0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
550 Ansichten558 Seiten

WWW - Ssoar.info: Sombart, Werner

Hochgeladen von

Paula Marques
Copyright
© © All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen

Behandelte Themen

  • Gewerkschaften,
  • Wirtschaftswachstum,
  • Marktbildung,
  • Wirtschaftsmodelle,
  • Preise,
  • Kapitalmärkte,
  • Wirtschaftspsychologie,
  • Betriebsbildung,
  • Individualisierung,
  • Wirtschaftsrecht
0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
550 Ansichten558 Seiten

WWW - Ssoar.info: Sombart, Werner

Hochgeladen von

Paula Marques
Copyright
© © All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen

Behandelte Themen

  • Gewerkschaften,
  • Wirtschaftswachstum,
  • Marktbildung,
  • Wirtschaftsmodelle,
  • Preise,
  • Kapitalmärkte,
  • Wirtschaftspsychologie,
  • Betriebsbildung,
  • Individualisierung,
  • Wirtschaftsrecht

[Link].

info

Der moderne Kapitalismus: historisch-


systematische Darstellung des
gesamteuropäischen Wirtschaftslebens von
seinen Anfängen bis zur Gegenwart. Bd. 3, Das
Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus
- Halbbd. 2, Der Hergang der hochkapitalistischen
Wirtschaft; Die Gesamtwirtschaft
Sombart, Werner

Veröffentlichungsversion / Published Version


Monographie / monograph

Zur Verfügung gestellt in Kooperation mit / provided in cooperation with:


Universitäts- und Stadtbibliothek Köln

Empfohlene Zitierung / Suggested Citation:


Sombart, W. (1927). Der moderne Kapitalismus: historisch-systematische Darstellung des gesamteuropäischen
Wirtschaftslebens von seinen Anfängen bis zur Gegenwart. Bd. 3, Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des
Hochkapitalismus - Halbbd. 2, Der Hergang der hochkapitalistischen Wirtschaft; Die Gesamtwirtschaft. München:
Duncker & Humblot. [Link]

Nutzungsbedingungen: Terms of use:


Dieser Text wird unter der CC0 1.0 Universell Lizenz (Public This document is made available under the CC0 1.0 Universal
Domain Dedication) zur Verfügung gestellt. Nähere Auskunft zu Licence (Public Domain Dedication). For more Information see:
dieser CC-Lizenz finden Sie hier: [Link]
[Link]
WERNERSOiVIBART

Der m oderne
Kapitalismus
Historisch-systematische Darstellung des gesamteuropäischen
Wirtschaftslebens von seinen .\nfängen bis zur Gegen1\·art

DRITIER BAND
Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus
Zweiter Halbband

'Ii' mehreren Namenti- und achrrgiatcro lU Band ur


n c bs~ DrucHcblcrbcrichtißung zu llnlhblnd r

)[ 0 N C H E N U N D L 1:: I P Z I G I ~ 9 2 7

VEl\LAG VON DUNCKER & HUMBLOT


V

Inhaltsverzeichnis des 2. Halbbandes


Dritter Hauptabschnitt
Der Hergang
Seite
Übersicht . . 517
Erster Abschnitt
Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses
Literatur . 520
Einunddreif3igstes Kapitel: Die Elemente det· Bedarfsbildung . 522
I. Die Entstehungsarten des Bedarfs . 522
II. Die Entstehungsgründe des Bedarfs . 524
III. Besondere Arten des Bedarfs . 525
Zweiunddreif3igstes Kapitel: Die Elemente der 1\Iarktbildung . 527
I. Begriff und Arten des Marktes 527
II. Die Preisgesetze . . . . . 529
III. Die künstliche Beeinflussung des Marktes. 530
Dreiunddreif3igstes Kapitel: Die Elemente der Betriebsbildung 533
I. Die Gesetzmäßigkeit der Betriebsbildung . 533
II. Die Gestaltung des einzelnen Betriebes 535
1. Die Abgrenzung der Arbeitsgebiete in den Betrieben 535
2. Die Betriebsgröße . . . . . . 539
a) Betriebsgröße und Großbetrieb . 539
b) Die Betriebsvergrößerung 544
c) Die Konzentration . . . 546
3. Die innere Ausgestaltung der Betriebe . 547
III. Die Betriebsvereinigung . . . 548

Zweiter Abschnitt
Die Bewegungsformen _des wirtschaftlichen Prozesses
Quellen und Literatur 551
Yiernnddreif3igstes Kapitel: Die Konkurrenz 556
Die Leistungskonkurrenz . . . 557
Die Suggestionskonkurrenz (Reklame) . 557
Die Gewaltkonkurrenz 557
~'ünfunddreif3igstes Kapitel: Die Konjunktur 563
I. Begriff und äul~ere Gestalt der Expansionskonjunktur. 563
II. Die inneren Zusammenhänge der Expansionskonjunktur 568

,, ..
Univers·t~ .! .
Seminar tur c-o_iol:...gl e
Albertus-M ag n us-P\atz
sooo Köln 41
VI InhaltsYcrzeichnis
Seite
1. Der Aufschwung 568
2. Der Niedergang 577
3. Der Wechsel 582
III. Die Bedeutung der Expansionskonjunktur flir die Ent-
wicklung des Hochkapitali~mus 583
Sechsunddreißigstes Kapitel: Die Gleichrörmigkeit 587

Dritter Abschnitt
Die Gestaltung des wirtschaftlichen Prozesses
in der Geschichte
Erster Unterabschnitt
Die Rationalisierung des Oüterbedarfs
(Konsumtion)
Quellen und Literatur . 594
Siebenunddreißigstes Kapitel: Die Träger des Bedarfs. 596
Achtnuddreil3igstes Kapitel: Die Art und Weise der Bedarfs·
befriediguug . . 603
Neununddreibigstes Kapitel: Die Artbeschaffenheit der Güter 617

Zweiter Unterabschnitt
Die Rationalisierung des Marktes
(Zirkulation)
Quellen und Literatur 637
Vierzigstes Kapitel: Erweiterung und Erhellung des lUarktcs 640
I. Die Erweiterung . 640
1. Der Kapitalmarkt 640
2. Der Arbeitsmarkt 6!2
3. Der Warenmarkt 642
II. Die Erhellung . 643
Die Geschäftsanzeige 644
Die Handelsnachricht . 647
III. Die Ermögliclmng . 650
Einund vierzigstes Kapitel: Die Versachlichung der Geschiifts·
formen . 657
I. Auf dem Kapitalmarkte 657
II. Auf dem Arbeitsmarkte 658
III. Auf dem Warenmarkte 660
Zweiundvierzigstes Kapitel: Die Rationalisierung der Preis·
bildung . 666
I. Auf dem Kapitalmarkte 666
II. Auf dem Arbeitsmarkte 670
IU. Auf dem Warenmarkte 672
Inhaltsverzeichnis VII
Seite
Dreiundvierzigstes Kapitel: Das Risiko und seine Bekämpfung 680
I. Die Entstehung der Verlustgefahr 680
li. Die VerhUtung der Verlustgefahr. 681
III. Die Verteilung des Risikos (Versicherung) 682
Vierundvierzigstes Kapitel: Die Bindung des Marktes. 685
I. Der Kapitalmarkt • . . • . 685
TI. Der Arbeitsmarkt( diegewerkschaftlicheArbeiterorganisation) 687
III. Der Warenmarkt (die Kartellbewegung) . . • . • • 693
Fünfundvierzigstes Kapitel: Die Stabilisierung der Konjunktur 701
I. AnRichten und Tatsachen 701
TI. Grunde 707
III. Bedeutung 711

Dritter Unterabschnitt
Die Rationalisierung der Betriebe
(Produktion)
Quellen und Literatur 712
Übersicht. 724
A. Die kapitalistischen Formen
Sechsundvierzigstes Kapitel: Die Geschäftsformen der Unter·
nehmung . 728
I. Die verschiedenen Geschäftsformen und ihre Eigenart 728
II. Die Verbreitung der verschiedenen Geschäftsformen 729
III. Der Aufbau der Aktiengesellschaft . 735
Siebenundvierzigstes Kapitel: Das Flechtwerk der Aktien·
gesellscharten 740
I. Die persönliche Verflechtung . 740
II. Die sachliche Verflechtung . 742
Ill. Die Bedeutung des Flechtwerks 746
Achtundvierzigstes Kapitel: Die l!'inanzierwtg fremder Wirt·
schalten 748
I. Die Finanzierung durch Private . 748
II. Die l!'inanzierung durch Banken . 752
1. Die Finanzierung der Gro!Hndustrie . 7 52
2. Die Finanzierung des Baugewerbes 754
3. Die Finanzierung des Grol~handels . 757
ill. Die Bedeutung der Finanzierung. . 759
B. Die aussere Gestaltung der Betriebe
Neunundvierzigstes Kapitel: Die Betriebsformen . 761
I. Betriebe mit zerstreuten Werkstlitten 761
II. Die Manufaktur 767
III. Die Fabrik . 771
vnr Inhaltsverzeichnis
Seite
Fünfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung de.r Betriebe gegen·
einander 776
A. Übersicht • 776
B. Die Spezialisation 776
I. Der bisherige Verlauf d~>r Entwicklung im Allgemeinen . 776
II. Die Funktionenteilung 777
1. Überblick. . 777
2. Die Spezialisation im Geld- und Kreditgeschäft. 778
3. Die Einschaltung der Handelsfunktion und ihre Ver-
selbstlindigung . 782
lli. Die Werkteilung . 786
1. Verschiedenheiten und Gleichheiten der ~ntwicklung . 786
2. Die Spezialisation im Warenhandel . 788
3. Die Spezialisation in der gewerblichen Produktion. 791
C. Die Kombination. 796
I. Allgemeine Züge der Entwicklung 796
II. Die Funktionenvereinigung . 797
1. Produktion und Handel . 797
2. Produktion und '.rrausport 806
3. Handel und Transport . 808
4. Produktion und Bankwesen 808
5. Handel und Bankwesen 808
6. Die Vollkombination 808
III. Die Werhereinigung. 809
1. Produktion 809
2. Handel 813
3. Banken 815
Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration 816
I. Das Problem 816
1. Die Fragestellung . 816
2. Die treibenden Kräfte 819
3. Die Erfüllung der Bedingungen 821
II. Die Landwirtschaft 822
ID. Das Gewerbe 827
1. Die l<,ormen der Konzentration 827
2. Die Gründe der Konzentration . . 829
3. Die Verschiedenheit der Entwicklung (Verlauf der Kon-
zentrationsbewegung im Gewerbe) 835
IV. Der Transport . 851
V. Der Handel . 858
1. Das Handelsgewerbe im Allgemeinen 858
2. Der Grol&handel 860
3. Der Detailhandel . . 861
Anhang: Die Gast- und ~chaukwirtschaft 870
VI. Das Bankwesen 872
[Link] IX
Seite
l.t: Der innere Ausbau der Betriebe
Zweiundfünfzigstes Kapitel: Die Terwissenschaftlicbung der
Betriebsführung . 884
I. Was unter wissenschaftlicher Bestriebsführung zu ver-
stehen ist. 884
II. Die Eutwicklung der Betriebswissenschaft . 886
III. Die Durchdringung des Wirtschaftslebens mit Wissen-
schaftlichkeit. 889
Dreiundfünfzigstes Kapitel : Die Vergeistung der Betriebe 895
I. Der lJeseelte Betrieb . 896
li. Die Wandlung . 899
1. Die Ausschließung der Seele aus dem Betriebe . 899
2. Die dreifache Systembildung 901
a) Das Verwaltun~ssystem 901
b) Das Rechuungssystem . 909
c) Das lnstrumeutalsy~tem . 912
3. Die VerWirklichung des vergeisteten Betriebes 916
III. Die Bedeutung des Vergeistungs,·organges 925
Vierundfünfzigstes Kapitel: Die T erdicbtung der Betriebe 928
I. Die ErRcheinuugsformen der [Link] 928
1. Die Raumökouomie 928
2. Die Sachökonomie. 930
3. Die Zeitökonomie . 930
II. Die Wege, die zur Verdichtung flihreu 932
1. Die Vergrößerung der Betriebe . 932
2. Die Verkürzung der Arbeitszeit . 933
3. D1e Antriebsmittel . 935
a) Die Koutrollieruug der Arbeiter 935
b) Die Löhnungsmethodcn . 935
c) Uie Hilfe der Maschinerie . 939
III. Die Verdichtung der Betriebe und die kapitalistischen
Interessen. Das Problem des Kapitalumschlags 940

Schluß
Die Gesamtwirtschaft
Übersicht . 950
Fünfundfünfzigstes Kapitel: Der Kapitalismus 951
Sechsundfünfzigstes Kapitel: Die vorkapitalistischen Wirt·
Schaftssysteme (das llandwerk) . 957
Siebenundfünfzigstes Kapitel: Die Bauernwirtschaft 967
I. Was eine Bauernwirtschaft ist. 967
II. Die VerleiJung der Bauernwirtschaft auf der Erde 967
III. Die Lage des .Bauerntums . 969
X Inhaltsverzeichnis
eite
1. Die Konstanz 969
2. Die Mannigfaltigkeit seiner Gestalt . 969
3. Die gleiche, ökonomische Lage der Bauern 971
a) West· und Mitteleuropa. . 972
b) Die alten Kulturländer des Ostens . 976
c) Der koloniale Westen 981
Achtundfünfzigstes Kapitel: Die Genossenschaftswirt chaft 985
I. Begriff und Arten der Genossenschaft . 985
II. Die Verbreitung der Genossenschaft wirtschart 988
1. Die Kreditgenossenschaften . 988
2. Die Produktionsgenossenschaften . 990
3. Die Konsumtionsgenossenschaften 992
Ill. Die Bedeutung der GenossenschaftswirtRchaft . 995
Neunundfünfzigstes Kapitel: Die Gemeinwirtschaft 999
I. Die Einmischung des Staates . 999
II. Die öffentlichen Betriebe 999
ITI. Die gernischt·öffentlichen Betriebe 1003
Sechzigstes Kapitel: Das Wirtschaftsleben der Zukunft 1008
I. Schrirtstellerverzeichni 1025
II. Ortsverzeichnis 1036
111. Sachverzeichnis 1043
Druckfehlerberichtigung . 1063
Dritter Hauptabschnitt

Der Hergang

, ombnrl, Hoehknpitulismus 11
517

Übersicht
1. Die Aufgabe dieses Hauptabschnittes soll sein: den "Hergang"
des Wirtschaftslebens im Zeitalter des Hochkapitalismus zu schildern.
Das Wort Hergang ist eine Verdeutschung des Wortes "Prozeß" und
soll den Inbegriff aller jener Erscheinungen bezeichnen, die sich aus
der Betätigung der einzelnen Wirtschaften und ihrer Inbeziehung-
setzung ergeben, und die man einzeln die Vorgänge im Wirtschafts-
leben nennen kann.
Ganz hat dieses Hinblicks auf den wirtschaftlichen Prozeß auch
die Darstellung im vorigen Hauptabschnitt sich nicht entschlagen
können; mochte es sich um die Beschaffung des Kapitals, die Be-
schaffungder Arbeitskräfte oder die Beschaffung des Absatzes handeln:
immer haben wir gelegentlich auch uns davon überzeugen müssen,
wie die Ergebnisse, um die es uns zu tun war, zustande gekommen
waren, und haben von Kreditgewährung der Banken, von Bestimmungs-
gründen des Arbeitslohnes und Beziehungen zwischen den verschiedenen
Produktionsstufen und Produktionszweigen reden müssen. Aber was
dort nur gelegentlicher Hinblick war, wird hier angelegentliches
Studium, ilS dort peripherisch war, wird hier zentral.
Damit wollen wir die Möglichkeit gewinnen, die wirtschaftlichen
Vorgänge in ihrem Sinn- und Ursachenzusammenhange, in ihrer inneren
Notwendigkeit und äußeren Bedingtheit uncl den wirtschaftlichen Prozeß
als ein in sich gegliedertes Ganzes zu verstehen.
Um unser Erkenntnisobjekt richtig zu bestimmen, müssen wir uns
zunächst noch einmal die Bauart der kapitalistischen Wirtschaft recht
deutlich zum Bewußtsein bringen und sie in ihrer Zweckhaftigkeit einer-
seits, ihrer Sinnhaftigkeit andererseits zu erfassen trachten - früher
Gesagtes wiederholend, ergänzend, vertiefend.
2. Wenn wir, was wohl notwendig ist, den Zweck der kapita-
listischen Wirtschaft von den Intentionen ihrer Wirtschaftssubjekte aus
bestimmen, so kann er in nichts anderem gefunden werden als in der Ge-
winnerzielung abseiten . selbstverantwortlicher, privater Unterneh-
mungen.
ZurVerwirklichung dieses Zweckes dienen als Mittel: die vorteilhaften
Vertragsabschlüsse über geldwerte Leistungen und Gegenleistungen.
*33 *
518 britter Hauptabscbuitt : Der Hergang

In solchen Vertragsabschlüssen, wissen wir, löst sich alles kapi-


talistische Wirtschaften auf. Erst wird das Geldkapital auf dem Wege
des Vertragsabschlusses beschafft: Ausgabe von Aktien und Obligationen,
Aufnahme von Bankkrediten, Abschluß eines Gesellschaftsvertrages
usw. Dann wird das Bachkapital hereingezogen: Erpachtung eines
Grundstückes, Erbauung einer Fabrik, Ankauf von Rohstoffen und
:Maschinen usw. Dann gilt es, Arbeitskräfte mittels Arbeitsvertrage~
anzuwerben. Endlich: die fertigen Erzeugnisse mittels des Kaufver-
trages zu verwerten. Dazwischen werden vertragsmäßige Beziehungen
zu anderen Unternehmungen angeknüpft: das Kartell, die Fusion, der
Konzern entstehen und so fort.
Alle diese Vertragsabschlüsse kommen auf dem ":Markte" zustande,
"freihändig", durch das Gegenübertreten von Angebot und Nacbfrage.
Das Wirtschaften erfolgt "marktmäßig", die kapitalistische Wirt-
schaft ist eine "V erkehrswirtschaft": alle Produktionsfaktoren
kommen "aus dem Verkehr", alle Produkte gehen "in den Verkehr".
Da der Zweck der kapitalistischen Unternehmung die Erzielung von
Gewinn und das Mittel zur Verwirklichung dieses Zweckes die Ver-
tragschließung ist, so ergibt sich als der Leitgedanke bei allen wirt-
schaftlichen Vornahmen das Bestreben: alle Vertragschlüsse so vorteil-
haft wie möglich zu gestalten.
Das Organ aber, das dieser Mittel zur Herbeiführung des genannten
Zweckes sich zu bedienen hat, ist der kapitalistische Unternehmer, der
unter Berücksichtigung der wißbaren Umstände mittels "Kalkulation"
sowie unter Abwägung der unbekannten Größen mittels "Spekulation"
unter alleiniger Verantwortung gegen sein Unternehmen, das heißt mit
vollem "Risiko", die Gewinnchance abwägt, den Entscheid trifft und
die wirtschaftlichen Kräfte in Bewegung setzt: sei es zur Herbeiführung
eines Austausches auf dem Markte, sei es zur Gestaltung seines Betriebes.
3. In s i n n h a f t e r Betrachtung erscheint uns das Gefüge der
kapitalistischen Wirtschaft in einer etwas anderen Gestalt. Hier tritt
uns ein Widerspruch als erstes und deutlichstes Merkmal entgegen: der
Widerspruch zwischen der Zwecksetzung der einzelnen Unternehmungen
und der Aufgabe, die diese in ihrer Gesamtheit zu erfüllen haben.
Der Zweck der Unternehmung ist, wie wir wissen, die Erzielung von
Gewinn; an irgendwelche Bedarfsbefriedigung denkt sie nicht, kann
sie nicht denken, darf sie nicht denken.
Und doch soll der Bedarf befriedigt, sollen Hunderte von Millionen
täglich mit dem Nötigen versehen werden.
Übersicht 519

Ein Wunder! Wie die auf ganz andere Ziele gerichteten Unter-
nehmungen doch dieses Werk in einer - man darf im großen ganzen
sagen - unvergleichlich vollkommenen Weise vollbringen.
Und doch kein Wunder, wenn wir den Punkt kennen, an dem sich
Zwecksetzung und Aufgabe der Unternehmungen berühren: die Preis-
bildung auf dem Markte. Sie ist der Regulator des wirtschaftlichen
Getriebes. Der Preis gibt an, wo ein Bedarf ist, und der Preis bestimmt
gleichzeitig die Gewinnchance und damit den Entschluß des kapita-
listischen Unternehmers, seinen Beitrag zur Bedarfsdeckung zu liefern.
Der wirtschaftliche Prozeß in kapitalistischer Form ist also nichts
anderes als die beständige Anpassung der Einzelunternehmung an die
Anforderungen der Gesamtheit an der Hand der Preisgestaltung. Oder
in anderen Worten:
Der Sinn der Vorgänge in der kapitalistischen Wirt-
schaft -- der Hergang dieser Wirtschaft - ist die Bedarfs-
befriedigung durch die VermitteJung des Marktes zwecks
Gewinnerzielung in Betrieben.
Daraus ergeben sich drei "Elemente" - in Gedanken trennbare
Bc~>tandteile - des wirtschaftlichen Prozesses:
1. der Bedarf,
2. der Markt,
3. der Betrieb.
Die sich auch fassen lassen als die üblicherweise unterschiedenen
drei Staffeln jeder Wirtschaft:
l. die Konsumtion (Verzehr),
2. die Zirkulation (Umlauf),
3. die Produktion (Erzeugung)
der Güter.
Dieser Hauptabschnitt ist nun in der Weise gegliedert, daß diese
drei Problemkomplexe gesondert abgehandelt werden sollen: zunächst
in ihrer idealtypischen Reinheit (Erster Abschnitt), nachher in ihrer
historischen Gestaltung (Dritter Abschnitt). Indem dazwischenliegenden
Zweiten Abschnitt werden wir die Bewegungsformen des wirtschaft-
lichen Prozesses im Zeitalter des Hochkapitalismus kennen lernen,
durch die bewirkt wird, daß die reinen Formen des Prozesses ihre
geschichtlich eigenartige Prägung erhalten.
520

Erster Abschnitt
Die Elemente des wirtschaftlichen
Prozesses
Literatur
I. Bedarfsbildung: Wenn man von den Grenznutzlern absieht, wenig
theoretische Literatur. Vgl. etwa A. Kraus, Das Bedürfnis. 1894;
B. Gurewitsch, Die Entwicklung der menschlichen Bedürfnisse. 1901
(soziologisch); Franz Cuhel, Zur Lehre von den Bedürfnissen. 1907.
Neuerdings ist in Amerika eine gute, zusammenfassende Darstellung
des Problemkreises erschienen: Hazel Kyrk, The theory of consumption.
1923. Dortselbst auch Hinweise auf weitere Literatur. Diejenigen Schriften,
die sich mit der empirischen Bedarfsgestaltung beschäftigen, nenne ich
unten auf Seite 594f.
li. Marktbildung: Reiche Literatur. Im allgemeinen beschäftigt sich
jedes Lehrbuch mit dem Problem der Marktbildung. Hervor ragen aus der
neuen Literatur: Marshall, Principles; G. Cassel, System der theoreti-
schen Sozialökonomik
Das Preisproblem behandelt zusammenfassend: F. Eulenburg, Die
Preisbildung in der modernen Wirtschaft, im GdS. Abt. IV, 1.
Über Preisbildung auf dem Kapitalmarkte insbesondere: A. SpiethoH,
verschiedene Aufsätze in Schmollers Jahrbuch 33 (1909); R. Hilferding,
Das Finanzkapital; zuerst 1910; Somary, Bankpolitik 1916; Herb. v.
Beckerath, Kapitalmarkt und Geldmarkt. 1916. Auf dem Arbeitsmarkte
(Arbeitslohn): siehe oben Seite 368 f.
Gewerkschaften: Sidney and Beatrice Webb , Iudustrial Demo-
cracy. 1897. Deutsch von C. Hugo u. d. T. Theorie und Praxis der eng-
lischen Gewerkvereine. 2 Bd. 1897; meine Studie: Dennoch I 1900;
Adolf Weber, Der Kampf zwischen Kapital und Arbeit. 1910. 2. Aufl.
1921; S. Nestriepke, Gewerkschaftslehre. 1921. Vgl. auch das Schriften-
verzeichnis in meinem Proletarischen Sozialismus (1924), 451.
Kartelle: Friedr. Kleinwächter, Die Kartelle. 1883 (Entdecker
dieses Problems); R. T. Ely, Monapolies and Trusts.1900; Jer. Whippie
J enks, The Trust Problem. 1901. 4. ed. 1925. Diese Werke sind grund-
legend und enthalten bereits alles theoretisch Wissenswerte über Kartelle.
Vgl. noch R. Liefmann, Kartelle und Trusts. 1905. 6. Aufl. 1924;
G. de Leener, L'organisation syndicale des Chefs d'industrie. 2 Vol.
1909. Der zweite Band enthält die ausführlichste, zum Teil recht gute
"Theorie" der Kartellbildung. R. Hilferding, Das Finanzkapital. 1910.
Literatur 521
3. Abschnitt; Tb. Vogelstcin, Die finanzielle Organisation der kapi-
talistischen Industrie und die :M:onopolbildung, im GdS. VI. Abt.; vor-
trefflich wie alles aus der Feder dieses Autors; S. Tschierschky, [Link]
und Trust. 1911; J. Schär, Allgemeine Handelsbetriebslehre. 1. Bd. 1913.
Beide zuletzt genannten Werke sind gute Zusammenfassungen. Ferner aus
der neueren Literatur: Heinrich Mannstädt, Ursachen und Ziele des
Zusammenschlusses im Gewerbe. 1916; H. v. Beckerath, Ziele und
Gestaltungen in der deutschen Industriewirtschaft. 2. Aufl. 1924; Kurt
Neu, Über einige kapitalistische Zweckverbände, in Schmollcrs Jahrbuch
Bd. 49 (1925). Weitere Literatur: siehe unten Seite 639.
III. Betriebsbildung: siehe meine "Ordnung des Wirtschaftslebens''
(1925) und die dort genannte Literatur. Später erschien: Richard
Passow, Betrieb, Unternehmung, Konzern. 1925; mit kritischen Über-
sichten über die bisherige Literatur.
Über den Begriff der optimalen Betriebsgröße und das ErtrO{Isproblem
insbesondere: A. 1\-!arshall, Principles I2 (1891); Ludwig Sinzheimer,
Über die Grenzen der Weiterbildung des fabrikmäßigen Großbetriebs in
Deutschland. 1893; A. Labriola, im l\Iouvement socialiste Nr. 198. 201.
206. 1908/09 (gegen den altmarxistischen Plechanow); Black, Das
Gesetz des abnehmenden Bodenertrages bis J. St. Mill. 1904; B. Eßlen,
Das Gesetz des abnehmenden Bodenertrages. 1905; derselbe im Archiv
Bd. 30, 32. Th. Vogelstein, Das Ertragsgesetz in der Industrie, im Archiv
Bd. 34; daselbst weitere Literatur; derselbe im GdS. VI; K. Bücher,
Das Gesetz der Massenproduktion in der Zeitschrift f. d. ges. Staatswissen-
schaft. Bd. 34; H. Mannstädt, Das Gesetz des abnehmenden Ertrags
in der Landwirtschaft und das des zunehmenden Ertrags im Gewerbe, in
der Zeitschrift für Sozialwissenschaft. N. F. 4. Jahrg. Heft 6; S. J. Chap-
man [Link] T. S. Ash ton, The Size of Business mainly in the Textil In-
dustries, im Journal of the Royal Statistical Society. April 1914; Hans
Ne iß er, Das Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag und die wirtschaft-
liche Entwicklung, im Archiv Bd. 49 (1922); John Maurice Clark,
Studies in the Eeonomics of overhead eosts. 1923.
Über die Vorteile des Großbetriebs insbesondere handeln: G. v. Schulze-
Gävernitz, Der Großbetrieb. 1892; Kurt Rathenau, Der Einfluß der
Kapitals- und Produktionsvermehrung in der deutschen Maschinen-
industrie.1906; gut; [Link] Urbahn, Ermittelung der billigsten Betriebs-
kraft für Fabriken. 1907; P. Rott, Unkosten und Lohnverschiebungen
bei wechselnder Produktion. Technik und Wirtschaft. 7. Jahrg.; J ohn
A. Hobson, Thc evolution of modern capitalism. 2. ed. 1917; Karl
l\Iuhs, Begriff und Funktion des Kapitals (1919), Seite 52ff.; M. R.W eyer-
mann, Die ökonomische Eigenart der modernen Technik. GdS. VI.
2. Aufl. 1923.
Weitere Literatur führe ich noch im empirischen Teil auf: siehe
Seite 712 ff. namentlich Seite 715 ff. (s. v. Abgrenzung).
522

Einunddreissigstes Kapitel
Die Elemente der Bedarfsbildung
Bedarf - im Sinne von Güterbedarf - ist entweder der Inbegriff
der Bestrebungen zur Beschaffung dinglicher Befriedigungsmittel oder
der Inbegriff dieser dinglichen Befriedigungsmittel selbst, auf die sich
unser Streben richtet.

I. D i e E n t s t eh u n g s a r t e n d e s B e d a r f s
Wir unterscheiden drei Gegensatzpaare:
l. E n d o g e n o d er e x o g e n ist der Bedarf, je nachdem das
Bedürfnis den Bedarf oder dieser jenes erzeugt.
Es wird wohl die Ansicht vertreten, daß a ll e r Bedarf exogenen
Ursprungs sei: so von M a x Sc h e I er.
Schelers Theorie der Bedürfnisse ist diese: Bedürfnis im Unterschied
zu einer bloßen Triebregung (Hunger) ist das (Unlust-) Gefühl am Nicht-
Dasein eines Gutes festbestimmter Art oder eines qualitativ festumschrie-
benen "Ermangelns" eines solchen Gutes und auf dieses eigenartige Er-
leben des "Ermangelns" aufgebaut: das Streben nach einem solchen Gute.
Zwar muß nun dabei das positive "Was" des mangelnden Gutes nicht vor-
gesteckt und erdacht sein. Aber
I. muß der spezüisch positive Wert, der die Einheit der Güter, nach
denen ein Bedürfnis vorliegt, ausmacht, bereits im Fühlen vorgegeben
sein, damit es zu jenem Ermangelungserlebnis kommen kann;
2. muß die Triebregung (auf der jedes Bedürfnis beruht) eine irgendwie
wiederkehrende sein; wonach uns einmal im Leben gelüstet, ist
kein Bedürfnis;
3. muß die Triebbewegung oder besser: das auf ihr aufgebaute "Ver-
langen nach" schon in irgendeiner Form gestillt worden sein und
gleichzeitig jene Stilhmg gewohnheitsmäßig geworden sein, wenn
es zu einem "Bedürfnis" kommen soll.
Im Unterschiede von naturgegebenen "Trieben" sind alle "Bedürf-
nisse" historisch und psychologisch geworden. Es gibt keine angeborenen
Bedürfnisse. Aus "Bedürfnissen" kann man also nicht Erfindungen und
Entdeckungen erklären, nur umgekehrt jene aus diesen. Die Erzeugung
neuer Güter kann niemals durch die Triebkraft eines Bedürfnisses erklärt
werden, da vielmehr die Tatsache, daß sie zu Bedürfnissen werden konnten,
überall diese Produktion und ihre Gefühlsquellen und den Übergang des
Einunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Bedarfsbildung 523

Verzehrs jener Produkte in eine gewohnheitsmäßige Form voraussetzt.


,,Ethik" (1916), 363ff.
Für alle Bedürfnisse, die aus "Trieben" entstehen, trifft das zu.
Aber schon die individuellen Bedürfnisse gehen nicht nur aus Trieben,
sondern auch aus rationalen Erwägungen hervor. In diesem Falle kann
sowohl das Bedürfnis, als der Bedarf, als auch das zu ihrer Befriedigung
dienende Gut v o r g es t e 11 t werden. Das gilt in gesteigertem Maße
für allen Bedarf an Produktionsmitteln; zweifellos ist das "Bedürfnis"
nach einer Spinnmaschine früher dagewesen als diese selbst. Ich habe
das Nötige über das Verhältnis zwischen Bedarf und Erfindung im
siebenten Kapitel bemerkt.
2. Die Entstehung des Bedarfs ist entweder a u t o n o m oder
heteronom.
Autonome Bedarfsgestaltung liegt vor, wenn eine bedürftige Person
ihren Bedarf nach Menge und Art selbst bestimmt; heteronome Bedarfs-
gestaltung findet dagegen in allen denjenigen Fällen statt, in denen ein
anderer für eine Person den Bedarf bestimmt: bei Kindern, Soldaten,
Gefangenen, aber auch dann, wenn etwa der Produzent uns Güter einer
bestimmten Art aufdrängt (oktroyiert).
3. Die Bedarfsgestaltung in ihrem Ausmaß und in ihrer Zusammen-
setzung ist entweder rat i o n a 1 oder irr a t i o n a 1 (zum Unter-
schied von der oben erwähnten Entstehung eines Bedürfnisses aus
Trieben oder aus Verstandeserwägungen).
Rational nennen wir einen Bedarf, wenn er nach Quantum und Quali-
tät "zweckmäßig" gestaltet ist. Die Zweckmäßigkeit kann eine nur sub-
jektive sein, wenn die Bedarfsgestaltung planmäßig erfolgt (rationa-
listisch); oder sie ist eine objektive. Das trifft dann zu, wenn sie einem
irgendwelchen objektiven Zwecke entspricht (rationell ist): z. B. den
Anforderungen der Hygiene, der Ökonomitä.t, des Geschmackes ge-
mäß ist.
Irrational ist die Bedarfsgestaltung im entgegengesetzten Falle;
objektiv irrational, wenn sie jenen Anforderungen zuwiderläuft, sub-
jektiv irrational, wenn sie durch Tradition, Nachahmung oder Laune
bestimmt wird.
Subjektive Rationalität kann mit objektiver Irrationalität ver-
bunden sein; ein Haushalt kann auf peinlichster Ordnung und Plan-
mäßigkeit beruhen, und doch kann die Bedarfsgestaltung allen An-
forderungen objektiver Zweckmäßigkeit zuwiderlaufen.
524 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses

II. Die Entstehungsgründe des Bedarfs


Die Entstehungsarten weisen die formale, die Entstehungsgründe
die inhaltliche Bedingtheit der Bedarfsgestaltung auf.
Folgende Entstehungsgründe lassen sich unterscheiden:
1. Die Produktion bestimmt den Bedarf; das be-
deutet folgendes:
a) Der Umfang der Produktion bestimmt den Umfang des Bedarfs:
je mehr Güter erzeugt werden, desto mehr werden bedurft.
b) Die Art der Produktion bestimmt der Bedarf: je nach der Technik
sind die bedurften Güter verschieden. Das leuchtet ohne we1teres ein
bei dem Bedarf an Produktionsmitteln: erst mit dem Aufkommen des
Verbrennungsmotors entsteht ein Bedarf an Verbrennungsstoffen, erst
nach Erfindung des Luftschiffes ein Bedarf an Aluminium, erst nach
Erfindung des Automobils ein Bedarf an Gummireifen usw. Aber auch
für letzte Konsumtionsgüter trifft es zu: die veränderte Technik hat
den Bedarf an Spinnrädern, an Wassereimern, an Pökelfässern ver-
schwinden lassen.
c) Die Art der erzeugten Güter bestimmt der Bedarf; hierher ge-
hören alle Fälle der exogenen Bedarfsgestaltung. Billige, reizvolle,
neue Güter wecken Bedürfnisse und erzeugen Bedarf. Der Bedarf an
Tabak, an Motorrädern, an Radioapparaten ist natürlich erst entstanden,
nachdem diese Güter erzeugt waren.
So kommt es, daß jede Produktionsverschiebun~ mit einer Bedarfs-
verschiebung verbunden zu sein pflegt. Das Aufkommen von "Ersatz-
gütern" wandelt die Bedarfsgestaltung. Welch völlig verändertes Bild
bot unsere Bedarfsgestaltung während des Krieges dar, gewiß nur,
weil bebtimrote Güter nicht mehr erzeugt wurden und andere die Lücke
ausfüllen mußten.
2. D i e V e r t e i 1u n g b e s t i m m t d e n B e d a r f: ist diese
gleichmäßig, so werden gleichartige Güter durchschnittlicher Güte
(Mittelgut) bedurft werden, ist sie ungleichmäßig, das heißt: gibt es
wenige Reiche neben vielen Armen, so entsteht ein Bedarf an IJuxus-
gütern einerseits, an Schundwaren andererseits.
Aber auch die Eigenart der Einkommensempfänger übt Einfluß
auf die Bedarfsgestaltung aus: ob diese Fürsten oder Bürger oder Pro-
leten sind; ob ihr Geschmack 1:ultiviert oder roh, differenziert oder
tmiform, ihre Nachfrage stetig oder wechselnd ist.
Unter welchen Umständen ein einheitlicher Massenbedarf entsteht,
1rerde ich weiter unten noch angeben,
Einunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Bedarfsbildung 525

3. D e r B e d a r f b e s tim m t Pr o d u k t i o n u n d V e r -
teilung:
a) Die Größe des Bedarfs bestimmt Umfang und Art der Produktion:
der Grad der Konzentration, Kombination und Spezialisation ist
abhängig von der Menge der nachgefragten Güter;
b) die Art des Bedarfs bestimmt die Richtung der Produktion;
c) der Bedarf bestimmt die Verteilung: eine bedürfnislose oder eine
verwöhnte Masse wird eine ganz verschiedene Aufteilung des gesell-
schaftlichen Produkts zur Folge haben.

III. B es o n d e r e Art e n d e s B e d a rf s
Hier will ich nur einige in der hochkapitalistischen Ära besonders
häufig auftretende Bedarfsfälle begrifflich kurz bestimmen.
I. K o 11 e k t i v b e d a r f - Gegenteil: Individualbedarf - ist
der Bedarf eines Kollektivums oder der Bedarf nach Gütern, die einer
kollektiven Bedarfsbefriedigung dienen.
Dahin gehören: öffentliche Parks, Plätze und Straßen, Theater
Kirchen, Museen, Verwaltungsgebäude, Verkehrsmittel, wie Straßen-
bahnen, Omnibusse, Eisenbahnen usw. und viele andere Güter.
2. M a s s e n b e d a r f - Gegenteil: vereinzelter Bedarf - liegt
vor, wenn viele Menschen gleichartige Güter bedürfen.
Er erscheint:
a) als dezentralisierter Massenbedarf oder Massenbedarf im "un-
eigentlichen" Sinne. Das sind die Fälle, in denen gleichartige Güter in
großen Mengen, aber an verschiedenen, voneinander unabhängigen,
das heißt in ihrer Versorgung selbständigen Stellen bedurft werden.
Wie etwa dasselbe Roggenbrot, das in hunderttausend Backöfen in
hunderttausend Städten und Dörfern gebacken wird; der Flachs, der
an ebenso vielen Stellen gehechelt, der Mörtel, der an ebenso vielen
Stellen verbaut wird.
Von Massenbedarf im eigentlichen, technischen Sinne reden wir
füglieh erst, wenn vorliegt:
b) zentralisierter Massenbedarf. Von diesem wollen wir sprechen,
wenn die massenhaft bedurften Güter von einer Stelle aus beschafft
werden. Ein Massenbedarf in diesem Sinne bildet sich wiederum in ver-
schiedenen Fällen:
ct) wenn auf dem Wege der Organisation große Bedarfseinheiten
geschaffen werden, die viele, gleichartige Güter bedürfen und geschlossen
520 :Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtsehaftlirhon Prozesses

beziehen: Bedarf eines Krankenhauses, einer Verwaltungsbehörde,


Schulbedarf einer Gemeinde;
ß) wenn die Bevölkerung auf so engem Raume zusammengedrängt
ist, daß ihre Versorgung auf einheitliche Weise erfolgen kann: Groß-
stadtbedarf;
y) wenn die Verkehrsmittel und die Vertriebsorganisation so hoch
entwickelt sind, daß gleichförmige Waren in großen Massen von einer
Stelle aus auch weit über die Lande zerstreut werden können: Versand
eines Warenhauses, Zeitung, die an tausend Stellen gelesen wird, aber
auch Ford gehören hierher.
Von dem zentralisierten Massenbedarf unterscheide ich noch:
c) den konzentrierten Massenbedarf, der dann vorliegt, wenn der
Massenbedarf durch einen Produktionsvorgang erzeugt wird. Kon-
:[Link] Massenbedarf entsteht zum Beispiel beim Bau eines großen
Gebäudes, eines großen Schiffes, bei der Anlage eines großen Berg-
werks, eines Kanals, einer Eisenbahn.
Endlich verdient einer besonderen Erwähnung der Begriff
3. des s p e k u l a t i v e n Bedarfs - Gegenteil: effektiver Be-
darf.
Spekulativen Bedarf nennen wir den Bedarf an Gütern, für die es
eine Verwendung noch nicht gibt. Das ist also in erster Linie der Fall,
wo ein Bedarf an Produktionsmitteln entsteht zur Produktion von in-
dividuellen Konsumtionsgütern, die man absetzen zu können hofft, die
aber das bisherige Ausmaß der Produktion überschreiten. Aller Bedarf
auf Gnmd einer Nachfrage aus Produktionskredit gehört hierher.
327

Zweiunddreissigstes Kapitel
Die Elemente der Marktbildung
Zu wiederholten Malen habe ich im ersten und zweiten Bande dieses
Werkes meine Ansichten über die Elemente der Marktbildung: Begriff
und Arten des Marktes, Preisbildung usw. dargelegt. Ich verweise den
Leser auf jene Stellen, die er an der Hand des Sachverzeichnisses leicht
finden wird, und will hier nur einige zusammenfassende Bemerkungen
machen, die das früher Gesagte teilweise ergänzen.

