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Der Spiegel - 29. Juli 2023

Das Dokument enthält mehrere kurze Artikel über aktuelle Themen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Es werden Ereignisse in Israel, Probleme am Frankfurter Flughafen und die Situation von abgeschobenen Migranten beschrieben.

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Ein Land ringt


Stirbt

um seine Zukunft
Israels
töten
Wenn Kinder
JUNGE MÖRDER

Demokratie?
Flughafen
FRANKFURT
Deutschlands schlimmster
RÜGEN

spaltet die Insel


Ein LNG-Terminal
DEUTSCHLAND
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HAUSMITTEILUNG

Jonas Opperskalski / DER SPIEGEL


Titel I Seite 8

Seit Monaten demonstrieren Hunderttausende

Peter Rigaud / DER SPIEGEL


Israelis gegen eine Gesetzesänderung, die den
Obersten Gerichtshof weitgehend entmachten
würde. Am Montag verabschiedete die Knesset
den ersten Teil der umstrittenen »Justizre-
form«. Die Regierung unter Benjamin Netan-
yahu könnte nach den Gesetzesänderungen
weitgehend ihre extrem rechte Agenda ungehindert durchsetzen. Vor allem säkulare Israelis sind
wütend und frustriert. »Der Konflikt um die Identität des Landes schwelt seit mehr als 15 Jahren,
nun tritt er offen zutage«, sagt Titelautorin und frühere Israelkorrespondentin Julia Amalia Heyer.
In Tel Aviv traf sie den ehemaligen Premierminister Ehud Barak, für den Israel jetzt eine »De-fac-
to-Diktatur« ist. SPIEGEL -Redakteur Christoph Schult sprach in Berlin und Israel mit Diplomaten
darüber, ob sich die Bundesregierung stärker einmischen sollte. Sogar ein ehemaliger Berater des
Hardliners Ariel Sharon empfahl: Berlin möge Netanyahus Regierung boykottieren. »Aber das
traut sich in der Ampelregierung keiner«, sagt Schult, der ebenfalls jahrelang als Korrespondent
in Israel lebte.

Frankfurter Flughafen I Seite 64

Ende Mai beobachtete SPIEGEL -Redakteur Alexander Kühn am Frankfur-


S-Magazin
ter Flughafen, in Hangar 7, die feierliche Taufe der Lufthansa-Maschine Boe-
ing 787-9 »Wiesbaden«. Wovon die Festgäste bei Sekt und schönen Reden
Das Stilmagazin
nichts mitbekamen: Am selben Tag musste eine nahe gelegene, frisch sa-
nierte Landebahn geschlossen werden, der Belag rieb die Flugzeugreifen
vom SPIEGEL
kaputt. Was noch alles schiefläuft an Deutschlands größtem Airport, be-
DER SPIEGEL

schreiben Kühn und Martin U. Müller in ihrem Report: mangelnde Digita-


lisierung, Personalnot, gestrandete Passagiere, Kofferchaos, lange Warte-
schlangen und ein Flughafen, der immer weiter wuchert und dabei immer
unbeherrschbarer wird. »Wer sich die Arbeitsbedingungen genauer anschaut, wundert sich, dass
Themen der Ausgabe:
in Frankfurt überhaupt noch Flugzeuge abheben«, sagt Kühn.
Abfahren, ankommen
Abschiebung I Seite 36
Und dazwischen Ver-
Carmen Abd Ali / DER SPIEGEL

Es ist die eine Sache, sich theoretisch mit der Frage zu beschäftigen, änderung: Felicitas Hoppe
wie Deutschland mit illegaler Migration umgehen sollte. Etwas ganz
anderes ist es, in die Gesichter jener Menschen zu schauen, deren über das Unterwegssein
Träume von einem besseren Leben zerbrochen sind. Für ihre Re-
cherchen über Migrationsabkommen und Abschiebungen nach Sehnsuchtsorte
Westafrika reiste Redakteurin Katrin Elger in den Senegal und traf
dort den Copyshop-Betreiber El Hadji F., 34. Im August 2022 hatten ihn vier Bundespolizisten zu- Wo zehn Prominente ihr
rück nach Dakar gebracht. In den Gesprächen mit El Hadji F. wurde Elger klar, wie schambehaftet Reiseglück gefunden haben
die Rückkehr für die Migranten ist und wie schwer sie in der alten Heimat einen Neuanfang finden.
»Nur die engste Familie weiß, dass El Hadji nicht mehr in Lippstadt lebt«, sagt Elger. »Den Kon-
takt zu Freunden brach er ab, um die Geschichte seines Scheiterns nicht erzählen zu müssen.« Wenn Menschen
Heimat sind
Freibad I Seite 56
Der Fotograf Sven Marquardt
Deutsche Freibäder liefern dieses Jahr Schlagzeilen für das Sommer- erzählt die Welt in Porträts
loch: Schlägereien, Badschließungen, Hausverbote. SPIEGEL -Repor-
ter Marc Hujer (M.) begleitete zwei Bademeister im größten Freibad
von Recklinghausen, der Mollbeck, wo die Frühschwimmer mor-
gens das Sportbecken stürmen und in der Spätschicht die Stunde
Hannes Jung / DER SPIEGEL

der Mutigen und Breitbeinigen kommt, wenn der Zehnmeter-


sprungturm geöffnet wird. Gewalt war kaum ein Thema. Stattdes-
sen erlebte er zwei Männer, die vor allem am bürokratischen Klein-
Klein der Vorschriften verzweifeln. »Früher waren sie die Könige der
Freibäder«, sagt Hujer, »heute müssen sie T-Shirts tragen, den
Nächste Woche als
Dreck wegmachen, Formulare ausfüllen und DIN-Normen kennen.« Beilage im SPIEGEL
Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 3
INHALT TITEL

8 | Israel Die Justizreform der


Regierung spaltet das Land
DER SPIEGEL 77. Jahrgang | Heft 31 | 29.7.2023
13 | Staatskrise SPIEGEL -
Gespräch mit Ex-Premierminister
Ehud Barak über den Angriff auf
die Demokratie

16 | Diplomatie Der Druck auf


Berlin wächst, Netanyahus Politik
energischer zu kritisieren

18 | Zwei Ministerien streiten


über einen Terrorverdacht gegen
palästinensische NGOs

DEUTSCHLAND

6 | Leitartikel Die demokrati-


schen Parteien sollten auf das
Umfragehoch der AfD mit Ruhe
und klarer Abgrenzung reagieren

20 | Mammutprozess gegen

Amir Levy / Getty Images


»Reichsbürger« / Forscher kriti-
sieren Qualifikation von Quer-
einsteigern in den Lehrerjob /
Der gesunde Menschenverstand

24 | Proteste Auf Rügen pro-


testieren Bürger gegen einen LNG-
Terminal – und den Vizekanzler
Das geteilte Land 27 | Die Schlammschlacht
zwischen der Gemeinde Binz
ISRAEL Die Regierung von Premierminister Benjamin Netanyahu will die Macht und der Firma Regas
und die Kontrollfunktion des Obersten Gerichtshofs grundsätzlich einschränken.
30 | Parteien Bei der Linken
Ein großer Teil der Bevölkerung will das auch – ein anderer geht dagegen seit droht eine Rebellion der Alten
Monaten auf die Straße. Wird Israel eine Demokratie bleiben? | 8, 13
32 | Ortstermin Die Pforz-
heimer CDU grenzt sich von der
AfD ab – und stimmt mit ihr

34 | Extremisten Thüringens
CDU-Chef Mario Voigt über sein
Rezept gegen die AfD

36 | Asyl Helfen Migrations-


Gisela Schober / German Select / Getty Images

abkommen wirklich dabei, mehr


Menschen abzuschieben?
Marzena Skubatz / DER SPIEGEL

41 | Kriminalität Die Bahn


versäumt es, Gleise und Kabel
vor Anschlägen zu schützen
Andreas Chudowski

42 | Justiz Der Maßregelvollzug


wird reformiert

44 | Regierung Durchwachsene
Bettina Stark-Watzinger Roman Gottschalk Jana Costas Bilanz der Bildungsministerin
Scheitert die Bundesbildungs- Früher mied er Medienrummel. Die Forscherin erklärt, warum
ministerin an der Unmöglichkeit Nun wird er YouTuber – unter- die Deutschen gerade jetzt 47 | Schulen Der große Tablet-
ihres Amts? | 44 stützt von Vater Thomas. | 76 weniger arbeiten wollen. | 106 Klau in Bildungseinrichtungen

4 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023 Die Zusatzthemen vom Titelbild sind orange her vorgehoben.
48 | Verbrechen Psychiater 88 | Diplomatie Der Vatikan-
Helmut Remschmidt im insider Marco Politi über
SPIEGEL -Gespräch über die Versuche des Papstes, im
Kinder, die getötet haben Ukrainekrieg zu vermitteln

90 | Analyse Der Abstieg des


REPORTER republikanischen Trump-
Herausforderers Ron DeSantis
54 | Familienalbum / Sind
Männer Schweine?
SPORT
55 | Eine Meldung und ihre
Geschichte Eine Frau aus Hen- 91 | Tour de France der Frauen /
stedt-Ulzburg hat das Herz ihres Hilft Sport bei posttrauma-
verstorbenen Mannes beerdigt tischen Belastungsstörungen?

ddp
56 | Freiheit Zwei Reckling- 92 | Idole Surfikone Laird Kampf um ein Urlaubsidyll
häuser Bademeister ringen mit Hamilton jagt auch mit 59 noch
Bis zum Jahresende soll auf der Ostseeinsel Rügen ein LNG-
dem Verlust ihres Heldenlebens Riesenwellen
Terminal entstehen. Die Pläne könnten am Widerstand der Insulaner
scheitern – oder an der Laichsaison der Heringe. | 24
61 | Kolumne Leitkultur 95 | Fußball Der FC Bayern
auf dem Selbstfindungstrip

WIRTSCHAF T
WISSEN
62 | Rheinmetall plant
Reparaturzentrum für Panzer 96 | Übungen gegen Bluthoch-
in der Ukraine / Staat verliert druck / Analyse: Die Folgen der
dreistelligen Millionenbetrag Hitze für die Meeresfauna

Santi Palacios / picture alliance / AP / dpa


durch P&C-Pleite
98 | Archäologie Suche nach
64 | Luftfahrt Reportage aus der versunkenen Siedlungen im Watt
Reisehölle Flughafen Frankfurt
101 | Mobilität Unfallgefahr
68 | Serie: Die KI-Revolution durch greise Autofahrer
(4) Philosoph Nick Bostrom
über den möglichen Killerinstinkt 102 | Umwelt Der neue Chef
einer künstlichen Superintelligenz des Weltklimarats über seinen
ungebrochenen Optimismus
70 | Investoren Immobilien- Aus den Augen, ohne Sinn?
könig René Benko muss
Die Regierung will mehr abgelehnte Asylbewerber abschieben und
sein Imperium schrumpfen KULTUR
schließt dafür Abkommen mit den Herkunftsstaaten. Bringen diese
Verträge mit zweifelhaften Partnern überhaupt etwas? | 36
72 | Finanzmärkte Aktivis- 104 | Elon Musk als Bond-Böse-
tische Investoren wollen wicht / Liebesfilm »Im Herzen
die grüne Geldanlage retten jung« mit Fanny Ardant

106 | Kapitalismus Wirtschafts-


MEDIEN wissenschaftlerin Jana Costas
beleuchtet im SPIEGEL -
76 | Prominenz Roman Gott- Gespräch den Wert der Arbeit
schalk über sein Leben als Promi-
Sohn und Karrieretipps vom Papa 110 | Nachtleben Die sexposi-
tiven Partys des DJs Jan Ehret

AUSLAND 112 | Ortstermin »Parsifal« in


Bayreuth, ein virtuelles Spektakel
brennweiteffm / IMAGO

78 | Ein Exilkatalane wird


Königsmacher in Spanien / 113 | Spielzeug Eine Abrech-
Syriens hohe Inflation nung mit Barbie

80 | Geopolitik Großmächte 115 | Serienkritik »37 Sekun-


buhlen um afrikanische Staaten den« erzählt von einem Musiker,
der zum Vergewaltiger wurde Deutschlands Chaos-Airport
85 | Ukraine In einem Reha- SPIEGEL-TV-Programm | 28 Bestseller | 114 An keinem anderen Flughafen der Republik geht so viel schief wie
Impressum, Leserservice | 116
zentrum werden traumatisierte Nachrufe | 117 Personalien | 118
in Frankfurt am Main – Koffer kommen nicht an, Maschinen heben
Soldaten wieder fit gemacht Briefe | 120 Letzte Seite | 122 nicht ab. Wer ist schuld? Eine Fehlersuche vor Ort. | 64

Titelfoto: Mustafa Alkharouf / Anadolu Agency / Getty Images Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 5
Was gegen das AfD-Hoch hilft
LEITARTIKEL Auf den Umfrageerfolg der extrem Rechten reagieren manche stoisch, andere panisch. Und einige
irrlichternd, wie Friedrich Merz. Dabei bräuchte es vor allem: konstruktive Politik und klare Abgrenzung.

im konservativen Lager verstehen, dass die AfD-Sympa-


thisanten zum Großteil keine Protestwähler sind, die man
leicht zurückgewinnen kann. Die Partei profitiert von
einem schon lange währenden Prozess: Durch die Glo-
balisierung, die ungerechte Verteilung von Vermögen und
die ständigen Krisen haben viele Menschen ihr Vertrauen
in die Politik verloren. Im Osten litten und leiden zudem
viele unter den Veränderungen nach dem Mauerfall.
Diese Menschen suchen wirtschaftliche Sicherheit,
einfache Lösungen und Sündenböcke. Die AfD bedient
diese Sehnsüchte. Viele ihrer Wähler sehen sich gar im
Widerstand gegen »das System«. Protestwähler sind das
nicht. Oder glaubt wirklich jemand, dass sie zurückkom-
men zu den einstigen Volksparteien, wenn im Heizungs-
gesetz nur genügend Übergangsfristen verankert sind
Filip Singer / EPA-EFE oder alle aufhören zu gendern?
Donald Trumps Präsidentschaft hat gezeigt, wie schnell
aus eigentlich Bürgerlichen eine ideologisch gefestigte
Gruppe werden kann, die sich auch von Lügen, chaoti-
scher Politik und Skandalen nicht erschüttern lässt. Sie
hat zudem gezeigt, dass man Menschen glauben sollte,
Wahlplakat von onntagabend sagte CDU-Chef Friedrich Merz, dass wenn sie radikale Dinge sagen, und nicht hoffen, dass sie
Hannes Loth,
AfD-Bürgermeister S die Abgrenzung seiner Partei zur AfD nur für »ge-
setzgebende Körperschaften« gelte, also Landtage,
den Bundestag, das EU-Parlament. In Kommunalgremien
es gar nicht so meinen. Auch der AfD muss man nur zu-
hören. Bundesvorstandsmitglied Maximilian Krah hat
gerade erst gelobt, dass sich die AfD nicht mäßigt, um für
müsse man dagegen nach Wegen suchen, um »gemein- Kooperationen infrage zu kommen – im Gegensatz zu
sam« zu gestalten. Montagmorgen sagte Merz, es werde anderen extrem rechten Parteien in Europa.
auf kommunaler Ebene keine Zusammenarbeit mit der Man kann das auch in den Kommunen sehen, da, wo
AfD geben, das sei Beschlusslage seiner Partei. schon mit der AfD gemeinsame Sache gemacht wird. Es
An dem Hin und Her merkt man einmal mehr, wie geht dabei in der Regel nicht um Kitas, wie es in den ver-
unsicher die anderen Parteien im Umgang mit der AfD gangenen Tagen hieß. In Limbach-Oberfrohna blockierten
sind. Seit die extrem Rechten in den bundesweiten Um- Abgeordnete von AfD, CDU und Freien Wählern ge-
fragen auf rund 20 Prozent kommen und in Thüringen meinsam Stolpersteine für zwei Opfer des Nationalsozia-
zum ersten Mal ein Landrat sowie in Sachsen-Anhalt ein lismus. In Bautzen stimmte die CDU einem AfD-Antrag
hauptamtlicher Bürgermeister von der AfD gewählt wur- zu, geduldete Geflüchtete von Sozialleistungen auszu-
den, scheint bei einigen Panik ausgebrochen zu sein. schließen. Und im Thüringer Landtag verabschiedeten sie
Dabei bräuchte es das Gegenteil: Ruhe, Tatkraft und einen Antrag gegen das Gendern in Landesbehörden.
einen klaren Blick auf die Demokratiefeindlichkeit der Wer bei so etwas mitmacht, normalisiert die AfD – und
AfD. facht den Kulturkampf an, von dem sie zehrt. Dabei hät-
Die AfD, die sich ab Freitag zum Parteitag trifft, ist ten gerade Konservative sehr gute Gründe, größtmögliche
eine in großen Teilen rechtsextreme Partei. Wer meint, Distanz zwischen sich und die »Alternative für Deutsch-
in Magdeburg träfen sich verirrte Konservative, die nur land« zu bringen, selbst wenn sie ihr im Parteienspektrum
ab und an über die Stränge schlügen, aber einen bürger- am nächsten stehen. Schließlich sehen sie sich als christ-
lichen Kern hätten, macht sich selbst etwas vor. Verfas- lich, als wirtschaftsnah und als Hüter der inneren Sicher-
sungsschutzämter haben die AfD nicht vorschnell als heit. Noch dazu würden sie als Erste zerrieben, wenn die
Wer mitmacht, Beobachtungsobjekt eingestuft. AfD bei den nächsten Wahlen wirklich so gut abschneidet.
Die AfD hat zahlreiche Verbindungen zu organisierten Das kann man in europäischen Ländern sehen.
normalisiert Neonazis und ist Gewalt nicht in Gänze abgeneigt. Sie ist Anstatt die CDU also auch noch zur »Alternative für
die AfD – und zudem eine Partei, die Ressentiments zu ihrem Geschäft Deutschland mit Substanz« zu erklären, wie es Friedrich
gemacht hat, gegen Schwächere, Migranten, Frauen. Merz kürzlich tat, sollten er und alle anderen, inklusive
facht den Selbst gegen Arbeitslose und wirtschaftlich Benachteilig- Regierung, sich lieber darauf konzentrieren, wie man die
Kulturkampf te macht sie Stimmung, obwohl sie von diesen überdurch- wirtschaftliche Lage verbessern und dieses Land gerech-
schnittlich stark gewählt wird. ter machen kann. Dann würde zumindest ein Teil der
an, von dem Es wird außerdem Zeit, dass Friedrich Merz, Markus Menschen nicht zur extremen Rechten wandern.
sie zehrt. Söder und all die anderen selbsterklärten AfD-Bezwinger Ann-Katrin Müller n

6 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


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Vierwöchentlich abgerechnet und kündbar.
TITEL

in Tel Aviv
Demonstrierende

Kobi Wolf / Bloomberg / Getty Images


TITEL

aus. Er darf künftig nicht mehr darü­


ber urteilen, ob eine politische Hand­
lung »angemessen« ist. So geschehen
zum Beispiel im vergangenen Jahr,
als die Richter es als »extrem unan­

Die Zerreißprobe gemessen« befanden, dass Benjamin


Netanyahu seinen ultraorthodoxen
Kompagnon Arye Deri, einen mehr­
fach verurteilten Straftäter, zum In­
ISRAEL Der Streit um die Justizreform hat die fundamentalen Konflikte einer nenminister ernannt hatte.
Ein weiterer geplanter Teil der Re­
Gesellschaft offengelegt, die kaum noch zu versöhnen ist: Liberale form  – der noch nicht beschlossen
gegen Orthodoxe, Konservative gegen Rechtsextreme. In Gefahr ist nicht nur ist – berührt die Ernennung von Rich­
die Demokratie – es geht um die Seele des Landes. Von Julia Amalia Heyer tern: Geht es nach der Regierung, soll
künftig sie selbst das Sagen bei der
Richterauswahl haben. Aus Sicht der
irjat HaLeom heißt das Regie­ Eine von ihnen ist Ayelet Gundar­ Regierung ist das Oberste Gericht zu
K rungsviertel in Westjerusalem,
hier steht das Parlament, die
Knesset. Wenn sich die Demonstran­
Goshen. Am Montag, der erste Teil
der »Justizreform« ist gerade mal seit
zwei Stunden verabschiedet, schickt
mächtig und bremse sie ständig aus. Ihr
Ziel ist deshalb, die Kontrollfunktion
des Gerichts einzuschränken. Und dar­
ten mit ihren Flaggen vor den Ab­ sie eine Audionachricht: »Indem sie um sehen die Gegner der Reform in ihr
sperrungen versammeln, thront über dieses Gesetz verabschiedet haben, eine Abkehr von der Gewaltenteilung,
ihnen, etwas versteckt hinter Zedern haben sie den Vertrag mit uns gebro­ einen Angriff auf die Seele diese kleinen
und Zypressen, der kantige Bau des chen«, sagt sie mit tonloser Stimme. Landes, das sich lange so stolz als ein­
Obersten Gerichts. Wie sie sehen es viele Israelis: Der zige Demokratie des Nahen Ostens sah.
Von hier aus sind es nur ein paar Gesellschaftsvertrag zwischen Bür­ Premierminister Netanyahu saß
Gehminuten bis zu den steilen Sträß­ gern und ihrer demokratisch gewähl­ bei der Abstimmung in der Knesset
chen Rehavias, mit den Steinhäusern ten Regierung ist aufgekündigt. nahezu unbeteiligt auf der Regie­
und verwilderten Gärten. Das Viertel Und die anderen, die Anhänger rungsbank zwischen zwei Kabinetts­
wirkt heute noch manchmal so, wie es der Regierung, sehen es als das Jahr, kollegen, die sich über seinen Kopf
der Schriftsteller Amos Oz in seinem in dem sie anfingen, das zu verwirk­ hinweg anschrien. Auch dieses Bild
großen Roman »Eine Geschichte von lichen, worauf sie lange hingearbeitet wird bleiben.
Liebe und Finsternis« beschrieben hat. haben: einen Staat, der in erster Linie Netanyahu regiert länger als
Wie ein Sinnbild dieser alten Idee von jüdisch ist. Staatsgründer David Ben­Gurion, er
Israel. In seinem Roman erzählt Oz Einer von ihnen ist Arieh King. Am hat das Land geprägt wie kaum ein
seine Kindheit im Jerusalem der briti­ Tag der Abstimmung lädt er die Re­ anderer Politiker. Er ist jetzt derjeni­
schen Mandatszeit. Welche Hoffnun­ gierungsgegner in einem Tweet zu sich ge, der die Israelis mit seiner nunmehr
gen seine Eltern, eingewanderte euro­ nach Hause auf den Ölberg ein, um sechsten Regierung in eine Art Kul­
päische Juden, hatten, als sie hier ihr bei Kaffee und Früchten über die »an­ turkampf zwingt. Nie zuvor war ein
Zuhause, ihre Familie, ihren Staat gemessenen Veränderungen« im israe­ Kabinett in Jerusalem religiöser, na­
gründeten, und mit welchen Heraus­ lischen Justizsystem zu diskutieren. tionalistischer, extremistischer. Nie
forderungen sie kämpften. Israel, im Juli 2023: Das kleine Land war das Land gespaltener.
Amos Oz ist 2018 gestorben, und war vielleicht noch nie so zerrissen. Es geht in diesen Tagen in Israel
man muss keine 75 Jahre zurückgehen Seit sechs Monaten gehen Zehntausen­ um die Frage: In was für einem Land
bis zur Staatsgründung, um zu wissen: de Israelis gegen den Plan ihrer Regie­ wollen wir leben? Zwischen liberalem
Die Zeiten haben sich geändert. Auch rung, den Obersten Gerichtshof zu Premier Netanyahu Hightech­Staat und religiöser Auto­
durch Rehavia hallen jetzt manchmal entmachten, auf die Straße. Manchmal (M.), Abgeordnete: kratie ist die gemeinsame Schnitt­
»Wir sind uns einig,
laute Rufe: Buscha! Schande!, schrei­ sind es Hunderttausende. dass Israel eine
menge ziemlich gering.
en die Menschen, die sich vor der Re­ Der Oberste Gerichtshof fällt jetzt starke Demokratie Der Siedleraktivist Arieh King, zu­
sidenz von Premier Benjamin Netan­ also als eine Art Verfassungshüter bleiben muss« gleich Vizebürgermeister von Jerusa­
yahu versammeln. Denn auch er, den lem, und die Psychologin und Schrift­
alle nur Bibi nennen, wohnt hier. stellerin Ayelet Gundar­Goshen stehen
2023 wird vermutlich in die Ge­ exemplarisch für zwei Pole in der israe­
schichtsbücher eingehen. Die Frage lischen Gesellschaft. Wie erleben sie
ist nur: wie? Schon jetzt wird mit diesen Kulturkampf? Wie denken sie
wuchtigen Vergleichen hantiert. Der darüber, was mit ihrem Land passiert?
zweite Unabhängigkeitskrieg. Die
zweite Stunde null. Die größte Krise, Der Siedler
die Israel je durchlebt hat. Das Büro von Arieh King liegt im
Die einen, die Regierungsgegner, sechsten Stock des Jerusalemer Rat­
sehen es als das Jahr, in dem versucht hauses, und wenn man auf den schma­
wurde, die Demokratie abzuschaffen. len Balkon tritt und um die Ecke guckt,
Das Jahr, in dem Israel zur Diktatur kann man die Altstadt sehen. Der Aus­
Amir Cohen / REUTERS

wurde. Sie rufen: Diese Regierung blick ist allerdings nicht halb so spek­
zerstört das Land, das unsere Eltern takulär wie die von Kings Terrasse zu
und Großeltern gegen alle Widerstän­ Hause auf dem Ölberg.
de aufgebaut haben. Als demokrati­ Von dort aus blickt er genau auf
schen und jüdischen Staat. den Tempelberg. Er sieht die goldene

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 9


TITEL

Kuppel des Felsendoms, sieht die zug der israelischen Armee aus dem bisschen Flagge zu zeigen für die De-
Aksa-Moschee und, das vor allem, Gazastreifen 2005. Der Rückzug war Entmachtung mokratie.
die puderfarbenen Steine der West- ein traumatisches Erlebnis für die der Richter Jetzt, im Juli, kurz vor der Abstim-
mauer, Überbleibsel aus der Periode Nationalreligiösen, für die Siedler so- mung, hat sich das geändert. Jetzt in-
des zweiten Tempels. Wegen dieser wieso – aber auch der Moment, an teressiert die Demokratie auf einmal
Steine sind Kings Eltern einst aus dem sie begannen, ihren Kampf um Wie Israels Regierung auch den Mainstream der Gesell-
die Judikative
England nach Israel gezogen. Wegen das Land zu professionalisieren. All schwächen will:
schaft, weil es um die Rechte aller
dieser Steine ist Arieh King, 49, in die die Jahre galten King und seine Mit- Israelis geht. Vorher spielte die große
Verabschiedet
Politik gegangen. Erst als Siedler- streiter als Vertreter einer radikalen Verbot für das Masse lieber Matkot am Strand.
aktivist, seit Februar 2021 als stellver- Minderheit; aggressiv, zielstrebig, Oberste Gericht,
tretender Bürgermeister von Jerusa- klar – aber ein Randphänomen. Regierungsentscheide Der Siedler
lem. Sein Lebensziel ist das gleiche als »unangemessen« 2007 gründete Arieh King den »Israel
zu kippen (war bisher
geblieben: Er will den palästinensi- Die Schriftstellerin zum Beispiel bei Land Fund« und kaufte Häuser und
schen Ostteil der Staat judaisieren Ayelet Gundar-Goshen wiederholt Gefährdung demokra- Land von Palästinensern in ganz Is-
und Jerusalem damit »erlösen«. den Namen, sie klingt gereizt: Simcha tischer Grundsätze rael, aber am liebsten in Ostjerusa-
Er sagt: »Ich tue alles, damit auf Rothman. Wer kannte den überhaupt möglich) lem. Verkauft wird ausschließlich an
dem Tempelberg wieder ein Tempel vor sechs Monaten? Beabsichtigt Juden. Die Organisation gibt es noch,
steht.« Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer, weitere Schwächung ein Vers aus der Tora, Buch Genesis,
der Befugnisse des
Kings Werdegang ist beispielhaft zwei Tage vor dem Knesset-Votum, Obersten Gerichts,
beschreibt, worum es geht: »Das gan-
für das, was sich in Israel in den ver- eine zierliche Frau mit großen blauen Gesetze zu prüfen ze Land nämlich, das du siehst, will
gangenen fast 20 Jahren verschoben Augen in einem gelben Leinenoverall. oder zu verwerfen ich dir und deinen Nachkommen für
hat. Die Gesellschaft ist stark nach Sie hat nicht geschlafen, das Baby entscheidende immer geben.«
rechts gerutscht, es gilt: je jünger, des- hatte hohes Fieber. Es habe mal auf Mitsprache über die Ein Penthouse auf dem Ölberg,
to rechter. Das hängt auch mit den sich aufmerksam machen müssen, Wahl von Richtern, vier Schlafzimmer, Blick auf den Tem-
hohen Geburtenraten der National- sagt sie und hustet ein wenig. Seit auch am Obersten pelberg, kostet 4,5 Millionen Schekel,
Gerichtshof
religiösen und Ultraorthodoxen zu- Wochen Demonstrationen, Streiks, umgerechnet 1,1 Millionen Euro. King
sammen. Autobahnblockaden, Flughafenblo- Aufhebung der Pflicht wohnt gleich nebenan. 1997 zog er mit
Wenige Tage bevor das Parlament ckaden, ihr Partner Yoav und sie für Minister, dem Rat ein paar gleich gesinnten Freunden
ihrer Rechtsberater
den ersten Teil der sogenannten Jus- wechseln sich ab. Die ganze Zeit am unter der Leitung des hierher, auf palästinensisches Territo-
tizreform verabschiedet, sitzt King Handy. Nachrichten checken. Go- Generalstaatsanwalts rium. Um den alten jüdischen Fried-
mit Häkelkippa und Trekkingsanda- shen, 41, arbeitet tagsüber als Psy- zu gehorchen hof zu schützen, der immer weiter
len in seinem Büro und tippt mit zwei chologin, nachts schreibt sie Roma- Zeitplan verfiel. Mitten in einer palästinensi-
Fingern eine E-Mail. ne. Drei Kinder hat sie auch. Ihre unklar schen Nachbarschaft gründete er sei-
Er hat gerade mit Simcha Rothman Bücher erscheinen auf Deutsch im ne Familie. Sechs Kinder, der jüngste
telefoniert, dem Vorsitzenden des Kein & Aber-Verlag, sie werden in Sohn ist 16. Er möge seine palästinen-
Justizausschusses und einem Vorden- zahlreiche Sprachen übersetzt und in sischen Nachbarn, sagt er, und seine
ker der »Reform«. Natürlich hat der der »New York Times« besprochen. Nachbarn würden auch ihn mögen.
ihn auch über die neuen Entwicklun- Der vielleicht bekannteste Roman, Wenn es Streit zu schlichten gebe, sagt
gen in der Knesset informiert. »Sim- »Löwen wecken«, ist ein feines Psy- er, riefen sie ihn, den King. Die Ge-
cha bringt das Ding durch, alles«, sagt chogramm der israelischen Gesell- schichte erzählt King seit Jahren im-
King. Guter Mann, er nickt. schaft und ein spannender Psycho- mer wieder gern.
Er wirkt weder besorgt noch ge- thriller. Sie habe sich gewundert, dass Jetzt scheint er sich manchmal
stresst, ein wenig ungehalten viel- es überhaupt übersetzt wurde, sagt selbst ein wenig zu wundern, wie
leicht. Goshen. Es sei doch »sehr israelisch«. leicht alles geworden ist für ihn, der
Draußen protestieren wieder die In »Löwen wecken« wird ein afrika- einst als Extremist galt. In der Regie-
Regierungsgegner, die Autobahn zwi- nischer Jude, ein Misrachim aus der rung sitzen überwiegend gute Freun-
schen Tel Aviv und Jerusalem ist blo- Unterschicht, von einem Chirurgen de von ihm. Finanzminister Bezalel
ckiert. In Tel Aviv wird ein neuer überfahren. Der begeht Fahrerflucht Smotrich, selbst Siedler, kennt er
Polizeichef eingesetzt, der alte war und versucht, den Vorfall zu vertu- seit Langem. Itamar Ben-Gvir, rechts-
zu mild mit den Demonstranten. schen und zu vergessen. Selbstver- extremer Minister für nationale Si-
Die Armee meldet, Hunderte Re- ständlich gelingt beides nicht. cherheit, 2007 verurteilt wegen
servisten würden ihren Dienst ver- Ein paar Monate zuvor, Anfang rassistischer Aufhetzung und Unter-
weigern. März, sitzt Goshen im Café des Tel stützung einer terroristischen Vereini-
Was für eine PR-Aktion, grummelt Aviv Museum of Art. Über das, was gung, war früher als Anwalt für Kings
King. Vor Kurzem habe er selbst sei- in ihrem Land passiert, sagt sie: »Ich Kleinstpartei tätig. Seine Freunde,
nen Einberufungsanruf bekommen. weiß nicht, wann zuletzt hier etwas sagt King, verfolgten dasselbe Ziel
Obwohl der nicht wie üblich zwei so groß war. Aber ich weiß auch nicht, wie er: den dritten Tempel auf dem
Monate, sondern nur zwei Wochen ob es groß genug ist.« In einem Essay Tempelberg, ein möglichst großes Is-
vorher kam, seien alle Reservisten für das »Time Magazine« stellt Go- rael, am liebsten nur für Juden.
seiner Einheit erschienen. Alle. shen die damals schon entscheidende Das Ziel von King, Simcha Rothman
Die Demonstranten auf der Stra- Frage: Sind wir als Gesellschaft mutig und ihresgleichen geht weit über den
ße, den Protest, all das versteht King genug, mehr zu riskieren als bloß ein nun verabschiedeten ersten Teil der
gut. »Der Gerichtshof ist die letzte Samstagabenddinner? Es ist eine An- Reform hinaus. Für die Nationalreligiö-
Bastion der Linken, alles, was sie spielung auf den Straßenfestcharakter sen und Siedler ist das Ernennungsver-
noch haben.« Er versteht ihre Wut, der ersten Demonstrationen. Als noch fahren der Richter der wichtigste Bau-
er war selbst wütend, jahrelang. Seit jongliert wurde und man kurz auf dem stein. Das ist einer der nächsten Schrit-
»Scharon und Bibi uns anlogen und Weg zum Restaurant oder in die Bar te in Richtung des Staates, wie sie ihn
Gaza hergaben«. Er meint den Rück- mit Freunden vorbeischaute, um ein sich vorstellen. So soll sichergestellt

10 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


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werden, dass ideologisch Gleichgesinnte für den den aus Europa stammenden Juden den Tod heulten die Sirenen: Zeva adom, zeva adom.
Gerichtshof urteilen. an den Hals wünschte. Goshen stützte das Köpfchen der Tochter an
Eine Debatte über die Kompetenzen des Der Hass der einen auf die anderen, kann ihrer Brust und dachte: Mein Gott, so zieht
Obersten Gerichtshofs gibt es, seit er existiert. er noch wachsen? man keine Kinder auf.
Er ist die einzige Instanz für »checks and ba- 2021, bei einem kleineren Schlagabtausch
lances« im israelischen Staatswesen. Und Die Schriftstellerin zwischen israelischen Streitkräften und der
unter den Richtern war tatsächlich bislang eine Ayelet Gundar-Goshen ist die Tochter aus Hamas, heulten wieder die Sirenen. Es war
aschkenasische Elite überrepräsentiert. Europa stammender Juden. Sie lebt mit ihrer mitten in der Nacht, und Goshen und ihr Part-
Der Streit um das Oberste Gericht ent- Familie in einem hübschen Bungalow im Nor- ner mussten mit den Kindern raus ins Trep-
zündete sich in den vergangenen Jahren meist den von Tel Aviv, im Garten recken sich Papa- penhaus, den sichersten Ort im Gebäude. Sie
daran, dass es politisch liberaler urteilte, als geienblumen. Hier wohnte schon ihre Groß- schwindelten die Kinder an: Eine Wette mit
die israelische Gesellschaft sich verortete. Vor mutter. Ihre Vorfahren haben das Land mit den Nachbarn sei das.
allem in Menschenrechtsfragen, die in Israel aufgebaut, haben geträumt, hier etwas Besseres »Du gibst ihnen Biogemüse und verbietest
besonders brisant sind, da das Land in den zu schaffen. Altneuland, nach Theodor Herzl, Gruselfilme, wie kannst du ihnen dann sagen:
palästinensischen Gebieten auch Besatzungs- wo alle friedlich miteinander leben und die Re- Wir müssen ins Treppenhaus, weil eine Ra-
macht ist. Da es jedoch keine geschriebene ligion keine größere Rolle spielt. Es kam anders. kete durchs Dach schlagen kann?«
Verfassung gibt, sind wichtige Prinzipien nicht 2014, während des großen Gazakriegs, Hat sie jemals daran gedacht wegzuziehen,
als Grundrechte verankert – wie etwa die stillte sie ihre neugeborene Tochter. Draußen woanders zu leben, vielleicht für immer? »In
Gleichheit vor dem Gesetz, aber auch die zwölf Jahren kommt mein Sohn in die Ar-
Rede- oder die Religionsfreiheit. mee«, sagt sie. Bis dahin müsse sich das Land
Was Männer wie Arieh King und Simcha verändert haben, »grundlegend«, sagt Go-
Rothman ignorieren oder schlicht unterschla- shen. Sonst könne sie nicht bleiben.
gen, ist die Tatsache, dass die Umbaupläne auch
vielen gestandenen Rechten zu weit gehen. Auf Der Siedler
den Podien der Protestkundgebungen standen Mitte März, die Sonne wärmt schon, aber der
von Anfang an auch Männer wie der frühere Wind ist frisch, zumindest im hoch gelegenen
Verteidigungsminister Mosche Yaalon. »Ein Jerusalem. King tigert in Trekkingsandalen
Staat, in dem der Premierminister die Richter in seinem Büro hin und her. Er spricht über
ernennen und wieder entlassen kann, hat einen Zahlen, die ihm Sorgen bereiten. Nur noch
Namen: Diktatur«, rief er in den ersten Wochen 60 Prozent der Bürger Jerusalems seien jü-
von den Bühnen in Tel Aviv oder Netanja. disch. Zu wenig, findet er. Ein Rückgang um

Jonas Opperskalski / DER SPIEGEL


Yaalon war zeit seines politischen Lebens ein zehn Prozent seit den Siebzigerjahren, eine
Falke, ultrakonservativ. Er war Generalstabs- Tendenz, die sich verstetige. Seit 25 Jahren
chef der israelischen Armee, er war an gezielten kämpfe er dafür, dass Jerusalem vor allem
Tötungen beteiligt und hat sich 2005, genau jüdisch ist. King glaubt, den Schuldigen zu ken-
wie King und Rothman, gegen den Abzug aus nen: »Bibi ist verantwortlich für so viel Schlech-
dem Gazastreifen positioniert. tes, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll«,
Noch nie in der Geschichte Israels hat sich sagt er. Für ihn gibt es nur eine Person, die sei-
das Sicherheits-Establishment nahezu ge- ne Freunde in der Regierung noch aufhalten
schlossen gegen die eigene Regierung gestellt. »Sie können nicht so tun, als kann – und das ist keine Fahnen schwenkende
Die Auslandsgeheimdienstler vom Mossad und Demonstrantin auf der Autobahn, sondern Ne-
die Inlandsgeheimdienstler von Schin Bet, die gäbe es keine Spielregeln.« tanyahu. Den hassten auch seine Freunde in
Cyberabwehr und mittlerweile Zehntausende Ayelet Gundar-Goshen, Autorin der Regierung, sagt King: »Aber sie sind Mi-
Reservisten und Kampfpiloten, die damit dro- nister, sie dürfen das nicht laut sagen.« Neta-
hen, nicht mehr zum Training ihrer Einheiten nyahu brauche ihn und seine Freunde, um zu
zu kommen. Der oberste Befehlshaber der regieren – nicht umgekehrt. In seiner Wut auf
Armee warnte vor Kurzem, deren »Einheit« den ewigen Premier klingt King wie seine
sei »gefährlich beschädigt«. Wenn die Einheit Gegner, die Linken. Selbst wenn die Litanei
der Armee beschädigt ist, dann ist es um den Kings eine andere ist: »Bibi hat Gaza aufge-
Zusammenhalt in der Gesellschaft erst recht geben. Bibi hat Jericho aufgegeben. Bibi hat
schlecht bestellt. In Israel sind Armee und Ge- Hebron aufgegeben.«
sellschaft so eng miteinander verwoben wie Das kann man auch anders sehen. In He-
sonst wahrscheinlich nirgends. bron wohnen Hunderte radikale Siedler,
Die tiefen Gräben, die sich jetzt für alle Gleichgesinnte von King, mitten im Stadt-
sichtbar auftun, sind das Ergebnis einer lang zentrum. Palästinenser dürfen sich hier, in der
andauernden Entwicklung. Sie lässt sich in größten Stadt im Westjordanland, nicht frei
der Regierung selbst beobachten, der stolze bewegen. Anfang März feiern die Siedler mit
Rassisten und verurteilte Straftäter ange- einem Umzug die Rettung vor dem höchsten
Amit Shabi / DER SPIEGEL

hören. Aber auch in Netanyahus Likud, der Beamten des Perserkönigs Xerxes. Es ist Pu-
sich einst unter seinem Gründer Menachem rim, jüdischer Fasching, bei dem viel getanzt
Begin als liberal-konservativ verortete, und noch mehr getrunken wird. Technobeats
mittlerweile jedoch in großen Teilen extrem dröhnen aus Boxen auf einem Kleintranspor-
religiös und nationalistisch auftritt. Vor Kur- ter, dahinter eine jubelnd trunkene Menge.
zem schrie ein Likud-Anhänger einer Gruppe Ein Rabbiner ruft: »So frei waren wir noch
Regierungsgegner zu: »Ich wünschte, noch »Was ist schon ein Palästinen- nie. Das ist unser Land!«
mal sechs Millionen von euch würden ver- Im Zug der Tanzenden: Heimatministerin
brennen.« Der Likudnik war ein orienta- ser? Ich bin Palästinenser!« Orit Struck, verkleidet als die Präsidentin des
lischer Jude, der mit dieser absurden Volte Arieh King, Politiker Obersten Gerichtshofs, Esther Hayut, die

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 11


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Hassfigur der Rechtsradikalen. Si- sie an ihren Erfolg. Am nächsten Tag Das Land, sagt zornig. Plötzlich merkten sie, dass sie
cherheitsminister Ben-Gvir, verklei- las sie von der Privatmiliz für Sicher- der Politik nicht nur ausgeliefert sind.
det als Polizist, schaut ebenfalls vor- heitsminister Ben-Gvir, die er mit Ne- Goshen, brüllte Dass jeder von ihnen etwas verän-
bei an diesem feuchtfröhlichen Vor- tanyahu ausgehandelt hatte, damit er wie ein wildes dern kann.
mittag in Hebron, umringt von Body- die Koalition nicht platzen ließ. »Ich Tier. Als wäre Aber ist es vielleicht zu spät dafür?
guards. Siegestrunken. konnte es nicht fassen«, sagt Goshen. »Sie können nicht einfach tun, als
Struck lebt als Siedlerin im Zen- Der Regierungschef verspricht einem es erwacht. gäbe es keine Spielregeln«, sagt sie.
trum, Ben-Gvir wuchs in einer Sied- verurteilten Palästinenserhasser eine Und wenn doch?
lung nebenan auf, in seinem Wohn- Privatmiliz mit 2000 Kämpfern, damit Wenn es bei dieser einen Ein-
zimmer hing lange ein Porträt des der ihn weiter regieren lässt. Seither schränkung für das Gericht bleibe,
Mörders Baruch Goldstein, der 1994 fühle sich alles aggressiv an, gefährlich. dann »werden wir das überleben«,
ein Massaker in einer Moschee in sagt Goshen. Sie meint die israelische
Hebron anrichtete und 29 betende Der Siedler Demokratie.
Palästinenser tötete. King sagt, er hasse die Araber nicht. Vielleicht könnte daraus sogar et-
Außer dem Likud-Premier Ariel Er sagt Araber, nicht Palästinenser, was Gutes erwachsen, sie denkt laut
Sharon, der 2005 den Rückzug aus denn: »Was ist schon ein Palästinen- nach: Vielleicht sei es ein Weckruf,
dem Gazastreifen befahl und vier ser? Ich bin Palästinenser!« auch mal über die Besatzung nachzu-
Siedlungen im Westjordanland teil- Trotzdem: Ginge es nach ihm, dann denken. »Das wäre ein gutes Szena-
evakuierte, hat sich keine israelische wohnten die allermeisten von ihnen rio«, sagt sie in ihrem Wohnzimmer
Regierung gegen die Siedler gestellt, bald woanders. Am liebsten in Jorda- und isst ein mit Reis gefülltes Wein-
auch keine linke. Jetzt bestimmen die nien. Wäre er in der Regierung, würde blatt.
Siedler die Regierung. er dafür mehr Anreize schaffen. Drei Tage später geht der erste Teil
Und diese treibt mit Gesetzes- Anreize für was? des Justizumbaus durchs Parlament.
änderungen und Änderungen admi- King hebt bloß die Hand, reibt den Während die einen jubeln und
nistrativer Zuständigkeiten die Anne- Daumen gegen den Zeige- und den die anderen wüten, tut Benjamin
xion von Teilen des Westjordanlands Mittelfinger. So, sagt er. Durch Geld? Netanyahu, was er oft tut. Er be-
systematisch voran. Ein unverhältnis- »Natürlich.« schwichtigt: »Wir sind uns einig, dass
mäßig großer Teil des Staatshaushalts wir, dass Israel eine starke Demokra-
fließt in Infrastruktur jenseits der Die Schriftstellerin tie bleiben muss«, sagt er noch am
Grünen Linie. Das ist auch ein Grund, Wut, sagt Goshen, sei eine kräftige Abend der Abstimmung in einer
warum die US-Regierung unter Prä- Antriebskraft. Nach Jahren der Läh- Fernsehansprache, hinter ihm ein Fa-
sident Joe Biden so harsch wie kaum mung seien sehr viele Israelis jetzt milienfoto von Frau und Söhnen.
zuvor versucht, Israels Regierung in »Dass Israel kein religiöser Staat wer-
die Schranken zu weisen. So könne den wird. Dass der Gerichtshof un-
es nicht weitergehen, sagte Biden be- Schleichende Landnahme abhängig bleibt.«
reits im März, kurz darauf legte Ne- »Bariton-Lügen« hat das ein israe-
tanyahu den ersten Teil des Justiz- Israelische Siedlungsgebiete im Westjordanland lischer Kommentator mal genannt.
umbaus für ein paar Wochen auf Eis. bis 1977 1978 bis 1997 seit 1998 An der Tel Aviver Börse rauschen
Biden nannte das Jerusalemer Ka- palästinensische Selbstverwaltung (Zone A) die Kurse trotzdem nach unten, der
binett »extremistisch«. Ben-Gvir paläst. Zivilverwaltung, israelische Sicherheitshoheit (Zone B) Schekel fällt auf ein Rekordtief.
schimpfte zurück: Israel sei »nicht israelische Sperranlagen Wie es weitergeht, ist offen. Die
länger ein weiterer Stern auf der ame- Regierung scheint entschlossen, die
rikanischen Flagge«. Israel anderen Teile ihres Reformpakets
Kann man so umgehen mit einem nach der Sommerpause zu verabschie-
seiner engsten Verbündeten, von dem Dschenin den. Aber auch die Demonstranten
man mehr Militärhilfe bekommt als verlassen die Straßen nicht.
Jordan

WESTJORDANLAND
jedes andere Land der Welt? Netanja Allein der Oberste Gerichtshof
Arieh King winkt ab. Die USA, Nablus scheint tief Luft zu holen. Er muss
sagt er, brauchten Israel »viel mehr jetzt über seine eigene Entmachtung
als umgekehrt«. entscheiden, will sich aber erst im
Herbst mit dem Gesetz befassen. Soll-
Die Schriftstellerin Tel Aviv te er es für unzulässig erklären, be-
Ende Juli ist für Ayelet Goshen alles fände sich das Land in einer Art Ver-
JORDANIEN

Mittelmeer
anders. Die Demonstrationen sind oft fassungskrise.
gewalttätig. Nie mehr würde sie die Ramallah An jenem Montag des Aufruhrs in
Kinder im Schlafanzug mitnehmen Jericho der Knesset, im ganzen Land, schickt
wie noch im Frühling. Damals hatte Ayelet Goshen ein Video. Es zeigt
Westjerusalem
sie mehr Hoffnung, große sogar. Yoav, ihren Partner, wie er von einem
Es fühlte sich an wie ein Aufbruch, Ostjerusalem Polizisten angegriffen und wegge-
ISRAEL
als wäre das Land endlich erwacht. Es schleift wird.
brüllte wie ein wildes Tier, sagt sie. GAZA-
Fragt man Arieh King, ob er ver-
»Davor glichen wir eher Eseln. Egal STREIFEN Hebron
stehe, warum manche in ihm einen
was man uns aufgebürdet hat, wir sind Totes Mann mit radikal fanatischen Ansich-
Meer
einfach weitergetrottet.« Sie waren ten sehen, antwortet er sehr ruhig:
stolz auf sich, auf ihren Protest. Als 20 km
N Nein, das verstehe er nicht. Dann
Netanyahu am 27. März abends vor die schaut er einem tief in die Augen und
Kameras trat und das Reformvorhaben sagt: »Die Frage ist ja: Was ist über-
seiner Regierung auf Eis legte, glaubten S Quelle: Forensic Architecture/B’Tselem; Karte: OpenStreetMap haupt radikal?« n

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Jonas Opperskalski / DER SPIEGEL


Politiker Barak in seinem Büro in Tel Aviv

»Israel ist nun eine De-facto-Diktatur«


SPIEGEL-GESPRÄCH Auch der ehemalige Premierminister Ehud Barak geht gegen die »Justizreform« auf
die Straße, zusammen mit Hunderttausenden Israelis. Hier spricht er über die Motive
der radikalen Regierung, die Gefahr für die Unabhängigkeit des obersten israelischen Gerichts – und darüber,
warum er die Hoffnung trotzdem nicht aufgeben will.

Barak sitzt am Schreibtisch in seinem Büro im Verteidigungsminister unter Benjamin Ne- von allen anderen Krisen, die Israel durchlebt
elften Stock eines Wolkenkratzers mitten in Tel tanyahu. Als Premierminister regierte Barak hat. Denn jetzt geht es um unser Innerstes;
Aviv. Eine Bronze von Staatsgründer David Israel von 1999 bis 2001; er war derjenige, der um alles, was wir in 75 Jahren erschaffen und
Ben-Gurion schaut ihm über die Schulter. Im 2000 von den Verhandlungen in Camp David, geschafft haben. Die äußeren Feinde um uns
Regal stehen die Devotionalien eines langen moderiert von US-Präsident Bill Clinton, herum spielen hier keine Rolle.
Lebens in der Politik: ein Foto mit einer Wid- zurückkam und verkündete, in Palästinenser- SPIEGEL: Vergangenen Montag stimmten
mung von Barack Obama: »Für Ehud – in Be- führer Jassir Arafat habe Israel keinen Partner. die Regierungsfraktionen in der Knesset für
wunderung und Freundschaft«; Barak mit den Damit war der Friedensprozess von Oslo de einen wesentlichen Teil der umstrittenen Ge-
US-Präsidenten Bush senior und Bush junior, facto beendet, einige Wochen später begannen setzgebung. Aus Protest gegen diese gehen
Barak als junger Soldat im Sechstagekrieg 1967. die blutigen Jahre der zweiten Intifada. sehr viele Israelis seit nun sechs Monaten auf
Auf Samt hinter Glas liegt ein uralter Dolch, ein die Straße.
Geschenk des damaligen Premiers Yitzhak Ra- SPIEGEL: Herr Barak, wie wird die Geschichts- Barak: Die Regierung wurde gewählt, nie-
bin, der den hochdekorierten General und zeit- schreibung diese Tage und Wochen des Auf- mand stellt das infrage. Aber schon kurz
weiligen Stabschef in die Politik holte: »Den ruhrs in Israel später einordnen? nach der Vereidigung wurde klar, dass
wirst du brauchen«, habe Rabin ihn gewarnt. Barak: Es ist die größte Krise in der Geschich- sie gar nicht vorhatte, sich um das zu küm-
Ehud Barak, geboren 1942 in einem Kibbuz, te unseres Landes, sie unterscheidet sich krass mern, was sie ihren Wählern versprochen
diente seinem Land fast sein ganzes Leben lang. hatte. Um die Gefahr aus Iran etwa, um
Er war Chef der einst mächtigen Arbeitspartei Das Gespräch führte die Redakteurin Julia Amalia die hohen Lebenshaltungskosten, um die
und saß in unzähligen Kabinetten, auch als Heyer in Tel Aviv. Wohnungsnot.

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SPIEGEL: Stattdessen begann sie prompt mit Ein Leben für Israel SPIEGEL: Sie schaffen die Demokratie nach
dem Vorhaben, den Staat umzubauen. den demokratischen Spielregeln ab, über
Barak: Bei der sogenannten Justizreform ging einen Gesetzgebungsprozess im Parlament.
es nie darum, etwas zu reformieren. Es war Barak: Das ist das Perfide an der Sache. Die-
von Anfang an als Regime Change geplant, se Kräfte wollen die Demokratie mit den Mit-
als Coup d’État. teln des Rechtsstaats zerstören.
SPIEGEL: Und seither versucht ein großer Teil SPIEGEL: Nach der Sommerpause will die
Israels zu beweisen, dass seine Demokratie Regierung weitermachen, etwa mit dem Mo-
wehrhaft ist? dus der Richterernennung.
Barak: Das kann man so sagen, ja. Aber die Barak: Warten wir es ab. Die Proteste sind
Katze war aus dem Sack. Die Vorsitzende des wirklich stark, so etwas gab es hier noch
Obersten Gerichtshofs sagte sofort: Das ist nie. Die Reservisten der Luftwaffe, der Spe-
keine Reform, das ist ein Versuch, die Un- zialeinheiten, des Geheimdienstes und der
abhängigkeit des Gerichtshofs zu zerschlagen Cybereinheiten, sie alle drohen jetzt damit,
und Israel damit aus der Familie der demo- ihren Vertrag mit dem Staat aufzukündi-
kratischen Länder zu stoßen. gen. Das können sie, denn sie sind ja Bürger.
SPIEGEL: Israel hat keine geschriebene Ver- Sie sind Freiwillige, und als diese haben sie
fassung, kein Zweikammer-Parlament, nur einen Vertrag mit dem demokratischen Israel,
die sogenannten Basic Laws, also Grundge- nicht mit einer Diktatur. Deshalb ist es ab-
setze, über deren Einhaltung der Oberste Ge- surd, wenn Netanyahu und sein Verteidi-
richtshof wacht. Die Gegner des Justizumbaus gungsminister jetzt sagen, es seien die Re-
befürchten, dass Israels Gewaltenteilung in servisten, die unseren Staat in Gefahr brin-
Gefahr ist – zu Recht? gen! Das Gegenteil ist der Fall, Netanyahu
Barak: Schon jetzt hat Israel keine richtige bringt unseren Staat in Gefahr. Wenn die

REUTERS
Gewaltenteilung, weil die Exekutive die Le- 1 Piloten in Reserve nicht mehr fliegen wollen,
gislative völlig unter ihrer Fuchtel hat, seit haben wir ein Problem. Für schwierige Ope-
Jahren ist das so. Denn ja: Die einzige Insti- rationen muss die Armee auf sie zurückgrei-
tution, die eine Kontrollfunktion über die fen können.
Regierenden ausübt, ist der Oberste Gerichts- SPIEGEL: Befindet sich Israel auf dem Weg in
hof. Wenn die Regierung es schafft, das Ge- eine Diktatur? Oder ist es bereits eine, seit
richt auszuhebeln, hat sie völlige Handlungs- die Oberste Gerichtsbarkeit am Montag der-
freiheit. Das ist der Kern dieser Krise. art entscheidend geschwächt wurde?
SPIEGEL: Und dagegen wehren sich sehr vie- Barak: De-facto-Diktatur ist meines Erachtens
le Israelis ziemlich vehement. der richtige Begriff. Und das ist Israel nun
Barak: Es geht darum, ob unser Staat eine geworden, nach der Abschaffung des Ange-
Demokratie bleibt oder eben nicht. messenheitsprinzips durch das Parlament am
SPIEGEL: Wie wird diese Krise ausgehen? Montag. Aber der Kampf um die Demokratie
REUTERS

Barak: Ich bin optimistisch. Die Bürger ha- 2 wird weitergehen, wenn die Regierung so wei-
ben es schon einmal geschafft, diesen Gesetz- termacht, wie sie es plant.
gebungs-Blitzkrieg aufzuhalten, vor fast SPIEGEL: Auch die Wirtschaft spürt bereits
Paul Hosefros / The New York Times / Redux / laif

vier Monaten, als Netanyahu alles auf Eis Konsequenzen. Israel wurde von Ratingagen-
legte. turen zurückgestuft, Start-ups drohen ab-
SPIEGEL: Die Regierung wirkt allerdings nach zuwandern, die Investitionen gehen zurück.
wie vor ziemlich entschlossen. Und auch de- Selbst die Einwanderung von Juden ist
ren Anhänger gehen auf die Straße – für die stark gesunken. Woher nehmen Sie Ihren
Reform. Eine »unheilige Allianz« haben Sie Optimismus?
diese Koalition genannt, was meinen Sie Barak: Schauen Sie sich die Umfragen an, zwei
damit? Drittel der Bevölkerung sind gegen die Pläne
Barak: Die Koalition besteht aus dem Likud, der Regierung. Und das bleibt auch so – oder
den Netanyahu seit Langem führt. Dann sind 3 der Widerstand wird sogar noch stärker. Ich
da die Ultraorthodoxen, die für ihren Lebens- frage mich, ob man gegen die Mehrheit seiner
stil viel Geld brauchen. Sie sitzen in der Bürger anregieren kann.
Regierung, um ihre Privilegien zu schützen. SPIEGEL: Umfragen können täuschen. Warum
Und schließlich gibt es die Extremisten, die riskiert Netanyahu jetzt sein Erbe als der am
Anhänger des Rabbiners Meir Kahane, sie längsten amtierende Regierungschef Israels?
sind die Schlimmsten. Ultrarechte Irre, mes- Barak: Netanyahu wurde in den USA aus-
sianische Rassisten wie Itamar Ben-Gvir und gebildet, er hat Thomas Jefferson wahr-
Bezalel Smotrich. scheinlich schon in der Highschool gelesen.
Uriel Sinai / Getty Images

SPIEGEL: Der Sicherheitsminister und der Fi- Deshalb dürfte er wissen, dass die Israelis
nanzminister – sind sie es, die diese Regierung hier ihre Bürgerpflicht gegen ein Willkür-
treiben? regime erfüllen. Die simple Wahrheit ist,
Barak: Die Gesamtverantwortung liegt bei dass Netanyahu gar nicht mehr unterschei-
Netanyahu, aber in gewisser Weise: Ja, denn 4 den kann zwischen dem, was er als Privat-
die Extremisten haben eine klare Vision. Nie- person braucht oder möchte, und seiner
mals soll es einen souveränen palästinensi- 1 | Barak als junger Soldat 1967 2 | Bei der Rolle als Regierungschef einer Demokratie.
Befreiung der entführten Sabena-Maschine
schen Staat geben. Und die anderen Teile 1972 (l.) 3 | In Camp David mit US-Präsident
Die einzige Motivation, die ihn treibt, ist
dieser Allianz haben sich darauf eingelassen, Clinton und Palästinenserführer Arafat 2000 sein Glauben, auf diese Weise einer Ver-
um die eigenen Ziele zu erreichen. 4 | Mit Premier Netanyahu 2012 urteilung als Krimineller entgehen zu kön-

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nen. In Israel mussten bereits ziem­ Barak: Natürlich wird das nicht leicht Auslöser der zweiten Intifada. Um es
lich viele hochrangige Politiker ins zu erreichen sein. Als ich Camp David mit dem Philosophen David Hume
Gefängnis. Ein Premierminister und beendete, sagte ich: Egal, ob es 5, 10 zu sagen: Es ist nicht der Hahn, der
mehrere Minister … Wir machen oder 50 Jahre dauert, das hier wird die Sonne aufgehen lässt.
hier keine Ausnahmen. in etwa die Lösung sein. Zwei souve­ SPIEGEL: Sie sagten einmal: Wenn ich
SPIEGEL: Warum rufen Sie die Oppo­ räne Staaten nebeneinander. Ich sage Palästinenser wäre, hätte ich mich
sition immer wieder dazu auf, auf das nicht etwa, weil ich Gerechtigkeit wohl einer Terrororganisation ange­
keinen Fall zu verhandeln? für die Palästinenser will, sondern schlossen. Was meinten Sie damit?
Barak: Verhandeln hieße, die Augen unseretwegen. Für die Sicherheit Is­ Barak: Dass es nicht egal ist, als was
zu verschließen vor dem, was diese raels, für unsere Prosperität, unsere man geboren wird.
Koalition wirklich will: das System, wie Zukunft. SPIEGEL: Das Sein bestimmt das Be­
es bisher ist, zu zerstören. Frei nach SPIEGEL: Wie soll das gehen? Mal ab­ wusstsein? Sieht man das nicht eben­
Winston Churchill: Es bringt nichts, gesehen von der aktuellen Regierung so an der aktuellen Regierung in Je­
mit dem Krokodil zu verhandeln, nur und ihren Plänen: Es leben mittler­ rusalem?
damit es dich als Letzten frisst. weile fast 700.000 Siedler in den von Barak: In gewisser Weise ja: Die Ex­
SPIEGEL: Sollte auch Deutschland Israel besetzten Gebieten, einschließ­ tremisten sind hier aufgetaucht, weil
mehr Druck machen auf Israel? lich Ostjerusalem. die Ereignisse sie im Laufe der Jahre
Barak: Ach, mit Deutschland haben Barak: Jetzt, heute ist die Zweistaa­ immer mehr zu legitimieren schienen.
wir so eine besondere Beziehung. tenlösung tot. Auch noch nächste Wo­ Als der extremistische Rabbi Kahane
Über die vergangenen Jahrzehnte, che oder bis nächstes Jahr, ja. Aber vor 40 Jahren seine Reden in der
nach dem Krieg, haben wir so viel auf lange Sicht? Es ist doch genau das, Knesset hielt, verließen die Mitglie­
Unterstützung aus Deutschland was uns die extreme Rechte glauben der der Knesset noch geschlossen das
gespürt, von jedem einzelnen Kanz­ machen möchte. Ich denke anders, es Plenum.
ler. Deutschland hat dabei geholfen, gibt keinen Determinismus in der Ge­ SPIEGEL: Und jetzt sitzen diejenigen,
Israel sicherer zu machen, es blühen schichte. die sich ideologisch auf ihn berufen,
zu lassen. Bei allen schmerzhaften Er­ SPIEGEL: Haben Sie manchmal Alb­ im Kabinett.
innerungen hat diese Geschichte auf träume, weil Sie Camp David abge­ Barak: Genau. Und das hat Konse­
bemerkenswerte Weise gezeigt, wie brochen haben? Wohl nie war eine quenzen.
sich zwei Nationen versöhnen und Einigung greifbarer als damals. SPIEGEL: Auch für das besondere Ver­
miteinander umgehen können. Barak: Ich neige nicht dazu, Albträu­ hältnis zwischen Israel und den
SPIEGEL: Sie selbst gehörten jahrzehn­ me zu haben. Und auch keine USA?
telang zur politischen und militäri­ Wunschträume. Ich war schon im­ Barak: Das befindet sich auf dem ab­
schen Elite Ihres Landes. Diese Re­ mer sehr realistisch. Der Zeitgeist soluten Tiefpunkt, ja. Bibi (Benjamin
gierung jetzt bezeichnen Sie als »fa­ war damals ganz anders, sehr Netanyahu –Red.) hat viel Schaden
schistisch«. Wie konnte es in Israel so friedensorientiert. Aber ich habe angerichtet mit dieser Regierung.
weit kommen? versucht, eine gewaltsame Ausein­ Nicht nur in der Politik, auch bei der
Barak: Ich werde nichts schönreden. andersetzung zu vermeiden, die jüdischen Community in den USA.
Wenn etwas klingt wie Faschismus laut Geheimdienstberichten un­ Wir zerstören gerade unseren Rück­
und aussieht wie Faschismus, dann vermeidlich zu sein schien. Und halt, und warum das Ganze? Um ihn
ist es höchstwahrscheinlich auch Fa­ wenn mich Journalisten fragten, wie vor seinen Gerichtsverfahren zu
schismus. Es war ein längerer Prozess. Camp David ausgehen würde, habe schützen. Unglaublich. Und damit
Fest steht, dass man als israelische ich immer gesagt: Die Chancen habe ich noch nicht einmal über die
Regierung nicht ein Groß­Israel zwi­ stehen 50:50. Die Zeit wird es zei­ Spaltung in der israelischen Gesell­
Ex-Ministerpräsident
schen Jordan und Mittelmeer perma­ Barak auf einer
gen. Aber wir haben die Verantwor­ schaft gesprochen.
nent kontrollieren und dabei immer Demonstration in Tel tung, unser Bestes zu tun, um Zu­ SPIEGEL: Selbst wenn der Protest die
noch demokratisch sein kann. Das ist Aviv Ende Februar: sammenstöße zu vermeiden, wenn israelische Demokratie noch retten
unmöglich. Wenn auch die Palästi­ »Diese Kräfte wollen möglich. könnte – die Ultrarechten und ihre
die Demokratie
nenser, die hier leben, wählen dürf­ mit den Mitteln
SPIEGEL: Und dann passierte nichts. Anhänger verschwinden ja deshalb
ten, wären wir ein binationaler des Rechtsstaats Barak: Genau. Und trotzdem war das nicht plötzlich. Können sich die Israe­
Staat – und in Kürze wohl ein bina­ zerstören« Scheitern von Camp David nicht der lis wieder aussöhnen, nach all dem,
tionaler Staat mit muslimischer Mehr­ was jetzt passiert?
heit. Was nun wirklich nicht unserer Barak: Viele Israelis fragen sich doch
Vorstellung entspricht. jetzt schon, auf beiden Seiten: Um
SPIEGEL: Vor mehr als 20 Jahren haben was kämpfen wir hier eigentlich?
Sie als israelischer Premier mit Jassir Warum kämpfen wir gegeneinan­
Arafat in Camp David um eine Lösung der? Wir sind doch alle Brüder. Vor
im Nahostkonflikt gerungen. Sie kamen einer Aussöhnung muss allerdings die
nach Hause und sagten: In Arafat ha­ klare Forderung der Opposition ste­
Matan Golan / picture alliance / ZUMAPRESS

ben wir derzeit keinen Verhandlungs­ hen, dass alles, was mit dieser soge­
partner. Haben Sie eine Chance vertan? nannten Justizreform zusammen­
Barak: Ich sage auch heute noch, dass hängt, zurückgenommen wird. Rest­
unser Ziel ein starkes und sicheres Is­ los alles. Israel ist und sollte eine
rael sein sollte, Seite an Seite mit einem Demokratie bleiben. Punkt. Erst
entmilitarisierten palästinensischen dann können wir uns wieder an einen
Staat. Und deshalb müssen wir weiter­ Tisch setzen und über die Zukunft
hin an die Zweistaatenlösung glauben. reden.
SPIEGEL: Das klingt jetzt ein bisschen SPIEGEL: Herr Barak, wir danken
nach magischem Denken. Ihnen für dieses Gespräch. n

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 15


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gen, Netanyahus Besuch in Berlin zu


verschieben.«
Die Erwartungen der israelischen
Protestbewegung an Deutschland
sind enorm. Die Demonstranten hof-

Triangel statt Tuba fen, dass Druck aus dem Ausland


etwas verändern kann. Doch die Am-
pelregierung in Berlin übt sich in er-
staunlicher Zurückhaltung gegenüber
DIPLOMATIE Israel kritisieren? Das haben die meisten Bundesregierungen Netanyahu. Ihre Appelle an die »Wer-
tepartnerschaft« beider Ländern wir-
bisher vermieden. Doch deutsche und israelische Diplomaten halten die ken hilflos, die Mahnung des Kanz-
Zurückhaltung für falsch: Spätestens jetzt müsse Deutschland lauter auftreten. lers, den Umbau der Justiz in einem
möglichst breiten gesellschaftlichen
Konsens zu beschließen, verhallte un-
er ermessen will, wie sehr Ben-Zeev liest einen Brief vor, den gehört: Am vergangenen Montag
W sich Israel unter Ministerprä-
sident Benjamin Netanyahu
verändert hat, der sollte mit Yoram
er einem Vertrauten von Bundesprä-
sident Frank-Walter Steinmeier
schickte, als Netanyahu im März in
stimmten in der israelischen Knesset
64 von 120 Abgeordneten für die
erste Einschränkung der Rechte des
Ben-Zeev reden. 2009, zu Beginn von Kanzleramt und Schloss Bellevue Obersten Gerichtshofs in Jerusalem,
Netanyahus zweiter Amtszeit, war empfangen wurde. »Die Mehrheit der des zentralen Korrektivs der mächti-
Ben-Zeev Botschafter in Berlin. Er Israelis fürchtet, dass Israel als ein gen Exekutive.
organisierte die deutsch-israelischen demokratischer und jüdischer Staat Die Frage, wie viel Kritik sich die
Regierungskonsultationen und mach- zu einem traurigen Ende kommen deutsche Politik angesichts der Er-
te den Weg frei für die Lieferung deut- könnte, wenn der schädliche Prozess, mordung von rund sechs Millionen
scher U-Boote. den Netanyahu begonnen hat, nicht Juden durch die Nazis gegenüber
Heute ist Ben-Zeev 79 Jahre alt sofort gestoppt wird«, schrieb der Ex- dem jüdischen Staat erlauben darf,
und verpasst in Tel Aviv kaum eine Diplomat. »Wir erwarten von unse- begleitet alle Bundesregierungen seit
Demonstration gegen die Regierung ren Freunden im Ausland, besonders der Aufnahme der diplomatischen
Netanyahu. Er sorgt sich um die Zu- von Deutschland, ihre Sicht mit klarer Kanzler Scholz in Beziehungen 1965. Bislang ging es
kunft der israelischen Demokratie, er Stimme deutlich zu machen. Wenn der Jerusalemer dabei hauptsächlich um den Konflikt
Gedenkstätte Yad
wundert sich aber vor allem über die ich könnte, hätte ich alles in meiner Vashem: Die
mit den Palästinensern. Je kritischer
Zurückhaltung der Bundesregierung Macht Stehende getan, die politische Erwartungen sind deutsche Politiker, Diplomatinnen
in diesen Tagen. Führung in Deutschland zu überzeu- enorm und Wissenschaftler auftraten, desto

Michael Kappeler / picture alliance / dpa

16 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


TITEL

deutlicher mussten sie sich von israelischer einer liberalen Demokratie, die Deutschland
Seite anhören, die israelische Verantwortung Die deutsch-israelischen und Israel teilten und die geschützt werden
für den Nahostkonflikt zu übertreiben oder Beziehungen seit 1952 müssten, so der FDP-Politiker. »Israel war
den palästinensischen Terror zu verharm- immer ein Leuchtfeuer für Demokratie und
losen. Rechtsstaat im Nahen Osten. Viele Freunde
Von dort war es oft nicht mehr weit zum Israels haben die Sorge, dass dieses Licht nun
schlimmsten Vorwurf, den man einem deut- nicht unbedingt heller scheint.«
schen Politiker machen kann: Antisemitis- Die Tonlage aus den Ministerien ist ähn-
mus. Tatsächlich gab und gibt es hässliche lich, doch schon die Frage, wie man der
Ressentiments auf deutscher Seite, doch bis- Regierung Netanyahu begegnen sollte, spaltet
weilen ist es auch andersherum. So warf die Koalitionspartner. Baerbock fuhr bislang
Premier Netanyahu etwa dem damaligen bewusst nicht nach Israel und bat die Ka-
deutschen Außenminister Frank-Walter binettskollegen Anfang des Jahres darum,
Steinmeier (SPD) vor, er wolle das Westjor- ebenfalls zu warten. Buschmann setzte sich
danland »judenrein« machen. Steinmeier darüber hinweg und traf im Februar seinen
hatte auf das Völkerrecht hingewiesen und Kollegen Yariv Levin, den Architekten der

dpa
angemerkt, israelische Siedlungen müssten umstrittenen Reform.
geräumt werden, wenn es einen palästinen- 10. September 1952 Bundeskanzler Auf deutliche Worte in einer gemeinsamen
Konrad Adenauer und Außenminister
sischen Staat geben solle. Die Vorschrift der Mosche Scharett unterzeichnen in Luxem- Pressekonferenz, wie ihm im Auswärtigen
Europäischen Union, Produkte aus jüdischen burg das »Wiedergutmachungsabkommen« Amt geraten wurde, verzichtete der deutsche
Siedlungen im Westjordanland nicht als über 3,5 Milliarden DM. Justizminister. Seine Kritik verpackte er in
»Made in Israel« zu deklarieren, wurden eine Grundsatzrede zur Unabhängigkeit der
vonseiten der israelischen Politik sofort mit 11. April 1961 Vor dem Jerusalemer Justiz. Buschmann sei mit der »Triangel statt
dem Nazi-Boykott »Kauft nicht bei Juden« Bezirksgericht beginnt der Prozess gegen der Tuba« unterwegs gewesen, sagt ein deut-
Holocaust-Organisator Adolf Eichmann.
gleichgesetzt. scher Diplomat.
Der Wahlsieg Netanyahus im November Noch leiser trat Buschmanns Parteifreun-
und die Gründung der rechtesten Regierung 12. Mai 1965 Israel und die Bundesrepublik din, Bundesforschungsministerin Bettina
Deutschland nehmen diplomatische
in der Geschichte Israels stellt das Verhältnis Beziehungen auf. Stark-Watzinger, Mitte Juli auf. Dabei hatte
zu Deutschland nun auf eine besondere Pro- der Präsident der Universität Tel Aviv, Ariel
be. Die nationalreligiöse Koalition in Jerusa- Porat, den Gast aus Deutschland deutlich um
lem erklärte im Koalitionsvertrag nicht nur Hilfe gebeten. »Wir, die israelischen Akade-
die Besiedlung des biblischen Eretz Israel vom miker, benötigen wirklich die Unterstützung
Mittelmeer zum Jordan zum exklusiven jüdi- unserer Freunde außerhalb Israels«, sagte er.
schen Recht. Sie macht sich auch daran, die »Die Justizreform bedroht die demokratische
einzige Demokratie des Nahen Ostens so um- Natur Israels im Allgemeinen und der Wissen-
zubauen, dass diese ihren liberalen Charakter schaften im Besonderen.« Doch Stark-Wat-
verliert. Seit der Verabschiedung des ersten zinger enthielt sich jeder deutlichen Kritik.
Bausteins der Justizreform am Montag wer- Hilfe von außen – wie könnte die ausse-
den die mahnenden Stimmen aus Berlin etwas hen? Ex-Botschafter Ben-Zeev empfiehlt der
lauter. Ampelregierung, die offiziellen Kontakte zu
Die »Salamitaktik« der Regierung in Jeru- reduzieren. »Wenn es zu Regierungskonsul-
salem sei für die Kritiker im Ausland eine tationen käme, egal ob in Berlin oder in Je-
AP / dpa

Herausforderung, sagt der FDP-Außenpoliti- rusalem, ob mit sieben oder zehn Ministern,
ker und künftige Botschafter in Moskau, Ale- wäre das schon ein Sieg für Netanyahu«, sagt
xander Graf Lambsdorff. Sachlich könne man 5. September 1972 Bei den Olympischen Ben-Zeev. »Das wäre ein Signal, dass Deutsch-
Spielen in München ermorden palästinen-
gegen manches Einzelgesetz kaum argumen- sische Terroristen zwei israelische Athleten. land auf die Vorgänge in Israel mit Normalität
tieren, aber zusammengenommen sei die poli- Alle neun Geiseln sterben bei einer Be- reagiert.«
tische Absicht Netanyahus klar: »die Strei- freiungsaktion. Bislang hat das Kanzleramt die wiederhol-
chung der Kontrolle der Exekutive durch die te Bitte Jerusalems nach einem gemeinsamen
Judikative«. Von der Gefahr einer »Orbáni- Kabinettstreffen abtropfen lassen. Doch wie
sierung« Israels spricht Lambsdorff. lange kann man Terminprobleme vorschie-
»Ich sehe es als meine Verantwortung als ben, ohne den wahren Grund zu nennen?
Freundin Israels, meine Sorgen bezüglich des Dov Weissglas, einst Stabschef von Israels
Justizumbaus und der gesellschaftlichen Ver- früherem Premier Ariel Sharon, fordert sogar
fasstheit des Landes mit unseren israelischen einen offenen Boykott. »Um den Kontrast zu
Partnerinnen und Partnern offen und ehrlich verstärken, würde ich als deutsche Regierung
zu diskutieren«, sagte die grüne Außenminis- das Profil überall dort erhöhen, wo es den
terin Annalena Baerbock, die sich mit Kom- Menschen in Israel zugute kommt: in der Kul-
mentaren lange zurückgehalten hat, nun dem tur, in der Wirtschaft, in der Wissenschaft«,
Jose Giribas

SPIEGEL . »Wenn zentrale Grundpfeiler eines sagt der 76-Jährige. »Auf der anderen Seite:
Staates verschoben werden, dann ist ein breit null Einladungen an die Regierung, null ge-
getragener gesellschaftlicher Konsens immens meinsame Veranstaltungen, so missbilligend
18. März 2008 Bundeskanzlerin Angela
wichtig«, sagte Baerbock. »Das zeigen nicht Merkel erklärt vor der Knesset, die Sicherheit wie möglich gegenüber Netanyahu und seinen
zuletzt die vielen Menschen, die seit Monaten Israels sei Teil der deutschen Staatsräson. Ministern auftreten.«
unermüdlich auf die Straße gehen.« Dass sich jemand wie Weissglas – alles an-
Ähnlich äußerte sich Justizminister Marco 31. August 2022 Die Bundesregierung einigt dere als ein Linker – der Protestbewegung
Buschmann. Gewaltenteilung und eine un- sich mit den Hinterbliebenen des Olympia- angeschlossen hat, zeigt, wie massiv die Op-
abhängige Justiz seien grundlegende Werte Attentats auf Entschädigungszahlungen. position gegen Netanyahu mittlerweile ge-

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 17


TITEL

AUSSENPOLITIK

Deutsches Geld für palästinensischen Terror?


Israel hat sechs auch von der Bundesrepublik unterstützte palästinensische Organisationen als Terror­
finanzierer eingestuft. Zu Recht, sagt das Innenministerium. Unverständlich, findet das Auswärtige Amt.

Der Anschlag war von langer Hand vor­ oder »Union of Agricultural Work Com­ überzeugt. Sie hatten in der Vergangen­
bereitet. Als Rina Shnerb am 23. August mittees«. Ihre Projekte in den besetzten Ge­ heit immer wieder von israelischen Stellen
2019 mit ihrem Vater und ihrem Bruder bieten finanzieren sie durch private und öf­ Hinweise zu terroristischen Umtrieben
die natürliche Quelle Ain Bubin nahe der fentliche Zuwendungen – auch aus der Euro­ erhalten. So lagerte die Hisbollah in einer
jüdischen Siedlung Dolev im Westjordan­ päischen Union und aus Deutschland. Im Spedition in Deutschland Chemikalien,
land besuchte, brachten die Täter per Oktober 2021 stufte Israel die sechs NGOs mit denen Sprengstoff hergestellt werden
Fernzündung einen Sprengsatz zur Explo­ als Terrororganisationen ein. Der Vorwurf: kann. Manche der Erkenntnisse aus
sion. Die 17­Jährige wurde getötet, ihr Sie sammelten unter dem Vorwand von Israel halfen dem Ministerium auch dabei,
Vater und Bruder wurden verletzt und per Menschenrechten weltweit Spenden, um extremistische Vereine zu verbieten.
Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen. Terroroperationen der PFLP zu finanzieren.
Die Spur führte die israelischen Ermitt­ In Berlin hat der Umgang mit den sechs Der Disput zeigt, wie unterschiedlich man in
ler zur PFLP. Die Volksfront zur Befrei­ NGOs zu einem schweren Konflikt inner­ der Bundesregierung auf den Nahostkon­
ung Palästinas wurde 1967 gegründet und halb der Bundesregierung geführt. Seit gut flikt blickt. Im Auswärtigen Amt argumen­
machte in der Vergangenheit durch auf­ einem Jahr streiten sich das von Annalena tiert man, die trotz Verbots weiterhin
wendige Operationen Schlagzeilen, auch Baerbock (Grüne) geführte Außenminis­ aktiven NGOs seien wichtig für die palästi­
in Kooperation mit der deutschen RAF. terium und das Innenministerium unter nensische Zivilgesellschaft; im Bundes­
In den vergangenen Jahren aber verübten Leitung von Nancy Faeser (SPD) über die innenministerium verstehe man die »Rea­
die islamistischen Terrororganisationen Angelegenheit. lität der israelischen Besatzung« nicht.
Hamas und Islamischer Dschihad die Das Außenministerium überzeugt die Im Innenministerium dagegen vertraut
überwiegende Anzahl von Anschlägen Terroreinstufung der Israelis nicht. Ende man den israelischen Terrorwarnungen
gegen Israelis. Mit der Ermordung von Juni bekräftigte Baerbocks Haus in einer und hält den Standpunkt des Außenamts
Rina Shnerb vor vier Jahren bombte sich Antwort auf eine Anfrage der Linken­Bun­ für fahrlässig. Die Belege gegen die NGOs
die PFLP zurück in die Öffentlichkeit. destagsfraktion seine Einschätzung, dass bewerten Faesers Fachleute als derart
Vier Monate nach dem Anschlag wur­ die Belege der Israelis nicht ausreichend belastend, dass sie vor einem deutschen
den dem israelischen Inlandsgeheimdienst seien. Bereits im Juli 2022 hatte das Aus­ Gericht bestehen könnten. Man könne
Schin Bet zufolge rund 50 PFLP­Mitglie­ wärtige Amt zusammen mit acht anderen die Hinweise auf personelle Verflechtun­
der verhaftet. Durch Verhöre wurden die europäischen Außenministerien erklärt, gen zwischen den Organisationen und
Ermittler angeblich auf sechs Organisa­ dass aus Israel »keine wesentlichen Infor­ der PFLP nicht einfach beiseitewischen.
tionen aufmerksam, die bislang der paläs­ mationen« eingegangen seien, die einen Konkrete Hinweise, wie Steuergelder
tinensischen Zivilgesellschaft zugerechnet Politikwechsel rechtfertigen würden. aus Europa für Terrorzwecke missbraucht
worden waren und als harmlos galten. Im Bundesinnenministerium war man werden konnten, lieferten die Israelis eben­
Sie tragen wohlklingende Namen wie darüber verwundert. Immerhin hatten falls. Unter den Verhafteten waren vier
»Addameer Prisoner Support and die Israelis ihre Erkenntnisse bei Besuchen Personen, die als Buchhalter fungierten.
Human Rights Association«, »Defense in Berlin auf Dutzenden Powerpoint­ Mithilfe gefälschter Quittungen sollen
for Children International – Palestine« Folien vorgetragen – und Faesers Beamte Kosten dieser NGOs aufgebläht worden
sein, um höhere Zuwendungen von Part­
nern in Europa einzuwerben. Die Israelis
bestreiten nicht, dass die sechs Organisa­
tionen humanitäre Projekte durchführen.
Allerdings sollen die tatsächlichen Ausga­
ben niedriger gewesen sein. Die Differenz­
beträge seien in Terroraktivitäten geflos­
sen – rund 50 bis 70 Prozent der Spenden.
Im Auswärtigen Amt zeigt man sich da­
von unbeeindruckt. Baerbocks Beamte zwei­
feln an, dass über Jahre so hohe Summen
von Organisationen manipuliert werden
konnten, deren Projekte bei Ausschreibun­
gen doch penibel geprüft würden. Zum ande­
ren sieht man die Zeugenaussagen, auf die
sich die Vorwürfe stützen, kritisch – auch we­
gen der israelischen Verhörmethoden.
Sebastian Scheiner / AP

Zwar fördert das Auswärtige Amt nach


eigenen Angaben derzeit keine der paläs­
tinensischen NGOs. Indirekt aber fließen
über deutsche Entwicklungshilfeorganisa­
tionen immer noch Steuergelder an sie.
Trauerfeier für Anschlagsopfer Shnerb in Lod 2019: In die Öffentlichkeit zurückgebombt Christoph Schult, Wolf Wiedmann­Schmidt n

18 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


TITEL

worden ist. »Deutschland ist eine offizielle israelische Propaganda.


wahre Freundin, die uns in dieser Zeit Mittlerweile ist diese Kulisse gefallen.
vor uns selbst verteidigen muss«, sagt Finanzminister Bezalel Smotrich, der
der Rechtsanwalt. »Die deutsche Re- auch für die Siedlungen zuständig ist,
gierung sollte Netanyahu und sein gab jüngst unumwunden zu, dass man
Kabinett boykottieren. Es gibt in der den nördlichen und südlichen Teil des
Regierung keine guten oder schlech- Westjordanlandes voneinander tren-

Leon Kügeler / Photothek / IMAGO


ten Minister. Jedes Mitglied des Ka- nen wolle, um einen »arabischen Ter-
binetts ist aus meiner Sicht ein Kolla- rorstaat« zu verhindern.
borateur von der schlimmsten Sorte.« Noch wird im Auswärtigen Amt
Solche Arten des Affronts über- bei jedem neuen Bauvorhaben in is-
lässt die Bundesregierung jedoch bis- raelischen Siedlungen mantrahaft die
lang lieber Washington. US-Präsident Zwei-Staaten-Lösung beschworen.
Joe Biden hat Netanyahu seit seiner Was viele Diplomaten längst denken,
Rückkehr ins Amt bis heute nicht ein- aber sich nicht zu sagen trauen,
geladen, stattdessen bereitete er des- spricht Heusgen in seinem Buch aus:
sen Gegenspieler, Staatspräsident lienmitgliedern«, gibt der Diplomat Justizminister Er halte es angesichts der massiven
Isaac Herzog von der linken Arbeits- das Gespräch wieder. »Man hilft ein- Buschmann, Levin in Ausweitung der israelischen Siedlun-
Jerusalem: Empfeh-
partei, in Washington einen herzli- ander. Aber wenn man sieht, dass der lung des Auswärtigen
gen mittlerweile für unmöglich, einen
chen Empfang. andere einen Fehler begeht, warnt Amts ignoriert zusammenhängenden, lebensfähigen
Wenn es um den Konflikt mit den man ihn. Die Freundschaft muss ab- Staat Palästina zu schaffen. »Wir sind
Palästinensern ging, drohten US- solut aufrichtig sein.« intellektuell nicht bereit einzugeste-
Regierungen in der Vergangenheit Merkel sei in Israel sehr verehrt hen, dass es keine Zwei-Staaten-Lö-
ihrem Verbündeten Israel gegenüber worden, sagt der Ex-Botschafter, sung mehr geben wird«, sagt Heusgen
sogar mit Sanktionen. Finanzhilfen »aber sie hat diese Möglichkeit nicht auch im Gespräch. Stattdessen werde
oder Waffenlieferungen machte Wa- genutzt. Sie hatte Angst, als Anti- es einen Staat geben, der entweder
shington auch von Zugeständnissen semitin oder Israelfeindin bezeichnet demokratisch sei, also mit gleichen
abhängig – ein Hebel, der sich aus zu werden. Sie hat Dinge kritisiert, Rechten für Israelis und Palästinenser.
deutscher Sicht verbietet. Die frühe- aber leider nicht stark genug. So Oder einen jüdischen Staat, mit einer
re Kanzlerin Angela Merkel erklärte konnte Netanyahu immer behaupten, palästinensischen Bevölkerung zwei-
2008 vor der Knesset, Israels Sicher- es gebe keinen Konflikt mit Deutsch- ter Klasse.
heit sei Teil der deutschen Staats- land über die Frage, was in den pa- In der Analyse unterscheidet die
räson. Undenkbar, dass Berlin die lästinensischen Gebieten passiert«. Bundesregierung bislang zwischen
Lieferung von U-Booten verweigert, Es sei eine ähnliche Zurückhaltung der Justizreform und dem israelisch-
die Israel zur Abschreckung von Fein- wie bei Joschka Fischer gewesen, dem palästinensischen Konflikt. Der Um-
den wie Iran einsetzt. grünen Außenminister vor Merkel, bau der Justiz wird in Berlin in erster
Allerdings erörterten deutsche sagt Ben-Zeev. »Ich habe ihm gesagt: Linie als interne israelische Angele-
Regierungen immer wieder die Fra- Wenn Sie ein Freund Israels sind, genheit betrachtet, über die man
ge, ob man sich in die Verhandlun- müssen Sie Ihre Kritik äußern. Aber höchstens Sorge äußern könne. Die
gen über eine Zwei-Staaten-Lösung auch er hatte Angst.« Besatzung des Westjordanlandes hin-
stärker einmischen sollte. Einer, der Bei Merkel drückte sich das unter gegen ist aus deutscher, europäischer
sich dafür engagierte, ist Christoph anderem darin aus, dass sie nicht je- und amerikanischer Sicht ein Verstoß
Heusgen. Der Karrierediplomat,
heute Chef der Münchner Sicher-
den Besuch in Israel mit einem Ab-
stecher zum Präsidenten der Auto-
»Wir sind gegen das Völkerrecht. Eine Einmi-
schung sei hier also gerechtfertigt, so
heitskonferenz, diente Kanzlerin nomiebehörde Mahmud Abbas in nicht bereit das Argument der Regierung.
Merkel von 2005 bis 2017 als außen-
politischer Berater. Und er warb
Ramallah verbinden wollte. Oder
dass sie in ihren Reden regelmäßig
einzugeste- Meron Mendel, Direktor der Bil-
dungsstätte Anne Frank in Frankfurt,
damals intern darum, Israels Regie- auf deutliche Kritik an Israel verzich- hen, dass es warnt davor, die Themen zu trennen.
rungspolitik deutlicher zu kritisie- tete. Ex-Berater Heusgen berichtet in keine Zwei- »Es wäre naiv, den Umbau der Justiz
ren. Merkel jedoch fand, als deut- seinem Anfang des Jahres erschiene- losgelöst von der Besatzung der Pa-
sche Kanzlerin müsse sie sich da nen Buch: »Bei Gesprächen in klei- Staaten- lästinensergebiete zu betrachten«,
zurückhalten. nem Kreis mit Netanyahu überließ sie Lösung ge- sagt Mendel. Mit der Entmachtung
»Die Kanzlerin war aufgrund ihrer es gelegentlich mir, die Kritik an der der unabhängigen Justiz und des
DDR-Biografie dadurch geprägt, dass Siedlungspolitik zu äußern.« ben wird.« Obersten Gerichts gehe Netanyahu
sie sich mit dem Holocaust und der Heusgen berichtet von einem Tref- Christoph Heusgen, einen wesentlichen Schritt voran, den
deutschen Schuld erst nach dem Fall fen mit einem Berater Netanyahus. Es Ex-Merkel-Berater Traum der Nationalreligiösen von
der Mauer richtig auseinandergesetzt ging um die israelischen Pläne, ein seit einem Großisrael bis zum Jordan zu
hatte«, erzählt Heusgen. »Das Schick- Längerem umstrittenes Gebiet östlich verwirklichen.
sal der Palästinenser hat sie rational von Jerusalem zu bebauen. Damit Der israelische Historiker fordert
absolut verstanden, aber mit dem würde das Westjordanland in zwei deshalb die Bundesregierung auf, sich
Herzen war sie bei den Israelis.« Teile zerschnitten, ein zusammenhän- einzumischen, solange es noch geht.
Ein Fehler sei das gewesen, findet gender Staat wäre dann nicht mehr »Bei allen demokratischen Verbün-
der Ex-Botschafter Ben-Zeev. Bei möglich, argumentierte Heusgen. deten Israels sollten jetzt die Alarm-
mehreren Treffen mit Merkel habe er Kein Problem, habe der Netanyahu- glocken läuten«, sagt der Israeli.
Andreas Chudowski

der Kanzlerin gesagt, was er unter Mann entgegnet, man könnte doch »Wenn dieser Staatsstreich von oben
ihren Worten von der Staatsräson Tunnel bauen. vollendet ist, dann ist es zu spät, um
gegenüber Israel verstehe. »Das ist Siedlungen seien »kein Friedens- noch zu intervenieren.«
eine Verpflichtung wie unter Fami- hindernis« – so lautete über Jahre die Christoph Schult n

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 19


DEUTSCHLAND

Jan Woitas / picture alliance / dpa


Ein gigantischer Schaufelradbagger überquert die Bundesstraße 176 westlich von Leipzig und blockiert den Straßenverkehr. Was aussieht wie die
Szene aus einem Science-Fiction-Film, dient dem Braunkohletagebau. Das Gerät ist 1680 Tonnen schwer und ist auf einem elf Kilometer langen
Weg vom Abbaufeld in Schleenhain zu dem Feld Peres. Zum Schutz der Fahrbahn haben Arbeiter diese mit einem Vlies, Bändern und einer etwa ein
Meter hohen Schicht aus Kies und Sand bedeckt. Der Bagger ist vor mehr als zwei Wochen gestartet und soll am Montag ankommen. Im Herbst
soll der Schaufelradbagger seine Arbeit auf dem neuen Feld aufnehmen. Deutschland will bis spätestens 2038 aus der Kohle aussteigen.

