Heinz Kahlau
Löwenzahn
Dem Löwenzahn zum Ruhme
Gibt es die Pusteblume.
Die Pusteblume ist sein Kind.
Wenn ihr nicht pustet,
Kommt der Wind
Und pustet ihre Sterne.
Sie fliegen in die Ferne,
Und wo sie landen, seht's euch an
Da wächst ein neuer Löwenzahn.
Max Kruse
Die Wurzelfee
Wisper
knisper
Wurzelfee,
wer mich sucht,
dem tu ich weh:
Beiß' ihn
in den großen Zeh –
werf' ihn
in den Tümpelsee –
tunke ihn
ins Glibbermoor-
kneif ihn
in sein Lumpenohr –
drehe ihm
die Nase quer. ..
Wenn du Mut hast
komm nur her!
Alwin Freudenberg
Vom Riesen Timpetu
Pst! Ich weiß was. Hört mal zu!
War einst ein Riese Timpetu.
Der arme Bursche hat - oh Graus -
im Schlafe nachts verschluckt 'ne Maus.
Er lief zum Doktor Isegrimm:
"Ach Doktor! Mir geht's heute schlimm.
ich hab' im Schlaf 'ne Maus verschluckt,
die sitzt im Leib und kneipt und druckt."
Der Doktor war ein kluger Mann,
man sah's ihm an der Nase an.
Er hat ihm in den Hals geguckt.
"Wie? Was? Ne Maus habt ihr verschluckt?
Verschluckt 'ne Miezekatz dazu.
so lässt die Maus euch gleich in Ruh."
Fritz Wittkamp
Warum sich Raben streiten
Weißt du, warum sich Raben streiten?
Um Würmer und Körner und Kleinigkeiten,
um Schneckenhäuser und Blätter und Blumen
und Kuchenkrümel und Käsekrumen,
und darum, wer recht hat und unrecht, und dann
auch darum, wer schöner singen kann.
Mitunter streiten sich Raben wie toll
darum, wer was tun und lassen soll,
und darum, wer erster ist, letzter und zweiter
und dritter und vierter und so weiter.
Raben streiten um jeden Mist.
Und wenn der Streit mal zu Ende ist,
weißt du, was Raben dann sagen?
Komm, wir wollen uns wieder vertragen!
K. Steiniger
Qualitäten
Die Spiegelscherbe und das Fensterglas
die lagen miteinander stumm im Gras,
da sprach die Spiegelscherbe mit Geprahl:
„In mir siehst du die Wiese noch einmal.“
Das Fensterglas blieb ruhig und bescheiden
und hielt sich nur an die Gegebenheiten.
Die Wiese noch einmal? Das ist nicht schlecht.
Durch mich sieht man die ganze Welt - und echt.
Wilhelm Busch
Plaudertasche
Du liebes Plappermäulchen,
bedenk dich erst ein Weilchen,
und sprich nicht so geschwind.
Du bist wie unsre Mühle
und ihrem Flügelspiele
im frischen Sausewind.
Solang der Müller tätig
und schüttet auf was nötig,
geht alles richtig zu;
doch ist kein Korn darinnen,
dann kommt das Werk von Sinnen
und klappert so wie du.
Günter Rudorf
Gar tausend Fragen
Was macht der Wind, wenn er nicht weht?
Legt er sich hin und träumt?
Was macht das Meer, wenn Sturm nicht geht
und keine Welle schäumt?
Wie viele Wale schwimmen noch?
Wo ruht der größte Schatz?
Wer grub wo wann das tiefste Loch?
Wo finden Kinder Platz?
Wie viele Sterne sieht man nicht,
obwohl es sie doch gibt?
Wie kommt es, dass ein Herz zerbricht,
wenn es vergebens liebt?
Gar tausend Fragen hätte ich
und wüsste gern Bescheid.
Die Antworten erreichen mich
Vielleicht im Lauf der Zeit.
