Deutscher Bundestag: Stenografischer Bericht 32. Sitzung
Deutscher Bundestag: Stenografischer Bericht 32. Sitzung
Deutscher Bundestag
Stenografischer Bericht
32. Sitzung
Inhalt:
Wahl des Abgeordneten Dirk Becker als d) Antrag der Abgeordneten Dr. Heinrich
Schriftführer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2587 A L. Kolb, Jens Ackermann, Dr. Karl
Addicks, weiterer Abgeordneter und der
Erweiterung und Abwicklung der Tagesord-
nung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2587 B Fraktion der FDP: Keine Renten-
versicherungspflicht für geschäftsfüh-
Absetzung der Tagesordnungspunkte 25 a und b 2588 C rende Alleingesellschafter einer
Begrüßung des Präsidenten der Assemblée GmbH
nationale, Herrn Debré . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2608 B (Drucksache 16/966) . . . . . . . . . . . . . . . . 2589 A
27. Mai 2005 zwischen dem Königreich c) Zweite und dritte Beratung des von der
Belgien, der Bundesrepublik Deutsch- Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
land, dem Königreich Spanien, der eines Gesetzes zur Änderung des Öl-
Französischen Republik, dem Großher- schadengesetzes und anderer schiff-
zogtum Luxemburg, dem Königreich fahrtsrechtlicher Vorschriften
der Niederlande und der Republik (Drucksachen 16/737, 16/1160) . . . . . . . . 2630 A
Österreich über die Vertiefung der
grenzüberschreitenden Zusammenar- d) Zweite Beratung und Schlussabstimmung
beit, insbesondere zur Bekämpfung des des von der Bundesregierung eingebrach-
Terrorismus, der grenzüberschreiten- ten Entwurfs eines Gesetzes zu dem
den Kriminalität und der illegalen Übereinkommen vom 8. Dezember 2004
Migration über den Beitritt der Tschechischen
(Drucksache 16/1109) . . . . . . . . . . . . . . . . 2629 A Republik, der Republik Estland, der
Republik Zypern, der Republik Lett-
e) Erste Beratung des von der Bundesregie- land, der Republik Litauen, der Repu-
rung eingebrachten Entwurfs eines blik Ungarn, der Republik Malta, der
Gesetzes zur Änderung des Agrarstatis- Republik Polen, der Republik Slowe-
tikgesetzes und des Rinderregistrie- nien und der Slowakischen Republik zu
rungsdurchführungsgesetzes dem Übereinkommen über die Beseiti-
(Drucksache 16/1023) . . . . . . . . . . . . . . . . 2629 A gung der Doppelbesteuerung im Falle
f) Antrag der Abgeordneten Rainder von Gewinnberichtigungen zwischen
Steenblock, Winfried Hermann, Peter verbundenen Unternehmen
Hettlich, weiterer Abgeordneter und der (Drucksachen 16/914, 16/1143) . . . . . . . . 2630 C
Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE e) Zweite und dritte Beratung des von der
GRÜNEN: Notschleppkonzept an Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
gestiegene Herausforderungen anpassen eines Gesetzes zu dem Abkommen vom
(Drucksache 16/685) . . . . . . . . . . . . . . . . . 2629 B 2. März 2005 zwischen der Bundesrepu-
blik Deutschland und der Republik
Jemen zur Vermeidung der Doppelbe-
Zusatztagesordnungspunkt 3: steuerung von Luftfahrtunternehmen
a) Antrag der Abgeordneten Heike Hänsel, auf dem Gebiet der Steuern vom Ein-
Dr. Diether Dehm, Wolfgang Gehrcke, kommen und vom Vermögen
weiterer Abgeordneter und der Fraktion (Drucksachen 16/915, 16/1144) . . . . . . . . 2630 C
der LINKEN: Die Beziehungen zwischen
f) Zweite und dritte Beratung des von der
EU und Lateinamerika solidarisch
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
gestalten – Kein Freihandelsabkom-
eines Gesetzes zur Änderung und Berei-
men EU-Mercosur
nigung des Lastenausgleichsrechts
(Drucksache 16/1126) . . . . . . . . . . . . . . . . 2629 B (Drucksachen 16/916, 16/955, 16/1145) 2631 A
b) Antrag der Abgeordneten Sibylle
Laurischk, Otto Fricke, Ina Lenke, weite-
rer Abgeordneter und der Fraktion der Zusatztagesordnungspunkt 4:
FDP: Zwangsheirat wirksam bekämp-
fen – Opfer stärken und schützen – a) Zweite und dritte Beratung des von der
Gleichstellung durch Integration und Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
Bildung fördern eines Gesetzes zur Änderung der Vor-
(Drucksache 16/1156) . . . . . . . . . . . . . . . . 2629 C schriften über die Luftaufsicht und die
Luftfahrtdateien
(Drucksachen 16/958, 16/1159) . . . . . . . . 2631 A
Tagesordnungspunkt 33:
b) Beschlussempfehlung des Rechtsaus-
a) Zweite und dritte Beratung des von der schusses: Übersicht 2 über die dem
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs Deutschen Bundestag zugeleiteten
eines Gesetzes zur Änderung des Streitsachen vor dem Bundesverfas-
patentrechtlichen Einspruchsverfah- sungsgericht
rens und des Patentkostengesetzes (Drucksache 16/1141) . . . . . . . . . . . . . . . 2631 C
(Drucksachen 16/735, 16/1153) . . . . . . . . 2629 C
c) – j)
b) Zweite Beratung und Schlussabstimmung
des von der Bundesregierung eingebrach- Beschlussempfehlungen des Petitionsaus-
ten Entwurfs eines Gesetzes zu dem schusses: Sammelübersichten 28, 29, 30,
Internationalen Übereinkommen von 31, 32, 33, 34 und 35 zu Petitionen
2001 über die zivilrechtliche Haftung (Drucksachen 16/1132, 16/1133, 16/1134,
für Bunkerölverschmutzungsschäden 16/1135, 16/1136, 16/1137, 16/1138,
(Drucksachen 16/736, 16/1154) . . . . . . . . 2630 A 16/1139) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2631 C
IV Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
Ute Kumpf (SPD) (zur Geschäftsordnung) . . 2633 D Christoph Waitz (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2659 D
Erste Beratung des vom Bundesrat einge- Antrag der Abgeordneten Birgitt Bender,
brachten Entwurfs eines Gesetzes zur Elisabeth Scharfenberg, Dr. Harald Terpe,
Sicherung von Werkunternehmeransprü- weiterer Abgeordneter und der Fraktion des
chen und zur verbesserten Durchsetzung BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Dem Soli-
darsystem eine stabile Grundlage geben –
von Forderungen (Forderungssicherungs-
für eine nachhaltige Finanzierungsreform
gesetz – FoSiG)
der Krankenversicherung
(Drucksache 16/511) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2687 C (Drucksache 16/950) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2708 D
Dr. Peter Danckert (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . 2687 C Birgitt Bender (BÜNDNIS 90/
Mechthild Dyckmans (FDP) . . . . . . . . . . . . . 2688 B DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2708 D
Geert Mackenroth, Staatsminister Dr. Karl Lauterbach (SPD) . . . . . . . . . . . . . . 2709 C
(Sachsen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2689 C Daniel Bahr (Münster) (FDP) . . . . . . . . . . . . 2711 A
Sabine Zimmermann (DIE LINKE) . . . . . . . . 2691 B Dr. Rolf Koschorrek (CDU/CSU) . . . . . . . . . 2712 C
Jerzy Montag (BÜNDNIS 90/ Frank Spieth (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 2715 A
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2692 B
Dirk Manzewski (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 2693 A
Tagesordnungspunkt 14:
Christoph Strässer (SPD) . . . . . . . . . . . . . . 2693 D
Erste Beratung des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
Tagesordnungspunkt 11: Neuregelung der Besteuerung von Energie-
erzeugnissen und zur Änderung des Strom-
Antrag der Abgeordneten Dr. Gregor Gysi, steuergesetzes
Oskar Lafontaine, Werner Dreibus, Petra Pau (Drucksache 16/1172) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2715 D
und der Fraktion der LINKEN: Gegen die
Schließung von 45 Standorten bei der Reinhard Schultz (Everswinkel) (SPD) . . . . . 2716 A
Deutschen Telekom AG Dr. Hermann Otto Solms (FDP) . . . . . . . . . . . 2717 C
(Drucksache 16/845) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2694 C
Norbert Schindler (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 2718 C
Petra Pau (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . . . 2694 D
Hans-Kurt Hill (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 2720 C
Jochen-Konrad Fromme (CDU/CSU) . . . . . . 2695 D
Dr. Reinhard Loske (BÜNDNIS 90/
Martin Zeil (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2697 C DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2721 B
VI Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
Tagesordnungspunkt 18:
Tagesordnungspunkt 20:
Erste Beratung des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur a) Antrag der Abgeordneten Gisela Piltz,
Einführung der Europäischen Genossen- Dr. Karl Addicks, Christian Ahrendt, wei-
schaft und zur Änderung des Genossen- terer Abgeordneter und der Fraktion der
schaftsrechts FDP: Gegen rechtsstaatsfreie Räume –
(Drucksache 16/1025) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2728 B Sicherheitsüberprüfungen im Rahmen
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 VII
Anlage 2 Anlage 6
Zu Protokoll gegebene Rede zur Beratung des Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung
Antrags: Gegen die Schließung von 45 Stand- des Entwurfs eines Gesetzes zur Einführung
orten bei der Deutschen Telekom AG (Tages- der Europäischen Genossenschaft und zur
ordnungspunkt 11) Änderung des Genossenschaftsrechts (Tages-
ordnungspunkt 18)
Matthias Berninger (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2745 C Georg Fahrenschon (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 2755 B
Klaus Uwe Benneter (SPD) . . . . . . . . . . . . . . 2756 D
Anlage 3 Mechthild Dyckmans (FDP) . . . . . . . . . . . . . 2757 D
Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung Ulla Lötzer (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . . 2759 A
des Antrags: Voraussetzungen für Entwick- Margareta Wolf (Frankfurt) (BÜNDNIS 90/
lung, Bau und Betrieb einer Europäischen DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2759 D
Spallations-Neutronenquelle in Deutschland
schaffen – Deutsche Bewerbung vorantreiben Alfred Hartenbach, Parl. Staatssekretär
(Tagesordnungspunkt 15) BMJ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2761 B
VIII Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
(A) (C)
Redetext
32. Sitzung
(A) Vizepräsidentin Gerda Hasselfeldt: Wahr ist natürlich auch: Wir werden den Rentenver- (C)
Das Wort hat nun der Kollege Dr. Ralf Brauksiepe, sicherungsbeitrag im nächsten Jahr von heute 19,5 Pro-
CDU/CSU-Fraktion. zent auf 19,9 Prozent anheben. Ich habe noch keinen se-
riösen Vorschlag gehört, wie wir darauf verzichten
können. Ich will daran erinnern: Wir werden gleichzeitig
Dr. Ralf Brauksiepe (CDU/CSU): den Beitrag zur Arbeitslosenversicherung um 2 Pro-
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! zentpunkte senken. Das bedeutet: Unter dem Strich wer-
Wir beraten heute abschließend über den Entwurf eines den Arbeitnehmer und Arbeitgeber bei den Sozialabga-
Gesetzes über die Weitergeltung der aktuellen Renten- ben entlastet. Im nächsten Jahr sinkt der Gesamtsozial-
werte ab 1. Juli 2006. Die Bundesregierung hat diesen versicherungsbeitrag auf unter 40 Prozent. Das ist das
Entwurf vor zwei Monaten auf den Weg gebracht, um erste Mal seit dem Jahr 1995. Das ist ein beachtlicher Er-
frühzeitig klarzustellen: Es wird für die Rentner in die- folg der Konsolidierungspolitik dieser großen Koalition.
sem Jahr keine Rentenkürzung geben, so wie wir es im
Koalitionsvertrag festgelegt haben. Die große Koalition (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
hält, was sie verspricht. der SPD)
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und Gleichzeitig werden wir – auch das geht aus den Be-
der SPD) richten hervor und ist politisch klar geäußert worden –
die Anhebung der Regelaltersgrenze auf 67 Jahre be-
Wir haben dieses Gesetz vorsichtshalber in der Tat schließen. Auch dazu gibt es, wie wir wissen, keine seri-
frühzeitig eingebracht. Wir stehen für Vertrauen und für öse Alternative. Klar ist auch: Das muss mit besonderen
Verlässlichkeit. Wir werden die beitragsfinanzierte ge- Anstrengungen für die Verbesserung der Beschäfti-
setzliche Rentenversicherung als wichtigste Säule der gungschancen Älterer einhergehen. Diesen Weg wer-
Alterssicherung in Deutschland erhalten. Die Rentner den wir beschreiten. Wir legen hier ein Gesamtkonzept
können sich darauf verlassen, dass sie ihre Altersbezüge vor.
weiter erhalten.
Es hätte die Möglichkeit bestanden, dass auch die Op-
Das bedeutet nicht – das wissen auch alle hier im position hier einmal ihr Konzept darlegt.
Hause –, dass wir etwa die gesetzliche Rentenversiche- (Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Wir müssen so
rung unter Naturschutz stellen wollen. Es gehört zur viel kritisieren an Ihrer Politik und wir haben
Wahrheit, festzustellen, dass die heute Jungen den Le- so wenig Redezeit!)
bensstandard durch die gesetzliche Rente allein im Alter
nicht sichern können. Für sie ist eine kapitalgedeckte Stattdessen betreiben die Oppositionsfraktionen nichts
(B) Ergänzung der gesetzlichen Rente durch betriebliche als Rosinenpickerei. Es ist klar: Die Linken stellen den (D)
und private Altersvorsorge unerlässlich. Antrag, die 1-Euro-Jobs bei der Rentenberechnung nicht
zu berücksichtigen. Dieser Antrag ist völlig überflüssig,
Umgekehrt gilt aber auch, dass sich die heutigen Ren- weil die 1-Euro-Jobs in die Rentenberechnung bisher gar
tenbezieher trotz langjähriger Beitragszahlung nicht nur nicht einfließen.
mit Rentenansprüchen in Höhe des Sozialhilfeniveaus
begnügen müssen. Die finanziellen Lasten der Alterung (Klaus Ernst [DIE LINKE]: Der Mann hat
müssen zwischen den Generationen fair und gerecht ver- keine Ahnung!)
teilt werden. Genau das ist die Maxime, die Richtschnur Wir werden sie auch in Zukunft nicht einbeziehen. Das
aller Entscheidungen der großen Koalition in der Ren- ist politisch klar.
tenpolitik. Diese Entscheidung ist richtig.
Nun wundert es mich nicht, wenn ein solcher Antrag
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) von den Linken kommt, aber ich muss schon sagen, Herr
Wir haben dies mit einem rentenpolitischen Maßnah- Kollege Kolb: Ich mache mir Sorgen um die FDP und
menpaket verbunden. Vor vier Wochen haben wir dieses um die Seriosität Ihrer Politik.
Paket mit der Vorlage des Rentenversicherungsberichts (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
2005 mit Zahlen untermauert. Wir beschreiten mit die- neten der SPD – Zurufe vom BÜNDNIS 90/
sem Zahlenwerk den Weg in die Realität. Lassen Sie DIE GRÜNEN: Oh! – Dr. Heinrich L. Kolb
mich dies an einem Beispiel deutlich machen: Im letzten [FDP]: Butter bei die Fische!)
Rentenversicherungsbericht der rot-grünen Bundesregie-
rung ging man noch davon aus, dass die Renten bis zum Sie beantragen hier allen Ernstes, wir sollten unseren
Jahr 2018 um gut 30 Prozent steigen. Schön wärs gewe- Gesetzentwurf über die Weitergeltung der aktuellen
sen. Nach unserem Bericht liegt der vergleichbare Wert Rentenwerte zurückziehen. Was ich hier in Händen
bei 17 Prozent. Das ist zwar weniger, aber es ist ein rea- halte, Herr Kollege Kolb, ist die erste von 17 Seiten der
listischer Wert. Die Zeit der Schönfärberei ist vorbei. Verordnung der vorigen Bundesregierung aus dem letz-
Die große Koalition geht mit realistischen Zahlen an die ten Jahr, in der festgelegt wurde, dass es im Jahr 2005
Lösung dieser Probleme heran. keine Rentenerhöhung gibt. Dies wollen Sie durch die-
ses Papier hier ersetzen und das soll dann, wie der
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Minister schon gesagt hat, 20 Millionen Mal verschickt
Dr. Guido Westerwelle [FDP]: Zuhören, Ge- werden, um das den Leuten mitzuteilen. Das ist Ihr Bei-
nossen! Damit seid Ihr gemeint!) trag zum Bürokratieabbau. Es kann doch wohl wirklich
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2595
Dr. Ralf Brauksiepe
(A) nicht Ihr Ernst sein, Herr Kollege Kolb, dass Sie uns das Weil ich gerade dabei war, wollte ich eigentlich auch (C)
hier auch noch als seriöse Alternative verkaufen wollen. noch etwas Unfreundliches zu den Grünen sagen,
Ich verstehe es wirklich nicht.
(Dr. Guido Westerwelle [FDP]: Gib uns noch
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD) mehr!)
Herr Kollege Kolb, wir haben vor zwei Tagen Profes- musste aber feststellen: Wir beraten die Tagesordnungs-
sor Ruland verabschiedet. Ich habe bei der Gelegenheit punkte 3 a bis h, aber Sie von den Grünen haben leider
einmal mit Norbert Blüm gesprochen und ihn gefragt: überhaupt nichts vorgelegt. Es liegt kein Gesetzentwurf,
Wie war das denn eigentlich mit dem Herrn Kolb, der ja kein Antrag, nicht einmal ein Entschließungsantrag von
einmal Staatssekretär war? Ich habe gedacht, er würde Ihrer Fraktion vor.
mir sagen: Der war immer gegen CDA-Politik, ein ganz
(Dr. Norbert Röttgen [CDU/CSU]: Rente
schwieriger Fall. – Das hat Norbert Blüm aber gar nicht
interessiert die nicht!)
zum Ausdruck gebracht, sondern er hat gesagt: Mit dem
Herrn Kolb konnte man sehr gut zusammen regieren. Es ist wirklich sehr bedauerlich, dass es von Ihnen kei-
Das war ein sehr guter Mann. nen Beitrag zu dieser Debatte gibt. Deswegen muss ich
Sie heute leider aussparen. Vielleicht kommt von Ihnen
(Volker Kauder [CDU/CSU]: Sehr gut! – Zu- in der Zukunft wieder etwas, wenn Sie mit Ihren inter-
rufe von der FDP) nen Problemen fertig sind.
Herr Kolb, Sie können es doch eigentlich. Von daher (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
bitte ich Sie wirklich: Gehen Sie von diesem unseriösen neten der SPD)
Kurs ab! Wir brauchen in diesem Land eine seriöse libe-
rale Opposition, die seriöse Anträge stellt und nicht sol- Ich komme zu dem Konzept der Rentenpolitik der
che, die Sie, meine Damen und Herren, nur stellen kön- großen Koalition zurück.
nen, weil Sie wissen, dass Ablehnung gesichert ist.
(Dr. Guido Westerwelle [FDP]: Zu den Freun-
Gehen Sie von diesem Weg ab, liebe Kolleginnen und
den in der großen Koalition!)
Kollegen!
Wir werden die Maßnahmen sinnvoll aufeinander aufge-
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD – baut fortführen. Im nächsten Jahr wird es eine moderate
Dr. Guido Westerwelle [FDP]: Wir halten fest: Erhöhung des Rentenbeitragssatzes geben. Wir werden
Blüm lobt Kolb!) die in diesen Jahren nicht durchgeführten Rentenkürzun-
Ähnliches gilt für Ihren Antrag zur Rentenversiche- gen durch den Einbau eines Nachholfaktors in der Ren-
(B) rungspflicht für geschäftsführende Alleingesellschaf- tenanpassungsformel nachholen, weil die Jungen auf (D)
ter. Den haben Sie nicht eingebracht, weil Ablehnung Dauer nicht allein die Lasten tragen können.
gesichert war. Den haben Sie am 15. März vorgelegt, als (Beifall der Abg. Julia Klöckner [CDU/CSU])
Erfüllung schon gesichert war, lieber Herr Kolb.
Vielmehr muss jede Generation ihren Beitrag leisten.
(Heiterkeit bei der CDU/CSU – Dr. Heinrich L. Darum werden wir das so machen.
Kolb [FDP]: Wie wir es machen, ist es ver-
kehrt!) (Beifall bei der CDU/CSU)
Hierbei geht es in der Tat um ein ernstes Problem. Ich Alle diese Maßnahmen gehen mit einem moderat stei-
bin dem Kollegen Max Straubinger aus unserer Fraktion genden Bundeszuschuss an die Rentenkasse einher.
dankbar. In den regelmäßigen Gesprächen, die wir in der Wenn man sich die Mühe macht, die Zahlen aus dem
Koalition haben, hat er als Erster dieses Thema ange- Bundeshaushaltsplanentwurf 2006 mit denen der letzten
sprochen und darauf gedrungen, dafür eine Lösung zu Jahre zu vergleichen, wird man feststellen: Der Anstieg
finden. des Bundeszuschusses ist heute deutlich geringer als in
der Vergangenheit. Zur Ehrlichkeit gehört dazu, auch zu
(Hartmut Koschyk [CDU/CSU]: Guter Mann!) sagen: Ohne eine solche moderate Steigerung geht es
Ich kann erfreut feststellen: Unsere sozialdemokrati- nicht. Neben den Beitragszahlern und den Rentnern
schen Partner muss auch der Steuerzahler seinen Beitrag zum Erhalt
des Systems der gesetzlichen Rentenversicherung leis-
(Dr. Guido Westerwelle [FDP]: Freunde! Die ten.
sozialdemokratischen Freunde!)
Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass
sind für unsere guten Argumente meistens offen, so auch uns das Thema Rente in der gesamten Wahlperiode be-
in diesem Fall. Deshalb sind sie unseren Argumenten ge- gleiten wird. Das gilt für die gesetzliche Rente genauso
folgt. Wir haben uns vor Wochen auf diese Regelung wie für die kapitalgedeckte Altersvorsorge.
verständigt. Nachdem das politisch klar war, haben Sie
diesen Antrag gestellt in dem Wissen, dass das sowieso Lassen Sie mich, weil das angesprochen worden ist,
passiert. Das ist keine seriöse Oppositionspolitik, liebe noch ein Wort zur sozialabgabenfreien Entgeltum-
Kolleginnen und Kollegen! wandlung bei der betrieblichen Altersvorsorge sagen.
Es ist doch völlig klar, dass man es, wenn man in Zeiten
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- von 5 Millionen Arbeitslosen, leeren Rentenkassen und
neten der SPD) einer geringen Quote von Menschen – etwa jeder siebte
2596 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
Klaus Ernst
(A) 6 Millionen Menschen gibt, die mit prekären Arbeitsver- (Beifall des Abg. Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]) (C)
hältnissen, mit Billigjobs abgespeist werden, wird unzu-
Machen Sie keine Symbolpolitik mit einem Gesetz, das
reichend in die Sozialkassen eingezahlt. Wenn Sie das
niemals zur Anwendung kommen wird!
ändern, würden Sie das Übel tatsächlich an der Wurzel
packen und nicht permanent die kleinen Leute schröp- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
fen, Herr Müntefering. sowie bei Abgeordneten der FDP und der LIN-
KEN)
(Beifall bei der LINKEN)
Ich komme zum nächsten Punkt, zu den Rentenversi-
Ich komme damit zum Schluss. Sie haben gesagt: Die
cherungsberichten 2004 und 2005. Was die Menschen
Menschen sollen Vertrauen haben. Herr Müntefering,
bei der sozialen Sicherung und gerade bei der Rente
worin denn? Ihrer Politik zu vertrauen ist so, als würde
dringend brauchen, sind Vertrauen und Verlässlichkeit.
man den Würger von Boston um eine Halsmassage bit-
Ich glaube, dass Ihre Annahmen bezüglich der Lohnent-
ten. Das wäre genau dasselbe.
wicklung und des Wirtschaftswachstums viel zu opti-
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN – mistisch sind. Ich erinnere an die Fehlprognosen von
Veronika Bellmann [CDU/CSU]: So ein 1995. – Herr Kollege Brauksiepe, 1995 gab es leider
Schwachsinn!) noch keine rot-grüne Bundesregierung.
Wer Ihnen traut, hat künftig dafür zu sorgen, dass er ir- (Dr. Ralf Brauksiepe [CDU/CSU]: Da waren
gendwie über die Runden kommt. Mit der Rente wird es die Zahlen auch noch gut!)
jedenfalls bei dieser Politik der Bundesregierung nicht
mehr klappen. Die Rente wird von dieser Regierung ka- Natürlich wünsche auch ich mir, dass die Gewerk-
puttgemacht. schaften endlich wieder bessere Tarifabschlüsse durch-
setzen können; denn das ist gut für die Beschäftigten, die
(Beifall bei der LINKEN) Binnennachfrage und letztendlich auch für die Renten.
Aber ein Rentenversicherungsbericht ist nun einmal kein
Vizepräsidentin Gerda Hasselfeldt: Wunschkatalog. Wir brauchen eine realistische Vorschau
Das Wort hat nun die Kollegin Irmingard Schewe- auf die nächsten 15 Jahre.
Gerigk. Die gesetzliche Rente hat in den letzten Jahren durch-
aus schmerzhafte Reformen durchlebt. Niveausenkun-
Irmingard Schewe-Gerigk (BÜNDNIS 90/DIE gen und der Nachhaltigkeitsfaktor sind in diesem Zu-
GRÜNEN): sammenhang nur zwei Stichworte. Aber dadurch ist sie
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! zukunftsfähig geworden. Durch sie werden die meisten
(B) (D)
Herr Kollege Ernst, ich beneide Sie: Es ist schön, wenn Menschen vor Armut geschützt. Sie wird aber nicht aus-
man ein so einfaches Weltbild hat, wie Sie es haben. Da reichen, um den Lebensstandard im Alter zu sichern. Pri-
kann man sich zufrieden zurücklehnen. vate und betriebliche Vorsorge tut zusätzlich Not.
(Heiterkeit und Beifall beim BÜNDNIS 90/ Der ehemalige Geschäftsführer des Verbandes Deut-
DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU, der SPD scher Rentenversicherungsträger, Franz Ruland, der
und der FDP) „Rentenpapst“, hat am 3. April dieses Jahres in einem
Interview mit der „FAZ“ die Einschätzung vertreten:
Wir diskutieren heute über eine Reihe rentenpoliti-
scher Vorhaben. Ich beginne mit dem Entwurf eines Ge- Was im Rentensystem kürzbar war, ist gekürzt wor-
setzes zur Weitergeltung der aktuellen Rentenwerte. Ziel den.
dieses Gesetzentwurfes war es, mögliche Rentenkür-
Ich schließe mich dieser Einschätzung explizit an und
zungen aufgrund niedriger Lohnsteigerungen zu vermei-
erweitere sie um die Bemerkung: Innerhalb des bisheri-
den. Dieses Ziel hat meine Fraktion voll und ganz unter-
gen Umlagesystems der gesetzlichen Rentenversiche-
stützt. Da das Ministerium selbst jetzt aber bestätigt,
rung sind alle Reformen durchgeführt worden, die ver-
dass es aufgrund der Lohnentwicklung nicht zu einer
tretbar sind. Die schrittweise Heraufsetzung des
Rentenkürzung kommen wird, ist dieser Gesetzentwurf
Renteneintrittsalters, die noch zu verabschieden ist,
absolut überflüssig.
schließe ich in diese Bemerkung ausdrücklich ein. Herr
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Minister, wir unterstützen Sie bei der Heraufsetzung des
Renteneintrittsalters; denn das ist eine logische Konse-
Man kann es auch anders ausdrücken: Stell dir vor, die
quenz des längeren Lebens. Heute beziehen die Men-
Regierung macht ein Gesetz und keiner braucht es.
schen 17 Jahre lang Rente, 1960 waren es zehn Jahre
Herr Minister Müntefering, man sollte die Sauerlän- weniger. Ich fordere Sie aber auf, bei der Umsetzung
der nicht unterschätzen: Sie sind ein Fuchs. Sie haben nicht zu stümpern.
vor den Landtagswahlen den Robin Hood der Rentner
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
und Rentnerinnen gespielt und ihnen gesagt, dass Sie
Rentenkürzungen per Gesetz ausschließen. Die Men- Die Erhöhung des Renteneintrittsalters und die Be-
schen sind froh und akzeptieren scheinbar dankbar eine schäftigung Älterer in den Unternehmen sind wie ein
neue Nullrunde. Doch nun, da Sie wissen, dass die Ren- Gespann. Beides muss parallel und im gleichen Tempo
ten nicht gekürzt werden müssen, fordere ich Sie auf: laufen; ansonsten geht es schief. Hier ist die Wirtschaft
Ziehen Sie den Gesetzentwurf zurück! in der Verantwortung. Ohne Arbeitsplätze für Ältere ist
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2599
Irmingard Schewe-Gerigk
(A) die Rente mit 67 eine Rentenkürzung und das lehnen wir Ich komme zu den Betriebsrenten. Wer ein Gesamt- (C)
ab. rentenniveau erreichen will, das den Lebensstandard si-
chert, muss rechtzeitig auch privat und betrieblich vor-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) sorgen. Gerade durch die Entgeltumwandlung hat sich
Es wird gern verschwiegen, aber wir haben ein struk- die Betriebsrente enorm etabliert. Wir begrüßen daher
turelles Problem bei den Einnahmen der Rentenversi- den Entwurf der europäischen Richtlinie zur Portabili-
cherung. Diese Schwierigkeit ist nicht kurzfristiger Na- tät von Zusatzrentenansprüchen.
tur. Sie wird in den nächsten Jahren andauern, wenn wir (Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: Das
nicht an den Ursachen ansetzen. An dieser Stelle ist die hat aber mit Entgeltumwandlung nichts zu
große Koalition blind; denn sie ignoriert die Analyse tun!)
namhafter Experten. Bereits im Gutachten zum Renten-
versicherungsbericht 2004 hat der Sozialbeirat auf die – Ich komme gleich darauf, Herr Kollege. – Moderne
Probleme bei der Entwicklung der Beitragseinnahmen Arbeitsmärkte fordern auch mobile Beschäftigte. Des-
aufmerksam gemacht. Er hat die Diskrepanz zwischen halb muss die betriebliche Altersvorsorge flexibler wer-
dem gestiegenen Bruttoinlandsprodukt und sinkenden den. Sie darf nicht als Finanzierungsmasse der Arbeitge-
Einnahmen der Rentenversicherung benannt. Die Ursa- ber verwendet werden und muss stärker vor Insolvenz
chen liegen auf der Hand: gedämpfte Lohnentwicklung, geschützt werden.
weniger sozialversicherungspflichtige Erwerbstätige,
weniger Pflichtversicherte, mehr Selbstständige, mehr Vizepräsidentin Gerda Hasselfeldt:
geringfügig Beschäftigte und mehr Arbeitslose mit ei-
nem niedrigeren Beitrag. Doch obwohl CDU/CSU und Frau Kollegin, gestatten Sie eine Zwischenfrage des
SPD das Gutachten bekannt war, haben sie keine adä- Kollegen Weiß?
quaten Konsequenzen daraus gezogen, sondern die
Schlussfolgerung im Koalitionsvertrag ins Gegenteil Irmingard Schewe-Gerigk (BÜNDNIS 90/DIE
verkehrt. Im Gutachten zum Rentenversicherungsbericht GRÜNEN):
2005 bewertet der Sozialbeirat die Annahmen zur kurz- Herr Kollege Weiß, es ist mir eine Freude.
und mittelfristigen Beschäftigungs- und Entgeltentwick-
lung an mehreren Stellen als ambitioniert. Offensichtlich
Peter Weiß (Emmendingen) (CDU/CSU):
wollte sich der Sozialbeirat diplomatisch ausdrücken
und die positiven Konjunkturerwartungen nicht dämp- Frau Kollegin Schewe-Gerigk, es ist mir eine Freude,
fen. dass ich Ihnen heute Morgen eine Freude machen kann.