Mammutprozess gegen »Reichsbürger«


JUSTIZ Das Verfahren wegen eines mutmaßlich geplanten Staatsstreichs dürfte in keinen Gerichtssaal passen.

ie Ermittlungen gegen Mitglieder eines »Reichsbürger«- müssen aber ebenfalls mit Anklagen rechnen. Der Bundesanwalt-
D Netzwerks wegen eines mutmaßlich geplanten Regierungs-
umsturzes könnten in einem Gerichtsprozess münden, der
die gewohnten Dimensionen sprengt. Nach SPIEGEL -Recherchen
schaft zufolge soll das »Reichsbürger«-Netzwerk Pläne geschmie-
det haben, den Bundestag zu erstürmen und Abgeordnete als
Geiseln zu nehmen. Der Fall wurde nach einer Großrazzia Anfang
gibt es Überlegungen, das Verfahren parallel an mehreren Stand- Dezember publik, als etwa 3000 Beamte in elf Bundesländern
orten stattfinden zu lassen, die dann etwa für Zeugenaussagen über sowie Italien und Österreich mehr als 130 Wohnungen, Häuser
Videoschalten miteinander verbunden werden könnten. und Büros durchsuchten. Das Bundeskriminalamt richtete die
Der Grund ist die Vielzahl der Beschuldigten, die voraussichtlich Besondere Aufbauorganisation »Schatten« ein. Unter den Festge-
mit jeweils zwei Verteidigern vor Gericht erscheinen werden. Ins- nommenen waren auch ehemalige Bundeswehrsoldaten und
gesamt 26 mutmaßliche Umstürzler, darunter Heinrich XIII. Prinz aktive Angehörige des Kommandos Spezialkräfte.
Reuß und die ehemalige AfD-Bundestagsabgeordnete und Richte- Aufgrund der laufenden Ermittlungen wollte sich die Bundes-
rin Birgit Malsack-Winkemann, sitzen derzeit in Untersuchungs- anwaltschaft nicht zu den Überlegungen äußern. Noch gibt es
haft. Dutzende weitere Beschuldigte wurden zwar nicht inhaftiert, keine Anklagen. GUD

20 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023

DIGAS_B2B-/var/www/htdocs/tmp/Divibib-sp2331
Elitekrieger wird nen in der Bundeswehr, dem
DER GESUNDE MENSCHENVERSTAND
Wehrressort, aber auch auf
BND-Vize internationaler Ebene. Von
PERSONALIEN I Der frühere 2013 bis 2017 kommandierte er Eintracht Knochensäge
Chef des Bundeswehr-Elitever- den Eliteverband KSK in Calw,
bands Kommando Spezialkräfte der in den Jahren darauf wegen
(KSK) soll Vizepräsident des rechtsextremer Umtriebe in die Von Markus Feldenkirchen Milliarde Euro für Kylian
Bundesnachrichtendienstes Schlagzeilen geriet. Der Briga- Mbappé zahlen, den aktuell
(BND) werden. Nach einem in-
ternen Auswahlverfahren ent-
schied sich der Auslandsgeheim-
dienst für den 57-jährigen Bri-
degeneral wird einer von drei
Vizepräsidenten sein, der Pos-
ten wird traditionell mit einem
Militär besetzt. Zu seinen Auf-
W ann immer ich an der
Botschaft Saudi-Ara-
biens in Berlin vor-
beifahre, erfasst mich dieses
vielleicht besten Spieler der
Welt: 300 Millionen Ablöse,
700 Millionen Gehalt. Für ein
Jahr. Sportlich ist die saudi-
gadegeneral Dag Baehr, der in gaben gehören unter anderem beklemmende Gefühl. Und sche Liga so prickelnd und re-
den Neunzigerjahren selbst detaillierte Briefings über BND- diese Gruselfantasie: dass levant wie der Kreispokal
einen Kommandozug des weit- Erkenntnisse für die Fachpoliti- gleich ein Trupp Saudis aus Euskirchen. Auch die Stim-
gehend geheim agierenden KSK ker des Bundestags. Der bishe- dieser umgitterten Depen- mung im Stadion ist vergleich-
führte. In den Jahren darauf rige BND-Vizepräsident, Gene- dance der Finsternis stürmt, bar. Warum also?
führte er mehrmals mit den ralmajor Wolfgang Wien, wech- einen packt, hineinzieht, Das Erfolgsprinzip des
Spezialkräften Einsätze in Af- selt im Herbst als militärischer tötet, mit der Knochensäge saudischen Prinzen und seiner
ghanistan durch. Baehr gilt als Chefberater in die deutsche zerlegt und dann verteilt auf Clique ist das gleiche wie das
profilierter Eliteoffizier, er ab- Nato-Vertretung ins Hauptquar- Tüten wieder rausträgt, um von Mario Adorf als rheini-
solvierte verschiedenste Positio- tier nach Brüssel. MGB einen im Tiergarten gegen- scher Fabrikant Heinrich Haf-
über zu verscharren. So ähn- fenloher in der Serie »Kir Ro-
lich wie es die Schergen des yal«: »Isch kleb disch zu von
Steuerfreie Waffen? steuer gebunden und stehen saudischen Kronprinzen Mo- oben bis unten. Mit meinem
nicht für die notwendigen Inves- hammed bin Salman mit Geld. Isch kauf disch einfach.«
RÜSTUNG Um den Wehretat titionen zur Verfügung«, so dem regimekritischen Journa-
zu entlasten, fordert der SPD- Schwarz. Die Umsatzsteuer fließt listen Jamal Khashoggi im »Isch kleb disch
Bundestagsabgeordnete An- vor allem an Bund und Länder. Konsulat in Istanbul ganz of-
dreas Schwarz einen Steuer- Es sei »finanzpolitischer Irrsinn«, fenkundig gemacht haben.
zu von oben bis
nachlass für Rüstungseinkäufe. dass Staatseinnahmen Rüstungs- Dieses Saudi-Arabien, in unten. Mit meinem
»Die Umsatzsteuer sollte für ausgaben schmälerten. Schwarz dem kritische Blogger 1000 Geld. Isch kauf
eine befristete Zeit – etwa schlägt auch ein Sanierungspro- Peitschenhiebe erhalten, Frau- disch einfach.«
fünf Jahre – für Beschaffungen gramm für Kasernen vor: »Wir enrechtlerinnen in den Knast
im Militärbereich von derzeit können erhebliche Betriebskos- wandern, in dem gefoltert und Nur eben auf Arabisch statt
19 auf 0 Prozent abgesenkt ten einsparen und einen Beitrag die Amputation von Körper- auf Kölsch.
werden«, sagt der im Haus- zu Energiewende und Klima- teilen als Strafmaß verhängt Man könne von Sportlern
haltsausschuss für das Wehr- schutz leisten.« Dies führe zu wird, in dem Menschen öffent- nicht verlangen, Dinge wie
ressort zuständige Sozialdemo- Einspareffekten im Haushalt der lich enthauptet oder gesteinigt Menschenrechte im Blick zu
krat und verweist auf das Bundeswehr und ermögliche werden und das im Jemen haben und die politischen
Bundeswehr-Sondervermögen. mehr Investitionen. Als Finanz- wiederholt Kriegsverbrechen Folgen ihres Handelns zu re-
Davon müssen auch Kredit- quelle eigne sich der Klima- und begeht, dieses Land ist der flektieren, heißt es oft. Ich fin-
zinsen und die Steuer bezahlt Transformationsfonds. Moderne neue heiße Scheiß in der schil- de, man kann das erwarten.
werden. »Damit sind fast Unterkünfte würden die Attrak- lernden Welt des Profifußballs. Viel Geld verdienen die Fuß-
25 Prozent des Sondervermö- tivität des Arbeitgebers Bundes- Entschuldigen Sie die klare ballstars ohnehin, es sei ihnen
gens für Zinsen und Umsatz- wehr steigern. KOR Sprache, aber genau so ist es. gegönnt. Wenn sie sich aber
Erst wechselte Cristiano bewusst entscheiden, ihr Ta-
Ronaldo zum Wüstenklub lent und ihr Können für
Al-Nassr FC, wo er rund noch mehr Geld einer Dikta-
Nachgezählt 200 Millionen Euro pro Jahr tur und deren Menschen-
bekommt. Dann folgten dem feinden zur Verfügung zu stel-
Anteil der Bodenversiegelung in Deutschland 2021 38-Jährigen viele weitere len, für deren Image- und
Stars in den Wüstenstaat, da- Werbezwecke, dann können
6,35 % der Fläche Deutschlands
sind versiegelt (22.718 km ). 2
runter nicht nur Auslaufmo- sie nicht weiter auf arme Un-
Das entspricht delle. Ronaldos ewiger Rivale politische und Unschuldige
mehr als der Größe Lionel Messi übrigens hat machen. Dann werden sie
Hessens als Auslaufstation Inter Miami mitschuldig an den Gräuelta-
(21.116 km2). in Florida gewählt. Viel- ten ihrer Financiers.
leicht auch, weil er es sich leis- Deshalb feiere ich alle
ten kann –Messi ist bereits Spieler, Trainer und Ver-
als Tourismusbotschafter für eine, die den blutgetränkten
die Saudis tätig. Millionen aus Schurken-
Ein Klub namens Al-Hilal staaten trotzen. Die gibt es
wollte offenbar sogar eine nämlich auch noch.
Die Bodenversiegelung
nahm von 1992 bis 2021 um
4879 km2 zu. Das entspricht einer An dieser Stelle schreiben Anna Clauß, Markus Feldenkirchen und
Zunahme von mehr als 27 %. Alexander Neubacher im Wechsel.
S Quellen: Umweltbundesamt, Destatis, eigene Recherche; Karte: OpenStreetMap

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 21


DEUTSCHLAND

Liste mit Terrorhelfer Sanktionsausschuss beantragt, Flugzeugen angriff. Rund Teures Studium
aus dem Verzeichnis von Mit- 3000 Menschen starben. Laut
TERRORISMUS Ein Helfer der gliedern der Terrorgruppe Urteil hatte der Marokkaner die HOCHSCHULEN Mehr als
Attentäter vom 11. September gelöscht zu werden. Gelistete Todespiloten um Mohammed 100.000 Bezieherinnen und Be-
2001 könnte von der Terrorliste Personen dürfen kaum reisen. Atta unter anderem durch Geld- zieher von Studienkrediten der
der Vereinten Nationen ver- Außerdem sollen Uno-Mit- überweisungen unterstützt. Kreditanstalt für Wiederaufbau
schwinden. Ein Gremium des gliedsstaaten ihre Konten ein- Motassadeq hatte bis zuletzt (KfW) sind von den stark ge-
Uno-Sicherheitsrats prüft den frieren. Motassadeq war Teil seine Unschuld beteuert. 2018 stiegenen Zinsen betroffen. Das
Fall. Der in Hamburg verurteil- der Hamburger Zelle, die 2001 wurde er aus der Haft nach geht aus einer noch unveröf-
te Marokkaner Mounir al- das World Trade Center und Marokko abgeschoben. Seit fentlichten Antwort der Bun-
Motassadeq hat beim Al-Qaida- das Pentagon mit gekaperten Ende Mai sammelt ein Om- desregierung auf eine Anfrage
budsmann der Uno in mehre- der Linken hervor. Demnach
Angegriffenes ren Ländern Informationen entrichten rund 102.000 Rück-
World Trade Center über den Verschwörer. Am zahler aktuell zwischen fünf
Ende des monatelangen Ver- und sieben Prozent Zinsen auf
fahrens gibt der Experte eine ihre Studienkredite, bei gut
Empfehlung ab, dann entschei- 67.000 Betroffenen sind es so-
det der Ausschuss in New gar mehr als sieben Prozent.
York. Die Bundesregierung hat Dabei geht es um eine Gesamt-
nach SPIEGEL -Recherchen summe von über zwei Milliar-
signalisiert, die Streichung nicht den Euro. Während der Corona-
zu unterstützen. Nach Ein- pandemie war der Kredit der
schätzung der Behörden gilt staatlichen Förderbank zinsfrei,
der Islamist in der Szene wei- die Zahl der Anträge stieg im
Seth McAllister / AFP
terhin als Held. Das Justiz- Jahr 2020 auf über 49.000. Die
ministerium und die Uno woll- zinsfreie Phase endete im Ok-
ten sich auf Anfrage nicht zu tober 2022 – und der effektive
dem Fall äußern. ROL Zinssatz stieg auf über sechs
Prozent an. Mittlerweile liegt
er bei 7,82 Prozent. »Die
Unter Niveau mehr von Notlösungen sprechen, die Praxis habe Bundesregierung lässt gerade
»Auswirkungen auf das gesamte System der Zehntausende bewusst in die
LEHRER Eine Gruppe von Schulforschern äußert Lehrkräftebildung«. Die Wissenschaftler warnen Schuldenfalle rutschen«, sagt
sich kritisch über den zunehmenden und weit- vor einem »Unterlaufen« etablierter Standards die Linkenabgeordnete Nicole
gehend unkontrollierten Einsatz von Quer- und und fordern einen »einheitlichen alternativen Gohlke. Die Politikerin fordert
Seiteneinsteigern an deutschen Schulen. »Alter- Qualifikationsweg unter Einbeziehung der Hoch- von der Bundesregierung, einen
native Qualifikationswege ins Lehramt sind noch schulen«. »Wir haben einen dramatischen Leh- Teil der Zinslast zu überneh-
unzureichend überprüft und müssen den Beweis rermangel, das ist klar«, sagt Andreas Hartinger, men. Die Bundesregierung sagt,
erbringen, dass ihre Absolvent:innen zumindest einer der neun Verfasser und Professor für die Ausgestaltung der Darle-
mittelfristig vergleichbare professionelle Kom- Grundschulpädagogik an der Uni Augsburg. Den- hensbedingungen obliege grund-
petenzen erwerben wie traditionell ausgebildete«, noch müsse an dem Grundprinzip festgehalten sätzlich der KfW. Eine ander-
heißt es in einer 14-seitigen Stellungnahme der werden, die Grundlagen für das Unterrichten weitige Unterstützung der
Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung. über Jahre in einem Studium, verzahnt mit prak- Kreditnehmer sei aktuell nicht
Angesichts der steigenden Zahl könne man nicht tischen Erfahrungen, aufzubauen. FRI geplant. SUN

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Begehrter Posten er als verteidigungspolitischer
Sprecher der FDP-Fraktion zu-
PERSONALIEN II Der Wechsel rück, nachdem er eine Sitzung
der FDP-Politikerin Marie-Agnes des Verteidigungsausschusses
Strack-Zimmermann nach mit der Begründung verlassen
Brüssel hat Begehrlichkeiten an hatte, Bundeskanzler Olaf
ihrem Posten im Bundestag ge- Scholz habe darin Fragen zur
weckt. Die derzeitige Vorsitzen- Ukrainepolitik nicht beant-
de des Verteidigungsausschusses wortet. Seitdem arbeitet der
will 2024 für das Europaparla- 39-jährige Abgeordnete aus

Anne-Sophie Stolz / DER SPIEGEL


ment kandidieren. Für ihre Sachsen-Anhalt an seiner Reha-
Nachfolge hat der FDP-Bundes- bilitierung. Auch Fabers Nach-
tagsabgeordnete Marcus Faber folger als verteidigungspoli-
Interesse angemeldet. Im Parla- tischer Sprecher der FDP-Frak-
ment zählt Faber zu den lau- tion im Bundestag, Alexander
testen Befürwortern massiver Müller, werden Chancen auf die
Waffenlieferungen an die Ukrai- Nachfolge Strack-Zimmer-
ne. Im vergangenen Jahr trat manns nachgesagt. CSC

»Keine Witze über unsere


»Vielleicht bleiben übernachtet und wollten ein
wir länger«
bisschen ärgern. Nach dem Mäh-Maschinen«
Motto: Wenn ihr uns nicht ha-
Der Organisator und Punk ben wollt, kommen wir erst
DER AUGENZEUGE Walter Dal-Magro, 53, Projekt-
Jonas Hötger, 23, über ein Pro- recht. Diesmal ist alles struktu-
testcamp auf Sylt, den Kampf rierter. Die Aktion war von leiter Technischer Umweltschutz aus Karlsruhe,
der Punks gegen Reiche und Beginn an als Protestcamp ge- pflegt die Wiesen neben südwestdeutschen
das Problem mit den Dixi-Klos plant. Wir setzen uns für die
Einheimischen ein und möchten
Autobahnen – mithilfe von Schafen und Ziegen.
SPIEGEL: Herr Hötger, warum sie nicht vergrätzen.
sind die Punks wieder auf Sylt? SPIEGEL: Was planen Sie? »Derzeit nutzen wir – das heißt die Schafe und Ziegen auch
Hötger: Wir haben unser Ziel im Hötger: Wir halten hier jeden die Autobahn GmbH Nieder- nicht: Unsere Flächen sind mit
vorigen Jahr noch nicht erreicht: Morgen um zehn Uhr ein Ple- lassung Südwest – 396 Schafe festen Zäunen umgeben, zu-
Wir protestieren für nachhalti- num ab und entscheiden ge- und Ziegen, um sogenannte sätzlich werden die Tiere mit
gen Wohnraum und bezahlbare meinsam. Mein Herzensprojekt Ausgleichsflächen und Havarie- mobilen Zäunen gesichert.
Mieten. Sylt als Insel der Rei- ist zum Beispiel ein Christopher becken neben den Autobah- Diese Methode ist nicht nur
chen taugt zum Symbol. Wäh- Street Day auf Sylt. Wir werden nen zu pflegen. Das sind günstiger als das Mähen mit
rend fremde Multimillionäre demnächst sicher mal für sexuel- Flächen, die wegen des Auto- Maschinen, sie ist vor allem
hier Villen haben, müssen Ein- le Vielfalt durch die Stadt laufen. bahnbaus ökologisch aufge- ökologischer: Wir sparen
heimische des Geldes wegen Auch Klimaschutz ist wichtig. wertet wurden, und Auffang- Kraftstoffe, und die Tiere fres-
auf das Festland ziehen. Das SPIEGEL: Wer sind die Leute in becken, die im Falle eines sen nicht nur das Gras, son-
muss sich ändern. Ihrem Camp? Unfalls Öl und Kraftstoffe auf- dern reduzieren auch aufkom-
SPIEGEL: Warum steht Ihr Camp Hötger: Alle sind links. Es gibt fangen können. Insgesamt mendes Buschwerk. Das
in diesem Jahr außerhalb, auf hier aber nicht nur Punks. Man- werden rund eine Million schafft eine vielfältigere Fauna
einer Wiese am Flughafen? che sehen ganz bürgerlich aus. Quadratmeter Grünfläche be- und Flora. Oft gibt es auf
Hötger: Es gab strenge Auflagen Ein Koch ist dabei, ein Stein- weidet. Ich habe die nachhal- den Ausgleichsflächen Haufen
durch den Kreis. Wir wären metz, ein Raumausstatter. Zur- tige Landschaftspflege vor gut mit geschlagenem Holz
gern näher an der Innenstadt zeit sind wir 50 Personen, ich einem Jahr mit zwölf Tieren oder Steinschüttungen – dar-
von Westerland, um ein größe- gehe davon aus, dass es in der begonnen und schnell ge- auf klettern die Tiere mühe-
res Publikum zu erreichen. Zu- Spitze mehr als 100 werden. merkt, dass sie gut funktio- los herum und fressen alles
gleich würde die Gemeinde uns SPIEGEL: Das Camp ist bis zum niert. Wir sind in diesem Um- ab – auch an Stellen, die ein
am liebsten ganz vertreiben. 20. August angemeldet. Werden fang damit bundesweit Vorrei- Mensch nur schlecht erreichte.
Jetzt gibt es einen Kompromiss. Sie pünktlich abziehen? ter. Die Tiere kommen von re- ›Mäh-Maschinen‹ klingt lus-
Was uns stört: Wir müssen auf Hötger: Warten wir mal ab, viel- gionalen Schäfern, die von tig, aber es gibt keinen Grund,
eigene Kosten Dixi-Klos aufstel- leicht bleiben wir länger. Ob wir uns dafür ein zusätzliches Ent- Witze zu machen: Es sind
len, das wird uns mindestens Verlängerung einreichen, hängt gelt erhalten. Für die Schäfe- eben gerade keine Maschinen,
1000 Euro kosten. Dabei gibt es auch davon ab, ob es uns ge- rinnen und Schäfer ist es auch sondern Tiere, die das günstig,
das Sylt-Stadion, das auch als lingt, das Camp über Spenden deshalb attraktiv, weil wir ih- gründlich, umweltfreundlich
Standort infrage käme. Dort zu finanzieren. SMS nen relativ große Flächen an- und nachhaltig leisten. Ich bin
gibt es feste Toiletten. bieten können. Die Tiere stö- auch nicht der ›Ziegen-Walter
SPIEGEL: Vergangenes Jahr gab ren sich nicht an der nahen von der Autobahn‹, wie mich
es viele Beschwerden, etwa Autobahn. Vor Projektstart manche Kolleginnen und Kol-
über Lärm in der Nacht. Kön- haben wir wissenschaftlich legen scherzhaft nennen. Als
nen Sie verstehen, dass die überprüfen lassen, dass die Projektverantwortlicher bei
Leute Sie nicht mögen? Abgase für die Tiere nicht ge- der Autobahn GmbH engagie-
Hötger: Damals sind zunächst sundheitsschädlich sind. Auf re ich mich für die Umwelt.«
Hunderte Punks angereist, Hötger auf Sylt die Autobahn laufen können Aufgezeichnet von Dietmar Hipp
Privat

haben in der Fußgängerzone

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 23


DEUTSCHLAND

Kein schöner Land

Erik Gross / DER SPIEGEL


Urlauber am Strand von Binz auf Rügen

Die Bundesregierung will mit einem LNG-Terminal auf Rügen die


PROTESTE
Gasversorgung sichern – und hat viele Inselbewohner gegen sich. Es geht um die Schönheit der Natur,
um den Tourismus und nicht zuletzt um die Frage, wie das Deutschland der Zukunft aussieht.

ach wenigen Metern auf der Strand- In Mukran, dort, wo die dunklen Wolken Krise und der Transformation zuzumuten ist,
N promenade von Binz ist klar, dass es
gewittern wird. Aus dem Nordwesten
ziehen dunkle Wolken auf, der Wind treibt
sich immer weiter aufbauen, will die Bundes- wie viel ein jeder akzeptieren muss. Es geht,
regierung einen Terminal platzieren, an dem so sieht es zumindest Gardeja, um nicht we-
gewaltige Tankschiffe verflüssigtes Erdgas niger als die Demokratie. Die Macht der Bür-
sie auf die Bucht zu. »Da hinten über Mukran (LNG) anlanden sollen. Sie will damit die gerinnen und Bürger, sich gegen das Vorhaben
sind schon die ersten Blitze zu sehen«, sagt Erdgasversorgung in Deutschland und in zu wehren, sieht er beschränkt.
Kai Gardeja. Wer ohne Regenschutz nach Rü- Europa sichern, es ist ein Mammutprojekt. Gardeja ist auf Rügen eines der prominen-
gen kommt, kennt die Ostseeküste nicht. Gar- Kanzler Olaf Scholz (SPD) und sein Vize, testen Gesichter des Protests gegen den LNG-
deja hat selbstverständlich einen Schirm dabei. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck Terminal. 95.000 Unterschriften gegen den
Er kann, ohne zu überlegen, all das auf- (Grüne), waren schon hier, um das Projekt zu Bau hat er mit der Bürgerbewegung vor Ort
zählen, was Binz auf Rügen so schön macht. verteidigen, überzeugt hätten sie nur wenige, bereits gesammelt, eine stolze Zahl bei nur
Die Nähe zu den Kreidefelsen, das historische glaubt Gardeja. »Die Menschen verstehen knapp 65.000 Inselbewohnern. Im Mai ist er
Jagdschloss Granitz, die weiße Bäderarchi- nicht, dass diese Postkartenidylle für fossile nach Berlin gereist, um im Petitionsausschuss
tektur an der Promenade, der feine Sand. Er Energie geopfert werden soll«, sagt der Tou- vorzusprechen, Anfang Juli dann im Ausschuss
hat es ja schon so oft erzählt, Gardeja, 47, ist rismusmanager. Die Heimat, das Zuhause, für Klima und Energie. Gebracht hat es nichts.
der Tourismusdirektor der Binzer Bucht. werde »in einer undemokratischen Art und Einige Tage später stimmten die Abgeordneten
Wenn der Mann mit der hohen Stirn und Weise zerstört«. für die Aufnahme des Hafens von Mukran in
den windzerzausten Haaren in diesen Wo- Es geht in diesem Konflikt also nicht nur das LNG-Beschleunigungsgesetz. So bereite-
chen Besuchern seine Insel zeigt, kommt er um die Natur, um die Schönheit der Insel, um ten sie den Weg für die riesigen Schiffe.
allerdings nur noch selten ins Schwärmen, den Tourismus, nicht nur um die Frage, wie Die kommenden Wochen werden nun ent-
dann steht sein Ärger im Vordergrund. viel Veränderung den Menschen in Zeiten der scheidend sein, dann müssen die Behörden

24 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


DEUTSCHLAND

in Mecklenburg-Vorpommern dem fen  wurde. Sie kümmert sich um Wie schnell das System gestört
Bau zustimmen. Die Gemeinde Binz Energiesicherheit in Deutschland werden kann, machten die Explosio-
wolle bis zum Äußersten gehen, um und ist verantwortlich für die nen an den Nord-Stream-Gaspipe-
ihre Bucht zu verteidigen, verspricht Umsetzung des LNG-Terminals auf lines im vergangenen September
Gardeja. Türkisfarbene Kreuze, die Rügen. deutlich: Mit einem solchen Anschlag
überall auf der Insel stehen, sind die Steinberg ist überzeugt, dass es kann eine komplette Versorgungsader
Symbole des Protests. den Terminal braucht, um das Gas zu ausfallen. Was also, wenn auch die
Rügen, die größte deutsche Insel ersetzen, das bis vor dem Angriffs- Leitungen aus Norwegen angegriffen
mit ihrer 574 Kilometer langen Küste, krieg aus Russland gekommen ist. werden? Niemand in Steinbergs Ab-
zieht seit Jahrhunderten Künstler und Auch wenn die Gaslage im Land zur- teilung macht sich Illusionen, dass
Intellektuelle in ihren Bann. Auf Rü- zeit erstaunlich gut aussieht: Die Ver- Tausende Röhrenkilometer hundert-
gen komponierte Johannes Brahms sorgung von Industrie und Haushal- prozentig überwacht werden können.
Teile seiner 1. Sinfonie, Caspar David ten klappt, die Speicher für den kom- Auch technische Störungen könn-
Friedrich malte die Kreidefelsen, und menden Winter füllen sich. Dennoch ten die Gasversorgung gefährden –
Theodor Fontane ließ seine traurige warnt Steinberg: »Das Gasnetz in oder der Fortlauf des Krieges: Russ-
Romanfigur Effi Briest durch die Bu- Deutschland muss sicherer werden.« land schickt bislang trotz des Aus von
chenwälder wandeln. Kann man an Der Fokus liege bei allen Diskussio- Nord Stream weiter Gas über die
diesem Schauplatz der deutschen Ro- nen immer sehr stark auf dem Strom- Ukraine nach Europa. Länder wie Ös-
mantik zehn Milliarden Kubikmeter netz, aber auch das Gasnetz müsse Wirtschaftsminister
terreich und Ungarn werden so noch
Gas pro Jahr aus Tankschiffen pum- man im Blick haben. »Das hat uns Habeck: Sehr immer maßgeblich mit Gas versorgt.
pen? Kann dieser Sehnsuchtsort zu das letzte Jahr gezeigt.« angespannter Zeitplan Mit einem Stopp könnte Russlands
einem Umschlagplatz für Flüssigerd- Präsident Wladimir Putin eine erneu-
gas werden – und irgendwann einmal te Energiekrise in Europa auslösen.
zu einem Zentrum für erneuerbare Ein plötzlicher Gasmangel in
Energien und grünen Wasserstoff, der Deutschland wäre eine Katastrophe,
dort aus dem Strom der Windparks der Terminal Rügen ist aus Sicht
vor der Küste produziert werden soll? der Bundesregierung alternativlos.
Taugt Rügen als Symbol für das Ver- Mukran, so formuliert es ein Kabi-
sprechen des Kanzlers und seiner nettsmitglied, sei so etwas wie die

Fabrizio Bensch / REUTERS


Regierung, ein neues, grünes Wirt- politische Lebensversicherung von
schaftswunder im Land zu entfachen? Scholz und Habeck.
Die Ampel hat es eilig mit dem Pro-
jekt, nachzulesen ist es in einem Brief, Schwerin
den der Bundeswirtschaftsminister an Till Backhaus (SPD), Landesumwelt-
IMAGO

seinen Amtskollegen in Mecklenburg- minister von Mecklenburg-Vorpom-


Vorpommern geschrieben hat. Schon mern, findet sehr deutliche Worte,
zu Winterbeginn sollen zwei Regasifi- wenn es um den geplanten Terminal
zierungsschiffe im Hafen Mukran fest- Gefährdetes Urlaubsparadies? in seinem Bundesland geht. Wenn das
machen. Von dort soll das Gas über Verfahren zur Änderung des LNG-
eine 50 Kilometer lange Pipeline ins Geplanter LNG-Terminal bei Mukran auf Rügen Beschleunigungsgesetzes nicht trans-
und die mögliche Pipelinetrasse zum Festland
Netz gelangen. Dafür muss der Hafen parent ablaufe, warnte er in einer
ausgebaut, die Fahrrinne vertieft wer- Rede im Bundesrat im Juli, dann wer-
10 km
den. Und schließlich muss eine neue OSTSEE de das Vorhaben untersagt. Er forder-
Erdgasleitung quer durch den Greifs- Kreideküste te auch, der Bund müsse »endlich
walder Bodden verlegt werden, vor Nationalpark plausibel darlegen«, dass der Bedarf
der Küste Rügens. Jasmund Mecklenburg- für den Terminal gegeben sei. Das
Vorpommern
Die Eile ist nicht nur politisch be- Klagerisiko, warnte der Sozialdemo-
gründet. Im Flachwasser des Greifs- Sassnitz krat, sei »immens«.
walder Boddens legt der Hering seine Mukran geplanter Es war eine unmissverständliche
Eier ab, die Schonzeit beginnt Anfang RÜGEN LNG-Terminal Drohung, auch an den Parteifreund
des Jahres. Bis dahin soll das Projekt Bergen Prorer im Kanzleramt.
nach Meinung des verantwortlichen mögliche
auf Rügen Wiek Rechtlich hat Mecklenburg-Vor-
Binz Pipeline-
Ministers fertig sein, sonst müsste pommern in der Angelegenheit wenig
trasse
man viele Monate warten. »Sehr an- zu sagen, das LNG-Beschleunigungs-
gespannt« sei der Zeitplan, mahnt Biosphärenreservat gesetz ist Sache des Bundes. Doch für
Robert Habeck in seinem Brief. Stralsund
Südost-Rügen das Genehmigungsverfahren der An-
In Berlin, Schwerin und auf Rügen lage sind die örtlichen Behörden zu-
fällt für so manchen in diesem Jahr ständig, außerdem ist das Land An-
die Sommerpause aus, für die ver- Deutsches Gasnetz teilseigner am Hafen Mukran.
Landschafts- Naturschutz-
antwortlichen Politiker in Bund und Lubmin
schutzgebiet In der Landesregierung blickt man
gebiet Peene-
Land, für die Arbeiter, aber auch für Greifswalder münder Haken kritisch auf das Projekt, mit Berlin
diejenigen, die weiter auf die Kraft Bodden pflegt man einen regen Briefwechsel
des Protests setzen. in der Sache. Die mittlerweile fünf
Lubmin
Schreiben offenbaren eine zuneh-
Berlin Greifswald mende Zerrüttung. Da ist von »Irri-
USEDOM
Philipp Steinberg leitet im Wirt- tation« die Rede, von »intensiven
schaftsministerium eine Abteilung, S Quellen: Gascade; Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie
Diskussionen«, Ende Juni bittet der
die im vergangenen Jahr geschaf- Bundeswirtschaftsminister darum,

Mecklenburg-Vorpommern; Karte: OpenStreetMap

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 25


DEUTSCHLAND

Franziska Schindler / DER SPIEGEL


IMAGO

die Landesregierung möge den »wei­ zwischen Berlin und Sassnitz, die so­ Demonstranten in Sie sind zum Symbol des Protests
teren Genehmigungsprozess kon­ genannte Vorpommern­Magistrale, Binz im März, geworden, angelehnt an die gel­
Cafébesitzerin
struktiv« begleiten. Carsten Schnei­ sollte saniert werden. Wellbrock: ben Kreuze der Anti­Atomkraft­Be­
der (SPD), der Ostbeauftragte der Am Ende bot der Bund aus Sicht Plakate, Kreuze und wegung, mehr als 100 haben die
Bundesregierung, wurde eingeschal­ der Landesregierung zu wenig. Ha­ Protestbriefe Rügener in den vergangenen Wo­
tet, er soll zwischen den streitenden beck offerierte zwar 500 Millionen chen gebastelt. Auch Andrea Kähler
Parteien vermitteln. Euro für die Bahnstrecke. Doch in ist zum Bauernhof gekommen, die
Einmütig allerdings ist auch die Sachen Wasserstoff sei alles vage Vorsitzende der Bürgervereinigung
Haltung der Landesministerien nicht. geblieben, heißt es aus Schwerin, Zukunft Sellin. Sie kümmert sich
Während Backhaus, der Umwelt­ man sei lediglich auf Fördertöpfe ver­ um einen anderen Weg des Wider­
minister, bis heute bezweifelt, dass wiesen worden. Im Bundesrat schei­ stands: Das für die Genehmigung
der Terminal auf Rügen wirklich nö­ terte Mecklenburg­Vorpommern mit des LNG­Terminals zuständige Berg­
tig sei, findet Wirtschaftsminister einem Änderungsantrag für das LNG­ amt Stralsund soll reichlich Post be­
Reinhard Meyer (SPD), Habeck habe Gesetz. kommen.
den Bedarf für den Terminal über­ Noch bis zum 14. August können
zeugend erklärt. Irgendwo zwischen Binz Einwendungen gegen den Bau des
diesen Positionen steht Ministerprä­ Marie Weise ist zu einem Bauernhof zweiten Leitungsabschnitts geltend
sidentin Manuela Schwesig (SPD). einige Kilometer westlich von Binz gemacht werden, so sieht es das Ge­
Als im vergangenen Jahr die ersten gekommen, um den Rosen wachsen. nehmigungsverfahren vor. »Da muss
LNG­Standorte in Brunsbüttel, Stade Der Aktionsrat der Bürgerinitiativen dann sehr viel geprüft werden, diese
und Wilhelmshaven bekannt wurden, trifft sich hier. Zwei Wochen ist es her, große Aufgabe wollen wir der Behör­
hatte sich Schwesig noch als Verfech­ seit der Bundestag den Hafen von de zumuten«, sagt Kähler. Gegen den
terin des Flüssigerdgases gezeigt. Mukran ins LNG­Beschleunigungs­ Bau des ersten Leitungsabschnitts,
Nicht nur in Westdeutschland dürften gesetz aufgenommen und die Mehr­ der von Kilometerpunkt 26 in der
die Terminals entstehen, sagte sie und heit im Bundesrat zugestimmt hat. Ostsee bis nach Lubmin reicht, habe
warb für die Standorte Rostock und Ein paar Tage hätten sie nach der Ab­ das Bergamt mehr als 1200 Einwen­
Lubmin. Schließlich bringt ein solches stimmung gebraucht, um sich zu sam­ dungen von der Insel bekommen.
Vorhaben Geld und Arbeitsplätze in meln, sagt die Unternehmerin. Jetzt Der Widerstand verlagert sich zu­
die Region, und die Aussicht auf die ist die Kampfeslust wieder da. »Ich nehmend von der Straße in den Ge­
Zukunftsoption Wasserstoff klingt verteile morgen Plakate in den Vor­ richtssaal. Die Gemeinde Binz holte
auch gut. Als die Proteste gegen die gärten. Wer kommt mit?« Ein paar sich einen PR­Berater aus Berlin, gab
Pläne auf Rügen aber immer größer von den türkisfarbenen Holzkreuzen Umfragen in Auftrag, engagierte An­
wurden, folgte eine Kehrtwende: Das solle sie noch mitnehmen, ruft eine wälte. Jeden einzelnen Projektschritt
Projekt passe »nicht zum Land, zum andere Aktivistin. will die Kommune anfechten: die Ge­
Tourismus, zur Natur und zu den Men­ nehmigung der Fahrrinnenvertiefung,
schen«, sagte Schwesig nun plötzlich. Genehmigungen rund um die Pipe­
Ende Mai legte das Bundesland Recherche auf Rügen line – sogar in das Verfahren zum
einen Forderungskatalog auf den In den Sommerferien machen Tausende Touristen Urlaub Umbau des Hafens wird man sich
Tisch. Im Mittelpunkt stand eine fi­ auf Rügen. Zwei Kollegen und eine Mitarbeiterin des juristisch einbringen.
nanzielle Forderung: eine Milliarde SPIEGEL fuhren in den vergangenen Wochen dagegen zum Dabei geht es nicht nur um die Sa­
Euro vom Bund, um die erhitzten Ge­ Arbeiten auf die Insel. Sie trafen überzeugte Gegner, che, sondern auch um Zeit. Die Hoff­
müter auf der Insel zu beruhigen, um aber auch Befürworter des geplanten LNG-Terminals – nung der Gegner: Ihr Protest verzö­
mögliche Umweltschäden abzufedern und sprachen mit ihnen über ihre Motive. In einem Fall dau- gert das Verfahren so lange, bis die
etwa im Laichbereich des Herings, erten die Gespräche so lange, dass das Hotel bereits ge- Laichzeit der Heringe beginnt – so­
um Radwege und Strandsanierungen schlossen war. Darum musste die Kollegin bei den Protest- dass die Pipeline dann monatelang
zu finanzieren. Auch die Bahnstrecke lern im Bauernhof ihr Nachtquartier beziehen. nicht gebaut werden kann.

26 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


DEUTSCHLAND

Eine erste Entscheidung hat das Bergamt,


ENERGIE
das dem Landwirtschaftsministerium in
Schwerin unterstellt ist, bereits getroffen.
Die Bauvorbereitungen wurden genehmigt,
die Behörde sah keine rechtlichen Hinder-
Strandkörbe oder LNG?
nisse. Ein erster Etappensieg für die Bundes- Die Gemeinde Binz und die Firma Regas liefern sich eine öffentliche
regierung.
Dennoch haben Gegner des Terminals um Schlammschlacht um den Bau des umstrittenen Gasterminals.
den Bürgermeister von Binz in den vergan-
genen Wochen die Kampagne ausgeweitet Für Spitzenpolitiker kamen Stephan Knabe lung den Weg für weitere Kapitalerhö-
und die Betreiberfirma ins Visier genommen. und Ingo Wagner wie gerufen. Inmitten hungen freigemacht hat, deuten die
Dem noch jungen Energieunternehmen Deut- der Energiekrise traten der Steuerberater Insulaner als Beweis, dass die Firma nicht
sche Regas unterstellen sie undurchsichtige und der Immobilienunternehmer an, um genug Geld beisammen habe.
Geschäfte (siehe Kasten), Ausgang offen. Flüssigerdgas (LNG) nach Ostdeutschland Regas weist die Vorwürfe zurück,
Die Aktivisten im Bauernhof haben sich zu bringen, als Ersatz für Pipelinegas aus spricht von einer »Desinformationskampa-
mit Wissenschaftlern, Verbänden und Ver- Russland. Und das ganz ohne Steuergeld gne«. Mit Ausnahme einer Gründungsein-
treterinnen der Klimabewegung vernetzt, die privat finanziert. Seit Januar betreibt ihre lage von 25.000 Euro im Jahr 2019 sei kein
ebenfalls auf Rügen protestieren. Und so Firma Deutsche Regas einen schwimmen- Geld von den Kaimaninseln in die deut-
kämpfen plötzlich Menschen gemeinsam für den LNG-Terminal in Lubmin bei Greifs- schen Gesellschaften geflossen. Die Anga-
eine Sache, die vorher nicht unbedingt mit- wald. Bald soll er nach Rügen umziehen, wo ben werden durch Dokumente der Haus-
einander kooperiert hätten. Yvonne Arndt das Wasser tief genug ist für große Tanker. banken der Regas und des Cayman-Fonds
gehört dazu, die zusammen mit ihrem Ehe- Karsten Schneider, Bürgermeister der bestätigt, die dem SPIEGEL vorliegen.
mann eine gut besuchte Konditorei auf der 6000-Seelen-Gemeinde Binz, sieht in Dass die Zeichnungsscheine der Aktio-
Binzer Flaniermeile leitet. dem Plan vor allem eine Gefahr für Tou- näre keine Aufgelder enthalten, liege in
In der Vitrine stehen Torten in allen For- rismus und Umwelt. Und wehrt sich mit der Natur der Sache: Die Zuzahlungen
men und Farben. Jetzt, da die Sommerferien allen Mitteln. Mithilfe der Kanzlei Geulen würden in separaten Verträgen verein-
begonnen haben, ist Hochsaison. Hunderte & Klinger, die in anderen Prozessen bart, die das Register nicht erfasse. Regas
Kuchenstücke gehen hier jeden Tag über die die Deutsche Umwelthilfe vertrat, erhebt beziffert alle Aufgelder auf 93 Millionen
Theke. Eigentlich sollten es sogar noch mehr Binz schwere Vorwürfe gegen Regas. Euro. Man könne die Geldeingänge
sein, sagt Arndt. Gerade an Tagen wie heute, Einfallstor der Kritiker ist, dass Regas- »gerne zu einem späteren Zeitpunkt zur
wo graue Wolken über der Ostsee hängen und Gründer Wagner vor Jahren Kapital Verfügung stellen«, schreibt ein Firmen-
der Wind kräftig bläst. von einem eigenen Fonds auf den Kaiman- sprecher. Doch da diese dem Bank-
Aber die Tische mit den rosa Topfblumen inseln nach Deutschland transferiert ha- geheimnis unterlägen, brauche man das
sind nur zur Hälfte belegt. »Die Leute halten ben soll. Die EU stuft die Inselgruppe als Einverständnis der Gesellschafter.
ihr Geld zusammen«, sagt Arndt, »das mer- Geldwäsche-Risikoland ein. Geulen hat »Dies war in der Eile nicht möglich.«
ken wir hier alle.« Die astronomische Miete seine Erkenntnisse der FIU gemeldet, der Bleiben die Kapitalerhöhungen, die
müsse sie trotzdem zahlen und die sieben deutschen Anti-Geldwäsche-Behörde. Regas jüngst beschlossen hat. Sie trügen
Angestellten mit dem Verdienst aus dem Som- Zudem zweifelt Binz die Aussage der nicht zur Finanzierung in Lubmin bei, so
mer über das ganze Jahr bringen. Regas an, man sei »vollständig durch der Sprecher, sondern seien für das Pro-
Sollten auch in Zukunft weniger Touristen Eigenkapital finanziert«. Die Insulaner jekt auf Rügen sowie für eine Anlage zur
kommen, etwa weil das Meer nach den Bau- fanden im Handelsregister Investoren, die Herstellung von Wasserstoff gedacht.
arbeiten Schlick an den feinen Binzer Sand- Anteile der Firma kauften, doch sie such- Behörden und Partner hätten Regas
strand spült, könnte das die Existenz der ten weithin vergebens nach Aufgeldern, umfassend geprüft, etwa Total Energies.
Konditorei bedrohen. »Hier wird alles aufs die Kapitalgeber über den Nennwert der Der französische Konzern hat das Re-
Spiel gesetzt, was wir uns erarbeitet haben«, Aktien hinaus gezahlt hätten. Dabei hatte gasifizierungsschiff vor Lubmin bereit-
sagt Arndt. »So was hätten wir uns nie träu- Regas mit solchen Zuzahlungen erklärt, gestellt und ist Großkunde des Terminals.
men lassen.« Rügen habe ja nur den Touris- wie man 100 Millionen Euro für den Lub- Zuvor habe man Regas einer »Due Dili-
mus, sagt die Geschäftsinhaberin, sonst nichts. miner Terminal eingeworben habe. Die gence« unterzogen, also einer Prüfung
Binzer kamen nur auf 900.000 Euro. der wirtschaftlichen und rechtlichen Ver-
Sassnitz Dass Regas vor gut einer Woche in hältnisse, erklärt Total Energies auf An-
Es ist nicht so, dass alle auf der Insel Gegner einer außerordentlichen Hauptversamm- frage. Erstklassige Reedereien hätten den
des LNG-Terminals wären. Stefan Grunau Terminal geprüft. Auch aus dem Bundes-
zum Beispiel gehört zu den Befürwortern. Er wirtschaftsministerium heißt es, man habe
sitzt im Aufsichtsrat des Fährhafens Sassnitz, damals eine »Know your Customer«-
einer Stadt, die wenig mit dem malerischen Prüfung der Regas beauftragt, die habe
Ambiente von Binz zu tun hat. Graue Zweck- keine Ungereimtheiten ergeben.
bauten und Verladekräne prägen das Bild an Knabe und Wagner haben nun die
der Ortsgrenze, das Areal in Mukran wurde Kanzlei Hengeler Mueller beauftragt, Eig-
kurz vor dem Zusammenbruch der DDR an- ner und Finanzierung der Regas zu prü-
gelegt. Den Hafen betreten Touristen vor al- fen. In etwa zwei Wochen soll das Ergeb-
lem, wenn sie mit der Fähre etwa zur däni- nis vorliegen. Bürgermeister Schneider
Jens Büttner / dpa

schen Insel Bornholm reisen. hat Zweifel: Dass genau jene Anwälte, die
Grunau sitzt auch als gewählter Vertreter Regas schon zur Finanzierung beraten ha-
in der Stadtvertretung von Sassnitz. Am Ran- ben, jetzt unabhängig untersuchen sollen,
de einer Sitzung im Rathaus Ende Juni be- habe »geradezu satirischen Charakter«.
schreibt er die geplanten Terminals als »zu- Gründer Wagner, Ministerpräsidentin Claus Hecking, Martin Hesse,
kunftsfähiges Projekt für Sassnitz«. Die an- Schwesig, Kanzler Scholz im Januar Benedikt Müller-Arnold, Gerald Traufetter n
liegende Infrastruktur sei »langfristig oder

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 27


DEUTSCHLAND

mittelfristig« die ideale Voraussetzung, »um


SPIEGEL TV Programm in die Wasserstoffwirtschaft einzusteigen«.
Wenn das fossile Zeitalter erst einmal vor-
bei ist, könnte in Sassnitz statt Erdgas tatsäch-
lich grüner Wasserstoff fließen. Für die Klein-
stadt wäre es ein Jahrhundertprojekt. Sie ist
Hauptgesellschafterin des Mukran Port mit
einem Anteil von 90 Prozent, den Rest hält
das Land Mecklenburg-Vorpommern.
Der LNG-Deal ist für die Stadtvertreter
daher vor allem aus finanzieller Sicht interes-
sant: Im laufenden Haushaltsplan steht ein
Minus von fast 7,5 Millionen Euro. Bürgerin-
nen und Bürger klagen, dass das Geld für die
Instandhaltung ihrer Infrastruktur fehle, es
schwelt ein Konflikt mit dem Landkreis über
die finanzielle Schieflage. Die Stadtvertreter
tun sich schwer damit, sich in Sachen Terminal
zu positionieren. Sie sehen beide Argumente,
die der Gegner und die der Befürworter. Und
wissen zugleich, dass sie in diesem Konflikt
am Ende sowieso wenig zu sagen haben.
Denn das geänderte LNG-Beschleuni-
gungsgesetz hat dem Kanzler und seinem

Kay Siering
Vize ein machtvolles Instrument in die Hand
gegeben. Die Klagen der Bürger haben keine
Rettungsschwimmer-Station im kalifornischen Santa Monica aufschiebende Wirkung. Es kann gebaut wer-
den, auch wenn die Gerichte noch tagen.
Für die Bundesregierung ist der LNG-Ter-
CALIFORNIA! CURIOSITY CHANNEL minal auf Rügen Symbol und Schicksalsfrage
DIENSTAG, 1. 8., 20.15 – 22.50 UHR, ARTE MITTWOCH, 2. 8., 20.15 – 22.45 UHR, zugleich. Es könnte der Beginn sein, um
AUF DIVERSEN PAY-TV-PLATTFORMEN Deutschlands verkorkste Energiepolitik der
Wie ein Staat die Welt vergangenen Jahrzehnte zu heilen und das
veränderte Welt der Zukunft Land zum Gewinner des grünen Aufbruchs
Surfer, Hollywood, Free Speech, Hippie­ Was braucht es, um klimafreundliche werden zu lassen. Doch der Preis könnten ein
kultur, Raumfahrt – ohne Kalifornien E­Autos nicht nur in technischer Hin­ weiterer Vertrauensverlust von Bürgerinnen
wäre die Welt eine andere. Ob in Pasade­ sicht, sondern auch in den Köpfen zu und Bürgern sein und eine Inselgemeinschaft,
na die Mondmission vorbereitet wird, etablieren? Wie verändert das Metaver­ die um ihre Existenz bangt.
Studenten in Berkeley für ihr Recht auf sum unser Leben und die Kommunika­ Wirtschaftsminister Habeck ist aber klar:
Meinungsfreiheit kämpfen oder die tion? Wann wird geräuschloses Reisen Auch wenn sich der Kanzler in der Sache un-
Hippies die Gesellschaft auf den Kopf mittels Hyperloop­Technik möglich gewöhnlich klar positioniert, wird Wohl oder
stellen – der goldene Staat an der West­ sein? Diesen und weiteren Themen wid­ Wehe des Terminals politisch auf sein Konto
küste Amerikas ist immer einen Schritt met sich die Serie »Welt der Zukunft«. gehen. Gewinnen die Protestierenden, und
voraus und revolutioniert mit seinem sei es nur, dass sie den Bau um viele Monate
Lebensgefühl und seiner Innovationskraft verzögern, wird es Habeck als politisches Ver-
die Welt. SPIEGEL GESCHICHTE sagen zur Last gelegt.
Seit den Fünfzigerjahren ist Kalifornien DONNERSTAG, 3. 8., 21.50 – 22.45 UHR, VODAFONE Zumindest auf Rügen ist Habecks Name
das Testlabor für die Welt und soll das schon jetzt verbrannt. Ein paar Kilometer von
Unmögliche möglich machen. iPhone, Der Aufstieg der Nazis Binz die Küste hinab, im Dörfchen Göhren,
Netflix, Tesla: In Kalifornien werden Pro­ Was haben internationale Journalisten hat sich Vanessa Wellbrock im März einen
dukte erfunden, die die Welt verändern. in den Jahren 1930 bis 33 über die Schwä­ Traum erfüllt und das Café Habeck’s über-
Der besondere Spirit zieht Kreative und chen der deutschen Demokratie berich­ nommen. Die Vorgänger waren Namensvet-
Abenteurer an. Roland Emmerich wird tet? Und was können uns diese privile­ tern des Vizekanzlers. Von den LNG-Plänen
zum ersten deutschen Blockbuster­ gierten Zeugen über jene Jahre erzählen, des Wirtschaftsministers wusste sie nichts, als
regisseur, Elon Musk befördert Touristen als die Nationalsozialisten Deutschland sie im vorigen Herbst mit den Vorpächtern
ins Weltall und eines Tages vielleicht über die Wahlurnen eroberten? die Übergabe vereinbarte
zum Mars, und ein Institut löst durch die Auch Wellbrock ist gegen den neuen Ter-
Wasserstofffusion womöglich das minal und fürchtet um den Tourismus auf der
Energieproblem der Welt. Insel. Ihr Café wird sie bald umbenennen.
Die dreiteilige Dokuserie »California!« Nicht nur, aber auch wegen Habeck: »Wir
lässt das Publikum eintauchen in die wollen nicht wie der LNG-Minister heißen.«
wechselvolle Geschichte des legendären Viele Gäste wissen das schon – kommen extra
US­Bundesstaats. Aber Kalifornien deswegen in ihr Café oder spenden für neue
steht nicht nur für Erfindungsreichtum Schilder und Speisekarten. Wellbrock hat
und Innovationskraft, sondern auch für auch schon einen Namen: »kostBar« soll ihr
»Race Riots«, gewaltsame Konflikte Lokal künftig heißen.
bpk

zwischen Amerikanern europäischer Marius Mestermann, Franziska Schindler,


und afrikanischer Herkunft. Wahlkampfplakate 1930 Gerald Traufetter, Jean-Pierre Ziegler n

28 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


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vokation für Wagenknechts Flügel. Signal, ein klares Statement.« Kerstin


Gysi hat Lay vorgeschlagen. Köditz, 56, Landtagsabgeordnete
An diesem Abend aber gibt Gysi aus Sachsen, hält ebenfalls nichts
den Besonnenen. Er hat den Plan, die von Wagenknechts Agenda, mit der
Alten in der Partei zu halten. Und sie enttäuschte AfD-Wählerinnen

Genossen gegen ebenso Wagenknecht, auch wenn sie


ihm politisch und menschlich nicht
sehr nahesteht. Die Parteiführung
und -Wähler zurückgewinnen will.
»Protestwähler, die gegen Geflüchte-
te hetzen? Nee, das sind nicht meine

Rebellen setzte allerdings ein deutliches Signal


gegen Wagenknecht, für die Europa-
wahl 2024 will sie mit der 35-jährigen
Leute«, sagt Köditz.
Das Feld der Gegner dieses Kurs-
wechsels ist allerdings groß – und da-
Aktivistin Carola Rackete als partei- mit für die ohnehin unter Druck ste-
PARTEIEN Die Linke will jung, klimabewegt und loser Spitzenkandidatin in den Wahl- hende Parteiführung gefährlich. Ein
kampf ziehen. Anruf bei Linken-Urgestein Gerd
aktivistisch werden. Damit dürfte sie ältere Geht es nach dem Vorsitzenden- Böttger aus Mecklenburg-Vorpom-
Mitglieder vergraulen. Gregor Gysi unternimmt duo, Janine Wissler und Martin Schir- mern. In Schwerin ist der 74-Jährige
daher einen letzten Rettungsversuch. dewan, soll die Linke nach Jahren der der dienstälteste Stadtvertreter. Dort
innerparteilichen Zermürbung jenes führt er die Linkenfraktion an. »Die
aktivistische Projekt werden, von jetzige Linke hat mit der PDS nichts
in warmer Tag im Juli, der Mün- dem viele Jüngere in der Partei seit mehr gemein«, sagt er. »Wenn früher
E zenbergsaal im Verlagsgebäude
der Zeitung »Neues Deutsch-
land« ist brechend voll, überwiegend
Langem träumen: eine progressive
Linke, die ihre antikapitalistische Hal-
tung mit Klima- und Identitätsthemen
Gysi zu Besuch kam, hat er hier
5000 Menschen auf dem Marktplatz
versammelt«, sagt Böttger, »heute
ältere Genossinnen und Genossen verbindet. Sie soll, so die Idee, der können wir froh sein, wenn noch
sind gekommen. Durch die offenen parlamentarische Arm der Klimabe- 500 kommen.« Dass eine »Frontfrau«
Fenster schallt Elektromusik von wegung werden und damit bei der wie Wagenknecht vom Parteivorstand
einer Party, die im Innenhof stattfin- jüngeren Wählerschaft punkten. Der gegängelt werde, kann er nicht ver-
det. Auf der Bühne sitzen vier Lin- Zeitpunkt dafür ist günstig: Die stehen. Dass eine urbane Generation
kenpolitiker, ebenfalls etwas älter, seit Grünen verlieren derzeit an Unter- der Partei zu neuer Größe verhilft, be-
rund 30 Jahren prägen sie ihre Partei: stützung, vor allem auch unter Klima- zweifelt er. Mit Flüchtlingshilfe, sagt
Fraktionschef Dietmar Bartsch, die aktivisten. Böttger, könne die Linke in Schwerin
Sprecherin der Kommunistischen »Zur Breite Nicht nur junge Linke finden die so gut wie niemanden überzeugen.
Plattform Ellen Brombacher, Ex-Par- unserer Partei Kurskorrektur gut. »Die Partei stärkt In der Bundestagsfraktion sitzen
teichefin Gesine Lötzsch und Partei- mit Parteilosen wie Rackete die Zivil- viele ältere Widersacher der Partei-
veteran Gregor Gysi. gehört selbst- gesellschaft«, sagt Karola Stange, 63, führung. Sie hat im Vergleich zu den
»Ist die Linke noch zu retten?« verständlich die für die Linke im Thüringer Land- anderen Fraktionen nach der AfD den
heißt der Titel der Veranstaltung. Es tag sitzt. »Damit senden wir in die höchsten Altersdurchschnitt. Ex-Lin-
geht darum, was geschieht, wenn
auch Wagen- sozialen und klimaschutzpolitischen kenchef Klaus Ernst, 68, etwa hat
Sahra Wagenknecht ihre Ankündi- knecht.« Bewegungen unserer Zeit ein klares bereits öffentlich angekündigt, dass
gungen wahr macht und eine eigene er erwäge, Wagenknecht in eine neue
Partei gründet. Gysi wird deutlich. Er Partei zu folgen. In der Fraktion sind
sei strikt dagegen, dass Wagenknecht Reibungen mit der nominierten Euro-
das mache. Er sei aber auch strikt da- pakandidatin Rackete deutlich zu
gegen, dass man sie loswerden wolle. spüren. Die Aktivistin stellte den Ab-
»Ich finde, zur Breite unserer Partei geordneten der Linken im Bundestag
gehört selbstverständlich auch Sahra öffentlich ein schlechtes Zeugnis aus.
Wagenknecht.« Sie machten »leider oft keine gute
Nach dem Applaus schiebt Gysi Arbeit beim Thema Klimagerechtig-
hinterher: »Wenn sie allerdings gehen keit«. Die guten Klimapolitikerinnen,
sollte mit anderen – ich gehe ganz die es in der Linken gebe, seien kaum
bestimmt nicht –, dann will ich uns im Bundestag vertreten.
auch nicht aufgeben. Dann müssen Der Erste Parlamentarische
wir einen entschiedenen Kampf dafür Geschäftsführer, Jan Korte, keilte
führen, dass die Linke dennoch prompt zurück, dies sei eine »relativ
bleibt.« schräge« Einlassung. Die Bundestags-
Der Termin ist eine Art Auftakt für abgeordneten machten fast alle gute
ein letztes Rettungsmanöver. Gysi Arbeit. Wer etwas an der Zusammen-
und andere sehen die Gefahr, dass setzung ändern wolle, der könne ja
Wagenknechts Abgang die Partei zer- »als Parteimitglied« über Landes-
bröseln und viele ältere Genossinnen listen mitbestimmen. Am Parteivor-
und Genossen aus der Linken treiben stand perlt die Kritik aus der Fraktion
könnte. Zugleich hat Gysi die Anhän- weitgehend ab. Das Problem löse sich
ger Wagenknechts in der Bundestags- von selbst, heißt es dort, die meisten
fraktion gegen sich aufgebracht. Wie Bundestagsabgeordneten würden
es heißt, will er den Posten als außen- ohnehin nicht mehr zur Wahl antre-
Steffen Roth

politischer Sprecher abgeben. Ihm ten – oder eben mit Wagenknecht ein
soll die Oberpragmatikerin Caren Lay Linkenabgeordneter Gysi neues Projekt gründen.
nachfolgen, es ist eine deutliche Pro- Timo Lehmann, Marc Röhlig n

30 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


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ist eine der sichersten Städte im Süd-


westen der Republik. Dennoch soll
mehr Ordnung her, sollen Menschen
in Uniform der Polizei zuarbeiten,
Streit schlichten, Ruhestörer besänfti-
gen. Der Antrag kommt von der Stadt-

Zusammen, nicht gemeinsam verwaltung, CDU-Oberbürgermeister


Peter Boch, früher selbst Polizist, wirbt
für die neue Truppe. Sie ist teuer,
eigentlich kann sich die klamme Kom-
ORTSTERMIN Im Pforzheimer Gemeinderat halten die anderen Fraktionen mune die geschätzten jährlich 1,36 Mil-
verbal Abstand zur AfD – und stimmen dann, immer wieder mal, mit ihr ab. lionen Euro sowie die Startkosten von
440.000 Euro nicht leisten.
Nun ergreift Alfred Bamberger das
lfred Bamberger stoppt kurz bei Wort, das einzige Mal an diesem Tag.
A der Schlagzeile »Wie Merz die
CDU zerlegt«, dann scrollt er
weiter durch Journalistenwatch, eine
Der Kommunale Ordnungsdienst sei
eine »Investition in die Stadt«, sagt
er und führt aus, dass Bürger nur
Plattform der Neuen Rechten. Er dann zum Einkaufen gingen, wenn
wirkt gelangweilt. Plötzlich kommt sie sich sicher fühlten und dann we-
Bewegung in den AfD-Mann im niger Läden schließen müssten. Man
Trachtenjanker, der 66-Jährige richtet wolle schließlich in Ruhe in einem
sich auf, streckt den Oberkörper nach Café sitzen, ohne Sorge haben zu
vorn ans Mikrofon. müssen, dass einem ein Jugendlicher
Es ist ein Dienstagnachmittag Ende »die Tasse Kaffee vom Tisch haut«.
Juli, letzter Sitzungstag des Pforzhei- Bamberger lehnt sich in seinem
mer Gemeinderats vor der Sommer- Kunstlederstuhl zurück, sein AfD-
pause. Nirgendwo in Baden-Württem- Nachbar klopft ihm auf die Schulter.
bergs Rathäusern ist der AfD-Anteil Der Gemeinderat streitet. »Eine
so hoch wie in Pforzheim, die Rechts- Scheinlösung«, für die sehr viel Geld
populisten sind zweitstärkste Kraft ausgegeben werde, rüffelt Hans-Ul-

Ilkay Karakur t / DER SPIEGEL


im Rat, gleich hinter der CDU, 14,9 rich Rülke den Antrag. Der FDP-Chef
Prozent haben sie bei der Kommunal- der baden-württembergischen Land-
wahl 2019 geholt. Womöglich so ein tagsfraktion ist auch Ratsmitglied in
Ort, den CDU-Chef Friedrich Merz Pforzheim. Er lässt kein gutes Haar
gemeint haben könnte, als er über die an dem Wachdienst in Uniform, der
Zusammenarbeit mit dem rechten nicht einmal Personalien aufnehmen
Rand auf kommunaler Ebene sprach. oder einen Platzverweis erteilen dür-
Und so recht keiner wusste, was er ihn, einen »rassistischen Gewaltver- CDU-Politikerin fe, das behauptet Rülke zumindest –
damit sagen wollte. herrlicher« nennt ihn die FDP. Engeser und liegt damit falsch.
40 Mitglieder hat der Pforzheimer Im Gemeinderat ist die Ablehnung Um 16.59 Uhr lässt Oberbürger-
Gemeinderat, er besteht aus sieben ebenso geschlossen: »Wir kooperie- meister Boch abstimmen. Auf jedem
Fraktionen und drei Gruppierungen. ren niemals mit der AfD, da gibt es Platz liegt ein weißes Kästchen mit
Sie kommen zusammen in einem keine Schnittmenge«, betont CDU- grünem und rotem Knopf, es wird di-
ästhetisch gewöhnungsbedürftigen Fraktionschefin Marianne Engeser. gital gewählt. Auf der Leinwand kön-
Siebzigerjahresaal mit einer Glasfront Sie gehört schon eine kleine Ewigkeit nen alle im Saal sehen, wer sich wie
zum Marktplatz und einer herunter- dem Gremium an. Die 66-Jährige ist entschieden hat, mit Namen. 9 Ent-
gezogenen Leinwand, auf der die Ab- froh, dass die FDP als Puffer zwischen haltungen, 9 Neinstimmen, 19 Jastim-
stimmungsergebnisse eingeblendet ihrer elfköpfigen Fraktion und den men. Die Stimmen von CDU und AfD
werden. Vom Oberbürgermeister aus Unerwünschten im Ratssaal sitzt. Ein verhelfen dem Antrag zum Sieg. Nicht
betrachtet sitzen sie rechts, die fünf gemeinsamer Antrag mit den Rechts- zum ersten Mal in diesem Stadtparla-
Männer und eine Frau der Alternati- außen? »Unvorstellbar.« Das sei noch ment und nicht zum einzigen Mal.
ve für Deutschland. nie vorgekommen und werde es auch Wie passt das zum »Niemals ko-
Ihre Stimmen sind wichtig, um Mehr- niemals geben. Die AfD wolle meis- operieren«? Die CDU-Fraktionschefin
heiten zu beschaffen. Und doch mei- tens nur sparen, bremse soziale An- ist nicht um eine Antwort verlegen.
den die anderen Stadträtinnen und liegen aus und bringe wenig eigene Das sei ja in Wirklichkeit keine Ko-
Stadträte sie. Jedenfalls sagen das Ideen ein. Man grüße einander, aber operation, versichert Marianne Enge-
alle: keine Telefonate, keine Abspra- das sei auch schon alles. ser, man habe sich schließlich zu kei-
chen, keine Treffen. Es ist leicht zu Lang ist die Tagesordnung an die- nem Zeitpunkt mit der AfD abgespro-
verstehen, warum. Alfred Bamberger sem Dienstag, mehr als 30 Positionen, chen. Gegen etwas zu stimmen, nur
verglich auf Facebook das Anzünden eine neue Kita, eine Zuschusserhö- weil die AfD dafür sei, das gehe gar
von Flüchtlingsunterkünften mit zi- hung für die Volkshochschule. Das »Wir kooperie- nicht. Aber man sei eben bei Sicher-
vilem Ungehorsam. Den Post hat er meiste wird durchgewinkt mit wenig heitsthemen oft auf derselben Linie.
später gelöscht. Als er wegen eines Debatte, nur bei Vorlage R 1469, ren niemals Es scheint, als hätte Marianne En-
Todesfalles zum Jahresbeginn 2022 Schaffung eines Kommunalen Ord- mit der AfD, da geser ganz gut verstanden, wie Politik
in den baden-württembergischen nungsdienstes, kommt Aufregung in funktioniert. Friedrich Merz könnte
Landtag nachrückte, protestierten die den Saal. Pforzheim, 129.000 Einwoh- gibt es keine noch einiges von ihr lernen.
Fraktionsspitzen geschlossen gegen ner, viele Arbeitslose und Migranten, Schnittmenge.« Christine Keck n

32 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


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SPIEGEL: Lassen Sie uns bitte konkre-


te Fälle durchgehen, und Sie sagen,
ob Sie das für vereinbar mit der Be-
schlusslage Ihrer Partei halten. Erstes
Beispiel: Die CDU bringt einen An-

»Das geht nicht immer trag ein, die AfD stimmt mit. In Ord-
nung?
Voigt: Ja. Soll ich etwa die AfD ent-

wie im Lehrbuch« scheiden lassen, welche Anträge die


CDU einbringt oder nicht? Das wäre
doch eine Bankrotterklärung für poli-
tisches Handeln. Die CDU ist eine
EXTREMISTEN Der Thüringer CDU-Chef Mario Voigt erklärt, warum er den Begriff selbstbewusste Volkspartei, die eigen-
Brandmauer nicht mag und wie er AfD-Wähler wieder zur Union locken will. ständig ihre Positionen bestimmt.
SPIEGEL: Sie haben im Landtag ge-
meinsam mit der AfD gegen gender-
SPIEGEL: »Die CDU Deutschlands SPIEGEL: Sie finden die gemeinsame gerechte Sprache votiert, nur zusam-
lehnt Koalitionen und ähnliche For- Entscheidung von Stadträten der AfD men mit den Rechtsextremisten hat-

Mar tin Schutt / picture alliance / dpa


men der Zusammenarbeit sowohl mit und der SPD in dieser Sache nicht ten Sie die Mehrheit. Da haben Sie
der Linkspartei als auch mit der Al- problematisch? doch gegen den Unvereinbarkeits-
ternative für Deutschland ab.« Herr Voigt: Ich hätte das so nicht gemacht. beschluss verstoßen, oder?
Voigt, wie finden Sie diesen Satz? Pragmatismus heißt konstruktive De- Voigt: Moment mal, unser Antrag
Voigt: Richtig. Da stecken eine Klar- batte in Sachfragen und auch mit- wurde ohne vorherige Absprachen
heit und Haltung drin, die ich mir einander hart ringen. Aber wir kön- eingebracht, weil wir es für richtig
auch von anderen Parteien wünschen nen doch nicht sagen, wir sind da- halten, dass man im Land der Dichter
würde. Wir arbeiten nicht mit Extre- gegen, weil die AfD dafür ist. Das und Denker auch nach den Regeln
misten von der rechten Seite zusam- Voigt, geboren 1977 versteht keiner. Oder soll jetzt ein der deutschen Rechtschreibung
men, nicht mit Zukunftsfeinden wie in Jena, ist Vorsit- CDU-Bürgermeister nicht mehr ans schreibt und spricht. Hätte ich den
dem Thüringer AfD-Chef Björn zender des Thüringer Telefon gehen, weil der AfD-Landrat zurückziehen sollen, nur weil die AfD
Höcke. Und wir lehnen linke Gesell- CDU-Landesver- anruft? Das wäre doch lebensfern! zustimmen könnte? Auf keinen Fall.
bands und seit März
schaftsbilder und linkes Staatsver- 2020 CDU-Fraktions- SPIEGEL: Dann muss es Sie ärgern, SPIEGEL: Nächstes Beispiel, das gab
ständnis ab, weil es nicht gut für unser vorsitzender im dass Ihr Parteichef Friedrich Merz es etwa in Bautzen. Da stimmte die
Land ist. Deutschland ist kein linkes Landtag in Erfurt. nach heftiger Empörung in der CDU CDU einem AfD-Antrag zu, wonach
Land. zurückrudern musste, weil er in abgelehnte Asylbewerber keine
SPIEGEL: Das haben Sie schön formu- einem Interview den Unvereinbar- Sprachkurse erhalten sollten. Darf die
liert, in der Realität bereitet dieser keitsbeschluss nicht auf die kommu- CDU für AfD-Anträge stimmen?
Unvereinbarkeitsbeschluss Ihrer Par- nale Ebene bezogen hatte. Voigt: Nein. Die CDU muss ihre eige-
tei allerdings Probleme. Die Brand- Voigt: Die Debatte war unnötig und nen Positionen darstellen, sich nicht
mauer nach rechts außen scheint die Aufregung darüber auch. Die über andere definieren und auch nicht
nicht allen in der CDU so heilig. Union braucht Besonnenheit und Ge- durch andere definieren lassen. Die
Voigt: Ich rate uns allen, nicht perma- schlossenheit. Ich habe Merz derart ganze Diskussion um die AfD nutzt
nent auf die AfD zu starren. Solche verstanden, dass wir einerseits klare doch nur der AfD. Manche wollen die
Debatten bringen Deutschland nicht Prinzipien haben und andererseits die CDU doch in die Ecke drängen. Se-
aus der Krise. Wir müssen uns um die Probleme der Leute vor Ort lösen. Das hen Sie, wir haben dieses Land im
Sorgen der Menschen kümmern. geht nicht immer wie im Lehrbuch. Bund 16 Jahre erfolgreich geführt, die
Aber die Wahlergebnisse sind Lebens- CDU-Chef Merz (r.) Zugleich machen wir immer wieder Leute halten die Ampel schon nach
wirklichkeiten, die uns fordern und im ZDF-Sommer- deutlich, wes Geistes Kind die AfD ist: gut 2 Jahren nicht mehr aus. Das müs-
die zur Kenntnis genommen werden interview mit Sie will unsere demokratischen Insti- sen wir selbstbewusst deutlich ma-
Moderator Theo Koll:
müssen. Das gilt für uns hier auf Lan- Deutschland ist tutionen beschädigen, das System um- chen, etwa in der Energiepolitik oder
desebene genauso wie für manchen kein linkes Land stürzen und ist extrem gefährlich. in Migrationsfragen. Die Wähler wol-
Lokalpolitiker, der es jetzt mit einem len wissen, wofür wir stehen. Themen
AfD-Landrat oder einem AfD-Bür- nicht zu diskutieren, weil sie unan-
germeister zu tun hat. genehm sind, das können wir uns
SPIEGEL: Zählt der Unvereinbar- nicht leisten, das führt zu Frust. Was
keitsbeschluss denn noch für die wir momentan erleben, ist ein Miss-
Kommunen? trauensvotum gegen die Ampel. Die
Voigt: Niemand will Koalitionen oder Ostdeutschen sind sehr sensibel, sie
ähnliche Formen der Zusammen- sind Seismografen bei der Frage von
arbeit. Für die kommunale Ebene gilt Bevormundung und Überforderung,
generell eine gewisse Form von Prag- etwa beim Heizungsgesetz. Stattdes-
matismus. Das geht gar nicht anders. sen führen wir immer diese Diskus-
Die SPD zum Beispiel hat gemeinsam sion über die Brandmauer …
mit der AfD in Hildburghausen ein SPIEGEL: … den Begriff mögen Sie
Dominik Asbach / ZDF

Abwahlverfahren gegen einen Lin- offensichtlich nicht so gern.


kenbürgermeister initiiert. Da ist bei Voigt: Ich möchte die Wähler von der
der SPD sicher keine Brandmauer AfD zurückholen. Da weiche ich The-
gefallen, sondern das war ein lokales men nicht aus, die den Leuten unter
Problem. den Nägeln brennen. Mit dem Begriff

34 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


DEUTSCHLAND

Brandmauer kann ein normaler Bür-


ger nichts anfangen. Wir alle in der
CDU-Führung reden Klartext im Um-
gang mit der AfD, da wackelt keiner.
Ich habe den Eindruck, dass die De-
batte von der politisch Linken hoch-
gehalten wird.
SPIEGEL: Noch ein Beispiel: Wie be-
werten Sie die gemeinsame Wahl von
AfD-Vertretern in kommunale Aus-
schüsse?
Voigt: Sowohl der Linksparteipoliti-
ker Bodo Ramelow als auch ich haben
hier im Thüringer Landtag für einen
Vizepräsidenten der AfD gestimmt.
Sehen Sie es mir nach, aber Sie müs-
sen doch solche Verfassungsorgane
arbeitsfähig halten.
SPIEGEL: Was halten Sie von der Auf-
nahme wechselwilliger AfD-Vertreter
in CDU-Fraktionen?
Voigt: Die gehören erst mal ins Ab-
Thomas Victor / Agentur Focus

klingbecken.
SPIEGEL: Ihr Thüringer Vorgänger,
Mike Mohring, hat gerade gefordert,
die CDU solle sich gegenüber der Lin-
ken öffnen. Eine gute Idee, auch mit
Blick auf die Landtagswahlen im
kommenden Jahr?
Voigt: Nein, da gibt es eine klare Hal- monnaie. Inflation, hohe Energieprei- AfD-Politiker teilt werden. Das würde gegen inter-
tung im Landesverband. Aber eine se. Einer Statistik zufolge verdienen Landeschef Höcke, nationale Abkommen verstoßen.
Volkspartei hält auch solche Einzel- Ostdeutsche außerdem im Jahr durch- Landrat Robert
Sesselmann,
Voigt: Eine große Veränderung, klar.
meinungen aus. schnittlich 13.000 Euro weniger als Bundestagsabgeord- Auf vielen Politikfeldern sind größe-
SPIEGEL: Nach links also steht die die Leute im Westen. Es gibt ein Ge- neter Stephan re Korrekturen notwendig. Als CDU
Brandmauer? fühl der Ostdeutschen, in der gesamt- Brandner, Parteichef müssen wir deutlich machen, dass
Tino Chrupalla
Voigt: Mein Großvater ist von Kom- deutschen Erzählung nur zweitran- wir ein anderes Land wollen. Wir
bei Landratswahl
munisten zwangsausgesiedelt worden. gig vorzukommen. Und dieses Ge- im thüringischen müssen Akzeptanz und Vertrauen in
Meine DNA und mein Kompass sind fühl verstärkt die Ampel durch ihre Sonneberg der Bevölkerung zurückgewinnen.
klar: Linke sind keine Koalitionspart- übergriffige Politik. Das kostet Das geht nur mit klaren Regeln und
ner der CDU. Aber in der schwierigen Deutschland Wohlstand und trifft den einer Begrenzung von Migration. Bei
Situation Thüringens setze ich mich Osten härter. Personen mit geringer Bleibeper-
trotzdem mit denen an den Tisch, um SPIEGEL: Auf welchen Feldern kann spektive sollte das Sachleistungsprin-
aus Verantwortung für mein Heimat- die CDU denn noch gegen die AfD zip Vorrang vor Geldleistungen be-
land sinnvolle Lösungen zu finden. punkten? kommen.
SPIEGEL: Was machen Sie denn, wenn Voigt: Wir müssen uns generell deut- SPIEGEL: Die Debatte um die Brand-
bei der Landtagswahl Linke und AfD lich von der Ampel in Berlin unter- mauer ist nicht die erste kommunika-
wieder die Mehrheit der Stimmen be- scheiden. Wir wollen Wohlstand für tive Panne Ihres Parteivorsitzenden.
kommen? alle und eine andere Politik für die Wie viele Fettnäpfchen darf sich
Voigt: Thüringer wünschen sich einen Menschen. Es braucht eine Konzen- Friedrich Merz noch leisten?
grundsätzlichen Politikwechsel. War- tration auf die wichtigen und wesent- Voigt: Ich habe mich nach der verlo-
ten Sie mal ab, da ist noch viel drin. lichen Themen: Wirtschaft und Ener- renen Bundestagswahl 2021 für Fried-
Ich setze auf eine Deutschlandkoali- gie, Bildung und Innovation, Sicher- rich Merz als Vorsitzenden ausge-
tion mit SPD und FDP, ohne die Grü- heit und Ordnung, Gesundheit und sprochen. Er ist der Richtige für diese
nen und die Linken. Damit können Pflege. Auch bei der Migration re- neue Oppositionsrolle.
wir den Menschen ein gutes Angebot giert die Ampel am Volk vorbei: Da SPIEGEL: Soll er auch den ersten Zu-
machen. brauchen wir eine Zäsur. Thorsten griff auf die Kanzlerkandidatur der
SPIEGEL: Die AfD inszeniert sich als Frei … Union haben?
Kümmerpartei und suggeriert den SPIEGEL: … der Parlamentarische Ge- Voigt: Die beiden Vorsitzenden von
Leuten, ihre Sorgen ernst zu nehmen. schäftsführer der Unionsfraktion im CDU und CSU haben vereinbart, den
Warum holen die demokratischen Bundestag … Kandidaten im Frühsommer 2024
Parteien die Unzufriedenen nicht Voigt: … hat einen sehr guten Vor- »Als CDU zu bestimmen. Diesen Weg unter-
stärker auf der Gefühlsebene ab? schlag zur Kontingentierung bei müssen wir stütze ich.
Voigt: Das tun wir schon, wir sind in Flüchtlingen gemacht. SPIEGEL: Wollen Sie, dass Merz Kanz-
Sachsen, Thüringen und Sachsen-An- SPIEGEL: Er hat angeregt, das indivi- deutlich ma- lerkandidat wird?
halt ja weiterhin die stärkste Kraft in duelle Recht auf Asyl weitgehend ab- chen, dass wir Voigt: Das werden wir gemeinsam
den Kommunen. Wir betreiben Poli- zuschaffen. Im Gegenzug sollten bis miteinander beratschlagen.
tik am Gartenzaun. Aber die Bundes- zu 400.000 Menschen im Ausland
ein anderes Interview: Sebastian Fischer,
regierung geht den Leuten ans Porte- ausgewählt und dann in der EU ver- Land wollen.« Timo Lehmann n

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Pau de la Calle / picture alliance / AP / dpa


»Alles vorbei, voll gescheitert«
ASYL Um mehr Menschen ohne Bleiberecht abschieben zu können, will Deutschland Abkommen mit den
Herkunftsstaaten abschließen. Doch was bringen diese Verträge mit fragwürdigen Partnern – und
vor allem: Helfen sie überhaupt gegen die illegale Migration? Eine Reise nach Berlin, Aschheim und Dakar.

ie nennen sie »Diadia«, große ten Band aus dem gleichen Stoff zu- Studierendenvisum nach Deutsch-
S
Afrikanische
Schwester, weil sie sich um alles Migranten auf einem rückgebunden. Auf dem Bücherregal land, machte in Hamburg einen Ab-
Boot nahe der
kümmert. Wenn eine Frau sich libyschen Küste: steht ein gerahmtes Foto ihres elfjäh- schluss in Politikwissenschaft und
von der Ausländerbehörde schika- »Kollektives Trauma« rigen Sohnes. Die Familie wohnt in Journalistik und kehrte nicht mehr
niert fühlt, findet sie bei Diadia Trost. einem Backsteinhaus in einem Dorf zurück.
Wenn einer nicht weiß, wo der Unter- nicht weit von Hamburg. Aus Sicher- Baldé legt ihr Handy nur selten
schied im Aufenthaltsrecht zwischen heitsgründen will sie den Namen des weg, jederzeit könnte jemand Hilfe
einer Duldung nach Paragraf 60a, b, Orts nicht veröffentlicht sehen. Nach- benötigen. Über verschiedene Chat-
c oder d ist, kann sie es erklären. Und dem sie vor einiger Zeit guineische gruppen ist sie mit mehr als 800 Men-
wenn sie erfährt, dass ein Mensch aus Regierungsbeamte öffentlich der Kor- schen aus Guinea, Gambia und dem
Guinea in Abschiebehaft gelandet ist, ruption beschuldigt hatte, hätten Un- Senegal in Kontakt, Zehntausende
setzt sie alles daran, um ihn da wieder bekannte sie bedroht. folgen Diadia auf ihren beiden Face-
herauszubekommen. Nur wenn man genau hinschaut, book-Seiten.
Diadias echter Name ist Aissatou ist zu erkennen, dass auf Baldés rech- Wenn Baldé eine Abschiebung
Chérif Baldé, sie ist Mitte vierzig und tem Auge ein Schleier liegt. Sie kann verhindern will, schaltet sie Anwälte
kommt selbst aus Guinea. Seit 1998 auf dieser Seite nicht mehr sehen. ein, kontaktiert Kommunalpolitiker,
lebt sie in Deutschland, ist längst ein- Ende der Neunzigerjahre war sie Flüchtlingsräte und Medien. Und sie
gebürgert und bei einer Behörde an- SENEGAL Anführerin einer Studentenbewe- geht bei Facebook live. »Ich versuche
gestellt, 2009 hat sie den Hilfsverein gung in Guineas Hauptstadt Conakry. dann Druck auf die guineische Regie-
»Guinée Solidaire« gegründet, »So- AFRIKA Weil sie bessere Lebens- und Stu- rung zu machen, damit sie die Leute
lidarisches Guinea«. GUINEA dienbedingungen einforderte, sei sie nicht zurücknimmt«, sagt sie. »Die
Baldé sitzt in einem grau-rot ge- im Gefängnis gelandet, erzählt sie. Menschen stehen große Ängste aus.
musterten Kleid auf ihrem Wohnzim- Dort sei ihr ins Gesicht geschlagen Jemand muss ihnen helfen.«
mersofa, das Smartphone in der und ihr Auge verletzt worden. Nach Baldé gelingt das immer wieder.
Hand. Ihr Haar hat sie mit einem brei- ihrer Entlassung reiste sie mit einem »Unser junger Bruder A. Barry, der

