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Sontag

Über Fotografie

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Cher dieses Buch Der Ruhm der Essays von Susan Sontag berubt auf der auflerordent lichen Sensibilitt, mit der sie ZeitstrOmungen und Verdinderungen ‘unserem BewuBisein wahrnimmt, auf der Intlligenz, mit der sie Phi- neinen neuen Kontext u stellen und zu deuten wei, auf dem chen Impuls, von dem ihe Denke und schlieBlich aut der Lebendigkeit und dem Assozitionsreichtum ihrer Sprache. In diesem Band erdrtert sie die Beziehung der Fotografie zur Kunst, ‘2m allgemeinen Bewustsein, zur Realitit und diskutirt die Arbeiten ds berihmien und entseheidenden Fotografen von der Anfangszeitbis indie unmitelhare Gegenwart. Esentstand cine Asthetik der Fotogra- fie, wie es sie bisher noch nicht gab. Ausgangspunkt far de Auseinan dersetzung mit dem Medium Fotografie ist eine pers6nliche Frfaheung det Autorin. Als Zwoitjarige sah sie Aulnahmen aus den Konzentra- tionslagern von Bergen-Belsen und Dachau. »Mein Leben war vera drt worden, in diesem einen Augenblick. . Als ich diese Fotos be- trachtete, zerbrach etwas in mir.« Und so prigt, wie Peter Sage schreibt (Deutsches Allgemeines Sonntagsblan), diese ofrahe Bettol- fenheit thre tiefgreitende Skebsis gegenuber diesem allgegenwartigen Medium. Uber Fotografie nachzudenken, ist fur Susan Sontag, eine ‘eminent politische Sache ... Die Fotografie, schreibt sie, habe in den letzten Jahrzchnten ebensoviel dazu beigetragen, sunser Gewissen ab- ~zuioten, wie dazu, aufruritteln, Nicht nar, da wir uns an das foto- arafierte Grauen gewohnen. Schlimmer noch: Wir geniefien die Tungenen Fotos des Graucns als Bilder... Diese vsthetische Doppel moral ist der zentrale Vorwur, den Susan Sontag der Fotografic und uns als ihren bildsuehtigen Konsumenten macht. Die Aworin ‘Susan Sontag, geboren 1933in New York, ist Kritikerin, Erzahlerin und Filmemacherin, 1979 exhielt sic die »Wilhelm-Heinse-Medailles der ‘Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz ‘Von Susan Sontag sind als Fischer Taschenbuch bisherlieferbar: Kunst lund Antikunst« (Band 6884), -Krankheit als Metapher« (Band 3823), Im Zeichen des Saturn« (Band 6486), Ich ete. (Band 5240). \ i Susan Sontag UBER FOTOGRAPFIE ‘Aus dem Amerikanischen von Mark W. Rien und Gertrud Baruch <>{ Fischer b§=> Taschenbuch <1 Verlag Ere x ‘erotfenticht im Fischer Tschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, eptember 1980 Lizenzausgabe mit feundliches (Carl Hanser Verlags Munchen Wien Titel der amenikanischen Oniginalausgabe: »On Photography ‘Straus & Giroux, New York 1977 (© 197K Cat Hanser Veriag Munchen Wien ‘Umschlagentwurt Jan Buchhoka ens Hinsch Foto: Klaus vom Zitzowite Druck und Bindung: Clausen & Bosse, Leek Printed in Germany [Link]-3-59-25002.5 nigung des Inhaltsverzeichnis InPlatos Hohle (Gertrud Baruch) Amerika im diistern Spiegel der Fotografie (Gertrud Baruch) F Objekte der Melancholic (Gertrud Baruch) Der Heroismus des Schens (Mark W. Rien) Fotografische Evangelien (Mark W. Rien) Die Bilderwelt (Mark W. Rien) Eine kleine Zitatensammlung (Gertrud Baruch) Verzeichnis der in den Essays erwilhnten Fotografen (fiir die deutsche Ausgabe zusammengestellt von Birgit Mayer) 193 In Platos Héhle Noch