(B) Schauen Sie aber in die neueste Studie „Prognos (Heiterkeit) (D)
Deutschland Report 2030“. Darin steht, dass in den Sie haben soeben ausgeführt, dass die Grünen die Be-
nächsten 25 Jahren mit einem massiven Rückgang von triebsrenten in Deutschland stärken und weiter ausbauen
Arbeitsplätzen im traditionellen Industriebereich zu wollen – was, wie ich glaube, die Zustimmung des gan-
rechnen ist. Daneben wird von einer starken Zunahme zen Hauses findet – und dass die Entgeltumwandlung
der Zahl der Selbstständigen gerechnet. Aufgrund der eine sehr gute Grundlage bildet. Das ist vollkommen
letzten Jahre wissen wir, dass Selbstständigkeit in vielen richtig. Dann haben Sie aber einen Schlenker zu der
Fällen eine selbst gewählte Notlösung ist, um der Ar- europäischen Richtlinie zur Portabilität von Zusatzren-
beitslosigkeit zu entgehen. Sorge bereiten uns vor allem tenansprüchen gemacht. Ich weiß nicht, wie das zusam-
jene Selbstständige, die nicht in der Lage sind, sich aus- menpassen soll, Frau Kollegin Schewe-Gerigk. Alle Ex-
reichend sozial abzusichern. perten des Betriebsrentensystems in Deutschland sagen
Herr Minister Müntefering, in der Haushaltsdebatte uns: Wenn wir diese EU-Richtlinie, so wie sie ist, akzep-
der letzten Woche haben wir Ihnen vorgeworfen, dass tieren würden, würde dadurch das System der Betriebs-
Sie den Bundeshaushalt zulasten der Versicherten sanie- renten in Deutschland keinen Aufschwung erleben, son-
ren, zum Beispiel durch die Erhöhung der Sozialabga- dern zusammenbrechen. Viele Betriebe würden sich aus
ben für Minijobs. Ihr Sozialbeirat wird da sehr viel dem Betriebsrentensystem verabschieden. Die Zusatz-
deutlicher – ich zitiere –: „Die Erhöhung von Sozialbei- versorgung für Angehörige des öffentlichen Dienstes
trägen mit dem ausdrücklichen Ziel, den Bundeshaushalt wäre am Ende. Deswegen kann ich nicht verstehen, wie
zu entlasten, ist verfassungsrechtlich problematisch.“ das zusammenpassen soll. Erklären Sie uns einmal, wie
diese EU-Richtlinie mit ihren negativen Auswirkungen
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) für das Betriebsrentensystem zu Ihrer Aussage passen
soll, dass Sie die Betriebsrenten fördern wollen!
Als Beispiel für diesen verfassungsrechtlich bedenkli-
chen Eingriff in die Finanzierungsgrundlagen der Ren-
tenversicherung wird im Gutachten die Halbierung des Irmingard Schewe-Gerigk (BÜNDNIS 90/DIE
Mindestbeitrags von 78 auf 40 Euro für Langzeitarbeits- GRÜNEN):
lose kritisiert. Während jede Existenzgründerin und Wir haben gesagt, dass wir die Entgeltumwandlung
jeder freiwillig Versicherte den Mindestbeitrag von nicht weiter sozialversicherungsmäßig und steuerlich
78 Euro entrichten muss, macht der Bund in seinem ei- fördern wollen. Denn in dem betreffenden Gesetz wurde
genen Gestaltungsbereich selbstherrlich Ausnahmen. Ich eine Laufzeit bis 2008 beschlossen. Dazu kommt, dass
empfinde das als Politik nach Gutsherrenart. diese Maßnahme die Sozialkassen ziemlich plündert. Sie
2600 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
Irmingard Schewe-Gerigk
(A) war als Anschubfinanzierung vorgesehen und dieses Ziel rade die Babyboomer in Rente gehen – und viele andere (C)
hat sie erreicht. Dinge, etwa die Ausnahmeregelung bei der abschlag-
freien Rente, bei der Sie sagen: Die Dachdecker müssen
Bei der EU-Richtlinie handelt es sich doch ganz ein- eigentlich schon früher in Rente. Im Rentenversiche-
deutig darum, dass diejenigen, die mobil sind, junge rungsbericht findet man davon überhaupt nichts wieder.
Menschen, nicht erst ab einem Alter von 30 Jahren, son- Dann wenden Sie sich den Betriebsrenten zu und sagen:
dern bereits ab 21 Jahren geschützt werden sollen. Es Hier wollen wir Einschnitte vornehmen. – Am nächsten
gibt junge Leute, die ins Ausland gehen und ihre Renten- Tag ist das alles wieder nicht richtig. Es ist ein Hin und
ansprüche mitnehmen wollen. Sie möchten ferner, dass Her und da fällt auf: Von der Kanzlerin ist in diesem Zu-
das nicht erst nach einer Betriebszugehörigkeit von fünf sammenhang überhaupt nichts zu hören. Haben Sie von
Jahren möglich sein soll, sondern bereits nach zwei Jah- der Kanzlerin mal etwas zur Rentenpolitik gehört, zu
ren. Das ist doch eine wichtige Sache. Ich finde, eine dem wichtigsten Thema, das wir derzeit diskutieren?
Maßnahme, die steuerlich begünstigt ist und von der die
Arbeitnehmer auch etwas haben, gehört in das Eigentum (Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Nein! – Dr. Ralf
der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, wenn solche Brauksiepe [CDU/CSU]: Jede Menge!)
Zusagen vorliegen. Es ist absolut richtig, dass diese An- Herr Müntefering, manchmal tun Sie mir ja auch et-
sprüche mitgenommen werden können und sie den Ar- was Leid; denn Ihre Fraktion hat sich in dieser Frage
beitnehmerinnen und Arbeitnehmern auch zustehen. vollkommen weggeduckt. Ich finde, das ist keine verant-
Aber ich werde darauf gleich in meiner Rede noch inten- wortliche Politik. Hier müssen Sie endlich den Men-
siver eingehen, Herr Kollege. schen verlässliche Konzepte vorlegen, damit sie sich
Ich habe dank Ihrer Zwischenfrage meine Redezeit darauf einstellen können. Denn gerade diejenigen, die
noch etwas verlängern können. kurz vor der Rente stehen oder die schon im Rentenbe-
zug sind, können doch in ihrem Leben nichts mehr ver-
Wir wollen aber auch, dass Arbeitnehmer und Arbeit- ändern; sie sind auf Verlässlichkeit angewiesen. Sie wol-
nehmerinnen die betriebliche Altersvorsorge bei einem len im Alter eine auskömmliche Rente und ein Leben in
Wechsel des Arbeitgebers generell und uneingeschränkt Würde haben.
weiterführen können. Bereits bestehende Ansprüche für
ausscheidende Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen Vielen Dank.
müssen dynamisiert werden, damit sie sich nicht mit der (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Zeit entwerten.
Was tut die Regierung? Jetzt komme ich auf die Stel- Vizepräsidentin Gerda Hasselfeldt:
(B) lungnahme der Bundesregierung zu dieser EU-Richt- Jetzt hat das Wort der Kollege Peter Friedrich für die (D)
linie zurück; wir haben es gestern im Ausschuss disku- SPD-Fraktion.
tiert. Da sagt die große Koalition: Eigentlich wollen wir
(Beifall bei der SPD)
uns von der EU gar nichts sagen lassen.
(Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: Peter Friedrich (SPD):
Richtig!) Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und
Ich dachte immer, wir seien ein Mitgliedsland der Euro- Herren! Wir diskutieren heute über die Weitergeltung
päischen Union. Aber Sie meinen: Eigentlich hat die EU der aktuellen Rentenwerte und den Rentenversiche-
in diesen Dingen nichts zu sagen. Die Stellungnahme der rungsbericht 2005. In der Debatte wurde die Generatio-
Bundesregierung ist sehr einseitig an den Interessen der nengerechtigkeit mehrfach angesprochen. Ich bin dank-
Arbeitgeber ausgerichtet. Auch wir wollen, dass die be- bar, dass ich als jüngerer Abgeordneter die Möglichkeit
triebliche Altersvorsorge für die Arbeitgeberinnen und habe, für meine Fraktion ein paar Anmerkungen dazu zu
Arbeitgeber interessant bleibt. Aber aus lauter Arbeitge- machen.
berfreundlichkeit die Flexibilisierung der betrieblichen Erste Anmerkung. Es ist das Verdienst und die Ver-
Altersvorsorge gleich ganz abzulehnen, das wäre unseres antwortung einer realistischen Reformpolitik, dass die
Erachtens ein kapitaler Fehler. Damit schaden Sie der Bewältigung der demografischen Entwicklung nicht im
betrieblichen Altersvorsorge. Konflikt zwischen den Generationen stattfindet. Ein
Krieg der Generationen findet in Deutschland nicht statt.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: Es (Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
ist gerade umgekehrt!) CDU/CSU)
Ich komme zum Schluss. Betrachte ich die Rentenpo- Die Bürgerinnen und Bürger aller Generationen sind zu
litik der großen Koalition – wir haben darüber ja in den einem solidarischen Beitrag bereit.
letzten Wochen und Monaten viel gehört und hier disku-
(Vorsitz: Vizepräsident Wolfgang Thierse)
tiert –, dann kann ich nur sagen: Der Zickzackkurs geht
weiter. Sie machen jeden Tag neue Vorschläge, die Sie Wir haben Korrekturmechanismen in das System ein-
dann wieder zurücknehmen; ich nenne nur: die Erhö- gebaut, die der veränderten Altersstruktur der Bevölke-
hung des Bundeszuschusses im nächsten Jahr mit rung Rechnung tragen. Diese würden kurzfristig zu Ren-
600 Millionen Euro, die Reduzierung der Rentenbeiträge tensenkungen führen. Malen Sie sich einmal aus, was
ab dem Jahre 2014 – wo Sie genau wissen, dass da ge- das für die Menschen bedeuten würde: Das hätte einen
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2601
Peter Friedrich
(A) gravierenden Vertrauensverlust in die gesetzliche Rente Besteuerung ab 300 000 Euro vorsehen, der sollte einer (C)
zur Folge, den kein Mensch ernsthaft wollen kann; es sei Eisenbahnerwitwe, die sich zum Beispiel in Radolfzell
denn – das ist der einzige Grund, diesen Vertrauensver- am Bodensee – meinem Wahlkreis – zusammen mit ih-
lust in Kauf zu nehmen –, er hofft darauf, dass Alterssi- rem Mann in Eigenarbeit ein Häuschen gebaut hat, er-
cherung ein rein privates, persönliches Risiko wird. klären, was das für sie bedeuten würde. Die Häuser ha-
ben einen Wert, der weit über diesen Beträgen liegt.
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Das will
Wollen Sie tatsächlich über die Vermögensteuer von die-
niemand!)
ser Frau Solidarbeiträge einfordern?
Wer aber glaubt, Generationengerechtigkeit durch we-
(Widerspruch bei Abgeordneten der LINKEN)
niger Solidarität zu erreichen, der irrt, Herr Kolb.
Das steht tatsächlich in Ihrem Konzept. Sie sollten ein-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
mal schauen, wen Sie damit eigentlich treffen und wel-
CDU/CSU)
che Leute Sie für die Wohlhabenden dieses Landes hal-
Deshalb ist der Entwurf eines Gesetzes über die Weiter- ten.
geltung der aktuellen Rentenwerte richtig.
(Beifall der SPD und der CDU/CSU)
Die Anstrengungen, die wir jetzt im Bereich Rente
unternehmen, müssen von Reformen der anderen großen Vizepräsident Wolfgang Thierse:
solidarischen Sicherungssysteme flankiert werden. Wir Kollege Friedrich, gestatten Sie eine Zwischenfrage
stehen gegenüber den Menschen in der Verantwortung, des Kollegen Ernst?
ihnen eine längere reale Lebensarbeitszeit zu ermögli-
chen. Das gilt – das wurde schon angesprochen – für das
Ende des Erwerbslebens, das heißt, dass die Menschen Peter Friedrich (SPD):
das Renteneintrittsalter tatsächlich im Erwerb stehend Ja.
erleben müssen. Das gilt aber auch für den Anfang des
Erwerbslebens. Die Gesamtarbeitszeit der Menschen Klaus Ernst (DIE LINKE):
muss zunehmen. Herr Friedrich, sind Sie bereit, zur Kenntnis zu neh-
Wir müssen auch die Auswirkungen der Demografie men, dass bei unseren Vorschlägen zur Vermögensteuer
auf die anderen Sicherungssysteme berücksichtigen. Des- ein Häuschen im Wert von 300 000 Euro unter den Frei-
halb diskutieren wir momentan über die Frage, wie die betrag fallen würde?
Gesundheitsreform weitergehen kann. Wer glaubt – wie (Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Was ist denn so
das mehrfach in die Diskussion geworfen wurde –, man ein Häuschen in Stuttgart wert?) (D)
(B)
könne eine Reform auf höhere Zu- und Aufzahlungen
gründen, der irrt. Das hieße nämlich nichts anderes, als Peter Friedrich (SPD):
dass wir von den Rentnerinnen und Rentnern an der Apo-
Herr Ernst, ich nehme das zur Kenntnis. Allerdings
theke das zurückfordern, was wir ihnen vorher gegeben
stelle ich Ihnen anheim, zur Kenntnis zu nehmen, dass
haben. Das hieße, die Kranken müssten mit den Gesun-
Sie in meinem Wahlkreis für 300 000 Euro wahrschein-
den solidarisch sein. Auch das können wir nicht wollen.
lich kein Häuschen finden werden. Das ist das Problem.
Zweite Anmerkung. Bei der Rentenfrage muss man Die Leute sehen ihr Eigenheim als Altersvorsorge an. Es
nicht über zwei, sondern über drei betroffene Generatio- ist für sie mehr als nur in Haus. Trotzdem wollen Sie
nen sprechen. Wir diskutieren viel und emsig über die – so steht es in Ihrem Konzept – da heran.
Beitragszahler und die Leistungsempfänger. Generatio-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
nengerechtigkeit ist aber mehr als eine reine Zahlungs-
bilanz. Es geht auch um die Frage, in welchem Zustand Meine dritte Anmerkung: Der wichtigste Beitrag zu
sich die Solidargemeinschaft befindet, in die zukünftige einer erfolgreichen Rentenpolitik in Zukunft ist eine er-
Beitragszahler hineingeboren werden, in der sie auf- folgreiche Familienpolitik. Natürlich können wir nicht
wachsen. Daher sind für die zukünftige Struktur der binnen weniger Jahre die Ergebnisse einer seit Jahrzehn-
Rente folgende Fragen von Bedeutung: Wie schaffen wir ten laufenden gesellschaftlichen Entwicklung korrigie-
nachhaltiges Wachstum? Wie schaffen wir eine dauer- ren. Aber so zu tun, als sei Demografie gottgegeben und
hafte Steigerung der Qualität unseres Bildungssystems? ein Naturgesetz, bedeutet, sich vor der politischen Auf-
Wie schaffen wir die Integration zugewanderter Bürge- gabe zu drücken. Deutschland braucht mehr Kinder. Es
rinnen und Bürger? Wie ist der Wohlstand zwischen den kommt häufig der Einwand, diese Kinder müssten dann
Generationen und innerhalb einer Generation verteilt? ja auch Arbeit haben und Beiträge zahlen, um der Rente
überhaupt zu nutzen. Der Einwand ist natürlich richtig.
(Beifall bei der SPD)
Aber es heißt, den ersten Schritt vor dem zweiten zu tun.
Herr Ernst, in Ihrer Rede spielten all diese Themen Kinder sind mehr als nur persönliches Glück. Sie sind
keine Rolle. Deshalb möchte ich mir einen Hinweis auch ein Wachstumsimpuls für die Gesellschaft und für
nicht verkneifen: Wer in der Debatte immer wieder be- die Wirtschaft eines Landes. Damit wir mehr Kinder be-
tont, man müsse den Wohlhabenden endlich einmal an kommen, brauchen wir in Zukunft für die Menschen die
den Kragen, um das finanzieren zu können – in dieser Verlässlichkeit, dass die Betreuung der Kinder gewähr-
Verbalität tragen Sie das vor –, und gleichzeitig Vor- leistet ist und dass Beruf und Familie dauerhaft mit-
schläge zur Vermögensteuer auf den Tisch legt, die eine einander vereinbar sind.
2602 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
Peter Friedrich
(A) (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten chen von einer Schrumpfrente und machen den Leuten (C)
der CDU/CSU) schlichtweg Angst, was ihre Sicherheit im Alter betrifft.
Vierte Anmerkung: Ebenso wie Geld eine zentrale Ich finde, dass solche Debattenbeiträge, die den
Ressource für die Rente ist, ist Vertrauen eine zentrale eigentlichen Kern des Themas vermeiden, nur dafür sor-
Ressource für die Rente. Deswegen ist meine Bitte an gen, dass Rentnerinnen und Rentner wie auch Arbeit-
alle hier im Haus, insbesondere an die, die an den Rän- nehmerinnen und Arbeitnehmer zusätzlich verunsichert
dern sitzen: Hören Sie auf, bei den Menschen bezüglich werden. Aber die Menschen in unserem Land wollen
der Rente Ängste zu schüren. Hören Sie damit auf! Hö- keine hysterischen Schlagzeilen, sondern sie wollen wis-
ren Sie auf der einen Seite damit auf, den Beitragszah- sen, wie es um ihre Altersversorgung wirklich bestellt
lern Angst zu machen, sie würden überfordert, und hören ist. Das wird im Rentenversicherungsbericht und im Al-
Sie auf der anderen Seite auf, ihnen Altersarmut einzure- terssicherungsbericht der Bundesregierung in aller Klar-
den und den Systemkollaps zu propagieren. heit dargelegt. Darüber sollten wir miteinander reden.
(Zuruf von der LINKEN) Deswegen steht im Koalitionsvertrag: Mit der großen
Koalition wird es selbst dann, wenn sich die Löhne
Dies beschreibt nicht die Realität der Rente in Deutsch- schlecht entwickeln, keine Rentenkürzung geben. Übri-
land. Sie wissen ganz genau, dass wir bei der Altersar- gens wird es, Herr Kolb, auch keine Rentenkürzung
mut so gut dastehen wie noch nie zuvor. durch die Hintertür geben. Sie haben ja nicht über diese
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der Legislaturperiode gesprochen, sondern über die vergan-
CDU/CSU) gene Regierung; Ihre Rede war sehr rückwärtsgewandt.
Wenn Sie dies nicht berücksichtigen, machen Sie den (Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Damals war der
Menschen Angst. Sie treiben sie aus einem solidarischen Minister Fraktionsvorsitzender!)
Sicherungssystem. Mit dieser Propaganda verringern Sie
Die Bürgerinnen und Bürger in diesem Land können
die Solidarität in unserer Gesellschaft.
sich darauf verlassen, dass wir dieses Versprechen einlö-
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten sen. Ein Gesetz, wie wir es heute beschließen, ist die
der CDU/CSU) stärkste Form der Einlösung unseres Versprechens. Es
gibt mit Schwarz-Rot keine Rentenkürzung. Das ist
Deswegen ist es gut, dass die große Koalition für die, Fakt.
die darauf angewiesen sind, dass ein solidarisches Siche-
rungssystem existiert und für sie da ist, wenn sie es brau- (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
chen, eine verlässliche Grundlage schafft und sich nicht der SPD)
(B) aus populistischen Gründen vor der Verantwortung (D)
Bei all diesem Gerede, das nichts anderes als Verun-
drückt.
sicherung schafft, muss man einfach noch einmal klar
Herzlichen Dank. und deutlich sagen: Grundsätzlich gilt für die Rente zu-
allererst die Mathematik. Wer Adam Riese außer Kraft
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten setzen will, wird bei der Rente eine Bauchlandung erle-
der CDU/CSU) ben.
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Das muss man Auf der linken Seite dieses Hauses hat sich nicht viel ge-
sich aber auch leisten können, Herr Weiß! – ändert, auf der rechten Seite ist allerdings gnadenloser
Zuruf von der LINKEN: Und was ist mit den Populismus hinzugekommen; das muss man in aller
Hartz-IV-Beziehern? Wie soll das denn ge- Deutlichkeit feststellen.
hen?) (Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU – Zuruf des Abg. Dr. Heinrich L.
Die Finanzwirtschaft vermeldet, dass mittlerweile Kolb [FDP])
5,6 Millionen Riesterverträge abgeschlossen wurden.
Das ist schön. Aber das sind noch immer viel zu wenige. – Herr Kolb, ich bin gerne bereit, den Nachweis anzutre-
Deswegen müssen wir uns bemühen, die Attraktivität ten. Sie haben gerade gesagt, wir würden den Rentnerin-
der privaten Altersvorsorge zu steigern. Wir tun das, in- nen und Rentnern mit verschiedensten Instrumenten
dem wir noch in diesem Jahr ein Gesetz beschließen massiv in die Tasche greifen,
werden, durch das selbst genutztes Wohneigentum in die
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Ja, sicher!)
Förderung der Riesterrente aufgenommen wird. Da-
rüber hinaus werden wir den Betrag, mit dem der Staat also real Rentenkürzungen vornehmen. Ich gebe unum-
Familien mit Kindern fördert, deutlich erhöhen. wunden zu, dass es in den letzten Jahren zusätzliche
2604 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
Anton Schaaf
(A) Belastungen für die Rentnerinnen und Rentner gegeben Dr. Heinrich L. Kolb (FDP): (C)
hat – als ihr Solidarbeitrag zum Erhalt der sozialen Si- Herr Kollege Schaaf, würden Sie mir zustimmen,
cherungssysteme, dass Sie jetzt demselben Denkfehler unterliegen wie in
der letzten Legislaturperiode bei der Tabaksteuererhö-
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Na also!) hung, als Sie die Steuersätze erhöht haben und dann erle-
insbesondere bei der Gesundheitsvorsorge – und dass die ben mussten, dass unter dem Strich sogar geringere Ein-
Mehrwertsteuererhöhung nicht kompensiert werden nahmen erzielt werden? Können Sie sich vorstellen, dass
kann. niedrigere Rentenbeiträge zu mehr sozialversicherungs-
pflichtiger Beschäftigung und damit zu mehr Beitragszah-
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Na also!) lern führen können und dass das am Ende der wirksamere
Weg ist, um die Rentenkasse und die Rentenzahlungen
Das gestehe ich Ihnen zu. zu stabilisieren?
(Beifall bei Abgeordneten der FDP) Mit Ihrer Politik der permanenten Mehrbelastung der
Menschen durch permanente Beitragserhöhungen be-
Aber jetzt will ich den Menschen draußen im Lande schreiten Sie den falschen Weg: Sie haben mit Ihrer Poli-
mal sagen, was Sie vorschlagen: Die FDP schlägt vor, tik den massiven Verlust von anderthalb Millionen Ar-
den Rentenversicherungsbeitrag nicht von 19,5 Prozent beitsplätzen in fünf Jahren zu verantworten; das sage ich
auf 19,9 Prozent zu erhöhen, sondern ihn sogar abzusen- besonders an Sie als SPD-Kollegen gerichtet. Höhere
ken: auf 19 Prozent. Beiträge sind der falsche Weg. Beitragssenkungen und
der Aufbau von Beschäftigung, das ist die Lösung des
(Zuruf von der SPD: Hört! Hört!)
Problems. Da sollten Sie mir doch eigentlich zustimmen,
Im Klartext geht es um 5 bzw. 9 Milliarden Euro. Sie sa- oder?
gen aber nicht, wer das finanzieren soll. Das heißt, es (Beifall bei Abgeordneten der FDP)
geht um Kürzungen bei den Rentnerinnen und Rentnern.
So steht es in Ihrem Konzept: reale Kürzungen.
Anton Schaaf (SPD):
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Unser Konzept Herr Kolb, wir haben diese Diskussion an anderer
sieht anders aus! Was Sie da in der Hand hal- Stelle schon geführt. Ich sage Ihnen noch einmal: Der
ten, ist eine Fälschung!) Widerspruch liegt bei Ihnen. Auch ich war der Meinung,
dass man die Mehrwertsteuer nicht erhöhen sollte.
Das wollen wir den Menschen nicht zumuten. Und Sie
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Aha!)
(B) werfen uns vor, dass wir den Rentnerinnen und Rentnern (D)
in die Tasche greifen! Das ist unlauter, um das ganz Aber man kann das tun, wenn damit die Lohnnebenkos-
deutlich zu sagen. ten gesenkt werden. Genau da widersprechen Sie sich
doch, wenn Sie jetzt fordern, dass die Mehrwertsteuer
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
nicht erhöht wird.
der CDU/CSU)
Also, wir haben uns auf den Weg gemacht und einen
Herr Kolb, in all Ihren Papieren betonen Sie, dass die schwierigen Kompromiss gefunden: um die Lohnneben-
gesetzliche Rentenversicherung auch in Zukunft die zen- kosten abzusenken, um die Beitragszahlerinnen und Bei-
trale Säule der Altersversorgung sein wird. Dieser Über- tragszahler zu entlasten und übrigens auch – das sage ich
zeugung bin auch ich, und wir müssen alles dafür tun, an die FDP gerichtet –, damit private Vorsorge überhaupt
damit das auch in Zukunft so bleibt. Aber dann liest man möglich wird. Was private Vorsorge angeht, argumentie-
in einem mir vorliegenden Papier der Jungen Liberalen ren Sie ja gerne, die Arbeitslosengeld-II-Empfänger hät-
– die hoffentlich nie in die Verantwortung kommen –, ten bei der Riesterrente ja gar keine Chance und deswe-
dass die Julis die umlagefinanzierte Versicherung ab- gen drohe Altersarmut. Da liegen Sie aber falsch. Die
schaffen wollen. Das ist die Realität in der FDP. Und Sie drohende Altersarmut resultiert daraus, dass die Men-
stellen sich hier hin und klagen laut über das, was die schen keine Arbeit haben, und nicht daraus, dass sie
Vorgängerregierung getan hat und die große Koalition nicht privat vorsorgen können.
tut, um die sozialen Sicherungssysteme zukunftsfest zu
machen! (Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU)
(Beifall bei der SPD)
Unser Interesse muss also zunächst einmal darin liegen,
Das ist die Gemengelage. dass die Menschen in Brot und Arbeit kommen. Das ist
doch die entscheidende Frage. Die Argumentation auf
Ihrer Seite würde ich also noch einmal sehr deutlich
Vizepräsident Wolfgang Thierse:
überprüfen.
Herr Kollege Schaaf, gestatten Sie eine Zwischen-
frage des Kollegen Kolb? Herr Kolb, lassen Sie mich noch etwas zur Sozialab-
gabenfreiheit bei der Entgeltumwandlung sagen.
Auch das ist natürlich ein Punkt, über den man diskutie-
Anton Schaaf (SPD): ren kann. Ich weise nur darauf hin: Wenn uns die Ein-
Aber selbstverständlich. nahmen aus diesem Bereich in der gesetzlichen Renten-
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2605
Anton Schaaf
(A) versicherung fehlen, dann trifft das im Nachgang im Der zweite Punkt ist die Altersteilzeit. Wenn wir (C)
Wesentlichen die, die nicht privat vorsorgen konnten. meinen, dass die Menschen später in Rente gehen sollen,
Das ist eine ganz einfache Geschichte. Diese Einnahmen dann sollten wir allerdings auch über flexible Modelle
werden im sozialen Sicherungssystem, in der Rentenver- dafür miteinander diskutieren können. Wir wissen ja,
sicherung, fehlen. dass die Förderung der Altersteilzeit 2009 ausläuft. Wir
sollten uns noch einmal Gedanken darüber machen. Ich
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Bei den Interes- halte es eigentlich für unsinnig, dass es zwei große Brü-
sen der Hartz-IV-Empfänger seid ihr nicht so che im Leben gibt, nämlich einmal den, wenn wir von
zimperlich!) der Schule in den Beruf gehen, und einmal den, wenn
Von daher muss man sehr genau hinschauen, was man an wir aus dem Beruf in die Rente gehen. Wir sollten diese
der Stelle tun will. Übergänge flexibler gestalten und Möglichkeiten dafür
suchen, dass die Menschen flexibler mit diesen Über-
Noch einmal an die linke Seite des Hauses gerichtet: gängen umgehen können, damit es keine Brüche mehr
Ich halte es für eine Verkürzung der Diskussion, wenn sind.
man sagt, die Anhebung des Renteneintrittsalters auf
67 Jahre bedeute eine massive Rentenkürzung. Wenn (Beifall bei Abgeordneten der SPD –
man sich die Historie der gesetzlichen Rentenversiche- Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Aber nicht zulas-
rung anschaut, dann erkennt man, dass es eine giganti- ten der Beitragszahler, Herr Schaaf!)
sche Steigerung bei der Rente gab. Als wir die gesetzli- Der dritte und letzte Punkt, den ich noch ansprechen
che Rentenversicherung eingeführt haben, betrug die möchte, ist die Frage der Erwerbsminderung. Wenn
durchschnittliche Bezugsdauer der Rente acht Jahre; wir sagen, dass die Menschen länger arbeiten sollen,
mittlerweile sind wir bei 18 Jahren. Wenn man das eine dann müssen wir sicherlich auch individualisierte Instru-
so nicht fassen möchte, dann kann man es aus meiner mente für diejenigen haben, die nicht mehr oder nicht so
Sicht andersherum auch nicht fassen. Wir reden hier aus lange arbeiten können. Deswegen bitte ich, in den De-
meiner Sicht nicht über eine Rentenkürzung, sondern batten, die wir jetzt zu führen haben, insbesondere auch
darüber, dass die Lebensarbeitszeit länger sein muss als noch einmal die Frage der Erwerbsminderung auf die
bisher, damit die sozialen Sicherungssysteme auf Dauer Agenda zu nehmen. Eine Überlegung wäre zum Bei-
erhalten werden können. spiel, das Alter, ab dem die Möglichkeit eines abschlags-
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU) freien Zugangs besteht, nicht gleichzeitig mit dem Ren-
teneintrittsalter auf 67 Jahre zu erhöhen, sondern es bei
63 Jahren zu belassen. Ich denke, das ist ein überlegens-
Vizepräsident Wolfgang Thierse: werter Ansatz.
(B) (D)
Kollege Schaaf, gestatten Sie eine Zwischenfrage des
Kollegen Ernst? Meine Damen und Herren, ich will mit einem Satz
schließen, der da lautet: Auch in Zukunft ist die Rente si-
cher – sicher die zentrale Säule der Altersvorsorge. Wir
Anton Schaaf (SPD): Sozialdemokraten werden uns darum bemühen.
Nein, danke.
Danke schön.
Lassen Sie mich noch drei inhaltliche Punkte sagen.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)
Erstens. Wir haben gesagt, dass mit der Gesetzesini-
tiative zur Anhebung des Renteneintrittsalters auf Vizepräsident Wolfgang Thierse:
67 Jahre ein Programm für die Arbeitnehmerinnen und Das Wort zu einer Kurzintervention erteile ich dem
Arbeitnehmer über 50 Jahre einhergehen muss. Es kann Kollegen Klaus Ernst.
nicht sein, dass viele Betriebe in unserem Lande ältere
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vor dem Hinter- (Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: Du
grund, dass sie relativ teuer und eventuell nicht mehr so lieber Gott! – Wolfgang Meckelburg [CDU/
leistungsfähig sind, entlassen und das Problem in die CSU]: Er kann es nicht lassen!)
Verantwortung der Allgemeinheit stellen. Für die Be-
schäftigung der älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeit- Klaus Ernst (DIE LINKE):
nehmer tragen auch die Unternehmer in diesem Land Herr Schaaf, ich möchte Ihnen nur zur Kenntnis ge-
ihre Verantwortung. ben – ich gehe davon aus, dass Sie das nicht wussten –,
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) dass das Leben eines Gerüstbauers in der Bundes-
republik im Durchschnitt nach 64 Jahren endet. Wenn
Es kann nicht sein, dass die Unternehmen im Lande nach der Plan der Bundesregierung, ihn bis 67 Jahre arbeiten
Ingeneurinnen und Ingenieuren rufen, während gleich- und erst dann in Rente gehen zu lassen, zur Umsetzung
zeitig 20 000 Ingenieure arbeitslos sind. Die Verantwor- gelangt, wird er drei Jahre vor Rentenbezug ableben. –
tung für Qualifizierung und Weiterbildung liegt hier bei Das nur als Hinweis!
den Unternehmen, nicht bei der Allgemeinheit. Diese
Verantwortung muss man noch einmal in aller Deutlich- (Beifall bei der LINKEN – Peter Weiß [Em-
keit zuweisen. mendingen] [CDU/CSU]: Sie kennen das Sys-
tem überhaupt nicht! Das war ein tolles Bei-
(Beifall bei der SPD) spiel!)