Erich Kästner
Sokrates zugeeignet
Es ist schon so: Die Fragen sind es,
aus denen das, was bleibt, entsteht.
Denkt an die Frage jenes Kindes:
„ Was tut der Wind, wenn er nicht weht?“
Erich Kästner
Wieso warum
Warum sind tausend Kilo eine Tonne?
Warum ist dreimal Drei nicht sieben?
Warum dreht sich die Erde um die Sonne?
Warum heißt Erna Erna statt Yvonne?
Und warum hat das Luder nicht geschrieben?
Warum ist Professoren alles klar?
Warum ist schwarzer Schlips zum Frack verboten?
Warum erfährt man nie, wie alles war?
Warum bleibt Gott grundsätzlich unsichtbar?
Und warum reißen alte Herren Zoten?
Warum darf man sein Geld nicht selber machen?
Warum bringt man sich nicht zuweilen um?
Warum trägt man im Winter Wintersachen?
Warum darf man, wenn jemand stirbt, nicht lachen?
Und warum fragt der Mensch bei jedem Quark: Warum?
Peter Hacks
Frau Tausendfuß heut Wäsche hat
Frau Tausendfuß heut Wäsche hat,
Das sind grad tausend Socken.
Auf einem Ebereschenblatt
Bläst sie ein Windchen trocken.
Tausend Socken sind recht viel.
Tausend Socken sind kein Spiel.
Alle sagen: Tausend Gruß,
So fleißig heut Frau Tausendfuß?
Ein Spinnenweb als Wäschelein,
Kiefernnadeln als Klammern,
Als Sack ein Hirtentäschelein,
Zwei hohle Nüss als Kammern.
Tausend Socken, ei der Daus,
Tausend Socken, das reicht aus.
Alle sagen: Tausend Gruß,
So fleißig heut, Frau Tausendfuß!
Mira Lobe
Der verdrehte Schmetterling
Ein Metterschling
mit flauen Bügeln
log durch die Fluft.
Er war einem Computer entnommen,
dem war was durcheinandergekommen,
irgendein Drähtchen,
irgendein Rädchen.
Und als man es merkte,
da war's schon zu spätchen,
da war der Metterschling
schon feit wort,
wanz geit.
Mir lut er teid.
Liebesseufzer eines Walfischfräuleins
O du Wal meiner Wahl!
Wie ihn gibt’s keinen im Meer mehr!
Wer, der wie er, zwölfeinhalb Tonnen schwer wär‘?
Wenn ich nur wüsste,
ob er so fühlte wie ich,
als ich ihn unweit der Küste küsste...
Hoffentlich!
Ich hoff‘ endlich,
dass er um meine Flosse anhält
und sich nicht immer so schüchtern stellt.
Denn ich möchte, statt immer allein sein,
sein sein!
Joachim Ringelnatz
Der Briefmark
Ein männlicher Briefmark erlebte
was Schönes, bevor er klebte.
Er war von einer Prinzessin beleckt.
Da war die Liebe in ihm erweckt.
Er wollte sie wiederküssen,
da hat er verreisen müssen.
So liebte er sie vergebens.
Das ist die Tragik des Lebens!
Die Ameisen
In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee,
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.
Genau besehn
Wenn man das zierlichste Näschen
Von seiner liebsten Braut
Durch ein Vergrößerungsgläschen
Näher beschaut,
Dann zeigen sich haarige Berge,
Dass einem graut.
Heinz Ehrhardt
Die Made
Hinter eines Baumes Rinde
wohnt die Made mit dem Kinde.
Sie ist Witwe, denn der Gatte,
den sie hatte, fiel vom Blatte.
Diente so auf diese Weise
einer Ameise als Speise.
Eines Morgens sprach die Made:
„Liebes Kind, ich sehe grade,
drüben gibt es frischen Kohl,
den ich hol. So leb denn wohl!
