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Lehrbuch Der Experimentalphysik

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Bergmann · Schaefer

Lehrbuch der Experimentalphysik


Band 1 Mechanik · Akustik · Wärme
Bergmann · Schaefer
Lehrbuch der
Experimentalphysik
Band 1

W Walter de Gruyter
Berlin · New York 2008
Mechanik · Akustik
Wärme
Autoren
Klaus Lüders
Gebhard von Oppen

12., völlig neu bearbeitete Auflage

W Walter de Gruyter
Berlin · New York 2008
Autoren
Prof. Dr. Klaus Lüders Prof. Dr. Gebhard von Oppen
Fachbereich Physik Technische Universität Berlin
Freie Universität Berlin Institut für Optik und Atomare Physik
Arnimallee 14 Hardenbergstr. 36
14195 Berlin 10623 Berlin
[email protected] [email protected]

Das Buch enthält 690 Abbildungen und 43 Tabellen.

Das Bild auf dem Einband zeigt den erfolgreichen Start der Ariane-5-ECA vom Raumfahrtzentrum
Guayana (CSG) in Französisch-Guayana am 12. Februar 2005. Auf diesem Flug (V164) wurden drei
Nutzlasten ins All befördert: der imAuftrag von XTAR LLC mitgeführte X-Band-Nachrichtensatellit
XTAR-EUR und im Auftrag der ESA die mit Instrumenten ausgerüstete MaqSat-B2-Attrappe und
der Minisatellit Sloshsat FLEVO zur Erforschung des Verhaltens von Flüssigkeiten in der Schwere-
losigkeit.
Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der European Space Agency,
=c ESA/CNES/ARIANESPACE-Service Optique CSG

ISBN 978-3-11-019311-4

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek


Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über < http://dnb.d-nb.de > abrufbar.

=
∞ Gedruckt auf säurefreiem Papier, das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

=c 2008 by Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, 10785 Berlin. Dieses Werk einschließlich aller
seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urhe-
berrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere
für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbei-
tung in elektronischen Systemen. Printed in Germany
Satz: PTP-Berlin Protago-TEX-Production GmbH, www.ptp-berlin.eu. Druck und Bindung: Druck-
haus „Thomas Müntzer“ GmbH, Bad Langensalza. Einbandgestaltung: Martin Zech, Bremen. Ein-
bandkonzept: +malsy, Willich.
Vorwort

Das Lehrbuch der Experimentalphysik wurde von Ludwig Bergmann und Clemens Schae-
fer konzipiert. In den Jahren 1943 bis 1955 erschienen die ersten drei Bände: Mechanik,
Akustik, Wärme – Elektrizität und Magnetismus – Optik. Sie wurden später durch weitere
Bände zur modernen Physik ergänzt. Die Themenbereiche der heute vorliegenden acht
Bände sind auf dem hinteren Buchdeckel verzeichnet.
Die vorliegende 12. Auflage des ersten Bandes entstand aus einer kritischen Überarbei-
tung der 10. und 11. Auflage. Ziel der Überarbeitung war es, den Charakter eines Lehr-
buchs der Experimentalphysik wieder stärker zur Geltung zu bringen. Deshalb wurde der
Teil II der 11. Auflage über die Spezielle Relativitätstheorie nicht wieder aufgenommen.
Stattdessen beschränkten wir den Themenkreis auf die historisch vorgegebenen Berei-
che Mechanik, Akustik und Wärme. Dieser Themenkreis umfasst viele aus dem täglichen
Leben bekannte Phänomene und Beobachtungen und ist daher auch heute noch bestens
für den Start in die Physik geeignet. Anhand einfacher und durchsichtiger Experimente,
die in vielen Fällen auch im Heimversuch selbst durchgeführt werden können, werden
grundlegende Arbeitsweisen der Physik und das Zusammenwirken von Experiment und
Theorie beim Aufspüren physikalischer Gesetzmäßigkeiten deutlich.
Obgleich wir bei der Auswahl des Themenkreises der 10. Auflage folgten, ließen wir uns
bei der Strukturierung der drei Themenbereiche von der Einteilung in Auflage 11 leiten.
Wir hoffen, dass so thematische Zusammenhänge besser hervortreten und die Darstellung
übersichtlicher geworden ist. Besondere Aufmerksamkeit verdienen in einem Lehrbuch
der Experimentalphysik die Messunsicherheiten. Sie sind nicht eine Folge unsauberen
Experimentierens, sondern sind grundsätzlicher Natur und ergeben sich aus der diskreten
Struktur des Messprozesses. In der Mechanik bleiben diese Messunsicherheiten unberück-
sichtigt, nicht aber in der Wärmelehre. Daher sind alle Bewegungen von Körpern, die den
Gesetzen der reinen Mechanik folgen, reversibel, thermodynamische Prozesse hingegen
irreversibel. Diesem Unterschied in der Berücksichtigung der experimentellen Grundla-
gen haben wir bei der Darstellung von klassischer und statistischer Mechanik besondere
Beachtung gewidmet.
Unsere Arbeit wäre ohne die Unterstützung unserer Institute an der Freien Univer-
sität bzw. der Technischen Universität Berlin nicht möglich gewesen. Obwohl seit ei-
niger Zeit offiziell im „Ruhestand“, profitierten wir nicht nur von der uns gewährten
Gastfreundschaft mit jeweils voll ausgestattetem Arbeitsplatz, sondern auch von vielen
anregenden und aufmunternden Diskussionen über die Grundlagen der Physik und der
großen Hilfsbereitschaft vieler Institutsmitglieder bei der Bearbeitung des Buches und
Erstellung des Textes. Herrn Prof. Gustav Klipping und Frau Dr. Ingrid Klipping sind
wir für die kritische Bearbeitung des Abschnitts „Kryotechnik“ zu großem Dank ver-
pflichtet. Ein besonderer Dank gilt Herrn Prof. Klaus Stierstadt für die Fehlerliste zur
11. Auflage von Bd. 1, die aufgrund der ausführlichen Korrekturanmerkungen von Prof.
Klaus-D. Harms zusammengestellt werden konnte. Schließlich danken wir Frau Marie-
VI Vorwort

Rose Dobler und Herrn Dr. Robert Plato sehr für die gute Zusammenarbeit mit dem Verlag
de Gruyter.

Berlin, Juli 2008 Klaus Lüders


Gebhard von Oppen
Inhalt

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1

Teil I: Mechanik

1 Messen und Maßeinheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7


1.1 Beobachtung und Messung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
1.2 Messgenauigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
1.3 Längenmessung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
1.4 Flächen- und Volumenmessung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
1.5 Winkelmessung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
1.6 Schwere und träge Masse, Stoffmenge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
1.7 Zeitmessung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32

2 Kinematik punktförmiger Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39


2.1 Ruhe und Bewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
2.2 Geschwindigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
2.3 Transformationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
2.4 Beschleunigung und Kreisbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
2.5 Freier Fall und Wurfbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58

3 Dynamik von Massenpunkten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67


3.1 Trägheitsgesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
3.2 Kraftbegriff und Grundgesetz der Mechanik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
3.3 Kraft und Gegenkraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
3.4 Gravitation und Planetenbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
3.5 Ebbe und Flut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
3.6 Trägheitskräfte in rotierenden Bezugssystemen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
3.7 Die Erde als rotierender Bezugskörper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108

4 Konstanten der Bewegung von Massenpunkten: Energie, Impuls,


Drehimpuls . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
4.1 Die Energie von Massenpunkten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
4.2 Impulserhaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
4.3 Elastischer und unelastischer Stoß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
4.4 Zentralbewegung und Bahndrehimpuls . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
4.5 Satelliten und Raumfahrt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
VIII Inhalt

5 Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
5.1 Mathematisches und physikalisches Pendel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
5.2 Harmonische Schwingung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147
5.3 Superposition von Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
5.4 Gedämpfte und erzwungene Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170

6 Arbeit und Energie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185


6.1 Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
6.2 Potentielle und kinetische Energie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
6.3 Energieerhaltung bei einfachen mechanischen Geräten . . . . . . . . . . . . . . . . 198
6.4 Kraftfeld und Potential . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207

7 Starre Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215


7.1 Bewegung starrer Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215
7.2 Drehmoment . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218
7.3 Massenmittelpunkt und Schwerpunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222
7.4 Hauptsatz der Statik starrer Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
7.5 Mechanisches Gleichgewicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237

8 Dynamik starrer Körper; Drehbewegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245


8.1 Drehimpuls . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
8.2 Trägheitsmoment starrer Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254
8.3 Bewegungen um freie Achsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262
8.4 Rollende Bewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266
8.5 Kreiselbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272

9 Reibung und Elastizität fester Stoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283


9.1 Der feste Aggregatzustand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283
9.2 Reibung fester Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 288
9.3 Elastische Spannungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 300
9.4 Volumen- und Gestaltselastizität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303
9.5 Dehnung und Biegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308
9.6 Grenzen der Elastizität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 317
9.7 Werkstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326

10 Statik von Flüssigkeiten und Gasen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341


10.1 Atomare Struktur von Flüssigkeiten und Gasen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341
10.2 Druck und Druckmessung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 342
10.3 Vakuum und Pumpen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 349
10.4 Kompressibilität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 355
10.5 Schweredruck in Flüssigkeiten, rotierende Flüssigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . 359
10.6 Schweredruck in Gasen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 364
10.7 Auftrieb und Schwimmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367
10.8 Oberflächenspannung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 376
10.9 Kapillarität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 390
Inhalt IX

11 Dynamik von Flüssigkeiten und Gasen, Strömungslehre . . . . . . . . . . . . 399


11.1 Allgemeines über strömende Flüssigkeiten und Gase . . . . . . . . . . . . . . . . . 399
11.2 Kontinuitätsgleichung, Bernoulli’sche Gleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 403
11.3 Umströmung fester Körper, Magnus-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 415
11.4 Strömungsbilder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 423
11.5 Viskosität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 427
11.6 Strömung realer Flüssigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 430
11.7 Wirbelbewegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 436
11.8 Turbulenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 454
11.9 Umströmung der Tragflügel von Flugzeugen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 457

12 Ausgleichsprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 463
12.1 Brown’sche Molekularbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 463
12.2 Diffusion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 466
12.3 Osmose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 474

Teil II: Akustik

13 Allgemeine Wellenlehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 479


13.1 Entstehung von Wellen aus Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 479
13.2 Interferenz, stehende Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 486
13.3 Polarisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 497
13.4 Wellengeschwindigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 500
13.5 Wasserwellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 502
13.6 Beugung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 506
13.7 Reflexion und Brechung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 511
13.8 Doppler-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 516

14 Schallwellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 519
14.1 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 519
14.2 Schallausbreitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 525
14.3 Schallsender . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 538
14.4 Messgrößen des Schallfeldes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 572
14.5 Schallempfänger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 578
14.6 Ultraschall und Infraschall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 581

15 Schallwellen im menschlichen Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 591


15.1 Die menschliche Stimme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 591
15.2 Das menschliche Ohr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 593
15.3 Hörpsychologie, Lautstärke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 595
15.4 Tonsysteme der Musik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 598

Teil III: Wärme

16 Temperatur und Wärme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 607


16.1 Temperatur und Temperaturmessung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 607
X Inhalt

16.2 Thermische Ausdehnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 614


16.3 Absolute Temperatur, Zustandsgleichungen von Gasen . . . . . . . . . . . . . . . . 622
16.4 Wärme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 627
16.5 Spezifische und molare Wärmekapazität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 632

17 Erster Hauptsatz der Wärmelehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 637


17.1 Beschreibung thermodynamischer Systeme und Prozesse . . . . . . . . . . . . . . 637
17.2 Erster Hauptsatz der Wärmelehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 640
17.3 Kinetische Gastheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 645
17.4 Zustandsänderungen idealer Gase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 661
17.5 Thermochemische Prozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 671

18 Wärmetransport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 675
18.1 Konvektion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 675
18.2 Wärmeleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 680
18.3 Wärmestrahlung, Planck’sche Strahlungsformel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 692

19 Zweiter Hauptsatz der Wärmelehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 701


19.1 Reversible und irreversible Prozesse, Carnot’scher Kreisprozess . . . . . . . . . . . 701
19.2 Zweiter Hauptsatz der Wärmelehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 709
19.3 Entropie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 713
19.4 Entropie und Wahrscheinlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 724
19.5 Thermodynamisches Gleichgewicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 726
19.6 Wärmekraftmaschinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 732

20 Phasenübergänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 745
20.1 Phasenübergänge und Phasendiagramme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 745
20.2 Verdampfung und Verflüssigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 752
20.3 Schmelzen und Sublimieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 775

21 Tiefe Temperaturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 783


21.1 Kryotechnik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 783
21.2 Temperaturabhängigkeit der molaren Wärmekapazität . . . . . . . . . . . . . . . . 795
21.3 Nernst’sches Wärmetheorem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 798
21.4 Superfluides Helium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 804
21.5 Thermodynamik der Supraleiter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 813
21.6 Experimentiertechnik bei sehr tiefen Temperaturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 819

Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 833
Einleitung

Die Natur hat zu allen Zeiten einen großen Eindruck auf den Menschen gemacht. Man
denke an das Weltall, an den Sternenhimmel, an Blitz und Donner, an die wunderbaren,
gleichmäßig geformten und gefärbten Kristalle. Man denke aber vor allem an Leben und
Tod.
Geistvolle Menschen haben die Natur beschrieben. Man beobachtete, sammelte und
ordnete. Diese Naturbeschreibungen, teilweise in künstlerischen Bildern oder in dichteri-
scher Sprache, erfreuten die Menschen sowohl zu den Zeiten des Lucrez (96 – 55 v. Chr.)
und des Plinius (23 – 79 n. Chr.), zu den Zeiten Goethes (1749 – 1832) als auch heute.
Aber zunehmend ist der Wunsch erkennbar, die Natur nicht nur zu beschreiben, sondern
auch zu verstehen. Das Wissen der Ursachen und Gesetze eines Naturgeschehens würde es
ermöglichen, Voraussagen über die Zukunft zu machen; denn dass einige Vorgänge in der
Natur nach bestimmten Gesetzen ablaufen und nicht auf Zufälligkeiten beruhen, konnte
man schon früh erkennen. Der Wechsel der Jahreszeiten, die Sonnen- und Mondstellun-
gen, chemische Prozesse, das Feuer, das Gefrieren und Sieden des Wassers sind einfache
Beispiele.
So besteht der Wunsch des Menschen, die Naturerscheinungen zu verstehen und auf
allgemein gültige Gesetze zurückzuführen. Die Triebfeder ist sowohl der reine Erkennt-
nisdrang als auch die Hoffnung, sich die Natur dienstbar zu machen. Die wichtigsten
Hilfsmittel hierbei sind das Experiment und die Mathematik. Das Nachdenken allein und
die reine Beobachtung der Natur reichen im Allgemeinen nicht aus, um die Gesetzmäßig-
keiten zu finden. Die größten Erfolge entstanden deshalb seit jener Zeit im 17. Jahrhundert,
als man bereit war, nach dem Vorbild von Galileo Galilei (1564 – 1642) zu experimentie-
ren, und die Ergebnisse mathematisch formulierte. Die quantitativ gefundenen Gesetze
wurden bei jeder Wiederholung erneut bestätigt und hingen nicht von der Person des
Beobachters ab. So wurden Naturgesetze durch Versuche aufgestellt. Sie wurden in ein
logisch zusammenhängendes System eingeordnet. Das griechische Wort physis bedeutet
Ursprung, Naturordnung, das Geschaffene (Welt, Geschöpf). Das Wort Physik hat sich
daraus entwickelt. Wir verstehen darunter die Ordnung und die geistige, quantitative Er-
fassung aller Erscheinungen in der unbelebten Natur unter Zurückführung auf allgemein
gültige Gesetzmäßigkeiten.
Die stürmische Entwicklung der Physik in den letzten 200 Jahren hat ganz wesentlich
die Entwicklung der Technik beeinflusst. Und umgekehrt hat dann später die Technik
zahlreiche und wichtige Experimente in der Physik ermöglicht. Beide Entwicklungen
sind bekanntlich nicht abgeschlossen. Während das Ziel der Physik ist, das Verhalten der
nicht lebendigen Natur zu verstehen, also die Wahrheit, die Wirklichkeit, die Ursachen und
Zusammenhänge der Naturvorgänge zu erfassen, ist das Ziel der Technik die Anwendung
dieser Kenntnisse zum Wohl der Menschheit.
Jeder, der sich noch nicht mit der Physik beschäftigt hat, wird Begriffen begegnen,
die im täglichen Leben weniger bekannt sind oder in anderer Bedeutung vorkommen
2 Einleitung

(z. B. Masse). Deshalb ist eine strenge Definition, das ist eine genaue Festlegung ei-
nes Begriffes, erforderlich. Dies wird während der Behandlung des Stoffes in diesem
Buch an geeigneter Stelle oftmals vorgenommen. Es gibt aber auch Ausdrücke, deren
Kenntnis vorausgesetzt wird. Ihre Bedeutung soll hier im folgenden Text erklärt wer-
den.
Wenn ein Naturgeschehen erfahrungsgemäß immer wieder in der gleichen Art abläuft,
scheint ein Gesetz vorzuliegen. Man spricht dann von einem Naturgesetz. Ist ein solches
Gesetz durch Erfahrung, also durch Beobachtungen oder Experimente erkannt worden,
so sagt man, es sei empirisch (Empirie, gr. = Erfahrung) gefunden. Im Gegensatz hierzu
stehen Gesetze, die nicht empirisch, sondern durch Logik oder durch mathematische Über-
legung entstanden sind. Oft steht am Anfang eine Hypothese (gr.), d. i. eine unbewiesene
Annahme, eine Unterstellung. Aus dieser wird dann eine Theorie entwickelt, die ein Natur-
geschehen beschreibt und mathematisch begründet. Eine Theorie kann also entstehen,
bevor das Naturgeschehen beobachtet wird. Ein Experiment kann dann die Richtigkeit
einer Theorie bestätigen oder sie widerlegen. Häufiger entsteht eine Theorie, um einen
bereits bekannten Vorgang in der Natur zu erklären oder zu verstehen. Mit Hilfe einer
solchen Theorie können dann oft Voraussagen über Naturvorgänge gemacht werden, die
noch nicht beobachtet sind. Man darf nicht vergessen, dass eine Theorie auch falsch sein
kann, während ein Experiment, das ja nur eine Frage an die Natur darstellt, stets die Natur
so zeigt, wie sie ist.
Im Gegensatz zu den mathematisch formulierten Naturgesetzen sind aber alle Mess-
werte mit einer Messunsicherheit behaftet. Auch wenn Messungen unter optimal kon-
trollierten Versuchsbedingungen durchgeführt werden, liefern wiederholte Messungen
niemals im mathematischen Sinn exakt gleiche Ergebnisse. Stets streuen die Messwerte
mehr oder minder zufällig um einen Mittelwert. Naturgesetze können daher stets nur im
Rahmen der Messgenauigkeit bestätigt oder widerlegt werden.
Setzt man eine allgemein gültige Aussage als wahr voraus, ohne dass man sie beweisen
kann, so spricht man von einem Axiom (gr. = Forderung). Ein solches Axiom ist z. B. in
der Geometrie, dass sich zwei parallele Geraden niemals schneiden. Man kann dies nicht
beweisen. Es wurde versucht, ähnlich wie die Mathematik auch die Physik auf einem
solchen Axiomensystem zu gründen, was aber nicht gelang. Als Axiome der Physik kann
man auch Prinzipe und Erhaltungssätze ansehen. Es sind heuristische (d. h. erfundene)
Sätze, die durch Erfahrung zu bestätigen sind. Beispiele sind das Energieprinzip (= Erhal-
tung der Energie), das Kausalitätsprinzip (= jede Wirkung hat ihre Ursache), das Prinzip
von actio = reactio (Wirkung = Gegenwirkung), das Trägheitsprinzip, das Newton’sche
Grundgesetz der Dynamik, das Pauli-Prinzip (gültig im Atom). Daneben gibt es aber auch
Prinzipe in der Physik, die nur für begrenzte Gebiete nützlich sind und im Rahmen umfas-
senderer Theorien hergeleitet werden können. Beispiele sind das Archimedische Prinzip
und das Fermat’sche Prinzip.
Postulate sind ebenfalls Forderungen, die nicht beweisbar sind. Ihr Geltungsbereich ist
eingeschränkt, wie z. B. die Bohr’schen Postulate, die sich auf das Bohr’sche Atommodell
beziehen. Durch die Ergebnisse der Theorie, deren Zahlenwerte mit den Experimenten
übereinstimmen, werden die Postulate gerechtfertigt.
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts konnten die Vorgänge in der Physik weitgehend im
Rahmen eines Weltbildes erklärt werden, dem die anschauliche Vorstellung von kontinuier-
licher Bewegung in Raum und Zeit zugrunde liegt. Es ist dies der Bereich der klassischen
Physik. Hierzu gehört die Newton’sche Mechanik, die Akustik, die Maxwell’sche Theo-
Einleitung 3

rie des Elektromagnetismus, die geometrische und die Wellenoptik sowie teilweise die
Thermodynamik.
Aufbauend auf der klassischen Physik, entstand im 20. Jahrhundert mit der Entwick-
lung von Relativitätstheorie und Quantenmechanik die moderne Physik. Sie lässt sich mit
dem anschaulichen Weltbild der klassischen Physik nicht verstehen. Denn das Weltbild
der klassischen Physik basiert auf der Annahme, dass physikalische Objekte kontinuier-
lich beobachtbar sind. Im Einklang mit der Quantenphysik zeigt sich hingegen bei allen
Messungen mit genügend hoher Messgenauigkeit, dass der Messprozess eine diskrete
Struktur hat und im Extremfall eine Zufallsfolge elementarer Ereignisse ist. Der Nach-
weis des Zerfalls radioaktiver Atome mit einem Geiger-Müller-Zählrohr ist ein bekanntes
Beispiel dafür.
Die bei einem Experiment durchgeführten Messungen stimmen manchmal mit den
aus einer Theorie berechneten Werten nicht überein; es zeigt sich eine Diskrepanz (lat.
= Unstimmigkeit). Diese ist möglicherweise umso größer, je mehr, von den Messpunkten
ausgehend, extrapoliert wurde. Darunter versteht man die Übertragung von Messergeb-
nissen in Bereiche außerhalb der Messpunkte in derAnnahme, dass die Kurve den gleichen
Verlauf habe wie zwischen den Messpunkten.
Invarianten (= Unveränderliche) sind solche Größen, die sich bei bestimmten Opera-
tionen (Drehung, Spiegelung) nicht ändern. Bei Koordinatendrehungen z. B. sind skalare
Größen (z. B. Temperatur) invariant.
Einige Größen spielen in verschiedenen Gebieten der Physik und ebenso im Kosmos
eine bedeutende Rolle und erhalten auch bei völlig verschiedenen Messmethoden die glei-
chen Werte. Man spricht von Naturkonstanten. Ein Beispiel ist die Lichtgeschwindigkeit
im Vakuum.
Im Gegensatz zu den Konstanten sind die Koeffizienten vom Stoff abhängig. Der ther-
mische Ausdehnungskoeffizient z. B. bezieht sich jeweils auf einen bestimmten Stoff.
Der Leser wird beim Studium dieses Buches verschiedene neue physikalische Größen
kennen lernen, deren genaue Kenntnis notwendig ist. Mehrere Arten physikalischer Größen
sind bereits aus dem täglichen Leben bekannt: Länge, Fläche, Volumen, Zeit, Temperatur,
Arbeit usw. Eine physikalische Größe wird definiert durch eine Messvorschrift und eine
Maßeinheit. Die Messvorschrift gibt an, auf welche Weise die Größe mit einem Normal,
das die Maßeinheit dieser Größen darstellt, zu vergleichen ist. Das Ergebnis jeder Messung
ist die Angabe, wie oft diese Maßeinheit in der zu messenden Größe enthalten ist. Eine
physikalische Größe ist also gekennzeichnet durch das Produkt: Maßzahl mal Einheit.
Misst man als physikalische Größe z. B. eine Länge von 914.4 Millimeter = 91.44 Zenti-
meter = 0.9144 Meter = 3 Fuß = 1 Yard usw., so sieht man stets dieses Produkt: Maßzahl
mal Einheit. Man ist frei in der Wahl der Einheit. Die davorstehende Zahl ändert sich
zwangsläufig mit der Änderung der Einheit. Die Gesamtheit aller Einheiten einer Größe
wird umfasst durch den Begriff Dimension.
Die genaue Bedeutung der in der Physik verwendeten Ausdrücke dringt mit der Zeit
zunehmend in das Bewusstsein des Lesers ein. Es lohnt sich aber, oft wiederkehrende
Wörter gleich am Anfang kennen zu lernen und sich über ihre Bedeutung ganz klar zu
werden. Da der Wortschatz einer Sprache nicht ausreicht, haben die Wissenschaften An-
leihen bei anderen Sprachen gemacht. Griechische und lateinische Wörter wurden in der
klassischen Physik bevorzugt. Die deutschen Übersetzungen treffen nicht immer den wirk-
lichen Sinn des Fremdwortes; deshalb treten oft längere Umschreibungen an die Stelle
einer Übersetzung.
4 Einleitung

Tab. 1 Griechisches Alphabet

Buchstabe Name Buchstabe Name


A α Alpha N ν Ny
B β Beta Ξ ξ Xi
Γ γ Gamma O o Omikron
Δ δ Delta Π π Pi
E ε Epsilon P ρ Rho
Z ζ Zeta Σ σ Sigma
H η Eta T τ Tau
Θ θ Theta Y v Ypsilon
I ι Jota Φ ϕ Phi
K κ Kappa X χ Chi
Λ λ Lambda Ψ ψ Psi
M μ My Ω ω Omega

Auch die Zahl der lateinischen Buchstaben reicht nicht aus. Als Symbole für Begriffe
werden deshalb zusätzlich große und kleine griechische Buchstaben verwendet (Tab. 1).
Man sollte sie zur Erleichterung so früh wie möglich lesen und schreiben lernen. Es
gibt internationale Empfehlungen zur Verwendung von Buchstaben für physikalische und
technische Größen. Diesen Empfehlungen wird in diesem Buch entsprochen.
Teil I Mechanik

Sir Isaac Newton (1643 – 1727) (Foto: Deutsches Museum München)


1 Messen und Maßeinheiten

1.1 Beobachtung und Messung


Physikalische Messungen. Die große Entwicklung der Physik begann im 17. Jahrhun-
dert, nämlich zu der Zeit, als man zu experimentieren und zu messen bereit war. Für
die Erfassung von Gesetzmäßigkeiten in der Natur, also für den Fortschritt der physi-
kalischen Erkenntnis, sind qualitative Beobachtungen allein nicht ausreichend. Vielmehr
sind auch genaue Messungen notwendig. Hiervon zeugt die geschichtliche Entwicklung
der Physik. Oft haben erst sorgfältige Messungen zu zahlenmäßigen Zusammenhängen
und somit zur Auffindung von Naturgesetzen geführt. Von vielen Beispielen seien nur
ein paar genannt: die Messungen Tycho Brahes (1546 – 1601) über die Planetenbewegun-
gen, die Johannes Kepler (1571 – 1630) als Grundlage zur Entdeckung seiner Gesetze
dienten; die Fallversuche Galileo Galileis (1564 – 1642), die elektrostatischen Messungen
Charles Augustin de Coulombs (1736 – 1806), die Elektrolyseversuche Michael Faradays
(1791 – 1867) usw.
Unsere Sinnesorgane sind empfindlich für Vergleiche. Aber sie können nicht zu ab-
soluten Messungen verwendet werden. Schätzungen von Absolutwerten gelingen erst nach
langer Übung und sind auch dann noch ungenau. Kaum ein Mensch ist in der Lage, die
Temperatur des Badewassers ohne Thermometer auf ein Grad genau richtig anzugeben.
Dagegen können Menschen und Tiere so geringe Temperaturunterschiede wie ein zehn-
tel Grad und weniger durch Vergleich feststellen. Helligkeitsunterschiede von Flächen
gleicher Farbe, die nebeneinander liegen, können sehr genau mit dem Auge wahrgenom-
men werden. Andererseits gelingt es nicht, den Helligkeitswert selbst anzugeben, auch
nicht nach langer Übung. Deswegen benutzt man beim Fotografieren einen Belichtungs-
messer, der in modernen Kameras eingebaut ist und die Belichtung (Zeit und Blende)
steuert.
Es gibt viele Beispiele, die zeigen, wie leicht sich unsere Sinnesorgane auch täuschen
lassen (Abb. 1.1 u. 1.2). Daraus folgt, dass jede Beobachtung und jede Messung in der
Physik äußerst kritisch durchgeführt werden muss. Wiederholte Täuschungen und an-
dere Fehler in Beobachtungen und Messungen, wie sie jeder Physiker erlebt, haben ihn
dazu erzogen, alle Messungen mehrfach zu wiederholen und das Ergebnis sorgfältig ei-
ner kritischen Prüfung zu unterziehen. Optische Täuschungen entstehen immer dann,
wenn unseren Augen Bilder angeboten werden, die mit den im Gehirn gespeicherten
Erfahrungsmustern nicht übereinstimmen. Diese im Lauf unserer ersten Lebensjahre ge-
wonnenen Erfahrungen können die räumliche Dimension des Dargestellten betreffen, die
Anordnungs- und Größenverhältnisse bestimmter geometrischer Elemente oder auch zeit-
lich veränderliche Vorgänge.
In neuester Zeit treten automatische Datenerfassungen immer mehr an die Stelle in-
dividueller Beobachtungen und Messungen. Hierdurch werden zum einen menschliche
Unzulänglichkeiten ausgeschaltet, zum andern können mit einem Gerät meist auch die
8 1 Messen und Maßeinheiten

Abb. 1.1 Optische Täuschungen. (a) und (b) Die beiden Geraden sind parallel, erscheinen aber
durch die schrägen Striche geknickt bzw. gegeneinander geneigt. (c) Die beiden Strecken sind gleich
lang. Durch die Pfeile erscheinen sie verschieden lang. (d) Man kann die Treppe im Kreis herum
aufwärts oder abwärts gehen. (e) Die drei runden Stäbe an der linken Seite sind rechts hinten in zwei
eckige verwandelt. (f) Die beiden Personen sind gleich groß.

Abb. 1.2 Thermische Täuschung. Je nachdem, in welchem Gefäß die Hand vorher war, erscheint
das lauwarme Wasser kühl oder warm.

Grenzen des menschlichen Wahrnehmungsvermögens überschritten werden. Infrarotes


und ultraviolettes Licht, das unser Auge nicht sehen kann, ist für eine passende Photozelle
noch quantitativ erfassbar. Unser Ohr kann Töne von mehr als 20 000 Schwingungen pro
Sekunde nicht mehr hören. Mit einem geeigneten Mikrophon geht das leicht. So wird der
Mensch bei Messungen in zunehmender Weise durch automatische physikalische Geräte
ersetzt, die er vor der Messung zusammenzustellen und einzurichten hat.
1.1 Beobachtung und Messung 9

Die Messung irgendeiner physikalischen Größe bedeutet, dass sie zahlenmäßig mit ei-
ner Maßeinheit verglichen wird. Man erhält so das Produkt Zahlenwert mal Maßeinheit,
z. B. drei Meter, sechs Sekunden usw. Selbstverständlich kann man eine Längeneinheit
nicht für eine Zeitmessung verwenden. Es sind also eigene Maßeinheiten für die verschie-
denen Arten physikalischer Größen wie Länge, Zeit, elektrische Stromstärke usw. notwen-
dig. Welche spezielle Maßeinheit man für eine bestimmte Größe wählt, ist grundsätzlich
gleichgültig. Die Angaben „der Tisch ist 0.91 Meter hoch“, und „der Tisch ist 3 Fuß hoch“,
besagen das Gleiche. Man muss dabei nur wissen, wie lang ein Meter beziehungsweise
ein Fuß ist. Man kann selbstverständlich verschiedene physikalische Größen der gleichen
Art addieren, auch dann, wenn sie verschiedene Einheiten besitzen, z. B. eine Länge von
einem Meter und eine Länge von zwei Fuß. Man kann aber nicht eine Länge und eine Zeit
addieren.

Systeme von Maßeinheiten. Lange Zeit hindurch wurden als Längeneinheiten Körper-
maße wie Schritt, Fuß, Elle, Daumenbreite (Zoll) benutzt. Wegen der unterschiedlichen
Größen der menschlichen Körper hat man schon früh Mittelwerte gebildet und diese an
Mauern durch Striche gekennzeichnet oder durch Herstellung von Maßstäben festgelegt
(z. B. das alte englische Yard-Normal aus dem Jahr 1496). Im Jahr 1790 begann man in
Frankreich Maßeinheiten zu suchen, die nicht von der zufälligen Größe des menschlichen
Körpers abgeleitet sind, sondern von Größen in der Natur, die als konstant galten, wie z. B.
der Umfang oder die Umdrehungsdauer der Erde. So wählte man für die Längeneinheit
den vierzigmillionsten Teil des durch Paris gehenden Erdmeridians. Eine solche Messung
ist schwer durchzuführen und dauert längere Zeit. Deshalb wurde ein Maßstab dieser
neuen Längeneinheit hergestellt, Meterprototyp oder auch Urmeter genannt. Später wur-
den 30 gleiche und verbesserte Exemplare aus einer besonders beständigen Legierung von
90 % Platin und 10 % Iridium hergestellt und durch das Los an verschiedene Länder ver-
teilt. Eines davon wurde als die international gültige Längeneinheit bei Paris aufgehoben.
Im Jahr 1875 ist ein Staatsvertrag in Kraft getreten (Internationale Meter-Konvention),
der die Schaffung und einheitliche Verwendung von Maßeinheiten für alle physikalischen
Größen anstrebt. Vertreter der beteiligten Staaten treffen sich regelmäßig im Rahmen der
Generalkonferenzen für Maß und Gewicht.
Das ursprüngliche Ziel war aber doch nicht verwirklicht worden, nämlich eine Längen-
einheit zu haben, die jederzeit leicht der unbelebten Natur entnommen werden kann. Der
bei Paris liegende Urmeterstab und die übrigen Exemplare können nicht nur verloren
gehen, sondern sich auch (beispielsweise durch Rekristallisation, s. Bd. 6) verändern.
Es bestand noch ein weiterer Grund, den Urmeterstab durch etwas anderes zu ersetzen.
Abb. 1.3a zeigt ein Ende des deutschen Meterprototyps. Man erkennt drei feine Striche,
von denen der mittlere das eine Ende des Meters ist. Abb. 1.3b zeigt einen solchen fei-
nen Strich in starker Vergrößerung. In seiner Mitte sollte das Meter zu Ende sein. Aber
die Mitte ist nur ungenau bestimmbar, weil der Strich zu breit ist, und weil die Ränder
unscharf sind. Man erkennt daraus, dass die Genauigkeit der Ablesung eines Meters auf
dem Urmeterstab den heutigen hohen Ansprüchen nicht mehr genügt.
Aus diesen Gründen ist schon früh (Jacques Babinet 1827; James Clerk Maxwell 1870)
vorgeschlagen worden, die Wellenlänge des Lichts einer bestimmten Farbe als Längen-
einheit zu wählen beziehungsweise ein Vielfaches davon. Dieser Vorschlag wurde im
Jahr 1960 verwirklicht, und seitdem ist ein Meter nicht mehr als die Strecke zwischen den
Strichmarken auf dem Urmeterstab definiert, sondern als eine bestimmte Anzahl von Wel-
10 1 Messen und Maßeinheiten

Abb. 1.3 Der Meterprototyp. (a) Das Ende eines der 30 gleichen Urmeterstäbe; (b) eine der drei
Strichmarken auf einem Urmeterstab in starker Vergrößerung

lenlängen des Lichts mit einer bestimmten Frequenz. Aber auch diese Übereinkunft hatte
nicht lange Bestand. Im Jahr 1983 ist ein Meter folgendermaßen neu festgelegt worden:
Das Meter (1 m) ist die Länge der Strecke, die das Licht im Vakuum während einer Zeit
von 1/299 792 458 Sekunden durchläuft. Diese neue Definition wurde möglich, nachdem
man erkannt hatte, dass die Lichtgeschwindigkeit eine Naturkonstante ist (s. Bd. 3) und
daher willkürlich auf einen bestimmten Wert festgelegt werden kann. Da die Sekunde
als atomare Schwingungszeit sehr genau reproduzierbar ist, ist es vorteilhaft, primär die
Einheit der Zeit zu definieren und die Längeneinheit 1 m indirekt über den Wert der Licht-
geschwindigkeit festzulegen.
Auch die Zeiteinheit Sekunde (1 s), früher als ein bestimmter Bruchteil der Rotations-
dauer der Erde definiert, musste neu festgesetzt werden, weil die Erde sich infolge von
Massenverlagerungen und Störungen durch andere Himmelskörper nicht gleichmäßig
dreht. Heute ist die Sekunde als Vielfaches einer bestimmten atomaren Schwingungszeit
definiert (s. Abschn. 1.7). Man arbeitet also ständig an der Erhöhung der Genauigkeit der
Maßeinheiten.
Seit langer Zeit ist man bemüht, für alle Arten von physikalischen Größen international
gültige Einheiten festzulegen. Das Ziel ist dabei, mit möglichst wenigen Basiseinheiten
1.1 Beobachtung und Messung 11

auszukommen und diese wiederum zweckmäßig auszuwählen. Wenige Basiseinheiten


genügen dann zur Bildung aller anderen sogenannten abgeleiteten Einheiten. Ein Beispiel:
Wenn man für die Länge eine Basiseinheit hat, also ein Meter, dann lässt sich die Einheit
für die Fläche einfach aus der Längeneinheit ableiten, also ein Quadratmeter.
Der Unterschied zwischen Basiseinheiten und abgeleiteten Einheiten ist keineswegs
fundamental. Er beruht auf reinen Zweckmäßigkeitsüberlegungen und erlaubt keine Aus-
sage über die „Natur“ der durch die betreffende Einheit gemessenen physikalischen Größe.
So ist zum Beispiel die Länge keine fundamentalere Größe als die Energie, nur weil die Ein-
heit der Länge (m) als Basiseinheit gewählt wurde, diejenige der Energie (J = kg m2 s−2 )
hingegen „abgeleitet“ ist. Die Längeneinheit Meter lässt sich jedoch leichter darstellen und
genauer festlegen als die Energieeinheit Joule. Die Bemühungen von Carl Friedrich Gauß
(1777 – 1855) und Wilhelm Weber (1804 – 1891), auch die Einheiten der Elektrizitäts- und
Wärmelehre und der Optik auf die Grundeinheiten der Mechanik zurückzuführen, führten
zum Zentimeter-Gramm-Sekunde-Maßsystem (cgs). Auch dieses Einheitensystem wird in
der Physik verwendet.
Nach langer und mühevollerArbeit hat man sich heute auf ein Internationales Einheiten-
system (abgekürzt: SI, Système International d’Unités, International System of Units) ge-
einigt, das auf allen Gebieten der Physik und Technik sowie im täglichen Leben gültig sein
soll. Die 11. Generalkonferenz für Maß und Gewicht hat 1960 beschlossen, den Ländern
die Einführung der in Tab. 1.1 genannten SI-Einheiten als Basiseinheiten zu empfehlen.
(Die Stoffmengeneinheit Mol kam erst 1971 dazu.) Aus diesen sieben Basiseinheiten des
internationalen Einheitensystems kann man alle anderen erforderlichen Einheiten ablei-
ten.

Tab. 1.1 SI-Einheiten


Basisgröße SI-Einheit Abkürzung
Länge Meter m
Masse Kilogramm kg
Zeit Sekunde s
elektrische Stromstärke Ampere A
thermodynamische Temperatur Kelvin K
Stoffmenge Mol mol
Lichtstärke Candela cd

Es mag zunächst schwierig erscheinen, die Maßeinheiten für alle Arten von physikali-
schen Größen aus den sieben Basiseinheiten abzuleiten. Bei der Einführung und Definition
eines neuen physikalischen Begriffs wird in diesem und in den folgenden Bänden daher
stets darauf geachtet werden, dass neben der Definition des Begriffs auch seine Maßeinheit
erläutert wird. Die Maßeinheiten können durch Vorsilben verändert werden, z. B. Mikro-
meter, Zentimeter oder Kilometer (s. Tab. 1.2) oder besondere Namen erhalten, z. B. Hertz
für 1/Sekunde, Ohm für Volt/Ampere, Newton für kg m s−2 . Hierbei muss die Sonderstel-
lung der Masseneinheit beachtet werden. In ihrem Namen Kilogramm ist die sonst zur
Bezeichnung des Tausendfachen einer Größe verwendete Vorsilbe Kilo schon enthalten.
Leider hat man diese Inkonsequenz bis heute beibehalten. Sie ist unter anderem durch die
Wahl der unabhängig von den mechanischen Einheiten entstandenen elektrischen Einhei-
ten Ampere und Volt begründet (1 VAs = 1 kg m2 s−2 ).
12 1 Messen und Maßeinheiten

Tab. 1.2 Verkleinerungen und Vergrößerungen

Verkleinerungen Vergrößerungen
Faktor Vorsätze Vorsatzzeichen Faktor Vorsätze Vorsatzzeichen

10−1 Dezi d 101 Deka da


10−2 Zenti c 102 Hekto h
10−3 Milli m 103 Kilo k
10−6 Mikro µ 106 Mega M
10−9 Nano n 109 Giga G
10−12 Pico p 1012 Tera T
10−15 Femto f 1015 Peta P
10−18 Atto a 1018 Exa E
10−21 Zepto z 1021 Zetta Z
10−24 Yokto y 1024 Yotta Y
Beispiele: 1 nm (Nanometer) = 10−9 m, 1 MW (Megawatt) = 106 Watt

Oft ist es zweckmäßig, statt einer bestimmten Einheit allgemeiner die Dimension zu
schreiben. Die Dimension einer Größe (nicht zu verwechseln mit der Dimension des
Raumes!) umfasst die Gesamtheit aller ihrer möglichen Einheiten. Im Straßenverkehr ist
es zum Beispiel üblich, für die Geschwindigkeit die Einheit Kilometer pro Stunde (km/h)
zu wählen. Im Laboratorium wäre dies oft unpraktisch; man benutzt hier besser die SI-
Einheit Meter pro Sekunde (m/s). Die Dimension der Geschwindigkeit v schreibt man
allgemein dim v = L/T. Diese Gleichung besagt: Eine Einheit der Geschwindigkeit wird
dadurch erhalten, dass man irgendeine Einheit der Länge (L) durch irgendeine Einheit
der Zeit (T) dividiert, also z. B. km/h oder m/s. Solche Dimensionsgleichungen sind sehr
nützlich. Sie führen zur Übersichtlichkeit, und man kann die Richtigkeit einer Gleichung
leicht an der entsprechenden Dimensionsbeziehung prüfen. Unglücklicherweise wird der
Ausdruck Dimension auch für den Begriff „Ausmaß, Abmessung“ oder für bestimmte
Einheiten selbst benutzt. Dies sollte man vermeiden. Dimensionsbetrachtungen sind be-
sonders wichtig, wenn verschiedene Einheitensysteme nebeneinander benutzt werden. In
diesem Buch werden möglichst SI-Einheiten benutzt. Dimensionsbeziehungen können
daher im Allgemeinen durch Vergleich der Einheiten überprüft werden.
Es gibt auch Größen, die keine Dimension haben. Das sind die sogenannten Verhält-
nisgrößen. Ein Verhältnis zweier Größen, z. B. das Verhältnis zweier Geschwindigkeiten,
ist eine dimensionslose Zahl, da sich die Dimensionen beziehungsweise die Einheiten
wegkürzen. Man sagt richtiger, die Größe hat die Dimension eins. Bei schnellen Flugzeu-
gen und Raketen bezieht man die Geschwindigkeit auf die Schallgeschwindigkeit. Hat
zum Beispiel ein Flugkörper die doppelte Schallgeschwindigkeit, so ist ihr Verhältnis zur
Schallgeschwindigkeit 2. Um nun zu kennzeichnen, was die „Zwei“ hier bedeutet, fügt
man das Wort „Mach“ hinzu, zu Ehren des Physikers Ernst Mach (1838 – 1916). Eine
andere Verhältnisgröße ist zum Beispiel die Brechzahl n, die in der Optik wichtig ist. Man
versteht darunter das Verhältnis der Lichtgeschwindigkeit im Vakuum zur Lichtgeschwin-
digkeit in Materie. Hat zum Beispiel ein Stoff (Diamant) eine Brechzahl n = 2.4, so ist
die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum 2.4-mal so groß wie die Lichtgeschwindigkeit in
dem betreffenden Stoff. Das dritte Beispiel für eine Verhältnisgröße ist der ebene Winkel.
Er ist definiert als das Verhältnis der Längen von Kreisbogen und Kreisradius. Im Zähler
1.2 Messgenauigkeit 13

und im Nenner steht also je eine Länge; beide kürzen sich fort. Es bleibt eine Größe der
Dimension eins.
Wenn Größenbetrachtungen in der Natur über die Grenzen des menschlichen Vorstel-
lungsvermögens hinausgehen, ist es oft zweckmäßig, Vergrößerungen oder Verkleinerun-
gen vorzunehmen, so dass der Mensch wieder zum Maß der Dinge wird. Ein bekanntes
Beispiel ist die Landkarte. Wir können uns große Entfernungen auf der Erde nicht mehr
unmittelbar vorstellen. Dies ist jedoch möglich, wenn man sie verkleinert und somit ein
Abbild der Erdoberfläche in Form einer Landkarte oder eines Globus herstellt. Will man
versuchen, eine anschauliche Vorstellung vom Planetensystem zu gewinnen, so wählt man
zweckmäßig eine 109 -fache Verkleinerung. Die Erde bekommt dann die Größe einer Kir-
sche von 13 mm Durchmesser, der Mond die Größe einer Blaubeere. Der Abstand der
beiden beträgt 40 cm. Die Sonne hat nun einen Durchmesser von 1.40 m und ist von der
Erde 150 m entfernt. Der kleinste Abstand der Erde von der Venus beträgt 35 m. Der
nächste selbstleuchtende Stern hat aber immer noch eine Entfernung von 40 000 km! Hier
versagt unser Vorstellungsvermögen wieder. In anderen Fällen wird man eine Vergröße-
rung vornehmen, wenn zum Beispiel die Verhältnisse in einem Atom betrachtet werden
sollen. Wählt man hier eine 109 -fache Vergrößerung, so erhält das Atom einen Durch-
messer von 10 cm, wobei der Atomkern immer noch einen Durchmesser von nur etwa
1/1000 mm besitzt. Der mittlere Abstand der Moleküle in der Luft beträgt dann etwa
3.4 m.

1.2 Messgenauigkeit
Messfehler. Jeder Messwert ist mit einer gewissen Unsicherheit behaftet, die durch eine
Angabe der Fehlergrenzen gekennzeichnet wird. Es ist das selbstverständliche Ziel jeder
Messung, durch sorgfältige Überlegungen vor der Messung Messfehler möglichst zu ver-
meiden und die Unsicherheit der Messwerte so klein wie möglich zu machen, also eine
möglichst hohe Genauigkeit anzustreben. Einer der häufigsten Fehler ist der Parallaxen-
fehler. Er tritt zum Beispiel dann auf, wenn ein Zeiger vor oder über einer Skala abgelesen
wird. Da der Zeiger einen bestimmten Abstand von der Skala haben muss, erfolgt eine
falsche Ablesung, wenn man schräg auf Zeiger und Skala blickt (Abb. 1.4). Man versteht
unter der Parallaxe α den Winkel zwischen demjenigen Sehstrahl des Beobachters, der
senkrecht auf der Skala steht, und der Verbindung zwischen Auge und Zeiger. Zur Vermei-
dung dieses Fehlers haben viele Messinstrumente ihre Skala auf oder neben einem Spiegel.

Abb. 1.4 Parallaxenfehler. Er entsteht durch


falsches Ablesen wie durch Beobachter B.
Man muss wie Beobachter A ablesen.
14 1 Messen und Maßeinheiten

Wenn der Zeiger mit seinem Spiegelbild zur Deckung gebracht wird, verschwindet die
Parallaxe.

Messunsicherheit. Außer solchen grundsätzlich vermeidbaren Messfehlern, häufig ge-


nauer als systematische Fehler bezeichnet, treten bei allen Messungen rein zufällige
Schwankungen in den Messwerten auf. Auch wenn durch sorgfältiges Experimentieren
systematische Messfehler vermieden werden, schwanken die Messwerte einer Serie von
Messungen, die unter gleichen Versuchsbedingungen durchgeführt wurden, statistisch um
einen Mittelwert. Dieses sogenannte Rauschen (noise) der Messwerte unterliegt den Ge-
setzen der statistischen Physik und führt zu einer nicht vermeidbaren Messunsicherheit.
Das bei allen Präzisionsmessungen erkennbare Rauschen der Messwerte ist von höchst
grundsätzlichem Interesse. Es zeigt, dass das Naturgeschehen nicht, wie in der klassischen
Mechanik angenommen, allein deterministischen Naturgesetzen unterliegt, sondern auch
den Gesetzen des Zufalls. Man unterscheidet das thermische Rauschen (Johnson noise)
einerseits vom statistischen oder Schrotrauschen (shot noise) andererseits. Beide Sorten
des Rauschens sind eine Folge der diskreten Strukturen in der Natur, also insbesondere
der atomistischen Struktur der Materie und der Quantenstruktur des Lichts.
In der klassischen Mechanik, die im Teil I des Lehrbuchs behandelt wird, geht man
noch von der Annahme aus, dass grundsätzlich exakte Messungen möglich seien. Der
Einfluss des Zufalls im Naturgeschehen bleibt also unberücksichtigt. Aus den Gesetzen
der Mechanik folgt deshalb ein strenger Determinismus. Nach den Gesetzen der Mechanik
könnte ein Dämon die Zukunft des Naturgeschehens exakt vorausberechnen, falls ihm der
Zustand der Welt zu einem bestimmten Zeitpunkt bekannt ist (Laplace’scher Dämon;
ersonnen von Pierre Simon de Laplace, 1749 – 1827). Hingegen basieren die Gesetze
der Wärmelehre (Teil III) wesentlich auf der Annahme, dass die Bewegung der Atome
nicht nur den deterministischen Gesetzen der Mechanik, sondern auch den statistischen
Gesetzen des Zufalls unterliegt. Diese Annahme ist durch das thermische und statistische
Rauschen aller Messungen experimentell gerechtfertigt.

Thermisches Rauschen. Das thermische Rauschen ergibt sich aus der thermischen Be-
wegung der Atome und Elektronen und den thermischen Schwankungen der elektro-
magnetischen Felder in den Messgeräten. Aufgrund der thermischen Bewegung schwankt
beispielsweise auch der Zeiger eines Messgeräts mit einer mittleren Energie
Eth = kB T (1.1)
um den jeweiligen Mittelwert. Dabei ist kB = 1.38 · 10−23J/K die Boltzmann-Konstante
und T die absolute Temperatur (s. Kap. 16). Wegen dieser Schwankungen ist eine exakte
Ablesung der Zeigerstellung grundsätzlich nicht möglich.

Statistisches Rauschen. Das Schrotrauschen ergibt sich aus der diskreten Struktur des
Messprozesses. Nur scheinbar können wir die Bewegung von Körpern kontinuierlich be-
obachten. Bei allen Messungen mit extrem hoher räumlicher und zeitlicher Auflösung
zeigt sich, dass tatsächlich diskrete Folgen abzählbarer Elementarereignisse stattfinden.
Beispielsweise können bei optischen Signalen Photonen und bei elektrischen Signalen
Elektronen oder Ionen gezählt werden. Bekannt ist das Ticken eines Geiger-Müller-Zähl-
rohrs beim Nachweis der Strahlung radioaktiver Präparate. Dieses Ticken erfolgt aber
nicht regelmäßig wie das Ticken einer Uhr, sondern unregelmäßig, den Gesetzen des Zu-
1.2 Messgenauigkeit 15

falls folgend. Bei einer Serie von n Zählungen der in einer vorgegebenen Zeitspanne 9t
stattfindenden Ereignisse schwankt folglich die Anzahl Ni (i = 1, . . . , n) der gezählten
Ereignisse um den Mittelwert
.
n
N = n1 Ni . (1.2)
i=1

Als Schwankungsbreite 9N der Verteilung der Messwerte wird gewöhnlich die Wurzel
aus der mittleren quadratischen Abweichung vom Mittelwert (Standardabweichung) an-
gegeben:
C
1 . (N − N )2 .
n
9N = n − 1 i=1 i (1.3)

Für die rein zufällig stattfindenden Elementarereignisse gilt nach den Gesetzen der ma-
thematischen Statistik im Grenzfall n → ∞:

9N = N . (1.4)

Ausgleichsrechnungen. Auch wenn systematische Fehler vermieden werden, führen also


wegen des unvermeidbaren thermischen und statistischen Rauschens wiederholte Messun-
gen nicht zu genau gleichen Ergebnissen. Vielmehr schwanken die Ergebnisse nach den
Gesetzen des Zufalls um einen Mittelwert. Diese Messunsicherheiten (häufig werden auch
diese als Messfehler bezeichnet, obgleich sie nicht auf Unzulänglichkeiten des Messver-
fahrens zurückzuführen sind, sondern fundamentaler Natur sind) lassen sich durch eine
Ausgleichsrechnung ausgleichen, nicht aber systematische Fehler. Man erhält so einen
wahrscheinlichsten Wert für das Ergebnis und einen mittleren Wert für die Messunsicher-
heit. Voraussetzung für die Möglichkeit einer Ausgleichsrechnung ist das Vorhandensein
mehrerer Messungen.
Zur Erläuterung von Ausgleichsrechnungen gehen wir von einer Serie von n Einzel-
messungen mit den Messwerten xi aus. Der wahrscheinlichste Wert der Messung wird im
Allgemeinen durch Bildung des arithmetischen Mittels aus den Werten der Einzelmes-
sungen gewonnen:
.
n
x= xi /n. (1.5)
i=1
Das arithmetische Mittel ist der Wert, für den die Summe der Quadrate der Abweichungen
ein Minimum ist (Ausgleichsprinzip von Gauß, Methode der kleinsten Quadrate). Für
die Berechnung des mittleren Fehlers werden die Differenzen der einzelnen Messungen
xi von ihrem arithmetischen Mittel x (auch Bestwert genannt) gebildet. Die Differenzen
werden quadriert und dann summiert. Dann ist
C
#
(xi − x)2
i
s=± n−1 (1.6)

die Standardabweichung vom Mittelwert. Die Standardabweichung ist, abgesehen von


statistischen Schwankungen, unabhängig von der Anzahl n der Einzelmessungen. Bei
einer rein zufälligen Verteilung der Messwerte, der sogenannten Gauß-Verteilung, nimmt
hingegen die Genauigkeit der Messung mit der Wurzel aus der Anzahl der nachgewiesenen
16 1 Messen und Maßeinheiten

Elementarereignisse zu (vgl. Gl. 1.4). Man definiert dementsprechend die mittlere absolute
Messunsicherheit:
C
#
(xi − x)2
9x = ± i
. (1.7)
n(n − 1)
Sehr oft setzt sich ein Ergebnis aus der Messung mehrerer Größen zusammen. Ist das
Resultat R zum Beispiel eine Summe aus zwei Größen x + y, deren Messung auch sys-
tematische Fehler enthalten kann, dann addieren sich die Beträge der mittleren absoluten
Fehler 9R = 9x + 9y, das heißt, man muss den ungünstigsten Fall berücksichtigen.
Handelt es sich jedoch um mittlere absolute Messunsicherheiten 9x und 9y, die sich
allein aus dem thermischen und statistischen Rauschen von mehreren Einzelmessungen
ergeben und entsprechend den Gesetzen des Zufalls nach der Beziehung (1.7) berechnet
werden, so
/ gilt für die mittlere absolute Messunsicherheit von R = x + y die Beziehung
9R = ± 9x 2 + 9y 2 und für die relative Messunsicherheit
C
9R 9x 2 + 9y 2
=± . (1.8)
R (x + y)2

Oft ist das Resultat R ein Potenzprodukt, also z. B. R = xayb zc . Dann beträgt der relative
Fehler in erster Näherung
C
D F2 D F2 D F2
9R 9x 9y 9z
= a + b + c . (1.9)
R x y z
Wenn das Resultat R eine beliebige Funktion R(x, y, z, . . .) mehrerer Messgrößen
x, y, z, . . . ist, so ergibt sich aus Messungen mit systematischen Fehlern für den Fehler
9R von R in erster Näherung
' ' ' ' ' '
' ∂R ' ' ∂R ' ' ∂R '
9R = ' ' ' '
9x + ' ' '
9y + ' ' 9z + · · · . (1.10)
∂x ' ∂y ' ∂z '
Dabei sind 9x, 9y, 9z die absoluten Fehler der Messgrößen x, y, z.
Sind hingegen nur Messunsicherheiten zu berücksichtigen, die sich aus dem statisti-
schen und thermischen Rauschen ergeben und deren mittlere absolute Messunsicherheit
sich nach Gl. (1.7) berechnet, so ergibt sich die Messunsicherheit 9R des Resultats zu
CD F D F D F
∂R 2 2
∂R 2 2
∂R 2
9R = (9x) + (9y) + (9z)2 + · · · . (1.11)
∂x ∂y ∂z
Diese Beziehung heißt Gauß’sches Fehlerfortpflanzungsgesetz (besser: Gesetz für die Fort-
pflanzung der Messunsicherheit).

1.3 Längenmessung
Längeneinheiten. Die 17. Internationale Generalkonferenz für Maß und Gewicht be-
schloss Ende 1983, die Längeneinheit Meter folgendermaßen festzulegen: Das Meter ist
1.3 Längenmessung 17

die Länge der Strecke, die Licht im Vakuum während des Zeitintervalls von 1/299 792 458
Sekunden durchläuft. Diese Neudefinition war möglich, weil die Lichtgeschwindigkeit
eine Naturkonstante ist und auf den Wert c = 299 792 458 m/s festgelegt werden konnte.
Mit dieser Definition der Längeneinheit wird jede Längenmessung auf eine Zeitmessung
zurückgeführt. Das ist sinnvoll, da Zeitmessungen mit sehr großer Messgenauigkeit (re-
lative Unsicherheit 10−14 , s. Abschn. 1.7) durchgeführt werden können.
Vorher, in den Jahren 1927 und 1960, war die Längeneinheit Meter bereits international
auf ein atomares Normal zurückgeführt worden: Ab 1927 war das Meter ein Vielfaches der
Wellenlänge einer roten Spektrallinie des Cadmiums. Der Fortschritt in der Atomphysik
und in der Messtechnik führte im Jahr 1960 dazu, das Meter als Vielfaches der Wellenlänge
einer bestimmten Spektrallinie des Krypton-Isotops 86 Kr zu definieren. Der Anschluss
der Lichtwellenlänge (Größenordnung 5 · 10−7 m) an einen makroskopischen Maßstab
geschieht mit Hilfe der Überlagerung von Lichtwellen in optischen Interferometern. Es
wird gemessen, wie viele Lichtwellenlängen auf eine Längeneinheit des betreffenden
Maßstabs kommen. Bei dieser Methode liegt die Unsicherheit der Länge eines Meters
noch bei 10−8 bis 10−9 m. Die Interferenz von Lichtwellen wird in der Optik (s. Bd. 3)
behandelt.
In der Astronomie wird als Längeneinheit häufig das Lichtjahr (Lj) benutzt. Das ist die
Strecke, die das Licht in der Zeit von einem Jahr zurücklegt, nämlich 9.4605 · 1012 km
( ≈ 1016 m). Auch verwendet man vielfach das Parsec (pc, Abkürzung für Parallaxen-
sekunde). Man versteht darunter die Entfernung, aus der der Erdbahnradius unter einem
Winkel von 1 Bogensekunde erscheint; 1 Parsec (pc) = 3.2616 Lichtjahre = 3.0857
· 1016 m. Für kleine astronomische Entfernungen benutzt man auch die Astronomische
Einheit (AE), die große Halbachse der Erdbahn; 1 AE = 1.4960 · 1011 m.
In der Atomphysik sowie bei den Licht- und Röntgen-Wellenlängen wurde wegen der
sehr kleinen Abstände lange Zeit die Ångström-Einheit benutzt (benannt nach A. J. Ång-
ström, 1814 – 1874): l Å = 10−10 m. In der Kern- und Elementarteilchenphysik findet
manchmal noch das Fermi (Femtometer) Verwendung (nach Enrico Fermi, 1901 – 1954):
l fm = 10−15 m. Etwa 85 % der Weltbevölkerung benutzen zur Zeit das Meter als Längen-
einheit. In einigen angelsächsischen Ländern werden noch mile, yard, foot und inch ver-
wendet.

Messmethoden für Längen. Längenmessungen werden im Bereich zwischen etwa 10 µm


und einigen Metern am häufigsten mit Strichmaßen ausgeführt, also durchVergleich mit ei-
nem durch Striche eingeteilten Maßstab. Einfache Strichmaße für den täglichen Gebrauch,
z. B. Stahlbandmaße, weisen Fehler bis zu 1 Millimeter pro Meter auf. Ein Vergleich des zu
messenden Gegenstandes mit einem Strichmaßstab ist auch mit einer optischen Vergröße-
rung, also unter einem Mikroskop, möglich. Dazu legt man diesen Gegenstand, z. B. ein
Haar, auf ein sogenanntes Objektmikrometer. Das ist ein Objektträger mit einer feinen
Stricheinteilung, meist mit einem Abstand von einem hundertstel Millimeter. Objekt und
Maßstab werden also unter dem Mikroskop verglichen. Die Messung kann noch weiter
verfeinert werden, wenn man ein Mikrometerokular verwendet. Es besitzt ein Fadenkreuz
und ist seitlich mit einer Mikrometerschraube verschiebbar. Man kann ablesen, wie viele
Teilstriche der Mikrometerschraube beim seitlichen Verschieben auf einen Teilstrich des
Objektmikrometers kommen. Auf diese Weise lässt sich eine Länge von einem hundertstel
Millimeter (10 µm) zwischen zwei Teilstrichen des Objektmikrometers noch leicht weiter
unterteilen.
18 1 Messen und Maßeinheiten

Abb. 1.5 Nonius. (a) Nulleinstellung; (b) Einstellung (11 + 13/20) mm = 11.65 mm

Zur Erhöhung der Ablesegenauigkeit wird häufig ein Nonius verwendet. Dieser ist ein
wichtiges Hilfsmittel, um bei der Ablesung einer Maß- oder Winkeleinteilung die Lage
zwischen zwei Teilstrichen nicht schätzen zu müssen, sondern mit Sicherheit ablesen zu
können. Der Nonius ist ein meistens in 20 Teile geteilter Hilfsmaßstab. Die Gesamtlänge
dieser 20 Teile ist gleich derjenigen von 39 Teilen des Hauptmaßstabes (Abb. 1.5a). Ist der
Hauptmaßstab z. B. in Millimeter unterteilt, so ist jeder Teil der Noniusteilung 39/20 mm
lang. Steht der Nonius an irgendeiner Stelle der Hauptskala (Abb. 1.5b), so liest man links
vom Nullstrich des Nonius die Anzahl der ganzen Millimeter ab und sucht denjenigen
Noniusteilstrich auf, der mit einem Teilstrich der Hauptskala zusammenfällt (Koinzidenz).
Dieser Teilstrich des Nonius gibt dann die Anzahl der zwanzigstel Millimeter an, die noch
hinzuaddiert werden müssen. Das Prinzip des Nonius beruht darauf, dass die Koinzidenz,
also das Zusammentreffen zweier Striche, genauer ablesbar ist als die Schätzung eines
Wertes, der zwischen zwei Strichen liegt. Auch bei anderen Messungen, wie z. B. bei
Zeitmessungen, lässt sich das Prinzip des Nonius anwenden. So können bei zwei Uhren
akustische Signale oder die Schwingungen der Pendel anstelle der Strichmarken beim
Nonius verwendet werden. Durch Bestimmung der Koinzidenzen kann die Genauigkeit
der Messung erhöht werden.
Genutzt wird der Nonius bei Schublehre und Mikrometerschraube (Genauigkeit 1/100 mm)
(Abb. 1.6). Bei der sogenannten Messuhr wird die Verschiebung eines Stiftes längs seiner
Achse durch eine Zahnstange auf ein System von Zahnrädern übertragen, die schließlich
einen Zeiger wie auf einer Uhr bewegen. Eine Bewegung des Stiftes von 1 mm entspricht
einer ganzen Umdrehung des Zeigers. Dadurch kann mit einer Genauigkeit besser als
1/100 mm abgelesen werden.
Wegen seiner besonderen Verwendungsfähigkeit sei noch das Sphärometer erwähnt
(Abb. 1.7a). Es steht mit drei Spitzen auf einer Grundplatte. In der Mitte befindet sich
eine drehbare Spindel, mit der man zwischen ihrer unteren Spitze und der Grundplatte
die Dicke einer anderen Platte messen kann. Wenn die Spindel eine Ganghöhe von 1 mm
besitzt, und wenn auf dem Teilkreis der Spindel noch 1/100 einer Umdrehung ablesbar
ist, lässt sich mit einem solchen Sphärometer ein Höhenunterschied von 10 µm messen.
Man muss allerdings darauf achten, dass die Schraube stets mit dem gleichen Druck an
den zu messenden Körper angedrückt wird. Letzteres lässt sich auf optischem Weg sehr
1.3 Längenmessung 19

Abb. 1.6 Schublehre (a) und Mikrometerschraube (b)

Abb. 1.7 Sphärometer. (a) Das Gerät zur Dickenmessung; (b) Skizze zur Krümmungsmessung.
Man kann sich überlegen, dass der Radius der Kugel R = (d 2 + 3BE 2 )/6BE ist. Dabei ist d der
Abstand je zweier Sphärometerfüße, die die Kugel in C1 , C2 , C3 berühren, B der Kontaktpunkt der
Spindel und E der Durchstoßpunkt der Polachse BD durch die Ebene {C1 C2 C3√ }. Die angegebene
Beziehung für R sollte man zur Übung selbst verifizieren. (Hinweis: Ci E = d/ 3; man betrachte
die Streckenverhältnisse in dem Hilfsdreieck C1 BD.)

gut kontrollieren. Zu diesem Zweck stellt man das Sphärometer auf eine ebene Glasplatte,
auf der eine zweite kleinere Glasplatte liegt. Beleuchtet man die Glasplatten mit einfar-
bigem Licht, z. B. von einem Laser, und blickt nun schräg auf die Glasplatte, so sieht
man diese von einem System heller und dunkler Interferenzstreifen durchzogen, deren
gegenseitiger Abstand von der Dicke der Luftschicht zwischen den beiden Glasplatten
abhängt (Abb. 1.8). Drückt man nun die obere Glasplatte nur ein wenig gegen die untere,
20 1 Messen und Maßeinheiten

Abb. 1.8 Interferenzstreifen. Sie werden


durch die dünne Luftschicht zwischen zwei
annähernd ebenen Glasplatten erzeugt.

so verschieben sich die Interferenzstreifen (s. Bd. 3). Dies ist ein außerordentlich emp-
findliches Kriterium für jede Berührung. Bei der Messung mit dem Sphärometer schraubt
man die Spindel stets nur so weit herunter, bis die Verschiebung der Interferenzstreifen
gerade einsetzt. Dann ist man sicher, dass der Druck gegen den zu messenden Körper stets
der gleiche ist. In dieser Form heißt das Gerät Interferenzsphärometer. Das Sphärometer
eignet sich auch zur Messung der Krümmung einer sphärischen Fläche (Abb. 1.7b).
Die Verwendung der optischen Interferenz bei der Messung einer sehr kleinen Länge
oder beim Erkennen einer Verschiebung hat ein geometrisches Analogon, das sehr einfach
zu verstehen ist und im täglichen Leben oft beobachtet werden kann. In Abb. 1.9 wur-
den zwei Strichraster, die auf durchsichtigem Papier gezeichnet sind, übereinander gelegt.
Man erkennt deutlich die breiten, dunklen Streifen senkrecht zu den Rasterstrichen. Sie
entstehen dadurch, dass an diesen Stellen dunkle Rasterstriche genau über hellen Zwi-
schenräumen liegen und umgekehrt. Eine sehr geringe Drehung oder Verschiebung eines
Rasters lässt sofort die breiten, dunklen Interferenzstreifen wandern. In der Optik ent-
sprechen die Rasterstriche den viel kürzeren Wellenlängen des Lichts (≈ 0.5 µm). Anstatt
der Rasterstriche kann man auch Gardinen oder andere Stoffe mit Streifen nehmen. Die
Erscheinung lässt sich auch beobachten, wenn man durch zwei hintereinander stehende
Zäune hindurchsieht und sich selbst bewegt.
Außer den Strichmaßen werden zur Längenmessung häufig Endmaße verwendet, die
durch ihre Begrenzungen bestimmte Längen definieren. Große Bedeutung haben bei der

Abb. 1.9 „Verstärktes“ Sichtbarmachen einer kleinen Bewegung (Moiré-Muster; französisch:


moiré, Wasserglanz). Geometrisches Analogon zur optischen Interferenz
1.3 Längenmessung 21

Abb. 1.10 Prüfung von Endmaßen. Die Be-


rührungsfläche der oben im Bild sichtbaren
beiden Endmaße beträgt nur 3.15 cm2 (C. E.
Johansson).

Herstellung von Maschinen, Werkzeugen und Lehren die Parallelendmaße erlangt, zuerst
ersonnen und hergestellt im Jahr 1899 von C. E. Johansson in Schweden. Es sind recht-
eckige Stücke aus gehärtetem Stahl mit sehr genau geschliffenen und polierten Endflächen.
Die wie Spiegel aussehenden Flächen zweier Endmaße haften infolge der Adhäsion auf-
grund zwischenmolekularer Kräfte sehr fest aneinander (Abb. 1.10). Um eine bestimmte
Länge zu erhalten, werden mehrere Parallelendmaße aneinandergefügt. Alle Endmaße
werden durch Vergleich mit Lichtwellenlängen in Interferometern geprüft. Der Durch-
messer von Motorwellen zum Beispiel wird heute mit Parallelendmaßen bestimmt, indi-
rekt also mit einer bestimmten Anzahl von Lichtwellenlängen verglichen. In neuester Zeit
verwendet man zunehmend auch sogenannte kodierte Maßstäbe. Das sind Strichraster von
hoher Präzision, die fotoelektrisch abgetastet werden. Die Streifenbreite kann bis herab zu
0.2 µm gewählt werden. Das der zu messenden Länge entsprechende Signal, die Strichzahl,
ist eine digitale Größe und kann daher fehlerfrei elektronisch weiterverarbeitet werden.
Bei Präzisionsmessungen darf nicht außer Acht gelassen werden, dass alle Maßstäbe bei
einer bestimmten Temperatur geeicht sind, im Allgemeinen bei 20 ◦ C. Erfolgt die Messung
bei einer anderen Temperatur, so müssen die Längenausdehnung des Skalenträgers bzw.
des Endmaßes und die Ausdehnung des Prüflings berücksichtigt werden. Es sei auch
noch darauf hingewiesen, dass sich die Maßstäbe im Lauf der Zeit durch Rekristallisation
ändern. Genaue Untersuchungen mit Interferometern haben gezeigt, dass Parallelendmaße
aus gehärtetem Stahl von einer Länge zwischen 10 und 100 mm innerhalb der ersten sechs
Jahre eine durchschnittliche Schrumpfung von 150 nm aufweisen. Diese Schrumpfung ist
nach der Herstellung am stärksten und nimmt im Lauf der Zeit ab.
Bisher haben wir vorwiegend Längenmessungen im Bereich zwischen der Wellenlänge
des sichtbaren Lichts ( ≈ 0.5 µm) und der Größe unseres Körpers (≈ 2 m) besprochen.
In der Natur gibt es jedoch auch sehr viel kleinere und sehr viel größere Objekte. Einen
Überblick über die gesamte der Physik heute zugängliche Längenskala zeigt Abb. 1.11.
Messmethoden für ganz kleine (" 10−6 m) und ganz große (! 1018 m) Längen werden in
der Atom-, Kern-, Elementarteilchenphysik (s. Bd. 4) bzw. Astrophysik (s. Bd. 8) benötigt.
22 1 Messen und Maßeinheiten

Abb. 1.11 Größenordnungen von Längen in


der Natur

Für Vermessungen auf der Erde werden seit dem Altertum die Methoden der Trigono-
metrie verwendet. Eine Seite und zwei Winkel werden gemessen, und die übrigen Seiten
und Winkel daraus berechnet. Die Länge der ersten Seite, der Eichstrecke, wird durch
Vergleich mit einem Maßstab bestimmt. Hierzu werden Drähte aus Invar benutzt, einer
Eisen-Nickel-Legierung mit besonders kleiner Wärmeausdehnung, deren Länge (24 m)
sich infolge von Temperaturschwankungen kaum ändert. Eine solche Eichstrecke liegt
im Ebersberger Forst bei München und ist 864 m lang. Der mittlere Fehler beträgt nur
±79 µm; das ist etwa 10−7 der Gesamtlänge.
Eine andere Methode zur Erdvermessung ist die Photogrammetrie. Sie wird besonders
erfolgreich bei der Vermessung von Gebirgen verwendet. Es werden stereoskopische Auf-
1.3 Längenmessung 23

Abb. 1.12 Die Fixstern-Parallaxe


δ = (180◦ − α − β)/2

nahmen von Flugzeugen oder Satelliten aus gemacht. Die Aufnahmen werden später in
besonderen optischen Geräten ausgewertet. Dabei lassen sich auch Entfernungen zweier
Punkte auf der Erde messen, die sich nicht auf gleicher Höhe befinden. Diese in jünge-
rer Zeit hoch entwickelte Methode wird außer für geodätische auch für andere Zwecke
verwendet, z. B. genaue Vermessung von Wolken oder Flugkörperbahnen.
Die Abstände von benachbarten Himmelskörpern, Mond und inneren Planeten, können
durch Laufzeitmessungen von Radar- und Lasersignalen sehr genau bestimmt werden.
Größere Entfernungen bis zu etwa 300 Lichtjahren (≈ 3 · 1018 m) ermittelt man durch
Messung der sogenannten Sternparallaxe. Das ist derjenige Winkel, unter dem der Ra-
dius der Erdbahn von einem Stern aus erscheint (Abb. 1.12). Diese Parallaxen werden
gemessen, indem der Stern zweimal gegen den Hintergrund, also gegen sehr viel wei-
ter entfernte Sterne fotografiert wird. Das geschieht im Abstand von einem halben Jahr.
Die Aufnahmen erfolgen also von zwei gegenüberliegenden Punkten der Erdbahn. Wegen
der großen Entfernungen der Sterne sind die Parallaxen sehr klein; sie betragen weniger
als eine Winkelsekunde (,, ). Entfernungen über 100 Parsec (≈ 3 · 1018 m, entsprechend
0.01,, ) können so nicht mehr gemessen werden. Von hier ab ist man auf Eigenschaften
der zur Erde gelangenden Strahlung von Sternen und Galaxien angewiesen. Oberhalb
von 106 Lichtjahren (≈ 1022 m) dient die Rotverschiebung des Lichts, die sich aus der
Expansion des Weltalls ergibt, als Basis für Entfernungsmessungen (s. Bd. 8).
Im Bereich der Mikrophysik gibt es ebenfalls spezielle hochentwickelte Methoden zur
Längenmessung. Die Mikroskopie mit sichtbarem Licht ist bei etwa 10−7 m zu Ende.
Wie im Bd. 3 erläutert wird, sind die kleinsten noch auflösbaren Abstände immer von der
Größenordnung der Wellenlänge der verwendeten Strahlung. Das ist eine Folge der Beu-
gung, die sich prinzipiell nicht vermeiden lässt. Für kleinere Abstände als etwa 10−7 m
benutzt man das Elektronenmikroskop. Es beruht auf den Welleneigenschaften der Elek-
tronen (s. Bd. 3) und erreicht seine Auflösungsgrenze bei 3 · 10−11 m.
Abschließend sei noch eine Messmethode im Bereich zwischen etwa 10−8 und 10−12 m
erwähnt, die auf einem direkten Anschluss an makroskopische Längenmaße beruht: die
von Gerd Binnig und Heinrich Rohrer 1982 erfundene Tunnelmikroskopie (Nobelpreis
1986). Dabei wird eine feine Spitze mit einem Krümmungsradius von etwa 1 nm mit
einer piezoelektrischen Steuerung im Abstand von einigen zehntel Nanometern paral-
lel zu einer Oberfläche bewegt (Abb. 1.13a). Eine elektrische Spannung zwischen dieser
Spitze und der abzubildenden Oberfläche lässt einen sogenannten Tunnelstrom fließen
24 1 Messen und Maßeinheiten

Abb. 1.13 Das Raster-Tunnel-Mikroskop. (a) Prinzip: Die durch den Tunnelstrom rückgekop-
pelte Piezosteuerung erlaubt es, während der Horizontalbewegung der Spitze den Abstand s auf
±0.01 nm konstant zu regeln. (b) Mit der Anordnung von Teilbild (a) aufgenommene Struktur einer
Siliziumkristall-Oberfläche. Jeder Hügel ist das Bild eines Atoms. Der Abstand benachbarter Atome
beträgt 0.8 nm.

(s. Bd. 6). Er besteht aus Elektronen, die aufgrund ihrer Welleneigenschaften die elek-
trische Potentialbarriere zwischen Spitze und Oberfläche durchdringen können. Dieser
Strom kann gemessen werden. Er hängt sehr empfindlich vom Abstand zwischen Spitze
und Oberfläche ab. Bei einer Verschiebung der Spitze parallel zur Probenoberfläche kann
man den Abstand der Spitze so verändern, dass der Tunnelstrom konstant bleibt. Man
erhält auf diese Weise ein „elektrisches Abbild“ der Probenoberfläche (Abb. 1.13b).

1.4 Flächen- und Volumenmessung


Flächenmessung. Die Einheit der Fläche ist das Quadratmeter (m2 ). Auch landwirt-
schaftliche Flächenmaße wie 1 Ar (a) = 100 m2 oder 1 Hektar (ha) = 104 m2 werden
vorerst noch im Gebrauch bleiben. Eine spezielle Einheit zur Angabe von Wirkungsquer-
schnitten in der Kernphysik ist das Barn (b), 1 b = 10−28 m2 .
Oft hat man Flächen in Zeichnungen und Diagrammen zu bestimmen, die von gekrümm-
ten Linien eingeschlossen werden. Sofern eine mathematische Lösung durch Integration
nicht möglich ist, kann ein als Analogrechner arbeitendes geometrisches Gerät, das Plani-
1.4 Flächen- und Volumenmessung 25

meter, benutzt werden. Damit wird die Kurve umfahren und die Fläche bestimmt. Eine
sehr einfache Methode ist auch die Wägung des von der Begrenzung eingeschlossenen
Papiers. Diese Methode setzt ein konstantes Papiergewicht pro Fläche voraus. Noch ein-
facher ist die Auszählung von Quadraten auf kariertem Papier – oder man überträgt die
Aufgabe einem Computer.

Volumenmessung. Die Volumeneinheit ist das Kubikmeter (m3 ). Auch die Volumen-
einheit Liter (l) hat im täglichen Leben alte Tradition und ist als besonderer Name für
1/1000 m3 zulässig. Die große Genauigkeit der Massenbestimmung durch Wägung hatte
ursprünglich dazu geführt, als Volumeneinheit auch dasjenige Volumen zu definieren, das
von der Masse eines Kilogramms Wasser im Maximum seiner Dichte (4 ◦ C) und bei nor-
malem Luftdruck eingenommen wird. Diese Volumeneinheit wurde früher ebenfalls als
Liter bezeichnet. Da die Masse des Normalkilogramms, das ursprünglich gleich der Masse
eines Kubikdezimeters Wasser von 4 ◦ C sein sollte, aber um 0.028 g zu groß ausgefallen
ist, war demnach das Liter gleich 1.000028 dm3 oder gleich dem Volumen eines Würfels
von der Kantenlänge 1.000009 dm. Seit 1964 gilt jedoch international: 1 Liter = 1 dm3 .
Zur Messung des Volumens von Flüssigkeiten verwendet man Messzylinder, Mess-
pipetten, Büretten, Überlaufgefäße, Messkolben und Pyknometer (Abb. 1.14 – 1.17). Das
letztere sind Gefäße von genau bestimmtemVolumen mit eingeschliffenem Stöpsel. Durch

Abb. 1.14 Messpipette mit Unterteilung Abb. 1.15 Bürette

Abb. 1.16 Überlaufgefäß und Messzylinder Abb. 1.17 Pyknometer mit Thermometer
26 1 Messen und Maßeinheiten

eine feine Bohrung kann die überschüssige Flüssigkeit heraustreten. Da sich das Volumen
einer Flüssigkeit mit der Temperatur stark ändert, ist das Pyknometer häufig mit einem
Thermometer versehen.
Um das Volumen pulverförmiger fester Körper (Sand, Mineralien usw.) zu bestim-
men, wird die Masse m1 des mit einer Flüssigkeit gefüllten Pyknometerfläschchens durch
Wägung bestimmt (s. Abschn. 1.6). Die Dichte G = m/V (Masse pro Volumen) der
Flüssigkeit sei bekannt. Das Pyknometer wird erneut gewogen, wenn es mit der Flüssig-
keit und dem zu messenden Körper gefüllt ist (m2 ). Bestimmt man noch die Masse des
Körpers allein (m3 ), so lässt sich aus diesen drei Wägungen das Volumen V des Körpers
ermitteln. Man berechne zur Übung, dass
m1 + m3 − m2
V =
G
ist. Für Stoffe, die nicht mit einer Flüssigkeit in Berührung kommen dürfen, sowie für
poröse Stoffe gibt es analoge Verfahren, bei denen anstelle der Flüssigkeit ein Gas benutzt
wird (Volumenometer).
Das Volumen kleinerer fester Körper wird durch die Verdrängung einer Flüssigkeit be-
stimmt, da die Berechnung aus den geometrischen Werten nur selten möglich und meist
ungenau ist. Das Gewicht (Abschn. 3.2) der verdrängten Flüssigkeit erhält man zum Bei-
spiel aus dem Gewichtsverlust des Körpers durch den Auftrieb (Abschn. 10.7), also nach
dem Archimedischen Prinzip. Es muss darauf geachtet werden, dass die Oberflächenspan-
nung an dem den Körper haltenden Draht keine Kräfte ausübt. Durch chemische Zusätze
kann die Oberflächenspannung beim Wasser erheblich herabgesetzt werden (Dichteände-
rung des Wassers beachten, Luftbläschen müssen entfernt werden; s. Kap. 10).
Das Volumen von Gasen wird meist durch die Verdrängung einer Flüssigkeit gemessen.
Bei den Gaszählern (Gasuhren) erfolgt dies periodisch. Bei der Ablesung des Flüssig-
keitsstands in Rohren muss man die Krümmung (Meniskus) der Flüssigkeitsoberflächen
beachten (Abb. 1.18). Üblicherweise wird die horizontale Tangente an diese Oberfläche
in der Mitte des Rohres als Höhenindikator gewählt (Kap. 10).

Abb. 1.18 Meniskus von Flüssigkeitssäulen

Abb. 1.19 Winkeleinheit in Bogenmaß


1.5 Winkelmessung 27

1.5 Winkelmessung
Der ebene Winkel ist definiert als das Verhältnis der Längen von Kreisbogen und Kreis-
radius. Der Quotient besteht also aus zwei Größen gleicher Dimension. Man nennt sol-
che Quotienten aus zwei gleichartigen Größen Verhältnisgrößen. Als „dimensionslose“
Größen erhalten sie in Größengleichungen die Dimension eins (Abschn. 1.1).
Die Einheit des ebenen Winkels ist im Bogenmaß der Radiant (rad); sie ist in Abb. 1.19
dargestellt. Hierbei ist die Länge des Kreisbogens gleich dem Radius des Kreises. Der
Radiant ist eine SI-Einheit. Weitere Einheiten des ebenen Winkels sind der Grad (◦ ) und
das Gon (gon). Ein Grad hat als Bogen den 360sten Teil des Vollkreises, ein Gon den
400sten, also gilt
1 Vollwinkel = 2π rad = 360◦ = 400 gon.
Ein Grad wird in 60 Minuten, eine Minute in 60 Sekunden eingeteilt (1◦ = 60, ; 1, = 60,, ).
Es gilt
1 rad = (360/2π)◦ = 57.296◦ = 57◦ 17, 45,, = (400/2π) gon.
Das Gon hat sich allerdings in der Physik bis heute nicht eingebürgert.
Der Raumwinkel Ω ist ein Maß für ein Raumsegment, das die von einem Scheitelpunkt
nach allen Punkten einer geschlossenen Kurve ausgehenden Strahlen begrenzen. Seine
Größe Ω = A/r 2 wird durch das vom Raumwinkel begrenzte Flächensegment A einer
konzentrisch um den Scheitelpunkt liegenden Kugel mit dem Radius r bestimmt. Auch
hier ergibt sich als Dimension eine Verhältnisgröße (Fläche/Fläche) mit der Bezeichnung
Steradiant (sr). Ein räumlicher Vollwinkel hat demnach den Wert 4πsr.
Die einfachste Vorrichtung zur Messung ebener Winkel ist der Winkelmesser, ein mit ei-
ner Gradeinteilung versehener Halb- beziehungsweise Vollkreis. Besser ist das Sinuslineal
(Abb. 1.20), ein Balken auf zwei Rollen. Hierbei wird die Winkelmessung auf eine Längen-
messung zurückgeführt. Die Gegenkathete des Winkels wird durch Endmaße dargestellt,
die Hypotenuse hat eine fest vorgegebene Länge. Mit Hilfe einer Sinustabelle kann man
dann den Winkel bestimmen.
Für genaue Messungen dient der Theodolit. Dieser besteht aus einem mit Fadenkreuz
versehenen Fernrohr, das sowohl um eine vertikale als auch um eine horizontale Achse
gedreht werden kann (Abb. 1.21). Dadurch sind horizontale und vertikale Winkel messbar.

Abb. 1.20 Sinuslineal. Zur Messung des Winkels α am Werkstück wird dieses auf das Lineal gelegt.
Dann werden unter die rechte Rolle so viele Endmaße geschoben, bis die Oberfläche des Werkstücks
zur Unterlage parallel ist. Der Sinus des Winkels α ist dann gleich der Endmaßhöhe H, dividiert
durch die bekannte Länge L.
28 1 Messen und Maßeinheiten

Abb. 1.21 Theodolit

Die Fernrohrdrehung wird an zwei Teilkreisen mit Winkelteilung abgelesen. Gewöhnlich


sind diese Teilkreise in 1/2 Grad oder bei besseren Instrumenten in 1/4 Grad eingeteilt.
Um Bruchteile dieser Teilung genau ablesen zu können, wird ein Kreisnonius verwendet.
Dadurch lässt sich eine Messgenauigkeit von 1, erreichen. Bei sehr guten Instrumenten
kann sogar eine Genauigkeit bis zu 1,, erzielt werden.
Die wohl genauesten Winkelmessungen werden im Bereich der Astronomie durch-
geführt. Mit Radioteleskopen lassen sich bei 1 cm Wellenlänge noch Winkel von 10−4 Se-
kunden auflösen. Das entspricht etwa dem Winkel, unter dem ein Centstück in der Entfer-
nung von einem Erddurchmesser erscheint. Noch höhere Winkelauflösungen kann man
mit Raumsonden erreichen, die sich in genau bekannten Abständen voneinander befin-
den.

1.6 Schwere und träge Masse, Stoffmenge


Masseneinheiten. Die Masse ist eine der wichtigsten Eigenschaften der Materie. Ein m3
Wasser hat eine Masse von etwa 1000 kg. Die Masse bleibt erhalten, wenn das Wasser
zu Eis gefriert oder in Dampf umgewandelt wird. Dagegen hat 1 m3 Aluminium eine
größere Masse als 1 m3 Wasser. Die Masse ist also einerseits vom Volumen der Substanz
bestimmt, andererseits auch durch die Art der Substanz. Keinen Einfluss auf die Masse hat
dagegen eine Umwandlung des Aggregatzustandes, von fest zu flüssig oder zu gasförmig.
Um diese Aussagen mit hoher Genauigkeit überprüfen zu können, braucht man Mess-
verfahren zur Messung der Masse eines Körpers und eine Masseneinheit. Es bieten sich
zwei grundlegend verschiedene Messverfahren an. Das eine nutzt die Eigenschaft der
Körper, ein Gewicht (s. Abschn. 3.2) zu haben, und das andere ihre Eigenschaft, sich
einer Beschleunigung mit einer gewissen Trägheit zu widersetzen. Dementsprechend ist
grundsätzlich zwischen schwerer und träger Masse zu unterscheiden.
Zur Festlegung der Einheit von schwerer und träger Masse – das Kilogramm (1 kg) – be-
zieht man sich auf denselben Körper, das Archivkilogramm in Sèvres. Der internationale
Kilogramm-Prototyp ist ein Zylinder aus 90 % Platin und 10 % Iridium; er wird im Inter-
nationalen Büro für Maß und Gewicht in Sèvres bei Paris aufbewahrt. Zahlreiche Kopien
dieses Prototyps sind in verschiedene Länder gegangen. Sie wurden durch Vergleichsmes-
1.6 Schwere und träge Masse, Stoffmenge 29

sungen mit einer relativen Unsicherheit von 10−10 an den Prototyp angeschlossen. Häufig
verwendete Vielfache und Bruchteile der Masseneinheit sind: 10−3 kg = 1 Gramm (g);
103 kg = 1 Tonne (t); 10−6 g = 1 Mikrogramm (µg).
Die Festlegung der Masseneinheit mit Hilfe eines Prototyps hat die gleichen Nachteile
wie die vor 1960 gültige Vereinbarung zur Festlegung der Längeneinheit. Man ist daher
bemüht, auch die Masseneinheit mit Hilfe von Naturkonstanten zu definieren, d. h. die
Masseneinheit auf die Masse eines bestimmten Atoms, wie z. B. das Siliziumatom zu
beziehen. 1 kg wäre dann beispielsweise die Masse einer vorgegebenen Zahl von (etwa
2 · 1025 Si-Atomen. Eine solche Definition der Masseneinheit setzt aber voraus, dass Si-
Atome mit genügend hoher Genauigkeit gezählt werden können. Da eine solche Zählung
schwierig ist, wird noch bis heute an der Definition der Masseneinheit mit dem Archiv-
kilogramm festgehalten. Eine Maßeinheit, die auf die Anzahl der Atome eines Körpers
Bezug nimmt, ist die Einheit der Stoffmenge, 1 mol, die weiter unten definiert wird.

Statischer Massenvergleich. Zur Messung der schweren Masse mS eines Körpers nutzt
man eine Balken- oder Hebelwaage (Abb. 1.22) und vergleicht das Gewicht des Körpers
mit dem Gewicht eines Kilogrammprototyps oder eines Vielfachen oder Bruchteils da-
von.
Als Vergleichsmassen werden Gewichtsstücke aus Metall oder Metalllegierungen ver-
wendet (nichtrostender Stahl, Platin, Messing mit Nickelüberzug, Aluminium). Gewichts-
stücke für Präzisionsmessungen haben einen eingeschraubten Kopf, unter dem sich ein
kleiner Hohlraum für Korrekturzwecke befindet. Solche Gewichtsstücke dürfen niemals
mit den Fingern, sondern nur mit der Pinzette angefasst werden! Bei Präzisionswägungen
muss eine Korrektur wegen des Auftriebs in der Luft durchgeführt werden, wenn man die
Wägungen nicht im Vakuum ausführen kann. Nach dem Archimedischen Prinzip erfährt
ein Körper einen Auftrieb (Gewichtsverlust), dessen Betrag so groß ist wie das Gewicht
des Mediums, das er verdrängt (s. Kap. 10). Wenn also zum Beispiel ein Körper ein Volu-
men von 100 cm3 Luft verdrängt, dann wird er durch den Auftrieb in der Luft (bei 0 ◦ C und
1013 hPa) um 0.1293 g leichter als im Vakuum. Die Auftriebskorrektur muss sowohl für
den zu wägenden Körper als auch für die Vergleichsgewichte durchgeführt werden. Die
„genaueste Waage der Welt“ steht im Bureau International des Poids et Mesures in Paris
und kann zwei Gewichte von je 1 kg Masse mit einer Genauigkeit von 50 ng vergleichen.
Die Relativgenauigkeit 9m/m beträgt 5 · 10−11 .

E E
A S B

Abb. 1.22 Balkenwaage zum Vergleich schwerer Massen


30 1 Messen und Maßeinheiten

B
K K
S

Abb. 1.23 Experimentelle Anordnung zum Vergleich träger Massen

Dynamischer Massenvergleich. Zur Messung der trägen Masse mT eines Körpers ver-
gleicht man in Stoßexperimenten die Trägheit des Körpers mit der Trägheit geeigneter
bekannter Massen. Beispielsweise kann man in einem Abstoßungsexperiment mit zwei
möglichst reibungsfrei rollenden Wagen untersuchen, bei welcher Belastung die beiden
Wagen mit entgegengesetzt gleichen Geschwindigkeiten auseinander gestoßen werden.
Eine geeignete Anordnung zeigt Abb. 1.23. Man bringt zwischen zwei auf einer hori-
zontalen Glasplatte aufgestellten, vollkommen gleichen Wagen eine zusammengedrückte
Feder an, indem man die Wagen mit einem Faden zusammenbindet. Beim Durchbren-
nen des Fadens treibt die Feder beide Wagen in entgegengesetzter Richtung auseinander.
Die zwei Körper haben die gleiche träge Masse, wenn die Geschwindigkeiten der beiden
Wagen entgegengesetzt gleich sind.

Massenmessung. Es gibt zunächst keinen Grund anzunehmen, dass für alle Körper schwe-
re Masse mS und träge Masse mT denselben Wert haben. Viele sorgfältig durchgeführte
Experimente haben aber gezeigt, dass mit hoher Genauigkeit (mS−mT < 10−8 ·(mS +mT ))
gilt:
mS = mT .
Aus diesem Grund wird gewöhnlich nicht zwischen schwerer und träger Masse unterschie-
den und schlicht die Masse eines Körpers betrachtet. Meistens wird diese Masse durch
einen Gewichtsvergleich mit einer Waage bestimmt. Es handelt sich dann also genau
genommen um die schwere Masse des Körpers.
Sehr große und sehr kleine Massen kann man nicht mehr mit einer Waage bestimmen.
In der Astrophysik werden Massen von Planeten, Sternen und Galaxien durch Beobach-
tung ihrer Trägheit, ihrer Gravitationswechselwirkung oder der von ihnen ausgesandten
elektromagnetischen Strahlung bestimmt. In der Mikrophysik erhält man die Massen von
Atomen, Atomkernen und Elementarteilchen meist aus den Trägheitskräften, die sie bei
Bewegungen in elektromagnetischen Feldern erfahren. (Die Frage nach der Gleichheit
von träger und schwerer Masse wird in Abschn. 3.3 genauer behandelt.)

Bestimmung der Dichte. Ein aus der Masse abgeleiteter wichtiger Begriff zur Charak-
terisierung von Stoffen ist die Dichte,
Masse m
Dichte G = .
Volumen V
Ein kg Aluminium nimmt ein wesentlich größeres Volumen ein als z. B. 1 kg Blei. Die
Dichte von Aluminium ist also geringer als die Dichte von Blei. Wenn man Dichten
(Einheit kg/m3 = 10−3 g/cm3 ) miteinander vergleicht, erhält man reine Verhältniszah-
len. Diese geben das Verhältnis der Dichte eines Stoffes zur Dichte von zum Beispiel
Wasser an. Achtung: Die Dichte darf nicht verwechselt werden mit dem früher üblichen
Begriff Wichte oder spezifisches Gewicht. Hierbei handelt es sich um das Verhältnis von
Gewicht zu Volumen. Da das Gewicht, eine Kraft in Richtung zum Erdmittelpunkt, an ver-
1.6 Schwere und träge Masse, Stoffmenge 31

Tab. 1.3 Dichte einiger Stoffe (1 g/cm3 = 1 kg/dm3 = 103 kg/m3 )

a) Feste Körper (bei 20 ◦ C, in g/cm3 )

Aerogele 0.1
Eis (bei 0 ◦ C) 0.92
Quarz 2.66
Aluminium 2.70
Eisen 7.87
Kupfer 8.96
Silber 10.50
Blei 11.35
Gold 19.29
Platin 21.45

b) Flüssigkeiten (bei 20 ◦ C, in g/cm3 )

Äthylalkohol (C2 H5 OH) 0.7892


Benzol (C6 H6 ) 0.8786
Wasser (H2 0) 0.9982
Brom 3.120
Jodmethylen (CH2 J2 ) 3.3254
Quecksilber 13.5459

c) Gase (bei 0 ◦ C und Normaldruck der Erdatmosphäre (p = 1013 hPa), in g/dm3 )

Luft 1.2929
Wasserstoff 0.0899
Kohlendioxid (CO2 ) 1.9769

Nach d’Ans-Lax, Taschenbuch für Chemiker und Physiker, Bd. I, Springer, Berlin, 1967.

schiedenen Orten der Erdoberfläche verschieden ist, kann das spezifische Gewicht keine
Stoffkonstante sein!
Neben der Massendichte G = m/V benötigt man oft auch einen Ausdruck für die Anzahl
von Teilchen (z. B. Atome, Moleküle, Sterne) pro Volumen, die Teilchenzahldichte:
Teilchenanzahl N
Teilchenzahldichte nT = .
Volumen V
Sie wird in der Einheit m−3 gemessen und hängt mit der Massendichte G durch die
Beziehung nT = G/mT zusammen, wobei mT die Masse eines Teilchens ist (mT = m/N ).
In Tab. 1.3 sind die Dichten einiger Stoffe angegeben. Dazu sei noch erwähnt, dass
es im Kosmos Sterne gibt, die aus sehr hoch komprimierter Materie bestehen. Es sind
die Weißen Zwerge und die Neutronensterne. Ihre Materie hat mittlere Dichten von 106
bzw. 1015 g/cm3. Eine Streichholzschachtel solcher Sternmaterie hätte eine Masse von
30 Tonnen bzw. von 3 · 1010 Tonnen. Von den etwa 100 Millionen Sternen, die auf den
fotografischen Aufnahmen des Himmels erkennbar sind, wurden bis jetzt über 1000 als
Weiße Zwerge und etwa 500 als Neutronensterne identifiziert. Die hohe Dichte der Wei-
ßen Zwerge ist dadurch bedingt, dass ihre Atome stark komprimiert sind, so dass der
Abstand der Atomkerne wesentlich geringer wird als in irdischer Materie. In Neutronen-
sternen sind die Atome auf das Volumen ihrer Kerne komprimiert, und es gibt gar keine
32 1 Messen und Maßeinheiten

individuellen Atome mehr. Der ganze Stern ist sozusagen ein einziger riesiger Atom-
kern.

Stoffmenge. Es ist zwar schwierig, die absolute Anzahl der Atome oder Moleküle eines
makroskopischen Körpers mit hoher Genauigkeit zu bestimmen. Mit Hilfe chemischer
Reaktionen lassen sich aber die Anzahlen von Atomen bzw. Molekülen verschiedener Sub-
stanzen mit hoher Genauigkeit vergleichen. Deshalb wurde ins SI-System eine eigene Ein-
heit für die Stoffmenge (auch Teilchenmenge genannt) aufgenommen, nämlich die Einheit
Mol (Kurzzeichen mol). Ein Mol einer Substanz enthält genau so vieleTeilchen, wie Atome
in 12 g des Kohlenstoffisotops 12 23
6 C enthalten sind. Das sind NA = 6.0221367·10 mol .
−1
Die Größe NA heißt Avogadro-Konstante (nach dem Physiker Amadeo Avogadro, 1776 –
1856) und gibt an, wie viele Teilchen ein Mol enthält. Es gilt:
Teilchenanzahl N
Stoffmenge n = .
Avogadro-Konstante NA

1.7 Zeitmessung
In der Physik kommt es vorwiegend darauf an, die Dauer von Zeitintervallen zu bestimmen.
Demgegenüber ist der Historiker auch an einer allgemein verbindlichen Zeitskala mit
einem Zeitnullpunkt interessiert. Ein solcher Zeitnullpunkt kann auch heute nur mit Bezug
auf die Bewegung der Gestirne festgelegt werden. Hingegen bezieht man sich seit 1967
bei der Messung von Zeitintervallen auf atomare Zeitnormale.

Zeiteinheiten, Frequenz. Die in der Physik verwendete Zeiteinheit, die Sekunde, wurde
früher vom mittleren Sonnentag abgeleitet. Da der Tag 24 Stunden hat, ist die Sekunde
1/86 400 des mittleren Sonnentages (24 · 60 · 60 = 86 400). Man wählte einen „mittleren“
Sonnentag, weil der wahre Sonnentag zu verschiedenen Zeiten des Jahres verschieden
lang ist, und zwar wegen der elliptischen Erdbahn. Unter einem wahren Sonnentag ver-
steht man die Zeit zwischen zwei aufeinanderfolgenden Meridiandurchgängen der Sonne,
also zum Beispiel zwischen zwei aufeinanderfolgenden oberen Kulminationen der Sonne.
Man ersetzte ihre im Lauf des Jahres ungleichmäßige Bewegung durch eine gleichmäßige
Bewegung einer gedachten Sonne und erhielt so den mittleren Sonnentag. Diese auf der
Erdrotation begründete Zeiteinheit Sekunde entsprach später nicht mehr den Anforderun-
gen an die Genauigkeit, denn die Erdrotation ist nicht konstant. Die Massenverlagerungen
wie Schmelzen von Schnee und Eis, Vulkanausbrüche, Verlagerung von Hoch- und Tief-
druckgebieten in derAtmosphäre usw. verursachen eine Änderung desTrägheitsmomentes
und damit der Rotationsgeschwindigkeit der Erde (s. Abschn. 8.2). Außerdem rotiert sie
infolge der Gezeitenreibung immer langsamer. Aus diesem Grund wurde die Sekunde
seit 1960 nicht mehr auf die Eigenrotation der Erdkugel zurückgeführt, sondern auf den
Umlauf der Erde um die Sonne, also auf das Jahr. Die Messunsicherheit einer Sekunde
beträgt bei dieser Definition 10−9 s. Wegen der Veränderlichkeit der Dauer eines Jahres
ist aber entweder die Zahl der Sekunden pro Jahr verschieden, oder die Zeitdauer der
Sekunde schwankt von Jahr zu Jahr. Man hat daher auch diese Definition der Sekunde
1.7 Zeitmessung 33

wieder fallengelassen und bezieht sie heute auf die Schwingungsdauer des von Atomen
ausgesandten Lichts. Die 13. Generalkonferenz für Maß und Gewicht hat im Jahr 1967
Folgendes beschlossen:
Die Sekunde ist das 9 192 631 770-fache der Periodendauer der elektromagnetischen
Strahlung, die dem Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus des Grund-
zustandes von Atomen des Nuklids 133 Cs entspricht.
Damit ist die Sekunde auf eine bestimmte Eigenschaft eines Atoms zurückgeführt.
Diese Zeiteinheit ist unabhängig von der Erdbewegung um die Sonne und kann mit einer
sogenannten Atomuhr gemessen werden, die wir weiter unten besprechen wollen. Ein
solches internationales Zeitnormal hat eine relative Gangunsicherheit von 10−14 .
Es gibt nur wenige Atomuhren, die regelmäßig miteinander verglichen werden. Der
Vergleich zwischen den europäischen und den nordamerikanischen erfolgt über einen Sa-
telliten. Die genaueste deutsche Atomuhr befindet sich in der Physikalisch-Technischen
Bundesanstalt in Braunschweig. Der Unsicherheit dieser Atomuhr entspricht eine mögli-
che Zeitabweichung von einer Sekunde in fünf Millionen Jahren. Da die am Umlauf der
Erde um die Sonne orientierte historische Zeitskala von der Atomzeitskala etwas verschie-
den ist, müssen beide Skalen ab und zu wieder in Übereinstimmung gebracht werden. Dies
geschieht durch sogenannte Schaltsekunden am Ende eines Kalenderjahres. Die von den
Atomuhren gelieferte Zeitskala wird dann, falls notwendig, um eine Sekunde vermehrt
oder vermindert. Die letzte Minute des Jahres bekommt also 61 bzw. 59 anstatt 60 Sekun-
den.
Als abgeleitete Zeiteinheiten gelten die Minute (1 min = 60 s), die Stunde (1 h
= 3600 s) und der Tag (1 d = 86 400 s). Zeitspannen, die länger als ein Tag sind, werden
nicht durch das Gesetz über Einheiten im Messwesen, sondern durch das Bürgerliche
Gesetzbuch festgelegt: 1 Woche = 7 d, 1 Monat = 30 d, 1 Jahr (a) = 365 d.
Unter Frequenz (Bezeichnung ν oder f ) eines periodischen Vorgangs versteht man den
Quotienten Anzahl durch Zeit, zum Beispiel die Zahl der Schwingungen eines Pendels
oder die Zahl der Umdrehungen eines Motors pro Sekunde. Die Einheit der Frequenz
ist die reziproke Zeiteinheit. Man nennt diese Einheit auch Hertz (nach Heinrich Hertz,
1857 – 1894): 1 Hertz (Hz) = 1/Sekunde. Der Kehrwert der Frequenz heißt Schwin-
gungsdauer T = 1/ν und hat die Einheit Sekunde. Oft bezeichnet man das 2π-fache
der Frequenz als Kreisfrequenz ω; es gilt ω = 2πν. Die Kreisfrequenz eines rotierenden
Objekts ist gleich seiner Winkelgeschwindigkeit (s. Abschn. 2.4) und wird in der Einheit
rad/s angegeben.
Es gibt im Handel Geräte, sogenannte Funkuhren, mit denen man die Radiowellen ei-
nes Langwellensenders empfangen kann, der die Zeitsignale der Physikalisch-Technischen
Bundesanstalt in Braunschweig ganztägig aussendet. Der Sender DCF 77 steht in Main-
flingen bei Frankfurt (50◦ 01, Nord, 09◦ 00, Ost). Seine hochstabile Trägerfrequenz beträgt
77.5 kHz, seine Sendeleistung 50 kW. Man kann somit zu Hause Zeitmarken bekommen,
die vom Sollwert um weniger als 0.05 ms abweichen. Auf dem Gerät wird die genaue Zeit
digital angezeigt. Es gibt auch schon derartige Tisch- und Armbanduhren mit herkömm-
licher analoger Anzeige. Man sieht einer solchen „Uhr“ nicht an, dass sie eine kleine
Antenne enthält sowie einen für die Wellenlänge des Senders DCF 77 abgestimmten
Radioempfänger, einen Decoder, einen Zeigerstanddetektor und einen Treiber für die Zei-
gerbewegung. Es gibt an ihr nur einen Knopf, den man nach dem Auswechseln der Batterie
drückt, um die Zeiger wieder auf die aktuelle Zeit einzustellen. Da die genaue Zeit von der
Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig über den Sender an die Funk-
34 1 Messen und Maßeinheiten

uhr gegeben wird, braucht man sich auch nicht um die offizielle Änderung der Normalzeit
(Sommerzeit) oder um das Datum zu kümmern. Die kleinen Zeitkorrekturen von etwa
einer Sekunde Ende Dezember zwecks Anpassung an die Erddrehung erfolgen ebenfalls
vom Sender aus.

Uhren. Die Entwicklung der Uhren ist kulturhistorisch sehr interessant. Die Sonnenuhren,
zweifellos die ältesten Zeitmesser, benutzen den Schatten eines dünnen Stabes oder einer
Kante. Man erreicht leicht eine Genauigkeit von 5 Minuten. Auch ist es erstaunlich, bis
zu welcher Präzision die seit dem Altertum benutzten Wasseruhren entwickelt worden
sind. Dabei wurde das Auslaufen von Wasser aus einem Gefäß mit einer feinen Öffnung
gemessen. Galileo Galilei (1564 – 1642) hat 1620 nach diesem Verfahren die Zeit bei
seinen berühmten Fallversuchen bestimmt.
Einen großen Fortschritt brachte 1656 die Einführung der Pendeluhr durch Christian
Huygens (1629 – 1695), wobei die Konstanz der Schwingungsdauer eines Pendels aus-
genutzt wird. Da ein solches erfahrungsgemäß infolge der Reibung allmählich zur Ruhe
kommt, muss der Verlust an Energie dem Pendel ständig wieder zugeführt werden. Dies
geschieht entweder durch das Absenken von Gewichtsstücken oder durch das Entspan-
nen einer Spiralfeder. Bei jeder Schwingung wird dem Pendel ein kleiner Stoß gegeben.
Eine „Ankerhemmung“ bestimmt den Zeitpunkt der Energiezufuhr und begrenzt zugleich
ihre Zeitdauer. Die Schwingungsdauer eines Pendels hängt von seiner Länge ab (s. Ab-
schn. 5.1). Das Regulieren einer Pendeluhr geschieht daher einfach durch Änderung der
Pendellänge. Deren Veränderung durch Temperaturschwankungen wird mit besonderen
Kunstgriffen weitgehend unterdrückt. Die Pendeluhren sind später zu höchster Vollkom-
menheit gebracht worden und wurden als Präzisionsinstrumente in den Sternwarten be-
nutzt. Durch das sogenannte Ausgleichspendel, durch Einschluss des Pendels in einen
luftverdünnten Raum und durch fotoelektrische oder magnetische Steuerung von außen
wird eine Genauigkeit bis zu ± 0.001 s pro Tag erreicht.
Bei den mechanischen Taschen- und Armbanduhren tritt anstelle des Pendels ein Dreh-
pendel, die sogenannte Unruh. Hierbei wird die zeitliche Konstanz einer Drehschwingung
ausgenutzt. Der Verlust durch Reibungsenergie wird in kleinen Stößen über einen Anker
von der Aufzugsfeder ersetzt. Man erreicht Genauigkeiten von einigen Sekunden pro Tag.
Ursachen für die Abweichungen sind Temperaturschwankungen, Magnetismus und die
Abhängigkeit der Schwingungsdauer der Unruh von der Lage der Uhr im Schwerefeld der
Erde. Vor der Einführung des Schwingquarzes in die Taschen- und Armbanduhr wurde
vorübergehend ein Stimmgabelschwinger anstelle der Unruh zur Frequenzstabilisierung
verwendet.
Einen großen Fortschritt brachte die Einführung von Schwingquarzen als frequenz-
stabilisierende Elemente. Der Anteil der Quarzuhren an der Uhrenproduktion auf der
Erde beträgt heute mehr als 90 %. Ganggenauigkeit, Stabilität und geringer Preis sind
die Vorteile. Dazu kommt noch, dass Quarzuhren nicht aufgezogen werden müssen, weil
sie eine Batterie enthalten. Ein 32-kHz-Schwingquarzplättchen, dessen Dicke frequenz-
bestimmend ist, wird mit einer Ätztechnik weitgehend vollautomatisch hergestellt und
schließlich mit einem Laserstrahl auf die Sollfrequenz abgestimmt. Es ist in einem eva-
kuierten Gehäuse verkapselt. Die Ganggenauigkeit einer Quarzuhr beträgt etwa eine Se-
kunde pro Tag. Die Temperaturabhängigkeit der Schwingungsfrequenz des Quarzes ver-
hindert, dass die Ganggenauigkeit noch größer ist. (Über Schwingquarze s. Bd. 6 unter
Piezoelektrizität.) In der Quarzuhr werden die Schwingungen des Quarzplättchens elek-
1.7 Zeitmessung 35

tronisch addiert. Auf winzigen Plättchen befinden sich die Schwingkreise und Schalt-
funktionen als integrierte Schaltungen. Bei 60 % der Quarzuhren erfolgt die Angabe der
Zeit durch Flüssigkristallanzeige (Digitaluhren), bei 40 % durch Zifferblatt und Zeiger
(Analoguhren). Die Quarzuhren mit digitaler Anzeige enthalten keine mechanisch be-
wegten Zahnräder mehr. Die Quarzanaloguhren besitzen jedoch einen kleinen Motor für
das Drehen einiger Zahnräder und der Zeiger. Man verwendet sogenannte 180-Grad-
Schrittmotoren, deren Volumen in den letzten Jahren beträchtlich verkleinert werden
konnte. Ein Quarzuhrwerk mit Sekundenzeiger braucht heute nur noch einen elektrischen
Strom von etwa 1 Mikroampere. Es gibt auch Quarzuhren, die mit aufladbaren Batte-
rien arbeiten und eine Solarzelle enthalten. Dadurch ist ein Auswechseln der Batterie
überflüssig. Schließlich hat man Uhren entwickelt, die einen zweiten Quarzkristall ent-
halten, der die Temperatur misst und Stromimpulse für den Motor je nach Bedarf auslässt
oder hinzufügt. Auf diese Weise wird der schwache Punkt der Quarzuhr, nämlich die
Temperaturabhängigkeit der Schwingungsfrequenz, fast vollständig kompensiert.
Die genauesten heute gebräuchlichen Uhren sind sogenannte Atom- oder Moleküluhren.
Das sind jedoch recht aufwendige Geräte, die man nicht am Handgelenk tragen kann. Das
Herzstück eines solchen Apparates ist ein evakuiertes Rohr, in das aus einem kleinen
Ofen, der einen Cäsiumvorrat enthält, ein Strahl von Cäsiumatomen abgedampft wird.
Der Strahl wird parallel gerichtet (kollimiert), und mittels eines Magnetfeldes werden
Atome verschiedener Energiezustände getrennt. Dann durchläuft der Strahl einen Hohl-
raumresonator, in dem die Atome vom höheren in den niederen Energiezustand übergehen
und dabei Strahlung einer Frequenz in der Nähe von 9 GHz erzeugen, auf die der Hohl-
raum abgestimmt ist. Außerhalb der Röhre befindet sich eine aufwendige Elektronik. Ihr
Kernstück ist ein Oszillator mit einer Frequenz von 5 MHz, die sich mit einer Gleich-
spannung ein wenig variieren lässt. Mittels Multiplikationen und Additionen wird aus
dem 5-MHz-Signal eine Frequenz erzeugt, deren Sollwert der Schwingungszahl der Cä-
siumröhre von 9192.631770 MHz entspricht. Soll- und Istwert werden dann elektronisch
verglichen und zur Übereinstimmung gebracht.
Die üblichen elektrischen Synchron-Uhren stellen keine selbstständigen Zeitmarken
her. Es handelt sich vielmehr um Synchronmotoren, die mit Wechselspannung aus dem
Netz gespeist werden. Da die Wechselspannung heute im Allgemeinen eine sehr konstante
Frequenz besitzt, kann man sie als Taktgeber benutzen. Die eigentliche Uhr ist also der
Wechselspannungsgenerator im Elektrizitätswerk.

