Im Zoo
Im Zoo
In der Stadt gab es einen großen und schönen Zoo. Eines Tages besuchten diesen zoologischen Garten
ein amerikanischer Millionär und seine 2 Kinder. Der Junge hieß Tom. Er war 11 Jahre alt. Das
Mädchen Merry war 12 Jahre alt.
Es war Herbst. Das Wetter war an diesem Tag sehr schön. Es war warm, die Sonne schien hell. Die
Blätter der Bäume waren bunt und fielen auf die Erde.
Die Kinder liefen zu den Tieren. Sie liefen zu den Affen und zu den Bären, zu den Elefanten und
zu den Tigern. Sie warfen in die Käfige bunte Blätter, sie sprangen und schrien. Die Kinder benahmen
sich sehr schlecht.
Die Tiere gefielen den Kindern sehr und Merry fragte ihren Vater: “Kannst du mir nicht die Affen
und den Elfanten kaufen?“
Tom bat: “Vater, kaufe mir die Löwen und die Tiger.”
Der Vater ging zum Wärter und sagte: “Meinen Kindern gefällt der Zoo sehr. Ich will ihn kaufen.
Was kosten die Tiere? “
Der Wärter antwortete: “Wir verkaufen unseren Zoo nicht, aber Ihre Kinder können wir für den
Zoo kaufen.“
1
Der Fuchs und die Katze
Einmal ging eine Katze im Walde spazieren. Da begegnete sie einem Fuchs. Die
Katze sagte freundlich:
„Guten Tag, lieber Herr Fuchs, wie geht es?“. Der Fuchs war sehr stolz, er wollte
der Katze keine Antwort
geben und sah die Katze von Kopf bis zu den Füßen an. Endlich sprach er: “Wer
bist du? Warum sprichst du mit mir? Was hast du gelernt? Was kannst du? Wie
viel Künste verstehst du?“
„Ich verstehe nur eine Kunst“, sagte die Katze. „Ich kann auf einen Baum
springen und die Hunde können mich dann nicht fangen.“ „Ist das alles? fragte
der Fuchs. „Ich verstehe 100 Künste.“
Da kam ein Jäger mit vier Hunden. Die Hunde sahen den Fuchs und packten
ihn. Die Katze sprang aber schnell auf einen Baum und rief: „Ei, Herr Fuchs. Ich
verstehe nur eine Kunst, aber diese Kunst rettete mir das Leben. Und was
können Sie mit Ihren 100 Künsten jetzt machen?“
2
Die Rübe
Es waren einmal zwei Brüder. Der eine war reich, der andere arm. Der arme
Bruder war ein Bauer.
Einmal säte er Rübesamen. Er arbeitete fleißig. Die Rüben wuchsen gut, aber
eine Rübe war besonders groß, sie war dick und stark, sie wuchs und wuchs.
Zuletzt war sie so groß, dass sie allein einen ganzen Wagen anfüllte. Der Bauer
dachte: “Was soll ich mit dieser Rübe machen? Ich kann diese Rübe verkaufen,
aber viel Geld bekomme ich für die Rübe nicht. Ich kann diese Rübe essen, aber
man kann ja ebenso gut kleine Rüben essen. Am besten bringe ich die Rübe dem
König und schenke sie ihm.“
So machte er es auch. Der König war verwundert. „Was ist das für ein
sonderbares Ding? So etwas habe ich noch nie gesehen. Du bist ein Glückskind.“
„Ach nein,“ sagte der Bauer, „ein Glückskind bin ich nicht, ich bin nur ein armer
Bauer.“
Da schenkte der König dem Bauern Pferde und Kühe, Schafe und Schweine. Er
gab ihm Felder und Wiesen und viel Geld. Jetzt war der Bauer sehr reich, viel
reicher, als sein Bruder. Das hörte der reiche Bruder. Er nahm Gold und Pferde
und brachte sie dem König. Er dachte: „Mein Bruder hat für eine Rübe so viele
Geschenke bekommen, mir gibt der König für die Pferde und das Gold noch viel
mehr.“
Der König nahm das Gold und die Pferde und sagte: „Ich will dir auch ein
Geschenk machen. Ich weiß nichts, was besser und seltener als diese große
Rübe ist“, und er schenkte ihm die große Rübe. Also musste der Reiche mit der
Rübe seines Bruders nach Hause fahren.
3
Im Restaurant
Es war in der Stadt Hamburg. Ein Mann kam in ein Restaurant. Er war hungrig
und wollte essen. Aber er war ein Ausländer und konnte nicht Deutsch
sprechen. Mit Mühe und Not bestellte er sich eine Suppe. Dann sah er nach
rechts und nach links. Einige Menschen aßen Fleisch mit Gemüse, die anderen
Fisch mit Kartoffeln. An seinem Tisch saß auch ein Mann und aß Huhn mit
Bratkartoffeln.Der Kellner ging zu diesem Mann und fragte ihn: „Was wünschen
Sie, bitte?“ Der Mann sagte: „Noch einmal“ und der Kellner brachte ihm Huhn
mit Bratkartoffeln. Der Mann dachte:‘Ich bestelle mir auch Huhn mit
Bratkartoffeln,“ und er sagte dem Kellner: „Noch einmal“. Aber der Kellner
brachte ihm kein Huhn, sondern wieder Suppe. Der Mann verstand nichts, er
dachte: „Warum bedeutet für mich „Noch einmal“ Suppe und für meinen
Nachbarn Huhn mit Bratkartoffeln.
4
Der Bauer und der Teufel
Es war einmal ein Bauer. Er war klug und listig. Man kann viele Geschichten
von diesem Bauern erzählen. Die schönste Geschichte ist, wie er den Teufel zum
Narren gehabt hat.
Eines Tages sah der Bauer auf seinem Feld einen Teufel. „Was machst du
hier?“ fragte der Bauer. „Ich sitze auf einem Schatz“, antwortete der Teufel.
„Das ist mein Schatz, er ist auf meinem Feld“, sprach der Bauer.
„Er ist dein, aber du mußt mir die Hälfte der Ernte geben.“
„Gut“, sagte der Bauer. „Ich gebe dir alles über der Erde. Ich nehme mir alles
unter der Erde.“
Nun kam die Zeit der Ernte. Der Teufel kam auf das Feld. Er wollte die Ernte
holen, aber auf dem Feld waren nur gelbe Blätter. Der listige Bauer hatte Rüben
gesät. Da sagte der Teufel: „Das nächste Mal ist mein alles unter der Erde und
dein alles über der Erde.“ „Gut“, sagte der listige Bauer und lachte.
Es kam die Zeit der Ernte. Und wieder kam der Teufel auf das Feld. Aber auch
dieses Mal bekam er nichts . Der listige Bauer hatte dieses Mal Weizen geset.
Der Teufel war böse und lief fort. Der Bauer holte seinen Schatz.
5
Das Examen
6
Der Wetterprophet
Ein Regisseur sollte einmal einen Film drehen. Er fuhr mit den Schauspielern in
ein kleines Dorf, das weit in den Bergen lag.
Man begann mit den Aufnahmen. Jeder Tag kostete viel Geld, darum musste
man die Arbeit schnell beenden. Bei Aufnahmen unter freiem Himmel hängt
man immer vom Wetter ab. Man muss die Wetterprognosen studieren. Unser
Regisseur glaubte aber nicht an die Wetterprognosen, die der Rundfunk mitteilt.
Da hörte er, dass im Dorf ein alter Bauer lebte, der als Wetterprophet bekannt
war. Diesen Alten besuchte er nun jeden Tag und fragte ihn nach dem Wetter
für den nächsten Tag. Die Antworten des Alten waren auch fast immer wirklich
richtig. Dabei wunderte sich der Regisseur, dass der Alte niemals nach den
Wolken schaute.
