [SPD]) der nach heftigen Protesten eingerichtet wurde. Hier
Ich sage auch voraus: Wenn in der Bundesregierung, ins- sieht man, wie wichtig Bürgerbeteiligung ist. Die Kom-
besondere im Bundesfinanzministerium, gelegentlich petenz und das Fachwissen, die von den Initiativen und
die Widerstände zu groß werden, dann wird diese Koali- den Umweltverbänden eingebracht wurden, haben zu ei-
tion notfalls einen eigenen Gesetzentwurf zu dieser Sa- nem Nachdenken über Landschaftsverbrauch und über
che einbringen. die Existenzsicherung der dortigen Landwirte geführt.
Das und einiges mehr haben ich und meine Fraktion von
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten den Menschen dort erfahren. Darüber haben wir mit den
der CDU/CSU – Alexander Bonde [BÜND- Initiativen, mit Bürgermeistern, mit Ratsvertreterinnen
NIS 90/DIE GRÜNEN]: Oh! Oh! Ramsauer-
und -vertretern diskutiert. Das ist für mich der beste Be-
Bonus! – Florian Pronold [SPD]: Weiß der Fi-
weis dafür, wie wichtig diese Beteiligung ist.
nanzminister das schon, oder sind das wieder
leere Versprechungen?) Deshalb gehe ich davon aus, dass wir als Politikerin-
(B) Für die Freien Demokraten und für die Christdemo- nen und Politiker solche Institutionen wie den Projekt- (D)
kraten sage ich ausdrücklich: Es ist planungsbeschleuni- beirat künftig verankern und dessen Ausgestaltung ver-
gend und gut für die Menschen, dass die Landesregie- bindlich regeln müssen. Die Beteiligungsrechte müssen
rung von Baden-Württemberg, gebildet aus CDU und definiert werden. Es darf nicht so sein, dass die Men-
FDP, gemeinsam mit der Bundesregierung, gebildet aus schen erst etwas einbringen und die Politiker dann
CDU/CSU und FDP, hier Kofinanzierungsinstrumente schauen, ob man es macht oder nicht; es muss verbind-
gefunden hat. Das dient dem Wohle der Menschen, der lich geregelt werden. Das ist für mich Bürgerbeteiligung.
Verbesserung und Beschleunigung der Planung und der Das haben wir als Politikerinnen und Politiker auf den
schnelleren Umsetzung dessen, was die Menschen wün- Weg zu bringen.
schen: die Realisierung dieser wichtigen Schienenstre- (Beifall bei der LINKEN)
cke einerseits und größtmöglichen Lärmschutz anderer-
seits. Dabei werden wir sie unterstützen. Inzwischen rasen auf der bestehenden Strecke, der al-
ten Rheintalstrecke, mehr als 150 Güterzüge pro Tag. Sie
Abschließend möchte ich mit einem einzigen Satz auf
donnern tagsüber mit 80, nachts mit 100 oder 120 Kilo-
die Finanzierungsfrage kommen – Herr Präsident, ich
metern in der Stunde durch die Ortschaften bzw. an ih-
bitte um Nachsicht –: Die Deutsche Bahn AG wird einen
nen vorbei. Das erzeugt in den Wohngebieten Lärm von
Bilanzgewinn von etwa 3 Milliarden Euro für das Ge-
schäftsjahr 2010 ausweisen. Wer dann hier behauptet, mehr als 100 Dezibel pro Zug. Die Häuser stehen an ei-
geschätzter Kollege Pronold, dass die Dividende von nigen Stellen nur 15 oder 25 Meter von den Schienen
500 Millionen Euro an den Hauptaktionär Bund die In- entfernt. Auch dort sind noch 90 bis 95 Dezibel Lärm zu
vestitionskraft dieses Unternehmens schwächen würde, messen. Fast 500 Menschen in der Belchenstraße im En-
tennest in Herbolzheim haben jede Nacht an die 80 Gü-
(Florian Pronold [SPD]: Wenn die 500 Millio- terzüge, die jeweils 90 bis 95 Dezibel erzeugen, zu ertra-
nen in den Verkehrshaushalt fließen würden, gen.
aber die fließen in den allgemeinen Haushalt!)
Man weiß, dass Menschen bereits ab einer Lärmbe-
der handelt wider besseres Wissen und gegen jede öko- lastung von 45 Dezibel krank werden. Daher kann man
nomische Vernunft. Es bleibt genug Bilanzgewinn übrig, sich vorstellen, was die Menschen dort auszuhalten ha-
um zusätzliche Investitionen auszulösen. Dafür werden ben. Lärm macht krank. Er fördert Krebs und Herz-
wir sorgen. Kreislauf-Erkrankungen. Lärm schädigt das Immunsys-
Vielen Dank. tem und das Gehör. Lärm erzeugt Stress, und Stresshor-
mone erzeugen Bluthochdruck und Magengeschwüre.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Kinder werden durch Lärm in ihrer Entwicklung behin-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011 11119
Karin Binder
(A) dert. Das wirkt sich häufig auf ihre kognitiven Fähigkei- Präsident Dr. Norbert Lammert: (C)
ten aus, sodass sie nicht richtig lernen können. Frau Kollegin.
Um all diese Auswirkungen zu vermeiden, müssen
wir den Lärm reduzieren, und zwar bald – nicht erst, Karin Binder (DIE LINKE):
wenn die neue Strecke gebaut ist, sondern schon jetzt auf Durch Projekte wie Stuttgart 21 wird uns das notwen-
der bestehenden Strecke. Schallschutzfenster oder dige Geld genommen, um hier für Sicherheit und Lärm-
5 Meter hohe Schallschutzwände verhindern nicht, dass schutz zu sorgen. Sorgen Sie heute dafür, dass sich das
die Menschen krank werden. Die Entstehung von Lärm ändert, und stimmen Sie unseren vorliegenden Anträgen
muss vermieden werden: durch modernen Gleisbau, zu.
durch modernen Waggonbau. Auch die Bestandsstre-
cken und die alten Waggons müssen dringend nachge- Ich danke Ihnen.
rüstet werden. Ich glaube, dass man damit nicht warten (Beifall bei der LINKEN)
darf, bis Planfeststellungsverfahren abgeschlossen sind
und Ähnliches. Die Strecke ist jetzt zu laut, und dieses Präsident Dr. Norbert Lammert:
Problem muss jetzt angegangen werden, zumindest in
Das Wort hat nun der Kollege Winfried Hermann für
den Bereichen, wo Menschen wohnen.
die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.
(Beifall bei der LINKEN)
Schon deshalb sind das dritte und vierte Gleis am Ober- Winfried Hermann (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
rhein für den Güterverkehr dringend notwendig. Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Liebe Bürgerinnen und Bürger im Rheintal, wir
Es kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Die Güterzüge wissen, dass Sie heute sehr aufmerksam auf diese De-
rasen ungebremst durch kleine Bahnhöfe wie Bad Kro- batte schauen; denn sie ist auch Ihre Debatte. Sie haben
zingen, Kenzingen und Herbolzheim. Manchmal sind jahrelang beharrliche Überzeugungsarbeit vor Ort ge-
die Bahnsteige nur 2,5 Meter breit bzw. schmal. Diese leistet. Sie haben viele Abgeordnete eingeladen. Sie ha-
kleinen Bahnhöfe sind für die Menschen in der Region ben uns klargemacht, dass im Rheintal so nicht weiterge-
wichtige Haltestellen: für den ÖPNV, für Kinder und Ju- baut werden kann. Insofern: Herzlichen Dank für Ihr
gendliche auf dem Weg zur Schule, für viele auf dem Engagement, mit dem Sie diese Debatte ermöglicht ha-
Weg zur Arbeit. Die Menschen können nicht warten, bis ben!
endlich irgendwann einmal die neuen Gleise liegen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Man rechnet damit, dass sich der Güterverkehr bis und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
2025 verdoppelt, dass dann also mehr als 300 Güterzüge CDU/CSU und des Abg. Patrick Döring (D)
(B)
am Tag durch diese Bahnhöfe rasen. Wenn Güterzüge [FDP])
durch diese Bahnhöfe fahren, muss zumindest das
Tempo gedrosselt werden. Sie rasen dort bisher unge- Die Botschaften, die wir im Rheintal vernehmen
bremst durch. Da passieren schreckliche Unfälle. Der konnten, waren sehr eindeutig.
letzte ereignete sich am letzten Sonntag. Ein junger
Mann ist tödlich verunglückt. Er ist von einem Zug er- Die erste Botschaft lautet: Wir wollen, dass der Schie-
fasst worden. nenverkehr im Rheintal ausgebaut wird. Wir erkennen
an, dass es notwendig ist, diese Kapazitäten zu schaffen.
(Ute Kumpf [SPD]: Das ist da unten aber auch Wir brauchen eine Verlagerung, gerade weil es einen
eine Selbstmordstrecke!) Staatsvertrag mit der Schweiz gibt, den wir erfüllen
Gerade Güterzüge entwickeln durch ihre unterschied- müssen. Deswegen ist das wichtig.
lich gebauten Waggons Luftverwirbelungen. Sie entwi- Die zweite Botschaft lautet: Wir stehen zum Ausbau,
ckeln eine ungeheure Sogwirkung. Kinderwagen, die am aber so nicht. Es kann nicht sein, dass laute Güterzüge
Bahnsteig stehen, werden mitgerissen, Koffer selbstver- weiterhin mitten durch Ortschaften donnern, ohne Rück-
ständlich auch. Alte Menschen, Behinderte, Kinder ha- sicht auf die Anwohnerinnen und Anwohner. Das kann
ben keine Chance, wenn sie in den Sog dieser Züge gera- so nicht weitergehen.
ten. Hier ist viel zu tun, und zwar gleich, nicht erst, wenn
planfestgestellt ist bzw. wenn irgendwann einmal die (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
neue Strecke besteht. sowie bei Abgeordneten der SPD)
Das Heimtückische ist: Diese Züge kommen leise an. Sie haben auch deutlich gemacht, dass es ihnen nicht
Man hört sie erst, wenn sie schon da sind. Da helfen hilft, wenn wir meterhohe Mauern durch die Orte bauen.
auch Anzeigetafeln nicht. Ein sehbehinderter Mensch Denn diese Mauern zerstören den Charakter der Orte.
kann eine Anzeigetafel nicht lesen. Wir brauchen die Diese Art von Lärmschutz hilft insofern nicht weiter. Sie
Durchsagen, die auch früher auf Bahnsteigen zu hören macht viel kaputt, und davon sollten wir Abstand neh-
waren: „Vorsicht, ein Zug fährt durch!“ Aber die Bahn men.
hat in den vergangenen Jahren jährlich 15 000 Mitarbei-
Wir müssen, wie wir finden, grundsätzlich umplanen.
ter eingespart. Daran erkennt man: Hier werden Kosten
Das hat inzwischen übrigens auch das Regierungspräsi-
gespart, hier wird an der Sicherheit gespart, und hier
wird bei den Menschen gespart. Das muss aufhören. dium Freiburg anerkannt. Ich betrachte es als einen Mei-
lenstein in der Bahnplanungsgeschichte, dass es ein Re-
(Beifall bei der LINKEN) gierungspräsidium gewagt hat, die Planungen der Bahn
11120 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
Winfried Hermann
(A) als vollkommen inakzeptabel und falsch zurückzuwei- nahe Trasse wird auf der Strecke dort die bessere Alter- (C)
sen. native sein als der Versuch, die Trasse durch die Orte zu
führen und lediglich die Lärmschutzwände zu erhöhen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
Das ist unser Ansatz. Dafür werben wir um Unterstüt-
bei der CDU/CSU und der FDP)
zung.
Ich finde, die ganze Geschichte ist insofern positiv,
als sie ein Beispiel für eine lebendige Zivilgesellschaft (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
ist, in der sich Bürgerinnen und Bürger, Gemeinderäte Meine Damen und Herren, es ist tatsächlich so, dass
und Bürgermeister eingemischt und gesagt haben: Wir heute viele Anträge vorliegen; es war fast ein Wettbe-
akzeptieren nicht, was von oben kommt. Wir haben Vor- werb seitens der Antragsteller. Es gibt inzwischen auch
schläge. – Sie haben wirklich machbare Vorschläge aus- viele Gemeinsamkeiten. Das empfinde ich als einen gro-
gearbeitet, und auch das ist ein schönes Beispiel dafür, ßen Fortschritt. Denn das war nicht immer so. Ich aner-
dass nicht alles, was von oben kommt, gut ist, sondern kenne wirklich, dass alle Fraktionen sagen: Wir wollen
dass manchmal das, was von unten wächst, das Bessere weg von den alten Plänen. Wir wollen den Ausbau bür-
ist. gerfreundlich gestalten. Wir wollen den Prognosehori-
Das Rheintal-Projekt ist aus meiner Sicht auch ein zont 2025 endlich anerkennen. – Man muss es sich ein-
Beispiel für völlig veraltete obrigkeitsstaatliche Bahn- mal vor Augen halten: Jahrelang haben wir darum
planung. Jahrelang hat man gesagt: Da wollen wir durch. gestritten, dass er gilt. Man hat mit einem Prognosehori-
Dafür suchen wir die die günstigste und billigste Trasse, zont geplant, obwohl man wusste, dass man bis dahin
und dann werden wir das durchziehen. – Ich war viele mit dem Bau der Strecke noch gar nicht fertig sein wird.
Jahre im Rheintal aktiv, wo mir die Bürgerinnen und Dieser Aspekt ist ziemlich wichtig.
Bürger gesagt haben: Die hören nicht auf uns, die ma-
chen einfach weiter. Darüber hinaus geht es darum, dass wir nicht nur
Lärmschutzwände bauen, sondern innovative Lärmschutz-
Ich selber habe viele Gespräche mit Ministern ver- maßnahmen ergreifen. Wir brauchen so schnell wie
schiedener Regierungen sowie Koalitionspartnern ge- möglich lärmabhängige Trassengebühren; diese wollen
führt. Es gab immer und immer wieder Einwände wie übrigens alle. Das ist ein echter Fortschritt, und insofern
diese: Wir können doch nicht anders. Wir müssen so sage ich „Danke schön“ an das Bürgerengagement. Denn
vorgehen. – Insofern ist das ein gutes Beispiel für Lern- dieses hat uns dazu in den Fraktionen getrieben.
unfähigkeit. Lange Zeit hat man nicht begriffen, dass
man nicht gegen den Willen der Bürgerinnen und Bürger (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Schienenwege ausbauen kann.
(B) Neben den Gemeinsamkeiten gibt es auch Unter- (D)
Man hat übrigens auch keinen Erfolg gehabt. Das schiede. Das war letztendlich auch der Punkt, weshalb
ganze Projekt läuft nun seit mehr als 25 Jahren, und dies man sich nicht auf einen gemeinsamen Antrag verständi-
liegt nicht daran, dass es schon seit 25 Jahren Bürgerpro- gen konnte. Wir sollten uns da nicht den Schwarzen
teste gibt. Vielmehr liegt es an 25 Jahren dilettantischer Peter zuschieben. Natürlich gibt es unterschiedliche An-
Planungen, stümperhafter Formen des Ausbauens und sätze und auch unterschiedliche strategische Interessen.
keiner konsequenten Finanzierung. All das hat dazu ge- Die Opposition wollte eine klare eigenständige Posi-
führt, dass wir heute sagen müssen: Wir werden es nicht tion – die Regierungskoalition natürlich auch. Wir hätten
schaffen, bis 2018 fertig zu sein, und es ist bitter, dass uns auf einen gemeinsamen Antrag verständigen müs-
wir in Deutschland zugeben müssen, dass wir nicht in sen. Das ist allerdings nicht gelungen. Das wäre auf Au-
der Lage sind, einen Vertrag, den wir vor vielen Jahren genhöhe gewesen, aber das hat die Koalition nicht ange-
abgeschlossen haben, einzuhalten. Das finde ich ein boten.
Stück weit beschämend. Das muss sich ändern, und das
muss eine Lehre aus diesem Projekt sein. Wir müssen es Nun, worin besteht die Differenz? – Zum Schienen-
zukünftig anders machen. bonus schreiben Sie in Ihrem Antrag, dass dieser ab
2012 nicht mehr gelten soll. Da sind wir misstrauisch.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Denn in einem Jahr kann man noch viel Falsches be-
Anders machen, anders planen heißt aber, wirklich schließen. Wir wollen daher, dass er sofort gilt.
umzuplanen. Es geht nicht nur um ein bisschen Lärm- Wir haben in unserem Papier sehr eindeutig gesagt,
schutz. Beispielsweise sind wir in Offenburg gezwun- dass wir eine klare Finanzierungskonzeption wollen. Es
gen, von der Trasse Abstand zu nehmen und unter die genügt nicht, einfach zu sagen, wir wollen das Gute,
Erde zu gehen. Wir müssen schauen, dass wir damit während alles unter einem Haushaltsvorbehalt steht. So
nicht wieder das nächste Problem schaffen. Deswegen kommen wir nicht mehr weiter. Das ist lange genug
muss auch diese Umplanung anwohnerfreundlich und im schiefgegangen.
Konsens mit der Kommune vorgenommen werden.
Wir haben auch eindeutig gesagt: Wenn man dort ein
(Sibylle Laurischk [FDP]: Vollkommen rich-
Modellprojekt will, dann darf man nicht nur prüfen, was
tig!)
man im Rahmen eines Modellprojekts tun kann, sondern
Wir gehen in unserem Grünenantrag noch weiter. Wir dann muss man dort tatsächlich ein Modellprojekt mit
sagen: Auch südlich von Offenburg müssen wir über al- allen innovativen Formen des Klimaschutzes und allen
ternative Trassenführungen nachdenken. Die autobahn- Formen neuer Bürgerbeteiligung realisieren. Es geht
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011 11121
Winfried Hermann
(A) eben um eine neue Art von Planungs- und Baukultur. sung und nicht nur am so weitverbreiteten Denken an (C)
Das ist unser Vorschlag. den eigenen Kirchturm interessiert.
Letzter Punkt. Es geht um den Dauerangriff vor allem Bei all meinen Besuchen im Rheintal konnte auch ich
der CDU in Bezug auf die Finanzierung. Frau Gönner, mich eindrücklich davon überzeugen, wie viel Verständ-
wir Grünen haben im Landtag nicht gesagt, dass sich das nis die Anwohner für die ökonomische und ökologische
Land daran nicht beteiligen soll, sondern wir haben deut- Notwendigkeit der Rheintalbahn haben. Oft wurde in
lich gemacht: Es ist nach unserer Einschätzung verfas- Gesprächen deutlich gemacht: Wir stehen zum Schie-
sungswidrig, wenn sich das Land Priorisierungen beim nenverkehr und zur Rheintalbahn. Dabei muss man wis-
Bund dadurch erkauft, dass es Milliarden auf den Tisch sen, dass es durch das Bahnprojekt für die Menschen
legt. dort, anders etwa als bei Stuttgart 21, im Prinzip fast nur
Nachteile gibt. Auch deshalb haben die Anwohner unse-
(Patrick Döring [FDP]: Quatsch!) ren Respekt für ihre positive Grundhaltung verdient.
Diese Art von Mischfinanzierung lehnen wir ab, weil (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
wir sie für verfassungswidrig halten.
Der Ausbau der Schienenstrecke im Rheingraben als
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Zulauf zum Gotthard-Basistunnel ist genauso notwendig
sowie bei Abgeordneten der SPD)
wie die Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße
Wir haben einen Antrag abgelehnt, der viele kritische auf die Schiene.
Punkte enthielt, unter anderem eben auch diese Misch-
(Zurufe von der SPD: Oh)!
finanzierung. Wir sagen in unserem gemeinsamen An-
trag hier und in unserem eigenen Antrag sehr deutlich: Die Frage ist hier also nicht, ob ausgebaut wird, sondern
Ja, das Land soll sich beteiligen, und zwar an Lärm- wie. Die ersten Überlegungen dazu sind für Mensch und
schutzmaßnahmen, die über das gesetzliche Niveau hi- Umwelt in der Tat nicht akzeptabel gewesen.
nausgehen. Es ist keine Frage: Das Land muss sich daran
beteiligen. Das ist unser Ansatz. (Uwe Beckmeyer [SPD]: Aha!)
Wir wollen aber nicht, dass es in verfassungswidriger Wir haben daraus und aus langjährigen Versäumnis-
Weise zu Mischfinanzierungen kommt, sodass das Land sen gelernt und fordern die Bundesregierung in unserem
das finanziert, was eigentlich der Bund finanzieren Koalitionsantrag beispielsweise auf, den bereits seit Jah-
müsste. Das sagen Sie übrigens an vielen anderen Stel- ren planfestgestellten Raststatter Tunnel zu realisieren.
len selber. Ich verstehe nicht, warum Sie hier meinen, Wir brauchen solche und andere Maßnahmen, um die
(B) uns vorführen zu müssen. Ich finde, das, was Sie da tun, notwendige Akzeptanz des Jahrhundertprojekts nicht zu (D)
ist ziemlich billig. gefährden; denn eines ist klar: Die Menschen an der
Rheintalbahn oder woanders sind nicht mehr bereit, ver-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – meidbaren Schienenlärm einfach so hinzunehmen. Das
Patrick Döring [FDP]: Der Eindruck, den Sie ist verständlich und nachvollziehbar.
erwecken, ist auch billig!)
Wir von den Regierungsfraktionen nehmen die Sor-
Fazit: Wir müssen alles dafür tun, dass wir jetzt wirk- gen der Menschen vor Ort sehr ernst – im Übrigen schon
lich schnell zu einer besseren Planung kommen, wir lange und nicht nur in Wahlkampfzeiten. Seit Jahren sind
müssen alles für eine grundlegende Finanzierung dieses die direkt gewählten Abgeordneten entlang der Rheintal-
Großprojektes tun, und wir müssen alles dafür tun, dass bahn für die Anlieger dort im Einsatz. Dabei können sie
wir nicht erst 2030 oder 2040 fertig werden, sondern sich auf die Unterstützung von uns Verkehrspolitikern
dass wir spätestens in 10, 15 Jahren auf dem dritten und verlassen.
vierten Gleis im Rheintal fahren und wirklich einen Bei-
trag zum Klimaschutz im Verkehr geleistet haben. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vielen Dank. Der Antrag, über den wir heute diskutieren, ist für uns
ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum verbesserten
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Schutz von Mensch und Umwelt. Dazu haben wir schon
im Koalitionsvertrag von 2009 festgelegt, dass wir den
Präsident Dr. Norbert Lammert: sogenannten Schienenbonus abschaffen werden. In dem
Das Wort erhält jetzt der Kollege Steffen Bilger für vorliegenden Antrag haben wir dieser Willensbekun-
die CDU/CSU-Fraktion. dung Taten folgen lassen.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- Die Bundesregierung muss jetzt einen Gesetzentwurf
neten der FDP) vorlegen, damit kein Unterschied mehr zwischen Lärm
durch Straßen- und Schienenverkehr gemacht wird.
Diese Forderung in unserem Antrag ist in ihrer Bedeu-
Steffen Bilger (CDU/CSU):
tung nicht zu unterschätzen. Denn bislang haben sich
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Gestatten keine Bundestagesmehrheit und keine Bundesregierung
Sie auch mir an dieser Stelle, zuerst einmal den Anwoh- so konkret an dieses Thema herangewagt.
nern entlang der Rheintalbahn zu danken. Sie engagieren
sich in Bürgerinitiativen und sind konstruktiv an der Lö- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
11122 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
Steffen Bilger
(A) Besondere Maßnahmen sind bei der Rheintalbahn alition, sondern durchaus auch Vertreter der Opposi- (C)
aufgrund ihrer Bedeutung und ihrer geografischen Lage tionsparteien, wenngleich die Haltung der Grünen in
gerechtfertigt. Deshalb wollen wir diese Strecke faktisch Baden-Württemberg zur Mitfinanzierung von mehr
zu einem Modellprojekt für gelungene Streckenführung Lärmschutz durch das Land sehr bedauerlich ist. Wir
und Antilärmmaßnahmen machen. Dabei geht es nicht schätzen die verfassungsrechtliche Lage in dieser Frage
nur um Lärmbekämpfung, sondern auch darum, Lärm anders ein.
erst gar nicht entstehen zu lassen. Hierzu sollen die mög-
Entscheidungen werden aber von denjenigen getrof-
lichen technischen Innovationen eingesetzt werden. Zu-
fen, die dazu die Verantwortung übertragen bekommen
dem sollen als Anreiz für den Einsatz leiserer Fahrzeuge
haben. Das sind nun einmal Union und FDP. Bei uns
lärmabhängige Trassenpreise obligatorisch werden.
sind die Anliegen der betroffenen Menschen in guten
Nun mögen die weitergehenden Forderungen des ge- Händen.
meinsamen Oppositionsantrags von Sozialdemokraten
Vielen Dank.
und Grünen wünschenswert sein. Aber nicht alles, was
wünschenswert ist, ist auch möglich. In diesem Fall ist (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
es nicht etwa nicht möglich, weil wir es nicht wollen,
sondern weil wir keine Regelungen festschreiben kön- Präsident Dr. Norbert Lammert:
nen, die rechtlich nicht möglich sind, weil der Bund kei- Ich erteile das Wort nun der Kollegin Ute Kumpf von
nen direkten Zugriff auf die Planungen hat, und auch der SPD-Fraktion.
weil wir nicht unbegrenzte Finanzzusagen machen kön-
nen. Darin zeigt sich vielleicht der Unterschied zwischen (Beifall bei der SPD)
Regierungs- und Oppositionsfraktionen.
Ute Kumpf (SPD):
(Florian Pronold [SPD]: Was jetzt? Wider-
spruch in einer Rede!) Herr Präsident! Meine lieben Kolleginnen und Kolle-
gen! Eine Bemerkung vorneweg: Wenn wir heute mit
– Herr Pronold, nachdem Sie das in Ihrer Rede ange- unseren Positionen so nahe beieinanderstehen, dann ist
sprochen haben, will ich einige Sätze dazu sagen. Herr das nicht Ihr Verdienst, Herr Döring, oder Ihres, Frau
Hermann hat zu Recht davon gesprochen, dass die Men- Gönner.
schen vor Ort nicht wollen, dass Schwarzer Peter ge-
spielt wird. Aber wenn Sie sich die Mühe machen, unse- (Patrick Döring [FDP]: Das habe ich auch ge-
ren Antrag abzuschreiben, und ihn nur mit wenigen sagt! So ist das!)
Ergänzungen versehen, Es ist vielmehr das Verdienst der IG BOHR und der
(B)
(Lachen bei der SPD) Menschen vor Ort, die sich vor sieben Jahren, im April (D)
2004, zusammengeschlossen und Konzepte und Kompe-
dann frage ich mich, weshalb wir das am Dienstag so tenz entwickelt haben. Sie sind entsprechend hartnäckig,
beiläufig erfahren haben. Wir hätten Ihnen gerne das aber auch badisch-konziliant geblieben und haben das
Worddokument zur Verfügung gestellt, dann hätten Sie Vorhaben nicht in Kontrast zu Stuttgart 21 gestellt. Des-
es nicht extra abtippen müssen. halb ist in erster Linie diesen Menschen dafür zu danken,
dass wir zur Einsicht gekommen sind.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der FDP) (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
Frau Andreae, ich habe mich sehr über den Brief von
GRÜNEN)
Ihnen und Herrn Bonde gefreut, den ich am Freitag er-
halten habe. Wir haben das Gesprächsangebot angenom- Meine zweite Bemerkung richte ich an Frau Gönner.
men, mussten allerdings feststellen, dass, nachdem wir Ich schätze Sie. Sie haben das Schlichtungsverfahren zu
Bereitschaft signalisiert hatten, auf Ihre Punkte einzuge- Stuttgart 21 mitgetragen und miterlitten, unabhängig da-
hen, die Hürden so erhöht wurden, dass leider aus inhalt- von, wie es Ihnen geht. Wahrscheinlich sind Sie deswe-
lichen und formalen Gründen heute kein gemeinsamer gen zur Einsicht gekommen. Aber Sie bzw. die CDU im
Antrag zustande gekommen ist. Landtag sind spät zur Einsicht gekommen, was
Baden 21 anbelangt. Die SPD hat 2006 den ersten An-
(Stefan Müller [Erlangen] [CDU/CSU]: Typi-
trag eingebracht, in dem sie sich eindeutig positiv zu
sches Verhaltensmuster der Grünen! – Florian
dem Konzept Baden 21 stellt. Sie haben bis November
Pronold [SPD]: Wir sind bereit, einen gemein-
2010 gebraucht, sich dazu positiv zu stellen. Es gab im-
samen Antrag zu machen!)
mer ablehnende Beschlüsse –
Wir jedenfalls brauchen uns mit unseren Leistungen
(Zuruf der Ministerin Tanja Gönner [Baden-
für die Rheintalbahn nicht zu verstecken. Wer den Stand
Württemberg])
der Dinge von vor zwei Jahren mit der Situation heute
vergleicht, kann nur zu einem Schluss kommen: Die ört- – Doch, das liegt mir vor. Ich habe es mir extra schicken
lichen Vertreter haben gemeinsam mit den Regierungen lassen, weil ich mir gedacht habe: Wenn die Ministerin
auf Bundes- und Landesebene und mit der Deutschen anreist, müssen wir auch wissen, was im Ländle passiert.