2606 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
(A) Vizepräsident Wolfgang Thierse: Mir kommt es langsam so vor, als sei die FDP der Hase, (C)
Kollege Schaaf. der erratisch über das politische Feld in Berlin rennt und
nicht weiß, wohin. Dabei drückt er sich in die Furche
und fällt in die Stacheln des Igels. Ich will Ihnen genau
Anton Schaaf (SPD):
erklären, warum.
Das ist genau das, was ich mit „gnadenlosem Populis-
mus“ meine. Man kann damit zwar auf die erste Seite (Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Ich bin
der „Bild“-Zeitung kommen, aber mit Sicherheit keine gespannt!)
seriöse Debatte führen.
Ich bin ein wenig enttäuscht darüber, dass Sie immer
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU) wieder Anträge stellen, die sich im Prinzip schon von
selbst erledigt haben.
Vizepräsident Wolfgang Thierse: (Dr. Ralf Brauksiepe [CDU/CSU]: So ist es! –
Ich erteile das Wort dem Kollegen Michael Fuchs, Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Wo ist denn Ihr
CDU/CSU-Fraktion. Gesetzentwurf? Stimmen Sie unserem Antrag
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – zu?)
Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Jetzt kommt der Halten wir einmal Folgendes fest: Unser Bundes-
Vorschlag zum Bürokratieabbau in der Sozial- arbeitsminister hat hervorragende Arbeit geleistet. Wir
versicherung!) haben ihn vor drei Wochen angeschrieben und ihn gebe-
ten, klarzustellen, dass die Geschäftsführer einer „Regel-
Dr. Michael Fuchs (CDU/CSU): GmbH“ keine Scheinselbstständigen sind. Noch bevor
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Ihr Antrag vorlag, hatte er – das konnten Sie in der Zei-
Meine sehr geehrten Damen und Herren! Herr Ernst, ich tung nachlesen – reagiert. Sie brauchen keine Sorge zu
kann nur sagen: Man kann Sie nicht ernst nehmen. haben, dass diese Regierung schläft. Sie brauchen uns
auch nicht zu helfen. Wir handeln schnell. Dafür bin ich
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) dem Bundesarbeitsminister ausgesprochen dankbar.
Ihrem Namen machen Sie überhaupt keine Ehre. (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Dann wollen wir neten der SPD)
mal bei Ihnen gucken, Herr Fuchs!)
Vizepräsident Wolfgang Thierse:
(B) Ihre Rede hatte mit dem, was heute Thema ist, nichts zu Herr Kollege Fuchs, gestatten Sie eine Zwischenfrage (D)
tun.
des Kollegen Kolb?
Gerade Ihrer Partei verdanken wir doch einen Groß-
teil der Misere in unserem Land. Dr. Michael Fuchs (CDU/CSU):
(Zurufe von der LINKEN: Oh! – Dr. Heinrich L. Darauf freue ich mich.
Kolb [FDP]: Na ja!)
Es ist die SED gewesen, die Vorgängerpartei der PDS, Vizepräsident Wolfgang Thierse:
die im gesamten Osten, einem großen Teil unseres Lan- Bitte schön.
des, den Karren in den Dreck gefahren hat. Wir sind
nunmehr bemüht, dies mit den Gesetzen, die wir ma- Dr. Heinrich L. Kolb (FDP):
chen, zu korrigieren. Heißt das, Herr Kollege Fuchs, dass Sie unserem An-
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- trag heute zustimmen werden? Wenn Sie das nicht tun,
neten der SPD und der FDP) frage ich Sie: Wo ist denn Ihr Antrag, mit dem das
Problem, wonach GmbH-Gesellschafter durch Sozial-
Es ist Ihnen Gott sei Dank nicht gelungen, in den alten versicherungsbeiträge in fünfstelliger Größenordnung
Bundesländern Fuß zu fassen. Ihre Partei ist bei den letz- bedrückt werden können, gelöst wird? Solange Sie nur
ten Landtagswahlen kläglich gescheitert. Das wird so davon reden, ist es notwendig und richtig, dass die FDP
weitergehen, weil man Sie weiterhin nicht ernst nehmen Sie mit konkreten Anträgen und auch Gesetzentwürfen
kann. Das, was Sie hier machen, ist Klamauk; nichts an- treibt. Davon werden wir uns auch in Zukunft nicht ab-
deres. bringen lassen, Herr Fuchs.
Lieber Herr Kollege Kolb, von Ihnen hätte ich aller- (Beifall bei der FDP – Dr. Norbert Röttgen [CDU/
dings etwas anderes erwartet. CSU]: Das können Sie gar nicht!)
(Dr. Ralf Brauksiepe [CDU/CSU]: Genau!)
Dr. Michael Fuchs (CDU/CSU):
Ich war von Ihrer Rede ziemlich entsetzt. Kennen Sie ei-
gentlich das Märchen von dem berühmten Wettlauf zwi- Es ist Ihr gutes Recht, Herr Kollege Kolb, dass Sie
schen Hase und Igel? versuchen, uns zu treiben. Aber gehen Sie bitte davon
aus, dass wir das gar nicht nötig haben; denn wir reagie-
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Das kenne ich!) ren schon vorher.
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2607
Dr. Michael Fuchs
(A) (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- beginn die Lebenserwartung noch maximal acht Jahre (C)
neten der SPD – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: betragen hat, während es heute durchschnittlich 18 Jahre
Wo ist denn Ihr Antrag?) sind. Dass das nicht auf die gleiche Weise finanziert wer-
den kann, ist selbstverständlich. Es kommt heute vor,
Diese Treibjagd werden Sie genauso verlieren, wie Sie
dass jemand mit 29 oder gar 30 Jahren nach dem Stu-
auch jetzt mit Ihrem populistischen Ansatz verlieren
dium endlich ins Berufsleben einsteigt und mit 52 in
werden. Der Bundesarbeitsminister hat bereits klarge-
Frührente geht. Da kann man ja kaum noch von ver-
stellt, dass eine solche Regelung – wie von Ihnen be-
schiedenen Gruppen reden.
fürchtet – für die GmbH-Geschäftsführer nicht gelten
wird.
Vizepräsident Wolfgang Thierse:
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Wo ist denn die Herr Kollege.
Umsetzung?)
– Erst einmal reicht eine solche Klarstellung. Anschlie- Dr. Michael Fuchs (CDU/CSU):
ßend werden wir im Sozialgesetzbuch – Herr Bundesar- Wie wollen wir die Rentenversicherung finanzieren,
beitsminister, ich denke, das sehe ich richtig – die ent- wenn sich die Lebensarbeitszeit so verkürzt hat? Das ist
sprechenden Änderungen vornehmen. Dafür brauchen doch nur über eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit
wir Ihre Hilfe nicht. möglich. Ich denke, es ist völlig richtig, dass wir an die-
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und ser Stelle angesetzt haben.
der SPD – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Ich (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
sehe mich bestätigt!)
Wir halten es für dringend notwendig, dass die Selbst- Vizepräsident Wolfgang Thierse:
ständigen geschützt werden und sie die Chance haben, Herr Kollege Fuchs, gestatten Sie eine Zwischenfrage
eine private Altersvorsorge abzuschließen. des Kollegen Seifert von der Linksfraktion?
(Jörg van Essen [FDP]: Ich bin entsetzt! Keine
Umsetzung!) Dr. Michael Fuchs (CDU/CSU):
Gerne.
Das ist für uns selbstverständlich. Das sieht die Regie-
rung ganz genauso.
Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE):
Das Beispiel zeigt, dass die Regierung gerade die As- Lieber Herr Kollege, Sie sprechen – wie auch der
(B) pekte der mittelständischen Unternehmen – im Wesentli- Vorredner schon – zum wiederholten Mal davon, dass (D)
chen betrifft es die Mittelständler – im Auge hat. Deren sich die Rentenbezugsdauer insgesamt erhöht hat. Ich
Probleme nehmen wir ernst und wir werden ihnen auf gehe davon aus, dass Sie sich darüber genauso freuen
diese Art und Weise schnell und ordnungsgemäß helfen. wie ich und einige andere im Hause auch.
Es ist nun einmal so: Vor Gericht und auf hoher See ist
man in Gottes Hand. Das Urteil des Bundessozialge- (Dr. Michael Fuchs [CDU/CSU]: Ich hoffe,
richts betrifft aber einen Einzelfall – auch von den Ren- dass ich das selbst habe!)
tenversicherungsträgern wird das so gesehen – und wird Aber warum reden Sie nie davon, dass sich in dersel-
nicht dazu führen, dass sofort etwas passieren muss. ben Zeit die Produktivität in unserem Lande viel stärker
Aber jetzt zum eigentlichen Thema. Wir sind schon erhöht hat als die Rentenbezugsdauer insgesamt und
so weit, dass wir 32,5 Prozent unseres Bruttoinlandspro- dass die Produktivität der entscheidende Faktor ist?
dukts für Soziales ausgeben. Entscheidend ist doch nicht, wie viele Rentner zu finan-
zieren sind, sondern wie viel Produktivität in diesem
Die Sozialleistungsquote beträgt mittlerweile Land besteht, um den Mehrwert zu erzeugen, damit wir
32,5 Prozent und ist damit unglaublich hoch. Der Zu- auch den Rentnerinnen und Rentner angemessene Leis-
schuss zur Rentenversicherung aus dem Bundeshaushalt tungen bieten können. Warum äußern Sie sich dazu gar
beträgt 77,4 Milliarden Euro. Das ist gut so. Wir müssen nicht? Warum blenden Sie das völlig aus und bezeichnen
das Rentensystem auf diese Weise stabilisieren. Wir wis- uns als Populisten?
sen aber auch, dass das hohe Belastungen für den Bund
bedeutet. Deswegen ist es richtig, dass der Bundesar- (Beifall bei der LINKEN)
beitsminister – auch hierfür möchte ich ihn loben – ge-
sagt hat, wir steigen mit der Rente ab 67 in den Umbau Dr. Michael Fuchs (CDU/CSU):
der Rente ein. Das war notwendig. Wenn Sie meinen, Ohne diese Produktivität wären wir nicht in der Lage,
Herr Ernst, hier mit Populismus, wie Sie ihn eben bewie- die Renten zu finanzieren. Nur aus diesem Grund kön-
sen haben, Klamauk treiben zu können, dann geht das an nen wir sie noch finanzieren. Wir haben doch eben vom
der ernsten Problematik dieses Themas völlig vorbei. Bundesarbeitsminister gehört, welche Entwicklung sich
ergeben hat, nämlich dass sich die Finanzierung der
Ich finde es traurig, dass es darüber keinen Konsens
Rentner auf viel weniger Köpfe verteilt als früher. Das
gibt. Wir können doch nicht so tun, als wäre die demo-
sollten wir zur Kenntnis nehmen. Das spielt doch auch
grafische Entwicklung an diesem Land komplett vor-
beim Produktivitätszuwachs eine Rolle.
beigegangen. Sie hat sich nun einmal so ergeben. Der
Kollege Schaaf hat völlig Recht, dass früher bei Renten- (Beifall bei der CDU/CSU)
2608 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
Ich erinnere in diesem Zusammenhang an unseren Wir wünschen Ihnen noch einen angenehmen Aufent-
Koalitionsvertrag, in dem klar und deutlich steht: halt in Berlin. Herzlichen Dank für Ihr Kommen.
Katja Kipping
(A) Die Liste der Verlierer geht weiter. Handwerk und Um das zu finanzieren, ist natürlich eine Neuausrich- (C)
Handel klagen über fehlende Binnenkaufkraft. In mei- tung in der Steuerpolitik notwendig. Die Großzügigkeit
nem Wahlkreis gegenüber Vermögenden und Unternehmen mit Gewin-
nen können wir uns tatsächlich nicht mehr leisten.
(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Sie ha-
ben gar keinen Wahlkreis!) (Beifall bei der LINKEN)
gibt es in einer früher florierenden Ladenstraße immer Wer also Augen hat, um zu sehen, und Ohren, um zu hö-
mehr leere Schaufenster, weil wieder einmal ein Frisör ren, der kann feststellen: Hartz IV muss gekippt werden.
Pleite gemacht hat, weil die Leute sich die Produkte und
Dienstleistungen nicht mehr leisten können. Nun kann ich verstehen, dass es Ihnen, meine Damen
und Herren von der SPD, schwer fällt; es ist immerhin
Das Fazit ist: Kinder, Frauen, Handwerker, Beschäf- einmal Ihr Referenzprojekt gewesen. Es gibt einige Pro-
tigte und Erwerbslose gehören zu den Verlierern von bleme, vor denen auch Sie die Augen nicht verschließen
Hartz IV. Es ist höchste Zeit, dass sich hier etwas ändert. können. Meine Damen und Herren von der SPD, es gibt
einige Verbesserungen, die müssten Sie mit uns jetzt
(Beifall bei der LINKEN)
endlich gemeinsam in Angriff nehmen können. Ich emp-
Hartz IV folgt grundsätzlich der falschen Ideologie. fehle Ihnen die aktuellen Untersuchungen der Caritas zur
Das können kosmetische Schönheitskorrekturen nicht Lektüre. Diese Untersuchungen besagen: Der Kranken-
ändern. Wir meinen also: Hartz IV muss grundsätzlich versicherungsschutz ist das Mindeste, was für jeden Er-
überwunden werden. Das Arbeitslosengeld II in seiner werbslosen gewährleistet sein muss.
jetzigen Form muss dabei durch eine soziale Grund-
(Rolf Stöckel [SPD]: Genau das haben wir
sicherung ersetzt werden, die repressionsfrei erfolgt, die
eingeführt!)
diesen Namen verdient und die gesellschaftliche Teil-
habe wirklich ermöglicht. Die heutige Situation sieht so aus, dass Frauen, die in
einer eheähnlichen Gemeinschaft leben – das betrifft
(Beifall bei der LINKEN)
auch Männer; aber in den meisten Fällen sind doch eher
Die 1-Euro-Jobs müssen durch sozialversicherungs- die Frauen betroffen, weil die Männer mehr verdienen –
pflichtige Arbeitsverhältnisse ersetzt werden. Das Motto und die das Pech haben, dass das Einkommen ihrer Part-
könnte lauten: Ordentliche Schulsozialarbeiter statt viel ner nur wenige Euro über der Beitragsbemessungsgrenze
zu kurze und schlecht bezahlte 1-Euro-Jobs. liegt, keinerlei Anspruch auf eine gesetzliche Kranken-
versicherung haben. Versuchen Sie einmal als Frau über
(Beifall bei der LINKEN – Wolfgang 50, sich bei einer privaten Krankenversicherung zu ver-
(B) Meckelburg [CDU/CSU]: Stellt doch euer Ver- sichern! Dafür sind Beträge nötig, die ein Arbeitsloser (D)
mögen zur Verfügung!) nicht aufbringen kann.
Auch die Bezugsdauer beim Arbeitslosengeld I muss (Beifall bei der LINKEN)
länger werden. Wir schlagen hier vor: Für jedes Jahr
Beitragszahlung hat man Anspruch auf einen Monat Ar- Auch Ihnen muss doch verständlich sein, dass es nicht
beitslosengeld I. Natürlich gibt es da auch für uns eine angeht, dass das Pflegegeld und die EU-Renten für Be-
Mindestfrist. hinderte bei der Berechnung des Arbeitslosengeldes II
berücksichtigt werden.
(Beifall bei der LINKEN)
(Rolf Stöckel [SPD]: Das ist bei einer bedarfs-
Das Konstrukt der Bedarfsgemeinschaft sollte im orientierten Grundsicherung aber so!)
21. Jahrhundert endlich überwunden werden. Die gegen-
seitige finanzielle Inhaftnahme innerhalb einer Familie Vor einer Sache kann man die Augen nicht verschlie-
erhöht nur die Anzahl der negativen Aspekte, nämlich ßen: Widersprüche gegen belastende Bescheide müssen
ökonomische Abhängigkeit. Wir meinen, es ist Zeit, ei- endlich eine aufschiebende Wirkung haben. Das ist
nen Individualanspruch einzuführen. zum einen ein Gebot des Rechtsstaates. Wir sehen doch,
dass es bei der Bearbeitung der Widersprüche tatsächlich
(Beifall bei der LINKEN – Paul Lehrieder enorme Probleme gibt. Ich habe neulich in einer Runde
[CDU/CSU]: Solidarischer Zusammenhalt ei- von Erwerbslosen gesagt: Ja, ich weiß, auf die Bearbei-
ner Familie, Frau Kipping! So etwas kennen tung mancher Widersprüche wartet man schon seit sechs
Sie nicht!) Monaten. Da bin ich ausgelacht worden und die Leute
Wir meinen auch: Schutz vor Wohnungslosigkeit haben gesagt: Wir warten leider schon seit einem Jahr
muss gewährleistet werden. Uns allen wird immer schön darauf, dass unser Widerspruch bearbeitet wird.
warm ums Herz, wenn wir in der Weihnachtszeit Be- (Rolf Stöckel [SPD]: Aber es bleibt keiner
richte im Fernsehen darüber sehen, wie Obdachlosen ge- ohne Hilfe!)
holfen wird. Aber Wohnungslosigkeit, die sich durch
Hartz IV wahrscheinlich verschärfen wird, ist eben nicht – Das ist schöne Theorie, was Sie sagen. Die Praxis sieht
nur zu Weihnachten ein Problem, sondern das ganze Jahr leider anders aus.
über. Deswegen sagen wir: Das Menschenrecht auf
Wohnen muss gewahrt werden. Wir haben uns in den einzelnen Kommunen umge-
hört. Fast überall ist bisher erst jeder zweite Widerspruch
(Beifall bei der LINKEN) bearbeitet worden. Die Tatsache, dass von den bearbeite-
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2611
Katja Kipping
(A) ten Widersprüchen mindestens jedem dritten Wider- (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU so- (C)
spruch stattgegeben worden ist, zeigt doch, dass es not- wie des Abg. Rolf Stöckel [SPD])
wendig ist, dafür zu sorgen, dass Widersprüche eine
aufschiebende Wirkung haben. Aber solange es nicht so ist, brauchen wir Hilfen für die
betroffenen Langzeitarbeitslosen, für die betroffenen
(Beifall bei der LINKEN) Menschen. Hilfe muss vor allem natürlich darin beste-
Ansonsten werden Menschen Leistungen unrechtmäßig hen – das ist richtig –, Brücken zur Arbeit und zur wirt-
vorenthalten. Wir reden dabei nicht von Menschen, die schaftlichen und sozialen Selbstständigkeit, zur Autono-
ein Polster haben, sondern von Menschen, die ohnehin mie des Einzelnen zu bauen.
schon wenig haben. (Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg.
Die Probleme, die Menschen mit Hartz IV haben, Klaus Uwe Benneter [SPD] und des Abg. Rolf
sind so ernst, dass wir als Gesetzgeber reagieren müssen. Stöckel [SPD])
Wir können es uns nicht mehr leisten, uns einfach mit Ihr Gesellschaftsbild, Ihr Weltbild ist ein völlig ande-
Märchenstunden zu begnügen. res. Sie wollen die Menschen in monetärer Abhängigkeit
Meine Damen und Herren, wenn Sie unserem Antrag vom Staat, von der Gemeinschaft halten. Statt die Kräfte
aus Prinzipienreiterei nicht zustimmen wollen, so neh- des Einzelnen und die Kräfte seiner Familie zu fördern,
men Sie unseren Antrag wenigstens zum Anlass, um
(Katja Kipping [DIE LINKE]: Eine Unterstel-
über die dringend notwendigen Veränderungen bezüg-
lung!)
lich Hartz IV mit uns gemeinsam zu beraten.
Besten Dank. was Ihre Verantwortung ist, wollen Sie das Kollektiv he-
ranziehen. Das ist eine ganz falsche Vorstellung; jeden-
(Beifall bei der LINKEN) falls haben wir eine deutlich andere Vorstellung von der
Subsidiarität unserer Staats- und Gesellschaftsordnung.
Vizepräsident Wolfgang Thierse:
Wie Sie sich von der Knappheit der Ressourcen lösen,
Ich erteile das Wort Kollegen Gerald Weiß, CDU/ wie Sie die Kanne der Großzügigkeit ausgießen und
CSU-Fraktion. Wohltaten mit nicht vorhandenem Geld austeilen wollen,
(Beifall bei der CDU/CSU) das nötigt schon Bewunderung ab. So kann man keine
verantwortliche Politik machen.
Gerald Weiß (Groß-Gerau) (CDU/CSU): (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU so-
(B) Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und wie des Abg. Rolf Stöckel [SPD]) (D)
Herren! Man muss eigentlich nicht um Worte streiten,
Frau Kipping, aber manchmal lohnt es sich schon, um Man muss die Begrenztheit der Ressourcen im
Begriffe zu streiten. Wir reden hier nicht über Hartz IV Auge behalten und man muss die knappen Mittel zielge-
– das ist Ihr Kampfbegriff –; wir reden über das richtet einsetzen. Minister Müntefering hat es gestern er-
Sozialgesetzbuch II und die Grundsicherung für Arbeit- läutert. Eine Politik, die die Grundsicherung effektiver
suchende. Das und nicht Hartz IV ist das Thema. und effizienter gestaltet, wird auch sinnvolle Einsparun-
gen möglich machen. Die beiden Reformschritte der Ko-
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- alition werden in diesem Jahr Ersparnisse in Höhe von
neten der SPD – Katja Kipping [DIE LINKE]: 300 bis 400 Millionen Euro und im nächsten Jahr in
Das steht auf einem Buch der Bundesregie- Höhe von 1,2 Milliarden Euro ermöglichen. Das sind
rung!) Gelder, die wir sinnvoller, an der richtigen Stelle, und ef-
Von Ihnen, Frau Kipping und Genossen, brauchen wir fektiv einsetzen müssen. Wir müssen den Sozialstaat
auch keine Belehrung des Inhalts, dass wir die Reform zielgerichteter ausgestalten. Das ist der Sinn der Re-
auf dem Sektor des Sozialgesetzbuches II fortsetzen form, die wir uns vorgenommen haben.
müssen. Wir haben das mit einem ersten Änderungsge- (Beifall bei der CDU/CSU)
setz zum Sozialgesetzbuch II zur Beseitigung schwerer
Fehlanreize in diesem Gesetz bereits begonnen. Das war Mit dem SGB II ist Neuland betreten worden. Es ist
die erste Reformstufe. Jetzt kommt die zweite Reform- eine große und auch komplizierte Reform. Hilfe aus ei-
stufe – die Grundlagen dafür hat der Minister gestern im nem Guss für alle Langzeitarbeitslosen, das ist ein richti-
Ausschuss dargelegt –, ein Optimierungsgesetz für das ger Ansatz. Wenn man sich jetzt in der Praxis ansehen
Sozialgesetzbuch II, für die Grundsicherung, mit dem muss, dass es Fehlentwicklungen und Fehlanreize gibt,
wesentliche weitere wichtige Reformschritte umgesetzt dann muss doch die Konsequenz sein: Das SGB II muss
werden sollen. Wir brauchen weder Ihre Belehrungen sozusagen ein lernendes System sein.
noch Ihre Rezepte, Frau Kipping.
(Beifall des Abg. Paul Lehrieder [CDU/CSU]
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD) und des Abg. Rolf Stöckel [SPD])
Natürlich wäre es das Beste, wir könnten das Wenn es das nicht ist, muss es ein lernendes System wer-
Arbeitslosengeld II abschaffen. Das würde nämlich be- den.
deuten, dass es uns gelungen wäre, die Langzeitarbeits-
losigkeit in Deutschland zu überwinden. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
2612 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
(Beifall bei der FDP sowie des Abg. Rolf Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Stöckel [SPD] – Katja Kipping [DIE LINKE]:
Das Wort hat jetzt der Parlamentarische Staatssekretär
Unkrautjäten im Winter!)
Gerd Andres.
Ich sage sehr deutlich: Der von Ihnen vorgelegte An- (Beifall bei der SPD)
trag ist schädlich. Dadurch schaffen Sie keine zusätzli-
chen Arbeitsplätze, sondern gefährden vorhandene sozi-
alversicherungspflichtige Beschäftigung. Gerd Andres, Parl. Staatssekretär beim Bundesmi-
nister für Arbeit und Soziales:
(Jörg Rohde [FDP]: Genau so ist es!) Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen auf der linken
Der Antrag geht von falschen Voraussetzungen aus. Ar-
Seite,
beitsplätze werden nämlich von Unternehmen geschaf-
fen und nicht aufgrund von Anträgen oder Beschlüssen (Klaus Brandner [SPD]: Das ist die rote
des Deutschen Bundestages. Karte!)
2614 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
(Beifall bei der SPD) (Beifall bei der SPD – Markus Kurth [BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN]: Das wird aber leider
In einem Konzept eines aktivierenden Sozialstaates nicht umgesetzt! – Abg. Katja Kipping [DIE
muss man sich Gedanken darüber machen, wie die Ba- LINKE] meldet sich zu einer weiteren Zwi-
lance von Transferleistungen, Arbeitsanreizen, Anstren- schenfrage)
gungen, Menschen in Arbeit zu bringen und sie bei der
Arbeitssuche zu unterstützen, vernünftig geregelt wer- – Vielleicht könnten Sie sich ein bisschen später noch
den kann. einmal melden. Ich gestehe Ihnen gerne eine oder fünf
Zwischenfragen zu; denn es macht Spaß, sich auszutau-
schen und zu diskutieren.
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Herr Andres, erlauben Sie eine Zwischenfrage der Um in meiner Rede fortzufahren: Ich möchte nicht
Kollegin Kipping? missverstanden werden: Da, wo es um inhaltliche Kritik
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2615
Parl. Staatssekretär Gerd Andres
(A) und um Verbesserungen geht, ist diese Kritik nicht nur (Beifall bei Abgeordneten der SPD) (C)
berechtigt, sondern sogar erwünscht.
Ich möchte Ihnen das an einem Beispiel verdeutli-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) chen: Ein verheirateter Arbeitslosengeld-II-Bezieher mit
Dass wir Defizite bei der Umsetzung des Systems und zwei Kindern im Alter von acht und zwölf Jahren be-
dabei haben, Menschen in Arbeit zu bringen, muss uns kommt für die monatlichen Kosten für Unterkunft und
keiner sagen. Da müssen wir viel besser werden; das ist Heizung zusätzlich 542 Euro. Nebenbei hat er einen
eine völlig klare Sache. Sie müssen mir aber einmal er- Minijob für 400 Euro; davon darf er – das habe ich vor-
klären, wie man, indem man überall die Leistungen ver- hin erläutert – 160 Euro anrechnungsfrei behalten. Diese
bessert, die Menschen unterstützen will, wieder erwerbs- Familie kommt auf ein durchschnittliches Einkommen
tätig sein zu wollen. von 1 737 Euro. Wenn er einen Midijob hätte, also zwi-
schen 400 und 800 Euro hinzuverdienen würde, betrüge
Wenn man sich Ihren Antrag ansieht, muss man Ihnen das Familieneinkommen sogar 1 817 Euro.
folgenden Vorwurf machen: Sie blenden völlig aus – das
ist eine schiefe Darstellung, die Sie gerne gewählt (Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Netto!)
haben –, dass die Transferleistung der Grundsicherung
für Arbeitsuchende im Jahr 2005 höher war, als sie es – Netto. – Im Vergleich dazu erhält ein gering qualifi-
nach altem Recht gewesen wäre. Dieses Kunststück zierter verheirateter Alleinverdiener mit zwei Kindern
müssen Sie mir einmal erklären: Der Staat wendet sehr im Alter von acht und zwölf Jahren, der als Hilfsarbeiter
viel mehr Mittel auf und Sie sagen, alles sei viel schlech- im produzierenden Gewerbe arbeitet, einschließlich Kin-
ter geworden. Wenn das frühere Hilfesystem fortgeführt dergeld und Wohngeld durchschnittlich 2 108 Euro. Er
worden wäre, würde es heute vielen Menschen schlech- hat damit durchschnittlich nur etwa 290 Euro mehr zur
ter gehen. Verfügung als ein verheirateter Arbeitslosengeld-II-Be-
zieher mit Midijob.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)
Bei einer Erhöhung der Regelleistung, wie von Ihnen
Zu Ihrem konkreten Beispiel bezogen auf die Kran- vorgeschlagen, auf 420 Euro, würden uns die Wohl-
kenversicherung: Die Menschen, die nach altem Recht fahrtsverbände, die Sie eben benannt haben, schreiben,
im Sozialhilfesystem waren, waren nicht in die Renten- dass die Zahl der Bedürftigen und Armen noch weiter
versicherung einbezogen. Manche waren nur über die gestiegen ist. Ich weiß auch gar nicht, warum Sie sich da
Familienversicherung mit krankenversichert oder über zurückhalten. Warum fordern Sie nicht gleich 450 oder
die Krankenhilfe nach dem SGB. Was haben wir ge- 500 Euro? Ihr ganzer Antrag verfolgt diese Philosophie.
macht? Mit dem neuen System haben wir die betroffe- Das Spannende daran ist, dass, wenn man dies umsetzen
(B) nen Menschen in die sozialen Sicherungssysteme ein- würde, die Zahl der Bedürftigen und Armen in unserem (D)
bezogen. Land immer weiter steigt. Sie müssen also umgekehrt er-
Sie gehen übrigens auch darüber hinweg, dass wir klären, warum der Arbeitnehmer für rund 200 Euro mehr
Anfang dieses Jahres die Regelleistung für Arbeitslose noch arbeiten gehen soll.
im Osten auf 345 Euro angehoben haben. Das interes- (Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und der
siert Sie anscheinend nicht mehr. Sie ignorieren auch, FDP)
dass wir die Freibeträge für Erwerbseinkommen erst vor
einem guten halben Jahr erhöht haben. Sie schieben völ- Es gibt doch praktische Beispiele dafür. Die Men-
lig beiseite, dass es großzügige Freibetragsregelungen schen, die diese Leistungen mit ihren Steuern finanzie-
gibt – ich könnte Ihnen das alles vorrechnen –, ein- ren, stellen doch die Frage, warum sie eigentlich arbeiten
schließlich Hauseigentum, Wohneigentum und einem gehen, wenn jemand auf dem Flur gegenüber ALG II be-
Pkw für jeden Betroffenen. Es gibt viele Modellfälle; Sie kommt und durch die Familienförderung faktisch das
können sie gerne nachrechnen. Gleiche herausbekommt. Das müssen Sie diesen Men-
Ich habe ein weiteres Problem, Frau Kipping. Es ist schen einmal erklären.
richtig, zu sagen: Wir wollen die Menschen fördern, aber Wenn Sie das machen, haben Sie das zusätzliche Pro-
wir müssen sie auch fordern. – Es führt überhaupt kein blem, ein Problem, mit dem wir uns gerade herumschla-
Weg daran vorbei, die Menschen auch zu fordern. Bei gen: Je höher die Leistungen sind, die Sie gewähren,
der Zahlung von Transferleistungen gibt es aber immer umso mehr Menschen haben Anspruch auf diese Leis-
ein Problem. Dies wird deutlich, wenn man denjenigen, tungen. Das heißt, der Hilfsarbeiter, den ich gerade ge-
der sich im Transferleistungssystem befindet, mit dem nannt habe, erhält dann auch noch ergänzende Leistun-
vergleicht, der arbeiten geht. Es geht um das Lohn- gen nach dem SGB II. Denn wenn das unter
abstandsgebot. Wir haben zum 1. Oktober des vergan- Berücksichtigung der Tatsache, dass es sich um eine Be-
genen Jahres die Zuverdienstmöglichkeiten bei Minijobs darfsgemeinschaft handelt, berechnet wird, kann sich
verbessert. Wer also einen Minijob hat, darf höhere Be- möglicherweise ein Anspruch auf ergänzende Leistun-
träge behalten. Das hat gemäß unserem System die ver- gen ergeben.
rückte Folge, dass in Deutschland angeblich die Armut
steigt. Ich kann Ihnen das erklären: Wenn Sie die Zuver- Ich komme jetzt zu einer weiteren Position, Frau
dienstmöglichkeiten verbessern, weiten Sie gleichzeitig Kipping. Ich sage ganz offen: Darüber werden wir uns
den Kreis der Personen aus, die in das Leistungssystem streiten; Sie werden auch keine Chance haben, das hier
fallen. mehrheitlich durchzusetzen. Das ist das Beruhigende
2616 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
(A) Gerd Andres, Parl. Staatssekretär beim Bundesmi- Das war und ist ein richtiges Ziel, das auch in dieser Le- (C)
nister für Arbeit und Soziales: gislaturperiode verfolgt werden sollte.
