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Dani Policichio
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1 FAMILIENALBUM. Ich war Hamlet. Ich stand an der Kiiste und redete mit der Brandung BLABLA, im Riicken die Ruinen von Europa. Die Glocken léuteten das Staatsbegribnis cin, Mérder und Witwe ein Paar, im Stechschritt hinter dem Sarg des Hohen Kadavers die Rate, heulend in schlecht bezahlter Trauer WER IST DIE LEICH IM LEICHENWAGEN / UM WEN HORT MAN VIEL SCHREIN UND KLAGEN / DIE LEICH IST EINES GROS IN / GEBERS VON ALMOSEN das Spa- lier der Bevélkerung, Werk seiner Staatskunst ER WAR EIN MANN NAHM ALLES NUR VON ALLEN. Ich stoppte den Leichenzug, stemmte den Sarg mit dem Schwert auf, dabei brach die Klinge, mit dem stumpfen Rest gelang es, und verteilte den toten Erzeuger FLEISCH UND FLEISCH GE- SELLT SICH GERN an die umstehenden Elendsgestalten. Die Trauer ging in Jubel tiber, der Jubel in Schmatzen, auf dem leeren Sarg besprang der Mérder die Witwe SOLL ICH DIR HINAUFHELFEN ONKEL MACH DIE BEINE AUF MAMA. Ich legte mich auf den Boden und hérte die Welt ihre Runden drehn im Gleichschritt der Verwesung, I'M GOOD HAMLET GI'ME A CAUSE FOR GRIEF AH THE WHOLE GLOBE FOR A REAL SORROW RICHARD THE THIRD I THE PRINCEKILLING KING OH MY PEOPLE WHAT HAVE I DONE UNTO THEE WIE EINEN BUCKEL SCHLEPP ICH MEIN SCHWERES GEHIRN ZWEITER CLOWN IM KOMMUNISTISCHEN FRUHLING SOMETHING IS ROTTEN IN THIS AGE OF HOPE. LETS DELVE IN EARTH AND BLOW HER AT THE MOON, Hier kommt das Gespenst das mich gemacht hat, das Beil noch im Schédel. Du kannst deinen Hut aufbehalten, ich weiB, daB du ein Loch zuviel hast. Ich wollte, meine Mutter & hatte eines zu wenig gehabt, alsdu im Fleisch warst: ich mir erspart geblieben. Man sollte die Weiber zunihn, eine Welt ohne Miitter. Wir kinnten einander in Ruhe abschlach- ten, und mit einiger Zuversicht, wenn uns das Leben zu lang wird oder der Halszu eng fiir unsre Schreie, Was willst du von mir. Hast du an einem Staatsbegrabnis nicht genug. Alter Schnorrer. Hast du kein Blut an den Schuhn. Was geht mich deine Leiche an. Sei froh, daB der Henkel heraussteht, viel- leicht kommst du in den Himmel. Worauf wartest du. Die Huhne sind geschlachtet. Der Morgen findet nicht mehr statt SOLL ICH WEILS BRAUCH IST EIN STUCK EISEN STECKEN IN DAS NACHSTE FLEISCH ODER INS UBERNACHSTE MICH DRAN ZU HALTEN WEIL DIE WELT SICH DREHT HERR BRICH MIR DAS GENICK IM STURZ VON EINER BIERBANK Auftritt Horatio. Mitwisser meiner Gedanken, die voll Blut sind, seit der Morgen verhiingt ist mit dem leeren Himmel. DU KOMMST ZU SPAT MEIN FREUND FUR DEINE GAGE / KEIN PLATZ FUR DICH IN MEINEM TRAUER- SPIEL. Horatio, kennst du mich. Bist du mein Freund, Horatio. Wenn du mich kennst, wie kannst du mein Freund sein. Willst du den Polonius spielen, der bei seiner Tochter schlafen will, die reizende Ophelia, sie kommt auf ihr Stich- wort, sieh wie sie den Hintern schwenkt, eine tragische Rolle. HoratioPolonius. Ich wubite, da du ein Schauspieler bist, [eh bin es auch, ich spiele Hamlet. Danemark ist ein Geftingnis, zwischen uns wiichst eine Wand. Sieh was aus der Wand wichst. Exit Polonius. Meine Mutter die Braut. Ihre Briiste ein Rosenbeet, der SchoB die Schlangengrube. Hast du deinen Text verlernt, Mama, Ich souffliere WASCH DIR DEN MORD AUS DEM GESICHT MEIN PRINZ / UND MACH DEM NEUEN DANMARK SCHONE AUGEN. Ich 546 werde dich wieder zur Jungfrau machen, Mutter, damit dein Kénig eine blutige Hochzeit hat. DER MUTTERSCHOSS IST KEINE EINBAHNSTRASSE. Jetzt binde ich dir die Hinde auf den Riicken, weil mich