I. Begriff und Arten des Marktes


l. Unter einem M a r k t wollen wir den Inbegriff einer größeren
Anzahl in Beziehung stehender Tauschvorgänge verstehen.
Nicht jede Begegnung von Angebot und Nachfrage bildet also
schon einen Markt. Ausgeschlossen bleiben vielmehr die gelegentlichen
und voneinander unabhängigen Tauschvorgänge.
2. Bestand t e i 1 e jedes entwickelten Marktes sind folgende:
a) eine Markt g es in nun g. Das ist das Fluidum, die geistige
Atmosphäre oder Stimmung, innerhalb deren eine Wechselwirkung
zwischen den einzelnen Tauschakten obwaltet. Sie stellt das innere
Abhängigkeitsverhältnis zwischen den einzelnen Tauschak-ten her und
bildet das, was wir den i n n e r e n Markt nennen können;
b) eine Marktordnung. Ist diese bewußt geschaffen und
niedergeschlagen in einer Veranstaltung zur Begegnung von Angebot
und Nachfrage, so sprechen wir von einem o r g a n i s i e r t e n Markte;
diesen Markt können wir auch als ä u ß er e n Markt bezeichnen;
c) eine Markt t e c h n i k. Das ist das bestimmte Verfahren zur
Abwicklung der Marktvorgänge.
E i n Markt ist das Gebiet, auf dem die Austauschbedingungen
(insbesondere die Preise) sich rasch und leicht ausgleichen (Cour not),
wie etwa: der Wohnungsmarkt einer Stadt, der Arbeitsmarkt eines
Gewerbes, der Hypothekenmarkt eines Landes, der Weltmarkt für
Devisen.
528 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftli(hen Prozesses

3. Arten des Marktes können wir unter verschiedenen Ge-


sichtspunkten verschiedene unterscheiden:
a) nach den äußeren Beziehungen der Markt t e i 1-
n e h m e r untereinander: konkrete und abstrakte Märkte.
Konkrete Märkte sind diejenigen, auf denen eine wirkliche,
persönliche, ortsnahe Berührung stattfindet: Wochen- oder Jahrmärkte;
Vieh-, Topf-, Wollmärkte; Messen.
Abstrakte Märkte sind diejenigen, bei denen nur eine gedachte,
ortsferne Beziehung besteht: Branchenmärkte (Eisenmarkt); geo-
graphische Märkte (provinzielle, nationale, internationale Märkte);
b) nach der i n n e r e n B e s c h a f f e n h e i t d e r a u s g e -
t a u s c h t e n W e r t e: Märkte für individuelle, nicht vertretbare
Werte: Pferde, Rauchwaren, Kunstwerke, zweite Hypotheken ,
Qualitätsarbeiter, und Märkte für generelle, vertretbare (fungible)
Werte: Massengüter, Effekten, ungelernte Arbeiter. Märkte für
fungible Werte heißen Börsen;
c) nach der äußeren Beschaffenheit der aus g e-
t a u s c h t e n W e r t e: Kapitalmärkte, Arbeitsmärkte, Warenmärkte.
Kap i t a Im ä r k t e, richtig: Geldkapitalmärkte sind diejenigen,
auf denen Kapital angeboten und nachgefragt wird.
Die übliche (börsentechnische) Unterscheidung ist die in Geld- und
Kapitalmarkt, wobei unter Geldmarkt derjenige verstanden wird, auf
dem kurzfristige, seien es Betriebs-, seien es Spekulntions- (konsumtive)
Kredite, nachgefragt und angeboten werden, während man Kapital-
markt den Markt für Anlagewerte und langfristig Kredite nennt. Diese
Unterscheidung genügt den wissenschaftlichen Anforderungen nicht, da
sie die Begriffe Geld und Kapital in einer unzulässigen Weise verwendet.
Will man die Unterscheidung in Geld- und Kapitalmar1..--t beibehalten, so
muß man als Geldmarkt denjenigen Markt bezeichnen, auf dem Wert-
papiere gehandelt oder Kreditgeschäfte abgeschloss n werden, die kein
Kapital beschaffen, mag es sich dabei um kurz- oder langfristigen Kredit
handeln. Diesem Geldmarkt würde dann der Kapitalmarkt in dem hier
gemeinten Sinne gegenüberstehen, auf dem dann also ebenfalls sowohl
kurz- wie langfristige Kreditgeschäfte abgeschlossen werden.
Arbeitsmärkte sind diejenigen Märkte, auf denen Arbeits-
leistungen angeboten und nachgefragt werden, auf denen also die Lohn-
und Anstellungsverträge zwischen Unternehmern und Arbeitern zu-
stande kommen.
Warenmärkte sind diejenigen Märkte, auf denen "Waren"
angeboten und nachgefragt werden, das heißt Sachgüter, die zum
Zwecke des Austausches erzeugt worden sind.
%weiunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Marktbildung 529

II. D i e Preisgesetz e
l. Über das Wesen und die Aufgabe der Preisgesetze habe ich
mich ebenfalls schon ausführlich geäußert. Da ich jedoch früher nur
den Warenmarkt im Auge hatte, hier jedoch alle drei Märkte: Kapital-,
Arbeits- und Warenmarkt, in die Untersuchung einbeziehe, so will ich
zwischen solchen "Preisgesetzen" unterscheiden, die für alle drei Märkte
.Gültigkeit haben, und solchen Grundsätzen, die sich fiir die Preis-
bildung auf den einzelnen Märkten gesondert festbtellen lassen.
2. Für alle drei Märkte gleichmäßig gelten: das Gesetz von An-
gebot und Nachfrage und das Geldwertgesetz, lassen sich also die
drei Sätze formen:
(1) Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis;
(2) der Preis bestimmt Angebot und Nachfrage;
(3) die Menge des zur Ausgabe gelangenden Geldes (die Höhe der
Kaufkraft) übt selbständigen Einfluß auf die Preisbildung aus.
3. Besondere Preisbildungen auf den einzelnen Märkten
a) Für das Verständnis der Preisbildung auf dem K a p i t a 1 -
m a r k t e genügen im wesentlichen die allgemeinen Preisgesetze. Es
kommt dann nur darauf an, festzustellen, von welchen Umständen die
Höhe des Angebots und der Nachfrage abhängen. Das habe ich ver-
sucht in dem dreizehnten Kapitel dieses Bandes.
b) Dasselbe gilt vom Arbeitsmarkte: vgl. das siebenund-
zwanzigste Kapitel dieses Bandes.
Die Besonderheit des Arbeitsmarktes besteht darin, daß sich der
Preis für die vom Arbeiter gebotene Dienstleistung bildet, a 1 s o b
sie eine Ware wäre, während sie es in Wirklichkeit nicht ist. Weder
sie noch ihr Träger ist eine Ware.
c) Für die Preisbildung auf dem Warenmarkte müssen wir
aber ein " Gesetz" aufstellen, das für ihn allein gilt: das Produktions-
kostengesetz. Aus ihm ergibt sich die wichtige Folgerung, daß wir
drei verschiedene Arten von Warenpreisen unterscheiden:
(1) die Konkurrenzpreise, die um die Produktionskosten pendeln;
(2) die dauernd von den Produktionskosten abweichenden Preise,
das sind die Preise für nicht vermehrbare und nicht beliebig vermehr-
bare Güter, die zur Entstehung der absoluten und der differentiellen
Rente führen;
(3) die vorübergehend von den Produktionskosten abweichenden
530 Erster Abschuitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses

Preise, unter denen eine besonders wichtige Rolle spielen die vorüber-
gehend über den Produktionskosten stehenden Preise beliebig ver-
mehrbarer Güter: siehe das dreizehnte Kapitel Bd. III.

III. Die künstliche Beeinflussung des Marktes


Eine "künstliche" Beeinflussung des- als frei fingierten- Tausch-
verkehrs auf dem Markte erfolgt unausgesetzt durch die Rechtsetzende
Gewalt, den S t a a t und alle übrigen Verwaltungskörper: sei es auf
geradem Wege durch Erhebung von Steuern oder Zöllen, Preistaxen,
Patenterteilungen und dergleichen, sei es auf Umwegen durch Gesetze
und Verordnungen, die das freie Handeln beschränken, aller Art:
Arbeiterschutzgesetze, Sozialversicherung, Börsenordnungen u. a., sei
es endlich durch bewußt regelndes Eingreifen in den "natürlichen" (das
heißt: ausschließlich durch die Handlungen des Einzelnen bestimmten)
V erlauf des wirtschaftlichen Prozesses, wie etwa durch eine bestimmte
Tarifpolitik bei den Verkehrsanstalten, eine be timmte Diskontpolitik
bei den Zentralbanken.
Von diesen Maßnahmen ist schon in anderem Zusammenhange die
Rede gewesen. Hier soll jener künstlichen Beeinflussung des freien
Marktverkehrs gedacht werden, die von den Markt t e i I-
n e h m e r n s e 1b er ausgeht.
1. Auf dem Kapitalmarkte findet eine künstliche Beeinflussung
der Marktlage entweder nur vorübergehend oder d!LUemd statt. Vorüber-
gehend erfolgt sie in spekulativer Absicht, zur Durchführung eines
einzelnen Schlages. Die Mittel sind der Corner und, wenn es sich um
das gemeinsame Vorgehen mehrerer Personen handelt, der "Ring",
die Hausse- und Baisse-"Partei", "Mine" und "Kontermine". Dauernd
kann die Beeinflussung des Kapitalmarktes erfolgen durch Bildung
von Spekulationsgesellschaften oder durch Karteliierung der kapital-
beschaffenden Unternehmungen, namentlich der Banken.
2. Auf dem Ar b e i t s m a r k t e stoßen wir auf eine alte, groß-
artige und ständige Einrichtung, die den Zweck verfolgt, die Markt-
lage (zugunsten des Arbeiters) dauernd zu beeinflussen: die g e-
w e r k s c h a. f t l i c h e A r b e i t e r o r g a. n i s a t i o n.
Sie versucht durch den Zusammenschluß der Lohnarbeiter in Ver-
bände diese zu einem gemeinsamen Vorgehen zu veranlassen und will
durch Arbeitsnachweis (siehe unten Seite 648), Reiseunterstütztmg
und Arbeitslosenunterstützung das Angebot von Arbeitskräften und
damit den Druck auf den Markt verringern.
Zweiunddreißigstes Kapit l: Die Elemente der Marktbilduug 531

Die Gewerkschaften gehen darüber hinaus, indem sie sich bemühen,


auch bei ausgeglichener Marktlage die M: a c h t lage des Lohnarbeiters
zu stärken durch Ermöglichung gemeinsamen Handeins insbesondere
durch Arbeitseinstellungen, die durch die Anlage von Streikkassen er-
möglicht werden sollen.
Der empirische Teil wird einen Überblick über die Verbreitung
dieser Einrichtungen enthalten. Dortselbst werden wir uns auch ein
Urteil über die praktische Wirksamkeit der gewerkschaftlichen Arbeiter-
bewegung, insbesondere ihrer Lohnpolitik zu bilden versuchen.
3. Die bei weitem bedeutendste und nachhaltigste Beeinflussung
des freien Tauschverkehrs findet auf dem W a r e n m a r k t e im
weiteren Sinne, in dem er den Markt für alle Leistungen außer den
Arbeitsleistungen umfaßt, statt. Wobei ich nicht sowohl an die hier
ebenfalls zu spekulativen Zwecken erfolgenden Eingriffe durch Corner,
Ringe u w., als vielmehr an die ständige Beeinflussung der Markt-
lage durch die Einrichtung der K a r t e ll e denke, über die hier einige
grundsätzliche Bemerkungen zu machen sind.
Unter Kartellen verstehen wir Zweckverbände selbständiger Unter-
nehmer gleicher Erwerbszweige zu fortgesetzter Regelung der Markt-
verhältnisse ihres Gewerbes mit konkurrenzausschließender Tendenz.
Wir können folgende A r t e n v o n K a r t e 11 e n unterscheiden:
(1) nach der Artbeschaffenheit der Teilnehmer: Produktions-, Händ-
ler-, Transportkartelle usw.; lokale, nationale, internationale; Käufer-
(Abnehmer-), Varkä.ufer- (Arbeiter-) Kartelle;
(2) nach der Artbeschaffenheit der vereinbarten Mittel (inhaltlich
bestimmte Eigenart):
a) Konditionenkartelle: Regelung der Verkaufsbedingungen (Zah-
lungsfristen, Rabatte, Musterlieferungen usw.);
b) Preiskartelle: Feststelhmg von Mindestpreisen (Mindesttarifen,
1\lindestprämien);
c) Rayonierungskartelle: Verteilung des Absatzes, sei es in räum-
licher, sei es in sachlicher Hinsicht;
d) Mengenkartelle mit Produktionseinschränkung;
e) Mengenkartelle mit Kontingentierung;
f) Vollkartelle: die mehrere oder alle der aufgestellten Maßnahmen
vereinigen: meist zwangsweise, da die Mittel zur Beschränkung des
freien Wettbewerbs vereinzelt wirkungslos sind (vor allem zieht das
Preiskartell immer die Mengenfestsetzung nach sich);
om bart, Hochkapit:\lismus II. 34
532 Erster Abschnitt: Die Element<• des wirtschaftlichen Prozesses

(3) nach der Artbeschaffenheit der Struktur des Verbandes, ins-


besondere der Festigkeit seines Gefüges (formell bestimmte Eigenart):
a) reine Vereinbarungskartelle: gentlemen's agreements;
b) kontrollierte Kartelle: Errichtung von Kontrollbureaus, Ge-
nehmigungsinstanzen nsw.;
c) gebundene Kartelle: Verkanfskartelle oder Syndikate; bei ihnen
ist die unmittelbare Beziehung zwischen Werk und Kundschaft gelöst:
der Verkauf ist auf eine gemeinsame Verkaufsstelle, ein Verkaufs-
kontor, übertragen.
Bedingungen der Kartellbildung sind alle diejenigen Tat-
bestände, von deren Gestaltung die Kartellbildung abhängig ist. Sie sind:
(1.) seelische, sofern die Kartellbildung von dem Willen und der
Fähigkeit der Unternehmer zum Zusammenschluß abhängt;
(2.) betriebsorganisatorische: die Wahrscheinlichkeit der Kartell-
bildung steht im geraden Verhältnis zur Größe der Unternehmungen (je
größer die Unternehmungen, desto erbitterter der Kampf, desto leichter
die Verständigung: Aktiengesellschaften!}, zum Verhältnisanteil des
Anlagekapitals (je mehr Kapital festgelegt ist, desto schwieriger sind
Betriebseinschränkungen) und zur Ausgeglichenheit des Organisations-
grades (je gleicher dieser, desto leichter der Zusammenschluß, da bei
Ungleichheit die Stärkeren auf ihre Stärke vertrauen); dagegen im
umgekehrten Verhältnis zur Zahl der Unternehmungen, die zusammen-
zuschließen sind.
Endlich werden die Bedingungen der Kartellbildung geschaffen durch
(3.) die Eigenart des Produkts und seines Absatzes: je gleichförmiger
das Erzeugnis, desto leichter die Kartellierung, da sowohl die Eifer-
sucht der einzelnen Unternehmungen untereinander als die Schwierig-
keit der Tarifierung geringer sind bei gleichförmigen (womöglich ver-
tretbaren) Produkten als bei individuell sehr verschiedenen; je kon-
zentrierter die Nachfrage, desto leichter ebenfalls die Kartellierung, und
endlich: um so leichter diese, je monopolistischer die Absatzbedingungen
eines Gewerbes als Ganzes gestaltet sind. Deshalb sind begünstigende
(homogene) Bedingungen der Kartellbildung: günstige Lage zu Roh-
stoffen oder Absatzgebieten, Schwere der Güter ("Frachtschutz" !),
räumliche Geschlossenheit (rheinisch-westfälische Kohle!}, abgegrenzter
Transportbezirk, hochwertige Leistungen (englische Textilindustriel},
Patente, Zollschutz.
533

Dreiunddreissigstes Kapitel
Die Elemente der Betriebsbildung
Auch über die Grundsätze der Betriebsgestaltung habe ich an ver-
schiedenen Orten in diesem Werke mich ausführlich vernehmen lassen,
wie wiederum das Sachregister ausweist. Zudem habe ich in einer be-
sonderen Studie "Die Ordnung des Wirtschaftslebens" (1925) ein sehr
genaues Schema der Betriebsproblematik entworfen. Endlich will ich
einen Teil der schematischen Betrachtungen in die empirische Dar-
stellung verweben, da diese vielfach erst das richtige Verständnis für
bestimmte grundsätzliche Zusammenhänge vermittelt. Der Überblick,
den ich in diesem Kapitel gebe, soll früher Gesagtes kurz wiederholen,
soweit es notwendig ist, es in Erinnerung zu bringen, soll ferner einige
Kategorien der Betriebsbildung, die erst in der hochkapitalistischen
Wirtschaft Bedeutung erlangen, neu entwickeln, alles aber unter Bei-
seitelassung von Einzelheiten auch theoretischer Natur, die vielmehr
in der Darstellung der empirischen Betriebsgestaltung ihre Erledigung
finden werden.
Ich bediene mich dabei des Schemas, das ich in der obengenannten
Arbeit benutzt habe, und in das ich an den gegebenen Stellen Aus-
führungen über Vorteile, Nachteile und Bedingungen der einzelnen
Betriebsgestaltungen einfügen werde.

I. Die Gesetzmäßigkeit der Betriebsbildung


Die Betriebsformen sind nicht nur tatsächlich voneinander ver-
schieden, ihre Verschiedenheit ist auch großenteils eine notwendige, durch
"die Natur der Sache", das heißt durch rationale Momente bedingte.
Die Bedingtheit ist erstens eine solche durch den Zweck, dem der
Betrieb dient. Der Zweck macht - oft, nicht immer - die Anwendung
einer bestimmten Technik und einer bestimmten Betriebsorganisation
notwendig. So kann die Art des herzustellenden Produktes zwangs-
läufig eine bestimmte Betriebsgestaltung herbeiführen. Um Stickstoff
aus der Luft zu gewinnen, ist eine ganz bestimmte Anlage notwendig
mit einem gegebenen Satz von Produktionsmitteln und Arbeitern; der
34 *
534 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses

Betrieb einer Eisenbahn zwischen zwei Orten oder einer städtischen


Untergrundbahn stellt - innerhalb gewisser Grenzen - ganz be-
stimmte Anforderungen an die Betriebsgestaltung. Aber auch die
Modalität der Herstellung oder der Darbietung eines Produ1.."tes oder
einer Gruppe von Prodilien kann eine bestimmte Betriebsgestaltung
erzwingen: beispielsweise die rasche Lieferung (Zeitung!) oder die An-
passung an den Bedarf der Kundschaft (Detailhandelsgeschäft!).
Unter Umständen gibt es nur eine technische Möglichkeit, eine be-
stimmte Leistung zu erzielen; dann bestimmt also der Zweck die Be-
triebsgestaltung im ganzen. Sehr häufig aber bestehen verschiedene
Möglichkeiten: man kann Hemden oder Schuhe in großen automatischen
Betrieben oder in kleinen Handbetrieben herstellen, transportieren oder
verkaufen. Welche Möglichkeit man wählt, hängt von Erwägungen
wirtschaftlicher Natur ab. Hat man sich für eine Möglichkeit entschieden,
so ist die Betriebsgestaltung abermals in zahlreichen Fällen vorher-
bestimmt. Denn wir beobachten zweitens eine Bedingtheit der Betriebs·
gestaltung durch die T e c h n i k , deren man sich bedient. Die Technik
schreibt Art und Größe der Produktionsmittel vor. Diese aber machen
einen Betrieb von bestimmter Größe und Art notwendig, um sie in
Gang zu setzen. Will ich Schuhe maschinell herstellen, so benötige ich
eines Satzes von Maschinen, vor allem auch der komplizierten Zwick-
maschine und Sohlennähmaschine. Diese Maschinen setzen einen be-
stimmten Grad von Spezialisation und- zu ihrer vallen Ausnutzung -
eine bestimmte Anzahl von Arbeitern voraus. Es ergibt ich also jeden-
falls eine Mindestspezialisation und eine Mindestgröße des Betriebes
mit innerer Notwendigkeit.
Im engen Zusammenhange mit der Abhängigkeit der Betriebsge-
staltung von der augewandten Technik steht nun aber drittens die Be-
dingtheit der Betriebsformen durch die 0 r g a n i s a t i o n s p r i n -
z i p i e n (Spezialisation und Kooperation). Diese Bedingtheit äußert
sich darin, daß Spezialisation nicht nur grundsätzlich Kooperation not-
wendig macht, sondern daß auch das Maß der Spezialisation den Um-
fang der [Link] und damit die Größe des Betriebes bestimmt.
Zerlege ich den Arbeitsprozeß, der in einem Betriebe bewältigt werden
soll, in 30 Teilvorrichtungen, so muß ich mindestens 30 Arbeiter be-
schäftigen. In der Regel aber mehr, weil die Ausführung der einzelnen
Teilarbeiten eine verschieden lange Zeit beansprucht. Nehmen wir an,
daß 10 Teilvorrichtungen je 3 Stunden, 10 je 2 Stunden, 10 je I Stunde
dauern, so muß der Betrieb mindestens 60 Arbeiter umfassen. Er kann
Dreiunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Betriebsbildung 535

sich auch immer nur in einem gleichen Verhältnis vergrößern, solange


der Grad der Spezialisation und die Arbeitsdauer der einzelnen Arbeits-
verrichtungen dieselben bleiben.
Aus den eben analysierten Elementen einer gesetzmäßigen Betriebs-
bildlmg setzt sich der wichtige Begriff der o p t im a 1 e n B e -
trieb s g r ö ß e zusammen. Er besagt, daß es eine Größe des Betriebes
gibt, bei welcher der gewünschte Erfolg am besten erzielt, insbesondere
das Maximum der (Arbeits-) Produktivität erreicht wird. Das geschieht
aber, wenn drei Bedingungen erfüllt werden:
( 1.) das produktivste Verfahren angewandt wird;
(2.) sämtliche Produktionsfaktoren optimal genutzt werden;
(3.) sämtliche Produktionsfaktoren in einem richtigen Größenver-
hältnis zueinander stehen, "proportional" sind. Die Erfüllung dieser Be-
dingungen führt zu einer bestimmten Betriebsgröße; dieses ist die
optimale Betriebsgröße.
Es gibt ein absolutes und ein relatives Optimum der Betriebsgröße.
Dieses wird bestimmt unter Berücksichtigung der Menge der herzu-
stellenden Produkte; jenes ohne diese Rücksichtnahme, so daß als das
zu lösende Problem sich ergibt: ein einzelnes Gut (eine einzelne Leistung)
unter den dem jeweiligen Stand der Technik entsprechenden günstigsten
Bedingungen herzustellen.

II. D i e G e s t a 1 t u n g d e s e i n z e 1 n e n B e t r i e b e s
1. Die Abgrenzunu der Arbeitsgebiete in den Betrieben
Hier kommen die beiden Kategorien Spezialisation und Kom-
bination in Betracht.
Die S p e z i a 1 i s a t i o n erscheint als Funktionenteilung, das heißt
als Verselbständigung der einzelnen Teile des kapitalistischen Ver-
wertungsprozesses oder als Werk- (Sach-) Teilung, das heißt als die
Spezialisation bestimmter Tätigkeitskomplexe bei Ausübung einer der
Funktionen. Typisierung nenne ich die Steigerung der Spezialisation
der Werkverrichtung, nämlich Spezialisierung auf wenige nach be-
stimmten Normalmaßen hergestellte gleichförmige Typen einer Waren-
gattung (Nähmaschinen in drei Größen), während ich die Bezeichnung
Normalisierung für die Vereinheitlichung ein z e l n er Teile eines
Fabrikates verwenden will.
Die kapitalistischen V o r t e i 1 e d e r S p e z i a 1 i s a t i o n lassen
sich in allgemeine, die aller Spezialisation anhaften, und besondere,
die die Spezialisation der Produktion aufweist, unterscheiden.
536 Erster Abschnitt: Die Eiemeute des wirtschaftlieben Prozesses

Allgemeine Vorteile sind:


(1) Verringerung der Mindestgröße des Kapitals;
(2) genauere Kenntnis der Marktlage: Vorteil z. B. des selbständigen
Handels, der eine größere Vertrautheit mit Absatz-, Kunden-, Kredit-
verhältnissen besitzt;
(3) bessere Beherrschung der Technik;
(4) Vereinheitlichung und Vervollkommnung der Geschäftsführung:
bessere, leichtere, genauere Kalkulation;
(5) Verbesserung der Einzelleistung;
(6) Verbilligung der Einzelleistung, weil die spezialisierte Verrichtung
schneller vorgenommen wird.
Die besonderen Produktionsvorteile sind:
(1) Verringerung bestimmter Rilfsarbeiten und Hilfsvorrichtungen:
Ersparung an Zeichnungen, Modellen, Schablonen; Verkleinerung des
Lagers an Modellen usw.;
Die Vorarbeiten betragen z. B. für eine Bohrmaschine 4000 Mk.;
kann man auf ihrer Grundlage gleich 100 Maschinen gleicher Art an-
fertigen, so verringern sich die Kosten auf 40 Mk.
Eine Schreibmaschinenfabrik berechnete ihre Selbstkosten an Material,
Arbeitslöhnen und Betriebskosten
für die erste Schreibmaschine auf . . . . . 4500 Mk.
für die nächsten 100 Schreibmaschinen auf. 200 "
für weitere Schreibmaschinen auf . . . . . 125 "
Kurt Rathenau, Der Einfluß der Karitll!s- und Produktions-
vermehrung auf die Produktionskosten (1906), 18.
Zum Teil wird hier die Verbilligung auch durch das Mengenmoment
(Betriebsgröße) bestimmt; siehe darüber weiter unten Seite 540ff.
(2) Erleichterung der Anbringung technischer Verbesserungen bei
der Anwendung von Spezialmaschinen;
(3) Vermeidung des Wechsels der Arbeit, wodurch vermieden ·wird:
a) das Neuanlernen von Arbeitern und die damit verbundene Ver-
ringerung der Anfangsleistung;
b) das Umändern und Stillstehen der Maschinen;
c) der Verschleiß von Maschinen durch das Ungescrick der Arbeiter.
Den Vorteilen der Spezialisation stehen N a c h t e i l e gegenüber,
unter denen der Gewinnentgang (bei Funktionenteilung) und die
Risikovergrößerung die wichtigsten sind.
Die Spezialisation und namentlich ihr Grad ist an bestimmte Be-
dingungen geknüpft: die Tätigkeit muß ununterbrochen (kontinuierlich)
ausgeübt werden können, und es muß ein Mindestmaß von Verrichtungen,
Dreiunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Betriebsbildung 537

eine Mindestgröße des Tätigkeitskomplexes gegeben sein, bei dem


die Verwendung eines Mindestkapitals und die Erzielung eines Mindest-
profits gewährleistet sind.
Die K o m b in a t i o n ist das Gegenstück zur Spezialisation.
In dem hier gemeinten Sinne ist Kombination die Vereinigung mehrerer
früher selbständiger (oder anderwärts selbständiger) Betriebe ver-
s c h i e d e n e n Inhalts zu e i n e m Betriebe: das Werk desselben
rational-kapitalistischen Geistes, der auch die Spezialisation aus sich
heraustreibt. Diese wird beim Vorgang der Kombination vorausgesetzt,
durch ihn ergänzt und weitergebildet.
Wir unterscheiden
(1) Funktionenvereinigung;
(2) Werkvereinigung in der Form der Angliederung: wenn ein un-
wichtiger "Neben"-Betrieb mit einem wichtigen "Haupt"-Betriebe
verbunden wird; eine Böttcherei mit einer Brauerei; eine Druckerei
mit einer Schokoladenfabrik;
(3) Werkvereinigung in der Form der Zusammengliederung: wenn
zwei oder mehrere gleich wichtige Betriebe vereinigt werden; Hoch-
ofen - Stahlwerk; Spinnerei - Weberei.
Die Kombination in dieser Form der Zusammengliederung ist:
a) horizontal, wenn Produktionszweige verbunden werden: zwei
Detailhandelszweige, zwei Walzwerke mit verschiedenen Walzenstraßen;
b) vertikal aufwärts, wenn eine niedere Produktionsstufe sich mit
einer höheren zusammengliedert: Bergwerk - Hochofen;
c) vertikal abwärts im bezugsweise umgekehrten Falle.
Ein anderes Schema legt der Bearbeiter des amerikanischen Zensus
seiner wertvollen Darstellung der Betriebskombination zugrunde, das Be-
achtung verdient.
1. Vereinigung divergenter Produktionsprozesse:
a) Erzeugung verschiedener Produkte (joint products), das heißt:
Produkte aus demselben Rohstoff:
/ Fleischkonserven
Rindvieh - kondensierte Milch~
Butter
b) Erzeugung von Nebenprodukten:
Baumwollsamen (Baumwollsamenöl, Baumwollsamenkuchen);
c) Erzeugung von Produkten verschiedener Substanz mit gleichem
Verfahren:
/ Wolle
Spinnerei Baumwolle.
538 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses

2. Vereinigung konvergenter Produktionsprozesse:


a) Erzeugung von Komplementärgütern:
HG?lßzbea~beitung
Ie ere1
) Landwirtschaftliche l\Iaschinen.
b) Erzeugung von Hilfsprodukten:
Fischkonservierung (Schiffarepara tur).
c) Erzeugung verschiedener Güter mit gleichem Yerwendungszwcck
(meet in single markt):
Zahnärztliche Apparate
Zahnbehandlung.
Künstliche Zähne
3. Vereinigung verschiedener Produktionsstufen: vertikale Kom-
bination oder Integration.
Willard L. Thorp, The Integration of Industrial Coperations. Census
1\Ionograph. III (1924}, 159ff.
Die V o r t e i 1 e der Kombination sind folgende:
(1) Steigerung der Güte der Leistung: bessere Darbietung der Waren
im Laden! Ausfühnmg verschiedener Geschäfte durch ein Werk! An-
passung des Vorprodukts an die Erfordernisse des Fertigprodukts!
(2) Kostenersparnis:
a) allgemein: Ersparung (Einheimsung) der Zwischenprofite;
b) im Erzeugungsprozeß: bessere Ausnutzung der Stoffe und Kräfte:
Gichtgase! Ritze! Abfälle!
Beispiele: Ausnutzung in der Eisenverarb eitung der Gase,
die beim Kokerei- und Hochofenbetrieb erzeugt werden. Man rechnet
bei der Kokerei 300 cbm auf die Tonne Koks,
beim Hochofen 4500 " " " " Rohei en.
Nach Hübener, Deutsche Eisenindustrie, 53.
Davon werden genutzt: im Hochofen zur Erhitzung des Gebläse-
windes, Betreiben der Gichtaufzüge usw. 37 PS., so daß 23 für das Stahl-
und Walzwerk frei bleiben. Diese werden genutzt, wenn Hochofen, Stahl-
und Walzwerk kombiniert sind, während sie beim "reinen" Hochofenwerk
verloren gehen. Ein westfälisches Thomaswerk berechnet die Verbilligung
der Produktion infolge einer Ausnutzung der Gichtgase auf 4 Mk. pro
Tonne Rohstahl.
Verwertung der Hitze: Durch sofortiges Auswalzen der heißen
Stahlblöcke erzielt ein rheinisches Werk 2-3 l\Ik. pro Tonne Kohlen-
ersparnis.
Vereinfachung der chemischen Prozess e: Bei einer Kom-
bination zwischen Rohzuckerfabrik und Raffinerie kann der Dicksaft
gleich in die Raffinerie hinuntergeleitet und verarbeitet werden, wodurch
die Rohzuckerarbeit und der Auflösungsprozeß auf Kosten einer wenig
verwickelten Behandlung des Dicksaftes in der Raffinerie wegfällt.
c) Im Umlaufprozeß: Verringerung der Lagerhaltlmg! Erspanmg
eines etwaigen Zolls! Ersparung der Produktionskosten!
Dreiunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Betriebsbildung 539

( 3) Sicherung:
a) Sicherung des Absatzes: Verarbeitung der Vorprodukte! Er-
richtung eines Ausschankes abseiten einer Brauerei, eines Ladens ab-
seiten einer Schuhfabrik!
b) Sicherung des Bezuges: Kohle für Hochofen! Rüben für Zucker-
fabrik! Elektrischer Strom für Straßenbahn!
Sicherheit des Bezuges (daß ein Vorprodukt erhältlich ist) und An-
passung der Qualität des Vorprodukts an den Bedarf (in welcher
Beschaffenheit es erhältlich ist) werden oft durch die Kombination
zugleich erreicht. So begründet Ford seine weitreichende Kombinations-
politik wie folgt: "When we cannot depend on prompt deliveries or when
quality of products furnished by suppliers is not suitable, we are forced
to go into that ourselves. The cost, if we make it, may be slightly more,
but we don't care. We must be assured first of all that we can get
the materials when we want them. That is the main reason we have
donc so m uch expanding." WallStreet Journal Nr. 97 vom 26. Oct.l923.
Zitiert bei Emil Honerm eier a. a. 0. Seite 61. (Sperrungen von mir.)
c) Sicherung gegen Konjunkturschwankungen: Verteihmg des Ab-
satzrisikos! Sicherung gegen Preisschwankungen der Rohprodukte!
Sicherungen gegen erpresserische Tarüpolitik der Verkehrsinstitute!
Die B e d in g u n g e n (tmd damit Grenzen) der Kombination sind
teils persönlicher, teils sachlicher Natur.
Die persönliche Bedingung ist das Vorhandensein von Unternehmern,
die fähig sind, einem kombinierten Betriebe, der naturgemäß viel-
seitige Betätigtmg erheischt, vorzustehen, und die gleichzeitig gewillt
sind, die Last einer erschwerten Leitung auf sich zu nehmen.
Die sachlichen Bedingungen sind folgende:
( 1) genügende Einfachheit und Übersichtlichkeit der zu einem Ganzen
vereinigten Tätigkeit;
(2) Stetigkeit der Produktion oder des Absatzes;
(3) Proportionalität der Betriebsoptima bei der Werkvereinigung.

2. Die Betriebsgröße
a) Betriebsgröße und Großbetrieb
Die Größe eines Betriebes - sei es eines Werkbetriebes oder eines
Wirtschaftsbetriebes (Unternehmung) - läßt sich nach verschiedenen
:Merkmalen bestimmen. Die Merkmale können sein:
(1) personale: Zahl der beschäftigten Personen: ein sicheres, aber
sehr trügerisches Merkmal angesicbts der verschiedenen "organischen"
Zusammensetzung des Kapitals;
5·1.0 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses

(2) reale: das sind


a) Größe (Zahl) der Arbeitsmittel: Spindeln! Lokomotiven! Tonnen-
gehalt der Schiffe!
b) Menge der verarbeiteten Rohstoffe (Malz, Rüben, Erze) oder
der erzeugten Güter oder sonst vollzogener Leistungen (Tonnenkilo-
meter! Wechseldiskonte! vermittelte Gespräche!);
c) Größe der genutzten Bodenfläche (bei den landwirtschaftlichen
Betrieben).
(3) kapitale: die Größe des aufgewandten Kapitals: das zuver-
lässigste Merkmal.
Ein Betrieb ist "groß", ist ein "Großbetrieb", wenn die
lt'unktion der Leitung verselbständigt ist. Der Großbetrieb und Größer-
betrieb (bis zu seiner "optimalen" Größe; siehe oben Seite 535) weist
bestimmte Vorzüge auf, die sich in folgendes Schema bringen lassen:
(l) Ausweitung des Kapitalspielraums;
(2) Steigerung der Qualität der Leistungen. Diese Qualität kann
bestehen in einer Qualität der Darbietung: massenhafte Lieferung!
rasche Lieferung! gefällige Vertriebsstätten! oder in einer Qualität des
Dargebotenen. Diese erzielt der Großbetrieb durch folgende Mittel:
a) die Differenzierung der Arbeitskräfte: Diese, die wir in
einem andern Zusammenhange schon kennengelernt haben, hat neben
andern Wirkungen auch eine Steigerung der Leistungsfähigkeit im Ge-
folge: bessere Unternehmer! he Rere wissensclJaftliche (Experimente!
Laboratorien!), künstlerische, leitende Hilfskräfte! bessere Qualitäts-
arbeiter (Zuschneider in einem Schneidergeschäft)!
b) die Dimensionierung: Lieferung großer Stücke (Welle für einen
Riesendampfer)! Leistungsfähigkeit von Transportanstalten! Auf-
nahmefähigkeit eines Gebäudes!
c) die Anwendung besserer Techniken: Schmelzen! Färben! Ver-
golden! AusnutZlmg eines Patentes!
Die Vorteile des Großbetriebes liegen
(3) in der Verringerung der Kosten. Diese tritt ein
a) durch Ersparnisse bei der Beschaffung der sachlichen Produktions-
faktoren (Produktionsmittel), die erzielt werden
cx) durch den Bezug der Rohstoffe, Warenlager, Hilfsstoffe im
großen, der mit einem geringeren Aufwande an Arbeit (Reisespesen!
Fracht! kaufmännische Tätigkeit!) bewerkstelligt werden kann, bessere
Verwertung der Abfälle usw.; hierher gehört auch die billigere Kredit-
beschaffung;
Dreiunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Betriebsbildung 541

ß) durch die billigere Herstellung des Gefäßsystems, angefangen


mit dem Gebäude, endend mit dem schlichtesten Kasten oder Bottich.
Nach einem physikalischen "Gesetz" kann eine Raumeinheit um so
billiger hergestellt werden, je größer das Volumen ist. Ein Kubikmeter
braucht in Würfelform als Hülle: bei I cbm Größe 6 qm, bei IOOO cbm
0,6 qm Blech. Ein Arbeitsraum für IO Maschinen verlangt Mauern von
4 X 25 = IOO m Gesamtlänge und 5 m Höhe = 500 qm; ein doppelt
so großer Raum, da ja die Höhe nicht wächst, nur 707 qm = 40 %·
Dieses "Gesetz" macht sich besonders fühlbar im Transportgewerbc,
wo sich das größere Transportgefäß als billiger erweist. Ein paar Ziffern
aus dem Binnenschiffahrtsgewerbe werden das erweisen.
Die Herstellung eines Schleppkahns von
2000 t kostete. IOOOOO Mk.
400 " " 24000 "
Das heißt die 'l.'onne kostet
im großen. 50 Mk.
" kleinen . . 60 "
Ebenso beim Betrieb:
Der 400-t-Kahn erfordert 2 Mann Besatzung,
" 2000 " " 4 " "
Ein großer Kahn leistet beim Schleppen nicht so viel Widerstand wie
zwei kleine.
Der Tiefgang nimmt nicht entsprechend zu; er beträgt:
bei 2000 t . . . . . . . 2,72 m
" 3580 " . . . . . . . 2,85 "
Beträgt der zulässige Tiefgang I,23 m, so ladet ein Kahn
von I700 t . . . . . . . 650 t
" 650 " . . . . . . . 300 " usw.
Auch hier natürlich besteht ein "Optimum", das bei der Rheinschiffahrt
z. B. zwischen I500 und I800 t liegt.
y) durch die billigere Herstellung des Maschinensystems. Auch hier
gilt der Satz, daß die Krafteinheit (PS.) in einer Bewegungsmaschine
um so weniger kostet, je größer die Maschine ist.
Gesamtbetriebskosten bei einer Betriebsdauer von 360 X 24 = 8640 Stunden
und einem Steinkohlenpreis von I2 Mk. für IOOO kg:
für I PS.-Stunde : Dampfmaschine Dampfturbine
50 PS 3,69 Mk1 - Mk.
100 " 2, 79 " 2,52 "
200 " 2,I9 " I,96 "
500 ,. I,67 " I,53 "
I 000 " I ,48 " I,23 "
I500 I,4I
2000 I,34
2500 I,26 "
3000 " I,24 " I,03 "
6000 " 0,93 "
IOOOO " 0,88 "
542 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses

1\I. Sai tzeff, Steinkohlenpreise und Dampfkraftkosten, in Sehr. d.