Eines Tages hatte der Regisseur besonders wichtige Aufnahmen vor. Er ging
zu dem Alten um zu erfahren, was für ein Wetter am nächsten Tag sein wird.
Der Alte saß auf einer Bank vor seinem Haus und rauchte seine Pfeife.
Der Regisseur fragte: “Nun, Alter, was meinst du? Wird das Wetter morgen
schön sein, oder wird es regnen? Hoffentlich nicht, denn morgen müssen wir die
wichtigsten Aufnahmen für unseren Film machen.”
Doch der Alte blieb ruhig sitzen und nahm die Pfeife nicht aus dem Mund.
„Nun, was ist mit dir? So sprich doch“ rief der Regisseur. „Du weißt ja, wie
wichtig diese Frage für mich ist!“
„Mein Radio ist kaputt“, sagte der Alte und rauchte ruhig weiter.
7
Der Zauberstock
Dieses Märchen hat der Schriftsteller Tomilin erzählt. Er erzählte es am Anfang des
Schuljahres im Radio.
Es lebte einmal ein Zauberer. Dieser Zauberer hatte einen Schüler. Der Schüler war aber
sehr faul. Eines Tages sagte der Zauberer zu seinem Schüler: “Gehe zum Fluß und hole Wasser!
Ich bin müde und will schlafen.“ Der faule Junge ging aber nicht zum Fluß. Er dachte: „Ich bin
Schüler eines Zauberers. Der Zauberer hat einen Zauberstock. Dieser Zauberstock kann alles
tun, er kann auch Wasser holen, ich kenne die Zauberformel.“ Der Junge holte den
Zauberstock und sagte: „Zauberstock, hole Wasser!“ Und sieh da, bald waren die Eimer voll.
„Es ist genug“, sagte der Junge. Aber das Wasser lief weiter. Der Junge kannte die zweite
Zauberformel nicht. Das Wasser lief in das Zimmer. Bald war das Zimmer voll Wasser. Der
Junge lief in den Garten und rief: „Genug, genug!“ Aber das Wasser lief weiter und bald war
der Garten voll Wasser. Der Junge musste in den Wald laufen. Er rief: „Genug, genug
Wasser!“, aber das Wasser lief auch in den Wald und bald war auch der Wald voll Wasser und
auch die Wiese und das Feld und der Junge ertrank.
Doch am Eingang der Villa kam ihm eine Dienerin entgegen und sagte: „ Mein Herr ist
ausgegangen.“ Scipio verstand, dass die Dienerin nicht die Wahrheit sagte. Ennius war zu
Hause und hatte seiner Dienerin befohlen, so zu antworten. Doch Scipio sagte nichts und ging
fort.
Einige Tage später wollte Ennius den Scipio besuchen. Als er aber den Diener fragte: „Ist
Scipio zu Hause?“, rief Scipio selbst aus dem Zimmer: „Nein, der Herr ist ausgegangen“ Ennius
sagte erstaunt: „Wie? Ich höre doch deine Stimme, Scipio! Du bist doch zu Hause!“ Da sprach
Scipio: „Was für ein ungläubiger Mensch bist du, Ennius! Ich habe deiner Dienerin geglaubt,
dass du nicht zu Hause bist, und du willst sogar mir selbst nicht glauben, dass ich nicht da bin.
8
Der Zar und das Hemd
Eines Tages wurde der Zar schwer krank. Es kamen viele Ärzte und kluge
Männer zum Zaren, keiner aber wusste, was man tun sollte. Nur einer sagte: “Ich
weiß, was man tun muss. Man muss ein Hemd bringen. Das muss aber das Hemd
eines glücklichen Mannes sein. Wenn der Zar dieses Hemd anzieht, wird er
gesund.“
Der Zar rief seine Soldaten und sagte: „Geht und sucht einen glücklichen
Mann. Nehmt diesem glücklichen Mann sein Hemd und bringt es mir.“
Die Soldaten suchten lange nach diesem glücklichen Mann, aber sie konnten
keinen glücklichen Mann finden. Der eine Mann war reich, aber krank, der
andere war gesund, aber er hatte kein Geld, der dritte hatte schlechte Kinder, der
vierte liebte seine Arbeit nicht, der fünfte hatte eine böse Frau und so weiter.
Einmal ging der Sohn des Zaren spazieren. Er kam an einem kleinen Haus
vorbei. Da hörte er einen Mann sagen: „Wie glücklich bin ich! Ich habe heute
viel und gut gearbeitet. Meine Arbeit hat mir Freude gemacht. Dann haben wir
gut gegessen, und nun kann ich schlafen gehen.“
Da sagte der Sohn des Zaren zu seinen Soldaten: „Geht und bringt mir das
Hemd dieses Mannes.“
Nach einiger Zeit kamen die Soldaten zurück.
„Gebt mir schnell das Hemd“, rief der Sohn des Zaren.
Die Soldaten antworteten: „Nein, das können wir nicht, der Mann ist sehr
arm, er hat kein Hemd.“
9
Die Rechnung
Ein Bauer ging einmal in die Stadt zum Markt. In einem Korb hatte er 100 Eier. Der Bauer
sprach laut vor sich hin: “Jetzt habe ich 100 Eier in meinem Korb. Heute verkaufe ich sie. Für
jedes Ei kann ich einen Lew bekommen, für 100 Eier bekomme ich 100 Lewa. Ich kaufe ein
Schwein. Das Schwein bringt im Frühling zwölf kleine Ferkel. Wenn diese kleinen Ferkel
groß sind, verkaufe ich sie und kaufe ein Pferd. Auf dem Pferd fahre ich zur schönen Jana. Die
schöne Jana sieht mich auf dem Pferd und nimmt mich zum Mann. Wir heiraten. Dann haben
wir einen Sohn. Unser Junge heißt Bogdantscho. Er hat Äpfel sehr gern. Ich fahre auf den
Markt und kaufe für Bogdantscho Äpfel. Wenn ich nach Hause zurückkomme, fragt
Bogdantscho: „Papa, was hast du mir mitgebracht?“- „Komm, mein Junge, komm Bogdantscho,
ich gebe dir einen Apfel, sage ich.“
Der Bauer will Bogdantscho einen Apfel geben, er denkt nicht an den Korb mit den Eiern
und der Korb f’ällt auf die Erde. Nun sind alle Eier zerbrochen. Der arme Bauer steht vor dem
Korb mit den zerbrochenen Eiern. Da sieht er einen Mann. Der Mann ging auch auf den
Markt. „Wie lange gehst du hinter mir her?“ fragt der Bauer. Schon lamge“, antwortet der
Mann. „Du hast in dieser Zeit die Eier verkauft, ein Schwein gekauft, die Schweine verkauft
und ein Pferd gekauft. Du bist in diser Zeit reich geworden und hast dann alles wieder
verloren.“
Ein junges Mädchen ging in die Stadt. In einem Korb hatte es 100 Eier. Sie wollte diese Eier
auf dem Markte verkaufen. Das Mädchen dachte: „Ich verkaufe die Eier und kaufe mir für das
Geld ein kleines Schwein. Dann verkaufe ich das Schwein und kaufe eine Ziege. Die Ziege gibt
viel Milch. Ich verkaufe die Milch und kaufe eine Kuh.“ So dachte das Mädchen. Aber auf
dem Weg lag ein Stein. Das Mädchen sah den Stein nicht und fiel hin. Der Korb fiel ihr aus der
Hand und alle Eier zerbrachen.
