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Deutscher Bundestag: Stenografischer Bericht 55. Sitzung

Das Plenarprotokoll dokumentiert die 55. Sitzung des Deutschen Bundestags am 8. Juli 2010. Es enthält Berichte zu verschiedenen Tagesordnungspunkten und Redebeiträgen der anwesenden Abgeordneten zu Themen wie Religionsfreiheit, Atomenergie und Patentrecht.

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Deutscher Bundestag: Stenografischer Bericht 55. Sitzung

Das Plenarprotokoll dokumentiert die 55. Sitzung des Deutschen Bundestags am 8. Juli 2010. Es enthält Berichte zu verschiedenen Tagesordnungspunkten und Redebeiträgen der anwesenden Abgeordneten zu Themen wie Religionsfreiheit, Atomenergie und Patentrecht.

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Plenarprotokoll 17/55

Deutscher Bundestag
Stenografischer Bericht

55. Sitzung

Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Inhalt:

Glückwünsche zum Geburtstag der Abgeord- Volker Beck (Köln) (BÜNDNIS 90/
neten Dr. Peter Danckert, Beatrix Philipp, DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5591 C
Gerda Hasselfeldt und Petra Crone . . . . . . 5583 B
Johannes Singhammer (CDU/CSU) . . . . . . . 5592 C
Wahl des Abgeordneten Jimmy Schulz als
Angelika Graf (Rosenheim) (SPD) . . . . . . . . 5593 C
stellvertretendes Mitglied im Kuratorium
der „Stiftung Erinnerung, Verantwortung Pascal Kober (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5595 A
und Zukunft“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5583 B
Annette Groth (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 5595 D
Erweiterung und Abwicklung der Tagesord-
Tom Koenigs (BÜNDNIS 90/
nung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5583 B
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5596 C
Absetzung der Tagesordnungspunkte 10 und Erika Steinbach (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 5597 B
11a . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5585 A
Volker Beck (Köln) (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5598 D
Tagesordnungspunkt 3: Erika Steinbach (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 5598 D
a) Antrag der Abgeordneten Volker Kauder, Siegmund Ehrmann (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . 5599 A
Ute Granold, Erika Steinbach, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion der CDU/ Dr. Stefan Ruppert (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . 5600 A
CSU sowie der Abgeordneten Marina
Ute Granold (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . 5600 C
Schuster, Pascal Kober, Serkan Tören, wei-
terer Abgeordneter und der Fraktion der
FDP: Religionsfreiheit weltweit schützen
(Drucksache 17/2334) . . . . . . . . . . . . . . . . Tagesordnungspunkt 4:
5585 B
a) Antrag der Abgeordneten Ulrich Kelber,
b) Antrag der Abgeordneten Volker Beck
Ingrid Arndt-Brauer, Sabine Bätzing-
(Köln), Tom Koenigs, Josef Philip Winkler,
Lichtenthäler, weiterer Abgeordneter und
weiterer Abgeordneter und der Fraktion
der Fraktion der SPD: Brennelemente-
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Das Men-
steuer – Windfall Profits der Atomwirt-
schenrecht auf Religions- und Glau-
schaft abschöpfen
bensfreiheit stärken
(Drucksache 17/2410) . . . . . . . . . . . . . . . 5601 D
(Drucksache 17/2424) . . . . . . . . . . . . . . . . 5585 C
b) Antrag der Abgeordneten Sylvia Kotting-
Volker Kauder (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 5585 C Uhl, Lisa Paus, Bärbel Höhn, weiterer Ab-
Christoph Strässer (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . 5587 B geordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN: Atomkosten anlasten –
Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister Brennelementesteuer jetzt einführen
AA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5588 C (Drucksache 17/2425) . . . . . . . . . . . . . . . 5602 A
Raju Sharma (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 5590 A Ingrid Arndt-Brauer (SPD) . . . . . . . . . . . . . . 5602 A
II Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Dr. Frank Steffel (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 5603 B Bartels, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion der SPD: Neue Initiative für
Ulrich Kelber (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5604 D
Neuheitsschonfrist im Patentrecht star-
Eva Bulling-Schröter (DIE LINKE) . . . . . . . . 5605 A ten
(Drucksache 17/1052) . . . . . . . . . . . . . . . 5626 A
Dr. Birgit Reinemund (FDP) . . . . . . . . . . . . . 5606 C
Sylvia Kotting-Uhl (BÜNDNIS 90/ d) Antrag des Bundesministeriums der Fi-
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5607 C nanzen: Entlastung der Bundesregie-
rung für das Haushaltsjahr 2009 – Vor-
Thomas Bareiß (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 5608 D lage der Vermögensrechnung des Bundes
Hans-Josef Fell (BÜNDNIS 90/ für das Haushaltsjahr 2009 –
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5609 B (Drucksache 17/2305) . . . . . . . . . . . . . . . 5626 B
Oliver Kaczmarek (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . 5611 C e) Antrag der Abgeordneten Dr. Martina
Michael Kauch (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5613 A Bunge, Dr. Gesine Lötzsch, Dr. Dietmar
Bartsch, weiterer Abgeordneter und der
Bärbel Höhn (BÜNDNIS 90/ Fraktion DIE LINKE: Auch Verletzten-
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5613 B renten von NVA-Angehörigen der DDR
Ulrich Kelber (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 5613 D anrechnungsfrei auf die Grundsiche-
rung für Arbeitsuchende stellen
Dr. Barbara Höll (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 5614 D (Drucksache 17/2326) . . . . . . . . . . . . . . . 5626 B
Dr. Georg Nüßlein (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 5615 D f) Antrag der Abgeordneten Katrin Werner,
Bärbel Höhn (BÜNDNIS 90/ Jan van Aken, Christine Buchholz, weite-
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5617 B rer Abgeordneter und der Fraktion DIE
LINKE: Menschenrechte und Friedens-
Klaus Breil (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5619 A prozess in Sri Lanka fördern
Ulrich Kelber (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5619 D (Drucksache 17/2417) . . . . . . . . . . . . . . . 5626 C
Dr. Joachim Pfeiffer (CDU/CSU) . . . . . . . 5621 C g) Antrag der Abgeordneten Heidrun Bluhm,
Michael Kauch (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . 5622 A Dr. Gesine Lötzsch, Dr. Dietmar Bartsch,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE
Dr. Joachim Pfeiffer (CDU/CSU) . . . . . . . . . 5622 B LINKE: Wohnungslosigkeit in Deutsch-
Ulrich Kelber (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5622 D land – Einführung einer Bundesstatistik
(Drucksache 17/2434) . . . . . . . . . . . . . . . 5626 C
Dr. Michael Fuchs (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 5622 D
h) Antrag der Abgeordneten Ingrid Nestle,
Ulrich Kelber (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5624 C
Winfried Hermann, Fritz Kuhn, weiterer
Dr. Michael Fuchs (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 5625 A Abgeordneter und der Fraktion BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN: PKW-Energie-
Sylvia Kotting-Uhl (BÜNDNIS 90/
verbrauchskennzeichnung am Klima-
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5625 B
schutz ausrichten
Dr. Michael Fuchs (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 5625 C (Drucksache 17/2435) . . . . . . . . . . . . . . . 5626 C
i) Antrag der Abgeordneten Markus Tressel,
Tagesordnungspunkt 38: Nicole Maisch, Ingrid Hönlinger, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion BÜND-
a) Erste Beratung des von den Abgeordneten NIS 90/DIE GRÜNEN: Reisende besser
Bettina Herlitzius, Friedrich Ostendorff, schützen
Undine Kurth (Quedlinburg), weiteren Ab- (Drucksache 17/2428) . . . . . . . . . . . . . . . 5626 D
geordneten und der Fraktion BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN eingebrachten Entwurfs ei- j) Antrag der Abgeordneten Dr. Wolfgang
nes Ersten Gesetzes zur Änderung des Strengmann-Kuhn, Katrin Göring-Eckardt,
Baugesetzbuchs – Beschränkung der Fritz Kuhn, weiterer Abgeordneter und
Massentierhaltung im Außenbereich der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:
(Drucksache 17/1582) . . . . . . . . . . . . . . . . 5626 A Mindestbeiträge zur Rentenversiche-
b) Erste Beratung des von der Bundesregie- rung verbessern, statt sie zu streichen
rung eingebrachten Entwurfs eines Geset- (Drucksache 17/2436) . . . . . . . . . . . . . . . 5626 D
zes über die weitere Bereinigung von
k) Antrag der Abgeordneten Manuel Sarrazin,
Bundesrecht
Marieluise Beck (Bremen), Volker Beck
(Drucksache 17/2279) . . . . . . . . . . . . . . . . 5626 A
(Köln), weiterer Abgeordneter und der
c) Antrag der Abgeordneten René Röspel, Dr. Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:
Ernst Dieter Rossmann, Dr. Hans-Peter Unterrichtungs- und Mitwirkungsrechte
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 III

des Bundestages in Bezug auf Europäi- schen Parlaments aus der Bundesrepu-
sche Räte stärken blik Deutschland am 7. Juni 2009
(Drucksache 17/2437) . . . . . . . . . . . . . . . . 5626 B (Drucksache 17/2200) . . . . . . . . . . . . . . . 5628 A
l) Antrag der Abgeordneten Katja Keul, Thomas Strobl (Heilbronn) (CDU/CSU) . . . . 5628 B
Marieluise Beck (Bremen), Volker Beck
b) Beratung der Ersten Beschlussempfehlung
(Köln), weiterer Abgeordneter und der
des Wahlprüfungsausschusses: zu Ein-
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Ge-
sprüchen gegen die Gültigkeit der Wahl
meinsamen Standpunkt der EU für Waf-
zum 17. Deutschen Bundestag am 27.
fenausfuhren auch bei Rüstungsexporten
September 2009
an EU, NATO und NATO-gleichgestellte
(Drucksache 17/2250) . . . . . . . . . . . . . . . 5629 C
Länder konsequent umsetzen
(Drucksache 17/2438) . . . . . . . . . . . . . . . . 5627 A c) – Zweite Beratung und Schlussabstim-
mung des von der Bundesregierung
m) Antrag der Abgeordneten Tom Koenigs, eingebrachten Entwurfs eines Geset-
Volker Beck (Köln), Josef Philip Winkler, zes zu dem Änderungsprotokoll vom
weiterer Abgeordneter und der Fraktion 11. Dezember 2009 zum Abkommen
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Weitere vom 23. August 1958 zwischen der
iranische Flüchtlinge aus der Türkei in Bundesrepublik Deutschland und
Deutschland aufnehmen dem Großherzogtum Luxemburg
(Drucksache 17/2439) . . . . . . . . . . . . . . . . 5627 B zur Vermeidung der Doppelbesteue-
rungen und über gegenseitige Amts-
und Rechtshilfe auf dem Gebiete der
Tagesordnungspunkt 11: Steuern vom Einkommen und vom
Vermögen sowie der Gewerbesteu-
b) Antrag der Abgeordneten Marieluise Beck ern und der Grundsteuern
(Bremen), Volker Beck (Köln), Viola von (Drucksache 17/1943) . . . . . . . . . . . . . 5629 D
Cramon-Taubadel, weiterer Abgeordneter
und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- – Zweite Beratung und Schlussabstim-
NEN: Modernisierung braucht Rechts- mung des von der Bundesregierung
staatlichkeit – Partnerschaft mit Russ- eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes
land fördern zu dem Abkommen vom 13. Juli 2006
(Drucksache 17/2426) . . . . . . . . . . . . . . . . 5627 B zwischen der Regierung der Bundes-
republik Deutschland und der maze-
donischen Regierung zur Vermei-
dung der Doppelbesteuerung auf
Zusatztagesordnungspunkt 2: dem Gebiet der Steuern vom Ein-
a) Erste Beratung des von den Abgeordneten kommen und vom Vermögen
Manuel Sarrazin, Dr. Frithjof Schmidt, (Drucksachen 17/1944, 17/2248) . . . . 5629 D
Marieluise Beck (Bremen), weiteren Ab- d) Zweite und dritte Beratung des von der
geordneten und der Fraktion BÜND- Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
NIS 90/DIE GRÜNEN eingebrachten Ent- eines Gesetzes über die Verwendung
wurfs eines Gesetzes zu dem EFSF-Rah- von Verwaltungsdaten für Wirtschafts-
menvertrag vom 7. Juni 2010 statistiken und zur Änderung von Sta-
(Drucksache 17/2412) . . . . . . . . . . . . . . . . 5627 B tistikgesetzen
b) Antrag der Abgeordneten Ernst-Reinhard (Drucksachen 17/1899, 17/2467) . . . . . . . 5630 B
Beck (Reutlingen), Peter Altmaier, Michael e) Zweite Beratung und Schlussabstimmung
Brand, weiterer Abgeordneter und der des von der Bundesregierung eingebrach-
Fraktion der CDU/CSU sowie der Abge- ten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Pro-
ordneten Elke Hoff, Rainer Erdel, tokoll vom 15. Mai 2003 zur Änderung
Burkhardt Müller-Sönksen, weiterer Ab- des Europäischen Übereinkommens
geordneter und der Fraktion der FDP: Ver- vom 27. Januar 1977 zur Bekämpfung
besserung der Regelungen zur Einsatz- des Terrorismus
versorgung (Drucksachen 17/2067, 17/2370) . . . . . . . 5630 C
(Drucksache 17/2433) . . . . . . . . . . . . . . . . 5627 C
f) Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-
schusses für Wirtschaft und Technologie
Tagesordnungspunkt 39: zu der Verordnung der Bundesregierung:
Einhundertneunte Verordnung zur Än-
a) Beratung der Zweiten Beschlussempfeh- derung der Ausfuhrliste – Anlage AL
lung des Wahlprüfungsausschusses: zu zur Außenwirtschaftsverordnung –
Einsprüchen gegen die Gültigkeit der (Drucksachen 17/1624, 17/1819 Nr. 2, 17/
Wahl der Abgeordneten des Europäi- 2379) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5630 D
IV Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

g) Beschlussempfehlung und Bericht des Aus- Zusatztagesordnungspunkt 4:


schusses für Ernährung, Landwirtschaft
und Verbraucherschutz zu dem Antrag der Aktuelle Stunde auf Verlangen der Fraktion
Abgeordneten Cornelia Behm, Ulrike DIE LINKE: Gesundheitspolitik ohne Per-
Höfken, Bärbel Höhn, weiterer Abgeord- spektive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5636 A
neter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE Dr. Martina Bunge (DIE LINKE) . . . . . . . . . 5636 B
GRÜNEN: Deklarationspflicht für Palmöl
in Lebensmitteln Jens Spahn (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . 5637 A
(Drucksachen 17/1780, 17/2316) . . . . . . . 5630 D Dr. Karl Lauterbach (SPD) . . . . . . . . . . . . . . 5638 C
h) Beschlussempfehlung des Petitionsausschus- Christine Aschenberg-Dugnus (FDP) . . . . . . 5640 A
ses: Sammelübersicht 116 zu Petitionen
(Drucksache 17/2317) . . . . . . . . . . . . . . . . 5631 A Maria Anna Klein-Schmeink (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5641 C
i) Beschlussempfehlung des Rechtsausschus-
ses: Übersicht 3 über die dem Deutschen Annette Widmann-Mauz,
Bundestag zugeleiteten Streitsachen vor Parl. Staatssekretärin BMG . . . . . . . . . . . . 5642 D
dem Bundesverfassungsgericht
(Drucksache 17/2459) . . . . . . . . . . . . . . . . 5631 B Bärbel Bas (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5644 C
Dr. Erwin Lotter (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . 5645 D

Zusatztagesordnungspunkt 3: Harald Weinberg (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 5647 A


a) Beschlussempfehlung des Ausschusses nach Stephan Stracke (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 5648 A
Artikel 77 des Grundgesetzes (Vermitt- Steffen-Claudio Lemme (SPD) . . . . . . . . . . . 5649 C
lungsausschuss) zu dem ... Gesetz zur
Änderung des Erneuerbare-Energien- Dr. Rolf Koschorrek (CDU/CSU) . . . . . . . . . 5650 C
Gesetzes
Maria Michalk (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 5651 C
(Drucksachen 17/1147, 17/1604, 17/1950,
17/2402) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5631 B
b) Antrag der Abgeordneten Sylvia Kotting- Tagesordnungspunkt 6:
Uhl, Priska Hinz (Herborn), Manuel
Sarrazin, weiterer Abgeordneter und der a) Antrag der Abgeordneten Sabine Weiss
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: (Wesel I), Holger Haibach, Dr. Christian
EU-Forschungsetat auf Innovation und Ruck, weiterer Abgeordneter und der Frak-
Nachhaltigkeit für 2020 fokussieren – tion der CDU/CSU sowie der Abgeordne-
Ratsentscheidung ITER-Projekt nicht ten Harald Leibrecht, Helga Daub,
zustimmen Joachim Günther (Plauen), weiterer Abge-
(Drucksache 17/2440) . . . . . . . . . . . . . . . . 5631 C ordneter und der Fraktion der FDP: Bemü-
hungen zur Umsetzung der Millenniums-
c) – n) entwicklungsziele bis 2015 verstärken
(Drucksache 17/2421) . . . . . . . . . . . . . . . 5651 D
Beschlussempfehlungen des Petitionsaus-
schusses: Sammelübersichten 117, 118, b) Antrag der Abgeordneten Anette Hübinger,
119, 120, 121, 122, 123, 124, 125, 126, Holger Haibach, Dr. Christian Ruck, wei-
127 und 128 zu Petitionen terer Abgeordneter und der Fraktion der
(Drucksachen 17/2442, 17/2443, 17/2444, CDU/CSU sowie der Abgeordneten Harald
17/2445, 17/2446, 17/2447, 17/2448, Leibrecht, Helga Daub, Joachim Günther
17/2449, 17/2450, 17/2451, 17/2452, (Plauen), weiterer Abgeordneter und der
17/2453) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5631 D Fraktion der FDP: Bildung in Entwick-
lungs- und Schwellenländern stärken –
Bildungsmaßnahmen anpassen und wirk-
Tagesordnungspunkt 5: samer gestalten
(Drucksache 17/2134) . . . . . . . . . . . . . . . 5651 D
Wahl von Mitgliedern des Stiftungsrates der
„Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ c) Beschlussempfehlung und Bericht des
(Drucksachen 17/2414, 17/2415) . . . . . . . . . . 5632 D Ausschusses für wirtschaftliche Zusam-
menarbeit und Entwicklung
Dr. Angelica Schwall-Düren (SPD)
(Erklärung nach § 31 GO) . . . . . . . . . . . . . 5633 A – zu dem Antrag der Abgeordneten Dr.
Dr. Lukrezia Jochimsen (DIE LINKE) Sascha Raabe, Lothar Binding (Hei-
(Erklärung nach § 31 GO) . . . . . . . . . . . . . delberg), Dr. h. c. Gernot Erler, weite-
5633 D
rer Abgeordneter und der Fraktion der
Volker Beck (Köln) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- SPD: Herausforderung Millenniums-
NEN) (Erklärung nach § 31 GO) . . . . . . . . 5634 B Entwicklungsziele
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 V

– zu dem Antrag der Abgeordneten Niema Halina Wawzyniak (DIE LINKE) . . . . . . . 5673 B
Movassat, Heike Hänsel, Annette Groth,
Ingrid Hönlinger (BÜNDNIS 90/
weiterer Abgeordneter und der Frak-
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5674 A
tion DIE LINKE: Steigerung der Ent-
wicklungshilfequote auf 0,7 Prozent Manuel Höferlin (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . 5674 D
gesetzlich festlegen
Michael Frieser (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 5675 C
– zu dem Antrag der Abgeordneten Thilo
Gabriele Fograscher (SPD) . . . . . . . . . . . . . . 5677 A
Hoppe, Uwe Kekeritz, Ute Koczy,
weiterer Abgeordneter und der Frak-
tion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:
Mit dem Global Green New Deal die Tagesordnungspunkt 8:
Millenniumsentwicklungsziele errei- a) Zweite und dritte Beratung des von der
chen Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
(Drucksachen 17/2018, 17/2024, 17/2132, eines Gesetzes für bessere Beschäfti-
17/2464) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . gungschancen am Arbeitsmarkt – Be-
5652 A
schäftigungschancengesetz
Gudrun Kopp, Parl. Staatssekretärin (Drucksachen 17/1945, 17/2454) . . . . . . . 5678 B
BMZ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5652 B
– Bericht des Haushaltsausschusses ge-
Dr. Bärbel Kofler (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 5653 B mäß § 96 der Geschäftsordnung
(Drucksache 17/2455) . . . . . . . . . . . . . 5678 B
Dr. Christian Ruck (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 5655 B
b) Beschlussempfehlung und Bericht des
Heike Hänsel (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 5657 A
Ausschusses für Arbeit und Soziales zu
Ute Koczy (BÜNDNIS 90/ dem Antrag der Abgeordneten Gabriele
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5658 B Lösekrug-Möller, Anette Kramme, Hubertus
Heil (Peine), weiterer Abgeordneter und
Harald Leibrecht (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . 5659 B
der Fraktion der SPD: Arbeitsmarktpoli-
Dr. Sascha Raabe (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 5660 A tik erfolgreich umsetzen und ausbauen
(Drucksachen 17/2321, 17/2454) . . . . . . . 5678 B
Marina Schuster (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . 5661 A
c) Zweite und dritte Beratung des von den
Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) . . . . . . . . 5662 D
Abgeordneten Sabine Zimmermann, Jutta
Marina Schuster (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5663 A Krellmann, Klaus Ernst, weiteren Abge-
ordneten und der Fraktion DIE LINKE
Sabine Weiss (Wesel I) (CDU/CSU) . . . . . . . 5663 B
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes
Thilo Hoppe (BÜNDNIS 90/ zur Entfristung der freiwilligen Weiter-
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5664 B versicherung in der Arbeitslosenversi-
cherung
Anette Hübinger (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 5665 A (Drucksachen 17/1141, 17/1636) . . . . . . . 5678 C
d) Beschlussempfehlung und Bericht des
Tagesordnungspunkt 7: Ausschusses für Arbeit und Soziales zu
dem Antrag der Abgeordneten Brigitte
Erste Beratung des von den Abgeordneten
Pothmer, Fritz Kuhn, Katrin Göring-
Halina Wawzyniak, Ulla Jelpke, Jan Korte,
Eckardt, weiterer Abgeordneter und der
weiteren Abgeordneten und der Fraktion DIE
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:
LINKE eingebrachten Entwurfs eines … Ge-
Freiwillige Arbeitslosenversicherung für
setzes zur Änderung des Grundgesetzes
Selbstständige entfristen und ausbauen
(Einführung der dreistufigen Volksgesetz-
(Drucksachen 17/1166, 17/1636) . . . . . . . 5678 C
gebung in das Grundgesetz)
(Drucksache 17/1199) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5666 D Dr. Ralf Brauksiepe, Parl. Staatssekretär
BMAS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5678 D
Halina Wawzyniak (DIE LINKE) . . . . . . . . . 5666 D
Anette Kramme (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5680 B
Helmut Brandt (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 5667 D
Dr. Heinrich L. Kolb (FDP) . . . . . . . . . . . . . . 5681 C
Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5668 D Sabine Zimmermann (DIE LINKE) . . . . . . . . 5682 D
Wolfgang Wieland (BÜNDNIS 90/ Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5669 C DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5684 A
Michael Hartmann (Wackernheim) (SPD) . . . 5670 D Karl Schiewerling (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 5685 A
Michael Grosse-Brömer (CDU/CSU) . . . . 5671 B Silvia Schmidt (Eisleben) (SPD) . . . . . . . . . . 5686 D
Jimmy Schulz (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5672 C Johannes Vogel (Lüdenscheid) (FDP) . . . . . . 5687 D
VI Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/ Tagesordnungspunkt 13:


DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5688 C
a) Antrag der Abgeordneten Karin Roth (Ess-
lingen), Burkhard Lischka, René Röspel,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion
Tagesordnungspunkt 9:
der SPD: Deutschlands Verantwortung
Antrag der Abgeordneten Christine Scheel, für die Gesundheit in Entwicklungslän-
Ingrid Hönlinger, Fritz Kuhn, weiterer Abge- dern – Vernachlässigte Krankheiten be-
ordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE kämpfen, Kinder- und Müttersterblich-
GRÜNEN: Insolvenzrechtsreform unver- keit verringern und Globalen Fonds
züglich vorlegen – Außergerichtliche Sa- stärken
nierungsverfahren stärken – Insolvenz- (Drucksache 17/2135) . . . . . . . . . . . . . . . 5704 C
planverfahren attraktiver gestalten b) Beschlussempfehlung und Bericht des
(Drucksache 17/2008) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5689 C Ausschusses für wirtschaftliche Zusam-
Christine Scheel (BÜNDNIS 90/ menarbeit und Entwicklung zu dem An-
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5689 D trag der Abgeordneten Uwe Kekeritz, Ute
Koczy, Thilo Hoppe, weiterer Abgeordne-
Elisabeth Winkelmeier-Becker (CDU/CSU) . . . 5690 C ter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE
Burkhard Lischka (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . 5692 C GRÜNEN: Die Ziele der Bundesregie-
rung in der Weltgesundheitsorganisa-
Christian Ahrendt (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . 5693 B tion neu ausrichten
Richard Pitterle (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 5694 C (Drucksachen 17/1581, 17/2465) . . . . . . . 5704 C

Sonja Steffen (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5695 B Karin Roth (Esslingen) (SPD) . . . . . . . . . . . . 5704 D


Sabine Weiss (Wesel I) (CDU/CSU) . . . . . . . 5706 C
Niema Movassat (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 5707 C
Tagesordnungspunkt 12:
Dr. Christiane Ratjen-Damerau (FDP) . . . . . . 5708 B
a) Zweite und dritte Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs Dr. Sascha Raabe (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . 5710 B
eines Gesetzes zur Umsetzung der geän-
Uwe Kekeritz (BÜNDNIS 90/
derten Bankenrichtlinie und der geän-
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5710 C
derten Kapitaladäquanzrichtlinie
(Drucksachen 17/1720, 17/1803, 17/2472) 5696 B Jürgen Klimke (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 5711 C
b) Beschlussempfehlung und Bericht des Fi-
nanzausschusses
Tagesordnungspunkt 14:
– zu dem Antrag der Fraktionen CDU/ Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-
CSU, SPD, FDP und BÜNDNIS 90/ schusses für Umwelt, Naturschutz und Reak-
DIE GRÜNEN: Stabilisierung des torsicherheit zu der Unterrichtung durch den
Finanzsektors – Eigenkapitalvor- Parlamentarischen Beirat für nachhaltige Ent-
schriften für Banken angemessen wicklung: Bericht des Parlamentarischen
überarbeiten Beirats für nachhaltige Entwicklung
– zu der Unterrichtung durch die Bun- (Berichtszeitraum 6. April 2006 bis
desregierung: Bericht über die Um- 25. März 2009)
setzung der neu gefassten Banken- (Drucksachen 16/12560, 17/790 Nr. 35, 17/1807) 5712 D
richtlinie und der neu gefassten Marcus Weinberg (Hamburg) (CDU/CSU) . . 5713 A
Kapitaladäquanzrichtlinie
Dr. Matthias Miersch (SPD) . . . . . . . . . . . . . 5714 C
(Drucksachen 17/1756, 16/13741, 17/2472) 5696 C
Michael Kauch (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5715 D
Ralph Brinkhaus (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 5696 D
Ralph Lenkert (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 5716 B
Manfred Zöllmer (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 5699 A
Dr. Valerie Wilms (BÜNDNIS 90/
Björn Sänger (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5700 C DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5717 B
Dr. Gerhard Schick (BÜNDNIS 90/ Dr. Günter Krings (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 5718 B
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5701 B
Dr. Axel Troost (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 5701 D
Tagesordnungspunkt 20:
Dr. Gerhard Schick (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Antrag der Abgeordneten Dr. Eva Högl, Dr.
5702 C
Peter Danckert, Sebastian Edathy, weiterer
Leo Dautzenberg (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 5703 C Abgeordneter und der Fraktion der SPD: zu
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 VII

dem Vorschlag für eine Richtlinie des Eu- – zu dem Antrag der Abgeordneten Klaus
ropäischen Parlaments und des Rates zur Riegert, Eberhard Gienger, Stephan Mayer
Verhütung und Bekämpfung von Men- (Altötting), weiterer Abgeordneter und der
schenhandel und zum Opferschutz sowie Fraktion der CDU/CSU sowie der Abge-
zur Aufhebung des Rahmenbeschlusses ordneten Joachim Günther (Plauen), Dr.
2002/629/JI des Rates (Ratsdok. 8157/10) Lutz Knopek, Gisela Piltz, weiterer Abge-
hier: Stellungnahme gegenüber der Bun- ordneter und der Fraktion der FDP: Eu-
desregierung gemäß Artikel 23 Ab- ropa in Bewegung – Mit Kompetenz
satz 3 des Grundgesetzes und Verantwortung für einen europäi-
Menschenhandel bekämpfen – Opferschutz schen Mehrwert im Sport
stärken
– zu dem Antrag der Abgeordneten Martin
(Drucksache 17/2344) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5720 A Gerster, Sabine Bätzing, Gabriele Fograscher,
Ute Granold (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . 5720 B weiterer Abgeordneter und der Fraktion
der SPD: Den Sport in Europa voran-
Dr. Eva Högl (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5722 A bringen
Jörg van Essen (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5723 A – zu dem Antrag der Abgeordneten Viola
Ulla Jelpke (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . . 5723 D von Cramon-Taubadel, Winfried Hermann,
Volker Beck (Köln), weiterer Abgeordne-
Jerzy Montag (BÜNDNIS 90/ ter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5724 B GRÜNEN: Sport in der Europäischen
Union – Den Lissabon-Vertrag mit Le-
ben füllen
Tagesordnungspunkt 16:
(Drucksachen 17/2129, 17/1406, 17/1420,
Vereinbarte Debatte: Legislativ- und Ar- 17/2468) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5739 C
beitsprogramm der Europäischen Kommis-
sion für 2010 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5725 C Klaus Riegert (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 5739 D
Oliver Luksic (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5725 C Stephan Mayer (Altötting) (CDU/CSU) . . . . . 0000 A
5741
Michael Roth (Heringen) (SPD) . . . . . . . . . . . 5726 D Martin Gerster (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5741 D
Bettina Kudla (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 5728 A Axel Schäfer (Bochum) (SPD) . . . . . . . . . . . . 5742 C
Thomas Nord (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 5729 A Joachim Günther (Plauen) (FDP) . . . . . . . . . 5743 B
Manuel Sarrazin (BÜNDNIS 90/ Jens Petermann (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 5743 D
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5729 D Viola von Cramon-Taubadel (BÜNDNIS 90/
Matthias Lietz (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 5730 D DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5745 A

Tagesordnungspunkt 15: Tagesordnungspunkt 17:

Antrag der Abgeordneten Sevim Dağdelen, a) Beschlussempfehlung und Bericht des


Jan Korte, Ulla Jelpke, weiterer Abgeordneter Ausschusses für Arbeit und Soziales zu
und der Fraktion DIE LINKE: Ausgrenzung dem Antrag der Abgeordneten Markus
beenden – Einbürgerungen umfassend er- Kurth, Monika Lazar, Katja Dörner, weite-
leichtern rer Abgeordneter und der Fraktion BÜND-
(Drucksache 17/2351) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5731 D NIS 90/DIE GRÜNEN: Bericht der Bun-
desregierung über die Lage behinderter
Sevim Dağdelen (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 5732 A Menschen und die Entwicklung ihrer
Helmut Brandt (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 5732 D Teilhabe umfassender und detaillierter
vorlegen
Daniela Kolbe (Leipzig) (SPD) . . . . . . . . . . . 5733 D (Drucksachen 17/1762, 17/2306) . . . . . . . 5746 B
Hartfrid Wolff (Rems-Murr) (FDP) . . . . . . . . 5735 C b) Beschlussempfehlung und Bericht des
Memet Kilic (BÜNDNIS 90/ Ausschusses für Arbeit und Soziales
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5736 D – zu dem Antrag der Abgeordneten Dr.
Stephan Mayer (Altötting) (CDU/CSU) . . . . . Ilja Seifert, Dr. Martina Bunge,
5737 C
Heidrun Bluhm, weiterer Abgeordne-
ter und der Fraktion DIE LINKE:
Aktionsplan zur Umsetzung der UN-
Tagesordnungspunkt 18:
Konvention über die Rechte von
Beschlussempfehlung und Bericht des Sport- Menschen mit Behinderungen vorle-
ausschusses gen
VIII Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

– zu dem Antrag der Abgeordneten terer Abgeordneter und der Fraktion der SPD:
Markus Kurth, Elisabeth Scharfenberg, Änderung des Vormundschaftsrechts und
Katja Dörner, weiterer Abgeordneter weitere familienrechtliche Maßnahmen
und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE (Drucksache 17/2411) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5757 B
GRÜNEN: Handlungsaufträge aus
dem UN-Übereinkommen über die Ute Granold (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 5757 C
Rechte von Menschen mit Behinde- Sonja Steffen (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5758 D
rungen
Stephan Thomae (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . 5759 C
(Drucksachen 17/1578, 17/1761, 17/2091) 5746 B
Halina Wawzyniak (DIE LINKE) . . . . . . . . . . 5760 B
c) Antrag der Fraktion der SPD: Erstellung
des Berichts der Bundesregierung auf Ingrid Hönlinger (BÜNDNIS 90/
Grundlage der UN-Konvention – Ak- DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5760 D
tionsplan zur Umsetzung auf den Weg
bringen
(Drucksache 17/2367) . . . . . . . . . . . . . . . . 5746 C Tagesordnungspunkt 23:
Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-
schusses für Verkehr, Bau und Stadtentwick-
Tagesordnungspunkt 19: lung zu dem Antrag der Abgeordneten Dirk
Zweite und dritte Beratung des von der Bun- Fischer (Hamburg), Arnold Vaatz, Volkmar
desregierung eingebrachten Entwurfs eines Vogel (Kleinsaara), weiterer Abgeordneter
Gesetzes zur Umsetzung der Richtlinie des und der Fraktion der CDU/CSU sowie der
Europäischen Parlaments und des Rates Abgeordneten Patrick Döring, Oliver Luksic,
über Endenergieeffizienz und Energie- Werner Simmling, weiterer Abgeordneter und
dienstleistungen der Fraktion der FDP: Erwerb von Zweirad-
(Drucksachen 17/1719, 17/2280, 17/2466) . . 5747 A führerscheinen erleichtern
(Drucksachen 17/1574, 17/2456) . . . . . . . . . . 5761 C
Thomas Bareiß (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 5747 B
0000
Gero Storjohann (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 5761 D
Rolf Hempelmann (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . 5748 C
Volkmar Vogel (Kleinsaara) (CDU/CSU) . . . 5763 C
Klaus Breil (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5749 D
Kirsten Lühmann (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 5764 A
Dorothée Menzner (DIE LINKE) . . . . . . . . . . 5750 D
Oliver Luksic (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5765 B
Ingrid Nestle (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5751 B Herbert Behrens (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 5766 B
Winfried Hermann (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5766 D
Tagesordnungspunkt 21:
Zweite und dritte Beratung des von der Bun-
desregierung eingebrachten Entwurfs eines Tagesordnungspunkt 27:
Gesetzes zur Umsetzung des Rahmenbe- Große Anfrage der Abgeordneten Klaus Barthel,
schlusses 2005/214/JI des Rates vom 24. Fe- Garrelt Duin, Hubertus Heil (Peine), weiterer
bruar 2005 über die Anwendung des Abgeordneter und der Fraktion der SPD: Ar-
Grundsatzes der gegenseitigen Anerken- beitsbedingungen im Briefmarkt – Sozial-
nung von Geldstrafen und Geldbußen klausel nach § 6 Absatz 3 Satz 1 Nummer 3
(Drucksachen 17/1288, 17/2458) . . . . . . . . . . 5752 C Postgesetz und Verordnung über zwingende
Ansgar Heveling (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 5752 D Arbeitsbedingungen für die Branche Brief-
dienstleistungen auf Grund des Arbeitneh-
Dr. Peter Danckert (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . 5753 D mer-Entsendegesetzes
(Drucksache 17/1615) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5767 D
Jörg van Essen (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5755 A
Andreas G. Lämmel (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 5767 D
Jens Petermann (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 5755 C
Dr. Georg Nüßlein (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 5768 C
Jerzy Montag (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5756 C Klaus Barthel (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5769 D
Dr. Heinrich L. Kolb (FDP) . . . . . . . . . . . . . . 5771 B
Tagesordnungspunkt 22: Sahra Wagenknecht (DIE LINKE) . . . . . . . . . 5772 A
Antrag der Abgeordneten Sonja Steffen, Beate Müller-Gemmeke (BÜNDNIS 90/
Christine Lambrecht, Dr. Peter Danckert, wei- DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5772 D
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 IX

Tagesordnungspunkt 25: Reiner Deutschmann (FDP) . . . . . . . . . . . . . 5785 C


Beschlussempfehlung und Bericht des Aus- Dr. Lukrezia Jochimsen (DIE LINKE) . . . . . . 5786 D
schusses für Wahlprüfung, Immunität und Ge-
Agnes Krumwiede (BÜNDNIS 90/
schäftsordnung: Änderung der Geschäfts-
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5787 B
ordnung des Deutschen Bundestages
hier: Änderungen im Hinblick auf den
Vertrag von Lissabon Tagesordnungspunkt 28:
(Drucksache 17/2394) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5773 C
Erste Beratung des von der Fraktion der SPD
Bernhard Kaster (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 5773 D eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
Dr. Eva Högl (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5774 D Verbesserung des Verbraucherschutzes bei
Vertragsabschlüssen im Internet
Jörg van Essen (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5775 D (Drucksache 17/2409) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5788 C
Alexander Ulrich (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 5777 A Marco Wanderwitz (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 0000
5788 A
C
Jerzy Montag (BÜNDNIS 90/ Lucia Puttrich (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 5789 C
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5777 D
Kerstin Tack (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5790 C
Stephan Thomae (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . 5791 B
Tagesordnungspunkt 24:
Caren Lay (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . . 5792 A
Antrag der Abgeordneten Katrin Kunert, Dr.
Nicole Maisch (BÜNDNIS 90/
Lukrezia Jochimsen, Dr. Petra Sitte, weiterer
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5792 D
Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE:
Kulturelle Einrichtungen vor Folgeschä-
den aus der Frequenzversteigerung der di-
Tagesordnungspunkt 29:
gitalen Dividende bewahren
(Drucksache 17/2416) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5778 D Antrag der Abgeordneten Jan Korte, Ulla
Jelpke, Petra Pau, weiterer Abgeordneter und
Johannes Selle (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 5779 A
der Fraktion DIE LINKE: Befugnis des Bun-
Martin Dörmann (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 5779 C deskriminalamtes zur Online-Durchsuchung
aufheben
Claudia Bögel (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5781 B (Drucksache 17/2423) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5793 C
Katrin Kunert (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 5781 D Armin Schuster (Weil am Rhein) (CDU/CSU) 5793 C
Tabea Rößner (BÜNDNIS 90/ Frank Hofmann (Volkach) (SPD) . . . . . . . . . . 5794 C
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5782 C
Jimmy Schulz (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5795 B
Jan Korte (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . . . 5796 A
Tagesordnungspunkt 26:
Wolfgang Wieland (BÜNDNIS 90/
Beschlussempfehlung und Bericht des Aus- DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5797 A
schusses für Kultur und Medien
– zu dem Antrag der Abgeordneten Dr.
Lukrezia Jochimsen, Dr. Rosemarie Hein, Tagesordnungspunkt 30:
Kathrin Senger-Schäfer, weiterer Abge- Antrag der Abgeordneten Britta Haßelmann,
ordneter und der Fraktion DIE LINKE: Katja Dörner, Fritz Kuhn, weiterer Abgeord-
„Soforthilfeprogramm Kultur“ zum neter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE
Erhalt der kulturellen Infrastruktur GRÜNEN: Rechtsanspruch auf Kinderbe-
einrichten treuung realisieren – Kostenkalkulation
– zu dem Antrag der Abgeordneten Agnes für Kinderbetreuung überprüfen
Krumwiede, Undine Kurth (Quedlinburg), (Drucksache 17/1778) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5797 C
Ekin Deligöz, weiterer Abgeordneter und Dorothee Bär (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 5797 D
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN: Kulturelle Infrastruktur sichern – Marcus Weinberg (Hamburg) (CDU/CSU) . . 5799 A
Substanzerhaltungsprogramm Kultur Caren Marks (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5800 A
auflegen
Miriam Gruß (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5801 A
(Drucksachen 17/552, 17/789, 17/2320) . . . . 5783 C
Diana Golze (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . 5802 A
Marco Wanderwitz (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 5783 D
Britta Haßelmann (BÜNDNIS 90/
Siegmund Ehrmann (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . 5784 C DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5802 D
X Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Tagesordnungspunkt 31: Amerika um ein neues SWIFT-Abkom-


men und Verzicht auf ein europäisches
Antrag der Abgeordneten Nicole Gohlke, Dr.
Abkommen über ein Programm zum
Petra Sitte, Agnes Alpers, weiterer Abgeord-
Aufspüren der Finanzierung des Terro-
neter und der Fraktion DIE LINKE: Mittel
rismus
des Nationalen Stipendienprogramms für
eine Erhöhung des BAföG nutzen (Drucksachen 17/1407, 17/1560, 17/2469) . . 5809 B
(Drucksache 17/2427) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5803 B
Dr. Stefan Kaufmann (CDU/CSU) . . . . . . . . . 5803 C in Verbindung mit
Marianne Schieder (Schwandorf) (SPD) . . . . 5805 A
Swen Schulz (Spandau) (SPD) . . . . . . . . . . . . 5805 D Zusatztagesordnungspunkt 6:
Patrick Meinhardt (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . 5806 B Antrag der Abgeordneten Dr. Günter Krings,
Nicole Gohlke (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 5807 B Dr. Hans-Peter Uhl, Reinhard Grindel, weite-
rer Abgeordneter und der Fraktion der CDU/
Kai Gehring (BÜNDNIS 90/ CSU sowie der Abgeordneten Gisela Piltz,
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5807 D Manuel Höferlin, Dr. Stefan Ruppert, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion der FDP: Da-
tenschutz bei der transatlantischen Zusam-
menarbeit zur Bekämpfung des internatio-
Zusatztagesordnungspunkt 5: nalen Terrorismus
Antrag der Abgeordneten Oliver Krischer, (Drucksache 17/2431) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5809 C
Hans-Josef Fell, Bärbel Höhn, weiterer Abge-
ordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE
in Verbindung mit
GRÜNEN: EU-Fördermittel aus dem Emis-
sionshandel für erneuerbare Energien und
zur Verringerung prozessbedingter Emis-
sionen Zusatztagesordnungspunkt 7:
(Drucksache 17/2430) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5809 A Antrag der Abgeordneten Dr. Konstantin von
Notz, Volker Beck (Köln), Alexander Bonde,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion
Tagesordnungspunkt 32: BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: zu einem
Beschlussempfehlung und Bericht des Innen- Vorschlag für einen Beschluss des Rates
ausschusses über den Abschluss des Abkommens zwi-
schen der Europäischen Union und den
– zu dem Antrag der Abgeordneten Gerold Vereinigten Staaten von Amerika über die
Reichenbach, Dr. Eva Högl, Gabriele Verarbeitung von Zahlungsverkehrsdaten
Fograscher weiterer Abgeordneter und der und deren Übermittlung aus der Europäi-
Fraktion der SPD: zu dem Entwurf der schen Union an die Vereinigten Staaten für
Europäischen Kommission für das Ver- die Zwecke des Programms zum Aufspü-
handlungsmandat eines neuen Abkom- ren der Finanzierung des Terrorismus
mens zwischen der Europäischen Union (Ratsdokument 11172/10)
und den Vereinigten Staaten von Ame- hier: Stellungnahme gegenüber der Bun-
rika über die Verarbeitung von Zah- desregierung gemäß Artikel 23 Ab-
lungsverkehrsdaten und deren Über- satz 3 des Grundgesetzes in Verbin-
mittlung für die Zwecke des Programms dung mit § 9 EUZBBG
der USA zum Aufspüren der Finanzie- Finanzdaten der Bürgerinnen und Bürger
rung des Terrorismus (kurz: SWIFT- Europas schützen – SWIFT ablehnen
Abkommen), Ratsdok. 7936/10 vom
24. März 2010 (Drucksache 17/2429) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5809 D
hier: Stellungnahme gegenüber der
Dr. Hans-Peter Uhl (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 5810 A
Bundesregierung gemäß Artikel
23 Absatz 3 des Grundgesetzes Gerold Reichenbach (SPD) . . . . . . . . . . . . . . 5811 A
Neues SWIFT-Abkommen nur nach eu-
ropäischen Grundrechts- und Daten- Gisela Piltz (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 0000
5812 A
C
schutzmaßstäben Jan Korte (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . . . 5813 C
– zu dem Antrag der Abgeordneten Jan Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/
Korte, Dr. Barbara Höll, Ulla Jelpke, wei- DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5814 D
terer Abgeordneter und der Fraktion DIE
LINKE: Einstellung der Verhandlun-
gen mit den Vereinigten Staaten von Nächste Sitzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5817 C
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 XI

Anlage 1 „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“


(Tagesordnungspunkt 5) . . . . . . . . . . . . . . . . . 5821 A
Liste der entschuldigten Abgeordneten . . . . . 5819 A

Anlage 2 Anlage 8
Erklärung des Abgeordneten Volker Beck Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten
(Köln) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): zur Kersten Steinke, Jens Petermann, Frank Tempel,
Abstimmung über die Beschlussempfehlung: Ralph Lenkert, Raju Sharma, Katrin Kunert,
Übersicht 3 Dr. Rosemarie Hein, Jan Korte, Harald Koch,
über die dem Deutschen Bundestag zugeleite- Sabine Zimmermann, Michael Leutert, Dr.
ten Streitsachen vor dem Bundesverfassungs- Axel Troost, Katja Kipping, Dr. Ilja Seifert,
gericht (Tagesordnungspunkt 39 i) . . . . . . . . . 5819 B Yvonne Ploetz, Alexander Ulrich, Katrin
Werner, Kathrin Senger-Schäfer, Kathrin Vogler,
Matthias W. Birkwald, Ulla Lötzer, Ingrid
Anlage 3 Remmers, Niema Movassat, Sahra Wagenknecht,
Erklärung nach § 31 GO des Abgeordneten Andrej Konstantin Hunko, Inge Höger, Ulla
Fritz Rudolf Körper (SPD) zur Wahl von Mit- Jelpke, Dr. Herbert Schui, Heidrun Dittrich,
gliedern des Stiftungsrates der „Stiftung Flucht, Herbert Behrens, Paul Schäfer (Köln), Dr.
Vertreibung, Versöhnung“ (Tagesordnungs- Diether Dehm, Jutta Krellmann, Dr. Petra
punkt 5) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5819 B Sitte, Klaus Ernst, Dr. Dietmar Bartsch, Dr.
Gesine Lötzsch, Werner Dreibus, Ulrich
Maurer, Petra Pau, Jan van Aken, Cornelia
Anlage 4 Möhring, Dr. Dagmar Enkelmann, Thomas
Nord, Agnes Alpers, Wolfgang Gehrcke, Dr.
Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Martina Bunge, Steffen Bockhahn, Dr. Gregor
Daniela Kolbe (Leipzig) (SPD) zur Wahl von Gysi, Wolfgang Nešković, Sabine Stüber, Dr.
Mitgliedern des Stiftungsrates der „Stiftung Kirsten Tackmann, Stefan Liebich, Alexander
Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ (Tagesord- Süßmair, Nicole Gohlke, Harald Weinberg,
nungspunkt 5) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5819 C Eva Bulling-Schröter, Michael Schlecht, Richard
Pitterle, Annette Groth, Karin Binder, Heike
Hänsel und Dr. Barbara Höll (alle DIE
Anlage 5 LINKE) zur Wahl von Mitgliedern des Stif-
tungsrates der „Stiftung Flucht, Vertreibung,
Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten
Versöhnung“ (Tagesordnungspunkt 5) . . . . . . 5821 D
Dr. Marlies Volkmer (SPD) zur Wahl von
Mitgliedern des Stiftungsrates der „Stiftung
Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ (Tagesord-
nungspunkt 5) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5820 A Anlage 9
Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung:

Anlage 6 – Beschlussempfehlung und Bericht zu dem


Antrag: Bericht der Bundesregierung über
Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten die Lage behinderter Menschen und die
Renate Künast, Jürgen Trittin, Volker Beck Entwicklung ihrer Teilhabe umfassender
(Köln), Katrin Göring-Eckardt und Claudia Roth und detaillierter vorlegen
(Augsburg) (alle BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN) zur Wahl von Mitgliedern des Stiftungs- – Beschlussempfehlung und Bericht zu den
rates der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Ver- Anträgen:
söhnung“ (Tagesordnungspunkt 5) . . . . . . . . . 5820 C – Aktionsplan zur Umsetzung der UN-
Konvention über die Rechte von Men-
schen mit Behinderungen vorlegen
Anlage 7
– Handlungsaufträge aus dem UN-Über-
Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten einkommen über die Rechte von Men-
Heinz-Joachim Barchmann, Klaus Brandner, schen mit Behinderungen
Elvira Drobinski-Weiß, Ulrike Gottschalck,
Michael Groß, Hans-Joachim Hacker, Petra – Antrag: Erstellung des Berichts der Bun-
Hinz (Essen), Dr. Eva Högl, Christel Humme, desregierung auf Grundlage der UN-Kon-
Dr. Bärbel Kofler, Steffen-Claudio Lemme, vention – Aktionsplan zur Umsetzung auf
Sönke Rix, Dr. Ernst Dieter Rossmann, Karin den Weg bringen
Roth (Esslingen), Dr. Martin Schwanholz und (Tagesordnungspunkt 17 a bis c)
Dr. h. c. Wolfgang Thierse (alle SPD) zur
Wahl von Mitgliedern des Stiftungsrates der Maria Michalk (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 5822 B
XII Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Silvia Schmidt (Eisleben) (SPD) . . . . . . . . . . . 5823 D handel für erneuerbare Energien und zur Ver-
ringerung prozessbedingter Emissionen (Zu-
Gabriele Molitor (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . 5825 B satztagesordnungspunkt 5)
Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 5826 C
Jens Koeppen (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 5829 A
Markus Kurth (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5827 C Frank Schwabe (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 0000
5830 A
C
Michael Kauch (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5832 A
Anlage 10: Eva Bulling-Schröter (DIE LINKE) . . . . . . . . 5832 B
Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Oliver Krischer (BÜNDNIS 90/
Antrags: EU-Fördermittel aus dem Emissions- DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5833 C
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5583

(A) (C)

Redetext

55. Sitzung

Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Beginn: 9.00 Uhr

Präsident Dr. Norbert Lammert: ZP 1 Aktuelle Stunde auf Verlangen der Fraktion der
Guten Morgen, liebe Kolleginnen und Kollegen! Die SPD:
Sitzung ist eröffnet.
Steigende Beiträge als Ergebnis der Gesund-
Das Leben geht weiter, auch wenn gelegentlich die heitsreform – Weniger Netto vom Brutto
Hoffnungen größer sind als die Möglichkeiten. Aber (siehe 54. Sitzung)
dass nicht immer alles so gelingt, wie man sich das vor-
genommen hat, wissen wir aus eigenen Erfahrungen. ZP 2 Weitere Überweisungen im vereinfachten Ver-
Trotz des Ergebnisses des gestrigen Abends haben fahren
wir allen Anlass, der deutschen Mannschaft für ein fa- Ergänzung zu TOP 38
moses Turnier zu danken. Im Übrigen können wir uns
ein bisschen darüber freuen, dass der Weltmeistertitel a) Erste Beratung des von den Abgeordneten
wieder mal in Europa bleibt. Manuel Sarrazin, Dr. Frithjof Schmidt, (D)
(B)
(Beifall) Marieluise Beck (Bremen), weiteren Abge-
ordneten und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE
Es gibt im Übrigen eine Reihe weiterer freudiger Er- GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines Ge-
eignisse. Der Kollege Dr. Peter Danckert feiert heute setzes zu dem EFSF-Rahmenvertrag vom
seinen 70. Geburtstag. 7. Juni 2010
(Beifall) – Drucksache 17/2412 –
Ich gratuliere ihm herzlich im Namen des ganzen Hau- Überweisungsvorschlag:
ses. Ebenso herzlich gratuliere ich der Kollegin Beatrix Haushaltsausschuss (f)
Philipp zu ihrem gestrigen 65. Geburtstag und der Kol- Rechtsausschuss
Finanzausschuss
legin Gerda Hasselfeldt zu ihrem 60. Geburtstag. Die Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen
Kollegin Petra Crone feierte diesen runden Geburtstag Union
bereits am vergangenen Samstag.
b) Beratung des Antrags der Abgeordneten
(Beifall) Ernst-Reinhard Beck (Reutlingen), Peter
Ihnen allen unsere geballten guten Wünsche für die Altmaier, Michael Brand, weiterer Abgeord-
nächsten Jahre und Jahrzehnte. neter und der Fraktion der CDU/CSU sowie
der Abgeordneten Elke Hoff, Rainer Erdel,
Auf Vorschlag der FDP-Fraktion soll der Kollege Burkhardt Müller-Sönksen, weiterer Abge-
Jimmy Schulz anstelle des ausgeschiedenen Kollegen ordneter und der Fraktion der FDP
Hellmut Königshaus neues stellvertretendes Mitglied im
Kuratorium der Stiftung „Erinnerung, Verantwor- Verbesserung der Regelungen zur Einsatz-
tung und Zukunft“ werden. Eine Aussprache ist dazu versorgung
nicht vorgesehen. Sind Sie auch ohne Aussprache damit
einverstanden? – Das ist offensichtlich der Fall. Dann ist – Drucksache 17/2433 –
der Kollege Schulz gewählt. Überweisungsvorschlag:
Verteidigungsausschuss (f)
Interfraktionell ist vereinbart worden, die verbun- Innenausschuss
dene Tagesordnung um die in der Zusatzpunktliste auf- Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
geführten Punkte zu erweitern: Haushaltsausschuss
5584 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Präsident Dr. Norbert Lammert


(A) ZP 3 Weitere abschließende Beratungen ohne Aus- j) Beratung der Beschlussempfehlung des Peti- (C)
sprache tionsausschusses (2. Ausschuss)
Ergänzung zu TOP 39 Sammelübersicht 124 zu Petitionen
a) Beratung der Beschlussempfehlung des Aus- – Drucksache 17/2449 –
schusses nach Art. 77 des Grundgesetzes k) Beratung der Beschlussempfehlung des Peti-
(Vermittlungsausschuss) zu dem … Gesetz
tionsausschusses (2. Ausschuss)
zur Änderung des Erneuerbare-Energien-
Gesetzes Sammelübersicht 125 zu Petitionen
– Drucksachen 17/1147, 17/1604, 17/1950, – Drucksache 17/2450 –
17/2402 – l) Beratung der Beschlussempfehlung des Peti-
Berichterstattung: tionsausschusses (2. Ausschuss)
Abgeordneter Jörg van Essen Sammelübersicht 126 zu Petitionen
b) Beratung des Antrags der Abgeordneten – Drucksache 17/2451 –
Sylvia Kotting-Uhl, Priska Hinz (Herborn),
Manuel Sarrazin, weiterer Abgeordneter und m) Beratung der Beschlussempfehlung des Peti-
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN tionsausschusses (2. Ausschuss)
EU-Forschungsetat auf Innovation und Sammelübersicht 127 zu Petitionen
Nachhaltigkeit für 2020 fokussieren – Rats- – Drucksache 17/2452 –
entscheidung ITER-Projekt nicht zustim-
men n) Beratung der Beschlussempfehlung des Peti-
tionsausschusses (2. Ausschuss)
– Drucksache 17/2440 –
Sammelübersicht 128 zu Petitionen
c) Beratung der Beschlussempfehlung des Peti-
tionsausschusses (2. Ausschuss) – Drucksache 17/2453 –
Sammelübersicht 117 zu Petitionen ZP 4 Aktuelle Stunde auf Verlangen der Fraktion DIE
LINKE:
– Drucksache 17/2442 –
Gesundheitspolitik ohne Perspektive
d) Beratung der Beschlussempfehlung des Peti-
tionsausschusses (2. Ausschuss) ZP 5 Beratung des Antrags der Abgeordneten Oliver
(B) Krischer, Hans-Josef Fell, Bärbel Höhn, weiterer (D)
Sammelübersicht 118 zu Petitionen Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/
– Drucksache 17/2443 – DIE GRÜNEN
e) Beratung der Beschlussempfehlung des Peti- EU-Fördermittel aus dem Emissionshandel
tionsausschusses (2. Ausschuss) für erneuerbare Energien und zur Verringe-
rung prozessbedingter Emissionen
Sammelübersicht 119 zu Petitionen
– Drucksache 17/2430 –
– Drucksache 17/2444 –
Überweisungsvorschlag:
f) Beratung der Beschlussempfehlung des Peti- Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (f)
tionsausschusses (2. Ausschuss) Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
Sammelübersicht 120 zu Petitionen ZP 6 Beratung des Antrags der Abgeordneten
– Drucksache 17/2445 – Dr. Günter Krings, Dr. Hans-Peter Uhl, Reinhard
Grindel, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
g) Beratung der Beschlussempfehlung des Peti- der CDU/CSU
tionsausschusses (2. Ausschuss) sowie der Abgeordneten Gisela Piltz, Manuel
Sammelübersicht 121 zu Petitionen Höferlin, Dr. Stefan Ruppert, weiterer Abgeord-
neter und der Fraktion der FDP
– Drucksache 17/2446 –
Datenschutz bei der transatlantischen Zusam-
h) Beratung der Beschlussempfehlung des Peti- menarbeit zur Bekämpfung des internationa-
tionsausschusses (2. Ausschuss) len Terrorismus
Sammelübersicht 122 zu Petitionen – Drucksache 17/2431 –
– Drucksache 17/2447 – ZP 7 Beratung des Antrags der Abgeordneten
i) Beratung der Beschlussempfehlung des Peti- Dr. Konstantin von Notz, Volker Beck (Köln),
tionsausschusses (2. Ausschuss) Alexander Bonde, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Sammelübersicht 123 zu Petitionen
zu einem Vorschlag für einen Beschluss des
– Drucksache 17/2448 – Rates über den Abschluss des Abkommens
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5585
Präsident Dr. Norbert Lammert
(A) zwischen der Europäischen Union und den Überweisungsvorschlag: (C)
Vereinigten Staaten von Amerika über die Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe (f)
Auswärtiger Ausschuss
Verarbeitung von Zahlungsverkehrsdaten und Innenausschuss
deren Übermittlung aus der Europäischen Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Union an die Vereinigten Staaten für die Zwe- Entwicklung
cke des Programms zum Aufspüren der Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
Ausschuss für Kultur und Medien
Finanzierung des Terrorismus (Ratsdoku-
ment 11172/10) b) Beratung des Antrags der Abgeordneten Volker
hier: Stellungnahme gegenüber der Bundes- Beck (Köln), Tom Koenigs, Josef Philip Winkler,
regierung gemäß Artikel 23 Absatz 3 weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜND-
des Grundgesetzes in Verbindung mit NIS 90/DIE GRÜNEN
§ 9 EUZBBG Das Menschenrecht auf Religions- und Glau-
Finanzdaten der Bürgerinnen und Bürger Eu- bensfreiheit stärken
ropas schützen – SWIFT ablehnen – Drucksache 17/2424 –
– Drucksache 17/2429 – Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe (f)
Von der Frist für den Beginn der Beratungen soll, so- Auswärtiger Ausschuss
weit erforderlich, abgewichen werden. Innenausschuss
Rechtsausschuss
Der Tagesordnungspunkt 10 wird abgesetzt. Die Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
nachfolgenden Tagesordnungspunkte der Koalitions- Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
fraktionen rücken jeweils einen Platz vor. die Aussprache 90 Minuten vorgesehen. – Das ist offen-
Schließlich sollen der Tagesordnungspunkt 11 a abge- sichtlich einvernehmlich.
setzt und der Tagesordnungspunkt 11 b ohne Debatte Dann eröffne ich die Aussprache und erteile das Wort
überwiesen werden. Hierdurch rücken dann die nachfol- zunächst dem Kollegen Volker Kauder für die CDU/
genden Tagesordnungspunkte der SPD-Fraktion entspre- CSU-Fraktion.
chend vor. – Auch hierzu kann ich eine größere Unruhe
nicht erkennen, sodass ich davon ausgehe, dass wir das (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
einvernehmlich so vereinbaren können.
Ich muss Sie darauf hinweisen, dass wir heute Mor- Volker Kauder (CDU/CSU):
(B)
gen einen partiellen Stromausfall hatten. Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und (D)
Herren!
(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Das
Telefon geht wieder!) Schutzlos ausgeliefert – Im ostindischen Bundes-
staat Orissa werden Christen verfolgt und getötet.
– Mir wäre die umgekehrte Reihenfolge lieber gewesen, Die Täter sind Hindus. Und die Behörden schauen
also dass die Uhren funktionieren würden und Sie für zu.
eine Weile nicht telefonieren könnten. Jetzt scheint es
eher umgekehrt zu sein. In einem ganzseitigen Beitrag hat die Frankfurter Allge-
meine Sonntagszeitung am letzten Wochenende ausführ-
Jetzt sehe ich, dass es anscheinend eine positive lich über das Thema berichtet, das heute Gegenstand
Rückkopplung zwischen den Telefonapparaten und den dieser Debatte ist und das uns in der Bundestagsfraktion
Uhren gibt, was der Bundestagsverwaltung bis heute von CDU/CSU und auch in der FDP immer wieder be-
Morgen nicht bewusst war. Wenn es nicht so funktio- schäftigt: Verfolgung von Christen, Bedrängung von
niert, wie wir uns das vorstellen, stellen wir ein ambu- Christen, Missachtung eines der zentralen Menschen-
lantes Gerät zur Verfügung. rechte, nämlich das Recht, seinen Glauben frei zu leben
(Heiterkeit) und ausüben zu können.