VfSV 143 II, 359, 378, 380.
"The !arger the size of a fool, the smaller its cost per unit of capa-
city" (K o t an y).
Eine Verringerung der Kosten tritt beim Großbetriebe ferner ein:
b) durch Ersparung bei der Beschaffung der Arbeitskräfte. Wieder
ist es jene Differenzierung der Arbeitsleistung, von der wir zu wieder-
holten Malen Kenntnis genommen haben, die sich dem Unternehmer
und dieses Mal dem Großbetriebe von Nutzen erweist; durch sie wird
der Durchschnittspreis der Arbeitskraft gesenkt, die also um so niedriger
zu stehen kommt, in je weiterem Umfange die Differenzierung erfolgt,
das heißt je größer der Betrieb ist.
Die gründlichsten Untersuchungen über diese lohnsenkende Wirkung
der Differenzierung der Arbeitsleistung hat das Washingtoner Arbeitsamt in
seinem XIII. Annual Report (1899) für die Vereinigten Staaten angestellt,
über deren Ergebnisse ich ausführlich in der ersten Auflage dieses Werkes
(Bd. II, Seite 497ff.) berichtet habe. Danach kostete die Durchschnitts-
arbeitskraft beispielsmäßig Dollar:
Gewerbe im Kleinbetriebe 1m Großbetriebe
Bäckerei (Wochenlohn) . . 12,00 11,10
Schuhmacherei (Tageloh11) 2,50 2,24
Schneiderei (Tagelohn) . 1,45 1,28
Böttcherei (Tagelohn) . . . 2,50 1,90
Bautischlerei (Tagelohn). . 1,50 1,18
Die Lohnsätze für den Großbetrieb beziehen sich auf verhältnismäßig
kleine Betriebe, so daß bei einem optimalen Großbetriebe der Abstand
zum Kleinbetriebe noch viel beträchtlicher sein würde.
Eine andere Untersuchung ist von privater Seite für Deutschland für
eine größere Anzahl von Betrieben angestellt worden und kommt zu
folgenden Durchschnittsergebnissen für sämtliche untersuchte Betriebe,
deren Umsatz zwischen 2 und 14 Mill. Mark schwankte. Die Ausgaben für
Löhne, bezogen auf einen Produktwert von 100 Mk., betrug bei einer
Gesamtproduktion von
10 Mill. Mk. 22,70 Mk.
9 23,00 "
8 " " 23,75 "
" 24,20 ,,
7,5 "
7 24,75 "
6 " " 26,25 "
5 " " 27,80 "
" "
die Normalproduktion mit 7,5 ~Iill. Mk. im Jahre angesetzt.
P. Rott, Unkosten- und Lohnverschiebung bei wechselnder Produktion.
Technik und Wirtschaft, 7. Jahrg., 8. Heft.
Dreiunddreißigstes Kapi!Jel: Die Elemente der Betriebsbildung 543

Die unter a) und b) genannten Wege zur Verbilligung habe ich die
Produktionsfaktorenverbilligung genannt, zu der nun noch hinzutritt
dasjenige, was ich
c) die Produktionsverbilligung nenne, das heißt Verbilligung durch
Steigerung der Arbeitsproduktivität, zu der ebenfalls der Großbetrieb
in erheblichem Maße fähig ist. Und zwar
o:) durch Annäherung an die optimale Ausnutzung aller Produktions-
faktoren; der Arbeitskräfte: auf eine Verkäuferin entfällt in einem
großen Konsumverein ein Jahresumsatz von etwa 60 000 Mark, in
einem kleinen Detailgeschäft kaum 10 000 Mark (Sc h ä. r); der Ma-
schinen: sie können ununterbrochen im Betriebe sein; hierher gehört
auch die billigere Herstellung der Reklame, der Verwaltung, der Buch-
führung u. ä.. ;
ß) durch Anwendung einer vollkommneren Technik, die vielfach an
eine Mindestgröße des Betriebes gebunden ist;
y) durch die Durchführung einer vollkommneren Arbeitsorgani-
sation, die ebenfalls häufig, besonders deutlich im Verkehrsgewerbe,
(Post!) eine Mindestgröße des Betriebes zur Voraussetzung hat.
Zur Veranschaulichung des Gesagten führe ich noch einige Ziffern
aus der Praxis an, aus denen die Überlegenheit des größeren Betriebes
bei der Kostengestaltung ersichtlich ist.
Für den Warenhandel macht Schär (a. a. 0. Seite 233) Angaben
über zwei ihm persönlich bekannte Betriebe, einen Großbetrieb und einen
gutgeleiteten Kleinbetrieb des Detailhandels. Die Kostenrechnung stellt
sich wie folgt :
Großbetrieb Kleinbetrieb
Ankauf 100,0 108,5
Einkaufskosten . 0,5 1,5
Zinsverlust 1,5 2,5
Mietzins 5,0 11,5
Arbeitslöhne . . 15,0 7,0
Handlungsunkosten . 3,4 5,0
Generalunkosten . . 1,4 2,0
Propaganda (Reklame) 0,7 1,0
Verluste aus Kreditverkäufen 0,0 1,0
Summe Selbstkosten . 127,5 140,0
Gewinn . . . . . . . . . . 6,0 10,0
Verkaufspreis . . . . . . . . 133,5 150,0
Hierzu ist zu bemerken, daß beim Kleinbetriebe die Arbeitslöhne nur
für das Aushilfspersonal berechnet sind, die Entlöhnung der Hauptarbeits-
kraft, des Inhabers, aber nicht in Ansatz gebracht ist. Sie steckt in dem
Gewinn, iAt also nur mit 4 angesetzt, das heißt nur wenig mehr als halb
544 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses

so hoch wie die der Hilfskraft. Würde die Entlöhnung der Arbeitskraft
des Inhabers entsprechend höher angenommen werden, so würde die Über-
legenheit des Großbetriebes noch deutlicher in die Erscheinung treten.
Für die g e werbliche Pro d uk ti o n seien einige Beispiele aus der
Maschinenindustrie beigebracht. Bei der Steigerung der Produktion um
50% sank der Preis bei gleicher Technik eines
Pumpenmodells A von )lk. 197 auf Mk. 162
" B " " 880 " " 738
ll c ll 1593 ll 1345
ll ll

In einer Schreibmaschinenfabrik kostete eine Maschine bei einer Er-


zeugung von
100 . Mk. 220,-
500 160,-
1000 140,-
ll

2000 125,-
ll

Desgleicben Bohrwerkzeuge bei einer Erzeugung von


1200 .Ik. 1,84
3430 1,76 ll

8560 1,51 ll

12400 " 1,40


Kurt Rathenau, a. a. 0. Seite 17f. Dortselbst auch noch andere
interessante Zahlenangaben.
Daß alle diese Vorteile nur bis zur Grenze der o p t i m a l e n Be-
triebsgröße fühlbar sind, mag noch einmal ausdrücklich hervorgehoben
werden.
Auch die Ausdehnung des Betriebes ist an bestimmte B e d i n -
g u n g e n geknüpft. Diese sind
( l) die Größe des zur Verfügung stehenden Kapitals;
(2) die persönliche Eignung der Leiter, Unterleiter und Spezial-
arbeiter; die Menge der zur Verfügung stehenden Arbeiter;
(3) die Größe des Verwendungs-, insonderbeit des Absatzminimums.
Aus der Anpassung der Betriebsgröße an diese Bedingungen ergibt
sich der Begriff des r e 1 a t i v e n Optimums.
Eine Betriebsvergrößerung ist mit steigendem E r t r a g e (wach-
sendem Profite) verknüpft, solange sie sich bis zu dem Optimum hin
bewegt; sobald sie das Optimum überschreitet, sinkt der Ertrag (ver-
ringert sich der Profit).
b) Die Betriebsvergrößerung
Diese kann erfolgen:
(l) durch Ausweitung eines einzelnen Betriebes an Ort und Stelle;
(2) durch Errichtung eines neuen Betriebes, der mit einem be-
stehenden zu einem Gesamtbetriebe vereinigt wird, und zwar:
Dreiunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Betriebsbildung 545

a) eines Betriebes gleichen Inhalts: hierher gehört auch die Ein-


richtung von Filialen;
b) eines Betriebes verschiedenen Inhalts, wodurch ein kombinierter
Betrieb entsteht;
c) eines Nebenbetriebes;
(3) durch Vereinigung zweier oder mehrerer schon bestehender Be-
triebe zu einer neuen BetriebseinheiL
Der Begriff der "B e t r i e b s v e r g r ö ß e r u n g" bekommt
einen sehr verschiedenen Sinn, je nachdem man den Vorgang unter dem
Gesichtspunkte des einzelnen Betriebes oder unter dem der Verteilung
der Gesamtproduktion (Leistlmg) unter die einzelnen Größenklassen
der Betriebe betrachtet.
Vom Standpunkt des einzelnen Betriebes aus gesehen bedeutet
"Vergrößerung" dreierlei:
(1) Wachsen der Durchschnittsgröße, z. B. des Kapitalaufwandes
oder der Zahl der Hilfspersonen;
(2) Wachsen der optimalen Betriebsgröße: eines idealen Hochofens
" modernster" Konstruktion;
(3) Wachsen der größten bestehenden Betriebe zum Optimum llin
oder über das Optimum hinaus.
Bei der Betrachtung des Vergrößerungsvorganges unter dem Ge-
sichtspunkt der Verteilung der Gesamtproduktion unter die einzelnen
Größenklassen dagegen ergeben sich folgende Möglichkeiten:
(1) bei gleichbleibender Produktion: die "großen" Betriebe nehmen
zu (werden auch eventuell selbst größer); dann müssen die kleinen
weniger werden, das heißt ihr Absatzgebiet muß zusammenschrumpfen;
(2) bei zunehmender Produktion: die großen Betriebe nehmen zu,
ohne daß die kleinen weniger werden, also so daß sie ihr Absatz-
gebiet ungeschmälert erhalten (vielleicht soga:t ausweiten); das sich
ausdehnende Absatzgebiet der Großen ist alles Neuproduktion, von
dem im zweiten Falle (daß die Kleinen trotz Anwachsen der Großen
mehr werden) ein Teil den Kleinen zufällt;
(3) bei zunehmender Produktion: Die großen Betriebe dehnen sich
aus auf Kosten der Kleinen, deren Absatzgebiet sich also (trotz der
Produktionssteigerung) verkleinert:
a) im Verhältnis zur Zahl der Betriebe,
b) rascher als die Zahl der Betriebe,
c) langsamer als die Zalll der Betriebe.
54() Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses

Die Verschiebung zuungunsten der kleinen Betriebe kann sich m


drei verschiedenen Formen vollziehen:
entweder die kleinen verschwinden, während die großen neu entstehen;
oder der einzelne kleine Betrieb [Link] in einen großen umgewandelt;
oder mehrere früher selbständige kleinere Betriebe gehen in einen
größeren auf.
Wir müssen nun aber auch noch scharf ins Auge fassen, was sich
v er g r ö ß er t. Das ist der "Betrieb". Wir wissen aber, daß sich mit
diesem Worte die beiden Begriffe des Werkbetriebes und des Wirt-
schaftsbetriebes (Unternehmung) verbinden. Dazu kommt nun, daß
die "Vergrößerung" vielfach auch über den Wirtschaftsbetrieb hinaus-
greift und Gebilde schafft, die in der Vereinigung selbständiger Unter-
nehmungen bestehen (Konzerne: Riehe unten). Wollen wir hier auch von
Betriebsvergrößerung sprechen, so müssen wh einen dritten Betriebsbe-
griff bilden, den wir als Wirtschaftsbetriebe höherer Ordnung (Finanz-
betrieb) bezeiclmen kiinnen. Dann würde sich also die Vergrößerung
beziehen auf:
(1) Werkbetriebc,
(2) Wirtschaftsbetriebe erster Ordnung,
(3) Wirtschaft.;betriebe höherer Ordnung (Frnanzbetriebe).
Nach diesN !'c <Jtstellung des Begriffes der "Vergrößerung" können
wir nun den der
c) Konzentration
bestimmen. Auch die~es Wort kann in drei verschierlenen Bedeu-
tungen verwendet werden (und wird so verwendet).
(1) Konzentration im uneigentlichen Sinne (für den man also das
Wort nicht gebrauchen sollte) ist so viel wie Vergrößerung der Einzel-
betriebe, also gleichbedeutend mit Entstehen größerer Betriebe. Wenn
wir diesen Gebrauch des Wortes Konzentration ablehnen, so heißt das,
daß sich vom Standpunkt des Einzelbetriebes aus überhaupt kein sinn-
voller Begriff "Konzentration" bilden liißt. Das ist vielmehr nur mög-
lich vom Standpunkt der Verteilung der Gesamtproduktion aus. Von
daher kommen wir zu dem Begriff
(2) der Konzentration im weiteren Sinne. Das ist eine Vergrößenmg
des Anteils der höheren Betriebsklassen am Gesamtbetrage der Pro-
duktion o h n e Einschränh."Ullg des Lebensspielralm1s der Kleinen;
wiihrenddem
(3) Konzentration im engeren Sinne gleichbedeutend ist mit einem
Anwnchsen des Anteils der größeren Betriebe aufKosten der kleineren.
Dreiunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Betriebsbildung 547

Auch die Konzentration erstreckt sich auf W erkbetriebo, Wirt-


schaftsbetriebe und Finanzbetriebe.
Der Begriff der Konzentration wird noch dadurch verwirrt, daß man
unter "Kapitalkonzentration" sehr häufig sowohl die eben besprochene
Betriebskonzentration wie auch Vermögenskonzentration, also An-
häufung größerer Vermögen in wenigen Händen versteht. Den Begriff
der Vermögenskonzentration kann man nach demselben Schema bilden
wie den der Betriebskonzentration. :Man muß sich aber immer gegenwärtig
halt~n, daß Betriebskonzentration und Vermögenskonzentration zwei
ganz versrhiedene Vorgänge sind, die zusammenfallen, aber auch nicht
zusammenfallen können. Möglich ist eine Betriebskonzentration, auch im
engeren Sinne, bei Verringerung der Vermögenskonzentration, wie etwa
im folgenden Falle: 3 Privatunternehmungen mit je 1 Million Vermögen
werden in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Nach einiger Zeit ver-
armen die drei Millionäre, und die Aktiengesellschaft wird von 1000 Aktio-
nären besessen. Möglich ist ebenso umgekehrt eine Vermögenskonzentration
auch im engeren Sinne bei Verringerung der Betriebskonzentration: wenn
etwa ein reicher Mann drei Rittergüter aufkauft, die je einen Betrieb bil-
deten, und sie verwertet durch Verwandlung in kleine Pachtbetriebe.

3. Die innere AusgestaUung der Betriebe


Eine Vervollkommnung der inneren Betriebsorganisation enthält
folgende Bestandteile:
a) die M e c h an i sie r u n g. Darunter verstehen wir die Ent-
seehmg oder Vergeistigung des Betriebes, das heißt seine Verwandlung
in ein System kunstvoll ineinandergreifender Arbeitsleistungen, deren
Vollbringer auswechselbare Funktionäre in Menschengestalt sind. Die
Mechanisierung "'ird bewirkt durch folgende Mittel:
(1) die Separierung der einzelnen Arbeitsleistungen, das heißt die
Zerlegung eines komplexen Arbeitsprozesses in einzelne nach rein sach-
lichen Gesichtspunkten abgegrenzte Teilverrichtungen;
(2) die Normalisierung dieser Teilverrichtungen, so daß sie entweder
für alle Betriebe (Verwaltungsfunktionen !) oder wenigstens in jedem
Betriebe gleicher Art dieselben sind;
(3) die Spezialisierung, das heißt die dauernde Übertragung dieser
sachlich abgegliederten Teilprozesse an besondere Funktionäre;
(4) die Automatisierung, das heißt die Übertragung der Teilverrich-
tungen auf einen Mechanismus (Maschinen), oder, wo das nicht möglich
ist, doch wenigstens Zwangläufigmachung der Arbeit durch Eingliede-
rung des Arbeiters in eine Gruppe;
(5) die Schematisierung, das heißt Ersetzung der lebendigen Aufsicht,
8omb a r t , Hochkapitalismus II. 3.5
548 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses

Leitung und Kontrolle durch ein kunstvolles System von Vorschriften.


Anweisungen und Kontrollvorrichtungen, das automatisch funktioniert;
(6) die Taylorisierung, wie wir nach dem Amerikaner Taylor ein
V erfahren nennen, mittels dessen auch die Einzelarbeit rationalisiert,
und verwissenschaftlicht wird.
b) Die I n t e n s i v i s i e r u n g. Darunter verstehen wir die 8tei-
gerung des Energieaufwands in einem Betriebe von gegebener GröCe.
Diese wird erreicht:
{1) durch Zusammendiängung von mehr Arbeit in einer gegeben•·n
Zeit;
(2) durch Vervollkommnung des Produktionsmittelaprarates;
(3) durch Einstellung höher qualifizierter Arbeiter.
c) Die Ö k o n o m i sie r u n g. Darunter verstehen wir die mög-
lichst sparsame Verwendung der Produktionsfaktoren.
Eine Beleblmg dieses trockenen Schemas wird die empirische Dar-
stellung der Betriebsgestaltung im Zeitalter des Hochkapitalismus
bringen: siehe vor allem das 53. und 54. Kapitel.

III. D i e B e t r i e b s v e r e i n i g u n g
In der Benennung der Formen, in denen selbständige Unterneh-
mungen sich vereinigen, besteht keinerlei Übereinstimmung. Wenn man
eine Stufenfolge von Vereinigungsformen nach dem Grade der Festigkeit
des Verbandes aufstellen will, wird man etwa folgende Formen unter-
scheiden können:
1. die einfache I n t e r e s s e n g e m e in s c ua f t. Sie besteht
lediglich in der gemeinsamen Gewinnverrechnung und Gewinnverteilung
nach einem bestimmten Schlüssel. Sie kommt meist auf dem Wege des
\
Aktienaustausches zustande, hat aber auch andere Möglichkeiten der
Verbindung. Ihr Zweck ist die Risikoversicherung und Ausschaltung
der Konkurrenz. Damit greift sie in den Zweckbereich der Kartell-
bildung hinüber; siehe oben Seite 53lf.
2. Von einem K o n z er n sollten wir immer nur danll sprechen,
wenn eine irgendwelche Vereinheitlichung der Betriebsfühnmg selb-
ständiger Unternehmungen vorliegt, das hl'[Link] also ein einheitlicher
Unternehmerwille und ein einheitlicher Plan. Das Wesen des Konzerns
beruht darin, daß mehrere rechtlich selbständige Unternehmungen zu
einer wirtschaftlichen Einheit zusammengofaßt werden; es entsteht
das, was ich einen Wirt;schaftsbetrieb höherer Ordnung oder Finanz-
betrieb nennen wollte.
Dreiunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Betriebsbildung 549

Dieses Ziel kann auf sehr verschiedenen Wegen erreicht werden;


der Arten der Konzernbildung gibt es viele. In das flutende Meer der
sich täglich neu gtuppierenden Erscheinungen bauen wir folgendes
Schema hinein. Wir unterscheiden Konzerne:
a) nach dem Abhängigkeitsverhältnis: mehrere Unternehmungen
haben den gleichen Inhaber; mehrere Unternehmungen unterstellen
sich einer einheitlichen Leitung; ein Unternehmen besitzt ein anderes
oder mehrere andere Unternehmen vollständig;
b) nach dem Grad der Festigkeit der Verbindung: von ganz lockeren
Vereinigungen, bei denen auf zwanglosen Zusammenkünften ein ge-
meinsames Vorgehen beschlossen wird (amerikaDiseher Beef Trust), bis
zu gemeinsamer Geschäftsführung durch eine aus den verschiedenen
Firmen gebildete Gesamtdirektion (AEG. und Union) kommen alle
Schattierungen vor;
c) nach dem Inhalt der geregelten Tätigkeit: Arbeitsteilung, Ver-
schmelzung der auswärtigen Organisation, Bestimmungen über Liefe-
rung und Abnahme.
3. Eine F u s i o n liegt vor, wenn mehrere bisher selbständige
Unternehmungen zu einer Unternehmung (einem Wirtscbaftsbetrieb)
verschmolzen werden. Diese Unternehmungen sind meistens Aktien-
gesellschaften, bei denen die Fusion durch Aktienübertragung am
leichtesten erfolgt, brauchen es aber nicht zu sein. Die Form der Fusion
ist entweder die, daß eine Unternehmung in die andere aufgeht, oder
daß aus der Fusion eine neue Unternehmung entsteht.
Die volle Verschmelzung der in einem Konzern zusammengeschlosse-
nen Firmen zu einer Unternehmung findet häufig nur aus äußeren
Gründen (Steuern!) nicht statt.
Das Wort T r u s t wird in ganz verschiedenem Sinne gebraucht:
bald für Konzern schlechthin, bald für Fusion. Während es ratsam ist,
ihn für Gebilde wie die amerikanischen Zusammenschlüsse, für die er
zuerst aufkam, zu verwenden und damit eine durch Fusion zu einer
einheitlichen Unternehmung zusammengeschlossene Gruppe früher
selbständiger Unternehmungen zu bezeichnen, die kartellistische
Zwecke verfolgen und somit ein mehr oder weniger monopolistisches
Gepräge tragen. So wird der Begriff jetzt meist in der amerikani-
schen Literatur und Rechtsprechung bestimmt: "the trust .. means
industrial monopoly"; und genauer: Trust is "a combination of a
sufficient number of plants to secure practical control over the supply
35*
550 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses

and thus over the price". (Eliot J ones) Übrigens gibt es auch in
Amerika zahlreiche "Trusts", auf die diese Begriffsbestimmung nicht
paßt, die vielmehr einfach als Konzern oder als Fusion zu kenn-
zeichnen sind.
Eine etwas verschiedene Systematik der Vereinigungsformen ergibt
sich, wenn wir sie als Wirkungen des Ahienerwerbs oder Aktientausches
betrachten; siehe darüber die Ausführungen im 47. Kapitel.
551

Zweiter Abschnitt
D ie Bewegungsformen des wirtschaftlichen
Prozesses
Quellen und Lite:raJ,ur
I. Konkurrenz
1. Allgerneineß und Leistungskonhurrenz:
Eine die Konkurrenz als Ganzes verstehende, das.,.heißt sie als not-
wendigen Bestandteil des kapitalistischen Wirtschaftssystems in ihren
verschiedenen Erscheinungsformen würdigende Literatur gibt es meines
Wissens nicht.
Dagegen ist viel über das "Konkurrenzprinzip" geschrieben worden
unter sozialphilosophischen, allgemeinsoziologischen und sozialpolitischen
Gesichtspunkten. Siehe die Bibliographie bei Park und Burgeß, Intro-
duction to the Science of Sociology (1921), 562-570 und vgl. L. v. Wiese,
Artikel "Konkurrenz" im HSt. 5 4•
Die Nationalökonomen haben sich für das Problem der Konkurrenz
vor allem unter dem wirtschaftspolitischen Gesichtspunkte interessiert.
Dafür ist das klassische Muster die Darstellung bei A d. Wagner, Grund-
legung3 5. Buch 2. Kapitel 2. Abschnitt. Ausführlich werden dargestellt:
1. die günstigen Folgen der freien Konkurrenz, 2. die bei ihr hervortreten-
den Übelstände, dann folgt 3. Abwägung der Vorzüge und Nachteile nebst
Reformvorschlägen. Vgl. zur Ergänzung etwa noch den auf den gleichen
Ton abgestimmten Rieb. T. Ely, Evolution of Industrial Society (1905)
P. II. Ch. I und II und die dort aufgeführte Literatur, ferner G. Schmoller,
Grundriß, 500ff.; I. F. Schär, Allgemeine Handelsbetriebslehre I2 (1913),
235ff., sowie das amüsante Buch von Benno Jaroslaw, Ideal und Ge-
schäft (1912), worin offenbar aus großer Sachkenntnis heraus die Knüfe
und Pfiffe der Leistungskonkurrenz verraten werden.
Neuerdings ist eine gute Gesamtdarstellung des Konkurrenzproblems,
allerdings unter besonderer Berücksichtigung der Suggestions- und Gewalt-
konkurrenz in den Vereinigten Staaten, von dem National Industrial Con-
ference Board in New York veröffentlicht worden unter dem Titel: Public
Regulation of Competitive Practices. 1925.
2. Suggestionskonhurrenz (Re/dame):
In Betracht kommt die allgemeine Literatur über Suggestion, sowie
diejenige über praktische Psychologie, soweit sie sich mit dem Wirtschafts-
leben beschäftigt. Siehe die oben auf Seite 367 unter III. 1 genannten
Schriften, die meist auch von der Beeinflussung der Käufer handeln.
552 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen P~ozesses

Die besondere Literatur über Reklame ist in den 25 Jahren, die ver-
gangen sind, seitdem ich diese Erscheinung dem nationalökonomisch-sozio-
logischen Denken einzufügen versucht habe, ins Unübersehbare ange-
wachsen. Die damals im Entstehen begriffene "Reklamewissenschaft" hat
sich zu einer allgemeinen "Werbewissensohaft" ausgewachsen und bean-
sprucht heute Fachleute zu ihrer Beherrschung. Es muß genügen, wenn
ich auf einige hervorragende, zusammenfassende Darstellungen des Pro-
blems hinweise.
Das Riebtwerk ist V. Mataja., Die Reklame. 4. Auflage 1927.
Andere wissenschaftliche Werke der neuen Zeit aus der deutschen
Literatur sind: Gerb. [Link], Propaganda., Agitation, Re-
klame, 1923; Ludw. König, Psychologie der Reklame, 1924 (aus dem
[Link]-Institut); Kurt Tb. Friedländer, Der Weg zum Käufer. Eine
Theorie der praktischen Reklame. 2., verbesserte Auflage. 1926.
Mehr dem Bedürfnis der Praktiker dient das "Handbuch der Reklame",
2 Bände, 1925. I. Handbuch, II. Adreßbuch.
Schon früh und mit besonderer Vorliebe hat sich die Wissenschaft mit
dem Problem der Reklame in den Vereinigten Staaten beschäftigt. Bereits
Tb. Veblen widmet ihr in seiner Theory of Business enterprise (1905)
einen Abschnitt (S. 55ff.) und führt weitere Literatur an. Aus der neueren
Literatur erwähne ich Harry Tipperand others, Advertising its prinoiples
andpractice, 2. ed., 1921; Edw. L. Bernays, Crystallizing public opinion,
1923, wo auch die ökonomische und psychologische Seite der Reklame
behandelt wird, während das Werk von Otto Kleppner, Advertising
procedure (1925) nur die Technik des Anzeigenwesens umfaßt.
Das Thema. der Reklame bildete den Verhandlungsgegenstand der
37. Jahresversammlung der American Economic [Link] (1924). Die
sehr interessanten Referate und Aus prachen sind mitgeteilt in dem Supple-
ment des Vol. XVI der American Economic Review. March 1925. Vgl. die
unter 1. genannte Veröffentlichung desNational Industrial Conference Board.
Aus der neuerenfranzösischen Literatur ragt hervor: G. Albuchez,
La. :J?~blicite [Link] et son röle economique, 1923.
.Altere Literatur siehe in dem genannten Buch von V. M a t a ja und
in seinem Artikel "Reklame" im HSt. 6 4 sowie bei J. J. Kaindl, Biblio-
graphie der deut8chen Reklame-, Plakat- und Zeitungsliteratur, 1918.
3. Gewaltkonlcurrenz:
Hier kommt vor allem das umfangreiche Schrifttum in Frage, das sich
mit den großen amerikanischen Gesellschaften und Konzernen beschäftigt.
Die beste Quelle sind die amtlichen Enqueten: Report of the Industrial
Commission, 19 Vol., 1900-1902 und Report of the Commissioner of
Corporations, 1905-1913. Dazu vgl. Tb. W. Lawson, Frenzied Finance, in
Every BodysMagazin, 1904; W. J. Ghent, Mass and Class, 1904; Ch. VII:
The Reign of Graft; C. Mencke, Die Geschäftsmethode der Standard
Oil Company, 1908; Tb. Duimchen, Monarchen und Mammonarchen,
1908; Gustavus Myers, History of the Great American Fortunes,
3 Vol., 1911 (siehe die Bemerkung auf Seite 4); Tb. Vogelstein, Die
finanzielle Organisation der kapitalistischen Industrie usw. im GdS. Abt. VI.,
Quellen und Literatur 553

zuerst 1910, 2. Aufl., 1925; Fri tz Kes tner, [Link]. 1912. Eine
Untersuchung über die Kämpfe zwischen Kartell und Außenseiter nament-
lich in Deutschland; William S. Stevens, Iudustrial Combinations and
Trusts, 1913, Ch. XII. Eliot Jones, The TrustProblem in the U. S., zuerst
1922, pag. 65, et passim. Public Regulation of Competitive Practices, 1925.
II. K o n j unkt ur
Das Schrifttum ist unübersehbar. Übersichten über die Literatur
findet man in den Artikeln "Krisen" im HSt., in den Sehr. d. VfSP. Bd. 105,
bei P. Mom bert, Einführung in das Studium der Konjunktur. 2. Aufl. 1925.
Eine vollständige und geordnete Bibliographie fehlt und wäre zu wünschen.
Ich gebe im folgenden einen bündigen Überblick über die wichtigsten Er-
scheinungen:
1. Materialsammlungen: a) Amtliche Enqueten sind vornehmlich in
Jj}ngla:nd veranstaltet worden: Report (Commons Committee) on Commercial
Distress, 1848; Report of the Royal Commission appointed to inquire
into the Depression of Trade and Industry, 2 Vol., 1886.
Wichtig sind auch die verschiedenen Bankenqueten, z. B. der Jahre
1848 und 1858.
b) Amtliche und halbamtliche, statistische Obersichten sind erst
in neuerer Zeit gemacht worden: in Deutschland die Veröffentlichungen
des "Wirtschaftdienstes", der Frankfurter Zeitung ("Wirtschaftskurve"),
des Statistischen Reichsamts (die Zeitschrift "Wirtschaft und Statistik",
"Die weltwirtschaftliche Lage Ende 1925"); in den Vereinigten Staaten:
die Publications des National Bureaus of Economic Research, des Harvard-
Committee on Economic Research u. a.
c) Private Arbeiten: D. Morier Evans, The commercial crisis 1847/48.
2. ed. 1849; idem, The History of the Commercial Crisis 1857/58 etc., 1859.
Beide Schriften enthalten sehr wertvolles Material auch über die Schick-
sale einzelner Unternehmungen. Max Wirth, Geschichte der Handels-
krisen. 3. Aufl. 1883. Die von mir herausgegebenen Untersuchungen des
VfSP. Band 105-112. M. von Tugan-Baranowski, Studien zur Theo-
rie und Geschichte der Handelskrisen in England. 1901. Auch theoretisch
wertvoll. Mentor Bouniatian, Geschichte der Handelskrisen in Eng-
land 164(}.-1840. 1908. Verworren, aber sehr eingehend. Jean Lescure,
Des crises generales et periodiques de surproduction. 2. ed. 1910. Be-
schreibend. J. Eßlen, Konjunktur und Geldmarkt 1902-1908. 1909.
A. Aftalion, Les crises periodiques de surproduction. 2 Vol. 1913.
Statistisch. Arthur Feiler, Die Konjunkturperiode 1907-1913 in
Deutschland. 1914. W esley Clair Mitchell, Business Cycles. 1913.
Hervorragend. An Mitchells Werk knüpfen zahlreiche Schriften in den
Vereinigten Staaten an. Unter ihnen sind besonders beachtenswert: A. H.
Hausen, Cycles of Prosperity and Depression in the U. S., Great Britain
and Germany. 1921. 0. Ligh tner, History of Business Depressions. 1922.
Eine gute Übersicht gewährt auch das genannte Buch von P. Mombert.
Tokuzo Fukuda, "La cyclicite" de la vie economiquc et de la politique
economique eclairee par l'exemple de l'evolution [Link] de 1898 a 1925
[Link] ses rapports avec l'etranger. Journal des Economistes. Avril 1926.
554 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses

2. Allgemeine theoretisChe lliteratur:


a) Dogme7UJeschichte: E. v. Bergmann, Geschichte der national-
ökonomischen [Link]. 1895. N. Pinkus, Das Problem des Nor-
malen in der Nationalökonomie. 1906. Wal ter Fischer, Das Problem
der Wirtschaftskrisen im Lichte der neuesten nationalökonomischen
Forschung. 1911.
b) Die H erau.sbildu7UJ der Kanjunktur- (Krisen-) Theorie erfolgt im Ver-
laufe des 19. Jahrhunderts. Die Erörterungen beginnen mit den Theorien
über den Absatz: siehe die oben Seite 470 genannten Schriften; sie bleiben
dann eine Zeitlang stecken im banktechnischen Problem; bis sie schließlich
zur Festlegung der richtigen Grundgedanken vordringen: l. Es handelt
sich nicht sowohl um eine Krisen- als eine Konjunkturtheorie. 2. Die Kon-
junkturen sind exogenen oder endogenen Ursprungs. 3. Die Expansions-
konjunktur besteht in Aufschwung und Niedergang; der Grund des Auf-
schwungs ist Steigerung der Kaufkraft; der Grund des Zusammenbruchs
der Hausse ist eine verschieden geartete Disproportionalität. Den Ab-
schluß dieser Entwicklung bringen die Verhandlungen des VfSP. in Harn-
burg im Jahre 1903.
c) Dieneuere lliteratur enthält-soweit sie nicht hinter den Erkenntnis-
stand von 1903 zurückgeht- zahlreiche Aufhellungen in einzelnen Punkten,
fördert aber wesentlich neue theoretische Erkenntnisse nicht zutage und
hat ihr Verdienst in der Zusammenfassung der Erscheinungen unter dem
allgemeinen Gesichtspunkt der "Konjunktur" und (teilweise) in der Ver-
tiefung der methodologischen Grundlagen. Recht gut ist Dennis Holme
Robertson, A Study of Industrial Fluctuation, 1915, und der beste
Abschnitt in G. Cassels Theoretischer Sozialökonomik ist der über
die Konjunktur (Buch IV). Außerdem sind von zusammenfassenden Dar-
stellungen noch zu nennen: J. Schumpeter, Die Wellenbewegung des
Wirtschaftslebens, im Archiv Band 39 (1914/15). Ern. Hugo Vogel, Die
Theorie des volkswirtschaftlichen Entwicklungsprozesses und das Krisen-
problem. 1917. W. Röpke, Die Konjunktur. 1922. Aug. Uhl, Arbeits-
gliederung und Arbeitsverschiebung. 1924. Emil Lederer, Konjunktur
und Krisen, im GdS. IV, 1 (1925). Art. Krisen im HSt. (immer noch [1925!],
statt Konjunktur; der Art. Konjunktur fehlt wahrhaftig!). Rudolf
Stucken, Theorie der Konjunkturschwankungen. 1926. Adolf Löwe,
Wie ist Konjunkturtheorie überhaupt möglich? Weltwirtscb. Archiv.
24. Band, Heft 2. Oktober 1926.
3. Unter den Spezialproblemen ragt hervor die Frage nach dem Zu-
sammenhang zwischen Edelmetall- (Gold-) Produktion und Expansionskon-
junktur. Die Literatur darüber ist zum Teil dieselbe, die den Zusammenhang
zwischen Goldmenge und Kredit und Goldmenge und Preisen behandelt,
und ist von mir bei der Betrachtung jener Erscheinungen zum Teil schon
erwähnt worden (siebe oben Seite 149). Ich trage noch folgende Schriften
nach: Sehr gründlieb untersucht den Einfluß der kaliforniseben und austra-
lischen Goldfunde auf die Konjunkturge3taltung namentiich in England
das inhaltreiche Werk von R. Hogarth Patterson, The new golden
age, 2 Vol., 1882. Beachtenswert sind die Aussagen von Marshall vor det
Quellen und Literatur 555
Gold- und Silberkommission 1887 und vor aem Indian Currency Com-
mittee 1898. Vgl. dazu Schumpeter, Rechenpfennige, im Archiv 44,
688ff. 692. K.n. Wicksell, Geldzins und Güterpreise. 1898. A. Spiethoff,
Die Quantitätstheorie insbesondere in ihrer Verwertbarkeit als Hausse-
theorie, in den Festgaben für Ado 1ph Wagner. 1905. Gegnerisch. Irving
Fischer, The purchasing power of money. Zuerst 1911. Sir D. Barbour,
The influence of gold supply on prices anu profits. 1913. Verschiedene Auf-
sätze (vonEugen Varga, R. Hilferding, Otto Bauer u. a.) in derNeuen
Zeit. XXX. 1912/13. XXXI. 1913. DazuKarl Kautsky, Die Wandlungen
der Goldproduktion und der wechselnde Charakter der Teuerung. Er-
gänzungsbeft zur Neuen Zeit. Nr. 16. 1913. Eine ausführliebe Auseinander-
setzung mit den Quantitätstheoretikern und ihren Gegnern enthält das
Buch des "vermittelnden" B. M. Anderson, The Value of money. 1917.
Eine kritische Darstellung meiner eigenen Theorien gibt Marianne Herz-
feld, Die Geschichte als Funktion der Geldbewegung (zum Problem der
inflationistischen Geschichtstheorie [ !]) im Archiv Bd. 56. 1926. Vgl. den
Artikel "Quantitätstheorie" im HSt. (Al tmann).
Eine große Hoffnung ist der schon lange angekündigte, aber bisher
(Anfang 1927) noch nicht erschienene Band 149 der Schrüten des VfSP,
der den verheißungsvollen Titel trägt: "Der Einfluß der Golderzeugung
[Link] die Preisbewegung 1815-1913" und dessen Herausgabe in den be-
währten Händen Artbur Spiethaffs liegt.
III. Gleichförmigkeit
In der hier beliebten Fragestellung ist das Problem in der national-
ökonomischen Literatur noch nicht behandelt worden.
Vielfach haben sich die Philosophen mit dem Problem der "Gleich-
förmigkeit in der Welt" befaßt. Siehe zum Beispiel das unter diesem Titel
1916 erschienene Werk von Karl Marbe, aus dessen Schule noch andere
Arbeiten zu dem gleichen Thema hervorgegangen sind.
Das hier aufgeworfene Problem berührt sich mit dem Problem der
sozialen, insonderheit wirtschaftlichen "Gesetzmäßigkeit". Siehe über
diese die zusammenfassende Studie von Franz Eulenburg in der Er-
innerungsgabe für Ma.x Weber Band I, 1923, und vgl. meine Ausfüh-
rungen über aie Gesetzmäßigkeit bei Karl Marx in meinem Werke: Der
proletarische Sozialismus. 1924. Band I, Kapitel 15.
556