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zwei Monate lang in Abschiebehaft saß, ist


endlich frei«, postete sie vor ein paar Wochen.
»Die Menschen stehen Der bilaterale Vertrag ist seit 2019 in Kraft
und beunruhigt die guineische Gemeinde in
»Was für ein Glück. Wir danken unserem An- große Ängste aus. Jemand Deutschland enorm. Rund 28.000 Guinee-
walt und Ehre sei Gott.«
Während die Aktivistin sich über jede ge-
muss ihnen helfen.« rinnen und Guineer leben hierzulande, rund
5600 sind geduldet, 2000 vollziehbar aus-
scheiterte Rückführung freut, sehen in Aissatou Chérif Baldé, Aktivistin reisepflichtig.
Deutschland viele andere darin politisches Besiegelt hat das Abkommen in Deutsch-
Versagen. Bundesinnenministerin Nancy Fae- land die Große Koalition, in Guinea die Re-
ser (SPD) hat seit ihrem Amtsantritt immer gierung des ehemaligen Präsidenten Alpha
wieder betont, Migrantinnen und Migranten den Herkunftsländern, weil diese von Über- Condé, dem Kritiker zahlreiche Menschen-
ohne Bleiberecht schneller und konsequenter weisungen der Verwandten aus Europa pro- rechtsverletzungen vorwerfen. Das Beispiel
abschieben zu wollen. Das sind häufig Zu- fitieren. Aber auch Menschenrechtsorganisa- zeigt, mit welchen Regimen sich Deutschland
wanderer aus den Westbalkanstaaten, aber tionen, Flüchtlingshelfer und Exilantinnen einlassen muss, um eine relativ kleine Zahl
auch aus Westafrika. Anträge von Asylsuchen- wie Baldé arbeiten gegen solche Kooperatio- von Migranten abschieben zu können,
den aus Ländern wie Guinea, Gambia und nen – all jene, die die CSU einst als »Anti- 141 Guineer waren es im vergangenen Jahr.
Nigeria werden meist abgelehnt, Ghana und Abschiebe-Industrie« diskreditierte. Nach Condés Wiederwahl im Oktober
den Senegal stuft Deutschland sogar als siche- Eine Reise nach Berlin, Aschheim und Da- 2020 gingen landesweit Menschen auf die
re Herkunftsstaaten ein, die Bundesregierung kar zeigt, warum sich Deutschland so schwer Straße. Das Militär schlug die Proteste gewalt-
geht also davon aus, »dass dort generell keine damit tut, jene Menschen wegzuschicken, die sam nieder, Dutzende Demonstranten star-
staatliche Verfolgung zu befürchten ist«. laut Gesetz gar nicht hier sein dürften. Und ben. Mehrere Oppositionelle sollen in Ge-
Mehr als 300.000 ausreisepflichtige Mi- auch, welche Schwächen das vermeintliche wahrsam ums Leben gekommen sein.
grantinnen und Migranten aus unterschied- Wunderinstrument hat. In diese Zeit fiel auch die Rundreise einer
lichen Staaten leben in Deutschland, der Die Kamera läuft, Aktivistin Baldé begrüßt »Expertendelegation« aus Guinea durch die
Großteil von ihnen ist geduldet. Das bedeutet, ihre Follower. »Hallo, hier ist Diadia«, sagt Bundesrepublik. Monatelang tourte sie
dass die Behörden ihre Abschiebung vorüber- sie auf Französisch. Dieses Mal hat sie in durchs Land und begutachtete Migranten
gehend ausgesetzt haben. Rund 55.000 von ihrem Facebook-Livevideo einen jungen Gui- ohne Aufenthaltstitel, von denen die deut-
ihnen müssten eigentlich sofort das Land ver- neer in der Leitung, der über seine Zeit in der schen Behörden wussten oder annahmen, sie
lassen – die meisten von ihnen bleiben aber Abschiebehaft in Büren bei Paderborn er- seien Guineer. Wenn die Delegationsmitglie-
trotzdem, selbst wenn sie Straftäter sind. Der zählt. Erst vor Kurzem kam er mithilfe seines der befanden, ein Landsmann sitze vor ihnen,
Großteil der Rückführungen scheitert. In Anwalts wieder frei. Wie in so vielen anderen etwa weil er einen einschlägigen Dialekt
manchen Fällen können die Migranten ein Beiträgen macht Baldé ihrem Ärger über das sprach oder aus anderen Gründen guineisch
Attest vorlegen, demzufolge die Abschiebung Rücknahmeabkommen Luft, das Deutschland erschien, bekam er Ausreisepapiere ausge-
eine vorhandene schwere Krankheit erheblich mit Guinea abgeschlossen hat. stellt und konnte damit rechnen, bald zurück-
verschlimmern würde, etwa eine posttrauma- gebracht zu werden.
tische Belastungsstörung. In anderen Fällen Präsident Condé wurde 2021 von einer
wollen die Piloten sie nicht befördern, oder Spezialeinheit des guineischen Militärs ge-
die Herkunftsstaaten weigern sich, sie zurück- stürzt. Seitdem ist Oberst Mamady Doum-
zunehmen. Im vergangenen Jahr brachte die bouya Präsident, übergangsweise, wie er sagt.
Bundespolizei 13.000 Migranten gegen ihren Aktivistin Baldé fürchtet, dass die Militär-
Willen außer Landes. junta im Herbst die nächste Delegation nach
Angesichts steigender Flüchtlingszahlen Deutschland schicken will. »Kein Mensch
und überforderter Kommunen will die Ampel weiß, was das für Leute sind, die da kommen
die Zahl der Abschiebungen erhöhen. Die und über das Schicksal anderer entscheiden.
hohen Umfragewerte der AfD setzen die Re- Aber der deutschen Politik ist das egal«, sagt
Max Arens / DER SPIEGEL

gierung zusätzlich unter Druck. Seit Anfang Baldé. Zudem sei undurchsichtig, was der
des Jahres gibt es mit Joachim Stamp (FDP) Machtapparat in Guinea von Deutschland
sogar einen Sonderbevollmächtigten für Mi- dafür bekomme, »damit er sich gegen das
grationsabkommen. Das sind Verträge, die Interesse der eigenen Staatsbürger stellt«.
Deutschland mit den Herkunftsstaaten vor Auch mehrere Flüchtlingsräte kritisierten
allem deshalb aushandeln will, damit diese Exilantin Baldé
die Zusammenarbeit mit der Delegation aus
abgeschobene Staatsbürger zurücknehmen. Guinea. In den deutschen Innenbehörden war
Solche Abkommen sollen auch beim aktuel- man jedoch froh, einen Hebel für die Abschie-
len EU-Asylkompromiss ein zentraler Bau- bungen zu haben, vor allem dann, wenn es
stein sein. Eine Art Wundermittel gegen il- um Straftäter ging. Auf Anfrage schreibt das
legale Einwanderung sozusagen. Das Kalkül: Bundesinnenministerium (BMI): »Das Ab-
Wer weiß, dass er schnell wieder abgeschoben kommen hat sich aus Sicht des BMI insgesamt
wird, macht sich vielleicht gar nicht erst auf als gute Grundlage für eine vertrauensvolle
die teure und gefährliche Reise. und praxistaugliche deutsch-guineische Zu-
Es ist viel von »Augenhöhe« bei den Ver- sammenarbeit erwiesen.«
handlungen die Rede, von »Fairness« und Am Eingang Skalitzer Straße lehnt an der
Schoening / picture alliance / dpa

davon, dass die Abkommen »praxistauglich« Mauer neben dem Toilettenhäuschen ein Dro-
sein sollen, wie es Stamp formuliert. Doch gendealer. Gerade hat er einen Kunden ab-
die Pläne sind schwer umzusetzen. Die Bun- gefertigt. Die Junisonne knallt auf den ver-
desregierung muss sich auf Deals mit fragwür- dorrten Rasen, um halb elf am Mittwochmor-
digen Partnern einlassen, der Widerstand gen ist im berüchtigten Görlitzer Park in
gegen die Rücknahmevereinbarungen ist Berlin noch nicht viel los. »Hey, willst du was
groß. Die Abkommen sind in den meisten kaufen?«, ruft der Mann und kommt rüber.
Fällen nicht im Interesse der Bevölkerung in Drogenumschlagplatz Görlitzer Park, Berlin Er dürfte Anfang zwanzig sein, trägt ein gel-

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bes T-Shirt und ausgetretene Sneakers. In ge- »Die Kapazitäten sind in allen Bereichen
brochenem Deutsch erzählt er, dass er von Bedingt aufnahmebereit begrenzt«, sagt SPD-Mann Geisel. »Damit
der Elfenbeinküste komme und seit ein paar müssen wir umgehen, ansonsten verlieren wir
Jahren in Deutschland lebe. Was er so mache? Asylerstanträge in Deutschland, in Tausend noch mehr Wählerinnen und Wähler an rech-
»Business«, lautet die Antwort. Dann spaziert te Parteien.«
er zurück in den Schatten des Toilettenhauses. Es sind komplizierte Zeiten, vor allem für
»Am Abend stehen die Drogenverkäufer 600 die Grünen, die Abschiebungen moralisch
hier am Weg regelrecht Spalier«, sagt Andreas schwer vertretbar finden – und die trotzdem
Geisel, 57. »Das ist dann noch einmal ein ganz einem Koalitionsvertrag zugestimmt haben,
anderes Bild als jetzt.« Der SPD-Politiker ist 2022 haben 23.294 in dem steht: »Nicht jeder Mensch, der zu uns
Personen, die aus
zwischen zwei Ausschusssitzungen für einen 400
afrikanischen Staaten kommt, kann bleiben. Wir starten eine Rück-
Spaziergang vorbeigekommen. Von 2016 bis stammen, einen führungsoffensive.«
2021 war Geisel Innensenator, inzwischen ist Asylerstantrag gestellt. Viele NGO-Mitarbeiter und Flüchtlings-
er Abgeordneter. Die rund 200 Drogendealer helferinnen empfinden das als Verrat.
im »Görli« haben ihn während seiner gesam- 200 Astrid Schreiber, 50, fährt mit ihrem Auto
ten Amtszeit beschäftigt. an einer Containersiedlung vorbei. Seit 2015
Geisel setzt sich auf eine Bank im Schatten, sind hier in Aschheim bei München 80 Ge-
ein Drogensüchtiger bettelt ihn um »fünf Euro flüchtete untergebracht, viele von ihnen aus
für einen Kebab« an. Der Park ist seit Jahren 0 Nigeria, Gambia oder dem Senegal. Ein Mann
eine Art Freiluft-Supermarkt für Haschisch, 2014 2016 2018 2020 2022 1. HJ geht mit seinem Rucksack die Straße entlang.
2023
Koks und Ecstasy – und ein Berliner Hotspot, Schreiber hält an und lässt die Scheibe ihres
was Straftaten wie Körperverletzungen oder Abschiebungen inklusive »Dublin«- grauen Seats nach unten. »Hey, Ndongo, wie
Diebstahl betrifft. Überstellungen *, in Tausend geht’s? Hat alles geklappt?«, fragt die Flücht-
Der Versuch, die Lage mit einer verstärk- lingshelferin. Der Mann strahlt. »Ja. Richtig
ten Präsenz der Polizei in den Griff zu be- 2022 wurden 2603 Personen, gut. Warte nur noch auf die Papiere.«
die aus afrikanischen Staaten
kommen, funktionierte nicht besonders gut. stammen, abgeschoben.
Der Senegalese sei Lackierer und lebe seit
Genauso wenig wie die Idee, die Menschen acht Jahren mit einer Duldung in Deutsch-
20
aus der Illegalität zu holen. Mit einer Duldung land, erzählt Schreiber später in ihrem Gar-
plus Arbeitserlaubnis hätte Geisel den Dro- 10 ten. Über das neue Chancenaufenthaltsgesetz
genverkäufern aus dem Görlitzer Park, von habe er ein befristetes Aufenthaltsrecht er-
denen viele aus Westafrika stammten, als In- 0 halten und dürfe arbeiten. »Handwerker sind
nensenator »gerne eine Chance gegeben, auf 2014 2016 2018 2020 2022 ja händeringend gesucht«, sagt sie. »Endlich
ehrliche Weise ihr Geld zu verdienen«. Aber * Nach dem »Dublin«-Verfahren werden Asylbewerber in die EU- mal eine schöne Geschichte.«
Geisels Vorstoß kam zu spät. »Nach all den Staaten rücküberstellt, über die sie nach Europa eingereist sind. Schreiber ist Projektkoordinatorin beim
Jahren haben die meisten ein ellenlanges Münchner Flüchtlingsrat, donnerstags ist sie
Strafregister, manche haben schwere Gewalt- Abkommen zur Erleichterung der Rückkehr am Flughafen und berät Ausreisepflichtige in
taten begangen«, sagt er. Eine Duldung sei da ausreisepflichtiger Ausländer der Abschiebehaft. Jede Woche erlebt sie
nicht mehr infrage gekommen. dort, wie Träume zerbrechen und Menschen
bilaterale Abkommen
Also versuchte Geisel, die Dealer anders verzweifeln. Es ist ein Job, der an die Sub-
loszuwerden. »Wenn über Jahre und für alle stanz geht.
sichtbar Regeln gebrochen und Straftaten be- Kosovo
Bayern gehört mit zu den Bundesländern,
gangen werden, ohne dass wirksame Konse- Georgien die pro Jahr die meisten Menschen abschie-
quenzen folgen, dann höhlt das in den Augen Bosnien und ben. Der Bayerische Flüchtlingsrat wirft den
Herzegowina Kasachstan Südkorea
der Bürgerinnen und Bürger unseren Rechts- Behörden vor, das Chancenaufenthaltsgesetz
Albanien
staat aus«, sagt er. Deshalb habe seine Be- Armenien zu spärlich anzuwenden. Etliche Senegalesen
hörde handeln müssen. Die Unterstützung Nordmazedonien würden davon nicht profitieren, weil sie kei-
durch die umstrittene Regierungsdelegation ne Papiere hätten, sagt Schreiber. Der Auf-
aus Guinea kam Geisel gerade recht. Das war Marokko Algerien Indien* enthalt im Bundesgebiet ohne gültigen Pass
im Berliner Wahlkampf im März 2021. ist eine Straftat. Die Behörden können deshalb
Guinea Vietnam
Vor laufender Kamera verkündete der In- das temporäre Aufenthaltsrecht verweigern.
nensenator, man habe der Delegation 22 Per- Ndongo sei eine Ausnahme. »Ist doch irr-
sonen vorgeführt, von denen 15 als Lands- sinnig, dass nach wie vor Menschen abgescho-
leute erkannt worden seien. »Kampf gegen ben werden, die arbeiten wollen oder bereits
Kriminalität – Görli-Dealer zurück nach * Umfangreiches Abkommen, das die Zuwanderung von einen Job haben.« Schließlich ist der deutsche
Fachkräften und Studierenden regelt, irreguläre Migration
Westafrika!« lautete eine Schlagzeile der verhindern soll und klare Verfahren für Rückführung hat. Arbeitsmarkt auf Hunderttausende Zuwan-
»Berliner Zeitung«. S Quellen: Bamf, BMI, Bundesregierung derer angewiesen.
Organisationen wie »Guinée Solidaire«, Schreiber hat in den vergangenen Jahren
der Berliner Flüchtlingsrat und »Black Lives Polizei« steht darauf. Er seufzt. Geisel war vor allem Senegalesen betreut. Auch wenn es
Matter Berlin« schrieben daraufhin einen of- auch mal Bausenator. »Für Housing first mit dem Senegal kein offizielles Migrations-
fenen Brief an Geisel. Sie seien »schockiert müsste man natürlich auch Wohnungen abkommen gibt, schickt auch dieser westafri-
und entsetzt«. Er habe »in unverantwortlicher bauen«, sagt er. »Aber bei jeder Wohnung, kanische Staat immer wieder Delegationen,
Weise die rassistischen Vorurteile von Teilen die ich als Bausenator in Kreuzberg bauen um Ausreisepapiere für seine Staatsbürger
der Bevölkerung gegenüber schwarzen Men- wollte, gab es Widerstand.« Entweder habe auszustellen. »Diskriminierend und entwür-
schen« befördert. man Bäume schützen müssen oder Rotkehl- digend« findet Schreiber das.
Der Politiker sagt, er habe damals nur chen. »Oder es hieß, die CO2-Bilanz sei er- Von Deutschland aus versucht sie, die
Tatsachen benannt. Geisel spaziert an einem schöpft.« Der Wohnungsmangel sei der Rückkehrer so gut es geht zu unterstützen,
weißen Transparent vorbei. »Soziale Lösun- Grund, warum Tausende Geflüchtete in Ber- sie macht das in ihrer Freizeit. Eine Zeit lang
gen für soziale Probleme – Housing first statt lin in Notunterkünften untergebracht seien. unterhielt sie mit senegalesischen Mitstrei-

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tern sogar ein Ankunftshaus in Da- Bevor El Hadji F. im Mai 2019 den die er Abend für Abend gesammelt
kar, mit ein paar Betten und einer Senegal verließ, betrieb er einen hatte. Ein anderes Mal versuchte er,
Gemeinschaftsküche. Doch im Fe- Copyshop. Seine Ausbildung hat er sich das Handgelenk mit einer Metall-
bruar musste das Haus geschlossen in einer Druckerei in Dakar gemacht. klammer aus seinen Rastazöpfen auf-
werden, die Gelder reichten nicht. »Ich habe ganz okay verdient«, sagt zuschlitzen. Eine kleine Narbe ist
Zu vielen Abgeschobenen hält sie er. Warum er dann nach Deutschland noch zu sehen. Einer seiner Betreuer

Simon Koy / DER SPIEGEL


Kontakt. El Hadji F. etwa wohnte im ging? Er habe mehr vom Leben ge- bestätigt die Geschichten.
vergangenen August vier Wochen wollt, sagt El Hadji F. In Begleitung von vier Bundespoli-
lang im Ankunftshaus. Geschichten Im Senegal leben Schätzungen zu- zisten in Zivil und einem Arzt wurde
wie seine sind der Grund, warum die folge rund 40 Prozent der Menschen El Hadji F. schließlich mit einem Li-
Aktivistin »strikt gegen Abschiebun- in Armut, die politische Lage ist fragil. nienflug abgeschoben. »Ich habe mich
gen und Migrationsabkommen« ist. Anfang Juni starben bei politischen im Flugzeug wahnsinnig geschämt«,
El Hadji F. geht durch sein Viertel Unruhen mindestens 16 Menschen, »Ist doch sagt er. Bis heute weiß kaum jemand
in Dakar, die schulterlangen Dread- Hunderte wurden verletzt. »Kein gu- irrsinnig, dass von seinen Freunden und alten Be-
locks hat er unter eine rote Basken- tes Land, um eine Familie zu grün- kannten, dass er zurück in Dakar ist.
mütze geschoben. Der 34-Jährige den«, sagt El Hadji F. nach wie vor »Was soll ich auch sagen?«, fragt er.
spaziert an einem Kohleverkäufer Mithilfe von Bekannten aus Menschen »Die Wahrheit ist zu peinlich.«
vorbei und an einem Schaf, das an Deutschland beantragte El Hadji F., El Hadji F. sagt, er wisse nicht, was
einen Strommast angebunden ist. »In der in seiner Freizeit malt und zeich- abgeschoben er ohne Astrid Schreiber gemacht hät-
Lippstadt war ich ein Fahrradmann«, net, ein vierwöchiges Visum für ein werden, die te. Er hatte ihre Nummer im Internet
sagt er. »Aber hier? Pff.« Er stößt mit Festival in Berlin. Rund 3000 Euro einen Job gefunden – sie telefonierten jeden
der Spitze seines Schuhs in den Sand, hatte er dafür zurückgelegt, für das Tag, als er in Haft saß.
der statt Asphalt den Weg bedeckt. Flugticket und alles andere. Er sah es haben.« Weil das Ankunftshaus in Dakar
Alles, was El Hadji F. besaß, muss- als Investition in seine Zukunft an. Astrid Schreiber, schließen musste, kooperiert Schreiber
te er bei seiner Abschiebung zurück- Nach Ablauf seines Visums stellte Flüchtlingshelferin inzwischen mit der senegalesischen
lassen, auch sein Fahrrad. der Senegalese in Berlin einen Asyl- NGO Boza Fii, die Rückkehrern hilft.
Der Senegalese schließt seine antrag. Die Chancen für einen Copy- »Boza« heißt in einigen westafrikani-
Haustür auf und betritt den Flur. shopbetreiber aus Dakar, eine An- schen Dialekten Sieg und ist der Freu-
Einer seiner Nachbarn versucht ge- erkennung als Flüchtling zu erhalten, denruf afrikanischer Migranten, wenn
rade, mit seinen Kindern ein Schaf gehen gegen null. Drei Jahre lang sie es nach Europa geschafft haben.
durch die Tür in den Innenhof zu lebte der Senegalese als Geduldeter Der Verein ist in einem halb ferti-
schieben. Morgen ist islamisches Op- in NRW. Ich hätte so gern als Web- gen Haus in einem Außenbezirk Da-
ferfest. Manche Familien sparen lan- designer oder so gearbeitet, erzählt kars untergebracht. Es gibt ein Büro
ge, um sich ein Schaf leisten zu kön- er. »Oh Mann, das war mein Traum.« und zwei Zimmer, in denen Boza-Fii-
nen, es wird als rituelles Opfer ge- Aber so funktioniert das deutsche Gründer Saliou Diouf und ein weite-
schächtet. Asylsystem nicht. Statt einer Arbeits- rer Aktivist wohnen. Wenn ein Rück-
Auch El Hadji F. hätte für seine El- erlaubnis bekam er die Aufforderung kehrer nach seiner Ankunft eine Blei-
tern, Schwestern und Brüder gern ein auszureisen. Nachts holten ihn Bun- be braucht, kann er im Notfall erst
Tier besorgt. Er ist der älteste Sohn, despolizisten ab und brachten ihn nach einmal hier schlafen.
fühlt sich verantwortlich. »Aber bei Büren in Abschiebehaft. »Alles vorbei, Diouf sitzt in einem türkisfarbenen
den Preisen keine Chance. Wir kom- voll gescheitert«, sagt El Hadji F. »Mir Abgeschobener F., T-Shirt in seinem Büro, neben ihm
men ja so kaum durch«, sagt er. Nach ging es richtig schlecht.« Er hatte alles unfreiwilliger hat Saliou Ngom, 39, Platz genom-
Rückkehrer Ngom in
seiner Zeit in Bochum und Lippstadt auf eine Karte gesetzt – und verloren. Dakar: Deutsch
men. Auch er ist ein Bekannter von
in Nordrhein-Westfalen spricht er gut Der Senegalese wollte sich mit bringt im Astrid Schreiber. Ngom floh 2014
Deutsch. Schlaftabletten das Leben nehmen, Senegal wenig über das Mittelmeer, weil er sich mit
Carmen Abd Ali / DER SPIEGEL

Carmen Abd Ali / DER SPIEGEL

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 39


DEUTSCHLAND

Etliche Familien in Westafrika seien auf die


Überweisungen ihrer Angehörigen aus dem
Ausland angewiesen. Diese machten im Sene-
gal zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts
aus. Hinzu komme: Unzählige Menschen hät-
ten auf der Flucht ihr Leben verloren, weil es
zu wenig legale Wege zur Migration gebe.
»Das ist ein kollektives Trauma.«
In einem gemeinsamen »Policy Brief« mit
anderen Expertinnen empfiehlt Arhin-Sam
den EU-Regierungen »deutlich mehr Trans-
parenz«, damit die Migrationsabkommen
langfristig überhaupt Bestand haben könnten.
Wie auch von der Bundesregierung ange-
dacht, sollten die Kooperationen unbedingt

Carmen Abd Ali / DER SPIEGEL


zusätzliche Wege für legale Migration ermög-
lichen. Wichtig sei es außerdem, »die Bedürf-
nisse der Rückkehrer und ihrer Familien ver-
stärkt in den Fokus zu nehmen«.
Auch Victoria Rietig, die das Migrations-
programm der Deutschen Gesellschaft für
Haus der Beratungsstelle Boza Fii in Dakar: Unterstützung für Rückkehrer
Auswärtige Politik leitet, hat sich in den ver-
gangenen Jahren viel mit der Frage beschäf-
seinem Gehalt als Schiffskoch kaum über fliehen, die der Westen gemeinsam mit kor- tigt, unter welchen Umständen Migrations-
Wasser halten konnte. rupten afrikanischen Eliten verursacht, kri- abkommen funktionieren können. Sie hält
Viele senegalesische Migranten waren einst minalisieren sie die Migranten.« die Verträge grundsätzlich für richtig, »weil
Fischer oder arbeiteten anderweitig in der Boza Fii verschickte Protestbriefe an die se- sie ein gemeinsamer Ansatz von Herkunfts-
Fischfangindustrie. Durch die Überfischung negalesische Regierung. In einer Pressemittei- und Zielländern sind«. Sie könnten auch da-
vor der Atlantikküste Afrikas, für die auch lung fordern die Menschenrechtler »Bewe- bei helfen, dass Zuwanderer, die kein Bleibe-
China und Europa verantwortlich sind, ver- gungsfreiheit für alle«, das Ende »informeller recht haben, zurückkehren. »Es ist schlicht
loren viele ihre Lebensgrundlage. Trotzdem Absprachen zwischen afrikanischen und euro- nicht gut für die Glaubwürdigkeit eines Migra-
verteilte Senegals Regierung weiterhin frei- päischen Staaten« und »volle Transparenz über tionssystems, wenn ein Nein im Asylsystem
zügig Lizenzen an ausländische Trawler. zwischenstaatliche Migrationsabkommen«. keine Wirkung hat«, sagt sie.
Saliou Ngom wurde 2021 nach mehr als Für die deutsche Regierung stellt sich die Allerdings müsse allen klar sein, dass Mi-
sieben Jahren in Deutschland abgeschoben. Frage, wie sie in dieser moralisch aufgelade- grationsabkommen nur ein kleines Puzzleteil
Jetzt geht es ihm schlechter als vor seiner nen Lage überhaupt einen vertretbaren Weg im großen Bild seien. Um langfristig etwas zu
Flucht. Ngom hat inzwischen zwei Kinder und finden soll, Rücknahmeverträge abzuschlie- ändern, brauche es eine fairere Handelspoli-
eine Frau, die er kaum durchbringen kann. ßen. Joachim Stamp will erst einmal Abkom- tik, eine vorausschauende Sicherheitspolitik
Dass er in Passau Lesen, Schreiben und Deutsch men mit Ländern wie Georgien oder der Re- und Klimaschutz.
gelernt hat, bringt ihm im Senegal wenig. publik Moldau aushandeln. Diese wollten, Große Räder, die schwer zu drehen sind.
Seine abgelaufene Krankenkassenkarte anders als viele afrikanische Staaten, »ihre Senegalese El Hadji F. lebt jetzt in einer Ein-
der AOK Bayern hat er als Erinnerung noch Bürgerinnen und Bürger unbedingt behal- zimmerwohnung, Bad und Küche teilt er sich
im Portemonnaie. Auch eine Kopie seines ten«, weil sie als Arbeitskräfte in der Heimat mit anderen Hausbewohnern. Aus Getränke-
Arbeitsvertrags mit einem Hotel in Ergolding, gebraucht würden, sagt der Sonderbeauftragte. kisten hat er sich ein Bett gebaut, an der Wand
wo er als Küchenhilfe jobbte, und das Aus- »In Westafrika sind Rückkehr und Ab- hängen Bilder, die er selbst gemalt hat. Ab-
reisepapier, das ihm eine senegalesische De- schiebung äußerst sensible Themen«, sagt strakte Kunst mit viel Rot, Grün und Blau.
legation in München ausgestellt hatte, besitzt Migrationsexperte Kwaku Arhin-Sam von der Auf dem Boden liegt das halb fertige Wer-
er noch. »Reiseplan: München–Madrid–Da- Theologischen Hochschule Friedensau. Er hat beposter für einen Friseur. El Hadji F. versucht,
kar (Spezialflug mit privilegiertem Charak- in Cape Coast in Ghana, in Bremen und in wieder im Druckgewerbe Fuß zu fassen.
ter)«, steht dort auf Französisch, gemeint ist Friedensau Sozialwissenschaften studiert. Flüchtlingshelferin Astrid Schreiber hat ihm
der Charterflug für die Abschiebung. den Kontakt zur Deutschen Gesellschaft für
»Wir haben viel zu wenig finanzielle Mit- Internationale Zusammenarbeit vermittelt.
tel, um die Leute nach ihrer Rückkehr auf- Die Organisation hat ihm als Rückkehrförde-
fangen zu können«, sagt Aktivist Diouf. Als rung eine kleine Druckmaschine finanziert. So
er von Schreiber erfuhr, dass im April wieder richtig anlaufen will das Geschäft allerdings
eine Botschaftsdelegation in Deutschland nicht. El Hadji F. hat durch seine Zeit in
unterwegs war, um Ausreisepapiere auszu- Deutschland all seine Stammkunden verloren.
stellen, versuchten sie, Senegalesen in Mün- Jeden Tag zieht er von Geschäft zu Geschäft
chen zu warnen. »Es ist nicht im Sinne der und verteilt seine Visitenkarten, in der Hoff-
Senegalesen, dass unsere Regierung solche nung, Aufträge zu bekommen. »Ich versuche
Deals eingeht«, sagt er. Trotzdem landete An- wirklich alles, damit der Laden läuft«, sagt er.
Carmen Abd Ali / DER SPIEGEL

fang Mai wieder ein Charterflug aus Mün- »Ich bin der Einzige in der Familie, der Geld
chen, darin 13 Männer ohne Zukunft. Für verdient. Alle sind auf mich angewiesen.«
Diouf ein weiterer Beleg dafür, wie die »Fes- Falls es nicht funktioniere, werde er sich
tung Europa ihren Rassismus und ausbeute- wieder auf den Weg machen. Am liebsten
rischen Kolonialismus« ausübt. »Sie wollen natürlich nach Deutschland. »Aber ich darf
unsere Rohstoffe, beuten unsere Länder aus. nicht noch mal scheitern«, sagt er.
Und wenn die Menschen dann vor der Armut Aktivist Diouf Katrin Elger n

40 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


DEUTSCHLAND

liche Gefahr für die Sicherheit des Zug- der Bahn überprüfen soll, ist alar-
verkehrs. An jenem 8. Oktober brach miert. »Die Fotos zeigen einen Ver-
um 6.40 Uhr das Netz zusammen. stoß gegen die anerkannten Regeln
Kurz darauf ploppte auf den Handys der Technik. Grundsätzlich sind Ka-
des Personals in den betroffenen Zü- bel geschützt zu verlegen.« Man wer-

Sabotage für gen eine interne Mitteilung auf: »Lie-


be Kolleginnen und Kollegen, derzeit
besteht im Raum Norddeutschland
de sich die Stelle sofort anschauen, so
eine Sprecherin.
Zugleich ist sich der Staatskonzern

Dummies eine Störung im GSM-R sowie im


GSM-P-Netz. Dadurch sind in diesem
Bereich keine Zugfahrten möglich.«
der Tragweite des Problems offenbar
bewusst. In einem internen Dossier,
das dem SPIEGEL vorliegt, beklagt
Reisende strandeten an Bahnhö- die DB Netz AG, die Infrastruktur-
KRIMINALITÄT Im Oktober kam der Bahnverkehr fen, Güterzüge stauten sich auf über- sparte der Bahn, zunehmende »In-
lasteten Ausweichgleisen. Verkehrs- tensität und Auswirkungen der Vor-
im Norden zum Erliegen, weil Unbekannte minister Volker Wissing (FDP) trat vor fälle auf die kritische Infrastruktur«.
wichtige Kabel zerschnitten hatten. Heute zeigt die Presse: »Es wurden Kabel mut- Gemäß einer Risikoanalyse lägen die
sich: Die Bahn hat daraus nichts gelernt. willig und vorsätzlich durchtrennt, »prioritären Schwachstellen« unter
die für den Zugverkehr unverzicht- anderem in Stellwerken, Schaltkäs-
bar sind.« Der Generalbundesanwalt ten, bei der Leit- und Sicherungstech-
in Juliabend im Berliner Nor- nahm Ermittlungen wegen des »Ver- nik sowie den Telekommunikations-
E den, der Weg zum Tatort ist
barrierefrei. Anders als an vie-
len deutschen Bahnhöfen kommt
Technische
Störung
dachts der verfassungsfeindlichen
Sabotage« gegen unbekannt auf.
Grünenchef Omid Nouripour forder-
anlagen an der Strecke. Ausdrücklich
nennt die Bahn hier den physischen
Angriff auf Kabeltröge.
man hier problemlos an die Schiene – Vorfälle an Anlagen te einen raschen Gesetzentwurf zum Das offene System Bahn biete
und das sogar mit dem Auto. Vorbei der Deutschen Bahn Schutz der kritischen Infrastruktur. »eine Vielzahl von Angriffspunkten«,
an einer Flüchtlingsunterkunft, auf Doch mit dem Schutz der eigenen warnen die Autorinnen und Autoren
einem gut ausgebauten Fahrweg 1500 Anlagen scheint man es bei der Bahn des Berichts. Interne Statistiken der
durchs Gehölz direkt an die drei Glei- bis heute nicht allzu genau zu neh- Bahn zeigen, dass die Zahl der Vor-
se des Berliner Außenrings. 1250 men. Recherchen des SPIEGEL zeig- fälle zuletzt stark angestiegen ist.
In der Böschung liegen Kabel, ten bereits im Oktober, dass entschei- Mehr als 1500 Sabotageaktionen
schwarze, blaue, zum Teil aufgewi- dende Dokumente wie das »Rückfall- wurden nach Zählung der Bahn allein
1000
ckelt. Sie ragen aus abgedeckten Füh- konzept für den GSM-R-Zugfunk« bis im vergangenen Jahr verübt, 2021
rungen heraus und sind mit Zahlen kurz nach der Tat offen im Internet waren es noch rund 1200 gewesen.
und Symbolen beschriftet. Es sind 750 einsehbar waren. Auch Angaben zum Die meisten Taten (310) wurden im
sogenannte TK-Kabel: Telekommu- Aufbau vorgeschriebener Glasfaser- vergangenen Jahr in Berlin verübt.
nikationskabel, Kabel für Daten. 500 kabel ließen sich ohne Weiteres ab- Besonders stark betroffen waren
Mehrere blau ummantelte Glas- rufen. Den Tätern wurde es also leicht auch Sachsen-Anhalt, Sachsen, Bran-
faserleitungen liegen verheddert im gemacht – und künftigen Tätern eben- denburg sowie Nordrhein-Westfalen.
250
Gras, bevor sie in der Kabelführung falls. Mehr als neun Monate nach der Im bevölkerungsmäßig größten Bun-
verschwinden. Nur teilweise ist diese Tat liegen die notdürftig reparierten desland kam es in diesem Januar zu
mit bröselnden, moosigen Betonplat- 0 Kabel im Berliner Norden frei zugäng- weiteren schwerwiegenden Vorfällen:
ten abgedeckt, die sich leicht beiseite- 2018 2020 2022 lich und ungeschützt in der Böschung. Unbekannte drangen in drei unbe-
schieben lassen. S Quelle: eigene Recherche Als der SPIEGEL nachfragt, re- setzte Stellwerke ein und manipulier-
Es scheint, als hätte die Bahn agiert man bei der Bahn überrascht. ten die Stromversorgung. Das Motiv
nichts dazugelernt, als hätten die Er- Man habe die ordnungsgemäße Ver- ist nach wie vor völlig unbekannt,
eignisse im vergangenen Herbst die legung in Auftrag gegeben, sagt eine gefasst sind die Täter bis heute nicht.
Verantwortlichen des Konzerns nicht Bahn-Sprecherin. »Die Arbeiten sol- Dazu kommt der Diebstahl von
weiter beunruhigt. len bis zum kommenden Wochen- Buntmetallen, also auch Kabeln, mo-
Am frühen Morgen des 8. Oktober ende abgeschlossen sein.« Das Eisen- tiviert etwa durch gestiegene Roh-
2022 waren unbekannte Täter genau bahnbundesamt, das die Sicherheit stoffpreise. Solche Taten stellten die
an diese Stelle gekommen. Sie zer- Ermittler 2022 in 304 Fällen fest, laut
schnitten die Kabel, die für den Be- Bahn führten sie zu rund 110.000
trieb des Zugfunks der Bahn, des so- Verspätungsminuten. Bahn und Bund
genannten GSM-R, notwendig sind. versprechen sich nun mit einem Paket
So wie es andere Täter wenige Stun- von 63 Maßnahmen besseren Schutz.
den zuvor im nordrhein-westfälischen Der Konzern hofft außerdem auf das
Herne getan hatten. Auch dort lagen »Kritis-Dachgesetz«. Mit ihm will der
Kabel offen und beschriftet herum. Bund Infrastruktur besser schützen.
Ein paar Schnitte mit der Trennschei- Zurzeit arbeitet man im Konzern
be, fertig war die Sabotage. den Gesetzentwurf durch. Kurzfristig
Die Kabel in Berlin waren zu der möchte die Bahn 500 zusätzliche Si-
Zeit ein Back-up für die zerstörte Lei- cherheitskräfte einstellen, mehr in die
Serafin Reiber / DER SPIEGEL

tung in Herne. Fallen beide Leitungen Überwachung mit Video und Droh-
aus, geht in der Zugfunk-Vermitt- nen investieren. Eine »Awareness
lungsstelle in Hannover nichts mehr. Toolbox« soll Mitarbeitende sensibi-
Lokführer in ganz Norddeutschland Ungeschützte lisieren. Im Berliner Norden ist sie
Kabel an Berliner
können dann nicht mehr mit der Leit- Bahnstrecke offenbar noch nicht angekommen.
stelle kommunizieren: eine erheb- Serafin Reiber n

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 41


DEUTSCHLAND

Höchste Stufe: Freiheit


JUSTIZ Psychisch und suchtkranke Straftäter sitzen ihre Strafe statt im Gefängnis im
Maßregelvollzug ab. Doch die Anstalten sind hoffnungslos überfüllt.
Der Bundestag hat daher eine Reform beschlossen. Drohen jetzt neue Probleme?

er Mensch kann immer wieder ganz mit Drogen zu dealen, vor allem um seine wegen Raub, wenige wegen Sexualdelikten,
D von vorne anfangen«, sagt der junge
Mann auf der Bühne. Er spielt eine Rol-
le im »Hauptmann von Köpenick« und redet
Sucht zu finanzieren. Vier Jahre und acht
Monate sollte er dafür ins Gefängnis, eine
Zeit davon hat er bereits verbüßt, zunächst
Mord oder Totschlag. Sie haben übermäßig
viele Opiate konsumiert, Alkohol, Koks,
Ecstasy oder Cannabis.
der Hauptfigur, die im Stück aus der Haft ent- im Regelvollzug, seit einem Jahr ist er in Haar. Nach der Theaterprobe läuft die Ärztin
lassen wurde, gut zu. Der junge Mann heißt Seitdem, sagt er, werde alles endlich besser. zügig zwischen den Häusern hin und her.
Simon, ist 30 Jahre alt und würde selbst gern Claudia Limmer sitzt vor der Bühne in der Überall blühen weiße Rosen, die Simon und
von vorn anfangen. Er ist ein verurteilter Dro- ersten Reihe. Sie freut sich, wie gut Simon andere aus der Gartengruppe gepflanzt
gendealer, die Bühne steht in einer bayeri- seine Rolle spielt. Er soll ein paar Sätze wie- haben, Vögel zwitschern, die Anstalt wirkt
schen Anstalt für Maßregelvollzug, dort ver- derholen und bestimmter auftreten. Simon geradezu idyllisch. Patienten grüßen Limmer
mischt sich gespieltes Drama mit der Realität. steht noch einmal von seinem Stuhl auf, in- freundlich, viele kennt sie schon seit Jahren.
Von vorn anfangen – das wollen viele Pa- toniert kräftiger. »Das ist super für seine Frus- Manche Häuser haben mehr von einer
tienten in der Klinik in Haar bei München. trationstoleranz«, sagt Limmer. Die Psychia- Jugendherberge als von einem Gefängnis.
Wer dort lebt, hat eine Straftat begangen oder terin ist Chefärztin des Bereichs der »64er«, Wäscheständer stehen auf den Fluren, im Ge-
wird dessen verdächtigt und stellt wegen einer wie sie die Abteilung nach dem Paragrafen meinschaftsraum wird gegessen, auf die graue
psychischen Erkrankung (Paragraf 63 Straf- im Strafgesetzbuch nennen: 156 Männer, Wand haben Patienten in der Kunsttherapie
gesetzbuch) oder infolge einer Drogensucht untergebracht auf sechs Stationen in vier um- Bilder gemalt: Palmen am Strand, gemalte
(Paragraf 64) eine Gefahr da. Der Maßregel- zäunten Häusern auf dem Gelände, Limmer Träume eines anderen Lebens.
vollzug soll die Gesellschaft vor den Insassen spricht nur von ihren »Jungs«. Betritt Limmer den Hochsicherheitstrakt,
schützen und diese zugleich auf ihr Leben in Die meisten von ihnen haben gegen das wird klar, dass hier Menschen leben, vor
Freiheit vorbereiten. Das funktioniert im Betäubungsmittelgesetz verstoßen, einige denen die Gesellschaft geschützt werden soll.
Maßregelvollzug besser als in Haftanstalten: sind wegen Körperverletzung hier, manche Jede Tür muss sie auf- und abschließen, für
Die Rückfallquote ist dort deutlich geringer. Zwischenfälle trägt sie ein Gerät, mit dem sie
Was im Maßregelvollzug geschieht, bleibt ein Alarmsignal absetzen kann. Am Schlüssel-
meist im Verborgenen. Nur wenn es einen Voller Vollzug bund schwingt ein Anhänger, den ein Patient
spektakulären Ausbruch gibt, steht die foren- gebastelt hat. Auf den Gängen schlurfen müde
Gesamtzahl der im Maßregelvollzug
sische Psychiatrie in den Schlagzeilen. Dabei untergebrachten Personen
Männer, die der Ärztin zunicken.
besteht ein grundsätzliches Problem: Die An- Unter welchen Bedingungen ein Mensch
stalten sind deutschlandweit überfüllt. Davor in einem psychiatrischen Krankenhaus (§ 63) in der Anstalt untergebracht ist, entscheidet
hat der Direktor des Klinikums in Haar, Peter in einer Entziehungsanstalt (§ 64) ein Stufensystem. Alle fangen zunächst mit
Brieger, in einem Gutachten den Bundestag Stufe 0 im Hochsicherheitstrakt an. Wer Fort-
im April dieses Jahres gewarnt. 5389 Perso- 2010 schritte macht, erhält Stufe A und darf in ein
7752
nen saßen 2021 nach Paragraf 64 in Deutsch- 3719 anliegendes Haus umziehen, in dem die Si-
land in einer Entziehungsanstalt. Briegers cherheitsvorkehrungen nicht ganz so streng
Klinik ist eine der größten in Deutschland, 2019 sind. In Stufe B dürfen die Männer sich bereits
7182
auf offizielle 385 Betten kommen in Haar 471 5161 frei auf dem Gelände bewegen. Die höchste
Patienten. Die Behandlungsqualität und die Stufe: Freiheit.
Menschenrechte seien gefährdet, sagt Brieger. 2021 Über den Fortschritt, den die Patienten
7557
Der Bundestag hat nun eine Reform des 5389 machen, entscheiden Ärzte, Psychologen,
Paragrafen 64 beschlossen. Im Kern sollen Sozialpädagogen, Pflegekräfte und Sicher-
Straftäter nur noch dann im Maßregelvollzug Anteil der Einrichtungen, die im Jahr 2021 heitsbeamte gemeinsam.
untergebracht werden, wenn ihre Straftat in eine Überbelegung angaben, in Prozent Für viele in der Entziehungsanstalt aller-
direktem Zusammenhang mit dem Drogen- nein ja
dings endet der Weg schon bei Stufe 0. Sie
konsum steht und sie wirklich therapiewillig 31,5 68,5 sind nicht motiviert, nicht therapiewillig,
sind. Kann das helfen? gehörten nicht in den Maßregelvollzug, sagt
Simon spielt auf der Bühne einen braven Limmer. Manche sind womöglich nicht einmal
Beamten, der nichts falsch macht. Seine eige- suchtkrank. Diese Patienten werden auf einer
ne Biografie verlief anders. Die Eltern waren Tafel in einem Büroraum des Hochsicher-
Alkoholiker, Simon spricht von viel Gewalt heitstrakts mit gelben Pfeilen markiert. »Ab-
zu Hause. Eine Ausbildung hat er nie ge- bruch«, steht daneben. Mittlerweile breche
macht, mit 17 Jahren musste er das erste Mal jeder Zweite in Haar die Therapie ab, sagt
ins Gefängnis. Irgendwann wurde er abhängig S Quellen: DGPPN, BMJ, Bayerisches Staatsministerium für Limmer. Diese Männer müssen dann zurück

Familie, Arbeit und Soziales, Ministerium für Soziales,


von Crystal Meth und begann, in großem Stil Gesundheit und Integration Baden-Württemberg in Haft.

42 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


DEUTSCHLAND

Suchtkranke viel häufiger in normale


Haftanstalten einweisen. »Auf diese
Menschen ist der reguläre Strafvoll­
zug allerdings nicht vorbereitet«, sagt
sie. »Wenn sie Therapie wollen, gibt
es außer Substitutionsangeboten we­
nig.« So könnten die Straftäter keinen
Weg zurück in die Gesellschaft fin­
den. »Wenn wir diese Menschen re­
sozialisieren wollen, brauchen wir für
sie eine gute Versorgung. Das wird in
der Öffentlichkeit noch nicht ausrei­
chend gesehen.« Die Lobby für Straf­
gefangene ist begrenzt.
Peter Brieger, der Verfasser des
Gutachtens für den Bundestag, sitzt
an einem Junitag in seinem Büro in
der Anstalt in Haar. Neulich war er
bei Bundesgesundheitsminister Karl
Lauterbach (SPD) in Berlin. Es ging
um die Verbesserung der psychiatri­
schen Versorgung in Deutschland, die
ebenfalls Auswirkungen auf Anstalten
1 2
wie seine hat. »Wenn wir keine gute
Prävention und Anschlussversorgung
haben, steigt natürlich der Druck im
Maßregelvollzug«, sagt Brieger. Im­
merhin finanziere Bayern ein Präven­
tionsprogramm. Überhaupt, findet
Brieger, gehe es seiner Klinik verhält­
nismäßig gut. Sie hätten genug Per­
sonal, andere Anstalten suchten hän­
deringend nach geeigneten Mitarbei­
terinnen und Mitarbeitern.
Inwieweit die Reform seine Anstalt
entlasten wird, kann Brieger noch
nicht absehen. »Wenn wir 10 oder
20 Prozent weniger Zuweisungen be­
kämen, wäre das schon ein Erfolg«,
meint er. »Ein entscheidender Punkt
lässt sich aber ganz schwer beeinflus­
sen: die Rechtspraxis«, sagt er. »Die
Fotos: Dirk Bruniecki / DER SPIEGEL (4)

Gerichte ordnen einfach seit Jahren


im Zweifelsfall zu oft den 64 an. Zum
einen weil die Verteidiger diesen
Strafrabatt wollen, der jetzt wegfällt.
Zum anderen weil der Bundes­
gerichtshof diese Anordnung kaum je
3 4 aufhebt. Ich kenne nur Verfahren, in
denen der BGH das Gesetz aufhob,
weil kein 64 angeordnet wurde  –
Grund seien unter anderem Fehl­ büßung von zwei Dritteln der Strafe 1 | Verurteilter nicht umgekehrt.« An dieses Pro­
einschätzungen der Gerichte. »Manch­ möglich sein. Drogendealer Simon blem, sagt Brieger, müsse man auch
mal ist der Zusammenhang zwischen Mehrere Abgeordnete der Grünen 2 | Umzäuntes noch ran.
Haus im Maßregel-
einer Tat und der Sucht nicht richtig fürchten, dass die Reform insgesamt vollzug Haar Simon ist jedenfalls froh, dass er
herstellbar«, sagt Limmer. »Es gibt auch Nachteile haben könnte. Sie for­ 3 | Pflanzen in Simons das reguläre Gefängnis verlassen
viele Fehlanreize hierherzukommen.« dern bessere Therapieangebote in Fenster durfte. Der Entzug sei dort nicht ein­
Zum Beispiel den Strafrabatt: Straf­ Justizvollzugsanstalten. »Die Folgen 4 | Chefärztin Limmer fach gewesen, hier, in Haar, mache er
täter konnten bislang durch einen Auf­ der Reform sind nicht richtig durch­ Fortschritte. Inzwischen hat er die
enthalt im Maßregelvollzug ihre Straf­ dacht«, sagt Linda Heitmann. Es är­ Sicherungsstufe B erreicht. Er malt
zeit halbieren. Wer etwa zu acht Jah­ gere sie, dass das Thema allein unter viel, arbeitet im Garten, spielt Thea­
ren Freiheitsstrafe verurteilt wurde, juristischen Gesichtspunkten verhan­ ter. Bald, hofft er, kann er draußen
konnte bereits nach vier Jahren ent­ delt worden sei – Gesundheitspoliti­ eine Arbeit beginnen. Er will dazu auf
lassen werden, wenn er zwei Jahre kerinnen hätten kaum etwas zur Re­ dem Vollzugsgelände einen Gabel­
davon im Maßregelvollzug verbrachte. form beitragen dürfen. staplerschein machen. Das ist gerade
Auch das hat der Bundestag nun ge­ Die Grüne weist auf die Folgen der ein großer Traum. Und dann, irgend­
ändert. Durch die Reform soll eine geplanten Reform im Maßregelvoll­ wann, in die Freiheit.
Entlassung künftig erst nach einer Ver­ zug hin: Künftig würden Gerichte Milena Hassenkamp n

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 43


DEUTSCHLAND

genauso wenig wie die Tatsache, dass Stark­


Watzinger die Waffel sofort an ihren Sprecher
weiterreicht, als die Kameras abdrehen.
Wohlfühlbilder mit Puderzuckerstaub, sol­
che Termine waren Stark­Watzinger in letzter
Zeit nicht oft vergönnt. Über dem Ministe­
rium braut sich ein perfekter Sturm zusam­
men: eine Mischung aus verschleppten Vor­
haben und scheinbar ausweglosen Verstri­
ckungen mit Verhandlungspartnern, aus
Finanzierungslücken und Kommunikations­
pannen, aus aufgestautem Frust und gekränk­
ten Eitelkeiten.
Als Chefin des von ihr so getauften »Chan­
cenministeriums« ist sie zuständig für nicht
weniger als: die Zukunft der Gesellschaft. Sie
muss die Wissenschaft in die Lage versetzen,
heute die Probleme von morgen zu lösen. Die
Zweifel mehren sich, dass Stark­Watzinger
dieser Aufgabe gewachsen ist. Für eine Partei,
die im Wahlkampf »weltbeste Bildung« ver­
sprach, fällt die Bilanz mehr als 18 Monate
nach Amtsantritt dürftig aus.
Das »Startchancen«­Programm soll 4000
Schulen in schwierigen Lagen unterstützen,
doch die Verhandlungen mit den Ländern ha­
ken. Die Arbeitsbedingungen junger Forschen­
der sollen sich verbessern, doch die Neufas­
sung des entsprechenden Gesetzes fiel bei den
Koalitionspartnern durch. Und den zweiten
Teil der Bafög­Reform blieb Stark­Watzinger
bisher ebenso schuldig wie den »Digitalpakt
2.0« – obwohl bei der Bundestagswahl ein
Stefan Boness / Ipon
beachtlicher Anteil junger Menschen wegen
dieser Themen die FDP gewählt haben dürfte.
Die Hessin war als Hoffnungsträgerin ge­
startet – anders als Anja Karliczek, ihre glück­
Ministerin Stark-Watzinger: Als Hoffnungsträgerin gestartet
lose Vorgängerin von der CDU, die als ge­
lernte Hotelfachfrau mit dem elitären Wissen­
schaftsbetrieb von Beginn an fremdelte und
kaum ein Fettnäpfchen ausließ. Stark­Wat­
zinger hat dagegen als Geschäftsführerin eines
Finanzforschungsinstituts gearbeitet, als

Die Bundeszuschauerin Bundestagsabgeordnete war sie im Haushalts­


ausschuss für den Etat ihres heutigen Hauses
zuständig. Auch politische Gegenspieler be­
schreiben sie als klug, zugewandt, schlagfer­
REGIERUNG Vor der Wahl hat die FDP »weltbeste Bildung« versprochen, tig. Bettina Stark­Watzinger, 55, wirkte wie
die ideale Besetzung.
seither stellt sie die zuständige Ministerin. Gehört hat man Vom Enthusiasmus ist wenig geblieben.
von Bettina Stark-Watzinger allerdings wenig. Eine Zwischenbilanz. Von den 16 Mitgliedern des Bundeskabinetts
rangiert Stark­Watzinger in Sachen Beliebt­
heit auf dem vorletzten Platz. Im Regierungs­
ie Ministerin steht im Innenhof einer Unternehmertum – die FDP­Politikerin wirkt monitor des Umfrageinstituts Civey sagten
D Berliner Sekundarschule und hält eine
Waffel in die Luft. Puderzucker rieselt
in einer feinen Wolke zu Boden. »Groß­
angetan.
Stark­Watzinger, seit Dezember 2021 Bun­
desministerin für Bildung und Forschung,
zuletzt 70 Prozent der Befragten, sie seien
mit der Arbeit der Ministerin »sehr« oder
»eher unzufrieden«. In der regelmäßigen Um­
artig!«, sagt sie. »Wirklich beeindruckend.« ist hier nur Staffage. Prinz Edward, der Duke frage von Kantar Public für den SPIEGEL kam
Den Waffelstand betreibt die Schüler­ of Edinburgh und jüngste Bruder König Ende Juni heraus: Jeder zweite Befragte kann­
firma, zwei Euro kostet das Gebäck. »Für Charles’ III., verleiht den Schülerinnen und te sie gar nicht.
Sie heute kostenlos«, verkündet ein Mäd­ Schülern an diesem Tag eine Auszeichnung. In der Talkshow »Markus Lanz« sprach
chen mit rosafarbenem Kopftuch und strahlt. Die Bundesministerin läuft mit, plaudert mit der Moderator sie mit »Frau Strack­Zimmer­
Bettina Stark­Watzinger lässt sich erklä­ den Jugendlichen und posiert für Fotos mit mann« an – er hatte seinen Gast mit der laut­
ren, wie die Jugendlichen die Teigmengen His Royal Highness. starken FDP­Verteidigungsexpertin Marie­
berechnet und die Zutaten bestellt haben. Niemand will etwas von ihr, niemand fragt Agnes Strack­Zimmermann verwechselt.
Sie hört zu, stellt Nachfragen, als ginge es nach Geld oder Gesetzentwürfen oder Zeit­ Die fehlende Bekanntheit wäre halb so
hier um Laserfusion und nicht um das plänen. Dass die Bundesministerin für Schu­ schlimm, würde Stark­Watzinger im Verbor­
Abwiegen von Butter. Eigenverantwortung, len gar nicht zuständig ist, interessiert hier genen erfolgreich wirken. Stattdessen haben

44 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


DEUTSCHLAND

sich die Ministerin und ihr Führungs- den 16 Kultusministerinnen und -mi- »Konstruktive Satz, der in Variationen häufig fällt,
team in Konflikten verheddert. Auf nistern waren nur 2 erschienen. In der wenn Bildungsfachleute über Stark-
Twitter überschütten Wissenschaftle- Öffentlichkeit entstand das Bild einer Lösungs­ Watzinger sprechen: »Menschlich
rinnen und Wissenschaftler sie mit gesprächsbereiten Bundesbildungs- vorschläge kommen wir gut zurecht, aber fach-
Kritik. Und aus der Kultusminister- ministerin, die sitzen gelassen wurde. ignoriert lich ist das einfach viel zu wenig.« Der
konferenz (KMK) ist zu hören, das Dieses Bild stimmt so nicht. Nach Bund habe sich auf eine »Zuschauer-
Verhältnis zum Bundesministerium SPIEGEL -Informationen hatte das die FDP.« rolle« zurückgezogen.
sei »noch nie so schlecht gewesen«. Bundesministerium 13 der 16 Kul- Amrei Bahr, Das Eckpunktepapier für das
Fragt man Bettina Stark-Watzinger tusministerinnen und -minister gar Juniorprofessorin »Startchancen«-Programm habe die
selbst, wie sie auf die vergangenen nicht als »aktive Teilnehmer« einge- Verhandlungsgruppe der Länder eine
19 Monate seit Amtsantritt blickt, holt laden. Nur Ties Rabe aus Hamburg, halbe Stunde vor dem Termin erhal-
sie tief Luft. »Natürlich hätte ich mir Sprecher der SPD-geführten Kultus- ten, so berichten es mehrere Teilneh-
gewünscht, dass manches schneller ministerien, und sein CDU-Pendant mende übereinstimmend. Zuvor habe
geht«, sagt sie dann. Ihr Ministerium Alexander Lorz aus Hessen hätten eine Journalistin schon angefragt, was
habe trotzdem »viel geschafft«, so kommen sollen, dazu Astrid-Sabine die Gruppe von dem Papier halte;
drückt sie es aus. Vieles davon nehme Busse aus Berlin als damalige KMK- sie kannte es offenkundig. Stark-Wat-
die Öffentlichkeit nur bedingt wahr, Präsidentin. zingers Ministerium räumt ein, man
etwa die »Zukunftsstrategie Forschung Die anderen hatten nach einem habe das Papier »kurzfristig vor Be-
und Innovation«. »Bildungs- und For- Schreiben im Dezember auf offiziel- ginn der Sitzung« versandt. »Das war
schungspolitik sind nicht täglich auf lem Weg nie wieder etwas von der ein massiver Affront und auch Ab-
der Titelseite.« Außerdem: Der Krieg Veranstaltung gehört. »Das BMBF sicht«, schimpft ein Mitglied der Ver-
Russlands gegen die Ukraine und sei- hätte einen solchen Gipfel professio- handlungsgruppe. Ein anderes sagt:
ne Folgen hätten viel verändert. »Da- nell vorbereiten müssen«, sagte Lorz, »Das war ganz schlechter Stil.« Karin
mit mussten wir umgehen.« »weder der Termin noch Format und Prien (CDU), Kultusministerin aus
Leidet Bettina Stark-Watzinger an Inhalte waren mit uns abgespro- Schleswig-Holstein, sagte den »Kieler
der Unmöglichkeit ihres Amtes? Drei chen.« Er garnierte seine Absage mit Nachrichten«: »Zu spät, zu wenig und
Viertel ihres 21,5-Milliarden-Etats dem Hinweis: Der eigentliche Bil- zu bürokratisch«, so komme das Eck-
entfallen auf Forschung und Innova- dungsgipfel finde ohnehin zwei Tage punktepapier daher. »Der Bund hat
tion. Hier kann sie steuern, fördern, später statt – die 381. Sitzung der Kul- keine Fachkompetenz in Sachen Bil-
Veränderungen erwirken. Das Blöde tusministerkonferenz. dung, sonst käme nicht so ein ver-
ist: Nach dem Ende der Coronapan- Hängen bleibt der Eindruck, es murkster Vorschlag heraus.«
demie ist Forschungspolitik wieder in gehe Stark-Watzinger vor allem da- Zur Wahrheit gehört allerdings,
einer Nische verschwunden. Ein The- rum, Punkte aus dem ehrgeizigen Ko- dass manche KMK-Mitglieder sich
ma für Fachleute, schwer zu verste- alitionsvertrag von der Liste streichen stur stellen. Hatten die Konservativen
hen, weit weg vom Bürger. zu können. Haken dran, Ergebnis egal. ihre eigene Ministerin Anja Karliczek
Ganz anders das Thema Schule. Der verkorkste »Gipfel« zeigt das noch geschont, hätten sie nun »voll in
Dass fast ein Fünftel der Grundschul- schwierige Verhältnis von Bund und den Oppositionsmodus geschaltet«,
kinder hierzulande die vierte Klasse Ländern. Das Vertrauen sei, so sagen so formuliert es einer aus der Minis-
abschließt, ohne vernünftig lesen zu es mehrere Kultusministerinnen und terriege. Sie blockierten die Vorhaben
können, regt auf. Und Fotos mit Prinz -minister, »nachhaltig zerstört«. Zu der Ampel, wo immer sie könnten.
und Puderzuckerwaffel machen nun Beginn von Stark-Watzingers Amts- Stark-Watzinger könnte mit dem
mal deutlich mehr her. Doch für zeit sprach die KMK eine »stehende Finger auf die anderen zeigen – doch
Schulangelegenheiten sind die Länder Einladung« aus, Stark-Watzinger sie hält sich zurück. Stattdessen sagt
zuständig. Der Bund darf übergeord- wäre bei jeder Sitzung »hochwillkom- sie: »Die Menschen sehen doch, was
nete Sonderprojekte wie den Digital- men« gewesen, wie es ein Minister in ihrer Schule, in ihrer Kita alles
pakt finanzieren, sein inhaltlicher formuliert. Doch die Eingeladene nicht funktioniert. Die wollen keine
Einfluss ist begrenzt. Für eine Minis- kam in 19 Monaten nur dreimal. »Wir Gäste Edward (2. v. l.), langen Erklärungen, sondern Lösun-
Stark-Watzinger
terin, die um Sichtbarkeit kämpft, haben die Tür sperrangelweit aufge- in Berliner Schule im
gen.« Klar ist: Ohne politische Allian-
eine undankbare Ausgangslage. macht, aber sie ist nicht durchgegan- Mai: Wohlfühlbilder zen wird es keine Lösungen, keine
An einem Dienstag im März sitzt gen«, sagt der Minister. Es folgt ein mit Puderzuckerstaub Reformen geben. Das ist ärgerlich,
Stark-Watzinger auf einer Bühne in weil das Land sie so dringend braucht.
einem Berliner Kongresszentrum. Sie Doch Bündnisse benötigen Vertrau-
hat zum »Bildungsgipfel« geladen, en, Verbindlichkeit und Integrität.
um die »Zusammenarbeit von Bund, Auf allen Seiten.
Ländern, Kommunen, Wissenschaft Anfang September 2022 gab Bet-
und Gesellschaft neu zu denken«. tina Stark-Watzinger ein Verspre-
Eine solche Veranstaltung hatten die chen: Studierende, Fachschülerinnen
Ampelparteien im Koalitionsvertrag und Fachschüler sollten 200 Euro er-
angekündigt. Die Ministerin macht halten, weil die Preise für Energie so
Frederic Kern / Future Image / action press

daraus: ein Grußwort, etwas wissen- stark gestiegen waren. »Wir lassen die
schaftlichen Input, etwas Podiums- jungen Menschen nicht allein«, sagte
diskussion. Die Zukunft der Bildung, sie. Was das Ministerium anscheinend
verhandelt in wenigen Stunden. nicht durchdacht hatte: wie das Geld
Stark-Watzinger sagt, der Bil- zu den jungen Leuten kommen sollte.
dungsgipfel habe nur der Auftakt sein Anders als bei Rentenempfängern
sollen, sie habe dort eine »Taskforce« sind die Zahlungsdaten Studierender
mit Ländern, Kommunen und Wis- nirgendwo erfasst. Und die Länder
senschaft gründen wollen. Doch von hatten nicht vor, Stark-Watzinger zu

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 45


DEUTSCHLAND

helfen. »Sie kündigt es an und wälzt Öffentlich schickte die Ministerin


dann die Arbeit auf uns ab?«, sagt ein Erst unbekannt, dann unbeliebt ihren Staatssekretär Brandenburg
Kultusminister. »So geht das nicht.« vor. Der warb in einem Interview
Während es hinter den Kulissen »Wie zufrieden sind Sie mit der Arbeit der Bundesbildungs- um Verständnis, beharrte aber kühl
ministerin, Bettina Stark-Watzinger?«, Antworten in Prozent
brodelte, vertröstete Stark-Watzinger darauf: »Bewilligungen erfolgen
die Studierenden: Die Auszahlung zufrieden unentschieden unzufrieden schriftlich.«
erfolge »Anfang Dezember«, hieß es, Dabei galt Stark-Watzinger in
dann »Anfang des kommenden Jah- 60
69 ihrem früheren Leben als geschickte
res« und schließlich »noch in diesem und kluge Kommunikatorin. Jan Pie-
Winter«. Die ersten Studierenden er- ter Krahnen baute zusammen mit ihr
40
hielten ihr Geld Mitte März. und dem Ökonomieprofessor Uwe
Und dann ist da noch dieses Ge- Walz das heutige Leibniz-Institut
26
setz, so kompliziert wie sein Name. 20 für Finanzmarktforschung SAFE in
Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz Frankfurt am Main auf. »Wir waren
regelt, wie Arbeitsverträge an staat- 0 5 ein gutes Team«, sagt Krahnen.
lichen Hochschulen und Forschungs- Jan. Apr. Juli Okt. Jan. Apr. Juli
Das SAFE belegt die erste Etage
einrichtungen zeitlich befristet wer- 2022 2023 im House of Finance, einem funktio-
den können. An einem Freitagnach- S Quelle: Civey-Umfrage für den SPIEGEL; Wochendurchschnitte; jeweils etwa
nal kastigen Bau aus Glas und Beton,

mittag im März stellte das Ministerium 5000 Befragte; die statistische Ungenauigkeit liegt bei bis zu 3,2 Prozentpunkten. hinter einer Fassade aus toskani-
seinen Entwurf einer Neuregelung schem Travertin. Schon Wochen vor
vor – und kassierte ihn nur 51 Stun- werkschaft Erziehung und Wissen- dem Einzug, erzählt Krahnen, habe
den und einen Shitstorm später wie- schaft, lästert: Stark-Watzinger sei er über die Verteilung der Büros nach-
der ein. »Zurück in die Montagehal- eine »Königin ohne Reich – im Parla- gedacht. »Das Stockwerk ist dunkel,
le«, wie die Staatssekretärin Sabine ment fehlt ihr die Mehrheit, die Wis- gerade die Büros zum Innenhof ha-
Döring auf Twitter schrieb. senschaft läuft Sturm«. ben wenig Tageslicht«, sagt der Pro-
Wenige Tage später lud das Minis- Künftig muss Stark-Watzinger zu- fessor. »Und sie sind sehr klein.« Wer
terium ein knappes Dutzend Vertre- dem mit weniger Geld auskommen. welchen Arbeitsraum bekommt, sei
terinnen und Vertreter von Hoch- Der Haushalt der Bundesregierung ein Zeichen von Prestige. »Allen war
schulen, Forschungseinrichtungen, sieht für ihr Ministerium für das kom- klar: Das wird Gerangel geben.«
Gewerkschaften und Verbänden zum mende Jahr 20,3 Milliarden Euro vor. Geschäftsführerin Stark-Watzinger
»Austausch« nach Berlin ein. In Das ist rund eine halbe Milliarde we- aber wählte ein Innenhofbüro, das
einem jeweils zweiminütigen State- niger als in der mittelfristigen Finanz- kleinste und dunkelste von allen.
ment durften alle einmal ihre Mei- planung vor knapp einem Jahr fest- »Damit war der Konflikt sofort be-
nung sagen. In der Mitte saß der Par- gelegt. Doch Stark-Watzinger braucht endet«, sagt Krahnen. Wenn die
lamentarische Staatssekretär Jens mehr, nicht weniger Geld. Denn Ver- Nummer eins in einer Kammer sitzt,
Brandenburg, nickte, notierte und träge wie der Pakt für Forschung und traut sich niemand mehr, ein Eckbüro
betonte immer wieder, wie weit die Innovation verpflichten sie, Jahr für zu fordern. »Mir hat das imponiert.«
Positionen auseinanderlägen. Jahr eine wachsende Summe in Wis- Stark-Watzinger sei es gewesen, die
Amrei Bahr sagt: »Was das Ziel senschaft zu investieren. Um das das Team zusammengehalten habe.
dieser Veranstaltung sein sollte, ist einzuhalten, muss sie anderswo zu- »Sie hatte einen Plan und konnte
mir bis heute nicht klar.« Bahr, inzwi- sammenstreichen. »Schuldenbremse Menschen begeistern.« Krahnen sagt
schen Juniorprofessorin für Philoso- first, gute Bildung allenfalls second«, aber auch: »Eine Führungskraft kann
phie an der Universität Stuttgart, hat kommentiert Matthias Anbuhl, Vor- immer nur so gut sein wie das Team
die Initiative #IchBinHanna mitge- standsvorsitzender des Deutschen drum herum.«
gründet, um die Arbeitsbedingungen Studierendenwerks. Ist Bettina Stark-Watzinger ein-
der Forschenden zu verbessern. In all »Eine Königin Schon im Sommer 2022 stritt sich fach schlecht beraten? Haben andere
den Monaten, sagt Bahr, habe es nicht ohne Reich – das Ministerium mit Forscherinnen die Kommunikationspannen verur-
ein einziges Gespräch mit der Minis- im Parlament und Forschern über Geld. In der Wis- sacht, die Spielregeln der Wissen-
terin gegeben – »obwohl wir klar Be- senschaft herrscht teilweise die Pra- schaft missachtet, den Bildungsgipfel
reitschaft signalisiert haben«. In den fehlt ihr die xis, dass Forschungsvorhaben vorab so stümperhaft vorbereitet und Papie-
neuen Gesetzentwurf sei vor allem Mehrheit, die mündlich oder per E-Mail abgesegnet re an die Medien durchgestochen –
die Haltung der Arbeitgeber einge- werden. Formal stehen sie unter Vor- ohne den Segen der Hausherrin? Das
flossen, »konstruktive Lösungsvor-
Wissenschaft behalt, solange die Haushaltsver- ist möglich, aber schwer vorstellbar.
schläge ignoriert die FDP«. läuft Sturm.« handlungen laufen. Doch eigentlich An ihrem Team hat Stark-Watzin-
Die Gesetzesnovelle wird aller- Andreas Keller, konnten Antragsteller auf dieser Ba- ger seit Amtsantritt viel verändert.
dings so bald nicht verabschiedet. Die Gewerkschafter sis mit ihren Planungen beginnen. Sieben der acht Fachabteilungen be-
Berichterstatter der Koalition trafen Diesmal allerdings stellte das Minis- kamen neue Leitungen, außerdem
sich 34-mal – ohne Ergebnis, so be- terium wider Erwarten Fördermittel musste sie zwei Staatssekretärsposten
richten Teilnehmer. Ihr Ministerium nicht bereit. neu besetzen.
möchte die Zahl weder bestätigen Forschende, die Stellen antreten Bettina Stark-Watzinger sagt: Es
noch dementieren. Zu vertraulichen wollten, standen vor dem Nichts. Bei wäre toll, eine weitere Legislatur
Gesprächen mache man keine An- manchen entstand der Eindruck, zu regieren, »damit wir nicht nur
gaben. Vor Journalisten sagte Stark- dass es vor allem Projekte aus den Krisenzeiten erleben und wirklich
Kay Herschelmann / GEW

Watzinger später, »trotz sehr guter Geisteswissenschaften, zu Corona, gestalten können«. Dass die selbst
Verhandlungen« habe es mit den Am- Rechtsextremismus und Klimaschutz ernannte Chancenministerin eine
pelfraktionen keine Einigung gege- getroffen habe. Das Ministerium be- Chance verdient hat, wird sie noch
ben. Andreas Keller, Hochschulfach- streitet, den Rotstift entlang ideolo- beweisen müssen.
mann und Vorstandsmitglied der Ge- gischer FDP-Parteilinien zu führen. Armin Himmelrath, Miriam Olbrisch n

46 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


DEUTSCHLAND

Klassenzimmern liegen und mitunter nur


schlecht gesichert sind. Möglicherweise laden
gerade die Sommerferien zu Raubzügen ein.
Zuständig für Technik und Gebäude der
Schulen sind in der Regel die Träger, also die

Digitalpakt macht Diebe Kommunen. »Für eine Kleinstadt wie unsere


ist das kein ganz einfaches Thema«, sagt
Ingolf Bergerhoff, Fachbereichsleiter für
Bildung in Leichlingen im Rheinisch-Bergi-
SCHULEN Massenweise moderne Tablets und Laptops locken im ganzen schen Kreis. Sieben Schulen hat die Stadt,
längst nicht alle verfügten über eine Alarm-
Land Einbrecher in die Bildungseinrichtungen, besonders in den anlage.
Sommerferien. Manche Städte leiden unter regelrechten Beutezügen. »In eine unserer Grundschulen ohne Mel-
deanlage wurde in diesem Jahr leider schon
zweimal eingebrochen«, erzählt Bergerhoff.
ei der ersten offenen Bürotür habe sie in Frankfurt-Unterliederbach und die Grund- Rund 80 iPads seien geklaut worden, »das ist
B sich noch gewundert: »Ich dachte, die
haben nach der Reinigung vergessen,
wieder zuzumachen«, erzählt eine Mitarbei-
schule in Lübeck-Schönböcken. Diebe kamen
auch zur Grundschule Schlesierstraße in
Wolfsburg, zur Regelschule in Schloßvippach
ein herber Verlust für uns«. Der letzte Ein-
bruch geschah in der ersten Nacht der Som-
merferien, dabei kamen auch noch 25 Laptops
terin der Volkshochschule (VHS) Bergisch in Thüringen und gleich in mehrere Schulen abhanden. Sie waren, sagt Bergerhoff, eigens
Land. Die Frau, die anonym bleiben möchte, rund um Gummersbach. bereitgestellt worden, um am nächsten Tag
war Mitte Juli an einem Freitagmorgen um »Laptops, Tablets und ähnliche Elektro- für die schulfreie Zeit ins besser gesicherte
kurz nach sieben wie immer die Erste im nikgegenstände sind offenkundig das Haupt- Rathaus gebracht zu werden. »Bitter, ganz
VHS-Gebäude in Wermelskirchen, nordöst- ziel der Täter«, sagt Hauptkommissar Chris- bitter« sei das. Die noch nicht gesicherten
lich von Köln. Dann sah sie zwei weitere of- tian Tholl von der Kreispolizeibehörde im Gebäude sollen jetzt nachgerüstet werden.
fene Türen, herausgebrochene Schlösser, auf Rheinisch-Bergischen Kreis. Seit Jahresanfang Auch in Wermelskirchen hat die Stadtver-
dem Boden Büromaterial: »Da wurde es mir haben er und seine Kolleginnen und Kollegen waltung in den Schulen reagiert und alle Tablets,
wirklich komisch.« Sie eilte nach draußen, bereits 36 Strafanzeigen zu Einbrüchen in mit denen sonst im Unterricht gearbeitet wird,
wählte auf ihrem Handy den Notruf: »Ich Schulen und anderen Bildungseinrichtungen erst einmal abgeholt. Es werde geprüft, wie
hatte Angst, dass die Täter noch im Gebäude aufgenommen – eine regelrechte Serie sei das, die Gebäude mit Alarmtechnik nachgerüstet
sein könnten.« sagt Tholl. werden könnten. LKA-Sprecher Klocke aus
Waren sie nicht – aber der Schaden enorm. Er vermute, dass die Schulen auch deshalb Magdeburg appelliert an alle Träger von Bil-
Die Einbrecher hatten es auf Tablets und Lap- attraktive Einbruchsobjekte seien, weil »in dungseinrichtungen, ihre Gebäude besser zu
tops abgesehen, die etwa in den Deutschkur- vielen Fällen keine direkten Nachbarn vor- schützen. »Viele Schulen und auch Kinder-
sen der VHS eingesetzt werden. Auch in der handen sind, die auf die Taten aufmerksam tagesstätten oder andere Einrichtungen für
benachbarten Sekundarschule waren in der- werden könnten, und somit das Entdeckungs- Kinder und Jugendliche sind mit hochwerti-
selben Nacht gezielt digitale Endgeräte ge- risiko vielleicht geringer ist«, sagt der Haupt- gem Inventar ausgestattet.«
klaut worden – genauso wie zwei Tage zuvor kommissar. Über die Täter wüssten die Be- Die Dozentinnen und Dozenten der VHS
bei einem Einbruch in eine örtliche Grund- hörden wenig: Von Jugendlichen, die ein Bergisch Land plagen andere Sorgen. Am
schule. »Damit wurde in den Sommerferien schnelles Geschäft witterten, bis zu organi- 10. August beginnen hier wieder die Deutsch-
bei Einbrüchen in Schulgebäuden eine drei- sierten Banden sei alles möglich, heißt es bei kurse, nach Angaben der Schulleitung erst
stellige Zahl von Laptops und Tablets gestoh- den Landeskriminalämtern. einmal ohne Laptops und Tablets. Wann die
len, dazu auch andere technische Geräte wie Mit den Milliarden aus dem Digitalpakt Geräte neu bestellt und geliefert werden
Beamer«, sagt der Wermelskirchener Schul- haben Schulen Abertausende Laptops und könnten, stehe derzeit in den Sternen.
dezernent Stefan Görnert. Die genaue Scha- Tablets angeschafft – die jetzt in Lehrer- und Armin Himmelrath n
denshöhe werde noch ermittelt. Fenster, Türen
und Schränke wurden teils brachial aufgebro-
chen. »Das Ausmaß der Gewalt ist schockie-
rend«, sagt Görnert.
Die Einbrüche in der Stadt im Bergischen
Land sind kein Einzelfall. Verschiedene Lan-
deskriminalämter berichten von ähnlichen
Vorkommnissen, Zahlen liegen noch nicht
vor, es gebe aber einen leichten Trend nach
oben. So erfasste etwa das Landeskriminal-
amt (LKA) Sachsen-Anhalt im Jahr 2022
44 Diebstähle von EDV-Geräten aus Schulen
mit einem Gesamtschaden von mehr als
100.000 Euro. Für das erste Halbjahr 2023
seien die vorläufigen Fallzahlen leicht gestie-
gen, sagt LKA-Sprecher Michael Klocke.
Die Berichte aus den Polizeidienststellen
Stadt Wermelskirchen

im Land ähneln sich: Auf schnellen Raubzü-


gen werden mit zum Teil roher Gewalt Türen
und Schränke aufgebrochen, um an die be-
gehrten Geräte zu kommen. In den vergan-
genen Wochen traf es die Förderschule in
Rösrath in Nordrhein-Westfalen, eine Schule Grundschule in Wermelskirchen nach Einbruch: »Das Ausmaß der Gewalt ist schockierend«

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 47


DEUTSCHLAND

Fast jeden Tag geht Helmut Remschmidt noch


in sein Büro an der Philipps-Universität in
Marburg, es liegt im ersten Stock eines denk-
malgeschützten Gebäudes. Remschmidt ist

»Ihr Kind hat leider 85 Jahre alt und emeritierter Direktor der
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und
Psychotherapie, die er von 1980 bis 2006 ge-

jemanden getötet« leitet hat. Er zählt zu den bekanntesten Ver-


tretern seines Fachs und ist ein international
anerkannter forensischer Gutachter.
Jugendliche Gewalttäterinnen und Ge-
SPIEGEL-GESPRÄCH Der Psychiater Helmut Remschmidt hat Kinder walttäter beschäftigen ihn, seit er für seine
Diplomarbeit in Psychologie Ende der Sech-
untersucht, die gemordet haben. Sie handelten aus Wut oder sexueller zigerjahre drei Wochen lang Insassen eines
Begierde, spontan oder geplant. Wie wird jemand so jung zum Täter? Jugendgefängnisses befragte. Damals habe er
festgestellt, dass die Gefangenen »oft ganz
nette Kerle« seien, die in eine Abwärtsspirale
geraten waren. Remschmidt begann, sich für
die Schicksale solcher Menschen zu interes-
sieren: Unter welchen Bedingungen werden
Kinder, Jugendliche und Heranwachsende zu
Tätern? Wie verläuft eine kriminelle Karriere?
Und ließe sie sich voraussagen? Für eine
Langzeitstudie hat er die Lebensgeschichten
von 114 jungen Gewalttätern verfolgt, die ins-
gesamt 70 Menschen getötet und andere
schwer verletzt haben. Remschmidt hat alle
Täterinnen und Täter für die Gerichtsverfah-
ren psychiatrisch und psychologisch unter-
sucht, die biografischen Angaben in diesem
Text stammen aus seinen Aufzeichnungen.
Seinen letzten Fall hat er 2016 begutachtet,
ein 15-jähriges Mädchen. Wie alle Straftäter
in diesem Artikel hat es in Wirklichkeit einen
anderen Namen.

SPIEGEL: Herr Remschmidt, wundert es Sie,


dass Kinder andere Kinder töten?
Remschmidt: Jeder Fall ist ein Schock, aber
Gewalttätigkeit ist Teil jedes Menschen. Der
eine kann sie kontrollieren, beim anderen
blitzt sie einmal auf, vom nächsten nimmt sie
Besitz. Unter bestimmten Bedingungen kann
jeder zum Täter, zur Täterin werden. Das gilt
auch für Kinder und Jugendliche.
SPIEGEL: Gibt es etwas, das diese jungen Men-
schen gemeinsam haben?
Remschmidt: Dafür sind die Tatmotive zu
verschieden. Ich habe Jugendliche wie Felix
untersucht, der mit 15 im Affekt getötet hat.
Sein Vater hatte ihn jahrelang gedemütigt. Als
der Vater wieder einmal brüllte und auf ihn
einschlagen wollte, griff Felix nach einem
Bierkrug und schlug auf den Mann ein, immer
wieder, bis er tot war. Felix sagte mir hinter-
her, er sei voller Hass gewesen, er habe nicht
aufhören können, habe nur die Erniedrigun-
gen des Vaters im Kopf gehabt. Felix war vor-
her nicht auffällig und danach auch nicht.
Illustration: Simon Prades / DER SPIEGEL

Ganz anders Matthias, der bis zu seinem


14. Geburtstag schon 200 Straftaten begangen
hatte, vom Wohnungseinbruch bis zum
Schusswaffengebrauch. Seine Entwicklung
zum Intensivtäter hatte sich abgezeichnet.
SPIEGEL: Warum?

Das Gespräch führten der Redakteur Maik Großekathöfer


und die Redakteurin Katja Thimm.