10
Die Wassermelone
Einmal ging ein Tourist durch den Kaukasus. Es war sehr heiß und der Tourist
wollte trinken. Da sah er, dass nicht weit vom Weg schöne Melonen und
Wassermelonen wuchsen. Niemand war da, nur ein alter Wärter schlief. Der
Tourist nahm eine Wassermelone und begann sie zu essen. Als er dann weiter
gehen wollte, hörte er, wie ihn der alte Wärter rief: „Warte, warte doch“.
Der Tourist sah, wie der Wärter zu ihm ging. Er trug eine große Melone.
„Nimm diese Melone mit!“, sagte er.
„Warum gibst du mir diese Melone?“fragte der Tourist erstaunt.
„Weil sie für dich hier wächst“, antwortete der Wärter.
„Weißt du denn, wer ich bin?“ fragte der Tourist.
„Und weißt du denn nicht, dass die Melonen und Wassermelonen hier für alle
wachsen? Im Kaukasus scheint die Sonne heiß, die Wege sind schwer. Darum
haben unsere Bauern hier am Wege Melonen und Wassermelonen gepflanzt“,
antwortete der Wärter.
Der Tourist antwortete: „Ich wußte das nicht. Besten Dank“.
Er nahm die Melone und wollte schon weiter gehen, doch da sagte der alte
Wärter: „Wenn du das nicht wußtest, waruh hast du dann die Wassermelone
genommen? Das war nicht schön.“
11
Die Sonnenblume
Es war einmal ein König. Er hatte eine Tochter. Sie war schön, wie eine Frühlingsblume. Die
Prinzessin wollte aber niemand heiraten. Kein Prinz gefiel ihr. Immer sagte sie, dass ihr nur
der Sonnenball gefiel.
Eines Tages wurde der König böse und die Prinzessin musste aus dem Haus fortgehen. Die
arme Prinzessin machte sich auf den Weg zum Sonnenball. Sie ging und ging, bis sie auf einen
großen Berg kam, wo der Sonnenball wohnte. Die Prinzessin traf nur seine alte Mutter zu
Hause.
„Ich suche den Sonnenball“, antwortete die Prinzesssin und erzählte der Alten alles.
Die Prinzessin gefiel der alten Mutter und sagte: „Gut, mein Mädchen. Der Sonnenball ist
mein Sohn, du sollst ihn zum Mann bekommen. Doch merke dir, wenn du bei ihm bleiben
willst, darfst du ihm nicht ins Gesicht sehen.“
Die Prinzessin versprach es und lebte lange Zeit glücklich mit dem Sonnenball. Doch eines
Tages dachte sie: „Warum darf ich ihm nicht ins Gesicht sehen? Er ist doch mein Mann.“
Die alte Mutter gab ihr einen Rat: „Stell ein Glas Wasser vor deinen Mann und schau ihn dir
in diesem Glas an. Doch merke dir, wenn du ihn sehr lange anschaust, merkt er es und wird
böse.“
Als der Sonnenball am Abend nach Hause kam, stellte die Prinzessin ein Glas Wasser vor
ihn hin und schaute hinein. Sie sah das Gesicht ihres Mannes. Es war so schön, dass sie vergaß,
was die Mutter gesagt hatte. Sie schaute und schaute. Der Sonnenball merkte es und wurde
böse.
Jetzt bleibst du nicht mehr in meinem Haus“, rief er. Die Prinzessin musste nun fortgehen.
Sie ging und weinte. Da bekam der Sonnenball Mitleid mit ihr. Er verwandelte sie in eine
hohe Pflanze. Diese Pflanze dreht sich immer nach der Sonne und die Menschen nennen sie
darum die Sonnenblume.
12
Die alte Marte
Die alte Marte war eine arme Witwe. Sie und ihre zwei Enkel gingen oft hungrig zu Bett.
Wenn sie aber etwas zu essen hatten, so war es nur Brot und Kartoffeln.
Die Witwe sammelte Kräuter und Wurzeln für den Apotheker und verdiente damit
höchstens ein paar Groschen. So ging die alte Marte eines Tages in den Wald, sammelte dort
Kräuter bis zum Abend und verrirte sich dabei. Da kam ihr ein alter Jäger entgegen. Das war
Rübezahl.
„Ich habe mich verirrt”, sagte Marte zu dem Jäger. „Zeige mir bitte den kürzesten Weg. Zu
Hause warten die Kinder auf mich. Sie weinen vor Hunger und ich muss noch rasch die
Kräuter verkaufen, damit ich Geld zu Brot habe.“
Der Jäger zeigte ihr den Weg und sagte: „Wirf die Kräuter weg. Ich will dir Blätter geben.
Bringe sie ins Dorf und du wirst mehr dafür bekommen, als für deine Kräuter.“
„Nimm meinen Rat an, ich meine es gut mit dir“, sagte der Jäger, nahm eine Handvoll
Die Witwe dankte und eilte nach Hause. Unterwegs aber dachte sie: „Wer wird diese Blätter
kaufen?“ und warf sie weg. Zu Hause schüttelte sie ihre Kräuter aus dem Korb und fand dort
noch einige Blätter. Sie waren am Korb hängengeblieben. „Der Apotheker wird mich gut
auslachen, wenn ich ihm diese Blätter statt der Kräuter bringe“. Kaum hatte sie das gedacht,
da leuchtete etwas hell in ihrer Hand auf. Goldene Dukaten waren es. Eins, zwei, drei, vier,
fünf, sechs Stück. Jetzt wusste Marte, wer der Jäger gewesen war. Schnell lief sie den Weg
zurück. Sie suchte nach den weggeworfenen Blättern, aber sie fand sie nicht.
13
Der schlaue Fuchs
Der Löwe, der König der Tiere, war einmal krank. Er rief alle Tiere zu sich in sein Schloss.
Das Schloss des Löwen befand sich in einem Berg und hatte keine Fenster. Man konnte es
nicht lüften, darum war die Luft in dem Schloss sehr schlecht.
Als erster kam der Bär. Der Löwe führte ihn durch alle Zimmer und fragte: „Wie gefällt dir
mein Schloss?“ Der Bär antwortete ganz offen: „Dein Schloss gefällt mir sehr, aber die Luft ist
hier schlecht.“- „Was?“ schrie der Löwe. „Wie sprichst du mit deinem König?“- und er zerriss
den Bären in Stücke.
Als zweiter ging der Wolf. Er wusste schon von dieser Geschichte und dachte: „Ich muss
klüger sein.“ Er kam ins Schloss und der Löwe zeigte ihm alle seinen Zimmer und fragte: „Wie
findest du mein Schloss?“ Der Wolf antwortete: „Ich finde es wunderbar. Und wie gut ist die
Luft in deinem Schloss! Wie herrlich riecht es hier!“ „Was?“- schrie der Löwe. „Warum lügst
du so?“ Und er zerriss auch den Wolf in Stücke.
Das alles hörte der Fuchs. Er kam als dritter ins Schloss. Der Löwe führte ihn durch alle
Zimmer und fragte: „Wie gefällt es dir bei mir?“- Der Fuchs antwortete: „Oh, es gefällt mir
sehr. Dein Schloss ist herrlich.“- Der Löwe fragte weiter: „Und wie findest du die Luft in
meinem Schloss?“ Da antwortete der schlaue Fuchs: „Über die Luft kann ich nichts sagen.
Leider habe ich Schnupfen und rieche gar nichts.“
Der Löwe tat dem Fuchs nichts und der Fuchs kehrte glücklich nach Hause zurück.
