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Verhaltenssüchte

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Konzept der Verhaltenssüchte und Grenzen des Suchtbegriffs

Article  in  Der Nervenarzt · May 2013


DOI: 10.1007/s00115-012-3718-z

CITATIONS READS

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4 authors, including:

Kiran Mann Mira Fauth-Bühler


Aston University FOM Hochschule für Oekonomie & Management GmbH
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Andreas Heinz
Charité Universitätsmedizin Berlin
1,870 PUBLICATIONS   56,933 CITATIONS   

SEE PROFILE

Some of the authors of this publication are also working on these related projects:

Cognitive bias in emerging psychosis View project

Psychiatrische Versorgung von Patienten mit Migrationshintergrund View project

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Leitthema

Nervenarzt 2013 K. Mann1 · M. Fauth-Bühler1 · N. Seiferth2 · A. Heinz2 · “Expertengruppe


DOI 10.1007/s00115-012-3718-z Verhaltenssüchte“ der DGPPN
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013 1 Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin, Mannheim

2 Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité - Universitätsmedizin Berlin, Campus Charité Mitte, Berlin

3 “Expertengruppe Verhaltenssüchte“ der DGPPN, -

Konzept der
Verhaltenssüchte und
Grenzen des Suchtbegriffs

Traditionell wird der Begriff „Sucht“ Verlangen, die Substanz zu konsumieren das Individuum kaum kontrollieren kann,
mit der Abhängigkeit von psychoak- (sog. „craving“). Entzug und Toleranz- häufig ausgeführt, obwohl das Verhalten
tiven Substanzen wie Alkohol und entwicklung sind Teile des „körperlichen“ in dieser Intensität der Person und/oder
anderen Drogen in Verbindung ge- Abhängigkeitssyndroms. Als Toleranz anderen Schaden zufügt [9]. Die „Verhal-
bracht. Erst seit kurzem wird er auf bezeichnet man das Phänomen, dass der tenssucht“ stellt eine chronische Erkran-
eine Reihe problematischer Verhal- Betroffene immer größerer Mengen der kung dar, bei der ein Risiko besteht, auch
tensweisen wie z. B. Glücksspielen, Substanz benötigt, damit die gewünsch- nach langen Abstinenzzeiträumen rück-
Internetgebrauch, exzessives Kaufen te Wirkung eintritt bzw. dass bei konstan- fällig zu werden.
und sexuelle Aktivitäten angewen- ter Menge die gewünschten Effekte aus- Bei „Verhaltenssüchten“ werden analog
det. In diesem Artikel untersuchen bleiben [40], da der Körper neuroadap- zur „Substanzabhängigkeit“ auch Phäno-
wir, ob es sich hier um Süchte handelt tiven Veränderungen unterliegt, die der mene wie Entzugssymptome und Toleran-
und wo die Grenzen des Suchtbegrif- Substanzwirkung entgegengesetzt sind. zeffekte beobachtet [9]. Betroffene Indivi-
fes liegen. Wird die Substanz abgesetzt, kommt es duen zeigen eine dysphorische Stimmung,
zu Entzugssymptomen, die als Ausdruck wenn sie an der Ausübung des exzessiven
Das Suchtkonzept der neuroadaptiven Prozesse des zentra- Verhaltens gehindert werden, was als Ent-
len Nervensystems in Folge des Substanz- zugssymptom verstanden wird. Bei kons-
Das englische/französische Wort „addic- konsums verstanden werden können. tanter Zahl der Wiederholungen der ent-
tion“ kommt vom lateinischen Verb „ad- sprechenden Handlungen nehmen die be-
dicere“, was ursprünglich „Versklavung“ Konzept und Definition gleitenden positiven Gefühlszustände ab
bedeutete. Die „Unfreiheit des Willens“ der Verhaltenssüchte oder aber die Intensität der Verhaltens-
als zentrales Merkmal der Sucht spiegelt weisen muss zunehmen, um ähnlich po-
sich auch in den diagnostischen Krite- Erst in jüngster Vergangenheit wurde ei- sitive Effekte zu erzielen (d. h. Toleranz-
rien der ICD-10 wider: Als Kernelement ne ganze Reihe von Verhaltensweisen, entwicklung, . Tab. 1).
wird der Kontrollverlust angesehen. Der die exzessiv betrieben zum Problem wer-
Betroffene hat Schwierigkeiten, die Ein- den können, wie Glücksspielen, Essen, Klassifikation der
nahme zu kontrollieren bezüglich des Sex, das Schauen von pornographischem Verhaltenssüchte
Beginns, der Beendigung und der Men- Filmmaterial, PC- und Internetgebrauch,
ge des Konsums. Außerdem kommt es zu das Spielen von Videospielen und Einkau- In der Internationalen Klassifikation der
fortschreitender Vernachlässigung ande- fen [33] als Verhaltenssüchte, diskutiert. Krankheiten 10. Revision [39] und dem
rer Verpflichtungen, Aktivitäten, Vergnü- „Verhaltenssucht, auch als nichtsubstanz- Diagnostischen und Statistischen Ma-
gen oder Interessen, d. h. das Verlangen assoziierte Sucht [10] bezeichnet, bezieht nual für Psychische Störungen 4. Revi-
nach der Substanz wird zum Lebensmit- sich auf die Tatsache, dass sich zunächst sion [1] ist derzeit nur das „pathologische
telpunkt. Der Gebrauch der Substanz(en) normale, angenehme Tätigkeiten in un- Glücksspiel“ enthalten, welches aber nicht
wird wider besseres Wissen und trotz ein- angepasste, immer wiederkehrende Ver- im Suchtkapitel, sondern als „Störung der
tretender schädlicher Folgen fortgesetzt. haltensweisen verwandeln. Diese werden
Des Weiteren berichten die Betroffenen aufgrund eines quasi „unwiderstehlichen“ K. Mann und M. Fauth-Bühler haben zu gleichen
über ein starkes, oft unüberwindbares Verlangens, Anreizes oder Impulses, den Teilen zu der Arbeit beigetragen.