Frau Kipping, herzlichen Dank. – Ich will Ihnen nur
Die Umsetzung ist in vielerlei Hinsicht mangelhaft.
sagen: Über Armut reden wir im Rahmen einer anderen
Das will ich gar nicht bestreiten.
Debatte. Ich glaube nämlich, dass wir das System, wie
wir es im SGB II vorgesehen haben, vorzeigen können. (Beifall des Abg. Volker Schneider [Saarbrü-
Dieses System ist bedarfsgerecht; es unterstellt, dass Be- cken] [DIE LINKE])
dürftigkeit vorliegt und dass es ein solidarisches Einste-
Die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe
hen füreinander in der Bedarfsgemeinschaft gibt. All das
mit dem Ziel der Schaffung einer Grundsicherung war
sind Prinzipien – Sie beschreiben sie in Ihrem Antrag –,
aber ein erster, richtiger Schritt. Wir haben die entmün-
an denen wir festhalten.
digende Sozialhilfe abgeschafft und den entwürdigenden
Der gesetzliche Mindestlohn ist ein anderes Problem. Verschiebebahnhof zwischen Sozial- und Arbeitslosen-
Spannend sind nicht die Fragen ob oder ob nicht und wie hilfe abgeschafft.
man das konstruiert; spannend ist doch die Frage der
Frau Kipping, es muss noch einmal in Erinnerung ge-
Höhe. Die Umsetzung Ihres wunderbaren Vorschlags
rufen werden, dass die Sozialhilfeträger in der Vergan-
von der Pfändungsfreigrenze würde bedeuten, dass ich
genheit Langzeitarbeitslose in großem Umfang in ir-
den ganzen Leistungsapparat des SGB II auf diese Höhe
gendwelche Maßnahmen geschleust haben, um sie bei
schrauben müsste. Ob die Pfändungsfreigrenze vernünf-
der Bundesanstalt für Arbeit abzugeben. Das war teuer
tig ist, lasse ich völlig außen vor.
und für die Betroffenen verdammt schlecht und entwür-
Sie merken, ich habe sehr viel Spaß an einer fachli- digend.
chen, sachlichen und vernünftigen Debatte. Das ist über-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
haupt kein Problem; die können wir gerne führen. Sie
muss aber fachlich und sachlich fundiert sein. – Das eine Sozialhilfeempfänger haben jetzt erstmals einen Zu-
hat mit dem anderen nichts zu tun. Man kann nicht ein- gang zu den Instrumenten der Bundesanstalt für Arbeit
fach Äpfel mit Birnen vergleichen. Beim gesetzlichen und damit einen Zugang zur Vermittlung in Arbeit und
Mindestlohn und der Leistungshöhe nach dem SGB II Ausbildung.
muss ich immer beachten, dass es einen Anreiz geben
muss, aus dem System heraus in Arbeit zu gehen. In die- (Zuruf von der LINKEN: Das hatten sie auch
sem Land haben wir unglaublich viel Arbeit, die gegen- vorher!)
wärtig nicht gemacht wird. Eine Aufgabe dieses Hauses, Wenn man Sie so hört, vor allem, wenn man Ihren An-
des Gesetzgebers, ist es, dafür zu sorgen, dass die in trag liest, könnte man den Eindruck gewinnen, das alles
(B) (D)
Deutschland vorhandene Arbeit, die zurzeit nicht von le- sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ihr Frak-
gal in Deutschland lebenden Menschen gemacht wird, in tionsvorsitzender Oskar Lafontaine hat im Wahlkampf
Zukunft von diesen erledigt wird. Auch das ist ein Pro- sogar von „Schandgesetzen“ geredet. Ich finde das in je-
blem, dem wir uns stellen müssen. der Hinsicht instinktlos.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der CDU/CSU und der SPD)
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: Sie rufen „Hartz IV muss weg! Hartz IV muss über-
Das Wort hat jetzt die Kollegin Brigitte Pothmer von wunden werden!“. Die Frage ist, was dabei herauskom-
Bündnis 90/Die Grünen. men soll. Wohin wollen Sie eigentlich? Vorwärts in die
Vergangenheit? Den Eindruck habe ich, wenn ich Ihren
Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Antrag lese. Sie versprechen den Menschen eine Erhö-
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Vielleicht hung der Transferleistungen in einer Größenordnung
hilft es der Debatte, wenn wir uns in Erinnerung rufen, – das entspricht auch unseren Berechnungen – von unge-
was das eigentliche Ziel der Arbeitsmarktreform in der fähr 35 Milliarden Euro.
letzten Legislaturperiode war – Herr Andres hat das zum
Sie machen falsche Versprechungen und versuchen
Teil angerissen –: Ziel war es, ein Transfersystem, das
damit, ihnen den Verzicht auf einen Arbeitsplatz
die Lebensstandardsicherung in den Mittelpunkt stellt,
schmackhaft zu machen. Das ist die falsche Politik.
abzuschaffen, weil es diesen Anspruch bei wachsender
Massenarbeitslosigkeit nicht mehr erfüllen konnte, die Sie haben im Wahlkampf Plakate geklebt, auf denen
Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt aber stand: „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit ge-
trotzdem nur am Rande als Aufgabe begriff. Dieses kommen ist.“ – Frau Kipping, ich sage Ihnen mit Blick
Transfersystem sollte abgeschafft werden, weil es die auf die Forderungen, die Sie hier heute erheben: Nichts
Langzeitarbeitslosigkeit zementiert hat. Es ging darum, ist hilfloser als eine Idee, die nicht mehr in die Zeit passt,
die Chancen von Langzeitarbeitslosen, Zugang in den weil sie keiner bezahlen kann, aber vor allen Dingen
ersten Arbeitsmarkt durch umfangreiche Betreuung, auch, weil sie an den Problemen vorbeigeht.
passgenaue Hilfsangebote und eine effektive Vermitt-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
lung zu finden, zu verbessern.
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der
(Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: So SPD und der FDP – Zuruf von der LINKEN:
ist es!) Das passt in die Zeit!)
2618 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
Brigitte Pothmer
(A) Sie spielen, wie ich finde, immer gern ein bisschen der auftauchen. Sie machen es sich verdammt noch mal (C)
Klassenkampf. Offen gestanden: Es ist höchste Zeit, zu einfach!
dass Sie Ihre politischen Ideale einmal mit den gesell-
schaftlichen Realitäten im Jahr 2006 abgleichen. Die Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Gesellschaft ist heute ein bisschen komplexer, als Karl Frau Kollegin, erlauben Sie eine weitere Zwischen-
Marx sie noch beschrieben hat. Die „taz“ hat das im letz- frage der Frau Kollegin Dr. Hendricks?
ten Jahr sehr anschaulich dargestellt. Die Frage war
nämlich: Wer ist denn heute das Kapital? Dies wurde am (Dr. Ralf Brauksiepe [CDU/CSU], zu der Abg.
Beispiel Daimler-Chrysler verdeutlicht: 6,9 Prozent ge- Dr. Barbara Hendricks [SPD] gewandt: Waren
hören der Deutschen Bank, 7,2 Prozent dem Emirat Ku- Sie für die rot-grüne Steuerpolitik?)
wait und der Rest ist Streubesitz. 25 Prozent davon wer-
den von Privatinvestoren gehalten und 60,9 Prozent von Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
institutionellen Investoren. Frau Kipping, wer ist da jetzt Ja.
der Boss? Dann noch einmal von der anderen Seite ge-
fragt: Was bedeutet das für die Bürgerinnen und Bürger?
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Die Bürger in einem entwickelten Kapitalismus befinden
sich in einem vielfältigen Rollenkonflikt. Als Kunden Bitte.
profitieren sie von dem gnadenlosen Wettbewerb. Als
Anleger freuen sie sich über Kurssprünge und hohe Dr. Barbara Hendricks (SPD):
Dividenden. Doch als Angestellte sind sie Opfer dieser Frau Kollegin, sind Sie bereit, den Herrn Kollegen
Verhaltensmuster, denen sie selbst unterliegen. Das be- Dehm darauf hinzuweisen, dass nach den in der Bundes-
deutet stagnierende Löhne und kann auch bedeuten, dass republik Deutschland geltenden Bedingungen Konzerne
ihre Jobs bedroht sind. nahtlos im Anschluss, also etwa alle vier Jahre, für die
vergangenen vier Jahre geprüft werden und dass dazu
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: selbstverständlich auch ein Bankkonzern gehört?
Frau Kollegin Pothmer, erlauben Sie eine Zwischen-
frage des Kollegen Dehm? Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Ich glaube, das hat der Kollege Dehm jetzt gehört, als
Sie es uns allen hier noch einmal deutlich dargestellt ha-
Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): ben.
Ja.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
(B) bei der CDU/CSU und der FDP) (D)
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Bitte schön. Wissen Sie, was ich für das eigentliche Problem
halte? Das eigentliche Problem ist, finde ich, dass Sie es
mit Ihrer Politik dieser Regierung so einfach machen,
Dr. Diether Dehm (DIE LINKE): weil Sie Ihre Forderungen nicht belegen, weil sie nicht
Schon die SPD-Kollegen haben von mir, als ich noch finanzierbar sind und weil sie deswegen so einfach vom
in dem Verein war, folgende Frage gehört. Auch Ihnen Tisch zu wischen sind. Dabei braucht diese große Koali-
stelle ich jetzt diese Frage, weil Sie die Deutsche Bank tion eine Opposition, die ihr Feuer unter dem Hintern
als an Daimler-Chrysler Beteiligte erwähnt und gesagt macht.
haben, dass unsere Politik nicht mehr in die Zeit passt,
da sie nicht finanzierbar sei: Wie erklären Sie dann, dass (Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/
– auch unter der Ägide von Rot-Grün – die Deutsche DIE GRÜNEN)
Bank 16 Jahre lang keine Großbetriebsprüfung hatte und Denn diese Koalition ist dabei, auf ihre ganz eigene
keinen Cent Körperschaftsteuer gezahlt hat? Wären Art Hartz IV zu überwinden. Meine Damen und Herren
diese beiden Instrumente nicht eine Möglichkeit – übri- von Union und SPD, ich darf Ihnen vielleicht noch ein-
gens auch mit einem ähnlichen Ergebnis für Daimler- mal in Erinnerung rufen: Das Motto von Hartz IV war
Chrysler –, um sehr viel für die Finanzierung unseres „Fordern und Fördern“.
Sozialstaates zu tun?
(Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]:
(Beifall bei der LINKEN – Markus Kurth Richtig!)
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Mindestge-
Es scheint aber so, dass Sie das Prinzip des Förderns
winnbesteuerung! Das haben wir gemacht!)
nicht mehr so richtig in Erinnerung haben.
Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): (Rolf Stöckel [SPD]: Das ist eine Frage der
Umsetzung vor Ort!)
Die Steuerpolitik unter Rot-Grün habe ich nicht in je-
dem Punkt für richtig gehalten. Das haben wir im Übri- Seit Ihrem Amtsantritt wollen die Zumutungen, mit de-
gen immer sehr deutlich formuliert. Aber Ihre einfachen nen Sie die Hartz-IV-Empfänger überziehen, kein Ende
Muster, die sich in Ihren Anträgen widerspiegeln, wer- nehmen. Mir scheint, Sie folgen nach einer Druckkessel-
den der gesellschaftlichen Realität nicht gerecht. Das theorie der Vorstellung: Je mehr Forderungen an die Ar-
sind ranzige Weisheiten, mit denen Sie hier immer wie- beitslosen gestellt werden und je höher der Leidensdruck
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2619
Brigitte Pothmer
(A) ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Ich danke Ihnen. (C)
Menschen in Arbeit kommen. Ich sage Ihnen: Das trägt
nicht gerade zur Motivation bei, einen Arbeitsplatz an- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
zunehmen. Das provoziert vielmehr die Abkehr der Be- sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und
troffenen von der Gesellschaft. der SPD)
Mit Ihren elendigen und durch keine Zahlen belegten Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Missbrauchsdebatten schüren Sie, wie ich finde, zu-
nehmend ein Klima des Misstrauens und der Stigmati- Das Wort hat jetzt der Kollege Karl Schiewerling von
sierung. Dies tun Sie nur, um Rückenwind für die der CDU/CSU-Fraktion.
Durchführung von Leistungskürzungen, die Sie schon (Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg.
angedeutet haben, zu bekommen. Das ist wirklich ein Klaus Brandner [SPD])
schäbiges Vorgehen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Karl Richard Schiewerling (CDU/CSU):
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Der An-
Aus diesem Grunde haben wir uns entschlossen, ei-
trag der Fraktion der Linken ist im Wesentlichen nichts
nen eigenen Antrag zur Weiterentwicklung von Hartz IV anderes als eine Zusammenstellung von Positionen, die
einzubringen. Aus unserer Sicht enthielt der Hartz-IV- im Parlament auch in der Vergangenheit keine Mehrheit
Kompromiss, der ja im Wesentlichen ein großkoalitionä-
gefunden haben – und das aus gutem Grund. Sie wollen
rer war, von Anfang an erhebliche Zumutungen. Aber das Arbeitslosengeld II und viele andere Leistungen,
ich sage deutlich: Wir haben diese Zumutungen mitge- zum Beispiel das Sozialgeld, anheben. Doch dazu, wie
tragen, weil wir der Auffassung waren und im Übrigen
Sie das finanzieren wollen, äußern Sie sich in Ihrem An-
nach wie vor sind, dass Leistungszahlungen mit dem trag mit keinem Wort; die Größenordnung, um die es da-
Ziel der Integration in den ersten Arbeitsmarkt ver- bei geht, hat Herr Andres vorhin erwähnt. Geld auszuge-
bunden sein müssen. Allerdings sind wir auch der Mei-
ben, ist einfach. Es zu erwirtschaften und es dann
nung, dass sowohl bei den Regelungen zu unterschiedli- gerecht zu verteilen, ist allerdings schwer. Ich sage Ih-
chen Personengruppen als auch auf einzelnen Feldern nen: Ihre Position ist populistisch und unredlich.
der Arbeitsmarktpolitik nachjustiert werden muss.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
Ich will nur einige Punkte unseres Antrags nennen: Es
geht auch uns um eine Entkopplung des Hilfebezugs Der Druck auf dem Arbeitsmarkt, den Sie gleich zu
vom Partnereinkommen; hier muss im Interesse der Beginn in Ihrem Antrag beschreiben, ist keine Folge der
(B) Frauen eine bessere Regelung gefunden werden. Wir Einführung der Grundsicherung, sondern unter anderem (D)
halten es vor dem Hintergrund der Entwicklung der ge- eine Konsequenz der gesamtkonjunkturellen Entwick-
setzlichen Rentenversicherung für dringend notwendig, lung. Wir wären international nicht so wettbewerbsfähig,
das Altersvorsorgevermögen besser zu schützen. Wir wie wir es sind, hätten wir nicht hoch qualifizierte Inge-
wollen vor allen Dingen die Integration in den ersten Ar- nieure, Meister und Facharbeiter. Allerdings – das ist
beitsmarkt verbessern, indem wir Langzeitarbeitslosen richtig –: Menschen ohne berufliche Qualifikation haben
ermöglichen, ihre gesamten Transferleistungen in ein es schwer. Einen Qualifikationsdruck nach unten, wie
Beschäftigungsverhältnis einzubringen. Wir wollen also Sie ihn beschreiben, kann ich nicht erkennen.
Arbeit statt Arbeitslosigkeit finanzieren. Und wir wol-
len, dass mindestens geduldeten Ausländerinnen und In Ihrem neun Seiten umfassenden Antrag gehen Sie
Ausländern endlich Zugang zu Eingliederungsleistungen mit keinem einzigen Wort auf das Fordern und Fördern
eingeräumt wird. der Menschen ein. Sie zeigen auch keinen Weg auf, wie
Sie Bezieher von Leistungen nach dem SGB II in Be-
Meine Damen und Herren, Hartz IV schafft keine Ar- schäftigung bringen wollen.
beitsplätze. Das haben zumindest wir Grüne auch nie be-
hauptet. Hartz IV konzentriert sich auf die bessere Ver- (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
mittlung und Integration von Arbeitslosen. Dass dies in Das ist aber der Kern des SGB II.
einer Situation, in der es massenhaft an Arbeitsplätzen
fehlt, nur begrenzt eine Hilfe ist, gebe ich gerne zu. Aber (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
es wird nicht leichter, wenn Sie zu alten Konzepten zu- neten der SPD)
rückkehren, die sich bei der Bekämpfung der Massen-
arbeitslosigkeit seit Jahrzehnten als untauglich erwiesen Sie behaupten in der Präambel Ihres Antrags, dass das
haben. Arbeitslosengeld II keine soziale Grundsicherung sei.
Diese Behauptung ist schlichtweg falsch: Das Arbeits-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN losengeld II ist eine soziale Grundsicherung, allerdings
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und ist es keine Hängematte, sondern ein gespanntes Netz.
der SPD) Mit dem Optimierungsgesetz wollen wir dieses Netz
überprüfen und weiter straffen, damit es seinen Zweck
Lenin soll ja immer als erste und entscheidende Frage als Grundsicherung erfüllen kann.
formuliert haben: „Wem nützt das?“ Ich sage Ihnen: Ihr
Antrag nützt weder den Arbeitslosen noch der Bekämp- (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
fung der Arbeitslosigkeit. der SPD)
2620 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der SPD – Abg. Katja Kipping [DIE neten der SPD)
LINKE] meldet sich zu einer Zwischenfrage) Wenn jemand eine vom steuerzahlenden Bürger – ich
Wohlgemerkt – damit ich nicht missverstanden werde –: halte das für einen wichtigen Punkt – finanzierte Grund-
Wir brauchen einen starken Staat, der die Schwachen sicherung erhält, dann kann man von ihm verlangen,
schützt. Aber wir brauchen keinen Staat, der die Men- dass er eine Gegenleistung erbringt und sich anstrengt;
schen entmündigt. Zur Freiheit gehört natürlich der das hat etwas mit Freiheit und Würde zu tun. Das steht
Schutz, aber auch die Verantwortung eines jeden Einzel- im Unterschied zu Ihrem Verständnis: Sie lehnen diese
nen. Anforderungen an die Hilfebedürftigen ab. Sie schrei-
ben:
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: Niemand soll zur Ausübung einer Beschäftigung
Herr Kollege Schiewerling, erlauben Sie eine Zwi- gezwungen werden, die für ihn kein existenzsi-
schenfrage der Kollegin Kipping? cherndes Einkommen schafft …
(B) (D)
(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Die ist ja Diese Position halte ich rundweg für unsozial: Denn Sie
unersättlich heute!) missachten die Krankenschwester, den Polizisten, die
Friseuse, den Landwirt, alle, die einer Erwerbsarbeit
Karl Richard Schiewerling (CDU/CSU): nachgehen und Steuern aufbringen, um nach Ihrer Defi-
Ja. nition dem Arbeitslosengeld-II-Empfänger die Freiheit
zu geben, darüber zu entscheiden, ob er arbeiten will
oder nicht.
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Bitte schön, Frau Kipping. (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der SPD und der FDP – Zuruf von der
CDU/CSU: Ungeheuerlich!)
Katja Kipping (DIE LINKE):
Da hier wiederholt behauptet wird, wir würden uns in Mit Ihrem Staatsverständnis dienen Sie nicht dem
unserem Antrag überhaupt nicht mit dem Bereich Ar- Menschen. „Sozial“ kann nicht daran gemessen werden,
beitsmarktpolitik auseinander setzen, möchte ich Sie wie hoch die Transferleistungen sind.
einfach fragen, ob Sie unseren Antrag überhaupt bis zur
Seite 5 gelesen haben. (Beifall des Abg. Rolf Stöckel [SPD])
(Zuruf von der CDU/CSU: Im Gegensatz zu Für uns ist sozial – das sage ich sehr deutlich –, wenn der
euch lesen wir was!) Einzelne mit all seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten
mit seiner eigenen Hände und seines eigenen Kopfes Ar-
Dann müsste Ihnen aufgefallen sein, dass wir einen beit den Lebensunterhalt für sich und seine Familie ver-
Punkt 5 in unserem Antrag haben, der da heißt: dienen kann. Wenn das nicht ausreicht, dann hat er ein
Die Arbeitsförderung ist durch zukunftsweisende Anrecht auf Unterstützung. Ich sage das so deutlich:
Lösungen zu verändern. Personalität, Subsidiarität und Solidarität sind aus
unserer Sicht die entscheidenden Grundlagen unserer
Dazu fordern wir die Schaffung eines öffentlich geförder- Verfassung: Jeder leistet seinen Teil. Sie sagen, dass nie-
ten Beschäftigungssektors und wir machen ganz konkrete mand einen 1-Euro-Job – sie sind übrigens durchaus be-
Vorschläge, wie man 1-Euro-Jobs in reguläre sozialversi- gehrt –, der bis zu 160 Euro im Monat zusätzlich bringt,
cherungspflichtige Arbeitsverhältnisse umwandeln kann, annehmen müsse. Dies entspricht nicht der notwendigen
und wir schlagen weitere arbeitsmarktpolitische Maßnah- Mitwirkung und auch nicht der Stärkung der Eigeninitia-
men vor. tive und der Selbstverantwortung.
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2621
Karl Richard Schiewerling
(A) Nichtsdestotrotz habe ich in dem Antrag der Linken Diskussion um den wie auch immer zu gestaltenden (C)
auch etwas Sinnvolles entdeckt. Kombilohn einsetzen.
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Oh!) Meine Damen und Herren, mit dem Antrag der Lin-
ken, der nun vor uns liegt, wollen sich die Linken mal
– Ja. – So heißt es in Ihrem Text: „Die Freibeträge für wieder als Schutzpatrone der ALG-II-Empfänger prä-
Altersvorsorge sind … anzuheben“. – Das ist eine prima sentieren und sie streuen den Menschen doch nichts an-
Idee. Das haben wir auch schon im Koalitionsvertrag so deres als Sand in die Augen.
festgehalten und das werden wir auch umsetzen. Sie
können sich dem dann ja anschließen.
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD) Herr Kollege Schiewerling, erlauben Sie eine Zwi-
schenfrage?
Meine Damen und Herren, wir wollen das SGB II op-
timieren, das heißt: weniger Verwaltung, gezielter Ein-
satz der Mittel und eine Verbesserung der Eingliederung. Karl Richard Schiewerling (CDU/CSU):
Ich gestehe zu: Hier kann noch mehr geschehen. Davon Nein, ich bin jetzt gleich fertig.
steht in Ihrem Papier aber noch nichts.
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Ich glaube übrigens auch, dass wir darüber reden
Keine Zwischenfrage.
müssen, wie wir präventiv gerade auch den Jugendli-
chen in Bedarfsgemeinschaften, die einer Familie an-
gehören, die sich in der dritten Generation im Sozialhil- Karl Richard Schiewerling (CDU/CSU):
febezug befindet, helfen können, aus dieser Situation Nicht die Grundsicherung macht arm, sondern die Ar-
auszubrechen und neue Wege zu finden. Ich halte das für beitslosigkeit. Wer die Menschen in ihrer Situation be-
eine wichtige neue Herausforderung, vor der wir stehen. lässt und sie nicht fordert, der entmutigt sie. Wir brau-
chen aber Mut und keinen Sozialneid.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
Herzlichen Dank.
Dafür müssen im SGB II aber die notwendigen An-
reize für Arbeitslose geschaffen werden, eine reguläre (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt anzustre-
ben. Arbeit muss sich lohnen. Das Institut für Weltwirt- Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
schaft in Kiel hat festgestellt: Ich erteile jetzt dem Kollegen Jörg Rohde von der
FDP-Fraktion das Wort und nutze die Gelegenheit, Ih-
(B) Kritische Lohnabstände, die eine Vollzeitbeschäfti- nen, Herr Rohde, im Namen des Hauses zu Ihrem heuti- (D)
gung auf dem ersten Arbeitsmarkt unattraktiv er- gen 40. Geburtstag zu gratulieren.
scheinen lassen, bestehen insbesondere bei ALG-II-
Beziehern, die eine geringe Qualifikation aufwei- (Beifall)
sen, Kinder haben und deren Partner nicht erwerbs-
tätig sind. Verstärkt werden diese Anreizprobleme, Jörg Rohde (FDP):
wenn ein potenzieller Arbeitsplatz im Dienstleis- Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Her-
tungssektor … liegt. ren! 15 Monate nach In-Kraft-Treten von Hartz IV ste-
Momentan erzielen 34 Prozent der Erwerbstätigen in hen wir heute in diesem Hause vor dem Scherbenhaufen
den neuen Bundesländern einen monatlichen Brutto- rot-grüner Arbeitsmarktpolitik. Die Hartz-Gesetze, die
lohn von unter 1 600 Euro. Sie zahlen Steuern und fi- vor einigen Jahren wortreich als moderne Dienstleistun-
nanzieren so einen Mehrpersonenhaushalt, der sich im gen am Arbeitsmarkt ins Rennen geschickt wurden, ha-
Leistungsbezug des SGB II befindet und gegebenenfalls ben sich als Totalausfall erwiesen: Sie haben keine Ar-
Anspruch auf passive Leistungen in Höhe von beitsplätze geschaffen, die Arbeitslosigkeit nicht gesenkt
1 600 Euro bis 2 000 Euro hat. Dass hier ein eigener An- und bis heute auch nicht zu einer besseren Qualifizie-
reiz zum Arbeiten fehlt, ist wohl klar. Ich verkenne aller- rung Arbeitsuchender geführt. 5 Millionen Arbeitslose
dings auch nicht, dass es Regionen in Deutschland gibt, warten nicht auf Hartz-Reformen, sondern auf Arbeits-
in denen die wirtschaftliche Situation insgesamt durch- plätze und den Wirtschaftsaufschwung – bisher leider
aus problematisch ist und wo sich dies auch auf die Ar- vergeblich.
beitsplätze auswirkt. (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der LINKEN)
Wir müssen auch der Frage nachgehen – das ist ein
wichtiges Anliegen –, was wir mit den Menschen tun, Nach wie vor bestehen doppelte Strukturen für die
die aufgrund ihrer persönlichen Voraussetzungen nicht Verwaltung von Arbeitslosen. Das daraus folgende
weiter qualifizierbar sind. Auch sie sollen ihren Beitrag Kompetenzwirrwarr, die Zeitverzögerung durch nicht ab-
leisten können. Es müssen Möglichkeiten geschaffen gestimmte Software und die mangelnde Transparenz
werden, dass auch die Menschen, die nicht mehr weiter beim Datenaustausch haben die Situation der Arbeitslo-
qualifizierbar sind oder leichte Behinderungen haben, sen keinesfalls verbessert. Zusätzlich prallen hier zwei
für sich selbst sorgen können. Das ist nicht nur eine völlig unterschiedliche Verwaltungskulturen aufeinander.
staatliche Aufgabe, hier sind auch die Wirtschaft und die Anstatt aber deshalb heute Vorschläge vorzulegen, wie
Tarifpartner gefordert. Genau an dieser Stelle wird die die Konstruktionsfehler der Hartz-Gesetze zu korrigieren
2622 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
Jörg Rohde
(A) sind, richtet sich die Linke in der Arbeitslosigkeit ein und und Integration von Arbeitslosen allein den Kommunen (C)
will aus Hartz IV eine soziale Vollversorgung machen. übertragen wird.
Höhere Leistungen, keine Missbrauchskontrollen und
(Beifall bei der FDP)
keine Anreize zur Arbeitsaufnahme – dafür ist das
Arbeitslosengeld II nicht gedacht. Dies erfordert jedoch eine Grundgesetzänderung zur
finanziellen Absicherung der Kommunen bei Über-
Primäres Ziel von Hartz IV ist die individuelle Über-
nahme der Betreuung der Langzeitarbeitslosen. Hierzu
windung des Bezuges von ALG II durch den einzelnen
war Rot-Grün nicht bereit. Auch bei Schwarz-Rot sind
Arbeitssuchenden hin zur Wiedereingliederung in den
hierfür keinerlei Anzeichen zu erkennen. Vor ziemlich
Arbeitsmarkt. Insoweit ist die Überschrift des Antrags
genau zwei Jahren haben FDP und CDU/CSU in einem
der Linken „Strategie zur Überwindung von Hartz IV“
gemeinsamen Bundestagsantrag gefordert,
durchaus berechtigt. Eine Überwindung von Hartz IV in
eine dauerhafte soziale Absicherung ohne das vorran- (Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Das waren noch
gige Ziel der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt Zeiten!)
wäre aber völlig kontraproduktiv.
das kommunale Optionsgesetz so umzugestalten, dass
(Beifall bei der FDP) auch die optierenden Kreise und kreisfreien Städte tat-
sächlich Träger der Arbeitsvermittlung sind und die Auf-
Der Grundsatz von Fordern und Fördern ist rich-
gaben nach dem SGB II in Eigenverantwortung erfüllen
tig. Aber in beiden Punkten ist die alte rot-grüne Bun- können.
desregierung auf halbem Wege stehen geblieben. Die
Kontrolle des Leistungsmissbrauchs lässt zu wün- (Beifall des Abg. Dr. Heinrich L. Kolb [FDP])
schen übrig. Mein Kollege Heinrich Kolb hat bereits auf
die erschreckenden Ergebnisse der Telefonumfrage hin- Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
gewiesen. Herr Kollege Rohde, erlauben Sie eine Zwischenfrage
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Oh ja!) des Kollegen Kurth?
Auch der automatisierte Datenabgleich ist mit Hartz IV
Jörg Rohde (FDP):
für die Stellen vor Ort nicht einfacher, sondern aufwen-
Ja.
diger geworden und Missbrauch damit leichter. Ohne
Fordern ist Hartz IV kein Anreiz zur Arbeitsaufnahme.
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Beim Fördern sieht es nicht besser aus. Am besten Bitte schön, Herr Kurth.
funktioniert dieses Instrument bei der Ausnahme, näm-
(B) (Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Erst einmal (D)
lich bei den Optionskommunen.
gratulieren, Herr Kurth!)
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: So ist es!)
Herr Staatssekretär Andres, die FDP hat damals nicht Markus Kurth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
zugestimmt, weil es bei der Umsetzung bessere Alterna- Den Hinweis, dass ich Herrn Rohde gratulieren soll,
tiven gibt. hätte ich nicht gebraucht. Natürlich gratuliere ich Herrn
Rohde.