Kurzzeitmessung. Für die Messung kurzer Zeiten eignet sich vorzüglich das Lichtblitz-
stroboskop. Es sendet in kurzen Abständen, die gezielt verändert werden können, Licht-
blitze aus. Wird zum Beispiel eine rotierende Scheibe damit beleuchtet, und zwar mit
der Blitzfrequenz, die der Umlauffrequenz der Scheibe entspricht, dann bleibt die Scheibe
scheinbar stehen. Abb. 1.24 zeigt die Leistungsfähigkeit eines modernen Stroboskops. Man
kann also einen schnell bewegten Körper mit Blitzfolgen fotografieren und bei bekannter
Blitzfrequenz Bewegungsabläufe analysieren. Mit Hilfe moderner Lasertechniken lassen
sich heute Zeitintervalle bis herab zu einigen 10−15 s direkt bestimmen. Noch kürzere Zei-
ten kann man durch Vergleich mit molekularen oder nuklearen Schwingungsfrequenzen
messen.

Langzeitmessung. Die Messung sehr langer Zeiten, z. B. von geologischen Zeiträumen,


geschieht durch Massenbestimmung von radioaktiven Zerfallsprodukten und von deren
36 1 Messen und Maßeinheiten

Abb. 1.24 Kurzzeitfotografie von horizontal


fliegenden Wassertropfen
(Geschwindigkeit 4 m/s, Durchmesser 50 µm,
Bildfolgefrequenz 2.5 · 10−5 s;
Foto: microdrop GmbH, Norderstedt)

Muttersubstanz. In Mineralien, die Uran und Thorium enthalten, sammeln sich die Zer-
fallsprodukte Blei und Helium an, deren Menge mit der Zeit zunimmt. Aus Laboratori-
umsmessungen kennt man die Halbwertszeit, das ist diejenige Zeit, in der die Hälfte der
radioaktiven Substanz zerfällt. Damit kennt man dann auch die Zahl der Tochteratome,
die in der Halbwertszeit gebildet werden. Solche Messungen haben zum Beispiel ergeben,
dass die ältesten Gesteine der Erde etwa 3 Milliarden Jahre alt sind. Eine Felsgruppe im
Atlantischen Ozean wird sogar auf ein Alter von viereinhalb Milliarden Jahren geschätzt.
Hierzu wurde das Mengenverhältnis der Strontiumisotope 86 Sr und 87 Sr bestimmt. Das
letztere ist das stabile Zerfallsprodukt des schwach radioaktiven Rubidiums (87Rb), dessen
Halbwertszeit außerordentlich lang ist (5 · 1010 a).
Großes Interesse haben auch Zeitmessungen mit kürzerlebigen radioaktiven Substan-
zen erlangt. Am wichtigsten ist hier das radioaktive Kohlenstoffisotop 14 C, das durch
Neutronen (1 n) der Höhenstrahlung in den oberen Schichten der Atmosphäre gemäß der
folgenden Reaktion aus Stickstoff gebildet wird: 14 N + 1 n →14 C + 1 H. Dieser neu ge-
bildete Kohlenstoff wird in der oberen Atmosphäre durch Ozon und Ionisation zu CO2
oxidiert und vermischt sich mit dem übrigen Kohlendioxid der Atmosphäre, bevor er wie-
der zerfällt. So enthält die Atmosphäre stets etwa den gleichen Anteil (etwa 1.5 · 10−12 )
an 14 C. Die Halbwertszeit des 14 C beträgt 5730 Jahre. Damit lässt sich das Alter von
Substanzen bestimmen, z. B. Holz, Knochen usw., in denen vor einigen tausend Jahren
der Kohlenstoff in der natürlichen Zusammensetzung eingebaut worden ist. Man misst das
Mengenverhältnis der Isotope 14 C und 12 C der Probe im Massenspektrographen (s. Bd. 4)
und vergleicht es mit dem natürlichen Mengenverhältnis dieser Isotope in der Atmosphäre.
In den letzten Jahrzehnten ist allerdings infolge der Industrialisierung ihr CO2 -Gehalt ge-
1.7 Zeitmessung 37

stiegen. Da vorwiegend Kohle und Erdöl verbrannt werden, in denen wegen des hohen
Alters das 14 C längst nicht mehr vorhanden ist, sinkt sein prozentualer Anteil in der Atmo-
sphäre. Kernwaffenversuche hatten allerdings wieder einenAnstieg der 14 C-Konzentration
zur Folge. Da solche zivilisatorischen Einflüsse einen unregelmäßigen zeitlichen Verlauf
haben, sind für nach etwa 1850 entstandene organische Substanzen keine zuverlässigen
Altersbestimmungen mit der 14 C-Methode mehr möglich.
2 Kinematik punktförmiger Körper

Dieses und die folgenden Kapitel von Teil I handeln von makroskopischen Körpern, d. h.
von Körpern, die kontinuierlich beobachtbar sind. Die Annahme kontinuierlicher Beob-
achtbarkeit ist zwar für Himmelskörper, wie Planeten und Monde, und für die Körper,
mit denen wir uns im täglichen Leben beschäftigen, gerechtfertigt, nicht aber für atomare
Körper, wie Elektronen, Atome und Moleküle. Bei der Beobachtung atomarer Körper
wird offensichtlich, dass der Messprozess kein kontinuierlicher Prozess ist, sondern eine
diskrete Struktur hat und aus einer Folge abzählbarer Elementarereignisse besteht (Ab-
schn. 1.2). Atomare Körper folgen dementsprechend auch nicht den Gesetzen der klassi-
schen Mechanik, sondern den Gesetzen der Quantenmechanik.
Makroskopische Körper, die wir mit den Augen sehen können, haben eine Ausdeh-
nung von mindestens der Größenordnung der Wellenlänge des sichtbaren Lichts, also von
mindestens etwa 1 µm. Trotz ihrer Ausdehnung nehmen wir im Folgenden an, dass die
Körper punktförmig sind, d. h., dass ihre Lage im Raum mit drei Koordinaten vollständig
beschrieben werden kann. Diese Annahme ist gerechtfertigt, wenn sich die Körper in
Räumen bewegen, deren Ausmaße um mehrere Größenordnungen größer als die Ausdeh-
nung der Körper ist. Dementsprechend kann ein Planet wie die Erde in erster Näherung als
punktförmig betrachtet werden, wenn seine Bewegung um die Sonne beschrieben werden
soll. Denn der Radius der Erdbahn (etwa 1.5 · 108 km) ist um etwa vier Größenordnungen
größer als der Erddurchmesser (Erdumfang = 40 000 km).

2.1 Ruhe und Bewegung


Bezugssysteme. Von der Bewegung eines Körpers spricht man in der Umgangssprache
nur dann, wenn der Körper seine Lage relativ zu seiner näheren Umgebung ändert. Sitzt
jemand still in seinem Zimmer, so nennt man das Ruhe und nicht Bewegung, obgleich
sich der Betreffende mit dem Haus und der Erde auf einer mehrfach gewundenen Bahn
durch den Weltraum bewegt (Abb. 2.1). Man spricht im Allgemeinen also nur dann von der
Bewegung des Menschen, wenn er sich relativ zur nahe gelegenen Erdoberfläche bewegt.
Andererseits spricht man aber von der Drehung der Erde um eine Achse, von dem Lauf
der Erde um die Sonne und von der Bewegung unseres Sonnensystems im Weltraum. Man
bezieht also eine Bewegung im Allgemeinen immer auf die nächstgrößere Umgebung.
Um sich zu verdeutlichen, dass Bewegung von der Wahl der Bezugskörper abhängt,
denke man beispielsweise an eine Person auf einem fahrenden Schiff. Wenn sie stillsteht,
befindet sie sich relativ zum Schiff in Ruhe, andererseits bewegt sie sich mit seinem
nächsten Bezugskörper, nämlich dem Schiff, relativ zur Erdoberfläche. Dies ist ja der
Zweck ihrer Reise. Man muss also in einem solchen Fall bei Betrachtung von Ruhe und
40 2 Kinematik punktförmiger Körper

Abb. 2.1 Skizze der Bewegungen von Erde und Sonne relativ zum Zentrum der Milchstraße (nicht
maßstabsgerecht)

Bewegung die Frage stellen: Relativ zu welchem Bezugskörper erfolgt die Bewegung?
Ein Schiff auf dem fließenden Wasser eines Flusses kann ruhig im Wasser treiben, also
relativ zum Wasser ruhen, bewegt sich aber dennoch relativ zum Ufer.
Da makroskopische Körper kontinuierlich beobachtbar sind, kann ihre Lage relativ zu
den gewählten (ebenfalls makroskopischen) Bezugskörpern der Umgebung zu jeder Zeit
gemessen werden. Um die Bewegung von Körpern vollständig und eindeutig beschreiben
zu können, legt man mit Hilfe der Bezugskörper drei relativ zueinander ruhende und
nicht auf einer Geraden liegende Bezugspunkte fest und definiert damit ein Bezugssystem.
Die Anzahl der benötigten Bezugspunkte bestimmt die Dimension des physikalischen
Raumes. Im dreidimensionalen Raum wird durch die drei Bezugspunkte eine Ebene und
ein Drehsinn festgelegt. Jeder Punkt des Raumes kann durch Angabe seiner Entfernung
zu den drei Punkten der Ebene und einer Angabe darüber, ob er bezogen auf den Drehsinn
vor oder hinter der Ebene liegt, eindeutig charakterisiert werden.

Koordinatensysteme. Um die Bewegung von Körpern relativ zu einem Bezugssystem in


einfacher Weise mathematisch beschreiben zu können, benutzt man Koordinatensysteme.
Das am häufigsten benutzte kartesische Koordinatensystem (benannt nach René Descartes,
1596 – 1650) besteht aus drei zueinander senkrechten Geraden, den Koordinatenachsen,
die man mit den Buchstaben x, y und z bezeichnet (Abb. 2.2). Die positiven Richtun-
gen der drei Achsen sind folgendermaßen gewählt: Man denkt sich eine Rechtsschraube,
die sich durch Rechtsdrehung von unten nach oben bewegt. Ihre Fortschreitrichtung ist
die positive z-Richtung. Die x- und die y-Achse bilden dann eine Ebene senkrecht zur
2.1 Ruhe und Bewegung 41

Abb. 2.2 Zur Erklärung des kartesischen Koordinatensystems

z-Achse; sie liegen also in der Drehebene der Schraube, und zwar so, dass die y-Achse
durch eine Rechtsdrehung der Schraube um 90◦ aus der x-Achse hervorgeht. In ähnlicher
Weise kann man die Finger der rechten Hand zur Festlegung des Rechtsschraubensinnes
verwenden. Der Schnittpunkt der drei Achsen heißt der Nullpunkt oder der Ursprung des
Koordinatensystems. Die Lage eines Punktes Pi im Raum wird durch seine drei senk-
rechten Projektionen xi , yi und zi auf die Achsen bezeichnet, wobei die Vorzeichen dieser
Zahlen angeben, auf welcher Seite der Achse in Bezug auf den Ursprung der betreffende
Punkt liegt. In Abb. 2.2 hat somit der Punkt P1 die Koordinaten +x1 , +y1 und +z1 , der
Punkt P2 die Koordinaten −x2 , −y2 und +z2 . Die Abstände der beiden Punkte vom Ko-
ordinatenanfangspunkt sind durch die Beziehungen
K K
r1 = x12 + y12 + z12 und r2 = x22 + y22 + z22

gegeben. Der gegenseitige Abstand der beiden Punkte ist


K
d = [x1 − (−x2 )]2 + [y1 − (−y2)]2 + (z1 − z2 )2.

Andere häufig verwendete Koordinatensysteme, das sphärische (r, ϑ, ϕ) und das zylindri-
sche (G, λ, ζ ), sind in Abb. 2.3 erläutert.
42 2 Kinematik punktförmiger Körper

Abb. 2.3 Kugelkoordinaten (a) und Zylinderkoordinaten (b)

Bei der rechnerischen Behandlung physikalischer Probleme ist die Wahl eines günstigen
Koordinatensystems oft entscheidend für den Erfolg. So lassen sich Vorgänge mit zylin-
drischer Symmetrie, wie zum Beispiel die Strömung einer Flüssigkeit durch ein Rohr mit
kreisförmigem Querschnitt, nur mühsam in kartesischen Koordinaten beschreiben, sehr
bequem hingegen in Zylinderkoordinaten. Oft kann man ein Integral in einem geeigneten
Koordinatensystem analytisch lösen, in einem ungeeigneten aber nur nummerisch. Dafür
ist dann nicht nur der Aufwand größer, sondern auch die Aussagekraft des Ergebnisses
geringer als bei einem analytischen Resultat. Der erste Schritt bei physikalischen Berech-
nungen sollte daher immer die Suche nach einem geeigneten Koordinatensystem sein.

Vektoren. Zur mathematischen Formulierung physikalischer Gesetze ist es hilfreich, Vek-


toren einzuführen. Sie haben eine Länge und eine Richtung und können dementsprechend
als Pfeile, die von einem Punkt P1 zu einem Punkt P2 führen, dargestellt werden. Dabei
kann der Punkt P1 beliebig gewählt werden. Ein Punkt P des Raumes mit den karte-
sischen Koordinaten (x, y, z) und den sphärischen Koordinaten (r, ϑ, ϕ) kann also mit
einem Vektor
–"
r = OP
gekennzeichnet werden, der vom Ursprung 0 des Koordinatensystems zum Punkt P weist.
Dementsprechend setzt man
r = (x, y, z) oder r = (r, ϑ, ϕ) (2.1)
und nennt x, y, z und r, ϑ, ϕ die kartesischen bzw. sphärischen Koordinaten des Vektors r.
–" ––" –" ––" –"
Die Summe OP 1 + P1 P2 zweier Vektoren OP1 und P1 P2 ist gleich dem Vektor OP2 .
Dementsprechend werden Vektoren addiert, indem man die sich entsprechenden kartesi-
schen Komponenten addiert:
2.1 Ruhe und Bewegung 43

(x1, y1 , z1 ) + (x2 , y2 , z2 ) = (x1 + x2, y1 + y2 , z1 + z2 ). (2.2)


Es ist gleichgültig, in welcher Reihenfolge Vektoren addiert werden. Abb. 2.4a zeigt
zum Beispiel die Addition zweier Vektoren in verschiedener Reihenfolge. Es ergibt sich
immer ein Parallelogramm. Die graphische Subtraktion von Vektoren erfolgt analog. Es
ist a − b = a + (−b). Also hat man den Pfeil des Vektors b umzudrehen, bevor man ihn
zu a addiert (Abb. 2.4b).
/
Die Länge r = x2 + y2 + z2 eines Vektors (auch als Betrag bezeichnet) ist un-
abhängig von der Wahl des Koordinatensystems. Die kartesischen Koordinaten x, y, z
und die Richtungswinkel ϑ, ϕ hängen hingegen von der Wahl des Koordinatensystems ab.
Der Betrag r ist deshalb ein Skalar. Weitere Skalare können aus Paaren r 1 , r 2 von Vektoren
gebildet werden. So sind beispielsweise der von beiden Vektoren eingeschlossene Win-
kel α und die Beträge r1 , r2 der beiden Vektoren Skalare. Damit ist auch das sogenannte
Skalarprodukt
(r 1 · r 2 ) = r1 · r2 · cos α (2.3)
der beiden Vektoren r 1 und r 2 ein Skalar. Aus den kartesischen Koordinaten der Vektoren
r 1 und r 2 ergibt sich das Skalarprodukt zu:
(r 1 · r 2 ) = x1 · x2 + y1 · y2 + z1 · z2 . (2.4)
Ein Paar von Vektoren r 1 , r 2 spannt ein Parallelogramm mit der Fläche
A = r1 · r2 · sin α
auf. Die Orientierung der Fläche im Raum lässt sich durch die Richtung der Flächen-
normale, die im Sinn einer Rechtsschraube (Abb. 2.2) senkrecht auf der Fläche steht,
kennzeichnen. Dementsprechend kann die Fläche
A = r 1 × r2 (2.5)
auch als ein Vektor mit dem Betrag A und der Richtung der Flächennormale betrachtet
werden. Man nennt diesen Vektor das Vektorprodukt der Vektoren r1 und r2 . Die kartesi-
schen Komponenten des Vektors A ergeben sich aus den kartesischen Komponenten der
Vektoren r 1 und r 2 :
r 1 × r 2 = (y1z2 − z1 y2 , z1 x2 − x1z2 , x1y2 − y1 x2 ). (2.6)

Abb. 2.4 Addition und Subtraktion zweier Vektoren. (a) Vertauschen der Reihenfolge führt bei
der Addition zum selben Ergebnis; (b) bei der Subtraktion führt sie zur Umkehr der Pfeilrichtung:
b − a = −(a − b)
44 2 Kinematik punktförmiger Körper

Abb. 2.5 Zerlegung eines Vektors a in Komponenten parallel zu den Koordinatenachsen

Komponenten einesVektors. Ebenso, wie sich mehrere Vektoren zu einer Resultierenden


zusammensetzen, lässt sich umgekehrt ein gegebener Vektor in verschiedene Komponen-
ten zerlegen. Meist wird hierbei die Richtung der Komponenten vorgeschrieben. Abb. 2.5a
zeigt, wie ein vorgegebener Vektor a in der x-y-Ebene in zwei Vektoren ax (parallel zur
x-Achse) und ay (parallel zur y-Achse) zerlegt wird. Ist α die Neigung des Vektors a gegen
die x-Achse, so sind die Beträge der Vektoren ax und ay gleich den Beträgen |ax | und |ay |
der Komponenten von a = (ax , ay ):
ax = a cos α und ay = a sin α.
Der Betrag des Vektors a ist dann
K
a = a2x + a2y .

Abb. 2.5b zeigt eine entsprechende Zerlegung für einen Vektor im 3-dimensionalen Raum.
Anstatt a = ax + ay + az kann man auch a = (ax , ay , az ) schreiben. Oft ist es sinnvoll,
Vektoren parallel so zu verschieben, dass ihre Anfangspunkte mit dem Ursprung des
Koordinatensystems zusammenfallen. Die Zerlegung eines im Raum gelegenen Vektors
a, der am Ursprung beginnt, nach Vektoren, die parallel zu den Koordinatenachsen x, y
und z liegen, führt auf die drei Komponenten ax , ay und az von a.

Massenpunkte. In diesem Kapitel wird von der Ausdehnung der Körper abgesehen;
die Körper werden also als punktförmig betrachtet. Da alle Körper eine Masse (Ab-
schn. 1.6) haben, spricht man meistens von Massenpunkten. Ausgehend von dieser Idea-
lisierung, lässt sich die Bewegung eines Körpers vollständig beschreiben, indem man
seine Lage in dem gewählten Bezugssystem mit einem von der Zeit t abhängigen Orts-
vektor r(t) beschreibt. Die Vektorfunktion r(t) ist die Bahnkurve des Massenpunkts.
Tatsächlich sind alle makroskopischen Körper ausgedehnt. Im Rahmen der Mechanik
können sie als eine Anhäufung sehr vieler Massenpunkte betrachtet werden. Die Bewe-
gung ausgedehnter Körper lässt sich somit auf die Bewegung von einzelnen Massenpunk-
ten zurückführen.
Der Massenpunkt ist ein Begriff der klassischen Physik. Der klassischen Physik liegt die
Annahme zugrunde, dass die in der Natur ablaufenden Prozesse kontinuierlich beobach-
tet werden können. Aufgrund unserer täglichen Erfahrung mit makroskopischen Körpern
scheint diese Annahme so ausnahmslos erfüllt zu sein, dass man es gewöhnlich nicht für
2.1 Ruhe und Bewegung 45

nötig erachtet, sie zu erwähnen. Tatsächlich sind aber atomare Prozesse keineswegs konti-
nuierlich beobachtbar. Denn Atome können nur dank diskreter und spontan stattfindender
Elementarereignisse (Abschn. 1.2) nachgewiesen werden. Die Bewegung der Atome folgt
daher grundlegend anderen Gesetzen, nämlich den Gesetzen der Quantenphysik, als die
Bewegung von Massenpunkten, die den Gesetzen der klassischen Physik folgt.
Ein idealer Massenpunkt ist kontinuierlich beobachtbar und kann daher auch kontinuier-
lich in Beziehung zu seiner (kontinuierlich beobachtbaren) Umgebung gesetzt werden. Mit
den Körpern der Umgebung kann daher ein Bezugssystem festgelegt und die Bewegung
eines Massenpunktes relativ zu diesem Bezugssystem mit einer Bahnkurve r(t) beschrie-
ben werden.
EinAtom hingegen löst nur hin und wieder beobachtbare Ereignisse in seiner Umgebung
aus. Die Atome eines Gases, beispielsweise, haben eine mittlere freie Weglänge. Während
ihrer freien Flugzeit sind die einzelnen Atome prinzipiell nicht beobachtbar. Nur wenn die
Atome in ihrem freien Flug durch Streuung eines Photons oder durch einen Stoß gestört
werden, besteht die Möglichkeit, dass sie ein beobachtbares Ereignis auslösen. Dement-
sprechend kann die Bewegung eines Atoms im Allgemeinen nicht mit einer Bahnkurve
beschrieben werden. Vielmehr sind atomare Bewegungen in vielen Fällen quantenmecha-
nisch mit Teilchenwellen (s. Bd. 3) zu beschreiben.
Der Unterschied zwischen Atomen und Massenpunkten wird besonders auffällig bei der
Betrachtung mehrerer Körper. Da Massenpunkte kontinuierlich verfolgt werden können,
lassen sich auch gleichartige Massenpunkte eindeutig experimentell unterscheiden. Wenn
zwei Massenpunkte sich von den Orten a1 und a2 zu den Orten b1 und b2 bewegt haben,
ist experimentell erkennbar, auf welchen Wegstrecken sich die Massenpunkte bewegt ha-
ben. Daher können Start- und Zielpunkte einander zugeordnet werden. Bei gleichartigen
Atomen hingegen kann experimentell nicht entschieden werden, welche Startpositionen
mit welchen Zielpositionen zu verbinden sind. Gleichartige Atome sind dementsprechend
ununterscheidbar. Die Ununterscheidbarkeit ist nicht nur im Rahmen der Quantenphysik
von grundlegender Bedeutung, sondern auch für die statistische Physik der Wärme. Je
nachdem, ob die quantentheoretischen Wellenfunktionen mehratomiger Systeme bei ei-
nem Teilchenaustausch invariant bleiben oder ihr Vorzeichen wechseln, unterscheidet man
Bose-Einstein-Gase und Fermi-Dirac-Gase.
Obwohl, streng genommen, Atome nicht als Massenpunkte im Sinn der klassischen
Mechanik betrachtet werden dürfen, hat sich das klassische Modellbild atomarer Massen-
punkte doch in weiten Bereichen der Physik bewährt, insbesondere in der Wärmelehre
(Teil III). Beispielsweise werden atomare Gase, wie Helium oder Neon als Ensemble sich
frei im Raum bewegender Massenpunkte gedacht. Die Atome haben dementsprechend wie
Massenpunkte nur drei Freiheitsgrade. Dennoch muss ihnen bei genauerer Betrachtung
eine Ausdehnung zugeschrieben werden. Sie werden also einerseits als Kugeln mit einem
Radius in der Größenordnung von 10−10 m gedacht, die als starre Körper (s. Kap. 7) min-
destens 6 Freiheitsgrade hätten. Andererseits dürfen ihnen aber wie Massenpunkten nur
3 Freiheitsgrade zugebilligt werden, um im Einklang mit den experimentellen Daten zu
bleiben. Diese scheinbaren Widersprüche lassen sich erst im Rahmen der Quantenphysik
auflösen. Hier soll nur deutlich werden, dass das Weltbild der Newton’schen Mechanik bei
der Beschreibung vieler atomarer Prozesse versagt, weil ihr die Annahme kontinuierlicher
Beobachtbarkeit zugrunde liegt.
Die atomaren Körper der Wärmelehre unterscheiden sich in einer weiteren Hinsicht
grundlegend von den Massenpunkten der klassischen Mechanik. Während klassische Mas-
46 2 Kinematik punktförmiger Körper

senpunkte den streng deterministischen Gesetzmäßigkeiten der Newton’schen Mechanik


folgen, unterliegen die atomaren Massenpunkte der Wärmelehre auch den statistischen
Gesetzmäßigkeiten des Zufalls. So geht man davon aus, dass die Atome eines Gases sich
zwar während der freien Flugzeit wie klassische Massenpunkte geradlinig gleichförmig
bewegen, aber die Richtungsänderungen bei Stößen den Gesetzen des Zufalls unterliegen.
Mit dem Einfluss des Zufalls auf die Bewegung atomarer Massenpunkte wird der Tatsache
Rechnung getragen, dass auch bei allen Messungen die Gesetze des Zufalls in Form der
Messunsicherheiten (Abschn. 1.2) eine grundlegende Rolle spielen.

2.2 Geschwindigkeit
Gleichförmige Bewegung. Ein Massenpunkt bewegt sich geradlinig und gleichförmig,
wenn er auf gerader Bahn in gleichen Zeiten gleiche Strecken zurücklegt. Bezeichnet
man mit s die in der Zeit t zurückgelegte Wegstrecke, so gilt für die geradlinige und
gleichförmige Bewegung, dass das Verhältnis s/t einen gleichbleibenden konstanten Wert
besitzt. Dieses Verhältnis heißt Geschwindigkeit:
Strecke s
Geschwindigkeit v = .
Zeit t
Aus der Definition folgt, dass die Einheit der Geschwindigkeit das Verhältnis von Längen-
einheit und Zeiteinheit ist. Die Dimension der Geschwindigkeit ist also dim v = LT−1 .
Dies gilt für jede Geschwindigkeit und für jede Art von Bewegung, also nicht nur für den
Fall der geradlinigen und gleichförmigen Bewegung.
Die SI-Einheit der Geschwindigkeit ist m/s. Im Verkehr wird stattdessen häufig die
Einheit km/h benutzt. Zur Umrechnung beachte man, dass 1 m = 1/1000 km und 1 s
= 1/3600 h ist. Fährt zum Beispiel ein Auto mit einer Geschwindigkeit v = 72 km/h
und möchte man wissen, wie groß ihr Zahlenwert in den Einheiten m/s ist, so hat man zu
schreiben
km 1000 m m
v = 72 = 72 = 20 .
h 3600 s s
Will man andererseits die Geschwindigkeit eines Kurzstreckenläufers in km/h umrechnen,
der die Strecke von 100 m in 10 s durchläuft, hat man zu schreiben
100 m m (1/1000) km km
= 10 = 10 = 36 .
10 s s (1/3600) h h
Zur Bestimmung einer Geschwindigkeit ist die Messung einer Strecke und einer Zeit
erforderlich. Als Beispiel für die Messung einer relativ großen Geschwindigkeit sei im
Folgenden die Messung der Mündungsgeschwindigkeit einer Pistolenkugel besprochen
(Abb. 2.6). Auf der verlängerten Achse eines Elektromotors M , dessen Umlaufszahl pro
Zeitintervall mit einem Umdrehungsmesser U gemessen werden kann, sind im Abstand d
zwei Pappscheiben S1 und S2 befestigt. Feuert man aus der Pistole P in der bezeichneten
Richtung parallel zur Achse des Motors durch die Pappscheiben einen Schuss, der die erste
Scheibe an der Stelle a1 trifft, so wird die Scheibe S2 an einer Stelle a2 durchschlagen,
die gegenüber der Durchschussöffnung in S1 um den Winkel α versetzt ist; denn um den
2.2 Geschwindigkeit 47

P a
a
U
M
S S
Abb. 2.6 Messung der Geschwindigkeit ei-
nes Geschosses

Winkel α dreht sich die Scheibe, während das Geschoss die Strecke d zurücklegt. Man
erhält die Flugzeit tG des Geschosses zwischen den beiden Scheiben aus dem Winkel α
und der Umdrehungszahl pro Zeitintervall N /t:
α t
tG = · .
2π N
Aus dem gemessenen Wert von α lässt sich damit tG berechnen. Bei einem Versuch
war zum Beispiel d = 30 cm und N /t = 30 s−1 . Für α ergab sich ein Winkel von
15◦ = π/12 rad, für die Geschwindigkeit ein Wert von 216 m/s. – Eine andere Methode
zur Messung großer Geschwindigkeiten bietet die Kurzzeitfotografie (Stroboskop, s. Ab-
schn. 1.7).

Ungleichförmige Bewegung. Bisher haben wir die gleichförmigen Bewegungen bespro-


chen. Es war daher möglich, bei der Bestimmung der Geschwindigkeit die in einem belie-
bigen Zeitintervall zurückgelegte Strecke zu betrachten. Man sieht leicht ein, dass dieses
Verfahren versagt, wenn der sich bewegende Punkt auf geradliniger Bahn in gleichen Zei-
ten verschieden große Wege zurücklegt, wenn also die Geschwindigkeit ungleichförmig
ist. In diesem Fall werden zu verschiedenen Zeiten in Zeitintervallen mit der vorgegebe-
nen Länge 9t unterschiedliche Strecken 9s zurückgelegt. Außerdem hängt der Quotient
9s/9t von der gewählten Intervalllänge 9t ab. Die Quotienten stellen Durchschnitts-
werte der Geschwindigkeit in den betreffenden Zeitintervallen dar. Je kürzer die Zeitin-
tervalle sind, desto weniger hängt gewöhnlich der Quotient von der Wahl der Messdauer
9t ab. Bei hinreichend kleinen Zeitintervallen 9t sind dann die Messwerte innerhalb
der Messgenauigkeit (s. Abschn. 1.2) von der Messdauer unabhängig. Der so gewonnene
Grenzwert v(t) ist eine Funktion der Zeit t und heißt Momentangeschwindigkeit. Streng
genommen ist diese Begriffsbildung nur für makroskopische, also kontinuierlich beob-
achtbare Körper sinnvoll. Da Atome nicht kontinuierlich beobachtet werden können, kann
die Momentangeschwindigkeit eines Atoms grundsätzlich nicht gemessen werden. Der
Begriffsbildung fehlt hier die experimentelle Grundlage. Sie ist deshalb im Allgemeinen
fragwürdig.
Mathematisch entspricht der Momentangeschwindigkeit der Differentialquotient der
Funktion s(t). Der im Zeitintervall 9t zurückgelegte Weg sei 9s. Dann ist der Diffe-
renzenquotient 9s/9t die mittlere Geschwindigkeit im Zeitintervall 9t. Im Grenzfall
9t → 0 geht der Differenzenquotient in die erste Ableitung der Funktion s(t) nach der
Zeit t über:
s(t + 9t) − s(t) ds
lim = .
9t→0 9t dt
48 2 Kinematik punktförmiger Körper

Die Ableitung einer Funktion x(t) nach der Zeit wird oft auch durch einen über die Funktion
gesetzten Punkt bezeichnet, dx/dt ≡ ẋ. Für die Geschwindigkeit haben wir also
ds(t)
v(t) = ≡ ṡ(t). (2.7)
dt
Gl. (2.7) wurde für eine geradlinige Bewegung abgeleitet. Von der Voraussetzung der
Geradlinigkeit haben wir aber keinerlei Gebrauch gemacht. In gleicher Weise erhält
man daher auch für jede krummlinige Bewegung eine sogenannte Bahngeschwindig-
keit.
Die Bahngeschwindigkeit kennzeichnet die Bewegung eines Körpers nur betragsmäßig.
In der Physik gibt die Geschwindigkeit aber auch die Richtung der Bewegung an. Die
Geschwindigkeit ist also ein Vektor v mit drei kartesischen Komponenten:
v = (vx , vy , vz ).
Um den Vektorcharakter zu betonen, spricht man häufig auch von dem Geschwindig-
keitsvektor. Um die Geschwindigkeitskomponenten zu messen, betrachtet man statt der
im Zeitintervall 9t zurückgelegten Wegstrecken 9s den Vektor 9r = (9x, 9y, 9z),
um den sich die Lage des Massenpunkts im Zeitintervall 9t verschoben hat. Damit ergibt
sich für den Vektor v der Momentangeschwindigkeit:
D F
dx dy dz
v = (vx , vy , vz ) = , , .
dt dt dt
Der große Vorteil der Vektorschreibweise besteht darin, dass man anstelle von drei Glei-
chungen für die drei Komponenten eines Vektors nur eine einzige Vektorgleichung be-
trachten muss. Die Komponentengleichung kann also durch die Vektorgleichung
dr
v= ≡ ṙ
dt
ersetzt werden. Man nimmt damit nicht mehr Bezug auf ein spezielles Koordinatensystem.

Vektoraddition von Geschwindigkeiten. Geschwindigkeiten verhalten sich wie Vekto-


ren des drei-dimensionalen Raumes (Abschn. 2.1) und können daher wie Vektoren addiert
und in Komponenten zerlegt werden. Dieser Satz gilt allerdings nur unter einer wichti-
gen Voraussetzung: Die betrachteten Geschwindigkeiten müssen betragsmäßig sehr viel
kleiner als die Lichtgeschwindigkeit c = 3 · 108 m/s sein (s. Abschn. 2.3). Diese Voraus-
setzung ist für die Geschwindigkeit fast aller Körper, deren Bewegung wir im täglichen
Leben beobachten, sehr gut erfüllt.
Man nutzt die Vektoraddition von Geschwindigkeiten, wenn sich zwei Geschwindigkei-
ten überlagern, wie beispielsweise die Geschwindigkeit v 2 des fließenden Wassers eines
Flusses mit der relativ zum Wasser gemessenen Geschwindigkeit v 1 eines Bootes, das
den Fluss überquert. Man berechnet dann die Geschwindigkeit v 3 des Schiffes relativ
zum Ufer des Flusses mit dem Galilei’schen Gesetz der Geschwindigkeitsaddition:
v3 = v1 + v2 (2.8)
In dem in Abb. 2.7 gezeigten Beispiel überquert ein Boot einen Fluss. Das Boot wird
flussabwärts getrieben. Die Vektoraddition zeigt dann Betrag und Richtung der resultie-
renden Geschwindigkeit v 3 des Bootes. Man kann das Boot auch in eine solche Richtung
2.3 Transformationen 49

Abb. 2.7 Zur Vektoraddition von Geschwindigkeiten

steuern, dass es genau gegenüber vom Abfahrtsort ankommt. Mit Hilfe der Vektordarstel-
lung lassen sich schnell Größe und Richtung der Geschwindigkeit v 1 bestimmen, die das
Boot in diesem Fall haben muss.
Dass sich Geschwindigkeiten und – wie wir später sehen werden – auch Beschleuni-
gungen, Kräfte und Felder in der Weise zusammensetzen wie in den Abb. 2.4 und 2.7,
ist keineswegs selbstverständlich. Vielmehr ergibt sich das Galilei’sche Additionsgesetz
für (hinreichend kleine) Geschwindigkeiten (v - c) aus Messungen und Beobachtungen,
durch die es im Lauf der Zeit immer wieder bestätigt wurde.

2.3 Transformationen
Um den Ort r(t) und die Geschwindigkeit v (t) eines Massenpunktes zur Zeit t angeben
zu können, muss man sich, wie in Abschn. 2.1 betont, auf Bezugskörper der näheren oder
ferneren Umgebung beziehen und ein Bezugssystem festlegen. Zwei Beobachter A und B
können daher die Bewegung ein und desselben Massenpunktes in verschiedenen Bezugs-
systemen beschreiben. In diesem Fall sind die von A und B gemessenen Bahnkurven r A (t)
und r B (t) ebenso wie die von beiden Beobachtern gemessenen Geschwindigkeiten v A (t)
und v B (t) des Massenpunktes voneinander verschieden. Es stellt sich dann die Frage, wie
A aus seinen Messungen die Messwerte von B und umgekehrt B die Messwerte von A
errechnen kann.
Zur Illustration der Fragestellung sei beispielsweise an eine in einem Schiff rollende
Kugel gedacht. A ist auf dem Schiff und beschreibt die Bewegung der Kugel relativ zum
Schiff; B hingegen steht am Ufer und beschreibt die Bewegung der Kugel relativ zum Ufer.
Um in diesem Fall die Bahnkurven rA (t) und rB (t) ineinander umrechnen zu können, muss
auch die Bewegung des Schiffes relativ zum Ufer bekannt sein. Wenn diese Bewegung
hinreichend einfach ist, ergeben sich handliche Umrechnungsformeln.
Für einige einfache Fälle sei im Folgenden die Transformation von Ort und Geschwin-
digkeit beim Wechsel des Bezugssystems diskutiert. Leicht überschaubar ist die Situation,
wenn die Bezugskörper von A und B relativ zueinander ruhen. Wir betrachten die beiden
Spezialfälle der Translation und der Rotation.
50 2 Kinematik punktförmiger Körper

yB

yA

rB(t )
rA(t )

xB
b
Abb. 2.8 Translation des Koordinaten-
xA systems

Translation. In diesem Fall sind die beiden Bezugssysteme gegeneinander um einen Vek-
tor b verschoben, d. h., der Ursprung des Bezugssystems B hat den Ort b = (bx , by , bz )
im Bezugssystem A. Die Richtungen der Koordinatenachsen seien aber in beiden Bezugs-
systemen gleich (Abb. 2.8). Dann gilt:
r A (t) = r B (t) + b (2.9)
v A (t) = v B (t). (2.10)
Dabei ist vorausgesetzt, dass der physikalische Raum den Gesetzen der euklidischen Geo-
metrie unterliegt.

Rotation um die z-Achse. In diesem Fall haben beide Bezugssysteme denselben Ur-
sprung und gleiche z-Achse. Die Richtungen von x- und y-Achse sind aber gegeneinander
um den Winkel α verdreht (Abb. 2.9). Dann besteht zwischen den kartesischen Koordi-
naten eines Punktes P, den die Beobachter A und B mit den Vektoren r A = (xA , yA , zA )
bzw. r B = (xB , yB , zB ) kennzeichnen, die folgende Beziehung:
xB = xA · cos α + yA · sin α (2.11)
yB = −xA · sin α + yA · cos α (2.12)
zB = zA . (2.13)

yA P

xB
yB
6
xA Abb. 2.9 Drehung des Koordinatensystems

Galilei-Transformation. Interessanter sind Transformationen zwischen zueinander be-


wegten Bezugssystemen. Wir betrachten nur den Fall, dass die Bewegung geradlinig
gleichförmig ist, d. h. eine Translation mit der zeitabhängigen Verschiebung b(t) = v b · t.
Die Relativgeschwindigkeit v b der beiden Bezugssysteme sei also konstant.
Scheinbar lässt sich in diesem Fall das Transformationsgesetz aus der bereits bekannten
Translation herleiten, indem man den Translationsvektor b durch einen zeitabhängigen
2.4 Beschleunigung und Kreisbewegung 51

Vektor b(t) ersetzt:


r A (t) = r B (t) + b(t). (2.14)
Eine Differentiation nach der Zeit ergibt dann:
v A (t) = v B (t) + v b , (2.15)
d. h. das Galilei’sche Additionsgesetz für Geschwindigkeiten. Dieses Additionsgesetz gilt
aber in der Natur nur, wenn die betrachteten Geschwindigkeiten klein im Vergleich mit der
Lichtgeschwindigkeit c = 3·108 m/s sind. Nur bei hinreichend kleinen Geschwindigkeiten
wird das Galilei’sche Additionsgesetz – innerhalb der Unsicherheiten der Messwerte –
experimentell bestätigt. Bei hohen Geschwindigkeiten ergeben sich hingegen erhebliche
Abweichungen. Insbesondere ergab sich für die Lichtgeschwindigkeit unabhängig von der
Wahl des Bezugssystems stets derselbe Wert c = 3 · 108 m/s.
Dieses Ergebnis steht einerseits offensichtlich im Widerspruch zum Galilei’schen Ad-
ditionsgesetz, führt aber andererseits zu dem Schluss, dass die Lichtgeschwindigkeit eine
fundamentale Konstante im Naturgeschehen ist. Aufgrund einer internationalen Verein-
barung konnte deshalb die Lichtgeschwindigkeit willkürlich auf den Wert
c = 299 792 458 m/s (2.16)
festgelegt und damit die Längeneinheit 1 m auf die Zeiteinheit 1 s bezogen werden (Ab-
schn. 1.3).
Das experimentelle Ergebnis, dass die Lichtgeschwindigkeit als Naturkonstante zu be-
trachten ist, kommt in der speziellen Relativitätstheorie zur Geltung. Albert Einstein
(1879 – 1955) erkannte, dass bei der Ableitung des Galilei’schen Additionsgesetzes für
Geschwindigkeiten stillschweigend angenommen wird, dass sich die Beobachter A und B
auf die gleiche Uhrzeit beziehen können. Diese Annahme ist experimentell nicht gerecht-
fertigt. Tatsächlich können zwei weit voneinander stattfindende Ereignisse, die Beobachter
A als gleichzeitig wahrnimmt, von Beobachter B als aufeinanderfolgend wahrgenommen
werden. Wegen dieser Relativierung der Gleichzeitigkeit sind bei einer Transformation
zwischen zueinander bewegten Bezugssystemen nicht nur die Orts-, sondern auch die
Zeitangaben zu transformieren. Im Allgemeinen ist daher beim Wechsel zwischen zuein-
ander bewegten Bezugssystemen eine Lorentz-Transformation (s. Bd. 2) durchzuführen.
Nur wenn die betrachteten Geschwindigkeiten sehr viel kleiner als die Lichtgeschwindig-
keit sind, ist die Galilei-Transformation eine hinreichend gute Näherung. Im Rahmen der
im Teil I des Lehrbuches behandelten Mechanik werden wir die Annahme v - c stets
voraussetzen.

2.4 Beschleunigung und Kreisbewegung


Wenn sich die Geschwindigkeit eines Körpers mit der Zeit ändert, spricht man von ei-
ner beschleunigten Bewegung. Im Allgemeinen kann sich sowohl der Betrag als auch
die Richtung der Geschwindigkeit ändern. Im Folgenden werden zunächst geradlinige
Bewegungen betrachtet. Dann ändert der Vektor der Geschwindigkeit nur den Betrag.
Es handelt sich dann um eine reine Bahnbeschleunigung. Nimmt die Geschwindigkeit
52 2 Kinematik punktförmiger Körper

im Lauf der Zeit ab, so ist die Beschleunigung negativ und wird auch Verzögerung ge-
nannt.

Gleichförmige Beschleunigung. Wir betrachten zunächst geradlinige Bewegungen mit


konstanter Beschleunigung. Wählt man einen Punkt der Geraden als Bezugspunkt, so ha-
ben alle Ortsvektoren der Geraden (abgesehen vom Vorzeichen) dieselbe Richtung. Man
kann daher auf die Vektorschreibweise verzichten. Bezeichnet man mit v0 die Geschwin-
digkeit zu Beginn der Beobachtung (t0 ) und mit v(t) die Geschwindigkeit nach der Zeit
9t = t − t0 , so gibt der Ausdruck a = (v(t) − v0 )/9t die Geschwindigkeitsänderung
in der Zeit an. Im vorliegenden Fall sei a also ein konstanter, zeitunabhängiger Wert. Für
eine solche gleichmäßig beschleunigte, geradlinige Bewegung kann man demnach sagen:
Die Beschleunigung ist die Geschwindigkeitsänderung pro Zeitintervall. Es gilt also die
Beziehung
v(t) − v0 9v
a= = . (2.17)
t − t0 9t
Die Dimension der Beschleunigung ist dim a = LT−2 , ihre SI-Einheit ist m/s2 . Setzt man
t0 = 0 und schreibt die letzte Gleichung in der Form
v(t) = at + v0 , (a = const), (2.18)
so lässt sich die Endgeschwindigkeit eines konstant beschleunigten Massenpunktes be-
rechnen, wenn die Beschleunigung a und die Anfangsgeschwindigkeit v0 bekannt sind.
Die nach der Zeit t zurückgelegte Strecke s erhält man wieder durch Integration von
v(t) über die Zeit:
a
s(t) = t 2 + v0 t + s0 , (a = const). (2.19)
2
Elimination der Zeit aus den Gln. (2.18) und (2.19) liefert eine Beziehung zwischen
Strecke s und Geschwindigkeit v zur Zeit t:
v2 = v02 + 2a(s − s0 ), (a = const). (2.20)
Auf ein Beispiel für eine gleichförmige Beschleunigung führt die Betrachtung des
Fahrzeugstroms auf einer Autostraße. Bei normalem Verkehrsfluss fahren alle Wagen
mit derselben Geschwindigkeit v im gleichen Abstand hintereinander. Sie müssen aber
einen bestimmten Sicherheitsabstand einhalten, der quadratisch mit v anwächst, so dass
bei einer Vollbremsung gerade ein Auffahren verhindert wird. Ist die Geschwindigkeit
klein, so können die Autos dicht hintereinander fahren, weil der Bremsweg kurz ist, bei
großer Geschwindigkeit fahren sie mit größerem Abstand. Wir wollen untersuchen, wie
der Fahrzeugstrom J – definiert als die Anzahl N der Fahrzeuge, die im Zeitintervall 9t
eine bestimmte Stelle passieren – von der Geschwindigkeit abhängt. Gibt es vielleicht ein
optimales v, bei dem J möglichst groß wird? Die Abhängigkeit der Größe J = N /9t
von v ergibt sich, indem man das Zeitintervall 9t durch die Länge L einer Reihe von
N Fahrzeugen und durch ihre Geschwindigkeit ausdrückt 9t = L/v. Die Länge L ist
das N -fache des Mindestabstands d zweier aufeinanderfolgender Wagen, von Kühler zu
Kühler gerechnet. Dieser Abstand setzt sich zusammen aus der Wagenlänge lw , dem in
der „Schrecksekunde“ Tr vor einer Bremsung zurückgelegten Reaktionsweg lr = vTr und
dem Bremsweg lb . Letzterer folgt aus Gl. (2.20) mit v0 = s0 = 0 (nach Vollbremsung) zu
2.4 Beschleunigung und Kreisbewegung 53

lb = v2 /2ab mit der Bremsverzögerung ab . Bei einer Vollbremsung blockieren die Räder
gerade noch nicht. Nach Newtons Grundgesetz der Mechanik (s. Abschn. 3.2) ist ab
gleich der Reibungskraft FR zwischen Reifen und Straße dividiert durch die Wagenmasse
m. Die Reibungskraft ist ihrerseits proportional zu m mit dem Gleitreibungskoeffizienten
μ (Näheres s. Kap. 9) und mit der Erdbeschleunigung g (s. Abschn. 2.4): FR = μmg.
Daraus folgt ab = μg und lb = v2 /2μg sowie d = lw + vT r + v2 /2μg. Schließlich
erhalten wir für den Strom
N Nv Nv v
J (v ) = = = = .
9t L Nd lw + vTr + v2 /2μg
Bei Verkleinerung des Sicherheitsabstands lr + lb = vT r + v2 /2μg steigt zwar der Strom
entsprechend an, jedoch steigt damit das Risiko von Auffahrunfällen.
In Abb. 2.10 ist die Funktion J (v) dargestellt, und zwar für drei verschiedene Rei-
bungskoeffizienten entsprechend drei verschiedenen Straßenzuständen: trockene Straße
(μ = 0.8), feuchte Straße (μ = 0.5) und vereiste Straße (μ = 0.05). Der Fahrzeugstrom
steigt für kleine v proportional mit v an und fällt für große v mit 1/v ab. Dazwischen
gibt es ein Maximum Jmax (vmax ). Dieses erhält man durch Differenzieren von J nach
v:
1 /
Jmax = √ , vmax = 2lw μg.
TR + 2lw /μg
Der quantitative Verlauf von J (v) ist sehr aufschlussreich. Man sieht zum Beispiel, dass die
Geschwindigkeit von vmax = 28.5 km/h bei trockener Straße einen Strom von 1800 Fahr-
zeugen pro Stunde erlaubt, bei vereister Straße dagegen nur noch 360 pro Stunde. Ferner
sieht man, dass zu jedem Stromwert J < Jmax zwei verschiedene Geschwindigkeiten
gehören, links und rechts vom Maximum. Fährt man in der Kolonne schneller als vmax
und hält den Sicherheitsabstand ein, so kommt man zwar schneller ans Ziel, gleichzeitig
sinkt aber der Strom, das heißt, weniger Fahrzeuge erreichen ihr Ziel pro Zeit; das Gleiche
gilt für Langsamfahrer (v < vmax ).

J (s−1) J (h−1)

Abb. 2.10 Fahrzeugstrom beim Kolonnenverkehr für verschiedene Straßenverhältnisse (μ) berech-
net für lw = 4 m und Tr = 1 s. Die Zahlen in Klammern bezeichnen den Sicherheitsabstand lr + lb
in m.
54 2 Kinematik punktförmiger Körper

Eine allgemeine Bemerkung sei noch hinzugefügt. Ebenso wie die Geschwindigkeit
als zeitliche Änderung des Ortes und die Beschleunigung als zeitliche Änderung der
Geschwindigkeit eingeführt wurde, kann man natürlich eine entsprechende Änderung
der Beschleunigung als „Beschleunigung zweiter Ordnung“, deren Änderung wieder
als „Beschleunigung dritter Ordnung“ usw. einführen. Obwohl diese Beschleunigungen
höherer Ordnung in der Praxis wichtig sind – man denke nur an die Geschwindigkeits-
steuerung eines Schnellaufzugs – sind sie für die Grundgleichungen der Mechanik nicht
nötig. Hier kommt man allein mit den Begriffen Geschwindigkeit und Beschleunigung
aus.

Bewegung auf gekrümmter Bahn. Bei einer nicht geradlinigen Bewegung ändert sich
nicht nur der Betrag, sondern auch die Richtung der Geschwindigkeit des punktförmigen
Körpers. In Abb. 2.11a sei ein kleines Bahnelement 9s zwischen zwei Punkten P1 und
P2 einer gekrümmten Bahn betrachtet. Die Geschwindigkeiten in diesen beiden Bahn-
punkten seien v 1 und v 2 . Wenn das Bahnelement hinreichend klein ist, kann es als Teil
eines Kreises, des sogenannten Schmiegungskreises, betrachtet werden. Errichtet man in
den Punkten P1 und P2 die Senkrechten, so schneiden sich diese in dem Mittelpunkt O
des Schmiegungskreises. Die beiden so gewonnenen Radien R bilden miteinander den
Winkel 9ϕ, den auch die beiden Geschwindigkeitsvektoren v 1 und v 2 miteinander ein-
schließen. In Abb. 2.11b sind die beiden Geschwindigkeiten v 1 und v 2 nochmals nach
Größe und Richtung von einem gemeinsamen Anfangspunkt O, aus aufgetragen. Die
Verbindungslinie ihrer Endpunkte A und B liefert dann einen Vektor 9v . Er stellt nach
Größe und Richtung die Geschwindigkeitsänderung dar, die der Punkt bei der Bewegung
längs des Bahnelements 9s erfährt. Die Geschwindigkeitsänderung pro Zeit bedeutet eine
Beschleunigung, deren Richtung mit derjenigen –" von 9–v zusammenfällt. Man kann
–" ihn
in zwei zueinander senkrechte Komponenten AC " zerlegen. Eine davon (AC)
und CB ist
parallel zu v 1 ; sie ist proportional zur Bahnbeschleunigung ab (oder Tangentialbeschleu-
nigung). Diese Beschleunigung ab beschreibt also lediglich die Änderung der Größe der
Geschwindigkeit bei gleichbleibender Richtung und besitzt im Grenzfall 9t → 0 den
Betrag
dv d2 s
ab = = 2. (2.21)
dt dt

P
P

A
C

Abb. 2.11 Zerlegung einer Geschwindigkeitsänderung in Komponenten parallel und senkrecht zur
Bahn
2.4 Beschleunigung und Kreisbewegung 55

Abb. 2.12 Die beiden Grenzfälle einer Geschwindigkeitsänderung, (a) reine Bahnbeschleunigung
durch Vergrößerung der Geschwindigkeit in Richtung der Bahn; (b) reine Radialbeschleunigung
durch alleinige Änderung der Richtung der Geschwindigkeit

Die Größe ab unterscheidet sich also nicht von der bisher betrachteten Beschleunigung
bei geradliniger Bewegung (s. Gl. (2.17)).
–"
Die andere Komponente (CB) von 9v liegt senkrecht zu v 1 . Sie ist proportional zur
Radialbeschleunigung ar , auch Normalbeschleunigung oder Zentripetalbeschleunigung
genannt. Diese Beschleunigung bewirkt nur eine Richtungsänderung der Geschwindigkeit
bei gleichbleibendem Betrag. Die Zerlegung einer Geschwindigkeitsänderung in zwei
Komponenten, in die Bahnbeschleunigung und in die Radialbeschleunigung, liefert somit
die in Abb. 2.12 gezeigten zwei Grenzfälle. Die Bahnbeschleunigung ab ist aus dem
täglichen Leben als gewöhnliche Beschleunigung bekannt. Die Radialbeschleunigung ar
wird dagegen oft gar nicht als Beschleunigung angesehen. Sie ist aber von gleich großer
Bedeutung.

Gleichförmige Kreisbewegung. Die Bewegung eines Massenpunktes auf einer Kreis-


bahn mit konstanter Umlaufgeschwindigkeit v ist ein häufig vorkommender Sonderfall
(technische Maschinen, Erdsatelliten, Bohrs Atommodell usw.) und soll hier eingehender
behandelt werden. Wenn der Betrag v der Geschwindigkeit konstant ist, also ab = 0, ist
auch ar zeitlich konstant (Abb. 2.13a). Für kleine Winkel gilt im Bogenmaß (rad) nach
Abb. 2.12b 9ϕ = 9v/v; also ist 9v = v9ϕ. Um den kleinen Winkel 9ϕ zu durchlaufen,
sei die kleine Zeit 9t erforderlich. Der Grenzwert dϕ/dt heißt die Winkelgeschwindigkeit

P1

P4 P2

P3

Abb. 2.13 Zur Kreisbewegung, (a) Geschwindigkeitsvektoren bei gleichförmiger Kreisbewegung;


(b) gedachte Zerlegung einer Kreisbewegung in sehr kleine Abschnitte (v 9t), auf denen der Mas-
senpunkt tangential weiterfliegt, und solche (s = (1/2)ar (9t)2 ), auf denen der Massenpunkt wieder
auf die Kreisbahn gezogen wird
56 2 Kinematik punktförmiger Körper

ω (Einheit rad/s). Daraus folgt für die Radialbeschleunigung

9v 9ϕ dϕ
ar = lim = lim v= v = ω v. (2.22)
9t→0 9t 9t→0 9t dt
Wie schon im Abschn. 1.7 erwähnt wurde, nennt man die Winkelgeschwindigkeit bei
Drehbewegungen auch Kreisfrequenz. Diese Bezeichnung beruht auf dem Zusammenhang
zwischen ω und der Frequenz ν bzw. der Umlaufsdauer T = 1/ν. Der bei einem vollen
Umlauf überstrichene Winkel ist gleich 2π rad, und es gilt ω = 2πν = 2π/T . Um
Verwechslungen von Frequenz ν und Kreisfrequenz ω zu vermeiden, soll ν immer in der
Einheit 1/s angegeben werden, ω aber in der Einheit rad/s. In Dimensionsgleichungen
kann die Einheit rad weggelassen werden, da sie als Länge/Länge bzw. Bogen/Radius
„dimensionslos“ ist bzw. die Dimension eins besitzt (s. Abschn. 1.5).
Die Zeit für einen vollen Kreisumlauf sei T ; der Weg dafür ist der Kreisumfang 2πR.
Also ist die Bahngeschwindigkeit v = 2πR/T . Mit ω = dϕ/dt = 2π/T wird die Bahn-
geschwindigkeit

v = ωR. (2.23)

Durch Einsetzen von Gl. (2.23) in Gl. (2.22) folgt für die Radialbeschleunigung

v2
ar = ω v = ω 2 R bzw. ar = . (2.24)
R
Die Radialbeschleunigung ist immer zum Kreiszentrum hin gerichtet, wie wir oben ge-
sehen haben. Sie bewirkt, dass der Massenpunkt auf der Kreisbahn bleibt und nicht ge-
radlinig davonfliegt. Daher wird ar auch Zentripetalbeschleunigung genannt. Man kann
sich die Kreisbewegung näherungsweise auch so zusammengesetzt denken, dass der Mas-
senpunkt in sehr kleinen Schritten tangential weiterfliegt und ebenfalls in sehr kleinen
Schritten wieder auf die Kreisbahn gezogen wird (Abb. 2.13b).
Bewegungen mit reiner Bahnbeschleunigung oder reiner Radialbeschleunigung sind
zwei Grenzfälle. Oft sind beide Beschleunigungskomponenten gleichzeitig vorhanden.
Die Beschleunigung a kann aber immer in die beiden Komponenten Bahnbeschleunigung
ab und Radialbeschleunigung ar zerlegt werden. Der Betrag a der Gesamtbeschleunigung
ist dann
K
a = a2b + a2r . (2.25)

Als Beispiel für die gleichförmige Kreisbewegung mit konstanter Umlaufgeschwindigkeit


(v = ωR, ab = 0, ar = v2 /R) betrachten wir die Bahn eines in 100 km Höhe antriebslos
fliegenden Erdsatelliten (s. Abschn. 4.5). Ihr Radius ist gleich dem Erdradius 6380 km
plus 100 km. Die Umlaufsdauer beträgt 5.19 · 103 s (≈ 1.5 h). Mit Hilfe der Beziehun-
gen (2.23) und (2.24) lassen sich Bahngeschwindigkeit v, Winkelgeschwindigkeit ω und
Radialbeschleunigung ar berechnen. Verifizieren Sie zur Übung, dass v = 7.85 km/s,
ω = 1.21 · 10−3 rad/s und ar = 9.50 m/s2 ist.
Wenn sich die Bahngeschwindigkeit auf einer Kreisbahn im Lauf der Zeit ändert, so gilt
das natürlich auch für die Winkelgeschwindigkeit ω. Die Größe ω̇ = dω/dt = d2 ϕ/dt 2
bezeichnet man als Winkelbeschleunigung. Analog zu den Gln. (2.18) und (2.19) gilt dann
2.4 Beschleunigung und Kreisbewegung 57

für konstante Winkelbeschleunigung (Einheit rad/s2 )


ω(t) = ω̇t + ω0 , (2.26)
1
ϕ(t) = ω̇t 2 + ω0 t + ϕ0 . (2.27)
2
Vektor der Winkelgeschwindigkeit. In den Gln. (2.21) bis (2.24) haben wir nur die
Beträge der Geschwindigkeit und der Beschleunigung angegeben. Beide Größen sind
jedoch Vektoren. Bei vektorieller Schreibweise müssen auch auf den rechten Seiten die-
ser Gleichungen Vektoren stehen, die gleichen Betrag und gleiche Richtung haben wie
die linksstehenden Vektoren. In Gl. (2.23) steht dann links die Bahngeschwindigkeit v ,
das heißt ein Tangentenvektor an die Kreisbahn (Abb. 2.14). Auf der rechten Seite steht
der Radiusvektor R, der vom Mittelpunkt ausgeht und immer senkrecht auf v ist. Eine
Beziehung zwischen den aufeinander senkrecht stehenden Vektoren kann mit Hilfe des
Vektorprodukts (Abschn. 2.1) formuliert werden. Dazu definiert man den Vektor ω für die
Winkelgeschwindigkeit. Er hat den Betrag dϕ/dt und steht im Sinn einer Rechtsschraube
senkrecht auf der Ebene, in der der Winkel ϕ(t) umläuft (Abb. 2.14).
Mit dem so definierten Vektor ω der Winkelgeschwindigkeit lässt sich die Beziehung
zwischen der Geschwindigkeit v und dem Radiusvektor R als Vektorprodukt schreiben:
v = ω × R. (2.28)
Auch die Gl. (2.24) für die Radialbeschleunigung können wir nun vektoriell schreiben:
ar = ω × v = ω × (ω × R). (2.29)
Die Klammer auf der rechten Seite ist wichtig. Es ist zunächst das eingeklammerte Vek-
torprodukt zu berechnen und dann ω mit dem resultierenden Vektor vektoriell zu multi-
plizieren. Bei Vektorprodukten kommt es also auf die Reihenfolge der Multiplikation an.
Den Zusammenhang ω × v = ω v sin 9 (ω, v ) · e⊥⊥ sollten Sie sich anhand der Abb. 2.14

Abb.2.14 Zur Definition derVektorprodukte v = ω×R und ar = ω×v bei der Kreisbewegung. Die
Winkelgeschwindigkeit ω ist ein sogenannter axialer Vektor, der im Unterschied zum gewöhnlichen
(polaren) Vektor einen Drehsinn beschreibt. Wir kennzeichnen axiale Vektoren durch einen Pfeil mit
Drehpfeil.
58 2 Kinematik punktförmiger Körper

überlegen. Dabei ist e⊥⊥ der Einheitsvektor senkrecht zur von ω und v aufgespannten
Ebene, wieder in Rechtsschraubenrichtung (ω → v ). Die Richtung von e⊥⊥ ist diejenige
von −R. Wenn ω zeitlich nicht konstant, die Kreisbewegung also ungleichförmig ist, so
erhält man anstelle der Gl. (2.21) für die vektorielle Bahnbeschleunigung
dv d(ω × R) dω
ab = = = × R. (2.30)
dt dt dt
Hierbei ist die Zeitableitung des Vektors ω definiert als dω/dt = (dωx /dt)ex+(dωy /dt) ey
+ (dωz /dt)ez .

2.5 Freier Fall und Wurfbewegung


Freier Fall. Die behandelten Bewegungsgesetze sollen nun am Beispiel des freien Falls
experimentell untersucht werden. Erfahrungsgemäß fällt jeder im Raum losgelassene
Körper zur Erdoberfläche hin, wobei seine Geschwindigkeit mit der Länge der Fallstrecke
zunimmt. Beim freien Fall handelt es sich also um eine beschleunigte Bewegung, die
zuerst von Galileo Galilei (1564 – 1642) systematisch untersucht wurde.
Zunächst sei untersucht, ob die Fallbewegung von der Art des fallenden Körpers, von
seiner Größe oder seinem Gewicht abhängig ist. Wir machen folgende Versuche: Zwei
gleich große Kugeln aus Aluminium und Blei, die also sehr verschiedenes Gewicht haben,
lassen wir gleichzeitig aus derselben Höhe zu Boden fallen. Wir sehen, dass sie zu gleicher
Zeit am Boden aufschlagen. Nehmen wir drei gleiche Kugeln aus demselben Stoff, so
kommen diese natürlich ebenfalls zur gleichen Zeit am Boden an. Verbinden wir nun zwei
dieser Kugeln fest miteinander (etwa durch einen hindurchgehenden Stift), und lassen
wir diese Doppelkugel mit der dritten Einzelkugel gleichzeitig fallen, so schlagen auch
diese beiden Körper von verschiedener Größe und verschiedenem Gewicht gleichzeitig am
Boden auf. Der hieraus zu ziehenden Folgerung, dass alle Körper, unabhängig von Gestalt,
Art und Gewicht, gleich schnell fallen, scheint aber folgender Versuch zu widersprechen:
Lassen wir eine Münze und ein gleich großes Stück Papier fallen, so beobachten wir, dass
die Münze wesentlich früher unten ankommt als das zur gleichen Zeit aus derselben Höhe
fallende Papierstückchen. Letzteres flattert in unregelmäßiger Bewegung zu Boden und
benötigt dazu eine größere Zeit. Der Gegensatz ist indessen nur scheinbar. Bei diesem
letzten Versuch macht sich nämlich der Widerstand der Luft störend bemerkbar. Die beim
Fall an dem Körper vorbeiströmende Luft hemmt die Fallbewegung, und zwar um so
stärker, je größer die Angriffsfläche der Luft an dem betreffenden Körper im Verhältnis
zu seiner Masse ist. Ballen wir das Papierstück zu einer kleinen Kugel zusammen, so fällt
es ebenso rasch wie die Münze.
Der störende Einfluss des Luftwiderstandes auf den freien Fall lässt sich noch durch
einen anderen, schon von Isaac Newton (1642 – 1727) angegebenen Versuch anschaulich
zeigen. Ein etwa 2 m langes, mehrere Zentimeter weites und vertikal gehaltenes Glasrohr,
das an beiden Enden verschlossen ist, enthält eine Stahlkugel, ein Stück Kork und eine
kleine Flaumfeder. Befinden sich die drei Körper am Boden der Röhre und dreht man
diese rasch um 180◦ , so beobachtet man, dass zuerst die Bleikugel, dann das Korkstück
und schließlich die Flaumfeder unten ankommen. Pumpt man aber die Luft aus der Röhre
und wiederholt den Versuch, so erreichen alle drei Körper im gleichen Augenblick den
2.5 Freier Fall und Wurfbewegung 59

Boden. Wir dürfen also den Erfahrungssatz aussprechen: Im luftleeren Raum fallen alle
Körper gleich schnell.
Mit großer Perfektion kann man derartige Experimente heute in sogenannten Falltür-
men durchführen. Solch ein Turm steht unter anderem in Bremen (Abb. 2.15). In seinem
Inneren befindet sich ein evakuierbares Rohr von 110 m Länge und 3.5 m Durchmesser
sowie eine große Zahl von Messeinrichtungen. Dieser Turm wurde natürlich nicht gebaut,
um Galileis Fallversuche zu reproduzieren, sondern um das Verhalten von Stoffen und
Vorrichtungen im „schwerelosen“ Zustand zu untersuchen. Während des freien Falls wirkt
nämlich im Gegensatz zum ruhenden Zustand keine Kraft auf den Körper, die sein Gewicht
kompensiert. Man nennt deshalb diesen Zustand „schwerelos“. Für die Raumfahrt und
die Satellitentechnik ist es sehr vorteilhaft, das Verhalten von Stoffen und Apparaturen im
„schwerelosen“ Zustand auch auf der Erde untersuchen zu können. Wenn das auch nur für
kurze Zeiten möglich ist, so erhält man doch wertvolle Ergebnisse, die sich im Weltraum
nur mit viel höheren Kosten gewinnen ließen.
Für die Messung von kurzen Fallzeiten im Labor eignet sich besonders gut das Licht-
blitzstroboskop. Ebenso wie bei der Fotografie wird der kurzzeitige Lichtblitz einer Gas-
entladungsröhre zur Beleuchtung verwendet. Ein geeignetes Netzgerät sorgt dafür, dass
der Blitz in genau einstellbaren zeitlichen Abständen wiederholt wird. Man lässt eine
weiße Kugel vor einer dunklen Fläche oder in einem abgedunkelten Raum frei fallen und
kann sie jedesmal dann sehen, wenn das Blitzlicht an ihr reflektiert wird (Abb. 2.16).
Die durchfallenen Wegstrecken und die dabei verstrichenen Zeiten werden miteinander
verglichen. Man erkennt, dass die Fallstrecken zu den Quadraten der Fallzeiten propor-
tional sind. In der doppelten Zeit wird somit die vierfache Wegstrecke durchfallen. Man
kann auch leicht den Wert der Proportionalitätskonstanten zwischen s und t 2 ermitteln
und erhält etwa 5 m/s2 .

Erdbeschleunigung. Aus den beschriebenen Versuchen folgt, dass der freie Fall eine
gleichmäßig beschleunigte Bewegung ist, die der Gl. (2.19) mit s0 = 0 und v0 = 0
gehorcht. Man sieht, dass die Beschleunigung konstant ist und etwa den Wert 10 m/s2
hat. Diese Fallbeschleunigung auf der Erde ist eine wichtige Größe, nicht nur für fal-
lende Körper; sie wird mit dem Buchstaben g bezeichnet. Der genauere Wert für die
Erdbeschleunigung ist g = 9.81 m/s2 . Für den freien Fall gelten also die folgenden Be-
ziehungen:
1
Fallhöhe oder durchfallene Wegstrecke s = − gt 2 ,
2
Geschwindigkeit v = gt, √
und durch Eliminieren von t Endgeschwindigkeit von ve = 2gs.
Die Tatsache, dass sich beim freien Fall die Fallstrecken wie die Quadrate der Fallzei-
ten verhalten, kann man auf folgende Weise sehr eindrucksvoll demonstrieren: An zwei
Schnüren sind, wie es Abb. 2.17 zeigt, eine Reihe von Metallkugeln angebracht und zwar
so, dass sich bei der einen Schnur die Kugeln in gleichem Abstand befinden, während
sich bei der anderen die vom unteren Ende gemessenen Kugelabstände wie 1 : 4 : 9 : 16
verhalten. Hängt man beide Schnüre vertikal an der Zimmerdecke auf, so dass die untere
Kugel gerade den Boden berührt, und lässt man dann die Schnüre nacheinander los, so
schlagen die Kugeln der ersten Schnur in immer kürzer werdenden Zeitabständen auf den
Boden auf, die der zweiten Schnur dagegen in ganz gleichmäßigen Zeitintervallen.
60 2 Kinematik punktförmiger Körper

Abb. 2.15 Der Fallturm an der Universität Bremen. (a) Gesamtansicht; (b) Schnittzeichnung. Die
Fallzeit für 110 m Fallhöhe beträgt 4.74 s, die Endgeschwindigkeit 167 km/h. Die Abbremsung erfolgt
in einer 8 m hohen Schicht von Styropor-Granulat. Dabei wird eine Verzögerung bis zur 30-fachen
Erdbeschleunigung (≈ 300 m/s2 ) wirksam (Foto: Zentrum für Angewandte Raumfahrttechnologie
und Mikrogravitation (ZARM), Universität Bremen).

Bei vielen Rechnungen genügt für die Erdbeschleunigung der Wert g = 9.81 m/s2 .
Die zweite Stelle nach dem Komma variiert von Ort zu Ort, unter anderem wegen der
Abplattung der Erde. Die Erdbeschleunigung ist an den Polen größer als am Äquator. Die
genauen Werte hängen aber nicht nur von der geographischen Breite, sondern auch von
der örtlichen Beschaffenheit der Erdrinde und von der Höhe über dem Meeresspiegel ab.
Ferner schwanken die Werte zeitlich im Rhythmus von Ebbe und Flut um etwa 10−6 m/s2
2.5 Freier Fall und Wurfbewegung 61

Abb. 2.16 Freier Fall einer Kugel in Luft.


Die Beleuchtung geschah mit einem Licht-
blitzstroboskop. Nach jeweils 0.05 Sekunden
erfolgte ein Blitz.

Abb. 2.17 Fallschnüre

(s. Kap. 3). Hier geben wir einige Messungen von europäischen Orten an, die einmal die
unterschiedlichen Werte und zweitens die Genauigkeit der g-Bestimmung zeigen sollen:
Trondheim (Flughafen) g = 9.8215243 m/s2 ;
Hamburg (Flughafen) g = 9.8139443 m/s2 ;
Hannover (Flughafen) g = 9.8128745 m/s2 ;
München (Flughafen) g = 9.8072914 m/s2 ;
Rom (Flughafen Ciampino-West) g = 9.8034755 m/s2 .
62 2 Kinematik punktförmiger Körper

Fall auf der schiefen Ebene. Eine für die Technik wichtige Form der Fallbewegung ist
der Fall auf der schiefen Ebene (Galilei’sche Fallrinne). Lässt man eine Kugel auf ei-
ner geneigten Ebene herunterrollen (Abb. 2.18), so rollt sie umso langsamer, je kleiner
der Neigungswinkel α ist. Dies ist der Winkel zwischen der geneigten Ebene und der
Horizontalen. Der Sinus des Neigungswinkels α, also das Verhältnis der Höhe des Bahn-
punktes über der Horizontalen zur Länge der Bahn, ist die Neigung oder die Steigung der
Bahn. Die senkrecht nach unten wirkende Erdbeschleunigung g lässt sich in die beiden
Komponenten g sin α (parallel zur Bahn) und g cos α (senkrecht zur Bahn) zerlegen. Die
senkrecht zur Bahn gerichtete Beschleunigungskomponente kann keine Bewegung her-
vorrufen. So wirkt allein die Größe g sin α als Beschleunigung, die kleiner als g ist. Auf
diese Weise kann die auf der schiefen Ebene wirksame Beschleunigung durch Verkleine-
rung des Neigungswinkels herabgesetzt und die Bewegung verlangsamt werden. Galilei
hat eine solche Methode benutzt, um die Fallgesetze zu prüfen. Durch Messung der Zeiten
t und der zurückgelegten Wegstrecken s lässt sich experimentell die Beziehung
1
s= (g sin α)t 2 (2.31)
2
bestätigen. Die stroboskopische Aufnahme (Abb. 2.19) zeigt deutlich die beschleunigte
Bewegung auf der schiefen Ebene und die anschließende gleichförmige Bewegung auf
der Horizontalen. Führt man die Messung sorgfältig durch, so zeigt sich, dass g etwas zu
klein herauskommt; im Beispiel der Abb. 2.19 um etwa 20 %. Das hat folgenden Grund:
Die Kugel gleitet nicht, sondern sie rollt auf der schiefen Ebene herunter. Sie muss also
nicht nur in eine lineare, sondern auch in die Drehbewegung versetzt werden.
Die Endgeschwindigkeit eines Körpers auf der schiefen Ebene ist nach Durchlau-
fen des Weges s (Abb. 2.18) übrigens genau so groß, als wenn der Körper die Höhe h
senkrecht durchfallen hätte. Das kann man leicht einsehen; denn wegen h = s sin α gilt

Abb. 2.18 Zur Bewegung auf der schiefen Ebene

Abb. 2.19 Rollende Kugel auf einer schiefen Ebene. Die Länge der Fallstrecke beträgt 0.91 m, die
Blitzfrequenz des Stroboskops 12.5 Hz, der Neigungswinkel α = 15◦ .
2.5 Freier Fall und Wurfbewegung 63
√ √
v = 2gh = 2(g sin α)s. Die Endgeschwindigkeit eines aus einer bestimmten Höhe
fallenden Körpers ist also unabhängig davon, ob der Körper frei fällt oder auf einer be-
liebig geneigten Ebene herabgleitet. Reibungswiderstände in der Luft und auf der Ebene
bleiben dabei unberücksichtigt. Wenn wir die geneigte Bahn immer steiler stellen, so dass
schließlich α = 90◦ wird, dann gehen die für eine geneigte Bahn gefundenen Beziehungen
in die für den freien Fall abgeleiteten über.

Vertikaler Wurf. Wirft man einen Körper mit einer bestimmten Anfangsgeschwindigkeit
v0 vertikal in die Höhe, so wird seine nach aufwärts gerichtete Bewegung durch die
Anziehung der Erde verzögert. Der Körper erfährt, sobald er losgelassen ist, nach unten
die Beschleunigung g. Aufgrund des Prinzips von der ungestörten Überlagerung zweier
Bewegungen (Abschn. 2.2) beträgt demnach die aufwärts gerichtete Geschwindigkeit nach
der Zeit t
v = v0 − g t, (2.32)
und der in dieser Zeit zurückgelegte Weg ist
1
s = v0 t − g t 2 . (2.33)
2
Diese Gleichung zeigt, dass der nach aufwärts gerichteten Bewegung mit der konstanten
Anfangsgeschwindigkeit v0 eine nach abwärts gerichtete beschleunigte Bewegung, das
heißt ein freier Fall überlagert ist. Alle Bewegungen auf der Erde unterliegen ja dem
Einfluss der Erdbeschleunigung g.
Der Körper steigt so lange aufwärts, bis seine Geschwindigkeit null wird. Dies ist gemäß
Gl. (2.32) nach der Steigzeit tst = v0 /g der Fall. In dieser Zeit erreicht der Körper die
Steighöhe sst , die man aus Gl. (2.33) erhält, wenn man darin für t den Wert tst = v0 /g
einsetzt. So ergibt sich
v02 1 v02 v2
sst = − = 0.
g 2 g 2g
Die größte Höhe, die der nach oben geworfene Körper erreichen kann, ist die gleiche,
aus der er herabfallen muss, damit er am Boden eine seiner Anfangsgeschwindigkeit √ v0
gleiche Endgeschwindigkeit erhält. Aus der letzten Gleichung folgt nämlich v0 = 2gsst .
Der Körper benötigt zum Steigen und Fallen die gleiche Zeit. Ferner sieht man, dass die
Steighöhe mit dem Quadrat der Anfangsgeschwindigkeit zunimmt.
Ganz analog lässt sich der Wurf senkrecht nach unten behandeln. In diesem Fall addiert
sich zur Anfangsgeschwindigkeit v0 die durch den freien Fall bedingte Geschwindigkeit
gt. Man erhält folgende Gleichungen für die in der Zeit t erreichte Geschwindigkeit v und
den in derselben Zeit durchfallenen Weg s:
v = v0 + g t, (2.34)
1 2
s = v0 t + g t . (2.35)
2
Der Körper bewegt sich also hier gleichförmig beschleunigt nach unten. Die Gln. (2.32)
und (2.33) lassen sich in vektorieller Form einheitlich schreiben:
v = v0 + g t (2.36)
64 2 Kinematik punktförmiger Körper

und
1
s = v0 t + g t 2 . (2.37)
2
Dabei ist g der stets zum Erdmittelpunkt hin gerichtete Vektor der Erdbeschleunigung.

Schräger Wurf. Wird ein Körper unter dem Winkel α schräg nach oben geworfen, so
würde er, wenn die Anziehung der Erde nicht wirkte, in dieser Richtung eine geradlinige
Bahn mit der ihm erteilten Anfangsgeschwindigkeit v 0 durchlaufen, das heißt in gleichen
Zeiten die gleichen Wegstrecken AB, BC , CD, DE (Abb. 2.20). Da er aber in Wirklichkeit
noch die Beschleunigung g nach unten erfährt, wird er gleichzeitig eine Fallbewegung
ausführen, so dass sich in Abb. 2.20a die vertikal nach unten gezogenen Strecken Bb, Cc,
Dd , Ee wie 1 : 4 : 9 : 16 verhalten. Die von dem Körper durchlaufene Wurfbahn Abcde
stellt eine Parabel dar. Um die Gleichung dieser Bahnkurve zu finden, zerlegen wir die
vorgegebene Anfangsgeschwindigkeit v 0 in eine horizontale Komponente vx0 und eine
vertikale Komponente vy0 (Abb. 2.20b). Für die Beträge ergibt sich vx0 = v0 cos α,
vy0 = v0 sin α. Dementsprechend wird der geworfene Körper in der Zeit t in horizontaler
Richtung den Weg x = v0 t cos α mit gleichförmiger Geschwindigkeit und in vertikaler
Richtung nach dem Gesetz des vertikalen Wurfes den Weg y = v0 t sin α − (1/2)gt 2
zurücklegen. Zur Bahnkurve gelangt man durch Elimination der Zeit aus diesen beiden
Gleichungen für x und y. Das liefert
g
y = x tan α − x2 2 . (2.38)
2v0 cos2 α
Diese Gleichung stellt eine Parabel dar, deren Achse im Abstand x1 = (v02 /g) sin α cos α
zur y-Achse parallel ist. Die Geschwindigkeit, die der Körper auf dieser Parabel zur Zeit
t besitzt, setzt sich aus den beiden Komponenten vx = v0 cos α in horizontaler Richtung
und vy = v0 sin α − gt in vertikaler Richtung zu dem Betrag
K
v = v02 cos2 α + (v0 sin α − g t)2 (2.39)
zusammen.
Bei der Wurfbahn interessieren besonders zwei Werte, die Wurfhöhe und die Wurfweite,
das heißt die Entfernung vom Abwurfpunkt, in der der geworfene Körper wieder die
Horizontale trifft. Die Wurfhöhe liegt im Scheitelpunkt der Parabel und ist erreicht, wenn
die vertikale Geschwindigkeit vy = v0 sin α − g t = 0 wird. Das ist nach einer Zeit

D
C
B
c
b d
A e

Abb. 2.20 Schiefer Wurf, (a) Entstehung der Bahnkurve; (b) Zerlegung der Anfangsgeschwindig-
keit in Komponenten; Wurfhöhe yh und Wurfweite xw
2.5 Freier Fall und Wurfbewegung 65

Abb. 2.21 Wurfparabeln bei gleicher An-


fangsgeschwindigkeit

th = (v0 /g) sin α der Fall. Setzt man diesen Wert in die Gleichung für die vertikale
Bewegungskomponente ein, so erhält man für die Wurfhöhe
v02 sin2 α
yh = . (2.40)
2g
Die Wurfweite xw ergibt sich aus Gl. (2.38), indem man y = 0 setzt. Dies liefert
v02 sin 2α
xw = . (2.41)
g
Bei gegebener Anfangsgeschwindigkeit wird demnach die größte Wurfhöhe im vertika-
len Wurf für α = 90◦ erreicht. Die größte Wurfweite v02 /g wird dagegen erzielt, wenn
sin 2α = 1, das heißt α = 45◦ ist. Jede andere Wurfweite kann unter zwei verschiedenen
Wurfwinkeln erreicht werden, die gleich viel nach oben und unten von 45◦ abweichen,
denn es gilt
D F D F
1 1
sin 2 π − α = sin 2 π +α .
4 4
Die beiden Fälle werden als Steilwurf und Flachwurf unterschieden. Zu beachten ist
allerdings, dass eine Wurfbahn auf der Erde in Wirklichkeit infolge des Luftwiderstandes
stark von der theoretischen Parabelbahn abweichen kann. Bei den ballistischen Kurven,
wie die realen Wurfbahnen genannt werden, ist der abfallende Ast steiler als der anstei-
gende. Erzielte Weite und Höhe liegen unter den für den luftleeren Raum berechneten
Werten.
In Abb. 2.21 sind für die Wurfwinkel 30◦ , 45◦ , 60◦ und 75◦ die Wurfparabeln unter
Annahme gleicher Anfangsgeschwindigkeit eingezeichnet. Es lässt sich zeigen, dass alle
diese Parabeln von einer in der Abbildung gestrichelt gezeichneten Parabel umhüllt wer-
den. Ihr Scheitel liegt senkrecht über derAbwurfstelle und ist durch die vertikale Wurfhöhe
gegeben; sie schneidet die Horizontale im Abstand der größten Wurfweite xw,max . Wie
man weiter erkennt, trifft der geworfene Körper stets unter demselben Winkel wieder auf
der Horizontalen auf, unter dem er abgeworfen wurde.

Horizontaler Wurf. Ein Spezialfall ist der horizontale Wurf. Da hier α = 0 ist, erhält
man durch die Überlagerung der beiden Teilbewegungen x = v0 t und y = (1/2)gt 2 aus
Gl. (2.38) für die Bahnkurve die Gleichung
2v02
x2 = y. (2.42)
g
Dies ist ein Ast einer Parabel mit vertikaler Achse, deren Scheitel im Abwurfpunkt 0 liegt
(Abb. 2.22). Der Vorzeichenwechsel gegenüber Gl. (2.38) erklärt sich dadurch, dass die
66 2 Kinematik punktförmiger Körper

Abb. 2.22 Horizontaler Wurf

Abb. 2.23 Demonstration der Fallzeit beim


horizontalen Wurf

positive y-Richtung diesmal nach unten gewählt ist. Die Geschwindigkeit im Punkt P zur
Zeit t setzt sich aus den beiden rechtwinklig zueinander gerichteten
K Teilgeschwindigkeiten
vx = v0 und vy = g t zu dem resultierenden Wert v = v02 + g 2 t 2 zusammen und ist
wie immer parallel zur Bahntangente. Die Neigung der Wurfbahn gegen die Horizontale
ist durch tan β = gt/v 0 gegeben und nimmt mit wachsender Zeit immer größere Werte
an.
Experimentell lassen sich die Wurfgesetze in verschiedener Weise untersuchen. Der in
Abb. 2.23 dargestellte Apparat soll zeigen, dass die vertikale Bewegungskomponente beim
horizontalen Wurf vollkommen unabhängig von der horizontalen Komponente ist. Dem-
zufolge braucht ein horizontal abgeworfener Körper zum Zurücklegen eines vertikalen
Höhenunterschiedes dieselbe Zeit wie beim lotrechten Fall. Bei dem Apparat wird eine
Kugel über einer Öffnung zwischen einer vertikalen Blattfeder und einem Klotz einge-
klemmt. Eine zweite Kugel liegt links vor der Blattfeder. Lässt man den Hammer gegen
die Feder fallen, so schleudert sie die linke Kugel in horizontaler Richtung weg und gibt
im gleichen Augenblick die andere Kugel frei für einen vertikalen Fall nach unten. Man
beobachtet dann, dass beide Kugeln gleichzeitig auf dem Boden aufschlagen, einerlei
wie groß die durch verschieden starkes Anschlagen des Hammers erzeugte horizontale
Geschwindigkeit der linken Kugel ist.
3 Dynamik von Massenpunkten

Die Kinematik begnügt sich damit, die Bewegung von Körpern relativ zu den Körpern
der Umgebung zu beschreiben. Bezogen auf die Körper der Umgebung wird ein Be-
zugssystem festgelegt. Das Bezugssystem ist die Grundlage für die Definition von Orts-
und Zeitkoordinaten und damit ein wesentlicher Baustein für das klassische Weltbild von
Körpern, die sich in Raum und Zeit kontinuierlich auf einer Bahnkurve r(t) bewegen.
Experimentelle Grundlage der Kinematik ist die Erfahrung, dass makroskopische Körper
kontinuierlich beobachtbar sind.
Die Dynamik fragt nach den Ursachen dieser Bewegung. Entgegen der früheren, auf
Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) zurückgehenden Annahme, dass die Bewegung eines Kör-
pers relativ zu der als absolut ruhend betrachteten Erde zu erklären sei, nahm Isaac Newton
(1642 – 1727) an, dass ein Körper, der sich geradlinig gleichförmig (relativ zum Fixstern-
himmel) bewegt, keine äußere Einwirkung benötigt, dass aber jede Änderung des Be-
wegungszustands auf eine von außen einwirkende Kraft zurückzuführen ist. Neben dem
Begriff der Masse (Abschn. 1.6) ist daher der Begriff der Kraft grundlegend für die Dy-
namik der Massenpunkte. Ein Massenpunkt ist dabei ein Körper mit einer Masse, dessen
Ausdehnung bei der Beschreibung seiner Bewegung vernachlässigt werden kann.

3.1 Trägheitsgesetz
Reibungsfreie Bewegungen. Fällt ein irdischer Körper frei, so nimmt seine Geschwin-
digkeit v relativ zur Erde proportional zur Zeit t zu: v = g · t. Dabei ist g die Erd-
beschleunigung (Abschn. 2.5). Er erhält also in jedem Zeitintervall 9t den gleichen Ge-
schwindigkeitszuwachs 9v = g ·9t, der zur bisherigen Geschwindigkeit hinzutritt. Diese
Geschwindigkeitszunahme wird mit der Erdanziehung, also mit der Einwirkung der Erde
auf die Bewegung des Körpers erklärt.
Beim Fall auf der schiefen Ebene kann man darüber hinaus noch folgende Betrachtung
anstellen: Die Abwärtsbewegung (= beschleunigte Bewegung) ist – von Reibungsver-
lusten abgesehen – umgekehrt gleich der Aufwärtsbewegung (= verzögerte Bewegung),
d. h., der Körper hat auf gleicher Höhe entgegengesetzt gleiche Geschwindigkeiten. Dies
kann man bei zwei schiefen Ebenen gut sehen, wenn die Neigungswinkel gleich sind. In
Abb. 3.1 sind die Neigungswinkel der schiefen Ebenen nicht gleich. Die von links her-
abrollende Kugel erreicht auf der rechten Ebene nicht eine gleich lange Strecke, weil der
Neigungswinkel rechts größer (16.5◦ ) als links (15◦ ) ist, aber die gleiche Höhe. Wäre der
Neigungswinkel rechts kleiner, würde die Kugel eine längere Strecke als links rollen, und
zwar so weit, bis die Kugel eine Höhe erreicht hat, die der Starthöhe auf der linken Seite
gleich ist. Wird nun der Neigungswinkel der rechten schiefen Ebene immer kleiner, so
68 3 Dynamik von Massenpunkten

Abb. 3.1 Stroboskopisch beleuchtete Kugel, die links auf der schiefen Ebene (Neigungswinkel
= 15◦ ) herunter rollt (nicht gleitet!) und rechts auf der schiefen Ebene (Neigungswinkel = 16.5◦ )
wieder hinaufrollt

wird die Strecke, auf der die Kugel hinaufläuft, immer länger. Dies bedeutet aber, dass
die Kugel unendlich weit rollen würde, wenn die rechte Ebene den Neigungswinkel 0◦
hätte. Dass dies in der Wirklichkeit wegen der Reibungsverluste nicht erreicht wird, weiß
jeder. Es kommt hier aber darauf an zu zeigen, dass, wenn es keine Reibungsverluste gäbe,
also in einem idealisierten, experimentell nur näherungsweise erreichbaren Grenzfall ein
Körper seine Geschwindigkeit nach Größe und Richtung beibehalten würde.
Direkt weist man dies auch mit folgender Versuchsanordnung nach: Auf einer horizon-
talen, möglichst glatten Unterlage U (Abb. 3.2) befindet sich ein kleiner Wagen. Ein nach
unten frei fallendes Gewicht G erteilt dem Wagen mit einer über die Rolle R geführten
Schnur eine Beschleunigung in der Pfeilrichtung. Dadurch wächst die Geschwindigkeit
des Wagens proportional zur Zeit, während der das Gewicht an dem Wagen zieht. Heben
wir die Wirkung des Gewichtes etwa nach einer Sekunde auf, indem wir die Fallbewegung
von G durch ein Auffangbrettchen B unterbrechen, so bewegt sich der Wagen trotzdem in
der Pfeilrichtung mit der gleichförmigen Geschwindigkeit weiter, die er in diesem Moment
erlangt hatte; wir können mit Hilfe eines Maßstabes und einer Stoppuhr den Betrag dieser
Geschwindigkeit ermitteln. Machen wir dies für verschiedene Fallzeiten von G, so kom-
men wir zu dem Ergebnis, dass der Wagen unter allen Umständen die Geschwindigkeit,
die er im Augenblick der Aufhebung der beschleunigenden Wirkung besitzt, beibehält.
Damit haben wir in diesem speziellen Fall schon die Antwort auf die Frage erhalten, unter
welchen Umständen ein Körper eine ihm erteilte Anfangsgeschwindigkeit nach Größe
und Richtung beibehält, bzw. wann ein Körper eine gleichförmig geradlinige Bewegung
ausführt. Nötig ist dazu, wie schon Galileo Galilei (1564 – 1642) erkannte, das Fehlen
jeglicher äußeren Einwirkung. Dieser Satz scheint allerdings der Erfahrungstatsache zu
widersprechen, dass schließlich jeder einmal in Bewegung versetzte Körper, auch wenn er
sich auf einer völlig horizontalen Unterlage bewegt, zur Ruhe kommt. Dass dies aber auf
einen Einfluss der Unterlage zurückzuführen ist, lässt sich dadurch zeigen, dass man eine
Kugel zunächst auf einem rauen Brett, dann auf einem glattpolierten Brett und schließlich
auf einer Spiegelglasplatte in Bewegung versetzt: Je glatter die Unterlage ist, umso länger

W
R

B Abb. 3.2 Anordnung zum Nachweis des


Beharrungsvermögens
3.1 Trägheitsgesetz 69

verharrt die Kugel in der ihr erteilten Bewegung. Wir dürfen also den Schluss ziehen, dass
im Fall des Fehlens jeglichen (Reibungs-)Einflusses der Unterlage die Kugel sich ad infi-
nitum mit der einmal vorhandenen Geschwindigkeit weiterbewegen würde. Experimentell
verwirklichen lässt sich dieser Grenzfall natürlich niemals.

Trägheit und erstes Newton’sches Axiom. Dass ein in Ruhe befindlicher Körper nicht
ohne äußere Einwirkungen in Bewegung kommt, ist eine bekannte Erfahrungstatsache.
Sie ist in der gewonnenen Erkenntnis enthalten für den Fall, dass die Geschwindigkeit
gleich null ist.
Das soeben beschriebene Verhalten aller Körper, den Zustand der Ruhe oder einer ein-
mal vorhandenen gleichförmigen geradlinigen Bewegung beizubehalten, führt man zurück
auf eine als Trägheit oder Beharrungsvermögen bezeichnete Eigenschaft der Körper. Da-
her wird der oben ausgesprochene Satz als Trägheitsgesetz bezeichnet und hat nach New-
ton die folgende Formulierung:
• Jeder Massenpunkt verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen Bewegung
auf geradliniger Bahn, solange keine Kräfte auf ihn einwirken.
(Erstes Newton’sches Gesetz, von Newton als Axiom bezeichnet).
Statt „äußere Einflüsse“ zu schreiben, wurde das Wort Kräfte gesetzt. Die genauere Defi-
nition des Kraftbegriffes erfolgt später (s. Abschn. 3.2 und 3.3).

Nachweis der Trägheit. Im Trägheitsgesetz sind u. a. folgende Erfahrungen des täglichen


Lebens begründet: Steht man in einem Autobus, der plötzlich in Bewegung versetzt wird,
so fällt man rückwärts, da der Körper infolge seiner Trägheit im Zustand der Ruhe ver-
harren „will“. Wird dagegen ein in Bewegung befindlicher Autobus plötzlich gebremst, so
kippt man in die ursprüngliche Bewegungsrichtung, da jetzt der Körper „bestrebt“ ist, die
bisherige Bewegung beizubehalten; daher auch die Gefahr des Fallens beim Abspringen
von einem fahrenden Autobus.
Auch folgende Versuche beweisen das Vorhandensein der Trägheit: Hängt man
(Abb. 3.3) an einem dünnen Faden eine schwere Kugel auf, an deren unterem Ende ein
gleich starker Faden befestigt ist, so reißt stets der untere Faden, wenn man mit einem
kurzen Ruck daran zieht; dagegen reißt der obere Faden, wenn man den Zug allmählich
ausführt. Im ersteren Fall ist die Dauer der Kraft zu kurz, um die Trägheit der Kugel zu
überwinden; im letzteren Fall, in dem die Trägheit allmählich überwunden wird, kommt zu
dem Zug der Hand noch das Gewicht der Kugel hinzu, so dass der obere Faden stärker als
der untere beansprucht wird. – Legt man auf einen Standzylinder ein Blatt Papier, und dar-

Abb. 3.3 Versuch zum Nachweis der


Trägheit
70 3 Dynamik von Massenpunkten

(a)

(b)

Abb. 3.4 Demonstration des Trägheitsprin-


zips beim Befestigen (a) und Lösen (b) eines
Feilenheftes

auf eine Münze, so fällt diese beim raschen Wegziehen des Blattes senkrecht nach unten in
den Standzylinder, da ihre Trägheit sie hindert, an der raschen Bewegung des Blattes teil-
zunehmen. – Aus einer Säule von übereinander geschichteten Holzscheiben kann man mit
einem dünnen Lineal eine Scheibe herausschlagen, ohne dass die anderen herunterfallen. –
Einen auf dünnen Seidenfäden waagerecht liegenden Glas- oder Holzstab kann man in der
Mitte durchschlagen, ohne dass die Seidenfäden reißen. – Um eine Feile in einem Heft zu
befestigen, schlägt man nach Abb. 3.4a von oben auf das Heft; um die Feile zu lösen, führt
man einen Schlag von unten gegen das Heft (Abb. 3.4b). Auch hier verhindert die Trägheit,
dass die Feile die durch den Hammerschlag erzeugte Bewegung des Heftes mitmacht.

Inertialsysteme. Im Trägheitsgesetz ist von „Ruhe“ und „gleichförmig geradliniger Be-


wegung“ die Rede. Wie in Abschn. 2.1 dargelegt, können derartige Aussagen nur dann
einen klaren Sinn haben, wenn ein bestimmtes Bezugssystem zugrunde gelegt wird.
Welches ist nun das für das Trägheitsgesetz, d. h. für die Newton’sche Mechanik an-
zunehmende Bezugssystem? Es ist nicht die Erde, was deshalb anzunehmen nahe läge,
weil das Trägheitsgesetz aus Versuchen auf der Erde gefunden wurde. Vielmehr beweisen
später (Abschn. 3.7) ausführlich zu erörternde Versuche, dass nur ein im Fixsternhim-
mel festliegendes Koordinatensystem ein geeignetes Bezugssystem für die Newton’sche
Mechanik ist. Da also das Trägheitsgesetz relativ zum Fixsternhimmel gültig ist, nennt
man das in ihm verankerte Bezugssystem das Inertialsystem oder Fundamentalsystem
(lat.: inertia = Trägheit). Dass man trotzdem das Trägheitsgesetz aus Versuchen auf der
bewegten Erde finden konnte, liegt daran, dass diese Versuche nur kurz dauern und keine
allzu große Genauigkeit haben.
Wenn man ein Inertialsystem (den Fixsternhimmel) einmal gefunden hat, so kann
man gleich unendlich viele andere Systeme angeben, die ebenfalls als Bezugssysteme
brauchbar sind. Denn wenn eine Bewegung vom Fixsternhimmel aus als geradlinig und
gleichförmig erscheint, so ist dies auch der Fall von jedem Koordinatensystem aus, das
sich relativ zum Fixsternhimmel selbst gleichförmig geradlinig (ohne Rotation!) bewegt.
Ein im Fixsternhimmel ruhender Massenpunkt erscheint von einem derartigen anderen
System allerdings bewegt, aber als gleichförmig und geradlinig bewegt. Daher kann man
eine absolute Geschwindigkeit niemals feststellen. Dieses Ergebnis führt den Namen Gali-
lei’sches Relativitätsprinzip, obwohl nicht Galilei, sondern erst Newton diesen Sachverhalt
richtig erkannt hat.
3.2 Kraftbegriff und Grundgesetz der Mechanik 71

3.2 Kraftbegriff und Grundgesetz der Mechanik


Kraft und Beschleunigung. Das Trägheitsgesetz sagt aus, dass ein Massenpunkt keine
Beschleunigung erfährt – weder eine positive noch negative –, wenn keine äußere Einwir-
kung vorhanden ist. Beschleunigung ist also immer das Anzeichen für das Vorhandensein
einer solchen äußeren Einwirkung, und zwar das einzige, das die Mechanik kennt. Jede
äußere Einwirkung, die eine positive oder negative Beschleunigung hervorruft, wird Kraft
genannt. Wenn eine Kraft keine Beschleunigung hervorruft, dann wird sie durch eine Ge-
genkraft ganz oder teilweise kompensiert. Die Definition von „Kraft“ im täglichen Leben
ist keineswegs immer die gleiche. Man denke z. B. an geistige oder seelische Kraft, an
Kaufkraft usw. Das ist bei vielen Begriffen der Fall (z. B. auch bei „Arbeit“). In der Physik
aber kommt man ohne exakte Formulierung und Definition der angewendeten Begriffe
nicht aus. Daher muss die Kraft in diesem Abschnitt ausführlich behandelt werden.
Kräfte können auf verschiedene Weise entstehen. Jeder Gegenstand wird mit einer
bestimmten Kraft, die in diesem Fall auch Gewicht genannt wird, zur Erde hingezogen
(Erdanziehung). – Eine zusammengedrückte Spiralfeder dehnt sich aus, wobei die Kraft
mit der Ausdehnung abnimmt (elastische Kraft). – Die bei sehr schnellen Verbrennungen
(Explosionen) entstehenden heißen Gase dehnen sich aus; auch hier nimmt die Kraft mit
der Ausdehnung ab (Druck komprimierter Gase). – Molekulare Anziehungskräfte halten
den Wassertropfen zusammen. – Elektrische und magnetische Anziehungs- und Absto-
ßungskräfte sind leicht beim Experimentieren mit geriebenen Isolatoren und Magneten
zu beobachten.
Ein Maß für die Kraft kann aus ihrer Wirkung gefunden werden. Da jede Kraft eine
Beschleunigung hervorruft, ist es naheliegend, die Beschleunigung zu messen und als
Maß für die Kraft zu verwenden.
• Definition: Die Kraft ist die Ursache einer Beschleunigung. Eine Kraft ruft stets eine
Beschleunigung hervor, sofern keine Gegenkraft wirkt.
Es ist weiter naheliegend anzunehmen, dass die Beschleunigung umso größer ist, je größer
die Kraft ist, dass also die Beschleunigung proportional zur Kraft ist. Dies stimmt auch
mit der Erfahrung überein: Wenn man ein Gummiband zwischen gespreizten Fingern oder
in einer Holzgabel spannt und einen Stein damit fortschleudert, ist die Anfangsgeschwin-
digkeit des frei fliegenden Steins umso größer, je stärker, bzw. je dicker das Gummiband
ist. (Das Gummiband wird einfach dadurch verstärkt, dass es doppelt oder vierfach ge-
nommen wird.) Die elastische Kraft des dickeren Gummibandes ist größer. Damit ist
auch die Beschleunigung größer und bei gleicher Zeitdauer der Beschleunigung ist die
Geschwindigkeit danach größer (v = a · t). Ähnliche Versuche kann man mit Pfeil und
Bogen oder ganz einfach auch mit einem Stück federnden Stahlbandes machen, das an
einem Ende eingespannt ist und das am freien Ende – leicht angeklebt – eine Kugel trägt,
die beim Abschuss fortfliegt. Die Anfangsgeschwindigkeit v kann z. B. aus der Wurfweite
berechnet werden, die Beschleunigung a aus der Anfangsfluggeschwindigkeit v und der
Wegstrecke s, während der die Kugel oder der Pfeil beschleunigt wird. Da v = a · t, ist
s = (a/2) t 2 ; daraus folgt: a = v2 /2s. Man findet aus solchen einfachen Versuchen immer
wieder bestätigt, dass die Kraft F proportional zur Beschleunigung a ist.
Aber man findet auch schnell, dass der Proportionalitätsfaktor nicht gleich eins sein
kann. Man sieht nämlich sofort, dass bei Anwendung der gleichen Kraft die Beschleuni-
gung klein ist, wenn man z. B. eine große Bleikugel nimmt; und dass die Beschleunigung
72 3 Dynamik von Massenpunkten

im Verhältnis dazu viel größer ist, wenn man eine kleine und leichte Holzkugel nimmt.
Dies weiß man auch aus der Erfahrung: Beim sportlichen Kugelstoßen ist die Wurfweite
einer kleinen, leichten Kugel erheblich größer als die einer großen, schweren Kugel. Oder
ein anderes Beispiel: Ein Auto kann auf ebener Straße die größte Beschleunigung erhal-
ten, wenn es nur mit dem Fahrer besetzt ist. Dagegen ist die Beschleunigung viel kleiner
(ebenfalls bei Ausnutzung der größten Kraft des Motors), wenn der Wagen voll beladen ist.
Führt man genauere Messungen dieser Art durch, z. B. mit einer Schraubenfeder und
mit Kugeln gleicher Größe und gleichen Materials, dann findet man schon bei wenigen
Versuchen, dass bei Anwendung der gleichen Kraft, also z. B. bei stets gleicher Spannung
der Schraubenfeder, die Beschleunigung umgekehrt proportional zur Anzahl der Kugeln
ist, die gleichzeitig geworfen werden (lose oder aneinandergeheftet). Hat die Beschleuni-
gung bei einer geschleuderten Kugel einen bestimmten Wert, so hat sie bei zwei Kugeln
den halben Wert usw.

Grundgesetz der Mechanik. Diese Versuche zeigen, dass – unabhängig von der Art der
einwirkenden Kraft – die Beschleunigung eines Körpers stets umgekehrt proportional zur
Masse (Abschn. 1.6) des Körpers ist. Der Proportionalitätsfaktor der Beziehung zwischen
Kraft und Beschleunigung ist demnach proportional zur Masse des Körpers. Die Kraft F
ist folglich proportional zum Produkt m · a von Masse und Beschleunigung. Ein Maß für
die Kraft wird definiert, indem man F und m · a gleichsetzt:
Kraft = Masse · Beschleunigung (F = m· a)
(3.1)
(Grundgesetz der Mechanik oder zweites Newton’sches Axiom).
Die Dimension der Kraft ist: dim F = MLT−2 . Die SI-Einheit der Kraft ist:
Meter ! m H
1 Newton (N) = 1 Kilogramm (kg) · 1
Sekunde2 s2
Die CGS-Einheit der Kraft ist: 1 dyn = 1 g · 1 cm/s2 = 10−5 N.

Mit dem so vereinbarten Maß für die Kraft ergibt sich aus der Beobachtung, dass alle
Körper beim Fall die gleiche Erdbeschleunigung erfahren, auch ein Wert für das Gewicht
eines Körpers. Da beim freien Fall das Gewicht die beschleunigende Kraft ist, gilt:
Gewicht = Masse · Erdbeschleunigung (G = m · g). (3.2)
Eine einfache Anordnung zur Demonstration des Gesetzes F = m· a ist die sogenannte
Atwood’sche Fallmaschine (Abb. 3.5). Zwei Körper gleicher Masse M sind durch einen
Faden verbunden, der über eine Rolle geführt ist. Die beiden Körper hängen am Fa-
den und sind natürlich im Gleichgewicht und daher in Ruhe. Beschwert man einen der
beiden Körper 1 durch ein kleines Metallstück der Masse m, dann bringt dieses kleine Ge-
wichtsstück (Gewicht = Kraft) die beiden großen Körper langsam in Bewegung, den einen
mit dem Gewichtsstück nach unten, den anderen nach oben. Das kleine Gewichtsstück
der Masse m fällt nur langsam nach unten; es zieht mit der Kraft G = m · g. Aber die
Beschleunigung ist gering wegen der großen Masse 2M . Würde man die drei Körper der
Masse 2M + m zusammengebunden frei fallen lassen, dann würden sie selbstverständlich
nach den Gesetzen des freien Falls viel stärker beschleunigt werden. In diesem Fall würde
die nach unten ziehende Kraft sehr viel größer sein, nämlich (2M + m) · g und nicht wie
vorher m · g.
3.2 Kraftbegriff und Grundgesetz der Mechanik 73

m
M

M
Abb. 3.5 Prinzip der Atwood’schen Fallma-
schine

Zusammensetzung von Kräften. Die Kraft F ist ein Vektor mit derselben Richtung wie
die Beschleunigung a. Die Kraft lässt sich also zerlegen und zusammensetzen wie Vek-
toren. Man nutzt dabei das Parallelogramm der Kräfte. Zwei Kräfte, die in verschiedener
Richtung an demselben Massenpunkt angreifen, können durch eine resultierende Kraft
ersetzt werden, die ihrem Betrag und ihrer Richtung nach durch die Diagonale des aus
den Einzelkräften gebildeten Parallelogramms dargestellt wird (Vektoraddition).
Sind mehr als zwei an einem Massenpunkt angreifende Kräfte zusammenzusetzen, so
vereinigt man zunächst zwei zu einer Resultierenden, diese dann mit der dritten zu einer
neuen usw. Doch zweckmäßiger wendet man wie bei allen Vektoren die einfachen Regeln
der Vektoraddition an (Abschn. 2.1). Das Parallelogramm der Kräfte hat am Anfang den
Vorteil, sehr anschaulich zu sein.
Die Gültigkeit der Vektoraddition mit dem Kräfteparallelogramm kann man z. B. mit
der in Abb. 3.6 gezeichneten Anordnung zeigen. Drei Fäden sind in einem Punkt M zu-
sammengeknüpft und an ihren Enden mit den Gewichten G1 , G2 und G3 belastet. Die
Fäden 1 und 2 sind über zwei Rollen R1 und R2 geführt. Es stellt sich dann eine Gleichge-
wichtslage ein, bei der die vom Gewicht G3 am Punkt M senkrecht nach unten angreifende
Kraft gleich und entgegengesetzt ist der Resultierenden der von den Gewichten G1 und G2
schräg nach oben gerichteten Kräfte. Zeichnet man auf Pappe ein Parallelogramm, dessen
Seiten und Diagonalen sich wie die Größen der drei Gewichte verhalten, und hält man
diese Zeichnung hinter die Schnüre der Anordnung von Abb. 3.6, kann man sich leicht
von der Übereinstimmung der Winkel überzeugen.

R2

R1

G1
G2

G3
G1 : G2 : G3 = 3 : 4 : 5 Abb. 3.6 Parallelogramm der Kräfte
74 3 Dynamik von Massenpunkten

Abb. 3.7 Demonstration des Kräfteparallelo-


gramms mit Federwaagen

Eine andere Anordnung zum Nachweis des Parallelogramms der Kräfte ist in Abb. 3.7
wiedergegeben. Drei Federwaagen (= Kraftmesser, bestehend aus Spiralfedern, deren
Längenausdehnung proportional zur Kraft ist) sind an je einem Ende zusammen befestigt
und zwischen drei beliebig gelegenen Punkten auf einem Brett ausgespannt. Zeichnet
man dann ein Parallelogramm, dessen Seitenlängen sich wie die von den beiden oberen
Kraftmessern angezeigten Kräfte verhalten, ergibt sich, dass die Diagonale die Verlänge-
rung der Kraftrichtung des dritten Kraftmessers bildet und in ihrer Länge der von diesem
Kraftmesser angezeigten Kraft entspricht.