Der Nervenarzt 2013  | 1


Leitthema

Tab. 1  Gegenüberstellung diagnostischer Merkmale für pathologisches Spielen und Substanzabhängigkeit. (Mod. nach [37])
Pathologisches Spielen Substanzabhängigkeit
Drang zu Spielen/Eingenommensein Verlangen, die Substanz zu konsumieren
Toleranzentwicklung (z. B. höhere Einsätze) Toleranzentwicklung (vgl. Dosissteigerung)
Wiederholte, erfolglose Versuche, das Spiel zu kontrollieren, einzuschränken oder auf- Kontrollverlust über Beginn, Ende und Menge des Konsums/
zugeben Abstinenzversuche
Entzugssymptome (z. B. Unruhe, Gereiztheit) Körperliche Entzugssymptome
Spielen als Flucht vor Problemen oder negativen Stimmungen, Jagd nach Verlusten Vernachlässigung anderer Aktivitäten oder Interessen (vgl. zu-
vom Vortag nehmend konsumassoziierte Zeiten)
Gefährdung sozialer Beziehungen/des Arbeitsplatzes, Lügen, illegale Handlungen, Fi- Fortgesetzter Konsum wider besseren Wissens und trotz psychi-
nanzierung des Spielens durch Andere, Fortführung des Spielens nach Geldverlusten scher oder körperlicher Folgeschäden

»
Impulskontrolle“ eingeordnet wird. In der Hinsichtlich der gemeinsamen neuro-
5. Auflage des DSM werden die derzeiti- Die Polarisierung zwischen biologischen Grundlagen aller Sucht-
gen Kategorien Substanzmissbrauch und den verschiedenen Sichtweisen erkrankungen beschäftigt sich die aktuel-
Abhängigkeit durch eine neue Kategorie le Forschung mit der Funktionsweise des
Sucht und verwandte Störungen („addic-
ist in den Hintergrund getreten dopaminergen, mesokortikolimbischen
tion and related disorders“) ersetzt, wel- Belohnungssystems und auch der Rolle
cher dann auch „Verhaltenssüchte“ mit Die Betrachtung der „Verhaltenssüchte“ der Neurotransmitter Glutamat und Se-
„pathologischem Glücksspiel“ als einzi- als Zwangsstörung stützt sich dabei auf rotonin sowie der endogenen Opioide
ger „Verhaltenssucht“ zugeordnet wer- die Analyse und therapeutische Bearbei- [28]. Details hierzu finden sich im Arti-
den. „Internetabhängigkeit“ wird im An- tung der intrapsychischen wie interper- kel von Kiefer et al. in diesem Heft. Bis-
hang aufgenommen, da die wenigen Stu- sonellen Funktionalität des Symptomver- her verfügbare Daten wurden primär an
dien noch keine klaren Zuordnungen er- haltens [13], wobei der Vermeidung nega- Glücksspielern und exzessiv das Internet
lauben. Dagegen wird die WHO in der tiver Zustände durch das Verhalten eine nutzenden Individuen erhoben. Die Evi-
ICD-11 nach Vorschlag der zuständigen tragende Bedeutung zukommt. Klassi- denz bezüglich anderer Verhaltensweisen,
Arbeitsgruppe wahrscheinlich neben „pa- sche Suchtmodelle sahen hingegen vor die exzessiv betrieben und problematisch
thologischem Glücksspiel“ eine Sammel- dem Hintergrund biologischer Aspekte entgleiten können, ist nicht ausreichend,
kategorie „Weitere Verhaltenssüchte“ ein- die Erreichung und Erhaltung der Abs- um Schlussfolgerungen hinsichtlich einer
führen. Unter dieser Kategorie werden ex- tinenz als ein wesentliches Therapieprin- möglichen Eingruppierung als „Verhal-
zessiv betriebene Verhaltensweisen sub- zip an, was das unerwünschte Verhalten tenssüchte“ zuzulassen.
summiert, die die zentralen Suchtkrite- im Sinne eines Konsums beenden, nicht Aufgrund der Erweiterung moderner
rien erfüllen (starkes Verlangen, Kontroll- aber die Erkrankung heilen kann. Die- Suchtmodelle um den Aspekt der Entste-
verlust, Fortführung des Verhaltens trotz se damalige Polarisierung zwischen den hung und Aufrechterhaltung des Problem-
negativer Konsequenzen etc.) und klini- verschiedenen Sichtweisen ist aus aktuel- verhaltens vor einem lerntheoretischen
scher Aufmerksamkeit bedürfen. Hier soll ler wissenschaftlicher Perspektive in den Hintergrund [32] sowie um die neurobi-
nach dem derzeitigen Stand der Diskus- Hintergrund getreten. Die epidemiolo- ologischen Mechanismen von gelerntem
sion „Internetsucht“ eingeordnet werden gische wie neurowissenschaftliche For- Konsumverhalten [28] finden sich auch
können. schung konnte hier einen wichtigen Bei- hinsichtlich der Therapieimplikationen
trag leisten: Überzeugende Übereinstim- immer weniger Diskrepanzen der Sucht-
Nichtsubstanzassoziierte mungen zwischen „substanzgebundenen“ perspektive zum Neurosenmodell. So re-
Sucht, Impulskontrollstörung und „nichtsubstanzassoziierten Süchten“ sultiert aus dem beiden Modellen gemein-
oder Zwangsstörung? wurden sowohl hinsichtlich des Krank- samen Verständnis von „Verhaltenssüch-
heitsverlaufs (chronisch rezidivierender ten“ als erlerntes Problemverhalten die
Prinzipiell stellt sich die Frage, ob „Ver- Verlauf mit höherer Verbreitung und Prä- Notwendigkeit, im therapeutischen Pro-
haltenssüchte“ mehr Ähnlichkeiten mit valenz unter Jugendlichen und jungen Er- zess den Aufbau alternativer psychischer
„Substanzabhängigkeit“ aufweisen oder wachsenen), der Phänomenologie (positi- und sozialer Ressourcen zu gewährleis-
ob sie den „Impulskontrollstörungen“ ve Verstärkerwirkung der Substanz oder ten, um den Verzicht auf das Problemver-
oder auch den „Zwangserkrankungen“ des Verhaltens zumindest in den ersten halten im Sinne eines Umlernprozesses
zuzuordnen sind [9, 12, 13, 36]. Diese sog. Stadien der Störung, subjektives Craving, effektiv zu unterstützen [15]. Charakteris-
Sucht-Neurose-Debatte ist sowohl für die Toleranzentwicklung und Entzug), mög- tisch für die Suchtperspektive auf „Verhal-
ätiologische als auch die therapeutische licher Komorbiditäten, des Behandlungs- tenssüchte“ ist jedoch der Übergang von
Perspektive auf „Verhaltenssüchte“ von verlaufs als auch im Hinblick auf geneti- Reiz-Reaktions- und Verstärkungsbedin-
Interesse [13, 22]. sche Veranlagung und neurobiologischen gungen (operante und klassische Konditi-
Mechanismen berichtet [9, 11]. onierung), die das Problemverhalten för-
dern, hin zu automatisierten und neuro-