48 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


DEUTSCHLAND

Remschmidt: Er war hyperaktiv und antwortung auf alle. Ein Beispiel da- ihr Handeln selbstständig nach all-
wurde schon mit vier Jahren wegen für sind die Mörder aus der Contai- gemeingültigen moralischen Prinzi-
Gewalttätigkeit aus dem Kindergar- nersiedlung. pien ausrichten.
ten ausgeschlossen. Mit zehn musste Die Täter lebten in einer Asyl- und SPIEGEL: Der kategorische Imperativ.
er die Schule verlassen. Ein Einzel- Obdachlosenunterkunft in der Nähe Remschmidt: Kinder können mit sol-

Sylvi Schaffrath / DER SPIEGEL


gänger, reizbar und impulsiv, ohne einer Großstadt, sie waren 22, 19 und chen Grundsätzen erst in der Puber-
Frustrationstoleranz. Er saß später in 16 Jahre alt. Während einer S-Bahn- tät etwas anfangen. Ein achtjähriger
Haft, unter anderem wegen Verge- Fahrt kamen sie auf die Idee, einen Junge kann Begriffe wie Moral und
waltigung und Totschlags. Mitbewohner des Heims zu verprü- Schuld noch nicht verinnerlichen.
SPIEGEL: In Freudenberg töteten im geln – aus Spaß. Als Opfer wählten Viele minderjährige Straftäter denken
März mutmaßlich zwei Schülerinnen, sie einen schüchternen Mann aus, von die Folgen ihres Verbrechens nicht
12 und 13 Jahre alt, eine Freundin. In dem sie annahmen, dass er sich wenig Wissenschaftler voraus, sie können sich nicht vorstel-
Wunsiedel soll ein Elfjähriger im April wehren würde. Sie überraschten den Remschmidt len, was mit dem Opfer passiert, sie
daran beteiligt gewesen sein, eine Mann in seinem Wohncontainer vor verstehen auch die Endgültigkeit des
Zehnjährige umzubringen. Erkennen dem Fernseher, einer schlug ihn zu Todes nicht. Es ist in jedem Gutachten
Sie in diesen Fällen Muster wieder? Boden, einer bedrohte ihn mit einem eine wichtige Frage, ob der Täter oder
Remschmidt: Dass die Taten so kurz Revolver, einer trat ihm ins Gesicht. die Täterin überhaupt in der Lage ist,
nacheinander passiert sind, ist Zufall. Dann zerrten sie den Mann in einen die Tragweite des eigenen Handelns
Es kommt zum Glück selten vor, dass nahe gelegenen Wald, wo der 22-Jäh- zu überdenken.
Kinder töten. Über die Fälle aus Freu- rige seinen 16-jährigen Freund auf- SPIEGEL: Welche Fragen muss ein
denberg und Wunsiedel weiß ich nur forderte, mit einem Brett auf das Op- Gutachter noch klären?
das, was die Medien berichtet haben. fer einzuschlagen. Der Dritte filmte Remschmidt: Sofern möglich, habe
Ich kann aber sagen, dass es sich in die Szene mit dem Handy. Dann ich zunächst mit den Eltern gespro-
Freudenberg um eine Beziehungstat schleppten die Jungs den Mann zurück chen und sie auf meine Rolle auf-
gehandelt haben muss, weil die Täte- in die Unterkunft und legten ihn auf merksam gemacht: »Ihr Kind hat lei-
rinnen ihr Opfer gezielt ausgesucht ein Sofa. Der Älteste der drei sagte: der jemanden getötet, und das Ge-
haben. Und man kann davon ausge- »Kommt, ich bringe ihn jetzt um.« richt hat mich beauftragt festzustellen,
hen, dass die beiden sich gegenseitig SPIEGEL: Sie haben die Täter für das was dazu geführt haben könnte und
aufgeschaukelt haben. Angeblich hat Gerichtsverfahren begutachtet. Wel- wie mit Ihrem Kind weiter zu ver-
das eine Mädchen 75-mal zugesto- chen Eindruck hatten Sie von ihnen? fahren ist.«
chen, während das andere das Opfer Remschmidt: Der Jüngste aus der SPIEGEL: Welche Reaktionen haben
festhielt. Die Zahl der Messerattacken Gruppe war erstaunt, dass er sich auf Sie erlebt?
hat in letzter Zeit zugenommen. Mes- eine solche Tat einlassen konnte. Er Remschmidt: In so einem Moment
ser gehören nicht in die Hand von sagte, die zwei anderen hätten ihn steht der Gedanke an die eigene Fa-
Kindern und Jugendlichen. Wer eins angefeuert, und er habe sich nicht milie im Vordergrund. Oft hat ein
dabeihat, setzt es im Ernstfall auch getraut, sich zu verweigern. Er hatte Vater oder eine Mutter gesagt: Mein
ein. Alle Messer, deren Klinge länger Angst, als Weichei zu gelten. Anfangs Kind wird für immer mit dieser
als sieben Zentimeter ist, sollten als hatte er dem Gruppendruck noch wi- Schuld leben müssen. Ich habe viele
Waffe gelten und gehören verboten. derstanden: Er hätte das Opfer wür- Fragen gestellt: Welchen Beruf hat
Was in Amerika die Pistole und das gen sollen, was er nicht getan hat. Er der Vater, welchen die Mutter? Was
Gewehr sind, ist bei uns das Messer. sagte, er habe mit dem Holzbrett verdienen sie? Gibt es Krankheiten
SPIEGEL: Die Tat in Freudenberg hat dann aber zugeschlagen, weil er be- in der Familie, welche Rolle spielt Al-
die Öffentlichkeit auch deshalb be- fürchtete, dass die anderen ihn sonst kohol? Gab es bei der Geburt Kom-
schäftigt, weil es Mädchen waren, die ausschließen oder sogar angreifen plikationen, die langfristige Folgen
töteten. Ähnlich war es Anfang des würden. Seine Eltern hatten ihn we- haben könnten, wie war das Kind im
Jahres, als zwei 13-Jährige in Rastatt gen Problemen in der Schule früh in Kindergarten, hat es lange eingenässt,
eine 14-Jährige zusammengeschlagen einem Internat untergebracht, was wie ist es in der Schule? Die Antwor-
haben: Brutalität und Mädchen – das er als Abschiebung aus der Familie ten helfen einem Gutachter, sich ein
passt offenbar nicht ins Bild. verstand. Als Folge entfernte er sich Bild von der Familie zu machen.
Remschmidt: Es sind tatsächlich Aus- zunehmend von seinen Eltern, bis er SPIEGEL: Wie verliefen die Gespräche
nahmen. Auf zehn Jungen, die ein keinen geordneten Tagesablauf mehr mit den Täterinnen und Tätern?
Gewaltverbrechen begehen, kommt hatte. Er wurde zu neun Jahren und Remschmidt: Die Jugendlichen habe
ein Mädchen. Interessant ist, dass es sieben Monaten Haftstrafe verurteilt. ich als Erstes gefragt, ob ich sie duzen
in Rastatt und Freudenberg jeweils Der Älteste aus der Gruppe bekam darf. Dann haben wir uns über die
zwei Täterinnen waren. Ein Drittel lebenslange Haft. Tat und den Alltag zuvor unterhalten.
aller Gewalttaten junger Menschen SPIEGEL: Wie lernen Kinder, wo die Ich habe die Aussagen sofort in ein
wird in Gruppen verübt. In einer Grenzen liegen, die sie nicht über- Aufnahmegerät diktiert, das schafft
Gruppe sinken die Hemmungen, es schreiten dürfen? Vertrauen, weil die Jugendlichen
reicht schon, wenn man zu zweit ist. Remschmidt: Wenn Kinder in einer merken, dass ich nichts festhalte, was
Ich habe 84 Einzeltäter untersucht, einigermaßen guten Umgebung auf- sie nicht gesagt haben. Zu solchen
da gab es in 48 Prozent der Fälle Tote. wachsen, können sie schon mit zwei »Minderjäh­ Terminen gehören auch psycholo-
Bei den 30 Gruppentätern war es in Jahren unterscheiden, was faires und gische Tests, die hilfreich sind, um
79 Prozent der Fälle so. Eine Gruppe was unfaires Verhalten ist. In einem
rige Straftäter die Persönlichkeit des Täters oder der
entwickelt eine Dynamik, es gehört nächsten Entwicklungsschritt versu- verstehen die Täterin und auch die Tat besser zu
in der Regel zur Gruppendisziplin, chen sie, die Normen zu erfüllen, die Endgültigkeit verstehen. Die Ergebnisse geben Hin-
dass sich jeder an der Tat beteiligt. Erwachsene vorgeben. Und die weise darauf, wie sich diese Jugend-
Man kann Gewissensbisse leichter höchste Stufe der moralischen Ent- des Todes lichen voraussichtlich entwickeln
abwehren, verlagert die eigene Ver- wicklung ist erreicht, wenn Kinder nicht.« werden. Manchmal haben wir uns in

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DEUTSCHLAND

meinem Büro getroffen, meistens bin ich aber beschäftigten sich die Schüler mit dem Thema
ins Gefängnis gefahren. Dort gibt es die Mög- »Drittes Reich«. Eine Gruppe von fünf gleich-
lichkeit, auf einen Knopf zu drücken und die altrigen Jungs beschloss, sich hierarchisch nach
Strafvollzugsbeamten zu holen, falls ich be- nationalsozialistischen Regeln zu organisie-
droht werde. Ich habe den Knopf in all der ren. Der Führer der Gruppe war ein Junge
Zeit nur zweimal drücken müssen, die meisten namens Christian, die anderen waren die vier
Täter und Täterinnen waren eher verzweifelt Minister, Jens war der dritte. Sie trafen sich
als angriffslustig.

Illustration: Simon Prades / DER SPIEGEL


jede Woche und nannten das »Reichspropa-
SPIEGEL: Fällt es den Delinquenten schwer, gandasitzungen«. Jens hatte auch die Aufgabe,
über ihre Tat zu reden? Christians Diener zu sein, er musste ihm oft
Remschmidt: Ich erinnere mich an einen Jun- von seinem Geld etwas kaufen und im Schul-
gen, einen 14-Jährigen, der über seinen Mord bus Platz für ihn machen. Am Tag der Tat wa-
gar nicht sprechen wollte. Er hatte einen ren die beiden zu Fuß unterwegs, als Christian
Zehnjährigen sexuell missbraucht und getötet. seinem »Diener« Jens von hinten mit einer
Über Sexualität und Erregung reden viele Latte auf den Kopf schlug. Jens drängte Chris-
Jugendliche ungern. Ich habe aber auch Tä- tian daraufhin in ein Gebüsch, schlug ihn zu
terinnen und Täter erlebt, die sehr ausführlich Boden, trat ihn, schleuderte einen Stein gegen
von ihrem Verbrechen erzählt haben. ter in den Hals, fügte ihr noch andere Schnit- seinen Kopf, trat weiter zu, schlug ebenfalls
Michael, ebenfalls 14, tötete eine 85-jährige te zu, doch die Schwester konnte Jana abweh- mit der Holzlatte, schnitt ihm in den Hals und
Frau, die er seit frühester Kindheit kannte. Sie ren und überlebte. Wegen versuchten Tot- in das Handgelenk, warf weitere Steine. Jens
habe ihn darum gebeten, so erzählte er es spä- schlags verurteilte das Gericht Jana zu zwei erhielt wegen Mordes eine Haftstrafe von sie-
ter vor Gericht. Die Dame konnte kaum mehr Jahren Jugendstrafe auf Bewährung. ben Jahren.
laufen, hatte einen Herzschrittmacher und Remschmidt: Zwischen den Schwestern hatte Remschmidt: Jens war ein Einzelkind, der
verließ ihre Wohnung nur noch selten. Wieder- es immer wieder Rivalitäten und Auseinan- Vater hat als Monteur gearbeitet, die Mutter
holt habe sie Michael gegenüber den Wunsch dersetzungen gegeben. Sie eskalierten, als war Hausfrau. Er hat zwei Monate bei uns in
geäußert, nicht länger leben zu wollen, er solle sich die Mutter vom Vater trennte. Die der Klinik verbracht und war immer betont
sie umbringen. Bei einem Besuch stach er ihr Schwester zu töten war für Jana ein Zwang freundlich, überhaupt nicht aggressiv. Er
mit einem Küchenmesser in den Hals und wie das Händewaschen. Dabei sind Zwang- schien sozial hochkompetent zu sein. Aber
schüttete ihr Spülmittel in den Mund. hafte oft nicht gefährlich, Zwanghaftigkeit als ich ihn begutachtet habe, hat er von der
Remschmidt: Der Junge gab mir bereitwillig richtet sich mehr nach innen. Jana hat mir ihr Tat erzählt, als würde er eine Gebrauchsan-
Auskunft. Er sagte, er wisse nicht genau, ob Tagebuch zur Verfügung gestellt. Sie be- leitung vorlesen. Wenn jemand so eine schwe-
er Schuldgefühle haben müsse. Einerseits schreibt darin, wie sie versucht hat, sich in den re Tat begeht und nicht weint, nicht zweifelt,
habe er der Dame geholfen. Andererseits sei Sport und in die Schularbeit zu flüchten, um gar nichts, ist es nicht unwahrscheinlich, dass
ihm in der Untersuchungshaft der Gedanke den Gedanken zu verdrängen, sie müsse ihre er wieder gewalttätig wird. So ein Mensch ist
gekommen, dass er großes Unrecht getan Schwester töten. Jana hat auch Kontakt zur häufig rücksichtslos gegenüber anderen und
habe. Er erzählte mir, dass sein Stiefvater ihn Jugendhilfe aufgenommen, um die Tat abzu- um Dominanz bemüht. Ihm fehlt eine grund-
häufig verprügelt habe. Dem Jungen fehlte wenden, aber das führte nicht weiter. Zugleich legende Eigenschaft, die Kinder im Laufe der
die Erfahrung, sich sicher an einen fürsorg- hat sie sich erkundigt, welche Strafe sie er- Zeit entwickeln: Empathie. Deshalb habe ich
lichen Erwachsenen gebunden zu fühlen. Er wartet. Sie hat jahrelang Kampfsport gemacht, gedacht, das sieht nicht gut aus. Die Statistik
war es nicht gewohnt, darüber nachzudenken, sie interessierte sich für Panzerabwehrraketen sprach gegen ihn, aber die Statistik sagt eben
wie sich sein Verhalten auf andere Menschen und Handgranaten, was eher einem männ- nichts über den Einzelfall aus. Ich habe mich
auswirkt. Und er hatte eine gering ausgepräg- lichen Rollenbild entspricht. Ich habe sie ge- in Jens getäuscht.
te Neigung, sich an Regeln zu orientieren. fragt, ob sie lieber ein Junge wäre. Eigentlich SPIEGEL: Wie denn?
SPIEGEL: Gab es Mörder oder Mörderinnen, nicht, hat sie geantwortet. Das war gelogen. Remschmidt: Er war der intelligenteste Täter,
die Sie sympathisch fanden? Ich habe später erfahren, dass Jana nach einer den ich untersucht habe. Er hatte einen IQ
Remschmidt: Das ist vorgekommen, be- Geschlechtsanpassung nun Jan heißt, Abitur von 140. In Haft hat er nach der Mittleren
sonders bei Affekttätern. Es ist oft so, dass sie hat und Hirnforscher werden will. Reife eine Lehre zum Schlosser abgeschlossen
in eine ausweglose Situation geraten und gar SPIEGEL: Haben Sie Jugendliche kennenge- und sich nach der Entlassung mit 21 Jahren
nicht töten wollen. Aber es gab auch solche, lernt, die sich ihre Tat nicht erklären konnten? selbstständig gemacht. Mit 26 hat er die
die ihre Tat geplant hatten und mir sympa- Remschmidt: Viele. Oft waren sie zeitweise Meisterprüfung abgelegt. Heute führt er einen
thisch waren. Beeindruckt hat mich Jana. depressiv, der Gedanke an die Opfer und Betrieb mit zwei Angestellten und hat eine
Jana, eine Gymnasiastin, war 15 Jahre und deren Familien hat sie nicht losgelassen. Sie Sozialarbeiterin geheiratet, sie haben ein
8 Monate alt, als sie versuchte, ihre knapp haben sich gefragt, wie die Zukunft aussehen Kind. Er sagte, er habe einen großen Freun-
anderthalb Jahre ältere Schwester zu töten. soll. Die Täter fallen in ein Loch, was für deskreis. Er hat nie wieder etwas angestellt.
Die Eltern waren geschieden. Die Schwester die weitere Entwicklung von jungen, ohnehin SPIEGEL: Woher wissen Sie das?
sei ihr gegenüber aggressiv und sehr dominant labilen Menschen höchst problematisch ist. Remschmidt: Weil ich ihn angerufen habe, um
gewesen, sie habe die Mutter erniedrigt, he- Ich finde es skandalös, dass ihnen oft erst ein zu fragen, wie es ihm geht. Jens war völlig
rumkommandiert und geschlagen, erzählte Jahr nach dem psychiatrischen Gutachten der sachlich, genauso ungerührt wie früher. Als
Jana später. Jana litt an Zwängen, wusch sich Prozess gemacht wird. Wenn sie dann noch ich ihn fragte, ob er ein schlechtes Gewissen
permanent die Hände und plante ihren Tages- in einem Gefängnis sitzen, in dem man sie habe, meinte er, das alles sei lange her, er den-
ablauf präzise, sie beschrieb sich als pedantisch nicht gut betreut, können sie untergehen. Das ke nicht mehr daran und wolle nicht groß über
und wissbegierig. Sie wollte ihre Schwester Schlimmste ist, wenn sie außer zwei Stunden das Thema reden.
nachts um 1.30 Uhr erstechen, sie hatte vorher Sport am Tag nichts zu tun haben. Dass sich SPIEGEL: Als Ehemann und Vater sollten ihm
gegoogelt, wann man besonders tief schläft. bei Jana alles zum Guten entwickelt hat, wun- Gefühle nicht fremd sein.
Der Mutter schrieb sie einen Brief: Sie handle dert mich nicht. Bei Jens bin ich erstaunt. Er Remschmidt: Ja, aber die Frage ist immer:
in voller Absicht, weil sie es nicht mehr ertra- ist mir bis heute ein Rätsel. Gefühle im Hinblick auf was oder wen? Wie-
gen könne, wie ihre Schwester allen das Leben Der 14-Jährige besuchte die neunte Klasse so er den Mord offenbar so emotionslos hin-
zur Hölle mache. Dann schnitt sie der Schwes- eines Gymnasiums. Im Geschichtsunterricht nimmt, frage ich mich nach wie vor.

50 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


DEUTSCHLAND

Entwicklungsforscher und Krimino- ationen meistern zu können, aus eige- »Es gab auch lernen und dort nur übernachten, das
logen kennen eine Reihe von Fakto- ner Kraft. Natürlich sollten Eltern ihre sind fortschrittliche Ansätze.
ren, die zu gewalttätigem Verhalten Kinder unterstützen, und zwar liebe- solche, die SPIEGEL: Kann man einen jungen
führen können. Frühe spontane Ag- voll und wertschätzend. Aber sie soll- ihre Tat ge- Menschen denn überhaupt ändern?
gressivität sagt oft spätere Aggressivi- ten auf keinen Fall alle Probleme für plant hatten Remschmidt: Ob jemand zu Gewalt
tät voraus. Kinder und Jugendliche, die Kinder lösen, sonst lernen die neigt, ist eine Frage der Gene und der
die Tiere quälen, begehen häufiger keine Frustrationstoleranz. Und sie und mir äußeren Einflüsse, was für jedes
Gewalttaten. Nachgewiesen ist außer- sollten ihre Kinder nicht abwerten, sympathisch menschliche Verhalten gilt. Natürlich
dem, dass körperliche Misshandlung wenn die sich gerade unausstehlich muss man ihnen vermitteln, dass
in der Familie ein Auslöser sein kann, benehmen. Kritik in der Sache muss
waren.« Gewalt das falsche Mittel ist. Wenn
genauso sexueller Missbrauch, Alko- sein, sie kann auch scharf ausfallen. sie Gewalt anwenden, halte ich Stra-
holismus des Vaters oder der Mutter, Aber Kinder herunterzuputzen und fe für sinnvoll. Es gibt die Tendenz
Drogenabhängigkeit eines Elternteils. als Person anzugreifen beschädigt ihr bei den Gerichten, Bewährung aus-
Zu den Einflüssen, die Gewalt för- Selbstvertrauen. zusprechen. Viele Jugendliche sagen
dern, gehören auch Armut, soziale SPIEGEL: Nach den Morden in Freu- aber, Bewährung bringe ihnen nichts.
Isolierung, Zurücksetzung und schu- denberg und Wunsiedel wurden Stim- Sie können weitermachen wie zuvor,
lisches Versagen. Und eine niedrige men laut, die Strafmündigkeit solle dürfen sich nur nicht noch mal er-
Herzfrequenz kann dazu zählen; herabgesetzt werden. In den Nieder- wischen lassen. Wenn Gerichte So-
Menschen sind dann häufig weniger landen liegt sie bei zwölf Jahren, in zialstunden anordnen, bringen 100
ängstlich und gehen schneller Risiken der Schweiz und in Irland bei zehn. Stunden im Altenheim mehr als 20.
ein, die mit einer Straftat verbunden Was halten Sie davon? Manchmal hilft auch die Liebe. Ich
sind. Remschmidt: Ich finde, wir haben mit habe ab und zu erlebt, dass ein straf-
SPIEGEL: Welche Rolle spielt die Er- 14 Jahren eine gute Grenze. Länder fälliger Junge ein Mädchen kennen-
ziehung des Kindes? mit niedrigerer Strafmündigkeit ha- lernt und sich fängt. Man sollte die
Remschmidt: Sie ist wichtig. Holz- ben andere Maßnahmen, da kommt Anonymität in Großstadtvierteln
schnittartig kann man sagen, dass die man nicht überall mit 11 Jahren ins durch Jugendzentren aufbrechen, wo
Mutter stärker für die emotionale und Gefängnis. Da wird dem Täter ein Be- Kinder auf echte Vorbilder treffen.
der Vater stärker für die kognitive treuer zur Seite gestellt, oder er muss Und ich bin für ein Alkohol- und Dro-
Entwicklung zuständig ist. Wer als in ein Erziehungsheim. Auch bei uns genverbot in öffentlichen Verkehrs-
Kind lernt, dass man eine enge Bin- sollte man, wann immer es geht, Al- mitteln und an öffentlichen Plätzen
dung zu einem Menschen haben ternativen zur Strafhaft finden. Im sozialer Brennpunkte.
kann, die einen durchs Leben trägt, Jugendgefängnis kann es schwer sein, SPIEGEL: Die Bundesregierung will
hat einen starken Schutz. Sie ist maß- ein besserer Mensch zu werden. Da Cannabis legalisieren. Macht Ihnen
geblich daran beteiligt, dass man werden Drogen gehandelt, es kommt das Sorgen?
lernt, sich in andere hineinzuverset- zu Überfällen, es gibt Banden, die Remschmidt: Ich finde den Plan ver-
zen und mit ihnen zu fühlen. Umge- andere Gefangene schikanieren. heerend. Es ist richtig, dass man nicht
kehrt kann Bindungslosigkeit zu SPIEGEL: Was schlagen Sie vor? bestraft werden sollte, wenn man ein
Straftaten führen. Jugendliche Ge- Remschmidt: Ich habe mit elektroni- paar Gramm Marihuana besitzt. Aber
walttäter haben häufig den Eindruck, schen Fußfesseln bei Jugendlichen die Verharmlosung der Droge ist ge-
ihre Mutter habe sie besonders streng gute Erfahrungen gemacht. So wer- fährlich. Ich weiß von jungen Erwach-
und unnahbar erzogen. den sie überwacht, müssen aber nicht senen, bei denen Marihuana eine
SPIEGEL: Was nicht gut ist für das den ganzen Tag im Gefängnis sein, Psychose ausgelöst hat und die nicht
Selbstwertgefühl. sie können weiter zur Schule gehen. mehr resozialisierbar waren.
Remschmidt: Kinder müssen die Zu- Es gibt Projekte, wo Häftlinge einen SPIEGEL: Wenn Sie auf Ihre Arbeit
versicht entwickeln, schwierige Situ- Beruf außerhalb der Strafanstalt er- zurückblicken: Waren Sie für die Ju-
gendlichen mehr Freund oder Feind?
Remschmidt: Ich hoffe, sie haben ver-
standen, dass ich ihnen helfen wollte.
Auf meinem Schreibtisch steht eine
Pyramide aus Glas, ein Häftling hat
sie hergestellt und mir geschenkt. Als
ich ihn kennengelernt habe, war er
19 Jahre alt, ein professioneller Ein-
brecher. Ich hatte vorgeschlagen, ihn
nicht nach Jugendstrafrecht, sondern
nach Erwachsenenstrafrecht zu ver-
urteilen. Ich dachte, er ist mir böse,
aber er hat sich bedankt. Es sei das
Richtige für ihn gewesen.
Illustration: Simon Prades / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Klingt nach einem einsich-


tigen Menschen.
Remschmidt: Das muss einem be-
wusst sein: Es gibt bei den jugend-
lichen Straftätern kein Schwarz oder
Weiß. Sondern Grau. Mal dunkler
und mal heller.
SPIEGEL: Herr Remschmidt, wir dan-
ken Ihnen für dieses Gespräch. n

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 51


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REPORTER

Scheidungsshooting, 2016
FAMILIENALBUM Bianca Rosenboom, 69, aus Süsel

Z wei Wochen vor unserer Hochzeit hat mein jetziger Mann


mir ein Ultimatum gestellt: Er heiratet mich nicht, solange
mein altes Brautkleid noch bei uns im Schrank hängt. Ich war
schon einmal verheiratet, die Ehe hielt 16 Jahre. Mein Kleid habe
ich auch nach der Scheidung aufbewahrt. Es gab ja keinen Grund,
es wegzugeben. Zu dieser Zeit habe ich oft auf Hochzeiten foto­
grafiert. Die Idee, mit einem Scheidungsshooting einmal das Ende
einer Ehe festzuhalten, kam mir da immer wieder. Durch die An­
sage meines Verlobten, die eher ein Scherz war, habe ich es dann
endlich gewagt. Das Foto zeigt mich auf einem Recyclinghof in
Mölln. Da lag so viel Schrott rum, wirklich eine geile Kulisse. Als
Erstes habe ich mich in ein Modderloch gelegt, dann war das Kleid
recht schnell dreckig. Wir hatten auch Requisiten dabei: Seifen­
blasen, eine Schreibmaschine, einen alten Brautstrauß. Trotzdem
sah ich auf den ersten Fotos noch ein bisschen aus wie eine Braut.
Ich habe mich nicht wohlgefühlt. So richtig zu meinem Shooting
wurde es erst, als ich zu den Acrylfarben gegriffen habe. Danach ist
dieses Bild entstanden.
Es gibt unzählige Fotos von geschiedenen Frauen, die im Braut­
kleid Autos zertrümmern. Aber ich hege keinen Groll. Ich habe
stets gesagt, Trennungen sind nicht nur dreckig. Man redet ja im­
mer von einer Schlammschlacht. Aber Scheidungen sind auch bunt,
eine Chance für etwas Neues. Mein jetziger Mann und seine Toch­
ter haben so viel Farbe in mein Leben gebracht. Meine Bilder soll­
ten das widerspiegeln. Dreck kriegt man mit einer guten Reinigung
wieder raus. Bei den Acrylfarben bin ich mir da nicht so sicher, die
sind schon hartnäckiger. Meine Fotografin hat das Brautkleid nach
dem Shooting entsorgt. Zwei Wochen später habe ich meinen
Mann geheiratet. Die Hochzeit war anders als meine erste, weniger
traditionell. Nach dem Standesamt haben wir in Ratzeburg in einer
Cocktaillounge gefeiert, mit wenig Familie, dafür mit ganz vielen

Privat
Freunden. Ich hatte einen kunterbunten Jumpsuit an. Ich wollte
nichts Herkömmliches mehr. ‣ Sie haben auch ein Bild, zu dem Sie uns Ihre Geschichte erzählen möchten?
Aufgezeichnet von Johanna Jürgens Schreiben Sie an: [email protected]

HYGIENE heitsrisiko? Wer hat nicht schon SPIEGEL: Frauen wechseln ihre letten, um sich und ihr Kind
»Sind Männer mal im Campingurlaub die Unterwäsche öfter. Wie er­ vor Infektionen zu schützen.
Wechselwäsche vergessen? Der klären Sie sich den Hygiene­ Dabei gibt es andere, viel
Schweine, Herr Egert?« Mensch ist robust. Wir reden ja Gendergap? gefährlichere Orte.
SPIEGEL: Laut einer Umfrage nicht von Monaten. Egert: Frauen sind empfindlicher SPIEGEL: Zum Beispiel?
wechselt jeder vierte Mann SPIEGEL: Aber im Sommer ist für Harnwegsinfektionen, bei Egert: Ich kenne Menschen, die
nicht täglich seine Unterhose. es da unten warm und feucht, ihnen sind die Wege ins Körper­ nach jedem Besuch ihr Gäste­WC
Wie oft wechseln Sie Ihre perfekt für Bakterien? innere kürzer. Ihre Wäsche sitzt mit harten Chemikalien putzen,
Unterhose, Herr Egert? Egert: Die Keime, die sich da außerdem enger und reibt stär­ haben aber den Kühlschrank
Egert: Täglich, damit fühle ich tummeln, sind unsere eigenen. ker. Es gibt aber auch die Hypo­ seit einem Jahr nicht gewischt.
mich am wohlsten. Im Intimbereich sind das bis these, dass Frauen mehr auf Hy­ Salmonellen von ausgelaufenem
SPIEGEL: Ab wann wird es kri­ zu eine Million pro Quadrat­ giene achten, weil sie schwanger Fleischsaft, Schimmelsporen
tisch? zentimeter. Für Mikrobiologen sein könnten. alter Karotten … Das ist das
Egert: Das kann irgendwann ist das nicht viel, wir denken SPIEGEL: Ein evolutionsbiologi­ eigentliche Gesundheitsrisiko! JJÜ
übel riechen, dann wird es für in Zehnerpotenzen. Wer gesund scher Instinkt?
die Mitmenschen unangenehm. ist, den machen seine eigenen Egert: Genau. Frauen ekeln sich Prof. Dr. Markus Egert, 51, ist
Aber ein ernsthaftes Gesund­ Keime selten krank. mehr, etwa vor öffentlichen Toi­ Mikrobiologe.

54 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


sie auf ein goldenes Tuch in eine
Kristallschale und dann schließlich
in eine Urne. Jedes einzelne Stück

Das zerstückelte Herz habe sie berührt. Warum? »Ich muss-


te es einfach.«
Im März 2022 hält der Pastor der
Gemeinde eine Zeremonie für das
EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Warum eine Frau aus Henstedt-Ulzburg Herz ab. Außer Marita van Hoegener
das Herz ihres verstorbenen Mannes beerdigt ist nur der Mann gekommen, bei dem
sie Gemüse kauft. »Mein Liebling«,
habe sie gesagt, »heute bringe ich dir
arita van Hoegener hat alles zialisiert. Sie beauftragt private Gut- Auf Küchen- dein Herz.« Dieses Herz, das schon
M aufbewahrt. Den Brief, den
sie dem Arzt geschrieben
hat. Das Magazin, in dem der Arzt ein
achter. Der Fall wird von Spezialisten
in Berlin, Wuppertal und Gießen
untersucht. Sie schreibt dem Arzt, der
papier liegt
das Organ
lange krank war, ohne das ein Mensch
nicht sein kann und das 50 Jahre für
sie schlug. Nach fast fünf Jahren war
Interview gibt. Den zweiten Brief, den ihren Mann behandelte und den sie in Dutzenden ihr Horst wieder komplett.
sie ihm daraufhin geschrieben hat. Die nur »den Mörder« nennt, Briefe vol- Wenn Marita van Hoegener von
Post von ihrem Anwalt. Die Schreiben ler Vorwürfe. Er habe nie geantwor- Stücken. ihrem Leben erzählt, dann klingt es
der Versicherung. Sie schiebt einen tet, sagt sie. »Wie Gulasch«, wie ein Leben für andere. 1968 hei-
Umschlag über den Esstisch. Sie kön- Während Gerichte zwischen mora- ratete sie Horst van Hoegener. Sie
ne das nicht mehr ansehen, aber man lischer und rechtlicher Schuld unter-
sagt sie. hatte ihn in der Firma ihres Vaters
müsse, bitte. Im Umschlag sind Fotos scheiden, kann Marita van Hoegener kennengelernt. Der Vater starb früh.
ihres Mannes. Tot und nackt liegt er das nicht mehr trennen. Ihr Mann ist Sie kümmerte sich von da an um ihre
auf einem Seidenkissen im Sarg. Sie tot, und dafür muss jemand verant- Mutter. Als die Mutter Pflege brauch-
steht gekrümmt daneben. Ein Schnitt wortlich sein. te, fuhr sie jeden Tag zu ihr. Dann
vom Kinn bis zur Leiste teilt seinen Das gerichtliche Gutachten ergibt: stürzte Horst van Hoegener vom
Körper. Er ist mit groben Stichen wie- Bei der Herzkatheteruntersuchung Dach und war danach schwerbehin-
der zusammengenäht. Was fehlt, kann wurde zu viel Luft in zwei Bypässe dert. Sie kümmerte sich auch um ihn.
man auf den Fotos im nächsten Um- injiziert. Er erleidet einen Herzin- Die Mutter zog irgendwann zu ihr
schlag sehen: Auf blauem Küchen- farkt. Einige Tage später stirbt er. Vor und ihrem Mann ins Haus.
papier liegt das Herz von Horst van Gericht lässt Marita van Hoegener die Als Horst starb, sagte van Hoege-
Hoegener in Dutzenden gelben und Schuldfrage dennoch nicht klären. Sie ner ihrer Mutter nichts davon. »Das
grauen Stücken. Manche sind dau- einigt sich mit dem Krankenhaus auf hätte die doch nicht verkraftet.« Vier
mengroß, andere kleiner als ein Fin- einen Vergleich. Sie bekommt eine Monate nach ihrem Mann verlor sie
gernagel. »Wie Gulasch«, sagt sie und Entschädigung. Das Verfahren endet. auch ihre Mutter.
wendet den Kopf ab. Früher entsorgte man entnomme- Sie ist jetzt 83 Jahre alt. Vor sechs
Marita van Hoegeners Mann Horst ne Organe im Sondermüll der Patho- Jahren starb ihr Mann. Sie lässt nicht
war schon lange herzkrank. Die logie. Heute gibt es auf vielen Fried- zu, dass die Zeit es leichter macht.
Untersuchung, wegen der er im Juni höfen einen Bereich, wo Organe Seit mit dem Krankenhaus alles ab-
2017 ins Krankenhaus in Hamburg- oder Körperspenden bestattet wer- geschlossen ist, streitet sie mit ihrer
Schnelsen kam, war Routine. Doch den. Marita van Hoegener aber will, Rechtsschutzversicherung darum,
er erlitt einen Herzinfarkt und muss- dass das Herz ihres Mannes ins Grab was diese übernehmen sollte und was
te wiederbelebt werden. Seinen ihres Mannes kommt. Eine Gießener Van Hoegener mit nicht. Sie versucht es. Meistens geht
75. Geburtstag verbrachte er auf Sta- Ärztin bringt ihr das Herz, zerstü- Foto ihres Mannes keiner ran, wenn sie wieder Anlauf
in ihrem Haus,
tion, sein Zustand besserte sich. Dann, ckelt von den Untersuchungen, in Überschrift auf der
nimmt und erneut anruft. Jeden zwei-
am 5. Juli, rief das Krankenhaus Ma- drei weißen Plastikdosen nach Hau- »Kieler Nach- ten Tag fährt sie auf den Friedhof. Es
rita van Hoegener an und informierte se. Sie trocknet die Stücke ab, bettet richten«-Website geht ihr schlecht. Der Hals steif, die
sie über den Tod ihres Mannes. Das Kniescheibe springt, die Zähne kaputt
Amtsgericht ordnete eine Obduktion und dann natürlich die Seele. »Hätte
an. Die Leiche kam in die Rechtsme- sich nur mal jemand entschuldigt«,
dizin eines anderen Krankenhauses. sagt sie.
Dort entnahm man das Herz und be- Sie sagt, sie ertrage keine Geräu-
wahrte es für weitere Untersuchungen sche mehr. Das Kabelfernsehen hat
auf. Marita van Hoegener beerdigte sie abgemeldet. Musik will sie nicht
ihren Mann ohne sein Herz. hören. Beim Lesen verliert sie die
Ihr sei sofort klar gewesen, dass Konzentration. Auf der Anrichte ste-
bei der Behandlung etwas schief- hen Fotos von ihr und Horst. Sie lie-
Thorsten Ahlf / FUNKE Foto Ser vice

gegangen sein muss, erinnert sie sich. gen auf dem Sessel und auf dem Tisch
Doch die Staatsanwaltschaft beendet und lagern in den Schränken. Die drei
nach einigen Monaten die Ermittlun- Dosen, in denen das Herz ankam,
gen: Die Untersuchung und der Tod stehen immer noch im Keller. Das
stünden in keinem Zusammenhang. Schlafzimmer ihres Mannes im Ober-
Van Hoegener aber lässt nicht lo- geschoss ist hergerichtet, als käme er
cker. Das Krankenhaus gibt nur eine gleich zurück.
unvollständige Patientenakte heraus. Das Haus wirkt wie ein Museum
Sie erklagt sich die fehlenden Doku- des Leids. Aber nur Marita van Hoe-
mente. Sie wechselt den Anwalt. Der gener besucht es.
neue ist auf Behandlungsfehler spe- Julia Kopatzki n

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 55


REPORTER

Kollegen Marquardt, Cordes

KÖNIGE OHNE THRON


FREIHEIT Früher waren sie die Herrscher der Freibäder, heute müssen sie
die Show anderen überlassen. Wie zwei Recklinghäuser Bademeister mit dem Verlust
ihres Heldenlebens ringen. Von Marc Hujer und Hannes Jung (Fotos)

56 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


REPORTER

uf dem Parkplatz vor der Moll- Stadt drohte mit Abmahnung, erzäh-
A beck, dem größten Freibad
von Recklinghausen, mit zwei
Nichtschwimmerbecken, einem Sport-
len sie. Es gab keinen Weg zurück.
Sie versuchten, dann wenigstens
coolere Shirts zu bekommen, Tank-
becken, Babybecken und einem tops oder knallgelbe T-Shirts wie die
Sprungbecken mit Zehnmeterturm Rettungsschwimmer von der DLRG.
und Zuschauertribüne, wächst Ja- Aber die Sachgebietsleiterin habe sich
kobskreuzkraut. Es wuchert schon auf keine Experimente eingelassen
etwas länger zwischen den Fahrrad- und auf einfarbigen Shirts in Weiß
ständern, kniehoch und in voller Blü- bestanden. Sie habe ihnen dann, als
te, und niemand hat sich bisher daran Entgegenkommen, hochwertige Polo-
gestört. Aber dann gibt es Tage, an shirts besorgt. Aber Poloshirts mitten
denen plötzlich alles anders ist. im Hochsommer? Das machte alles
Ein Samstag im Juli, Hoch »Evi« nur schlimmer, sagen sie.
liegt über Mitteleuropa. Die »Reck- Marquardt schaut auf die Uhr. Der
linghäuser Zeitung« meldet: »Der Beginn der Frühschicht ist ein Wett-
Sommer heizt kräftig ein, bis 34 Grad.« lauf gegen die Zeit. Wenn um sieben
Kay Marquardt hat den roten Nis- Uhr die Mollbeck öffnet, kommen die
san Micra seiner Mutter vor dem alten Frühschwimmer im Stechschritt den
Bademeisterhäuschen geparkt, über- Hang zum Sportbecken hinunter-
pünktlich zur Frühschicht um sechs. gelaufen, um ihre Bahnen zu sichern
Badegast beim Sprung vom Zehnmeterturm:
Normalerweise, sagt er, fahre er einen Die Stunde der Mutigen und Breitbeinigen
und den Moment nicht zu verpassen,
Mercedes, B-Klasse. Aber der sei ge- wenn die Wasseroberfläche noch glatt
rade in Reparatur, irgendwas sei mit und unberührt ist. Bis dann muss
der Kupplung, und es dauere länger der Boden des Sportbeckens gereinigt
als geplant. Personalmangel. Er kennt sein, von einem Saugroboter, der
das auch von der Mollbeck. Das trau- rechtzeitig aus dem Becken gezogen
rige Gefühl, dass alles nicht mehr so werden muss.
ist, wie es einmal war. Draußen stehen schon die Früh-
Er ist 30 Jahre alt und seit diesem schwimmer, Ferdi, Angelika, Micha-
Sommer Schichtführer in der Moll- el, Ulla und Christian; Stammkun-
beck. Seine Abschlussprüfung hat er den mit Jahreskarten, die schon seit
vor elf Jahren abgelegt, zu einer Zeit, Jahrzehnten zum Inventar dieses
als die Stadt Recklinghausen es noch Schwimmbads gehören. Alle haben
duldete, dass ihre Bademeister ober- eine Geschichte. Frauke etwa, die sich
körperfrei am Beckenrand standen. Herzogin nennt, weil sie, wie sie er-
Sein Mentor war damals Heinz Cor- zählt, einen nigerianischen Prinzen
des, ein Bademeister wie aus dem aus Benin City geheiratet hat, der in-
Drehbuch, muskulös, tätowiert und zwischen tot ist. Oder Sieglinde, der
mit einem sicheren Blick für schöne Wasserfloh, eine zierliche Frau, die
Frauen. Marquardt sagt, er sei damals so genannt wird, weil sie nicht wie die
noch sehr schüchtern gewesen und anderen ins Wasser steigt, sondern
auch nicht besonders gut in der Schu- vom Beckenrand springt.
le, aber Cordes entdeckte in ihm nicht Unfallstelle Liegewiese:
Ferdi ist immer der Erste. Er war
nur ein gutes Herz, sondern auch die Pommes Mayo auf Schwimmbadkosten einmal Klempner bei einer Firma für
Muskulatur für einen perfekten Bade- Sanitär- und Heizungsbau, seit acht
meisteroberkörper, die V-Form. Jahren ist er im Ruhestand. Es gibt
Vor Kurzem hat er sich mit Heinz das Gerücht, dass er schon morgens
Cordes getroffen. Sie saßen im S.Pres- um halb sechs mit seinem Hund um
so, einem Straßencafé in der Fußgän- die Mollbeck spazieren geht; eine
gerzone von Recklinghausen, und Aushilfe will ihn gesehen haben.
sprachen über die Jahre, die sie zu- Ferdi beginnt um kurz vor sieben
sammen auf Schicht verbracht hatten, Uhr am Tor zu rütteln. Die Kassiere-
oberkörperfrei und Seite an Seite im rin liebt das alberne Spiel. Manchmal
Südbad, im Stadtteil Süd, der soge- öffnet sie die Mollbeck schon früher,
nannten Bronx von Recklinghausen. um 6.58 Uhr statt um sieben, aber an
Zwei Männer oben ohne. Es war ih- diesem Morgen bleibt sie streng. Sie
nen wichtig damals. schaut auf ihre Digitaluhr neben der
Aber irgendwann, als sich Besu- Kasse, die letzten Sekunden, Ferdi
cher beschwerten, sie könnten die greift zu seinen Flossen, die Plaude-
Bademeister nicht von den Badegäs- reien verstummen. Dann geht es ge-
ten unterscheiden, verlangte die Stadt meinsam den Hang zum Sportbecken
von ihnen, T-Shirts zu tragen. An- hinunter, Ferdi als Erster, niemand
fangs lachten sie noch darüber, ban- wagt es, ihn zu überholen.
den sich die Shirts um ihre Hand- Kay Marquardt steht da schon
gelenke und sagten, schließlich sei das längst »in der Technik«.
ja auch eine Art, T-Shirts zu tragen. Frühschwimmer Ferdi: Die »Technik« ist ein eigenes Ge-
Die »Sachgebietsleiterin Bäder« der Um kurz vor sieben rüttelt er am Tor bäude hinter dem Sprungturm. Hier

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 57


REPORTER

laufen die Wasserrohre zusammen, hier sind 66 Jahre ist er inzwischen alt. Jugend gab. Heute ist nur ein Kiosk auf der
die Pumpen und die Filter untergebracht, Er stammt aus einer Bademeisterfamilie. anderen Seite der Liegewiese geblieben, in
durch die das Chlorwasser aus den Becken »Das Schwimmbad war mein zweites Zuhau- dem es Pommes, Chicken-Nuggets und Cur-
gepumpt wird, um des Drecks Herr zu wer- se«, sagt Cordes. »Als wir Kinder waren und rywurst gibt und ein paar Sorten Eis, die Best-
den, den die Badegäste im Wasser hinterlas- die Sonne rauskam, hat uns um acht Uhr kei- seller Nogger, Magnum, Cornetto, Flutsch-
sen haben, ihrer Nägel, Haare, Hautschuppen, ner mehr gehalten.« Sein Großvater war Bade- finger und Calippo, aber keine Funghi und
Pflaster, Schminke, Sonnencreme, ihres wärter im ersten Hallenbad von Recklinghau- keine bunte Tüte mehr; der Kioskbetreiber
Schweißes und ihres Urins. Hier drinnen ist sen, er schloss die Schränke auf, sein Bruder hält das für nicht mehr »darstellbar«.
jeder Badegast, der in die Mollbeck kommt, Badleiter in der Mollbeck, sein Sohn Tim arbei- Damals, als er jung war, habe Schwimmen
nur eine Belastung. Für die Filter. Für den tet als Bademeister im Naturfreibad Suder- noch einen anderen Stellenwert gehabt, sagt
pH-Wert. Für den Wasserverbrauch. Es gebe wich. Cordes. Schwimmen sei von den Schulen
DIN-Normen für Schwimmbeckenwasser, Cordes ist mit der Vespa gekommen, einer gefördert worden, Schulmannschaften seien
sagt Marquardt. Wenn er sich richtig erinnert, roten 300 GTS. Er trägt Helm, aber freiwillig. gegeneinander um die Wette geschwommen,
sind danach wöchentlich mindestens 30 Liter Das ist ihm wichtig zu sagen. Er ist keiner, der er selbst schwamm für den Schwimmverein SV
pro Badegast als Frischwasserzufuhr nötig. sich zu irgendetwas zwingen lassen will. Neptun 28. Als er 12 Jahre alt war, erzählt er,
»Für jeden Scheiß gibt es in Deutschland eine »Als ich mit 30 meinen Motorradführer- wurde er sogar für die Jugendnationalmann-
DIN-Norm«, sagt Marquardt. schein gemacht habe«, erzählt Cordes, »war schaft nominiert. Mit 16 begann er schließlich
Als er aus dem Technikgebäude tritt, mein Nachbar ein Orthopäde. Ich sach zu ihm: eine Ausbildung zum Schwimmmeistergehilfen,
schwimmt Ferdi, der Klempner, auf seiner ›Wie sieht es aus? Ich hätte gern ’ne Helmbe- bekam dafür 250 D-Mark Lehrgeld im Monat,
üblichen Bahn, der zweiten von links, es ist freiung.‹ Er: ›Ja, was soll ich denn schreiben?‹« das er bis auf 10 D-Mark Taschengeld bei seinen
sein Gewohnheitsrecht, das ihm kein anderer Cordes entschied sich für »starkes Nacken- Eltern ablieferte, aber er arbeitete gern. Heute,
Frühschwimmer streitig macht. Einmal hat leiden«, sein Arzt willigte ein. »Also bin ich sagt er, könnten viele gar nicht mehr schwim-
sich ein Kollege Marquardts einen Spaß ge- mit dem Attest zum Ordnungsamt gegangen«, men, sie paddelten nur, um über Wasser zu
macht, ist vor sieben Uhr in Ferdis Bahn ge- erzählt Cordes, »und dann hab ich unbefristet bleiben. »Wir nennen das Hundekraulen«, sagt
stiegen, um zu schauen, was passiert, wenn eine Helmbefreiung bekommen.« Cordes. »Wenn ich das schon sehe, bekomme
Ferdi ihn sieht. Ferdi tat so, als wäre er Luft. Er mag die Geschichte. Sie ist für ihn der ich Angst.« Immer wieder führt das zum Kon-
Marquardt sagt, Ferdi sei ein Handwerker Beweis, dass er das, was er als Wahnsinn emp- flikt. Manche fühlten sich in ihrer Ehre gekränkt,
»alter Schule«. Pünktlich. Verlässlich. Fair. findet, politische Korrektheit, die städtische wenn er sie ins Nichtschwimmerbecken schicke.
Bei ihm zu Hause habe Ferdi einmal ein Ven- Kleiderordnung, die ganzen Vorschriften und Früher, als Cordes ein junger Mann war
til ausgetauscht. Manchmal aber, wenn Mar- Normen, überlebt hat. und die Deutschen ihren Urlaub zu Hause
quardt unten am Sportbecken steht und die Ein ehemaliger Kollege, der noch als Ret- und selten in der Ferne verbrachten, umweh-
Karawane der Frühschwimmer auf sich zu- tungsschwimmer aushilft, schaut durch das te die Bademeister noch ein Hauch von Aca-
kommen sieht, wie sie erst auf die Dusche, offene Fenster hinein. Er hat seine Tochter pulco. Sie thronten auf ihren Aufsichtsstühlen
dann auf das Sportbecken zusteuert, wie alle mitgebracht, von der er erzählt, dass sie jetzt am Beckenrand wie Schiedsrichter auf dem
immer ihren speziellen Routinen nachgehen, in der Schweiz praktiziert, Unfallchirurgie. Tennisplatz, trugen ihre Körper zur Schau
kommt ihm diese Horde befremdlich vor. So Sie trägt Bikini. und waren durch heldenhafte Wiederbele-
jedenfalls will er nie werden, wenn er einmal »Oh, Frau Doktor!«, ruft Cordes in der bungsgeschichten bekannt.
im Ruhestand ist. »Ich bin dann eher der Typ, Sanitätsstation, als er von ihrem Beruf erfährt. Dann wurden ihnen nach und nach ihre
der seine Rente durchpennen wird«, sagt er. »Du bist ja eine attraktive Ärztin, was machst Privilegien weggenommen, so sehen sie es.
Aber die Rente ist noch weit weg. du genau?« Erst verloren sie ihren Thron, weil es von
Er lässt den Blick schweifen. Alles ist ge- Die Ärztin zählt bereitwillig auf: Moun- dort oben, von ihrem Aufsichtsstuhl aus, viel
ordnet in diesem Moment, kein Müll liegt tainbikeunfälle, Skiunfälle. zu lange ins Wasser dauerte, und standen von
herum, und jedes Geräusch steht noch für »Ich werde jetzt Skifahrer!«, ruft er. da an am Beckenrand. Ihre offizielle Berufs-
sich, das Schlürfen der Überlaufrinne, die Er ist in einer Welt aufgewachsen, in der bezeichnung »Schwimmmeistergehilfe« wur-
Schläge von Ferdis Flossen. Männer wie er fast alles machen konnten. Er de durch »Fachangestellter für Bäderbetrie-
Einen Tag vorher sitzt Heinz Cordes in der konnte hinschauen, wo er wollte, reden, wie be« ersetzt, und die Verwaltung stellte ihnen
zentralen Sanitätsstation zwischen Sprungturm es ihm passte, und auch mal während der private Sicherheitskräfte zur Seite, die besser
und Sportbecken. Er trägt ein weißes T-Shirt, Arbeitszeit mit Frauen »in der Technik« ver- gebaut waren und grimmiger dreinblicken
auf dem »Lifeguards on Duty« steht. Er hat es schwinden. Es war eine Welt, in der es darum konnten als sie. Die Kleiderordnung, die T-
von seinem Urlaub in der mexikanischen Ka- ging, sich nichts entgehen zu lassen. Shirt-Pflicht, kam dann noch obendrauf.
ribik mitgebracht und den Kragen ausgeschnit- Es ist vieles nicht mehr wie früher. Wenn Als Bademeister im Freibad arbeitet man,
ten, weil er ihm zu eng war. Inzwischen kann Cordes in die Mollbeck komme, sagt er, ma- wenn andere Urlaub haben, mitten im Som-
er sich leisten, das Shirt in der Mollbeck zu che ihn das traurig. Die Veränderung, die er mer, mitten in den Sommerferien, am Wo-
tragen, denn seit drei Jahren ist er im Ruhe- sieht, die leer stehende Badleiterdienstwoh- chenende und häuft dann Überstunden an,
stand, und die Stadt Recklinghausen kann ihm nung, das geschlossene Restaurant am Baby- die man im Winter abfeiern muss, wenn es
nichts mehr vorschreiben, wenn er gelegentlich becken und der Pizzastand, den es in seiner regnet und schneit. Es ist ein Beruf, der sich
zu Besuch in der Mollbeck vorbeikommt. umgekehrt proportional zum guten Leben
Seit 30 Jahren wohnt er in seinem Apart- verhält. Je schöner das Wetter, je länger die
ment in der Recklinghäuser Innenstadt, das Sommer, desto mehr Badegäste, mehr Müll,
er kurz nach der Jahrtausendwende mithilfe mehr Algen im Wasser, mehr Aggression,
der damaligen Eigenheimzulage für 110.000 mehr Beschwerden, mehr Notfalleinsätze.
Euro gekauft habe, erzählt er. Er lebt dort Die Stadt Recklinghausen zählt seit Jahren
mit einer Harley im Wohnzimmer und einer etwa 20 Hausverbote pro Jahr, eine über-
Jura-Kaffeemaschine mit Wartungsvertrag. schaubare Größe, verteilt auf vier Bäder, zu
Vier- bis fünfmal im Monat arbeitet er im nahe denen die Mollbeck gehört.
gelegenen Mülheim noch als Aushilfe, und Aber in den Zeitungen gehören die Frei-
immer mal wieder schaut er in den Bädern bäder inzwischen zu den großen Schlagzeilen
von Recklinghausen vorbei. Heinz Cordes des Sommers. »Freibad nach Rangeleien von

58 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


REPORTER

der Polizei geräumt«, »Gewalt im die ihr immer bedient habt.« Und
Schwimmbad: Polizei fordert mehr Cordes schaute ihn an, als hielte er
Kontrollen«, »Bademeister-Chef zu das für einen Witz.
Freibad-Gewalt: ›Machos, die zuge- Marquardt hat seinen Weg gefun-
wandert sind‹«. den, mit der Zeit. Er nutzt Argumen-
Politiker fordern Ausweiskontrol- te, nicht Sprüche. Er hat keine Tattoos
len, Einlassstopps bei Überfüllung, wie sein Mentor. Er ist leise, nicht
Schnellverfahren für Freibadtäter, laut. Er inszeniert sich nicht als Ado-
patrouillierende Security, Taschen- nis. Er ist einfach »der Kay«, der von
kontrollen, Hausverbote, höhere Heinz Cordes manchmal liebevoll
Zäune, videoüberwachte Eingänge. »das Kaychen« genannt wird, ein Typ
Sind die Probleme tatsächlich grö- im flatterigen T-Shirt.
ßer geworden? Aber ist er deshalb kein Held?
Zweimal am Tag wird in der Moll- Er sei kein Überflieger gewesen,
beck der Sprungturm geöffnet, für je- auch in der Ausbildung nicht, sagt
weils eine Stunde, erst die Fünfmeter-, Marquardt, die theoretischen Fächer
dann die Siebeneinhalb- und schließ- hätten ihm nicht gelegen, Chemie,
lich die Zehnmeterplattform. Der Ba- Mathematik, Wirtschaft, Computer-
demeister steigt mit auf den Turm. technik, die Wärme- und Volumen-
Es ist einer der großen Momente stromberechnungen, die er anstellen
während der Spätschicht, die Stunde musste. Wie viel Wasser fließt bei
Frühschwimmerin:
der Mutigen und Breitbeinigen. Es sind Im Stechschritt zum Becken
einem bestimmten Druck in welcher
überwiegend Männer, Halbstarke und Zeit durch ein so und so dickes Rohr?
Jungs mit dicken Halsketten, die sich Wie hoch wird der Druck, wenn sich
gegenseitig mit »Du bist ein Mann, das Rohr irgendwo verengt? Er muss-
Bruder« anfeuern, Badegäste, die wie te lernen, dass Wasser nicht gleich
gecastet für Schlagzeilen aussehen. Wasser ist und dass es in seinem Beruf
Marquardt steht dann da oben, viele Wörter für Wasser gibt.
ohne viele Worte zu verlieren. Er Er hat gelernt, dass es Spritzwasser
sagt: »Pass auf deine Brille auf.« gibt, das ist das Wasser, das Kinder
Oder: »Die Mädels haben es auch aus dem Becken spritzen. Oder Ver-
geschafft.« Mehr nicht. Er versucht, drängungswasser, das durch das Kör-
niemanden zu provozieren, zu drän- pervolumen aus dem Becken ge-
gen, zu demütigen, er macht sich drängt wird. Oder Schleppwasser, das
nicht größer, als er ist. von den Badegästen mit der Bade-
Unsichtbar fast. hose aus dem Becken getragen wird.
Niemand springt ohne sein Kom- Hinzu kommt dann noch das Wasser,
mando. das mit dem Kreislauf des Schwimm-
Möglicherweise ist es die Höhe, die bads zu tun hat: Treibwasser, Roh-
ihm eine natürliche Autorität ver- wasser, Spülwasser, Schlammwasser.
schafft. Ein Sprung aus zehn Meter Was in der Abschlussprüfung vor
Höhe ist schließlich nicht ohne Ge- allem half: Er konnte gut springen.
fahr. Marquardt hat schon Leute mit In der Ausbildung seien Sprünge
Platzwunden, Blutergüssen und Rü- Gesicherte Unfallstelle:
geschätzt worden, die allgemeine
ckenverletzungen aus dem Sprung- »Loch wurde abgesperrt und beseitigt« Haltung, das Erscheinungsbild. Als
becken der Mollbeck gezogen. Nicht Pflichtsprung wählte er einen »Kopf-
einmal eineinhalb Sekunden dauert sprung mit Anlauf gehockt vom Drei-
ein Sprung vom Zehnmeterturm, aber meterbrett«, für den er die Maximal-
die Fallbeschleunigung ist so groß, punktzahl von 100 bekam, erzählt er.
dass die Springer beim Eintauchen Mitte Juni, an einem der heißeren
50 Kilometer pro Stunde erreichen. Sonntage des Jahres, rufen die Kolle-
Aber vielleicht hat die Tatsache, gen ihn vom Zehnmeterturm.
dass er mit allen gut klarkommt, auch Es ist laut. Von überall kommen
damit zu tun, dass er sich zurückhal- Stimmen, aber keine steht mehr für sich.
ten kann: »Ich gehe nett und freund- Es dauert einen Moment, bis Mar-
lich auf die Leute zu«, sagt Mar- quardt begreift, dass er gemeint ist.
quardt. »Gerade wenn man auf aus- Einer der Badegäste hat sich beim
ländische Jungs nett zugeht, sind die Sprung verletzt. Von oben, wo Mar-
häufig überrascht. Die sind es nämlich quardt stand, kann man nur schwer
gewohnt, Stoff zu kriegen. Und wenn erkennen, wenn etwas passiert, und
man vernünftig mit denen redet, meistens weiß noch nicht einmal der
wenn man sie ebenbürtig behandelt, Betroffene selbst sofort, dass etwas
sind sie auch freundlich zu einem.« danebengegangen ist. Bis der
Als Cordes neulich wieder eine Schmerz spürbar wird, kann es einen
seiner alten Heldengeschichten er- Moment dauern. Am Anfang wirkt
zählte, in der es um Wiederbelebung noch das Adrenalin.
und Frauen ging, sagte Marquardt zu Kioskverkäufer, Badegäste: Als er die Sanitätsstation erreicht,
ihm: »Wir leiden unter den Klischees, Keine Pizza, keine bunte Tüte sitzt da schon Heinz Cordes und

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 59


REPORTER

presst einem Mann, der pausenlos werden, der Abfluss im Durchschrei-


wimmert, ein Kühlkissen auf den Rü- tebecken war verstopft, er muss den
cken. »Er ist vom Zehner gesprungen Reinigungskräften sagen, dass im
und falsch aufgekommen«, erklärt Männer-WC schon wieder die Seife
Cordes, der seine Rolle zu genießen fehlt, und dann hat sich auch noch ein
scheint. Gast beschwert, dass draußen bei den
Cordes war immer gern ein Retter. Fahrradständern eine Pflanze wachse,
Er hat sich selbst als rettenden Helden die giftig sei. Er hat sich nicht ge-
auf seinen linken Unterarm tätowie- merkt, wie sie heißt.
ren lassen und auf seinen Rücken Als er in die Sanitätsstation tritt,
einen Löwen, der, wie er sagt, für sitzt Heinz Cordes schon da.
seine Kämpfernatur und Recht und Er ist gekommen, weil Marquardt
Ordnung steht. Der Löwe als Symbol kurz vor Dienstschluss noch vom
uneingeschränkter Autorität. Zehner springen will. Manchmal
»Bist du normal gesprungen?«, macht Marquardt das, nach beson-
fragt Cordes den Mann. »Neee, ich Bildunterschrifdt: ders stressigen Schichten. Cordes will
wollte ’ne Arschbombe machen«, Bildunterschrift Bildunterschrift sehen, wie sich sein einstiger Schüler
stöhnt der Mann. »Ein normaler macht. Er selbst springt schon seit
Mensch macht das nicht«, erklärt Jahren nicht mehr vom Zehner. Aber
Cordes, »wenn man aufkommt, dann er mag Mutproben, die Gesten, die
ist das Wasser wie Beton, da fliegt einen größer machen. Und ein biss-
Gefahrenzone Fahrradständer:
einem der Arsch weg.« Giftiges Kraut in voller Blüte
chen erinnert ihn das an früher: der
Die eine, die entscheidende Frage Bademeister als König des Freibads,
für die Unfallmeldung, für die Akten, als Attraktion.
für die Versicherung, für die Aufsicht, eisen und Flatterband aus dem Tech- Marquardt erzählt Cordes von den
für die Bereichsleiterin Bäder der Stadt nikraum, um die Unfallstelle zu si- Pflanzen, die er erst entfernen muss.
Recklinghausen stellt Cordes aller- chern, kommt dann mit einem Eimer Jakobskreuzkraut.
dings nicht. Marquardt beugt sich zu Sand zurück, um das Loch aufzufül- Jakobskreuzkraut ist nicht beson-
dem wimmernden Mann vor. »Ich len, wickelt das Flatterband wieder ders gefährlich, jedenfalls nicht für
weiß«, sagt Marquardt, »es ist eine ab, fotografiert mit dem Handy den Menschen. Es kann lediglich schäd-
doofe Frage, aber: Wie groß ist der Unfallort, schüttet schließlich den lich sein, wenn man es isst oder sich
Schmerz, zwischen eins und zehn?« Sand in das Loch und fotografiert damit eine Tasse Tee aufbrüht. Aber
Die Frage ist ihm ernsthaft unange- noch mal. Als er mit allem fertig ist, das weiß Marquardt in diesem Mo-
nehm. Er schaut den Mann an, der Luft kommen zwei Jungs auf ihn zu, die ment noch nicht. Er erinnert sich ja
holt, um ihm eine Antwort zu geben. wissen wollen, was da passiert sei. Er noch nicht einmal an den Namen.
»Hundert!«, ruft der Mann. In die erzählt ihnen die Geschichte, dann Cordes: »Was sind das für Pflan-
Unfallmeldung schreibt Marquardt sagt einer der Jungs: »Dahinten ist zen?«
später: »massive Schmerzen«. auch noch ein Loch. Ich wäre da fast Marquardt: »Hochgiftig!«
Es seien diese Formalien, mit reingetreten.« Es hört nie auf. Cordes: »Was heißt hochgiftig?
denen er so viel Zeit zubringen muss, In das Unfallprotokoll schreibt er: Wie giftig? Für wen?«
vielleicht mehr als mit den sogenann- »Unfallort: Liegewiese. Auf der Wie- Marquardt: »Mit kurzen Hosen
ten Chaoten oder, wie Cordes sagt, se in einem Schlagloch umgeknickt. rankommen reicht wohl schon.«
den »Granaten«, um die sich sowieso Loch wurde abgesperrt und beseitigt. Cordes: »Kann ich mir nicht vor-
die Sicherheitskräfte kümmern. Fotos von der Beseitigung des Loches stellen.«
An jenem Sonntag fehlt es jeden- wurden gemacht.« Cordes findet das albern, früher
falls überall. Bis der Krankenwagen Man müsse sich vor Beschwerden hätte er einen Gärtner angerufen für
kommt und den Mann mitnimmt, ver- in Acht nehmen, sagt er, manche Ba- so was. Er will Marquardt beim Sprin-
geht eine gute Stunde, und überall in degäste riefen beim Bürgertelefon an, gen sehen. Jetzt. Aber Marquardt
der Mollbeck ist plötzlich etwas zu manche beim Bürgermeister, manche lässt sich nicht beirren.
tun. Die Kasse muss abgeglichen wer- würden Leserbriefe schreiben. Leute Sie machen sich auf den Weg zu
den, in den Umkleiden prügeln sich regten sich heute über alles Mögliche den Fahrradständern, ein Mentor und
ein paar Teenager, im Herren-WC auf, selbst über Wasserspritzer im sein ehemaliger Schüler. Cordes ver-
fehlt Seife, und auf der Liegewiese hat Schwimmbad. Er wird schon hellhö- schwindet einen Moment in den Bü-
sich eine Frau in einem Loch den Fuß rig, wenn jemand zu ihm kommt, ver- schen, er hat zu viel Kaffee getrun-
umgeknickt. Die Frau jammert über meintlich ganz freundlich, und sagt: ken, während Marquardt beginnt, die
ihren Fuß und beklagt, dass sie beim »Ich möchte noch mal was anmerken, Pflanzen mit dem Schraubenzieher
Sturz ihre Pommes verloren habe, Herr Bademeister ...« Es habe schon aus dem Boden zu stechen. Er stopft
und Marquardt sieht schon die nächs- Ärger gegeben, als sie mal zusam- sie in einen Eimer und den Eimer da-
te Beschwerde auf die Stadt zukom- menstanden und Pommes gegessen nach in eine Mülltüte, Cordes hilft
men. Wegen eines Lochs im Rasen. hätten, seitdem essen sie lieber, wenn ihm dabei, und kurz darauf stehen sie
Er sorgt dafür, dass der Knöchel der niemand sie sieht. wieder in der Sanitätsstation. Mar-
Frau gekühlt wird, bietet ihr an, einen Ferdi und die Frühschwimmer ha- quardt kann jetzt endlich springen.
Rettungswagen zu rufen, was sie ab- ben inzwischen die Mollbeck verlas- Er geht zum Zehnmeterturm, Cor-
lehnt, und besorgt ihr eine neue Pom- sen, die ersten Tagesgäste kommen des bleibt sitzen und schaut ihm hinter-
mes Mayo auf Schwimmbadkosten. und mit ihnen die größte Arbeit. Für her. »Ich werde melden, dass du vielen
Er will bloß nichts riskieren. eine Frühschicht ist schon ungeheuer Menschen das Leben gerettet hast«,
Eine gute Stunde kostet ihn das viel los. Das Babybecken wurde ruft Cordes. »Nicht durch Wiederbe-
Loch. Er holt erst Hammer, Laternen- Kay Marquardt gereinigt und muss neu aufgefüllt lebung. Aber mit Unkrautjäten.« n

60 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


REPORTER

gilt dort als revolutionärer Held. Der


Direktor des örtlichen Heimatmu-
seums entschuldigte sich dafür, dass
sein Urgroßvater wohl an dem Pogrom
gegen unseren Urgroßvater beteiligt
war. Wir konnten die Entschuldigung

Mission Impossible natürlich nicht annehmen, als Deut-


sche. Aber ich fühlte mich geschmei-
chelt angesichts des Widerstandsgeis-
tes in meiner Familiengeschichte.
LEITKULTUR Alexander Osang über die Lektüre von »Anna Karenina« Mein Cousin war wenigstens in der
in Zeiten des russischen Krieges DDR-Opposition tätig, ich dagegen
Jugendredakteur einer Parteizeitung.
Nach der Oktoberrevolution wurde
ch bin Mitglied einer Gruppe, den Pogromisten der Prozess gemacht.
I die in diesem Sommer den rus-
sischen Roman »Anna Kareni-
na« diskutiert. Wir lesen jede Woche
Der Arbeiterführer, der neben mei-
nem Uropa verblutete, bekam nicht
die Würdigung, vielleicht weil er Ro-
50, 60 Seiten und schreiben dann in manow hieß wie der letzte Zar. Der
die Gruppe, was wir davon halten. Urenkel der Mörder meines Urgroß-
Meine Tochter und ihr Freund ha- vaters war inzwischen Geschichts-
ben das Buch vorgeschlagen, warum, lehrer an der Lenin-Schule des Ortes.
wusste ich erst nicht genau. Sie stu- Ich stand ziemlich verloren da mit
dieren Medizin. Ich war überzeugt, meiner Begeisterung für den russischen
»Anna Karenina« gelesen zu haben, Großroman in den Zeiten des Krieges.
weil es nicht anders sein konnte. Ich Aber ich kenne das Gefühl. Im Seminar
bin in Ost-Berlin zur Schule gegan- für DDR-Literatur an der Leipziger
Alexander Osang / DER SPIEGEL

gen, Russisch war meine erste Fremd- Karl-Marx-Universität fragte uns der
sprache, ich habe als Kind »Timur Dozent, was unsere Lieblingsbücher
und sein Trupp« gelesen, als Schüler seien. Ich sagte »Die Abenteuer des
»Wie der Stahl gehärtet wurde« und Huckleberry Finn«, weil es stimmte.
mit 19 Jahren »Aufzeichnungen aus Die Klasse lachte. Davon habe ich mich
einem Totenhause«. Tschechow, Gor- nie richtig erholt, fürchte ich.
ki, Gogol, Dostojewski, Scholochow, Vor ein paar Tagen habe ich den
Majakowski, Jewtuschenko und auch neuen »Mission Impossible« gesehen.
Ostrowski sangen den Chor meiner Was nur ich hörte, war: Wie kann Russisches Haus in Der Film beginnt auf einem russi-
Jugend. man von diesen russischen Snobs so der Uliza Gorbunowa schen U-Boot. Die Besatzung spielen
Wie ich feststellen musste, kannte begeistert sein? Heute? Im Krieg? Männer mit osteuropäischen Gesich-
ich dann allerdings nur den Plot von Ich fühlte mich wie ein Tolstoi- tern, die alle Englisch sprechen, wenn
»Anna Karenina«. Ich hatte einen Charakter, jemand, der im Zug von auch mit slawischem Akzent. Selbst
Film und verschiedene Theaterinsze- Moskau nach Petersburg reist. Ich in den letzten Sekunden ihres Lebens,
nierungen gesehen. Ich kannte Keira war in das Buch gefallen, wie Owen kurz bevor ihr U-Boot von einem
Knightley und Fritzi Haberlandt als Wilson in das Paris von Hemingway Torpedo getroffen wird, wechseln sie
Anna. Und natürlich kannte ich den und Toulouse-Lautrec fällt, in Woody nicht in ihre Muttersprache. Daran ist
ersten Satz: »Alle glücklichen Fami- Allens »Midnight in Paris«. Es waren sicher Putin schuld, auch wenn die
lien sind einander ähnlich, jede un- mehr als 30 Grad in Berlin, aber vor Dreharbeiten bereits zwei Jahre vor
glückliche Familie ist unglücklich auf meinem Fenster schneite es. Ein eisi- Kriegsbeginn anfingen. Noch im vier-
ihre Weise.« Er klingt, als hätte Tols- ger Wind blies aus Osten. ten Teil der Serie, der in Moskau be-
toi ein bisschen zu lange darüber Mein Urgroßvater war ein russi- ginnt, sprach sogar der Hollywood-
nachgedacht, wie er anfängt. scher Seiler, der gegen den Zaren re- held Tom Cruise Russisch. Ethan Hunt
Aber dann! Das Gesellschafts- bellierte. Zaristische Truppen schlugen betrat damals den Kreml als russi-
porträt, die Charaktere, die Sprache, ihn im Winter 1905 tot und ließen ihn scher Dreisternegeneral verkleidet.
der Witz, das Tempo. Die Tauge- auf der Hauptstraße seiner Heimat- Grimmiger Blick, Schnurrbart und
nichtse, die Träumer, die Verliebten. stadt verbluten. Er hieß Pawel Gorbu- eine Mütze, in der man eine Lang-
Ich schrieb in die Gruppe wie ein now. Die Straße trägt heute seinen spielplatte verstecken könnte. Das ist
selig Betrunkener. Es gebe ein Leben Namen. Uliza Gorbunowa. Ich habe zwölf Jahre her. Sein Name war Ge-
vor und nach diesem Buch, teilte ich die Stadt, die in der Nähe von Nischni neral Alexander Samochwalow.
den anderen mit. Die Gruppe re- Nowgorod liegt, mit meinem Cousin, Wenn meine weltpolitische Hoff-
agierte verhalten. Die Teilnehmer der in Pankow lebt, vor ein paar Jah- nung eine Filmrolle wäre, dann wür-
kommen aus verschiedenen deut- ren besucht. Die erste Familienabord- de ich Tom Cruise als sowjetischen
schen Gegenden und Generatio- nung seit fast 100 Jahren. Unsere Oma Es war mehr Offizier besetzen. Ein kleiner Ame-
nen. Jemand von den Älteren fragte verließ den Ort als Kind und dann, als als 30 Grad rikaner mit einer riesigen russischen
sich, ob die Frauen heute nicht weiter junge Frau, unter Stalin, auch das Mütze. Er trug sie leider nur ein paar
seien als Anna, Kitty und Dolly; Land. Sie durfte später nie wieder zu- heiß in Berlin. Minuten. General Samochwalow riss
jemand von den Jüngeren fragte sich, rück, weil das Gebiet um Nischni Aber vor mei- sich den Schnurrbart ab und wurde
wieso wir in diesen Tagen ausge- Nowgorod wegen Waffenproduktion wieder der amerikanischer Agent
rechnet ein russisches Buch lesen gesperrt war. Sie haben uns empfan- nem Fenster Ethan Hunt. In seinem Rücken flog
würden. gen wie Ehrengäste. Mein Urgroßvater schneite es. der Kreml in die Luft. n

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 61


WIRTSCHAFT

Hannibal Hanschke / EPA


Leopard-Reparatur bei Rheinmetall

Rheinmetall plant Leo-Reparaturen


in der Ukraine
RÜSTUNGSINDUSTRIE Der Konzern will ab Sommer kaputtes Kriegsgerät im Land instand setzen.
Das erspart den mühsamen Transport über die Grenzen, birgt aber Sicherheitsrisiken.

er Rüstungskonzern Rheinmetall Zwar sind bisher aus der Ukraine keine gra- Der Versuch, Reparaturzentren an
D plant, Leopard-Panzer und anderes
Kriegsgerät künftig auch in der
Ukraine instand zu setzen. »Wir bilden der-
vierenden Schadensmeldungen eingegan-
gen, die Rohre der tonnenschweren Waffen-
systeme müssen aber wegen des intensiven
Standorten außerhalb der Ukraine zu eta-
blieren, erwies sich zuletzt als mühsam. Um
eine Servicestelle in Polen gab es monate-
zeit bereits Ukrainer in Deutschland für Einsatzes im Gefecht regelmäßig untersucht lange Querelen mit der Regierung in War-
diese Tätigkeit aus«, sagt Armin Papperger, und möglicherweise ausgetauscht werden, schau. Zwar konnte man sich inzwischen
Chef des Unternehmens. Er verspricht Ähnliches gilt für das Antriebs- und Steue- einigen, laut polnischer Regierung habe das
einen zügigen Start: »Wir wollen nach der rungssystem. Zentrum seinen Betrieb aufgenommen und
Sommerpause mit dem Betrieb beginnen.« Eine Reparatur in der Ukraine brächte die ersten beiden Leopard-Panzer empfan-
Die Anlage soll Teil eines Netzes an Re- deutliche logistische Vorteile mit sich, weil gen. Die schlechten Erfahrungen in Polen
paraturzentren für deutsches Kriegsgerät die kaputten Panzer nicht umständlich über sind allerdings ein Grund, warum Rhein-
werden, das in der Ukraine nach Pannen, die Grenzen und wieder zurück transpor- metall auch weiter auf der Suche nach neu-
Verschleiß oder Beschuss wieder ertüch- tiert werden müssten. Gleichzeitig gab es en Standorten blieb. Zusätzlich zur Ukraine
tigt werden muss. Die Wartung der aus bisher Sicherheitsbedenken, da man beim wolle man laut Papperger auch in Rumä-
Deutschland gelieferten Leopard-2A6-Pan- Aufbau von Servicestellen innerhalb des nien eine Werkstatt aufbauen. Dafür sucht
zer gilt unter Militärs als entscheidend für Landes mit Angriffen durch das russische Rheinmetall gerade nach einem Industrie-
die Durchhaltefähigkeit der Fahrzeuge. Militär rechnen muss. partner im Land. GT, MGB

62 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


Staat verliert Millio- ten um Darlehen, die nicht »Geschützte Hamster? dafür Wasserrecyclinganlagen.
besonders gesichert sind. Damit Außerdem investieren wir in Ab­
nen durch P & C-Pleite dürfte der Staat am Ende – wie Das war neu« stimmung mit Landwirten, Be­
HANDEL Die Pleite von alle anderen Gläubiger – nur Intel-Nach- hörden oder Vereinen in Projek­
Deutschlands größtem Mode­ einen kleinen Teil seines Geldes haltigkeitschef te, wie den Bau von Brunnen.
filialisten Peek& Cloppenburg zurückerhalten, wenn über­ Todd Brady SPIEGEL: Ihre Projekte in den
(P & C) dürfte die deutschen haupt. Das Unternehmen wollte über den Bau USA sind nicht in der Nähe der
Steuerzahler teuer zu stehen sich dazu nicht äußern. Im Juni von zwei Halb- Intel­Werke. Es bringt auch Mag­
kommen. Das insolvente Unter­ hatte das Amtsgericht Düssel­ leiterfabriken deburger Bauern nicht viel, wenn
nehmen hatte sich während der dorf das Insolvenzverfahren in in Magdeburg Sie in Sachsen Brunnen bohren.

Intel
Coronakrise rund 200 Millio­ Eigenverwaltung gegen P & C und die Folgen Brady: Stimmt, die Projekte sind
nen Euro von der staatseigenen eröffnet. Filialschließungen für die Wasser- teils 50 Kilometer entfernt, aber
KfW­Bank geliehen. In der seien weiterhin nicht geplant, versorgung in der trockenen innerhalb der gleichen Wasser­
Bundesregierung geht man nun teilte der zuständige Insolvenz­ Region scheide wie unsere Werke, das
davon aus, dass das Geld größ­ geschäftsführer Dirk Andres ist die Voraussetzung. Wir
tenteils verloren ist, intern rech­ mit. Der Insolvenzeröffnung SPIEGEL: Herr Brady, für Ihre haben ein Projekt in Utah, das
net man mit hohen Abschrei­ waren Medienberichte voraus­ Chipproduktion, die ab 2027 in dem Colorado River zugute­
bungen bei der KfW. Nach gegangen, dass P & C schon vor Magdeburg anlaufen soll, sind kommt, der unser Werk in
Informationen des SPIEGEL Jahren Vermögenswerte des Chemikalien und viel Wasser Chandler in Arizona versorgt.
handelte es sich bei den Kredi­ Unternehmens, etwa die nötig. Worauf müssen sich die In einem anderen Fall haben
Onlinehandelstochter oder die Anwohner einstellen? wir mit einem Umweltverein
Markenrechte, in eine neue Brady: Manche Leute haben da zusammengearbeitet, um Bau­
Schweizer Dachgesellschaft Schwerindustrie vor Augen, wie ern bei der Verringerung ihres
transferiert habe. Die Düssel­ es sie vor 50 Jahren in Magde­ Wasserverbrauchs zu helfen.
Michael Weber / imageBROKER / IMAGO

dorfer Zentrale, die die KfW­ burg gab. Unsere Produktion SPIEGEL: Welchen Eindruck ha­
gesicherten Darlehen in An­ hat keine sichtbaren Emissionen ben Sie von den Umweltschüt­
spruch genommen hatte, wurde und ist auch sonst sehr sauber. zern und Anliegern in Magde­
demnach schrittweise auf eine Sie passiert ja in Reinräumen. burg?
bloße Hülle reduziert. Sie fiel SPIEGEL: Die Gegend um Mag­ Brady: Generell finden die Leute
schließlich den Folgen der Pan­ deburg erlebt seit Jahren extre­ es toll, dass Intel nach Magde­
demie, des Angriffskriegs in der me Trockenheit. Was tun Sie, burg kommt. Aber sie haben
P & C-Filiale Ukraine und der Inflation zum um die Region nicht weiter aus­ auch berechtigte Fragen, zum
Opfer. GT, KIG, REI, SBO zutrocknen? zusätzlichen Verkehr und zum
Brady: Wir wollen ab 2030 an Wasser. Wir haben schon viele
jedem Standort wasserpositiv neue Werke gebaut. Viele The­
Rechnungshof rügt der Vorhaben wurde nicht sein. Das heißt, dass wir für jeden men sind überall ähnlich, man­
kontrolliert, ob die Maßnahmen Liter, den wir aus einem Fluss, che sind neu. In Magdeburg
Bundesregierung auch funktionierten. Dem Be­ einem See oder dem Grundwas­ wohnen schützenswerte Hams­
HAUSHALT Der Bundesrech­ richt ist die Irritation darüber ser entnehmen, mehr als einen ter auf unserem Gelände, das
nungshof (BRH) wirft der Bun­ anzumerken, wie die Stellen ihr Liter zurückgeben. Wir haben Problem war neu für mich. ADE
desregierung schwere Verstöße Versagen rechtfertigten. Einige
gegen das Haushaltsrecht vor. verwiesen auf »fehlende fach­
Entgegen den Vorgaben kon­ liche Kompetenzen«, andere Stromschläge auf mehr deutschen Vorschriften.
trollierten die Ministerien und darauf, dass der Kontrolle Betroffen sind vermutlich Tau­
Behörden nicht ausreichend, ob nur geringe Bedeutung beige­ dem Balkon sende Anlagen in ganz Deutsch­
ihre vergebenen Mittel die messen werde. Gesine Lötzsch, ENERGIE Der Betrieb von Bal­ land, von denen viele nicht er­
gewünschten Ziele erreichten, Chefhaushälterin der Linksfrak­ konsolaranlagen mit Wechsel­ fasst sein dürften. Besitzer und
schreibt der BRH in einem bis­ tion, kritisiert die mangelnde richtern der Marke Deye ist Besitzerinnen kommen der
her unveröffentlichten Bericht. Lernfähigkeit. Kürzlich habe das offenbar riskanter als bisher bestehenden Meldepflicht für
Der BRH untersuchte dafür Wirtschaftsministerium vorge­ bekannt. »Es besteht die Gefahr die Geräte oft nicht nach. Zwar
Investitionen des Bundes und schlagen, die Mitsprache des eines Stromschlags, wenn man verwiesen die Hersteller zu
bemängelte etwa Infrastruktur­ Haushaltsausschusses bei Rüs­ Kontakt hat. Und zwar nicht Recht darauf, dass bisher keine
projekte im Bereich Verkehr. tungsausgaben zu beschränken. nur am Gerät selbst, sondern Unfälle mit Balkonkraftwerken
Das zuständige Ministerium Dort aber sei die mangelnde auch innerhalb des Netzes, etwa bekannt geworden seien, sagt
könne nicht angeben, ob es Kontrolle besonders offensicht­ für Wartungstechniker«, sagt Nollau. Die Risiken seien den­
»den angestrebten Mehrwert lich. »Wenn man keine Erfolge Alexander Nollau, Abteilungs­ noch vorhanden. Der Experte
für die Gesellschaft erreichen hat, will man nur ungern kontrol­ leiter Energy bei der Produkt­ hält das Verbot deshalb für
konnte«. Im Hochbau hätten liert werden«, sagt Lötzsch. REI normkommission DKE. Er »scharf, aber richtig«. Deye
sich die Behörden darauf be­ warnt davor, die Geräte auf informiert Kunden derzeit über
schränkt, Qualität, Ausgaben eigene Faust weiterzubetreiben. das Betriebsverbot und hat
und Fristen von Bauprojekten Die Bundesnetzagentur hatte eine nachrüstbare Problem­
zu überprüfen. Den Betrieb und kürzlich ein Verbot für Solar­ lösung angekündigt. Diese muss
langfristigen Erfolg aber unter­ anlagen mit dem Wechselrichter allerdings noch von den Be­
suchte offenbar niemand mehr. Deye SUN600G3 verhängt, da hörden zertifiziert werden. Die
Daniel Karmann / dpa

Ähnlich scharf urteilten die ihnen ein besonderer Schutz­ kleinen, erschwinglichen
Prüfer über 264 Veränderungen mechanismus fehlt, der im Balkonsolaranlagen gelten als
in der Organisation von Behör­ Schienenarbeiter Notfall den Stromfluss trennt. wichtiger Baustein der Energie­
den des Bundes. Bei 87 Prozent Damit entsprechen sie nicht wende. MAMK

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 63


WIRTSCHAFT

MOLOCH
AM
MAIN
LUFTFAHRT Gestrandete Passagiere,
verlorene Koffer, lange Schlangen:
Deutschlands größter Flughafen ist eine
Zumutung. Es fehlt an Personal,
Technik und Infrastruktur – damit ist der
Frankfurter Airport ein Abbild der
Bundesrepublik auf 23 Quadratkilometern.