Zerlegung von Kräften. Ebenso wichtig wie die Zusammensetzung mehrerer Kräfte ist
die Zerlegung einer gegebenen Kraft in mehrere Komponenten von vorgegebener Rich-
tung. Besonders häufig ist die Zerlegung eines Kraftvektors in zwei bzw. drei den Achsen
eines Koordinatensystems parallel gerichtete Komponenten. Sind Fx , Fy , Fz die kartesi-
schen Komponenten des Kraftvektors F, so ergibt sich aus F = m· a für die Kraftkompo-
nenten:
d2 x d2 y d2 z
Fx = m , F y = m , F z = m . (3.3)
dt 2 dt 2 dt 2
Als Beispiel der Zerlegung einer vorgegebenen Kraft betrachten wir die Kräfte, denen
ein Körper auf einer schiefen Ebene (Abschn. 2.5) unterliegt. In Abb. 3.8 ist eine geneigte
Ebene gezeichnet. Die Strecke AB stellt die Länge der schiefen Ebene dar, die mit der
Horizontalen den Neigungswinkel α bildet. Das von B auf die Horizontale gefällte Lot BC
sei die maximale Höhe h der schiefen Ebene, während AC die Basis b genannt wird. Auf
der schiefen Ebene befinde sich ein Körper K der Masse m; sie unterliegt der vertikal nach
unten gerichteten Schwerkraft (= Gewicht) F g = m·g. Da eine Bewegung nur parallel zur

B
K
Fp
Fg
h
l 66
Fn
6
Abb. 3.8 Zerlegung der Kraft auf der schie-
A b C fen Ebene
3.2 Kraftbegriff und Grundgesetz der Mechanik 75

Ebene erfolgen kann, zerlegt man Fg in zwei Teilkräfte, nämlich in die parallel zur schiefen
Ebene gerichtete Parallelkraft F p und die senkrecht zur Ebene verlaufende Normalkraft
F n . Nach Abb. 3.8 ergibt sich für die Beträge dieser Kräfte:
h b
Fp = Fg · = Fg · sin α, Fn = Fg · = Fg · cos α. (3.4)
l l
Da die Normalkraft F n des Körpers gegen die Ebene drückt und ihre Wirkung durch den
Gegendruck der Ebene aufgehoben wird, kommt für die Bewegung des Körpers nur die
Parallelkraft F p in Frage. Diese ist umso kleiner, je geringer die Neigung α der Ebene ist.
Für die Beschleunigung, mit der der Körper auf der schiefen Ebene herabgleitet, findet
man bei Vernachlässigung der Reibung:
h
gα = g = g sin α. (3.5)
l
Von dieser Verkleinerung der Fallbeschleunigung wurde bereits bei der Fallbewegung auf
der schiefen Ebene (Galilei’sche Fallrinne, s. Abschn. 2.5) Gebrauch gemacht.
Um den Körper K auf der schiefen Ebene im Gleichgewicht zu halten, muss an der Kugel
eine der Kraft Fp entgegengerichtete gleich große Kraft −Fp angreifen. Vergrößert man
diese aufwärts wirkende Kraft ein wenig, so bewegt sich der Körper auf der schiefen Ebene
aufwärts. Man benutzt im täglichen Leben die schiefe Ebene, um schwere Lasten aufwärts
zu bewegen, und zwar unter Anwendung einer Kraft, die nur einen Bruchteil derjenigen
beträgt, die zum senkrechten Emporheben notwendig wäre. Jede schräg aufwärts führende
Laufbrücke bei Bauten, jede Schraube, jede Bergstraße usw. ist nichts anderes als eine
schiefe Ebene.
Schließlich möge noch die Komponentenzerlegung der Windkraft bei einem gegen den
Wind ankreuzenden Segelboot besprochen werden. In Abb. 3.9 sei die Richtung des Win-
des durch die oberen Pfeile, die Fahrtrichtung des Bootes zunächst durch die Richtung
OC und das Segel durch S angedeutet. Vom Zentrum des Bootes ist ein Kraftvektor (nach
unten) gezeichnet, dessen Richtung und Länge der Windkraft entspricht. Dieser Vektor
wird in zwei Komponenten zerlegt: eine senkrecht zur Segelfläche (nur diese kann wirk-
sam sein) und eine parallel zur Segelfläche (ohne Wirkung). Die senkrecht zur Segelfläche
wirksame Komponente der Windkraft wird wiederum in zwei Kraftkomponenten zerlegt:
eine, die das Boot vorwärts treibt, und eine senkrecht hierzu. Diese letztere Komponente
bewirkt die „Abdrift“ des Bootes. Die Abdrift wird durch das Schwert weitgehend ver-
hindert. Ist das Boot in C angekommen, muss es durch rasches Umlegen des Steuers in
die neue Richtung CD schräg zur Windrichtung gebracht werden; dabei wird das Segel
S in die neue Lage umgelegt. Macht man dann die gleiche Zerlegung der auf das Segel
wirkenden Windkraft, so erhält man wieder eine Kraftkomponente, die das Boot in der
neuen Richtung CD schräg gegen den Wind vorwärts bewegt. Auf diese Weise lässt sich
das Boot im Zickzackkurs gegen die Windrichtung steuern. Dabei ist zu beachten, dass
zur Windgeschwindigkeit noch die (der Geschwindigkeit des Bootes entgegengesetzt glei-
che) Relativgeschwindigkeit des Windes (Fahrtwind) vektoriell addiert werden muss. Das
bedeutet, dass für einen Beobachter auf dem fahrenden Boot der Wind aus einer etwas
veränderten Richtung kommt.
Nur mit Hilfe der Zerlegung der Kraftvektoren in ihre Komponenten ist es also möglich,
einen solchen Vorgang wie das Kreuzen gegen den Wind beim Segeln leicht zu verstehen. –
Ergänzend sei noch untersucht, bei welcher Segelstellung das Boot seinen größten Antrieb
76 3 Dynamik von Massenpunkten

D
S

C
S

Abb. 3.9 Zerlegung der Windkraft beim


Segeln

erfährt. Man betrachte hierzu Abb. 3.10. W ist der Vektor der Windkraft, N ist der Vektor
der senkrecht auf das Segel wirkenden Normalkraft, V ist der Vektor der Kraft, die das
Boot vorwärts treibt. Dieser soll also möglichst groß sein. Man erkennt leicht aus der
Zeichnung, dass N = W · sin β und dass V = N · sin(α − β). Durch Einsetzen von N
in die letzte Gleichung ergibt sich: V = W · sin β · sin(α − β). V wird ein Maximum,
wenn β gleich α/2 ist (nach einfacher Differentialrechnung). Es ist also zweckmäßig, das
Segel so zu stellen, dass es den Winkel zwischen der Längsrichtung des Bootes und der
Windrichtung halbiert. In diesem Fall wird die treibende Komponente der Windkraft W
α
V = W · sin 2 . (3.6)
2
In Übereinstimmung mit der Erfahrung wird also bei α = 180◦ (Wind genau von achtern)
die größte Kraft auf das Boot übertragen.

S
C

S
Abb. 3.10 Vektordiagramm zur Ermittlung
der günstigsten Segelstellung
3.2 Kraftbegriff und Grundgesetz der Mechanik 77

Ein spezieller Fall der Zusammensetzung von Kräften, die an einem Punkt angreifen, ist
derjenige, bei dem die Resultierende null ist. Dann wirkt auf den Massenpunkt insgesamt
keine Kraft, da die Einzelkräfte sich das Gleichgewicht halten; davon ist im Vorhergehen-
den gelegentlich schon Gebrauch gemacht worden. In diesem Fall erfährt der angegriffene
Massenpunkt natürlich keine Beschleunigung; er ist, wie man sagt, im Gleichgewicht. Die
Gleichgewichtsbedingung lautet also:
G
F i = 0. (3.7)
i
In dem besonders einfachen Fall, dass nur zwei Kräfte F1 und F 2 wirken, geht diese
Gleichgewichtsbedingung über in:
F1 + F 2 = 0 oder F1 = −F 2 , (3.8)
d. h., entgegengesetzt gleiche Kräfte, die an einem Punkt angreifen, halten diesen im
Gleichgewicht.

Messung von Kräften. Man kann die Gleichgewichtsbedingung dazu benutzen, um eine
unbekannte Kraft zu messen. Man bringt sie z. B. an dem Endpunkt einer (durch Mes-
sung von Beschleunigungen) geeichten Spiralfeder an, deren anderes Ende festgehalten
ist. Die zu bestimmende Kraft deformiert (verlängert oder verkürzt) dann die Feder, bis
die hervorgerufene Federkraft bei einer bestimmten Verlängerung (oder Verkürzung) der
unbekannten Kraft das Gleichgewicht hält. Dann weiß man, dass diese Federkraft entge-
gengesetzt gleich der zu messenden Kraft ist, und da die Feder geeicht ist, kann der Betrag
der Kraft angegeben werden (Federdynamometer oder Federwaage, Abb. 3.7).
Man nennt eine derartige Messung von Kräften – im Gegensatz zu der bisher benutzten
dynamischen Methode – eine statische, weil sie das Gleichgewicht eines Körpers als
Kriterium für die Kräftegleichheit benutzt. Die Bedeutung dieser statischen Kraftmessung
liegt darin, dass sie viel bequemer auszuführen ist als die dynamische.
Nicht immer erkennt man übrigens beim Wirken einer Kraft die Formveränderung eines
Körpers, die zum Auftreten von Gegenkräften führt, weil sie zu gering ist und sich der
direkten Beobachtung entzieht. Setzt man z. B. (Abb. 3.11) auf die Mitte eines Tisches
ein Gewichtsstück G, so drückt dieses mit einer durch seine Größe bestimmten Kraft Fg
auf die Tischplatte. Die dabei auftretende geringe Durchbiegung der Platte kann man aber
mit einem Lichtzeiger sichtbar machen, indem man zwei Spiegel S1 und S2 an den Enden

S1
T
L
B S2

Fg

Abb. 3.11 Optischer Nachweis der Durchbiegung einer Tischplatte unter der Wirkung einer Kraft F
78 3 Dynamik von Massenpunkten

des Tisches aufstellt und über diese den Fokus des Strahls eines Lasers B mit einer Linse
L auf eine weit entfernte Skala T lenkt. Bei der Durchbiegung der Tischplatte kippen die
Spiegel in der Pfeilrichtung und bewegen den Lichtzeiger auf der Skala von oben nach
unten.

3.3 Kraft und Gegenkraft


Wechselwirkung von Massenpunkten. Eine auf einen Massenpunkt wirkende Kraft
kann nicht aus dem Massenpunkt selbst stammen. Sie ist vielmehr durch seine „Be-
ziehung“ zu der ihn umgebenden Körperwelt bedingt. Danach erfährt ein isolierter, im
leeren Raum befindlicher Massenpunkt überhaupt keine Kraftwirkung. Damit diese zu-
stande kommt, muss mindestens noch ein zweiter Massenpunkt, im Allgemeinen eine
Anzahl anderer Massenpunkte, vorhanden sein, von denen die Kraftwirkung ausgeht.
Eine gespannte Feder kann z. B. einen vor ihrem einen Ende befindlichen Körper nur
beschleunigen, wenn ihr anderes Ende an einem zweiten Körper anliegt. Es hat also nur
Sinn von Kraftwirkungen zwischen zwei oder mehreren Massenpunkten oder Körpern
zu sprechen. Die Erfahrung zeigt nun, dass, wenn ein Körper a auf einen Körper b eine
Kraft ausübt, die F ab genannt sein soll, der Körper b umgekehrt auch auf den Körper
a eine Kraft F ba ausübt. Das dritte Newton’sche Gesetz (Reaktionsprinzip) behauptet
nun:
• Die von einem Körper a auf einen Körper b ausgeübte Kraft ist stets entgegengesetzt
gleich der Kraft, die b auf a ausübt:
F ab = −F ba . (3.9)
Jede Kraft erzeugt eine gleich große Gegenkraft (actio = reactio).
Mit diesem dritten Gesetz hat Newton die Grundlage zur Behandlung der Mechanik von
Systemen von Massenpunkten und damit der Mechanik ausgedehnter Körper geschaf-
fen.
Der wesentliche Inhalt der Newton’schen Gesetze sei kurz zusammengefasst: Das erste
Newton’sche Gesetz (Trägheitsgesetz) behandelt die Trägheit der Körper, die eine Masse
besitzen. Es beantwortet die Frage: „Was ist eine Kraft?“ Antwort: Eine Kraft ist die Ursa-
che einer Geschwindigkeitsänderung. – Das zweite Newton’sche Gesetz (Grundgesetz der
Mechanik) behandelt die Frage: „Wie groß ist die Kraft?“ Antwort: Kraft = Produkt von
Masse und Beschleunigung; unter Verwendung des Begriffes Impuls (Abschn. 4.2) kann
man auch antworten: Kraft = zeitliche Änderung des Impulses. – Das dritte Newton’sche
Gesetz (Reaktionsprinzip) behandelt die Kräfte und ihre Gegenkräfte. – Newton fügte
diesen drei Gesetzen ein viertes Gesetz hinzu, das die Zerlegung und Zusammensetzung
von Kräften behandelt. – Die Richtigkeit dieser Gesetze lässt sich experimentell prüfen.
Sie stimmen im Rahmen der mit einfachen Versuchsanordnungen erreichbaren Messge-
nauigkeit mit der Erfahrung überein. In diesem Sinn sind sie experimentell gesicherte
Naturgesetze.
Wenn man ein „System“, d. h. eine geordnete Anzahl von Massenpunkten, ins Auge
fasst, so können zwei Fälle vorliegen: Entweder stammen alle Kräfte, die an Massenpunk-
ten des Systems angreifen, aus dem System selbst, d. h. gehen von Massenpunkten des
3.3 Kraft und Gegenkraft 79

Systems selbst aus – dann spricht man von inneren Kräften – oder es treten neben diesen
inneren Kräften noch äußere Kräfte auf, die von Massenpunkten ausgehen, die man dem
System nicht zugerechnet hat. Es sei nun die Summe aller im System auftretenden Kräfte
gebildet. Sind es nur innere, so ist diese Summe gleich null, da sie sich nach dem dritten
Newton’schen Gesetz paarweise aufheben. In diesem Fall nennt man das System ein freies
System. Im anderen Fall reduziert sich die Summe aller Kräfte auf die Summe der äußeren
Kräfte, da die Summe der inneren stets verschwindet.
Es gelten also aufgrund des dritten Newton’schen Gesetzes folgende Sätze:
1. Die Gesamtsumme aller Kräfte eines freien Systems ist gleich null.
2. Die Gesamtsumme aller Kräfte eines beliebigen, nichtfreien Systems reduziert sich
auf die Summe der äußeren Kräfte.

Experimenteller Nachweis des Reaktionsprinzips. Die Gültigkeit des Gesetzes von


actio = reactio, das man auch als Reaktionsprinzip bezeichnet, lässt sich durch eine große
Zahl von Versuchen nachweisen.
Von Newton selbst stammt folgender Versuch: Befestigt man auf je einem Stück Kork
einen kleinen Magneten und ein Eisenstück und lässt man beide Teile auf einer Was-
serfläche schwimmen, so zieht der Magnet das Eisen und umgekehrt das Eisen den Magnet
an; infolgedessen nähern sich beide bis zur Berührung und bleiben dann ruhig nebenein-
ander liegen. Das ist aber nur möglich, wenn die Kraft Magnet-Eisen (actio) genau gleich
der Kraft Eisen-Magnet (reactio) ist.
Auch der inAbschn. 1.6 behandelte dynamische Massenvergleich basiert auf dem Gesetz
actio = reactio. Auf zwei auf einer horizontalen Glasplatte aufgestellte, vollkommen
gleiche Wagen (s. Abb. 1.23) übt die Feder beim Durchbrennen des Fadens die gleiche
Kraft aus, jedoch in entgegengesetzter Richtung. Beide Wagen erhalten also die gleiche
Beschleunigung und legen in gleichen Zeiten gleiche Wegstrecken zurück. Dies erkennt
man z. B. daran, dass die Wagen im gleichenAugenblick an zwei in der gleichen Entfernung
von den beiden Wagen aufgestellte Klötze anstoßen.
Ändert man den Versuch so ab, dass man an beiden Wagen eine längere Spiralfeder
anbringt und diese durch Auseinanderziehen der Wagen spannt, so laufen die beiden
Wagen, wenn man sie gleichzeitig loslässt, aufeinander zu und treffen sich in der Mitte,
da jeder Wagen den anderen heranzieht.
Man kann auch Wagen mit verschiedenen Massen m1 und m2 benutzen. Sie erhalten
dann Beschleunigungen, die sich umgekehrt wie ihre Massen verhalten. Für die Endge-
schwindigkeiten der Wagen ergibt sich daher:
m1 · v1 = m2 · v2 (3.10)
Nach der Abstoßung haben die Wagen also entgegengesetzt gleiche Impulse p = m · v .
Der dynamische Massenvergleich basiert folglich auf der gleichen Erfahrung wie der in
Abschn. 4.2 zu besprechende Impulssatz.
Ein Gewicht auf unserer Hand drückt mit der gleichen Kraft nach unten, mit der die
Hand nach oben drücken muss, um das Fallen des Gewichtes zu verhindern. Jeder Körper
wird von der Erde angezogen und zieht mit der gleichen Kraft die Erde an; da aber die
Masse der Erde im Vergleich zu der des fallenden Körpers außerordentlich groß ist, erfährt
die Erde eine so geringe Beschleunigung, dass sie nicht merklich ist. Der Mond wird von
der Erde angezogen, umgekehrt wirkt aber auch der Mond mit der gleichen Kraft auf die
Erde anziehend.
80 3 Dynamik von Massenpunkten

D
Abb. 3.12 Rückstoß bei einem beweglich
aufgehängten Rohr

Abb. 3.13 Segner’sches Wasserrad

Wird ein Gewehr abgefeuert, wirkt einerseits eine Kraft auf das Geschoss nach vorwärts
(actio) und andererseits eine gleich große, entgegengesetzt gerichtete Kraft auf das Gewehr
selbst (reactio), die man als Rückstoß gegen die Schulter empfindet.
Lässt man nach Abb. 3.12 aus einem rechtwinklig gebogenen Rohr D, das an einem
Gummischlauch G aufgehängt ist, Wasser ausströmen, so wird das Wasser mit einer be-
stimmten Kraft aus der Düsenöffnung geschleudert. Mit derselben Kraft wirkt das Wasser
auch gegen die gegenüberliegende Stelle der Rohrwandung, so dass das Rohr gegen die
Stromrichtung des Wassers bewegt wird und die in Abb. 3.12 gestrichelt gezeichnete Lage
einnimmt. Auf dieser Wirkung beruht die Arbeitsweise des Segner’schenWasserrades, des-
sen Prinzip in Abb. 3.13 skizziert ist. Aus dem Vorratsgefäß A oder aus der Wasserleitung
strömt Wasser durch ein vertikales Rohr nach den beiden waagerecht und entgegenge-
setzt gerichteten Düsen D1 und D2 . Diese erfahren durch das ausströmende Wasser einen
Rückstoß in Richtung der eingezeichneten Pfeile; dadurch wird die ganze Anordnung um
die Vertikale in schnelle Rotation versetzt. Auf der Wirkung des Segner’schen Rades be-
ruhen die rotierenden Rasensprenger und Springbrunnen. Das in Abb. 3.13 dargestellte
Wasserrad dreht sich dagegen nicht, wenn man in 1 − 2 cm Entfernung von den Düsenöff-
nungen kleine Metallplatten anbringt, die an den Düsenarmen befestigt sind, so dass das
ausströmende Wasser gegen diese Platten strömen muss. Es heben sich dann die entgegen-
gesetzt gerichteten, gleichen Kräfte infolge des Rückstoßes und des Wasserdrucks gegen
die Metallplatten auf.
Schließlich beruht auch die Wirkungsweise der Rakete auf dem Gesetz der Gleichheit
von actio und reactio: Die ausgeschleuderten Verbrennungsgase üben auf die Rakete eine
Kraft aus, durch die sie entgegengesetzt zur Ausströmungsrichtung der heißen Gase be-
3.3 Kraft und Gegenkraft 81

Abb. 3.14 Nachweis der Gleichung actio = reactio (die Schiene dreht sich rückwärts)

schleunigt wird. Da das dritte Newton’sche Gesetz universelle Gültigkeit besitzt, ist die
Rückstoßkraft auf die Rakete unabhängig davon, ob sich die Rakete im lufterfüllten oder
luftleeren Raum bewegt. Auch beim Gehen und Springen erkennt man an dem Auftre-
ten einer rückstoßenden Kraft die Wirkung des dritten Newton’schen Gesetzes. Springt
man z. B. über einen Graben, so erteilt man seinem Körper eine beschleunigende Kraft
in Sprungrichtung; gleichzeitig erfährt die Absprungstelle (d. h. die Erde) eine Kraft in
umgekehrter Richtung, deren Wirkung man gelegentlich an dem Nachgeben des Bodens
erkennen kann. Versucht man von einem Boot ans Ufer zu springen, so macht man die
Erfahrung, dass das Boot beim Absprung vom Ufer weg bewegt wird.
Wenn eine Lokomotive anfährt, erhält sie eine Antriebskraft in Fahrtrichtung. Die Schie-
nen und damit die Erde erfahren eine gleichgroße Kraft in entgegengesetzter Richtung.
Dies lässt sich mit der in Abb. 3.14 wiedergegebenen Versuchseinrichtung zeigen, bei
der die große Masse der Erde durch die kleine Masse eines Rades ersetzt wird. Beim
Fahren der Lokomotive dreht sich das Rad mit den Schienen in entgegengesetzter Rich-
tung.

Reibungskräfte. Oft betrachtet man Reibungskräfte (vgl. Kap. 9) als Hindernisse der
Bewegung; es gibt jedoch mehr Fälle, in denen Bewegung nur durch Reibung möglich
wird: Die Eisenbahn kann nicht anfahren, wenn sich Öl auf den Schienen befindet. (Von der
Lokomotive aus wird dann Sand auf die Schienen gestreut.) Man denke auch an anfahrende
Autos bei Glatteis oder Schnee auf der Straße, ebenso an Fußgänger bei Glatteis. In diesen
Fällen fehlt die Übertragung der Kraft auf die große Masse der Erde. Dadurch fehlt die
Gegenkraft. Wenn reactio = 0 ist, muss auch actio = 0 sein. Überträgt man dies auf
den Versuch mit den beiden Wagen (Abb. 1.23), so müsste der eine Wagen die Masse
null erhalten. Dies kann man annähernd verwirklichen, indem der eine Wagen mit vielen
Gewichtsstücken und der andere nicht belastet wird.

Trägheitskräfte. Einem Gedanken von d’Alembert (1717 – 1783) folgend, kann auch die
Beschleunigung einer Masse unter der Einwirkung einer Kraft als ein Gleichgewichts-
zustand von actio = reactio betrachtet werden. Wenn man die Gleichung F = m· a in
folgender Weise schreibt:
F − m · a = 0, (3.11)
82 3 Dynamik von Massenpunkten

so liegt in der Tat ein Vergleich mit der statischen Gleichgewichtsbedingung für einen
Massenpunkt nahe:
F 1 + F 2 = 0.
Hier hält die Kraft F 2 der Kraft F 1 am gleichen Massenpunkt das Gleichgewicht. Ebenso
kann man sagen, dass die „Kraft“ (−m·a) der Kraft F das Gleichgewicht halte. Der Unter-
schied ist aber der, dass im statischen Gleichgewicht wirklich zwei Kräfte (F1 und F 2 ) vor-
handen sind, die sich faktisch das Gleichgewicht halten können, während in F = m· a ja nur
eine Kraft F vorhanden ist. Diese eingeprägte Kraft steht in einem dynamischen Gleich-
gewicht mit einer sogenannten Scheinkraft, der Trägheitskraft −m·a (d’Alembert’sches
Prinzip).
Wenn man also zur eingeprägten Kraft F die Trägheitskraft (−m·a) hinzufügt, kann man
auf das Bewegungsproblem die (im Allgemeinen einfacheren) Gesetze des Gleichgewich-
tes anwenden. Darin besteht die praktische Bedeutung des d’Alembert’schen Prinzips.
Verzichtet man darauf, das Bewegungsproblem als dynamisches Gleichgewicht auf-
zufassen, so besteht natürlich keinerlei Veranlassung, von einer Trägheitskraft zu reden.
Wenn man aber statische Methoden und Gesetze auf das dynamische Problem anwendet,
so muss man die Trägheitskräfte einführen.
Ein einfaches Beispiel mag dies erläutern: Wenn wir an eine Federwaage einen Körper
mit der Masse m anhängen, so verlängert sich die Feder so lange, bis die Federkraft gleich
dem Gewicht G = m · g ist. Das ist eine statische Methode, wie z. B. in Abschn. 3.2
auseinandergesetzt wird. Auch die quantitative Aussage, dass die Federkraft gleich dem
Gewicht des angehängten Körpers sei, ist eine für das Gleichgewicht zutreffende Be-
hauptung. Lassen wir aber die Federwaage mit angehängtem Gewicht frei fallen, so ist
keineswegs mehr die Federkraft gleich dem Gewicht, sondern gleich dem Gewicht ver-
mehrt um die d’Alembert’sche Trägheitskraft, die hier gleich −m·g ist. Also zeigt die Feder
jetzt die Kraft G − m · g = 0 an! Es besteht ein dynamisches Gleichgewicht zwischen dem
nach unten ziehenden Gewicht G = m · g und der nach oben gerichteten Trägheitskraft
−m · g. Natürlich kann man auch sagen, die frei fallende Feder zeige keine Spannung an,
weil sie genauso schnell fällt wie das angehängte Gewicht; so drückt man sich aus, wenn
man von der Interpretation d’Alemberts keinen Gebrauch machen will. – Wird die Feder
nicht mit der Beschleunigung g, sondern mit der Beschleunigung γ nach unten fallen
gelassen, so ist die angezeigte Spannung gleich G − m · γ = m(g − γ ); wäre sie dagegen
nach oben beschleunigt, würde die größere Spannung m(g + γ ) angezeigt werden.
Was für die Federwaage gilt, ist natürlich auch für jede andere Waage zutreffend, da
sie ein statisches Instrument ist. Wenn also eine auf einer Waage stehende Person ein
in der Hand befindliches Gewicht beschleunigt nach oben bewegt, so zeigt die Waage
einen Ausschlag im Sinn einer nach unten wirkenden Trägheitskraft, d. h. eine Gewichts-
vermehrung an; beschleunigt die Person dagegen das Gewicht nach unten, so erfährt die
Waage eine Gewichtsverminderung im Sinn einer jetzt nach oben gerichteten Trägheits-
kraft. Anstatt bei diesem Versuch ein Gewicht nach oben bzw. nach unten beschleunigt zu
bewegen, genügt es, wenn die Person auf der Waage beschleunigt in Kniebeuge bzw. in
Streckstellung geht.
Mit einer von J. Ch. Poggendorff (1796 – 1877) angegebenen Waage (Abb. 3.15) las-
sen sich die Trägheitskräfte zeigen. In der Mitte und am linken Ende einer zweiarmigen
Hebelwaage sind zwei Rollen angebracht, über die an einer Schnur die beiden Körper der
Massen M und M , hängen. M möge um den Betrag m größer als M , sein. Am rechten Ende
3.3 Kraft und Gegenkraft 83

F
M
M

M’ Abb. 3.15 Poggendorff ’sche Waage;


F = Faden, der zerschnitten wird

der Waage befindet sich ein zweiter Körper der Masse M , der also die Waage im Gleich-
gewicht hält, wenn die Masse M am linken Ende durch einen am Waagebalken befestigten
Faden F am Herunterfallen gehindert wird. Brennt man den Faden durch, so erteilt das
Übergewicht m · g den Massen M und M , die Beschleunigung γ in der Pfeilrichtung. Auf
der linken Seite der Waage wirkt also nicht mehr das Gewicht M · g, letzteres ist vielmehr
um die d’Alembert’sche Trägheitskraft −M · γ vermehrt, die hier der beschleunigenden
Kraft entgegenwirkt. Zur Berechnung der Beschleunigung γ dient folgende Überlegung:
Die wirksame („eingeprägte“) Kraft ist die Erdanziehung auf die Masse m, also gleich
m · g; diese bewirkt an der Gesamtmasse M + M , die Beschleunigung γ . Nach dem
d’Alembert’schen Prinzip besteht dynamisches Gleichgewicht, d. h. es ist:
m · g − (M + M , ) · γ = 0;
daraus ergibt sich:
m
γ = · g.
M + M,
Die am linken Waagebalken angreifende, nach oben wirkende Trägheitskraft ist also:
−M · m
−M γ = · g,
M + M,
so dass die Masse M nicht mehr mit ihrem Gewicht Mg sondern mit dem um M γ ver-
kleinerten Gewicht
D F
mM m
Mg − g = Mg 1 −
M + M, M + M,
wirkt. Dieses kann dem am rechten Waagebalken angreifenden Gewicht Mg nicht mehr
das Gleichgewicht halten: Der linke Waagebalken schlägt nach oben aus. Macht man vor
Beginn des Versuches die Belastung auf der rechten Seite der Waage um diesen Betrag
leichter, so kommt die Waage während des Herunterfallens von M ins Gleichgewicht. Man
hat so die Möglichkeit, die Trägheitskraft im Versuch zu messen. Ändert man den Versuch
so ab, dass M , um den Betrag m größer als M ist, so wird beim Heruntersinken von M ,
die Masse M nach oben beschleunigt, so dass eine nach unten gerichtete Trägheitskraft
auftritt und die linke Seite der Waage nach unten ausschlägt.
Ein im Schwerefeld der Erde ruhender Körper hat das Gewicht mg, das z. B. durch den
Druck auf eine Unterlage angezeigt wird. Lässt man den Körper frei fallen, so erfährt er
84 3 Dynamik von Massenpunkten

P1
P2 Abb. 3.16 Ein einfacher Versuch zeigt, dass
ein frei fallender Körper gewichtslos ist.

nach unten die Kraft der Erdanziehung mg und nach oben −mg, die sich gerade aufheben
wie in dem obigen Beispiel mit der Federwaage, das im Grunde damit identisch ist. Mit
anderen Worten: Ein Körper ist, während er frei fällt, gewichtslos (s. Abschn. 2.5). Dies
lässt sich in verschiedener Weise zeigen.
Ein schwingendes Fadenpendel, beispielsweise, das in einem kleinen Rahmen auf-
gehängt ist, hört auf zu schwingen, wenn der Rahmen (in einer Führung) herunterfällt.
Eine Flamme erlischt, während sie herunterfällt, auch wenn sie vor dem Wind geschützt
wird. Sie erlischt deshalb, weil die heißen, leichteren Verbrennungsgase nicht mehr nach
oben strömen und so die sauerstoffreiche Frischluft nicht mehr nachziehen können. Im
schwerelosen Raum gibt es keine leichteren und schwereren Gase mehr. Ein weiteres Bei-
spiel zeigt Abb. 3.16. Am unteren Ende eines Stiftes S ist eine runde Holzplatte P2 von
etwa 10 cm Durchmesser angebracht. Eine zweite gleich große Platte P1 mit einem Loch
in der Mitte liegt auf der ersten Platte auf. Zwischen den beiden Platten befindet sich
eine Spiralfeder, die so bemessen ist, dass sie von dem Gewicht der oberen Platte gerade
zusammengedrückt wird. Lässt man nun das Ganze frei nach unten fallen, so beobachtet
man, dass die obere Platte von der Feder hochgehoben wird. Die Platte P1 wird durch
die nach oben wirkende Trägheitskraft während des Falles gewichtslos und kann daher
die Spiralfeder nicht mehr zusammendrücken. – Legt man zwischen zwei nach Abb. 3.17
aufeinandergesetzte Gewichte von etwa 5 kg einen Streifen Papier, so lässt sich dieser
nicht herausziehen, ohne dass er reißt. Wenn man aber die Gewichte frei fallen lässt, so
kann man den Streifen unverletzt herausziehen, da jetzt das obere Gewicht gewichtslos
geworden ist und nicht mehr auf seine Unterlage drückt.
Dass ein auf einem plötzlich beschleunigten Wagen stehender Körper gegen die Fahrt-
richtung umkippt, lässt sich ebenfalls durch das Auftreten einer Trägheitskraft erklären.
Bezeichnet man mit a den Betrag der Beschleunigung, die der Wagen erfährt, und mit
m die Masse des darauf befindlichen Körpers, so setzen sich, wie man aus Abb. 3.18a
entnimmt, die gegen die Beschleunigungsrichtung des Wagens gerichtete Trägheitskraft
−ma und die nach unten gerichtete Schwerkraft mg des Körpers zu einer resultierenden
R zusammen. Geht diese nicht durch die Grundfläche des Körpers, so kippt er in der

5 kg

5 kg
Abb. 3.17 Aufhebung der Schwere beim
freien Fall
3.3 Kraft und Gegenkraft 85

-ma

(a) R mg

-ma

Abb. 3.18 Nachweis der Trägheitskraft beim


R a Anfahren eines Wagens auf der Horizontalen
mg (a) und beim Herunterfahren auf einer schie-
(b) fen Ebene (b)

Pfeilrichtung um. Lässt man dagegen den Wagen mit dem darauf stehenden Körper eine
schiefe Ebene beschleunigt herunterfahren (Abb. 3.18b), so bleibt der Körper während
der beschleunigten Bewegung sicher stehen, da jetzt die Resultierende von −ma und mg
durch die Standfläche des Körpers geht.
Dieser letzte Versuch lässt sich noch in einer anderen Form durchführen. Stellt man auf
das Brett einer Schaukel einen dünnen Metallstab, so bleibt dieser frei auf dem Schaukel-
brett stehen, auch wenn die Schaukel größere Schwingungsamplituden macht. Wie aus
Abb. 3.19 hervorgeht, setzt sich in jedem Augenblick die nach unten gerichtete Schwer-
kraft mg mit der Trägheitskraft −ma zu einer Resultierenden R zusammen, die den Stab
gegen das Brett der Schaukel drückt. In Abb. 3.19 sind zwei Augenblicke der Schaukelbe-
wegung festgehalten. Rechts beginnt die Schaukel ihre beschleunigte Abwärtsbewegung;
die Richtung des Beschleunigungsvektors stimmt mit der Bewegungsrichtung überein.
Links bewegt sich die Schaukel mit verzögerter Bewegung nach ihrem linken Endaus-
schlag. Eine Verzögerung ist aber gleichbedeutend mit einer negativen Beschleunigung,
so dass auch jetzt wieder der Beschleunigungsvektor nach der Ruhelage der Schaukel
gerichtet ist. Setzt man statt des Stabes auf das Schaukelbrett eine U-förmig gebogene
Glasröhre, so dass die Verbindungslinie ihrer beiden Schenkel mit der Richtung der

-ma
-ma’

a’ a
mg R Abb. 3.19 Zur Wirkung der Trägheitskräfte
R’ mg beim Schaukeln
86 3 Dynamik von Massenpunkten

Schaukelbewegung zusammenfällt, und füllt man die Röhre mit gefärbtem Wasser, so
beobachtet man beim Schwingen der Schaukel, dass das Wasser in beiden Schenkeln
stets gleich hoch steht. Dies scheint zunächst mit der Wirkung der Schwerkraft nicht in
Übereinstimmung zu sein, erklärt sich aber, da auf das Wasser außer der Schwerkraft
noch die Trägheitskraft wirkt und die Resultierende beider die Lage des Wasserniveaus
bestimmt.

Gleichheit von träger und schwerer Masse. Frei fallende Körper sind gewichtslos, wie
die oben betrachteten Experimente zeigen. Dieser Befund ist keineswegs selbstverständ-
lich. Denn es sollte streng genommen zwischen schwerer Masse ms und träger Masse mt
unterschieden werden (s. Abschn. 1.6). Bei der Messung der schweren Masse kommt es
auf die auf die Körper wirkende Gewichtskraft an, bei der Messung der trägen Masse
hingegen auf die Trägheitskraft. Die Gewichtskraft G = ms g ist daher proportional zur
schweren Masse, die Trägheitskraft F = mt a aber zur trägen Masse.
Aus der Gewichtslosigkeit frei fallender Körper folgt also:
ms g = mt a,
d. h. die Fallbeschleunigung a muss sein:
ms
a= g. (3.12)
mt
Nur wenn alle Körper dieselbe Fallbeschleunigung erfahren, ergeben Gewichtsmessungen
an frei fallenden Körpern das Gewicht G = 0. Eine an einer frei fallenden Federwaage
hängende Kugel belastet die Federwaage nicht, weil Waage und Kugel mit derselben
Beschleunigung fallen.
Tatsächlich hat bereits Galilei gefunden, dass die Fallbeschleunigung für alle Körper
den gleichen Wert (an der gleichen Stelle der Erdoberfläche) hat. Freilich sind die Fallver-
suche von Galilei nicht so genau, dass man schon im Vertrauen auf sie die strenge Identität
von ms und mt behaupten dürfte. Aber Newton und später F. W. Bessel (1784 – 1846) haben
(durch Pendelversuche) das gleiche Ergebnis mit einer Genauigkeit von 1 : 60 000, und
später R. v. Eötvös (1848 – 1919) (Versuche mit der Drehwaage, Abschn. 3.4) mit einer
Genauigkeit von 1 : 20 000 000 erhalten. Mit noch höherer Genauigkeit (10−11 ) wurde
in neuerer Zeit die Gleichheit von träger und schwerer Masse von R. H. Dicke (1964)
untersucht. Wir dürfen daher sagen, dass die Gleichheit von schwerer und träger Masse
ein Naturgesetz ist. Es ist als Äquivalenzprinzip bekannt und ist die Grundlage der Allge-
meinen Relativitätstheorie von Albert Einstein.
Im Zeitalter der Raumfahrt ist jedem die Schwerelosigkeit aller Körper im Raumschiff
vertraut. Auch sie ist eine Konsequenz des Äquivalenzprinzips und bietet sich an, die
Gleichheit von träger und schwerer Masse mit hoher Präzision zu testen. Im Jahr 2008
soll ein Satellit in eine sonnensynchrone Umlaufbahn um die Erde gebracht werden, um
das Äquivalenzprinzip mit einer Genauigkeit von 10−15 zu überprüfen.
3.4 Gravitation und Planetenbewegung 87

3.4 Gravitation und Planetenbewegung


Kepler’sche Gesetze. Die Natur bietet uns in der Bewegung der Planeten um die Sonne
eines der großartigsten Beispiele für eine Zentralbewegung. Aus den sorgfältigen astro-
nomischen Beobachtungen von Tycho Brahe (1546 – 1601) leitete Kepler (1571 – 1630)
in den Jahren 1609 und 1618 die folgenden drei Gesetze über die Planetenbewegung ab
(Abb. 3.20):
1. Die Planetenbahnen sind Ellipsen, in deren einem Brennpunkt die Sonne steht.
2. Der von der Sonne nach dem Planeten gezogene Leitstrahl überstreicht in gleichen
Zeiten gleiche Flächen.
3. Die Quadrate der Umlaufszeiten zweier Planeten verhalten sich wie die dritten Potenzen
der großen Halbachsen ihrer Bahnen.
Von diesen rein empirischen, kinematischen Gesetzen stellt das zweite den Flächensatz
dar, und beweist so, dass es sich bei der Planetenbewegung um eine Zentralbewegung
(s. Abschn. 4.4) handelt. Die geforderte Gleichheit der Flächen A1 und A2 bedingt, dass im
Perihel P der kürzere Leitstrahl mit seinem Endpunkt einen größeren Bogen beschreibt als
der längere Leitstrahl imAphel A in der gleichen Zeit. Also ist die Planetengeschwindigkeit
in Sonnennähe P (Perihel) größer als in Sonnenferne A (Aphel). Dies stimmt überein mit
dem Gesetz von der Erhaltung der Energie (s. Abschn. 4.1), da beim Übergang vom Aphel
zum Perihel der Planet gegen die Sonne „fällt“, potentielle Energie verliert und dafür
kinetische Energie vom gleichen Betrag gewinnen muss. Im zweiten Kepler’schen Gesetz
ist auch die Aussage enthalten, dass die Bahn in einer Ebene liegt. Jeder Planet erfährt nur
eine zur Sonne hin gerichtete Beschleunigung. Ihre Größe lässt sich mit Hilfe des ersten
und dritten Kepler’schen Gesetzes berechnen. Wir vereinfachen die Rechnung, indem wir
die Bahn als kreisförmig betrachten. Dies ist naheliegend, da die Planetenbahnen sich
nur wenig von Kreisen unterscheiden; z. B. weichen im ungünstigen Fall, beim Mars, die
beiden Halbachsen nur um etwa 2 % voneinander ab. Bezeichnen wir mit r die Entfernung
des Planeten von der Sonne, mit m seine Masse und mit T die Dauer eines Umlaufes, so
ist nach Abschn. 2.4 die Radialbeschleunigung des Planeten
4π 2 r
ar = , (3.13)
T2
und die von der Sonne auf ihn ausgeübte Radialkraft
4π 2 mr
F= . (3.14)
T2

A2
A1

P Sonne
+ A

Abb. 3.20 Zu den Kepler’schen Gesetzen


88 3 Dynamik von Massenpunkten

Nun besteht nach dem dritten Kepler’schen Gesetz zwischen den Umlaufszeiten T1 und
T2 zweier Planeten und ihren Entfernungen r1 und r2 von der Sonne die Beziehung:
T12 r13 r13 r23
= oder = .
T22 r23 T12 T22
Die letzte Formulierung sagt aber aus, dass die Größe r 3 /T 2 für alle Planeten einen
konstanten Wert k , (= 3.3 · 1024 km3 /Jahr 2 ) hat; k , ist also unabhängig von der Masse des
betrachteten Planeten, wird aber noch von der Masse des Zentralkörpers, d. h. der Sonne,
abhängen, was sich weiter unten auch wirklich ergeben wird. Für F können wir unter
Einführung von k , schreiben:
4π 2 mk ,
F= , (3.15)
r2
d. h., die von der Sonne auf einen Planeten ausgeübte Anziehungskraft ist zur Masse des
Planeten direkt und zum Quadrat seiner Entfernung von der Sonne umgekehrt proportio-
nal.
Das Gesetz wurde zuerst von Newton (1686) aufgestellt. Für die Zentralbeschleunigung
des Planeten findet man also den Wert
4π 2 k ,
ar = (3.16)
r2
und für zwei Planeten gilt:
1 1
a1r : a2r = : , (3.17)
r12 r22
d. h., die Zentralbeschleunigungen zweier Planeten verhalten sich umgekehrt wie die Qua-
drate ihrer Abstände von der Sonne.

Gravitationsgesetz. Nach dem Reaktionsprinzip wird nicht nur der Planet von der Sonne
angezogen, sondern er zieht mit der gleichen Kraft die Sonne an. Demzufolge hat einerseits
die Kraft, die der Planet auf die Sonne ausübt, den gleichen Betrag wie die Kraft in
Gl. (3.15), die die Sonne auf den Planeten ausübt. Andererseits wird der Planet mit einer zu
seiner Masse m proportionalen Kraft von der Sonne angezogen. Aus Symmetriegründen
erwartet man, dass dementsprechend die Sonne vom Planeten mit einer zur Masse M
der Sonne proportionalen Kraft angezogen wird. Die beiden betragsmäßig gleichen aber
entgegengesetzt gerichteten Kräfte sind folglich proportional zum Produkt m · M . Setzt
man die Proportionalitätskonstante gleich G, so erhält man:
mM
F =G . (3.18)
r2
Dies ist das Newton’sche Gravitationsgesetz:
• Die zwischen zwei Massen bestehende Anziehungskraft ist zu den beiden Massen direkt
und zum Quadrat der Entfernung umgekehrt proportional.
Die in Gl. (3.18) auftretende universelle Konstante G heißt die Gravitationskonstante. Der
Wert dieser Gravitationskonstante G war Newton noch unbekannt.
3.4 Gravitation und Planetenbewegung 89

Das von Newton zunächst für die Planetenbewegung gefundene Gesetz für die gegen-
seitige Anziehung zweier Massen wurde von ihm in genialer Weise verallgemeinert. Nach
dem Gravitationsgesetz ist die Schwere und damit das Gewicht eines Körpers durch die
von der Erde auf den betreffenden Körper ausgeübte Massenanziehung bedingt. Newton
wurde zu dieser Auffassung durch die besondere Erkenntnis geführt, dass die Zentripetal-
beschleunigung, die der Mond zur Erde hin erfährt und die ihn auf eine Kreisbahn (genauer
Ellipsenbahn) zwingt, nichts anderes als die Wirkung der irdischen Schwerkraft ist. Be-
zeichnet man mit r die Entfernung Erdmittelpunkt – Mondmittelpunkt und mit T die Dauer
eines Mondumlaufes um die Erde, so ist nach Gl. (3.13) die zur Erde hin gerichtete Radi-
albeschleunigung des Mondes: ar = 4π 2 r/T 2 ; da r = 383 930 km und T = 2 360 580 s
ist, wird ar = 0.272 cm/s2 . Wenn diese Beschleunigung durch die Schwerkraft der Erde
hervorgerufen sein soll, die an der Erdoberfläche, d. h. im Abstand des Erdradius R vom
Erdmittelpunkt, die Fallbeschleunigung g = 981 cm/s2 hervorbringt, so muss nach dem
Gravitationsgesetz, speziell nach Gl. (3.17), die Beziehung bestehen:
1 1
ar : g = 2
: 2.
r R
Hier ist die Voraussetzung gemacht, dass man sich die anziehende Wirkung der Erde
auf einen äußeren Massenpunkt in ihrem Mittelpunkt konzentriert denken darf; dies kann
in der Tat bewiesen werden (Abschn. 6.4).
Da r ≈ 60 R ist, wird dann ar ≈ 0.272 cm/s2 . Das ist aber derselbe Betrag, der vorher
aus astronomischen Beobachtungen abgeleitet wurde.
Beachtet man, dass die hier durchgeführte Rechnung nur näherungsweise gilt, so ist die
Übereinstimmung zwischen den beiden auf unterschiedliche Weise gefundenen Werten für
ar umso erstaunlicher. Sie ist einer der sichersten Hinweise dafür, dass die Schwerkraft
und die Anziehungskraft, die die Planeten auf ihren Bahnen hält, die gleiche Ursache
haben.

Messung der Gravitationskonstanten. Die im Gravitationsgesetz auftretende univer-


selle Konstante G wurde zuerst von H. Cavendish (1731 – 1810) im Jahr 1798 experimen-
tell mit einer Drehwaage in folgender Weise bestimmt: Zwei kleine kugelförmige Massen
a und b sind an den Enden einer sehr dünnen Stange befestigt. Die Stange ist waagerecht
an einem dünnen vertikalen Draht (in Abb. 3.21 senkrecht zur Zeichenebene) drehbar
aufgehängt. Bringt man zwei große Bleikugeln c und d seitlich neben die Kugeln a und
b, so ziehen sich c und a sowie b und d gegenseitig an. Da die großen Kugeln dann fest-
liegen, bewegen sich die kleinen Kugeln der Drehwaage auf die großen zu. Die kleinen
Kugeln „fallen“, wenn auch sehr viel langsamer, nämlich in einigen Minuten, ähnlich auf
die großen Kugeln, wie ein Stein auf die Erde fällt. Dabei verdrillt sich der Aufhängefaden
und schwingt um eine Gleichgewichtslage, in der das Drehmoment gleich dem Torsions-

c
b

a
d
Abb. 3.21 Drehwaage (von oben gesehen)
90 3 Dynamik von Massenpunkten

moment ist. Man bestimmt die Mittellagen des schwingenden Systems, einmal mit und
einmal ohne die anziehenden großen Kugeln. Ferner kann man auch durch geeignete Wahl
des Aufhängefadens (dünnes Metallband) das Torsionsmoment außerordentlich klein ma-
chen, so dass die kleinen Kugeln praktisch „frei“ auf die großen Kugeln „fallen“. Man
misst dann die Fallzeit t und die durchfallene kleine Wegstrecke s. Ebenso wie bei den
Fallversuchen ist der Weg s = (a/2)t 2, woraus die Beschleunigung a errechnet wird. Die
gesuchte Kraft ist F = ma = GmM /r 2 . Dabei ist r der Abstand der Schwerpunkte der sich
anziehenden Körper. Es ergibt sich die Gravitationskonstante G. Selbstverständlich wird
bei diesen Versuchen die sehr kleine Bewegung stark vergrößert, indem ein Lichtstrahl
durch einen Spiegel an der Drehwaage abgelenkt wird. Als genauester Wert hat sich für
die Gravitationskonstante G experimentell ergeben:

G = (6.674 ± 0.003) · 10−11 m3 kg−1 s−2 .

Massen von Sonne und Planeten. Nach Kenntnis der Gravitationskonstanten kann man
mit Hilfe des Gravitationsgesetzes die Masse der Erde sowie die Masse anderer Him-
melskörper berechnen. Die Kraft, mit der ein an der Erdoberfläche befindlicher Körper
der Masse m von der Erde der Masse M , die man sich im Erdmittelpunkt vereinigt denken
kann, angezogen wird, ist nach dem Gravitationsgesetz GmM /R2 und nach dem zwei-
ten Newton’schen Gesetz mg. Dies liefert die Gleichung GM /R2 = g und hieraus folgt
M = gR2 /G. Setzt man in diese Gleichung die Werte für g, R und G ein, so erhält man
für die Masse der Erde den Wert M = 5.974 · 1024 kg.
Da das Volumen der Erde gleich 1.1 · 1021 m3 ist, ergibt sich für die mittlere Dichte der
Erde der Wert 5.52 g/cm3. Da die Dichte der oberen Erdrinde nur etwa 2.5 g/cm3 beträgt,
muss man schließen, dass der Kern der Erde aus Materie wesentlich größerer Dichte
(vielleicht Eisen) aufgebaut ist. Hierfür spricht – neben den Erfahrungen aus der Seismik –
auch die mehrfach beobachtete Erscheinung, dass die Fallbeschleunigung beim Eindringen
in das Erdinnere (z. B. in tiefen Bergwerksschächten) zunimmt; man nähert sich hierbei
der Hauptmasse der Erde, die nach dem Gravitationsgesetz die Hauptanziehung auf den
fallenden Körper ausübt. Im Erdmittelpunkt selbst muss dagegen die Anziehung auf einen
dort befindlichen Körper null sein, da sich die von den ringsum befindlichen Erdmassen
ausgehenden Kräfte aufheben.
G. B. Airy (1801 – 1892) wies 1821 und 1854 in den Steinkohlebergwerken von Corn-
wall die Zunahme der Fallbeschleunigung g bei Annäherung an den Mittelpunkt der Erde
nach. Er fand, dass die Fallbeschleunigung in einer Tiefe von 393 m um 1/19 200 ihres an
der Erdoberfläche gemessenen Wertes größer ist.
In ähnlicher Weise wie die Erdmasse können wir auch die Masse der Sonne berech-
nen. Nach Gl. (3.13) ist die Beschleunigung, die ein Planet zur Sonne hin erfährt,
ar = 4π 2 r/T 2 . Nennen wir die Sonnenmasse M und die Planetenmasse m, so ist diese
Beschleunigung andererseits nach dem Gravitationsgesetz ar = GM /r 2 , so dass wir
für M die Beziehung finden: M = 4π 2 r 3 /GT 2 . Nach dem dritten Kepler’schen Gesetz
ist der Wert r 3 /T 2 für den Umlauf aller Planeten gleich, und zwar 3.355 · 1018 m3 s−2 .
Dies findet man, wenn man etwa für r den Erdbahnradius (= 1.495 · 1011 m) und für
T das Erdjahr (3.156 · 107 s) einsetzt. Dies liefert für die Sonnenmasse M den Wert
1.98 · 1030 kg.
Auf die gleiche Weise kann man die Masse jedes Planeten bestimmen, wenn erTrabanten
besitzt und man deren Abstände r vom Zentralkörper und ihre Umlaufszeit T , d. h. das
3.4 Gravitation und Planetenbewegung 91

Verhältnis r 3 /T 2 für dieses System bestimmen kann. Dies gilt z. B. für Jupiter und seine
Monde.
Nach dem Gravitationsgesetz ist das Verhältnis r 3 /T 2 proportional zur Masse des Zen-
tralkörpers, also haben wir die beiden Gleichungen:
8 ; 8 ;
r3 r3
= CM ; = Cm,
T2 T2
Sonnensystem Jupitersystem

wenn M und m die Massen von Sonne und Jupiter sind. Die Beobachtungen ergeben,
dass für Jupiter r 3 /T 2 nur den 1048sten Teil von 3.355 · 1018 m3 s−2 beträgt; d. h., die
Jupitermasse beträgt nur den 1048sten Teil der Sonnenmasse, nämlich 1.9 · 1027 kg. (Der
Planet Venus z. B. besitzt keinen Mond; seine Masse muss daher (und kann) auf andere
Weise, nämlich durch Beobachtungen der Störungen seiner Bahn, bestimmt werden.)
Der Zwergplanet Pluto wurde 1930 von C. W. Tombough (1906 – 1997) am Lowell-
Observatorium in Arizona entdeckt. Seine Bahn weicht beträchtlich von einem Kreis ab.
Im Mittel ist Pluto etwa um 30 % weiter entfernt von der Sonne als Neptun; da seine Bahn
aber kein Kreis ist, taucht er gelegentlich in die Bahn des Neptun ein, wenn er der Sonne
am nächsten ist. Seine sehr kleine Masse, die etwa gleich der der Erde ist und von Brouwer
aus geringfügigen Abweichungen der Neptunbahn ermittelt wurde, führte Lyttleton zu der
Annahme, dass Pluto ein entwichener Satellit des Neptun sei.
So erhält man die in Tab. 3.1 eingetragenen Massen der Sonne und der Planeten, bezogen
auf die Masse der Erde.
Tab. 3.1 Planetenmassen relativ zur Masse der Erde

Sonne Merkur Venus Erde Mars Jupiter Saturn Uranus Neptun Pluto

333 432 0.055 0.815 1 0.107 318 95 14.54 17.15 0.0021

Aus Tab. 3.1 geht hervor, dass die Masse der Sonne die aller Planeten zusammengenom-
men um mehr als das 700-fache übertrifft. Der gemeinsame Schwerpunkt des Sonnen-
systems liegt infolgedessen immer in großer Nähe der Sonne, zeitweise sogar im Son-
neninnern selbst. Beschränkt man sich auf die Betrachtung des Systems Sonne – Erde,
so liegt der Schwerpunkt nur um 451 km vom Sonnenmittelpunkt entfernt, während der
Sonnenradius 696 · 103 km beträgt. Diese Feststellungen sind für das Folgende wich-
tig.

Planetenbewegung. Bisher folgten wir der historischen Entwicklung des Problems, die
in der Gewinnung des Gravitationsgesetzes (3.18) gipfelte. Nachdem dieses einmal be-
kannt ist, kann man den Gang umkehren und den Ausdruck (3.18) F = GMm/r 2 in die
Newton’sche Bewegungsgleichung F = ma einsetzen. Für jeden Planeten und die Sonne
hat man jeweils eine derartige Gleichung aufzustellen. Beschränken wir uns zuerst auf die
Betrachtung der Sonne und eines Planeten, auf ein sogenanntes Zweikörperproblem, so
kann man nun deduktiv alle Aussagen über die Planetenbewegung, z. B. die Kepler’schen
Gesetze, wiedergewinnen. Und zwar in erweiterter und verbesserter Form. Einmal er-
gibt nämlich die Ausrechnung, dass die Bahnen der Himmelskörper nicht unbedingt El-
lipsen zu sein brauchen, sondern ganz allgemein Kegelschnitte sein können. In der Tat
hat man einige Kometenbahnen als parabolische oder hyperbolische Bahnen aufgefasst
92 3 Dynamik von Massenpunkten

und berechnet1. Aber das Newton’sche Gravitationsgesetz liefert auch eine Korrektur der
empirisch gefundenen Kepler’schen Gesetze, und zwar schon bei Beschränkung auf das
Zweikörperproblem. Denn nach dem Satz von der Erhaltung des Schwerpunktes muss
der gemeinsame Schwerpunkt des Systems Sonne – Planet in Ruhe bleiben2 und nicht die
Sonne, wie es das erste Kepler’sche Gesetz will. Allerdings liegt nach den vorhergehenden
Darlegungen der Schwerpunkt so nahe am Sonnenzentrum, dass die Bewegung der Sonne,
die natürlich auch auf einer Ellipse um den gemeinsamen Schwerpunkt vor sich geht, sehr
klein ist.
Weitere Korrekturen sind nötig, wenn wir das gesamte Sonnensystem betrachten. Denn
es ist nach dem Newton’schen Gravitationsgesetz klar, dass die Planeten dann genau ge-
nommen keine elliptischen Bahnen beschreiben können. Das wäre nur der Fall, wenn
jeder Planet ausschließlich unter dem Krafteinfluss der Sonne stünde. Dieser ist zwar we-
gen ihrer großen Masse überwiegend, aber nicht der einzige. Denn jeder Planet erfährt –
gerade nach dem Newton’schen Gesetz – von jedem anderen auch eine Kraftwirkung,
und diese stört die einfache elliptische Bahn des Zweikörperproblems. Dieses allgemeine
n-Körperproblem ist zwar streng nicht lösbar, doch erlaubt die relative Kleinheit der von
den Planeten ausgeübten Kräfte eine Näherungsrechnung. Gerade diese Störungsrech-
nung bildet nun im Grunde genommen den größten Triumph des Gravitationsgesetzes.
Mit ihm lassen sich alle Erscheinungen am Sternenhimmel mit extremer Genauigkeit
und für lange historische Zeiträume voraus- und zurückberechnen. Eine Abweichung von
den Kepler’schen Gesetzen konnte aber so nicht erklärt werden: Nach Abrechnung aller
Störungen bleibt die Kepler-Ellipse des der Sonne am nächsten befindlichen Planeten Mer-
kur nicht im Raum fest, sondern deren große Achse erfährt eine kleine Drehung um 43,,
in einem Jahrhundert. Diese als Periheldrehung des Merkur bekannte Abweichung von
den Kepler’schen Gesetzen kann im Rahmen der Allgemeine Relativitätstheorie Einsteins
erklärt werden.
Es kann noch hinzugefügt werden, dass die Gültigkeit des Gravitationsgesetzes durch-
aus nicht auf das Sonnensystem beschränkt ist. Wir kennen vielmehr Tausende von Dop-
pelsternen, die ihre Bahnen ebenfalls genau nach diesem Gesetz beschreiben, obwohl hier
der allgemeinere Fall vorliegt, dass der gemeinsame Schwerpunkt wegen der ungefähren
Gleichheit der beiden Massen keineswegs innerhalb eines der beiden Sterne, sondern weit
außerhalb derselben liegt.

Kopernikanisches Weltbild. Wie oben erwähnt, ist nach der Newton’schen Mechanik in
Verbindung mit dem Gravitationsgesetz nur der von Nikolaus Kopernikus (1473 – 1543)
begründete heliozentrische Standpunkt zulässig; die ptolemäische Auffassung des geo-
zentrischen Weltsystems muss – von dieser Basis aus – verworfen werden. Dagegen ist
es bei einer rein kinematischen – nicht dynamischen! – Beschreibung der Bahn zulässig,
z. B. die Erde als ruhend anzusehen. Durch bloße Beobachtung der Bahnen kann also das
ptolemäische System niemals widerlegt werden. Das folgt schon daraus, dass die Alten –
nach Maßgabe der Genauigkeit ihrer Beobachtungen – z. B. die Finsternisse nach dem
1 Allerdings bewegen sich die meisten Kometen auf elliptischen Bahnen um die Sonne und gehören somit
zu unserem Sonnensystem.
2 Von einer gleichförmigen Bewegung des Schwerpunktes (und damit des ganzen Sonnensystems) können
wir hier absehen; tatsächlich bewegt sich das Sonnensystem mit einer Geschwindigkeit von 20 km/s
gegen das Sternbild des Herkules, und mit 300 km/s gegenüber anderen galaktischen Systemen (Galaxis
= Milchstraße).
3.5 Ebbe und Flut 93

ptolemäischen System ebenso gut vorausberechnen konnten wie wir. Vom reinen Beob-
achtungsstandpunkt aus kann man höchstens praktische Vorteile des kopernikanischen
Systems zugeben, niemals aber die ausschließliche Richtigkeit desselben beweisen.

3.5 Ebbe und Flut


Erklärung der Gezeiten. Eine wichtige Folge der Gravitationswirkung des Mondes und
der Sonne sind die Gezeiten, d. h. der periodische Wechsel von Ebbe und Flut. Bereits
Newton erkannte den Zusammenhang dieser Erscheinungen mit den Mondphasen und
entwickelte eine Theorie der fluterzeugenden Kräfte.
Um zu einer anschaulichen Erklärung zu gelangen, betrachten wir zunächst nur die
Wirkung des Mondes und sehen von der Eigenrotation der Erde ab, da sie keinen Einfluss
auf die fluterzeugenden Kräfte hat. Wenn wir Erde und Mond als ein freies System ansehen,
so muss beim Umlauf des Mondes um die Erde die Bewegung so erfolgen, dass der
gemeinsame Schwerpunkt von Erde und Mond in Ruhe bleibt (vgl. Kap. 4).
Dies kann man mit dem inAbb. 3.22 skizziertenVersuch zeigen. Zwei verschieden große
Kugeln sind durch eine kurze Kette miteinander verbunden und hängen mit dem an einer
beliebigen Stelle der Kette befestigten Bindfaden a − b an der vertikal gestellten Achse
eines Motors. Wenn diese Achse rotiert, kommt das aus den beiden Kugeln der Masse M
und m befindliche System in eine Rotation um die durch den gemeinsamen Schwerpunkt
S gehende Achse aS. Man kann deutlich beobachten, dass die beiden Kugeln verschieden
große Kreise um S beschreiben.
Da die Masse der Erde etwa 80-mal so groß ist wie die des Mondes, liegt der Schwer-
punkt S noch innerhalb der Erde, etwa 3/4 des Erdradius vom Mittelpunkt entfernt
(Abb. 3.23). Um diesen gemeinsamen Schwerpunkt S bewegen sich also Erde und Mond.
Es handelt sich dabei nicht etwa um eine Drehung der Erde um eine durch S gehende
Achse (wie etwa in Abb. 3.22), sondern, da Erde und Mond nicht starr miteinander ver-
bunden sind, um eine reine Verschiebung, bei der der Erdmittelpunkt in 27 1/3 Tagen eine
Kreisbahn mit dem Radius 3/4 R um den Schwerpunkt S durchläuft. Alle anderen Punkte
der Erde beschreiben dabei ebenfalls Kreise mit dem Radius 3/4 R, aber um verschiedene
Mittelpunkte (Revolution ohne Rotation). Das bedeutet aber, dass die Zentrifugalkraft F z ,
die durch diese Bewegung hervorgerufen wird, in jedem Punkt der Erde gleich groß ist.

Abb. 3.22 Rotation zweier Kugeln verschie-


m b S den großer Masse um ihren gemeinsamen
M Schwerpunkt S
94 3 Dynamik von Massenpunkten

Abb. 3.23 Bewegung von Erde und Mond


um ihren gemeinsamen Schwerpunkt

Ferner wirkt sie stets parallel zur Verbindungslinie von Erd- und Mondmittelpunkt und ist
vom Mond weg gerichtet.
Ganz anders dagegen verhält es sich mit der Gravitationskraft des Mondes. Sie ist auf-
grund der nicht zu vernachlässigenden Ausdehnung der Erde an verschiedenen Orten der
Erdoberfläche verschieden groß und wird nur im Erdmittelpunkt – gemäß den Geset-
zen der Planetenbewegung – von der Zentrifugalkraft F z kompensiert. In Abb. 3.24 sind
die in vier verschiedenen Punkten der Erdoberfläche und im Erdmittelpunkt wirkenden
Gravitationskräfte F g und die Zentrifugalkraft F z sowie ihre Resultierenden (doppelt aus-
gezogen) eingezeichnet. Im Punkt A überwiegt F g ; im Punkt C ist wegen der größeren
Entfernung vom Mond F g kleiner als F z ; und bei B und D ist die Resultierende klein
und zum Erdmittelpunkt hin gerichtet. Zwischen den Punkten B und D einerseits und A
und C andererseits findet entlang der Erdoberfläche ein stetiger Übergang von Größe und
Richtung der resultierenden Kraft statt, d. h., die resultierende Kraft besitzt in den Zwi-
schenpunkten auch eine parallel zur Erdoberfläche wirkende Komponente (Abb. 3.24).
Diese Horizontalkomponente ist für die Bewegung des Wassers verantwortlich. Die ver-
tikale Komponente bewirkt eine elastische Verformung, d. h. ein Senken und Heben der
festen Erdoberfläche um einige Dezimeter und damit auch eine kleine Zu- oder Abnahme
der Erdbeschleunigung g. Die Folge ist, dass das Wasser von allen Seiten zu den Punkten
A und C strömt (Abb. 3.24 ist rotationssymmetrisch zur Achse AC zu denken) und dort
Flutberge entstehen, während bei B und D sowie längs des gesamten durch B und D ge-
henden, zur Papierebene senkrechten Meridians Ebbe herrscht. Infolge des Mondumlaufs
um die Erde und der gleichzeitigen Drehung der Erde um die Nord-Süd-Achse, die von
der Achse BD etwas abweicht, verschiebt sich der beschriebene Zustand dauernd, so dass
innerhalb von rund 24 3/4 Stunden an einem Ort zweimal Ebbe und Flut eintritt.
Die gleiche Überlegung, die für das System Erde–Mond angestellt wurde, lässt sich
auch für das System Erde–Sonne durchführen. Allerdings ist die Wirkung der Sonne nur
etwa halb so groß (genauer: 0.46-mal so groß) wie die des Mondes. In den Zeiten, wo
Sonne, Erde und Mond in einer Geraden stehen (Voll- bzw. Neumond) addieren sich die

Fz B Fg

C Fz Fg A
Fz Fg O Fz Fg

D Fg
Fz

Abb. 3.24 Erklärung der Gezeiten


3.5 Ebbe und Flut 95

Wirkungen von Sonne und Mond und es kommt zu den sogenannten Springfluten. Bilden
Sonne und Mond dagegen einen rechten Winkel mit der Erde als Scheitelpunkt (erstes
und letztes Mondviertel), so sind die fluterzeugenden Kräfte am kleinsten (Nippflut).
Mit Hilfe der genauen Theorie und mit Kenntnis von Erfahrungswerten ist es möglich,
für jeden Punkt der Erde die Zeit des Eintritts und die Höhe der Flut im Voraus zu bestim-
men. Der komplizierte Verlauf der Meeresküsten macht den Vorgang allerdings äußerst
unübersichtlich. Zu einer halbwegs befriedigenden Erklärung kann man nur gelangen,
wenn man Ebbe und Flut als Welle auffasst, deren Ausbreitungsgeschwindigkeit in fla-
chen Gewässern stark von der Wassertiefe abhängt. Die in manchen Buchten beobachteten
extremen Fluthöhen von 10 bis 15 m stellen ein Resonanzphänomen dar, für das Länge
und Form der Bucht entscheidend sind. Das heißt, genauso wie sich eine Luftsäule an
einem Ende zu Resonanzschwingungen erregen lässt, kann auch in einer Meeresbucht be-
stimmter Länge bei Wellenerregung an ihrem Eingang Resonanz auftreten. Es ist möglich,
dass die Wirkung noch verstärkt wird durch Coriolis-Kräfte (s. Abschn. 3.6). In Binnen-
meeren ist die Flutwirkung nur gering. Im Mittelmeer z. B. reicht die Wassermenge, die
durch die Meerenge von Gibraltar vom Atlantik hereinströmen kann, nicht aus, um den
Wasserspiegel nennenswert anzuheben. Trotzdem erreicht in Venedig die Springflut eine
Höhe von 1.20 m, was auf die Resonanzwirkung in der Adria zurückzuführen ist.

Rückwirkung auf die Bewegung von Erde und Mond. Ebbe und Flut üben durch Rei-
bung eine bremsende Wirkung auf die Erdrotation aus. Sie ist zwar sehr gering (zurzeit
wird jeder Tag um 50 Nanosekunden länger!), hat aber zu einer Zeit, in der sich Erde
und Mond noch in flüssigem Zustand befanden, eine große Rolle gespielt. Die flüssige
Erdkugel konnte den Kräften nachgeben und die Ellipsoidform annehmen, die entsteht,
wenn man die Pfeilspitzen in Abb. 3.25 miteinander verbindet (die Verformung ist in der
Zeichnung stark übertrieben). Die große innere Reibung der zähflüssigen Materie hat eine
sehr viel größere Bremswirkung zur Folge, als sie heute durch das Wasser verursacht wird.
Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist der Mond selbst. Er besaß einmal eine viel größere
Eigenrotation als heute. Die beiden Flutberge, die die Erde auf ihm erzeugte, als er noch
aus flüssiger Materie bestand, bremsten seine Rotationsgeschwindigkeit so lange, bis der

Erde

a
g

g1

Mond

Abb. 3.25 Deformation der Erde infolge der Gravitations- und Zentrifugalkräfte
96 3 Dynamik von Massenpunkten

Gleichgewichtszustand erreicht war: der Mond wendet der Erde immer dieselbe Seite
zu. Diese Seite ist nichts anderes als ein erstarrter Flutberg. Tatsächlich ergaben genaue
Messungen, dass der Mond ein Ellipsoid ist, dessen längste Achse zur Erde weist.
Die bremsende Wirkung des Mondes auf die Eigenrotation der Erde hat noch eine
weitere Konsequenz: Wenn der Mond ein Drehmoment (s. Kap. 4 und 7) auf die Erde
ausübt, das deren Rotation bremst, muss, da sich das System im Gleichgewicht befindet,
ein entgegengesetztes Drehmoment existieren, das die Bahngeschwindigkeit des Mondes
vergrößert. Eine größere Bahngeschwindigkeit hat aber auch eine größere Zentrifugal-
kraft zur Folge, die ihrerseits ein Anwachsen des Bahnradius bewirkt. Der Mond ent-
fernt sich unter Vergrößerung seiner Umlaufszeit allmählich immer weiter von der Erde,
während er deren Eigendrehung bremst. Der Vorgang dauert so lange an, bis wiederum
ein Gleichgewichtszustand erreicht ist. Dieser ist dann dadurch ausgezeichnet, dass die
Winkelgeschwindigkeiten von Mondumlauf und Erdeigenrotation übereinstimmen, d. h.,
die Erde wird dem Mond stets die gleiche Seite zuwenden. Der Mond scheint dann also
über einem Punkt der Erde stillzustehen, als ob eine starre Verbindung zwischen Erde und
Mond existierte. Es lässt sich zeigen, dass bis zu diesem Zeitpunkt die Tageslänge auf
das 55-fache des heutigen Tages angewachsen sein wird. Bedenkt man demgegenüber,
dass es sich hierbei im Grunde um minimale Kräfte handelt (die maximale fluterzeugende
Kraft des Mondes auf der Erde beträgt heute nicht viel mehr als 1 Millionstel der Erd-
anziehungskraft), so ist es erstaunlich, welche tiefgreifenden Folgen sie im Verlauf der
Geschichte unseres Planeten haben.

Gezeitenkraftwerk. Man hat schon oft überlegt, Energie aus der gewaltigen und peri-
odisch regelmäßigen Wasserbewegung zu gewinnen. Das erste Gezeitenkraftwerk wurde
im Jahr 1966 in Nordfrankreich bei St. Malo fertiggestellt. In die Rance, einem klei-
nen, aber breiten Fluss, strömt ein starker Flutstrom hinein, da hier der Höhenunterschied
des Meeres zwischen Ebbe und Flut bis zu 13.5 m beträgt. In der Sekunde fließen bis
zu 18 000 m3 Meerwasser durch den Querschnitt dieser Flussmündung. Man hat nun die
Flussmündung durch einen Damm abgesperrt und lässt das Meerwasser durch 24 Turbi-
nen ein- und ausströmen. Die maximale Leistung, die abgegeben werden kann, beträgt
240 Megawatt. Man erhält eine jährliche Energie von rund 500 Millionen Kilowattstunden.

Gravimetrische Messungen. Wie schon erwähnt wurde, ist die Ebbe und Flut der festen
und flüssigen Erdoberfläche mit einer Änderung der Schwere- oder Fallbeschleunigung
g verbunden. Und zwar ändern sich Betrag und Richtung von g (Abb. 3.25). Ohne Ein-
fluss von Mond und Sonne würde der Vektor der Erdbeschleunigung g selbstverständlich
immer auf den Mittelpunkt der Erde gerichtet sein. Infolge der Gravitationswirkung von
Mond und Sonne kommt der Beschleunigungsvektor a hinzu, so dass die resultierende
Richtung der Erdbeschleunigung g 1 nicht immer zum Erdmittelpunkt zeigt. Da die Erde
nicht vollkommen starr ist, deformiert sie sich unter dem Einfluss der Gravitationskräfte
von Mond und Sonne. Dadurch gibt es neben der Ebbe und Flut der Meere auch eine
Gezeitenbewegung der festen Erde. Die größte Hebung der festen Erdoberfläche beträgt
etwa 26 cm, die größte Senkung etwa 13 cm.
Die zeitliche Änderung des Betrages g der Schwere- oder Erdbeschleunigung wird mit
einer sehr empfindlichen Federwaage, dem Schweremesser oder Gravimeter, gemessen.
Die Wirkungsweise ist folgende: Ein Gewichtsstück hängt an einer Federwaage. Die Deh-
nung der Feder verändert sich, wenn der Betrag der Erdbeschleunigung g sich ändert. Da
3.5 Ebbe und Flut 97

5 6
1 Beleuchtungseinrichtung (Lampe und Optik)
7 2 Blende und Spalt
3 Photoelemente
8 4 Dämpfmagnet
4 5 Messfeder mit Maßstab
3 6 Torsionsfedern
2 10
9 7 Fäden zur Fesselung des Messbalkens
1 8 Messbalken
9 Verstärker
10 Registriergerät

Abb. 3.26 Gravimeter

diese Änderung sehr gering ist, müssen besondere Kunstgriffe angewendet werden, um
die geringe Dehnungsänderung der Feder anzuzeigen. Bei einem Gravimeter (Abb. 3.26),
das heute verwendet wird, hängt ein ziemlich schweres und langes Metallstück an drei Fe-
dern: a) zwischen zwei horizontal liegenden, starken Torsionsfedern, die fast vollständig
(unter Torsion) das Gewichtsstück tragen; b) an einer vertikalen, schwachen Feder, die
am anderen Ende des langen Metallstückes je nach Veränderung von g mehr oder weni-
ger gedehnt wird. Diese schwache Feder dient zur Messung und wird bei jeder einzelnen
Messung so eingestellt, dass das Gewichtsstück die gleiche Lage wie am Ort der Eichung
erhält. Dies wird photoelektrisch kontrolliert.
Man kann auch statt einzelner Messungen an verschiedenen Orten an einem Ort die zeit-
liche Änderung von g registrieren. Einen Ausschnitt einer solchen Registrierkurve zeigt
Abb. 3.27. Die kleinen Ausschläge werden durch die Sonne, die großen durch den Mond
verursacht. Die zeitliche Änderung der Erdbeschleunigung beträgt max. etwa 10−6 ms−2 .
Gut messbar ist noch eine Änderung bis zu 10−7 ms−2 . Dies ist etwa die Änderung von g,
die dadurch hervorgerufen wird, dass ein Gravimeter 32 cm höher statt auf den Fußboden
gestellt wird. Denn nach dem Newton’schen Gravitationsgesetz ist:
mM
mg = G
(R + h)2
G = Gravitationskonstante = 6.674 · 10−11 m3 kg−1 s−2 (3.19)
M = Masse der Erde = 5.974 · 1024 kg
R = Radius der Erde = 6378 km.
Diese außerordentliche Empfindlichkeit wird durch folgende kleine Geschichte beson-
ders deutlich: In einem Institut wurde bemängelt, dass das neu gelieferte Gravimeter einen
„Gang“ habe. Darunter versteht man eine kontinuierliche Änderung des Ausschlags, wie
sie auch in Abb. 3.27 zu sehen ist. Ein solcher „Gang“ kann entweder durch eine Tem-
peraturänderung oder durch die Alterung der Federn (Rekristallisation!) hervorgerufen
werden. Die genauere Untersuchung ergab nun aber, dass der „Gang“ nicht am Instru-
ment lag, das vollkommen richtig anzeigte. Es war nämlich Winter und der Kohlenvorrat
im Keller unter dem Instrument nahm ab!
In der Geologie und besonders in der Lagerstättenkunde wird mit dem Gravimeter
nicht die zeitliche Änderung von g, sondern der Wert an einem Ort relativ zu irgend
einem Eichort gemessen. Ist dann z. B. der Wert von g besonders klein, so kann man
daraus schließen, dass unter der Erdoberfläche größere Räume mit Stoffen geringer Dichte
angefüllt sind (z. B. Erdgas, Erdöl).
98 3 Dynamik von Massenpunkten

Abb. 3.27 Registrierkurve eines Gravimeters.


Auf der Ordinate entsprechen 10 mm einer
g-Änderung von etwa 5 · 10−7 m · s−2 .

Abb. 3.28 Horizontalpendel

Auch die Richtung der Erdbeschleunigung g ist von Interesse, ebenfalls die zeitliche
Änderung der Richtung. Denn Betrag und Richtung von g werden ja durch die Gravita-
tion und durch die Gezeiten-Verformung der Erde verändert. Die zeitliche Schwankung
der Richtung von g beträgt maximal 0.02 Bogensekunden. Man benutzt zur Messung
ein Horizontalpendel (Abb. 3.28). Eine sehr geringe Neigung der vertikalen Halterung
führt zu einer Bewegung der Kugel, die durch Spiegel und Lichtstrahl deutlich sichtbar
gemacht und gemessen werden kann. Infolge von Temperatureinflüssen sind die oberen
Erdschichten aber relativ großen Neigungsänderungen unterworfen, die also nichts mit
einer Richtungsänderung von g zu tun haben. Deshalb muss man ein Horizontalpendel in
einem tiefergelegenen Bergwerksstollen aufstellen.
Neuerdings ist ein sehr empfindliches Gerät entwickelt worden, das in einem Bohr-
loch herabgelassen werden kann. Es ist im Prinzip ein Lot, das sich in einem im Bohr-
loch befestigten Gehäuse befindet. Das untere Ende des 1 m langen Lotes zeigt nicht auf
die Mitte, wenn g nicht parallel zur Gehäuseachse gerichtet ist. Die Messgenauigkeit
beträgt 10−9 rad. Dies ist ein Hundertstel der Richtungsänderung von g infolge der Ge-
zeiten. Dieses Gezeitenpendel kann also an seinem unteren Ende noch Ausschläge mes-
sen, die 1 nm = 10−9 m betragen. (Zur Veranschaulichung: Der Abstand der Natrium-
Atome von den benachbarten Chlor-Atomen im Kochsalz beträgt etwa ein Drittel des
Wertes!)
3.6 Trägheitskräfte in rotierenden Bezugssystemen 99

3.6 Trägheitskräfte in rotierenden Bezugssystemen


Beschleunigte Bewegung eines Massenpunkts. Wenn sich ein Massenpunkt auf einer
krummlinigen Bahn mit ungleichförmiger Geschwindigkeit bewegt, so erfährt er zwei
Beschleunigungen:
dv d2 s
die Bahnbeschleunigung ab = = 2;
oder Tangentialbeschleunigung dt dt
v2
und die Radialbeschleunigung ar = .
r
Auf den Massenpunkt wirken also zwei Kräfte: ⎫
dv d2 s ⎪

die Tangentialkraft Fb = mab = m =m 2 ⎪

dt dt ⎬
(in Richtung der Bahn)
D F ⎪ (3.20)
v2 m ds 2 ⎪


und die Radialkraft Fr = mar = m = ⎭
(oder Zentripetalkraft) r r dt

Während die Kraft Fb nur eine Änderung der Bahngeschwindigkeit bedingt, wirkt Fr stets
senkrecht zur Bahn zum Zentrum des Krümmungskreises und zwingt den Massenpunkt
zur Abweichung von seiner ursprünglich geradlinigen Bahn. In dem besonderen Fall,
dass sich der Massenpunkt auf einem Kreis mit konstanter Geschwindigkeit v bewegt, ist
Fb = 0, und Fr nimmt einen konstanten Wert an. Bezeichnet man mit ν die Anzahl der
Umläufe des Massenpunktes pro Zeit, mit T die Dauer des Umlaufes, mit ω die Winkelge-
schwindigkeit und mit r den Bahnradius, so kann man die Radialkraft in folgender Weise
ausdrücken:
mv2 4π 2
Fr = = mrω 2 = mr4π 2 ν 2 = mr 2 . (3.21)
r T
Von der Wirkung der Radialkraft überzeugt man sich durch folgende Versuche: Um
einen Stein auf einem Kreis herumzuschleudern, muss man ihn an eine Schnur anbinden
und deren anderes Ende festhalten. Die straff gespannte Schnur hält den Stein auf der
Kreisbahn, die er sofort verlässt, wenn die Schnur losgelassen wird. – Ersetzt man die
Schnur ganz oder zum Teil durch eine Federwaage, so kann man gut erkennen, dass die
Kraft bei gleicher Umlaufszeit proportional zum Radius ist. Man kann durch Auswech-
seln des Steines durch andere Körper auch gut erkennen, dass die Kraft proportional zur
Masse ist. Dabei kann man auch jedesmal die Umlaufszeit variieren und die Gültigkeit
der Gl. (3.21) wenigstens grob prüfen.

Zentrifugalkraft. Schreibt man die Gl. (3.21) in der Form


Fr + (−mrω 2 ) = 0,
so kann man nach den Überlegungen in Abschn. 3.3 die Größe (−mrω 2 ) als d’Alembert-
sche Trägheitskraft auffassen, die gleichfalls an der bewegten Masse angreift, der Zentri-
petalkraft (= Radialkraft) entgegengerichtet ist und ihr das Gleichgewicht hält. Man hat
dieser in Richtung des Bahnradius nach außen vom Zentrum wegweisenden Trägheitskraft
einen besonderen Namen gegeben: Zentrifugal- oder Fliehkraft. Für die Größe bzw. die
100 3 Dynamik von Massenpunkten

Abb. 3.29 Beim Schleifen glühend gewor-


dene Stahlspäne verlassen den Schleifstein
tangential.

Abhängigkeit der Zentrifugalkraft von Masse, Bahnradius, Bahngeschwindigkeit usw. gilt


das Gleiche wie für die Zentripetalkraft. Da die Zentrifugalkraft nur ein anderer Ausdruck
dafür ist, dass der Körper infolge seiner Trägheit sich der Richtungsänderung durch die
Zentripetalkraft widersetzt, verschwindet sie gleichzeitig mit der letzteren. Lassen wir z. B.
beim herumgeschleuderten Stein die Schnur los, d. h. annullieren wir die Zentripetalkraft,
so verschwindet auch die Zentrifugalkraft, und der Stein fliegt nach dem Trägheitsgesetz
in Richtung der Bahntangente weg. Dieses tangentiale Abfliegen kann man z. B. an einem
funkensprühenden Schleifstein beobachten: Die infolge der Reibung beim Schleifen ei-
nes Stahlstückes glühend gewordenen Stahlspäne verlassen den Schleifstein tangential!
(Abb. 3.29).
Wie schon in Abschn. 3.3 ausgeführt, braucht man von d’Alembert’schen Trägheits-
kräften, insbesondere von Zentrifugalkräften, überhaupt nicht zu sprechen, wenn man
den Bewegungsvorgang nicht als „dynamisches Gleichgewicht“ betrachten will: Wie alle
Trägheitskräfte tritt auch die Zentrifugalkraft nur auf, wenn man sich auf ein beschleunigtes
Bezugssystem bezieht und dann statische Methoden und statische Begriffe verwendet, die
eigentlich nur bezogen auf Inertialsysteme verwendet werden dürfen; den begangenen
Fehler kompensiert man durch Einführung der Trägheitskräfte, hier der Zentrifugalkraft.
Die Einführung dieses Begriffes ist bequem in der Ausdrucksweise, verlangt aber, dass
der Lernende den Sachverhalt gründlich durchschaut; ist dies nicht der Fall, so kann der
Begriff Zentrifugalkraft zu Verwirrung Anlass geben, was in der Geschichte der Physik
häufig genug der Fall gewesen ist.
Wir wollen das schon benutzte Beispiel betrachten, indem wir einen Stein an einer
Schnur herumschwingen, die wir am anderen Ende mit der Hand festhalten; dann glaubt
man, die Zentrifugalkraft durch den nach außen gerichteten Zug der Schnur an der Hand
deutlich zu spüren, und drückt sich auch häufig so aus. Dennoch ist dies nicht richtig, und es
ist lohnend, an diesem einfachen Beispiel den Sachverhalt zu erläutern (Abb. 3.30). Damit

Zentripetalkraft Gegenkraft

Zentrifugalkraft
Abb. 3.30 Zur Definition von Zentrifugal-
und Zentripetalkraft
3.6 Trägheitskräfte in rotierenden Bezugssystemen 101

der Stein seine Kreisbahn beschreiben kann, muss auf ihn – in irgendeiner Weise – eine
Radialkraft (Zentripetalkraft) nach innen ausgeübt werden; in unserem Beispiel geschieht
dies durch die Spannung der (gedehnten) Schnur. In Abb. 3.30 ist diese Zentripetalkraft
als nach innen gerichteter Pfeil an dem Stein angebracht. Welche Kraft greift nun an der
Hand an? Nicht etwa die Zentripetalkraft, sondern deren Gegenkraft nach dem dritten
Newton’schen Gesetz (actio = reactio); sie ist durch einen nach außen gerichteten Pfeil
an der Hand markiert. Zentripetalkraft und Reaktionskraft sind entgegengesetzt gerichtet
und gleich groß, haben aber verschiedene Angriffspunkte. Die Zentrifugalkraft dagegen
muss, da sie bei Behandlung der Bewegung als statisches Problem der Zentripetalkraft das
Gleichgewicht halten soll, an den Stein selbst angebracht werden, wie es in Abb. 3.30 auch
geschehen ist; die Zentrifugalkraft ist der Zentripetalkraft gleich, aber entgegengesetzt
gerichtet. Was man an der Hand als Zug nach außen verspürt, ist also nicht eigentlich die
Zentrifugalkraft – diese greift ja gar nicht an der Hand an! –, sondern die ihr nach Größe
und Richtung gleiche Reaktionskraft. Man muss sich also Folgendes merken:
1. Die Zentrifugalkraft greift an demselben Punkt an wie die Zentripetalkraft.
2. Die Reaktion der Zentripetalkraft greift nach dem dritten Newton’schen Gesetz an
einem anderen Punkt an als die Zentripetalkraft, ist aber der Zentrifugalkraft nach
Größe und Richtung gleich.
3. Bei den sogenannten Zentrifugalapparaten und Versuchen über Zentrifugalkraft beob-
achtet man meistens, wie in dem eben besprochenen Fall, nicht die Zentrifugalkraft,
sondern die Newton’sche Reaktionskraft.
Wenn man sich dies einmal klargemacht hat, kann man den Begriff der Zentrifugalkraft
unbedenklich benutzen, wie es auch im Folgenden geschieht.
Die Größe der Zentrifugalkraft einer auf einem Kreis mit gegebenem Radius umlau-
fenden Kugel lässt sich mit der in Abb. 3.31 wiedergegebenen Anordnung messen. Bei
genügend schneller Rotation des Apparates um die vertikale Achse A hebt die an der Ku-
gel der Masse m angreifende Zentrifugalkraft ein Metallstück der Masse m2 hoch. Die
Hebung von m2 erfolgt demnach, sobald ω 2 ≥ m2 g/m1 r ist. – Lässt man den in Abb. 3.32

m1

m2

A
Abb. 3.31 Messung der Zentrifugalkraft

r1 r2

m1 m2

A Abb. 3.32 Gleichgewichtsbedingung für


rotierende Kugeln: m1 r1 = m2 r2
102 3 Dynamik von Massenpunkten

im Querschnitt gezeichneten Apparat, bei dem zwei verschieden große durch einen Fa-
den miteinander verbundene Kugeln der Massen m1 und m2 auf einer horizontalen Stange
leicht verschiebbar angebracht sind, um die Achse A rotieren, so wirkt die Zentrifugalkraft
jeder Kugel als Zentripetalkraft auf die andere. Damit die Kugeln sich bei der Rotation
längs der Stange nicht verschieben, muss, da beide die gleiche Winkelgeschwindigkeit
haben, m1 r1 ω12 = m2 r2 ω12 oder m1 : m2 = r2 : r1 sein, d. h., die Kugeln müssen eine
solche Lage haben, dass sich die Abstände von der Achse umgekehrt wie die Massen
verhalten. Das bedeutet, dass der Schwerpunkt auf der Rotationsachse liegt. Allerdings
ist das Gleichgewicht labil!

Zentrifuge. Setzt man ein Glasgefäß von der in Abb. 3.33a gezeichneten Form, in dem das
spezifisch leichtere Wasser über dem spezifisch schwereren Quecksilber geschichtet ist,
um die vertikale Achse in schnelle Umdrehungen, so bewegt sich – wegen seiner größeren
Dichte – das Quecksilber nach den Stellen des größten Umfanges und bleibt dort während
der Rotation. In derselben Weise erklärt sich auch die Wirkung der Zentrifugen, die zur
Trennung Flüssigkeiten oder Stoffen, die in einer Flüssigkeit verteilt sind, dienen. So wird
z. B. bei der Milchzentrifuge der Rahm dadurch von der Magermilch abgetrennt, dass
man die Vollmilch in einem Gefäß in schnelle Rotation versetzt: Die spezifisch schwerere
Magermilch wird an die Gefäßwand getrieben, während sich der spezifisch leichtere Rahm
in der Nähe der Drehachse ansammelt, wo er durch eine geeignet angebrachte Öffnung
abgelassen werden kann.
Früher hat man die Milch einfach längere Zeit in einer flachen Schale stehengelassen.
Die Trennung verschieden schwerer Teilchen erfolgt dabei durch die Schwerkraft. Eine
längere Zeit ist für die Trennung der Teilchen deshalb erforderlich, weil die Brown’sche
Molekularbewegung (s. Kap. 17) und die Reibung der Trennung ständig entgegenwirken.
Schwebeteilchen, deren Dichte nur sehr wenig größer ist als die der Flüssigkeit, setzen
sich wegen der Molekularbewegung niemals am Boden ab. Bei der Zentrifuge erfolgt die
Trennung viel schneller, weil die sehr viel größere Zentrifugalkraft anstelle des Gewichts
die Trennung bewirkt. Die Brown’sche Molekularbewegung spielt bei der Zentrifuge prak-
tisch keine Rolle mehr.
Beträgt z. B. die Drehfrequenz einer Zentrifuge 3000 Umdrehungen pro Minute, also
50 pro Sekunde, dann ist die Radialbeschleunigung ar im Abstand 10 cm von der Achse:
ar = rω 2 = 0.1 · 4π 2 · 2500 m/s2 ≈ 10 000 m/s2 . Die Radialbeschleunigung beträgt in
diesem Fall somit das Tausendfache der Erdbeschleunigung und damit auch die Zentrifu-
galkraft das Tausendfache des Gewichts.
Man kann heute Ultrazentrifugen kaufen, die 1000 Umdrehungen pro Sekunde und
Radialbeschleunigungen von über einer Million m/s2 erreichen. Sie werden z. B. zur
Sedimentation von Viren und größeren Molekülen verwendet. Bei diesen Ultrazentrifugen

H2O
Hg

Abb. 3.33 Wirkung der Zentrifugalkraft bei


(a) (b) rotierenden Flüssigkeiten
3.6 Trägheitskräfte in rotierenden Bezugssystemen 103

6
l l

s s
r m Fz = mr 92
m H

6
R

G = mg Abb. 3.34 Zentrifugalregler

müssen die Abstände von der Achse klein gehalten werden, damit das Material des Rotors
nicht überlastet wird.
Versetzt man einen Kettenring auf einer Schwungradscheibe mit horizontaler Achse in
schnelle Rotation, so werden die Kettenglieder durch die nach außen wirkenden Zentrifu-
galkräfte so stark angespannt, dass die Kette wie ein starrer Ring wirkt. Wirft man die Kette
während der Rotation von der Scheibe ab, so läuft sie auf dem Boden wie ein starrer Reifen
weiter und überspringt sogar Hindernisse. – Lässt man eine auf der Achse eines Motors
befestigte, kreisrunde Kartonscheibe sehr schnell rotieren, so wird sie durch die Zentrifu-
galkräfte derart stark angespannt, dass man sie wie eine Kreissäge zum Durchsägen von
Holz benutzen kann.

Zentrifugalregler. Bei dem in der Technik zur Steuerung alter Dampfmaschinen benutz-
ten Zentrifugalregler befinden sich (Abb. 3.34) zwei Kugeln der Masse m an den Enden
zweier Stangen l, die drehbar an der vertikalen Achse A befestigt sind. Rotiert die ganze
Vorrichtung um die Achse A, so werden die Kugeln infolge der Zentrifugalkraft nach au-
ßen gezogen und dadurch gehoben. Diese Hebung überträgt sich durch die Stangen s auf
eine längs der Achse gleitende Hülse H , die ihrerseits über ein in der Abbildung nicht
gezeichnetes Gestänge die Dampfzufuhr drosselt, wenn die Drehfrequenz der Maschine
einen bestimmten Betrag überschreitet. Die genaue Einstellung des Zentrifugalreglers
findet man folgendermaßen: Auf jede der Kugeln wirken zwei Kräfte: die radial nach au-
ßen gerichtete Zentrifugalkraft Fz = mrω 2 und die nach unten gerichtete Gewichtskraft
G = m · g. Beide Kräfte setzen sich zu einer Resultierenden R zusammen (Abb. 3.34).
Die Einstellung der Kugeln bei der Rotation muss so erfolgen, dass die Richtung von R
mit der Richtung der Hebelstange l zusammenfällt; denn in diesem Fall ist das von R
hervorgerufene Drehmoment (s. Abschn. 4.4) null. Bezeichnen wir den Neigungswinkel
von l gegen die Vertikale mit α, so findet man leicht
Fz rω 2 r g
tan α = = und sin α = , so dass cos α =
G g l lω 2
wird.
Überträgt man die Verschiebung der Hülse H bei dem Zentrifugalregler in geeigneter
Weise auf einen Drehzeiger, der sich über einer Skala bewegt, die in Drehfrequenzen
104 3 Dynamik von Massenpunkten

geeicht ist, so erhält man einen Drehfrequenzmesser (Tachometer). Jeder Drehfrequenz


entspricht eine bestimmte Stellung des Zeigers. Damit ein solches Tachometer in jeder
Lage arbeitet, ersetzt man die beim Zentrifugalregler auf die Massen wirkende Schwerkraft
durch geeignete Federkräfte.

Kurvenfahrt. Will man auf einem Fahrrad schnell eine Kurve durchfahren, so muss man
sich nach innen legen. Bei der Schräglage wird das Rad auf der gekrümmten Bahn durch
sein Gewicht nach innen gezogen und radial beschleunigt. Im beschleunigten Bezugssys-
tem lässt sich dieser Sachverhalt auch statisch formulieren: Das im Schwerpunkt S (von
Fahrer und Rad) angreifende Gewicht G = m · g (Abb. 3.35) und die Zentrifugalkraft
F Z setzen sich zur resultierenden Kraft G , zusammen, die im Fall des Gleichgewichts
durch den Berührungspunkt A des Fahrrads mit dem Erdboden geht. Das Rad ist also im
Gleichgewicht, wenn
Fr mrω 2 v2
tan α = = =
G mg rg
ist.
Je größer also die Bahngeschwindigkeit oder je kleiner der Radius der Kurve ist, umso
stärker muss das Rad gegen die Vertikale geneigt werden.
Dies gilt selbstverständlich auch für jedes andere Fahrzeug, das auf einer gekrümmten
Bahn fährt. Aus diesem Grund sind Gleise, Straßen, Autobahnen usw. stets in Kurven
an der Außenseite erhöht, um zu vermeiden, dass das betreffende Fahrzeug durch die
Wirkung der Zentrifugalkraft aus der Kurve gleitet bzw. sich in der Kurve nach der Au-
ßenseite hin überschlägt. Die Überhöhung der Kurve muss umso größer sein, je kleiner
der Kurvenradius ist. Bei der sogenannten Schleifenfahrt (Looping), bei der eine Kugel
oder ein kleiner Wagen eine schräge Bahn und anschließend daran eine vertikal gestellte
kreisförmige Schleife durchfährt (Abb. 3.36), ist bei genügender Bahngeschwindigkeit
die Zentrifugalkraft so groß, dass sie auch im höchsten Punkt der Bahn die nach unten
wirkende Schwerkraft überwiegt und den Körper fest gegen die Bahn drückt.
Man kann die Zentrifugalkraft noch unter einem anderen Gesichtspunkt betrachten. Ein
Massenpunkt bewege sich mit konstanter Geschwindigkeit auf einer Kreisbahn. Die dazu
erforderliche Zentripetalkraft werde durch eine (gespannte) Schraubenfeder geliefert, an
deren einem Ende der Massenpunkt befestigt ist, während das andere Ende der Feder sich
im Zentrum des Kreises befindet. Wir wollen nun das bisher feste Koordinatensystem,

Fz S Fr

G
6 G’

A
Abb. 3.35 Radfahrer in der Kurve
3.6 Trägheitskräfte in rotierenden Bezugssystemen 105

Abb. 3.36 Schleifenfahrt

von dem aus wir diesen Vorgang beurteilt haben, sich mit solcher Winkelgeschwindigkeit
drehen lassen, dass der Massenpunkt in diesem Bezugssystem in Ruhe ist; wir betrachten
den Vorgang dann von einem sogenannten „rotierenden“ Bezugssystem. Ein Beobachter,
der von der Rotation des Bezugssystems nichts wüsste, würde folgende Feststellungen
machen müssen:
1. Der Massenpunkt ist in Ruhe.
2. Die Spiralfeder, die ihn mit dem Zentrum verbindet, ist gespannt.
Er könnte dies nur so erklären, dass er eine an dem Massenpunkt angreifende, radial nach
außen gerichtete Kraft annimmt, die diese Spannung erzeugt und ihr das Gleichgewicht
hält. Diese Kraft ist offenbar nichts anderes als die Zentrifugalkraft.
Man lernt daraus Folgendes: Wie schon in Abschn. 3.1 betont wurde, gilt die New-
ton’sche Mechanik nur in einem Inertialsystem; haben wir aber ein gegen dasselbe ro-
tierendes System, und wenden wir trotzdem die Gleichungen der Mechanik an, so muss
man die Existenz neuer Kräfte annehmen, um mit den Tatsachen in Übereinstimmung
zu bleiben; eine dieser Kräfte ist die Zentrifugalkraft. Durch die Annahme dieser Kräfte
kompensiert man den Fehler, den man beging, als man die Newton’schen Gleichungen auf
Bewegungsvorgänge anwandte, wie sie von einem rotierenden Bezugssystem aus beurteilt
werden.

Bewegungen auf rotierender Scheibe. Bislang haben wir Körper betrachtet, die in dem
rotierenden Bezugssystem ruhen. Auf diese wirkt die Zentrifugalkraft. Jetzt betrachten wir
Körper, die sich in einem rotierenden Bezugssystem, z. B. auf einer rotierenden Scheibe
bewegen.
Wir beginnen mit ein paar einfachen Versuchen: Ein Motor mit vertikaler Achse dreht
langsam eine horizontal liegende Pappscheibe. Über die Pappscheibe hinweg bewegt sich
diametral ein Filzschreiber mit konstanter Geschwindigkeit. Wenn der Motor ruht, ergibt
sich ein gerader Strich durch den Mittelpunkt; die Pappscheibe wird durch den Strich
genau in zwei Hälften geteilt. Dreht sich aber die Pappscheibe, so ergeben sich Kurven,
wie sie Abb. 3.37 zeigt. Als außenstehender Beobachter sieht man, dass der Schreiber
sich auf einer Geraden bewegt. Sitzt man aber auf der (sehr großen) Scheibe, etwa wie
ein Beobachter auf dem Nordpol, dann beobachtet man die Figuren, wie sie der Schreiber
aufgezeichnet hat.
Zweiter Versuch. Der gleiche Motor mit vertikaler Achse und horizontaler Pappscheibe
wird verwendet. Jedoch stößt diesmal die Achse durch die Pappscheibe hindurch und ist
106 3 Dynamik von Massenpunkten

Abb. 3.37 Auf einer rotierenden Scheibe wurde ein gerader Strich mit konstanter Geschwindig-
keit gezogen, der durch den Mittelpunkt der Scheibe geht. Der außenstehende Beobachter hat die
geradlinige Bewegung des Stiftes gesehen; ein im Mittelpunkt der Scheibe stehender, mitbewegter
Beobachter hätte die Bewegung so wie die hinterlassenen Spuren gesehen. Geschwindigkeit des
Stiftes: 21 cm/s. Drehfrequenzen der Scheibe: 10, 20, 40 und 80 Umdrehungen pro Minute bzw.
Winkelgeschwindigkeiten von π/3, 2π/3, 4π/3 und 8π/3 s−1 .

oberhalb der Scheibe etwa 1 cm lang. An diesem Ende der Achse wird eine mit Kreide
oder mit Farbpulver versehene Kugel an einem kurzen Faden befestigt. Versetzt man den
Motor mit der Scheibe in Umdrehungen, so stellt sich bald der stationäre Zustand ein, in
dem die Kugel relativ zur Scheibe ruht und mit dieser eine Kreisbewegung ausführt. Dabei
kompensiert die Spannung des Fadens die radial nach außen gerichtete Zentrifugalkraft.
Brennt man während der Rotation der Scheibe den Faden durch, so beobachtet man als
außenstehender Beobachter, dass die Kugel infolge ihrer Trägheit tangential von ihrer
Kreisbahn abfliegt, wie es sein muss. Da die Kugel mit Kreide eingeweißt ist, zeichnet
sie gleichzeitig die Spur ihrer Bahn auf der Scheibe ein, und diese ist, wie es Abb. 3.38
andeutet, zunächst radial nach außen gerichtet und krümmt sich dann nach rückwärts
gegen den Umlaufsinn der Scheibe.
Wir denken uns einen Beobachter im Mittelpunkt der Scheibe sitzend. Hält er den
Faden mit der daran befestigten Kugel in der Hand, so wird er lediglich eine von ihm
weggerichtete Kraft am Faden verspüren (nämlich die Zentrifugalkraft), die aus seiner
Sicht die Kugel in dieser Richtung beschleunigt, wenn er den Faden loslässt. Er beobachtet
aber gleichzeitig, dass die Bahn der Kugel nicht geradlinig ist, sondern eine Krümmung
aufweist. Daraus muss er notgedrungen schließen, dass außer der von ihm festgestellten
3.6 Trägheitskräfte in rotierenden Bezugssystemen 107

k’ k

S
A

Abb. 3.38 Erklärung der Coriolis-Kraft

Zentrifugalkraft, die als einzige Kraft wirksam ist, solange die Kugel relativ zur bewegten
Scheibe ruht, noch eine zweite Kraft auftritt, wenn sich die Kugel bewegt. Diese Kraft
nennt man nach ihrem Entdecker die Coriolis-Kraft; sie ist ebenso wie die Zentrifugalkraft
eine Trägheitskraft.

Coriolis-Kraft. Infolge der Coriolis-Kraft erfährt jeder Körper, der sich auf einem mit
der Winkelgeschwindigkeit ω rotierenden System mit der Geschwindigkeit v bewegt, eine
Coriolis-Beschleunigung ac quer zu seiner Bahn vom Betrag
ac = 2ω v sin 9 (ω, v ). (3.22)
Man gelangt zu dieser Gleichung in folgender Weise: Ein Massenpunkt möge sich von
A aus (Abb. 3.39) mit einer Geschwindigkeit v auf einer rotierenden Scheibe bewegen.
Würde die Scheibe, die man sich in der Papierebene vorstellt, stillstehen, so würde der
Massenpunkt in der Zeit t von A nach B gelangen. Rotiert dagegen die Scheibe mit der Win-
kelgeschwindigkeit ω, so gelangt der Massenpunkt vom Standpunkt des Außenstehenden,
also ruhenden Beobachters ebenfalls nach B. Dagegen sieht ein mitrotierender Beobachter,
der im Mittelpunkt der sehr großen Scheibe sitzt und nichts anderes sieht als die Scheibe
(Erdoberfläche) und den Himmel, dass sich der Massenpunkt nach B, bewegt. Der mitbe-
wegte Beobachter muss also den Eindruck haben, dass der Massenpunkt unter dem Einfluss
der beschleunigenden Coriolis-Kraft in der Laufzeit t eine Ablenkung BB, erfahren hat.
Nun ist AB = vt und der Winkel BAB, = ωt; somit ist BB, = ω vt 2 . Andererseits ist der
Weg einer beschleunigten Bewegung gleich 21 ac t 2 . Somit ist BB, = ω vt 2 = 21 ac t 2 . Daraus
folgt, dass ac = 2ω v ist. In dem besprochenen Fall bilden die Vektoren ω und v einen
rechten Winkel: Denn ω ist vom Punkt A senkrecht auf der Papierebene auf den Beschauer
hin gerichtet. Ist dies nicht der Fall, so tritt noch der Sinus des von den beiden Vektoren
gebildeten Winkels als Faktor auf der rechten Seite auf, d. h. man erhält Gl. (3.22). Der

B B’

A
Abb. 3.39 Ableitung der Coriolis-
Beschleunigung
108 3 Dynamik von Massenpunkten

Vector ac der Coriolis-Beschleunigung kann also als Vektorprodukt dargestellt werden:


ac = 2(v × ω). (3.23)

3.7 Die Erde als rotierender Bezugskörper


Erdrotation. Die Erde rotiert um eine durch ihre Pole hindurchgehende freie Achse. Eine
vollständige Umdrehung gegen den Fixsternhimmel erfolgt in 86 164 s. Demnach beträgt
die Winkelgeschwindigkeit der Erdkugel

ω= = 7.3 · 10−5 s−1 .
86 164 s
Immerhin ergeben sich für die Bahngeschwindigkeit eines Punktes an der Erdoberfläche
recht beträchtliche Werte. Für einen Ort auf dem Breitengrad ϕ ist vf = ωR cos ϕ, wobei
der Erdradius R = 6.37 · 106 m ist. Für den Erdäquator ergibt dies v0 = 465 m/s, für
ϕ = 51◦ (z. B. Dresden-Eisenach-Köln) v51◦ = 293 m/s.
Infolge der Erdrotation erfährt jeder Körper mit der Masse m auf der Erde eine von der
Erdachse fort gerichtete Zentrifugalkraft F = mω 2 ·r. Die für die Rotation des betreffenden
Körpers erforderliche Zentripetalkraft wird von der Gravitation geliefert. Befindet sich der
Körper auf der geographischen Breite ϕ, so ist der Radius des betreffenden Breitenkreises
r = R cos ϕ und die auf den Körper wirkende Zentrifugalbeschleunigung hat den Betrag
a = ω 2 r = ω 2 R cos ϕ;
mit den obigen Werten ergibt dies:
a = cos ϕ · 3.4 cm s−2
Nach Abb. 3.40 lässt sich diese Zentrifugalbeschleunigung in die beiden Komponenten
aR und at zerlegen, von denen die erste senkrecht, die zweite parallel zur Erdoberfläche
gerichtet ist:
aR = a cos ϕ = ω 2R cos2 ϕ = cos2 ϕ · 3.4 cm s−2 ,
at = a sin ϕ = ω 2R cos ϕ sin ϕ = cos ϕ sin ϕ · 3.4 cm s−2 . (3.24)

N aR
a
Rcos 0 R
at
0

Abb. 3.40 Verminderung der Schwerkraft


go a g’ S durch die Zentrifugalkraft
3.7 Die Erde als rotierender Bezugskörper 109

Die Beschleunigung aR wirkt der nach dem Erdmittelpunkt gerichteten Erdbeschleuni-


gung der ruhenden Erde, die wir mit g0 bezeichnen wollen, entgegen; sie ist null an den
Polen und hat ihr Maximum am Äquator. Was man als Erdbeschleunigung g bezeich-
net und im Wesentlichen misst, ist die Differenz von g0 und aR . Daher ändert sich die
Erdbeschleunigung g mit der geographischen Breite ϕ:
gf = g0 − cos2 ϕ · 3.4 cm s−2 . (3.25)
Die Schwerkraft nimmt also infolge der Erdrotation von den Polen zum Äquator hin ab
und ist am Äquator um rund 1/300 kleiner als an den Polen.
Der zur Erdoberfläche parallelen Komponente at entspricht eine in Richtung des Me-
ridians zum Äquator hin gerichtete, auf die an der Erdoberfläche befindlichen Massen
wirkende Kraft. Diese verschwindet sowohl an den Polen als auch am Äquator und hat
ihr Maximum unter 45◦ Breite. Eine Folge dieser Kraft selbst ist die Abplattung der Erde
an den Polen; die Massen der nichtstarren Erdoberfläche stellen sich so ein, dass die
Erdoberfläche senkrecht auf der Resultierenden g , von g0 und a steht (Abb. 3.40). Die
dieser Bedingung entsprechende Gleichgewichtsfigur ist annähernd ein abgeplattetes Ro-
tationsellipsoid. Der Unterschied zwischen dem polaren und äquatorialen Erddurchmesser
beträgt rund 1/300. Dies bedingt eine weitere Zunahme der Schwerebeschleunigung an
den Polen gegenüber dem Äquator, so dass der Unterschied zwischen gPol und gÄquator
5.1 cm/s2 beträgt. Denken wir uns die abgeplattete Erde in Ruhe, so würden die auf ihr
befindlichen Wassermassen unter der Wirkung der (tangentialen Komponente der) Erdbe-
schleunigung zu den Polen hin fließen! Nur weil die Erde rotiert, bleiben die Wassermassen
an jedem Ort der Erdoberfläche in Ruhe unter der gleichzeitigen Einwirkung der Schwer-
kraft und der zum Äquator hinweisenden Komponente der Zentrifugalbeschleunigung.