Bahn sehr viel für die Region erreicht. Dazu haben auch Daher: Tun Sie nicht so, als wären Sie schon immer da-
wir als Bundestagsabgeordnete unseren Beitrag geleis- bei gewesen. Sie haben diese Schlichtung und das De-
tet. Ich sage an dieser Stelle auch: nicht nur wir als Ko- saster in Stuttgart gebraucht, um zur Einsicht zu gelan-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011 11123
Ute Kumpf
(A) gen. Damit ist die Lerntheorie bestätigt: Anscheinend fen und Widerspruch organisieren können. Die von Bun- (C)
lernt man nur durch Katastrophen. desseite vorgenommene Trassenplanung ist an manchen
Stellen irrsinnig – einschließlich einer Planung, die im-
(Zuruf von der SPD)
mer noch um drei Strommasten herum verläuft, weil es
Ich überlege, wie es gewesen wäre, wenn wir am angeblich immer noch zu teuer ist, eine Begradigung
27. April darüber diskutiert hätten. Wäre dann die Be- durchzuführen.
reitschaft tatsächlich vorhanden, hierbei so weit zu ge-
Wir sollten uns alle an die Nase fassen und sagen: Wir
hen? Aber lassen wir das beiseite.
sind zu der Erkenntnis gelangt, dass wir uns dieser Kon-
Wir haben eine gemeinsame Position gefunden. Wir zeption anschließen. Sie müssen dafür sorgen, dass die
alle sind in der Pflicht gegenüber der EU, aufgrund der finanzielle Ausstattung für diese Planung tatsächlich ge-
Verpflichtungen aus den Verträgen und gegenüber der währleistet ist, denn Sie lassen uns praktisch am langen
Schweiz – wahrscheinlich verfolgt die Schweiz heute die Arm verhungern.
Debatte –, diese Rheintalbahn zu bauen.
Herr Bilger, wir haben mit Blick auf einen gemeinsa-
Wir sind vor allem den Menschen gegenüber in der men Antrag zusammengesessen, es gibt nicht nur den
Pflicht. Ich sehe sie in den Podiumsrunden sitzen. Alle, Brief des Kollegen Bonde und der Kollegin Andreae.
etwa Herr Simmling und Herr Bilger, haben gesagt: Wir Aber mit Ihrer Haltung – ich weiß nicht, wie ich sie ge-
tun das. – Alle sind durch das Land gereist und haben al- nau nennen soll – nach dem Motto: „Sie dürfen ein biss-
les erst einmal versprochen. chen an unserem Antrag verändern“ befinden wir uns
nicht auf Augenhöhe.
(Zuruf von der SPD: Ja!)
Es ist auch eine Lehre für uns im Parlament, dass die Sie haben in Freiburg versprochen, dass wir einen ge-
Zeit der Ankündigungen vorbei ist. Wir müssen bei der meinsamen Antrag einbringen.
Wahrheit bleiben. (Martin Burkert [SPD]: Jawohl!)
(Beifall bei der SPD – Zuruf des Abg. Patrick Das war bei einem Lärmkongress in Freiburg, bei dem
Döring [FDP]) auch die Kollegen Herzog und Simmling anwesend wa-
Wir alle müssen sagen, was machbar ist, was wir ma- ren. Wir alle haben gesagt, dass wir an einem Strang zie-
chen wollen und wie wir das Konzept Baden 21, zum hen werden. Das haben Sie nicht gemacht, weil Sie
Beispiel den Tunnel in Offenburg, die autobahnnahe wahrscheinlich über sich sagen wollen: Wir sind diejeni-
Trasse und Tieferlegungen bei einzelnen Streckenab- gen, die das Ganze vorantreiben. – Das finde ich vom
schnitten, tatsächlich realisieren wollen. Denn dies er- parlamentarischen Verständnis her fragwürdig; denn es
(B)
warten die Menschen vor Ort, scheint Ihnen darum zu gehen, ein Stück weit Macht (D)
auszuspielen; ich weiß nicht, was das für ein Verständnis
(Beifall bei Abgeordneten der SPD sowie ist.
beim Abg. Winfried Hermann [BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN]) (Christian Lange [Backnang] [SPD]: Unan-
ständig!)
und nicht nur, dass man wieder einmal prüft und das un-
ter einen Haushaltsvorbehalt stellt, wie Sie es in Ihrem Auf alle Fälle konnten wir deswegen auch nicht zusam-
Antrag machen. menkommen. Vielleicht haben Sie persönlich ein ande-
res Vorgehen für gut befunden, aber Sie haben kein grü-
(Patrick Döring [FDP]: Nein, steht da nicht!) nes Licht bekommen.
Sie sollten nicht nur sagen, dass man über ein biss- (Winfried Hermann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
chen Schienenbonus nachdenken könne, sondern wir NEN]: Herr Kauder wollte nicht! – Weitere
brauchen rein rechtlich dieses Modellprojekt, um die Zurufe von der SPD und dem BÜNDNIS 90/
Forderungen durchzusetzen. Wir brauchen die Lärmmin- DIE GRÜNEN)
derung nicht nur an der Trassenführung, sondern wir
müssen dafür sorgen, dass Lärm gar nicht erst entsteht. Ich weiß nicht, wer bei Ihnen das Denken vorgibt. Bei
Wir brauchen ein Programm auf europäischer Ebene, um uns funktioniert das anders und demokratischer. Auf alle
die Güterzüge leiser zu gestalten. Fälle finde ich das schade. Aber lassen wir das.
Ich gebe auch dem Kollegen Winfried Hermann Deswegen haben wir gemeinsam mit den Grünen ei-
recht, wenn er auf Folgendes verweist: Das Eisenbahn- nen Antrag eingebracht, in dem wir die wesentlichen
Bundesamt oder wer auch immer diese Streckenplanung Punkte formuliert haben. Der Dissens besteht an der zen-
vorgenommen hat, hat irgendwann einmal ein Lineal ge- tralen Stelle. Ich denke, die Zeit der Ankündigungen, der
nommen und das von oben nach unten durchgeplant, Versprechungen und der Haltung, immer ganz lieb zu
weil sich das wohl ganz toll ansehen lässt. Anscheinend sein, wenn wir dort unten sind, ist schlichtweg vorbei.
war niemand vor Ort, um sich das vor Augen zu führen. (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
Viele Konzeptionen wurden durch die IG BOHR und an- DIE GRÜNEN)
dere Initiativen vorgestellt, die sich Sachverstand organi-
siert und Geld in die Hand genommen haben. Auch die Ich war ganz erstaunt, als Herr Grube und Herr
Gemeinden haben Geld in die Hand genommen, damit Mappus eine Fahrt entlang des Rheins nach dem Motto
sie sich gegenüber den Trassenplanern Gehör verschaf- „Eine Bahnfahrt, die ist lustig“ gemacht haben. Auch der
11124 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
Ute Kumpf
(A) Verkehrsausschuss hat eine Fahrt unternommen. Der teiligten, darunter Vertreter der DB AG, des Bundes, des (C)
Punkt ist, dass die Kolleginnen und Kollegen in den Ini- Landes und der Bürgerinitiativen, wird sehr erfolgreich
tiativen uns ernst nehmen und uns glauben, wenn wir et- gearbeitet. Hervorheben – das wurde heute schon einmal
was sagen. Wir dürfen diese Glaubwürdigkeit nicht aufs gesagt – möchte ich die Beschlüsse der Sitzung vom
Spiel setzen. 8. Februar dieses Jahres, die, wie ich finde, einen Mei-
lenstein markieren.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) Deshalb möchte ich diese Beschlüsse hier wiederho-
len: Es wurde eine Prüfung der Tunnellösung in Offen-
Deswegen ist es unabdingbar, dass wir die Finanzierung
burg vereinbart. Weiterhin wird die Prüfung einer auto-
sicherstellen und die gesetzlichen Voraussetzungen
bahnnahen Trasse von Offenburg bis Riegel mit und
schaffen.
ohne Schienenbonus und der Vergleich mit der beantrag-
(Patrick Döring [FDP]: Machen wir ja!) ten Trasse vorgenommen. Schließlich wird ein Planfest-
stellungsbeschluss durch das EBA zukünftig nur dann
Wenn wir von der Schweiz gefragt werden, wann wir ergehen, wenn die jeweilige Kernforderung im Projekt-
so weit sind, dann müssen wir das, was wir versprochen beirat abschließend behandelt worden ist. Ich denke, wir
haben, einlösen. Wir werden an der Stelle sicherlich fi- haben im Vergleich zu früher riesige Fortschritte ge-
nanzielle Probleme bekommen, vielleicht auch noch macht. Da sollten wir weiterarbeiten.
Druck von der Schweiz. Das wird uns noch einmal eine
enorme Summe kosten. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Deswegen: Seien Sie ehrlich, Mit ihrem Antrag unterstützt die Regierungskoalition
(Dirk Fischer [Hamburg] [CDU/CSU]: Wir ausdrücklich diese Projektbeiratsbeschlüsse. Unser ge-
sind immer ehrlich!) meinsamer Antrag hat die Zielsetzung, nach Möglichkeit
zu einer von großen Teilen der Bevölkerung akzeptierten
sorgen Sie für die Finanzierung, sorgen Sie für die ge- Planung und Bauausführung zu kommen.
setzlichen Grundlagen und sorgen Sie vor allem dafür,
dass die Menschen im Rheintal die Bahn bekommen, die Lassen Sie mich an dieser Stelle die Bedeutung der
sie wollen – anwohnerfreundlich, klimaverträglich und Rheintalstrecke kurz hervorheben und Ihnen darlegen,
mit ihrer eigenen Unterstützung! Das ist toll bei einem was dieser Ausbau für die Menschen vor Ort bedeutet.
so großen Infrastrukturprojekt. Die Rheintalbahn ist die Zulaufstrecke der alpenqueren-
den Verkehre und ein Teil des äußerst stark belasteten
Danke. Verkehrskorridors von Rotterdam bis Genua, der die
(B) (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ Nordsee mit dem Mittelmeer verbindet. Die Bundesre- (D)
DIE GRÜNEN) gierung hat sich zum Ausbau der Strecke vertraglich ver-
pflichtet. Ihr Kosten-Nutzen-Faktor liegt bei 2,7. Das
sagt alles über die wirtschaftliche Bedeutung dieser Stre-
Präsident Dr. Norbert Lammert: cke.
Werner Simmling ist der nächste Redner für die FDP-
Fraktion. Die verkehrliche Belastung durch die Güterzüge wird
mit der Fertigstellung des Gotthardtunnels auf Schwei-
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten zer Seite daher noch einmal erheblich zunehmen. Bei al-
der CDU/CSU) len Planfeststellungsverfahren gehen wir jetzt von den
Zugzahlen der Verkehrsprognose 2025 aus. Für das
Werner Simmling (FDP): Jahr 2025 sind das Zugzahlen von 360 Güterzügen pro
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Tag. Das heißt: alle vier Minuten ein Zug. Anders ge-
Herren! Lassen Sie mich zu Beginn meiner Ausführun- sagt, sind das mehr als 100 000 Güterzüge pro Jahr.
gen feststellen, dass wir hier in diesem Hohen Hause bei
Doch nicht nur die Lärmbeeinträchtigungen stehen
der Debatte zur Rheintalbahn doch entgegen allem An-
bei der jetzigen Trassenführung in der Diskussion, son-
schein, den soeben auch Frau Kumpf erweckt hat, in vie-
dern auch massive Eingriffe in das Landschaftsbild. Las-
len Punkten einig sind. Lassen Sie uns in diesem Sinne
sen Sie mich das am Beispiel „Knoten Kenzingen“ kurz
vor allem für die Bürgerinnen und Bürger im Rheintal
ausführen. Mit der heutigen Trassenführung müssten
weiterarbeiten. Ich glaube, es macht keinen Sinn, in der
zwei Überwerfungsbauwerke mit Ausmaßen von
Vergangenheit zu graben und zu sagen, der eine habe das
850 Metern bzw. 1 100 Metern gebaut werden, und das
nicht und der andere habe jenes nicht gemacht.
alles in einer Höhe von 5 bis 7 Metern. Dadurch sollen
Wir führen mit der heutigen Debatte fort, was in Ba- die verschiedenen Verkehrsarten – Personenfernverkehr,
den-Württemberg, speziell am südlichen Oberrhein, Personennahverkehr und Güterverkehr – entmischt wer-
bereits selbstverständlich ist. Bürgerinitiativen, Kom- den. Konkret heißt das für die Stadt Kenzingen, dass
munalpolitik, Landräte, Regierungspräsident und Lan- durch das Stadtgebiet ein sechsgleisiger Ausbau stattfin-
desregierung arbeiten seit Jahren eng und vertrauensvoll den müsste. Daher erwarten die Menschen in Südbaden
an Lösungen für einen anwohner- und umweltfreundli- zu Recht – das habe ich auch bei meinen Besuchen dort
chen Ausbau der Rheintalbahn. Mit der Gründung des erfahren –, dass ihren Bedürfnissen nach Lärmschutz
Projektbeirats im Jahr 2009 wurde diese Zusammenar- und nach einer landschaftsverträglichen Verkehrspla-
beit institutionalisiert. Unter Mitwirkung aller Projektbe- nung Rechnung getragen wird.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011 11125
Werner Simmling
(A) Wir haben von Anfang an in einem engen Kontakt mit und ihre Lebensqualität bestmöglich geschützt werden. (C)
den Bürgerinitiativen gestanden. Wir haben die Anliegen Wir unterstützen sie in ihren berechtigten Forderungen.
der Bevölkerung mit konkreten Beschlüssen auf Landes-
(Beifall bei der LINKEN)
und Bundesebene unterstützt. Bereits in der 15. und
16. Wahlperiode haben wir mit unseren Anträgen eine Die Linke fordert in ihrem Antrag den wirksamen
Überplanung der vorgesehenen Ausbaustrecke gefordert. Schutz vor Lärm und Schadstoffen in der Luft. Damit
Umso mehr erfreut unsere Fraktion, dass wir gemeinsam das umgesetzt wird, müssen die Deutsche Bahn und das
mit unserem Koalitionspartner den heutigen Antrag auf Land Baden-Württemberg gemeinsam mit den Bürgerin-
den Weg gebracht haben. In diesem Sinne lassen Sie uns nen und Bürgern und ihren Initiativen sowie den Um-
rasch – ich betone: rasch – gemeinsam an der Umset- weltverbänden planen. Dazu gehört Transparenz für die
zung der Projektbeiratsbeschlüsse arbeiten und den hier Aktiven und für die Öffentlichkeit. Planungsschritte
im Hause herrschenden Konsens zum Wohle der Bürge- müssen offengelegt werden. Insbesondere die Lärmbe-
rinnen und Bürger im Rheintal nutzen. lastung muss auf der Grundlage neuester wissenschaftli-
cher Erkenntnisse bewertet werden, damit wir die richti-
Vielen Dank.
gen Maßnahmen für weniger Lärm treffen können.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Dieses Problem existiert aber nicht nur zwischen
Mannheim und Basel, sondern auch entlang vieler ande-
Präsident Dr. Norbert Lammert: rer Bahnstrecken mit starkem Güterverkehr, zum Bei-
Nächster Redner ist der Kollege Herbert Behrens für spiel an der Betuwe-Linie zwischen Rotterdam und dem
die Fraktion Die Linke. Ruhrgebiet. Schutz vor Lärm ist ein Dauerthema, zumin-
dest in unserer heutigen Debatte. Diese Debatte muss
(Beifall bei der LINKEN)
fortgeführt werden.
Herbert Behrens (DIE LINKE): Der Spruch „Viel hilft viel“ stimmt nicht. Das wissen
Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Die wir alle. Darum helfen viele Anträge auch nicht mehr als
IG BOHR hat in gewisser Weise lange gebohrt, bis sie es wenige Anträge. Es wäre wirklich schön gewesen, wenn
geschafft hat, dass ihre Interessen im Bundestag promi- es einen gemeinsamen Antrag gegeben hätte. Er hätte
nente Berücksichtigung finden; gleich acht Anträge be- den lärmgeplagten Anwohnerinnen und Anwohnern zei-
fassen sich mit ihren Anliegen. Die Interessengemein- gen können: Ja, es ist ein gemeinsames Anliegen der
schaft Bahnprotest an Ober- und Hochrhein ist für uns Politikerinnen und Politiker hier in Berlin, was sie um-
ein beeindruckendes Beispiel für Bürgerengagement, treibt, was sie fordern.
(B) aber auch für Planungsfantasie, wie wir sie brauchen. (Beifall bei Abgeordneten der LINKEN) (D)
Die Mitglieder der Bürgerinitiativen haben es geschafft,
Betroffene zu organisieren und sie zu bewegen, ihre In- Das ist nicht gelungen. Es hat keinen gemeinsamen
teressen in die Hand zu nehmen. Sie nehmen damit ihre Antrag der Regierungsfraktionen und der Oppositions-
Verantwortung für sich selber wahr. Es sind nicht wir, fraktionen gegeben. Es hat leider aber auch keinen ge-
die die Verantwortung für sie übernehmen; das tun sie meinsamen Antrag der Oppositionsfraktionen gegeben.
selber. Wir haben einfach nur unsere Aufgabe zu erfüllen Das bedauern wir sehr. An uns ist es nicht gescheitert.
und ihren Interessen nachzukommen. (Beifall bei der LINKEN)
(Beifall bei der LINKEN) Liebe Kolleginnen und Kollegen, es ist gut, dass die
Das Ergebnis der Arbeit dort ist ein kompletter Plan, wie Koalition die Stimme der Anwohnerinnen und Anwoh-
in der Zukunft der Bahnverkehr durch das Rheintal rol- ner wahrgenommen hat. Es ist zu lesen und zu erfahren:
len soll. Dieser Plan hat den Namen „Baden 21“. Die CDU pflegt intensive Kontakte zu den Bürgerinitia-
tiven vor Ort. Das ist gut. Es sieht so aus, als hätte sie
Schon heute rattern Hunderte Züge durch Gemeinden tatsächlich aus dem Demokratiedesaster Stuttgart 21 ge-
und Städte. Es sollen nach Prognosen der Bundesregie- lernt. Das kann sie natürlich nicht zugeben. Wie sonst ist
rung bis zu 600 werden. Das hält kein Mensch mehr aus, der Satz zu verstehen, der in Ihrem Antrag steht, „dass
der in dieser Region lebt, wenn nach alten Maßstäben eine sachliche Verknüpfung von Stuttgart 21 und dem
geplant wird. Die Bürgerinnen und Bürger von Offen- Ausbau der Rheintalbahn in der Sache falsch ist und ihr
burg akzeptieren nicht, dass beispielsweise vier Gleise schadet“?
ihre Stadt zerschneiden und meterhohe Lärmschutz-
(Ute Kumpf [SPD]: Da geht es um das Geld,
wände sie verschandeln.
Herr Kollege!)
Trotzdem gibt es eine hohe Bereitschaft, das Vorha-
Es trifft auch nicht zu, dass beide Projekte gleich
ben mitzutragen. Die Leute wissen, dass die Rheintal-
wichtig sind, wie es im Antrag heißt. Wer Stuttgart 21
bahn wichtig für die Transporte zwischen Deutschland,
durchsetzen will, der hat am Ende kein Geld mehr, um
der Schweiz und Italien ist. Sie wollen nicht, dass dieser
die Bahnstrecke im Rheintal wirklich menschenverträg-
Verkehr über die Straße abgewickelt wird, sondern sie
lich zu bauen.
wollen, dass er auf die Schiene verlegt wird. Sie akzep-
tieren den Ausbau der Rheintalbahn auf vier Gleise, da- Der wirksame Schutz der Menschen an der Trasse ist
mit Güter- und Personenverkehr auf eigenen Trassen teuer. Bis zu 1 Milliarde Euro mehr kostet es, wenn die
fahren können. Sie verlangen aber, dass ihre Gesundheit Forderungen der Bürgerinitiativen umgesetzt werden.
11126 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
Herbert Behrens
(A) Das ist bezahlbar, meinen wir, wenn an anderer Stelle Schritt zu gehen und ein Signal zu setzen. Dazu will ich (C)
auf unsinnige Großprojekte wie Stuttgart 21 verzichtet sagen: Das hilft uns allen.
wird.
Wir haben es nicht hinbekommen, einen gemeinsa-
(Beifall bei der LINKEN) men Antrag vorzulegen. Es ist trotzdem ein erster und
wichtiger Schritt, dass sich der Bundestag endlich offen-
Mit unserem Antrag wollen wir erreichen, dass Bür- siv zur Frage des Lärmschutzes an der Strecke bekennt.
gerinnen und Bürger, Naturschutzverbände und andere
im Planungsprozess gleichberechtigt mitwirken können. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Wir wollen erreichen, dass das keine einmalige Beteili- und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
gung bleibt, die auch nur auf dieses Projekt bezogen ist, FDP und der LINKEN)
sondern ein neues Modell eines Beteiligungskonzeptes Wir haben damit eine Chance, deutlich zu machen,
bei Planungsverfahren wird. Stuttgart 21 wird sich dann dass der Protest vor Ort, die Initiativen von Hunderttau-
wiederholen, wenn wir nicht umdenken und Entschei- senden von Leuten hier nicht auf taube Ohren stoßen. Es
dungsprozesse öffentlicher gestalten. handelt sich nicht um eine kleine Minderheit des Parla-
Wir fordern, die unverhältnismäßig großen Mindest- ments, sondern eine breite Mehrheit hat erkannt, dass
sicherheitsabstände zwischen den Verkehrswegen Auto- man bei diesem Projekt anders planen muss. Es freut
bahn und Schiene zu überprüfen. Das hat zum Ziel, die mich, dass Sie sich offensiv dazu bekennen, dass der
Verkehrswege zu bündeln und den Flächenverbrauch zu Schienenbonus an der Strecke nicht gelten darf. Bis vor
reduzieren. Die Landesmittel aus Baden-Württemberg kurzem hat man als Abgeordneter, wenn man danach ge-
sollen nicht einfach so ins Projekt fließen, sondern ganz fragt hat, aus dem Verkehrsministerium die Antwort be-
überwiegend für den Ausbau von Nahverkehrsstrecken kommen: Ja, den schaffen wir ab; aber für die Rheintal-
eingesetzt werden. Die Bahn muss mit Geld aus dem bahn wird das keinen Unterschied mehr machen.
Bundeshaushalt in die Lage versetzt werden, die beste (Winfried Hermann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Trasse am Rhein bauen zu können. Wenn es eine gute NEN]: So ist es!)
Trasse gibt, dann dürfen dort auch nur leise Züge fahren.
Der Schienenbonus muss also jetzt gestrichen werden. Insofern begrüße ich es, dass die Koalition ihren Ver-
Wir brauchen kein Schienenbonusmoratorium. kehrsminister an dieser Stelle eingefangen hat. Zudem
freue ich mich darauf, das gesetzlich verankert zu sehen,
(Beifall bei der LINKEN) liebe Kolleginnen und Kollegen von der Koalition.
Kolleginnen und Kollegen, die große Übereinstim- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
mung hier ist eine Chance, dass bei der Planung der sowie bei Abgeordneten der SPD – Christian
(B) Rheintalbahn die Bürgerinnen und Bürger mehr Einfluss (D)
Lange [Backnang] [SPD]: Schau’n wir mal, ob
nehmen können als bisher üblich. Damit es nicht nur die es machen!)
eine Chance bleibt, sondern Wirklichkeit wird, hoffen
wir sehr, dass das mit dem Wahlverhalten am übernächs- Der heutige Beschluss wird aber nicht alle unsere
ten Sonntag in Mehrheitsverhältnisse gegossen wird. Probleme lösen; auch das will ich sagen. Denn an eini-
gen Punkten auf der Strecke – von Offenburg über die
Vielen Dank. Südliche Ortenau, im Landkreis Emmendingen, aber
auch in der Freiburger Bucht und im Markgräflerland –
(Beifall bei der LINKEN)
wird es unter Lärmschutzgesichtspunkten nicht ausrei-
chen, die Trassen zu modifizieren und zu optimieren:
Präsident Dr. Norbert Lammert: Vielmehr werden wir bei einigen Abschnitten nicht da-
Das Wort erhält der Kollege Alexander Bonde für die rum herumkommen, eine alternative Trassenführung
Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. vorzunehmen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Alexander Bonde (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Zustimmung der Abg. Rita Schwarzelühr-
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sutter [SPD])
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Für uns in der
Region des Rheintals in Südbaden ist es wichtig, dass Wir Grüne bekennen uns zum Modell der Bürgerini-
wir es zum ersten Mal seit Jahren schaffen, im Bundes- tiativen, zum sogenannten Baden 21. So weit sind Sie in
tag tatsächlich ein Signal zu setzen, das die Menschen Ihrem Antrag noch nicht. Der entscheidende Punkt bei
vor Ort unterstützt. Wir müssen beim Ausbau der Rhein- unserem Konsens wird sein: Können wir es erreichen,
talbahn zu verlässlichen Alternativen kommen, die die dass die Bahn als Antragstellerin die Anträge zur Tras-
Frage des Lärms, aber auch die Frage der Erschütte- senführung in den aktuellen Planfeststellungsverfahren
rungsbelastung der Bevölkerung ernst nehmen. zurückzieht? Es ist schade, dass Sie als Koalition heute
nicht bereit sind, mit uns gemeinsam einen Vorstoß zu
Wenn man wie die Kollegin Andreae und ich seit Jah- unternehmen und die Bahn dazu aufzufordern. Es nutzt
ren mit Initiativen in diesem Parlament scheitert, dann nichts, wenn der Bahnchef vor Ort Gespräche führt – im
freut man sich, dass es – auch wenn der Wahlkampf si- Gegensatz zu seinem Vorgänger freundliche Gesprä-
cher bei der Terminierung der Debatte heute zu einer so che –, aber gleichzeitig die Planfeststellungsverfahren
schönen Zeit eine Rolle gespielt hat – endlich so weit ist, weiterlaufen und Abschnitt für Abschnitt eine Strecke
dass auch die Koalitionsfraktionen bereit sind, einen zementiert wird. Diese sind vielleicht in Details modifi-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011 11127
Alexander Bonde
(A) zierbar, insgesamt aber werden sie den Bedürfnissen der überlagern sich zwei der wichtigsten europäischen (C)
Bevölkerung nicht gerecht. Es wird kein für die Men- Schienenstrecken des transeuropäischen Netzes.
schen verträglicher Ausbau ermöglicht, sondern ein
Für beide internationale Trassen bestehen in Bezug
Ausbau, bei dem Lärmschutz und Erschütterungsschutz
auf den Schienenausbau vertragliche Verpflichtungen
nicht wirklich im Vordergrund stehen.
zwischen Deutschland und der Schweiz, aber auch zwi-
Da ich sehe, dass Sie sich in einer ganzen Reihe von schen Deutschland und Frankreich. Sowohl in der
Punkten einen Ruck gegeben haben, hätte ich mir heute Schweiz als auch in Frankreich wird intensiv gebaut. In
gewünscht, dass Sie sich auch in diesem Punkt noch ei- Rastatt befindet sich ein besonderes Nadelöhr: Dort ver-
nen Ruck geben. engt sich die Strecke auf einer Gesamtlänge von
7,5 Kilometern von vier auf zwei Gleise und verläuft
(Ute Kumpf [SPD]: Ein Ruck muss durch die durch die ganze Stadt. Dieser Engpass wurde von den
Fraktion gehen!) politisch Verantwortlichen und der Bahn bereits vor
Die Menschen in der Region brauchen eine Chance Jahrzehnten gesehen und auch planerisch angegangen.
durch eine tatsächlich bessere Trassenplanung, für die es 1998, also vor mehr als zwölf Jahren, ist nach einem
bereits viele Vorleistungen gibt. Es ist schön, dass Sie langwierigen Verfahren als Lösung des Problems die
sich bewegt haben, Planung des Rastatter Tunnels rechtskräftig planfestge-
stellt worden.