14
Das Nachthemd
Professor Petermeier ist bei Freunden eingeladen. Man isst zu Abend, man
raucht und trinkt ein gutes Glas Wein, man unterhält sich und macht auch ein
wenig Musik. Dabei läuft die Zeit schneller als man denkt. Spät in der Nacht,
richtiger aber am frühen Morgen, ist das Fest zu Ende. Herr Petermeier will
fortgehen, aber der Hausherr sagt: “Nein, mein lieber Herr Professor, wir lassen
Sie nicht gehen. Das Wetter ist zu schlecht. Es regnet und Sie wohnen am
anderen Ende der Stadt.“
„Bleiben Sie bei uns,“ bittet freundlich die Hausfrau. „Das Gastzimmer im
ersten Stock ist leer und wartet auf Sie;“
Da kann der sechzigjährige Junggeselle, der Herr Professor Petermeier nicht
nein sagen und bleibt im Hause der Freunde. Die Gastgeber gehen zu Bett. Sie
drehen das Licht aus und schlafen bald tief und fest. Das Haus liegt ruhig und
dunkel. Nur der Regen fällt auf das Dach und klopft an die Scheiben der Fenster.
Da, es ist vielleicht zwei Uhr in der Nacht, klingelt die Glocke zuerst kurz und
leise, dann laut und lauter und immer länger, bis die müden Gastgeber aus ihrem
kurzen Schlaf aufwachen. Der Hausherr dreht das Licht an und steht auf. Er
öffnet das Fenster und sieht hinunter. Da steht im Regen und Wind der Herr
Professor Petermeier und hält ein nasses Paket unter dem Arm.
„Verzeihen Sie, dass ich Sie noch einmal aus dem Schlaf klingeln muss“, sagt er
leise, „ich habe nur schnell mein Nachthemd geholt.“
15
Musik aus dem Nachbarhaus
Eines Tages kam Beethoven spät am Abend von einem Spaziergang zurück. Es
war ein stiller, warmer Abend. Als er an sein Haus kam, hörte er aus dem
Nachbarhaus Musik. Irgendjemand spielte auf dem Klavier eine Melodie, die er
erst vor kurzem komponiert hatte. Beethoven blieb stehen und horchte. Langsam
ging er zu dem Haus hinüber, aus dem die Musik kam. Nun wollte er auch
wissen, wer da so wunderbar spielte.
Als der letzte Akkord verklungen war, trat er in das Haus. Er trat in ein
kleines, einfaches Zimmer, das von einer Kerze schwach erleuchtet war. An der
Wand stand ein Klavier ohne Noten. Das Mädchen, das gespielt hatte, war gerade
aufgestanden. Beethoven sah, dass das Mädchen blind war.
„Wie konnten Sie so spielen? Woher kennen Sie diese Musik?“- fragte
Beethoven erstaunt.
„Ich spiele nach dem Gehör“, sagte die Blinde, „und ich spiele immer das, was
ich aus dem Nachbarhaus höre.“
„Darf ich Ihnen etwas vorspielen?“ fragte Beethoven und setzte sich ans
Klavier. Als er anfing zu spielen, erlosch die Kerze. Der Mond schien durchs
Fenster und erleuchtete das kleine Zimmer. Beethoven spielte und spielte.
Man sagt, dass wir dieser Stunde die Mondscheinsonate verdanken.
16
Eine Reise
Ein Engländer war zu Besuch in Frankreich und jetzt wollte er schon zurück
nach England fahren. Das Geld reichte ihm aber nur für eine Fahrkarte. Da er
jedoch wusste, dass die Reise nur zwei Tage dauern wird, beschloss er, diese zwei
Tage ohne Essen zu verbringen. So löste er eine Fahrkarte und ging auf das
Schiff. Als die Mittagszeit kam, war er sehr hungrig, aber er sagte, dass er nicht
hungrig ist. Am Abend war er noch mehr hungrig, aber als der Kellner kam und
ihn zum Abendessen einlud, sagte er, dass er seekrank ist und ging hungrig
schlafen. Am nächsten Morgen war er, wie er dachte, halbtot vor Hunger.
“Ich werde essen gehen,”, sagte er zu sich, “sogar wenn sie mich über Bord
werfen”.
„Als die Mittagszeit kam, ging er in den Speisesaal und ass alles auf, was vor
ihm auf dem Tisch stand. Als das Mittagessen zu Ende war, stand er schnell auf
und ging in seine Kajüte.
Am Abend, als das Schiff unweit von London war, ass er sein Abendbrot auf
und sagte dem Kellner: „Bringen Sie mir die Rechnung für mein Essen.“
Aber der Kellner fragte: „Was für eine Rechnung?“
„Für das Mittag- und Abendessen.“
„Aber Sie haben schon dafür bezahlt, als Sie die Fahrkarte gekauft haben. Das
Geld für das Essen ist inbegriffen.“
17
Der Maushund
In Schilda kannte man keine Katzen, deshalb waren dort viele Mäuse, die großen Schaden
anrichteten. Da kam eines Tages ein Fremder in die Stadt, der eine Katze auf dem Arm trug.
Der Wirt fragte ihn: “Was für ein Tier ist das?” Der Fremde antwortete ihm: „Ein Maus-
Hund.“ Er ließ die Katze los, und sie fing vor den Augen des Wirtes einige Mäuse.
Als die Schildbürger das sahen, fragten sie den Fremden: „Willst du uns den Maushund
nicht verkaufen?“ Der Fremde antwortete ihnen: „Eigentlich wollte ich das kostbare Tier nicht
verkaufen, aber ich sehe, ihr braucht es. Gebt mir hundert Gulden dafür und ich gebe euch
den Maushund!“
Die Bürger zahlten dem Fremden hundert Gulden und dieser verließ die Stadt sehr schnell.
Als er sah, dass ihm ein Mann folgte, lief er noch schneller, denn er fürchtete, dass die
Schildbürger den Handel bedauerten. Der Mann hinter ihm rief laut: „Was für Futter muss
man dem Maushund geben?“ Der Fremde lief weiter und rief ihm seine Antwort zu: „Wie
man’s beut, wie man’s beut!“
Der Schildbürger verstand aber etwas ganz anderes: „Vieh und Leut!“ Das meldete er voll
Schrecken in Schilda und nun wollte keiner das entsetzliche Tier haben.
Inzwischen jagte die Katze Mäuse in eine Scheune. Da sagten sich die Schildbürger: „Geld
verlieren ist besser als das Leben verlieren. Wir müssen den Maushund verbrennen.“ Und sie
zündeten die Scheune an. Die Katze sprang ins Nachbarhaus. Da zündeten die Schildbürger
auch dieses Haus an. Jetzt begann aber ein starker Wind zu wehen und das Feuer erfasste das
nächste Haus und allmählich die ganze Stadt
18
Der teuere Hahn
Ein Bauer liegt schwer krank im Bett. Seine letzte Stunde ist gekommen. Er weiß, dass er
sterben muss. Da sagt er zu seiner Frau: “Grete, ich habe mein Geld zu sehr geliebt. Ich war oft
geizig im Leben. Das will ich wieder gut machen. Du musst mir dabei helfen. Hör zu, nimm
nach meinem Tod unseren besten Ochsen, verkaufe ihn und gib das Geld den Armen.
Versprich mir es zu tun, dann kann ich ruhig sterben.“
Das verspricht die Frau und gibt dem Mann die Hand darauf. Bald stirbt der Bauer und wird
begraben. Da denkt die Bäuerin an ihr Versprechen. Sie will ihr Wort halten, aber nicht all das
schöne Geld für den fetten Ochsen den Armen geben. Sie ist noch geiziger, als ihr Mann und
findet bald einen Ausweg.