Kreiselbewegung der Erde. Infolge der Abplattung stellt die Erde bei ihrer Rotation um
die Nord-Süd-Achse im Anziehungsfeld der Sonne keinen kräftefreien Kreisel (siehe
Abschn. 8.5) dar. Die Erdachse bildet mit der Ebene der Ekliptik einen Winkel von
90◦ − 23.5◦ = 66.5◦ (Abb. 3.41). Wäre die Erde eine ideale Kugel, so würden sich
die in ihrem Mittelpunkt angreifende Anziehungskraft der Sonne und die entgegengesetzt
wirkende Zentrifugalkraft das Gleichgewicht halten. Bei der abgeplatteten Erde erfährt
aber der der Sonne zugewandte Teil des um den Äquator herumliegenden Wulstes eine
größere Anziehung als der der Sonne abgewandte Teil infolge ihrer verschiedenen Ent-
fernung von der Sonne; andererseits verhalten sich die an diesen beiden Wulsthälften
angreifenden Zentrifugalkräfte gerade umgekehrt. Infolgedessen überwiegt bei dem der
Sonne zugewandten Wulst die Gravitationskraft die Zentrifugalkraft, bei dem abgewand-
ten die Zentrifugalkraft die Gravitationskraft. Daher greifen an den beiden Schwerpunkten
S1 und S2 der beiden Wulsthälften zwei gleiche, aber entgegengesetzt gerichtete Kräfte
F 1 und F 2 = −F 1 an, die ein Kräftepaar darstellen, durch das der Erde ein Drehmoment
(s. Kap. 4 und 7) um die zur Zeichenebene senkrechte Achse erteilt wird. Der Vektor dieses
Drehmomentes ist dabei auf den Beschauer der Abb. 3.41 zu gerichtet. Wie jeder Kreisel,
so reagiert auch die Erde auf dieses Drehmoment mit einer Präzessionsbewegung. Dass
die Figurenachse Nord-Süd um die zur Erdbahn oder Ebene der Ekliptik senkrechte Achse
AA, präzediert, hängt mit der gleichzeitigen Bewegung der Erde um die Sonne und des
Mondes um die Erde zusammen. Die Erdachse beschreibt infolgedessen in 26 000 Jahren
(sogenanntes Platonisches Jahr) einen Kegelmantel mit einem Öffnungswinkel von rund
110 3 Dynamik von Massenpunkten

A’

S1
Sonne
S2

S
A Abb. 3.41 Präzession der Erdachse

47◦ und verändert somit von Jahr zu Jahr ihre Richtung im Weltraum. Dadurch ändert sich
für jeden Ort der Erdoberfläche im Lauf der Jahrtausende derAnblick des Sternhimmels; in
etwa 12 000 Jahren wird der Stern Wega Polarstern. Außer der Sonne bewirkt in ähnlicher
Weise auch die Anziehung des Mondes eine Präzession der Erdachse. Nun ist weder die
Einwirkung der Sonne noch die des Mondes wegen ihrer verschiedenen Stellung zur Erde
im Lauf des Jahres gleichmäßig. Im Sommer und Winter z. B. übt die Sonne entsprechend
der in Abb. 3.41 gezeichneten Stellung der Erde das größte Drehmoment auf die Erde aus,
während im Frühling und Herbst ihre Einwirkung verschwindet, da dann die Sonne in
der Ebene des Erdäquators steht. Die Folge davon ist, dass die Präzessionsbewegung der
Erde kleinen, kurzperiodischen Schwankungen unterworfen ist, die in der Astronomie als
Nutationen der Erdpräzession bezeichnet werden.

Bewegungen auf der rotierenden Erde. Nun soll ein Körper betrachtet werden, der sich
auf der Erde mit gleichförmiger Geschwindigkeit bewegt. Der Leser wird sich wundern
und fragen, warum eine so einfache Bewegung hier noch einmal behandelt wird. Das
Besondere besteht darin, dass wir uns als Erdbewohner erinnern müssen, dass wir alle
Bewegungen auf der rotierenden Erde beobachten und zwar als mitbewegte Beobachter.
Wir haben sonst Bewegungen relativ zur festen, ruhenden Erde betrachtet. Unsere Erde
rotiert aber. Diese Tatsache muss man bei einigen Bewegungen berücksichtigen.
Die Coriolis-Beschleunigung spielt bei Bewegungen auf der Erde eine große Rolle. Der
Vektor der Winkelgeschwindigkeit ω e der Erde fällt mit der Erdachse zusammen und zeigt
von Süden nach Norden, d. h., die Erde dreht sich für einen auf den Nordpol schauenden
Beobachter gegen den Uhrzeigersinn. Für einen auf dem Breitengrad ϕ liegenden Punkt
P der Erde können wir ω e nach Abb. 3.42 in die beiden Komponenten ωr = ωe sin ϕ und
ωt = ωe cos ϕ zerlegen. Erstere steht senkrecht zur Erdoberfläche und heißt Radialkompo-
nente der Winkelgeschwindigkeit, die zweite ist parallel zur Erdoberfläche gerichtet und
wird Tangentialkomponente genannt. Denken wir uns in P eine ebene Scheibe auf der Erd-
oberfläche angebracht, so führt diese während der Erdrotation für einen außenstehenden
Beobachter zwei rotierende Bewegungen aus; sie dreht sich einmal um eine zu ihrer Fläche
senkrechte Achse mit der Winkelgeschwindigkeit ωr und zum anderen um eine in ihrer
Ebene liegende, zum Meridian parallele Achse mit der Winkelgeschwindigkeit ωt . Für
einen von oben auf die Scheibe schauenden Beobachter erfolgt dabei die erstgenannte Dre-
hung auf der nördlichen Halbkugel gegen den Uhrzeigersinn und auf der südlichen Halb-
kugel mit dem Uhrzeigersinn. Jeder Körper, der sich auf der Erdoberfläche relativ zur Erde
in horizontaler Richtung (West- und Ostrichtung nicht ausgenommen) mit der Geschwin-
3.7 Die Erde als rotierender Bezugskörper 111

9 9

N 9v
9a

Abb. 3.42 Zerlegung der Winkelgeschwin-


digkeit ω e der Erde in eine Radialkomponen-
S te ωr und eine Tangentialkomponente ωt

digkeit v bewegt, erfährt daher auf der nördlichen Halbkugel in Bewegungsrichtung eine
Abweichung nach rechts. Der Betrag der dabei wirkenden Coriolis-Beschleunigung ist
a = 2ωe v sin ϕ. Wohlgemerkt: Diese Coriolis-Beschleunigung erfährt der Körper nur
relativ zur rotierenden Erde, die als beschleunigtes System kein Inertialsystem ist. In
Bezug auf jedes Inertialsystem, wie es z. B. ein im Fixsternhimmel verankertes Koor-
dinatensystem darstellt, vollführt der Körper natürlich eine mit der Geschwindigkeit v
fortschreitende, geradlinige, gleichförmige Bewegung, wenn man von der Krümmung der
Erdoberfläche absieht.
Beim Einströmen atmosphärischer Luft in ein Tiefdruckgebiet erfährt die einströmende
Luft auf der nördlichen Halbkugel eine Rechtsablenkung; dies führt, wie Abb. 3.43 zeigt,
zur Bildung einer linksdrehenden Zyklone. Strömt dagegen Luft aus einem Hochdruckge-

Abb. 3.43 Bildung einer linksdrehenden Zyklone (Aufnahme von einem Wettersatelliten)
112 3 Dynamik von Massenpunkten

biet ab, so kommt es zu einer entgegengesetzt drehenden Antizyklone. Auf der südlichen
Halbkugel sind die Drehrichtungen in beiden Fällen umgekehrt.
Die Zonen um den Äquator bilden einen Gürtel beständiger Luftdruckminima, in die
sowohl von Norden als auch von Süden kältere Luftmassen einströmen. Diese zunächst
Nord- bzw. Südwinde darstellenden Luftbewegungen werden infolge der Rechtsablenkung
auf der nördlichen Halbkugel zu Nordost- und auf der südlichen Halbkugel infolge der
Linksablenkung zu Südostwinden und wehen als sogenannte Passatwinde besonders im
Stillen und Atlantischen Ozean zwischen 30◦ nördlicher und südlicher Breite mit großer
Regelmäßigkeit.

Foucault’sches Pendel. Die bisher besprochenen Bewegungsvorgänge auf der Erde beru-
hen auf der Wirkung der azimutalen Komponente der Winkelgeschwindigkeit und können
als Beweise für das Vorhandensein der Erdrotation angesehen werden. Einen besonders
einfachen Beweis für Erddrehung bietet der Foucault’sche Pendelversuch, den L. Fou-
cault (1819 – 1868) im Jahr 1850 in der Pariser Sternwarte und 1851 im Pantheon zu
Paris ausführte. Ein schwingendes Fadenpendel behält infolge der Trägheit seine Schwin-
gungsebene im Raum bei. Nun rotiert ein Punkt der Erde unter dem Breitengrad ϕ mit
der Winkelgeschwindigkeit ωr = ωe sin ϕ um eine zur Erdoberfläche senkrechte Achse.
Demzufolge dreht sich die Erde mit dieser Winkelgeschwindigkeit unter dem schwin-
genden Pendel, mit anderen Worten: Die Schwingungsebene des Pendels wird sich auf
der nördlichen Halbkugel im Uhrzeigersinn gegen die Erde allmählich verdrehen. Am
Nordpol geht eine vollständige Umdrehung der Schwingungsebene um 360◦ in genau
24 Stunden vor sich; am Äquator dagegen (ϕ = 0, ωr = 0) findet keine Verlagerung
der Schwingungsebenen statt. In Köln (ϕ = 51◦ ) dauert eine vollständige Umdrehung
24 h/ sin ϕ = 31.1 h, d. h., in einer Stunde dreht sich die Schwingungsebene des Pendels
um 11.5◦ .
Für die Durchführung des Foucault’schen Pendelversuchs verwendet man zweckmäßig
ein langes Pendel mit einer großen Pendelmasse, deren unteres Ende als Zeiger eine Spitze
trägt. Beim Anstoßen des Pendels muss man sorgfältig darauf achten, dass das Pendel kei-
nen seitlichen Stoß erhält. Aus diesem Grund bindet man das Pendel in der abgelenkten
Lage mit einem Zwirnsfaden fest, den man zu Beginn des Versuchs durchbrennt. Unter
dem Pendel ist zweckmäßig die anfängliche Schwingungsrichtung des Pendels einge-
zeichnet. Bereits nach einigen Minuten hat sich die Schwingungsebene des Pendels gegen
die ursprüngliche Richtung nach rechts verdreht. Erzeugt man mit einer punktförmigen
Lichtquelle einen Schatten der Pendelspitze in der ursprünglichen Schwingungsrichtung
auf eine Skala, so lässt sich besonders deutlich die allmähliche Drehung der Schwingungs-
ebene an der Verschiebung des Schattens auf der Skala beobachten. Das seinerzeit von
Foucault im Pantheon zu Paris benutzte Pendel hat eine Länge von 67 m und eine 269 N
(27.4 kg) schwere Kupferkugel; seine Schwingungsdauer beträgt 16.4 s. Es existiert noch
heute.
Wenn wir bisher von der Schwingungsebene des Pendels sprachen, so ist das nur an-
genähert richtig; denn auf jedes Pendel (ausgenommen ein am Äquator aufgehängtes)
wirkt quer zu seiner Schwingungsrichtung noch die Coriolis-Kraft, durch die es auf der
nördlichen Halbkugel dauernd eine Rechtsablenkung erfährt. Infolgedessen ist die ver-
tikale Projektion der Bahnkurve auf einer unter dem Pendel befindlichen horizontalen
Ebene eine nach rechts gekrümmte Kurve. Man zeigt dies mit dem in Abb. 3.44 skiz-
zierten Apparat, den man um eine vertikale Achse in langsame Umdrehungen versetzt.
3.7 Die Erde als rotierender Bezugskörper 113

Abb. 3.44 Zum Foucault’schen Pendelver-


A such

O’

Abb. 3.45 Rosettenbahn des in Abb. 3.44


dargestellten Pendels: (a) das Pendel wurde
aus der abgelenkten Lage 0 losgelassen;
(b) das Pendel wurde durch einen Stoß aus
O der Ruhelage nach 0, hin in Bewegung ge-
(a) (b) setzt.

Lässt man das Pendel schwingen, und dabei seine Bahn auf der Grundplatte etwa dadurch
aufzeichnen, dass aus dem hohl gestalteten Pendelkörper ein feiner Sandstrahl austritt, so
erhält man die in Abb. 3.45a und b wiedergegebenen Rosettenbahnen, die sich dadurch
unterscheiden, dass im Fall (a) das Pendel aus der abgelenkten Lage bei 0 losgelassen
wurde, während im Fall (b) eine Schwingung durch einen Stoß aus der Ruhelage (etwa
nach 0, hin) eingeleitet wurde. Bei einem auf der Erde schwingenden Pendel geringer
Länge sind diese Abweichungen der Schwingungskurve von der ebenen Bahn zu klein,
als dass man sie an einer Schwingung beobachten könnte.

Eötvös’sche Waage. Außer der Horizontalkomponente der Coriolis-Beschleunigung


macht sich auch deren Vertikalkomponente bei allen Bewegungsvorgängen bemerkbar,
die längs eines Breitengrades auf der Erde vor sich gehen. Infolgedessen erfährt ein nach
Osten bewegter Körper eine vertikale Beschleunigung nach oben, ein nach Westen be-
wegter Körper eine zusätzliche Beschleunigung nach unten, so dass ersterer ein etwas
kleineres, letzterer aber ein etwas größeres Gewicht als im Ruhezustand besitzt. Da
av = 2ω v cos ϕ ist, wird dieser Einfluss an den Polen (ϕ = 90◦ ) null und am Äquator
(ϕ = 0◦ ) am größten. So beträgt z. B. der Gewichtsunterschied für einen sich mit 100 km/h
Geschwindigkeit längs eines Breitenkreises von 45◦ bewegenden Körper gegenüber sei-
nem Ruhegewicht etwa 0.03 %. Diesen geringen Unterschied konnte R. v. Eötvös (1848 –
1919) mit der in Abb. 3.46 skizzierten rotierenden Waage nachweisen. Der Waagebalken

Abb. 3.46 Rotierende Waage nach v. Eötvös


114 3 Dynamik von Massenpunkten

trägt an seinen Enden zwei Kugeln gleicher Masse. Rotiert der Waagebalken um die ver-
tikale Achse, so ist die gerade nach Osten laufende Kugel stets etwas leichter als die im
gleichen Augenblick nach Westen laufende. Dadurch neigt sich auf der nördlichen Halb-
kugel der Erde während der Rotation der Waagebalken nach der Seite, auf der die Kugel
nach Westen läuft.

Fallversuche. Fällt ein Körper aus einer Höhe H zur Erde, so trifft er die Erde in einem
Punkt, der um eine kleine Strecke s gegenüber dem Punkt nach Osten verschoben ist, der
genau lotrecht unter der Abwurfstelle des Körpers liegt. In der Höhe H hat nämlich der
Körper, den wir uns vor dem Abwurf starr mit der Erde verbunden denken können, eine
Bahngeschwindigkeit vH = ω(R + H ) · cos ϕ (R = Erdradius), während die Erdoberfläche
nur die Geschwindigkeit vE = ωR cos ϕ besitzt. Wird der Körper losgelassen, so fällt er
nicht nur vertikal nach unten, sondern bewegt sich gleichzeitig gegen die Erde mit einer
relativen Geschwindigkeit vH − vE = ωH cos ϕ nach Osten. Unter Vernachlässigung des
Luftwiderstandes und der Erdabplattung liefert die Theorie für diese Ostabweichung des
freien Falls den Wert s = 31 gωt 3 cos ϕ, wenn t die Fallzeit bedeutet oder, wenn man t mit

der Beziehung t = 2H /g durch die Fallhöhe H ausdrückt, erhält man für s:
2 Hω /
s= 2gH cos ϕ.
3 g
Bei einer Fallhöhe von 158 m wird z. B. in Köln (ϕ = 51◦ ) s gleich 2.74 cm. Durch
Fallversuche konnte die Ostabweichung des freien Falls in guter Übereinstimmung mit
der Theorie bestätigt werden; sie bildet somit einen weiteren Beweis für die Drehung
der Erde. Ein vertikal nach oben geworfener Körper erfährt während des Aufstiegs eine
Abweichung in westlicher Richtung, so dass er stets westlich vom Ausgangsort wieder
zur Erde fällt. Für diese westliche Abweichung liefert die Theorie nämlich den vierfachen
Wert der beim freien Fall durch die gleiche Höhe sich ergebenden Ostabweichung.

Drehimpulserhaltung auf der rotierenden Erde. Auch der Satz von der Erhaltung des
Drehimpulses (Abschn. 4.4) kann zum Nachweis der Erdrotation dienen. Denken wir
uns am Nordpol einen horizontalen Balken von der Form der Abb. 3.47 mit zwei schwe-
ren Kugeln an seinen Enden an einem Stahldraht aufgehängt, so wird dieser Balken die
Erddrehung mit der Winkelgeschwindigkeit ω mitmachen. Er bildet mit der Erde ein ein-
heitliches, in sich abgeschlossenes System. Ist das Trägheitsmoment (vgl. Absch. 8.2) des
Balkens einschließlich der an seinen Enden befindlichen Kugeln J , , und nennen wir das
Trägheitsmoment der Erde J , so ist der Drehimpuls des gesamten Systems (Erde + Bal-
ken): (J +J , )ω. Lässt man jetzt die beiden Kugeln zum Mittelpunkt des Balkens rollen, so
wird dadurch das Trägheitsmoment des Balkens kleiner, es möge den Wert J ,, annehmen.
Entsprechend nimmt der Drehimpuls des ganzen Systems den Wert (J + J ,,)ω an und

Abb. 3.47 Nachweis der Erdrotation


3.7 Die Erde als rotierender Bezugskörper 115

Abb. 3.48 Nachweis der Erdrotation nach


H. Bucka

würde sich somit um den Wert (J , − J ,, )ω ändern. Da aber der Drehimpuls des ganzen
Systems konstant bleiben muss, erhält der Balken durch die Verschiebung der Kugeln zur
Mitte einen zusätzlichen Drehimpuls von der Größe J ,,ω , in Richtung der Erdrotation, so
dass sich der Balken mit der Winkelgeschwindigkeit ω , = (J , − J ,, )/J ,,ω relativ zur Erde
im gleichen Sinn wie diese dreht. Befindet sich die Anordnung nicht am Pol der Erde,
sondern am Breitengrad ϕ, so tritt anstelle von ω wieder der Ausdruck ω sin ϕ.
Eine ähnliche Anordnung, die auf dem gleichen Prinzip beruht, wurde 1949 von H.
Bucka angegeben. Um eine kurze horizontale Achse kann ein Stab in vertikaler Ebene
geschwenkt werden (Abb. 3.48). Dieser Stab befindet sich zu Beginn des Versuchs in einer
horizontalen Lage. Er wird dann durch ein Gewicht an einem Ende in die vertikale Lage
gedreht. Hierdurch wird das Trägheitsmoment verkleinert. Dadurch dreht sich die ganze
Anordnung im Sinn der Erddrehung. Die Drehung kann mit Hilfe eines Lichtstrahls und
Spiegels leicht beobachtet und gemessen werden.
Ein vollkommen kräftefrei, z. B. in einer kardanischen Aufhängung befindlicher Kreisel
hat das Bestreben, seine Drehimpulsachse im Raum beizubehalten. Demzufolge dreht sich
die Achse eines Kreisels relativ zur rotierenden Erde, ähnlich wie die Schwingungsebene
des Foucault’schen Pendels. Als erster hat Foucault bereits 1878 mit dem sogenannten
Kreiselgyroskop derartige Versuche angestellt, die später in verbesserter Form wiederholt
wurden.
4 Konstanten der Bewegung von Massenpunkten:
Energie, Impuls, Drehimpuls

Die drei Newton’schen Gesetze für die Bewegung von Massenpunkten bestimmen, wie sich
in einem mechanischen System von n Massenpunkten aufgrund der einwirkenden Kräfte
die Orte r i und die Geschwindigkeiten v i mit i = 1, . . . , n mit der Zeit ändern. Trotz der
ständig ablaufenden Änderungen bleiben aber in vielen Fällen gewisse Größen der Be-
wegung zeitlich konstant. Die Kenntnis dieser Konstanten der Bewegung ist von großem
Nutzen, da sie ohne viel mathematischen Aufwand einen schnellen Einblick in die mögli-
chen Bewegungsabläufe des mechanischen Systems erlauben. Es sind die Größen Energie,
Impuls und Drehimpuls, deren Bedeutung sich keineswegs nur auf Systeme von Massen-
punkten beschränkt. Vielmehr wird sich zeigen, dass wir hier grundlegenden Größen der
Physik begegnen, die nicht nur in der Newton’schen Mechanik, sondern auch in der Ther-
modynamik und in der Quantenphysik eine wichtige Rolle spielen.
Hier gehen wir davon aus, dass alle Körper aus Massenpunkten aufgebaut sind, die sich
den Newton’schen Axiomen entsprechend bewegen. Ausgehend von den Newton’schen
Axiomen, lassen sich daher die Konstanten der Bewegung mathematisch herleiten.

4.1 Die Energie von Massenpunkten


Bewegungsgleichungen. Das Grundgesetz der Mechanik (s. Abschn. 3.2) F = m · a setzt
die Beschleunigung a eines Massenpunktes in Beziehung zu der auf den Massenpunkt
einwirkenden Kraft F. In vielen Fällen ist die Kraft F(r) eine Funktion des Ortes r, an dem
sich der Massenpunkt befindet. Andererseits ist die Beschleunigung a = d2 r/dt 2 gleich
der zweiten Ableitung des Ortes nach der Zeit. Das Grundgesetz der Mechanik liefert in
diesem Fall eine Bewegungsgleichung, d. h. eine Differentialgleichung für die Bewegung
des Massenpunktes, aus der die Bahnkurve r(t) des Massenpunktes berechnet werden
kann, sofern Ort und Geschwindigkeit zu einem Zeitpunkt t0 bekannt sind. Dazu ersetzt
man im Grundgesetz die Kraft F durch die vorgegebene ortsabhängige Funktion F(r). Als
Beispiele betrachten wir zum einen die Bewegung eines Massenpunktes, der sich in der
Nähe der Erdoberfläche bewegt und auf den nur die Schwerkraft F S = m·g wirkt, und zum
andern den Umlauf eines Satelliten (mit der Masse m) um die Erde (M ) oder eines Planeten
(m) um die Sonne (M ), d. h. die Bewegung von Massenpunkten, auf die nur die auf ein
Zentrum gerichtete Zentralkraft der Gravitation mit dem Betrag FG = G · m · M /r 2 wirkt.
Die Bewegungsgleichung für Massenpunkte im Bereich der Schwerkraft lautet:
d2 r
m· ≡ m · r̈ = m · g (4.1)
dt 2
118 4 Konstanten der Bewegung von Massenpunkten: Energie, Impuls, Drehimpuls

Die Bewegung ist unabhängig von der Masse m des Körpers, da man (wegen der Gleich-
heit von träger und schwerer Masse) nach Division durch m eine massenunabhängige
Bewegungsgleichung erhält. Bezogen auf ein kartesisches Koordinatensystem mit ver-
tikaler z-Richtung und horizontaler x-y-Ebene lässt sich die Bewegungsgleichung auch
komponentenweise schreiben:
ẍ = 0, ÿ = 0, z̈ = −g. (4.2)
Etwas komplizierter ist die Bewegungsgleichung für einen Körper im Zentralfeld der
Gravitation. In diesem Fall bestimmt das Newton’sche Gravitationsgesetz (s. Abschn. 3.4)
die Ortsabhängigkeit der Kraft:
mM r
m · r̈ = −G · · . (4.3)
r2 r
Dabei ist r/r der Einheitsvektor in radialer Richtung. Das Minuszeichen auf der rechten
Seite zeigt an, dass die Kraft auf das Zentrum hin gerichtet ist. Hier wurde angenommen,
dass m - M und daher das Zentrum der Bewegung mit dem Ort der großen Masse M
zusammenfällt. Die Bewegung ist dann wieder unabhängig vom Wert m der kleinen Masse.
Statt die Bahnkurven explizit zu berechnen, werden wir uns hier damit begnügen, die
Energie von Massenpunkten, die sich in ortsabhängigen Kraftfeldern bewegen, zu be-
stimmen. Auch ohne eine genaue Kenntnis der Bahnkurve lassen sich aus der Energie des
Massenpunktes wesentliche Rückschlüsse über den Bewegungsablauf ziehen.

Energie im Bereich der Schwerkraft. Obwohl sich die Orts- und Geschwindigkeits-
koordinaten eines Massenpunktes, der sich im Bereich der Schwerkraft bewegt, zeitlich
ändern, bleibt die Größe
1
E= m · (ẋ2 + ẏ2 + ż2 ) + m · g · z, (4.4)
2
d. h. die Energie des Massenpunktes im Bereich der Schwerkraft, zeitlich konstant.
Um diese Behauptung zu belegen, berechnen wir die Ableitung von E nach der Zeit:
dE
= m(ẋẍ + ẏÿ + żz̈) + mgż. (4.5)
dt
Bei Berücksichtigung der Gl. (4.2) folgt daraus dE/dt = 0, d. h., bei Bewegungen im
Bereich der Schwerkraft ändert sich der Wert der Größe E nicht mit der Zeit.
Die Energie des Massenpunktes setzt sich offensichtlich aus zwei Anteilen zusammen:
E = Ekin + Epot . (4.6)
Die kinetische Energie Ekin = (1/2)mv2 ist eine Funktion der Geschwindigkeit v und die
potentielle Energie Epot eine Funktion des Ortes r. Für Körper, auf die die Schwerkraft
wirkt, berechnet sie sich nach der Formel:
Epot = m · g · z. (4.7)
Bei Bewegungen im Bereich der Schwerkraft ändert sich zwar sowohl die potentielle als
auch die kinetische Energie des Massenpunktes, aber die Gesamtenergie E = Ekin + Epot
bleibt erhalten. Beim freien Fall beispielsweise verliert der Massenpunkt an potentieller
Energie, gewinnt dafür aber an kinetischer Energie.
4.1 Die Energie von Massenpunkten 119

Energie im Bereich der Gravitationskraft. Der Erhaltungssatz für die Energie eines
Massenpunktes im Bereich der Schwerkraft ist ein Sonderfall eines universell gültigen
Erhaltungssatzes (s. Kap. 6 und 17). Als weiteren Sonderfall der Punktmechanik betrachten
wir die Bewegung eines Massenpunktes, auf den die Gravitationskraft wirkt. In diesem
Fall ist
1 2 mM
E= mv − G (4.8)
2 r
zeitlich konstant; denn die Ableitung von E nach der Zeit ergibt:
D F
dE 1
= mv · v̇ − GmM · grad · v. (4.9)
dt r
Dabei ist grad(1/r) = −(1/r 2 )·(r/r) die Ableitung von 1/r nach dem Ort und v = dr/dt.
Somit ergibt sich bei Beachtung von Gl. (4.3)
D F
dE mM r
= v · mr̈ + G · 2 · = 0. (4.10)
dt r r
Auch bei Bewegungen eines Massenpunktes im Gravitationsfeld bleibt also die Gesamt-
energie E = Ekin +Epot des Massenpunktes erhalten. Dabei ist aber die potentielle Energie
statt mit Gl. (4.7) nach der Formel
mM
Epot = −G (4.11)
r
zu berechnen. Sie ist ebenso wie bei Bewegungen nahe der Erdoberfläche, wo die Gravi-
tationskraft in guter Näherung durch die Schwerkraft ersetzt werden kann, eine Funktion
des Ortes. Sie hängt explizit nur vom Abstand r des Massenpunktes vom Gravitations-
zentrum ab. Da es vorteilhaft ist, den Nullpunkt der potentiellen Energie an einen Ort
mit unendlich großer Entfernung vom Gravitationszentrum zu legen, ist die potentielle
Energie an Orten mit endlicher Entfernung negativ.

Fluchtgeschwindigkeit. Der Energieerhaltungssatz ist von großem Nutzen bei der Lö-
sung zahlreicher Probleme. Als ein einfaches Beispiel aus der Punktmechanik berechnen
wir hier die Mindestgeschwindigkeit, mit der ein Körper von der Erdoberfläche starten
muss, um das Gravitationsfeld der Erde verlassen zu können.
Auf der Erdoberfläche, d. h. wenn der Körper einen Erdradius R vom Gravitations-
zentrum entfernt ist, ist die potentielle Energie des Körpers mit der Masse m gleich
Epot = −GmM /R (M ist die Masse der Erde) und bei einer Startgeschwindigkeit v ist
seine kinetische E = (1/2)mv2 . Falls der Körper das Gravitationsfeld der Erde verlassen
können soll, muss seine Gesamtenergie positiv sein; denn die potentielle Energie strebt
mit zunehmender Entfernung von der Erde gegen null. Bei hinreichend großen Abständen
ist also die Gesamtenergie praktisch gleich der kinetischen Energie, und diese ist stets
positiv.
Der Körper kann folglich das Gravitationsfeld der Erde verlassen, wenn auf der Erd-
oberfläche
mM
Ekin > G (4.12)
R
120 4 Konstanten der Bewegung von Massenpunkten: Energie, Impuls, Drehimpuls

ist. Da die Erdbeschleunigung g = GM /R2 sich aus der Gravitation auf der Erdoberfläche
ergibt, folgt für die kinetische Energie beim Start: Ekin > mg · R. Die Startgeschwindigkeit
v(R) muss also größer als die sogenannte Fluchtgeschwindigkeit
/
vFl = 2g · R = 11.2 km/s (4.13)

sein.

4.2 Impulserhaltung
Der Impuls p eines Massenpunktes, der sich mit der Geschwindigkeit v bewegt, ist definiert
als das Produkt

p = m · v. (4.14)

Mit dieser Definition kann das Grundgesetz der Mechanik F = ma auch in folgender
Form geschrieben werden:

F = ṗ. (4.15)

Auf diese sogenannte Impulsform des Grundgesetzes der Mechanik nehmen wir hier Be-
zug.

Systeme von Massenpunkten. Betrachtet sei nun ein System, d. h. ein geordneterAufbau,
von n Massenpunkten. Auf jeden Massenpunkt wirken Kräfte, die teils innere, teils äußere
sein mögen. Jedenfalls gilt für jeden Massenpunkt einzeln die Newton’sche Bewegungs-
gleichung F = mdv /dt. Seien F 1 , F 2 , . . . , F n die Kräfte, m1 , m2 , . . . , mn die Massen,
v 1 , v 2 , . . . , v n die Geschwindigkeiten und p1 , p2 , . . . , pn die Impulse, so gehorchen die
Massenpunkte des Systems den Bewegungsgleichungen:
d dp
F 1 = (m1 v 1 ) = 1 ,
dt dt
d dp
F2 = (m2 v 2 ) = 2 ,
dt dt
·····················
d dp
Fn = (mn v n ) = n . (4.16)
dt dt
Das ist nichts Neues.

Impulssatz. Neues aber gewinnt man, wenn man alle diese Gleichungen addiert. Denn
in der links auftretenden Summe aller Kräfte heben sich nach dem dritten Newton’schen
Gesetz (Reaktionsprinzip) die inneren heraus, und es bleibt nur die (nach dem Paralle-
logramm der Kräfte zu bildende) Resultierende der äußeren Kräfte übrig, die durch den
Index a ausgezeichnet werden. Auf der rechten Seite steht der erste zeitliche Differential-
4.2 Impulserhaltung 121

quotient von der Summe sämtlicher Impulse; somit erhält man:


G n
d G
Fa = p. (4.17)
dt i=0 i

Ersetzt man nun die äußeren Kräfte durch ihre Resultierende F, ebenso die Summe der
Impulse durch den Gesamtimpuls p, so kann man Gl. (4.17) schreiben:
dp
F= . (4.18)
dt

• Bei einem System von Massenpunkten ist die resultierende äußere Kraft gleich der
zeitlichen Änderung des Gesamtimpulses (Impulssatz).
Diese Gleichung ist die direkte Verallgemeinerung der Newton’schen Bewegungsglei-
chung eines Massenpunkts. Diese Verallgemeinerung wird offensichtlich nur dadurch
möglich, dass infolge des dritten Gesetzes die inneren Kräfte sich herausheben. Dies be-
dingt natürlich eine große Vereinfachung, da man sich um die inneren Kräfte nicht zu
kümmern braucht; ohne das dritte Newton’sche Gesetz wäre – so kann man ohne Über-
treibung sagen – eine „Mechanik der Systeme“ gar nicht durchführbar.
Besonders einfach und bedeutsam wird der Impulssatz, wenn das betrachtete System
frei ist, d. h., auf das System wirken keine äußeren Kräfte. Die Summe der inneren Kräfte
annulliert sich wie vorhin. Folglich ist die auf der linken Seite von Gl. (4.18) stehende
resultierende Kraft F gleich null. Somit folgt der Satz von der Erhaltung des Impulses:
dp
= 0 oder p = const., (4.19)
dt
d. h., in einem freien System bleibt der resultierende Impuls p (nach Größe und Richtung)
erhalten. War dieser zu irgendeiner Zeit der Bewegung gleich null, so bleibt er auch
während der ganzen Bewegung gleich null.

Experimenteller Nachweis. Experimentell lässt sich der Satz von der Erhaltung des Im-
pulses in folgender Weise demonstrieren: Wir knüpfen an den in Abschn. 1.6 erwähnten
Versuch an, bei dem zwischen zwei Wagen mit den Massen m1 und m2 , die auf einer ho-
rizontalen, glatten Unterlage beweglich sind, eine zusammengedrückte Feder angebracht
ist (Abb. 1.23). Die sich entspannende Feder erteilt den beiden Massen nach dem dritten
Newton’schen Gesetz entgegengesetzt gleiche Kräfte; die Wagen erhalten nach Ablauf
der Kraftwirkung Geschwindigkeiten v 1 und v 2 , die einander entgegengesetzt gerichtet
sind; die Impulse sind also m1 v 1 bzw. m2 v 2 und weisen natürlich gleichfalls in entge-
gengesetzte Richtungen. Da zu Beginn des Versuches (alles in Ruhe!) der Gesamtimpuls
jedenfalls null ist, muss er es auch nach dem Versuch sein; d. h. es muss gelten:
m1 v 1 + m2 v 2 = 0. (4.20)
Das bedeutet aber, dass die Absolutbeträge der Geschwindigkeiten v 1 und v 2 sich um-
gekehrt wie die (trägen) Massen m1 und m2 verhalten. Der Impulssatz ist damit die phy-
sikalische Grundlage für die Definition des Begriffs der trägen Masse (s. Abschn. 1.6).
Besonders einfach ist der Sonderfall, dass beide Massen gleich sind; dann ist v 1 = −v 2 ,
d. h., auch die Geschwindigkeiten sind dann entgegengesetzt gleich.
122 4 Konstanten der Bewegung von Massenpunkten: Energie, Impuls, Drehimpuls

Abb. 4.1 Ballistisches Pendel

Ballistisches Pendel. In der Ballistik macht man bei der Bestimmung der Geschossge-
schwindigkeit mit dem sogenannten ballistischen Pendel von dem Satz der Erhaltung des
Impulses Gebrauch. Das ballistische Pendel (Abb. 4.1) besteht aus einer an einer Stange
aufgehängten großen Masse M (z. B. Kiste mit Sand). Das Geschoss, dessen Geschwin-
digkeitsbetrag v bestimmt werden soll und das die Masse m haben möge, wird in den
Pendelkörper hineingeschossen, so dass es darin stecken bleibt; auf diese Weise erteilt das
Geschoss dem Pendel eine bestimmte Geschwindigkeit √ v1 . Bestimmt man diese (etwa aus
der Steighöhe h des Pendels aus der Beziehung v1 = 2gh), so gilt nach dem Impulssatz
für ein freies System die Gleichung: mv = (M + m) v1 ; hierin ist mv der Impulsbetrag
vor und (M + m) v1 sein Wert nach dem Eindringen des Geschosses in √ den Pendelkörper.
Für die Geschossgeschwindigkeit ergibt sich damit der Ausdruck v = 2gh(M + m)/m,
in dem alle Größen auf der rechten Seite der Messung zugänglich sind. Misst man statt h,
was bequemer ist, den maximalen Ausschlagswinkel α des Pendels und die Pendellänge
l, so hat man statt h die Größe l(1 − cos α) einzusetzen.

4.3 Elastischer und unelastischer Stoß


Beim Stoß berühren sich zwei oder mehrere Körper kurzzeitig unter Änderung ihres Be-
wegungszustandes. Sie sind vor dem Stoß getrennt. Wesentliches Merkmal ist also die
Einmaligkeit und die kurze Zeitdauer des Vorgangs, das nichtstationäre Verhalten. Die
Kräfte steigen sehr rasch an und klingen ebenfalls schnell ab. Sie verursachen Kompres-
sionswellen, die sich von der Berührungsstelle her ausbreiten.
Im Folgenden wird der Stoß zunächst mit dem Modell des Massenpunktes bzw. mit
(nicht rollenden, sondern nur translatorisch bewegten) Kugeln beschrieben. Wenn zwei
relativ zueinander bewegte Körper aufeinanderstoßen, ändern sich durch den Zusam-
menstoß im Allgemeinen sowohl die Richtung als auch die Größe der Geschwindig-
keiten. Wenn zwei kugelförmige Körper aufeinanderstoßen, geht stets die Normale im
Berührungspunkt durch die Kugelmittelpunkte, d. h. durch die Schwerpunkte der Kugeln.
Erfolgt insbesondere der Zusammenstoß so, dass die Stoßrichtung mit der Verbindungsli-
nie der beiden Kugelmittelpunkte zusammenfällt (Abb. 4.2a), so handelt es sich um einen
zentralen Stoß. Bildet hingegen die Stoßrichtung mit der Verbindungslinie einen Winkel
(Abb. 4.2b), so sprechen wir von einem schiefen Stoß.
Außerdem haben wir noch zu unterscheiden, ob der Stoß elastisch oder unelastisch
erfolgt. Bei ersterem ändert sich die Summe der kinetischen Energien beider Kugeln nicht;
bei letzterem bewegen sich beide Kugeln nach dem Stoß mit derselben Geschwindigkeit.
4.3 Elastischer und unelastischer Stoß 123

(a)

(b)

Abb. 4.2 Zusammenstoß zweier Kugeln:


(a) gerader zentraler Stoß;
(b) schiefer zentraler Stoß

Stöße sind näherungsweise elastisch, wenn die Kugeln aus gut elastischem Material wie
Stahl oder Elfenbein bestehen, und unelastisch bei leicht verformbaren Kugeln (z. B. bei
Kugeln aus Blei oder Lehm).

Der unelastische Stoß. Zwei Kugeln mit den Massen m1 und m2 mögen sich mit den
Geschwindigkeiten v1 und v2 längs einer Geraden aufeinander zubewegen (gerader Stoß).
Sie haben dann vor dem Stoß die Einzelimpulse m1 v1 und −m2 v2 . Beim unelastischen Stoß
platten sich die Kugeln infolge der Stoßkräfte, die sie aufeinander ausüben, ab, bis ihre
Geschwindigkeiten gleich geworden sind. Nennen wir die gemeinsame Geschwindigkeit
nach dem Stoß v, so ist der Gesamtimpuls nach dem Stoß (m1 + m2 ) v, und der Satz von
der Erhaltung des Impulses verlangt:
(m1 + m2 )v = m1 v1 − m2 v2 . (4.21)
Daraus ergibt sich für v die Gleichung:
m1 v1 − m2 v2
v= . (4.22)
m1 + m2
Haben die Kugeln gleiche Masse (m1 = m2 ), so wird:
v1 − v2
v= . (4.23)
2
Sind außerdem die Geschwindigkeiten dem Betrage nach gleich (v1 = v2 ), so wird
die gemeinsame Endgeschwindigkeit v = 0, d. h., nach dem Zusammenstoß bleiben die
Kugeln in Ruhe. Ist m1 = m2 und v2 = 0, d. h. eine Kugel vor dem Stoß in Ruhe, so wird
1
v= v1 , (4.24)
2
d. h., es bewegen sich beide Kugeln nach dem Stoß mit der halben Geschwindigkeit der
stoßenden Kugel gemeinsam weiter.
Bewegen sich die beiden Kugeln in gleicher Richtung und ist v1 > v2 , so ist wieder
nach dem Impulssatz:
(m1 + m2 )v = m1 v1 + m2 v2 , (4.25)
und somit
m1 v1 + m2 v2
v= . (4.26)
m1 + m2
124 4 Konstanten der Bewegung von Massenpunkten: Energie, Impuls, Drehimpuls

Diese Ergebnisse lassen sich experimentell prüfen, indem man zwei Kugeln aus weichem
Ton oder zwei mit Sand gefüllte Säckchen nebeneinander aufhängt und gegeneinander
stoßen lässt. In dem Fall, dass beide Massen gleich groß sind, kommen beide Körper nach
dem Stoß zur Ruhe, wenn ihre Anfangsgeschwindigkeiten entgegengesetzt gleich waren.
Wir berechnen die Energie, die bei diesem unelastischen Stoß als mechanische Energie
verloren geht. (Sie wird in Wärme umgewandelt, s. Kap. 17). Die kinetische Energie vor
dem Stoß ist
m1 v12 m2 v22
E1 = + , (4.27)
2 2
und nach dem Stoß
m1 + m2 2
E2 = v ; (4.28)
2
für die Differenz dieser Energiebeträge erhält man unter Benutzung des für v in den
Gln. (4.22) bzw. (4.26) gefundenen Wertes die Größe:

m1 m2 (v1 ± v2 )2
E1 − E2 = . (4.29)
2(m1 + m2 )
In dem speziellen Fall, dass die Kugeln sich gegeneinander bewegen – oberesVorzeichen in
Gl. (4.29) – und dass m1 = m2 = m und v1 = v2 = v ist, nimmt die in Wärme umgesetzte
Energie den Betrag m v 2 an; dies ist aber gleich 2 · 12 m v 2 = E1; d. h., die gesamte Energie
der sich aufeinander zu bewegenden Kugeln wird in Wärme umgewandelt.

Der elastische Stoß. Beim elastischen Stoß wird die beim Zusammenstoß auftretende
Verformung nach dem Stoß sofort wieder in Bewegungsenergie zurückverwandelt, d. h.,
beide Kugeln bewegen sich nach dem Zusammenstoß mit den neuen (zu bestimmenden)
Geschwindigkeiten v1, und v2, . Neben der Erhaltung des Impulses bleibt hier auch die
kinetische Energie erhalten. Nach dem Impulssatz ist:

m1 v1 + m2 v2 = m1 v1, + m2 v2, ; (4.30)

nach dem Energiesatz ist ferner:


1 1 1 1
m1 v12 + m2 v22 = m1 v1,2 + m2 v2,2 . (4.31)
2 2 2 2
Aus diesen beiden Gleichungen berechnen sich die Endgeschwindigkeiten v1, und v2, :
v1 (m1 − m2 ) + 2m2 v2
v1, = ,
m1 + m2
v2 (m2 − m1 ) + 2m1 v1
v2, = . (4.32)
m1 + m2
Daraus kann man folgende Spezialfälle ablesen: Sind die Massen beider Kugeln gleich,
so wird:

v1, = v2 ; v2, = v1 , (4.33)


4.3 Elastischer und unelastischer Stoß 125

Abb. 4.3 Nachweis der Stoßgesetze

d. h., die beiden Kugeln bewegen sich nach dem Stoß mit vertauschten Geschwindigkeiten.
Ist bei gleichen Massen v2 = 0, so wird:
v1, = 0 ; v2, = v1 , (4.34)
d. h., die stoßende Kugel kommt zur Ruhe, die gestoßene Kugel übernimmt die ganze
kinetische Energie der stoßenden und bewegt sich mit deren Geschwindigkeit weiter. – Ist
schließlich v2 = 0 und m2 = ∞, so haben wir den Fall, dass eine Kugel mit der Masse
m1 und der Geschwindigkeit v1 gegen eine unendlich große ruhende Kugel stößt, die man
als „feste Wand“ betrachten kann; dann wird
v1, = −v1 , v2, = 0, (4.35)
d. h., es kehrt sich nur die Geschwindigkeit der stoßenden Kugel um, die also von der
festen Wand zurückgeworfen wird. Man kann die Vorgänge beim elastischen Stoß prüfen,
indem man zwei gleiche oder verschieden große Stahlkugeln als Pendel bifilar aufhängt
(Abb. 4.3) und gegeneinander schlagen lässt.
Auch das in Abb. 4.4 dargestellte Gerät, das aus einer größeren Zahl gleicher, nebenein-
ander aufgehängter Stahlkugeln besteht, ermöglicht die Vorführung der Stoßgesetze. Lässt
man z. B. die erste Kugel links gegen die übrigen in Ruhe befindlichen Kugeln stoßen, so
überträgt sich der Stoß über alle Kugeln, indem jede mit der folgenden ihre Geschwindig-
keit austauscht, so dass schließlich die letzte Kugel wegfliegt und bis zur gleichen Höhe
steigt, aus der die erste Kugel losgelassen wurde. Lässt man gleichzeitig zwei oder drei
Kugeln gegen die übrigen anschlagen, so fliegt stets eine gleichgroße Zahl von Kugeln
von der anderen Seite weg. Lässt man schließlich von den sieben Kugeln vier gegen drei
anschlagen, so bewegen sich wieder vier Kugeln an der anderen Seite weg, indem von
den anschlagenden vier Kugeln nur drei in Ruhe bleiben und eine mit den übrigen drei
weiterfliegt. Alle diese Versuche finden ihre Erklärung unter den oben gemachten Voraus-
setzungen, dass Energie- und Impulssatz bestehen, so dass man die Stoßgesetze geradezu

Abb. 4.4 Anordnung zur Vorführung der


Stoßgesetze
126 4 Konstanten der Bewegung von Massenpunkten: Energie, Impuls, Drehimpuls

als Beweis für die Richtigkeit dieser Sätze ansehen kann. Benutzte man den Energiesatz
allein, so würde z. B. beim Anprall von vier Kugeln in Abb. 4.4 die Möglichkeit bestehen,
dass auf der Gegenseite nur eine Kugel mit der doppelten Geschwindigkeit abgestoßen
wird; die kinetische Energie der aufprallenden vier Kugeln wäre dann 4(m/2)v2 und die
der abgestoßenen (m/2)(2v)2 , d. h., der Energiesatz wäre erfüllt, nicht aber der Impuls-
satz; vor dem Stoß wäre der Impuls 4mv und nach dem Stoß nur 2mv. Nur wenn vier
Kugeln abgestoßen werden, sind gleichzeitig beide Sätze erfüllt. Ist n1 die Zahl und v1 die
Geschwindigkeit der stoßenden, n2 und v2 Anzahl und Geschwindigkeit der gestoßenen
(vorher in Ruhe befindlichen) Kugeln, so müssen die Gleichungen bestehen:
n1 m1 v1 = n2 m2 v2 (Impulssatz), (4.36)
n1 m1 2 n2 m2 2
v1 = v (Energiesatz). (4.37)
2 2 2
Hieraus folgt bei Kugeln gleicher Masse (m1 = m2 ):
n1 = n2 , v1 = v2 , (4.38)
wie es auch der Versuch zeigt.

Schiefer Stoß. Wenn nach Abb. 4.5 eine Kugel in der Richtung AO elastisch gegen eine
–"
Wand stößt und der Vektor OB Größe und Richtung der Geschwindigkeit darstellt, so kann
–" –"
man diesen in die beiden Komponenten OC senkrecht und OD parallel zur Wand zerlegen.
–"
Wie man aus der Abbildung sieht, wird die Normalkomponente CO in die entgegenge-
––" , –"
setzt gerichtete OC umgewandelt, während die Tangentialkomponente OD unverändert
––" ,
bleibt. Mit dieser setzt sich die neue Normalkomponente OC zu der resultierenden Ge-
–"
schwindigkeit OE zusammen, mit der die Kugel nach dem Stoß die Wand verlässt. Die
Geschwindigkeit der stoßenden Kugel ändert also nur ihre Richtung. Die Kugel wird
an der Wand reflektiert, und zwar ist der Reflexionswinkel gleich dem Einfallswinkel;
die Reflexionsrichtung liegt ferner in der durch die Einfallsrichtung und das Einfallslot
bestimmten Ebene (Abb. 4.6).
Nach der hier dargelegten Methode – Zerlegung der Geschwindigkeit in Tangential-
und Normalkomponente, Umkehrung der Normalkomponente und Wiederzusammenset-
zung mit der unveränderten Tangentialkomponente – lässt sich auch der schiefe Stoß
zweier Kugeln vollständig behandeln (Abb. 4.7).

B D
E

C
C’
O

Abb. 4.5 Schiefer Stoß einer Kugel gegen


A die Wand
4.3 Elastischer und unelastischer Stoß 127

Abb. 4.6 Eine Kugel stößt unter verschiedenen Winkeln von links kommend, gegen eine Wand.
Fotografische Aufnahme bei stroboskopischer Beleuchtung. Da die Blitzfrequenz gleich ist (40 Hz),
kann man die Geschwindigkeit der Kugeln vergleichen. Man beachte, dass der Energieverlust der
Kugel beim Stoß in den Bildern von oben nach unten abnimmt (Kugeldurchmesser 29.6 mm; Dichte
1.3 g/cm3 ).
128 4 Konstanten der Bewegung von Massenpunkten: Energie, Impuls, Drehimpuls

Abb. 4.7 Stoß einer kleineren Kugel, von rechts heranrollend, gegen eine ruhende größere Ku-
gel. Kugeldurchmesser 29.6 und 36.9 mm; Dichte 1.3 g/cm3 (Kunststoff). Blitzfrequenz 20 Hz. Im
untersten Bild hat die kleinere Kugel beim Stoß ihren Drehimpuls stark geändert.
4.3 Elastischer und unelastischer Stoß 129

Für die mathematische Behandlung muss man den Impulssatz in seiner vektoriel-
len Form benutzen. Außerdem ist es zweckmäßig, neben dem üblichen Koordinaten-
system (dem sogenannten Laborsystem) ein weiteres System (das Schwerpunktsystem),
das sich mit dem gemeinsamen Schwerpunkt (s. Abschn. 7.3) mitbewegt, einzuführen.
Die Geschwindigkeiten nach dem Stoß setzen sich dann im Laborsystem aus der Relativ-
geschwindigkeit des jeweiligen Stoßpartners im Schwerpunktsystem und der Geschwin-
digkeit vs des Schwerpunktsystems zusammen. Das heißt, man kann die wieder unter
Benutzung von Impuls- und Energiesatz gewonnenen Gleichungen in folgende Form brin-
gen:
m2 m1 v 1 + m2 v 2
v ,1 = v ,1s + v s = ve 0 + ,
m1 + m2 m1 + m2
m1 m1 v 1 + m2 v 2
v ,2 = v ,2s + v s = − ve 0 + . (4.39)
m1 + m2 m1 + m2
, , v, die Geschwindigkeiten der Teilchen 1 und 2 nach dem Stoß im Schwer-
Dabei sind v1s 2s
punktsystem, v = |v | = |v 1 − v 2 | der Betrag der Relativgeschwindigkeit der beiden
Stoßpartner (er ändert sich bei elastischen Stößen nicht) und eC0 der Einheitsvektor in
Richtung der Anfangsgeschwindigkeit v 1 von Teilchen 1 im Laborsystem.
Wir betrachten jetzt den elastischen Stoß eines mit der Geschwindigkeit v bewegten
Teilchens 1 (Geschoss) auf ein ruhendes Teilchen 2 (Target). Im Schwerkunktsystem tref-
fen beide mit entgegengesetzt gleichen Impulsen p1s = −p2s = μv aufeinander, wobei
μ = m1 m2 /(m1 + m2 ) die so genannte reduzierte Masse ist, und fliegen nach dem Stoß
mit Impulsen p,1s = −p,2s auseinander. Der Ablenkwinkel im Schwerpunktsystem sei ϑ.
Eine Transformation der Impulsvektoren aus dem Schwerkunktsystem in das Laborsys-
tem ergibt die Richtungswinkel Θ1 und Θ2 der Impulse nach dem Stoß im Laborsystem
relativ zur Richtung von v :
m2 sin ϑ π −ϑ
tan Θ1 = , Θ2 = . (4.40)
m1 + m2 cos ϑ 2
Für die Beträge der Geschwindigkeiten nach dem Stoß erhält man:
K
m21 + m22 + 2m1 m2 cos ϑ 2m1 v ϑ
v1, = v, v2, = sin . (4.41)
m1 + m2 m1 + m2 2
Offensichtlich kann man hieraus sofort einige Aussagen machen:
a) Die Masse des stoßenden Teilchens ist größer als die des gestoßenen, d. h. m1 > m2 .
In diesem Fall kann der Ablenkwinkel Θ1 des stoßenden Teilchens einen Maximalwert
nicht überschreiten. Man findet
m2
sin Θ1 max = . (4.42)
m1
Dieser Fall ist gegeben, wenn beispielsweise α-Teilchen auf Wasserstoff-Atome stoßen.
b) m1 < m2 . In diesem Fall kann Θ1 jeden Wert annehmen, d. h., die Geschwindigkeit
des Teilchens nach dem Stoß kann jede Richtung haben. Für den Fall, dass m2 sehr groß
ist gegen m1 (z. B. Stoß eines Elektrons gegen ein Atom), findet man insbesondere
v1, = v, v2, = 0, tan Θ1 = tan ϑ. (4.43)
130 4 Konstanten der Bewegung von Massenpunkten: Energie, Impuls, Drehimpuls

Das ist aber auch das Ergebnis, das zuvor auf anderem Weg für den Stoß einer Kugel
gegen eine Wand gefunden wurde (d. h., der Einfallswinkel ist gleich dem Reflexions-
winkel, der Geschwindigkeitsbetrag bleibt gleich).
c) Besonders einfach werden die Verhältnisse, wenn m1 = m2 ist (z. B. α-Teilchen auf
Helium-Atome stoßen). In diesem Fall gilt:
ϑ ϑ ϑ π
v1, = v cos , v2, = v sin , Θ1 = , Θ1 + Θ2 = , (4.44)
2 2 2 2
d. h., die Stoßpartner schließen nach dem Stoß immer einen Winkel von 90◦ ein.
Man sieht außerdem, dass beim zentralen Stoß (ϑ = π) v ,2 = 2m1 /(m1 + m2 ) · v
einen Maximalwert annimmt. Hieraus ergibt sich für die größte Energie, die auf das
zunächst ruhende Teilchen übertragen werden kann:
m2 v2,2max 4m1 m2
E2, max = = E1 . (4.45)
2 (m1 + m2 )2

Kraftstoß und Impuls. Während eines Stoßes wirkt zwischen den Stoßpartnern kurz-
zeitig eine Kraft. Offensichtlich ist die Wirkung eines Stoßes sowohl durch die Größe
der Kraft F als auch durch die Dauer τ ihrer Einwirkung bedingt. Man nennt daher das
Produkt F τ aus Kraft und Stoßdauer Kraftstoß (Abb. 4.8).
Zunächst sei vorausgesetzt, dass während der Stoßdauer die Kraft F und die Beschleuni-
gung a konstant sind. Erweitert man die natürlich auch hier geltende Bewegungsgleichung
(Kraft = Masse · Beschleunigung) mit der Stoßdauer τ , so erhält man:
Fτ = m · a · τ.
Nun ist aber a nichts anderes als die in der Zeit erfolgte Geschwindigkeitsänderung der
Masse m, dividiert durch diese Zeit. Bezeichnet man also mit v 1 bzw. v 2 die Geschwin-
digkeiten vor und nach dem Stoß, so ist
aτ = v 2 − v 1
und man erhält:
Fτ = m(v 2 − v 1 ). (4.46)

• Der Kraftstoß ist gleich der Änderung des Impulses.


Bisher wurden die Kraft F und die Beschleunigung a während der Stoßzeit als konstant
angenommen. Wenn dies nicht der Fall ist, so hat man die Bewegungsgleichung F = m· a
über die Stoßzeit τ zu integrieren, bzw. für F und a je einen Mittelwert während der

t Abb. 4.8 Zum Kraftstoß ∫ F dt


4.4 Zentralbewegung und Bahndrehimpuls 131

Stoßzeit einzuführen. Dies liefert:


t-
0 +τ t-
0 +τ t-
0 +τ
dv
F dt = ma dt = m dt = m(v 2 − v 1 ). (4.47)
dt
t0 t0 t0

Der Kraftstoß ∫ Fdt ist also auch in dem allgemeinen Fall gleich der Änderung des
Impulses (vom Anfangswert mv 1 auf den Endwert mv 2 ).
Häufig ist zu Beginn des Stoßes der gestoßene Körper in Ruhe, d. h. v 1 = 0, so dass
man einfacher erhält:
t-
0 +τ

Fdt = mv . (4.48)
t0

Diese Gleichung liefert eine anschauliche Definition des Impulses:


• Der Impuls ist gleich demjenigen Kraftstoß, der den gestoßenen Massenpunkt aus der
Ruhe heraus auf die Geschwindigkeit v bringt. Er ist das Zeitintegral der Kraft.

4.4 Zentralbewegung und Bahndrehimpuls


Zentralbewegung. Bewegungen materieller Körper um ein Kraftzentrum sind für die
Physik von besonderer Bedeutung. In vielen Fällen sind diese Bewegungen periodisch.
Sie sind daher grundlegend für unser Zeitverständnis und insbesondere für die Messung
der Zeit. In der Natur stellen die Umläufe der Planeten um die Sonne solche Zentralbe-
wegungen dar. Auf die Planeten wirkt vor allem die auf die Sonne gerichtete Gravitati-
onskraft F G . Das Newton’sche Kraftgesetz für die Gravitation ergab sich aus dem dritten
Kepler’schen Gesetz. Von allgemeinerer Bedeutung ist das zweite Kepler’sche Gesetz, der
Flächensatz. Er gilt nicht nur für die Planetenbewegung, sondern für alle Bewegungen
von Massenpunkten, auf die nur auf ein Zentrum gerichtete Kräfte wirken:
• Bei einer Zentralbewegung überstreicht der vom Zentralpunkt zum sich bewegenden
Körper gezogene Leitstrahl in gleichen Zeiten gleiche Flächen.
Experimentell lässt sich der Flächensatz mit folgender Anordnung nachweisen (Abb. 4.9).
Am Ende einer Schnur ist eine Kugel befestigt; die Schnur ist durch ein vertikal gestell-

Abb. 4.9 Nachweis des Flächensatzes


132 4 Konstanten der Bewegung von Massenpunkten: Energie, Impuls, Drehimpuls

tes Rohr hindurchgezogen, und ihr unteres freies Ende wird mit der Hand festgehalten.
Schleudert man die Kugel auf einem horizontalen Kreis herum und verkürzt langsam durch
Ziehen an der Schnur die Länge des Leitstrahls r, so stellt man fest, dass die Winkelge-
schwindigkeit der umlaufenden Kugel proportional zu 1/r 2 ist. Durchläuft die Kugel die
Kreisbahn bei einer bestimmten Leitstrahllänge r z. B. in der Sekunde einmal, so läuft sie
bei Verkürzung von r auf die Hälfte in der Sekunde viermal um, da die von r überstrichene
Fläche auf den vierten Teil verkleinert wurde.

Bahndrehimpuls. Der Flächensatz für die Zentralbewegung eines Massenpunktes ist ein
Hinweis auf eine weitere wichtige Konstante der Bewegung, nämlich den Bahndrehim-
puls. Der Bahndrehimpuls L eines Massenpunktes, der sich um ein Kraftzentrum bewegt,
ist ein Vektor, der senkrecht auf der Bahnebene des Massenpunktes steht. Er wird als
Vektorprodukt von Orts- und Impulsvektor definiert:
L = r × p = m · r × v. (4.49)
Dabei ist r der Radiusvektor, p der Impuls, v die Geschwindigkeit und m die Masse
des Massenpunktes. Der Bahndrehimpuls ist zeitlich konstant, wenn auf den Massen-
punkt ausschließlich Zentralkräfte wirken. Um diese Behauptung zu beweisen, betrachten
wir, wie für den Beweis von Energie- und Impulserhaltung, die zeitliche Ableitung des
Drehimpulses:
L̇ = ṙ × p + r × ṗ = m · v × v + r × F. (4.50)
Das Vektorprodukt des ersten Summanden der rechten Seite dieser Gleichung ist of-
fensichtlich gleich null, und der zweite Summand verschwindet für Zentralkräfte, da in
diesem Fall Radiusvektor und Kraftvektor (entgegengesetzt) parallel zueinander sind. Für
Zentralkräfte gilt folglich, wie behauptet:
L̇ = 0. (4.51)
Die Erhaltung des Bahndrehimpulses impliziert insbesondere, dass auch die Richtung
des Drehimpulsvektors konstant ist. Die Bahn eines Massenpunktes, auf den nur eine
Zentralkraft wirkt, liegt folglich in einer fest vorgegebenen Ebene, nämlich der Ebene
senkrecht zum Drehimpulsvektor L.
Falls die auf den Massenpunkt gerichtete Kraft hingegen nicht radial gerichtet ist, son-
dern auch eine tangential gerichtete Komponente hat, kann sich der Drehimpuls zeitlich
ändern. Für die zeitliche Änderung des Drehimpulses gilt der Drehimpulssatz:
L̇ = r × F. (4.52)
Die hier auftretende Größe T = r × F heißt Drehmoment. Die zeitliche Änderung des
Drehimpulses ist also gleich dem Drehmoment, das auf den Massenpunkt einwirkt. Bei
der Berechnung des Drehmoments ist zu beachten, dass das Zentrum der Zentralbewegung
als Ursprung der Ortsvektoren zu nehmen ist.
Die Beziehung T = L̇ zwischen Drehimpuls und Drehmoment für Zentralbewegungen
entspricht dem Grundgesetz der Mechanik in der Impulsform F = ṗ für lineare Bewegun-
gen. Allgemein entsprechen den Größen Kraft, Impuls und Geschwindigkeit bei linearen
Bewegungen von Massenpunkten die Größen Drehmoment, Drehimpuls und Winkelge-
schwindigkeit bei Zentralbewegungen.
4.5 Satelliten und Raumfahrt 133

4.5 Satelliten und Raumfahrt


Künstliche Erdsatelliten. Schon Isaac Newton hatte sich die Frage gestellt, ob man mit
einer genügend starken Kanone einem Körper eine so große Geschwindigkeit erteilen
könnte, dass er nicht mehr auf den Boden zurückfällt, sondern die Erde als künstlicher
Satellit umkreist (Abb. 4.10). Um die Frage zu beantworten, muss man nicht die Flugbahn
berechnen. Vielmehr lässt sich bei Vernachlässigung des Luftwiderstands die erforderliche
Geschwindigkeit aus dem Gravitationsgesetz bestimmen. Setzt man die Gravitationskraft
gleich der Zentripetalkraft, so folgt
#
mM mv2 GM
G· 2 = , v= , (4.53)
r r r
wobei m die Satellitenmasse und M die Erdmasse ist. Für eine Bahn unmittelbar über dem
Erdboden (r = R) ergibt sich v = 7.91 km/s, für eine realistischere Bahn in einer Höhe
h = 200 km, d. h., für r = R+h erhält man v = 7.79 km/s. Die Umlaufsdauer T = 2πr/v
auf einer solchen Bahn beträgt im ersten Fall 5.07 · 103 s, im zweiten 5.31 · 103 s ≈ 90 min.
Von besonderer wissenschaftlicher und technischer Bedeutung, zum Beispiel für den
Funkverkehr, sind Satelliten, die immer über einem festen Punkt der Erdoberfläche stehen,
sogenannte geostationäre Satelliten. Dafür ist es notwendig, dass die Umlaufsdauer T
genau 1 d = 86 400 s beträgt. Gl. (4.53) liefert mit v = ωr = 2πr/T eine Bedingung für
die Bahnhöhe h = r − R. Man erhält h = 35 900 km. Die Bahngeschwindigkeit beträgt
v = 3.075 km/s.
Hier wurde angenommen, dass sich die Satelliten auf Kreisbahnen um die Erde bewe-
gen. Tatsächlich sind die Bahnen der Satelliten im Allgemeinen Ellipsen, entsprechend
dem ersten Kepler’schen Gesetz. Der erste künstliche Satellit, Sputnik I (Oktober 1957),
durchlief beispielsweise eine elliptische Bahn mit einer kleinsten Höhe von 228 km und
einer größten von 947 km über der Erdoberfläche.

DE
F

Abb. 4.10 Newtons Bahnskizze für künst-


liche Satelliten, die von einem Berg aus ho-
G rizontal gestartet werden (nach: De mundi
systemate, 1715)

Flug zum Mond. Die bisherigen Überlegungen gingen davon aus, dass außer dem Him-
melskörper und dem Flugobjekt keine anderen Massen in der Nähe sind. In Wirklichkeit
ist das aber oft der Fall, und man muss die Gravitationswirkung dieser anderen Him-
melskörper berücksichtigen. Als Beispiel betrachten wir den geradlinigen Flug von der
Erde zum Mond (Abstand d). Die potentielle Energie des Flugkörpers der Masse m längs
dieser Strecke setzt sich aus einem Beitrag der Erde (M ) und dem des Mondes (M , )
134 4 Konstanten der Bewegung von Massenpunkten: Energie, Impuls, Drehimpuls

Abb. 4.11 Potentielle Energie einer Raum-


sonde zwischen Erde und Mond

zusammen (Abb. 4.11):


GMm GM , m
Ep(r) = − − . (4.54)
r d−r

Sie hat ein Maximum in der Entfernung r0 = d/(1 + M /M , ) = 3.46 · 108 m. An dieser
Stelle bei 0.9 · d halten sich die Schwerkraft von Erde und Mond die Waage. Die Anfangs-
geschwindigkeit v0 = 11.1 km/s einer Raumsonde, die diesen Punkt gerade erreichen soll,
ist etwas kleiner als die Fluchtgeschwindigkeit vFl = 11.2 km/s des Gravitationsfelds der
Erde. Nach Überwindung des Sattelpunkts bei r = r0 fällt er von selbst auf den Mond
und kommt dort mit einer Geschwindigkeit von 2.3 km/s an.

Reisen im Sonnensystem. Die Flugbahnen zu den anderen Planeten lassen sich in ähn-
licher Weise berechnen. Dabei müssen die Anziehungskräfte von Erde, Sonne und dem
Zielplaneten berücksichtigt werden. Mit dem geringsten Energieaufwand kann man sol-
che Flüge durchführen, wenn die Sonde eine Ellipsenbahn (sogenannte Transferbahn) um
die Sonne durchläuft, die die Bahnen von Erde und Zielplanet berührt (Abb. 4.12). Man
nutzt dann die Anziehungskraft der Sonne für den größten Teil der Reise und muss nur
den Unterschied der Bahngeschwindigkeiten sowie der Gravitationskräfte von Erde und
Zielplanet durch das Triebwerk ausgleichen.
Bei besonders günstigen Planetenkonstellationen lässt sich ein Flugkörper sogar so
beschleunigen, dass er das Gravitationsfeld der Sonne verlassen kann. Das geschieht auf
sogenannten Swing-by-Bahnen (Abb. 4.13). Dabei gewinnt der Planet beim Vorbeiflug an

Abb. 4.12 Transferbahnen für Reisen zu


anderen Planeten
4.5 Satelliten und Raumfahrt 135

Abb. 4.13 Swing-by-Bahn einer Raumsonde bei der Begegnung mit verschiedenen Planeten (nach:
Jet Propulsion Laboratory, NASA)

einem Planeten auf Kosten dieses Planeten kinetische Energie. Wie bei elastischen Stößen
findet ein Energieaustausch statt.

Raketenantrieb. InAbschn. 4.1 wurde berechnet, dass ein Körper mindestens eine Flucht-
geschwindigkeit von 11.2 km/s haben muss, um das Gravitationsfeld der Erde verlassen
zu können. Um Körper auf Geschwindigkeiten dieser Größenordnung zu beschleuni-
gen, werden Raketenantriebe gebraucht. Dabei wird durch Verbrennung eines Treibstoffs
heißes Gas mit hoher Geschwindigkeit an der Rückseite des Flugkörpers ausgestoßen.
Aufgrund der Impulserhaltung erfährt dieser dann einen Rückstoß, der ihn vorwärts treibt
(Abb. 4.14). Das Prinzip ist von der Silvesterrakete bekannt.
Zur Erläuterung betrachten wir ein Raketentriebwerk im kräftefreien Raum. Zur Zeit
t habe die Rakete der Masse m + dm eine Geschwindigkeit v. Im Zeitintervall dt werde
die Masse dm des Brennstoffs mit der Geschwindigkeit u relativ zur Rakete ausgestoßen.
Um v(t) zu bestimmen, betrachten wir gemäß dem Impulssatz die Impulsänderungen
von Rakete und Brennstoff im Zeitintervall dt: m dv = −u dm. Daraus ergibt sich die
Differentialgleichung
dv = −u dm/m (4.55)

Abb. 4.14 Raketenantrieb (Darstellung zur Zeit t und t + 9t)


136 4 Konstanten der Bewegung von Massenpunkten: Energie, Impuls, Drehimpuls

und nach Integration


m(t)
-
dm mr ms + m0
v(t) = −u = u ln = u ln . (4.56)
m m(t) ms + m0 − μt
mr

Dabei ist mr die Gesamtmasse der Rakete beim Start zur Zeit t = 0. Sie ist gleich der
Summe von Brennstoffmasse m0 und Endmasse ms der Rakete (samt der transportierten
Last, z. B. ein in den Umlauf zu bringender Satellit). μt ist die Masse des bis zur Zeit
t ausgestoßenen Brennstoffs. Wir betrachten nun die Rakete nach Ablauf der Brennzeit
t1 = m0 /μ, wenn sie die Endgeschwindigkeit ve erreicht hat. Dann ist
D F
ve ms + m0 m0
= ln = ln 1 + (4.57)
u ms ms
m0
oder nach aufgelöst:
ms
m0
= eve /u − 1.
ms

Das Verhältnis von Endgeschwindigkeit und Ausströmungsgeschwindigkeit hängt also


nur vom Massenverhältnis m0 /ms ab.
Setzt man einige Zahlenwerte von ve /u in die obige Gleichung ein, so erhält man für
m0 /ms folgende Werte:
ve /u 1 2 3 4
m0 /ms 1.7 6.4 19.0 53.6
Das bedeutet, dass z. B. zum Erreichen einer Endgeschwindigkeit, die gleich der vier-
fachen Ausströmungsgeschwindigkeit des Treibgases ist, etwa das 54-fache des Leer-
gewichtes der Rakete an Brennstoff benötigt wird! Damit die Rakete keinen unnötigen
Ballast mitschleppen muss, baut man sie gewöhnlich in mehreren Stufen. Dann kann jede
Stufe nach Ablauf ihrer Brennschlusszeit abgeworfen werden, so dass nur die letzte Stufe
die Endgeschwindigkeit erreicht.
5 Schwingungen

5.1 Mathematisches und physikalisches Pendel


Jeden Körper, der sich unter dem Einfluss der Schwerkraft um eine feste, nicht durch sei-
nen Schwerpunkt gehende Achse drehen kann, nennt man allgemein ein Schwerependel.
Besteht es – im Grenzfall – aus einem schweren Massenpunkt und einem gewichtslosen
Aufhängefaden, so nennt man es, dieser Idealisierung wegen, ein mathematisches Pen-
del, im Unterschied zum physikalischen Pendel, das durch einen Körper mit beliebiger
Massenverteilung dargestellt wird.

Mathematisches Pendel. Wir betrachten der Einfachheit halber zunächst das mathema-
tische Pendel. Entfernt man es aus seiner Ruhelage und überlässt es dann sich selbst, so
führt es eine periodische Bewegung aus, die Pendelschwingung. Bevor wir uns mit der Ge-
setzmäßigkeit dieser ebenen Pendelschwingung näher befassen, ändern wir den Versuch
in der Weise ab, dass wir dem aus der Ruhelage entfernten Massenpunkt einen Stoß geeig-
neter Stärke in horizontaler Richtung senkrecht zur Schwingungsebene versetzen, so dass
sich der Massenpunkt auf einem horizontalen Kreis bewegt (Abb. 5.1). Der Pendelfaden
beschreibt dann den Mantel eines Kreiskegels, und wir nennen das so schwingende Pendel
ein Kreispendel oder konisches Pendel (Kegelpendel). Damit der Massenpunkt auf einem
Kreis mit dem Radius r umläuft, muss eine zum Kreismittelpunkt hin gerichtete Zentri-
petalkraft F r vorhanden sein. Diese wird, wie Abb. 5.1 zeigt, durch eine Komponente der
an dem Massenpunkt m wirkenden Schwerkraft G = mg gebildet. Wir können nämlich G
in die beiden (nicht zueinander senkrechten) Komponenten G l parallel zum Pendelfaden
und G r , zum Kreismittelpunkt hin weisend, zerlegen. Die erste Komponente spannt nur
den Faden, kommt also für die Bewegung nicht in Frage, die zweite Komponente stellt
die zur Kreisbewegung notwendige Zentripetalkraft dar. Bezeichnet α den Winkel des
Pendelfadens gegen die Vertikale, so ist ihr Betrag:
Gr = mg tan α.
Betrachten wir den Bewegungsvorgang im rotierenden Bezugssystem als dynamisches
Gleichgewicht im Sinn des d’Alembert’schen Prinzips, so müssen wir sagen, dass der
Zentripetalkraft das Gleichgewicht gehalten wird durch die Zentrifugalkraft F Z , die die
Größe 4π 2 mr/T 2 besitzt, wenn T die Umlaufszeit auf dem Kreis ist. Es ist also:
4π 2 mr
mg tan α = .
T2
Nun ist aber r = l sin α, so dass wir erhalten:
C
l cos α
T = 2π , (5.1)
g
138 5 Schwingungen

l h

m r
Gr
Fz
6
6

Gl G Abb. 5.1 Kreispendel

und da
α2 α4
cos α = 1 − + − ...
2! 4!
ist, kann man bei kleinen Winkeln α, für die wir schon die zweite Potenz von α gegen 1
vernachlässigen dürfen, schreiben:
C
l
T = 2π . (5.2)
g
Die Umlaufszeit eines konischen Pendels ist unabhängig von der Masse und für kleine
Kegelwinkel nur abhängig von der Pendellänge und der Erdbeschleunigung.
Es sei noch auf folgenden Punkt ausdrücklich hingewiesen: Die in dem Ausdruck
m4π 2 r/T 2 für die Zentrifugalkraft auftretende Masse ist die träge Masse, während die
in dem Ausdruck für die Schwerkraft mg auftretende Masse die schwere Masse darstellt.
Beide Massen sind nach Abschn. 3.3 gleich; nur deshalb fällt die Größe der Masse aus der
Gleichung für die Umlaufsdauer des Pendels heraus. Der Versuch beweist nun die exakte
Gültigkeit der Gl. (5.1) und somit indirekt, aber mit großer Genauigkeit, die Gleichheit
von schwerer und träger Masse (Versuche von Newton und Bessel).

Gt
6

Gl
G Abb. 5.2 Ebenes Pendel
5.1 Mathematisches und physikalisches Pendel 139

Wichtiger als das konische Pendel ist das ebene Pendel, das in einer durch seinen
Aufhängepunkt gehenden vertikalen Ebene Schwingungen ausführt. Entfernt man den
Massenpunkt eines solchen Pendels aus seiner Ruhelage (Abb. 5.2), so liefert wiederum
die an ihm angreifende Schwerkraft G die das Pendel in seine Ruhelage zurücktreibende
Kraft. Um letztere nach Größe und Richtung zu erhalten, zerlegt man G in zwei zueinander
senkrechte Komponenten Gl , und Gt ; die Richtung von Gl ist die der Fadenrichtung und
kommt somit für die Pendelbewegung nicht in Frage. Ist α der Winkel, um den das Pendel
aus seiner Ruhelage abgelenkt wurde, so ist Gt = G sin α. Gt ist also zum Sinus des
Ablenkungswinkels und bei kleinen Pendelausschlägen zum Winkel direkt proportional.
Die genaue Berechnung der Schwingungsdauer eines solchen Pendels für beliebige Winkel
α ist elementar nicht durchführbar. Um die Schwingungsdauer zu finden, vergleichen wir
unter Beschränkung auf hinreichend kleine Winkel das ebene Pendel mit einem konischen
Pendel gleicher Länge. Wir werfen von dem auf einer Kreisbahn umlaufenden konischen
Pendel P1 (Abb. 5.3) mit Hilfe einer punktförmigen Lichtquelle L, die wir in der Höhe
der Kreisbahn seitlich von dieser aufstellen, einen Schatten auf eine vertikale Wand W .
Dann beobachten wir, dass sich der Schatten des umlaufenden Kegelpendels auf einer
waagerechten Geraden zwischen zwei Punkten 1 und 2 hin- und herbewegt. Lassen wir
zwischen der Wand und dem Kegelpendel ein ebenes Pendel P2 mit gleicher Länge parallel
zur Wand schwingen, und richten wir seine Schwingungsweite so ein, dass ihr Schatten
auf der Wand gleich der Schwingungsweite des Schattens des Kegelpendels ist, so finden
wir, dass die Schatten beider Pendel auf der Wand sich gleich schnell und im gleichen
Takt bewegen. Daraus schließen wir, dass bei kleinen Winkeln die Schwingungsdauer des
ebenen Pendels, worunter wir die Zeit für einen Hin- und Hergang verstehen, gleich der
Umlaufszeit eines Kegelpendels gleicher Länge ist. Es gilt also auch für das ebene Pendel
im Fall kleiner Schwingungsweiten:
C
l
T = 2π . (5.3)
g
Die Schwingungsdauer eines ebenen Pendels ist also ebenfalls nur von der Länge und
der Erdbeschleunigung abhängig und unabhängig von der Pendelmasse.
Wir haben den Umweg über das konische Pendel nur aus dem Grund gemacht, um
auf elementarem Weg zur Pendelformel (5.3) zu gelangen. An sich wäre der direkte Weg
die Anwendung des Drehimpulssatzes (s. Abschn. 4.4), nach dem die zeitliche Änderung

2 P2
P1

1
w Abb. 5.3 Projektion eines Kreispendels P1
und eines ebenen Pendels P2 auf eine ebene
L
Wand
140 5 Schwingungen

des Drehimpulses L = m · (r × v ) gleich dem wirkenden Drehmoment T = r × G ist.


Betragsmäßig ist:
L = ml 2 · α̇
und
T = mgl · sin α.
Folglich lautet die Bewegungsgleichung für das ebene Pendel:
d2 α
ml 2 = −mgl sin α.
dt 2
Nach Kürzung und Ersatz von sin α durch α (für kleine Winkel) folgt:
d2 α g
2
+ α = 0. (5.4)
dt l
Die Integration dieser Gleichung liefert unmittelbar die Formel (5.3) für T . Lässt man
sin α stehen, so ergibt sich bei beliebig großen Elongationswinkeln α die Gleichung:
C ) D F2 D F
l 1 2 α 1·3 2 4 α
T = 2π 1+ sin + sin
g 2 2 2·4 2

D F2 A
1·3·5 6 α
+ sin +··· . (5.5)
2·4·6 2

Der Fehler, den man begeht, wenn man statt dieser exakten Gleichung die einfache
Gleichung (5.3) benutzt, beträgt bei einem Winkel α = 1◦ nur 0.002 %, bei α = 2◦ etwa
0.01 % und bei α = 5◦ etwa 0.05 %.

Die Unabhängigkeit der Schwingungsdauer eines mathematischen Pendels von der Pen-
delmasse kann man zeigen, indem man mehrere Pendel gleicher Länge, aber mit verschie-
denen Pendelmassen gleichphasig schwingen lässt: sie schwingen alle im Gleichtakt. Da
die Pendelbewegungen durch den Einfluss der Schwerkraft zustande kommen – man kann
die Pendelbewegung als Fall auf einem Kreisbogen behandeln und die Schwingungsdauer
aus der Fallzeit berechnen –, so ist das Herausfallen der Masse aus der Gleichung für
die Schwingungsdauer ein weiterer Beweis dafür, dass die Erdbeschleunigung g für alle
Körper dieselbe ist. Das besagt gerade, worauf wir oben schon hinwiesen, dass träge und
schwere Masse gleich sind (Versuche von Newton, Bessel und Eötvös).
Die Abhängigkeit der Schwingungsdauer von der Pendellänge zeigt man mit drei Pen-
deln, deren Längen sich wie 1 : 4 : 9 verhalten. Dann verhalten sich die Schwingungs-
dauern wie 1 : 2 : 3.

Früher bezeichnete man als Schwingungsdauer T eines Pendels


√ nur die Zeit für einen ein-
fachen Hin- oder Hergang; dann gilt die Gleichung T = π l/g. Ein Pendel, das für einen
Hin- oder Hergang gerade eine Sekunde benötigt, bezeichnet man als Sekundenpendel.
Die Länge des mathematischen Sekundenpendels ist demnach für g = 9.81 m/s2 gleich
l = 0.9939 m.
5.1 Mathematisches und physikalisches Pendel 141

R
A

6 mg'cos 6
6 mg
Abb. 5.4 Mach’scher Pendelapparat

In Abb. 5.4 ist ein Pendelapparat nach Ernst Mach (1838 – 1916) gezeichnet, der aus
einem Stangenpendel P besteht, das um eine in einem Rahmen R gelagerte Achse A
schwingen kann. Der ganze Rahmen und damit die Schwingungsebene des Pendels lässt
sich gegen die Horizontale um einen Winkel α kippen. Die auf die Pendelmasse in der
Schwingungsebene des Pendels wirkende Beschleunigung ist dann g cos α; vergrößert
man also α, so schwingt das Pendel immer langsamer. Bei diesem Versuch handelt es sich
freilich nicht um ein mathematisches Pendel. Aber die Abhängigkeit von der Größe der
Erdbeschleunigung ist gut zu sehen.
Da man die Schwingungsdauer und die Länge eines Pendels sehr genau bestimmen kann,
bildet die Pendelschwingung neben dem freien Fall ein einfaches und genaues Verfahren
zur Messung der Erdbeschleunigung. Misst man die Erdbeschleunigung an verschiede-
nen Stellen der Erdoberfläche, so stellt man fest, dass g nicht konstant ist, sondern von
den Polen der Erde zum Äquator hin abnimmt. So beträgt die Erdbeschleunigung am Pol
9.8319 m/s2 , unter 45◦ Breite 9.806 m/s2 und am Äquator 9.780 m/s2 . Diese Abhängigkeit
der Erdbeschleunigung von der geographischen Breite hat zweierlei Ursachen. Wie wir
in Abschn. 3.7 darlegten, erfahren infolge der Erdrotation alle Massen auf der Erde eine
Zentrifugalbeschleunigung senkrecht zur Erdachse nach außen. Da für alle Punkte der Erd-
oberfläche die Umlaufszeit dieselbe ist, nimmt die Größe der Zentrifugalbeschleunigung
mit dem Radius des Breitenkreises zu. Ihr größter Wert am Äquator beträgt 3.39cm/s2 . Um
diesen Betrag wird die Erdbeschleunigung g am Äquator verkleinert. Außerdem kommt
hinzu, dass die Erde keine Kugel ist, sondern die Form eines an den Polen abgeplatteten
Rotationsellipsoids besitzt.

Physikalisches Pendel. Mathematische Pendel gibt es strenggenommen nicht, da weder


Massenpunkte noch gewichtslose Fäden existieren. Alle wirklichen Pendel sind daher
physikalische (physische) Pendel, d. h. Körper, die um eine nicht durch ihren Schwerpunkt
(s. Kap. 7) gehende Achse oder um einen nicht mit dem Schwerpunkt zusammenfallenden
Punkt drehbar sind. Das physikalische Pendel unterscheidet sich also vom mathematischen
dadurch, dass die Masse des Pendels nicht in einem Punkt am unteren Ende der Pendellänge
konzentriert ist. wir betrachten einen solchen ausgedehnten Körper als eine Ansammlung
von Massenpunkten, d. h. Massenelementen mit vernachlässigbarer Ausdehnung, deren
Zentralbewegung dem Drehimpulssatz genügt.
Um die Schwingungsdauer eines physikalischen Pendels zu berechnen, geht man wie-
der vom Kreispendel aus. Es hat die gleiche Schwingungsdauer wie das ebene Pendel,
sofern der Pendelkörper rotationssymmetrisch ist. Wir betrachten die Bewegung als dy-
142 5 Schwingungen

s 6
l
l cos 6
S
s sin 6

Z
/Fz Mg

Abb. 5.5 Ableitung der Schwingungsdauer


eines physikalischen Kreispendels

namisches Gleichgewicht: Das Drehmoment der Schwerkraft hält dem Drehmoment der
Zentrifugalkräfte die Waage. In Abb. 5.5 soll der um Punkt A drehbare Stab das ko-
nische Pendel darstellen; seine Masse sei M . Die Schwerkraft Mg greift im Schwer-
punkt S an, der um das Stück s von A entfernt ist. Ist der Ausschlagswinkel des Pendels
α, so ist der Kraftarm der Schwerkraft gleich s sin α, der Betrag des Drehmoments T S
also:
|T S | = Mgs sin α.
Die an jedem Massenelement m des Pendels angreifende Zentrifugalkraft hat den Be-
trag FZ = mω 2 l sin α, wenn l der Abstand des Massenelementes von A ist; l sin α ist
dann der Radius des Kreises, den das Massenelement beschreibt, und ω ist die Winkel-
geschwindigkeit des Massenelementes auf diesem Kreis. Alle Zentrifugalkräfte FZ sind
horizontal und nach außen gerichtet. Im mit dem Pendel rotierenden Bezugssystem wir-
ken also auf die Massenpunkte Drehmomente T Z der Zentrifugalkraft, die in summa das
Drehmoment der Schwerkraft kompensieren. Als Drehmoment der Zentrifugalkraft ergibt
sich:
G 4π 2 G
|T Z | = ω 2 sin α ml 2 · cos α = 2 sin α ml 2 · cos α,
T
da ω = 2π/T und .sin α als konstant vor das Summenzeichen gesetzt werden können. Mit
der Größe J = ml 2 , dem sogenannten Trägheitsmoment (s. Kap. 8) des Pendels um
eine durch A gehende Achse (s. Kap. 7), ergibt sich:
4π 2
|T Z | = J sin α cos α.
T2
Setzt man |T S | = |T Z |, so erhält man die dynamische Gleichgewichtsbedingung für das
Kreispendel:
C
4π 2 J cos α
Mgs = 2 J cos α, d. h. T = 2π .
T Mgs
Für kleine Winkel α ist cos α ≈ 1. Die Formel für die Umlaufsdauer des konischen Pendels
gilt dann auch für die Schwingungsdauer des ebenen physikalischen Pendels:
5.1 Mathematisches und physikalisches Pendel 143
C
J
T = 2π . (5.6)
Mgs
Diese Formel verdankt man Christian Huygens (1629 – 1695).
Der Ausdruck Mgs = D ist offenbar gleich dem Drehmoment TS der Schwere, dividiert
durch sin α:
TS
Mgs = = D.
sin α
Für kleine Winkel ist sin α ≈ α. So ist dann TS = D · α. Die Größe D wird Richtmoment,
Direktionsmoment oder Winkelrichtgröße genannt.
Auch hier ist die Benutzung des konischen Pendels ein Umweg zum Zweck der ele-
mentaren Ableitung der Gl. (5.6). Direkt gewinnt man sie aus dem Drehimpulssatz:

J = −Mgs sin α.
dt
Setzt man hier wieder die Winkelbeschleunigung dω/dt = d2 α/dt 2 und beschränkt sich
auf kleine Winkel (sin α ≈ α), so folgt die Bewegungsgleichung des physikalischen Pen-
dels:
d2 α Mgs
+ α = 0, (5.7)
dt 2 J
die die Verallgemeinerung von Gl. (5.4) für das mathematisches Pendel ist. Auch ohne
Integration ersieht man aus beiden Gleichungen, dass für das mathematische Pendel nur
l und g in Frage kommen, für das physikalische dagegen das Trägheitsmoment J und das
Richtmoment Mgs.
Man sieht sofort, dass J /Ms die Länge desjenigen mathematischen Pendels ist, das die
gleiche Schwingungsdauer besitzt wie das physikalische Pendel. Wir bezeichnen daher
J
lr = (5.8)
Ms
als die reduzierte Pendellänge des physikalischen Pendels. Sie ist in Abb. 5.6 durch die
Strecke AA, wiedergegeben. Man kann sich also im Punkt A, , den man den Schwingungs-
mittelpunkt nennt, die gesamte Pendelmasse M vereinigt denken, ohne dass dadurch die
Schwingungsdauer T geändert wird.

6
lr s

S
S

A’

Mg Abb. 5.6 Physikalisches Pendel


144 5 Schwingungen

Reversionspendel. Nach dem Steiner’schen Satz, den wir in Abschn. 8.2 ableiten werden,
ist J = Js + Ms2 , wobei Js das Trägheitsmoment der Pendelmasse bezogen auf die durch
den Schwerpunkt gehende Achse (parallel zur Drehachse) darstellt. Dann können wir für
lr schreiben:
Js
lr = + s. (5.9)
Ms
Denken wir uns das Pendel um eine durch den Schwingungsmittelpunkt A, gehende
Achse schwingend, so ist in diesem Fall seine reduzierte Pendellänge
Js
lr, = + (lr − s)
M (lr − s)
oder mit Bezug auf Gl. (5.8):
Js Js Js
lr, = + =s+ = lr ;
Js Ms Ms
M
Ms
folglich muss auch T = T , sein, d. h.:
• Die Schwingungsdauer eines physikalischen Pendels bleibt unverändert, wenn man den
Schwingungsmittelpunkt zum Drehpunkt macht.
Lässt man z. B. einen gleichmäßig dicken Stab (Holzmaßstab) von der Länge L und der
Masse M um eine durch seinen Endpunkt gehende Achse schwingen, so hat man, um die
reduzierte Pendellänge zu erhalten, in Gl. (5.8) für J den Wert 13 ML2 einzusetzen und, da
der Schwerpunkt in der Stabmitte liegt, für s den Wert 12 L zu benutzen; damit wird:
1 2
J 3 ML 2
lr = = 1 = L.
Ms 2 ML
3

Bringt man also in der Entfernung 32 L vom Stabende die Drehachse an, so bleibt die
Schwingungsdauer ungeändert.

G
lr

A’

G’

Abb. 5.7 Reversionspendel


5.1 Mathematisches und physikalisches Pendel 145

Ein Pendel, das nach Abb. 5.7 aus einer Stange mit zwei im festen Abstand lr befindli-
chen Achsen A und A, besteht und an dem sich die Massenverteilung durch Verschieben
zweier Gewichte G und G , verändern lässt, bis die Schwingungsdauern beim Schwin-
gen um A bzw. A, gleich sind, heißt Reversionspendel. Dann ist AA, = lr die Länge des
mathematischen Pendels gleicher Schwingungsdauer. Da man den Abstand lr und die
Schwingungsdauer des Pendels sehr genau ermitteln kann, ist das Reversionspendel ein
wichtiges Instrument zur Bestimmung der Erdbeschleunigung.

Uhrpendel. Ein physikalisches Pendel ist auch das gewöhnliche Uhrpendel, das die Auf-
gabe hat, den Gang der Uhr zu steuern. Dies geschieht in der Weise (Huygens 1650), dass
ein mit der Pendelstange verbundener Sperrhaken oder Anker bei jedem Hin- und Hergang
des Pendels in ein vom Uhrwerk angetriebenes Zahnrad (Sperr- oder Steigrad) eingreift
und das Zahnrad dabei stets um einen Zahn weiterrücken lässt. Dabei erfährt das Pendel
selbst von den Zähnen des Steigrades immer wieder einen kleinen Anstoß, so dass der
durch Reibung verursachte Energieverlust bei jeder Schwingung ausgeglichen wird und
das Pendel mit gleichbleibender Amplitude weiterschwingt. Damit durch die Stöße des
Steigrades die Schwingungsdauer des Pendels nicht beeinflusst wird, müssen sie gerade
in dem Augenblick erfolgen, in dem das Pendel die Ruhelage passiert (s. Abschn. 5.4).

Waage. Auch jede Balkenwaage stellt ein physikalisches Pendel dar und besitzt demzu-
folge eine bestimmte Schwingungsdauer. Wie man aus Gl. (5.6) abliest, ist die Schwin-
gungsdauer umso größer, je kleiner s ist, d. h. je näher man den Schwerpunkt an den
Drehpunkt heranbringt. Dies dient zur Erhöhung der Empfindlichkeit der Waage, die also
stets mit einer Vergrößerung der Schwingungsdauer verbunden ist und bei einer guten
Waage 20 s nicht übersteigen soll.

Zykloidenpendel. In den Ableitungen für die Schwingungsdauer des Pendels (Gl. (5.6))
wurde der Zusatz gemacht „für kleine Winkel“. Diese Bemerkung ist wichtig; denn bei
größeren Ausschlägen ist die Schwingungsdauer eines Pendels größer. In diesem Zu-
sammenhang ist die Frage interessant, ob man nicht ein amplitudenunabhängiges Pendel
konstruieren kann, das also gleiche Schwingungsdauer für kleine und große Ausschläge
besitzt. Chr. Huygens hat bereits 1658 das Problem erkannt (Steuerung des Ganges von
Pendeluhren). Das Zykloidenpendel hat diese Eigenschaft. Seine Schwingungsdauer ist
in aller Strenge unabhängig von der Anfangsauslenkung bzw. von der Amplitude. Die
Bahnkurve des Zykloidenpendels ist statt eines Kreises eine Zykloide. Doch was ist eine
Zykloide?
Rollt ein Kreis vom Radius r auf einer Geraden ab, so heißen die Bahnen aller mit dem
Kreis fest verbundenen Punkte Trochoiden (Radlinien); im Besonderen heißen die Bahnen
derjenigen Punkte, die auf seinem Umfang liegen, Zykloiden (Abb. 5.8). Der Punkt des
Kreisumfanges, der die Zykloide beschreiben soll, wird gelegentlich die gerade Basis
berühren. Diese Stelle wählt man als Anfangspunkt 0 und die gerade Basis als positive
x-Achse nach der Seite hin, nach der der Kreis rollt. Ist der Kreis aus der Anfangslage k0
beim Abrollen in eine Lage k übergegangen, so wird derjenige Punkt, der zuerst in 0 lag,
an einer Stelle P des Kreises k so liegen, dass die Basisstrecke von 0 bis Q gleich dem
Bogen von P bis Q ist. Q bedeutet den Punkt, in dem k die x-Achse berührt. Bezeichnet
man mit M den Mittelpunkt des Kreises k und setzt man den Winkel QMP = ϕ, so ist der
Bogen PQ = rϕ (ϕ im Bogenmaß), also ist auch die Strecke 0Q = rϕ. Die Projektion von
146 5 Schwingungen

y
S
k0
P R k
r
0 M

O Q x
2) r

Abb. 5.8 Entstehung einer Zykloide durch Abrollen eines Kreises auf einer Geraden

Zyk
loide loid
Zyk e

Zykloide

Abb. 5.9 Zykloidenpendel: Der Pendelkörper beschreibt statt eines Kreises eine Zykloide. Die
Schwingungsdauer ist unabhängig von der Auslenkung, wenn punktförmige Masse und masseloser
Faden vorhanden sind. Beide Bedingungen sind aber kaum zu erfüllen.

MP = r auf die x-Achse ist PR = r sin ϕ, die Projektion auf die y-Achse RM = −r cos ϕ;
daraus ergeben sich die Koordinaten von P:
x = rϕ − r sin ϕ und y = r − r cos ϕ.
Diese beiden Gleichungen stellen die Zykloide mittels des Parameters ϕ dar. Diese
Hilfsgröße bedeutet einen Winkel, den sogenannten Wälzungswinkel. Wächst nun ϕ um
2π, so nimmt x um 2πr zu, während y den alten Wert wieder erreicht. Das zu den Werten ϕ
von 0 bis 2π gehörige Stück der Kurve ist daher kongruent mit dem zu den Werten von 2π
bis 4π gehörigen Stück, indem es in dieses durch Verschiebung längs der x-Achse um die
Strecke 2πr (gleich dem Kreisumfang) übergeht. Dasselbe gilt für die folgenden Stücke,
so dass die Zykloide eine periodische Kurve ist, deren Periode gleich dem Umfang des
rollenden Kreises, also gleich 2πr ist. Man darf sich also auf die Werte des Wälzungs-
winkels von 0 bis 2π beschränken. Man kann nun durch Abrollen auf einer Zykloide eine
neue Kurve erhalten. Diese heißt Evolvente der ursprünglichen Kurve und ist eine mit ihr
kongruente Zykloide. Da also die Evolvente einer Zykloide wieder eine Zykloide ist, lässt
sich nach Abb. 5.9 die Zykloidenbahn erzwingen.

Reifenpendel. Besonders interessant ist auch das Reifenpendel. Es besteht aus einem
Reifen (kreisförmiger Ring aus Metall oder Kinderreifen aus Holz bzw. Kunststoff), der um
irgendeinen Punkt seiner Peripherie schwingen kann. Man hängt also den Reifen einfach
an einem längeren Nagel auf und lässt ihn in der Kreisebene schwingen. Die reduzierte
Pendellänge ist lr = 2 r. Überraschend ist die Tatsache, dass man einen Teil des Reifens,
5.2 Harmonische Schwingung 147

z. B. die untere Hälfte, entfernen, also abschneiden kann, ohne die Schwingungsdauer
zu verändern. Beschwert man den Reifen an beliebiger Stelle mit Gewichten oder macht
man eine beliebige Drahtkonstruktion derart, dass die Gewichte auf dem Kreis liegen
und dass der Schwerpunkt auf dem Durchmesser unter dem Aufhängepunkt liegt, dann
bleibt die reduzierte Pendellänge lr = 2r und damit die Schwingungsdauer erhalten. Ist
dagegen die Massenverteilung so, dass der Schwerpunkt nicht auf einem Durchmesser,
sondern auf einer Kreissehne liegt, dann ist die reduzierte Pendellänge gleich der Länge
der Kreissehne, die durch den Aufhängepunkt und durch den Schwerpunkt geht. Das
Kreisreifenpendel ist nach M. Schuler ein Minimumpendel. Bei einem Durchmesser von
1 m würde eine Änderung des Abstandes zwischen Aufhängepunkt und Schwerpunkt um
1 cm eine Änderung der Schwingungszeit von nur 0.01 % zur Folge haben!

5.2 Harmonische Schwingung


Mit den Pendelbewegungen in Abschn. 5.1 haben wir einen ungleichförmig beschleunig-
ten Bewegungsvorgang kennengelernt, dessen besonderes Merkmal ist, dass er sich in
regelmäßigen Zeitabschnitten wiederholt. Man nennt bekanntlich einen solchen Bewe-
gungsvorgang eine Schwingung. Die Zeit, die der schwingende Körper braucht, um zum
Ausgangspunkt der Bewegung zurückzugelangen, ist die Schwingungsdauer T . Die An-
zahl der Schwingungen pro Zeit heißt die Frequenz ν = 1/T . Es ist üblich, für die Einheit
der Frequenz die aus der Elektrotechnik herrührende Bezeichnung „Hertz“ (Hz) = l/s zu
gebrauchen. Die Dimension der Frequenz ist also dim ν = T −1 . Die größte Entfernung
b des schwingenden Körpers von der Ruhelage heißt die Schwingungsweite oder Ampli-
tude der Schwingung, die Entfernung von der Ruhelage in einem willkürlichen Zeitpunkt
Elongation oder Auslenkung.
Die einfachste Form einer Schwingung stellt die geradlinige Schwingung eines Mas-
senpunktes dar, die wir beispielsweise erhalten, wenn wir eine an einer Schraubenfeder
aufgehängte Kugel aus ihrer Ruhelage (in der sich Federkraft und Schwerkraft kompensie-
ren) nach unten ziehen und dann loslassen. Die Kugel wird von der Feder zurückgezogen,
schwingt über ihre Ruhelage nach oben hinaus, drückt dabei die Feder zusammen, wird
infolgedessen nach unten beschleunigt und vollführt diese hin- und hergehende Bewegung
in regelmäßiger Folge so lange, bis die Schwingungsenergie durch Reibungswiderstände
aufgezehrt ist. Da infolge der Reibung die Amplituden im Laufe der Zeit kleiner werden,
spricht man von einer gedämpften Schwingung im Gegensatz zu einem Schwingungsvor-
gang von gleichbleibender Amplitude, den man als ungedämpft bezeichnet.

Bewegungsgesetz der harmonischen Schwingung. Um das Bewegungsgesetz einer har-


monischen Schwingung kennen zu lernen, projiziert man die Bewegung eines auf einem
Kreis mit gleichbleibender Geschwindigkeit umlaufenden Massenpunktes auf eine in der
Ebene des Kreises liegende Gerade, z. B. die vertikale Gerade G in Abb. 5.10. Eine ex-
perimentelle Anordnung hierfür wurde bereits in Abschn. 5.1 besprochen und in Abb. 5.3
dargestellt. Durchläuft der Massenpunkt den Kreis (Abb. 5.10) von A nach B, so bewegt
sich seine Projektion von A, nach B, auf einer Geraden; läuft der Punkt von B nach C, so
bewegt sich seine Projektion auf der Geraden von B, nach A, zurück usw. Nennen wir den
148 5 Schwingungen

G
B B

P P
b T 3
y y T
2 4 T
C
O Q A A T
4

D D

Abb. 5.10 Entstehung harmonischer Schwingungen

Kreisradius b und die Bahngeschwindigkeit des Punktes auf dem Kreis v, so ist die Um-
laufszeit T = 2πb/v und die Winkelgeschwindigkeit ω = v/b. In Richtung des Radius
zum Kreismittelpunkt O wirkt ferner auf den umlaufenden Massenpunkt m die Zentripe-
talkraft F = mbω 2 ; bei der projizierten Bewegung des Punktes auf der Geraden G wirkt
also stets eine nach A, gerichtete Kraft, die die Projektion F , von F auf die Richtung der
Geraden ist. Bezeichnen wir die Elongation des Punktes auf der Geraden mit y, so gilt mit
Bezug auf das Dreieck PQO für die im Punkt P , auf den Massenpunkt wirkende Kraft:
y
F : b = F , : y, also F , = F = mω 2 y;
b
d. h., bei der hier betrachteten geradlinigen Schwingung ist die auf den schwingenden
Massenpunkt wirkende Kraft zumAbstand des Massenpunktes von der Ruhelage A, propor-
tional. Da die Kraft F als Zentripetalkraft von P nach O gerichtet ist, ist die Komponente
F , nach A, hin gerichtet; man nennt sie daher eine (den Massenpunkt in die Anfangslage
A, ) zurücktreibende Kraft, die der Bewegung des Massenpunktes von A, nach B, also ent-
gegengesetzt ist. Eine Schwingung unter dem Einfluss so beschaffener Kräfte nennt man
eine harmonische Schwingung. Wir bezeichnen den Winkel α, den der Leitstrahl des auf
dem Kreis umlaufenden Punktes in der Zeit t bei der Bewegung von A nach P zurücklegt,
als Phasenwinkel; messen wir α im Bogenmaß, so besteht die Beziehung α : 2π = t : T ,
so dass α = 2πt/T ist. Ersetzen wir T durch die Frequenz ν, so wird α = 2πνt. Die
Größe 2πν bezeichnet man häufig als Kreisfrequenz ω.
Aus dem Dreieck PQO in Abb. 5.10 folgt weiter:

y = b sin α = b sin t = b sin 2πνt = b sin ωt, (5.10)
T
d. h., die Elongation des längs der Geraden G schwingenden Massenpunktes ist zum Sinus
des Phasenwinkels proportional. Man nennt daher eine harmonische Schwingung auch
Sinusschwingung. Trägt man die Elongation der Schwingung als Ordinate und die Zeit
als Abszisse auf, so erhält man eine Sinuslinie, die den zeitlichen Verlauf der Schwin-
gung darstellt. Experimentell lässt sich eine solche Sinuslinie darstellen, indem man die
Bewegung des schwingenden Massenpunktes auf einem senkrecht zu seiner Bewegungs-
richtung vorbeilaufenden Papier aufzeichnen lässt. Dies gelingt z. B. mit dem in Abb. 5.11
5.2 Harmonische Schwingung 149

Abb. 5.11 Pendel zum Aufzeichnen von


Schwingungen

gezeichneten Pendel, das an seinem unteren Ende einen kleinen mit Sand gefüllten Trichter
trägt. Der Sand, der auf die senkrecht zur Schwingungsrichtung vorbeigezogene Unterlage
ausfließt, schreibt die Sinuslinie auf.
Die größte Elongation, d. h. die Schwingungsamplitude b, erreicht der schwingende
Punkt zu den Zeiten t = 41 T , 34 T , 54 T , . . .; in den dazwischenliegenden Zeiten t = 0, 12 T ,
2 3
2 T , 2 T , . . . geht der Punkt durch die Ruhelage.
In Gl. (5.10) ist die Zeit von dem Zeitpunkt aus gerechnet, in dem die Elongation y = 0
ist. Dies braucht nicht der Fall zu sein; wir können vielmehr die Zeitrechnung auch in
einem Augenblick beginnen, wo y einen bestimmten, von null verschiedenen Wert besitzt.
Um dies in Gl. (5.10) zum Ausdruck zu bringen, müssen wir eine weitere Konstante, die
sogenannte Phasenkonstante ϕ, einführen, indem wir schreiben:
D F

y = b sin t + ϕ = b sin(2πνt + ϕ) = b sin(ωt + ϕ). (5.11)
T
Für t = 0 ist demnach y = b sin ϕ; y wird null für
(nπ − ϕ)T (nπ − ϕ) (nπ − ϕ)
t= = = ; n = 0, 1, 2, . . .
2π 2πν ω
Die Einführung einer derartigen Phasenkonstanten ist immer dann nötig, wenn mehrere
Schwingungen vorliegen, deren Durchgänge durch die Nulllage nicht gleichzeitig erfol-
gen.
Statt eine Sinusschwingung nach Gl. (5.10) zu betrachten, hätte man ebenso gut auch
den Ansatz y = b cos ωt, d. h. eine Kosinusschwingung nehmen können. Da aber cos ωt
= sin(ωt + π/2) ist, läuft die Kosinusschwingung einfach darauf hinaus, dass man die
Zeitrechnung in einem um π/2 früheren Zeitpunkt beginnt. Sie liefert also gegenüber der
Sinusschwingung nichts Neues.
Aus Gl. (5.10) erhalten wir die Geschwindigkeit des schwingenden Massenpunktes
durch Differentiation nach t. Dies liefert:
dy 2π 2π
v= =b cos t = b2πν cos 2πνt = bω cos ωt, (5.12)
dt T T
d. h., die Geschwindigkeit erreicht ihren größten Wert 2πb/T = 2πνb zu den Zeiten
t = 0, 21 T , 22 T , 23 T , . . ., wenn die Amplitude der Schwingung null ist, der Massenpunkt
also durch die Ruhelage hindurchgeht. Die Geschwindigkeit ist dagegen null für t =
1 3
4 T , 4 T , . . ., wenn die Elongation ihr Maximum erreicht, der schwingende Punkt also
seine Bewegungsrichtung umkehrt.
150 5 Schwingungen

Durch eine nochmalige Differentiation kommen wir zur Beschleunigung a des schwin-
genden Massenpunktes:

dv d2 y 4π 2 2π
a= = 2 = − 2 b sin t = −4π 2 ν 2 b sin 2πνt = −ω 2 b sin ωt,
dt dt T T
(5.13)
wofür wir auch nach Gl. (5.10) schreiben können:
d2 y 4π 2
a= = − y = −4π 2 ν 2 y = −ω 2 y, (5.14)
dt 2 T2
d. h., die Beschleunigung des schwingenden Punktes ist zur Elongation, d. h. der Entfer-
nung vom Ruhepunkt, direkt proportional, ihr aber stets entgegengesetzt. Das stimmt mit
der früheren Feststellung überein, dass eine rücktreibende Kraft proportional zur Aus-
lenkung wirksam ist, und dies ist gerade das bereits oben erwähnte Kennzeichen der
harmonischen oder sinusförmigen Schwingungen. Der größte Wert der Beschleunigung
4π 2
b = 4π 2 ν 2 b
T2
wird erreicht zu den Zeiten t = 41 T , 34 T , wenn der Massenpunkt im Endpunkt seiner
Bewegung zur Ruhe kommt und seine Bewegungsrichtung umkehrt.

Beispiele. Beispiele für eine harmonische Schwingung sind ein an einer Schraubenfe-
der schwingender Körper, das Pendel oder die Biegeschwingungen einer einseitig ein-
geklemmten Bandfeder. Auch eine in einer U-förmigen Röhre auf- und abschwingende
Wassersäule vollführt eine harmonische Schwingung, denn die Kraft, die das Wasser in
seine Ruhelage zurücktreibt, ist stets zur Elongation y proportional. Wie Abb. 5.12a erken-
nen lässt, ist das Übergewicht der im linken Schenkel um die Strecke y über der Nulllinie
stehenden Wassersäule gleich 2qGgy = const · y (q = Querschnittsfläche der Röhre,
G = Dichte der Flüssigkeit). Ersetzt man die Flüssigkeit durch eine nicht zu leichte Kette,
die entsprechend Abb. 5.12b mittels einer angebundenen Schnur über ein drehbares leich-
tes Rad gehängt wird, so führt die Kette ebenfalls eine harmonische Schwingung aus,
wenn sie durch Anheben auf einer Seite aus der Ruhelage entfernt wird.
Wir berechnen die Schwingungsdauer einer an einer Schraubenfeder harmonisch schwin-
genden Kugel der Masse m. Die potentielle Energie, die sie in einem ihrer Umkehrpunkte
(y = b) besitzt, ist gleich der Arbeit, die man aufbringen muss, um die Kugel aus der

y
y

Abb. 5.12 Schwingung einer Wassersäule


in einem U-Rohr (a) und einer an einem Rad
(a) (b) aufgehängten Kette (b)
5.2 Harmonische Schwingung 151

Ruhelage an diesen Punkt zu bringen. Da die dazu notwendige Kraft F zur Elongation
y proportional ist, also F = ky, erhält man für die Arbeit nach Abschn. 6.1 den Wert
1 2
2 kb . Beim Durchgang durch die Ruhelage hat die Kugel die größte Geschwindigkeit
vmax = 2πb/T und demnach die maximale kinetische Energie
1 2 1 4π 2
mvmax = m 2 b2 .
2 2 T
Da nach dem Energiesatz in der Ruhelage die potentielle Energie sich vollständig in
kinetische umgewandelt hat, also maximale potentielle und maximale kinetische Energie
gleich sein müssen, folgt:
1 2 1 2 1 4π 2
kb = mvmax = m 2 b2
2 2 2 T
und hieraus
# # #
m 1 k k
T = 2π bzw. ν = bzw. ω= . (5.15)
k 2π m m
Gl. (5.15) sagt zunächst aus, dass bei der Pendelschwingung die Schwingungsdauer bzw.
Frequenz von der Amplitude der Schwingung unabhängig ist. Die elastische Konstante k
ist von der Feder abhängig und heißt deshalb auch Federkonstante. Die für die Auslenkung
erforderliche Kraft ist bis auf das Vorzeichen gleich der rücktreibenden Kraft F = ky.
Die Abhängigkeit der Schwingungsdauer von der Masse zeigt man, indem man an einer
Schraubenfeder nacheinander Körper mit Massen von 100 g, 400 g und 900 g schwingen
lässt. Dann verhalten sich die Schwingungsdauern wie 1 : 2 : 3. Ersetzt man dann die
Feder durch eine aus stärkerem Draht gewickelte, die bei gleicher Belastung weniger
gedehnt wird, also eine größere Federkonstante k als die erste Feder besitzt, so wird die
Schwingungsdauer bei der gleichen Masse entsprechend kleiner.
Bei der in Abb. 5.12b gezeichneten Kette, deren Länge l und deren Gesamtmasse M
betrage, ist die Federkonstante,
√ wie man leicht findet, k = 2 Mg/l. Die Schwingungsdauer
wird also T = 2π l/2g. Sie ist demnach unabhängig von dem Gewicht der Kette und
nur von ihrer Länge abhängig; sie stimmt überein mit der Schwingungsdauer eines mathe-
matischen Pendels von der halben Kettenlänge. Man kann dies leicht zeigen, indem man
statt einer Kette zwei Ketten nebeneinander an den Faden anhängt; die Schwingungsdauer
ändert sich dabei nicht. Hängt man√aber die beiden Ketten hintereinander an, so erhöht
sich die Schwingungsdauer auf den 2 = 1.41-fachen Wert. Das Gleiche gilt auch für die
im U-Rohr schwingende Flüssigkeit: Ihre Schwingungsdauer ist unabhängig vom Quer-
schnitt der Flüssigkeitssäule und der Dichte der benutzten Flüssigkeit und nur abhängig
von der Gesamtlänge der Flüssigkeitssäule, was sich durch entsprechende Versuche ohne
Weiteres zeigen lässt.