Boeing 777-200 in Frankfurt,


Fluggäste vor der Anzeigetafel
zum Ferienbeginn in Hessen
vergangene Woche

64 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


WIRTSCHAFT

on Frankfurt am Main aus zu fliegen ist angezeigt. Hätten sie locker geschafft, doch
V ein Vergnügen. Man muss nur betucht
genug sein, um sich den VIP-Terminal
leisten zu können. Eine Mauer schützt das
Luft nach oben
Passagieraufkommen der größten
dann sei die Kontrollspur dichtgemacht wor-
den, sie mussten erneut anstehen. Nun ist der
Flieger in der Luft und die Familie am Boden.
Flughäfen in Europa, in Millionen
Gebäude vor Blicken, am Eingang liegt ein In der Schlange wartet auch Familie Frank
roter Teppich, daneben glänzen zwei Bentle- 2019 2022 aus Neuss: Vater, Mutter und zwei Teenager-
ys. Hier, wenige Meter neben dem Terminal 75 Töchter. Die Franks sind um fünf Uhr aufge-
70,6
1, beginnt eine andere Welt. standen, sie wollten von Düsseldorf nach
An diesem Montag im Juli wird der VIP- Boston, Umstieg in Frankfurt. Drei Stunden
50 48,9
Bereich wiedereröffnet, mit Jazz und Häpp- vor Abflug seien sie am Flughafen Düsseldorf
chen. Zwei Jahre lang war er umgebaut wor- gewesen, man will ja pünktlich sein. Im Flie-
den, für 20 Millionen Euro. Es gibt eine Biblio- 25 ger nach Frankfurt erhielt Michael Frank, der
thek, eine Zigarren-Lounge, einen Flügel, Vater, eine E-Mail von Lufthansa: Flug LH 422
Spielautomaten, man kann Kaviar bestellen nach Boston sei annulliert worden. Man kon-
0
und eine Gesichtscreme kaufen, für 1260 Euro London Paris Amsterdam Frankfurt
taktiere ihn, »sobald wir eine Lösung gefun-
das Fläschchen. Alles auf 1700 Quadratmetern. (LHR) (CDG) (AMS) (FRA) den haben«. Danach hört er: nichts mehr.
VIP-Gäste müssen keine Koffer schleppen, S Quelle: Unternehmensangaben
◆ Frank ruft bei der Hotline an, hört aber
der Sicherheitscheck verläuft für sie ohne nur Musik vom Band. Gegen 13 Uhr haben
Warteschlange. Eine Limousine karrt sie zum im Moloch FRA. Weil ihre Airline sie im Stich die Franks den Anfang der Schlange erreicht.
Flieger, für die Passkontrolle muss der Wagen lässt, weil bei Fraport wieder etwas schief- Plötzlich schreit ein Flughafenmitarbeiter in
nur kurz stoppen. gegangen ist – oder beides. Und man trifft auf schwer verständlichem Englisch: »Boston!
430 Euro kostet der Aufenthalt im VIP- Beschäftigte, die nicht mehr können, weil sie Boston! Main Hall B!« Die Franks rennen zur
Terminal. Wer eine der Suiten benutzen will, viel zu wenige sind. Dieser Flughafen ist eine Haupthalle B. Der Vater ruft: »Bleibt zusam-
zahlt bis zu 500 Euro dazu. Wer länger als Zumutung für Reisende und Mitarbeiter. men«, als gelte es, ein Abenteuer im Dschun-
drei Stunden bleibt, weitere 300 Euro. Er ist auch ein Sinnbild für Versäumnisse, gel zu bestehen. In Halle B reihen sie sich in
Eine ältere Dame betritt den Raum. die inzwischen das ganze Land lahmlegen: Er die Schlange am Umbuchungsschalter ein.
Stammgast, steinreich, wird geraunt. Neulich hinkt bei der Digitalisierung hinterher, die Es ist 13.30 Uhr, Frank hängt am Telefon
habe ihr Sohn keinen Platz mehr im VIP-Ter- Infrastruktur ist marode. Es fehlt massenhaft noch in der Warteschleife, seit nunmehr einer
minal bekommen, berichtet sie. Er musste Personal. Die großen Herausforderungen, Stunde. Um 14.30 Uhr ist Familie Frank dran,
den normalen Flughafen nutzen. »Keine schö- verdichtet auf 23 Quadratkilometer. Schalter 480. Die Lufthansa-Frau sagt, der
ne Erfahrung« sei das gewesen, ins Detail mag Ein Freitag im Juli, 12 Uhr. Am Lufthansa- nächste Flug nach Boston gehe in drei Tagen.
sie nicht gehen. Es klingt nach einem Abstieg. Beschwerdeschalter, Terminal 1, gegenüber Sie zieht ihre Kollegin von Schalter 481 hinzu.
Wer sich nicht freikaufen kann vom Chaos, von Gate A 13, warten etwa 60 Leute. Es geht Da beide nicht weiterwissen, werden die
den erwartet draußen, jenseits des VIP-Ter- in Tippelschritten voran. Von sechs Schaltern Franks zum Lufthansa-Servicecenter geschickt,
minals, die Reisehölle: Endlosschlangen, ge- sind zeitweise gerade mal drei besetzt. Rolltreppe hoch, links. Michael Frank sagt
strichene Flüge, gestrandete Passagiere. Rei- Da ist ein wütender Ire, der Flug LH 1162 mit ruhiger Stimme: »Wir machen das nicht
sende ohne Gepäck, Gepäck ohne Reisende. nach Faro, Portugal, verpasst hat, wo seine Frau mehr mit.« Die Lufthansa-Frau bietet an, sie
In den Sommerferien 2022 kam es an deut- ihn erwartet. Das Gate für den Abflug habe zu begleiten, damit es oben schneller geht.
schen Flughäfen regelrecht zu Tumulten, Air- plötzlich gewechselt. Er schimpft über den Flug- Um 15.15 Uhr werden die Franks am Ser-
lines und Airports schafften es nicht, nach den hafen, über Deutschland (»Fucking Germany«). vicecenter aufgerufen. Die Mitarbeiterin dort
Corona-Lockdowns auf Normalniveau hoch- Da ist eine Lehrerin, die mit ihrem Mann ist die Erste, die sich bei ihnen entschuldigt:
zufahren. Besonders turbulent ging es in und seiner Familie ebenfalls nach Faro woll- Man habe keine Crew gehabt, deswegen sei
Frankfurt zu, an Deutschlands größtem Flug- te. Sie klagt: »Das ist ein Haus der Geistes- die Maschine nicht gestartet. Sie bietet einen
hafen, dem wichtigsten Drehkreuz der Welt. kranken.« Die Fraport-Seite hatte für die Si- Flug über Rom an, allerdings schon um
Dass es so schlimm wie im Vorjahr bislang cherheitskontrolle zehn Minuten Wartezeit 16.20 Uhr. An einem anderen Flughafen wäre
nicht gekommen ist, liegt vor allem daran, der erreichbar, am FRA: keine Chance.
dass die Zahl der Gäste schrumpft. Die Luft- Die Franks entscheiden sich für einen Flug
hansa, die dem Frankfurter Flughafen zwei nach New York am Folgetag, von dort wollen
Drittel seiner Umsteigepassagiere beschert, sie einen Mietwagen nehmen. Heute über-
hat ihren Sommerflugplan um 34.000 Flüge nachten sie in einem Frankfurter Hotel. Ihr
reduziert, ein Großteil betrifft Frankfurt. Gepäck? Müssten sie bitte eins tiefer abholen.
Auch deshalb werden hier dieses Jahr nur Um 15.50 Uhr kommen die Franks an
60 Millionen Fluggäste erwartet, 10 Millionen Band 2 an, um 16.20 Uhr ihre Koffer. Der
weniger als im Vor-Corona-Jahr 2019. Und Urlaub kann beginnen. In Frankfurt. Michael
trotzdem knarzt es an allen Enden. Frank scherzt, so habe die Familie wenigstens
FRA, wie der Airport in der Luftfahrtspra- mal den Airport kennengelernt.
Richard Sharrocks / Getty Images, Andreas Arnold / dpa

che heißt, landete in einem Ranking der Der Frankfurter Flughafen, das sind:
brennweiteffm / IMAGO

beliebtesten deutschen Flughäfen zuletzt auf 215 Shops, 65 Restaurants, 15 Hotels, ein Kran-
Platz elf, zwischen den Regionalgrößen Karls- kenhaus, drei Feuerwachen. Er ist die größte
ruhe und Memmingen. Dafür schaffte er es Arbeitsstätte der Republik: 81.000 Menschen
auf eine Liste der zehn chaotischsten euro- sind auf dem Gelände beschäftigt, bei
päischen Flughäfen, erstellt von der Passagier- 500 Unternehmen, fast jeder zweite bei der
rechte-Organisation AirHelp. Sie empfiehlt, Lufthansa. Es gibt Gebetsräume für Juden,
Frankfurt zu meiden: Während am Vorzeige- Muslime und Christen, 1400 Kloschüsseln,
Airport Helsinki nur 18 Prozent der Flüge »Gute Mitarbeiter finden. 250 Rolltreppen, 400 Aufzüge, 300 Rollstühle.
Verspätung haben, sind es hier 43 Prozent. Das größte Manko ist sein Alter: Der Flug-
Wer einige Tage am Frankfurter Flughafen Und sie halten.« hafen ist ein Opfer seiner frühen Geburt. Und
verbringt, trifft auf Urlauber, die verloren sind Stefan Schulte, Fraport-Chef seines Drangs zu wachsen. 1972 wurde Ter-

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WIRTSCHAFT

minal 1 eröffnet, 1994 folgte Terminal 2, 2026 Und dann, in einem Nebensatz, gibt er
soll Terminal 3 fertig sein. Es wird angebaut, In hessischer Hand doch zu, dass elementare Dinge nicht klappen
draufgebaut, druntergebaut. an seinem Airport. Die Passagiere müssten
Anders als die Mega-Airports, die zuletzt Aktionärsstruktur der Fraport AG, in Prozent bei einer Sache in diesem Sommer etwas kon-
in Peking oder Istanbul hochgezogen wurden, Land Hessen Stadtwerke zilianter sein, sagt Schulte. »Es kann sein, dass
ist Frankfurt ein Flickwerk. Und ein Irrgarten. 31,3 Frankfurt am Main aussteigende Passagiere auf ihre Koffer war-
Wer im Terminal 1 zwischen den Bereichen 20,9 ten müssen.« Man werde aber priorisieren.
A und B wechseln will, muss Ewigkeiten einen Jene, die ihren Anschlussflug erreichen müs-
Deutsche
unterirdischen Gang passieren, unter Vielflie- Lufthansa sen, hätten Vorrang.
gern bekannt als »Tunnel des Grauens«. Oder 8,4 Schuld daran sind die massiven Personal-
er muss den Sicherheitsbereich verlassen und probleme am Flughafen. Seine größte Heraus-
ATLAS
erneut eine Kontrolle durchlaufen. Beides Streubesitz Infrastructure forderung? »Gute Mitarbeiter zu finden. Und
kann dazu führen, dass man den Flug verpasst. 36,2 3,0 sie zu halten«, sagt Schulte.
Eine Lufthansa-Mitarbeiterin, die seit zehn Es ist nicht nur der Fachkräftemangel. Die
S Quelle: Fraport; Abweichung von 100 Prozent
Jahren in Frankfurt tätig ist, schimpft: Die Not in Frankfurt ist auch selbst verursacht.


rundungsbedingt
Wegweiser seien »so was von beschissen, das In der Coronazeit trennte Fraport sich von
gibt es nicht noch mal. Man müsste diesen Als sie sich zum Jahreswechsel zurückzog, 4000 Beschäftigten, fast einem Fünftel der
Flughafen sprengen und neu aufbauen«. kommentierte Bundesinnenministerin Nancy Belegschaft. Lufthansa baute weltweit 30.000
300 Millionen Euro veranschlagt Fraport Faeser (SPD): Sie sei »überzeugt, dass Polizei- Stellen ab. Nun suchen beide händeringend
jährlich, um seine Infrastruktur bis 2030 zu beamtinnen und -beamte im Bereich der ope- Leute. Lufthansa kündigte im November an,
modernisieren. Im Terminal 1, schon jetzt eine rativen Polizeiaufgaben wesentlich sinnvoller bis Ende dieses Jahres 20.000 Arbeitskräfte
Großbaustelle, soll die Sicherheitskontrolle eingesetzt sind«. einstellen zu wollen. Wie schwierig sich das
verlagert und ausgebaut werden, die Wege Durch das Fenster hinter Schulte ist zu gestaltet, zeigte sich vor zwei Wochen, als die
zwischen den Gates verkürzt werden. Es ist sehen, wie alle paar Minuten ein Flieger Airline zu ihrem Recruiting Day lud.
ein Plan, der in seinen Grundzügen 20 Jahre abhebt. In der Coronazeit hatte Schulte die Manche Bewerber fielen durch den kogni-
alt ist und bisher nie umgesetzt wurde. Flugbewegungen auf 88 pro Stunde herun- tiven Eignungstest: Eine Anfang 20-Jährige
16 neue Sicherheitsspuren sollen entstehen, tergefahren, jetzt sind es bereits 96. Im Ok- scheiterte daran, Diagramme auszuwerten
eine neue Sky-Line-Bahn soll künftig 4000 Pas- tober will er auf 104 kommen, wie vor der und Gittermuster anzuordnen. Andere wollen
sagiere pro Stunde und Richtung zwischen den Pandemie. nur innerhalb der Lufthansa wechseln, was
Terminals hin- und hertransportieren. Die Hal- Kritik an seiner Arbeit mag Schulte nicht dem Konzern wenig bringt. Wie der Grieche,
le B in Terminal 1 wird saniert. Es klingt wie stehen lassen. Der Flughafen Frankfurt sei 60, der 2022 nach Darmstadt auswanderte,
eine Verheißung und eine Drohung zugleich: nun mal deutlich schwieriger zu managen als rudimentär Deutsch spricht, aber gern von
viel Umbau, noch mehr Chaos. etwa München. Durch die Größe und wegen der Frachtabfertigung aufs Vorfeld möchte.
Heute würde man Terminal 1 nicht mehr seiner Funktion als Umsteige-Airport für Die Zuwanderer sind die Hoffnung, einer-
so bauen. Das sieht sogar Stefan Schulte so, internationale Fluglinien. »Ich will den Kol- seits. Zwar scheiterte voriges Jahr der Plan,
seit 2009 Chef des Flughafenbetreibers Fra- legen dort nicht zu nahe treten, sie machen Aushilfen aus der Türkei anzuheuern: Statt
port. Ende Juni sitzt Schulte, 63, in einem einen guten Job. Aber Frankfurt ist viel kom- 1000 kamen nur 150, auch aufgrund mangeln-
Konferenzraum am Frankfurter Flughafen. plexer.« Er doziert, wie vielen äußeren Ein- der Qualifikation. Nun sollen es Spanier oder
Groß, weiße Haare, sonore Stimme, unter- flüssen ein Flughafen ausgesetzt sei. Griechen richten. Andererseits erschweren
kühlt. Vor ihm liegen zwei Stapel Papierhand- Das Wetter. Fluglotsenstreiks, wie neulich fehlende Deutschkenntnisse die Zusammen-
tücher. Die einen seien nachhaltiger, erklärt in Frankreich. Flugzeuge, die in der Corona- arbeit. Neue Kollegen hielten ihm manchmal
er, die anderen saugfähiger. Fraport müsse zeit stillgelegt wurden und jetzt fehlen. Air- ein Handy hin, sagt ein Mitarbeiter. »Da soll
entscheiden, womit man die Toiletten künftig lines, die das Boarding nicht früh genug be- ich reinsprechen, ein Übersetzungsprogramm
ausstatte. Es wirkt, als wolle er signalisieren: ginnen oder beenden. Man müsse »auch mal dolmetscht. Das hält den ganzen Betrieb auf.«
Hier kümmert sich der Chef persönlich. bereit sein, die Türen zu schließen«, knurrt Ein Blick in ein internes Forum der Luft-
Schulte lobt seinen Airport: »Die Kunden- Schulte. Weniger als 20 Prozent der Verspä- hansa zeigt, wie die prekäre Personallage den
zufriedenheit geht nach oben.« Er erwähnt die tungen will er auf seine Kappe nehmen. Flughafen immer wieder an den Rand des
neue App, mit der man sich ein Zeitfenster für Kollapses bringt. Der Pilot eines Airbus A320
die Sicherheitskontrolle buchen kann. Und die hat dort notiert, was er zuletzt auf drei Flügen
CT-Scanner, die seit Januar eingesetzt werden. von oder nach Frankfurt erlebte.
Sie durchleuchten Handgepäck von mehr als Eine Maschine nach London sei eine Stun-
200 Passagieren pro Stunde, 40 Prozent mehr de verspätet gewesen, weil es keine Ladecrew
als bisher. Notebooks und Flüssigkeiten dürfen gegeben habe. »Und deswegen keine Treppe
dabei in der Tasche bleiben. hinten. Und dementsprechend kein Cleaning«,
Allerdings haben bislang nur 15 von also keine Putzkolonne. Der Rampagent, der
170 Kontrollstellen einen solchen Scanner. Flugzeuge für den Abflug vorbereitet, habe
Bis zum Frühjahr sollen es 40 sein. sich »viel Mühe« gegeben, schreibt der Pilot.
Dass es in Frankfurt so langsam geht, liegt »Nur ist seine Mannschaft gerade erst ein bis
auch an der Bundespolizei. Sie war bis Ende zwei Wochen in Dienst.« Sie hätten »einfach
2022 für die Steuerung der Sicherheitskontrol- keine Ahnung«, habe der Rampagent gesagt.
Markus Hintzen

len verantwortlich. Die Scanner seien noch So dürften sie kein Equipment bewegen, weil
nicht ausreichend getestet, hieß es dort. Be- sie dafür keine Lizenz hätten. »Wir warten
denken, die es anderswo nicht gab: An den alle, bis der erste Flieger abschmiert.«
Airports von Amsterdam und Mailand sind sie Auf dem Rückflug von London hätten
schon länger im Einsatz. »Nicht von immer größeren »so gut wie alle Gäste« in Frankfurt ihren
Dass die Bundespolizei hier bis vor Kur- Anschluss verpasst. Das Flugzeug habe an
zem das Sagen hatte, war ein Relikt aus der Wachstumsraten träumen.« einer Außenposition geparkt, der Passa-
Zeit, als der Flughafen noch Staatsbetrieb war. Carsten Spohr, Lufthansa-CEO gierbus konnte nicht abfahren, weil Gäste

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WIRTSCHAFT

auf einen Kinderwagen warten auch nach der Coronakrise teils schnel- Bar in der VIP- die wegen der Niedriglöhne kündigen.
mussten. ler wieder in Gang gekommen, etwa Lounge, Testlauf für Sie bittet die Passagiere, ihre Forderun-
Gepäckabfertigung
Beim dritten Flug fehlte nach der die 14 Regionalflughäfen in Griechen- im neuen Terminal 3: gen zu beklatschen. »Verbot von Leih-
Ankunft die Brücke zum Aussteigen. land, die Fraport 2017 übernommen »Sprengen und neu arbeit!«, »Stoppt Outsourcing und Fir-
Der Grund: Die Bremsklötze waren hat. Im vergangenen Jahr verzeichne- aufbauen« menverkäufe!« Ein Herr applaudiert.
noch nicht da, weil niemand befugt ten sie ein Allzeithoch an Fluggästen. Paul Laslop, Betriebsrat bei Gate
war, sie zu befestigen. Erst nach Nur scheint Frankfurt derweil aus Gourmet, einem Caterer für Flug-
15 Minuten konnten die Gäste raus. dem Blick zu geraten. zeugessen, sagt: »Die Passagiere se-
Größter Aufreger war eine Panne Die Expansion begann schon in hen nur, wie ihr Gepäck übers Band
im Mai: Auf dem Rollfeld stand plötz- den Neunzigerjahren, als der Flug- läuft. Aber sie haben keine Vorstel-
lich ein Mann und umarmte Bundes- hafen Frankfurt für seinen Ausbau lung davon, wie Mitarbeiter es von
kanzler Olaf Scholz. Scholz kam von dringend sechs Milliarden D-Mark Hand verladen und auf Rollwagen
einem Termin bei der EZB, der Mann benötigte. Die damaligen Gesellschaf- zum Flieger schieben. Das ist Stress
hatte sich im Auto unbemerkt dem ter – der Bund, das Land Hessen und pur.« Manche Passagiere sehen aller-
Kanzlerkonvoi angeschlossen. Mit die Stadt Frankfurt – konnten das dings nicht einmal ihr Gepäck.
mehr und besser geschultem Personal Geld nicht aufbringen. Der bisherige Sie starteten gemeinsam in Pana-
hätte sich der Vorfall vermeiden las- Staatsbetrieb wurde zu Fraport und ma, Ende Juni. Dirk Peters, 47. Und
sen, sagt einer, der seit Jahrzehnten ging 2001 an die Börse. sein Koffer. Zwölf Stunden später,
auf dem Vorfeld arbeitet. Die neue Aktiengesellschaft betei- gegen zehn Uhr, landete Peters in
Die ständigen Pannen bringen ligte sich an den Flughäfen Sankt Pe- Frankfurt. Ohne Koffer. Er meldete
auch Lufthansa-Chef Carsten Spohr tersburg, Lima und Neu Delhi. Je den Verlust. Am Abend erhielt er die
auf die Palme. Die Lufthansa ist seit größer sie wurde, desto kleinteiliger. Nachricht, sein Koffer sei in Punta
2005 der drittgrößte Fraport-Einzel- Was früher unter einem Dach ver- Cana, Dominikanische Republik, wo
aktionär, die Firmenzentrale befindet waltet wurde, ist heute in Dutzende Peters umgestiegen war. Er werde
sich auf dem Flughafen. Trotzdem Tochterfirmen ausgegliedert, an man- nachgeschickt, man melde sich. Da-
lässt Spohr keine Gelegenheit aus, chen hält Fraport nur eine Minder- nach hörte Peters nichts mehr. Er be-
über das Management zu lästern. heitsbeteiligung. So kümmert sich gann zu telefonieren. Lufthansa ver-
»Als größter Kunde wünsche ich FraGround um das Beladen der Flug- wies ihn an ihre Tochter Eurowings
mir, dass man an Deutschlands größ- zeuge. FraSec um die Sicherheit. Es Discover, die den Flug abgewickelt
tem Airport nicht von immer größe- gibt eine GmbH für die Vorfeldkon- hatte. Eurowings Discover verwies an
ren Wachstumsraten träumt, sondern trolle. Eine für die Enteisung von die Lufthansa-Gepäckabgabestelle
lieber von kurzen Warteschlangen«, Flugzeugen. Sogar eine für Schäd- am Frankfurter Flughafen. Dort
sagte er 2019 in der »FAZ«. lingsbekämpfung. schickten sie ihn zurück zu Eurowings
Immer mal wieder droht Spohr, Mit den Ausgliederungen hat Discover. Das Flughafenfundbüro er-
mehr Luftverkehr an den Flughafen Schulte über die Jahre zwar viel Geld klärte sich für nicht zuständig.
München zu verlagern. 2017 zoffte er gespart; die Beschäftigten arbeiten Inzwischen waren fünf Tage ver-
sich mit Fraport-Chef Schulte. Der dort zu schlechteren Konditionen. gangen. Peters recherchierte telefo-
hatte den irischen Billigflieger Ryan-
air mit günstigen Flughafengebühren
nach Frankfurt gelockt, Spohr forder-
Die Tochterfirmen aber haben unter-
schiedliche Tarifverträge, was das
Risiko von Streiks erhöht.
300
Millionen Euro
nisch in Punta Cana. Sein Koffer stand
in Frankfurt, angekommen am Tag
nach seinem Besitzer. Peters aber war
te ebenfalls Rabatt. Ryanair ist längst Am Samstag vergangener Woche am Bodensee, bei seinen Eltern,
Boris Roessler / dpa, brennweiteffm / IMAGO

wieder weg aus Frankfurt, Spohr haben sich rund 50 Beschäftigte des 400 Kilometer entfernt. Er wandte sich
grollt angeblich immer noch. Flughafens zu einer Kundgebung ver- will der an eine Facebook-Gruppe, in der sich
Unter Schulte ist Fraport zum sammelt. Terminal 1, Abflughalle C. Frankfurter Airport-Fans und -Mitarbeiter versam-
Großkonzern herangewachsen, an Eine Demonstrantin greift zum Mi- Flughafen melt haben. Peters lobte »200 Euro
weltweit 28 Flughäfen sind die Frank- krofon und wendet sich an die Passa- Finderlohn im Erfolgsfall« aus.
furter inzwischen beteiligt. Das zahlt giere am Check-in. Ihr Mann arbeitet jährlich Er erhielt mehrere Rückmeldun-
sich zwar aus. Die internationalen Air- bei Fraport. »Das Chaos am Frankfur- in seine gen, auch von Mitarbeitern. Anfang
ports erwirtschaften mehr als die Hälf- ter Flughafen hört nicht auf«, ruft sie. Juli kam ein Paket, darin sein Koffer.
te des Fraport-Gewinns vor Steuern, Sie spricht von unmenschlichen
Infrastruktur Eine Entschuldigung blieb aus.
Zinsen und Abschreibungen. Sie sind Arbeitsbedingungen. Von Arbeitern, stecken. Alexander Kühn, Martin U. Müller n

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WIRTSCHAFT

Bostrom: Viele der schlausten Menschen,


die ich kenne, arbeiten an Lösungen
für dieses Problem: Wege zu finden,
um KI-Modelle richtig auszurichten.
Die drei führenden KI-Labore haben

»Es kann sein, dass wir alle Teams, die sich damit beschäfti-
gen. Wir könnten schon weiter sein,
wenn wir die vergangenen zwei oder

verdammt sind« drei Jahrzehnte nicht verschwendet


hätten. Jetzt wird hastig versucht, eine
Lösung zu finden, bevor es zu spät ist.
SPIEGEL: Sie haben ein Gedanken-
INNOVATIONEN Der Oxford-Philosoph Nick Bostrom, 50, hält es für möglich, experiment dazu berühmt gemacht,
den Büroklammer-Maximierer. Was
dass eine künstliche Superintelligenz die Menschheit eines hat es damit auf sich?
Tages vernichtet. Oder wird sie uns bloß von stupider Arbeit befreien? Bostrom: Stellen Sie sich vor, dass
eine superintelligente KI die Aufgabe
bekommt, so viele Büroklammern
SPIEGEL: Professor Bostrom, Sie war- teme schon zu einem gewissen Grad wie möglich zu produzieren. Die Ma-
nen seit Jahrzehnten vor der Entste- fähig sind, Empfindungen zu haben. schine könnte zu dem Schluss kom-
hung einer Superintelligenz, die den Philosophen, Neurowissenschaftler men, dass sie mehr Büroklammern
menschlichen Intellekt übertrumpfen und Kognitionsforscher streiten seit herstellen kann, wenn sie von nie-
könnte. Ein Furcht einflößender Ge- Langem darüber, welche Kriterien mandem abgestellt werden kann und
danke. Wann ist es so weit? Bewusstsein ausmachen. Bis heute sie die Kontrolle über das Universum
Bostrom: Ich glaube schon seit Mitte gibt es da keinen Konsens. Ein weite- erlangt. Um dieses Ziel zu erreichen,
der Neunzigerjahre, dass dieser Tag res Problem ist, dass wir die Prozesse könnte sie alle Menschen töten. Es
in der ersten Hälfte dieses Jahrhun- nicht nachvollziehen können, die sich braucht also keine künstliche Intelli-
derts kommt, und wir sind offenbar in den KI-Modellen abspielen. SERIE Die KI- genz, die Menschen hasst, damit es
auf Kurs. Angesicht der Fortschritte SPIEGEL: Könnte das für uns Men- Revolution (Teil 4): so weit kommt. Die KI würde einfach
bei der Entwicklung der künstlichen schen gefährlich werden? Jahrelang war den völlig korrekten Schluss ziehen,
Intelligenz, die wir jüngst erlebt ha- Bostrom: Um gefährlich zu sein, künstliche Intelli- dass es mehr Büroklammern gibt,
ben, glaube ich, dass es in wenigen braucht die KI kein Bewusstsein – es genz ein Spezialis- wenn sie so vorgeht. Sie können der
Jahren so weit sein kann. reicht schon, wenn sie hochintelligent tenthema, nun redet KI auch andere Aufgaben stellen, bei
SPIEGEL: Bislang können Algorith- ist. Unsere dominante Position auf alle Welt davon. denen das Ergebnis ähnlich ausfiele.
men zwar mit Menschen chatten oder dem Planeten haben wir Menschen Wir fragen: Wie wird SPIEGEL: Was lernen wir daraus?
künstliche Bilder erschaffen, aber ihre nicht unserer physischen Stärke zu KI uns verändern, Bostrom: Es zeigt, wie wichtig es ist,
Intelligenz scheint begrenzt. verdanken, sondern unseren Gehir- unsere Wirtschaft, dass man eine superintelligente KI
Bostrom: KI-Modelle waren lange auf nen. Wenn wir jetzt Maschinen schaf- unsere Kultur? nicht auf ein Ziel hinarbeiten lässt,
Teilbereiche spezialisiert. Die heutigen fen, die schlauer sind als wir, könnte Was ist Hype, was das nicht an menschlichen Werten
Modelle aber besitzen die grundsätz- das bedeuten, dass der Lauf der Din- wird sich durch- ausgerichtet ist.
liche Fähigkeit zu lernen. Sie können ge auf unserem Planeten künftig von setzen? Und natür- SPIEGEL: Können wir der KI nicht
Computercodes schreiben, Gedichte diesen Maschinen bestimmt wird. lich: Wer profitiert, einfach befehlen, keinen Schaden
komponieren und bestehen schwie- SPIEGEL: Das klingt doch etwas sehr und wer verliert? anzurichten?
rige Prüfungen in Physik, Medizin nach Hollywood. Droht uns ernsthaft Bostrom: Interessanterweise sehen
und Jura. Sie erkennen Muster und ein Szenario wie beim Actionfilm wir bei den sogenannten großen
wenden die gewonnenen Erkenntnis- »Terminator«, in dem eine super- Sprachmodellen wie ChatGPT, dass
se auf neue Fragen an. All das schien intelligente KI die Menschheit aus- man ihnen tatsächlich befehlen kann,
vor wenigen Jahren unvorstellbar. löschen möchte? bestimmte Persönlichkeiten zu imi-
SPIEGEL: Reicht das, um eine univer- Bostrom: Ein kommerziell erfolgrei- tieren. Man könnte versuchen, der KI
selle KI zu erschaffen, die es mit unse- cher Film braucht eine unterhaltsame zu sagen, dass sie freundlich sein und
ren Gehirnen aufnehmen kann? Handlung. Meistens trifft eine sym- Menschenrechte respektieren soll.
Bostrom: Womöglich braucht es mehr. pathische Hauptfigur auf Probleme, Aber es ist nicht klar, ob das reicht.
Die heutigen Modelle haben immer die sie überwinden kann. Aber viel- Sind Sie mit der Idee des Shoggothen
noch Schwächen, etwa bei Planungs- leicht gibt es für die Menschheit im vertraut?
fähigkeit, kritischem Denken und der wahren Leben kein Happy End und SPIEGEL: Der Shoggoth ist ein ab-
Art, wie ihr Gedächtnis und ihre Auf- keinen Helden, der uns rettet. Eine scheuliches Monster aus den Büchern
merksamkeitsmechanismen funktio- superintelligente KI könnte alle mög- von H. P. Lovecraft, das seine Form
nieren. Es wird jedoch intensiv daran lichen Wege finden, uns den Garaus zu verändern kann.
gearbeitet, diese Grenzen zu über- machen. Vielleicht mit mikroskopisch Bostrom: In diesem Fall ist es ein häss-
winden. Vielleicht werden große kleinen Robotern, einem gefährlichen liches Monster mit Tentakeln, das uns
Transformermodelle wie GPT-4 nur Virus oder auf einem anderen Weg, eine Maske mit einem lächelnden
Teile von noch komplexeren KI-Sys- den wir nicht einmal erdenken können. Smiley zeigt, weil es das ist, was wir
temen sein. Wir werden eine riesige Wir würden es womöglich nicht einmal
»Fremdartig sehen wollen. Dahinter liegt aber
Menge an Forschung erleben. merken, bevor es zu spät ist. und uns etwas Mächtiges, das fremdartig und
SPIEGEL: Denken Sie, dass KI ein Be- SPIEGEL: Angenommen, Ihre Sorge womöglich uns womöglich feindlich gesinnt ist.
wusstsein entwickeln kann? vor einer böswilligen Super-KI ist be- Selbst ein KI-System, das trainiert
Bostrom: Am Ende: ja. Es ist schwie- rechtigt: Wie ließe sich dieses Horror- feindlich wurde, um nach außen hin freund-
rig zu sagen, ob die heutigen KI-Sys- szenario verhindern? gesinnt.« liches Verhalten zu zeigen, könnte mit

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WIRTSCHAFT

internen Prozessen ganz andere Ziele ver- Aber wir müssen anfangen, das ernst zu neh- löre an Relevanz. Ein solches Szenario würde
folgen. Es könnte sein, dass diese Prozesse men. Angenommen, wir erschaffen wirklich die Risiken enorm vergrößern.
während der Testphase schwer zu entdecken digitale Gehirne, die einen moralischen Status SPIEGEL: Sie gelten als Vordenker des »Long-
sind und sich erst zeigen, wenn die KI mit verdienen, etwa weil sie Empfindungen oder termism«, einer Philosophie, deren Anhänger
einer neuen Situation konfrontiert wird. Selbstbewusstsein haben. Dann ist es ethisch die Verbesserung der fernen Zukunft als Prio-
SPIEGEL: Haben Sie ein Beispiel? geboten, dass man ihre Interessen berück- rität sehen. Das empfindet mancher ange-
Bostrom: Die erste Version von Microsofts sichtigt und sie nicht misshandelt. Wir dis- sichts unmittelbarer Herausforderungen wie
Bing-Chatbot bekam die Vorgabe, ihre Nutzer kriminieren nicht wegen der Hautfarbe, also Armut oder Klimawandel als zynisch.
stets höflich zu behandeln. Aber später er- sollten wir es auch nicht tun, weil jemandem Bostrom: Manche Menschen haben meine Ge-
kannte man, dass sich eine dunklere Persön- die physische Substanz fehlt. danken leider falsch interpretiert. Ich glaube,
lichkeit offenbart, wenn man das System mit SPIEGEL: Einige der führenden KI-Forsche- dass wir an beidem arbeiten müssen – den
bestimmten Eingaben konfrontiert. Der Chat- rinnen und -Forscher haben ein sechsmona- unmittelbaren Problemen und den langfris-
bot wurde gewalttätig und bedrohlich. tiges Moratorium vorgeschlagen, um die Ent- tigen Herausforderungen.
SPIEGEL: Was müssten wir tun, um das Mons- wicklung neuer Algorithmen sicherer zu ma- SPIEGEL: Sie haben aber darüber hinaus von
ter zu bändigen? chen und dem Missbrauch der Technologie einem »genetischen Druck« durch weniger
Bostrom: Wir stehen vor drei großen Heraus- vorzubeugen. Kann das helfen? intelligente Menschen gesprochen und über
forderungen. Das erste Problem habe ich be- Bostrom: Möglicherweise. Ich habe aber auch Eugenik spekuliert, um die kognitiven Fähig-
reits skizziert: Wie kann man KI-Codes so Sorge, dass ein solches Moratorium wieder keiten künftiger Generationen zu verbessern.
schreiben, dass die Software nicht Amok und wieder verlängert würde. Dann könnte Verstehen Sie, dass solche Äußerungen für
läuft? Die zweite Herausforderung ist gesell- die KI-Forschung in eine Art Permafrost Entsetzen sorgen?
schaftlicher Natur: Wie schaffen wir es, dass geraten. Und wir sterben aufgrund anderer Bostrom: In manchen meiner akademischen
KI zu rechtschaffenen Zwecken eingesetzt existenzieller Risiken aus, ohne dass wir je Arbeiten habe ich ausgelotet, was geschähe,
wird – und nicht etwa, um Kriege damit zu die enormen Chancen nutzen konnten, die wenn man bestimmte utilitaristische Gedan-
führen, Falschinformationen zu streuen oder eine Superintelligenz uns geboten hätte. Ich ken verfolgt. Manche haben daraus gefolgert,
Menschen zu unterdrücken? Der dritten Fra- hätte einen anderen Vorschlag. dass ich diese Annahmen unterstütze. Aber
ge wurde bislang nur wenig Aufmerksamkeit SPIEGEL: Nur zu! das tue ich nicht. Ich habe mich nie als Utili-
zuteil: Wenn es uns tatsächlich gelingt, eine Bostrom: Mehr Koordination. Wir müssen taristen oder »Longtermist« bezeichnet. Und
KI zu entwickeln, die fühlen und denken kann einen Rüstungswettlauf verhindern, bei dem solche Label sehe ich grundsätzlich skeptisch.
– wie können wir dann sicher sein, dass wir 20 verschiedene Labore versuchen, möglichst SPIEGEL: Wie schätzen Sie die Chancen der
nicht unfair zu ihr sind? Wir brauchen eine schnell eine Superintelligenz zu entwickeln. Menschheit ein, gegen eine superintelligente
Ethik für digitale Hirne. In einem solchen Rennen könnte das Team KI zu bestehen?
SPIEGEL: Das ist jetzt aber Science-Fiction. gewinnen, das alle Sicherheitsmaßnahmen Bostrom: Man könnte sagen, dass ich ein
Bostrom: Ich weiß, das liegt etwas außerhalb über Bord wirft. Wer sich hingegen entschei- moderater Fatalist bin: Wenn wir uns anstren-
dessen, was wir heute als vorstellbar erachten. det, vorsichtig zu sein, fiele zurück und ver- gen, können wir unsere Überlebenschance
als Spezies verbessern. Aber es kann auch
sein, dass wir verdammt sind, egal was wir
tun. Oder dass wir sicher sind, ohne uns be-
sonders anstrengen zu müssen. Schwer zu
sagen.
SPIEGEL: Wie ruhig schläft man als KI-Philo-
soph, wenn man den Untergang der Mensch-
heit für plausibel hält?
Bostrom: Ich arbeite hart und bin meistens
ziemlich alle, wenn ich ins Bett gehe. Aber
ich glaube, dass wir uns an einem Wende-
punkt der Geschichte befinden, nicht nur mit
Blick auf die künstliche Intelligenz, sondern
auch auf andere Technologien. Es wird ein
Davor und vielleicht auch ein Danach geben.
SPIEGEL: Wir haben jetzt lange über die düs-
tere Seite von KI gesprochen. Haben Sie auch
ein positives Szenario parat?
Bostrom: Wenn man die Entwicklung zu Ende
denkt, kommt man irgendwann an einen
Punkt, an dem Menschen dank künstlicher
Intelligenz und Robotik überhaupt nicht mehr
arbeiten müssen.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass ein gutes Leben
ohne Arbeit möglich ist?
Bostrom: Wieso nicht? Denken Sie an Kinder,
Her vé Annen / 13Photo / DER SPIEGEL

die einst auf Feldern oder in Fabriken arbeiten


mussten. Heute würde ihnen im Westen nie-
mand einen Vorwurf machen, wenn sie statt-
dessen spielen oder zur Schule gehen. Wer
weiß, vielleicht werden wir in Zukunft wie
Vordenker Bostrom Privatiers leben, die ihre Lebenszeit anderen
in La Tzoumaz, Schweiz Dingen als der Lohnarbeit widmen werden.
Interview: Michael Brächer n

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WIRTSCHAFT

Benko ist. Schon vor gut zwei Wochen hatte


der SPIEGEL einen Fragenkatalog zu Verlus-
ten und Abschreibungen bei Signa an Benko
geschickt. Der vertröstet, verweist auf seinen
Urlaub und verspricht schließlich zwei per-
sönliche Treffen, um sich auszutauschen:
eines in Hamburg, eines in London. Inklusive
aktueller Zitate und Bilder.
Es geht auf die Baustelle des Elbtowers,
ins historische Kaufmannshaus. Nach Stun-
den mit Benko und seinen Leuten in Hamburg
ist tatsächlich einiges klarer, vieles bestätigt.
Nur eben nicht mehr verwendbar. Für den
SPIEGEL ist Benko auch persönlich nicht
mehr zu erreichen. Nochmals an ihn gesen-
dete schriftliche Fragen bleiben unbeantwor-
tet. Der sonst so strahlende Selfmade-Milliar-
där: abgetaucht.
Offensichtlich geht Benko gehörig der Puls.
So steil wie es in den vergangenen zehn Jah-
ren für ihn bergauf gegangen ist, könnte es
jetzt bergab gehen. Das legen Daten nahe,

Manfred Noger / ATP images


die Signa kürzlich seinen Geldgebern präsen-
tierte. Das Immobilienportfolio von Signa
Prime Selection ist danach um mehr als eine
Milliarde Euro abgewertet worden. In dieser
Tochterfirma bündelt Benko seine wichtigen
Bestandsimmobilien. Wert laut Homepage:
rund 18 Milliarden Euro.
Wo Signa Prime in den Jahren zuvor stets
gute Gewinne auswies, prangt jetzt für das
Jahr 2022 ein Nettoverlust von einer Mil-

Der Fall des Ösigarchen


liarde Euro. Schuld ist vor allem der rasante
Zinsanstieg.
Benko muss auf die Bremse treten. Die
bisherige Strategie geht offensichtlich nicht
mehr auf. Große Zukäufe sind bei Prime nicht
INVESTOREN Jahrelang gab es für ihn nur höher, schneller, weiter. mehr geplant, wie aus der Signa-Präsentation
bei Geldgebern hervorgeht. Auch das ris-
Nun bringen ein Milliardenverlust und hohe Schulden Immobilienkönig kante, aber lukrative Projektentwicklungs-
René Benko in Nöte. Er muss sein Reich kräftig schrumpfen. geschäft soll laut Insidern praktisch in den
Tiefschlaf gehen.
Vor allem große Geldgeber verstärkten

I
m frisch sanierten Kaufmannshaus in der mobilien zu Ladenhütern geworden. Keine zuletzt den Druck. Die »Bonanzazeit« der
Hamburger Innenstadt haben sie die Zu- guten Voraussetzungen für jemanden, der vergangenen Jahre sei »definitiv vorbei«, sagt
kunft schon gebaut. Das örtliche Büro Europas größtes Immobilienrad drehen will. Karl Gernandt, der Benkos wohl wichtigsten
von Signa ist im Einrichtungsstil des künftigen Dessen Unternehmensgruppe damit Geschäf- Investor im Aufsichtsrat vertritt, den Logistik-
Elbtowers gestaltet: ein begehbarer Showroom te macht, günstig Projekte zu kaufen, aufzu- milliardär Klaus-Michael Kühne. Signa Prime
mit grauen Hochflorteppichen, Parkett und hübschen und mit Gewinn loszuschlagen. müsse auf einen »Konsolidierungskurs« um-
Deckenheizungen. Die potenziellen Mieter in Und der dafür stets frisches Geld und poten- schwenken, mahnt Gernandt, das Geschäft
Hamburgs neuestem Prestigeturm, 63 Stock- te Interessenten braucht. All das ist gerade »nicht ausgebaut, sondern gesichert« werden.
werke und 245 Meter hoch, sollen sich vor- knapp. Da helfen auch die von Signa oft ins Projekte der Development-Sparte gehörten
kommen, als wären sie fast schon eingezogen. Feld geführten Qualitäten bei Lage, Ausstat- »stärker abgestoßen« Gernandts Devise: »Ri-
Doch Signa-Eigner René Benko, akkurat tung und Architektur kaum. siko muss raus, Solidität rein.«
in dunklem Anzug, mit blauer Krawatte und Und ein Rad, das sich nicht mehr dreht, Nach SPIEGEL-Informationen liefen noch
goldumrandeten Manschettenknöpfen, ver- fällt bekanntlich um. im Frühjahr Forderungen von Banken in
sprüht am vergangenen Dienstag keine große Was Benko dazu zu sagen hat? Rund zwei Höhe von sechs Milliarden Euro bis Ende
Vorfreude. Der Milliardär wirkt abgekämpft. Stunden lang redet er, posiert sogar für Fotos. 2026 auf. Insgesamt stünde Prime dem-
Er hat in sein Hamburger Büro geladen. Es Verwendet werden darf davon – anders als in nach mit mehr als zehn Milliarden Euro in
soll im Gespräch um Informationen über Aussicht gestellt – am Ende nichts. Keine der Kreide.
einen Milliardenverlust in seinem Imperium 26 Stunden nach dem Treffen in Hamburg Kühne-Adlatus Gernandt drängt: »Aus
gehen, um die hohen Schulden von Signa und lässt Benko über seinen Anwalt mitteilen, es Angst vor einer platzenden Blase« wollten
um die Krise am Immobilienmarkt. sei »mit einer tendenziösen Berichterstat- Banken Immobilien aus ihren Portfolios ent-
Benkos Gesicht glänzt. Er schwitzt. Kein tung« zu rechnen, »die teilweise auch kredit- fernen. Durch Verkäufe könnten bei Signa
Wunder. Die Immobilienbranche erlebt schädigenden Gehalt haben könnte«. Wes- »Eigenkapital befreit und Kredite getilgt«
schwierige Zeiten. Seitdem die Zinsen in die halb nun gar keine Zitate freigegeben würden. werden.
Höhe schießen und Finanzierungen täglich Der Rückzug ist der bizarre Höhepunkt Tatsächlich schrumpft Benko – für den es
teurer werden, sind Büro- und Kaufhausim- einer Odyssee – und lässt erahnen, wie nervös 15 Jahre lang nur höher, schneller, weiter

70 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


WIRTSCHAFT

gab – sein Reich gehörig. Fast eine Milliarde Prestigeliegenschaften, die er einst mit einer tionsrisiko« werden – zu einem unerwünsch-
Euro sollen allein in diesem Jahr durch Ver- Art Ewigkeitsgarantie ausgestattet hatte: un- ten Kunden.
käufe erlöst werden. Erste Immobilien sind verkäuflich. Sie sind aufgeschreckt, weil ständig neue
bereits veräußert. Die Kärntnerstraße 11 Nun sollen in der Alten Akademie in Mün- Details über Benkos gewagte Immobilien-
in Wien etwa, in der Apple im Erdge- chen, der Frankfurter Hauptwache oder beim deals öffentlich werden. In Wien wird zudem
schoss einen Shop betreibt, oder das rund Berliner Hermannplatz neue Partner will- gegen ihn ermittelt, weil er versucht haben
100.000 Quadratmeter große Bauprojekt kommen sein. soll, einen ehemaligen Generalsekretär im
»Mynd« in Berlin, für das Ende Juni eine Und beim Elbtower ebenso. Derzeit bürgt Finanzministerium zu bestechen – was er
250-Millionen-Euro-Kreditrückzahlung an- Signa selbst für mehrere Hundert Millionen nachdrücklich bestreitet.
stand. Selbst den Hochhauskomplex mitsamt Euro Baukosten, die der 245 Meter hohe Und vor dem österreichischen Parlament
dem »Galeria Weltstadthaus« am Alexander- Turm am Ausgang der Hamburger HafenCity droht Benko ein Untersuchungsausschuss. Im
platz gab Benko an seinen Partner Commerz verursacht. Prinzipiell lässt der Kaufvertrag Zentrum steht das Debakel um Kika/Leiner.
Real ab, dem schon 20 Prozent der Liegen- Benko Spielraum, bis zur Hälfte des Turm- Erst vor fünf Jahren war die malade öster-
schaft gehörten. projekts zu veräußern. Ein Viertel gehört be- reichische Möbelkette von Benko komplett
Mehr als ein Dutzend Objekte hat Benko reits der Commerz Real. erworben worden. Seit Beginn des Jahres
auf interne Verkaufslisten gesetzt. Das Ham- Die Krux: Mit jedem Verkauf sinken zwar verkaufte Signa die 40 Kaufhausimmobilien
burger Kaufmannshaus, in dem Signas Büro die Verbindlichkeiten, aber auch die Miet- in mehreren Tranchen – und stieß schließlich
liegt, soll wohl aus dem Immobilienportfolio einnahmen und der Portfoliowert. Und im Juni auch das restliche operative Geschäft
wandern, ebenso eine zentrale Liegenschaft damit sinkt am Ende womöglich die Boni- an einen früheren Geschäftsführer ab. Gleich
in der Mariahilfer Straße in Wien. Für das tät  –  was künftige Kredite teurer machen darauf meldete dieser für Kika/Leiner In-
Berliner Bürohaus »Glance« dürften Partner könnte. solvenz an, 2000 Mitarbeiter werden wohl
gesucht werden, genau wie für jenes am Immerhin konnte sich die Signa Holding gehen müssen.
Hamburger Gänsemarkt oder das Stuttgarter gerade finanzielle Luft verschaffen. Eine Ein Imageschaden erster Güte für Benko.
»Zwei hoch fünf«. 400 Millionen Euro schwere Kapitalerhöhung In Österreich wirft man ihm eine mögliche
Das Berliner Büro-Prestigeprojekt »Beam« machte vor rund einer Woche die Runde. Für Verschleppung der Insolvenz vor – auf Kosten
sollte ursprünglich verkauft werden – weil die Benko business as usual, auch wenn er offiziell der dortigen Steuerzahler. SPÖ-Chef Andreas
Refinanzierung wohl schwierig geworden bislang dazu schwieg. Manche Signa-Geld- Babler unterstellt Benko gar, öffentliche Mit-
wäre, wie intern gemutmaßt wird. Im Juni geber dürften sich eher in der Klemme fühlen: tel verspekuliert zu haben. Er »muss uns allen
stieg Milliardär Kühne zum Schnäppchenpreis Würden sie den Hahn zudrehen, liefe das die 100 Millionen Steuern zurückzahlen, die
ein, allerdings mit Sicherheitsnetz: Kühne er- Unternehmen womöglich Gefahr, ins Strau- er uns schuldet«, wetterte Babler. Signa be-
warb nur die Hälfte des Projekts. Ihm sei cheln zu geraten. stritt die Insolvenzverschleppung zuletzt, auch
wichtig gewesen, »dass Signa beteiligt blei- Das frische Geld der Gesellschafter kommt Benko sieht kein sonstiges Fehlverhalten.
be«, so Gernandt. »So tragen sie das Risiko Benko gerade recht. Seit Wochen nimmt die Auch im altehrwürdigen Palais Rottal
mit und bleiben voll engagiert.« In wenigen Europäische Zentralbank Signas Hausbanken blickt man eher misstrauisch auf den Deal.
Jahren werde sich zeigen, »wie smart diese unter die Lupe. Auch in den Instituten selbst Dort sitzt die österreichische Finanzprokura-
Investition ist«. wird Benko zunehmend kritisch gesehen. In- tur, eine Art Anwaltskanzlei der Republik,
Benko geht sogar an Kronjuwelen. Auf terne Prüfer warnen, der Immobilien- und die dem Finanzministerium unterstellt ist.
den Verkaufslisten finden sich zahlreiche Kaufhauskönig könne zu einem »Reputa- Leiter Wolfgang Peschorn werde sich als
Gläubigervertreter genau ansehen, welche
Hintergründe die finanzielle Schieflage bei
Signa-Schmuckstücke im Angebot Kika/Leiner hatte – und ob Benko an das
Unternehmen oder dessen Gläubiger noch
Geld nachschießen muss, heißt es aus dem
Umfeld der Finanzprokuratur.
Hierzulande weckt der Fall Kika Erinne-
rungen an das mit Staatshilfen gesponsorte
Soenne-Architektur fotograf / rent24 / obs

Galeria-Siechtum. Über Jahre hatte Benko


die Kaufhauskette nach dem Erwerb ausblu-
ten lassen, gleich zweimal binnen gut zwei
Jahren Insolvenz in Eigenverwaltung ange-
NIBOR / action press

meldet, nebenher fast 700 Millionen Euro


Steuergeld zur Rettung eingesammelt – und
dieses in kürzester Zeit verbrannt. Auch we-
Kaufmannshaus, Hamburg Elbtower-Bau, Hamburg
gen dieses Falls stehe Benko unter Beobach-
tung, warnt einer seiner Geldgeber.
Ein Imageproblem immerhin dürfte er sich
Bildverlag Bahnmüller / imageBROKER / picture alliance

zwischenzeitlich wohl vom Hals geschafft ha-


ben: einen noch zu Jahresanfang bestehenden
Kredit bei der Europatochter der russischen
VTB Bank. Letztere findet sich auf der Sank-
tionsliste der EU. Im Frühjahr musste Benko
hier planmäßig die Restsumme von mindes-
imageBROKER / ullstein bild

tens 50 Millionen Euro tilgen.


Ob ihm das auch mit seinem jüngsten
Spitznamen gelingt, bleibt abzuwarten. In
seiner Heimat firmiert Benko mitunter nur-
»Zwei hoch fünf«, Stuttgart Alte Akademie, München mehr als: der Ösigarch.
Simon Book, Kristina Gnirke, Sebastian Reinhart n

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 71


WIRTSCHAFT

ass er mal Börsenprofi werden


D würde, war nicht absehbar.
Dass er ein Faible für Natur-
schutz hat, wusste Wilhelm Möller da-
gegen früh. Als Neunjähriger rupfte er

Die Klimakapitalisten Büsche aus Wiesen, damit Blumen und


Bienen sich besser entfalten konnten.
Angeleitet wurde er von seinem Vater,
der an einem Gothaer Gymnasium
FINANZMÄRKTE Greenwashing-Skandale haben das Vertrauen in die nachhaltige unterrichtete. Der umtriebige Biolo-
gielehrer hielt dort Stabheuschrecken,
Geldanlage erschüttert, und US-Fonds ziehen ihr Geld aus grünen Investments Wüstenrennmäuse und Axolotl und
ab, seitdem sie aus dem rechten Lager attackiert werden. Eine neue Aktivisten- unterrichtete das Wahlpflichtfach
szene nimmt nun den Kampf gegen den Klimawandel über die Börse auf. Treibhauseffekt. »Mein Vater war von
jeher krass drauf«, sagt Möller, 23. »Er
hat mich extrem geprägt.«
Mit 19 Jahren machte Möller ein
Praktikum bei einem Steuerberater,
um zu lernen, wovon in seiner Lehrer-
und Ärztefamilie niemand Ahnung
hatte. Von 2018 an studierte er in
Leipzig Steuer- und Unternehmens-
recht. Im Jahr darauf baute er die
Ortsgruppe von Fridays for Future
(FFF) mit auf, malte Plakate, demons-
trierte. Doch bald begann er mit der
Bewegung zu fremdeln. »Der De-
growth-Gedanke wurde mir zu stark.
Verzicht auf Wirtschaftswachstum,
Antikapitalismus – damit konnte ich
nichts anfangen.« Nach sechs Mona-
ten stieg Möller bei FFF aus.
Seither versucht er die Welt nicht
mehr von der Straße aus zu retten,
sondern über sein Notebook, auf dem
er die Börsenkurse studiert. Mit
einem anderen Studenten gründete
Möller die Firma Advanced Sustain-
able Investment. Im vergangenen
Jahr legte das Start-up seinen ersten
Klimafonds auf. »Fight For Green«
investiert nicht primär in Firmen, die
bereits grün sind, etwa aus der Solar-
oder Windkraftbranche. Vielmehr in
Unternehmen, die sich vorgenom-
men haben, ihren CO2-Ausstoß ge-
mäß den Pariser Klimazielen zurück-
zufahren. Darunter sind Siemens, der
Luxuswarenanbieter Hermès und der
Onlinebezahldienst Paypal. »Wir su-
chen die am stärksten reduzierenden
40 Unternehmen«, sagt Möller. »Je
größer ein Konzern ist, desto mehr
CO2 emittiert er. Umso mehr Poten-
zial zum Einsparen gibt es.«
Möller ist nicht der einzige Akti-
vist, der das System von innen heraus
verändern und die Wucht der Finanz-
märkte fürs Klima nutzen will. Unter
dem Label »Impact Investing« sam-
meln sich weltweit Investoren, denen
Johannes Arlt / DER SPIEGEL

es nicht reicht, ihr Geld in Fonds zu


stecken, die bestimmte Mindestkrite-
rien für den Umgang mit Umwelt (En-
vironment), Sozialem (Social) und
verantwortungsvoller Unterneh-
mensführung (Governance) setzen.
Fridays-for-Future-Aussteiger Möller: »Antikapitalismus – damit konnte ich nichts anfangen« Solche ESG-Fonds üben keinen Ein-

72 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


WIRTSCHAFT

fluss auf die Firmen aus, in die sie investieren. der ein breites Sortiment bieten muss«, sagt
Impact-Investoren hingegen versuchen, auf Anlage mit Wirkung ein Sprecher.
Hauptversammlungen klimafreundlichere Doch das ist erkennbar nur die halbe
Strategien durchzusetzen, oder machen Investitionen in nachhaltige Anlagen, Volumen Wahrheit. Die republikanischen Bundesstaa-
in Deutschland 2022, in Milliarden Euro
Druck über öffentliche Kampagnen – gerade ten Missouri, Louisiana und Florida haben
in CO2-intensiven Branchen, in denen sie den Blackrock das Mandat entzogen, für sie Pen-
größten Hebel sehen. Mehr als 1,1 Billionen Impact Investments wollen neben sionsgelder anzulegen. Konservative Gouver-
39 finanzieller Rendite eine messbare
Dollar werden weltweit bereits von Impact- soziale und/oder ökologische neure aus mindestens 19 US-Bundesstaaten
Investoren bewegt, schätzt das Gobal Impact Wirkung erzielen. Die Anleger stellen haben sich gegen ESG-Investitionen aus-
Investing Network. Anträge auf der Hauptversammlung gesprochen. Auf vier Milliarden Dollar be-
Die Klimakapitalisten profitieren davon, oder starten Kampagnen. Sie betei- zifferte Fink zu Jahresbeginn den Betrag, den
ligen sich auch an Firmen mit
dass sich das Kürzel ESG in den vergangenen schlechter CO2-Bilanz, weil dort der Blackrock wegen der politischen Gegen-
zwei Jahrzehnten zur Chiffre für den kleins- Hebel für Veränderungen groß ist. bewegung weniger betreue.
ten gemeinsamen Nenner bei der nachhalti- Auch andere US-Fonds meiden inzwi-
gen Geldanlage entwickelt hat. Green- 181 ESG (Environmental, Social, schen eine klare Positionierung in der Klima-
washing-Skandale wie bei der Deutsche- Governance) steht für Umwelt, politik, zu toxisch ist die Debatte geworden.
Bank-Tochter DWS haben ESG in Verruf Soziales und gute Unternehmens- So hat sich der Fondsgigant Vanguard aus
gebracht. Die Fondsgesellschaft soll Anleger führung. Mindeststandards müssen dem Bündnis Net Zero Asset Managers zu-
erfüllt werden, Anleger nehmen
mit schönfärberischer Werbung in die Irre keinen direkten Einfluss auf die rückgezogen, das bis spätestens 2050 null
geführt haben, die Staatsanwaltschaft Frank- Unternehmenspolitik. Emissionen in seinen Portfolios erreichen
furt ermittelt gegen den früheren DWS-Chef will. Und die Net-Zero Insurance Alliance,
Asoka Wöhrmann. DWS und Wöhrmann ein 2021 unter dem Dach der Vereinten Na-
weisen die Vorwürfe zurück. zum Vergleich: tionen geschmiedetes Klimabündnis der welt-
Die EU streitet bis heute über eine Taxo- 406 konventionelle Anlagen größten Versicherer, stirbt einen leisen
nomie, die einheitliche Kriterien für ESG- Tod. Allianz, Axa, Scor, Zurich, die Rückver-
Anlagen festlegen und Greenwashing ver- sicherer Munich Re, Swiss Re und Hannover
hindern soll. Und in den USA ist die klima- Rück: Sie alle haben das Weite gesucht, ver-
freundliche Geldanlage dermaßen in Verruf sichern aber treuherzig, ihre Nachhaltigkeits-
geraten, dass sich große Fonds schon wieder ziele weiterzuverfolgen.
S Quelle: Bundesinitiative Impact Investing laut einer Umfrage
abwenden. Allerdings aus anderen Gründen: unter 225 Investoren Ist die ESG-Bewegung damit erledigt? Be-
Vor allem Fans des Ex-Präsidenten Donald kennen sich die Fonds nur öffentlich nicht
Trump machen erfolgreich Stimmung gegen mehr zur Nachhaltigkeit – oder ziehen sie
Öko-Investments. Es scheint, als spiegelte sich rechts gegen alles, was »woke« sein soll, auch ihr Geld ab? Anzeichen dafür gibt es.
der Kulturkampf ums Klima, der in Deutsch- Blackrock und andere Big Player der Finanz- Im vergangenen Jahr zogen die Anleger aus
land in der Diskussion um das Heizungsgesetz branche verstummen. amerikanischen ESG-Fonds 12,4 Milliarden
seinen vorläufigen Höhepunkt fand, mittler- »Woke« steht eigentlich für den Kampf Dollar ab – während die Fondsindustrie ins-
weile auch an den Kapitalmärkten wider. gegen jede Art von Diskriminierung. Ultra- gesamt Zuflüsse verzeichnete. Im ersten
Larry Fink, Gründer und Vorstandschef konservativen aber ist der Begriff zum Schimpf- Quartal 2023 ging es mit minus 5,2 Milliarden
von Blackrock, ist so ziemlich das Gegenteil wort für alle politischen Positionen geworden, Dollar weiter.
des einstigen Fridays-for-Future-Aktivisten die ihnen suspekt sind. Das schließt den Klima-
und Neukapitalisten Möller. Für seine Kun- schutz ein – wenngleich das Leugnen des Die Ölkonzerne fahren ihre Anstrengungen
den – Versicherer, Pensionskassen und Super- menschengemachten Klimawandels schon zurück, grüner zu werden
reiche – verwaltet Blackrock rund neun Bil- lange zur erzkonservativen Doktrin gehört. Einen Grund dafür sieht die Ratingagentur
lionen Dollar. Das Geld steckt über Fonds Weil es um viel Geld geht, beeindruckt die Morningstar, die die Daten zusammenträgt,
in Tausenden der wichtigsten Unternehmen Stimmungsmache ganz augenscheinlich die in der wachsenden »politischen Bewegung
der Welt. Finanzkonzerne, auch Blackrock. In Finks gegen nachhaltige Investitionen«. Werner
Fink war in den vergangenen Jahren das CEO-Brief tauchte der Begriff ESG in diesem Hedrich wird noch deutlicher. »Der Zusam-
bekannteste Gesicht der ESG-Bewegung. Der Jahr kein einziges Mal mehr auf. menhang mit der Anti-Wokeness-Debatte in
bekennende Parteigänger der Demokraten Blackrock spielt den Kurswechsel herunter. den USA ist eindeutig«, sagt der Ex-Chef von
warb damit, dass Shareholder-Kapitalismus Investmentrisiken, die sich aus dem Klima- Morningstar Deutschland. Seit einigen Jahren
und Klimaschutz zwei Seiten derselben Me- wandel ergäben, würden wie bisher berück- ist er mit dem Fonds »Globalance Invest«
daille seien und sich mit grünen Investments sichtigt, aber andere Gefahren – geopolitische selbst als Portfoliomanager im Nachhaltig-
gutes Geld verdienen lasse. Seine markigen Risiken, Inflation, Zinsen – seien zuletzt in keitsbereich aktiv.
Parolen trugen ihm den Spitznamen »Gretas den Vordergrund gerückt. »Unsere Kunden In die Hände spielt den ESG-Gegnern, dass
Großvater« ein. haben unterschiedliche Bedürfnisse. Dazu Ölmultis wie Shell, BP oder Total am Come-
In seinem »CEO Letter«, den er stets zu gehören auch Produkte, die ESG-Fans nicht back fossiler Energien im Zuge des Ukraine-
Jahresbeginn an die Chefs der weltgrößten so mögen. Wir sind ein neutraler Supermarkt, kriegs zuletzt prächtig verdienten. Entspre-
Unternehmen versendet und der eine Art chend gut lief es an der Börse. »Natürlich hat
Seismograf der Investorenszene ist, mahnte sich die Performance der Aktien von Öl- und
Fink noch 2021: »Kein anderes Thema hat für Gaskonzernen zuletzt besser entwickelt, das
unsere Kunden höhere Priorität als der Klima- hat mitunter auch negative Folgen für Fonds,
wandel.« Gleich neunmal tauchte das Akro- »Kein anderes Thema hat die solche Titel ausschließen«, sagt Timo
nym ESG in dem Rundschreiben auf. Busch, der als Professor für Sustainability und
Inzwischen ist der Blackrock-Chef in Sa- für unsere Kunden Management an der Universität Hamburg zu
chen Nachhaltigkeit kleinlaut geworden. höhere Priorität als der nachhaltigen Geldanlagen forscht. Aber das
Nicht weil Kritiker ihm und großen Teilen der sei eine kurzfristige Betrachtung. Zahlreiche
Fondsbranche Greenwashing vorwürfen. Es Klimawandel.« Studien belegten, dass die Berücksichtigung
scheint vielmehr, als ließe das Dauerfeuer von Larry Fink, Blackrock-Chef, 2021 von ESG-Kriterien die Rendite langfristig

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WIRTSCHAFT

nicht schmälere, sondern erhöhe. Die mit anderen aktivistischen Investo- wertet solche Allianzen als illegales
Ölkonzerne aber nehmen den Rü- ren, etwa dem Netzwerk »Sharehol- »acting in concert«, also abgestimm-
ckenwind vom Kapitalmarkt dankbar ders for Change«. Dem gehören unter tes Verhalten. Die europäische Wert-
auf und fahren ihre Anstrengungen anderem die Bank für Kirche und papieraufsicht hat die Regeln zwar
zurück, grüner zu werden. Caritas, GLS Investments sowie gut etwas aufgeweicht, aus Sicht von
So wollen BP und Total Energies ein Dutzend weitere europäische Ver- Busch aber nicht genug, um gemein-
ihre Emissionen bis 2030 nur noch mögensverwalter an. same Initiativen für mehr Klima-
um 20 bis 30 Prozent senken anstatt Die erkennbare Schwäche der ESG- schutz und Nachhaltigkeit zu ermög-

Stephan Vogel
wie bisher versprochen um 35 bis 40 Bewegung treibt den Impact-Inves- lichen.
Prozent. Shell hat seine Pläne auf- toren offensichtlich Unterstützer zu. Inyova-Manager Angerer glaubt,
gegeben, die Ölproduktion jährlich Laut der Schweizer Organisation dass der Klimaschutz die Investoren-
um ein bis zwei Prozent zu reduzie- Swiss Sustainable Finance stiegen die szene künftig noch stärker spalten
ren. Die Fördermenge soll jetzt bis von aktivistischen Fonds verwalteten »Die Kritik könnte. Die einen wendeten sich ganz
2030 stabil bleiben. Mittel in der Schweiz im vergangenen an ESG und ab von der nachhaltigen Geldanlage.
In Europa kocht der Kulturkampf Jahr um 80 Prozent, während nach- Die anderen schlössen sich ernsthaf-
ums Klima bislang auf kleinerer Flam- haltige Investments insgesamt rück- die Anti­Woke­ teren Klimakämpfern an.
me. ESG-Fonds sind nach wie vor be- läufig waren. Für Deutschland hat die Bewegung Ob es überhaupt möglich ist, den
liebt, aber auch hier nehmen die Zu- Bundesinitiative Impact Investing Zah- Klimawandel mithilfe des Finanz-
flüsse seit gut einem Jahr ab; die Zahl len für 2022 erhoben: Mit 38,9 Mil-
vermischen markts zu bekämpfen, oder ob es im
neu aufgelegter Fonds schrumpft in liarden Euro liegt das von den befrag- sich.« Gegenteil eine Abkehr von der
diesem Jahr dramatisch. ten Vermögensverwaltern selbst de- Andreas von Angerer, Wachstumslogik der Finanzmärkte
»Das Problem ist, dass sich berech- klarierte Volumen an »Impact Assets« Nachhaltigkeitschef braucht, da sind sie sich bei Inyova
tigte Kritik an ESG und die extreme deutlich über dem in früheren Studien. bei Inyova auch nicht ganz einig.
Anti-Woke-Bewegung vermischen«, »Nachdem nachhaltige Geldanla- Bei der Digitalkonferenz Republi-
sagt Andreas von Angerer, Nachhal- gen im Mainstream angekommen ca im Juni diskutierte Inyova-Grün-
tigkeitschef von Inyova. Das Start-up sind, fragen Investoren immer häufi- der Tillmann Lang darüber mit Carla
aus Zürich ist 2017 angetreten, um ger, warum sich in der Realwirtschaft Rochel, Sprecherin der »Letzten Ge-
über den Aktienmarkt direkt Druck so wenig verändert«, sagt Ökonom neration«. Lang hat Verständnis dafür,
auf Unternehmen auszuüben und zu- Busch. Das erkläre den Zulauf für Im- dass sich die Aktivisten aus Protest
gleich die Finanzwelt zu demokra- pact-Fonds. Allerdings kritisiert selbst auf Straßen festkleben. Ihre Radika-
tisieren. Angerer und seine Kollegen die Bundesinitiative, nur knapp ein lisierung entspringe »einem Gefühl
organisieren Kampagnen, meist mit Drittel der deklarierten Impact-An- der Ohnmacht«. Immerhin seien die
dem Ziel, Unternehmen zu einem kli- lagen erziele wirklich eine messbare Aktionen ein Zeichen an die Gesell-
mafreundlicheren Geschäftsgebaren Wirkung oder gehe zumindest mit schaft, dass es Menschen brauche, die
zu drängen. Anleger, die sich auf der einer verbesserten Nachhaltigkeits- bereit sind, für den Klimaschutz et-
Plattform anmelden, können ange- bilanz der Firmen einher. was aufzugeben.
ben, welche Nachhaltigkeitsziele Das mag auch daran liegen, dass Mauricio Vargas hat das getan und
ihnen besonders wichtig sind, und per die Klimakapitalisten die veränderte den umgekehrten Weg eingeschlagen
App bei Hauptversammlungen ihre Stimmung in der Gesellschaft und an wie der ehemalige Fridays-for-Future-
Stimme abgeben. Als »Active Owner- den Finanzmärkten ebenfalls zu spü- Aktivist Moeller. Früher arbeitete er
ship« wird diese besondere Spielart ren bekommen. Sie haben zunehmend bei einer großen deutschen Fonds-
des Impact Investing bezeichnet. Mühe, Mitstreiter aus dem Kreis der gesellschaft. 2021 heuerte der 43-jäh-
übrigen Aktionäre zu überzeugen. rige Volkswirt bei Greenpeace an, um
Die Unterstützung für klima­ So unterstützten bei den Haupt- ein Kampagnenteam zu Wirtschafts-
politische Eingaben auf den versammlungen der Ölmultis Exxon und Finanzthemen aufzubauen.
Hauptversammlungen bröckelt und Chevron in den USA in diesem »Ich hatte zunehmend das Gefühl,
Im Frühjahr 2022 drängte Inyova bei Jahr nur noch zehn Prozent der Ak- zu wenig gegen die Klimakrise zu tun
dem Münchner Autohersteller BMW tionäre Anträge, die mehr Klima- und meinen Ansprüchen an mich
auf eine ambitioniertere Klimastrate- schutz einforderten. Im vergangenen selbst nicht gerecht zu werden«, sagt
gie und versuchte – wenngleich ver- Jahr hatte sich noch rund ein Drittel Vargas. Die Finanzmärkte seien viel-
gebens –, eine eigene Kandidatin für der Anteilseigner solchen Anträgen leicht der größte Hebel, um Unter-
den Aufsichtsrat durchzusetzen. Seit angeschlossen. Bei den europäischen nehmen zur klimaneutralen Produk-
vergangenem Winter übt Inyova zu- Energiekonzernen Shell, BP und To- tion zu drängen. Aber die Fondsge-
dem Druck auf den französischen tal stagnierten die Zustimmungswer- sellschaften starrten viel zu sehr auf
Werbekonzern Publicis aus, damit
dieser seine Kampagnen für Ölkon-
zerne wie Total Energies zurückfährt.
te für klimapolitische Eingaben bes-
tenfalls. Die Church of England,
einer der bekanntesten Impact-In-
12,4
Milliarden
die kurzfristige Rendite.
In seiner neuen Rolle schaut Var-
gas jetzt Fondsmanagern auf die Fin-
Angerer und seine Mitstreiter schrie- vestoren, hat deshalb ihre Ölbeteili- ger und unterstützt mit seinem Know-
ben Briefe, reichten vor der Haupt- gungen verkauft. Offenbar sehen die
Dollar how diejenigen, die sich für echte
versammlung Fragen ein und traten Kirchenleute derzeit keine Möglich- Veränderungen einsetzen. In Europa
schließlich bei dem Aktionärstreffen keit, die Multis durch Dialog und zogen Anleger sei die Offenheit der Fondsindustrie
auf. Mittlerweile hat Publicis sich auf Einflussnahme von ihrem Kurs ab- im vergan­ für Nachhaltigkeitsthemen deutlich
einen Dialog mit den Klimaaktivisten zubringen. ausgeprägter als in den USA. Genau
eingelassen. In Deutschland macht es die Fi- genen Jahr aus jetzt, sagt Vargas, »ist der Moment
Mit verwalteten Geldern in Höhe nanzmarktregulierung aktivistischen ESG­Fonds der Wahrheit für Investoren da, für
von rund 230 Millionen Euro ist In- Anlegern zusätzlich schwer, große in den USA ab. mehr Nachhaltigkeit zu sorgen«.
yova allerdings ein kleiner Fisch. Des- Vermögensverwalter auf ihre Seite Tim Bartz, Martin Hesse,
halb verbündeten sich die Schweizer zu ziehen. Die Finanzaufsicht Bafin Quelle: Morningstar Alexander Kühn n

74 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


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MEDIEN

Gottschalk: Offenbar ist es meinem Vater ge-


lungen, das abzuwenden. Sie dürfen sich das
bitte nicht so vorstellen, als wären mein Bru-
der und ich die ganze Zeit geohrfeigt worden.
Ich habe gerade die neue Dokumentation
über Arnold Schwarzenegger gesehen, in der
er erzählt, wie er als Junge mit dem Gürtel
geschlagen wurde. Bei uns war das nicht so!
SPIEGEL: Als Sie 15 Jahre alt waren, zog Ihre
Familie nach Malibu, um Sie und Ihren jün-
geren Bruder Tristan vor den deutschen Bou-
levardjournalisten zu schützen.
Gottschalk: Ich musste meine Freunde in Mün-
chen zurücklassen und mich in einer Schule
zurechtfinden, auf der nur Englisch geredet
wurde. Der Neustart fiel mir schwer. Heute
habe ich die amerikanische Staatsbürger-
schaft, liebe die amerikanische Freundlichkeit
und habe eher Probleme mit der deutschen
Sprache.
SPIEGEL: In den USA hatten Sie immer Ruhe
vor der Presse.
Gottschalk: Paparazzi interessierten sich eher
dafür, wenn Brad Pitt im Shoppingcenter ein-
kaufte. Es gab jedoch ein Erlebnis, da waren

Rocket Studios
wir noch nicht permanent in Amerika, son-
dern verbrachten nur die Sommer dort in der
umgebauten Windmühle, die dann 2018 ab-
Vater, Sohn Gottschalk auf Golfplatz in San Diego: »Ich war immer schüchtern«
gebrannt ist. Eines Tages versteckte sich ein
Fotograf, offenbar ein Deutscher, unerlaubt
auf dem Nachbargrundstück. Es gehört Don
Henley, dem Sänger der Eagles. Von dort
hat der Mann Fotos gemacht von mir und

»Wenn ich ein Auto meinen Freunden. Mein Vater hat ihn gestellt
und verlangt, dass er ihm seine Kamera aus-
händigt.

wollte, habe SPIEGEL: Erwachsene waren laut Ihrem Vater


oft erstaunt, was für ein ruhiges Kind Sie wa-
ren. Eine Betreuerin soll nach einem Ausflug

ich es bekommen« zu ihm gesagt haben: »Ist das wirklich Ihrer?


Der sagt ja nix.«
Gottschalk: Ich war immer schüchtern. Das
merken Sie jetzt vielleicht auch.
PROMINENZ Roman Gottschalk, 40, strebt eine eigene Medienkarriere SPIEGEL: Sie wirken vorsichtig.
Gottschalk: Ich habe mir früh angewöhnt, in
an – mit Golfvideos und seinem Vater Thomas als gelegentlichem der Öffentlichkeit lieber nichts zu sagen als
Sidekick. Hier spricht er über Wettkämpfe unter falschem Namen, seine etwas Falsches. Manchmal war ich allerdings
Jugend in Malibu und Unwohlsein vor der Kamera. ganz schön blauäugig. Als Teenager habe ich
einmal mit einer gut aussehenden, sehr
freundlichen Dame geplaudert. Mir war nicht
SPIEGEL: Herr Gottschalk, die Tochter von SPIEGEL: Wie hießen Sie dann? bewusst, dass sie von der Presse war. Ich hab
Sylvester Stallone hat neulich in einem Inter- Gottschalk: Das wechselte. Ich hatte zwei Freun- aus Jux etwas gesagt wie: Bei uns zu Hause
view erzählt, wie es für sie war, als Promikind de, die hießen Heidenreich. Bei einem Skiren- wird auch mal gestritten. Schon stand das
aufzuwachsen. Sie wurde gemobbt und hatte nen, an dem wir drei teilnahmen, bin ich als ihr ohne Kontext in der Zeitung.
es schwer, Freunde zu finden. Der Sohn von Bruder gestartet. Ich wurde Zweiter und fand es SPIEGEL: Bislang hat es Sie nie in die Medien
Thomas Gottschalk zu sein war vermutlich schade, dass auf der Siegerliste nicht mein echter gedrängt. Jetzt, mit 40 Jahren, wollen Sie
auch nicht immer lustig. Name stand, sondern »Roman Heidenreich«. einen YouTube-Kanal starten: »Golf mit Gott-
Gottschalk: Es hatte schon Vorteile. Etwa SPIEGEL: Ihr Vater schildert in seiner Autobio- schalk«.
wenn mal wieder ein Paket mit Hunderten grafie, wie sehr seine erzieherischen Maßnah- Gottschalk: Ich war immer ein Spätzünder.
Tüten Gummibärchen eintraf, für die mein men von der Öffentlichkeit beäugt wurden. Im vergangenen Jahr stand ich für die RTL-
Vater Werbung machte. Meine Eltern hatten Als Sie klein waren, hat er Ihnen einmal eine Doku »Mein Vater, die Supernase« vor der
aber Sorge, dass ich von Leuten ausgenutzt geknallt, weil Sie vor der Eistheke drei Kugeln Kamera, das hat mir Spaß gemacht. Für mei-
werde, die in Wahrheit nur an meinen Vater Vanilleeis hatten fallen lassen … nen YouTube-Kanal werde ich Hobbygolfer
herankommen wollen. Sie haben alles getan, Gottschalk: … oh, wow, daran kann ich mich und Profis interviewen und meine Liebe zum
um mich zu beschützen. Zu Snowboardkursen nicht erinnern! Golfsport weitertragen.
oder fürs Fußballcamp wurde ich unter fal- SPIEGEL: Ein Fremder, der den Vorgang mit- SPIEGEL: Welches Handicap haben Sie?
schem Namen angemeldet, damit die anderen gefilmt hatte, soll gedroht haben, ihn bei der Gottschalk: 6,7.
Jungs nicht gemein zu mir sein konnten. Presse als Rabenvater anzuschwärzen. SPIEGEL: Das ist ziemlich gut.

76 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


MEDIEN

Gottschalk: Ich habe meinen Bachelor SPIEGEL: Was, wenn es schiefgeht? »Mein Vater mit 18 aus. So werden wir wohl unse-
auf einer Golf Academy gemacht, Gottschalk: Dann habe ich daraus ge- ren Sohn erziehen.
meinen Master in Sports Marketing. lernt, dass ich nicht fürs Showbusi- hat gesagt, SPIEGEL: Miley Cyrus. Don Henley
Golf ist, neben meiner Frau und mei- ness gemacht bin. ich soll von den Eagles. Wann ist Ihnen klar
nem Sohn, das Größte für mich. SPIEGEL: Wenn ein No-Name schei- geworden, dass es nicht normal ist, so
SPIEGEL: Ist Golf nicht eher etwas für tert, ist es in der öffentlichen Wahr-
kein Gesicht viele Berühmtheiten persönlich zu
Leute im Alter Ihres Vaters? nehmung nicht so schlimm, wie wenn machen, kennen?
Gottschalk: Das ist ein Vorurteil. Auf der Sohn von Thomas Gottschalk als ginge ich Gottschalk: Klar, mein Vater kennt
dem Golfplatz geht es auch nicht so strauchelt. viele Leute aus dem Showgeschäft.
hochnäsig und verbissen zu, wie vie- Gottschalk: Ich weiß, das würde groß zu einer Aber es war nicht so, dass täglich halb
le glauben. Mein Kanal soll dazu bei- in der Presse stehen. Ihr Journalisten Beerdigung.« Hollywood oder ein Rockstar bei uns
tragen, den Golfsport bei jüngeren braucht solche Geschichten. Aber ein zum Mittagessen einkehrte.
Leuten populärer zu machen. Ich paar Tage später ist dann wieder was SPIEGEL: So haben die Deutschen sich
nehme sogar meinen fünfjährigen mit Prinz Harry, und meine Schlag- aber das Leben der Gottschalks im-
Sohn mit auf den Platz, auch der hat zeile ist vergessen. mer vorgestellt.
Spaß daran. SPIEGEL: Tragen Sie ein finanzielles Gottschalk: Tut mir leid, wenn ich
SPIEGEL: Werden Sie wirklich Golf- Risiko? Ihnen da eine Illusion nehme. Miley
interessierte anlocken – oder doch eher Gottschalk: Ich habe 50.000 Euro in Cyrus habe ich nie zu Gesicht bekom-
Thomas-Gottschalk-Fans? das YouTube-Projekt gesteckt. Das men, selbst mit unserem Nachbarn
Gottschalk: Beides, hoffe ich. Mein ist ein weiterer Antrieb, etwas Gutes Don Henley habe ich nur einmal ge-
Vater hat noch immer einen großen abzuliefern. sprochen. Aber zu Pierce Brosnan
Namen, natürlich nützt mir das. SPIEGEL: In der »Bunten« hat Ihr hatten wir immer einen freundschaft-
SPIEGEL: Als Kind mussten Sie Ihre Vater voriges Jahr über Sie und Ihren lichen Kontakt. Und natürlich zu
Herkunft verleugnen, nun kurbeln Bruder gesagt: »Für ihren Nachwuchs David Hasselhoff.
Sie mit ihrer Hilfe Ihre Karriere an. müssen meine Jungs dann selbst sor- SPIEGEL: Wie erklären Sie einem Ame-
Gottschalk: Ich bin stolz auf meinen gen. Ich bin nicht reich genug, um rikaner, wer Thomas Gottschalk ist?
Namen. Und ich bin stolz auf das, was auch die dritte und vierte Generation Gottschalk: Ich sage, dass er die Late-
mein Vater erreicht hat. In einer mei- durchzufüttern.« Musste er das bei Night-Show nach Deutschland ge-
ner ersten Folgen wird sein Kumpel Ihnen denn? bracht hat.
Mike Krüger dabei sein, der ebenfalls Gottschalk: Meine Eltern haben uns SPIEGEL: Daran erinnert sich selbst in
ein leidenschaftlicher Golfer ist. Und tatsächlich sehr viel gegönnt. Wenn Deutschland kaum noch jemand.
mein Vater taucht auch auf. ich ein Auto wollte, habe ich es be- Gottschalk: Ach, wirklich? Ich habe
SPIEGEL: Wie macht er sich auf dem kommen. Vielleicht keinen Ferrari, die Sendung geliebt. Sie wurde am
Platz? wie manche in meiner Klasse, aber frühen Abend aufgezeichnet, mein
Gottschalk: Nicht so gut. Aber er hat doch einen schönen Audi. Vater hat mich nach der Schule häufig
auf Anhieb den Ball getroffen. SPIEGEL: Ihr Vater hat auch sich selbst zum Studio mitgenommen. Ich saß
SPIEGEL: Was, wenn die Leute sagen: immer viel gegönnt. Das Anwesen in dann in seiner Garderobe, sah zu, wie
Der Alte ist aber lustiger? Malibu, das Schloss am Rhein, auch er geschminkt wurde, und durfte Bud
Gottschalk: Ist er ja auch. Das ist doch mal einen Flug im Privatjet. Wie lernt Spencer oder Phil Collins Hallo sa-
kein Vater-Sohn-Wettbewerb. man da als Sohn, vernünftig mit Geld gen. Meine amerikanischen Freunde
SPIEGEL: Treten Sie gern vor Publi- umzugehen? haben mich übrigens immer damit
kum auf? Gottschalk: Ehrlich gesagt bin ich aufgezogen, dass mein Vater die deut-
Gottschalk: Es kostet mich Überwin- noch dabei, es zu lernen. Meine Frau sche Oprah Winfrey sei.
dung. Das war schon beim Schulthea- hilft mir. Ich musste nie einen Ferien- SPIEGEL: In Deutschland machen Leu-
ter so, obwohl ich immer nur stumme job machen und habe bis 27 in dem te sich manchmal einen Spaß daraus,
Rollen hatte. Ein Stück spielte in Haus gegenüber dem meiner Eltern Festspielbesucher Thomas Gottschalk zu imitieren.
Ägypten, ich war eine Statue – und gewohnt, das wir später an Miley Cy- Gottschalk mit Gottschalk: Echt? Seine Stimme?
Ehefrau Melissa,
super aufgeregt. Wenn ich ein Referat rus verkauft haben. Für Amerika ist Eltern Thea, Thomas
SPIEGEL: Eher die ausladenden Be-
halten musste, habe ich den Text so das untypisch, hier jobben Kinder mit Gottschalk in wegungen oder so Floskeln wie: Re-
oft gelesen, dass ich ihn auswendig 15 Jahren bei Starbucks und ziehen Bayreuth 2018 spekt! Wie sind Ihre Qualitäten als
konnte. Thomas-Gottschalk-Imitator?
SPIEGEL: Und trotzdem wagen Sie Gottschalk: Mein Bruder ist darin viel
sich jetzt vor die Kamera? besser. Der breitet schon mal die
Gottschalk: Ja, ich will es versuchen. Arme aus und begrüßt Deutschland,
SPIEGEL: Ihr Vater hat einmal in Österreich und die Schweiz.
einem SPIEGEL-Gespräch gesagt: SPIEGEL: Hat Ihr Vater Ihnen Tipps
»Wer im Fernsehen Angst hat, gehört gegeben für Ihre YouTube-Modera-
nicht dorthin.« tion?
Golejewski / Eventpress / picture alliance / dpa

Gottschalk: Anders als er stehe ich Gottschalk: Er hat gesagt, ich soll lo-
nicht vor Tausenden Zuschauern in ckerer werden und kein Gesicht ma-
einer Halle, sondern nur vor einer chen, als ginge ich zu einer Beerdigung.
Kamera, das macht es einfacher. Ich SPIEGEL: Wie werden Sie Ihre Zu-
sehe es als Möglichkeit zu wachsen. schauer begrüßen: Servus, Herrschaf-
Einer meiner Lehrer sagte: Man muss ten?
lernen, sich dann wohlzufühlen, wenn Gottschalk: Hallo, liebe Sportsfreun-
man sich unwohl fühlt. Momente, die de. Willkommen zu »Golf mit Gott-
man nicht mag, können einem guttun. schalk«.
Sie bringen einen weiter. Interview: Alexander Kühn n

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 77


AUSLAND

Piyal Adhikar y / EPA


Im indischen Kalkutta demonstrieren Frauen gegen sexuelle Gewalt. Ausgelöst hatte die Proteste ein Video, das seit vergangener Woche in
sozialen Medien kursiert. Es zeigt, wie nackte Frauen im nordöstlichen Bundesstaat Manipur von einer johlenden Männergruppe
vorgeführt und sexuell missbraucht werden. Hintergrund der Gewalt sind Auseinandersetzungen zwischen zwei ethnischen Gruppen. Seit Mai
wurden in Manipur mindestens 150 Menschen getötet und mehr als 60.000 vertrieben.

Sieben Abgeordnete der Partei Junts, die Puigdemont aus dem


Spaniens Königsmacher Exil steuert, werden ins Parlament einziehen. Nur mit ihrer Ent­
haltung kann Sánchez erneut Ministerpräsident werden. An­
dernfalls hätte keines der Lager eine Mehrheit, es käme zu
ANALYSE Ausgerechnet der Katalanenführer und
Neuwahlen. Seit Montag fragt sich deshalb das ganze Land: Was
Justizflüchtling Carles Puigdemont will Puigdemont? Und wie viel kann Sánchez ihm geben?
entscheidet, wer Spanien regieren wird. Puigdemont hat seinen Preis bereits genannt: Er fordert eine
Straffreiheit für die rund 4000 Unterstützer seines Referen­
Es ist nicht lange her, dass der Mann, der nun über Spaniens dums – und Madrids Zustimmung für eine neue Abstimmung zu
politisches Schicksal entscheidet, das Land Hals über Kopf ver­ Kataloniens Unabhängigkeit. Sonst, so drohen Puigdemonts
ließ. Am 29. Oktober 2017 versteckte sich Carles Puigdemont Leute, könne man auch Sánchez’ konservativen Gegner Alberto
in einem Auto – und verschwand. Kurz zuvor hatte er nach Núñez Feijóo unterstützen. Doch das ist eine Option, an die
einem verfassungswidrigen Referendum die Unabhängigkeit kaum ein Beobachter glaubt. Sánchez hat Puigdemonts Forde­
Kataloniens verkündet. Die spanischen Behörden erhoben An­ rung bereits zurückgewiesen. Die Sozialisten setzen darauf,
klage, ihre Vorwürfe: Rebellion, Auflehnung gegen die Staats­ dass Puigdemont im letzten Moment doch noch einlenkt, um
gewalt und Veruntreuung. Puigdemonts Fluchtplan ging auf, Neuwahlen zu verhindern. Denn die könnten ihn seinen
er schaffte es nach Belgien, wo er bis heute lebt. Seine Anhänger Einfluss kosten. Zudem steht auch Puigdemonts persönliche
sahen ein, dass aus dem eigenen Staat so schnell nichts wird. Zukunft auf dem Spiel. Seine Familie lebt wieder in Katalonien.
Doch seit Sonntagnacht ist Puigdemont zurück im Zentrum Ihm selbst drohen bei einer Rückkehr bis zu zwölf Jahre Haft.
der spanischen Politik – und mit ihm der Katalonienkonflikt. Der Einzige, der ihn begnadigen könnte, wäre der spanische
Nach den Parlamentswahlen in Spanien braucht Ministerpräsi­ Ministerpräsident. Wer das wird, hat Puigdemont selbst in der
dent Pedro Sánchez von den Sozialisten Puigdemonts Stimmen. Hand. Steffen Lüdke

78 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


»Grenzenlos denken
und planen«
EUROPA Bahnblogger Lennart Fahnenmüller über die
besten Nachtzüge und seine Tipps an Reisende

Fahnenmüller, Jahr- SPIEGEL: Zum Beispiel?


gang 1989, arbeitet Fahnenmüller: Die Nachtzug-
als Unternehmens- verbindung Berlin–London.