Sie nimmt ihren ältesten Hahn, bindet ihm die Beine zusammen und geht mit dem Hahn
und dem Ochsen zum Markt. Da kommt ein Käufer und fragt nach dem Preis des Ochsen. Die
Bäuerin antwortet: „Der Ochse ist billig, er kostet nur einen Taler, aber ich verkaufe ihn nicht
ohne diesen Hahn und der kostet hundert Taler und keinen Pfennig weniger.“
Dem Käufer gefällt der fette Ochse. Es ist kein besserer auf dem Markt und hundert Taler
sind nicht zu viel für das schöne Tier. Aber er will den Hahn nicht haben. Doch die Frau bleibt
bei ihren Worten. Da hilft nichts. Der Käufer muss zuerst hundert Taler für den Hahn
bezahlen und bekommt dann den Ochsen für einen Taler dazu. Die Bäuerin steckt das Geld ein
und geht zufrieden nach Hause. Sie gibt den einen Taler für den Ochsen den Armen. So hält
sie ihr Versprechen und tut den letzten Willen ihres Mannes, ohne viel Geld zu verlieren.
19
Der billige Braten
Zwei junge Motorradfahrer haben auf der Strasse eine Gans totgefahren. Es ist natürlich
die beste und fetteste der Bäuerin.
“Neun Mark kostet die Gans auf dem Markt”, ruft die Bäuerin. „Den Preis müsst ihr
bezahlen.“
Die beiden jungen Männer sind viel zu schnell durch das Dorf gefahren. Das wissen sie.
Darum sagen sie der Bäuerin: „Wir wollen Ihnen die Gans bezahlen“, und suchen ihr Geld
zusammen. Sie haben aber nur sechs Mark bei sich, nicht mehr. Dieses Geld wollen die jungen
Leute der Bäuerin geben. Die Frau ist aber damit nicht zufrieden. Sie will den vollen Preis
haben und nimmt das Geld auch dann nicht, als die Männer sagen: „Sie sehen, wir haben
keinen Pfennig mehr. Unsere Taschen sind leer. Nehmen Sie bitte die sechs Mark. Für den
Rest können Sie die Gans behalten und braten.“
„Wir essen keinen Gänsebraten, antwortet die Bäuerin“, „Bezahlt die neun Mark!“
„Unmöglich, liebe Frau,“ erwidern die Motorradfahrer. „Wir haben nur diese sechs Mark
bei uns. Was sollen wir machen?“
„Fahrt langsamer durch unser Dorf, dann fahrt ihr keine Menschen und Tiere tot.“ Ruft die
Bäuerin unfreundlich. „Ich will mein Geld, oder ich gehe zum Richter.“
Das tut sie auch und die Motorradfahrer müssen ihr dahin folgen.
Die Bäuerin legt die Gans vor dem Richter auf den Tisch und erzählt ihm alles. Der Richter
hört sie an und hört auch, was die Männer dazu sagen. Er schaut dabei auf den fetten Vogel,
der vor ihm liegt und das Wasser läuft ihm im Munde zusammen, denn er isst gern
Gänsebraten. Als alle geendet haben, wiegt der Richter die fette Gans lange in den Händen,
wie schwer sie ist und sagt: „Gebt her eure sechs Mark, ihr beiden.“ Dann legt er drei Mark aus
seiner Tasche dazu, gibt die neun Mark der Bäuerin, nimmt die fette Gans unter den Arm und
bringt sie seiner Frau in die Küche.
20
Es geschah in der Metro
Es war an einem heissen Julitag. Ich ging in die Metro um etwas Schatten zu suchen.
Hier sah ich zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Das Mädchen trug ein weißes
Kleidchen und braune Sandalen. Der Junge hatte ein leichtes Hemd und kurze Hosen an.
Seine nackten Füsse waren staubbedeckt. Ich folgte ihnen.
Sie gingen Hand in Hand weiter und schwatzten lustig miteinander. Als sie zur
Metrosperre kamen, wandte sich der Angestellte zu dem Mädchen und sagte: „Du kannst
durchgehen, aber du, mein Sohn, musst hier bleiben.“ „Aber warum?“- fragte der Junge
Überrascht. „Du fragst, warum? Weil du barfuss bist und weil es verboten ist, so die Rolltreppe
zu betreten. Sonst kann leicht ein Unglück passieren.“ „Lassen Sie ihn bitte durch!“ bat das
Mädchen. „Er ist ja gewöhnt, barfuss zu gehen.“ – „Das kann sein“, erwiderte der Angestellte.
„Aber er darf nicht barfuss auf die Rolltreppe gehen. Tritt jetzt zur Seite und stehe den
anderen Gästen nicht im Wege“. Die Kinder gingen zur Seite. Ich war gespannt. Was wird das
Mädchen tun? Dann sah ich, dass es zu einem Entschluss gekommen war. Das Mädchen
winkte dem Jungen mit der Hand und ging zur Rolltreppe. Ich fuhr ihm nach. Es fuhr mit der
Rolltreppe nach unten. Dann zog es seine Sandalen aus und stellte sie auf die Rolltreppe, die
nach oben führte. Die Sandalen standen allein auf einer Stufe. Die anderen Gäste wichen sie
vorsichtig aus. Schliesslich erreichten die Sandalen den Jungen, der am oberen Ende der
Treppe stand. Er hob sie auf und zog sie an. Nach einigen Minuten war er schon auf dem Wege
zu seiner Freundin.
21
Ein junger Arbeitsloser
Jeden Morgen geht Herr Kuhlmann, 23, mit einem Ei ins Badezimmer. Er will das Ei nicht
essen, er braucht es für seine Haare. Heinz trägt seine Haare ganz kurz, nur in der Mitte sind
sie lang und rot. Für eine Irokesenfrisur müssen die langen mittleren Haare stehen. Dafür
braucht Heinz das Ei.
„In Stuttgart habe ich nur diese Frisur,“ sagt Heinz. Das gefällt ihm. Das Arbeitsamt in
Stuttgart hat eine andere Meinung. Heinz bekommt kein Arbeitslosengeld und keine
Stellenangebote. Ein Angestellter im Arbeitsamt hat zu ihm gesagt: „Machen Sie sich eine
normale Frisur, dann können Sie wieder kommen.“ Ein anderer Angestellter meint: „Herr
Kuhlmann sabotiert die Stellensuche.“ Aber Herr Kuhlmann möchte wieder arbeiten. Sein
früherer Arbeitgeber, die Firma Kodak, war mit ihm sehr zufrieden. Nur die Arbeitskollegen
haben ihn geärgert. Deshalb hat er gekündigt.
Bis jetzt hat er keine neue Stelle gefunden. Die meisten Jobs sind nichts für ihn, das weiss er
auch: „Verkäufer in einer Buchhandlung, das geht nicht. Dafür bin ich nicht der richtige Typ.“
Heinz will arbeiten, aber Punk will er auch bleiben. Gegen das Arbeitsamt führt er jetzt
einen Prozess. Sein Rechtsanwalt meint: “Auch ein arbeitsloser Punk muss Geld vom
Arbeitsamt bekommen.” Heinz Kuhlmann lebt jetzt von ein paar Mark. Die gibt ihm sein
Vater.
22
Die Strassenkünstler
Das Wetter ist feucht und kalt. Auf dem Rathausmarkt in Hamburg interessieren sich nur
wenige Leute für Gabriela. Sie wartet nicht auf die Zuschauer, sondern beginnt sofort ihre
Vorstellung. Den Leuten gefällt das Pantomimenspiel. Nur ein älterer Herr mit Bart regt sich
auf. „Das ist doch Unsinn! So etwas müsste man verbieten.“ Früher hat sich Gabriela über
solche Leute geärgert, heute kann sie darüber lachen. Sie meint: „Die meisten Leute freuen
sich über mein Spiel und sind zufrieden.“ Nach der Vorstellung sammelt sie mit ihrem Hut
Geld: 8 Mark und 36 Pfennig hat sie verdient, nicht schlecht. „Wenn ich regelmäßig spiele
und das Wetter gut ist, geht es mir ganz gut.“ Ihre Kollegen machen Asphaltkunst nur in ihrer
Freizeit. Für Gabriela ist Strassenpantomimin ein richtiger Beruf.