Drehschwingung. Eine besondere Art von Schwingungen stellen die Drehschwingungen


dar. Wenn an der vertikalenAchse A einer drehbaren Scheibe der Masse M (Abb. 5.13) eine
Schneckenfeder so angebracht wird, dass ihr inneres Ende mit der Achse verbunden ist,
während das äußere Ende am Lagergestell G befestigt ist, so gerät die Scheibe, wenn wir
sie aus der Ruhelage herausdrehen und dann loslassen, in Drehschwingungen. Derartige
Schwingungen führt z. B. die Unruh in der Taschenuhr aus. Drehbewegungen werden in
Kap. 8 ausführlich behandelt. Statt der bei linearen Schwingungen auftretenden Größen
152 5 Schwingungen

Kraft, Masse und Auslenkung kommt es bei Drehschwingungen auf die Größen Dreh-
moment, Trägheitsmoment und Drehwinkel an. Man kann zeigen, dass bei genügender
Länge der Schneckenfeder das zu einer Verdrehung der Achse notwendige Drehmoment
zum Drehwinkel α proportional ist, so dass man schreiben kann: |T | = Dα. Analog nennt
man D das Richtmoment der Spiralfeder. Wir können es z. B. dadurch bestimmen, dass wir
am Rand der auf die Achse aufgesetzten Scheibe M in Abb. 5.13 einen Faden befestigen,
diesen um den Scheibenrand herumlegen und dann durch angehängte Gewichte das Dreh-
moment messen, das zurVerdrehung der Scheibe notwendig ist. Wenn wir uns wieder daran
erinnern, dass bei Drehbewegungen anstelle der Masse das Trägheitsmoment J tritt, so
finden wir für die Schwingungsdauer der Drehschwingung unter Beziehung auf Gl. (5.15):
# # #
J 1 D D
T = 2π bzw. ν = oder ω = . (5.16)
D 2π J J
Die Schwingungsdauer ist auch hier wieder von der Amplitude unabhängig, sogar für
große Amplituden. Deshalb stellt die Unruh in der mechanischen Taschenuhr ein einfa-
ches Mittel zur Erhaltung der Konstanz der Zeitanzeige dar.
Die Abhängigkeit der Schwingungsdauer vom Trägheitsmoment kann man mit dem in
Abb. 5.13 dargestellten Apparat zeigen, indem man die Scheibe M statt in der gezeichne-
ten Lage so auf der Achse befestigt, dass diese mit einem Scheibendurchmesser zusam-
menfällt. Die schwingende Masse bleibt dann die gleiche, doch wird die Schwingungs-
dauer kleiner, da jetzt das äquatoriale Trägheitsmoment der Scheibe ( 41 Mr 2 ) anstelle des
polaren ( 21 Mr 2 ) tritt. – Man kann das Trägheitsmoment und damit die Schwingungsdauer
leicht auch dadurch verändern, dass man zusätzliche Gewichtsstücke in einem bestimmten
Abstand von der Drehachse an der Scheibe befestigt.
Die Drehschwingungen bilden ein wichtiges Hilfsmittel zur Bestimmung vonTrägheits-
momenten (s. Abschn. 8.2). Hat man auf die oben beschriebene Art das Richtmoment D
der in Abb. 5.13 dargestellten Anordnung bestimmt, so kann man aus der Beobachtung
der Schwingungsdauer mit Gl. (5.16) Trägheitsmomente von Körpern ermitteln, die auf
die Achse aufgesetzt werden.
Es wird später noch ausführlicher erläutert, dass zur Verdrillung des freien Endes ei-
nes einseitig eingeklemmten freien Stabes oder Drahtes ein Drehmoment notwendig ist,
das von der Länge, dem Durchmesser des Drahtes und einer Materialkonstanten (Tor-
sionsmodul) abhängig ist. Hängt man daher an das freie untere Ende eines am oberen
Ende fest eingeklemmten Drahtes einen Körper mit dem Trägheitsmoment J und verdreht
den Draht aus seiner Ruhelage, so führt er, losgelassen, Drehschwingungen aus, die als
Torsionsschwingungen bezeichnet werden und deren Schwingungsdauer ebenfalls durch
Gl. (5.16) bestimmt ist.

57.3°
M

A G

S
Abb. 5.13 Erzeugung von Drehschwingun-
gen
5.3 Superposition von Schwingungen 153

h1
h2
Flüssigkeit
Höhe der

Abb. 5.14 Anordnung zur Erzeugung


h1 h2
einer Kippschwingung und Verlauf einer
Zeit Kippschwingung

Kippschwingung. Neben den bisher behandelten harmonischen Schwingungen, deren


Schwingungskurve eine Sinuslinie darstellt, gibt es in der Natur auch periodische Vorgänge,
die wir ebenfalls Schwingungen nennen, deren Ablauf jedoch nicht harmonisch, d. h.
nicht sinusförmig, ist. Als Beispiel sei die sogenannte Kippschwingung erwähnt, die eine
sägezahnartige Schwingungskurve hat. Man kann eine solche Kippschwingung etwa in
folgender Weise erzeugen (Abb. 5.14): Ein Wasserbehälter erhält einen geringen Zufluss
von Wasser. Sobald der Wasserspiegel eine solche Höhe erreicht hat, dass das Ausfluss-
rohr ganz gefüllt ist, wirkt dieses als Heber, und das Gefäß entleert sich schnell. Die
sägezahnförmige Kippschwingungskurve gibt die Höhe des Wasserspiegels im Gefäß in
Abhängigkeit von der Zeit wieder.
Diese Kippschwingungen spielen in der Mechanik eine untergeordnete Rolle, sind aber
in der Elektrotechnik für viele Zwecke sehr wichtig.

5.3 Superposition von Schwingungen


Häufig kommt es vor, dass ein Massenpunkt nicht nur eine Schwingung, sondern gleich-
zeitig zwei oder mehrere Schwingungen ausführt. Dabei sind zwei Hauptfälle zu unter-
scheiden:
1. Die Schwingungsrichtungen liegen parallel oder antiparallel.
2. Die Schwingungsrichtungen liegen senkrecht zueinander.
In beiden Fällen können die Schwingungen gleiche oder verschiedene Frequenz ν haben.

Schwingungen gleicher Richtung und Frequenz. Die Schwingungen seien dargestellt


durch die Gleichungen:
yI = bI sin(ωt + ϕI ),
yII = bII sin(ωt + ϕII );
ϕI − ϕII = 9ϕ ist dann der Phasenunterschied beider Schwingungen. Ist insbesondere
9ϕ = 0, so gehen die Bewegungen beider Schwingungen zu gleichen Zeiten und in glei-
cher Richtung durch die Nulllage und erreichen zu gleichen Zeiten auch die größte Elon-
154 5 Schwingungen

II

III

(a) ,0 = 0°

II

III
(b) ,0 = 180°

II

Abb. 5.15 Zusammensetzung zweier Sinus-


III
schwingungen I und II gleicher Frequenz und
Amplitude zu einer resultierenden Schwin-
gung III bei verschiedener Phasendifferenz
(c) ,0 = 90° 9ϕ

gation (Abb. 5.15a). Ist 9ϕ = π = 180◦ , so gehen beide Schwingungen zwar zu gleichen
Zeiten durch die Nulllage, jedoch in verschiedener Richtung; sie erreichen auch zu glei-
chen Zeiten die größten Ausschläge, aber nach verschiedenen Seiten (Abb. 5.15b). Dazwi-
schen sind alle anderen Fälle möglich; Abb. 5.15c zeigt den Fall, dass 9ϕ = π/2 = 90◦ ist.
Wie erhält man nun die resultierende Schwingung? Im einfachsten und zugleich wich-
tigsten Fall verhält sich jede Schwingung so, als ob die andere (bzw. die anderen) nicht
da wäre: Die zusammenzusetzenden Schwingungen stören sich also gegenseitig nicht; es
handelt sich um ungestörte Überlagerung (Superposition); und in diesem Fall addieren
sich die Amplituden der Einzelschwingungen einfach.
Es gibt indessen bei mechanischen (elastischen) Schwingungen Fälle, wo eine un-
gestörte Überlagerung nicht stattfindet, sondern jede Einzelschwingung die andere ver-
ändert, so dass die resultierende Schwingung nicht durch einfache Addition gefunden
werden kann. Gewisse Erscheinungen in der Akustik z. B. beruhen hierauf (Kombinati-
onstöne, Schallstrahlungsdruck).
Im Folgenden setzen wir stets ungestörte Überlagerung voraus; die resultierende
Schwingung erhalten wir dann durch Addition der Einzelschwingungen:
y = yI + yII = bI sin(ωt + ϕI ) + bII sin(ωt + ϕII ). (5.17)
5.3 Superposition von Schwingungen 155

Durch Umformung ergibt sich:


y = yI + yII = bI (sin ωt cos ϕI + cos ωt sin ϕI ) + bII (sin ωt cos ϕII + cos ωt sin ϕII ).
Ordnet man rechts nach sin ωt und cos ωt, so folgt:
y = sin ωt{bI cos ϕI + bII cos ϕII } + cos ωt{bI sin ϕI + bII sin ϕII }.
Für die geschweiften Klammem führen wir eine abkürzende Bezeichnung ein:
bI cos ϕI + bII cos ϕII = br cos ϕr ,

bI sin ϕI + bII sin ϕII = br sin ϕr , (5.18)


wo br und ϕr andere Konstanten sind, die man durch Dividieren bzw. Quadrieren und
Addieren der Gl. (5.17) gewinnt. Division liefert für ϕr :
bI sin ϕI + bII sin ϕII
tan ϕr = , (5.19)
bI cos ϕI + bII cos ϕII
Quadrieren und Addieren dagegen für br die Beziehung:
b2r = b2I + b2II + 2bI bII cos(ϕI − ϕII )

= b2I + b2II + 2bI bII cos 9ϕ. (5.20)


br und ϕr sind also eindeutig bestimmt. Setzt man nun Gl. (5.18) in Gl. (5.17) ein, so folgt:
y = yI + yII = br (sin ωt cos ϕr + cos ωt sin ϕr ) = br sin(ωt + ϕr ),
d. h., die resultierende Schwingung hat die gleiche Frequenz ω, wie die bei den primären
Schwingungen, aber eine andere Amplitude (br ) und Phase (ϕr ).
Wir können nach Gl. (5.20) die Amplitude br der resultierenden Schwingung durch die
in Abb. 5.16 dargestellte geometrische Konstruktion finden: bI wird unter dem Winkel ϕI
gegen eine feste Richtung OX als Vektor eingezeichnet und ebenso bII unter dem Winkel
ϕII gegen OX von demselben Punkt O aus. Dann ergibt sich br als Diagonale des von bI
und bII gebildeten Parallelogramms, ihr Winkel gegen OX ist gleich ϕr .
Wir betrachten folgende in Abb. 5.15 dargestellten Spezialfälle:
1. ϕI = ϕII , 9ϕ = 0, bI = bII = b.
Gl. (5.20) liefert br = 2b, Gl. (5.18) ergibt ϕr = ϕI = ϕII , so dass wir erhalten:
y = yI + yII = 2b sin(ωt + ϕI ).
Die resultierende Schwingung hat die gleiche Frequenz und Phasenkonstante wie die
primären Schwingungen, aber die doppelte Amplitude (Abb. 5.15a).

br
bI 0 0r Abb. 5.16 Geometrische Konstruktion der
I b II
resultierenden Amplitude und Phase zweier
0II sich additiv zusammensetzender Schwingun-
O X gen
156 5 Schwingungen

2. ϕI − ϕII = 9ϕ = π = 180◦ , bI = bII = b.


Aus Gl. (5.20) folgt br = 0. Beide Einzelschwingungen heben sich also in jedem
Augenblick vollständig auf (Abb. 5.15b).
π
3. ϕI − ϕII = 9ϕ = = 90◦ , bI = bII = b.
2 √
Gl. (5.20) ergibt br = b 2; aus Gl. (5.18) folgt:

2 sin ϕr = sin ϕII + cos ϕII ,

2 cos ϕr = − sin ϕII + cos ϕII ,
d. h.
2 sin ϕr cos ϕr = cos2 ϕII − sin2 ϕII
oder
! πH
sin 2ϕr = cos 2ϕII = sin 2ϕII + ,
2
d. h. schließlich
π
ϕr = ϕII + ,
4
also
√ ! πH
y = yI + yII = b 2 sin ωt + ϕII + ;
4
die resultierende Schwingung√ ist also wieder eine harmonische Schwingung derselben
Frequenz mit der Amplitude b 2, in der Phase ist sie gegen beide Primärschwingungen
um ±45◦ verschoben (Abb. 5.15c).
Zusammenfassend kann man sagen:
• Die Überlagerung zweier harmonischer Schwingungen gleicher Schwingungsrichtung
und Frequenz ergibt stets wieder eine harmonische Schwingung derselben Schwin-
gungsrichtung und Frequenz, aber anderer Amplitude, die von den Amplituden der
Primärschwingung und ihrer Phasendifferenz abhängt. – In einem speziellen Fall kann
die resultierende Amplitude auch gleich null werden; dann heben sich die beiden Schwin-
gungen auf.

Schwingungen gleicher Richtung, aber verschiedener Frequenz. Nicht ganz so ein-


fach liegen die Verhältnisse bei der Überlagerung zweier Schwingungen mit verschiedener
Frequenz. Wir betrachten die beiden Abb. 5.17a und 5.17b, in denen zwei Schwingun-
gen I und II, deren Schwingungsdauern sich wie 1 : 2 bzw. deren Frequenzen sich wie
2 : 1 verhalten, zu einer resultierenden Schwingung zusammengesetzt sind. In Abb. 5.17a
beträgt die Phasendifferenz zwischen beiden Schwingungen null, in Abb. 5.17b hat sie
einen beliebigen Wert 9ϕ. Das Ergebnis ist wieder ein periodischer Bewegungsvorgang,
also eine Schwingung mit der neuen Periodendauer Tr ; die Schwingung ist aber nicht mehr
sinusförmig, und die Schwingungsform ändert sich unter sonst gleichen Bedingungen mit
der Phasendifferenz zwischen den einzelnen Schwingungen. Schließlich ist in Abb. 5.18
noch die Zusammensetzung zweier Schwingungen gezeichnet, deren Frequenzen sich
wie 9 : 2 verhalten. Auch hier ergibt die Resultierende wieder eine nicht sinusförmige,
5.3 Superposition von Schwingungen 157

TI

TII

Tr

(a)

TI

TII
,0

Tr

(b)

Abb. 5.17 Zusammensetzung zweier Sinusschwingungen mit dem Frequenzverhältnis 2 : 1:


(a) Phasendifferenz null, (b) Phasendifferenz 9ϕ

Tr

Abb. 5.18 Zusammensetzung zweier Sinusschwingungen mit dem Frequenzverhältnis 9 : 2

aber periodische Schwingung. Dies ist nur möglich, wenn die Schwingungsdauern bzw.
Frequenzen der Einzelschwingungen in einem ganzzahligen Verhältnis stehen; die Fre-
quenz der resultierenden Schwingung ist dann stets der größte gemeinschaftliche Teiler
der Einzelfrequenzen. Sind dagegen die Schwingungsdauern bzw. Frequenzen der Ein-
zelschwingungen inkommensurabel, so ist die resultierende Bewegung überhaupt nicht
mehr periodisch.
158 5 Schwingungen

Ts Ts

0 0.05 0.10 0.15 0.20 0.25 Sekunden

Abb. 5.19 Zusammensetzung zweier Sinusschwingungen mit wenig voneinander verschiedenen


Frequenzen: Schwebungen

Ein besonderer Fall liegt vor, wenn sich zwei harmonische Schwingungen überlagern,
deren Frequenzen ν1 und ν2 sich nur wenig voneinander unterscheiden. Dieser Fall ist in
Abb. 5.19 für ν1 = 60 Hz und ν2 = 70 Hz wiedergegeben. Die beiden Schwingungen seien
durch die Gleichungen yI = b sin ωI t und yII = b sin ωII t dargestellt. Die resultierende
Schwingung ist dann nach dem Additionstheorem der trigonometrischen Funktionen:
ωI − ωII ωI + ωII
y = yI + yII = b(sin ωI t + sin ωII t) = 2b cos t · sin t. (5.21)
2 2
Der Einfachheit halber haben wir von der Hinzufügung von Phasenkonstanten ab-
gesehen; das wesentliche Resultat wird dadurch nicht beeinflusst. Sind ωI und ωII nur
wenig voneinander verschieden, so ist 21 (ωI − ωII ) klein gegen 12 (ωI + ωII ), so dass
sich der Faktor cos 21 (ωI − ωII )t mit der Zeit sehr viel langsamer ändert als der Faktor
sin 21 (ωI + ωII )t. Den resultierenden Bewegungsvorgang können wir daher angenähert als
eine harmonische Schwingung mit der Kreisfrequenz 21 (ωI + ωII ) ansehen, deren Ampli-
tude 2b cos 21 (ωI − ωII ) sich mit der Kreisfrequenz 12 (ωI − ωII ) periodisch ändert. Die
Amplitude der resultierenden Schwingung wächst also von null zu einem Maximum 2b,
wird wieder null usw. Dieser Vorgang heißt Schwebung. Die Zeit zwischen zwei aufein-
anderfolgenden maximalen Amplituden nennt man die Schwebungsdauer Ts ; es ist die
Zeit, die vergeht, wenn cos 21 (ωI − ωII )t von +1 nach −1 abnimmt; d. h. wenn sich das
Argument des Kosinus um π ändert. Es gilt also die Gleichung:
ωI − ωII
Ts = π,
2
woraus folgt:
2π 1 TI TII
Ts = = = .
ωI − ωII νI − νII TII − TI
Die Schwebungsfrequenz νs beträgt demnach νs = νI − νII .
5.3 Superposition von Schwingungen 159

Je weniger die Frequenzen der Einzelschwingungen voneinander abweichen, desto klei-


ner ist die Schwebungsfrequenz. Die Amplitude der Schwebung geht nur dann auf null
herunter, wenn die Amplituden der Einzelschwingungen gleich sind. Wir sprechen in
diesem Fall von einer reinen Schwebung, im Gegensatz zur unreinen Schwebung, die
dann vorliegt, wenn die beiden Einzelschwingungen verschiedene Amplituden haben.
Eine besonders große Rolle spielen die Schwebungen in der Akustik und bei genauen
Frequenzmessungen.
Bis jetzt wurden die Schwingungen in den Zeichnungen aus Gründen der Vollständig-
keit und der Anschaulichkeit stets so dargestellt, dass die Amplitude in Abhängigkeit von
der Zeit aufgetragen war. Diese Art soll auch beibehalten werden, wenn sie notwendig oder
für das Verständnis zweckmäßig ist. Es ist jedoch vielfach praktischer, wenn die Amplitude
in Abhängigkeit von der Frequenz ν oder von der Kreisfrequenz ω = 2πν aufgetragen
wird. Diese Spektraldarstellung hat insbesondere wegen ihrer Übersichtlichkeit manche
Vorteile. Eine rein sinusförmige Schwingung ergibt ein Linienspektrum und besteht nur
aus einem vertikalen Strich. Seine Länge gibt die Amplitude an und seine Lage auf der
Abszisse die Frequenz der Schwingung. Ist die Schwingung aus mehreren Einzelschwin-
gungen zusammengesetzt, dann erscheint für jede einzelne Teilschwingung ein vertikaler
Strich bei der betreffenden Frequenz. Ein wesentlicher Nachteil dieser Spektraldarstellung
ist, dass sie keine Information über die Phasen enthält. Doch ist die Kenntnis der Phasen in
vielen Fällen nicht erforderlich. Die Spektraldarstellung ist auch dann vorteilhaft, wenn es
sich nicht mehr um ungestörte Überlagerungen von Einzelschwingungen handelt. Dann
treten Kombinationsfrequenzen auf, und zwar in erster Linie die Differenzfrequenz und
die Summationsfrequenz zweier Einzelschwingungen. Ist z. B. eine Schwingung mit einer
zweiten zusammengesetzt und sind die beiden Frequenzen 900 Hz und 200 Hz, dann erge-
ben sich im Fall einer gestörten Überlagerung in der Spektraldarstellung im Wesentlichen
4 vertikale Striche. Diese liegen bei 900 Hz und bei 200 Hz, sowie bei der Summe und
Differenz der beiden Frequenzen. Die Frequenz bei 900 Hz ist von den beiden Frequenzen
900 Hz − 200 Hz = 700 Hz und 900 Hz + 200 Hz = 1100 Hz eingerahmt. Die Bandbreite
dieser Überlagerungsschwingung beträgt 400 Hz.
Die Schwebung der Abb. 5.19 ist als Linienspektrum in Abb. 5.20 dargestellt. Die
Schwebungsfrequenz von 10 Hz erscheint gleichzeitig mit den beiden Ausgangsfrequen-
zen nur dann als Differenzfrequenz, wenn das schwingende System ein nichtlineares Glied
enthält. Dieses ist z. B. im Ohr der Fall (vgl. Akustik).
Es hat sich eingebürgert, die Frequenz in der Optik ausschließlich mit ν, in der Technik
dagegen mit f zu kennzeichnen. Für die Spektraldarstellung wurde in der Abb. 5.20 auch
der Buchstabe f gewählt.
einzelnen Schwingungen
Amplitude der

0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Hz Abb. 5.20 Spektraldarstellung der Schwin-


Frequenz f gungen der Abb. 5.19
160 5 Schwingungen

Abb. 5.21 Zusammensetzung der


Schwingungen zweier Federn

Die Zusammensetzung zweier Schwingungen mit gleicher oder verschiedener Frequenz


lässt sich experimentell auf verschiedene Weise zeigen. Wir geben folgende zwei Ver-
suchsanordnungen dafür an. In Abb. 5.21 sind zwei einseitig eingeklemmte Bandfedern
dargestellt, die in der Vertikalen Biegungsschwingungen ausführen können und am freien
Ende einen kleinen Spiegel tragen. Bildet man über beide Spiegel einen hellen Lichtpunkt
auf einem Schirm ab, so beschreibt dieser Punkt auf dem Schirm beim Schwingen bei-
der Federn ihre resultierende Schwingung. Lässt man den Lichtstrahl, bevor er auf den
Schirm fällt, über einen Drehspiegel mit vertikaler Achse gehen, so dass er bei Rota-
tion dieses Spiegels in eine horizontale Linie auseinandergezogen wird, so erhält man auf
dem Schirm die Schwingungskurve der resultierenden Schwingung. Die Frequenzen der
einzelnen Schwingungen lassen sich durch Verändern der Längen der Federn variieren.
Ein zweiter Vorführungsapparat für die Überlagerung zweier Sinusschwingungen, der
im Gegensatz zu der soeben beschriebenen Versuchsanordnung auch die Einstellung jeder
Phasendifferenz zwischen den beiden Schwingungen ermöglicht, ist in Abb. 5.22 darge-
stellt. Vor einem vertikalen Spalt befindet sich ein kleines Stäbchen, das mit seinen Enden
am Rand zweier Kreisscheiben in Löchern drehbar gelagert ist. Die beiden Scheiben sit-
zen an den Enden zweier Achsen 1 und 2, die unabhängig voneinander gedreht werden
können. Befindet sich z. B. die Achse 2 in Ruhe und rotiert die Achse 1 mit der Frequenz
ν1 , so beschreibt das Stäbchen einen Kegelmantel vor dem Spalt; bildet man das Stäbchen
auf einem Schirm über einen Drehspiegel mit vertikaler Achse ab, so erhält man auf dem
Schirm eine Sinuslinie mit der Frequenz ν1 . Durch Verschieben des Spaltes in horizontaler
Richtung kann man jede Amplitude zwischen null und der größten durch den Radius der
Kreisscheibe gegebenen einstellen. Steht die Achse 1 still und dreht sich die Achse 2 mit
der Frequenz ν2 , so erhält man auf dem Schirm eine zweite Schwingung mit der Frequenz
ν2 . Bei gleichzeitiger Drehung beider Achsen erhält man dann die Überlagerung der bei-
den Einzelschwingungen und zwar für den Fall gleicher Amplituden, wenn der Spalt genau
in der Mitte steht. Durch Verschieben des Spaltes kann man jedes Amplitudenverhältnis

F
1 2

Abb. 5.22 Apparat zur Vorführung der Zu-


sammensetzung zweier Sinusschwingungen
gleicher Richtung
5.3 Superposition von Schwingungen 161

einstellen. Damit die beiden Schwingungen ein festes Frequenzverhältnis haben, erfolgt
der Antrieb der beiden Achsen 1 und 2 über Zahnräder mit entsprechendem Übersetzungs-
verhältnis von einer drittenAchse 3. Dabei kann man durchVerdrehen des bei F angebrach-
ten Rades die Phase zwischen den beiden Schwingungen beliebig einstellen und auf diese
Weise z. B. die in Abb. 5.15 und 5.17 – 5.19 dargestellten Schwingungskurven erhalten.

Spektrale Zerlegung periodischer Bewegungen. Ebenso wichtig wie die Zusammen-


setzung mehrerer harmonischer Schwingungen zu einer resultierenden Schwingung ist
die Zerlegung einer gegebenen beliebigen periodischen Bewegung f (t) in eine Summe
von harmonischen Teilschwingungen. Dies ist, wie J. Fourier (1768 – 1830) gezeigt hat,
stets, und zwar nur auf eine Weise, möglich:
f (t) = A0 + A1 cos ωt + A2 cos 2ωt + A3 cos 3ωt + . . .

+ B1 sin ωt + B2 sin 2ωt + B3 sin 3ωt + . . . (5.22)


wobei ω = 2π/T die Kreisfrequenz und T die Schwingungsdauer des periodischen Vor-
gangs ist. Außer der Grundfrequenz ω treten in der Fourier-Entwicklung (5.22) im Allge-
meinen alle ganzzahligen Vielfachen 2ω, 3ω, . . ., die sogenannten harmonischen Ober-
schwingungen auf. In besonderen Fällen können einzelne Glieder fortfallen; für die Praxis
genügt es meistens, wenn man die Entwicklung nach den ersten Gliedern abbricht. Man
nennt eine solche Zerlegung eine Fourier-Analyse; auf das Rechenverfahren gehen wir
nicht ein. Lediglich als Beispiel für die Zerlegung einer beliebigen periodischen Bewe-
gung f (t) ist in Abb. 5.23a eine periodische Dreieckskurve gezeichnet, von der Amplitude
b und der Periode T bzw. der Kreisfrequenz ω = 2π/T .
Die Fourier-Analyse ergibt folgende Zerlegung dieser Schwingung:
9 L
8b 1 1 1
f (t) = 2 sin ωt − 2 sin 3ωt + 2 sin 5ωt − 2 sin 7ωt + . . . . (5.23)
π 3 5 7

(a) T

(b)

T
Abb. 5.23 Fourier-Zerlegung einer periodi-
schen Dreieckskurve
162 5 Schwingungen

Das Bildungsgesetz für die höheren Glieder der Reihe ist danach leicht erkennbar; insbe-
sondere sieht man, dass alle Kosinusglieder und die geradzahligen Vielfachen der Grund-
frequenz ω fehlen. Beschränkt man sich auf die angeschriebenen vier ersten Glieder der
Reihe, die im oberen Teil der Abb. 5.23b einzeln dargestellt sind, so erhält man durch
Überlagerung derselben die unterste Kurve dieser Figur, die – abgesehen von einigen
Kräuselungen – die Dreieckskurve der Abb. 5.23a schon recht gut darstellt; durch Hin-
zunahme von noch mehr Gliedern kann die Annäherung entsprechend weiter getrieben
werden.
Es sei bemerkt, dass man die Fourier-Analyse einer gegebenen periodischen Funktion
auch auf rein mechanischem Weg vollziehen kann; solche Apparate heißen harmonische
Analysatoren. Es ist interessant, dass das Ohr einen solchen harmonischenAnalysator nach
der Hörtheorie von Helmholtz besitzen soll, worauf wir in der Akustik näher einzugehen
haben.

Fourier-Analyse aperiodischer Bewegungen. Die Fourier-Darstellung ist nicht auf pe-


riodische Vorgänge beschränkt. Auch aperiodische Ereignisse, wie z. B. das Anstoßen
eines schwingungsfähigen Systems (Anzupfen einer Saite, Anschlagen einer Glocke, Er-
zeugung eines Knalls; allgemein Stoßanregungen genannt), lassen sich auf diese Weise
analysieren. Allerdings tritt dann an die Stelle der Summe von diskreten Teilschwingungen
das Fourier-Integral. Es liefert dementsprechend als Ergebnis ein Frequenzkontinuum. Ein
System, das nur zu bestimmten Schwingungen fähig ist, wählt aus diesem Kontinuum die
passenden Frequenzen aus. Das ist der Grund dafür, dass man Schwingungen durch Stoß
überhaupt erzeugen kann.

Schwingungen verschiedener Richtung. Wir kommen jetzt zu dem zweiten Fall der
Zusammensetzung zweier Schwingungen, deren Richtungen gegeneinander geneigt sind.
Es sei nur der wichtigste Fall behandelt, dass die beiden Schwingungsrichtungen senkrecht
aufeinander stehen, also z. B. parallel zur x- und y-Richtung eines Koordinatensystems.
Für die beiden Schwingungen, die zunächst gleiche Frequenz haben mögen, gilt:
x = a sin ωt und y = b sin(ωt + ϕ).
Der Massenpunkt beschreibt eine Bahn, die in jedem Augenblick durch Vektoraddition
aus den Einzelverrückungen zusammengesetzt ist; wegen der Phasendifferenz ϕ zwi-
schen den beiden Schwingungen ist sie im Allgemeinen gekrümmt und von der Größe der
Phasendifferenz abhängig. Um die Bahnkurve zu finden, eliminieren wir aus den beiden
Gleichungen die Zeit t und schreiben dazu y in der Form:
y = b sin ωt cos ϕ + b cos ωt sin ϕ.
Aus der ersten Gleichung findet man
C
x x2
sin ωt = , cos ωt = 1 − 2 ;
a a
dies ergibt, in die vorstehende Gleichung eingesetzt:
C
bx x2
y= cos ϕ + b 1 − 2 sin ϕ,
a a
5.3 Superposition von Schwingungen 163

oder anders geschrieben:


x2 y2 2xy
2
+ 2
− cos ϕ = sin2 ϕ.
a b ab
Dies ist aber die Gleichung eines Kegelschnittes, und da die Kurve ganz im Endlichen
verläuft, kann es nur eine Ellipse sein, deren Mittelpunkt mit dem Koordinatenanfangs-
punkt zusammenfällt, die aber – wie das Auftreten des Gliedes mit xy anzeigt – nicht die
Koordinatenachsen als Hauptachsen besitzt; die Ellipsenachsen sind vielmehr gegen die
Koordinatenachsen gedreht, um einen Winkel ψ , dessen Größe wiederum von der Pha-
sendifferenz ϕ abhängt. Um einen Überblick über die möglichen Bahnformen und ihre
Orientierung zu erhalten, betrachten wir verschiedene Spezialfälle.
1. ϕ = 0. Die Ellipsengleichung geht dann über in die Form:
x y b
= oder y = x.
a b a
In diesem Fall entartet die Ellipse in eine Gerade im 1. und 3. Quadranten, deren
Neigung gegen die x-Achse durch tan ψ = b/a gegeben √ ist. Wir haben also eine
lineare Schwingung vor uns, deren Amplitude gleich a2 + b2 ist. (Man√kann die
Gerade als den Grenzfall einer Ellipse betrachten, deren große Achse gleich a2 + b2 ,
deren kleine Achse gleich null ist.)
2. 0 & ϕ & π/2. Lässt man ϕ allmählich von 0 an bis zum Wert π/2 wachsen, so ent-
wickelt sich die Gerade zu einer Ellipse, deren√kleine Halbachse vom Wert null an zu
wachsen beginnt und deren große vom Wert a2 + b2 abnimmt; gleichzeitig nähert
sich die große Achse der y-Achse an, indem der Winkel ψ zunimmt. Für ϕ = π/2
selbst geht die Ellipsengleichung über in die auf die Hauptachsen bezogene Form:
x2 y2
+ = 1;
a2 b2
jetzt fällt die große Achse mit der y-Richtung (die kleine mit der x-Richtung) zu-
sammen; die große Halbachse hat bis zum Wert b ab-, die kleine bis zum Wert a
zugenommen.
3. π/2 & ϕ & π . Nimmt die Phasendifferenz ϕ weiter zu, so wird die Ellipse allmählich
wieder schmaler: Die kleine Achse schrumpft ein, die große wächst über b hinaus.
Gleichzeitig entfernt sich die große Halbachse wieder von der y-Richtung zur anderen
Seite, indem ψ jetzt Werte > π/2 annimmt. Im Grenzfall ϕ = π geht die allgemeine
Ellipsengleichung über in:
x y b
+ = 0 oder y = − x,
a b a
d. h., die Ellipse ist wieder in eine Gerade ausgeartet, diesmal mit der Neigung tan ψ
= −b/a gegen die x-Achse; sie liegt also im 2. und 4. Quadranten. (Anders aus-
gedrückt:
√ Die kleine Halbachse der Ellipse ist wieder gleich null, die große wieder
2 2
a + b geworden.)
Allen Ellipsen, die im Intervall 0 & ϕ & π auftreten, ist die Eigenschaft gemeinsam,
dass sie von dem Massenpunkt entgegen dem Uhrzeigersinn durchlaufen werden, wie
man leicht feststellt.
164 5 Schwingungen

4. π & ϕ & 2π . Wächst ϕ weiter bis zum Wert 2π, so treten die gleichen Ellipsenbahnen
in umgekehrter Reihenfolge noch einmal auf: Zunächst entfaltet sich √ aus der Geraden
wieder eine Ellipse, mit von null an wachsender kleiner, und von a2 + b2 an abneh-
mender großer Achse, wobei diese sich der y-Richtung wieder annähert. Für ϕ = 3π/2
hat sie diese erreicht; die kleine Achse ist gleich a, die große gleich b geworden; kurz,
wir haben die Ellipse
x2 y2
+ =1
a2 b2
vor uns, die auf die Koordinatenachsen als Hauptachsen bezogen ist. Von da bis zum
Wert ϕ = 2π wird die Ellipse√wieder schmaler, die kleine Achse nähert sich dem
Wert null, die große dem Wert a2 + b2 , indem sich diese gleichzeitig wieder unter
positivem Winkel ψ der x-Achse nähert. Für ϕ = 2π endlich ist der Zyklus vollendet:
Wir haben dieselbe Konfiguration wie für ϕ = 0 vor uns, d. h. eine gegen die x-Achse
unter tan ψ = b/a geneigte Gerade durch den 1. und 3. Quadranten.
Die hier auftretenden Ellipsenbahnen werden, umgekehrt wie vorhin, im Uhrzeigersinn
vom Massenpunkt durchlaufen. Abbildung 5.24a stellt die möglichen Bahnen dar; sie
sind sämtlich dem Rechteck mit den Seiten 2a und 2b einbeschrieben. Man kann also als
Ergebnis aussprechen:
• Zwei senkrecht zueinander erfolgende Schwingungen gleicher Frequenz, aber verschie-
dener Amplitude ergeben im Allgemeinen eine elliptische Schwingung, die unter beson-
deren Umständen (Phasendifferenz ϕ = 0 oder = π) in eine geradlinige Schwingung
ausartet. Mit der Phasendifferenz ändert sich sowohl die Richtung der großen Achse als
auch das Achsenverhältnis der Ellipsen.
Wir wollen nun weiter spezialisieren, indem wir noch die Amplituden beider Schwingun-
gen gleich groß (= a) machen. Dann wird die allgemeine Ellipsengleichung:
x2 + y2 − 2xy cos ϕ = a2 sin2 ϕ.
Für ϕ = 0 und ϕ = π artet die Ellipse wieder in eine Gerade durch den 1. und 3. bzw. 2.
und 4. Quadranten aus, die unter 45◦ bzw. −45◦ gegen die√ Abszissenachse geneigt sind;
die Amplitude dieser geradlinigen Schwingungen ist a 2. Betrachtet man die Gerade
wieder als entartete Ellipse,
√ so kann man auch sagen, dass die große Achse der Ellipse
ihren maximalen Wert a 2, die kleine den Minimalwert null habe. Wächst ϕ von 0 an
bis π/2, so nimmt die große Achse ab, die kleine zu, wobei aber die große Achse mit der

(a)

0 ) ) 3) 5) 3) 7)
O ) 2)
4 2 4 4 2 4

(b)

Abb. 5.24 Zusammensetzung zweier aufeinander senkrecht stehender Schwingungen gleicher Fre-
quenz bei verschiedenen Phasendifferenzen ϕ, (a) bei verschiedener Amplitude, (b) bei gleicher
Amplitude
5.3 Superposition von Schwingungen 165

x-Richtung jetzt dauernd den Winkel 45◦ bildet; bei ϕ = π/2 werden beide Achsen gleich
groß, nämlich gleich a, d. h., die Ellipse wird ein Kreis vom Radius a, die Schwingung
wird zirkular. Wächst ϕ weiter, so nimmt √die bisher große Achse weiter ab bis zum Wert
null; die kleine wächst bis zum Wert a 2. Diese Werte werden bei ϕ = π/2 erreicht.
Die Schwingung ist nun in die bereits erwähnte geradlinige unter −45◦ gegen die Achse
geneigte Schwingung übergegangen. Alle Ellipsen (mit Einschluss des Kreises) werden
entgegen dem Uhrzeigersinn durchlaufen. Wächst ϕ von π bis 2π, so wiederholt sich alles
in umgekehrter Reihenfolge, bis nach Erreichen des Wertes ϕ = 2π der Anfangszustand
wieder hergestellt ist; diese Ellipsen (mit Einschluss des Kreises) werden aber im Uhr-
zeigersinn durchlaufen. Abgesehen vom Auftreten der zirkularen Schwingungen liegt der
wesentliche Unterschied dieses Falles gegen den vorher erörterten allgemeinen darin, dass
die Neigung der Ellipse gegen die Abszissenachse hier die festen Werte ±45◦ besitzt. Die
Schwingungsformen sind in Abb. 5.24b dargestellt. Alle Kurven liegen in einem Quadrat
von der Seitenlänge 2a. Zusammenfassend kann man sagen:
• Zwei senkrecht zueinander erfolgende Schwingungen gleicher Frequenz und Amplitude
ergeben im Allgemeinen eine elliptische Schwingung, die unter besonderen Umständen
(ϕ = π/2 oder 3π/2) in eine kreisförmige oder (für ϕ = 0 oder π) in eine geradlinige
Schwingung übergeben kann. Mit der Phasendifferenz zwischen beiden Schwingungen
ändert sich das Achsenverhältnis der Ellipsen, während ihre großen Achsen gegen die
x-Achse stets unter ±45◦ geneigt sind.
Die bisher besprochenen Schwingungskurven kann man mit einem Fadenpendel verwirk-
lichen: Ein solches Pendel kann ja in allen möglichen Richtungen ebene Schwingungen
ausführen. Lässt man das Pendel in einer bestimmten Richtung schwingen und versetzt
der Pendelkugel in dem Augenblick, in dem sie durch die Ruhelage hindurchgeht, einen
Stoß senkrecht zu ihrer Schwingungsrichtung, so führt das Pendel wieder eine geradlinige
Schwingung in einer zur ursprünglichen Schwingungsrichtung geneigten Ebene aus. Er-
teilt man dagegen der Pendelkugel den Stoß senkrecht zur Schwingungsrichtung, wenn sie
sich gerade im Umkehrpunkt der Schwingungsbewegung befindet, so entsteht als resul-
tierende Schwingung eine Ellipse oder ein Kreis, je nach der Stärke des Stoßes. Befestigt
man unten am Pendel einen mit Sand gefüllten Trichter, so schreibt der aus dem Trichter
fließende Sand auf einer Unterlage die betreffende Schwingungskurve auf.
In der Optik und in der Lehre von den elektrischen Wechselströmen ist besonders die
Zusammensetzung zweier zueinander senkrechter Schwingungen gleicher Amplitude bei
einer Phasendifferenz von π/2 zu einer Kreis- oder zirkularen Schwingung wichtig. Um-
gekehrt können wir auch jede Kreisschwingung in zwei zueinander senkrechte lineare
Schwingungen gleicher Amplitude und gleicher Frequenz zerlegen, wobei der Phasenun-
terschied 90◦ beträgt.
Denken wir uns schließlich, dass der Massenpunkt gleichzeitig zwei entgegengesetzt
gerichtete zirkulare Schwingungen gleicher Amplitude und gleicher Frequenz ausführt, so
ist die Resultierende eine geradlinige Schwingung derselben Frequenz, aber mit doppelter
Amplitude. Wir können nämlich jede der beiden Kreisschwingungen in zwei zueinander
senkrechte lineare Schwingungen zerlegen, für die die Gleichungen gelten:
! πH
x1 = a sin ωt; y1 = a sin ωt + ;
2
! πH
x2 = a sin ωt; y2 = a sin ωt − .
2
166 5 Schwingungen

Addieren wir die in gleicher Richtung verlaufenden Schwingungen, so erhalten wir:


x = x1 + x2 = 2a sin ωt; y = y1 + y2 = 0.
Umgekehrt kann jede geradlinige Schwingung angesehen werden als zusammengesetzt
aus zwei entgegengesetzt umlaufenden Kreisschwingungen mit halber Amplitude und
gleicher Frequenz. Auf diese Ergebnisse kommen wir in der Optik (Bd. 3) noch verschie-
dentlich zurück.

Lissajous-Kurven. Sind die Frequenzen der beiden senkrecht zueinander verlaufenden


Schwingungen verschieden, so hat die resultierende Schwingung eine umso komplizier-
tere Form, je mehr das Verhältnis der beiden Frequenzen von eins abweicht. Wir ver-
zichten auf die etwas schwierigere mathematische Berechnung der Schwingungskurven
und bringen in Abb. 5.25 eine Anzahl solcher Kurven, die man nach ihrem Erforscher
und ersten Beobachter Jules Antoine Lissajous (1822 – 1880) Lissajous-Kurven nennt;
sie liegen sämtlich in einem Quadrat von der Seitenlänge der doppelten Amplitude. Man
kann solche Schwingungskurven mit einem Pendel nach Abb. 5.26 erhalten. Zwei an den
Haken A und B befestigte Fäden sind durch einen Ring R geführt und tragen an ihrem
gemeinsamen unteren Ende einen mit Sand gefüllten Trichter. Senkrecht zur Zeichene-
bene kann ein solches Pendel nur Schwingungen mit einer Frequenz ausführen, die durch
seine Gesamtlänge L gegeben ist, während in der Zeichenebene nur Schwingungen mit
einer durch l gegebenen Frequenz möglich √ sind. Das Frequenzverhältnis dieser beiden
Schwingungen ist somit durch die Größe l/L gegeben. Durch Verschieben des Ringes
R lässt sich jedes Frequenzverhältnis einstellen; je nachdem wie man dabei das Pendel
anstößt, erhält man die den verschiedenen Phasen entsprechenden Figuren. In Abb. 5.27
ist die Lissajous-Figur für das Frequenzverhältnis 8 : 9 und eine Phasendifferenz π/2 für
den Fall dargestellt, dass beide Schwingungen gleiche Amplituden haben.
Man kann den Versuch auch mit der Anordnung der Abb. 5.21 machen, bei der man
nur eine der beiden Federn um ihre Längsrichtung um 90◦ zu drehen braucht, damit beide
Federn in zueinander senkrechten Richtungen schwingen. Der von den Schwingungen ge-
steuerte Lichtstrahl beschreibt dann die Lissajous-Kurve; diese Anordnung hat den Vorteil,
dass die Schwingungen hier viel rascher vor sich gehen als bei dem oben beschriebenen
Doppelpendel.
Wenn die Frequenzen (oder Schwingungsdauern) der Einzelschwingungen in einem ra-
tionalen Verhältnis, d. h. im Verhältnis ganzer Zahlen zueinander stehen, so ist der Vorgang
periodisch. Zum Beispiel ist beim Frequenzverhältnis 8 : 9 nach Ablauf von 8 Schwingun-
gen der kleineren (= 9 Schwingungen der größeren Frequenz) wieder derAusgangszustand
erreicht. Demzufolge ist die zugehörige Lissajous-Kurve geschlossen; sie wird z. B. von
dem Lichtstrahl oder dem Doppelpendel in jeder neuen Periode in genau gleicher Weise
wieder aufgezeichnet.
Ist die Gesamtperiode bei Benutzung des Apparates in Abb. 5.21 hinreichend kurz,
so erblickt man infolge der Dauer des Lichteindrucks die ganze Kurve auf einmal, und
zwar stillstehend. Dies ist der Fall, wenn die das Frequenzverhältnis darstellenden ganzen
Zahlen klein sind, z. B. 1 : 2 oder 3 : 4. Auf dieser Erscheinung beruht die Möglichkeit, die
genannten Figuren genau herzustellen. Denn wäre z. B. das Frequenzverhältnis statt genau
1 : 2 zu sein, etwa 1 : 2.0001 = 10 000 : 20 001, so ist die Dauer der Gesamtperiode so groß,
dass man die einzelnen Teile der Kurve nacheinander sieht. Es macht dann den Eindruck,
als ob man das Frequenzverhältnis 1 : 2, aber mit variabler Phasendifferenz vor sich hätte.
5.3 Superposition von Schwingungen 167

1:1 1:2 1:3 2:3

1 6 11 16

2 7 12 17

3 8 13 18

4 9 14 19

5 10 15 20

Abb.5.25 Lissajous-Kurven. In der ersten vertikalen Reihe ist das Verhältnis der beiden Frequenzen
1 : 1, in der zweiten 1 : 2, in der dritten 1 : 3 und in der vierten 2 : 3; in der ersten Horizontalreihe
beträgt die Phasendifferenz zwischen den beiden Schwingungen 0, in der zweiten π/4, in der dritten
π/2, in der vierten 3π/4 und in der fünften π .

Erst wenn man die Figur durch leichte Änderung einer Frequenz zum Stehen gebracht
hat, hat man das gewünschte Frequenzverhältnis 1 : 2 genau erhalten. – Ändert sich die
Figur übrigens mit einer bestimmten Frequenz, so gibt diese direkt den Unterschied der
Frequenzen der beiden Einzelschwingungen an.
Grundsätzlich anders liegen die Verhältnisse, wenn die beiden primären Frequenzen
inkommensurabel sind. Dann ist die Bewegung nicht mehr periodisch, die Lissajous-
Kurve nicht mehr geschlossen, weil sie in endlicher Zeit nie mehr zu ihrem Ausgangspunkt
zurückkehrt. Haben die beiden Schwingungen gleiche Amplitude a, so liegt die Kurve
zwar nach wie vor in dem Quadrat von der Seitenlänge 2a; aber nun wird jeder Punkt des
Quadrates einmal vom Lichtstrahl überstrichen; die Kurve bedeckt dieses zweidimensio-
168 5 Schwingungen

A B

R L

Abb. 5.26 Doppelpendel zur Erzeugung von


Lissajous-Kurven

Abb. 5.27 Lissajous-Kurve: Frequenzverhält-


nis 8 : 9, Phasendifferenz π/2

Abb. 5.28 Lissajous-Kurve: Frequenzverhält-


nis 3 : 5, Phasendifferenz 0 (fotografische
Aufnahme des Leuchtschirms eines Elektro-
nenstrahloszillographen)

nale Gebilde „überall dicht“, während bei rationalem Frequenzverhältnis nur eine in sich
geschlossene Kurve im Inneren des Quadrates bedeckt wird.
Steht ein Elektronenstrahloszillograph zur Verfügung, so kann man die Lissajous-
Figuren leicht auf dem Leuchtschirm der Braun’schen Röhre zeigen (Abb. 5.28). Eine
hell beleuchtete weiße Kugel, an einem oder an mehreren Gummibändern aufgehängt,
zeigt Schwingungen und Lissajous-Figuren in einfacher und sehr anschaulicher Weise
(Abb. 5.29).
5.3 Superposition von Schwingungen 169

(a) (b)

(c)

(d)

Abb. 5.29 Eine weiße Kunststoffkugel hängt an einem Gummiband und wird mit einer Folge kur-
zer Lichtblitze beleuchtet:
(a) Pendelschwingung
(b) Vertikalschwingung, möglich infolge der Elastizität des Gummibandes und einmaliger Auslen-
kung nach unten
(c) Vertikalschwingung nach (b) bei horizontal und gleichmäßig vorbeibewegter Kamera
(d) Lissajous-Kurve, Frequenzverhältnis 4 : 5, Phasendifferenz 0
170 5 Schwingungen

5.4 Gedämpfte und erzwungene Schwingungen


Die bisher betrachteten Schwingungen können durch das Beiwort freie charakterisiert
werden, da sie – einmal von außen angeregt – nur unter dem Einfluss der zurücktreiben-
den Kraft (elastische Kraft bei der Feder, Schwerkraft beim Pendel usw.) vor sich gehen.
Dabei findet eine dauernde Umsetzung von potentieller in kinetische Energie und um-
gekehrt statt. Dieses Spiel müsste eigentlich immer fortdauern, d. h., die Amplitude der
Schwingung dürfte sich nicht mit der Zeit ändern.

Dämpfung. Bei den Schwingungen, die wir in der Natur beobachten, ist dies aber nicht
der Fall; vielmehr kommt die Schwingungsbewegung nach kürzerer oder länger Zeit zur
Ruhe: Die Schwingungen klingen ab, indem die Amplitude kleiner und kleiner wird. Wir
können dies an jedem gewöhnlichen Pendel beobachten. Solche Schwingungen nennen
wir gedämpfte Schwingungen. Der Grund für die Dämpfung liegt in einem dauernden
Energieverlust, der bei der Schwingungsbewegung wie bei jeder mechanischen Bewe-
gung durch Reibungskräfte verursacht wird. Beim Vorgang der Reibung wird Arbeit in
Wärme umgewandelt (s. Abschn. 9.2 und Kap. 17). Reibungsprozesse können daher nicht
im Rahmen der reinen Mechanik erklärt werden. Experimentelle Untersuchungen haben
ergeben, dass sich die Abnahme der Schwingungsamplituden durch eine Reibungskraft
F R beschreiben lässt, die der Schwingungsbewegung entgegen wirkt und zur Geschwin-
digkeit der Bewegung proportional ist (lineare Dämpfung), d. h. F R = −f · v ; der Pro-
portionalitätsfaktor f heißt Reibungskoeffizient. In Abb. 5.30 ist der zeitliche Verlauf
einer gedämpften, harmonischen Schwingung dargestellt. Die Amplituden werden durch
eine Exponentialkurve, die Amplitudenkurve, begrenzt. Mathematisch wird ein solcher
Schwingungsverlauf durch folgende Gleichung dargestellt:
y = be−δt sin ωt. (5.24)
Die im Exponenten auftretende Größe δ nennt man die Abklingkonstante (auch Dämp-
fungsfaktor). Es ergibt sich die folgende Beziehung für die Abklingkonstante δ, wenn der
Reibungskoeffizient f und die schwingende Masse m ist:
f
δ= .
2m
Je größer die Abklingkonstante δ ist, umso schneller nähern sich die Amplituden der
Schwingung dem Wert null. Jedesmal nach Ablauf einer Zeit 1/δ sinkt der Amplituden-
faktor e−δ t auf 1/e = 0.37 seiner ursprünglichen Größe ab. Für δ = 1 s−1 ist z. B. die
Amplitude die Schwingung nach 1 s auf 1/e = 0.37, nach 2 s auf 1/e2 = 0.14, nach 3 s auf
1/e3 = 0.05 usw. des ursprünglichen Wertes abgesunken. Die Zeit, in der die Amplitude
auf die Hälfte abgesunken ist, nennt man die Halbwertszeit. Da e−0.7 ≈ 1/2 ist, beträgt
die Halbwertszeit 0.7/δ.

t
Abb. 5.30 Gedämpfte Schwingung (siehe
auch Abb. 5.29c)
5.4 Gedämpfte und erzwungene Schwingungen 171

Die Frequenz einer gedämpften Schwingung ist gegenüber einer gleichen ungedämpften
Schwingung verlangsamt. Die Rechnung liefert, wenn ωd die Kreisfrequenz im Fall mit
Dämpfung und ω0 die Kreisfrequenz ohne Dämpfung bedeuten:
K
ωd = ω02 − δ 2 . (5.25)
Bildet man das Verhältnis zweier aufeinanderfolgender Amplituden bt und bt+T , deren
zeitlicher Abstand gleich der Schwingungsdauer T der gedämpften Schwingung ist, so
ergibt dieses Verhältnis nach Gl. (5.24) den Wert
bt e−δ t
= = eδ·T . (5.26)
bt+T e−δ(t+T )
Dieses Amplitudenverhältnis ist also konstant. Man nennt die Größe
D F
bt
δ · T = ln
bt+T
das logarithmische Dekrement Λ; es charakterisiert die Dämpfung. Da man die Ampli-
tuden und Schwingungsdauern gut messen kann, ist die Bestimmung von Λ mit großer
Genauigkeit möglich; daraus erhält man die Abklingkonstante δ.
Wird die Dämpfung sehr groß, so dass schließlich in Gl. (5.25) der Ausdruck unter
der Wurzel gleich null oder sogar negativ wird, so kann das betreffende System keine
Schwingungen mehr ausführen, seine Bewegung wird aperiodisch. Dies kann man z. B.
mit einem Pendel zeigen, das man statt in Luft in Wasser oder besser noch in einer zähen
Flüssigkeit schwingen lässt. Wird das Pendel aus seiner abgelenkten Lage losgelassen, so
bewegt es sich langsam in die Ruhelage zurück, die höchstens einmal überschritten wird.
Es ist üblich, Zahlenwerte für die Dämpfung in folgenden zwei arithmetischen Zäh-
lungseinheiten anzugeben:
a) Ein Neper (Np) ist der natürliche Logarithmus eines (dimensionslosen) Verhältnisses
zweier Größen, die für den Dämpfungsvorgang charakteristisch sind (z. B. Intensitäts-
verhältnis, Druckverhältnis). Eine Dämpfung von 3 Np bedeutet somit für die obige
Schwingung, dass ln bt /bt+T = 3 ist, bzw. dass die Amplitude bt+T = e−3 der Ampli-
tude bt ist.
b) Ein Bel ist der dekadische Logarithmus des Verhältnisses: 1 Bel = 10 log(bt /bt+T ).
Wenn also eine Schwingungsamplitude auf den 10. Teil abgeklungen ist, ist das Verhält-
1
nis 1/10 = 10; 10 log10 = 1. Die Dämpfung ist 1 Bel. Meist wird, da praktischer, das
Dezibel = 0.1 Bel benutzt.

Selbststeuerung. Alle freien Schwingungen sind gedämpft. Soll ein System ungedämpfte
Schwingungen ausführen, so ist dies nur dadurch zu erreichen, dass man dem System die
in jeder Halbperiode durch Reibung verloren gegangene Schwingungsenergie ständig
wieder zuführt. Dies ist mit der sogenannten Selbststeuerung möglich. Sie hat sehr große
Bedeutung. Das erste Beispiel hat Chr. Huygens (1656) bei der Erfindung der Pendeluhr
angegeben.
Das Prinzip einer solchen Selbststeuerung zeigt Abb. 5.31. Auf der Achse A des Uhrwer-
kes sitzt das Steigrad S, ein Zahnrad mit besonders geschnittenen Zähnen; seine Drehung
erfolgt im Uhrzeigersinn. Mit dem um die Achse B drehbaren Pendel ist der Anker G starr
verbunden. Dieser trägt an seinem Ende zwei Zähne C und E mit entsprechend geschnit-
172 5 Schwingungen

B G
C
E
2 1 D
F
7 A
8 S

Abb. 5.31 Selbststeuerung eines Pendels zur


Erzeugung ungedämpfter Schwingungen

tenen, schrägen Gleitflächen D und F. Bei der gezeichneten Pendelstellung kann sich das
Steigrad nicht weiterdrehen, da Zahn 1 an C anliegt. Schwingt das Pendel nach rechts, so
gleitet der Zahn 1 an C herunter, kommt schließlich auf die schräge Fläche D, so dass eine
Drehung des Steigrades ermöglicht wird. Dabei übt der Zahn 1 des Steigrades eine Kraft
gegen D aus und beschleunigt so das Pendel. Bevor der Zahn 1 schließlich frei wird, senkt
sich auf der anderen Seite der linke Teil des Ankers vor dem Zahn 7 des Steigrades und
hemmt dieses erneut in seiner Bewegung. Wenn dann das Pendel seine Bewegungsrich-
tung umkehrt, gleitet der Zahn 7 auf der Fläche F entlang und übt dabei eine Kraft auf das
Pendel aus, die es jetzt in umgekehrter Richtung wie vorher durch die Ruhelage hindurch
beschleunigt. Indem sich so das Zahnrad bei jedem Hin- und Hergang des Pendels um
einen Zahn weiterdreht, erteilt es in gleichmäßiger Folge dem Pendel immer im richti-
gen Sinn neue Anstöße, so dass dieses ungedämpfte Schwingungen ausführt. Ähnliche
Selbststeuerungen werden in der Akustik und in der Elektrizität mehrfach behandelt.
Es sei noch erwähnt, dass die Eigenfrequenz des Pendels nur dann durch die Selbst-
steuerung nicht wesentlich verändert wird, wenn der Dämpfungsfaktor klein im Vergleich
zur Eigenfrequenz ist und wenn das Pendel genügend kinetische und potentielle Energie
speichern kann. Beim Pendel ist dies immer der Fall, wenn die Masse des Pendels groß
genug ist.

Erzwungene Schwingungen. Oftmals werden die Verluste nicht sofort nach jeder Halb-
schwingung wieder zugeführt. Man erhält dann eine gedämpfte Schwingung, deren Am-
plitude meist in regelmäßigen Zeitabständen, also durch stoßweise Energiezufuhr, wieder
auf den Anfangswert gebracht wird. Ein bekanntes Beispiel für eine solche Stoßerregung
ist der Glockenschlag. Noch während des Klingens, z. B. nach etwa 50 bis 100 Schwin-
gungen, erhält die Glocke einen neuen Schlag. Diese Stoßanregung kann natürlich noch
seltener, aber auch viel häufiger erfolgen. Beim Vibrafon kann ein geschickter Spieler
einen Ton so oft in der Sekunde anschlagen, dass man bei Verwendung eines weichen
Klöppels das Anschlagen kaum hört und man fast den Eindruck eines kontinuierlichen
Tons hat. Auch ein guter Pianist kann die Saiten eines Flügels so schnell nacheinander
anschlagen, dass man fast einen Dauerton hört. Die Kreissäge ist ein weiteres Beispiel. So
gibt es eine kontinuierliche Folge von Schwingungen, die selten angestoßen werden, bis
zu solchen, die nach jeder halben Schwingung angestoßen werden und dann keine stoß-
erregten Schwingungen mehr, sondern ungedämpfte Schwingungen darstellen. In allen
5.4 Gedämpfte und erzwungene Schwingungen 173

m Abb. 5.32 Erzeugung erzwungener Schwin-


gungen

Abb. 5.33 Aperiodische Bewegung durch


starke Dämpfung

Fällen der Stoßanregung schwingt der schwingungsfähige Körper frei in seiner Eigen-
frequenz. Es können nun aber auch Schwingungen angeregt werden, die eine von der
Eigenfrequenz abweichende Frequenz haben. Diese erzwungenen Schwingungen werden
in den folgenden Absätzen behandelt.
Wir wollen jetzt ein schwingungsfähiges System, z. B. einen an einer Schraubenfeder
oder an einem Gummiband hängenden Körper der Masse m, von außen her in Schwin-
gungen versetzen, indem wir das obere Ende der Feder in die Hand nehmen und mit einer
bestimmten Frequenz ν auf und ab bewegen (Abb. 5.32). Hält man die Hand ruhig, zieht
man den Körper mit der anderen Hand nach unten und lässt wieder los, so führt der Körper
gedämpfte freie Schwingungen aus in der durch die Stärke der Feder und die Größe der
Masse m bedingten Eigenfrequenz ν0 . (Lässt man den Körper im Wasser schwingen, nach
Abb. 5.33, dann ist die Dämpfung so stark, dass die Bewegung nur wenige Schwingungen
ausführt oder gar aperiodisch ist.) Vollführt man aber jetzt Auf- und Abwärtsbewegungen
der Hand mit einer Frequenz ν, die der Eigenfrequenz ν0 entspricht, so beobachtet man
ein schnelles Anwachsen der Schwingungsamplitude. Dies erfolgt allerdings nur dann,
wenn man die Hand immer im richtigen Zeitpunkt, also in der richtigen Phase, senkt.
Dies ist der Fall, wenn der schwingende Körper sich gerade im oberen Umkehrpunkt
befindet. Dann überträgt die zusätzliche Spannung der Feder ihre Energie vollständig auf
den Körper. Man führt auf diese Weise mehr Energie zu als durch Reibung verloren geht.
Dieses einfache Experiment, das man selbst erleben muss, zeigt deutlich den großen Ein-
fluss der Erregerfrequenz ν und der Phasenlage. Weicht die erregende Frequenz ν von der
174 5 Schwingungen

Abb. 5.34 Drehpendel nach R. W. Pohl

Eigenfrequenz ν0 des schwingenden Systems ab oder ist die Phase nicht richtig, dann ist
die Amplitude der Schwingung sehr viel kleiner.
Wenn ein schwingungsfähiges System derart von außen zu Schwingungen erregt wird,
spricht man von erzwungenen Schwingungen. Ist die Frequenz ν des Erregers gleich der
Frequenz ν0 des Resonators und liegt die Phase des Erregers 90◦ vor der Phase des
Resonators, tritt Resonanz ein. Die Amplitude des Resonators erreicht ein Maximum. Je
größer die Dämpfung ist, desto kleiner ist das Maximum der Amplitude.
Obgleich man mit dem einfachen Versuch die erzwungenen Schwingungen gut be-
obachten kann, braucht man für quantitative Messungen eine Apparatur, die die erfor-
derlichen Größen abzulesen gestattet. Als Beispiel zeigt Abb. 5.34 ein Drehpendel von
R. W. Pohl (1884 – 1976). Auf einer horizontalen Achse sitzt ein kupfernes Rad, das mit
dem inneren Ende einer Schneckenfeder verbunden ist. Das äußere Ende der Schnecken-
feder kann durch eine Stange, die exzentrisch an der Achse eines Motors befestigt ist,
hin und her bewegt werden. Dadurch wird das schwingungsfähige System, nämlich die
Schneckenfeder und das kupferne Rad mit dem Trägheitsmoment J , zu erzwungenen
Schwingungen angeregt. Frequenz und Amplitude der Anregung können leicht gemessen
werden. Das kupferne Rad trägt einen Zeiger, der auf eine kreisförmige Skala und auf
das Ende der Schneckenfeder weist. Die Schwingungen des Rades können durch eine
elektrische Wirbelstrombremse messbar gedämpft werden, indem der Strom eines Elek-
tromagneten verschieden stark eingestellt wird. Das kupferne Rad schwingt durch einen
Luftspalt des Magneten und wird durch Wirbelströme im Kupfer umso stärker gebremst,
je stärker der Strom im Elektromagneten ist. – Vor einem Versuch müssen die für jedes
schwingungsfähige System charakteristischen Eigenwerte bestimmt werden. Es sind dies
die Eigenfrequenz ν0 und das Verhältnis zweier aufeinanderfolgender Amplituden, des-
sen natürlicher Logarithmus ja das logarithmische Dekrement Λ ist. Beim Versuch stellt
man eine bestimmte Erregerfrequenz ein und wartet so lange, bis das Rad eine maximale
Amplitude erreicht hat, die dann abgelesen wird.

Resonanz. Trägt man die Amplitude des Resonators als Funktion der Anregungsfrequenz
auf, so erhält man die inAbb. 5.35 dargestellte Resonanzkurve. Die Form dieser Kurve wird
dabei wesentlich durch die Dämpfung des Resonators bestimmt: Je kleiner die Dämpfung
5.4 Gedämpfte und erzwungene Schwingungen 175

A
2

0 0.5 1.0 1.5 2.0


*/*0

Abb. 5.35 Resonanzkurven bei verschiedener Dämpfung

ist, umso spitzer ist die Resonanzkurve, d. h. umso schärfer ist die Resonanzfrequenz
ν = ν0 bestimmt, bei der die Amplitude des Resonators ein Maximum wird.
In Abb. 5.35 beziehen sich die drei Kurven 1, 2 und 3 auf eine kleine, eine mittlere
und eine große Dämpfung des Resonators. Bei Aufnahme der Kurve 1 war die Wirbel-
strombremse, also der Elektromagnet, ganz ausgeschaltet. Die Dämpfung wurde also im
Wesentlichen durch die Lagerreibung verursacht.
Die Phasendifferenz zwischen Erreger (hier Schubstange) und Resonator (hier Schne-
ckenfeder und Kupferrad) ist in Abb. 5.36 aufgetragen. Man kann sie ungefähr mit dem
Auge beobachten. Für genauere Bestimmungen macht man zweckmäßig fotografische
Blitzaufnahmen. Man sieht deutlich, dass im Resonanzfall der Erreger dem Resonator
immer um 90◦ vorauseilt.
Wirkt an einem schwingungsfähigen, gedämpften System (schwingende Masse m, Ei-
genfrequenz ν0 , Abklingkonstante δ) eine periodische Kraft F0 sin ωt und ist ϕ die Pha-
sendifferenz zwischen erregender und erzwungener Schwingung, so liefert die Theorie
für die Amplitude des schwingenden Systems den Ausdruck:
F0 sin(ωt − ϕ) 2δω
x= K ; tan ϕ = . (5.27)
m (ω02 − ω 2)2 + 4δ 2 ω 2 ω02− ω2

Im Fall der Resonanz, d. h. für ω = ω0 , wird


F0 ! πH π
x= sin ω0 t − ; tan ϕ = ∞, ϕ= . (5.28)
2mδω0 2 2
Unter sonst gleichen Bedingungen wird die Amplitude der Resonanzschwingung umso
größer, je kleiner die Dämpfung δ des Resonators ist. Man erkennt in Gl. (5.27) übrigens
deutlich, dass die erzwungene Schwingung erstens ungedämpft ist und zweitens mit der
Frequenz ν (bzw. der Kreisfrequenz ω) des Erregers vor sich geht. Im Fall der Resonanz
ist die Energiezufuhr vom Erreger auf den Resonator maximal.
176 5 Schwingungen

180°

135°

90°
0 3

2
45°

0 0.5 1.0 1.5 2.0


*/*0

Abb. 5.36 Abhängigkeit der Phasenverschiebung zwischen Resonator und Erreger von der Ver-
stimmung bei verschiedener Dämpfung

Man benutzt die Erscheinung der Resonanz einmal, wie schon erwähnt, um bestimmte
Frequenzen auszusieben. Ferner wird sie benutzt, um bestimmte Frequenzen zu verstärken.
Der römische Baumeister Vitruvius beschreibt schon Tongefäße, die in alten Theatern auf
den Bühnen zur Verstärkung bestimmter Töne aufgestellt wurden. Die Luft in diesen
Hohlräumen wird durch die ankommenden Schallwellen zu erzwungenen Schwingun-
gen angeregt. Für einen bestimmten Ton gibt es Resonanz. Diese Resonatoren werden
auch heute noch (oder wieder) in Theatern und Konzertsälen verwendet (z. B. in der
Berliner Philharmonie). Es sind aber keine Tongefäße mehr, sondern kasten- oder pyra-
midenförmige Hohlraumresonatoren, die in großer Zahl unauffällig an den Wänden oder
an den Decken der Säle angebracht sind.
Es gibt auch einige Musikinstrumente, bei denen eine Verstärkung des Tons durch
Resonanz erreicht wird: Die Töne des Vibrafons werden durch das Anschlagen klingender
Metallscheiben erzeugt. Unter den Metallscheiben hängen Metallröhren. Die in diesen
Röhren befindlichen Luftsäulen werden zu Resonanzschwingungen angeregt. Die Länge
der Luftsäulen bestimmt die Eigenfrequenz. Gleichzeitig übertragen die Luftsäulen ihre
Schwingungsenergie gut nach außen.
Wenn auch die Resonanz in der Akustik eine sehr große Rolle spielt, wird oft fälschli-
cherweise manche Lautverstärkung auf Resonanz zurückgeführt. Wenn z. B. eine schwin-
gende Stimmgabel auf eine Tischplatte gesetzt wird, dann hört man den leisen Ton der
Stimmgabel sofort laut. Dies hat mit Resonanz nichts zu tun. Die Schwingungen der
Stimmgabel werden auf die Tischplatte übertragen. Es wäre aber ein großer Zufall, wenn
jede Tischplatte, jede Tür, überhaupt jede größere Fläche die Eigenfrequenz dieser Stimm-
gabel hätte. Die Schwingungen einer anderen Stimmgabel von ganz anderer Frequenz
werden auf der gleichen Tischplatte auch laut. Es kann also keine Verstärkung durch Re-
sonanz sein. Vielmehr können die Schwingungen einer Stimmgabel nur sehr schlecht an
die Luft übertragen werden. Deshalb und wegen des Ausgleichs der gegenläufigen Be-
wegung der beiden Zinken ist die Stimmgabel so leise. Setzt man die Stimmgabel auf
5.4 Gedämpfte und erzwungene Schwingungen 177

den Tisch, so fallen beide Nachteile fort. Die große Fläche der Tischplatte kann wie auch
jede andere Fläche die Schwingungen gut abstrahlen. Diese Schallabstrahlung ist in der
Akustik ebenso wichtig wie die Resonanz.

Rückkopplung. Oft wird die (durch Resonanz) verstärkte Schwingungsenergie teilweise


zum Erreger zurückgegeben. Diese Rückkopplung spielt in der Akustik und in der Elektri-
zität eine bedeutsame Rolle. Bei der Flöte und bei der Orgelpfeife wirkt die abgestimmte,
in Resonanz schwingende Luftsäule zurück auf die Entstehung der Schwingungen. Man
merkt dies am Einschwingvorgang, d. h. am allmählichen Anwachsen der Schwingung.
– In der Hochfrequenztechnik wird die Resonanz von Schwingkreisen benutzt, um ganz
bestimmte Frequenzen zu erzeugen und zu verstärken. Auch hier wird oft die verstärkte
Schwingung durch Rückkopplung teilweise an den Eingang zurückgegeben, wodurch un-
gedämpfte Schwingungen erzeugt werden.
Ein mechanisches Analogon einer solchen Verstärkung und Rückkopplung zeigt Abb.
5.37. Aus einer Düse tritt ein dünner Wasserstrahl derart heraus, dass die Strömung auf
einer größeren Strecke (20 cm) in Luft noch laminar ist. Die einzelnen Wasserfäden wer-
den erst am Ende der Strecke zerteilt und durcheinander gewirbelt, nämlich dort, wo
die Strömung nicht mehr laminar, sondern turbulent ist. Man kann diese beiden Arten
der Strömung an jedem Wasserhahn beobachten, indem man ihn weit öffnet (turbulente
Strömung) oder wenig öffnet, so dass ein zusammenhängender Wasserfaden austritt (la-
minare Strömung). Wesentlich ist die Stelle, an der der Wasserstrahl gerade noch nicht
turbulent ist. Bringt man an diese Stelle einen Gong oder die Membran eines Tamburins,
so hört man fast nichts, da der Wasserstrahl noch laminar und völlig geräuschlos ist. Man
hört aber den Gong oder die Membran ertönen, sobald statt des laminaren Wasserstrahls
der turbulente dagegen prasselt, d. h. einzelne Tropfen auf die Membran auftreffen. Durch
kleine Erschütterungen wird der Wasserstrahl früher turbulent. Dies kann dadurch gesche-
hen, dass man mit dem Finger gegen die Düse klopft, oder dass man auch eine Uhr daran
hält. Man hört dann den Gong im Rhythmus des Uhrtickens tönen. Man kann sogar eine
Stimmgabel an die Düse halten und hört verstärkt die Schwingungen wieder. Verbindet
man nun Düse und Gong, indem man z. B. ein Lineal darauf legt, dann wird ein Teil
der verstärkten Schwingungen zur Düse zurückgeführt. Durch diese Rückkopplung wird
die Düse ständig in Schwingungen versetzt. Das Ganze fängt an zu tönen, ebenso wie
wenn ein Mikrophon in der Nähe eines Lautsprechers steht, wodurch akustische Rück-
kopplung entsteht. Irgendein kleines Geräusch wird aufgenommen, verstärkt und ein Teil
davon wieder dem Mikrophon oder der Wasserdüse zugeführt, usw. So schaukelt sich die
Schwingung auf.

S
M Abb. 5.37 Durch einen Wasserstrahl zu un-
D gedämpften Schwingungen angeregte Mem-
bran

Parametrische Verstärkung. Unter dieser Bezeichnung wird eine besondere Art von
Verstärkung verstanden, die heute in der Elektrotechnik eine große Bedeutung besitzt.
Verstärkung einer Schwingung bedeutet ja, dass dem schwingungsfähigen System (Pendel,
Schwingkreis usw.) mehr Energie zugeführt wird als zur Aufrechterhaltung der Schwin-
178 5 Schwingungen

l2 l1

Abb. 5.38 Kinderschaukel: Vergrößerung der Amplitude durch Änderung der Pendellänge; para-
metrische Verstärkung

gung notwendig ist. Denn dann schaukelt sich die Schwingung von kleinen zu großen Am-
plituden auf. Das Prinzip der parametrischen Verstärkung gilt für jedes schwingungsfähige
Gebilde. Es ist daher nicht verwunderlich, dass es schon relativ früh auf dem Gebiet der
Mechanik erkannt wurde. Die ersten Hinweise findet man bei M. Faraday (1830) und bei
dem Marburger Professor Melde (1860).
Man versteht es leicht am Beispiel der Kinderschaukel (Abb. 5.38). Die Schaukel ist ein
Pendel. Ein Kind vergrößert die Amplitude, verstärkt also die Schwingung ganz allein, in-
dem es die Pendellänge l ändert. Das kann durch Wechsel von geradem Sitzen und Liegen
geschehen, sehr viel stärker aber noch durch Wechsel von Stand und tiefer Kniebeuge. Im
tiefsten Punkt hat das Pendel stets die größte kinetische Energie und die potentielle Ener-
gie ist null, während es in den oberen beiden Wendepunkten umgekehrt ist. Bei Beginn
der Abwärtsbewegung macht das Kind die Pendellänge groß: Es legt sich flach oder geht
vom Stand in die Kniebeuge. Damit wird potentielle Energie des Kindes an die Schaukel
abgegeben. Die Schaukel erhält ein größeres Trägheitsmoment und hat beim Durchgang
durch den tiefsten Punkt eine größere kinetische Energie. In diesem Augenblick erhebt
sich das Kind und erhöht dabei seine potentielle Energie durch Muskelkraft, ohne dass
der Schaukel kinetische Energie entzogen wird. Dadurch wird die Winkelgeschwindigkeit
größer und die Schaukel erreicht eine größere Höhe. Das Spiel wiederholt sich; während
einer Schwingungsperiode wird zweimal Energie zugeführt. Es wird periodisch ein Para-
meter des schwingungsfähigen Gebildes verändert, in diesem Fall die Länge der Schaukel.
Daher der Name parametrische Verstärkung.
In der Elektrotechnik wurde die parametrische Verstärkung schon 1890 von Rayleigh
(1842 – 1919) gedanklich vorgeschlagen. Ein elektrischer Schwingkreis besteht aus Ka-
pazität (Kondensator) und Induktivität (Spule). Die Energie pendelt zwischen beiden hin
und her. Die Spannung am Kondensator entspricht der potentiellen Energie und der Strom
in der Spule der kinetischen Energie der Schaukel. Der Kondensator sei so beschaffen,
dass seine Kapazität geändert werden kann, etwa durch Veränderung des Plattenabstandes.
Zieht man die Platten in dem Zeitpunkt auseinander, in dem Spannung am Kondensator
liegt, muss Arbeit gegen die Feldkräfte verrichtet werden, die dem Schwingkreis zugute
kommt. Ist die Spannung am Kondensator null, so werden die Platten wieder näher zusam-
mengebracht. Dies geht ohne Energieaustausch vor sich, da ja in diesem Augenblick keine
5.4 Gedämpfte und erzwungene Schwingungen 179

Kräfte wirken. Durch Verändern eines Parameters des Schwingkreises kann man also eine
Verstärkung erzielen. Bei hohen Frequenzen kann man natürlich nicht den Abstand der
Kondensatorplatten mechanisch verändern. Deshalb wählt man solche Kondensatoren, bei
denen die Kapazität spannungsabhängig ist. Solche Kapazitätsdioden können aus Halblei-
tern hergestellt werden. Man erhält Kapazitätsänderungen von 1 : 10, d. h. von 0.2 bis 2 pF.

Resonanzerscheinungen. Die Resonanz spielt in der Physik und Technik eine außeror-
dentlich große Rolle. Es ist sehr schwer, große Maschinen ideal auszuwuchten, so dass also
die Massenverteilung vollkommen rotationssymmetrisch ist. Kommt dann die Drehfre-
quenz der Maschine mit der Eigenfrequenz des Fundamentes oder benachbarter Gebäude-
teile in Resonanz, so vollführen diese Teile Resonanzschwingungen, die unter Umständen
zu einem Bruch der betreffenden Teile infolge zu großer mechanischer Beanspruchung
führen können. Man kann dies z. B. mit einem Elektromotor zeigen, an dessen Achse
man ein kleines Stück Blei exzentrisch anbringt. Steigert man die Drehfrequenz des auf
dem Tisch stehenden Motors von null an aufwärts, so findet bei bestimmter Drehfrequenz
ein Mitschwingen der Tischplatte oder des ganzen Tisches statt. – Das Überschreiten
von Brücken durch marschierende Kolonnen im Marschtritt ist verboten, weil dadurch
eine Eigenschwingung der Brücke angeregt werden und die Brücke unter Umständen
Beschädigungen erleiden kann.
In Fahrzeugen mit einem Motor, z. B. in einem Auto, beobachtet man, dass bestimmte
schwingungsfähige Teile, z. B. Bremshebel, Schalthebel, Fensterscheiben, Türen usw., bei
einer bestimmten Drehfrequenz des Motors in starke, oft störende Schwingungen geraten.
Die Resonanzschwingungen von Blattfedern lassen sich mit der in Abb. 5.39 gezeichne-
ten Anordnung zeigen. Auf einer Holzleiste sind drei verschieden lange, an den Enden mit
kleinen Kugeln beschwerte Stahlfedern angebracht. Sie stellen drei Resonatoren mit ver-
schiedenen Eigenfrequenzen dar. Versetzt man die Leiste um ihre Längsachse in Schwin-
gungen, indem man die Enden der Querleiste abwechselnd niederdrückt, und steigert man
die Frequenz dieser Schwingungen, so kommen die einzelnen Stahlfedern nacheinander
in kräftige Resonanzschwingungen. Kennt man die Eigenfrequenz der einzelnen Federn,
so kann man aus dem Auftreten ihrer Resonanzschwingungen auf die Frequenz der erre-
genden Schwingung zurückschließen. Auf diesem Prinzip beruht der Zungenfrequenzmes-
ser; er besteht aus einer größeren Anzahl dicht nebeneinander angebrachter Blattfedern,
deren Eigenfrequenzen durch entsprechende Längen oder Beschwerung so abgeglichen
sind, dass in fortlaufender Reihenfolge ihre Eigenfrequenz zunimmt. Verbindet man ein
solches Blattfedernsystem mit dem Gehäuse eines Motors, so wird durch periodische
Erschütterungen des Gehäuses des Motors nur diejenige Feder zu Resonanzschwingun-
gen angeregt, deren Eigenfrequenz mit der Anregungsfrequenz übereinstimmt. Man kann
so an dem Frequenzmesser die Drehfrequenz des Motors ablesen (Vibrationstachometer).

Abb. 5.39 Anordnung zur Vorführung von


Resonanzschwingungen
180 5 Schwingungen

Abb. 5.40 Frequenzmesser (aufgeschnitten)

Regt man die Federschwingungen mit einem Elektromagnet an, durch den man einen
Wechselstrom bestimmter Frequenz schickt, so zeigt die zur Resonanz angeregte Feder
die Frequenz des Wechselstromes an (elektrischer Frequenzmesser). Ist die Kurvenform
des Wechselstroms nicht sinusförmig, sondern besteht der Wechselstrom aus einer Über-
lagerung mehrerer harmonischer Wechselströme verschiedener Frequenz, so werden die
entsprechenden Blattfedern des Frequenzmessers zu Schwingungen angeregt und ergeben
die Möglichkeit, die Frequenzkurve des Wechselstromes zu analysieren. Man kann dies
anschaulich in folgender Weise zeigen: Erregt man den Frequenzmesser mit technischem
Wechselstrom der Frequenz 50 Hz und unterbricht den Strom mit einer Taste regelmäßig
etwa zweimal in der Sekunde, so ähnelt die Schwingungskurve des durch den Frequenz-
messer fließenden Stromes der Schwingungskurve von Abb. 5.19. Die Schwebungsdauer
Tr ist gleich 1/2 s und die Schwebungsfrequenz νr = 1/Tr = 2 Hz. Das bedeutet aber,
dass sich die Schwingungen des unterbrochenen Wechselstromes im Wesentlichen aus den
beiden Frequenzen 49 Hz und 51 Hz zusammensetzen. In der Tat werden beim Versuch
auch nur diese beiden Schwingungen vom Frequenzmesser angezeigt. Abb. 5.40 zeigt die
Ausführung eines elektrischen Frequenzmessers.
Oft ist es wichtig, Schwingungen an Maschinen, Fahrzeugen und Bauwerken schnell
und einfach zu messen zur Vermeidung von Überlastung, Störung und Lärm. Ein für diese
Messaufgaben entwickeltes Gerät ist der Tastschwingungsschreiber. Er arbeitet folgen-
dermaßen: Das Gerät einschließlich einer Schreibvorrichtung mit Uhrwerk besitzt eine
Masse von etwa 1 kg. Man nimmt es fest in die Hand und drückt einen Taststift, der aus
dem Gerät herausragt, fest gegen die schwingende Maschine. Zwischen Gerät und Taststift
befindet sich eine Feder. Der Taststift folgt also den Schwingungen der Maschine, während
das Gerät in Ruhe bleibt. Der Taststift ist mit einem leichten Schreibhebel verbunden, des-
sen vergrößerte Bewegungen auf laufendem Papier aufgezeichnet werden. Amplitude und
Frequenz können auf diese Weise leicht gemessen werden.

Gekoppelte Pendel. Ein besonderer Fall liegt vor, wenn das anzuregende System von
einem zweiten Schwingungssystem zu erzwungenen Schwingungen angeregt wird, das
die gleiche Eigenfrequenz besitzt. Dies ist z. B. bei zwei gleichen Pendeln der Fall, die
5.4 Gedämpfte und erzwungene Schwingungen 181

A B Abb. 5.41 Gekoppelte Pendel

entsprechend Abb. 5.41 durch einen Faden verbunden sind, der in seiner Mitte durch ein
kleines Gewicht P belastet ist: gekoppelte Pendel. Lässt man das Pendel A in der Papier-
ebene oder senkrecht dazu schwingen, so regt es das Pendel B zu Schwingungen an; dabei
beobachtet man, dass sich nach einer gewissen Zeit die gesamte Schwingungsenergie von
A auf B übertragen hat. Das Pendel A kommt zur Ruhe, wenn das Pendel B seine größte
Schwingungsamplitude erreicht. Dann wiederholt sich derselbe Vorgang im umgekehrten
Sinn: Das Pendel B stößt das Pendel A zu erneuten Schwingungen an und überträgt jetzt
seine Energie auf A. Die Übertragung der Schwingungen erfolgt dadurch, dass das schwin-
gende Pendel das Kopplungsgewicht etwas anhebt, wodurch dieses auf das andere Pendel
einen Zug ausübt. Die Kopplung wird umso fester, je größer das Kopplungsgewicht ist;
je fester die Kopplung ist, desto rascher erfolgt die Übertragung der Schwingungsenergie
von einem System auf das andere.
In Abb. 5.42 ist die soeben beschriebene Schwingungsbewegung für beide Pendel in
Abhängigkeit von der Zeit dargestellt. Man erkennt, dass jede dieser beiden Schwin-
gungen eine Schwebungskurve darstellt. Das bedeutet aber, dass das ganze System zwei
verschiedene Eigenschwingungen haben muss, die durch Überlagerung zu der beobachte-
ten Schwebung führen. Diese beiden Eigenschwingungen lassen sich auch einzeln leicht
verwirklichen. Lässt man nämlich beide Pendel im Gleichtakt schwingen, so spielt die
Kopplung zwischen ihnen praktisch keine Rolle, da die Entfernung beider Pendel in jedem
Augenblick die gleiche ist. Die dabei auftretende Frequenz entspricht der einen Eigen-
schwingung. Die zweite erhalten wir, wenn beide Pendel gegeneinander schwingen; dann
tritt für jedes Pendel zu der rücktreibenden Kraft der Schwere noch die durch das Kopp-

Abb. 5.42 Kopplungsschwingungen


182 5 Schwingungen

lungsgewicht bedingte Zusatzkraft hinzu. Die Schwingungen erfolgen dadurch rascher als
im ersten Fall. (Mit fester werdender Kopplung vergrößert sich der Unterschied zwischen
den beiden Eigenfrequenzen und damit auch die Schwebungsfrequenz der Kopplungs-
schwingung.) Denkt man sich die beiden Pendel statt durch ein Gewicht durch eine Feder
(Federkonstante k) gekoppelt, die an den Kugeln der Pendel angreift, so lässt sich im Fall
kleiner Ausschläge die zweite Eigenfrequenz ω2 leicht bestimmen. Die Entfernung jeder
Pendelmasse m aus der Ruhelage sei x. Da in diesem Sonderfall die Pendel entgegenge-
setzt schwingen, beträgt die Auslenkung der Feder 2x. Ist g die Erdbeschleunigung, so
gilt für die rücktreibende Kraft:
mg ! mg H
F =− · x − 2kx = − + 2 k x.
l l
Die Eigenfrequenz ω2 ist also die gleiche wie die eines einfachen Feder-Masse-Systems
mit der Federkonstanten
mg
k, = + 2 k.
l
Es gilt also:
C #
k, g 2k
ω2 = = +
m l m

zum Unterschied von der ersten Eigenfrequenz ω1 = g/l.
Nun zurück zum Fall der Schwebung. Wenn das Pendel B in Resonanz mit dem ansto-
ßenden Pendel A ist, hat es hinsichtlich seiner Bewegung eine Phasenverzögerung von 21 π
gegenüber den Bewegungen des Pendels A. Infolgedessen beginnt das Pendel A, nachdem
es zum Stillstand gekommen ist, seine neuen, von B angeregten Schwingungen mit einem
Phasensprung von π. Man kann dies sehr bequem beobachten, wenn man mit dem Pen-
del A den Zeiger eines entsprechend eingestellten Metronoms im Gleichtakt schwingen
lässt. Wenn dann das Pendel A nach seinem Stillstand von neuem zu schwingen anfängt,
hat es gegenüber dem Metronom eine Phasenverschiebung von π; nach seinem zweiten
Stillstand ist es dann schließlich wieder in Phase mit dem Metronom usw. Dasselbe gilt
natürlich auch für das Pendel B. In dem Fall von zwei gekoppelten Pendeln handelt es sich
um ein System von zwei Freiheitsgraden; aber es gilt auch allgemein für ein System von
n Freiheitsgraden, dass es n Eigenschwingungen hat.
Kopplungserscheinungen spielen in dem Gesamtgebiet der Physik eine große Rolle.
Sie treten überall auf, wo zwei schwingungsfähige Systeme sich in irgendeiner Weise
beeinflussen können. Beispiele: Hängt man, wie Abb. 5.43 zeigt, an das untere Ende ei-
ner Schraubenfeder eine Querstange, die zwei auf ihr verschiebbare Gewichte trägt, so
kann auch dieses System zwei Schwingungen ausführen: eine elastische Längsschwin-
gung, bei der die Feder gedehnt wird, und eine Torsionsschwingung, bei der die Feder
eine Torsion erfährt. Die Eigenfrequenz der Längsschwingung ist durch die Masse des
angehängten Körpers und die Federkonstante der Feder bestimmt, während die Torsions-
schwingung durch das Trägheitsmoment des angehängten Körpers und das Richtmoment
der Feder festgelegt wird. Da man das Trägheitsmoment durch Verschieben der Massen
auf der Querstange verändern kann, ohne die Größe der Massen selbst zu verändern,
kann man beide Eigenschwingungen aufeinander abstimmen. Versetzt man das System in
Längsschwingungen, so regen diese die Torsionsschwingungen an, da bei der Dehnung die
5.4 Gedämpfte und erzwungene Schwingungen 183

Abb. 5.43 Anordnung zur Vorführung mit-


einander gekoppelter Längs- und Torsions-
schwingungen

Feder etwas tordiert wird; nach kurzer Zeit führt das System nur noch Torsionsschwingun-
gen aus, während die Längsschwingungen abgeklungen sind. Dann wiederholt sich der
Vorgang im umgekehrten Sinn, indem die Torsionsschwingungen die Längsschwingungen
anregen, da bei der Torsion der Feder ihre Länge stets etwas geändert wird. Wir haben also
auch hier das Bild einer Schwebung, bei der jetzt zwei verschiedene Schwingungsarten
miteinander abwechseln.
Hängt man eine mechanische Taschenuhr mit ihrer Öse an einem Nagel auf, so kann
sie wie ein gewöhnliches Pendel Schwingungen um den Nagel als Achse ausführen; diese
Schwingungen können durch die Drehschwingungen der in der Uhr befindlichen Unruh
zu beträchtlichen Amplituden angeregt werden, wenn zufällig die Frequenzen der beiden
Schwingungen übereinstimmen. Die pendelnde Uhr wirkt dann selbst wieder auf die
Schwingungen der Unruh zurück, so dass der Gang der Uhr dadurch erheblich gestört wird.
Es ist deshalb unzweckmäßig, eine mechanische Taschenuhr mit Unruh so aufzuhängen,
dass sie Pendelschwingungen ausführen kann.

Schlingertank. Eine Anwendung finden die Kopplungsschwingungen beim Frahm’schen


Schlingertank. Durch die Wasserwellen wird ein Schiff zu Schwingungen um seine Längs-
achse (Rollen) und um seine Querachse (Stampfen) angeregt. Dabei können die Schiffs-
schwingungen recht beträchtliche Amplituden annehmen, wenn die Periode der Wasser-
wellen mit der Eigenschwingungsdauer des Schiffskörpers übereinstimmt oder in deren
Nähe kommt. Da es sich hierbei um erzwungene Schwingungen handelt, ist die Schiffsbe-
wegung um 21 π gegen die Bewegung der Wellen verzögert. Um nun die Schwingungen des
Schiffes um seine Längsachse zu dämpfen, baut man in das Schiff einen Wassertank ein,
der aus zwei an den Seiten des Schiffes angebrachten Wasserbehältern I und II (Abb. 5.44)
besteht, die durch eine Rohrleitung R miteinander verbunden sind. Das in dem Tank be-
findliche Wasser kann ähnlich wie das in einem U-Rohr befindliche Wasser Schwingun-
gen ausführen. Man bemisst nun die Wassermenge so, dass ihre Eigenfrequenz mit der
Frequenz der Schiffsschwingungen um die Längsachse übereinstimmt. Schiff und Tank-
wasser stellen dann zwei miteinander gekoppelte Schwingungssysteme gleicher Frequenz

S
I II

R
Abb. 5.44 Frahm’scher Schlingertank als
Schiffsstabilisator
184 5 Schwingungen

ausgeschaltet eingeschaltet
10
5
0
5
10

Abb. 5.45 Wirkung des Schlingertanks

dar. Gerät das Schiff in Schwingungen, so stößt es das Wasser im Tank zu erzwungenen
Schwingungen an, die gegen die Schiffsschwingungen um 21 π in der Phase verschoben
sind. Da andererseits die Schiffsbewegungen gegen die Bewegungen der Meereswellen
ebenfalls um 21 π in der Phase verzögert sind, schwingt das Tankwasser mit einer Phasen-
verschiebung von π gegen die Meereswellen und wirkt dabei den Stößen dieser Wellen
gerade entgegen. Dadurch wird das Schiff vor zu starkem Rollen geschützt.
Abb. 5.45 zeigt die Schlingerbewegung eines Schiffes ohne und mit Tankeinrichtung.
Durch ein Ventil S kann der Luftausgleich zwischen den beiden Tankbehältern reguliert
und damit die Bewegung der Wassermenge im Tank an den jeweils herrschenden Seegang
angeglichen werden.
Neuerdings werden zur Dämpfung von Schlingerbewegungen bei Schiffen auch Flos-
senstabilisatoren verwendet. Aus dem unter der Wasseroberfläche liegenden Schiffskörper
können seitlich kleine Tragflügel ausgefahren werden. Durch eine elektronische Steuerung
werden die Anstellwinkel während der Fahrt geändert und so aufrichtende hydrodynami-
sche Kräfte erzeugt.
Die bei Flossenstabilisatoren auftretende unvermeidliche Bremsung der Fahrt wird bei
dem Schlingertank und auch bei den folgenden Stabilisierungsarten vermieden:
a) Ein elektronisch gesteuerter, motorgetriebener schwerer Wagen läuft auf Schienen
senkrecht zur Fahrtrichtung über die ganze Schiffsbreite. Dies Verfahren ist nur dann
wirksam, wenn das Gewicht des Wagens die Auftriebskräfte, die das Schlingern ver-
ursachen, ausgleichen kann.
b) Mehrere große Kreisel stabilisieren die Lage des Schiffes. Hierbei werden allerdings
die Lager der Kreisel außerordentlich stark beansprucht.
6 Arbeit und Energie

Die Begriffe Kraft, Arbeit, Energie und Leistung werden auch im täglichen Leben viel
verwendet. Die Bedeutung ist aber jeweils uneinheitlich und nicht immer klar. Man denke
z. B. an Kraftwerke, Energieversorgung, Leistungssport, geistige Arbeit usw. In der Physik
ist die genaue und klare Definition dieser Begriffe unbedingt notwendig. Die Kraft wurde
bereits in Kap. 3 behandelt. Hier werden wir zwischen konservativen und dissipativen
Kräften unterscheiden. Diese Unterscheidung ist die Grundlage für die Definition der
Energie in der Mechanik. Um konservative und dissipative Kräfte zu definieren, brauchen
wir zunächst den Begriff der Arbeit und, damit verbunden, den Begriff der Leistung.

6.1 Arbeit
Arbeit an Massenpunkten. Wir betrachten zunächst einen Körper, der als Massenpunkt
gedacht werden kann. Unter der Einwirkung einer äußeren Kraft kann der Massenpunkt
im Raum verschoben oder beschleunigt werden. In beiden Fällen wird im Sinn der Physik
eine Arbeit verrichtet; denn in der Physik ist die Arbeit definiert als das Produkt aus
der auf einen Massenpunkt einwirkenden Kraft und dem dabei von dem Massenpunkt
zurückgelegten Weg:
Arbeit = Kraft · Weg: A = F · s. (6.1)
Ohne Kraft F gibt es ebenso wenig eine Arbeit wie ohne Verschiebung s eines Körpers.
Wenn z. B. eine Kraft durch eine Gegenkraft aufgehoben wird und keine Bewegung ein-
tritt, dann ist der Weg null und damit wird keine Arbeit verrichtet. Dies ist auch sofort
verständlich, wenn man daran denkt, dass ja alle Gegenstände, Häuser usw. durch ihr
Gewicht ständig eine Kraft auf den Erdboden ausüben. Deshalb verrichten sie aber noch
keine Arbeit.
Die Dimension der Arbeit ist: dim A = ML2 T −2 . Die SI-Einheit der Arbeit ist das Joule:
1 Joule = 1 Newton · Meter: 1 J = 1 N · m = 1 kg m2 s−2 . (6.2)
Es sind aber auch andere Einheiten in Gebrauch:
Wattsekunde 1W · s = 1J
Kilowattstunde 1 kW h = 3.6 · 106 J
cgs-Einheit der Arbeit 1 erg = 1 g cm2 s−2 = 10−7 J
Elektronenvolt 1 eV = 1.6 · 10−19 J
Bislang wurde angenommen, dass der Massenpunkt in Richtung der Kraft verschoben
wird. Es kommt aber häufig vor, dass die Kraft in eine Richtung wirkt, in die der Massen-
186 6 Arbeit und Energie

Abb. 6.1 Kraftkomponente in Richtung der


Bewegung

punkt nicht bewegt werden kann. Zieht man z. B. (Abb. 6.1) mit einem Strick schräg an
einem Wagen, so bilden Kraftrichtung und Bewegungsrichtung einen Winkel α mitein-
ander. In diesem allgemeinen Fall definiert man die Arbeit als das Produkt aus Kraft mal
Weg in Richtung der Kraft oder Kraft in Richtung des Weges mal Weg.
Gl. (6.1) ist also hier zu ersetzen durch:
A = Fs cos α. (6.3)
Die Arbeit ist also ein Maximum, wenn α = 0, d. h. wenn F und s gleichgerichtet sind.
Für α = 90◦ wird die Arbeit null; z. B. verrichtet die Schwerkraft keine Arbeit, wenn
sich ein Körper auf einem horizontalen glatten Tisch bewegt. Die Arbeit einer Kraft kann
auch negativ werden, wenn nämlich der Winkel α >90◦ ist. Diese Ausführungen zeigen,
dass die Arbeit mathematisch einfach das Skalarprodukt der beiden Vektoren Kraft F und
Verschiebung s ist (s. Abschn. 2.1):
A = (F · s).
Als Beispiel nehmen wir einen Körper, der gegen die Schwerkraft auf eine Höhe h
gehoben wird. In diesem Fall wird eine aufwärts gerichtete Kraft F 1 = −mg benötigt,
um den Körper unbeschleunigt nach oben zu bewegen. Die verrichtete Hubarbeit ist dann
A = mgh.
Betrachten wir andererseits die Hubarbeit, die man aufbringen muss, um auf einer schie-
fen Ebene eine Last vom Gewicht G um die Höhe h (unbeschleunigt) emporzuschaffen.
Nach Abb. 6.2 ist bei einem Neigungswinkel α die parallel zur schiefen Ebene wirkende
Kraft, die das Gewicht G im Gleichgewicht hält, G sin α; für die Länge l der schiefen
Ebene gilt die Beziehung l = h/ sin α, mithin ist die aufzuwendende Arbeit
G sin α · h
A= = Gh.
sin α
Daraus sieht man, dass die Hubarbeit Gh unabhängig vom Weg ist, auf dem sie verrichtet
wird. Der Vorteil der schiefen Ebene liegt lediglich darin, dass man die Hubarbeit mit um
so kleinerer Kraft verrichten kann, je flacher die Neigung der Ebene ist. Dafür wird aber
der Weg, längs dessen die Arbeit verrichtet werden muss, entsprechend größer.

l B
G
Fp
Fg h
6 6
6 Fn
Abb. 6.2 Zerlegung einer Kraft auf der
A b C schiefen Ebene
6.1 Arbeit 187

Wenn ein Mensch der Masse 72 kg, also mit dem Gewicht, d. h. der Gewichtskraft, von
72 mal 9.81 kg · m · s−2 = 706 N, einen 5000 m hohen Berg besteigt, so verrichtet er eine
Hubarbeit (= Gewicht mal Höhe) von 706 mal 5000 Nm = 3.53 ·106 Nm = rund 1 kWh.
Dieses Beispiel zeigt besonders deutlich, dass eine Kilowattstunde sehr viel Arbeit ist,
wenn man sie mit der Fähigkeit des Menschen vergleicht, eine Kilowattstunde Arbeit zu
verrichten. Ein Mensch kann in 24 Stunden etwa 3 kWh verrichten; er lässt jedoch in den
Industrieländern in 24 Stunden im Mittel bis zu 240 kWh Arbeit durch Elektrizität und
Verbrennungsmotoren verrichten. In menschlicher Arbeitsfähigkeit ausgedrückt bedeutet
dies, dass im Mittel jeder Mensch in den Industrieländern etwa 80 „Sklaven“ für sich
arbeiten lässt.
Die oben gegebene Definition der Arbeit ist nur dann richtig, wenn die wirkende Kraft
F längs des ganzen Weges s vom Anfangspunkt r 1 zum Endpunkt r 2 konstant ist; dies ist
natürlich nicht immer der Fall. Zieht z. B. ein Pferd einen Wagen, so ist die Zugkraft umso
größer, je steiler die Straße ansteigt und je größer der Widerstand des Wagens auf der
Straße ist, d. h., die vom Pferd verrichtete Arbeit wird sich von Ort zu Ort mit der Neigung
und Beschaffenheit der Straße ändern. Dem können wir dadurch Rechnung tragen, dass
wir die Arbeit dA für ein Wegelement dr betrachten. Wir können dann schreiben:
dA = F · dr, (6.4)
wobei F die Größe der Kraft längs des Wegelementes dr ist. Die auf einem endlichen Weg
verrichtete Arbeit findet man durch Integration:
-r 2
A= F · dr. (6.5)
r1

Man kann daher auch kurz sagen: Die Arbeit ist das Wegintegral der Kraft. Der Wert des
Arbeitsintegrals hängt dabei gewöhnlich von der Wahl des Weges ab. Um beispielsweise
mit wenig Arbeitsaufwand einen Wagen vom Ort r 1 zum Ort r 2 zu bewegen, wird man
tunlichst Umwege vermeiden und einen möglichst direkten Weg wählen.
Entsprechend den Gln. (6.4) und (6.5) kann man die durch eine Kraft F beliebiger
Richtung auf einem Wege s von r 1 nach r 2 verrichtete Arbeit graphisch durch eine Fläche
darstellen, die man erhält, wenn man als Abszisse die Weglänge s und als Ordinate die wir-
kende Kraftkomponente F cos 9 (Fs) aufträgt (Abb. 6.3). Die von der Kurve, der Abszisse
und den Ordinaten von Anfangs- und Endpunkt umrandete Fläche nennt man ein Arbeits-
diagramm. Bei einer konstanten Kraft ist dieses Arbeitsdiagramm ein Rechteck, dessen
Seiten durch die Kraftkomponente und die zurückgelegte Wegstrecke gebildet werden.

Abb. 6.3 Arbeitsdiagramm


188 6 Arbeit und Energie

Abb. 6.4 Arbeitsdiagramm bei Dehnung


einer Feder

Als Beispiel für den allgemeineren Fall einer variablen Kraft soll die Arbeit berechnet
werden, die zum Spannen, also zur Dehnung einer Spiralfeder aufgewendet werden muss.
Der Winkel zwischen Kraft und Weg sei null. Die Kraft, die zur Dehnung der Feder not-
wendig ist, steigt proportional mit der Dehnung x, also F = kx, wobei k die Federkonstante
ist. Sie gibt die Kraft an, die am Ende der Dehnung um eine Längeneinheit herrscht. Die
Arbeit ist also
- -
1
A = Fdx = kx dx = kx2 .
2
Das Arbeitsdiagramm wird in diesem Fall durch die Fläche eines rechtwinkligen Dreiecks
dargestellt (Abb. 6.4).
Als letztes Beispiel soll behandelt werden, welche Arbeit bei der Beschleunigung eines
Körpers der Masse m zu verrichten ist. Der Winkel zwischen Kraft und Weg ist wieder
null. Für die Kraft gilt Masse mal Beschleunigung. Die Arbeit ist
- - -
mv2
A = F dx = m · a · dx = m · v · dv = .
2
Man kann also die für die Beschleunigung des Körpers insgesamt aufgewendete Arbeit
leicht aus der Masse und der Endgeschwindigkeit errechnen. Ein Eisenbahnzug der Masse
106 kg erfordert für eine Beschleunigung aus der Ruhe (z. B. Stillstand vor dem Signal)
bis zur Geschwindigkeit von 72 km/h (= 20 m/s) eine Arbeit von
mv2 106 kg m2
A= = · 400 2 = 2 · 108 Nm ≈ 60 kWh.
2 2 s
Systeme von Massenpunkten und makroskopische Körper. Ebenso wie an einem Mas-
senpunkt kann auch an einem System von Massenpunkten Arbeit verrichtet werden. Ein
solches mechanisches System ändert dabei seinen Zustand von einem Anfangszustand A
in einen Endzustand Z. Da unter der Einwirkung von Kräften sowohl der Ort als auch die
Geschwindigkeit der Massenpunkte verändert werden kann, wird der Zustand eines me-
chanischen Systems durch Angabe der Orte und Geschwindigkeiten aller Massenpunkte
definiert. Die Arbeit, die an einem System von Massenpunkten verrichtet wird, ist gleich
der Summe aller Arbeiten, die an den einzelnen Massenpunkten verrichtet wird.
In der Mechanik geht man gewöhnlich von der Annahme aus, dass auch makrosko-
pische Körper als Systeme von Massenpunkten betrachtet werden dürfen, die den de-
terministischen Gesetzen der Mechanik gehorchen. Diese Annahme ist aber nur bedingt
gerechtfertigt. Makroskopische Körper bestehen nicht aus Massenpunkten, sondern aus
Atomen, die den Gesetzen der Quantenphysik unterliegen. Atome sind im Gegensatz zu
6.1 Arbeit 189

der Idealisierung des Massenpunkts nicht kontinuierlich beobachtbar (s. Kap. 2). Daher ist
ihre Bewegung im Raum prinzipiell nicht kontinuierlich kontrollierbar. Sie folgt dement-
sprechend nicht allein den deterministischen Gesetzen der Mechanik, sondern auch den
statistischen Gesetzen des Zufalls. Einen Eindruck von der Zufallsbewegung (engl.: ran-
dom walk) atomarer Teilchen gibt die Brown’sche Molekularbewegung (s. Kap. 17).
Ein Maß für die Zufallsbewegung der Atome ist die Temperatur (s. Kap. 16). Der Zu-
stand eines makroskopischen Körpers kann dementsprechend nicht allein durch Angabe
der messbaren Orts- und Geschwindigkeitsvektoren seiner Massenelemente erfasst wer-
den, sondern es werden auch Temperaturangaben zur vollständigen Kennzeichnung des
Zustands makroskopischer Körper benötigt. Hier werden wir die Temperatur der Körper
unberücksichtigt lassen und nur die mechanischen Variablen Ort und Geschwindigkeit
beachten.

Leistung. Bei der Definition der Arbeit spielt die Zeit, während der die Arbeit verrichtet
wird, keine Rolle. Es ist aber häufig wichtig, dass eine vorgeschriebene Arbeit in einer
bestimmten Zeit verrichtet wird. Um 1000 Ziegelsteine für einen Neubau 6 m hoch zu
tragen, brauche ein Arbeiter 2 Stunden, indem er jedesmal 12 Steine trägt, während ein
anderer Arbeiter 3 Stunden benötigen mag, indem er bei jedem Gang nur 8 Steine trägt.
Beide verrichten zwar dieselbe Arbeit, nämlich das Hochbringen einer bestimmten Anzahl
Steine, aber ihre Leistung ist verschieden.
Daher versteht man unter der Leistung P die in einer Zeit geleistete Arbeit, also den
Differentialquotienten Arbeit/Zeit:
dA
P= . (6.6)
dt
In dem speziellen Fall, dass die Arbeit während der Zeit t konstant bleibt, geht diese
Gleichung in die einfachere über:
A
P= . (6.7)
t
Die SI-Einheit der Leistung ist:
1 Watt (W) = 1 Joule/Sekunde (J/s).
Früher wurde als Einheit der Leistung auch die Pferdestärke benutzt:
1 Pferdestärke (PS) = 736 Watt.

Kreisprozesse. Wir betrachten im Folgenden Prozesse, bei denen das System in seinen
Ausgangszustand zurückkehrt. Man spricht dann von einem Kreisprozess. Man denke
beispielsweise an die Rundfahrt mit einem Fahrrad. Man startet aus einem Zustand der
Ruhe und kehrt zum Ausgangsort in einen Zustand der Ruhe zurück. Dabei verrichtet
man Arbeit – einerseits, um das Rad zu beschleunigen und andererseits, wenn es bergauf
geht. Das Gesamtsystem von Rad und Radler kann aber auch Arbeit an die Umgebung
abgeben, wenn es bergab geht. Die Arbeit ist dann negativ zu werten. Es stellt sich die
Frage: Welche Arbeit muss der Radler insgesamt auf der Rundfahrt verrichten? Ist es
insbesondere möglich, dass er weniger Arbeit aufwendet als er abgibt?
Viele geistreiche Erfinder haben sich insbesondere im 18. und 19. Jahrhundert bemüht,
Maschinen zu erfinden, die periodisch immer wieder den gleichen Kreisprozess durch-
190 6 Arbeit und Energie

laufen und dabei weniger Arbeit aufnehmen als abgeben. Alle Bemühungen, ein solches
perpetuum mobile zu bauen, waren aber erfolglos. Ganz gleich, wie ausgeklügelt das
System war, es musste stets mehr Arbeit verrichtet werden als abgegeben wird.
Aus dem Scheitern dieser Bemühungen ergibt sich der wichtige Erfahrungssatz: Bei
allen Kreisprozessen wird mehr Arbeit verrichtet als an die Umgebung abgegeben. Nur in
idealisierten Grenzfällen, bei denen insbesondere Reibungskräfte unberücksichtigt blei-
ben, ist es denkbar, dass genauso viel Arbeit abgegeben wie verrichtet wird. Beispielsweise
kann günstigstenfalls beim Absenken eines Gewichts von einem Tisch auf den Fußboden
dieselbe Arbeit freigesetzt werden, die zum Heben des Gewichts auf den Tisch benötigt
wurde. In keinem Fall wird aber bei einem Kreisprozess mehr Arbeit abgeben als verrich-
tet, d. h., das Arbeitsintegral ist für einen Kreisprozess niemals negativ:
$
A = F · ds ≥ 0. (6.8)

Da ein Kreisprozess nur ablaufen kann, wenn dem mechanischen System Arbeit zu-
geführt wird, lassen sich Probleme der Statik mit diesem Erfahrungssatz lösen. Die Statik,
das ist die Lehre vom Gleichgewicht der Kräfte ohne Bewegung der Körper, hat sich histo-
risch in der Physik zuerst entwickelt. Von Archimedes (um 250 v. Chr.) stammt die Lehre
über den Auftrieb eines festen Körpers in einer Flüssigkeit. Dieser nach oben gerichtete
Auftrieb und das nach unten gerichtete Gewicht des Körpers sind gleich, wenn der Körper
in der Flüssigkeit schwebt. – Fast zweitausend Jahre später hat Simon Stevin (um 1600)
in Holland die Studien über die Statik fortgesetzt. Er verwendete als erster das Kräfte-
parallelogramm. Besonders interessant ist das von ihm zuerst in der Statik verwendete
Gedankenexperiment. Es handelt sich um einen Versuch, der in Wirklichkeit nicht aus-
geführt wird, weil das Ergebnis aufgrund der Erfahrung und zwingend logischer Schlüsse
vorausgesagt werden kann. In diesem Gedankenexperiment von Simon Stevin (Abb. 6.5)
war es das Ziel zu erfahren, wie die Gleichgewichtsverhältnisse auf schiefen Ebenen sind.