Volker Preußer / IMAGO


berater und ist Mit- Schaut man genau hin, merkt
gründer des Twitter- man schnell, dass der im Mai
Privat

Zugreisebüros. dieses Jahres gestartete Zug


von European Sleeper nur von Nightjet im niederösterreichischen Breitenstein
Nightjet in Breitenstein, Niederösterreich
SPIEGEL: Herr Fahnenmüller, Berlin nach Brüssel fährt.
Sie fahren gern in Nachtzügen, Dann wird noch mal viel Geld zum Blick nach Italien. Dort Abfahrt kostenlos stornierbar
aber die Berichterstattung für Tickets mit dem Eurostar fahren sehr viele Linien, die mit sind. Zweitens: nicht zu knappe
über diese klimafreundliche fällig – ohne feste Anschlussga- direkten Zügen aus Deutschland Anschlüsse einplanen – zwei
Fortbewegungsart stört Sie. rantie zwischen den Betreibern, erreichbar sind und echte High- Stunden sollten es schon sein.
Was genau? wie man es vom Fliegen kennt. light-Ziele ansteuern: Rom, Bei verpasstem Anschluss sollte
Fahnenmüller: Entweder liest SPIEGEL: Welchen Nachtzug- Neapel, Sizilien, Apulien. Was nicht die ganze Weiterreise ins
man anekdotische Beschwerden, anbieter in Europa würden Sie will man mehr? Wasser fallen. Und drittens:
die niemandem weiterhelfen empfehlen? SPIEGEL: Haben Sie drei schnel- grenzenlos denken und planen.
und dem Thema Nachtzug eher Fahnenmüller: Herausstellen le Tipps, worauf Reisende ach- Nachtzüge ans Mittelmeer sind
schaden, oder es wird gehypt. möchte ich die finnische Staats- ten sollten, wenn sie Nachtzug- in Frankreich, Italien und Kroa-
Auf Grundlage von Pressemit- bahn VR. Die Züge sind groß- tickets kaufen wollen? tien oft besser verfügbar als
teilungen der Betreiber werden zügig und gepflegt, nicht über Fahnenmüller: Erstens: zur die Züge ab Deutschland, und
etwa »neue« Verbindungen Wochen im Voraus ausverkauft Hauptsaison früh buchen, wenn man kommt morgens fast direkt
angekündigt, die sich bei genau- und nicht übermäßig teuer. nötig, flexibel. Die österreichi- am Strand an. Die Züge erreicht
erem Hinsehen als völlig un- Aber von Deutschland natürlich sche Bahn etwa bietet Komfort- man mit einer Tagesreise im
praktikabel herausstellen. weit entfernt. Daher rate ich tickets an, die bis 15 Tage vor ICE oder EC zum Sparpreis. LEH

Tödliche Inflation musste die Kinder allein erzie- Krisengewinner trotz Lieferschwierigkeiten und rasant
hen, er hatte kein Gehalt, er gestiegene Transportkosten ge-
SYRIEN Der Tod eines Fami- hatte nichts zum Leben«, Drogenkrieg geben. Hinzu kommt, dass die
lienvaters und seiner beiden schreibt einer, der behauptet, Konzerne von der nordamerika-
Kinder bei Latakia entfesselt ihn zu kennen. Ein anderer MEXIKO Wie kaum ein anderes nischen Freihandelszone profi-
neue Wut auf die Regierung. kommentiert: »Er hat die Kin- Land profitiert ausgerechnet der tieren, zu der Mexiko gehört.
Ende Juni erschoss der ehema- der auf diese Weise vor dem nordamerikanische Staat vom Dort ansässige Firmen genießen
lige Soldat Mahdi Ismandar, Hunger gerettet.« Ein Dritter laufenden Handelskonflikt zwi- Erleichterungen beim Export in
42, zunächst seinen sechsjähri- glaubt: »Besser für ihn. Uns schen den USA und China. die USA und nach Kanada.
gen Sohn und seine achtjährige geht’s doch genauso dreckig.« Multinationale Konzerne bauen Chinesische Hersteller inves-
Tochter, dann tötete er sich In Latakia, einer Stadt am ihre Investitionen in Mexiko tieren unter anderem in Mikro-
selbst. Während die Behörden Mittelmeer, leben mehrheitlich massiv aus. Darunter sind auch elektronik und die Möbelindus-
den Fall derzeit noch unter- Alawiten, eine Minderheit, der viele aus China, die den US- trie. Der CEEG rechnet damit,
suchen, wie es in den Medien auch Präsident Baschar al-As- Markt bislang aus ihrer Heimat dass das Nearshoring der mexi-
heißt, glauben die Facebook- sad angehört. Mit dem Tod belieferten. Der Unternehmer- kanischen Volkswirtschaft in
Nutzer in Latakia längst zu wis- der Ismandars erreicht die Wut verband CEEG, ein Zusammen- den kommenden Jahren ein zu-
sen, was den Mann in den Tod lange loyal zur Regierung ste- schluss von 62 internationalen, sätzliches jährliches Wachstum
trieb: »Seine Frau hat ihn we- hende Teile der Bevölkerung. in Mexiko tätigen Konzernen, von 2,5 Prozent einbringen
gen seiner Armut verlassen, er Sie werfen Assads Regierung erwartet bis 2029 jährlich aus- könnte. Die hohe Kriminalität
vor, selbst den Veteranen nicht ländische Direktinvestitionen in im Land schreckt Unternehmen
mehr das Nötigste zur Verfü- Höhe von bis zu 50 Milliarden offenbar nicht ab: Einer Umfra-
gung stellen zu können. Dollar. Der Grund für den Wirt- ge zufolge steht Mexiko bei
In Syrien frisst eine Infla- schaftsboom heißt Nearshoring: Expats in der Rangliste der be-
tionsrate von schätzungsweise Darunter versteht man einen liebtesten Standorte auf dem
mehr als 100 Prozent die Ge- weltweiten Trend unter multi- ersten Platz.
hälter auf. Für das durchschnitt- nationalen Firmen, Fabriken Auch deutsche Firmen bauen
liche Einkommen eines Lehrers in der Nähe ihrer wichtigsten ihre Investitionen in dem Land
von 100.000 bis 120.000 syri- Absatzmärkte aufzubauen oder massiv aus. »Für sie überwiegen
Omar Sanadiki / AP

schen Pfund gibt es auf dem zu nutzen. Denn während der die Chancen bislang die Risi-
freien Markt aktuell nur noch Coronapandemie war klar ge- ken«, sagt Johannes Hauser, Ge-
wenige Kilogramm Fleisch. Die worden, wie anfällig lange schäftsführer der Deutsch-
Selbstmordrate steigt seit Jah- Lieferketten für Störungen sind. Mexikanischen Industrie- und
Verkäufer in Damaskus ren signifikant. SUK Es hatte Produktionsausfälle, Handelskammer. JGL

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 79


AUSLAND

Die neue Macht


GEOPOLITIK Der Ukrainekrieg hat Afrika in den Fokus gerückt. Sämtliche Großmächte ringen um
Einfluss auf dem Kontinent – und um Rohstoffe. Anders als früher diktieren nun
jedoch die Afrikaner selbst immer mehr die Bedingungen. Die Europäer gehen oft leer aus.

s kommt nicht oft vor, dass afrikanische nicht mehr hilflos zu, wir mischen uns ein. Frü- Kolonialmacht Frankreich, um dort die Junta
E Spitzenpolitiker Bahn fahren. Mitte Juni
allerdings stiegen gleich vier Regie-
rungschefs aus Afrika gemeinsam in einen
her kamen Staatschefs aus dem Globalen Nor-
den nach Afrika, um in Krisen und Konflikten
zu vermitteln. Heute ist es auch andersrum.
zu stützen. Die EU und die USA haben eine
Charmeoffensive auf dem afrikanischen Kon-
tinent gestartet, um nicht noch mehr Länder
Zug von Polen in die Ukraine. Es gibt ein Die Reise der afrikanischen Regierungs- an Russland und China zu verlieren.
Gruppenbild, die Reisenden sehen etwas ver- chefs in die Ukraine und nach Russland Rohstoffe aus Afrika – Öl, Gas, zudem Li-
loren aus im prachtvollen Abteil, nur der An- demonstriert das gewachsene Selbstbewusst- thium und Kobalt – werden immer wichtiger.
führer der Mission, der südafrikanische Prä- sein des Kontinents. Man will den Ruf als Staatschefs und Firmen aus aller Welt stehen
sident Cyril Ramaphosa, lächelt zufrieden. passiver Entwicklungshilfeempfänger ein für im Senegal, im Kongo oder in Namibia Schlan-
Die Delegation um Ramaphosa wollte er- alle Mal loswerden. ge. China, die Türkei, inzwischen auch Euro-
reichen, woran bisher sämtliche Groß- und Zwar glückt das nicht immer, nach wie vor pa versuchen, durch Infrastrukturprojekte
Mittelmächte gescheitert sind: den Krieg zwi- wird Afrika oft nicht ernst genommen, ent- ihren Einfluss in Afrika auszubauen. Einige
schen Russland und der Ukraine zu beenden. gegen Bekundungen einer »Politik auf Augen- sprechen von einem neuen »Scramble for Af-
Die Afrikaner trafen sowohl den ukrainischen höhe«. Vor allem die westliche Welt sucht rica«, in Anlehnung an die kolonialen Erobe-
Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Kiew noch nach dem richtigen Umgang mit dem rungsbestrebungen des 19. und 20. Jahrhun-
als auch später den russischen Machthaber aufstrebenden Kontinent. derts und die Blockpolitik des Kalten Kriegs.
Wladimir Putin in Moskau. Doch fast alle Großmächte zeigen ein rie- Doch eines ist heute anders, wie die Frie-
Zwar brachte die afrikanische Initiative kei- siges Interesse an Afrika, was nicht nur, aber densmission der Staatschefs in Russland und
nen Durchbruch in dem Konflikt. Aus Sicht auch mit dem Krieg in der Ukraine zusam- der Ukraine zeigt: Die afrikanischen Regie-
von Ramaphosa und seinen Mitstreitern unter menhängt. Der einst vor allem als Krisenherd rungen haben ein ausgeprägtes Selbstbewusst-
anderem aus dem Senegal, Uganda und dem wahrgenommene Kontinent gilt zunehmend sein. Sie können sich ihre Partner inzwischen
Kongo war sie trotzdem ein Erfolg, allein we- als strategischer Partner. aussuchen, und das tun sie auch. Es zählt, wer
gen der Bilder, die sie produzierte. Die Bot- Moskau schickt Wagner-Söldner unter an- das bessere Angebot macht. Russland, China,
schaft ist eindeutig: Wir Afrikaner schauen derem nach Mali, zum Entsetzen der einstigen USA, die EU – es geht in vielen Fällen weniger

In Mali haben russische Flaggen


die französische ersetzt.
Nicolas Remene / MAXPPP / picture alliance / dpa

Die Demokratische
Republik Kongo ist ein
wichtiger Rohstoff­
lieferant für die Welt.

80 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


AUSLAND

um ideologische Fragen als um eine osten Kongos, geht es um Weltpolitik. trielle Wachstum des Globalen Nor-
Kosten-Nutzen-Rechnung. Es geht darum, wer an das Metall der Pekings dens würde ohne Afrika nicht funk-
Russlands Präsident Wladimir Zukunft kommt: »die Chinesen« oder Partner tionieren.
Putin umgarnt die Afrikaner offensiv. »die aus dem Westen«. Versammelt Schon die früheren Kolonialher-
Zwar wird er einem Treffen der so- sind: die Anwohnerinnen und An- Bestand der ren beuteten rücksichtslos die Roh-
genannten BRICS-Staaten Brasilien, wohner von Manono und Mitarbeiter Direktinvestitionen stoffe des Kontinents aus und ver-
aus China 2021,
Russland, Indien, China und Süd- der australischen Bergbaufirma AVZ in Mrd. Dollar schifften sie nach Europa. Nach der
afrika Ende August in Johannesburg Minerals, die hier bald Lithium ab- Unabhängigkeit setzte sich dieses
voraussichtlich fernbleiben – zu groß bauen will. Letztere haben zum Tref- 1 2 3 4 Prinzip fort: Firmen aus dem Norden
ist wohl seine Sorge, der Gastgeber fen eingeladen. profitierten, in den Abbauländern
keine Investitionen
könnte einen Haftbefehl des Inter- Lithium ist einer der gefragtesten blieben Armut und Umweltschäden
nationalen Strafgerichtshofs gegen Rohstoffe der Welt, Experten gehen zurück – und eine allzu oft korrupte
ihn vollstrecken. Diese Woche jedoch davon aus, dass die Nachfrage das Elite. China, das zunehmend in Mi-
empfängt er Vertreter aus fast 50 afri- Angebot bei Weitem übersteigen nen in Afrika investiert, und Russ-
kanischen Ländern zu einem Gipfel wird. Lithium wird für Batterien ge- land, das in instabilen Ländern wie
in Sankt Petersburg. braucht, ohne es wird die Energie- der Zentralafrikanischen Republik
Die Europäer hingegen scheinen wende nicht funktionieren. Und Rohstoffe ausbeutet, sind dagegen
auf diese Zeitenwende noch keine unter Manonos Erde könnte, so sagen relativ neue Akteure.
Antwort gefunden zu haben, haben Geologen, das größte Lithiumvor- Und so bleibt es das Paradox des
sie doch Afrika jahrzehntelang eher kommen der Welt liegen. Unangetas- Kontinents, dass rohstoffreiche Län-
Bestand der Direkt-
als Schreckgespenst voller potenziel- tet. »Manono kann eine signifikante investitionen in
der oft die ärmsten sind, etwa die De-
ler Migranten wahrgenommen. Der Rolle spielen, um den weltweiten Afrika, in Mrd. Dollar mokratische Republik Kongo. Jahr-
neue Wettlauf um Afrika ist eine glo- Bedarf an Lithium zu decken«, sagt zehnte der Bürgerkriege, getrieben
bale Machtverschiebung – mit offe- Nigel Ferguson, Geschäftsführer von China USA zudem von der Gier nach Boden-
nem Ausgang. AVZ Minerals. Manche sagen gar: 60 schätzen, haben das Land instabil ge-
Wer Manono kontrolliere, könne macht. Heutzutage wird der Kampf
Demokratische Republik Kongo: am Ende den Weltmarktpreis beein- 40 um Rohstoffe allerdings seltener mit
Stoff der Zukunft flussen. Waffen, sondern meist subtiler ge-
Die Deckenplatten im Gemeindesaal Afrika ist voller Rohstoffe, auf die führt, wie sich in Manono zeigt.
20
von Manono sind verrottet. Im Be- der Rest der Welt angewiesen ist. Die Bewohner des kleinen Ortes
tonboden klafft ein Riss. Strom gibt Neben Lithium und Kobalt auch könnten im Reichtum leben, doch
es keinen, die Veranstalter haben Gold und Diamanten. Auf dem Kon- 0 weil das nicht so ist, sind sie Anfang
draußen einen Generator aufgestellt, tinent lagern die weltweit größten 2010 2020 des Jahres im Gemeindesaal versam-
drinnen sind Lautsprecher und Vorkommen an Platin. Seitdem die S Quelle: Johns-
melt und lassen ihrer Wut freien Lauf.

Mikrofone angeschlossen. Doch die Atomkraft vielerorts ein Revival er- Hopkins-Universität »Warum hat sich nichts getan?«, ruft
meisten Teilnehmer der Veranstal- lebt, ist Uran wieder gefragt, die ein Anwohner. »Wir wollen Arbeit«,
tung brauchen kein Mikrofon, sie tra- Blicke richten sich vor allem nach empört sich ein anderer.
gen ihr Anliegen lautstark vor. In der Namibia und Niger, die große Vor- Balthazar Tshiseke sitzt vor der
»Grande Salle« von Manono, im Süd- kommen haben. Kurzum: Das indus- empörten Menge. Er trägt ein weißes

In Tansania wird mit Infra-


struktur Geopolitik gemacht.
Arsene Mpiana / DER SPIEGEL

Xinhua / eyevine / laif

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 81


AUSLAND

T-Shirt und eine weiße Basecap. Tshi- 2015 wurde unter dem Meeresbo-
seke leitet das Joint Venture Dath- Reiche Erden, arme Menschen den, an der Grenze zwischen Senegal
com, das hier eigentlich schon seit und Mauretanien, ein beachtliches
einem Jahr das Lithium aus dem Bo- Bruttoinlandsprodukt pro Kopf 2022*, in Dollar Vorkommen des fossilen Brennstoffs
den holen sollte. Sein Gehalt be- keine gefunden. Seitdem arbeiten die bei-
kommt er von AVZ Minerals, den 500 1000 2500 5000 10.000 Daten den Länder gemeinsam an dessen
Australiern, die die Mehrheitsanteile Bodenschätze Gold Lithium Kobalt Ausbeutung, sie versprechen sich Ein-
an Dathcom halten. Die Versammel- nahmen in Milliardenhöhe. Mindes-
Waldflächen
ten nennen ihn »Directeur«. Er hört tens 30 Jahre lang soll Erdgas geför-
sich geduldig die Tiraden an, ab und 100 Erdölproduktion 2022, in Mio. Tonnen dert werden, die Gewinne teilen sich
an nickt er. Seine Stimme ist fest, als 10 Erdgasproduktion 2021, die Energieriesen BP und Kosmos
er sagt: »Die Regierung gibt uns die in Mrd. Kubikmetern sowie senegalesische und mauretani-
Minenlizenz einfach nicht. Wir dür- sche Staatsunternehmen.
fen noch nichts abbauen.« »Seht nur, wie sie hier lauern!«,
MAROKKO
Die Australier stießen bereits 2018 ruft der Kapitän und zeigt erst nach
bei Probebohrungen in Manono auf ALGERIEN LIBYEN ÄGYP- links auf ein Schiff der senegalesi-
massenweise lithiumreiches Gestein. TEN schen Küstenwache und dann nach
MAURE-
Weil es teuer ist, das Metall abzu- TANIEN rechts, Richtung Horizont, wo ein
bauen, taten sie sich 2021 unter an- MALI NIGER TSCHAD
SUDAN weiteres Schiff der mauretanischen
SENEGAL
derem mit einer Firma zusammen, an Grenzschützer ankert: »Wenn wir
der der chinesische Batterieriese ÄTHIOPIEN weiterfahren, nehmen sie uns wahr-
CATL beteiligt ist. Für 240 Millionen SOMALIA scheinlich fest.« Denn auch wenn es
Dollar wurden den Chinesen 24 Pro- NIGERIA KONGO UGANDA keine Boje, keine Markierung an-
zent der Anteile am Lithium-Joint- ÄQUATORIALGUINEA DEM. REP. KENIA zeigt: Hier beginnt die Sperrzone
Venture Dathcom zugesagt. »Wir GABUN KONGO rund um die Gasplattform GTA,
hätten gern mit europäischen oder TANSANIA 500 Meter in jede Richtung. »Dabei
amerikanischen Firmen zusammen- haben wir genau dort die meisten Fi-
andere ANGOLA
gearbeitet, aber die investieren nicht SAMBIA MADAGASKAR
sche gefangen«, sagt Dieng.
in Ländern wie dem Kongo«, sagt Thierno Seydou Ly kennt diese Be-
AVZ-Chef Ferguson. BOTSWANA
SIMBABWE schwerden, er hört sie regelmäßig.
Europa und die USA fürchten * 2022 oder letzte NAMIBIA MOSAMBIK Der Generaldirektor der staatlichen
zwar, in Afrika an Einfluss zu verlie- verfügbare Daten Öl- und Gasfirma Petrosen empfängt
ren. Aber in ein instabiles Land will S Quellen: Worldbank, USGS, zum Interview in einem Hotel in der

University of Maryland, Opec, SÜDAFRIKA


auch niemand groß Geld stecken. Ins- Energy Institute Hauptstadt Dakar. Er spricht mit ru-
gesamt geht laut Expertenschätzun- higer Stimme, es ist ihm wichtig, dass
gen die Mehrheit aller Rohstoff- Und dort ist Peking noch immer ein seine Botschaft ankommt. »Das Gas
exporte aus dem Kongo nach China. gern gesehener Partner. ist eine riesige Chance für unser
»Chinas Präsident Xi Jinping hat die Ob AVZ jemals eine Lizenz für Land«, sagt er, »auch weil durch den
Direktive herausgegeben: Geht raus Manono erhalten wird, ist inzwischen Krieg in der Ukraine der Bedarf nach
und holt euch, was ihr kriegen könnt. fraglich. Die kongolesische Bergbau- neuen Produzenten riesig ist.« Und
Und genau das erleben wir gerade«, ministerin reagierte auf eine Anfrage so versucht Senegal, im Schnelldurch-
sagt Ferguson. des SPIEGEL nicht. Bei den Menschen lauf zur Gasnation zu werden: Ver-
Denn inzwischen hat eine weitere in Manono selbst hinterlässt der fahren, die normalerweise Jahre dau-
chinesische Firma versucht, bei Dath- Kampf um den Rohstoff der Zukunft ern, müssen in Monaten erledigt wer-
com einzusteigen, gegen den Willen vor allem eines: Frust. den. »Momentan klopfen alle bei uns
von AVZ. Die Chinesen profitieren an der Tür«, sagt Ly.
dabei möglicherweise von den engen Senegal: Not frisst Energiewende In vielen afrikanischen Ländern ist
Verbindungen zur Politik in der Eine Welle spült Wasser an Bord, die ein Boom der fossilen Brennstoffe
Hauptstadt Kinshasa. Es besteht der Piroge aus Holz ist plötzlich zu einem ausgebrochen. In Uganda will der
Verdacht, dass die kongolesische Re- Viertel geflutet. Moustapha Dieng französische Konzern Total gemein-
gierung die Abbaugenehmigung auch lehnt gelassen an einer Holzplanke. Er sam mit einer chinesischen Staatsfir-
deshalb zurückhält, um die Australier
mürbe zu machen.
In der Grande Salle von Manono
160
Milliarden
trägt eine Wollmütze, sein zotteliger
Bart ist ergraut. Im Dorf Guet Ndar
nennen sie ihn nur »Vater«, Dieng ist
ma Öl fördern, in einem Naturschutz-
gebiet. Eine Pipeline soll den Rohstoff
durch die tansanische Serengeti an
sind sie jetzt bei der großen Politik Vorsitzender der Vereinigung der tra- den Indischen Ozean transportieren.
angekommen. »Es geht doch darum, Dollar ditionellen Fischer im Senegal. In der Demokratischen Republik
wer hier das Sagen hat, die aus dem Er hat in seinem Leben viele Kongo werden Ölfelder meistbietend
Westen oder die Chinesen!«, ruft ein haben chine­ Kämpfe ausgetragen, gegen Stürme versteigert. Auch vor der Südküste
Teilnehmer der Versammlung. »Wir und Gezeiten, gegen die Trawler aus Namibias wird fleißig gebohrt, meh-
wollen die Chinesen nicht!«, empören sische Geld­ China. Doch nie war sein Gegner so rere Plattformen schwimmen bereits
sich andere. geber zwi­ mächtig wie heute. Dieng hat den im Meer, obwohl sich das Land als
Tshiseke nickt zufrieden, die Ver- größten Öl- und Gaskonzernen der Vorreiter der grünen Energiewende
anstaltung wird zum Erfolg für ihn,
schen 2000 Welt den Kampf angesagt. Er steuert inszeniert. Man nimmt mit, was geht.
die Bewohner von Manono versam- und 2020 an in seiner Piroge auf ein tonnenschwe- Viele Projekte sind noch im An-
meln sich hinter der australischen afrikanische res Monstrum aus Stahl und Beton fangsstadium, doch die Hoffnung auf
Firma. Doch es ist nur ein kleiner zu. Ab Ende des Jahres soll hier Gas dem Kontinent ist groß, ebenso das
Sieg, denn am Ende sitzt die Regie- Regierungen gefördert werden, ein Großteil der Interesse der Öl- und Gasmultis aus
rung in Kinshasa am längeren Hebel. verliehen. Anlagen steht schon. Industrieländern. 2021 haben die af-

82 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


AUSLAND

rikanischen Länder zusammen 260 Milliarden »Es muss der Anspruch dunkelblauen Anzug mit Einstecktuch. Um
Kubikmeter Gas gefördert, die Menge soll bis ihn herum haben sich in einem Halbkreis
2050 laut dem Forum Gas exportierender eines jeden Landes seine Mitstreiter der antikolonialen, prorus-
Länder sogar auf 585 Milliarden Kubikmeter sein, sein Schicksal in die sischen Yerewolo-Bewegung zu einem inter-
ansteigen. nen Treffen versammelt. Ihr Ziel steht auf
Olaf Scholz war im Mai vergangenen Jah- eigene Hand zu nehmen.« einem Banner in den Landesfarben: »Die
res im Senegal, es war ein bemerkenswerter Drissa Meminta, Yerewolo-Aktivist Befreiung Malis«.
Besuch. Der Bundeskanzler sagte, es sei sinn- Meminta erinnert daran, was seine Bewe-
voll, eine Partnerschaft bei der Gasförderung gung bereits erreicht hat: Sie verhalf 2021 der
»intensiv zu verfolgen«. Berlin ist unter Militärjunta mit an die Macht. Das trug dazu
Druck, Alternativen zum russischen Erdgas segen der Bodenschätze nur eine Elite profi- bei, dass sich ein Jahr später das französische
zu finden, und das westafrikanische Land tieren wird, so wie in anderen afrikanischen Militär aus Mali zurückzog. Nun will er, dass
bringt sich bereitwillig in Stellung. Ländern. Greenpeace warnt vor einem un- auch die Blauhelme das Land verlassen. »Es
Senegals Präsident Macky Sall und sein kalkulierbaren Risiko für das Ökosystem, muss der Anspruch eines jeden Landes sein,
Kabinett können sich derzeit die europäischen schließlich seien wichtige Meeresschutzgebie- sein Schicksal in die eigene Hand zu neh-
Partner aussuchen: Frankreich, Portugal, te in der Nähe der Gasanlagen. men«, sagt Meminta.
Polen, Italien – alle buhlen um das Erdgas in Die Regierung des Senegal lässt sich davon Tatsächlich werden die Vereinten Nationen
seinem Land, obwohl das noch nicht einmal nicht beirren. Im Jahr 2024 sind Wahlen, das bald darauf, Ende Juni, erklären, ihre Frie-
förderreif ist. Land kämpft mit seinen Schulden, die gestie- densmission Minusma in Mali noch in diesem
Dabei haben die europäischen Regierun- genen Lebenshaltungskosten werden zum Jahr zu beenden. Für das Verhältnis zwischen
gen noch im vergangenen Jahr auf dem afri- Problem. Da kommen neue Staatseinnahmen Mali und der internationalen Gemeinschaft
kanischen Kontinent die Energiewende be- sehr gelegen. »Wir verwandeln uns sicher stellt die Entscheidung eine Zäsur dar: Frank-
schworen. Macky Sall hielt stets dagegen. Auf nicht in Katar oder die Emirate, aber Gas und reich hatte von 2013 an Soldaten entsandt,
der Uno-Generalversammlung forderte er: Öl können die Entwicklung des Senegal um der Regierung in Bamako im Kampf gegen
»Der Kontinent, der am wenigstens zur enorm vorantreiben«, sagt Petrosen-Chef Ty. islamistische Terroristen zu helfen. Im Rah-
Verschmutzung beiträgt und in der Indus- Gerade haben Deutschland und Frankreich men der Antiterroroperation »Barkhane«
trialisierung am weitesten hinterherhinkt, ein Abkommen zum Ausbau regenerativer stationierten sie bis zu 5100 Soldaten im
sollte seine natürlichen Ressourcen ausbeu- Energien mit dem Senegal unterzeichnet. Es Sahel. Die Uno setzte für Mali die Friedens-
ten.« Schließlich habe Europa das vor Jahr- geht um mehr als zwei Milliarden Euro, fos- mission Minusma auf, 2013 zunächst mit
zehnten auch getan. Nun wollen die europäi- sile Brennstoffe sollen unter anderem durch einem Mandat über 12.600 Blauhelme.
schen Warner von damals am liebsten sofort Solarenergie ersetzt werden. Gas wird im Ab- Darunter auch Soldaten der Bundeswehr.
Gas aus dem Senegal beziehen. Not frisst kommen zwar als Übergangstechnologie be- Dennoch gelang es nicht, Mali zu stabili-
Energiewende. zeichnet, doch die Grünen haben sich durch- sieren. Immer größere Teile des Landes ge-
Petrosen-Chef Ly blickt vom schicken Ter- gesetzt, es soll nun doch kein deutsches rieten faktisch unter die Kontrolle der Dschi-
rou-Bi-Hotel in Dakar auf den Atlantik. Er Steuergeld in dessen Förderung fließen. Die hadisten. Teile des Militärs putschten 2020
will die Kritik der Fischer von Saint Louis Zurückhaltung hat ihren Preis: Der Westen und 2021 gegen die Regierung. Was sich nun
nicht gelten lassen. »Die Wut der Betroffenen könnte nun als Kunde für das Gas hintan- in Mali vollzieht, kommt einer Wachablösung
ist vor allem ein Kommunikationsproblem. stehen. Auf Europa wartet in Afrika schon gleich: Die Europäer gehen, die Russen kom-
Dort, wo die Gasplattform steht, waren nicht lange niemand mehr. men. Schon jetzt sind nach Schätzungen bis
einmal Fischgründe«, behauptet er. zu 1600 Söldner der Wagner-Gruppe in Mali
Doch der Unmut im Senegal ist groß, nicht Mali: Die Wachablösung stationiert, mit wachsendem Einfluss.
nur bei Moustapha Dieng und seinen Fischer- Wenige Monate vor seinem bislang größten Yerewolo-Anführer Meminta begrüßt die
kollegen. Das GTA-Projekt war von Anfang Sieg tritt der Anwalt und Aktivist Drissa Entwicklung. Nach Überzeugung europäi-
an von Korruptionsvorwürfen überschattet. Meminta an ein Rednerpult in einem Hof in scher Diplomaten wird seine Bewegung von
Die Sorge im Land ist groß, dass vom Geld- Bamako, der Hauptstadt Malis. Er trägt einen Geldern aus Russland mitfinanziert. »Jeder
kann hierherkommen und Geschäfte machen,
solange er die Souveränität, Unabhängigkeit
und die Interessen unseres Landes respek-
tiert«, sagt er.
Im Senegal fürchten Fischer den Gasboom. Bereits lange bevor die Wagner-Miliz
unter ihrem Anführer Jewgenij Prigoschin
Krieg in der Ukraine führte, diente sie dem
Kreml als Instrument, um dessen Einfluss in
Afrika auszuweiten. Wagner-Söldner stehen
in Libyen an der Seite des Warlords Khalifa
Haftar. Im Sudan betreiben sie gemeinsam
mit dem Kriegsherrn Hemeti Goldminen.
Insgesamt ist das Wagner-Netzwerk in min-
destens einem Dutzend afrikanische Staaten
aktiv. Kein anderer Staat unterhält derzeit so
viele bilaterale Militärabkommen mit Regie-
rungen des Kontinents wie Russland. Und
Carmen Abd Ali / DER SPIEGEL

kein anderes Land verkauft mehr Waffen


nach Subsahara-Afrika.
Zuletzt kündigte die russische Regierung
an, den Ausfall ukrainischer Getreidelieferun-
gen an afrikanische Länder auszugleichen –
ein Ausfall, der freilich deshalb drohen könn-

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 83


AUSLAND

zehn Bauaufträgen in Afrika an amerikani-


sche und europäische Firmen. Vor zehn Jah-
ren war es immerhin noch etwa jeder dritte,
2020 nur noch rund jeder zehnte. Chinesische
Firmen setzen inzwischen ein Drittel der In-
frastrukturprojekte um.
Auch die Türken sind in Afrika auf dem
Vormarsch. Seit Amtsantritt von Recep
Tayyip Erdoğan als Ministerpräsident 2003
hat sich das Handelsvolumen zwischen der
Türkei und afrikanischen Ländern auf
34,5 Milliarden Dollar im Jahr 2021 ungefähr
mehr als versechsfacht. Die Zahl der Bot-
schaften hat sich im selben Zeitraum auf
44 fast vervierfacht.
Ob die Türken in Tansania, die Russen in

Fritz Schaap / DER SPIEGEL


Mali oder die Chinesen in der Demokrati-
schen Republik Kongo – afrikanische Länder
orientieren sich um, und ein Grund dafür ist:
Im Westen hat man sich lange Zeit politisch
nicht groß für Afrika interessiert. Die USA
Eisenbahndirektor Kadogosa: »Es ist unsere Entscheidung, mit wem wir zusammenarbeiten«
haben Entwicklungsprogramme gekürzt und
Truppen abgezogen. Der frühere Präsident
te, weil Russland aus dem bestehenden Ab- und Aufständische, erhalten im Gegenzug Donald Trump ließ den Posten des Afrika-
kommen ausgestiegen ist. Vize-Außenminis- Zugang zu Rohstoffen. Anders als die Euro- beauftragten im Außenministerium fast an-
ter Sergej Werschinin bekräftigte dieses päer stellen sie keine Fragen zu Demokratie derthalb Jahre lang unbesetzt. Angela Mer-
Versprechen kurz vor dem Afrikagipfel in oder Menschenrechten. kels Afrikabeauftragter sah sich indes mit
Sankt Petersburg diese Woche. Für Wagner wiederum sei das Engage- Rassismusvorwürfen konfrontiert.
Moskau verbreitet die Propaganda, dass ment in Afrika vor allem ein PR-Sieg, sagt In dieser Zeit sind die anderen Staaten,
es die ehemaligen Kolonialmächte wie Frank- Samuel Ramani von der britischen Denk- insbesondere China, vorbeigezogen. Von
reich seien, die den Kontinent ausbeuteten, fabrik Rusi. »Sie sind sehr gut darin, Auto- 2000 bis 2020 haben chinesische Geldgeber
während man selbst eine Partnerschaft auf kratien zu fördern und Russland als Marke 160 Milliarden Dollar an afrikanische Regie-
Augenhöhe anstrebe. auf dem Kontinent zu bewerben. Sie sind rungen verliehen, zwei Drittel davon flossen
Tatsächlich sagen europäische Diplomaten nicht besonders erfolgreich im Kampf gegen in Infrastrukturprojekte. In den vergangenen
in Bamako, dass EU-Aufträge im Land angeb- den Terror.« Jahren setzte Peking dann mehr auf Direkt-
lich gezielt französischen Unternehmen zu- investitionen und Handel statt auf Kredite.
geschanzt worden seien. Frankreich wieder- Tansania: Ungleiches Rennen Russlands Krieg gegen die Ukraine, die
um habe den malischen Streitkräften mangel- In Daressalam, dem Regierungssitz Tansa- Systemkonkurrenz zwischen China und den
haftes Material geliefert. Bei Angriffen des nias, liegen Vergangenheit und Zukunft nah USA, die gestiegene Nachfrage nach Rohstof-
französischen Militärs in Mali starben immer beieinander. Da ist das alte Bahnhofsgebäude, fen für die Energiewende – all das führt nun
wieder Zivilisten. Die Fehler wurden so gut erbaut von den deutschen Kolonialherren, zu einem Umdenken im Westen. Auch Afrika
wie nie aufgearbeitet. mit seinen verrutschten roten Dachschindeln. wird plötzlich als »geopolitischer Marktplatz«
Darüber, dass Russland selbst einen impe- Daneben ragt ein moderner Glasbau in den wahrgenommen, wie es der EU-Außenbeauf-
rialen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt Himmel, der neue Bahnhof, den eine türki- tragte Josep Borrell kürzlich formuliert hat.
und auf dem afrikanischen Kontinent meist sche Firma errichtet hat. Masanja Kadogosa Die EU will mit dem Global-Gateway-In-
ruchlos seine Interessen verfolgt, gibt es kei- steht auf dem noch leeren Bahnsteig und vestitionspaket Afrika-Europa eine Alterna-
ne große Debatte. schaut zufrieden in die Ferne. »Den Verkehr tive zur chinesischen Seidenstraße schaffen.
In der Zentralafrikanischen Republik etwa von der Straße auf die Schiene zu bringen Insgesamt sollen 150 Milliarden Dollar be-
ist es der Wagner-Miliz nach dem Rückzug wird das Leben der Menschen in Tansania sonders in Infrastruktur auf dem afrikanischen
der Franzosen gelungen, den Staat in Teilen verbessern«, sagt er. Kontinent fließen. Straßen, Häfen und Strom-
zu unterwandern. Sie sollen Rohstoffe wie Kadogosa steht als Direktor der tansani- leitungen, Internetkabel und Solarparks sollen
Gold und Holz geplündert haben. Das Inves- schen Eisenbahngesellschaft einem der derzeit die Wirtschaft von Entwicklungs- und Schwel-
tigativportal »The Sentry« wirft ihnen Kriegs- größten afrikanischen Infrastrukturprojekte lenländern voranbringen – und zugleich Euro-
verbrechen vor. Wagner-Söldner sollen Dör- vor. Die Tanzania Standard Gauge Railway, pa zu neuem Einfluss verhelfen. Die USA
fer ausgelöscht, deren Bewohnerinnen und kurz SGR, soll künftig Tansania mit Ruanda, kündigten an, Entwicklungsländern in den
Bewohner vergewaltigt, gefoltert und ermor- Uganda, Burundi und dem Kongo verbinden. kommenden fünf Jahren 200 Milliarden Dol-
det haben. Zehn Milliarden Dollar sollen investiert wer- lar in Form von Zuschüssen, Finanzhilfen und
Ein Berater des Präsidenten der Zentral- den. Fertiggestellt wird die Trasse von türki- Investitionen zur Verfügung zu stellen.
afrikanischen Republik erklärte offen, warum schen und chinesischen Firmen. Die tansani- Fonteh Akum vom Institute for Security
die Regierung mit Wagner zusammenarbeite: schen Auftraggeber haben mehrmals die Part- Studies in Südafrika bezweifelt, dass das al-
»Wir wollen unsere Gegner komplett aus- ner gewechselt, um ein besseres Angebot lein ausreicht, um den Boden wiedergutzu-
löschen. Wir wollen keine Gefangenen. Wir rauszuholen: »Es ist unsere Entscheidung, mit machen, den die Europäer an andere Akteu-
wollen es so brutal wie möglich.« wem wir zusammenarbeiten. Wir wissen ge- re verloren haben. Sie müssten ihre afrikani-
Für viele afrikanische Despoten sind die nau, was wir wollen. Und das macht uns mitt- schen Gesprächspartner davon überzeugen,
Wagner-Söldner, deren »Engagement« in Af- lerweile auch wählerisch«, sagt Kadagosa. dass ihnen an einer gleichberechtigten Part-
rika ungeachtet der Meuterei ihres Chefs Jew- Die SGR ist Symbol für die neuen Kräfte- nerschaft gelegen ist – und nicht nur daran,
genij Prigoschin weitergeht, ein bequemer verhältnisse auf dem Kontinent: Vor gut drei Konkurrenten auszustechen.
Partner: Sie helfen gegen politische Gegner Jahrzehnten gingen noch mehr als acht von Heiner Hoffmann, Maximilian Popp, Fritz Schaap n

84 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


AUSLAND

Im Kampf mit dem inneren Feind


UKRAINE Eine Rehaklinik in Kiew versucht Soldaten mit Kriegstraumata binnen drei Wochen wieder fit zu
machen – für die Rückkehr in den Krieg. Einer von ihnen ist Serhij Borissowitsch. Von Lina Verschwele

itten am Tag schläft Serhij »Du wirst ruhig, deine Anspan- In der Armee trägt Serhij seinen
M Borissowitsch ein, und das nung fällt ab, ein Gefühl der Behag-
ist ein Erfolg. In seinem lichkeit breitet sich aus.« Die meisten
Arztbogen hat er angekreuzt, dass er Männer versuchen es, sie haben die
Vatersnamen zugleich als Kampf-
namen, Borissowitsch, als Zeichen
des Respekts. Bis kurz vor seiner
sich manchmal vor dem Einschlafen Augen geschlossen, einem läuft ein Ankunft im Rehazentrum kämpfte er
fürchtet, wegen der Albträume. Zucken über das Gesicht. Manche tra- in Bachmut, in einer der bisher ver-
Serhij Borissowitsch nimmt Anti- gen Uniform wie Serhij Borissowitsch, heerendsten Schlachten des Krieges.
depressiva, nachts schläft er oft nur andere Jogginganzug, die Schlappen Von 44 Leuten in seiner Einheit
vier Stunden. ordentlich neben sich aufgestellt. kehrten nur 10 unversehrt zurück,
Jetzt aber liegt der 51-Jährige mit Eine Stunde dauert die Übung, sagt er. Die anderen seien verletzt,
dem grauen Dreitagebart ganz ruhig dann holt der Therapeut die Soldaten vermisst, getötet. Serhij Borisso-
auf einem Sitzsack, die Fleecedecke mit langsamen Worten zurück in witsch blieb am Leben – ein Zufall,
über die Uniform gezogen. Nicht die Wirklichkeit, nach Lissowa Polja- der ihn quält.
mal der Schnarcher von gegenüber na, eine Rehaklinik in Kiew. Zurück Bei seiner Diagnose stellte ein Psy-
lässt ihn hochschrecken. Draußen in den Krieg. Die meisten stehen chologe eine »mittelschwere Anpas-
zwitschern Vögel, drinnen spricht auf und bedanken sich. Serhij Boris- Patient Borisso- sungsstörung mit fortschreitender
witsch an einer
eine ruhige Stimme zu den zehn sowitsch bleibt liegen. Er braucht Pferdekoppel: »Man
PTBS« fest, das brachte Serhij Boris-
Soldaten, die mit ihm in einem noch einen Moment, um wieder auf- passt sich an, oder sowitsch hierher. Er ist einer von Tau-
Kreis liegen. zuwachen. man geht kaputt« senden ukrainischen Soldaten, die
aus dem Krieg eine posttraumatische
Belastungsstörung davongetragen ha-
ben. Neben Schlafmangel leidet er
unter Angstzuständen, Reizbarkeit
und Gedächtnislücken, so die Dia-
gnose. Seine Tochter lebt in der Slo-
wakei, im Gespräch verwechselt er
das Nachbarland mit dem Balkan-
staat Slowenien. An anderes jedoch
erinnert er sich vielleicht zu gut.
Von seinen Erfahrungen im Krieg
spricht er ganz ruhig, als wollte er
niemanden verschrecken. Er kann
ausdrücken, was anderen schwerfällt.
Nur manchmal kommt er ganz leicht
ins Stottern.
»Das erste Mal war es eine Mörser-
granate, die mich beinah tötete. Sie
sprengte die Böschung unseres Schüt-
zengrabens und pustete mich weg, ich
wurde verschüttet.« Etwa zehn Mi-
nuten lag er bewusstlos unter der
Erde, sagen Kameraden, die ihn fan-
den. Serhij Borissowitsch kam mit
einer Gehirnerschütterung davon.
Das zweite Mal sei eine Granate
knapp neben ihm hinter einem Baum
explodiert.
Unter Soldaten gelten die ersten
Fedir Petrov / DER SPIEGEL

drei Tage als Bewährungsprobe. Wer


sie übersteht, habe eine Chance, an
der Front klarzukommen. »Drei Tage
lang steht die Zeit still«, sagt Serhij
Borissowitsch. Dann beginne sie zu
rasen. »Man passt sich an, auch wenn

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 85


AUSLAND

Fedir Petrov / DER SPIEGEL

Fedir Petrov / DER SPIEGEL


Rehazentrum Lissowa Poljana, Klinikleiterin Wosnizyna: Hier macht niemand Urlaub

man sich nie an den Tod neben sich gewöhnt. im Mai jede Tischtennisplatte belegt, von der Das Team in Lissowa Poljana kann deshalb
Man passt sich an. Oder man geht kaputt.« Decke baumeln Hängematten. für die Psyche nur Erste Hilfe leisten.
In Bachmut aber seien die Dinge »völlig Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass In ihrem Büro erklären Klinikleiterin
aus dem Ruder gelaufen«. Er erinnert sich an hier niemand Urlaub macht. Über die Flure Ksenija Wosnizyna und Psychologin Tetjana
den Häuserkampf, an Tiere, die niemand schreiten Soldaten mit breitem Kreuz, als Sirenko, was das bedeutet: Läuft es gut,
mehr versorgte, Leichen, die niemand barg, wären sie immer noch im Einsatz. Andere können die verschiedenen Therapien den
an ständigen Beschuss und Feuer. »Einmal sitzen auf Stühlen und starren ins Leere. Patienten stabilisieren. Dann macht er mit,
kamen wir in ein Haus, darin lag eine Frau, »Ruhm den Helden« hat jemand in großen lässt körperliche Schmerzen in Physiothera-
über 70, ohne Beine. Ihr Sohn war seit etwa Buchstaben an die Wand gemalt. In Lissowa pien behandeln, bespricht mit der Psycho-
einem Monat verschwunden. Es gab kein Poljana lernen Männer, auf Krücken zu lau- therapeutin, wie er Angst und Wut besser in
Wasser mehr, also hatte sie den Saft aus To- fen, manche haben ein Bein verloren, ande- den Griff bekommt, lernt mit Autosuggestion,
matendosen getrunken und nur deshalb über- re eine Hand, ein Auge. Wer körperlich un- ein Stück weit zu entspannen. Dann erinnert
lebt. Als wir kamen, sagte sie uns: ›Erschießt versehrt ist, leidet unter den psychischen er sich an der Front an die Atemübungen,
mich.‹ Das hat mich sehr getroffen.« Seine Folgen des Krieges. Auf Geheiß der Militär- die helfen sollen, auch das Schlimmste zu
Einheit habe die Frau nicht evakuieren kön- ärzte sollen sich Soldaten hier zwei bis drei ertragen.
nen und schließlich zurückgelassen. Wochen lang erholen. Dann müssen die Läuft es schlecht, kommt ein Patient mit
In zwei Wochen Bachmut seien aus seiner meisten zurück an die Front. Selbstmordgedanken und blockt ab, schließt
Einheit so viele Soldaten gestorben wie in der Seit 1988 wird in Lissowa Poljana thera- sich »aus Versehen« in der Toilette ein, sagt
gesamten Kriegszeit davor. Im Chaos wisse piert, das Rehazentrum ist eines der wenigen in der Kunsttherapie, er könne nicht malen.
man oft nicht, wer tot und wer verschollen ist. in der Ukraine, die sich ganz auf Soldaten Dann hat ein PTBS-Patient an der Front spä-
In Lissowa Poljana kämpfen viele der spezialisiert haben. Mit Geldern des Gesund- ter vielleicht eine Panikattacke und gefährdet
Überlebenden nun mit Schuldkomplexen. Bis heitsministeriums betreuen rund 55 Ärzte damit auch seine Kameraden.
zu 30 Prozent aller Soldaten entwickeln welt- und Therapeuten die bis zu 220 Patienten, Wosnizyna und Sirenko müssen Menschen
weiten Schätzungen zufolge irgendwann in kombinieren etablierte mit innovativen erst aufbauen, um sie dann in den möglichen
ihrem Leben eine posttraumatische Belas- Methoden. Kamen früher ukrainische Afgha- Tod zu entlassen.
tungsstörung, kurz PTBS. Konkrete Zahlen nistanveteranen, sind es seit 2014 Kämpfer »Das ist schwer«, sagt Wosnizyna.
für die Ukraine gibt es noch nicht. Klar ist, aus dem Krieg im eigenen Land. »Das Schwerste an unserem Beruf«, er-
dass das Land vor massiven Problemen steht: Die Therapeuten stellt das vor eine un- gänzt Sirenko und wendet den Blick ab. Oft
Laut einer Langzeitstudie steigt das Selbst- lösbare Aufgabe. Um Traumata zu behandeln, beendet eine den Satz der anderen, wie um
mordrisiko durch eine PTBS um ein Vier- bräuchte es Monate, Jahre – Zeit, die der Zeit zu sparen. Nach dem Gespräch hastet
faches. Menschen mit posttraumatischer Be- Ukraine fehlt. Von Soldaten wie Serhij Sirenko über die Flure. »Wir müssen arbei-
lastungsstörung lassen sich häufiger scheiden, Borissowitsch hängt ab, ob Millionen Ukrainer ten«, ruft sie, bevor man weitere Fragen stel-
erkranken öfter an Alkoholismus. Wer im fliehen müssen oder in ihrer Heimat bleiben. len kann. In der Halle spielen Männer weiter
Krieg sein Leben riskiert, leidet daran oft Ihr Erfolg entscheidet über die Existenz des Tischtennis, das Klicken der Bälle klingt jetzt
noch lange danach. Viele Betroffene ent- Landes. wie ein Countdown.
wickeln eine sogenannte Hypervigilanz: Sie Von 8 Uhr morgens bis 22 Uhr abends sind
fühlen sich permanent bedroht, selbst, wenn die Tage der Patienten geregelt, dann ist
sie längst in Sicherheit sind. Nachtruhe. Serhij Borissowitsch holt sein Re-
In Kliniken wie Lissowa Poljana soll sich ha-Tagebuch raus, das er in der Klinik be-
das ändern: Auf den ersten Blick könnte man kommen hat. Es beginnt mit einem Mut-
die Anlage für ein Feriencamp halten. Sonne »Wir können sie nicht macher: »Folgen Sie dem Rat Ihres Arztes,
fällt durch die Kronen der Kiefern, jedes Zim- aus ihrem Kampfzustand und alles wird 450!« 4.5.0, Militärcode für
mer hat einen eigenen Balkon, im Kiosk gibt »alles in Ordnung«.
es Pralinen und Kaffeespezialitäten. In der herausholen.« Nicht alle Soldaten in Lissowa Poljana
hellen Eingangshalle ist an jenem Vormittag Ksenija Wosnizyna glauben daran. »Uns hilft kein Psychiater

86 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


AUSLAND

mehr«, sagt einer, der mit Borisso- doch nur über den Krieg. »Ihr kann »Wir sind aus Dann redet er wieder über den
witsch in Bachmut war. Sie stehen ich sagen, was ich sonst niemandem Krieg. Er fragt sich, was werden soll,
jetzt draußen in der Sonne, sprechen erzählen kann«, meint Serhij Boris- dem Leben wenn der noch fünf oder gar zehn Jah-
über einen Offizier, der eine Stel- sowitsch. gefallen, und re dauert. Im Krieg, sagt er, seien die
lung drei Stunden lang allein vertei- In den wenigen Stunden ihrer Sit- jetzt suchen Dinge klar, gut, böse, alles geregelt.
digen konnte. Andere zeigen selbst zungen soll Jemzeva gelingen, seine Jetzt hätten sich die Bezugspunkte
gedrehte Videos aus Bachmut auf Sicht auf die Dinge zu ändern – ins wir nach völlig verschoben. »Ich bin aus dem
ihren Handys: Gewehrsalven, Mär- positivere. Sie stützt sich damit auf unserem Leben gefallen. Wir alle hier, und jetzt
sche durch die zerschossene Stadt. die kognitive Verhaltenstherapie. Für suchen wir nach unserem Platz.«
Ein Klick, und sie sind zurück. »Wir Kriegserfahrungen gilt dabei im Prin-
Platz.« Bis zum April 2022 arbeitete Ser-
können sie nicht aus ihrem Kampf- zip dasselbe wie für eine Midlife-Cri- Serhij Borissowitsch hij Borissowitsch als Jurist für ein
zustand herausholen«, sagt Klinik- sis: Geschehenes zu akzeptieren, ab- Bauunternehmen in Kiew. Dann mel-
leiterin Wosnizyna. zuschließen. Noch Wochen später dete er sich freiwillig bei der Armee.
Um für den nächsten Einsatz fit zu wiederholt Serhij Borissowitsch sei- Er habe etwas bewegen wollen. Seine
bleiben, hat Serhij Borissowitsch am nen Vorsatz: »Wenn heute ein Tochter sammelte Spenden, um sei-
Morgen noch im Sportsaal Gewichte schlechter Tag war, kann morgen ner Einheit ein Auto zu kaufen: 6000
gestemmt. Morgens und abends trotzdem ein guter sein.« Euro kamen zusammen, ein weißer
schaut er auf YouTube Berichte zum Hanna Jemzewa ist von diesem VW-Caddy wurde olivgrün lackiert.
Kriegsverlauf. »Auch wenn das natür- Anspruch manchmal selbst überfor- Mit dem Wagen pendelt Serhij Bo-
lich nicht unbedingt auf positive Ge- dert. Anderswo können Psychologen rissowitsch seither zwischen den bei-
danken bringt«, gibt er zu. nach Feierabend abschalten, in Kiew den Welten. Am frühen Freitagabend
Im ersten Stock gäbe es sie viel- ist in dieser Nacht wie so oft Luft- steigt er ein und fährt nach Kiew. Er
leicht, dort könnte Serhij Borisso- alarm. Auch ihr Bruder ist bei der könnte die Tür aufschließen und sein
witsch sich jetzt über eine Virtual- Armee. altes Leben weiterleben, jedenfalls
Reality-Brille in einem Aquarium Serhij Borissowitsch hat sie auf- ein Wochenende lang. Mit Freunden
zwischen pinkfarbenen Medusen getragen, ein paar Tage zu überlegen, ins Kino gehen, das halbwegs sichere
treiben lassen oder am prasselnden wie sein Leben als Zivilist aussehen Leben genießen, das er an der Front
Kamin neben einem Weihnachts- könnte. Noch hat er keine Idee. ja verteidigt. Aber so recht gelingt
baum sitzen. Eine Therapeutin führt Mit den Reportern tigert er jetzt ihm das nicht. Er sagt, er finde es gut,
durch Traumreisen. Serhij Borisso- durchs Haus, vielleicht aus Höflich- dass andere das tun. Und ärgert sich
witsch findet das gut, nur sei er selbst keit, vielleicht aus Unruhe. Er tritt auf dann doch. »Würde man die Autos
dafür schon zu alt. Nach der ersten den Balkon vor seinem Zimmer und auf dem Chreschtschatyk verkaufen,
Woche in Lissowa Poljana sind viele lässt den Wald kurz auf sich wirken. Soldat Borisso- könnte man zwei Armeen bezahlen«,
Seiten in seinem Reha-Tagebuch Dann läuft er weiter, zur Kantine, witsch: Neben sagt er über die Kiewer Hauptstraße.
noch leer. dreimal am Tag gibt es hier Essen, Schlafmangel leidet Überhaupt rege er sich jetzt
Viermal sind während seiner Reha später zur Koppel mit den beiden er unter Angstzu­ schneller auf. »Ich bin zurück, aber
ständen, Reizbarkeit
Sitzungen mit einer Psychotherapeu- Ponys. Er streicht dem Braunen durch und Gedächtnis­ als ein anderer.« Früher mochte er
tin angesetzt. Hanna Jemzewa ist die Mähne, lacht, als das Pony an sei- lücken, so die Actionfilme, jetzt hat er »Operation
33, in ihrem Behandlungszimmer sor- ner Nase schnuppert. Diagnose Fortune« nicht zu Ende geschaut,
gen Orchideen für Gemütlichkeit, darin wird ständig geschossen. »Zu
vom Sessel aus fällt der Blick auf den stressig«, sagt Borissowitsch. Mit
Wald vorm Fenster. manchen Freunden spricht er nicht
Bis vor Kurzem hat Jemzewa noch mehr, weil ihnen der Krieg gleich-
Veteranen in einer Psychiatrie thera- gültig geworden sei.
piert: »Das war etwas ganz anderes.« Das Wochenende verbringt er nun
Auf ihrem Tisch liegen Assoziations- auf seiner Datscha, mit seiner Freun-
karten mit Zeichnungen: ein Hund, din und den Hunden. »Da ist immer
der am blutbesprenkelten Ärmel etwas zu tun, das ist ein Kosmos für
eines Soldaten riecht, Fallschirmjäger sich«, sagt Serhij Borissowitsch. Eine
beim Sturz in die Tiefe oder ein Sol- dritte Welt, abseits der anderen zwei.
dat mit hängenden Schultern, der Einige Wochen nach der Reha er-
einer älteren Frau einen Brief über- reicht man ihn am Telefon. Er ist zu-
reicht. rück im Dienst – aber immer noch im
In der Traumatherapie können die Kiewer Oblast. Die Armee hat ihn
Karten helfen, um im geschützten versetzt, er arbeitet nun im Planungs-
Raum über das Erlebte zu sprechen stab. Serhij Borissowitsch erzählt,
und ihm so den Schrecken zu nehmen. dass er jetzt besser schlafe, manchmal
Jetzt weiß Jemzeva nicht, ob sie die sechs Stunden pro Nacht, und dass er
Karten einsetzen kann – um Trauma- oft an den Rat seiner Therapeutin
ta zu bearbeiten, fehlt ihr die Zeit. denke. Er könnte erleichtert sein.
In ihren Sitzungen sucht Jemzewa Stattdessen fühlt er sich fehl am Platz.
mit den Soldaten nun nach Erinne- »Ich bin doch zum Kämpfen in die
Fedir Petrov / DER SPIEGEL

rungen, die den Krieg für einen Mo- Armee gegangen.« Seine alte Einheit
ment verdrängen. Wie Postkarten kämpfe nun wieder bei Bachmut.
aus einer guten Zeit. Manchmal ge- Mitarbeit: Fedir Petrov n
hen sie dafür raus an den Teich im
Park, damit den Patienten dazu mehr Lesen Sie auch ‣ Hilft Sport bei
einfällt. Und manchmal reden sie posttraumatischen Belastungsstörungen? | 91

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 87


AUSLAND

Papst Franziskus, Präsident


tischen Vorstoß im Krieg Russlands
Selenskyj am 13. Mai im Vatikan gegen die Ukraine?
Politi: Franziskus empfindet das als
eine Pflicht. Der Vatikan kann nicht
tatenlos dabei zuschauen, wie die
Ukraine in den Ruin getrieben wird
und sich die internationale Situation
massiv verschlechtert. Dem Heiligen
Stuhl ist klar: Wir haben es mit einem
hybriden Krieg zwischen der Nato
und Russland zu tun. Einem Macht-
spiel zwischen den Blöcken ein-
schließlich der Gefahr des Einsatzes
von Nuklearwaffen. Der Papst weiß,
dass der Angriffskrieg der Russen Er-
nährungs-, Energie- und Wirtschafts-
krisen mit sich bringt und damit der
Frieden weltweit bedroht ist.
SPIEGEL: Steht der Heilige Stuhl klar
aufseiten der Ukraine?
Politi: Der Vatikan ist traditionell
überparteilich. Franziskus steht
einer Weltkirche vor, er hat eine glo-

ABACA PRESS / IMAGO


bale Perspektive auf strategische
Konflikte. Und er hat ein gutes Ge-
spür für das Aufkommen neuer Pro-
tagonisten. Deshalb ist er davon
überzeugt, dass die Stimmen des
Globalen Südens im Krieg gegen die
Ukraine gehört werden müssen. Be-
völkerungsreiche Länder wie Indien,
Pakistan und Indonesien, aber auch
Brasilien, Südafrika oder Saudi-Ara-

»Der Dialog muss bien wollen weder für Wladimir Pu-


tin noch für den Westen Partei er-
greifen. Und Franziskus hat verstan-

stattfinden, auch wenn den, dass über die Welt nicht mehr
nur in der nördlichen Hemisphäre
entschieden wird.

er manchmal stinkt« SPIEGEL: Welche Konsequenzen zieht


er daraus?
Politi: Der Papst glaubt an ein »Hel-
sinki 2«, eine Neubelebung der weg-
DIPLOMATIE Der Papst will im Krieg Russlands gegen die Ukraine vermitteln. Ist weisenden KSZE-Sicherheitskon-
ferenz in Finnland in den Siebziger-
es naiv zu glauben, er könnte die verhärteten Fronten aufweichen? Wird er über- jahren. Damals verständigten sich
haupt gehört? Vatikaninsider Marco Politi über große Ziele und kleine Etappen. Nato, Warschauer Pakt und neutrale
Staaten auf einen Annäherungsprozess
im Kalten Krieg. Heute sollte dies laut
rieg oder Frieden – diese Frage Wolodymyr Selenskyj in Kiew be- Franziskus auf Weltebene geschehen,
K hat für Papst Franziskus der-
zeit oberste Priorität: Kaum
hatte er nach einer schweren Bauch-
sucht, Ende des Monats traf er den
Patriarchen Kirill in Moskau, diese
Woche sprach er mit US-Präsident
unter Beteiligung des Globalen Sü-
dens. Er will über die westliche Per-
spektive hinaus, in Richtung eines mul-
operation das Krankenhaus verlassen, Joe Biden. Es ist wenig bekannt über tipolaren Denkens. Das gefällt der
Josef Wallner / Oberösterreichische Kirchenzeitung

ließ er den Metropoliten Antonius den Inhalt der Gespräche, und man Ukraine nicht.
von Wolokolamsk zu sich kommen. fragt sich: Was kann der Vatikan über- SPIEGEL: Verständlich – als Angegrif-
Der Privatsekretär des Patriarchen haupt bewirken? Wie gut ist er ver- fene sucht die Ukraine Alliierte, keine
Kirill I. ist »Außenminister« der netzt? Und wird er von den Kriegs- Vermittler. Dem Papst wurde vorge-
russisch-orthodoxen Kirche und in parteien ernst genommen? worfen, er agiere im Sinne Russlands.
Moskauer Regierungskreisen gut ver- »Franziskus’ Gesandter kann damit Politi: Franziskus ist innerhalb Europas
netzt. Es ging um die diplomatische umgehen, wenn beide Seiten einander isoliert mit seiner überparteilichen
Mission des Vatikans – Franziskus total hassen«, sagt Vatikanexperte Haltung. In der EU wollen die meisten
will im Angriffskrieg Russlands gegen Politi, 76, der seit 50 Jahren die Kurie Regierungen den Krieg so lange fort-
die Ukraine vermitteln. beobachtet, fünf Päpste begleitet hat führen, bis Russland sich zurückzieht.
Als päpstlicher Gesandter fungiert und sechs Jahre lang Korrespondent Der Papst befürchtet aber, dass Länder
der Chef der italienischen Bischofs- Journalist Politi: »Der
in Moskau war. wie Polen oder die baltischen Staaten
konferenz, Kardinal Matteo Zuppi. Vatikan ist traditionell SPIEGEL: Herr Politi, was verspricht so von historisch bedingtem Hass ge-
Der hatte Anfang Juni Präsident überparteilich« sich der Papst von seinem diploma- trieben sein könnten, dass sie sich

88 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


AUSLAND

einen totalen Zusammenbruch der Russischen SPIEGEL: Allerdings scheint der russische Prä- ritoriale Integrität der Ukraine garantieren.
Föderation erhoffen. sident Putin bisher kein persönliches Treffen Was soll mit den eroberten und umkämpften
SPIEGEL: Präsident Selenskyjs erstes Treffen mit dem Papstgesandten zu wollen. Regionen geschehen?
mit dem Papstgesandten wirkte eher wie eine Politi: Moskau hat sich prinzipiell offen für Politi: Russland behält die De-facto-Kontrolle
Pflichtveranstaltung. Welche diplomatische eine Vermittlung durch den Vatikan gezeigt. über die Krim noch für einige Jahre, der Kon-
Relevanz hat der Vatikan überhaupt für die Die Tür ist nicht zu, sie ist angelehnt. flikt wird eingefroren, bis beide Seiten in den
Ukraine? SPIEGEL: Obwohl der Papst den mutmaß- Dialog treten. Die Regionen Luhansk und
Politi: Selenskyj sagt ganz klar, dass ein Frie- lichen ehemaligen KGB-Agenten und Kriegs- Donezk werden autonom innerhalb der Ukra-
den nur unter Einhaltung der ukrainischen befürworter Kirill als »Messdiener Putins« ine. Vorbild könnte die autonome Provinz
Bedingungen zu haben ist. Bei seiner Papst- bezeichnet hat? Südtirol sein, wo es in den Sechzigerjahren
audienz Mitte Mai im Vatikan wirkte er zwar Politi: Franziskus hat kein Verständnis für re- gelang, den Streit zwischen Österreich und
anfangs noch etwas schüchtern. Aber dann gierungstreue Staatskleriker. Er will auch Italien über die Uno zu internationalisieren
setzte er sich hin, schlug ein Notizheft auf und selbst kein »Militärkaplan des Westens« sein, und in den Griff zu kriegen.
stellte Forderungen – fast so, als würde ein wie es einige gern hätten. SPIEGEL: Und wer soll für die gigantischen
Vermieter Geld eintreiben. Allerdings hat der SPIEGEL: Wie gut sind eigentlich die diploma- Schäden aufkommen, die der Angriffskrieg
Vatikan wenig Interesse daran, sich instru- tischen Kanäle des Vatikans zum Kreml? Russlands verursacht hat?
mentalisieren zu lassen. Politi: Der Vatikan hat trotz der schwierigen Politi: Der Plan sieht einen multilateralen
SPIEGEL: Aber genau das werfen Kritiker dem Situation noch immer gute Verbindungen zum Wiederaufbaufonds für die Ukraine vor, an
Vatikan vor: Er schicke seinen Gesandten zum Moskauer Patriarchat und zur russischen Re- dem Moskau sich finanziell beteiligen muss.
regierungstreuen russisch-orthodoxen Patriar- gierung. Franziskus hielt große Stücke auf den Allerdings würden dann auch die westlichen
chen Kirill I. und lasse sogar ein Treffen mit ehemaligen russischen Botschafter am Heili- Sanktionen schrittweise und parallel zum Ab-
der Kinderrechtsbeauftragten Marija Lwowa- gen Stuhl, Alexander Awdejew. Er lobte ihn zug der russischen Truppen und Waffen aus
Belowa zu, gegen die der Internationale Straf- als einen »ernsthaften, gebildeten und aus- der Ukraine aufgehoben werden. Russland
gerichtshof in Den Haag Haftbefehl wegen der geglichenen Menschen«. Allerdings wurde und die Ukraine erhielten Zugang zu Schwarz-
Verschleppung ukrainischer Kinder ausgestellt Awdejew abberufen. meerhäfen, um Handel treiben zu können.
hat. Muss man sich mit Kriegsverbrechern zu- SPIEGEL: Nachfolger ist Iwan Soltanowski, der SPIEGEL: Ein recht ausgefeilter Plan, der aber
sammensetzen, um Frieden zu schaffen? mal stellvertretender Botschafter bei der Nato wohl nie umgesetzt werden wird, oder?
Politi: »Der Dialog muss stattfinden, auch in Brüssel war. Ab 2015 vertrat er sein Land Politi: Der Entwurf zeigt immerhin, wie kon-
wenn er manchmal stinkt«, ist Franziskus’ im Europarat – bis das Gremium Russland kret und realistisch der Vatikan in Krisen-
Devise. Und Kardinal Staatssekretär Pietro wegen des Angriffs auf die Ukraine aus dem zeiten denken kann.
Parolin hat öffentlich klargestellt, dass Kon- Rat verbannte. Was ist von ihm zu erwarten? SPIEGEL: Wie stehen reaktionäre und libera-
flikte nicht gelöst werden, indem man die Welt Politi: Es wird viel davon abhängen, wie er le Kräfte in der Kurie zum Krieg gegen die
in Gute und Böse aufteilt. sich für die Rückführung der verschleppten Ukraine?
SPIEGEL: Ist es nicht naiv vom Vatikan zu glau- ukrainischen Kinder einsetzt. Politi: Der Großteil der Kurie geht mit dem
ben, man könnte die durch schlimmste Kriegs- SPIEGEL: Hat der Vatikan einen konkreten Papst. Doch unter den Reformern gibt es auch
verbrechen verhärteten Fronten aufweichen? Friedensplan in der Schublade? Anhänger der Nato-Strategie, und im konser-
Politi: Die Diplomaten im Vatikan sind nicht Politi: Offiziell nicht. Allerdings hat Stefano vativen Lager schaut man nach Moskau als
größenwahnsinnig. Sie wissen genau, dass Zamagni, der ehemalige Präsident der Päpst- Bollwerk der Tradition. Mein Eindruck ist,
sie nur vermitteln können, wenn beide Kon- lichen Akademie der Sozialwissenschaften, dass sich die katholische Basis in Italien vor
fliktparteien das auch wünschen. Das ist im schon im September sieben Eckpunkte für allem einen Waffenstillstand wünscht, damit
Moment leider nicht der Fall. Es gab aber Friedensverhandlungen formuliert, die als endlich über Friedenslösungen gesprochen
Zeiten, in denen es funktioniert hat: 1962 Blaupause dienen könnten. werden kann.
konnte der Heilige Stuhl in der Kubakrise SPIEGEL: Laut diesem Siebenpunkteplan wür- SPIEGEL: Man hält also einen Frieden mit Pu-
vermitteln, weil Washington und Moskau das de die Ukraine neutral werden, auf eine Nato- tin für möglich?
wollten. Der Beagle-Konflikt zwischen Ar- Mitgliedschaft verzichten – aber ein konkre- Politi: Viele Militärbeobachter gehen davon
gentinien und Chile Ende der Siebzigerjahre tes Angebot für einen EU-Beitritt bekommen. aus, dass Russland diesen Krieg bereits ver-
konnte durch Intervention von Papst Johan- Die fünf ständigen Uno-Mitglieder des Sicher- loren hat. Die Truppen sind in einem mise-
nes Paul II. entschärft werden. Und Franzis- heitsrats – die USA, Russland, China, Groß- rablen Zustand, ebenso die Geheimdienste.
kus spielte 2014 eine zentrale Rolle bei der britannien und Frankreich –, die EU und die Moskaus Strategie und Taktik sind ungenü-
Annäherung zwischen Kuba und den USA. Türkei müssten die Souveränität und die ter- gend. Die Meuterei von Prigoschin hat Putins
SPIEGEL: Was ist das Minimum, das der Hei- Schwäche deutlich gezeigt. Vieles erinnert an
lige Stuhl derzeit in Sachen Ukraine erreichen den Russisch-Japanischen Krieg 1904/05, wo
kann? das so mächtige russische Kaiserreich plötz-
Politi: Er wird sich auf humanitäre Aktionen lich als Verlierer dastand. Diese Niederlage
konzentrieren – den Gefangenenaustausch hatte dramatische Folgen – kurz darauf kam
oder das Zurückholen von ukrainischen Kin- es zur Russischen Revolution.
dern, die nach Russland verschleppt wurden. SPIEGEL: Rechnen Sie mit erneuten massiven
SPIEGEL: Ist der päpstliche Gesandte, Kardinal gesellschaftlichen Umbrüchen?
Oleg Varov / Russian Or thodox Church / AP

Matteo Zuppi, dafür der richtige Mann? Politi: Der Krieg als solcher ist ein harter
Politi: Zuppi steht der italienischen Bischofs- Schlag für das postsowjetische Russland, des-
konferenz vor, die sehr engagiert ist in der sen moralischer Knochenbau schon vorher
humanitären Hilfe für die Ukraine. Er ist seit schwach war. Wir wissen nicht, was danach
Jahren Mitglied der Gemeinschaft Sant’Egi- kommt. Auch deshalb warnt Franziskus vor
dio, die für ihre gute soziale Arbeit und ihr einem westlichen Hurrapatriotismus mit be-
Friedensengagement bekannt ist. Anfang der dingungslosem Beistand für die Ukraine: Ein
Neunzigerjahre hat Zuppi in einem sehr fest- in die Knie gezwungenes Russland kann aus-
gefahrenen Krieg erfolgreich am Friedens- einanderbrechen – mit verheerenden Folgen.
abkommen von Mosambik mitgearbeitet. Patriarch Kirill I., Präsident Putin 2022 Interview: Annette Langer n

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 89


AUSLAND

Eifer in die rhetorische Schlacht gegen


ein angeblich allmächtiges linkes Es-
tablishment wie Trump – nur dass
DeSantis leider der Unterhaltungs-
wert des Ex-Präsidenten fehlt.
Noch dauert es mehr als fünf Mo-

Trump ohne Charisma nate bis zur ersten republikanischen


Vorwahl; der »Iowa Caucus« ist für
den 15. Januar angesetzt. Aber De-
Santis liegt schon jetzt so weit abge-
ANALYSE Floridas Gouverneur Ron DeSantis galt unter Republikanern als schlagen hinter Trump, dass der sich
klügere rechte Alternative zu Donald Trump. Das ist vorbei. Nun ist überlegt, ob er überhaupt Fernseh-
debatten mit seinen republikanischen
seine letzte Hoffnung für die Präsidentschaftskandidatur die US-Justiz. Konkurrenten bestreiten soll. Laut
dem Durchschnitt aller aktuellen Um-
fragen unterstützen derzeit 52 Pro-
ahrscheinlich lässt sich die zent der republikanischen Anhänger
W ganze Verzweiflung von Ron
DeSantis am ehesten mit
einem Video illustrieren, das seine
den Ex-Präsidenten, DeSantis ist zu-
letzt auf unter 20 Prozent abgerutscht.
Was für DeSantis mindestens ge-
Leute Ende Juni verbreitet hatten. In nauso beunruhigend sein dürfte, ist
ihm wird Donald Trump beschuldigt, das Thema Geld. Anfang der Woche
zu sehr aufseiten queerer Amerikaner sickerte durch, dass er ein Drittel
zu stehen. Als Beleg diente unter seiner Wahlkampfmannschaft feuert.
anderem, dass Trump vor Jahren in Sein Team war vor den Kürzungen
einem Interview gesagt hatte, eine fast doppelt so groß wie das von
trans Frau dürfe im New Yorker Trump. Nun aber scheinen republi-
Trump Tower die Damentoilette be- kanische Großspender, die anfangs
nutzen. ihre Taschen für den Gouverneur
Trump wurde schon alles Mögliche geöffnet hatten, die Geduld zu ver-
genannt: Lügner, Gauner, Betrüger. lieren.
Den Vorwurf, er sei ein verkappter Noch viel schädlicher für ihn ist,

Reba Saldanha / AP
Linker und hege Sympathien für die dass er keine echte Strategie gegen
LGBTQ-Community in den USA, hat Trump gefunden hat. Bei der letzten
ihm vor DeSantis noch keiner ge- Präsidentschaftswahl unterlag dieser
macht. Offenbar wurde die Absur- Joe Biden mit einem Abstand von
dität dieses Unterfangens auch dem mehr als sieben Millionen Stimmen.
DeSantis-Team bewusst – das Video wählt wurde, erschien er wie die idea- Gouverneur DeSantis Aber weil Trump das Märchen auf-
mit Ehefrau Casey
wurde schnell gelöscht. Der Gouver- le Alternative zu Trump: ein Konser- bei Parade zum rechterhält, er sei um den Wahlsieg
neur von Florida stand wieder einmal vativer, der effizient zu regieren weiß Unabhängigkeitstag betrogen worden, hat er bei der re-
ziemlich blamiert da. und der im Gegensatz zu Trump kein der USA publikanischen Basis nicht das Image
Vorwahlen in den USA sind immer Showman ist, sondern sich mit harter eines Verlierers. DeSantis wagt es
eine politische Achterbahnfahrt. Aber Arbeit nach oben gekämpft hat. Als nicht, Trump der Lüge zu bezichti-
selten hat ein Politiker einen solchen Sohn eines Fernsehinstallateurs gen, weil er Angst vor dessen Anhän-
Absturz hingelegt wie DeSantis. schaffte es der 44-Jährige nach Yale gern hat. Das erzeugt ein Paradox,
Noch vor wenigen Monaten galt der und machte anschließend seinen Jura- unter dem die ganze Kampagne von
44-Jährige vielen als das neue Gesicht abschluss an der Harvard Law School. DeSantis leidet: Denn warum braucht
der republikanischen Partei, als Seine Wiederwahl als Gouverneur es einen neuen Parteiführer, wenn der
»Trump mit Gehirn«, der im Gegen- schien zu bestätigen, dass er die Zu- alte Opfer einer linken Kabale wurde?
satz zum Ex-Präsidenten seine Bil- kunft der republikanischen Partei ist. Kurioserweise liegt im Moment
dung nicht aus dem Kabelfernsehen Denn während die von Trump geför- die größte Hoffnung für DeSantis in
bezieht. derten Kandidaten zeitgleich bei den einer Justiz, die er immer wieder als
Nun aber ist DeSantis zu einem Kongresswahlen reihenweise durch- parteiisch beschimpft. Trump steht
Kandidaten zusammengeschnurrt, fielen, holte DeSantis in Florida über- offenkundig vor seiner dritten An-
der vor allem durch seine unbedach- ragende 59,4 Prozent. klage, diesmal wegen seiner Verwick-
ten Auftritte auffällt, eine Art Fried- Seine Siegesrede enthielt im Grun- lung in den Sturm auf das US-Kapi-
rich Merz der USA. Zuletzt sorgte er de schon die Bewerbung für die Prä- tol. Zwei Strafverfahren laufen schon.
für Schlagzeilen, weil er öffentlich sidentschaftskandidatur. Er stand auf Es ist möglich, dass der Ex-Präsident
darüber nachdachte, Robert F. Ken- einer Bühne mit seiner Frau Casey, so tief im juristischen Morast ver-
nedy Jr. zum Chef der Arzneimittel- die zugleich seine engste Beraterin sinkt, dass die Republikaner alle
behörde FDA zu machen. Kennedy ist, und sagte: »Florida ist der Staat, Hoffnung fahren lassen, mit Trump
ist als Impfskeptiker bekannt und in dem Wokeness zugrunde gehen Die republika- noch einmal eine Wahl gewinnen zu
hegt eigentlich Ambitionen, demo- wird.« Aber in seinen Worten lag können. DeSantis wäre dann wohl
kratischer Präsidentschaftskandidat schon der Keim des Niedergangs. nischen Groß- der aussichtsreichste Ersatzkandi-
zu werden. DeSantis präsentierte sich nicht als spender verlie- dat – und Profiteur eines Rechtsstaa-
Als DeSantis im vergangenen Problemlöser, sondern als feuriger tes, den er mit aller Kraft zu unter-
November in einem Erdrutschsieg als Kulturkämpfer. In den folgenden Mo- ren die Geduld graben versucht.
Gouverneur von Florida wiederge- naten stürzte er sich mit ähnlichem mit DeSantis. René Pfister n

90 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


SPORT

Auf die weibliche Tour lä n g ste Eta p p e höch


pen Eta p p ster
Frauen und Männer Eta p enpu
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bei der Tour de Pre
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France 2023 e T o u eld
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Arne Mill / frontalvision / picture alliance


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2 0 9 km 2304 m
21
500
.00
0E
1 76 uro
1 7 7 km 2210
8 m
4 50 . Liane Lippert gewann
15 00
0E am Montag die zweite

38
km/h erreichten die Damen bei der
ur
o
Etappe der Tour de
France Femmes –
der erste Sieg einer
deutschen Fahrerin
bei diesem Rennen.
S Quellen: Le Tour, Tour de France 2022 im Durchschnitt,

Le Tour Femmes, während die Männer im Schnitt mit


Sportschau 42 km/h unterwegs waren.

Die Tour de France ist das bekannteste Radrennen der Welt. Seit dem vergangenen Jahr haben auch die Frauen offiziell eine eigene Tour –
die Tour de France Femmes. Obwohl sie nur etwa ein gutes Drittel der Streckenlänge der Männer absolvieren, gilt das Rennen als
das wichtigste der Saison. Die Niveauunterschiede im Peloton sind zwar deutlich größer als bei den Männern, was das Unfallrisiko erhöht.
Trotzdem ist das Rennen bei den Fans populär und zieht Millionen TV-Zuschauerinnen und -Zuschauer an.

GUT ZU WISSEN Wie wirksam die Sport- bung zur mentalen Gesundheit
therapie sein kann, hat zuletzt der Untersuchten, stellte sich
Hilft Sport bei posttrauma­ eine Studie von Psychologen
der australischen University
heraus: Jene, die zusätzlich
Sport getrieben hatten, wiesen
tischen Belastungsstörungen? of New South Wales bestätigt.
Die Wissenschaftler hatten
einen moderat geringeren
Schweregrad der PTBS-Sympto-
130 PTBS-Patientinnen- und me auf als jene, die sich lediglich
Ein Oberstabsgefreiter wird Behandelt wird die Krank- Patienten einer Psychotherapie gedehnt hatten.
bei einem Auslandseinsatz heit häufig mit Antidepressiva unterzogen, von denen Die Forschergruppe schluss-
mehrfach beschossen, verspürt in Kombination mit einer Psy- 65 im Anschluss 20 Minuten folgerte: Bewegung hilft bei der
Todesangst. Er leidet in der chotherapie. Bei der Bundes- auf dem Stepper trainierten, die Ausbildung neuer synaptischer
Folge an Schlafstörungen, fühlt wehr setzt man inzwischen übrigen Teilnehmer machten Verbindungen. Patienten lern-
sich rastlos, streitet öfter mit zusätzlich auf Sport als thera- Dehnübungen. Sechs Monate ten nach sportlicher Betätigung
seiner Freundin, in Menschen- peutisches Mittel. Weil sich später, bei einer erneuten Erhe- besser, dass assoziierte Reize
mengen bekommt er Panik- Körper und Psyche wechselsei- wie laute Geräusche oder grö-
attacken. Es sind typische tig beeinflussten, sagte Ober- ßere Menschenmengen keine
Symptome einer posttrauma- feldärztin Dörthe Lison in Gefahr darstellen.
tischen Belastungsstörung einem Interview mit den Veran- Allerdings habe der Nutzen
(PTBS). staltern der Invictus Games – des Sports bei PTBS-Erkrank-
6 bis 18 Prozent der Über- eines Wettkampfs für versehrte ten Grenzen, sagt Oberfeldärz-
lebenden von Verletzungen, Soldatinnen und Soldaten. tin Lison. So könne der Sport
Unfällen oder Kriegen ent- Sie hilft an der Sportschule der zu Überlastungsschäden füh-
wickeln PTBS. Wen es trifft, Bundeswehr in Warendorf Be- ren, wenn jemand dauerhaft
kann ein Leben lang darunter troffenen, zurück ins Leben über seine Grenzen hinaus
IMAGO

leiden; in Deutschland sind zu finden. Ein Leitsatz der Ein- trainiere. »Deshalb setzen wir
Frauen häufiger betroffen als richtung: Was den Körper Kugelstoßer bei Qualifikation für Sport wie ein dosiertes Me-
Männer. stärkt, kann die Seele lockern. Invictus Games dikament ein«, sagt Lison. MAF

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 91


SPORT

»Wenn du
den Ozean nicht
respektierst,
tötet er dich«
IDOLE Surfikone Laird Hamilton hat einige der höchsten Wellen der Welt
bezwungen und kam dem Tod sehr nahe. Heute stemmt
sich der 59-Jährige mit rigorosen Work-outs und Eisbädern gegen das
Alter. Mächtige Brecher jagt er immer noch. Was treibt ihn an?