nicht zu hoherer Erkenntnis gelangt, hilt die Mensch- heit sich noch immer in Platos Hohle auf und ergétat sich — nach uralten Gewohnheiten — an bloBen Abbildern der Wahrheit. Erzichung durch Fotografie aber ist nicht das gleiche wie Erzichung durch fltere, stirker von handwerk- licher Technik gepriigte Bilder. Ein Grund dafir ist die Vielzahl der Abbilder, die heute iiberall unsere Aufmerk- samkeit erregen. Die Bestandsaufnahme began 1839 und konzentrierte sich auf Portritaufnahmen, aber seither ist 0 Lungefiihr alles fotografiert worden ~ jedenfalls scheint ess0, Und diese schiere Unersiitlichkeit des fotografischen Au- ges veriindert die Bedingungen, unter denen wir in der Hohle, unserer Welt, eingeschlossen sind. Indem sie uns inen neuen visuellen Code lehren, veriindern und erw ‘ern Fotografien unsere Vorstel dem, was anschai prazt etnd ware boobactten wir sin Foch habia gibt cine Grammatik und, wichtiger noch, eine Ethik des Schens. Und schlieBlich besteht das erstauntichste Resultat fotografischen Unternchmungsgeistes darin, daB uns das Gefiihl vermittelt wird, wir konnten die ganze Welt in "unserem Kopf speichern — als eine Anthologie von Bildern. Fotografien sammeln heiGt die Welt sammein, Filme und Fernschprogramme flimmern vor uns auf und verléschen wieder; durch das Standfoto aber ist das Bild auch zum Objekt geworden, leichtgewichtig, billig 7u| produzieren, miihelos herumzutragen, zu sammeln, in groflen Mengen 24 stapeln, In Godards Les Carabiniers (1963) werden zwei arme Bauerntélpel in die kénigliche Armee gelockt, indem man ihnen verspricht, sie kénnten pliindern, schiinden, t8- ten, dem Feind alles antun, was sie wollten, und dabei reich werden, Aber der Koffer voller Kriegsbeute, den Michel- angelo und Odysseus Jahre spiter triumphierend zu ihren Frauen heimbringen, enthilt, wie sich herausstellt, nichts, anderes als Hunderte von Ansichtskarten, die Denkmiler, Warenhiuser, Siugetiere, Naturwunder, Transportmittel, Kunstwerke und andere Schenswiirdigkeiten aus aller Her ren Liinder zeigen, Godards Gag parodiert sehr drastisch die 9 fragwiirdige Magie des fotografischen Bildes. Fotografien sind die vielleicht geheimnisvollsten all der Objekte, welche die Umwelt, die wir als »moderne begreifen, ausmachen ‘und gestalten, Fotografien sind tatsiichlich cingefangene Erfahrung, und die Kamera ist das ideale Hilfsmittel, wenn ‘unser BewuBtsein sich etwas aneignen will (Fotografieren heiBt sich das fotografierte Objekt ancig~ nen. Es heiBt sich selbst in eine bestimmte Beziehung zur Welt setzen, die wie Erkenntnis ~ und deshalb wie Macht ~ anmutet. Jener bereits notorische erste Sturz in die Ent- fremdung, der den Menschen daran gewshat hat, die Welt im gedruckten Wort zu abstrahieren, hat ihm vermutlich das Mehr an Faustischer Energie und psychischer Schiidigung igebracht, das erforderlich war, um moderne, unorgani sche Gesellschaftsstrukturen zu schaffen. Aber das gedruck- te Wort scheint ein weniger trigerisches Mittel zu sein, um ddie Welt auszulaugen, sie in einem Gegenstand der Vorstel- lung zu verwandeln, as das fotografische Bild, das heute den ‘grdften Teil der Kenntnisse vermittelt, die der Mensch vom Erscheinungsbild der Vergangenheit und von der Spann= weite der Gegenwart besitzt, Was iiber eine Person oder ein Ereignis geschrieben wird, ist im Grund Interpretation, genauso wie handgefertigte, auf das Visuelle beschrinkte | Aussageformen, etwa Zeichnungen und Gemalde. Fotogra~ | fische Bilder aber scheinen nicht so sehr Aussagen Uber die Welt als vielmehr Bruchstiicke der Welt zu sein: Miniaturen der Realitt, die jedermann anfertigen oder erwerben kann. 