Abb. 6.5 Titelblatt eines Buches von Simon


Stevin (1548 – 1620). Das Bild zeigt einen
wichtigen Gedankenversuch.
6.1 Arbeit 191

Stevin denkt sich ein Dreieck mit zwei schiefen Ebenen (Seiten) verschiedener Neigung.
Darüber wird eine Kette mit Kugeln gelegt. Aufgrund des oben angegebenen Erfahrungs-
satzes muss man sagen: Es ist ausgeschlossen, dass die Kette von selbst rotiert; sie bleibt
also in Ruhe. Da der unten hängende Teil symmetrisch ist, muss man ihn auch abschneiden
können, ohne das Gleichgewicht zu stören. Dann folgt aber, dass die Gewichte der Kette
auf den schiefen Ebenen sich so verhalten wie die Längen der beiden Seiten. Abb. 6.5 ist
das Titelblatt des Werkes „Hypomnemata mathematica“ von Simon Stevin. Er schrieb in
das Bild die Worte: „Wunder und ist kein Wunder“.

Konservative und dissipative Kräfte. In der klassischen Mechanik wird vorzugsweise


der idealisierte Grenzfall betrachtet, bei dem die Arbeitsintegrale von Kreisprozessen den
Wert null haben:
$
A = F · ds = 0. (6.9)

Mechanische Systeme, für die diese Bedingung erfüllt ist, heißen konservative Systeme.
Beispiele für konservative Systeme sind Massenpunkte, die gegen die Schwerkraft der
Erde bewegt werden. Denn unter derAnnahme, dass Reibungskräfte vernachlässigt werden
können, wird beim Absenken eines Gewichts genauso viel Arbeit abgegeben, wie zum
Heben des Gewichts benötigt wird. Die Gleichheit von abgegebener und zugeführterArbeit
gilt unabhängig davon, auf welchem Weg das Gewicht wieder auf die ursprüngliche Höhe
gebracht wird, da bei einer horizontalen Bewegung keine Arbeit verrichtet wird. Dank
dieser Gleichheit konnten wir in Kap. 4 die potentielle Energie eines Massenpunkts im
Bereich der Schwerkraft definieren.
Andere Beispiele sind Massenpunkte an elastischen Federn. Die auf die Massenpunkte
wirkenden Kräfte sind in diesem Fall nur von der Dehnung (oder Stauchung) der Federn
abhängig. Im einfachsten Fall gilt das Hooke’sche Gesetz: Die Kraft ist proportional zur
Dehnung der Feder.
Auch das Planetensystem der Sonne ist im fast idealen Sinn konservativ. Denn die Pla-
netenbewegung ergibt sich aus der zwischen den Gestirnen wirkenden Gravitationskraft.
Auch für Massenpunkte im Bereich der Gravitationskraft haben wir in Kap. 4 bereits die
potentielle Energie definiert.
Allgemein nennt man alle Kräfte, die in konservativen mechanischen Systemen wirken,
auch konservativ. Die konservativen mechanischen Systeme verlieren ihre Eigenschaft,
konservativ zu sein, wenn auch dissipative Kräfte wirken. Insbesondere zählen dazu die
Reibungskräfte und Kräfte, die bei plastischer Verformung auftreten.
Das Auftreten dissipativer Kräfte ist verknüpft mit der Umwandlung von Arbeit in
Wärme (s. Kap. 17). Dabei geht die im Sinn der klassischen Mechanik beschreibbare Be-
wegung der Massenelemente eines Körpers über in die prinzipiell unkontrollierbare ther-
mische Bewegung der Atome des Körpers. Das Auftreten dissipativer Kräfte ist also mit
Prozessen verbunden, die nicht nur den deterministischen Gesetzen der Mechanik unter-
liegen, sondern auch den für die Wärmelehre typischen statistischen Gesetzen des Zufalls.
Im folgenden Abschnitt werden wir uns auf die Betrachtung streng konservativer Sys-
teme beschränken. Diese Systeme sind eine Idealisierung realer mechanischer Objekte
und Maschinen. Alle Messungen an realen Objekten zeigen, dass die Naturgesetze nicht
wie die Gesetze der Mechanik streng deterministisch sind. Tatsächlich sind alle Messwerte
mit Messunsicherheiten behaftet, die letztlich mit der Spontaneität und diskreten Struktur
192 6 Arbeit und Energie

des Messprozesses verknüpft sind (s. Abschn. 1.2). Die in den Messunsicherheiten sicht-
bar werdende Zufallskomponente im Naturgeschehen bleibt bei der Betrachtung streng
konservativer Systeme unberücksichtigt.

6.2 Potentielle und kinetische Energie


Wegunabhängigkeit der Arbeit. Ein konservatives mechanisches System gibt bei einem
Kreisprozess genau soviel Arbeit an die Umgebung ab, wie es von der Umgebung auf-
nimmt. Dementsprechend ist das Arbeitsintegral, bei dem zugeführte Arbeit positiv und
abgegebene Arbeit negativ gewertet wird, gleich null, wenn das System bei dem betrach-
teten Prozess in den Ausgangszustand zurückkehrt (s. Gl. (6.9)). Kehrt es nicht in den
Ausgangszustand zurück, sondern bewegt sich von einem Anfangszustand A zu einem
Endzustand Z, so folgt für das Arbeitsintegral des Prozesses von A nach Z, dass sein Wert
unabhängig davon ist, auf welchem Weg das System von A nach Z gelangte, d. h. welche
Zustände das System dabei durchlaufen hat. Denn statt zwei verschiedene Prozesse von A
nach Z zu betrachten, kann man auch zwei Prozesse betrachten, von denen der erste von
A nach Z und der zweite zurück von Z nach A führt. Beide Prozesse zusammen bilden
dann einen Kreisprozess, für den das Arbeitsintegral gleich null ist. Daraus folgt, dass die
Arbeitsintegrale der beiden Prozesse von A nach Z denselben Wert haben.
Dank der Wegunabhängigkeit der Arbeit kann jedem Zustand eines konservativen me-
chanischen Systems eine Energie zugeschrieben werden. Man wählt dazu einen bestimm-
ten Zustand A0 des Systems aus und setzt seine Energie E = 0. Gewöhnlich ist das ein
Zustand, bei dem alle Massenpunkte des mechanischen Systems in Ruhe sind, also die
Geschwindigkeit v = 0 haben. Die Energie E(Z) eines beliebigen anderen Zustands Z,
der durch Angabe der Orts- und Geschwindigkeitsvektoren aller Massenpunkte des Sys-
tems gekennzeichnet ist, wird dann definiert, indem man E(Z) gleich dem Arbeitsintegral
eines Prozesses, der von A0 nach Z führt, setzt:
- Z
E(Z) = F · ds. (6.10)
A0
Die Gesamtenergie E(Z) eines Körpers kann gewöhnlich aufgeteilt werden in eine Ener-
gie der Lage, die potentielle Energie genannt wird, und eine Energie der Bewegung, die
kinetische Energie heißt. Die potentielle Energie hängt nur von den Ortsvektoren der
Massenpunkte des Systems ab und die kinetische Energie nur von den Geschwindigkeits-
vektoren. Zur Berechnung der potentiellen Energie ist also die Arbeit für Prozesse zu
berechnen, bei denen sich die Lage, aber nicht die Geschwindigkeit der Massenpunkte
ändert, während sich die kinetische Energie aus der bei einer Beschleunigung der Mas-
senpunkte verrichteten Arbeit ergibt. Zur Berechnung der potentiellen Energie im Bereich
der Schwerkraft F S = mg ist also die Kraft F = −mg in Gl. (6.10) einzusetzen. Ent-
sprechend ist bei der Berechnung der potentiellen und kinetischen Energie von Körpern
vorzugehen, auf die andere konservative Kräfte wirken. Im Fall der Gravitationskraft F G
ist F = −F G in Gl. (6.10) einzusetzen und zur Berechnung der kinetischen Energie die
zur Beschleunigung des Körpers erforderliche Kraft F = ma. Sie ist die Gegenkraft zur
d’Alembert’schen Trägheitskraft −ma (s. Abschn. 3.3). Wir illustrieren das Energiekon-
zept anhand einiger Beispiele.
6.2 Potentielle und kinetische Energie 193

Potentielle Energie. Wenn wir einen Körper der Masse m entgegen der Schwerkraft ohne
Beschleunigung auf die Höhe h heben, so haben wir eine Arbeit mgh in ihn hineingesteckt.
Ist diese Arbeit verloren? Das ist nicht der Fall. Denn lassen wir den Körper√herabfallen,
so gewinnt er dabei Geschwindigkeit, – nach den Fallgesetzen ist vh = 2gh – und
vermöge dieser Geschwindigkeit kann er die gleiche Arbeit mgh wieder abgeben, die in
ihn hineingesteckt worden ist. Man kann ihn z. B. auf das eine Ende eines sehr leich-
ten gleicharmigen Hebels fallen lassen, auf dessen anderem Ende ein√Körper gleicher
Masse ruht: Dieser wird dann mit der gleichen Geschwindigkeit vh = 2gh in die Höhe
geschleudert, so dass er wieder zur gleichen Höhe h aufsteigt.
Wir stellen also fest, dass der auf die Höhe h gehobene Körper der Masse m eine ge-
wisse Arbeitsfähigkeit besitzt, die unter geeigneten Umständen realisiert, d. h. wirklich in
Arbeit umgesetzt werden kann. In der Physik bezeichnet man eine solche Arbeitsfähig-
keit allgemein als Energie, und so können wir sagen, jeder gehobene Körper der Masse
m besitzt die Energie mgh, weil er um das Stück h relativ zur Erde gehoben ist. Er ver-
dankt diese Energie also seiner speziellen Lage relativ zur Erde, weswegen man in diesem
und in analogen Fällen auch von Energie der Lage spricht. Meistens benutzt man die dem
Sprachgebrauch der mittelalterlichen Philosophie entstammende Bezeichnung potentielle
Energie, d. h. mögliche, unter gewissen Umständen in Arbeit umsetzbare Energie.
Potentielle Energie vom Betrag 21 kx 2 besitzt z. B. eine Feder mit der Federkonstanten
k, die gegenüber ihrer Normallänge um das Stück x gedehnt ist. Um sie zu dehnen, muss
man von außen mit einer Kraft F = kx, die der Federkraft Fk = −kx entgegengerichtet ist,
ihr aber betragsmäßig gleich ist, auf sie einwirken. Dabei wird also die Arbeit A = kx2/2
verrichtet. Wird die Feder entspannt, so kann die hineingesteckte Dehnungsarbeit, die in ihr
als potentielle Energie im gespannten Zustand gespeichert ist, wiedergewonnen werden.
Diese Beispiele lassen sich leicht vermehren: Der komprimierte Wasserdampf im Kessel
einer Dampfmaschine, die Pulvergase im Gewehrlauf, ein komprimiertes Gas – alle diese
Körper besitzen infolge ihres besonderen Zustandes eine ganz bestimmte Arbeitsfähigkeit,
d. h. eine ganz bestimmte potentielle Energie. Im Folgenden wird die potentielle Energie
stets mit Ep bezeichnet.

Kinetische Energie. Neben der potentiellen Energie, die ein ruhender Körper infolge sei-
ner Masse und Lage hat, kann ein Körper aber auch dadurch Energie (d. h. Arbeitsfähigkeit)
besitzen, dass er eine bestimmte Geschwindigkeit hat. Eine ruhende Pistolenkugel ist ein
harmloses Ding; eine abgeschossene kann erhebliche Wirkungen ausüben. Ein in Bewe-
gung befindlicher Körper besitzt daher Energie der Bewegung oder kinetische Energie,
die mit Ek bezeichnet wird. Die Bestimmung des Wertes der kinetischen Energie ist im
Beispiel des freien Falls leicht.
√ Denn der Körper, der um das Stück h herabgesunken ist, hat
die Geschwindigkeit vh = 2gh, und er vermag – bei geeigneter Anordnung, wie vorhin
gezeigt, – einen anderen Körper gleicher Masse wieder bis zur Höhe h emporzuschleu-
dern, d. h. die Arbeit mgh zu verrichten. Da also h = vh2 /2g ist, so ist die Arbeitsfähigkeit
dieses Körpers der Masse m und der Geschwindigkeit vh offenbar

mg vh2 m
mgh = = vh2 .
2g 2

Diesen Wert müssen wir aber ganz allgemein als den Ausdruck für die kinetische Energie
betrachten, da es natürlich ganz gleichgültig ist, wie der Körper seine Geschwindigkeit
194 6 Arbeit und Energie

erhalten hat. Also beträgt die kinetische Energie:


m
Ek = v 2 . (6.11)
2

• Die kinetische Energie ist gleich dem halben Produkt aus der Masse und dem Quadrat
der Geschwindigkeit eines Körpers.
Die Einheiten der Energie sind naturgemäß die gleichen wie die Einheiten der Arbeit.
Eine Pistolenkugel der Masse m = 3 g habe eine Geschwindigkeit von v = 250 m/s.
Die kinetische Energie beträgt:
m
Ek = v2 = 93.75 Nm.
2
Ein Eisenbahnzug der Masse 106 kg hat bei einer Geschwindigkeit v = 72 km/h = 20 m/s
eine kinetische Energie von
m
Ek = v2 = 2 · 108 Nm ≈ 60 kWh.
2
Ein vollbesetzter Personenwagen habe die Masse 1200 kg. Bei einer Geschwindigkeit von
108 km/h (= 30 m/s) hat er eine kinetische Energie von
m
Ek = v2 = 54 · 104 Nm = 0.15 kWh.
2
Energieumwandlung. Wenn man einen Körper von einer Höhe h zur Erde herabfallen
lässt, hat er im Moment vor dem Aufschlagen seine gesamte potentielle Energie mgh ver-
loren, dafür aber die gleich große kinetische Energie 21 mvh2 gewonnen, so dass also seine
Arbeitsfähigkeit oder Energie nicht verloren geht. Wie steht es nun mit den Zwischen-
zuständen der Bewegung? Betrachten wir den Körper etwa in dem Moment, in dem er von
der ursprünglichen Höhe h um das Stück s herabgesunken ist; seine augenblickliche Höhe
ist also (h − s), der Rest der ihm verbliebenen potentiellen Energie mg(h − s); verloren
hat er die potentielle
√ Energie mgs. Dafür hat er nach den Fallgesetzen die Geschwin-
digkeit vs = 2gs gewonnen, und es ist demgemäß die verlorene potentielle Energie
mgs = 21 mvs2 . Man kann also schreiben:
1
mgh = mg(h − s) + mgs = mg(h − s) + mvs2 .
2
Die linke Seite stellt hierin den ursprünglichen Betrag der Energie dar, den der Körper
hatte. Das erste Glied der rechten Seite ist diejenige potentielle Energie, die ihm nach
Herabsinken um das Stück s noch verblieben ist, und das zweite Glied der rechten Seite
1 2
2 mvs ist der Betrag gewonnener kinetischer Energie. Wir sehen also, dass beim freien Fall
die Summe aus potentieller und kinetischer Energie in jedem Augenblick der Bewegung
konstant, und zwar gleich der zu Beginn vorhandenen Energie ist. Es gilt also:
Ep + Ek = E = const. (6.12)
Hier haben wir den ersten Fall eines allgemeinen Naturgesetzes, des Gesetzes von der
Erhaltung der Energie, vor uns, das mit Bezug auf die reine Mechanik folgendermaßen
ausgedrückt werden kann:
6.2 Potentielle und kinetische Energie 195

Abb. 6.6 Auf einer Stahlplatte tanzende


Stahlkugel

• Die Summe aus potentieller und kinetischer Energie eines abgeschlossenen mechani-
schen Systems bleibt erhalten.
Dabei heißt ein System mechanisch abgeschlossen, wenn keine äußeren Kräfte auf das
System einwirken und dabei Arbeit verrichten. Vom energetischen Standpunkt aus beste-
hen demnach die Vorgänge der reinen Mechanik stets in Umwandlungen von potentieller
in kinetische Energie und umgekehrt. Diese Umwandlung lässt sich experimentell z. B.
dadurch zeigen, dass man eine kleine Stahlkugel auf eine gut polierte und völlig ebene
Glas- oder Stahlplatte aus einer bestimmten Höhe fallen lässt. Dabei setzt sich zunächst die
potentielle Energie in kinetische um. Beim Auftreffen der Kugel auf die Platte wird diese
etwas eingedrückt und die Kugel ein klein wenig abgeplattet, wodurch in beiden Teilen ein
Spannungszustand hergestellt wird. Das bedeutet, dass Platte und Kugel in einen Zustand
versetzt werden, der es ihnen ermöglicht, Arbeit zu verrichten; mit anderen Worten: Die
kinetische Energie der fallenden Kugel hat sich in potentielle Energie umgewandelt. Nun
gleichen sich die Spannungen in Platte und Kugel sofort wieder aus; dadurch wird die
Kugel nach oben beschleunigt; sie erhält Bewegungsenergie und erreicht praktisch die
ursprüngliche Höhe und demnach die alte Energie der Lage. Das Spiel der springenden
Kugel wiederholt sich viele Male, wie man aus Abb. 6.6 erkennen kann. Es ist eine fo-
tografische Aufnahme einer auf einer Stahlplatte tanzenden Stahlkugel. Die Kugel wurde
während des Auf-und-ab-Tanzens mit einer hellen Lampe beleuchtet, so dass sich ihr Weg
auf der fotografischen Platte als feine Linie aufzeichnete.

Dissipation. Die Aufnahme lässt noch mehr erkennen. Nach jedem Aufschlag auf die
Platte erreicht nämlich die Kugel die alte Höhe nicht mehr vollständig, d. h., die Um-
wandlung von kinetischer Energie in potentielle erfolgt nicht vollständig, und es scheint
demnach so, als ob die Energie der Kugel nicht konstant bliebe, sondern ein Teil von
ihr verloren ginge. In Wirklichkeit ist dies aber nicht der Fall; es findet vielmehr eine
Umwandlung eines Teiles der mechanischen Energie in thermische Energie durch Rei-
196 6 Arbeit und Energie

Abb. 6.7 Die elastische Verformung eines


Gummiballs während des Aufschlags. Die
Ziffern neben dem Bild bedeuten die Reihen-
folge der Aufnahmen, zwischen denen gleiche
Zeiten liegen.

bung der Kugel in der Luft und beim Verformen von Platte und Kugel statt. Wir werden
später sehen, dass die Energie eines Systems nicht nur durch Arbeit sondern auch durch
Wärmeaustausch verändert werden kann.
Die Einbeulung der Platte bzw. die Abplattung der Kugel kann man z. B. dadurch nach-
weisen, dass man die Kugel auf eine berußte Platte aufschlagen lässt. Dort, wo die Kugel
die Platte berührt, wird der lockere Ruß zusammengedrückt und glänzt. So kann man die
Größe der Berührungsfläche erkennen. Diese stellt eine umso größere Kreisfläche dar,
je größer die Höhe ist, aus der die Kugel fällt. – Abb. 6.7 zeigt einen Gummiball beim
Aufschlag auf einer harten, spiegelnden Unterlage. Man sieht, dass der sonst runde Ball
während des Aufschlages stark abgeplattet ist. Die potentielle Energie wird durch den
gespannten Zustand des Balls sichtbar.
Auch die Schwingung eines Pendels bietet ein Beispiel für einen Bewegungsvorgang,
bei dem die gegenseitige Umwandlung von kinetischer und potentieller Energie in re-
gelmäßigem Wechsel erfolgt. Um das Pendel in Bewegung zu setzen, heben wir seine
Kugel der Masse m (Abb. 6.8) bis zum Punkt A an, der um die Strecke h höher als der
Ruhepunkt B liegen möge. Das Pendel hat dann die potentielle Energie mgh. Nach dem
Loslassen durchfällt seine Kugel die Höhe
√ h auf einem Kreisbogen; im tiefsten Punkt B
hat die Kugel die Geschwindigkeit v = 2gh und die kinetische Energie 21 mv2 , die gleich
6.2 Potentielle und kinetische Energie 197

C x A
h Abb. 6.8 Umwandlung von potentieller Ener-
B D gie in kinetische und umgekehrt beim Pendel
mg mg


mgh ist, wie man ohne Weiteres durch Einsetzen von v = 2gh erkennt. Die kinetische
Energie setzt sich dann wieder in potentielle Energie um: Das Pendel schwingt über seine
Ruhelage hinaus bis zum Punkt C, der wieder um dieselbe Strecke h höher als B liegt.
Diese Höhe erreicht das Pendel auch dann, wenn man, wie es Abb. 6.9 zeigt, die Länge
des wirksamen Pendelfadens dadurch verkürzt, dass man den Faden gegen einen Stift S
anschlagen lässt, der sich vertikal unter dem Aufhängepunkt des Pendels befindet. Die
Pendelkugel erreicht dann das Niveau der Ausgangslage auf einem anderen Kreisbogen.
Setzt man den Stift so tief (S3 in Abb. 6.9), dass die Pendelkugel beim Herumschwingen
die Ausgangshöhe nicht mehr erreichen kann, so besitzt sie im höchsten Punkt über S3
noch einen gewissen Betrag an kinetischer Energie, so dass sie dort nicht zum Stillstand
kommt, sondern weiter herumschlägt.
In allen Punkten zwischen A und B bzw. C und B in Abb. 6.8 hat die Pendelku-
gel sowohl potentielle als auch kinetische Energie. Für den Punkt D, der um die Stre-
cke x tiefer liegt als A,√ist die potentielle Energie mg(h − x); die Geschwindigkeit der
Kugel ist in D gleich 2gx, daher ist ihre kinetische Energie an dieser Stelle 12 m2gx
= m · g · x. Die Summe von potentieller und kinetischer Energie ist demnach für den
Punkt D gleich mg(h − x) + mgx = mgh. Da die Lage des ins Auge gefassten Punktes
aus dieser Gleichung herausfällt, ist demnach die Summe von potentieller und kinetischer
Energie für alle Punkte der Bahn die gleiche und somit konstant. Es wird also weder
Energie gewonnen, noch geht solche verloren. Letzterem scheint allerdings die Erfah-
rungstatsache zu widersprechen, dass das Pendel nach einiger Zeit zur Ruhe kommt. Der
Grund hierfür liegt aber wiederum (wie bei der Abnahme der Sprunghöhe der tanzenden
Stahlkugel) darin, dass fortlaufend bei der Bewegung ein Teil der mechanischen Energie
durch die Überwindung von Reibungswiderständen in thermische Energie umgewandelt
wird.

S1

S2
3
2 1
S3
Abb. 6.9 Hemmungspendel nach Galilei
198 6 Arbeit und Energie

Energiespeicherung. Potentielle Energie ist gespeicherte Energie. In den Umkehrpunk-


ten des schwingenden Pendels ist die Energie für eine kurze Zeit gespeichert. Das Gleiche
gilt für die springende Kugel im oberen und im unteren Umkehrpunkt. – In der Technik
interessiert man sich für Energiespeicher, in denen ein Vorrat an Energie über längere Zeit
aufgehoben und aus denen zu beliebig späterer Zeit Energie entnommen werden kann.
Eine gespannte Stahlfeder (Uhrfeder) erfüllt diese Forderung; ebenso ein Schwungrad,
das allerdings durch die unvermeidliche Lagerreibung dauernd Energie verliert. Auch
der Akkumulator ist ein solcher Speicher, bei welchem allerdings die elektrische Energie
zur Speicherung in chemische Energie umgewandelt wird. Der elektrische Kondensator
speichert dagegen elektrische Energie ohne Umwandlung.
Große Energiespeicher sind gefüllte Stauseen und Pump-Speicherwerke. Wenn ein
Elektrizitätswerk zuviel elektrische Energie aus Kohle, Öl oder Kernenergie erzeugt,
pumpt es Wasser in den höher gelegenen See, um zur Zeit der Spitzenbelastung das Was-
ser über Turbinen wieder abzulassen und zusätzlich elektrische Energie zu erzeugen. –
Energiespeicher sind auch Vorräte an Explosionsstoffen, Kohle, Erdöl sowie Material, aus
dem Kernenergie gewonnen werden kann.

6.3 Energieerhaltung bei einfachen mechanischen Geräten


Die Größe der Arbeit ist durch das Produkt aus der wirkenden Kraft und der Wegstrecke,
längs der sie wirkt, gegeben. Die sogenannten einfachen Maschinen der Mechanik beruhen
auf der Möglichkeit, die beiden Faktoren des (die Arbeit darstellenden) Produktes zu
ändern, ohne dass das Produkt selbst eine Änderung erfährt.
Die Bedeutung des Ausdrucks Maschine hat sich gewandelt: Eine Maschine bewegt
sich, sie „läuft“. Deshalb werden im Folgenden Rolle, Hebel, Wellrad, schiefe Ebene,
Keil, Schraube entweder als einfache Maschinen oder als Geräte bezeichnet.

Prinzip der virtuellen Verrückungen. Da es sich beim Gleichgewicht – die einfachen


Maschinen werden im Gleichgewichtszustand betrachtet – nicht um kinetische, sondern
nur um potentielle Energie handelt, könnte diese nur geändert werden, wenn Arbeit von
den einfachen Maschinen gewonnen oder verloren würde. Letzteres ist bei den wirklichen
Ausführungsformen tatsächlich der Fall, weil wir Reibung niemals ausschließen können;
nur im Idealfall geht nichts verloren. Auf keinen Fall wird Arbeit gewonnen; das wider-
spräche dem Energiesatz. Für die einfachen Maschinen muss also die Aussage gelten,
dass die gesamte Arbeit der an ihr angreifenden Kräfte gleich null ist. Um diese Aussage
mathematisch zu formulieren, denken wir uns, dass das im Gleichgewicht befindliche
Gerät eine kleine Bewegung ausführt; dadurch verschieben sich die Angriffspunkte der
Kräfte F um gewisse kleine Strecken, die wir ds nennen wollen; wir benutzen das Zeichen
d, um hervorzuheben, dass es sich nicht um wirkliche, sondern um gedachte, virtuelle
(im Sprachgebrauch der mittelalterlichen Philosophie) Verschiebungen handelt. Dann ist
die unendlich kleine virtuelle Arbeit, die eine Kraft F durch Verschiebung ihres Angriffs-
punktes um das Stück ds verrichtet, offenbar gleich F cos(F, ds)ds, oder wenn man die
Komponente von F in Richtung von ds mit Fs bezeichnet, gleich Fs ds. Die Summe der
virtuellen Arbeiten aller an der einfachen Maschine angreifenden Kräfte muss gleich null
6.3 Energieerhaltung bei einfachen mechanischen Geräten 199

sein, damit die einfache Maschine im Gleichgewicht ist. Daraus erkennen wir, welche
Beziehungen zwischen den Kräften bestehen müssen, um das Gleichgewicht zu halten.
Es gilt also:
G
Fs ds = 0. (6.13)
Diese Gleichung nennt man das Prinzip der virtuellen Verrückungen oder der virtuellen
Arbeit; es wurde in voller Erkenntnis seiner Tragweite 1717 von Johann Bernoulli (1667 –
1748) aufgestellt, obwohl seine Anfänge bis ins Altertum zurückgehen. Es ist eine der
Wurzeln, aus denen später der Energiesatz entstanden ist.
Eine besonders einfache Formulierung ist möglich, wenn nur zwei Kräfte an dem Gerät
angreifen, was häufig der Fall ist. Dann hat man:
F1s1 ds1 + F2s2 ds2 = 0 (6.14)
oder
' '
F1s1 ' ds2 '
= ' '' .
'
F2s2 ds1
Die Verrückungen verhalten sich also umgekehrt wie die Kräfte; einer großen Kraft F
entspricht eine kleine Verrückung ds und umgekehrt; das Produkt aber, die Arbeit, ist
für die erste Kraft, absolut genommen, ebenso groß wie für die zweite. Es kann also
durch keine einfache Maschine Arbeit gewonnen, wohl aber an Kraft gespart werden.
Infolgedessen gilt die goldene Regel der Mechanik:
• Was an Kraft gewonnen wird, geht an Weg verloren.
Diese Aussage findet man bei allen im Folgenden erörterten Geräten bestätigt.

Feste Rolle. Um nur die Richtung der Kraft zu ändern, benutzt man die feste Rolle, über
die ein Seil geführt ist, an dessen beiden Enden die Kräfte angebracht sind; es ist üblich,
die eine Kraft als Last zu bezeichnen, und man sagt dann, dass an dem einen Ende des
Seiles die Last Q und am anderen Ende (E) die Kraft F angreife. Die Rolle besteht aus
einer kreisförmigen Scheibe, in deren Rand eine Rille gedreht ist; diese soll verhindern,
dass das Seil von der Rolle abgleitet. Durch den Mittelpunkt der Rolle geht eine Achse,
die in einer Schere gelagert ist. Abb. 6.10 zeigt eine feste Rolle, die dazu dient, eine Last
Q durch eine nach unten wirkende Kraft F zu heben. Wird die Last Q um die Strecke h
gehoben, so wird die Arbeit Qh verrichtet; man nennt diese Arbeit die gewonnene. Der

Q
Abb. 6.10 Feste Rolle
200 6 Arbeit und Energie

Angriffspunkt E der Kraft senkt sich dann offenbar um das gleiche Stück h, so dass F
die Arbeit Fh verrichtet. Im Gleichgewicht muss die verrichtete gleich der gewonnenen
Arbeit sein. Es ist also Fh − Qh = 0, d. h. F = Q.
• Bei der festen Rolle herrscht Gleichgewicht, wenn die Kraft gleich der Last ist.

Lose Rolle. Bei der losen Rolle geht ein an einem festen Punkt befestigtes Seil über die
lose Rolle A, an deren Schere die Last Q hängt (Abb. 6.11). Das in die Höhe gehende
Seil geht dann nochmals über eine feste Rolle B, die nur den Zweck hat, die Richtung
des Seiles zu ändern. Am Seilende E greift die Kraft F an. Die an A hängende Last wird
von den Seilabschnitten a und b zu gleichen Teilen getragen. Daher ist die am Seilende
angreifende Kraft F im Fall des Gleichgewichtes gleich Q/2.
• An der losen Rolle herrscht Gleichgewicht, wenn die Kraft halb so groß ist wie die Last.
Mit einer solchen Vorrichtung kann ein Mensch also eine Last heben, die doppelt so schwer
ist wie sein eigenes Gewicht. Betrachten wir die Arbeit, die die Kraft F verrichtet, wenn
sie das Seilende um die Strecke h nach unten zieht: die beiden Seilstücke a und b werden
um die gleiche Strecke 21 h verkürzt und somit wird die Last Q um 21 h gehoben. Die von
der Kraft verrichtete Arbeit ist demnach Fh und die an der Last gewonnene Arbeit ist 21 Qh.
Da die beiden Arbeitsbeträge gleich sein müssen, so ist F = 21 Q, was schon durch direkte
Betrachtung gefunden wurde.

a
b B
A
E

Q Q
2 F
2

Q
Abb. 6.11 Lose Rolle

Flaschenzug. Befestigt man mehrere Rollen in einer Schere (oder „Flasche“) und verbin-
det zwei Scheren nach Abb. 6.12 durch ein über die Rollen geführtes Seil, dessen eines
Ende an der festen Schere befestigt ist, so erhält man einen Flaschenzug. Das Gewicht
der am unteren Ende der losen Schere aufgehängten Last Q wird bei n Rollen von n Seil-
abschnitten getragen. Um daher die Last Q durch eine am freien Seilende wirkende Kraft
F im Gleichgewicht zu halten, genügt es, wenn F gleich dem n-ten Teil von Q ist.
• Bei einem gewöhnlichen Flaschenzug mit n Rollen herrscht Gleichgewicht, wenn die
Kraft 1/n der Last beträgt.
Um die Last um eine Strecke h zu heben, muss in diesem Fall die Kraft den Weg nh
zurücklegen, so dass also wieder die verrichtete und die gewonnene Arbeit gleich sind.
6.3 Energieerhaltung bei einfachen mechanischen Geräten 201

Abb. 6.12 Flaschenzug mit drei festen und


Q
drei losen Rollen

Bei vielen Flaschenzügen sind die einzelnen Rollen einer jeden Schere nicht untereinander,
sondern nebeneinander auf einer Achse angebracht.
Nach diesen Erörterungen könnte man den Schluss ziehen, dass man durch Verwen-
dung von beliebig vielen Rollen eine große Last mit einer beliebig kleinen Kraft heben
könnte. Tatsächlich ist dies nicht möglich, weil die mit wachsender Rollenzahl ebenfalls
wachsende Reibung den durch die Maschine gewonnenen mechanischen Vorteil wieder
zunichte macht. Man geht deshalb in der Praxis über eine bestimmte Rollenzahl nicht
hinaus.
Eine besondere Form dieses Flaschenzuges stellt der in Abb. 6.13 gezeigte Klobenzug
dar, der z. B. zum Spannen der Wanten auf Segelschiffen benutzt wurde. Anstelle der
Rollen dienen runde Löcher in zwei Holzstücken zur Führung des Seiles. Hier ist die
große Reibung von Vorteil.

Q Abb. 6.13 Klobenzug

Differentialflaschenzug. Eine weitere, viel benutzte Form eines Flaschenzuges ist der
Differentialflaschenzug (Abb. 6.14), der aus einer festen Doppelrolle mit zwei verschie-
denen Radien R und r und einer losen Rolle besteht. Eine an beiden Enden zusammen-
202 6 Arbeit und Energie

R
r
E
F
a
b

Q
Abb. 6.14 Differentialflaschenzug

gefügte Kette ist in der gezeichneten Weise um die Rollen herumgelegt. Damit die Kette
am Gleiten gehindert wird, sind die Rollen meist als Zahnräder ausgebildet. Die Last Q
hängt an der losen Rolle, während die Kraft F an dem Kettenstück (Punkt E) angreift,
das von dem größeren Teil der festen Rolle kommt. Wenn die Kraft F die Kette so weit
herunterzieht, dass sich die feste Rolle einmal herumdreht, geht das Stück a an der Kette
um den Betrag 2Rπ (= Umfang der großen festen Rolle) in die Höhe und das Stück b der
Kette um den Betrag 2rπ (Umfang der kleinen festen Rolle) herunter. Die Last Q wird
also um die halbe Differenz dieser beiden Stücke, d. h. um den Betrag π(R − r) gehoben.
Da nun nach dem Energiesatz die verrichtete und die gewonnene Arbeit gleich sind, gilt
die Gleichung:
F 2πR = Qπ(R − r),
woraus für die Größe der Kraft F folgt:
1! rH
F= 1− Q.
2 R
1
Ist z. B. R = 10 cm und r = 9 cm, so wird F = 20 Q, d. h., es lässt sich mit einer gegebenen
Kraft eine zwanzigmal so große Last im Gleichgewicht halten. Um diese Last um 1 cm
zu heben, muss der Angriffspunkt E der Kraft einen Weg von 20 cm zurücklegen.

Hebel. Eine weitere wichtige einfache Maschine ist der Hebel. Im einfachsten Fall ist der
Hebel eine gerade starre Stange, die um einen ihrer Punkte drehbar ist und an der zwei
oder mehrere parallele Kräfte angreifen. Wirken diese Kräfte auf verschiedenen Seiten
des Drehpunktes, so spricht man von einem zweiarmigen Hebel. Beim einarmigen Hebel
wirken die Kräfte auf der gleichen Seite des Drehpunktes. Nun befindet sich ein um eine
feste Achse drehbarer Körper im Gleichgewicht, wenn die Summe der Drehmomente
der an ihm angreifenden Kräfte in Bezug auf den Drehpunkt null ist. Greifen an einem
Hebel (Abb. 6.15) nur zwei Kräfte F und Q an und bezeichnen wir letztere, wie üblich,
als die Last und dementsprechend die senkrechten Abstände ihrer Wirkungslinien vom
Drehpunkt als Kraft- bzw. Lastarm, so gilt das Hebelgesetz:
• Am Hebel herrscht Gleichgewicht, wenn das Drehmoment der Kraft entgegengesetzt
gleich dem Drehmoment der Last ist.
6.3 Energieerhaltung bei einfachen mechanischen Geräten 203

f q

Q Abb. 6.15 Gleichgewicht am zweiarmigen


F
Hebel

f F

Abb. 6.16 Gleichgewicht am einarmigen


Q Hebel

Bezeichnen wir die Länge des Kraftarmes mit f und die Länge des Lastarmes mit q,
so gilt die Gleichung Ff = Qq (Abb. 6.16). Da die kleinere Kraft am längeren Arm, die
größere am kürzeren angreift, so gilt auch hier wieder, dass die Arbeit der Kraft gleich der
Arbeit der Last ist, d. h., dass die kleinere Kraft längs des größeren Weges wirken muss.
Zweiarmige Hebel finden bei allen Waagen als Waagebalken Anwendung. Abb. 6.17
zeigt die römische Schnellwaage. Die beiden Arme des Waagebalkens sind verschieden
lang, die zu wägende Last wird am kurzen Waagebalken aufgehängt. Am langen Arm des
Waagebalkens ist ein Gewicht P verschiebbar, das so eingestellt wird, dass die Waage im
Gleichgewicht ist. Die Größe des gesuchten Gewichtes lässt sich dann an einer Teilung
am langen Waagebalken ablesen.
Bei der meistgebrauchten Waage (Abb. 6.18) ist der Waagebalken ein gleicharmiger
Hebel, dessen in der Mitte liegender Drehpunkt aus einer Stahlschneide besteht, die auf
einer ebenen Unterlage aus Stahl oderAchat ruht. Die beiden gleich schweren Waagschalen

Q
Abb. 6.17 Römische Schnellwaage

Abb. 6.18 Zweiarmige Waage


204 6 Arbeit und Energie

F
F

D
Abb. 6.19 Hebebaum als zweiarmiger (a)
(a) (b) D und einarmiger (b) Hebel

hängen an den beiden Enden des Waagebalkens ebenfalls auf Stahlschneiden, um die bei
der Drehung auftretende Reibung so klein wie möglich zu halten.
Die Konstruktion des Waagebalkens und die genaue Lage des Drehpunkts sind wesent-
lich für die Empfindlichkeit der Waage, wie in Abschn. 7.5 ausgeführt wird.
Viele im täglichen Leben benutzte Werkzeuge sind Hebel oder Kombinationen mehrerer
Hebel. Wie z. B. Abb. 6.19 zeigt, kann der Hebebaum oder eine Brechstange je nach
Lage des Drehpunktes D sowohl ein zweiarmiger als auch ein einarmiger Hebel sein.
Das Ruder ist ein einarmiger Hebel; der Drehpunkt liegt im Ruderblatt im Wasser, die
Last greift an der Dolle, die Kraft am anderen Ende des Ruders an. Die Zange ist eine
Kombination von zweiarmigen Hebeln (Abb. 6.20), das Gleiche gilt von der Schere. Der
Nussknacker (Abb. 6.21) besteht aus zwei einarmigen Hebeln. Auch die Knochen der
beweglichen Gliedmaßen eines Körpers stellen Hebel dar, die um die Gelenke drehbar
sind. Der Unterarm wirkt z. B., wie es Abb. 6.22 schematisch andeutet, beim Heben einer
Last als einarmiger Hebel, der sich im Armgelenk dreht und durch eine Verkürzung des
am Schulterblatt befestigten Beugemuskels (Bizeps) bewegt wird; dabei ist der Kraftarm
kleiner als der Lastarm, der vom ganzen Unterarm gebildet wird.

Schiefe Ebene und Keil. Die schiefe Ebene, die z. B. in Form der Rampe zum Hochbrin-
gen schwerer Lasten dient, wurde, wie auch Hebel und Keil, schon von den Ägyptern zum

Q D

Q Abb. 6.20 Zange als zweiarmiger Hebel

D
F

Abb. 6.21 Nussknacker als einarmiger Hebel


Q

F M

Q D Abb. 6.22 Unterarm als einarmiger Hebel


6.3 Energieerhaltung bei einfachen mechanischen Geräten 205

F
F

A B
b
c R c’
a
S Q1 Q2

(a) (b) Abb. 6.23 Wirkung des Keils

Bau der Pyramiden benutzt. Der Keil ist ein aus hartem Material (heute meistens Stahl)
gefertigtes Prisma mit spitzem Winkel. Er dient dazu, wie es Abb. 6.23a andeutet, mit
einer Kraft F, die auf die der Schneide S gegenüberliegende Fläche, den Keilrücken, ein-
wirkt, senkrecht zu den Seitenflächen größere Druckkräfte hervorzubringen, um damit ein
Stück Holz zu spalten. Der Keil lässt sich als Kombination zweier mit ihrer Grundfläche
aufeinandergesetzter schiefer Ebenen auffassen. Um die Gleichgewichtsbedingung für die
am Keil wirkenden Kräfte zu finden, setzt man die auf die Seitenflächen des Keils wir-
kenden beiden gleich großen Kräfte Q1 = Q2 = Q zu einer Resultierenden R zusammen
(Abb. 6.23b), die im Schnittpunkt a der Wirkungslinien von Q1 und Q2 angreift. Damit der
Keil im Gleichgewicht ist, muss die auf seinen Rücken wirkende Kraft F entgegengesetzt
gleich R sein. Aus der Ähnlichkeit der beiden Dreiecke abc und ABC – letzteres stellt den
Keilquerschnitt dar – folgt dann:
R : Q = AB : AC
und da R = F:
AB
F=Q .
AC
Versteht man also unter AB die Breite des Keilrückens, unter AC bzw. BC die Sei-
tenlänge des Keils, dann gilt:
• Am Keil herrscht Gleichgewicht, wenn die senkrecht auf seinen Rücken wirkende Kraft
sich zu der senkrecht zu seinen Seitenflächen wirkenden Last verhält wie die Breite des
Rückens zur Seitenlänge des Keils.
Alle spaltenden und schneidenden Werkzeuge, wie Messer, Beil, Hobel, Meißel, Schere,
usw. beruhen auf dieser Keilwirkung wie auch die Stichwerkzeuge Nadel, Ahle, Dom
usw. Je schmäler oder spitzer der Keil ist, desto größere Kraftwirkungen lassen sich mit
ihm ausüben. Es gelingt z. B. ohne Schwierigkeit, mit einer gewöhnlichen Nähnadel eine
Kupfermünze zu durchbohren, wenn man die Nähnadel in einem Stück Kork hält und sie
mit einem kräftigen Hammerschlag in die Kupfermünze treibt.
Als einen besonderen Fall der schiefen Ebene kann man die Schraube betrachten. Wi-
ckelt man um einen Zylinder (Abb. 6.24) eine schiefe Ebene herum, so bildet diese auf
dem Zylindermantel eine Schraubenlinie. Wählt man die Basis AB der schiefen Ebene
gleich dem Zylinderumfang, so ist die Höhe AC die Ganghöhe der Schraubenlinie. Erhöht
206 6 Arbeit und Energie

B
A Abb. 6.24 Entstehung der Schraubenlinie

Abb. 6.25 Schraubenspindel mit aufgeschnit-


tener Schraubenmutter

Q’
C Q’’ Q

A b B Abb. 6.26 Wirkung der Schraube

man den Zylinder längs dieser Schraubenlinie, so erhält man eine Schraubenspindel
(Abb. 6.25). Ein auf diese Schraubenspindel passender, mit einer Nut versehener Hohl-
zylinder heißt Schraubenmutter, die aufgeschnitten ebenfalls in Abb. 6.25 zu erkennen
ist. Dreht sich die Schraubenspindel in der feststehenden Mutter, so bewegt sie sich in
Richtung der Zylinderachse bei einer ganzen Umdrehung um eine Ganghöhe weiter und
kann in dieser Richtung eine Kraft Q ausüben. Die Kraft, die die Schraubenspindel dreht,
greift tangential an der Peripherie der Spindel an. Wir denken uns für einen Augenblick
die Schraubenlinie für eine Umdrehung in eine Ebene abgerollt (Abb. 6.26) und können
dann die in Richtung der Schraubenachse wirkende Last Q in zwei Komponenten Q, und
Q,, zerlegen, von denen Q,, senkrecht auf der aufgerollten Schraubenlinie steht und von
der Mutter abgefangen wird. Q, ist dann derjenige Anteil von Q, dem von der Kraft F
das Gleichgewicht gehalten werden muss. Es gilt die Proportion F : Q = h : b oder, da b
gleich dem Umfang U der Schraubenspindel ist, wird:
Q = (U /h)F,
d. h. in Worten: Die an der Peripherie einer Schraube angreifende Kraft erzeugt in Rich-
tung der Schraubenspindel eine Kraft, die umso größer ist, je größer der Umfang der
Schraubenspindel und je kleiner ihre Ganghöhe ist. Für gewöhnlich lässt man die Kraft
nicht direkt am Schraubenumfang, sondern an einem Hebelarm im Abstand R von der
Schraubenachse angreifen. Dann tritt anstelle von U der Wert 2πR, und es ist
2πR
Q= F.
h
6.4 Kraftfeld und Potential 207

6.4 Kraftfeld und Potential


Der Feldbegriff. Zwischen zwei Körpern, die eine Masse besitzen, wirkt eine anziehende
Kraft. Das Newton’sche Gravitationsgesetz gibt Auskunft über ihre Größe. Diese Kraft
wirkt durch den leeren Raum hindurch. Eine Veränderung des leeren Raumes kann man
nicht feststellen. Ein Stein zeigt durch sein Gewicht oder durch sein Fallen, dass er sich in
der Nähe eines Körpers von sehr großer Masse befindet. Den Raum zwischen dem Stein
und der Erde findet man aber unverändert. Man kann die anziehende Kraft zwischen den
Körpern, die eine Masse besitzen, auch nicht abschirmen, z. B. weder durch eine sehr
schwere Bleiplatte noch durch eine Schicht allerhöchsten Vakuums.
Wirken in einem Raum Kräfte, die nicht durch Materie übertragen werden, so spricht
man von einem Kraftfeld. Man spricht von einem Gravitationsfeld, von einem elektrischen
Feld und von einem Magnetfeld. Ein spezielles Gravitationsfeld ist z. B. das Schwerefeld
der Erde. Alle Kraftfelder sind Vektorfelder.
• Ein Feld ist dadurch ausgezeichnet, dass jedem Punkt des Raumes, den das Feld ausfüllt,
eine bestimmte physikalische Größe zugeordnet ist.
Der Begriff des Feldes ist durchaus nicht auf Kräfte beschränkt. Betrachtet man z. B. eine
strömende Flüssigkeit, so befindet sich in einem bestimmten Augenblick an jedem Punkt
ein Flüssigkeitsteilchen von bestimmter Geschwindigkeit; hier spricht man sinngemäß
von einem Geschwindigkeitsfeld, wenn man die Geschwindigkeitsverteilung charakteri-
sieren will. Ebenso kann man von einem Temperaturfeld in der Umgebung eines erhitzten
Körpers sprechen, da jedem Punkt eine bestimmte Temperatur zukommt. Ein Tempera-
turfeld ist ein Skalarfeld.

Das Gravitationsfeld. Um die Größe und Richtung der Kraft in einem Gravitationsfeld
zu untersuchen, denke man sich zunächst eine einzige Kugel großer Masse M in einem
großen, leeren Raum. Bringt man dann eine bewegliche Probekugel von kleiner Masse m
an verschiedene Punkte in die Nähe der großen Kugel, so wird man feststellen, dass auf
die kleine Kugel eine Kraft wirkt, die zum Schwerpunkt der großen Kugel gerichtet ist.
Nach dem Newton’schen Gravitationsgesetz ist die Größe dieser Kraft F = Gm · M /r 2
(r ist der Abstand der Schwerpunkte der beiden Kugeln; G = Gravitationskonstante).
Man kann also mit der kleinen Probekugel den Raum abtasten und die Richtung und
Größe der Kraft messen. Um den Versuch wirklich auszuführen, braucht man eine Kugel
von sehr großer Masse, wie sie uns die Erdkugel bietet. Als Probekörper können an der
Erdoberfläche Gewichtsstücke und als Kraftmesser Federwaagen verwendet werden. In
größerer Entfernung von der Erde dienen als Probekörper Satelliten und der Mond. Die
anziehende Kraft ist hierbei die als Zentripetalkraft wirkende Gravitationskraft. Selbst-
verständlich muss man bei diesem Versuch davon absehen, dass die Erde sich nicht allein
im leeren Raum befindet und dass die Nähe des Mondes und der Sonne von Einfluss ist.
Man kann aber diesen Versuch idealisieren und erhält so eindeutig das Ergebnis, dass
ein Kraftfeld, nämlich ein Gravitationsfeld, einen Körper, der eine Masse besitzt, umgibt
(Abb. 6.27). Man sieht, dass die Größe der Kraft, in der Zeichnung gekennzeichnet durch
die Länge der Pfeile, nach außen hin abnimmt. Und zwar erfolgt diese Abnahme nach
dem Newton’schen Gravitationsgesetz mit dem Quadrat des Abstandes. Um eine bessere
Vorstellung des Feldes zu ermöglichen, zeichnet man ein Feldlinienbild. Die Feld- oder
Kraftlinien erfüllen dabei folgende Bedingungen:
208 6 Arbeit und Energie

Abb. 6.27 Gravitationsfeld eines einzelnen


Körpers

1. Jede Feldlinie endet an der Masse.


2. Die Richtung der Feldlinie stimmt in jedem Punkt mit der Richtung der Kraft in diesem
Punkt überein.
3. Die Dichte der Feldlinien ist proportional zur Größe der Kraft. Dabei ist die Feldlini-
endichte die Zahl der Feldlinien pro Querschnittsfläche.
In unserem Beispiel sind die Feldlinien Geraden durch den Schwerpunkt des Körpers. Die
senkrecht durchstoßenen Flächen sind konzentrische Kugeln um den Schwerpunkt.
Jede dieser konzentrischen Kugeln wird von der gleichen Zahl Feldlinien durchstoßen;
ihre Oberfläche ist proportional zum Quadrat ihres Abstandes r vom Schwerpunkt. Die
Feldliniendichte (Zahl der Feldlinien/Fläche) nimmt daher mit 1/r 2 ab, ist also, wie die
dritte Bedingung fordert, proportional zur Kraft. Feldlinienbilder können – auch für kom-
pliziertere Massenverteilungen – berechnet werden. Zum Beispiel zeigt Abb. 6.28 das
Feldlinienbild für zwei Körper gleich großer Masse.
Nun soll die Frage behandelt werden: Wie viel Arbeit muss aufgewendet werden, wenn
man einen Probekörper der Masse m in einem Gravitationsfeld von einem Ort zum anderen
bewegt? Oder mit anderen Worten: Wie ändert sich die potentielle Energie bei dieser
Bewegung?
Man kann die Bewegung des Probekörpers, den man idealisiert Massenpunkt nennt,
auf zwei grundsätzlich verschiedene Weisen vornehmen:
a) Entlang einer Feldlinie,
b) auf einer der eben beschriebenen Flächen, also senkrecht zu den Feldlinien.

Abb. 6.28 Feldlinienbild für zwei Körper


gleich großer Masse
6.4 Kraftfeld und Potential 209

Fall a) Bewegt man den Probekörper auf einer Feldlinie, so stimmt die Richtung der
Kraft genau mit der Bewegungsrichtung überein oder ist ihr entgegengesetzt. Bewegt sich
der Probekörper in Richtung der Kraft so, dass der Abstand von dem großen Körper
kleiner wird, dann wird kinetische Energie gewonnen: Der Probekörper fällt auf die große
Kugel oder der Stein fällt auf die Erde und kann dabei Arbeit verrichten. Bei Bewegung
in umgekehrter Richtung muss bekanntlich Arbeit aufgewendet werden, wenn z. B. ein
Stein von der Erde angehoben wird. In diesem Fall wird, weil der Abstand vergrößert und
Arbeit aufgewendet wird, die potentielle Energie entsprechend größer. Umgekehrt wird
die potentielle Energie kleiner, wenn der Abstand kleiner wird unter Vergrößerung der
kinetischen Energie: Es kann Arbeit gewonnen werden.
Fall b) Bei einer Bewegung des Probekörpers senkrecht zu den Feldlinien ist die auf-
zuwendende Arbeit null, da Kraft und Weg senkrecht zueinander stehen. Die potentielle
Energie des Probekörpers bleibt unverändert. Man nennt daher eine solche Fläche im
Raum eine Äquipotentialfläche oder Niveaufläche. Bei entsprechender Betrachtung in
einer Ebene gibt es Äquipotentiallinien oder Niveaulinien.
Bewegt sich der Probekörper nun in anderer Weise, also weder auf einer Äquipotenti-
alfläche noch längs einer Feldlinie, dann gilt folgende Überlegung: Jede Bewegung kann
zerlegt werden, und zwar einmal tangential zur Äquipotentialfläche und ferner in Rich-
tung der Feldlinie. Für die Arbeit ist nur die Komponente in Richtung einer Feldlinie von
Bedeutung. Denn die Komponenten tangential zur Äquipotentialfläche stehen senkrecht
zur Kraft, und die Arbeit ist null. Im Fall einer beliebigen Bewegung im Gravitations-
feld braucht man somit zur Ermittlung der aufgewendeten oder abgegebenen Arbeit nur
die Projektion der Bewegung auf die Feldlinie mit der Kraft zu multiplizieren. Bei einer
Bewegung im Gravitationsfeld der Erde ist die aufzuwendende oder verrichtete Arbeit
unabhängig von der Art des Weges. Die zu verrichtende Arbeit ist gleich, ob man mehr
oder weniger steil einen Berg hinauffährt. Hierbei bleibt selbstverständlich die Reibung
immer unberücksichtigt. In dem beschriebenen, kugelsymmetrischen Kraftfeld wird also
die potentielle Energie nur durch den Radius bestimmt.

Potential. Die gesamte Arbeit, die aufzuwenden ist, um einen Massenpunkt aus dem
kugelsymmetrischen Gravitationsfeld eines Körpers zu entfernen, ist proportional zu 1/r.
Damit erhalten die kugelförmigen Äquipotentialflächen ihre einfachen Kennzeichen: Es
genügt die Angabe des Abstandes vom Mittelpunkt der Kugel, wenn man die potentielle
Energie einer kleinen Kugel der Masse m im Gravitationsfeld einer großen Kugel der
Masse M wissen will.
Geht man mit der Probekugel von einer Niveaufläche zur anderen (Abstand dr), so
bedeutet dies, dass eine Arbeit dA gegen die Gravitationskraft F G verrichtet wird und
damit die potentielle Energie um dV erhöht wird:
dA = −F G · dr = dV = gradV · dr.
Darin bedeutet
∂V ∂V ∂V
gradV = i +j +k
∂x ∂y ∂z
(i, j, k sind die Einheitsvektoren in Richtung der x-, y- und z-Achse).
Die Differentialoperation ,grad‘ ordnet also einer ortsabhängigen skalaren Größe (ei-
nem Skalarfeld) eine ortsabhängige Vektorgröße (ein Vektorfeld) zu. Und zwar stimmt die
210 6 Arbeit und Energie

Richtung des Vektors gradV überein mit der Richtung der stärksten Änderung von V . Der
Betrag von gradV ist gleich der differentiellen Änderung von V in dieser Richtung. Das
Kraftfeld kann so durch das Skalarfeld der potentiellen Energie beschrieben werden. Dabei
stört noch, dass diese potentielle Energie abhängig ist von der kleinen Masse m. Es soll jetzt
versucht werden, einen Ausdruck zu finden, der die Potentialflächen kennzeichnet, aber
von der Probemasse unabhängig ist. Dazu braucht man nur die potentielle Energie durch
m zu dividieren. Den dann erhaltenen Ausdruck U = V /m = −GM /r nennt man Poten-
tial des Kraftfeldes und F/m = −gradU den Feldstärkevektor. In vielen Lehrbüchern
wird die potentielle Energie als Potential bezeichnet. Diese Festsetzung kann aber leicht
zu Verwechslungen führen, weil sie von der physikalischen Definition des Potentials bei
elektrischen und magnetischen Feldern abweicht (nicht von der mathematischen).
Der Nullpunkt des Potentials wird üblicherweise in die Entfernung r = ∞ gelegt. Man
kann ihn aber auch anders festsetzen, da das Potential U , = U + const (wegen grad const
= 0) dasselbe Feld beschreibt wie U .
Auf der Erde sind horizontale Niveauflächen sehr gut bekannt als Wasseroberflächen.
Man bezieht sich meist auf ein festgelegtes „Normal-Niveau“ der Meeresoberfläche. Auf
Landkarten sind oft Punkte gleicher Höhe verbunden (Höhenlinien). Es sind gleichzeitig
Äquipotentiallinien; denn die potentielle Energie im Schwerefeld der Erde ist mgh.

Potential einer Hohlkugel. Nun soll das Potential einer Hohlkugel berechnet werden,
deren Oberfläche eine homogene Massenverteilung hat. Im Außenraum ergibt sich ein
Potential Ua = −GM /r (M = Gesamtmasse der Hohlkugel), d. h., die Hohlkugel wirkt
auf einen äußeren Massenpunkt so, als ob ihre Gesamtmasse im Zentrum konzentriert
wäre. Das Potential im Innern der Hohlkugel ist Ui = −GM /R = const (R = Radius
der Hohlkugel). Daraus ergibt sich, dass eine Hohlkugel auf einen Probekörper in ihrem
Innern keine Kraft ausübt. Dies lässt sich auch mit einer relativ einfachen Überlegung
beweisen. Man betrachte Abb. 6.29. Durch den inneren Punkt P ist eine gedachte kon-
zentrische Kugelfläche gezeichnet (in der Abbildung gestrichelt). Beachtet man nun, dass
Feldlinien nur an Massen enden, so erkennt man, dass durch die gedachte Fläche genauso
viele Feldlinien hineingehen wie herauskommen müssen, da sich in ihrem Innern keine
Massen befinden. Aus der Kugelsymmetrie folgt weiter, dass die Kräfte in jedem Punkt
der gedachten Fläche gleich sein müssen. Beide Forderungen sind nur erfüllbar, wenn gar
keine Feldlinien die Fläche durchstoßen, also die Kraft auf ihr und damit auch im Punkt
P null ist. Da P innerhalb der Hohlkugel willkürlich gewählt wurde, ist der Satz bewie-
sen: Eine homogen mit Masse belegte Hohlkugel übt auf Massen in ihrem Innern keine
Kräfte aus. Mit dieser Überlegung, bei der nur die Quellenfreiheit des Gravitationsfel-
des im leeren Raum und eine Symmetriebetrachtung benutzt wurden, kann das Problem
wesentlich einfacher durchschaut werden als durch eine mathematische Ableitung. Sym-

R
P

Abb. 6.29 Gravitationsfeld im Innern einer


Kugel bzw. Hohlkugel
6.4 Kraftfeld und Potential 211

db=Rd %
R
r
d% Rsin%
%
O a P

Abb. 6.30 Ableitung des Potentials einer Kugel

metriebetrachtungen geben sehr oft eine tiefe Einsicht in Naturgesetze; sie spielen in der
modernen Physik eine große Rolle.
Nach dieser anschaulichen Betrachtung des Potentials im Innern einer Hohlkugel soll
wegen der besonderen Wichtigkeit nun eine exakte Ableitung des Potentials einer Kugel
folgen.
Man betrachtet zunächst keine Vollkugel, sondern eine Hohlkugel vom Radius R und
der kleinen Dicke h (Abb. 6.30); das Potential Ua dieser Hohlkugel ist in einem äußeren
Punkt P im Abstand a vom Kugelmittelpunkt O zu berechnen. Man schlägt zu diesem
Zweck um P zwei Kugeln mit den Radien r und r + dr, die aus der Hohlkugel eine
Kugelzone der Breite db = Rdϑ ausschneiden; ϑ selbst ist der Winkel zwischen dem
nach db gezogenen Kugelradius R und der Richtung OP. Nach dem Cosinussatz ist die
Größe von r:
/
r = a2 + R2 − 2aR cos ϑ, (6.15)
und durch Differentiation folgt daraus für dr, da a und R Konstanten sind:
aR sin ϑ dϑ aR
dr = √ = sin ϑ dϑ. (6.16)
a2 + R2 − 2aR cos ϑ r
Alle Massenelemente der Kugelzone haben von P nach Konstruktion die gleiche Entfer-
nung r; der Flächeninhalt der Zone ist offenbar 2πR sin ϑ ·Rdϑ; wenn man sie nämlich auf
die Ebene abwickelt, kann man sie auffassen als ein Rechteck der Höhe db = R dϑ und
der Länge 2 πR sin ϑ. Denn der Umfang der Zone ist ein Kreis mit dem Radius R sin ϑ.
Da die Hohlkugel die Dicke h hat, ergibt sich das Volumen der Zone zu 2 R2 πh sin ϑ dϑ.
Durch Multiplikation mit der Dichte G folgt für die in ihr enthaltene Masse dm:
dm = 2 R2 πhG sin ϑdϑ. (6.17)

In die Gleichung U = −G ∫ dm/r ist dieser Wert von dm einzusetzen; daher folgt für Ua
der Ausdruck:

2 sin ϑdϑ
Ua = −G2R πhG . (6.18)
r
0
212 6 Arbeit und Energie

Das Integral ist für alle Werte des Winkels ϑ zwischen 0 und π zu bilden; denn dann
bestreicht die Zone die ganze Kugeloberfläche. Mit Gl. (6.16) können wir den Ausdruck
für Ua vereinfachen, indem wir dϑ durch dr ausdrücken. Das liefert dann:

-
a+R
G 2 RπhG
Ua = − dr. (6.19)
a
a−R

Die Grenzen des Integrals ergeben sich durch folgende Überlegung: Ist ϑ = 0, so wird
r = a − R; ist ϑ = π, so nimmt r den Wert a + R an. Daher liefert die Ausführung des
Integrals:

G 2 RπhG 4 GR2 πhG


Ua = − (a + R − a + R) = − .
a a

4R2 πh ist aber das ganze Volumen der Hohlkugel, 4R2 πhG also die ganze Masse M
derselben; folglich liefert die letzte Gleichung für das Potential Ua der Hohlkugel:

Ua = −GM /a, (6.20)

d. h., die Hohlkugel wirkt auf einen äußeren Punkt so, als ob ihre Gesamtmasse im Zentrum
konzentriert wäre. Da man eine Vollkugel in eine Anzahl ineinander gesteckter Hohlkugeln
zerlegen kann, so gilt dasselbe für eine Vollkugel, und damit ist der behauptete Satz
bewiesen. Der Gradient des Potentials Ua ist dUa /da und hat den Wert +GM /a2 , und
dieser Betrag ist gleich der Feldstärke, die demnach ebenfalls so berechnet werden kann,
als ob die ganze Masse der Hohlkugel in ihrem Mittelpunkt vereinigt wäre.
In genau der gleichen Weise kann man nun auch zeigen, dass das Potential Ui einer
homogenen Hohlkugel vom Radius R in einem inneren Punkt konstant ist:

Ui = −GM /R = const.

Daraus ergibt sich, da in diesem Fall grad Ui = dUi /da = 0 ist, dass eine homogen mit
Masse belegte Hohlkugel auf einen inneren Massenpunkt überhaupt keine Gravitations-
kraft ausübt. Die einzelnen Massenelemente tun dies freilich, aber die Resultierende aller
Kräfte verschwindet.

Potential einer Vollkugel. Betrachten wir jetzt eine Vollkugel mit dem Radius R und
fragen nach dem Potential in einem inneren Punkt P im Abstand a vom Kugelzentrum
(Abb. 6.29), so können wir die Kugel in zwei Teile zerlegen: in eine Vollkugel mit dem
Radius a durch den Punkt P und eine Hohlkugel von der Dicke R−a. Die letztere übt nach
dem soeben bewiesenen Satz auf den Massenpunkt in P keinerlei Wirkung aus, sondern
nur die kleinere Vollkugel, für die P ein äußerer Punkt ist. Da man deren Potential Ua,
auf P so berechnet, als ob die Gesamtmasse M , = (4/3)a3 πG in O konzentriert wäre, so
erhält man für Ua, unter Berücksichtigung des konstanten Zusatzpotentials der Hohlkugel
von der Dicke R − a:

Ua, = − GG(3R2 − a2 );
3
6.4 Kraftfeld und Potential 213

d. h., das Potential und auch die Kräfte werden immer kleiner, je näher P dem Kugelmit-
telpunkt O kommt. Denn der Gradient von Ua, ist gleich
dUa, 4 F
= GπGa = − .
da 3 m
Die Feldstärke im Punkt P ist also direkt proportional zum Abstand a vom Kugelmittel-
punkt, nicht mehr proportional zu 1/a2 ! – Die Erde ist keine homogene Vollkugel; daher
nimmt beim Eindringen ins Erdinnere die Schwerkraft zunächst zu statt ab, wie es bei
einer homogenen Vollkugel der Fall sein müsste.

Erdpotential. Nun kann man zur Berechnung des Erdpotentials an der Erdoberfläche so
vorgehen, als ob ihre Gesamtmasse M = 5.99 · 1024 kg im Mittelpunkt der Erde vereinigt
wäre. Da der Erdradius R = 6.37 · 106 m ist, erhält man für das Erdpotential:
6.67 · 10−11 · 5.99 · 1024
−UErde = = 6.28 · 107 J/kg
6.37 · 106
= 17.4 kWh/kg,
da, wie vorher festgestellt, U eine Energie pro Masse ist. Es muss also eine Arbeit von
6.28· 107 Joule aufgewendet werden, um eine 1-kg-Masse von der Oberfläche der Erde bis
ins Unendliche zu transportieren, wobei ein entsprechender Betrag potentieller Energie
in der Masse gespeichert wird. Umgekehrt verliert beim Übergang aus dem Unendlichen
bis zur Erdoberfläche eine 1-kg-Masse die potentielle Energie 6.28 · 107 J und gewinnt
den gleichen Betrag an kinetischer Energie 21 mv2 . Daraus folgt für die Endgeschwindig-
keit v der Betrag 11.2 km/s. Umgekehrt müsste ein Körper mit dieser Geschwindigkeit
von der Erdoberfläche abgeschossen werden, damit er aus ihrem Anziehungsbereich ins
Unendliche gelangt.
7 Starre Körper

7.1 Bewegung starrer Körper


Begriff des starren Körpers. In den vorangegangenen Kapiteln haben wir Körper ge-
wöhnlich als Systeme von Massenpunkten betrachtet. Insbesondere kann ein physikali-
scher Körper als ein einzelner Massenpunkt idealisiert werden, wenn wir den Körper aus
einer Entfernung betrachten, die sehr groß gegenüber seinen eigenen Abmessungen ist.
Dann spielt die räumliche Verteilung der Masse innerhalb des Körpers kaum eine Rolle,
sowohl für seine Bewegung als Ganzes als auch für seine Wechselwirkung mit anderen
Körpern, die ebenfalls weit von ihm entfernt sind. Nun wollen wir diesen Standpunkt
aufgeben und uns die Körper aus der Nähe ansehen. Dabei werden wir als wesentliches
neues Phänomen die Eigenrotation der Körper kennenlernen, das heißt die Drehung des
Körpers relativ zu einem äußeren Bezugssystem, oder anders ausgedrückt, die Änderung
seiner Orientierung im Raum. Wir lassen aber weiterhin unberücksichtigt, dass sich die
Massenverteilung innerhalb des Körpers unter dem Einfluss äußerer Kräfte zeitlich ändern
kann, d. h., wir betrachten das Ideal des starren Körpers. Dabei wird natürlich auch von
der thermischen Bewegung der Atome abgesehen.
Ein starrer Körper ist also dadurch ausgezeichnet, dass er sein Volumen und seine
Form unter dem Einfluss äußerer Kräfte überhaupt nicht verändert. Ein starrer Körper
kann nicht komprimiert, verbogen, verdrillt werden usw. Seine Massenelemente dm be-
halten gegenüber einem körperfesten Bezugssystem nicht nur ihre relativen Positionen
bei, sondern auch ihre absoluten. Das heißt, die Abstände der Massenelemente und die
Winkel zwischen diesen Abständen sind nicht durch äußere Kräfte beeinflussbar. Diesem
Idealbild des starren Körpers kommt von allen bekannten Stoffen der Diamant am nächs-
ten. Um einen perfekten Diamant um 1 % zu dehnen, braucht man eine Zugspannung
von 104 N/mm2 (Querschnittsfläche senkrecht zur Zugrichtung); das entspricht etwa dem
Gewicht einer 1000-kg-Masse pro mm2 .

Translation und Rotation. Um die Dynamik eines Massenpunkts zu beschreiben, hat es


genügt, alle wirksamen Kräfte an dem einen Punkt angreifen zu lassen, der den Ort des
Teilchens charakterisiert. Bei einem starren Körper wird das komplizierter.
Einen Eindruck davon, wie kompliziert das Verhalten eines ausgedehnten starren Kör-
pers sein kann, liefert Abb. 7.1. Ähnliche Beispiele für Bewegungen unter dem Ein-
fluss der Schwerkraft sind das Fallen eines Blattes, der Flug eines Bumerangs, die Be-
wegungen eines Kunstturners (idealisiert als starrer Körper mit Gelenken) usw. Allen
diesen Beispielen ist gemeinsam, dass sich nicht nur der Körper als Ganzes im Raum
fortbewegt, sondern dass er sich gleichzeitig auch um eine Achse dreht, deren Lage
im Körper sich im Lauf der Zeit ändern kann. Dieses Verhalten ist charakteristisch für
die Bewegung eines ausgedehnten Körpers, der nicht an irgendeiner Stelle festgehalten
wird.
216 7 Starre Körper

Abb. 7.1 Bewegungen ausgedehnter Körper. Stroboskopische Aufnahme eines in die Luft geworfe-
nen Trommelschlegels (Bildfolgefrequenz 1/60 s). Die durchgezogene parabolische Kurve bezeich-
net die Bahn des Schwerpunkts, während der Schlegel frei durch die Luft fliegt. Auf den gestrichelten
Kurventeilen wird er noch bzw. wieder in der Hand gehalten. (Photo: H. E. Edgerton, MIT; aus: A. P.
French, Newtonsche Mechanik, Verlag de Gruyter, Berlin, New York, 1995)

Um einen Überblick über die Bewegungsmöglichkeiten starrer Körper zu gewinnen,


untersuchen wir ein einfaches Beispiel. In Abb. 7.2 sieht man eine Kreisscheibe, die auf
einem Lufttisch reibungsfrei gleiten kann. An dieser Scheibe sollen kurzzeitig Kräfte F in
der Scheibenebene angreifen. Das lässt sich am einfachsten durch an der Scheibe passend
befestigte Magnete realisieren, auf die man mit anderen Magneten Kräfte ausübt. Die
von der Kraft verursachte Bewegung hängt in charakteristischer Weise von der Richtung
und vom Angriffspunkt der Kraft ab. Wirkt sie in Richtung eines Radiusvektors r vom
Mittelpunkt zum Angriffspunkt der Kraft oder antiparallel zu r, so wird die Scheibe nur
translatorisch beschleunigt (Abb. 7.2a). Wenn die Kraft jedoch eine Komponente senkrecht
zu r besitzt, wird die Scheibe außerdem noch in Rotation mit einer Winkelbeschleunigung
ω̇ versetzt (Abb. 7.2b). Durch Probieren findet man heraus, dass sich die Scheibe in
reine Rotation ohne Translation versetzen lässt (a = 0, ω̇ 9= 0), wenn man zwei Kräfte
gleicher Größe, aber mit entgegengesetzter Richtung und mit gleichem Abstand vom
Mittelpunkt anwendet, die nicht parallel zu einem Radiusvektor sind (Abb. 7.2c). Eine
solche Kräftekombination nennt man Kräftepaar.
7.1 Bewegung starrer Körper 217

Abb. 7.2 Bewegungsformen einer Kreisscheibe auf dem Lufttisch unter dem Einfluss von Kräften
(Aufsicht, r Ortsvektor vom Mittelpunkt zum Angriffspunkt der Kraft F): (a) Nur Translation mit
Linearbeschleunigung a; (b) Translation mit a, und gleichzeitige Rotation mit Winkelbeschleunigung
ω̇; (c) nur Rotation mit ω̇

Bei den Versuchen in Abb. 7.2b und 7.2c ist vorausgesetzt, dass die Kräfte nur für eine
ganz kurze Zeit wirken, die klein ist im Vergleich zur Umdrehungszeit der Scheibe. Sie
dreht sich dann während der Krafteinwirkung nur um einen kleinen Winkel (9ϕ - π),
so dass der Winkel ϕ zwischen F und r währenddessen praktisch unverändert bleibt.

Linienflüchtigkeit der Kräfte. Um die Beobachtungen in Abb. 7.2 auf eine quantitative
Basis zu stellen, werden wir zwei neue Begriffe einführen, nämlich die Linienflüchtig-
keit einer Kraft und, im nächsten Abschnitt, das Drehmoment. Mit Linienflüchtigkeit ist
gemeint, dass die an einem starren Körper angreifende Kraft in ihrer eigenen Richtung
beliebig vorwärts oder rückwärts verschoben werden kann, ohne dass sich an der Wirkung
der Kraft auf den Bewegungszustand des Körpers etwas ändert. Das sieht man anhand
von Abb. 7.3a ein. Dort soll an einem starren Körper im Punkt P1 die Kraft F 1 wirken.
In einem beliebigen Punkt P2 , der auf der Geraden liegt, die durch P1 geht und die Rich-
tung des Vektors F 1 besitzt, lässt man zusätzlich die gleichgroßen Kräfte F ,1 und −F ,1
wirken. Diese beiden Kräfte kompensieren sich, da sie am gleichen Punkt P2 angreifen.
Sie ändern daher die Bewegung des starren Körpers nicht. Nun fassen wir in Gedanken
die Kraft F 1 im Punkt P1 und die Kraft −F ,1 im Punkt P2 zusammen. Wäre der Körper
nicht starr, so würden diese beiden Kräfte die Entfernung P1P2 vergrößern. Wegen seiner
Starrheit erleidet der Körper durch die beiden Kräfte aber keinerlei Veränderung. Damit
218 7 Starre Körper

A
P1 P2

Abb. 7.3 Zur Linienflüchtigkeit einer Kraft, (a) Prinzip, (b) Nachweis der Linienflüchtigkeit von
Kräften

heben die Wirkungen dieser beiden Kräfte sich auch gegenseitig auf, und es bleibt als
einzige wirksame Kraft F ,1 am Punkt P2 übrig. Sie hat demnach die gleiche Wirkung wie
die Kraft F 1 am Punkt P1 . Man kann das auch folgendermaßen ausdrücken: Eine Kraft
besitzt am starren Körper keinen festen Angriffspunkt, sondern eine Angriffslinie, und
jeder Punkt dieser Linie kann mit gleichem Recht als Angriffspunkt betrachtet werden.
Diese Eigenschaft der Kräfte am starren Körper nennt man Linienflüchtigkeit.
Mit der in Abb. 7.3b skizziertenVorrichtung lässt sich das Phänomen der Linienflüchtig-
keit experimentell prüfen. Eine runde Metallscheibe ist um eine zu ihr senkrechte, horizon-
tal liegende Achse A leicht drehbar und besitzt eine Anzahl Löcher 1, 2, . . ., 1, , 2, , . . ., die
auf parallelen, vertikalen Reihen angebracht sind. Diese Reihen haben paarweise gleichen
Abstand von der Achse A. In die Löcher können gleich große Metallgewichte eingesteckt
werden. Steckt man zum Beispiel ein solches Gewicht in die Öffnung 1, so versucht es,
die Scheibe linksherum zu drehen. Einstecken eines gleich großen Gewichts in 1, dreht
sie entsprechend in die entgegengesetzte Richtung. Beide Gewichte gleichzeitig in 1 und
1, belassen die Scheibe in ihrer Ruhelage. Dieser Zustand ändert sich nicht, wenn man das
eine Gewicht aus der Öffnung 1 in die Löcher 2, 3, 4, 5 umsteckt. Dabei verschiebt sich
nämlich nur der Angriffspunkt der vertikal nach unten wirkenden Kraft in der Kraftrich-
tung. Man sieht ohne Weiteres, dass die Scheibe ebenfalls im Gleichgewicht bleibt, wenn
man etwa gleiche Gewichte in die Öffnungen 7 und 7, oder 7 und 8, oder in 8 und 7, bzw.
6, hineinsteckt.

7.2 Drehmoment
In Abschn. 4.4 wurde das Drehmoment für Zentralbewegungen von Massenpunkten defi-
niert. Unter der Einwirkung eines Drehmoments ändert sich der Bahndrehimpuls des Mas-
senpunkts. Für die Drehbewegungen starrer Körper können entsprechende Gesetzmäßig-
keiten formuliert werden.

Definition des Drehmoments. Wir wollen zunächst ein quantitatives Maß für das Zustan-
dekommen der Drehbewegung eines starren Körpers unter der Wirkung einer Kraft finden.
Dazu betrachten wir noch einmal eine Kreisscheibe (Abb. 7.2b). Das Experiment wird
übersichtlicher, wenn wir die in diesen Beispielen auftretende Translation unterbinden,
indem wir die Scheibe drehbar auf eine feste Achse stecken, die senkrecht zur Scheiben-
7.2 Drehmoment 219

T T

Abb. 7.4 Zur Definition des Drehmoments (a), Vektorcharakter des Drehmoments (b)

ebene durch ihren Mittelpunkt geht. Dann ergibt die Beobachtung Folgendes: Durch eine
im zuvor erklärten Sinn (9ϕ - π) kurzzeitig einwirkende Kraft erzeugt man eine Win-
kelbeschleunigung ω̇ = dω/dt. Diese wird umso größer, je größer das Produkt aus dem
Betrag F der Kraft und der Projektion r sin ϕ des Ortsvektors r ihres Angriffspunkts auf
einen zu F senkrechten Durchmesser ist (Abb. 7.4a). Die Größe r sin ϕ bezeichnet man als
Hebelarm der Kraft F. Was hier am Beispiel einer Kreisscheibe erläutert wurde, gilt auch
für beliebig geformte Körper. Dann ist r der senkrecht auf der Drehachse stehende Vek-
tor von dort zum Angriffspunkt der Kraft. Das Produkt T = rF sin ϕ wird Drehmoment
genannt.
Das Drehmoment hat Vektorcharakter, weil sich mit der Umkehrung der Kraftrichtung
oder der Richtung des Vektors r auch der Drehsinn umkehrt. Es liegt daher nahe, die
Beziehung T = rF sin ϕ als Vektorprodukt zu schreiben,
T = r × F. (7.1)
Das Drehmoment T ist also ein Vektor der (im Sinn einer Rechtsschraube) senkrecht
auf der von r und F aufgespannten Ebene steht (Abb. 7.4b). Die durch ein Drehmoment
erzeugte Winkelbeschleunigung ω̇ ist ebenfalls ein Vektor. Er zeigt im Rechtsschrauben-
sinn in Richtung der Drehachse. Das Drehmoment hat dieselbe Einheit wie die Energie,
nämlich Nm. Man verwendet hier zweckmäßigerweise nicht die Einheit J als Abkürzung
für Nm, um auf diese Weise das Drehmoment deutlich von der Energie zu unterscheiden.
220 7 Starre Körper

T’
T

T’

Abb. 7.5 Spiegelung von polaren (r, F) und axialen (T = r × F) Vektoren. T ergibt sich durch
Drehen von r nach F im Rechtsschraubensinn, (a) T ⊥ Spiegel; (b) T > Spiegel.

Der Vektor T des Drehmoments hat einen anderen Charakter als der Ortsvektor r oder
der Kraftvektor F. Im Gegensatz zu diesen kehrt sich nämlich bei einer einmaligen Spie-
gelung an einer Ebene der Drehsinn von T um. Aus einer Rechtsschraube beim Drehen
von r in die Richtung von F wird dabei eine Linksschraube beim Drehen von r , nach
F , (Abb. 7.5). Dasselbe gilt bei der Inversion eines (kartesischen) Koordinatensystems
am Ursprung (x → −x, y → −y, z → −z), was einer dreifachen Spiegelung an den
drei Koordinatenebenen yz, zx und xy entspricht. (Bitte machen Sie sich das durch eine
Zeichnung klar.)
Vektoren, deren Drehsinn sich bei einmaliger Spiegelung oder Inversion umkehrt, nennt
man axiale Vektoren. Andere, bei denen das nicht geschieht, bzw. solche, die keinen Dreh-
sinn haben, heißen polare Vektoren. Polare Vektoren sind zum Beispiel Ortsvektoren, Ge-
schwindigkeit, Beschleunigung, Kraft, Impuls, elektrisches Feld, Gravitationsfeld. Axiale
Vektoren sind Winkelgeschwindigkeit, Drehimpuls, magnetisches Feld (s. Bd. 2) usw. Um
axiale von polaren Vektoren zu unterscheiden, kennzeichnen wir sie, wenn irgend möglich,
"
$
in graphischen Darstellungen mit ihrem Drehsinn ↑ von der Seite,
" von der Spitze
!
'
und vom Ende her gesehen. Manchmal benutzen wir hierfür auch nur einen gebogenen
Pfeil (z. B. Abb. 7.2).

Messung von Drehmomenten. Die Messung von Drehmomenten geschieht normaler-


weise durch Bestimmung des Kraftvektors F und des senkrecht auf der Drehachse ste-
henden Ortsvektors r seines Angriffspunkts sowie des Winkels zwischen beiden Vektoren
7.2 Drehmoment 221

A
T

Abb. 7.6 Zur Drehmoment-Messung, (a) mit Federwaage, (b) mit Spiralfeder (F Kraft, r Hebelarm,
r , Federauslenkung, A Drehachse)

(Abb. 7.6a). Dann erhält man T nach Gl. (7.1). Es gibt aber auch sogenannte Drehmoment-
Aufnehmer. Anstelle der Anzeige (r , ) einer Federwaage mit der Federkonstante k nach
Abb. 7.6a benutzt man die Verdrillung (Winkel α) einer Spiralfeder als Messgröße für T
(Abb. 7.6b). In diesem Fall ergibt sich für das Drehmoment
r × F = r × kr , = rkr , sin 9 (r, r , ) e⊥ .
Dabei ist e⊥ der Einheitsvektor in Richtung des Drehmoments. Da für r , - r die Nähe-
rung r , = r sin α gilt, ergibt sich bei kleinen Verdrillungswinkeln (sin α ≈ α) und mit
sin 9 (r, r , ) ≈ 1 (s. Abb. 7.6b)
|T | = kr 2 α.
Mit dem Richtmoment (s. Kap. 5) D = kr 2 folgt für kleine Verdrillungswinkel
|T | = Dα. (7.2)
Das Richtmoment D wird häufig auch Direktionsmoment oder auch Winkelrichtgröße
oder Torsionskonstante (Einheit Nm/rad) genannt. Anstelle der in Abb. 7.6b dargestellten
Spiralfeder verwendet man oft auch einen Torsionsdraht oder Torsionszylinder (Näheres
in Kap. 9).
Den Vektorcharakter des Drehmoments erkennt man sehr gut an dem bekanntenVersuch
mit einer Garnrolle (Abb. 7.7). Zieht man am Faden in horizontaler Richtung, so bewegt sie
sich auf die ziehende Hand zu. Zieht man dagegen am Faden hinreichend steil nach oben,
so läuft die Rolle in der umgekehrten Richtung fort. Die Drehachse ist bei einer so gelager-
ten Rolle nicht ihre Symmetrieachse, sondern ihre Berührungslinie mit der Auflagefläche.
Das Drehmoment ist, wie man in der Figur sieht, in beiden Fällen entgegengesetzt ge-
richtet. Bei einer ganz bestimmten schrägen Richtung des Fadens kommt überhaupt kein
Drehmoment zustande, da die Richtung der Kraft dann durch die Drehachse geht. Dieser
Fall stellt den Übergang zwischen Rechts- und Linksdrehung der Rolle dar, die sich jetzt
überhaupt nicht dreht, sondern nur rutscht. Berechnen Sie für diesen Fall zur Übung den
Winkel β zwischen F und der Vertikalen als Funktion des inneren und äußeren Radius
der Garnrolle (Ergebnis: β = arcsin(Ri /Ra )). Das für den Laien verblüffende Verhalten
einer Garnrolle zeigt sehr anschaulich den qualitativen Unterschied zwischen einer Kraft
und einem Drehmoment. Bei der Kraft wissen wir aus Newtons Grundgesetz der Me-
chanik, dass die durch sie erzeugte Beschleunigung immer in Richtung der Kraft erfolgt.
Beim Drehmoment hingegen hängt der Drehsinn der auftretenden Rotation von der re-
222 7 Starre Körper

T T

Abb. 7.7 Drehmomente beim Ziehen einer Garnrolle

lativen Orientierung zwischen r und F ab. Der Betrag von T ist außerdem proportional
zum Abstand zwischen der Drehachse und der Angriffslinie der Kraft. Den Zusammen-
hang zwischen T und der dadurch bewirkten Winkelbeschleunigung ω̇ besprechen wir in
Kap. 8.

7.3 Massenmittelpunkt und Schwerpunkt


Grundgesetz der Mechanik für starre Körper. Die Definition des Drehmoments in
Gl. (7.1) zeigt, dass es für bestimmte Winkel zwischen r und F, nämlich für ϕ = 0 und
ϕ = π verschwindet. Dann erfährt der Körper gemäß Abb. 7.2a nur eine Translation,
aber keine Rotation. Untersucht man bei einem beliebig geformten Körper, in welchen
Richtungen eine Kraft an verschiedenen Angriffspunkten angreifen muss, um nur eine
Translation ohne Rotation zu erzeugen, so findet man, dass die Fluchtlinien dieser Kräfte
sich alle in einem Punkt S schneiden (Abb. 7.8). Das gilt auch für dreidimensionale Körper,
wie sich leicht experimentell verifizieren lässt. Wir wollen untersuchen, was diesen Punkt
S auszeichnet.
Es liegt nahe, hier Newtons Grundgesetz F = ma auf den Körper als Ganzes anzuwen-
den. Bei einer reinen Translation sind nämlich die Beschleunigungsvektoren aller Punkte
eines starren Körpers nach Größe und Richtung einander gleich. Wir denken uns den
Körper aus lauter Massenpunkten mit Massen mi an den Orten r i zusammengesetzt, auf
die jeweils eine Kraft F i wirkt. Dann gilt für jeden dieser Massenpunkte

d2 r i
F i = mi .
dt 2
7.3 Massenmittelpunkt und Schwerpunkt 223

S
S

S
S

Abb. 7.8 Definition des Massenmittelpunkts. Jeder der gezeichneten Kraftvektoren erzeugt eine
rotationsfreie Translation.

Summation über alle diese Kräfte ergibt eine resultierende Kraft


G G d2 r i
F ges = Fi = mi .
i i
dt 2
Für zeitlich unveränderliche Massen mi können wir stattdessen auch schreiben
d2 G
F ges = 2 mi r i . (7.3)
dt i
Diese Gesamtkraft ist gleich der von außen auf den Körper wirkenden Kraft F a , da nach
dem Reaktionsgesetz F ij = −F ji die Kräfte zwischen je zwei Teilchen i und j des Körpers
sich paarweise zu null addieren. Für F ges bleiben daher nur die Kräfte F ai übrig, die von
außen auf die Teilchen wirken. Die Summe dieser Kräfte ist also gleich der äußeren. Kraft
F a . Wenn man Newtons Grundgesetz der Mechanik für die Gesamtmasse M = mi des
Körpers in der Form i

d2 r S
Fa = M = M aS (7.4)
dt 2
schreibt und dies mit Gl. (7.3) vergleicht, so folgt für den hierdurch definierten Vektor r S
. .
mi r i mi r i
i
rS = . = i . (7.5)
mi M
i
Es ist der Ortsvektor des Punktes S.

Massenmittelpunkt. Die reine Translationsbewegung eines starren Körpers unter dem


Einfluss einer äußeren Kraft F a lässt sich also mit einer einheitlichen Beschleunigung aS
eines Punktes am Ort r S beschreiben, in dem die gesamte Masse M des Körpers vereinigt
gedacht wird. Dieser Punkt heißt Massenmittelpunkt (englisch: center of mass). Man
kann ihn berechnen, indem man nach Gl. (7.5) ein gewichtetes Mittel der Orte r i aller
Massenelemente mi des Körpers bildet. Der Massenmittelpunkt wird oft auch Schwer-
punkt genannt. Hierauf kommen wir gleich noch zurück. Abb. 7.9 zeigt einige Beispiele
224 7 Starre Körper

Abb. 7.9 Massenmittelpunkte =


∗ einiger Körper

für die Lage von Massenmittelpunkten. Sie können in manchen Fällen auch außerhalb des
Körpers liegen wie beim Ring, bei der Brezel oder beim Becher. Will man die Lage des
Massenmittelpunkts berechnen, so verwendet man die Definitionsgleichung (7.5) und er-
setzt bei einem ausgedehnten Körper die Summe durch ein Integral über dessenVolumen V
-
1
rS = r dm (7.6)
M
V
bzw. bei konstanter Dichte mit dm = ρdV
-
G
rS = r dV . (7.7)
M
V
Das Integral lässt sich nur in wenigen Fällen analytisch ausrechnen. Für bestimmte, geome-
trisch einfache Körper kann man den Massenmittelpunkt auch durch Symmetriebetrach-
tungen finden. Wie man ihn experimentell bestimmt, werden wir gleich noch besprechen.
Der Vollständigkeit halber seien hier auch die Ausdrücke für Geschwindigkeit v S und
Beschleunigung aS des Massenmittelpunkts angegeben. Man erhält sie durch Differen-
zieren des Ortsvektors (Gl. (7.5)) nach der Zeit:
. .
mi dr i /dt mi v i
dr S
vS = = i = i , (7.8)
dt M M
. .
2 mi d2 r i /dt 2 mi ai
d rS i i
aS = = = . (7.9)
dt 2 M M
Auch hier kann man wie in Gl. (7.6) von der Summe zum Integral übergehen.
7.3 Massenmittelpunkt und Schwerpunkt 225

Abb. 7.10 Grundgesetz der Mechanik für


einen starren Körper

Als Nächstes verdeutlichen wir uns die Aussage der Gl. (7.4), F a = M aS , an demselben
einfachen Beispiel. In Abb. 7.10 wirke eine äußere Kraft F a auf die Masse m3 in Richtung
ihrer Verbindungslinie mit dem Massenmittelpunkt S. Diese Kraft bewirkt nach unseren
Beobachtungen (s. Abb. 7.2a und 7.8) eine reine Translation des gesamten aus m1 , m2 und
m3 bestehenden starren Körpers. An jeder der drei Teilmassen sind alle wirkenden Kräfte
eingezeichnet. Wie bei der Ableitung von Gl. (7.3) erläutert wurde, kompensieren sich die
inneren Kräfte F ij wegen Newtons Reaktionsgesetz jeweils paarweise. Man stelle sich vor,
die drei Massen seien durch Federn verbunden, die bei Kompression oder Dilatation an ih-
ren Enden entgegengesetzt gleiche Kräfte ausüben. (Allerdings erfordert unser Modell des
starren Körpers sehr harte Federn, die praktisch keine Verformungen erlauben.) Newtons
Grundgesetz der Mechanik (7.3) lautet für unser Beispiel bei zeitlich konstanten Massen
d2 (m1 r 1 + m2 r 2 + m3 r 3 )
F a = (m1 + m2 + m3 )
dt 2 (m1 + m2 + m3 )
d2 r 1 d2 r 2 d2 r 3
= m1 + m2 + m3 = m1 a1 + m2 a2 + m3 a3 .
dt 2 dt 2 dt 2
Da bei einem starren Körper die Beschleunigungen für alle seine Teile gleich sein müs-
sen, nämlich a1 = a2 = a3 = aS , können wir aS ausklammern und erhalten dann
F a = (m1 + m2 + m3 ) aS = M aS .
Der Begriff des Massenmittelpunkts erlaubt es also, das Grundgesetz in der Form
F a = M aS für die Translationsbewegung eines ausgedehnten starren Körpers als Ganzes
zu verwenden. Auch sei daran erinnert, dass der Begriff des Massenmittelpunkts bzw. des
gleich anschließend zu besprechenden Schwerpunkts bei der Beschreibung von Stoßpro-
zessen zwischen Körpern eine große Rolle spielt. Sie lassen sich im Schwerpunktsystem
einfacher beschreiben als in anderen Koordinatensystemen.

Schwerpunkt. Wir wollen jetzt verstehen lernen, warum der Massenmittelpunkt oft auch
Schwerpunkt (englisch: center of gravity) genannt wird. Damit sei derjenige Punkt be-
zeichnet, an dem man einen ausgedehnten Körper aufhängen oder unterstützen muss, so
dass er sich anschließend nicht bewegt oder dreht. Dabei soll nur die Schwerkraft auf den
226 7 Starre Körper

T1 T2

Abb. 7.11 Zur Lage des Schwerpunkts einer Massenverteilung

Körper wirken, aber keine sonstigen Kräfte. Wir wollen jetzt zeigen, dass der Schwerpunkt
in einem homogenen Gravitationsfeld mit dem Massenmittelpunkt identisch ist.
Dazu betrachten wir in Abb. 7.11 einen einfachen Körper aus zwei kugelförmigen
Massen, die durch eine masselose starre Stange verbunden seien. Die Anordnung befinde
sich nahe der Erdoberfläche, wo wir Betrag und Richtung der Schwerebeschleunigung g
in guter Näherung als konstant annehmen können. Gesucht ist der Punkt S, an dem die
Anordnung aufgehängt oder unterstützt werden kann, ohne dass sie sich dreht. Das ist
offenbar dann der Fall, wenn keine resultierenden Drehmomente auf den Körper wirken.
Die Kraft F 1 auf die Masse m1 greift in ihrem Mittelpunkt an und ist gleich m1 g; entspre-
chend gilt F 2 = m2 g. Die Drehmomente um einen zunächst noch beliebigen Punkt S auf
der Verbindungsgerade sind nach Gl. (7.1)
T 1 = r 1 × F1 und T 2 = r2 × F2 .
Einsetzen von F 1 und F 2 ergibt
T 1 = r1 m1 g(sin α1 )ez , T 2 = r2 m2 g(sin α2 )ez
(s. Abb. 7.11), wobei ez ein senkrecht zur Zeichenebene nach hinten gerichteter Einheits-
vektor ist. Da sin α2 = − sin α1 ist, gilt für die Summe der Drehmomente
T ges = (r1 m1 − r2 m2 )(sin α1 )gez .
Dieser Ausdruck und damit jede resultierende Drehbewegung verschwindet genau dann,
wenn r1 m1 = r2 m2 bzw. r1 /r2 = m2 /m1 wird. In diesem Fall wird die Verbindungs-
linie durch den Punkt S im umgekehrten Verhältnis der beiden Massen geteilt. Das gilt
für jede beliebige Winkellage der Anordnung, denn es ist stets α1 − α2 = 180◦ , also
sin α1 = − sin α2 . Die Bedingung r1 m1 g − r2 m2 g = 0 bzw. m1 gr 1 + m2 gr 2 = 0, die
auch Hebelgesetz genannt wird, ist äquivalent zu unserer Definitionsgleichung (7.5) für
die Lage r S des Massenmittelpunkts. Verschwindet das resultierende Drehmoment, so ist
der Unterstützungspunkt der Schwerpunkt S in einem homogenen Gravitationsfeld, und
dieser stimmt mit dem Massenmittelpunkt überein.
Bisher haben wir bei der Anordnung in Abb. 7.11 nur die Drehmomente diskutiert. Wie
sieht es mit den Kräften aus? Die resultierende Kraft F ges = (m1 + m2 )g wird durch
eine gleich große Gegenkraft in der Aufhängung oder der Unterstützung kompensiert,
7.3 Massenmittelpunkt und Schwerpunkt 227

Abb. 7.12 Die Lage des Schwerpunkts


vieler Massenelemente

wenn sich der Körper nicht bewegt. Die Addition von Kräften an einem starren Körper
besprechen wir ausführlich im nächsten Abschnitt.
Die Übereinstimmung von Massenmittelpunkt und Schwerpunkt bei der Anordnung in
Abb. 7.11 gilt natürlich nur, wenn die Schwerebeschleunigung g homogen ist. Würde am
Ort der Masse m1 eine nach Größe oder Richtung andere Schwerebeschleunigung wirken
als an der Masse m2 , so verliert die oben durchgeführte Betrachtung ihre Gültigkeit. Dann
liegen der durch r S = (m1 r 1 + m2 r 2 )/M definierte Massenmittelpunkt und der durch
r 1 × m1 g 1 + r 2 × m2 g 2 = 0 bestimmte Schwerpunkt an verschiedenen Stellen. Wie
in Kap. 6 besprochen wurde, sind die Änderungen von Betrag und Richtung von g auf
der Erdoberfläche von der Größenordnung 10−7 und fallen somit nur bei sehr genauen
Messungen ins Gewicht. Wir wollen uns daher dem üblichen Sprachgebrauch anschließen
und auf der Erde die Begriffe Massenmittelpunkt und Schwerpunkt synonym verwenden.
Die Betrachtung der Abb. 7.11 lässt sich leicht auf mehr als zwei Einzelmassen erwei-
tern. Dann lautet die Bedingung verschwindenden Gesamtdrehmoments
G G
Ti = mi r i × g i = 0,
i i
wobei r i der Ortsvektor vom Schwerpunkt zum Massenelement mi ist und g i die Schwere-
beschleunigung am Ort r i . Für g i = ge r = const mit dem Einheitsvektor er in Richtung
zum Erdmittelpunkt erhält man (Abb. 7.12)
G G
Ti = g mi r i × er = 0.
i i
Bei einer kontinuierlichen Massenverteilung mit der Dichte G kann man über das Volumen
V integrieren und erhält als Definitionsgleichung für den Schwerpunkt
-
1
T ges = G(r × g)dV = 0. (7.7)
V
V
Dieses Integral lässt sich allerdings nur in besonders einfachen Fällen analytisch ausrech-
nen.
Als Beispiel sei die Berechnung des Schwerpunkts eines homogenen geraden Kreis-
kegels angeführt. Wir machen die Achse des Kegels, dessen Höhe h sei, zur x-Achse
228 7 Starre Körper

Abb. 7.13 Zur Berechnung des Schwer-


punkts eines Kegels

eines kartesischen Koordinatensystems (Abb. 7.13) und zerlegen den Kegel in eine An-
zahl dünner, zur Grundfläche paralleler Scheiben der Dicke dx. Die im Abstand x von
der Kegelspitze gelegene Scheibe hat die Masse dm = Gπy2 dx, wenn G die Dichte und
y den Radius der Scheibe bedeuten. Der Schwerpunkt S, der aus Symmetriegründen auf
der Achse des Kegels liegen muss, habe von der Spitze 0 den Abstand ξ . Die betrachtete
Kreisscheibe übt dann in Bezug auf den Schwerpunkt das Drehmoment Ggπy2 (ξ − x)dx
aus, wobei (ξ − x) der Kraftarm ist. Das Integral dieses Ausdrucks, erstreckt über den
ganzen Kegel, liefert dann die Summe der Drehmomente aller Kreisscheiben, die wir nach
Gl. (7.7) gleich null zu setzen haben:
-h -h -h
2 2
Gπg y (ξ − x)dx = 0 oder ξ y dx − xy2 dx = 0.
0 0 0
Nun ist beim Kegel y = const · x, und damit wird
-h -h
2
ξ x dx − x3 dx = 0
0 0

oder nach Ausführung der Integration ξ h3 /3 = h4 /4, woraus ξ = 3h/4 folgt. Der
Schwerpunkt des Kreiskegels liegt also auf seiner Achse, ein Viertel der Höhe über seiner
Grundfläche. Dieses Ergebnis gilt auch für den Schwerpunkt einer geraden Pyramide der
Höhe h. In ähnlicher Weise findet man, dass der Schwerpunkt einer Halbkugel um drei
Achtel des Radius vom Kugelmittelpunkt entfernt ist (zur Übung empfohlen).
Die experimentelle Bestimmung des Schwerpunkts eines beliebig geformten Körpers
ist relativ einfach. Man hängt den Körper, zum Beispiel eine Birne, an einem beliebigen
Punkt P auf (Abb. 7.14). Die Kraft F g der Erdanziehung können wir uns nach Gl. (7.4),
F g = M aS , im Schwerpunkt S konzentriert denken. Liegt dieser nicht senkrecht unter P
(Abb. 7.14a), so übt F g ein Drehmoment T g = r ×F g um eine horizontale Achse durch P
–"
aus (r = PS). Dieses Drehmoment verschwindet, sobald sich der Körper so weit gedreht
hat, dass S senkrecht unter P liegt bzw. F g in der Verlängerung von r (Abb. 7.14b). Man
kennt somit eine Strecke (PP , ) im Körper, auf der S liegen muss. Hängt man ihn jetzt
nochmal an einem anderen Punkt R auf, so gilt die gleiche Überlegung (Abb. 7.14c). Der
Schwerpunkt S ist der Schnittpunkt der beiden Strecken PP , und RR, . Bei kompakten
und unregelmäßig geformten Körpern muss man Schnittzeichnungen anfertigen, um die
Lage des Schwerpunkts im Inneren zu bestimmen, wie es in Abb. 7.14 angedeutet ist.
7.4 Hauptsatz der Statik starrer Körper 229

P P R

P S
P’
S T
S
T T R’
g
g

g
P’
g

Abb. 7.14 Experimentelle Bestimmung des Schwerpunkts einer Birne

Die Schnittebenen müssen die Strecken PP , bzw. RR, enthalten, können aber im Übrigen
beliebig orientiert sein. Ihre Schnittgerade geht stets durch S.

7.4 Hauptsatz der Statik starrer Körper


Addition von Kräften. Wir wollen uns jetzt der Frage zuwenden, welche Bewegung
ein starrer Körper unter dem Einfluss mehrerer, in beliebigen Punkten und Richtungen
angreifender Kräfte ausführt. Wie wir sehen werden, hat dieses Problem eine sehr einfache
Lösung:
• Die Bewegung eines starren Körpers unter dem Einfluss von beliebigen Kräften lässt sich
zurückführen auf eine Translation seines Schwerpunkts durch eine resultierende Kraft
F ges und eine Rotation um seinen Schwerpunkt durch ein resultierendes Drehmoment
T ges .
Wir beweisen diesen Hauptsatz der Statik starrer Körper zunächst für Kräfte, die in einer
Ebene liegen wie in Abb. 7.2. Später wird das Ergebnis auf beliebig im Raum orientierte
Kräfte verallgemeinert.
Wir betrachten zunächst zwei an verschiedenen Punkten A und B in verschiedener
Richtung angreifende Kräfte F 1 und F 2 (Abb. 7.15a). Nach dem in Abb. 7.3a erläuterten
Prinzip der Linienflüchtigkeit von Kräften kann man diese bis zu ihrem Schnittpunkt P ,
zurückverschieben (F ,1 , F ,2 ), ohne dass sich an der durch die Kräfte bestimmten Bewe-
gungsmöglichkeit des Körpers etwas ändert. Sodann lassen sich die beiden Kräfte nach
dem in Abschn. 3.2 besprochenen Kräfteparallelogramm zu einer resultierenden Kraft
F ,1+2 zusammensetzen. Deren Angriffspunkt kann wieder längs ihrer Richtung beliebig
verschoben werden, zum Beispiel bis zum Punkt P auf der Verbindungslinie AB der An-
griffspunkte von F 1 und F 2 . Dann erhält man in Abb. 7.15a die Kraft F 1+2 . Wirken mehr
als zwei Kräfte auf den Körper, so lässt sich mit ihnen paarweise nach diesem Rezept
verfahren, bis man nur noch eine einzige resultierende Kraft übrig behält. Falls dabei
der Schnittpunkt P , außerhalb des Körpers liegt, spielt es für das Ergebnis keine Rolle.
Dies ist in Abb. 7.15a durch den gestrichelten Umriss des kleineren Körpers angedeutet.
230 7 Starre Körper

P’
P’

A B
A B
P

Abb. 7.15 Addition zweier nicht paralleler Kräfte an einem starren Körper

Sofern es nämlich irgendeine materielle Verbindung zwischen den Punkten A und B gibt,
lässt sich immer ein Angriffspunkt der Kraft F 1+2 finden, der innerhalb dieser Verbin-
dung liegt. Das erkennt man auch in Abb. 7.15b: Größe und Richtung der Gesamtkraft
F 1+2 sind unabhängig davon, ob die obere gestrichelte Hälfte des Kreisrings vorhan-
den ist oder nicht. (Dagegen hängt die von F 1+2 dem Körper erteilte Beschleunigung
natürlich von seiner Masse ab und damit vom Vorhandensein oder Fehlen der gestrichel-
ten Hälfte.)
Das soeben erläuterte Verfahren zur Kräfteaddition versagt, wenn die Kräfte paral-
lel oder antiparallel gerichtet sind. Dann liegt der Schnittpunkt ihrer Verlängerungsli-
nien im Unendlichen. In diesen Fällen behilft man sich mit dem in Abb. 7.16 erläuter-
ten Trick. Man addiert in den Punkten A und B zwei beliebige entgegengesetzt gerich-
tete gleich große Hilfskräfte f 1 und f 2 . Diese kompensieren sich in ihrer Wirkung und
ändern am Bewegungszustand des starren Körpers nichts. Mit den resultierenden Kräften
F ∗1 = F 1 +f 1 , und F ∗2 = F 2 +f 2 lässt sich dann wieder so verfahren wie in Abb. 7.15. We-
gen f 1 = −f 2 heben sich die Hilfskräfte bei der Gesamtkraft F 1+2 = F ∗1 +F ∗2 = F 1 +F 2
wieder heraus.
Auch dieses Verfahren mit den Hilfskräften versagt, wenn die wirksamen Kräfte anti-
parallel und gleich groß sind. Dann rückt der Schnittpunkt der Verlängerungen von F ∗1
und F ∗2 ins Unendliche. In diesem Fall und nur in diesem lassen sich die beiden Kräfte
nicht zu einer Resultierenden vereinigen. Sie stellen ein Kräftepaar dar, das, wie wir aus
dem Experiment (Abb. 7.2c) wissen, eine reine Drehung bewirkt. Diese erfolgt um eine
Achse, die senkrecht zur Ebene der beiden Kräfte steht (Abb. 7.17). Das Drehmoment
T kp des Kräftepaares setzt sich additiv aus den Drehmomenten der beiden Einzelkräfte
gemäß Gl. (7.1) zusammen:
l l
T kp = T F1 + T F2 = × F1 − × F2.
2 2
Mit F 1 = −F 2 und |F 2 | = |F 1 | = F folgt hieraus
T kp = l × F 2 = lF sin 9 (l, F 2 )e⊥ ,
wobei e⊥ ein Einheitsvektor im Rechtsschraubensinn (l → F 2 ) senkrecht zur von F 1 und
F 2 bestimmten Ebene ist. Um welche Achse das Kräftepaar den Körper dreht, werden wir
gleich noch besprechen.
7.4 Hauptsatz der Statik starrer Körper 231

P’

A B
P

P A
B

P’

Abb.7.16 Addition paralleler Kräfte am starren Körper, (a) gleichgerichtete, (b) entgegengerichtete
Kräfte

Abb. 7.17 Drehmoment eines Kräftepaares


232 7 Starre Körper

Wir haben bisher gezeigt, dass sich in einer Ebene mehrere auf einen starren Körper
wirkende Kräfte zu einer resultierenden Gesamtkraft zusammensetzen lassen. Dabei bleibt
eventuell ein Kräftepaar übrig, das ein Drehmoment erzeugt.

Addition und Verschiebung von Drehmomenten. Als nächsten Schritt zum Beweis des
Hauptsatzes der Statik starrer Körper wollen wir die Zusammensetzung von Drehmo-
menten besprechen, die durch Kräftepaare erzeugt werden. Zunächst wird gezeigt, dass
sich Kräftepaare und die mit ihnen verbundenen Drehmomente in der Ebene beliebig ver-
schieben lassen, ohne am Bewegungszustand des Körpers etwas zu ändern. In Abb. 7.18
betrachten wir die Drehung eines starren Körpers durch ein Kräftepaar (F 1 , F 2 ) um den
Mittelpunkt M seiner Verbindungslinie AB. Wir drehen den Körper in Gedanken um
den Winkel α, wobei die Strecke AB nach A, B, gelangt. An diesen Punkten des Körpers
bringen wir die entgegengesetzt gleich großen Kräfte F ,1 und F ,,1 sowie F2 , und F2,, an,
deren Wirkungen sich paarweise aufheben. Dann addieren wir F 1 und F ,,1 zu F ∗1 sowie F 2
und F ,,2 zu F ∗2 . Die Kräfte F ∗1 und F2∗ liegen in Richtung der Winkelhalbierenden von α
und kompensieren sich gegenseitig. Übrig bleiben F ,1 und F ,2 , die ein gegenüber dem ur-
––
sprünglichen Kräftepaar gedrehtes Paar bilden und dasselbe Drehmoment T , = A,"B, ×F ,2
–"
um dieselbe Achse wie das ursprüngliche Drehmoment T = AB × F 2 . Die Drehung ei-
nes Kräftepaares um seinen Mittelpunkt ändert also nichts an seiner Wirkung auf die
Bewegungsmöglichkeiten des Körpers.
Nach der Drehung eines Kräftepaares um seinen Mittelpunkt besprechen wir nun seine
Verschiebung in der Ebene. In Abb. 7.19 sei das Kräftepaar (F 1 , F ,1 ) mit dem Abstand AB
seinerAngriffspunkte gegeben. Wir wollen es durch ein anderes Kräftepaar (F B , F ,C ) erset-
zen, das in den Punkten B und C angreift. Dazu denken wir uns in B die Kräfte F B und F ,B
hinzugefügt, in C die Kräfte F C und F ,C . Diese sollen alle vier gleich groß und paarweise
einander entgegengerichtet sein, so dass ihre Wirkung auf die Bewegungsmöglichkeiten
des Körpers verschwindet. Wenn wir |F C |/|F 1 | = AB/BC wählen, so kompensieren sich
die Drehmomente von F C und F 1 um B gemäß dem in Abb. 7.11 erläuterten Hebelgesetz.