(Ute Kumpf [SPD]: Bewegung tut gut!)
Meine Damen und Herren, Sie sehen, das Thema ist
aber da müssen wir noch ein bisschen mehr hinbekom- nicht ganz neu. Das Tunnelprojekt in Rastatt, das mit
men. Sachverständigenanhörungen und mit Bürgerbeteiligung
sämtliche Verfahren durchlaufen hat, wird, wie bereits
Herzlichen Dank. erwähnt, von allen regionalen Akteuren quer durch die
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN politische Landschaft unterstützt und könnte sofort reali-
und bei der SPD) siert werden. 26 Millionen Euro sind im Vorgriff bereits
in die Trassierung bis zum Tunnelmund und in Brücken-
bauwerke verbaut worden, ohne dass für die Bürgerin-
Präsident Dr. Norbert Lammert: nen und Bürger draußen vor Ort ein Nutzen sichtbar
Peter Götz hat nun das Wort für die CDU/CSU-Frak- wäre.
tion.
Eine intensive Auseinandersetzung darüber hat vor
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) vielen Jahren stattgefunden. Ich erinnere mich noch gut
(B) an die Diskussion, die wir im Rastatter Gemeinderat (D)
Peter Götz (CDU/CSU): über den Tunnel geführt haben. Ich gehöre seit mehr als
25 Jahren diesem Gremium nicht mehr an.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Meine sehr geehrten Damen und Herren! Wenn wir (Dirk Fischer [Hamburg] [CDU/CSU]: Das
heute über die Rheintalbahn debattieren, so ist dies auch merkt man! Früher war alles besser!)
eine Chance, ein wenig auf die Differenziertheit der
Ich hätte mir damals nie vorstellen können, dass ich
Strecke aufmerksam zu machen. Der Ausbau der Rhein-
Jahrzehnte später über das gleiche, bis heute noch nicht
talbahn ist, wie wir alle übereinstimmend feststellen, ein
gebaute Projekt im Deutschen Bundestag reden werde.
Infrastrukturprojekt von bedeutender europäischer Di-
mension. Diese Einschätzung hat sich auch in der Wirt- Warum sage ich das? Wir reden im Bundestag sehr
schaftlichkeitsstudie, die das Bundesministerium in Auf- viel über Planungsbeschleunigung und mehr Bürgerbe-
trag gegeben hat, widergespiegelt. Durch sie wird teiligung. Das ist wichtig und richtig, und das ist auch
bestätigt, dass die Leistungsfähigkeit der vorhandenen gut. Aber die schnellste Planung und die beste Bürgerbe-
zweigleisigen Bahnlinie am Oberrhein nur durch einen teiligung nützen in unserer schnelllebigen Zeit wenig,
stufenweisen viergleisigen Ausbau verbessert werden wenn danach nichts passiert.
kann. Teilbereiche zwischen Rastatt und Offenburg sind
(Winfried Hermann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
bereits realisiert. Über die Trassenführung in Südbaden,
NEN]: Wenn das Geld fehlt!)
zwischen Offenburg und Basel, wird, wie wir von allen
Vorrednern gehört haben, intensiv gerungen. – Sie haben recht: Einer abgeschlossenen Planung muss
zeitnah das Geld für die Realisierung folgen. Ich betone:
Ich möchte einen Teilbereich der Trasse ansprechen, zeitnah. – Anders ausgedrückt: Nur wenn etwas passiert,
in welchem die Realisierung des Ausbaus von allen Ak- können wir bei großen Verkehrsvorhaben mit der Akzep-
teuren auf regionaler Ebene vollinhaltlich unterstützt tanz der davon betroffenen Menschen rechnen.
wird. Es geht um den nordbadischen Streckenabschnitt
der Rheintalbahn, und zwar zwischen Karlsruhe und (Beifall bei der CDU/CSU und dem BÜND-
Rastatt. In diesem Bereich überschneiden sich die Trans- NIS 90/DIE GRÜNEN)
versale Rotterdam–Genua, von der wir bereits gehört ha-
Dazu gehören fertige Projekte an der Rheintalstrecke
ben, als wichtigste kontinentale Nord-Süd-Verbindung
wie der Rastatter Tunnel. Deshalb runter vom Abstell-
und die Magistrale Paris–Budapest, die als zentrale Ost-
gleis und auf die Schiene!
West-Verbindung über Stuttgart, Ulm und Wendlingen
verläuft. Das heißt, zwischen Rastatt und Karlsruhe Herzlichen Dank.
11128 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
Peter Götz
(A) (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- Drittens. Der Lärm stellt kein flächendeckendes Pro- (C)
neten der FDP und der Abg. Dr. Valerie Wilms blem dar. Wer sich die Lärmkarten der Republik an-
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) schaut, der sieht, dass es „brennende Bänder“ sind, die
insbesondere in Nord-Süd-Richtung und am Rhein ent-
Präsident Dr. Norbert Lammert: lang die Menschen enorm belasten. Deswegen ist zusätz-
Ich erteile das Wort dem Kollegen Gustav Herzog für licher Handlungsbedarf gegeben.
die SPD-Fraktion. (Beifall bei Abgeordneten der SPD)
(Beifall bei der SPD) Die politischen Konsequenzen daraus sind die Fort-
entwicklung des Lärmschutzpaktes II, den wir noch in
Gustav Herzog (SPD): der Großen Koalition unter Minister Tiefensee vorgelegt
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ei- haben. Hier ist einer der Knackpunkte die Abschaffung
nen schönen guten Morgen! Ich wünsche insbesondere des Schienenbonus. Hier gibt es Gemeinsamkeiten, aber
denjenigen Kolleginnen und Kollegen einen schönen gu- keine Übereinstimmung. Es besteht deshalb nur Ge-
ten Morgen, die gestern Abend noch bis 22 Uhr über die meinsamkeit, weil Sie dieses Anliegen in Ihrem Antrag
Ausweitung der Mauterhebung diskutiert haben. – ich spreche die Kollegen Döring und Bilger an – mit
der Vorbereitung des nächsten Bundesverkehrswegepla-
(Patrick Döring [FDP]: Sie sind immer noch nes verknüpft haben. Das kann noch dauern. Der gravie-
hier!) rende Unterschied ist also: Wir wollen jetzt wirklich her-
Den Zuhörerinnen und Zuhörern will ich sagen: Das angehen, nicht erst gegen Ende der Wahlperiode; wir
zeigt, dass wir ein echtes Arbeitsparlament sind. Wir ha- wollen jetzt konkret etwas tun. Sie wissen selbst: Bun-
ben gestern Abend mit Verkehrspolitik aufgehört und desverkehrswegepläne erfordern eine enorme Vorberei-
machen heute Morgen damit weiter. Ich glaube, das ist tung. Angesichts der bisherigen Arbeit dieses Ministe-
ein ganz gutes Signal. riums denke ich: Es wird eher länger als kürzer dauern.
(Beifall des Abg. Sebastian Körber [FDP]) (Beifall bei der SPD sowie des Abg. Winfried
Hermann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
– Da können Sie alle klatschen, liebe Kolleginnen und
Kollegen, auch die von der Koalitionsseite. Stimmen Sie daher unseren Anträgen zu, denen von der
SPD und den Grünen; sie sind vernünftig.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der FDP) (Zuruf des Abg. Patrick Döring [FDP])
(B) Ich will noch etwas anderes bemerken. Es ist schon – Herr Döring, vielleicht schreiben Sie von der FDP in (D)
ein etwas skurriles Bild, wenn aufseiten der CDU/CSU dieser Sache auch so böse Briefe an das Verkehrsminis-
die betroffene Landesgruppe geschlossen auftritt und das terium und das Finanzministerium, wie Sie es in Fragen
Wort ergreift – die Fähnleinführerin, die Frau Staatsmi- der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung machen. Ich
nisterin, vorneweg. glaube, das wäre in der Sache hilfreich.
(Ministerin Tanja Gönner [Baden-Württem- (Beifall bei Abgeordneten der SPD – Patrick
berg]: Ich bin nicht Staatsministerin!) Döring [FDP]: Die sind immer freundlich und
Ich wäre froh, wenn Sie den Verkehrsthemen immer ein konstruktiv!)
solches Gewicht beimessen würden. Liebe Kolleginnen und Kollegen, eine weitere Konse-
Ich finde es aber gut, dass wir in einer Kernzeit- quenz ist: Man muss den Lärm viel stärker an der Quelle
debatte über Infrastruktur reden in Verbindung mit bekämpfen. Dazu gehört das Umrüsten; wir sind dabei,
Lärmschutz und Bürgerbeteiligung; denn ich glaube, es auch wenn die Wirkung noch lange nicht zu spüren ist.
ist ein gutes Signal nach draußen, dass wir diese Punkte Dazu gehört auch die Einführung des lärmabhängigen
nicht mehr getrennt, sondern als eine Einheit sehen. Trassenpreises. Hier ist meine Frage an die Regierung
Aber die Menschen werden sich wahrscheinlich fragen: – vielleicht kann das auch einer der Koalitionsabgeord-
Woher kommt so viel Gemeinsamkeit? Hat sich da ir- neten beantworten –: Wann legen Sie endlich das Gut-
gendetwas geändert? Ich sage: Ja, es hat sich für uns achten vor? Wir werden permanent vertröstet: Erst sollte
einiges geändert: es im Oktober so weit sein, dann im November, dann im
Frühjahr, das auch bald vorüber ist. Herr Bundesminis-
Erstens. Insbesondere die Lärmwirkungsforschung ter, Herr Staatssekretär, wann kommt das Gutachten? In
hat eindeutige Ergebnisse vorgelegt, die zeigen, dass der DVZ vom 17. Februar konnte ich nachlesen, dass das
eine Privilegierung des Schienenlärms nicht mehr ge- Gutachten am 3. März vorliegen würde. Der ist auch
rechtfertigt ist und dass aufgrund der Charakteristik der schon längst vorüber.
Lärmspitzen insbesondere in der Nacht die Politik drin-
gend aufgefordert ist, hier etwas zu tun. (Ute Kumpf [SPD]: 2012 vielleicht!)
Zweitens. Wir wissen: Es wird eine Steigerung beim Wann kommen wir hier endlich zur Sache? Sie wissen,
Güterverkehr geben; die Prognosen fallen entsprechend dass Rheinland-Pfalz in diesem Zusammenhang einen
aus. Das rollende Material wird aber eher schlechter Vorschlag gemacht hat, dem der Bundesrat zugestimmt
denn besser. hat. Kommen Sie also zur Sache und nehmen Sie die
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011 11129
Gustav Herzog
(A) Überlegung auf, ein qualifiziertes Nachtfahrverbot ein- Peter Weiß (Emmendingen) (CDU/CSU): (C)
zuführen! Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen!
Bislang stand ausschließlich die Rheintalbahn im Der Aus- und Neubau der Rheintalbahn von heute zwei
Mittelpunkt der Debatte. Das, was wir im Interesse der auf künftig vier Gleise ist – das wurde schon mehrmals
Menschen in Baden-Württemberg verhindern wollen, er- betont – in der Tat eines der bedeutendsten Schienenver-
leben und erleiden die Menschen im Mittelrheintal aber kehrsvorhaben in Deutschland und eines, bei dem – so
schon seit Jahren; zwischen Bonn und Bingen treten ent- besagen es ja die Prognosen – die meisten Verkehre zu
sprechende Belastungen auf. Was die Menschen im erwarten sind. Die Prognosen gehen davon aus, dass dort
Oberrheintal befürchten, ist dort schon Realität. Deswe- eines Tages über 700 Züge pro Tag verkehren, die Mehr-
gen sage ich in Richtung Bundesregierung: Machen Sie heit davon Güterzüge. Deshalb freue ich mich als Abge-
Druck beim gemeinsamen Projekt „Leiser Rhein“! ordneter, der ich diese wunderschöne Region im Bun-
destag vertreten darf, dass mit der heutigen Debatte das
Herr Kollege Döring, wenn Sie über das viele Geld, gesamte Parlament die Bedeutung dieser Strecke wür-
das die DB AG jetzt als Gewinn erwirtschaftet hat, reden digt und Aufträge erteilt, daraus für die künftigen Pla-
– Sie sitzen ja in den entsprechenden Gremien –: Setzen nungen und die Verwirklichung dieses Projekts die ent-
Sie sich doch dafür ein, dass diese Gewinne zum Bei- sprechenden Konsequenzen zu ziehen.
spiel für das Umrüsten der alten Güterwagen verwendet
werden. Wenn Sie das in den nächsten Wochen hinbekä- Da ich mich mit dem Thema schon lange befasse,
men, würden Sie von mir ausdrücklich gelobt werden. möchte ich vor allen Dingen die Rednerinnen und Red-
ner von Grün und Rot erinnern: In früheren Jahren ist
(Beifall bei der SPD) uns bei allen Besprechungen, die wir im Bundesver-
Ich richte auch an Sie, Frau Ministerin Gönner, eine kehrsministerium oder mit der Bahn geführt haben, im-
Bitte. Zurzeit bringt Staatsminister Hendrik Hering, der mer gesagt worden, dass erstens die Änderungswünsche
rheinland-pfälzische Verkehrsminister, einen Entschlie- der Region in den laufenden Planfeststellungsverfahren
ßungsantrag in den Bundesrat ein, bei dem es auch um abgearbeitet werden sollen, neue Planaufträge nicht in-
die Frage des Lärmschutzes geht. Es wäre schön, wenn frage kommen. Zweitens komme es nicht infrage, den
Sie den Argumenten des Landes Rheinland-Pfalz so fol- Schienenbonus abzuschaffen oder nicht zu berücksichti-
gen könnten, wie es Hessen getan hat. Hessen hat zu- gen. Das war der Stand der vergangenen Jahre.
sammen mit Rheinland-Pfalz ein 10-Punkte-Programm (Zurufe von der FDP: So ist es!)
aufgestellt. Sie sehen: Wenn man guten Willens ist, kann
man partei- und länderübergreifend zusammenarbeiten. Ich freue mich, dass wir endlich einen neuen Stand er-
reicht haben und man nun bereit ist, für diese herausra-
(B) Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Argumente für (D)
gende Strecke neue Aufträge zu erteilen und ohne Schie-
den Süden sind auch die Argumente für das Mittelrhein- nenbonus zu planen.
tal. Es stellt sich die Frage einer Alternativtrasse für das
Mittelrheintal. Ich will hier mit Erlaubnis des Präsiden- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
ten zitieren: Florian Pronold [SPD]: Warum schreiben Sie
Auf die Forderung, mit den Planungen für eine das in den Antrag denn nicht rein?)
neue alternative Güterverkehrstrasse zu beginnen, Frau Ministerin Gönner, ich möchte mich bei Ihnen
hat das Bundesverkehrsministerium stets mit dem und bei der Landesregierung ausdrücklich dafür bedan-
Hinweis geantwortet, dass eine neue Trasse nur ken, dass die Landesregierung von Baden-Württemberg
durch Kapazitätsengpässe, nicht aber durch Lärm im Juni 2007 unter Leitung von Herrn Innenminister
zu rechtfertigen sei. Rech eine Arbeitsgruppe eingesetzt hat, die eine klare
Wer hat diese kritische Aussage gegenüber dem Ministe- Positionierung des Landes erarbeitet hat: Unterstützung
rium getroffen? Es war die Oberbürgermeisterin der der Forderungen aus der Region am Oberrhein.
Stadt Bingen, in einem Brief an den Bundesminister (Ute Kumpf [SPD]: Das stimmt doch gar
Ramsauer. Wenn Sie schon einem Sozialdemokraten nicht!)
oder dem Land Rheinland-Pfalz nicht folgen wollen,
dann folgen Sie dieser Oberbürgermeisterin; sie ist näm- Ich möchte mich zudem dafür bedanken, dass die
lich CDU-Mitglied. Es wäre hilfreich, wenn Sie in dieser Landesregierung den Beschluss gefasst hat,
Sache endlich anfangen, zu arbeiten, anstatt uns auf den
nächsten Bundesverkehrswegeplan zu vertrösten. (Ute Kumpf [SPD]: Die SPD-Anträge wurden
abgelehnt!)
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.
dass sie bereit ist, 50 Prozent der anfallenden Mehrkos-
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten ten mitzufinanzieren. Diese Beschlüsse der Landesregie-
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) rung von Baden-Württemberg waren entscheidend, als
es darum ging, überhaupt neue Bewegung in das Verfah-
Präsident Dr. Norbert Lammert: ren Rheintalbahn hineinzubekommen. Deswegen ein
Das Wort erhält nun der Kollege Peter Weiß für die herzlicher Dank an die Landesregierung von Baden-
CDU/CSU-Fraktion. Württemberg!
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
11130 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
Wir haben die Entscheidung, dass die bahnparallele (Ute Kumpf [SPD]: Ganz schön windig! – Rita
Trasse zwischen Offenburg und Riegel detailgenau un- Schwarzelühr-Sutter [SPD]: Und was ist mit
tersucht wird. Wir haben die Zusage, dass die Anregun- Weil am Rhein?)
gen zur Umfahrung von Freiburg aufgegriffen werden. Wir haben unzählige offizielle und inoffizielle Termine
Wir haben selbst für Weil am Rhein zusätzlichen Lärm- in Berlin, Stuttgart und an der Strecke durchgeführt. Wir
schutz bekommen. Und wir haben die Zusage, dass haben auf allen Ebenen Konsensentscheidungen getrof-
durch den Katzenbergtunnel, der bereits gebaut ist, aber fen. Wir haben Dinge geschafft, die 2009 unmöglich zu
noch in Betrieb genommen werden muss, möglichst der sein schienen.
gesamte Güterverkehr geführt werden soll, um die dorti-
gen kleineren Gemeinden und vor allen Dingen den Kur- Ich kann mich gut an die verhärteten Fronten zwi-
ort Bad Bellingen zu entlasten. Das alles wurde möglich, schen Bundesverkehrsministerium und der DB AG ei-
weil die zusätzlichen Kosten für die Probebohrungen nerseits und dem Land und der Region andererseits erin-
und die Untersuchung der bahnparallelen Trasse in Höhe nern. CDU/CSU und FDP haben in den letzten
von 1,3 Millionen Euro je zur Hälfte vom Land und vom eineinhalb Jahren dafür gesorgt, dass wir dort unten im
Bund zur Verfügung gestellt werden. Deswegen war die Konsens arbeiten. Es gibt keine Gräben mehr. Wir arbei-
Sitzung des Projektbeirates am 8. Februar 2011 wichtig. ten mit demselben Ziel.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011 11131
Armin Schuster (Weil am Rhein)
(A) (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – werden wir klären. Das wäre aber eigentlich Ihre Auf- (C)
Florian Pronold [SPD]: Die Ananaszucht in gabe gewesen.
Alaska eröffnet!)
(Florian Pronold [SPD]: Und Sie waren auch
Ich möchte mich noch einmal ausdrücklich bei Ihnen, schon immer gegen Atomkraft! – Alexander
Frau Gönner, bedanken. Wenn Sie ins Lenkrad greifen, Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Da
alle Achtung, das merkt man. sind wir aber froh, dass wir Sie jetzt haben! –
(Peter Friedrich [SPD]: EnBW!) Winfried Hermann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Kommen Sie einmal in den Verkehrs-
Das war irgendwann im Februar oder März des letzten ausschuss! Klären Sie uns einmal auf!)
Jahres. Bahnchef Grube ist hier noch nicht erwähnt wor-
den; das möchte ich ausdrücklich tun. Die Region ver- Meine Damen und Herren, alles, was in unserem An-
dankt ihm eine Menge. Er ist ein Stück weit Vorbild, da trag steht, ist ein starkes politisches Signal für die künf-
er sich trotz immenser Verpflichtungen vor Ort zeigt. tige Bahnplanung in diesem Land. Angesichts unserer
konsequenten Haushaltspolitik – Stichwort Schulden-
(Beifall bei der CDU/CSU – Uwe Beckmeyer bremse – dürfen Sie jedes einzelne Wort als Signal wer-
[SPD]: Es fehlen nur 9 Milliarden! Das ist das ten, dass wir im Rahmen des finanziell Möglichen das
Problem!) technisch Machbare schaffen wollen. Das geschieht zum
Mit unserer Planung am Oberrhein zielen wir ganz Wohl von Mensch und Umwelt.
klar in Richtung einer anliegerfreundlichen Trassen- Den Projektbeirat muss ich nicht mehr loben. Darüber
gestaltung. Alle Orte – Herr Weiß hat sie aufgeführt – bin ich richtig froh. Ich dachte schon, ich sei der Einzige,
lassen ganz klare Signale erkennen. der ständig herumläuft und klarzumachen versucht, dass
(Rita Schwarzelühr-Sutter [SPD]: Was ist mit das ein Exportschlager für mehr Bürgerbeteiligung ist.
Weil am Rhein?) Greifen wir diesen Projektbeirat gemeinsam auf und ma-
chen ihn zu einem Instrument, das künftig bei Großpro-
Das einzige Problem ist – das bedauere ich als Weiler jekten immer zur Anwendung kommen soll. An dieser
ganz besonders – die Hinterlassenschaft von Rot-Grün in Stelle möchte ich als Badener sagen: Auf diese Weise
Weil am Rhein. 2009 habe ich einen praktisch erlass- gewähren wir Heiner Geißler einen wohlverdienten Ru-
reifen Planfeststellungsbeschluss vorgefunden. hestand. Dafür sorgt der Projektbeirat. Wir schaffen das
(Uwe Beckmeyer [SPD]: Sie sind ja ein ganz in Südbaden allein.
Nassforscher!)
(Beifall bei der CDU/CSU – Christian Lange
(B) In Weil am Rhein konnten wir eine Tieferlegung daher [Backnang] [SPD]: Da fällt er auch noch (D)
einfach nicht mehr hinbekommen. Heiner Geißler in den Rücken! Das ist ja un-
glaublich!)
(Winfried Hermann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: War die CDU nicht in der Großen Ko- Lassen Sie mich noch etwas sagen: Ich bin der Mei-
alition?) nung, dass wir viele Gemeinsamkeiten haben.
Eine Nachjustierung mit einem Volumen von (Lachen bei der SPD – Christian Lange [Back-
15 Millionen Euro für Weil am Rhein ist aber ein Wort. nang] [SPD]: Den Eindruck hatten wir bislang
Das verkaufe ich als Erfolg. nicht! – Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE
(Beifall bei der CDU/CSU – Kerstin Andreae GRÜNEN]: Das kam deutlich raus bei Ihrer
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ach! Und die Rede!)
vier Jahre Große Koalition?) Die Gemeinsamkeiten müssten wir uns einmal zusam-
Meine Damen und Herren von Rot-Grün, in den ver- men anschauen. Es gibt ein einziges Wort für Ihre Regie-
gangenen Jahren haben Sie in puncto Bahn viel ver- rungszeit am Oberrhein, das heißt: Eimeldingen. Das ist
säumt. Dieses Verkehrsmittel ist nicht per se umwelt- ein Ort 1 Kilometer nördlich von Weil am Rhein.
freundlich. Das ist nur dann der Fall, wenn man nicht in
(Winfried Hermann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
der Nähe wohnt.
NEN]: Sie meinen, Sie wären der Erste und
(Ute Kumpf [SPD]: Sie sind doch Qualitäts- Einzige, der sich dafür einsetzt? Das ist ja
prüfer! Überprüfen Sie einmal Ihre eigenen peinlich!)
Ausführungen auf den Wahrheitsgehalt!)
Dort liegen mittlerweile vier Gleise parallel; zwei 5 Me-
Das Motto „Alles auf die Schiene!“ macht nur Sinn, ter hohe Lärmschutzwände ziehen sich durch den Ort.
wenn man sich auch dafür interessiert, wie es dort zu-
geht. (Christian Lange [Backnang] [SPD]: Sind Sie
jetzt bei den Gemeinsamkeiten? Oder wo sind
(Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Sie jetzt?)
NEN]: Schuster, bleib bei deinen Leisten, sage
ich da nur!) Es sieht aus, als stünde man vor der Berliner Mauer.
Wir haben einen Reformstau, den wir auflösen werden. (Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Die Punkte Trassenpreise, Schienenbonus und Technik NEN]: Furchtbar!)
11132 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
(Winfried Hermann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Deshalb sind alle für den Ausbau der Rheintalbahn.
NEN]: Wo war da die Landesregierung?) Es geht aber um mehr. Wir wollen für dieses Projekt
Wir bedauern, dass es nicht zu einem parteiübergrei- die Akzeptanz der Bevölkerung.
fenden Antrag kam. Sie müssen von Ihren Maximalfor- (Ute Kumpf [SPD]: 2004 wurde die Initiative
derungen herunterkommen und sich unserer Verhand- gegründet! Wo war da die Landesregierung?)
lungstaktik annähern,
Wir wollen bei diesem verkehrspolitischen Projekt die
(Gustav Herzog [SPD]: In welchem Land Menschen in Südbaden mitnehmen. Wir wollen den
leben Sie?) Ausbau der Rheintalbahn gemeinsam mit den Bürgerin-
und zwar kontinuierlich, Stück für Stück und jeden Tag nen und Bürgern. Daher ist es unsere feste Absicht, die
ein bisschen weiter. So kommen wir zu Verhandlungs- Rheintalbahn gleichsam zu einem Modell für einen an-
erfolgen. wohnerfreundlichen Bahnausbau zu machen. Trassen-
führung und Lärmschutz sollen so gestaltet werden, dass
(Christian Lange [Backnang] [SPD]: Ist das Menschen und Umwelt so wenig wie möglich belastet
Ihr Demokratieverständnis? Das ist ja hoch- werden. Deswegen machen wir es gemeinsam mit den
interessant!) Bürgerinnen und Bürgern am Rhein in Südbaden.
– Wie wäre es denn, wenn sich die Nichterfolgreichen an Wir hätten uns erhofft, dass es für dieses Ansinnen
den Erfolgreichen orientieren, und nicht umgekehrt? eine breitere, überparteiliche Zustimmung gibt;
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – (Ute Kumpf [SPD]: Die Initiative kam von
Christian Lange [Backnang] [SPD]: Bisher ha- uns, Herr Strobl! Sie sind ein kleiner Lügen-
ben die Leute davon nichts gespürt!) bold!)
Ich komme zum Schluss. Mich hat gestern ein Journa- doch die Opposition nimmt wiederum eine Verweige-
list der Süddeutschen Zeitung gefragt, ob man als neuge- rungshaltung ein,
wählter Abgeordneter überhaupt etwas bewegen kann.
(B) Man kann etwas bewegen. (Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- (D)
NEN]: Das hat Ihr Generalsekretär aus Baden-
(Kerstin Andreae [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Württemberg verhindert! Wie heißt der noch
NEN]: Ist das ein Eigenlob? Das ist ja furcht- gleich? – Ute Kumpf [SPD]: Herr Strobl, Sie
bar! – Florian Pronold [SPD]: Und sie bewe- waren bei dem Gespräch nicht dabei!)
gen sich doch!)
die eigentlich niemand so recht nachvollziehen kann.