An den vereinbarten Redezeiten ändert sich dadurch je- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
denfalls nichts. Orissa ist nur ein aktuelles Beispiel für das, was welt-
Ich rufe die Tagesordnungspunkte 3 a und 3 b auf: weit geschieht. Deshalb haben wir heute Morgen
Schwester Justine Senapati und Vater Dr. Augustine
a) Beratung des Antrags der Abgeordneten Volker Singh aus Orissa eingeladen. Sie sitzen auf der Tribüne,
Kauder, Ute Granold, Erika Steinbach, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion der CDU/CSU (Beifall)
sowie der Abgeordneten Marina Schuster, Pascal begleitet von den Vertretern der christlichen Kirchen hier
Kober, Serkan Tören, weiterer Abgeordneter und am Sitz von Bundestag und Bundesregierung in Berlin.
der Fraktion der FDP Die beiden waren beim Menschenrechtsrat in Genf.
Religionsfreiheit weltweit schützen Heute sind sie in Deutschland und werben dafür, das
Los, das Schicksal bedrängter und verfolgter Christen
– Drucksache 17/2334 – nicht zu vergessen.
5586 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Volker Kauder
(A) Am Beispiel Orissa können wir sehen, wo die Pro- schen ist unantastbar.“ Und zur Würde des Menschen (C)
bleme liegen. Indien ist der Verfassung nach eine mo- gehört auch sein religiöses Bekenntnis.
derne Demokratie. Die Bundesregierung Indiens schützt
die Religionsausübung und die Religionsfreiheit und be- Wir, die christlichen Demokraten, und die FDP setzen
kennt sich immer wieder dazu, dass alle Menschen – in uns dafür ein, dass in diesem Land Religionsfreiheit ge-
Indien geht es vor allem um Christen, Hindus und Mus- lebt werden darf. Ich kenne die Diskussionen in vielen
lime – ihre Religion frei ausüben können. Aber in den Kommunen. Ich sage ausdrücklich: Ich bin dafür – wer
einzelnen Bundesstaaten kann die Zentralregierung vie- für Religionsfreiheit ist, der ist dafür –, dass Muslime in
les von dem nicht umsetzen. So kommt es zu brutalen diesem Land Moscheen bauen können und dass sie in
Übergriffen. Christen werden verfolgt, bedrängt und ver- diesen Moscheen beten können.
trieben. Allein in der Region Orissa wurden in der letz- (Beifall bei der CDU/CSU, der FDP, der SPD
ten Zeit 60, 70 Kirchen und 4 000 Häuser angezündet. und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie
Es werden Christen getötet, vergewaltigt, und noch im- bei Abgeordneten der LINKEN)
mer sind Zehntausende in Flüchtlingslagern unterge-
bracht. Das ist keine Christenverfolgung durch den Aber ich erwarte genau das Gleiche von allen anderen
Staat. Aber wir erwarten schon, dass nicht das eintritt, Ländern in der Welt. Ich erwarte, dass die Christen in
was die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ge- der Türkei ihre Kirchen so bauen können wie die Mus-
schrieben hat, nämlich dass die Behörden zuschauen. lime in Deutschland ihre Moscheen.
Wir erwarten, dass die Behörden die Christen schützen (Beifall bei der CDU/CSU, der FDP, der SPD
und alles dafür tun, dass sich so etwas nicht wiederholt. und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie
(Beifall bei der CDU/CSU, der FDP, der SPD der Abg. Dr. Gesine Lötzsch [DIE LINKE] –
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Dr. Hans-Peter Friedrich [Hof] [CDU/CSU]:
Sehr gut! Bravo!)
Christen werden weltweit verfolgt. In über 60 Staaten
gibt es Verfolgung oder Bedrängung. Zwei Drittel der In vielen Ländern dieser Welt erleben wir eine subtile
verfolgten Christen leben in diesen 60 Staaten. 200 Mil- Bedrängung von Christen. Die Christen sind im Übrigen
lionen Christen sind von Bedrängung und Verfolgung die am meisten verfolgte Gruppe in der ganzen Welt.
betroffen. Übertritte von einer anderen Religion zum Christentum
werden unter Strafe gestellt. Christen wird es untersagt,
Ich will kurz einige Beispiele ansprechen. Wir haben für ihre Religion einzutreten, weil dies als unerlaubte
vor wenigen Wochen einen Besuch in die Türkei unter- Werbung gilt. Es wird verboten, dass Christen in diesen
nommen, um dort vor allem das bedrängte Kloster Mor Ländern die Ausbildung ihrer Pfarrer und Priester durch-
(B) Gabriel zu besuchen. Um es klar zu sagen: Es gibt in der führen, und Christen wird ein besonderer Stempel in den (D)
Türkei keine Christenverfolgung durch den Staat. Aber Ausweis gedrückt, damit sie möglichst viele Probleme
es gibt Bedrängungen, die dazu führen, dass Christen ih- im täglichen Leben haben. Ich weiß, dass die Verfolgung
ren Glauben nicht leben können. Wir haben in der letzten von Christen viele Ursachen hat. Auf der einen Seite
Legislaturperiode hier im Deutschen Bundestag in einem geht es darum, die eigene Religionsmehrheit zu schüt-
Antrag die türkische Regierung aufgefordert, die Re- zen. Auf der anderen Seite sind nationale Themen ur-
pressalien, das Drucksystem gegen das Kloster Mor sächlich. In einigen Fällen sind die Radikalität der Ver-
Gabriel aufzuheben. Bis zum heutigen Tag ist nichts ge- folgung und die emotionale Auseinandersetzung auch
schehen, und dies ist nicht hinzunehmen. ein Ergebnis der wirtschaftlichen Situation, der Armut in
diesen Ländern.
(Beifall bei der CDU/CSU, der FDP, der SPD
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie Ich bin dankbar, dass die Bundesregierung das Thema
bei Abgeordneten der LINKEN) Christenverfolgung/Christenbedrängung in den Katalog
ihrer Arbeit aufgenommen hat. Wir fordern, dass die Re-
Wir eröffnen in den Beitrittsverhandlungen mit der Tür- ligionsfreiheit im Bereich der Entwicklungshilfe als
kei Kapitel um Kapitel. Aber ein Land, das näher zu Eu- Teil der Menschenrechtsdiskussion ein zentrales Thema
ropa will, muss den elementaren Menschenrechtsgrund- ist. Ich bin Bundesaußenminister Guido Westerwelle
satz, dass Religionsfreiheit gelebt werden kann, erfüllen. dankbar, dass er das Thema Christenverfolgung nicht
Da gibt es kein Wenn und kein Aber. nur in seinen Katalog einer wertegeleiteten Außenpolitik
aufgenommen hat, sondern das Thema auch in Genf an-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie
gesprochen hat und dies heute vor dem Deutschen Bun-
bei Abgeordneten der SPD, der LINKEN und
destag erläutern will.
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir bzw. die Väter und Mütter unseres Grundgesetzes
haben im Grundgesetz die Konsequenzen aus unserer Ich weiß, dass die Bundeskanzlerin auf ihren vielen
dramatischen jüngeren Geschichte gezogen. Christen Reisen nach China und in andere Länder der Welt dieses
wurden auch in unserem Land während der Terrorherr- Thema ebenfalls angesprochen hat. Ich finde, wir müs-
schaft des Nationalsozialismus verfolgt. Deshalb ist die sen dieses wichtige Menschenrechtsthema mit aller
Religionsfreiheit in unserem Grundgesetz ein zentraler Kraft ansprechen und dürfen nicht zurückweichen, wenn
Artikel. Er ist unmittelbar verbunden mit dem Kernsatz, es heißt: Wenn ihr dieses Thema ansprecht, könnte es
der die Menschenrechte betrifft: „Die Würde des Men- unangenehme Konsequenzen haben. – Meine Erfahrung
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5587
Volker Kauder
(A) ist: Wenn wir darauf hinweisen, in welchen Ländern Be- – Die Zeiten sind nun Gott sei dank vorbei; die wollen (C)
drängungen und Verfolgungen von Christen stattfinden, wir auch nicht wiederhaben. Aber es ist schon gut, dass
dann hat dies auch Wirkung. Denn dauerhaft will keines ich Gelegenheit habe, darauf zu reagieren. Es ist wichtig,
dieser Länder am Pranger der Öffentlichkeit stehen. Sie festzustellen, dass wir jedenfalls an dieser Stelle keinen
wollen nicht, dass man erkennt, wie man mit Menschen weitgehenden Dissens haben.
umgeht, die anderen Glaubens als die Mehrheit in dem
entsprechenden Land sind. (Volker Kauder [CDU/CSU]: Da gibt es kei-
nen Streit!)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich darf darauf hinweisen, dass wir im Deutschen
Deswegen macht es Sinn, dies anzusprechen. Bundestag am 24. Mai 2007 gemeinsam – SPD und
CDU/CSU – mit großer Mehrheit einen Antrag mit der
Wir verstehen diese Debatte nicht als eine Anklage, Überschrift „Solidarität mit verfolgten Christen und ande-
sondern als Aufforderung, dieses elementare Menschen- ren verfolgten religiösen Minderheiten“ beschlossen ha-
recht auch umzusetzen. Wir wollen, dass am Beispiel ben. Wir haben noch vor wenigen Wochen in diesem Haus
Europa auch andere Länder erkennen können, welche über Anträge, die dieses Thema betreffen, diskutiert. Da-
beglückende Erfahrung im Zusammenleben der Men- rüber bin ich sehr froh. Ich teile nicht die Meinung des
schen es ist, wenn jeder seine Religion friedlich leben Kollegen Heinrich, der, als wir über Oppositionsanträge
und nach ihr friedlich sein Leben ausrichten kann. Reli- zum Thema „Folter und Todesstrafe“ nicht zum ersten,
gion, der Glaube an etwas nach diesem Leben, die Über- sondern zum zweiten und dritten Mal diskutierten, ge-
zeugung, dass es da etwas anderes gibt, dass es etwas sagt hat, dass dies eine Art von Polemik sei und die Ar-
Transzendentales, dass es Gott gibt, diese glückliche Er- beit behindere. Ich glaube, das genaue Gegenteil ist der
fahrung muss jeder in der Welt machen können. Solange Fall. Gerade die Beispiele, die Sie, Herr Kauder, genannt
dies nicht erreicht ist, werden wir nicht lockerlassen und haben, zeigen, dass es wichtig ist, sich immer und immer
dies regelmäßig zum Thema unserer politischen Diskus- wieder mit diesem Thema auseinanderzusetzen, solange
sion hier in Deutschland und in der ganzen Welt machen. es in der Welt zu Verfolgungen aufgrund der religiö-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie sen Zugehörigkeit kommt. Ich glaube, das sind ein
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE wichtiger Beitrag und ein wichtiges Signal für die De-
GRÜNEN) batte, die wir hier heute beginnen.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
Präsident Dr. Norbert Lammert: der CDU/CSU, der FDP, der LINKEN und des
Nächster Redner ist der Kollege Christoph Strässer BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
(B) (D)
für die SPD-Fraktion. Ich möchte einige Punkte ansprechen, über die wir,
(Beifall bei der SPD) wie ich glaube, dringend diskutieren müssen. Der An-
trag, den Sie gestellt haben, enthält viele Punkte, die eins
zu eins dem entsprechen, was wir in der Großen Koali-
Christoph Strässer (SPD): tion beschlossen haben, und die in der Gesellschaft kon-
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Lieber sensfähig sind. Aber unter bestimmten Voraussetzungen
Kollege Kauder, vieles von dem, was Sie gesagt haben, springt dieser Antrag an einigen Stellen zu kurz. Deshalb
unterstreiche ich eins zu eins. Es ist nicht ganz das möchte ich zwei Probleme ansprechen, die mir ganz
Thema, über das wir uns streiten sollten. Denn in der wichtig sind; diese haben nichts mit einer Relativierung
Überschrift Ihres Antrags geht es nicht um Christenver- von Christenverfolgung zu tun. Wir haben mit großer
folgung, sondern um Religionsfreiheit weltweit. Das ist Aufmerksamkeit die Berichte von Frau Granold und
ein weiter gefasstes Thema als das, was Sie angespro- Herrn Kober über ihre Reise nach Orissa verfolgt. Es ist
chen haben. Gleichwohl ist es wichtig. bedrückend und beschämend, dass es nicht gelingt, die
Menschen dort zu schützen.
Zu einer Stelle – die mich ein klein wenig betroffen
gemacht hat – möchte ich eine Bemerkung machen. Sie Wenn wir über Menschenrechtsverletzungen im Zu-
haben hier vorgetragen, dass sich die CDU/CSU und die sammenhang mit Religionsfreiheit reden – das sage ich
FDP in diesem Hause für Religionsfreiheit und gegen mit aller Klarheit –, dann darf und kann das jedoch nicht
Christenverfolgung aussprechen. Ich bitte Sie ganz unter dem Aspekt der Quantität geschehen. Ja, es ist so:
ernsthaft, zur Kenntnis zu nehmen, dass sich nicht nur Die Christen sind in diesen Gesellschaften, um die es
die Fraktionen auf der rechten Seite des Hauses dafür geht, wahrscheinlich die religiöse Minderheit, die am
aussprechen, sondern dass sich der gesamte Deutsche meisten verfolgt wird. Aber – darauf möchte ich ganz
Bundestag – auch SPD, Grüne und die Linkspartei – da- massiv hinweisen – wenn wir uns in unserer Politik auf
für einsetzt. Das ist völlig klar. diese Gruppe konzentrieren und andere am Rande las-
sen, sie allenfalls marginal erwähnen, dann ist das kein
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem Beitrag zur Glaubwürdigkeit deutscher Menschenrechts-
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Volker politik.
Kauder [CDU/CSU]: Ich spreche nur für die
CDU/CSU-Fraktion und nicht für die FDP! Sie haben zwei andere betroffene Gruppen am Rande
Wenn Sie es wünschen, tue ich das auch für angesprochen: die Bahai und verfolgte Muslime in be-
Sie!) stimmten Regionen dieser Welt. Da würde ich mir ein
5588 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Christoph Strässer
(A) bisschen mehr Deutlichkeit wünschen. Wenn wir wis- Ich möchte mit einem Glückwunsch an einen Kolle- (C)
sen, dass in diesen Zeiten fünf Führer der Bahai-Reli- gen schließen, der nicht im Deutschen Bundestag sitzt,
gion – sie hat nicht viele Anhänger und gehört zu den am aber vielen von uns aufgrund seiner Arbeit im Deutschen
meisten gefährdeten Religionen der Welt – aufgrund ih- Institut für Menschenrechte bekannt ist: Heiner Bielefeldt.
rer Religionszugehörigkeit im Iran von der Todesstrafe Ich glaube, es ist ein gutes Signal, dass jemand wie
bedroht sind, dass es dort Verfahren gibt, dass aber in Heiner Bielefeldt als Sonderberichterstatter der Verein-
diesen Anträgen dazu nichts steht, dann können wir die- ten Nationen für die Fragen der Religionsfreiheit be-
sen nicht zustimmen; denn das gehört in das Zentrum nannt worden ist. Ich finde, wir sollten uns darum küm-
unserer Auseinandersetzung. Darüber müssen wir bei mern, dass er hier im Deutschen Bundestag – wir haben
diesem Thema reden. eine Anhörung im Menschenrechtsausschuss, zu der wir
ihn eingeladen haben – zu diesen Fragen Stellung
(Beifall bei der SPD und der LINKEN sowie nimmt. Wir müssen über diese Anträge diskutieren. Wir
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE werden uns auch positiv in diese Diskussion einmischen.
GRÜNEN) Ich hoffe, dass wir an dieser Stelle gute Beratungen hin-
Es geht nicht darum, einen Katalog von Qualitäten bekommen und dass der Deutsche Bundestag bei der
und Quantitäten von verfolgten Minderheiten in der Welt Geltung der Menschenrechte und insbesondere der Reli-
aufzustellen. gionsfreiheit in der ganzen Welt – in Deutschland, Eu-
ropa und darüber hinaus – klare Signale setzt.
Wir haben in den letzten Jahren immer wieder ein
Thema angesprochen. Es gibt eine große verfolgte Min- Herzlichen Dank.
derheit in China: die Buddhisten in Tibet. Sie sind stän-
dig in der Gefahr, von diesem Regime verfolgt zu wer- (Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
den, nicht nur aufgrund der Diskussionen über die BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Eigenständigkeit Tibets, sondern auch aufgrund ihrer
kulturellen und religiösen Zugehörigkeit. Auch dieses Präsident Dr. Norbert Lammert:
Thema gehört in die Anträge. Darüber müssen wir reden. Für die Bundesregierung erhält nun das Wort der Herr
Wenn wir das nicht tun, dann ist dieser Antrag an dieser Bundesaußenminister Dr. Guido Westerwelle.
Stelle unvollständig. Wir können ihm in dieser Form
nicht zustimmen. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister des Aus-
GRÜNEN) wärtigen:
(B) (D)
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Her-
Ein weiterer Punkt, der mir wichtig ist, ist der welt- ren! Kolleginnen und Kollegen! Eine aktive Menschen-
weite Schutz der Religionsfreiheit. „Weltweit“ umfasst rechtspolitik ist Markenzeichen deutscher Außenpolitik.
– das findet man leider nicht in Ihrem Antrag – natürlich Der Einsatz für Religionsfreiheit ist Teil unserer aktiven
auch unseren eigenen Kontinent. An der einen oder an- Menschenrechtspolitik. Ich habe um das Wort gebeten,
deren Stelle muss man darüber nachdenken, wie der Zu- weil ich nachdrücklich unterstreichen möchte, dass das
stand der Religionsfreiheit in Europa ist. Dies muss Engagement der Antragsteller und, wie ich denke, des
man unter einem anderen Aspekt sehen; ich will das gar gesamten Hohen Hauses für Religionsfreiheit, für Plura-
nicht gleichstellen. In Europa gibt es in der Auseinander- lität und gegen Verfolgung und Unterdrückung aus reli-
setzung um Religionsfreiheit keine Verfolgung und Ge- giösen Gründen nicht nur das Anliegen des Parlamentes
fahr für Leib und Leben mehr. Aber wir haben natürlich ist, sondern ausdrücklich auch ein zentrales Anliegen der
auch Diskussionen, und die Religionsfreiheit ist vielfäl- Bundesregierung.
tig. Ich wünsche mir, dass wir über Fragen wie die des
Baus von Minaretten ganz offene Diskussionen führen. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Dies betrifft auch die Frage: Wie ist es eigentlich um die
Religionsfreiheit bestellt, wenn wir – zu Recht – die Isla- Wenn Millionen Christen in der Welt ihren Glauben
mische Charta und die Beschlüsse des Menschenrechts- nicht frei leben können, dann wollen wir nicht schwei-
rates in Genf zur Islamophobie kritisieren und es in gen. Es ist richtig, dass dies ein Anliegen ist, das uns
Deutschland noch immer einen § 166 des Strafgesetzbu- über die Parteigrenzen hinweg verbindet. In vielen Län-
ches gibt? dern darf die Bibel weder gekauft noch gelesen werden;
Gottesdienste werden behindert; Christen werden ins
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN – Gefängnis geworfen oder kommen ins Arbeitslager.
Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE Auch vor Angriffen auf Leib und Leben sind sie nicht
GRÜNEN]: Na ja, das ist Äpfel mit Birnen gefeit. Viele Staaten unterdrücken die freie Religions-
vergleichen!) ausübung mit Verboten, Polizei und Strafen. Anderer-
Das sind Punkte, die wir nicht ignorieren dürfen. Wir seits lassen sie ihre Bürger oft genug frei gewähren,
müssen über diese Themen reden. Ich denke, es wird uns wenn sie Jagd auf Andersgläubige machen. Beides sind
in diesem Hohen Hause guttun, da ein Stück Selbstkritik Formen der Unterdrückung von Religionsausübung:
zu üben. die staatliche Pression und Verfolgung, aber auch das
Zulassen von Verfolgung durch Mob und durch Kräfte,
(Beifall des Abg. Dr. h. c. Gernot Erler [SPD]) die die Toleranz nicht akzeptieren wollen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5589
Bundesminister Dr. Guido Westerwelle
(A) (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie dern auf Religionsfreiheit zu drängen; es ist vielmehr die (C)
bei Abgeordneten der SPD und des BÜND- Lehre aus unserer eigenen Geschichte, dass wir uns für
NISSES 90/DIE GRÜNEN) religiöse Pluralität überall in der Welt einsetzen.
Wir müssen zur Kenntnis nehmen – hier müssen wir (Beifall bei der FDP, der CDU/CSU, der SPD
uns auf Schätzungen verlassen –, dass Nichtregierungs- und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie
organisationen weltweit von mindestens 100 Millionen bei Abgeordneten der LINKEN)
verfolgten Christen ausgehen. Uns geht es aber nicht nur
um ein Engagement für den christlichen Glauben, die Die Würde des Menschen, die Freiheit, die Eigenverant-
christlichen Religionen. Vielmehr geht es hier um eine wortung, das ist unser Fundament; das ist auch ein Er-
grundsätzliche Frage. Wir sind der Überzeugung: Jeder folg der europäischen Aufklärung. Für dieses Staatsver-
Mensch muss den Glauben leben dürfen, den er für sich ständnis stehen wir, und für dieses Staatsverständnis
als wahr erkannt hat. Religionsfreiheit ist immer auch setzen wir uns weltweit ein.
die Freiheit, seine Religion ungehindert auszuüben oder Wir müssen aber allen Versuchen entgegentreten, die
zu wechseln. Auch gar keiner Religion anzugehören, ist Achtung der Menschenrechte unter den Vorbehalt kul-
ein Ausdruck von Religionsfreiheit. Das ist das plurale tureller Eigenheiten zu stellen. Sehr oft hört man: Dieses
Verständnis von Religionsfreiheit, das uns nicht nur oder jenes müsse man verstehen; denn es sei gewisser-
über das Grundgesetz, sondern auch in unserer täglichen maßen das Ergebnis kultureller Herkunft und kultureller
Politik hier verbindet. Eigenheit. Das ist eine Form der Relativierung von Wer-
ten, die wir nicht akzeptieren können. Religionsunter-
(Beifall im ganzen Hause)
drückung ist nicht Ausdruck von Kultur, es ist Ausdruck
Religionsfreiheit muss also für Angehörige christli- von Unkultur.
cher Minderheiten wie für Anhänger anderer Religionen
(Beifall bei der FDP, der CDU/CSU, der SPD
gelten. Wenn wir die Freiheit für Christen auf der ganzen
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie
Welt glaubhaft einfordern, dann heißt das natürlich auch,
bei Abgeordneten der LINKEN)
dass der Staat in Deutschland zuerst die Freiheit aller
religiösen Bekenntnisse bei uns zu Hause schützt. Ich Das vertreten wir auch in unserer Politik, und dafür en-
unterstreiche nachdrücklich, was der Fraktionsvorsit- gagieren wir uns auch gemeinsam.
zende der CDU/CSU, Volker Kauder, hier dazu gesagt
hat: Für uns ist es eine Selbstverständlichkeit – nicht Oft genug wird aus Religionsfreiheit und Meinungs-
nur weil wir von Verfassungs wegen dazu verpflichtet freiheit ein Gegensatz konstruiert. Es ist uns ein wichti-
sind, sondern weil wir es in uns selbst fühlen und es an- ges Anliegen, immer und immer wieder darauf aufmerk-
(B) streben –, dass wir, so wie wir in anderen Ländern auf sam zu machen: Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit (D)
Religionsfreiheit setzen, immer und immer wieder alles sind gewissermaßen zwei Früchte vom selben Baum,
dafür tun werden – mit der gesamten staatlichen Gewalt nämlich vom großen, wunderschönen Baum der Freiheit.
und dem gesamten zivilen Engagement, das es bei uns Darum geht es. Auch wenn man als jemand, der religiös
gibt –, dass auch bei uns in vollem Umfang Religions- denkt, lebt, erzogen worden ist, das Gefühl hat, dass der
freiheit gewährt wird. Das ist mehr als nur eine Frage eigene Glaube, vielleicht durch Karikaturen oder Mei-
von Gebäuden. In Wahrheit ist es auch eine Frage des nungsäußerungen, beeinträchtigt wird, gibt es dennoch
gesellschaftlichen Klimas. Auch darum wollen wir uns keine Rechtfertigung, gegen irgendjemanden gewalttätig
gemeinsam bemühen. zu werden. Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit sind
keine Gegensätze. Sie sind in Wahrheit ein wunderbares
(Beifall bei der FDP, der CDU/CSU und dem Paar, meine sehr geehrten Damen und Herren.
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Ab-
geordneten der SPD und der LINKEN) (Beifall bei der FDP, der CDU/CSU und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Ab-
Wenn sich Christen nur um die Freiheit von Christen geordneten der SPD und der LINKEN)
kümmern, Hindus nur um die Freiheit von Hindus, Mus-
lime nur um die Freiheit von Muslimen, dann ist das Ich möchte für die Bundesregierung mit einem klaren
nicht das Miteinander von Religionen, das wir meinen. Bekenntnis schließen. Wer Hass zwischen den Religio-
Das Zusammenleben unterschiedlicher Religionen nen schürt, verfolgt vor allem politische Ziele, keine reli-
gelingt nur mit Respekt und Dialog. Wir wollen uns da- giösen. Religion darf nie Vorwand für Hass, nie Ent-
bei nicht selber etwas vormachen. Es hat auch bei uns schuldigung für Gewalt und Krieg sein. Deswegen wird
Jahrhunderte gedauert – ich rede nicht vom Mittelalter –, sich die Bundesregierung im, wie ich denke, Namen des
bis sich in Europa ein Wertekanon entwickelt hat, in ganzen Hohen Hauses auch international dafür einset-
dessen Mittelpunkt der Mensch steht, einschließlich der zen, indem ein Kernbestandteil unserer Menschen-
freien Ausübung der Religion. rechtspolitik das Bekenntnis zur Religionsfreiheit ist.
Ich selbst habe beim Menschenrechtsrat der Vereinten
Wir sollten uns als Deutsche auch daran erinnern, Nationen in Genf ziemlich am Anfang meiner Amtszeit
dass Religionsausübung in Deutschland noch im letzten die Religionsfreiheit, ausdrücklich auch die Freiheit der
Jahrhundert alles andere als selbstverständlich war. Mil- Christen im Hinblick auf ihre Religion und ihr religiöses
lionenfacher Mord, auch auf religiöser Zugehörigkeit Bekenntnis, in den Mittelpunkt meiner Ausführungen
begründet, hat auf deutschem Boden stattgefunden. Des- gestellt, weil ich den Eindruck habe, dass wir nicht zu-
wegen ist es nicht belehrend, gegenüber anderen Län- lassen dürfen, dass dies ignoriert wird.
5590 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Bundesminister Dr. Guido Westerwelle


(A) Mit Professor Bielefeldt ist vor wenigen Wochen Volker Kauder [CDU/CSU]: Wo ist Sahra (C)
ein Deutscher zum UNO-Sonderberichterstatter für Re- Wagenknecht?)
ligions- und Glaubensfreiheit ernannt worden. Wir
wünschen ihm für seine Arbeit eine glückliche Hand und – Warten Sie es ab, Herr Kauder. – Auch in unserer Pro-
viel Erfolg. Sein Anliegen ist das Anliegen der Bundes- grammdebatte wird der Begriff der Freiheit einen wichti-
regierung, und ich bin sicher, es ist das Anliegen des gen Platz einnehmen; denn anders als die FDP haben wir
ganzen Hohen Hauses. die Freiheit nicht als Statue, sondern als Statut.

Wenn die Öffentlichkeit sieht, dass wir bei diesen fun- (Lachen bei Abgeordneten der FDP)
damentalen Wertefragen übereinstimmen, dann, so denke
Auch das hat in der Linken Tradition: Freiheit und
ich, ist das ein gutes Zeichen. Man kann das – wenn Sie
Gleichheit begreifen wir nicht als Gegensatz, sondern
mir erlauben, dies als Abgeordneter am Schluss meiner
als sich ergänzende und sich bedingende Elemente der
Rede zu sagen – auch durch gemeinsame Beschlussfas-
Demokratie, ohne dass eines von beiden größer ge-
sungen dokumentieren.
schrieben würde.
Herzlichen Dank.
(Beifall bei der LINKEN)
(Beifall bei der FDP, der CDU/CSU und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Ab- Deshalb nimmt es auch nicht wunder, dass das bekann-
geordneten der SPD und der LINKEN) teste Zitat zur Freiheit von einer Sozialistin stammt. Das
gilt ganz besonders für den Bereich, der den Menschen
tief berührt und sein Selbstverständnis betrifft; somit ist
Präsident Dr. Norbert Lammert: auch ganz klar: Freiheit ist immer auch die Freiheit des
Nächster Redner ist der Kollege Raju Sharma für die Andersgläubigen.
Fraktion Die Linke.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg.
(Beifall bei der LINKEN) Christoph Strässer [SPD])

Raju Sharma (DIE LINKE): Wir verurteilen es natürlich, wenn in vielen Ländern
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! In ihrem dieser Welt Religionsfreiheit noch keine Selbstverständ-
Antrag fordern die Koalitionsfraktionen, Religionsfrei- lichkeit ist. Ein Beispiel ist Tibet, das im Antrag von
heit weltweit zu schützen. Wir als Linke können das nur CDU/CSU und FDP leider gar nicht erwähnt wird. Völ-
unterstützen. Denn natürlich schätzen und achten wir die lig zu Recht hat der Dalai Lama den Friedensnobelpreis
erhalten. In seinen Bemühungen um die Tibeter verdient
(B) Freiheit jedes Menschen, seinen Glauben frei von Unter- er aus meiner Sicht unsere volle Unterstützung, (D)
drückung und Verfolgung zu leben,
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord- (Beifall bei der LINKEN)
neten der SPD) genauso wie alle anderen Menschen, die sich weltweit
genauso wie wir die Freiheit grundsätzlich achten; denn für das Menschenrecht auf Religionsfreiheit starkma-
tatsächlich ist die Linke die Partei der Freiheit. chen und dafür eintreten, dass sich Rechtslage und
Rechtspraxis in ihrem Land so entwickeln, dass das öf-
(Beifall bei der LINKEN – Lachen bei Abge- fentliche Bekennen der eigenen Religion gewährleistet
ordneten der CDU/CSU und der FDP – ist.
Christoph Strässer [SPD]: Oh ja! Vor allem die
Partei der Wahlfreiheit!) Der Antrag der Koalitionsfraktionen findet insofern
ebenso grundsätzlich meine Zustimmung wie der von
Hören Sie ruhig zu! Das mag einige von Ihnen überra- den Grünen. Allerdings bin ich der Meinung, dass sich
schen, CDU/CSU und FDP um etwas mehr Ausgewogenheit
(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: hätten bemühen können. Ihr Antrag konzentriert sich
Freuen Sie sich darüber!) vorwiegend – das ist schon gesagt worden – auf die
christlichen Minderheiten, was das im Antrag enthaltene
weil wir die Rechtsnachfolgerin der SED sind, die be- Islam-Bashing noch verstärkt und die verschiedenen Re-
kanntermaßen die Freiheit nicht geschätzt und geachtet ligionen unnötig gegeneinander in Stellung bringt.
hat, anders als wir Linke heute. Wir stehen zu dieser Ver-
gangenheit, wir stellen uns ihr, und wir haben aus ihr ge- Zudem erweist sich die Haltung der Koalition nicht
lernt. wirklich als konsequent; denn wer die UN-Resolution
gegen die Diffamierung von Religionen – sicher richti-
(Beifall bei der LINKEN) gerweise – ablehnt und darin einen Beweis für die Unter-
Heute ist die Linke diejenige unter allen demokratischen drückung der Meinungsfreiheit im Islam sieht, der sollte
Parteien, die im innerparteilichen Diskurs die Meinungs- auch einen Blick in das deutsche Strafgesetzbuch werfen
vielfalt nicht nur toleriert, sondern als Reichtum begreift – auch das ist schon gesagt worden –: Zumindest in der
und deshalb unterstützt und fördert. praktischen Handhabung ist das in § 166 des Strafge-
setzbuches enthaltene Verbot einer Beschimpfung von
(Beifall bei der LINKEN – Dagmar Ziegler Religionsgesellschaften nicht allzu weit von der geschol-
[SPD]: Das haben wir letzte Woche gesehen! – tenen Resolution entfernt.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5591
Raju Sharma
(A) (Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE Präsident Dr. Norbert Lammert: (C)
GRÜNEN]: Falsch!) Das Wort hat nun der Kollege Volker Beck, Bünd-
nis 90/Die Grünen.
Ich meine, wir sollten alle Religionen mit demselben
Respekt behandeln.
Volker Beck (Köln) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord- Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Herr
neten der SPD) Westerwelle, ich will Ihr Angebot ausdrücklich aufgrei-
Außerdem stünde es der Regierung nicht schlecht an, fen, in den Ausschussberatungen zu gemeinsamen Be-
ein Urbi et Orbi auch für sich zu beherzigen. In Sachen schlussfassungen zu kommen, weil ich denke, das
Religionsfreiheit lohnt sich nämlich nicht nur der Blick Thema der Religions- und Glaubensfreiheit ist so wich-
in die Welt, sondern auch ins eigene Land. Eine staatli- tig, dass der Deutsche Bundestag das über die Grenzen
che Unterdrückung oder Verfolgung einzelner Religions- von Koalition und Opposition hinweg tun sollte, weil er
gemeinschaften ist hier zwar nicht zu beklagen, aber be- so seine Position stärker zum Ausdruck bringen kann.
dingungslose Religionsfreiheit ohne jede Einschränkung (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
findet man auch bei uns nicht, jedenfalls dann nicht, sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
wenn man auch die konsequente Gleichbehandlung al- KEN)
ler Glaubensgemeinschaften darunter versteht.
Herr Sharma, Sie haben hier das Religionsverfas-
(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE sungsrecht der Bundesrepublik Deutschland kriti-
GRÜNEN]: Wir arbeiten daran!) siert. Das Entscheidende ist, dass wir alle Glaubensge-
Wenn nämlich ein Muslim zu häufig sein Gotteshaus meinschaften und weltanschaulichen Haltungen gleich
besucht, dann kann es schon passieren, dass er als poten- behandeln. Es gibt unterschiedliche Rechtstraditionen:
ziell Verdächtiger in der Antiterrordatei landet. Frankreich und die Türkei haben einen eher laizistischen
Ansatz, und in der Türkei existiert außerdem die Beson-
(Frank Schäffler [FDP]: Quatsch! – Hartfrid derheit der Privilegierung des sunnitischen Islam. In
Wolff [Rems-Murr] [FDP]: Ach was!) Deutschland besteht die „hinkende“ Trennung von Staat
Ein eifriger Kirchgänger muss das nicht befürchten. und Kirche. Das Entscheidende, das wir hier in Deutsch-
land tun müssen, ist, dass wir alle Religionen gleich be-
Wenn deutsche Behörden Fluggastdaten an die USA handeln. Das heißt aber nicht zwingend, dass wir die
übermitteln, die nicht nur Angaben über die Mitglied- Grundsätze unseres Religionsverfassungsrechtes deshalb
schaft in Gewerkschaften enthalten, sondern auch solche aufgeben müssten.
(B) über Essgewohnheiten oder die Religionszugehörigkeit, (D)
dann geschieht das bekanntermaßen nicht, um den Bord- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
service für die Passagiere zu optimieren. sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der FDP)
(Beifall bei der LINKEN)
Meine Damen und Herren, ich nehme wohl wahr,
Auch in manch anderer Hinsicht findet staatliche Un- dass diese Debatte heute hier anders verläuft als in der
gleichbehandlung statt. Noch immer werden die evange- Vergangenheit. Trotzdem erfolgte in Ihrem Beitrag, Herr
lische und die katholische Kirche gegenüber anderen Re- Kauder, und auch in Ihrem Antrag eine zu einseitige
ligionsgemeinschaften bevorzugt. Eine konsequente Zentrierung auf die Verfolgung der Christen. Ich denke,
Trennung von Staat und Religion ist in Deutschland wir erweisen den Christen, die in anderen Ländern ver-
noch längst nicht Wirklichkeit. Ich sage nur: Staatsleis- folgt werden, einen Bärendienst, wenn wir nicht um das
tungen, Kirchensteuer, Religionsunterricht. Hier könnten Recht der Religionsfreiheit streiten, sondern uns einsei-
wir von unseren Nachbarn lernen: In Frankreich ist der tig auf „unsere“ Leute fokussieren, die woanders ver-
Laizismus als Grundsatz in der Verfassung festgeschrie- folgt werden. Das ist die falsche Perspektive. Es muss
ben – wir haben Gott in der Präambel des Grundgeset- um das Prinzip der individuellen, der kollektiven und
zes. auch der negativen Glaubensfreiheit gehen. Wenn wir
(Dr. Stefan Ruppert [FDP]: Das ist auch gut um das Prinzip streiten, dann können wir weltweit auch
so!) viel für die verfolgten Christen tun.

Immerhin bekennt sich die Koalition in ihrem Antrag (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
auch zur Freiheit der Nichtgläubigen, die anerkannt sowie bei Abgeordneten der SPD)
und geschützt werden soll. Es besteht also ein breiter Nicht nur Christen aus Orissa haben auf der Tribühne
Konsens darüber, dass die Zeit des Missionierens end- Platz genommen, sondern auch ein Vertreter des Natio-
gültig vorbei ist. Wenn Menschen zum Glauben finden, nalen Geistigen Rats der Bahai, einer kleinen Weltreli-
dann sollten sie das in Freiheit tun: hier und im Rest der gion mit 300 000 Gläubigen im Iran. Was wird aber da-
Welt. durch ausgesagt, dass zahlenmäßig weniger Bahai als
Vielen Dank. Christen verfolgt werden, weil es nun einmal weniger
Bahai als Christen gibt? Gerade für diese religiöse Min-
(Beifall bei der LINKEN – Volker Kauder derheit ist die Situation im Iran dramatisch, weil die ira-
[CDU/CSU]: Die Zeit des Missionierens ist nischen Muslime nicht akzeptieren, dass es nach
nicht vorbei!) Mohammed einen neuen Offenbarer gab, der für sich in
5592 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Volker Beck (Köln)


(A) Anspruch genommen hat, eine neue Religion zu begrün- Denn ich glaube, nur dann, wenn der Bundestag bei dem (C)
den. Das ist aber kein Argument, mit dem man Glau- Thema Menschenrechte mit einer Stimme spricht, wird
bensfreiheit ausschalten kann, sondern wir müssen die seine Stimme auch weltweit wirklich gehört werden. Ich
Verfolgung der Bahai im Iran massiv kritisieren. meine, die Glaubensfreiheit ist es wert, dass wir uns die-
ser Mühe unterziehen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Seit 2004 wurden 313 Bahai festgenommen. Am
22. Juni 2010, also vor wenigen Wochen, wurden 50 Häu-
ser von Bahai im Iran zerstört. Der Prozess gegen die Präsident Dr. Norbert Lammert:
zwei Frauen und fünf Männer des Nationalen Geistigen Nun erhält Johannes Singhammer das Wort für die
Rats der Bahai läuft. Sie sitzen ein, und zwar nur dafür, CDU/CSU-Fraktion.
dass sie einer Religionsgemeinschaft angehören, die (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
dem iranischen Regime nicht passt, weil sie nach ihrer
Ansicht mit dem Islam nicht konform zu bringen ist.
Vieles aus der Liste der Diskriminierungen und der Ver- Johannes Singhammer (CDU/CSU):
folgung der Bahai im Iran erinnert daran, wie in den ers- Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Her-
ten Jahren des Dritten Reiches gegen die Juden vorge- ren! Wir in Deutschland wissen vom Wert der Freiheit
gangen wurde. Kein bürgerliches Recht auf Erbe, auf des Glaubens. Ohne Religionsfreiheit gibt es keinen dau-
Besitz, auf Schulbesuch, auf Freiheit und auf den Schutz erhaften inneren Frieden. Im kollektiven Gedächtnis vie-
von Leib und Leben ist für die Bahai im Iran garantiert. ler Menschen bei uns, aber auch in Europa, sind die
Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges, dieses
Deshalb sollten wir hier keinen Wettbewerb zwischen schrecklichen Krieges, fest eingebrannt. Drei Jahrzehnte
den verschiedenen Verfolgtengruppen in diesem Bereich Krieg, Morde und Verwüstung haben – neben dynasti-
anfangen, sondern massiv da einschreiten, wo eine schen und hegemonialen Gründen – vor allem auch die
Gruppe von Menschen oder Einzelne verfolgt werden, Auseinandersetzung um Religionsfreiheit zum Kern ge-
weil sie einen anderen Glauben haben als die Mehrheit habt. Während dieses bitteren Dreißigjährigen Krieges
oder das Regime eines Landes. Darum geht es, wenn wir erkannte man, dass kein Fürst, kein Staat, keine Obrig-
über die Religionsfreiheit streiten, und es geht auch da- keit, kein Mob dem einzelnen Menschen sein persönli-
rum, dass wir das, was wir von anderen Ländern verlan- ches Verhältnis zu Gott vorschreiben kann. Als eine ge-
gen, auch im eigenen Land konsequent umsetzen, ob- schichtliche Erfahrung stellt unser Grundgesetz in Art. 4
wohl es bei uns natürlich keine religiöse Verfolgung Abs. 1 und 2 unmissverständlich fest:
(B) gibt. Deshalb verlangen wir in unserem Antrag, auch da- (D)
rüber zu reden, ob der § 166 Strafgesetzbuch zur Be- Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die
schimpfung von religiösen Bekenntnissen mit der von Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Be-
uns hier gemeinsam geübten Kritik an der Resolution kenntnisses sind unverletzlich.
des UN-Menschenrechtsrats gegen die Diffamierung Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleis-
von Religionen noch zusammenpasst, also ob wir uns tet.
hier nicht auch an die eigene Nase fassen müssen.
Das gilt für alle. Das gilt auch für Menschen, die nach
Gleichstellung der Religionen und diskriminierungs- Deutschland zugewandert sind und nicht einem der
freie Garantie der Glaubensfreiheit – Herr Bielefeldt hat christlichen Bekenntnisse angehören. Deshalb ist der
in einer Schrift der Kommission Justitia et Pax ausge- Bau von Gebetshäusern und Moscheen durch unsere
führt, dass es darum geht, für das Recht der Religions- Verfassung garantiert.
freiheit universell und diskriminierungsfrei einzutreten –
bringt für uns als Bundestag gemeinsam mit den Län- Wir sagen allerdings auch denjenigen Staaten, die
dern die große Aufgabe mit sich, endlich die Weltreli- sich für in Deutschland lebende Landsleute einsetzen,
gion des Islam in Form von anerkannten islamischen damit diese ihre Religion zu Recht ungestört ausüben
Religionsgemeinschaften innerhalb des deutschen Reli- können, dass sie dabei die christlichen Minderheiten im
gionsverfassungsrechtes gleichzustellen. So können wir eigenen Land nicht aus dem Blick verlieren sollen.
diesen die Rechte geben, die unser Religionsverfas- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
sungsrecht beim Religionsunterricht und bei der Ausbil-
dung von Geistlichen gewährt, und diese Religionsge- Dabei genügt nicht die formale Gleichstellung auf dem
meinschaft auch mit Blick auf andere rechtliche Papier, sondern sie muss in der wirklichen Praxis erfol-
Konsequenzen, die sich aus der Anerkennung ergeben, gen.
gleichstellen. Denn nach dem Christentum ist der Islam
Vor wenigen Tagen habe ich gemeinsam mit einem
in Deutschland die zweitgrößte religiöse Gruppe. Es
Kollegen und mit führenden Repräsentanten der katholi-
kann nicht sein, dass eine so große Zahl von Menschen
schen und der evangelischen Kirche und der Evangeli-
bei der Inanspruchnahme ihrer Grund- und Menschen-
schen Allianz Christen in der Türkei besucht. Was
rechte letztendlich nicht gleichgestellt ist.
man gesehen hat, muss man auch ansprechen. Unser
Ich hoffe, dass es bei den Beratungen dazu kommt, Eindruck war: Viele christliche Minderheiten spüren ei-
dass unser Antrag und der Antrag der Koalition zu einem nen Mangel an Religionsfreiheit und Toleranz, weshalb
gemeinsamen Beschluss zusammengeführt werden. gerade viele jüngere Christen für sich keine Perspektive
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5593
Johannes Singhammer
(A) mehr sehen und das Land verlassen. Den christlichen halb hilft diese Debatte hier und heute vielen verfolgten (C)
Kirchen droht dort die Gefahr der Marginalisierung. Es Menschen in unterschiedlichsten Ländern vor allem
leben zum Teil nur noch ein paar Familien in Dörfern, dann, wenn wir uns mit einer einigen und gemeinsamen
die früher mehrheitlich von Christen bewohnt waren. Botschaft an die Weltöffentlichkeit wenden.
Kirchen und Klöster in Anatolien sind aber nicht (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie
nur uralte, ehrwürdige Bauwerke, die es aus touristi- des Abg. Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/
schen Gründen zu erhalten gilt, sondern es muss Kirchen DIE GRÜNEN])
und Klöstern auch gestattet sein, christliches Leben zu
entfalten. Deshalb erfüllt es mich mit Sorge, wenn bei- Präsident Dr. Norbert Lammert:
spielsweise jetzt in Deutschland mehr Mitglieder der sy- Das Wort erhält nun die Kollegin Angelika Graf für
risch-orthodoxen Kirche leben als in ihrer angestammten die SPD-Fraktion.
Heimat, der Provinz Mardin.
(Beifall bei der SPD)
Die seit 1971 unterbundene Priesterausbildung
muss, gerade für die orthodoxe Kirche, wieder möglich Angelika Graf (Rosenheim) (SPD):
sein, und die theologische Ausbildung, die eigenverant-
Herr Präsident! Sehr verehrte Kolleginnen und Kolle-
wortlich zu organisieren ist, ist notwendig, um eine
gen! Eine ganze Reihe Kollegen, darunter der Herr Au-
schleichende Austrocknung des kirchlichen Lebens zu
ßenminister und auch Sie, Herr Singhammer, hat auf die
verhindern.
Geschichte der Religionsfreiheit hingewiesen. Ich
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie möchte noch ein Puzzlestück hinzufügen. Der Augsbur-
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE ger Religionsfriede vom September 1555, in dem der
GRÜNEN) Grundsatz „cuius regio, eius religio“ festgelegt wurde,
gilt als weltpolitisches Ereignis und läutete nach den
Meine sehr verehrten Damen und Herren, Religions- Reformationskriegen quasi die offiziell festgeschrie-
freiheit wird nicht durch klare und eindeutige Rechts- bene Koexistenz beider christlichen Konfessionen und
sätze gewährleistet. Darin sind wir uns einig. Religions- damit die Neuzeit in den Kirchen ein. Den Dreißigjähri-
freiheit wird vor allem auch durch den tagtäglichen gen Krieg hat er allerdings nicht verhindern können.
Umgang von Verwaltung, Administration und Gerichten Religionsfreiheit im heutigen Sinne war das damals nur
mit christlichen Minderheiten oder auch anderen religiö- ansatzweise, ging es doch bei dieser Regelung darum,
sen Minderheiten gewährleistet oder auch verhindert. dass die Untertanen der Herrscher der jeweiligen Fürs-
Festzustellen ist aber auch: Religionsfreiheit heißt ten- und Königshäuser der Konfession ihres Landesfürs-
(B) nicht Wertneutralität. Wir in Deutschland haben in ei- ten folgen mussten, was bedeutete, dass sie bei einem (D)
nem langen und schmerzhaften Prozess über Jahrhun- Wechsel des Herrscherhauses auch immer ihre Konfes-
derte hinweg eine religiöse bzw. weltanschauliche sion wechseln mussten.
Neutralität des Staates verwirklicht, die aber keines- Tatsächliche Religionsfreiheit ist ganz eindeutig ein
wegs eine vollständige Wertneutralität der staatlichen Zeichen der Moderne, auch weil sie in der heutigen Zeit
Ordnung bedeutet. Die Zwei-Schwerter-Lehre und der individuelle Freiheit ausdrückt. Der von mir sehr ge-
Investiturstreit im Mittelalter haben letztlich zu Art. 140 schätzte und schon mehrfach angesprochene UN-Son-
unseres Grundgesetzes geführt, in dem unter anderem derberichterstatter für Religions- und Glaubensfragen,
geregelt ist: Heiner Bielefeldt, sagte neulich in einem Interview – ich
Es besteht keine Staatskirche. zitiere –:

Bei den Gründervätern der Bundesrepublik Deutsch- Die Religionsfreiheit ist ein individuelles Freiheits-
land herrschte die Überzeugung vor, dass erst der Abfall recht, wie die Meinungsfreiheit auch. Es geht um
von Gott den Weg freigemacht hatte für das schranken- die Freiheit, sich zu einem Glauben zu bekennen
lose Machtsystem tiefster menschlicher Erniedrigung oder auch nicht.
des Nationalsozialismus. Auf dieser Grundlage unserer Das heißt, man darf nicht dazu gezwungen werden, sei-
Verfassung haben wir die Religionsfreiheit definiert und nen Glauben zu verbergen, aber auch nicht, ihn zu offen-
garantiert. Wir wollen diese Erfahrungen nicht besser- baren. Ein gutes Beispiel dafür ist die Möglichkeit, im
wisserisch anderen aufdrängen, aber es ist uns von der Deutschen Bundestag zum Beispiel bei der Eidesformel
Union wie auch, glaube ich, allen Mitgliedern dieses den letzten Satz wegzulassen.
Hauses wichtig, dass die Religionsfreiheit als Men-
schenrecht über nationale Grenzen hinweg verwirklicht Religionsfreiheit bedeutet auch die Freiheit, den
wird. Deshalb werden wir darauf achten, dass die Frei- Glauben ohne Druck und Zwang, aber auch ohne Konse-
heit des Gewissens und Glaubens bei unseren Partnern quenz für Leib und Leben oder die berufliche Existenz
und den Mitgliedern der internationalen Völkergemein- zu wechseln oder zu behalten. Dies ist in einer Vielzahl
schaft gewährleistet wird, und wir werden diese auch von Ländern – das ist schon mehrfach angesprochen
einfordern. worden – nicht möglich. Beispiele dafür sind der Iran
oder Saudi-Arabien. Dort steht auf Apostasie, also den
Ein wichtiger Schutzschirm für verfolgte und be- Abfall vom Islam, die Todesstrafe, ebenso wie in Pakis-
drohte Minderheiten, insbesondere Christen, ist die Her- tan auf die Beleidigung des Propheten Mohammed. Dort
stellung der Öffentlichkeit bei uns und weltweit. Des- wie in vielen anderen Ländern darf nicht für einen Reli-
5594 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Angelika Graf (Rosenheim)


(A) gionswechsel, zum Beispiel hin zum Christentum, ge- der Turm zur Kirche, und dass er davor gewarnt hat, (C)
worben werden. Muslime und andere Andersgläubige, die in unserer Ge-
sellschaft ihren Platz haben, durch diese oder ähnliche
Volker Beck hat schon sehr eindrucksvoll die Lage Aktionen auszugrenzen; denn wir können nur dann welt-
der Bahai im Iran geschildert. Christen und Angehörige weit wirkungsvoll für die Religionsfreiheit kämpfen,
anderer Religionen, zum Beispiel die Jesiden, die Juden, wenn wir selbst sie hochhalten. Dazu gehört zum Bei-
die Hindus, erleben in vielen Ländern und Regionen spiel auch, dass wir uns mehr darum kümmern, dass
Verfolgung. Nicht zu vergessen – Herr Singhammer hat Imame in Deutschland ausgebildet werden. Das würde
das angesprochen – ist die Situation der syrisch-orthodo- uns deutlich weiterbringen.
xen Christen in Mor Gabriel im Südosten der Türkei.
Ich selbst war in diesem Kloster und konnte mich von (Beifall bei der SPD, der FDP, der LINKEN
der schlimmen Lebenssituation der Menschen dort über- und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
zeugen.
Ich komme zurück zu Heiner Bielefeldt. Die Religions-
Die Menschenrechtspolitiker dieses Hauses haben freiheit dürfe, so sagt er, nicht dazu missbraucht werden,
über alle Fraktionsgrenzen hinweg schon in der Vergan- Religionen gegen jede Kritik oder gesellschaftliche Aus-
genheit bei Besuchen in den jeweiligen Ländern gegen- einandersetzung zu immunisieren. – Bielefeldt hat recht.
über den politisch Verantwortlichen immer deutlich ge- Religionen müssen als Teil unserer gesellschaftlichen
macht, dass die Religionsfreiheit und damit auch der Prozesse heute mehr denn je miteinander kommunizie-
Wechsel der Religion zu den Grundfreiheiten des Men- ren und sich und ihr Auftreten immer wieder neu selbst-
schen gehört, wobei ich allerdings nicht verschweigen kritisch unter die Lupe nehmen. Das macht die Vielzahl
möchte, dass manche Gruppierung absolut inakzeptable der Kirchenaustritte rund um die Missbrauchsfälle in der
Werbemaßnahmen einsetzt. So bietet zum Beispiel eine katholischen Kirche und den Skandal um Bischof Mixa
koreanische Organisation Opfern von Unwetter und überdeutlich. Dort hat die Kirche deutliche Versäum-
Überschwemmung – das habe ich in Kambodscha selbst nisse gezeigt.
erlebt – nur dann ein festes Dach über dem Kopf oder
Bildung für die Kinder an, wenn der Übertritt zum Ich weiß, dass die ganz große Mehrheit der in Deutsch-
christlichen Glauben erfolgt. Ich denke, das tut der Sa- land lebenden Muslime fundamentalistische Gruppierun-
che des Christentums keinen guten Dienst. gen ablehnt. Ich sehe aber auch, dass unsere offene
Gesellschaft sich verändert, weil sie sich von diesen fun-
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
damentalistischen Strömungen bedroht fühlt. Das Mi-
der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
narettverbot in der Schweiz macht deutlich, dass in letzter
GRÜNEN)
(B) Konsequenz auf Dauer die Religionsfreiheit gefährdet (D)
Religionswechsel geschehen bei uns aus sehr unter- sein könnte.
schiedlichen Beweggründen. Viele Menschen haben auf-
grund bestimmter Lebensumstände aus eigenem Willen (Beifall bei Abgeordneten der SPD und des
in einem anderen Glauben oder in einer anderen Konfes- BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
sion eine neue Heimat gefunden. Aber wir sollten auch Sorgen mache ich mir auch um die jungen Muslimin-
nicht vergessen: Es ist noch nicht so lange her, dass nen und Muslime, die die Tendenzen in der Mehrheits-
Menschen in Deutschland wegen einer sogenannten gesellschaft natürlich spüren. Wir müssen daran arbei-
Mischehe, also der Ehe zwischen einem evangelischen ten, sie vor fundamentalistischen Gegenströmungen zu
und einem katholischen Christen, aus der Kirche ausge- schützen. Wir müssen ihnen die Werte unserer offenen
schlossen wurden. Erst die Ökumene hat hier einen gu- Gesellschaft besser vermitteln. Deswegen plädiere ich
ten Weg geebnet. sehr für einen staatlichen Islamunterricht in jedem
Religionsfreiheit ist ausgesprochen modern und zeit- Bundesland. Wir müssen auf die Länder einwirken, da-
gemäß. Ich frage mich oft: Gilt das auch für das Gottes- mit so etwas endlich realisiert werden kann; denn dies
bild, welches Christen wie Muslime haben? Welchen wäre eine Möglichkeit, die Fragen und Bedürfnisse der
Sinn, so wurde vor wenigen Tagen in einem Artikel in jungen Musliminnen und Muslime aufzunehmen, und
der Zeit gefragt, hat es, wenn wir zu Gott flehen, um un- ein wichtiger Teil des Weges, den junge Menschen in un-
serem Fußballverein zum Sieg zu verhelfen? Besteht serem Staat finden müssen.
nicht auch der gegnerische Verein aus Kindern Gottes?
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
Erschreckt hat mich das Minarettverbot in der DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
Schweiz, womit die Errichtung des Wahrzeichens einer FDP)
anderen Religion in einer mitteleuropäischen Stadt un-
möglich gemacht werden sollte. Ich danke Ihnen, Herr Religionsfreiheit bedeutet den Schutz und die Freiheit
Kauder, ganz ausdrücklich, dass Sie deutlich gemacht aller Glaubensrichtungen – auch in Deutschland. Das
haben, dass das in Deutschland nicht infrage kommt. werden wir in unserem Antrag, den wir Ihnen in Kürze
vorlegen werden, auch deutlich machen.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Vielen herzlichen Dank.
Ich begrüße deshalb sehr, dass der Hamburger Weihbi-
schof Hans-Jochen Jaschke unmissverständlich klarge- (Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
macht hat, dass ein Minarett zur Moschee gehört wie BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5595

(A) Präsident Dr. Norbert Lammert: dere Grundrechte vorenthalten möchte, hat mit unserem (C)
Pascal Kober erhält nun das Wort für die FDP-Frak- entschiedenen Widerspruch zu rechnen.
tion.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Religionsfreiheit gibt es für uns nur innerhalb des Rah-
der CDU/CSU)
mens der für alle gültigen universellen und unteilbaren
Menschenrechte.
Pascal Kober (FDP):
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Was wir mit unserer wertegeleiteten Außenpolitik von
Sehnsucht nach Freiheit, die Sehnsucht nach Freiheit der allen Religionen und Weltanschauungen einfordern, ist
innersten Bindungen und der innersten Grundüberzeu- gegenseitige Toleranz, aber keine Toleranz, die dem Dia-
gungen von äußerem Zwang – wir würden heute sagen: log um Wertefragen ausweicht, sondern eine Toleranz,
die Sehnsucht nach der Freiheit des Gewissens, die die den Dialog um die Wahrheit und Gültigkeit von Wer-
Glaubens- und Religionsfreiheit – ist geradezu der Aus- ten, die den Dialog um die Weise eines friedlichen Zu-
gangsimpuls für die gesellschaftliche Freiheitsbewe- sammenlebens aller innerhalb der Friedensordnung, die
gung, in deren Folge sich die freiheitlichen Demokratien die unveräußerlichen Menschenrechte jedem gewähren,
auf dem Boden unveräußerlicher Grundrechte ausgebil- sucht. Deshalb sind die Mittel und Wege, mit denen die
det haben. christlich-liberale Regierungskoalition weltweit für Men-
schenrechte eintritt, vor allen Dingen der entschiedene
Es ist kein Widerspruch, dass wiederum der Grund- Menschenrechtsdialog auf allen Ebenen, die Menschen-
wert der Glaubens- und Gewissensfreiheit in unserer rechtsbildung, die wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Geistesgeschichte seinen Ausgangspunkt in der jüdisch- Entwicklung aufgrund der Einsicht, dass gesellschaftli-
christlichen Tradition hat, nach Jahrhunderten der Ver- che Freiheit und Rechtsstaatlichkeit einerseits und öko-
dunklung durch theologische Missinterpretation wieder- nomische Unabhängigkeit andererseits einander positiv
entdeckt und aufgedeckt in der Reformation und säkular- bedingen.
politisch durchdacht, ausformuliert und erkämpft in der
Freiheitsbewegung der Aufklärung. Als christlich-liberale Koalitionsfraktionen fordern wir
mit unserem Antrag die Bundesregierung auf, in ihren
Jüdisch-christliche Tradition, Reformation und Auf- Anstrengungen für Religionsfreiheit und Menschen-
klärung – wir wären uns selbst nicht treu, liebe Kollegin- rechte nicht nachzulassen, und sichern zugleich unsere
nen und Kollegen, sondern geradezu selbstvergessen, Unterstützung zu.
würden nicht gerade wir als christlich-liberale Koalition
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
(B) für das unveräußerliche Recht auf Glaubens- und Gewis- (D)
sensfreiheit, auf Religionsfreiheit weltweit entschieden (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
eintreten.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten Präsident Dr. Norbert Lammert:
der CDU/CSU) Nächste Rednerin ist die Kollegin Annette Groth für
die Fraktion Die Linke.
Was die Religionsfreiheit, für die die christlich-libe-
rale Koalition weltweit im Rahmen ihrer kohärenten und (Beifall bei der LINKEN)
wertegeleiteten Außenpolitik eintritt, aber nicht meint,
und was die Toleranz unter den Religionen und Weltan-
Annette Groth (DIE LINKE):
schauungen, die wir einfordern, nicht meint, ist eine rela-
tivistische Toleranz oder Religionsfreiheit, die der Frage Sehr geehrter Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen
nach der Gültigkeit von Werten, die, wenn man so will, und Kollegen! Als linke, ökumenisch geprägte Protestan-
der Wahrheitsfrage ausweicht. tin begrüße ich die heutige Debatte über die Glaubens-
und Gewissensfreiheit als ein elementares Menschenrecht.
Denn wem alles gleich gültig ist, dem ist auch alles Religion ist für viele Menschen von zentraler Bedeutung.
gleichgültig. Das ist das genaue Gegenteil einer wertege- Deshalb müssen sich Staaten gegenüber Religionen und
bundenen und wertegeleiteten Außenpolitik Weltanschauungen neutral verhalten und eine freie Reli-
gionsausübung gewährleisten.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Wie einige Vorrednerinnen und Vorredner unterstütze
und das genaue Gegenteil der Idee universell gültiger ich ausdrücklich die deutliche Kritik am Minarettverbot
unveräußerlicher Menschenrechte. in der Schweiz.
(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- (Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Josef
NEN]: Ich bin auch christlich! Ich bin auch li- Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
beral! Nicht so ausgrenzen!) NEN])
Das Konzept der Religionsfreiheit, für das wir als Aber auch in Deutschland versuchen Bürgerinitiativen
christlich-liberale Koalition weltweit eintreten, ist das häufig, den Bau von Moscheen zu verhindern. So wird
Konzept einer Toleranz, die nicht alles für richtig hält die Religionsfreiheit behindert.
und auch nicht jedem recht gibt. Wer beispielsweise un-
ter dem Deckmantel der Religionsfreiheit anderen an- (Beifall bei der LINKEN)
5596 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Annette Groth
(A) Seit einiger Zeit beobachte ich mit großer Sorge, dass viele Millionen armer Bäuerinnen und Bauern ihre Exis- (C)
in Deutschland, aber auch in anderen EU-Staaten mit tenzgrundlage verlieren, weil billige subventionierte Le-
Begriffen wie „islamistisch“ eine ganze Religion diskre- bensmittel aus der EU den indischen Markt zerstören,
ditiert wird. Eine solche Kategorisierung trägt dazu bei, befürchte ich, dass die Hassprediger noch mehr Zulauf
dass bei der Mehrheitsgesellschaft Ressentiments gegen und Gehör finden könnten als bisher. Deswegen müssen
Muslime geschürt werden. Als Reaktion auf diese Dis- wir auch durch eine gerechte Handelspolitik dazu beitra-
kriminierung und Stigmatisierung könnten Muslime in gen, dass Armut sich nicht weiter verschärft.
die Arme von Extremisten getrieben werden. Deshalb Die Linke fordert von der Bundesregierung eine Men-
hat sich die US-Regierung kürzlich von Begriffen wie schenrechtspolitik, die sich für alle Verfolgten und Be-
„radikaler Islam“ und „islamistischer Terror“ ganz ver- drohten, egal welcher Religionsgemeinschaft sie ange-
abschiedet. hören, einsetzt.
Verehrte Damen und Herren, zu einer fortschrittlichen Danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Menschenrechtspolitik gehört die Analyse der tieferen
Ursachen von religiösen Konflikten. Oft zeigt sich, (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
dass Diskriminierungen oder Gewaltakte gegen eine be- neten der SPD)
stimmte Religion der Katalysator für soziale und ökono-
mische Konflikte sind. Wenn Angehörige einer Religion Präsident Dr. Norbert Lammert:
von der Politik bevorzugt werden, werden bei anderen Nächster Redner ist der Kollege Tom Koenigs für die
Religionsgemeinschaften Ressentiments geschürt. Dann Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.
wird Religion als Machtinstrument missbraucht.
Herr Kauder sowie andere Rednerinnen und Redner Tom Koenigs (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
haben den Fall Orissa bereits erwähnt. An den Überfällen Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
waren Mitglieder der Lokalregierung und der indischen Herren! Der Antrag der Regierungsfraktionen behandelt
Volkspartei BJP, deren Mitglieder nationalistische Hin- vor allem die Verletzung der Religionsfreiheit in fernen
dus sind, beteiligt. Ein Grund für diese gewaltigen Aus- Ländern. Das ist aber nicht genug. Wer die Religions-
schreitungen sind die große Armut und der seit Jahren ge- freiheit beschneidet oder missachtet, der missachtet auch
Europa; denn Europa ist ein politisches Projekt der bür-
schürte Hass auf Andersgläubige. Viele der 35 Millionen
gerlichen Freiheiten einschließlich der Religionsfreiheit
Einwohnerinnen und Einwohner Orissas leben in großer
und gerade der Religionsfreiheit. Diese grundlegenden
Armut. Diese sozialen Verhältnisse machen es religiösen
Freiheitsrechte sind im Grad ihrer Durchsetzung und in
Hasspredigern leicht, die Frustration über die sozialen der Entwicklung ihres Instrumentariums ein Markenzei-
(B) Ungerechtigkeiten auf andere zu lenken. chen Europas und nicht nur, Herr Bundesaußenminister, (D)
Im Bundesstaat Karnataka hat die regierende BJP Deutschlands.
kürzlich ein Gesetz verabschiedet, das den Religions- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
wechsel weg vom Hinduismus verhindern soll. Dieses sowie bei Abgeordneten der SPD)
Gesetz stellt „unredliche Bekehrung“ unter Strafe und
legt fest, dass jeder Übertritt zum Christentum den Be- Wenn ich mich in Europa umsehe, dann sehe ich aber
hörden gemeldet werden muss. Mit der toleranten indi- Debatten, die an diesem Fundament des europäischen
schen Verfassung ist dieses Gesetz eigentlich nicht ver- Selbstverständnisses rütteln. Die Mehrheit der Schwei-
einbar. Wir fordern von der Bundesregierung, dass sie zer ist gegen Minarette. Italienische und spanische Kom-
solche Diskriminierungen, ganz gleich, ob sie Muslime, munen stellen die Vollverschleierung der Frau unter
Christen oder andere Religionsgemeinschaften betreffen, Strafe. In Belgien und Frankreich strebt man ein Verbot
in ihren Gesprächen mit Indien deutlich verurteilt. von Burka und Niqab an. Über ein Verbot der Burka
wurde erst vorgestern wieder in der französischen Natio-
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord- nalversammlung beraten. Immer haben diese Debatten
neten der SPD) eine deutlich fremden- und freiheitsfeindliche, eine natio-
nalistische und vor allem antieuropäische Konnotation.
Verehrte Damen und Herren, die Regierung in Orissa
hat auf die Armut mit einer zerstörerischen Industriali- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sierung reagiert. Durch die Ansiedlung eines Stahlwerks sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
mit 4 Milliarden Euro Umsatz wurde eine fundamentale KEN)
Veränderung der betroffenen Region eingeleitet. Das Darauf müssen wir achten; denn das sind Diskussionen,
Stahlwerk verbraucht riesige Wassermengen und zerstört die auch zu uns nach Deutschland kommen werden, und
die Lebensgrundlage von vielen Bäuerinnen und Bauern. dabei geht es um den Kern unserer Freiheitsrechte, der
Dadurch wird die Wut vieler Betroffener noch mehr ge- Freiheitsrechte von Deutschland und von Europa.
steigert.
Den freiheitsfeindlichen und reaktionären Tendenzen
Es gibt in vielen Ländern ähnliche Auseinanderset- müssen wir eine sachliche Erwägung dessen entgegen-
zungen zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Religio- setzen, was Menschenrechte und Freiheiten sind und wo
nen. Ich habe Orissa als Beispiel gewählt, weil hier ex- sie durch Menschenrechte und Freiheiten anderer be-
emplarisch der Zusammenhang zwischen Armut und grenzt werden. Sie dürfen nur dann begrenzt werden,
religiösem Fanatismus aufgezeigt wird. Wenn durch das wenn sie Freiheiten und Menschenrechten anderer ent-
geplante Freihandelsabkommen der EU mit Indien gegenstehen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5597
Tom Koenigs
(A) Europa steht dafür, dass das einzelne, schwache Indi- Die Situation in Deutschland und in Europa, die (C)
viduum vor Begehrlichkeiten von starken, überindividu- geprägt ist von Debatten über Detailfragen, wie hier Re-
ellen Institutionen geschützt wird, auch vor Staaten oder ligionsfreiheit ausgestaltet werden kann, lässt sich über-
Schulen, selbst vor Religionsgemeinschaften, egal wie haupt nicht mit der Situation von vielen religiösen Min-
hoheitlich, traditionsreich oder hochwürdig sie daher- derheiten – dazu zählen in vielen Staaten auch die
kommen mögen. Wenn wir Abstriche am Schutz dieser Christen –, die unter Existenzsorgen leiden, vergleichen.
Menschenrechte zulassen, dann gefährden wir das politi- Mit Blick auf die Umsetzung der Menschenrechte und
sche Projekt Europa. des Rechts auf Religionsfreiheit kann man sagen, dass
dazwischen wirklich Welten liegen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Deshalb sollten wir uns davor hüten, nicht Stellung zu
beziehen oder wegzuschauen, wenn wir dergleichen se- Wir in Europa und insbesondere in Deutschland sind
hen können. geprägt – das hat der Kollege Singhammer vorhin zu
Recht angesprochen – von den Erfahrungen des Dreißig-
Leute wie Sarkozy oder Wilders sagen es nicht so
jährigen Krieges. Durch diese religiöse Auseinanderset-
deutlich, aber im Hintergrund der Debatten um Burka
zung von Christen gegen Christen wurde die deutsche
und Minarette steht immer noch die Vorstellung von ei-
Bevölkerung um 20 bis 40 Prozent dezimiert. Diese Er-
nem christlichen Abendland. Sie sagen in etwa: Europa
fahrung, die uns geprägt hat, hat uns zu der Überzeugung
ist da, wo die Burka nicht ist, und dass manche Religio-
gebracht, dass es Religionsfreiheit geben muss. Aber
nen mit unseren Werten weniger zusammenpassen als
durch die Jahrhunderte waren Religionskämpfe auch
andere. Europa ist aber mehr als das christliche Abend-
immer machtpolitische Instrumente, und es waren auch
land. Europa ist nicht das Projekt einer Religion, sondern
neidgesteuerte Elemente dabei. Auch das ist deutlich er-
das von vielen Gläubigen und Ungläubigen, Religionen
kennbar.
und Religionsgemeinschaften sowie Areligiösen.
Angesichts der historischen Entwicklung unseres
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Landes durch die Jahrhunderte freuen wir uns natürlich,
sowie bei Abgeordneten der SPD)
dass Religionsfreiheit inzwischen ein elementares Men-
Noch ist die Religionsfreiheit in Europa besser umge- schenrecht ist; wir müssen dieses Recht wirklich enga-
setzt als in vielen anderen Teilen der Welt – und zwar giert vertreten. Dieses Recht wird nicht nur im Grundge-
nicht nur in den Gesetzestexten, sondern auch im gesell- setz garantiert, sondern auch in der Allgemeinen
schaftlichen Miteinander. Religionsfreiheit weltweit zu Erklärung der Menschenrechte und im Internationalen
schützen heißt aber auch, weltweit und in Europa einen Pakt für bürgerliche und politische Rechte.
(B) Fundamentalismus zu bekämpfen, der nicht nur unter (D)
Muslimen, sondern auch unter Christen, Juden, Orthodo- Aber seit vielen Jahren müssen wir mit großer Sorge
xen und Ungläubigen zurzeit immer stärker wird. beobachten, dass Religionsfreiheit zwar in vielen Län-
dern auf dem Papier steht – Papier ist geduldig –, dass
Religionsfreiheit und Liberalität sind Identitätszei- aber diese Religionsfreiheit nicht umgesetzt wird.
chen Europas. Für viele in der Welt ist Europa gerade Grundsätzlich wird sie zugesichert, aber zum Beispiel
wegen dieser Freiheit so attraktiv. Wenn wir auf Europa in den muslimischen Ländern wird sie sehr häufig nur
stolz sein wollen, dann sollten wir das gerade deswegen unter dem Diktum der Scharia angewandt. In mindes-
sein. Die Idee Europa braucht Religionsfreiheit. Wir tens 64 Ländern der Erde – mindestens –, in denen fast
sollten sie mit allem Nachdruck vor jeder Relativierung 70 Prozent der Weltbevölkerung leben, ist die Religions-
schützen. freiheit sehr stark eingeschränkt oder sie existiert über-
haupt nicht.
Vielen Dank.
Die kleine Religionsgemeinschaft der Bahai – Herr
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Beck, Sie brauchen uns nicht zu überzeugen – lebt unter
und bei der SPD) großer Bedrängnis und in existenzieller Not. Wir führen
ständig Gespräche mit ihren Vertretern in Deutschland.
Präsident Dr. Norbert Lammert: Natürlich stehen wir auch an der Seite der Bahai, aber
Das Wort erhält jetzt die Kollegin Erika Steinbach für das heißt doch nicht, dass wir nur dort den Blick hinwen-
die CDU/CSU-Fraktion. den dürfen. Wir dürfen nicht verkennen, dass weltweit
vor allem Christen die am häufigsten verfolgte und un-
(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. ter Druck stehende religiöse Minderheit sind. Sie sind
Pascal Kober [FDP]) die größte Religionsgemeinschaft weltweit, aber in den
Ländern, in denen sie verfolgt werden, sind sie in einer
Erika Steinbach (CDU/CSU): Minderheitensituation.
Herr Präsident! Meine lieben Kolleginnen und Kolle-
gen! Wenn weltweit so viel Religionsfreiheit herrschen Keine andere Religionsgemeinschaft wird intensiver
würde wie in der Europäischen Union, dann müssten wir verfolgt als die christliche. Ich will nur wenige Beispiele
uns heute manche Gedanken nicht machen. Das muss nennen, man könnte eine seitenlange Liste aufführen. In
ich einmal deutlich feststellen. Indonesien wurden in den Jahren 2000 bis 2001 rund
100 000 Christen von den Molukken vertrieben. Im indi-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) schen Bundesstaat Orissa wurden zwischen 2007 und
5598 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Erika Steinbach
(A) 2009 rund 50 000 Christen vertrieben, ermordet oder des Abg. Volker Kauder [CDU/CSU]: Das ist (C)
vergewaltigt. Ich freue mich sehr, dass heute Vertreter logisch!)
der christlichen Minderheit hier sind. Bitte nehmen Sie
– Nein, nicht nur, das habe ich eben deutlich gemacht.
folgende Botschaft mit zu Ihren Glaubensgeschwistern:
Wir stehen an Ihrer Seite. Wir haben Sie nicht vergessen. (Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE
Wir unterstützen Sie. GRÜNEN]: Dann gibt es keinen Dissens!)
(Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und der Missverstehen Sie die Dinge doch nicht so, wie Sie es
SPD sowie des Abg. Josef Philip Winkler wollen.
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Ich glaube, es war gut und richtig, dass Deutschland
Lassen Sie mich weitere Beispiele nennen: Im Irak seinerzeit verfolgte christliche Iraker aus Syrien und Jor-
leiden rund 385 000 Christen unter Verfolgung. Wir danien aufgenommen hat. Es ist gut, dass wir uns im
müssen feststellen: 80 Prozent aller aus religiösen Grün- Deutschen Bundestag in einer Kernzeitdebatte dafür aus-
den verfolgten Menschen sind Christen. Man geht welt- sprechen, dass kein Mensch auf diesem Erdball wegen
weit von mindestens 200 Millionen verfolgten Christen der Ausübung seiner Religion und seiner Religionszuge-
aus. Das größte Ausmaß nimmt die Diskriminierung und hörigkeit verfolgt wird.
Unterdrückung leider in mehrheitlich muslimisch ge- Herr Außenminister, ich bedanke mich bei der Bun-
prägten Ländern an. desregierung dafür, dass Sie bei Ihren Gesprächen mit
Selbst in der Türkei – das halte ich für besonders be- Ihren Auslandskontakten immer wieder darauf hinwei-
denklich –, die ihren Blick bekanntermaßen in Richtung sen, dass die Religionsfreiheit für uns ein hohes Gut ist
Europa gelenkt hat, leben Christen nicht ungefährdet. und dass wir von unseren Gesprächspartnern durchaus
Die Religionsfreiheit steht im Grunde genommen nur erwarten, dass sie das auch ernst nehmen.
auf dem Papier. Der Bau von Kirchen ist nicht möglich, Ich bedanke mich.
theoretisch wohl, aber in der Praxis lässt es sich fast
nicht umsetzen. Christliche Geistliche schweben in Le- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
bensgefahr, etliche sind schon umgebracht worden. Mis-
sion, ein Teil der christlichen Religion, ist unmöglich. Präsident Dr. Norbert Lammert:
Predigten dürfen nur an bestimmten Tagen abgehalten Zu einer Kurzintervention erhält der Kollege Volker
werden. Eine Zahl spricht Bände: Vor 60 Jahren betrug Beck das Wort.
der Anteil der Christen in der Türkei 20 Prozent. Derzeit
beträgt der Anteil an Christen in der Türkei nur noch (Volker Kauder [CDU/CSU]: Er ist gar nicht
(B) 0,15 Prozent. Diese wenigen werden trotz der Beitritts- angesprochen worden!) (D)
verhandlungen gezielt unterschwellig unterdrückt. In
Ankara hören Sie nur Stimmen der Unterstützung und Volker Beck (Köln) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
des Verständnisses, aber vor Ort sieht die Welt völlig an- Ich will es ganz kurz machen. Das ist keine persönli-
ders aus. che Bemerkung, Herr Kauder, sondern eine Kurzinter-
vention. Eigentlich wollte ich eine Zwischenfrage an
(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE Frau Steinbach stellen.
GRÜNEN]: Das stimmt!)
Von Christ zu Christin: Sehen wir uns nur an der Seite
Erst kürzlich hat mir ein Pastor aus Izmir, dessen Na- anderer Christen, oder sehen wir uns an der Seite von
men ich nicht nennen will, von seinen Ängsten und von Verfolgten? Das halte ich für die christliche Haltung.
seiner Drangsal berichtet. Diese ungute Entwicklung
muss uns alle hier im Hause zutiefst beunruhigen. Nicht (Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister: Das
nur in Deutschland, sondern auch weltweit brauchen wir hat sie doch gesagt!)
ein friedliches Miteinander der Religionen. Herr Kollege Können wir uns gemeinsam darauf verständigen, dass
Koenigs, Sie haben ausgeführt, dass es eigentlich kein wir das Aggiornamento des II. Vatikanums zugrunde le-
christliches Abendland gibt. Ich sage Ihnen: Wir leben gen, obwohl Sie keine Katholikin sind? Wir können
auf dem Fundament eines christlich geprägten Abend- Gott, den Vater aller Menschen, nicht anrufen, wenn wir
landes, und das lasse ich mir auch nicht ausreden. irgendwelchen Menschen, die nach dem Ebenbild Gottes
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – geschaffen sind, die brüderliche Haltung verwehren. Das
Ulrich Kelber [SPD]: Dann müssen Sie einmal ist vielleicht eine gute gemeinsame Grundlage. Da geht
einige Stellen in der Bibel nachlesen!) es nicht um Christen oder Nichtchristen, sondern um
Menschen.
Als Christin füge ich auch hinzu: Selbstverständlich
stehe ich solidarisch an der Seite anderer Christen. Herr (Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Beck, Sie wissen doch selber, wo Sie solidarisch stehen.
Ich als Christin stehe solidarisch an der Seite verfolgter Erika Steinbach (CDU/CSU):
Christen auf dieser Welt. Herr Kollege Beck, wer durch des Argwohns Brille
schaut, sieht Raupen selbst im Sauerkraut.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE (Heiterkeit bei Abgeordneten des BÜNDNIS-
GRÜNEN]: Hoffentlich nicht nur! – Gegenruf SES 90/DIE GRÜNEN)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5599

(A) Präsident Dr. Norbert Lammert: Ein weiteres Beispiel bietet auf dem afrikanischen (C)
Siegmund Ehrmann ist der nächste Redner für die Kontinent Eritrea. Hier sind lediglich vier Konfessionen
SPD-Fraktion. erlaubt. Alle anderen Religionen werden automatisch
kriminalisiert. Das belegen die Zahlen der Inhaftierun-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) gen, welche die Sicherheitsdienste von Gläubigen ande-
rer Religionsgemeinschaften vornehmen.
Siegmund Ehrmann (SPD):
Die Nichteinhaltung der Glaubens- und Religionsfrei-
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Liebe heit ist – ich habe es eingangs deutlich gemacht – nicht
Kolleginnen und Kollegen! Es ist schon mehrfach ange- nur ein außereuropäisches Problem. Das Minarettverbot
sprochen worden: Europa und Deutschland sind durch in der Schweiz ist angesprochen worden. Ich beobachte
fürchterliche Epochen gegangen. Das, was wir als unteil- das auch in unserer Region: Wenn es um den Bau von
bare Menschenrechte verstehen, ist auch in unserem Moscheen und Minaretten geht, ist das nicht ganz so
Land nicht vom Himmel gefallen. stressfrei, wie es hier in der Debatte angedeutet wird.
Die Freiheit des Glaubens und die Freiheit des religiö- (Beifall bei der SPD)
sen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind Rechte des
Einzelnen. Wir messen ihnen in unserer Verfassung den Da werden – das ist rechtsstaatlich nicht zu beanstan-
höchsten Rang zu. Ob Christ, Jude, Muslim, Buddhist, den – die Instrumente des Bau- und Planungsrechts be-
Hindu oder Mitglied einer anderen Glaubensgemein- nutzt. Gleichwohl gibt es tiefe Nachbarschaftskonflikte,
schaft, alle haben das Recht, ihren Glauben zu leben, zu hinter denen sich auch andere Motive verbergen. Auch
predigen, nach außen zu tragen. Das zeigt sich zum Bei- das, denke ich, muss benannt werden, wenn wir uns mit
spiel an den Moscheen und Gotteshäusern, im Tragen diesen grundlegenden Fragen auseinandersetzen.
des Kreuzes oder im Verzehr koscheren Essens.
(Beifall bei der SPD – Josef Philip Winkler
Doch nicht nur Art. 4 des Grundgesetzes schützt die [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die meisten
Mitglieder von Glaubens- und Religionsgemeinschaften. Moscheen stehen im Gewerbegebiet! So sieht
Das Grundgesetz gibt uns außerdem auf, dafür Sorge zu es aus!)
tragen, dass keiner aufgrund seines Glaubens benachtei-
ligt wird. Gläubige, die offen zu ihrer Religion stehen, Noch etwas möchte ich ausdrücklich ansprechen: Na-
müssen nicht fürchten, deswegen diskriminiert zu wer- türlich ist die Religionsfreiheit im positiven Sinne ein
den. Religionsfreiheit schließt allerdings auch ein, sich kostbares Gut. Aber dazu gehört auch die Freiheit, die
nicht religiös zu bekennen. Religion zu wechseln sowie keiner anzugehören. Es ist
(B) damit aber auch die Freiheit verbunden, sich kritisch zu (D)
Das ist der Verfassungsrahmen in unserem Land. Die besonderen religiösen Auffassungen zu äußern; denn
Realität zeigt jedoch, dass es auch hier immer wieder zu nicht nur Gläubige werden in manchen Ländern erpresst,
Konflikten kommt, bei denen die Religionsfreiheit auf belästigt und bedroht. Gleiches gilt für Atheisten und
dem Prüfstand steht. Ich erinnere an die Debatten über Kritiker. Es gibt Länder, in denen nicht nur Andersgläu-
die Ladenschlusszeiten, die Kopftücher oder die Mo- bige, sondern eben auch Kritiker und Atheisten bedroht
scheebauten. Die Bedeutung der werteprägenden Kraft sind. Da wird das Spannungsverhältnis zwischen positi-
von Religion und Glauben für das soziale Miteinander ver Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit deutlich.
hebt Böckenförde in der oftmals zitierten Aussage her-
vor: Wir werden uns – das sage ich abschließend – in den
Ausschüssen mit den Anträgen auseinandersetzen.
Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Vo- Meine Fraktion wird sich mit einem eigenen Antrag an
raussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. dieser Debatte beteiligen. Ich möchte an einen Gedanken
Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit erinnern, den Hans Küng in seinen Ausdeutungen des
willen, eingegangen ist. Weltethos formuliert hat: Was sind die Bedingungen für
Diese Voraussetzungen liegen eben auch in einer den Frieden? Kurz zusammengefasst stellt er fest: Die
Werteorientierung, die von Religion und Glauben ge- Bedingungen für den Frieden setzen einen Dialog der
prägt sind. Unser demokratisches Gemeinwesen nimmt Kulturen voraus. Ein Dialog der Kulturen ist nur mög-
Religions- und Glaubensgemeinschaften nicht etwa billi- lich, wenn es auch zu einem Dialog der Religionen
gend in Kauf. Sie sind vielmehr eine Voraussetzung für kommt. Dieser Dialog – wie auch der Dialog der Reli-
das Zusammenleben. So weit der Blick auf unser Land. gionen – setzt den Respekt vor den Überzeugungen der
anderen voraus.
Die Topografie der Verfolgung religiöser Minder-
heiten ist hier an vielen Beispielen aus der Welt konkre- Herzlichen Dank.
tisiert worden. Ich möchte zwei Beispiele anfügen: (Beifall bei der SPD und der LINKEN)
Kürzlich bin ich darauf aufmerksam gemacht worden,
dass insbesondere in Belarus aufgrund der Sonderstel- Präsident Dr. Norbert Lammert:
lung der russisch-orthodoxen Kirchen andere Religions- Dr. Stefan Ruppert erhält das Wort für die FDP-Frak-
gemeinschaften durch eine repressive Politik und ent- tion.
sprechende Maßnahmen kriminalisiert und in die
Defensive getrieben werden. (Beifall bei der FDP)
5600 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

(A) Dr. Stefan Ruppert (FDP): Ich glaube, das ist das Fundament einer guten Außen- (C)
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Her- politik, wie diese Koalition sie prägt. Insofern sollten wir
ren! Ich freue mich, dass wir an so prominenter Stelle da keinen Gegensatz konstruieren. Ich bin sehr froh über
ein so wichtiges Thema wie die Religionsfreiheit, die diese Debatte am heutigen Vormittag.
wir weltweit schützen wollen, behandeln. Ich glaube, der
Erfolg deutscher Außenpolitik wird davon abhängen, Vielen Dank.
dass wir dieses Thema sehr ernst nehmen. Die Ge- (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU –
schichte von der linearen Säkularisierung in Deutsch- Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister: Das
land und weltweit – dabei geht es um den Bedeutungs- war zauberhaft!)
verlust der Religionen –, die bisweilen erzählt wird, ist
meiner Meinung nach so nicht richtig.
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Immer noch – als protestantischer Christ sage ich:
Die letzte Rednerin zu diesem Tagesordnungspunkt
zum Glück – bewegt Religion viele Menschen. Religion
ist die Kollegin Ute Granold für die CDU/CSU-Fraktion.
ist in der Lage, Emotionalität und Verhalten entschei-
dend zu beeinflussen. Deswegen ist die Globalisierung (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
kein rein ökonomischer Prozess, sondern der Erfolg der
Globalisierung wird auch davon abhängen, welchen
Respekt wir Religionen bzw. religiösen Überzeugungen Ute Granold (CDU/CSU):
und dem religiösen Miteinander weltweit zollen. Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Am
Ende dieser Debatte brauche ich vieles von dem, das ich
Meine Oma, die ich sehr schätze, sagt häufig – – Viel- hier sagen wollte, gar nicht mehr zu erwähnen, da es be-
leicht sieht sie mich an dieser Stelle. reits besprochen wurde. Lassen Sie mich ganz kurz auf
(Heiterkeit im ganzen Hause) einige Punkte eingehen. In einer Presseerklärung steht,
dass der Menschenrechtsbeauftragte von missio Deutsch-
Ich will sie jetzt nicht grüßen. Aber sie sagt häufig – – land, Dr. Oehring – er ist heute auch anwesend –, gesagt
hat, er finde es sehr gut, dass zu prominenter Zeit eine
Präsident Dr. Norbert Lammert: Debatte über die Religionsfreiheit weltweit stattfindet,
bei der wahrscheinlich wortgewaltige Reden gehalten
Aber Sie hätten doch sicher keine Einwände, wenn
werden. Aber was kommt danach? Den Worten müssen
ich im Namen des Deutschen Bundestages herzliche
Taten folgen.
Grüße übermitteln würde.
(B) (Heiterkeit und Beifall im ganzen Hause – Ich denke, als ein Land, in dem Religionsfreiheit be- (D)
Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister: Auch steht, haben wir den Auftrag, den Menschen in Not, und
der Bundesregierung!) zwar unabhängig davon, welcher Religion sie angehö-
ren, zu helfen. Diesem Auftrag sind wir auch bislang
nachgekommen. Wir haben – Kollege Strässer und auch
Dr. Stefan Ruppert (FDP): andere haben es vorhin angedeutet – im Jahr 1999 über
Ich danke dem Präsidenten. – Meine Großmutter – sie eine Große Anfrage der Union zur Religionsfreiheit, zu
ist eine tolerante und weltoffene Frau, deshalb meint sie den christlichen Minderheiten, zur Christenverfolgung
es eigentlich nicht so, wie sie es sagt – sagt als über- debattiert. Wir haben dann in der Großen Koalition einen
zeugte Lutheranerin aus Frankfurt: Der guckt schon so gemeinsamen Antrag auf den Weg gebracht. Nun liegt
katholisch. An diesem Sprachgebrauch sieht man, dass der Antrag der christlich-liberalen Koalition vor. Mittler-
das Gegeneinander von Konfessionen bisweilen bis weit weile haben wir schon einiges umgesetzt.
in das letzte Jahrhundert hinein sehr wirksam war. Wir
müssen den religiösen Dialog, den Respekt und die Tole- Wenn Sie, Herr Kollege Koenigs und Herr Beck, im-
ranz in Deutschland und weltweit pflegen. Das ist eine mer wieder auf Deutschland und Europa zurückkommen
Arbeit, die jeden Tag geleistet werden muss. und da die großen Probleme sehen – zum Beispiel christ-
liche Fundamentalisten? – dann haben Sie ein etwas ver-
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten wischtes Bild. Ich finde das sehr bedauerlich.
der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN) (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der FDP)
Ich glaube auch nicht, dass es das Gegeneinander,
das hier bisweilen im Raum stand, gibt. Es ist kein Ge- Wir leben hier auf der Basis der Werte des christlichen
gensatz, auf der einen Seite auf die Situation von ver- Abendlandes. Ich nehme mir sehr wohl das Recht he-
folgten Christen weltweit aufmerksam zu machen und raus, als Katholikin – gerade wurden die Protestanten
auf der anderen Seite religiöse Toleranz gegenüber allen genannt – dort in der Welt, wo die Christen unterdrückt
Religionen und religiöse Toleranz, auch nichts zu glau- werden, den Finger in die Wunde zu legen. Eine Reli-
ben, zu fordern. Dieser Gegensatz wurde hier bisweilen gion wie zum Beispiel der Islam muss sich auch daran
konstruiert. Wir weisen auf die Verfolgung der Christen messen lassen, wie sie sich da verhält, wo sie eine Min-
hin und sagen, dass viele Hundert Millionen Menschen derheit ist, beispielsweise in Europa, in Deutschland,
weltweit bedroht sind. Wir kämpfen aber auch für Welt- und wie sie sich da verhält, wo sie in der Mehrheit ist;
offenheit und Toleranz gegenüber allen Religionen. ich denke hier zum Beispiel an die Türkei oder den Iran.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5601
Ute Granold
(A) Wir haben in unserem Antrag natürlich die Bahai und Deutschland Vorbild für Europa, das insgesamt 10 000 (C)
die Muslime angesprochen. Ich würde Sie bitten, dass Flüchtlinge aufnehmen wird. Diesen Weg haben wir ge-
Sie den Antrag noch einmal lesen. meinsam beschritten; wir sollten ihn weitergehen.
(Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
GRÜNEN]: Das bezweifelt niemand!) Es gibt viele Bereiche, in denen wir weiter tätig wer-
Es geht auch nicht darum, dass wir irgendeine Religion den können, über die wir mit den Regierungen sprechen
bevorzugt herausheben oder überhaupt nicht erwähnen, müssen. Unser Außenminister hat beim Menschen-
rechtsrat in Genf eine Rede gehalten. Wir waren kurz da-
(Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE nach auch beim Menschenrechtsrat und wurden auf
GRÜNEN]: Das ist genau der Punkt!) seine Rede angesprochen: Die wertegeleitete Außenpoli-
tik und das Achten auf die Religionsfreiheit waren in den
sondern es geht darum, dass wir jedem seine Religion in- Gesprächen ein wichtiger Baustein. Deutschland hat
dividuell lassen, dass jeder die Möglichkeit hat, seine eine führende Stellung in der Welt. Wenn es darum geht,
Religion in der Gemeinschaft zu leben. Die Freiheit, den Finger in die Wunde zu legen, wenn Menschen-
keine Religion zu haben, oder auch die Möglichkeit, eine rechte, insbesondere die Religionsfreiheit, verletzt wer-
Religion zu wechseln, sind vielerorts nicht gegeben. den, stellen wir die Bedingungen, die erfüllt werden
Denken wir an Ägypten, den Iran und viele andere mehr. müssen.
Selbstverständlich kümmern wir uns auch um all dies. Als Letztes möchte ich sagen, dass auch wir von der
Dieses Kümmern möchte ich ansprechen. Welche Mög- Union konkret handeln: Wir haben in Erinnerung an den
lichkeiten haben wir, unseren bedrängten christlichen ersten christlichen Märtyrer den Stephanus-Kreis ge-
Glaubensbrüdern und -schwestern, aber auch anderen in gründet und treffen uns, um anhand verschiedener Län-
vielen Regionen dieser Welt zu helfen? Orissa in Indien der wie Indien und der Türkei über die Religionsfreiheit
wurde angesprochen. Wir haben Gäste aus Orissa, und weltweit zu sprechen. Dabei wollen wir – auch finan-
der Kollege Kober und ich waren vor Ort. Dort sind die ziell – helfen und speziell die Menschen unterstützen,
Christen massiv verfolgt worden; auch heute noch be- die in Not sind, die in Haft sind oder einem anderen
steht eine ganz furchtbare Situation. Der Bundesstaat Drangsal ausgesetzt sind. Wir haben für die Menschen in
kommt nicht in die Gänge, um die schlimmen Verbre- Orissa Geld von Misereor beschafft, damit sie aus ihren
chen aufzuarbeiten, die 2008 geschehen sind. Heute sind alten Zelten herauskommen. Über 5 000 ihrer Häuser
noch viele unter prekären Verhältnissen auf der Flucht. wurden zerstört. Wir haben dafür gesorgt, dass Zelte ge-
Wir haben mit den Christen dort gesprochen. Sie waren kauft werden, bevor der Monsun kommt. Danke an
so froh, dass es eine Solidarität im Glauben gibt, dass Misereor! Das ist ein kleiner Tropfen auf den heißen
(B) Stein; aber viele kleine Tropfen helfen sicherlich auch. (D)
wir aus dem fernen Europa gekommen sind, um gemein-
sam Gottesdienst zu feiern und Solidarität zu zeigen. Es Ich möchte Sie alle bitten, weiter zu helfen. Wenn
ist den Menschen sehr viel wert, Öffentlichkeit zu schaf- Probleme bestehen, müssen wir sie ansprechen und Öf-
fen. Wir haben es versprochen und dann im Ausschuss fentlichkeit schaffen. Viele wissen gar nicht, wie
beraten. Wir haben mit den Botschaftern gesprochen. schlimm die Situation in Indien ist. Wir müssen das an-
sprechen, damit zum Beispiel Indien beim Thema Men-
Ich möchte aber auch erwähnen, dass wir in Gujarat schenrechte, insbesondere bei der Religionsfreiheit, ei-
waren. Das liegt in Westindien und ist einer der reichsten nen besseren Weg beschreitet.
Bundesstaaten Indiens. Dort wurden 2 000 Muslime um-
gebracht. Die dortige Regierung war in dieses Massaker Vielen Dank.
involviert. Auch das muss aufgearbeitet werden. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir kümmern uns im Besonderen um die Christen –
das stimmt. Ich denke an die Aktion damals, als wir den Präsident Dr. Norbert Lammert:
Flüchtlingen aus dem Irak helfen wollten, die zum größ- Ich schließe die Aussprache.
ten Teil nach Syrien oder Jordanien geflüchtet waren und
meist keine Möglichkeit hatten, in den Irak zurückzu- Interfraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf
kehren. Diese Flüchtlinge sagten: Wir rennen um unser den Drucksachen 17/2334 und 17/2424 an die in der Ta-
gesordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen.
Leben. Davon hat uns etwa eine junge Mutter berichtet,
Sind Sie damit einverstanden? – Das ist offenkundig der
die sagte: Wir möchten irgendwohin, nur nicht zurück in
Fall. Dann sind die Überweisungen so beschlossen.
den Irak, weil wir nicht wissen, ob wir da am Leben blei-
ben werden. Wir kommen zu den Tagesordnungspunkten 4 a und
4 b:
Wir richten hier einen Fokus auf die Christen, weil An-
gehörige anderer Religionen, die verfolgt werden – auch a) Beratung des Antrags der Abgeordneten Ulrich
Muslime –, Rückzugsmöglichkeiten im arabischen Raum Kelber, Ingrid Arndt-Brauer, Sabine Bätzing-
haben, die Christen aber nicht. Deshalb galt unser Au- Lichtenthäler, weiterer Abgeordneter und der
genmerk auch im Zusammenhang mit dem Irak den Fraktion der SPD
christlichen Religionsgemeinschaften. Bis zum heutigen Brennelementesteuer – Windfall Profits der
Tage konnten 1 569 Angehörige religiöser Minderheiten Atomwirtschaft abschöpfen
von den 2 500 irakischen Flüchtlingen nach Deutschland
kommen. Ich denke, das ist eine gute Sache; hier war – Drucksache 17/2410 –
5602 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Präsident Dr. Norbert Lammert


(A) Überweisungsvorschlag: nicht bei der Energieerzeugung –, ist die Atomenergie ge- (C)
Finanzausschuss (f) genüber fossilen Energieträgern begünstigt. Die Emis-
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit sionszertifikate, die kostenlos ausgegeben wurden, wurden
Haushaltsausschuss eingepreist. Die Risiken der Atomenergie sind nirgendwo
eingepreist worden. Sie entstehen erst, wenn das Risiko
b) Beratung des Antrags der Abgeordneten Sylvia entstanden ist.
Kotting-Uhl, Lisa Paus, Bärbel Höhn, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/ Die daraus entstehenden Mitnahmegewinne der Atom-
DIE GRÜNEN energie betragen laut Öko-Institut 3,4 Milliarden Euro.
Jeder abgeschriebene Meiler produziert, wenn er läuft,
Atomkosten anlasten – Brennelementesteuer 1 Million Euro Gewinn am Tag.
jetzt einführen
(Ulrich Kelber [SPD]: Mindestens!)
– Drucksache 17/2425 –
Überweisungsvorschlag: – Ja, mindestens.
Finanzausschuss (f)
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Nach einer Studie des Forums Ökologisch-Soziale
Marktwirtschaft beliefen sich die Finanzhilfen und Steu-
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für ervergünstigungen für die Atomenergie im Zeitraum von
diese Aussprache 90 Minuten vorgesehen. – Ich höre 1950 bis 2008 auf 125 Milliarden Euro. Eine Steuer, um
keinen Widerspruch. Dann können wir so verfahren. diese Gewinne abzuschöpfen, ist mehr als berechtigt.
Ich eröffne die Aussprache. Das Wort erhält zunächst (Beifall bei der SPD sowie der Abg.
die Kollegin Ingrid Arndt-Brauer für die SPD-Fraktion. Dr. Barbara Höll [DIE LINKE] –
Dr. h. c. Hans Michelbach [CDU/CSU]: Die
(Beifall bei der SPD)
müssen auch investieren!)
Ingrid Arndt-Brauer (SPD): Eine derartige Steuer wird keine Auswirkungen auf
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Her- den Strompreis haben. Denn er entsteht an der Strom-
ren! 2009 hat der damalige Bundesumweltminister börse und richtet sich nach den Grenzkosten des letzten
Gabriel das erste Mal von einer Brennelementesteuer ge- fossilen Kraftwerkes. Die Atomenergie ist für den
sprochen, in dem Ansinnen, auch die Energieversorger, Grundlaststrom zuständig. Das heißt, sie ist davon nicht
die Atommeiler betreiben, an den Kosten, die die Atom- betroffen.
energie verursacht, zu beteiligen. Gestern ist das Wort Wir haben im Hinblick auf die Höhe der von uns ge-
(B) Brennelementesteuer im schwarz-gelben Kabinett ange- (D)
planten Steuer aus den Zertifikatspreisen eine Preis-
kommen. spanne errechnet. Sie soll 2,5 Cent pro Kilowattstunde
(Dr. h. c. Hans Michelbach [CDU/CSU]: An- betragen. Wir brauchen allerdings noch 0,6 Cent pro Ki-
gekommen? Sie haben doch nur geredet, aber lowattstunde für die Altlasten, die wir auch finanzieren
nie Richtfest gefeiert!) müssen.