A’

T =T’ B
A M

B’

Abb. 7.18 Drehung eines starren Körpers durch ein Kräftepaar


7.4 Hauptsatz der Statik starrer Körper 233

B
C
A T1 T2

Abb. 7.19 Verschiebung eines Kräftepaares in der Ebene

Außerdem sind die Kräfte (F ,1 + F ,B ) sowie (F 1 + F C ) gleich groß, so dass der Körper als
Ganzes durch sie keine Kraft erfährt. Es bleiben also nur noch die Kräfte F B und F ,C als
wirksam übrig. Damit haben wir das Drehmoment T 1 = ABF1, ez in das Drehmoment T z
= BCFC, ez = BC FB ez umgewandelt, ohne an der Bewegungsmöglichkeit des Körpers
etwas zu ändern. Der Mittelpunkt der Strecke BC in Abb. 7.19 hängt von der freien Wahl
des Punktes C ab. Wir können es daher auch so einrichten, dass er der Schwerpunkt S des
Körpers ist.
Mit Hilfe der in den Abb. 7.18 und 7.19 beschriebenen Verfahren können wir jedes
an einer beliebigen Strecke eines Körpers angreifende Kräftepaar durch ein in derselben
Ebene liegendes äquivalentes ersetzen, dessen Mittelpunkt der Schwerpunkt des Körpers
ist. Man könnte nun folgende Vermutung haben: Unter dem Einfluss eines an zwei beliebi-
gen Punkten angreifenden Kräftepaares erfährt ein Körper immer eine Drehung um seinen
Schwerpunkt. Aufgrund mangelnder Alltagserfahrung sind wir geneigt, diese Vermutung
anzuzweifeln. Sie lässt sich jedoch mit einem beliebig geformten ebenen Körper auf dem
Lufttisch leicht beweisen (Abb. 7.20a). Auf einer Grundplatte GP ist eine vertikale Glas-
scheibe GS fest montiert. Durch zwei gegenüberliegende versetzt angeordnete Düsen DU
wird Pressluft senkrecht auf die Platte geblasen. Die Düsen sind relativ zueinander durch
einen Bügel B fixiert, der sie immer im gleichen senkrechten Abstand von der Platte hält,
der aber parallel zur jeweiligen Lage ihrer Ebene verschiebbar ist. Schaltet man den Luft-
strom ein, so beginnt sich die Anordnung (GP + GS) um ihren Schwerpunkt S zu drehen,
unabhängig davon, wo die Luft aus dem Düsenpaar auf die Glasscheibe trifft. Man kann
das Düsenpaar beliebig längs der Glasscheibe verschieben oder um eine zu ihr senkrechte
Achse drehen, ohne dass die Rotationsachse der Anordnung von der Vertikalen durch S
abweicht. In Abb. 7.20b ist die Glasscheibe von oben gesehen skizziert. Das Kräftepaar der
Luft aus den Düsen ist mit (F 1 , F ,1 ) bezeichnet. Rechnerisch ergibt sich, dass die Summe
der Drehmomente T (T) der gleichgroßen Kräfte F 1 und F ,1 um den Punkt T gleich der
Summe ihrer Drehmomente T (S) um den Schwerpunkt S ist:
r1 − r1, r1 − r1, ,
T F(T) + T (T)
Fi = F 1 e z + F 1 ez = (r1 − r1, )F1ez ,
1
2 2
(S) (S)
T F1 + T Fi = r1 F1 ez + r1, F1, (−ez ) = (r1 − r1, )F1 ez .
234 7 Starre Körper

GS

B DU
DU DU
S GS

S DU
GP

Abb. 7.20 Zur Wirkung eines exzentrischen Kräftepaares, (a) Versuch auf dem Lufttisch, (b) Be-
rechnung der Drehmomente (Aufsicht)

Würde die Drehung des Körpers in Abb. 7.20b nicht um S, sondern um den Mittelpunkt
T des Kräftepaares erfolgen, so müsste sich dabei der Schwerpunkt S selbst um T drehen.
Auf S wirkt aber keine Kraft. Daher kann S nach Newtons Grundgesetz der Mechanik
auch nicht beschleunigt, also nicht in Bewegung gesetzt werden.
Wir haben jetzt gezeigt, dass sich jedes an einer beliebigen Strecke eines starren Körpers
angreifende Kräftepaar durch ein äquivalentes Kräftepaar in derselben Ebene mit dem
Schwerpunkt des Körpers als Mittelpunkt ersetzen lässt. Wirken mehrere Kräftepaare an
verschiedenen Stellen, so können wir sie demnach alle mit ihren Mittelpunkten in den
Schwerpunkt transformieren. Da sie nach Abb. 7.18 auch um ihren Mittelpunkt gedreht
werden können, lassen sie sich dann alle parallel stellen. Schließlich kann man die Kräfte
aller dieser Paare seitenweise addieren und kommt zu folgendem Resultat:
• Die Wirkung aller in einer Ebene an einem Körper angreifenden Kräftepaare lässt sich
durch ein einziges Kräftepaar mit S als Mittelpunkt ersetzen.

Hauptsatz der Statik starrer Körper. Als letzten Schritt für den Beweis dieses Satzes be-
trachten wir jetzt die Wirkung einer einzelnen nicht im Schwerpunkt angreifenden Kraft F
und ihr Drehmoment (Abb. 7.21). Ohne die Bewegungsmöglichkeit des Körpers zu ändern,
können wir im Schwerpunkt S zwei gleich große, entgegengesetzte Kräfte F , und F ,, an-
bringen. Dann fassen wir F und F , zu einem Kräftepaar zusammen. Nach den Abb. 7.17
und 7.19 entspricht dieses einem Drehmoment T = l ×F = lF sin 9 (l, F)e⊥ und bewirkt
eine Drehung um S. Außer diesem Drehmoment liefert die Kräftebilanz noch eine unkom-
pensierte Kraft F ,, , die am Schwerpunkt angreift und dadurch seine Translation bewirkt.
Wir haben damit den Hauptsatz der Statik starrer Körper für beliebige in einer Ebene
liegende Kräfte vollständig bewiesen und geben hier noch einmal das „Rezept“ an: Man
fasse alle am Körper angreifenden Kräfte nach dem Verfahren der Abb. 7.15 und 7.16
paarweise zusammen:
– Es resultiert eine Einzelkraft F ges und ein oder mehrere Kräftepaare.
– Die Einzelkraft F ges wird nach Abb. 7.21 in den Schwerpunkt transformiert.
– Die Kräftepaare werden nach Abb. 7.18 so gedreht, dass die Verlängerung ihrer Hebel-
arme l durch den Schwerpunkt S geht. Dann werden sie nach Abb. 7.19 verschoben, so
dass l von S halbiert wird. Schließlich werden sie in dieser Lage wieder nach Abb. 7.18
gedreht, so dass alle ihre Hebelarme auf einer Linie liegen.
7.4 Hauptsatz der Statik starrer Körper 235

Abb. 7.21 Zur Wirkung einer nicht am


Schwerpunkt angreifenden Einzelkraft

– Die jeweils parallel gerichteten Einzelkräfte der verschiedenen Kräftepaare werden


dann wieder paarweise addiert, für jede Hälfte der Kräftepaare getrennt.
– Es resultiert ein einzelnes Kräftepaar mit dem Drehmoment T ges und dem Schwerpunkt
als Mittelpunkt.
Damit ist die Wirkung aller an einem Körper in einer Ebene angreifenden Kräfte auf eine
im Schwerpunkt S angreifende Gesamtkraft F ges und ein Kräftepaar (F, F , ) mit dem
Mittelpunkt S und dem Drehmoment T ges zurückgeführt.
Es bleibt noch übrig zu zeigen, dass dieses Verfahren auch für Kräfte mit beliebiger
Orientierung im Raum anwendbar ist: Die Addition von nicht koplanaren Kräften stellt
kein besonderes Problem dar. Zunächst transformieren wir alle Kräfte nach Abb. 7.21 in
den Schwerpunkt des Körpers. Die schon in Abschn. 4.4 erläuterte Zusammensetzung
von Kraftvektoren, die von einem Punkt ausgehen, lässt sich selbstverständlich auch für
nicht in einer Ebene liegende Kräfte durchführen. So erhalten wir die im Schwerpunkt
angreifende Gesamtkraft F ges (Abb. 7.22a).
Auch alle Kräftepaare kann man nach Abb. 7.18 und 7.19 mit ihren Mittelpunkten in
den Schwerpunkt verschieben (Abb. 7.22b). Dort lassen auch sie sich zu einem einzigen
resultierenden Kräftepaar zusammenfassen. Das machen wir uns in Abb. 7.23 klar. Das
in der x-y-Ebene liegende Kräftepaar (F 1 , F ,1 ) mit Hebelarm l1 und Drehmoment T 1 in
z-Richtung soll zu dem in der y-z-Ebene liegenden Paar (F 2 , F ,2 ) addiert werden, dessen

KP4

S S
KP3

KP2

KP1

Abb. 7.22 Zusammensetzung


# von nicht in einer Ebene liegenden Kräften, (a) resultierende Ge-
samtkraft F ges = F i , (b) mehrere mit ihren Mittelpunkten in den Schwerpunkt S verschobene
Kräftepaare
236 7 Starre Körper

T1 T1

T2 T2

T3 T1
T1

T2 T2

Abb. 7.23 Addition von Kräftepaaren, die in verschiedenen Ebenen liegen, (a) → (b) Drehung,
(b) → (c) Reduktion, (c) → (d) Addition

Hebelarm l2 beträgt und dessen Drehmoment T 2 in x-Richtung liegt (Abb. 7.23a). Wir
führen die Addition der beiden Kräftepaare in drei Schritten durch:
– Zunächst drehen wir das Kräftepaar (F 2 , F ,2 ) gemäß Abb. 7.18 um die x-Achse nach
,
(F ∗2 , F 2∗ ), so dass auch l2 parallel zur y-Achse liegt (Abb. 7.23b).
– Dann „reduzieren“ wir das Kräftepaar (F 1 , F ,1 ), so dass sein Hebelarm l1 gleich l2
wird (Abb. 7.23c). Dies erreicht man durch Verkürzen von l1 auf l2 bei gleichzeitiger
Vergrößerung von F 1 und F ,1 um den Faktor l1 /l2 auf F ∗1 und F ,∗ 1 . Dabei bleibt nämlich
das Drehmoment des Kräftepaares unverändert: T vor 1 = l 1 F nach = l F ∗ e
1 ez , T 1 2 1 z
= l2 (l1 /l2)F1 ez .
– Schließlich addiert man die Kräfte: F ∗1 + F ∗2 = F 3 und F ,∗ ,∗ ,
1 + F 2 = F 3 (Abb. 7.23d).
Das Kräftepaar (F 3 , F 3 ) ist nun äquivalent zur Summe von (F 1 , F 1 ) und (F 2 , F ,2 ).
, ,
Sein Drehmoment T 3 ist die vektorielle Summe aus T 1 und T 2 .
Nach diesem Rezept können wir alle Kräftepaare in Abb. 7.22b paarweise addieren.
Wir haben somit in den Abb. 7.15 bis 7.23 ein graphisches Verfahren zur Beschreibung
der Wirkungen von Kräften entwickelt, die in beliebiger Zahl, Größe und Richtung an
einem starren Körper angreifen. Wenn der Körper frei ist, so erfolgt eine Beschleuni-
gung seines Schwerpunkts unter der Wirkung der resultierenden Gesamtkraft sowie eine
Winkelbeschleunigung um den Schwerpunkt unter der Wirkung des resultierenden Ge-
samtdrehmoments. Dieses Verfahren leistet bei vielen Problemen der Festkörpermechanik
gute Dienste. Wir werden es unter anderem im nächsten Abschnitt bei der Behandlung
des mechanischen Gleichgewichts benutzen.
7.5 Mechanisches Gleichgewicht 237

7.5 Mechanisches Gleichgewicht


Definition des Gleichgewichtszustandes. In Abschn. 6.3 haben wir den Gleichgewichts-
zustand einfacher mechanischer Geräte, wie z. B. einer Waage oder eines Hebels mit dem
Prinzip der virtuellen Verrückungen diskutiert. Dabei sprachen wir von Gleichgewicht,
wenn die Kräfte so verteilt sind, dass der Waagebalken oder der Hebelarm sich nicht be-
wegt. Die physikalische Definition des Gleichgewichts starrer Körper beruht ebenfalls
auf den Kräften, die an einem Körper angreifen, ist aber etwas weitergehend als die Cha-
rakterisierung der Umgangssprache: „Keine Bewegung“. Die physikalische Definition
lautet:
• Ein starrer Körper befindet sich im mechanischen Gleichgewicht, wenn keine Kräfte
und keine Drehmomente auf ihn wirken.

In Formeln ausgedrückt:
G
Fi = 0 (7.8)
i

und
G G
Ti = r i × F i = 0. (7.9)
i i

Die erste dieser Gleichgewichtsbedingungen besagt nach Newtons Grundgesetz der Me-
chanik in der Form (7.3), dass die Beschleunigung des Schwerpunkts eines Körpers unter
der Wirkung aller an ihm angreifenden Kräfte verschwindet. Das heißt aber nicht, dass
er in Ruhe bleiben muss. Er kann sich durchaus mit gleichförmiger Geschwindigkeit ge-
genüber einem Inertialsystem bewegen. Insofern geht die physikalische Definition über
die alltägliche hinaus. So befindet sich zum Beispiel ein im intergalaktischen Raum frei
fliegender Körper physikalisch gesprochen praktisch im Gleichgewicht; denn es wirken
nur sehr schwache Kräfte auf ihn. .
Die zweite Gleichgewichtsbedingung (7.9), i T i = 0, besagt, dass auch die Rotation
des Körpers um seinen Schwerpunkt oder um irgendeine andere feste Achse gleichförmig
sein muss. Das heißt, seine Winkelbeschleunigung muss verschwinden; er kann aber trotz-
dem mit konstanter Winkelgeschwindigkeit rotieren.

VerschiedeneArten des Gleichgewichts. Die Gleichgewichtsbedingungen (7.8) und (7.9)


bedürfen noch einer Ergänzung. Sowohl die Kräfte, die an einem Körper angreifen, als
auch die Drehmomente sind im Allgemeinen ortsabhängig. Ob ein Körper im Gleich-
gewicht ist oder nicht, kann also von seiner Lage im Raum relativ zu seiner Umgebung
abhängen; genauer gesagt, von der Lage seines Schwerpunkts, wie wir im Abschn. 7.3
gesehen haben. In Abb. 7.24 ist das am Beispiel eines um eine horizontale Achse drehbar
aufgehängten Quaders erläutert. Im Teilbild (a) geht die Achse durch den Schwerpunkt S,
in Teilbild (b) liegt sie oberhalb, in Teilbild (c) unterhalb von ihm. Im ersten Fall ist der
Körper in jeder Lage im Gleichgewicht, denn die resultierende Schwerkraft F g greift in
S an und erzeugt daher kein Drehmoment um den Schwerpunkt bzw. um die Achse. Die
Kraft F g wird in diesem Fall nach Newtons Reaktionsprinzip durch die Gegenkräfte F r
in den Lagern der Achse kompensiert: F g + 2F r = 0.
238 7 Starre Körper

S
S S S
S
T

Abb. 7.24 Verschiedene Arten des Gleichgewichts, (a) indifferent, (b) stabil, (c) labil bzw. instabil.
In Teilbild (b) und (c) ist unten die Lage des Schwerpunkts als Funktion von x skizziert.

In Abb. 7.24b herrschen die gleichen Verhältnisse wie im Teilbild (a), wenn S senkrecht
unter der Achse liegt. Wegen der Linienflüchtigkeit von F g kann man dann ihren Angriffs-
punkt von S in die Achse verschieben (s. Abb. 7.3a). Kippt man den Körper jedoch um
einen Winkel α aus dieser Ruhelage heraus in die gestrichelte Position, so liegt S nicht
mehr senkrecht unter der Achse. Dann lässt sich F g gemäß Abb. 7.21 durch eine gleich
große, an der Achse angreifende Kraft und durch ein Drehmoment um die Achse ersetzen.
Dieses dreht den Körper, wenn man ihn sich selbst überlässt, aus der gestrichelten Lage in
die Gleichgewichtslage zurück. Schließlich ist noch der Fall (c) der Abb. 7.24 denkbar, in
dem S genau senkrecht über der Achse liegt. Auch dann wirkt kein Drehmoment auf den
Körper. Wenn man Glück hat oder geschickt ist, lässt er sich eine Zeitlang in dieser Lage
halten. Jede Abweichung von S nach der Seite erzeugt jedoch ein Drehmoment, dessen
Größe mit dieser Abweichung zunimmt, und der Körper kippt (gestrichelt) in die Gleich-
gewichtslage des Teilbilds (b) zurück. In den Fällen (b) und (c) wächst |T | = rFg sin α mit
zunehmendem Winkel α(<π/2) an. Die Richtung von T wirkt jedoch in (b) stabilisierend,
in (c) destabilisierend bezüglich der jeweils mit durchgezogenen Linien dargestellten Lage
des Körpers. Man nennt daher diese Position in (b) eine stabile Gleichgewichtslage, in (c)
eine labile oder instabile; im Fall (a) spricht man von indifferentem Gleichgewicht.
Offensichtlich besteht ein Zusammenhang zwischen der Art des Gleichgewichts und
der potentiellen Energie Ep des Körpers. Auf der Erde gilt Ep = mgh, wobei h die Höhe
des Schwerpunkts über der Erdoberfläche ist. Diese in Kap. 6 für einen Massenpunkt
abgeleitete Beziehung können wir nach den Ausführungen im Abschn. 7.3 auf die im
Schwerpunkt vereinigt gedachte Gesamtmasse des Körpers übertragen. Beim indifferen-
ten Gleichgewicht (Abb. 7.24a) ist die Höhe h des Schwerpunkts und damit die potentielle
Energie des Körpers unabhängig von seiner Winkelposition. Die horizontale Koordinate
des Schwerpunkts sei x. Beim stabilen Gleichgewicht nimmt h einen Minimalwert an,
und es gilt dEp /dx = 0, d2 Ep /dx2 > 0. Beim labilen Gleichgewicht ist h maximal:
dEp /dx = 0, d2 Ep/dx2 < 0.
Die Erfahrung lehrt, dass ein Körper nach einer kleinen Störung seiner Lage immer von
selbst in den stabilen Gleichgewichtszustand übergeht, sofern er sich nicht im indifferenten
Gleichgewicht befindet. Abb. 7.25 zeigt ein Beispiel dazu. Das stabile Gleichgewicht
entspricht, wie gesagt, immer einem lokalen Minimum der potentiellen Energie.
7.5 Mechanisches Gleichgewicht 239

Abb. 7.25 Beispiele zu den verschiedenen Arten des Gleichgewichts

S S
S

Abb. 7.26 Zum Minimalprinzip der potentiellen Energie, (a) Stehaufmännchen, (b) bergauf lau-
fender Doppelkegel in Seitenansicht und in Aufsicht (h ist die Höhe des Schwerpunkts S über der
horizontalen Unterlage.)

Von diesem Bestreben aller Körper, ein Minimum von Ep bezüglich der Erdoberfläche
anzunehmen, wird beim Stehaufmännchen und bei der bergauf laufenden Rolle Gebrauch
gemacht (Abb. 7.26). Auch die Standfestigkeit von Körpern ist eine Folge des Minimal-
prinzips. In Abb. 7.27a steht ein Quader stabil, weil die Höhe h seines Schwerpunkts S
über der Unterlage etwas kleiner ist als in der gekippten Position (b). Um ihn in diese
Lage zu bringen, ist eine Kraft F mit einem Drehmoment T F = r × F notwendig,
dessen Größe sich folgendermaßen berechnen lässt. Wenn die Kraft F am Schwerpunkt
angreift, gelingt es ihr, den Körper in die Lage (b) mit der größten Höhe h von S zu
kippen, sofern |T F | = |r × F| = r⊥ F mindestens gleich dem Betrag des Drehmoments
der Gewichtskraft |T Fg | = |r × F g | = r|| Fg um die rechte untere Kante ist. Daraus
folgt, dass F mindestens gleich (r|| /r⊥ )Fg sein muss. Je kleiner also das Verhältnis von
Breite B zu Höhe H des Quaders ist, desto leichter kippt er in die Lage (c) um; das ist
eine Alltagserfahrung. Man bezeichnet das Gleichgewicht in der Lage (a) daher als me-
tastabil. Die Kraft 3verrichtet
√ beim Kippen
+ von der Stellung (a) in die Stellung (b) die
Arbeit Fg 9h = mg H 2 + B2 − H /2. Sobald der Körper dabei über die Stellung (b)
hinausgekippt ist, wirkt das Drehmoment der Gewichtskraft rechtsdrehend anstatt links-
drehend. Ein Quader der in Abb. 7.27d gezeigten Art fällt daher von selbst um, weil sein
Schwerpunkt nicht über seiner Grundfläche liegt.

Beispiele zu den Gleichgewichtsbedingungen. Wir besprechen jetzt einige quantitative


.
Beispiele,
. die den Nutzen der Gleichgewichtsbedingungen (7.8) und (7.9), i F i = 0
und i T i = 0, zeigen. Deren Hauptanwendungsgebiete finden sich im Hoch-, Tief- und
Maschinenbau, wo es um die Stabilität von Konstruktionselementen geht. Dabei spielt
240 7 Starre Körper

T
S
S

T S

S
T

Abb. 7.27 Zur Standfestigkeit von Quadern, metastabiles (a), labiles (b) und stabiles (c) Gleich-
gewicht; instabil (d)

auch die im vorigen Abschnitt besprochene Addition von Kräften und Drehmomenten
eine große Rolle.
Als erstes Beispiel untersuchen wir die Kraftwirkung einer Zange, eines einfachen
Gerätes (Abb. 7.28a), das hier als eine Vorrichtung zum Festhalten eines Werkstücks
betrachtet wird, das aber auch, wie in Abschn. 6.3 als Werkzeug zur Verrichtung von
Arbeit genutzt werden kann. Welche Kräfte F B = −F ,B wirken auf das eingeklemmte
Objekt, wenn an den Griffen die Kräfte F A = −F ,A angreifen? Im Gleichgewicht gilt
für einen Zangenarm (Abb. 7.28b) F A + F B + F C = 0 beziehungsweise FA + FB
− FC = 0 und T A + T B = a × F A + b × F B = 0 bzw. aFA − bFB = 0. Daraus
folgt FB = (a/b)FA und FC = FA (1 + a/b). Die am Objekt wirksame Kraft F B steigt
also proportional zum Übersetzungsverhältnis a/b. Seiner beliebigen Vergrößerung steht

Abb. 7.28 Kräfteverhältnisse an einer Zange,


TA TB (a) Kräfte, (b) Drehmomente
7.5 Mechanisches Gleichgewicht 241

Abb. 7.29 Steighöhe und Anstellwinkel einer Leiter

jedoch das entsprechende Anwachsen der Reaktionskraft F C entgegen. Diese muss kleiner
bleiben als die Belastungsgrenze des Materials am Gelenk der Zange.
Im nächsten Beispiel betrachten wir die Gleichgewichtsbedingungen für eine Leiter. In
Abb. 7.29 ist eine Leiter der Länge L und der Masse m1 (Gewichtskraft F 1 = m1 g) schräg
gegen eine Wand gelehnt. Sie wird durch Reibungskräfte Frw und F rb an Wand bzw. Boden
am Rutschen gehindert. Wir fragen, wie hoch eine Person der Masse mp (Gewichtskraft
F p = mp g) steigen kann, bevor die Leiter zu rutschen beginnt. Diese Strecke nennen
wir |rmax |; der Schwerpunkt der Leiter liege bei S. Der Schwerpunkt der Person wird zur
Vereinfachung der Rechnung in die Ebene der Leiter gelegt, das heißt, die Person soll
sich der Leiter praktisch vollständig anschmiegen. Die Reibungskräfte werden bestimmt
durch die Kräfte F w und F b von Leiter plus Person auf die Wand bzw. den Boden. Es gilt
(s. Kap. 9) Frw = μw Fw und Frb = μb Fb mit den Haftreibungskoeffizienten μw bzw.
μb , deren Größe jeweils etwa 0.5 beträgt. Für die Reaktionskräfte, die Wand bzw. Boden
auf die Leiter ausüben, gilt F ,w = −F w und F ,b = −F b . Das Koordinatensystem soll so
gewählt werden, dass die Rechnung möglichst einfach wird. Dazu wird der Nullpunkt in
den Fußpunkt der Leiter gelegt.
Nun können wir die Kraftkomponenten in x- und y-Richtung sowie die Drehmoment-
beträge (nur in z-Richtung, aus der Zeichenebene senkrecht nach vorn) um den Fußpunkt
der Leiter addieren:
Fx = −Frb + Fw, = −μb Fb + Fw, = −μb Fb, + Fw, ,
Fy = Frw − F1 − Fp + Fb, = μw Fw − F1 − Fp + Fb,
= μw Fw, − F1 − Fp + Fb, ,
Tz = LFrw sin(270◦ + α) + LFw, sin(180◦ + α) + (L/2)F1 sin(90◦ + α)
+ rFp sin(90◦ + α)
= − Lμw Fw, cos α − LFw, sin α + (L/2)Ft cos α + rFp cos α.
242 7 Starre Körper

Wenn die Person über die maximale Strecke rmax hinaus steigt, beginnt die Leiter zu
rutschen. Das Drehmoment T z wirkt dann von vorn gesehen linksdrehend. Dabei sinkt der
gemeinsame Schwerpunkt von Person und Leiter. Befindet sich die Person noch unterhalb
rmax , so wirkt das Drehmoment T z rechtsdrehend. Durch eine solche Drehung würde der
gemeinsame Schwerpunkt angehoben; es müsste Arbeit verrichtet werden. Diese Situation
entspricht stabilem Gleichgewicht (s. Abb. 7.25 und 7.27). Befindet sich die Person gerade
bei rmax , so ist das Drehmoment null. Außerdem müssen im Gleichgewicht natürlich Fx
und Fy verschwinden.
Mit diesen Bedingungen (Fx = Fy = Tz = 0) kann man die unbekannten Reakti-
onskräfte Fw, und Fb, aus den obigen Gleichungen eliminieren und erhält eine Bestim-
mungsgleichung für rmax , nämlich
9 L
L μb (F1 + Fp ) F1
rmax = (μw + tan α) − .
F p 1 + μb μw 2
Um eine große Steighöhe zu erreichen, muss man also den Fußpunkt der Leiter dicht
an die Wand stellen. Das geht jedoch nur so lange gut, wie der Schwerpunkt von Per-
son und Leiter gemäß unserer Voraussetzung links vom Fußpunkt der Leiter bleibt. An-
dernfalls ändert sich das Vorzeichen des entsprechenden Terms in Tz und die Leiter
kippt bei kleiner Steighöhe nach rechts. Setzt man in den obigen Ausdrücken für Fy
und Tz die Kraft Fp gleich null, so ergibt sich eine Bedingung für den größten Win-
kel αmax , bei dem die Leiter schon unter ihrem eigenen Gewicht rutscht, tan αmax
= (1 − μb μw )/2μb.
Als weiteres Beispiel für die Anwendung der Gleichgewichtsbedingungen betrachten
wir ein beliebtes Kinderspiel: Wie weit kann man auf dem in Abb. 7.30 skizzierten und an
den Punkten x = a und x = 0 unterstützten Balken von x = 0 aus nach rechts gehen, ohne
dass er kippt? Wir betrachten die Drehmomentbilanz um den Auflagepunkt bei x = 0.
Linksdrehend wirkt Ta = aFa /2, rechtsdrehend Tb = bFb /2 + xp Fp . Dabei sind a und b
die Längen der Balkenteile links bzw. rechts vom Nullpunkt, Fa und Fb die Gewichtskräfte
der beiden Balkenteile, xp und Fp = mp g Ort bzw. Gewichtskraft der Person rechts vom
Nullpunkt. Für die Kräfte Fa und Fb gilt bei homogener Massenverteilung im Balken
(Masse mB ) Fa /Fb = a/b und Fa + Fb = FB = mB g. Der Balken kippt nach rechts,
sobald Tb größer als Ta wird. Die maximale Entfernung xmax der Person vom Nullpunkt

Ta Tb

Abb. 7.30 Zur Gleichgewichtsbedingung an einem Balken. Die Schwerpunkte der beiden Balken-
teile liegen bei a/2 und b/2. F1 ist die Auflagekraft links.
7.5 Mechanisches Gleichgewicht 243

erhält man durch Gleichsetzen von Ta und Tb :


a b
Fa = Fb + xmax Fp .
2 2
Die Rechnung liefert
mB
xmax = (a − b).
2mp
Das gleiche Ergebnis folgt aus der Kräftebilanz mit der Bedingung F1 = 0 (s. Abb. 7.30).
Eines der ältesten Beispiele für die Anwendung der Gleichgewichtsbedingungen ist
die Balkenwaage. Zwar wird sie heute im Alltag mehr und mehr durch Federwagen mit
elektrischer Kompensation und Anzeige ersetzt, für die Präzisionsmessung von Massen
bzw. Gewichtskräften oder anderen Kräften verwendet man jedoch häufig eine der Bal-
kenwaage entsprechende Anordnung mit drei Drehpunkten. Dabei greifen die Kräfte an
einem starren Körper an, dem Waagebalken. Als Maß für ihre Größe werden die Drehmo-
mente benutzt, die die Kräfte auf den Waagebalken ausüben. In Abb. 7.31a ist das Prinzip
erläutert.
Der schraffiert gezeichnete Waagebalken trägt drei Schneiden (A, B, C), deren Kanten
senkrecht zur Zeichenebene orientiert sind. Mit der mittleren ruht er auf einem festen
Gegenlager, an den beiden äußeren hängen die Waagschalen. Der Schwerpunkt S des

E E
A S B

B’
CB’
M’
C w

A B

CA M
w S’ w
A’ S
w b

Tl Tr

Abb. 7.31 Zur Berechnung der Empfindlichkeit einer Balkenwaage, (a) Vorderansicht, (b) Prin-
zipzeichnung bei Übergewicht 9m links
244 7 Starre Körper

Waagebalkens (ohne Schalen und Gewichte) muss unterhalb der Mittelschneide liegen,
sonst wäre der Balken allein instabil. Am Waagebalken ist ein Zeiger befestigt, dessen
Stellung auf einer Skala abzulesen ist. Nun wollen wir den Winkel α des Zeigers mit der
Vertikalen berechnen, der bei einem kleinen Übergewicht der Masse 9m auf einer der
beiden Waagschalen entsteht. Die Größe ε = α/9m bezeichnet man als Empfindlichkeit
der Waage.
In Abb. 7.31b ist der Waagebalken mit den Drehpunkten der Schneiden A, C und B
skizziert. Sein geometrischer Mittelpunkt (Mittelpunkt der Strecke AB) liegt bei M , sein
Schwerpunkt bei S, seine Gewichtskraft beträgt F b = mb g, diejenige der Waagschalen
je F w = mw g. Zunächst sei die Waage im Gleichgewicht, das heißt der Balken stehe
waagrecht und der Zeigerausschlag sei null. Durch Hinzufügen der Masse 9m steigt die
Gewichtskraft der linken Schale um F 9m . Der Waagebalken wird sich dadurch um C um
einen solchen Winkel α drehen (nach A, , M , , B, in die gestrichelt gezeichnete Lage), dass
die Drehmomente T 1 und T r der Kräfte (F w + F 9m ) bzw. (F w + F b ) um den Aufhänge-
punkt C der Mittelschneide entgegengesetzt gleich groß werden. Zur Kompensation des
Drehmoments der Zusatzmasse dient also dasjenige der Waagebalkenmasse. Um α als
Funktion von 9m zu berechnen, müssen wir die Beträge dieser Drehmomente einander
gleichsetzen. Aus der Zeichnung entnimmt man die folgenden Beziehungen:
–" ,
T l = CA × (F w + F 9m ),
–" , –" ,
T r = CB × F w + CS × Fb.
Durch Gleichsetzen von Tl und Tr erhält man nach einiger Rechnung für α - π/2 und
9m - mw
l 9m
α= .
2 2CM mw + CS , mb
(Bitte prüfen Sie dies zur Übung nach. Man projiziert dazu am besten die Strecken
CA, , CB, und CS , auf eine horizontale Gerade.) An dieser Beziehung zwischen α und
9m ist zu erkennen, dass die Empfindlichkeit groß wird, wenn der Abstand CM des
Waagebalken-Mittelpunkts von seinem Aufhängepunkt sowie CS , und mb möglichst klein
werden; außerdem sollte l möglichst groß sein. Diesen einander teilweise widersprechen-
den Forderungen sind jedoch konstruktive Grenzen gesetzt. Wählt man CM = 0, lässt
also C mit M zusammenfallen, so wird α außerdem unabhängig von der Belastung mw ,
was vorteilhaft ist. Es gilt dann α = l9m/(2CS , mb ). Damit sich der Balken bei Be-
lastung nicht biegt und die Bedingung CM = 0 eingehalten wird, darf das Verhältnis
l/mb aber nicht zu groß werden. Besonders empfindliche belastungsunabhängige Waagen
haben daher relativ kurze Waagebalken.
8 Dynamik starrer Körper; Drehbewegungen

8.1 Drehimpuls
Drehimpuls eines Massenpunkts. In Kap. 4 haben wir die Zentralbewegungen eines
Massenpunkts diskutiert und gezeigt, dass der Bahndrehimpuls L = r × p des Massen-
punkts eine Konstante der Bewegung ist, wenn nur Zentralkräfte auf den Massenpunkt
wirken. Eine Änderung des Bahndrehimpulses ist nur möglich, wenn ein Drehmoment
T = r × F auf den Massenpunkt wirkt. In diesem Fall gilt der Drehimpulssatz
dL
T= . (8.1)
dt

• Die zeitliche Änderung des Drehimpulses ist gleich dem wirksamen Drehmoment.
Der Drehimpulssatz ergibt sich formal aus dem Grundgesetz der Mechanik F = ma und
gilt deshalb nicht nur für Zentralbewegungen. Wir können dieses Gesetz bei unveränder-
licher Masse m auch in der Form
dv dp
F = m· = (8.2)
dt dt
schreiben mit der Geschwindigkeit v und dem Impuls p = mv . Wenn man das Grundgesetz
der Mechanik von links vektoriell mit r multipliziert, so ergibt sich
dp
r×F = r× . (8.3)
dt
Die rechte Seite kann man nach den Regeln der Produktdifferentiation umformen:
d dr dp
(r × p) = ×p+r× . (8.4)
dt dt dt
Hier verschwindet das erste Glied auf der rechten Seite, weil
dr
× p = v × (mv ) = m(v × v ) = 0.
dt
Wir erhalten damit aus Gl. (8.3) die Beziehung (8.1).
Der Begriff des Drehimpulses ist in Abb. 8.1 für ein Teilchen der Masse m erläutert.
Offenbar hängen Größe und Richtung von L von der Wahl des Ursprungs 0 des Ortsvektors
r ab. Der Drehimpuls auf einer Bahn ist demnach keine Eigenschaft des Objekts allein,
sondern eine zusammengesetzte Größe. Sie besteht aus der Eigenschaft p = mv des
Teilchens selbst und der Lage des Bezugspunkts im Raum, von dem aus man das Teilchen
betrachtet. In dieser Hinsicht gleicht der Drehimpuls dem Drehmoment, das als Produkt
aus einem Ortsvektor r und einer Kraft F ebenfalls von der Größe und Orientierung von r
abhängt, das heißt von der Wahl der Achse, um die die Drehung erfolgt. Für die in Abb. 8.1
246 8 Dynamik starrer Körper; Drehbewegungen

dargestellte Kreisbahn (Radius r1 ) eines Teilchens ist sein Drehimpuls L1 bezüglich des
Kreismittelpunkts L1 = r1 mve z bzw. mit v = ωr1 : L1 = mωr12 ez . Man beachte, dass die
Vektoren L und ω im Allgemeinen nicht parallel zueinander stehen sondern nur für den
Spezialfall r 1 ⊥ω! Dann gilt offensichtlich
L = m r 2 · ω. (8.5)
Die Größe J = m r2
ist in diesem Fall das Trägheitsmoment des Massenpunkts auf der
Kreisbahn (s. Abschn. 8.2). Im Allgemeinen gilt hingegen eine kompliziertere Beziehung
zwischen L und ω. Sie ergibt sich aus der Definition L = r × p des Drehimpulsvektors L,
wenn man berücksichtigt, dass der Geschwindigkeitsvektor v gleich dem Vektorprodukt
von Winkelgeschwindigkeit ω und Ortsvektor r ist:
v = ω × r. (8.6)
Da p = mv , folgt:
L = mr × (ω × r). (8.7)
Setzt man hier die Vektorkomponenten für L = (Lx , Ly , Lz ), r = (x, y, z) und ω
= (ωx , ωy , ωz ) ein, so ergibt sich als Beziehung zwischen L und ω die Matrizenglei-
chung
⎛ ⎞ ⎛ ⎞ ⎛ ⎞
Lx r2 − x2 −xy −xz ωx
⎝ Ly ⎠ = m · ⎝ −xy r2 − y2 −yz ⎠ · ⎝ ωy ⎠ . (8.8)
Lz −xz −yz r 2 − z2 ωz
"
Die symmetrische 3 × 3-Matrix, multipliziert mit der Masse m, ist der Trägheitstensor J"
(vgl. Abschn. 8.2). Sie stellt eine lineare Abbildung dar, die ω auf einen Vektor mit der
(gewöhnlich nicht zur Drehachse parallelen) Richtung von L abbildet. Abgesehen von der
Richtungsänderung, zeigt diese Gleichung, ebenso wie Gl. (8.5), dass bei konstanter Win-
kelgeschwindigkeit der Drehimpuls mit dem Quadrat des Abstandes von der Drehachse
zunimmt.
Natürlich ist die Definition L = r × p des Drehimpulses nicht auf Kreisbewegungen
beschränkt. Auch die geradlinige Bewegung eines Teilchens hat bezüglich jedes außerhalb
der Geraden durch p liegenden Punktes einen Drehimpuls, wovon man sich in Abb. 8.2
überzeugen kann. Ein Drehimpuls muss so nicht mit einer unmittelbar ins Auge fallenden
Rotation verbunden sein, wie man naiverweise annehmen könnte. Der drehende Charakter
der Bewegung wird jedoch deutlich, wenn man von einem der Bezugspunkte 01 oder 02
aus die Bahn des Teilchens verfolgt.

Drehimpuls starrer Körper. Der Drehimpuls Lges eines starren Körpers setzt sich additiv
aus den Drehimpulsen Li seiner Bestandteile zusammen,
G G G
Lges = Li = r i × pi = r i × (mi v i ). (8.9)
i i i
Dies folgt aus den Vektoreigenschaften des Drehimpulses und wird in Lehrbüchern der
theoretischen Mechanik auch formal bewiesen. Wir wollen hier zunächst nur den ein-
fachsten starren Körper betrachten, der aus zwei Massenpunkten besteht, die durch eine
masselose starre Stange verbunden sind (Abb. 8.3a). Die Massenpunkte sollen um ihren
8.1 Drehimpuls 247

Abb. 8.1 Drehimpuls eines Massenpunkts


auf einer Kreisbahn.
Li = r i × p = ri p(sin ϕi )e ⊥i bezüglich ver-
schiedener Koordinatenursprünge 0i . e ⊥i ist
ein auf r i und p senkrecht stehender Einheits-
vektor, der aus Gründen der Übersichtlichkeit
nicht eingezeichnet wurde.

T
Abb. 8.2 Drehimpuls bei geradliniger Bewe-
gung. Der Impuls p des Massenpunkts T ist
zeitlich konstant. Zu den Bezugspunkten 01 ,
und 02 gehören die Drehimpulse L1 bzw. L2 .

gemeinsamen Schwerpunkt S rotieren, während S selbst in Ruhe bleibt (v s = 0). Wir


berechnen den Drehimpuls des Systems (m1 , m2 ) um einen beliebigen Bezugspunkt 0:
Lges = r 1 × (m1 v 1 ) + r 2 × (m2 v 2 ).
Nun ersetzen wir r 1 und r 2 durch die (gestrichenen) Schwerpunktkoordinaten r 1 =
r s + r ,1 , r 2 = r s + r ,2 . Das liefert
Lges = m1 (r ,1 × v 1 ) + m2 (r ,2 × v 2 ) + r s × (m1 v 1 + m2 v 2 ).
Da der Schwerpunkt in Ruhe bleiben soll, das heißt v s = (m1 v 1 + m2 v 2 )/(m1 + m2 ) = 0,
verschwindet der letzte Term. Der Gesamtdrehimpuls des Körpers um den Punkt 0 setzt
sich also additiv aus den beiden Einzeldrehimpulsen Li = mi (r ,i × v i ) = r ,i × pi der
Massenpunkte um den Schwerpunkt zusammen und ist unabhängig von der speziellen
Wahl des Bezugspunkts. Dies ist aber nur richtig, wenn der Schwerpunkt selbst in Ruhe
bleibt, was wir vorausgesetzt hatten.
248 8 Dynamik starrer Körper; Drehbewegungen

Abb. 8.3 Zum Drehimpuls eines um seinen ruhenden Schwerpunkt rotierenden starren Körpers,
(a) Prinzip, (b) Drehimpuls eines Fahrrad-Vorderrads

Die Berechnung lässt sich ohne Weiteres auf mehr als zwei Massenpunkte übertra-
gen und gilt daher für jeden starren Körper. Als Beispiel betrachten wir den Drehim-
puls eines Fahrrads, das als Ganzes ruht, aber dessen Vorderrad rotiert (Abb. 8.3b). Der
Drehimpuls des Vorderrads um die eigene Achse hat dieselbe Größe und Richtung wie
zum Beispiel um die Achse des Tretlagers oder des Hinterrads, solange nur der Schwer-
punkt des Vorderrads ruht. Diese Feststellung widerspricht der naiven Anschauung, der
Drehimpuls müsse in der Drehachse des rotierenden Objekts liegen. Darin zeigt sich je-
doch nur, wie wenig vertraut uns der Begriff des Drehimpulses aus dem täglichen Leben
ist.
Als Nächstes betrachten wir wieder unseren einfachen, aus zwei Massenpunkten beste-
henden starren Körper, nun aber mit bewegtem Schwerpunkt (v s 9= 0, Abb. 8.4). Es gilt

Abb. 8.4 Zum Drehimpuls eines Körpers,


dessen Schwerpunkt sich bewegt
8.1 Drehimpuls 249

wieder
Lges = L1 + L2 = r 1 × (m1 v 1 ) + r 2 × (m2 v 2 ).
Wir ersetzen r i und v i durch die (gestrichenen) Schwerpunktsgrößen r i = r s + r ,i ,
v i = v s + v ,i . Dann ergibt sich
Lges = (r s + r ,1 ) × m1 (v s + v ,1 ) + (r s + r ,2 ) × m2 (v s + v ,2 )
= r ,1 × m1 v ,1 + r ,2 × m2 v ,2 + (m1 r ,1 + m2 r ,2 ) × v s
+ r s × (m1 v ,1 + m2 v ,2 ) + r s × (m1 + m2 )v s .
Im letzten Ausdruck verschwindet die erste Klammer (m1 r ,1 + m2 r ,2 ), weil gemäß der
Definition des Schwerpunkts in Abschn. 7.3 (m1 r ,1 + m2 r ,2 )/M = r ,s = 0 gilt. Auch die
zweite Klammer verschwindet, denn (m1 v ,1 + m2 v ,2 ) ist die Zeitableitung der Schwer-
punktskoordinate r ,s in seinem eigenen Ruhesystem. Es bleiben nur die beiden ersten und
das vierte Glied übrig, also
Lges = r ,1 × p,1 + r ,2 × p,2 + r s × (m1 + m2 )vs .
Hier beschreiben die beiden ersten Glieder die Drehimpulse L,i der beiden Teilchen um
ihren gemeinsamen Schwerpunkt in seinem Bezugssystem. Das dritte Glied ist nichts
anderes als der Drehimpuls Ls = r s ×M v s des Schwerpunkts bezüglich des Bezugspunkts
0 im („ruhenden“) Laborsystem. Unser Ergebnis lautet also
. ,
Lges = Li + Ls . (8.10)
Auch hier steht der Verallgemeinerung auf mehr als zwei Massenpunkte, das heißt auf
einen ausgedehnten starren Körper nichts im Weg, was durch das Summenzeichen schon
angedeutet ist.
Gl. (8.10) ist ein bemerkenswertes Ergebnis, weil . der Gesamtdrehimpuls sich in zwei
Teile aufspalten lässt, von denen der eine, nämlich L,i , um den Schwerpunkt unabhängig
von der Wahl des Koordinatensystems ist. Er enthält nur die gestrichenen Größen des
Schwerpunktsystems und wird auch Eigendrehimpuls Le des Körpers genannt. Dagegen
ist der zweite Teil Ls , der die Bewegung des Schwerpunkts im Laborsystem beschreibt,
von der Wahl des Bezugspunkts 0 abhängig; er heißt Bahndrehimpuls Lb . Die Beziehung
(8.10) lautet dann
Lges = Le + Lb . (8.11)
Wir veranschaulichen uns die Bedeutung von Eigen- bzw. Bahndrehimpuls an der Bewe-
gung einer Hantel inAbb. 8.5. Bitte verifizieren Sie zur Übung die angegebenenAusdrücke
für Eigen- und Bahndrehimpuls. Mit diesem Wissen sind wir jetzt schon bald in der Lage,
die komplizierte Bewegung des Trommelschlegels in Kap. 7 (Abb. 7.1) zu verstehen, mit
der wir unsere Betrachtungen zur Dynamik starrer Körper begonnen hatten. Erfahrungen,
die zum rechten unteren Teilbild der Abb. 8.5 passen, kann man beim Tanz auf einem
Karussell machen oder in entsprechenden anderen „Volksfestmaschinen“. Aus der Ab-
bildung wird deutlich: Der Eigendrehimpuls ändert die Orientierung eines Körpers im
Raum, der Bahndrehimpuls nicht.

Drehimpulserhaltung. Für einen Massenpunkt hatten wir die Beziehung (Gl. (8.1))
dL
T=
dt
250 8 Dynamik starrer Körper; Drehbewegungen

S
S

Abb. 8.5 Gesamtdrehimpuls einer Hantel, (a) Eigendrehimpuls Le = 0, Bahndrehimpuls Lb 9= 0,


(b) Le 9= 0 und Lb 9= 0. Links geradlinige, rechts Kreisbewegung des Schwerpunkts S. Im rechten
unteren Bild sind vier Momentaufnahmen für ω = Ω gezeigt.

hergeleitet. Wie jetzt gezeigt wird, gilt Gl. (8.1) in derselben Form auch für einen starren
Körper, wenn man für L die Summe aus seinem Eigendrehimpuls Le und seinem Bahn-
drehimpuls Lb einsetzt. Für einen einzelnen Massenpunkt war T das Drehmoment der
von außen auf diesen Massenpunkt wirkenden Kraft. Bei einem starren Körper üben auch
seine Bestandteile gegenseitig Kräfte aufeinander aus, z. B. solche, die ihn zusammenhal-
ten, oder auch jene Kräfte, die aufgrund der äußeren Kraft auf einen Massenpunkt von
diesem auf andere Massenpunkte des Körpers übertragen werden. Solche inneren Kräfte
können im Prinzip auch Drehmomente erzeugen, die den Drehimpuls des Körpers nach
Gl. (8.1) ändern würden. Nun existiert aber zu jeder Kraft F ij eines Massenpunkts i auf
einen Massenpunkt j eine gleich große Gegenkraft F ji des Massenpunkts j auf den Mas-
senpunkt i. Die Drehmomente dieser inneren Kräfte heben sich daher paarweise auf. Es
kommt also nur auf das Drehmoment T a der von außen auf den Körper wirkenden Kräfte
an. Für den starren Körper können wir folglich den Drehimpulssatz in der folgenden Form
schreiben:
d
T a = (Le + Lb ). (8.12)
dt
Falls von außen keine Drehmomente auf den Körper einwirken, ändert sich der Gesamt-
drehimpuls L = Le +Lb nicht mit der Zeit. In diesem Fall bleibt also der Gesamtdrehimpuls
8.1 Drehimpuls 251

zeitlich konstant:
Le + Lb = const. (8.13)

Experimente zur Drehimpulserhaltung. Von der Gültigkeit des Erhaltungssatzes des


Drehimpulses überzeugt man sich durch folgende Versuche: Wir setzen uns auf einen
möglichst reibungsfreien Drehschemel und bringen uns durch Abstoßen in Rotation um
eine vertikale Achse. Strecken wir während dieser Drehung die Arme in horizontaler
Richtung aus, so vergrößern wir den Abstand einiger Körperteile von der Drehachse. Da
der Drehimpuls erhalten bleibt, verringert sich gemäß Gl. (8.5) die Winkelgeschwindig-
keit unseres Körpers. Werden die Arme an den Körper herangezogen, so erhöht sich die
Winkelgeschwindigkeit wieder auf den anfänglichen Wert (Abb. 8.6). Man verwendet für
dieses Experiment einen Drehschemel mit möglichst geringer Reibung. Noch auffälliger
wirkt der Versuch, wenn man in jede Hand ein Gewichtsstück der Masse 1 bis 2 kg nimmt.
In ähnlicher Weise verlangsamt eine Tänzerin oder Schlittschuhläuferin ihre Winkelge-
schwindigkeit durch Ausstrecken der Arme bzw. des freien Beines. Auch beim Sport spielt
die richtige Veränderung des Trägheitsmoments überall da eine Rolle, wo es sich um Dreh-
bewegungen des Körpers handelt. Wenn der Reckturner bei der Kippe den Schwerpunkt
des Körpers näher an die Reckstange als Drehachse bringt, erhöht er die Winkelgeschwin-
digkeit um die Stange und erreicht dadurch den notwendigen Schwung zum Einnehmen
des Stützes. Führt ein Springer einen Salto aus, so springt er in gestreckter Haltung ab
und zieht während des Sprunges den Körper zusammen. Durch diese Verkleinerung seines
Trägheitsmoments erhöht sich seine Winkelgeschwindigkeit so stark, dass der Körper eine
oder mehrere volle Umdrehungen ausführt. Wenn der Springer sich im geeigneten Au-
genblick wieder streckt, landet er mit entsprechend verringerter Winkelgeschwindigkeit
auf dem Boden.
Wir setzen uns nun wieder auf einen Drehschemel und nehmen in die linke Hand
die Achse eines einzelnen Rades von einem Fahrrad, dessen Felge mit einer Bleieinlage
versehen ist. Die Achse halten wir, wie es Abb. 8.7a zeigt, vertikal. Rad und Schemel,
die nebst der darauf befindlichen Person ein annähernd – in Bezug auf Drehungen um
die Schemelachse (z-Richtung) – abgeschlossenes System bilden, also ein System, auf
das von außen keine Drehmomente in z-Richtung wirken, sind zunächst in Ruhe; ihr
gesamter Drehimpuls ist also null. Versetzt nun die auf dem Schemel sitzende Person
mit der Hand das Rad in eine rasche Umdrehung, so dass seine Winkelgeschwindigkeit
ω1 ist, so erhält das Rad einen Drehimpuls L1 . Dieser Drehimpuls habe die in Abb. 8.7a
eingezeichnete Richtung. Das Rad dreht sich für einen von oben blickenden Beobachter
gegen den Uhrzeigersinn. Es dreht sich jetzt aber nicht nur das Rad, sondern auch die
Person mit dem Schemel, und zwar in umgekehrtem Sinn mit einer Winkelgeschwindigkeit
ω2 und einem Drehimpuls L2 . Schemel und Rad haben gemeinsam einen Drehimpuls der

Abb. 8.6 Veränderung der Winkelgeschwin-


digkeit durch Änderung des Trägheitsmo-
ments (links: J1 , ω1 ; rechts: J2 >J1 , ω2 <ω1 )
252 8 Dynamik starrer Körper; Drehbewegungen

A2 A1

Abb. 8.7 Zur Erhaltung des Drehimpulses

Größe L1 + L2 . Nach dem Satz von der Erhaltung des Drehimpulses muss L1 + L2 = 0
sein. Der Vektor L2 = I2 ω 2 ist in Abb. 8.7a ebenfalls eingezeichnet. Bremst die Person
auf dem Schemel das Rad ab, so bleiben Rad und Schemel gleichzeitig stehen. Beide
Drehimpulse müssen null werden, da der Gesamtdrehimpuls des Systems, der vor dem
Versuch null war, konstant bleiben muss.
Hält die Person auf dem Drehschemel die Achse A1 des Rades unter einem Winkel α
gegen die Achse A2 des Schemels geneigt (Abb. 8.7b), so dreht sich bei betragsmäßig
gleicher Winkelgeschwindigkeit ω1 des Rades der Drehschemel langsamer als im vorher-
gehenden Versuch. In diesem Fall können wir nämlich den Drehimpuls L1 des Rades in
eine Komponente L,1 parallel zur Achse A2 und in eine dazu senkrechte Komponente L,,1
zerlegen. Da der Drehschemel nicht auf eine Bewegung um die Achse von L,,1 reagieren
kann, erfährt er nur einen Drehimpuls von der Größe L2 = −L,1 . Macht man schließlich
α = 90◦ , das heißt, hält man die Achse des Rades senkrecht zur Drehschemelachse, so
bleibt dieser trotz Rotation des Rades in Ruhe, da er eine Drehbewegung um eine horizon-
tale Achse nicht ausführen kann. An diesem Beispiel erkennt man, dass sich Drehimpulse
wie normale Vektoren addieren und in Komponenten zerlegen lassen.
Gibt man schließlich der auf dem ruhenden Schemel sitzenden Person das bereits in
Rotation versetzte Rad mit Drehimpuls L1 um eine vertikale Achse in die Hand, so bleiben
Drehschemel und Person zunächst in Ruhe (Abb. 8.7c). Dreht jetzt die Person auf dem
Schemel die Achse des Rades in eine zur Schemelachse senkrechte Stellung, so wird der
Drehimpuls des Rades in Bezug auf die Schemelachse null. Da aber das ganze System
(Schemel, Person und Rad) vorher den Drehimpuls L1 besaß, müssen jetzt wegen der
Erhaltung des Drehimpulses Schemel und Person den Drehimpuls L1 beibehalten, das
heißt sich in dieselbe Richtung drehen wie vorher das Rad. Dreht die Versuchsperson die
Achse des Rades in derselben Richtung noch weiter, so dass diese schließlich wieder zur
Achse des Schemels parallel steht, aber gegen ihre Anfangsstellung um 180◦ verdreht
ist, so ist der Drehimpuls des Rades −L1 geworden. Er hat sich also insgesamt um 2L1
geändert, so dass jetzt nach dem Erhaltungssatz des Drehimpulses der Schemel mit der
Person mit dem Drehimpuls 2L1 in derselben Richtung wie das Rad bei Beginn des
Versuches rotiert. Wird das Rad schließlich in seine Anfangsstellung zurückgedreht, so
kommen Drehschemel und Person gleichzeitig wieder zur Ruhe.
Versucht man sich, auf dem Drehschemel sitzend, durch Herumschwingen eines Armes
in eine Drehung zu versetzen, so führt man zum Beispiel bei einer Rechtsschwingung
des Armes selbst eine Linksdrehung aus, die zur Ruhe kommt, wenn die Armbewegung
8.1 Drehimpuls 253

aufhört; und beim Zurückschwingen des Armes vollführt man wieder eine Rechtsdrehung
in die ursprüngliche Anfangslage. Bei jeder dieser Bewegungen müssen die Drehimpulse
von Arm bzw. Körper und Schemel gleich und entgegensetzt gerichtet sein. In ähnlicher
Weise erklärt man auch die Tatsache, dass sich eine fallende Katze in der Luft herumdrehen
kann und stets auf die Füße fällt. Das Tier vollführt während des Falles eine kreisende
Bewegung mit Schwanz und Hinterbeinen und erreicht dadurch eine entgegengesetzte
Drehung des Körpers um seine Längsachse. Es lohnt sich wirklich, die Versuche mit dem
Drehschemel einmal selbst durchzuführen. Man bekommt dabei ein gutes Gefühl für das
Verhalten von Drehimpulsen und auch für den Einfluss der Schemelreibung, den wir hier
vernachlässigt hatten.

Keplers zweites Gesetz. Eine Folge der Drehimpulserhaltung ist auch Keplers zweites
Gesetz, das wir in Kap. 3 behandelten. Die Gravitationskraft ist eine Zentralkraft und
wirkt zwischen der Sonne und einem Planeten immer in Richtung ihrer Verbindungslinie
(F s >r, s. Gl. (3.14)). Diese Kraft übt daher kein Drehmoment auf den Planeten aus. Nach
dem Erhaltungssatz für den Drehimpuls (Gl. (8.13)) gilt Le + Lb = const. Die Eigen-
drehimpulse der Sonne und der Planeten sind zeitlich nahezu konstant. Daher können wir
schreiben
Lb = mr × v = const.
Die Größe r × v ist aber gerade gleich der Hälfte der Fläche A, die vom Radiusvektor
r pro Zeit überstrichen wird. Ein Experiment hierzu wurde in Abschn. 4.4 diskutiert.
Am Ende einer durch ein vertikales Rohr gezogenen Schnur ist eine Kugel befestigt
(Abb. 4.9). Ihr unteres Ende wird mit der Hand festgehalten. Bewegt man die Kugel auf
einem horizontalen Kreis und verkürzt langsam durch Ziehen an der Schnur den Radius
R, so stellt man fest, dass sich die Winkelgeschwindigkeit der Kugel proportional zu 1/R2
ändert. Durchläuft sie die Kreisbahn bei einem bestimmten Radius zum Beispiel einmal
in der Sekunde, so vollführt sie bei Verkürzung von R auf die Hälfte vier Umläufe in der
Sekunde, da die von R überstrichene Fläche auf den vierten Teil verkleinert wurde.
Auch der Drehimpuls eines gleichförmig und geradlinig bewegten Massenpunkts (vgl.
Abb. 8.2) liefert ein anschauliches Beispiel für die Drehimpulserhaltung. In Abb. 8.8 fliege
ein Massenpunkt mit der konstanten Geschwindigkeit v von links nach rechts. Da bei
dieser Bewegung keine Kraft auf den Massenpunkt wirkt, existiert auch kein Drehmoment.
Der Drehimpuls bezüglich des Punktes P beträgt zu den verschiedenen Zeiten ti jeweils
Li = mr i × v = mri v sin ϕi e⊥ . Die Größe ri sin ϕi ist die Projektion von r i auf eine
senkrecht zu v orientierte Achse und gleich dem senkrechten Abstand r2 des Punktes P

Abb. 8.8 Drehimpulserhaltung bei gleichförmig geradliniger Bewegung


254 8 Dynamik starrer Körper; Drehbewegungen

von der Geraden durch v . Der Drehimpuls des Massenpunkts ist also zeitunabhängig,
dL/dt = 0, was mit T = 0 in Einklang ist.
Wir kommen nun zurück auf Gl. (8.13), den Drehimpulserhaltungssatz in der Form
Lges = Le + Lb =const. Wir hatten den Drehimpuls ursprünglich durch vektorielle Mul-
tiplikation mit dem Ortsvektor aus dem Grundgesetz der Mechanik erhalten (s. Gl. (8.3)).
Andererseits ist dieses Gesetz im Einklang mit dem Energieerhaltungssatz, wie wir in
Kap. 4 gesehen hatten. Ist somit der Drehimpulssatz nichts weiter als eine andere Form
des Energiesatzes? Das kann schon aus formalen Gründen nicht sein, denn die Energie
ist ein Skalar und der Drehimpuls ein Vektor, dessen Betrag und Richtung bei T a = 0
konstant sein müssen.
Der Drehimpulssatz ist daher als Grundgesetz vom Energiesatz völlig unabhängig. Das
erkennt man leicht an folgendem Versuch, bei dem sich zwar die Energie des Systems,
nicht aber sein Drehimpuls ändert. Wir betrachten nochmal die an einer Schnur herum-
geschwungene Kugel in Abb. 4.9. Beim Verkürzen der Schnur von R1 = R auf R2 = R/2
steigt die Winkelgeschwindigkeit von ω1 = ω auf ω2 = 4ω, weil dabei der Drehimpuls
konstant bleibt: L1 = J1 ω1 = mR2 ω, L2 = J2 ω2 = m(R/2)2ω2 = mR2 ω. Die kineti-
sche Energie steigt jedoch von E1 = mv12 /2 auf E2 = mv22 /2. Mit v1,2 = ω1,2R1,2 folgt
E1 = mω 2 R2 /2, E2 = m(4ω)2 (R/2)2/2 = 4mω 2 R2 /2, also ist E2 = 4E1 . Bezüglich der
Energie war unser System also nicht abgeschlossen. Selbstverständlich gilt der Energieer-
haltungssatz aber für das Gesamtsystem: die Kugel an der Schnur und die daran ziehende
Person oder einen entsprechenden Mechanismus. Die Energiezunahme auf das Vierfache
beim Verkürzen der Schnur folgt aus der Arbeit W , die dabei von der Zentripetalkraft an
der Kugel verrichtet werden muss (Ergebnis: W = 3mω 2 R2 /2). Man kann diese Arbeit
zum Beispiel von einer Masse M verrichten lassen, die am unteren Ende der Schnur hängt
und im Schwerefeld der Erde sinkt. Die potentielle Energie des Gesamtsystems (rotierende
Kugel, Masse M , Erde) nimmt dabei um W ab, sein Drehimpuls bleibt jedoch konstant.

8.2 Trägheitsmoment starrer Körper


Im Folgenden sollen die charakteristischen Unterschiede im Verhalten des starren Körpers
bei Translation und Rotation behandelt werden.

Kinetische Energie starrer Körper. Wir betrachten z. B. die kinetische Energie eines
in Translation begriffenen starren Körpers. Da die Translationsgeschwindigkeit für jeden
Punkt des Körpers die gleiche ist, ist die gesamte kinetische Energie Ek offenbar:
1 G 1
Ektrans = v2 mν = M v2 . (8.14)
2 ν
2
Dabei ist mν die Masse des ν-ten Massenpunkts, und die Summation ist über den gesamten
starren Körper zu erstrecken, dessen Gesamtmasse M ist. Das ist der gleiche Ausdruck wie
bei einem Massenpunkt, und der Grund dafür ist eben die Gleichheit der Geschwindigkeit
für alle Punkte.
Bei einer Rotation ist dies nicht mehr der Fall. Die Punkte der Achse sind sämtlich in
Ruhe, und die außerhalb der Achse gelegenen Punkte haben umso größere Geschwin-
digkeiten, je größer ihr Abstand r von der Achse ist. Bezeichnet man den Vektor der
8.2 Trägheitsmoment starrer Körper 255

Winkelgeschwindigkeit mit ω, seinen Betrag entsprechend mit ω, so ist der Betrag v der
Geschwindigkeit eines Massenpunkts mν mit dem Abstand r⊥ = rν von der Achse:
v = ωrν .
Damit ist nun der Ausdruck für die kinetische Energie Ekrot bei der Rotation (Rotations-
energie) zu bilden:
1. 2 1 .
Ekrot = vν mν = ω 2 mν rν2 ; (8.15)
2 2
denn die Winkelgeschwindigkeit ist im ganzen Körper konstant. Man benutzt zur Ab-
kürzung den Ausdruck
.
mν rν2 = J , (8.16)
und nennt ihn das Trägheitsmoment des starren Körpers bezüglich der gewählten Rotati-
onsachse. Man kann also für die Rotationsenergie schreiben:
1 2
Ekrot = Jω . (8.17)
2
Das Trägheitsmoment J = ?mν rν2 ist stets positiv (wegen r 2 ). Die Einheit ist: kg m2.
Das Trägheitsmoment ist kein Vektor (bei Umkehr der Drehrichtung ändert sich sein
Vorzeichen nicht), aber auch kein Skalar (mit der Richtungsänderung der Drehachse
im festgehaltenen Körper ändert sich gesetzmäßig die Größe des Trägheitsmomentes).
"
Das Trägheitsmoment ist eine Tensorgröße J" . Es kann für Drehachsen, die alle durch
einen Punkt, z. B. den Schwerpunkt S des starren Körpers gehen, als 3 × 3-Matrix darge-
stellt werden (vgl. Gl. (8.8)). Die Rotationsenergie ergibt sich dann als Matrizenprodukt
"
Ekrot = ωT · J" · ω/2. Dabei ist ω T der zum Spaltenvektor ω transponierte Zeilenvektor. –
Nur Trägheitsmomente, die sich auf dieselbe Achse beziehen, sind additive Größen.
Bereits bei Betrachtung eines Massenpunkts hatten wir erkannt, dass seine Masse m
als das Maß für das Beharrungsvermögen betrachtet werden muss. Das Gleiche gilt nach
Gl. (8.14) für die Translationsbewegung eines starren Körpers: Auch hier ist die Masse
M der Ausdruck für seine Trägheit. Anders aber bei der Rotationsbewegung; Gl. (8.17)
zeigt, dass anstelle der Masse M der Ausdruck J = ?mν rν2 tritt, der wesentlich davon
abhängt, wie die Massen um die Rotationsachse verteilt sind. Der gleiche Körper kann
sehr verschiedene Trägheitsmomente besitzen, je nachdem ob sie sich in kleinerem oder
größerem Abstand von der Achse befinden. Für die Rotationsbewegung ist daher nicht die
Masse, sondern das Trägheitsmoment das geeignete Maß für das Beharrungsvermögen.

Rotationsbewegung. Man erkennt bereits hier, dass bei der Rotationsbewegung die Win-
"
kelgeschwindigkeit ω und der Trägheitstensor J" die Rollen der Translationsgeschwindig-
keit v und der Masse M übernehmen; an die Stelle des Impulses M v tritt bei der Rotation
"
um eine Schwerpunktsachse der Ausdruck J" ω, der als Drehimpuls L bezeichnet wird:
"
L = J" ω. (8.18)
"
Dabei ist aber zu beachten, dass J" ein Tensor ist und wie in Gl. (8.8) als Matrix dargestellt
wird. Dementsprechend haben ω und L gewöhnlich verschiedene Richtungen. Nur wenn
256 8 Dynamik starrer Körper; Drehbewegungen

Abb. 8.9 Zwei Zylinder von gleichem Quer-


schnitt und gleicher Masse, aber verschiede-
nem Trägheitsmoment, (a) Holzzylinder mit
(a) (b) Bleimantel, (b) Holzzylinder mit Bleikern

ω parallel zu einer Hauptträgheitsachse (s. Abschn. 8.3) ist, ist L >ω und ergibt sich durch
skalare Multiplikation von ω mit dem entsprechenden Hauptträgheitsmoment J :
L = J ω. (8.19)
An die Stelle der Kraft im Grundgesetz der Mechanik, tritt bei der Rotation das Drehmo-
ment.
Jetzt soll die Rolle des Trägheitsmomentes als Maß des „Widerstandes“ gegen eine
Änderung der Rotationsgeschwindigkeit experimentell nachgewiesen werden. Man über-
zeugt sich davon, wenn man ein größeres Schwungrad in Rotation versetzt. Es sind nicht
unbeträchtliche Kräfte notwendig, um den Trägheitswiderstand des Rades zu überwinden.
Wenn dann das Rad rotiert, besitzt es die durch Gl. (8.17) bestimmte Rotationsenergie,
was wir z. B. daran feststellen können, dass das Rad lange Zeit weiterläuft, bevor es (durch
die Reibungskräfte) zur Ruhe gebracht wird.
In Abb. 8.9 sind zwei Zylinder von gleichem Durchmesser im Querschnitt gezeichnet.
Der Zylinder a besteht aus einem Bleimantel, der um einen Holzzylinder gelegt ist; bei
dem Zylinder b ist der innere Teil aus Blei, der äußere aus Holz hergestellt. Die Verteilung
der Blei- und Holzmassen ist bei beiden Zylindern so gewählt, dass die Massen beider
Zylinder gleich sind. Da beim Zylinder a das schwerere Blei in größerer Entfernung von
der Zylinderachse angebracht ist als beim Zylinder b, besitzt a nach Gl. (8.16) ein we-
sentlich größeres Trägheitsmoment als b. Lässt man nun diese beiden Zylinder auf einer
schiefen Ebene herunter rollen, so beobachtet man sofort, dass der Zylinder a wegen
seines größeren Trägheitsmomentes langsamer ins Rollen gerät. Der Zylinder b kommt
also viel früher unten an. – Setzt man die beiden Zylinder nacheinander auf die Achse
eines kleinen Elektromotors, den man mit einer konstanten Spannung anlaufen lässt, so
beobachtet man deutlich, dass der Zylinder a mit dem großen Trägheitsmoment wesent-
lich längere Zeit braucht, bis er auf Touren kommt, als der Zylinder b mit dem kleineren
Trägheitsmoment. Beim Abschalten der Motorspannung kommt umgekehrt der Zylinder b
merklich rascher zum Stillstand als der Zylinder a, da die Rotationsenergie im letzteren
Fall wesentlich größer ist. In der Technik macht man von großen Trägheitsmomenten viel-
fach Gebrauch, indem man auf die Achsen rotierender Systeme Schwungräder setzt, die
wegen ihres großen Trägheitsmomentes bei der Drehung einen erheblichen Vorrat an Ro-
tationsenergie aufnehmen, der dann zur Überwindung plötzlich auftretender Widerstände
am drehenden System, z. B. beim Einschalten eines Arbeitsvorganges Verwendung findet
(Dampfmaschine, Walzwerk usw.).

Berechnung von Trägheitsmomenten. Nach Gl. (8.16) hat man zur Berechnung von J
bei homogenen Körpern jedes Massenelement dm mit dem Quadrat seines Abstandes r⊥
von derAchse zu multiplizieren und dann die in eine Integration übergehende Summierung
auszuführen:
-
2
J = r⊥ dm. (8.20)
8.2 Trägheitsmoment starrer Körper 257

Abb. 8.10 Äquatoriales (a) und polares (b)


(a) (b) Trägheitsmoment einer Kreisscheibe

Natürlich kann die Rechnung nur für einfach gestaltete Körper ausgeführt werden. Der
Zahlenwert ist wegen r⊥ 2 stets positiv. – In schwierigen Fällen kann man das Trägheitsmo-
ment eines Körpers oder eines maßstäblichen Modells aus Messungen an Drehschwingun-
gen bestimmen (s. Abschn. 5.2). Bei beliebig gestalteten rotationssymmetrischen Körpern
lässt sich das Trägheitsmoment zeichnerisch ermitteln1.
Bei flächenhaften Körpern, wie Platten usw., unterscheidet man zwischen dem äquato-
rialen Trägheitsmoment, wenn die Achse in der Ebene des Körpers (Abb. 8.10a) liegt, und
dem polaren Trägheitsmoment, wenn die Achse auf der Ebene des Körpers senkrecht steht
(Abb. 8.10b). Zwischen diesen beiden Trägheitsmomenten besteht eine einfache Bezie-
hung. Bei der in Abb. 8.11 abgebildeten ,Scheibe findet man für das äquatoriale Trägheits-
moment in Bezug auf die x-Achse: 2
, J2x = y dm, und für das äquatoriale Trägheitsmoment
in Bezug auf die y-Achse Jy = x dm. Für,das polare Trägheitsmoment bezogen auf die
zur x-y-Ebene senkrechte z-Achse ist: Jz = r 2 dm. Nun ist aber für jedes Massenelement
r⊥2 = x 2 + y 2 , und demnach:
- - -
2
r⊥ dm = x dm + y2 dm,
2

d. h.
Jz = Jx + Jy . (8.21)
In Worten:
• Das polare Trägheitsmoment eines flächenhaften Körpers ist gleich der Summe zweier
äquatorialer Trägheitsmomente um senkrecht aufeinanderstehende Achsen.
, 2
Mit Hilfe der Gl. (8.20) J = r⊥ dm ist die Berechnung der Trägheitsmomente einfacher
Körper ohne Schwierigkeiten möglich. Einige besonders wichtige Fälle:
z
y
x
r dm
x
y
Abb. 8.11 Zusammenhang zwischen äqua-
torialem und polarem Trägheitsmoment einer
Kreisscheibe

1 Rötscher, F.: Einfache Verfahren zur Ermittlung des Schwerpunktes, des Rauminhaltes und der Momente
höherer Ordnung. Z. VDI Bd. 80 (1936), p. 1352.
258 8 Dynamik starrer Körper; Drehbewegungen

1. Polares Trägheitsmoment einer Kreisscheibe vom Radius R, der Dicke h und der
Masse M .
Wir zerlegen die Scheibe (Abb. 8.12) in eine Anzahl konzentrischer Ringe; das ge-
zeichnete Ringelement habe von der Achse den Abstand r und die Breite dr; seine
Masse dm ist dann
dm = 2 πr⊥ dr⊥ hG,
wenn G die Dichte des Scheibenmaterials ist. Das Trägheitsmoment dieses Ring-
elementes ist dann:
2 3
dJ = dm r⊥ = 2πhGr⊥ dr⊥ .
Integrieren wir diesen Ausdruck zwischen den Grenzen r⊥ = 0 und r⊥ = R, so erhalten
wir als Trägheitsmoment der Scheibe:
-R
3 2πhG 4 ''R R2
J = 2 πhG r⊥ dr⊥ = r⊥ ' = R2 πhG .
4 0 2
0

dr

r
R

Abb. 8.12 Berechnung des polaren


Trägheitsmomentes einer Kreisscheibe

Der Ausdruck R2πhG stellt die Masse M der Scheibe dar, so dass wir schreiben können:
1
J = MR2 . (8.22)
2
Da die Dicke h der Scheibe herausfällt, gilt Gl. (8.22) auch für das Trägheitsmoment
eines Zylinders in Bezug auf die Zylinderachse als Trägheitsachse (Abb. 8.13).
2. Polares Trägheitsmoment eines Hohlzylinders vom äußeren Radius Ra , dem inneren
Radius Ri , der Höhe h und der Masse M .
Es sind nur die Grenzen des Integrals für den Vollzylinder statt von 0 bis R, von Ri bis
Ra zu ändern:
-Ra
3 πhG 4
J = 2πhG r⊥ dr⊥ = (Ra − R4i )
2
Ri
πhG 2
= (Ra − R2i ) · (R2a + R2i ).
2
Die Masse des Hohlzylinders ist
M = πhG(R2a − R2i ),
8.2 Trägheitsmoment starrer Körper 259

2R

Abb. 8.13 Zur Berechnung des Trägheitsmo-


mentes eines Zylinders

also
M 2
J = (R + R2i ). (8.23)
2 a
(Masse mal arithmetisches Mittel der Radienquadrate. Anwendung: Schwungrad!)
3. Äquatoriales Trägheitsmoment einer dünnen Kreisscheibe bezogen auf einen Durch-
messer als Drehachse (Abb. 8.14a).
Nach Gl. (8.21) muss Jpol = 2Jäqu sein und demnach
1
Jäqu = MR2 ; denn aus Symmetriegründen muss Jx = Jy sein. (8.24)
4
4. Äquatoriales Trägheitsmoment eines flachen Kreisringes bezogen auf einen Durchmes-
ser als Drehachse (Abb. 8.14b).
M 2
J = (R + R2i ). (8.25)
4 a

Abb. 8.14 Zur Berechnung des äquatorialen Trägheitsmomentes einer dünnen Kreisscheibe (a)
und eines flachen Kreisringes (b), bezogen auf einen Durchmesser

5. Trägheitsmoment einer Kugel in Bezug auf eine durch den Mittelpunkt gehende Dreh-
achse.
Wir zerlegen die Kugel entsprechend Abb. 8.15 in eine Reihe von dünnen Scheiben, de-
ren Ebenen senkrecht zur Drehachse stehen. Den von Scheibe zu Scheibe variierenden
Radius bezeichnen wir mit y, die Dicke der Scheibe in der dazu senkrechten Richtung
mit dx; dann ist nach Gl. (8.22) das polare Trägheitsmoment einer solchen Scheibe mit
der Masse dm:
1 1
dJ = y2 dm = πGy4 dx.
2 2
Nun ist y2 = R2 − x2 ; setzt man dies in die obige Gleichung ein, so ergibt sich:
1
dJ = πG(R2 − x2 )2 dx.
2
260 8 Dynamik starrer Körper; Drehbewegungen

Abb. 8.15 Berechnung des Trägheitsmo-


mentes einer Kugel (Die dx kennzeichnen-
den Pfeile sind parallel zur Drehachse zu
denken.)

Da x alle Werte von −R bis +R annimmt, folgt für das Trägheitsmoment der Kugel:
-+R -+R
1 1
dJ = πG (R − x ) dx = πG [R4 − 2 R2 x2 + x4 ]dx
2 2 2
2 2
−R −R

2 4 3
= · R πG · R2 .
5 3
Für 34 R3 πG kann man die Masse M der Kugel setzen und hat damit
2
J = · MR2 . (8.26)
5
6. Trägheitsmoment einer Hohlkugel in Bezug auf eine durch den Mittelpunkt gehende
Drehachse.
2 R5 − R5i
J = · M · a3 . (8.27)
5 Ra − R3a
7. Trägheitsmoment eines geradlinigen zylindrischen Stabes der Länge l und dem im
Verhältnis zu l kleinen Durchmesser in Bezug auf eine zum Stab senkrechte, durch
einen Endpunkt des Stabes gehende Achse.
Wir zerlegen den Stab (Abb. 8.16) in kleine Massenelemente dm von der Länge dx und
der Querschnittsfläche q. Das Trägheitsmoment eines solchen Elementes ist in Bezug
auf die gewählte Achse
dJ = x2 dm = Gqx2 dx.

dx Abb. 8.16 Zur Berechnung des Trägheitsmo-


x
mentes eines Stabes
8.2 Trägheitsmoment starrer Körper 261

Dieser Ausdruck ist zwischen den Grenzen x = 0 und x = l zu integrieren. Wir erhalten
-l
Gq 3 ''l Gq 3
J = Gq x2dx = x ' = l .
3 0 3
0

Nun ist Gql die Masse M des ganzen Stabes, und es folgt damit:
1 2
J = Ml . (8.28)
3
Geht die Drehachse durch die Stabmitte, so haben wir die Gleichung dJ = Gqx2 dx
von −l/2 bis +l/2 zu integrieren; dies liefert:
1
J, = Ml 2 . (8.29)
12
8. Trägheitsmoment eines geraden Kreiskegels vom Radius R und der Höhe h bezogen
auf die Symmetrieachse als Drehachse.
Bei einem rotationssymmetrischen Körper wählt man als Massenelement dm zweck-
mäßig zylindrische Scheiben von der Dicke dy und dem Radius x; es ist dann
- -
dm 2 Gπ 2
J = dJ = x = x dx · x2
2 2
-

J = x4 dx. (8.30)
2
Dieser Ausdruck gilt allgemein für jeden rotationssymmetrischen Körper. Durch Ein-
führung der jeweils für einen gewählten Sonderfall geltenden
/ Beziehung x = f (y) lässt
sich das Integral lösen, z. B. für die Kugel mit x = R2 − y2 .
Für den Kegel (Abb. 8.17) gilt mit x = y R/h
D F4 -h
1 R
J = Gπ y4 dy
2 h
0
D F4
1 R 1 1
= Gπ · h5 = GπR2 h · R2 .
2 h 5 10

h
dy
2x
Abb. 8.17 Zur Berechnung des Trägheitsmo-
2R x
mentes eines geraden Kreiskegels
262 8 Dynamik starrer Körper; Drehbewegungen

Es ist
1
MKegel = GπR2 h
3
und damit
3
JKegel = MR2 . (8.31)
10
Satz von Steiner. Die hier berechneten Trägheitsmomente beziehen sich überwiegend
auf Achsen, die durch den Schwerpunkt gehen. Es ist indessen häufig notwendig, das
Trägheitsmoment eines Körpers auch in Bezug auf eine nicht durch den Schwerpunkt ge-
hende Achse zu kennen. Bezeichnet JS das Trägheitsmoment um eine durch den Schwer-
punkt gehende Achse und JA das Trägheitsmoment desselben Körpers um eine zu dieser
Schwerpunktsachse parallele Achse, so gilt der Steiner’sche Satz:
JA = JS + Ma2 , (8.32)
wenn M die Gesamtmasse und a denAbstand der beidenAchsen bedeuten. Der inAbb. 8.18
skizzierte Körper drehe sich um eine senkrecht zur Papierebene stehende Achse A, die
vom Schwerpunkt S des Körpers den Abstand a habe. Bezeichnen wir den Abstand eines
in P befindlichen Massenelements dm von A mit ra und von S mit rs , so ist rs2 = x2 + y2
und ra2 = (a + x)2 + y2 und folglich ra2 = a2 + rs2 + 2ax. Für das Trägheitsmoment JA
ergibt sich damit:
- - -
2 2
JA = ra dm = JS + a dm + 2a x dm.

Die Definition des Schwerpunkts


, hat zur Folge, dass das letzte Integral auf der rechten
Seite verschwindet. Da ferner dm = M , folgt hieraus der Steiner’sche Satz.

P
dm
ra
rs y

A a S x B

Abb. 8.18 Zur Ableitung des Steiner’schen


Satzes

8.3 Bewegungen um freie Achsen


Körperfeste und freie Drehachsen. Wenn ein starrer Körper sich um eine körperfeste
Achse dreht, so muss diese, wenn sie auch im Raum eine feste Lage haben soll, im Allge-
meinen in zwei Punkten festgehalten werden, was durch ein sogenanntes Lager geschieht.
Denn es ist klar, dass im Allgemeinen Kräfte und Drehmomente auf die Punkte der Achse
wirken, die durch das feste Lager unwirksam gemacht werden müssen. Selbst in dem Fall,
dass gar keine eigentlichen äußeren Kräfte vorhanden sind, wirken schon die Zentrifu-
8.3 Bewegungen um freie Achsen 263

galkräfte (Trägheitskräfte) und ihre Momente in diesem Sinn. Dennoch gibt es Fälle, in
denen die Rotationsachse gar nicht beansprucht wird, also kräftefrei (permanent) ist. Das
ist von größter Wichtigkeit für alle Maschinen mit rotierenden Teilen, z. B. Elektromoto-
ren und Dynamomaschinen. Wären bei solchen Maschinen die Achsen nicht kräftefrei, so
würden bei den großen Umdrehungsfrequenzen und Trägheitsmomenten außerordentlich
große Beanspruchungen der Lager auftreten, was sowohl den ruhigen Lauf als auch die
Haltbarkeit der Maschinen empfindlich gefährden würde.
Als Beispiele für Körper mit kräftefreien Achsen seien z. B. die Erde und der sogenannte
Kinderkreisel genannt. Die Erde dreht sich in 24 Stunden um eine Achse, die ihre Lage in
der Erde und im Raum in erster Näherung beibehält. Hier sind keine äußeren Kräfte vor-
handen, denn die Anziehungskraft der Sonne wird gerade durch die vom Umlauf der Erde
um die Sonne erzeugte Zentrifugalkraft kompensiert. Die von der Rotation herrührenden
Zentrifugalkräfte sind offenbar so beschaffen, dass sie die Achse nicht beeinflussen2 . Ganz
ähnlich ist es bei dem Kinderkreisel. Auch hier haben wir eine kräftefreie Achse, die frei-
lich in einem Punkt, dem Berührungspunkt des Kreisels mit der Unterlage, festgehalten
ist, aber eben nur in einem Punkt. Auch hier müssen also Bedingungen vorliegen, unter
denen die aus den Zentrifugalkräften resultierenden Drehmomente sich kompensieren.
Es fragt sich, welche Bedingungen dies sind. Um diese Frage zu beantworten, bedürfen
wir einer kurzen Untersuchung über Trägheitsmomente um gegeneinander geneigte, aber
durch denselben Punkt gehende Achsen. Wenn ein Körper um eine durch einen festen
Punkt gehende Achse rotiert, so hat er ein bestimmtes Trägheitsmoment J um diese
Achse. Jetzt lassen wir die Achse nacheinander alle möglichen Richtungen durch die-
sen Punkt annehmen und bestimmen für jede Achsenrichtung das jeweilige Trägheits-
moment J . Wenn die Neigung der Achse stetig verändert wird, so ändert sich auch das
Trägheitsmoment stetig, und zwar besteht, was wir hier nicht beweisen wollen, eine re-
lativ einfache Gesetzmäßigkeit, die sich geometrisch so ausdrücken lässt: Wenn wir auf
jeder der unendlich vielen Achsen vom festen Punkt aus nach beiden Seiten Strecken auf-
tragen, die zur Wurzel
√ aus dem zugehörigen Trägheitsmoment umgekehrt proportional,
d. h. gleich const/ J sind, so liegen die Endpunkte dieser Strecken nach dem Vorherge-
henden auf einer stetig gekrümmten Oberfläche; und diese Oberfläche ist ein Ellipsoid,
das sogenannte Trägheitsellipsoid. Im Allgemeinen ist es dreiachsig; dann entspricht der
kleinsten Ellipsoidachse das größte, der größten Ellipsoidachse das kleinste Trägheits-
moment. Die Achsen, denen diese drei Extremwerte des Trägheitsmomentes zukommen,
stehen – als Hauptachsen des Ellipsoids – senkrecht aufeinander; man nennt sie daher die
Hauptträgheitsachsen durch den betreffenden festgehaltenen Punkt des starren Körpers.
Folglich gibt es durch jeden Punkt eines starren Körpers, insbesondere also auch durch
seinen Schwerpunkt, drei zueinander senkrechte Achsen, um die das Trägheitsmoment
Extremwerte (Maximum, Minimum, Sattelwert) besitzt. In speziellen Fällen kann das
Trägheitsellipsoid zu einem Rotationsellipsoid und sogar zu einer Kugel entarten. Bei
einem verlängerten Rotationsellipsoid ist die große Hauptachse des Ellipsoids die des
kleinsten Trägheitsmomentes. In der dazu senkrechten Ebene sind jetzt alle Achsenrich-
tungen einander gleichwertig, ihnen allen kommt das gleiche (größte) Trägheitsmoment
zu. Bei einem abgeplatteten Rotationsellipsoid ist es analog; nur entspricht die kleinste
Hauptachse des Ellipsoids hier dem größten Trägheitsmoment. Dieser Fall des Rotati-
onsellipsoids tritt auf, wenn bezüglich des festen Punktes der starre Körper bestimmte
2 Tatsächlich ist infolge der Abplattung die Erde nicht vollkommen kräftefrei; vgl. hierzu Abschn. 3.7.
264 8 Dynamik starrer Körper; Drehbewegungen

Symmetrien aufweist. Zum Beispiel wenn wir die Gesamtheit der Achsen durch den –
mit dem geometrischen Mittelpunkt zusammenfallenden – Schwerpunkt eines homoge-
nen, langen Kreiszylinders betrachten, so ist das Trägheitsmoment um die Zylinderachse
offenbar das kleinste; dagegen haben alle durch den Schwerpunkt senkrecht zur Zylin-
derachse gehenden Achsen das gleiche (größte) Trägheitsmoment. Das gilt offenbar für
alle Körper, die eine Symmetrieachse durch den Schwerpunkt besitzen, z. B. Scheibe oder
Ring. Im Fall eines kugelförmigen starren Körpers, aber auch eines Würfels, Oktaeders
usw., sind alle Achsen durch den Schwerpunkt gleichberechtigt, weil dieser ein Sym-
metriezentrum ist: Hier wird das Trägheitsellipsoid zur Trägheitskugel, und der Körper
besitzt nur noch ein Trägheitsmoment um alle durch den Schwerpunkt gehenden Achsen.
Der Versuch zeigt nun – und das ist der Grund, weswegen wir diese Untersuchungen
machen mussten –, dass bei Rotation um eine der drei Hauptträgheitsachsen durch den
festgehaltenen Punkt des starren Körpers diese Achsen permanente oder freieAchsen sind;
d. h., außer dem festen Punkt des starren Körpers braucht kein weiterer Punkt der Achse
festgehalten zu werden. Die Symmetrie der Massenverteilung um eine Hauptträgheits-
achse bewirkt, dass die Zentrifugalkräfte sich bezüglich dieser drei Achsen so kompen-
sieren, dass keine Drehmomente auf sie ausgeübt werden; die Kräfte selbst werden durch
den festgehaltenen Punkt unwirksam gemacht. Liegen insbesondere – bei völlig frei be-
weglichem starrem Körper, auf den auch keine äußeren Kräfte wirken – Rotationen um
eine Hauptträgheitsachse durch den Schwerpunkt vor, so braucht diese in keinem Punkt
festgehalten zu werden, weil weder Kräfte noch Drehmomente auf die Achse wirken.
Im Allgemeinen hat man es mit freien Achsen durch den Schwerpunkt zu tun. Darauf
beziehen sich auch alle im Folgenden besprochenen Beispiele und Versuche.

Rotation um Hauptträgheitsachsen. Zwischen den drei ausgezeichneten freien Achsen


besteht ein Unterschied bezüglich des Charakters der Bewegung. Rotiert nämlich der
Körper um die Achse des größten oder kleinsten Trägheitsmomentes, so ändert ein kleiner
Stoß sämtliche Bestimmungsstücke der Bewegung (Achse, Geschwindigkeit usw.) umso
weniger, je kleiner er ist; in Analogie zu den verschiedenen Arten des Gleichgewichtes
nennt man daher eine Rotation um diese Achsen stabil. Anders verhalten sich die Körper
bei Rotationen um die Achse des mittleren Trägheitsmomentes: Hier ruft der kleinste Stoß
eine radikale Änderung des Bewegungscharakters hervor; man nennt diese Rotation daher
labil. Am stabilsten ist die Rotation um die Achse des größten Trägheitsmomentes; man
kann daher durch einen hinreichend starken Stoß (nicht durch einen beliebig kleinen!)
einen an sich stabil um die Achse des kleinsten Trägheitsmomentes rotierenden Körper
dazu bringen, sich um die Achse des größtenTrägheitsmomentes zu drehen. Diese Tatsache
hat vielfach die unrichtige Behauptung hervorgerufen, dass eine Rotation um die Achse
des kleinsten Trägheitsmomentes auch labil wäre.
Experimentell kann man sich von dem Vorhandensein freier Achsen durch folgende
Versuche überzeugen: Die drei Hauptträgheitsachsen durch den Schwerpunkt einer Zigar-
renkiste sind in Abb. 8.19 mit A, B, C bezeichnet; A ist die Achse des größten, C die des
kleinsten, B die des mittleren Trägheitsmomentes. Bringt man in den Flächenmitten Ösen
an, hängt die Kiste dann an einem vertikalen Stab auf, der mit einem Motor in rasche
Rotation versetzt wird, so rotiert die Kiste vollkommen ruhig um die Achsen A und C.
Wegen der unvermeidlichen Störungen ist dies bei der labilen Rotation um die Achse B
nicht der Fall; die Kiste torkelt jetzt hin und her. Dass wir hier – ebenso bei dem vor-
hin erwähnten Kinderkreisel – einen Punkt der Achse festhalten, obwohl sie durch den
8.3 Bewegungen um freie Achsen 265

Abb. 8.19 Hauptträgheitsachsen eines Qua-


B ders

Schwerpunkt geht, hat nur den Grund, dass wir die Schwerkraft auf diese Weise aufheben
müssen. Übrigens können wir uns ganz frei von der Wirkung der Schwerkraft machen,
indem wir die Kiste werfen und ihr gleichzeitig mit der Hand eine Rotation um eine der
drei Achsen erteilen. Während des Fliegens der Kiste (d. h. während sie einen freien Fall
ausführt!) kompensiert die d’Alembert’sche Trägheitskraft gerade die Schwere. Auch hier
beobachtet man, dass die Kiste um eine der Achsen A oder C ganz ruhig rotiert, d. h., dass
die genannten Achsen ihre Richtung im Raum unverändert beibehalten. Gibt man aber
der Kiste beim Hochwerfen eine Drehung um die B-Achse, so schwankt sie hin und her;
d. h., die Achse verändert dauernd ihre Richtung im Raum.
Wir zeigen die Rotation um eine freie Achse für eine Scheibe, indem wir diese mit einer
Schnur an das Ende einer vertikal nach unten gerichteten Achse eines Motors anhängen,
wie es Abb. 8.20a zeigt. Läuft der Motor, so gerät die Scheibe um die gestrichelt gezeich-
nete Achse ihres kleinsten Trägheitsmomentes in stabile Rotation. Bei hinreichend großer
Störung aber geht die Scheibe in die Lage (b) über, in der sie um die Achse ihres größten
Trägheitsmomentes rotiert und die größte Bewegungsstabilität besitzt. Die Scheibe behält
diese stabilste Rotation um die vertikal verlaufende Achse auch noch bei, wenn man
den Motor abstellt, die Schnur in die Hand nimmt und die rotierende Scheibe hin- und
herbewegt. Die bei einer solchen Rotation auftretenden zentrifugalen Kräfte zeigen sehr
schön eine in sich geschlossene Kette, die man nach Abb. 8.20c anstelle der Scheibe an
die Motorachse hängt. Bei der Rotation ziehen die Zentrifugalkräfte die Kette zu einem

(a) (b) (c) (d)

Abb. 8.20 Rotation einer Scheibe und eines Kettenringes um die Achsen ihres größten Trägheits-
momentes
266 8 Dynamik starrer Körper; Drehbewegungen

starren Ring auseinander, der schließlich wegen der großen unvermeidlichen Störungen
die in Abb. 8.20d gezeichnete stabile Lage einnimmt.
Hier noch einige Beispiele von Rotationen um freie Achsen: Beim Sprung vom Turm
ins Schwimmbad macht der Springer einen oder mehrere Saltos um eine horizontale,
freie Achse. Dabei erhöht er zunächst seine Winkelgeschwindigkeit dadurch, dass er sein
Trägheitsmoment verkleinert. Vor dem Eintritt ins Wasser stoppt er die Drehbewegung
dadurch, dass er sein Trägheitsmoment stark vergrößert. – Eine Eiskunstläuferin dreht
sich wie ein Kreisel um eine vertikale, freie Achse. Am Ende vergrößert sie ihr Trägheits-
moment wieder durch Ausbreiten der Arme und bleibt dadurch stehen. – Im Zirkus sieht
man manchmal einen Artisten einen flachen Teller in der Luft drehen, den er mit einem
Holzstab exzentrisch unterstützt. Der Teller dreht sich dabei um seine Symmetrieachse.

8.4 Rollende Bewegung


Wir geben jetzt unsere Einschränkung auf, die wir von Abschn. 8.2 an für alle bisher be-
sprochenen Drehbewegungen gemacht hatten, nämlich die Beschränkung auf Rotationen
um eine im Raum feste Achse. Wenn ein Rad oder ein Kreiszylinder auf einer ebenen
Fläche rollt, so bewegt sich seine Rotationsachse längs einer zu ihr parallelen geraden
Linie (Abb. 8.21a). Dasselbe gilt für eine Kugel mit konstantem Drehimpuls L. Die Achse
aber, um die der Körper in einem gegebenen Zeitpunkt rotiert, ist die Verbindungslinie
seiner Berührungspunkte mit der Unterlage. Da Räder und rotierende Zylinder wichtige
Bestandteile fast aller technischen Maschinen sind, wollen wir Kinematik und Dynamik
von Rollbewegung im Folgenden ausführlich besprechen.

Kinematik des Rollens. Wenn ein Rotationskörper rollt, ohne dabei zu rutschen bzw.
zu gleiten, so besteht eine feste Beziehung zwischen der Orientierung einer im Körper
festliegenden Strecke und dem von seinem Schwerpunkt S zurückgelegten Weg. Dies ist in
Abb. 8.21 erläutert. Hat der dort skizzierte Zylinder sich um den Winkel ϕ gedreht, von der
Ausgangslage ϕ = 0 an gerechnet, so sind sowohl sein Berührungspunkt mit der Unterlage
als auch sein Mittelpunkt um die Strecke s = Rϕ gewandert. Aus ds/dt = Rdϕ/dt
folgt für die Schwerpunktsgeschwindigkeit vs eines homogenen Zylinders die Beziehung
(Rollbedingung)
ds dϕ
vs = = R = ωR. (8.33)
dt dt
Mit Hilfe der Gl. (3.16), v = ω × r, erhalten wir die Geschwindigkeit eines beliebigen
Punkts P des Körpers
vP = vs + ω × r P . (8.34)
Dabei ist r P der Ortsvektor vom Mittel- bzw. Schwerpunkt zum Punkt P. Diese Bezie-
hung ist in Abb. 8.21b für verschiedene Punkte (A, . . . , D) auf dem Umfang des Zylinders
erläutert. Es handelt sich hierbei um eine Momentaufnahme der Geschwindigkeitsver-
teilung in einem bestimmten Zeitpunkt. Man sieht, dass der Berührungspunkt mit der
Unterlage (A) die Geschwindigkeit null hat, und der oberste (C) die doppelte Schwer-
punktsgeschwindigkeit 2v s . Das gilt natürlich nur für den dargestellten Zeitpunkt. Kurz
8.4 Rollende Bewegung 267

C D’ B’’

D B C’ C’’ A’’

A B’ D’’

B
D

Abb. 8.21 Zur Kinematik des Rollens, (a) fortschreitende Bewegung eines Zylinders, (b) momen-
tane Geschwindigkeitsverteilung

danach sind die Punkte A und C nicht mehr Berührungspunkt bzw. höchster Punkt und
haben dementsprechend andere Geschwindigkeiten. Der momentan in Ruhe befindliche
Berührungspunkt ist also in jedem Zeitpunkt ein anderer.
Man kann die Rollbewegung genauso gut als Rotation des Körpers um eine Achse durch
den momentanen Berührungspunkt A beschreiben. Diese Tatsache ist bei der Lösung
von Rollproblemen oft nützlich. Um eine Achse durch A hat der Zylinder ein anderes
Trägheitsmoment und einen anderen Drehimpuls als um die Figurenachse durch seinen
Schwerpunkt S. Aber die Winkelgeschwindigkeit ist aus Symmetriegründen dieselbe wie
um S. Das lässt sich ebenfalls in Abb. 8.21b ablesen: Der Punkt A hat bezüglich S die
entgegengesetzt gleiche Geschwindigkeit v AS = ω × r A wie S bezüglich A, nämlich v s
= −v AS , und der Abstand AS ist derselbe wie SA. Also gilt ωs = v AS /AS = v s /SA
= ωA .

Dynamik des Rollens. Wir betrachten jetzt die Kräfteverhältnisse bei der Rollbewegung.
Hierfür ist die Reibung von großer Bedeutung. Das Rollen ohne Reibung ist praktisch
unmöglich, wie man vom Auto- oder Radfahren bei Glatteis weiß. Als erstes Beispiel
besprechen wir die Rollbewegung eines Zylinders unter dem Einfluss einer konstanten
Kraft. Ein solcher Vorgang lässt sich bequem auf einer schiefen Ebene durch die Wirkung
der Schwerkraft realisieren. In Abb. 8.22 rollt ein Zylinder der Masse m mit dem Radius
R eine Ebene mit dem Neigungswinkel α hinunter. Wir wollen seine Geschwindigkeit
v s (t), seine Beschleunigung as und die Reibungskraft F r berechnen, die alle parallel
268 8 Dynamik starrer Körper; Drehbewegungen

S
A

Abb. 8.22 Zur Dynamik des Rollens

zur geneigten Fläche liegen. Zunächst zerlegen wir die Schwerkraft F g in Komponenten
parallel und senkrecht zur Ebene: F> = mg sin α und F⊥ = mg cos α. Das Drehmoment
von F g um den Auflagepunkt A beträgt T = RF> = Rmg sin α. Mit Gl. (8.1) und der
Beziehung L = J · ω (Gl. (8.19)) erhalten wir die Winkelbeschleunigung ω̇ = T /J .
Wir dürfen diese, für die Rotation um eine feste Achse (ω>L) gültige Beziehung hier
benutzen, obwohl die momentane Drehachse durch A parallel verschoben wird, weil in
unserem Beispiel L und ω ebenfalls parallel zueinander sind. Beide stehen senkrecht zur
Zeichenebene. Das Trägheitsmoment um A ist nach dem Satz von Steiner (Gl. (8.32))
JA = Js + mR2 = mR2 /2 + mR2 = 3mR2 /2. Damit ergibt sich
D Rmg sin α 2 g
ω̇ = = 3 2 = sin α.
JA 2 mR
3 R

Aus der Rollbedingung vs = Rω (Gl. (8.33)) erhält man durch Differenzieren as = Rω̇
und somit die Linearbeschleunigung des Schwerpunkts S
2
as = g sin α.
3
Im Zusammenhang mit Abb. 3.8 hatten wir die Beschleunigung beim reibungsfreien Glei-
ten eines Körpers auf der schiefen Ebene berechnet, nämlich a = g sin α. Ein rollender
Körper wird demnach bei Vernachlässigung der Gleitreibung durch eine gegebene Kraft
weniger stark linear beschleunigt als ein gleitender. Dafür erhält der rollende Körper
zusätzlich eine Winkelbeschleunigung, der gleitende nicht. Aus der Linearbeschleunigung
as ergibt sich durch Integration über die Zeit die Geschwindigkeit vs des Schwerpunkts
und der zurückgelegte Weg ls :
-t
2
vs (t) = as dt = g t sin α,
3
0
-t
1 2
ls (t) = vs dt = g t sin α.
3
0
Es ist bemerkenswert, dass die Beziehungen für as , vs und ls nicht vom Radius und
der Masse des Zylinders abhängen, sondern nur von der Massenverteilung bzw. dem
Trägheitsmoment, nämlich über die Zahlenfaktoren 2/3 und 1/3.
8.4 Rollende Bewegung 269

Die Beziehung as = (2/3)g sin α lässt sich auch direkt aus dem Energieerhaltungssatz
ableiten: Die Änderung dEp der potentiellen Energie des Schwerpunkts in der Zeit dt
beträgt dEp = −mg dls · sin α = −mg vs dt · sin α. Die kinetische Energie der Translation
und Rotation ist Ek = mvs2 /2 + Js ω 2/2 = mvs2 /2 + (mR2 /2)vs2 /2R2 = 3mvs2 /4, ihre
Änderung dEk = 3mvs dvs /2. Der Energiesatz lautet somit
dEp + dEk = −mg vs dt · sin α + 3mvs dvs /2 = 0.
Daraus folgt as = dvs /dt = (2/3)g sin α in Übereinstimmung mit dem oben erhaltenen
Ergebnis.
Wir berechnen jetzt noch die Größe der Reibungskraft Fr , die auf den Zylinder wirkt und
zur Einhaltung der Rollbedingung (Gl. (8.33)), vs = ωR, notwendig ist. Wenn nämlich die
schiefe Ebene zu glatt ist, so rollt der Körper nicht nur, sondern gleitet auch gleichzeitig.
Die Bewegungsgleichung lautet für die in Abb. 8.22 dargestellte Situation
2
F > + F r = mas bzw. mg sin α − Fr = mg sin α,
3
und daraus folgt
1
Fr = mg sin α.
3
Diese Reibungskraft ist andererseits proportional zur Auflagekraft (Normalkraft)
F⊥ mg cos α, Fr = μF⊥ . Da der Zylinder rollen soll, ohne zu gleiten, ist für μ der Ko-
effizient μh der Haftreibung einzusetzen (s. Kap. 12). Somit ergibt sich für die minimale
Größe von μh
1
Fr mg sin α 1
μh = = 3 = tan α.
F⊥ mg cos α 3
Wird μh bei gegebenem α kleiner oder α bei gegebenem μh größer als dieser Wert,
so beginnt der Körper zu gleiten. Bei einem repräsentativen Wert μh = 0.5 ergibt sich
α = 56.3◦ ≈ 1 rad, unabhängig von Masse und Radius des Zylinders. Für Rotationskörper
mit anderer Massenverteilung, z. B. für Hohlzylinder bzw. Reifen, Kugeln, Hohlkugeln,
bleiben alle hier abgeleiteten Beziehungen gültig bis auf die vom Trägheitsmoment be-
stimmten Zahlenfaktoren (2/3, 1/3 usw.).

Beispiele zur Rollbewegung. Lehrreiche Anwendungen der Rolldynamik finden sich


beim Billardspiel oder auch beim Anfahren und Bremsen von Fahrzeugen. Wir betrachten
in Abb. 8.23a eine zunächst ruhende Billardkugel (Masse m, Radius R), die zentral waag-
recht angestoßen wird. Billardspieler wissen, dass sie zunächst ein Stück verzögert gleitet,
dabei zu rollen beginnt und schließlich, ohne zu gleiten, weiter rollt. Wir fragen nach der
Translationsgeschwindigkeit v(t), der Winkelgeschwindigkeit ω(t), der Zeit tr bis zum
Beginn des reinen Rollens und dem bis dahin zurückgelegten Weg sr . Gegeben seien die
Anfangsgeschwindigkeit v0 unmittelbar nach dem Stoß und der Gleitreibungskoeffizient
μg . Die Reibungskraft Fr = μg mg (s. Kap. 12) übt an der Kugel ein Drehmoment um den
Schwerpunkt S vom Betrag T = μg mgR aus. Dieses bewirkt eine Winkelbeschleunigung
ω̇ = T /J = μg mgR/(2mR2 /5) = 5μg g/2R. Außerdem erzeugt die Reibungskraft eine
Linearverzögerung vom Betrag a = Fr /m = μg mg/m = μg g. Durch Integration von ω̇
270 8 Dynamik starrer Körper; Drehbewegungen

Abb. 8.23 Zur Bewegung einer angestoßenen Billardkugel, (a) Prinzip, (b) zeitlicher Verlauf von
v und ω

und a erhält man ω(t) und v(t):


-t
5 μg g
ω(t) = ω̇ dt = t,
2 R
0
-t
v(t) = − a dt = v0 − μg gt
0
(negatives Vorzeichen, weil a und v einander entgegengerichtet sind).
Die reine Rollbewegung beginnt zum Zeitpunkt tr , wenn die Rollbedingung v = ωR
erreicht ist:
5
v0 − μg gtr = μg gtr ,
2
woraus
2 v0
tr =
7 μg g
folgt. Den bis zur Zeit tr zurückgelegten Weg sr erhält man durch nochmalige Integration
von v(t) und Einsetzen von tr in das Ergebnis:
-t
μg 2
s(t) = v dt = v0 t − gt ,
2
0
12 v02
sr (tr ) = .
49 μg g
8.4 Rollende Bewegung 271

In Abb. 8.23b ist das Resultat dieser Rechnung dargestellt. In ganz ähnlicher Weise lässt
sich die Dynamik von Fahrrad- oder Autorädern beim Anfahren oder Bremsen behandeln,
wobei ebenfalls oft Übergänge vom Gleiten zum Rollen und umgekehrt stattfinden. Ein
guter Fahrer vermeidet dabei das Gleiten; er hält immer die Rollbedingung ein.
Eine einfache Art der Rollbewegung kennen wir auch vom Jo-Jo-Spiel. Zwei runde
Scheiben sind auf einer gemeinsamen Achse befestigt, um die eine Schnur gewickelt wird
(Abb. 8.24a). Die Physiker bezeichnen ein inverses Jo-Jo als Maxwell-Rad (Abb. 8.24b).
Das amüsante Verhalten dieses Spielzeugs beruht auf der periodischen Umwandlung
von potentieller Energie in Translations- und Rotationsenergie. Wir wollen die lineare
Beschleunigung und die Winkelbeschleunigung während seiner stationären Auf-und-ab-
Bewegung berechnen. Dazu betrachten wird die Kräftebilanz und das wirksame Drehmo-
ment (Abb. 8.24c).
Am Rad wirken zwei Kräfte: die Gewichtskraft F g = mg an seinem Schwerpunkt ist
nach unten gerichtet, die Zugkraft F f im Faden am Punkt A auf dem Umfang der Achse
nach oben. Nach dem Verfahren aus Abschn. 7.4 addieren wir hierzu in Gedanken die
beiden entgegengesetzt gleichgroßen Kräfte F ,f und −F ,f , die im Schwerpunkt angreifen.
Sie ändern am Bewegungszustand des Körpers nichts. Die Bewegungsgleichung lautet
mit der Masse m, der Linearbeschleunigung a, der Winkelbeschleunigung ω̇ und dem
Radiusvektor r
F ges = F g + F ,f = ma = mω̇ × r.

T
A

Abb. 8.24 Jo-Jo-Spiel und Maxwell-Rad


272 8 Dynamik starrer Körper; Drehbewegungen

Das Drehmoment T wird durch die Kräfte F f und −F ,f bestimmt:


r r 3 + m
T= × F f − × − F ,f = r × F f = J ω̇ = R2 ω̇.
2 2 2
Dabei ist J das Trägheitsmoment der Scheibe vom Radius R; dasjenige der Achse werde
vernachlässigt. Aus den beiden Gleichungen für F ges und T können wir a und ω̇ ausrech-
nen. Da ω̇ ⊥ r ⊥ F f und F g ↓↑ F ,f , rechnet man mit den Beträgen weiter. Zunächst
eliminieren wir Ff aus
Fg − Ff, = mg − Ff = mω̇r, Ff = mg − mω̇r
und
m 2 m R2
T = r Ff = R ω̇, Ff = ω̇.
2 2 r
Gleichsetzen der beiden Ausdrücke für Ff liefert die Winkelbeschleunigung
2r
ω̇ = g.
R2 + 2r 2
Daraus folgt für die Linearbeschleunigung
2r 2
a = ω̇r = g.
R2 + 2r 2
Die resultierende beschleunigende Kraft ist
2r 2
Fges = ma = mg .
R2 + 2r 2
Für r = R/10 beträgt sie 0.02 mg. Das Rad fällt dann 50-mal langsamer als im freien
Fall und wiegt 1/50 weniger als in Ruhe (Abb. 8.24d), nämlich m(g − a). Im Experiment
beobachtet man auch bei der Aufwärtsbewegung des Rades eine Gewichtsverminderung
derselben Größe. Können Sie das erklären? Für R = r, das heißt für einen einfachen
Zylinder, stimmt der Wert von a = (2/3)g mit dem weiter oben für einen Zylinder auf
einer schiefen Ebene mit der Steigung α = 90◦ abgeleiteten Ausdruck überein.

8.5 Kreiselbewegung
Wir besprechen in diesem Abschnitt Rotationsbewegungen von Körpern, deren Drehachse
ihre Lage im Raum frei verändern kann. Solche Bewegungen verlaufen oft in erstaunlich
ungewohnter, ja geradezu paradoxer Weise. Jeder kennt den Kinderkreisel, einen auf seiner
Spitze rotierenden Kegel aus Holz oder Kunststoff. Stößt man ihn seitlich an, so weicht
er der Kraft unter einem rechten Winkel dazu aus. Manchmal richtet er sich während
der Rotation von selbst auf, manchmal führt er unvorhergesehene Taumelbewegungen
aus. Bei allen diesen Vorgängen verändert sich ständig die Lage seiner Drehachse im
Raum. Solche Bewegungsformen lassen sich mit Hilfe der bisher abgeleiteten Gleichungen
vollständig beschreiben. Man braucht dazu insbesondere die Bewegungsgleichung für
8.5 Kreiselbewegung 273
, 2
Drehbewegungen T = dL/dt (Gl. (8.1)), die Trägheitsmomente J = r⊥ dm (Gl. (8.20))
um verschiedene Achsen und die Rotationsenergie Gl. (8.17).
Die quantitative Behandlung der Rotation um sich zeitlich verändernde Achsen ist damit
zwar elementar durchführbar, aber im Detail relativ kompliziert. Man kann nämlich die
Vereinfachung der Gleichung T = J dω/dt für die Rotation um eine Hauptträgheitsachse,
wo L = J ω (Gl. (8.19)) ist, nur für Momentanzustände der Bewegung benutzen, aber nicht
für ihren zeitlichen Verlauf. Wir beschränken uns im Folgenden auf einige besonders
markante Beispiele. Die vollständige Behandlung der Bewegung eines starren Körpers
unter dem Einfluss beliebiger auf ihn wirkender Kräfte und Drehmomente findet man in
den Lehrbüchern der theoretischen Mechanik.