2 |  Der Nervenarzt 2013


Zusammenfassung · Summary

biologisch untermauerten Reaktionsmus- Pathologisches Kaufen Nervenarzt 2013 · [jvn]:[afp]–[alp]


tern, sodass den tatsächlich erlebten Be- DOI 10.1007/s00115-012-3718-z
(„Kaufsucht“)1 © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
lohnungen im Verlauf der Krankheitsent-
wicklung deutlich geringere Bedeutung Exzessives Kaufen („Kaufsucht“), früher K. Mann · M. Fauth-Bühler · N. Seiferth ·
zukommt. Auch zeigt sich hier, dass eine auch unter dem Namen Oniomanie be- A. Heinz · “Expertengruppe
zunehmende motivationale Fokussierung kannt, wurde bereits vor über 100 Jahren Verhaltenssüchte“ der DGPPN
des zerebralen Belohnungssystems auf die beschrieben [21]. Die Betroffenen klagen Konzept der Verhaltenssüchte
Suchtsubstanz bzw. das exzessive Verhal- über großes Leid, und auch in der Öffent- und Grenzen des Suchtbegriffs
ten, wie es Nesse und Berridge [30] vor- lichkeit gibt es ein immer größeres Be-
Zusammenfassung
schlugen und wie es in neurobiologischen wusstsein, dass „Kaufsüchtigen“ geholfen
Die Zahl von Betroffenen mit „Verhaltens-
Studien unterstützt werden konnte, im werden muss. Derzeit ist die „Kaufsucht“ süchten“ nimmt vor allem bei Jugendlichen
späteren Krankheitsverlauf nicht gleich- in keinem der offiziellen Diagnosesyste- und jungen Erwachsenen deutlich zu. Psych-
zusetzen ist mit dem subjektiven Erleben me gelistet und soll auch nicht in die ge- iater und Psychotherapeuten erwarten Hin-
von Belohnung oder positiven Affekten plante 5. Auflage des DSM und die 11. Auf- weise zur diagnostischen Einordnung und
(inklusive der Beendigung negativer Zu- lage des ICD aufgenommen werden. zum therapeutischen Vorgehen. Wir disku-
tieren nosologische Aspekte und empfehlen
stände). Bei der Diagnosestellung ist das Feh-
Glücksspiel und exzessiven Computer- und
Andere Perspektiven, die sich um ei- len einer Zweckgebundenheit beim Kau- Internetgebrauch als Verhaltenssüchte zu be-
ne Integration der verschiedenen Model- fen eines der zentralen Kriterien [24]. Die handeln. In Einzelfällen kann das Suchtmo-
le bemühen, schlagen beispielsweise eine Betroffenen verlieren nach dem Kauf sehr dell auch bei pathologischem Kaufen, exzes-
Einteilung von Personen mit „Verhaltens- schnell ihr Interesse an den Waren. Nicht sivem Sexualverhalten und Adipositas thera-
süchten“ in Untergruppen vor, die je nach selten, etwa in zwei Drittel aller Fälle, peutisch genutzt werden.
individueller Charakteristik eine Zuord- horten die Betroffenen die gekauften Gü- Schlüsselwörter
nung zu den Süchten, Zwangsstörungen ter zwanghaft [27]. Ein weiteres zentrales Verhaltenssucht · Klassifikation ·
oder einer Mischung beider Aspekte vor- Merkmal der „Kaufsucht“ ist, dass es we- Suchtbegriff · Sexsucht · Kaufsucht
nimmt [3]. Auch existieren Überlegungen, niger um den Besitz und die Nutzung der
„Verhaltenssüchte“ auf einem Kontinuum Ware geht, als vielmehr um das positive
zu verorten, das sich zwischen den Po- Erleben während des Bestellens, Auswäh- The concept of behavioral
len Impulsivität und Zwanghaftigkeit auf- lens oder Einkaufens. Somit erfolgt das addiction and limits of
spannt. Hierzu ist zu berücksichtigen, dass Kaufen nicht bedarfsgerecht und dient the term addiction
obwohl zwanghafte und impulsive As- auch nicht der Bereicherung, sondern in Summary
pekte auch bei „Verhaltenssüchten“ zu be- erster Linie der Emotionsregulation. The numbers of persons with a prevalence
obachten sind, diese jedoch erheblich zwi- O’Guinn und Faber [31] beschrieben for behavioral addiction are rising especial-
schen verschiedenen „Verhaltenssüchten“ den sog. zwanghaften Kaufzyklus, der aus ly among the young. Psychiatrists and psy-
[9] variieren. Zudem ist auch bei stoffge- folgenden Komponenten besteht: chotherapists are still awaiting indications for
diagnostic classification and treatment ap-
bundenen Abhängigkeiten eine erhöhte 1. Eine allgemeine Prädisposition zu
proaches. We discuss the nosological aspects
Impulsivität feststellbar [2], was eine ge- Angstgefühlen und niedrigem Selbst- and suggest categorizing gambling and ex-
ringere Trennschärfe der Konzepte nach bewusstsein, die sich kurz vor dem cessive computer and internet use as be-
sich ziehen kann. Entsprechend sind zu- Verlangen einzukaufen verschlim- havioral addictions. In specific cases the ad-
nächst weitere Studien notwendig, welche mern; diction model can also be applied for exces-
die diskreten Anteile von impulshaftem 2. impulsive Einkaufsepisoden, die mit sive sexual behavior, compulsive buying and
obesity.
und zwanghaftem Verhalten bei den ver- Hochgefühl und Berauschtheit ein-
schiedenen „substanzgebundenen“ und hergehen; Keywords
„nichtsubstanzassoziierten Süchten“ in 3. Schuld- und Reuegefühle im An- Behavioral addiction · Classification ·
umfangreichen und gut charakterisierten schluss an die Einkaufsepisode und Addiction · Excessive sexual behavior ·
Stichproben untersuchen. 4. einen erneuten Impuls einzukau- Compulsive buying
fen, um den Gefühlen von niedrigem
Pro und Kontra Sucht Selbstbewusstsein, Angst und Schuld,
am Beispiel exzessiver die sich während der Einkaufsepiso- Die „Kaufsucht“ ist gekennzeichnet durch
Verhaltensweisen den gesteigert haben, zu entkommen. chronisch wiederkehrendes Einkaufen, wel-
ches die Hauptreaktion auf negative Ereig-
„Glücksspielsucht“ und pathologischer Die Autoren schlugen folgende Definition nisse oder Gefühle darstellt und sehr schwer
„Computer- und Internetgebrauch“ wer- für „Kaufsucht“ vor: zu stoppen ist und letztendlich schädliche
den angesichts ihrer Häufigkeit und kli- Konsequenzen für das Individuum hat.
nischen Bedeutung in eigenen Artikeln 1 Dieser Abschnitt lehnt sich an ein Kapitel
in diesem Heft behandelt (s. Böning et al. (Müller et al. [29]) in einem Buch zu Verhaltens- Basierend auf einer Repräsentativerhe-
und Rehbein et al.). süchten an. bung scheinen 6% der erwachsenen US-