Halt noch eins! Denk, was geschah,
geh nicht aus, denk an Papa!“
Also sprach sie und entwich.-
Made junior aber schlich
hinterdrein; und das war schlecht!
Denn schon kam ein bunter Specht
Und verschlang die kleine fade
Made ohne Gnade. Schade!
Hinter eines Baumes Rinde
Ruft die Made nach dem Kinde...
Gottfried Herold
Der Fernsehturmturnwurm
Auf dem Fernsehturm
turnt ein Wurm.
Das ist der
Fernsehturmturnwurm.
Der turnt auf dem
Turnwurmfernsehturm
ziemlich wild.
Und immer, wenn der
Fernsehturmturnwurm
auf dem
Turnwurmfernsehturm
turnt,
wackelt bei uns das Bild.
Stefan Reschke
Ein Hinweis
Für deutsche Schüler, sag ich ehrlich,
da wird es neuerdings gefährlich.
Betreten sie im Winter Eis,
so droht Gefahr, wie man jetzt weiß.
Das Eis, das bricht, so PISA sprach.
Der Klügere gibt nämlich nach!
Günther Gregor
Parallele
Schlich und Schleich, ein Schlangenpaar
schlängelte sich sieben Jahr,
wie so manches Pärchen eben,
einigermaßen glatt durchs Leben,
bis sich Schlich ‘ne andre nahm,
Schleich ihm auf die Schliche kam...
Jedenfalls war es vorbei,
mit der alten Schlängelei.
Weitres über Schleich und Schlich
fragt mich bitte lieber nich(t)!
K. Steiniger
Qualitäten
Die Spiegelscherbe und das Fensterglas
die lagen miteinander stumm im Gras,
da sprach die Spiegelscherbe mit Geprahl:
„In mir siehst du die Wiese noch einmal.“
Das Fensterglas blieb ruhig und bescheiden
und hielt sich nur an die Gegebenheiten.
Die Wiese noch einmal? Das ist nicht schlecht.
Durch mich sieht man die ganze Welt - und echt.
Christian Morgenstern
Die zwei Wurzeln
Zwei Tannenwurzeln groß und alt
unterhalten sich im Wald.
Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.
Ein altes Eichhorn sitzt dabei
und strickt wohl Strümpfe für die zwei.
Die eine sagt: knig. Die andre sagt: knag.
Das ist genug für einen Tag.
Heinz Kahlau
Deshalb?
Wir alle
suchen den Menschen,
der unser Leben
sinnvoller macht.
Du meinst
ihn in mir
gefunden zu haben.
Soll ich nun
die Suche aufgeben –
deshalb?
Aprilabend
Ich habe gefroren, vor ich zu dir kam.
Ich war verletzlich, müde, abgeschabt.
So bin ich durch den Wind zu dir getrabt.
Nun sitze ich bei dir und mir ist warm.
Heinz Erhardt
Stiche
Von Dürers Meisterhand ein Stich
betrachtet, wirkt mehr „äußerlich“,
dagegen dringt, wenn Sie verzeihn,
der Mückenstich weit „tiefer“ ein.
Man sieht hieraus, daß ein Insekt
noch mehr kann als der Intellekt.
Die Schule
Die Schule ist, das weiß man ja,
in erster Linie dazu da,
den Guten wie den Bösewichtern
den Lehrstoff quasi einzutrichtern;
allein – so ist’s nun mal hienieden:
die Geistesgaben sind verschieden.
Mit Löffeln, ja, sogar mit Gabeln
frisst Kai die englischen Vokabeln;
Karl-Heinz hat aber erst nach Stunden
die Wurzel aus der Vier gefunden.
Und doch! Karl-Heinz, als dumm verschrien,
wird Chef – und man bewundert ihn,
und Kai, in Uniform gezwängt,
steht an der Drehtür und empfängt
und braucht in Englisch höchstens dies:
„Good morning, Sir !“ und manchmal: „Please!”