'Fotografien, die am MaBstab der Welt herumbasteln, wer- den ihrerseits verkleinert, vergrBert, beschnitten, retu- schiert, manipuliert, verfilseht. Von den iiblichen Krank- heiten papierner Objekte heimgesucht, altern sie; sie Ver- schwinden; sie bekommen Wert, sie werden gekauft und veriuBert; sie werden reproduziert. Fotografien, die die Welt zusammenbiindeln, scheinen dazu einzuladen, sel gebiindelt zu werden, Sie werden in Alben geklebt, gerahmt ‘und auf Tische gestellt, an die Wand geheftet, als Dias projiziert, Sic erscheinen in Zeitungen und Magazinen, werden von Polizisten in Karteien geordnet, von Muscen dausgestellt und von Verlegern zusammengetragen. Viele Jahrzehnte lang war das Buch das einfluBreichste Instrument zur Zusammenstellung von (meist stark verklei- 10 nerten) Fotografien, denen auf diese Weise Langlebigkeit, wenn nicht sogar Unsterblichkeit ~ Fotos als solche sind fragile Objekte, die leicht zerrissen oder verlegt werden kénnen — und ein breiteres Publikum garantiert wurde. Die Fotografie in einem Buch ist ganz offensichtlich das Abbild cines Abbilds. Aber da das fotografische Bild nun einmal ein gedrucktes Objekt mit glatter Oberfliche ist, verliert es von seiner eigentlichen Qualitit weniger, wenn esin einem Buch reproduviert wird, als ein Gemilde. Dennoch ist das Buch kein ginzlich befriedigendes Instrument, um eine grdBere Anzahl Fotos in Umlaut zu bringen, Die Reihenfolge, in der die Bilder betrachtet werden sollen, wird durch die Aufein- anderfolge der Seiten nahegelegt; aber nichts verpflichtet den Leser, sich an diese Reihenfolge zu halten, oder gibtan, wie lange er jedes Foto betrachten soll. Chris Markers Film nis Quatre Dromadaires (1966) ~ eine brillant instru~ te Meditation iiber zahlreiche Fotos verschiedenster Art und Thematik — verweist auf cine subtilere und stren- ere Methode, Fotos zu biindeln. Sowohl die Reihentolge als auch die Zeit, die der Betrachter jedem einzelnen Bild ‘widmen soll, ist fesigelegt; aulerdem erhohen sich die visu- clle Qualitit und die emotionale Wirkung, weil die Fotos, agréBer, lesbarer, stirker in den Mittelpunkt geriickt sind. ‘Aber in einen Film iibertragene Fotos héren auf, sammel- bare Objekte zu sein — die sie noch immer sind, wenn sie in Biichern zusammengefaBt werden. Fotos liefern Beweismaterial. Etwas, wovon wir gehdrt ha- ben, woran wir aber zweifeln, scheint sbestitigte, wenn man uns eine Fotografie davon zeigt.!In einem bestimmten An- wendungsbereich inkriminiert die Kameraaufzeichnung. Scit ihrer Verwendung durch die Polizei bei der mérde schen Razzia auf die Pariser Kommunarden im Juni 1871 ‘wurden Fotos zum Werkzeug moderner Staaten bei der Uberwachung und Kontrolle einer zunehmend mobilen Be- vélkerung. In einem anderen Anwendungsbereich dient die Kamera der Rechtfertigung {Fine Fotografie gilt als unwi-

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