Der Nervenarzt 2013  | 3


Leitthema

Bevölkerung die Kriterien für zwanghaf- sein gepaart mit leichter Beeinflussbar- Bezüglich bestehender Komorbiditä-
tes Kaufverhalten zu erfüllen, wobei Frau- keit durch Werbung hervorgerufen wer- ten bei Personen mit exzessiven Sexual-
en in dieser Untersuchung nicht häufiger den. Schuldenberatung wird häufig als verhalten zeichnet sich in der begrenz-
betroffen waren als Männer. Deutsche Be- Ausweg angeboten, um das Überziehen ten Anzahl an Studien ein recht hetero-
völkerungsbefragungen haben ergeben, des Bankkontos in den Griff zu bekom- genes Bild ab. In Punktprävalenzstudien
dass die Kaufsuchtgefährdung hier ähn- men. Eine Zuordnung zu den Verhaltens- wies jeweils ein signifikanter Anteil der
lich hoch eingeschätzt wird [26]. süchten könne zur Folge haben, dass der Betroffenen gar keine bzw. nur margina-
Untersuchungen zu Komorbiditäten Beratungsbedarf über den Umgang mit le Anzeichen für psychische Auffälligkei-
von „Kaufsucht“ deuten darauf hin, dass Geld vernachlässigt wird [8]. ten auf, während ca. 20–40% deutliche-
25–50% der Individuen mit der Diagno- re Symptome psychischer Erkrankungen
se „Kaufsucht“ auch die Kriterien für De- Exzessives Sexualverhalten erkennen ließen, insbesondere affektive
pression [9, 24] und 44% die Kriterien für („Sexsucht“)2 und interpersonelle Störungen. Bei Be-
eine Angststörung [25] erfüllen. Des Wei- trachtung der Lebenszeitprävalenz zei-
teren weisen 4–35% die Begleitdiagnose In den aktuellen Versionen von ICD und gen sich als Hauptkomorbiditäten vor al-
Zwangsstörung und 10–45% Substanzab- DSM sind die Klassifikationsmöglich- lem affektive Störungen (v. a. Dysthymie),
hängigkeit auf [24]. keiten für exzessives Sexualverhalten un- die bei bis zu 60% auftraten, gefolgt von
Bislang existiert nur eine Bildgebungs- zureichend. In der ICD-10 kann lediglich Substanzabhängigkeiten, Angststörungen
studie zur „Kaufsucht“ [35]. Hier wur- die Diagnose „gesteigertes sexuelles Ver- und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperakti-
den 23 „kaufsüchtige“ Patientinnen und langen“ (F52.8) vergeben werden, die al- vitätsstörung.
26 gesunde Frauen während einer simu- lerdings nicht weiter spezifiziert werden Die Angaben zum Geschlechterver-
lierten Kaufentscheidung mittels funktio- kann. Im DSM-IV-TR besteht die Mög- hältnis variieren zwischen den Studi-
neller Magnetresonanztomographie (fM- lichkeit, entsprechende Verhaltenswei- en stark. Dies lässt sich dadurch erklä-
RI) untersucht. Während der Produktprä- sen entweder als „nicht näher bezeichne- ren, dass bisher überwiegend nur Schätz-
sentation zeigten „kaufsüchtige“ Frauen te sexuelle Störung“ (302.90) einzuordnen werte sowie Daten aus Online-Umfragen
eine höhere Aktivierung im Nucleus ac- oder in Anlehnung an das pathologische und unsystematischen Studien vorliegen.
cumbens als die nichtkaufsüchtigen Kon- Glücksspiel als „nicht näher bezeichnete Schätzungen gehen von einem Verhält-
trollpersonen, wenn sie Waren sahen, die Impulskontrollstörung“ (312.30) zu klas- nis von Männern zu Frauen von 3:1 bis 5:1
sie gern erwerben wollten, was von den sifizieren. Für die kommende 5. Revision aus [4]. Der Prozentsatz der Frauen unter
Autoren als stärkeres „wanting“ (Verlan- des DSM hat die Arbeitsgruppe für die Se- den „hochgradig Hypersexuellen“ in der
gen/Craving) bei den kaufsüchtigen Frau- xual- und Geschlechtsidentitätsstörungen Studie von Långström und Hanson [23]
en interpretiert wurde. Kaufsüchtige Pro- [16] die Einführung einer Kategorie „hy- lag bei 37%. In anderen Umfragen und