Gabrielas Asphaltkarriere hat mit Helmut angefangen. Sie war 19, er 25 und
Strassenmusikant. Ihr hat besonders das freie Leben von Helmut gefallen, und sie ist mit ihm
von Stadt zu Stadt gezogen. Zuerst hat Gabriela für Helmut nur Geld gasammelt. Dann hat sie
auch auf der Strasse getanzt. Nach einem Krach mit Helmut hat sie dann Pantomimin gelernt
und ist Strassenkünstlerin geworden. Die günstigsten Plätze sind Fußgängerzonen und
Einkaufszentren. Viele Leute bleiben stehen, ruhen sich aus und vergessen den Alltag.
Leider ist Strassentheater auf einigen Plätzen schon verboten, denn die Geschäftsleute
beschweren sich über Strassenkünstler.
Gabrielas Leben ist sehr unruhig. „Manchmal habe ich richtig Angst, den Boden unter den
Füßen zu verlieren,“ erzählt sie. Trotzdem findet sie diesen Beruf phantastisch, sie möchte
keinen anderen.
23
Ein deutsches “Nein”
Im vorigen Winter bin ich nach Deutschland gefahren, um meine deutsche Sprachkenntnisse
zu verbessern und die Deutschen kennen zu lernen. Ich versuchte, mit den Deutschen Kontakt
aufzunehmen. Deshalb habe ich wiederholt Deutsche eingeladen. Und jeder, den ich
eingeladen hatte, ass gern ägyptisches Essen.
Doch einmal, als ich einen Taxifahrer und seine Frau zu mir eingeladen hatte, geschah etwas
Seltsames.
Ich hatte mich einen halben Tag auf diese Einladung vorbereitet. Als sie um 18 Uhr kamen,
war der Tisch schon gedeckt. Ich sagte: „Warum gucken Sie so? Das ist nicht zum Gucken,
sondern zum Essen.“ Die Frau und ich setzten uns zum Essen hin, aber der Mann wollte nicht
und sagte: „Nein, danke!“ Ich sagte: „Aber kommen Sie zum Essen, es wird Ihnen gut
schmecken.“ „Nein,“ wiederholte er. Dann habe ich noch einmal gebeten: „Aber, probieren Sie
mal!“ Da sagte er ärgerlich: „Ich kann nichts essen.“ „Das geht doch nicht!“ sagte ich. „Sie
müssen etwas essen!“ Da erwiderte er: „Was sind Sie für ein Mensch!“ Ich dachte: „Was hast du
getan, dass er so ärgerlich ist?“
Während des Essens fragte ich die Frau, die mich anstarrte, als sei ich verrückt: „Warum
will er nichts essen?“ „Ehrlich, wenn er könnte, dann hätte er gern gegessen. Wir hatten keine
Ahnung, dass Sie uns zum Essen einladen würden.“ „Ach, Entschuldigung,“ sagte ich. „Bei uns
in Ägypten ist bei einer Einladung das Essen eine ganz selbstverständliche Sache. Der Gast sagt
zwar aus Höflichkeit- „Nein, danke“, aber damit ist nicht gemeint, dass er wirklich nicht essen
will. Man muss den Gast mehrmals zum Essen auffordrn, und der Gast wird immer etwas
nehmen, auch dann, wenn er keinen Hunger hat, damit die anderen nicht böse auf ihn
werden.“
So habe ich erfahren, dass Nein auf Deutsch ehrlich Nein heisst.
24
Endlich ist mein Mann zu Hause
So lebte ich, bevor mein Mann Rentner wurde: Neben dem Haushalt hatte ich viel Zeit zum
Lesen, Klavier spielen und für alle anderen Dinge, die Spass machen. Mit meinem alten Auto
fühlte ich mich frei. Ich konnte damit schnell ins Schwimmbad, in die Stadt zum Einkaufen
oder zu einer Freundin fahren.
Heute ist das alles anders: Wir haben nähmlich nur noch ein Auto, denn mein Mann
meint, wir müssen jetzt sparen, weil wir weniger Geld haben. Deshalb bleibt das Auto auch
meistens in der Garage. Meine Einkäufe mache ich jetzt mit dem Fahrrad oder zu Fuß.
Ziemlich anstrengend, finde ich, aber gesund, meint mein Mann. In der Küche muss ich mich
beeilen, weil das Mittagessen um 12 Uhr fertig sein muss. Ich habe nur noch selten Zeit,
morgens Zeitung zu lesen. Das macht jetzt mein Mann. Während er schläft, backe ich nach
dem Mittagessen noch einen Kuchen und räume die Küche auf.
Weil ihm als Rentner seine Arbeit fehlt, sucht er jetzt immer welche. Er schneidet die
Anzeigen der Supermärkte aus der Zeitung aus und schreibt auf einen Zettel, wo ich was am
billigsten kaufen kann. Und als alter Handwerker repariert er natürlich ständig etwas. Oder er
arbeitet im Hof und baut Holzregale für das Gästezimmer. Ich finde das eigentlich ganz gut.
Aber leider braucht er wie in seinem alten Beruf einen Assistenten, der tun muss, was er sagt.
Dieser Assistent bin jetzt ich. Den ganzen Tag höre ich: „Wo ist...?“, „Wo hast du...?“, „Komm
doch mal!“ Immer muss ich etwas für ihn tun. Eine Arbeit muss der Rentner haben!
25
Löwe, Fuchs und Wolf
Löwe, Fuchs und Wolf lebten in Freundschaft zusammen. Eines Tages gingen sie auf Jagd. Sie fingen einen Esel,
einen Hasen und ein Reh.
„Was gibt es da zu teilen?“ antwortete der Wolf. „Das ist doch ganz einfach: Du bekommst den Esel, den Hasen
bekommt der Fuchs und ich bekomme das Reh!“
Da wurde der Löwe zornig, denn ihm gefiel diese Teilung nicht. Er stürzte sich auf den Wolf und riß ihm den
Kopf ab. Dann sagte er zum Fuchs: „Nun teile du!“
„Das ist doch wirklich einfach!“ entgegnete der Fuchs. „Den Esel nimmst du für das Mittagessen, das Reh isst du
am Abend- und den Hasen? Den Hasen kannst du zwischen den Mahlzeiten essen.“
Dieser Vorschlag gefiel dem Löwen, und er sagte zum Fuchs: „Gut! Gut! Du bist klug! Du teilst gut! Sage mir,
von wem hast du das gelernt?“
„Oh, tapferer Löwe“, antwortete der Fuchs, „diese Weisheit lehrte mich der Kopf des Wolfes, als er sich von
seinem Körper trennte!“
Gute Reise
Herr Maurice wohnte in einer kleinen französischen Stadt. Er besorgte oft etwas für seine Freunde.
Eines Tages fuhr er nach Paris. Seine Freunde baten ihn, fünf Regenschirme zu kaufen. Auf dem Südbahnhof
stieg er in die Metro um. Neben ihm sass ein Herr und las Zeitung. Beim Aussteigen wollte Herr Maurice in
seiner Zerstreutheit den Schirm des Nachbarn mitnehmen.
„Aber, mein Herr!“ sagte der Mann. „Dieser Schirm gehört mir!“
„Oh, entschuldigen Sie bitte, ich habe mich getäuscht“, sagte Herr Maurice.