Hieraus ersieht der Dümmste klar,
dass der, der „dümmer“, klüger war!
Erich Fried
Zwischengedanken
Weil es
menschliche Beziehungen
gab
musste es
Menschen geben
Nun gibt es
zwischenmenschliche
Beziehungen
Die lassen
auf das Dasein von Zwischenmenschen schließen
Es muss aber auch
Zwischenunmenschen geben
die dafür sorgen
dass die zwischenmenschlichen Beziehungen
so unmenschlich sind
Herrschaftsfreiheit
Zu sagen
"Hier
herrscht Freiheit"
ist immer
ein Irrtum
oder auch
eine Lüge:
Freiheit
herrscht nicht
Erich Fried
Angst und Zweifel
Zweifle nicht
an dem
der dir sagt
er hat Angst
aber hab Angst
vor dem
der dir sagt
er kennt keinen Zweifel
Gleichberechtigung
Die Katze
und die Maus
können beide
das Mausen nicht lassen
Aber das Mausen der Maus
ist nicht
wie das Mausen
der Katze
Tierischer Ernst
Auch auf einem Weg
der für die Katz ist
kann man auf den Hund kommen
wenn man nicht Schwein hat
Erich Fried
Zur Kenntlichkeit
Ist eine Demokratie
in der man nicht sagen darf
dass sie keine
wirkliche Demokratie ist
wirklich eine
wirkliche Demokratie?
Verwehrte Kelt
für Ernst Jandl
Im Esten
genau wie
im Wosten
verresten
oft grade
die Bosten
Herbstmorgen in Holland
Die Nebelkuh
am Nebelmeer
muht nebel mei-
nem Bahngleis her
Nicht neben, denn
wo Nebel fällt,
wird auch das n
zum l entstellt
Herbstmorgel il Hollald
Lul weiter il die Lebelwelt
so bil ich eldlich kolsequelt
uld sage licht mehr Nebel
lur Lebel
Teichklatsch
Was der Baum zum Fisch gesagt hat
wirst du erst erfahren
wenn der Fisch den Krebs gefragt hat
was der Biber angenagt hat
der vor vielen Jahren
als der Reiher sich beklagt hat
dass der Krebs zum Fisch gesagt hat:
„Räuber und Barbaren!“
alle Frösche fortgejagt hat
(was noch keiner sonst gewagt hat)
weil sie stets in Scharen
quakten dass ihm nicht behagt hat
was der Baum zum Fisch gesagt hat
Humorlos
Die Jungen
werfen
zum Spaß
mit Steinen
nach Fröschen
Die Frösche
sterben
im Ernst
Biberbüberei
Die Bibin Bib war
vermählt mit Biber
sie hat ihn lieb zwar
doch er sie lieber
Er fand sie weiblich
er fand sie biblich
er fand sie leiblich
er fand sie lieblich
Er fand sie heilig
er fand sie keusch und
er baute eilig
mit viel Geräusch und
nicht nackte Träume
von seiner Dame
er nagte Bäume
zum Wohnteichdamme
Sein Unternehmen
ging ganz aufs Ganze
mit Tonen Lehmen
am Kellenschwanze
Doch hinterm Riedbruch
wo Vögel piepsten
beging sie Bibruch
mit Bibstenliebsten
Da war dem Biber
sein Haus verdorben
er wäre lieber
gleich ausgestorben
Was es ist
Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Freie Wahl mit guten Vorsätzen am Beispiel Üste
Die Üste hat die freie Wahl:
Wenn sie ein W wählt bleibt sie kahl
Wenn sie ein K wählt wird sie nass –
Die freie Wahl macht keinen Spaß
Ernst Jandl
ottos mops
ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
otto: soso
otto holt koks
otto holt obst
otto horcht
otto: mops mops
otto hofft
ottos mops klopft
otto: komm mops komm
ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott
lichtung
manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht
velwechsern.
Werch ein illtum!