Merkmale der Kreiselbewegung. Am einfachsten zu verstehen sind Drehbewegungen


von Rotationskörpern um ihre Figurenachse. Diese geht bei homogener Dichte durch
den Schwerpunkt. Solche Körper bezeichnet man allgemein als Kreisel. Kreiselbewe-
gungen sind in Natur und Technik weit verbreitet. Beispiele sind die Rotation von Him-
melskörpern, Räder mit beweglichen Achsen oder der Kreiselkompass. Daher lohnt es
sich, die wichtigsten Eigenschaften der Kreiselbewegung an einem möglichst einfachen
Beispiel zu diskutieren. Wir wählen dazu eine ringförmig angeordnete Massenvertei-
lung, einen Reifen. Man realisiert ihn am einfachsten durch die Felge eines Fahrrads,
die zur Vergrößerung ihres Trägheitsmoments gleichmäßig mit Kupferdraht bewickelt ist
(Abb. 8.25). Teilbild (a) zeigt den nicht rotierenden Reifen, dessen waagrechte Achse
zunächst an den Punkten 0 und P unterstützt ist. Um den Punkt 0 ist die Achse durch ein
Kugelgelenk in jeder Richtung frei beweglich. Wird die Unterstützung bei P entfernt, so
fällt der Reifen unter dem Einfluss der Schwerkraft F g herunter (Abb. 8.25b), bis seine
Achse in der vertikalen z-Richtung liegt.
Ein ganz anderes Verhalten zeigt der mit der Winkelgeschwindigkeit ω um seine Achse
rotierende Reifen (Abb. 8.26). Entfernt man bei ihm die Unterstützung in P, so beginnt
er sich unter dem Einfluss der Schwerkraft F g = mg um die z-Achse zu drehen. Diese
Bewegung nennt man Präzession. Sie erfolgt mit einer Winkelgeschwindigkeit Ω, die
klein gegen ω ist. Das scheinbar paradoxe Verhalten des Reifens ist eine Folge der Be-
wegungsgleichung und der Orientierung des Drehmoments T, das die Kraft F g um den

Abb. 8.25 Ein nicht rotierender Reifen (a) fällt bei Entfernung der Stütze in P herunter (b).
274 8 Dynamik starrer Körper; Drehbewegungen

T3
T2
T T1

Abb. 8.26 Ein rotierender Reifen präzediert unter dem Einfluss der Schwerkraft, (a) Seitenansicht,
(b) Aufsicht aus Richtung des positiven z-Achse

Punkt 0 ausübt, nämlich T = b × F g . Es steht senkrecht auf der von ω und der positiven
z-Achse aufgespannten Ebene und bewirkt eine zeitliche Änderung des Drehimpulses
dL/dt = T. In Abb. 8.26b ist die Lage des Reifens in der x-y-Ebene zu verschiedenen
Zeiten ti (i = 1, 2, 3) dargestellt. Das Drehmoment erzeugt jeweils in einer kleinen Zeit-
spanne 9t eine Änderung 9Li = T i 9t = (bi × F g )9t, die sich zu Li addiert und die
Achse des Rades entsprechend umorientiert.
Beobachtet man den Beginn der Präzessionsbewegung etwas genauer, so bemerkt man
nach dem Entfernen der Unterstützung in P im ersten Augenblick auch ein leichtes Absin-
ken der Reifenachse um einen Winkel ϕ relativ zur x-Achse (Abb. 8.27). Dadurch erhält
der zunächst horizontale Drehimpuls Lh eine Vertikalkomponente hinzu, nämlich −Lz .
Weil aber während des Absinkens kein Drehmoment um die z-Achse wirkt, muss der
gesamte Drehimpuls um diese Achse null bleiben. Das heißt, es muss ein zu −Lz entge-

Abb. 8.27 Zur Entstehung des Drehimpulses


+Lz der Präzessionsbewegung eines Kreisels
8.5 Kreiselbewegung 275

P’
P

g Abb. 8.28 Nutationsbewegung eines Kreisels

gengesetzter Drehimpuls +Lz entstehen. Dieser treibt die Präzessionsbewegung mit der
Winkelgeschwindigkeit Ω um die z-Achse an. Damit ist der Drehimpulserhaltungssatz für
die Vertikalkomponente während des Absinkens der Reifenachse erfüllt. Auch die Ener-
gieerhaltung ist gewährleistet. Die Abnahme der potentiellen Energie beim anfänglichen
Absinken des Reifenschwerpunkts, 9Ep = −mgb sin ϕ, ist dem Betrag nach gleich der
Zunahme der Rotationsenergie 9Ekrot = Jz Ω 2 /2 infolge der Präzessionsbewegung um
die z-Achse mit dem Trägheitsmoment Jz .
Aber die Kreiselbewegung ist noch etwas komplizierter: Betrachten wir den Beginn
der Präzession ein bisschen genauer als vorher, so sehen wir, dass der Schwerpunkt des
Reifens nicht genau auf der Höhe bleibt, um die er zuerst abgesunken war. Vielmehr
vollführt er eine zykloidenförmige Bewegung (Abb. 8.28), die Nutation genannt wird
(lateinisch: nutare, schwanken, wackeln). Sie ist im Allgemeinen durch Reibung im Auf-
lagepunkt 0 gedämpft und geht langsam in die stationäre Präzession mit einem konstanten
Neigungswinkel ϕ über. Die Ursache der Nutationsbewegung ist eine Schwingung der
Neigung der Reifenachse um ihren mittleren Wert ϕ . Diese Schwingung wird durch das
anfängliche Absinken ausgelöst, das aufgrund der Trägheit bis zu einem etwas größeren
Winkel als ϕ reicht. Die quantitative Rechnung dazu findet man in den Lehrbüchern
der theoretischen Physik. Man hat je eine Differentialgleichung für den vertikalen Dreh-
impuls und für die Gesamtenergie zu lösen und erhält daraus die Zeitabhängigkeit des
Neigungswinkels ϕ(t) = ϕ (1 − cos kt) und diejenige des Azimutwinkels (s. Abb. 8.28)
θ (t) = ϕ (kt − sin kt). Diese beiden Gleichungen bilden die Parameterdarstellung einer
Zykloide. Dabei ist k = J1 ω/J3 und ϕ = mgb J3 /(J1ω)2 mit dem Trägheitsmoment J1
des Reifens um die Figurenachse (parallel zu b) und J3 um die vertikale z-Achse.
Wir wollen jetzt die Präzessions-Kreisfrequenz Ω eines Kreisels berechnen. Dazu be-
trachten wir in Abb. 8.29a einen Reifen, der unter einem beliebigen konstanten Winkel ϕ
gegenüber der Vertikalen unter dem Einfluss der Schwerkraft präzediert. Die Nutationsbe-
wegung sei gemäß Abb. 8.28 bereits durch Dämpfung abgeklungen. Eine kleine Änderung
9L des Drehimpulses L sei gegeben durch seine horizontale Komponente L sin ϕ, multi-
pliziert mit 9θ (Abb. 8.29b). Die zeitliche Änderung von L beträgt dann
9L 9θ
= (L sin ϕ) ej .
9t 9t
Dabei ist ej der Einheitsvektor in θ -Richtung, der stets tangential zum Kreis liegt, wel-
chen der Endpunkt von L beschreibt. Im Grenzfall 9t → 0 ist 9θ /9t = dθ /dt gleich
276 8 Dynamik starrer Körper; Drehbewegungen

Abb. 8.29 Zur Berechnung der Präzessions-Kreisfrequenz Ω eines Kreisels

dem Betrag Ω der Präzessionsfrequenz, und die obige Gleichung lautet in Vektorschreib-
weise
dL
= Ω × L. (8.35)
dt
Diese Beziehung wird auch Kreiselgleichung genannt. Wenn man sie mit der Grundglei-
chung T = dL/dt (Gl. (8.1)) kombiniert, ergibt sich T = Ω × L, und Ω lässt sich leicht
ausrechnen:
Für das Drehmoment der Schwerkraft können wir T = b × mg (Abb. 8.29a) setzen und
erhalten aus Gl. (8.35) bmg sin ϕ = Ω L sin ϕ und damit
bmg
Ω= . (8.36)
L
Der Drehimpuls L um die Figurenachse ist gleich J ω und somit folgt
bmg
Ω= . (8.37)

Je größer Trägheitsmoment und Winkelgeschwindigkeit des Kreisels sind, umso kleiner
wird seine Präzessionsfrequenz unter der Wirkung eines gegebenen Drehmoments. Dies
ist für viele Anwendungen wichtig, z. B. beim Kreiselkompass.

Kreisel in Fahrzeugen. Kreiselbewegungen spielen eine große Rolle für die Stabilität
von Fahrzeugen, in denen sich rotierende Massen befinden. Das ist bei fast jeder Art von
Motoren und Triebwerken der Fall. Auf die Achse des rotierenden Teils wird bei einer
Richtungsänderung des Fahrzeugs in vielen Fällen ein Drehmoment T o ausgeübt. Dieses
erzeugt eine Änderung des Drehimpulses der Achse in Richtung von T o . Die Achse sucht
dann ihre Orientierung zu verändern und übt dabei ein Drehmoment T r auf ihre Lager
bzw. auf das Fahrzeug aus. So wird zum Beispiel ein Flugzeug am Bug bzw. Heck gehoben
oder gesenkt, wenn es einen um seine Längsachse rotierenden Kreisel enthält und eine
Rechts- oder Linkskurve fliegt (Abb. 8.30). Ähnlich ist es bei einem Schiff. Geht das
Flugzeug zum Steig- oder Sinkflug über, so wird es nach rechts oder links abgelenkt.
Man überlege sich anhand von Skizzen ähnlich zu Abb. 8.30 die Wirkungen der Kräfte
F und F , , die bei verschiedenen Richtungsänderungen des Flugzeugs auf die Lager des
Rotors übertragen werden. Diese Kräfte können recht beträchtlich sein und müssen bei der
8.5 Kreiselbewegung 277

To

Tr

Tr

To

Abb. 8.30 Resultierendes Drehmoment T r auf die Lager eines Triebwerkrotors in einem Flugzeug
bei Kurvenflug. Die Rotorachse ist an den beiden markierten Stellen fest im Flugzeug gelagert.

Navigation von Flugzeugen und Schiffen, aber auch von Straßen- und Schienenfahrzeugen
berücksichtigt werden. Man versucht sie zu vermeiden, indem rotierende Massen so an-
geordnet werden, dass sich ihre Drehimpulse gegenseitig weitgehend kompensieren. Die
Kreiselmomente T r lassen sich bei Landfahrzeugen auch dadurch vermeiden, dass man
die Rotorachse vertikal stellt. Dann werden bei nicht überhöhten Kurven keine Kräfte auf
die Lager ausgeübt; ebenso wenig wie bei dem in Abb. 8.30 skizzierten Flugzeug, wenn
es um seine Längsachse gedreht wird. In diesen Fällen wird nur die Rotationsfrequenz
des Kreisels gegenüber dem Fahrzeug erhöht oder gesenkt.

Kreiselkompass. Ein rotierender Kreisel, auf den kein Drehmoment wirkt, behält die Ori-
entierung seines Drehimpulses im Raum bei. Man kann ihn daher als Kompass benutzen.
Um einen Kreisel drehmomentfrei zu lagern (kräftefreier Kreisel), verwendet man eine
sogenannte Cardano-Aufhängung (Geronimo Cardano 1501 – 1576), wie sie in Abb. 8.31
skizziert ist. Der Kreisel ist durch zwei zueinander senkrechte Achsen, die sich in seinem
Schwerpunkt schneiden, möglichst reibungsfrei gelagert. Auf diese Weise kann auch die
allgegenwärtige Schwerkraft kein Drehmoment ausüben. Wird der Kreisel in genügend
schnelle Rotation versetzt, so behält er die Lage seiner Drehachse im Raum bei. Da durch
die Aufhängung kein Drehmoment auf ihn wirken kann, bleibt diese Richtung auch dann
278 8 Dynamik starrer Körper; Drehbewegungen

R
Abb. 8.31 Kräftefreie Aufhängung eines
Kreisels

erhalten, wenn man die Aufhängevorrichtung A bewegt oder dreht. Dabei dreht sich dann
ein Lagerring R oder beide. Ein solcher Kreisel stellt einen Kompass dar, dessen Achse im-
mer auf dieselbe Stelle im Inertialsystem der fernen Galaxien zeigt. Er ist zur Navigation
in der Raumfahrt geeignet und wird in Satelliten und Raumsonden verwendet.
Will man einen Kreiselkompass zur Navigation auf der Erde haben, der immer in Rich-
tung der Erdachse zeigt, so benutzt man dazu das Drehmoment, das die Erdrotation auf
ihn ausübt. Dann muss allerdings die kräftefreie Aufhängung eingeschränkt werden. Der
äußere und der innere Ring der Cardano-Anordnung in Abb. 8.31 werden starr miteinander
verbunden, und die Kreiselachse wird horizontal gestellt. Sie kann dann nur noch um die
Vertikale im Rahmen A (Abb. 8.31) präzedieren. In Abb. 8.32 ist erläutert, wie sich ein
solcher Kreisel verhält, wenn er zum Beispiel am Äquator aufgestellt wird. Das Drehmo-
ment T , das durch die Rotation der Erde auf seine Aufhängung A ausgeübt wird, ist immer
parallel zur Erdachse gerichtet. Es bestimmt die Änderung dL/dt des Drehimpulses L des

T T

N T A
A

T
S
A

Abb. 8.32 Orientierung eines Kreiselkompasses mit fixierten äußeren Lagerringen, (a) parallel,
(b) senkrecht zur Erdachse gesehen
8.5 Kreiselbewegung 279

Abb. 8.33 Kreiselkompass. In der schwimmend aufgehängten Kugelschale in der Bildmitte sind
zwei Kreisel zu sehen, deren Achsen um 90◦ gegeneinander orientiert sind. Dadurch können Schlin-
gerbewegungen des Schiffes kompensiert werden (Foto: Raytheon Anschütz GmbH, Kiel).

Kreisels. Sobald aber L parallel zur Erdachse und damit parallel zu T steht, kann sich nur
noch der Betrag von L ändern, nicht mehr seine Richtung. Diese Überlegung gilt nicht
nur für den Äquator sondern auch für jeden anderen Breitenkreis. Man hat also einen
Kompass, der unabhängig vom Magnetfeld der Erde ist.
Moderne Kreiselkompasse sind Wunderwerke der Technik (Abb. 8.33). Die Kreisel sind
in einer Flüssigkeit gelagert und werden mit Elektromotoren angetrieben. Ihre Drehfre-
quenz beträgt bis zu 40 000/min. Die besten Geräte haben eine Orientierungsschwankung
von weniger als 100 Winkelsekunden proTag. Die Einstellzeit auf die Nordrichtung beträgt
etwa 3 Stunden; man muss den Kompass also rechtzeitig vor Beginn der Reise starten.

Präzession der Erdachse. Schon der griechische Astronom Hipparchos von Nicäa
( ≈ 190 – 125 v. Chr.) hat festgestellt, dass die Erdachse präzediert, und zwar mit einer
280 8 Dynamik starrer Körper; Drehbewegungen

Herbstpunkt

4 3 2

Frühlingspunkt

Abb. 8.34 Präzession der Erdachse, (a) im geozentrischen, (b) im heliozentrischen Bezugssystem.
Die Punkte 1, 2, 3, 4 zeigen aufeinanderfolgende Schnittpunkte von Himmelsäquator und Ekliptik
bzw. die Richtungen von L im Abstand von ca. 1000 Jahren an. Die Jahreszeitenangaben beziehen
sich auf die Nordhalbkugel der Erde.

Geschwindigkeit von etwa 50 Winkelsekunden pro Jahr. Das entspricht einer Präzes-
sionsperiode von 26 000 Jahren. Hipparchos konnte dies aus der allmählichen Verschie-
bung der Stellung der Sonne gegenüber dem Fixsternhimmel zum Zeitpunkt der Tag-und
Nacht-Gleiche (Äquinoxien) schließen. Abb. 8.34 zeigt, was damit gemeint ist. Die Ebene
der scheinbaren Sonnenbahn am Himmel, die Ekliptik (griechisch: έκλείπειν, sich ver-
finstern), liegt im Fixsternsystem fest. Die Schnittpunkte (Frühlingspunkt, Herbstpunkt)
der Ekliptik mit dem im Fixsternsystem festliegenden Himmelsäquator verschieben sich
dadurch jährlich um etwa 50 Winkelsekunden. Das entspricht auf einem Kreis vom Radius
der Erdbahn einer Strecke von etwa 36 000 km.
Die Ursache der Präzessionsbewegung sind Drehmomente, die Sonne und Mond auf die
Erde ausüben. Wäre die Erde eine perfekte Kugel, so gäbe es kein solches Drehmoment,
8.5 Kreiselbewegung 281

N
B

Abb. 8.35 Zur Präzession der Erdachse

denn die Gravitationskraft greift, wie wir aus Kap. 6 wissen, bei einer Kugel mit isotro-
per Dichteverteilung genau im Zentrum an. Die Erde ist jedoch keine perfekte Kugel,
sondern infolge der Zentrifugalkraft näherungsweise ein abgeplattetes Rotationsellipsoid
(s. Abschn. 2.5 und 3.5). Ihr Äquatordurchmesser ist um etwa 1/300 oder 21 km größer
als ihr Poldurchmesser. Ein solches Ellipsoid können wir uns gemäß Abb. 8.35 aus einer
Kugel und einer ellipsoidischen Hülle zusammengesetzt denken. Die Kraftwirkung eines
anderen Himmelskörpers auf ein solches Gebilde lässt sich ähnlich wie bei den Gezeiten
beschreiben (s. Abschn. 6.3). Die Kraft auf die zentrale Kugel greift im Zentrum an und
erzeugt kein Drehmoment. Die Kraft F A im Punkt A der Hülle ist aber größer als F B
im Punkt B. Diese beiden Kräfte erzeugen nach Abschn. 9.4 ein Drehmoment T vom
Betrag R(FA − FB ) sin(R, F A ) um eine Achse senkrecht zur Ebene, in der F A,B und
der Eigendrehimpuls L der Erde liegen. Daraus resultiert eine Präzession um eine Achse
senkrecht zur durch Erde, Sonne (bzw. Mond) und T bestimmten Ebene. Der Betrag Ω
der Präzessionsfrequenz lässt sich nicht ganz einfach berechnen, weil man die Einflüsse
von Mond und Sonne addieren muss, die von gleicher Größenordnung sind.
9 Reibung und Elastizität fester Stoffe

Bisher wurden in der Mechanik die Körper entweder als Massenpunkte behandelt oder
als vollkommen starr vorausgesetzt. Beide Abstraktionen wurden gemacht, um die kom-
plizierten Probleme der Mechanik zu vereinfachen. Bei den Massenpunkten braucht man
nur Translationen zu betrachten. Bei den starren Körpern kommen Rotationsbewegungen
hinzu. Dabei wurde gewöhnlich vorausgesetzt, dass die zwischen den Körpern wirkenden
Kräfte konservativ sind, d. h., der Energiesatz der Mechanik gilt.
In diesem Kapitel werden wir beachten, dass Körper deformiert werden und zwischen
den Körpern auch dissipative Kräfte wirken können. Man nennt die deformierbaren Körper
elastisch, wenn sie nach Beendigung der Krafteinwirkung ihre ursprüngliche Gestalt wie-
der annehmen. Elastische Verformungen sind also reversibel. Bei elastischen Verformun-
gen gilt der Energiesatz der Mechanik.
Erhält ein Körper unter der Wirkung einer Kraft eine bleibende Formänderung, ohne
dass ein Bruch erfolgt, so ist er plastisch und man spricht von Plastizität. Bei plasti-
schen Verformungen wird mechanische Energie in Wärme umgewandelt. Das Gleiche
gilt beim Auftreten dissipativer Kräfte. Wir werden daher ansatzweise auf die Gesetze
der Wärmelehre Bezug nehmen, die ausführlich erst im Teil III des Buches behandelt
werden.

9.1 Der feste Aggregatzustand


Materielle Körper. Die Überlegungen werden zunächst auf feste Körper beschränkt.
Bekanntlich gibt es neben dem festenAggregatzustand eines Stoffes noch den flüssigen und
den gasförmigen Zustand. Die verschiedenen Aggregatzustände sind nicht für bestimmte
Stoffe charakteristisch, sondern derselbe Stoff kann, je nach den äußeren Umständen,
in jedem der drei Aggregatzustände vorkommen (z. B. Eis, Wasser, Wasserdampf). In
welchem Zustand sich ein Stoff gerade befindet, hängt außer von den auf ihn einwirkenden
äußeren Kräften wesentlich von seiner Temperatur ab.
Man kann die verschiedenen Aggregatzustände ganz grob etwa folgendermaßen kenn-
zeichnen: Im festen Aggregatzustand hat jeder Körper ein bestimmtes Volumen und eine
bestimmte Gestalt, die beide einer Veränderung sehr große Kräfte entgegensetzen. Im
flüssigen Zustand ist zwar der Widerstand gegen eine Volumenveränderung ebenfalls sehr
groß, aber der Widerstand gegen eine Gestaltsveränderung verschwindend klein: Flüssig-
keiten besitzen im Allgemeinen keine bestimmte Gestalt, sondern passen sich der Form
ihres Behälters an. Gase setzen weder einer Volumenveränderung noch einer Gestalts-
veränderung erhebliche Kräfte entgegen: Ein gasförmiger Stoff hat kein bestimmtes Vo-
lumen und keine bestimmte Gestalt, sondern füllt jeden noch so großen Raum beliebiger
Gestalt vollkommen aus.
284 9 Reibung und Elastizität fester Stoffe

Die Feststellung des Aggregatzustandes macht im Allgemeinen keine Schwierigkeiten.


Bei dem Übergang fest–flüssig treten allerdings häufiger Grenzfälle auf. Die Entschei-
dung, ob Stoffe wie Wachs, Siegellack, Teer, Glas fest oder flüssig sind, fällt nur scheinbar
leicht; wir stufen sie zunächst in den festen Aggregatzustand ein. Andererseits lässt sich
beobachten, dass zum Beispiel eine Stange Siegellack, wenn sie längere Zeit nur an den
Enden aufliegt, sich allmählich durchbiegt.
Teer fließt, wenn auch sehr langsam, durch einen Trichter. Eine Kugel aus Blei sinkt
allmählich auf den Boden eines Behälters, der mit Wachs gefüllt ist. Ein Stück Kork bewegt
sich im gleichen Behälter langsam vom Boden an die Oberfläche des Wachses. Das sind
Erscheinungen, die wir sonst nur von Flüssigkeiten gewohnt sind; und in der Tat muss man
die eben genannten Stoffe als bei Zimmertemperatur sehr zähe Flüssigkeiten betrachten.
Ganz anders verhalten sich Kristalle, die unter dem Einfluss äußerer Kräfte bestimmte
Deformationen annehmen. Mit dem Nachlassen der Kräfte gehen diese Deformationen
teilweise oder ganz wieder zurück. Die Kristalle und damit auch die festen Metalle, die aus
kleinen Kristallen bestehen, werden also zu den festen Körpern gerechnet, obgleich auch
bei ihnen unter bestimmten Bedingungen (z. B. Druck) ein Fließen beobachtbar ist. Ein
charakteristischer Unterschied zwischen diesen und den zuerst genannten Stoffen ist der,
dass die wirklich festen Körper, z. B. die Kristalle, bei einer scharf definierten Temperatur
vom festen in den flüssigen Zustand übergehen, während Wachs, Siegellack, Teer, Glas
usw. mit steigender Temperatur einen stetigen Übergang vom festen in den flüssigen Zu-
stand zeigen, indem sie allmählich weich, dann zäh- und schließlich dünnflüssig werden.
Der Grund hierfür liegt im atomaren Aufbau der einzelnen Stoffe.

Atomare Struktur. Schon die Tatsache, dass ein bestimmter Stoff in verschiedenen Ag-
gregatzuständen bestehen kann und dabei im Allgemeinen beim Übergang von einem
zum anderen Zustand sein Volumen ändert, legt die Hypothese nahe, dass die Materie
nicht aus einem Kontinuum besteht, das den Raum vollständig und stetig erfüllt, sondern
sich vielmehr aus einzelnen gleichartigen Teilchen aufbaut. Die Volumenänderung eines
Körpers etwa beim Übergang vom flüssigen in den gasförmigen Zustand würde dann in
einer Änderung der Abstände der kleinsten Teilchen voneinander bestehen.
Die kleinsten Bausteine können – je nach Stoff – Atome, Ionen oder Moleküle sein.
Die Struktur der festen Körper wird entsprechend Atom-, Ionen- oder Molekülstruktur
genannt. Sie ist wegen der geringen Größe der Bausteine nicht ohne Weiteres erkennbar.
Selbst wenn man Platindrähte mit einem Durchmesser kleiner als 0.8 µm zieht oder Gold-
folien der Dicke kleiner als 0.01 µm (die bereits lichtdurchlässig sind!) herstellt, lässt sich
noch keine Atomstruktur erkennen. Erst mit Hilfe der Röntgenbeugung gelang es, den Ab-
stand zwischen benachbartenAtomen zu messen. Er beträgt z. B. bei Silber 4.086·10−10 m.
Atome haben also einen Radius in der Größenordnung von 10−10 m. Sehr einfach kann der
Moleküldurchmesser organischer Stoffe bestimmt werden. Um z. B. den Durchmesser von
Fettsäuremolekülen zu bestimmen, löst man die Säure in Benzol. Man stellt so eine stark
verdünnte Lösung mit bekannter Konzentration her. Dann zählt man die Tropfen eines
bestimmten Volumens einer Tropfflasche aus, damit man weiß, wie viel Fettsäure sich in
einem Tropfen befindet. Einen solchen Tropfen lässt man dann auf eine Wasseroberfläche
fallen, die zuvor mit Talkum bestäubt war. Die Fettsäuremoleküle breiten sich auf der Was-
seroberfläche aus und schieben das Talkum vor sich her, während das Benzol verdampft.
Dadurch kann man die Größe der Fläche sehen, die nun mit einer monomolekularen
Schicht von Fettsäure bedeckt ist Die Moleküle, die bei den Fettsäuren aus längeren Ketten
9.1 Der feste Aggregatzustand 285

vonAtomen bestehen, stehen wie Schilf senkrecht auf der Wasseroberfläche (vgl. Kap. 10).
Da man die Menge der Moleküle kennt und die Fläche, auf der sie stehen, ergibt sich z. B.
für Stearinsäure ein Moleküldurchmesser auf der Wasseroberfläche von etwa 5 · 10−10 m.
In letzter Zeit ist es immer besser gelungen, Atomstrukturen sichtbar zu machen.
Zunächst konnte man mit dem Feldionenmikroskop die feine Spitze eines Wolframdrahtes
so stark vergrößert abbilden, dass die einzelnen Wolframatome sichtbar wurden. Mit sehr
hochauflösenden Elektronenmikroskopen ist es möglich, die Atomstruktur abzubilden.
Auch mit dem Elektronen-Raster-Tunnelmikroskop (STM) können die obersten Atome
einer Oberfläche gut sichtbar gemacht werden.
Die mikroskopischen Bilder atomarer Strukturen legen nahe, makroskopische Körper
als ein Ensemble von Massenpunkten zu betrachten, deren Bewegung den Gesetzen der
Mechanik folgt. Dieses mechanistische Weltbild entspricht aber nur sehr bedingt den ex-
perimentellen Gegebenheiten. Denn der Zustand eines materiellen Körpers kann nicht
allein durch die Angabe von Orts- und Impulskoordinaten gekennzeichnet werden, son-
dern man muss auch seine Temperatur angeben; und eine Veränderung des Zustands wird
nicht nur durch Zufuhr oder Abgabe von Arbeit erreicht, sondern auch durch einen Aus-
tausch von Wärme. Es kommt also nicht nur auf die mechanischen, sondern auch auf die
thermischen Eigenschaften des Körpers an. Neben den deterministischen Gesetzen der
Mechanik sind deshalb auch die statistischen Gesetze der Thermodynamik zu beachten.
Insbesondere hängt die Temperatur eines Körpers von der Zufallsbewegung der Atome
ab. Im statistischen Mittel haben die Atome eine kinetische Energie, die mit wachsen-
der Temperatur zunimmt. Bezieht man sich auf die absolute Temperatur T , gemessen in
Kelvin (K), so ist die mittlere kinetische Energie )Ekin 1 eines Atoms proportional zur
Temperatur:
3
)Ekin 1 = kB T . (9.1)
2
Dabei ist kB = 1.38 · 10−23 J/K die Boltzmann-Konstante.
Vom Aufbau der Atome eines jeden Elements (gekennzeichnet durch Protonenzahl,
Elektronenzahl und Elektronenkonfiguration) und den Bindungskräften zwischen den
Atomen hängt es ab, ob ein Stoff aus Atomen, Ionen oder Molekülen besteht und ob
er ein regelmäßiges Kristallgitter oder eine unregelmäßige – amorphe – Struktur besitzt.
Metalle beispielsweise zeichnen sich durch eine regelmäßige atomare Struktur aus, sie
sind kristallin. Die Atome metallischer Elemente (80 % der rund 90 natürlichen Ele-
mente des Periodensystems sind Metalle) besitzen nur wenige, leicht vom Atom trennbare
Elektronen auf äußeren Elektronenschalen. Diese überwiegend frei beweglichen Elektro-
nen sind der Grund für die gute elektrische Leitfähigkeit der Metalle, aber auch für ihre
Lichtundurchlässigkeit. Die Bindungskraft zwischen den Metallatomen beruht auf An-
ziehungskräften zwischen den positiv geladenen Atomrümpfen und den sie umgebenden
negativen freien Elektronen (Metallbindung).
Ionenstrukturen entstehen bei der Kombination von Metallatomen mit Elementen, die
leicht Elektronen aufnehmen können. Beispiel sei der Kochsalzkristall, aufgebaut aus
positiven Natriumionen (das metallische Natrium hat ein Elektron abgegeben) und nega-
tiven Chlorionen (das nichtmetallische Chlor hat ein Elektron aufgenommen). Die Bin-
dungskräfte entstehen durch die entgegengesetzte Ladung der Ionen.
Organische Stoffe sind überwiegend aus Molekülen aufgebaut. Die Moleküle können
aus langen Ketten sehr vieler Atome bestehen (Makromoleküle). Während die Bindungs-
286 9 Reibung und Elastizität fester Stoffe

kräfte der Atome innerhalb eines Moleküls durch Elektronenpaare verursacht werden
(Elektronenpaarbindung oder kovalente Bindung), halten die Moleküle untereinander
häufig allein durch Kohäsionskräfte zusammen.

Kristalle. Die ideale Grundform des festen Körpers ist der Kristall. Bei ihm besteht
eine regelmäßige Anordnung der Atome bzw. Moleküle in geometrisch genau definierten
räumlichen Gittern. Ganz grob können wir uns diesen kristallinen Zustand so veranschau-
lichen, dass die einzelnen Moleküle bzw. Atome, die wir der Einfachheit halber durch
Kugeln darstellen, durch Schraubenfedern miteinander verbunden sind, wie es Abb. 9.1
in einem ebenen Schnitt zeigt. Jedes Atom oder Molekül kann dann um seine Ruhelage
Schwingungen ausführen; die dazu notwendige Schwingungsenergie rührt von der dem
Körper innewohnenden Wärmeenergie her. Bei steigender Temperatur wird die kinetische
Energie der einzelnen Teilchen immer größer, und die Schwingungsweite nimmt immer
größere Werte an. Schließlich werden bei einer bestimmten Temperatur die Amplituden der
Schwingungen so groß, dass die gegenseitigen Anziehungskräfte zwischen den Teilchen
überwunden werden und der geordnete Aufbau des Kristalls zerstört wird: Der Körper ist
in den flüssigen Zustand übergegangen. In der Flüssigkeit sind die Atome bzw. Moleküle
nicht mehr fest an eine bestimmte Ruhelage gebunden, sondern können sich aneinander,
wenn auch nicht ungehindert, vorbeibewegen. Die zwischen ihnen wirkenden Kräfte sind
wesentlich kleiner als im festen Zustand. Die Dichte des Stoffes ist dabei im Allgemeinen
nur unwesentlich geringer als im festen Zustand. Bei weiterer Erhöhung der Tempera-
tur wird schließlich die kinetische Energie der einzelnen, sich unregelmäßig bewegenden
Teilchen noch größer, so dass sich die gegenseitigen Abstände weiter vergrößern und die
Kräfte entsprechend verringern: Der Körper ist in den gasförmigen Zustand übergegan-
gen.

Abb. 9.1 Modell des kristallinen Zustandes

Im Folgenden interessieren uns die festen Körper. Wie schon erwähnt, ist der Kristall
mit seiner ganz regelmäßigen Anordnung der Bausteine der ideale feste Körper. Zeigt
sich diese Regelmäßigkeit durch den ganzen Körper hindurch, so sprechen wir von einem
(idealen) Einkristall; sind dagegen viele, meist mikroskopisch kleine Kristalle in verschie-
dener Orientierung nebeneinander gelagert, so haben wir es mit einem polykristallinen
Gefüge des festen Körpers zu tun. Letzterer Fall liegt bei den vorhin besonders erwähnten
Metallen in ihrem gewöhnlichen Zustand vor. Man kann sich leicht davon überzeugen,
wenn man eine Bruchfläche unter dem Mikroskop betrachtet. Abb. 9.2 zeigt, dass man in
Sonderfällen auch auf ein Mikroskop verzichten kann.
9.1 Der feste Aggregatzustand 287

Abb. 9.2 Fotografische Aufnahme der


Oberfläche von Aluminium in natürlicher
Größe. Durch längeres Erwärmen dicht unter-
halb des Schmelzpunktes sind größere Kris-
talle (technischer Begriff: Körner) gewachsen.
Die beiden Bildhälften unterscheiden sich nur
durch verschiedene Richtungen der Beleuch-
tung; die jeweilige Lage (Orientierung) der
Kristalle führt zu unterschiedlicher optischer
Reflexion.

Nicht-kristalline Stoffe. Den Gegensatz zu den kristallinen Körpern bilden die amor-
phen Stoffe wie Ruß, Wachs, Siegellack, Glas usw. Ihr Aufbau ist im Wesentlichen wie
der der Flüssigkeiten; sie haben keinen wohldefinierten Schmelzpunkt. Glas wird treffend
auch als unterkühlte Flüssigkeit bezeichnet. Beim raschen Abkühlen steigt die Viskosität
(Zähigkeit, s. Abschn. 11.5) so sehr, dass die Moleküle sich nicht zum Kristallgitter anord-
nen können. Beim sehr langsamen Abkühlen ist dies aber möglich: Das Glas kristallisiert
und zerspringt leicht in kleine Stücke. Andererseits gelingt es, Metalle so rasch aus der
Schmelze abzukühlen, dass sie auch im festen Zustand ihre amorphe Struktur behalten.
Diese metallischen Gläser haben zunehmende technische Bedeutung, z. B. als Transfor-
matorenbleche.
Es gibt noch mehr Stoffe (Schwefel, Selen, Quarz usw.), die sowohl im amorphen als
auch im kristallisierten Zustand existieren können. Beim plötzlichen Erkalten flüssigen
Schwefels bildet sich z. B. amorpher Schwefel, eine knetbare Masse; während beim lang-
samen Abkühlen oder beim Abscheiden aus einer Lösung sich Schwefel in kristalliner
Form bildet.
Kunststoffe können eine Zwischenstellung einnehmen. Die durch chemische Reaktionen
(beispielsweise Polymerisation) entstehenden Makromoleküle bilden häufig eine Struktur,
die nicht kristallin und nicht völlig amorph genannt werden kann.
288 9 Reibung und Elastizität fester Stoffe

Besitzt ein Körper an allen Stellen die gleichen physikalischen Eigenschaften (Dichte,
Härte, Elastizität, Farbe usw.), so nennt man ihn homogen im Gegensatz zu den inho-
mogenen oder heterogenen Stoffen, deren Eigenschaften von Stelle zu Stelle variieren.
Diese Einteilung gilt nur in makroskopischen Bereichen; denn vom atomistischen Stand-
punkt aus kann es keinen völlig homogenen Körper geben, da sich die Eigenschaften der
Moleküle und Atome von denen der Zwischenräume unterscheiden. Betrachtet man die
gleichförmige Anordnung der Atome eines Kristallgitters (s. Bd. 6), so wird deutlich, dass
eine Richtungsabhängigkeit der physikalischen und mechanischen Eigenschaften beste-
hen muss. Man nennt dieses Verhalten anisotrop. Den Gegensatz bilden die isotropen
Stoffe; hierzu gehören die amorph-festen Körper, ferner die Flüssigkeiten und Gase. (Wir
sehen davon ab, dass es unter besonderen Bedingungen auch anisotrope Flüssigkeiten,
sogenannte flüssige Kristalle, gibt.) Aber auch vielkristalline Körper mit völlig ungeord-
neten Mikrokristallen („regellose Kornorientierung“) zeigen nach außen isotropes Verhal-
ten. Die Körper sind quasi-isotrop oder „statistisch-isotrop“. Dabei ist zu beachten, dass
diese Unterscheidung wieder nur im makroskopischen Sinn gilt; streng isotrop kann nur
ein Kontinuum sein, nicht eine sich aus einzelnen Atomen oder Molekülen aufbauende
Materie.

9.2 Reibung fester Körper


Die bisher aufgestellten und angewendeten Gesetze der Mechanik beziehen sich auf eine
idealisierte Natur. In Wirklichkeit zeigen sich auf der Erde – selbst bei allen experimen-
tellen Vorsichtsmaßregeln – stets Abweichungen von ihnen. Einige Beispiele: Eine sich
selbst überlassene Kugel, die sich auf spiegelnd glatter und horizontaler Unterlage be-
wegt und auf die keine Kräfte wirken, soll die Größe und Richtung ihrer Geschwindigkeit
bewahren. Tatsächlich beobachtet man dies auf der Erde niemals. Man kann die betref-
fende Kugel zwar weitgehend vor allen äußeren Einwirkungen schützen, aber niemals
vollständig. Stets kommt ein sich bewegender und sich selbst überlassener Körper zur
Ruhe. Das Trägheitsgesetz ist also nicht eigentlich ein Erfahrungssatz im engen Sinn des
Wortes, sondern eine Extrapolation auf eine idealisierte Wirklichkeit. – Der Energiesatz
der Mechanik verlangt, dass die Summe von kinetischer und potentieller Energie konstant
bleibt: Ein einmal angestoßenes Pendel z. B. sollte unendlich lange Zeit Schwingungen
ausführen. Und doch beobachtet man immer, dass es allmählich zur Ruhe kommt. Man
kann zwar durch Verbesserung der Aufhängung des Pendels, durch Entfernung der Luft
aus dem Raum, in dem es schwingt, und ähnliche Maßnahmen die Zahl der von ihm aus-
geführten Schwingungen recht erheblich steigern. Aber es gelingt nie, die Schwingungen
dauernd aufrechtzuerhalten.
Von physikalischen Gesetzen verlangt man Übereinstimmung mit der Wirklichkeit. Es
müssen daher zur „reinen“ Mechanik Ergänzungen hinzutreten, die in der Berücksichti-
gung von bisher ausgeschlossenen Wirkungen bestehen. Dies erweist sich in der Tat als
möglich. Dadurch erst rechtfertigt sich unser Verfahren, zunächst das Problem weitgehend
zu idealisieren und erst nach Gewinnung der Gesetze für diesen Idealfall die Korrekturen
anzubringen, die die Wirklichkeit erfordert.
Galilei hat dieses Verfahren begründet, indem er beim freien Fall von den Einwirkungen
der Luft auf die fallenden Körper, dem sogenannten Luftwiderstand, abstrahierte. Nur
9.2 Reibung fester Körper 289

unter dieser Voraussetzung gilt seine Behauptung, dass alle Körper gleich schnell fallen.
Nur so war er aber auch imstande, die Gesetze des freien Falls zu finden und damit die
Fundamente der Mechanik zu legen. Nicht zu Unrecht behaupteten seine Gegner, die
Tatsachen sprächen gegen Galilei; denn ein Stück Blei falle rascher als eine Flaumfeder.
Aber diese Gegner hätten (und haben) die Mechanik auch nicht begründet. Dass Galilei
erkannte, dass man von gewissen Nebenumständen absehen müsse und könne, ist ein
Schritt von geradezu unermesslicher Bedeutung für die gesamte Physik gewesen.

Innere und äußere Reibung. Diese Ergänzungen zur reinen Mechanik, von denen hier
die Rede ist, fasst man unter dem Begriff Reibung zusammen. Die Reibung kann durch
eine Kraft beschrieben werden, die die Bewegung zu hemmen sucht. Wirkt diese Rei-
bungskraft längs eines bestimmten Weges, so geht dem System mechanische Energie
verloren. Sie tritt überwiegend als Wärme auf. Heißlaufen von Bremsen, Erhitzen von in
die Erdatmosphäre eintauchenden Meteoriten oder Satelliten, Funkenschlagen mit einem
Feuerstein sind Beispiele für die Reibungswärme.
Man unterscheidet die innere von der äußeren Reibung. Innere Reibung ergibt sich,
wenn die kinetische Energie makroskopischer Bereiche von Flüssigkeiten und Gasen in
die kinetische Energie der thermischen Zufallsbewegung der Atome umgesetzt wird, z. B.
bei der Ausbreitung von Schallwellen oder bei Strömungen. Die äußere Reibung hingegen
ist ein Energieverlust bei Bewegungen zweier verschiedener Körper relativ zueinander.
Die Bewegung einer Kugel erfährt beispielsweise in Wasser einen Widerstand. Wird
das Kugelmaterial vom Wasser benetzt, dann bedeckt sich die Kugel mit einer festen
Wasserhaut, so dass sich nur die Wassermoleküle gegeneinander bewegen. Der Widerstand
kommt also durch innere Reibung im Wasser zustande. Wird das Material jedoch nicht
benetzt, indem die Kugel z. B. mit einer Fett- oder Paraffinschicht versehen ist, so können
die Moleküle der Oberfläche der Kugel und die unmittelbar benachbarten Wassermoleküle
eine Relativgeschwindigkeit besitzen, so dass äußere Reibung an der Grenzfläche auftritt.
Die innere Reibung in Gasen und Flüssigkeiten wird im Kap. 10 behandelt. Hier soll je-
doch jetzt die für praktische Anwendungen wichtige äußere Reibung zwischen zwei festen
Körpern beschrieben werden. Man muss unterscheiden zwischen Haftreibung, Gleitrei-
bung, Rollreibung und Bohrreibung. Für alle Arten ist die Rauigkeit der Oberfläche von
Bedeutung. Man betrachte vergrößert die Rauigkeit einer spiegelnden Metalloberfläche
(Abb. 9.3). Die Kurve erinnert an das Profil einer wilden, zerklüfteten Gebirgslandschaft.
Ein solches Bild muss man stets vor Augen haben, wenn man die Reibung zwischen fes-
ten Körpern verstehen will. Dazu spielen auch noch die Anziehungskräfte zwischen den
Molekülen eine Rolle.

Abb. 9.3 Registrierkurve einer Messung der Oberflächenrauigkeit (1 cm vertikal entspricht


0.25 µm, 1 cm horizontal 250 µm)
290 9 Reibung und Elastizität fester Stoffe

R
K

Abb. 9.4 Anordnung zur Messung des Reibungswiderstandes

Haft- und Gleitreibung. Zunächst ein einfacher Versuch (Abb. 9.4), der schon von Cou-
lomb gemacht wurde: Auf der waagerechten Unterlage U liegt der Körper K. Er wird
von einer Kraft, nämlich dem Gewicht auf der Waagschale W , gezogen. Damit die Kraft
parallel zur Unterlage wirkt, wird die Schnur über eine Rolle R geführt. Man kann die
Waagschale, die selbst ein Gewicht hat, noch mit weiteren Gewichten belasten, ohne dass
der Körper K in Bewegung gerät. (Nach der „reinen Mechanik“ sollte schon das kleinste
Gewicht genügen, um K in eine beschleunigte Bewegung zu bringen!) Das größte Ge-
wicht, das den Körper K gerade noch nicht in Bewegung versetzt, ist die Haftreibungskraft
(oder der sogenannte Haftreibungswiderstand).
Vergrößert man die Kraft, die der Körper K auf die Unterlage U ausübt, etwa durch
Aufsetzen von Gewichten auf K, so steigt im gleichen Maß die Haftreibungskraft, die also
proportional zur Normalkraft ist. Stellt man dagegen den als Quader ausgebildeten Körper
K auf seine verschieden großen Flächen, so ergibt sich, dass bei gleichem Gewicht die Rei-
bungskraft unabhängig von der Größe der Berührungsfläche ist. Dieses seltsame Ergebnis
erklärt sich sehr einfach dadurch, dass zwei im technischen Sinn ebene Flächen natürlich
in Wirklichkeit keine ebenen Flächen sind. Sie berühren sich daher im Allgemeinen nur
in drei Punkten, wie groß die Flächen auch seien. Nennt man FH die durch die Gewichte
einschließlich Waagschale gemessene Haftreibungskraft und FN die vom Körper senk-
recht auf die Unterlage ausgeübte Normalkraft, so erhält man als Versuchsergebnis, dass
FH proportional zu FN ist, also
F H = μH F N . (9.2)
Die Proportionalitätskonstante μH = FH /FN hängt nur von der Art der beiden einander
berührenden Stoffe ab und heißt Haftreibungskoeffizient. μH ist eine Verhältnisgröße
(Kraft/Kraft), hat also die Dimension eins.
Die Haftreibungskraft FH ist also abhängig von der Normalkraft FN und von dem
Haftreibungskoeffizient μH , dagegen unabhängig von der Größe der Berührungsfläche.
Der Haftreibungskoeffizient μH ist bestimmt durch die Rauigkeit und durch die Stoffarten
der reibenden Flächen.
Die Gleitreibung ist stets kleiner als die Haftreibung. Um sie zu messen, muss ein
Kraftmesser (Federwaage) zwischen dem Seil und dem Körper K (Abb. 9.4) eingebaut
werden. Durch Dehnung der Feder steigt die Kraft mit der Zeit an. Ist der Wert der Haft-
reibungskraft erreicht, wird der Körper beschleunigt, und die kleinere Gleitreibungskraft
ist maßgebend. Man erhält dann etwa den in Abb. 9.5 gezeichneten Verlauf der Kraft. Die
Gleitreibung ist praktisch unabhängig von der Geschwindigkeit, mit der die reibenden
Flächen sich relativ zueinander bewegen. (Sie nimmt sogar etwas ab mit zunehmender
Geschwindigkeit.) Sie ist ebenfalls – wie die Haftreibung – abhängig von der Normal-
9.2 Reibung fester Körper 291

Kraft
Haftreibungs-
Gleitreibungs- kraft F H
kraft F GI
Abb. 9.5 Die Behinderung einer Bewegung
Zeit durch Reibungskräfte

kraft und unabhängig von der Größe der reibenden Fläche. So ergibt sich die analoge
Beziehung für die Gleitreibungskraft:
FGl = μGl FN . (9.3)
Der Gleitreibungskoeffizient μGl ist stets kleiner als der Haftreibungskoeffizient μH bei
gleichen Stoffpaaren.
Von besonderem Interesse ist Folgendes: Die Gleitreibungskraft ist ja immer der wir-
kenden Kraft entgegengerichtet. Sind beide Kräfte gleich, dann kann keine beschleunigte
Bewegung entstehen. Eine Bewegung kann nur eine konstante Geschwindigkeit haben,
da die Kraft von der Gleitreibungskraft gerade aufgezehrt wird und somit keine Kraft für
die Beschleunigung übrig bleibt.
In Tab. 9.1 sind für einige Stoffpaare die Werte der Reibungskoeffizienten μH und μGl
zusammengestellt. Sie sind nur als Mittelwerte zu betrachten, da sie von der Beschaf-
fenheit der Oberfläche, der umgebenden Atmosphäre, der genauen Zusammensetzung
der Materialien, der geometrischen Form der Reibpartner, der Temperatur, also von den
Betriebsbedingungen schlechthin abhängen. Schon monomolekulare Fremdschichten auf
den Oberflächen können die Reibungskoeffizienten wesentlich verändern.
Ein einfaches Verfahren zur Bestimmung der Reibungskoeffizienten μH und μGl bietet
auch die schiefe Ebene. Ruht entsprechend Abb. 9.6 ein Körper K auf der unter dem
Winkel α geneigten Bahn einer schiefen Ebene, so kann man das vertikal nach unten
gerichtete Gewicht G von K in die beiden Komponenten N = G cos α und P = G sin α
zerlegen, von denen N die Normalkraft des Körpers auf die Bahnebene und P die Kraft dar-

Tab. 9.1 Reibungskoeffizienten

Stoffpaar μH μGl
Stahl auf Stahl 0.15 0.10 – 0.05
Stahl auf Messing – 0.18 – 0.29
Stahl auf Eis 0.027 0.014
Leder auf Metall 0.6 0.4
Messing auf Holz 0.62 0.6
Eichenholz auf Eichenholz parallel zu den Fasern 0.58 0.48
Mauerwerk auf Beton 0.76 –
Bremsbelag auf Stahl – 0.45
Blockierter Autoreifen
bei 50 km/h auf Gussasphalt trocken – 0.8
nass – 0.5
Glatteis – 0.05
292 9 Reibung und Elastizität fester Stoffe

FH, FGI
K

P
6

6 N
Abb. 9.6 Bestimmung des Reibungskoeffizi-
G enten

stellt, die den Körper längs der schiefen Ebene entgegen der Haftreibungskraft
FH = μH · N in Bewegung zu versetzen sucht. Vergrößert man nun allmählich den
Winkel so lange, dass gerade eben eine Bewegung eintritt, so ist P = FH oder G sin α
= μH G cos α, woraus folgt:
μH = tan α. (9.4)
Man nennt diesen Winkel den Haftreibungswinkel.
Um den Gleitreibungskoeffizienten μGl zu bestimmen, muss man nach eingetretener
Bewegung sofort den Winkel α verkleinern, und zwar so weit, dass der Körper gerade
mit konstanter Geschwindigkeit abwärts gleitet. Dann ist P = FGl . Jetzt ist FGl die
Gleitreibungskraft, also ist G sin α , = μGl G cos α , und
μGl = tan α , . (9.5)
Der Gleitreibungskoeffizient wird heute oft mit einer Stift-Walzen-Maschine nachAbb. 9.7
gemessen. Die mit einer konstanten Winkelgeschwindigkeit ω rotierende Walze W mit
dem Radius r drückt mit der Normalkraft N , die an ihrer Achse angreifen möge, gegen
einen Stift der Länge l. Dieser Stift ist der eine Schenkel eines Winkels, der in der Achse
A gelagert ist und dessen anderer Schenkel als Messarm ausgebildet ist. Über diesem
lässt sich ein Gewicht verschieben. Die Walze gleitet mit der Geschwindigkeit ωr auf
dem Stift. Dabei entsteht eine Reibungskraft R, also ein Drehmoment lR um A. Dieses
Drehmoment wird durch Verschieben des Gewichtes G auf dem Messarm ausgeglichen,
wobei zwei Anschläge die seitliche Bewegung des Stiftes begrenzen. Bei Gleichheit der
Drehmomente ist dann:
lR = l , G

r
W
N
R

l’ Abb. 9.7 Stift-Walzen-Maschine zur Mes-


G
sung des Gleitreibungskoeffizienten
9.2 Reibung fester Körper 293

Tab. 9.2 Böschungswinkel

Stoff Böschungswinkel
Trockene Erbsen 28◦
Hirsekörner 31◦
Trockener Sand 34◦
Braunkohle 35◦
Viehsalz 39◦
Gips 45◦

und der Gleitreibungskoeffizient ist:


R G l,
μGl = = · .
N N l
Der Haftreibungswinkel α ist identisch mit dem sogenannten Böschungswinkel von lose
aufgeschichteten Sandhaufen, Haufen von Getreidekörnern usw. Hierunter versteht man
den Neigungswinkel (gegen die Horizontale) der Böschungsfläche, die nach Eintritt des
Gleichgewichtes eine derartige Substanz begrenzt. Man kann den Versuch leicht machen,
indem man aus einem Trichter Sand auslaufen lässt. Unter ihm bildet sich ein Bergkegel,
dessen Kegelwinkel nach Erreichen des Gleichgewichtes stets gleich bleibt, ebenso wie
die Neigung der Böschungsfläche, wie hoch man auch den Berg aufschüttet. In Tab. 9.2
sind die Böschungswinkel für einige Stoffe angegeben. Hierbei wird der Leser den wegen
der Lawinengefahr so wichtigen Wert für Schnee vermissen. Die Werte streuen aber zu
sehr, da wegen verschieden hohen Wassergehalts und wegen der Nähe des Gefrierpunktes
die einzelnen Schneekristalle entweder lose aufeinanderliegen oder zusammengefroren
sein können. Natürlich sind auch diese Zahlen rohe Näherungswerte, da die Gestalt und
die Größe der Körner einen wesentlichen Einfluss haben.
Abb. 9.8 zeigt, wie sich der Unterschied zwischen Haft- und Gleitreibung nachweisen
lässt. Ein glatter runder Eisenstab S ist in zwei Lagern L1 und L2 drehbar horizontal
gelagert. An dem Eisenstab hängt an einem lose darüber greifenden Haken H ein Gewicht
G. An dem oberen Teil des Hakens ist eine Schnur befestigt, die parallel zum Eisenstab
zu einer Rolle R führt, die die Schnur nach unten umlenkt. Das Ende der Schnur trägt
eine Waagschale, auf die Gewichte G , aufgelegt werden können. Man wählt das Gewicht
G , etwas kleiner, als der Haftreibungswiderstand des Hakens H auf der Stange beträgt,
so dass der Haken von dem Gewicht G , nicht zur Seite bewegt wird. Dreht man jetzt den
Stab S mit der am rechten Ende angebrachten Kurbel, so dass der Haken H relativ zur
Stange nicht mehr ruht, sondern gleitet, so rutscht der Haken mit seinem Gewicht G auf
der Stange nach links. Die Haftreibung ist in die kleinere Gleitreibung übergegangen, die

R H S

L1 L2

5 kg
G
G’
Abb. 9.8 Nachweis des Unterschiedes zwi-
schen Haft- und Gleitreibung
294 9 Reibung und Elastizität fester Stoffe

S
1
A 2
G1
G

G2

Abb. 9.9 Bestimmung des Schwerpunktes eines Stabes unter Benutzung der Reibung

jetzt von dem Gewicht G , überwunden wird. Der Haken kommt auch dann nicht zur Ruhe,
wenn die Drehbewegung der Stange aufhört, da G , größer ist als die Gleitreibung.
Auch bei dem folgendenVersuch, den Schwerpunkt eines Stabes (Spazierstock oder der-
gleichen) zu bestimmen, spielt die Reibung und im Besonderen der Unterschied zwischen
Haftreibung und Gleitreibung die entscheidende Rolle. Man legt den Stock waagerecht
auf die in einiger Entfernung gehaltenen Zeigefinger und versucht, diese einander zu
nähern. Dabei stellt man fest, dass die Finger nicht gleichmäßig unter dem Stock entlang
gleiten, sondern abwechselnd bald der eine, bald der andere. Dort, wo die beiden Finger
sich treffen, liegt der gesuchte Schwerpunkt des Stabes. Um diesen Vorgang zu verstehen,
betrachten wir Abb. 9.9, in der 1 und 2 die beiden Finger bedeuten, auf denen der Stab
A waagerecht aufliegt. Das nach unten ziehende Gewicht G des Stabes greift im Schwer-
punkt S an. Wir zerlegen unter Benutzung der früher erörterten Zusammensetzung zweier
paralleler Kräfte die Kraft G in die beiden in 1 und 2 angreifenden Kräfte G1 und G2 ,
wobei G1 + G2 = G ist. Man findet, dass G1 < G2 ist, wenn entsprechend der Figur die
Finger sich an den Enden des Stabes befinden. Infolgedessen ist auch die Reibung des
Stabes auf dem Finger 1 kleiner als die auf 2, und bei dem Versuch, die Finger einander zu
nähern, verschiebt sich 1 allein. Diese Verschiebung würde so lange vor sich gehen, bis
G1 = G2 geworden ist, wenn nicht noch zu beachten wäre, dass wir bei 2 Haftreibung,
bei 1 dagegen die kleinere Gleitreibung haben. Infolgedessen verschiebt sich der Finger
1 etwas weiter, bis G1 um so viel größer als G2 geworden ist, dass die Gleitreibung bei
1 gleich der Haftreibung bei 2 ist. Ist nun aber 1 zur Ruhe gekommen, so herrscht in 1
und 2 Haftreibung, und nun ist sie rechts, bei 2, kleiner geworden als links, bei 1. Nun
setzt sich daher 2 in Bewegung und das ganze Spiel wiederholt sich, wobei nur 1 und
2 vertauscht sind. In einer gewissen Stellung bleibt 2 wieder stehen, 1 setzt sich wieder
in Bewegung und so fort, bis beide Finger sich im Schwerpunkt treffen. Dieser Versuch
ist daher sehr geeignet, namentlich dem Anfänger den Unterschied zwischen Haft- und
Gleitreibung nachdrücklich vor Augen zu führen.
Setzt man nach Abb. 9.10 zwei aus Holz hergestellte, schiefe Ebenen mit ihren Hypo-
tenusenflächen aufeinander, so gleitet bei Belastung durch ein größeres Gewicht G die
obere an der unteren herunter. Beklebt man aber die Hypotenusenflächen mit Samt, so
tritt infolge der Rauigkeit eine so starke Verhakung beider Flächen miteinander ein, dass
9.2 Reibung fester Körper 295

Abb. 9.10 Durch Anwendung der Haftrei-


bung in der Höhe verstellbarer Tisch

man die Anordnung mit Gewichten von 500 N und mehr belasten kann, ohne dass eine
Gleitung eintritt (Anwendung als in der Höhe leicht verstellbarer Tisch).
Ein um einen Pfosten geschlungenes Seil hält infolge der Reibung einen beträchtlichen
Zug aus. Dabei wird der Reibungswiderstand durch Vergrößerung der Berührungsfläche
zwischen Seil und Pfosten durch mehrmaliges Umschlingen vergrößert. Diese Seilreibung
lässt sich anschaulich mit der Versuchsanordnung von Abb. 9.11 zeigen. Eine bei A unter
Zwischenschaltung einer Spiralfeder F befestigte Schnur hängt über einem runden Stab
S und trägt an dem anderen Ende eine Waagschale mit einem Gewicht. Dadurch wird die
Feder F um eine an einer Teilung ablesbare Strecke gedehnt. Schlingt man zur Vergröße-
rung der Reibung die Schnur einmal vollkommen um den Stab S herum, so muss man das
Gewicht auf der Waagschale um ein Vielfaches vergrößern, um die Feder um den gleichen
Betrag zu dehnen.

A F

Abb. 9.11 Nachweis der Seilreibung

Auf der Anwendung der Gleitreibung beruht der von Prony (1822) angegebene Brems-
kraftmesser (Prony’scher Zaum), der zur Messung der Leistung rotierender Maschinen
dient. Bei diesem in Abb. 9.12a dargestellten Gerät befindet sich auf der Achse der Ma-
schine ein Zylinder Z, gegen den von oben und unten zwei kreisförmig ausgeschnittene

S1 S2
N1 el
B1 F R
H’ Z r
G’ H
N2
G G
B2
(a) (b)

Abb. 9.12 Bremskraftmesser, (a) Anordnung, (b) Zusammensetzung der Kräfte


296 9 Reibung und Elastizität fester Stoffe

Bremsbacken B1 und B2 mit den Schrauben S1 und S2 angepresst werden können. An der
oberen Bremsbacke ist ein Hebelarm H angebracht, der an seinem Ende eine Waagschale
trägt; der Hebelarm H, mit dem verstellbaren Gewicht G , dient zum Ausbalancieren der
Anordnung bei ruhender Achse. Zieht man bei rotierendem Zylinder Z die Klemmbacken
mit den Schrauben S1 und S2 an, so wird durch die Reibung die ganze Anordnung in dem
eingezeichneten Drehsinn mitgenommen, so dass der Hebelarm H an den Anschlag N1
kommt; durch Aufsetzen von Gewichten G auf die Waagschale lässt es sich erreichen, dass
der Hebelarm frei zwischen den Anschlägen N1 und N2 spielt. In diesem Fall ist der an
dem Rand des Zylinders Z wirkende Reibungswiderstand R gleich der von der Maschine
ebenfalls am Zylinderrand ausgeübten Kraft F (Abb. 9.12b).
Nun wird dem Drehmoment Fr der äußeren Kraft F von dem Drehmoment Gl des am
Ende des Hebelarms l wirkenden Gewichtes G das Gleichgewicht gehalten, so dass gilt:
l
Fr = Gl oder F = G .
r
Die Leistung L der Maschine ist Arbeit/Zeit; also Kraft · Weg/Zeit. Legt also der Zy-
lindermantel in der Zeit t die Strecke s zurück, so ist
Fs Gls
L= = .
t rt
Macht der Zylinder in der Zeit t N Umdrehungen, so ist mit n = N/t die Strecke s = 2 πrnt
und somit
L = 2 πnGl.
Gleitreibung tritt auch überall dort auf, wo sich Achsen in gewöhnlichen Lagern dre-
hen. Um die Lagerreibung, die einen unerwünschten Verlust von mechanischer Energie
darstellt, möglichst zu vermindern, wendet man Schmiermittel an, die man meistens in
der Form von Öl oder Fett zwischen die aufeinander gleitenden Flächen bringt. Bei der
Bewegung gleiten dann die an den beiden sich gegeneinander bewegenden Körpern haf-
tenden Ölschichten aufeinander, und der Reibungskoeffizient z. B. für Schmiedeeisen auf
Gusseisen sinkt dadurch von 0.2 auf etwa 0.06. Zu beachten ist, dass bei Anwendung eines
Schmiermittels der Reibungswiderstand nicht mehr von der Größe der sich berührenden
Flächen unabhängig ist, da es sich um die Reibung von Flüssigkeitsschichten handelt, die
sich nicht nur in drei, sondern in allen Punkten berühren. Die Schmiermittelreibung gehört
deshalb streng genommen nicht hierher, da ein hydrodynamischer Vorgang vorliegt. Es
handelt sich dabei um die innere Reibung der Flüssigkeitsteilchen untereinander, da die
Flüssigkeit an den Wänden der Achse und des Lagers fest haftet.
Dies gilt in gleicher Weise auch für Luftlager, also für Lager mit Luft als Schmiermittel.
Sie werden zunehmend verwendet und haben große Bedeutung. Bei ihnen bildet sich
infolge sehr schneller Rotation eine dünne Luftschicht zwischen den festen Lagerteilen.
Diese Luftschicht wird dadurch ständig aufrechterhalten, dass durch spiralförmige Kanäle
immer neue Luft von außen nach innen geführt wird. Eine Schwierigkeit besteht aber darin,
dass bei Beginn und Ende der Rotation nicht genügend Luft zugeführt werden kann und
dann die festen Teile des Lagers, wenn auch unter Verwendung eines festen Schmiermittels
wie Graphit, Molybdändisulfid oder Wolframdiselenid, aufeinanderreiben.
Auch sogenannte wartungsfreie Lager werden vielfach verwendet. Bei ihnen besteht
z. B. das Lager aus einem porösen Sintermetall (Cu + 11 % Sn), das mit Öl oder Fett
9.2 Reibung fester Körper 297

Tab. 9.3 Parameter für Reibpartner auf Schnee

Reibpartner auf Schnee bei −5 ◦ C μGl Benetzungswinkel (◦ )


blankes Aluminium 0.35 0
Polymethylmethacrylat 0.30 0
Nylon 0.28 0
Lacke, Wachse ∼ 0.1 ∼ 60
Polytetrafluoräthylen 0.04 126

getränkt ist oder Graphit enthält. Ein weiteres Schmieren ist nicht notwendig. Oder die
Achse besteht aus einem geeigneten Kunststoff. Dieser hat einerseits einen sehr kleinen
Gleitreibungskoeffizienten mit dem Lagermaterial, andererseits aber auch eine geringe
Härte. So bestehen die unvermeidbaren kleinen Späne aus diesem weichen Kunststoff
und stören nicht, sondern schmieren sogar noch, jedoch immer unter Mitwirkung eines
größeren Vorrats an Fett oder an anderen schmierfähigen Stoffen.
Beim Skilaufen verwendet man Kunstgriffe, um die Reibung zwischen Ski und Schnee
besonders klein zu machen. Die Skier werden gelackt, gewachst oder mit einem Kunststoff
belegt, da die Gleitreibungskoeffizienten dieser Materialien gegen Schnee klein sind. Sie
hängen eng mit der Benetzbarkeit für Wasser zusammen. Die Belastung lässt den Schnee
in einzelnen kleinen Kontaktflächen schmelzen, so dass man auf einem Wasserfilm zu Tal
fährt. Je stärker der Kunststoff das Wasser abstößt, je größer also der Benetzungswinkel
(vgl. Abschn. 10.7) des Materials ist, desto mehr tritt die innere Reibung des Wassers
zugunsten der kleineren äußeren Reibung zwischen Kunststoff und Wasser zurück. In
Tab. 9.3 sind die Reibungskoeffizienten bei −5 ◦ C und kleinen Geschwindigkeiten (einige
km/h) einiger Materialien zusammen mit den Benetzungswinkeln angegeben.
Während die Gleitreibung im Allgemeinen eine lästige Nebenerscheinung ist (Lager-
reibung), ist die Haftreibung jedoch von grundsätzlicher Bedeutung. Sie tritt im täglichen
Leben so oft in Erscheinung, dass sie meist als Selbstverständlichkeit gar nicht beachtet
wird, zumal man sie seit den ältesten Zeiten ausnutzt: Die dünnen und kurzen Fasern von
Wolle und Baumwolle werden zu langen Fäden versponnen und durch die Haftreibung
zusammengehalten. Unsere Kleidung ist aus solchen Fäden gewebt und gewirkt und fällt
nur wegen der bestehenden Haftreibung nicht auseinander. Auch beim Knoten und beim
Nagel in der Wand wird die Reibung ausgenutzt. Ohne die Reibung unseres Fußes auf
dem Erdboden, der Räder auf den Straßen und Schienen usw. ist eine Fortbewegung nicht
möglich. Man denke nur an Glatteis! Wer jemals versucht hat, aus dem Wasser in ein
kleines Schlauchboot zu steigen, dessen Seite sich neigt, auf die man sich stützen will,
kann den Raumfahrer verstehen, der in seine Kapsel zurückkehren will und dem keine
Reibung hilft.

Rollreibung. Diese liegt vor, wenn ein runder Körper, z. B. ein Rad oder eine Walze, auf
der Unterlage abrollt. In Abb. 9.13 ist der Querschnitt eines auf der schiefen Ebene U
liegenden Zylinders Z gezeichnet, an dessen Achse (im Schwerpunkt S) die Schwerkraft
G angreift. Der Winkel der schiefen Ebene sei α. Wäre keine rollende Reibung vorhanden,
so würde der Zylinder Z schon bei der kleinsten Neigung α der schiefen Ebene herabrollen.
Er würde sich um die jeweilige Berührungslinie drehen, die in der Abbildung als Punkt B
sichtbar ist; denn diese Berührungslinie haftet infolge der Haftreibung an der Unterlage. In
Wirklichkeit jedoch muss man einen endlichen Winkel α einstellen, bevor sich der Zylinder
298 9 Reibung und Elastizität fester Stoffe

S U

6 r
a
B
N Abb. 9.13 Zur Erklärung der Rollreibung
(Die Normalkraft N ist aus Gründen der
G
Übersichtlichkeit außerhalb des Zylinders,
6 also nicht im Schwerpunkt S angreifend, ge-
zeichnet.)

in gleichförmige Bewegung setzt. Es muss also dem Drehmoment infolge der Schwerkraft,
das gleich Ga = Gr sin α ist, ein anderes Drehmoment, nämlich das der Rollreibung,
entgegenwirken und das Gleichgewicht halten. Da die Reibungskraft proportional zur
Normalkraft N = G cos α ist, kann man also schreiben:
Gr sin α = μRO G cos α,
d. h., der Koeffizient der Rollreibung ist gegeben durch
μRO = r tan α. (9.6)
Die hier auftretende Reibung ist viel kleiner als beim Gleiten. Beim Rollen kommen nach
und nach andere Mantellinien der Walze mit immer anderen Stellen der Unterlage in
Berührung. Es werden die vorhandenen Unebenheiten „übersprungen“, ähnlich wie die
Zähne eines Zahnrades in entsprechende Lücken eingreifen.
Ein Vergleich des Rollreibungskoeffizienten mit den Koeffizienten für die Haft- und
Gleitreibung ist nicht ohne weiteres möglich, da Ersterer die Dimension einer Länge und
die beiden anderen die Dimension eins haben. Man kann aber die Kräfte vergleichen,
die z. B. zum Ziehen eines Schlittens und zum Ziehen eines Wagens mit Rädern erfor-
derlich sind. Die Normalkraft FN , also die Belastung, sei in beiden Fällen gleich. Die
Kraft zum Ziehen des Schlittens zur Überwindung der Reibungskraft ist also wenigstens
FSCH = μGl · FN . Die Kraft zum Ziehen des Wagens mit dem Raddurchmesser 2r ist
FW = Drehmoment T /r = μRO · FN /r. Das Verhältnis ist also:
FW μRO
= .
FSCH r · μGl
Das Verhältnis ist also umso günstiger für den Wagen, je größer der Radius des Rades ist.
Die Zahl der Räder eines Wagens ist in erster Näherung ohne Einfluss, da die gesamte
Normalkraft FN gleich bleibt.
Einen Schlitten im Schnee zu ziehen ist allerdings gleich günstig oder gar noch günsti-
ger, als einen Wagen mit Rädern zu ziehen. Durch Druck und Reibung schmilzt der Schnee
an einigen Stellen unter den Kufen und die Gleitreibung ist außerordentlich gering. Man
spürt dagegen den Nachteil des Schlittens gegenüber einem Wagen mit Rädern, wenn man
den belasteten Schlitten aus dem Schnee über eine schneefreie Straße ziehen will.
In Tab. 9.4 sind einige Rollreibungskoeffizienten angegeben. Genaue Werte gibt es
nicht. Sie sind nur Anhaltspunkte.
9.2 Reibung fester Körper 299

Tab. 9.4 Koeffizienten der Rollreibung

Kugel oder Walze auf Unterlage Rollreibungskoeffizient μRO (cm)


Stahl auf Stahl 10−4
auf Duraluminium 3 · 10−4
auf Bronze 5 · 10−4
auf gehärtetem Kupfer 10−3
Eichenholz auf Eichenholz 2 · 10−2
Gummireifen auf Asphalt 0.7

Abb. 9.14 Querschnitt durch ein Kugellager

Abb. 9.15 Kugellager (aufgeschnitten)

Die Erfindung des Rades und damit die Anwendung der Rollreibung unter Vermeidung
der Gleitreibung gilt als eine der größten Kulturleistungen der Menschheit. Um auch die
noch in den Achsenlagern der Räder vorhandene Gleitreibung zu vermeiden, hat man sie
in eine Rollreibung umgewandelt. Man verwendet Wälzlager (Kugel- und Rollenlager), in
denen zwischen Achse A und Lagerschale L eine größere Zahl von Stahlkugeln oder Stahl-
walzen rollt (Abb. 9.14 und 9.15). Auf diese Weise erniedrigt sich der Reibungswiderstand
auf etwa 2 %.
Die Reibung ist der Grund dafür, dass eine Lokomotive einen langen Eisenbahnzug in
Bewegung setzen kann. Gelegentlich liegt etwas Öl auf den Schienen: Die Reibungskraft
reicht dann nicht aus und die Räder der Lokomotive drehen sich schnell, während der
ganze Zug stehen bleibt. In solchen Fällen wird Sand auf die Schienen gestreut. Der Sand-
kasten der Lokomotive und die fest installierten Röhren, durch die der Sand fällt, zeigen
schon, welche Bedeutung die Reibung bei der Eisenbahn hat. Um die Reibungskraft groß
zu machen, bekommt jede Lokomotive ein besonders großes Gewicht. Die Reibungskraft
allein entscheidet, wie lang ein Zug und wie groß die Steigung sein darf. Ohne Reibung
würde ein Zug also stehen bleiben. Die Räder drehen sich dann trotzdem auf den Schie-
nen. Eine große Reibungskraft hält sie dagegen fest. Diese Reibungskraft bleibt als einzige
äußere Kraft übrig, die auf die Lokomotive wirkt. Sie ist nach vorn gerichtet. Die nor-
malen Eisenbahnen heißen in der Technik daher auch „Reibungsbahnen“. Die maximale
„Zugkraft“ einer Lokomotive wird allein aus der Reibungskraft berechnet.
300 9 Reibung und Elastizität fester Stoffe

Bohrreibung. Dreht sich eine Kugel um eine vertikale Achse auf einer horizontalen
Ebene, dann erfährt sie einen Reibungswiderstand, der nicht in die drei vorher beschrie-
benen Arten einzuordnen ist. Ebenso wie bei der Rollreibung besteht Gleichgewicht zwi-
schen dem Reibungswiderstand und dem Drehmoment T . Auch hier ist der Reibungs-
widerstand proportional der Normalkraft FN . Hieraus ergibt sich, ebenso wie bei der
Rollreibung, dass der Koeffizient der Bohrreibung aus dem Quotienten Drehmoment/Kraft
gebildet wird und daher die Dimension einer Länge hat:
μBO = Drehmoment T /Normalkraft FN . (9.7)
Die Vorgänge bei der Reibung sind noch nicht vollständig geklärt. Während für die Haft-
reibung die Ursachen im Wesentlichen die Verzahnung der „Gebirge“ beider Oberflächen
und die molekularen Anziehungskräfte sind, müssen bei der Gleitreibung Teile des einen
Reibungspartners über das „Gebirge“ des anderen Partners gehoben werden. Die beiden
Flächen müssen hierzu etwas voneinander entfernt werden. Man versteht so, dass die
Reibung umso größer ist, je größer die Normalkraft ist. Dass dabei Spitzen und andere
Partikel der Oberfläche abgebrochen werden, erklärt den Verschleiß. Die Rollreibung ist
weitgehend unabhängig von der Oberflächenrauigkeit, was auch zu verstehen ist. Das Rad
muss zwar auch über „Berge“ der Oberfläche fahren, jedoch wird die zum Anheben auf-
gewendete Energie beim Herunterfahren zum Teil wieder gewonnen, während sie bei der
Gleitreibung zum großen Teil über Deformationen in Wärme (Reibungswärme!) umge-
wandelt wird und so verloren geht. Die Deformationen der festen Materie würden keine
Verluste bedeuten, wenn sie vollkommen elastisch wären. Das sind sie aber nicht. Bei
einem Rad wird ein Teil der Energie beim „Abwärtsfahren“ über einen mikroskopischen
Berg wieder an das Rad gegeben, ein Teil wird in elastische Deformationen verwandelt und
wird auch an das Rad zurückgegeben. Ein dritter Teil ist aber endgültig verloren, nämlich
die Energie, die unelastische (plastische) Deformationen verursacht und in Wärme um-
gewandelt wird.
Durch die plastischen Deformationen, durch andauernde hohe Wechselbeanspruchun-
gen wird das Kristallgefüge der Reibungspartner gelockert, so dass die Festigkeitswerte
abnehmen. Diese Erscheinung bezeichnet man als Ermüdung. Verschleiß und Ermüdung
lassen ein Maschinenteil nach einer gewissen Laufzeit für seinen Zweck unbrauchbar
werden.

9.3 Elastische Spannungen


Die äußeren Kräfte, die auf einen festen Körper wirken, können von zweierlei Art sein:
Es können einmal sogenannte Massenkräfte sein. Von dieser Art sind die Gravitations-
und die Trägheitskräfte, die ja zur Masse proportional sind und die an den einzelnen Volu-
menelementen angreifen. Ferner können es sogenannte Oberflächenkräfte sein, die an den
einzelnen Oberflächenelementen angreifen. Nur diese sollen im Folgenden behandelt wer-
den. Es wird jetzt also immer von der Wirkung der Schwerkraft und von Trägheitskräften
abgesehen.

Druck und Spannung. Die auf eine Fläche wirkende Kraft kann verschiedene Richtungen
haben. Man kann sie daher in zwei Komponenten zerlegen:
9.3 Elastische Spannungen 301

a) Die Kraft ist senkrecht zur Fläche gerichtet. Man spricht von einer

Normal-(Zug-)Spannung ⎬ Normalkraft FN
bzw. von einer σ = . (9.8)
⎭ Fläche A
Normal-(Druck-)Spannung
Beide unterscheiden sich nur durch das Vorzeichen ihrer Richtung. Erstere wird auch
oft kurz Zug, letztere meist Druck genannt. Es ist üblich, das Wort „Druck“ statt
„Normal-Druck-Spannung“ und den Buchstaben p statt σ immer dann zu verwenden,
wenn wie z. B. bei Gasen die Normalspannung unabhängig von der Richtung der
Flächennormalen ist.
b) Die Kraft ist parallel zur Fläche gerichtet. Man spricht von einer

Tangentialspannung ⎬ Tangentialkraft FT
oder σ = . (9.9)
⎭ Fläche A
Schubspannung
Als Einheiten von Druck und Spannung werden verwendet:
1 Pascal (Pa) = 1 Newton/m2 = 10−5 bar.
In der Technik ist üblich:
1 Megapascal (MPa) = 1 N/mm2 .
Hohe Drücke, also Druck- oder Zug-Spannungen, lassen sich verhältnismäßig leicht er-
zeugen, wenn man die Fläche, auf die eine Kraft wirkt, hinreichend klein macht. Dass
man z. B. eine Reißzwecke mit der von einem Finger ausgeübten Kraft, die in der Größen-
ordnung von 10 N liegt, in ein Brett eindrücken kann, hat seinen Grund in der feinen
Spitze der Reißzwecke. Nehmen wir an, dass der Durchmesser dieser Spitze etwa 0.1 mm
betrage, so ist ihre Querschnittsfläche rund 10−8 m2 , so dass der von der Spitze auf das
Brett ausgeübte Druck
FN 10 N
σ = = −8 2 = 109 Pa
A 10 m
beträgt.

Innere Spannungen. Es könnte nach der obigen Darlegung so scheinen, als ob die Bedeu-
tung der Spannungen auf die Oberfläche der Körper beschränkt sei. Allein eine einfache
Überlegung zeigt, dass man das Vorhandensein solcher Spannungen auch im Inneren jedes
elastischen Körpers annehmen kann, ja annehmen muss. Denken wir uns nämlich aus ei-
nem elastischen Körper, der unter dem Einfluss äußerer Kräfte im Gleichgewicht ist, einen
Teil (z. B. eine Kugel) herausgeschnitten (Abb. 9.16). Dann wird, wenn der schraffierte
Bereich plötzlich fortgenommen ist, der übrige Teil des Körpers nicht mehr im Gleichge-
wicht sein, sondern eine neue Gleichgewichtslage aufsuchen, bei der die Gestalt und das
Volumen des entstandenen Hohlraumes sich ändern. Daraus folgt, dass der herausgeschnit-
tene Teil des Körpers, solange er noch an Ort und Stelle war, Kräfte auf den umgebenden
Körperteil ausübte. Soll dieser also nach Fortnahme jenes Stückes unverändert im alten
Gleichgewichtszustand bleiben, so müssen geeignete Kräfte auf der Oberfläche des Hohl-
raumes angebracht werden, nämlich die gleichen Kräfte, die der herausgenommene Teil
vorher auf seine Umgebung ausgeübt hatte.
302 9 Reibung und Elastizität fester Stoffe

Abb. 9.16 Zum Nachweis elastischer Span-


nungen im Inneren eines festen Körpers

F F

2 Abb. 9.17 Gültigkeit des Reaktionsprinzips


bei inneren Spannungen

Auch der herausgenommene Teil kann nicht in seinem ursprünglichen Gleichgewichts-


zustand verharren, aus demselben Grund: Der umgebende Körper übte auch auf ihn Kräfte
aus, die wir nach Entfernung des Stückes wieder durch geeignete Oberflächenkräfte erset-
zen müssen, wenn wir den Gleichgewichtszustand unverändert erhalten wollen. Es sind
also in jedem Punkt des elastischen Körpers Kräfte wirkend zu denken, wenn äußere
Kräfte am Körper angreifen, und zwar sind nach dem Vorhergehenden diese inneren
Kräfte offenbar Flächenkräfte. Denn wenn wir durch eine gedachte Fläche FF einen Teil
(1) des Körpers gegen den Rest (2) abgrenzen (Abb. 9.17), so üben beide Teile durch die
Trennungsfläche hindurch Kräfte aufeinander aus. Diese Kräfte gehorchen natürlich dem
Reaktionsprinzip. Sie heben sich daher in ihrer Wirkung nach außen auf, da sowohl die
resultierende Kraft als auch das resultierende Drehmoment gleich null sind. Durch sie
kann weder der Schwerpunkt des Körpers eine Veränderung seiner Bewegung erfahren
noch eine Drehung um ihn eintreten. Sie scheinen deshalb bei flüchtiger Betrachtung nicht
vorhanden zu sein. In Wirklichkeit sind jedoch diese inneren Spannungen stets wirksam
und verlangen Berücksichtigung, da sie im Grunde die unmittelbare Ursache der Defor-
mation sind. Man kann sich ja den Vorgang einer elastischen Beanspruchung so denken:
Die auf den Körper wirkenden Oberflächenkräfte rufen in seinem Inneren die erörterten
Spannungen hervor, diese wiederum die lokalen Verzerrungen. Das elastische Problem
besteht also darin, aus den äußeren Kräften zunächst die inneren Spannungen und aus
diesen die Verzerrungen zu finden – eine im Allgemeinen höchst schwierige Aufgabe,
weswegen wir uns auf die einfachsten Fälle beschränken werden.

Hooke’sches Gesetz. Glücklicherweise gilt für den zweiten Teil der Aufgabe, den Zusam-
menhang zwischen den Spannungen und den Verzerrungen, ein sehr einfaches Gesetz, das
R. Hooke (1635 – 1703) ausgesprochen hat:
• Die Verzerrungen sind proportional zu den Spannungen (ut tensio sic vis).
Freilich gilt dieses Hooke’sche Gesetz nur für sehr kleine Deformationen; wie weit es im
einzelnen Fall zutrifft, müssen die Beobachtungen selbst ergeben. Man nennt die Grenze,
bis zu der es Gültigkeit besitzt, die Proportionalitätsgrenze. Wird sie überschritten, so ist
die Deformation nicht mehr proportional zur Spannung, sondern es treten höhere Potenzen
9.4 Volumen- und Gestaltselastizität 303

(z. B. Quadrate) der Spannungen auf. Solange indessen auch diese Verzerrungen eine
gewisse Grenze nicht überschreiten, haben sie immer noch die Eigenschaft, sofort wieder
zu verschwinden, wenn man die äußeren Kräfte und damit die Spannungen fortnimmt:
Der Körper ist immer noch im eigentlichen Sinn des Wortes elastisch. Geht man aber mit
den Verzerrungen noch über diese Elastizitätsgrenze hinaus, so bildet sich die Verzerrung
nicht mehr vollständig zurück, wenn die Kräfte aufgehoben werden, sondern der Körper
erfährt eine dauernde Deformation, d. h., es verbleibt ein plastischer Verformungsanteil,
eine dauernde Veränderung seiner Gestalt. So wichtig die dauernden Verformungen des
Materials für die Praxis sind – alles Walzen, Pressen, Ziehen, Biegen usw. beruht ja auf
diesem Vorgang –, so sehen wir doch hier davon vollständig ab, weil es keine elastischen
Vorgänge im eigentlichen Sinn des Wortes mehr sind. Wie bereits erwähnt, setzen wir im
Folgenden immer die strenge Gültigkeit des Hooke’schen Gesetzes voraus, bleiben also
stets unterhalb der Proportionalitätsgrenze.

9.4 Volumen- und Gestaltselastizität


Im Allgemeinen ändern sich bei elastischen Verformungen sowohl das Volumen als auch
die Gestalt der festen Körper. Nur in besonders einfachen Fällen tritt die eine oder die
andere Verzerrung isoliert auf; mit solchen wollen wir uns zunächst befassen.

Volumenelastizität. Wir betrachten einen Festkörper beliebiger Gestalt, auf dessen Ober-
fläche ein überall konstanter Druck p wirken möge (Abb. 9.18). Das kann dadurch ge-
schehen, dass man den Körper in eine Flüssigkeit einbettet, die in einem Gefäß mit be-
weglichem Stempel eingeschlossen ist, und nun durch Belastung des Stempels auf die
Flüssigkeitsoberfläche den gewünschten Druck wirken lässt. Wie wir in Kap. 10 sehen
werden, wirkt dann dieser Druck an allen Stellen der Flüssigkeit und überträgt sich durch
sie auf den eingelagerten Festkörper. Dann wird einfach dessen Volumen verkleinert, wie
es Abb. 9.18 andeutet, ohne dass eine Gestaltsänderung auftritt. Statt den Körper durch
gleichmäßigen Druck zu komprimieren, kann man ihn auch durch Zug dehnen, etwa, in-
dem man ihn vom Atmosphärendruck in ein Vakuum bringt; auch in diesem Fall ändert
sich nur das Volumen. Greift man im Inneren des Körpers irgendwie gelegene Teilvolu-
mina gleicher Größe heraus, so erfährt jedes von ihnen die gleiche Volumenänderung, ein
Beweis dafür, dass in jedem Punkt des Körperinneren gleichfalls der Druck p herrscht.
Natürlich ist die absolute Volumenänderung umso größer, je größer das Ausgangsvo-
lumen ist; d. h., es kommt immer nur auf die sogenannte „relative“ Volumenänderung,
an.
Das Hooke’sche Gesetz verlangt nun in Übereinstimmung mit dem Experiment, dass die
relative Volumenänderung proportional zum wirkenden Druck p ist. Hat also das Volumen
beim Druck null den Anfangswert V0 und ändert es sich beim Druck p auf V0 + 9V , so
ist
9V 1
− = · p. (9.10)
V0 K
Diese experimentell gefundene Beziehung spricht eben aus, dass die relative Volumen-
verminderung −9V /V0 proportional zum wirkenden Druck p, d. h. zur Normal-(Druck-)
304 9 Reibung und Elastizität fester Stoffe

Abb. 9.18 Volumenelastizität eines festen


Körpers

Spannung σ , ist; der Proportionalitätsfaktor 1/K, der von Material zu Material verschie-
den ist, heißt (kubische) Kompressibilität des Festkörpers; der reziproke Wert K ist der
Kompressionsmodul. Die Dimension von K ist die eines Druckes.
Die Kompressibilität ist bei den festen Körpern im Allgemeinen sehr klein, ihr Kehr-
wert K also sehr groß. Das heißt: Es bedarf sehr großer Drücke, um eine kleine relative
Volumenverminderung zu erzielen. Zum Beispiel liegt die Kompressibilität von Gläsern
zwischen 1.7 · 10−11 und 3.3 · 10−11 Pa−1 , d. h., bei einer Drucksteigerung um 105 Pa
(1 bar) verringert sich das Volumen nur um wenige ppm. Der Kompressionsmodul der
Gläser hat also Werte zwischen 3 · 1010 und 6 · 1010 Pa. Da diese Zahlen sehr groß sind,
pflegt man den Kompressionsmodul nicht auf Quadratmeter, sondern auf Quadratmilli-
meter zu beziehen, so dass wir hier 30 kN/mm2 bzw. 60 kN/mm2 erhalten (s. Tab. 9.6,
Abschn. 9.6).
Noch größer ist der Kompressionsmodul von Metallen wie Kupfer oder Eisen, nämlich
140 bzw. 170 kN/mm2 , was einer Kompressibilität von weniger als 10−11 Pa−1 entspricht.
Wasser hat bei 20 ◦ C die Kompressibilität 46 · 10−11 Pa−1 (für Drücke bis zu 5 MPa).
Übrigens ist die hier geschilderte Methode zur Bestimmung von K umständlich und
daher nur selten angewendet worden; in Abschn. 9.5 werden geeignetere Anordnungen
behandelt, bei denen es sich allerdings nicht um reine Volumenänderung handelt.

Gestaltselastizität. Das Gegenstück zu dem hier betrachteten Fall haben wir dann, wenn
wir auf die Oberseite eines Würfels der Kantenlänge a eine tangentiale Kraft F wirken
lassen, während die Unterfläche festgehalten wird (Abb. 9.19). Der Würfel wird dann
in der aus der Figur ersichtlichen Weise deformiert (Scherung des Würfels): Die Ebene
parallel zur Grundfläche des Würfels bleibt ein Quadrat; sie wird nur nach rechts um einen
gewissen Betrag verschoben, so dass die parallel zur Zeichenebene liegenden Flächen
Parallelogramme werden; die beiden letzten Flächen werden Rechtecke. Man erkennt

6 Abb. 9.19 Gestaltselastizität eines festen


Körpers, als Beispiel: Scherung eines Würfels
9.4 Volumen- und Gestaltselastizität 305

2r
F

A R R
B

F Abb. 9.20 Torsion eines Stabes

sofort, dass das Volumen des Würfels erhalten bleibt; wir haben es also wirklich mit einer
reinen Gestaltsänderung zu tun, die durch die Größe des Winkels α charakterisiert wird. Da
die Kraft F sich auf eine Fläche vom Inhalt a2 verteilt, ist die Schubspannung τ = F/a2 ,
die auch an jeder Stelle im Inneren des Würfels wirksam ist. In Übereinstimmung mit
dem Experiment und dem Hooke’schen Gesetz ist die Schubspannung τ proportional zu
diesem Winkel α (genauer tan α):
τ = Gα. (9.11)
G, der vom Material abhängende Proportionalitätsfaktor, wird als Schubmodul oder, aus
einem gleich ersichtlichen Grund, als Torsionsmodul bezeichnet. Hier haben wir es also
mit einer zweiten elastischen Materialkonstanten zu tun, die erfahrungsgemäß völlig un-
abhängig vom Kompressionsmodul K ist:
• Volumenelastizität und Gestaltselastizität sind zwei voneinander verschiedene, sich ge-
genseitig nicht beeinflussende Wirkungen der atomaren Bindungskräfte.
Nach Gl. (9.11) ist die Dimension des Torsionsmoduls identisch mit der der Schubspan-
nung τ , da der Winkel α dimensionslos ist; er wird also, wie der Kompressionsmodul,
z. B. in N/mm2 (= MPa) angegeben.
Die einfache Anordnung der Abb. 9.19 sollte nur dazu dienen, den Vorgang bei einer
reinen Beanspruchung auf Gestaltsänderung deutlich zu machen; zur Bestimmung des
Torsionsmoduls wäre sie zwar im Prinzip verwertbar, ist tatsächlich jedoch nie benutzt
worden. Dagegen ergeben sich Methoden zur Bestimmung des Torsionsmoduls durch
Betrachtung der Torsion oder Drillung eines Stabes (Abb. 9.20).
Das obere Ende eines Stabes der Länge L und vom Durchmesser 2r sei fest einge-
klemmt. Am unteren Ende ist eine Scheibe vom Radius R mit dem Stab starr verbunden.
An dieser Scheibe greifen an zwei diametral gegenüberliegenden Punkten A und B zwei
entgegengesetzt gleiche Kräfte vom Betrag F in tangentialer Richtung an. Dadurch erfährt
das untere Stabende ein Drehmoment und wird um den Winkel ϕ verdreht. An dieser Dre-
hung nehmen alle anderen Stabquerschnitte mit einem Betrag teil, der proportional zum
Abstand dieser Querschnitte vom oberen eingeklemmten Stabende ist. Dabei bleibt, wie
auch bei der schematischen Anordnung in Abb. 9.19, jeder Querschnitt, für sich betrach-
tet, starr und wird nur gegen die benachbarten Querschnitte um einen kleinen Winkel
verdreht. Dadurch treten zwischen den einzelnen Querschnitten Schubspannungen auf.
Denken wir uns auf dem Stabmantel eine Anzahl zur Stabachse paralleler Linien gezo-
gen, so werden diese nach der Drillung die Form von Schraubenlinien haben, die gegen die
306 9 Reibung und Elastizität fester Stoffe

Vertikale die Neigung α haben mögen; so lässt sich auch die Drillung des Stabes sichtbar
machen. Bei einem kreisförmigen Querschnitt bleibt während der Torsion das Volumen
konstant; auch die Gestalt des Stabes erfährt – äußerlich! – keine Veränderung, wenn man
von der schraubenförmigen Verzerrung der Oberfläche absieht (latente Gestaltsänderung).
Solche Verdrillungen treten z. B. bei jeder Transmissionswelle auf, an deren einem Ende
der Motor und an deren anderem die zu treibende Maschine mit ihren Drehmomenten
angreift.
Wir denken uns zunächst statt des massiven Zylinders einen Hohlzylinder vom Radius
r und der Wandstärke dr (Abb. 9.21). Er sei am unteren Ende durch eine am Zylinder-
querschnitt angreifende unendlich kleine Kraft vom Betrag dF um den Winkel ϕ verdreht.
Ist die Zylinderlänge L, so wird jede der Zylinderachse ursprünglich parallele Gerade um
den Winkel α = rϕ/L gegen sie geneigt. Nach dem Hooke’schen Gesetz muss nun die
am unteren Querschnitt des Zylinders angreifende Schubspannung zum Drillungswinkel
proportional sein. Da die Querschnittsfläche dA = 2πr dr ist, wird die Schubspannung:
dF dF
τ= =
dA 2 πr dr
und wir erhalten nach Gl. (9.11):
r
τ = Gα = G ϕ
L
oder, wenn wir wieder die Kraft dF einführen:
ϕ
dF = G 2 πr 2 dr .
L
Durch Multiplikation mit dem Abstand r von der Drehachse erhalten wir den Betrag dT
des (infinitesimalen) Drehmoments:
2 πϕ 3
dT = Gr dr.
L
Gehen wir nun vom Hohlzylinder auf einen Vollzylinder über, den wir uns aus einer Reihe
ineinandergeschobener Hohlzylinder zusammengesetzt denken können, so finden wir das

2r

6
F

0
Abb. 9.21 Drillung eines Hohlzylinders
9.4 Volumen- und Gestaltselastizität 307

Abb. 9.22 Querschnittsverwölbung bei Tor-


sion eines Stabes mit elliptischem Querschnitt

gesamte Drehmoment seinem Betrag nach durch eine Integration über r zwischen den
Grenzen 0 und r. Das liefert:
-r
ϕ π ϕ 4
T = 2 π G r 3 dr = Gr . (9.12)
L 2 L
0
Daraus ergibt sich für den Torsionsmodul G die Gleichung
2 L
G= T. (9.13)
π r4ϕ
Lässt man die den Zylinder verdrehenden Kräfte F nicht am Mantel des Zylinders selbst
angreifen, sondern (Abb. 9.20) an zwei diametral gegenüberliegenden Punkten des Um-
fanges einer größeren Scheibe mit dem Radius R, so ist T = 2 RF. Damit wird:
2 L
G= 2 RF. (9.14)
π r4ϕ
Diese Gleichungen (9.13) oder (9.14) können zu einer bequemen und genauen Bestim-
mung des Torsionsmoduls dienen, da man die Länge L und den Radius r messen kann,
ebenso wie das Drehmoment T ; der Torsionswinkel ϕ ergibt sich unter Benutzung einer
Spiegelablesung. Zahlenwerte für G finden sich in Tab. 9.6, Abschn. 9.6. Sie liegen etwa
in der Größenordnung von 1 bis 100 N/mm2 .
Nur bei der Torsion eines Stabes von kreisförmigem Querschnitt bleiben die einzel-
nen Querschnitte eben, wie wir es vorausgesetzt haben. Bei Stäben von quadratischem,
rechteckigem oder elliptischem Querschnitt erfahren dagegen bei jeder Verdrillung die
Querschnitte eine Verwölbung, wie Abb. 9.22 für einen Stab elliptischen Querschnittes
zeigt. Diese Komplikation erschwert die exakte Berechnung der Torsion solcher Stäbe
erheblich.

Dynamische Messung des Torsionsmoduls. Die soeben besprochene Methode zur Be-
stimmung des Torsionsmoduls ist eine statische; vielfach wird auch die folgende dynami-
sche benutzt, die gewisse Vorzüge vor jener besitzt. Befestigt man am unteren Ende eines
oben eingeklemmten Drahtes einen Körper mit dem Trägheitsmoment J und verdrillt man
308 9 Reibung und Elastizität fester Stoffe

den Draht, so wirkt das in Gl. (9.12) angegebene Drehmoment rücktreibend auf den an-
gehängten Körper ein. Der Draht führt infolgedessenTorsionsschwingungen um die Draht-
achse aus, deren Schwingungsdauer τ durch die Gleichung für das physikalische Pendel
#
J
τ = 2π (9.15)
D
gegeben ist. Hierin bedeutet D das Richtmoment, d. h. das – sich aus Gl. (9.12) ergebende –
Drehmoment pro Winkel:

T π r4
D= = G.
ϕ 2 L
Diese Torsionsschwingungen stellen ein bequemes Verfahren sowohl zur Bestimmung von
Trägheitsmomenten als auch zur Ermittlung des Torsionsmoduls dar.
Torsionsschwingungen spielen bei verschiedenen Messinstrumenten, z. B. bei Galva-
nometern, eine große Rolle. Das System, auf das eine magnetische oder elektrostatische
Anziehungs- und Abstoßungskraft wirkt, hängt an einem sehr dünnen Faden, der tor-
diert wird. Man verwendet meist Quarzfäden, die „geschossen“ werden; d. h., man zieht
einen Tropfen von geschmolzenem Quarzglas im Gebläse mit Hilfe von Pfeil und Bogen
sehr schnell auseinander. Solche sehr dünnen Fäden sieht man nur bei starker seitlicher
Beleuchtung auf schwarzem (Samt-)Untergrund. – In besonderen Fällen verwendet man
natürliche Spinnenfäden, die man leicht dadurch erhält, indem man eine Spinne durch ein
vertikal aufgestelltes Glasrohr fallen lässt. – Eine wichtige Anwendung findet die Torsion
auch bei den Torsionswaagen. Ein horizontal liegender Faden ist an beiden Enden fest
eingespannt. In der Mitte dieses Fadens ist ein ebenfalls horizontal liegender dünner Stab
befestigt, dessen Richtung aber senkrecht zum Torsionsfaden liegt. Wird der Stab nun auf
einer Seite belastet, so wird der Faden tordiert. Sehr genaue, käufliche Torsionswaagen
haben z. B. Messbereiche von 0.002 mg bis zu 10 mg.

9.5 Dehnung und Biegung


Bei den bisher besprochenen Deformationen hatten wir es entweder nur mit einer rei-
nen Volumenänderung unter Beibehaltung der Gestalt (Volumenelastizität) oder mit einer
reinen Gestaltsänderung unter Beibehaltung des Volumens (Scherung bzw. Torsion eines
Kreiszylinders) zu tun. Wir wenden uns jetzt solchen Verzerrungen zu, bei denen so-
wohl das Volumen als auch die Gestalt des betreffenden Körpers verändert wird. Dies ist
z. B. der Fall, wenn wir einen Körper nur in einer einzigen Richtung dehnen oder zusam-
mendrücken. Wie Abb. 9.23 in übertriebenem Maßstab zeigt, geht ein Würfel, der in der
Vertikalen gedehnt wird, in die Form eines Quaders über, dessen Volumen größer als das
des Würfels ist, und umgekehrt kann ein Quader von quadratischer Grundfläche bei einer
bestimmten Stauchung in der Längsrichtung zu einem Würfel von kleinerem Volumen
verformt werden. Es findet also eine Vergrößerung der Linearausdehnung in Richtung des
Zuges statt, aber gleichzeitig eine Verkürzung der Querausdehnungen; beide zusammen
bestimmen neben der Volumenänderung die Gestaltsänderung.
9.5 Dehnung und Biegung 309

Abb. 9.23 Zur Erklärung der Querkontrak-


tion

Querkontraktion isotroper Körper. Dass bei einer einseitigen Dehnung stets auch eine
Querkontraktion auftritt, kann man durch folgendenVersuch von Wilhelm Conrad Röntgen
(1845 – 1923) zeigen: Auf ein ungespanntes Gummiband wird mit Tusche ein Kreis vom
Radius R aufgezeichnet; dehnt man das Band, so wird aus dem Kreis eine Ellipse, deren
kleine Achse b kleiner und deren große Achse a größer als R ist (Abb. 9.24).
Eine solche einseitige Dehnung liegt z. B. vor, wenn wir einen an einem Ende fest auf-
gehängten Draht am anderen Ende durch ein angehängtes Gewicht belasten: Wir können
dann mit einem Mikroskop, das wir auf eine am unteren Ende des Drahtes angebrachte
Marke einstellen, eine Verlängerung des Drahtes beobachten. Gleichzeitig nehmen seine
Querabmessungen ab. Bei einem Metalldraht ist dies freilich nicht ohne Weiteres zu se-
hen; nimmt man aber einen dickwandigen Gummischlauch (Vakuumschlauch), über den
eng passend ein Ring geschoben ist, so zieht sich der Schlauchquerschnitt bei Dehnung
so stark zusammen, dass der Ring vollkommen frei beweglich wird, z. B. herabfällt, wenn
der Schlauch vertikal gehalten wird. Verändern wir die Größe des am Draht angehängten
Gewichtes, so finden wir im Einklang mit dem Hooke’schen Gesetz, dass die Verlänge-
rung 9L zur wirkenden Kraft proportional ist. Variieren wir ferner die Länge L und die
Querschnittsfläche A des Drahtes, so ergibt sich weiter, dass die Verlängerung zur Länge L

a
b
Abb. 9.24 Nachweis der Querkontraktion
bei einem gespannten Gummiband
310 9 Reibung und Elastizität fester Stoffe

direkt und zur Querschnittsfläche des Drahtes umgekehrt proportional ist. Das muss nach
dem Hooke’schen Gesetz so sein; denn die Dehnung ε soll ja zur Spannung proportional
sein. Bei der Belastung des Drahtes oder des Gummischlauchs durch ein Gewicht kommt
selbstverständlich nur eine senkrecht zur Querschnittsfläche A gerichtete Normalkraft FN
in Betracht. Die Normal-(Zug-)Spannung σ ist nach Gl. (9.8) gleich dem Quotienten Nor-
malkraft FN /Fläche A. Also ist die Dehnung ε oder die relative Längenänderung 9L/L:
9L 1 1 FN
ε= = ·σ = · (9.16)
L E E A
oder
σ = E · ε. (9.17)
Die Proportionalitätskonstante ist der Elastizitätsmodul E, eine Materialkonstante. Der
Elastizitätsmodul E ist also das Verhältnis von Normal-Spannung σ zur relativen Längen-
änderung 9L/L. E wird gleich σ , wenn 9L/L gleich 1 ist. Dies ist dann der Fall, wenn
das Gummiband auf die doppelte Länge gedehnt wird.
Gemessen wird die Dehnung z. B. einfach dadurch, dass ein an einem festen Punkt
aufgehängter Draht mit einem Gewicht belastet wird. Ein markierter Strich am unteren
Ende des Drahtes wird mit dem Mikroskop beobachtet. Man kennt die Länge des Drahtes
L, die Querschnittsfläche A und die Kraft, nämlich das angehängte Gewicht G. Man misst
die Verlängerung 9L und erhält so den Elastizitätsmodul E.
Eine andere Methode zur Messung der Dehnung benutzt die Änderung des elektrischen
Widerstandes eines dünnen, belasteten Drahtes. Diese Dehnungsmessstreifen werden fest
auf die Probe geklebt, deren Dehnung gemessen werden soll. Bei der Dehnung wird der
dünne Messdraht ebenfalls mitgedehnt. Infolge der Verlängerung und der Querkontrak-
tion vergrößert sich der elektrische Widerstand, der gemessen wird. Um die Wirkung
zu erhöhen, ist der dünne Messdraht etwa 50-mal in der Messrichtung hin und her ge-
legt. Er ist fest in einem Kunststoff eingebettet. Diese Dehnungsmessstreifen werden
hauptsächlich dazu benutzt, aus der gemessenen Dehnung bei bekanntem Elastizitätsmo-
dul die Zugspannung zu bestimmen, die in Baukonstruktionen (Brücken, Hochhäuser)
wegen etwaiger Überbeanspruchung laufend geprüft werden sollten. Man kann nach die-
ser Methode noch Dehnungen bis herab zu 9L/L = 10−6 , d. h. Spannungen z. B. in Stahl
bis herab zu 0.2 N/mm2 , messen.
Die Dimension von E ist die eines Druckes. Um zu große Zahlen zu vermeiden, misst
man E in N/mm2 . Die Zahlenwerte von E sind etwa in der Größenordnung von 3 bis
300 N/mm2 (s. Tab. 9.6, Abschn. 9.6).
Wie wir bereits in Abb. 9.23 und 9.24 sahen, ist jede elastische Dehnung eines Körpers
in der zur Dehnung senkrechten Richtung mit einer Kontraktion verbunden. Diese muss
nach dem Hooke’schen Gesetz zur relativen Dehnung proportional sein. DasVerhältnis von
Querkontraktion εS zur Längsdehnung εN wird gekennzeichnet durch die Poisson-Zahl
εS (9L/L)quer
μ=− =− . (9.18)
εN (9L/L)längs
μ ist also eine reine Zahl; sie ist kleiner als 21 . Danach hat der aus dem Würfel der
Kantenlänge L entstandene Quader die Kantenlängen:
! σH ! μσ H ! μσ H
L 1+ ; L 1− ; L 1− ;
E E E
9.5 Dehnung und Biegung 311

das ursprüngliche Volumen des Würfels V0 = L3 hat sich verändert in:


! σ H! μσ H ! μσ H
V0 + 9V = L3 1 + 1− 1− ,
E E E
oder, da σ/E und μσ/E klein gegen 1 sind und ihre Quadrate bzw. Produkte untereinander
vernachlässigt werden dürfen, angenähert:
( σ ?
V0 + 9V = L3 1 + (1 − 2μ) .
E
Die relative Volumenänderung ist also:
ΔV σ
= (1 − 2μ). (9.19)
V0 E
Da bei einem Zug das Volumen V0 sich natürlich vergrößern muss, muss nach Gl. (9.19)
1 − 2μ > 0 sein, d. h., μ unterliegt im Einklang mit der Erfahrung der Bedingung:
1
0≤μ≤ . (9.20)
2
Für feste Stoffe ergibt sich: 0.2 < μ < 0.5 und für Flüssigkeiten in etwa der Grenzfall
μ = 0.5, d. h., Flüssigkeiten sind praktisch inkompressibel.

Die Konstanten der Elastizität. Mit der Größe μ haben wir nun im Ganzen vier elastische
Konstanten: Kompressionsmodul K, Torsionsmodul G, Elastizitätsmodul E und Poisson-
Zahl μ. Sie sind nicht unabhängig voneinander; vielmehr lassen sich zwei von ihnen
durch die beiden anderen ausdrücken, so dass ein isotroper Festkörper durch zwei Moduln
vollkommen in seinem elastischen Verhalten charakterisiert ist.
Den Zusammenhang zwischen K, E und μ wollen wir zunächst ableiten. Zu dem Zweck
denken wir uns in Abb. 9.23 statt des Zuges σ zunächst einen einseitigen Druck σ wirkend;
dieser verkürzt die Kantenlänge L in seiner Richtung und dehnt diejenigen senkrecht zu
ihm. Statt einer Volumenvergrößerung erhalten wir eine Volumenverminderung, die durch
die gleiche Formel (9.19) ausgedrückt wird, nur dass links ein Minuszeichen hinzuzufügen
ist.
Wenn man jetzt nach Abb. 9.23 auch auf die anderen Seitenflächen des Würfels den
Druck σ wirken lässt, so bewirkt dieser genau dasselbe wie vorher der einseitige Druck:
Die Kanten in Richtung des Druckes werden verkürzt, die dazu senkrechten Kanten werden
verlängert. Während einseitiger Druck die parallele Kante um Lσ/E verkürzt, erzeugen
die dazu senkrechten Drücke eine Verlängerung um 2 μLσ/E, so dass jede Kantenlänge
L übergeht in:
( σ ?
L 1 − (1 − 2μ) ;
E
das Volumen V0 = L3 ändert sich also in:
( ?3 9 L
3 σ 3 3σ
V0 + 9V = L 1 − (1 − 2μ) = L 1 − (1 − 2μ) ,
E E
d. h., die relative Volumenverminderung unter allseitigem Druck σ hat den Wert:
9V 3σ
− = (1 − 2μ). (9.21)
V0 E
312 9 Reibung und Elastizität fester Stoffe

Das muss aber übereinstimmen mit Gl. (9.10): −9V /V0 = σ/K, wobei K der Kompres-
sionsmodul ist. Der Vergleich ergibt also:
E
K= . (9.22)
3(1 − 2μ)
Damit ist der Kompressionsmodul K durch E und μ ausgedrückt; für die Kompressibilität
1/K ergibt sich also:
1 3(1 − 2μ)
= . (9.23)
K E
Die meisten K-Bestimmungen fester Körper sind so auf indirektem Weg gemacht wor-
den: Sie wurden aus E und μ berechnet. Die gewonnenen Zahlenwerte sind in Tab. 9.6
(Abschn. 9.6) angegeben.
Eine weitere Beziehung besteht zwischen E, G und μ. Wir betrachten wieder den Würfel
der Abb. 9.19 der Kantenlänge a auf dessen oberer Fläche a2 eine tangentiale Kraft F
wirkt, während die Grundfläche festgehalten wird; die Schubspannung τ ist gleich F/a2;
diese bewirkt wie in Abb. 9.19 eine Scherung, d. h., die beiden parallel zur Zeichenebene
liegenden Quadrate werden Parallelogramme.

F
$=
AN
F1
A D
C
C’ # D’
√2
)/4 #

F4 F2
O
a
AN
)/2
6
F3
)/456/2 )/486/2 a
A a B
E
Abb. 9.25 Zur Ableitung der Beziehung: 2G =1+μ

In Abb. 9.25 zeigen wir nur die Vorderfläche des Würfels im unverzerrten und verzerrten
Zustand. Es ist dann gemäß Gl. (9.11): α = τ/G. Die ursprünglichen Diagonalen AD und
BC werden durch diese Verzerrung übergeführt in die neuen AD, und BC , , von denen
die erstere verlängert und die letztere verkürzt ist. Sie schneiden sich zwar immer noch
unter einem rechten Winkel, aber der rechte Winkel BAC ist übergegangen in Winkel
BAC , = π/2 − α, und da dieser Winkel durch die Diagonale AD, halbiert wird, wird
der Winkel BAD, = π/4 − α/2, wie in Abb. 9.25 eingetragen; der entsprechende Winkel
bei B ist C , BA = π/4 + α/2. Die Schubspannung τ herrscht nun in jedem Punkt des
Würfelinneren, und wir wollen diejenige, die in den Punkten der in Abb. 9.25 zu C , B
verkürzten Diagonalfläche herrscht, in zwei Komponenten, parallel und senkrecht zur
9.5 Dehnung und Biegung 313

Diagonalfläche zerlegen; beide Komponenten sind bei geringen Scherungen gleich τ/ 2,
da τ einen Winkel von 45◦ mit der Diagonale
√ bildet.
Die Schubspannungskomponente τ/ 2 ergibt, mit der Würfelfläche a2 multipliziert,
den Teilbetrag der Kraft F1 , der in Richtung AD, wirkt. Im Kräftegleichgewicht wirkt in
der Fläche von BD, (nach hinten weisend) ebenfalls √ die Schubspannung τ und damit in
Richtung AD, der Teilbetrag der Kraft F2 = a2 · τ/ 2. Beide Teilbeträge sind gleich groß
und addieren sich zu der Kraft F, die die Zugspannung in Richtung AD, hervorruft.√(Dabei
ist zu berücksichtigen, dass die Fläche AN senkrecht zur Zugspannung gleich a2 2 ist.)
Die Gleichgewichtsbedingung lautet somit
√ √
2(τ/ 2)a2 = σ · a2 · 2
τ = σ.
Längs der Diagonalen AD, wirkt also eine der Größe τ entsprechende Zugspannung,
die Diagonale AD vergrößernd; längs BC wirkt eine Druckspannung, die, wie genauso
abzuleiten ist, ebenfalls τ entspricht und die Diagonale BC verkürzt. Die Verlängerung
von AD in AD, wird nun nicht allein durch den Zug in Richtung AD, sondern – über
die negative Querkontraktion – auch durch den Druck in Richtung BC hervorgerufen.
Gleiches gilt für die Verkürzung von BC. Das liefert, wie schon vorher berechnet:
AD, = AD + 9AD
√ √ τ √ μ·τ
=a 2+a 2· +a 2·
E E
√ & τ =
= a 2 · 1 + (1 + μ)
E

√ & τ =
BC , = a 2 · 1 − (1 + μ) . (9.24)
E
Die eine Diagonale wird also um ebenso viel verlängert, wie die andere verkürzt. Was wir
hier gemacht haben, ist einfach eine andere Auffassung der Wirkung der Schubspannung
τ , die parallel zur Fläche CD wirkt: Statt zu sagen, τ deformiere das Quadrat ABDC in das
Parallelogramm ABD, C , , wobei der ursprünglich rechte Winkel bei A in π/2−α übergeht,
können wir auch sagen, dass die beiden Diagonalen in der durch Gl. (9.24) angegebenen
Weise verlängert bzw. verkürzt werden. Nun ist im Dreieck AOB:

√ : I
α H a 2 1 − Eτ (1 + μ) 1 − Eτ (1 + μ)
tan − = √ : I = .
4 2 a 2 1 + Eτ (1 + μ