ekelt vor deiner Umar- mung, mit deinem Brautschleier. Jetzt zerreiBe ich das Braut- Kleid. Jetzt muBit du schreien. Jetzt beschmiere ich die Fetzen deines Brautkleids mit der Erde, die mein Vater geworden ist, mit den Fetzen dein Gesicht deinen Bauch deine Briiste. Jetzt nehme ich dich, meine Mutter, in seiner, meines Vaters, unsichtbaren Spur. Deinen Schrei ersticke ich mit meinen Lippen. Erkennst du die Frucht deines Leibes. Jetzt geh in deine Hochzeit, Hure, breit in der dinischen Sonne, die auf Lebendige und Tote scheint. Ich will die Leiche in den Abtritt stopfen, daB der Palast erstickt in kéniglicher Scheiffe. Dann laB mich dein Herz essen, Ophelia, das meine ‘Tranen weint. DAS EUROPA DER FRAU Enormous room. Ophelia. Ihr Herz ist eine Uhr. OPHELIA (CHOR / HAMLET) Ich bin Ophelia. Die der Flu8 nicht behalten hat. Die Frau am Strick Die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern Die Frau mit der Uberdosis AUF DEN LIPPEN SCHNEE Die Frau mit dem Kopf im Gasherd. Gestern habe ich aufgehért mich zu toten. Ich binallein mit meinen Briisten meinen Schenkeln meinem SchoB. Ich zertriimmre die Werkzeuge meiner Gefangen- schaft den Stuhl den Tisch das Bett. Ich zerstére das Schlachtfeld das mein Heim war. Ich reife die Tiiren auf, damit der Wind herein kann und der Schrei der Welt. Ich zerschlage das Fenster. Mit meinen blutenden 547 Hinden zerreifie ich die Votografien der Miinner die ich geliebt habe und die mich gebraucht haben auf dem Bett auf dem Tisch auf dem Stuhl auf dem Boden. Ich lege Feuer an mein Gefiingnis. Ich werfe meine Kleider in das Feuer. Ich grabe die Uhr aus meiner Brust die mein Herz war: Ich gehe auf die StraBe, gekleidet in mein Blut. 3 SCHERZO Universitat der Toten. Gewisper und Gemurmel. Von ihren Grabsteinen (Kathedern) aus werfen die toten Philosophen ihre Bucher auf Hamlet. Galerie (Ballett) der toten Frauen. Die Frau am Strick Die Frau mit den aufieschnittenen Puls- adern usu. Hamlet betrachtet sie mit der Haltung eines Mu- seums- (Theater-) Besuchers. Die toten Frauen reifien ihm die Kleider vom Leib. Aus einem aufrechtstehenden Sarg mit der Aufichrifi HAMLET 1 treten Claudius und, als Hure gekleidet und geschminkt, Ophelia. Striptease von Ophelia. OPHELIA Willst du mein Herz essen, Hamlet. Lacht. HAMLET Hande vorm Gesicht: Ich will eine Frau sein, Hamlet zieht Ophelias Kleider an, Ophelia schminkt ihm eine Hurenmaske, Claudius, jetzt Hamlets Vater, lacht ohne Laut, Ophelia wirft Hamlet eine Kufthand zu und tritt mit Claudius / Hamlets Vater zuriick in den Sarg. Hamlet in Hurenpose. Ein Engel, das Gesicht im Nacken: Horatio. Tanzt mit Hamlet STIMME(N) aus dem Sarg: Was du getstet hast sollst du auch lieben, Der Tanz wird schneller und wilder. Geltichter aus dem Sarg. Aufeiner Schaukel die Madonna mit dem Brustkrebs Horatio spannt einen Regenschirm auf, umarmt Hamlet. 548 Erstarren in der Umarmung unter dem Regenschirm. Der Brustkrebs strahlt wie eine Sonne. 4 PEST IN BUDA SCHLACHT UM GRONLAND, Raum 2, von Ophelia zerstort. Leere Rustung, Beil im Helm. HAMLET Der Ofen blakt im friedlosen Oktober A BAD COLD HE HAD OF IT JUST THE WORST ‘TIME JUST THE WORS' A REVOLUTION Durch die Vorstaidte Zement in Blite geht Doktor Schiwago weint Um seine Wolfe IM WINTER MANCHMAL KAMEN SIE INS DORF ZERFLEISCHTEN EINEN BAUERN Legt Maske und Kostiim ab. HAMLETDARSTELLER Ich bin nicht Hamlet. Ich spiele keine Rolle mehr. Meine Worte haben mir nichts mehr zu sagen. Meine Gedanken saugen den Bildern das Blut aus. Mein Drama findet nicht mehr statt. Hinter mir wird die