Das bewegt auch mich. Sie dürfen sich darauf verlassen: Vor allem die Menschen am Oberrhein und in Südbaden
Ich bewege mich verstehen das nicht. Warum sind Sie eigentlich gegen
(Christian Lange [Backnang] [SPD]: Ab auf Lärmschutz und Ökologie, wenn es konkret wird?
Ihren Platz! Das ist die beste Bewegung, die (Zurufe von der SPD: Was?)
Sie machen können!)
Sie sind aus Prinzip dagegen, wenn es konkret wird.
am Rheintal auch weiter im Sinne der Bürger, der Anlie-
ger und für die Region. (Kerstin Andreae [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Herr Strobl, das ist absoluter Unfug,
Herzlichen Dank. was Sie da sagen! Das wissen Sie doch! –
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Lassen Sie doch Ihre blöde Wahl-
kampfrede!)
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Thomas Strobl ist der letzte Redner zu diesem Tages- Sie sind gegen eine vernünftige Politik im Bund und im
ordnungspunkt. Land; Sie saugen Ihren Honig aus dem Dagegensein.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) (Kerstin Andreae [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Das ist doch totaler Quatsch! Wir ha-
ben einen Antrag vorgelegt!)
Thomas Strobl (Heilbronn) (CDU/CSU):
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten Ich will Ihnen das konkret belegen. Im Landtag von
Damen und Herren! Es gibt bei diesem Thema erfreuli- Baden-Württemberg gab es einen Änderungsantrag der
che Gemeinsamkeiten; es gibt aber auch ein paar Unter- Fraktion der CDU, der Fraktion der SPD und der Frak-
schiede. Übereinstimmung besteht darin, dass die Güter tion von FDP/DVP mit der Überschrift „Klares Bekennt-
von der Straße auf die Schiene gebracht werden müssen. nis zu Baden 21“.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011 11133
Thomas Strobl (Heilbronn)
(A) (Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- (Gustav Herzog [SPD]: Nicht nur die Über- (C)
NEN]: Und dann kam lauter Pro-Stuttgart-21- schrift! – Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/
Zeug!) DIE GRÜNEN]: Haben Sie schon verstanden,
dass in diesem Haus auch der Inhalt des An-
Dazu gab es eine namentliche Abstimmung. Für diesen
trags gilt? Wollen Sie behaupten, im Landtag
Antrag haben gestimmt die Fraktion der CDU, die Frak-
von Baden-Württemberg gilt nur die Über-
tion der SPD und die Fraktion von FDP/DVP. Mit Nein
schrift?)
hat – ich kann Ihnen die Namen aus dem Plenarprotokoll
der Sitzung des Landtags von Baden-Württemberg vom Diesem Antrag haben sich alle Fraktionen im Landtag
25. November 2010 vorlesen – die komplette Fraktion von Baden-Württemberg angeschlossen, außer der Frak-
der Grünen gestimmt, also gegen ein „Klares Bekenntnis tion der Grünen. Das ist zu bedauern.
zu Baden 21“.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
(Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE
Damit gefährden Sie im Übrigen wichtige Maßnahmen
GRÜNEN]: Haben Sie schon gewusst, dass
zum Wohle der Menschen am Oberrhein.
ein Antrag aus mehr besteht als nur aus einer
Überschrift?) (Uwe Beckmeyer [SPD]: Das ist doch völlig
daneben, was Sie erzählen!)
Sie sind gegen Baden 21,
Sie sind bei dieser Frage – wie bei anderen Fragen – da-
(Kerstin Andreae [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
gegen, wenn es konkret wird. Sie sind gegen Ökologie,
NEN]: Frechheit!)
gegen die Bürgerinteressen, gegen Südbaden und gegen
gegen die Interessen der Menschen in Südbaden, gegen Baden-Württemberg.
den Lärmschutz, und Sie beteiligen sich nicht konstruk-
(Beifall des Abg. Arnold Vaatz [CDU/CSU] –
tiv an dieser Debatte.
Gustav Herzog [SPD]: Das ist unterirdisch! –
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Christian Lange [Backnang] [SPD]: So wer-
den Sie dann gewählt! Zu Recht!)
Präsident Dr. Norbert Lammert: Wir sind froh darüber – dafür danken wir auch der in
Herr Kollege Strobl, der Kollege Bonde möchte dazu dieser Debatte anwesenden Umweltministerin von Ba-
gerne eine Bemerkung machen. den-Württemberg –,
(Christian Lange [Backnang] [SPD]: Das
Thomas Strobl (Heilbronn) (CDU/CSU):
letzte Mal, dass sie da sitzt!)
(B) Aber gerne. – Bitte. (D)
dass der Ministerpräsident des Landes Baden-Württem-
(Arnold Vaatz [CDU/CSU]: Jetzt sind wir
berg zu einem sehr frühen Zeitpunkt erklärt hat
ganz gespannt!)
(Zuruf des Abg. Dr. Anton Hofreiter [BÜND-
Alexander Bonde (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): NIS 90/DIE GRÜNEN])
Werter Kollege Strobl, nun stehen wir beide im Wahl- – ich weiß, dass Sie das ärgert –,
kampf in Baden-Württemberg, Sie als Generalsekretär
Ihrer Partei, ich als Landesvorstandsmitglied der meini- (Kerstin Andreae [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
gen. Ich kann daher verstehen, dass man manchmal Ter- NEN]: Es ärgert mich, dass Sie so einen Un-
mine durcheinanderbringt. sinn erzählen!)
Ich würde Sie gerne bitten, mir zu bestätigen, dass es dass, obwohl der Bund für dieses Projekt zuständig ist,
in dem von Ihnen genannten Antrag aus dem Landtag sich auch das Land Baden-Württemberg an sinnvollen
von Baden-Württemberg einen Forderungsteil gab, der Leistungen, die den Bürgerinnen und Bürgern zugute-
aus einer ganzen Reihe von Punkten bestand, dass einer kommen, beteiligen wird. Das finden wir richtig.
davon ein Bekenntnis zum Bahnprojekt Stuttgart 21 war (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
und dass es Versuche gab, eine getrennte Abstimmung
über diese Sachverhalte herbeizuführen, was von den an- Weil die Grünen sich hier so aufregen, weiß offen-
tragstellenden Fraktionen im Landtag nicht gewünscht sichtlich die rechte Hand nicht, was die linke tut.
war. Herr Strobl, sind wir uns einig, dass wir uns beim (Florian Pronold [SPD]: Meinen Sie Ihre ei-
Projekt Stuttgart 21 nicht einig sind, und wären Sie nicht gene Partei? Atomkonsens!)
genauso verwundert gewesen wie ich, wenn meine
Landtagsfraktion einem Antrag pro Stuttgart 21 zuge- Damit meine ich weniger die Tatsache, dass Sie wieder
stimmt hätte? eine ganze Reihe von Anträgen eingebracht haben, ob-
wohl eigentlich einer genügt hätte. Mir geht es vielmehr
(Gustav Herzog [SPD]: Eine gute Frage!) um eine bestimmte Formulierung in dem Antrag der
Grünen auf Drucksache 17/2488. Darin wird die feste
Thomas Strobl (Heilbronn) (CDU/CSU): Absicht formuliert, es solle „die Schiene als umwelt-
Verehrter Herr Kollege Bonde, noch einmal: Dieser freundlicher Verkehrsträger gemeinsam mit den Binnen-
Änderungsantrag trägt die Überschrift „Klares Bekennt- wasserstraßen beim Gütertransport verstärkt zum Ein-
nis zu Baden 21“. satz kommen“.
11134 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
– Nein, Sie verdrehen immer die Tatsachen. In dem Brief (Ute Kumpf [SPD]: Die macht Herr Ramsauer
stand nur, dass man versucht, einen gemeinsamen An- doch gerade kaputt!)
trag auf den Weg zu bringen. Dies haben Sie so interpre- Sie von den Grünen verkünden hier großspurig,
tiert: Wir haben einen Antrag geschrieben. Sie können ja
über Änderungsanträge abstimmen lassen – in Klam- (Winfried Hermann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
mern: die lehnen wir dann ab –, und dann gibt es einen Sie haben es gerade nötig, so zu reden!)
gemeinsamen Antrag, nämlich den der Koalition. – Das dass Sie für Ökologie sind und Güter von der Straße neh-
ist nicht das Vorgehen bei einem gemeinsamem Han- men wollen.
deln. Bei gemeinsamem Handeln muss man sich auf
Augenhöhe begegnen und gemeinsam Vereinbarungen (Arnold Vaatz [CDU/CSU]: Ja, ja! Alles
treffen. Wenn es an irgendeiner Stelle keine Gemeinsam- Unsinn!)
keiten gibt, muss man die Unterschiede deutlich machen. Aber im Wahlkampf reisen Sie durch die Gegend und sa-
Ihr Angebot war arrogant. gen: Dieses Geld hätte man für Maßnahmen vor Ort bes-
ser verwenden können.
(Patrick Döring [FDP]: Sie sind arrogant! Ihr
Angebot war ein falsches Angebot!) (Winfried Hermann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Das ist doch falsch!)
Es ist von uns nicht angenommen worden. Uns hinterher
vorzuwerfen, wir hätten uns nicht für ein gemeinsames Außerdem erzählen Sie unsinniges Zeug, zum Beispiel
(B) Vorgehen starkgemacht, finde ich mehr als schäbig. dass Binnenschiffer auf ihren Schiffen altes Öl verbren- (D)
nen würden. Hier im Bundestag blasen Sie sich auf und
(Christian Lange [Backnang] [SPD]: Genau! sprechen von Ökologie,
Kein Wunder, dass die ihre Mehrheiten verlie-
ren!) (Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Jetzt weiß man, warum Sie der Gene-
Ich hätte dieses Thema lieber nicht angesprochen, weil ralsekretär von Mappus sind! Bei Ihrer Red-
ich glaube, dass die Bürger nicht verstehen können, wa- lichkeit!)
rum man so handelt.
aber vor Ort polemisieren Sie gegen die Interessen des
(Zuruf von der CDU/CSU: Ja! Wie Ihre Landes Baden-Württemberg, Herr Kollege Hermann. So
Pressemitteilung!) ist das.
Weil Sie all Ihre Reden damit bestritten haben, uns zu (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
unterstellen, – Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Mappus weiß hoffentlich, was Sie da
Präsident Dr. Norbert Lammert: sagen! – Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/
Herr Kollege! DIE GRÜNEN]: Ach! Das ist bei denen doch
ganz normal! Da muss jemand wie er General-
Winfried Hermann (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): sekretär sein! Das passt doch!)
– wir hätten uns nicht für ein gemeinsames Vorgehen – Sie brauchen gar nicht zu schreien, Herr Kollege
starkgemacht, war es aber notwendig. Ihr Verhalten Bonde.
finde ich peinlich.
Der zweite Punkt. Es gab verschiedentlich Versuche,
Vielen Dank. im Hinblick auf die Rheintalbahn einen gemeinsamen
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Antrag zu formulieren. Es gibt ein Antwortschreiben
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der von Kerstin Andreae und Alexander Bonde, beide von
LINKEN – Arnold Vaatz [CDU/CSU]: Dum- den Grünen.
mes Zeug!) (Alexander Bonde [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Nein! Kein Antwortschreiben! Ein
Präsident Dr. Norbert Lammert: Schreiben ist das! – Kerstin Andreae [BÜND-
Zur Erwiderung Herr Kollege Strobl. NIS 90/DIE GRÜNEN]: Ein Antwortschrei-
11136 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
(A) Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: und wir haben trotz mancher Unterschiedlichkeit und (C)
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die unterbrochene mancher Kontroverse in der Innenpolitik über die Partei-
Sitzung ist wieder eröffnet. und Fraktionsgrenzen hinweg alle eine gemeinsame
Haltung: Wir verurteilen die Verbrechen des Diktators
Die Fraktionen haben sich auf eine Änderung der Gaddafi. Mit diesem Mann kann nicht mehr zusammen-
heutigen Tagesordnung verständigt. Es ist vorgesehen, gearbeitet werden. Er muss gehen. Er spricht nicht mehr
die Sitzung mit einer Regierungserklärung des Bundes- für das libysche Volk.
ministers des Auswärtigen zur aktuellen Entwicklung in
Libyen und einer anschließenden Aussprache von einer (Beifall im ganzen Hause)
Dreiviertelstunde fortzusetzen. Anschließend werden Ich denke, es ist klar, wo nicht nur die Regierung,
wir in der Tagesordnung mit der Beratung des sondern wir alle gemeinsam stehen – nachdem ich mir
Tagesordnungspunkts 29 fortfahren. Der Tagesord- alle Redebeiträge am Mittwoch angehört habe, bin ich
nungspunkt 28 – Entgeltgleichheit zwischen Männern der festen Überzeugung, dass ich dies ausnahmsweise
und Frauen – soll abgesetzt werden. Sind Sie damit ein- für das ganze Haus sagen darf –: Wir stehen gegen die-
verstanden? – Das ist der Fall. Dann verfahren wir so. sen Diktator. Wir stehen auf der Seite des internationalen
(Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister: Die Rechts. Wir stehen an der Seite von Menschen, die für
Grünen sind auf dem Weg! Der Aufzug war ihre Freiheit wo immer auf der Welt eintreten. Wir ste-
völlig verstopft!) hen an der Seite derjenigen, die wegen ihres Eintretens
für demokratische Prinzipien unterdrückt, gequält, gefol-
Mir wird gerade zugerufen, dass die Kolleginnen und tert oder gemordet werden. Wir sind als Demokratie eine
Kollegen der Grünenfraktion auf dem Weg nach unten Wertegemeinschaft, und deswegen treten wir auch welt-
sind. Vielleicht warten wir noch kurz. weit für freiheitliche und demokratische Werte ein.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie
der FDP – Dr. Dagmar Enkelmann [DIE bei Abgeordneten der SPD)
LINKE]: Wie meinen Sie das, Herr Präsi-
Davon zu trennen ist die Frage einer militärischen
dent?)
Intervention und der deutschen Beteiligung daran. Wir
– Von der Fraktionsebene herunter auf die Plenarsaal- unterstützen ausdrücklich die Elemente der Reso-
ebene. Da sind sie auf dem Weg nach unten, wie Sie alle lution 1973 des UN-Sicherheitsrates, durch die die Sank-
auch waren. – Die Fraktionssitzung ist zu Ende, wird mir tionen gegen das Gaddafi-Regime verschärft werden.
gerade gesagt, und die Kolleginnen und Kollegen kom- Wir Deutsche selbst haben in New York die Vorschläge
men. Ich denke, wir können noch 30 Sekunden warten. für noch umfassendere Wirtschafts- und Finanzsanktio-
(B) nen eingebracht und auch vorangetrieben. Deutschland (D)
Ich rufe den Zusatzpunkt 6 auf: hat sich als eines der ersten Länder in Brüssel und übri-
gens auch in New York für eine eindeutige Haltung ge-
Abgabe einer Regierungserklärung durch den
genüber dem Diktator Gaddafi ausgesprochen, für eine
Bundesminister des Auswärtigen
Isolierung des Systems Gaddafi, und für Sanktionen ge-
zu den aktuellen Entwicklungen in Libyen gen sein Regime haben wir uns ebenfalls in Brüssel und
(UN-Resolution) auch in New York sehr frühzeitig stark gemacht.
Ich erteile das Wort zur Abgabe einer Regierungser- Die Alternative zu einem Militäreinsatz ist nicht Ta-
klärung Herrn Minister Guido Westerwelle. Bitte schön. tenlosigkeit, ist nicht Zusehen, sondern ist, den Druck zu
erhöhen, Sanktionen zu beschließen und Sanktionen zu
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten verschärfen. Es geht auch darum, diese Sanktionen inso-
der CDU/CSU) weit auszuweiten, als sie umfassend die Finanz- und
Wirtschaftsfragen berühren. Mit den Sanktionen ist näm-
Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister des Aus- lich ein klares Ziel verbunden: Wir müssen verhindern,
wärtigen: dass weiterhin frisches Geld in die Hände dieses Dikta-
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Her- tors gelangen kann, Geld, mit dem er dann wiederum
ren! Kolleginnen und Kollegen! Der Sicherheitsrat der seine Söldnertruppen bezahlen kann, um das eigene Volk
Vereinten Nationen hat heute Nacht nach einer intensi- zu unterdrücken, um diesen schrecklichen Krieg gegen
ven Beratung eine weitere Resolution zur Situation in das eigene Volk fortzuführen.
Libyen verabschiedet. Deutschland hat sich bei der Ab- (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie
stimmung über diese Resolution enthalten, genauso wie bei Abgeordneten der SPD, der LINKEN und
Brasilien, Indien, China und Russland. Zehn Staaten ha- des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
ben für die Resolution gestimmt, darunter die Vereinig-
ten Staaten von Amerika und die drei Mitglieder der Eu- Herr Präsident, meine Damen und Herren, liebe Kol-
ropäischen Union, die dem Sicherheitsrat derzeit leginnen und Kollegen, Oberst Gaddafi führt einen
angehören. Krieg gegen das eigene Volk. Er hat jede Legitimation
verwirkt. Dieser Diktator muss gehen. Aber er muss für
Ich will Ihnen vorab sagen: Diese Entscheidung ist seine Verbrechen auch zur Rechenschaft gezogen wer-
uns nicht leichtgefallen. Ihr ist ein schwieriger Abwä- den.
gungsprozess vorausgegangen. Wir haben am Mittwoch
hier eine ausführliche, sehr konstruktive Debatte geführt, (Beifall bei Abgeordneten der FDP)
11138 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
Für diese Entscheidung habe ich bei unseren Partnern Dr. Rolf Mützenich (SPD):
Verständnis und auch Respekt gefunden. Internationales
Engagement der Deutschen wird geschätzt. Es ist nicht Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Ohne Zweifel, Herr Bundesaußenminister: Das ist eine,
so, als wäre Deutschland nicht bereit, international Ver-
fast würde ich sagen, beispiellose Debatte, die wir hier
antwortung zu übernehmen. Deutschland trägt Verant-
haben, weil wir so schnell zu einer Regierungserklärung
wortung, zum Beispiel indem 7 000 deutsche Soldaten nach der Entscheidung im Sicherheitsrat gekommen
bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr eingesetzt wer- sind. Ich glaube, es ist auch nicht falsch, wenn man sagt,
den. Wir danken den Frauen und Männern der Bundes- dass es offensichtlich quer durch die Fraktionen unter-
wehr, die weltweit für unsere Freiheit und für unsere Si- schiedliche Auffassungen in dieser Frage gibt und auch
cherheit eintreten. Auch an diesem Tage, gerade an geben wird. An der Aufmerksamkeit, mit der alle Kolle-
diesem Tage vor dem Hintergrund der schrecklichen ginnen und Kollegen Ihrer Rede zugehört haben, hat
Nachrichten aus Afghanistan, möchte ich diesen Dank man schon gesehen, dass es – vielleicht bis auf den einen
(B) an unsere Bundeswehr noch einmal zum Ausdruck brin- oder anderen Teil – für die große Mehrheit des Deut- (D)
gen. schen Bundestages keine einfache Frage ist. Dieses Di-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) lemma bleibt heute und wird wahrscheinlich auch in den
nächsten Tagen bleiben.
Wir werden darüber beraten, meine Damen und Her-
ren, ob wir unser Engagement entsprechend konzentrie- Niemand wird wahrscheinlich zu einfachen Lösungen
ren. Das bedeutet, dass die weiteren Fragen, die jetzt auf kommen. Aber ich glaube, an die Bundesregierung und
auch ganz besonders an Sie, Herr Bundesaußenminister,
der Tagesordnung stehen, zum Beispiel die Frage mögli-
darf man die Frage richten, ob die Motive, die Sie hier in
cher AWACS-Einsätze, in der NATO besprochen werden
der Regierungserklärung und auch in der Regierungser-
müssen. Ich will Ihnen das frühzeitig und ausdrücklich klärung am Mittwoch genannt haben, so uneigennützig
sagen, weil ich nicht den Eindruck erwecken möchte, in sind und nur von einer internationalen Frage geleitet sind
der Regierungserklärung sei das, was viele von Ihnen
natürlich weiter denken und mit erörtern, kein Thema. (Beifall bei Abgeordneten der SPD und des
Wir – der Bundesverteidigungsminister und der Bundes- BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Unruhe
außenminister – werden selber gemeinsam mit unseren bei der FDP)
Kolleginnen und Kollegen im Kabinett, die damit be-
oder ob nicht das, was ich Ihnen am Mittwoch in der De-
fasst sind, diese Gespräche in der NATO suchen. Sie
batte gesagt habe, unter Umständen ein Motiv sein kann:
sind notwendig, weil hierzu heute noch keine Entschei-
Am 11. März haben Sie in einem Interview des Morgen-
dungen zu treffen sind und auch in Bezug auf die Sicher- magazins genau die innenpolitische Debatte eröffnet, die
heit noch keine Entscheidungen getroffen werden kön- wir vonseiten der Sozialdemokratischen Partei unterlas-
nen. sen haben. Wir wollten nämlich nicht, dass dies innen-
Lassen Sie mich aber hinzufügen, dass ich mir im politisch instrumentalisiert wird. Sie haben damit nicht
Interesse unserer Partner und auch im Interesse der Men- aufgehört; denn Sie sind gestern im Deutschlandradio
schen in Libyen und der ganzen arabischen Welt wün- Kultur wieder genau diese Schiene gefahren. Auch jetzt
schen würde, dass sich unsere Sorgen und Befürchtun- habe ich, muss ich Ihnen sagen, in den frei formulierten
gen hinsichtlich der Folgen eines Militäreinsatzes nicht Teilen Ihrer Regierungserklärung den einen oder ande-
bewahrheiten. Unsere Position ist eindeutig gegenüber ren Punkt gesehen,
dem Gaddafi-Regime, sie bleibt unverändert: Der Dikta- (Dr. Frank Steffel [CDU/CSU]: Das ist pein-
tor muss die Gewalt gegen sein eigenes Volk sofort be- lich!)
enden. Er muss gehen, und er muss für seine Verbrechen
zur Rechenschaft gezogen werden. der zeigt, dass dies ein Motiv ist. Das gehört mit dazu.
11140 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
(Abg. Manuel Höferlin [FDP] meldet sich zu Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat gestern
einer Zwischenfrage) die Staatengemeinschaft ermächtigt, einzeln oder ge-
meinsam zu handeln, nämlich bei Sanktionen, bei einem
Ich glaube, das wäre die richtige Konsequenz gewesen. Flugverbot und vor allen Dingen beim Schutz der Zivi-
Den Mut, den Sie gestern nicht aufgebracht haben, hätte listen. Das war für uns immer die erste Voraussetzung,
ich mir von Ihnen gewünscht. die erfüllt sein muss, ehe wir überhaupt darüber reden,
wie Deutschland sich verhält und ob es sich gegebenen-
(Beifall bei der SPD – Zurufe von der FDP so-
falls beteiligt. Diese Voraussetzung ist durch den Sicher-
wie der Abg. Dr. Dagmar Enkelmann [DIE heitsratsbeschluss gestern Abend erfüllt.
LINKE])
Für Deutschland ist aber auch ein weiterer Punkt ent-
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: scheidend, den ich immer wieder vorgetragen habe.
Herr Kollege, es gibt noch eine Zwischenfrage. Wenn man in Libyen eingreift, bei den Konflikten im
Sudan, in der Republik Elfenbeinküste und bei vielen
(Abg. Dr. Rolf Mützenich [SPD] begibt sich anderen Konflikten dieser Welt aber nicht, ist zu fragen
zu seinem Platz) – und diese Frage ist berechtigt –: Worin liegt für euch
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011 11143
Ruprecht Polenz
(A) Europäer und euch Deutsche der Unterschied? Die Ant- In der Mittelmeerregion haben wir ökonomische Interes- (C)
wort darf nicht lauten: Es ist das Öl. sen. Es geht um ein strategisches Interesse, um die Si-
cherheit Israels und um Fragen der Migration und der
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie Flüchtlinge. Wir haben ein Interesse an der Modernisie-
bei Abgeordneten der LINKEN – Otto Fricke rung dieser Region, an Reformen. Damit zusammenhän-
[FDP]: So ist es!) gend haben wir auch ein Interesse daran, den Terroris-
Um diese Schlussfolgerung zu vermeiden, war es ent- mus, der in dieser Region Wurzeln hat, vorbeugend zu
scheidend und notwendig, dass sich Länder aus der Re- bekämpfen.
gion sichtbar beteiligen. „Sichtbar“ heißt, dass sie nicht, Die Mittelmeerregion hat also eine strategische Be-
was wir in der Region gelegentlich erleben, der Weltöf- deutung für die Sicherheit Europas, anders als andere
fentlichkeit auf Englisch das eine erklären, der eigenen Regionen der Welt. Insofern muss man zu dem Argu-
Bevölkerung aber auf Arabisch etwas anderes sagen. ment, überall auf der Welt passiere ähnlich Schlimmes
„Sichtbar“ heißt, dass sie eine solche Operation tatsäch- und dort machten wir nichts, von unserem Interessenge-
lich mit stützen. Jetzt heißt es, dass Katar und die Verei- sichtspunkt her sagen: Der Mittelmeerraum liegt uns aus
nigten Arabischen Emirate bereit wären, das zu machen. anderen Gründen, auch aus Sicherheitsgründen, näher
Die Frage ist: Wie soll sich Deutschland verhalten? und rechtfertigt eine andere Betrachtungsweise.
(Abg. Thomas Oppermann [SPD] meldet sich Ich warne allerdings heute vor zu weit gehenden Fest-
zu einer Zwischenfrage) legungen von uns Parlamentariern, weil uns wichtige In-
formationen fehlen. Es ist nicht so, dass das Parlament
– Bitte schön. über den Einsatz der Streitkräfte beschließt, sondern
man stimmt einem Antrag der Bundesregierung zu,
wenn er denn eingebracht wird, weil dann alle Vor- und
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Nachteile viel detaillierter abgewogen werden können.
Bitte schön, Kollege Oppermann.
In diesem Zusammenhang will ich darauf hinweisen,
Thomas Oppermann (SPD):
dass man hinsichtlich der Einsatzrisiken aus dem Bei-
spiel Bosnien lernen kann: Damals hat Milosevic bei
Vielen Dank. Das kam postwendend. – Herr Polenz, Luftangriffen zivile Schutzschilde vor militärisch wich-
Sie wollen sich jetzt der Frage zuwenden, wie sich tige Ziele gestellt. Das wird Gaddafi möglicherweise
Deutschland verhält. Vorher will ich Sie aber fragen auch machen. Es wird bei dem Einsatz aus der Luft nicht
– diese Fragen haben Sie noch nicht beantwortet –, ob ohne sogenannte Kollateralschäden am Boden abgehen.
(B) der UN-Sicherheitsratsbeschluss aus Sicht der CDU/ Das muss man wissen. (D)
CSU-Fraktion richtig oder falsch war.
Man muss auch wissen: Es ist nicht sicher, dass ein
(Christian Lindner [FDP]: Das hat er gerade solcher Lufteinsatz zu dem Ergebnis führt, dass Gaddafi
erläutert!) aufgibt, sich festnehmen und nach Den Haag transportie-
ren lässt. Denn das ist ja das Ziel, das letztlich hinter all
Ruprecht Polenz (CDU/CSU): diesen Überlegungen steht.
Es war richtig, dass Deutschland sich enthalten hat. Es gibt noch eine ganze Menge offener Fragen. Des-
Auch der Beschluss als solcher war richtig. Sonst hätten halb überlegt der NATO-Rat seit heute Vormittag bei sei-
wir ja dagegengestimmt. ner Tagung, wie das weitere Vorgehen sein soll. Auch
(Lachen bei Abgeordneten der SPD und des hier ist die Bundesrepublik Deutschland beteiligt. Ich
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Edelgard finde es richtig, dass wir über das weitere Vorgehen auch
Bulmahn [SPD]: Das ist im Widerspruch zu innerhalb der Europäischen Union diskutieren.
dem, was Sie gerade gesagt haben!) Aus meiner Sicht war es sehr verständlich, wegen der
– Moment. Wenn er falsch gewesen wäre, hätten wir da- noch ungeklärten Risiken zunächst das politische Vorge-
gegenstimmen müssen. Wir haben uns enthalten. Der hen abzuwarten. Noch sehe ich kein arabisches Land,
Beschluss war richtig. Es war aber auch richtig, dass sich das hierbei mitwirkt. Die militärischen Einsätze haben ja
Deutschland gestern Abend enthalten hat. Das will ich auch noch nicht begonnen. Alles andere hätte ich für ein
gleich noch ausführen und begründen. viel zu großes politisches Risiko gehalten.