(Beifall bei der FDP – Dr. Heinrich L. Kolb
[FDP]: Wir hätten das mit den Kommunen flä- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
chendeckend gemacht!) der SPD)
Die Stadt Erlangen in meinem Wahlkreis macht es
vor. Hier werden bereits über 50-Jährige, welche auf Jörg Rohde (FDP):
dem allgemeinen Arbeitsmarkt als kaum vermittelbar Danke schön.
gebrandmarkt sind, erfolgreich in Arbeit vermittelt. Das
erfahrene und motivierte Team vor Ort in Erlangen hat Markus Kurth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
zum Beispiel mit dem lokalen Projekt „Fifty up“ zu- Lieber Kollege Rohde, Sie fordern, dass den Kommu-
sätzliche Fördermittel aus dem Hause von Herrn nen die Durchführung der Leistungen aus dem SGB II,
Müntefering erhalten und an einem bundesweiten Wett- vulgo Hartz IV, und die Eingliederung in den Arbeits-
bewerb erfolgreich teilgenommen. markt vollständig übertragen werden. In diesem Zusam-
menhang haben Sie auch die Optionskommunen ge-
Aber auch aus den 68 anderen Optionskommunen ist
nannt.
viel Positives zu vernehmen. Das zeigt, dass besonders
die Kommunen in der Lage sind, der Situation der Nun sind Sie auch behindertenpolitischer Sprecher
Langzeitarbeitslosen gerecht zu werden. Sie haben be- Ihrer Fraktion. Ist Ihnen bekannt, dass die optierenden
wiesen, dass sie bei der Arbeitsvermittlung flexible Kommunen in geradezu sträflicher Weise in den ersten
Wege gehen können. Die Kommunen sind näher an den sechs Monaten des Jahres 2005 die Integration von
Problemen der Betroffenen und können eher passgenaue Menschen mit Behinderungen verweigert haben, ob-
und flexible Wege für eine Integration in den Arbeits- wohl sie dazu eindeutig einen rechtlichen Auftrag hat-
markt entwickeln als die zentralistisch organisierte Bun- ten? Ist Ihnen bekannt, dass die damalige rot-grüne Bun-
desagentur für Arbeit. Die FDP-Fraktion fordert daher desregierung vor den Fakten kapitulieren und diese
weiterhin, dass die Verantwortung für die Vermittlung Aufgabe an die Bundesagentur für Arbeit zurückgeben
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2623
Markus Kurth
(A) musste – diese macht sie auch nicht so gut, wie sie sie Insbesondere vor dem Hintergrund einer überproportio- (C)
machen sollte –, weil sich die Kommunen einfach ge- nal steigenden Arbeitslosigkeit unter Schwerbehinderten
weigert haben, für Menschen mit Behinderung Angebote muss hier schnell gehandelt werden.
bereitzustellen? Wie kann man vor diesem Hintergrund
behaupten, dass die Kommunen besser befähigt wären, Zu Ihrem Zwischenruf: In Mittelfranken gibt es eine
diese Leistungen alleine durchzuführen? Optionskommune neben vielen anderen; es geht vor al-
lem um die Argen. Das ganze Problem ergibt sich aus
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN dem SGB IX; es liegt nicht an den Personen, die es vor
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN- Ort ausführen müssen. Ich kann mir gut vorstellen, dass
KEN) auch mein Kollege Hubert Hüppe von der CDU, der be-
reits im Mai letzten Jahres in einer Kleinen Anfrage auf
Jörg Rohde (FDP):
Probleme bei der Vermittlung behinderter Arbeitsloser
hingewiesen hat, nun als Mitglied der Regierungskoali-
Herr Kollege Kurth, uns allen ist bekannt, dass es da- tion schnell Korrekturen einfordern wird.
mals große Probleme bei der Einführung von Hartz IV
gegeben hat. Das bezieht sich auf alle Bereiche, nicht Ich fasse zusammen: Wenn die Gesetze Hartz I bis IV
nur speziell auf den Bereich der Menschen mit Behinde- so umgesetzt worden wären, wie ursprünglich einmal
rungen. von Peter Hartz geplant, dann wären wir den Zielen ei-
ner arbeitsmarktpolitischen Reform sicherlich näher ge-
(Klaus Brandner [SPD]: Wir reden von jetzt!) kommen. Es gibt großen Reformbedarf bei der Arbeits-
Ich kann eben nur aus meiner Optionskommune in Er- marktpolitik. Aber die beiden Anträge der Fraktionen
langen berichten, dass dort sehr wohl Maßnahmen ge- der Linken und der Grünen gehen größtenteils in die fal-
troffen worden sind, um die Integration von Behinderten sche Richtung.
in den Arbeitsmarkt zu fördern. Ich habe mich dort per- (Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
sönlich vergewissert. Vielleicht kann das nicht auf alle NEN]: Das stimmt nur bei einem!)
68 Optionskommunen ausgedehnt werden – an dieser
Stelle können wir gerne noch nacharbeiten –, aber Deswegen muss man beide Anträge ablehnen.
grundsätzlich halte ich es für besser, vor Ort anzusetzen, Vielen Dank.
weil dort auch die Behinderten bekannter sind als bei ei-
ner zentralen Bundesagentur, die von außen eingreifen (Beifall bei der FDP)
möchte. Ich komme später noch einmal auf diesen Punkt
zurück. Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
(B) Ich appelliere an die Union, sich an die damals vorge- Das Wort hat die Kollegin Angelika Krüger-Leißner (D)
legten Anträge zu erinnern. Ich denke, wir werden beim von der SPD-Fraktion.
Leistungssystem noch stärker auf die Grundsätze der So- (Beifall bei der SPD)
zialhilfe zurückkommen müssen. Fehlsteuerungen müs-
sen beseitigt und die Leistungen auf die wirklich Bedürf-
Angelika Krüger-Leißner (SPD):
tigen konzentriert werden.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
(Beifall des Abg. Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]) Kollegen! Seit gut einem Jahr ist die Arbeitsmarktreform
zum SGB II in Kraft. Ganz folgerichtig haben wir es mit
Vor allem jugendliche Arbeitslose haben das Gesetz aus- Schwierigkeiten sowohl in der Akzeptanz und der Um-
genutzt und sind auf Kosten der Allgemeinheit bei ihren setzung als auch hinsichtlich der spürbaren Wirksamkeit
Eltern ausgezogen. Für die Zukunft wurde diesem Miss- zu tun. Darum ist es grundsätzlich zu begrüßen, dass es
brauch nun ein Riegel vorgeschoben. Von einer Haus- weitere Vorschläge neben denen der Regierungskoalition
haltssanierung auf Kosten arbeitsloser Jugendlicher, wie gibt, den Prozess der Umsetzung des SGB II zu optimie-
es die Grünen nennen, kann aber nicht die Rede sein. ren.
Als behindertenpolitischer Sprecher der FDP möchte Dass der Schritt der Zusammenlegung von Arbeits-
ich ausdrücklich auf einen Punkt des Antrags der Grünen losenhilfe und Sozialhilfe zur neuen Grundsicherung
eingehen. In Punkt 9 Ihres Antrages fordern Sie eine richtig war, bestreitet heute kaum noch jemand. Unsere
bessere Verzahnung von SGB II und SGB IX, um die Zielsetzung orientierte sich an den Bedürfnissen von er-
Vermittlung von arbeitslosen Menschen mit Behinderun- werbsfähigen arbeitslosen Menschen. Es ist für mich
gen in Arbeit zu optimieren. In diesem Punkt stimme ich nach wie vor richtig, daran festzuhalten, die Zugangs-
Ihnen ausdrücklich zu. chancen von Langzeitarbeitslosen in Beschäftigung
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) durch passgenaue individuelle Vermittlung und Ange-
bote zu verstärken, ihren Verbleib in Arbeitslosigkeit zu
In Mittelfranken – aber nicht nur dort – ist infolge ei- verringern und ihnen eine die Existenz sichernde Grund-
ner Änderung des SGB IX die bis dahin ausgesprochene sicherung zu bieten. An dieser Zielsetzung müssen wir
erfolgreiche Vermittlung von Schwerbehinderten ins jeden Vorschlag messen, der vorgelegt wird.
Stocken geraten.
Wenn wir als richtig erkannt haben, dass wir gleiche
(Markus Kurth [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Chancen für alle Arbeitslosen und eine schnelle und
NEN]: Also doch!) nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt erreichen
2624 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
Angelika Krüger-Leißner
(A) wollen und dass wir Menschen von Betroffenen zu Be- genau ausgeführt, dass es vielen in dem neuen System (C)
teiligten an einem System machen, sie also aktivieren gar nicht schlechter geht. Natürlich hat derjenige Ein-
und ihre Eigenverantwortung stärken wollen, dann schnitte hinzunehmen, der vorher eine hohe Arbeitslo-
können wir nur den bereits eingeschlagenen Kurs weiter- senhilfe bekommen hat. Wir haben das nie bezweifelt
verfolgen, einschließlich aller notwendigen Weiterent- und offen ausgesprochen. Aber für die Vielzahl der ehe-
wicklungen, die wir aber entschlossen angehen müssen. maligen Sozialhilfeempfänger, die in den letzten Jahren
In dieser Phase befinden wir uns gerade. gar keine Chance auf Arbeitsvermittlung bekommen ha-
ben, hat sich die Situation verbessert.
Heute liegen zwei Anträge vor, die wir meines Erach-
tens unterschiedlich gewichten müssen. Der Antrag der (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
Fraktion des Bündnisses 90/Die Grünen sollte uns auch der CDU/CSU)
weiterhin beschäftigen. Ich finde, dass er wichtige und Nach der neuen Grundsicherung kommt eine Familie
richtige Ansätze enthält. Das Streiten um gute Lösungen mit zwei Kindern auf einen Grundsicherungsbetrag ein-
in den nächsten Wochen wird sich, glaube ich, lohnen. schließlich Wohnungskosten in Höhe von 1 759 Euro
Lassen Sie mich aber einige Ausführungen zu dem netto im Monat. Das ist sicherlich nicht viel Geld. Aber
Antrag der Fraktion Die Linke machen. Ich glaube, die- das ist weiß Gott nicht Armut per Gesetz. Viele Men-
ser Antrag bringt uns mit seinen Vorschlägen in keiner schen in unserem Land arbeiten für viel weniger. Wenn
Weise voran. Vielmehr soll mit ihm der eingeleitete Pro- ich mir Ihre Vorschläge genauer anschauen, dann stelle
zess zurückgedreht werden. Ich habe große Zweifel, ob ich fest, dass Sie eigentlich gar keine Überwindung von
die Antragsteller die Dimension der vor uns liegenden Hartz IV wollen. Sie wollen vielmehr eine unendliche
Probleme in ihrer Gesamtheit überhaupt erfasst haben. Aufstockung bei Hartz IV. Das mag zunächst einmal
wünschenswert erscheinen. Aber wer die Rechnung be-
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU) zahlen soll, die hier aufgemacht wird, bleibt offen.
Er liest sich wie ein Wunschzettel, fernab jeder Realität (Vorsitz: Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne
in unserem Land, kurzum: eine soziale Utopie. Dabei Kastner)
gebe ich zu, dass sich seit einem Jahr für viele Menschen
Gravierendes verändert hat. Manche Einschnitte sind Wenn man sich nur drei Ihrer Vorschläge genauer an-
schwer zu verkraften. Auf die neue Situation musste sich schaut – die Erhöhung der Regelleistung auf 420 Euro,
jeder erst einstellen. die Erhöhung der Freibeträge für Vermögen und die Er-
höhung des Kindergeldes, den dicksten Brocken in Ih-
Ich hätte mir gewünscht, dass wir – genauso wie an- rem Antrag –, dann stellt man fest, dass die Mehrkosten
dere Länder – rechtzeitig auf die veränderte Wirt- unter dem Strich 26 Milliarden Euro betragen. Das wird
(B) (D)
schafts- und Arbeitsmarktlage reagiert hätten. Dann einfach so dahingeworfen, ohne zu überprüfen, ob das
wäre vieles leichter geworden. Aber wir haben geschla- überhaupt umsetzbar ist. Das spielt bei Ihnen ohnehin
fen oder wir hatten nicht den Mut dazu. Letztendlich tra- keine Rolle. Diese Kosten müssten andere in diesem
gen wir alle die Verantwortung dafür. Andere Länder ha- Land mit ihrem Arbeitseinkommen bezahlen. Das sind
ben in den 90er-Jahren – ähnlich wie wir – Reformen auf Kosten einer sozialen Utopie, die gar nicht mehr aktivie-
den Weg gebracht. Ich erinnere nur an Dänemark. 1993 ren will. Genau dieser Punkt in Ihrem Antrag macht
hat die sozial-liberale Regierung Reformen durchge- mich richtig wütend. Arbeit kommt in Ihren Vorschlägen
führt, die sie allerdings mehrmals nachbessern musste. kaum noch vor. Ihre vorgebliche Strategie handelt vom
Auch diese Regierung stand unter sehr hohem Druck. Weg zu einer Vollkaskogesellschaft. Beschäftigung ist
Ich erinnere nur daran, dass sie 2001 abgewählt wurde. zweitrangig. Das ist der Geist Ihres Antrages.
Das kann passieren. Wenn wir uns aber heute die Erfolge
Wir können gut erkennen, dass die Linke zurück zu
des Förderns und Forderns vor Augen führen, können
dem Verschiebebahnhof will, den wir früher in der So-
wir eines erkennen: Die Arbeitslosigkeit in Dänemark ist
zialhilfe hatten,
von 11 auf 5 Prozent gesunken. Die Dänen sind ganz be-
sonders erfolgreich bei der Integration gering qualifizier- (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
ter Menschen auf dem Arbeitsmarkt und beim Abbau der der CDU/CSU)
Jugendarbeitslosigkeit. Genau das muss auch unser Ziel
nun aber für alle Arbeitslosen, damit wir uns in Zukunft
sein.
bloß nicht weiter mit ihren Problemen beschäftigen müs-
Wir müssen uns mit der Umsetzung der Hartz-Ge- sen.
setze beschäftigen, sie analysieren und, wo nötig, än- Es gibt einen Punkt, bei dem wir übereinstimmen: Bei
dern. Aber Sie werden mir, glaube ich, zustimmen, dass der Umsetzung des SGB II gibt es viel zu verbessern.
der uns vorliegende Antrag der Fraktion Die Linke nicht
geeignet ist, Langzeitarbeitslosigkeit abzubauen. Liebe
Kolleginnen und Kollegen von der Linksfraktion, Ihre Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner:
Strategie zur Überwindung von Hartz IV besteht darin, Frau Kollegin, denken Sie an Ihre Redezeit!
die Menschen zu verunsichern, wieder einmal Schwarz-
malerei zu betreiben und irreale Hoffnungen zu wecken. Angelika Krüger-Leißner (SPD):
Sie beginnen schon mit einer falschen Behauptung, Danke, Frau Präsidentin. – Vor allen Dingen müssen
wenn Sie sagen, Hartz IV sei Armut per Gesetz. Ich erin- wir Verbesserungen für die Menschen erreichen, die Ar-
nere an die Worte von Staatssekretär Andres. Er hat sehr beit als Teil ihrer gesellschaftlichen Partizipation sehen.
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2625
Angelika Krüger-Leißner
(A) Für sie müssen wir mehr tun. Ihnen fühle ich mich ver- Verschulden nicht aus eigener Kraft helfen können. Das (C)
pflichtet. Lassen Sie uns das in den nächsten Monaten gibt aber keinem das Recht, auf Kosten der Gemein-
tun! Lassen wir uns nicht durch solche utopischen An- schaft zu leben, wenn er eigentlich selbst arbeiten
träge wie von der Fraktion Die Linke aufhalten! könnte. Es geht nicht darum, so viel Steuergeld wie
möglich in die Transfersysteme zu pumpen, wie es die
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU) Linksfraktion, ihrem Antrag nach zu schließen, gerne
hätte. Staatssekretär Andres hat eine erschreckende Zahl
Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner: genannt: 35 Milliarden Euro würde die Durchführung
Das Wort hat der Kollege Paul Lehrieder, CDU/CSU- Ihres Antrages kosten. Das sind traumtänzerische Zahlen
Fraktion. ohne solide Gegenfinanzierung. Ich hätte von der Links-
partei zumindest eine unsolide Gegenfinanzierung er-
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
wartet.
Paul Lehrieder (CDU/CSU): (Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]:
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen Nicht einmal das!)
und Herren! Als Hartz IV an den Start ging, waren große – Von einer soliden Gegenfinanzierung kann man bei ihr
Erwartungen an ein derartig großes Reformvorhaben ge- ohnehin nicht ausgehen.
knüpft.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
(Zuruf von der LINKEN: Sie wurden
enttäuscht!) Wir haben in der vergangenen Woche einen Haushalt
mit einer dramatischen Neuverschuldung von 38 Milliar-
– Enttäuschung Ihrerseits ist nicht verwunderlich. Sie
den Euro im laufenden Jahr beschlossen.
sind öfter enttäuscht und werden auch öfter enttäuscht
werden. – Als es dann an Art und Umfang der Umset-
zung ging, wurden, wie fast zwangsläufig bei derartigen Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner:
Reformprojekten, viele enttäuscht – auch die Linken, Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage des
zum Glück. Hartz IV ist heute unverdientermaßen zum Kollegen Dehm?
Unwort geworden.
Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammenzulegen – ge- Paul Lehrieder (CDU/CSU):
nau darum ging es im Kern –, war unbedingt notwendig Ich würde liebend gern, aber die heutige Sitzung ist
und seit langem eine zentrale Forderung der Union. Des- bereits jetzt bis 23.55 Uhr geplant. In Anbetracht der ge-
(B) halb haben wir vor zwei Jahren dem Reformvorhaben ringen Qualität der zu erwartenden Zwischenfrage ver- (D)
der damaligen Bundesregierung in Bundestag und Bun- zichte ich darauf.
desrat zugestimmt. Wie Herr Staatssekretär Andres aus-
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU)
geführt hat, war es den Schweiß aller Edlen wert.
Frau Kipping, hier auf der Tribüne ist eine große An-
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
zahl Jugendlicher. Wir zahlen bereits jetzt jeden Tag
der SPD)
100 Millionen Euro Zinsen. Ihr Weg wäre gewesen, die
Ich habe die Formulierung sehr schön gefunden, weil Sie Verschuldung in dramatischer Weise weiter zu steigern.
auch uns als Edle bezeichnet haben. Die Generation, die uns von den Tribünen zuschaut,
hätte keinerlei Bewegungsraum mehr, wenn wir Ihren
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Aber schwitzen Weg in die soziale Irre gingen.
ist trotzdem eine unangenehme Sache!)
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
Es war uns wichtig, den Schwerpunkt von der Zah-
lung des Lebensunterhalts auf die Wiedereingliederung Wer theatralisch den Sozialstaat untergehen sieht und
der erwerbsfähigen Hilfebezieher in den Arbeits- Hartz IV am sozialen Kältepol verortet, sollte sich ein-
markt zu verlagern. Oberstes Ziel musste sein, die Be- mal den Einzelplan „Arbeit und Soziales“ des
troffenen wieder aus den Transfersystemen herauszufüh- Bundeshaushaltes 2006 ansehen. Wir geben derzeit
ren, sei es durch neue Hinzuverdienstmöglichkeiten, sei mehr als 51 Prozent der gesamten Haushaltsmittel für
es durch eine passgenaue Förderung bei der Wiederein- soziale Leistungen aus. Allein für das Arbeitslosen-
gliederung in Arbeit, sei es durch eine intensivere Be- geld II sind im Haushalt 2006 24,4 Milliarden Euro an-
treuung durch einen persönlichen Ansprechpartner. gesetzt. Für Eingliederungshilfen sind 6,5 Milliarden
Dazu gehören auch die unmissverständliche Androhung Euro und für Verwaltungskosten 3,5 Milliarden Euro
und die Durchsetzung von Sanktionen, wenn der Hilfe- vorgesehen. Darüber hinaus werden 267 Millionen Euro
bedürftige die notwendigen Eigenbemühungen nicht für Beschäftigungspakte zugunsten älterer Menschen
leistet. Nicht umsonst heißt es „fordern und fördern“. veranschlagt. 2006 beteiligt sich der Bund zudem mit
29,1 Prozent an den Unterkunftskosten. Die Kommunen
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
werden so um 2,3 Milliarden Euro jährlich im Vergleich
der SPD)
zu dem vor dem 1. Januar 2005 geltenden Recht entlas-
Das Arbeitslosengeld II steht für uns im Einklang mit tet. Dieses Geld kann in die Betreuung vor Ort investiert
dem Auftrag, den das Grundgesetz dem Staat gegeben werden, zum Beispiel in Kinderkrippen. Sieht es so aus,
hat: diejenigen zu unterstützen, die sich ohne eigenes wenn – so schreiben Sie es, liebe Kolleginnen und
2626 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
Paul Lehrieder
(A) Kollegen der Linksfraktion – „Kosten auf die Kommu- um Hilfe zur Selbsthilfe, die das uneffektiv gewordene (C)
nen abgewälzt werden“? Beileibe nicht! soziale Netz in eine neue Balance bringen soll.
Apropos Kommunen: Frau Kipping, Sie haben den Die überplanmäßigen Ausgaben von mehr als
Prospekt „Hartz IV“ vorgezeigt und auf Ihren Wahlkreis 11 Milliarden Euro, die uns einzelne Kostenblöcke des
verwiesen. Ich habe mich kundig gemacht: Das Bundes- Hartz-IV-Gesetzes gebracht haben, können wir uns auf
tagshandbuch weist aus, dass Sie über die Landesliste Dauer nicht leisten. Es geht um den effizienten Einsatz
Sachsen in dieses Hohe Haus gewählt worden sind. Ich knapper Mittel. Es geht nicht darum, denen zu helfen,
gehe davon aus, dass Sie gleichwohl Verantwortung für die das Geld nicht brauchen. Fehlanreize sind deshalb zu
die Menschen Ihrer Region tragen wollen. bekämpfen, und zwar im Interesse aller.
Ich will Ihnen ein Beispiel aus meinem Wahlkreis Ein besonders prägnantes Beispiel der letzten Zeit ist
nennen. Mein Wahlkreis Würzburg hat sich 2004 für das der sprunghafte Anstieg der Zahl von Ein-Personen-Be-
so genannte Optionsmodell entschieden. darfsgemeinschaften unter 25-Jähriger. Diesen Anstieg
(Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: konnten wir vor einigen Wochen in diesem Hohen Haus
Sehr gut!) mit großer Mehrheit – gegen die Linksfraktion – zum
Glück unterbinden.
Im Wahlkreis Erlangen des Kollegen Rohde war es ähn-
lich. Im Laufe des ersten Halbjahres 2005 wurden die (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU –
Fälle der Agentur für Arbeit sukzessive übernommen. Widerspruch bei der LINKEN)
Das „Beratungs- und Eingliederungszentrum für Arbeit- Mit dem SGB-II-Optimierungsgesetz wird die Koali-
suchende des Landkreises Würzburg“ vermerkt für das tion diese Linie fortführen. Sie hat sich zum Ziel gesetzt,
gesamte vergangene Jahr, dass trotz schwieriger Aus- neue Akzente bei der Ausgestaltung des Schonvermö-
gangslage 511 Menschen in den ersten Arbeitsmarkt ver- gens zugunsten der Altersvorsorge zu setzen und die De-
mittelt werden konnten, und das bei 1 300 Arbeitslosen finition eheähnlicher Gemeinschaften zu überprüfen, die
bzw. 2 230 Bedarfsgemeinschaften. Das ist eine Quote, Zuständigkeiten der Arbeitsgemeinschaften und optie-
mit der wir uns nicht zu verstecken brauchen. Gegenüber renden Kommunen gesetzlich klarzustellen und einiges
den Jahren 2003 und 2004 mit jeweils etwa 200 Vermit- mehr.
telten ist das ein deutlicher Erfolg.
Wir befinden uns mitten im Reformprozess. Unser
Frau Kipping, legen Sie Ihren Laptop einmal zur Ziel ist es, Menschen in Arbeit zu bringen. Wir haben
Seite! Vielleicht können Sie mir einmal etwas lauschen. begrenzte Mittel und sind kein Selbstbedienungsladen.
(Zuruf der Abg. Katja Kipping [DIE LINKE]) Leben wir über unsere Verhältnisse, leiden am Ende die
(B) ganze Gesellschaft und insbesondere unsere Jugend. (D)
– Das befürchte ich. Alles, was realitätsbezogen ist, ist
für Sie uninteressant. Wer uns bei diesem schwierigen Vorhaben mit kon-
struktiven Vorschlägen unterstützen will, ist uns herzlich
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) willkommen. Wer die Bürger mit pathetischem Tonfall,
Besonders erfreulich ist in diesem Zusammenhang, Bärbeißigkeit und ideologischer Verblendung gegen ihre
dass 26,4 Prozent der im vergangenen Jahr vermittelten eigenen Interessen mobilisieren und notwendige Maß-
Arbeitnehmer unter 25 Jahre alt sind. Damit dürfte klar nahmen im Keim ersticken will, ist allerdings fehl am
werden, dass die Reformen allmählich zu greifen begin- Platz. Hier würde man den Bock zum Gärtner machen.
nen. Wir sind froh, dass eine große Mehrheit der Vernünfti-
gen die Anträge der Linkspartei zurückweist.
Bei alledem müssen wir in Rechnung stellen, dass es
sich erst um einen Anfang der Reformen der Arbeits- Danke schön.
markt- und Sozialgesetzgebung handelt. Viel muss noch
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie
justiert werden. Genau in dieser Phase befinden wir uns
bei Abgeordneten der FDP)
jetzt. Unter anderem mit der Angleichung der ALG-II-
Regelsätze in Ost und West auf 345 Euro wollen wir für
mehr Gerechtigkeit im Rahmen des Möglichen sorgen. Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner:
Hier sehen wir auch die Grenzen, die uns gesetzt sind. Das Wort hat der Kollege Rolf Stöckel, SPD-Frak-
Diese Angleichung wird bei Bund und Ländern mit tion.
Mehrkosten von 260 Millionen Euro zu Buche schlagen.
(Beifall bei der SPD)
Dadurch fehlt Geld an anderer Stelle. Da wir leider nicht
unbegrenzt Geld drucken können und es uns nicht leisten
können, über unsere Verhältnisse zu leben, müssen wir Rolf Stöckel (SPD):
in Verantwortung vor dem Steuerzahler die knappen so- Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Auch
zialstaatlichen Mittel zielgenau einsetzen. von mir herzliche Glückwünsche, Herr Rohde. Wir wis-
sen jetzt, dass Sie 40 Jahre alt sind – das tut nicht weh;
Ich erinnere an Folgendes: Beim ALG II handelt es ich kann mich noch daran erinnern, wie das bei mir da-
sich grundsätzlich um eine bedürftigkeitsabhängige mals war –, aber wir wissen leider sehr wenig über die
Leistung, die nur in der Höhe der tatsächlichen Hilfe- Optionskommunen,
bedürftigkeit gewährt wird. Sie muss das so genannte so-
ziokulturelle Existenzminimum sicherstellen. Es geht (Jörg Rohde [FDP]: Oh!)
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2627
Rolf Stöckel
(A) über die Qualität der Eingliederungsvereinbarungen, der Ich möchte die Gelegenheit wahrnehmen, mit einigen (C)
aktiven Arbeitsmarktangebote und der Qualifizierungs- Mythen aufzuräumen, die hier auch schon angesprochen
angebote in den Optionskommunen. Sie wissen das viel- worden sind. Eine Behauptung ist, dass die Leistungen,
leicht in Bezug auf Erlangen. Wir wüssten gerne mehr. nämlich 345 Euro plus Übernahme der Miet- und Heiz-
Ich kann Ihnen nur berichten, dass die Arge bei mir im kosten, für Einzelpersonen nicht das menschenwürdige
Kreis Unna einen Spielraum hat, in dem sie auch eigen- Existenzminimum absichern würden. Es gibt kein Land
ständig Entscheidungen treffen kann, und dass die Praxis der Welt, in dem diese Leistungen höher sind und in dem
dort auch nicht unbedingt schlechter ist als in Erlangen; die Arbeitslosigkeit erfolgreicher bekämpft worden wäre
das Beispiel kenne ich zufällig auch.
(Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Wir haben natürlich ein Interesse daran – das möchte NEN]: Das stimmt aber so auch nicht! Däne-
ich prinzipiell einmal sagen; deswegen spreche ich das mark zum Beispiel!)
an –, dass die Verhältnisse, was die Qualität, die Sozial-
standards, die Qualifizierung und die Vermittlung an- oder mehr Integration geleistet worden wäre dadurch,
geht, in der Bundesrepublik Deutschland nicht zersplit- dass diese Leistungen höher sind. Die Regelsätze wer-
tert werden, sondern dass es für eine eigenständige den auf einer gesetzlichen Grundlage angepasst und
Praxis in den Arbeitsgemeinschaften vor Ort einen ein- nicht mehr nach einem paternalistischen Warenkorb, der
heitlichen Rahmen gibt, sodass man die Einheitlichkeit auch schon bei der damaligen Sozialhilfe nicht dazu bei-
der Lebensverhältnisse für die Betroffenen auch insofern getragen hat, dass es objektiver oder für die Betroffenen
sicherstellen kann. Das ist eine sozialdemokratische besser gewesen wäre.
Position, die wir auch weiterhin vertreten werden.
Das ist übrigens nicht nur besser für die ehemaligen
(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Paul erwerbsfähigen Sozialhilfeempfänger oder für die ehe-
Lehrieder [CDU/CSU] und des Abg. Peter maligen Arbeitslosenhilfeempfänger, die ergänzende So-
Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]) zialhilfe bekommen haben; es ist auch besser für die
Kommunen, denen über viele Jahre die Massenarbeitslo-
„Hartz muss weg“ – so richtig ernst meint die PDS sigkeit mit allen Konsequenzen sozusagen in die Kasse
das auch nicht. Wenn alle Punkte ihres Antrages – es geschoben worden ist. Sie sagen in Ihrem Antrag ja
sind 40 Punkte, die ich hier nicht in sieben Minuten be- auch, dass Sie die Kommunen entlasten wollen. Als je-
werten kann; ich biete an, das einmal zu tun, wenn Sie mand, der aus dem Ruhrgebiet kommt, sage ich Ihnen:
Interesse haben – erfüllt würden, hätte die PDS als Bitte nicht nur die Kommunen in Ostdeutschland entlas-
Transferleistungsgewerkschaft gar keine Daseinsberech- ten. Das muss insbesondere für unsere Kommunen im
(B) tigung mehr. Ruhrgebiet auch gelten. (D)
(Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
Eben!) der CDU/CSU)
Das ist auch der Grund dafür, dass sie hier im Parlament Ist es linke Politik – das habe ich mich gefragt, als ich
sitzt. den Antrag gelesen habe –, ist es menschenwürdig, wenn
Menschen dauerhaft zur Passivität, zur Ausgrenzung
Ich sage zu den Kollegen in der Koalition einmal: Das vom Arbeitsmarkt und zur Abhängigkeit von staatlichen
gilt vielleicht auch für Herrn Rüttgers, der jetzt im Düs- Transferleistungen verdammt werden? Die klare Ant-
seldorfer Stadttor sitzt. Er konnte sich auch nicht klar wort von uns Sozialdemokraten ist: Nein. Ich frage Sie:
entscheiden, ob er sich zu dem Ergebnis des Vermitt- Ist es linke Politik, wenn sich Großunternehmen auf
lungsausschusses bekennt oder ob er dagegen demons- Kosten der Solidargemeinschaft, nämlich mithilfe hoher
triert. Da hat er so ähnliche Verhaltensweisen wie Herr und langer Arbeitslosenhilfezahlungen, massenhaft von
Böhmer an den Tag gelegt. Aber darum geht es nicht. ihren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, aber auch
von ihrer sozialen Verantwortung verabschieden können,
Wenn wir erreichen wollen, dass erwerbsfähige Men-
wie das jahrelang passiert ist? Die klare Antwort von uns
schen nicht mehr dauerhaft vom Arbeitsmarkt ausge-
lautet: Das ist keine linke Politik.
grenzt werden – ohne Chancen auf persönliche Hilfen
und Förderung, auf Qualifizierung und auf Kinderbe- (Beifall bei der SPD sowie des Abg. Paul
treuung –, dann darf Hartz IV nicht weg. Es kann erst Lehrieder [CDU/CSU])
dann weg, wenn die Langzeitarbeitslosigkeit – der Kol-
lege Weiß hat das zu Recht gesagt – erfolgreich be- Es wird behauptet – das hat der Parlamentarische
kämpft ist. Ich gehörte aufgrund eigener Erfahrung – ich Staatssekretär Andres hier bereits aufgenommen –, dass
habe 15 Jahre in der Sozialverwaltung gearbeitet – kei- mit der zunehmenden Zahl der Bedarfsgemeinschaften
nesfalls zu denen, die glaubten, die sagenhafte deutsche und der Kinder in Bedarfsgemeinschaften die Armut
Verwaltung brauchte nur einen Hebel umzulegen, dann steigt. Dieser Vorwurf, auch der Armutskonferenz in der
würde schon alles klappen. Niemand kann ernsthaft be- letzten Woche, ist absurd. Wenn Leistungen verbessert
haupten – das ist auch schon von mehreren Vorrednerin- werden – ich sage es hier noch einmal – und der Berech-
nen und Vorrednern gesagt worden –, dass die größte So- tigtenkreis ausgeweitet wird, dann ist das ein Beweis da-
zialreform der Bundesrepublik nach einem guten Jahr für, dass die Armutsbekämpfung im deutschen Sozial-
Praxis bereits optimal läuft. staat weitgehend funktioniert.