Dekoration aufgebaut. Von Leuten, die mein Drama nicht interessiert, fiir Leute, die es nichts angeht. Mich inter- essiert es auch nicht mehr. Ich spiele nicht mehr mit. Bithnenarbeiter stellen, vom Hamletdarsteller unbemerkt, einen Kihlschrank und drei Fernsehgerate auf. Geréusch der Kithlanlage. Drei Programme ohne Ton. Die Dekoration ist ein Denkmal. Es stellt in hundert- facher VergréBerung einen Mann dar, der Geschichte gemacht hat. Die Versteinerung einer Hoffnung. Sein Name ist auswechselbar. Die Hoffnung hat sich nicht ‘TIME OF THE YEAR FOR 549 erfiillt. Das Denkmal liegt am Boden, geschleift drei Jahre nach dem Staatsbegrabnis des Gehafiten und Verehrten von seinen Nachfolgern in der Macht. Der Stein ist be- wolint. In den geraumigen Nasen- und Ohrléchern, Haut- und Uniformfalten des zertriimmerten Standbilds haust die armere Bevilkerung der Metropole. Auf den Sturz des Denkmals folgt nach einer angemessenen Zeit der Auf- stand. Mein Drama, wenn es noch stattfinden wiirde, finde in der Zeit des Aufstands statt. Der Aufstand beginnt als Spaziergang. Gegen die Verkehrsordnung wahrend der Arbeitszeit. Die Strafle gehirt den FuBgingern, Hier und da wird ein Auto umgeworfen. Angsttraum eines Messer- werfers: Langsame Fahrt durch eine EinbahnstraBe auf einen unwiderruflichen Parkplatz zu, der von bewaffneten PuBgingern umstellt ist. Polizisten, wenn sie im Weg stehn, werden an den StraBenrand gespiilt. Wenn der Zug sich dem Regierungsviertel nihert, kommt er an einem Polizeikordon zum Stehen. Gruppen bilden sich, aus denen Redner aufsteigen. Auf dem Balkon eines Re- gierungsgebiiudes erscheint ein Mann mit schlecht sit- zendem Frack und beginnt ebenfalls zu reden. Wenn ihn der erste Stein trifft, ziehtauch er sich hinter die Fligeltiir aus Panzerglas zurtick. Aus dem Ruf nach mehr Freiheit wird der Schrei nach dem Sturz der Regierung) Man beginnt die Polizisten zu entwaffnen, stiirmt zwei drei Gebiiude, ein Gefaingnis eine Polizeistation ein Biro der Geheimpolizei, hangt ein Dutzend Handlanger der Macht an den FiiBen auf, die Regierung sett Truppen ein, Panzer. Mein Platz, wenn mein Drama noch stattfinden wiirde, ware auf beiden Seiten der Front, zwischen den Fronten, dariiber: Ich stehe im SchweiBgeruch der Menge und werfe Steine auf Polizisten Soldaten Panzer Panzer- glas. Ich blicke durch die Fliigeltiir aus Panzerglas auf die andrangende Menge und rieche meinen Angstschwei8. 550 Ich schiittle, von Brechreiz gewiirgt, meine Faust gegen mich, der hinter dem Panzerglas steht. Ich sehe, geschiit- telt von Furcht und Verachtung, in der andringenden Menge mich, Schaum vor meinem Mund, meine Faust gegen mich schiitteln, Ich hinge mein uniformiertes Fleisch an den Fiifien auf. Ich bin der Soldat im Panzer- turm, mein Kopf ist leer unter dem Helm, der erstickte Schrei unter den Ketten. Ich bin die Schreibmaschine. Ich kniipfe die Schlinge, wenn die Radelsfiihrer aufgeh’ingt werden, ziche den Schemel weg, breche mein Genick. Ich bin mein Gefangener. Ich fiittere mit meinen Daten die Computer. Meine Rollen sind Speichel und Spucknapf Messer und Wunde Zahn und Gurgel Hals und Strick. Ich bin die Datenbank. Blutend in der Menge. Aufatmend hinter der Fligeltiir. Wortschleim absondernd in meiner schalldichten Sprechblase iiber der Schlacht. Mein Drama hat nicht stattgefunden. Das Textbuch ist verlorengegan- gen. Die Schauspieler haben ihre Gesichter an den Nagel in der Garderobe gehiingt. In seinem Kasten verfault der Souffleur. Die ausgestopften Pestleichen im Zuschauer- raum bewegen keine