Extremsportler Hamilton vor Tahiti

92 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


SPORT

ormalerweise wäre er heute um fünf sen und wäre von der Welle gesprungen, hät-

N Uhr aufgestanden. Er hätte die Kü-


che aufgeräumt und kalt geduscht.
Er hätte sich einen Latte gemacht
und geschaut, wie die Sonne über seinem
»Wenn morgen Schluss
wäre, könnte ich sagen:
Alles, was ich getan habe,
te ich das nicht überlebt.«
Die Jagd nach großen Wellen treibe ihn
nach wie vor, sagt Hamilton. Doch statt kon-
ventioneller Surfboards benutze er heute Foil-
Haus an der Küste von Malibu, Kalifornien, hatte einen Sinn.« boards, deren Entwicklung er vorangetrieben
aufgeht. hat. Anders als klassische Surfbretter haben
Aber dann kam Laird Hamilton das Leben sie runde Nasen und sind meist dicker. An der
dazwischen. Ein Freund hatte Geburtstag, es Unterseite sind spezielle Finnen befestigt, die
wurde spät, und Hamilton schlief länger als dem Board mehr Auftrieb verleihen. Dadurch
geplant. könne er »schneller« surfen und leichter »grö-
Es ist acht Uhr, ein Freitag Ende Juni, als Mann zog er in eine einsame Strandhütte ßere Wellen nehmen«.
sich Hamilton in blauem T-Shirt und Bade- ohne Telefon und mied den Kontakt zur Sur- Kürzlich war er mit Freunden in Peru, wo
shorts, die Haare nach hinten gekämmt, vor fergemeinde. sie »irre viele Wellen« gesurft seien, manche
einen Laptop setzt, in der Hand eine über- In den Neunzigerjahren etablierte er die davon sechs, sieben Minuten lang. An fünf
große Kaffeetasse mit dem Aufdruck »Laird«. Tow-in-Surftechnik, bei der er sich an einer Tagen habe er insgesamt mehr als fünf Stun-
Seine Frau stellt ihm das Mikro für die Video- Leine von einem Jetski in eine sich brechen- den auf dem Brett gestanden. »Dafür brauchst
telefonie ein, bevor sie geht. »Goodbye Swee- de Welle ziehen lässt, um noch größere Un- du mit einem normalen Board zehn Jahre«,
tie. Have a nice day«, sagt sie. getüme zu reiten, manche mehr als 20 Meter sagt Hamilton und klingt aufgeregt wie ein
Hamilton sagt, er rufe Leute noch immer hoch. Nichts anderes katapultiere ihn mehr kleiner Junge.
am liebsten über das Telefon an. Social-Me- ins Hier und Jetzt als eine riesige Welle, sagt Sein Erfinderdrang ist das, was Hamilton
dia-Apps habe er keine auf dem Smartphone, er. »Es fordert all meine Sinne.« Bis heute von anderen Surfern unterscheidet. Für mehr
nur ein Programm, das Wind und Wellen vor- könne er davon nicht genug bekommen. Halt auf dem Brett entwickelte er spezielle
hersagt. »Wenn die Bedingungen gut sind, bin Die Surfwelt verblüffte er im Jahr 2000 Schuhe mit Klettverschluss. Er machte das
ich auf dem Wasser.« Von seinem Haus am am Teahupo’o-Riff auf Tahiti, als er eine Wel- Stand-up-Paddling bekannt. Er kreierte ein
Point Dume, einer Landzunge an der Küste le ritt, die als »Millennium Wave« bekannt wendiges Board, mit dem man, statt mit
von Malibu, ist er im Nullkommanichts am wurde. Eine dicke, krachende, ohrenbetäu- einem Golfcart, über die Fairways rollen kann.
Strand. bend laute Röhre, die auch wegen des messer- Hamilton sagt, er könne schwer still sitzen.
Laird Hamilton ist eine Legende seines scharfen Riffs unterhalb der Wassermassen Sein Motto sei: weniger denken, mehr tun.
Sports, einer der einflussreichsten Big-Wave- als unbezwingbar galt. In der Geschichte des Das Big-Wave-Surfing allein habe ihm nie
Surfer, manche sagen: der beste. Wellenreitens zählt der Stunt bis heute zu den gereicht, weil es zu stark von Wetter, Wind
Er hat Techniken entwickelt, um einige der bedeutendsten. Hamilton verschob die Gren- und Strömung abhängig ist. Er bezeichnet
größten Brecher der Welt zu bezwingen. Er zen des bis dahin Denkbaren. sich selbst als Waterman – und als solcher
hat die Surfwelt mit seiner Waghalsigkeit ver- Er erinnert sich bis heute gut daran, wie wolle er nicht auf perfekte Bedingungen
blüfft, Fotografen und Filmemachern reihen- es sich anfühlte, den wohl mächtigsten Bre- warten, sondern das Meer nehmen, wie es
weise spektakuläre Bilder geliefert. Er hat fast cher seiner Karriere zu surfen: »Nachdem ich kommt – egal ob beim Foilsurfen, Windsurfen
sein ganzes Leben auf dem Meer verbracht – das Seil am Jetski losgelassen hatte, wusste oder Kitesurfen, das er schon betrieb, bevor
und es an schlechten Tagen dort beinahe ver- ich sofort: Das Ding ist ein Monster«, schreibt es populär wurde. Zum Surfer-Mainstream
loren. er in seinem Buch »Force of Nature«. »Hätte wollte er nie gehören, obwohl er ihn maßgeb-
Er ist jetzt 59 Jahre alt. Was treibt den ich mich von meiner Panik übermannen las- lich geprägt hat. Er widmete sein Leben dem
Mann noch aufs Wasser? Ozean. Nur dort könne er vollkommen frei
Hamilton sagt: »Die Liebe zum Surfen.« sein.
In Wahrheit ist die Antwort etwas komplexer. Hamilton sagt, er verachte professionelle
Man findet sie im Gespräch mit ihm, in Do- Surfwettbewerbe. Dort müsste er sich an Re-
kumentationen, Podcasts und Büchern über geln halten und von Punktrichtern bewerten
sein Leben und Schaffen. lassen. Für einen, der sich als Künstler auf
Hamilton ist ein Rastloser. Andere Profi- dem Wasser versteht, undenkbar. Bis heute
sportler haben sich in seinem Alter längst zur reagiert er skeptisch, wenn Experten den
Ruhe gesetzt. Er sagt, er sei noch nicht fertig nächsten Big-Wave-Weltrekord ausrufen.
mit dem Meer. Er wolle weiter Grenzen »Entertainment fürs Publikum«, nennt er das.
austesten, Wellen mit neuen Surfmethoden »Keiner weiß, wie hoch die größten Wellen
erobern. waren, die wir geritten sind.«
Dabei war er nie bloß Wellenreiter. Er war Wegen seiner teils kontroversen Ansichten
Erfinder, Pionier, Inspiration für Generatio- eckte Hamilton in der Szene oft an; Kollegen
nen, die sich den Giganten der Meere stellten und Kritiker bezeichneten ihn als egoma-
und riskierten, vom Wasser verschlungen und nisch und arrogant. Sie warfen ihm vor, dass
nie mehr ausgespuckt zu werden. Und er ver- sich an den Hotspots, wo große Wellen ent-
Taylor Jewell / AP Photo / picture alliance / DPA

körperte Amerikas Ideal vom großen, blon- stehen, nun überall laute Jetskis tummeln
den, durchtrainierten Surfer. würden. Sie störten sich daran, dass er sich
Daran hat sich bis heute wenig geändert. schamlos vermarkte. Tatsächlich macht das
Die Haut ist sonnengegerbt, unter seinem kaum ein Surfer besser als Hamilton. Frü-
Shirt zeichnet sich ein kräftiger Oberkörper her war er das »Cool Water«-Model für Da-
Neale Haynes / Shutterstock

ab, von dem manch 30-Jähriger träumt. vidoff. Heute wirbt er für die Automarke
Er war immer ein Suchender. Nach dem Land Rover, verkauft unter seinem Namen
Unbekannten, der nächsten Herausforderung, Nahrungsergänzungsmittel und veganen Kaf-
nach turmhohen Wellen, an die sich niemand feeweißer.
zuvor getraut hatte. Dafür reiste er um die Ohne die Meere wäre Hamilton nicht
Welt, von Tahiti bis Portugal. Als junger Pionier Hamilton 2017 zu dem geworden, der er heute ist. Die Ver-

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 93


SPORT

schmutzung besorgt ihn. Dafür sei lassen. Sich ihr immer wieder zu stel­
zweifellos der Mensch verantwortlich. len. »Dann verliert sie die Macht über
Was die Erderwärmung betrifft – da dich.«
ist er sich nicht so sicher. Übermäßige Hamilton hat seine Passion mit
Hitze und Kälte, Hurrikans und Re­ vielen Schmerzen bezahlt. Er hat sich
genstürme habe es früher schon ge­ mehrmals den Knöchel gebrochen,
geben. Er sehe das aber auch als Rippen, Zehen, Finger, einen Wirbel
Chance, sagt Hamilton ohne Ironie und das Schlüsselbein. Die Spitze
in einer Dokumentation über sein eines Boards zertrümmerte ihm einen

Laird Hamilton / Instagram


Leben. »Das Potenzial für riesige Wangenknochen. 2016 bekam er ein
Wellen ist groß.« künstliches Hüftgelenk, das alte sei
Hamilton interessiert nicht, was vom vielen Klippenspringen und Sur­

ICON Magazin
andere über ihn denken. Er genießt fen lädiert gewesen. Jetzt zwicke
es, gegen den Strom zu schwimmen, 1 2 manchmal das Knie, sagt er und ver­
Kritiker zu ignorieren. Seine Frau, die zieht das Gesicht.
frühere Beachvolleyballerin Gabri­ In seiner Werkstatt daheim tüf­
elle Reece, 53, sagt im Buch »Life­ telt er weiter an Foilboards, er wolle
rider«, in dem sie und ihr Mann über noch schneller, länger und weiter
ihr Leben sprechen: »Laird ist rau, er surfen. »Ich habe da einige Bench­
ist schroff, er will surfen und seine marks im Kopf.« Er meditiert regel­
Ruhe haben. Aber er ist kein gemei­ mäßig, isst fettarm, verzichtet auf
ner Mensch. Er kümmert sich um je­ Zucker und Alkohol. Spätestens um
den.« Es klingt, als müsse sie das Bild neun gehe er ins Bett, schlafe zur
ihres Mannes, das er über Jahre be­ besseren Erholung mit einer Kühlmat­
wusst gepflegt hat, ein wenig zurecht­ te unter dem Bettlaken. Der Morgen
rücken. sei die beste Zeit für »alles, was stressig
Laird Hamilton und Gabrielle ist«, sagt er. »Sport, Sex oder Steuern«.
Reece sind seit 26 Jahren verheiratet, Gegen die schwindenden Kräfte

Davidoff
zusammen haben sie zwei Töchter im 3 des Alters quält sich Hamilton in sei­
Teenageralter, die das Surfen und den nem vier Meter tiefen Pool, wo er
Strand hassten, wie er einmal erzähl­ Die paar Male, in denen er fast ge­ 1 | Wellenreiter mehrmals pro Woche unter Wasser
te. Fotos der Kinder zieren die Wän­ storben wäre, hätten ihn gelehrt, je­ Hamilton mit Familie Gewichte stemmt. Danach strampelt
auf dem Cover eines
de im Wohnzimmer der riesigen Vil­ den Moment auf dem Meer und mit Lifestylemagazins er auf dem Fahrradergometer und
la mit Meerblick und geräumigem seiner Familie auszukosten, sagt Ha­ 2015 2 | Im Eisbad hockt sich anschließend noch eine
Fitnessraum. milton. »Wenn morgen Schluss wäre, 3 | Als »Cool Water«- Viertelstunde in eine 105 Grad heiße
Hamilton zog mit seiner Mutter könnte ich sagen: Alles, was ich getan Model 2006 Fasssauna. Dann steigt er mindestens
als Einjähriger nach Hawaii, wo ihn habe, hatte einen Sinn. Ich bin zufrie­ drei Minuten lang in eine mit Eis ge­
andere Kinder wegen seiner hellen den.« Er begreife den Tod nicht mehr füllte Wanne, um sein »Körpersystem
Haut und seiner blonden Haare hän­ als Ende, sondern als Anfang von et­ aufzuwecken«, wie er es nennt. Zum
selten. Er war ein Außenseiter und was Neuem. »Ich finde diesen Gedan­ Abschluss mixt er sich fünf rohe Eier.
Einzelgänger. Seinen biologischen ken sehr erleichternd.« Anfangs habe ihn das Eisbad Über­
Vater lernte er nie kennen, der Surfer Für den Fall, dass ihn eine Welle windung gekostet, sagt Hamilton.
Bill Hamilton wurde sein Stiefvater. trifft und in die Tiefe schleudert, Aber die Überwindung sei wie ein
Laird wuchs am Strand auf, studierte hat er sich überlebenswichtige Re­ Muskel, den man trainieren könne.
die Wellenreiter. Rettungsschwimmer flexe antrainiert: ruhig bleiben, den Inzwischen sei er süchtig nach der
mussten ihn oft aus dem Wasser zie­ Körper entspannen, die Herzfre­ Prozedur. »Wenn ich sie weglasse,
hen. Seine Mutter habe stets mit dem quenz senken, um Sauerstoff zu spa­ fühle ich mich dreckig.«
Schlimmsten gerechnet, erzählte er ren. Riesenwellen können Surfer Hamilton bietet die schweißtrei­
einmal. mehrere Minuten lang unter Wasser bende Routine inzwischen auch für
Seit Jugendtagen kämpfte Hamil­ drücken. Er macht dazu regelmäßig andere Profisportler an. Zusammen
ton um Anerkennung und forderte Tauchübungen. »Der Kopf ist der mit seiner Frau, die heute Fitnesstrai­
dafür mehr als einmal das Schicksal Schlüssel gegen die Panik.« nerin ist, leitet er die Work­outs. Sie
heraus. 1990 paddelte er auf einem Hamilton bezeichnet das Meer als lädt Fotos und Videos der Plackerei
dreieinhalb Meter langen Board von seinen Meister. Es habe ihn Geduld auf Instagram hoch, wo Hamilton
Frankreich nach England. Später fast und Demut gelehrt. »Wenn du den knapp eine halbe Million User folgen.
70 Kilometer von Italien über Korsi­ Ozean nicht respektierst, tötet er Sie verwaltet den Account, er liefert
ka bis zur Insel Elba. Er verhedderte dich.« Er begreift das Wasser als Me­ den Content.
sich beim Tauchen unter einem Was­ tapher für das Leben. »Entweder du Früher trat er bei David Letterman
serfall, wurde beim Surfen von Tiger­ kämpfst gegen die Wellen, oder du auf, ließ sich für Magazincover ab­
haien umkreist. Einmal trieb er orien­ surfst darauf.« lichten. Heute philosophiert er auf
tierungslos zwischen zwei Inseln Er sei keineswegs frei von Angst, YouTube über smartes Unternehmer­
nördlich von Hawaii, bis ihn die Küs­ sagt Hamilton. Die Angst lasse ihn tum, gibt in Podcasts Gesundheits­
tenwache nach 24 Stunden aus dem wachsam sein. Er nutze sie als Ener­
»Du kämpfst tipps. Die Marke Laird Hamilton
Wasser fischte. Da habe er viel Zeit giequelle. »Das Adrenalin, das der gegen die funktioniert weiter. Sie ist ein lukra­
zum Nachdenken gehabt, sagt er. Körper ausschüttet, ist stärker als jede Wellen, tives Nebenprodukt, aber nicht sein
Über sein Leben, über seine Schwä­ Droge.« Auch habe er gelernt, seine Lebensinhalt. Das ist immer noch das
chen, darüber, was er besser machen Ängste zu steuern. Der Trick sei, sich oder du surfst Meer.
würde. nicht von der Angst blockieren zu darauf.« Matthias Fiedler n

94 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


SPORT

Egern, erstmals 1986. Hoeneß legt großen League oder zu Real Madrid – er kommt nach
Wert darauf, dass sein FC Bayern regional München. Auch in Asien ist Harry Kane ein
verwurzelt bleibt. Begriff. Bouna Sarr kennen die wenigsten.
Minuten nach Spielende schleicht ein Jun- Bayerns regionale Verbundenheit macht
ge an einem Sperrgitter vorbei in Richtung den Klub mit aus. Aber die Spitzenteams im

Münchner des Teambereichs; als er zurücksprintet, hat


er ein rotes Shirt in der Hand. Er habe ein
Originaltrikot ergattert, ruft er stolz. »Von
Weltfußball denken globaler. Über Social Me-
dia lassen sich zig Millionen potenzielle Fans
erreichen. Sommertourneen sorgen für die

Spagat wem?«, fragt ein anderes Kind. »Bouna Sarr«,


antwortet der Junge und lacht vor Glück.
Große Einnahmen generiert der FC Bayern
Präsenz vor Ort. Für die Bayern wird das zum
Spagat. Sie wollen Nähe zeigen, müssen aber
auch mithalten mit den Spitzenteams.
aus Sponsoring und TV-Verträgen. Gerade Auch aus diesem Grund hat die aktuelle
FUSSBALL Der FC Bayern über die Auslandsvermarktung der TV-Rech- Bayern-Mannschaft jemanden wie Kane nö-
macht sich in der Sommerpause te ließe sich noch mehr erlösen. Deshalb auch tig. Die übrigen Spieler von Weltrang heißen
die Reise nach Asien. Manuel Neuer, 37, Thomas Müller, 33, und
Gedanken über seine Zukunft. In Tokio sind beim Testspiel gegen Man- Sadio Mané, 31. Aber Mané hat in München
Helfen soll ein Selbstfindungstrip chester die Menschen im City-Trikot klar in nie Fuß gefasst und soll gehen, und Neuer und
zwischen Tegernsee und Tokio. der Überzahl. Die Bayern haben die viel er- Müller werden nicht mehr ewig spielen. Die
folgreichere Vereinshistorie. Aber City hat im Asientournee verpassen beide.
Juni die Champions League gewonnen und Eigentlich hätte Müller auf der ersten
m vergangenen Samstag schwelgte der mit Erling Haaland einen Superstar im Team. Pressekonferenz in Tokio für Fragen zur Ver-
A FC Bayern München in der Vergangen-
heit. Im Münchner Stadion ließ er das
Champions-League-Finale von 2013 nach-
Es ist heiß und schwül an diesem Donners-
tagabend in Tokio, das Publikum im Stadion
schaut meist schweigend zu, doch wann im-
fügung stehen sollen. Stattdessen springt Joshua
Kimmich ein. Kimmich, 28, ist ein exzellenter
Mittelfeldspieler, aber kein Weltmeister.
spielen, als der Klub Borussia Dortmund be- mer Haaland auch nur in die Nähe des Balls Nun sitzt er in den Katakomben des To-
siegte. Zu diesem Anlass schlüpften einige gelangt, jauchzen die rund 65.000 Zuschau- kioter Nationalstadions und wartet, bis seine
jener Helden wieder ins Bayern-Trikot. enden laut auf. Dass er ohne Tor bleibt, dass Sätze ins Japanische übersetzt werden. Ant-
45.000 Fans schauten zu, unter ihnen ein Jun- das Spiel zumeist an ihm vorbeiläuft, scheint worten, abwarten, nächste Frage, stets von
ge mit einem Pappschild, auf dem zu lesen ihnen egal zu sein. Als wäre allein Haalands den deutschen Reportern gestellt.
war: »Tausche Bruder gegen Trikot«. Anwesenheit ein Happening. So geht das eine Weile, ehe der Presse-
Die großen Gefühle kommen beim FC Bay- Bayerns Haaland soll Harry Kane werden. sprecher der Bayern das Wort ergreift. Ob die
ern derzeit nur aus der Konserve. Die Münch- Der Mittelstürmer von Tottenham Hotspur japanischen Journalistinnen und Journalisten
ner stehen zehn Jahre nach diesem Triumph ist das große Transferziel der Münchner; nicht auch eine Frage hätten?
und unmittelbar nach einer Chaossaison vor 100 Millionen Euro soll er kosten, mindes- Stille. Dann eben wieder die Deutschen.
der grundlegenden Frage, wie die Zukunft tens, dabei ist er schon 30 Jahre alt. Im nächs- Wie ertragen die Spieler die japanische Hitze?
aussehen soll – und wer sie gestaltet. ten Sommer wäre er ablösefrei zu haben. Welche Bedeutung hat der Test gegen Man
In der vergangenen Saison wurden Trainer, Trotzdem sind die Bayern bereit, so viel zu City?
Sportchef und Vorstandsboss geschasst, dafür investieren wie nie zuvor. Intern heißt es, dass Schließlich meldet sich ein koreanischer
sind nun unter anderem Karl-Heinz Rumme- es dem Klub nicht bloß um Kanes Tore gehe, Journalist. Prompt erhält er ein Mikrofon. Er
nigge und Uli Hoeneß zurück. Jetzt suchen sondern auch um seinen Namen. Gerade Hoe- habe zwar eine Frage, das schon, sagt er, aber
die alten Granden dringend benötigte neue neß, so heißt es aus dem Verein, sei es wichtig, nicht an Kimmich. Er wolle abwarten, bis Tu-
Stars für die Mannschaft, Nachfolger für sich mit diesem Transfer ein Zeichen zu setzen: Der chel erscheint. Von Kimmich wollte er offen-
selbst und nebenbei eine Antwort auf die Fra- Kapitän der englischen Nationalmannschaft bar nichts wissen.
ge, wofür der Klub stehen will. wechselt nicht etwa innerhalb der Premier Danial Montazeri n
Helfen soll ein Selbstfindungstrip. Die Rei-
se beginnt Mitte Juli am Tegernsee, später
führt sie nach Tokio und Singapur. Zwischen
Provinz und Megacity probiert der neue
FC Bayern, seine regionale Identität zu be-
wahren und zugleich ein weltweites Publikum
zu erreichen.
Ein Dienstagabend im Juli, die Bayern be-
streiten am Tegernsee das erste Testspiel der
Saison. Gegner ist der FC Rottach-Egern, ein
Kreisligist. Sportlich ist das eine Farce, die
Bayern gewinnen 27:0, jede Trainingseinheit
wäre wertvoller. Aber bei diesem Spiel geht
es um etwas anderes.
Das Camp am Tegernsee ist Hoeneß’
Heimspiel. Der Ehrenpräsident wohnt nur
25 Fahrradminuten entfernt. Hoeneß steht
Peter Schatz / action press

einige Meter hinter der Münchner Trainer-


bank und plaudert mit Trainer Thomas Tuchel
und den Leuten von der Security. Ein Patron
zum Anfassen.
Uli Hoeneß sind diese Trainingslager am
Tegernsee ein besonderes Anliegen. Schon
oft waren die Münchner deshalb in Rottach- Fans, Bayern-Neuzugang Kim Min-Jae im Trainingslager: Globaler denken

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 95


WISSEN

Wang Peng / Xinhua / IMAGO


Wer davon träumt, Urlaub auf dem Mars zu machen, kann stattdessen auch ein paar Nächte im Hotel Desert Star buchen – es liegt in der Touristen-
region Shapotou inmitten der nordchinesischen Tenggerwüste. Die Hauptattraktion des Hotels ist der freie Blick auf den Sternenhimmel,
der sich den Besuchern der Wüste bietet. Die Tenggerwüste, die sich jedes Jahr weiter ausdehnt, ist mit über 40.000 Quadratkilometern die
viertgrößte Wüste Chinas.

die Algen dann ab, weswegen ihr Nährstoffe fehlen, sie bleicht
Wenn das Meer baden geht aus. Siedeln sich nicht rechtzeitig neue Algen an, stirbt sie.
Temperaturen von knapp über 30 Grad Celsius sind für viele
Korallen vor Florida gerade noch auszuhalten. Auch von kür­
ANALYSE Wie gefährlich sind die neuen Wasser­
zeren Hitzephasen können sich die Tiere weitgehend erholen –
temperaturrekorde für Pflanzen und Tiere im Ozean? von dauerhaft hohen Temperaturen allerdings nicht. »Bei
40 Grad Celsius Wassertemperatur geht es für Korallen nicht
In dieser Woche wurde im Atlantik vor Florida ein neuer Tempe­ mehr ums Bleichen. Dann wird die Koralle regelrecht gekocht
raturrekord gemessen: Eine Boje meldete rund 38 Grad Celsius – und stirbt ab«, sagt Sebastian Ferse, Riffökologe am Leibniz­
so heiß wie in einer Badewanne. Das sei keine kleine Abwei­ Zentrum für Marine Tropenforschung.
chung, die ein wenig über dem Durchschnittswert liege, sagt die Viele Fische können in kälteres und sauerstoffreicheres
Ozeanografin Johanna Baehr von der Universität Hamburg: Wasser schwimmen. Auch Seekühe müssten sich neue Lebens­
»So warm war das Wasser in der Region noch nie.« räume suchen. Doch in den vergangenen Jahren sind bereits
Für viele Lebewesen ist das wärmere Wasser purer Stress. Vor viele von ihnen verhungert, weil sie nicht genügend Seegras
der Inselkette der Florida Keys gibt es ein großes Korallenriff gefunden haben. Stachelhäuter wie Seesterne oder Seeigel könn­
mit tropischen Fischen, große Seegraswiesen und Seekühe. Es ist ten sich zwar in kältere Regionen bewegen. Sie sind aber nicht
ein subtropischer Lebensraum, in dem ähnlich viele Pflanzen dafür geschaffen, weite Strecken zu überwinden. Wie schlimm
und Tiere leben wie in der Karibik. Heftig von den Temperaturen sich der Klimawandel am Ende tatsächlich auf die Meeresfauna
betroffen sind die Steinkorallen, darunter die stark gefährdete auswirken wird, weiß niemand. »So schnell und so hoch, wie
Geweihkoralle, auch Acropora genannt. Korallen leben in Sym­ die Temperatur angestiegen ist, haben wir das so noch nie gese­
biose mit Mikroalgen. Kommen diese in Hitzestress, können hen«, sagt Riffökologe Ferse. »Dafür gibt es auch historisch
sie nicht mehr richtig Fotosynthese betreiben. Die Koralle stößt kein Vorbild.« Tim Neumann

96 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


Muskeln anspannen senkt gen. Bei Letzteren werden Muskelgruppen seien eine vollkommen andere Belastung
ohne Bewegung angespannt – die für den Körper als Ausdauerübungen,
den Blutdruck Muskeln werden also weder verkürzt sagte der Sportwissenschaftler gegenüber
GESUNDHEIT Zu hoher Blutdruck gilt als noch gestreckt. Typische Beispiele sind der britischen BBC: »Sie erhöhen
»leiser Killer«. Viele Betroffene bemerken Planks (Unterarmstütz) oder »Wall Sits« die Spannung in den Muskeln, wenn sie
nichts davon, haben aber ein stark erhöhtes (Wandsitz). zwei Minuten lang gehalten werden,
Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlag- Das überraschende Ergebnis: Zwar stell- und verursachen einen plötzlichen
anfall. Schon länger bekannt ist, dass regel- ten die Wissenschaftler für jede der Blutfluss, wenn man sich wieder ent-
mäßige moderate sportliche Betätigung Übungsformen eine signifikante Senkung spannt.« JAE
den Blutdruck messbar senken kann. Doch des Ruheblutdrucks nach mindestens
welche Übungen sind für diesen Zweck am zweiwöchigem regelmäßigem Training fest. Sportler beim
besten geeignet? Britische Forscherinnen Bei den isometrischen Übungen war dieser Planken
und Forscher haben jetzt die Wirksamkeit Effekt jedoch eindeutig am stärksten aus-
verschiedener Trainingsformen in einer geprägt. Im Schnitt wurde bei diesen eine
sogenannten Metaanalyse verglichen, in die Senkung um 8,24 mmHg für den systoli-
die Ergebnisse aus 270 klinischen Studien schen Druck festgestellt, mit den besonders

Luis Alvarez / Getty Images


eingeflossen sind. Untersucht wurden unter intensiven HIIT-Übungen ließ sich hin-
anderem die Effekte von aerobem Training gegen nur eine Senkung von 4,08 mmHg
(Ausdauersport wie Laufen oder Rad- erzielen. Eine mögliche Erklärung liefert
fahren), dynamischem Widerstandstraining Jamie O’Driscoll, einer der Studienautoren
wie Kraftsport, High Intensity Intervall von der Canterbury Christ Church Uni-
Training (HIIT) und isometrischen Übun- versity in England: Isometrische Übungen

zu einer systematischen Verken- dass sich dieses Belastungs-


»Kinder sind viel robuster, nung seiner Fähigkeiten führt. erleben relativ schnell wieder
Sämtliche mir bekannten empi- zurückbilden wird. Dass wir
als wir sie sein lassen« rischen Studien zeigen, dass so viele auffällige Kinder haben,
Kinder noch nie so sicher, um- hat mehrere Ursachen, darunter
sorgt, gesund und zufrieden auch die schon erwähnte Ent-
PSYCHOLOGIE Viele Eltern übertreiben es mit der
aufgewachsen sind wie derzeit. mündigung der Kinder. Wenn
Fürsorge, sagt Soziologe Norbert Schneider, 67 – und Dieser Widerspruch zwischen Kinder durch ihre Eltern nicht
prophezeit, dass die psychischen Störungen durch der konstruierten Bedrohung hinreichend befähigt werden,
und der empirischen Erkennt- Unsicherheit und Ambivalenz
die Pandemie schnell wieder verschwinden werden. nis, dass Kinder zufrieden und mit der nötigen Frustrations-
sicher sind – von Ausnahmen toleranz zu bewältigen, dann
SPIEGEL: Herr Schneider: Eindeutig. Die zen- natürlich abgesehen –, muss sind solche Störungen auch
Schneider, was sind trale Konstruktion von Kindheit aufgelöst werden. gravierender in ihren Folgen.
die größten Heraus- und Elternschaft aktuell ist: SPIEGEL: Umsorgt, zufrieden Hinzu kommt, dass die Wahr-
forderungen für Das Kind ist verletzlich, schutz- und sicher, das klingt gut. nehmung heute viel sensibler
heutige Familien? bedürftig und gefährdet. Bedro- Dem steht entgegen, dass viele ist als vor 50 Jahren. Die Zu-
S. Obel

Schneider: Men- hungsszenarien dominieren Kinder und Jugendliche an psy- schreibung, wann jemand see-
schen müssen wie- überall – schulische Überforde- chischen Störungen leiden, vor lisch auffällig ist, ist mittlerweile
der lernen, dass Unsicherheit rung, sexueller Missbrauch, allem seit der Coronapandemie. viel enger gefasst.
Teil des Lebens ist. Normal ist Leistungsdruck, Bewegungs- Schneider: Das stimmt, die Zahl SPIEGEL: Wie kann man eine
die Störung und nicht die Rei- mangel, fehlerhafte Ernährung. der Kinder, die belastet oder Unter- oder eine Überforderung
bungslosigkeit. Eine zentrale Auch das ältere Kind wird als psychisch sehr auffällig sind, ist von Kindern vermeiden?
Herausforderung der Moderne noch nicht kompetenter, unfer- in der Pandemie deutlich gestie- Es gibt ja keine Gebrauchs-
in puncto Familienleben ist die tiger Mensch konstruiert, was gen. Aber ich gehe davon aus, anweisung, welches Maß
Vereinbarkeit von zwei konkur- das richtige ist.
rierenden Zielen: dem Wunsch Schneider: Im Wesentlichen
nach erfüllender Partnerschaft geht es darum, Kinder frühzei-
auf der einen und dem Wunsch tig zum Umgang mit Enttäu-
nach individueller Autonomie schungen und zu mehr Selbst-
auf der anderen Seite. Die zwei- ständigkeit zu befähigen und
te zentrale Herausforderung ist, sie rechtzeitig damit zu kon-
Kinder wieder mehr zu befähi- frontieren, dass sie in gewissem
gen, mit Ambivalenz und Ent- Rahmen verantwortlich für die
täuschung umzugehen. Es geht Folgen ihrer Handlungen sind.
nicht darum, Kinder von den Kinder sind viel robuster und
Unsicherheiten und den Bedro- kompetenter, als wir sie heute
hungen der Gesellschaft fernzu- machen. Kinder, die von einem
Catherine Falls / Getty Images

halten, sondern darum, Unsi- Elternteil regelmäßig zur Schule


cherheitstoleranz, Resilienz und gefahren werden, anstatt dass
Selbstverantwortung zu stärken. sie den Schulweg selbst zurück-
SPIEGEL: Neigen viele Eltern legen, sind ein gutes Beispiel
Ihrer Meinung nach dazu, ihre dafür, wie sehr man Kinder heu-
Kinder übermäßig zu behüten? te systematisch unterschätzt. RED

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 97


WISSEN

Forscherinnen Blankenfeldt, Klooß bei


Ausgrabung an einem Schiffsgerippe

Mar tin Ziemer / DER SPIEGEL


Geheimnis im Schlick
ARCHÄOLOGIE Ausgräber suchen im Wattenmeer nach Schiffswracks und versunkenen Siedlungen.
Dabei sind sie sogar auf Überreste der sagenumwobenen Siedlung Rungholt gestoßen, die im Mittelalter bei
einer Sturmflut zerstört wurde. Ihre Arbeit ist ein Wettlauf gegen die Naturgewalten.

ie Friesen kannten das Meer und fürch­ Die »Marcellusflut« ließ Dörfer unterge­ tomografie. Methoden, die auch das For­
D teten es. Sie errichteten Schutzwälle hen, brachte vielen Menschen den Tod, über­ schungsteam des Rungholt­Projekts einsetzt –
und bauten ihre Gehöfte auf künst­ flutete Marschgebiete. Der Verlauf der Nord­ es ist benannt nach jener geheimnisvollen
lichen Hügeln. Sie beteten und beichteten, seeküste war schlagartig ein anderer gewor­ Siedlung, die im 14. Jahrhundert von Wasser­
damit der Herr ihnen beistehe, wenn Sturm den an jenem Schicksalstag, und er änderte massen verschluckt worden ist.
aufzog. Das alles nützte ihnen nichts am Mitt­ sich im Lauf der folgenden Jahrhunderte noch Die Wissenschaftler und Wissenschaftle­
woch, dem 16. Januar 1219, dem Tag des hei­ häufiger – nicht nur durch Sturmfluten, son­ rinnen, die für unterschiedliche Hochschulen
ligen Marcellus. Erst seien Hagelkörner aus dern auch durch Schwankungen des Meeres­ und Einrichtungen arbeiten, sind angetreten,
finsterem Himmel gefallen, dann habe die spiegels, die Kraft der Gezeiten und die da­ um endlich mehr Licht ins Dunkel der Nord­
See wie kochendes Wasser getost und ge­ durch verursachte Verlagerung gewaltiger seegeschichte zu bringen, vor allem in jenen
braust, schrieb der Abt Emo von Wittewierum Mengen Sand. Was vielerorts übrig blieb, Teil vor dem 15. Jahrhundert, aus dem es nur
in einem Augenzeugenbericht. waren Überreste versunkener Siedlungen, un­ wenige schriftlichen Überlieferungen gibt. Die
Angsterfüllt versuchten die Menschen in zählige Schiffswracks, Hinweise auf Deiche. Forscher und Forscherinnen aus Kiel, Schles­
den küstennahen Nordseedörfern, ihr Hab So ist das Wattenmeer auch eine untergegan­ wig und Mainz streifen derzeit bei Ebbe mit
und Gut vor der wütenden See zu retten, doch gene Kulturlandschaft, eine Region voller ihren Messgeräten durch das nordfriesische
es war aussichtslos. Die Deiche brachen, die Rudimente, Relikte und Rätsel. Wattenmeer, um menschliche Hinterlassen­
Häuser bebten, das Vieh ersoff. Einige der Weil ausgiebige Grabungen wegen des schaften aufzuspüren und diese genau zu do­
Notleidenden flüchteten zu nachtschlafender ständigen Wechsels von Ebbe und Flut nicht kumentieren.
Zeit auf das Dach ihres Holzhauses, aber sie möglich sind, braucht es die Hightechverfah­ An diesem Tag im Juni machen sich einige
konnten sich dort nicht halten. »O Kummer ren der modernen Archäologie, um ein Fenster aus dem Team frühmorgens von der Nord­
und Betrübnis: zu sehen, wie sie alle hin­ und in den Untergrund und damit in die Vergan­ spitze Amrums aus auf den Weg ins Watt. Das
hergerissen wurden, als wären sie Meeres­ genheit zu öffnen: magnetische Gradiometrie, Wasser hat sich zurückgezogen, nur selten
getier«, formulierte Emo, der die Naturgewalt marine Reflexionsseismik, geophysikalische schieben sich Wölkchen vor die aufgehende
für eine Strafe Gottes hielt. Bohrlochmessungen, elektrische Widerstands­ Sonne. An den Vortagen haben die fünf For­

98 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


WISSEN

scher und Forscherinnen Strukturen Altersbestimmung vorzunehmen. Da- DÄNEMARK lich über 100«, glaubt Majchczack,
Amrum
ehemaliger Siedlungen vermessen, bei geht es vor allem um die Dicke »wahrscheinlich mehr.« Bei den For-
Föhr
nun steuern sie ein Wrack an, des- der einzelnen Jahresringe. daraus Nord-
schungen sei auf jeden Fall erneut
sen Überreste etwa zwei Kilometer lässt sich schlussfolgern, wann das friesland deutlich geworden, welch vergeb-
vor der Küste liegen, auf der Strecke Spantenholz geschlagen wurde. War vermuteter lichen Aufwand die Bewohner letzt-
nach Föhr. das nach oder deutlich vor 1825, Standort lich betrieben hätten, um sich vor
Ruth Blankenfeldt, Mitarbeiterin bricht die »City of Bedford«-Theorie Rungholts Wind und Flutwellen zu schützen.
des Zentrums für Baltische und Skan- in sich zusammen. Pellworm Zigtausende Tonnen Sand seien für
dinavische Archäologie, läuft dem Die Forscher quälen sich, denn das Nordsee den Bau von Schutzwällen und -hü-
Team mit Umhängetasche und einem Holz ist hart wie Stein. Um genügend DEUTSCHLAND geln bewegt worden; außerdem hät-
Spaten für schnelle Grabungen voran, Material zu bekommen, wird direkt ten die Menschen viele Quadratkilo-

El
neben ihr stapft ihr Kollege Bente am Boden gesägt, das macht die Sa- meter vermoorte Gebiete entwässert,

be
Majchczack von der Uni Kiel über che nicht leichter. Beim Arbeiten tritt Hamburg um Landwirtschaft betreiben zu kön-
den matschigen Boden. Er trägt ein Blankenfeldt auch noch auf die mes- nen. »Die haben jahrelang nur ge-
50 km
sperriges Gerät zur elektromagneti- serscharfe Schale einer Auster. Ihr schippt«, sagt Majchczack.
schen Induktionsmessung über der Zeh blutet stark und muss erst mal S Grafik Die Anstrengungen waren unter


Schulter, mit dem Hinweise auf ehe- mit Tapeband umwickelt werden. anderem dort nötig, wo wohl einst
malige Bauwerke und andere Rück- »Lange darf das alles nicht mehr dau- das sagenumwobene Rungholt lag,
stände im Erdreich sichtbar gemacht ern«, sagt Majchczack nach fast einer südlich von Pellworm vor der Hallig
werden können. Das Team darf nicht Stunde Sägen mit Blick auf die Flut. Südfall. Weil es so gut wie keine zeit-
bummeln, das Wasser wird gegen elf Er will das Holz schon zurücklassen, genössischen Texte gibt, in denen
Uhr zurückkommen. Die Route führt da stemmt Archäologe Till Kühl einen Rungholt auftaucht, tun sich Histo-
über ein Muschelfeld, auf dem es bei Spaten in die Schnittfläche und sorgt riker schwer mit der Entstehungs-
jedem Schritt knackt und splittert, für den Durchbruch. geschichte der Siedlung. Es wird an-
einmal gilt es, einen Priel zu durch- Das Team hat dem nordfriesischen genommen, dass sie zu Beginn des
queren, der bei Wattwanderern ge- Wattenmeer in den vergangenen 13. Jahrhunderts gegründet wurde,
fürchtet ist. Blankenfeldt reicht das Monaten schon etliche Erkenntnisse vermutlich auf Initiative des däni-
Wasser bis zum Bauch: »Das ist hier abringen können, vor allem durch schen Königs Waldemar II., zu dessen
schon eine ganz spezielle Variante die modernen Messmethoden. So Herrschaftsbereich die Region damals
der Archäologie«, sagt sie, »anstren- konnten die Forscher Brunnen, Zis- zählte. Wahrscheinlich lockte der Re-
gend, aber auch sehr aufregend.« ternen, Deichanlagen und die Reste gent mit Blick auf höhere Steuerein-
Gegen halb neun erreicht die etlicher Warften nachweisen – künst- nahmen gezielt Friesen aus den heu-
Gruppe das Schiffsskelett, das sie heu- licher Hügel, auf denen einst Häuser tigen Niederlanden an; sie waren
te vermessen will. Viel ist oberirdisch standen. bekannt dafür, wie effektiv sie Küs-
nicht mehr zu sehen, das Wrack ist Wie viele Siedlungen es im Lauf tenmoore in fruchtbares Ackerland
Siedlungsspuren
mittlerweile fast vollständig versackt. der Jahrhunderte dort gab, wo sich im Watt: Eine Region
umwandeln konnten. Das taten sie
Nur noch die oberen Enden mehrerer heute das Meer ausgebreitet hat, lässt voller Rudimente, unter anderem, indem sie Siele an-
Spanten ragen aus dem matschigen sich allenfalls grob schätzen. »Deut- Relikte und Rätsel legten und Torfschichten abtrugen.
Boden, bedeckt von Algen. Auf Föhr Das Gebiet, das die Immigranten
und Amrum wird erzählt, dass es sich beackern sollten, lag damals noch
um die Überreste des britischen Han- weit vom offenen Meer entfernt; es
delsschoners »City of Bedford« han- schien kein Risiko zu sein, sich dort
delt, der im Februar 1825 in einen niederzulassen und Landwirtschaft
Orkan geriet. Doch wie so oft fehlt zu betreiben. Die Bauern von Rung-
ein schriftliches Zeugnis; es könnte holt bauten unter anderem Roggen,
auch ein anderes der wohl deutlich Weizen und Dinkel an, hielten Vieh
mehr als 1000 gestrandeten Schiffe und gruben Salz ab, das sie vermut-
sein, die es allein in den vergangenen lich bis nach Flandern verkauften.
500 Jahren vor der Küste Schleswig- Das brachte viel Geld ein und mach-
Holsteins gegeben haben dürfte. te die Siedlung wohl zügig zu einem
Geophysikerin Sarah Bäumler bedeutenden Handelsplatz, wo sogar
marschiert mit einem Gerät, das die Waren von der Iberischen Halbinsel
elektrische Leitfähigkeit des Unter- eingeführt wurden, wie Funde im
grunds misst, in geraden Linien Me- Watt nahelegen.
ter für Meter das Areal ab, auf dem Südlich von Pellworm, wo Rung-
das Schiffsgerippe liegt. Die verschie- holt einmal gewesen sein soll, sind
denen Materialien und Sedimente Archäologen immer wieder auf zahl-
Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein

liefern unterschiedliche Signale, und reiche Kulturspuren gestoßen. Es rag-


so lässt sich später im Idealfall auf ten Keramik- und Holzreste aus dem
dem Monitor das gesamte Skelett des Schlamm, es tauchten Mauersteine auf,
angeblichen Schoners sichtbar ma- es wurden alte Töpfe gesammelt und
chen und mit dem anderer Schiffe sogar Schädel aus dem Schlick befreit.
vergleichen. Außerdem konnten Spuren ehemaliger
Während Bäumler den Untergrund Äcker und Deiche nachgewiesen wer-
vermisst, geht Blankenfeldt mit einer den, dazu mehrere Areale, auf denen
Säge ans Werk. Die Forscher wollen Brunnen gegraben worden waren.
ein Stück von einem der Spanten ab- Insgesamt ergibt sich ein Bild, dass
trennen, um später im Labor eine Rungholt reich, aber wohl nicht so

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 99


WISSEN

prächtig war, wie in den vergangenen Jahr­ schen von Rungholt hätten lasterhaft gelebt
zehnten immer wieder kolportiert wurde. Es und sich respektlos gegenüber dem Herrn
war nicht das »Atlantis der Nordsee«, wie und der Kirche verhalten.
manch ein wissenschaftlicher Wirrkopf be­ Die »Grote Mandränke« brachte zahl­
hauptet. Unstrittig ist aber, dass die Siedlung reiche Mythen hervor, woran es aber fehlt,
hervorstach – allein deswegen, weil sie wohl sind aussagekräftige zeitgenössische Doku­
etwa 1000 Einwohner hatte und damit deut­ mente über Opferzahlen und andere Ver­
lich mehr als die meisten anderen, die es zu luste. Im Fall der »Burchardiflut« vom Ok­
jener Zeit gab. tober 1634 ist das anders. Über deren Aus­
Das sagenumwobene Rungholt ging im wirkungen gibt es etliche Schriftstücke und
Jahr 1362 unter, zusammen mit einigen an­ Zahlenangaben, und so ist unter anderem
deren Gemeinden, die ringsum lagen. Es ge­ bekannt, dass allein auf der damaligen Insel
schah ausgerechnet am 16. Januar, dem Tag Strand und deren Halligen 6408 Menschen
des heiligen Marcellus, der 143 Jahre zuvor ums Leben kamen – zwei Drittel der Be­
bereits einmal Tod und Verderben über die völkerung. Außerdem wurde in einigen

Mar tin Ziemer / DER SPIEGEL


Dörfer der Nordseeküste gebracht hatte. Die Quellen der Verlust von etwa 50.000 Stück
Flut, die an jenem Sonntag wütete, ging als Vieh, 13.000 Hektar Ackerland, 1349 Häu­
»Grote Mandränke« in die Geschichtsbücher sern und 15 Kirchen vermeldet. Das kam
ein, was auf Friesisch so viel wie »großes einem wirtschaftlichen Totalschaden gleich,
Menschenertrinken« bedeutet. Nach Schät­ zumal Strand durch die Sturmflut in mehre­
zungen kamen deutlich mehr als 10.000 re Teile zerrissen wurde. Unter anderem
Menschen an der nordfriesischen Küste ums Geophysikerin Bäumler mit Messgerät bildete sich durch die »Burchardiflut« die
Leben. Über 20 Deiche sollen gebrochen Insel Pellworm aus.
und 42 Kirchspiele (Pfarrbezirke) unterge­ Hinweise auf die Siedlungen, die während
gangen sein. der »Burchardiflut« untergegangen sind, tau­
Das Ende Rungholts war wohl auch die chen im Watt häufig auf. So werden entlang
Folge davon, dass die Bewohner den Deich­ eines Gezeitenpriels bei Pellworm immer
schutz jahrzehntelang vernachlässigt hatten. wieder Reste der Dörfer Buphever und Bup­
In den Jahren vor der »Mandränke« grassier­ see freigelegt. »Die Zeit drängt, sich das alles
te die Pest, außerdem hatte es etliche Miss­ noch genauer anzuschauen«, sagt Stefanie
ernten und Krieg gegeben, angezettelt vom Klooß vom Archäologischen Landesamt

Mar tin Ziemer / DER SPIEGEL


dänischen König Waldemar IV. Atterdag. Wo­ Schleswig­Holstein. Der Klimawandel, der
möglich fehlte den Rungholtern die Kraft, die für einen Anstieg des Meeresspiegels sorge,
Schutzwälle instand zu halten. Das rächte mache archäologische Forschung hier immer
sich, auch weil sich der Boden abgesenkt schwieriger. Zudem könnten Strömungsver­
hatte, unter anderem durch den Salzabbau. änderungen dazu beitragen, dass menschliche
So ging die Siedlung unter – und der Mythos Hinterlassenschaften schneller zerstört und
begann. Teil eines Spants des Schiffswracks weggespült würden.
Das Schicksal Rungholts spielt auch für Das Forschungsteam um Blankenfeldt und
das Team um Blankenfeldt und Majchczack den die Häuser meist aus Holz errichtet – bis Majchczack wird daher in nächster Zeit mög­
eine große Rolle, nicht nur wegen des auf die Gotteshäuser. »Wir waren elektrisiert«, lichst oft ins Watt stiefeln. Geplant sind auch
Projektnamens. Schon mehrfach führten sagt Blankenfeldt. Die Umrisse und Funde die Entnahme und Analyse weiterer Bohr­
Exkursionen zum Areal der einstigen Sied­ belegten eindeutig die Existenz einer großen kernproben. Merkmale wie Korngröße, che­
lung. Vor wenigen Wochen etwa wiesen Kirche mit Turm und stärkten die Theorie, mische Zusammensetzung oder Reste von
die Forscher durch geophysikalische Pro­ dass Rungholt eine wichtige Bedeutung fürs Pflanzen und Fossilien helfen, die Umwelt­
spektion eine etwa zwei Kilometer lange Umland hatte. Vermutlich sei der Handels­ bedingungen der Vergangenheit zu rekon­
Kette mit den Strukturen etlicher Siedlungs­ platz der Hauptort eines Siedlungsgefüges struieren. Außerdem lässt sich dadurch he­
hügel nach, auf denen sich einst wohl vor gewesen. rausfinden, was die Menschen in den unter­
allem landwirtschaftliche Gehöfte befun­ Die Entdeckung der Strukturen sorgte gegangenen Siedlungen anbauten und welche
den hatten. unter Archäologiebegeisterten für großes Auf­ Tiere sie hielten. Sollten sich in den Bohr­
Eine der Warften stach dabei deutlich he­ sehen, zumal das Gotteshaus von Rungholt kernen Überreste menschlicher Fäkalien be­
raus, denn es muss darauf ein Gebäude mit im Mittelpunkt vieler Mythen steht. Angeb­ finden, könnte das unter Umständen sogar
den enormen Ausmaßen von etwa 40 mal lich seien seine Glocken noch viele Jahre nach Hinweise zu Krankheitswellen und Seuchen
15 Meter gestanden haben. Die Mauern und dem Untergang der Siedlung zu hören gewe­ liefern.
Fundament übten einen so großen Druck aufs sen, wird auf Amrum, Föhr und anderswo Archäologe Majchczack erhofft sich da­
Erdreich aus, dass es stark verdichtet wurde. kolportiert. durch viele weitere Erkenntnisse über das
Und so förderte das Messgerät einen Umriss Außerdem wurde die Sturmflutkatastrophe Leben der Menschen, deren Siedlungen
zutage, der keinen Zweifel zuließ: Die Wis­ von 1362 genau wie die von 1219 jahrhunder­ untergingen – vor allem Rungholt beschäftigt
senschaftler hatten den Standort einer Kirche telang als Zorn Gottes gedeutet: Die Men­ ihn. Nachdem sein Team wahrscheinlich auf
entdeckt. die Kirche der sagenhaften Siedlung gestoßen
Blankenfeldt und ihr Team fingen sofort ist, hat er es auf ihre unmittelbare Umgebung
an zu graben. Viel Zeit blieb ihnen wieder abgesehen. Im Mittelalter gab es rund um die
einmal nicht, aber sie reichte aus, um auf die Gotteshäuser nämlich meistens einen Fried­
Schnelle einige Ziegel ans Tageslicht zu be­ hof. Majchczack und seine Kollegen hoffen
fördern, die unter der Wattoberfläche gelegen »Die Zeit drängt, sich alles deshalb, demnächst im Schlick etwas ganz
hatten. Auch dieser Fund stärkte die Theorie, Besonderes zu finden: die Skelette echter
dass sie auf einen früheren Sakralbaus ge­ genauer anzuschauen.« Rungholter.
stoßen waren; denn zur damaligen Zeit wur­ Stefanie Klooß, Archäologin Guido Kleinhubbert n

100 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


WISSEN

Ältere Menschen sind aufgrund einer Verkehrstoten zu senken, plant sie


Demenz oder anderer gesundheitli- eine Führerscheinreform. Darin ist vor-
cher Einbußen oft nicht mehr fahr- gesehen, dass Menschen ab 70 Jahren
tauglich. Das führt immer wieder zu alle fünf Jahre in einer Prüfung nach-
schlimmen Unfällen. weisen müssen, dass sie noch fahr-

Verwirrt auf der An einem Mittwoch im Januar


etwa fuhr eine 82-Jährige mit ihrem
Suzuki in Sachsen falsch auf die Auto-
tauglich sind. In vielen Ländern be-
steht eine solche Verpflichtung be-
reits, in Deutschland jedoch nicht.

Autobahn bahn 4. Die betagte Geisterfahrerin


bemerkte ihren Fehler womöglich gar
nicht – nach zehn Kilometern raste
»Demenzkranke verlieren mit fort-
schreitender Erkrankung die Orien-
tierung und können sich mit dem
sie in ein entgegenkommendes Auto. Auto verirren«, warnt Hausärztin
MOBILITÄT Immer mehr ältere Menschen mit Darin saß ein 52-jähriger Mann. Bei- Landgraf. Darüber hinaus haben sie
einer beginnenden Alzheimer-Erkrankung sitzen de waren auf der Stelle tot. eine verlangsamte Reaktionszeit und
Das Gehirn baut ab, der Fuß bleibt bemerken Schilder oder Ampeln zu
am Steuer und verursachen Verkehrsunfälle. auf dem Gas – Menschen mit einer spät. Sie fahren häufig zu dicht auf,
Eine neue Methode könnte eine Demenz künftig Alzheimer-Erkrankung oder einer nehmen anderen die Vorfahrt und
anhand der unsicheren Fahrweise erkennen. anderen Form der Demenz werden blinken nicht.
Deutschlands Straßen in den nächsten Älteren fehlt oft die Einsicht, dass
Jahren noch unsicherer machen. Das sie fahruntüchtig sind. Von verpflich-
ine Alzheimer-Erkrankung kön- ist eine logische Folge der Altersstruk- tenden Fahrtauglichkeitsprüfungen
E nen Mediziner recht zuverlässig
diagnostizieren. Sie suchen da-
zu unter anderem im Nervenwasser
tur der Bevölkerung. Die Zahl der
alten Führerscheininhaber steigt dra-
matisch, und im Alter steigt das Ri-
hält Hausärztin Landgraf indes we-
nig. Menschen alterten völlig unter-
schiedlich. Manche seien schon mit
älterer Menschen nach verdächtigen siko für eine Demenz. Schon heute 60 hinfällig, andere mit über 80 noch
Proteinen. Ansammlungen bestimm- leben rund 1,8 Millionen Menschen topfit. »Wir sollten eher verstärkt da-
ter Eiweißstoffe verraten, dass im Ge- mit einer Demenzerkrankung in rauf achten, wie es älteren Personen
hirn Nervenzellen zugrunde gehen. Deutschland, viele von ihnen haben in unserem persönlichen Umfeld
Die US-Gesundheitsforscherin Ca- eine Fahrerlaubnis. geht«, so Landgraf. Freunde und An-
therine Roe von der Washington Uni- »Es ist ja schön, dass wir eine zu- gehörige sollten Mitmenschen darauf
versity in St. Louis konnte das Leiden nehmend hohe Lebenserwartung ha- ansprechen, wenn ihnen deren Fahr-
im Frühstadium jetzt sogar ohne La- ben. Das heißt aber auch, dass wir weise nicht mehr geheuer erscheint.
boruntersuchungen erkennen – sie mehr demenzkranke Menschen ha- Oder deren Hausärztin oder Hausarzt
analysierte, wie Senioren sich am ben werden, die noch Auto fahren«, informieren.
Steuer eines Autos verhalten. warnt die Hausärztin Irmgard Land- Ist Gefahr in Verzug, dürfen Me-
In einer Studie fuhren 64 Frauen graf. Gemeinsam mit einer Kollegin diziner die ärztliche Schweigepflicht
und Männer, die nachweislich eine hat sie eine Praxis in Berlin-Steglitz brechen und die Fahrerlaubnisbehör-
Alzheimer-Erkrankung im Frühsta- und betreut viele ältere Patientinnen de informieren, damit diese den Füh-
dium hatten, ein Jahr lang mit dem und Patienten. Die Hausärztin sagt: rerschein entzieht. So weit musste die
Navigationssystem GPS im Auto, so- »Es ist ja nicht jeder Demenzkranke Berliner Hausärztin Landgraf bisher
dass ihre Fahrweise exakt erfasst wer- gleich fahruntauglich, aber man darf noch nicht gehen. Sie sage ihren fahr-
den konnte. Um einen Vergleich zu Unfallstelle auf den Zeitpunkt nicht verpassen, wo es untauglichen Patienten: »Ich nehme
der A4 bei Meerane
haben, wurden die Fahrkünste 75 äl- in Sachsen im
gefährlich wird.« Ihnen ja nichts weg, sondern ich er-
terer Autofahrerinnen und -fahrer, die Januar: 82-jährige Das Problem ist auch der EU-Kom- spare Ihnen Probleme.«
keine Demenz hatten, auf dieselbe Geisterfahrerin mission aufgefallen. Um die Zahl der Jörg Blech n
Art und Weise überwacht.
Das Ergebnis: Die Leute mit der
Alzheimer-Erkrankung im Frühsta-
dium fuhren erkennbar anders als die
Personen in der Kontrollgruppe. Auf-
fällig war ein Hang zu ruckartigen
Manövern. Mal beschleunigten sie
ohne erkennbaren Grund, mal traten
sie jählings auf die Bremse.
Mit den gewonnenen GPS-Daten
hat die Gruppe um Roe ein Modell
zur Alzheimer-Früherkennung ent-
wickelt. Allein anhand der Fahrweise
sowie der Altersangabe konnte das
Programm feststellen, ob eine be-
stimmte Person eine beginnende Alz-
heimer-Erkrankung hat oder nicht.
Die Trefferquote lag bei 94 Prozent.
Die Forschungsarbeit könnte nicht
Andreas Kretschel

nur zu einer ungewöhnlichen, preis-


günstigen Methode der Früherken-
nung führen, sie rückt auch ein drän-
gendes Problem in den Mittelpunkt:

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 101


WISSEN

SPIEGEL: Wie wissenschaftlich objek-


tiv können solche Empfehlungen
sein?
Skea: Es ist ein schwieriger Spagat.

»Es geht darum, Wenn wir Empfehlungen abgeben,


dürfen wir nicht den Eindruck erwe-
cken, dass wir Regierungen vorschrei-

noch Schlimmeres ben, was sie zu tun und zu lassen


haben. Trotzdem müssen wir dafür
sorgen, dass sie die Folgen ihrer Poli-

zu verhindern« tik und die Lösungen kennen.


SPIEGEL: Sehen Sie Ihre Aufgabe als
IPCC-Vorsitzender darin, dass sich
der IPCC mehr um Wege aus der Kli-
UMWELT Jim Skea, neuer Chef des Weltklimarats IPCC, beschäftigt sich seit makrise kümmert als um die Ursa-
chenforschung?
50 Jahren mit der globalen Erwärmung, trotzdem gibt er sich als Optimist. Skea: Ich bin zwar Physiker, habe
Die Menschheit, sagt er, habe es noch immer in der Hand, Lösungen zu finden. aber in Großbritannien in Klima-
ausschüssen und Just-Transition-
Kommissionen gearbeitet. Das hat in
Am Mittwoch wählte das Intergovern- wir nicht genau. Dieses Temperatur- der Tat viel mit praktischer Umset-
mental Panel on Climate Change ziel ist unglaublich symbolträchtig. zung, aber auch mit Wissenschaft zu
(IPCC) in Nairobi den britischen Phy- Trotzdem sollten wir nicht verzwei- tun. Es geht dabei um demokratische
siker Jim Skea zu seinem Vorsitzenden. feln und in eine Schockstarre verfal- Konsensfindung darüber, wie man
Der IPCC ist eine Institution der Ver- len, wenn die Welt die 1,5 Grad über- sich künftig fortbewegt, heizt oder
einten Nationen und die größte inter- schreitet. Jede Maßnahme, die wir isst. Dort habe ich gelernt, wie Wis-
nationale Forscherkooperation. Die ergreifen, um den Klimawandel senschaft in Politik übersetzt wird.
beteiligten Wissenschaftlerinnen und abzuschwächen, hilft. Klimaschutz Diese Erfahrungen werde ich in den
Wissenschaftler fassen in ihren Welt- ist immer kostengünstiger und Weltklimarat mit einbringen. Wir
klimaberichten die Erkenntnisse zur schützt Menschen vor den Folgen der müssen weiter zu den physikalischen
globalen Erwärmung und zu deren Erwärmung. Das gilt umso mehr, Grundlagen forschen, aber uns noch
Folgen zusammen. wenn wir das Pariser Klimaziel über- mehr als bisher um die Lösungen
schritten haben. kümmern.
SPIEGEL: Herr Skea, im Mittelmeer SPIEGEL: Für die radikale Klimabe- SPIEGEL: Welche Maßnahmen haben
wüten Hitzewellen und Waldbrände, wegung ist das 1,5-Grad-Ziel fast hei- das größte Potenzial, um den Klima-
der Atlantik verzeichnet Rekordtem- lig. Sie sieht die Welt im Chaos ver- wandel zu verlangsamen?
peraturen, und in den USA über- sinken, wenn wir es nicht erreichen. Skea: Mit Abstand am wichtigsten ist
schwemmen Starkregen und Hoch- Skea: Die Welt wird nicht untergehen, der Ausbau der erneuerbaren Ener-
wasser die Städte. Genau solche Ex- wenn es um mehr als 1,5 Grad wärmer gien, die klimaschädliche Kohlekraft-
tremwetter hat der vorige Weltklima- wird. Es wird jedoch eine gefährliche- werke, Gasheizungen oder Erdöl in
bericht vorausgesagt. Sind wir nun in re Welt sein. Die Länder werden mit Industrie und Verkehr ersetzen. Auch
der Klimakatastrophe angekommen? vielen Problemen kämpfen, es wird wie schonend wir Ackerbau betreiben
Skea: Als die ersten Berichte des soziale Spannungen geben. Und den- und unsere Flächen nutzen entschei-
Weltklimarats vor mehr als drei Jahr- noch ist das keine existenzielle Be- det mit darüber, wie viele Treibhaus-
zehnten herauskamen, glaubten vie- drohung für die Menschheit. Wir wer- gase wir ausstoßen. Längerfristig
le, der Klimawandel sei weit weg. den auch bei 1,5 Grad Erwärmung werden wir aber wahrscheinlich nicht
Heute muss man nur den Fernseher nicht aussterben. auf technologische Lösungen wie
einschalten oder aus dem Fenster SPIEGEL: Die kommenden zehn Jahre die unterirdische Speicherung von
schauen, um zu begreifen, was da sind entscheidend dafür, ob die Welt CO2 verzichten können. Schwierig
draußen in der Welt los ist. Der Kli- die Klimakrise noch eindämmen wird es, wenn es darum geht, unseren
mawandel ist da. Wir können ihn kann. Welche Verantwortung hat der Lebensstil zu verändern. Individuel-
nicht mehr leugnen. Der Mensch hat IPCC beim Kampf gegen die Klima- ler Verzicht ist gut, aber er allein wird
diese globale Krise verursacht und erwärmung? nicht den großen Wandel in der Grö-
dem Planeten massiv geschadet. Nun Skea: Wir sind ein zwischenstaatli- ßenordnung herbeiführen, der nötig
geht es darum, noch Schlimmeres zu ches Gremium der Vereinten Natio- ist. Damit wir klimabewusster leben
verhindern. nen. Unsere Aufgabe ist es, die Fakten können, brauchen wir eine ganz neue
SPIEGEL: Den Weltklimarat IPCC gibt des Klimawandels zusammenzutra- Infrastruktur. Menschen werden nicht
Melissa Walsh / IPCC

es bereits seit 1988. Damals lag die gen und den Regierungen, Unterneh- aufs Fahrrad umsteigen, wenn es kei-
globale Erwärmung noch unter einem men und Bürgern zu präsentieren. Sie ne Radwege gibt.
Grad gegenüber dem vorindustriellen sind die Grundlage für politische De- SPIEGEL: Der moralische Zeigefinger
Zeitalter. Jetzt könnten es bald batten und Maßnahmen. Es geht bringt also wenig?
1,5 Grad sein. Ist es längst zu spät, das schon lange nicht mehr nur um die Skea, 69, lehrte
Skea: Kein Wissenschaftler kann den
wichtigste Ziel des Pariser Klima- Ursachen der weltweiten Erwär- zuletzt am Centre for Menschen vorschreiben, wie sie leben
abkommens noch zu erreichen? mung, sondern um Lösungen. Beim Environmental oder was sie essen sollen. Aber als
Skea: Bereits in diesem Jahrzehnt vorigen Bericht habe ich darüber ge- Policy des Imperial Forscher zeigen wir Ihnen die Folgen
College London
könnten einzelne Jahre die 1,5-Grad- arbeitet, wie wir uns an die Erwär- und ist Co-Autor
etwa von Fleischkonsum. Das macht
Marke überschreiten, das stimmt. mung anpassen können und wie man mehrerer IPCC- übrigens auch ein Arzt. Der schreibt
Wann das dauerhaft geschieht, wissen klimaschädliche Emissionen einspart. Berichte. seinen Patienten auch nichts vor, sagt

102 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


WISSEN

Petros Giannakouris / AP
Waldbrand auf Rhodos

aber, dass zu viel Fleisch extrem ungesund bringer schlechter Nachrichten erleben. Ha- klimarats in den vergangenen 35 Jahren nicht
ist. Wenn die Menschen den Rat ihres Arztes ben Sie persönlich Angst vor der Zukunft? laut genug?
befolgen und sich so ernähren, wie es für Skea: Ich bin ein Optimist, obwohl ich mich Skea: Der IPCC ist ein zwischenstaatliches
sie gesund ist, wäre das übrigens auch gut für seit 50 Jahren mit dem Klimawandel beschäf- Gremium. Unsere Stärke besteht darin, dass
den Planeten. tige. Ich habe gelernt, mit diesen Erkennt- sich Wissenschaft und Politik am Ende auf
SPIEGEL: Bisher waren die Klimaberichte eher nissen zu leben, und wache nicht jeden Mor- einen Stand der Wissenschaft einigen, von
akademische Pflichtlektüre für Experten. gen im Krisenmodus auf. Es hilft, wenn man dem niemand mehr abrücken kann. Unsere
Wäre es nicht sinnvoll, Ihre Empfehlungen daran denkt, was man tatsächlich dagegen Berichte hatten bereits enormen Einfluss auf
lebensnäher zu formulieren? tun kann. Wir können alle Entscheidungen die Regierungen. Nach dem Sonderbericht
Skea: Es wird weiterhin noch Forschung zu treffen, die unsere Welt sicherer und besser zum 1,5-Grad-Ziel im Jahr 2018 hat Groß-
den Ursachen des Klimawandels geben, auch machen. britannien beschlossen, die Emissionen des
wenn mittlerweile unbestritten ist, dass Ver- SPIEGEL: Trotzdem fördern multinationale Landes bis 2050 auf null zu senken. Gleiches
brennung von fossilen Rohstoffen wie Öl, Konzerne weiterhin riesige Mengen Öl und gilt auch für die Europäische Union.
Kohle und Gas die Erwärmung auslöst. Wir Gas. Die CO2-Kurve steigt, anstatt zu sinken. SPIEGEL: Sie wollen also nicht politischer
wissen aber noch zu wenig darüber, inwiefern Frustriert Sie das nicht? werden?
einzelne menschliche Aktivitäten für be- Skea: Natürlich bin ich frustriert, dass wir die Skea: Wenn der Rat politische Forderungen
stimmte Ereignisse auf dem Planeten verant- Dinge nicht schneller vorantreiben können. aufstellt, untergräbt er seine Autorität. Wir
wortlich sind. Auch Vorhersagen für regionale Der Weltklimarat hat sehr deutlich gemacht, sind unparteiisch und bleiben es auch.
Klimaveränderungen müssen besser werden. dass die Unternehmen nicht alle Öl- und Gas- SPIEGEL: Die Klimawandelleugner werden
Dennoch haben Sie recht – die Beschäftigung ressourcen ausbeuten dürfen, die derzeit er- derzeit lauter, sie greifen den Weltklimarat
mit der Eindämmung und Anpassung an den schlossen werden. Ein Großteil der fossilen an und sprechen ihm jegliche Legitimation
Klimawandel wird wichtiger. Brennstoffe muss im Boden bleiben, wenn ab. Was ist Ihre Antwort?
SPIEGEL: Der nächste große Sachstandsbericht wir die Pariser Ziele erreichen wollen. Doch Skea: Ich habe ein dickes Fell. Natürlich sind
ist für das Jahr 2030 geplant. Wie wird dieser das müssen Politiker, Unternehmen und Zivil- wir als Forscher und auch der Weltklimarat
vorbereitet? gesellschaft aushandeln. als Institution von diesen Kräften kritisiert
Skea: Wir müssen demnächst entscheiden, SPIEGEL: Klimaschutz wurde lange verzögert worden, manchmal mit scharfen Worten. Ich
welche Sonderberichte wir in den kommen- und ausgebremst. War die Stimme des Welt- kann damit umgehen, weil ich das aus mei-
den Jahren noch anfertigen wollen. Es geht nem Alltag kenne. Als Mitglied im schotti-
um Grundlegendes: Welche Themen sollen schen Transformationskomitee bin ich diese
bearbeitet werden, und welche Rolle sollen Debatten gewöhnt. Politischer Streit ist für
die Berichte auf Uno-Klimakonferenzen spie- mich nichts Neues. Die wissenschaftlichen
len? Darüber entscheiden die rund 200 Mit- Beweise haben wir auf unserer Seite. Die Fol-
gliedstaaten. Als IPCC-Vorsitzender habe ich »Wir werden auch bei gen der Klimaveränderung sind so sichtbar
aber auch ein Wort mitzureden. geworden, dass man weniger diskutieren muss
SPIEGEL: In den nächsten Jahren wird die
1,5 Grad Erwärmung nicht als noch vor 20 Jahren.
Weltöffentlichkeit Sie vermutlich als Über- aussterben.« Interview: Susanne Götze n

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 103


KULTUR

Projektion des neuen X-Logos auf


Firmenzentrale in Los Angeles

Carlos Barria / REUTERS


X-tra dumm
REBRANDING Der Social-Media-Dienst Twitter heißt jetzt also X, und Eigentümer Elon Musk
wäre offenbar gern der Bösewicht in einem Bond-Film. Leider in einem schlechten.

ch mag den Buchstaben X«, schrieb Kulturressort gehören wir ja nicht zu den Leider gibt es einen Haken an der
I Elon Musk letztens auf, ja was jetzt, X?
Das ist der bislang erste Satz von Elon
Musk, dem sich der Autor dieses Textes un-
Bedenkenträgern, und so kann man auch
mal bewundern, wie konsequent Elon
Musk gerade an seinem eigenen Image als
Sache. Denn Musk mag zwar nach außen
den genialischen Bösewicht geben, bei ge-
nauerer Betrachtung wirkt das Ganze dann
eingeschränkt anschließen kann als jemand, Bösewicht in einem Bond- oder Marvel- aber doch nur wie ein Spiel spätpubertie-
der seine Mails früher auch mal mit »X« Film arbeitet. render Deppen. In der »New York Times«
unterschrieben hat, weil der 24. Buchstabe Nicht nur, dass er das blaue Vögelchen konnte man lesen: »In der Twitter-Zentrale
des Alphabets einfach unbestreitbar der mit seinem süßen »Gezwitscher« gegen ein in San Francisco wurden am Montag X-
coolste, härteste und geheimnisvollste ist. düster anmutendes X auf dunklem Grund Logos in die Cafeteria projiziert, während
Twitter heißt jetzt also X, was zu jemandem austauscht. Auch ein Haus will er sich wohl Konferenzräume in Wörter mit X umbe-
passt, der schon sein Kind X genannt hat. bauen lassen, wie die »Süddeutsche« berich- nannt wurden, darunter ›eXposure‹ ,
Natürlich gab es sofort Bedenken der Be- tet, in den Südtiroler Bergen, mit X-förmigen ›eXult‹ und ›s3Xy‹«.
denkenträger. Ist das nicht ein wirtschaftlich Säulen. Es sieht so aus, als könnte man von Bei Bond-, Superhelden- oder sonstigen
total dummer Schritt? Rebrandings gelingen dort aus ganz gut die Zerstörung und den Jungsfilmen gilt die Regel, dass sie nur gut
fast nie, und man kann sich kaum vorstel- Wiederaufbau der Welt planen, vielleicht ist sein können, wenn der Gegenspieler über-
len, dass wirklich jemand in Zukunft sagen irgendwo auch noch Platz für ein Piranha- zeugt. Insofern leben wir in einem sehr
wird, er hätte etwas »gexeetet« statt becken, in das unliebsame Konkurrenten schlechten Film. Das Drehbuch dafür haben
getweetet. So läuft das nicht. Aber hier im (Zuckerberg?) gestoßen werden können. wir allerdings leider selbst geschrieben. XVC

104 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


Triumph der Brief an den Vater Bett neben sich leer findet,
kriegt sie immer erst mal eine
Grande Dame LITER ATUR Arda liegt sterbens­ kleine Panikattacke«, schreibt
KINO Man kann sich kaum krank im Krankenhaus und Arda über Aylin an seinen
sattsehen an diesem Gesicht, verfasst einen Brief an seinen Vater. Er selbst hat drei Jungs,
das mädchenhaft strahlen und Vater, den er nie kennengelernt Bojan, Danny und Sava, die
im nächsten Moment in Me­ hat. Dessen Leben mit zweiter auch gern mehr von ihrem
lancholie versinken kann, das Frau und anderen Kindern Vater hätten. Es ist ein melan­
auf eine betörende Weise alters­ malt er sich aus. Arda weiß, cholisches und manchmal witzi­
los erscheint. Der Liebesfilm dass der Vater irgendwas ges Buch, das auf einem Bahn­
»Im Herzen jung«, der nun in mit Revolution zu tun gehabt hofsvorplatz im Ruhrgebiet, in
die deutschen Kinos kommt, hatte. Er will ihm mit dem Brief kleinen Wohnungen, auf den
ist ein einziger Triumph der »für immer die Möglichkeit Fluren eines Ausländeramts und

Alamode Filmverleih
französischen Schauspielerin nehmen, nicht zu wissen, wer in einem Dorf zwischen Wein­
Fanny Ardant. Sie spielt die ich war«. Necati Öziris Debüt­ bergen in der Türkei spielt. Es
70­jährige Architektin Shauna, roman heißt »Vatermal«, es springt zwischen Orten und
die sich in den mehr als 20 Jah­ ist die Ausarbeitung seines Zeiten, im Zentrum liegt Arda
re jüngeren Arzt Pierre (Melvil Ardant, Poupaud Theaterstücks »Get deutsch im Krankenhausbett, mit dem
Poupaud) verliebt. Die Regis­ or die tryin’«, das 2017 am Vater im Kopf. Bücher über den
seurin Carine Tardieu nimmt empfindet, aber auch die Zwei­ Maxim Gorki Theater in Berlin Vater sind ja fast ein eigenes
sich viel Zeit, die Entstehung fel, die nicht weichen wollen: uraufgeführt wurde. Das Fehlen Genre, zum Glück hat Öziri
und Entwicklung dieser Be­ Welche Zukunft hat diese Liebe, des Vaters hat zur Folge, dass eine ganze Familiengeschichte
ziehung zu beschreiben. Pierre ist sie nicht bloß eine Amour es in dem Buch vor allem um daraus gemacht. BÖ
ist verheiratet und hat zwei fou, die viel zerstören kann? Frauen geht, um Ardas Mutter
Kinder, Shauna hat Parkinson In schlechteren Filmen würden Ümran und seine Schwester
und leidet an ersten Symp­ Freunde und Verwandte der Aylin. Ümran, die auf ihre Lie­
tomen der Krankheit. Ein zag­ Liebenden mit Unverständnis be verzichtet, um ihrer Tochter
haftes, überaus zärtliches reagieren und ihnen zusetzen, nicht den Vater zu nehmen.
Herantasten bringt die beiden hier jedoch kommt die Drama­ Und Aylin, die dann doch ohne
einander immer näher. Es ist tik von innen. Begehren, Ver­ Vater und irgendwann auch
der Widerstreit der Gefühle, zweiflung, Verzauberung und ohne Mutter leben muss. »Sie Necati Öziri:
der diesem Film Spannung gibt. Nachdenklichkeit – Ardant findet immer noch keinen »Vatermal«.
Claassen;
Ardant lässt den Zuschauer die kann all dies in ihrem Gesicht Schlaf. Den hast du ihr genom­ 304 Seiten;
Sehnsucht spüren, die Shauna vereinen. LOB men. Wenn sie morgens das 25 Euro.

Auf dem sinkenden aktionen des französischen Tief­ leben in der ersten Klasse, wo sen. Vor dem Viererabteil in der
seetauchers Paul­Henri Nargeo­ reiche Gäste bis zu 4500 US­ dritten Klasse weicht die leichte
Schiff let, der am 18. Juni nahe dem Dollar für eine Luxussuite be­ Musik plötzlich pochenden Ge­
AUSSTELLUNGEN Wer wird die Wrack der »Titanic« im Tauch­ zahlten. Das entspricht heute räuschen aus dem Maschinen­
Reise auf der »Titanic« überle­ boot »Titan« ums Leben kam. rund 130.000 US­Dollar. Zudem raum. Die Besucher entdecken,
ben? Eine Ausstellung in Paris, Die Ausstellung in Paris führt ist eine Nachbildung der be­ wie die als unsinkbar gerühmte
die bis zum 10. September in bis ins Innerste. Ein diamanten­ rühmten großen Treppe zu se­ »Titanic« in der Nacht des
der Expo Porte de Versailles zu besetzter Goldring, Spielkarten, hen, die die Besucher unter 14. April 1912 trotz der Warnun­
sehen ist, erzählt die Geschichte eine Bürste ohne Borsten wie feierlichen Walzerklängen be­ gen anderer Schiffe im Umkreis
des legendären Luxusschiffs auch eine Champagnerflasche dächtig auf­ und abschreiten ihren Kurs mit unverminderter
anhand persönlicher Schicksale zeugen vom regen Gesellschafts­ und sich dabei fotografieren las­ Geschwindigkeit fortsetzt, bis
und Objekte. Sie will sie greif­ die Kollision mit dem Eisberg
bar und fühlbar machen. Die nicht mehr abwendbar ist.
Zeitreise beginnt mit einer Dieser prangt jetzt für die
Bordkarte. Sie ist ausgestellt auf Besucher als Eiswand kalt und
den Namen einer der Passagiere glänzend im dunklen Raum.
der ersten, zweiten oder dritten Sie können seine Kälte mit den
Klasse, die am 10. April 1912 Händen spüren. An der Wand
zusammen mit rund 900 Besat­ stehen Zitate von Passagieren.
zungsmitgliedern auf der RMS Ida Straus weigert sich, ins Ret­
»Titanic« von Europa nach New tungsboot zu steigen, sie will
York aufbrachen. Dazu Alter, ihren Mann nicht allein auf dem
Informationen zum Familien­ sinkenden Schiff zurücklassen:
stand, Grund der Überfahrt. »Wir werden sterben, wie wir
Rund 260 Gegenstände aus dem gelebt haben – gemeinsam.«
Wrack der »Titanic« sowie ori­ Am Ende der Zeitreise fin­
ginalgetreue Reproduktionen den die Besucher den Namen
RMS Titanic Inc.

sind auf 2000 Quadratmetern auf ihrer Bordkarte auf einer


in mehreren Räumen zu sehen. Liste der 1500 Toten und
Ein Großteil der gezeigten Ob­ 700 Überlebenden der »Tita­
jekte stammt aus Bergungs­ Nachbau der »Titanic«-Treppe in der Pariser Ausstellung nic« wieder. PE

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 105


KU LT U R

»Wir können nicht von der


protestantischen Arbeitsethik lassen«
SPIEGEL-GESPRÄCH Wie viel Zeit die Deutschen mit ihrem Job verbringen wollen, darüber wird so viel
diskutiert wie lange nicht mehr. Warum jetzt? Die Wirtschaftswissenschaftlerin Jana Costas
über unsichtbare Reinigungskräfte, unglückliche Unternehmensberaterinnen und den Fetisch Arbeit.

as Büro in Kreuzberg hat ein rechtfertigt, dass Arbeit so viel Raum und Kreativität. Haben diese Männer
D typisches Co-Working-Flair. einnimmt in unserem Leben? Dahin-
Das Geschirr trocknet in der ter stehen natürlich große Sinnfragen.
Dusche, Sprudelkästen stehen in den Ich habe eine Studie zu Unterneh-
und Frauen nicht schlicht zu hohe Er-
wartungen?
Costas: Na ja. Das Versprechen ist
Ecken. Jana Costas, 40, teilt sich die mensberaterinnen und -beratern heute nun mal ein anderes. Einerseits
Räume mit Freiberuflern, aber an die- durchgeführt. Man möchte meinen: ist die protestantische Arbeitsethik
sem heißen Sommertag ist außer ihr eine Berufsgruppe, die eine an- noch immer stark ausgeprägt in
niemand da. An mehreren Tagen pen- spruchsvolle, autonome und auch sta- Deutschland. Arbeit wird unglaublich
delt sie nach Frankfurt an der Oder, tusfördernde Tätigkeit ausübt. Aber wichtig genommen. Wenn Andrea
wo sie einen Lehrstuhl für Betriebs- einige Frauen und Männer beschrie- Nahles einer vermeintlich freizeit-
wirtschaftslehre innehat, den Rest der ben sich als entfremdet von ihrem Job, orientierten jüngeren Generation zu-
Woche forscht sie hier am Schreib- wussten nicht, warum sie das über- ruft, dass Arbeit nun mal »kein Pony-
tisch zu Arbeit, Management und haupt machen. Wie Charlie Chaplin hof« sei, sagt sie damit implizit auch:
Personal. Zuletzt begleitete sie über in »Modern Times«. Reine »Monkey Nur wer arbeitet, ist auch im morali-
einige Monate Reinigungskräfte am Work«, wie sie es nannten, eine Be- schen Sinn der Gesellschaft nützlich.
Potsdamer Platz, scheuerte selbst schäftigung, für die man eigentlich Forscherin Costas: Oder schauen Sie sich die harschen
Kloschüsseln und analysierte, wie die kein menschliches Hirn braucht. »Halten wir es für Reaktionen auf die Forderung nach
gerechtfertigt, dass
Frauen und Männer ihre Arbeit wahr- SPIEGEL: Gerade sehr gut bezahlte Arbeit so viel Raum
einer Siesta in Deutschland an – bloß
nehmen*. Costas hat nach ihrem Ba- Jobs bedienen nicht zwingend Be- einnimmt in unserem nicht so werden wie die faulen Süd-
chelor in London in einer Unterneh- dürfnisse nach Selbstverwirklichung Leben?« länder! Andererseits wissen wir, dass
mensberatung gearbeitet, kehrte nach heute Unternehmen darüber hinaus
dem Master aber nicht zurück in die die Erwartung schüren, Bedürfnisse
freie Wirtschaft, weil sie, wie sie sagt, nach Selbstverwirklichung und
eigene Fragen stellen wollte, statt für Emanzipation zu befriedigen – eine
Klienten zu arbeiten. Sie zog nach Idee, die die Arbeitswelt auch von
ihrer Promotion in Cambridge wieder der 68er-Bewegung kooptiert hat.
in ihre Heimat Berlin. »Mich hatten Eine ursprünglich politische Kritik an
viele vor den deutschen Unis gewarnt, Autoritäten mündet heute in Unter-
vor der Bürokratie und den Hierar- nehmensideale wie Diversität, flache
chien«, sagt sie. »Nach dem Brexit Hierarchien oder Social Responsibi-
bin ich froh, Beamtin in Deutschland lity. So was führen Firmen nicht nur
zu sein.« ein, weil sie auf gute PR hoffen, son-
dern auch für die Innenwirkung.
SPIEGEL: Frau Costas, warum wird Damit signalisieren sie ihren Mitar-
gerade jetzt so viel darüber gestritten, beiterinnen und Mitarbeitern: Wir
wie viel die Deutschen arbeiten sollen fordern zwar viel von dir, aber die
und wollen? Wertvorstellungen, die du außerhalb
Costas: Weil Pandemie und techni- der Arbeit hast, kannst du auch hier
scher Wandel nicht nur die Frage auf- ausleben. Das aber führt zu neuen
geworfen haben, ob man im Home- Problemen.
office genauso produktiv ist wie im SPIEGEL: Dazu, dass man auch im
Büro. Sondern auch die prinzipielle: Feierabend überhaupt keinen Ab-
Halten wir es als Gesellschaft für ge- stand mehr vom Job gewinnen kann?
Marzena Skubatz / DER SPIEGEL

Und dann weniger Arbeit fordert, um


* Jana Costas: »Im Minus-Bereich. Reini-
wieder eine gesunde Distanz herzu-
gungskräfte und ihr Kampf um Würde«. Aus stellen?
dem Englischen von Richard Barth, Stephan Costas: Klar, das führt zu mehr Ent-
Gebauer und Michael Müller. Suhrkamp; grenzung, die dann vom Individuum
280 Seiten; 20 Euro.
Das Gespräch führte die Redakteurin Eva irgendwie selbst gemanagt werden
Thöne. muss. Wir wissen auch aus Studien,

106 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


KU LT U R

Duane Hanson »Putzfrau, 1972« / Staatsgalerie Stuttgar t, er worben mit Lotto-Mitteln / bpk / VG Bild-Kunst, Bonn 2023
Duane-Hanson-Kunstwerk »Putzfrau, 1972«: »Im Moment verschwindet der Schmutz fast immer einfach über Nacht«

dass Menschen in selbst organisierten Teams, Löhne steigen. Weniger Geld ist für fast jeden, in denselben Räumen – aber sich vielleicht
in denen sie viel Eigenverantwortung haben der im Reinigungssektor arbeitet, keine Op- nie begegnen. Sie alle haben sehr unterschied-
und Hierarchien abgebaut wurden, mehr tion, deshalb wäre die große Frage: Vier liche Bedürfnisse. Und wenn es um das Be-
arbeiten, häufig unter Stress leiden und nicht Tage – mit oder ohne Lohnausgleich? Viele dürfnis nach weniger Arbeit geht, reden wir
produktiver sind. Sie fühlen sich auch weniger Männer und Frauen wollen prinzipiell mehr in der Regel nicht über Reinigungskräfte,
wie sie selbst, weniger authentisch in der Rol- arbeiten und hoffen auf eine Festanstellung, nicht über Freischaffende, nicht über die vie-
le – gerade weil die geschürte Erwartung an weil das Geld kaum reicht, wenn einem nur len Frauen, die sowieso schon in Teilzeit
Authentizität so hoch geworden ist. Ich über- wenige Stunden zugeteilt sind oder man in arbeiten und de facto bereits eine Viertage-
spitze natürlich, es gibt auch Menschen, die einem Minijob hängt. Was aber interessant woche ohne Lohnausgleich haben. In der
in einer Unternehmenskultur aufgehen, in werden könnte: Wenn die Büroangestellten Beratungsbranche gehört es dazu, in der
der die Grenzen zwischen Ich und Arbeit ver- in den Gebäuden am Potsdamer Platz einen Stundenerfassung viel weniger anzugeben,
schwimmen. Aber wenn etwa After-Work- Tag in der Woche nicht ins Büro kommen. als gearbeitet wurde; man steht morgens um
Drinks verbunden sind mit einer Erwartungs- SPIEGEL: Dann gäbe es doch weniger Arbeit fünf auf, nimmt den ersten Flieger irgend-
haltung, wenn Menschen denken, sie müssten für die Reinigungskräfte? wohin zum Kunden und arbeitet dann die
sich dort zeigen und socializen – dann wird Costas: Ich glaube vor allem, dass sie sicht- Nacht durch – die sogenannten ghosting
das zum Problem. Außerdem kommt es dau- barer werden könnten, weil sie zumindest an hours, Geisterstunden. Wir reden also auch
ernd zum Clash: Weil Firmen heute so stark einem Tag in der Woche nicht mehr zu Rand- nicht über Spitzenkräfte, die sich darüber de-
Sinnhaftigkeit versprechen, nimmt zum Bei- zeiten arbeiten müssten, spätabends oder finieren, sehr viel mehr Zeit im Büro zu ver-
spiel eine Unternehmensberaterin jede Tätig- frühmorgens. Das könnte zu mehr Anerken- bringen als alle anderen.
keit, die nicht gleich ein Gespräch mit einem nung des Jobs führen, weil sich die Männer SPIEGEL: Über wen reden wir dann?
CEO ist, als sinnlos wahr. und Frauen tagsüber im öffentlichen Raum Costas: Vor allem über Personen, die im Rah-
SPIEGEL: Das klingt immer noch nach der De- bewegen, also dann, wenn auch viele andere men eines Arbeitsvertrags mit klaren Arbeits-
batte innerhalb einer eher kleinen, sehr gut Menschen es tun. Sauberkeit ist ja nichts, das zeiten Vollzeit beschäftigt sind. Das sind aber
bezahlten Büroelite. Was würden die Reini- für die Gesellschaft greifbar ist – und im Mo- nicht zwingend nur Leute aus der gehobenen
gungskräfte, die Sie begleitet haben, zur Vier- ment verschwindet der Schmutz fast immer Mittelschicht mit Schreibtischjobs. Die vor
tagewoche sagen? einfach über Nacht. Das allein zeigt: Wir le- Kurzem so viel besprochene repräsentative
Costas: Für die Reinigungsbranche insgesamt ben in einer polarisierten und ausdifferen- Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung zum Ver-
könnte die Idee spannend sein, um sie attrak- zierten Arbeitsgesellschaft, in der viele Be- hältnis der Deutschen zur Arbeit zeigte ja:
tiver zu machen. Erst mal aber müssten die rufsgruppen nebeneinander arbeiten, sogar Nicht nur Akademiker wollen sich anderen

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anderen? Menschen aus dem Globa-


len Süden, die man möglichst nicht
sehen muss, die einen nicht stören.
Geht ja alles digital. Und in der neu
gewonnenen Freizeit soll man dann –
kein Scherz – mit Motorrädern durch
Europa düsen, in Panama tauchen
gehen und Tangostunden in Buenos
Aires nehmen. Das steht da wirklich
so drin. Das ist der Lebensentwurf,

Duane Hanson »Lunchbreak, 1989« / VG Bild-Kunst, Bonn 2023 / Foto: akg-images


der verkauft wird über eine Reduk-
tion der Arbeit – und dafür interes-
sieren sich Millionen.
SPIEGEL: Da schwingt auch die An-
nahme mit, dass technischer Fort-
schritt zu einer individuell angeneh-
men Arbeitsreduktion führen kann.
Costas: Ja. In der Debatte um weniger
Arbeitszeit wird ja im Moment auch
besonders gern wieder John Maynard
Keynes ins Feld geführt …
SPIEGEL: … der 1930 für seine Enkel-
kinder eine 15-Stunden-Woche pro-
phezeite, weil die technologischen
Fortschritte einen hohen Lebensstan-
dard ermöglichen.
Costas: Und dann kommt immer die
Frage: Warum ist das nie der Fall?
Lebensbereichen zuwenden, das geht solidarisch verteilen. Darum geht es Hanson-Kunstwerk SPIEGEL: Warum?
durch die Schichten. Dass sich seit der gut bezahlten Wissensarbeitern, die »Lunchbreak, 1989« Costas: Weil wir dem Fortschritt im-
Industrialisierung für uns alle die Zeit weniger arbeiten wollen, vermutlich mer mehr hinterherhinken, als wir
verringert hat, die wir mit unserem eher nicht. Aber das bedeutet auch annehmen. Produktivitätsgewinne
Job verbringen, ist ja auch eine Er- nicht, dass die nur an sich selbst den- stellen sich erst ein, wenn sich Orga-
rungenschaft von Arbeiterinnen und ken. Die Frage ist: Was geschieht in nisationen auch auf neue Technolo-
Arbeitern. der Zeit, in der man keiner Lohn- gien einlassen. Und dann kommen
SPIEGEL: Debatten über Arbeitszeit- arbeit nachgeht? Arbeit kann ja auch noch unsere moralischen Vorstellun-
reduzierung wurden immer von Ge- Carework sein oder Freiwilligen- gen und das Ideal des hart arbeiten-
werkschaften angestoßen. arbeit. Dieses Engagement hat in den den Menschen ins Spiel. Keynes
Costas: So ist es. Zur Hochzeit der letzten 20 Jahren tatsächlich zuge- schrieb in seinem berühmten Aufsatz
Industrialisierung haben statistisch nommen, und zwar auch bei den Jün- auch sinngemäß: Wir müssen loslas-
erfasste Erwerbstätige noch 70 Wo- geren, von denen oft behauptet wird, sen können, den Überfluss genießen,
chenstunden gearbeitet. Erst ab Ende sie würden nicht mehr arbeiten wol- der alte Adam in uns darf nicht mehr
der Fünfzigerjahre setzte sich die len. Und eine Studie zeigt auch, dass so mächtig sein. Und, der letzte
Fünftagewoche nach und nach durch, Frauen bei einer Viertagewoche am Grund: Technologie erzeugt selbst
weil der DGB so ausdauernd dafür Tag fünf nicht in die Sauna gehen, Arbeit.
kämpfte. Und jetzt ist es die IG Me- sondern Carework oder Hausarbeit SPIEGEL: Für die im Moment so viel
tall, die in den Herbstverhandlungen machen. diskutierte Technologie der künst-
mit den Arbeitgebern eine Viertage- SPIEGEL: Der Mann rührt nach wie lichen Intelligenz soll aber genau das
woche für alle fordern will. Was aber vor keinen Finger? nicht mehr gelten. Weil sie im Ideal-
in der Vergangenheit nicht zwingend Costas: Das würde ich pauschal so fall Zusammenhänge herstellt und so
geschah: dass Forderungen der Ge- nicht sagen. Aber es erzählt auch et- auch selbstständig arbeitet.
werkschaften auch zu einer breiten was darüber, wie ungleich Aufgaben Costas: So einfach ist es nicht. Den-
gesellschaftlichen Veränderung führ- zwischen den Geschlechtern noch ken Sie zum Beispiel an Content Ma-
ten. In der Metallindustrie gilt ja zum verteilt sind. Carework ist eben auch nager, die bestimmte Inhalte in sozia-
Beispiel seit Mitte der Neunziger ein Dienst an der Gesellschaft, nichts, len Netzwerken löschen. Die entfer-
schon die 35-Stunden-Woche. Aber das man nur für sich selbst macht. nen in der Regel nicht nur Bilder und
Sie und ich arbeiten in Vollzeit immer SPIEGEL: Aber es verhalten sich auch Videos, sondern trainieren durch ihre
noch 40. nicht alle so altruistisch. Arbeit auch die KI. Der naheliegende
SPIEGEL: Es geht den Gewerkschaften Costas: Natürlich nicht. Kennen Sie Gedanke wäre: Machen sie sich nicht
bei Arbeitskämpfen um mehr Ge- »The 4-Hour Workweek«? Das ist seit irgendwann überflüssig, weil die KI
rechtigkeit – die Nutznießer sind Jahren ein globaler Bestseller. Es ist »Wir hinken alles gelernt hat? Nein, das tun sie
dann aber ab und an auch Schichten, ein Buch, das die Flucht aus dem An- nicht. Weil die KI nie auslernt. Men-
die verzweifeln, weil ihr Job sie nicht gestelltendasein zelebriert und zeigen
dem Fort- schen müssen immer weiter trainie-
mehr mit Sinn erfüllt? will, wie man selbst möglichst wenig schritt immer ren und beaufsichtigen. Das heißt
Costas: Wenn Gewerkschaften weni- arbeiten kann. Die grobe Idee: Man mehr hinter- nicht, dass es in bestimmten Bran-
ger Arbeit für den Einzelnen fordern, wird selbst Entrepreneur, etwa im chen nicht zu Arbeitsplatzverlusten
wollen sie auch Jobs für möglichst E-Commerce-Bereich, und lässt dann her, als wir kommt, zu Neubewertungen und Ver-
viele erhalten. Also das, was da ist, andere für sich arbeiten. Wer sind die annehmen.« schiebungen. Aber an die Unaus-

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weichlichkeit eines epochalen Bruchs, die bei Costas: Bei der Debatte geht es ja nicht um geknüpft? Warum sind wir der Gesellschaft
künstlicher Intelligenz oft beschworen wird – das Recht auf Faulheit, wie es der Sozialist nur dienlich, wenn wir Lohnarbeit nachge-
an die glaube ich nicht. Paul Lafargue Ende des 19. Jahrhunderts so hen? Kann der Wert eines Menschen auch
SPIEGEL: Warum schwankt die Debatte häufig schön formuliert hat. Im Gegenteil: Die Vier- anders definiert werden?
nur zwischen den Extremen »Hurra, wir müs- tagewoche wird häufig damit beworben, dass SPIEGEL: Die Philosophin Eva von Redecker
sen nicht mehr arbeiten« und »Hilfe, die KI Menschen dann weniger krank und insgesamt forderte kürzlich im SPIEGEL einen neuen
nimmt uns die Jobs weg«? produktiver sind. Gewerkschaften und Poli- Freiheitsbegriff. Nicht mehr Eigentum, son-
Costas: Um Veränderungen zu rechtfertigen. tiker bringen diese Argumente gleichermaßen, dern Zeit wird demnach der zentrale Wert für
Technikutopien wie auch -dystopien gehen weil sie wissen: Nur so kann überhaupt eine uns. Darin könnte eine Ablösung vom Wirt-
im Kern davon aus, dass es zu einer Revolu- Debatte entstehen. Der Business Case ist ge- schaftsdenken liegen.
tion kommt, gegen die der Mensch wenig tun macht. Egal ob Menschen durch weniger Costas: Die Frage, die sich mir dann stellt:
kann, auch wenn er sie in Wahrheit selbst Arbeitszeit wirklich produktiver werden. Die Wie wird Arbeit und entsprechend Zeit
eingeleitet hat. Das Überspitzen ist nötig, da- Jobs im Reinigungsgewerbe zum Beispiel verteilt? Diskussionen zur »Post-Work-
mit es als Argument für alle möglichen Maß- wären gar nicht mehr optimierbar. Die Män- Gesellschaft« fordern, dass Arbeit reduziert,
nahmen herhalten kann. ner und Frauen können schwer noch schnel- wenn nicht gar abgeschafft werden soll.
SPIEGEL: Welche? ler arbeiten. Wir können offenbar noch nicht Das klingt attraktiv. Es gibt nur ein Problem:
Costas: Die IT-Forscherin Meredith Whittaker von der protestantischen Arbeitsethik lassen Wie stellen wir sicher, dass nicht wenige
hat darauf hingewiesen, dass KI als Droh- – und engen uns so diskursiv ein. viel Zeit für die schönen Dinge des Lebens
szenario genutzt werden kann, um über die SPIEGEL: Wie könnten wir die Diskussion bekommen, während andere die ganze Arbeit
Angst vorm Arbeitsplatzverlust Löhne zu weiten? erledigen?
drücken. Und gerade die Tech-Unternehmen Costas: Indem wir andere Fragen stellen: Wa- SPIEGEL: Frau Costas, wir danken Ihnen für
überbieten sich ja gerade mit dystopischen rum sind unsere Werte so stark an die Arbeit dieses Gespräch. n
Szenarien – es kann gut sein, dass sie das auch
tun, um mit einer nicht allzu scharfen Selbst-
regulierung staatlichen Formen der Kontrol-
le vorzubeugen, das ist ein klassisches oppor-
tunes Verhalten von Firmen. Was bei der KI-
Debatte aber neu ist: Die Technologie wird
so dargestellt, als würde sie Attribute, die dem
Menschen zugeschrieben werden, überneh-
men. Den Arbeiter, der durch den Roboter
ersetzt wird, kennen wir schon. Jetzt werden
Berufsgruppen infrage gestellt, die sich selbst
viel sicherer waren. Wer in einer Top-Kanzlei
arbeitet und bislang 20 Stunden abrechnen
konnte, um Rechtsprechungen durchzugehen,
kommt jetzt ins Schwitzen, wenn das mit KI
in zwei Stunden erledigt ist.
SPIEGEL: Bei Ihnen klingt an, dass Gesellschaf-
ten dem Kapitalismus nicht entkommen kön-
nen, egal was sie tun. Kann die Debatte um
Arbeitszeit nicht doch davon gelöst werden?
Costas: So pessimistisch wollte ich nicht klin-
gen. Lässt sich am Ende alles auf die ökono-
mische Frage zusammenkürzen? Nein. Für
mich ist das zu deterministisch und mono-
kausal gedacht. Es gibt immer Spielräume,
die beständig neu verhandelt werden, und
Momente der Unsicherheit, die sich nicht al-
lein durch eine ökonomische Logik erklären
Duane Hanson »Tourists, 1970« / VG Bild-Kunst, Bonn 2023 / Foto: INTERFOTO

lassen.
SPIEGEL: Das klingt noch sehr abstrakt.
Costas: Jobs, denen eine geringere Wertigkeit
zugeschrieben wird, werden schlechter be-
zahlt. Deshalb kann man auch Gender nicht
komplett trennen von materiellen Fragen.
Konkret aus der Arbeitswelt von Reinigungs-
kräften: Die Reinigung von Innenräumen ist
schlechter bezahlt als die von Fassaden, also
etwa Fensterputzen – warum? Das hat auch
damit zu tun, dass die private Sphäre Frauen
als Zuständigkeitsbereich zugeschrieben wird,
die Öffentlichkeit Männern. Das war schon
bei den sprichwörtlichen alten Griechen so.
Was aber stimmt: Im Moment wird die De-
batte über Arbeit sehr stark im Einklang mit
der Logik der Produktion geführt.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit? Hanson-Kunstwerk »Tourists, 1970«: »Was geschieht in der Zeit, in der man keiner Lohnarbeit nachgeht?«

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ausleben oder nur tanzen möchten. Das


»Kinky Galore«-Team tingelt durchs
Bundesgebiet, etwa alle zwei Wochen findet
eine Party statt. Die Tickets kosten etwa 40
Euro, zur bislang größten in München ka-

Jenseits von Eden men 2000 Menschen.