Nun zu der Frage: Wie soll sich Deutschland weiter
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Wei-
verhalten? Ich glaube, wenn wir das heute im Plenum
terer Zuruf der Abg. Edelgard Bulmahn
des Bundestages diskutieren, kommt es darauf an, dass
[SPD]) wir uns Optionen für die weiteren Beratungen in der
Um die Frage beantworten zu können, warum man NATO und in der Europäischen Union offenhalten und
sich in Libyen engagiert, an der Elfenbeinküste aber dann von der Regierung weitere Erklärungen und Festle-
nicht, müssen wir zunächst einmal unsere Interessen in gungen erwarten. Das können wir aus der heutigen Sicht
den Blick nehmen. nicht beurteilen. Ich würde nicht sagen: Jawohl, in jedem
Fall wäre es richtiger, wenn sich Deutschland militärisch
(Christian Lange [Backnang] [SPD]: Interes- beteiligen würde. So weit würde ich heute nach den In-
sante Vorstellung von Souveränität!) formationen, die ich als Parlamentarier habe, nicht ge-
11144 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
Ruprecht Polenz
(A) hen. Insofern ist es klug, dass die Regierung die ver- Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: (C)
schiedenen Möglichkeiten weiter überdenkt. Gestatten Sie eine weitere Zwischenfrage des Kolle-
gen Mützenich?
Auf der anderen Seite, Herr Außenminister: Wir ha-
ben im Sicherheitsrat und auch in der Europäischen (Zuruf von der CDU/CSU: Nein! Ausgerech-
Union der Aussage zugestimmt: Gaddafi muss weg, net der, der selber keine Antworten geben
seine Zeit ist abgelaufen. Wir haben im Sicherheitsrat ei- kann!)
ner Resolution zugestimmt, dass Gaddafi vor den Inter-
nationalen Strafgerichtshof soll. Wir haben uns bereit er-
Ruprecht Polenz (CDU/CSU):
klärt, Sanktionen mitzutragen. Da klafft eine operative
Lücke. Denn Sanktionen wirken mittel- bis längerfristig; Ja.
sie wirken in der Regel nicht sofort. Mir sind jedenfalls
keine Sanktionen bekannt, die sofort eine derart weit- Dr. Rolf Mützenich (SPD):
gehende Verhaltensänderung bewirkt hätten, sodass Herr Kollege Polenz, wie verstehen Sie eine Regie-
Gaddafi festgesetzt wird. rungserklärung des Außenministers, mit der das Parla-
ment und die Öffentlichkeit über eine solch wichtige
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: Frage informiert werden sollen, nachdem offensichtlich
Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage des nur Ihnen in der Fraktionssitzung die Information gege-
Kollegen Rainer Arnold? ben worden ist, wie mit dem Einsatz von AWACS-Flug-
zeugen umgegangen werden soll
Ruprecht Polenz (CDU/CSU): (Otto Fricke [FDP]: Hat er doch gesagt! Was
Ja. soll das denn?)
und ob es möglicherweise ein weiteres Mandat des Deut-
Rainer Arnold (SPD): schen Bundestags geben wird?
Sie sprachen davon, wie wir uns als Parlamentarier
verhalten. Deshalb meine Frage: Trifft die Meldung zu, (Christoph Schnurr [FDP]: Das ist unnötig!)
dass die Bundesregierung in Ihrer Fraktionssitzung er-
klärt hat, sie erwäge einen Einsatz von AWACS in Ruprecht Polenz (CDU/CSU):
Afghanistan, um so die NATO für einen Einsatz in Li- Wir haben nicht konkret über Mandatierungen ge-
byen zu entlasten? Wie bewerten Sie die Auswirkungen sprochen, und außerdem geht es um die weitere Diskus-
auf die Bündnisse, wenn die Deutschen ihr Personal von sion im Bündnis. Ich habe versucht, klarzumachen, dass
den jetzt schon vor Libyen fliegenden AWACS unver- die NATO gerade im Planungsprozess ist. Deutschland (D)
(B)
züglich abziehen? hat zugestimmt, dass die NATO Planungen für humani-
täre Hilfe einschließlich dafür notwendiger militärischer
Ruprecht Polenz (CDU/CSU): Maßnahmen unternimmt. Die Bundesregierung hat eine
Das wird eine der Fragen sein, die jetzt in der NATO Planung Richtung Flugverbotszone passieren lassen.
besprochen werden müssen. Das ist der Stand in der NATO.
(Dr. Rolf Mützenich [SPD]: Warum hat das Die NATO-Beratungen gehen jetzt weiter. Sie fragen
der Außenminister hier nicht gesagt?) mich eigentlich, was bei den NATO-Beratungen heraus-
kommt. – Es ist im Moment noch gar nicht klar, ob die
Denn es ist ja klar: Im Augenblick fliegen AWACS im
NATO sich überhaupt an einer Operation auf der Grund-
Mittelmeerraum, allerdings mit einem Mandat zur Auf-
klärung. Wenn man das ändern wollte und die AWACS lage der Sicherheitsratsresolution beteiligt. Jedenfalls ist
als Feuerleitzentrale für eventuelle Luftschläge einsetzen mir nicht bekannt, dass diese Entscheidung schon gefal-
wollte, müsste der Bundestag neu damit befasst werden. len wäre. Es kann sehr gut sein, dass es beispielweise
Wir müssten dafür ein Mandat erteilen. nur eine sogenannte Coalition of the Willing gibt. Insbe-
sondere Frankreich, aber auch Großbritannien und die
(Zuruf der Abg. Heidemarie Wieczorek-Zeul USA haben gesagt, dass sie gegebenenfalls dabei wären.
[SPD]) Es ist noch gar nicht ausgemacht, dass es eine NATO-
Das würde der Bundestag auf Antrag der Bundesregie- Mission wird.
rung zu beschließen haben, wenn die Bundesregierung (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
einen entsprechenden Antrag vorlegen will. Gleichzeitig der FDP)
hatten wir – wir erinnern uns beide – eine Diskussion
über AWACS in Afghanistan geführt; Sie kennen die Auch das spricht dafür, dass wir uns heute im Plenum
Vorgeschichte. Die AWACS-Flugzeuge werden weiter nicht in einer Weise festlegen, dass wir den weiteren
dort gebraucht. Die NATO muss entscheiden, wo der Entwicklungen nicht Rechnung tragen können.
deutsche Einsatz gebraucht wird. Ich finde es richtig, Wir haben – das ist, glaube ich, in allen Fraktionen
dass der Verteidigungsminister das in der NATO klären
deutlich geworden – schwierige Abwägungsentschei-
wird. Darüber ist in der Fraktion gesprochen worden. Im
dungen zu treffen, die mehrere verschiedene Ebenen be-
Übrigen wollte ich Ihnen eigentlich keine weitergehen-
den Auskünfte über unsere Fraktionssitzung geben. rühren. Die Ebene des gemeinsamen Handelns in der
Europäischen Union ist wichtig. Die Ebene im NATO-
(Beifall bei der CDU/CSU) Bündnis ist wichtig. Aber es ist auch eine wichtige Ent-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011 11145
Ruprecht Polenz
(A) scheidung – dazu sind wir insbesondere als Bundestag halten hat. Gegenüber Despoten kann es bei solchen Ent- (C)
verpflichtet –, Risiken und Erfolgsaussichten abzuwägen scheidungen keine Enthaltung geben.
sowie die Schlüssigkeit dessen, was auf dem Tisch liegt,
zu prüfen. (Beifall bei Abgeordneten der SPD und des
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Sevim
Herr Mützenich, bisher hat der Sicherheitsrat gesagt: Dağdelen [DIE LINKE]: Kriegstreiberei ist
keine Bodentruppen. – Diese Resolution hat den Sicher- das!)
heitsrat passiert. Sie ist bei Enthaltung von Russland und
China angenommen worden. Wenn das eine Hängepartie
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
wie damals auf dem Balkan wird – obwohl es da keinen
Sicherheitsratsbeschluss gab – und sich die Frage stellt, Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir sollten uns in
ob nicht doch Bodentruppen gebraucht werden, dann diesem Hause nicht wechselseitig Kriegstreiberei vor-
würde es eines neuen Sicherheitsratsbeschlusses bedür- werfen. Das ist eine Stillosigkeit, die hier eine Grenz-
fen. Dabei muss man nach dem bisherigen Verlauf der überschreitung ist.
Diskussion große Zweifel daran haben, dass dieser ohne (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP
Veto von Russland oder China oder von beiden durchge- und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
hen würde. Dann würde die Operation auf halber Strecke
feststecken. Das müssen Sie auch bedenken. Das Wort hat nun Kollege Jan van Aken für die Frak-
tion Die Linke.
All diese Gesichtspunkte können wir heute im Ple-
num als Fragen formulieren, ohne dass wir Antworten (Beifall bei der LINKEN)
darauf haben.
(Heidemarie Wieczorek-Zeul [SPD]: Aha!) Jan van Aken (DIE LINKE):
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! In diesen
– Ja, das ist so. Das muss in den Gremien des Bündnis-
Tagen scheint die Welt manchmal aus den Fugen zu ge-
ses vom Militär beurteilt werden. Dann stellt sich die
raten. Bei all den Katastrophenmeldungen weiß ich
Frage, ob und wie Deutschland sich beteiligt.
manchmal gar nicht mehr, welche mich am meisten er-
Ich finde die Zurückhaltung richtig. Bündnis heißt schüttert. Gestern Nacht hat der UN-Sicherheitsrat einen
nicht, dass Deutschland bei allem, was die NATO macht, Kriegseinsatz in Libyen beschlossen. Da geht es nicht
prinzipiell dabei sein muss. Sonst brauchten wir den Par- nur um eine Flugverbotszone, sondern es wurde auch ge-
lamentsvorhalt nicht mehr und könnten sagen: Das alles nehmigt, dass Gaddafis Truppen flächendeckend bom-
entscheidet die NATO in Brüssel, und wir sind dabei. bardiert werden. Herr Polenz, es wurde auch genehmigt,
(B) dass – zumindest zeitlich begrenzt – ausländische Bo- (D)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) dentruppen auf libyschem Gebiet eingesetzt werden dür-
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich bin der Bundes- fen. Das Einzige, was ausgeschlossen wurde, sind Besat-
regierung dankbar, dass sie das Parlament heute unmit- zungskräfte. Für einige Tage, für einige Wochen können
telbar nach der Entscheidung des Sicherheitsrats in Form aber auch große Kontingente ausländischer Truppen in
einer Regierungserklärung informiert hat. Es ist sicher- Libyen Krieg führen. Wir finden diesen Kriegseinsatz
lich nicht das letzte Mal, dass wir über dieses Thema dis- falsch.
kutieren. (Beifall bei der LINKEN)
Ich hoffe, dass es auf der Basis des gestern Beschlos- Dieser Kriegseinsatz ist falsch; denn er wird noch
senen gelingt, die Hoffnungen, die die Menschen in Ben- mehr Blutvergießen fordern und noch mehr Leid und
gasi jetzt in die internationale Staatengemeinschaft und Zerstörung über Libyen bringen. Deswegen muss ich Ih-
das Verhalten von Gaddafi setzen, nicht zu enttäuschen. nen, Herr Westerwelle, sagen: Ich finde es gut, dass sich
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- Deutschland gestern enthalten hat.
neten der FDP) (Thomas Oppermann [SPD]: Erst Gaddafi ge-
lobt, dann Westerwelle!)
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Wir hätten Nein gesagt; aber eine Enthaltung ist ein ech-
Das Wort zu einer Kurzintervention erteile ich Kolle-
ter Fortschritt, vor allem gegenüber der rot-grünen Re-
gin Heidemarie Wieczorek-Zeul.
gierung,
(A) Dr. Rainer Stinner (FDP): Dr. Rainer Stinner (FDP): (C)
Vielen Dank, Herr Bartels. – Wir haben – der Außen- Doch, das habe ich.
minister hat es gesagt – den UN-Sicherheitsratsbeschluss
nicht abgelehnt. Vielmehr haben wir konsequent und Thomas Oppermann (SPD):
stringent gesagt – – Ich möchte deshalb eine Zusatzfrage stellen. – Sie ha-
(Zuruf von der SPD: Sehr klar, die Position! ben eben erklärt: Wenn der Beschluss des UN-Sicher-
Dann können Sie die Luftschläge ja begrü- heitsrates umgesetzt wird, dann ist das völkerrechtlich
ßen!) korrekt.
– Moment! – Da wir uns aus den Gründen, die hier dar-
gelegt worden sind, militärisch nicht beteiligen wollen, Dr. Rainer Stinner (FDP):
haben wir konsequenterweise abgelehnt. Dennoch ste- Ja.
hen wir dazu, dass es eine völkerrechtliche Ermächti-
gung ist. Deshalb sind alle Maßnahmen, die im Rahmen Thomas Oppermann (SPD):
dieser völkerrechtlichen Ermächtigung ergriffen werden, Ich habe Sie gefragt, ob Sie als FDP es politisch rich-
legitim und vom Völkerrecht der Vereinten Nationen ge- tig finden, wenn jetzt die internationale Gemeinschaft
deckt.
(Patrick Meinhardt [FDP]: Billiger Versuch!)
(Zurufe von der SPD: Sie reden drumherum!)
den Beschluss des Sicherheitsrates umsetzt und das
Vielen Dank. Flugverbot durchsetzt.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) (Zurufe von der FDP: Da kommen Sie selber
nicht mehr hinterher, was Sie denken! Sie sel-
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: ber haben Ihre eigene Frage nicht verstanden!)
Gestatten Sie eine weitere Zwischenfrage des Kolle- Finden Sie das politisch richtig, oder finden Sie das poli-
gen Oppermann? tisch falsch?
Renate Künast
(A) der Bevölkerung ein Hilferuf gekommen ist. Wir sind an Frau Merkel, Sie haben damals, als es darum ging, (C)
dieser Stelle in der Verantwortung, Menschenrechte zu nicht in den Irak einzumarschieren, in einer US-Zeitung
verteidigen, und zwar nicht nur mit Worten, sondern festgestellt: Nicht ganz Deutschland denkt so. Später
auch mit UN-Beschlüssen und weiteren Maßnahmen. wurde uns allen bewiesen, dass die von George Bush
und Tony Blair angeführten Gründe nicht zutreffend wa-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ren.
sowie bei Abgeordneten der SPD –
Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Mit (Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS-
Waffen!) SES 90/DIE GRÜNEN und der SPD)
Es ist nämlich das Recht eines jeden Menschen, in Frei- Wir sollten uns alle miteinander in Demut üben. Wir
heit und körperlicher Unversehrtheit zu leben und auch sollten auf der Hut sein und um unsere Verantwortung
für Freiheit und körperliche Unversehrtheit zu kämpfen. wissen.
(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Mit Ich muss aber eines anfügen. Die ganze Zeit wird
Waffen!) über Enthaltung bzw. Nichtenthaltung diskutiert. Ich
weiß, dass sich daran manches festmacht. Aber nach
– Gregor Gysi hat hier schon oft gestanden, die linke vorne blickend sage ich: Es reicht nicht, auf die Risiken
Faust in den Himmel gestreckt und die Selbstverteidi- hinzuweisen, Herr Außenminister. Die Frage ist jetzt:
gung der Völker beschworen, wo auch immer auf der Wie verhindern wir, dass von deutscher Seite der An-
Welt Menschen allein waren. schein erweckt wird, es gehe uns nicht hinreichend um
(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: die Menschenrechte der Menschen dort.
Quatsch!) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
– Seien Sie mal ganz leise! Sonst reden wir über Kuba
oder andere Länder. Es geht darum, Verantwortung Mit welchem Auftrag und mit welcher Maßnahme wol-
wahrzunehmen. len Sie vorgehen? Wo sind Ihre Anträge? Warten Sie
nicht ab! Verhindern Sie nicht die Planung! Wir wollen,
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
dass Deutschland jetzt eine aktive Rolle beim Waffen-
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
embargo, beim Schutz der Flüchtlinge in der Region
CDU/CSU – Dr. Dagmar Enkelmann [DIE
– mit der Erklärung, Flüchtlinge bei uns aufzunehmen –
LINKE]: Aber doch nicht mit Waffen!)
und bei der Unterbindung der Finanzströme und des Öl-
Wenn ich sage: „Wir begrüßen den UN-Beschluss“, geschäfts einnimmt.
(B) (D)
dann negiere ich definitiv nicht die vorhandenen Risi-
ken. Wir haben in unserer Fraktion seit Tagen und Wo- Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
chen und auch heute früh noch einmal sehr kritisch über Frau Kollegin, Sie müssen zum Schluss kommen.
diesen Beschluss diskutiert. Bei dem Thema Flugver-
botszone geht das Leiden mitten durch die grüne Frak-
tion. Es gibt Leute, die dazu Ja sagen, und es gibt aber Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
auch viele Leute, die auf die Risiken hinweisen, die das Jetzt wollen wir den Bundesaußenminister für die
mit sich bringt. Man muss sich fragen, welche Schritte Menschenrechte kämpfen sehen. Bisher haben Sie eine
noch kommen. Deshalb sage ich: Weil wir alle leiden zu große Passivität gezeigt, Herr Westerwelle. Wir wol-
– das gilt sicherlich auch für die Bevölkerung –, ist dies len, dass Deutschland steht.
nicht der richtige Ort oder Zeitpunkt für Polemik, allzu (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
scharfe Worte oder die Suche nach den Motiven der an- und bei der SPD)
deren. Wir alle müssen uns bewegen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der Das Wort zu einer Kurzintervention erteile ich Kolle-
SPD und der FDP) gen Stefan Liebich.
Wir alle wissen letzten Endes, dass auch die Flugver- (Beifall bei der LINKEN)
botszone realisiert werden muss. Wir wissen, dass das
ein extrem schwieriger Weg ist. Ich halte es für richtig,
Stefan Liebich (DIE LINKE):
so zu diskutieren. Ich glaube, dass sich niemand erheben
sollte. Ich habe vergessen, wer gerade der SPD das Wort Frau Künast, Sie haben keine Frage zugelassen. Des-
Goslar-Partei entgegengeworfen hat. Aber ich glaube, es wegen nutze ich dieses Instrument.
war jemand, dessen Chefin einmal in einer US-Zeitung Sie haben Bezug auf das Konzept „Responsibility to
festgestellt hat: Ja, wir wollen in den Irak einmarschie- Protect“ genommen. Egal wie man dazu steht – es ist
ren. völkerrechtlich durchaus umstritten und hebelt die UN-
(Dr. Angela Merkel, Bundeskanzlerin: Da war Charta nicht aus –: Wenn Sie Bezug auf den Beschluss
ich noch nicht Chefin!) nehmen, der jetzt im UN-Sicherheitsrat gefasst wurde,
und sagen, das sei durch die Responsibility to Protect be-
– Da waren Sie noch nicht Chefin? Aber gefühlt schon! gründet, sage ich Ihnen drei Dinge:
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011 11151
Stefan Liebich
(A) Erstens beinhaltet sie, dass man zunächst präventiv (Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten der (C)
wirkt, damit solche schlimmen Entwicklungen wie in CDU/CSU und der FDP – Zuruf von der CDU/
Libyen nicht eintreten. Die Weltgemeinschaft hat das CSU: Vernünftig!)
Gegenteil getan, indem sie Waffen geliefert und mit
Verehrte Kolleginnen und Kollegen, dass wir heute
Gaddafi bei der Flüchtlingsabwehr zusammengearbeitet
erneut, und zwar zum zweiten Mal in dieser Woche, über
hat.
die Situation in Libyen reden, zeigt die Dramatik, mit
Zum Zweiten. Die Responsibility to Protect beinhaltet der sich die Lage in Nordafrika, speziell in Libyen, ver-
auch, dass man zunächst nichtmilitärische Maßnahmen ändert.
ergreift. Dazu sage ich, dass die Weltgemeinschaft nach Ich möchte Folgendes noch einmal ansprechen, weil
wie vor nicht in ausreichendem Umfang nichtmilitäri- heute durchaus unterschiedliche Positionen anklingen:
sche Maßnahmen ergriffen hat, weil weiterhin Geld für Einig sind wir uns alle darin, glaube ich: Gaddafi muss
Öl fließt. weg – so schnell wie möglich und mit so wenig Leiden
Drittens. Ehe man nach der Responsibility to Protect der Zivilbevölkerung und aller Unschuldigen wie
zu Waffengewalt greift, müssen zwei weitere Bedingun- möglich. Wir müssen alles, was möglich und vertretbar
gen erfüllt sein, nämlich Völkermord und ethnische Ver- ist, tun und dazu beitragen, dass es zu menschenwürdi-
treibung; nicht aber: Menschenrechtsverletzungen. gen, demokratischen und freiheitlichen Verhältnissen in
Libyen kommt.
(Heidemarie Wieczorek-Zeul [SPD]: Sollten
wir deshalb warten?) (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Es hat bereits zahlreiche Sanktionen gegeben. So hat
Wenn Sie tatsächlich Menschenrechtsverletzungen als
der UN-Sicherheitsrat am 26. Februar dieses Jahres
hinreichenden Grund für einen Militäreinsatz benennen,
Sanktionen gegen die libysche Führung verhängt. Der
werden Sie viele Kriege führen wollen. Ich hoffe: Das
Internationale Strafgerichtshof wurde mit Ermittlungen
will auch Bündnis 90/Die Grünen nicht.
beauftragt. Auch Deutschland war als nichtständiges
(Beifall bei der LINKEN) Mitglied des UN-Sicherheitsrats maßgeblich an dieser
Entscheidung beteiligt.
Vizepräsidentin Petra Pau: Die EU und die USA haben ebenfalls Sanktionsbe-
Frau Künast, Sie haben das Wort. schlüsse gefasst. Hervorzuheben ist meiner Meinung
nach ferner, dass auch die Arabische Liga Libyen bis auf
Weiteres von der Teilnahme ausgeschlossen hat.
(B) Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): (D)
Ich weise auf die letzten Sätze meines Redebeitrags Des Weiteren hat die Generalversammlung der Ver-
hin, in denen ich gesagt habe, was alles im zivilen Be- einten Nationen Libyens Mitgliedschaft im Menschen-
reich noch zu tun ist, Herr Liebich. Es gibt noch viel zu rechtsrat der UN suspendiert.
tun. Dieses „noch viel zu tun“ heißt aber nicht, dass da- Das Vorgehen der libyschen Regierung wurde auch
mit alles andere ausgeschlossen werden muss. auf dem EU-Sondergipfel vom 11. März erneut aufs
Ich verweise darauf, dass die Responsibility to Protect Schärfste verurteilt, und weitere finanzielle Sanktionen
auch drohende Verbrechen im Blick hat. Das ist Verant- wurden verhängt. – So viel zu den bisherigen Sanktio-
wortung für die, die sich aktiv für Menschenrechte ein- nen.
setzen wollen. Es wird neue und schärfere Sanktionen geben. Das ist
Bestandteil der heute Nacht gefassten Resolution des
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
UN-Sicherheitsrates. Das ist gut so. Deutschland begrüßt
sowie bei Abgeordneten der SPD)
diesen Teil der Resolution ausdrücklich.
Mit der von Ihnen geforderten Abstimmung von Schnitt- mit Vorstellungen, die wir im Gegensatz zu Ihnen ge-
stellen wird man das Problem nicht lösen. meinsam mit den Betroffenen entwickelt und abge-
stimmt haben.
(Maria Michalk [CDU/CSU]: Doch! Das for-
dern die Verbände selber!) (Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Was uns die Koalition heute hier vorgelegt hat, reicht bei
Bei aller Kritik: Gut ist, dass wir alle dazulernen. Die
weitem nicht aus. Das ist schade für die betroffenen
Koalition lobt in ihrem Antrag das Allgemeine Gleich-
Menschen.
behandlungsgesetz. Das hat mich zum Staunen gebracht.
Vor dessen Einführung hatte Schwarz-Gelb den Unter- Ich möchte an dieser Stelle meiner Kollegin Silvia
gang des Abendlandes beschworen. Schmidt, unserer behindertenpolitischen Sprecherin,
11156 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
Gabriele Hiller-Ohm
(A) gute Besserung wünschen. Sie hätte sehr gerne heute an In unserem Antrag haben wir Schwerpunkte gesetzt: (C)
dieser Debatte teilgenommen. Leider ist sie erkrankt und Teilhabeleistungen, Gesundheit, Bildung, Arbeit und
kann deshalb nicht hier sein. Gute Besserung, Silvia! Barrierefreiheit sind unter anderem die Themen, die uns
wichtig sind. Mir persönlich liegen die Themen „inklu-
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten sive Bildung“ und „Arbeitsmarkt für Menschen mit Be-
der FDP – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Bei hinderung“ besonders am Herzen; denn beides ist grund-
Genesungswünschen klatschen wir!) legend für eine eigenständige Lebensführung. Ich bin
sehr dafür, dass möglichst viele Kinder mit Behinderun-
Vizepräsidentin Petra Pau: gen gemeinsam mit nichtbehinderten Kindern die Regel-
Für die FDP-Fraktion hat die Kollegin Molitor das schule besuchen. Aber auch hier muss das Kindeswohl
Wort. im Vordergrund stehen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Gabriele Molitor (FDP): Förderschulen haben somit durchaus ihre Berechtigung.
Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kolle- Unsere Aufmerksamkeit sollten wir auch auf den
gen! Frau Hiller-Ohm, ich schätze Sie persönlich sehr. Übergang von der Schule zum Berufsleben richten, denn
Doch ich muss mich über Ihre Ausführungen sehr wun- auf ihn kommt es ganz besonders an, wenn es darum
dern. Sie haben nämlich die Regelbedarfsstufe 3 im Zu- geht, Teilhabe am Arbeitsleben zu gewährleisten. Der
sammenhang mit den Hartz-IV-Debatten angesprochen. Fachkräftemangel zum Beispiel bietet Menschen mit Be-
Wie mir meine Kollegen mitgeteilt haben, ist das, was hinderung eine gute Chance, ihr Potenzial mit einzubrin-
Sie vorgebracht haben, nicht Ihr Kernanliegen gewesen. gen. Ich denke, dass hier noch jede Menge Luft nach
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Wirklich nicht!) oben ist.
Lediglich in der Schlussrunde ist die Überprüfung in ei- Lassen Sie mich auch ein Wort zur Entstehungsge-
nem Zusatzprotokoll vereinbart worden. schichte des Antrages sagen. Gemeinsam mit meiner
Kollegin Maria Michalk von der CDU/CSU-Fraktion
(Gabriele Hiller-Ohm [SPD]: Besser spät als und vielen Fachkollegen haben wir diesen Antrag erar-
nie!) beitet: Aus unserer Sicht ist Behindertenpolitik nämlich
eine Querschnittsaufgabe, die viele andere Ressorts an-
Sich dann an dieser Stelle zum Anwalt der betroffenen geht. Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich für
Menschen zu machen, finde ich schon mehr als verwun- die Zusammenarbeit bedanken.
(B) (D)
derlich.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU –
Gabriele Hiller-Ohm [SPD]: Die Grünen ha- Der Antrag ist straff formuliert und konzentriert sich
ben das auch gefordert!) auf die Stellen, an denen sich Stellschrauben befinden,
mit deren Hilfe wir wirklich etwas umsetzen können.