Vierunddreissigstes Kapitel
Die Konkurrenz
l. Es entsprach, wie wir wissen, dem Geiste der vorkapitalistischen,
aber auch noch der frühkapitalistischen Wirtschaft, der Betätigung
der Wirtschaftssubjekte im Verkehr mit andern Wirtschaften Bindungen
aufzuerlegen, sie überindividuellen Normen zu unterwerfen, den freien
Wettbewerb auszuschließen. Alles, was die Ausschaltung der andern
Wirtschaft zum Ziele hatte, alles Unterbieten im Preise, alle Maßregeln
die den Kundenfang und die Kundenabtreibung zum Zwecke batten,
waren strengstens verpönt.
Die kaufmännische Sitte entsprach diesen Anschauungen: alle
Kaufmanns- und Handlungsbücher bis ins 19. Jahrhundert hinein
warnen ihre Leser vor den Versuchungen der Konkurrenz: "Wende
keinem seine Kunden ab, denn was du nicht willst, daß m an dir thun
soll, das tbu einem andern auch nicht"; so schreibt der vielgelesene
M a r p e r g e r. Die andern wiederholen es.
Ja, selbst die bloße Geschäftsanzeige hatte noch im 18. Jahrhundert
gegen den Widerstand der öffentlichen Meinung sowie gegen die kauf-
männischen Anschauungen von Schicklirltkeit und Anstand zu kämpfen.
Die Geschäftsmoral gebot vielmehr mit aller Entschiedenheit,
ruhig in seinem Geschäft der Kundschaft zu harren, die aller Voraus-
sicht nach sich einstellen mußte. So schließt D e f o e seinen Sermon
mit den Worten: "and then with God's blessing and his own care, he
may expect his share of tradf' with his neighbours" . Und der Maß-
besucher im 18. Jahrhundert "wartet Tag und Nacht seines Gewölbs
wol ab".
Siehe die ausführliche Darst ellung im sechst en Kapitel des zweiten
Bandes dieses Werkes.
2. Dem hochkapitalistischen z ~ita~ter bleibt es vorbehalten, mit
dem kapitalistischen Geiste auch dem "Konkurrenzprinzip", wie wir
es nennen, zum Siege zu verhelfen.
Dieses Prinzip, das wir auch als Machtprinzip oder Willkürprinzip
bezeichnen könn en, folgt aus der naturalistischen Grundeinstellung
Vierunddreißigstes Kapitel: Die Konkurrenz 557
des ~apitalistischen Geistes von selbst. Sein Sinn ist bekannt: Die
Wirtschaft fängt jeden Tag neu an; es gibt kein dauerndes Sein, nur
beständiges Werden, keine festen Formen, nur ein unausgesetztes
Fließen, keine Überlieferung, nur Neugestaltung. Schöpfer des ewig
N euen sind die einzelnen Wirtschaftssubj ekte, ihrem Wollen allein ver-
dankt die Wirtschaft ihr Dasein. Jedes Wirtschaftssubjekt ist auf sich
selbst gestellt, "es tritt kein anderer für ihn ein", es muß dabei sein,
wenn es etwas erlangen will. Jeder erobert sich täglich seine Stellung
von neuem und verteidigt sie allein gegen Angriffe. Jeder hat die volle
Freiheit, seine Kraft, seine Macht zu betätigen; sein Herrschaftsgebiet
reicht soweit, als er es sich selbst abzugrenzen vermag. Objektive
Grenzen der persönlichen Willkür setzt nur das Strafgesetzbuch. Er-
laubt ist, was rentabel ist.
Aber wenn nun auch der Grundgedanke des Konkurrenzprinzips ein-
fach ist, so ist damit nicht gesagt, daß er sich nun auch in der gleichen
Form betätige. Was wir Konkurrenzwirtschaft nennen, also ein V erhalten
der Wirtschaftssubjekte, das dem Konkurrenzprinzip gemäß ist, er-
scheint keineswegs in einer und derselben Gestalt. Deshalb müssen
wir uns erst noch genauere Kenntnis verschaffen von den Formen,
Arten, Möglichkeiten der Konkurrenz selbst.
3. Ich glaube, daß man d r e i T y p e n c e r K o n k u r r e n z
unterscheiden muß, um der Mannigfaltigkeit des Verhaltens der Wirt-
schaftssubjektebei ihrer Betätigung auf dem Markte gemäß dem Kon-
kurrenzprinzip gerecht zu werden. Ich will sie als
a) Leistungskon1.-urrenz,
b) Suggestionskonkurrenz,
c) Gewaltkonkurrenz
bezeichnen.
a) DieLeistungs k o n k ur r e n z ist "Konkurrenz" im eigent-
lichen, engeren, man kann auch sagen idealen Sinne, wenn man unter
Konkurrenz dem Wortsinn gemäß Wettbewerb versteht. Das heißt;
ein "Mit-einander-um-die-Wette-Laufen", bei dem einer der Sieger
bleibt. Das Bild ist aus dE'r Arena genommen. Preisrichter ist "das
Publikum". Die Leistung, deren Feststellung gilt, ist die beste und
billigste Lieferung von Waren und Diensten. Der Preis ist die Aus-
zeichnung durch den Kauf.
Zweileilos ist dieser Wettbewerb für den Aufbau des modernen
Wirtschaftslebens nicht ohne Bedeutung gewesen. Und zweifellos ist
auch ein großer Teil der Folgen eingetreten, die seine Befürworter
558 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses

- die Freihandelsleute und ":M:anchestermänner" - in Aussicht gestellt


haben. Wie die Einrichtung des Pferderennens zur Hebung der Pferde-
zucht beiträgt, so hat die "freie Konkurrenz" zur Hebung des Wirt-
schaftslebens beigetragen, indem sie die einzelne Wirtschaft anspornte
zu höheren Leistungen: Verbilligung oder Verbesserung der zu liefemden
Ware durch Vervollkommnung der Technik oder der Organisation.
"Hätte die elektrische Glühlampe nicht das gewöhnliche Gaslicht zu
verdrängen gE-droht, so wäre man jedenfalls nicht so schnell zum Gasglüh-
licht, zum Auerbrenner gelangt; und wäre dadurch nicht die Gasbeleuch-
tung gegenüber der elektrischen Beleuchtung so außerordentlich verbilligt
worden, so wären wir heute vielleicht noch nicht im Besitze der modernen,
elektrischen Metallfadenlampe, die den älteren Lampen gegenüber weniger
als die Hälfte des Stromes verbrauchen. Der scharfe Wettbewerb führte
weiterhin dazu, daß eine Reihe von Lampen auftauchten, die den anfangs
bei der Metallfadenlampe vorhandenen Übelstand beseitigten, daß der
Faden leicht durch Erschütterung zerstört wurde." G. v. Hanffstengel,
Technisches Denken und Schaffen 2 (1920), 175.
Nur soll man die Wirkung der "freien Koukurrenz" nicht über-
schätzen. Sie ist immer nur ein Faktor von nebensächlicher Bedeutung
für den Kapitalismus gewesen. Dieser hatte genug eigene Triebkraft
im Leibe, um auch ohne das Reizmittel der freien Konkurrenz zum
Ziele zu kommen.
Daß auch beim "freien Wettbewerb" allerhand Kniffe angewendet
worden sind, um eine Leistung vorzuspiegeln, die nicht da war, versteht
sich von selbst. Bei Wettkämpfen i:1 der Arena ist es nicht anders.
Und mancher Wettlauf ist gewiß ein Wettlauf zwischen dem Hasen
und dem Swinegel gewesen. Soweit dies ins Moralische abführt, geht
es uns hier nichts an. Das Streben, auch mit geringeren Leistungen
obzusiegen, hat aber auch sehr wichtige wirtschaftliche Folgen ge-
habt. Ihm ist die Entwicklung zum Surrogat, der wir noch unsere
Aufmerksamkeit werden schenken müssen, ebenso wie zum Schund-
und Ramschgeschäft zum guten Teil zu danken: man verkaufte minder-
wertige oder fehlerhafte oder untergewichtige und d a r u m billigere
Ware. Und der souveräne Preisrichter, das p. t. Publikum, merkte es
nicht, merkte nicht, daß die Garnrolle darum statt 10 Pfennige nur
8 kostete, weil sie statt 1000 nur 800 Yards enthielt usf.
Immer bleibt bei der Leistungskonkurrenz die Fildion aufrecht-
erhalten, daß das Publikum, sachkundig und unbeeinflußt, allein be-
stimmt, wer Sieger im Wettbewerb auf dem Markte bleibt, ausschließ-
lich den Leistlmgen gemäß. Die Wettbewerber hätten dabei auf nichts
Vierunddreißigstes Kapitel: Die Konkurrenz 559

anderes zu achten, als die besten Leistungen zu vollbringen und hätten


auf die Preisrichter, das Publikum, im übrigen keinerlei Rücksicht zu
nehmen. Wie der Läufer oder der Diskuswerfer in der Arena.
Nun bleibt es aber nicht immer bei dieser rein sachlichen Haltung
des Konkurrenten. Er weiß, daß das Publikum - zumal, wo es aus
Frauen besteht, wie der Regel nach im Verkehr mit letzten Ver-
brauchern - beeinflußt werden kann auch durch andere als rein sach-
liche Erwägungen, und so kommt es zu einer ganz anderen Form des
Wettbewerbs, derjenigen, die ich
b) die S u g g e s t i o n s k o n k u r r e n z nenne. Hier will der
Konkurrent auf das Urteil des Kunden nicht nur durch seine
Leistungen wirken, sondern strebt, ihn auf andere Weise für sich ein-
zunehmen, indem er dessen selbständiges Denken, die eigene Über-
zeugungs- und Entschlußfähigkeit möglichst auszuschalten sucht, in-
dem er zwangsweise die von ihm beabsichtigten Vorstellungsweisen und
Gefühlstöne im andern zu erwecken trachtet, indem er diesem mit
einem Wort den Kauf "suggeriert".
Diese Suggestionskonh.'lliTenz hat es mm offenbar gegeben, seit-
dem Verträge abgeschlo;:;sen sind, jedenfalls immer, wo ein Händler
Waren feilgeboten hat. Der gute Händler, der geschickte Verhandler
ist eben immer derjenige gewesen, der die größte suggestive Kraft be-
saß, wie ich das an anderem Orte ausführlich dargetan habe. Auch in
die strenge Ordnung des vor- und frühkapitalistischen Wirtschafts-
lebens wird sich im persönlichen Verkehr diese spezifische Händler-
tätigkeit eingeschlichen haben, und mancher Ritter wird sein Schwert,
manches Edelfräulein wird sein Schmucktäschchen, gebannt durch
die Überredungskünste des Verkäufers, erworben haben.
Kam die Entpersönlichung, die Versachlichung oder Vergeistung
aller wirtschaftlichen Beziehungen tmd mit ihr die Versachlichung oder
Vergeisttrog der Suggestionskonkurrenz. Für die versachlichte Sug-
gestionskonkurrenz haben wir ein Wort, daR heute in aller Munde ist:
Reklame.
Die Aufgabe der Reklame besteht darin, auf einen unbekannten
Käuferkreis, das ist eben das "Publikum", suggestiv in der Richtung
einzuwirken, daß es sich für einen bestimmten Konkurrenten ent-
scheidet. Gegenüber der persönlichen Suggestion hat sich der Auf-
gabenkreis der Reklame insofern erweitert, als das Opfer der Über-
redungskünste erst gewonnen, erst aus Tausenden heraul'!geholt werden
mnß. Zu diesem Behufe muß die Reklame ztmäcbst darauf ausgehen,
560 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses

die Aufmerksamkeit auf einen besonderen Fall hinzulenken. Das ge-


schieht durch allerhand Reizungen, die auf die Sinne, namentlich das
Auge, ausgeübt werden.
Da dasselbe von einer immer wachsenden Schar von Konkurrenten
versucht \'rird, so folgt daraus die [Link], immer stärkere
Reizmittel anzuwenden, um überhaupt erst einmal beachtet zu werden.
"Der heutige Kaufmann und Industrielle ist sich bewußt, daß er
nicht allein, sondern zahlreiche Konkurrenten und außerdem Millionen
anderer Gewerbetreibenden aller möglichen Branchen in der gleichen
Zeitung, auf der gleichen Straße ihre Anzeigen veröffentlichen. Weiter
weiß er auch, daß jeder einzelne, an den er sich richtet, noch etwas
anderes zu tun hat, als gerade dieses oder jenes Inserat zu lesen. Will
deshalb jemand, der eine Anzeige veröffentlicht, daß sie auch gelesen
wird- und das ist doch von jedem normalen Menschen anzunehmen - ,
so ist er geradezu gezwungen, diese Veröffentlichung in einer Weise
zu veranlassen, daß der von Zehntausenden von Eindrücken über-
stürmte als Konsument in Frage kommende Einzelne trotzdem auf
jene Anzeige aufmerksam wird und sie liest."
Aber mit dem Auffallen ist es nicht getan. Das Gesehene oder Ge-
lesene muß sich dem Leser oder Beschauer einprägen; er muß es in
seinem Gedächtnis "behalten". Diesem Zwecke dienen wiedernm be-
sondere Mittel der Reklame, vor allem die Wiederholung. Aber auch
die einprägsame Fassung des Textes oder Bildes. Das Suchen nach
seltsamen Namen gehört hierher.
Selbstverständlich muß der Inhalt der Reklame die Anpreisung sein,
die wegen der Kürze der Zeit, die für die Beeinflussung des voraus-
sichtlichen Käufers zur Verfügung steht, sich in wenigen schlagwort-
mäßig ausgestoßenen Superlativen zur höchstmöglichen Wirksamkeit
zu steigern sucht.
Voraussetzung aller erfolgreichen Reklame ist der Schwachsinn der
großen Masse, die sich tatsächlich suggestiv beeinflussen läßt und doch
offenbar wirklich Dinge beim Kauf oder Besuch bevorzugt, die es in
der angedeuteten Weise hat anpreisen sehen oder hören. Würde das
Publikum auf die Reklame so reagieren, wie es der Verständige tut:
daß es nämlich die angepriesenen Dinge gerade n i c h t kauft, so würde
die Nutzlosigkeit der Reklame bald eingesehen sein und diese ihr Ende
erreicht haben. Aber von dieser Seite her droht ihrem Bestande keine
Gefahr. Wohl aber trägt sie in sich selber eine gewisse Tendenz zur
Auflösung, sofern bei immer stärkeren Reizmitteln diese schließlich ihre
Vierunddreißigstes Kapitel: Die Konkurrenz 5öl

Wirkung versagen. Wenn alle laut schreien, hört man keinen mehr.
Und es scheint, als ob whklich hier und da auf diesem Wege über die
Übersteigerung die Reklame sich selber überwunden habe. (Wenn
Theater, Kinos, Warenhäuser kollektive Anzeigen machen.) Doch im
großen ganzen ist eine Abnahme des Reklamewesens bisher noch nicht
zu verspüren gewesen. In den Vereinigten Staaten, der Geburtsstätte
der Barnums, hat es immer größeren Umfang angenommen, wie in
anderem Zusammenhange, dort, wo ich die Entwicklung des Anzeigen-
wesens (das sich mit dem Reklamewesen überschneidet) darstelle, an
einigen Ziffern erwiesen werden soll.
Hier war nur der "Geist" der modernen Geschäftsreklame zu
würdigen und diese als der Ausdruck einer bseonderen Form der Kon-
kurrenz - - der Suggestionskonkurrenz - zu kennzeichnen. Die Wir-
kungen dieser Suggestionskonkurrenz können niemals wie bei der
[Link] onkurrenz Steigerungen der Leistungen selber sein. Es sei
denn auf dem Umwege einer Ausweitung einzelner Betriebe, auf die
die Suggestionskonkurrenz ihrem inneren Wesen nach vor allem ab-
zielt. Ihr eigentlicher Sinn besteht ja darin, Käufer gerade auch zu
finden o h n e Leistung.
Die Suggestionskonkurrenz beruht immer noch auf dem Grund-
satze des "Konkurrierens" um die Gunst des Käufers. Jedem Wett-
bewerber wird die Freiheit gelassen, sich wirtschaftlich weiter zu be-
tätigen. Diese Freiheit wird nun bei der dritten Form der Konkurrenz,
der Gewaltkonkurrenz, wie wh sie nennen wollen, aufgehoben.
c) Die G e w a 1 t k o n k ur r e n z zielt darauf ab, durch Gewalt-
mittel den Konkurrenten aus zu s c h a 1 t e n. Wollen wir wiederum
ein Beispiel aus der Arena als Vergleich heranziehen, so wäre es der
Fall des Turniers oder seiner .heutigen gemeinen Form, des Boxkampfes,
der hier in Fr~ge käme, nur daß auch der besiegte Ritter oder der
niedergeschlagene Boxkämpfer sich doch wieder erholen und dann
abermals zum Kampfe antreten können, während der vernichtete
Konkurrent als Leiche auf dem Blachfelde zurückbleibt. Also wäre der
blutige Krieg das einzig passende Gleichnis.
Die Gewaltkonkurrenz ist im Zeitalter des Frühkapitalismus die
beliebte Form des , ,Wettbewerbs" gewesen. Was sie jedoch von der
modernen Gewaltkonkurrenz unterscheidet, ist dieses: daß sie ihre
Erfolge mit Hilfe der Staatsgewalt erzielte, während sich die moderne
Gewaltkonkurrenz der Wirtschaftsgewalt bedient. In dieser Form ist
aueh sie wohl in den Vereinigten Staaten von Amerika zuerst auf-
562 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses

getreten. Sie hat hier auch ihre Bezeichnung gefunden als "cut throat
competition", deren Ziel es ist, "to undermine competitors".
Einer der ersten, der die Gewaltkonkurrenz zur Anwendung brachte,
ist Cornelius Vanderbilt, von dem erzählt wird, daß er schon in den
J830er Jahren viele der später beliebt gewordenen Kunstgriffe an-
gewandt habe, seinen Mitbewerbern "den Hals umzudrehen".
Die Gewaltkonkurrenz ist dann namentlich bei den großen ameri-
kanischen Kartellen und nach dem Monopol strebenden Riesenunter-
nehmungen in Übung gekommen und hat sich von da auch über Europa
zu verbreiten begonnen. Die Fülle der Maßnahmen, deren man sich
bedient, um unliebsame Konkurrenten aus dem Wege zu schaffen, ist
erstaunlich. Ich führe ein paar an: Preisüberbietung beim Einkauf:
Standard Oil Company; Preisunterbietung beim Verkauf: Errichtung
von Schleuderläden, sogenannten Cutting shops: engllScher Tapeten-
trust, Standard Oil Company, amerikanischer Tabaktrust, amerikanische
und englische Schuhwarenfabriken. Hierher gehört auch das Vorgehen
des transatlantischen Schiffahrtskartells (1904), das Kampfschiffe laufen
ließ, um die Konkurrenz niederzukämpfen. Ferner: Bestrafung der
Kunden, die von andern als den Kartellmitgliedern beziehen: rheinisch-
westfälisches Kohlensyndikat; Verbot, von anderen zu beziehen. Dann
aber vor allem auch: Unterbindung der Produktion selber durch Sperre
des Materials, der Maschinen, der Arbeitskräfte (wobei zuweilen die
Arbeiter selbst mithelfen), der Verkehrsmittel, des Kapitals und Kredite
u. dgl.
Zusammenfassend hat das Vorgehen der amerikanischen Trusts
ein Urteil des höchsten Gerichtshofs gegen den Tabaktmst im Jahre
1911 mit den Worten gekennzeichnet: "Im Falle der Konl"111renz wurde
jedes menschliche Wesen, das infolge seiner Tatkraft oder seiner Fähig-
keiten dem Trust Ungelegenheiten hätte bereiten können, unbarmherzig
beiseite geschoben."
Die Wirkung der Gewaltkonkurrenz ist häufig die Aufhebung der
Konkurrenz, das heißt das Monopol, bei dem es nur noch einen Kampf
um die Kundschaft insofern gibt, als mehr oder weniger Abnehmer
gewonnen werden. Hier tritt dann die Suggestion, wenn auch nicht
mehr als Suggestivkonkurrenz, wieder in ihr Recht.
563

Fünfunddreissigstes Kapitel
Die Konjunktur
I. Begriff und äußere Gestalt der Expan s ions-
konjunktur
l. Im sechzehnten und siebzehnten Kapitel des zweiten Bandes, wo ich
das Nötige über die Konjunktur im allgemeinen- Konjunktur: "die je-
weilige Gesamtgestaltung der Marktverhältnisse, soweitdiese bestimmend
wird für das Schicksal der Einzelwirtschaft, dassich durchdasZusammen-
wirken innerer und äußerer Ursachen vollendet" - bemerkt habe, habe
ich vor allem auf den Unterschied hinweisen zu sollen geglaubt, der ob-
waltet zwischen der Gestaltung der Konjunktur in vor- und auch noch
frühkapitalistischer Zeit einerseits, im Zeitalter des Hochkapitalismus
andererseits. Wie es dort nur Abwärtsbewegungen, nur Niedergangs-
konjunkturen und damit im Zusammenhang stehende Absatzstockungen,
einfache Absatzkrisen, hier dagegen (neben jenen Detraktionskonjunk-
turen) zum erstenmal in der Geschichte auch Aufwärtsbewegun-
gen, Aufschwungkonjunkturen, Expansionskonjunkturen mit daran
anschließenden Kontraktions- oder Kapital" krisen" gibt.
Die Einsicht in diese Verschiedenheiten des Konjunkturstiles in den
verschiedenen Epochen des Wirtschaftslebens ist grundlegend und Vor-
bedingung für jedes Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge. (Wie-
viel Mißverständnisse hätte man vermeiden können, wenn man zum Bei-
spiel nicht die Torheit begangen hätte, zwischen der gegenwärtigen Welt-
" krisis" und den Expansionskonjunkturen der hochkapitalistischen Zeit
irgendwelche innere Verwandtschaft zu vermuten, die nicht besteht.
Die gegenwärtige Weltkrisis ist eine " einfache" Absatzkrisis, wie sie
im Gefolge jedes größeren Krieges aufgetreten ist, seit es eine markt-
verbundene Verkehrswirtschaft gibt ; der Kapitalismus ist an ihr
völlig unschuldig.)
Vor allem ist der Prozeß in der hochkapitalistischen Wirtschaft
nur richtig in seiner Eigenart zu erfassen, wenn man in ihm jene rhyth-
mische Bewegung erkennt, wie sie sich mit dem Auf und Ab, der Systole
und der Diastole der Expansionskonjunktur ergibt.
So m b a rt, Ho chkapitalis mus U . 36
5G4 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses

2. Überblicken wir den Zeitraum des Hochkapitalismus, so be-


merken wir in den hundert Jahren, die dem Weltkriege vorangehen,
einen immer wiederkehrenden raschen Anstieg der Wirtschaftskurve,
dem ein plötzliches Fallen folgt; ein immer wieder Ins-Unermeßliche-
Hinausstreben und darauf ein Zurückfallen und Erlahmen der Kräfte;
einen Wechsel mit einem Wort von Aufschwungs- und Nieder-
gangsperioden. In den letzten hundert Jahren vor unserer Zeit -
nicht früher. Keinesfalls vor den Napoleonischen Kriegen. Deutlich er-
kennbar, mit allen späteren Zügen, erst im Jahre 1825. DieHöhepunkte
der Kurve liegen danach eine Reihe von Jahrzehnten hindurch ziem-
lich genau in jedem zehnten Jahre: 1836, 1847, 1857, wonach der Ver·
lauf der Konjunkturen unregelmäßig wird, ohne den eigentümlichen
Rhythmus völlig einzubüßen: Hoch-Zeiten fallen in die Jahre 1872/73,
1888/89, 1895/99, 1905/07, 1910/12. Sieht man von den kleineren Be-
wegungen ab, so kann man vier Abschnitte in der hochkapitalistischen
Wirtschaft unterscheiden, in denen der Atem des Ungeheuers in ganz
großen Zügen wahrnehmbar ist:
1822-1842 Niedergang,
1843-1873 Aufschwung,
1874.-1894 Niedergang,
1895-1913 Aufschwung.
Entsprechend der Ausweitung des Kapitalismus hat der Verlauf
des Wirtschaftslebens sich über ein immer größeres Gebiet gleich-
förmig vollzogen, das heißt die Konjunktur hat ein immer inter-
nationaleres Gepräge angenommen.
Man bat in der regelmäßigen Abfolge von Auf-und-Ab-Bewegungen,
von Expansion und Kontraktion das Walten eines Naturgesetzes erblicken
zu sollen geglaubt. Der kluge J evons bat als Erster den Rhythmus der
hochkapitalistischen Wirtschaft mit dem Auftreten der Sonnenflecke in
Verbindung gebracht, eine Hypothese, die von denneueren amerikanischen
Forschern wieder aufgegriffen ist.
Andere haben die zehnjährige Dauer der Konjunkturperiode aus der
zehnjährigen Lebensdauer der Eisenbahnschienen hergeleitet; so wohl als
Erster 1\larx, neuerdings D. H. Ro bertson (a. a. 0. S. 39f.).
Gegen alle diese Konstruktionen ist zunächst einmal geltend zu machen,
daß eine auch nur ungefähre Regelmäßigkeit in der Wiederkehr der Auf-
scbwungszeiten jedenfalls seit 1857 nicht mehr besteht.
Von diesem Einwande, der ja zur Widerlegung der genannten Hypo-
thesen schon genügt, abgesehen, spricht gegen diese der Umstand, daß
wir binreichende Erklärungsgründe des Konjunkturverlaufs besitzen, die
weder mit den Sonnenflecken noch mit dem Schienenverschleiß in Ver-
bindung stehen.
Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur 565

2. Wir wollen uns nun den t y p i s c h e n V e r l a u f einer hoch-


kapitalistischen Konjunkturperiode vergegenwärtigen. Die Ziffern ent-
nehme ich derjenigen von 1895-1900 bzw. 1901/02 in Deutschland.
Die Wahrzeichen des A u f s c h w u n g s sind folgende:
(I) raschesSteigen der Preise, namentlich derErzeugnisseder Montan-
industrie, aber auch der Maschinen-, der Haus- und Schiffbauindustrie:
Preise der Steinlco!Ue (trotz Syndikats!) :
Niederschlesische Gas-Stück- Flamm-Förderkohle
und Kleinkohle Saarbrücken
1896 . . . . . 12,6 9,4
1900 . . . . . . 17,1 11,9
Preise des Roheisens ab Werk Düsseldorf:
1896 65,3
1900 . . . . . 101,4
Quelle: Stat. Jahrbuch.
Sauerbecks Index für mineralische Rohstoffe:
1895 62
1896 63
1897 66
1898 70
1899 92
1900 .108
(2) rasches Steigen der Profite:
Nach den Berechnungen von Cal wer (Das deutsche Wirtschaftsjahr
1902, I) betrug die Durchschnittsdividende der Industriegesellschaften
Deutschlands:
1895 7,34%
1896 8,89%
1897 9,32%
1898 9,82%
1899 9,94%
1900 10,96%
(3) rasche Ausdehnung der Produktion der obengenannten Güter:
eine Folge teilweise der eingelegten Überstunden, teilweise der Neu-
einstellung von Arbeitern:
Die Produktion betrug in Millionen Tonnen:
Braun- und Steinlco!Ue alle Bergwerlcserzeugni88e
1894 98,8 115,3
1896 112,5 131,1
1897 120,5 140,5
1898 128,0 148,7
1899 135,8 159,1
1900 149,8 174,7
36*
566 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses

Roheisen sämtliche Hüttenerzeugnisse


(Millionen Tonnen): (Millionen Tonnen):
1894 . . 5,4 6,3
1896 . 6,4 7,4
1898 . 7,3 8,4
1900 . . 8,5 9,7
Quelle: wie oben.
Der Eisenbedarf, in Roheisen umgerechnet, beziffert sich nach der
Statistik des Vereins deutscher Eisen- und Stahlindustrieller, auf den Kopf
der Bevölkerung in Kilogramm:
1895 71,9 1898 105,8
1896 . . . . . 90,1 1899 128,0
1897 . . . . . 104,1 1900 131,7
Die BelegsChaft betrug Köpfe:
Bergwerksindustrie Hüttenindustrie
1894 426781 46858
1895 430155 47401
1896 445048 50080
1897 471203 54855
1898 497340 55411
1899 526184 61268
1900 570078 59664
Quelle: wie oben.
(4) rasche Zunahme der Neugründungen:
Es wurden gegründet Aktiengesellschaften:
1894 92 mit 88,3 Millionen Mark Kapital
1895 161 " 250,7 " "
1896 182 " 268,6 "
1897 254 " 380,5 " " "
1898 329 " 463,6 " " "
1899 . . . . . 364 " 544,4 " " "
Berechnungen von Christians im "Deutschen Ökonomist".
(5) rasche Kurssteigerung der Dividendenpapiere und wilde Speku-
lation auf dem Aktienmarkte:
Die Reichsstempelabgabe für Wertpapiere erbrachte bei Gleichheit
der Erhebungssätze vom 27. April 1894 bis 14. Juni 1900:
1894 9,0 Millionen Mark
1895 15,5
1896 15,0
1897 15,9 "
1898 18,5 "
1899 17,9
" "
1900 21,1 "
"
Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur 567

(6) rasche Vermehrung der Umsätze:


Die Umsätze an den Abrechnungsstellen betrugen:
1895 . . . . . . 18,0 Millionen Mark
1900 . . . . . . 30,0 " "
Der Ertrag der Wechselstempelsteuer stieg von 8,1 Millionen Mark im
Jahre 1894 auf 13 Millionen Mark im Jahre 1900, das heißt auf den Kopf
der Bevölkerung berechnet von 15,8 auf 23,2 Mark.
Quelle für (5) und (6): wie oben.
Der Beginn des N i e d e r g a n g s macht sich in einem plötzlichen
Halt der Aufwärtsbewegung in all den bedeuteten Richtungen be-
merkbar, die sich alsobald in eine Rückwärtsbe"fegung verwandelt.
Ich führe auf allen in unsere Betrachtung einbezogenen Gebieten die
Ziffern für das erste Jahr der Kontraktion (1901, in einzelnen Fällen
schon 1900, in anderen 1902) an.
(1) Preissturz:
Steinkohle: Die Preise der deutschen Kohle fallen - dank dem Fall-
schirm des Kartells - von 1900-1903 nur ganz unmerklich; dagegen
türzen die Preise der englischen (Zusatz-) Kohle in Harnburg sofort beim
Beginn des Niederganges um verschiedene Grade. West Hartley Steam-
Koble (grobe) kostete ab Bord Harnburg die Tonne:
1900 22,4 Mark
1901 17,4 "
1902 16,7 "
Roheisen:
Gießereieisen bestes Gießereieisen
ab Werk Breslau ab Werk Düsseldorf
1900 . . . . . . . 90,7 101,4
1901 . . . . . . . 66,5 76,9
Der Sauerhecksehe Index number für mineralische Rohstoffe betrug:
1900 . . . . . . 108
1901 . . . . . . 89
(2) Verringerung oder Wegfall der Dividenden:
Von den im Handbuch der Deutschen Aktiengesellschaften für 1902/03
bearbeiteten 5500 Gesellschaften blieben in dem Geschäftsjahr 1901 bzw.
1901/02
1869 Firmen dividendenlos, von denen
1003 mit einer Unterbilanz abschlossen;
866 glichen zwar die Rechnung ohne ein Verlustkonto
aus, verteilten aber ebenfalls keine Dividende.
"Der Verlust wurde hier meistens durch Heranziehung der Reserven,
durch Zusammenlegung des Aktienkapitals oder auch durch Zuzahlungen
bereits vor dem Abqchlussc gedeckt."
568 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses

(3) Einschränkung der Produktion, Entlassung von Arbeitern:


Summe aller Bergwerkserzeugnisse:
Millionen Tonnen
1901 (Höchststand) . . 176,1
1902 . . . . . . . . . 174,9
Roheisen sämtliche Hüttenerzeugnme
Millionen Tonnen Millionen Tonnen
1900 8,5 9,7
1901 . . 7,9 9,1
Belegschaft:
in der in der
Bergwerksindustrie Hüttenindustrie
1901 . . . . . 612781 (1899) 61268
I 902 . . . . . 608 872 58730
(4) Abnahme der Neugründungen: es wurden gegründet
1899 364 mit 544 Millionen Mark [Link]
1900 261 " 340 " " "
1901 158 " 158 " " "
1902 87 " 118 " " "
(5) Kursrückgang der Dividendenpapiere, Zusammenbruch der Spe·
kulation:
Die Reichsstempelabgabe für Wertpapiere betrug bei gleichem Er-
he bungssa tz:
1900 . . . 21,1 Millionen Mark
1901 . . . 14,5 " "
(6) Verringerung der Umsätze:
Ertrag der Wechselstempelsteuer:
Einnahme
Millionen Mark auf den Kopf
der Bevölkerung
1900 . . . 13,0 23,2
1901 . . . 12,4 21,8
1902 . . . 12,1 21,0
Quelle, soweit nichts besonderes vermerkt: Stat. Jahrbuch.

II. DieinnerenZusammenhänge der Expansions-


konjunktur
1. Der Aufschwung
Da nach der hier vertretenen Ansicht letzte Ursachen sozialen Ge-
schehens immer nur Beweggründe (Motive) frei handelnder Menschen
sein können, so müssen wir den tiefsten Grund auch der Erscheinung
der Expansionskonjunktur in irgendwelcher Seelenverfassung oder
Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur 569

irgendwelchem Seelenvorgang der Wirtschaftssubjekte, also der kapi-


talistischen Unternehmer suchen. Der Seelenvorgang, der den An-
stoß zur Expansionskonjunldur gibt, ist aber kein anderer als der in
unserer Wirtschaftsepoche immer wirkende U n t er n eh m u n g s -
d r a n g , der wohl eine Zeitlang - während der Tiefdruckzeiten -
schlummern kann, der aber doch immer wieder erwacht und nun zu
neuen Taten drängt. Dieser Unternehmungsdrang, der immer als Wille
zum Erwerbe erscheint, äußert sich sowohl bei den industriellen und
kommerziellen Unternehmern wie bei den Kreditgebern, den Banken,
die einer dem andern Mut zusprechen. Man ist der stillen Zeiten müde.
Hoffnungsfreudige Stimmungen kommen wieder auf. Man will endlich
wieder etwas wagen.
Aber freilich: wir dürfen nicht außer acht lassen, daß dieses Wieder-
erwachen des Unternehmungsgeistes von einer ganzen Reihe von Er-
scheinungen und Vorgängen in der Umwelt begleitet ist, die ihm günstig
sind. Es erfolgt zur rechten Zeit. Der Optimismus der Geschäftswelt,
aus der das Neue geboren werden soll, wurzelt fest in den Zeit-
umständen, die alle zusammentreffen, um ein Gelingen neuer Unter-
nehmungstaten zu verbürgen. Unter diesen den neuerwachenden Unter-
nehmungsgeist anregenden, bestärkenden, steigernden Zeitumständen
verdienen unsere Aufmerksamkeit zunächst alle diejenigen, die
man unter der Bezeichnung g ü n s t i g e P r o d u k t i o n s b e d i n -
g u n g e n zusammenfassen kann. Das sind vornehmlich folgende:
(1) der niedrige Zinsfuß. Dieser ermutigt:
a) zur Ausweitung der Produktion bei gegebenen Preisen;
b) zur Herstellung gewinnbringender Dauergüter, die bei gegebenen
Preisen höheren Ertrag liefern und
c) [Link] Anlagen teuer sind, daher beim Verkauf Gewinn verheißen.
Hierher gehören Verkehrsmittel, Industrieanlagen, Mietshäuser, deren
Herstellung ganz besonders vom Zinsfuß (der Hypotheken!) ab-
hängig ist.
Was aber bewirkt den niedrigen [Link]ß 1
(I) nicht, wie man wohl gesagt hat, die angehäuften "Ersparnisse";
denn diese sind nicht vorbanden, da in unserer mcdernen Wirtschaft
nicht eigentlich "gespart" oder "aufgespeichert", sondern jeder poten·
tielle Kapitalbetrag sofort "angelegt" wird, wie wir wissen.
(II) Vielmehr liegt der Hauptgrund des niedrigen Zinsfußes in dieser
Art der "Anlage" in Tiefdruckzeiten, in denen wohl festverzinsliche
Papiere, aber keine Aktien ausgegeben werden. Das heißt: der größte
570 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses

Teil des potentiellen Kapitals wird vom Rentenfonds aufgesogen und


verhindert, Kapital zu werden. Infolgedessen wird weniger gearbeitet,
und die Profitrate ist niedrig. Infolgedessen auch der Zinsfuß.
(III) Wenn in diesen Zeiten der Flaute, in denen wegen mangelnden •
Wagemuts die Nachfrage nach Kapital gering ist, in die Zentralnoten-
banken noch große Massen Gold einströmen, wie es seit der Mitte des
19. Jahrhunderts in wachsendem Maße der Fall war (siehe die Züfern
oben Seite 204ff.), so wird abermals ein Grund des niedrigen Zinsfußes
geschaffen.
Die Bewegung des Diskontsatzes in den Jahren, die der hier als Typ
gewählten Aufschwungsperiode vorausgehen, war nach den Angaben des
Stat. Jahrbuchs folgende:
Satz der nationalen Banken Satz im freie:n V erleehr
(Bankdiskont) (Privatdiskont)
England Deutschland Frankreich London Berlin Paris
1890. 4,54 4,52 3,00 3,71 3,78 2,6
1891. 3,32 3, 78 3,00 1,50 3,02 2,63
1892. 2,52 3,20 2,69 1,33 1,80 I, 75
1893. 3,05 4,07 2,50 1,67 3,17 2,25
1894. 2,11 3,12 2,50 1,69 1,74 1,63
1895. 2,00 3,14 2,10 0,81 2,01 1,63
Dann beginnt die Steigerung.
Ähnlich anreizend wie der niedrige Zinsfuß wirkt auf den Unter-
nehmungsgeist (der eine Preissteigerung voraus sieht)
{2) der niedrige Preisstand aller Waren, vor allem der Rohstoffe
und Halbfabrikate, zumal in der Dauergüterindustrie.
Der Index Sauerbecks gibt folgende Ziffern für die Zeit vor der
1890er Aufschwungsperiode an:
Nahrungsmittel Rohstoffe
(Mittel) mineralische textile verschiedene Durchschnitt
1890 . . 73 80 66 69 71
1895 . . 64 62 52 65 60
Dazu kommt häufig
(3) der niedrige Arbeitslohn.
So sanken die Arbeitslöhne der Bergarbeiter in den letzten Jahren
vor dem Aufschwunge wie folgt:
0 her bergam ts bezirk Staatswerke Bezirk
Dortmund bei Saarbrücken Aachen
Mark Index Mark Index Mark Index
1891 4,08 79,1 4,21 102,4 3,56 80,0
1892 3,87 75,0 4,23 102,9 3,28 73,7
1893 3,71 71,9 3,83 93,2 3,18 71,5
1894 3,73 72,3 3,68 89,5 3,15 70,8
Fiinfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur 571
Die Maurerlöhne betrugen in Dresden:
Mark Index
1890 . . . . . 36 80,0
1893 . . . . . 34 75,6
Nach den Erhebungen Kuczynskis.
Alle die genannten Umstände, die Spiethoff wohl im Auge hat,
wenn er von "Stockungskräften" spricht, gewährleisten nun aber nur
dann einen Profit, wenn die unter so günstigen Bedingungen her-
gestellten Güter oder Anlagen auch wirklich ihrer erhofften Bestimmung
zugeführt werden. Damit der Unternehmungsgeist sich betätige, muß
auch die Aussicht bestehen, daß dies der Fall sein werde. Und deshalb
muß zu den bisherigen Bedingungen noch hinzukommen als ein den
Unternehmungsgeist (und was immer dazu gehört: die Neigung, Kredit
zu gewähren) anregendes und steigerndes Moment diepräsumtive
Au s w e i tu n g d e s Ab s a t z e s. Eine solche Ausweitung läßt sich
auf verschiedene Weise denken und ist in den verschiedenen Auf-
schwungsperioden denn auch wirklich auf verschiedene Weise er-
folgt. Die wichtigsten Fälle sind folgende:
(1) die Erschließung neuer Märkte in fremden Ländern. DieseForm
der Absatzerweiterung bat namentlich für die ersten Expansions-
konjunkturen des Jahrhunderts eine große Bedeutung gehabt, während
später immer mehr in den Vordergrund rückte
(2) der Umbau und Neubau des technischen Apparates der Volks-
wirtschaft infolge neuer Erfindungen. Hier lassen sich drei Etappen
unterscheiden, die die Aufschwungszeiten in drei große Gruppen gliedern.
Bis in die 1870er Jahre hinein handelt es sich um die Einführung der
Dampfmaschine, die zunehmende Maschinisierung der Industrie und
Landwirtschaft und - vor allem - den Bau der Eisenbahnen; die
große Aufsch"\VIlllgsperiode der 1890er Jahre wird begleitet durch die
zunehmende Elektrisierung der Beleuchtung, der Verkehrsmittel und
der Industriebetriebe, den Übergang zum Eisen- und Stahlschiffbau
(der schon früher begonnen hatte) und die Einführung der Großgas-
maschine in Bergbau und Industrie; in der letzten Zeit, etwa von
1907 ab, kommen die rasche Verbreitung des Automobilismus, der
Luftschiffahrt und der Ölfeuerung hinzu.
Hier ist auch des fördernden Einflusses Erwähnung zu tun, den
eine gute Ernte im eigenen Lande auf den Gang des Wirtschaftslebens
auszuüben vermag. Dieser Einfluß ist besonders groß, wo der Anteil
der landwirtschaftlichen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung sehr
572 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlieben Prozesses

beträchtlich und andererseits der industrielle Kapitalismus schon hoch-


entwickelt ist. Schulfall: die Vereinigten Staaten von Amerika, deren
Expansionskonjunkturen (zu einseitig!) mit Vorliebe auf günstige
Ernten zurückgeführt werden.
Während die Erschließung neuer Märkte und die Erneuerung der
technischen Ausrüstung stoßweise erfolgte, ha.t während der ganzen
hochkapitalistischen Periode ein regelmäßig und sicher sich erweiterndes
Betätigungsgebiet gebildet
(3) der Wohnungsbau, der durch das rasche Anwachsen der Be-
völkerung in den Großstädten notwendig wurde.
Vielleicht läßt sich auch ein Zusammenhang zwischen manchen
Aufschwungszeiten und der Erweiterung der Heeresrüstungen nach-
weisen. Daß die Expansionskonjunktur während des Weltkrieges (die
wohlgemerkt nichts zu tun hat mit der heutigen Weltkrisis, die, wie
ich schon sagte, eine "einfache Absatzkrisis" ist) im wesentlichen durch
die Notwendigkeit, den wachsenden Heeresbedarf zu befriedigen, her-
vorgerufen worden ist, ist bekannt und läßt sich in den Vereinigten
Staaten von Amerika besonders deutlich verfolgen.
Wenn ich oben den niedrigen Preisstand namentlich der Rohstoffe
und Halbfabrikate als einen den Unternehmungsgeist zur Entfaltung
bringenden Umstand bezeichnet habe, so bedeutet es keinen Wider-
spruch, wenn ich nun unter den den Aufschwung mächtig fördernden
Ereignissen die mit ihm sofort einsetzende S t e i g e r u n g d e r
P r e i s e auf allen Produktionsgebieten, auf dem die Aufschwungsgüter
hergestellt werden, namhaft mache. Wie man dort gewinnbringend zu
produzieren hoffte, weil man mit niedrigen Kosten rechnete, so hier,
weil man die fertigen Erzeugnisse teuer zu verwerten sicher ist. Bei
der Wirkung, die die Preissteigerung auf die Unternehmertätigkeit
ausübt, ist die rein gefühlsmä.ßig~irrationale Berauschung durch die
allgemeine Preishausse in Anschlag zu bringen, die auch deshalb noch
mächtiger den Expansionsdrang unterstützt, weil man sie als einen
Dauerzustand in der Folgezeit denkt.
Fragen wir aber, wodurch die Preissteigerung bewirkt wird, so
liegen auch hier die Zusammenhänge offen vor unseren Augen. Es tritt
teilweise sofort mit dem Beginn, teilweise im weiteren Verlauf des
Aufschwungs eine S t e i g er u n g d e r K auf k r a f t ein, die drei
Gründe h11.t:
(1) dieVermehrungder Goldzufuhr, die ihre preissteigernde Wirkung
schon äußert, während der Diskonteatz noch fällt;
Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur 573
(2) die Vermehrung der Kredite, in der sich recht eigentlich die Ver-
änderung der Wirtschaftslage äußert;
(3) die Vermehrung der Nachfrageinfolge einer ersten Mehrproduk-
tion an einer Stelle.
Mit dieser letzten Bemerkung ist unsere Untersuchung über die
Gründe des Aufschwungs schon zu der Betrachtung des zweiten Teiles
des Problems fortgeschritten: zu der Betrachtung der Wirkungen
nämlich, die der wiedererwachte Unternehmungstrieb im Gefolge hat.
Unter diesen Wirkungen kommt als wichtigste in Betracht die rasche
Steigerung der Produktion einer ganz bestimm-
ten Art von Gütern, auf die ich schon bei der Symptomatologie
der Expansionskonjunktur 1..·urz hingewiesen hs:~.tte, und über deren
Natur wir uns jetzt noch genauere Kenntnis verschaffen müssen.
Worauf die spekulative Produktion- und zunächst ist die Produk-
tion, die eine Aufschwungsperiode einleitet, durchgängig spekulativ -
vor allem ihr Augenmerk richtet, ist die Erzeugung dessen, was ich
an o r g an i s c h e D a u er g ü t er genannt habe. Unter ihnen ragen
die rententragenden Güter hervor. Dieses können "Anlagen" in der
üblichen Bedeutung des Wortes sein, wie Bahnen, Beleuchtungsanlagen,
Kraftwerke; aber auch rententragende Güter, die wir nicht gut als
"Anlagen" bezeichnen können, wie Mietshäuser, Schiffe u. dgl.
Ferner kommeu aber als solche anorganischen Dauergüter, auf die
sich die Produktion stürzt, auch letzte Gebrauchsgüter in Betracht,
wie Fahrräder, Automobile, Flugzeuge. In ihrer Beziehung zum Kon-
junkturproblem können wir diese Güter auch p r i m ä. r e A u f-
s c h w u n g s g ü t e r nennen.
Der Ausdruck zur Bezeichnung dieser bevorzugten Güterart, die ich
anorganische Dauergüter zu nennen vorschlage, steht nicht fest. Offenbar
haben die neueren Krisen- oder Konjunkturtheoretiker, wenigstens die-
jenigen, deren Ansichten Beachtung verdienen, sämtlich dieselben Güter,
die ich eben aufgezählt habe, im Auge. Sie benamsen sie aber ganz ver-
schieden. Der eine spricht von "Erzeugungs- undlangdauernden Nutzungs-
anlagen", der andere von "Gütern des mittelbaren Verbrauchs und
Ertragsgütern" (Spiethoff). Das ist einerseits zu eng, da. auch letzte
Konsumtionsgüter in Frage kommen, andererseits nicht scharf genug
in der Unterscheidung, da Ertragsgüter doch auch Güter des mittelbaren
Verbrauchs sind; falls aber unter diesen nur Produktionsmittel verstanden
werden sollen, ist es keine glückliche Zusammenstellung, da es sich
zunächst darum handelt, nur die erzeugten Fertiggüter zu nennen. Ein
'Zweiter spricht von "Erweiterungsindustrien" und "Produktionsmittel-
industrien", deren Ausweitung den Aufschwung zunächst hervorrufen
574 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses

sollen. Ist zu unbestimmt (zu eins), zu eng (zu zwei). Ein dritter spricht
von "Industrien zur Erzeugung des festen Kapitals" (Cassel). Ist zu
eng. Mir scheint, diesen Benennungen gegenüber ist mein Ausdruck der
beste, da er den Kreis der zu bezeichnenden Güter nicht zu weit und
nicht zu eng abgrenzt.
Die Engländer (z. B. Ro bertson) sprechen von Constructional In-
dustries im Gegensatz zu Consumptive Industries. Zum Teilliegt übrigens
bei den verschiedenen Autoren eine Vermengung der primären und sekun-
dären Aufschwungsgüter vor.
Die zweite Gruppe von Gütern nämlich, deren Erzeugung aus-
geweitet wird, sind nun die .für die Herstellung jener Güter der ersten
Gruppe erforderlichen P r o du k t i o n s m i t t e I. Es sind die Er-
zeugnisse der Maschinenindustrie (soweit die Dauergüter nicht selbst
in dieser hervorgebracht werden) und folglich der Montanindustrie,
deren Erzeugnisse aber auch ohne den Umweg über die Maschine von
der Dauergüterindustrie nachgefragt werden (Panzerplatten, Schiffs-
schrauben, eiserne Träger usw.), und folglich des Bergbaues. Daneben
aber auch Baumaterialien, wie Ziegel, Zement, Kalk. Wir wollen sie
sekundäre Aufschwungsgüter nennen.
Die Ausweittmg der Produktion der Güter der ersten und zweiten
Gruppe führt nun aber- das ist vielleicht die Hauptsache - zur Neu-
anlage von meist großdimensionierten Werken der Montan-
industrie, der Baumaterialindustrie und des Bergbaues, in denen die
benötigten Produktionsmittel her~estellt werden, sowie von Werken, in
denen einzelne Güter der ersten Kategorie erzeugt werden, wie Schiffs-
werften, Fahrrad-, Automobilfabriken usw. Es ist eine wichtige, der Be-
achtung werte Tatsache, auf die Casse! besonders aufmerksam macht,
daß im Hochschwang der Gefühle, wie sie die Aufschwungsperiode
mit sich bringt, weniger genau gerechnet wird, auch weniger rentable
Anlagen gemacht werden, angesichts vor allem des niedrigen Zins-
fußes. Ja - es werden unrentabel gewordene Betriebe des Bergbaues,
der Hüttenindustrie wieder in Gang gesetzt, weil die Produktion, dies-
mal angesichts der steigenden Preise, wieder als lohnend erscheint.
Die interessanteste Frage in dem ganzen Konjunkturproblem, die
meist gar nicht gestellt und fast in1mer ungenügend beantwortet wird,
ist nun die: W i e i s t d i e p 1 ö t z 1 i c h e n a c h h a 1 t i g e A u s -
w e i t u n g d e r P r o d u k t i o n m ö g 1 i c h 1 Diese Frage nach den
Bedingungen der Expansion führt uns von selbst zu der Würdigung
der eigentümlichen Lage, in der sich gerade die von der Aufschwungs-
konjunktur bevorzugten Produktionszweige befinden, und damit zu der
Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur 575

Lösung des Rätsels, warum die Ausdehnung immer nur in dieser


einen Richtung - der anorganischen Dauergüter- erfolgt
und nur e rf o l g e n k a n n.
Da. müssen wir uns besinnen, welches die Bedingungen für das
Funktionieren der kapitalistischen Wirtschaft überhaupt sind. Wir
lernten als solche die Beschaffung von Kapital, Arbeitskräften und
Absatz kennen. Wenn wir jetzt nach den Bedingungen einer starken
und plötzlichen Ausweitung der Wirtschaft fragen, so heißt das also
nach den Bedingungen fragen, unter denen eine starke und plötz-
liche Vermehrung des Kapitals, der Arbeitskräfte und der Absatz-
gelegenheiten möglich ist. Wodurch die letzte Bedingung erfüllt wird,
wenn eine Aufschwungsperiode beginnt, habe ich schon dargetan, als
ich von den Reizungen sprach, die der Unternehmungsgeist erfährt.
Bliebe die Frage nach der Kapital- und Arbeiterbeschaffung offen, die
wir nunmehr zu beantworten versuchen müssen. Und zwar ist zu trennen
die Frage nach der Geldkapital- und die nach der Sachkapital-
beschaffung.
Offensichtlich ist nun zunächst die B e s c h a f f u n g d e s G e 1 d -
k a p i t a 1 s allen denjenigen Wirtschaftsstellen, die recht eigentlich
als die Sitze des Aufschwungs zu betrachten sind, leicht; leichter als
anderen, und allen gleich leicht, obwohl die Formen, in denen ihnen
Kapital zugeführt wird, verschieden bei den verschiedenen Wirt-
schaften ist. Ein Teil wird durch Aufnahme von öffentlichen Anleihen
finanziert, wie städtische Anlagen ; ein anderer Teil erhält sein Kapital
durch Ausgabe von Aktien, Obligationen und Pfandbriefen, wie Eisen-
bahnen, Kanalbauten, der Wohnungsbau, die Werften, die Werke der
Montanindustrie und des Bergbaues, der Maschinenindustrie lL'!W. Allen
fließt ein weiterer Betrag auf dem Wege des Produktionskredits zu,
den die Banken gewähren. Der Grund aber, warum gerade an diese
Stellen, die Vollzugsstätten des Aufschwungs, mehr und leichter Kapital
hinfließt als an übrige Stellen der Volkswirtschaft, ist ebenfalls ein-
leuchtend: sie genießen entweder das Prestige der öffentlichen Unter-
nehmungen, oder sie sind Aktiengesellschaften, alle aber sind große,
kreditwürdige Werke. Es ist oft darauf hingewiesen worden, daß ins-
besondere der Bankkredit leichter gewährt wird an Aktiengesellschaften
und um so reichlicher und williger, je größer sie sind.
Die Beschaffung des S a c h k a p i t a. 1 s ist aber der Aufschwungs-
industrie deshalb leicht, leichter als anderen, weil ihre Urstoffe nicht
durch Anbau, sondern durch Abbau gewonnen werden, nicht aus dem
576 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses

Einkommen, sondern aus dem Vermögen der Gesellschaft stammen,


deshalb aber jederzeit in beliebiger Menge herbeigeschafft werden
können. Das gilt vor allem für die Her1..-unft der anorganischen Ur-
stoffe - Kohle, Erze, Kalk, Ton, Steine -, aus denen im wesentlichen
die Aufschwungsgüter aufgebaut werden. Es gilt aber auch in be-
grenzterem Umfange für denjenigen Werk- oder Hilfsstoff, den auch
die sonst anorganischen Dauergüter bei ihrer eigenen Herstellung oder
bei der Herstellung ihrer Produktionsmittel nicht ganz entbehren
können: das Holz, da dieses, wie wir wissen, während der hochkapita-
listischen Epoche ebenfalls großenteils den vorhandenen Beständen
entnommen wird. Die Entwicklung der V erkehrsmittel ist eine weitere
Voraussetzung für die rasche Ausweitungsmöglichkeit dieser Industrien,
soweit sie an die Beschaffung des Sachkapitals gebunden ist.
Man begreift nun auch, wenn man diese sachliche Grundlage der
plötzlichen Industrieausweitung erkannt hat, warum es vor dem 19. Jahr-
hundert keine Expansionskonjunktur geben konnte.
Aber es konnte sie auch deshalb früher nicht geben, weil die dritte
Bedingung ihrer Entstehung noch nicht erfüllt war: die rasche
V er m eh r b a r k e i t d e r L o h n a r b e i t e r s c h a f t. Diese aber
ist bewirkt worden durch eine Reihe von Umständen, die wir alle
ebenfalls kennen. Zunächst nämlich durch die Umstellung des Arbeits-
prozesses, die gerade wiederum im Bereiche der Aufschwungsindustrie
in weitestem Umfange die Verwendung ungtllcrnter und angelernter
Arbeitskräfte möglich gemacht hat. Wichtige Zweige der Produktions-
mittelindustrie, wie der Kohlen- und Erzbergbau, die Eisengewinnung,
die Erzeugung von Zement und Ziegeln, das Fällen der Bäume sind
von vornherein solche gewesen, die vorwiegend ungelernte Arbeiter
beschäftigt haben. Nun ist aber natürlich - unter sonst gleichen Um-
ständen - die Zahl der Ungelernten und Angelernten rascher ver-
mehrbar als die der geschulten Arbeiter. Kommt dazu, daß, wie wir
wissen, im allgemeinen der Zustrom von Arbeitskräften während der
hochkapitalistischen Epoche immer reichlicher geworden ist. Teils
wegen des Anwachsans der Zuschußbevölkerung, teils wegen der Zu-
nahme der Überschußbevölkerung. Die Beweglichkeit der Arbeits-
kräfte, wie sie die Vervollkommnung der Verkehrsmittel bewirkt hat,
ermöglicht es, die Arbeiterschaft an einzelnen Stellen plötzlich zu ver-
mehren, indem man sie von verschiedenen Punkten heranzieht. Da
letzten Endes aller Aufschwung, das heißt also alle plötzliche Aus:
weitung des Wirtschaftskörpers nichts anderes bedeutet als Mehr-
Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur 577

arbeit, die meist auch soviel wie Beschäftigung von Mehrarbeitern ist,
so ist dieser Umstand der leichten Beschaffung eines zusätzlichen
Arbeitermaterials wohl der bedeutendste für das Zustandekommen
einer Expansionskonjunktur. Wenn beispielsweise die Vereinigten
Staaten das klassische Land dieser Konjunkturen sind, so hat das
(unter anderen) seinen sehr begreiflichen Grund in dem Zustrom von
Arbeitskräften, den die Einwanderung bewirkt.
2. Der Niedergang
Die Ursachen, die den Niedergang herbeiführen, sind sämtlich in den
Vorgängen des Aufstiegs enthalten: es sind auaschließlich innere, keine
äußeren Gründe, die ihn veranlassen. Der Niedergang könnte nicht
eintreten, wenn der Aufschwung nicht vorhergegangen wäre. Wie der
Katzenjammer nicht möglich ist ohne den Rausch. Der Krankheits-
erreger ist endogenen, nicht exogenen Ursprungs, wie ich es genannt
habe. Um den Ursachen des Niedergangs auf die Spur zu kommen,
brauchen wir deshalb die Zusammenhänge der Hausse nur sehr genau
zu betrachten und in ihrer Bedeutung zu würdigen. Wir werden dann
auf ganz bestimmte Mängel der Entwicklung stoßen, die den Keim
des Übels, das ist der Rückschlag, im Schoße tragen. Welche sind das 1
Die Antwort auf diese Frage wird verschieden lauten (ohne dem
Sinn nach verschieden zu sein), je nachdem wir die Dinge kapitalistisch
oder naturalwirtschaftlich betrachten. Kapitalistisch gesehen kommt
es zu einem Abbruch der Aufwärtsbewegung, weil zwischen den ver-
schiedenen Bestandteilen des Kapitals: zwischen festem und um-
laufendem Kapital einerseits, zwischen Bachkapital und Geldkapital
andererseits ein schädliches Mißverhältnis eintritt. Es beginnt an um-
laufendem Kapital, insonderheit an Geldkapital zu fehlen. Nicht an
Kapital schlechthin, wie einzelne Krisentheoretiker, darunter Cassel
(556 ff.), meinen. Kapital im Zustande des festen Kapitals ist gewiß
in Überlülle vorhanden, aber im Verhältnis zu diesem wird das um-
laufende (Geld-) Kapital unzulänglich. Der Grund dieser Knappheit
liegt vor allem in der unausgesetzten Steigerung der Umsätze: der
Vermehrung der bedurften Rohstoffe und Halbfabrikate, dem An-
schwellen der Arbeitslöhne. Dazu kommt, daß, wie wir wissen, die
wirtschaftliche Aufschwungsbewegung von einer Spekulationsbewegung
an der Börse begleitet zu sein pflegt. Diese beansprucht ebenfalls in
wachsendem Umfange Geld, das der Kapitalverwendung verloren geht.
Warum hilft aber der Kredit nicht immer weiter aus 1 Weil er an
578 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses

die uns bekannte Schranke stößt, die er nicht durchbrechen oder über-
steigen kann, ohne den Bestand des gesamten Kreditbaues zu gefährden;
siehe oben Seite 179ff. Die Weite des Kreditspielraums wird, wie wir
ebenfalls wissen, letzten Endes durch die Menge des Goldes bestimmt.
Dadurch, daß diese anwächst, wird die Grenze des Kredits immer
wieder hinausgeschoben und die verhältnismäßige Weite der Aus-
dehnung, die das Wirtschaftsleben während der Aufschwungsperiode
erfährt, ist ja eben durch die vermehrte Goldzufuhr bewirkt worden;
siehe oben Seite 19lf; 204f. Aber die Expansionslust steigert sich
rascher, als die Goldzufuhr wächst, und damit erreicht die Kredit-
gewährung jenen Punkt, an dem sie ihrerseits nicht mehr ausgedehnt
werden kann. Schon während der letzten Jahre des Aufschwungs fängt
der Kredit an, immer "teurer" zu werden, wodurch den schwächeren
Unternehmungen wachsende Schwierigkeiten bereitet werden, bis der
Augenblick eintritt, in dem weder Geld (für Spekulationszwecke) noch
Geldkapital (für produktive Zwecke) auf dem Markte mehr aufzu-
treiben ist. Das bedeutet für immer mehr Geschäfte die Unfähig-
keit, ihren Verbindlichkeiten nachzukommen, bedeutet die ersten
Rückschläge in der Kette der Nachfrage.
Nun hat sich aber mittlerweile hinter dem Geld- und Kreditschleier
ein anderes Mißverhältnis herausgebildet: ein Mi ß v e r h ä 1 t n i s
dieses Mal zwischen den verschiedenen Wirkungskreisen des Wirt-
schaftslebens, genauer: z w i s c h e n rl g n P r o d u k t i o n s -
I eistun g e n verschiedener Pr o d u k t i o n s z w e i g e. Auf
der einen Seite ist eine "Überproduktion" entstanden, weil die Produk-
tion sich hier rascher ausgedehnt hat als auf anderen Gebieten. Welches
sind die Wirtschaftskreise, in denen die Gütererzeugung rascher- und
damit zu rasch - gewachsen ist? Nun, es sind eben die Industrien,
in denen die Aufschwungsgüter erster und zweiter Ordnung hergestellt
werden, Industrien, die in dem einen Punkte übereinstimmen, daß sie
im wesentlichen auf anorganischer Grundlage ruhen und deshalb, wie
wir sahen, einer plötzlichen Ausweitung fähig sind. Das aber ist eben
die Gütererzeugung auf den Gebieten der organischen Produktion
nicht. Nicht also die Land- und Forstwirtschaft, soweit sie auf Anbau
ruht, nicht diejenige Industrie, die Agrarprodukte verarbeitet, wie
namentlich die Textilindustrie. Auf diesem Gebiete vermag also die
Produktion nicht im gleichen Schrittmaße voranzuscbreiten wie in
der anorganischen Industrie und im Bergbau, und deshalb muß sich
mit Notwendigkeit nach Verlauf einiger Zeit ein 1\lißverhiiltnis zwischen
Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur 579
den LeistUiigen der einen und der anderen Gruppe einstellen. Und
dieses Mißverhältnis bezeichnen wir eben als Überproduktion auf der
einen, Unterproduktion auf der anderen Seite. Es sind zu viele Bahnen ,
Elcktrizitätsanlagcn, Schiffe, Automobile, dann aber auch Mengen von
Eisen, Kohle, Ziegeln, Zement, Häusern und zu wenig Kleider und nament-
lich zu wenig Lebensmittel vorhanden. Die Gesellschaft kann die zur
Erzeugung der Aufschwungsgüter abgeordneten Arbeitermassen nicht
mehr ernähren und kleiden.
Diese D~sproportionalität zwischen den Produktionsmengen
der organischen und der anorganischen Produktionszweige,
auf die ich bereits im Jahre 1903 hingewiesen habe (wie ich glaubte als
erster; mittlerweile habe ich mich überzeugt, daß bereits Marx den Ge-
danken geäußert hat, freilich ohne ihm eine tragende Bedeutung im Auf-
bau seiner Krisentheorie beizumessen), halte ich für diejenige Tatsache,
die für die gesamte Gestaltung der Konjunktur, insbesondere für den Ein-
tritt des Niedergangs entscheidend ist. Sie läßt sich auch statistisch leicht
erweisen.
Beweismaterialliefern z. B. die von Cassel (473) berechneten Transport-
ziffern für Amerika. Hier vermehrte sich während der Hochkonjunktur von
1894-1907 die Tonnenzahl des Güterverkehrs von 1310 auf 1796 Millionen
Tonnen, das ist um 37 %. Dagegen vermehrte sich diejenige für alle an-
organischen Güter um ein mehrfaches, nämlich um folgende Prozentsätze:
Koks 75, Erze 92, Steine 54, Schienen 42, Maschinen 49, Stabeisen und
Bleche 76, Zement, Ziegel und Kalksteine 58, Wagen und Werkzeuge 48.
Wir können vor allem ziffernmäßig feststellen, daß sowohl
die Land\ irtschaft wie die Textilindustrie von den Ex-
pansionskonjunkturen völlig unberührt bleiben.
Zum Belege zunächst noch eine Ziffernreihe, die wiederum Cassel
(476/77) zusammenstellte. Während die Arbeiterschaft Schwedens in den
anorganischen Produktionsindustrien große Schwankungen aufweist:
1896-1900: Zunahme um 29,5%,
1900--1902: Abnahme " 5,1 %,
1902-1907: Zunahme " 12,9%,
1907-1909: Abnahme " 10,0%,
verläuft die Kurve der Arbeiterzahl in den übrigen Industrien fast ohne
jeden Rhythmus: langsam ansteigend.
Während sich in der oft herbeigezogenen Periode von 1895-1901
die anorganische Industrie Deutschlands in Krämpfen windet, wie wir
das statistisch festgestellt haben, weiß weder die Landwirtschaft noch die
Textilindustrie von irgendeinem manisch-depressiven Zustande; sie gehen
ihren Gang, unbeirrt um die Vorgänge rings um sie herum. Ebensowenig
ändert sich etwas in der Einfuhr von Lebensmitteln, von der man denken
könnte, daß sie den Ernährungsspielraum gemäß dem industriellen Auf-
schwung auszuweiten beigetragen hätte. Die Ziffern (aus dem Stat. Jahr-
buch) sind folgende:
Sombart, Ho chkapitalismus II.
580 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses

Produktion (Millionen Tonnen):


Roggen Weizen Kartoffeln
1895. 7,7 3,2 37,8
1896. 8,5 3,4 32,3
1897. 8,2 3,3 33,8
1898. 9,0 3,6 36,7
1899. 8,7 3,8 38,5
1900. 8,6 3,8 40,6
1901. 8,2 2,5 48,7
Einfuhr (Millionen Tonnen):
Roggen Weizen Kartoffeln
1895 1,0 1,3 0,1
1896 1,0 1,7 0,2
1897 0,9 1,2 0,2
1898 0,9 1,5 0,2
1899 0,6 1,4: 0,2
1900 1,0 1,3 0,2
1901 1,0 2,1 0,1
Einfuhr nach Deutschland in Tonnen:
Baumwolle Schafwolle
1895 300887 183302
1896 2814:89 170245
1897 302469 163294
1898 357025 176805
1899 330728 177 644:
1900 313155 138114
1901 332879 150171
Fällt die Zeit der höchsten Expansion in den anorganischen Pro-
duktionszweigen mit einer Mißernte zusammen, so äußert sich die Un-
verhältnismäßigkeit der Produktionsleistungen plötzlich und verhängnis-
voll: es kommt zu einem jähen Zusammenbruch des Kreditbaues und
recht eigentlich zu dem, was man eine Wirtschaftskrise nennt. Das war
zum Beispiel der Fall in England im Jahre 1847, als eine Mißernte im
Lande mit einer Mißernte in Baumwolle zusammentraf.
"There has been a general concurrence of opinion among the witnesses
examined before your Committee, that the primary cause of the distress
was the deficient harvest, especially of the potatoe crop, in the year 1846
and the necessity of providing the means of payment in the year 1847,
for the unprecedented importations of various descriptions of food which
took place in that year. Among other causes the deficient supply of
cotton, the diversion of capital from its ordinary employment in com-
mercial transactions to the construction of railways, the undue extension
of credit, especially in our transactions with the East, and exaggerated
expectations of an enlarged trade, have been stated, by some of the
witnesses, as having contributed to the same result. Your committee see
no reason to doubt that these causes have in different degrees, in different
Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur 581
parts of the country, produced the effect thus ascribed to them." First
Report (Commons Commit tee) on Commercial Distress. Vgl. Evans,
Commercial Crisis 1847/48. S. 53/54.
Andererseits können besonders gute Ernten die [Link] hinaus-
schieben.
Es erübrigt nun nur noch, darzustellen, wieder Zusammen-
b r u c h e r f o l g t , wie die oben aufgezählten äußeren Anzeichen
des Niedergangs innerlich untereinander verbunden sind.
Dort, wo der Aufschwung begonnen hatte, setzt auch der Rück-
schlag ein: in der Erzeugung jener Dauergüter, die ich als primäre
Aufschwungsgüter bezeichnet habe. Mangels Kapitals, genauer: Be-
triebskapitals, werden die Eisenbahnen, Straßenbahnen, Elektrizitäts-
werke, Kanäle, Theater, Mietshäuser nicht weitergebaut, die Um-
wandlung von industriellen Anlagen wird unterbrochen, die schon ge-
plante Neugründung unterbleibt. Damit aber fällt die erste und ent-
scheidende Nachfrage aus. Alle jene Erzeugnisse, die für die Aus-
führung jener Anlagen und Herstellung jener Dauergüter bestimmt
waren, also alle Erzeugnisse der Produktionsmittelindustrie im engeren
Sinne, die Aufschwungsgüter zweiter Ordnung, bleiben unverkäuflich.
Der Stoß wird fortgesetzt. Preissenkungen, Arbeitseinschränkungen,
Arbeiterentlassungen, Zusammenbrüche folgen. Dadurch wird abermals
eine Menge von Kaufkraft ausgeschaltet, bis der gesamte Bau zu-
sammengestürzt ist. Beschleunigt wird dieser Rückbildungs- oder
Schrumpfungshergang dadurch, daß in einem bestimmten Zeitpunkt
die produktiven Anlagen, die zur Mehrproduktion der sekundären
Aufschwungsgüter neu geschaffen waren, und die, solange sie sich im
Bau befanden, selbst wieder Nachfrage gebildet hatten, fertig
werden und nun das A n g e b o t vergrößern.
Die erste Stockung pflegt im Baugewerbe einzutreten. Wohl aus
zwei Gründen: weil hier der Abbruch der Tätigkeit am leichtesten erfolgen
kann, und weil das Baugewerbe auf die kunstvollste Weise finanziert ist.
Weil aber das Baugewerbe das größte Gewerbe ist, übt sein Verhalten
auf dem Markte den größten Einfluß aus und bestimmt geradezu die
Konjunktur. In sehr einprägsamer Weise schildert dieses entscheidende
Eingreifen des Baugewerbes und die weiteren Folgen dieses ersten Stoßes
Artbur Feiler in seiner Studie über die Konjunkturperiode 1907-1913
in Deutschland (1914) Seite 25f.: "Die Teuerung der Lebenshaltung, die
Teuerung der Waren und insbesondere der Rohstoffe und die Teuerung
des Geldes zwangen zum Rückgang der Konjunktur (sc. 1907). Und die
letzte vor allem und mit zwingender Gewalt. Die Einschränkung der
Bautätigkeit machte den Anfang. Denn hier wirkte die fortgesetzt
wachsende und schließlich zur Unmöglichkeit werdende Schwierigkeit,
87*
582 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses

Hypotheken und Baugelder zu beschaffen, geradezu prohibitiv; sollen


doch allein in Berlin am 1. Juli 1907 über 100 Millionen Mark fällige
Hypotheken unreguliert geblieben sein, die zur Subhastation der be-
liehenen Häuser führten, soweit nicht Bankgelder zu drückendsten Be-
dingungen über die Verlegenheit zeitweise hinweghalfen. Diese Stockung
der Bautätigkeit führte zu einem Rückgang des Trägerverbrauchs (in den
drei Monaten September, Oktober und November betrug der Versand
des Stahlwerksverbandes an Trägern nur noch 332371 Tonnen gegen
474357 Tonnen gleichzeitig 1906) und bald zu einer Erschütterung des
Eisenmarktes überhaupt. Schon in den ersten Monaten des Jahres 1907
zeigte sich hier eine Zurückhaltung der Käufer, die man zunächst mit
der Unsicherheit über die Verlängerung des Stahlwerksverbandes erklären
wollte. Als aber am 30. April der Verband nun wirklich in zwölfter Stunde
wieder zustande gekommen war, schwand diese Zurückhaltung nicht,
sondern sie verschärfte sich nur; die Preise, namentlich für Stabeisen
und Bleche, sanken fortgesetzt, und auch der Stahlwerksverband mußte
dem schließlich Rechnung tragen, indem er seine Formeisen- und Halb-
zeugpreise um 10 Mark herabsetzte; auch die Roheisenpreise sind um
annähernd den gleichen Betrag ermäßigt worden - Thomas-Eisen notierte
bei Jahresende 65,60--66,40 gegen etwa 75 bei Jahresbeginn -, der
Rückgang der weiterverfeinerten Eisenwaren aber war (verhängnisvoll
namentlich für die auf den Kauf von Halbzeug angewiesenen "reinen"
Werke) sehr erheblich größer, er betrug in den Hauptartikeln schon 40%
und darüber.
Mitten aus der stärksten Arbeitsüberlastung, aus der stärksten Nach-
frage heraus ist der Rückgang gekommen; während die Werke noch auf
Monate hinaus mit Aufträgen versehen waren, sahen sie sich plötzlich
einer Stockung im Eingange neuer Aufträge, einem Aufhören des weiteren
Bestandes gegenüber - die Erweiterungen, zu deren Ausführung die
Werke selbst ihre besten Kunden gewesen sind, waren zu Ende, der
Handel mußte angesichts des hohen Geldstandes die teueren Lager zu
verringern suchen, die erhöhte Produktionsfähigkeit der Werke drängte
zu stärkerem Angebot, und wo noch vor einigen Monaten Aufträge nur
unter riesigen Lieferungsfristen hereingenommen wurden, da herrschte
nun ein stürmisches Suchen nach Aufträgen, um die die Werke sich
gegenseitig unterboten."
3. Der Wechsel
Ich habe oben bereits davon berichtet, daß einzelne Konjunktur-
theoretiker eine "Gesetzmäßigkeit" in dem Eintritt der Expansions-
konjunkturen gefunden zu haben glauben. Ich habe dort auch bereits
meine Bedenken gegen diese Ansichten geäußert. Wenn wir während
der hochkapitalistischen Epoche tatsächlich so etwas wie einen Rhyth-
mus der Konjunkturen beobachten können, einen Rhythmus, der frei-
lich immer schwächer (wie wir noch genauer feststellen werden) und
Fünfunddreißigstes Kapitel; Die Konjunktur 583

immer unregelmäßiger wird, so liegt der Grund dafür in der sich immer
wiederholenden Aufschwungstendenz, die dem Hochkapitalismus inne-
wohnt, und in der bisher - geschichtlich, nicht wesensnotwendig -
stets erfolgten Übersteigerung der Produktion auf einzelnen Gebieten.
Wir haben festgestellt, daß diese, w e n n sie einmal eingetreten ist,
allerdings mit innerer Notwendigkeit zu einem Zusammenbruche
führen muß. Somit birgt das regelmäßige Auf und Ab der Konjunkturen
während der hochkapitalistischen Epoche nichts Geheimnisvolles mehr
in sich. Ebensowenig wie der verhältnismäßig gleichförmige Ablauf
der Ereignisse, der in der Gleichheit der Bedingungen seinen zureichenden
Grund hat. Ich komme auf diese Zusammenhänge noch einmal im
nächsten Kapitel zu sprechen. Hier müssen wir uns erst noch die Be-
deutung, die die Expansionskonjunktur für die Entwicklung des Hoch-
kapitalismus gehabt hat , zum Bewußtsein bringen.

III. D i e B e d e u t u n g d e r E x p a n s i o n s k o n j u n k t u r
für die Entwicklung des Hochkapitalismus
In dem Wunderbau des Hochkapitalismus ist die Expansions-
konjunktur eine tragende Säule. Wir können uns jenen ohne diese
kaum vorstellen. Jedenfalls wäre die Entfaltung hochkapitalistischen
Wesens eine unendlich viel langsamere gewesen ohne die Förderung,
die dieses du:rch den Mechanismus der Expansionskonjunktur erfahren
hat. Das, von dem M a r x prophezeit hatte, daß es den Untergang
des Kapitalismus herbeiführen würde: die "Krisen" und was zu ihnen
gehört, haben umgekehrt den Kapits:Llismus eher aufgebaut und er-
halten.
Die Bedeutung der Expansionskonjunktur für die Entwicklung
des Hochkapitalismus tritt in dem besonderen Einfluß zutage, den
sowohl der AufschWUbg, als der Niedergang, als auch der Wechsel auf
den Gang des Wirtschafu)lebens auszuüben berufen sind.
Die A u f s c h w u n g s z e i t e n sind die Zeiten der e x t e n -
s i v e n Entwicklung kapitalistischen Wesens, wie man es nennen
kann. Sie erhöhen die Begeisterungsenergie, steigern die Unternehmungs-
lust, den Schwung, das Schrittmaß. In ihnen kommen die spekulativen
Fähigkeiten zur Entfaltung. Der Bereich der kapitalistischen Tätigkeit
wird ausgeweitet. Neue Handelsbeziehungen werden angeknüpft, neue
Gebiete dem Unternehmungsgeiste erschlossen. Keine Vornahme er-
scheint zu kühn, um nicht in Angriff genommen zu werden. An allen
Ecken und Enden keimen neue Unternehmungen, eine immer ge-
584 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses

wagter wie die andere, hervor. Ich habe diese Epochen die lyrisch-
dramatischen Zeiten moderner Wirtschaft genannt. Und die führenden
Geister sind die spekulativen Köpfe. Menschen mit Ideen, mit Wage-
mut, ohne allzuviel Skrupel und Bedachtsamkeit. Es sind die Zeiten,
in denen das Wirtschaftsleben vom französischen Geiste seinen Stempel
trägt. Der Elan ist der Grundzug aller wirtschaftlichen Vornahmen.
Die Aufschwungszeiten sind aber auch die Zeiten, in denen die
Kapitalbildung rascher fortschreitet als sonst: auf dem unmittelbaren
Wege der Kreditschöpfung und auf dem Umwege über die Bildung
potentiellen Kapitals. Genaue Untersuchungen der letzten Zeit haben
ergeben, daß in den Aufschwungszeiten die Preise rascher steigen als die
Geldlöhne, daß in ihnen also der Reallohn sinkt, das heißt aber der
Anteil des Arbeiters am gesellschaftlichen Einkommen, das heißt der
Mehrwert, das heißt die Chance der Kapitalakkumulation.
Endlich äußern die Aufschwungszeiten ihre Wirkung dadurch, daß
sie kapitalistischen Geist verbreiten helfen, und zwar nach seiner Seite
des Gewinnstrebens hin, sofern sie eine Art von Erwerbsparoxismus
erzeugen, nicht nur in den Kreisen der durch die steigenden Gewinn-
chancen toll gemachten Unternehmer, sondern auch in den Kreisen
der Arbeiterschaft und des Bürgertums, dem der Giftstoff durch den
Mechanismus der Börsenspekulation eingeimpft wird. Diese Verall-
gemeinerung kapitalistischen Geistes ist aber für die Entfaltung der
kapitalistischen Wirtschaft von nicht zu nnterRchätzender Bedeutung,
da er das Publikum an die Einrichtungen und Anforderungen dieser
Wirtschaft gewöhnt.
Fast noch wichtiger für die Entwicklung der kapitalistischen Wirt-
schaft sind aber die Ni e d e r g a n g s z e i t e n: die Zeiten der i n t e n-
s i v e n Entwicklung. Jene Zeiten des Überschwangs hinterlassen als
Erbschaft einen mächtig erweiterten Wirkungskreis für den kapita-
listischen Unternehmer: neue Gründungen, erweiterte Betriebe, ver-
vielfachte Handelsbeziehungen. Das alles soll nun unter ungünstigeren
Bedingungen erhalten werden. Da gilt es zu rechnen, auf vorteilhafteste
Organisation, Verbesserung der Technik bei Tag und Nacht zu sinnen.
Wo man ehedem der Mark nicht achtete, muß man des Bruchteils
eines Pfennigs gedenken, um den eine Ware billiger oder teurer werden
kann. Der Unternehmer fühlt sich aber nicht nur genötigt, Verbesse-
rungen in seinem Betriebe vorzunehmen: er kann es auch, weil er Zeit
für eine grundlegende Neugestaltung seines Unternehmens hat. Da-
her diese stillen Zeiten Zeiten der inneren Vervollkommnung des
Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur 585
kapitalistischen Wirtschaftssystems, Zeiten technischer Fortschritte in
der Industrie zu sein pflegen. Diejenigen Fähigkeiten aber, die in
diesen Zeiten entfaltet werden, sind die kalkulatorisch-organisatorischen.
Was gesteigert wird, ist die V erzweiflungsenergie. Die Führung des
Wirtschaftslebens geht von den großen Eroberern auf die stillen Ordner
über. Aber gleichzeitig findet eine Musterung unter den Unternehmern
und den Unternehmungen statt: nur die Kräftigen bleiben am Leben,
alles Morsche, Faule, Schwächliche, das in den Aufschwungszeiten mit-
geschwommen war, verschwindet; das Tüchtige, Lebensfähige wird er-
halten.
Daß die Niedergangszeiten die Zeiten namentlich des tech-
nischen Fortschritts sind, wird uns durch Zeugnisse sachkundiger
Männer ebenso wie durch die Erfahrung bestätigt.
Ein Axiom, pflegte einer der Väter der englischen Baumwollindustrie,
Kennedy, zu sagen, ist es, daß die Verbesserungen in der Produktion
nur während eines starken Sinkens des Profits gemacht werden. In
gleichem Sinne äußerte sich einmal der englische Fabrikinspektor A. Red-
grave: "Wenn das Geschäft gut geht und alle Waren Käufer finden,
dann kümmert sich niemand um die Vervollkommnung und Erfindungen
neuer Produktionsmaschinen; aber wenn das Geschäft aus irgendwelchen
Gründen, welche durch Anstrengungen des Geistes und der Energie be-
seitigt werden können, ins Stocken gerät, dann finden Vervollkommnungen
der Produktion statt." Und der erfolgreichste der lebenden Industriellen
meint: "Wenn wir nur klar sehen wollen, so müssen wir erkennen, daß
jede Depression auf dem Wirtschaftsmarkte einen Ansporn für den Produ-
zenten bedeutet, mehr Gehirn in sein Geschäft zu stecken ... Jede soge-
nannte Geschäftsdepression (kann man) als eine direkte Herausforderung
an Geist und Kopf der Geschäftswelt betrachten." H. Ford, Mein Leben
und Werk: 159, 161.
Prüfen wir aber die Produktionsleistungen während der Aufschwungs-
und der Niedergangszeit, so kommen wir auf Grund eigenen Urteils zu
denselben Ergebnissen, zu denen die Männer der Praxis gelangt sind.
So steigt z. B. die Durchschnittsleistung des französischen Arbeiters
in dem Zeitraum von 1857-1909 während der Niedergangzeiten durch-
schnittlich:
im Kohlenbergbau am Tage um 69 kg,
im Erzbergbau im Jahre um 113 t,
im Hochofenbetrieb im Jahre um 27 t,
während sie in den Aufschwungsjahren um bzw. 52-40-4 sinkt. A. AI-
talion, der (a. a. 0. S. 138) diese Ziffern mitteilt, führt als Gründe der
besseren Produktionsergebnisse in den Rückgangszeiten richtig an:
(1) die Verringerung der Arbeiterzahl, wodurch eine bessere Ausstattung
des Arbeiters mit Produktionsmitteln möglich ist;
(2) die Verbesserung der Technik und Organisation;
(3) die strengere Auslese der Arbeiter.
586 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses

Für die deutsche Hochofenindustrie hat G. Cassel (a,. a. 0. Seite 500f.)


lehrreiche Berechnungen angestellt. Danach steigt die Leistungsfähigkeit
des einzelnen Hochofens in dem Zeitraum von 1872-1909 durchschnitt-
lich von 7560 t auf 51320 t. Diese Steigerung entfällt im wesentlichen auf
die 19 "schlechten" Jahre. In diesen steigt die Leistungsfähigkeit durch-
schnittlich um 1555 tim Jahre, während die Steigerung in de'n 18 "guten"
Jahren durchschnittlich nur 789 t beträgt. So steigt beispielsmäßig in den
Niedergangsjahren nach 1900, wo die Roheisenproduktion von 19~1901
von 8520000 auf 7880000 t sinkt, die Leistungsfähigkeit von 33430 tim
Jahre 1900 auf 35580 tim Jahre 1901, auf 40520 tim Jahre 1902. In der-
selben Zeit vollzieht sich der Untergang zahlreicher "reiner" Werke und
die Entstehung der gemischten Werke.
Aber es wäre unbillig, wollten wir nicht auch der Tatsache des
W e c h s e l s zwischen Aufschwung und Niedergang ihren Anteil an
der Förderung des Kapitalismus zuerkennen. Ihre Bedeutung liegt
zunächst einfa,ch darin, daß sie dazu verhilft, beide Seiten des Kapitalis-
mus, die spekulativ-gewinnerische und die kalkulatorisch-organisa-
torische, gleichmäßig zur Entwicklung zu bringen. Der Wechsel der
Konjunktur bringt aber außerdem noch besondere Vorteile .für den
Kapitalismus, indem er nämlich dazu beiträgt, jene ökonomische An-
passung der Lohnarbeiterschaft an die Verwertungsbedürfnisse des
Kapitals, von der ich ausführlich gesprochen habe, herbeizuführen.
Wenn es dem Kapitalismus gelungen ist, während seiner ganzen Hoch-
periode den Arbeitslohn trotz des raschen Schrittmaßes der Kapitals-
akkumulation in den angemessenen Grenzen zu halten und damit seine
eigene Lebens- und Entwicklungsfähigkeit zu bewahren, so verdankt
er das - wie ich schon ausgeführt habe - nicht zuletzt dem eigentüm-
lichen Rhythmus der Expansionskonjunktur. Diese ist es, die in den
Aufechwungszeiten daffu sorgt, daß der Arbeitslohn dank der raschen
Preissteigerung nicht im gleichen Maße wie der Mehrwert wächst; sie
ist es aber auch, die durch die regelmäßige Kontraktionabewegung,
durch Abstoßung von Arbeitskräften den Arbeitsmarkt in erWünschter
Weise überfüllt und damit die industrielle Reservearmee schafft; die
ein ungebührliches Steigen des Arbeitslohnes verhindert.
Also: Segen über Segen, der für den Kapitalismus aus dem Dasein
und Ablauf der Expansionskonjunktur fließt.
587

Sechsunddreissigstes Kapitel
Die Gleichförmigkeit
1. Wenn wir die wirtschaftlieben Vorgänge beobachten, so nehmen
wir solche wahr, die untereinander verschieden, und solche, die unter-
einander gleich sind. Die Einzelfälle wecken unsere Teilnahme als Sozial-
wissenschaftler nicht. Es interessiert uns als solche nicht, ob eine
Unternehmung bankrott wird oder sich mit einer andern verschmilzt
oder eingeht; ob ein Arbeiter arbeitslos wird; ob eine Ware in diesem
Laden billiger ist als im andern usw. Also gerade die lebensnächsten
Erscheinungen gehen uns nichts an, solange sie vereinzelt auftreten.
Erst wo sie "typisch" werden, als "Massenerscheinungen" ziehen wir
sie in den Kreis unserer Betrachtungen.
"Massenerscheinungen" aber sind diejenigen Fälle, in denen sich
bestimmte Merkmale an den Einzelerscheinungen wiederholen, in denen
"Gleichförmigkeit" auftritt.
Die Gleichförmigkeit der wirtschaftlichen Erscheinungen kann sich
auf größere oder kleinere Kreise erstrecken. Erst bei einer bestimmten
Größe des Kreises sind wir gewohnt, die Erscheinungen wissenschaft-
lich zu werten. Es kommt auf die Einstellung an, wie wir die Grenzen
der Gleichförmigkeitsirreise ziehen wollen. Treiben wir Volkswirtschafts-
lehre, so ist die einzelne Volkswirtschaft der Bereich, innerhalb dessen
wir nach Gleichförmigkeit ausschauen, die dann gegen die abweichende
Gestaltung in anderen Volkswirtschaften abstechen. Betrachten wir die
Wirtschaft unter sozialökonomischen Gesichtspunkten, so werden wir
unser Augenmerk richten auf diejenigen Gleichförmigkeiten, die sich
innerhalb des Geltungsbezirks eines Wirtschaftssystems beobachten
lassen. Vom Standpunkt endlich einer allgemeinen Wirtschaftslehre
wird der Gegenstand unserer Aufmerksamkeit die Gleichförmigkeit
bilden, die sich über alle Landesgrenzen hinaus und jenseits aller Wirt-
schaftssysteme in a 11 er Wirtschaft wiederfindet.
2. Wenn der Naturforscher auf Gleichförmigkeiten im Naturge-
schehen stößt, so bleibt ihm nichts anderes übrig, als diese Gleichförmig-
keit auf eine Formel zu bringen, das heißt sie äußerlich zu beschreiben
oder, wie wir es aucb nennen. fiir sie ein " Gesetz" aufzustellen. Die Geist-
588 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses

forscher, zu denen wir Sozialwissenschaftler doch wohl gehören,


brauchen sich mit diesem Erkenntnisersatz nicht zu begnügen, da
ihnen wirkliche Einsicht in die inneren Zusammenhänge vergönnt ist;
da sie im Gegensatz zum Naturforscher erkennen
"was die Welt
Im Innersten zusammenhält",
eben den Geist tmd die im Geiste wirkenden Seelen der Menschen, aus
denen sich die Kultur und also auch die Wirtschaft aufbaut.
Wir sagen, wenn wir Kulturerscheinungen erkennen, daß wir sie
verstehen. Und so gilt es auch die Gleichförmigkeit (und, was dasselbe
ist: die Ungleichförmigkeit) im Wirtschaftsleben zu "verstehen", das
heißt ihre Gründe aufzudecken.
Soviel ich sehe, lassen sich drei Gründe (oder Gruppen von Gründen)
auführen, die die Gleichförmigkeit verständlich machen: a) die Gleich-
heit der Zwecke, b) die Gleichheit der Mittel, c) die Gleichheit der
Bedingungen.
a) Gleichförmig gestaltet sich das Wirtschaftsleben, weil die Menschen
gleiche Zwecke verfolgen. Wodurch diese Gleichheit der
Zwecksatzung wiederum begründet wird, können wir dahingestellt sein
lassen; sie kann von der Gleichheit der menschlichen Urveranlagung
kommen: daß sie ihren Hunger stillen, &ich kleiden, sich schmücken
wollen; sie kann aber auch aus einer geschichtlich bedingten Geistes-
haltung folgen: daß sie Gewinn erzielen wollen; oder aus einer ihnen
aufgedrungenen Lage: daß sie einen Krieg gewinnen wollen.
b) Gleichförmig gestaltet sich das Wirtschaftsleben, weil die Men-
schen bei der Verwirklichung ihrer Zwecke sich g I e i c h e r M i t t e I
bedienen. Auch diese Gleichheit der Mittelwahl kann wiederum in sehr
verschiedener Weise begründet sein: physikalisch - chemisch - phy-
siologisch, wenn es sich um die Wahl bestimmter Naturerzeugnisse
handelt, die das Ernährungs- oder Kleidungs- oder Wohnungsbedürfnis
befriedigen sollen. Es gibt nun einmal nur eine beschränkte Anzahl
solcher Stoffe, deren wir uns bedienen können, und deshalb kommen
die Menschen immer wieder darauf hinaus, die Erde zu bebauen und
Bäume zu pflanzen und Steine zu brechen oder Lehm zu brennen. Die
Gleichheit der Mittelwahl kann aber auch rational-ökonomische Ur-
sachen haben: den Käufer heranzulocken, gibt es wiederum nur eine be-
stimmt begrenzte Anzahl von Möglichkeiten; wenn der Betrieb ergiebiger
gestaltet werden soll, kann ich nur gewisse Maßnahmen treffen; wenn
ich die Austau ·cltvorgänge auf dem Markte erleichtern und beschien-
Sechsunddreißigstes Kapitel: Die Gleichförmigkeit 589

nigen will, ebenso usw. Endlich aber kann eine bestimmte Technik
zwangsläufig bestimmte Mittel zur Durchführung eines Verfahrens not-
wendig machen: Ein Bahnhof hat - innerhalb eines gewissen Spiel-
raumes - bestimmte Bedingungen nach einem ganz bestimmten Vor-
bild zu erfüllen; will ich in der früheren Weise telegraphieren, muß ich
Drähte legen; um Stahl nach dem Bessemerverfahren herzustellen, muß
ich Birnen ganz bestimmter Anordnung bauen, darum eine ganz be-
stimmte Anzahl bestimmt geschulter Arbeiter in einem Raume eines
bestimmten Grundrisses gruppieren usw.
c) Unter G 1 eich h e i t der Bedingungen, die zur Gleich-
förmigkeit der Erschein1mgen führen, verstehe ich die Gleichheit aller
jener objektiven Gegebenheiten, die für die Menschen bei der Durch-
führung ihrer Zwecke bestimmend werden. Das können natürliche Be-
dingungen sein, wie die Veranlagung eines Volkes, die Beschaffenheit
des Bodens und der Bodenschätze, die Eigenart des Klimas; oder Kultur-
bedingungen. Unter diesen steht obenan die Gestaltung des Wirtschafts-
systems, das bei allen wirtschaftlichen Maßnahmen als gegeben anzu-
sehen ist. Wir wissen, daß in jedem Wirtschaftssystem die drei Seiten:
der Geist, die Form und die Technik zu unterscheiden sind. Entschei-
dend für das wirtschaftliche Verhalten und somit für eine etwaige
Gleichförmigkeit dieses Verhaltens ist also etwa: das Vorwiegen be-
stimmter Zwecksetzungen (die hier als objektive Bedingung, nicht wie
oben als Äußerungen des Eigenwillens erscheinen) oder das Obwalten
bestimmter religiöser oder moralischer Grundsätze, das Maß von
Kenntnissen u. dgl. ; ist der Inbegriff aller Normen, die die Kirche, der
Staat, die Sitte dem Wirtschaftenden vorschreiben - man denke etwa
an die Gleichförmigkeit, die das Zinsverbot, die Zunftordnung, der Flur-
zwang geschaffen haben, oder die eine sozialistisch-kommunistische
Staats- und Rechtsordnung bewirken muß -; ist endlich der Stand der
Technik, das heißt des technischen Wissens und Könnens einer Zeit
oder eines Landes: Gleichförmigkeit als Folge des Koksverfahrens,
der Dampf- oder Elektrizitätsnutzung.
Neben dem Wirtschaftssystem kommen als objektive Kultur-
bedingungen des wirtschaftlichen Verhaltens noch in Betracht: die
Geschichte eines Volkes und die gegenwärtige Gesamtlage, wie etwa die
durch den Weltkrieg geschaffene Lage der Völker der Erde.
3. Diese allgemeinen Betrachtungen waren notwendig, um das Ver-
ständnis zu wecken für die Feststellung, die ich nunmehr zu machen
und deren Richtigkeit ich zu erweisen habe, daß nämlich i m Z e i t -
590 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesaes

a 1 t e r d e s H o c h k a p i t a 1 i s m u s die Vorgänge des Wirtschafts-


lebens von einer starken T e n den z z u ein er f o r t s c h r e i t e n d e n
G 1 e i c h f ö r m i g k e i t erfüllt sind.
Um das einzusehen, müssen wir uns zunäc t darüber verständigen,
in welchem Sinne die Gleichförmigkeit gemeint sei, auf welche Gleich-
förmigkeit hin also sich die Gestaltung des · chaftlichen Prozesses
bewegen soll. Fortschreitende Gleichförmigkeit bedeutet, so kann man
es schlagwortartig ausdrücken, f o r t s c h r e i t e n d e R a t i o-
n a 1 i sie r u n g. Was aber wiederum ist unter dieser zu verstehen~
Das heutzutage so oft und so oft in einem gar nicht scharf um-
schriebenen Sinne gebrauchte Wort "Rationalisierung" deckt offen-
bar sehr verschiedene Begriffe. Vor allem wird damit bezeichnet ein
subjektives, seelisches Verhalten einerseits und eine objektive, geistige
Gestaltungstendenz andererseits. Wir begegneten dieser Unterscheidung
schon bei der Lehre von den Elementen der Bedarfsgestaltung. Das
dort Gesagte ist hier auf die wirtschaftlichen Handlungen überhaupt
auszudehnen. Im subjektiven (formalen) Sinne bedeutet Rationalisierung
so viel wie das Bestreben, die Absicht, die Gepflogenheit, Handlungen
und Einrichtungen tunliehst zweckmäßig zu gestalten. Der Gegensatz
zu dem rationalistischen Verhalten in diesem Sinne ibt das traditiona-
listische, bei dem man etwas macht, nicht weil es zweckmäßig, sondern
weil es üblich ist. Im objektiven (materialen) Verstande hingegen
haben wir unter Rationalisierung zu verstehen die Annäherung eines
Vorgangs, eines Verfahrens, einer Einrichtung an die vollendete Zweck-
mäßigkeit, die ihrerseits bestimmt wird durch einen irgendwie zur
Anerkennung gebrachten objektiven Wert. Wir sprechen, wenn wir
ausdrücken wollen, daß die Rationalisierung in diesem zweiten Sinne
erfolgreich gewesen sei, von einem rationellen Zustande oder Verfahren.
Wenn wir nun von einer geschichtlichen Zeitspanne wie dem Zeit-
alter des Hochkapitalismus aussagen, daß in ihr eine Richtung auf
Rationalisierung herrsche, so soll das heißen einerseits, daß das wirt-
schaftliche Verhalten der einzelnen Wirtschaftssubjekte ein mehr und
mehr rationalistisches sei, andrerseits, daß die Wirtschaft immer ratio-
neller gestaltet werde. Nur mü&sen wir hinzufügen: in welchem Ver-
staude, mit bezug auf welche Werte rationeller~ Die Antwort muß
lauten (im Rahmen der hier beliebten Betrachtungsweise): k a p i-
t a 1 ist i s c h rat i o n e 11 er. Was wiederum entweder so viel be-
deutet wie [Link] rationeller, das heißt immer mehr den
Rentabilitätszwecken der einzelnen kapitalistischen Unternehmung an-
Sechsunddre igstes Kapitel: Die Gleichförmigkeit 591

gepaßt, oder [Link] rationeller, das heißt in fortschreiten-


der Annäherung an die Idee des Kapitalismus.
Dieser Vorgang der [Link] in unserer Zeitepoche
tritt nun aber nach allen den Seiten hin zutage, die für die Ge-
staltung der Gleichförmigkeit, wie wir oben festgestellt haben, in
Betracht kommen, so daß diese durch den Vollzug des Rationalisie-
rungsprozesses dreilach bewirkt wird.
Wir beobachten zunächst eine immer größere Gleichförmigkeit in
der Zwecksetzung: immer mehr und immer ausschließlicher wird die
Wirtschaftsführung auf die Gewinnerzielung eingestellt. Sodann nehmen
wir eine immer peinlichere Auswahl der zweckmäßigsten Mittel zur
Erreichung dieses Zieles wahr, womit denn auch die Ausführung des
Zweckes immer gleichförmiger wird. Und endlich stellen wir fest, daß
die Bedingungen, unter denen gewirtschaftet wird, sich ebenfalls immer
mehr angleichen, weil sie immer mehr aus dem Geiste des Kapitalismus
heraus selbst erst geschaffen werden. In dem Maße, wie &ich das kapita-
listische Wirtschaftssystem ausweitet und innerlich erstarkt, vereinheit-
licht sich die Umwelt, in der sich das wirtschaftliche Handeln abspielt.
Je mehr Kapitalismus, desto größer die Wahrscheinlichkeit kapita-
listisch-rationeller und subjektivistisch-rationalistischer Gestaltung.
Offenbar ist nun aber diese Entwicklung des Wirtschaftslebens im
Zeitalter des Kapitalismus zu fortschreitender Rationalisierung und
darum Gleichförmigkeit keine zufällige, sondern eiue irgendwie not-
wendige. Fragen wir nach den G r ü n d e n d er N o t w e n d i g k e i t ,
so bieten sich uns deren mehrere an.
Die Zwangsläufigkeit kann p s y c h o l o g i s c h begründet sein,
das heißt sie kann in einer sich immer mehr durchsetzenden, inneren
Nötigung zur Verfolgung bestimmter (gleicher) Zwecke, in einer immer
stärkeren Neigung zur Bevorzugung zweckmäßiger Verfahrungsweisen
und in einer immer mehr wachsenden Fähigkeit zur Anwendung der
rationellsten Methode wurzeln. Diese psychologische Begründung eines
bestimmten Verhaltans enthält die schwächste Bindung, die größte
Gefahr der Willkür und damit das geringste Maß der Zwangsläufigkeit.
Immerhin bedeutet die Vereinheitlichung der Menschentypen in der
Richtung kapitalistischer Prägung eine gewisse Gewähr für die Gleich-
förmigkeit des Handeins und erklärt dessen Zunahme während der
abgelaufenen Periode in erheblichem Maße.
Aber die Zwangsläuiigkeit des wirtschaftlichen Handeins in unserer
592 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses

Zeit hat noch zwingendere Ursachen. Sie ist auch s a c h 1i c h begründet.


Damit meine ich jene Bindung des menschliche Verhaltens, die aus der
"Natur der Sache" der vorz1mehmenden Handlungen folgt. Eine solche
Bindung folgt offemichtlich aus der Bindung an bestimmte Mittel zur
Durchführung eines bestimmten Zweckes. Sobald dieser gegeben ist
und ebenso gegeben ist die Absicht, ihn so rasch und so gut wie möglich
zu verwirklichen, so, sahen wir, ergibt sich eine Zwangsläufigkeit mit
Bezug auf die MittelwahL Ist nun der Zweck der kapitalistischen Wirt-
schaft eindeutig bestimmt, und wird die Verwirklichung dieses Zweckes
gewollt, so bleibt dem Handelnden nur ein beschränktes Maß von Frei-
heit: er kann ein Bankhaus, kann eine Fabrik, kann ein Warenhaus im
wesentlichen nicht anders wie sein Nachbar einrichten, wenn anders er
den größten Profit herauswirtschaften will. Nun kommt aber ein wich-
tiger Umstand noch hinzu, der die sachliche Gebundenheit der Wirt-
schaftssubjekte im kapitalistischen Zeitalter noch wesentlich erhöht.
Das ist der Umstand, daß auch ihre Zwecksetzung durch die Eigen-
tümlichkeit der wirtschaftlichen Organisation in eine ganz bestimmte
Richtung - nämlich der Gewinnerzielung - aus sachlichen Gründen
gedrängt wird. Das geschieht mitteL'! jenes Prozesses, den ich die Objek-
tionierung des Gewinnstrebens nenne, und den ich oben (Seite 37) aus-
führlich beschrieben habe. Das Gewinnstreben wird also nicht nur aus
psychologischer, sondern auch aus sachlicher Notwendigkeit zum
immer mehr einzigen Zweck der kapitalistischen Wirtschaft gemacht.
Zu diesen - nennen wir sie zusammenfassend: inneren -
Zwängen tritt aber in unserer Wirtschaftsverfassung verstärkend noch
ein äußerer Grund einheitlichen Verhaltens hinzu: die Eingeschlossen-
heit in die M a r k t z u s a m m e n h ä n g e. Überall dort, wo die
einzelne Wirtschaft den "Gesetzen des Marktes" unterworfen ist, das
heißt, wo sie im Preise durch eine andere Wirtschaft unterboten werden
oder, wenn die Konkurrenz ausgeschaltet ist, wie im Falle des Monopols,
doch wenigstens durch zu hohe Preise die Kundschaft verlieren kann,
ist sie genötigt, ihr Verhalten den Anforderungen der billigsten Preis-
bemessung gemäß zu gestalten. Diese Markthörigkeit, wie wir diesen
Zustand der Abhängigkeit von der Preisbildung nennen können, be-
deutet nun aber die stärkste Beschränkung ihrer Willkür und zwingt
die Gleichförmigkeit des Gebarens von außen den einzelnen Wirt-
schaften auf. Es gibt also, wie wir sehen, genug Gründe, die die Einzel-
wirtschaften im kapitalistischen Nexus in die Richtung der Rationa-
lisierung und somit der Gleichförmigkeit drängen.
Sechsunddreiß[Link] Kapitel: Die Gleichförmigkeit 593

Freilich, das muß zum Schlusse noch hervorgehobe werden: in


den verschiedenen [Link] des Wirtschaftslebens in verschieden
hohem Grade. Es gibt eine Abstufung in der Gleichför "gkeit, wenn
wir etwa. Landwirtschaft, Gewerbe, Kreditorganisation miteinander
vergleichen. In dieser Reihenfolge ist der Zwang zur tionalisierung
immer etärker in jedem nächsten Bereich. Jeder frühere bietet einen
größeren Spielraum für das erharren in der Irrationalität. Insbesondere
bietet die Landwirtschaft fiiir diese noch ein sehr weites Betätigungs-
feld, wie das an anderer Stelle noch darzutun sein wird. Hier galt es
zunächst, die übereinstimmende Bewegung zur Rationalisierung als
eine der Formen aufzuweisen, in denen sich der wirtschaftliche Prozeß
im Zeitalter des Hochkapitalismus vollzieht, und die wir nun im
nächsten Abschnitt in ihrer empirischen Gestaltung zu verfolgen haben.

'•
594

Dritter Abschnitt
Die Gestaltung des wirtschaftlichen
rozesses in der Geschichte
Erster Unterabschnitt
Die Rationalisierung des Oüterbedsrfs
(Konsumtion)
Quellen und Literatur
O)wohl natürlich über die Bedarfsgestaltung im Zeitalter des Hoch-
kapitalismus an allen möglichen Orten allerhand geschrieben ist, so hält
es dcch schwer, eine besondere Literatur anzuführen. Die folgenden Be-
trachtungen sind fast durchgängig durch eigene Beobachtung und eigenes
Nachdenken entstanden und ergeben sich ja eigentlich für jeden leidlichen
[Link] unserer kulturellen, insonderheit wirtschaftlichen Zustände von
selbs;. Einige Spezialprobleme haben auch anderweitig eine gründliche
Erör~erung erfahren, wie die folgende Zusammenstellung ergibt.
1 Die allge:meine Literatur (soweit nicht unter " Theorie der Bedarfs-
gestcltung" schon erledigt) behandelt fast ausschließlich den Nahrungs-
kons:~m; so A. Grotj ahn, Wandlungen in der Volksernährung 1902.
K. ldenberg, Die Konsumtion in GdS. Abt. II. Vortrefflich .
. D 'A venel, Histoire economique etc. Tome VI enthält gelegent-
liche Ausblicke in das 19. Jahrhundert.
{'ber die Entwicklung des Bedarfs an gewerblichen Gütern habe ich
ausfihrlich in der 1. Auflage (Band II Kapitel 15) gehandelt. Dortselbl't
ist auch weitere Literatur angeführt.
Mode: ich nenne nur die wichtigsten derjenigen Schriften, die sieb.
mit der :Mode vom sozialökonomischen Standpunkt aus befassen.
Chr. Garve im 1. Teil seiner "Versuche über verschiedene Gegen-
stänle aus der Moral, der Literatur und dem gesellschaftlichen Leben".
179L Coffignon, Les coulisses de Ia mode (ca. 1888) . .A.. Rasch, Das
Eibmstocker Stickereigewerbe unter der Einwirkung der :Mode. 1910.
W. 'i'roeltsch, Volkswirtschaftliche Betrachtungen über die Mode. 1912.
0. ~euburger, Die Mode. Wesen, Entstehen und [Link]
Els;;e r, Wll'tschaft und Mode in den Jahrb. f. NÖ. 3. F. Bd. 46; derselbe,
Artikel "Mode" im HSt. 64 • Dortselbst weitere Literatur. Neuestens S. R.
Steinmetz, Die Mode, in den Kölner Vierteljahrsheften für Soziologie.
5. u. 6. Jahrg. 1925/26.
~ eilen und Litrratur 595
Vgl. auch die 1. Auflage dieses Werkes Band II, Kap. 17, das auch
selbständig u. d. T. "Wirts haft und Mode" 1902 erschienen ist.
3. Gebrauchswechsel und leiChte Güter: W. Borgius, Di Lebensdauer
der Waren. Frankfurter Zeitung vom 9. IX. 1910. Auseinandersetzung mit
H. Pudo r.
4. Einfluß der Frau: K. cheffler, Die Frau und die Kunst. 1908.
Wilh. Wirz-Zürich, Frau und Qualität in "Wohlfahrt und Wirtschaft".
1. Jahrgang.
5. Surrogat: Eine alte Literatur besteht über das Problem der Lebens-
mittelverfälschung, dem sogar eine Reihe englischer Reports ans den
Jahren 1855-1866 gewidmet sind. Vgl. z. B. das von Marx erwähnte,
auf deutschen Bibliotheken nicht vorhandene Buch von Ron ard de Card,
De la falsification des [Link] sacramentelles. 1856.
Die neuere Literatur ist außerordentlich reich, aber völlig zersplittert;
eine auch nur einige Gebiete zusammenfaßende Darstellung fehlt meines
Wissens ganz (und wäre doch so nützlich). Ich verzichte deshalb auf die
Aufzählung einzelner Werke und verweise den beflissenen Leser etwa auf
den Katalog der Bibliothek des Reichspatentamts. Dortselbst wird er unter
den Stichworten: Ersatz (E. mittel, E. stoff)- Künstlich .. - Surrogat
hunderte von Sonderschriften verzeichnet finden.
6. Be~Jtrehunge:n zur Vereinheitlichung der Güterformen: Czolbe, Die
wirtschaftliche Funktion der Normalisierung in der deutschen Maschinen-
industrie, im Thünen-Archiv Band VII. Georg Garboh, Vereinheitlichung
in der Industrie. 1920. E. Schuster, Typisierung als Wirtschaftsorgani-
sation im ,Weltwirtschaftlichen Archiv' Band 19, 1923. Fritz Wege-
leben, Die Rati nalisierung im deutschen Werkzeugmaschinenbau. 1924.
IV. Teil. 0. Koettgen, Das wirtschaftliche Amerika. 1925. Vgl. Sinn er,
Betrieb!!Wi§sllllscbaft, 121ff. und die Veröffentlichungen des Ausschusses
für wirtschaftliche Fertigung {für Deutschland), des Bureau of Stan-
dards (für Yereinigte Staaten und ähnlicher Organisationen.

Sombart , Hochkapitalismus U. 38
596

Siebenunddreissigstes Kapitel
Die Träger des Bedarfs
Unter Trägern des Bedarfs verstehe ich diejenigen Personen, die
für die Gestaltung des Bedarfs bestimmend sind. Wiz können sie
auch die Bildner des Bedarfs nennen.
Es sind
1. DieEinzelpersonen als letzte Verbraucher. Solcherkannte
der Kapitalismus in seiner Frühzeit nur Verbraucher von Luxus-
gütern oder Träger von Feinbedarf. Wer das war, habe ich im
48. Kapitel des ersten Bandes ausführlich dargestellt: Könige, Fürsten,
Adlige; geistliche Würdenträger: Päpste, Kardinäle, Bischöfe; da-
neben im wachsenden Umfange reich gewordene Bürger, die meist
der Hochfinanz angehörten. Allen diesen Luxusgüterverbrauchern
gemeinsam war ihre strenge Geschmacksschulung: sie unterstanden
den Regeln eines "Stils", in denen sie sich einzuordnen hatten. Wir
können dahingestellt lassen, wer diesen Stil schuf und weiterbildete:
es werden auch damals im wesentlichen die Künstler gewesen sein.
Das Wichtigste ist, daß ein Stil bestand, und daß die Verbraueher im
Banne dieses Stiles standen.
Das änderte sich mit dem 19. Jahrhundert in dem Maße, wie die
neuen Reichen an Zahl zunahmen. Der Prozeß der Verbürger-
lichung der obersten Verbraucherschicht, der seit Jahrhunderten
begonnen hatte, kommt jetzt zum Abschluß: jene Schicht besteht
nun nur noch aus reichen Bürgern, und zwar immer der Mehrzahl
nach - dank der raschen Entwicklung des Kapitalismus - aus
reich gewordenen Bürgern.
Mit dieser Verbürgerlichung der Reichen geht gleichen Schritt
der Zerfall der alten, seigneurialen Kultur mit ihrem festen KulturstiL
Die neuen Reichen, die früher auch schon dagewesen waren, aber in
so kleinem mfange, daß sie von der Herrenschicht aufgesogen und
unter die Regeln des Geschmackstils gebeu~ werden konnten, sind
nun bald unter sich und fangen an, ihren Bedarf ohne Stil zu gestalten.
Dieser Prozeß der Auflösung der alten Geschmacksformen wurde
Siebenunddreißigstes Kapitel: Die Träger des Bedarfs 597

dadurch beschleunigt, daß die Berater der früheren Geschlechter,


die Künstler, sich aus der Welt der "angewandten Künste" zurück-
gezogen hatten und ein reines Akademikerleben lebten. Kunst und
Gewerbe hatten sich getrennt. Die neuen Reichen bleiben sich selbst
überlassen und den Launen des kapitalistischen Produzenten, der unter
Mithilfe dienstfertiger Zeichner und Konstrukteure herstellte, was
seinen geschäftlichen Interessen angemessen erschien. Die Folge war
eine vollständige Verrohung des Geschmacks, die in allen Ländern
um die Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte.
Um diese Zeit begann zuerst in England, später auch anderswo
(in Deutschland seit den 1890er Jahren), ein Wandel sich anzubahnen:
die bildenden Künstler fingen wieder an, sich um die Gestaltung der
Gegenstände des täglichen Gebrauchs zu kümmern, und ein "Kunst-
gewerbe" unter künstlerischer Leitung begann sich wieder zu ent-
wickeln. Die Bildner des Feinbedarfs wurden damit wiederum - zum
Teil wenigstens - die Künstler, wie sie es ehedem gewesen waren,
vielleicht mit dem Unterschiede gegen früher, daß sie selbstherrlicher
d n Auftraggebern gegenübertraten, die nicht mehr wie ehedem selbst
ein Urteil in Geschmacksfragen besaßen.
Ich habe diese Versuche, die reichen Verbraucher wieder unter
die Botmäßigkeit der Künstler zu bringen, einen Vorgang, den man
W()hl auch als "Renaissance des Kunstgewerbes" bezeichnet,
sehr ausführlich (mit sehr viel schiefen Urteilen) in der ersten Auf-
lage zur Darstellung gebracht. (Siehe das 15. Kapitel des zweiten
Bandes.) Bei der Fragestellung, die in der ersten Auflage im Vorder-
grunde stand: wodurch der Kapitalismus den Sieg über das Hand-
werk errungen hatte, lagen mir diese Probleme weit mehr am Herzen
als jetzt, wo es sich für mich vielmehr darum handelt, die Entfaltung
des Kapitalismus selbst zu schildern. Für diese hat aber jene Ver-
schiebung in der Bedarfsgestaltung eine untergeordnete Bedeutung:
dem Kapitalismus ist es im Grunde gleichgültig, ob er schöne oder
häßliche Güter erzeugt; es genügt ihm, daß er mit ihrem Verkauf
Profite erzielt. Und das tut er unter Umständen bei der Herstellung
von geschmacklosen Waren eher, als wenn er sich den Geschmacks-
anweisungen des Künstlers fügt. Deshalb ist auch jene Veredelung
des Geschmacks, wie sie vor einigen Menschenaltern einsetzte, längst
nicht so tief gedrungen, als hoffnungsfreudige Künstler und Kunst-
gewerbler geglaubt haben. Wenn wir die Läden unserer Tage durch-
mustern, so finden wir, daß unter den ausgestellten Waren die Scheuß-
38*
598 Drittter Abschnitt: Die Gestaltung d. WJrtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte

lichkeitem durchaus noch den breiteren Raum einnehmen, und je höher


im Preifse die Waren stehen, desto geschmackloser werden sie oft.
Weshalb auch Tiffany in New York den Gipfel der Geschmacklosigkeit
darstellt.. Ich komme darauf bei der Besprechung der Arten der heute
bedurftem Güter (im 39. Kapitel) noch einmal zurück.
Die Reichen mit oder ohne Ge chmack bilden also noch heute,
wie seit jeher, eine Käuferschicht, die für den Kapitalismus ins Ge-
wicht fiillt.
Wäh..rend aber der Frühkapitalismus fast nur die reichen Leute
unter dEell Privatpersonen als die Abnehmer seiner Erzeugnisse hatte,
verliert diese Gruppe im Laufe der hochkapitalistischen Epoche immer
mehr am Bedeutung. Nicht, weil der Anteil der Reichen am gesell-
schaftlichen Einkommen geringer \\"'Urde, sondern weil die Personen
mit mittlerem und kleinem Einkommen, die früher als
Kunde der kapitalistischen Produktion so gut wie gar nicht in Betracht
kamen, weil sie ihren Güterbedarf beim Handwerker oder in der Eigen-
wirtschaft deckten, jetzt als Käufer auftreten. Damit verschiebt sich
die Hangordnung der verschiedenen Kundengruppen vollständig;
die Reichen treten an Bedeutung ganz zurück, die Wohlhabenden
und Armen, der alte und neue "Mittelstand", die Beamten, die Bauern,
die Lohnarbeiter bilden die entscheidende Kundschaft im Lande.
1ch versuche im folgenden diese Verschiebung bezw. den heutigen
Anteii der verschiedenen Verzehrergruppen an der Hand einiger Ziffern
der preußischen Einkommensstatistik zu veranschaulichen.
{> 11ß die Masse der reichen Verzehrar auch in unserer Zeit noch gewachsen
ist, unterliegt keinem Zweifel. In Preußen stieg die Zahl der reichen Leute
(mit mehr als 100000 Mk. Jahreseinkommen) von
1659 im Jahre 1892 auf
5212 " " 1914.
Und ihr Einkommen betrug
1892 377,6 Mill. Mk.
1914 1258,6 " "
'rrotzdem ist ihr Anteil am gesellschaftlichen Einkommen gering. Und
der Betrag, der für Luxusausgaben gemacht wird, noch erheblich geringer,
da Ja gerade auf diesen Einkommensstufen die Akkumulation verhältnis-
mäßig groß ist. Der akkumulierte Betrag würde aber den niederen Ein-
kon\men, insbesondere den Arbeitereinkommen, zuzuzählen sein. Setzen
wir den "gesparten" Betrag auch nur mit 50% des Einkommens an, so
würden in den Jahren 1892 bezw. 1914 rund 190 und 630 Mill. Mk. von
den Reichen für ihren Verzehr verausgabt sein. Von diesen Summen sind
ja nun aber auch die Ausgaben für den Grobbedarf, der in jedem Haus-
h&lt zu befriedigen ist (Ausgabe für Nahrung! Dienstboten! usw.) zu be-
iebenundclreißigstes Kapitel: Die Träger des Bedarfs 599

streiten. Nehmen wir a.n, sie machten ein Drittel der gesamten Ausgaben
aus, so bleiben für die Befriedigung des eigentlichen Luxusbedarfs 90 bezw.
420 Mill. Mk. zur Verfügung. Diesen Beträgen stehen gegenüber die Ein-
kommen der Personen mit weniger als100000 Mk. Einkommen; das waren
1892 5322,3 Mill. Mk.
1914 15423,0 " "
Wollte man aber in den Ausgaben bei Einkommen unter 100000 Mk.
noch Ausgaben für Luxusgüter vermuten, so setze man die Grenzen
des Einkommens, bei dem nur der Grobbedarf befriedigt wird, tiefer an.
Gehen wir ganz sicher und nehmen wir nur die Einkommen unter 6000 Mk.,
so bringen diese zum Verzehr
1892 3 744,4 Mill. Mk.
1914 12821,9 " "
die Einkommen unter 3000 Mk.:
1892 2 912,0 Mill. Mk.
1914 10298,0 " "
Demgegenüber verschwindet offensichtlich aller Luxusverzehr, selbst
wenn man zu den oben berechneten Ziffern von
1892 90 Mill. Mk.
1914 420 " "
Teile der Einkommen zwischen 30000 und 100000 Mk. zuzählen wollte,
die eine Gesamtsumme von 451,6 bezw. 1257,0 Mill. Mk. ausmachten.
Die Zahl dieser wohlhabenden Leute, die zwischen 30 000 und 100 000 Mk.
Einkommen hatten, betrug in den beiden Stichjahren 9039 und 24551.
Die Ziffern sind dem Statistischen Handbuch für den preußischen
Staat Band II für 1892/93, dem Statistischen Jahr buch für den preu-
ßischen Staat Band XII für 1914 entnommen, die Höhe der veranlagten
Einkommen, die für 1914 nicht angegeben ist, ist errechnet.
Selbst in einem so "reichen" Lande wie den heutigen Vereinigten
StaJ:Lten von Amerika ist der Anteil des Luxuskonsums nicht sehr viel größer.
Die Einkommensverteilung im Jahre 1922 gewährt folgendes Bild:
Einkommensstufe Gesamteinkommen Vom Hundert
(in Tausend Dollar)
unter 2000 $ 4 792118 19,3
2000- 5000 " 10740898 43,1
5000- 25000 " 5814283 23,4
25000-100000 " 2432208 9,8
100000-500000 " 793624 3,2
über 500000 " 298777 1,2
24871908 100
United States Bureau of Interna.! Revenue Statistics of Income. 1922.
pag. 8.
Zu berücksichtigen ist bei der Bewertung dieser Ziffern, insbesondere
bei einem Vergleich mit den deutschen, daß die Kaufkraft des Geldes in
Amerika jetzt im großen Ganzen 1/ 2 bis% der deutschen ist (Schätzungen
von Koettgen und Hirsch aus neuerer Zeit), daß aber die Kaufkraft
mit der Qualität der Güter rasch sinkt, das heißt, daß sie bei Luxusgütern
600 Dritter bscbnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte

um ein Vielfaches geringer ist als in Europa. Siehe darüber meine Schrift:
Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozia.lismus1 1906.
Was die privaten Verzehrer oder genauer: die Käufer aller Ein-
kommensstufen von heute kennzeichnet und was für die Art der Be-
darfagestaltung bezw. Bedarfsdeckung und für die Arten der bedurften
Güter von heblicher Bedeutung ist, ist folgender Umstand: Reiche
wie Arme wie "Mittelständler" gehören in wachsendem Umlange der
Gruppe der Städter und zwar der Großstädter und der Gruppe der
Frauen an.
Es sind also je mehr und mehr großstädtische Frauen, die als
"Letztkonsumenten" auf dem Markte auftreten. Welche Folgen diese
Tatsache für die Bedarfsgestaltung hat, wird in den beiden nächsten
Kapiteln zu untersuchen sein.
Halten wir nach andern Verzehrer- oder Käufergruppen Ausschau,
so stoßen wir auf
2. die öffentlichen Körper, Behörden, Anstalten, wie Schulen
u. dgl. Diese Abnehmer haben auch schon früher bestanden. Sowohl
das :Mittelalter wie die frühkapitalistische Zeit kannten sie. Aber ihre
Bedeutung hat zweifellos zugenommen. Die Ziffern, die ich zum Be-
lege der Ausdehnung des Bedarfs öffentlicher Körper bereits mitgeteilt
habe (siehe oben S. 483ff. 486ff.), machten das ersichtlich. Ich werde
dort, wo ich von der zunehmenden Kollektivierung des Bedarfs sprechen
werde, noch weitere Zahlen beibringen, aus denen die wachsende Be-
deutung dieser Verzehrergruppe zu entnehmen ist.
Aber der wichtigsten Gruppe der Träger oder Bildner des Bedarfs
habe ich bisher noch keine Erwähnung getan. Das sind
3. die Unternehmer: Produzenten und Händler. Daß diese
bestimmend in die Gestaltung des Bedarfs eingreifen, ist die wichtigste
Neuerung, die diese während der hochkapitalistischen Epoche erfährt.
Früher sind natürlich die Produzenten und Händler ebenfalls schon
als Käufer aufgetreten. Aber sie handelten gleichsam nur als Abge-
sandte, Beauftragte der letzten Konsumenten: Umlang und Art des
Bedarfs wurde von diesen bestimmt. Die Unternehmer sorgten nur
dafür, daß er in sachgemäßer Weise gedeckt wurde. Für die früh-
kapitalistische Epoche habe ich nachzuweisen versucht, daß dieses
die leitenden Grundsätze waren. (Siehe das 14. Kapitel des II. Bandes.)
Das ändert sich nun von Grund auf: nach drei Seiten hin, in drei
Formen beginnt der Unternehmer Einfluß auf die Bedarfsgestaltung
zu gewinnen und zwar
Siebenunddreißigstes Kapitel: Die Träger des Bedarfs 601