2628 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
Rolf Stöckel
(A) Ich nenne Ihnen eine Zahl aus dem Armuts- und Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner: (C)
Reichtumsbericht: Wenn es diese Leistungen nicht gäbe Herr Kollege Stöckel, Sie müssen zum Ende kom-
– sowohl die beitragsfinanzierten als auch die steuerfi- men.
nanzierten Sozialleistungen einschließlich der Grund-
sicherung –, dann wären nicht 13,5 Prozent der Men-
Rolf Stöckel (SPD):
schen vom Armutsrisiko bedroht – das sind vor allen
Dingen Ausländer, Alleinerziehende und Familien mit Eine moderne linke Sozialpolitik, die einen wirklich
mehr als zwei Kindern –, sondern 41 Prozent. Das heißt, emanzipatorischen Anspruch hat, kann Sozialpolitik
der Sozialstaat funktioniert bei der Armutsbekämpfung. nicht ohne eine nachhaltige, die Demografie und Globa-
Er ist weiterzuentwickeln; denn er ist verbesserungswür- lisierung einbeziehende Wirtschafts- und Zukunftspoli-
dig. tik denken. Wir haben mit der Agenda 2010 die ersten
Weichenstellungen in die richtige Richtung vorgenom-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der men und dafür viel Prügel eingesteckt. Ich versichere Ih-
CDU/CSU) nen: Wir werden diesen Weg mit der großen Koalition
Meine Damen und Herren, wir Sozialdemokraten ver- erfolgreich weitergehen.
teidigen auch die Rechtsansprüche der Betroffenen an (Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)
unseren Sozialstaat. Ein großer Teil der Kostensteige-
rungen ist nicht durch Missbrauch verursacht worden,
sondern resultiert aus der legalen Inanspruchnahme von Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner:
Rechten und gesetzlichen Regelungen. Wir Sozialdemo- Ich schließe die Aussprache.
kraten wollen keinen Almosenstaat; wir wollen keine
Interfraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf
Gesellschaft, in der letztendlich die Armenspeisungen
dem Drucksachen 16/997 und 16/1124 an die in der Ta-
im Vordergrund stehen. Ich glaube, dass wir insofern
gesordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen.
klar positioniert sind.
Die Vorlage auf Drucksache 16/997, Tagesordnungs-
Deshalb sage ich auch ganz klar: Ich halte es für linke punkt 4, soll zusätzlich an den Ausschuss für Kultur und
Politik, wenn wir einen präventiven, aktivierenden Medien sowie an den Haushaltsausschuss überwiesen
Sozialstaat des Förderns und Forderns entwickeln. Nach werden. Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der Fall.
Überzeugung der sozialen Wissenschaften und Praxis Dann sind die Überweisungen so beschlossen.
– seit über 25 Jahren vollziehe ich das nach – ist dieses
Prinzip dem Prinzip des konservativen, nachsorgenden Ich rufe die Tagesordnungspunkte 32 a bis 32 f sowie
und vor allem Problemlagen konservierenden Wohl- Zusatzpunkte 3 a und 3 b auf:
(B) fahrtsstaates weitaus überlegen. Das zeigen alle interna- 32 a) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein- (D)
tionalen Vergleiche. gebrachten Entwurfs eines Ersten Gesetzes zur
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten Änderung des Artikel-10-Gesetzes
der CDU/CSU) – Drucksache 16/509 –
Mir ist es völlig unverständlich, warum PDS und Überweisungsvorschlag:
WASG, die sich Linke nennen, mit ihren Sozialstaatsvor- Innenausschuss (f)
stellungen so konservativ und weit entfernt von emanzi- Rechtsausschuss
patorischen Ansätzen agitieren und so tun, als würden b) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
sie damit auch noch die Interessen der Betroffenen am gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Umset-
besten vertreten. zung der Richtlinie 2004/25/EG des Europäi-
(Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: Die schen Parlaments und des Rates vom
sind so reaktionär, reaktionärer geht es nicht!) 21. April 2004 betreffend Übernahmeangebote
(Übernahmerichtlinie-Umsetzungsgesetz)
Das Gegenteil ist der Fall, meine Damen und Herren.
– Drucksache 16/1003 –
Wem der Erhalt des Sozialstaats und nicht nur kurz-
sichtige populistische Parteitaktik am Herzen liegt, der Überweisungsvorschlag:
Finanzausschuss (f)
muss mithelfen, diesen Sozialstaat umzubauen Rechtsausschuss
(Zuruf von der LINKEN: Aber nicht ab- Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
bauen!)
c) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
und zukunftsfest zu machen. Das ist allein deshalb unab-
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem
dingbar, weil soziale Ängste weit verbreitet sind und
Vertrag vom 27. Mai 2005 zwischen dem
weil es Vertrauensverluste gegenüber der Demokratie,
Königreich Belgien, der Bundesrepublik
der Marktwirtschaft und dem Rechtsstaat gibt. Sie be-
Deutschland, dem Königreich Spanien, der
schreiben das ja in Ihrem Antrag. Ich befürchte nur, dass
Französischen Republik, dem Großherzog-
Sie die Lehren aus der Weimarer Republik, vor allen
tum Luxemburg, dem Königreich der Nieder-
Dingen aus dem Ende der Weimarer Republik nicht rich-
lande und der Republik Österreich über die
tig verstanden haben und das auch gar nicht wollen.
Vertiefung der grenzüberschreitenden Zusam-
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU) menarbeit, insbesondere zur Bekämpfung des
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2629
Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner
(A) Terrorismus, der grenzüberschreitenden Kri- b) Beratung des Antrags der Abgeordneten Sibylle (C)
minalität und der illegalen Migration Laurischk, Otto Fricke, Ina Lenke, weiterer Ab-
geordneter und der Fraktion der FDP
– Drucksache 16/1108 –
Überweisungsvorschlag: Zwangsheirat wirksam bekämpfen – Opfer
Innenausschuss (f) stärken und schützen – Gleichstellung durch
Auswärtiger Ausschuss Integration und Bildung fördern
Rechtsausschuss
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe – Drucksache 16/1156 –
Ausschuss für Tourismus
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (f)
d) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein- Auswärtiger Ausschuss
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Umset- Innenausschuss
Rechtsausschuss
zung des Vertrags vom 27. Mai 2005 zwischen Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
dem Königreich Belgien, der Bundesrepublik Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
Deutschland, dem Königreich Spanien, der Ausschuss für Bildung, Forschung und
Französischen Republik, dem Großherzog- Technikfolgenabschätzung
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
tum Luxemburg, dem Königreich der Nieder- Entwicklung
lande und der Republik Österreich über die
Vertiefung der grenzüberschreitenden Zusam- Es handelt sich um Überweisungen im vereinfach-
menarbeit, insbesondere zur Bekämpfung des ten Verfahren ohne Debatte.
Terrorismus, der grenzüberschreitenden Kri- Interfraktionell wird vorgeschlagen, die Vorlagen an
minalität und der illegalen Migration die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse zu
– Drucksache 16/1109 – überweisen. Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der
Überweisungsvorschlag: Fall. Dann sind die Überweisungen so beschlossen.
Innenausschuss (f)
Auswärtiger Ausschuss
Ich rufe die Tagesordnungspunkt 33 a bis 33 f sowie
Rechtsausschuss Zusatzpunkte 4 a bis 4 j auf. Es handelt sich um
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe Beschlussfassungen zu Vorlagen, zu denen keine Aus-
Ausschuss für Tourismus sprache vorgesehen ist.
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
Tagesordnungspunkt 33 a:
e) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Ände- Zweite und dritte Beratung des von der Bundesre-
(B)
rung des Agrarstatistikgesetzes und des Rin- gierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes (D)
derregistrierungsdurchführungsgesetzes zur Änderung des patentrechtlichen Ein-
spruchsverfahrens und des Patentkostengeset-
– Drucksache 16/1023 – zes
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und – Drucksache 16/735 –
Verbraucherschutz (f)
Innenausschuss Beschlussempfehlung und Bericht des Rechtsaus-
schusses (6. Ausschuss)
f) Beratung des Antrags der Abgeordneten Rainder
Steenblock, Winfried Hermann, Peter Hettlich, – Drucksache 16/1153 –
weiterer Abgeordneter und der Fraktion des
Berichterstattung:
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Abgeordnete Dr. Günter Krings
Notschleppkonzept an gestiegene Herausfor- Dirk Manzewski
derungen anpassen Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
Wolfgang Nešković
– Drucksache 16/685 – Jerzy Montag
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (f) Der Rechtsausschuss empfiehlt in seiner Beschluss-
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit empfehlung auf Drucksache 16/1153, den Gesetzentwurf
ZP 3 a)Beratung des Antrags der Abgeordneten Heike anzunehmen. Ich bitte diejenigen, die dem Gesetzent-
Hänsel, Dr. Diether Dehm, Wolfgang Gehrcke, wurf zustimmen wollen, um das Handzeichen. – Wer
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der LIN- stimmt dagegen? – Enthaltungen? – Mir ist das Abstim-
KEN mungsverhalten der Fraktion der Linken nicht klar. –
Der Gesetzentwurf ist damit in zweiter Beratung mit den
Die Beziehungen zwischen EU und Lateiname- Stimmen von SPD, Bündnis 90/Die Grünen, CDU/CSU
rika solidarisch gestalten – Kein Freihandels- und FDP bei Enthaltung der Fraktion der Linken ange-
abkommen EU-Mercosur nommen.
– Drucksache 16/1126 – Dritte Beratung
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und und Schlussabstimmung. Ich bitte diejenigen, die dem
Entwicklung Gesetzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben. –
2630 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
(B) – Drucksache 16/1138 – Sie sind die energiewirtschaftlichen Fragen nicht an- (D)
gegangen. Dabei geht es um die Fragen: Wie kann un-
Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Enthal- sere Energieversorgung langfristig sicher sein? Wie kann
tungen? – Die Sammelübersicht 34 ist mit den Stimmen man sie langfristig wirtschaftlich gestalten und nicht nur
der SPD, des Bündnisses 90/Die Grünen und der CDU/ am Tropf halten? Wie kann man sie nachhaltig gestal-
CSU bei Gegenstimmen der FDP und der Linken ange- ten? – Dazu ist gar nichts gesagt worden. Sie haben auch
nommen. die Kernthemen des Energiebereichs vollkommen außen
Zusatztagesordnungspunkt 4 j: vor gelassen. Wie kann man eigentlich behaupten, einen
Energiegipfel zu veranstalten, wenn man nicht über den
Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions- Verkehr diskutiert?
ausschusses (2. Ausschuss)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Sammelübersicht 35 zu Petitionen
Das heißt doch: Sie haben das halbe Problem schlicht
– Drucksache 16/1139 – und einfach ignoriert. Der Löwenanteil unserer Erdöl-
Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Enthal- importe wird nämlich im wahrsten Sinne des Wortes ver-
tungen? – Die Sammelübersicht 35 ist mit den Stimmen fahren. Wir machen hier vollkommen unsinnig Ge-
der Koalition bei Gegenstimmen der Fraktionen der Lin- brauch von einer limitierten und teuren Ressource. In
ken, des Bündnisses 90/Die Grünen und der FDP ange- keinem anderen Bereich sind wir so abhängig vom Erdöl
nommen. wie im Verkehr und Sie machen einen Energiegipfel,
ohne über dieses Thema zu reden!
Ich rufe den Zusatztagesordnungspunkt 5 auf:
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Aktuelle Stunde sowie bei Abgeordneten der FDP)
Beitrag des Energiegipfels zur Energieversor- Wenn sich an dieser Stelle nichts bewegt, bewegt sich
gungssicherheit und zur Verringerung der Ge- demnächst auch im Verkehr nichts mehr. Stattdessen ha-
fahren durch Atomkraft und Klimawandel ben Sie auf diesem Gipfel ein gefährliches Spiel mit der
Die Fraktion des Bündnisses 90/Die Grünen hat diese Debatte über den Ausstieg aus der Atomenergie getrie-
Aktuelle Stunde beantragt. ben. Der Dissens, den Sie so munter zwischen den
Koalitionsfraktionen pflegen, stellt mittlerweile eine
Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat die Kolle- Blockade für Innovationen und dringend nötige Investi-
gin Renate Künast, Bündnis 90/Die Grünen. tionen in Deutschland, zum Beispiel im Mittelstand, dar.
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2633
Renate Künast
(A) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner: (C)
Frau Kollegin, Ihre Redezeit ist überschritten.
Ich frage mich auch: Was ist jetzt eigentlich mit dem
Koalitionsvertrag? Gilt er nur ein bisschen oder nur bis
zu einem bestimmten Punkt? Das riecht mir verdammt Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
nach: Wir sind ein bisschen schwanger. – Genau so agie- – erpressen lassen.
ren Sie bei diesem Thema. Im Ergebnis tun Sie nichts für
Danke.
die Schaffung von Arbeitsplätzen und für Innovationen
in diesem Land. Mit Ihrem Gerede auf dem Gipfel haben (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Sie allenfalls den Kraftwerksbetreibern geholfen, große
Profite zu machen. Sie haben aber mittelfristig nicht ein- Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner:
mal einem Verbraucher in diesem Land geholfen und
dazu beigetragen, dass er auf seiner nächsten Stromrech- Herr Kollege Beck, zur Geschäftsordnung, bitte.
nung sieht, dass die Kosten sinken und nicht weiter stei-
gen. Volker Beck (Köln) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Keiner
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) der für dieses Thema, Energie, zuständigen Minister ist
hier anwesend. Ich verstehe ja, dass man sich angesichts
Sie lassen sich durch vermeintliche Investitionszusa-
des Outputs dieses Energiegipfels hier im Parlament
gen zu Zugeständnissen bringen. Was wir in Wahrheit
nicht stellen will. Ich habe Verständnis bei Herrn Glos:
brauchen, ist eine Regierung, die sich nicht erpressen
Er ist in den USA; wenn er kommen sollte, wäre das ein
lässt, gerade beim anstehenden Thema „Emissionshan-
bisschen schwierig. Aber der Bundesumweltminister ist
del und Zertifikate“. Was Ihnen da an Geldern angeboten
im Haushaltssausschuss.
wird, ist das statistische Mittelmaß dessen, was sie so-
wieso investieren müssen. Wir brauchen etwas anderes. (Dr. Norbert Röttgen [CDU/CSU]: Der Staats-
Wir brauchen einen Anschub, der zu Überkapazität und sekretär ist da!)
neuen Akteuren auf dem Markt führt, damit Wettbewerb
entsteht, zugunsten einer anderen Zukunft und zuguns- Ich meine, das geht nicht. Bei einem so wichtigen
ten der Verbraucherhaushalte. Thema muss die Bundesregierung auch durch Minister
hier im Plenum vertreten sein.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
(Dr. Norbert Röttgen [CDU/CSU]: Nein, muss
Man muss jetzt umsteuern; man darf das nicht wieder sie nicht!)
(B) vertagen. Man muss jetzt einsteigen beim Primat der (D)
Wenn sie so nicht vertreten ist, ist das eine Missachtung
Energiepolitik in eine Zukunft der Einsparungen. Wir
des Parlaments. Wir beantragen die Herbeizitierung des
wissen, dass die meisten Industriestaaten, wenn sie eine
Bundesumweltministers.
gute Strategie verfolgen, mit der besten verfügbaren
Technologie problemlos 20 bis 30 Prozent des jetzigen (Dr. Norbert Röttgen [CDU/CSU]: Davon
Energieverbrauchs einsparen könnten. Dann brauchen kann doch überhaupt nicht die Rede sein! Das
Sie aber ehrgeizige Anforderungen, in Bezug auf den ist völlig albern! Der Staatssekretär ist anwe-
Wärmeschutz bei Neubauten, Höchstverbrauchstandards send!)
für Klima- und Lüftungsanlagen, und Sie brauchen Ver-
bote für Stand-by-Geräte in der Unterhaltungselektronik. – Es gehört sich, dass beim Thema Energiegipfel auch
Wir können bis 2020 unseren Verbrauch quasi halbieren. der zuständige Minister hier spricht oder dass er, wenn er
nichts zu sagen hat, wenigstens hier anwesend ist und
Der Energiegipfel hat uns eines gezeigt: Sie haben sich eine solche zentrale Debatte des Parlaments anhört.
keine Ziele; Sie arbeiten weiter für die großen Anbieter.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Ich sage Ihnen ganz klar: Wir werden dem ein grünes
sowie bei Abgeordneten der FDP und der LIN-
weiterentwickeltes Energieszenario entgegensetzen.
KEN)
(Martin Zeil [FDP]: Bitte keine Drohung!)
Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner:
Daran werden wir Sie messen. Wir werden Sie beim
Frau Kumpf, bitte.
Emissionshandel –
Ute Kumpf
(A) – Ich rede von unserem Kollegen Michael Müller, der (Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- (C)
den Minister vertritt. Er ist ein ausgewiesener Fachmann NEN]: Jedenfalls Sie nicht!)
(Martin Zeil [FDP]: Für was?) jedenfalls nicht umfassend und im Rahmen eines ge-
samtstrategischen Konzepts. Damit sollte auf diesem
in der Angelegenheit. Energiegipfel begonnen werden. Das ist unter volkswirt-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) schaftlichen, internationalen und technologischen Ge-
sichtspunkten nötig. Das ist eine absolut runde Angele-
Dass Minister Gabriel vor dem Haushaltsausschuss vor- genheit.
stellig werden muss, ist das höchste Recht und auch ein
parlamentarisches Recht des Haushaltsausschusses. Das Sie haben uns vorgeworfen, wir hätten nichts zum
ist auch Ihnen sehr wohl bekannt. Ich denke, es ist genü- Verkehr gesagt. Ich will nur ein Beispiel nennen: Die
gend Kompetenz auf der Regierungsbank vertreten. Brennstoffzelle ist eine ganz wichtige technologische
Antwort auf die vor uns liegenden Herausforderungen.
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Sie während Ih-
NEN]: Wieso bezahlen wir überhaupt Minis- rer Regierungszeit Entscheidendes für die Brennstoff-
ter, wenn wir sie nicht brauchen?) zelle geleistet hätten.
Daher ist Ihr Antrag abzulehnen. (Ulrich Kelber [SPD]: Natürlich! – Renate
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU) Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das
nennt man retrograde Amnesie! Quatsch! Da
protestiert schon die SPD!)
Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner:
Ich lasse über den Geschäftsordnungsantrag des Kol- Wir legen ein Forschungsprogramm mit einem Volumen
legen Beck abstimmen. Wer für die Herbeizitierung des von 155 Millionen Euro und einer Laufzeit von drei Jah-
Ministers ist, den bitte ich um das Handzeichen. – Ge- ren auf. Eine so massive Forschungsförderung hat es in
genprobe! – Letzteres war die Mehrheit. Deshalb, Herr diesem Bereich noch nicht gegeben. Wir begrüßen, dass
Kollege Beck, ist Ihr Antrag abgelehnt. wir das gemeinsam beschließen können. Frau Künast,
unter Ihrer Regierungsverantwortung wurde ein solches
Das Wort hat der Parlamentarische Staatssekretär Programm nicht aufgelegt.
Hartmut Schauerte.
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- NEN]: Wieso fahren die Autos jetzt schon mit
(B) neten der SPD – Renate Künast [BÜND- Biodiesel?) (D)
NIS 90/DIE GRÜNEN]: Ich dachte, Herr
Müller spricht! – Gegenruf von der CDU/ Eine Diskussion über die strategische Ausrichtung
CSU: Zuhören!) unserer Energiepolitik ist notwendig. Sie kann einen
Beitrag zur Verbesserung der Energieversorgungssicher-
heit anstoßen. In diesem Zusammenhang sind Fragen der
Hartmut Schauerte, Parl. Staatssekretär beim Bun- Wirtschaftlichkeit, der Umweltverträglichkeit, der inter-
desminister für Wirtschaft und Technologie: nationalen Sicherheit und der Versorgungssicherheit zu
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und berücksichtigen. Es lohnt, über grundsätzliche Fragen zu
Herren! Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin zweimal reden.
dankbar, einmal dafür, dass die Bundeskanzlerin diesen
Energiegipfel organisiert und durchgeführt hat, und zum Frau Künast, in der Energiepolitik brauchen wir vor
Zweiten dafür, dass die Grünen diese Aktuelle Stunde allen Dingen Rationalität, ein Wissen über die Fakten
beantragt haben. Denn so können wir hier erklären, wo- und Zusammenhänge sowie möglichst wenig Ideologie.
rum es wirklich geht. Von den ideologischen Ansätzen grüner Energiepolitik
haben wir uns auf diesem Gipfel verabschiedet. Das
Dieser Energiegipfel war absolut notwendig. Das ha- wird Deutschland ausgesprochen gut tun.
ben alle Beteiligten auch so gesehen. Was die Beteiligten
angeht, Frau Künast: Es waren natürlich Vertreter der (Beifall bei der CDU/CSU – Renate Künast
Solarenergiewirtschaft, Klaus Töpfer und weitere Perso- [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie sind doch
nen aus dem entsprechenden Bereich anwesend. der Oberideologe! Ohne Sie wären wir schon
viel weiter!)
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Klaus Töpfer ist ja keine deutsche Mit dem Statusbericht, den Bundesminister Glos zusam-
NGO!) men mit Bundesminister Gabriel vorgelegt hat, haben
wir eine gute Grundlage für die Neuorientierung und die
Der Kreis war also intelligent und der Sache angemessen Versachlichung der Energiepolitik gelegt.
zusammengesetzt. Ein Energiegipfel ist auch kein Klein-
Klein, kein Hin-und-Her und kein Springen von einem Energiepolitische Entscheidungen müssen immer die
Thema zu anderen. Denn er sollte ein strategischer Neu- drei energiepolitischen Ziele im Blick haben: Wirtschaft-
anfang sein. Schließlich haben wir seit vielen Jahren lichkeit und Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicher-
nicht mehr über die Energiepolitik und die Lage der heit sowie Umweltverträglichkeit. Ich habe die Wirt-
Energiewirtschaft in Deutschland geredet, schaftlichkeit bewusst an den Anfang gestellt. Gerade
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2635
Parl. Staatssekretär Hartmut Schauerte
(A) auf diesem Gebiet wurden in der Vergangenheit schwere ein. Mit einfließen sollen auch die Ergebnisse der deut- (C)
Fehler gemacht. schen EU-Ratspräsidentschaft und der G-8-Präsi-
dentschaft im Jahr 2007. Wir wollen das international
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- aufstellen. Frau Merkel hat ja bekanntlich die Energie-
NEN]: Atomkraft!) politik als einen der drei Schwerpunkte der deutschen
Der grüne Ansatz bei der Wirtschaftlichkeit, den die EU-Ratspräsidentschaft genannt. Wir bereiten uns da-
Bürger heute teuer bezahlen, war: Energie kann ruhig rauf vor und hoffen, daraus Erkenntnisse für die strategi-
teuer sein; denn nur, wenn Energie teuer ist, gehen die sche Ausrichtung der deutschen Energiepolitik zu ge-
Bürger sparsam damit um. Das war ein Kern Ihrer Ener- winnen.
giepolitik, der natürlich enorme Auswirkungen auf die Wichtig ist natürlich der Energiemix, für den wir auch
Entwicklung der Energiepreise in Deutschland hatte. Erkenntnisse gewinnen wollen. Wie können wir ihn opti-
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- mieren? Dabei fallen als erstes die Kohle und die fossi-
NEN]: Während Atomkraft noch in hundert len Brennstoffe ins Auge. Wir wollen neue Ansätze in
Jahren kostet!) Technik und Forschung entwickeln bis hin zum CO2-
freien Kraftwerk. Dafür nehmen wir richtig Geld in die
Aufgrund der hohen Kosten für Energie in Deutsch- Hand. Wir schließen nichts aus. Wir wollen möglichst
land haben wir erhebliche wirtschafts- und arbeitsmarkt- breit auch unter dem Gesichtspunkt der Energiesicher-
politische Probleme. Die Kosten für Energie in Deutsch- heit aufgestellt sein.
land wurden von Ihnen aus ideologischen, aus so
genannten pädagogischen Gründen kraftvoll erhöht. Bei Wir begrüßen ausdrücklich die beim Energiegipfel
der Berücksichtigung der Wirtschaftlichkeit des Energie- gegebenen Zusagen der Energiewirtschaft zu umfangrei-
preises – Sie haben den Energiepreis nicht mehr ernst chen Investitionen in Kraftwerke und Stromnetze.
genommen – haben wir eine erhebliche Korrektur vorge- (Beifall bei Abgeordneten der SPD sowie der Abg.
nommen. Ich hoffe, dass sie sich mittelfristig auf den Dr. Martina Krogmann [CDU/CSU])
Standort Deutschland im Wettbewerb der Nationen posi-
tiv auswirkt. Frau Künast, das hat es in Ihrer Zeit auch schon einmal
gegeben, aber sehr vage, unbestimmt und nicht belast-
(Beifall bei der CDU/CSU) bar. Man wollte 20 Milliarden Euro in ein Investitions-
Wir müssen in aller Sachlichkeit immer wieder analysie- programm investieren. Dieser Gipfel hat dazu geführt,
ren, ob die angestrebten Ziele auch tatsächlich erreicht dass aus den 20 Milliarden Euro 30 Milliarden Euro ge-
werden. Auch das soll ein Ergebnis der verstärkten Dis- worden sind. Er hat eine neue Sicherheit in die Gesprä-
(B) kussion über unsere energiepolitische Ausrichtung sein. che gebracht. Ich halte die Zusagen, die jetzt gemacht (D)
worden sind, für belastbarer als das, was vorher hin und
Der Energiegipfel ist als Auftakt einer Debatte über wieder einmal erörtert worden ist. Wir sind also auch
die mittel- und langfristige Energiepolitik gedacht. Kein hier ein gutes Stück weitergekommen.
laufendes Projekt wird gestoppt. Es gibt keinen Still-
stand. Insofern können wir uns die Zeit nehmen, gründ- (Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
lich darüber nachzudenken. Alle Projekte, die sich jetzt Das werden Sie alles noch merken!)
in der Pipeline befinden, werden weitergeführt. All das, – Ja, das wird sich zeigen. Haben Sie ein bisschen Ge-
was im Energiewirtschaftsgesetz festgelegt ist – die not- duld! Das ist sicher eine Tugend, die Ihnen ziemlich ab-
wendigen Neujustierungen, die Aufstellung der Netz- geht. Üben Sie sie einmal ein bisschen.
agentur –, läuft unbeeinflusst weiter. Die Ergebnisse des
Energiegipfels zeigen langfristige Planungsansätze auf, (Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
sie zeigen, wie wir uns energiepolitisch in der Zukunft NEN]: Sonst wäre ich nicht hier!)
aufstellen sollten.
Bei uns geht Gründlichkeit vor Schnelligkeit. Bei Ihnen
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) war und ist das offensichtlich immer noch umgekehrt.
Wir wählen den anderen, den seriöseren Weg.
Wir werden – das haben Sie den Medien entnommen –
drei Arbeitskreise einrichten. Einer beschäftigt sich mit (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
den internationalen Aspekten, einer mit den nationalen
Aspekten und einer mit Forschung und Energieeffizienz. Die erneuerbaren Energien sind wichtig. Das haben
Diese drei Arbeitskreise sollen Vorlagen erarbeiten. die Teilnehmer des Energiegipfels einhellig unterstri-
Dann soll ein weiteres Spitzentreffen stattfinden. Ziel chen. Sie sind ein wichtiger und wachsender Teil des
dieses Prozesses ist die Erarbeitung eines Gesamtkon- Energiemixes. Lassen Sie mich dazu zum Abschluss
zeptes, das die Bundesregierung in der zweiten Hälfte noch ein paar Zahlen vortragen, weil ich glaube, dass sie
des Jahres 2007 vorlegen will. Diese Zeit nehmen wir beeindruckend sind. So etwas hat es in der Energiefor-
uns. In der Zwischenzeit wird das getan, was aktuell an- schungspolitik bisher nicht gegeben. Für rationelle Ener-
liegt. Es herrscht also kein Stillstand. Wir arbeiten kon- gieumwandlung haben wir im Jahr 2005 104 Millionen
kret in den aktuellen Bezugsfeldern und erstellen gleich- Euro ausgegeben; für das Jahr 2009 planen wir 203 Mil-
zeitig eine mittel- und langfristige Strategie. lionen Euro ein. Das ist fast eine Verdoppelung und das
sind 36 Prozent der Finanzmittel, die wir für die Ener-
Die praktische Energiepolitik geht weiter und die Er- gieforschung und -optimierung ausgeben. Bei den erneu-
gebnisse und Erkenntnisse fließen in das Gesamtkonzept erbaren Energien gibt es ebenfalls eine Erhöhung von
2636 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Zweiter Punkt: unser Vorangehen beim Klimaschutz.
Das meine ich doch gar nicht!) Das ist die zentrale Zukunftsherausforderung. Die Welt
schaut dabei auf Europa. Was in Europa geschieht, wird
aber es wäre sehr viel schöner gewesen, wenn sich die die Welt prägen.
Grünen beispielsweise auch sehr viel mehr des Themas
Effizienz angenommen hätten. Hier war nämlich die Dritter Punkt. Wir müssen die Energiepolitik immer
große Schwachstelle. Reden wir also darüber. Das wisst mehr als Energieaußenpolitik begreifen. An der Frage
ihr doch auch ganz genau. des Energieeinsatzes wird sich die Sicherheit der Welt
entscheiden. Auch hier ist entscheidend, was Europa tut.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU – Der Gedanke, das technologisch starke Westeuropa mit
Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: dem Rohstoffriesen Russland im Sinne einer intelligen-
Also bitte, was ist denn mit dem Emissions- ten Kooperation für die Welt zusammenzubringen, ist
handel?) eine große Vision, die wir voranbringen sollten. Ich
– Auch beim Emissionshandel hätten wir manche Wei- finde, auch hier war die Diskussion in den letzten Wo-
chen anders stellen können. chen im Verhältnis zur großen Bedeutung dieses Themas
kleinkariert. Ich glaube nicht, dass uns das voranbringt.
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Clement!) (Beifall bei der SPD – Renate Künast [BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN]: Zur Größe von
Auch das weiß Jürgen Trittin besser, als er es hier sagt. Michael Müller!)
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2639
Parl. Staatssekretär Michael Müller
(A) Lassen Sie mich noch den vierten Punkt nennen. Wir Und was macht die Bundesregierung? Erstens. Sie er- (C)
müssen auch den historischen Fehler überwinden, zu höht die Mehrwertsteuer um noch einmal 3 Prozent-
meinen, dass sich die Stärke eines Landes vor allen Din- punkte. Zweitens. Sie lädt die Energiebosse zum Gipfel
gen an der Arbeitsproduktivität orientiert. Energie- und ein, auf dass alles besser werde. Ich bin der Meinung,
Ressourcenproduktivität sind zentrale Wettbewerbsfak- das ist den Menschen im Land nicht mehr zu vermitteln.
toren in der Zukunft. Dadurch wird der Fehler überwun-
(Beifall bei der LINKEN)
den, dass bei einem schwächer werdenden Wachstum
immer mehr Menschen durch Technik ersetzt werden. Der Energiegipfel bei Bundeskanzlerin Merkel am
Wir schaffen eine Produktivität, durch die auch mehr Ar- Montag letzter Woche hat das Bild abgerundet. Man sitzt
beit möglich wird. gemeinsam im sicheren Boot und lässt die Verbrauche-
rinnen und Verbraucher schwimmen. Mein Respekt gilt
Das sind vier Herausforderungen, die wir mit der an dieser Stelle Edda Müller vom Verbraucherzentrale
Energiepolitik verbinden. Lasst uns deshalb nach vorne Bundesverband. Sie vertrat als Einzige die 39 Millionen
schauen. Wir führen nicht die Schlachten der Vergangen- privaten Haushalte mit Bravour.
heit, sondern wir sehen vor allem die Herausforderungen
der Zukunft und wir wollen Antworten geben, die um- (Beifall bei der LINKEN)
weltverträglich, wettbewerbsfähig und kostengünstig Machen wir uns nichts vor: Die Gästeliste spiegelt wi-
sind. der, wohin die Reise geht, nämlich zurück in die fossil-
Vielen Dank. atomare Steinzeit. Wenn die Kanzlerin keine andere
Energiepolitik will, dann sollte sie uns das sagen und
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU – nicht so einen Zirkus veranstalten.
Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Die Investitionszusage der Konzernbosse ist unserer
Wir wissen jetzt, was Regieren heißt! Wir
Meinung nach eine Mogelpackung. Die 30 Milliarden
dachten immer, Regieren heißt Antworten ge-
Euro waren schon lange vor dem Energiegipfel fest ein-
ben und nicht nur Fragen stellen! – Fritz Kuhn
geplant, und zwar für die Ersetzung der maroden Koh-
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das war eine
leblöcke bzw. für die Neubauten, die von Umweltminis-
Nullemission! – Renate Künast [BÜNDNIS 90/
ter Gabriel über den Emissionshandel subventioniert
DIE GRÜNEN]: Da muss man sich nur einmal
werden.
die ganzen SPD-Bundesländer dazu ansehen!)