Die Steuer ist im Rahmen des Sparpaketes als Erbringer Die Brennelementesteuer ist eine Steuer auf den Ver-
von 2,3 Milliarden Euro pro Jahr angelegt. Leider gibt es brauch von Brennelementen. Sie ist europarechtskon-
wenig Inhaltliches zu vermelden. Ich habe das Gefühl, form.
dass kein Konzept hinterlegt ist. Deswegen möchten wir (Dr. h. c. Hans Michelbach [CDU/CSU]:
mit unserem Antrag das Wort ein wenig mit Inhalt fül- Sozialistische Planwirtschaft!)
len. Wir wären froh und dankbar, wenn Sie zu unser aller
Nutzen die Inhalte übernehmen würden. In Schweden gibt es sie in ähnlicher Form seit den 80er-
Jahren. Daran hat sich nie jemand gestört. Es hat auch
(Beifall bei der SPD) nie jemand ihre Abschaffung verlangt.
Im Jahre 2000 wurde der Atomausstieg vereinbart, Die Brennelementesteuer ist unabhängig von einer
der im Jahr 2021 abgeschlossen sein wird. Seit 2000 hat Laufzeitverlängerung – im Gegenteil. Sie wurde im Hin-
sich die Energieversorgung in unserem Land allerdings blick auf Laufzeiten bis 2021 berechnet. Ich denke, län-
gravierend geändert. Die Kosten für die sichere Lage- ger müssen die Laufzeiten der Atomkraftwerke in die-
rung radioaktiver Abfälle und die Sanierungskosten ha- sem Land auch nicht sein. Wir dürfen diesem Land
ben sich seither vervielfacht. Wir alle wissen nicht, ob durch alte Reaktoren nicht noch mehr Risiken zumuten.
die Rückstellungen, die von den Atomkraftwerksbetrei-
bern gebildet werden, ausreichen werden. Kosten, die (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
nicht von den Verursachern getragen werden, muss der DIE GRÜNEN)
Steuerzahler tragen. Das Bundesumweltministerium Das würde in der Konsequenz übrigens eine beträchtli-
rechnet alleine für die Sanierung von Asse II und Mors- che Erhöhung der Steuer nach sich ziehen.
leben mit Kosten in Höhe von 7,7 Milliarden Euro.
Wir fordern die Bundesregierung zu Folgendem auf:
Die Atomenergiewirtschaft ist begünstigt, da sie keine
CO2-Zertifikate kaufen muss. Da sie keine CO2-Schad- Erstens. An den Laufzeiten, die im Jahr 2000 verein-
stoffe ausstößt – in der Wertschöpfungskette schon, aber bart wurden, muss festgehalten werden.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5603
Ingrid Arndt-Brauer
(A) Zweitens. Eine Verbrauchsteuer auf die Spaltung von – Ich glaube, Sie sollten sich mit Ihren Zwischenrufen (C)
Kernbrennstoffen zur gewerblichen Erzeugung von sehr zurückhalten, denn Folgendes ist schon sehr be-
Elektrizität, also eine Brennelementesteuer, muss einge- fremdlich: Nachdem gestern die Bundesregierung diesen
führt werden. wirklich wichtigen Beschluss getroffen hat, diskutieren
wir heute Ihre Anträge dazu im Parlament, obwohl Sie
Drittens. Der Tarif der Brennelementesteuer wird an- dafür elf Jahre Zeit hatten.
fänglich, umgerechnet auf die erzeugte Elektrizitäts-
menge, 3,1 Cent je Kilowattstunde betragen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
Ulrich Kelber [SPD]: Sie haben das in der
Viertens. Alle zwei Jahre fordern wir von der Bundes- Großen Koalition doch abgelehnt! Jetzt blei-
regierung einen Bericht über die Entwicklung der Kos- ben Sie doch bei der Wahrheit! Das ist un-
ten der Kernenergie bzw. über die Auswirkungen, die die glaublich!)
Erhebung der Brennelementesteuer auf die Ertragsteuer-
einnahmen der Gebietskörperschaften hat. Es muss na- – Ihnen steckt die Niederlage beim Fußball noch in den
türlich einen fairen Bund-Länder-Ausgleich geben. Es Knochen. Bleiben Sie gelassen! Lassen Sie uns das
kann nicht sein, dass die Gewinne der Atommeiler durch Thema sehr präzise diskutieren.
diese Steuer verringert werden, wodurch in den Ländern Sie hatten unter Rot-Grün sieben Jahre dazu Zeit.
weniger Steuereinnahmen anfallen würden. Hier muss Bundesumweltminister Trittin hatte erst mit Herrn
es, wie gesagt, einen Ausgleich geben. Das ist allerdings Lafontaine und dann mit Herrn Eichel als Finanzminister
zu machen. Zeit, das Thema anzustoßen, möglicherweise sogar im
Fünftens bitten wir die Bundesregierung, auf europäi- Rahmen der Laufzeitverkürzung festzulegen, die Sie
scher Ebene einen Anstoß zu geben und auch die Betrei- 2000 beschlossen haben. Dann hatten Sie in der Großen
ber von Atomkraftwerken im restlichen Europa zur Koalition beide Ressorts. Herr Gabriel, Ihr Parteivorsit-
Finanzierung der Kosten der Atomenergienutzung he- zender, der jetzt schlaue Vorschläge macht, hatte mit Fi-
ranzuziehen, damit wir bei der Energiebesteuerung in nanzminister Steinbrück vier Jahre Zeit, das Thema zu
Europa eine Harmonisierung hinbekommen. diskutieren und voranzubringen. Sie haben es nicht ge-
tan. Heute machen Sie schlaue Vorschläge. Das geht frei
Ich möchte Sie ausdrücklich bitten, dieses Vorhaben nach Goethe: Man spürt die Absicht. Man ist verstimmt.
zu unterstützen, diese Steuer einzuführen und im Sinne
der zukünftigen Generationen eine verantwortungsvolle (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
Politik zu machen. Sie sprechen ja immer von nachhalti- Ulrich Kelber [SPD]: Haben Sie eigentlich Le-
gem Wachstum. Ich sage Ihnen: Wachsende Nachhaltig- sen gelernt?)
(B) keit sollte die Maxime sein. Dazu möchte ich Sie auffor- Wir halten es für richtig, diese Brennelementesteuer (D)
dern. einzuführen, denn die Kernenergie ist eben nicht vom
CO2-Emissionshandel betroffen und somit gegenüber an-
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
deren Energieträgern bevorzugt. Wir halten das auch für
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ richtig, weil gerade die Kosten für Endlagerung und für
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der den Rückbau der Kernkraftwerke im Wesentlichen vom
LINKEN) Steuerzahler in Deutschland getragen werden. Wir halten
das für richtig, weil der Strommarkt mehr Chancen-
gleichheit braucht und gerade die großen vier nationalen
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Stromversorger hier einen Wettbewerbsvorteil gegenüber
Dr. Frank Steffel ist der nächste Redner für die CDU/ vielen kleinen und mittelständischen Stromanbietern ha-
CSU-Fraktion. ben. Auch hier wollen wir Chancengerechtigkeit und
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) mehr Wettbewerb.
Wir halten es für richtig, weil der Begriff „Steuer“ ir-
Dr. Frank Steffel (CDU/CSU): reführend ist. Es handelt sich im Wesentlichen nämlich
nicht um eine Steuer, sondern um einen Subventionsab-
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Her-
bau. Auch das ist Teil des Sparpakets. Deshalb sagen
ren! Sehr geehrte Frau Kollegin Arndt-Brauer, Sie haben
wir: Es werden die wirtschaftlichen Vorteile der Kern-
völlig recht: Die Bundesregierung hat gestern beschlos-
energie reduziert und zusätzliche Anreize für regenera-
sen, dass ab dem 1. Januar 2011 für die Betreiber von
tive Energien geschaffen. Das ist in den kommenden
Kernkraftwerken in Deutschland eine Steuer auf den Ver-
Jahren der richtige Weg.
brauch von Brennstäben eingeführt wird. Diese Brenn-
elementesteuer bringt dem Bund jährlich 2,3 Milliarden (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Euro Steuereinnahmen und wird für den Schuldenabbau
im Rahmen des Sparpakets genutzt. Wir halten diese Die Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke hängt
Steuer aus ökologischen und ökonomischen Gründen für natürlich politisch mit diesem Thema zusammen; das
richtig und zielführend. wissen wir alle. Aber formal sagen wir sehr klar, dass die
Einführung der Brennelementesteuer im Rahmen des
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Sparpakets damit nicht direkt im Zusammenhang steht.
Ulrich Kelber [SPD]: Dann haben Sie dazuge- Die Bundesregierung wird zu dem Gesamtthema im
lernt!) Herbst ein Energiekonzept vorlegen. Dabei geht es im
5604 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Dr. Frank Steffel


(A) Wesentlichen um das Ziel, unseren Energiebedarf aus re- (Ulrich Kelber [SPD]: Sie haben doch gerade (C)
generativen Energien zu decken, und um die Frage, wie von 3,3 Milliarden Euro gesprochen!)
lange wir die Kernkraft als Brückentechnologie noch be-
nötigen, nicht mehr und nicht weniger. – Es ist ja gut, dass Sie immer dazwischenrufen, aber
lassen Sie mich meine Gedanken vortragen. Sie haben
Das Ziel ist es, den Energiebedarf der Deutschen so heute viel Redezeit beantragt: Nutzen Sie sie!
schnell wie möglich aus regenerativen Energien zu ak-
Wir sind uns darin einig, dass die direkte Bevorzu-
zeptablen Preisen zu decken. Wir werden mit einem ge-
gung der Kernenergiewirtschaft beendet werden sollte
schlossenen Energiekonzept das Zeitalter der regenera-
und die beantragte Brennelementesteuer ein richtiger
tiven Energien vorbereiten. Deshalb freut es uns, dass
und wichtiger Weg dafür ist.
uns die Opposition, sowohl die Grünen als auch die So-
zialdemokraten, in ihren Anträgen grundsätzlich zu- (Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
stimmt und wir die Details in den Beratungen im Herbst NEN]: Ach! Glückwunsch zur Einsicht!)
sicherlich gemeinsam erarbeiten werden.
Wir sind uns einig, dass die Brennelementesteuer zielge-
Die heutige Debatte zeigt aber auch etwas anderes. Die richtet und ein wirksames Instrument ist, und wir sind
heutige Debatte zeigt, dass die bürgerlich-liberale Bun- uns einig, dass wir bei den Beratungen im Herbst alle
desregierung mit dem Sparpaket die richtigen Schwer- Details in Ruhe besprechen sollten. Denn es geht um ei-
punkte setzt. Wir werden innerhalb von nur zwei Jahren nen wichtigen Wirtschaftsbereich in Deutschland und
die Ausgaben von 319 Milliarden Euro auf 301 Milliar- übrigens auch um die Frage, wie sich die Strom- und
den Euro senken und die Vorgaben der Schuldenbremse Energiepreise in Deutschland aufgrund des internationa-
des Grundgesetzes einhalten. Das ist wirklich eine große len Wettbewerbs in den kommenden Jahren und Jahr-
politische Leistung in schwierigen Zeiten. zehnten entwickeln werden.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Insofern freuen wir uns, dass Sie uns heute mit Ihren
Anträgen die Gelegenheit geben, noch einmal auf diesen
Wir werden – auch dazu bekennen wir uns – Subven- Gesamtzusammenhang hinzuweisen. Für uns ist es wich-
tionen abbauen. So wie wir das beim heutigen Thema tig, dass die Menschen in Deutschland wissen: Mit dem
tun, werden wir das auch in anderen Bereichen tun. Sparpaket setzen wir die richtigen Schwerpunkte für die
Gleichzeitig werden wir den Staat durch Stellenabbau Zukunft. In der Energiepolitik wollen wir in ein Zeitalter
dauerhaft effizienter und schlanker machen. Auch das ist regenerativer Energien eintreten. – Wir wissen aller-
die erklärte Politik und richtige Prioritätensetzung dieser dings, dass die Kernenergie als Brückentechnologie in
bürgerlich-liberalen Bundesregierung. den kommenden Jahren unverzichtbar dafür ist. Auch das
(B)
Wir werden keine Steuern erhöhen, während sich ei- zu sagen gehört zur Wahrheit, gehört zum Wirtschafts- (D)
nige jeden Tag mit immer wieder neuen Vorschlägen standort Deutschland, und vor allen Dingen gehört es zur
selbst übertreffen. Wir sind der Auffassung, dass sich Ehrlichkeit in der Politik, die ich uns allen in diesen Ta-
Arbeit und Leistungsbereitschaft gerade für die Bezieher gen empfehle.
kleiner und mittlerer Einkommen in Deutschland weiter- Vielen Dank.
hin lohnen müssen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir werden das alles tun und die im Grundgesetz ver- Präsident Dr. Norbert Lammert:
ankerte Schuldenbremse einhalten, und trotzdem werden Zu einer Kurzintervention erhält der Kollege Ulrich
wir in den kommenden Jahren 12 Milliarden Euro mehr Kelber das Wort.
für Bildung und Forschung ausgeben. Auch das ist eine (Dr. Michael Fuchs [CDU/CSU]: Das be-
richtige Schwerpunktsetzung für die Zukunft unseres kommt er nachher alles wieder! Macht euch
Landes und insbesondere für die Zukunft unserer Kin- keine Sorgen! – Dr. Daniel Volk [FDP]: Er hat
der. doch Redezeit!)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ulrich Kelber (SPD):
Insofern zeigen die heutige Debatte und die Debatten der
Ich freue mich auf die Zwischenrufe, die ich zu hören
letzten Wochen, dass wir mit dem Sparpaket der Bundes-
bekommen werde, Herr Kollege.
regierung zum einen verantwortungsvoll mit der Zukunft
unserer Kinder und zum anderen verantwortungsvoll mit Herr Steffel, der Versuch der Geschichtsklitterung,
unseren Ressourcen umgehen. den Sie gemacht haben, kann nicht eine Stunde lang un-
kommentiert bleiben.
Mein Eindruck ist, dass wir uns in der heutigen De-
batte in sehr vielen Punkten einig sind. Einigen Details Sie haben uns als Sozialdemokraten gefragt, warum
in Ihren Anträgen können wir nicht zustimmen, weil wir es noch keine Brennelementesteuer gibt. Sie sind ja erst
sie auch für übereilt halten, beispielsweise die Fixierung seit Oktober letzten Jahres Kollege in diesem Haus.
auf einen konkreten Centbetrag zum gegenwärtigen Wahrscheinlich ist Ihnen deswegen entgangen, dass die
Zeitpunkt, da die Ausarbeitung in den zuständigen SPD in der Koalition von CDU/CSU und SPD in der
Ministerien noch vor uns liegt. letzten Legislaturperiode den Vorschlag einer Brennele-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5605
Ulrich Kelber
(A) mentesteuer gemacht hat, den die Mitglieder Ihrer Frak- Atomindustrie, die mit dem ganzen CO2-Emissionshan- (C)
tion in der Bundesregierung abgelehnt haben. del eigentlich nichts zu tun hat. Denn der Handelspreis
bildet sich an der Strombörse nach den Grenzkosten des
Das war der erste Teil der Antwort.
jeweils teuersten Kraftwerks, das noch zur Versorgung
(Dr. Daniel Volk [FDP]: Dann können Sie jetzt benötigt wird, und dies ist meist ein Kohlekraftwerk, das
ja dem Sparpaket zustimmen!) auch den CO2-Preis kalkulieren muss. AKWs liegen mit
ihren laufenden Kosten stets darunter, verkaufen aber
Der zweite Teil. Sie haben mich gefragt, warum in der
zum Kohlekraftwerkspreis. Die AKW-Betreiber strei-
Zeit von Rot-Grün keine Brennelementesteuer einge-
chen also zusätzliche Profite ein. Diese Windfall-Pro-
führt wurde. Die Antwort haben Sie sich eigentlich sel-
fits werden die Atomkonzerne auch noch nach 2012 kas-
ber gegeben, ohne es zu bemerken. Sie haben gesagt, Sie
sieren – darauf haben wir immer wieder hingewiesen,
wollen, wie wir, die Zusatzgewinne der Atomwirtschaft
das ist aber immer abgewiegelt worden –, wenn die Koh-
aus dem Emissionshandel mit einer Brennelemente-
lekraftwerke längst ihre Zertifikate ersteigern müssen.
steuer abschöpfen. Die rot-grüne Koalition hat bis 2005
Bisher wurde das von der Politik als verschmerzbarer
regiert. Erst seit diesem Jahr gibt es den Emissionshan-
Kollateralschaden behandelt. Ich halte das für absurd;
del.
denn es handelt sich um riesige Summen, die die Strom-
Bitte lassen Sie die Geschichtsklitterung und infor- konzerne starkmachen und für die die Verbraucherinnen
mieren Sie sich vorher. und Verbraucher blechen müssen.
(Beifall bei der SPD) (Dr. Daniel Volk [FDP]: Das stimmt doch
nicht! Das ist Unsinn!)
Präsident Dr. Norbert Lammert: Das Öko-Institut schätzt die leistungslosen Extraprofite
Eva Bulling-Schröter von der Fraktion Die Linke ist pro Jahr für die Atomsparten von RWE, Eon, Vattenfall
die nächste Rednerin. und EnBW auf insgesamt rund 3,4 Milliarden Euro.
(Beifall bei der LINKEN) Diese Summe kommt noch obendrauf auf jene 125 Mil-
liarden Euro Finanzhilfen und Steuervergünstigungen
für die Atomabenteuer, die insgesamt von 1950 bis 2008
Eva Bulling-Schröter (DIE LINKE):
geflossen sind.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Durch eine leere Haushaltskasse werden manchmal Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Linke steht für
Wunder bewirkt. Es wurde anscheinend nämlich das er- einen unverzüglichen Atomausstieg.
reicht, was die Bundesregierung und auch die vorherigen
(B) Regierungen stets abgewiesen haben: die Einführung ei- (Beifall bei der LINKEN) (D)
ner Brennelementesteuer zur Abschöpfung der Extrage- Bis dieser vollzogen ist, muss jedoch eine Brennelemen-
winne der Atomwirtschaft aus dem Emissionshandel. testeuer die Extragewinne der Atomkonzerne aus dem
Wir, die Linke, haben das in jeder Haushaltsberatung ge- Emissionshandel abschöpfen. Es geht also ausdrücklich
fordert. Das wurde aber immer abgewiesen. Jetzt liegen nicht um einen Handel „Laufzeitverlängerung gegen
entsprechende Anträge von SPD und Grünen vor, und Brennelementesteuer“, wie es zum Beispiel Herr Kauder
auch die Bundesregierung wünscht sich das. Aber lieber gestern im Morgenmagazin zusammenbastelte.
jetzt als nie. Schließlich wird mit einer Brennelemente-
steuer ein unhaltbarer Zustand beendet, nämlich der, (Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem
dass die Atomindustrie zusätzlich subventioniert wird, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
und zwar seit 2005 irrwitzigerweise durch ein vermeint- Nein, es geht nicht um eine solche Verbindung.
lich umweltpolitisches Instrument, den Emissionshan-
del. Allerdings müssten auch schnellstens jene Extrage-
winne kassiert werden, die die Kohlekraftwerksbetrei-
Wie funktioniert das? Wir wissen, Unternehmen er- ber bis 2012 aus dem Emissionshandel ziehen. Ansons-
halten CO2-Zertifikate zum großen Teil kostenlos, ein ten könnten Böswillige tatsächlich von einer
Teil wird gehandelt. Durch den Emissionshandel steigt Bevorteilung der Kohle gegenüber der Atomkraft spre-
der Großhandelspreis an der Strombörse; denn die Be- chen. Unbeachtet bleibt ja weiterhin, dass bis 2012 auch
treiber von Kohlekraftwerken schlagen den Handelspreis die Kohlekraftwerksbetreiber Windfall-Profits haben;
der CO2-Zertifikate auf den Strompreis auf. Dass sie die denn sie bekommen bis dahin ihre Zertifikate geschenkt.
Zertifikate bislang geschenkt bekommen haben und so Das spült ihnen – je nach Zertifikatspreis – 2 bis 3 Mil-
Milliarden an Extraprofiten einfahren, halte ich für einen liarden Euro pro Jahr in die Kassen. Diesen gewaltigen
großen Skandal. Brocken könnte der Bundesfinanzminister auch gerne
(Beifall bei der LINKEN) einsammeln. Dann bräuchte er nicht an die Sozialleis-
tungen heranzugehen. Aber dafür fehlt offensichtlich der
Wenigstens ab 2013 müssen die Kohlekraftwerke die politische Wille.
Emissionsrechte ersteigern. Dann endlich könnte der
Emissionshandel von einer Gelddruckmaschine zu ei- (Dr. Daniel Volk [FDP]: Jetzt kommt noch
nem Klimaschutzinstrument werden. Hartz IV!)
Der zweite Skandal ist der, um den es sich hier heute Zurück zur Brennelementesteuer. Was die Höhe an-
dreht: Der höhere Handelspreis für Strom nützt auch der geht, so sollten zusätzlich zu den Emissionshandelsge-
5606 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Eva Bulling-Schröter
(A) winnen auch jene Kosten berücksichtigt werden, die für Wir wollen mehr regenerative Energien. Mit der von (C)
die Altlastensanierung auflaufen. Die Bruchbuden Ihnen beabsichtigten Laufzeitverlängerung werden Sie
Asse und Morsleben sind zu einem gehörigen Teil durch den Ausbau regenerativer Energien verhindern. Sie wol-
westdeutsche AKWs bestückt worden. len die Konzernmacht weiter stärken. Das wollen wir
(Zuruf von der FDP: Morsleben? – Gegenruf nicht. Aus diesem Grunde brauchen wir diese Steuer und
von Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- eine Gewinnabschöpfung der großen Konzerne.
NEN]: Wussten Sie das nicht? Erkundigen Sie Danke.
sich mal! – Sylvia Kotting-Uhl [BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN]: Mehr als die Hälfte!) (Beifall bei der LINKEN)
Dafür haben sie nur Peanuts bezahlt. Darum ist jetzt ein
Nachschlag fällig. Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Das Wort hat jetzt die Kollegin Dr. Birgit Reinemund
Das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft, von der FDP-Fraktion.
FÖS, hat zur Höhe der Steuer Vorschläge gemacht. Ich
denke, ein Steuersatz, der am Ende rund 3,5 Cent je Ki- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
lowattstunde Atomstrom entspricht, wäre durchaus an- der CDU/CSU)
gemessen. Das ergäbe zusätzliche Haushaltseinnahmen
von knapp 5 Milliarden Euro jährlich, Dr. Birgit Reinemund (FDP):
(Dr. Daniel Volk [FDP]: Wer zahlt die denn?) Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Das, was
Frau Bulling-Schröter am Ende ihrer Rede gesagt hat,
also mehr als das Doppelte dessen, was dem Finanzmi- wollen wir alle: Wir wollen an die Gewinne der Atom-
nister vorschwebt. wirtschaft heran und einen Teil davon dem Haushalt zu-
Atomkonzerne saftig besteuern statt Sozialleistungen führen.
kürzen – über den tollen Sparhaushalt wurde bereits dis- (Beifall bei der FDP – Ulrich Kelber [SPD]:
kutiert –: Stattdessen geht es immer nur um eine Umver- Mit Verlängerung oder ohne?)
teilung von unten nach oben. Es werden die Ärmsten
sein, die durch diesen Sparhaushalt bluten müssen, statt Wenn die Opposition ein laufendes Gesetzesvorhaben
diejenigen, die die Profite einfahren. der Bundesregierung begrüßt und sogar noch beschleu-
(Dr. Daniel Volk [FDP]: Die Ärmsten zahlen nigen will, dann frage ich mich, was dahintersteckt.
auch den Strompreis! – Gegenruf der Abg. Wenn SPD und Grüne die Chance auf eine zusätzliche
Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Einnahme wittern, dann löst das sofort den Reflex aus,
(B)
Deshalb wollen sie auch keinen Wettbewerb festzulegen, wofür diese zusätzlichen Mittel konkret (D)
und die schlechte Wettbewerbssituation weiter ausgegeben werden sollen. Sie wissen aber genauso gut
beibehalten! Damit wir höhere Strompreise ha- wie ich, dass Steuereinnahmen nicht per se zweckgebun-
ben! Absurd ist das!) den sind, sondern in den allgemeinen Haushalt fließen.
Atomkonzerne saftig besteuern statt Sozialleistungen (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
kürzen – das wäre zukunftsfähige Finanzpolitik. der CDU/CSU)
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN) So werden der Soli nicht für den Aufbau Ost, die Öko-
steuer nicht für die Umwelt und die Brennelemente-
Es wird immer gesagt, das gehe nicht, das sei nicht EU- steuer nicht automatisch zur Finanzierung der Folgekos-
kompatibel. Finnland und Schweden machen uns aber ten der Atomwirtschaft verwendet, sondern sie dienen
vor, dass eine vergleichbare Steuer möglich ist. primär der Haushaltskonsolidierung.
(Beifall bei der LINKEN)
(Ulrich Kelber [SPD]: Die müssen aber auch
Die Argumente, das alles sei nach EU-Recht nicht mög- aus dem Haushalt bezahlt werden!)
lich, sind also vorgeschoben. Ich meine, Herr Schäuble
sollte jetzt handeln. Seit 1999 sind unter der Verantwortung von SPD-Fi-
nanzministern über 300 Milliarden Euro zusätzliche
Ich komme zum Schluss. Wir haben gestern im Um- Schulden aufgenommen worden. Die Euro-Krise hat ge-
weltausschuss sehr intensiv darüber diskutiert. An der zeigt, welche verheerenden Auswirkungen Staatsdefi-
Sitzung hat auch ein Vorstandsmitglied von RWE teilge- zite auf die Stabilität der Währung und auf die Stabilität
nommen. Nach dem, was er sagt, könnte man meinen, ganzer Staaten haben.
sie wären sehr arm: Wenn sie eine Brennelementesteuer
zahlen müssten, dann seien sie nicht mehr börsenfähig. (Ingrid Arndt-Brauer [SPD]: Was hat das jetzt
Dabei werden enorme Gewinne erzielt, wie wir in den mit der Brennelementesteuer zu tun?)
Börsenblättern lesen können. Das von der Bundesregierung vorgelegte Gesamtpa-
Sie, meine Damen und Herren von der Koalition, re- ket zur Haushaltskonsolidierung inklusive der Brennele-
den immer davon, dass der Verbraucher mehr bezahlen mentesteuer in Höhe von beachtlichen 82 Milliarden
muss. Wir wollen an die Gewinne dieser großen Kon- Euro bis 2014 ist das größte Sparpaket in der Geschichte
zerne heran. Das ist sozial, und es ist ökologisch. Deutschlands und bezieht alle mit ein:
(Beifall bei der LINKEN) (Beifall bei der FDP)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5607
Dr. Birgit Reinemund
(A) den Finanzsektor, die Wirtschaft, die öffentliche Verwal- nanzminister Schäuble auch in Richtung Fonds oder Ab- (C)
tung und den Sozialbereich, und zwar ausgewogen und gabe. Das hätte den Charme, dass das Geld dann
maßvoll. Erstmals werden jetzt die Staatsausgaben real zweckbezogen verwendet werden könnte. Nutzen wir
gesenkt: von 320 Milliarden Euro in diesem Jahr auf die Zeit, die besten Lösungen zu finden.
301 Milliarden innerhalb der nächsten zwei Jahre.
Heute tagt die Kommission zur Neuordnung der Ge-
Unser erklärtes Ziel ist es, die Neuverschuldung zu- meindefinanzen. Ob die Gewerbesteuer in der Form wei-
rückzuführen, die im Grundgesetz verankerte Schulden- ter bestehen wird, um auf den Zwischenruf einzugehen,
bremse einzuhalten, die Maastricht-Kriterien wieder ein- und ob diese Auswirkungen einberechnet werden müs-
zuhalten sowie dem G-20-Beschluss Rechnung zu tragen sen, bleibt zu klären. Am 27. August wird es einen Kabi-
und das Staatsdefizit zu halbieren. Dazu muss gerade nettsbeschluss über das Energiekonzept für Deutsch-
auch die Atomwirtschaft ihren Beitrag leisten, besonders land geben. Es wäre schon geschickt, diese beiden
vor dem Hintergrund, dass sie in der Vergangenheit Beratungsergebnisse in die Überlegungen einzubezie-
enorme Kosten für den Bundeshaushalt verursacht hat hen. Beschlossen ist, dass die Atomwirtschaft ihren Bei-
trag leisten muss. Beschlossen ist, dass dieser mindes-
(Ingrid Arndt-Brauer [SPD]: In Zukunft auch
tens 2,3 Milliarden Euro betragen wird. In welcher
noch!)
Form? In der optimalen. Lassen Sie uns nach der Som-
und auch in Zukunft verursachen wird, zum Beispiel für merpause über rechtlich geprüfte Gesetzentwürfe disku-
die Sanierung von Asse, wie es im Koalitionsvertrag tieren. Ihre Anträge hier und heute sind eher Selbstbe-
festgelegt ist. schäftigung.
In Verbindung mit der geplanten Laufzeitverlänge- Vielen Dank.
rung kann die Abschöpfung von Zusatzgewinnen, die
Sie alle wollen, deutlich höher ausfallen als die jetzt ein- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
geplanten 2,3 Milliarden Euro pro Jahr. der CDU/CSU)