bandinnen zeigten zudem eine geringe- persexuelle Störung“ vorgeschlagen. Online-Studien lag der Anteil von Frau-
re Aktivierung in der Insularegion, wenn Sowohl im deutschsprachigen Raum als en, die von einer Hypersexualität berich-
die Preise für die Waren gezeigt wurden, auch in den USA gehen die Schätzungen teten, zwischen 8 und 20% [18]. Die kri-
die sie später konsumieren wollten, verg- von Prävalenzraten zwischen 3 und 6% tischen Verhaltensmuster von Frauen und
lichen mit den Waren, die sie nicht kaufen aus [11]. Die Kinsey-Untersuchungen [20] Männern scheinen sich deutlich zu unter-
wollten. Dieses Resultat beurteilten die berichteten, dass bei 7,6% der bis 30-jäh- scheiden. Bei Frauen steht promiskuitives
Autoren als einen Hinweis auf ein gerin- rigen Männer die Anzahl beliebig her- Verhalten und Online-Chats und Kon-
geres Verlustempfinden für Geld bei den beigeführter Orgasmen pro Woche für takte im Vordergrund. Problembereiche
kaufsüchtigen Teilnehmerinnen. mindestens 5 Jahre ≥7 betrug. Auch eine bei Männern sind hingegen Pornographie
Obwohl zwanghaftes Kaufverhalten schwedische Untersuchung [23] gelangte und Masturbation.
historisch gesehen als Impulskontroll- zu ähnlichen Ergebnissen bezüglich der Tierexperimentelle Studien und Bild-
störung eingeordnet wurde, argumen- Raten von exzessivem Sexualverhalten. gebungsstudien zu sexuellem Verhalten
tieren einige Forscher, dass die Erkran- Von insgesamt 1279 befragten Männern bei gesunden Menschen legen nahe, dass
kung zu den Zwangsspektrumsstörun- und 1171 Frauen wurden 12,1% der Män- bei exzessivem Sexualverhalten ähnliche
gen zu rechnen sei, während andere die ner und 7,0% der Frauen als „hochgradig strukturelle und funktionelle Verände-
Ähnlichkeit zu Substanzabhängigkeit be- hypersexuell“ eingestuft. Einschränkend rungen des mesokortikolimbischen Be-
tonen. Croissant und Kollegen [5] konn- bei all diesen Studien ist allerdings anzu- lohnungssystems zu beobachten sind wie
ten zeigen, dass exzessives Einkaufen ähn- merken, dass die Häufigkeit sexueller Ak- bei der Substanzabhängigkeit und ande-
lich wie Substanzabhängigkeit einen „Be- tivität allein nicht ausreicht, um ein Ver- ren Verhaltenssüchten [2, 38]. Allerdings
lohnungskreislauf “ aktiviert. Ein Argu- halten als pathologisch einzustufen. liegen bislang keine hinreichenden Er-
ment gegen das Konzept der „Kaufsucht“ kenntnisse zu neurobiologischen Mecha-
ist, dass es sich beim exzessiven Waren- nismen bei Menschen mit exzessivem se-
konsum lediglich um schlechte Geldma- 2 Dieser Abschnitt lehnt sich an ein Kapitel xuellem Verhalten vor. Eine einzelne Pi-
nagementfertigkeiten handelt, die durch (Hartmann et al. [14]) in einem Buch zu Verhal- lotstudie deutet auf strukturelle Verän-
einen Mangel an finanziellem Bewusst- tenssüchten an. derungen in frontalen Hirnregionen hin,

4 |  Der Nervenarzt 2013


die gemäß der Autoren auch bei anderen rend einer Essattacke aufgenommen wird, heitlichen Errungenschaften der Moder-
Verhaltenssüchten zu beobachten sind, je- im Körper. Die Betroffenen ergreifen kei- ne im Sinne der Gestaltung des eigenen
doch sind die Befunde aufgrund der me- ne gewichtsregulierenden Gegenmaßnah- Privatlebens, der sexuellen Vorlieben, der
thodischen Einschränkungen hinsichtlich men wie Erbrechen, Abführmittelkon- Verwendung eigener Einkünfte oder der
ihrer Spezifität für exzessives Sexualver- sum, Hungern oder intensives Sporttrei- Gestaltung der eigenen Freizeit reglemen-
halten nicht hinreichend interpretierbar. ben [6]. Entsprechend ist die Binge-Ea- tieren und pathologisieren darf.
ting-Störung häufig mit Übergewichtig- Bezüglich der stoffgebundenen Such-