Hand. Ich gehe nach Hause und schlage die Zeit tot, einig / Mit meinem ungeteilten Selbst. Fernsehn Der tigliche Ekel Ekel Am praparierten Geschwéitz Am verordneten Frohsinn Wie schreibt man GEMUTLICHKEIT Unsern Taglichen Mord gib uns heute Denn Dein ist das Nichts Ekel An den Liigen die geglaubt werden Von den Liignern und niemandem sonst Ekel An den Liigen die geglaubt werden Ekel ‘An den Visagen der Macher gekerbt Vom Kampf um die Posten Stimmen Bankkonten Ekel Bin Sichelwagen der von Pointen blitzt Geh ich durch Straflen Kaufhallen Gesichter Mit den Narben der Konsumschlacht Armut Obne Wiirde Armut ohne die Wiirde Des Messers des Schlagrings der Faust Die erniedrigten Leiber der Frauen Hoffnung der Generationen. In Blut Feigheit Dummheit erstickt Gelachter aus toten Bauchen Heil COCA COLA Ein Kénigreich Fir einen Mérder ICH WAR MACBETH DER KONIG HATTE MIR SEIN DRITTES KEBSWEIB ANGEBOTEN ICH KANNTE JE- DES MUTTERMAL AUF IHRER HUFTE RASKOLNI- KOW AM HERZEN UNTER DER EINZIGEN JACKE DAS BEIL FUR DEN / EINZIGEN / SCHADEL DER PFANDLEIHERIN In der Kinsamkeit der Flughafen Atme ich auf Ich bin Bin Privilegierter Mein Ekel Ist ein Privileg Beschirmt mit Mauer Stacheldraht Gefingnis Fotografie des Autors. Ich will nicht mehr essen trinken atmen eine Frau lieben einen Mann ein Kind ein Tier. Ich will nicht mehr sterben. Ich will nicht mehr tten. Zerreipung der Fotografie des Autors. Ich breche mein versiegeltes Fleisch auf. Ich will in meinen Adern wohnen, im Mark meiner Knochen, im Labyrinth meines Schadels. Ich ziehe mich aurick in meine Eingeweide. Ich nehme Platz in meiner Scheie, meinem Blut. Irgendwo werden Leiber zerbrochen, damit ich wohnen kann in meiner Scheifie. Ingendwo werden 52 Leiber geéffinet, damit ich allein sein kann mit meinem Blut. Meine Gedanken sind Wunden in meinem Gehirn. Mein Gehirn ist eine Narbe. Ich will eine Maschine sein. Arme zu greifen Beine zu gehn kein Schmerz kein Ge- danke. Bildschirme schwarz. Blut aus dem Kithlschrank, Drei nackte Frauen: Marx Lenin Mao. Sprechen gleichzeitig jeder in seiner Sprache den Text ES GILT ALLE VER- HALTNISSE UMZUWERFEN, IN DENEN DER MENSCH... Hamletdarsteller legt Kostitm und Maske an. HAMLET DER DANE PRINZ UND WURMFRASS, STOLPERND VON LOCH ZU LOCH AUFS LETZTE LOCH ZU LUSTLOS TM RUCKEN DAS GESPENST DAS IHN GEMACHT HAT GRON WIE OPHELIAS FLEISCH IM WOCHENBETT UND KNAPP VORM. DRITTEN HAHNENSCHREL ZERREISST EIN NARR DAS SCHELLENKLEID DES PHILOSOPHEN KRIECHT EIN BELEIBTER BLUTHUND IN DEN PANZER Tritt in die Ritstung, spaltet mit dem Beil die Kepfe von Marx Lenin Mao. Schnee. Kiszeit. 5 WILDHARREND / IN DER FURCHTBAREN RUSTUNG / JAHRTAUSENDE Tiefsce. Ophelia im Rollstuhl. Fische Tritmmer Leichen und Leichenteile treiben vorbei. OPHELIA weihrend zwei Manner in Arztkitteln sie und den Rollstwhl von unten nach oben in Mullbinden schniiren: Hier spricht Elektra. Im Herzen der Finsternis. Unter der Sonne der Folter. An die Metropolen der Welt. Im Namen der Opfer. Ich stoBe allen Samen aus, den ich empfangen habe. Ich verwandle die Milch meiner Briiste in tédliches Gift. Ich nehme die Welt zuriick, die ich geboren habe. Ich ersticke die Welt, die ich geboren habe, zwischen meinen Schenkeln. Ich begrabe sie in meiner Scham. Nieder mit dem Glick der Unterwerfung. Es lebe der Ha, die Ver- achtung, der Aufstand, der Tod. Wenn sie mit Fleischer- messern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen. Manner ab. Ophelia bleibt auf der Bithne, reglos in der sen Verpackung. Aus dem Nachlap

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