(Ulrich Kelber [SPD]: Besteht dazu Einigkeit Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
in der Koalition?)
Das Wort hat die Kollegin Sylvia Kotting-Uhl von
Ohne Zweifel wollen wir schnellstmöglich den Über- Bündnis 90/Die Grünen.
gang zu regenerativen Energien schaffen. Trotzdem ist
es – auf der Zeitschiene gesehen – notwendig, im Rah- Sylvia Kotting-Uhl (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
men des kommenden Energiekonzepts Kernkraftwerke Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
als Brückentechnologie länger am Netz zu lassen. Wa- Eine Aussage aus dem Kabinett ist richtig, nämlich die (D)
(B)
rum jetzt plötzlich die Eile? Sie hatten elf Jahre Zeit, das Aussage von Herrn Finanzminister Schäuble, von der er
Thema anzugehen. sich leider inzwischen schon wieder distanziert hat:
(Ulrich Kelber [SPD]: Gerade erklärt!) Laufzeitverlängerung und Brennelementesteuer stehen
in keinem Zusammenhang. – Sie dürfen auch in keinem
Das Vorhaben ist bereits auf den Weg gebracht. Statt Ih- Zusammenhang stehen. So ein Deal ist Mafiagebaren,
rer Schnellschüsse und Vorfestlegungen, meine Damen das ist kein demokratisches Regierungshandeln.
und Herren von der SPD und den Grünen, gilt für die
christlich-liberale Koalition: Gründlichkeit vor Schnel- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
ligkeit. sowie bei Abgeordneten der LINKEN)
Das gesamte Sparpaket inklusive Einführung einer Es ist auch nicht in Ordnung, der Bevölkerung die be-
Brennelementesteuer hat das Kabinett gestern be- absichtigte und nicht besonders geliebte Laufzeitver-
schlossen. Wir diskutieren derzeit über eine Steuer, de- längerung – wir wissen: längere Laufzeiten verlängern
ren konkrete Ausgestaltung mitten in der Prüfung ist. das Risiko, vermehren den Müll und stehen dem Ausbau
Viele Fragen sind dabei noch offen: Wie soll die Brenn- der erneuerbaren Energien im Weg – dadurch schmack-
elementesteuer konkret ausgestaltet werden? Wird sie haft zu machen, dass man sagt: Dafür gibt es Geld von
brutto oder netto erhoben? Gilt sie als Betriebsaus- den Konzernen,
gabe? Wie gehen wir mit den enormen Auswirkungen
(Ingrid Arndt-Brauer [SPD]: Das ist eine
auf die Gewerbesteuer und damit auf die Einnahmen der
Sauerei!)
Standortkommunen um?
(Ingrid Arndt-Brauer [SPD]: Die Gewerbe- und das geben wir für euch aus. – All das ist unseriös.
steuer wollen Sie auch abschaffen!) Seriös ist, die Brennelementesteuer mit einer Begrün-
dung zu erheben, wie wir sie in unserem Antrag geben.
Kann eine zusätzliche Energiesteuer EU-konform gestal- Wir sagen: An die gesellschaftlichen Schulden, die die
tet werden? – Das ist bei weitem nicht so klar, wie die Atomwirtschaft aufgehäuft hat, seit sie besteht – wir re-
Damen der Opposition uns suggerieren wollen. den von 150 Milliarden Euro –, wollen wir rückwirkend
gar nicht heran. Aber die 30 Milliarden Euro, die nach
(Ingrid Arndt-Brauer [SPD]: Aber in Schwe-
Schätzung der jetzigen Bundesregierung in den nächsten
den klappt das auch!)
Jahrzehnten durch Rückbau und Sanierung der Endlager
Hier erwarten wir kurzfristig eine Klärung des Finanz- und der atomaren Forschungseinrichtungen auf uns zu-
ministeriums. Seit gestern gehen Überlegungen von Fi- kommen, wollen wir nicht auch noch den Steuerzahle-
5608 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Sylvia Kotting-Uhl
(A) rinnen und Steuerzahlern aufbürden. Die soll die Atom- Zur Laufzeitverlängerung, die eines der großen (C)
wirtschaft selbst bezahlen. Dafür wollen wir die Streitthemen der Regierung ist, will ich Ihnen noch
Brennelementesteuer. etwas sagen. Sie sollten nicht so viele Ressourcen auf
den Streit verschwenden, ob es 8 Jahre, 15 Jahre oder
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, 28 Jahre sein sollen – mal mit Zustimmung des Bundes-
bei der SPD und der LINKEN – Dr. Daniel rates, mal ohne Zustimmung des Bundesrates. Dann le-
Volk [FDP]: Warum haben Sie das nicht schon gen die Bundesländer auch noch eigene Vorschläge vor.
in den sieben Jahren Ihrer Regierungszeit ge- Was Sie da aufführen, ist doch ein Kasperletheater. Hö-
tan? – Dr. h. c. Hans Michelbach [CDU/CSU]: ren Sie auf damit! Hören Sie auf Ihren Sachverständi-
Das hätten Sie doch lange machen können!) genrat! Hören Sie auf Ihr Umweltbundesamt! Sie alle
– Hätten Sie in Bezug auf Atomkraft in Ihrer Regie- rechnen Ihnen vor, dass Laufzeitverlängerungen nicht
rungszeit auch nur halb so viel vor, wie wir damals ge- nur unnötig, sondern auch kontraproduktiv für das ge-
macht haben, dann könnten wir mit Ihnen zufrieden sein. meinsame Ziel des Klimaschutzes sind. Sie müssen ja
gar nicht auf die Opposition hören;
(Dr. Daniel Volk [FDP]: Aber Sie fordern es
doch jetzt!) (Dr. Michael Fuchs [CDU/CSU]: Das müssen
wir wirklich nicht! Gott sei Dank!)
– Die Verhältnisse haben sich geändert. Sie hätten vorhin
Herrn Kelber zuhören sollen. Stellen Sie eine Zwischen- wir wissen ja, dass Sie da beratungsresistent sind. Hören
frage! Sie aber auf Ihre eigenen Berater! Machen Sie, was die
Ihnen empfehlen!
(Dr. h. c. Hans Michelbach [CDU/CSU]: Sie
haben nur geredet!) Hören Sie mit diesem internen Regierungsstreit auf,
Herr Dr. Steffel, der Bundestag führt eine Brennele- der Ihre wenigen Ressourcen, die Sie ohnehin schon
mentesteuer ein, nicht das Kabinett, wenn ich Sie daran dauernd mit Streitereien vergeuden, auch an dieser Stelle
erinnern darf. noch bindet. Konzentrieren Sie sich auf das, was ansteht,
nämlich auf den Umstieg in der Energieversorgung,
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN um nach 2020 so schnell wie möglich auf einen Anteil
sowie bei Abgeordneten der SPD) von 100 Prozent erneuerbare Energien zu kommen.
Dazu brauchen wir eine Flexibilisierung des Kraftwerks-
Was Sie gestern beschlossen haben, ist offensichtlich so-
parks, die Bereitstellung von Speichern und den Ausbau
wieso irrelevant; denn bereits gestern haben wir völlig
der Netze. Das haben wir gestern in der Anhörung alle
andere Verlautbarungen gehört. Die Bundesregierung
gemeinsam gehört. Hören Sie auf Ihre eigenen Berater!
(B) hat doch überhaupt nicht den Mut gegenüber der Atom- (D)
wirtschaft, diese Brennelementesteuer ohne das Gegen- Wenn Sie darüber hinaus noch ein bisschen mehr tun
geschenk der Laufzeitverlängerung einzuführen. und einen Schritt der Vernunft gehen wollen, dann stim-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN men Sie heute einem der vorliegenden Anträge zu. Sie
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der haben die Wahl zwischen SPD und Bündnis 90/Die Grü-
LINKEN – Dr. h. c. Hans Michelbach [CDU/ nen. Unsere Anträge unterscheiden sich nur marginal.
CSU]: Wo war denn Ihr Mut?) Im Ziel – Brennelementesteuer ohne Verbindung mit ei-
ner Laufzeitverlängerung – unterscheiden sie sich nicht.
Die Atomwirtschaft verhandelt doch schon selber wieder Stimmen Sie einem dieser Anträge zu. Das wäre einer
mit, ob überhaupt und unter welchen Bedingungen sie der ersten vernünftigen Schritte dieser Koalition.
eine Steuer oder eine Abgabe zahlt.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
(Dr. h. c. Hans Michelbach [CDU/CSU]: Sie bei der SPD und der LINKEN)
haben doch Vereinbarungen mit der Atomwirt-
schaft getroffen!)
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Erzählen Sie doch nicht, was Sie beschlossen haben. Das Wort hat der Kollege Thomas Bareiß von der
Uns liegen heute zwei Anträge vor, einer der SPD und CDU/CSU-Fraktion.
einer der Grünen. Stimmen Sie den Anträgen zu! Dann
haben Sie eine anständige Begründung für die Brennele- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
mentesteuer und begeben sich nicht in ein vages, diffu-
ses Feld irgendwelcher Deals, was mit seriöser Politik Thomas Bareiß (CDU/CSU):
nichts mehr zu tun hat. Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen! Meine
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Herren! Liebe Frau Kotting-Uhl, zunächst sage ich ein
bei der SPD und der LINKEN – Dr. Daniel herzliches Dankeschön für Ihren Antrag – auch für den
Volk [FDP]: Wer hat denn den Deal beschlos- Antrag der SPD –, der uns wieder einmal die Gelegen-
sen, dass keine Abgabe bei der Stromwirt- heit gibt, uns über die Energiepolitik und auch über das
schaft erhoben wird? Das war doch Rot- wichtige Thema der Kernenergie zu unterhalten.
Grün!)
Lassen Sie mich vorweg auf einen der Punkte einge-
Wir fordern die Brennelementesteuer ohne Verbindung hen, der Ihnen ganz besonders wichtig ist und auch im
mit einer Laufzeitverlängerung. Antrag der SPD eine herausragende Stellung einnimmt,
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5609
Thomas Bareiß
(A) nämlich auf die Frage: Brauchen wir eine Laufzeitver- zeugen und gleichzeitig auch noch 200 000 neue Ar- (C)
längerung? beitsplätze zu schaffen. – Ich kann mir übrigens gar
nicht vorstellen, wie in diesem Bereich neue Arbeits-
(Zurufe von der SPD: Nein!)
plätze geschaffen werden sollen, falls es zu einer Lauf-
Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir die Lauf- zeitverlängerung kommt. – Der Vertreter des Sachver-
zeitverlängerung brauchen und dass dies auch nicht im ständigenrats für Umweltfragen hat erklärt – so Herr
Widerspruch zum Ausbau der erneuerbaren Energien Hohmeyer im Umweltausschuss –, bis 2030 könne man
steht, im Prinzip auf 100 Prozent erneuerbare Energien umstel-
len. Das Umweltbundesamt hat dieser Tage ebenfalls
(Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: Doch!) eine neue Studie vorgestellt, wonach in kurzer Zeit eine
sondern dass die erneuerbaren Energien in der Zukunft Vollversorgung möglich ist.
dadurch ergänzt werden.
(Dr. Daniel Volk [FDP]: Wo ist die Frage?)
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Warum ignorieren Sie all diese Möglichkeiten und be-
Wir haben eine ambitionierte Ausbaustrategie. Bis haupten einfach fest überzeugt, man brauche die Lauf-
2020 wollen wir einen Anteil von 30 Prozent erneuer- zeitverlängerung, wenn die Möglichkeiten der Nutzung
baren Energien erreichen. Mit diesem Ziel haben wir der erneuerbaren Energien ausgebaut werden sollten? In
das, was Sie in den letzten Jahren gefordert haben, noch Wirklichkeit wirkt die Laufzeitverlängerung doch wie
getoppt. eine Bremse, weil nicht mehr genügend Volumen für die
erneuerbaren Energien unter Beibehaltung der heutigen
(Ulrich Kelber [SPD]: Wir sind beeindruckt!) Wachstumsgeschwindigkeit vorhanden ist.
Bis 2050 wollen wir den Hauptanteil der Energie aus er-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
neuerbaren Energieträgern generieren.
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: KEN)
Aber 100 Prozent sind möglich! Warum ma-
chen Sie das nicht?) Thomas Bareiß (CDU/CSU):
Auf dieser Wegstrecke haben wir aber enorme Heraus- Herr Fell, die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt
forderungen zu meistern. Dies müssen wir gemeinsam der Glaube. Ich sage Ihnen ganz offen: Um die Träger
angehen. erneuerbarer Energien ans Netz zu bringen und in den
Markt zu integrieren, brauchen wir zwei Dinge: einer-
Ich nenne nur das Thema Netzausbau. Wie wollen Sie seits eine bessere Netzinfrastruktur, sowohl im Über- (D)
(B) gewährleisten, dass, wenn wir im Norden in Offshore-
tragungs- als auch im Verteilungsnetzbereich, anderer-
windparks 20 Gigawatt Leistung aufbauen und im Süden seits Speichertechnologie.
12 Gigawatt vom Netz nehmen, diese Strommenge über
die Riesendistanz von Norden nach Süden transferiert Überall, wo man Netze ausbauen oder Speicher auf-
wird? Dazu müssen wir die Netze ausbauen. Das ist bauen will – beispielsweise den Schluchseespeicher im
dringend notwendig. Schwarzwald; man versucht dort, ein 1000-Megawatt-
Pumpspeicherkraftwerk zu errichten –, gibt es vor Ort
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: grüne Gruppen, die gegen diese Projekte demonstrieren.
Herr Kollege Bareiß, ich muss Sie unterbrechen. Er- (Beifall bei Abgeordneten der FDP –
lauben Sie eine Zwischenfrage des Kollegen Fell? Dr. Daniel Volk [FDP]: Aha!)
Sie behaupten, dass diese Projekte den Kernkraftausbau
Thomas Bareiß (CDU/CSU):
begünstigen. Das, was Sie hier sagen, passt nicht zu
Ja, sehr gerne. dem, was Ihre Parteifreunde vor Ort machen. Diesen Wi-
derspruch müssen Sie einmal auflösen.
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Bitte schön, Herr Fell. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Es gibt die Probleme mit dem Netzausbau, die ich ge-
Hans-Josef Fell (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): rade beschrieben habe. Ein weiterer wichtiger Bereich
Herr Kollege Bareiß, Sie haben gerade das Ziel der sind die Speichertechnologien. Außerdem müssen wir
Bundesregierung, bis 2020 30 Prozent des Stroms aus die Frage beantworten, wie wir die erneuerbaren Ener-
erneuerbaren Energieträgern zu erzeugen, als ambitio- gien in den Wettbewerb bringen. Auch damit wird in den
niert bezeichnet. Ist Ihnen eigentlich bekannt, dass es nächsten Jahren eine ganz große Herausforderung ver-
eine Unmenge von Studien und Angeboten gibt, nach bunden sein. Wenn ich mir das Ganze ernsthaft an-
denen weit darüber hinausgegangen werden kann, wenn schaue, dann komme ich zu der Überzeugung, dass wir
man die heutige Wachstumsgeschwindigkeit der erneu- den von Rot-Grün beschlossenen Ausstieg aus der
erbaren Energien fortsetzt? Atomenergie im Jahre 2022 leider nicht schaffen kön-
nen.
Schon vor Jahren hat der Bundesverband Erneuerbare
Energie der Bundesregierung angeboten, bis 2020 fast (Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE
50 Prozent Strom aus erneuerbaren Energieträgern zu er- GRÜNEN]: Sie nicht!)
5610 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Thomas Bareiß
(A) Ich bin davon überzeugt, dass wir ihn auch 2025 nicht Wir haben immer gesagt: Die Laufzeitverlängerung wird (C)
schaffen werden. es nur in Verbindung mit der Abschöpfung von Zusatz-
gewinnen geben, und die so eingenommenen Mittel wer-
(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: den in Zukunftsprojekte investiert.
Aber eine Menge Wissenschaftler sehen das
anders!) Ein ganz wichtiges Projekt ist für mich hierbei die
Energieeffizienz. Wir sind uns einig, dass wir in diesem
Auch 2030 werden wir ihn wahrscheinlich nicht schaf-
Bereich viel mehr machen müssen. Wir dürfen an diese
fen, wenn wir so weitermachen wie bisher. Deshalb
Aufgabe nicht nur ordnungspolitisch und durch die Stär-
brauchen wir die Laufzeitverlängerung. Ich sage Ihnen:
kung des Wettbewerbs, was ich ebenfalls für wichtig und
Die Menschen wissen, dass wir die Laufzeitverlänge-
sinnvoll erachte, herangehen, sondern wir müssen auch
rung brauchen,
Geld investieren, gerade im Gebäudesanierungsbereich.
(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
(Ulrich Kelber [SPD]: Deswegen haben Sie
Das wissen die Menschen eben nicht! Selbst
dort gekürzt!)
die Kanzlerin hat das Gegenteil unterschrie-
ben!) – Auch ich bin damit nicht einverstanden, lieber Herr
Kelber. – Wir müssen schauen, wie wir diese Mittel ver-
weil wir diese Herausforderung nicht so bewältigen kön-
stetigen. Ich sehe eine gute Chance, durch die Abschöp-
nen, wie wir es wollten. Wenn Sie ganz ehrlich sind,
fung von Zusatzgewinnen den Übergang in das regene-
dann stimmen Sie uns doch zu. Eigentlich sind Sie dank-
rative Zeitalter sinnvoll zu gestalten.
bar, dass wir dieses Thema in den nächsten Monaten
endlich anpacken. Wir müssen in diesem Zusammenhang auch die End-
lagerfrage klären. Ich bin dankbar, dass wir in der jetzi-
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
gen Koalition dieses Problem der Endlagerung endlich
der CDU/CSU – Ulrich Kelber [SPD]: Für den
angehen. Sie haben das über Jahre verhindert,
Satz haben Sie aber lange gebraucht!)
(Ulrich Kelber [SPD]: Vorsicht! Wir fragen
Meine Damen und Herren, ich warne davor, dass wir
auch in dieser Debatte irgendwelche Zahlenspielchen wieder nach!)
machen. Die einen sagen: Wir brauchen vier bis acht haben dieses Thema aufs Abstellgleis geschoben.
Jahre. Die anderen sagen: Wir brauchen 28 Jahre. Die
besonders Schlauen sagen: Richtig ist die goldene Mitte; (Dr. Daniel Volk [FDP]: Ja, nichts getan!)
wir brauchen 15 Jahre. Ich glaube, so vorzugehen, ist Wir packen es an.
(B) keine seriöse Energiepolitik. (D)
(Beifall der Abg. Marie-Luise Dött [CDU/
(Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE CSU])
GRÜNEN]: Richtig!)
Das ist ein Schritt in die richtige Richtung: die Probleme
Wir brauchen in den nächsten Monaten eine solide Da- lösen und nicht ständig nur Hindernisse sehen.
tenbasis. Eine solche Basis werden wir Ende August be-
kommen: Am 27. August erhalten wir die Szenarienbe- (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
rechnungen der Institute. Dann muss aufgeschlüsselt der FDP)
sein, was in den nächsten Jahren technisch machbar ist
Ein weiterer Punkt ist das Sicherheitskonzept. Auch
(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: das wird bei der Laufzeitverlängerung eine Rolle spie-
Das haben Sie doch gar nicht prüfen lassen! len. Wenn wir die Kernreaktoren hier – sie gehören
Sie haben doch 100 Prozent Erneuerbare gar schon heute zu den sichersten der Welt – länger laufen
nicht prüfen lassen!) lassen wollen, dann müssen wir den Anspruch, den wir
eh schon haben, noch einmal erhöhen und schauen: Wo
und an welchen Stellschrauben wir ansetzen müssen. gibt es Stellschrauben, mit deren Hilfe wir die Bedenken
Wenn wir wissen, was das kostet, müssen wir überlegen, der Bevölkerung aufnehmen können? Wie können wir
wie wir diese Kosten decken können und welche gesetz- Sicherheit noch einmal neu und besser definieren? Dazu
lichen Rahmenbedingungen notwendig sind. Unsere wird es bis Ende Juli Vorschläge der Bundesregierung
Überlegungen werden wir dann in ein Energiekonzept geben.
gießen. Das ist für mich eine verlässliche Politik in Sa-
chen Energie. Ich glaube, es lohnt sich, sich im Herbst (Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
ganz viel Zeit zu nehmen. Der Wirtschaftsminister will weniger Sicher-
heit als der Umweltminister!)
Ich sehe jetzt die große Chance, die Laufzeitverlänge-
rung, die ich für notwendig halte, zu gestalten. Damit Wir werden dann schauen, wie wir die konkret umset-
sind viele Themen verbunden. In vielen Punkten kom- zen. Das muss im Gesamtpaket eine wichtige Rolle spie-
men wir sicherlich zueinander; manchmal werden wir len.
vermutlich gegeneinander arbeiten.
Der letzte Punkt, liebe Frau Höhn, ist der Wettbe-
Ein Thema ist die Brennelementesteuer. Sie wird in werb, und er ist wichtig. Das nehmen wir gern von Ih-
diesem Zusammenhang eine große Rolle spielen. Eine nen auf. Auch ich mache mir Sorgen über die Oligopol-
Laufzeitverlängerung wird es nicht zum Nulltarif geben. struktur im Strombereich. 60 Prozent des Strommarkts
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5611
Thomas Bareiß
(A) werden über die vier großen Energieversorgungsunter- (Beifall bei der SPD) (C)
nehmen gehandelt.
(Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE Oliver Kaczmarek (SPD):
GRÜNEN]: Ja! Und das wollen Sie verlän- Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wenn wir
gern! – Gegenruf des Abg. Dr. Daniel Volk heute im Deutschen Bundestag über die Brennelemente-
[FDP]: Unsinn!) steuer debattieren, dann müssen wir zunächst einmal
festhalten, dass die Vorzeichen erfreulicher sind als in
Wir wollen schauen, wie eine Laufzeitverlängerung da der vergangenen Zeit; denn als Sigmar Gabriel noch als
hineinspielt. Das müssen wir einmal untersuchen. Bundesumweltminister diese Idee vorgebracht hat,
(Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- (Dr. Daniel Volk [FDP]: Ist er gescheitert!)
NEN]: Das kann man leicht ausrechnen!)
wurde ihm insbesondere aus den Reihen des damaligen
Darüber müssen wir sprechen.
Koalitionspartners, aus den Reihen der Union, „reine
(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ideologie“ vorgeworfen: so etwa von Herrn Oettinger.
Erst verlängern und dann mal gucken!) Herr Dobrindt hat ihn sogar einen Ökostalinisten ge-
nannt. Dass die derzeitige Regierungskoalition sich nun
Wir müssen schauen, welche Instrumente wir finden, um im Grundsatz dieser Forderung angeschlossen hat, ist als
die Oligopolstruktur für die Zukunft aufzuheben; denn Erfolg zu werten. Sie hätten es aber schon während der
ein ganz großes Thema ist, den Wettbewerb im Strom- Großen Koalition haben können. Das gehört zur Wahr-
markt in den nächsten Jahren zu stärken, um stabile heit dazu.
Preise für die Zukunft zu gewährleisten.
(Beifall bei der SPD)
Unsere Energiepolitik – ich glaube, das kann man
nicht oft genug sagen – beruht auf drei Säulen. Wir wol- Mir scheint die Debatte in der Koalition aber immer
len sichere und verlässliche Energie für die Zukunft. Wir noch ideologisch aufgeladen zu sein. Seit dem Gespräch,
wollen vor allen Dingen saubere und klimafreundliche das der Bundesfinanzminister mit den Spitzen der Atom-
Energie für die Zukunft. Dabei spielt auch die Kernener- konzerne geführt hat, ist auch wieder weniger deutlich,
gie – das nur als Nebensatz – wegen der CO2-Freiheit was eigentlich konkret umgesetzt werden soll.
eine ganz besondere Rolle. Wir wollen letztendlich eine
bezahlbare und – das sage ich ganz offen – günstige Dabei geht es in dieser Frage im Prinzip um einen
Energie, nicht nur für Großfamilien mit vielen Kindern, simplen Sachverhalt. Derzeit muss der Steuerzahler für
die auch einen entsprechend hohen Energieverbrauch viele Kosten aufkommen. Es entstehen nämlich Kosten
(B) haben, sondern auch für die Industrie, weil sie für die für den Rückbau kerntechnischer Anlagen, für die Sanie- (D)
Arbeitsplätze in Deutschland ganz wichtig ist. Auch das rung der Endlager, teilweise zumindest, für die kerntech-
ist Kernbestandteil unserer Energiepolitik. nische Forschung oder für die Sicherung der Castor-
Transporte. Das sind Kosten, die der Steuerzahler nicht
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- verursacht hat, aber von der Atomindustrie, wenn man
neten der FDP – Ulrich Kelber [SPD]: Sie ha- so will, externalisiert werden. Die Beträge fließen bei
ben überhaupt keine Energiepolitik! Das ist den Atomkraftwerksbetreibern direkt in die Gewinne.
das Hauptproblem!)
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
– Warten Sie es einmal ab! des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Uns wird im September von der Bundesregierung ein Deshalb führen wir keine ideologische Diskussion, son-
Energiekonzept vorgelegt. Das werden wir diskutieren. dern eine sachliche Diskussion über die Lastenvertei-
Dazu wird der Bundestag viele Entscheidungen treffen lung bei den ökologischen und gesellschaftlichen Kos-
müssen. Das werden wir also viel diskutieren. Wir ma- ten der Atomenergie und über Wettbewerbsgleichheit.
chen ein Energiekonzept aus einem Guss – ich glaube, Deswegen – das will ich noch einmal sagen – ist es kein
das ist dringend notwendig –, ideologischer Ballast, sondern vor allem eine ökonomi-
(Lachen beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – sche Notwendigkeit, über die wir heute Morgen disku-
Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: tieren.
Ein Atomkonzept aus einem Guss!) (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
bei dem die Kernenergie eine Rolle spielt, bei dem aber des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
der Ausbau der erneuerbaren Energien im Vordergrund Allerdings – bei aller Freude, dass die Koalition auf
steht. Ich glaube, das ist der richtige Ansatz für die diese Linie eingeschwenkt ist – fehlt ihr offenbar die
nächsten Jahre. Einsicht in die Notwendigkeit dieser Steuer; denn zu
Herzlichen Dank. deutlich ist der Zusammenhang, der hier im Kontext von
Sparpaket und Laufzeitverlängerung für die Atom-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) kraftwerke hergestellt wird. Die Bundesregierung will
offensichtlich angesichts der dramatischen und von
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: nahezu allen Kommentatoren festgestellten sozialen
Das Wort hat jetzt der Kollege Oliver Kaczmarek von Schieflage ihres Sparpaketes den Anschein erwecken,
der SPD-Fraktion. auch die Großen zu schröpfen und ihnen etwas abzuneh-
5612 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Oliver Kaczmarek
(A) men für die Sanierung des Staatshaushaltes. In Wahrheit Menschen im Land nicht mitmachen. Dagegen wird es (C)
geht es jedoch vor allem um die Akzeptanz für die Lauf- Widerstand geben. Ich bin da sehr sicher.
zeitverlängerung; denn die Atomenergie hat in Deutsch-
land keinen guten Ruf. Sie wird von den Menschen ein- (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
fach nicht akzeptiert. Das ist, wie der Umweltminister DIE GRÜNEN)
jüngst richtig festgestellt hat, auch nach 40 Jahren noch Es ist deshalb mehr als nur Symbolik – es sei mir als
so. Es stellt sich langsam die Frage, warum wir über das Nordrhein-Westfale erlaubt, das hier anzusprechen –, es
Thema Laufzeitverlängerung jetzt diskutieren, wenn ist eine fundamentale energiepolitische und gesell-
doch in den letzten 40 Jahren keine Akzeptanz bei den schaftspolitische Entscheidung, wenn die neue Landes-
Menschen erreicht werden konnte. regierung von Nordrhein-Westfalen – ich bin sicher, sie
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ wird dafür nicht nur im nordrhein-westfälischen Landtag
DIE GRÜNEN) die Mehrheit bekommen, sondern auch die Unterstüt-
zung der Menschen in Nordrhein-Westfalen – zusammen
Dennoch hat sich die derzeitige Regierungskoalition mit anderen Bundesländern im Bundesrat dafür sorgen
vorgenommen, gegen den gesellschaftlichen Wider- wird, dass es keine Laufzeitverlängerung geben wird.
stand die Laufzeiten für die 17 in Deutschland noch in Das ist ein Akt der politischen Vernunft und der Verant-
Betrieb befindlichen Atomkraftwerke zu verlängern. wortung und verdient Unterstützung.
Diesen Widerstand dagegen reden wir nicht herbei. Ihn
kann man sehen. Jüngst konnte man ihn – ich glaube, es (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
war Ende April – bei einer Menschenkette mit mehr als der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
100 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zwischen GRÜNEN)
den Kernkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel be-
Es ist dagegen unvernünftig, wenn die Koalition nun
obachten.
nach Wegen sucht, den Bundesrat auf der Grundlage
Die sachlichen Erwägungen gegen eine Laufzeitver- zweifelhafter Gutachten zu umgehen. Es ist klar, dass sie
längerung sind gestern im Umweltausschuss breit debat- damit einen neuen politischen und gesellschaftlichen
tiert und von den Experten ausführlich dargestellt wor- Großkonflikt in dieser Republik mit allen Begleit-
den. Es ist noch einmal deutlich gemacht worden, dass erscheinungen und Nebenwirkungen in Kauf nimmt.
wir hier nicht über eine absolut sichere und risikofreie Diesen Konflikt und die damit verbundene Unruhe und
Technologie reden, sondern dass es Sicherheitsrisiken Unsicherheit bei den Menschen zu riskieren, ist falsch in
gibt. Dies wird insbesondere bei den ältesten Atom- der Sache und stellt überdies eine Fehlkalkulation dar.
kraftwerken, deren Laufzeiten Sie verlängern wollen, Denn selbst wenn sie es wollte – so können wir nach den
(B) deutlich: Das Atomkraftwerk Krümmel, 1983 in Betrieb Erfahrungen der letzten Wochen und Monate sagen –, (D)
genommen, hat seit 1994 82 sicherheitsrelevante Ereig- fehlte der jetzigen Regierungskoalition die Mehrheit im
nisse gemeldet, Brunsbüttel, 1976 in Betrieb genommen, Volk, im Bundesrat und vor allem die politische Klarheit
hat 80 und Biblis A, das älteste noch in Betrieb befindli- und Kraft, einen solchen Konflikt durchzustehen. Des-
che Atomkraftwerk Deutschlands, hat 66 solcher Ereig- wegen sollten Sie im eigenen Interesse davon Abstand
nisse gemeldet. nehmen.
Auch wenn die Anzahl der im Jahresdurchschnitt ge- (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
meldeten Ereignisse gering erscheint – ich stelle mir die des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Frage, ob es bei einer solchen Hochrisikotechnologie tat-
sächlich eine Toleranzschwelle bei der Anzahl von Si- Liebe Kolleginnen und Kollegen, Sie erhalten die Un-
cherheitsereignissen geben kann –, so ist doch Fakt: Die terstützung auch unserer Fraktion, wenn Sie eine ernst
Stillstandszeiten sind in keinem anderen industriellen gemeinte Brennelementesteuer einführen wollen. Aber
Bereich so hoch wie in Atomkraftwerken. Fakt ist auch, Sie werden den Widerstand nicht nur der Opposition hier
dass sie mit längerer Lebensdauer eben nicht weniger im Haus, im Bundesrat oder vor dem Bundesverfas-
stör- und verschleißanfällig werden. Deswegen stellt sungsgericht, sondern vor allem in der gesamten Repu-
eine Laufzeitverlängerung natürlich ein Sicherheitsrisiko blik, in Gorleben, in Lüchow-Dannenberg, in Ahaus,
dar. Zumindest verstößt sie gegen das Sicherheitsemp- Brunsbüttel und anderswo erleben, wenn Sie dieses Vor-
finden der Menschen. Das sollten wir im Deutschen haben an eine Laufzeitverlängerung koppeln wollen.
Bundestag akzeptieren. Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ Vielen Dank.
DIE GRÜNEN) (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
Die Brennelementesteuer darf deshalb aus unserer des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Sicht nicht zum Alibi für eine Laufzeitverlängerung wer-
den. Offensichtlich geht es der Bundesregierung auch Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
darum, sich nachlassende Sicherheit in den älteren Herr Kollege Kaczmarek, ich gratuliere Ihnen im Na-
Atomkraftwerken mit dem Geld aus der Brennelemente- men des ganzen Hauses zu Ihrer ersten Rede im Deut-
steuer teuer bezahlen zu lassen. Aber ich sage auch ganz schen Bundestag.
deutlich: Diese Art von Ablasshandel für Biblis A und
andere alte Reaktoren werden wir und vor allem die (Beifall)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5613
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms
(A) Das Wort hat jetzt der Kollege Michael Kauch von (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, (C)
der FDP-Fraktion. bei der SPD und der LINKEN – Dr. Daniel
Volk [FDP]: Was hat das mit dem Koalitions-
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten vertrag zu tun?)
der CDU/CSU)
Michael Kauch (FDP):
Michael Kauch (FDP): Liebe Frau Höhn, Sie kennen ebenso wie ich die
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Herr Energieversorgungsstruktur in Nordrhein-Westfalen.
Kaczmarek hat angesprochen, welche Großtaten die Wir haben keine Kernkraftwerke, sondern wir haben vor
neue nordrhein-westfälische Koalition in rot-grüner allem Kohlekraftwerke. In Nordrhein-Westfalen stehen
Färbung vollbringen will. Ich habe mir gestern die Mühe die größten CO2-Schleudern Europas. Die Politik von
gemacht, in diesen Koalitionsvertrag hineinzuschauen. Schwarz-Gelb in Nordrhein-Westfalen war immer:
Da wird die ganze Aberwitzigkeit Ihrer Klimapolitik Diese Dreckschleudern müssen durch moderne Kraft-
deutlich; denn wegen Ihres grünen Koalitionspartners werke ersetzt werden.
verzichten Sie auf das Kraftwerkserneuerungspro-
gramm. Die Grünen werden jetzt sagen: Prima. (Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Das ist ein Fehler!)
(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Zu Recht!) Genau das verhindern Sie. Deshalb sind Sie diejenigen,
die in Ihrem Koalitionsvertrag offenbaren, dass man mit
Heimlich, still und leise steht im rot-grünen Koali- Ihrer Politik weniger CO2 einsparen kann als mit unserer
tionsvertrag – zuerst dachte ich, es ist ein Druckfehler –, Politik.
dass Sie die CO2-Emissionen um 25 Prozent bis 2020 im
Vergleich zu 1990 verringern wollen. Man denkt: Tolle (Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Tat! Aber die alte Regierung wollte 33 Prozent, und im Jetzt kommt es raus!)
Bund haben wir 40 Prozent vorgesehen. Das heißt, Rot- Im Übrigen, wenn man in Ihrem Koalitionsvertrag wei-
Grün bedeutet weniger Klimaschutz in Nordrhein-West- terliest, dann erfährt man, dass Sie keinen eigenen mü-
falen, das ist doch absurd. den Euro aus Ihrem Landeshaushalt dafür aufwenden
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – wollen, dass Klimaschutzprojekte auf den Weg gebracht
Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: werden.
Aber die alte Bundesregierung hat das gar (Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE
nicht gemacht! – Dr. Frank Steffel [CDU/ GRÜNEN]: Sie haben doch gar nichts einge-
(B) CSU]: Das ist ein Skandal! Jetzt kommt die spart!) (D)
Wahrheit ans Licht! – Dr. Daniel Volk [FDP]:
Jetzt kommt Ihre Scheinheiligkeit ans Licht!) Zur Finanzierung Ihrer Klimaschutzprojekte heißt es
im Koalitionsvertrag: Der Bund muss quotiert 44 Pro-
zent der Emissionshandelserlöse an Nordrhein-Westfa-
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: len abgeben. Sie wollen nur Klimaschutz betreiben,
Herr Kollege Kauch, erlauben Sie eine Zwischenfrage wenn es der Bund bezahlt. Das ist Ihr Versagen in Nord-
der Kollegin Höhn? rhein-Westfalen. Davon können Sie nicht ablenken.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Michael Kauch (FDP):
Ja.
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Herr Kollege Kauch, erlauben Sie eine weitere Zwi-
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: schenfrage des Kollegen Kelber?
Bitte, Frau Höhn.
Michael Kauch (FDP):
Bärbel Höhn (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Gerne. Das verlängert die Redezeit.
Herr Kollege Kauch, können Sie bestätigen, dass sich
Schwarz-Gelb in der letzten Legislaturperiode in Nord- (Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
rhein-Westfalen gegen jede Windkraftanlage gestellt NEN]: Aber dann mal zum Thema!)
hat und dass sich dadurch die CO2-Reduktion in Nord-
rhein-Westfalen nicht gemindert hat? Sie sind massiv ge- Ulrich Kelber (SPD):
gen erneuerbare Energien vorgegangen. Können Sie be- Das stimmt, das verlängert Ihre Redezeit.
stätigen, dass unter Schwarz-Gelb in Nordrhein-
(Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE
Westfalen die Kapazität der Kraftwerke enorm gestiegen
GRÜNEN]: Er muss doch mal zum Thema
ist? Damit stand zwar die Zahl – eine Reduktion von
kommen!)
33 Prozent bis 2020 – auf dem Papier, aber in der Politik
ist das Gegenteil gemacht worden. Zu Ihrer Regierungs- Trotzdem ist die Frage wichtig. – Können Sie erstens be-
zeit sind die CO2-Emissionen in Nordrhein-Westfalen stätigen, dass unter der jetzigen Landesregierung die frü-
gestiegen und nicht gefallen. Wir haben Ihre Altlasten here Vereinbarung von Rot-Grün mit der Kraftwerks-
jetzt abzutragen. Das ist die Wahrheit. wirtschaft, in der vorgesehen ist, alte Kraftwerke sofort
5614 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Ulrich Kelber
(A) abzuschalten, wenn das neue am Netz ist, beispielsweise Gewinne vornehmen würden. Momentan haben wir in (C)
im rheinischen Braunkohlerevier, aufgehoben wurde und der Tat eine Steigerung bei den Strompreisen; Frau
deswegen die alten Kraftwerke weiterlaufen? Das ist Bulling-Schröter, ich war erstaunt, dass von einer Lin-
Realität, nicht Ziel. ken eine sachliche volkswirtschaftliche Darstellung
kam. Dadurch, dass die Zertifikate, die man kostenlos
(Joachim Poß [SPD]: Ach!) bekommen hat, eingepreist wurden, haben die Unterneh-
Können Sie zweitens bestätigen, dass Sie den Klima- men mehrere Milliarden Euro Zusatzgewinne gemacht.
schutz als Ziel aus den Landesgesetzen herausgestrichen Jetzt haben wir fraktionsübergreifend durchgesetzt, dass
haben? die Zertifikate für die Kohlewirtschaft ab 2013 voll ver-
steigert werden. Es wäre eine Wettbewerbsungleichheit,
wenn wir es bei den mit Kernkraft produzierenden Un-
Michael Kauch (FDP): ternehmen weiterhin so belassen würden.
Lieber Herr Kelber, wenn Sie auf Datteln anspielen
– darum geht es ja offensichtlich –, (Ulrich Kelber [SPD]: Jetzt wird versteigert!)
(Ulrich Kelber [SPD]: Lex Eon!) Deshalb ist die Zielsetzung der Brennelementesteuer,
die das Kabinett beschlossen hat, richtig. Dennoch sage
dann kann ich nur sagen, dass dies das effizienteste Koh- ich: Natürlich gibt es einen politischen Zusammenhang
lekraftwerk ist, das wir momentan in Deutschland bauen. zur Laufzeitverlängerung. Für uns ist das durchaus ein
(Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE Paket. Ich sage aber auch: Für die Laufzeitverlängerung
GRÜNEN]: Ja! Zusätzlich!) der Kernkraftwerke ist das, was die Regierung hier vor-
legt, nicht das Ende der Fahnenstange. Das ist nicht die
Das genau ist der Unterschied. Wir machen Klima- Abschöpfung der Gewinne aus der Laufzeitverlänge-
schutz mit dem Emissionshandel und versuchen nicht, rung. Ich sage auch sehr deutlich: In den Wahlprogram-
den Bau solcher Anlagen durch Gerichtsurteile zu torpe- men von Union und FDP finden wir die Aussage, dass
dieren. ein Teil der Erlöse, die aus der Laufzeitverlängerung re-
sultieren, im Bereich erneuerbare Energien zu verwen-
(Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE den ist. Genau das lässt der Kabinettsbeschluss weiterhin
GRÜNEN]: Zusätzlich emittieren!) zu.
Wir wollen, dass diese modernen Kraftwerke die Dreck- Wir haben 2,3 Milliarden Euro für den Haushalt. Ich
schleudern ersetzen, glaube, der Finanzminister hat damit das, was er bekom-
(Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE men muss. Wenn wir für die Laufzeitverlängerung noch
GRÜNEN]: Tun Sie ja nicht!) eine Schippe drauflegen, dann muss auch deutlich wer-
(B) den, dass der Bereich der erneuerbaren Energien davon (D)
deren Betrieb die rot-grüne Regierung, zum Beispiel im profitiert.
Zusammenhang mit dem Tagebau Garzweiler, ermög-
licht hat, Herr Kelber. Vielen Dank.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
(Beifall bei Abgeordneten der FDP)
der CDU/CSU)
Jetzt kommen wir zurück zum Thema, zu dem, was
wir auf Bundesebene tun, zur Brennelementesteuer. Für Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
die Brennelementesteuer werden im Kabinettsbeschluss Das Wort hat die Kollegin Dr. Barbara Höll von der
sehr klug zwei Gründe genannt: Fraktion Die Linke.
Erstens geht es um die Kosten der Asse. Die FDP hat (Beifall bei der LINKEN)
diesen Punkt in den Koalitionsverhandlungen sehr nach-
drücklich unterstützt. Wir sagen: Wenn es Altlasten gibt, Dr. Barbara Höll (DIE LINKE):
die dadurch entstanden sind, dass in der Vergangenheit Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
viele Menschen Fehler gemacht haben, dann kann man Kollegen! Im Dezember 2009 postulierte die Bundesre-
das hinterher nicht einfach dem Stromkunden oder dem gierung in Fortsetzung ihrer Politik, sie plane keine Ein-
Steuerzahler vor die Füße werfen, sondern dann müssen führung der Brennelementesteuer. Im Juni 2010 kommt
sich auch diejenigen, die von diesem Bergwerk profitiert Ihnen die Erkenntnis dann doch, weil die Atomindustrie
haben, beteiligen; das ist neben staatlichen Forschungs- von dem Handel mit den CO2-Zertifikaten über höhere
einrichtungen die Kraftwerkswirtschaft. Ganz klar ist: Strompreise profitiert. Das sind jährlich immerhin
Die Asse wird maximal etwa 4 Milliarden Euro kosten. 3,4 Milliarden Euro. Allerdings sagen Sie – ich zitiere
(Ulrich Kelber [SPD]: Das wissen Sie schon aus Ihrem Programm „Die Grundpfeiler unserer Zukunft
jetzt! – Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/ stärken“ –: Es wird „im Rahmen eines Gesamtenergie-
DIE GRÜNEN]: „Maximal“!) Konzepts notwendig sein, die Laufzeiten von Kernkraft-
werken zu verlängern.“
Das entspricht den Einnahmen von zwei Jahren aus der
Brennelementesteuer. Dadurch ist diese Steuer sehr klar (Michael Kauch [FDP]: Tolles Programm!)
legitimiert. Zukunft stärken und Laufzeitverlängerung sind ein
Widerspruch in sich, sagt die Linke.
Das Zweite ist die Ungleichbehandlung, die es ab
2013 geben würde, wenn wir keine Abschöpfung der (Beifall bei der LINKEN)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5615
Dr. Barbara Höll
(A) Im Klartext: Die ganze Aktion der Brennelementebe- fonds verwendet werden, um die Entwicklung im Be- (C)
steuerung ist ein ausgeklügelter Deal zwischen Ihnen reich der erneuerbaren Energien voranzutreiben.
und der Atomlobby; denn durch diesen billigen Trick
wollen Sie den hart erkämpften Atomkompromiss auf- Nun möchte ich noch eine kurze Bemerkung zu Herrn
weichen und damit ein späteres Abschalten aller Atom- Fuchs machen, der nachher noch spricht.
kraftwerke in Deutschland erreichen. (Zuruf von der FDP: Jetzt schon? – Heiterkeit)
Nun komme ich zu Ihrem tollen Plan. Sie wollen mit Sie haben in der vergangenen Woche das Erneuer-
der Brennelementesteuer 2,3 Milliarden Euro jährlich bare-Energien-Gesetz als Begründung vorgeschoben,
einnehmen, unter anderem zum Zwecke der Sanierung um Atomenergie weiterhin zu legitimieren. Ich sage Ih-
– wie Sie selbst sagen; ich zitiere noch einmal –: nen: Das ist schlicht eine Frechheit und ein Schlag ins
Gesicht all der Menschen, die heute im Bereich der Er-
Allein durch die Stilllegung und den Rückbau von zeugung erneuerbarer Energien arbeiten.
kerntechnischen Anlagen – einschließlich voraus-
sichtlicher Kosten für die Endlager von Atommüll – (Beifall bei der LINKEN)
wird der Bund erheblich belastet.
Sie sagten letzten Donnerstag, dass die Energiekosten
Selbst die Zwischenlager sind derzeit in einem skan- für einen Vier-Personen-Haushalt im Rahmen des EEG
dalösen Zustand. Es gibt noch gar kein Endlager. Die ab dem nächsten Jahr um circa 200 Euro steigen würden.
Kosten für Lagerung und Sanierung der Lagerstätten ha- Deshalb brauchten wir auch weiterhin den ach so billi-
ben sich vervielfacht; es wurde schon vorhin die Zahl gen Atomstrom.
von über 7 Milliarden Euro genannt. (Dr. Michael Fuchs [CDU/CSU]: Richtig!)
Nun planen Sie frisch und fröhlich eine Laufzeitver- Ich staune immer wieder über Ihre Kurzsichtigkeit. Sie
längerung. In diesem Zusammenhang frage ich Sie: sind es doch, die vernünftige Rahmenbedingungen schaf-
Wieso soll denn der Bund, das heißt, die Steuerzahlerin- fen könnten. Sie könnten erneuerbare Energien über eine
nen und Steuerzahler, die Folgekosten für die Endlage- vernünftige Steuergesetzgebung billiger machen. Wenn
rung tragen? Wieso sollen das nicht die Verursacher, die Sie beim Preis für den Atomstrom alle Folgekosten mit
Atomwirtschaft, tun, und zwar selbstverständlich in vol- einfließen lassen würden, wäre Atomstrom eben nicht
ler Höhe? billig. Er ist schon heute viel teurer als der Strom aus er-
(Beifall bei der LINKEN und dem BÜND- neuerbaren Energien.
NIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordne- (Beifall bei der LINKEN)
(B) ten der SPD) (D)
Der Sachverständigenrat für Umweltfragen hat Ihnen Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
ausdrücklich aufgeschrieben, dass es möglich ist, dass Frau Kollegin Höll, kommen Sie bitte zum Schluss.
Deutschland als Industriestandort bei Weiterentwicklung
der bisherigen erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2050 Dr. Barbara Höll (DIE LINKE):
allen Strom aus diesen erneuerbaren Energien bezieht. Schieben Sie den Schwarzen Peter nicht auf andere.
Hierfür brauchen wir natürlich einen konsequenten Um- Handeln Sie endlich selbst einmal weitsichtig; das ist
bau hin zu den erneuerbaren Energien. Dazu braucht notwendig.
man eben – das wurde bereits erwähnt – umfangreiche
Mittel für die Netzerneuerung und für das Erschließen (Beifall bei der LINKEN)
neuer Speicherkapazitäten.
Selbst der Bundesumweltminister, Herr Röttgen, be- Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
stätigte, dass der Anteil der erneuerbaren Energien 2022, Das Wort hat der Kollege Dr. Georg Nüßlein von der
konservativ gerechnet, auf knapp 40 Prozent gestiegen CDU/CSU-Fraktion.
sein wird, sodass dann tatsächlich alle AKWs in Deutsch- (Beifall bei der CDU/CSU)
land abgeschaltet werden könnten. Sie erinnern sich:
Hierzu liegt eine Studie aus dem Jahre 2009 vor; inzwi-
schen wird das oft verschwiegen. Das heißt, eine Verlän- Dr. Georg Nüßlein (CDU/CSU):
gerung der Laufzeiten ist völlig irrational und falsch. Wir Herr Präsident! Meine Damen, meine Herren! Ich
fordern deshalb einen schnellstmöglichen Atomausstieg finde es bemerkenswert, dass wir die Diskussion offen-
und nicht erst 2022. bar so reflexhaft miteinander führen können, dass man,
Frau Höll, bereits im Vorhinein auf einen nachfolgenden
(Beifall bei der LINKEN) Redner eingehen kann; das ist schon etwas Besonderes.
Wir fordern das auch deshalb, um die Folgekosten aus Ich bin jetzt nicht enttäuscht – das sage ich Ihnen
der Nutzung der Atomkraft zu reduzieren. Wir wollen, ganz offen –, dass es keine Loblieder auf das gibt, was
dass die Atomwirtschaft die von ihr verursachten Kosten wir hier als Koalition planen, nämlich eine Brennele-
in vollem Umfang trägt. Führen Sie deshalb als ersten mentesteuer, obwohl ich zugebe, dass ich schon das
Schritt die Brennelementesteuer so ein, dass mindestens eine oder andere wohlwollende Wort erwarte, wenn man
5 Milliarden Euro jährlich an Einnahmen erzielt werden. Dinge umsetzt, die andere vorher angeblich so gefördert
Diese Einnahmen sollten dann für einen Energiespar- haben.
5616 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Dr. Georg Nüßlein


(A) (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und bleiben offen und werden den Haushalt belasten. Man (C)
der FDP – Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/ braucht Einnahmen, mit denen man die Kosten ausglei-
DIE GRÜNEN]: Was ist denn umgesetzt? Es chen kann.
ist doch noch nicht einmal im Bundestag!)
Nun haben Frau Kotting-Uhl, Frau Höll und etliche
Meine Damen und Herren von den Grünen, ich habe andere von einem Handel mit den Versorgern gespro-
Ihren Antrag gelesen. Sie versuchen ja jetzt – husch, chen, einem Deal mit Brennelementesteuer auf der ei-
husch –, mit einem Anträglein nörgelnd auf dieses Tritt- nen Seite und Laufzeitverlängerungen auf der anderen
brett aufzuspringen und so zu tun, als sei man bei dem Seite. Jetzt will ich Ihnen einmal sagen, wer einen Deal
Thema dabei. Sie verwechseln bei dieser Gelegenheit gemacht hat: Sie im Jahr 2000.
Rücklagen und Rückstellungen, weil es aus Ihrer Sicht
offenbar ökonomisch keine Rolle spielt. Damit zeigen (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
Sie, welcher ökonomische Sachverstand hinter dem neten der FDP)
steht, was Sie beantragen. Sie haben einen Deal gemacht. Die Verknüpfung zwi-
schen der Brennelementesteuer und der Laufzeitverlän-
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU –
gerung haben Sie damals verursacht, weil in diesem
Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Deal ausdrücklich steht, dass es keine zusätzliche steuer-
NEN]: Sie haben keine Ahnung!)
liche Belastung der Kernenergie geben darf.
Ich sage auch ganz offen an die Adresse der SPD: Der (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
SPD-Antrag ist ein verkrampfter Versuch, einen Zusam- neten der FDP – Ulrich Kelber [SPD]: Da
menhang mit Sigmar Gabriel herzustellen. Darin steht: steht: steuerliche Benachteiligung! Benachtei-
„Anknüpfend an die Bestrebungen von Sigmar Gabriel lung und nicht Belastung!)
…“. Die Brennelementesteuer, die wir beschließen, hat
mit vielen Dingen zu tun, aber garantiert nichts mit Deshalb kann man, wenn man aus dem Thema Aus-
Gabriel. stieg aussteigt, eine Brennelementesteuer erheben. Wenn
man aber bei dem bleibt, was zwischen Ihnen und den
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Zu- Versorgern damals vereinbart wurde, sieht es schlecht
ruf des Abg. Ulrich Kelber [SPD]) aus. Diese Verknüpfung haben Sie vollständig zu verant-
worten. Das möchte ich an dieser Stelle eindeutig sagen.
Ich möchte das herausarbeiten, was die Kollegin
Reinemund von der FDP unterstrichen hat. Es gibt keine (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
Zweckbindung von Steuern. Es ist ganz wichtig, dass neten der FDP)
(B) wir uns das hinter die Ohren schreiben. Wenn man be- (D)
stimmte Dinge politisch durchsetzen will, wird oft ande- Thema Windfall-Profits. Ja, da gibt es ungerechtfer-
res behauptet; aber diese Zweckbindung gibt es nicht. tigte Profite, die ökonomisch begründbar, politisch aber
Deshalb sage ich an dieser Stelle ein bisschen nachdenk- problematisch sind. Dass man dafür Sorge tragen muss,
lich, dass ich mir persönlich mit dem Geld durchaus eine dieses Geld wiederzubekommen, ist unstrittig. Aber aus
Fondslösung zugunsten der Erforschung alternativer meiner Sicht muss das über den Emissionshandel, näm-
Energien hätte vorstellen können; das hätte den Haushalt lich die vollständige Versteigerung, die bisher europapo-
auch entlastet. Aber sei es drum. litisch verwehrt war, erfolgen. Es ist doch völlig falsch,
gerade dort anzuknüpfen, wo wir kein CO2-Problem ha-
Meine Damen und Herren, ich möchte die Gelegen- ben, nämlich bei der Kernenergie. Das wäre doch wider-
heit nutzen, um ein paar Fakten klarzustellen. sinnig. Man muss einmal in aller Deutlichkeit sagen,
dass diese Verknüpfung problematisch ist. Ich sage das
Die Mär von der nichtverursachergerechten Kosten- ganz offen und offensiv.
tragung muss man abräumen. Entsprechend dem Atom-
gesetz werden bei Konrad die Versorger einen Anteil (Abg. Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
von 64,4 Prozent der Kosten zu tragen haben; das ist ver- NEN]: Das Finanzministerium hat sie gerade
ursachergerecht. In Gorleben müssen die Versorger wieder hergestellt!)
96,5 Prozent der Kosten tragen. Das muss man doch ein-
mal sagen. Man darf nicht immer einen anderen Ein- – Liebe Frau Höhn, deshalb ist es gut, wenn neben den
druck erwecken. Finanzpolitikern der eine oder andere Fachpolitiker et-
was sagt.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
Ich sage ganz klipp und klar: Um die Windfall-Profits
neten der FDP)
aus dem Emissionshandel abzuschöpfen, sollte man aus
Die Themen Asse, ein ehemaliges Forschungsendlager meiner Sicht nicht da anknüpfen, wo der Emissionshan-
des Bundes, und Morsleben, eine Altlast aus der ehema- del konterkariert wird. Das wäre falsch. Sie haben aber
ligen DDR – deshalb würde ich den Linken empfehlen, richtig argumentiert, dass die Einnahmen in Höhe von
an dieser Stelle ein bisschen leiser zu treten –, 2,3 Milliarden Euro jährlich auch für andere Dinge not-
wendig sind. Ich sage dazu nur eines: Ihr Argument fällt
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Eva aus meiner Sicht weg; es spricht nicht gegen die Brenn-
Bulling-Schröter [DIE LINKE]: Ich komme elementesteuer. Auch das muss man einmal deutlich he-
aus Bayern!) rausstellen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5617
Dr. Georg Nüßlein
(A) Abschließend möchte ich sagen: Nachdem ich vorhin fensichtlich heimliche Wünsche hat, einmal in einem (C)
den vollzogenen Handel so lang und breit erläutert habe, Dienstwagen zu sitzen. Sie sollten das aber nicht ande-
ist es mir ein Anliegen, die Doppelzüngigkeit dieser ren unterstellen.
Debatte herauszuarbeiten. Es ist aus meiner Sicht dop-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
pelzüngig, jemandem einen Handel vorzuwerfen, wenn
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
man selbst einen Handel gemacht hat. Ich möchte deut-
LINKEN – Zurufe von der CDU/CSU: Oh!)
lich herausstellen, wie Sie sich, insbesondere die Grü-
nen, bei diesem Deal im Jahr 2000 verbogen haben. Wir machen Politik für die Menschen, nicht für die
Dienstwagen. Belassen Sie es also bei Ihren eigenen
Sie haben damals in den Wahlkämpfen immer von un-
heimlichen Wünschen.
verantwortbaren Risiken gesprochen, von der Notwen-
digkeit eines sofortigen Ausstiegs aus der Kernkraft, weil Wenn wir heute über die Brennelementesteuer re-
diese mit Risiken verbunden sei, die nicht hinzunehmen den, dann tun wir das, weil wir über ein Sparpaket reden.
seien. Dann haben Sie bzw. der Staatssekretär Barke, da- Es ist gut, über die Brennelementesteuer zu reden; denn
mals die rechte Hand von Trittin, am 14. Juni 2000 eine es handelt sich vom Grundsatz her um eine alte grüne
Vereinbarung unterschrieben – ich habe sie hier –, wo- Forderung, es ist ein richtiges Instrument. Das begrüßen
nach die Kernkraftwerke einen hohen Sicherheitsstan- wir.
dard haben.
Ich finde, dass Finanzminister Schäuble bei diesem
(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Thema bisher eigentlich ziemlich gerade gestanden hat.
Den Sie gerade abgesenkt haben! – Zuruf von Man muss allerdings sagen: Seit gestern hat er seine
der FDP: Wo ist denn der Trittin? – Gegenruf Taktik vollkommen verändert; er ist vollkommen von
des Abg. Dr. Michael Fuchs [CDU/CSU]: Der dem abgerückt, was er bisher behauptet hat.
traut sich nicht heraus, der Trittin!)
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS-
Das haben Sie paraphiert. Sie haben also gesagt: Es ist SES 90/DIE GRÜNEN und der SPD)
unverantwortlich; aber obwohl es unverantwortlich ist, Spannend ist, dass er wochenlang seitens des Finanz-
können wir das Ganze für weitere 20, 25 Jahre vertreten. ministeriums gefordert hat, dass diese Brennelemente-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – steuer kommt, er sie aber gestern infrage gestellt hat.
Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Warum? Was ist in der Zwischenzeit passiert? Vertreter
NEN]: Haben Sie schon einmal was von Ei- der vier großen Energiekonzerne haben dem Finanz-
gentumsrechten gehört?) ministerium einen kurzen Besuch abgestattet. Da muss
man sagen: Das ist ein dreckiger Deal. Wir wollen ihn
(B) Sie müssen uns erklären, woher die Motivation dazu (D)
nicht unterstützen.
kam, warum Sie das getan haben. Ich befürchte, es ging
um etliche Dienstwagen. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der SPD und der LINKEN)
(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Sie müssen Ihre eigenen Gedanken nicht auf Das ist ein Einknicken vor der Atomlobby auf eine Art
uns übertragen!) und Weise, die wir bisher noch nicht erlebt haben. Das
ist wirklich ungeheuerlich.
Wenn es zumindest Dienstfahrräder gewesen wären,
hätte ich das bei den Grünen noch verstanden. Sie sollten (Holger Krestel [FDP]: Sie kennen sich ja
einmal über Ihre Politik nachdenken: Sie gehen für bestens aus!)
Dienstwagen solche Risiken ein – zumindest behaupten Stellen Sie sich einmal vor, es würde jeder, bei dem
Sie, es sei riskant; im Hintergrund sehen Sie es vielleicht eine Steuer anfällt, ins Finanzministerium eingeladen
auch so, dass die Kernkraft sehr wohl kalkulierbar und und man dürfte verhandeln. Das wäre interessant. Wa-
beherrschbar ist –, schüren im Wahlkampf Angst und rum lädt eigentlich das Finanzministerium nicht die
vereinbaren in der politischen Realität, wenn Sie auf den Hartz-IV-Empfänger ein, bei denen Sie gerade das El-
Boden der Tatsachen zurück sind, mit den Versorgern et- terngeld streichen? Das wäre vielleicht ein fairer Aus-
was anderes. Vielleicht kann Frau Höhn, die nach mir gleich. Sie tun das aber nicht; denn Ihre Lobbyinteressen
spricht, ein bisschen Licht in diese Sache bringen und liegen eindeutig bei der Atomwirtschaft, nicht bei den
sagen, warum Sie das getan haben. Hartz-IV-Empfängern. Das ist der Unterschied.
Vielen herzlichen Dank. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) und bei der SPD – Widerspruch bei der CDU/
CSU)
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: Der erste Punkt ist, dass der Finanzminister gesagt
Das Wort hat jetzt die Kollegin Bärbel Höhn von hat: Von der Brennelementesteuer rücken wir eher ab;
Bündnis 90/Die Grünen. wir suchen nach Alternativen. Die Kollegin Reinemund
hat eben bestätigt, dass jetzt andere Punkte in der De-
Bärbel Höhn (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
batte sind.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der zweite Punkt ist genauso gefährlich. Bisher hat
Kollege Nüßlein hat uns jetzt demonstriert, dass er of- der Finanzminister immer gesagt, dass die Brennelemen-
5618 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Bärbel Höhn
(A) testeuer unabhängig von den Laufzeiten kommen soll. FDP: Hören Sie doch endlich mal mit Ihrer (C)
Ich wiederhole: unabhängig von Laufzeiten. künstlichen Erregung auf! Sie können von bei-
den noch viel lernen!)
(Dr. Michael Fuchs [CDU/CSU]: Das haben
Sie ja verhindert!) Das, was Herr Kauch zum Thema Wettbewerb gesagt
hat, fand ich spannend. Denn der Chef des Kartellamts,
Noch am 11. Juni dieses Jahres hat er gesagt, die Brenn-
ein FDP-Mann, hat gesagt, man darf der Laufzeitverlän-
elementesteuer sei unabhängig vom Beschluss über län-
gerung der Atomkraftwerke nicht zustimmen, weil es
gere Laufzeiten der Atomkraftwerke. Anders als Sie,
auf dem Strommarkt dann keinen Wettbewerb mehr gibt,
Herr Fuchs, hat Herr Schäuble bisher eine kluge Mei-
weil die großen Energiekonzerne die Preise in die Höhe
nung vertreten. Denn es ist ganz entscheidend, dass die
treiben können und weil am Ende, egal wie hoch die
Brennelementesteuer unabhängig von der Laufzeitver-
Brennelementesteuer ist, die Verbraucherinnen und Ver-
längerung der Atomkraftwerke in diesem Land ist. Ich
braucher aufgrund dann höherer Strompreise große Ge-
sage Ihnen: Das ist absolut wichtig. Auch die Kanzlerin
winne in die Kassen der Energiekonzerne spülen wer-
hat das bestätigt und damit Leuten wie Ihnen, Herr
den. Das ist der Punkt. Ihr Mann an der Spitze des
Fuchs, einen Riegel vorgeschoben.
Kartellamts, ein FDP-Mann, sagt: keine Laufzeitverlän-
Gestern sagte der Finanzminister: Dass die Brennele- gerung, damit die Preise für die Verbraucher nicht explo-
mentesteuer in einem politischen Zusammenhang mit dieren.
der Frage der Restlaufzeiten stehe, sei völlig unbestrit-
(Ulrich Kelber [SPD]: Sein Vorgänger und
ten. Das ist nichts anderes, als dass Sie sagen: Sicherheit
sein Vorvorgänger haben das auch gesagt!)
gegen Geld. Sie wollen die Laufzeiten der alten Atom-
kraftwerke verlängern, um bei den Atomkonzernen Geld Das ist die Wahrheit über das Vorhaben, das Sie momen-
einsammeln zu können. Das ist ein Deal, den man nicht tan auf den Weg bringen.
zulassen darf.
Gleichzeitig muss man sehen, dass die Stadtwerke
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, sagen: Wir können diese Laufzeitverlängerung nicht mit
bei der SPD und der LINKEN) uns machen lassen, weil es dann keinen Wettbewerb
Wenn es um die Sicherheit von Atomkraftwerken mehr gibt. Dann können wir nicht mehr mithalten. Durch
geht, dann dürfen finanzielle Erwägungen keine Rolle die Laufzeitverlängerung zerstören Sie den Wettbewerb
spielen; das ist ganz entscheidend. Vor allen Dingen auf dem Strommarkt.
kommen Sie in eine große Bredouille. Wenn Sie Ihr Vor- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
haben nämlich, wie Sie es planen, am Bundesrat vorbei sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
(B) durchsetzen wollen, dann werden wir klagen. Wir von KEN) (D)
Grünen und SPD werden eine Normenkontrollklage
auf den Weg bringen. Angesichts der Ergebnisse all der Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Gutachten, die uns vorliegen, bin ich sicher, dass wir
Frau Kollegin Höhn, kommen Sie bitte zum Schluss.
recht bekommen werden. Sie werden den Ausstieg aus
der Atomkraftnutzung nicht rückgängig machen können,
indem Sie den Bundesrat umgehen. Dem werden wir ei- Bärbel Höhn (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
nen Riegel vorschieben, und wir werden gewinnen. Sie Ich komme zum Schluss. – 150 000 Menschen haben
kommen damit nicht einfach durch. Ende April dieses Jahres gegen Ihren Ausstieg aus dem
Atomausstieg demonstriert. 150 000 Menschen!
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD – Dr. Michael Fuchs [CDU/ (Zuruf von der FDP: Das ist doch die Minder-
CSU]: Ja, ja! Reden Sie nur! – Zuruf von der heit! Es waren 150 000 von 82 Millionen!)
FDP: Warten Sie erst einmal die Wahl in NRW All diese Menschen haben Sie nicht berücksichtigt. Ihre
ab!) eigenen Leute in den Stadtwerken haben Sie nicht be-
– Sie kommen damit nicht einfach durch. rücksichtigt. Umweltverbände und das Bundeskartellamt
haben Sie nicht berücksichtigt. Wenn Sie nur die Interes-
Dass vier Energiekonzerne einfach zum Finanz- sen der Atomkonzerne vertreten, dürfen Sie sich nicht
ministerium gehen und dort Politik machen, ist ein un- wundern, dass Sie dann letzten Endes nicht die Interes-
glaublicher Vorgang. Das müssen wir uns einmal auf der sen des Volkes vertreten. Dafür sind Sie allerdings ge-
Zunge zergehen lassen. Wenn ich höre, wie zum Beispiel wählt worden. Machen Sie sich nichts vor: Ihre schlech-
der Fraktionsvorsitzende Kauder und die Fraktionsvor- ten Umfragewerte liegen an der Politik, die Sie machen.
sitzende Homburger – ich sage es einmal so – den bösen
Schein erwecken, als seien sie nichts anderes als die (Zuruf von der FDP: Schalten Sie doch endlich
Sprecher von EnBW, sage ich Ihnen: Das wirft ein ganz diese Phrasendreschmaschine ab! Das ist ja
schlechtes Licht auf Ihre Politik und Ihre Regierungsko- nicht auszuhalten!)
alition. Das ist der Punkt: Diese Koalition vertritt die In- Ändern Sie endlich Ihre Politik!
teressen der großen Stromkonzerne und der Atomkon-
zerne, nicht mehr und nicht weniger. Das ist Ihr Fehler. Danke schön.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
bei der SPD und der LINKEN – Zuruf von der sowie bei Abgeordneten der SPD)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5619

(A) Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: (Ulrich Kelber [SPD]: Steuerfreie Rückstel- (C)
Das Wort hat der Kollege Klaus Breil von der FDP- lungen!)
Fraktion. von annähernd 30 Milliarden Euro angesammelt wor-
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten den.
der CDU/CSU) Wir haben im Koalitionsvertrag festgelegt, Gewinne
aus einer Laufzeitverlängerung nutzbringend einzuset-
Klaus Breil (FDP): zen. Dies erfolgt nicht willkürlich, sondern wettbewerbs-
Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kolle- konform. Wie das konkret aussehen wird, ergibt sich aus
gen! Heute debattieren wir über die Einführung einer unserem Energiekonzept. Bei uns herrscht schließlich
Brennelementesteuer. Darüber scheinen wir uns fast alle das Ordnungsprinzip: erst der Rahmen, dann die Details.
einig zu sein, doch die Gemeinsamkeiten verlieren sich
(Ulrich Kelber [SPD]: Sie haben sich auf die
leider im Detail. Sie nutzen nämlich diese Kostenerhe-
Laufzeitverlängerung festgelegt!)
bung als Generalangriff auf die Kernkraftindustrie. So
sollen die Kernkraftbetreiber zum Beispiel die Entsor- Nach der Sommerpause im September wird die Bundes-
gung aller kerntechnischen Forschungsanlagen des regierung dieses Konzept vorlegen. Es wird sich auf
Bundes gleich mitbezahlen. nüchterne Analysen gründen, nicht auf Hoffnungen oder
Wunschdenken. Es wird die Kernenergie in den künfti-
Wir hingegen schaffen einen angemessenen Aus- gen Energiemix einbeziehen, und zwar so weit, wie es
gleich für die Kosten der Asse. Wir garantieren die sinnvoll ist.
Gleichbehandlung von Kohle und Kernkraft beim Emis-
sionshandel. Für uns stehen zwei Ziele im Vordergrund: Die Fakten hierzu kennen wir alle: Immer noch stellt
die Sanierung des Haushaltes und die regenerative Er- die Kernenergie 23 Prozent der Stromproduktion
neuerung unseres Energiewesens. Sie sehen also, dass
(Ulrich Kelber [SPD]: 21 Prozent!)
wir in der Wirtschafts- und Umweltpolitik an einem
Strang ziehen. und nahezu 50 Prozent des Grundlastanteils. So kann die
Leistung der Kernenergieanlagen fast bis zur Hälfte fle-
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
xibel gefahren werden. Produktionsschwankungen der
der CDU/CSU – Ulrich Kelber [SPD]: Ge-
Wind- und Sonnenenergie können durch sie aufgefangen
meinsam in die falsche Richtung!)
werden. Und sie verursacht kein CO2. Die Zuverlässig-
Sie aber operieren mit Zahlen und Forderungen, die keit, mit der Strom produziert wird, liegt bei Anlagen der
aus der Luft gegriffen sind. Sie gaukeln uns etwas vor, Kernenergie über 95 Prozent, bei Windenergie bei 5 bis
(B) was es nicht gibt. Sie führen die Bürger hinters Licht. Ih- 10 Prozent und bei Solaranlagen bei 1 Prozent. Dabei (D)
ren Behauptungen nach wurden Kernkraftwerke vom sind erneuerbare Energien ohnehin äußerst schwankende
Staat mit Finanzhilfen und Steuervergünstigungen Energiequellen.
von insgesamt 125 Milliarden Euro finanziert, eine Mär, Wir werden die Betreiber der Kernkraftwerke in eine
die unters Volk zu bringen Sie nicht müde werden. angemessene gesellschaftliche Verantwortung nehmen:
(Beifall des Abg. Dr. Georg Nüßlein [CDU/ mit Maß und Vernunft, nicht mehr und nicht weniger.
CSU]) Vielen Dank.
Für Sie scheint die Kernenergieindustrie so etwas wie (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
ein großer Geldspeicher zu sein – wissen Sie, so einer der CDU/CSU)
wie bei Dagobert Duck –, und Sie sind die Panzerkna-
cker:
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
(Beifall der Abg. Marie-Luise Dött [CDU/ Das Wort hat der Kollege Ulrich Kelber von der SPD-
CSU]) Fraktion.
Man muss das Ding nur anbohren, und schon sprudelt (Beifall bei der SPD)
unablässig das Geld. So funktioniert das aber nicht.
(Beifall bei der FDP) Ulrich Kelber (SPD):
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Her-
Die Betreiber von Kernkraftwerken erhielten keiner- ren! Seit Monaten muss Deutschland einen schwarz-gel-
lei Steuersubventionen. Das wurde auch zu Zeiten der ben Überbietungswettbewerb von Ergebenheitsadressen
rot-grünen Bundesregierung immer wieder bestätigt. und Gewinnversprechen an die Atomwirtschaft ertragen.
(Ulrich Kelber [SPD]: Wie bitte? – Ingrid Wenn es dann einmal einen lichten Moment wie die Ka-
Arndt-Brauer [SPD]: Das ist Quatsch!) binettsklausur gibt, in der man sich auf die Einführung
einer Brennelementesteuer verständigt, gibt es sofort die
Lediglich im Bereich der Entwicklung und Forschung Blutgrätsche des Herrn Kauder, Fraktionsvorsitzender
wurden staatliche Mittel eingesetzt. Der Rückbau stillge- der CDU, der direkt sagt: Wir führen die Brennelemente-
legter Kernkraftwerke und die Entsorgung der Abfälle steuer mit Einnahmen von 2,3 Milliarden Euro nur dann
werden durch die Betreiber finanziert. Die Mittel dafür ein, wenn wir vorher politisch festgelegt haben, den Be-
sind durch Rückstellungen der Energieversorger treibern von Kernkraftanlagen 6 bis 8 Milliarden Euro
5620 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Ulrich Kelber
(A) pro Jahr durch eine Laufzeitverlängerung zu schenken. muss deswegen aus einer Brennelementesteuer bezahlt (C)
Das ist dann die Reaktion auf den ersten lichten Mo- werden, die nicht an die Bedingung einer Laufzeitver-
ment. längerung geknüpft sein darf, weil das bereits entstande-
ner Atommüll ist. Alles andere wäre eine Subvention der
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
bestverdienenden Unternehmen dieses Landes.
Jetzt geht es darum, den Spieß umzudrehen. Die SPD
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/
will die Atomlobby für die enormen Kosten der Altlas-
DIE GRÜNEN)
ten zur Kasse bitten, und zwar nicht nur für Asse und
Morsleben, Jülich und Karlsruhe, sondern auch für die Ich habe mitbekommen, dass die Kanzlerin den Fi-
leistungslosen Zusatzgewinne aus dem Emissionshan- nanzminister angewiesen hat, eine Alternative zur
del. Es wurde nie zugesagt, dass diese Gewinne behalten Brennelementesteuer zu prüfen, nämlich einen Fonds,
werden können. Wir wollen das nicht mit einer Debatte den die Energiewirtschaft vorgeschlagen hat. Man muss
über Laufzeitverlängerungen verbinden, sondern wir sich das so vorstellen: Die Unternehmen nehmen bei der
sind der Überzeugung, dass es jetzt nach diesem schnel- Kreditanstalt für Wiederaufbau einen Kredit auf. Das
len Ausbau der erneuerbaren Energien längst um die ganze Geld, das man ihnen nehmen will – ein Viertel ih-
Frage einer Laufzeitverkürzung geht. rer Zusatzgewinne –, wird mit einem Mal an die Bundes-
Wer in der politischen Diskussion die Brennelemente- regierung übergeben. Dieser Kredit wird aber nur so
steuer mit einer Laufzeitverlängerung verbindet, der be- lange abbezahlt, wie der Deutsche Bundestag die Lauf-
treibt den Ausverkauf von Sicherheit in diesem Lande, zeitverlängerung nicht zurücknimmt. Danach müssen
das wieder die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler be-
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ zahlen.
DIE GRÜNEN – Ernst Hinsken [CDU/CSU]:
Ach Gott!) (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

und wer das mit der Zusage verbindet, dass 6 bis 8 Mil- Das ist ein Ausverkauf der Demokratie. Sie wollen
liarden Euro an Zusatzgewinnen pro Jahr anfallen, der den Menschen verbieten, sich bei Wahlen anders zu ent-
macht Geschenke an die bestverdienenden Unternehmen scheiden, und Sie wollen dem Deutschen Bundestag ver-
unseres Landes und verzerrt den Wettbewerb am bieten, Energiepolitik zu machen. Wer das tut, der ent-
Strommarkt. mündigt die Bürger und dieses Parlament.