Hinzu kommt: Kein einziger Arbeitsplatz wird ge-
schaffen. Die neuen Kraftwerke ersetzen zwar die alten
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
Dreckschleudern, werden aber nur mit einem Viertel des (D)
(B) Als Nächster hat der Kollege Hans-Kurt Hill von der Personals betrieben. Das bestätigen sogar die RWE-Be-
Linken das Wort. triebsräte. Dass die Großen der Branche die Investitio-
(Beifall bei der LINKEN) nen nur in Aussicht stellen, darf sicherlich als Drohku-
lisse für die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken
verstanden werden; denn da kann man richtig verdienen:
Hans-Kurt Hill (DIE LINKE): 300 Millionen Euro zusätzliche Einnahmen pro Jahr be-
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kollegin- schert die Verlängerung der Laufzeit eines einzigen
nen und Kollegen! Der hinter uns liegende Winter wird Atomkraftwerkes.
für uns alle teuer. Der Verbraucher zahlt bis zu 500 Euro Die Branche der erneuerbaren Energien leistet als
mehr für das Heizen und den Strom. Das ist für viele Einzige einen echten Beitrag für eine zukünftige Ener-
Haushalte ein halbes Monatsgehalt. Und was tun die gieversorgung. Der Anteil von Energie aus Sonne, Wind,
Energiekonzerne? Bei immer weniger Mitarbeitern ver- Wasser, Biomasse und Erdwärme soll in den nächsten
künden sie für das letzte Jahr natürlich Rekordgewinne. 14 Jahren auf 20 Prozent steigen. Das bedeutet: Durch
EnBW und RWE haben insgesamt 14 000 Mitarbeiter den steigenden Anteil dieser heimisch erzeugten Energie
entlassen. Andere Konzerne veranstalten Übernahmen nimmt die Versorgungssicherheit zu. Mehr erneuerbare
mit riesigen Summen: 29,1 Milliarden Euro will Eon für Energien entlasten die Geldbeutel der Verbraucher. Sie
die spanische Endesa berappen. Bezahlt wird das Ganze fangen die hoch drehende Preisspirale bei Öl und Gas
aus den Taschen der Verbraucher. auf. Die CO2-Einsparung wird jährlich 270 Millionen
(Ulrich Kelber [SPD]: Und Verbraucherin- Tonnen betragen. Bis 2020 werden 330 000 neue Ar-
nen!) beitsplätze entstehen.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)
– Natürlich auch der Verbraucherinnen. – Weitere Bei-
spiele: 6 Milliarden Euro pro Jahr steckt das Stromoligo- Es ist aber zu fragen, ob sich die erneuerbaren Ener-
pol im Rahmen des Emissionshandels in die eigene Ta- gien tatsächlich durchsetzen können. Zurzeit werden sie
sche. 18 Milliarden Euro zahlen die Kunden jedes Jahr vom Energiekartell behindert, sei es beim Anschluss ans
allein für die Nutzung der Stromnetze; aber nur 2 Mil- Netz, sei es durch unzureichenden Ausbau der Strom-
liarden Euro fließen davon in die Netze zurück. Alles in trassen, um zum Beispiel Windstrom einzuspeisen. Die
allem kann man sagen: Die Energiekartelle ziehen den CDU/CSU stimmt in diesen Chor kräftig mit ein. Die
Bürgerinnen und Bürgern ungeniert das Geld aus der Ta- erste Strophe des Liedes lautet, das EEG müsse abge-
sche. schafft werden. Die zweite Strophe – wen wundert’s –
2640 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
Hans-Kurt Hill
(A) heißt, Atomkraftwerke müssten länger laufen. Eine (Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- (C)
derart ideologische Polemik hat nun wirklich nichts mit NEN]: Sie brauchen doch Herrn Müller, damit
einer vernünftigen Energiepolitik zu tun. er Ihnen erzählt, was draußen los ist!)
(Beifall bei der LINKEN und dem BÜND- Diese ist auch dringend notwendig, um unsere Ziele zu
NIS 90/DIE GRÜNEN) erreichen.
Für eine bezahlbare, klimafreundliche und sichere (Beifall bei der CDU/CSU)
Energieversorgung müssen Sie schon etwas mehr tun:
Frau Künast, Sie haben die Verbraucher angespro-
erstens Energieeinsparung durch einen klaren ordnungs-
chen. Was die Energiekosten für die Verbraucher angeht,
rechtlichen Rahmen, zweitens Umschalten auf erneuer-
waren es doch die Grünen, denen die beim Endverbrau-
bare Energien und drittens schnellstmöglicher Ausstieg
cher anfallenden Kosten nicht hoch genug sein konnten.
aus der gefährlichen Atomwirtschaft.
Diese Linie haben Sie immer verfolgt. Jetzt aber präsen-
Unser Fazit: Die Energiewende fällt wegen Stillstands tieren Sie sich als die großen Heilsbringer.
aus und die Zeche zahlen die Bürgerinnen und Bürger.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Das ist der Gipfel!
Gestatten Sie mir noch eine Bemerkung, Frau Künast.
Danke.
Sie haben den mangelnden Wettbewerb in Deutschland
(Beifall bei der LINKEN) angesprochen. Warum haben Sie in den vergangenen
Jahren nichts unternommen, um nach 1998 den Wettbe-
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: werb im Stromsektor zu erhalten? Er ist nämlich deshalb
Das Wort hat der Kollege Franz Obermeier, CDU/ nicht erhalten geblieben, weil Sie die Gesetzgebung
CSU-Fraktion. nicht entsprechend nachjustiert haben.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU –
Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Das war die SPD!)
Franz Obermeier (CDU/CSU):
Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Ich Noch ein Punkt, Frau Künast: In der Tat – darin stim-
möchte nahtlos an die Rede des Parlamentarischen men wir zufällig überein – kann der Energieverbrauch in
Staatssekretärs Müller anschließen. der Bundesrepublik Deutschland halbiert werden. Darin
gebe ich Ihnen Recht. Aber das geht mit einer Deindus-
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- trialisierung und dem Abbau von Arbeitsplätzen in der
NEN]: Das wird Herrn Müller besonders
(B) Bundesrepublik Deutschland einher. Dann haben Sie Ihr (D)
freuen! – Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE Ziel erreicht. Ihre Politik scheint mir nämlich nach wie
GRÜNEN]: Da sind ja die Richtigen zusam- vor in eine Richtung zu führen, durch die Arbeitsplätze
men!)
verloren gehen und noch mehr profitable Industrieunter-
Denn er hat den Kern der gesamten Problematik exakt nehmen aus Deutschland vertrieben werden.
getroffen, indem er die Analyse der globalen Herausfor-
(Beifall bei der CDU/CSU)
derung der vergangenen Jahre noch einmal erläutert und
uns deutlich gemacht hat, was wir in Zukunft in Europa Was mit dem Energiegipfel eingeleitet wurde, deutet
am globalen Energiemarkt zu erwarten haben. einwandfrei in die richtige Richtung. Es ist längst ein
Generalkonzept für die Bundesrepublik Deutschland und
Im Kontrast dazu stand die Rede der Kollegin Künast,
Europa mit Blick auf die globale Entwicklung überfällig.
die den Blick wieder auf eine rein nationale Diskussion
Deswegen sollten wir der Bundesregierung danken, dass
der Fragen verengt hat, die wir schon in den vergange-
sie die Dinge jetzt in die Hand genommen hat.
nen Jahren mit fatalen Folgen für das Land aus einer na-
tionalen Betrachtungsweise hin- und hergewendet ha- (Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE
ben. Sie haben von einer Blockade gesprochen, Frau GRÜNEN]: Die interessiert sich aber nicht da-
Künast. Das stimmt, es gab eine Blockade Ihrerseits für für, was Sie hier erzählen! – Renate Künast
Investitionen in die richtige Richtung. Es gab aber unse- [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Welche Bun-
rerseits keine Blockade bei den erneuerbaren Energien, desregierung? Gucken Sie mal zur Regie-
speziell bei der Windkraft. rungsbank! Sie haben gar keine Bundesregie-
rung!)
Die Politik hinsichtlich der gesamten Energieversor-
gung in der Bundesrepublik Deutschland ist durch die Ich möchte noch auf einen weiteren Punkt hinweisen.
grüne Ideologie in eine völlig falsche Richtung gegan- Bei allen Entwicklungen der vergangenen Jahre war
gen. nicht alles falsch. Aber der ökologische Aspekt wurde
nicht im gleichen Maße wie der ökonomische und der
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
soziale Aspekt berücksichtigt.
NEN]: Was? Sie führen unsere Politik doch
weiter!) Vor dem Hintergrund der globalen Herausforderung
Jetzt kommt es durch die Initiative der Bundeskanzlerin (Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Gott sei Dank zu einer Diskussion, die in erster Linie NEN]: Die gab es aber schon vor zehn Jah-
von Ideologiefreiheit geprägt ist. ren!)
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2641
Franz Obermeier
(A) muss jetzt beispielsweise beim Zertifikatehandel zur Ich bin gespannt, ob Sie in Zukunft den Anstieg der Ge- (C)
CO2-Minderung ein globaler Ansatz verfolgt werden. winne der Energiekonzerne durch kostenlose Emissions-
Wir als CDU/CSU-Fraktion werden uns weiter für eine zertifikate endlich stoppen werden und den Mut haben,
effiziente CO2-Minderung dergestalt einsetzen, dass wir in ein Versteigerungsverfahren einzusteigen, anstatt wie
unsere Mittel weltweit möglichst effizient zugunsten des bisher die Zertifikate zu verschenken. Wir warten ge-
bestmöglichen Abbaus von Emissionen verwenden. spannt auf Ihre Antworten.
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
NEN]: Dann sollten Sie die Zertifikate verstei-
Der Energiegipfel ist ein Gipfel der verpassten Chan-
gern, Herr Obermeier! – Renate Künast
cen. Statt Antworten zu geben, haben Sie von der SPD
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja! Weltweit
an der klimaschädlichen Kohle und Sie von der Union an
Zertifikate versteigern!)
der problematischen Kernenergie festgehalten.
Die Blockade eines grünen Umweltministers, was JI und
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS-
CDM im Allgemeinen betrifft, gehört Gott sei Dank der
SES 90/DIE GRÜNEN)
Vergangenheit an.
Wo sind Ihre Antworten auf die gesellschaftlich relevan-
Ich bedanke mich bei der Bundeskanzlerin dafür,
ten Fragen, etwa wie man in Zukunft seine Wohnung be-
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- zahlbar beheizen kann – das ist für sozial Schwache in-
NEN]: Die ist doch gar nicht da!) zwischen zu einem zentralen Problem geworden – oder
wie man den vielen Menschen in den ländlichen Räumen
dass sie die Initiative ergriffen hat. Sie wird mit Sicher- helfen kann, die bald nicht mehr die Kosten für die Au-
heit Erfolg haben, wenn wir im Laufe dieses Jahres bzw. tofahrt zu ihrem Arbeitsplatz aufbringen können, weil
Anfang nächsten Jahres in die Diskussion eintreten wer- die Rohölpreise ständig steigen? Wir haben keine Ant-
den. worten gehört.
Herzlichen Dank. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- Sie haben nur über Strom geredet, nicht aber über Heiz-
neten der SPD) oder Treibstoffe.
Oder die steigenden Strompreise: Alle wissen – die
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
Spatzen pfeifen es bereits von den Dächern –, dass der
Für Bündnis 90/Die Grünen spricht der Kollege durch die Energiekonzerne verhinderte Wettbewerb die
(B) Hans-Josef Fell. Strompreise ständig weiter nach oben treibt. (D)
Hans-Josef Fell (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und sowie bei Abgeordneten der FDP)
Herren! Herr Staatssekretär Müller, Sie wollen die He- Sie sind auch hier Antworten schuldig geblieben und ha-
rausforderungen Klimaschutz und Versorgungssicherheit ben weiterhin Konzernpolitik gemacht.
in den Mittelpunkt stellen; das ist richtig. Aber bislang
reden Sie nur davon. Haben Sie noch nicht gemerkt, dass Oder wo geben Sie Antworten, wenn es um die stei-
Sie in der Regierung sind, dass Sie Antworten liefern genden Ausgaben und die fehlenden Einnahmen im
müssen und nicht nur Fragen stellen können? Bundeshaushalt geht? Wir haben nichts von Ihnen dazu
gehört, wie Sie die Kohlesubventionen reduzieren wol-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) len, um den Haushalt zu sanieren.
Warum haben Sie die zentralen Fragen, die Sie zu Recht (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
gestellt haben, nicht in den Mittelpunkt des Energiegip- sowie bei Abgeordneten der FDP)
fels gestellt? Das ist Ihr Versäumnis.
Wir haben von Ihnen nicht gehört, dass Sie endlich öko-
(Parl. Staatssekretär Hartmut Schauerte: Haben wir logisch schädliche Subventionen abbauen wollen. Wo
doch! Sie waren doch gar nicht dabei!) sind denn Ihre Antworten auf die Fragen nach einer
Flugbenzinbesteuerung, einer Schiffdieselbesteuerung
Wir müssen Antworten geben, und zwar andere als
und einer Besteuerung der Rückstellungen für die Atom-
die auf dem Energiegipfel. Stattdessen schieben Sie uns,
kraftwerke? Wenn Sie über fehlende Haushaltseinnah-
den Grünen, die wir in der letzten Wahlperiode eine er-
men sprechen, dann schlagen Sie plötzlich eine Besteue-
folgreiche Energiepolitik gemacht haben, noch etwas in
rung der Biokraftstoffe vor. Dabei sind diese Kraftstoffe
die Schuhe, was nichts anderes als eine falsche Behaup-
eine der großen Zukunftshoffnungen auf bezahlbare
tung ist. Sie sagen, wir hätten die Effizienz nicht gestei-
Energiepreise für die Bürger und Gewährleistung der
gert. Wer hat denn die von uns ständig gestellten
Versorgungssicherheit durch heimische Energieträger.
Anträge auf Erhöhung der Mittel für das Altbausanie-
rungsprogramm sowohl im Haushaltsausschuss als auch (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
im Plenum des Bundestages abgelehnt? Sie von der
SPD. Mit der von Ihnen geplanten Mehrwertsteuererhöhung
werden Sie stattdessen den Bürger mit etwa 120 Euro für
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Strom, Heizung und Treibstoffe pro Haushalt stärker
2642 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
Hans-Josef Fell
(A) belasten. Meine Damen und Herren von der großen Ko- Rolf Hempelmann (SPD): (C)
alition, das sind keine Antworten auf die gestiegenen Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen! Liebe
Energiepreise. Kollegen! Herr Fell, man muss irgendetwas haben, wo-
gegen man kämpfen kann. Deswegen haben Sie jetzt die
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Mär von den neuen Atomkraftwerken erfunden. Aber
Außerdem sind Sie eine Antwort auf den Atomstreit wir werden Ihnen das nicht durchgehen lassen. Weder
schuldig geblieben. Kanzlerin Merkel hat ihn einfach die CDU/CSU noch die SPD hat ein solches Ziel formu-
weitertreiben lassen, obwohl im Koalitionsvertrag alles liert. Es steht auch nicht auf einer „hidden agenda“. Sie
klar festgelegt ist. Das ist ein großes Problem; denn können sich gerne politische Gegner suchen. Aber je-
diese Hängepartie beim Atomausstieg wird weitergehen. denfalls an dieser Stelle ist das fehl am Platz.
Sie wird ein Investitionshemmnis sein. Wir werden nach (Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)
2009 möglicherweise noch immer nicht wissen, wie es
weitergeht, ob die Branche der erneuerbaren Energien Meine Damen und Herren, die Grünen haben diese
ihr Versprechen halten kann, in den nächsten 15 Jahren Aktuelle Stunde zum Energiegipfel gefordert. Sie haben
200 Milliarden Euro zu investieren. – das ist aus den Wortbeiträgen deutlich geworden –
große Erwartungen an diesen Gipfel geknüpft, die jetzt
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS- offenbar enttäuscht worden sind. Wir dürfen diese gro-
SES 90/DIE GRÜNEN) ßen Erwartungen als Kompliment empfinden. Wir selbst
Denn wenn Sie an der Atomenergie festhalten und es zu- haben so große Erwartungen, dass nämlich sofort, auf ei-
lassen, dass neue fossile Kraftwerke gebaut werden, nen Schlag und an einem Tag Lösungen präsentiert wer-
dann wird das Volumen für den Ausbau der erneuerbaren den, nie gehabt.
Energien und die Nutzung von Effizienzmöglichkeiten (Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE
verringert. Dann wird zu viel Strom auf dem Markt sein GRÜNEN]: Ich gestehe, wir haben uns ge-
und Chancen für die Schaffung von Arbeitsplätzen und täuscht!)
für Investitionen werden nicht mehr gegeben sein.
Das war eine eher naive und insofern – ich unterstelle Ih-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) nen ja nicht Naivität – vorgeschobene Erwartung.
Dagegen hängen Sie sich an die uralten Versprechun- (Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE
gen der Stromwirtschaft, die da 20 Milliarden Euro in GRÜNEN]: Ihnen etwas zuzutrauen, ist in der
fossile Kraftwerke zu investieren verspricht. Das hatte Tat naiv!)
sie schon lange versprochen. Auch die 10 Milliarden
(B) Euro für die Netze sind nichts Neues. Es geht darum, einen Auftakt zu organisieren – das ist (D)
gelungen –, einen Prozess hin zu einem Energiepro-
Kommen wir zum Schluss noch zur Forschung. gramm. Man muss eingestehen: Das haben wir beide zu-
2 Milliarden Euro mehr wollen Sie für die Energiefor- sammen jedenfalls nicht zustande gebracht.
schung ausgeben. Ich bin gespannt, ob Sie dieses (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Versprechen zwischen der ersten Beratung des Bundes-
haushaltes und der zweiten Beratung durch Änderungs- Dieser Auftakt ist gelungen.
anträge von Ihnen in den Ausschüssen und im Plenum
Eben ist behauptet worden, es seien nur die Energie-
einhalten. Wenn nicht, dann wäre das ein leeres Verspre-
versorgungsunternehmen eingeladen worden. Das ist na-
chen. Denn was jetzt im Haushalt steht, das wissen wir.
türlich völliger Unsinn. Genauso sind auch die energie-
Wenn die 2 Milliarden Euro neues Geld sein sollen, dann
verbrauchende Seite, die Wissenschaft und eigentlich
müssen sie auch auftauchen. Dabei müssen wir auch
alle, die mit Energiewirtschaft oder -verbrauch oder
wissen, wofür das Geld ausgegeben wird.
überhaupt mit der breiten Verbraucherschaft zu tun ha-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) ben, eingeladen worden. Ich glaube, das kann man
durchaus an den Ergebnissen und an den Diskussions-
Heute wird in der „FAZ“ Bundesministerin Schavan themen ablesen.
zitiert. Sie hat angekündigt, dass im Atombereich nicht
nur für Sicherheits- und Endlagerforschung bezahlt wer- (Beifall bei Abgeordneten der SPD)
den soll, sondern auch für die Erforschung notwendiger Es ist eben nicht nur über Versorgungssicherheit gespro-
Energiegewinnung aus Kernkraftwerken. Damit ist die chen worden. Es ist auch über Umweltverträglichkeit
Katze aus dem Sack: Sie wollen neue Atomkraftwerke in und über Preiswürdigkeit gesprochen worden – wie ge-
diesem Staat. Das werden wir zu verhindern wissen. sagt, nicht mit unmittelbaren Ergebnissen bei allen The-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie men.
des Abg. Klaus Uwe Benneter [SPD]) Unsere Fraktion begrüßt die Investitionsankündigun-
gen sowohl für den konventionellen Kraftwerkspark als
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: auch für die erneuerbaren Energien und für die Netze.
Das Wort hat der Kollege Rolf Hempelmann, SPD- Ich diffamiere das nicht, wie es einige Redner getan ha-
Fraktion. ben. Es ist auch Unsinn, wenn Sie, Herr Fell, behaupten,
dass Investitionen in konventionelle Kraftwerke dazu
(Beifall bei der SPD) führten, dass Investitionen in erneuerbare Energien un-
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2643
Rolf Hempelmann
(A) terblieben. Immerhin sind für beide Bereiche Ankündi- (Beifall bei der SPD und der CDU/CSU) (C)
gungen auf dem Gipfel erfolgt. Sie werden nicht behaup-
ten, dass die Ankündigungen der Unternehmen im Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
Bereich erneuerbarer Energien unseriös gewesen seien. Als Nächstes spricht Katherina Reiche, CDU/CSU-
(Beifall der Abg. Dr. Maria Flachsbarth [CDU/ Fraktion.
CSU]) (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
Diese Investitionsankündigungen sind schon deshalb zu der SPD)
begrüßen, weil sie die Knappheit im Energie- und gerade
auch im Stromangebot verringern werden. In erster Linie Katherina Reiche (Potsdam) (CDU/CSU):
Knappheit verursacht hohe Preise und nichts anderes. Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Mit dem Energiegipfel hat die Bundesregierung den
Jenseits dieser Investitionsankündigungen ist es not- Startschuss zur Erarbeitung eines energiepolitischen Ge-
wendig, dass der Prozess hin zu einem Energiepro- samtkonzepts gegeben. Das Ziel ist, eine bezahlbare,
gramm jetzt auch unter Beteiligung der Fraktionen orga- eine sichere, eine wettbewerbsfähige und eine umwelt-
nisiert wird. Es wird Zeit, dass wir sozusagen mit an freundliche Energieversorgung bis zum Jahr 2020 si-
Bord kommen. Außerdem ist wichtig, dass die Politik cherzustellen.
die notwendigen Rahmenbedingungen schafft, damit
diese Investitionen keine Ankündigungen bleiben, son- (Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE
dern tatsächlich stattfinden. GRÜNEN]: Das kann ja dauern! Jetzt wird
bald mit der Erarbeitung begonnen! Der Be-
Wir brauchen sehr bald ein Planungsbeschleuni- ginn der Erarbeitung steht kurz bevor!)
gungsgesetz – es ist in Arbeit und wir werden es auch
vorlegen –, das diesen Namen verdient. Die Betonung liegt auf „bis zum Jahr 2020“. Das heißt,
wir planen weit über diese Legislaturperiode hinaus.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU) In meinen Augen war der Energiegipfel ein Erfolg;
denn es ist gelungen, in einen sachlichen Dialog über die
Wir brauchen zügig die Einigung zum NAP II – das ist Energiepolitik in unserem Land einzusteigen.
auch ein Stück weit Appell an die beiden Ministerien –,
(Marie-Luise Dött [CDU/CSU]: Das tut uns
damit wir als Parlament unseren Beitrag leisten können.
gut!)
Nach der Sommerpause brauchen wir natürlich auch die
Verordnung zur Anreizregulierung; denn nur über mehr Herr Fell, das ist das Gegenteil von dem, was zu Zeiten
(B) Wettbewerb – das ist das Ziel der Anreizregulierung – Ihrer Regierungsbeteiligung passiert ist. (D)
werden wir letztlich das Ziel erreichen, zu sinkenden
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Strom- und Energiepreisen zu kommen.
Alte Grabenkämpfe, also das Ausspielen eines Ener-
Es ist wunderbar, ein Feindbild zu haben. Es ist wun- gieträgers gegen den anderen, das Ausspielen von Um-
derbar, immer auf den großen Unternehmen herumzuha- welt gegen Wirtschaft, von Erzeuger gegen Verbraucher,
cken. Zum Teil haben sich diese Unternehmen die Kritik haben bei diesem Gipfel Gott sei Dank keine Rolle ge-
ehrlich erarbeitet. Manchmal trifft man durchaus die spielt. Ich finde, das ist ein gutes Zeichen und es ist eine
richtigen dabei. Aber es ist eine grobe Vereinfachung, so gute Grundlage für die weitere Arbeit.
zu tun, als wenn allein die Beschimpfung der Großen
oder der eine oder der andere Nadelstich an der einen (Beifall bei der CDU/CSU)
oder an der anderen Stelle die Realität hoher Energie- Die Investitionszusagen, die auf dem Energiegipfel
preise verändern würde. Wir werden sie nur durch mehr gemacht wurden, finde ich sehr begrüßenswert. Wie wir
Wettbewerb verändern. wissen, reichen Zusagen allein nicht aus. Diese Zusagen
(Beifall der Abg. Marie-Luise Dött [CDU/ implizieren natürlich auch die Pflicht, Investitionen fol-
CSU]) gen zu lassen. Wir haben einen Investitionsstau zu ver-
zeichnen, sowohl im Kraftwerksbereich als auch bei den
Da sind insbesondere die von uns gegründete Bundes- Netzen. Der Kraftwerkspark in Deutschland ist ein we-
netzagentur und natürlich auch die Politik in Form des nig in die Jahre gekommen. Er muss modernisiert wer-
Verordnungsgebers Bundesregierung – die Federführung den. Wenn wir tatsächlich die effizientesten und
liegt beim Wirtschaftsministerium – gefordert. modernsten Kraftwerke entwickeln wollen, dann ist der
Ich bin optimistisch, dass wir die notwendigen anstehende Erneuerungsbedarf nicht zu übersehen.
Schritte gehen. Ich verstehe die Ungeduld der Grünen, Aber es geht nicht nur darum, alte Kraftwerke zu er-
die daraus resultiert, dass sie schnelle Ergebnisse wün- setzen, sondern auch darum, neue zu bauen. Wir brau-
schen. Aber auch wir haben eine gewisse Zeit für das chen zusätzliche Stromkapazitäten im Markt, damit die
Energiewirtschaftsgesetz und für die Installation dieser Preise bezahlbar bleiben und damit der dringend not-
Behörde gebraucht. Jetzt sollten wir in der Lage sein, so wendige Wettbewerb gestärkt wird.
viele Monate zu warten, wie gebraucht werden, um
Wettbewerb zur Realität zu machen. Das Ganze ist aber keine Einbahnstraße. Wenn wir
von der Wirtschaft erwarten, dass sie investiert, dann er-
Vielen Dank. wartet die Wirtschaft von uns zu Recht Verlässlichkeit,
2644 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
Wir reden hier immerhin von 2 Milliarden Euro bis Dass die Grünen natürlich relativ krabitzig Kritik
2009. Wenn das kein wichtiges und deutliches Signal ist, üben, kann ich nachvollziehen; dass sie versuchen, im-
Herr Kollege Fell, dann weiß ich nicht. In Ihrer Regie- mer wieder einen Keil zwischen die Regierungsfraktio-
rungszeit zumindest haben wir auf solche Zusagen war- nen zu treiben, ist auch nachvollziehbar.
ten müssen.
(Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) GRÜNEN]: Wir sitzen als Keil dazwischen! –
Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Wir müssen in der Sicherheitsforschung und bei der NEN]: Gut, dass Sie es noch mal ansprechen!)
Energieeffizienz vorankommen. Wir müssen Ressourcen
und Energie intelligenter nutzen. Aber glauben Sie mir: Das werden wir mit einer gewis-
sen Gelassenheit hinnehmen, weil wir wissen, für wel-
Herr Kollege Fell, ich möchte Sie noch ein weiteres che Energiepolitik wir eigentlich stehen. Wir werden
Mal ansprechen. Sie haben gesagt: Angela Merkel hat auch dafür sorgen, dass ein großer Teil dieser Energiepo-
den Streit über das Thema Kernkraft beiseite gelassen litik umgesetzt wird.
und hat dieses Thema nicht aufgenommen. – Das ist
falsch. Sie hat sehr wohl darauf hingewiesen, dass das, Die Bundesregierung will bis Ende 2007 ein energie-
was im Koalitionsvertrag steht, gilt, nämlich dass es ei- politisches Konzept für die Zeit bis 2020 vorlegen, das
nen Dissens gibt. – das ist schon gesagt worden – Versorgungssicherheit,
wettbewerbsfähige Energiepreise und wirksamen Klima-
Erlauben Sie mir den folgenden Hinweis: Wenn der schutz miteinander verknüpft.
Kernenergieanteil an der Stromversorgung derzeit
30 Prozent beträgt, dann kann man schlechterdings nicht Im internationalen Klimaschutz gilt für Deutschland
ausblenden, dass es so ist, wie es ist, weil wir – da wie- – die Notwendigkeit hat der Herr Staatssekretär vorhin
derhole ich, was ich am Anfang meiner Rede schon ge- schon eindrucksvoll geschildert –, aber auch für die an-
sagt habe – über die nächsten 25 Jahre reden müssen. deren großen Kiotoländer: Wenn wir wollen, dass die an-
deren folgen, müssen wir weiterhin mit gutem Beispiel
Wenn man die Strategie, die die Bundesregierung ver- vorangehen. Insbesondere für Deutschland gilt hierbei:
folgt, auf wenige Worte zusammendampfen müsste, Wenn wir unserer Vorreiterrolle im internationalen Kli-
dann würde sie lauten: Es geht im Kern um fünf Dinge: maschutz gerecht werden wollen, dann müssen wir uns
um Energiemärkte und Wettbewerb, um Erneuerung bei ehrgeizige Ziele setzen.
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2645
Frank Schwabe
(A) (Beifall bei der SPD) so effizient sein, dass wir das Kiotoziel der CO2-Sen- (C)
kung bis 2012 um 21 Prozent erreichen. Es bleibt im
Deshalb haben sich CDU, CSU und SPD bereits im Rahmen des Emissionshandels ein dauerhaftes Ärgernis,
Koalitionsvertrag dazu verpflichtet, eine Reduktion der dass der Emissionshandel dazu dient bzw. dazu genutzt
CO2-Emissionen um mehr als 30 Prozent bis 2020 anzu- wird, dass die großen Energieversorger sich zulasten von
streben, wenn sich denn die EU insgesamt zu einer Re- Bürgerinnen und Bürgern sowie der Industrie die Ta-
duzierung um 30 Prozent verpflichtet. Dabei sollte uns schen füllen. Das marktwirtschaftliche Instrument des
die von der Energie-Enquete-Kommission des Bundesta- Emissionshandels muss im Bereich der Monopolstruktur
ges in der letzten Legislaturperiode geforderte Reduzie- der großen Energieversorger eigentlich zwangsläufig
rung um 40 Prozent bis 2020 und um 80 Prozent bis versagen. Es bleibt also unser Auftrag, den Emissions-
2050 als Wegmarke dienen. handel mittelfristig so zu gestalten, dass er dem Klima-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) schutz dient und Mitnahmeeffekte der großen Energie-
versorger vermeidet.
Auf dem Weg dahin brauchen wir einen Energiemix,
der klimaschonend, sicher und eben auch bezahlbar ist. (Beifall bei der SPD)
Dazu gehören erneuerbare Energien, eine höhere Ener- Verehrte Damen und Herren, beim Energiegipfel ging
gieeffizienz, eine stärkere Unabhängigkeit von Ener-
es um den zukünftigen Energiemix. Dabei ist die Ge-
gieimporten, aber für eine bestimmte Zeit – Sie müssen schichte der erneuerbaren Energien eine besondere Er-
sonst die Frage beantworten, wie das anders gehen soll –
folgsgeschichte. Das wird besonders deutlich, wenn man
eben auch eine möglichst effiziente Nutzung der heimi-
– ich habe gestern im Umweltausschuss die Gelegenheit
schen Stein- und Braunkohle. genutzt – noch einmal in den Protokollen von vor
(Beifall bei Abgeordneten der SPD sowie der 20 Jahren nachliest, was damals bezüglich der Entwick-
Abg. Marie-Luise Dött [CDU/CSU]) lung der erneuerbaren Energien prognostiziert wurde. Da
haben nämlich viele gesagt, sie würden niemals
Dabei ist die geplante Erneuerung des Kraftwerksparks Marktreife erlangen. Jetzt sind wir nicht weit davon ent-
sowohl wirtschaftlich als auch klimapolitisch sinnvoll. fernt.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der Dasselbe allerdings – da fand ich die Bemerkung in
CDU/CSU) Richtung der Grünen richtig – muss uns auch bei der
Allerdings muss die Errichtung solcher neuen Kraft- Energieeffizienz gelingen. Auch das muss eine Erfolgs-
werke zwingend im Rahmen einer allgemeinen Effizi- geschichte der Bundesrepublik Deutschland werden.
enz- und Einsparstrategie erfolgen. (Beifall bei der SPD sowie der Abg. Katherina
(B) (D)
Es ist, wie es ist. Die Atomenergie ist aus unserer Reiche [Potsdam] [CDU/CSU] – Beifall beim
Sicht nicht notwendiger Teil eines modernen Energie- BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
mixes und sie wird auch nicht Teil des zukünftigen Ener- Das ist nicht nur klimapolitisch, sondern in hohem Maße
giemixes sein, solange Sozialdemokratinnen und Sozial- auch wettbewerbspolitisch geboten. Ein Mehr an Ener-
demokraten Regierungsverantwortung tragen. Da kann gieeffizienz macht uns günstiger, unabhängiger und in-
ich die Grünen beruhigen. novativer. Gut, dass das jetzt eines der Schwerpunktthe-
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten men auf der Arbeitsebene ist.
der CDU/CSU) Zusammengefasst: Der Energiegipfel war besser, als
Allein schon wegen der notwendigen Erneuerung des manche erwartet haben, auch wenn sich einige ärgern.