In Deutschland leben 8,7 Millionen Menschen mit ei- Zugleich sind alle Forderungen finanzierbar und reali-
ner Behinderung. Das sind 8,7 Millionen Bürgerinnen sierbar. Empfehlungen an die Bundesländer sind nicht
und Bürger, die in die Mitte unserer Gesellschaft gehö- als Diktat zu verstehen; vielmehr wollen wir die Bundes-
ren. Sie gehören nicht an den Rand, und sie brauchen länder und natürlich auch die Kommunen mit ins Boot
keine Sonderwelten in Bildung, Arbeit oder Wohnen. holen, um die Lebensbedingungen für Menschen mit Be-
Genau das ist der Ansatz der UN-Behindertenrechtskon- hinderungen zu verbessern.
vention, die dafür den Begriff „Inklusion“ verwendet.
„Inklusion“ bedeutet, dass die Gesellschaft Rahmenbe- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
dingungen vorzugeben hat, die notwendig sind, damit der CDU/CSU)
Menschen mit Behinderung ihr Recht auf Teilhabe ver-
In diesen Antrag sind unzählige Anregungen aus Ge-
wirklichen können.
sprächen mit Menschen mit Behinderungen eingeflos-
Mit dem heute vorliegenden Antrag der Regierungs- sen; das war ein wichtiges Anliegen von uns allen. Es
koalition unterstützen wir die Forderung nach Inklusion, ging darum, deren Belange nach dem Grundsatz „Nicht
Selbstbestimmung und Teilhabe. Behindertenpolitik hat über uns, sondern mit uns“ in das Papier einfließen zu
für die Regierungskoalition einen hohen Stellenwert. Sie lassen.
ist im Koalitionsvertrag verankert worden. Dort ist der Alles in allem ist Deutschland auf einem guten und
Nationale Aktionsplan fixiert worden, der zurzeit im richtigen Weg. Die Politik hat den Anstoß gegeben. Eine
Bundesarbeitsministerium erarbeitet wird. Die Tatsache, gesellschaftliche Diskussion muss folgen, denn nur dann
dass es eine Verzögerung gibt, ist für mich eher ein Be- können wir all das, was wir hier fordern, mit Leben fül-
leg dafür, dass es hier mehr auf Qualität denn auf len und wirkliche Teilhabe für Menschen mit Behinde-
Schnelligkeit ankommt. Es sind viele Verbände beteiligt rungen verwirklichen.
worden, um dem Grundsatz der Beteiligung gerecht zu
werden. Vielen Dank.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011 11157
(A) Vizepräsidentin Petra Pau: Wir legen Ihnen heute einen Antrag vor: Wenn Sie (C)
Für die Fraktion Die Linke hat die Kollegin ihn annehmen würden, könnten Sie Nägel mit Köpfen
Dr. Bunge das Wort. machen.
(Beifall bei der LINKEN) (Beifall bei der LINKEN)
Darin fordern wir Sie auf, den Kostenvorbehalt in § 13
Dr. Martina Bunge (DIE LINKE): des SGB XII zu streichen. Wie lange noch sollen Men-
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! schen mit Behinderungen aus Kostengründen gezwun-
Vor uns liegen drei Anträge rund um die UN-Behinder- gen werden, in Heimen zu leben, obwohl sie in eigener
tenrechtskonvention. Sie haben sicher Ilja Seifert als Wohnung oder anderen Wohnformen leben könnten,
Redner der Linksfraktion in der Debatte erwartet. Ich wenn sie geeignete Assistenz – manche brauchen sogar
übernehme heute seinen Part, weil mein Kollege Dr. Ilja gar keine – hätten? Der Antrag verweist auf zig Bei-
Seifert, zugleich Vorsitzender des Allgemeinen Behin- spiele, wo anders gehandelt wird – unvereinbar mit
dertenverbandes in Deutschland, derzeit in Thüringen Art. 19 der UN-Behindertenrechtskonvention. Das wol-
seinem tödlich verunglückten Stellvertreter, Dr. Karl len wir nicht länger hinnehmen.
Schran, die letzte Ehre erweist.
(Beifall bei der LINKEN)
Der Allgemeine Behindertenverband trägt den Zusatz
„Für Selbstbestimmung und Würde“ in seinem Namen; In ihrem zweiten Antrag fordert Die Linke schon im
das ist eigentlich das Credo, das auch die UN-Behinder- Titel: „Europäische Strategie zugunsten von Menschen
tenrechtskonvention durchzieht. mit Behinderung 2010 bis 2020 unterstützen“! Diese
Strategie benennt ergänzende Maßnahmen auf EU-
Fast auf den Tag genau seit zwei Jahren ist die UN- Ebene. Es ist schon makaber, dass die Regierenden in
Behindertenrechtskonvention geltendes Recht in Deutschland gedrängt werden müssen, diese Europäi-
Deutschland. Der anlässlich der Ratifizierung einge- sche Strategie zu unterstützen.
brachte Antrag der Linksfraktion, einen Aktionsplan zur
Umsetzung der Konvention aufzustellen – daran möchte Der Korrektheit halber – um nicht des Plagiats be-
ich erinnern –, wurde von der schwarz-roten Mehrheit zichtigt zu werden – möchte ich anmerken, dass wir bei
abgelehnt. Die FDP hat damals gar die Ratifizierung der diesem Antrag umfassend auf eine Bundesratsinitiative
Konvention abgelehnt. Wie fatal diese Entscheidungen des Landes Rheinland-Pfalz zurückgegriffen haben.
waren, zeigt sich heute: Für die Umsetzung der UN-Be- Sich auf europäischer Ebene einzubringen, bedeutet
hindertenrechtskonvention wurde auf Bundesebene bis- auch, die bisherige Blockadehaltung gegenüber der
(B) her nichts Konkretes getan, makabererweise mit dem 5. EU-Antidiskriminierungsrichtlinie aufzugeben und (D)
Verweis, dass zunächst ein Aktionsplan erstellt werden konstruktiv an ihr mitzuwirken. Dazu fordern wir Sie
müsse. Das entsprechende Ziel steht seit November auf.
2009 in der Koalitionsvereinbarung; aber seither wird
seitens der Bundesregierung und des Behindertenbeauf- (Beifall bei der LINKEN)
tragten nur diskutiert. Ihrer Logik folgend, wurde dafür Unsere Anträge zeigen: Diese Regierung muss in Sa-
aber kein Geld in den Bundeshaushalt eingestellt, weder chen Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention
kurz- noch mittelfristig. faktisch zum Jagen getragen werden oder – deutlicher –
Heute liegt uns ein Antrag der Koalitionsfraktionen zum Handeln gezwungen werden. Insofern ist Ihr heuti-
mit dem vielversprechenden Titel „Für eine umfassende ger Antrag, meine Damen und Herren von den Koali-
Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention – Na- tionsfraktionen, scheinheilig. Werden Sie endlich kon-
tionaler Aktionsplan als Leitlinie“ vor. Darin heißt es: kret. Eine wirkliche Teilhabe von Menschen mit
Behinderungen braucht ein inklusives Deutschland.
Der Deutsche Bundestag fordert die Bunderegie-
rung auf, im Rahmen der zur Verfügung stehenden Danke schön.
Haushaltsmittel … (Beifall bei der LINKEN)
dieses und jenes zu tun. Können Sie uns einmal verraten,
wie Sie die dort benannten 24 Aktionsfelder mit Leben Vizepräsidentin Petra Pau:
füllen wollen? Wie soll beispielsweise „eine umfassende Das Wort hat der Kollege Kurth für die Fraktion
Barrierefreiheit“ erreicht werden? Vieles wird zu sol- Bündnis 90/Die Grünen.
chen Beteuerungen verkommen wie die, dass „die Be-
deutung des Behindertensports zu stärken“ sei. Insbe-
Markus Kurth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
sondere die, die durch Unfall und Krankheit mit
Beeinträchtigungen oder Behinderungen leben müssen, Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kolle-
wissen, dass gerade der Sport eine völlig neue Lebens- gen! Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer! Die UN-Konven-
orientierung geben kann. Paralympics und Special tion über die Rechte der Menschen mit Behinderung ist
Games dokumentieren dies. Für den Behindertensport – man kann es gar nicht deutlich und oft genug betonen –
endlich stabile Finanzgrundlagen zu schaffen, lohnte ein wegweisendes Menschenrechtsdokument, das Men-
sich. schenrechte erstmals nicht nur als Abwehrrechte gegen
den Staat formuliert, sondern als Anspruchsrechte auf
(Beifall bei der LINKEN) Befähigung und Teilhabe.
11158 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
Markus Kurth
(A) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sammlungsfreiheit für sich in Anspruch nehmen, leisten (C)
sowie bei Abgeordneten der SPD) wir uns millionenschwere Polizeieinsätze. Nehmen wir
den Bereich der Justiz: Es gibt keine Hausdurchsuchung
Diese Befähigung – das muss man sehr deutlich machen – ohne einen richterlichen Beschluss. Niemand käme auf
ist Voraussetzung für Freiheit und auch für das aktive den Gedanken, an dieser Stelle einen Kostenvorbehalt
Wahrnehmen von klassischen Menschenrechten. Die geltend zu machen oder nach einer Möglichkeit zu
UN-Menschenrechtskonvention ist auch deshalb ein so suchen, Hausdurchsuchungen kostengünstiger durchzu-
bedeutendes Dokument, das erste große Menschen- führen. Nehmen wir abschließend die politische Willens-
rechtsdokument des 21. Jahrhunderts, weil sie sich bildung: Wir akzeptieren die staatliche Parteienfinanzie-
– wenn man sie genau liest, stellt man das fest – auch rung und verteidigen sie, indem wir sagen, dass Parteien
mit dem Freiheitsbegriff auseinandersetzt. Freiheit ist
an der politischen Willensbildung mitwirken. Wir geben
nicht nur die Abwesenheit von Regeln, wie es soge-
Geld direkt an die Parteien, aber auch an die Bundeszen-
nannte Ultraliberale sehen, Freiheit beschränkt sich nicht
trale für politische Bildung, um diese verfassungsmäßi-
nur auf die Abwehr von Übergriffen, sondern Freiheit
gen Rechte mit Leben zu erfüllen und entsprechende Be-
setzt auch voraus, dass die Personen die Möglichkeit ha-
fähigung zu ermöglichen.
ben, ihre individuellen Teilhabewünsche zu entfalten, zu
artikulieren und wirklich in die Tat umzusetzen. Wenn aber ein gehörloser Mensch an einer Parteiver-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) sammlung teilnehmen möchte – das ist bei einem unse-
rer Kreisverbände passiert –, dann wird die Wahrneh-
Um das einmal am Beispiel des Rechts auf Freizügig- mung des Grundrechts auf Teilhabe an der politischen
keit und freie Wahl des Wohnortes konkret zu machen: Willensbildung plötzlich vom Kostenvorbehalt des Sozi-
Die Wahrnehmung dieses Rechts ist für Menschen mit alhilfeträgers abhängig, der entscheiden kann, ob er den
körperlichen, aber teilweise auch geistigen Einschrän- Gebärdensprachdolmetscher finanziert oder nicht. Dies
kungen nur möglich, wenn es befähigende Voraussetzun- ist der Kernpunkt: Nachteilsausgleiche, die sich aus-
gen gibt, zum Beispiel Assistenz in der Wohnung oder schließlich auf die Behinderung beziehen, müssen aus
Barrierefreiheit oder einen sogenannten inklusiven So- dem Fürsorgerecht entfernt werden und als Teilhabean-
zialraum, das heißt eine Wohnumgebung, die das selbst- sprüche eigenständig, am besten im Sozialgesetz-
ständige Sich-Versorgen und die selbstständige Entfal- buch IX, verankert werden.
tung im Wohnumfeld ermöglicht.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Die Schaffung solcher Voraussetzungen wie Assis-
tenz und Barrierefreiheit kostet natürlich Geld. Damit Im Bereich Wohnen wäre die Streichung des soge-
(B) kommen wir zum Punkt: Diese gibt es nicht zum Nullta- nannten Mehrkostenvorbehalts ein erster Schritt. Dann (D)
rif. Wenn man sich mit der Umsetzung der UN-Behin- könnte man nicht mehr auf das Wohnen in einem Wohn-
dertenrechtskonvention auseinandersetzt, muss man heim verwiesen werden, nur weil der Sozialhilfeträger
auch das Thema Haushalts- und Kostenvorbehalte offen- meint, dass das angemessen sei und es einer eigenen
siv ansprechen. Ich finde, meine Damen und Herren von Wohnung nicht bedürfe. Dies fordern wir schon seit Jah-
der Koalition, Ihr Antrag ist diesbezüglich mehr als ren. Das wird jetzt in einem der Anträge der Linken wie-
kleinmütig; ich kann das nicht anders sagen. Sie versu- der aufgegriffen. Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur
chen zwar, in die richtige Richtung zu gehen, Ihr Antrag Reform der Eingliederungshilfe war diesbezüglich übri-
ist aber trotzdem kleinmütig. gens schon einmal weiter, Frau Michalk. Sie hat den
Mehrkostenvorbehalt vor zwei Jahren von sich aus in-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
frage gestellt.
und bei der SPD)
Bevor Sie Ihre Forderungen an die Bundesregierung auf- Dass Sie von den Koalitionsfraktionen solche Initiati-
zählen, machen Sie als Erstes die Einschränkung: „im ven der Länder in Ihrem Antrag nicht wenigstens aufge-
Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel“. griffen haben und nicht einmal kleine Ansatzpunkte for-
muliert haben, finde ich enttäuschend, auch wenn ich
Ich bin der Letzte, der nicht anerkennt, dass die mate- sehe, dass Sie sich bemühen, in die richtige Richtung zu
riellen Ressourcen des Staates und der öffentlichen Hand gehen. Wir werden in den weiteren parlamentarischen
nicht unendlich sind. Menschenrechte dürfen aber nicht Beratungen alles daransetzen, dass eine entsprechende
unter einen Kostenvorbehalt gestellt werden. Ich hätte Umsetzung mit mehr Tempo erfolgt.
mir gewünscht, dass Sie sich dazu ganz klar bekennen,
bevor Sie auf die materiellen Ressourcen eingehen. Vielen Dank.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
KEN)
Vizepräsidentin Petra Pau:
Wenn bei anderen Grundrechten ein Haushaltsvorbe- Für die Unionsfraktion hat die Kollegin Michalk das
halt gemacht würde, würde man das als geradezu absurd Wort.
ansehen. Nehmen wir einmal das Grundrecht auf Ver-
sammlungsfreiheit: Wenn von uns nicht gern gesehene (Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg.
Gruppierungen der extremen Rechten das Recht auf Ver- Patrick Kurth [Kyffhäuser] [FDP])
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011 11159
(A) Maria Michalk (CDU/CSU): Wir müssen natürlich die föderalen Strukturen in un- (C)
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! serem Land bei der Umsetzung beachten. Das heißt, in
Mit dem heute von den Koalitionsfraktionen vorgelegten allen gesellschaftlichen Bereichen ist ein enger Dialog
Antrag bekräftigen wir öffentlich unsere große, umfas- mit den Ländern notwendig, der ja auch stattfindet. Ei-
sende Unterstützung bei der Umsetzung des Überein- nige Länder haben für sich Eckpunkte festgelegt, andere
kommens über die Rechte von Menschen mit Behinde- befinden sich noch in der Diskussion. Manche Länder
rung. haben schon einen Aktionsplan aufgestellt. Wichtig ist,
dass über die Verzahnung zwischen Bundes- und Lan-
Es ist schon gesagt worden, dass das Vertragswerk deskompetenzen diskutiert und diese dann auch geregelt
seit dem 26. März 2009 gilt. Liebe Kollegin Hiller-Ohm, wird.
zu dieser Zeit stellte Ihre Fraktion die Behindertenbeauf-
tragte. Die Frage ist, warum man damals nicht sofort an- Wir brauchen einen breiten Beteiligungsprozess. Die-
gefangen hat, zu arbeiten. ser wurde durch die Bundesregierung, konkret durch das
Bundesministerium für Arbeit und Soziales, bewusst
(Gabriele Hiller-Ohm [SPD]: Das ist ja ge- eingeleitet. Menschen mit Behinderungen, ihre Ver-
schehen!) bände, viele Fachleute, viele Wissenschaftler und die Zi-
Wir können Folgendes feststellen: Im Koalitionsver- vilgesellschaft haben das Angebot angenommen und in
trag haben wir festgeschrieben, dass ein Nationaler Ak- den vergangenen Wochen und Monaten eine große Zahl
tionsplan erarbeitet und umfassende Schritte unternom- sehr guter Ideen zusammengetragen und Anregungen
men werden sollen. Der gegenwärtige Zustand, der nicht eingebracht.
schlecht ist – darauf komme ich gleich noch einmal zu
sprechen –, sollte noch einmal verbessert werden. An ei- Insofern hat die Konvention bereits jetzt einen sehr
nigen Stellen sollten notwendige und wichtige Ergän- wichtigen Aspekt erfüllt: Sie hat nämlich den notwendi-
zungen bzw. Veränderungen vorgenommen werden. Die gen Dialog in unserer Zivilgesellschaft insgesamt beflü-
Regierung hat dann sofort mit der Erarbeitung des Natio- gelt. Das ist gut und darf nicht nachlassen. Deshalb ha-
nalen Aktionsplans begonnen. ben wir mit diesem Antrag noch einmal einen Akzent
gesetzt. Wir müssen uns klarmachen, was in unserem
(Gabriele Hiller-Ohm [SPD]: Davon hat man Land bereits gut geregelt ist und was nicht.
nichts gemerkt!)
Für manche ist das Wort Inklusion, das mit dieser
Wir müssen an dieser Stelle noch einmal sagen, dass Konvention verbunden ist, gleichsam ein Zauberwort
diese Konvention – das ist für uns ganz wichtig – den und weckt sehr große Hoffnungen. Anderen macht die-
(B) Wechsel vom staatlichen Fürsorgeprinzip hin zum Recht ses Wort Angst, und es verbreitet sich Unsicherheit. (D)
auf eine umfassende Teilhabe festschreibt. Das ist ein Wieder andere pflegen Vorurteile oder verschließen sich
hohes Gut und hat eine andere Qualität. Nicht immer ist dem Dialog. Dahinter stecken auch Emotionen, weil es
das nur mit mehr Geld verbunden, sondern es geht auch Menschen unmittelbar betrifft, weil es um die konkrete
darum, dass wir uns Liebgewonnenes sehr genau an- Situation eines Menschen mit seiner jeweiligen Behinde-
schauen, manches verändern und uns von anderem tren- rung oder sogar Mehrfachbehinderungen geht. Dieser
nen. Das heißt: Nicht immer ist das, woran wir uns ge- wichtigen Herausforderung müssen wir uns stellen. Des-
wöhnt haben, das Beste für die Zukunft. Uns steht daher halb ist es richtig, dass alle eingebrachten Ideen auf ihre
sowohl im Dialog als auch in der Umsetzung ein umfas- Machbarkeit und Umsetzbarkeit geprüft werden. Das
sender Prozess bevor. nimmt vielleicht etwas mehr Zeit in Anspruch, als wir
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) ursprünglich gedacht hatten. Diese Zeit sollten wir uns
aber nehmen. Die Motivation unseres Antrags ist jeden-
In den 50 Artikeln – ich wage einmal zu bezweifeln, falls, während der Phase der Erarbeitung des Nationalen
dass sich alle Kolleginnen und Kollegen in diesem Parla- Aktionsplans unterstützend auf die besonderen Belange
ment sämtliche Artikel durchgelesen haben, deswegen der Menschen mit Behinderung hinzuweisen.
erwähne ich das noch einmal – wurde festgeschrieben,
welche Aufgaben zu erledigen sind. Dazu sind wir auf- Ich möchte Ihnen an einem Beispiel aus der Ausbil-
gefordert, und die Umsetzung geht uns damit alle an. dung zeigen, dass wir auf der einen Seite viele gute ge-
setzliche Regelungen haben, auf der anderen Seite aber
Jeder Mensch hat das Recht, in Freiheit zu leben und riesige Umsetzungsprobleme zu lösen sind. So können
über sein Leben sowie seine Umstände selbst zu ent- beispielsweise Jugendliche mit einer Hörbehinderung
scheiden. Herr Kollege Kurth, da sind wir uns total ei- bei entsprechend ausgestatteten Ausbildungsplätzen eine
nig. betriebliche Ausbildung absolvieren. So kann vermieden
Ich bin auch der Meinung, dass es nicht zeitgemäß ist, werden, dass sie eine spezielle Einrichtung besuchen
vorzuschreiben, wie und wo der behinderte Mensch le- müssen. Das ist der inklusive Ansatz. Der Arbeitgeber
ben und wohnen soll. Eine absolute Freiheit im Hinblick kann mit einem Ausbildungszuschuss nach § 236 SGB II
auf die persönlichen Bedürfnisse und die individuellen gefördert werden. Zudem könnte der Arbeitsplatz tech-
Gegebenheiten ist wichtig. nisch individuell dem jeweiligen Lehrling – dem jungen
Mann oder der jungen Frau – angepasst werden. Dafür
(Dr. Martina Bunge [DIE LINKE]: Dann können sowohl dem Arbeitgeber nach § 237 SGB III als
stimmt jetzt dem Antrag zu!) auch dem Jugendlichen nach § 33 SGB IX Unterstützun-
11160 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
Maria Michalk
(A) gen gewährt werden. Das alles steht heute schon im Ge- rüber aus, was Sie als SPD in elf Jahren und Sie als (C)
setz. Grüne in sieben Jahren Regierungsbeteiligung geleistet
haben
Die Praxis kennt gute Umsetzungsbeispiele, aber
eben auch Situationen, in denen zwischen diesen Mög- (Markus Kurth [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
lichkeiten einfach nicht entschieden wurde, die Betroffe- NEN]: In den Ländern leisten! – Gabriele
nen an der Verknüpfung verschiedener Gesetze, Leis- Hiller-Ohm [SPD]: Da haben wir eine Menge
tungserbringer und Bewilligungsstellen gescheitert sind, geleistet!)
frustriert aufgegeben haben, letztendlich den traditionel-
len Weg gegangen sind und – wenn es ganz schlimm und was Sie gegenwärtig in den Ländern, in denen Sie
kam – vielleicht gar keine Ausbildung aufgenommen ha- Regierungsverantwortung tragen, leisten. Das müssten
ben. Diesbezüglich sehen wir ganz konkreten Ände- wir dann sehr genau beobachten. Wir würden Sie dann
rungsbedarf. beispielsweise zu Ihrer Position hinsichtlich der Hörbe-
ratungsstelle hier in Berlin-Neukölln und zur Kürzung
Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag for- des Blindengeldes befragen.
dert mit Blick auf den drohenden Fachkräftemangel, die
derzeit etwa 1 000 Sonderregelungen – das muss man (Markus Kurth [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
sich einmal überlegen! – für die Ausbildung von behin- NEN]: Können Sie mal was zu dem Länder-
derten jungen Menschen bundesweit zu vereinheitlichen recht in Baden-Württemberg erzählen? –
und damit deutlich zu reduzieren. Das verbessert die Gabriele Hiller-Ohm [SPD]: Das musste jetzt
Transparenz hinsichtlich der erworbenen Qualifikatio- ja kommen!)
nen und erleichtert behinderten Menschen den Einstieg
in die Ausbildung und später in die Berufswelt. Vizepräsidentin Petra Pau:
Man könnte noch viele weitere Beispiele aufführen. Kollege Kober, gestatten Sie eine Frage der Kollegin
Deshalb ist es wichtig, dass wir diesen Dialog führen Rawert?
und uns nicht gegenseitig Vorwürfe machen. Es mag ja
sein, dass wir bei dem einen oder anderen Punkt unter- Pascal Kober (FDP):
schiedlicher Meinung sind.
Sehr gerne.
(A) Vizepräsidentin Petra Pau: und den Betroffenen miteinander im Gespräch bleiben. (C)
Kollege Kober, es gibt offensichtlich innerfraktionel- Wir sollten auch darauf hinweisen, dass die Bundesrepu-
len Abstimmungsbedarf. Der Kollege Lindner möchte blik weltweit für die Menschen, die von Behinderung
Ihnen eine Frage stellen. betroffen sind, eine Verantwortung hat. Deshalb ist es
begrüßenswert – das freut mich insbesondere als Mit-
(Markus Kurth [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: glied des Ausschusses für Menschenrechte und Humani-
Das würde ich jetzt nicht zulassen!) täre Hilfe –, dass unser Bundesminister für wirtschaftli-
che Zusammenarbeit und Entwicklung mit Nachdruck
Pascal Kober (FDP): das Anliegen verfolgt, den Gedanken der Inklusion stär-
In Ordnung. ker in die Entwicklungszusammenarbeit einzuführen.
(Beifall der Abg. Gabriele Molitor [FDP])
Dr. Martin Lindner (Berlin) (FDP):
Kollege Kober, gerade hat sich die Kollegin Rawert Insofern freut es mich, dass wir als Koalitionsfraktionen
aus Berlin so engagiert geäußert, als sie nach unserem in Zukunft in diesem Bereich besondere Verantwortung
Engagement für Menschen mit Behinderung fragte. Wie übernehmen wollen, wie wir es in unserem Antrag ja
finden Sie es, dass Rot-Rot, also SPD und Die Linke, die auch ausgeführt haben.
sich hier als echte und wahre Verteidiger der Behinder- Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
ten erheblich exponieren, in Berlin, wo sie zusammen re-
gieren, einen großen Kampf gegen die Hörberatungs- (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
stelle in Neukölln führen – Frau Knaake-Werner hatte
sich als linke Senatorin mit großem Engagement gegen Vizepräsidentin Petra Pau:
diese Hörberatungsstelle eingesetzt – und auch das Blin- Für die Unionsfraktion hat der Kollege Lehrieder das
dengeld gekürzt haben? Wort.
(Markus Kurth [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- (Beifall bei der CDU/CSU)
NEN]: Es geht doch jetzt nicht um Berliner
Lokalpolitik!)
Paul Lehrieder (CDU/CSU):
Wie sehen Sie die Realpolitik von SPD und Linken in Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen!
Berlin im Zusammenhang mit den Reden, die hier im Liebe Kollegen! Ich möchte zu Beginn meiner Rede
Bundestag geschwungen werden? meine Freude zum Ausdruck bringen, dass neben Herrn
Staatssekretär Fuchtel auch der Behindertenbeauftragte
(Iris Gleicke [SPD]: Auch Zwischenfragen unserer Regierung, Herr Hubert Hüppe, dieser Diskus- (D)
(B) werden geschwungen!) sion beiwohnt und genau aufpasst, worüber wir diskutie-
ren.
Pascal Kober (FDP):
Lieber Kollege Lindner, Sie bestätigen im Grunde (Mechthild Rawert [SPD]: Der Staatssekretär!)
meine Ausführungen. Wir sollten nicht mit dem Finger – Herr Staatssekretär Bahr, Entschuldigung, ich habe
auf andere zeigen und auch nicht falsche Erwartungen eben nur meine Fachpolitiker gesehen.
bei den betroffenen Menschen wecken, dass alles, wenn
man denn nur wollte oder wenn man nur guten Herzens Wir stimmen heute über Anträge zu einem Thema ab,
sei, finanzierbar ist. Sie werden im Laufe der Diskussion welches in der heutigen Gesellschaft einen besonders
über den Aktionsplan, den die Bundesregierung auf den hohen Stellenwert genießt und mir persönlich sehr am
Weg bringt, und zukünftig auch in der Diskussion über Herzen liegt. Mit dem Antrag der Bundestagsfraktionen
die Umsetzung von Maßnahmen aufgrund dieses Ak- der CDU/CSU und FDP für eine umfassende Umsetzung
tionsplanes genau beobachten können, was von den Mit- der UN-Behindertenrechtskonvention gehen wir einen
bewerbern im politischen Bereich gefordert wird und weiteren wichtigen Schritt voran. Menschen mit Behin-
was sie dort, wo sie in Regierungsverantwortung sind, derung soll damit eine gleichberechtigte und selbstbe-
tatsächlich umsetzen. – Vielen Dank, Herr Lindner. stimmte Teilhabe mitten in der Gesellschaft ermöglicht
werden.