Die Kollegin Höhn hat den derzeitigen Präsidenten (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
des Bundeskartellamts zitiert. Sein Vorgänger hat, we- DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
nige Wochen bevor er Staatssekretär dieser Regierung LINKEN)
(B) (D)
geworden ist, das Gleiche gesagt, und dessen Vorgänger Man kann das ganz konkret machen: Stellen Sie sich
hat in einem Gutachten für die Stadtwerke ebenfalls das vor, dieser Fonds wird von Ihnen eingeführt, Sie haben
Gleiche gesagt. das Geld bekommen, und im Augenblick zahlen die
Worum geht es? Energiekonzerne den Kredit ab. Zu diesem Zeitpunkt sa-
gen wir in der Politik: Wir schätzen die Terrorismusge-
Erstens. Die Zusatzgewinne. Der Emissionshandel fahr neu ein und wollen die ältesten Atomkraftwerke frü-
– erst ab 2012 gibt es eine volle Versteigerung, Herr her stilllegen, weil sie gegen Angriffe aus der Luft nicht
Steffel – war vor zehn Jahren, zu dem Zeitpunkt, an dem richtig zu schützen sind. Dann wird gesagt: Ja, natürlich
der Atomkompromiss geschlossen wurde, noch nicht ak- dürft ihr das machen. Ihr könnt uns anweisen, sie stillzu-
tuell. Daraus sind Zusatzgewinne entstanden, die der legen, aber pro Reaktor und Jahr wollen wir 500 Millio-
Atomwirtschaft nie zugestanden haben; es wurde auch nen Euro von euch an den Fonds gezahlt haben.
nie versprochen, dass sie sie behalten darf. Im Atom-
kompromiss – Sie hätten richtig zitieren sollen, Herr Ein anderer Fall: Die Atomaufsicht sagt: Wir haben
Dr. Nüßlein – steht nämlich nur etwas davon, dass es neue Erkenntnisse über den sicheren Betrieb, sodass wir
keine Zusatzbelastungen geben darf, und nichts vom euch jetzt etwas Neues vorschreiben wollen. Ansonsten
Behalten von Zusatzgewinnen. Dieses Geld gehört nicht legen wir die Anlage still. Dann wird gesagt: Ja, ihr dürft
den Aktionären von Eon oder RWE; es gehört der Ge- sie stilllegen, das kostet euch aber 250 Millionen Euro
sellschaft. So war der Emissionshandel von vornherein pro Jahr.
angelegt. Wir wollen dieses Geld abschöpfen. Wenn die Atomaufsicht nicht mehr unabhängig ar-
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ beitet, sondern vor den finanziellen Konsequenzen ihrer
DIE GRÜNEN) Entscheidungen Angst haben muss, dann haben Sie mit
Ihren Tricks an dieser Stelle nicht nur die Demokratie,
Zweitens, die Altlasten von 10 Milliarden Euro für sondern auch die Sicherheit ausverkauft.
Asse, Morsleben, Karlsruhe und Jülich. In Jülich liegen
aus der Zeit, in der die Atomwirtschaft aktiv war, Altlas- (Beifall bei der SPD und beim BÜNDNIS 90/
ten, von denen wir noch nicht wissen, wie wir sie tech- DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
nisch anfassen sollen. LINKEN)
Dieses Geld soll nicht die nächste Generation zahlen, Nach mir spricht ja noch Herr Dr. Fuchs, der auch in
sondern dieses Geld sollen im Sinne der Nachhaltigkeit der Energiepolitik immer sehr vehement bei der Sache
diejenigen zahlen, die davon profitiert haben. Auch das ist. Wir haben hier vielleicht die gleichen Emotionen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5621
Ulrich Kelber
(A) Sie haben ja die Chance, hier einmal ein paar Dinge klar- Dr. Joachim Pfeiffer (CDU/CSU): (C)
zustellen: Herr Kollege Kelber, Sie haben mehrfach ausgeführt,
dass RWE und andere die größten Eigenkapitalrendi-
(Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Er versteht da-
ten haben, die sicherlich zum Teil auf mangelnden Wett-
von auch ein bisschen mehr als Sie!)
bewerb zurückzuführen sind. Darin sind wir uns einig:
Ist das politisch verbunden? Wie viel Prozent der Zu- Wir wollen einen besseren Wettbewerb erreichen.
satzgewinne wollen Sie abschöpfen? – All das können
Die Aussage, dass das die höchsten Renditen sind, ist
Sie heute hier einmal sagen.
aber, glaube ich, nicht ganz korrekt. Wenn ich richtig in-
Was mich aber immer am meisten interessiert, ist die formiert bin – vielleicht können Sie das bestätigen oder
Gleichzeitigkeit in Ihrer Energiepolitik. Es geht gar nicht auch nicht –, dann hat beispielsweise die Solarworld AG
darum, dass im Augenblick gar keine Investitionen getä- in 2008 nicht eine Eigenkapitalrendite, sondern, wenn
tigt werden, weil alle auf ein immer wieder angekündig- ich richtig informiert bin, eine Umsatzrendite – das ist
tes Energiekonzept warten, von dem ja nur eine Sache ein kleiner Unterschied – von annähernd 50 Prozent er-
feststeht, wenn ich Sie richtig verstanden habe, nämlich zielt, und zwar allein aufgrund von Aktivitäten, die
die Verlängerung der Atomlaufzeit. Was Sie in dieser durch das EEG und andere Dinge politisch verursacht
Woche machen, ist aber doch spannend: Die Brennele- sind.
mentesteuer wird nur eingeführt, wenn wir ihnen durch
(Zuruf von der FDP: Hört! Hört!)
eine Laufzeitverlängerung das Vierfache schenken, und
die Unterstützung der Solarindustrie wird gekürzt, weil Ist es in der Tat richtig, dass die Solarworld AG bei-
– das wird von CDU/CSU oft mit zittriger Stimme ge- spielsweise Ihnen sechsstellige Spendenbeträge über-
sagt – dort zweistellige Renditen möglich sind. wiesen hat? Dazu muss ich sagen: Das ist dann unerhört.
Gibt es dort Zusammenhänge? Oder können Sie das
Wissen Sie eigentlich, dass RWE und Eon in ihren
nicht bestätigen? Das ist schon spannend.
Unternehmenspublikationen ausweisen, dass dort jedes
Jahr 15 Prozent Rendite erreicht werden und dass diese (Zuruf von der CDU/CSU: Sehr peinlich!)
beiden Unternehmen zusammen mehr Gewinn machen
als alle anderen börsennotierten deutschen Unternehmen Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
zusammen, nämlich 200 Euro pro Kopf der deutschen Herr Kelber möchte direkt darauf eingehen.
Bevölkerung? Diese Gewinne fließen dorthin ab – Ge-
winne, die Sie nicht abschöpfen, sondern erhöhen wol-
len, während Sie bei den erneuerbaren Energien reingrät- Ulrich Kelber (SPD):
schen. Ja, darauf muss man schon einzeln eingehen. Zu-
(B) nächst einmal: Ich würde mich freuen, wenn ich in der (D)
(Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Ach geh!) Lage wäre, einen Vergleich von RWE und Eon aus 2009
Herr Kauch – ist er noch da? –, Sie hatten ja gesagt, es und entsprechende Zahlen aus 2009 zu nennen. Dann
ist nicht ausgeschlossen, dass die Einnahmen aus der würden Sie nämlich sehen, dass viele der Solarunterneh-
Brennelementesteuer für den Ausbau der erneuerbaren men bereits ins Minus gerutscht sind.
Energien ausgegeben werden. Aber der Haushaltsent- (Zuruf von der FDP: Aber nicht so lange!)
wurf liegt auf dem Tisch: Die Einnahmen aus der Brenn-
elementesteuer sind darin enthalten, aber die Ausgaben Fragen Sie einmal Ihre Kollegen aus Sachsen-Anhalt,
für die erneuerbaren Energien werden in Ihrem Haushalt aus Thüringen und Sachsen. Das ist der erste Punkt.
2011 gekürzt. Das heißt, Sie erzielen Einnahmen, aber Der zweite Punkt ist: Herr Dr. Pfeiffer, ich finde es
kürzen gleichzeitig die Ausgaben für den Ausbau der er- schon spannend, dass Sie a) eine Lüge wiederholen und
neuerbaren Energien. Das ist schwarz-gelbe Energiepoli- sich b) trauen, sich hier hinzustellen. Erstens. Ich als
tik schwarz auf weiß. Person habe keinen Cent Spenden erhalten – Punkt.
(Beifall bei der SPD) (Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Sie als Person!)
– Ja, einen Augenblick. Wir kommen gleich dazu.
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Herr Kollege Kelber, erlauben Sie eine Zwischen- Zweitens. Sie als Person weisen auf Ihrer Website
frage des Kollegen Dr. Pfeiffer und dann des Kollegen aus, dass Sie – von wem auch immer und für welche Be-
Kauch? ratungsleistung auch immer – persönliche Einnahmen –
also für Ihre Nebentätigkeit – in wer weiß welcher Höhe
Ulrich Kelber (SPD): bekommen haben. Ich denke, Sie sind in diesem Parla-
Aber gerne doch. ment einer der Letzten, der sich auf Kolleginnen und
Kollegen beziehen sollte, die über das gesetzliche Maß
hinausgehend, Herr Hinsken, Spenden an Ortsverbände
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: und Kreisverbände veröffentlichen. Das macht kein ein-
Vielleicht lassen wir beide Zwischenfragen nachein- ziger Abgeordneter der CDU/CSU. Ich tue dies als einzi-
ander stellen, und Sie können dann darauf antworten. ger Abgeordneter freiwillig. Das sollten Sie sich viel-
leicht als Beispiel nehmen. Gewöhnen Sie sich an diese
Ulrich Kelber (SPD): Transparenz, dann können wir uns gerne weiter unterhal-
Wenn beide stehen bleiben! – Gerne. ten. Und nennen Sie endlich einmal die Namen der Un-
5622 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Ulrich Kelber
(A) ternehmen, für die Sie Beratungsleistungen für Ihre pri- Er hat schon einmal hier behauptet, ich würde die (C)
vate Geldtasche erbringen, Herr Dr. Pfeiffer – vor allem Energiewirtschaft beraten – das hat er gerade wieder-
mit Blick auf Ihre Herkunft aus der Energiewirtschaft. holt –, und darauf hingewiesen, dass ich aus der Energie-
Das finde ich wirklich spannend. wirtschaft komme. Dazu will ich in aller Deutlichkeit sa-
gen, dass ich zwar in der Tat freiberuflich beratend tätig
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: bin, aber zu keiner Zeit in der Vergangenheit oder heute
– ich plane es auch nicht für die Zukunft – in irgendeiner
Jetzt liegt noch eine Wortmeldung des Kollegen
Weise beratend oder in sonstiger Art und Weise für die
Kauch vor, den Sie auch angesprochen haben.
Energiewirtschaft tätig bin.

Michael Kauch (FDP): (Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Diese Unterstel-


Lieber Kollege Kelber, Sie haben quasi eine rückwir- lungen!)
kende Zwischenfrage gestellt, die ich Ihnen gerne beant- Das möchte ich ein für alle Mal für das Protokoll und
worten möchte. Ich habe eindeutig nicht gesagt, dass die auch Herrn Kelber gegenüber öffentlich klarstellen. In-
Einnahmen aus der Brennelementesteuer in dem Um- sofern bin ich ihm für den Hinweis dankbar.
fang, wie es das BMF jetzt vorlegt, in die erneuerbaren
Energien fließen. Ich habe deutlich gemacht, dass es bei Ich komme den Offenlegungspflichten in vollem
einer Laufzeitverlängerung eine zusätzliche Abschöp- Umfang nach, um auch das in aller Deutlichkeit festzu-
fung der Gewinne geben muss. Und ich bin der Auffas- stellen. Ich gehe davon aus, dass damit auch dieses
sung, dass diese dann in die erneuerbaren Energien flie- Thema erledigt ist.
ßen sollen.
Wenn Sie daraus eine Befangenheit ableiten wollen,
dass jemand vor 20 Jahren in der Energiewirtschaft tätig
Ulrich Kelber (SPD): war, dann kann ich nur antworten: Wenn Sachverstand
Ich würde mich freuen, wenn das nachher die Position nicht mehr gewünscht ist, dann führt das zu der Politik,
von ganz Schwarz-Gelb wäre. die Sie verantworten, die elektrische Leistung und elek-
trische Arbeit nicht auseinanderhalten kann. Das ist
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: nicht unsere Politik.
Jetzt können Sie zu Ihrem Schlusswort kommen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Ulrich Kelber (SPD): Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:


(B) Ich hatte meinen Schlusssatz gesagt, bevor meine Re- Zur Erwiderung Herr Kelber. (D)
dezeit abgelaufen war. Danach wurden noch zwei Zwi-
schenfragen gestellt. Ich bedanke mich noch einmal. Ich Ulrich Kelber (SPD):
habe am Ende ja das Fazit gezogen, dass der Vergleich
im Umgang mit der Solarwirtschaft, der Vergleich im Wem es zu heiß ist, der muss aus der Küche herausge-
Umgang mit den Stadtwerken in der gleichen Art und hen. Wer anfängt, muss auch eine Antwort aushalten. Ich
Weise, wie man den am besten verdienenden Unterneh- schlage einfach allen vor, die zuhören: Besuchen Sie
men dieses Landes Zusatzgewinne zuschanzen will, ein die Website von Herrn Dr. Pfeiffer – Sie müssen leider
entsprechendes Licht auf die schwarz-gelbe Energiepoli- auf die Bundestagswebsite zurückgreifen, weil auf sei-
tik wirft. An ihren Zahlen sollt ihr sie erkennen – das ner Seite gar nichts steht – und auf meine Website
wäre an dieser Stelle vielleicht eine schöne Variante. www.kelber.de! Der Unterschied ist: Wenn ich eine Ne-
bentätigkeit ausübe, ist dort ein Name und eine Summe
Vielen Dank. angegeben. Bei Herrn Dr. Pfeiffer steht „Kunde 1“ und
„Stufe 3“. Das ist irgendein Betrag über 7 000 Euro. Ich
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ glaube nicht, dass Sie der Richtige sind, um sich hier zu
DIE GRÜNEN) Wort zu melden.

Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Herr Pfeiffer, habe ich Ihre Wortmeldung als Antrag Jetzt hat als letzter Redner zu diesem Tagesordnungs-
auf eine Kurzintervention zu verstehen, oder ist das punkt der Kollege Dr. Michael Fuchs von der CDU/
falsch? – Das ist so. Eine Zwischenfrage können Sie CSU-Fraktion das Wort.
jetzt nicht mehr stellen.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
Dr. Joachim Pfeiffer (CDU/CSU): der FDP)
Ich möchte kurz auf das eingehen, was der Kollege
Kelber gesagt hat. Ich bin ihm dankbar, dass er das wie- Dr. Michael Fuchs (CDU/CSU):
derholt hat, was er schon in einer früheren Plenardebatte Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
angesprochen hat, ohne dass ich die Möglichkeit hatte, Meine sehr geehrten Damen und Herren! Herr Kelber,
darauf einzugehen. Ich musste mich belehren lassen, Lesen bildet. Es wäre sinnvoll, sich die Verhaltensre-
dass hier alles gesagt werden kann; man kann nicht dafür geln des Deutschen Bundestages durchzulesen. Darin ist
zur Rechenschaft gezogen werden. das, was Sie gerade gesagt haben, exakt aufgeführt. Der
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5623
Dr. Michael Fuchs
(A) Kollege Pfeiffer verhält sich exakt so, wie es im Deut- Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: (C)
schen Bundestag vorgeschrieben ist. Herr Kollege Fuchs, mir liegen mehrere Bitten um
Zwischenfragen vor.
(Ulrich Kelber [SPD]: Ich mache nur einfach
mehr!)
Dr. Michael Fuchs (CDU/CSU):
Man kann ihm schlecht vorwerfen, dass er sich an die Nein, wir haben heute genug gehört.
Vorschriften hält.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Ulrich Kelber [SPD]: Sie verhindern Transpa- Danke.
renz! Das ist ja unglaublich!)
Der nächste Punkt: Sie sollten hier auch sagen – das Dr. Michael Fuchs (CDU/CSU):
mache ich für Sie –, dass Sie Ihren gesamten Wahl- In der Unionsfraktion gibt es keinen Zweifel daran,
kampf durch Herrn Asbeck und die Firma Solarworld fi- dass die Einführung einer Brennelementesteuer aus-
nanzieren lassen, der Ihre Kreispartei massivst unter- schließlich im Zusammenhang mit einer Laufzeitverlän-
stützt. gerung gesehen werden muss. Durch Ihr Handeln sind
wir dazu gezwungen.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der FDP) (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der FDP)
Aber kommen wir zur Sache: Ja, wir führen eine
Brennelementesteuer ein. Ja, wir werden auch die Lauf- Darüber hinaus zitiere ich aus unserem Koalitionsver-
zeiten der Kernkraftwerke verlängern. Allerdings zeich- trag. Darin heißt es wörtlich:
net sich eine bürgerliche Koalition im Vergleich zu einer Der wesentliche Teil der zusätzlich generierten Ge-
linken dadurch aus, dass sie den Unternehmen bei ver- winne aus der Laufzeitverlängerung der Kernener-
bindlich getroffenen Vereinbarungen Verlässlichkeit gie soll von der öffentlichen Hand vereinnahmt
bietet. werden. Mit diesen Einnahmen wollen wir auch
(Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE eine zukunftsfähige und nachhaltige Energieversor-
GRÜNEN]: Bürgerliche Koalition? Das ist ja gung und -nutzung, z. B die Erforschung von Spei-
lächerlich! Sie wissen gar nicht, was der Be- chertechnologien
griff „bürgerlich“ bedeutet!) – damit haben Sie sich nie beschäftigt –
(B) Wirtschaftspolitische Vernunft wird von Bürgern und für erneuerbare Energien, oder stärkere Energieeffi- (D)
der Wirtschaft außerordentlich geschätzt. Deshalb wur- zienz fördern.
den wir gewählt und nicht Sie.
Genau deswegen werden wir das so machen. Ich
In der Ausstiegsvereinbarung vom 14. Juni 2000 weiß, dass es Ihnen schwerfällt, zu begreifen, dass wir
wurde zwischen der Bundesregierung und den Kraft- heute noch nicht aus der Kernenergie aussteigen wollen.
werksbetreibern vereinbart, dass ihnen im Gegenzug zu Ich will Ihnen einfach einige Zahlen nennen. Wissen Sie,
den verkürzten Laufzeiten keine zusätzlichen Belastun- wie viele Stunden ein Jahr hat? 8 760. Kennen Sie die
gen aufgebürdet werden können. Eine Brennelemente- durchschnittliche Wirkungszeit einer Solarzelle in
steuer unabhängig von einer Laufzeitverlängerung ist Deutschland? 940 Stunden. Sie können also 10,7 Pro-
durch Ihr Handeln nicht möglich. zent des Jahres mit Solarstrom abdecken.
(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: (Ulrich Kelber [SPD]: Aua! Leistung und Ar-
Sie wollen die ganze Vereinbarung killen!) beit sollten Sie auch mal verstehen!)
Sie fordern quasi dazu auf, eine Vereinbarung, die Sie Kennen Sie die Ausnutzungsdauer von Onshorewind-
selbst getroffen haben, zu brechen. Das ist nicht unsere anlagen? 1 560 Stunden. Das sind 17,8 Prozent. Bei Off-
Politik. So etwas tun wir nicht. shoreanlagen sieht es ein bisschen besser aus. Da beträgt
Dass Sie sich von Schröder distanzieren, kann ich sie 3 000 Stunden; das entspricht 34,2 Prozent. Das zeigt
verstehen. ganz deutlich, dass wir bis heute keine Möglichkeit ha-
ben, auf die Grundlasterzeugung durch andere Energien
(Christian Lange [Backnang] [SPD]: Das heißt zu setzen. Welche Grundlastversorgung haben wir? Wir
„von Herrn Bundeskanzler“!) haben fossile Energien,
Das haben Sie schon mehrfach gemacht. Dass Sie sich (Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
jetzt aber auch noch von Ihrem grünen Fraktionsvorsit- Das ist sehr ideologisch, Herr Kollege!)
zenden distanzieren – denn er hat das Ganze mit unter-
schrieben –, wie Sie es jetzt getan haben, kann ich nicht wir haben in ganz kleinem Maße Biomasse – das liegt
verstehen. Wahrscheinlich ist er nicht anwesend, weil er unter 1 Prozent –, und wir haben Kernkraft. Kernkraft
sich für Sie schämt. deckt momentan 23 Prozent unseres gesamten Strom-
bedarfs, aber 48 Prozent unserer Grundlast. Was pas-
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und siert dann, wenn wir die Kernkraftwerke abschalten?
der FDP) Dann bleibt uns nichts anderes übrig – Frau Höhn, das
5624 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Dr. Michael Fuchs


(A) sollten Sie wirklich irgendwann einmal lernen –, als (Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: (C)
fossile Energieträger zu nutzen, um die Lücke, die wir Ich bin Mathematikerin!)
dann haben, auszufüllen.
Das entspricht dem Ausstoß des gesamten deutschen
(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Straßenverkehrs. Dies müssten wir in Kauf nehmen,
Das ist einfach falsch!) wenn wir alle Kernkraftwerke ersetzten. Anders ist das
nicht zu machen. Das sollten Sie wissen.
Wir sind eben nicht in der Lage, vernünftige Speicher-
(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
technologien zu entwickeln. Wir haben sie bislang noch
Sie bauen einen Popanz auf, den es gar nicht
nicht. Wir haben weder Wasserspeicher noch Druckluft-
gibt, Herr Fuchs!)
speicher in ausreichendem Maße. Mir geht es um eines
– das hat der Kollege Steffel vollkommen richtig gesagt –, Deswegen werden wir die Kernkraftwerkslaufzeiten ver-
nämlich dass wir verlässlich preiswerte Energie in längern und eine Brennelementesteuer einführen, weil es
Deutschland zur Verfügung stellen. Die Zeitung Photon gerecht ist, den Profit, der durch die Verlängerung der
ist kein Parteiblatt der CDU. Darin steht, dass allein Laufzeiten entsteht, abzuschöpfen. Das ist unser Ziel.
durch den Zubau an Solaranlagen in diesem Jahr – das
Vielen Dank.
haben Sie zu verantworten – der Strompreis im nächs-
ten Jahr um bis zu 12 Prozent steigen wird. Dabei sind (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Windanlagen noch gar nicht berücksichtigt. Die kom-
men noch hinzu. Ich sehe noch kommen, dass wir hier Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
demnächst darüber diskutieren, ob wir wegen der stei- Mir liegen zwei Meldungen zu Kurzinterventionen
genden Ökokosten Sozialtarife für den Strombezug ein- vor. Weitere Kurzinterventionen lasse ich allerdings
führen sollen. nicht mehr zu.
Ich will nicht, dass in Deutschland die großen Indus- Zunächst hat der Kollege Ulrich Kelber das Wort.
trien – Stahl, Glas, Textil etc. – aufgeben müssen, weil
sie aufgrund zu hoher Stromkosten hier nicht mehr ar- Ulrich Kelber (SPD):
beiten können. Ich will nicht, dass die Preise so aus dem
Es bleibt dabei: Wer Vorwürfe macht, muss sich die
Ruder laufen, dass wir in Deutschland bestimmte Indus-
Antwort anhören. – Die Zahlen, die Herr Dr. Fuchs in
trien nicht mehr halten können. Für mich ist Deutschland
Hilfestellung für Herrn Dr. Pfeiffer genannt hat, sind
nach wie vor ein Industrieland. Dafür werde ich mich
deswegen bekannt, weil sie auf der Webseite der Bonner
einsetzen, dafür kämpfe ich.
SPD seit drei Jahren freiwillig – über jedes gesetzlich
(B) notwendige Maß hinaus – stehen. (D)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
(Dr. Michael Fuchs [CDU/CSU]: Spenden
Ich möchte nicht, dass Deutschland ein Land wird, des-
über 20 000 Euro müssen veröffentlicht wer-
sen Bruttoinlandsprodukt zu 75 Prozent von der Finanz-
den!)
branche und der Dienstleistungsbranche abhängig ist.
Die zentralen Bereiche der Industrie müssen hier erhal- Welche Spenden an den CDU-Kreisverband Koblenz
ten werden. Dafür müssen wir alle uns einsetzen. von Herrn Dr. Fuchs gegangen sind und welche Spenden
an den CDU-Kreisverband Waiblingen von Herrn
Schauen Sie sich England an. Ungefähr 27 Prozent Dr. Pfeiffer gegangen sind, wird auf den entsprechenden
des Bruttoinlandsprodukts in England – ich weiß nicht, Webseiten hingegen nicht veröffentlicht. Bei uns kann
ob Ihnen diese Zahl bekannt ist – werden in der City of sich das jeder anschauen.
London erzeugt – mit all den Problemen, die die Englän-
der jetzt haben: 12 Prozent Verschuldung etc. Wir sind (Zurufe von der CDU/CSU)
auf einem wesentlich besseren Weg. Die Industrie läuft – Das müssen Sie sich jetzt schon anhören.
hier wieder, die Industrie erlebt richtige Boomzeiten.
Haben Sie mitbekommen, dass der VDMA bekanntge- Es weiß auch niemand, wie viel Geld vom Bonner
geben hat, dass der Auftragseingang im Maschinen- und Unternehmen Solarworld gezahlt wurde. Seit der Rent-
Anlagenbau um 60 Prozent im Mai 2010 gegenüber dem a-Rüttgers-Affäre ist bekannt, dass von Solarworld über
Vorjahresmonat gewachsen ist? Das sind positive Zah- die sogenannten Zukunftskongresse Geld an die NRW-
len. Die Entwicklung wird sich sehr schnell auf dem Ar- CDU geflossen ist. Wann und wie viel, ist auf der Web-
beitsmarkt bemerkbar machen. Darüber sind wir froh. seite der NRW-CDU nicht nachzulesen. Seit dieser Af-
Genau das wollen wir. färe weiß man auch, dass die Firma Solarworld der FDP
und Herrn Westerwelle Geld gegeben hat. Das finde ich
Lassen Sie mich noch einen Satz zum Abschalten völlig in Ordnung; denn auch er ist ein Bonner Abgeord-
der Kernkraftwerke sagen. Würden wir die jetzt kom- neter. Wie viel, können Sie bei der FDP nicht nachlesen.
plett abschalten, dann würde das bedeuten, dass wir rund
Das ist der entscheidende Unterschied. Es ist einfach
150 Millionen Tonnen CO2 zusätzlich produzieren wür-
peinlich, wenn die Intransparenten die Transparenten
den, weil wir die Differenz – ich habe eben versucht, Ih-
wegen angeblich mangelnder Transparenz angreifen.
nen das zu erklären – mit fossiler Energie überbrücken
müssten. Wissen Sie, Frau Höhn, wie viel 150 Millionen (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
Tonnen CO2 sind? DIE GRÜNEN)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5625

(A) Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: konsens, den Sie vorhin zitiert haben. In der Tat steht in (C)
Zur Erwiderung, Herr Fuchs. diesem Vertrag zwischen den Betreibern und der damali-
gen rot-grünen Bundesregierung, dass keine einseitig
Dr. Michael Fuchs (CDU/CSU): diskriminierenden Maßnahmen getroffen werden sollen,
Herr Kollege, man sollte vielleicht das Parteienfinan- wozu auch Steuern gehören, die die Atomkraft einseitig
zierungsgesetz kennen, wenn man in diesem Hohen belasten.
Hause arbeiten darf. Wie wir heute mehrfach gehört haben – auch Sie ha-
(Ulrich Kelber [SPD]: So ist es!) ben es gehört, Herr Dr. Fuchs –, stehen wir inzwischen
vor neuen Fakten. Mittlerweile sieht die Situation so aus,
Ich halte das schon für notwendig. Sie sind nämlich ver- dass die Atomwirtschaft seit dem Emissionshandel de
öffentlichungspflichtig. Wenn ein Kreisverband eine facto einseitig privilegiert ist. Wenn man denn wollte,
Spende über 10 000 Euro erhält, muss das veröffentlicht könnte die Argumentation also wie folgt lauten: Dieses
werden. einseitige Privileg wird aufgehoben.
(Ulrich Kelber [SPD]: Nein! Was Sie sagen, ist Mir geht es in meiner Kurzintervention aber um etwas
falsch!) anderes. Sie haben sich hier der Klage der Atomwirt-
– Bitte schön, das können Sie beim Bundestagspräsiden- schaft angeschlossen und gesagt, das sei in der Tat unge-
ten nachschauen. recht; wir würden mit unseren Anträgen jetzt den Vertrag
brechen, den wir damals selbst unterschrieben hätten.
(Ulrich Kelber [SPD]: Mit zwei Jahren Ver-
spätung in der Sammelübersicht!) Herr Dr. Fuchs, ist Ihnen bekannt, womit dieser Ver-
trag beginnt? In seiner Einleitung steht der Satz:
Das ist veröffentlichungspflichtig.
An meinen Kreisverband hat es nicht eine Spende Beide Seiten werden ihren Teil dazu beitragen, dass
über 10 000 Euro gegeben. der Inhalt dieser Vereinbarung dauerhaft umgesetzt
wird.
Bitte sagen Sie uns dann auch – wir können es auch
nachschauen –, wie viele Spenden Sie von Solarworld Stimmen Sie mit mir überein, dass die Atomwirtschaft
bekommen haben. diesen Vertrag nicht einhält?
(Ulrich Kelber [SPD]: Das steht auf der Web-
seite!) Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Herr Kollege Fuchs zur Erwiderung.
(B) Das würde Ehrlichkeit bedeuten. (D)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Dr. Michael Fuchs (CDU/CSU):
Ulrich Kelber [SPD]: Herr Fuchs, Sie sagen Wir bringen in unserem Koalitionsvertrag klar zum
die Unwahrheit, und Sie wissen es!) Ausdruck – ich habe eben daraus zitiert –, dass wir die
Laufzeiten verlängern wollen. Das ist eine politische
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: Entscheidung der christlich-liberalen Koalition. Dazu
Zwar könnte ich Auskunft geben, weil ich darüber gut stehen wir auch.
Bescheid weiß. Ich bin aber gehalten, mich hier neutral
zu verhalten, Sie müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass nach dem
von Ihnen ausgehandelten Vertrag zum sogenannten
(Ulrich Kelber [SPD]: Nach zwei Jahren in der Atomkonsens die von Ihnen angestrebte Behandlung
Sammelübersicht der Bundespartei! Das ist eben nicht möglich ist. Das ist eine technische Frage;
der Unterschied!) man bricht diesen Vertrag ja nicht. Die Verlängerung der
keine Meinung zu äußern und auch keine Fachaufklä- Laufzeiten ist eine politische Entscheidung der christ-
rung zu leisten. Alle Spenden eines Spenders müssen lich-liberalen Koalition. Also können wir mit den Atom-
aber – unabhängig davon, an wie viele Untergliederun- kraftwerksbetreibern durchaus einen neuen Vertrag ver-
gen einer Parteien sie gehen – öffentlich berichtet wer- einbaren; schließlich tun wir damit nichts Schädigendes –
den. anders als Sie damals.

(Ulrich Kelber [SPD]: Als Sammelübersicht!) (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU –
Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
– Nein, sie müssen im Rechenschaftsbericht öffentlich NEN]: Glückwunsch zur Logik!)
berichtet werden.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Jetzt kommt eine weitere Kurzintervention der Kolle- Ich schließe die Aussprache.
gin Kotting-Uhl. Interfraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf
den Drucksachen 17/2410 und 17/2425 an die in der Ta-
Sylvia Kotting-Uhl (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): gesordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen.
Herr Dr. Fuchs, bei meiner Kurzintervention geht es Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der Fall. Dann
nicht um Spenden, sondern um den Vertrag zum Atom- sind die Überweisungen so beschlossen.
5626 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms


(A) Ich rufe die Tagesordnungspunkte 38 a bis 38 m und f) Beratung des Antrags der Abgeordneten Katrin (C)
11 b sowie die Zusatzpunkte 2 a und 2 b auf: Werner, Jan van Aken, Christine Buchholz, wei-
terer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE
38 a) Erste Beratung des von den Abgeordneten
Bettina Herlitzius, Friedrich Ostendorff, Undine Menschenrechte und Friedensprozess in Sri
Kurth (Quedlinburg), weiteren Abgeordneten und Lanka fördern
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN einge- – Drucksache 17/2417 –
brachten Entwurfs eines Ersten Gesetzes zur
Überweisungsvorschlag:
Änderung des Baugesetzbuchs – Beschrän- Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe (f)
kung der Massentierhaltung im Außenbereich Auswärtiger Ausschuss
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
– Drucksache 17/1582 – Entwicklung
Überweisungsvorschlag: Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (f)
Rechtsausschuss
g) Beratung des Antrags der Abgeordneten Heidrun
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Bluhm, Dr. Gesine Lötzsch, Dr. Dietmar Bartsch,
Verbraucherschutz weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit LINKE
b) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein- Wohnungslosigkeit in Deutschland – Einfüh-
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes über die rung einer Bundesstatistik
weitere Bereinigung von Bundesrecht
– Drucksache 17/2434 –
– Drucksache 17/2279 – Überweisungsvorschlag:
Überweisungsvorschlag: Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (f)
Rechtsausschuss (f) Ausschuss für Arbeit und Soziales
Innenausschuss
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
h) Beratung des Antrags der Abgeordneten Ingrid
Nestle, Winfried Hermann, Fritz Kuhn, weiterer
c) Beratung des Antrags der Abgeordneten René Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/
Röspel, Dr. Ernst Dieter Rossmann, Dr. Hans- DIE GRÜNEN
Peter Bartels, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion der SPD PKW-Energieverbrauchskennzeichnung am
Klimaschutz ausrichten
Neue Initiative für Neuheitsschonfrist im Pa-
– Drucksache 17/2435 –
(B) tentrecht starten (D)
Überweisungsvorschlag:
– Drucksache 17/1052 – Ausschuss für Wirtschaft und Technologie (f)
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
Überweisungsvorschlag: Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Rechtsausschuss (f)
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie i) Beratung des Antrags der Abgeordneten Markus
Ausschuss für Bildung, Forschung und Tressel, Nicole Maisch, Ingrid Hönlinger, weite-
Technikfolgenabschätzung
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
rer Abgeordneter und der Fraktion BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN
d) Beratung des Antrags des Bundesministeriums
der Finanzen Reisende besser schützen
– Drucksache 17/2428 –
Entlastung der Bundesregierung für das
Überweisungsvorschlag:
Haushaltsjahr 2009 Ausschuss für Tourismus (f)
– Vorlage der Vermögensrechnung des Bundes Rechtsausschuss
für das Haushaltsjahr 2009 – Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz
– Drucksache 17/2305 – Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
Überweisungsvorschlag: Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
Haushaltsausschuss j) Beratung des Antrags der Abgeordneten
e) Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn, Katrin Göring-
Dr. Martina Bunge, Dr. Gesine Lötzsch, Eckardt, Fritz Kuhn, weiterer Abgeordneter und
Dr. Dietmar Bartsch, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
der Fraktion DIE LINKE Mindestbeiträge zur Rentenversicherung ver-
Auch Verletztenrenten von NVA-Angehörigen bessern, statt sie zu streichen
der DDR anrechnungsfrei auf die Grundsiche- – Drucksache 17/2436 –
rung für Arbeitsuchende stellen Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Arbeit und Soziales (f)
– Drucksache 17/2326 – Haushaltsausschuss
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Arbeit und Soziales (f) k) Beratung des Antrags der Abgeordneten Manuel
Innenausschuss Sarrazin, Marieluise Beck (Bremen), Volker Beck
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5627
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms
(A) (Köln), weiterer Abgeordneter und der Fraktion – Drucksache 17/2412 – (C)
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Überweisungsvorschlag:
Haushaltsausschuss (f)
Unterrichtungs- und Mitwirkungsrechte des Rechtsausschuss
Bundestages in Bezug auf Europäische Räte Finanzausschuss
stärken Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union

– Drucksache 17/2437 – b) Beratung des Antrags der Abgeordneten Ernst-


Überweisungsvorschlag: Reinhard Beck (Reutlingen), Peter Altmaier,
Ausschuss für Wahlprüfung, Immunität und Michael Brand, weiterer Abgeordneter und der
Geschäftsordnung (f) Fraktion der CDU/CSU sowie der Abgeordneten
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union Elke Hoff, Rainer Erdel, Burkhardt Müller-
l) Beratung des Antrags der Abgeordneten Katja Sönksen, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
Keul, Marieluise Beck (Bremen), Volker Beck der FDP
(Köln), weiterer Abgeordneter und der Fraktion Verbesserung der Regelungen zur Einsatzver-
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sorgung
Gemeinsamen Standpunkt der EU für Waffen- – Drucksache 17/2433 –
ausfuhren auch bei Rüstungsexporten an EU,
Überweisungsvorschlag:
NATO und NATO-gleichgestellte Länder kon- Verteidigungsausschuss (f)
sequent umsetzen Innenausschuss
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
– Drucksache 17/2438 – Haushaltsausschuss
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie (f) Es handelt sich um Überweisungen im vereinfach-
Auswärtiger Ausschuss (f) ten Verfahren ohne Debatte.
Finanzausschuss
Verteidigungsausschuss Wir kommen zunächst zu zwei Überweisungen, bei
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe denen die Federführung strittig ist.
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung Tagesordnungspunkt 38 l. Interfraktionell wird Über-
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union weisung des Antrags der Fraktion Bündnis 90/Die Grü-
Haushaltsausschuss nen zum gemeinsamen Standpunkt der EU für Waffen-
Federführung strittig ausfuhren auf Drucksache 17/2438 an die in der
m) Beratung des Antrags der Abgeordneten Tom Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen.
(B)
Koenigs, Volker Beck (Köln), Josef Philip Die Fraktionen der CDU/CSU und FDP wünschen Fe- (D)
Winkler, weiterer Abgeordneter und der Fraktion derführung beim Ausschuss für Wirtschaft und Techno-
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN logie. Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen wünscht Fe-
derführung beim Auswärtigen Ausschuss.
Weitere iranische Flüchtlinge aus der Türkei
Ich lasse zuerst über den Überweisungsvorschlag der
in Deutschland aufnehmen
Fraktion Bündnis 90/Die Grünen – Federführung beim
– Drucksache 17/2439 – Auswärtigen Ausschuss – abstimmen. Wer stimmt für
Überweisungsvorschlag: diesen Überweisungsvorschlag? – Gegenstimmen? –
Innenausschuss (f) Enthaltungen? – Der Überweisungsvorschlag ist mit den
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe (f) Stimmen der Koalitionsfraktionen und der SPD gegen
Auswärtiger Ausschuss die Stimmen der Fraktion Die Linke und der Fraktion
Federführung strittig Bündnis 90/Die Grünen abgelehnt.
11 b) Beratung des Antrags der Abgeordneten Ich lasse nun über den Überweisungsvorschlag der
Marieluise Beck (Bremen), Volker Beck (Köln), Fraktionen der CDU/CSU und FDP – Federführung
Viola von Cramon-Taubadel, weiterer Abgeord- beim Ausschuss für Wirtschaft und Technologie – ab-
neter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- stimmen. Wer stimmt für diesen Überweisungsvor-
NEN schlag? – Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Der Über-
Modernisierung braucht Rechtsstaatlichkeit – weisungsvorschlag ist mit den Stimmen der
Partnerschaft mit Russland fördern Koalitionsfraktionen und der SPD-Fraktion gegen die
Stimmen der Fraktionen Die Linke und Bündnis 90/Die
– Drucksache 17/2426 – Grünen angenommen.
Überweisungsvorschlag: Tagesordnungspunkt 38 m. Der Antrag der Fraktion
Auswärtiger Ausschuss (f)
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe Bündnis 90/Die Grünen zur Aufnahme iranischer
Flüchtlinge aus der Türkei auf Drucksache 17/2439 soll
ZP 2 a) Erste Beratung des von den Abgeordneten an die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse
Manuel Sarrazin, Dr. Frithjof Schmidt, überwiesen werden. Die Fraktionen der CDU/CSU und
Marieluise Beck (Bremen), weiteren Abgeordne- FDP wünschen Federführung beim Innenausschuss. Die
ten und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Fraktion Bündnis 90/Die Grünen wünscht Federführung
NEN eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu beim Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre
dem EFSF-Rahmenvertrag vom 7. Juni 2010 Hilfe.
5628 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms


(A) Wir stimmen zunächst über den Überweisungsvor- der Wahlprüfungsausschuss des Deutschen Bundestages, (C)
schlag von Bündnis 90/Die Grünen ab. Wer stimmt für das Plenum und anschließend das Bundesverfassungsge-
diesen Überweisungsvorschlag? – Gegenstimmen? – richt.
Enthaltungen? – Der Überweisungsvorschlag ist mit den
Der Wahlprüfungsausschuss des Deutschen Bundes-
Stimmen der Koalitionsfraktionen gegen die Stimmen
tages sammelt alle Einsprüche, prüft jeden einzelnen
der Oppositionsfraktionen abgelehnt.
Einspruch gewissenhaft und wendet sich dann mit einer
Ich lasse nun über den Überweisungsvorschlag der Beschlussempfehlung an Sie, werte Kolleginnen und
Fraktionen von CDU/CSU und FDP abstimmen. Wer Kollegen, im Plenum des Deutschen Bundestages. Dem
stimmt für diesen Überweisungsvorschlag? – Gegen- Plenum steht die abschließende Entscheidung über die
stimmen? – Enthaltungen? – Der Überweisungsvor- Wahleinsprüche zu. Gegen diese Plenarentscheidung
schlag ist mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen kann dann der Einsprechende eine Wahlprüfungsbe-
gegen die Stimmen der Oppositionsfraktionen angenom- schwerde in Karlsruhe vor dem Bundesverfassungsge-
men. richt anstrengen.
Wir kommen jetzt zu den unstrittigen Überweisun- Um zwei solcher Beschlussempfehlungen geht es
gen. Ich gehe davon aus, dass Sie mit der Überweisung heute. In der ersten Beschlussempfehlung werden
der Vorlagen an die in der Tagesordnung aufgeführten 33 Einsprüche gegen die Gültigkeit der Wahl zum
Ausschüsse einverstanden sind. – Das ist der Fall. Dann 17. Deutschen Bundestag behandelt, und in der zweiten
sind die Überweisungen so beschlossen. Beschlussempfehlung geht es um Einsprüche gegen die
Gültigkeit der Wahl der Abgeordneten des Europäischen
Ich rufe die Tagesordnungspunkte 39 a bis 39 i sowie Parlaments aus der Bundesrepublik Deutschland. Hier
die Zusatzpunkte 3 a bis 3 n auf. Es handelt sich um die ist im Plenum noch über 30 Einsprüche zu entscheiden.
Beschlussfassung zu Vorlagen, zu denen keine Aus-
sprache vorgesehen ist. Während die Prüfung weiterer Einsprüche gegen die
Bundestagswahl noch andauert, schließt der Deutsche
Tagesordnungspunkt 39 a: Bundestag, wenn Sie heute der Beschlussempfehlung
Beratung der Zweiten Beschlussempfehlung des des Ausschusses folgen wollen und die Einsprüche zu-
Wahlprüfungsausschusses rückweisen, die Prüfung der Einsprüche betreffend die
Wahl zum Europäischen Parlament ab. Insgesamt gab es
zu Einsprüchen gegen die Gültigkeit der Wahl gegen diese Wahl 54 Einsprüche. Die Prüfung der Gül-
der Abgeordneten des Europäischen Parla- tigkeit der Wahl der deutschen Abgeordneten des Euro-
ments aus der Bundesrepublik Deutschland päischen Parlaments – zurzeit sind es 99 Abgeordnete –
(B) am 7. Juni 2009 obliegt dem Deutschen Bundestag, übrigens seit der ers- (D)
ten Direktwahl zum Europäischen Parlament im Jahre
– Drucksache 17/2200 –
1979. Ein einheitliches europäisches Wahlprüfungsver-
Berichterstattung: fahren gibt es nicht.
Abgeordnete Thomas Strobl (Heilbronn)
Der Zweck der Wahlprüfung sind die Sicherung des
Dr. Wolfgang Götzer
objektiven Wahlrechts und die Gewährleistung der ord-
Marco Wanderwitz
nungsgemäßen Zusammensetzung des Europäischen
Michael Grosse-Brömer
Parlaments, soweit die in der Bundesrepublik Deutsch-
Michael Hartmann (Wackernheim)
land gewählten Abgeordneten betroffen sind. Das bedeu-
Christian Lange (Backnang)
tet – das ist für das Verständnis unserer Entscheidungen
Stephan Thomae
wichtig –, dass ein Einspruch gegen die Europawahl nur
Dr. Dagmar Enkelmann
dann Erfolg haben kann, wenn zwei Voraussetzungen er-
Josef Philip Winkler
füllt sind: Erstens muss ein Wahlfehler vorliegen. Das
Es ist vereinbart, dass der Vorsitzende des Wahlprü- heißt, es muss gegen Vorschriften betreffend die Durch-
fungsausschusses das Wort zur Berichterstattung erhal- führung oder die Vorbereitung der Wahl verstoßen wor-
ten soll. – Herr Kollege Strobl, Sie haben das Wort. den sein. Zweitens muss sich dieser Wahlfehler auf die
Verteilung der Mandate ausgewirkt haben können; er
Thomas Strobl (Heilbronn) (CDU/CSU):
muss also, wie wir sagen, mandatsrelevant sein. Ich darf
Ihnen mitteilen, dass ein derartiger Fall im Rahmen der
Herr Präsident! Werte Kolleginnen! Werte Kollegen! Prüfung der 54 Einsprüche gegen die Europawahl 2009
Viele Menschen wissen gar nicht – manche Kollegin und nicht vorgelegen hat.
mancher Kollege hier im Hohen Hause offensichtlich
auch nicht –, dass es in Deutschland die Möglichkeit Nichtsdestoweniger ist der Wahlprüfungsausschuss
gibt, gegen Wahlen, namentlich gegen die Bundestags- jedem behaupteten Wahlfehler gründlich und sorgfältig
wahl oder auch gegen die Wahl der deutschen Abgeord- nachgegangen. Wir haben in elf Fällen das Vorliegen ei-
neten für das Europäische Parlament, einen Wahlein- nes Wahlfehlers bejaht, jedenfalls nicht mit hinreichen-
spruch einzulegen. Jede Bürgerin, jeder Bürger hat das der Sicherheit ausschließen können. Hierbei handelte es
Recht, einen solchen Einspruch gegen eine solche Wahl sich jedoch durchgehend um Mängel in konkreten Ein-
einzulegen, wenn sie oder er der Meinung ist, dass bei zelfällen, die die Sitzverteilung im Europäischen Parla-
der Wahl etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. ment nicht beeinflusst haben. So ging es beispielsweise
Ob der Einspruch berechtigt ist oder nicht, entscheiden um Fehler bei der Führung des Wählerverzeichnisses
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5629
Thomas Strobl (Heilbronn)
(A) oder um Irrtümer der zumeist ehrenamtlich tätigen (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP (C)
Wahlvorstände in den Wahllokalen. Auch wenn diese und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie
Einsprüche letztlich zurückgewiesen werden, gehe ich bei Abgeordneten der LINKEN)
davon aus, dass die betroffenen Wahlorgane unsere Hin-
weise auf Mängel aufgreifen und darauf hinwirken, dass Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
derartige Fehler in Zukunft unterbleiben. Damit kommen wir unverzüglich zur Abstimmung.
Einen Schwerpunkt der Prüfung der Einsprüche zur Wer stimmt für die Beschlussempfehlung des Wahlprü-
Europawahl bildeten diesmal insgesamt zehn Einsprü- fungsausschusses? – Gegenstimmen? – Enthaltungen? –
che, mit denen die Verfassungswidrigkeit der 5-Prozent- Die Beschlussempfehlung ist einstimmig angenommen.
Hürde, die nach dem Europawahlgesetz für die Wahl der Tagesordnungspunkt 39 b:
deutschen Europaabgeordneten gilt, geltend gemacht
wurde. Diese Einsprüche konnten schon deshalb keinen Beratung der Ersten Beschlussempfehlung des
Wahlprüfungsausschusses
Erfolg haben, weil der Deutsche Bundestag traditionell
zu Einsprüchen gegen die Gültigkeit der Wahl
im Rahmen der Wahlprüfung die Verfassungsmäßigkeit
zum 17. Deutschen Bundestag am 27. Septem-
der in der Regel von ihm selbst erlassenen Wahlrechts- ber 2009
normen gar nicht prüft, sondern dies dem Bundesverfas-
sungsgericht überlässt. Dieses kann im Rahmen der so- – Drucksache 17/2250 –
genannten Wahlprüfungsbeschwerde gegen jede unserer Berichterstattung:
Entscheidungen angerufen werden. Abgeordnete Thomas Strobl (Heilbronn)
Ich möchte aber ergänzen, dass der Wahlprüfungsaus- Dr. Wolfgang Götzer
schuss mit deutlicher Mehrheit festgestellt hat, dass er Marco Wanderwitz
die Verfassungsmäßigkeit der 5-Prozent-Hürde bei der Michael Grosse-Brömer
Europawahl nicht bezweifelt. Anderer Ansicht war in Michael Hartmann (Wackernheim)
diesem Zusammenhang die Fraktion Die Linke. Stephan Thomae
Dr. Dagmar Enkelmann
Einige der Einspruchsführer haben schon angekün- Josef Philip Winkler
digt, dass sie im Fall der Zurückweisung der Einsprüche
gegen die 5-Prozent-Hürde durch den Deutschen Bun- Wer stimmt für diese Beschlussempfehlung? – Ge-
genstimmen? – Enthaltungen? – Die Beschlussempfeh-
destag planen, den Weg nach Karlsruhe zu beschreiten.
lung ist ebenfalls einstimmig angenommen.
Dieser Weg zum Bundesverfassungsgericht wird durch
den heutigen Beschluss frei. Tagesordnungspunkt 39 c:
(B) (D)
Ich möchte noch erwähnen, dass bei der Prüfung der – Zweite Beratung und Schlussabstimmung des
Europawahl erstmals das im Jahr 2008 im Hinblick auf von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
das Verfahren im Wahlprüfungsausschuss geänderte eines Gesetzes zu dem Änderungsprotokoll
Wahlprüfungsgesetz Anwendung fand. Dieses ermög- vom 11. Dezember 2009 zum Abkommen vom
licht dem Ausschuss, bei der Vorbereitung der Entschei- 23. August 1958 zwischen der Bundesrepublik
dung regelmäßig auf eine mündliche Verhandlung zu Deutschland und dem Großherzogtum
verzichten, sofern davon keine Förderung des Verfah- Luxemburg zur Vermeidung der Doppelbe-
rens zu erwarten ist. Dies war auch die gängige, langjäh- steuerungen und über gegenseitige Amts- und
rige Praxis. Diese Klarstellung im Gesetz hat sich aus Rechtshilfe auf dem Gebiete der Steuern vom
meiner Sicht sehr bewährt. Einkommen und vom Vermögen sowie der Ge-
werbesteuern und der Grundsteuern
Bevor ich zum Schluss komme, möchte ich die sachli-
che Atmosphäre, die bei den Beratungen im Ausschuss – Drucksache 17/1943 –
herrschte, ebenso hervorheben wie die Tatsache, dass – Zweite Beratung und Schlussabstimmung des
– mit der soeben erwähnten Ausnahme – im Hinblick von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
auf das Ergebnis der Entscheidungen durchweg Konsens eines Gesetzes zu dem Abkommen vom 13. Juli
zwischen allen Fraktionen bestanden hat. Deshalb 2006 zwischen der Regierung der Bundesrepu-
möchte ich mich bei der Kollegin und bei den Kollegen blik Deutschland und der mazedonischen Re-
im Wahlprüfungsausschuss recht herzlich für die sehr gierung zur Vermeidung der Doppelbesteu-
kollegiale und sehr konstruktive Zusammenarbeit bedan- erung auf dem Gebiet der Steuern vom Ein-
ken. Außerdem möchte ich sehr herzlich den Mitarbeit- kommen und vom Vermögen
erinnen und Mitarbeitern des Ausschusssekretariats für – Drucksache 17/1944 –
ihre exzellente Arbeit und für die sehr gute Vorbereitung
danken. Beschlussempfehlung und Bericht des Finanzaus-
schusses (7. Ausschuss)
(Zuruf von der FDP: Das ist wohl wahr!)
– Drucksache 17/2248 –
Ich bitte Sie nun, liebe Kolleginnen und Kollegen,
den Beschlussempfehlungen des Wahlprüfungsaus- Berichterstattung:
schusses Ihre Zustimmung zu erteilen. Abgeordnete Manfred Kolbe
Lothar Binding (Heidelberg)
Ich bedanke mich bei Ihnen fürs Zuhören. Dr. Birgit Reinemund
5630 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms


(A) Wir kommen zur Dritte Beratung (C)
zweiten Beratung und Schlussabstimmung. Ich bitte diejenigen, die dem
Gesetzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben. –
und Schlussabstimmung über den von der Bundesregie- Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Der Gesetzentwurf
rung eingebrachten Entwurf eines Gesetzes zu dem Än- ist mit gleichem Stimmenverhältnis wie zuvor angenom-
derungsprotokoll zum Abkommen mit dem Großherzog- men.
tum Luxemburg zur Vermeidung der Doppelbesteue-
rungen und über gegenseitige Amts- und Rechtshilfe auf Tagesordnungspunkt 39 e:
dem Gebiete der Steuern vom Einkommen und vom Ver-
Zweite Beratung und Schlussabstimmung des
mögen sowie der Gewerbesteuern und der Grundsteuern.
von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
Der Finanzausschuss empfiehlt unter Buchstabe a seiner
eines Gesetzes zu dem Protokoll vom 15. Mai
Beschlussempfehlung auf Drucksache 17/2248, den Ge-
2003 zur Änderung des Europäischen Über-
setzentwurf der Bundesregierung auf Drucksache 17/1943
einkommens vom 27. Januar 1977 zur Be-
anzunehmen. Ich bitte diejenigen, die dem Gesetzent-
kämpfung des Terrorismus
wurf zustimmen wollen, sich zu erheben. – Gegenstim-
men? – Enthaltungen? – Der Gesetzentwurf ist mit den – Drucksache 17/2067 –
Stimmen der Koalitionsfraktionen und der SPD-Fraktion
bei Gegenstimmen von Bündnis 90/Die Grünen und Ent- Beschlussempfehlung und Bericht des Rechtsaus-
haltung der Fraktion Die Linke angenommen. schusses (6. Ausschuss)

Wir kommen nun zur – Drucksache 17/2370 –

zweiten Beratung Berichterstattung:


Abgeordnete Dr. Patrick Sensburg
und Schlussabstimmung über den von der Bundesregie- Sebastian Edathy
rung eingebrachten Entwurf eines Gesetzes zu dem Ab- Jörg van Essen
kommen mit der mazedonischen Regierung zur Vermei- Halina Wawzyniak
dung der Doppelbesteuerung auf dem Gebiet der Steuern Jerzy Montag
vom Einkommen und vom Vermögen. Der Finanzaus-
schuss empfiehlt unter Buchstabe b seiner Beschluss- Der Rechtsausschuss empfiehlt in seiner Beschluss-
empfehlung auf Drucksache 17/2248, den Gesetzent- empfehlung auf Drucksache 17/2370, den Gesetzent-
wurf der Bundesregierung auf Drucksache 17/1944 wurf der Bundesregierung auf Drucksache 17/2067 an-
anzunehmen. Ich bitte diejenigen, die dem Gesetzent- zunehmen. Ich bitte diejenigen, die dem Gesetzentwurf
(B) wurf zustimmen wollen, sich zu erheben. – Gegenstim- zustimmen wollen, sich zu erheben. – Gegenstimmen? – (D)
men? – Enthaltungen? – Der Gesetzentwurf ist mit dem Enthaltungen? – Der Gesetzentwurf ist mit den Stimmen
gleichen Stimmenverhältnis wie eben angenommen. der Koalitionsfraktionen bei Gegenstimmen der Fraktion
Die Linke und Enthaltung von SPD und Bündnis 90/Die
Tagesordnungspunkt 39 d: Grünen angenommen.
Zweite und dritte Beratung des von der Bundesre- Tagesordnungspunkt 39 f:
gierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes
Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
über die Verwendung von Verwaltungsdaten
richts des Ausschusses für Wirtschaft und Tech-
für Wirtschaftsstatistiken und zur Änderung
nologie (9. Ausschuss) zu der Verordnung der
von Statistikgesetzen
Bundesregierung
– Drucksache 17/1899 –
Einhundertneunte Verordnung zur Änderung
Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschus- der Ausfuhrliste
ses für Wirtschaft und Technologie – Anlage AL zur Außenwirtschaftsverordnung –
(9. Ausschuss)
– Drucksachen 17/1624, 17/1819 Nr. 2, 17/2379 –
– Drucksache 17/2467 –
Berichterstattung:
Berichterstattung: Abgeordneter Rolf Hempelmann
Abgeordneter Klaus Breil
Der Ausschuss empfiehlt in seiner Beschlussempfeh-
Der Ausschuss für Wirtschaft und Technologie lung auf Drucksache 17/2379, die Aufhebung der Ver-
empfiehlt in seiner Beschlussempfehlung auf Drucksa- ordnung auf Drucksache 17/1624 nicht zu verlangen.
che 17/2467, den Gesetzentwurf der Bundesregierung Wer stimmt für diese Beschlussempfehlung? – Gegen-
auf Drucksache 17/1899 in der Ausschussfassung anzu- stimmen? – Enthaltungen? – Die Beschlussempfehlung
nehmen. Ich bitte diejenigen, die dem Gesetzentwurf in ist einstimmig angenommen.
der Ausschussfassung zustimmen wollen, um das Hand-
Tagesordnungspunkt 39 g:
zeichen. – Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Der Ge-
setzentwurf ist in zweiter Beratung mit den Stimmen der Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
Koalitionsfraktionen und der SPD-Fraktion bei Gegen- richts des Ausschusses für Ernährung, Landwirt-
stimmen der Fraktion Die Linke und Enthaltung von schaft und Verbraucherschutz (10. Ausschuss) zu
Bündnis 90/Die Grünen angenommen. dem Antrag der Abgeordneten Cornelia Behm,
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5631
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms
(A) Ulrike Höfken, Bärbel Höhn, weiterer Abgeord- Der Vermittlungsausschuss hat gemäß § 10 Abs. 3 (C)
neter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Satz 1 seiner Geschäftsordnung beschlossen, dass im
NEN Deutschen Bundestag über die Änderungen gemeinsam
abzustimmen ist. Wer stimmt für die Beschlussemp-
Deklarationspflicht für Palmöl in Lebensmit-
fehlung des Vermittlungsausschusses auf Drucksache
teln
17/2402? – Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Die Be-
– Drucksachen 17/1780, 17/2316 – schlussempfehlung ist mit den Stimmen der Koalitions-
fraktionen gegen die Stimmen der Oppositionsfraktionen
Berichterstattung: angenommen.
Abgeordnete Carola Stauche
Iris Gleicke Zusatzpunkt 3 b:
Dr. Christel Happach-Kasan
Karin Binder Beratung des Antrags der Abgeordneten Sylvia
Cornelia Behm Kotting-Uhl, Priska Hinz (Herborn), Manuel
Sarrazin, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
Der Ausschuss empfiehlt in seiner Beschlussempfeh- BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
lung auf Drucksache 17/2316, den Antrag der Fraktion
Bündnis 90/Die Grünen auf Drucksache 17/1780 abzu- EU-Forschungsetat auf Innovation und Nach-
lehnen. Wer stimmt für diese Beschlussempfehlung? – haltigkeit für 2020 fokussieren – Ratsentschei-
Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Die Beschlussemp- dung ITER-Projekt nicht zustimmen
fehlung ist mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen – Drucksache 17/2440 –
bei Gegenstimmen der SPD-Fraktion und von Bünd-
nis 90/Die Grünen und bei Enthaltung der Fraktion Die Wer stimmt für diesen Antrag? – Gegenstimmen? –
Linke angenommen. Enthaltungen? – Der Antrag ist mit den Stimmen der
Koalitionsfraktionen gegen die Stimmen der Opposi-
Tagesordnungspunkt 39 h: tionsfraktionen abgelehnt.
Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
Wir kommen zu weiteren Beschlussempfehlungen
ausschusses (2. Ausschuss)
des Petitionsausschusses.
Sammelübersicht 116 zu Petitionen
Zusatzpunkt 3 c:
– Drucksache 17/2317 –
Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
Wer stimmt dafür? – Gegenstimmen? – Enthaltun- ausschusses (2. Ausschuss)
(B) gen? – Sammelübersicht 116 ist einstimmig angenom- (D)
men. Sammelübersicht 117 zu Petitionen
Tagesordnungspunkt 39 i: – Drucksache 17/2442 –
Beratung der Beschlussempfehlung des Rechts- Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Enthal-
ausschusses (6. Ausschuss) tungen? – Die Sammelübersicht 117 ist einstimmig an-
genommen.
Übersicht 3
über die dem Deutschen Bundestag zugeleite- Zusatzpunkt 3 d:
ten Streitsachen vor dem Bundesverfassungs-
gericht Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
ausschusses (2. Ausschuss)
– Drucksache 17/2459 –
Sammelübersicht 118 zu Petitionen
Wer stimmt für diese Beschlussempfehlung? – Wer
stimmt dagegen? – Wer enthält sich? – Die Beschluss- – Drucksache 17/2443 –
empfehlung ist bei Enthaltung von Bündnis 90/Die Grü- Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Wer ent-
nen mit den Stimmen aller übrigen Fraktionen angenom- hält sich? – Die Sammelübersicht 118 ist mit den Stim-
men.1) men der Koalitionsfraktionen und der SPD-Fraktion bei
Zusatzpunkt 3 a: Gegenstimmen der Fraktion Die Linke und Enthaltung
der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen angenommen.
Beratung der Beschlussempfehlung des Aus-
schusses nach Art. 77 des Grundgesetzes (Ver- Zusatzpunkt 3 e:
mittlungsausschuss) zu dem … Gesetz zur Än-
derung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
ausschusses (2. Ausschuss)
– Drucksachen 17/1147, 17/1604, 17/1950,
17/2402 – Sammelübersicht 119 zu Petitionen

Berichterstattung: – Drucksache 17/2444 –


Abgeordneter Jörg van Essen Wer stimmt dafür? – Gegenstimmen? – Enthaltun-
gen? – Die Sammelübersicht 119 ist einstimmig ange-
1) Anlage 2 nommen.
5632 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms


(A) Zusatzpunkt 3 f: Zusatzpunkt 3 k: (C)
Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions- Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
ausschusses (2. Ausschuss) ausschusses (2. Ausschuss)

Sammelübersicht 120 zu Petitionen Sammelübersicht 125 zu Petitionen


– Drucksache 17/2450 –
– Drucksache 17/2445 –
Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Wer ent-
Wer stimmt dafür? – Gegenstimmen? – Enthaltun- hält sich? – Die Sammelübersicht 125 ist mit den Stim-
gen? – Die Sammelübersicht 120 ist einstimmig ange- men der Koalitionsfraktionen und der Fraktion Die
nommen. Linke bei Gegenstimmen der SPD-Fraktion und des
Bündnisses 90/Die Grünen angenommen.
Zusatzpunkt 3 g:
Zusatzpunkt 3 l:
Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
ausschusses (2. Ausschuss) Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
ausschusses (2. Ausschuss)
Sammelübersicht 121 zu Petitionen
Sammelübersicht 126 zu Petitionen
– Drucksache 17/2446 –
– Drucksache 17/2451 –
Wer stimmt dafür? – Gegenstimmen? – Enthaltun- Wer stimmt dafür? – Gegenstimmen? – Enthaltun-
gen? – Die Sammelübersicht 121 ist bei Enthaltung der gen? – Die Sammelübersicht 126 ist mit den Stimmen
Fraktion Die Linke mit den Stimmen aller übrigen Frak- der Koalitionsfraktionen und des Bündnisses 90/Die
tionen angenommen. Grünen bei Gegenstimmen der SPD-Fraktion und der
Zusatzpunkt 3 h: Fraktion Die Linke angenommen.
Zusatzpunkt 3 m:
Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
ausschusses (2. Ausschuss) Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
ausschusses (2. Ausschuss)
Sammelübersicht 122 zu Petitionen
Sammelübersicht 127 zu Petitionen
– Drucksache 17/2447 –
(B) – Drucksache 17/2452 – (D)
Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Wer ent- Wer stimmt dafür? – Gegenstimmen? – Enthaltun-
hält sich? – Die Sammelübersicht 122 ist bei Gegenstim- gen? – Die Sammelübersicht 127 ist mit den Stimmen
men von Bündnis 90/Die Grünen mit den Stimmen aller der Koalitionsfraktionen bei Gegenstimmen von SPD
übrigen Fraktionen angenommen. und Bündnis 90/Die Grünen sowie bei Enthaltung der
Zusatzpunkt 3 i: Fraktion Die Linke angenommen.
Zusatzpunkt 3 n:
Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
ausschusses (2. Ausschuss) Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
ausschusses (2. Ausschuss)
Sammelübersicht 123 zu Petitionen
Sammelübersicht 128 zu Petitionen
– Drucksache 17/2448 –
– Drucksache 17/2453 –
Wer stimmt dafür? – Gegenstimmen? – Enthaltun-
Wer stimmt dafür? – Gegenstimmen? – Enthaltun-
gen? – Die Sammelübersicht 123 ist bei Gegenstimmen
gen? – Die Sammelübersicht 128 ist mit den Stimmen
der Fraktion Die Linke mit den Stimmen aller übrigen
der Koalitionsfraktionen gegen die Stimmen der Opposi-
Fraktionen angenommen.
tionsfraktionen angenommen.
Zusatzpunkt 3 j: Ich rufe jetzt den Tagesordnungspunkt 5 auf:
Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions- Wahl von Mitgliedern des Stiftungsrates der
ausschusses (2. Ausschuss) „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“
Sammelübersicht 124 zu Petitionen – Drucksachen 17/2414, 17/2415 –
– Drucksache 17/2449 – Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und
Medien hat bereits die Wahlvorschläge der Bundesregie-
Wer stimmt dafür? – Gegenstimmen? – Enthaltun- rung, des Bundes der Vertriebenen, der Evangelischen
gen? – Die Sammelübersicht 124 ist mit den Stimmen Kirche in Deutschland, der Katholischen Kirche in
der Koalitionsfraktionen und der SPD-Fraktion bei Ge- Deutschland und des Zentralrats der Juden in Deutsch-
genstimmen der Fraktion Die Linke und des land übermittelt. Dazu liegt Ihnen eine Unterrichtung auf
Bündnisses 90/Die Grünen angenommen. Drucksache 17/2415 vor.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5633
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms
(A) Bevor wir zur abschließenden Wahl aller Mitglieder Erst England machte den Krieg um Danzig zu ei- (C)
des Stiftungsrates kommen, müssen wir zunächst die nem weltweit ausgetragenen Krieg, der dann durch
vom Deutschen Bundestag vorzuschlagenden Mitglieder den Kriegseintritt der USA wegen seiner Interessen
und Stellvertreter für die Wahl des Stiftungsrates benen- am Pazifik zum globalen Krieg ausuferte.
nen.
Wenn das keine Form von Geschichtsrevision ist, dann
Es gibt den Wunsch, vor Eintritt in diesen Wahlgang weiß ich nicht, was man unter diesem Begriff verstehen
mündliche persönliche Erklärungen nach § 31 unserer kann.
Geschäftsordnung abzugeben, und zwar von der SPD-
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
Fraktion, vom Bündnis 90/Die Grünen und von der
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Fraktion Die Linke.1)
Arnold Tölg sagt im Interview mit der Jungen Frei-
Zunächst für die SPD-Fraktion, Frau Kollegin heit zum Thema Zwangsarbeiter:
Schwall-Düren.
Wenn man über Zwangsarbeiterentschädigung
Dr. Angelica Schwall-Düren (SPD): spricht, müßte man auch deutlich machen, daß ge-
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen! rade die Länder, die am massivsten Forderungen
Liebe Kollegen! Heute beweist sich, dass die von der gegen uns richten, genügend Dreck am Stecken ha-
Mehrheit dieses Hauses beschlossene Form der Wahl ben, weil sie Hunderttausende deutscher Zwangsar-
von Stiftungsratsmitgliedern falsch ist. Bereits bei der beiter in zahllosen Lagern hatten.
Änderung des Gesetzes zur „Stiftung Flucht, Vertrei- Oder:
bung, Versöhnung“ hat die SPD-Fraktion zum Ausdruck
gebracht, dass die Abstimmung über die Besetzung des Während in Nürnberg von den Siegern die deut-
Stiftungsrates im Gesamtpaket inakzeptabel ist, und hat schen Kriegsverbrecher zurecht verurteilt wurden,
deshalb das Gesetz abgelehnt. Der Berufungsprozess ist haben die gleichen Länder bezüglich Zwangsarbei-
damit nämlich keinesfalls objektiviert. Im Gegenteil, tern ähnliche Verbrechen begangen wie Hitler-
nun werden auch Mitglieder des Stiftungsrates mit einer Deutschland.
demokratischen Legitimation ausgestattet, an deren En- (Dr. Karl Lauterbach [SPD]: Unglaublich! –
gagement für den Stiftungszweck erhebliche Zweifel be- Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE
stehen. GRÜNEN]: Die sollen wir heute wählen?)
Sicherlich steht die Mehrheit der vorgeschlagenen Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, dennoch ist die
Personen eindeutig hinter den Stiftungszielen. Ich darf vorgeschlagene Gesamtliste abzulehnen für einen Teil
(B) zur Erinnerung den Gesetzestext zitieren: (D)
der Kollegen der SPD-Fraktion und auch für mich keine
Option, da das positive Engagement der anderen Stif-
Zweck der unselbstständigen Stiftung ist es, im
tungsratsmitglieder nicht infrage gestellt werden kann.
Geiste der Versöhnung die Erinnerung und das Ge-
Uns ist daran gelegen, dass die Stiftung endlich die Ar-
denken an Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhun-
beit aufnehmen kann. Deshalb stimme ich der Wahl trotz
dert im historischen Kontext des Zweiten Weltkrie-
dieser großen Bedenken zu.
ges und der nationalsozialistischen Expansions-
und Vernichtungspolitik und ihrer Folgen wachzu- (Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE
halten. GRÜNEN]: Das verstehe, wer will!)
Heute steht der Bundestag allerdings vor dem Dilemma,
dass zumindest bei zwei Vertretern des Bundes der Ver- Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
triebenen aufgrund von Äußerungen in der Presse be- Das Wort zu einer persönlichen Erklärung hat nun
zweifelt werden muss, ob diese als künftige Stiftungs- Kollegin Jochimsen.
ratsmitglieder die Arbeit der Stiftung auch im Sinne der (Beifall bei der LINKEN)
Versöhnung unterstützen werden.
(Beifall bei der SPD und der LINKEN sowie Dr. Lukrezia Jochimsen (DIE LINKE):
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich
GRÜNEN) stimme dem Gesamtvorschlag für die Mitglieder und
Stellvertreter des Stiftungsrates der „Stiftung Flucht,
Hartmut Saenger spricht beispielsweise in der Preußi-
Vertreibung, Versöhnung“ nach sorgfältiger Prüfung
schen Allgemeinen Zeitung über den Beginn des Zweiten
nicht zu. Grund meiner Ablehnung ist das undemokrati-
Weltkrieges wie folgt – ich darf zitieren –:
sche Wahlverfahren, das mir – wie allen anderen Abge-
Besonders kriegerisch führte sich Polen auf. Der ordneten – nur die Möglichkeit gibt, über einen Vor-
1918 wieder erstandene Staat schaffte es in der kur- schlag abzustimmen, der nur als Ganzes angenommen
zen Zeit bis 1921, gleich mit vier Nachbarn … im oder abgelehnt werden kann. Ich würde also bei einer
dauerhaften Streit zu liegen. Zustimmung nicht nur den von den Fraktionen benann-
ten Mitgliedern des Deutschen Bundestags meine
Und weiter: Stimme geben, sondern ebenso allen anderen Mitglie-
dern, auf deren Auswahl ich keinerlei Einfluss hatte. Das
1) Anlagen 3 bis 8 ist für mich nicht akzeptabel.
5634 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Dr. Lukrezia Jochimsen


(A) (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (C)
neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
GRÜNEN) KEN)
Ein vergleichbares Wahlverfahren gibt es derzeit bei Herr Westerwelle hat mit gutem Grund und völlig zu
keiner anderen Gremienbesetzung, so die Auskunft des Recht der Benennung von Erika Steinbach als Mitglied
Wissenschaftlichen Dienstes. Damit widerspricht das des Stiftungsrates der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Ver-
Wahlverfahren den demokratischen Gepflogenheiten, söhnung“ widersprochen, weil dies die auswärtigen Be-
denen wir bisher im Deutschen Bundestag bei der Beset- ziehungen der Bundesrepublik Deutschland belastet
zung der Gremien folgten. Es gibt den Abgeordneten des hätte. Frau Steinbach hat damals gegen die Anerkennung
Bundestages auch keineswegs mehr Einflussmöglich- der Oder-Neiße-Grenze gesprochen und abgestimmt und
keit. Im Gegenteil: Bei einem solchen Gesamtvorschlag sich in zahlreichen Äußerungen gegenüber unseren euro-
kommt der Wille des Parlaments nur ungenügend oder päischen Nachbarn, unseren ehemaligen Kriegsgegnern,
verfälscht zum Ausdruck. Letztlich können wir nur Ja in einer Art und Weise geäußert, dass ihre Benennung
oder Nein sagen. Das entmündigt das Parlament. Meine dort nicht als Signal der Versöhnung verstanden worden
Kolleginnen und Kollegen, Sie entmündigen sich bei wäre.
dieser Abstimmung selbst! (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord- und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE der SPD)
GRÜNEN) Dafür kann der Bundestag nichts, dafür kann die Bun-
desregierung nichts, auch diese Stiftung kann dafür
In der Begründung für die Veränderung des Beset- nichts. Deshalb braucht es dafür, dass Frau Steinbach
zungsverfahrens heißt es im Gesetzentwurf, dass die Er- nicht in dieses Gremium kommt, keine Kompensation
höhung der Anzahl der Sitze im Stiftungsrat und die durch Aufblähung der Zahl der Sitze für den Bund der
Änderung des Berufungsverfahrens aufgrund der beson- Vertriebenen. Es gibt einige relevante Organisationen,
deren geschichtspolitischen Komplexität des Projektes die in diesem Stiftungsrat nicht vertreten sind. Es gibt
erfolgen und um der Komplexität der Aufgabenstellung zwei Fraktionen des Deutschen Bundestages, die in die-
und des Meinungsspektrums noch besser Rechnung tra- sem Stiftungsrat nicht vertreten sind. Deshalb ist es völ-
gen zu können. Hinzu komme, dass durch die Entschei- lig unangemessen, diese Art der Besetzung hier vorzu-
dung des Bundestages gewährleistet sei, dass übergeord- nehmen.
nete politische Belange beachtet werden.
(B) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (D)
Ich sage Ihnen: Das ist purer Hohn bei dieser Wahl. und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
der SPD)
(Beifall bei der LINKEN)
Ein zweiter wesentlicher Grund, warum wir diesen
Das neue Gesetz und das darin festgelegte Besetzungs- Wahlvorschlägen heute nicht zustimmen können, sind
verfahren vermehren nur die Zahl der Ämter und Sitze in zwei Personen, die auf der Benennungsliste stehen. Frau
der Stiftung und degradieren das Parlament zu einem Kollegin Schwall-Düren hat schon einiges dazu gesagt.
Zustimmungsapparat. 63 Mitglieder der Linksfraktion
sehen das genauso und haben sich meiner Erklärung In der Preußischen Allgemeinen Zeitung schreibt
schriftlich angeschlossen. Hartmut Saenger, einer der für den Stiftungsrat benann-
ten Mitglieder und Sprecher der Pommerschen Lands-
Ich danke Ihnen. mannschaft, zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges:
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord- Oft genug geschieht das
neten der SPD – Thomas Strobl [Heilbronn] – die Beschreibung des Ausbruches –
[CDU/CSU]: Die Linke hat mit Einheitslisten
lange Erfahrungen!) unter Kurzformeln wie: „… der vom nationalsozia-
listischen Regime entfesselte Weltkrieg“.
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: Solche Kurzformeln werfen naturgemäß mehr Fra-
Nun hat Kollege Volker Beck Gelegenheit zu einer gen auf als beantwortet werden.
persönlichen Erklärung. Er beantwortet sie dann:
Der historische Kontext zum Sommer 1939 weist
Volker Beck (Köln) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): bei allen europäischen Großmächten eine erstaunli-
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die Mit- che Bereitschaft zum Krieg aus, um staatliche Ziele
glieder meiner Fraktion und auch ich persönlich werden durchzusetzen oder Bedrohungen durch Bündnisse
die beiden Wahlvorschläge ablehnen. Dies hat zwei abzuwehren.
Gründe. Einmal finden wir den Deal, den die Bundesre- Besonders kriegerisch führte sich Polen auf. …
gierung mit dem Bund der Vertriebenen gemacht hat und
der zu der jetzigen Zusammensetzung des Stiftungsrats Im März 1939 machte Polen sogar gegen Deutsch-
führt, inakzeptabel. land mobil und gab damit Hitler die Möglichkeit
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5635
Volker Beck (Köln)
(A) der Aufkündigung des deutsch-polnischen Nichtan- Ich appelliere an Sie von der Union und von der FDP: (C)
griffspaktes von 1934. Machen Sie das jetzt nicht! Sie richten großen Schaden
in unseren europäischen Beziehungen an. Sie blamieren
Polen hat demnach doch den Krieg begonnen; wir ha-
sich als Koalition, wenn Sie jetzt einfach daran festhal-
ben auch nur zurückgeschossen. In den weiteren Aus-
ten.
führungen erklärt er England, Frankreich und die Verei-
nigten Staaten sozusagen für schuldig, einen (Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]:
imperialistischen Krieg gegen Deutschland geführt zu Das wünschen Sie sich nur!)
haben.
Es besteht immer noch die Möglichkeit, das jetzt von der
(Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE Tagesordnung zu nehmen und noch einmal neu darüber
GRÜNEN]: Den sollen wir heute wählen!) zu reden.
Meine Damen und Herren von der Koalition, Sie können (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
doch heute nicht ernsthaft mit diesem Mann diesen Aus- sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
sagen Ihre Zustimmung erteilen. KEN)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Vielleicht waren Ihnen diese Äußerungen nicht be-
und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
kannt; das setze ich einmal voraus. Dann muss man jetzt
der SPD)
aber dementsprechend angemessen handeln und darf das
Ich appelliere an Sie: Ziehen Sie den Wahlvorschlag hier nicht einfach durchwinken. Der Bundestag ist kein Ab-
heute zurück und lassen Sie uns darüber noch einmal re- nickorgan. Sie sind hier als Abgeordnete alle einzeln da-
den. Das ist völlig inakzeptabel. für verantwortlich, wie Sie hier jetzt abstimmen bzw. ob
Ihre Fraktionen diese Vorschläge jetzt zurücknehmen
Ein weiterer Vertreter auf dieser Liste des Bundes der
und die Entscheidung vertagen.
Vertriebenen ist Herr Arnold Tölg,
(Thomas Strobl [Heilbronn] [CDU/CSU]: Der (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
ist untadelig!) bei der SPD und der LINKEN – Jens Spahn
[CDU/CSU]: Machen Sie mal halblang! –
der im Zusammenhang mit der Zwangsarbeiterentschä- Wolfgang Börnsen [Bönstrup] [CDU/CSU]:
digung den Bundespräsidenten Rau dafür kritisierte, Auch noch Drohungen ausstoßen! Unver-
dass er diese Entschädigungen begrüße, anstatt deutlich schämt! – Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/
zu machen, dass die Empfängerländer in Osteuropa eine CSU]: Sie sind peinlich! – Gegenruf des Abg.
ähnliche oder vergleichbare Schuld wie Deutschland auf Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
(B) (D)
sich geladen hätten. Er sagte im Zusammenhang mit den NEN]: Peinlich sind Ihre Vorschläge!)
Nürnberger Urteilen:
Während in Nürnberg von den Siegern die deut- Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: (SPD):
schen Kriegsverbrecher zu Recht Wir kommen damit zur Abstimmung über den Wahl-
– immerhin – vorschlag der Fraktionen der CDU/CSU, SPD und FDP
bezogen auf die vom Deutschen Bundestag vorzuschla-
verurteilt wurden, haben die gleichen Länder be- genden Mitglieder und Stellvertreter. Wer stimmt für
züglich Zwangsarbeitern ähnliche Verbrechen be- diesen Wahlvorschlag? – Wer stimmt dagegen? – Enthal-
gangen wie Hitler-Deutschland. tungen? – Damit ist der Wahlvorschlag bezogen auf die
(Dr. Karl Lauterbach [SPD]: Ein Irrer!) Mitglieder des Bundestages angenommen mit den Stim-
men der CDU/CSU, der SPD, der FDP und der Linken
Meine Damen und Herren, das darf nicht die Bot- bei Stimmenthaltung der Grünen und zweier Abgeordne-
schaft dieser Versöhnungsstiftung sein! ter der SPD.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN- GRÜNEN]: Wir sind dagegen! – Volker Beck
KEN) [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir
Ich bin selbst ein Kind aus einer Vertriebenenfamilie. Ich haben dagegengestimmt! Weil wir ausge-
distanziere mich mit Nachdruck von solchen Aussagen, schlossen sind, stimmen wir dagegen! Ich bitte
wenn es um die Aufarbeitung des Unrechts der Vertrei- die Kollegen der anderen Fraktionen, das zu
bung geht. Menschen, die vertrieben worden sind, teilen respektieren!)
diese Thesen nicht. – Entschuldigung. Also: bei Gegenstimmen der Grünen
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, und einigen Enthaltungen seitens der SPD-Fraktion.
bei der SPD und der LINKEN)
Damit können wir nun über den Gesamtvorschlag
Deshalb kann so jemand nicht im Stiftungsrat einer Bun- über die Mitglieder des Stiftungsrates auf Druck-
desstiftung der Bundesrepublik Deutschland sitzen, mit sache 17/2415 einschließlich des soeben angenommenen
der Zustimmung des Deutschen Bundestages. Das ist in Wahlvorschlags des Deutschen Bundestages abstimmen.
keiner Weise hinnehmbar. Lassen Sie uns diese Frage Der Gesamtvorschlag kann nur als Ganzes angenommen
anders lösen. oder abgelehnt werden.
5636 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse


(A) (Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord- (C)
GRÜNEN]: Das ist Demokratie!) neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Hierzu liegen – ich werde gerade daran erinnert – ei-
nige persönliche Erklärungen in schriftlicher Form vor. Aber das Ganze ist nicht ohne Alternative. Die Stim-
men in der Öffentlichkeit, die eine solidarische Bürge-
Wer stimmt für diesen Gesamtvorschlag? – Wer rinnen- und Bürgerversicherung befürworten, mehren
stimmt dagegen? – Enthaltungen? – Der Gesamtvor- sich. Viele fordern: Sie muss her! Es geht dabei um eine
schlag ist mit den Stimmen von CDU/CSU und FDP Versicherung, in die wirklich alle Bürgerinnen und Bür-
ger einbezogen werden, also auch Beamte, Abgeordnete,
(Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Jeder blamiert sich, so gut er Minister, Selbstständige und Manager, und in die auch
alle Einkommen einbezogen werden, von denen Men-
kann! – Claudia Roth [Augsburg] [BÜND-
schen heutzutage leben, also auch Kapital- und Zinsein-
NIS 90/DIE GRÜNEN]: Auweia! Das gibt Är-
ger!) künfte. Natürlich müssen sich auch die Arbeitgeber wie-
der zu gleichen Teilen an der Finanzierung beteiligen.
gegen die Stimmen der Linken, der Grünen und der SPD Die Parität muss wiederhergestellt werden.
– in der SPD-Fraktion gab es einige Enthaltungen und (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
eine Zustimmung – angenommen. Die Mitglieder und neten der SPD)
ihre Stellvertreter im Stiftungsrat der „Stiftung Flucht,
Vertreibung, Versöhnung“ sind damit gewählt. Auf dieser neuen Basis reichten für Versicherte und Ar-
beitgeber 10 Prozent, also 5 plus 5 Prozent, aus, um alle
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich rufe den gesundheitlichen Leistungen zu bezahlen. Zuzahlungen
Zusatzpunkt 4 auf: und die unsägliche Praxisgebühr könnten sogar abge-
Aktuelle Stunde schafft werden. Außerdem hätten wir Spielraum für die
auf Verlangen der Fraktion DIE LINKE Herausforderungen, vor denen wir stehen.

Gesundheitspolitik ohne Perspektive Alle reden von den Erfordernissen aufgrund des de-
mografischen Wandels bzw. der älter werdenden Gesell-
Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat Kollegin schaft und vom rasanten medizinischen Fortschritt. Wie
Martina Bunge für die Fraktion Die Linke. eine Monstranz trägt man das vor sich her. Aber sind wir
wirklich darauf eingestellt? Wir sagen Nein.
(Beifall bei der LINKEN)
(Beifall bei der LINKEN)
(B) (D)
Dr. Martina Bunge (DIE LINKE): Ein Blick in Ihr lange ausgebrütetes Konzept bestätigt
Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! dies: kein Wort zu Strukturveränderungen. Vielmehr:
Ja, wir haben beantragt, heute eine zweite Aktuelle Der Wettbewerb soll es richten. Ausgaben werden dabei
Stunde in dieser Sitzungswoche zur Gesundheitspolitik pauschal gekürzt.
durchzuführen. Während wir uns gestern über den zu- Nehmen wir nur das Beispiel der Krankenhäuser: Der
tiefst unsozialen Charakter des Konzepts von Ihnen, Ausgabendeckel wird gesenkt – die Ausgaben dürfen
Herr Minister Rösler, und der Kolleginnen und Kollegen maximal in Höhe der halben Steigerung der Grundlohn-
der Koalition ausgetauscht haben, hat die Linke für summe wachsen –, und für Mehrleistungen ist ein Effi-
heute eine Aktuelle Stunde beantragt, die zeigen soll, zienzabschlag von 30 Prozent zu zahlen. Meinen Sie
dass Ihr Konzept, dass Ihre Politik ohne Perspektive ist. denn, die Deutsche Krankenhausgesellschaft spricht aus
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord- Jux und Dollerei von einem Sanierungsdefizit in Höhe
neten der SPD) von 50 Milliarden Euro? Meinen Sie, Verdi fordert aus
Jux und Dollerei: „Weg mit dem Deckel!“?
Sie bieten für die Zukunft keine brauchbaren Antworten.
Die Finanzlöcher in den Krankenhäusern werden zu-
Mit Beitragssatzerhöhungen und Zusatzbeiträgen mu- lasten der dort Beschäftigten gestopft. Immer unerträgli-
ten Sie den gesetzlich Versicherten mit 10,2 Prozent, chere Arbeitszeiten, enorme Arbeitszeitverdichtungen,
8,2 plus 2 Prozent, den höchsten Beitragssatz aller Zei- physische und psychische Belastungen von Ärztinnen
ten zu; den müssen schon bald alle schultern. Heute und Ärzten, Schwestern und Pflegern sind die Realität.
Morgen gab es ja die ersten Meldungen, dass das Defizit Letztlich wirkt sich dies auch auf die Versorgung der Pa-
2011 laut Rechnungen des Bundesgesundheitsministeri- tientinnen und Patienten aus. Technik und Pillen allein
ums gedeckt sein könnte, dass aber schon Milliardende- heilen nicht. Zum Heilungsprozess gehören auch ein
fizite für 2012, 2013 und 2014 – wir reden über 4 bis aufmunterndes Lächeln und ein gutes Wort. Doch wo
10 Milliarden Euro – absehbar sind. Das allein sollen die gibt es das bei allem Engagement der Beschäftigten
Versicherten schultern, und insbesondere Menschen mit – das will ich nicht in Abrede stellen – noch?
den kleinsten Einkommen, also Geringverdiener, Ar- (Beifall bei der LINKEN)
beitslose, Rentnerinnen und Rentner sowie Studierende,
überproportional, während die Arbeitgeber und Bestver- Wir brauchen endlich konsequente Schritte, um den
dienenden außen vor bleiben? Das alles ist zutiefst unso- medizinischen Bedarf in den Regionen unseres Landes
zial. konkret zu ermitteln und dabei auch schier unüberwind-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5637
Dr. Martina Bunge
(A) bare Sektorengrenzen zu überdenken. Man muss ent- (Heinz Lanfermann [FDP]: Bis sie es verste- (C)
scheiden: Wo wird die Behandlung am besten gemacht? hen!)
Wo können sich Krankenhaus und ambulant Tätige ge-
meinsam engagieren? Neue Versorgungsformen wie das Wir haben ein faires Paket geschnürt, das in seiner Kom-
erfolgreiche Modell AGnES brauchen eine echte bination sowohl kurzfristig die Herausforderungen an-
Chance. Dann könnten auch unter Bundesbeteiligung In- geht als auch strukturell für die Zukunft eine Perspektive
vestitionsmittel in die Hand genommen und ein zielge- beinhaltet.
richteter Ausbau der Infrastruktur gewährleistet werden. Erstens. Angesichts eines Defizites von über
Dann könnten Krankenkassenbeiträge für medizinische 10 Milliarden Euro – das größte Defizit in der Ge-
Leistungen und Beschäftigte in ausreichendem Maße schichte der gesetzlichen Krankenversicherung – müs-
dorthin fließen, wo die Behandlung effizient stattfindet. sen wir es schaffen, die Ausgabenzuwächse im nächsten
Dann würde Arbeit im Gesundheitsbereich endlich wie- Jahr zu begrenzen. Da geht es etwa um Bereiche wie die
der attraktiv. Versorgung durch Niedergelassene, die Krankenhäuser
Machen Sie mit der Bürgerinnen- und Bürgerver- und die Verwaltungskosten der Krankenkassen.
sicherung das Gesundheitssystem zukunftsfest! Lassen Es ist schon spannend, immer wieder zu hören – ich
Sie von Ihrer verkappten Kopfpauschale die Finger! ahne es, Sie werden es gleich wieder sagen, Herr Kol-
Danke schön. lege Lauterbach; auch gestern klang das schon an –, all
das sei viel zu wenig.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
neten der SPD) (Bärbel Bas [SPD]: Wo er recht hat, hat er
recht!)
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: Ich will Ihnen sagen – Frau Kollegin Bunge hat darauf
Das Wort hat nun Jens Spahn für die CDU/CSU-Frak- schon hingewiesen –, was das für die Beschäftigten in
tion. den Krankenhäusern bedeutet: für die vielen Pflege-
kräfte, die Ärzte und die vielen Beschäftigten in den nie-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
dergelassenen Praxen. Wir haben auch Gespräche mit
den Betriebsräten der Pharmaunternehmen geführt. Na-
Jens Spahn (CDU/CSU): türlich wollen wir die Kostensteigerungen der nächsten
Herr Präsident, Sie sagen zu Recht zu mir: Sie habe Jahre begrenzen. Natürlich müssen wir die großen Aus-
ich doch schon gestern gehört. Das ist richtig. gabenblöcke in den Blick nehmen. Wenn wir angesichts
(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Morgen noch von Hunderten Milliarden Euro bis zu 4 Milliarden Euro
(B)
einmal!) einsparen wollen, Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen (D)
von der Opposition, aber sagen, das seien nur Kleckerbe-
Das macht deutlich, dass es der Opposition offensicht- träge, dann ist das ein Schlag ins Gesicht der betroffenen
lich nicht gelungen ist, sich darauf zu einigen, wie sie Menschen, die sich Sorgen machen. Deswegen sollten
denn mit diesem Thema in dieser Woche umgehen will. Sie genau aufpassen, wie Sie sich an dieser Stelle einlas-
(Zurufe von Abgeordneten der LINKEN) sen.
Sie können uns gerne ob der einen oder anderen Debatte (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
kritisieren, die wir in der Koalition führen. Aber wir füh- Normalerweise fordern Sie immer abstrakt das Spa-
ren die Debatten wenigstens in der Sache und ringen um ren ein. Abstrakt Sparen zu fordern, ist immer einfach.
die beste Lösung für die Gesundheitsversorgung der Aber wenn es dann konkret wird, wird es schwieriger.
Menschen. Sie sind in den letzten Wochen einmal konkret gewor-
(Lachen bei Abgeordneten der SPD und der den. Sie haben gesagt, wir sollen den Rabatt der Pharma-
LINKEN) industrie auf Arzneimittel um 10 Prozentpunkte erhö-
hen. Wir haben vor zwei Wochen hier im Deutschen
Aber weil sich Linke und SPD nach der Zerlegung bei Bundestag mit dem GKV-Änderungsgesetz die Erhö-
der Bundespräsidentenwahl nicht einigen können und hung des Zwangsrabattes auf Arzneimittel für die ge-
sich vollends auf die Taktiererei nach dem Motto verlegt setzliche Krankenversicherung durch die Pharmaindus-
haben: „Und täglich grüßt das Murmeltier“, gab es ges- trie um 10 Prozentpunkte beschlossen. Die einzige
tern eine Aktuelle Stunde zu diesem Thema und heute Fraktion, die dagegengestimmt hat, war die SPD-Frak-
wieder eine. tion.
(Birgitt Bender [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- (Ulrike Flach [FDP]: Hört! Hört!)
NEN]: Freuen Sie sich doch!)
Das soll mir doch einmal jemand erklären: Sie stellen
Das ist das eigentliche Armutszeugnis dieser ganzen sich hierhin, schreien fortwährend, man solle sparen,
Veranstaltung. wenn aber dann gespart wird, dann stimmen Sie dage-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) gen. Das ist doch nicht mehr zu verstehen, Herr Kollege
Lauterbach. Das macht das Ganze nur noch alberner.
Das gibt uns andersherum die Gelegenheit, noch ein-
mal deutlich zu machen, warum der Kompromiss der (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Zu-
Koalition gelungen ist. ruf von der SPD: Zuhören!)
5638 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Jens Spahn
(A) Zweitens. Neben der Frage der Zuwachsbegrenzung Innovationen, und zwar für jedermann – unabhängig (C)
im nächsten Jahr ist die Rückkehr zum alten Beitragssatz vom Alter und Einkommen. Damit das in einer älter
der gesetzlichen Krankenversicherung von 15,5 Prozent werdenden Gesellschaft und bei medizinischem Fort-
ein weiterer Punkt. Diesen Beitragssatz haben wir zum schritt, etwa bei der Krebsdiagnose und -therapie, mög-
1. Januar 2009 in der Großen Koalition gemeinsam be- lich ist, braucht man eine breitere Finanzierungsgrund-
schlossen. In der Finanz- und Wirtschaftskrise haben wir lage.
den Satz Mitte 2009 auf 14,9 Prozent gesenkt, um An-
reize zu setzen, Arbeitsplätze zu erhalten und zusätzliche Es ist es übrigens wert, in einer Koalition ein paar
zu schaffen. Jetzt, zum Ende der Krise – die Zahl der Ar- Wochen und Monate darum in der Sache zu ringen,
beitslosen sinkt bemerkenswert stark, die Wirtschaft er- wenn am Ende ein gutes Ergebnis dabei herauskommt.
holt sich gut –, kehren wir zu diesem alten Beitragssatz (Harald Weinberg [DIE LINKE]: Neun Mo-
zurück. Entgegen dem, was an der einen oder anderen nate!)
Stelle behauptet wird, ist es im Übrigen auch völlig in
Ordnung, dass auch die Arbeitgeber mit in der Verant- Genau das wollen wir in den nächsten Wochen und Mo-
wortung sind und zusätzlich zahlen müssen. naten umsetzen. Es wäre schön, wenn Sie sich einmal
konstruktiv und nicht nur durch Geschrei in Aktuellen
Zum Dritten werden wir – das ist die Perspektive für Stunden beteiligen würden.
die Zukunft – den Zusatzbeitrag, den wir übrigens
– auch das will ich Ihnen einmal sagen – in der Großen Danke schön.
Koalition zusammen beschlossen und eingeführt haben –
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
SPD und Union haben diesen Zusatzbeitrag gemeinsam
Stefan Müller [Erlangen] [CDU/CSU]: Keine
beschlossen;
Hoffnung!)
(Mechthild Rawert [SPD]: Gedeckelt!)
ich weiß, dass Sie diesbezüglich eine politische Demenz Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
haben, das haben wir ja gestern schon hinreichend ge- Das Wort hat nun Karl Lauterbach für die SPD-Frak-
hört –, so weiterentwickeln, dass das, was damit be- tion.
zweckt ist, auch erreicht wird
Dr. Karl Lauterbach (SPD):
(Christian Lange [Backnang] [SPD]: Schwarz-
gelbes Chaos!) Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Wir müssen uns daran erinnern, was hier von
und dass wir zu gerechteren Verhältnissen als bisher Minister Rösler und auch von der Koalition versprochen
(B) kommen. Wir werden nämlich den sozialen Ausgleich (D)
wurde. Es sollte eine Reform aus einem Guss werden:
aus Steuermitteln vornehmen, das heißt, wir werden den keine Flickschusterei, keine Beitragssatzerhöhung. Die
sozialen Ausgleich auf mehr und breitere Schultern ver- solidarische Absicherung sollte ein Stück weit geschützt
teilen. Nicht mehr nur die 28 Millionen abhängig Be- werden, und die 1-Prozent-Regel – so wurde damals be-
schäftigten und ihre Arbeitgeber, die in die gesetzliche hauptet – sollte auch nicht wegfallen. Es sollte eine
Krankenversicherung einzahlen, sondern auch alle ande- nachhaltige Reform werden. Echte Strukturreformen
ren Steuerpflichtigen – die Bezieher aller Einkommens- wurden angekündigt. Das ist also das, was damals ange-
arten, die Privatversicherten und auch die Bezieher von kündigt wurde.
Einkommen über der Bemessungsgrenze – finanzieren
den Sozialausgleich. Das ist am Ende gerechter und Wenn Sie eine solche Reform gemacht hätten, dann
sollte doch gerade die Sozialdemokratische Partei hätten Sie tatsächlich unsere Zustimmung verlangen und
Deutschlands freuen. erwarten können. Was haben Sie stattdessen vorgelegt?
Was liegt heute vor? Seien wir doch ehrlich!
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
(Elke Ferner [SPD]: Murks!)
Am Ende steht das Ziel – um das geht es im Kern –,
eine flächendeckende Versorgung zu erhalten. Ich Es liegt eine Beitragssatzerhöhung vor, aber überhaupt
komme aus dem Münsterland, also einer ländlichen Re- keine Strukturreform; es gibt ein paar unsystematische
gion. Es geht nicht nur um Spitzenmedizin in München, und im Wesentlichen nicht besonders wirksame Sparvor-
Düsseldorf oder Berlin. Der Zugang zu medizinischer schläge, die Kopfpauschale wurde „durch die Hintertür“
Innovation ist ein hohes Gut. Wir haben eines der weni- eingeführt – hier ist Herr Seehofer, das sage ich einmal
gen Gesundheitssysteme auf der Welt, innerhalb dessen ganz offen, relativ erbärmlich eingeknickt –,
medizinische Innovationen und neue Arzneimittel für (Jens Spahn [CDU/CSU]: Sie verstehen es
die gesetzlich Versicherten direkt verfügbar und zugäng- nicht!)
lich sind. Vor allem sind sie für jeden in Deutschland zu-
gänglich. Was nützt Ihnen eine Spitzenmedizin, wenn und es gibt einen Sozialausgleich mit Alibifunktion. Das
wie zum Beispiel in den USA noch immer bis zu ist das, was vorliegt. Daher ist diese Reform aus meiner
40 Millionen Menschen ohne Versicherung und Gesund- Sicht auf der ganzen Linie gescheitert.
heitsschutz sind?
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
Diese drei Ziele wollen wir erreichen: eine flächende- DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
ckende Versorgung, einen weiterhin direkten Zugang zu LINKEN)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5639
Dr. Karl Lauterbach
(A) Minister Rösler hat damals sinngemäß gesagt – ich Die Wahrheit ist doch, dass wir Überschüsse hatten. (C)
muss sagen, das fand ich beeindruckend, weil das eine Keine einzige Krankenkasse hatte einen Zusatzbeitrag
außergewöhnliche Ankündigung war –: Wenn die Re- erhoben. Das wissen Sie selbst doch ganz genau. Wir
form misslingt, dann will mich niemand mehr als Minis- hatten einen ausgeglichenen Haushalt. Jetzt kann man
ter haben. – Ich kann nur sagen: Dieser Fall ist jetzt ein- unterschiedlicher Meinung sein, wie viel davon – –
getreten; jetzt ist es so weit. Das ist jetzt sozusagen der
(Heinz Lanfermann [FDP]: Kennen Sie den
Zeitpunkt dafür, den zweiten Schuh fallen zu lassen. Es
Schätzerkreis? – Ulrike Flach [FDP]: Das ist
ist so weit. Die Reform ist misslungen, und daher will
aber eine Geschichtsklitterung! Schämen Sie
der Bürger Sie als Minister, ehrlich gesagt, auch nicht
sich!)
mehr haben.
– Die KV-45-Tafel ist keine Schätzung, sondern das wa-
(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Markus
ren die Zahlen bei der damaligen Übergabe, das war der
Kurth [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] –
Bestand. Das ist die Bilanz, Herr Lanfermann. Die Bi-
Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]: Ist
lanz war damals positiv mit 1,4 Milliarden Euro.
das hier Ihre Fernsehshow?)
(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Heinz
– Machen Sie sich keine Sorgen, Sie sind ja gar nicht zu
Lanfermann [FDP]: Das Defizit kommt vom
sehen, Herr Kollege.
Schätzerkreis!)
(Heiterkeit bei Abgeordneten der CDU/CSU) Aber Sie sagen, wir hätten Ihnen 10 Milliarden Euro an
Zu Ihnen gibt es keinen Kommentar. Sie sind nicht zu Schulden überlassen. Das ist schlicht und ergreifend eine
sehen, von daher gibt es auch keine Kritik. Lüge, meine sehr verehrten Damen und Herren! Das
sind Ihre Schulden.
(Zuruf von Hartwig Fischer [Göttingen]
[CDU/CSU]) (Beifall bei der SPD – Ulrike Flach [FDP]:
Das sagen nicht wir, das sagt der Schätzer-
Wäre diese Beitragssatzerhöhung vermeidbar gewe- kreis!)
sen? Natürlich wäre die Beitragssatzerhöhung vermeid-
bar gewesen. Seit neun Monaten haben wir keinerlei – Das ist keine Schätzung, verstehen Sie.
Sparbemühungen gesehen. Wir haben auch kein Vor- (Ulrike Flach [FDP]: Natürlich! Was denn
schaltgesetz gesehen. Wir haben damals unter dem sonst!)
Druck drohender Beitragssatzerhöhungen immer Vor-
schaltgesetze gemacht. Jetzt steigen die Kosten im Ich wiederhole ja nur, was Herr Spahn sagt.
(B) Pharmabereich, im Krankenhausbereich und bei den nie- (Heinz Lanfermann [FDP]: Das Defizit von 2011 (D)
dergelassenen Ärzten um 6 Prozent; und jetzt kommt die stammt vom Schätzerkreis!)
Beitragssatzerhöhung. Da sagen Herr Spahn und andere,
wir hätten Sie mit den Schulden belastet. Das ist schlicht – Nein, ich muss es Ihnen erläutern. Es geht nicht um
und ergreifend eine Lüge. den Schätzerkreis. Herr Spahn sagt, wir hätten Ihnen ein
Defizit von 10 Milliarden Euro hinterlassen. Ich sage:
(Beifall bei der SPD) Das ist schlicht eine Lüge.
Als wir damals das Ministerium an Herrn Rösler (Heinz Lanfermann [FDP]: Das ist für 2011 zu
übergeben haben erwarten! – Gegenruf von Elke Ferner [SPD]:
(Jens Spahn [CDU/CSU]: Wer ist wir? Das Wie können wir denn für 2011 etwas hinterlas-
deutsche Volk!) sen?)
– nein, die Große Koalition; unter anderem wir beide –, Das hat nichts mit dem Schätzerkreis zu tun: Hören Sie
genau zu, was ich sage!
(Heiterkeit im ganzen Hause – Beifall bei der
SPD und der LINKEN) Was ist passiert? Ich bringe es auf den Punkt: Wir ha-
ben hier keine Strukturreform, wir haben die Kopfpau-
als die Große Koalition das Ministerium übergeben hat, schale durch die Hintertür. Die Kopfpauschale wird die
hatten wir in der KV-45-Tabelle Bezieher mittlerer und geringer Einkommen besonders
belasten. Die kleinen Leute werden belastet. Kapitaleig-
(Heinz Lanfermann [FDP]: Ich wusste gar nicht,
ner, Gutverdiener, Privatversicherte, diejenigen, die
dass Sie dabei waren, Herr Spahn!)
oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze liegen, werden
– Herr Lanfermann, das wäre auch für Sie ganz interes- geschont. Die Arbeitgeber sollen demnächst nicht mehr
sant – einen Überschuss von 1,4 Milliarden Euro. Jetzt mitbezahlen. Nur die kleinen Selbstständigen, nur die
schwadronieren Sie von einem Defizit von 10 Milliarden kleinen Arbeitnehmer müssen bezahlen.
Euro und verbreiten die Legende, um nicht zu sagen, die
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Lüge, wir hätten Sie mit einem Schuldenhaushalt von
10 Milliarden Euro belastet. Das stimmt doch gar nicht! Sie quetschen die Menschen aus, die von ihrer Hände
Arbeit leben müssen. Dafür werden Sie abgewählt. Sie
(Beifall bei der SPD – Heinz Lanfermann
stehen jetzt bei 4 Prozent.
[FDP]: Was haben Sie denn gegen den Schät-
zerkreis?) (Beifall bei Abgeordneten der SPD)
5640 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Dr. Karl Lauterbach


(A) Sie werden die Netto-Lügen-Partei sein. Man wird Ihnen (Maria Anna Klein-Schmeink [BÜNDNIS 90/ (C)
bis zum Schluss, bis zur Abwahl vorwerfen, dass Sie die DIE GRÜNEN]: Ganz klare Ansage!)
Netto-Lügen-Partei sind. Sie haben gelogen, als Sie ge-
Zur Stabilisierung der Gesundheitsfinanzen müssen
sagt haben, Sie würden die Bezieher mittlerer Einkom-
und werden alle beitragen: Arbeitgeber, Arbeitnehmer,
men entlasten. Denn Sie haben genau dort zugeschlagen.
Leistungserbringer und auch die Krankenkassen.
Daher sind Sie ab heute – ob Sie das wollen oder nicht;
da können Sie filibustern, wie Sie wollen – die Netto- (Dr. Karl Lauterbach [SPD]: Die Privatversi-
Lügen-Partei. Das ist auch richtig so, meine sehr verehr- cherten! – Markus Kurth [BÜNDNIS 90/DIE
ten Damen und Herren. GRÜNEN]: Nur nicht die Apotheker!)
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem Daher begrenzen wir den Zuwachs bei der Vergütung der
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) ambulanten Versorgung bei Ärzten und Zahnärzten.
(Elke Ferner [SPD]: Die haben immerhin noch
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: einen Zuwachs!)
Das Wort hat nun Christine Aschenberg-Dugnus für Es wird eine Begrenzung des Vergütungsniveaus bei
die FDP-Fraktion. Hausarztverträgen geben,
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) (Dr. Karl Lauterbach [SPD]: Die armen Haus-
ärzte!)
Christine Aschenberg-Dugnus (FDP): und auch im stationären Bereich wird es Einsparungen
Vielen Dank, Herr Präsident. – Meine Damen und geben.
Herren! Nun haben wir uns heute hier versammelt, um
erneut über Gesundheit zu diskutieren. Mir kommt es so Beachtliche Einsparvolumina gibt es auch im Arznei-
vor, als wäre es erst gestern gewesen – aber von mir aus mittelsektor. Das entsprechende Gesetz kennen Sie be-
immer wieder gerne. reits. Es ist ein gutes Gesetz.