»
keit oder Adipositas assoziiert. terkrankungen ist die Frage leichter zu be-
Eine Zuordnung zum Gesundheitsprobleme, die durch Adi- antworten, was denn als Abhängigkeitser-
Erklärungsmodell der Sucht positas verursacht werden, sind volkswirt- krankung gelten soll und was nicht. Denn
schaftlich von enormer Bedeutung. Aktu- die zentralen Kriterien der Toleranzent-
ist weiter umstritten
elle Anstrengungen, die Bevölkerung zu wicklung und Entzugssymptomatik er-
motivieren, auf eine gesunde Ernährung klären sich daraus, dass sich das zentra-
Zusammenfassend sprechen sowohl bei zu achten, scheinen jedoch nur von be- le Nervensystem des betroffenen Indivi-
Betrachtung von Symptomatik und Ver- grenzter Wirksamkeit. In den vergan- duums so sehr an die Droge gewöhnt hat,
haltensebene als auch bei Berücksich- genen Jahren kumulieren Hinweise aus dass ein Leben ohne sie nur um den Preis
tigung der Belege für ein gemeinsames der neurowissenschaftlichen Forschung, teilweise lebensbedrohlicher Entzugser-
neurobiologisch-pathophysiologisches dass neuronale Netzwerke und neuro- scheinungen zu haben ist. Die Schädlich-
Substrat etliche Aspekte für eine Zuord- psychologische Mechanismen des Be- keit der Drogen wird so unmittelbar für
nung exzessiven Sexualverhaltens zum lohnungslernens, die charakteristisch für alle Beteiligten deutlich. Neurobiologisch
Erklärungsmodell der Sucht. Gegen die- Suchterkrankungen sind, auch in die Ent- ist mit schweren Entzugserscheinungen
se Zuordnung wird oft eingewendet, dass stehung und Aufrechterhaltung der Adi- meistens eine Toleranzentwicklung ge-
Entzugssymptome und Toleranzentwick- positas involviert sind. Hier besteht aktu- genüber den sedierenden und damit zen-
lung bei exzessivem Sexualverhalten in ell jedoch noch weiterer Forschungsbe- tralnervös inhibierenden Wirkungen der
wirklich vergleichbarer Form nicht hin- darf. Drogen verbunden, sodass es beim plötz-
reichend belegt sind. Darüber hinaus wird lichen Absetzen der Drogen zu einem
die Heterogenität von Erscheinungsfor- Grenzen des Suchtbegriffs zentralnervösen Ungleichgewicht und ei-
men, Persönlichkeitstypen, ätiopathoge- ner erhöhten Erregbarkeit des Gehirns
netischen Faktoren und Verlaufsformen Was folgt daraus, dass pathologisches führt, die im Delir akut lebensbedrohlich
exzessiven Sexualverhaltens gegen eine Spielen, exzessives Nutzen des Internets werden kann.
alleinige Einordnung als Sucht ins Feld oder ruinöses Kaufen als Sucht klassifi- Nichtstoffgebundene Suchterkrankun-
geführt. ziert werden? Einerseits kann ein für die gen wirken aber vor allem auf motivatio-
Betroffenen leidvoller Zustand dann als nale Systeme ein, sodass hier die neuroad-
Pathologisches Essverhalten Störungsbild verstanden werden, wenn aptiven Veränderungen und die Entzugs-
(„Esssucht“)3 dessen Therapie durch die Solidargemein- symptome in aller Regel milder verlaufen.
schaft aller Krankenversicherten erstattet Als zentrale Kriterien der Suchterkran-
„Esssucht“ ist derzeit weder im ICD-10 wird. Andererseits besteht die Gefahr der kung verbleiben also das starke Verlangen
noch im DSM-IV als Störung anerkannt Pathologisierung von Verhaltensweisen, nach der Tätigkeit, die verminderte Kon-
und es besteht keine Übereinstimmung die eigentlich im Belieben der einzelnen trolle über das Verhalten und die schäd-
zwischen Experten, ob sie in zukünftigen Individuen stehen sollten. Denn anhand lichen Wirkungen für den Einzelnen, die
Auflagen Eingang in die Diagnosesysteme welcher Kriterien werden einzelne, lei- wiederum kaum unabhängig von der ge-
finden soll. Jedoch soll „binge eating dis- denschaftlich verfolgte Verhaltensweisen sellschaftlich vorherrschenden Moral be-
order“ in der Kategorie „feeding and ea- als Süchte bezeichnet und andere nicht? wertet werden können. In dieser Situation
ting disorders“ als eigenständige Diagno- Macht es Sinn, bei jedem hingebungs- können zwei Überlegungen helfen: Einer-
se in der 5. Auflage des DSM aufgenom- vollen Forscher, der Nächte lang arbeitet, seits eine Reflexion des Krankheitsbegrif-
men werden. von Arbeitssucht zu sprechen? Oder wer- fes und andererseits ein gezielter Rück-
Bei der „binge eating disorder“ handelt den als Süchte nur all jene Verhaltenswei- blick auf frühere Versuche, Suchterkran-
es sich um eine Störung des Essverhaltens, sen bezeichnet, die für die Betroffenen ne- kungen von Leidenschaften abzugrenzen.
bei der im Rahmen von Essanfällen, die gativ sind? Aber wer legt fest, was für ei-

»
vom Gefühl des Kontrollverlusts begleitet ne Person zuträglich und was ihr abträg-
sind, große Mengen an Nahrungsmitteln lich ist. Die Gesellschaft? Die herrschende Die Vielfältigkeit des
konsumiert werden. Im Unterschied zur Moral? Oder gibt es Kriterien, die einiger- Verhaltens ist ein wesentliches
„Bulimie“ verbleibt die Nahrung, die wäh- maßen objektivierbar sind? Denn Letzte-
Kennzeichen des Menschen
re erscheinen nötig, wenn man es nicht
3 Dieser Abschnitt lehnt sich an ein Kapitel (Kie- in das Belieben des jeweiligen Zeitgeistes
fer [19]) in einem Buch zu Verhaltenssüchten an. stellen will, ob eine Gesellschaft die frei-