Kraftwerksparks macht der vereinbarte Ausstiegsfahr- Nun kommt es auf eine intensive Arbeit in den kommen-
plan Sinn, weltweit gesehen erst recht. Ich finde es gera- den Monaten an. Die Voraussetzungen dafür sind jetzt
dezu rührend, wie die Chefs der großen Energieversor- geschaffen.
ger, vermeintlich aus Sorge um den Strompreis und den Vielen Dank.
Klimaschutz, für eine Verlängerung der Nutzung der
Atomenergie eintreten, wohl wissend, dass sie bei bei- (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
den Themen ganz andere Schlüssel in der Hand halten. der CDU/CSU)
(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Sylvia
Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
Für die CDU/CSU-Fraktion hat der Kollege Philipp
Angesichts des minimalen Anteils der Atomenergie am Mißfelder das Wort.
weltweiten Energieaufkommen wird klar, dass die
Atomenergie jedenfalls die Klimaproblematik nicht ein- (Beifall bei der CDU/CSU)
mal im Ansatz lösen wird.
Philipp Mißfelder (CDU/CSU):
(Dr. Karl Addicks [FDP]: Steinkohle aber erst
recht nicht!) Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Kolleginnen
und Kollegen! Der Energiegipfel ist in zweierlei Hin-
Apropos Strompreis – dazu ist gerade auch schon et- sicht ein großer Erfolg gewesen. Darauf möchte ich in
was gesagt worden –: In diesem Jahr wird uns der Emis- meinen weiteren Ausführungen eingehen. Zunächst
sionshandel in besonderer Weise beschäftigen. Er muss möchte ich allerdings den Grünen ganz herzlich danken,
2646 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
Philipp Mißfelder
(A) dass wir diese Erfolge am heutigen Tage hier deutlich – Herr Tauss, ich bin Ihnen dankbar, dass Sie dazwi- (C)
machen können. Vielen Dank, dass Sie diese Aktuelle schenrufen; denn genau an dieser Stelle hatte ich Ihren
Stunde beantragt haben Zwischenruf in meiner Rede eingeplant.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. (Ulrich Kelber [SPD]: Aber wer hat denn die
Dr. Rainer Tabillion [SPD]) Studie in Auftrag gegeben?)
und sie nutzen, damit Sie lernen, wie wir die Energiepo- – Der Fernsehsender N24 hat eine Emnid-Umfrage in
litik der Zukunft gestalten wollen. Auftrag gegeben. Aber unabhängig von den politischen
Konsequenzen, die man daraus ziehen kann, sieht man
Der Energiegipfel ist nicht nur deshalb ein Erfolg, an diesen Umfragewerten eindeutig, dass sich im Be-
weil er, wie von meinen Vorrednern ausgeführt, tatsäch- wusstsein der Bevölkerung etwas verändert hat. Deswe-
liche Ergebnisse für die zukünftige Energiepolitik bringt, gen muss die Politik Antworten auf diese wichtigen Fra-
sondern auch, weil er sozusagen den Anfang vom Ende gen finden.
einer ideologiegeprägten Energiepolitik in unserem (Beifall bei der CDU/CSU)
Land darstellt. Das war am Montag der Fall.
Die Ursachen für die steigenden Energiepreise in
(Beifall bei der CDU/CSU – Hans-Josef Fell Deutschland – darüber haben wir schon diskutiert – sind
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wer hier von in erster Linie die schwindenden Reserven an herkömm-
Ideologie redet, hat keine Antwort auf Fra- lichen Energieträgern wie Öl, Kohle oder Gas.
gen!)
(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Die Entscheidung, einen Energiegipfel an den Beginn NEN]: Und Uran!)
der Legislaturperiode zu stellen, war richtig; denn es war
Deswegen ist es richtig, dass wir versuchen, auf Dauer
überfällig, der Energiepolitik in Deutschland wieder eine
ausgerichtete Antworten auf die drängenden Fragen zu
verlässliche Basis zu geben und sich damit einer entideo-
finden. Eine Frage ist, wie wir auf den Energiehunger
logisierten Diskussion zu stellen, die wirklich sinnvoll
der aufstrebenden Wirtschaftsmächte China, Indien und
ist. Denn tatsächlich ist es das allgemeine Anliegen des
Brasilien in Zukunft reagieren wollen und wie wir Ener-
Hauses, auch in Zukunft Energiesicherheit zu gewähr-
giesicherheit für die nächsten Jahrzehnte gewährleisten
leisten. Wir sind unserer Bundeskanzlerin Angela
können. Dabei können und wollen wir uns aber auf
Merkel dankbar, dass sie als eine ihrer ersten Maßnah-
Dauer keinen deutschen Sonderweg leisten. Deswegen
men diesen Energiegipfel einberufen hat. Mit dieser Ini-
ist es richtig, dass der Energiegipfel Perspektiven bietet,
tiative hat die Bundeskanzlerin bereits am Beginn ihrer
wie in Zukunft die Energiepolitik aussehen soll.
(B) Amtszeit klar gemacht, dass die Energiepolitik eines der (D)
Hauptthemen der großen Koalition ist. (Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Wenn er sie denn geboten hätte!)
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Am Ende jahrelanger ideologiebelasteter Diskussion
Das entspricht im Übrigen auch der Lebenswirklichkeit um Energiepolitik– vor allen Dingen die Grünen haben
der Privathaushalte und der deutschen Wirtschaft. Des- sich auf diesem Feld betätigt – wird ein schlüssiges Kon-
wegen war es so wichtig, dieses Thema auf die Tages- zept stehen, das dazu führen wird, dass auch die Indus-
ordnung zu setzen. trie in unserem Land endlich verlässlichere Rahmenbe-
dingungen vorfinden wird.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der SPD) Sie fragen in dem Titel der Aktuellen Stunde nach
dem Beitrag des Gipfels zur Energieversorgungssicher-
Mit dem Energiegipfel wurde der Grundstein für ein heit. Diese Frage möchte ich Ihnen an dieser Stelle gerne
energiepolitisches Gesamtkonzept gelegt. Ein Ergebnis beantworten. Die Bundesregierung wird als Ergebnis des
des Energiegipfels ist die Einrichtung von Arbeitsgrup- Energiegipfels die Mittel für die Energieforschung deut-
pen; der Herr Staatssekretär hat es vorhin ausgeführt. lich aufstocken. So werden wir im Zeitraum von 2006
bis 2009 etwa 2 Milliarden Euro in neue Energietechno-
Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass sich in logien investieren.
Deutschland die Stimmungslage der Bevölkerung verän-
dert. Die Sensibilität für das Thema Energiepolitik (Beifall des Abg. Jörg Tauss [SPD])
wächst. Dies ist in erster Linie auf das Steigen der Ener- Die erneuerbaren Energien auch in Zukunft wirtschaft-
giepreise zurückzuführen und zeigt sich in den Diskus- lich sinnvoll zu stärken, ist einer der wichtigsten Punkte,
sionen über dieses Thema innerhalb der Familien. die wir sehen.
Dass sich etwas an der Stimmungslage verändert hat, (Beifall der Abg. Marie-Luise Dött [CDU/
sieht man an den aktuellen Umfragen. Am Dienstag mel- CSU])
dete dpa, dass die Mehrheit der Deutschen inzwischen
eine Verlängerung der Laufzeiten für deutsche Kern- Der Energiegipfel war ein großer Erfolg. Die Arbeits-
kraftwerke befürwortet. gruppen werden jetzt ihre Arbeit aufnehmen. Wir sind
mit dem Ergebnis vom Montag zufrieden und freuen
(Beifall bei der CDU/CSU – Zuruf des Abg. uns, dass wir heute so ausführlich darüber sprechen
Jörg Tauss [SPD]) konnten.
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2647
Philipp Mißfelder
(A) Vielen Dank. Stadtwerke und andere Akteure. Man kann sie nicht aus- (C)
schließen. Sie sind wichtig, wenn wir uns energiepoli-
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
tisch auf internationaler Ebene bewegen wollen und
neten der SPD)
dafür sorgen wollen, dass energie- und unternehmenspo-
litische Entscheidungen noch in Deutschland fallen.
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: Deshalb sollten wir sie nicht als Gegner sehen, sondern
Das Wort hat der Kollege Dr. Rainer Tabillion, SPD- sie mit ins Boot nehmen. Wir sollten aber darauf achten
Fraktion. und sie dazu zwingen, dass sie die Dinge, die sie tun,
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) transparent machen und dass sie sich ihrer gesellschafts-
politischen Verantwortung klar werden.
Dr. Rainer Tabillion (SPD): (Beifall bei der SPD)
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Das Wichtigste ist Effizienz; das ist heute schon oft
Herren! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Diese Ak- gesagt worden. Es ist falsch, den Leuten vorzumachen,
tuelle Stunde ist ein guter Auftakt für die Beschäftigung die Preise für Energie könnten sinken. Das werden wir in
des Deutschen Bundestages mit energiepolitischen The- den kommenden Jahren nicht erleben. Dazu sind die
men im Vorfeld der Erstellung eines energiepolitischen Rohstoffpreise zu hoch. Sie werden sich deutlich nach
Programms, das bis 2015 – oder besser noch: mindestens oben entwickeln. Es sind nicht nur die Wettbewerbs-
20 Jahre – gelten soll. strukturen hier im Land, die dazu beitragen, dass die
Das Parlament war in den Gipfel nicht eingebunden. Energie teurer wird. Insbesondere die Rohstoffpreise
Umso größer sollte unser Ehrgeiz sein, uns jetzt in die sind dafür verantwortlich. Deshalb werden wir die Ent-
Diskussion der kommenden Wochen einzubringen. Je- wicklung nicht stoppen können. Effizienz ist umso wich-
der, der hier vorgetragen und seine Vorstellungen entwi- tiger, als wir über Effizienz dafür sorgen können, dass
ckelt hat, ist eingeladen, das auszugestalten, was auf unsere Kosten, obwohl die Preise steigen, dadurch, dass
dem Gipfeltreffen angekündigt worden ist. wir aus den Energieträgern mehr herausholen und weni-
ger in die Luft blasen, stabil bleiben oder sogar sinken.
(Beifall bei der SPD)
(Beifall bei der SPD)
Ich glaube, dass es in diesem Haus eine ausreichende
Grundübereinstimmung bei den energiepolitischen The- Deutschland ist Vorreiter beim Klimaschutz und bei
men gibt, die in den nächsten vier Jahren im Zentrum der der Entwicklung und Vermarktung der Technologie der
Beschäftigung des Deutschen Bundestages stehen wer- erneuerbaren Energien. Wir sind auch Vorbild beim Ein-
satz dieser Energiearten in unserem Land. Das wollen
(B) den. Das gilt insbesondere dafür, dass wir energiepoliti- (D)
sche Rahmenbedingungen schaffen müssen, die weit wir auch bleiben.
über die Legislaturperiode und weit über das, was wir
Es ist in dem anstehenden Diskurs allerdings eine He-
politisch mit der CDU/CSU vereinbart haben, hinausge-
rausforderung für uns, dafür zu sorgen, dass die volks-
hen. Das gilt insbesondere auch für die angekündigten
wirtschaftlichen Kosten, die dabei entstehen, begrenzt
Milliardeninvestitionen in die Kraftwerks- und die Netz-
werden. Wir müssen im Rahmen der jetzt zu führenden
infrastruktur. Diese Investitionen, auf die wir alle schon
energiepolitischen Debatte die Instrumente hinterfragen,
lange warten, werden nur dann fließen, wenn es keine
mit denen wir fördern, und die Technologien, die wir
Hintertür für kurzfristige und ebenso kurzsichtige Profite
fördern. Das kann nicht ausbleiben; das muss man im-
ohne Investitionen gibt.
mer kritisch sehen, etwa die Frage, welche Lehren aus
In diesem Zusammenhang war es wichtig, dass Bun- dem bisherigen Verlauf des Emissionshandels zu ziehen
deskanzlerin Merkel auf dem Gipfel deutlich gemacht sind. Auch das muss man hinterfragen, wenn man eine
hat, dass sie zur Vereinbarung zum Ausstieg aus der neue Phase beginnt.
Atomenergie steht.
(Beifall bei der SPD)
(Beifall bei der SPD – Ulrich Kelber [SPD]:
Eine realistische Beurteilung der Potenziale ist
Im Gegensatz zu Herrn Mißfelder!)
ebenso wichtig wie eine Risikostreuung im Energiemix.
Ich möchte in Richtung der Grünen deutlich machen: Es Wenn wir bis 2020 das ambitionierte Ziel, 25 Prozent
gibt überhaupt keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass des Strombedarfs regenerativ zu decken – und bis 2050
die SPD nicht am Ausstieg aus der Atomenergie festhält. sogar 50 Prozent oder mehr –, erreichen wollen, dann
Sie sollten das Lager derjenigen, die die Atomenergie können wir die konventionell bereitgestellten Energiear-
ablehnen, nicht durch derartige Reden, wie sie heute ge- ten nicht ausblenden. Denn dann müssen wir noch im-
halten worden sind, versuchen zu spalten. mer 50 Prozent der Energie konventionell erzeugen.
Deshalb ist es völlig unrealistisch, gleichzeitig aus der
(Beifall bei der SPD)
Atomenergie und der Kohle auszusteigen.
Lassen Sie mich einige Anmerkungen zu dem Prozess
(Beifall des Abg. Franz Obermeier [CDU/
machen, der jetzt beginnt und bis ins nächste Jahr andau-
CSU])
ern wird. Ich glaube, dieses Projekt kann nur gelingen,
wenn wir diejenigen, die mit uns gehen sollen, als Part- Da ich aus einem Kohleland komme und mich intensiv
ner betrachten. Die großen Energieversorgungsunterneh- und lange mit diesen Fragen befasst habe und weiß, dass
men gehören ebenso dazu wie die Regionalversorger, die keine andere Subvention für eine Energieart so sehr ge-
2648 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
Michael Kauch
(A) Deshalb müssen wir die Indikatoren auf ihre Zielsicher- nun fast alle der Meinung sind, dass die Einrichtung des (C)
heit überprüfen. Dabei müssen beispielsweise der Flä- Parlamentarischen Beirats für nachhaltige Entwicklung
chenverbrauch, die Zerschneidung von Landschaft, die wichtig ist.
Versiegelung von Böden und die regionale Verteilung
Mit der Bildung dieses Parlamentarischen Beirats set-
der Flächeninanspruchnahme zugrunde gelegt werden.
zen wir einen Weg fort, der von der alten Bundesregie-
Nehmen wir das Beispiel Kriminalität: Die Nachhal- rung begonnen worden ist. Bereits im Jahre 1992 hat
tigkeitsstrategie misst die Kriminalität in Deutschland sich die internationale Staatengemeinschaft auf der Kon-
heute anhand der Zahl der Wohnungseinbrüche. Ich erin- ferenz der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro zum
nere mich nicht daran, dass wir in diesem Parlament in Leitbild der nachhaltigen Entwicklung bekannt. Im
der letzten Zeit sehr viel über Wohnungseinbrüche dis- Jahr 2002 hat die rot-grüne Bundesregierung unter dem
kutiert haben. Wir haben aber beispielsweise sehr viel Titel „Perspektiven für Deutschland“ die nationale Stra-
über Jugendgewalt diskutiert. Warum also soll dieser In- tegie für eine nachhaltige Entwicklung beschlossen.
dikator nicht im Hinblick auf diesen zentralen Bereich Auch der Koalitionsvertrag zwischen SPD, CDU und
des Zusammenhalts unserer Gesellschaft verändert wer- CSU sieht als Ziel und Maßstab des Regierungshandelns
den? Diesen Fragen müssen wir uns gemeinsam stellen. die Förderung einer nachhaltigen Entwicklung auf natio-
naler, europäischer und internationaler Ebene vor.
Kollege Krings hat es angesprochen: Die maroden
Staatsfinanzen sind einer der größten Angriffe auf die An der breiten Unterstützung für die Einrichtung des
Generationengerechtigkeit. Die letzte Bundesregierung Parlamentarischen Beirats wird deutlich, dass wir ein ge-
hat es abgelehnt, die Staatsfinanzen zu einem Schwer- meinsames Ziel verfolgen. Ich glaube, das, was meine
punkt der Nachhaltigkeitsstrategie zu machen. Ich bin Vorredner betont haben, ist richtig: Aus dieser Gemein-
gespannt, ob Sie mit dem Fortschrittsbericht 2006 um- samkeit ergeben sich für dieses Gremium Chancen, so-
steuern und die finanzielle Nachhaltigkeit entsprechend wohl was die Form der Zusammenarbeit als auch was
den Ankündigungen des Kollegen Krings tatsächlich zu den Inhalt betrifft.
einem Schwerpunkt machen. Das wäre den kommenden
Generationen zu wünschen. Wir sitzen alle im selben Boot. Nun haben wir die
Möglichkeit, in diesem Gremium unabhängig von der
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie Alltagspolitik mittel- und langfristige Politikansätze zu
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE entwickeln. Diesen gemeinschaftlichen Ansatz sollten
GRÜNEN) wir in den Mittelpunkt der Arbeit rücken. Bei dieser Ar-
beit dürfen wir nicht – Herr Kauch hat das zu Recht an-
Deutschland muss zukunftsfähiger und generationen-
gesprochen – auf bevorstehende Wahlen schielen.
gerechter werden. Dazu gehört der verantwortungsvolle
(B) Ebenso darf sie nicht von plötzlichen Ereignissen ge- (D)
Umgang mit den natürlichen Ressourcen, aber auch mit
prägt sein, auf die die Politik immer nur reagiert. Wir
den finanziellen Ressourcen, also mit unseren Staats-
müssen in diesem Beirat vielmehr in eine aktive Rolle
finanzen und Sozialsystemen. Wir brauchen ein Ver-
kommen.
ständnis von Wohlstand und Lebensqualität, das sich an
langen Zeiträumen und nicht an Legislaturperioden von (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
vier Jahren orientiert. der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE
In diesem Sinne freut sich die FDP-Bundestagsfrak- GRÜNEN)
tion auf die Debatten im Parlamentarischen Beirat für Liebe Kolleginnen und Kollegen, unsere Arbeit muss
nachhaltige Entwicklung. Wir hoffen, dass seine Aussa- so angelegt sein, dass sie auch unter anderen Koalitions-
gen und Empfehlungen auch in der tatsächlichen Gesetz- bedingungen fortgesetzt werden kann und nicht von
gebung ihren Nachhall finden. knappen Mehrheiten abhängig ist; das ist zumindest un-
Vielen Dank. ser Ziel. Deshalb muss unsere Arbeit darauf gerichtet
sein, die Beschlüsse nach Möglichkeit gemeinsam zu
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten fällen. Gleichzeitig darf der Begriff der Nachhaltigkeit
der CDU/CSU, der SPD und des BÜNDNIS- nicht zur Worthülse gelangen – wie in manchem Werbe-
SES 90/DIE GRÜNEN) slogan heute. Der Beirat ist insbesondere Anwalt nach-
folgender Generationen. Herr Kollege Krings, ich
Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: stimme Ihnen voll zu: Dieser Beirat muss auch unbe-
Als Nächster erhält das Wort der Kollege Dr. Matthias quem sein, er muss die nachfolgenden Generationen im
Miersch, SPD-Fraktion. Blick haben und kann sich nicht nur an gegenwärtigen
Interessen orientieren.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU) (Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie
bei Abgeordneten der FDP und des BÜND-
NISSES 90/DIE GRÜNEN)
Dr. Matthias Miersch (SPD):
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Mit der Einsetzung des Parlamentarischen Beirates
Es ist, glaube ich, ein sehr positives Signal, dass wir im Januar 2004 hat der Deutsche Bundestag erstmals ak-
nach den teilweise hitzigen Debatten, die wir heute Mor- tiv in diesen Dialog eingegriffen. Ich möchte mich im
gen über die Rente und die Energiepolitik – und somit Namen der SPD-Fraktion an dieser Stelle ganz herzlich
auch über Fragen der Nachhaltigkeit – geführt haben, bei den Mitgliedern des letzten Beirates für ihre Arbeit
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006 2653
Dr. Matthias Miersch
(A) bedanken. Diese Arbeit hat den Boden bereitet, auf dem unser Wachstum darstellen und Ökologie, Ökonomie und (C)
wir jetzt aufbauen können. Im Bericht des Beirates vom Soziales keine Gegensätze sind. In allen drei Bereichen
7. September 2005 wird eine positive Bilanz gezogen, liegen Bausteine für eine zukunftsfähige Entwicklung un-
aber gleichzeitig werden auch Schwächen benannt: zum seres Staates. Auf dieser Grundlage sollten wir die Arbeit
Beispiel die fehlende formale Beteiligung am Gesetzge- aufnehmen. Viel Arbeit liegt vor uns – wir freuen uns da-
bungsverfahren oder die geringe Anzahl der Beiratsmit- rauf.
glieder. Die Anzahl der Beiratsmitglieder ist erhöht wor-
Vielen Dank.
den, sodass der Aufbau eines Berichterstattersystems
möglich ist. Die Stellung des Beirats hat sich dagegen (Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP
nicht wesentlich verändert. Ich meine, dass wir alle hier und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
gefordert sind: Der Beirat darf keine Alibiveranstaltung
werden. Die Verzahnung mit den Fachausschüssen ist Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
vorhanden. Es wird an uns als handelnden Personen lie- Als Nächster hat das Wort der Kollege Lutz
gen, welche faktische Stellung der Beirat erhält.
Heilmann, Fraktion Die Linke.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN) (Beifall bei der LINKEN)
Ich habe die Hoffnung, dass die große Bedeutung der
Nachhaltigkeit in diesem Haus allgemein anerkannt wird Lutz Heilmann (DIE LINKE):
und wir keine formale Absicherung dafür brauchen, da- Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen!
mit wir tatsächlich Gehör finden. Über Nachhaltigkeit wird in diesem Haus viel gespro-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD, der CDU/ chen. Selbst die Bundesregierung behauptet ständig,
CSU, der FDP, der LINKEN und des BÜND- dass ihre Politik nachhaltig ist.
NISSES 90/DIE GRÜNEN) Was aber ist Nachhaltigkeit? Nachhaltigkeit ist ein
Leitbild, eine regulative Idee. Daraus ergibt sich für un-
Der letzte Beirat hatte sich vor der Ankündigung der
ser Handeln eine prinzipielle Anweisung, dieses so zu
Neuwahlen vorgenommen, wichtige Themen vorzube-
organisieren, dass wir nicht auf Kosten der Natur, ande-
reiten bzw. anzugehen, zum Beispiel die demografische
rer Menschen, anderer Regionen oder anderer Genera-
Entwicklung und ihre Auswirkungen auf die Infrastruk-
tionen leben.
tur oder auch die Frage der Generationengerechtigkeit.
Die Vorbereitungen sind gemacht. Wir sind aufgerufen, (Dr. Andreas Scheuer [CDU/CSU]: Dann
diese Themen nun aufzugreifen und ihre Behandlung müsst ihr mal das eigene Wahlprogramm
(B) fortzusetzen. durchlesen!) (D)
Vier Aspekte sollten aus meiner Sicht Säulen unserer Es geht also um eine faire Abwägung der ökologischen
zukünftigen Arbeit sein. Erstens: der interdisziplinäre Anforderungen und der sozialen Gerechtigkeit mit den
Ansatz. Wir haben in diesem Beirat die Chance, fächer- wirtschaftlichen Erfordernissen und deren gleichberech-
übergreifend Nachhaltigkeitsprinzipien zu entwickeln tigte Berücksichtigung. Dazu gehört auch, die Teilhabe
und zu vertreten. Gleichzeitig kann dadurch ein aus- von Bürgerinnen und Bürgern auszubauen. Die Demo-
schussübergreifender Einfluss geltend gemacht werden; kratisierung alltäglicher politischer Entscheidung ist un-
Grenzen einzelner Ressorts können überwunden werden. trennbar mit einer nachhaltigen Entwicklung verbunden.
Zweitens. Wir können über den Tellerrand hinausbli- Erfüllt die Mehrheit dieses Hauses mit ihrer Politik
cken und mit den Ländern und den Kommunen und auch diesen Anspruch? Ich meine: Wohl kaum. Liebe Kolle-
mit den Parlamenten anderer Staaten zusammenarbeiten. ginnen und Kollegen von der CDU/CSU, der SPD, der
Wir alle wissen: Zur Lösung elementarer Probleme sind FDP und dem Bündnis 90/Die Grünen, Sie richten sich
heute häufig globale Strategien gefragt, nicht nur im Um- mit Ihrer Politik einseitig an den Interessen der Wirt-
weltbereich. Die Arbeit des letzten Beirats hat gezeigt, schaft aus. Ökologische und soziale Belange bleiben zu-
dass man voneinander lernen kann. So verweist der Beirat meist auf der Strecke.
zum Beispiel auf Schweden und Finnland, wo mit Gene-
(Beifall bei der LINKEN)
rationenbilanzen – Herr Kauch hat es angesprochen – die
Belastungen und Leistungen für nachfolgende Genera- Deswegen ist die Bundesrepublik Deutschland interna-
tionen politikübergreifend dargestellt werden können und tional schon lange kein Vorreiter im Umweltschutz mehr
so ein Nachhaltigkeitscheck eingeführt werden kann. und nimmt die soziale Spaltung der Gesellschaft stetig
zu. Ich nenne einige Beispiele:
Dritte Säule: Teilhabe- und Kommunikationsplatt-
form. Der Dialog mit gesellschaftlichen und politischen Die geplante Aufweichung des Kündigungsschutzes
Initiativen außerhalb des Parlaments ist meines Erach- führt dazu, dass immer mehr Menschen die Zukunft un-
tens eine weitere wichtige Säule, die wir nutzen sollten. sicherer erleben werden. Durch die Agenda 2010 – ins-
besondere Hartz IV – werden noch mehr Menschen in
Viertens. Letztlich gilt es die Chancen der Nachhaltig-
Armut gebracht.
keitsstrategie zu betonen. Es wird an uns liegen, immer
wieder darauf hinzuweisen, dass in einer Nachhaltigkeits- (Dr. Andreas Scheuer [CDU/CSU]: Jetzt ha-
strategie enorme Chancen liegen, dass Umweltvorsorge ben wir es geschafft: Wir sind jetzt wieder bei
und soziale Gerechtigkeit wichtige Voraussetzungen für Hartz IV!)
2654 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 32. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. April 2006
Lutz Heilmann
(A) Durch die Kürzung der Renten – wir haben es heute Vor- Im Übrigen finde ich es bedauerlich, dass Sie mein- (C)
mittag diskutiert – wird vielen Menschen ein würdiges ten, den vorliegenden Antrag ohne uns einbringen zu
Leben im Alter genommen. Der ohnehin windelweiche müssen. Dies ist umso enttäuschender, weil es doch das
Atomausstieg wird ständig infrage gestellt, obwohl die Prinzip einer nachhaltigen Entwicklung ist, gemeinsam
Gefahren der Atomkraft nicht beherrschbar sind. Zur Er- und im Konsens aller Beteiligten nach Lösungen zu su-
innerung: In diesen Tagen jährt sich die Katastrophe von chen. Diese gemeinsame Suche haben Sie bereits vor
Tschernobyl zum 20. Mal. Ich frage Sie, liebe Kollegin- Beginn unserer Arbeit schwer belastet. Trotz seiner be-
nen und Kollegen von der CDU/CSU: Übernehmen Sie schränkten Rechte unterstützen wir die Schaffung eines
die politische Verantwortung, wenn es in der Bundesre- parlamentarischen Gremiums, das sich über die nachhal-
publik Deutschland zu einem GAU kommt? Herr tige Entwicklung Gedanken macht.
Mißfelder, Ihre Einlassung von eben schreibe ich ganz
(Dr. Günter Krings [CDU/CSU]: Wie gütig!
einfach Ihrem jugendlichen Alter zu. Mit 22 Jahren un-
Immerhin!)
terlag auch ich noch solchen Irrtümern.
Daher müssen Sie damit rechnen, dass auch die
(Jörg Tauss [SPD]: Lesen Sie mal vernünftig „Schweinebande“, wie uns kürzlich der Kollege Grindel
nach! – Dr. Günter Krings [CDU/CSU]: Er ist von der CDU/CSU nannte, dem Antrag zustimmen wird.
26 Jahre alt! – Dr. Andreas Scheuer [CDU/
CSU]: Er hat keinen Schülerausweis mehr!) (Dr. Martina Krogmann [CDU/CSU]: Da ha-
ben Sie etwas verwechselt! – Jörg Tauss
Durch die Föderalismusreform wird im Umwelt- [SPD]: Das müssen wir aber mal richtig stel-
recht ein Kompetenzwirrwarr geschaffen, durch den der len!)
Umweltschutz auf das Abstellgleis abgeschoben wird.
Der Naturschutz wird de facto auf dem Altar der Wirt- Das ersparen wir Ihnen nicht.
schaft geopfert. Anstatt die Beteiligungsrechte auszu- Danke für Ihre Aufmerksamkeit.
bauen, sollen diese durch das Planungsbeschleunigungs-
gesetz systematisch abgebaut werden. Die Bürgerinnen (Beifall bei der LINKEN)
und Bürger sowie die Verbände sind in ihren Augen an-
scheinend lästige Querulanten, die die Arbeit der Behör- Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:
den behindern. Das Wort für Bündnis 90/Die Grünen hat der Kollege
Winfried Hermann.
Das alles geschieht für die Steigerung der Unterneh-
mensgewinne, insbesondere der der großen Konzerne.
Die Linke wird daher auch in Zukunft für eine Politik Winfried Hermann (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
(B) stehen, die die Bezeichnung „nachhaltig“ verdient. Auch Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und (D)
im Beirat für nachhaltige Entwicklung werden wir ein Herren! Ganz persönlich und für meine Fraktion möchte
Garant dafür sein, dass die soziale und die ökologische ich sagen, dass wir uns freuen, heute den Parlamentari-
Frage nicht wie so oft hinten herunterfallen. schen Beirat zum zweiten Mal im Deutschen Bundestag
fraktionsübergreifend einzurichten.
(Beifall bei der LINKEN)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
In Sonntagsreden einer nachhaltigen Entwicklung das bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Ab-
Wort zu reden und im Plenumsalltag das Gegenteil zu geordneten der FDP)
tun, geht nicht zusammen. Darauf werde ich und wird
Ich will mich ausdrücklich bei denen in der Koalition
unsere Fraktion die Menschen aufmerksam machen.
bedanken, die sich dafür eingesetzt haben; denn es war
Zum Beirat der letzten Legislaturperiode will ich nur nicht selbstverständlich, dass dem Wunsch des Beirates
anmerken, dass der neue Beirat sowohl aufgrund der aus der letzten Legislaturperiode nach Fortsetzung seiner
zahlenmäßigen Aufstockung als auch durch das Aus- Arbeit von der neuen Koalition Rechnung getragen wird
scheiden der bisherigen Vorsitzenden wirklich ein völlig und sich dafür wieder eine Mehrheit findet. Ich weiß,
neuer Beirat sein wird. Wir können aber nicht einfach da dass einige von Ihnen in Ihren Fraktionen und insbeson-
weitermachen, wo Sie in der letzten Legislaturperiode dere bei Ihren Geschäftsführern dafür kämpfen mussten.
aufgehört haben. Ohne alles infrage stellen zu