(Beifall der Abg. Maria Michalk [CDU/CSU] –
Christian Lindner [FDP]: Danke schön! – Zu- Erlauben Sie mir an dieser Stelle, geschätzte Frau
rufe von der SPD: Oh!) Präsidentin, gerade auch im Hinblick auf die Zuschauer
Art. 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte
der Vereinten Nationen zu zitieren:
Vizepräsidentin Petra Pau:
Vorsorglich weise ich darauf hin, dass ich keine wei- Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und
teren Fragen bei diesem Redebeitrag zulasse; denn wir Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewis-
wollen die Redezeit ja nicht auf wundersame Weise ver- sen begabt und sollen einander im Geiste der Brü-
dreifachen. – Bitte. derlichkeit begegnen.
Diese Rechte gelten universell. Sie werden als Völ-
Pascal Kober (FDP): kergewohnheitsrecht angesehen. Dennoch zeigt die Rea-
Ich denke, wir sollten die Chancen nutzen und mit al- lität leider häufig, dass Menschenrechte nicht eingehalten
len politisch Beteiligten – Bund, Länder und Kommunen – werden, dass Mehrheiten Minderheiten unterdrücken,
11162 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
Paul Lehrieder
(A) dass wirtschaftliche Faktoren moralische überdecken Oft genug – das sage ich, weil vorhin auch der finan- (C)
und dass der Stärkere den Schwächeren unterdrückt. zielle Aspekt angesprochen wurde – ist es mit relativ ge-
ringen Mitteln und etwas Nachdenken möglich, auch für
Wenn man an die Allgemeine Erklärung der Men- Behinderte eine gute Lösung zu finden. So hat es in dem
schenrechte denkt, fällt der erste Gedanke möglicher- von mir erwähnten Beispiel gereicht, neben den Stufen
weise auf Länder und Regionen, in welchen erhebliche eine kleine Böschung zu teeren, sodass auch für Roll-
Missachtungen dieser universellen Rechte vor der Welt- stuhlfahrer die Begehbarkeit gewährleistet war.
öffentlichkeit stattfinden. In unserem Land, welches als
Vorzeigeobjekt gilt, neigt man dazu, sich im Sessel zu- Ich habe diese Situation damals nicht mit den Augen
rückzulehnen. Doch es gibt auch bei uns – meine Vor- eines Behinderten gesehen. Dafür bitte ich um Verständ-
redner haben darauf bereits hingewiesen – noch einiges nis. Allerdings sage ich heute: Es wäre gut, bei allen Pla-
zu verbessern. nungen des Staates die Strecken, auf denen Barrieren
entstehen könnten, rechtzeitig gemeinsam mit Behinder-
Meine Fraktion möchte mit ihrem Antrag insbeson- ten zu besichtigen und sie zu fragen: Wie beurteilt ihr
dere eines erreichen: Behinderte Menschen sollen nicht unsere Planungen?
mehr als Objekte der Fürsorge betrachtet und behandelt
werden. Dieser Umstand führt nämlich zwangsläufig zur (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie bei
Ausgrenzung aus der Gesellschaft: auf der einen Seite Abgeordneten der SPD und der LINKEN)
Bürger, die Fürsorge geben, auf der anderen Seite Bür- Ich könnte Ihnen weitere Beispiele nennen, etwa das
ger, die Fürsorge empfangen. Durch die umfassende Fehlen von Lichtanlagen für hörbehinderte Menschen
Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention wol- oder das Fehlen von Lautsignalen für sehbehinderte
len wir für behinderte Menschen mehr als bloße Akzep- Menschen. Ein weiteres wichtiges Thema wird in Zu-
tanz in unserer Gesellschaft erreichen. Wir wollen Inte- kunft die Elektromobilität sein. Dabei geht es auch um
gration und Inklusion in unsere Gesellschaft; auch die Frage: Was bedeutet die Entwicklung immer leiserer
darauf wurde von meinen Vorrednern bereits hingewie- Fahrzeuge für hörgeschädigte Menschen, die überhaupt
sen. keine Autos mehr hören? Hier gibt es noch einiges zu
Wir wollen, dass Menschen mit Behinderung von An- tun.
fang an integriert sind, dass sie in den gleichen Kliniken Ich bitte das gesamte Haus – die Kolleginnen und
geboren werden können, in die gleichen Kitas gehen Kollegen von der Regierungskoalition, aber auch die
können, in den gleichen Schulen, Hochschulen und Aus- Kolleginnen und Kollegen von der Opposition –, ge-
bildungsstätten berufliche Bildung erfahren, in den glei- meinsam daran zu arbeiten, vernünftige, gescheite Lö-
chen Berufen arbeiten können, den gleichen Freizeitge- sungen für die Behinderten in unserer Gemeinschaft zu (D)
(B) staltungen nachgehen können und beim Renteneintritt
finden.
die gleichen Möglichkeiten wie alle anderen Mitbürger
ohne Behinderung haben. Danke schön.
Mit unserem Antrag wollen wir darauf hinwirken, (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
dass die Teilhabe von Menschen mit Behinderung nicht
als Sonderrecht, sondern als Menschenrecht verstanden Vizepräsidentin Petra Pau:
wird. Wir müssen weiterhin daran arbeiten, Barrieren zu Ich schließe die Aussprache.
beseitigen. Dabei geht es um psychische Barrieren, aber
auch um physische Barrieren, die die Mobilität behin- Interfraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf
dern, zum Beispiel um nicht abgesenkte Bordsteinkanten den Drucksachen 17/4862, 17/4911 und 17/5043 an die
oder das Fehlen von Aufzügen in öffentlichen Gebäu- in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse vorge-
den. schlagen. Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der
Fall. Dann sind die Überweisungen so beschlossen.
Ich selbst war als Bürgermeister an einer Dorferneue-
rungsmaßnahme beteiligt, in deren Rahmen wir einen Ich rufe die Zusatzpunkte 3 bis 5 auf:
Dorfplatz wunderschön gestaltet haben. Ein junger Mit- ZP 3 Beratung des Antrags der Abgeordneten
bürger, der aufgrund eines Verkehrsunfalls an den Roll- Dr. Gregor Gysi, Jan van Aken, Christine
stuhl gebunden war, hat uns gesagt: Ihr habt das zwar Buchholz, weiterer Abgeordneter und der Frak-
schön gemacht, aber nicht gut. – Dann hat er mir die tion DIE LINKE
Stellen, die er kritisiert, gezeigt. Als er eine Böschung
mit drei Treppenstufen sah, sagte er beispielsweise: Das Alle Exporte von Kriegswaffen und sonstigen
ist für mich ein unüberwindbares Hindernis. – So etwas Rüstungsgütern stoppen
fällt niemandem von uns auf.
– Drucksache 17/5039 –
Ein anderes Beispiel war ein Hochbord an einer Brü- Überweisungsvorschlag:
cke. Dazu sagte er: Da komme ich nicht hoch. Hier brau- Ausschuss für Wirtschaft und Technologie (f)
che ich jemanden, der meinen Rollstuhl hochhebt. – Bei Auswärtiger Ausschuss
Verteidigungsausschuss
einer Dorfgemeinschaftsfeier wurden wir auf zwei Trep-
penstufen aufmerksam, aufgrund derer der junge Mann ZP 4 Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
sagte: Dieses Terrain bzw. diese Ebene ist für mich nicht richts des Ausschusses für Wirtschaft und Tech-
erreichbar. nologie (9. Ausschuss) zu dem Antrag der Abge-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011 11163
Vizepräsidentin Petra Pau
(A) ordneten Katja Keul, Dr. Frithjof Schmidt, Erfahrungen mit Flugverbotszonen im Irak. Es wurden (C)
Kerstin Andreae, weiterer Abgeordneter und der viele Stellungen auf dem Boden bombardiert, und viele
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN unschuldige Menschen sind dabei gestorben. Deswegen
können wir ein solches Mandat nicht unterstützen.
Rüstungsexportberichte zeitnah zum Jahres-
abrüstungsbericht vorlegen (Beifall bei der LINKEN – Dr. Martin Lindner
[Berlin] [FDP]: Wollen wir mal zur Sache hier
– Drucksachen 17/1167, 17/1627 – reden?)
Berichterstattung: Wir hätten uns gewünscht, dass es zu einer Ableh-
Abgeordnete Rolf Hempelmann nung dieses Mandats gekommen wäre. Dies hängt sehr
ZP 5 Beratung der Beschlussempfehlung und des Be- eng mit dem Thema, über das wir hier sprechen, nämlich
richts des Ausschusses für Wirtschaft und Tech- Rüstungsexporte, zusammen, aber davon haben Sie an-
nologie (9. Ausschuss) zu dem Antrag der Abge- scheinend wenig Ahnung. Wie gesagt, ich hätte mir ge-
ordneten Katja Keul, Marieluise Beck (Bremen), wünscht, die Bundesregierung hätte das Mandat abge-
Volker Beck (Köln), weiterer Abgeordneter und lehnt. Ich fordere die Bundesregierung daher auf, im
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN EU-Rat und im NATO-Rat konsequent gegen eine Betei-
ligung zu stimmen.
Gemeinsamen Standpunkt der EU für Waffen-
ausfuhren auch bei Rüstungsexporten an EU-, (Beifall bei der LINKEN – Dr. Martin Lindner
NATO- und NATO-gleichgestellte Länder [Berlin] [FDP]: Ich finde, wir sprechen jetzt
konsequent umsetzen einmal zum Thema! Sonst ist Ihre Redezeit
gleich um!)
– Drucksachen 17/2438, 17/3291 –
Jetzt komme ich zum entscheidenden Punkt, zu Li-
Berichterstattung: byen. Die Geschichte wiederholt sich nämlich: Die west-
Abgeordnete Kerstin Andreae lichen Staaten und die NATO-Staaten rüsten Diktatoren
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die erst auf, und dann werden sie mittels Krieg wieder abge-
Aussprache eine halbe Stunde vorgesehen. – Ich höre rüstet. Das ist eine Kriegspolitik, die wir ablehnen.
keinen Widerspruch. Dann ist so beschlossen. (Beifall bei der LINKEN – Dr. Martin Lindner
(Unruhe) [Berlin] [FDP]: So, so!)
– Ich würde gern die Aussprache eröffnen. Aber dazu Gaddafi hätte gar keine Kampfflugzeuge, mit denen
er jetzt gegen die demokratischen Bestrebungen vorge-
(B) müsste erst einmal die notwendige Aufmerksamkeit her- (D)
gestellt werden. Die Gespräche, die zu führen sind, sind hen und die Menschen bombardieren könnte, wenn wir
bitte draußen zu führen. sie nicht geliefert hätten, wenn ihn die NATO-Staaten
also nicht aufgerüstet hätten.
Kollege Lindner, gestatten Sie, dass ich jetzt die Aus-
sprache eröffne? (Dr. Martin Lindner [Berlin] [FDP]: Welches
deutsche Unternehmen hat denn Flugzeuge
(Dr. Martin Lindner [Berlin] [FDP]: Ich bitte nach Libyen geliefert?)
darum! Ich freue mich!)
Deshalb brauchen wir eine Zäsur in der deutschen Au-
– Danke. ßenpolitik, genauso wie wir eine Zäsur in der Atompoli-
tik brauchen. So kann es nicht mehr weitergehen.
Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat die Kolle-
gin Hänsel für die Fraktion Die Linke. (Beifall bei der LINKEN – Dr. Martin Lindner
[Berlin] [FDP]: Tuttifrutti! Jetzt reden Sie mal
(Beifall bei der LINKEN – Dr. Martin Lindner zu Ihrem Antrag!)
[Berlin] [FDP]: Jetzt wollen wir noch ein biss-
chen linke Klientelpolitik genießen!) Minister Westerwelle hat vorhin wörtlich gesagt:
Wir sind nicht in der Lage, überall auf der Welt die
Heike Hänsel (DIE LINKE): Unterdrückung zu beseitigen.
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren!
Aber die Bundesregierung ist in der Lage, weltweit Waf-
Seit heute Nacht kennen wir den neuen Beschluss des
fen zu verschicken. Wir sind an Position drei, was Rüs-
UN-Sicherheitsrates für eine Flugverbotszone über
tungsexporte in die Welt angeht, und das ist ein Skandal.
Libyen. Es ist ein umfassendes Mandat und enthält viele
weitere Elemente. Wir sagen: Das ist ein Mandat für ei- (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
nen Kriegseinsatz in Libyen. Dies lehnen wir hier strikt neten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN –
ab. Dr. Martin Lindner [Berlin] [FDP]: Jawohl!)
(Beifall bei der LINKEN – Dr. Martin Lindner Deswegen kommt dieser Antrag genau zur richtigen
[Berlin] [FDP]: Dazu habt ihr schon gespro- Zeit.
chen!)
Wir fordern einen sofortigen Stopp aller Rüstungsex-
Ich weiß auch nicht, ob der Jubel der Aufständischen porte, einen Stopp der umfangreichen militärischen Zu-
über diese Entscheidung lange anhalten wird. Wir haben sammenarbeit und einen Stopp der Ausbildungshilfe für
11164 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
Heike Hänsel
(A) Polizei und Militär, wie wir es in Libyen, Ägypten und (Dr. Martin Lindner [Berlin] [FDP]: Deswe- (C)
Tunesien erlebt haben. Daher kommt der Antrag heute gen machen Sie auch Wahlkampf!)
genau richtig.
Ich habe oft genug mit der Friedensbewegung dagegen
(Beifall bei der LINKEN – Dr. Martin Lindner demonstriert. Wir fordern: Wir müssen in Baden-
[Berlin] [FDP]: So ein Quatsch!) Württemberg nicht nur die AKW abschalten, sondern
auch die Rüstungsschmieden schließen.
– Dass Sie das hier als Quatsch bezeichnen, zeigt, wie
ignorant Sie sind und was für eine Klientelpolitik Sie für (Dr. Martin Lindner [Berlin] [FDP]: Sie wer-
die Rüstungskonzerne machen. den jetzt auch abgeschaltet!)
(Beifall bei der LINKEN – Dr. Martin Lindner Dafür wird die Friedensbewegung bei den Ostermär-
[Berlin] [FDP]: Sie machen Klientelpolitik! – schen auf die Straße gehen, und dafür kämpft auch eine
Gegenruf des Abg. Jörn Wunderlich [DIE starke Linke im Landtag von Baden-Württemberg.
LINKE]: Rüstungslobbyisten!) Danke.
Die Liste der Länder und Krisenregionen, in die wir (Beifall bei der LINKEN – Dr. Martin Lindner
Waffen und Rüstungstechnologie schicken, nimmt kein [Berlin] [FDP]: Damit Sie für Baden-
Ende. Ich kann sie hier aufzählen: Ägypten, Jemen, Ver- Württemberg noch ein bisschen Wahlkampf
einigte Arabische Emirate, Israel, Indien, Pakistan, Tür- machen, sitzen wir hier rum!)
kei. Alles dies sind Regionen, in denen es Konflikte gibt
und in denen es zu Menschenrechtsverletzungen kommt. Vizepräsidentin Petra Pau:
An deren Spitze steht auch noch Saudi-Arabien. Für die Unionsfraktion hat der Kollege Fritz das
(Zuruf von der CDU/CSU: Kuba!) Wort.
Es ist völlig unverantwortlich, was Sie hier machen, und (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
wir wollen das beenden.
Erich G. Fritz (CDU/CSU):
(Beifall bei der LINKEN) Meine sehr verehrten Damen und Herren! Zum
Die Menschen, die in ihrer konkreten Existenz betrof- Schluss haben wir ja noch einmal erfahren, was die Mo-
fen sind und sich dagegen wehren, werden dann auch tivation für diesen Antrag der Linken war.
noch durch die Grenzschutzagentur FRONTEX der Eu- (Heike Hänsel [DIE LINKE]: Genau darum
ropäischen Union davon abgehalten, nach Europa zu ge- geht es: Sind Sie für Friedenspolitik oder für
(B) langen. Auch dieses Vorgehen lehnen wir ab. Dies ist (D)
Rüstungslieferungen?)
eine menschenverachtende Politik gegenüber Flüchtlin-
gen, die aufgrund der Konflikte, für die wir mitverant- Ich habe eigentlich gedacht, Herr van Aken, dem ich ja
wortlich sind, nach Europa kommen. das Engagement abnehme, würde heute hier sprechen.
Es ist auch richtig, dass man sich in diesen Dingen enga-
(Beifall bei der LINKEN – Dr. Martin Lindner giert; das tun wir alle. Die Art und Weise verstehe ich
[Berlin] [FDP]: Menschenverachtend ist der aber nur bei Herrn van Aken, weil er das Thema einmal
Blödsinn, den Sie erzählen!) als Kampagnenchef einer Organisation bearbeitet hat,
Herr Minister Westerwelle verlor in seiner Regie- und auf diese Weise kann er das auch am besten.
rungserklärung kein Wort zu Saudi-Arabien. Er hat kein Mit diesen Anträgen werden Sie der Sache, um die es
Wort zum Einmarsch in Bahrain gesagt. Im Gegenteil: geht, überhaupt nicht gerecht. Sie reichen allemal als
Die Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien gehen weiter. Kampagnenaufruf oder als Rede im Rahmen einer De-
Heckler & Koch aus Baden-Württemberg liefert Ge- monstration, aber nicht für die Darstellung und die Be-
wehre nach Saudi-Arabien. Es soll sogar eine Fabrik für wältigung eines höchst komplizierten Problems. Mit ei-
die Produktion einer der tödlichsten Waffen – es geht um ner einfachen Forderung in einem Satz ist hier nicht
G-36-Gewehre – gebaut werden. Wir sagen: Das kann so geholfen.
nicht weitergehen. Wir müssen diese Rüstungspolitik be-
enden. Rüstungsexporte sind Milliardengeschäfte mit (Heike Hänsel [DIE LINKE]: Entweder Rüs-
dem Tod. Wer diese genehmigt, macht sich mitverant- tung liefern oder nicht!)
wortlich für Krieg, Konflikte, Elend und Tod. Das gilt sowohl für den Antrag mit dem Titel „Alle Ex-
porte von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern
(Beifall bei der LINKEN)
stoppen“ – Sie wissen selbst, dass das ein Show-Antrag
ist – als auch für den Antrag der Grünen mit dem Titel
Vizepräsidentin Petra Pau: „Rüstungsexportberichte zeitnah zum Jahresabrüstungs-
Kollegin Hänsel, achten Sie bitte auf die Zeit. bericht vorlegen“, über den wir hier schon einmal ge-
sprochen haben, was ich deshalb nicht vertiefe.
Heike Hänsel (DIE LINKE): Sie wissen – auch aus der letzten Debatte von vor ei-
Ich komme zum Schluss. – Ich komme nämlich aus nem Jahr –, dass der Rüstungsexportbericht und der Jah-
Baden-Württemberg, und ich kenne unsere Rüstungs- resabrüstungsbericht von der Datenlage her so unter-
schmieden. schiedlich sind, dass sie gar nicht zum gleichen
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011 11165
Erich G. Fritz
(A) Zeitpunkt vorgelegt werden können, es sei denn, Sie Wir haben alles getan, um zu transparenten und nach- (C)
wollten, dass der Jahresabrüstungsbericht sehr viel spä- vollziehbaren Regelungen zu kommen, aus deutscher
ter vorliegt. Insofern wäre es gut gewesen, wenn Sie die- Sicht mit dem Ziel, den Exportdruck bei den Großmäch-
sen Antrag im Laufe der Diskussion zurückgezogen hät- ten, die aus früherer Zeit Überkapazitäten haben, zu ver-
ten. ringern. Mich beruhigt überhaupt nicht, dass es seit dem
Ende des letzten Jahres so aussieht, als würde diese ge-
Zu dem dritten Antrag kann ich nur sagen: Hier tref- meinsame Linie der Europäischen Union infrage ge-
fen Sie, wie Sie aus eigener Regierungserfahrung wis- stellt, weil mit dem Abkommen über eine engere Zusam-
sen, die Praxis der Bundesrepublik Deutschland ziem- menarbeit zwischen Frankreich und Großbritannien auf
lich genau. Das müssen wir uns eigentlich gar nicht
militärischem Gebiet der multilaterale Weg verlassen
gegenseitig bestätigen.
wird. Dies lässt eher erwarten, dass die beiden Länder
Mir geht es jetzt darum, auf den einen oder anderen versuchen wollen, aus ihren Fähigkeiten, die sie tatsäch-
Zusammenhang hinzuweisen, um zu zeigen, dass das lich haben, ihre wirtschaftliche Entwicklung zu generie-
Thema nicht so einfach ist und sich in solch allgemeinen ren.
Anträgen – den letzten nehme ich aus – nicht erschöpft.
Das steht in völligem Unterschied zu Deutschland.
Worum geht es? Wir müssen doch zunächst einmal Wir haben immer auf die gemeinsame Politik, Koopera-
gemeinsam feststellen, dass die Bundesrepublik tion, multilaterale Beschaffung und gegenseitige Be-
Deutschland kein Land ist, das mit aller Macht Waffen in grenzung und Kontrolle gesetzt.
die Welt liefert. Das ist doch ein völlig falsches Bild, das
Sie zeichnen. Es ist nun einmal so – das können auch Sie nicht be-
streiten –, dass jemand in einer gemeinsamen Außen-
(Heike Hänsel [DIE LINKE]: Sondern? – und Sicherheitspolitik, die auch einen militärischen Be-
Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Platz reich umfasst, was auch in Zukunft der Fall sein wird,
drei!) dann eine besondere Rolle spielt, wenn er militärische
Fähigkeiten hat. Deshalb ist die Frage, ob man noch in
Im Gegenteil: Diese Politik, die wir hier in historischer
irgendeinem Bereich Systemführerschaft hat und ob man
Verantwortung betreiben und die durch eine bewusste
Hinwendung zum Friedensgebot gekennzeichnet ist, hat Teil solch einer Kooperation sein kann, nicht unwesent-
zu einer äußerst restriktiven Exportpolitik geführt, die lich. Sie ist ein sehr wichtiger Bestandteil des Einflusses
übrigens über die verschiedenen Regierungen hinweg nicht nur auf die gemeinsame Politik, sondern auch auf
weiterentwickelt worden ist. die gemeinsame Kontrolle und Begrenzung von Rüs-
tungsexporten.
(B) (Heike Hänsel [DIE LINKE]: Was ist mit (D)
Saudi-Arabien? Jemen?) Auch wenn man sich diese Zusammenhänge klar-
macht, gilt, dass trotzdem alles andere sorgfältig zu be-
– Sie haben heute schon genug dazu gesagt. trachten ist. Deshalb hat der Deutsche Bundestag Schritt
für Schritt mit dazu beigetragen, dass die Kontrolldichte,
(Heike Hänsel [DIE LINKE]: Ja, aber sagen die Berichtspflichten und die Nachvollziehbarkeit des-
Sie einmal etwas zu Saudi-Arabien!)
sen, was geschieht, verbessert werden.
Sie werden doch auch nicht bestreiten können, dass
wir in den letzten 20 Jahren sowohl bei den Kriegswaf- Wir haben Kampagnen unterstützt, die letztlich zu
fen als auch bei Rüstungsgütern als auch bei Dual-use- Vereinbarungen geführt haben, zum Beispiel im Zusam-
Gütern einen dauernden Fortschritt, eine dauernde Erhö- menhang mit Landminen. Man kann nicht sagen, dass
hung der Kontrolldichte und eine dauernde Verbesserung die Bundesrepublik Deutschland untätig gewesen sei.
der Möglichkeiten, zu kontrollieren, aufzuklären und zu Sie können im Protokoll über die Beratung Ihres letzten
verhindern, erreicht und kriminellen Entwicklungen, die Antrags vom Februar nachlesen, was die Bundesregie-
es immer wieder gegeben hat, Einhalt geboten haben. rung tut, um im Bereich Kleinwaffen zu Regelungen zu
Das wird doch wohl niemand bestreiten wollen. kommen. Dann werden Sie merken, dass wir das Pro-
blem kennen, ihm nachgehen und versuchen, zu interna-
Wir haben uns immer dafür eingesetzt, dass in der EU tionalen Vereinbarungen zu kommen.
nach gemeinsamen Regeln gearbeitet wird. Das ist ganz
zentral. Denn was hilft es, in einem Bereich, den wir in Wenn die NATO bzw. die Europäische Union mit ei-
Europa zusammenführen wollen – die Gemeinsame Au- ner gemeinsamen Politik Schritt für Schritt nicht nur die-
ßen- und Sicherheitspolitik, zu der natürlich auch die sen Bereich begrenzt und ihn immer stärker auf die Be-
Rüstung und die Ausstattung von Streitkräften gehören –, darfe von NATO und Europäischer Union konzentriert,
auf der Grundlage unterschiedlicher Verfahren und eines sondern durch ihre gesamte Politik und in Zukunft auch
unterschiedlichen rechtlichen Rahmens und auch mit un- durch eine aktive Außen- und Sicherheitspolitik dazu
terschiedlichen industriepolitischen Ansätzen, was ja lei- beiträgt, dass es weltweit weniger Bereiche gibt, in de-
der der Fall ist, zu handeln? Deshalb haben wir uns – die nen Waffen gebraucht werden – übrigens nicht nur, weil
letzten drei Regierungen – für die Dual-use-Verordnung jemand Böses damit im Sinn hat, sondern auch deshalb,
und den Kodex eingesetzt und dafür gesorgt, dass daraus weil Staaten das Recht haben, selbst zu entscheiden, was
eine verpflichtende gemeinsame Position der Europäi- sie für ihre Verteidigung brauchen –, dann sind wir,
schen Union geworden ist. glaube ich, gemeinsam auf dem richtigen Weg.
11166 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
Erich G. Fritz
(A) Ich attestiere der Bundesregierung eine verantwortli- (Heike Hänsel [DIE LINKE]: Ja! Ja!) (C)
che Politik und bin sicher, dass es auch dabei bleibt.
Wir wissen, dass wir ein Kontrollregime haben. Aber
Danke schön. wir wissen auch, dass wir dieses Kontrollregime noch
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) verbessern und teilweise verändern müssen. Denn ge-
rade Deutschland hat einen zu hohen Anteil am weltwei-
ten Handel mit kleinen und leichten Waffen. Wir erleben
Vizepräsidentin Petra Pau: immer wieder, zu welch fatalen Konsequenzen das füh-
Die Kollegin Bulmahn hat für die SPD-Fraktion das ren kann.
Wort.
(Beifall der Abg. Iris Gleicke [SPD])
(Jörn Wunderlich [DIE LINKE]: Die Kurz-
intervention!) Rot-Grün hat im Jahr 2000 mit den „Politischen
Grundsätzen der Bundesregierung für den Export von
– Entschuldigung. Das war mein Fehler. Der Kollege Jan
Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern“ den Rüs-
van Aken hat später die Gelegenheit zu einer Kurzinter-
tungs- und Waffenexport erheblich restriktiver geregelt.
vention.
Es war richtig, dass wir das getan haben.
Edelgard Bulmahn (SPD): (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten DIE GRÜNEN – Heike Hänsel [DIE LINKE]:
Herren und Damen! Es hat erhebliche Fortschritte bei Aber angestiegen ist er trotzdem! Indien! Ara-
der Einschränkung von Rüstungsexporten und deren bische Emirate!)
Kontrolle gegeben. Trotzdem zeigen die Zahlen zu den
Wir haben damals drei wichtige Entscheidungskrite-
aktuellen Rüstungsexporten, die das renommierte
rien festgelegt, die seitdem bei Rüstungsexporten ge-
schwedische Forschungsinstitut SIPRI diese Woche vor-
prüft und berücksichtigt werden müssen. Zunächst ist
gelegt hat, dass zwischen 2006 und 2010 das Volumen
das wichtige Kriterium der Beachtung der Menschen-
des weltweiten Handels mit Waffen und anderen Rüs-
rechte im Empfängerland zu nennen. Wenn Menschen-
tungsgütern um 24 Prozent gestiegen ist. Deutschland
rechte verletzt werden, dürfen keine Waffen in dieses
liegt dabei mit einem Anteil von 8 Prozent am Weltrüs-
Land exportiert werden.
tungshandel im Jahr 2009 auf dem dritten Platz der glo-
balen Rüstungsexportstatistik. Das ist Anlass, darüber zu (Beifall der Abg. Iris Gleicke [SPD])
diskutieren; das sage ich ausdrücklich.