Kommen wir zur Sache: Die Menschen werden im (Beifall bei Abgeordneten der FDP und der
Schnitt immer älter. Das müssen wir immer wieder ver- CDU/CSU – Dr. Karl Lauterbach [SPD]: Das
breiten. Der medizinische Fortschritt ist eine erfreuliche glauben Sie doch selbst nicht!)
Tatsache. Die altersbedingten Krankheiten werden stark Wenn die Leistungserbringer ihren Teil zur Reform
zunehmen. beitragen, müssen selbstverständlich auch die Leistungs-
Dazu im Einzelnen ganz konkret: Die Zahl der zu er- empfänger herangezogen werden. Das ist genauso fair
(B) (D)
wartenden Herzinfarkte steigt bis zum Jahr 2050 um wie einleuchtend.
75 Prozent. (Maria Anna Klein-Schmeink [BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN]: Aber doch nicht gleich dop-
(Birgitt Bender [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- pelt!)
NEN]: Wenn Sie an der Regierung bleiben, be-
stimmt!) Deshalb wird der allgemeine Beitragssatz auf das Vor-
Wirtschaftskrisenniveau von 15,5 Prozent angepasst.
Bei Schlaganfällen gibt es ein zu erwartendes Plus von Damit nehmen wir die im Zuge der Konjunkturkrise mit
62 Prozent, und die Zahl der Demenzpatienten wird sich Steuermitteln, also auf Pump, finanzierte Absenkung der
bis zum Jahr 2050 verdoppelt haben. An dieser Tatsache Beiträge wieder zurück. Denn die Zeit der ungebremsten
kommen wir leider nicht vorbei. Sogar ein Schulkind Verschuldung ist endgültig vorbei.
kann sich ausrechnen: mehr alte Menschen, mehr Krank-
heiten, die erst bei alten Menschen auftreten, mehr Mög- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
lichkeiten, die Krankheiten erfolgreich zu therapieren. der CDU/CSU – Markus Kurth [BÜND-
All das kostet Geld, und zwar mehr als das, was uns bis NIS 90/DIE GRÜNEN]: Rekordverschul-
dato zur Verfügung steht. dung!)
Wir sagen den Menschen hier ganz ehrlich: Ja, wir Mit der Weiterentwicklung der Zusatzbeiträge kom-
brauchen mehr Geld für die Gesundheit. Ja, die Men- men wir endlich weg von der beschäftigungsfeindlichen
schen werden deshalb in Zukunft mehr bezahlen müssen Koppelung der Krankheitskosten an die Einkommen der
als in der Vergangenheit. Ja, es wird auf absehbare Zeit Arbeitnehmer. Wir haben doch erlebt, dass sich jede
nicht billiger, sondern eher teuerer. Aber dafür werden Konjunkturschwankung direkt auf die Gesundheitskas-
wir auch weiterhin das beste und weltweit anerkannteste sen auswirkt. Das können wir nicht weiter hinnehmen.
Gesundheitssystem behalten, und das ist gut so. Die Kassen erhalten nun die Möglichkeit, einkom-
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten mensunabhängige, individuelle Zusatzbeiträge festzule-
der CDU/CSU – Markus Kurth [BÜND- gen.
NIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann müssen wir (Zuruf von der LINKEN: Das ist unsozial!)
aber die Finanzierung gerechter machen!)
Die Kassen erhalten damit mehr Beitragsautonomie;
Die Alternative dazu wäre Rationierung. Ich hoffe, wir denn die Zusatzbeiträge landen direkt bei der Kranken-
sind uns darüber einig, dass wir das nicht wollen. kasse und werden nicht über den Gesundheitsfonds ge-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5641
Christine Aschenberg-Dugnus
(A) schleust. Auch das war uns sehr wichtig. Damit schaffen Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: (C)
wir den dringend notwendigen Wettbewerb zwischen Das Wort hat nun Kollegin Maria Klein-Schmeink für
den Krankenkassen. die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU) Maria Anna Klein-Schmeink (BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN):
Unterschiedliche Prämien bieten nämlich Anreize für
Kassen und Patienten. Der Patient kann also die völlig Herr Präsident! Meine lieben Kolleginnen und Kolle-
transparenten Preise und Leistungen der Kassen verglei- gen! Wie immer bekomme ich die besonderen Stich-
chen. Man darf den Menschen ruhig zutrauen, dass sie worte von den Vorrednerinnen und Vorrednern der FDP.
unterschiedliche Preisniveaus bewerten können. Das war auch dieses Mal der Fall. Wenn hier von Plan-
wirtschaft gesprochen wird, dann muss man doch der
(Ulrike Flach [FDP]: Das ist wohl wahr!) FDP ganz klar vorwerfen: Sie sind marktradikale An-
Ich zitiere Herrn Böll auf Spiegel Online vom gestri- hänger einer Theorie, die die Steuerung der gesundheitli-
gen Tage: chen Versorgung dem Wettbewerb überlassen will.

Wer wegen einer 5-Cent-Ersparnis beim Joghurt (Ulrike Flach [FDP]: Das glauben Sie nicht
fünf Kilometer fährt, dürfte auf solche Preissignale wirklich!)
bei den Zusatzbeiträgen ebenfalls reagieren. Das werden wir jedenfalls nicht mitmachen, und das
Recht hat der Mann! wird auch der Großteil der Bevölkerung nicht mitma-
chen. Seien Sie sich dessen sicher!
(Mechthild Rawert [SPD]: Das machen nur die
Leute mit geringerem Einkommen!) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
Außerdem führen wir weitere strukturelle Änderun- LINKEN)
gen im System durch: eine Honorarreform für den ambu-
lanten Bereich mit klar erkennbaren Preisen, Auswei- Sie haben sich sehr viel Mühe gegeben, meine Vor-
tung der Kostenerstattung und die Reform der Selbst- redner und Vorrednerinnen von den Regierungsparteien,
verwaltungsorgane. Außerdem werden wir eine Präven- deutlich zu machen, es handle sich hier um ein faires Pa-
tionsstrategie entwickeln und die Gesundheits- und Ver- ket. Was fair daran sein soll, dass sämtliche Kostenstei-
sorgungsforschung ausbauen. Der Vorwurf der Opposi- gerungen in der Zukunft allein von den Versicherten auf-
tion entbehrt daher jeder Grundlage, Frau Bunge und gefangen werden müssen – einmal über die Beiträge,
(B) Herr Lauterbach. zum anderen über die Zusatzbeiträge –, müssen Sie uns (D)
(Dr. Karl Lauterbach [SPD]: Das werden Sie und der Bevölkerung einmal erklären. Ich glaube, das
sehen! Keine Sorge!) wird Ihnen nicht gelingen.

Wir stellen sicher, dass die Zusatzbeiträge direkt an (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
die Kassen gehen und dass diejenigen, die davon über- und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
fordert werden, einen Ausgleich erhalten. Sie sehen also: LINKEN – Christine Aschenberg-Dugnus
Wettbewerb und soziale Verantwortung gehen bei uns [FDP]: Nicht zugehört!)
Hand in Hand. Wenn Sie in die Presse schauen, können Sie feststellen,
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten dass keiner der Autoren Ihre Argumentation auch nur in
der CDU/CSU) Ansätzen nachvollzogen hat.
(Christine Aschenberg-Dugnus [FDP]: Da le-
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: sen Sie die falschen Zeitungen!)
Frau Kollegin, Sie müssen zum Ende kommen.
Alle sagen rundweg – Sie können sich den Presse-
spiegel anschauen –: Es handelt sich um einen faulen
Christine Aschenberg-Dugnus (FDP):
Kompromiss. – Es ist völlig klar: Die Zuwächse werden
Ich komme zum Ende. – Mit den von uns eingeleite- von den Patienten und von den Versicherten zu zahlen
ten Maßnahmen zur Reduzierung der Ausgaben und Sta- sein.
bilisierung der Einnahmen haben wir ein sehr wirksames
Mittel gefunden, der bisherigen Planwirtschaft im Ge- Das heutige Thema sind aber die Perspektiven der
sundheitswesen ein Ende zu bereiten. Gesundheitspolitik. Da stellt sich die Frage, welche Per-
spektiven eigentlich aufscheinen. Haben Sie uns über-
Herzlichen Dank.
haupt Perspektiven aufgezeigt? Als Erstes haben Sie es
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten gerade einmal geschafft, das kommende Defizit in den
der CDU/CSU – Widerspruch bei der SPD Griff zu bekommen. Darauf sind Sie stolz wie Oskar. Ich
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – verstehe diesen Stolz nicht. Sie hätten dieses Defizit
Mechthild Rawert [SPD]: Planwirtschaft hat gleich zu Beginn dieses Jahres durch einen Federstrich
wenigstens noch einen Plan! – Heinz vermeiden können. Das wäre im Haushaltsgesetz leicht
Lanfermann [FDP]: Man kann ja auch sachlich möglich gewesen. Sie hätten sich dieses ganze Theater
reden, wie es gerade gemacht wurde!) sparen können. Es ist überhaupt kein Stolz angebracht.
5642 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Maria Anna Klein-Schmeink


(A) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Davon haben Sie nicht eine einzige in Angriff genom- (C)
sowie bei Abgeordneten der SPD) men. Sie schieben das in die Zukunft. Kein einziges der
strukturellen Probleme haben Sie auch nur annähernd
Herr Spahn, Sie haben gestern stolz darauf verwiesen, gelöst.
dass Sie etwas in Sachen Gesundheitspolitik geschafft
haben, und gleichzeitig der SPD Versäumnisse vorge- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
worfen. Es sei daran erinnert: Dieses Defizit geht ge-
nauso auf Ihr Konto wie auf das der SPD. Machen Sie In den letzten Tagen habe ich immer nur gehört: Wir
sich da keinen schlanken Fuß! setzen auf Wettbewerb. – Welche Wettbewerbsstrukturen
sollen denn sicherstellen, dass die Aufgaben der ortsna-
(Jens Spahn [CDU/CSU]: Hätten Sie den Kranken- hen Versorgung und der Behebung des Fachkräfteman-
häusern nicht mehr Geld gegeben?) gels auch nur annähernd bewältigt werden können? Das
– Darauf komme ich gleich. – werden sie natürlich nicht. Das wird mit 160 im Karten-
wettbewerb zueinander stehenden Krankenkassen, die
(Jens Spahn [CDU/CSU]: Nein, das ist ent- ständig damit beschäftigt sind, welchen Zusatzbeitrag
scheidend!) sie nun nehmen dürfen und welcher Zusatzbeitrag sie in
diesem Wettbewerb schlecht dastehen lässt, nicht mög-
Sie brauchen acht Monate, um die Situation zu ändern.
lich sein. Mit so aufgestellten Krankenkassen werden
Das ist Ihr Kardinalfehler. Es geht gar nicht darum, dass
Sie die drängenden Probleme in dieser Form nicht lösen
es Kostensteigerungen gegeben hat.
können. Es hilft nicht, allein auf Wettbewerb zu setzen.
(Jens Spahn [CDU/CSU]: Aha!) Es ist vielmehr nötig, dass man eine sozial orientierte,
eine solidarische und eine sozial verantwortliche Ge-
Sie haben dieses Defizit von vornherein im Gesetz ein- sundheitspolitik und mehr Zusammenarbeit auf den Weg
kalkuliert. Sie sind von einem Deckungsbeitrag für die bringt. Genau dafür fehlt Ihnen jedes Rezept.
GKV in Höhe von 95 Prozent ausgegangen. Alles andere
haben Sie wissentlich in Kauf genommen. Das ist doch (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
völlig klar. sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
KEN)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
KEN) Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Das Wort hat nun die Parlamentarische Staatssekretä-
Deshalb standen Sie in der Verantwortung, für diese Si-
rin Annette Widmann-Mauz.
tuation eine Lösung anzubieten. Sie haben also keinen
(B) Grund, stolz zu sein. (D)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Kommen wir zu den Perspektiven. Frau Aschenberg-
Dugnus und viele andere haben angesprochen, dass uns Annette Widmann-Mauz, Parl. Staatssekretärin beim
die demografische Entwicklung große Probleme bereiten Bundesminister für Gesundheit:
wird. Haben Sie bisher auch nur eine einzige Lösung auf Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen!
den Tisch gelegt oder gesagt, wie Sie mit diesem Pro- Liebe Kollegen! Der Verlauf der heutigen Debatte zeigt,
blem umgehen wollen? Keine einzige. Es hilft nicht, die wie notwendig und richtig es ist, dass die Bundesregie-
ländliche Versorgung zu beschwören, wenn man keinen rung und die sie tragenden Koalitionsfraktionen durch
einzigen Lösungsbeitrag vorlegt. Es hilft auch nicht, ei- einen mutigen Schritt ein weitreichendes Konzept vorge-
nen Zusatzbeitrag einzuführen, legt haben.
(Max Straubinger [CDU/CSU]: Jetzt erzählen (Birgitt Bender [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Sie mal, wie Sie damit umgehen!) Sie haben Wahrnehmungsstörungen!)
der gerade die Rentnerinnen und Rentner belasten wird, Das, was Sie von der Linken hier präsentiert haben
die es nicht schaffen werden, einfach in eine andere – mit zweimal 5 Prozent Beitrag die Finanzierung des
Krankenversicherung zu wechseln. Sie haben keine Lö- Systems und die Krankenhauskosten mit einer Unterde-
sung für die Probleme, die vor uns liegen. ckung von 50 Milliarden Euro zu finanzieren –, beruht
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN auf Rechenkünsten aus dem Wolkenkuckucksheim.
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN- (Dr. Martina Bunge [DIE LINKE]: Das habe
KEN) ich überhaupt nicht gesagt! Hören Sie zu!)
Ich bin mir sicher: Sie werden bei der nächsten Wahl Herr Kollege Lauterbach, bis jetzt sind Sie jeden Vor-
genau dafür die Quittung erhalten. In dieser Woche hat schlag schuldig geblieben. Sie haben nicht ein einziges
es eine Umfrage unter 1 200 Personen gegeben, von Finanzierungskonzept vorgelegt. Sie haben hier im Par-
denen sich 80 Prozent für ein Solidarsystem mit einer lament nicht einen einzigen konkreten Einsparvorschlag
paritätischen Finanzierung ausgesprochen haben – das mitgetragen.
wollen auch wir –, die aber auch Versorgungslücken ge-
sehen haben und eine verbesserte Zusammenarbeit und (Dr. Karl Lauterbach [SPD]: Wir haben ein
mehr Investitionen in die Prävention gefordert haben. Arzneimittelpaket abgegeben! – Christian Lange
Das sind die großen Aufgaben, die wir angehen müssen. [Backnang] [SPD]: Es geht doch auch um Ihre
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5643
Parl. Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz
(A) Politik, um Ihre Misswirtschaft! Es geht um bis in die Apotheke – und bei den Verwaltungskosten der (C)
Ihren Murks!) Krankenkassen. Wir verlangen von allen Beteiligten ei-
nen Beitrag zur Stabilisierung der Ausgaben.
Im Gegenteil: Was Sie hier im Parlament eingebracht ha-
ben, waren Änderungsanträge, die die Pharmaindustrie (Maria Anna Klein-Schmeink [BÜNDNIS 90/
begünstigt hätten. Ich erinnere nur an die Arzneimittel- DIE GRÜNEN]: Nur von einigen besonders
importeure; das ist gerade einmal wenige Tage her. viel!)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Wir verlangen ihn aber mit Sinn und Verstand, und
Es gibt keine verantwortbare Alternative zu den Maß- zwar ohne notwendige und sinnvolle Leistungen einzu-
nahmen, die wir jetzt beschlossen haben. Wir schaffen schränken oder die Menschen vom medizinischen Fort-
damit die Grundlage für ein stabiles, ein transparentes, schritt abzukoppeln.
ein gerechtes und ein effizientes Gesundheitssystem. Ich kann nur sagen: Es geht nicht, dass man im Parla-
(Christian Lange [Backnang] [SPD]: Das glaubt ment und im Ausschuss immer wieder größtes Verständ-
Ihnen kein Mensch, und es stimmt vor allen nis für die Nöte der Beschäftigten äußert – ob sie nun im
Dingen nicht!) Krankenhaus als Ärzte oder Pflegekräfte beschäftigt sind
oder die medizinische Versorgung im ländlichen Raum
Das ist ein klarer Schritt in Richtung einer dringend abdecken –, sich aber dann, wenn es darum geht, ihnen
erforderlichen Stabilisierung der gesetzlichen Kranken- auch eine leistungsgerechte Vergütung zukommen zu
versicherung. Wir verhindern mit diesen Maßnahmen, lassen bzw. diese abzusichern, durch die Gänge zu ma-
dass die gesetzlichen Krankenkassen im nächsten Jahr chen. Das geht nicht. Wir handeln an dieser Stelle ver-
unter der Last eines Defizits von 11 Milliarden Euro zu- antwortlich.
sammenbrechen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
(Maria Anna Klein-Schmeink [BÜNDNIS 90/ Maria Anna Klein-Schmeink [BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN]: Das ist auch Ihre Aufgabe! DIE GRÜNEN]: Das tun wir nicht!)
Das ist doch das Mindeste!)
Mit dem Ziel der Ausgabenstabilisierung ist auch eine
Die Zusatzbeiträge auf der Grundlage eines kassenin- mittel- und langfristige Perspektive verbunden. Wir wer-
ternen Sozialausgleichs, wie sie heute existieren, hätten den in dieser Legislaturperiode strukturelle Reformen im
doch dazu geführt, dass sich die Krankenkassen selbst Gesundheitswesen auf den Weg bringen, Reformen, die
strangulieren. Dies gilt insbesondere für diejenigen, für mehr Wahlfreiheit für den Einzelnen, weniger Bürokra-
die Sie doch sonst meinen, Politik zu machen. Ich meine tie und vor allen Dingen mehr Wettbewerb schaffen. Die
(B) die Krankenkassen, die Menschen mit geringen Einkom- zentrale Voraussetzung für funktionierenden Wettbewerb (D)
men versichert haben. sowohl zwischen den Krankenkassen als auch zwischen
(Ulrike Flach [FDP]: So ist es! – Christian Lange den Leistungserbringern ist, dass Krankenkassen wirk-
[Backnang] [SPD]: Almosen sind das!) lich Planungssicherheit haben und damit die langfristige
Perspektive besitzen, gestalten zu können. Deshalb müs-
Wir sind deren Fürsprecherinnen und Fürsprecher. sen wir die Finanzgrundlagen stärken.
Deshalb ändern wir dieses System der Zusatzbeiträge.
Das erreichen wir auf folgenden Wegen:
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Erstens. Wir sehen einen zusätzlichen Steuerzuschuss
Die Krankenkassen hätten doch bei diesem Defizit gar von 2 Milliarden Euro für das Jahr 2011 vor. Dazu kann
keine Möglichkeit und keine Perspektive mehr, die qualita- ich nur sagen: Das ist eine notwendige und richtige Maß-
tiv hochwertige Gesundheitsversorgung unserer Bevölke- nahme.
rung aufrechtzuerhalten. Was wären denn die Perspektiven
gewesen? Insolvenzen? Leistungskürzungen? Leistungs- Zweitens. Wir stellen den Zustand von vor der Wirt-
ausschlüsse? Rationierung von Leistungen? Höhere Zu- schaftskrise wieder her. Ministerin Schmidt und allen
zahlungen? Beteiligten war schon klar, dass die Beitragsabsenkung
vorübergehend ist und dass dieses Defizit wieder entste-
(Dr. Martina Bunge [DIE LINKE]: Ein neues hen wird. Vielleicht haben Sie, Kollege Lauterbach, in
System wäre die Konsequenz gewesen!) den entsprechenden Sitzungen in der letzten Legislatur-
Die Leidtragenden dieser Perspektiven, die Sie in Kauf periode gefehlt; wahrscheinlich hat Frau Schmidt mit Ih-
nehmen wollen, wären die Kranken und die Schwachen nen darüber nicht gesprochen. Dass Ihnen dies nicht klar
gewesen, die auf die Stabilität dieses Systems angewie- war, zeigt, wie weit Sie von der gesundheitspolitischen
sen sind. Realität in unserem Land entfernt sind.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich kann Ihnen nur sagen: Ein vorrangiges Ziel ist es, Drittens. Wir haben den Krankenkassen über die Zu-
dass die Ausgaben in der gesetzlichen Krankenversiche- satzbeiträge die erforderliche Finanzautonomie zurück-
rung stabilisiert werden. Das erreichen wir durch kurz- gegeben. Auch das ist dringend notwendig. Schauen Sie
fristige Einsparungen auf der Seite der Leistungserbrin- einmal: Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversi-
ger, und zwar der Krankenhäuser, der Ärzte, der cherung in den letzten 15 Jahren sind deutlich stärker
Pharmaindustrie – vom Hersteller über den Großhändler und dynamischer gewachsen als die beitragspflichtigen
5644 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Parl. Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz


(A) Einnahmen, und das, obwohl wir eine Vielzahl von Maß- Wir stellen Transparenz hinsichtlich Preis und Leis- (C)
nahmen in unterschiedlichen Koalitionsformationen tung her. Wir schaffen beim Versicherten den Anreiz, in
durchgeführt haben, obwohl Kosten über Budgets oder eine günstigere, in eine effizientere Krankenkasse zu
über Zwangsabgaben gedämpft wurden, obwohl wir in wechseln.
der Vergangenheit strukturelle Maßnahmen ergriffen ha-
Das sind Perspektiven für Krankenkassen und für
ben – denken Sie an die DRGs, denken Sie an Regelleis-
Versicherte, hochwertige Verträge abzuschließen, ein gu-
tungsvolumina, denken Sie an Festbeträge! –, obwohl
tes Versorgungsmanagement zu organisieren und eine
wir mehr Wettbewerb ins System gebracht haben. Den-
effiziente Verwaltung aufzubauen. Das sind Perspekti-
ken Sie an Rabattverträge, an Verträge zur Integrierten
ven, die unser Konzept schafft, und das sind Perspekti-
Versorgung, an Ausschreibungen!
ven, die den Menschen in unserem Lande zugutekom-
Trotzdem hat sich der Abstand zwischen Einnahmen men.
und Ausgaben weder verringert, noch ist er gleich ge- Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
blieben, sondern er ist sogar größer geworden. Das zeigt
ganz klar: Demografische Entwicklungen und medizini- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
scher Fortschritt haben Folgen für das Gesundheitswe-
sen, und sie fordern ihren Preis. Ich kann Ihnen nur sa- Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
gen: Wer im Interesse der Menschen diesen Bedarf Das Wort hat nun Bärbel Bas für die SPD-Fraktion.
decken will, der hat keine Alternative, wenn er Arbeits-
plätze nicht gefährden und Konflikte nicht auf dem Bu- (Beifall bei der SPD)
ckel der Kranken und der sozial Schwachen austragen
will. Wir wollen das nicht tun. Bärbel Bas (SPD):
Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! In
Zu diesen Maßnahmen gibt es keine Alternative. Wir
den letzten Tagen konnte man dazu wirklich viele Über-
schaffen neue Perspektiven für dieses System.
schriften in den Medien lesen. Ich will sie jetzt gar nicht
Neben der erforderlichen Stärkung der Finanzierungs- alle wiederholen; darüber haben wir gestern schon ge-
grundlage ist unser erklärtes Ziel, sicherzustellen, dass sprochen. Für mich bestätigt sich das, was ich schon in
die Versicherten nicht über Gebühr belastet werden. einer Rede im April gesagt habe, nämlich dass der
Deshalb gestalten wir den Zusatzbeitrag gerecht. Minister als Tiger gestartet ist und mit seinen Vorschlä-
gen als Bettvorleger landen wird.
(Widerspruch bei Abgeordneten der SPD und
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
(B) des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Zuruf (D)
Wie geschieht dies? Wir sorgen dafür, dass der soziale von der CDU/CSU: Es gibt auch stärkere Bil-
Ausgleich nicht mehr innerhalb der einzelnen Kranken- der! – Gegenruf des Abg. Christian Lange
kasse, sondern im gesamten GKV-System stattfindet. [Backnang] [SPD]: Es war aber ein treffendes
Das Ganze ist fair gestaltet, da der Ausgleich vom ersten Bild!)
Euro des Zusatzbeitrags an durchgeführt wird. Es geht
Sie, Herr Minister, sind mit dem Ziel angetreten, alles
also nicht mehr um einen Betrag von 8 Euro, bei dem
gerechter, sozialer, stabiler und transparenter zu machen.
keine Einkommensprüfung stattfindet.
Vor allem wollten Sie es anders machen als Ihre Vorgän-
(Elke Ferner [SPD]: Den wollten Sie doch ha- ger im Amt.
ben! Sie haben darauf bestanden!) (Elke Ferner [SPD]: Anders ist nicht besser!)
Wir finanzieren den Sozialausgleich aus Steuermit- Was ist von diesen Ankündigungen übrig geblieben?
teln. Damit beteiligen sich privatversicherte Einkom- Letztendlich ist nichts davon übrig geblieben. Sie kündi-
mensbezieher und eben auch Arbeitgeber – das sind die gen Kostendämpfungen und gleichzeitig eine Beitrags-
stärkeren Schultern in unserem Land – an diesem Aus- satzerhöhung an. Ich möchte wirklich einmal wissen, wo
gleich. Dadurch ist unser Ansatz deutlich gerechter. die Unterschiede zu Ihren Vorgängern liegen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Ich habe nachgeforscht, welche Unterschiede es denn
tatsächlich zu Ihren Vorgängern gibt. Mir sind ganze drei
Wir gestalten diesen Ausgleich unbürokratisch: Er eingefallen: Erstens haben Sie extrem lange gebraucht,
wird über den Arbeitgeber bzw. den Rentenversiche- zweitens haben Sie vorher etwas völlig anderes gesagt,
rungsträger gewährt. als Sie jetzt machen, und drittens kassieren Sie die ge-
(Maria Anna Klein-Schmeink [BÜNDNIS 90/ setzlich Versicherten in einem Ausmaß ab, das, glaube
DIE GRÜNEN]: Wie das geht, zeigen Sie uns ich, vorher noch nie da gewesen ist.
noch!) (Beifall bei der SPD sowie der Abg. Maria
Anna Klein-Schmeink [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Wir schaffen die Nachteile im Wettbewerb derjenigen
NEN])
Krankenkassen ab, die hauptsächlich Einkommensschwa-
che versichern. Wir befördern damit über Preissignale Ich will Ihnen einmal sagen, wie die Vorschläge aus-
endlich wieder den Wettbewerb um eine effizientere Ver- sehen. Sie belasten die Wirtschaft und die Versicherten
sorgung der Versicherten mit innovativen Konzepten. mit 6 Milliarden Euro. Das ist eine ganz erhebliche
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5645
Bärbel Bas
(A) Summe. Daneben machen Sie ein Sparpaket von nur Jetzt nenne ich Ihnen einmal ein paar Zahlen, die ganz (C)
3,5 Milliarden Euro. Ich sage deshalb „nur“, weil ich es interessant sind – die Deutsche BKK, die schon einen
nicht für gerecht halte, Zusatzbeitrag erhebt, hat das für 2010 einmal ausgerech-
net –: Von 8 Euro gehen 1,60 Euro in die Verwaltung.
(Beifall bei der SPD) Das macht bei der Kasse 12 Millionen Euro. 10 Prozent
wenn bei einem Defizit von 11 Milliarden Euro Versi- der Verwaltungsausgaben entfallen damit auf die Erhe-
cherte und Wirtschaft 6 Milliarden Euro tragen, die bung des Zusatzbeitrags.
Pharmaindustrie, Ärzte und Krankenhäuser aber nur (Ulrike Flach [FDP]: Aber das haben Sie auf
3,5 Milliarden Euro. den Weg gebracht, Frau Bas! Das ist die alte
(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Wollen Sie bei Regelung! Warum beschweren Sie sich über
den Ärzten mehr sparen?) Ihre eigene Regelung?)
Das ist eine ungerechte Verteilung der Belastung. Da – Ich beschwere mich nicht. Aber Sie wollen es doch
müssen Sie es schon hinnehmen, dass das als nicht ge- besser machen.
recht bezeichnet wird. (Ulrike Flach [FDP]: Aber Sie zeigen gerade,
Jetzt kommt es noch besser. Wenn das nicht reicht, wie schlecht es ist!)
müssen die Kassen eine Kopfpauschale erheben – und Sie verschwenden über die Verwaltungskosten bei einer
das in Zukunft in unbegrenzter Höhe. Damit haben Sie Kasse 12 Millionen Euro. Damit könnten Sie 6 000 me-
den Weg dafür freigemacht, dass die Kassen bis zu dizinische Rehamaßnahmen oder 3 000 Mutter- oder Va-
10 Milliarden Euro bei den Versicherten abschöpfen ter-Kind-Kuren finanzieren. Das sind nur einige Beispiele
können – das hat es, glaube ich, bisher auch noch nicht für das, was wir mit Ihrer Bürokratie verschwenden.
gegeben –, und zwar ohne einen Euro Ausgleich. Sie ha-
ben nämlich die Hürde für den Sozialausgleich mal eben (Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Jetzt haben Sie
auf 2 Prozent hochgesetzt. Erst dann gibt es einen Aus- aber einen Fehler gemacht! – Ulrike Flach
gleich – bisher waren die Zusatzbeiträge auf 1 Prozent [FDP]: Eigentor!)
der beitragspflichtigen Einnahmen begrenzt –, – Das war kein Eigentor; denn die Vorschläge, die Sie
(Dr. Erwin Lotter [FDP]: Ohne Sozialaus- jetzt auf den Tisch gelegt haben, sind weder gerecht
gleich!) noch sozial ausgewogen. Sie stabilisieren damit in kei-
ner Weise das Gesundheitssystem, sondern lediglich die
und das ist überhaupt nicht sozial und gerecht schon gar Arbeitgeberbeiträge und Ihre chaotische Koalition.
nicht.
(B) Der Satz Ihres Generalsekretärs Lindner „Der Staat ist (D)
(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Maria ein teurer Schwächling“ hat für mich Gestalt angenom-
Anna Klein-Schmeink [BÜNDNIS 90/DIE men in Person des Gesundheitsministers.
GRÜNEN])
(Beifall bei der SPD – Zurufe von der CDU/
Unvermeidbare Ausgabensteigerungen werden CSU und der FDP: Oh!)
durch Zusatzbeiträge der Versicherten finanziert.
Mit diesem Satz haben Sie endlich die Katze aus dem Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Sack gelassen. Ab 2012 zahlen nämlich die Mitglieder Das Wort hat nun Erwin Lotter für die FDP-Fraktion.
der gesetzlichen Krankenversicherung die Zeche ganz
allein. Das nenne ich ebenfalls nicht sozial, nicht ausge- (Beifall bei der FDP)
wogen und nicht gerecht.
Dr. Erwin Lotter (FDP):
Wenn Sie sich schon dafür feiern, dass die gesetzliche Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Krankenversicherung die Beitragsautonomie zurückbe- Meine Damen und Herren! Die heutige Aktuelle Stunde
kommt, dann müssen Sie ihr auch zeitgleich Möglich- auf Antrag der Linken beweist doch eigentlich nur eines:
keiten geben, stärker als bisher Rabatte auszuhandeln, Nicht in der Gesundheitspolitik der Regierung herrscht
Verträge mit Ärzten und Krankenhäusern zu schließen. Perspektivlosigkeit, sondern in der Fraktion Die Linke
Aber hier bleiben Sie genauso wie mit Ihrem Arzneimit- selbst. Ganz offensichtlich weiß die Opposition nicht,
tel-Neuordnungsgesetz im Ansatz stecken. Nichts davon wovon sie redet.
liegt auf dem Tisch.
(Harald Weinberg [DIE LINKE]: Sie haben
Sie rühmen sich weiterhin, den Ausgleich ganz unbü- doch keinen Plan!)
rokratisch zu gestalten. Konsequenterweise hätten Sie
auch die Erhebung des Zusatzbeitrags über den soge- Von Perspektivlosigkeit kann nach dem vergangenen
nannten Quellenabzug organisieren müssen. Vor allem Dienstag doch überhaupt nicht mehr die Rede sein.
wäre das auch wirtschaftlicher gewesen. Sie sagen: Das
(Beifall bei der FDP – Maria Anna Klein-
alles geht ganz einfach. Die Arbeitgeber können das
Schmeink [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
EDV-gestützt leisten. Die Rentenversicherer können das
Aber vorher, oder was?)
EDV-gestützt leisten. – Nur haben Sie offenbar verges-
sen, dass die Zusatzbeiträge von den Kassen eingesam- Seit der Bundestagswahl ist kaum mehr als ein halbes
melt werden müssen. Jahr vergangen, und wir haben endlich eine Gesund-
5646 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Dr. Erwin Lotter


(A) heitsreform, die diesen Namen auch verdient. Zum ers- fordert werden. Dass die Mehrwertsteuerlüge-Partei (C)
ten Mal seit Jahrzehnten – ich betone: seit Jahrzehnten – SPD uns hier ausgerechnet Lügen vorwirft, das ist schon
geht es bei dieser Reform nicht nur um Kostendämp- dreist.
fung.
(Beifall bei der FDP – Dr. Karl Lauterbach
(Birgitt Bender [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- [SPD]: Netto-Lüge-Partei FDP!)
NEN]: Ihr wolltet doch gar keine Kosten-
dämpfung!) Bisher führten steigende Gesundheitskosten zu stei-
genden Arbeitskosten. Alle bisherigen sogenannten Ge-
Es geht um den Einstieg in eine solide, nachhaltige und sundheitsreformen waren reine Gesetze zur Kosten-
gerechte Finanzierung des Gesundheitssystems. dämpfung. Das Ergebnis war: Deckelungen und
Budgetierungen, die dem Gesundheitssystem immer
Zugegeben, die Verhandlungen in der Koalition wa- mehr Fesseln angelegt haben. Die Entkoppelung der Ge-
ren nicht einfach. Aber für uns war der Koalitionsvertrag sundheits- von den Arbeitskosten führt auch zu mehr
der Maßstab, und die vereinbarten Maßnahmen haben Freiheit im Gesundheitssystem.
wir in einem ersten Schritt klar umgesetzt. Die Regie-
rung hat ein zukunftsweisendes Paket geschnürt. Es ent- (Beifall bei der FDP – Mechthild Rawert
hält sinnvolle Einsparungen in Milliardenhöhe [SPD]: Für wen?)
(Birgitt Bender [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Selbstverständlich müssen Mediziner und Angehö-
NEN]: Belastungen zukünftiger Generatio- rige der Heilberufe künftig darauf achten, dass die Ver-
nen!) antwortung gegenüber den Patienten und die Verantwor-
tung gegenüber der Finanzierbarkeit des Systems im
ebenso wie erste Schritte zum Einstieg in eine nachhal- Gleichgewicht bleiben. Dieses Gleichgewicht wird je-
tige Finanzierung des Gesundheitswesens – und dies doch nicht mehr zentralistisch verfügt wie bisher, son-
ohne Einschränkung der Qualität. dern in die Hände des Fachpersonals gelegt. Das ist eine
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten echte, eine fundamentale Verbesserung.
der CDU/CSU) (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Die einkommensunabhängigen Zusatzbeiträge wer- der CDU/CSU)
den nicht prozentual berechnet. Vielmehr erhebt jede
Uns allen geht es doch darum, die exzellente medizi-
Krankenkasse eine fixe Summe pro Versicherten. Dies
nische Versorgung in Deutschland aufrechtzuerhalten
bedeutet zum einen mehr Wettbewerb unter den gesetzli-
und fortzuentwickeln. Hohe Qualität und das Schritthal-
(B) chen Krankenkassen, da die Vergleichbarkeit der Bei- ten mit dem technischen Fortschritt sind nicht zum Null- (D)
träge direkt gegeben ist, und zum anderen mehr Transpa-
tarif zu bekommen. Der Koalition ist es gelungen, unver-
renz für die Versicherten, die endlich einen klaren
meidliche Kosten auf so viele Schultern wie möglich zu
Überblick über die Angebote der verschiedenen Kassen
verteilen und weniger abhängig von den Schwankungen
erhalten.
der Konjunktur zu werden. Gleichzeitig haben wir den
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten Weg zu einkommensunabhängigen Zusatzbeiträgen ge-
der CDU/CSU) ebnet. Das ist ein Ausweg aus den stümperhaften Nach-
besserungsmaßnahmen, die für die Gesundheitspolitik
Für die Kassen bedeutet die Aufhebung der Decke- der letzten zehn Jahre kennzeichnend waren. Das soll
lung der Zusatzbeiträge mehr Freiheit bei der Tarifge- Chaos sein?
staltung. Für die Arbeitgeber bedeutet das Einfrieren ih-
rer Beiträge Entkoppelung von den Arbeitskosten, (Dr. Karl Lauterbach [SPD]: Das ist zu pau-
endlich Planungssicherheit über Jahre hinaus. Das ist gut schal!)
für Investitionen, gut für das Wachstum und gut für das
Ich möchte nicht das Chaos erleben, das losbricht, wenn
Vertrauen in eine Politik, die nicht jedes Jahr eine neue
die Opposition weiterhin an unserem Gesundheitssystem
Sau durchs Dorf jagt.
herumpfuscht.
(Beifall bei der FDP)
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Für die Liberalen ist besonders wichtig, dass die Neu- der CDU/CSU)
regelung der Zusatzbeiträge auch einen Einstieg in das
Wir werden weiterhin mit Nachdruck Bundesgesund-
System des Sozialausgleichs bedeutet, den es bislang
heitsminister Rösler unterstützen. Wir zeigen Ihnen eine
nicht gab.
Perspektive auf. Wir haben eine Vision, und an dieser
(Zuruf von der LINKEN: Das ist eine Mogel- halten wir fest.
packung!)
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Für den Ausgleich über Steuermittel sind Steuererhö-
hungen nicht erforderlich. Wir werden genau beobach- Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
ten, wie sich dies auf Geringverdiener und Bezieher Das Wort hat nun Harald Weinberg für die Fraktion
mittlerer Einkommen auswirkt. Ganz im Gegensatz zu Die Linke.
den substanzlosen Behauptungen der Opposition gilt bei
uns: Wir wollen verhindern, dass die Versicherten über- (Beifall bei der LINKEN)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5647

(A) Harald Weinberg (DIE LINKE): (Beifall bei Abgeordneten der LINKEN) (C)
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
Ihr Problem ist: Sie wollen einen kompletten System-
Kollegen! Meine Damen und Herren! Der Prozess des
wechsel – zumindest die eine Seite der Koalition –, aber
vorliegenden Reformwerkes, die verschiedenen Stufen
gleichzeitig soll es so aussehen, als bliebe alles beim Al-
und die verschiedenen Ideen, die uns dargelegt wurden,
ten. Was dabei herauskommt, ist unsozialer Murks.
zeigen uns im Wesentlichen eines: Die Bundesregierung
– darin vor allem die FDP – hat keinen Plan. (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE
(Beifall bei der LINKEN)
GRÜNEN)
Im Übrigen geht es mit dem Chaos – das Sie uns vor- Herr Rösler, Sie meinen, Sie hätten eine nachhaltige
werfen wollen – weiter. Es gab eine Pressemeldung, in und soziale Finanzierung geschaffen. Ihr Modell läuft
der zu lesen war, dass die CSU am unbürokratischen darauf hinaus, dass in wenigen Jahren die Zusatzbeiträge
Sozialausgleich zweifelt. Ihr Gesundheitsexperte bis zur Belastungsgrenze von 2 Prozent des Einkom-
Straubinger führt aus: „Ich kann nicht erkennen, wie das mens steigen werden, zuerst bei den armen Versicherten,
umgesetzt werden soll.“ So geht das mit dem Chaos in später bei allen, zuerst bei klammen Kassen, später bei
dieser Regierung ein Stück weiter. allen Kassen. Was passiert denn dann, nachdem Sie allen
(Jens Spahn [CDU/CSU]: Wir diskutieren we- eine 2-prozentige Einkommenskürzung verpasst haben?
nigstens in der Sache!) Dann verwandelt sich Ihr sogenannter Sozialausgleich
automatisch in ein Instrument, das alle weiteren Kosten-
„Wichtig ist, was hinten rauskommt“, sagte Helmut steigerungen aus Steuern finanziert. Ein steuerfinanzier-
Kohl. Seiner politischen Erbin hingegen, der jetzigen tes Gesundheitssystem? Ist das das liberale Idealbild?
Kanzlerin, scheint es egal zu sein, was das Ergebnis für
die Versicherten, die Patientinnen und Patienten sowie Ihren Vorschlägen ist eines gemein: Am Ende zahlen
für die Beitragszahlerinnen und Beitragszahler bedeutet. die Versicherten. Wie schon die Vorgängerregierungen
Hinten rauskommen soll vor allem eines: der Koalitions- laden Sie fast alle Kostensteigerungen bei den Versicher-
frieden. ten und bei den Kranken ab. Als Feigenblatt haben Sie
sich überlegt, den Arbeitgeberbeitrag zunächst um
(Dr. Karl Lauterbach [SPD]: Hauptsache für 0,3 Prozent zu erhöhen, dann aber für alle Zeiten festzu-
die Bundesregierung! Genau!) schreiben. Das heißt, über kurz oder lang haben die Ver-
Liebe Bürgerinnen und Bürger in diesem Lande, raten sicherten eine zusätzliche Belastung von 2,3 Prozent. Sie
Sie mal, wer das zahlen darf. belasten die Versicherten in unserem Land fast achtmal
stärker als die Arbeitgeber. Ich frage Sie: Ist das sozial
(B) (Beifall bei der LINKEN) (D)
gerecht? Ist es sozial gerecht, dass die Versicherten oh-
Die Menschen in diesem Land wissen genau, dass die nehin schon 0,9 Prozent mehr Beiträge zahlen als die Ar-
Koalition auf ihre Kosten gerettet werden soll. Herr beitgeber? Dazu kommen die Praxisgebühr, Zuzahlun-
Rösler wird zwar nicht müde, zu behaupten, der Einstieg gen, wirtschaftliche Aufzahlungen und Leistungen, die
in eine dauerhaft solide Finanzierung sei geschafft. Das nicht mehr von der Krankenkasse übernommen werden.
glauben ihm nach einer Umfrage auf tagesschau.de, an Das ist weder sozial noch gerecht, und das wissen alle
der sich schon 15 000 Bürgerinnen und Bürger beteiligt Menschen draußen im Land.
haben, gerade mal 2,4 Prozent. (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
(Dr. Karl Lauterbach [SPD]: Es gibt noch zu des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
viele FDP-Wähler! – Zurufe von Abgeordne- Noch eine Bemerkung zum Mythos Lohnnebenkos-
ten der CDU/CSU und der FDP: Oh!) ten, der auch hier wieder bemüht worden ist: Die Export-
Damit glauben ihm das noch nicht einmal die 4 Prozent industrie hat diese Koalition offensichtlich vor den Kar-
verbliebenen FDP-Anhänger. ren gespannt. Sie kämpfen bei den Lohnnebenkosten
merkwürdigerweise um jeden Cent Entlastung, wohlge-
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord- merkt als höchstes Ziel der Gesundheitspolitik. Mit Hän-
neten der SPD) den und Füßen wehren Sie sich zum Beispiel dagegen,
Die Koalition will Unvereinbares zusammenbringen. das Defizit des nächsten Jahres dadurch auszugleichen,
Einerseits hätte die FDP das Gesicht verloren, wenn es dass die Arbeitgeber wieder den gleichen Beitragssatz
keine Kopfpauschale gegeben hätte, andererseits war die zahlen wie die Versicherten.
CSU – im Übrigen zu Recht – dagegen. Was haben Sie Wie würde sich eine Beitragssatzsteigerung um
gemacht? Sie haben pauschale Zusatzbeiträge geschaf- 0,9 Prozentpunkte für die Arbeitgeber auf die Exportin-
fen, die der Kopfpauschale in nichts nachstehen. dustrie auswirken? Nehmen wir ein typisches Exportgut,
den VW Golf mit einem Listenpreis von 18 275 Euro.
(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Doch! Das ist
Diese Beitragssatzsteigerung würde bei einem Lohnkos-
ein großer Unterschied! Sie haben das nicht
tenanteil von 15 Prozent – Tendenz sinkend – am Preis
kapiert! – Ulrike Flach [FDP]: Die Kopfpau-
gerade einmal 20 Euro ausmachen. 1 Prozent Wechsel-
schale hat keiner gewollt!)
kursschwankungen, die wir in der letzten Zeit ja mitun-
Die sind das ungerechteste Finanzierungsinstrument, das ter täglich haben, machen 185 Euro aus. Das ist also
es überhaupt gibt. deutlich mehr.
5648 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Harald Weinberg
(A) Sie hingegen belasten den VW-Facharbeiter durch (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- (C)
den 0,9-prozentigen Sonderbeitrag mit 405 Euro zusätz- neten der FDP)
lich im Jahr. Das soll gerecht sein? Wirtschaftlich sinn-
voller wäre es, wenn sich der Arbeitgeber an diesen Kos- Nicht anbiedern, Herr Lauterbach, sondern mit guter
ten wieder zur Hälfte beteiligen würde und der Politik überzeugen! Weil Sie dazu nicht in der Lage sind,
Facharbeiter das Geld zum Ausgeben hätte. sind Sie zu Recht da, wo Sie hingehören, nämlich auf
den Oppositionsbänken.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord-
neten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU –
GRÜNEN) Dr. Karl Lauterbach [SPD]: Nicht mehr lange!)

Dadurch, dass Sie über Ihr Konzept schreiben, es sei Weil Sie nicht in der Lage sind, verantwortungsvoll Poli-
gerecht, sozial, stabil, wettbewerblich und transparent, tik zu gestalten, haben Sie auch keine Antworten auf die
wird das, was unter dieser Überschrift steht, nicht besser. Herausforderungen, jedenfalls nicht solche, die über den
Die Menschen wollen keine stufenweise Abschaffung Tag hinausreichen. Das gilt insbesondere für die Ge-
der Solidarität im Gesundheitssystem. Sie wollen eine sundheitspolitik.
tatsächlich sozial gerechte Finanzierung, bei der starke (Johannes Singhammer [CDU/CSU]: So ist
Schultern mehr tragen als schwache. Das will die Linke es! – Dr. Karl Lauterbach [SPD]: Fangen Sie
auch. Das werden wir versuchen, durchzusetzen. an mit Ihrer Rede!)
Danke. Die Herausforderungen sind wirklich groß. Das für
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten 2011 erwartete Defizit beträgt rund 11 Milliarden Euro.
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) Die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben geht
stark auseinander. Deswegen ist die Politik aufgefordert,
zu reagieren.
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Das Wort hat nun Kollege Stephan Stracke für die (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
CDU/CSU-Fraktion.
Dabei ist die Leitlinie unserer Politik: Wir wollen keine
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- Kürzungen von Leistungen zulasten der Patientinnen
neten der FDP) und Patienten; wir wollen keine Rationierung und Priori-
sierung von Leistungen.
Stephan Stracke (CDU/CSU):
(Dr. Karl Lauterbach [SPD]: Sie haben noch
(B) Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten (D)
nichts Konkretes gesagt! Sie haben noch gar
Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! nichts gesagt!)
Bei den Redebeiträgen der Opposition von gestern und
heute habe ich ein Rauschen im Ohr. Das klingt wie ein Im Gegenteil: Wir gewährleisten, dass jede und jeder
Föhn. ungehinderten Zugang zu unserem exzellenten Gesund-
heitswesen hat, unabhängig von Alter, Geschlecht, Ein-
(Mechthild Rawert [SPD]: Gehen Sie einmal kommen und Krankheitsrisiko.
zum Hausarzt!)
(Johannes Singhammer [CDU/CSU]: So ist
Sie produzieren in diesem Saal nichts als heiße Luft. Mir
es!)
ist klar geworden, warum Sie zwei Aktuelle Stunden
brauchen – gestern und heute –: Sie verstehen es einfach Wir sorgen dafür, dass jede und jeder Teilhabe hat an
nicht, und, schlimmer noch, Sie haben keine eigenen Innovationen und medizinisch-technischen Fortschrit-
Vorschläge. ten.
(Beifall bei der CDU/CSU – Widerspruch bei Herr Lauterbach, genau dafür sorgen wir mit unseren
der SPD) vorgelegten Eckpunkten.
Wenn es dem Erkenntnisfortschritt auf der linken Seite (Beifall der Abg. Ulrike Flach [FDP])
dieses Hauses dient, erklären wir Ihnen die gute Gesund-
heitspolitik der christlich-liberalen Koalition herzlich Dabei gehen wir anders vor als die Opposition. Diese be-
gerne. trachtet ausschließlich die Einnahmeseite mit der Idee
einer sozialistischen Einheitsversicherung im Kopf,
Durchgängig bildet sich ein deutliches Muster ab: Da
steht die deutsche Sozialdemokratie, den Linken zuge- (Lachen bei der SPD – Steffen-Claudio
wandt, mit weit ausgebreiteten Armen, Lemme [SPD]: Solidarisch, nicht sozialis-
tisch!)
(Lachen bei der SPD – Dr. Karl Lauterbach [SPD]:
Bekämpfen Sie den Populismus!) die hinsichtlich der Wirkungen nichts anderes ist als ein
tiefer Griff in die Taschen der Menschen in Form einer
mit offenem Herzen, aber trübem Blick, sei es, wenn es zweiten Einkommensteuer und im Ergebnis eine
um die Wahl des Bundespräsidenten geht, sei es, wenn schlechtere medizinische Versorgung für alle bedeutet.
es um NRW geht; doch die Linke lässt sie abblitzen. Ja,
enttäuschte Liebe kann ganz schön nachtragend machen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010 5649
Stephan Stracke
(A) Wir hingegen machen im Bereich der Gesundheit zu- Steffen-Claudio Lemme (SPD): (C)
nächst genau das, was wir auch beim Bundeshaushalt Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Her-
tun, wenn es um die Reduzierung der Neuverschuldung ren! Herr Minister Dr. Rösler, Frau Staatssekretärin
geht: Wir heben Sparpotenziale – gerecht und fair –; Widmann-Mauz! Ich muss zugeben, dass die sogenannte
denn es ist fair, dass zunächst nach möglichen Sparbei- Gesundheitsreform der schwarz-gelben Regierungsko-
trägen im System gesucht wird. alition meine Erwartungen mehr als übertroffen hat. Ich
Vorschläge der Opposition dazu gibt es – bis auf ganz hatte mir, ehrlich gesagt, bis vorgestern nicht vorstellen
kleine – nicht, Fehlanzeige. Wir hingegen ziehen alle können, wie respektlos diese Bundesregierung, insbe-
Akteure heran, die Leistungserbringerseite mit der Phar- sondere der Gesundheitsminister, mit den 50 Millionen
maindustrie, den Apothekern, den Ärzten und Kranken- GKV-Beitragszahlern in unserem Land umgeht.
häusern auf der einen Seite und natürlich auch die Kran-
kenkassen auf der anderen Seite durch einen Stopp bei (Beifall bei der SPD)
den Verwaltungskosten. Der Sparbeitrag beträgt rund Diese Regierung ist dabei – nach rund neun Monaten
3,5 Milliarden Euro im nächsten Jahr und 4 Milliar- Koalitionsgezänk und kollektiver Orientierungslosigkeit
den Euro im Jahr 2012. Wir nehmen auch die Arbeitge- in der eigenen Gesundheitsreformdebatte –, sich ihre
ber mit in die Verantwortung, indem wir den paritätisch Handlungsunfähigkeit von den Beitragszahlern finan-
finanzierten Beitragssatz wieder auf das Niveau von vor ziell ausgleichen zu lassen.
der Finanz- und Wirtschaftskrise anheben. Ferner neh-
men wir Steuermittel in Form eines steuerlichen Bundes- (Beifall bei der SPD)
zuschusses in die Hand.
In Kurzform: Es wird bei den Versicherten mit einer
So nehmen wir zur Bewältigung des Defizits alle in Beitragsanhebung und einer glatten Verdoppelung des
den Blick: Arbeitgeber, Arbeitnehmer, die Leistungser- Zusatzbeitragsvolumens ungeniert abkassiert. Damit wird
bringer, die Krankenkassen und den Steuerzahler. Ich die Konjunktur geschwächt und somit durch die Hintertür
finde, wir haben hier ein ausgewogenes Konzept auf den auch die kleine Variante der unsozialen sogenannten
Weg gebracht, das Einseitigkeiten vermeidet und die So- Kopfpauschale eingeführt. Bei dieser Gesundheitsreform
lidarität im Gesundheitswesen erhält. komme ich nicht umhin, festzustellen, dass die Führungs-
Sicherlich wird es auch nach dieser Reform Kosten- riege im Gesundheitsministerium wohl völlig den Bezug
steigerungen geben. Wir verzeichnen jährlich Steigerun- zu den Versicherten verloren hat.
gen von 1 bis 3 Prozent. Wenn wir auch in Zukunft einen
(Beifall bei der SPD und der LINKEN – Zuruf
ungehinderten Zugang zum Gesundheitswesen und Teil-
von der SPD: Dafür haben die ja uns!)
(B) habe an Innovation und Fortschritt gewährleisten wol- (D)
len, dann müssen wir auch künftige Kostensteigerungen Ich empfehle den Kolleginnen und Kollegen auf der
mit aufnehmen. Deshalb bedarf es Veränderungen auf Regierungsbank dringend, sich mit den Nöten der Bür-
der Einnahmeseite, und diese nehmen wir auch vor. gerinnen und Bürger sowie der Arbeitnehmerinnen und
Klar ist aber auch: Die Begrenzung zukünftiger Aus- Arbeitnehmer zu befassen, denen durch Ihr Sparpaket
gabensteigerungen wird eine Daueraufgabe sein. Ich Sozialleistungen gestrichen und gleichzeitig noch deut-
glaube, dass bei einem Gesamtvolumen von 174 Milliar- lich höhere Ausgaben für ihren Krankenversicherungs-
den Euro, die wir Jahr für Jahr in der gesetzlichen Kran- schutz zugemutet werden.
kenversicherung ausgeben, genug Spielraum sein wird,
um das System zu optimieren. Im Bereich der Verwal- Für die Damen und Herren der Regierungskoalition
tungskosten der Krankenkassen und im Bereich der ge- ein kurzes Rechenbeispiel: Der Durchschnittsverdienst
samten Behandlungskette müssen wir die Schnittstellen meiner Thüringer Landsleute liegt gegenwärtig bei
im System zu Nahtstellen machen. 1 857 Euro brutto. Diese Beitragszahler müssen sich nun
aufgrund Ihrer Politik auf Mehrausgaben in Höhe von
(Dr. Karl Lauterbach [SPD]: Filibustern!) 5,60 Euro für den regulären Beitrag und in der Ober-
Was den Mehrwert für Patienten angeht, so müssen grenze auf 37,14 Euro Zusatzbeitrag einstellen. Das sind
wir, genauso wie im Arzneimittelbereich, bei der Be- über 40 Euro weniger Haushaltseinkommen im Monat.
handlung Instrumente entwickeln, die qualitätsgerichtet Ich finde das, ehrlich gesagt, skandalös.
sind, sei es in der integrierten Versorgung, sei es im Di- (Beifall bei der SPD und der LINKEN –
sease-Management. Vor uns liegen viele Herausforde- Ulrike Flach [FDP]: Das ist aber nicht das Mo-
rungen. Wir werden diese entschlossen anpacken. dell!)
Herzlichen Dank.
– Frau Flach, genau das ist das Modell.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD –
Dr. Karl Lauterbach [SPD]: Filibustern!) (Ulrike Flach [FDP]: Eben nicht!)
– Sie können es ja selbst nicht erläutern – das ist ja Ihr
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: Problem –, und andere verstehen es nicht. Deshalb ist so
Das Wort hat nun Steffen-Claudio Lemme für die ein Wirrwarr entstanden.
SPD-Fraktion.
(Jens Spahn [CDU/CSU]: Sie verstehen es
(Beifall bei der SPD) nicht! Das ist wahr!)
5650 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 55. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 8. Juli 2010

Steffen-Claudio Lemme
(A) Ich möchte kurz auf zwei Detailfragen eingehen. Zum (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten (C)
einen ist meiner Ansicht nach die zukünftige Festschrei- der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE
bung des Arbeitgeberbeitrages nichts anderes als ein GRÜNEN)
Schlag ins Gesicht der Arbeitnehmerinnen und Arbeit-
nehmer.