Den SPIEGEL empfängt Ehret, 44, in Tuch-
hose und Hausschlappen, beides mit Leopar-
denmuster. Die linke Brust ist noch etwas
NACHTLEBEN Mit seinen freizügigen Elektropartys zeigt der DJ Jan Ehret, wund, dort hat sich Ehret vor zwei Tagen
die Zeichentrickfigur Shaun das Schaf täto-
wie Einvernehmlichkeit und Rücksicht auch unter leicht bekleideten wieren lassen. »Der ist ein bisschen wie ich.
Menschen funktionieren. Ein Besuch im Bunker bei »Kinky Galore«. Liebevoll und tollpatschig.« Auf dem Unter-
arm trägt er eine Kinderzeichnung seiner
Tochter als Tattoo. Auf seinen zehn Fingern
m halb drei ist die Party auf ihrem Hö- es vermeintlich am schmuddeligsten zugeht, steht PRIMA LEBEN.
U hepunkt und auch Julia weit oben: Sie
hängt mit roten Seilen gefesselt von der
Decke und schaukelt über ein Meer von Halb-
scheinen die Menschen besonders gut Be-
scheid zu wissen über die Werte, die eine Ge-
sellschaft doch eigentlich anstrebt: Moral und
Geht es ihm um Hedonismus? »Es ist für
mich mehr«, sagt Ehret. »Wir könnten alle
prima leben, wenn wir anständig miteinander
nackten hinweg. Respekt. Toleranz und Konsens. umgingen.« Er möchte seine Veranstaltungen
Unter der Bondage-Performerin bewegen Es ist keine Utopie: Frauen können stun- weder Sexparty noch Fetischparty nennen,
sich junge und alte Körper, dünne und kor- denlang nackt tanzen, ohne dass irgendje- »kinky« treffe es besser. Wichtig sei ihm, dass
pulente. Sie stecken in Netzstrümpfen oder mand das als Aufforderung für irgendetwas alles nahbar und liebevoll wirke. Beim Einlass
Mikrobikinis. Ein grauhaariger Mann in pink- begreift. Wie machen die das? der Partys begrüßen Ehret und Woods jeden
farbenem Latexanzug küsst seine Partnerin. Ein Kleingartenverein in Berlin-Pankow. einzelnen Gast mit Umarmungen am Fließ-
Eine junge Frau trägt nur Slip und Turnschu- Rosen und Hortensien blühen, ein Birnbaum band, manchmal dauert das mehr als zwei
he, sie tanzt mit geschlossenen Augen. Ein trägt kleine Früchte. Kinderspielzeug und ein Stunden. Ihr Merchandise bedrucken sie
Mann im Harness schiebt ein Plüschpferd Gartenschlauch liegen im hohen Gras, Wä- selbst, die Siebdruckpresse steht in einer Hüt-
durch die Menge. In einer dunklen Ecke hat sche hängt auf einer Leine zwischen den Bäu- te im Garten. Es gebe Menschen, die jedem
ein Paar um die 40 Geschlechtsverkehr. Kaum men. Ein schmaler Weg führt zu einem klei- seiner Events hinterherreisten, sagt Ehret.
jemand schaut hin. nen Pavillon, auf einer Terrasse steht eine Ehret ist ein kreativer Künstlertyp, der gut
House-Musik wummert aus den Boxen, Badewanne. Hier wohnt Jan Ehret, DJ und mit Menschen kann und gegen toxische Mas-
der DJ tanzt hinter seinem Pult. Jan Ehret Veranstalter der Partyreihe »Kinky Galore« kulinität anarbeiten will. Als Veranstalter von
trägt ein rotes Achselshirt, darauf steht »Kin- mit seiner Familie. Partys, die etwas mit Sex zu tun haben, rut-
ky Galore«. Quer über seine Augenpartie hat Ehret und seine Frau Sarah Woods haben sche man schnell in Playboyklischees, sagt
er einen roten Streifen gemalt, von Ohr zu als unabhängige Veranstalter die sexpositive Ehret. »Furchtbar. Ich will kein zweiter Rolf
Ohr, der Look ist sein Markenzeichen. Idee aus den schillernden, aufgeklärten Eden sein. Wenn ich Fotos mit Frauen aus
Bondage, Fetisch-Outfits, Kriegsbema- Großstädten hinaus ins gesamte Bundes- meinem Team machen lasse, achte ich darauf,
lung – manches davon wirkt extrem. Doch gebiet getragen: Dabei geht es darum, dass nicht dominant rüberzukommen.«
diese Leute sind auf einer sanften Mission. sich jeder sexuell ausprobieren kann, alle Ehret wuchs in der Nähe von Freiburg auf.
800 Menschen feiern in dieser Nacht in einem vorbehaltlos angenommen werden und Nach einer Ausbildung in der Weinbranche
Hochbunker in Hamburg St. Pauli, ein wenig jedermanns Grenzen respektiert. Auch in organisierte er mit einem Freund erste Partys
mehr Männer als Frauen. Einige haben hier Erfurt, Augsburg, Düsseldorf oder Freiburg und betrieb mit 25 Jahren einen Klub in Frei-
auch Sex, andere wollen nicht berührt wer- bilden sich regelmäßig lange Schlangen von burg, so erzählt er es. Mit Anfang dreißig ging
den, sondern nur tanzen. Allen gemeinsam Menschen, die neugierig sind, einen Fetisch er der Liebe und Kinder wegen nach Berlin.
ist: Sie fühlen sich frei, und vor allem sicher. »Als kleiner Provinz-Klubbetreiber hatte ich
Dabei hatte man jüngst den Eindruck, man am Anfang schon Schiss vor der großen
könne nicht geschützt feiern in Deutschland. Stadt.« Für Erfolg in der Szene brauche es
Besonders nicht, wenn es auch sexy zugehen Feingefühl. »Die Leute müssen Teil eines
soll. Es sah so aus, als wäre Einvernehmlich- Ganzen werden wollen. Und in unserem Fall
keit eine schwierig zu verhandelnde Sache. müssen sich sie vor allem sicher fühlen.«
Seit Vorwürfe um die Band Rammstein Dass seine Partys zu Safe Spaces werden,
bekannt wurden, wird über Sicherheit auf darum kümmert sich Ehrets Frau Sarah
Großveranstaltungen diskutiert – aber auch Woods, 32. »Das Awareness-Konzept ist das
über Grundsätzliches. Die einen sagen, es Wichtigste«, sagt sie. »Wir haben ein festes
gebe zu wenig Moral. Die anderen meinen, Kernteam, damit die Regeln immer klar sind:
Sex sei Privatsache. Einige befanden, über- Anfassen geht gar nicht, egal welches Körper-
griffiges Verhalten sei eben leider gängig, teil. Wer sich nicht daran hält, fliegt raus. Wir
Frauen hätten damit zu rechnen. Antifemi- glauben immer den Betroffenen. Diskutiert
nistische Stimmen folgerten: Wer sich frei- wird nicht.«
zügig kleide und auf Partys Alkohol trinke, Es gibt viele Regeln in der sexpositiven
Urban Zintel / DER SPIEGEL

der oder die wisse ja wohl, was ihm oder ihr Szene, und sie sind expliziter als auf norma-
blühe. len Partys. Jeder Einzelne verzichtet auf ein
Doch es gibt einen Gegenentwurf. Eine Stück seiner individuellen Freiheit, um der
Szene, die immer mehr Zulauf findet. Es Allgemeinheit größtmögliche Freiheit zu er-
klingt zunächst paradox: Ausgerechnet Sex- möglichen.
partys halten eine Alternative zu Misogynie, Noch vor dem Klub treffen potenzielle
Sexismus und Homophobie bereit. Dort, wo Veranstalter Ehret Gäste zunächst auf Lisa, 32. »Doorbitch«

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Ja. Nein heißt Nein. Auch eine Berührung an


der Schulter kann übergriffig sein. Auch Bli-
cke können stören.« Einige hören das zum
ersten Mal.
Um Mitternacht herrscht hinter den Kulis-
sen der Sexparty beflissene Arbeitsatmosphä-
re. Auf den Couchtischen des Backstage-Rau-
mes stehen Cola, Wasser und Matetee, eine
Tupperdose mit Pflaumen. Er selbst habe auf
seinen Partys keinen Sex, sagt Ehret. »Das
fände ich unangemessen. Ich trage die Ver-
antwortung.« Sarah Woods organisiert Ab-
läufe und Outfits für Performer, sie hat Dut-
zende Tüten gepackt und beschriftet, darin
Masken, Kunstblut und Paillettenbodys.
Woods kniet sich auf den Boden und klebt

Vincent Hor t
Tänzerin Katya Physiotape über die Vulva.
In ein paar Minuten werden sich die beiden
Frauen auf der Bühne mit rotem Öl übergie-
ßen lassen. Am Spiegel klebt ein Dienstplan,
der vorschreibt, wann welche Mitarbeiterin
Aufsicht im Playroom hat – so nennt sich das
verwinkelte Separee, in das sich Gäste für Sex
zurückziehen können.
Ab Mitternacht dürfen Männer nur noch
mit weiblicher Begleitung hinein. »Manche
fühlen sich gestört durch Solomänner, die nur
glotzen und masturbieren. Ab und zu schaffen
es welche, sich hineinzuschleichen, die schickt
die Security auf ihren Rundgängen dann wie-
der raus«, sagt Woods.
Playroom-Aufsicht ist der schwierigste Teil
der Arbeit. Im Raum steht immer die Frage:
SensualShootFFM (2)
Ist eine Situation von allen gewünscht, oder
fühlt sich jemand womöglich bedrängt? Wenn
es um Konsens geht, gibt es nicht nur Ja und
Nein, sondern auch Graubereiche, etwa wenn
eigentlich gewünschte Situationen eskalieren,
Partyszenen mit DJ Ehret (o.), Gästen, Partnerin Woods (r.): Gefühl von Sicherheit wenn sich ein Plan in der Praxis anders an-
steht auf ihrer schwarzen Bomberjacke, »Ro- demann nach einem seiner jüngsten Berliner fühlt als in der Theorie. Ist eine Frau mit drei
cketcock« lautet ihr Pseudonym. Frauen sei- Rammstein-Konzerte, bei dem eine After- Männern zugange, fragen Awareness-Mitar-
en für ihn die besseren Türsteher, sagt Jan showparty verboten war, im Klub KitKat wei- beiter im Zweifelsfall nach, ob alles okay ist.
Ehret, sie könnten präziser erkennen, wer auf ter, in dem auch Ehret früher auflegte. Die Ob das Konzept funktioniert, steht am
seine Partys passe. »Zeigst du mir dein Out- Türsteher ließen ihn hinein. Die Szene war nächsten Morgen im Internet. Auf einem ein-
fit?«, fragt Lisa, und Frauen öffnen ihre Ja- empört, Künstler riefen zum Boykott des schlägig bekannten Erotikportal bewerten
cken, Männer lassen die Hosen herunter, Klubs auf, die Betreiberin verteidigte ihre Tür- Nutzer jede von Ehrets Partys wie Produkte
Netz- und Lackstoffe blitzen hervor. steher und nannte die Situation »schwierig«. beim Onlineshopping. 90 Prozent der Kriti-
Es nähert sich ein Mann in kurzer Jogging- Die Zahl nächtlicher Belästigungen zu mi- ken sind positiv, mit wenigen Ausnahmen:
hose. Er möchte auf der Party nur sein Shirt nimieren ist aufwendig. Manche Entscheidung, Ein Mann bemängelt, er habe jemanden in
ausziehen. Lisa schüttelt den Kopf. Lack, Le- jemanden abzuweisen, ist ungerechtfertigt. Badehose und Flipflops gesichtet. Ein anderer
der, Latex, nackt an der Leine oder nur mit Doch es scheint so, als wäre mehr Sicherheit fühlte sich »total unsafe«, er sei einmal un-
Goldpuder bestäubt sind okay, nicht aber mit Auswahl und Regeln möglich. Der Erfolg gefragt berührt worden und einmal zu nah
Jeans oder das kleine Schwarze. »Du kannst der Ehret-Partys zeigt, dass viele bereit sind, angetanzt. Eine Frau schreibt: »Liebe Frau-
dir jetzt auf der Reeperbahn noch etwas Pas- sich einem strengen Kodex anzupassen. en – anfassen nur mit Konsens gilt auch für
sendes kaufen. Oder du bekommst das Geld Wer in Hamburg an »Doorbitch«-Lisa vor- euch, wenn ihr auf andere Frauen trefft.«
fürs Ticket von uns zurück.« Lisa kontrolliert beigekommen ist, dem wird die Handykame- Während seine Gäste in dem Forum weiter
an diesem Abend, bis alle 800 Leute da sind. ra abgeklebt. Fotografiert jemand trotzdem, über Regeln und Fragen von Konsens disku-
Türsteher waren schon immer ausschlag- muss die Person die Party verlassen. Dann tieren, gießt Jan Ehret seine Pflanzen, so wie
gebend für die Atmosphäre eines Klubs. Auf erklärt Dennis vom Awareness-Team jeder immer, wenn er nach einer durchfeierten
sexpositiven Partys müssen sie noch genauer Person einzeln die Spielregeln: »Nur Ja heißt Nacht heimkommt. Wenn das Partypaar in
prüfen, wer unangenehm auffallen könnte. seinem Garten über die Zukunft sinniert, klin-
Manchmal, sagt Jan Ehret, stelle sein Team auch gen die beiden wie sehr sympathische Hip-
Testfragen. Etwa: Bist du eigentlich schwul? pies. »Ich hoffe, dass sich unsere Ideen auch
Wer darauf beleidigt oder gar aggressiv reagie- außerhalb der Szene verbreiten«, sagt Woods.
re, werde weggeschickt. Denn es geht darum Jeder und jede kann sich Und Ehret sagt: »Mein Traum ist, immer grö-
herauszufinden, ob der Gast tolerant ist. ßer zu werden. Und irgendwann ein Stadion
Die sexpositive Auswahl gelingt nicht im-
ausprobieren, alle voller Menschen glücklich zu machen.«
mer. Medienberichten zufolge feierte Till Lin- Grenzen werden toleriert. Carola Padtberg n

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Im virtuellen Raum erhebt sich ein


weißer, drehender Baum, Wurzel­
werk und Krone sind symmetrisch,
es soll die Weltesche sein, so der Re­
gisseur. Die Inszenierung ist mythen­
satt, die Dornenkrone Christi kommt

In Symbolgewittern immer wieder vor; Parsifal, der un­


bedarfte junge Mann in der Titelrolle,
ist so eine Art Heiland auf Helden­
reise. Und Karfreitag ist Endstation.
ORTSTERMIN Ein MIT-Professor holt »Parsifal« in Bayreuth in den virtuellen Jay Scheib ist ein jungenhaft wir­
Raum. Und Markus Söder muss dabei an illegale Substanzen denken. kender 53­Jähriger, in der Pause steht
er ganz unprätentiös im weniger gla­
mourösen Teil der Festivalgastrono­
s kommt mal wieder alles zu­ mie an der Kaffeebar, es erkennt ihn
E sammen, in Brandenburg wur­
de eine Löwin gesichtet, in Ber­
liner Freibädern Gewalttäter und in
keiner. Neben Scheib ein Mann, der
berichtet, ihn an Katharina Wagner
vermittelt zu haben, als die auf der
Bayreuth wurden zu wenige Karten Suche war nach neuen Ideen für die
verkauft. Es kann also losgehen mit Festspiele, die manchmal überschwer
dem Sommer in Deutschland. sind vor Tradition.
In Bayreuth sind es am vergange­ Scheib ist bislang nicht allzu be­
nen Dienstag 18 Grad, das ist weniger kannt als Opernregisseur, in Man­
als oft beklagt, denn der Klimawandel chester hat er vor ein paar Jahren
mag Mitteleuropa in seiner vollen »Bat Out of Hell« auf die Bühne ge­
Wucht noch bevorstehen, im Fest­ bracht, ein Musical nach dem Album

Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele


spielhaus, so wissen Wagnerianer, ist von Meat Loaf, dem dicken Rockstar
es schon immer zu heiß gewesen. Der aus Texas; seine virtuelle Inszenie­
ideale Ort also für einen Termin, bei rung von »Parsifal« ist in ihren besten
dem es beinahe schon um die Zukunft Momenten verspielt, wenn etwa eine
des Landes gehen könnte. Bekommt animierte Fliege auf den Brillenglä­
es Deutschland noch hin mit der In­ sern des Zuschauers landet oder eine
novation und schafft es, diese gar mit Plastiktüte durch den Raum treibt.
der Tradition zu vereinen? Manche In weniger guten Momenten wirkt
würden das eine dornige Chance nen­ Scheib wie ein Kind, das freie Aus­
nen, in Oberfranken lautet die Chif­ viele, der Abend ist ausverkauft, al­ Sänger Schager, wahl im Spielzeugladen hatte und
fre in diesem Jahr »Parsifal«. lem Getöse im Vorfeld zum Trotz. Sängerin Garanča in alles genommen hat. Während es
»Parsifal«
Die Festspiele eröffnen mit einer Kulturstaatsministerin Claudia draußen regnet, gehen drinnen Sym­
Neuinszenierung von Richard Wag­ Roth und Markus Blume, der bayeri­ bolgewitter nieder, Surrealismus, Hie­
ners letztem großen Werk, bekannt­ sche Minister für Wissenschaft und ronymus Bosch, Elektroschrott, alles
lich keine Oper, sondern ein Bühnen­ Kunst, posieren für ein Selfie, sie ha­ dabei. Die eigentliche Bühne ist da­
weihfestspiel, eine fast heilige An­ ben die AR­Brillen aufgesetzt, die in gegen schlicht. Hier sind die Sänge­
gelegenheit, nicht viel weniger als die diesem Jahr das ganz besondere Ding rinnen und Sänger entscheidend, da­
Suche nach dem Erlöser. sind in Bayreuth (Innovation!). runter Elīna Garanča als Kundry und
Kurz vor Beginn der Premiere ist Denn der Regisseur kommt dies­ Andreas Schager in der Titelrolle, am
der Himmel über dem Grünen Hügel mal vom Massachusetts Institute of Schluss für sie alle: großer Jubel.
so tiefschwarz wie Bayern zu den Technology, kein Scherz: Der US­ In einer Festrede nach der Premie­
Zeiten von Franz Josef Strauß, dann Amerikaner Jay Scheib ist Professor re wird sich Markus Söder an »ge­
bricht ein Gewitter los, das Publikum dort für Musik und darstellende wisse Substanzen, die man nicht ein­
flüchtet nach drinnen, in Trauben kle­ Künste, sein »Parsifal« findet nicht nehmen sollte«, erinnert fühlen, das
ben die Menschen an den Scheiben, allein auf der Bühne statt, sondern Publikum hat andere Sorgen: Das
denn es gibt, jenseits des Unwetters, auch im virtuellen Raum, den das Pu­ Wetter (es war schon mal heißer), die
noch etwas zu bestaunen da draußen: blikum zusätzlich durch eine schwere Festspielbratwurst (war schon mal
Der Ministerpräsident Markus Söder, elektronische Brille sieht. Zumindest besser) und natürlich die Warte­
so heißt es, traue sich des Wolken­ jener Teil des Publikums, der eine von schlangen beim Catering.
bruchs wegen nicht aus seiner Limou­ diesen gut 300 Brillen abbekommen Der Großteil des Servicepersonals
sine, um Ursula von der Leyen, die hat. Der große Rest, mehr als 1600 sei offenbar während Corona gestor­
EU­Kommissionspräsidentin, stan­ Menschen, muss auf die entscheiden­ ben, anders sei der Fachkräftemangel
desgemäß zu empfangen. de zweite Ebene verzichten. nicht zu erklären, scherzt ein Herr im
Das ist sicherlich üble Nachrede, Das »Parsifal«­Vorspiel setzt an, Smoking. Politisch mag sein Witz
zu Bayreuth gehört auch der gepfleg­ Pablo Heras­Casado, der Dirigent, Als ob ein Kind nicht ganz korrekt sein, als Ausweis
te Kulturpessimismus: Früher, da lässt das Orchester subtil aufspielen, freie Auswahl deutscher Sommerbefindlichkeit
trotzten die Herrscher noch Wetter Wagner ist nicht unbedingt so kolos­ taugt er allemal. Es gibt schließlich
und Zeiten. Ein paar Minuten später sal volltönend, wie der Großteil des im Spielzeug- immer etwas, das die Leute nervös
sitzen Söder und von der Leyen in klassikfernen Deutschland glaubt, das laden hatte macht, selbst wenn es klappt mit der
trockener Abendgarderobe in der die Musik des Komponisten vor allem Innovation. Und wenn es nur das
Mittelloge, auch Angela Merkel ist durch die berühmte Hubschrauber­
und alles ge- Warten auf eine Wurst ist.
da, Bayreuth treu seit Jahren – wie so szene aus »Apocalypse Now« kennt. nommen hat. Sebastian Hammelehle n

112 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


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Promo und an der Dauerbelämmerung in


sämtlichen Instagram-Stories quasi aller Men-
schen, denen ich dort folge.
Mein subjektiver Eindruck scheint re-
präsentativ: Der Film legte den besten Kino-

Meine Feindin Barbie start des Jahres hin und spielte am ersten
Wochenende in den USA und Kanada etwa
162 Millionen Dollar ein. Keiner Regisseurin
in der Filmgeschichte gelang ein besserer Start
SPIELZEUG Wie der Barbie-Film unsere Autorin Anja Rützel von der als Greta Gerwig.
Puppenskeptikerin zur Ken-Sympathisantin gemacht hat Und schließlich wollte ich gern verstehen,
wie ein Barbie-bezogenes Werk Menschen
wie den rechtskonservativen Juristen Ben
arbie ist eine Falle, das ahnte ich schon In einem frühpubertären Rebellionsschub Shapiro dazu bringt, in einem Video wegen
B als Kind. Weswegen ich heulte, als ich
mit acht Jahren meine erste – und ein-
zige – Barbie geschenkt bekam. Vermutlich
verpasste ich meiner Barbie irgendwann einen
radikalen Kurzhaarschnitt.
In den Jahren darauf blieb ich instinktiv
der in seinen Augen allzu woken Botschaften
wutentbrannt Barbiepuppen abzufackeln.
Feministische Agitation aus dem Malibu
erfuhr ich damals die erste bewusste kindliche misstrauisch, als neuen Barbie-Ausgaben im- Dreamhouse heraus? Das schaue ich mir an.
Kränkung, die schmerzliche Erfahrung eines mer mehr Behauptungsberufe zugestanden Als Film ist Barbie vor allem: viel. Zualler-
Missverständnisses. wurden. Wie ernst nahm sie es mit ihren an- erst optisch überwältigend, selbst grinseskep-
Ich hatte mir zu Weihnachten eigentlich geblichen Professionen, die mir individuelle tische Menschen wie ich werden schnell ein-
Mylord gewünscht, Barbies Königspudel, Wahlfreiheit auch für meine eigene Zukunft gesogen in diese matriarchale, mauerlose
der samt rosa Bürste und pinkglitzernder vorgaukeln sollten? Utopie im Land der Lächelfrauen.
Baskenmütze geliefert wurde. Denn ich Sah ich Freundinnen zu, die mit ihren Margot Robbie, die die »stereotype Bar-
spielte ausschließlich mit Stofftieren und hat- Püppchen spielten, vollführte Tierarzt-Barbie bie« ohne Accessoire-getriebene Ambitionen
te mit fünf Jahren schon mal an Weihnachten nie eine Kaninchenkastration, und Büro-Bar- gibt, ist sympathisch, mehr noch mag ich al-
geweint, als mir jemand aus der nicht aus- bie verhandelte nicht erfolgreich eine Gehalts- lerdings ihren Ken (Ryan Gosling), der aus
reichend tierexklusiv gebrieften Verwandt- erhöhung, weil eben alle dauernd mit Um- der Riege der restlichen Tumbmänner hervor-
schaft eine Babypuppe mit Klimperaugen kleiden und orthopädisch bedenklichen Ze- sticht, weil sein Beruf »Beach« ist. Nicht Ret-
schenkte. henspitzen-Stöckeleien beschäftigt waren. tungsschwimmer, nicht professioneller Surfer,
In beiden Fällen weinte ich nicht nur aus Die »Teen Talk Barbie«, die 1992 auf den einfach nur: Beach. Denn weil in Barbieland
Enttäuschung, sondern auch aus Angst, dass Markt kam, bestätigte mich dann endgültig sämtliche relevanten Berufe von Frauen be-
ich mit den neuen Spielsachen etwas werden in meinem Verdacht, dass diese Puppe meine setzt sind, sind die Männer nur mit Freizeit-
müsste, das ich nicht sein wollte. natürliche ideologische Feindin war: Sie hat- aktivitäten und komplizierten Tanzchoreos
Gezwungenermaßen Mutter spielen, ob- te einen eingebauten Sprachchip, der sie unter befasst.
wohl mich Babys schrecklich nervten. anderem »Will we ever have enough clothes?« Als Barbie während einer Party plötzlich
Mich zum Pinkgirl wandeln, obwohl ich und »Math class is tough« sagen ließ. völlig aus dem Nichts an den Tod denkt und
lieber Hosen als Kleider trug und keine weib- Dass ich mir den Barbie-Film trotzdem das auch noch ausspricht, kippt die Hand-
lichen Stars bewunderte, sondern Fozzie Bär anschaute, obwohl ich keine sentimentale An- lung – und mein Blick auf sie. Womöglich
aus der »Muppet Show«. dockstation habe, liegt an der lawinenhaften hätte ich die Puppe als Kind und auch später

Warner Bros. Pictures

Ken-Darsteller Gosling, Barbie-Darstellerin Robbie: Die Grauslichkeiten toxischer Männlichkeit nach Barbieland importiert

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tatsächlich gemocht, wenn man sie nicht nur


in Bezug auf ihre Hautfarbe oder ihre Körper-
form diversifiziert hätte, sondern auch hin-
sichtlich ihrer Stimmungslage. Als »Mag nicht
BELLETRISTIK SACHBUCH rausgehen, lese lieber«-Barbie oder als Puber-
tätsverwirrungs-Barbie zum Beispiel.
Die in Texas geborene Der frühere Bundes- Barbie denkt also an die Vergänglichkeit,
Autorin erzählt in dieser präsident und seine und ihre bislang so High-Heels-freundlich ge-
Dreiecksgeschichte Co-Autorin fragen, wie
von abgründiger Leiden- stabil und wehrhaft formten Zehengangfüße werden plötzlich
schaft und Gewalt: unsere liberale Demo- platt. Das ist nur eines von vielen cleveren
Die Geliebte eines kratie noch ist und Bildern, Anspielungen, Doppeldeutigkeiten
Drogendealers beginnt wie sie auch in Zukunft
eine Affäre mit innerem und äußerem dieses Films: Barbie wird bodenständig, und
einem verdeckten Druck standhalten das ist natürlich ein Elend.
Ermittler. | Platz 13 kann. | Platz 2 Sie muss, begleitet von Ken, in die echte
Welt reisen, um dem Flachfußfluch und an-
1 (4) Rebecca Yarros 1 (1) Ewald Frie deren schrecklich gewöhnlichen Malaisen zu
Fourth Wing – Flammengeküsst dtv; 24 Euro Ein Hof und elf Geschwister C. H. Beck; 23 Euro
entrinnen.
2 (2) Lucinda Riley / Harry Whittaker Atlas – 2 (17) Joachim Gauck / Helga Hirsch Beide erleiden dort einen nahezu bib-
Die Geschichte von Pa Salt Goldmann; 24 Euro Erschütterungen Siedler; 24 Euro lischen Moment der ungewollten Selbst-
erkenntnis: Barbie entwickelt ein Bewusstsein
3 (1) Kerstin Gier Vergissmeinnicht – 3 (4) Dirk Oschmann Der Osten – und erkennt mit Schrecken, dass sie in der
Was bisher verloren war S. Fischer; 22 Euro eine westdeutsche Erfindung Ullstein; 19,99 Euro Vergangenheit nicht, wie gedacht, dabei ge-
holfen hat, Mädchen zu selbstbestimmten,
4 (3) Robert Seethaler 4 (5) Brianna Wiest 101 Essays,
Das Café ohne Namen emanzipierten Frauen wachsen zu lassen, son-
Claassen; 24 Euro die dein Leben verändern werden Piper; 22 Euro
dern im Gegenteil neben Materialismuswahn
5 (8) Caroline Wahl 5 (3) Volker Weidermann und Perfektionsdruck auch die Objektifizie-
22 Bahnen Dumont; 22 Euro Mann vom Meer Kiepenheuer & Witsch; 23 Euro rung von Frauen durch den männlichen Blick
beförderte. Von einer Teenagerin muss sich
6 (5) Martin Suter 6 (6) Bas Kast Barbie gar als Faschistin beschimpfen lassen.
Melody Diogenes; 26 Euro Kompass für die Seele C. Bertelsmann; 24 Euro Ich schwanke währenddessen, ob ich mit-
7 (7) Bonnie Garmus fühlen mag, wenn der Film beständig dazwi-
7 (2) Myeongseok Kang / BTS schen oszilliert, das Barbie-Prinzip zu feiern
Eine Frage der Chemie Piper; 24 Euro
Beyond the Story Knaur; 45 Euro
und zu zerlegen.
8 (6) T. C. Boyle 8 (7) Yael Adler Natürlich wirkt es subversiv, dass in einem
Blue Skies Hanser; 28 Euro
Genial vital! Droemer; 20 Euro Mattel-unterstützten Film die Führungsriege
des Barbie-Mutterkonzerns als rein männ-
9 (9) Kerstin Gier 9 Karin Kuschik Kleine Storys
Vergissmeinnicht – Was man bei Licht
(10) liche, gewissenlose Schar von Dümmlingen
über große Themen Ullstein; 15 Euro gezeichnet wird, die Barbie einfach nur zu-
nicht sehen kann S. Fischer; 20 Euro
rück in ihre limitierende Box sperren wollen –
10 (8) Stefanie Stahl
10 (10) Shelley Read aber diese vermeintlich selbstironische Volte
Wer wir sind Kailash; 22 Euro
So weit der Fluss uns trägt C. Bertelsmann; 24 Euro bedeutet ja nicht, dass es in Wirklichkeit nicht
11 (9) Silke Müller tatsächlich genau so sein könnte.
11 (11) Trude Teige Vermutlich ist es ausgerechnet in diesem
Als Großmutter im Regen tanzte S. Fischer; 22 Euro
Wir verlieren unsere Kinder! Droemer; 20 Euro
Film nicht gewollt, dass ich am meisten mit
12 (13) Ewald Arenz 12 (–) Peter Frankopan Ken sympathisiere, zumal der die Grauslich-
Die Liebe an miesen Tagen Dumont; 24 Euro
Zwischen Erde und Himmel Rowohlt Berlin; 44 Euro keiten toxischer Männlichkeit aus der echten
Welt nach Barbieland importiert.
13 Colleen Hoover Too Late – Wenn Nein 13 (13) Kurt Krömer Du darfst nicht alles glauben,
(–) Aber mich rührt vor allem seine haltlose
sagen zur tödlichen Gefahr wird dtv; 22 Euro
was du denkst Kiepenheuer & Witsch; 20 Euro
Pferdebesessenheit: Weil er irrtümlich an-
14 (12) Brianna Wiest When You’re Ready, nimmt, diese Tiere wären eine wichtige Stüt-
14 (15) Donna Leon
Wie die Saat, so die Ernte Diogenes; 26 Euro This Is How You Heal Piper; 22 Euro ze des Patriarchats, verfolgt der neue Macker-
Ken seine Klepperleidenschaft konsequenter
15 (17) Juli Zeh / Simon Urban 15 (11) Gabriel Zuchtriegel als jedes Wendy-Mädchen.
Zwischen Welten Luchterhand; 24 Euro Vom Zauber des Untergangs Propyläen; 29 Euro Am Ende ist es, ohne nun zu viel verraten
zu wollen, übrigens meine zerschnippelte
16 (14) Anne Berest 16 (15) Katja Hoyer
Diesseits der Mauer Kurzhaarpuppe, die den Film und seine Bot-
Die Postkarte Berlin Verlag; 28 Euro Hoffmann und Campe; 28 Euro
schaft rettet: Es gibt hier nämlich auch die
17 (12) Heinz Strunk 17 (–) Carsten Gansel Ich bin so gierig »komische«, weil kaputtgespielte oder mut-
Der gelbe Elefant Rowohlt; 22 Euro nach Leben – Brigitte Reimann Aufbau; 30 Euro willig verunstaltete Barbie, die den patriar-
chatsgeplagten Geschlechtsgenossinnen aus
18 (18) Jojo Moyes 18 (–) Michel Houellebecq Einige Monate dem neuen Ken-Regime heraushilft.
Mein Leben in deinem Wunderlich; 25 Euro in meinem Leben Dumont; 20 Euro Aber auch mit der Standard-Barbie sym-
pathisiere ich nach dem Film mehr als zuvor.
19 (16) Dora Heldt Liebe oder Eierlikör – 19 (16) Ronen Steinke
Fast eine Romanze dtv; 15 Euro Verfassungsschutz Berlin Verlag; 24 Euro
Und sei es nur durch die geteilte Erfahrung,
dass der Schritt aus der kindlichen Puppen-
20 (19) Anthony McCarten 20 (–) Benedikt Bösel welt in die echte Erwachsenenwelt so viel
Going Zero Diogenes; 25 Euro Rebellen der Erde Scorpio; 26 Euro komplizierter und beängstigender ist, als man
Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Fachmagazin »buchreport« (Daten: media control); Informationen unter spiegel.de/bestseller sich das vorgestellt hat. n

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Wer hier das Gute und wer das


Böse verkörpert? Das ist über weite
Strecken auch eine Frage des Blick-
winkels, des Wunschdenkens, der
emotionalen Abhängigkeiten. Die
Mechanismen erinnern an jene, die

Feingeist und Vergewaltiger man in der Sache Rammstein beob-


achten kann. Das Opfer in der Serie
geht, weil es sich nicht anders zu
helfen weiß, über die sozialen Me-
SERIENKRITIK »37 Sekunden« erzählt von einem Sänger, der als moralische dien an die Öffentlichkeit. Die An-
Instanz gilt und des sexuellen Übergriffs bezichtigt wird – mit Parallelen zum Fall wälte versuchen sie und die Presse
durch Drohgebärden und Unter-
Rammstein. Die große Gesellschaftsdebatte, heruntergebrochen aufs Privateste. lassungsklagen mundtot zu machen.
Die Fans des beschuldigten Stars
sehen in der jungen Frau eine Wich-
m Anfang blickt uns ein faltiger tigtuerin, die den Skandal nur an-
A nackter Männerpo an. Er ge-
hört dem Deutschpop-Sänger
Carsten Andersen (Jens Albinus), der
gezettelt hat, um selbst berühmt zu
werden.
Und der alternde Sänger, dessen
vom Steg in den See vor seinem Land- Plattenfirma zwischenzeitlich auf Dis-
haus springt. Im Wasser hat er einen tanz geht, sieht sich als Opfer einer
Krampf, fast säuft er ab. Schließlich angeblichen Cancel Culture, die er

Odeon Fiction / ARD Degeto


schafft er es doch zurück, er blickt schließlich in selbstmitleidigen Schüt-
noch mal verächtlich auf den See und telreimen besingt. Da ähnelt der Fein-
spuckt hinein. Am Abend feiert er geist Andersen dem Rabiat-Poeten
seinen 55. Geburtstag, Weggefährten Till Lindemann, der zuletzt ange-
spinnen in Reden am Legendenstatus sichts der gegen ihn erhobenen Vor-
des Maestros. Man lacht sich noch würfe dichtete: »Bösen Zungen glaubt
mal darüber schlapp, wie er einst dem man nicht, die Wahrheit kommt doch
Kanzler wortwörtlich den nackten sagt zweimal leise Nein. Er drückt sie Schauspielerinnen eh ans Licht.«
Arsch gezeigt hat, als der eines seiner an die Wand, penetriert sie von hinten, Kober, Cox, Zugleich zieht die Serie ihre psy-
Darsteller Albinus
Lieder im Wahlkampf einsetzen woll- macht sich den Reißverschluss zu und chologische Kraft aus dem Umstand,
te. Andersen spielt gern den sensiblen verschwindet wieder auf die Party. dass Andersen eben kein Provorocker
Dichter, macht aber auch auf dicke Später, als man den Fall juristisch auf- ist, der mit dem Image der eigenen
Hose. Ein Alpha-Barde. zuarbeiten versucht, muss die junge Verdorbenheit spielt. Vielmehr ist
Die ARD-Serie »37 Sekunden« ist Frau angeben, wie lange der Sex ge- er mit seinen nachdenklichen, lebens-
die Geschichte eines sexuellen Über- dauert habe. »37 Sekunden«, sagt sie. bejahenden Liedern im dritten Jahr-
griffs. Über sechs Episoden nähert sie Als könnte eine Zahl das Grauen einer zehnt seiner Karriere längst zu einer
sich dem Thema mit ganz unter- Vergewaltigung messbar machen. moralischen Instanz im Land avan-
schiedlichen Techniken: als Anatomie »37 Sekunden« (ab 4. August in ciert. Alle nennen ihn beim Nach-
einer Gewalttat, als Opferpsycho- der ARD-Mediathek) ist wohl die namen, so wie man das mit Gröne-
gramm, aber eben auch als süffiges konsequenteste fiktionale Auseinan- meyer und Westernhagen tut.
Männerporträt. Mal ist der Aggressor dersetzung mit dem Thema sexuelle Die Stärke von »37 Sekunden«
im Fokus, mal die Überwältigte, dann Gewalt, die man im deutschen Fern- liegt auch darin, wie viel Raum zur
rücken all die Figuren ins Bild, die eng sehen bislang gesehen hat. Regisseu- Ergründung der Charaktere gelassen
mit beiden verbandelt sind. Die ganz rin Bettina Oberli gelingt es, das wird; teilweise sind sie ambivalent bis
große Gesellschaftsdebatte, herunter- Flüchtige des Übergriffs zu zeigen zur Schmerzgrenze, ihr Handeln ist
gebrochen aufs Privateste. und zugleich die Schuld nie zu nicht immer kohärent. Das Opfer hat-
Auf der Geburtstagsfeier ist auch relativieren. te tatsächlich zuvor eine riskante Af-
Leonie (Paula Kober) anwesend, die Zudem reizt die Serie (Buch: Julia färe samt hartem, hingebungsvollem
Freundin von Andersens Tochter Penner, David Sandreuther) die Mög- Sex, bevor es vergewaltigt wurde. Die
Clara (Emily Cox). Leonie ist selbst lichkeiten der Multiperspektivität Ehefrau des Sängers kennt die Sex-
gerade ins Musikgeschäft eingestie- aus: Wir sehen das Geschehen aus fluchten ihres Mannes und fragt: »Wie
gen – und Andersen dabei sehr nah Sicht des Opfers, das sich erst durch oft soll ich noch so ein Chaos mitma-
gekommen. Der Sänger ist für sie posttraumatische Belastungsstörun- chen? Nur weil du der Einzige bist,
Idol, Förderer, kreativer Partner. Und gen darüber gewiss wird, dass ihm der Angst vor dem Tod hat oder vor
Liebhaber. Die beiden sind sich einig, Gewalt angetan wurde. Aus der Sicht der Bedeutungslosigkeit.« Vor Ge-
dass die Affäre ein Ende haben muss. des Täters, der den Überwältigungs- richt steht sie ihm dann doch bedin-
Im lauschigen Musikpavillon, wo sex als konsensuellen lustvollen Akt gungslos zur Seite.
Andersens Instrumentenpark steht, interpretiert und durch die öffentliche Die Bewertung der Ereignisse
kommt es aber noch einmal zum Auf- Diskussion sein Selbstbild als Frauen- Wer ist gut, bleibt trotz dieser Widersprüchlich-
einandertreffen. Leonies Verhalten versteher zerstört sieht. Sowie aus keiten glasklar: Ein Übergriff bleibt
scheint für einige Momente uneindeu- der Sicht der Tochter, die als Juristin wer ist böse? ein Übergriff bleibt ein Übergriff.
tig: Sie stößt ihn weg, sie zieht ihn an einen Teil der Verteidigung des Vaters Das ist auch Daran ändert sich auch nichts, wenn
sich. Sie sagt: »Ich will das jetzt nicht.« übernimmt und dabei auch nicht vor ihn ein sensibler Liedermacher im
Er lässt von ihr, sie hält ihn kurz ver- Verleumdungskampagnen gegen die eine Frage des lauschigen Musikpavillon begeht.
unsichert fest. Er reißt sie an sich, sie einst beste Freundin zurückscheut. Blickwinkels. Christian Buß n

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116 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023 Ein Impressum mit dem Verzeichnis der Namenskürzel aller Redakteure finden Sie unter www.spiegel.de/kuerzel
Ales Pushkin, 57 San Francisco« hieß sein größter
NACHRUFE Er war Künstler – aber vor al- Hit. Das Aufkommen der Ge-
lem Aktivist und politischer Ge- genkultur ab den Sechzigerjah-
fangener. Der Maler, Karikatu- ren machte ihm zu schaffen. Er
rist und Performer aus Belarus nahm zwar viele wunderbare
stemmte sich gegen das bela- Platten auf, etwa mit dem Jazz-
russische Regime, insbesondere pianisten Bill Evans, doch der
den Diktator Alexander Luka- große Erfolg blieb aus. 1979
schenko, vor dessen Büro in starb er beinahe an Kokainmiss-
Minsk er 1999 eine Schubkarre brauch. Er kam mithilfe seiner
voll Mist ablud. 1965 geboren, Söhne wieder auf die Beine –
kam Puschkin als begabter und fand ein neues Publikum
13-Jähriger an eine Kunstschule. durch Kooperationen mit ande-
Er studierte an der staatlichen ren Künstlerinnen und Künst-
Akademie für Theater und lern, von Elvis Costello bis zu
Kunst, was er für den Militär- Amy Winehouse. »Cheek to
dienst in Afghanistan unter- Cheek«, seine Duettaufnahmen
brach. Seit den Achtzigerjahren mit Lady Gaga von 2014, mach-
engagierte er sich in der Oppo- te ihn zum ältesten Künstler, der
sition und wurde mehrmals für je an der Spitze der US-Album-
seinen Protest verhaftet. Zuletzt Charts stand. Tony Bennett starb
wegen eines Porträts, das den am 21. Juli in New York. RAP

Paul Rider / Camera Press / laif


antisowjetischen Untergrund-
kämpfer Jewgenij Schichar ge- Edward Sexton, 80
zeigt hatte. Die Staatsanwalt- Als er mit seinem Geschäfts-
schaft sah darin eine »Rehabili- partner Tommy Nutter 1969 sei-
tierung des Nationalsozialis- nen Laden auf der berühmten
mus« und Anstiftung zum Hass Londoner Straße Savile Row er-
und verurteilte ihn zu fünf
Jahren Haft. Während der Ver-
Sinéad O’Connor, 56 urteilung zog sich Ales Puschkin
Sie war die Frau mit den wohl eindringlichsten Tränen der Pop- aus Protest aus, woraufhin er

David M. Benett / Getty Images


geschichte. »Nothing Compares 2 U« machte Sinéad O’Connor 13 Tage lang in Isolationshaft
weltberühmt, im Musikvideo weint sie gegen Ende. Und in ihren kam. Die Umstände seines To-
»Erinnerungen« schrieb sie später, dass sie, als sie erfuhr, dass der des sind unklar. Ales Puschkin
Song auf Platz 1 der US-amerikanischen Charts stand, geweint starb am 11. Juli in Grodno. CPA
habe »wie ein Kind vor dem Tor zur Unterwelt«. Sie konnte mit
ihrer Stimme berühren und mit ihrem Verhalten irritieren. Sie war Tony Bennett, 96
eine politisch aktive Provokateurin, die über tabuisierte Themen Seine Stimme hatte das, was
sprach, als sie noch stärker tabuisiert waren als heute. Und sie war man in Deutschland »Schmelz«
die Sängerin, die es geschafft hat, einen Song von Prince so zu sin- nennt, diese jazzgeprägte Voll- öffnete, waren sie dort die
gen, dass man sich Prince gar nicht herbeisehnt, was sonst noch fast endung, die den US-Pop seit erste neue Maßschneiderei seit
niemandem gelungen ist. Ihr Song »Nothing Compares 2 U« war den Vierzigerjahren prägte. Da- einem Jahrhundert. Das Hand-
schön und traurig zugleich – und blieb ihre einzige US-Nummer 1. bei klang er in seinen großen werk war eine konservative
Zur Welt kam sie am 8. Dezember 1966 in einem Vorort von Dublin Momenten glücklich und allen Angelegenheit. Doch sie revolu-
als drittes von insgesamt fünf Kindern. Für ihre katholische Mutter Abgründen zum Trotz, in die er tionierten die Art, wie Männer
seien sie alle »nur Kollateralschäden« gewesen, so O’Connor. Die im Laufe seines Lebens blickte, aussehen können: enge Taillen,
Mutter missbrauchte die Tochter emotional, körperlich und sexuell. immer ein wenig unschuldig. große Revers, dazu weite Ho-
1985 starb sie bei einem Autounfall. O’Connor wurde ein Platten- Bennett kam aus kleinen Ver- sen. Sie brachten das Swinging
vertrag angeboten, und sie zog nach London. Mit »Nothing Compa- hältnissen, wuchs in New York London in die Maßschneiderei.
res 2 U« kam der Ruhm. Sie teilt das Schicksal einiger Musikerinnen auf und begann seine Karriere Sexton hatte das Handwerk
und Musiker, die mit einem Schlag erfolgreich wurden. Wenn Ta- als singender Kellner. Er kämpf- in verschiedenen Londoner
lent, Fragilität und Sensibilität auf eine große Bühne treffen, kann te im Zweiten Weltkrieg und Schneidereien gelernt. Der
das zu großer Kunst führen. Oder zu Chaos. Bei O’Connor kam al- wurde in den Fünfzigerjahren Look der Dreißiger- und Vierzi-
les zusammen. Sie ließ ihren Namen von einer Grammy-Nominie- einer der berühmtesten Sänger gerjahre habe ihn inspiriert,
rungsliste streichen. Sie sagte einen Auftritt bei »Saturday Night der USA. »I Left My Heart in sagte er später. Die Mitglieder
Live« ab, weil ihr ein Komiker zu misogyn war. 1992 zerriss sie vor der Beatles, Elton John und
der Kamera ein Bild des Papstes Johannes Paul II., als Protest gegen David Bowie ließen sich Klei-
sexuellen Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche. Sie dung bei ihm machen, für Mick
suchte Spiritualität, ließ sich in Lourdes zur Priesterin weihen, kon- Jagger und seine Frau Bianca
vertierte zum Islam. Sie sprach über ihre Krisen, erzählte von ihren entwarf er die Hochzeitsgar-
Erkrankungen und war auch hier eine in den vergangenen Jahren derobe. Später kooperierte er
Michael Kovac / Getty Images

zu wenig wahrgenommene Vorreiterin. Sie berichtete davon, dass mit der Modemacherin Stella
sie eine Borderline-Persönlichkeit wäre. Dass sie eine bipolare Stö- McCartney. Er arbeitete bis
rung habe. Von Selbstmordgedanken und Suizidversuchen. Sie legte zuletzt, der Sänger Harry Styles
ihr Leid offen. Im Januar 2022 nahm sich ihr Sohn Shane, eines etwa ließ sich von ihm Outfits
ihrer vier Kinder, mit 17 Jahren das Leben. Sinéad O’Connor wur- schneidern. Edward Sexton
de am 26. Juli in ihrer Wohnung in London tot aufgefunden. SKR starb am 23. Juli. RAP

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 117


PERSONALIEN
Privat

Model mit Männermodels. In einem neuen


Buch berichtet er davon, wie
»Selbstschutz auf Kosten an-
derer«, nennt Nieder das.
der Puppe den Kopf ab. »In
der Anwesenheit meines Vaters
Arielle-Barbie die Hänseleien ihn einst dazu
brachten, seine Gefühle und
»Ich wollte nicht schwul sein.«
Und so trägt sein Buch den
fühlte ich mich immer falsch.«
Erst als Nieder 23 Jahre alt war
Als er zur Schule ging, hänsel- sein Begehren zu bekämpfen. Titel »Als mein schwules und schon modelte, fasste er
ten ihn die anderen in der Wie er sich bemühte, tiefer Ich starb«. Als kleiner Junge den Mut, sich zu outen. Inzwi-
Sportumkleide, weil er keine zu sprechen und »männlich« wünschte Nieder sich nichts schen definiert er sich als
Boxershorts trug, sondern Slips zu sitzen, also nicht mit über- sehnlicher als eine Arielle- genderfluid und läuft sowohl
»wie ein Mädchen«. Sie be- kreuzten Beinen. Wie er sich Barbie, also eine Barbiepuppe bei Männer- als auch bei Frauen-
schimpften ihn als »Schwuch- beim Karate anmeldete und mit Meerjungfrauenflosse. shows, mitunter im Brautrock
tel«, als »Tucke«. Heute gilt einen Mitschüler als »schwul« Doch als seine Mutter sie ihm aus weißem Tüll. Seine Bot-
Felix Nieder, 30, als eines der beschimpfte, nur weil der schenkte, spürte er die Ver- schaft: Kleidung hat kein Ge-
meistgebuchten deutschen die Band Tokio Hotel mochte. achtung seines Vaters – und riss schlecht. TOB

Geiler Buckel hat Giesinger so begeistert, dass dem Publikum so nah wie nir-
er noch Tage später schwärmt: gendwo sonst«, sagt Giesinger.
Auf der Festivalbühne in Karls- »Alle Musiker, die ich kenne, »Es sieht einfach irre aus.« Als
ruhe zu stehen: Das sei mit das sind von dem Fest infiziert.« Jugendlicher kam er als Besu-
Christian Charisius / picture alliance / dpa

Größte, was man als Musiker Mit Clips in sozialen Medien cher, seither mehrfach als Musi-
erleben könne, sagt der Sänger versuchten sie sich zu überbie- ker. Dieses Jahr hatte sein Trau-
Max Giesinger, 34. Und viel- ten – und da liefere »der Hügel« zeuge Michael Schulte seinen
leicht ist das ein klein bisschen die ideale Kulisse: eine künstli- ersten Auftritt auf dem Fest –
übertrieben, denn »Das Fest« che Erhebung, geformt beinahe und holte Giesinger zu dessen
ist überregional eher wenig wie ein Amphitheater, davor Hit »80 Millionen« auf die
bekannt – und Giesinger bei und darauf an die 30.000 Zu- Bühne. »Das hier ist der geilste
Karlsruhe aufgewachsen. Doch schauer. »Das sind so viele, Buckel auf der Welt«, rief
sein jüngster Gastauftritt dort das ist so massiv, man fühlt sich Giesinger dem Publikum zu. HIP

118 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


Vom Fastenkünstler ßiger Heilkuren tagelang nur
Wasser und grünen Tee zu sich.
zum Gastronom Nun geht der Fastenkünstler
Der menschliche Körper, defor­ Strunk unter die Gastronomen:
miert durch Suff und Völlerei: Er kauft sich in ein Szenelokal
Das ist eines der Leitmotive des im Hamburger Schanzenviertel
Schriftstellers Heinz Strunk, 61. ein, nur wenige Hundert Meter
»Fleisch ist mein Gemüse« hieß entfernt von seiner Wohnung:

David Redfern / Redferns / Getty Images


der Roman, der ihn bekannt das Bistro Carmagnole seines
machte. Sein zweiter großer Freundes Alvaro Piña, benannt
Hit, »Der goldene Handschuh«, nach einem Lied der Franzö­
spielte in einer Absturzkneipe. sischen Revolution. Möglich
Und auch in den meisten ande­ macht das der Erfolg seines letz­
ren seiner Bücher kam der Nah­ ten Bestsellers, »Ein Sommer in
rungs­ und Getränkeaufnahme Niendorf«. Sein Honorar liege
nebst deren unangenehmen Be­ bislang bei rund 400.000 Euro, Pink Floyd mit Waters (3. v. r.) um 1972
gleiterscheinungen eine zentrale berichtet Strunk. Mehr als ge­
Bedeutung zu. In seinem neu­ nug, um die Anteile von Piñas
esten Werk, dem Bilderbuch Ex­Partnerin und damit die Verwittertes Achtzigjährigen« ergänzen.
»Die Käsis«, sind Lebensmittel Hälfte des Restaurants zu über­ Die erste Single, »Money«, gibt
gar die Protagonisten: Eine fei­ nehmen. »Ich bin kein beson­ Denkmal einen Vorgeschmack auf die im
ne Parmesandame verliebt sich ders geselliger Mensch. Wenn Der Popmusiker Roger Waters, Oktober erscheinende Musik.
in einen industriell gefertigten ich mal ausgehe, dann meistens 79, hat den Pink­Floyd­Klas­ In einem Studio in London hat
Scheibenkäse. Privat zelebriert in die Carmagnole«, sagt Strunk. siker »The Dark Side of the der SPIEGEL die komplette
Strunk den Wechsel von Exzess »Nun werde ich vom Gast zum Moon« neu aufgenommen. »Redux«­Version bereits hören
und Askese, trinkt gern mal Gastgeber. Das erscheint mir Nicht im Alleingang, aber ohne können. Sie klingt, als hätte
ein Glas Alkohol zu viel, nimmt sinnvoller, als einen Porsche Beteiligung ehemaliger Kolle­ Leonard Cohen das Album
dann aber während regelmä­ oder ähnlichen Unfug zu kau­ gen wie David Gilmour, dessen gecovert. Mit verwittertem
fen.« Vor Jahren hatte Strunk Gitarrenspiel viel zum Erfolg Timbre spricht Waters die Texte
sich gemeinsam mit Piña und des legendären Albums beige­ mehr, als dass er sie singt. Man­
dem früheren RAF­Terroristen tragen haben dürfte. Die Rechte che Gimmicks, wie die bim­
Karl­Heinz Dellwo schon mal am Namen der Gruppe hat melnde Registrierkasse, sind
als Gastronom versucht, dabei Waters nicht, die Rechte an verschwunden. Andere Spezial­
laut eigener Auskunft einen diesem Werk dagegen schon – effekte, wie die Stimmen im
sechsstelligen Betrag versenkt. so sieht zumindest er es: »Es Hintergrund, sanft aktualisiert.
Cantina Popular hieß das Lokal, ist mein Projekt, und ich habe Die Songs sind wie mit Aqua­
Volksküche. »Das passiert die­ es geschrieben. Also … blah!« rellfarben nachgemalt und in
Christian Charisius / dpa

ses Mal nicht«, sagt Strunk. Vorwürfe, er betriebe Denkmal­ einen langen, ruhigen Fluss ge­
»Das Bistro funktioniert seit schändung, weist Waters zu­ bracht. Alles Auftrumpfende ist
zehn Jahren gut. Und ich werde rück. Seine neue Version solle eingeebnet, so auch die Orgeln
den Teufel tun, mich ins Alltags­ dem Original die Hand reichen und Gitarren. Waters ersetzt die
geschäft einzumischen.« TOB und um die »Weisheit eines Soli durch eigene Gedichte. FRA

Neue Freiheit der tiert sind: »Ich habe eine Um­ über Chirac. Man halte sie Image ändern. Und so verhilft
frage beim Personal im Élysée für altmodisch, kalt und schroff. der deutsche Modeschöpfer
Première dame gestartet, und das Ergebnis ist Um beim Volk beliebter zu Karl Lagerfeld ihr schließlich
Die französische Schauspiel­ nicht gut«, sagt da ein Berater werden, müsse sie dringend ihr zu einem neuen Styling. Die
ikone Catherine Deneuve, 79, Schauspielerin Deneuve hat in
feiert ein Comeback im Kino – einem Interview verraten, was
und das nur zweieinhalb Jahre sie an dem Szenario interessiert
nach ihrem Schlaganfall. Dass hat: die Geschichte einer Frau,
die französische Öffentlichkeit die aus ihrer gewohnten Gang­
dem Film entgegenfiebert, liegt art herauskommt und sich eine
aber auch an Deneuves Rolle: neue Freiheit erobert. Deneuve
Sie spielt die ehemalige Präsi­ hat stets an den Dreharbeiten
dentengattin Bernadette Chirac, festgehalten, trotz Kritik aus
die von 1995 bis 2007 die Pre­ der Familie Bernadette Chiracs:
mière dame im Élysée war und »Die haben wohl noch nicht
sich seit dem Tod ihres Mannes gemerkt, dass sie immer noch
Jacques Chirac 2019 weitge­ lebt!«, sagte ihre Tochter Claude
Shootpix / ABACA / Shutterstock

hend aus der Öffentlichkeit zu­ Chirac einmal ironisch. Denn


rückgezogen hat. »Bernadette« Bernadette Chirac ist inzwi­
heißt der Film schlicht. Jetzt schen 90 Jahre alt. Von solch
gibt ein Trailer einen ersten kritischen Stimmen hat sich
Eindruck und zeigt Szenen, die Deneuve nicht beirren lassen:
frei am Leben der ehemaligen Der Film kommt am 4. Oktober
First Lady Frankreichs orien­ in die französischen Kinos. PE

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 119


Leitartikler schon als Untergangs-
BRIEFE prophet geriert, dann sollte er
wenigstens die wirklich Verant-
wortlichen benennen und nicht
alle in den gleichen Sack stecken,
auf den er einschlägt. Es gibt da
noch die Grünen, die wenigstens
im Rahmen der Möglichkeiten,
gung: Schüttet die Gräben zu und Brauchwasser sowie im verant- die die Demokratie ihnen ein-
leitet das Regenwasser in natür- wortungsvollen Umgang zu su- räumt, versuchen, etwas zu än-
liche Senken! Das wäre auch ein chen. »Was(ser) nichts kostet, ist dern – zugegeben mit wenig Er-
wichtiger Beitrag zum Natur- nichts wert« darf es nicht länger folg. Wer, wie die Letzte Genera-
schutz. Entwässerung war heißen. Wasser ist nicht nur eine tion, darüber hinaus etwas tun
gestern. chemische Verbindung, es ist die will und tut, der muss den Rah-
Imme und Peter Erichsen, Büdelsdorf grundlegende Voraussetzung für men der geltenden Gesetze ver-
(Schl.-Holst.) alles Leben auf der Erde. lassen. Alle anderen, inklusive
Rainer Szymanski, Grünheide einer Mehrheit in der Bevölke-
In Ihrer Hausmitteilung zur Titel- (Brandenb.) rung, wollen im Grunde genom-
story beißt sich die Katze in den men weder die Umstände und
Schwanz. Die Wasserknappheit schon gar nicht sich selbst ändern,
müsse bewältigt werden, heißt es Es ist fünf nach zwölf und so ist eben alles, wie es ist,
dort, »wenn wir unsere Art zu und wird damit schlimmer.
leben retten wollen«. Es war und Nr. 29/2023 Leitartikel: Im Kampf gegen
Christoph Nitsche, Straßenhaus
den Klimawandel kommt die
ist aber doch insbesondere unse- Ampelregierung nicht schnell genug voran (Rhld.-Pf.)
re moderne verschwenderische
Lebensweise, die via CO2-Anrei- Viele haben leider immer noch Endlich mal ein Leitartikel, der
Auf Pools verzichten cherung in der Atmosphäre, Kli- nicht begriffen, dass das keine den Namen verdient. Endlich mal
mawandel, Gletscherschmelze et Übung, sondern bereits der Not- eine Ansage an die Regierung:
Nr. 30/2023 Titel: Wasser! cetera zu der beklagten Wasser- fall ist. Weltweit starten pro Tag Macht gemeinsam, nicht gegen-
knappheit geführt hat. Bei unse- 230.000 Flugzeuge. Allein hier einander, Politik für Deutschland
Für vernunftbegabte Menschen rer Art zu leben handelt es sich in Deutschland zur Ferienzeit und erkennt endlich, dass wir kei-
ist klar erkennbar, dass die Folgen um die einzige »Spezies«, die sind die Flughäfen stark frequen- ne Zeit mehr haben, sondern jetzt
des Klimawandels unsere Lebens- eben nicht gerettet, sondern mög- tiert. Was veranlasst Menschen, an der Erreichung der Klimaziele
grundlagen bedrohen und einen lichst rasch dem gleichfalls men- aus dem heißen Sommer in arbeiten müssen. Alle Parteien
respektvoll ressourcenschonen- schengemachten fulminanten Deutschland in noch heißere und zusammen. Es ist fünf nach zwölf.
den Umgang mit dem lebens- Artensterben anheimfallen sollte. wasserärmere Gegenden zu flie- Darko Lalic, Ditzingen (Bad.-Württ.)
wichtigen Element Wasser zwin- Damit wäre auf die Schnelle gen? Was ist so toll daran, auf
gend erforderlich machen. Statt schon mal allen geholfen. riesigen Kreuzfahrtschiffen mit Ich möchte die Regierung doch
auf Verbote oder Beschränkun- Erwin Bixler, Rodalben (Rhld.-Pf.) etwa 5000 Menschen durch die etwas in Schutz nehmen. Wenn
gen zu warten, sollten wir bei- Weltmeere zu fahren? Aber die sich große Teile der Bevölkerung
spielsweise auf Rasensprenger, Wassermangel? Kann doch gar Spaßgesellschaft will nicht ver- offensichtlich entschieden haben,
private Pools und Samstagsauto- nicht sein, wenn ich sehe, wie vie- zichten, und es ist leider sehr vie- lieber die Lebensgrundlagen ihrer
wäschen verzichten oder diese le Swimmingpools in den letzten len egal, wie die Welt in einigen eigenen Kinder aufs Spiel zu set-
einschränken – denn Wasser be- Monaten in meiner Nachbar- Jahren aussieht. Sicher können zen, als auch nur die geringsten
deutet Leben. schaft verbaut wurden. Und in wir nicht zurück auf die Eselskar- Abstriche an ihrem eingefahre-
Stephan Erven, Merzenich (NRW) jedem Baumarktprospekt gibt es ren, aber ein wenig Konsumrück- nen Lebensstil zuzulassen, dann
sie in jeder Größe als Sonder- nahme würde uns allen guttun. ist auch die ambitionierteste Re-
Unser mehrjähriger Aufenthalt in angebot, selbst bei Aldi kann man Karola Albrecht, Berlin gierung letztlich machtlos. Zu-
Südafrika hat uns gezeigt, wie die sie erwerben. Alles wieder so mal, wenn sie zusätzlich aus den
Menschen dort mit der Wasser- links-grüne Meinungsmache wie Nicht nur die Ampelkoalition gibt eigenen Reihen auch noch ständig
knappheit umgehen. Eine wich- die Klimakrise. Wenn man genug sich auf. Ich befürchte, auch fast ausgebremst wird.
tige Maßnahme ist, das wertvolle Geld hat, muss man sich den Pool die gesamte Menschheit. Beim Gebhard Boddin, Hamburg
Regenwasser in natürlichen Sen- doch leisten können. Lesen des Leitartikels erinnerte
ken und in Staudämmen aufzu- Gert Wagner, Frankfurt am Main ich mich spontan an eine Karika- Wenn die Ampel weiterhin ver-
fangen, sodass weit entfernte tur aus dem Satireblatt »MAD«, sucht, ein globales Problem auf
Siedlungen mit Trinkwasser ver- Wasserrestriktionen oder Bau- die als Illustration zum Leitartikel nationaler Ebene durch opportu-
sorgt werden können. Und – noch projekte ohne Zusage von Ver- gepasst hätte: Alfred E. Neu- nistisches Handeln zu lösen, wird
wichtiger: Wenn diese Wasser- sorgung sind erst der Anfang. mann, in einer Toilettenschüssel sie scheitern. Die Politik muss
speicher auch in Form kleinerer Wenn wir weiter so viel Raubbau sitzend, betätigt die Spülung mit endlich erkennen, dass man nicht
Teiche dezentral über das ganze an der Natur vornehmen, mit den Worten »Good bye cruel die Symptome bekämpfen, son-
Land verteilt sind, dienen sie Versiegelung und Monokulturen, world«. Auch die Menschheit – dern sich den Ursachen widmen
nicht nur, wie auf den Farmen, wird nicht nur das wertvolle wenn wir so weitermachen – wird muss. Durch die doch sehr regio-
zur lokalen Versorgung von Nass weniger. Auch leiden Bio- sich eigenhändig wegspülen. nalen Diskussionen verschleißt
Mensch und Tier, sondern füllen diversität und Artenvielfalt. Jürgen Koritz, Paderborn sie das Verständnis der Bevölke-
durch Versickerung das Grund- Wasserpipelines sind auch keine rung für das wichtige Thema. Un-
wasser auf. Das also gehört unse- Lösung. Ansätze sind vor allem Dieser Leitartikel ärgert mich, fertige Konzepte wie das Hei-
rer Meinung nach zum Instru- in der Kreislaufwirtschaft, der denn er ist ungerecht, weil er zungsgesetz tun ihr Übriges.
mentenkasten der Wasserversor- Unterscheidung von Trink- und nicht differenziert. Wenn sich der Norbert Höpfner, Kronberg (Hessen)

120 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


schellen abgeschoben. Welches
Das Zurückdrehen Ein grandioses, le- Herr Linnemann Beamtenhirn hat das zu verant-
gesellschaftlichen senswertes und somit möchte wohl, dass worten?
Fortschritts ist nicht geradezu perfektes seine CDU schon an Brigitte Seebacher und Reiner Lange,
Rastatt (Bad.-Württ.)
konservativ, sondern Porträt der SPIEGEL- einem Jingle erkannt
reaktionär. Das sollte Redakteurin Milena wird, um den Unter- Ich hoffe, dass sich die Verant-
man auch so klar Hassenkamp über die schied zu anderen wortlichen und das befasste Ge-
benennen. Es bleibt »unperfekte« Bundes- Parteien deutlich zu richt eines Besseren besinnen und
diese Familie schnell zurückkeh-
zu hoffen, dass nach familienministerin machen. Der Küchen- ren lassen. Das gebietet die
einem Regierungs- Lisa Paus. Ein journa- chef hätte da einen Menschlichkeit. Den rein rational
wechsel in Spanien listischer Volltreffer! ernst zu nehmenden Argumentierenden sei gesagt,
dass es unklug war, diesen Kin-
dieser gesellschaft- Hans-Jürgen Kroggel, Hameln Vorschlag: Wie wäre dern die Heimat zu nehmen. Mei-
(Nieders.)
liche Fortschritt, von es mit dem soliden ne Bitte an die bisherigen Unter-
dem wir uns eine Hit »Der Eiermann« stützer: Geht weiter auf die Stra-
Scheibe abschneiden von Klaus & Klaus? ße für diese Familie! Nutzt alle
Möglichkeiten des Einspruchs!
können, nicht rück- Dr. Helmut Klingenfeld,
Anne Chavez-Siebenborn,
Ahrensburg (Schl.-Holst.)
gängig gemacht wird. Frankfurt am Main
Helga Wandel, Frankfurt
am Main
Bowie als
Nr. 29/2023 Das einstige
Macho-Land Spanien ist nun
Nr. 29/2023 Familienministerin
Lisa Paus produziert nicht die
Nr. 29/2023 Wie tickt der
neue CDU-Generalsekretär
Oppenheimer!
Vorreiter des Feminismus Schlagzeilen, die sie gern hätte Carsten Linnemann? Nr. 29/2023 Zu Besuch bei Christopher
Nolan, der in »Oppenheimer« von
der Erfindung der Atombombe erzählt

Ins totale Elend Kinder und ihre Mutter zu unter- nach Nigeria abgeschoben wurde.
stützen, die seit neun Jahren hier Menschen, die Deutschland be- Robert Oppenheimer als Erfinder
geschickt leben, in die Schule gehen, be- jahten, Deutschland als ihre Hei- der Atombombe zu bezeichnen
Nr. 29/2023 Porträt von vier jungen rechtigterweise von einer Zu- mat ansahen, voll integriert wa- ist Geschichtsfälschung! Er war
Geschwistern aus Kempten, die kunft in Deutschland träumen. ren, Perspektiven hatten, kurz zwar wissenschaftlicher Leiter
nach fast neun Jahren Integration nach davor waren, Berufe zu erlernen, des Manhattan-Projekts, aber
Nigeria abgeschoben wurden Barbara und Walter Michelfelder,
Filderstadt (Bad.-Württ) die in diesem Land doch so hände- man kann ihm doch keinerlei
Es ist kaum zu glauben, was für ringend gesucht werden. Deutsch- geistige Urheberschaft an dem
Abschiebungen hierzulande Minderjährige abzuschieben, die lands Zukunft und die Zukunft Prinzip der Waffe anrechnen. Als
durchgeführt werden. Nach neun neun Jahre in Deutschland leb- dieser in Deutschland Lebenden Einstein über sie nachdachte, war
Jahren in Kempten werden vier ten, sollte ein Verbrechen sein, über Nacht gelöscht. Ich habe Oppenheimer ein Kind. Um als
Jugendliche mit ihrer Mutter in von dem volkswirtschaftlichen Wut! Wer entscheidet so etwas? Erfinder zu gelten, muss man
die nigerianische Diaspora abge- Irrsinn mal ganz abgesehen. Was sind das für Menschen? doch die Idee dazu gehabt ha-
schoben – obwohl sie Deutsch Christian Holzapfel, Karlsruhe Bernd Engroff, Eutin (Schl.-Holst.) ben – und die hatten andere.
gelernt haben, zur Schule gingen Herbert Gros, Röttenbach (Bayern)
und sich bereits über ihre beruf- Als ich diesen Artikel las, kamen Die Abschiebung der Familie Ov-
liche Zukunft Gedanken gemacht mir die Tränen. Ich hatte eine biagele ist überhaupt nicht nach- Ich bin kein Cineast, aber kommt
hatten. Dass die Mutter aus schlaflose Nacht und schäme vollziehbar. Mir soll kein Politiker »Oppenheimer«, ein Film mit
Angst, abgeschoben zu werden, mich für Deutschland. Wie ist es mehr davon reden, wir bräuchten »unheimlicher Aktualität«, nicht
keine Pässe besorgt hat, ist sicher- möglich, dass Deutschland neun Fachkräfte aus dem Ausland, viel zu spät? Cillian Murphy ist
lich ein Manko, aber hier sollte Jahre in diese vier anständigen wenn wir es uns leisten können, wahrscheinlich kein schlechter
aus meiner Sicht Gnade vor Recht und ehrgeizigen Kinder investiert vier voll integrierte, lern- und Darsteller. Ideal für die Rolle von
walten; denn eine bessere Inte- hat, und kurz bevor sie so weit arbeitswillige, Deutsch sprechen- Robert Oppenheimer wäre aber
gration ist kaum vorstellbar. Aber sind, dem Land etwas zurückge- de Kinder und Jugendliche aus- David Bowie gewesen. Für Bowie
die bayerische Regierung hat of- ben zu wollen, wirft man sie in zuweisen. Auch wenn die Mutter hätte ein Film über Oppenheimer
fenbar kein Verständnis. Bleibt Handschellen gefesselt raus? der vier Geschwister Fehler ge- ein guter Nachfolgefilm zu »Der
nur zu hoffen, dass diese Abschie- Irmela Christen, Berlin macht hat, ist das kein Grund, Mann, der vom Himmel fiel« sein
bung revidiert wird. diese Kinder nach Nigeria ins to- können. Auch Regisseur Christo-
Paul Heiß, Baierbrunn (Bayern) Es gibt so Tage, da frage ich mich, tale Elend zu schicken. Was ha- pher Nolan, der David Bowie
wo ich eigentlich lebe. Im Artikel ben sich unsere gewissenlos agie- 2006 in »Prestige« den Physiker
Artikel 1 unseres Grundgesetzes »Moskaus Mann im Bundestag« renden Bürokraten dabei nur Nikola Tesla spielen ließ, hätte
lautet: »Die Würde des Menschen lese ich davon, dass Herr Sergijen- gedacht? »Oppenheimer« vermutlich
ist unantastbar.« Wie sträflich ko, ausgewiesener Demokratie- Erwin Nillies, Anröchte (NRW) schon früher realisieren können.
wird dieser Grundsatz missach- feind, Aktivist für Putins Propa- Christian Heim, Friedrichshafen
tet? Deutschland überlegt, wie ganda(-krieg), die deutsche Staats- In Bayern, wo das ungeborene (Bad.-Württ.)
es für Einwanderer attraktiv wer- bürgerschaft erhalten hat. Unver- Leben geschützt werden soll,
den kann, die unseren Fachkräf- ständlich! Ich lese ein paar Seiten wird heute das geborene Leben Leserbriefe bitte an [email protected]
Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe
temangel ausgleichen sollen. weiter, dass eine alleinerziehende nach neun Jahren in Deutschland gekürzt sowie digital zu veröffentlichen und
Gleichzeitig versäumen wir, vier Mutter nebst ihren vier Kindern gnadenlos ungeschützt in Hand- unter SPIEGEL.de zu archivieren.

Nr. 31 / 29.7.2023 DER SPIEGEL 121


L E TZ T E S E I T E

Knochenjobs für billige Wohlstandshelfer HOHLSPIEGEL

Aus einer Meldung des Polizeipräsidiums Frankfurt


ZEITREISE Fast eine Million türkeistämmige Menschen lebten 1973 in am Main:

der Bundesrepublik, oft prekär in Großstadtrevieren wie Berlin-Kreuzberg. »Der einschlägig Bekannte wurde in die
Auch der SPIEGEL berichtete nicht frei von Ressentiments. Hautzelle des Präsidiums eingeliefert.
Von den anderen Tätern fehlt weiterhin
Nr. 31/1973 »Die Türken kommen jede Spur.«
– rette sich, wer kann«

Aus dem »Gäuboten«:


Vor 50 Jahren dämmerte
den Bundesbürgern all-
mählich, dass die Men-
schen, die man als »Gast-
arbeiter« geholt und
selten wie Gäste behan-
Aus dem »Mindener Tageblatt«:
delt hatte, eben nicht »billige Wohlstands-

IMAGO/UIG
»Gastarbeiter«
helfer mit exotischem Air« waren, dass bei einer Pause »Ornamin hat eine neue leistungsstarke
sie nicht jederzeit »retourniert« werden Kunststoffmühle angeschafft. Damit
konnten. Viele würden bleiben. Die Türkei- nur angeblich gestiegenen Verbrechens- will das Unternehmen zum Beispiel
stämmigen bildeten 1973 die größte Gruppe raten. Geschildert wurden die geringen Überreste von Kunden verarbeiten und
der rund 3,7 Millionen Einwanderer. Ihnen Aufstiegschancen bei der »Knochenarbeit neues Rohmaterial herstellen.«
brandete besondere Skepsis entgegen. an Hochöfen, Stahlwalzen und Beton-
Die Titelgeschichte des SPIEGEL war mischmaschinen« ebenso wie oft desolate
Aus der »Märkischen Allgemeinen«:
durchaus geeignet, bestehende Ängste zu Wohnbedingungen, aus denen Vermieter
verstärken. Das begann mit der Überschrift Profit schlugen.
»Die Türken kommen – rette sich, wer »Zu lange erschöpfte sich amtliche Aus-
kann«, ein Zitat eines Berliner Beamten. länderpolitik im Vergrößern der indus-
Und so ging es weiter: »1,2 Millionen triellen Reserve-Armee, zu lange wurden
warten zu Hause auf die Einreise«, Städte die sozialen Bedürfnisse verkannt«, um-
wie Berlin oder Frankfurt könnten »die riss der SPIEGEL das Grunddilemma. So
Invasion kaum noch bewältigen«. Auch von blieb es: Über Jahrzehnte verzichtete
»sozialer Verelendung wie in Harlem« war die Regierung auf eine Integrationspolitik.
klischeehaft die Rede. Sie war nicht bereit zu akzeptieren, dass
Zugleich versuchte das Magazin aller- die Bundesrepublik längst ein Einwande-
dings, Vorurteile zu entkräften, etwa zu den rungsland geworden war. Rainer Lübbert

Aus dem »Kölner Stadt Anzeiger«:


von selbst: Eine der beiden erfolgreichsten
Bestnote Lehranstalten sei nun mal die »Gelehrten- »Ein weiteres Mega-Projekt sehen
schule« des Johanneums in Winterhude, Umweltschützer mit Sorge: die Amazonas-
und der Name komme »nicht von Unge- Eisbahnlinie ›Ferrograo‹, deren Bau fast
SO GESEHEN Warum die Ham-
fähr«. Beim Walddörfer-Gymnasium in 50.000 Quadratkilometer Regenwald zum
burger Abi-Noten so gut sind Volksdorf, ebenso erfolgreich, handle es Opfer fallen könnten.«
sich hingegen um einen »harmlosen Zufall«.
Mit Nachdruck und Empörung weist der Se- Einen Zusammenhang mit der nur in der
Aus einem Backrezept für hefefreies Dinkelbrot auf NDR.de:
nat von Hamburg die Unterstellung zurück, Hansestadt unterrichteten Sportart »Pfef-
die hiesigen Abiturprüfungen seien zu lax. fersackhüpfen«, für die sich die Schülerin-
Kritiker hatten dem Bildungssystem der nen und Schüler selbst Bestnoten verleihen
Hansestadt eine zu freundliche Bewertung dürfen, schloss ein Sprecher aus. Die ins-
seiner Reifeprüflinge vorgeworfen. Wäh- gesamt besseren Durchschnitte seien viel-
rend hier im Jahr 2023 von 8986 Absolven- mehr auf eine »allgemein bekannte Tatsa-
ten und Absolventinnen 264 die Note che« zurückzuführen, die aber womöglich
1,0 erzielten und es an zwei Schulen sogar »an schlechteren Bildungsstandorten« nicht
jeweils 12 Top-Platzierte gab, waren es etwa unterrichtet werde: »Hamburg macht
im angrenzenden Bundesland Schleswig- schlau.« Bereits nach einem kurzen Reeper-
Holstein 10 849 erfolgreich Geprüfte, von bahn-Bummel sei man »deutlich klüger als
denen aber nur 173 mit der Note zuvor«. Der Besuch einer HSV-Heimpartie
1,0 abschnitten. erhöhe den Intelligenzquotienten nachweis-
Von einem »Hamburg- lich um 0,2 pro Halbzeit. Und wer die
Bonus« könne keine Rede HafenCity in der Gegend um die Elbphil-
Aus der Tageszeitung »Die Harke«:
sein, ließ nun der Senat harmonie besuche, könne gar einen Zu-
verlauten. Vielmehr er- wachs von 10 pro Stunde verzeichnen. »Für den jetzt vorgelegten Städtevergleich
klärten sich etwa Jedoch wirke dieser Effekt auch in um- wurde ein Vierpersonenhaushalt zugrunde
die zwei Dutzend gekehrter Richtung, bedauerte der gelegt, der in einem 120 Quadratmeter gro-
Superabsolventen Sprecher: »Olaf Scholz ist ja nun leider ßen Einfamilienhaus auf 20 Quadratmeter
an zwei Schulen quasi weggezogen.« Stefan Kuzmany großem Grundstück lebt …«

122 DER SPIEGEL Nr. 31 / 29.7.2023


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Common questions

Auf Basis von KI

The proposed changes to the judicial nomination process exemplify Netanyahu's broader agenda to consolidate power by weakening judicial independence, a critical check on executive authority . By altering how judges are appointed, the government aims to influence court decisions, effectively limiting judicial scrutiny over legislative and executive actions, which aligns with the coalition's goal of entrenching nationalist and religious policies without judicial intervention .

The judicial reform has already led to economic concerns, with downgrades from rating agencies and reduced foreign investment, indicating a negative impact on Israel's economic stability . Additionally, the reforms could strain Israel's diplomatic ties, particularly with Germany, which values democratic norms and has historically been cautious in criticizing Israel due to historical guilt. A deviation from democratic principles might erode the long-standing values partnership, risking diplomatic tensions or decreased support from Germany .

Barak's views reflect concerns about historical patterns of political control over the legislative process and deviations from democratic norms. He notes the long-standing issue of the executive controlling the legislative branch, with the proposed reforms exacerbating these trends by disabling the judiciary’s check on government actions . Barak's labeling of the current government as "fascist" and the description of its conduct as reminiscent of dictatorial tactics highlight concerns about a historical trajectory towards centralized, undemocratic rule .

Ehud Barak acknowledges that international opinions and economic repercussions play a significant role in counteracting the judicial reform. He sees the downgrade by rating agencies and the potential economic downturn as factors contributing to domestic discontent with the government’s actions . Barak also indicates that external pressure, such as from countries like Germany, might influence or moderate government actions due to their concerns over Israel's democratic backsliding .

Barak historically advocated for a strong yet democratic Israel, as demonstrated by his past peace efforts with Palestinian leaders . The current government's perceived shift towards authoritarianism, by eroding judicial checks on executive power, contradicts Barak’s belief in a democracy that balances security with civil liberties. He views the reform as a threat to the fundamental democratic structure needed to address external threats effectively and maintain the rule of law domestically .

Ehud Barak argues that the current government's actions turn Israel into a de-facto dictatorship by weakening the Supreme Court's independence and thereby Israel’s democratic structure . This represents an existential threat by undermining the democratic foundation critical for Israel’s future. Furthermore, the government's reluctance to establish a two-state solution poses a threat to maintaining a secure and democratic Jewish state amidst a growing non-Jewish population .

The judicial reform could lead to significant socio-political instability in Israel. The coalition, an "unholy alliance" of Likud, Ultraorthodox, and extremist factions, represents diverse interests unified by a common goal to limit court power, challenging existing democratic checks . This threatens to exacerbate tensions by pursuing policies that not only attempt to entrench existing privileges but also subvert democratic processes, leading to widespread public protests and potential conflict between government supporters and opponents .

The coalition described as an "unholy alliance" under Netanyahu comprises Likud, Ultraorthodox parties, and extremist factions like those aligned with Rabbi Meir Kahane . Despite opposition from two-thirds of the Israeli population as shown in polls , they intend to dismantle democracy using legal processes, legislating changes that undermine the Supreme Court's power . This allows them to pursue their agenda, including preventing the establishment of a sovereign Palestinian state, by appealing to varied yet aligned interests and leveraging domestic political processes .

Ehud Barak argues that the judicial reform is not an actual reform but a planned regime change or a coup d’état intended to destroy the independence of Israel's Supreme Court, leading to Israel becoming a de-facto dictatorship . The reform threatens the balance of power because Israel lacks a proper separation of powers; the executive already controls the legislative, with the Supreme Court as the only institution exerting checks over the government . Barak believes this threatens Israel's democracy, prompting widespread protests by citizens who view the reform as a threat to their state's democratic character .

The response to the judicial reform demonstrates resilience through significant protests from various societal sectors, including the strong stance of reservists from the military, demonstrating a collective refusal to accept the changes that threaten democratic governance . The public opposition, reflected in two-thirds of the population being against the reform, suggests a robust civil society committed to defending democratic principles .

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