Durch dieses Ereignis wurde Herr Maurice an seine Besorgungen erinnert. Er fuhr in ein Kaufhaus und kaufte
fünf schöne Regenschirme. Am Nachmittag fuhr er wieder mit der Metro nach dem Südbahnhof. Zufällig sass der
Nachbar vom Vormittag wieder neben ihm. Als dieser die fünf neuen Regenschirme sah, lächelte er und sagte zu
Herrn Maurice: „Nun, hat es doch noch geklappt?“
26
Hasensuppe
Eines Tages brachte ein Jäger Herrn Afandi einen Hasen. Erfreut über das Geschenk, bewirtete
Afandi den Jäger wie seinen besten Freund.
Einige Tage später kamen vier unbekannte Männer zu Afandi. „Wer seid ihr?“ fragte er sie.
„Vor einigen Tagen hat dir doch ein Jäger einen Hasen gebracht. Wir sind seine Nachbarn“,
antworteten die Unbekannten.
„Willkommen in meinem Haus. Setzt euch!“ sagte Afandi und bewirtete die Nachbarn des
Jägers mit einer Hasensuppe.
Wieder vergingen zwei Wochen. Eines Tages standen fünfzehn unbekannte Männer vor
Afandis Tür. „Wer seid ihr?“ fragte er sie.
„Vor einiger Zeit hat dir doch ein Jäger einen Hasen gebracht, und einige Tage später waren
dann die Nachbarn des Jägers hier. Wir sind die Nachbarn der Nachbarn des Jägers“,
antworteten sie.
Die Gäste nahmen Platz. Afandi brachte einen großen Kessel mit klarem, kaltem Wasser.
„Was das ist, fragt ihr? Das ist eine Suppe aus der Suppe von dem Hasen, den mir der Nachbar
eurer Nachbarn vor einigen Wochen geschenkt hat“, antwortete Afandi.
27
Die Krawatte
In einem großen amerikanischen Kaufhaus gab es schöne Krawatten. Fast alle Menschen in der Stadt trugen
Krawatten, die sie in diesem Kaufhaus gekauft hatten. Die Direktoren des Kaufhauses wünschten, dass auch der
Schriftsteller Hemingway zu ihren Kunden zählen sollte.
Sie schickten ihm deshalb eine schöne Krawatte und legten einen Brief dazu: „Unsere Krawatten werden sehr
gern getragen. Wir hoffen, dass auch Sie unser Kunde werden und dass Sie uns für dieses schöne Stück zwei
Dollar schicken.“
Einige Tage später erhielt das Kaufhaus ein Paket, in dem ein Brief lag: „Meine Bücher werden sehr gern gelesen.
Ich hoffe sehr, dass auch Sie zu den Lesern meiner Bücher gehören wollen und dass Sie meine letzte Erzählung
kaufen werden, die ich Ihnen in diesem Paket schicke. Sie kostet zwei Dollar und achtzig Cent. Sie müssen also
noch achtzig Cent an mich zahlen.“
Es war in einer kleinen Stadt. Ein junger Mann saß in seinem Auto und wartete auf seinen Freund, der in einem
Geschäft etwas kaufen wollte. Er brannte sich eine Zigarette an, die letzte aus der Schachtel. Ohne zu überlegen,
warf er die leere Schachtel durch das Fenster auf die Strasse. Er war sehr erstaunt, als er plötzlich die leere
Schachtel wieder vor dem Fenster sah. Eine alte Frau hielt die Schachtel in der Hand.
„Vielen Dank!“ sagte der junge Mann, „diese Schachtel ist leer und ich brauche sie nicht mehr.“
„Wir leben aber in einer sauberen Stadt, junger Mann, und wollen die Schachtel auch nicht haben!“ sagte die
Frau.
28
Nachdem er den Brief eingeworfen hatte, verliess er rasch den Bahnhof. „Haben Sie schon
an Ihren Brief gedacht?“ rief ihm nach einigen Minuten eine freundliche Dame lächelnd nach.
Herr Hofmann wunderte sich darüber, dass ihn alle Leute an den Brief erinnerten und fragte
die Dame: „Mein Gott, woher wissen denn alle Leute, dass ich einen Brief einwerfen soll? Ich
habe ihn doch schon lange eingeworfen“. Da lachte die Dame und sagte: „Dann kann ich
Ihnen ja auch den Zettel abmachen, der an Ihrem Mantel steckt“.
Auf dem Zettel war geschrieben: „Bitte, sagen Sie meinem Mann, dass er einen Brief
einwerfen soll!“
29
Der Taschendieb
Ein Kaufmann machte einmal eine Reise. Er stieg in einer Kleinstadt aus, denn er wollte dort
seinen Freund treffen. In einem Hotel mietete er ein Zimmer und ging dann in die Wohnung
seines Freundes.
Die Freunde saßen lange zusammen und erzählten. Spät in der Nacht ging der Kaufmann in
sein Hotel zurück. Die Straßen der Stadt waren sehr dunkel und er konnte nur schwer seinen
Weg finden. Niemand war auf der Straße. Plötzlich hörte er Schritte. Ein Mann kam eilig um
die Ecke einer Seitenstraße und stieß mit dem Kaufmann zusammen. Der Mann sagte eine
Entschuldigung und eilte weiter.
Der Kaufmann blieb stehen. “Wie viel Uhr ist es schon?” dachte er und wollte auf seine Uhr
sehen. Er griff in die Tasche seiner Jacke, aber er fand die Uhr nicht. Auch die Taschen seiner
Weste waren leer. Schnell lief er dem Mann nach, fasste ihn am Mantel und rief: „Geben Sie
mir sofort die Uhr!“ Der Mann erschrak sehr, denn die Stimme des Kaufmanns klang sehr
zornig. Er gab ihm die Uhr und der Kaufmann ging zufrieden weiter.
Im Hotel ging er sofort in sein Zimmer und machte Licht. Da sah er auf dem Nachttisch neben
seinem Bett eine Uhr. Er griff in seine Tasche und fand- die Uhr des Mannes! „Mein Gott!“
sagte der Kaufmann, „ich bin ja ein Taschendieb und nicht dieser Mann!“
In dieser Nacht schlief der Kaufmann sehr schlecht. Am Morgen brachte er die Uhr zur
Polizei. Diese konnte den Besitzer der Uhr schnell finden und gab sie ihm zurück.
30
Zehn Eier
Vor vielen, vielen Jahren lebte in einer reichen und schönen Stadt ein Schah. Dieser amüsierte
sich gern. Jeder Freund und Besucher war verpflichtet, den Schah zu unterhalten. Jeder musste
etwas erzählen, was er selbst erlebt oder gehört hatte.
Eines Tages trafen sich bei dem Schah mehrere Freunde und Bekannte. Alle waren lustig, alle
tranken und assen und hörten sich Geschichten an. In einer Ecke saß ein schweigsamer
Fremder, der den Schah und die Gesellschaft still beobachtete.
„Fremder, warum sprichst du nicht?“ fragte der Schah. „Erzähle auch du eine gute
Geschichte!“
„Mir ist nur eine Geschichte von Dummköpfen bekannt. Ich weiß nicht, ob ich sie in dieser
hohen Gesellschaft erzählen kann“, entgegnete der Fremde.
„Wenn die Sache lustig ist, dann erzähle sie!“ lachte der Schah.
„Einmal begegnete ich in einer Straße unserer Stadt einem Mann. Dieser war überall bekannt.