Der Nervenarzt 2013  | 5


Leitthema

als wesentliche Einschränkung und da-


„Expertengruppe Verhaltenssucht“ der DGPPN
mit als objektives Krankheitszeichen gel-
F Adams, Michael, Prof. Dr., Universität Hamburg, Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften ten kann [15]. Als Kennzeichen einer Er-
Department Wirtschaftswissenschaften Institut für Recht der Wirtschaft krankung sollten solche objektivierbaren
F Arnaud, Nicolas, Dr., Dipl.-Psych., DZSKJ – Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Funktionsstörungen aber darüber hinaus
Jugendalters, Universität Hamburg
nur dann gewertet werden, wenn sie ent-
F Batra, Anil, Prof. Dr. med., Klinik für Psychiatrie & Psychotherapie, Universität Tübingen
weder subjektiv mit einem ausgeprägten
F Berner, Michael, Prof. Dr. med., Klinik für Psychiatrie & Psychotherapie, Universitätsklinikum Frei-
burg
Leidenszustand auf Seiten des Betroffe-
F Bleich, Stefan, Prof. Dr. med., Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie & Psychotherapie, Med. nen verbunden sind oder ganz basale Tä-
Hochschule Hannover tigkeiten beeinträchtigen, die für das all-
F Böning, Jobst, Prof. Dr. med., em., Höchberg tägliche Leben notwendig sind (sowie die
F De Zwaan, Martina, Prof. Dr. med., Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie, Universität Körperpflege oder die Nahrungsaufnah-
Hannover me). Wer also, wie in Einzelfällen berich-
F Fauth-Bühler, Mira, Dr. rer. nat., Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim, AG Spiel- tet, dass Internet so exzessiv nutzt, dass
sucht er oder sie sich durch mangelnde Nah-
F Fiedler, Ingo, Dr., Universität Hamburg, Institute of Law & Economics, Abt. für Pathologisches rungsaufnahme und Körperhygiene schä-
Glücksspiel
digt, kann Anspruch darauf erheben, als
F Hartmann, Uwe, Prof. Dr med., Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie, Medi-
zinische Hochschule Hannover „krank“ wahrgenommen zu werden und
F Hayer, Tobias, Dr. med., Institut für Psychologie und Kognitionsforschung, Universität Bremen therapeutische Leistungen einfordern, die
F Heinz, Andreas, Prof. Dr. med., Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Charité, Berlin vom Krankenversicherungssystem erstat-
F Kiefer, Falk, Prof. Dr. med., Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim, Universität Hei- tet werden können.
delberg Bezüglich des Suchtbegriffes wird
F Leménager, Tagrid, Dr. phil., Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim, AG Spielsucht hier, wie bereits zu Beginn des Artikels
F Mann, Karl, Prof. Dr. med., Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim, Universität Hei- anhand der Herkunft des Begriffes dar-
delberg gelegt, auf die für das Individuum schäd-
F Meyer, Gerhard, Prof. Dr. med., Institut für Psychologie und Kognitionsforschung, Universität Bre- liche Einschränkung wesentlicher Ver-
men
haltensweisen abgehoben. In ganz ähn-
F Mörsen, Chantal, Dipl.-Psych., AG Spielsucht, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité -
Universitätsmedizin Berlin, Campus Mitte
licher Form wurden auch früher schon
F Mößle, Thomas, PD Dr., Dipl.-Psych., Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e. V., Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen
Hannover thematisiert. So postulierte beispielswei-
F Müller, Astrid, PD Dr. med, Dr. phil., Klinik für Psychosomatik & Psychotherapie, Medizinische se Kant, dass die eigentlichen Suchter-
Hochschule Hannover krankungen dann gegeben seien, wenn
F Rehbein, Florian, Dr., Dipl.-Psych., Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e. V., Han- „ein Mensch den andren bloß zum Mittel
nover seiner Zwecke macht“ [17]. Typische Bei-
F Rumpf, Hans-Jürgen, Prof. Dr. med., Klinik für Psychiatrie & Psychotherapie, Universitätsklinikum spiele dafür waren für Kant die Herrsch-
Schleswig-Holstein, Lübeck
und Habsucht. Auch hier wird ein Ver-
F Seiferth, Nina, Dr., Dipl.-Psych., AG Emotional Neuroscience, Klinik für Psychiatrie und Psychothe-
rapie, Charité - Universitätsmedizin, Campus Mitte
lust an vielfältigen Verhaltensweisen be-
F Te Wildt, Bert Theodor, PD Dr. med., Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, schrieben, der in diesem Fall den Kontakt
LWL-Universitätsklinikum Bochum der Ruhr-Universität Bochum zu den Mitmenschen einengt und seiner
F Thomasius, Rainer, Prof. Dr. med., Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugend- eigentlichen Qualität beraubt. Dass hier
alters (DZSKJ) Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ein Verlust vorliegt, wird dann besonders
F Wölfling, Klaus, Dr. phil., Spielsuchtambulanz, Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin deutlich, wenn der starke Drang nach der
und Psychotherapie, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz suchtartigen Verhaltensweise den Betrof-
fenen selbst unangenehm ist und sie sich
Bezüglich des Krankheitsbegriffes ist es len Mustern zeigt, muss jede Definition eigentlich wünschen würden, ganz anders
sinnvoll, Leitsymptome wie das Verlan- wesentlicher zentralnervöser Funktionen zu handeln. Diesen Widerspruch hat bei-
gen nach einer Substanz oder eines be- soweit wie möglich kulturell übergreifend spielsweise Harry Frankfurt [7] themati-
stimmten Verhaltensmusters oder die ver- formuliert werden können. Ein entspre- siert. Allerdings sind beim Menschen un-
minderte Kontrolle über dieses Verhalten chender Ansatz geht davon aus, dass die bewusste und bewusste, unreflektierte und
nur dann als objektivierbare Symptome Vielfältigkeit menschlichen Verhaltens reflektierte Wünsche oft so eng miteinan-
einer Erkrankung zu verstehen, wenn sie selbst ein wesentliches Kennzeichen des der verknüpft, dass eine klare Trennung
wesentliche Funktionen des betroffenen Menschen ist, sodass deren Einschrän- in eine suchtrelevante, dranghafte Begier-
Organs, in diesem Fall des Gehirns, ein- kung durch das überstarke Verlangen de einerseits und die reflektierte Stellung-
schränken. Da menschliches Leben und nach einer Tätigkeit und die verminder- nahme der betroffenen Personen anderer-
Verhalten so vielfältig ist und sich in den te Kontrolle über diese Tätigkeit auf Kos- seits den komplexen Gegebenheiten kaum
unterschiedlichsten kulturellen und sozia- ten vielfältiger anderer Handlungsweisen gerecht wird. Es ist aber plausibel anzu-