Weiterhin muss die Frage, ob ein Export im Empfän-
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ gerland eine nachhaltige Entwicklung be- oder verhin- (D)
(B)
DIE GRÜNEN – Dr. Martin Lindner [Berlin] dert – das ist eine Forderung, die von Entwicklungspoli-
[FDP]: Unter welchem Außenminister war tikern jahrelang vorgetragen wurde –, geprüft und
das? Außenminister Steinmeier!) berücksichtigt werden.
Aber, Herr van Aken – dies sage ich an die Adresse (Beifall der Abg. Iris Gleicke [SPD])
der Linken –, Sie machen es sich mit Ihrem Antrag wirk-
lich zu einfach. Abschließend muss die Frage geprüft werden: Dient die
Lieferung dem Ziel des Friedenserhalts und der Kon-
(Dr. Martin Lindner [Berlin] [FDP]: So sind fliktvermeidung?
sie!)
Anstatt Vorschläge zu machen, wie wir die Rüstungs- Die Verantwortung der jeweiligen Bundesregierung
exporte sachgerecht einschränken und wie wir die Kon- mit Blick auf die Entscheidung, ob Rüstungsexporte
trolle verschärfen können, sagen Sie einfach: Wir expor- durchgeführt werden dürfen oder nicht, ist durch diese
tieren nicht. klaren Vorgaben deutlich gewachsen, auch wenn wir
durchaus selbstkritisch feststellen müssen, dass es
(Heike Hänsel [DIE LINKE]: Erst einmal Ex- schwierig ist, die Einhaltung dieser Grundsätze zu über-
porte stoppen und dann Konventionen voran- prüfen.
treiben!)
Ich plädiere ganz ausdrücklich dafür, nicht von diesen
Bei aller Liebe: Das ist ein naiver Vorschlag. Ich kann Kriterien abzurücken, sondern ich halte sie für wichtig
deshalb nur wiederholen, dass es sich dabei um einen und notwendig. Wir müssen aber überlegen, wie wir
Show-Antrag handelt. diese Kriterien weiterentwickeln und präzisieren kön-
(Heike Hänsel [DIE LINKE]: Unter Rot-Grün nen.
sind die Rüstungsexporte auch gestiegen!) (Beifall der Abg. Iris Gleicke [SPD])
Es würde sich lohnen, in der Sache miteinander zu strei- Vor allem müssen wir überlegen – das ist ein wichtiger
ten, wie man dieses Regime noch verbessern kann. Punkt –, wie wir mehr Transparenz bei der Frage herstel-
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ len können, welche Rüstungsexporte in welchem Um-
DIE GRÜNEN) fang stattfinden.
Ich sage ausdrücklich, dass uns diese Zahlen alarmie- (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
ren müssen. Sie sind auch Anlass zum Handeln. DIE GRÜNEN)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011 11167
Edelgard Bulmahn
(A) In Richtung der Koalition sage ich: Sie haben in Ih- (Iris Gleicke [SPD]: So war es!) (C)
rem schwarz-gelben Koalitionsvertrag beschrieben, dass
Deshalb müssen wir dafür Sorge tragen, dass das nicht
es eine verantwortungsbewusste Genehmigungspolitik
ein zweites Mal geschieht.
geben solle. Dagegen ist auf den ersten Blick nichts ein-
zuwenden. Natürlich muss es sich um eine verantwor- (Beifall bei der SPD)
tungsbewusste Politik handeln.
Die Begrenzung und die Kontrolle von Rüstungsex-
Aber ich sage ausdrücklich: In der Genehmigungspra- porten ist ein unmittelbarer Beitrag zur Sicherung des
xis kann „Verantwortung“ weniger bedeuten als „restrik- Friedens und zur Prävention von gewalttätigen Konflik-
tiv“. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, den es sich lohnt, ten. Deshalb: Die Transparenz über Rüstungsexporte
miteinander zu erörtern. Denn ich hoffe, dass es eine muss verbessert werden. In dem jüngsten Bericht der
breite Übereinstimmung in diesem Hause gibt, dass wir Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung,
eine restriktive Rüstungspolitik wollen. GKKE, ist das sehr gut formuliert worden. Dort heißt es:
Der jüngste Rüstungsexportbericht der Bundesregierung
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
liefert zwar wort- und zahlenreich viele Informationen,
DIE GRÜNEN)
doch jenseits dessen, dass er wieder nicht zeitnah er-
Im Augenblick erleben wir schreckliches Leid und schienen ist, wecken anhaltende Rechenfehler und Un-
schreckliche Ereignisse in Libyen. Das unterstreicht, wie stimmigkeiten der Zahlen Zweifel an seiner Zuverlässig-
wichtig es ist, an den geschriebenen Grundsätzen festzu- keit. – Diese Beschreibung trifft leider zu. Deshalb muss
halten und auch weiterhin eine restriktive Rüstungsex- das verändert werden. Wir brauchen eine kohärente Da-
portpolitik durchzuführen. tenerhebungsbasis und -methode, damit wir als Parla-
ment und damit als politische Entscheider wirklich si-
(Beifall der Abg. Iris Gleicke [SPD]) chere Unterlagen und verlässliche Zahlen haben. Das ist
Ich sage ausdrücklich, dass es mich mit großer Sorge ein ganz wichtiger Punkt, der hier erreicht werden muss.
erfüllt, dass das Volumen der Hermesbürgschaften für (Beifall der Abg. Iris Gleicke [SPD])
deutsche Rüstungsgeschäfte erheblich angestiegen ist.
Die Bürgschaften haben sich von 21 Millionen Euro im Es gibt einen weiteren Punkt, der verändert werden
Jahre 2008 auf rund 1,92 Milliarden Euro im Jahre 2009 muss. Bis heute wird der Deutsche Bundestag immer
erhöht. erst nachträglich über die durchgeführten Rüstungsex-
porte informiert, leider oft erst sehr lange nachdem sie
Wenn der Zugang zu diesen Ausfallbürgschaften durchgeführt worden sind. Das heißt, wir brauchen nicht
durch die veränderten Formulierungen sogar noch er- nur die Pflicht zur zeitnahen Berichterstattung, sondern
leichtert werden soll, wird sich diese Subventionierung wir müssen auch erreichen, dass, so wie auch in anderen (D)
(B)
von Rüstungsgeschäften durch den Steuerzahler noch europäischen Parlamenten, der Deutsche Bundestag
weiter verstärken. parallel zu den Entscheidungen informiert wird und auch
(Unruhe bei der FDP) die Möglichkeit der Einflussnahme hat. Ich halte das für
einen ganz entscheidenden Punkt, um tatsächlich Trans-
– Lieber Kollege Lindner, niemand in diesem Hause ist parenz herzustellen und das politische Ziel der effekti-
schwerhörig. Wenn Sie sich mit Ihrem Kollegen unter- ven Rüstungsexportkontrolle und das Ziel restriktiver
halten möchten, reden Sie doch bitte etwas leiser. Rüstungsexporte tatsächlich zu realisieren.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN – Die Vorschläge, die die Gemeinsame Konferenz Kir-
Dr. Martin Lindner [Berlin] [FDP]: Verzei- che und Entwicklung gemacht hat, gehen genau in diese
hung!) Richtung. Ich will sie ausdrücklich unterstützen. Ich be-
– Bitte. Ich finde, bei diesem Thema lohnt es sich, mitei- grüße sie sehr und hoffe, dass wir hier vielleicht doch zu
nander zu sprechen und nicht über andere Themen zu re- einer gemeinsamen Entscheidung kommen.
den.
Restriktionen bei der Exportkontrolle sind nicht im- Vizepräsidentin Petra Pau:
mer einfach umzusetzen. Das, was die Bundesregierung Kollegin Bulmahn, jetzt müssen Sie doch zum
an Erleichterungen angedacht hat, würde eine strengere Schluss kommen. Ich habe den Ordnungsruf, den Sie für
Rüstungsexportkontrolle verhindern. Das halten wir für mich übernommen haben, schon draufgeschlagen.
unverantwortlich. Deshalb darf das nicht geschehen. (Heiterkeit)
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) Edelgard Bulmahn (SPD):
Ich will einen letzten Punkt ganz kurz ansprechen.
Ich will einen weiteren Aspekt ansprechen: Der fort-
schreitende Umbau der Bundeswehr und die damit ver-
bundene Umrüstung machen eine genaue Begleitung Vizepräsidentin Petra Pau:
und Beobachtung notwendig. Keinesfalls darf der Um- Ein Satz.
bau der Bundeswehr zu erhöhten Rüstungsexporten füh-
ren. Wir alle wissen, dass nach der deutschen Einheit die Edelgard Bulmahn (SPD):
Auflösung der Volksarmee zu erhöhten Rüstungsexpor- Er bezieht sich auf die internationale Kontrolle des
ten geführt hat. Waffenhandels, den Arms Trade Treaty. Hier kommt es
11168 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
Edelgard Bulmahn
(A) darauf an, dass wir eine möglichst große Zahl von Staa- Ein letzter Punkt. Wichtig ist doch auch, endlich den (C)
ten auf grundlegende Prinzipien zur Begrenzung und Bau der deutschen Waffenfabriken in Saudi-Arabien zu
Kontrolle von Rüstungstransfers verpflichten und damit stoppen. Im Moment werden dort zwei Fabriken gebaut:
völkerrechtlich bindende Richtlinien für alle Rüstungs- eine, in der das Sturmgewehr G 36 hergestellt werden
exporte entwickeln. soll, und eine weitere, in der die Munition dafür produ-
ziert werden soll. Wenn dieser Bau heute nicht gestoppt
Vizepräsidentin Petra Pau: wird, kann Saudi-Arabien im nächsten Jahr anfangen,
Kollegin Bulmahn, jetzt ist meine Geduld wirklich er- beides zu produzieren. Dann kann es 50 Jahre lang die-
schöpft. ses hochmoderne deutsche Sturmgewehr in alle Welt ex-
portieren. Wenn Sie und Herr Westerwelle es wirklich
ernst damit meinen, dass wir auf der Seite der Menschen
Edelgard Bulmahn (SPD):
in Bahrain stehen, dann sollten Sie unserem Antrag zu-
Es lohnt sich, darüber zu diskutieren, weil es darum stimmen; das wünsche ich mir. Wir sollten einfach sa-
geht, Sicherheit herzustellen und Menschenleben zu gen: Ab sofort keine Exporte mehr nach Saudi-Arabien.
schützen. Könnten Sie dem zustimmen oder nicht? Wenn nicht,
Vielen Dank. warum nicht?
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ (Beifall bei der LINKEN)
DIE GRÜNEN)
Vizepräsidentin Petra Pau:
Vizepräsidentin Petra Pau: Kollege Fritz, Sie haben das Wort.
Das Wort zu einer Kurzintervention hat jetzt der Kol-
lege van Aken.
Erich G. Fritz (CDU/CSU):
Jan van Aken (DIE LINKE): Herr van Aken, Sie wissen natürlich genau, dass diese
Herr Fritz, ich bin grundsätzlich gegen jede Art von Ja/Nein-Frage so nicht zu beantworten ist. Wenn Sie eine
Rüstungsexporten, weil ich es grundsätzlich falsch finde, Rede in dieser Debatte gehalten hätten, dann hätten Sie
dass Deutschland auch nur einen einzigen Euro daran das alles vortragen können. Eigentlich haben Sie sich
verdient, dass sich andere Menschen gegenseitig tot- nur zu dieser Kurzintervention gemeldet, um Ihren Vor-
schießen. trag nachzuholen.
(Beifall bei der LINKEN) Wenn Sie bestreiten, dass wir eine restriktive Politik
(B) betreiben, dann bitte ich Sie wirklich einmal, Vergleiche (D)
Das beiseite genommen, bin ich jederzeit bereit, zu mit anderen Staaten dieser Welt anzustellen. Es gibt si-
schauen, an welchen einzelnen Punkten man etwas ver- cher Länder, die in Sachen Transparenz noch weiter
bessern könnte. Dass die deutsche Rüstungsexportkon- sind. Wie die Kollegin eben beschrieben hat, gibt es Par-
trolle – das haben Sie gesagt – eine der strengsten der lamente, die vor der Durchführung wichtiger Projekte
Welt sei, ist eine Legende. Das wissen Sie genauso gut einbezogen werden. Über all das kann man reden. Aber
wie ich. Ein Land, das die drittmeisten Waffen in alle man kann nicht durch die Verabschiedung von Anträgen
Welt exportiert und nur noch von den USA und Russland im Nachhinein Verträge annullieren. Man kann an einem
getoppt wird, kann keine strenge Rüstungsexportkon- Freitagnachmittag auch nicht mal eben die Republik in
trolle haben. Ich habe in den letzten Monaten sehr viele einem Punkt aus den Angeln heben.
Beispiele dafür vorgelegt. Sie wissen es, und ich weiß
das. Deswegen muss es darum gehen, an einzelnen Länder haben berechtigterweise Interessen, natürlich
Punkten tatsächlich streng und restriktiv zu werden. auch im Rüstungsbereich. Da Ihre Fraktion die Souverä-
nität dieser Länder nicht beeinträchtigen kann, werden
Herr Fritz – ich kann verstehen, dass Sie hier eher als
Sie daran nichts ändern.
Lobbyist der Rüstungsindustrie auftreten –, ich möchte
Sie ganz konkret nach einem Punkt fragen, den Ihr Au-
ßenminister eben erwähnt hat. Der Außenminister hat in Vizepräsidentin Petra Pau:
der vorherigen Debatte gesagt: Wir sind auch bei den Das Wort hat der Kollege Dr. Lindner für die FDP-
Menschen in Bahrain, die sich gegen das dortige diktato- Fraktion.
rische Regime auflehnen. Sie wissen und ich weiß, dass
Saudi-Arabien mittlerweile in Bahrain einmarschiert ist. (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Auch Sie wissen, dass Deutschland in den letzten fünf der CDU/CSU – Heike Hänsel [DIE LINKE]:
Jahren Waffen für 470 Millionen Euro an Saudi-Arabien Jetzt wird es unterirdisch!)
geliefert hat. Wir alle hier sind uns einig: Die Bundesre-
gierung hat Rüstungsexporte nach Tunesien, nach Ägyp- Dr. Martin Lindner (Berlin) (FDP):
ten und nach Libyen gestoppt. All das war richtig. Wenn Frau Präsidentin! Verehrte Damen! Meine Herren!
Saudi-Arabien jetzt aber Waffen einsetzt, um den Auf- Ich weiß leider nicht, warum wir uns zu dieser Stunde
stand in Bahrain zu bekämpfen, müssten wir dann nicht noch so intensiv mit diesem lächerlichen Schaufenster-
hier und heute entscheiden, dass von Deutschland keine antrag der Linken beschäftigen sollen,
Waffen mehr nach Saudi-Arabien exportiert werden dür-
fen? (Zurufe von der LINKEN)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011 11169
Dr. Martin Lindner (Berlin)
(A) der nur einem einzigen Zweck dient, nämlich mit Blick So haben wir das in der Vergangenheit gemacht. Auch (C)
auf Baden-Württemberg Wahlkampf zu betreiben; das diese Bundesregierung hat das immer gemacht.
hat die Kollegin deutlich gemacht. Es hätte gereicht,
dass Sie einfach diesen völlig undifferenzierten, belang- Außerdem werden wir uns immer dagegen verwahren
losen Antrag einbringen. Dann hätten Sie der Klientel, und aufpassen, dass wir nicht eine Technologie exportie-
um die es Ihnen geht, zeigen können, was Sie für wun- ren, die später in kriegerischen Auseinandersetzungen
derbare Kerle und Frauen sind. dieses Land so verändert, dass es deutlich gefährlicher
als zuvor ist.
Tatsächlich geht es in dieser Frage um eine sehr diffi-
zile und wichtige Angelegenheit. Es geht um Kriegswaf- Wir werden aber natürlich auch die wirtschaftlichen
fen im engeren Sinne. Sie vermischen alles. Es ist Ihnen Interessen unserer Unternehmen bei dieser Frage im
völlig egal. Wie gesagt, geht es Ihnen darum gar nicht. Blick haben. Es wird natürlich nicht so sein, dass all die
Davon abzugrenzen sind sonstige Rüstungsgüter. Das Exporte gestoppt werden, die Sie vorschlagen. Wir sind
Ganze beginnt beim Militärhosenknopf, geht über wei- eine Exportnation, und wir bekennen uns dazu, Export-
tere Ausrüstungsgegenstände bis hin zum Tanklastwa- nation zu sein. Wir setzen uns sogar dafür ein, dass wei-
gen und Ähnlichem. Schließlich geht es um die soge- ter exportiert wird, meine Damen und Herren. Das ist
nannten Dual-use-Produkte. Das sind Güter, die man ganz klar.
sowohl militärisch als auch nichtmilitärisch verwenden (Beifall bei der FDP)
kann. Es geht dabei um Funktechnik, um Tanklastwa-
gen, um Stahlpressen und anderes. All dies ist beider- Sie sagen, Israel dürfe keine Rüstungsprodukte mehr
seits verwendbar. bekommen. Wir haben jedoch eine besondere Verant-
wortung gegenüber Israel. Wir werden Israel selbstver-
(Heike Hänsel [DIE LINKE]: Das ist eine Ver- ständlich auch wehrtechnisch unter die Arme greifen.
harmlosung! – Weitere Zurufe von der LIN-
KEN) (Beifall bei der FDP)
– Frau Präsidentin, fordern Sie Ihre Fraktion dazu auf, Soweit dies im Kampf gegen den Terrorismus und die
mir die Gelegenheit zu geben, hier ungestört zu reden. Piraterie erforderlich ist, werden wir auch Länder wie
Saudi-Arabien technisch unterstützen.
Vizepräsidentin Petra Pau: (Jan van Aken [DIE LINKE]: Fragen Sie ein-
Zurzeit ist keine Fraktion meine Fraktion; vielmehr mal Ihren Außenminister! – Jörn Wunderlich
versuche ich, hier ganz allgemein die Ordnung aufrecht- [DIE LINKE]: An Ihren Händen klebt Blut!)
(B) zuerhalten. (D)
Es ist bekannt, dass EADS einen Küstenschutzauftrag in
(Iris Gleicke [SPD]: Allerdings!) Milliardenhöhe erhalten hat. Das ist auch richtig. Wir
können nicht diese Länder als Partner im Kampf gegen
Dr. Martin Lindner (Berlin) (FDP): Terrorismus und Piraterie betrachten und ihnen auf der
Gut. Dann machen Sie das. anderen Seite Ausrüstung, Funktechnik und Ähnliches
verwehren. Diese Güter werden wir natürlich weiterhin
liefern.
Vizepräsidentin Petra Pau:
Das gilt heute allerdings für alle Seiten dieses Hauses, Wir werden auch weiterhin NATO-Verbündeten Zu-
wenn ich das anmerken darf. gang zu unseren Waffensystemen ermöglichen. Das ist
doch verrückt. Wir können uns doch nicht im Deutschen
Bundestag einen Kopf über die Frage machen, was
Dr. Martin Lindner (Berlin) (FDP):
NATO-Partner erwarten können. Das werden wir auch
Letztlich geht es hier gar nicht um diesen Antrag. nicht zulassen. Wir werden auch den Export von Dual-
Dieser Antrag ist nicht geeignet, uns in dieser Frage use-Produkten zulassen, wenn es nicht einen evidenten
wirklich weiterzubringen, weil er all das auslässt. Hinweis gibt, dass diese Produkte rüstungstechnisch ver-
Frau Kollegin Bulmahn, wenn Sie mit Verweis auf wendet werden. Darauf können Sie sich verlassen. Wir
diesen Report sagen, zwischen 2006 und 2010 seien die werden nicht – was Sie im Sinne haben – der deutschen
Exporte gestiegen, dann fragen Sie sich doch einmal, Industrie und der deutschen Exportwirtschaft den Hahn
wer damals im Bundessicherheitsrat saß. Da saß Außen- abdrehen.
minister Steinmeier. Mich wundert es in diesem Zusam- Frau Bulmahn, es ist witzig: Sie haben mich vorhin
menhang, wenn erst Jahre später, wenn man in der Op- dafür kritisiert, dass ich die ganze Zeit geredet habe. Sel-
position ist, solche Sprüche geklopft werden. ber machen Sie jetzt aber auch nichts anderes. Sie müs-
Ich sage Ihnen ganz klar: Nach Maßgabe der Diffe- sen zumindest die Erwartungen erfüllen, die Sie an an-
renzierung zwischen Kriegswaffen, sonstigen Rüstungs- dere stellen.
gütern und Dual-use-Produkten sind wir als Freie Demo- (Beifall bei der FDP)
kraten natürlich immer dabei, wenn es darum geht, die
Sicherheitsinteressen unseres Landes und unserer Ver- Frau Bulmahn, es kommt natürlich auch nicht infrage,
bündeten zu wahren. Im Zweifel werden wir immer die dass bei einem rein exekutiven Handeln das Parlament
Sicherheit dem kaufmännischen Interesse voranstellen. vorab befasst wird.
11170 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
Griechenland zwei weitere U-Boote im Wert von (Dr. Martin Lindner [Berlin] [FDP]: Das könnt
1,3 Milliarden Euro. ihr nicht mehr ändern, weil ihr nicht mehr re-
giert! Die Vergangenheit könnt nicht einmal
Die Bundesregierung selbst verkaufte zu diesem Zeit- ihr korrigieren!)
punkt noch ausgesonderte Panzerhaubitzen der Bundes- Der unter grüner Regierungsbeteiligung – das ist ein
wehr für 10 Millionen Euro an Griechenland. Dabei for- wichtiger Punkt – eingeführte jährliche Rüstungsexport-
dert der Gemeinsame Standpunkt der EU für bericht wird viel zu spät vorgelegt. Wir fordern in unse-
Waffenausfuhren, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit rem Antrag die Vorlage dieses Berichtes parallel zum
des Empfängerlandes zu berücksichtigen. Gerade die Abrüstungsbericht im Frühjahr.
Bundesregierung, damals schon mit 25 Milliarden Euro
größter einzelner Kreditgeber, hätte wissen müssen, dass (Dr. Martin Lindner [Berlin] [FDP]: Als der
sich Griechenland die – pro Kopf gerechnet – größte Ar- Fischer Außenminister war, habt ihr nichts ge-
(B) mee Europas nicht ansatzweise leisten konnte. fordert!) (D)
Die Zahlen liegen allesamt bereits vor. Es gibt keinen er-
Als Konsequenz fordern wir Grünen in unserem An- sichtlichen Grund, die Vorlage des Berichtes über Mo-
trag, dass der Gemeinsame Standpunkt der EU auch auf nate hinauszuzögern.
Rüstungsexporte innerhalb der EU konsequent ange-
wandt wird.
Vizepräsidentin Petra Pau:
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Kollegin Keul, jetzt müssen Sie bitte auf die Zeit ach-
ten.
Insgesamt bestehen erhebliche Defizite bei der Trans-
parenz und den Möglichkeiten öffentlicher Kontrolle der Katja Keul (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rüstungsexporte. Die Bundesregierung gibt ihre Gründe Weitere konkrete Vorschläge zur Verbesserung der
für einzelne Exportgenehmigungen grundsätzlich nicht Kontrollmechanismen sind in Arbeit. Sie sind alle herz-
preis, sondern entscheidet geheim im Bundessicherheits- lich eingeladen, daran mitzuwirken. Lassen Sie uns ge-
rat. Auf diesem Weg ist Deutschland zum drittgrößten meinsam für eine restriktive und für eine an der Frie-
Waffenexporteur der Welt geworden. Das darf nicht so denspolitik ausgerichtete Rüstungskontrolle Sorge
bleiben. tragen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Vielen Dank.
und bei der SPD – Dr. Peter Röhlinger [FDP]:
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Das sagen Sie! Ich sehe das nicht so!)
und bei der SPD)
Die Forderung der Linken nach einem Handelsverbot
für sämtliche Rüstungsgüter scheint mir doch sehr davon Vizepräsidentin Petra Pau:
geprägt, dass die Linke nicht wirklich damit rechnet, ein Bevor ich die Debatte schließe, verweise ich all dieje-
solches Verbot praktisch umsetzen zu müssen. nigen, die im Moment ein wenig aufgeregt sind, auf § 27
unserer Geschäftsordnung, der das Thema Worterteilung
Uns Grünen ist vor allem mehr parlamentarische und Wortmeldung, darin auch Kurzinterventionen und
Kontrolle der Rüstungsexporte wichtig. Der Bundestag Zwischenfragen, zum Inhalt hat. In der nächsten Sit-
muss in die Genehmigungsverfahren einbezogen wer- zungswoche können wir dann sicher entsprechend wie-
den. der in die Debatte einsteigen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Ich schließe die Aussprache.
11172 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
(B) (D)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011 11173
Anlage 1
Liste der entschuldigten Abgeordneten
Bulling-Schröter, Eva DIE LINKE 18.03.2011 Körper, Fritz Rudolf SPD 18.03.2011
(B) Dağdelen, Sevim DIE LINKE 18.03.2011 Kressl, Nicolette SPD 18.03.2011 (D)
Dr. Danckert, Peter SPD 18.03.2011 Kuhn, Fritz BÜNDNIS 90/ 18.03.2011
DIE GRÜNEN
Ernst, Klaus DIE LINKE 18.03.2011
Kunert, Katrin DIE LINKE 18.03.2011
Ernstberger, Petra SPD 18.03.2011
Leidig, Sabine DIE LINKE 18.03.2011
Fischbach, Ingrid CDU/CSU 18.03.2011
Dr. h. c. Michelbach, CDU/CSU 18.03.2011
Fischer (Karlsruhe- CDU/CSU 18.03.2011* Hans
Land), Axel E.
Nouripour, Omid BÜNDNIS 90/ 18.03.2011
Freitag, Dagmar SPD 18.03.2011 DIE GRÜNEN
Friedhoff, Paul K. FDP 18.03.2011 Dr. Ott, Hermann BÜNDNIS 90/ 18.03.2011
DIE GRÜNEN
Göppel, Josef CDU/CSU 18.03.2011
Petermann, Jens DIE LINKE 18.03.2011
Dr. Gysi, Gregor DIE LINKE 18.03.2011
Dr. Pfeiffer, Joachim CDU/CSU 18.03.2011
Hartmann (Wackernheim), SPD 18.03.2011
Michael Pieper, Cornelia FDP 18.03.2011
Dr. Hendricks, Barbara SPD 18.03.2011 Roth (Augsburg), BÜNDNIS 90/ 18.03.2011
Claudia DIE GRÜNEN
Hennrich, Michael CDU/CSU 18.03.2011*
Dr. Schavan, Annette CDU/CSU 18.03.2011
Höfken, Ulrike BÜNDNIS 90/ 18.03.2011
DIE GRÜNEN Schlecht, Michael DIE LINKE 18.03.2011
11174 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 97. Sitzung. Berlin, Freitag, den 18. März 2011
Die Vorsitzenden der folgenden Ausschüsse haben Ausschuss für Bildung, Forschung und
mitgeteilt, dass der Ausschuss die nachstehenden Unions- Technikfolgenabschätzung
dokumente zur Kenntnis genommen oder von einer Be- Drucksache 17/720 Nr. A.16
ratung abgesehen hat. Ratsdokument 5265/10
Drucksache 17/2071 Nr. A.33
Ratsdokument 9348/10
Auswärtiger Ausschuss Drucksache 17/3280 Nr. A.11
Ratsdokument 13486/10
Drucksache 17/4509 Nr. A.6
Ratsdokument 16906/10
Ausschuss für die Angelegenheiten der
Innenausschuss Europäischen Union
Drucksache 17/4768 Nr. A.3 Drucksache 17/4338 Nr. A.22
Ratsdokument 5659/11 EuB-EP 2089; P7_TA-PROV(2010)0376
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co., Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft mbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-7980