Er war eingebildet und dumm. Ich hatte in der Tasche meines Mantels zehn Eier. Als nun der
Dumme neben mir stand, sagte ich: „Rate einmal, was ich in meiner Manteltasche habe! Wenn
du es rätst, dann gehört die Hälfte der Eier dir. Wenn du auch die Zahl der Eier rätst, dann
gehören dir alle zehn Eier.“ Der Dumme dachte nach und sagte nach langer Zeit: “Herr, ich
bin weise, aber ich weiss nicht alles. Wie kann ich etwas raten, was ich nicht sehe? Du musst
mir ungefähr andeuten, wie die Dinge sind, die du in der Manteltasche hast.“ „Also, höre! Ein
Teil ist weiß, der andere Teil ist gelb. Das weiße ist die Hülle, das Gelbe ist der Inhalt.“ „Jetzt
weiß ich es!“ rief der Dumme erfreut. „Das sind frische, gelbe Rüben und herum weiße
Rettiche!
Alle lachten, am meisten der Schah. Als alle wieder ruhig waren, fragte der Schah den
Fremden: „Was hattest du denn nun wirklich in der Manteltasche, mein Freund?“
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Technik
Am Ende des vorigen Jahrhunderts lebte in Nürnberg ein Kaufmann namens Bitterfeld. Zwei
seiner Söhne konnte er studieren lassen. Der eine studierte in Berlin. Von dort erreichte ihn
eines Tages ein Brief folgenden Inhalts! „Lieber Vater! Ich habe mich soeben verlobt und
möchte im nächsten Monat heiraten. Zu meiner Hochzeit lade ich Dich herzlich ein“.
Der alte Bitterfeld freute sich sehr über diese Einladung. Er war schon 70 Jahre alt und noch
nie war er mit der Eisenbahn gefahren. In seiner Jugend gab es noch keine Eisenbahn. Er
überlegte lange und beschloß schließlich nach Berlin zu fahren.
Schnell waren alle Vorbereitungen getroffen, der Koffer war gepackt und die Fahrkarte
gekauft. Es ging alles gut. Das Zug-Fahren machte dem alten Bitterfeld großen Spass. Er
plauderte mit den anderen Fahrgästen, öffnete auf jeder Station das Fenster und schaute
hinaus.Alles war interessant. Nun liegt auf halber Strecke zwischen Nürnberg und Berlin eine
Station, die heißt Bitterfeld. Der Zug hält auf dieser Station, der Schaffner läuft den Zug
entlang und ruft: „Bitterfeld- aussteigen!“ –„Sehr zuvorkommend ist man hier,“ denkt
Bitterfeld. Er nimmt seinen Koffer und steigt aus. Schon setzt sich der Zug wieder in
Bewegung. Bitterfeld bleibt auf dem Bahnsteig zurück und schaut sich um.
Da fährt auch schon auf der anderen Seite des Bahnsteiges der Gegenzug Berlin-Nürnberg ein.
Der Zug hält, wieder läuft der Schaffner eilig vorbei und ruft: „Bitterfeld-einsteigen!“- „Alles
höfliche Leute“, denkt Bitterfeld, steigt ein und setzt sich. Bitterfeld ist zufrieden, weil alles so
gut klappt. Mit einem Reisenden versucht er ein Gespräch anzufangen.
Bitterfeld schlägt vor Erstaunen die Hände zusammen“ „Sie fahren nach Nürnberg? Und ich
fahre nach Berlin? In demselben Zug, in demselben Abteil? Wunderbar, das nenne ich
Technik!“
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33
Und richtig: als die Jungen wieder auf den Baum kletterten, konnten sie nicht
mehr heruntersteigen. Das ganze Dorf lief herbei, aber die Frau erlaubte den
Jungen erst am dritten Tag herunterzuklettern. Seit dieser Zeit kamen keine
Diebe mehr in ihren Garten.
Aber ein anderer kam: der Tod. Er sagte zu der Frau: „Du musst mit mir gehen“.
Zuerst erschrak die Frau. Doch dann war sie einverstanden und sagte: „Gut, ich
mache mich bereit. Ich will aber etwas zum Essen für uns mitnehmen. Hol uns
bitte zwei Äpfel vom Baum!“
Der Tod kletterte auf den Apfelbaum und pflüclkte zwei Äpfel. Er konnte aber
nicht mehr herunter. Die Frau ließ ihn drei Monate oben sitzen. In dieser Zeit
starb niemand auf der ganzen Welt. Das war auch nicht recht, denn es gab viele
sehr kranke Menschen, die schreckliche Schmerzen hatten und den Tod
herbeisehnten. Aber der Tod konnte nicht zu ihnen kommen.
„Lässt du mich heruntersteigen, wenn ich dir verspreche, dich nie zu holen?“
fragte der Tod die Frau.
„Ja“, antwortete sie. „Aber du musst dein Wort halten!“
Der Tod hat sein Wort gehalten, und man sagt, dass diese Frau heute noch lebt.
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Eine merkwürdige Strafe
Jonny war Polizist. Er stand am Times Square, Ecke Brodway. Viele Autos kamen in endloser
Kolonne vom Theaterviertel und fuhren in Richtung Centralpark. Jonny fühlte sich wie ein
Zauberer. Er konnte die sausende Autokolonne anhalten, wann er wollte. Er freute sich, wenn
er mit dem Rot seiner Verkehrsampel die Kraft der starken Motoren anhalten konnte. Aber
wenn jemand bei rotem Licht über die Kreuzung fuhr, dann war er kein Zauberer. Jetzt war er
Polizist und die Sünder mussten Strafe zahlen. Nur einmal verlangte er keine Geldstrafe.
Er hatte das rote Licht der Verkehrsampel eingeschaltet. Im letzten Augenblick fuhr noch
schnell ein alter Chevrolet über die Kreuzung. Jonny war sehr überrascht. Er starrte die alte
Dame an, die am Steuer des Autos saß. Er vergaß sogar sich die Nummer des Autos zu
notieren. Jonny ärgerte sich. Immer wieder dachte er an den Wagen und an die grauhaarige
Dame.
Einige Stunden später war sein Dienst zu Ende. Auf dem Heimweg sah er plötzlich an einer
Straßenecke den Chevrolet stehen. Das Auto parkte sogar an einer verbotenen Stelle. Jetzt
freute sich Jonny. Sofort notierte er sich die Nummer des Wagens. Aber Jonnys Freude wurde
noch größer. Plötzlich stand nämlich die Besitzerin des Wagens neben ihm, und er kannte sie
sogar.
„Ist das Ihr Wagen?“ fragte er. Die Dame nickte. „Dann muss ich Sie bestrafen. Heute
Nachmittag sind Sie bei rotem Licht über die Kreuzung Times Square-Brodway gefahren und
jetzt stehen Sie im Parkverbot.“
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Die Dame sah sich um. Tatsächlich! Sie hatte ihren Wagen falsch geparkt.
„Nun gut! Was muss ich zahlen?“ fragte sie.
Jonny steckte sein Notizbuch in die Tasche und erwiderte: „Zahlen? Nein, nein! Schreiben Sie
bis morgen vier Uhr hundertmal den Satz: „Ich muss die Verkehrszeichen beachten. Sie finden
mich morgen vier Uhr an der Kreuzung.“ Nun ging er.
Pünktlich vier Uhr stand am nächsten Tag die Dame mit einem blauen Schulheft vor Jonny.
Sie hatte den Satz wirklich hundertmal geschrieben. “Sagen Sie mir bitte einmal, fragte sie
dann, „warum haben Sie mir eigentlich eine so merkwürdige Strafe gegeben?“
Jonny sah das Heft genau an, dann entgegnete er: „Sie sind doch die Lehrerin Miß Sullivan?“
„ Ich bin Ihr Schüler gewesen. Einmal musste ich auch einen Satz schreiben, aber nur
fünfzigmal. Diese Strafe haben Sie mir gegeben!”
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