6 |  Der Nervenarzt 2013


nehmen, dass es zu den wesentlichen Fä- Interessenkonflikt.  Der korrespondierende Autor 21. Kraepelin E (1909) Psychiatrie. Ein Lehrbuch für
gibt für sich und seine Koautoren an, dass kein Interes- Studierende und Ärzte. S 408–409
higkeiten aller Menschen gehört, sich vom 22. Lindenmeyer J (2004) Vom allgemeinen Defizit-
senkonflikt besteht.
aktuellen Geschehen zumindest zeitweise modell zum situationsspezifischen Rückfallrisiko –
zu distanzieren und sich zumindest kurz- Anmerkungen zur Sucht-Neurose-Debatte. Verhal-

fristig dem Strudel der Ereignisse und ei- Literatur tenstherapie 14:145–146
23. Långström N, Hanson RK (2006) High rates of se-
genen Befindlichkeiten soweit zu entzie-   1. American Psychiatric Association (1994) Diagno- xual behavior in the general population: correlates
hen, dass eine reflektierte Stellungnahme stic and statistical manual of mental disorders, 4. and predictors. Arch Sex Behav 35(1):37–52
Aufl. American Psychiatric Association, Washing- 24. McElroy S, Keck P, Pope H et al (1994) Compul-
möglich wird [34]. sive buying: a report of 20 cases. J Clin Psychiatry
ton, DC
Entscheidend für die Frage, ob suchtar-   2. Bechara A (2005) Decision making, impulse cont- 55(6):242–248
tiges Verhalten vorliegt, ist also nicht die rol and loss of willpower to resist drugs: a neuro- 25. Mueller A, Mitchell JE, Black DW et al (2010) Latent
cognitive perspective. Nat Neurosci 8(11):1458– profile analysis and comorbidity in a sample of in-
vermeintliche Wertigkeit der Handlun- dividuals with compulsive buying disorder. Psychi-
1463
gen, „ob ein Mensch leidenschaftlich liebt,   3. Blanco C, Moreyra P, Nune E et al. (2001) Pathologi- atry Res178(2):348–353
Briefmarken sammelt oder am Compu- cal gambling: addiction or compulsion? Semin Clin 26. Mueller A, Mitchell JE, Crosby RD et al (2010) Esti-
NeuroPsychiatry 6(3):167–176 mated prevalence of compulsive buying in Germa-
ter spielt“, steht ihm frei. Entscheidend ist ny and its association with sociodemographic cha-
  4. Carnes P (1998) The case for sexual anorexia: an in-
aber, ob sich solche Verhaltensweisen auf terim report on 144 patients with sexual disorders. racteristics and depressive symptoms. Psychiatry
Kosten aller anderen Verhaltensmöglich- Sexual Addiction & Compulsivity: The Journal of Res 180(2–3):137–142
Treatment & Prevention 5(4):293–309 27. Mueller A, Mueller U, Albert P et al (2007) Hoar-
keiten durchsetzen und ob insbesondere ding in a compulsive buying sample. Behav Res
  5. Croissant B, Klein O, Löber S, Mann K (2009) A
der flexible Kontakt zu den Mitmenschen case of compulsive buying – impulse control dis- Ther 45(11):2754–2763
verloren geht. order or dependence disorder? Psychiatr Prax 28. Mörsen C, Heinz A, Fauth-Bühler M, Mann K (2012)
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und in Anbetracht der skizzierten Be-   8. Goldman R (2000) Compulsive Buying as an Ad- süchte. Springer, Heidelberg
diction. In: Benson AL (Hrsg) I shop, therefore I am: 30. Nesse R, Berridge K (1997) Psychoactive drug
funde schlagen wir in Einklang mit use in evolutionary perspective. Science
compulsive buying and the search for self. Row-
der geplanten ICD-11 vor, sowohl das man & Littlefield, New York, S 245–267 278(5335):63–66
exzessive Glücksspiel als auch die ex-   9. Grant JE, Potenza MN, Weinstein A, Gorelick DA 31. O‘Guinn T, Faber RJ (1989) Compulsive buy-
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zessive Computer- und Internetnut- 16(2):147–157
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zung den „Verhaltenssüchten“ zuzu- 10. Grüsser SM, Poppelreuter S, Heinz A et al (2007) 32. O’Brien CP, Childress A, McLellan AT, Ehrman R
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category? Nervenarzt 78:997–1002 CP, Jaffe JH (Hrsg) Addictive states. Research pu-
derten Verhalten erscheint uns die blications: association for research in nervous and
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Datenlage nicht ausreichend für eine Diagnostik, Therapie, Forschung. Huber, Bern mental disease. Raven Press, New York, S 157–177
schlüssige Einordnung. 12. Hand I (1997) „Zwangs-Spektrum-Störungen“ 33. Petry NM (2006) Should the scope of addictive
oder „Nichtstoffgebundene Abhängigkeiten“? In: behaviors be broadened to include pathological
F Aufgrund von Studienergebnissen gambling? Addiction 101:152–160
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und insbesondere auch Einzelfall- der Psychiatrie. Springer, Wien, S 209–219 34. Plessner H (1975) Die Stufen des Organischen un-
schilderungen kann angenommen 13. Hand I (2003) Störungen der Impulskontrolle: der der Mensch. Einleitung in die philosophische
Nichtstoffgebundene Abhängigkeiten (Süchte), Anthropologie. Walter de Gruyter, Berlin
werden, dass z. B. das exzessive Kau- 35. Raab G, Elger CE, Neuner M, Weber B (2011) A neu-
Zwangsspektrum-Störungen… oder? Suchtthera-
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charakter annimmt und das Sucht- 14. Hartmann U, Mörsen C, Böning J, Berner M (im Consum Policy34(4):401–413
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auch bei exzessivem Sexualverhalten schaften, Ethik. Wilhelm Fink, München, S 407–425 of compulsion and drive: involvement of the orbi-
und bei Adipositas. 16. Kafka MP (2010) Hypersexual disorder: a proposed tofrontal cortex. Cereb Cortex10(3):318–325
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J 5, 68159 Mannheim berg
[email protected] 20. Kinsey A, Pomeroy W, Martin C (1948) Sexual Be-
havior in the Human Male. Br Med J

Der Nervenarzt 2013  | 7

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