(s) durch seine spekulative Nachfrage, wie wir diejenige nennen


wollten, die nach Produktionsmitteln stattfindet, wenn diese zur Er-
zeugung von Gütern bestimmt sind, von denen man nur annimmt, daß
sie dereinst bedurft werden. Alle Ausweitung der Produktion, soweit
sie nicht auf unmittelbare Anregung letzter Konsumenten beruht,
beruht auf solcher spekulativen Grundlage, und wir müssen uns klar
sein, daß damit der Entscheid, was wir konsumieren sollen, in die Hand
des Unternehmers gelegt wird. Die Spekulation kann sich auf die Menge
der bedurften Güter beschränken; auch hier bedeutet sie einen erheb-
lichen Eingriff in die Bedarfsgestaltung der letzten Konsumenten,
deren Bedarfssystem auf diesem Wege offenbar in seinem Aufbau be-
einflußt wird, wenn die Nachfrage auf einen Gegenstand hingelenkt
und nach ihm gesteigert wird, der sonst in geringerem Umfange zum
Verzehr gelangt wäre.
Die Spekulation kann sich aber auch auf die Art der bedurften
Güter beziehen, und dann berührt sich diese Form der Einflußnahme
durch den Unternehmer mit einer zweiten,
(b) der Finanzierung neuer Erfindungen. Wir haben, als wir
uns das Schicksal der Erfindungen im ·Zeitalter des Hochkapitalismus
vergegenwärtigten, feststellen können, daß im wesentlichen nur solche
Erfindungen zur Anerkennung und Durchführung gelangen, von denen
sich der Geschäftsmann einen Erfolg, das heißt also einen Gewinn
verspricht. Die Auslese unter den Erfindungen erfolgt also unter rein
kapitalistischem Gesichtspunkte. Wenn dem aber so ist, so werden doch
auch nur diejenigen Güter hergestellt, die die Billigung des Unter-
nehmers finden, und wir haben so zu essen, uns so zu kleiden, so zu
reinigen, so unsere Wohnungen zu beleuchten, so unsere Reise zu ge-
stalten, so unsere Vergnügungen einzurichten, wie es dem Unternehmer
beliebt. Es ist gar nicht zu ermessen, in wie hohem Grade es dem Ge-
schäftsmanne auf diesem Wege gelingt, den Güterbedarf der Mensch-
heit, die in dem Bann der kapitalistischen Wirtschaft lebt, nach seinem
Gutdünken zu gestalten.
Aber die Herrschgewalt des Unternehmers auf dem Gütermarkte
hat damit ihr Ende noch nicht erreicht. Nicht nur bestimmt er in weitem
Umfange, welche Art von Gütern wir bedürfen sollen: er schreibt uns
immer mehr auch vor, in welcher Form wir sie bedürfen sollen. Das
tut er
(c) durch seine unmittelbare Beeinflussung der Produktion
and des Absatzes, die er aus irgendwelchen Rentabilitätsinteressen
602 })ritter Abschnitt: Die Gestaltung d, wirtscbaftl. Prozesses i. d. Geschichte

in einer bestimmten Weise gestaltet, so daß Güter einer ganz bestimmten


Prägung zum Verkauf gelangen. Diese hat dann der Kunde zu kaufen,
bei Gefahr, seinen Bedarf überhaupt nicht befriedigen zu können. Die
Suggestionskonkurrenz ist das Mittel, das der Unternehmer anwendet,
die ibm (nicht dem Kunden) genehmen Güter abzusetzen.
Wir werden bei der Darstellung der heute üblichen Art der Bedarfs-
befriedigung sowie bei der Aufzählung der Arten der beute nachgefragten
Güter öfters Gelegenheit haben, den bestimmenden Einfluß des Unter-
nehmers auf die Bedarfsgestaltung nachzuweisen.
603

Achtunddreissigstes Kapitel
Die Art und Weise der Bedarfsbefriedigung
In diesem Kapitel will ich noch nicht berichten von den Verände-
rungen, die die Güter selbst während der hochkapitalistischen Periode
erfahren haben. Will ich vielmehr nur auf einige Neugestaltungen in
der Art, wie der Bedarf befriedigt wird, Neugestaltungen in den
Modalitäten der Bedarfsgestaltung, hinweisen.
Als ein der hochkapitalistischen Epoche eigentümlicher Zug er-
scheint:
1. der häufigere Wechsel der Bedarfsgegenstände. Ihm
begegnen wir bei der Versorgung mit Produktionsmitteln wie mit
Konsumtionsgütern gleichermaßen. Und wir werden ihn aus den Be-
dingungen, unter denen in dieser Zeit die Bedarfsbefriedigung erfolgt,
aus dem Drang und dem Zwang, dem der einzelne Bedürfende unter-
steht, ohne viel Mühe verstehen.
Dem Produzenten zwingt allein die revolutionäre Technik den
hö.ufigen Wechsel seiner Maschinen und Apparate auf; er muß, will
er seinen l3etrieb nicht veralten lassen, seine Arbeitsmittel den jeweils
neuesten Erfindungen anzupassen bestrebt sein. Es hängt vom Reich-
tumsgrade der einzelnen Unternehmung und für das Ganze einer Volks-
wirtschaft vom gesellschaftlichen Reichtumsgrade ab, in welchem
Schrittmaße der Unternehmer den stets neuen Anforderungen der
Technik gerecht werden kann. Dadurch wird wohl ein Unterschied in
der Zeitfolge des Wechsels begründet (die Vereinigten Staaten erneuern
ihren Arbeitsmittelapparat häufiger als die europäischen Länder).
Aber abgesehen von der Verschiedenheit des Schrittmaßes bleibt dieser
Zug des beschleunigten Wechsels der Produktionsmittel im Gegensatz
zu allen früheren Wirtschaftsepochen dem Zeitalter des Hochkapitalis-
mus eigentümlich.
Auch der Käufer von Konsumgütern untersteht zum Teil diesem
Zwange, der in der revolutionären Technik begründet ist. Freilich wird
er zu der Erneuerung nicht durch irgendwelche Konkurrenzrücksicht
genötigt. Aber er wird seine Gebrauchsgegenstände wechseln müssen,
604 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtachaftl. Prozesses i. d. Geschichte

wem er den Vorteil der besseren Bedarfsbefriedigung genießen will,


den thm die neue Erfindung ermöglicht: er wird die Ölbeleuchtung
durc1 die Petroleumbeleuchtung, diese durch die Gasbeleuchtung,
diese durch das elektrische Licht ersetzen und wird noch von allen
Vervollkommnungen einer bestimmten Beleuchtungstechnik Nutzen
ziehen wollen, indem er jedesmal die vollkommensten Beleuchtungs-
kör{Br sich anschafft. So ist es gekommen, daß unsere Generation im
[Link] eines Menschenalters vielleicht zwanzig verschiedene Lampen-
formen nacheinander im Gebrauch gehabt hat, während unsere Eltern
mit ainer oder zwei Lampenformen auskamen. Und wie auf dem Ge-
biete der Beleuchtung, so geht es auf den meisten andern Gebieten
des Güterbedarfs auch: immer wieder gibt es eine neue Form, die
angeblich "praktischer" oder "schöner" oder beides ist, es mag sich
um Schreibtische, um Waschtische, um Schränke, um Koffer, um
Kochapparate, um Reinigungswerkzeuge oder was sonst immer handeln.
HäU:ig ist der Übergang zu einer neuen Form gar nicht in das Belieben
des Einzelnen gestellt; auch wenn er bei der alten Form bleiben wollte,
so ...nirde ihm die Ausbesserung eines schadhaften Gegenstandes oder
die Beschaffung der notwendigen Ersatzteile und Hilfsstoffe die
größten Schwierigkeiten bereiten; etwa die Dochte und das Öl zu be-
kommen, die zu einer Öllampe gehören u. dgl.
Aber in den meisten Fällen will der moderne Mensch gar nicht bei
dem alten Gegenstande verharren. In den meisten Fällen will er den
[Link], freut er sich des Wechsels, unterstützt er also die von der
Tec1nik her nahegelegte Tendenz zur häufigen Erneuerung aus eigenem
Willen. Jenes Verwachsen mit einem Gebrauchsgegenstande, wie es
den früheren Geschlechtern eigen war, ist ihm fremd. Er richtet zur
silbernen Hochzeit sein Haus neu ein, ohne durch irgendein Gefühl
der Pietät behindert zu sein. Seine innere Ungebundenheit, seine
Nervosität, seine Unrast lassen ihm den Wechsel seiner dinglichen
Umgebung nicht als ein Ungemach, sondern eher als ein Mittel zur
Steigerung seines Lebensgefühls erscheinen. Dazu kommt, daß die
Menschen der neuen Zeit, in der die soziale Neuschichtung zu den
täghchen Vorkommnissen gehört, viel häufiger auf eine andere Stufe
der Lebenshaltung gehoben oder hinabgedrückt werden als früher.
Daraus aber ergibt sich wiederum eine neue Gelegenheit, ja häufig ein
neuer Zwang, die Güterwelt, in der sie leben, häufig in ihrer gesamten
[Link] zu verändern; der Verarmte muß kostbare Besitz-
tümer verkaufen, um sich Plunder dafür anzuschaffen; der neue Reiche
Achtunddreißigstes Kapitel: Die Art und Weise der Bedarfsbefriedigung 605

muß seine schmutzige Hülle, in der er bis dahin gelebt hatte, wegwerfen
und sich neue Kleider, neue Möbel, neuen Schmuck kaufen.
Daß die Beschaffenheit der Güter selbst zum häufigen Wechsel
Anlaß gibt, werden wir erkennen, wenn wir die Neugestaltung der
Güterwelt selbst in unserer Zeit untersuchen werden.
Für den Kapitalismus ergab sich aus dieser Tendenz zum Wechsel
wiederum ein reicher Segen. Denn sie weitete seinen Absatz aus und
half den Kapitalumschlag beschleunigen, da anzunehmen ist, daß ein
erheblicher Teil der Güter, an deren Stelle andere treten, ohne diese
Ersetzung länger gedient hätte (man denke an Maschinen!). Wir
werden es deshalb begreiflich finden, wenn wir beobachten, daß der
Unternehmer alles aufbietet, um den Wechsel der Bedarfsgegenstände
zu beschleunigen. Mittel dazu gibt es zahlreiche: Annahme alter Artikel
im Tausch gegen neue, Anpreisung der neuen Artikel.
Das wirksamste Mittel aber, dessen sich der Unternehmer bedient,
um diesen Zweck zu erreichen, ist die Mode.
Vom. Wesen und Sinn der Mode habe ich im ersten Bande auf S. 743 ff.
beteits ausführlich gesprochen. Ich habe dortselbst auch ihre Ent-
stehung und Verbreitung bis zum Ende der frühkapitalistischen
Epoche verfolgt. Hier gilt es, den dort fallen gelassenen Faden wieder
aufzunehmen und bis zur Gegenwart fortzuspinnen. Was also ist es,
das die Mode im Zeitalter des Hochkapitalismus kennzeich-
nßt 1 Mir scheinen es vor allem drei Eigenarten zu sein, uie der Mode
der neueren Zeit, der "modernen Mode" anhaften und sie von der der
früheren Jahrhunderte unterscheiden. Das ist
(a) ihre Verallgemeinerung und zwar in persönlicher, sachlicher
und räumlicher Hinsicht.
In persönlicher Hinsicht: während es ehedem nur eine Oberschicht
war, innerhalb deren sich die Launen der Mode austobten, erfaßt sie
heute immer breitere Kreise der Bevölkerung; noch im 18. Jahrhundert
war der rasche Modewechsel im wesentlichen auf die kleine Oberschicht
der "Gesellschaft" beschränkt, auch das bessere Bürgertum war davon
unabhängig; die Bäuerin noch des frühen 19. Jahrhunderts trug ihre
"Tracht", die Proletarierfrau unserer Zeit trägt sich "modern".
In sachlicher Hinsicht: die Zahl der Güterarten, auf die sich die Mode
erstreckt, wird immer größer. Erst in neuer Zeit sind recht eigentlich
der Mode unterworfen nur von Bekleidungsgegenständen: Wäsche,
Krawatten, Hüte, Stiefel, Regenschirme; und von der Bekleidung
606 Dritter Abschnitt : Dio Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte

deh rt sich die Herrschaft der Mode auf immer weitere Bereiche allil;
er t im etzten Menschenalter sind die Möbel und was sonst zur Hallil-
einrichtung gehört, einbezogen usw.
In räumlicher Hinsicht: während in der Renaissancezeit, trotz des
beginnenden Einflusses Frankreichs, die Verschiedenheit der Mode
selbst in den einzelnen Städten Italiens noch fortdauerte, wie uns
Jakob :Bur ckhardt berichtet, und sich doch bis tief ins 19. Jahr-
hundert hinein immerhin eine gewisse lokale oder wenigstens nationale
Eigenart der Mode wahrnehmen läßt, ist es ein Kennzeichen der
neuen Zeit, daß mit der Ausdehnungskraft gasförmiger Körper sich
jede Mode binnen kurzem über den Bereich der gesamten zivili-
sierten Welt verbreitet. Von der Kleidung, namentlich der Damen-
kleidung (als es noch eine Dame gab) gilt das wortwörtlich: keine Schleife,
kein Knopf, kein Besatz ist an dem Kleide einer Amerikanerin oder
Französin oder Russin verschieden. Die Frauenkleidung und größten-
teils auch die Herrenkleidung ist " Uniform" der " zivilisierten" Mensch-
heit geworden.
J<:ine andere Eigenart der neueren Mode ist
(b} die Beschleunigung des Schrittmaßes im ModewechseL
Wir vernehmen zwar von einem häufigen Modewechsel, selbst
einmn mehrfachen in einem Jahre, schon in früher Zeit (Belege siehe
Ban1l I Seite 745f.). Aber wir dürfen annehmen, daß das Ausnahmen
warf'n oder sagen wir lieber Übertreibungen, die sich die Sittenprediger
ihrro Zeit zuschulden kommen ließen, denn sie sind die Quelle, aus
denen wir diese Erkenntnis schöpfen. Wenn wir dagegen objektive
Zeugmsse sprechen lassen, so bekommen wir doch den Eindruck, daß
selbst die Frauenkleidermode, die ja der empfindlichste Punkt im Reich
der Mode ist, sich während einer längeren Zeit, vielleicht während
einiger Jahre annähernd gleich blieb. Solche unparteiischen Zeugen
sind z. B. die Bildnisse oder Genrebilder einer Zeit. Es gibt doch immer-
hin ein Zeitalter oder eine Zeit des Velasquez oder Watteaus oder
Gainsboroughs, während welcher die dargestellten Personen sich so
ziemlich gleich gekleidet haben, während innerhalb des Lebenswerkes
eines modernen Künstlers die allerverschiedenartigsten Kleidermoden
sich drängen. Es ist heute kein seltener Fall mehr, daß die Kleidermode
in einer und derselben Saison vier bis fünfmal wechselt. Und häufig
so wechselt, daß sie von einein Extrem ins andere fällt: kurz-lang,
weit-eng, schlicht-überladen, oben nackt-unten nackt, angeklebt-
ausgebauscht usf. Und was das Seltsame des Schauspiels steigert:
Achtunddreißigstes Kapitel: Die Art und Weise der Bedarfsbefriedigung 607

so lange eine Mode dauert, herrscht sie unumschränkt, gibt es nicht


die geringste Abweichung, ist sie pedantisch streng. Es ist also nicht
etwa ein ewiger Fluß, den die Modeentwicklung darstellt, sondern -
bildmäßig - eine Treppe mit immer niedrigeren Stufen, auf der aber
von Absatz zu Absatz völlige Gradheit, Gleichförmigkeit herrscht.
Auf diese moderne Mode paßt das lustige Wort Vischers, das ich hier
noch mitteilen will:
"Wie ein unartiges Kind, das keine Ruhe gibt, so treibt es die Mode,
sie tut's nicht anders, sie muß zupfen, rücken, umschieben, strecken,
kürzen, einstrupfen, nesteln, krabbeln, zausen, strudeln, blähen, quirlen,
schwänzeln, wedeln, kräuseln, aufbauschen, kurz, sie ist ganz des Teufels,
jeder Zoll ein Mfe, aber just auch darin wieder steif und tyrannisch
phantasielos gleichmacherisch, wie nur irgendeine gefrorene Oberhof-
meisterin spanischer Observanz; sie schreibt mit eisiger Ruhe die ab-
solute Unruhe vor, sie ist wilde Hummel und mürrische Tante, aus-
gelassener Backfischrudel und Institutsvorsteherin, Pedantin lmd Arle-
kina in einem Atem." (Fr. Th. Vischer. Mode und Zynismus 3. Aufl.
1888. Seite 52.)
Aber während die beiden bil>her angeführten Merkmale der modernen
Mode doch im Grunde nur Gradunterschiede gegen früher darstellen,
ist nun das letzte Merkmal ein solches, das die Mode im Zeitalter des
Hochkapitalismus scharf und grundsätzlich von allen früheren Moden
unterscheidet; das ist
(c) ihre Unterwerfung unter die Botmäßigkeit des kapi-
talistischen Unternehmers.
Hier also ist der erste Fall, in dem sich der Einfluß des Geschäfts-
mannes auf unsere Bedarfsgestaltung und zwar in sehr entschiedener
Weise äußert. Aus dieser Abhängigkeit des "Kunden" vom Produ-
zenten oder Händler erklären sich auch alle Eigenarten, die sonst die
heutige Mode aufweist, und von denen ich im Vorstehenden zwei auf-
gezählt habe.
Noch am Ende des frühkapitalistischen Zeitalters sahen wir den
Konsumenten durchaus als den Bildner wie aller Bedarfsgestaltung
so auch der Mode. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts verliert er
die Herrschaft und der Produzent oder der Händler tritt an seine
Stelle.
Ich habe in der ersten Auflage (im 17. Kapitel des II. Bandes) an
qem Beispiele der Damen- und Herrenkleidermode gezeigt, auf welche
Weise sie heutzutage ,,kreiert" wird. Es ist das "Genie" des großen
608 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte

Pariser Schneiders oder die sachkundige Routine der Musterzeichner,


oder der gewichtige Beschluß einer Branchenvertretung: der Vereinigten
Strohhutmacher oder des Verbandes der Bänder-Litzen-Kordelfabri-
kanten oder des Kartells der Samtwebereien, die selbstherrisch be-
stimmen, was in der nächsten Saison der europäisch-amerikanische
Mensch an Güterbedarf zu haben hat. Nicht den geringsten Einfluß
übt dieser europäisch-amerikacisehe Mensch auf die Gestaltung seiner
Güterwelt aus, soweit sie dem Einfluß der Mode unterworfen ist.
Selbst die ganz wenigen großen Modedamen oder Modeherren (wie
Eduard VII. und in sehr viel geringerem Maße sein Sohn und Enkel),
die die Mode zu bestimmen scheinen, weil sie das zuerst tragen, was
später die Millionen tragen, sind doch nur Puppen in der Hand der Ge-
schäftsleute, denen sie dazu dienen, ihre "Dessins" zu "lancieren".
Die Erfolglosigkeit der Bemühungen eigensinniger und künstlerisch
begabter Frauen, sich aus der Umklammerung einer ihnen von Ge-
winn erstrebenden Unternehmern aufgedrungenen Mode zu befreien,
wie sie namentlich in Deutschland gemacht worden sind, als man das
"Eigenkleid" propagierte, zeugen von der Festigkeit der Herrschaft,
die die großen Schneider und ihre Trabanten und Helfershelfer aus-
üben. Wi~ weibliche Don Quichottes laufen die paar Unentwegten mit
ihren ausgeklügelten Absonderlichkeiten in der "großen" Welt herum,
und nur auf der Stufe der Turnlehrerin oder Sozialpolitikerin hat der
viel gf\pri sene "Hänger" sich einbürgern können und wirkt hier wie
das Zeugnis von der Niederlage im Befreiungskampfe gegen die all-
mächtige Mode.
Die hier vertretene Ansicht, daß der Geschäftsmann und nicht der
Verzehrar die Mode macht, ist von verschiedenen Seiten bekämpft worden,
neuerdings wieder mit besonderer Heftigkeit von dem holländischen
Soziologen Steinmetz.
Ich frage den verehrten Gegner: wenn er einen Einfluß des Publikums
auf die Gestaltung der Mode, insonderheit der Kleidermode, annimmt:
an welcher Stelle des Gestehungsvorganges sollte er sich geltend machen~
Man könnte allenfalls an den Kreis der intimen Freundinnen des Pariser
Grand Couturier denken, wo sich Konsumentan-Eigenmacht hervor-
wagt, also daß etwa die Freundin Poirets diesen bei seinen Schöpfungen
"inspiriert". Mag sein, daß hier und da die Laune einer kapriziösen
Pariser Frau dem Modeschöpfer eine "Eingebung" verschafft. Groß wird
die Einflußnahme bei der Selbständigkeit und Eigenwilligkeit dieser
Herren nicht sein.
Bliebe also - da ein unmittelbar schöpferischer Einfluß des Konsumen-
ten auf die Gestaltung der Mode aus rein äußerlichen, betriebstechnischen
Gründen nicht möglich ist- das Vetorecht des Trägers, nötigenfalls seine
Achtunddreißigstes Kapitel: Die Art und Weise der Bedarfsbefriedigung 60P

passive Resistenz. Lehnt die Weiblichkeit zuweilen eine ihr oktroyierte


Mode ab 1 Ich wüßte nur einen Fall zu nennen, und der ist auch noch
nicht endgültig entschieden: das ist der Hosenrock. Im übrigen aber beugt
sich Männlein und Weiblein, soweit sie der Modeherrschaft unterstehen
(natürlich sind ein alter Professor und eine Institutsvorsteherin "selbst-
herrlich" in der Gestaltung ihrer Kleidung), wenn auch mit knirschenden
Zähnen, unter das oft genug drückende Modejoch. Ich empfehle Herrn
Kollegen Steinmetz dringend, gelegentlich eine junge, elegante Frau auf
ihren Einkäufen in einem Modeatelier zu begleiten, um zu verstehen,
wer heute die Mode macht.
Die Dame tritt - beispielshalber - mit einem Hut ein, den sie vor
vier Wochen an derselben Stelle gekauft hat. Sage: niedrige Tockenform,
ihrem Gesicht sehr gemäß. Der Verkäufer mit einem halb vorwurfsvollen,
halb spöttischen Blick, während sie ihr Kleid anprobiert: "Gnädige Frau
werden sich auch einen neuen Hut aussuchen müssen: wir haben wunder-
volle Modelle soeben hereinbekommen." Die Kundin: "Ja, aber mein Hut
ist ja ganz neu und steht mir so gut." Der Verkäufer: "Aber gnädige
Frau werden nicht auffallen wollen. Die niedrige Form trägt heute ,nie-
mand' mehr." Ihr ein neues Modell reichend, eine riesige Tiara mit Esels-
ohren: "Wenn gnädige Frau einmal probieren möchten." Die Kundin: "Dies
Scheusal, wo mein Hüterl mich so gut k!eidet, nie!" Setzt das Modell
auf und beschaut sich im Spiegel: "Gräulich, wie eine Vogelscheuche
seh ich aus." Der Verkäufer: "Der Hut kleidet gnädige Frau ganz vor-
züglich," und seine letzte Karte ausspielend: "gnädige Frau sehen viel
jünger darin aus." Die Kundin bleibt zwar dabei: "Der Hut sei scheuß-
lich, stünde ihr gar nicht und koste sündhaft viel Geld." Innerlich ist sie
bereits umgestimmt: 1. weil es mal wieder was Neues ist, das eben aus
Paris angekommen war; 2. weil sie doch gern ein paar Jahre jünger aus-
sehen und 3. weil sie um keinen Preis der Welt unter ihren Freundinnen
"auffallen" möchte als eine, die eine Mode von gestern zu tragen sich
einfallen lassen könnte. Sie verläßt den Laden mit dem Neubau, den ihr
durch das Zwischenglied eines Berliner Verkäufers eine Pariser Modistin
völlig gegen ihren Willen (und noch viel mehr gegen den Willen ihres Be-
gleiters) auf den Kopf gestülpt hat. Und so geht es mit allen Dingen,
Kollege Steinmetz, glauben Sie mir.
Daß auch der Modeschöpfer an gewisse "Gesetze" gebunden ist, die
in dem Wesen der Mode mitgegeben sind, versteht sich von selbst. Ich
wüßte allerdings nur e in Gesetz anzugeben, das bisher streng innegehalten
wurde: die Frauenmode muß sexuell aufreizend sein. Das sucht sie zu sein,
indem sie irgendeinen Körperteil der Frau entweder entblößt oder "heraus-
treibt". Geschichte der Mode heißt im wel'lentlichen: Wechsel des zur
Schau gestellten Körperteils der Frau. Jetzt sind's die Unterschenkel
und der Rücken, früher waren's einmal die Oberschenkel oder die Brüste
oder der Hals oder der Leib oder die Hüften (Krinoline!) oder das Hinter-
teil (Cul de Paris) usw. Es könnte sein, daß der Tapissier de femme an
dieses Gesetz gebunden ist, und daß eineNonnentracht ebenso "abgelehnt"
würde wie der Hosenrock. Es käme auf den Versuch an. Bisher haben die
ß10 l>r•itt•r Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte

Modeachtöpfer stillschweigend, wie auf Grund gemeinsamer Verständigung,


einen be~stimmten Geist als den herrschenden anerkannt und in ihm ihre
Werke gteschaffen: den Geist der Weltlichkeit und Frivolität. Sittlichkeits-
apostel <oder Schönheitsfanatiker sind unter ihnen bisher nicht aufgetreten.
Ich hallte es aber bei der Veranlagung unserer Frauen nicht für aus-
ge chloSisen, daß sie sich gelegentlich auch einmal "anständig" oder "schön"
anziehem würden, wenn es die Pariser Diktatoren so wollten. chon weil
es mal e1twas anderes wäre. Wirklich: ich sehe nicht, wo etwas wie "Eigen-
willigkeut" des Verzehrars bei der Schaffung der Mode heute zutage träte.
Um dieses Bestreben des Unternehmers, sich die Mode untertan
zu macilien, zu verstehen, brauchen wir uns nur der Bedingungen zu
erinnern, unter denen die kapitalistische Welt steht.
Der Unternehmer, mag er Produzent, mag er Händler sein, ist durch
die Komlrurrenz gezwungen, seiner Kundschaft stets das neueste vor-
zulegen, bei Gefahr ihres Verlustes. Wenn ein halb Dutzend ·Groß-
konfektionäre um den Absatz bei einem kleinstädtischen Kleider-
händler sich bemühen, so ist es ganz ausgeschlossen, daß sie sämtlich
nicht mindestens auf der Höhe der neuasten Mode sind; die Tuchfabrik,
die einem großstädtischen Schneider auch nur ein um wenige Monate
älteres Dessin schicken, die Baumwollenfabrik, die dem Modewaren-
baz~tr rnicht die letzte Neuheit anbieten würde, schiede von vornherein
aus dem Wettbewerbe aus. Daher das weitverbreitete Streben des
Unternehmers, mindestens auf dem Laufenden zu bleiben, sich stets
in cien Besitz der neuesten Musterkollektionen, der neuesten Vorlage-
blä1t<•r zu setzen. Hier liegt die Erklärung vor allem auch für die Ver-
allg< meinerung der Mode. Und sofern es einer ganzen Kategorie
von G schäften darauf ankommen muß, das obige "Mindestens" zu
überbieten, durch reizvolle Neuheiten den Kunden überhaupt zum
Ka1t.f und zwar zum Kauf bei ihnen zu veranlassen, erzeugt die kapi-
tali.<;tische Konkurrenz die zweite Tendenz der modernen Mode: die
Teitd enz zum raschen Wechsel.
Überall aber, wo wir den Produzenten selbst am Werke sehen, um
durch eigene "Weiterbildung" Neues zu schaffen, wo der Konfektionär
ode:r Textilwarenfabrikant eigene Dessinateure unterhält, gar aber
erst bei den Geschäften, die nur dadurch bestehen, daß sie andern Neu-
heiten liefern: überall dort wird ein Herd für ein wahres Neuerungs-
fieber geschaffen. Man saugt sich das Blut aus den Nägeln, martert
das Hirn, wie es denn möglich zu machen sei, immer wieder und wieder
etwas "Neues" - und darauf kommt es im wesentlichen an - auf den
Markt zu werfen.
Achtunddreißigstes Kapitel: Die Art und Weise der Bedarfsbefriedigung 611

Damit nun aber dieses immer heftigere Konkurrenzbestreben der


Unternehmer untereinander auch wirklich immer die Wirkung des
Modewechsels habe, müssen noch einige andere Bedingungen in der
sozialen Umwelt erfüllt sein, so wie es heute der Fall ist. An sich wäre
es ja möglich, daß ein Konkurrent dem andern durch größere Güte
oder Billigkeit einer nach Form und Stoff unveränderten Ware zuvor-
zukommen suchte. Warum durch den Wechsel der Mode? Zunächst
wohl deshalb, weil hierdurch noch am ehesten ein fiktiver Vorsprung
erzeugt wird, wo ein wirklicher nicht möglich ist. Es ist immerhin noch
leichter, eine Sache anders, als sie besser oder billiger herzustellen.
Dann kommt die Erwägung hinzu, daß die Kaufneigung vergrößert
wird, wenn das neue Angebot kleine Abweichungen gegenüber dem
früheren enthält; ein Gegenstand wird erneuert, weil er nicht mehr
"modern" ist, trotzdem er noch längst nicht abgenutzt ist: (die "Mei-
nungskonsumtion" Storchs). Endlich wird damit der bereits gekenn-
zeichneten Stimmung der Menschen unserer Zeit Rechnung getragen,
die dank ihrer inneren Unrast auch eine gesteigerte Freude am
Wechsel haben.
Wir werden in einem andern Zusammenhange noch feststellen
können, daß die Mode in dem Organismus der kapitalistischen Wirt-
schaft noch eine zweite Funktion hat: die der Vereinheitlichung des
Bedarfs. Hier war zunächst einmal ihre Bedeutung als treibende Kraft
für den häufigen Wechsel der Bedarfsgegenstände aufzuweisen. Schon
hier wird ersichtlich, daß die Mode ein unentbehrliches Glied gerade
auch in der hochkapitalistischen Wirtschaft spielt. Und es war gewiß
ein Fehlurteil, das Marx fällte, alser-unter Berufung auf eine Schrift
J ohn Bellars aus dem Jahre 1699! - schrieb, daß "die Flatterlaunen
der Mode" dem System der großen Industrie nicht angemessen seien.
Wir dürfen eben nicht vergessen, daß zu allen Zeiten, auch unter der
Herrschaft des Systems der großen Industrie, die Erzeugung der letzten
Gebrauchsgüter doch den größten Teil der gesellschaftlichen Pro-
duktionskraft in Anspruch nimmt, und daß die Bedarfsgestaltung,
soweit diese letzten Gebrauchsgüter in Frage kommen, den Ent-
schließungen der schwachsinnigen Masse und zumeist der schwach-
sinnigen Frauenwelt überlassen bleibt. Da nun in der kapitalistischen
Wirtschaft die einzig Verstä.ndigen, will sagen die einzig rationalistisch
ihr Handeln Begründenden irumtten einer völlig kopflosen und willen-
losen Menge die Unternehmer sind, und da ihnen das Mittel der
Modesuggestion außerordentlich nützliche Dienste leistet bei Verfolgung
Sombart, Hochkapitalismus U. 39
1312 l:>ritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtscbaftl. Prozesses i. d, Geschie:htt<lte

ihrer klaren Ziele, warum erstaunen, daß wir dieses Mittel heute iüin
weiterem Umfange und in wirksamerer Weise angewandt finden denn jre ~ 1
Konnten wir bisher als den eigentümlichen Zug in der Art dteJer
Bedarfsbefriedigung in unserer Zeit die Abkürzung der Erneuerun.g~s- -
periode der Güter feststellen, so lernen wir jetzt als eine Eigena}rtrt
dieser Bedarfsbefriedigung
[Link] und damitAbkürzungdes einzelnre1m
Befriedigungsaktes kennen.
Die Tatsachen sind bekannt. Wir legen eine Wegstrecke im sechstfe~n
oder zehnten oder zwanzigsten Teil der Zeit zurück, die man früh1e:er
brauchte; Goethe saß drei Stunden bei Tisch, der amerikacisehe Clerrkk
ißt in zehn Minuten; eine lange Pfeife zu rauchen dauert eine Stundlee,
eine Zigarette fünf Minuten usw. Die Folge dieser Beschleunigung [Link]
die, daß in derselben Zeitspanne mehr Bedürfnisse oder öfters dassellb(1e
Bedürfnis befriedigt werden können (ich fingiere, daß die in melh r
oder weniger Zeit erfolgende Bedarfsbefriedigung der Art nach glei1cl:h
bleibt). Es findet eine Intensivisierung der Bedarfsbefriedignn!g
statt. Dalnit aber die Bedarfsbefriedigung rascher sich vollziehen kanml,
müssen Produktion und Transport dieselbe Beschleunigung erfahrem1.
Am deutlichsten tritt dieser Zusammenhang in die Erscheinung, W(O
es sich um die Intensivisierung der Bedarfsbefriedigung durch Be~­
schleunigung der Transportleistung handelt; die "Dame" auf Motorra(d
knnn in derselben Zeitspanne eine Tennispartie, einen Tee und einem
Vortrag erledigen, in der sie früher vielleicht gerade Zeit zu einenu
Rendezvous gehabt hätte.
Aber auch die Beschleunigung der Produktion läßt ihre Einwirkun{g
auf die Bedarfsgestaltung verspüren; der [Link]{g
frißt vielmal soviel Nachrichtenstoff in sich hinein, weil die Rotations,-
pressen vielmal soviel Futter binnen vierundzwanzig Stunden lieferm,
als der Plattendruck vermöchte.
Nun entsteht aber ein Bedarf nicht nur an Konsumgütern, sondern
ebenso an Produktionslnitteln. Wo also aus irgendwelchem Grund.e
der Erzeugungshergang beschleunigt wird, wird auch der Verbrauchs-
hergang, soweit Produktionsmittel in Frage kommen, beschleunigt.
Beschleunigung der Produktion bedeutet also immer auch Inten-
sivisierung der Bedarfsbefriedigung. Das tritt wiederum besondere;
deutlich zutage bei der Errichtung von Bauten, vielleicht, weil sie sich
vor aller Augen sichtbar abspielt. Welche Hast beim Wiederaufban
zerstörter Städte (wenn es sich nicht gerade um Nordfrankreich handt>lt,
.&[Link]ßigstes Kapitel: Die Art und Weise der Bedal'fsbefriedigung 613

dla.s einen a-typischen Fall darstellt), beim Bau von Bahnhöfen, Bahnen,
Kanälen, bei der Errichtung von Fabriken!
Das Woolworth-Building - ein Haus von 236 m Höhe (Kölner Dom-
ttürme 156 m) mit 55 Stockwerken, das 7-8000 Menschen in Bureaus
[Link],- ist erbaut vom 20. Juli 1911 bis Ende Januar 1913, also in
18 Monaten. Hanns Günther in Taten der Technik, 1, 214/ 15.
Die Gründe dieser Beschleunigungstendenz auf dem Gebiete der
Bedarfsbefriedigung sind von mir schon aufgedeckt worden, als ich
<len Sinn für Schnelligkeit als einen allgemeinen Zug des modernen
Wirtschaftsgeistes nachwies: siehe oben Seite 23f. 34f. Denn die Bedarfs-
b-efriedigung bildet nur einen Teil der gesamten Wirtschaftsführung.
Wir stellten dort fest, daß es erstens ein sich überallhin verbreitendes
Gefühl für den Wert der Zeit sei, was den heutigen Menschen zur
chnelligkeit treibt; die Zeit ist ihm ein kostbares Gut. Deshalb "hat
er keine Zeit". Goethe hatte "Zeit", drei Stunden bei Tisch zu
sitzen, der Clerk in New York nicht, weil er besseres zu tun hat als zu
tafeln. Zweitens treibt das kapitalistische Interesse unmittelbar zur
Hast; die Beschleunigung des Verbrauchsaktes bedeutet eine Be-
schleunigung des Kapitalumschlages, diese eine Profitsteigerung.
Drittens wird das Schrittmaß dem Einzelnen durch den Gang des
Mechanismus abgezwungen, in den er eingeordnet ist; will ich die
Schnellbahn benutzen, darf ich beim Aus- und Einsteigen ein b&-
stimmtea Zeitmaß nicht überschreiten.
[Link] aber - und das ist die Hauptsache - bedeutet auch dieser
Zug der Entwicklung in der Art und Weise unserer Bedarfsbefriedigung
einen Segen für den Kapitalismus; er weitet dessen Betätigungsfeld aus.
Ebenfalls den kapitalistischen Interessen fördersam, wenn auch
die Förderung teilweise auf Umwegen erfolgt, ist die letzte Eigenart,
die die Bedarfsgestaltung während der hochkapitalistischen Periode
immer mehr annimmt, nämlich
3. die Kollektivisierung der Bedarfsbefriedigung, das heißt
also die fortschreitende Tendenz, den Bedarf "collective" zu decken,
worüber ich in der theoretischen Übersicht schon einige Beispiele bei-
gebracht habe(siehe oben Seite 525). Es wäre nun hier unsere Aufgabe,
die zunehmende Kollektivisierung im Zeitalter des Hochkapitalismus
ziffernmäßig nachzuweisen. Leider gestattet die Statistik die Lösung
dieser Aufgabe nur in recht unvollkommener Weise. Immerhin lassen
sich einige Belege beibringen, die vertretungsweise hier Platz finden
miJgen. Die Kollektivisierung der Bedarfsgestaltung läßt sich auf fast
:19 *
614 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte

all n Gebieten verfolgen. Ich greife die sechs wichtigsten herau.s:


Bildungswesen, Gesundheitspflege, Vergnügungswesen, Beherbergungr
und Erquickung, Hauseinrichtungen, Verkehrsmittel.
(a) Bildungsmittel: Zunahme der öffentlichen Schulen, Bibliotheken,
Museen.
Die Zahl der auf diesem Felde Erwerbstätigen betrug in [Link]:nß:-
1882 186513
1895 243165
1907 317988
Stat. d. D. Reiches 211,48•
(b) Gesttndheitspflege 1tndKrankendie:nst: Zunahme der Kranken-, Irren-,
Siechenhäuser. Die den obigen unter (a) mitgeteilten entsprechenden
Ziffern sind:
1882 80523
1895 136163
1907 231759
cbenda.
In Deutschland gab es:
öffentliche private
Krankenhäuser Krankenhäuser
1877 1506 316
1901 2076
1910 2254 1697
Auf 10000 Einwohner entfielen Betten in Krankenhäusern (öffentliche
Anstalten und Privatanstalten zusammen):
1877 24,5
1882 28,6
1891 37,9
1900 46,4
1910 62,8
Veröffentlichungen des Reichsgesundhcitsamts, mitgeteilt 1m Stat.
J ahrb. f. das Deutsche Reich.
Desgleichen in Öste:rreich:
1848 7,1
1870 11,8
1900 17,94.
Friedr. Prinzing, Handbuch der medizinischen Statistik (1906) 543.
(c) Vergnügungsstätten: Zunahme der Theater, Konzerte, Kinos.
In diesen Gewerben waren in Deutschland beschäftigt Erwerb-
tätige:
1882 64522
1895 82741
1907 119585.
Quelle: siehe bei (a).
(d) Beherbergung und Erquickung: Zunahme der Restaurants, Hotels,
Boarding-Häuser.
chtunddreißigstes Kapitel: Die Art und Weise der Bedarfsbefriedigung 615

Die Statistik weist für De:utschland folgenden Bestand an Erwerbs-


tätigen in der Gast- und Schankwirtschaft auf:
1882 422458
1895 700919
1907 939306.
Quelle: siehe bei (a).
Einen genauen Bericht besitzen wir über die Entwicklung der Hotei-
lindustrie in der Schweiz. Danach hatte die Gesellschaft schweizerischer
Gastwirte
1882 . . . . . . 169 Mitglieder mit 13668 Zimmern
1905 . . . . . . 1090 " " 91654 "
während die Gesamtzahl der Betten in schweizerischen Hotels in diesem
Jahre 124000 betrug.
Die Durchschnittszahl der Betten in einem Hotel war:
1894 . . . . . . 52
1905 . . . . . . 64.
Die Zahl der Angestellten im Gastwirtsgewerbe bezüferte sich auf
1880 16022
1894 . . . . . . 23997
1905 . . . . . . 33480.
Die Höbe der in der Hotelindustrie angelegten Kapitalien betrug:

..
1880 319500000 Franks
1894 . . . . . . 518 927 000
1905 . . . . . . 777507000
"
Bericht des französischen Konsuls in Basel im "Economiste europeen",
mitgeteilt in der "Schweizerischen Zeitschrift für kaufmännisches Bildungs-
wesen'', 2. Jahrg., S. 29f.
(e) Hauseinriclttung: Zunahme der kollektiven Versorgung mit Wasser,
Gas, Elektrizität.
Vor dem Kriege nahm man an, daß die Bevölkerung De:[Link].s
ihren Beleuchtungsbedarf wie folgt befriedigte:
Gas . . . . 63,7%
Elektrizität. . . . . . . . 22,0%
Petroleum . . . . . . . . 14,3%.
Berechnung des Oberingenieurs 0 t h m er bei Walter Le Coutre
in den Sehr. f. VfSP. 142. III, 12.
Danach würde also die kollektive Bedarfsbefriedigung schon damals
die bei weitem verbreitetste Form (85,7%) gewesen sein.
(f) Verkehrsmittel: Zunahme der Eisenbahnen, Straßenbahnen, Dampf-
schiffe; aber auch der Leistungen der Post, Telegraphie und Telephonie.
Hierfür habe ich bereits in anderem Zusammenhange ein reichhaltiges
Beweismaterial beigebracht (siehe oben Seite 282ff., unten Seite 652ff.).
Ich will noch die Ziffern nachtragen, die die Zahl der in den Verkehrs-
gewerben, soweit sie hier in Betracht kommen, beschäftigten Erwerbs-
tätigen für [Link] angeben.
616 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Gescbitclhtto

Das waren im Post- und Telegraphenbetrieb sowie Eisenbahnbetini b


mit Ausnahme des Straßenbahnbetriebes:
1882 247275
1895 . . . . . . 402059
1907 . . . . . . 683 496.
Im Straßenbahnbetrieb wurden Berufszugehörige gezählt:
1895 48061
1907 . . . . . . 132917.
Quelle: wie zu (a).
Ich habe überall von "Zunahme" gesprochen; das bedeutet [Link]Üll'-
lich "progressive" Zunahme, das heißt Zunahme in einem raschen:-em
Verhältnis als die Bevölkerung in diesem Zeitraum anwuchs. Wür
sehen, daß die Zahl der Erwerbstätigen in den angeführten Gewerbern im
Deutschland von 1882-1907 sich mindestens verdoppelt, in einzelmem
Fällen verdrei-und vervierfacht hat. Demgegenüber betrug die Ein-
wohnerzahl des deutschen Reichs
Millionen
1882 45,7
1895 . . 52,0
1907 . . 62,0.
Die Bedeutung dieser Entwicklung zur kollektiven Bedarf~ ­
befriedigung für den Kapitalismus liegt teilweise in der unmittelbaren
Förderung, die er durch sie erfährt,. sofern sich ihm neue Betätigungs-
felder öffnen; die kollektive Bedarfsbefriedigung erheischt immer
einen größeren Betrieb als die individuale und eignet sich deshalb für
die kapitalistische Organisation besser als diese. Freilich ist deren
Betätigung auf dem neu erschlossenen Gebiete dadurch eingeschränkt
worden, daß die kollektive Bedarfsbefriedigung zu einem nicht un-
beträchtlichen Teile von öffentlichen Körpern ausgeübt wird. Für
manche Länder (wie Deutschland) mag das ins Gewicht fallen; in
anderen Ländern (wie den Vereinigten Staaten) hat die öffentliche
Unternehmung dem Kapitalismus auf dem Gebiete der kollektiven
Bedarfsbefriedigung nur geringen Abbruch getan.
Immer aber bleibt die gekennzeichnete Entwicklung von größter
Bedeutung für den Kapitalismus dadurch, daß sie einen entscheidenden
Einfluß auf die Artbeschaffenheit der Güter in einer Richtung allf-
geübt hat, in der eine beträchtliche Förderung der kapitalistische:!
Interessen erfolgt ist. Diese Zusammenhänge sollen im folgende:l
Kapitel aufgedeckt werden.
617

N eununddreissigstes Kapitel
Die Artbeschaffenheit der Güter
Während der hochkapitalistischen Periode ändert sich natürlich
die Artbeschaffenheit der bedurften Güter grundsätzlich nicht, so viele
nicht bedurfte einzelne Güter nun auch nicht mehr nachgefragt und
so viele neue Einzelgüter nun auch bedurft werden. Aber die öko-
nomische Art dieser Güter, die verschwinden und neu auftauchen,
bleibt dieselbe; der Spinnrocken und die Nähmaschine sind beides
Arbeitsmittel und Hirse und Kokain beides Genußmittel. Auch die
Unterarten bleiben dieselben; zu allen Zeiten sind grobe und feine,
leichte und schwere, gleichförmige und ungleichförmige Güter bedurft.
Aber was sich im Laufe der Zeit ändert, das ist die Bedeutung der
<-'inzelnen Art oder Unterart und das Mengenverhältnis, in dem die
verschiedenen Arten und Unterarten zueinander stehen. Da können
sich in der Tat Verschiebungen ergeben, die das ganze Bild des Güter-
bedarfs von Grund auf umgestalten.
Solche Verschiebungen in dem Verhältnis der einzelnen Güter-
arten und -unterarten untereinander haben sich nun auch während
unserer Wirtschaftsperiode vollzogen, und zwar in recht beträchtlichem
Umfange. Und diesen Verschiebungen wollen wir im Folgenden unser
Augenmerk zuwenden.
Was das Zeitalter des Hochkapitalismus kennzeichnet, ist folgendes:
1. der zunehmende Bedarf an Arbeitsmitteln, das heißt
also an Gütern, die zur Erzeugung anderer Güter dienen, mit Aus-
nahme der Roh- und Hilfastaffe (die selbst im Verhältnis zur wachsen-
den Menge der Güter zunehmen und in unserer Zeit, wie wir noch sehen
werden, sogar in verhältnismäßig geringerem Umfange bedurft werden).
(Zunahme bedeutet auch im folgenden immer verhältnismäßige Zu-
nahme, verhältnismäßig zur Gesamtmenge der Güter.)
Dieser zunehmende Bedarf an Arbeitsmitteln, der sich etwa aus
der raschen Vermehrung der in den anorganischen Industrien be-
schäftigten Personen (siehe oben Seite 267f.) ersehen läßt, erklärt sich
einerseits aus der uns bekannten Mobilisierung der Güterwelt, wodurch
ein ungeheuerer Bedarf an Verkehrsmitteln (Eisenbahnen, Dam:pf ·
(j 18 Dritter A schnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichtce

schiffe.!) entstanden ist; andererseits aus der uns ebenfalls bekanntem 1


Vervollkommnung des Produktionsprozesses, der, wie wir wissen,, ,
immer mehr "auf Umwegen" erfolgt, eine Wirkung der modernem
Technik (siehe oben Seite 123). Dieser "Umweg" bedeutet, daß groß(C •
"Anlauen" gemacht werden, ein großes Maschinen- und Apparate-
ystem geschaffen wird, das "fixe Kapital" an Umfang verhältnis-
mäßig wächst; je tiefer die Produktionsstufe, desto größer der Anteill
des fixen Kapitalsam Gesamtkapital; er steigt (Verhältnis zum Arbeits-
lohn) auf 10: 1 im Steinkohlenbergbau, 12: 1 in der Bleiraffinerie usw ..
Zu diesen in der modernen Technik gelegenen Gründen der Zu-
nahme des Bed~fs an Arbeitsmitteln kommt noch ein besonderen:
Grund, der aus einer anderen Bedarfsverschiebung folgt, das ist
2. der zunehmende Bedarf an Gro bwaren.
Grobwaren, das heißt minderwertige Güter, MassenbedarfsartikeL,
bedürfen nämlich zu ihrer Erzeugung eines verhältnismäßig größerem
Aufwandes von Arbeitsmitteln als hochwertige Feinwaren. Aus dem1
sehr naheliegenden Grunde, weil ihre Herstellung mehr auf maschi-
nellem Wege unter Ausschaltung der Handarbeit erfolgt.
Nach dem amerikanischen Zensus ergibt sich (1905) das fixe Kapital
zu den Arbeitslöhnen in einer Reihe von Luxusartikelindustrien einer-
seits, von Massengebrauchsartikelindustrien andererseits wie folgt:
KiJnstliche Blumen und Federn 1,84 : 1 Schreibwaren. . . . 8, 70 : 1
BroJlzewaren . . . . . . . . 2, 75 : 1 Baumwollerzeugnisse 6,37 : 1
ko t6are Teppiche . . . . . . 1,63 : 1 einfache Teppiche. . 4,36 : 1
Pelzwerk . . . . . . . . . . 1, 70 : 1 Wollwaren . . . . . 5,00 : 1
:Nach den Zusammenstellungen bei P. Maß low, Die Theorie der
Volkswirtschaft (1912), 216.
Wenn ich nun eine Zunahme des Grobbedarfs behaupte, so kann
das einen dreifachen Sinn haben. Es kann erstens die absolute Zunahme
bed!'uten, die selbstverständlich ist und hier nicht in Betracht kommt;
zweitens die verhältnismäßige Zunahme, verhältnismäßig zur Gesamt-
rn nge der erzeugten Güter. Ob eine solche Zunahme also des Anteils
des Grobbedarfs am Gesamtbedarf besteht, ist fraglich und nicht fe:;t-
stellbar (da bei der internationalen Verflechtung des Wirtschaftslebens
auch die Einkommenstatistik eines Landes keinen Aufschluß gibt,
noch viel weniger natürlich das uns bekannte Verhältnis, in dem
Arbeitslohn und Mehrwert zueinander gestiegen sind, da ja "die dritten
Personen" bei dem Gesamtgüterbedarf selbstverständlich mit berüe -
sichtigt werden müssen). Aber es bedarf auch keines Entscheids in der
Frage nach dem. Verhältnis des Grobbedarfs zum Gesamtbedarf, da
Neununddreißigstes Kapitel: Die Artbeschaffenheit der Güter {)19

hier die Zunahme des Grobbedarfes in einem dritten Sinne gemeint


ist, nämlich im Verhältnis zu dem vom Kapitalismus zu befriedigenden
Güterbedarf, der uns hier allein angeht. Daß in diesem Sinne aber ohne
jeden Zweüel eine Zunahme des Grobbedarfs stattgefunden hat, folgt
ohne weiteres aus der öfters von mir hervorgehobenen Tatsache, daß
in der Zeit vor dem Beginn der hochkapitalistischen Epoche der Grob-
bedarf für den Kapitalismus nur in sehr geringem Umfange überhaupt
in Frage kam, weil er damals im wesentlichen in der Eigenwirtschaft
oder vom Handwerk gedeckt wurde.
Daß heutzutage der Grobbedarf eine tmvergleichlich viel größere
Bedeutung für den Kapitalismus besitzt als der Feinbedarf, geht aus
den Ziffern hervor, die ich im 37. Kapitel über die Verteilung des
gesellschaftlichen Einkommens mitgeteilt habe. Daß aber durch diese
Verschiebung in der Bedarfsgestaltung ebenso wie durch die oben
besprochene Zunahme des Arbeitsmittelbedarfs der Kapitalismus
ine Förderung erfahren hat, oder drücken wir es so aus: daß diese
Verschiebungen eine dem Wesen des Kapitalismus angemessene Be-
darfsgestaltung bewirkt haben, bedarf nicht erst noch des Beweises.
Nicht zu verwechseln mit dem Gegensatz grob (minderwertig) -
fein (hochwertig) ist der andere: schwer (dauerhaft) - leicht (weniger
dauerhaft). Und es decken sich nicht etwa die Begriffe grob und schwer
oder fein uud leicht. Eine weitere Untersuchung der Wandlungen, die
die Gestaltung des Güterbedarfs im Zeitalter des Hochkapitalismus
rfahren hat, ergibt nämlich, daß der Zunahme des Grobbedarfs keines-
wegs eine Zunahme des Bedarfs an schweren Gütern entspricht, daß
wir vielmehr das gerade Gegenteil beobachten können. Eine weitere
Eigenart der Bedarfsgestaltung in unserer Zeit ist nämlich
3. die Zunahme des Bedarfs an leichten Gütern.
Die "frühere" Zeit - "früher" in sehr verschiedenen Zeitabständen
und verschieden in den einzelnen sozialen Schichten - hatte einen
Bedarf an schweren Gütern, die, wenn sie Gebrauchsgut sind, Dauer
haben und "solide" heißen.
Die Nahrung war voluminös, reich an Kohlehydraten.
Die Kleidung wurde aus schweren, dauerhaften Stoffen hergestellt:
Wolle, Leinen, Filz, Brokat, Atlas, Pelz.
Die Kleidung des Bauern: der lange Wollrock, der Filzhut, die großen
~fctalllmöpfe; der Bäuerin: der schwere Faltenrock, die dicken,
620 Drittel' Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichtte

gestrickten Wollstrümpfe, das grobe Leinenhemd, das Mieder aus Filz:,


der plumpe Kopfschmuck, vielleicht gar mit Metallplatten belegt.
Die Kleidung des Bürgers: nicht minder "solide", so daß der Rock
des Vaters auf Generationen vererbte.
Die Kleidung des Reichen: prächtig, überladen mit Gold- und
Silberstickerei, aus Brokat und Atlas (Velasquez! Louis XIV!).
Das Schuhwerk: aus Roß- oder Rindsleder, hohe Schäfte, Stulpen-
stiefel.
Leib-, Bett-, Tischwäsche aus derbem Leinen oder schwerem Damast,
so daß sie Jahrhunderte überdauerte. Wir haben in unseren Schränken
heute noch Tisch- und Mundtücher ans dem 17. Jahrhundert. In riesigen
Formaten: Hemden bis auf die Knöchel, Servietten von der Größe
eines Tischtuches, Schnupftücher von dem Umfang eines Halstuches.
Ein Auschuck und eine Folge dieser Dauerhaftigkeit aller Kleidungs-
stücke war de.: AltwarenhandeL
Der Handel mit gebrauchten Sachen, die Auffrischung alter Gegen-
stände waren in früherer Zeit, noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts,
blühende Erwerbszweige. Bildeten doch die Altwarenhändler in den meisten
Städten eigene Zünfte. Und welches schwunghafte Geschäft muß es der-
einst gewesen sein, dieser Handel mit gebrauchten Sachen, wenn wir sehen,
wie im 16. Jahrhundert die Notabeln von Frankreich Beschwerde führen
über die gefährliche Konkurrenz, die die Schiffsladungen mit alten Hüten,
Stiefeln, Schuhen usw., die von England herüberkamen, den ansässigen
Gewerbetreibenden bereiteten! Beschwerde der Notabelnversammlung
im Jahre 1597, daß die Engländer "remplissent le royaume de leurs vieux
chapeaux, bottes et savates qu'ils font porter 0. pieins vaisseaux en
Picardie et en Normandie. G. D' Avenel, Le mecanisme de la vie
moderne, 1896, 32.
Die Wohnung und der Hausrat nicht minder "solide": dicke Wände,
dicke Türen, dicke Fenster. Eingebaute Betten, Öfen, Bänke. Schwere,
massive Tische, Stühle, Schränke. Riesige Schlüsseln. Haltbares Geschirr
aus Holz, Zinn, Steingut.
Und dagegen heute!
Die Nahrung ist "leicht" geworden: wenig Kohlehydrate, dagegen
viel Fleisch, viel Reizmittel. Statt schwerem Roggenbrot leichtes
Weizenbrot.
Die Kleidung besteht meist aus leichten, rasch abgetragenen Stoffen,
die keine Ausbesserungen zulassen. Die Wandlung in der Frauenkleidung
beginnt wohl mit dem Aufkommen der Musseline im 18. Jahrhundert.
ie ist immer "leichter" geworden. Die Stoffe der Kleider, Wäsche,
trümpfe sind Baumwolle, Battist, dünne Seide. Da Festkleid ein
Neununddreißigstes Kapitel: Die Artbeschaffenheit dor Güter 621

Spinngewebe. Was für die Frauenkleidung gilt, gilt auch für die Männer-
ldeidung; der "Cheviot", eine leichter Wollstoff, oft mit Baumwolle
gemischt, hat alle schweren Wollstoffe verdrängt. Das Schuhwerk
besteht aus Kalb- oder Ziegenleder oder Leinwand oder Seide. Das alles
auch in den unteren Schichten.
Und wie Nahrung und Kleidung, so sind Wohnung und Hausgerät
auf "Leichtigkeit" abgestellt: handbreite Wände, fingerdicke Türen.
In den Wohnräumen nur noch "Möbel", bewegliche Sachen ein-
schließlich die Öfen. Und alles aus dünnem, in besserer Aufmachung
"furniertem" Holz. Viel leichter Tand und Kram als Schmuck. Auf
dem Tisch Halbleinen, durchsichtige Tisch- und (winzige) Mundtücher,
Geschirr aus feinem Glas und Porzellan.
Fragen wir nach den Gründen dieser Wandlung, so werden wir zu-
nächst jenesbereits gekennzeichneten "ZugesderZeit" nachraschem
Wechsel der Gebrauchsgegenstände gedenken. Wer den häufigen Wechsel
dem Dauerbesitz vorzieht, muß auch die leichten Gegenstände wollen.
Alle die Seelenstimmungen, die zum häufigen Wechsel drängen,
fördern die Vorliebe für leichte Bedarfsgüter.
Daneben mag das Gefühl mitsprechen, daß leichter = feiner ist,
"eleganter"; schwer erscheint als plump, als bäuerisch. Das heißt
der "Geschmack" der Zeit wandelt sich in der Richtung des Leichten,
ein tmbestimmter und unbestimmbarer Vorgang.
Für die Einbürgerung des leichten Stils in die Wohnung wird man
zu einem guten Teil die Frau verantwortlich machen dürfen, der
namentlich in der Stadt immer mehr die Einrichtung zufällt. Man
hat - wohl mit Recht - gesagt, daß der Frau der Sinn für das
Tektonisch-Strenge abgeht. Sie liebt das Dekorative, das Gefällige,
das sich in der modernen Wohnung in dem, was ich den "Zeltstil"
genannt habe, auswirkt. (Eine Reaktionserscheinung wäre das moderne,
deutsche Kunstgewerbe, das seinen Mangel in der ausschließlichen
Männlichkeit der Orientierung [Verstand!] hat; daher keine Intimität,
keine Wohnlichkeit, kein Komfort!)
Auf festeren Boden treten wir, wenn wir die Bewegung der leichten
Güter in Verbindung bringen mit den Wandlungen, die während des
19. Jahrhunderts die Siedlungsweise der zivilisierten Menschheit er-
fahren hat mit ihrer Verpflanzung in die Städte und deren Entvdck-
lung zu Großstädten. Diese Umschichtung hat das bewirkt, was man
die Urbanisierung der Bedarfssitten nennen kann. Und mit
dieser ist der Mehrverbrauch leichter Güter auf das engste verknüpft.
622 Dl'itter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Pl'ozesses i. d. Geschichte

Die Anforderungen an unsere Gebrauchsgüter sind andere geworden,


und in dem Maße, wie sich der Gebrauchszweck umgestaltet, wandelt
sich das Werturteil über nützlich und schön.
Die Zusammenhänge liegen deutlich vor unseren Augen. Die sitzende
Lebensweise des Städters läßt die schwere, an Kohlehydraten reiche
Ko'lt der früheren Zeit nicht zu; sein unruhiges Leben erheischt Reiz-
mittel und macht die Fleischnahrung zur Notwendigkeit.
Unsere Wohnung in den Städten ist ein leerer Mietkubus geworden,
in dem wir unser "Zelt" aufschlagen. Er bietet keinen Raum mehr für
große Schränke, in denen wir Kleider und Wäsche aufstapeln. Und
wie der Nomade suchen wir nach kurzer Rast einen neuen Standort
für unser Zelt. Die Angst vor dem , ,Umzug" erstickt alle Wünsche
nach Dauergütern in uns. Unser Hausgestühl wird für den Möbel~agen
produziert.
Man hält es kaum für möglich, wenn man liest, welchen Grad von Un-
tltetigkeit die Bevölkerung heute erreicht hat. Beispielsmäßig: In einer
Stadt wie Breslau von 400000 Einwohnern betrug (1899) die Zahl der
umgezogenen Personen 194602, während innerhalb Hamburgs in demselben
Jahre gar 212783 Parteien (!) ihr Domizil wechselten. Es wurden (1899)
gemel<let (NB. ausschließlich der Reisenden):
m Zugezogene Abgezogene
Berlin . . 235 611 178654
Breslau . 60 283 54231
Harnburg 108 281 86245
Stat . .fabrb. deutscher Städte.
Uitd ebenso sind unsere Anforderungen an die Kleidung andere
gewordün, seit wir in wohlgepflegten Straßen und gutgeheizten Zimmern
hause11, denen sich die geheizten Bahnen zugesellen. Wie hätte es der
Kaufherr früherer Zeiten in seinen kalten Arbeitsstuben, wie die Dame
in delt ungeheizten oder kaum geheizten Sälen von Versailles in der
heutigen leichten Kleidung aushalten können! Und der Reisende im
Postwagen ohne dicke Schals und Pelze und Fußsäcke!
Wie es der Wechsel des Gebrauchszwecks ist, der hier geschmack-
wandelnd gewirkt hat, dafür bietet die Geschichte des Schuhwerks
ein lehrreiches Beispiel. Eine Bevölkerung, die auf dem Lande, und auch
noch eine, die in schlechtgepflasterten Kleinstädten lebt, braucht vor
allem dauerhaftes Schuhwerk. Der Schaftstiefel alten Stils, wie er sich
heute in Städten nur noch vereinzelt findet, dankt seine Entstehung einer
Zeit und einel" Straßenverfassung, als es noch gelegentlich angebracl1t war,
die Beinkleider in den Stiefelschaft zu stecken, um dem Schmutze und
der Feuchtigkeit ein Paroli zu bieten. Als man noch häufig zu Pferde
stieg, um über Land zu reiten, waren die hohen Reiterstiefeln die für
Neununddreißigstes Kapitel: Die Artbeschaffenheit der Güter 623

Herren gegebene Fußbekleidung. Heute haben sich derartige schwerfällige


Kleidungsstücke mit der "Wildschur" und den Ohrenwärmern auf wenige
unwirtliche Landgebiete zurückgezogen. Die stets saubere, wohlgepflasterte
Stadt mit den plattenbelegten Bürgersteigen, das Reisen in der geheizten
Eisenbahn, die Erfindung des Gummischuhes usw. haben den Bedad
nach dauerhafter und wasserdichter Fußbekleidung eingeschränkt und
statt dessen das Verlangen nach leichter, eleganter, wenn auch nicht so
solider Schuhware rege werden lassen. Der alte Schaftstiefel, die "Röhre",
stirbt aus, von Gesichtspunkten der Hygiene, des Schicks, der Bequem-
lichkeit aus erscheinen der Niederschuh, der leichte Knopf-, Schnür-,
Zugstiefel als das zweckmäßigere Kleidungsstück, und ihre Herrschafts-
sphäre dehnt sich aus. Ebenso wie der ganz leichte Gesellschaftsschuh
aus Lack oder Chevreau oder Atlas dank der schützenden Hülle der
"Boots" sich ein immer weiteres Absatzgebiet erobert; er, den ehedem
nur die Damen in der Sänfte oder die Herrschaften im eigenen Gefährt
tragen konnten.
Zweifellos hat die moderne Technik den Übergang zu den leichten
Gebrauchsgegenständen stark begünstigt, wie wir das bei der Be-
sprechung des nächsten Punktes - der Tendenz unserer Zeit zur
Surrogierung - noch genauer werden feststellen können.
Damit sind wir aber bei der Frag~ angelangt: inwiefern dieser Teil
der Bedarfsentwicklung dem kapitalistischen Unternehmer Vorteile
bot. Sie tat es eben zunächst dadurch, daß sie auf der Anwendung
einer Technik fußte, die sich leichter - teilweise überhaupt nur - in
Großbetrieben verwerten ließ. Leichte Ware bedeutet großenteils
Fabrikware im Gegensatz zur Handwerkerware, die schwer ist. Aber
dem Kapitalismus gewährte der Übergang zum leichten Gebrauchs-
gegenstand auch andere Vorteile: er beschleunigte den Kapital-
umschlag. Und er schuf in den Großstädten die Bedingungen, unter
denen hier das Bauspekulantentum zur Entfaltung gelangen konnte.
Verwandt mit der oben beschriebenen Tendenz, schwere Güter
durch leichte zu verdrängen, ist dann die andere schon erwähnte:
4. der zunehmende Bedarf an Ersatzgütern (Surrogaten).
Unter Surrogierung kann man verschiedenes verstehen:
(a) die Ersetzung des früheren Stoffes oder der früheren
Form durch neue ohne Qualitätsverschlechterung (Substitution).
Beispiele: Ersatz des Lederüberschuhs durch den Gummischuh; des
Hornkamms durch den Kautschukkamm; des eisernen oder tönernen
Topfes durch den Emailletopf; des Hanfseils durch das Drahtseil; des
ledernen Treibriemens durch die Drahttriebseile; des Steinpflasters durch
den Asphalt; des Holzzauns durch das Drahtgitter; vieler hölzerner Gefäße
durch gläserne oder irdene.
624 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte

(b) Die Verschlechterung der Qualität, sei es des Stoffes,


sei es seiner Bearbeitung, während Stoff und Art der Herrieb tung
einstweilen dieselben bleiben (einfache Qualitätsverschlechterung).
Beispiele: Die Nahrungsmittelverfälschung und alle gewerbliche Schund-
produktion.
(c) Die Ersetzung von Stoff und Form durch minder-
wertige Surrogate (Surrogierung im engeren Sinne).
Beispiele: (o:) Nahrungsmittel: es werden ersetzt:
Kaffee durch Zichorie,
Butter " Margarine,
Tierfette " Pflanzenfette.
(ß) Sw·rogie:rung de:r Stoffe gewerblicher Erzeugnisse. Es werden ersetzt:
Gold durch Talmi, Tomback;
Silber " Neusilber, Alfenide, Christofle usw.;
Seide glänzende Mohairwolle, Baumwolle;
Wolle Baumwolle, Shoddy;
Haarfilz " Wollfilz;
Leder . Kunstleder, Pappe, Kaliko;
Elfenbein, Horn, Bernstein " Zelluloid, Gipsmasse u. a.;
Roßhaare . . . " Seegras;
Schweinsborsten . . . . Roßhaare, Kuhschwä.nze, Fischbein;
Piassava u. a.;
(y) Surrogie1'Ung der Formen. Es werden ersetzt:
genähte Schuhe. . . . . durch genagelte Schuhe;
getriebene oder geschmie- " gegossene \
dete Metallwaren . . . " gestanzte f Metallwaren;
" gepreßte ,
geschnittene Lederwaren . " gepreßte Lederwaren;
gewebte Muster. . . . . " gedruckte Muster;
genähte Bücher. . . . . " genietete Bücher.
Vgl. auch Seite 244f.
Die hier gegebenen Beispiele lassen sich leicht um ein Vielfaches
Yermehren. Und es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, daß ein
sehr großer Teil unserer Güterwelt schon heute aus Surrogaten be teht,
"Talmi" ist, auf Täuschung beruht.
Wie sollen wir diese Erscheinung erklären 1
Zunächst wohl mit dem Wunsche der ärmeren Bevölkerung, Be-
dürfnisse zu befriedigen, zu deren Befriedigung mit echten Dingen
die Mittel fehlen: man möchte Fleisch essen, und der Beutel reicht
nur zur Ausgabe für Pferdefleisch aus; man möchte Bilder ins [Link]
hängen und kann keine Ölbilder oder Kupferstiche bezahlen, man möchte
zwei Anzüge haben und hat doch nur die Mittel, einen guten sich
anzuschaffen usw.
eummddrcißig<~tes Kapitel: Die Artbeschaffenheit der Güter 625
Wiederum wird mau hier den Einfluß der Frau spüren; ihr Sinn für
das Unechte hat zweifellos der Entartung des Geschmacks, namentlich
in der Zimmerausstattung, Vorschub geleistet. "Ausgebildetes DekorPteur-
talent im Verein mit Unverständnis für Struktur wird den mit diesen
Dingen Ausgestatteten dazu verleiten, den Effekt dem organisch Ge-
wordenen, den Schein dem Inhalt vorzuziehen, sobald etwa eine zeit-
weilige wirtschaftliche Ersparnis mit der Wahl des Effektgutes verknüpft
ist" (Wirz). "Die Frau sucht fast immer mehr zu scheinen als sie ist, und
deshalb umgibt sie sich auch mit einer Welt von Talmi und Imitation"
(Else Warlich). ,.Ihr geringes Interesse für Struktur und Konstruktion
kommt der eigenartigen Qualitätsverschiebung des modernen Produkts
in erstaunlicher Weise entgegen" (Walter Rathenau).
Zu diesem Wunsche, ein be.'!timmtes Bedürfnis zu befriedigen, weil
man das Bedürfnis empfindet, tritt in den meisten Fällen der Wunsch
hinzu, es den Bessergestellten gleich zu tun, auch Wein zu trinken,
auch in einer Villa zu wohnen, auch "seidene" Blusen und Strümpfe,
auch "goldene" Schlip. nadeln oder Ringe, auch Diamanten und
Perlen zu tragen.
Unterstützt wird dieses Bestreben der breiten Masse nach Schein-
luxus, Scheinkomfort, Scheineleganz durch die listenreiche Technik,
die täglich neue Stoffe verwendbar, neue V erfahren zur Herstellung
,·on Ersatzgütern ausfindig macht.
Im. engsten Zusammenhange stehen dieser Surrogierungsdrang und
diese urrogierungskunst mit dem raschen Modewechsel, von dem
oben die Rede war.
Es ist einer der Haupttricks unserer Unternehmer, ihre Ware dadurch
absatzfähiger zu machen, daß sie ihr den Schein größerer Eleganz, daß
sie ihr vor allem auch das Aussehen derjenigen Gegenstände geben, die
dem Konsum einer sozial höheren Schicht der Gesellschaft dienen. Es
ist der höchste Stolz des Kommis, dieselben Hemden wie der reiche Lebe-
mann zu tragen, des Dienstmädchens, dasselbe Jackett wie seine Gnädige
anzuhaben, der Fleischersmadame, dieselbe Plüschgarnitur wie Geheim-
rats zu besitzen usw. Ein Zug, der so alt wie die soziale Differenzierung
zu sein scheint, ein Streben, das aber noch niemals so vortrefflich hat
befriedigt werden können wie in unserer Zeit, in der die Technik keine
Schranken mehr für die Nachahmung kennt, in der es keinen noch so
kostbaren Stoff, keine noch so künstliche Form gibt, als daß sie nicht
zum Zehntel des ursprünglichen Preises alsobald in Talmi nachgebildet
werden könnten. Nun ziehe man des weiteren in Betracht das rasend
schnelle Tempo, in dem jetzt irgendeine neue Mode zur Kenntnis des
Herrn Toutlemonde gelangt: mittels Zeitungen, Modejournalen, aber auch
infolge des gesteigerten Reiseverkelrrs usw. Dadurch wird nun aber ein
wahres Steeplechase 11ach neuen Formen und Stoffen erzeugt. Denn da
626 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschicilte

es eine bekannte Eigenart der Mode ist, daß sie in dem Augenblick ihren
Wert einbüßt, in dem sie in minderwertiger Ausführung nachgeahmt
wird, so zwingt diese unausgesetzte Verallgemeinerung einer Neuheit die-
jenigen Schichten der Bevölkerung, "die etwas auf sich halten", unaus-
gesetzt auf Abänderungen ihrer Bedarfsartikel zu sinnen. Es entsteht ein
wildes Jagen nach ewig neuen Formen, dessen Tempo in dem Maße rascher
wird, als Produl-tions- und Verkehrstechnik sich vervollkommnen. Kaum
ist in der obersten Schicht der Gesellschaft eine Mode aufgetaucht, so ist
sie auch schon entwertet dadurch, daß sie die tiefer stehende Schicht zu
der ihrigen ebenfalls macht - ein ununterbrochener Kreislauf beständiger
Umwälzung des Geschmacks, des Konsums, der Produktion.
:[Link] den letzten Ausführungen habe ich auch schon wieder auf die
Gründe hingewiesen, weshalb die Tendenz zur Surrogierung dem Kapi-
talismus zugute kommt, weshalb er sie nach Kräften unterstützt
(Suggestionskonkurrenz!); es wird dadurch der Kapitalumschlag be-
schleunigt. Dazu kommt, daß gerade auch die Produktionstechnik
bei der Herstellung von Surrogaten dem kapitalistischen Betriebe,
das heißt insonderheit der Herstellung im großen angemessen ist.
Wenn wir die Sinnesart der Surrogierung (im weiteren Sinne)
richtig verstehen wollen, so müssen wir uns gegenwärtig halten, daß
sie zum großen Teil als eine W a ff e d es K a p i t a 1 i s m u s im
Kampfe mit dem gewerblichen Handwerkgenutztworden
ist; man verlegte die Güterherstellung auf ein Gebiet, auf das der
Handwerker nicht zu folgen vermochte.
Schon die einfache Qualitätsverschlechterung verträgt sich nicht
mit der innersten Natur des Handwerks. Ich will gar nicht einmal
sc..viel Wert legen auf die historische Tradition, obwohl auch diese
nicht gänzlich außer acht zu lassen ist, daß es der Handwerkerehre
zuwider ist, Schundware zu liefern. Ein Handwerker von echtem
Schrot und Korn würde eher verhungern, ehe er seine von den Vätern
überkommene Produktionsweise im schlimmen Sinne verändern sollte;
er mag keine Schleuderware liefern, das paßt sich einfach nicht. Aber.
wie gesagt, man braucht die Wirkung des alten Handwerkerstolzes
nicht übermäßig hoch zu veranschlagen und kann doch zu dem Ergebnis
kommen, daß es mit dem Grundsatze handwerksmäßiger Produktion
unvereinbar ist, aus der systematischen Qualitätsverschlechterung ein
Gewerbe zu machen. Es ist nämlich in den meisten Fällen diese doch
n:it einer Täuschung, mindestens einer Überlistung des Publikums ver-
b:mden. Und dazu bedarf es einer Unpersönlichkeit des Produzenten,
wie sie die kapitalistische Organisation leichter mit sich bringt. Kaufe
• eununddroißigstcs Kapitel: Die Artbeschaffenheit der Güter 627

ich die Schundware im Laden, so kann ich den Ladeninhaber als


Händler niemals in dem Maße verantwortlich machen, wie ich es tue,
wenn der Schuhmachermeister Schmidt oder der Tischlermeister Müller
mir als Lieferanten des Schwindelstücks bekannt sind.
Fast ganz verschlossen sind nun aber dem Handwerker die Wege
der Substitution und Surrogierung im engeren Sinne; auch wenn er
sich über die eben geäußerten Bedenken hinwegsetzen und jene Wege
beschreiten wollte, so würde er beim ersten Schritte von der über-
mächtigen Konkurrenz der kapitalistischen Unternehmung zu Boden
geschleudert werden. Auf dem gesamten Gebiete der Substitutions-
und Surrogatindustrien befindet sich nämlich der handwerksmäßige
Produzent in entschiedenem Nachteile gegenüber dem kapitalistischen,
sei es bei Bezug der Rohstoffe, sei es beim Produktionsprozesse selbst.
Beispiele: Der Handwerker - Schuster- kann, auch wenn er wollte,
Kunstleder nicht wohl verwenden, weil dieses nur bei sehr starkem Drucke,
wie ihn die Maschinen ausüben, verarbeitungsfähig ist; die Ersatzmittel
für Hanf und Flachs sind teils so zähe und wenig biegsam, daß sie nur
von der Maschine vorteilhaft verarbeitet werden. Die in der Seifensiederei
eingeführten neuen Rohstoffe konnte der Handwerksmeister nicht be-
nutzen, weil ihm für die Herstellung der Palmitin- und anderen Säuren
die nötigen Einrichtungen und Kenntnisse fehlten usf.
Daß dem aber so ist, daß übereinstimmend in allen den genannten
Industriezweigen die kapitalistische Produktionsweise sich im Vorteil
befindet! clflrf nicht wundernehmen. Jene Qualitätsveränderungen,
wie sie in der Substituierung und Surrogierung vor sich gehen, sind
ja doch ausgedacht, ausgeklügelt von vornherein unter dem Ge-
sichtswinkel kapitalistischer Interessen. Ob ein neuer Stoff
als Ersatzstoff dienen könne, ob ein neues Verfahren die Stelle eines
alten einzunehmen geeignet sei, wird doch stets nur mit der still-
schweigenden Klausel geprüft: vorausgesetzt, daß die Massenherstellung
in kapitalistischer Form profitabel erscheint. Somit bewegt sich auch
der Spürsinn der Erfinder von vornherein in einer ganz bestimmten
Richtung. Ihre Erfindung, wissen wir, hat nur Wert für sie, wenn sie
einen Kapitalisten zur Anwendung reizt; sie muß also auf kapitalistische
Produktionsweise zugeschnitten sein.
Aber des für die kapitalistische Entwicklung vielleicht bedeut-
samsten Zuges in der Neugestaltung des Güterbedarfes haben wir
jetzt erst Erwähnung zu tun, ich meine
5. den zunehmenden Bedarf an gleichförmigen Gütern,
die Tendenz zur Uniformierung des Bedarf. .
Sombl\rt , Hochk~Lpitali•mu• IT. 40
628 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. [Link]. Prozesses i. d. Geschichte

Wir werden dieser wichtigen Erscheinung am ehesten gerecht


werden, wenn wir sie sogleich in ihrer kausalen Verknüpftheit be-
trachten, das heißt, die einzelnen Vorgänge der Uniformierung nach
den Gründen ordnen, die sie hervorgerufen haben.
Der zunehmende Bedarf an gleichförmigen Gütern ist
(a) eine Folge (Begleiterscheinung) der Kultur, insonderheit
Wirtschaftsentwicklung unserer Zeit.
Da ist zunächst der allgemeinen Ausgleichung des Geschmacks
(und damit Bedarfs) zu gedenken, die sich durch das zunehmende
Kommerzium der Menschen untereinander einstellt, und die man als
Zivilisierung oder Entnaturalisierung des Bedarfs bezeichnen kann.
ie besteht in einer Auflösung der alten Sitten und Gebräuche und
stellt sich dar in der Vereinheitlichung der Kost (Wegfall der lokalen,
provinzialen und nationalen Gerichte), der Kleidung (Wegfall der
lokalen, provinzialen und nationalen Trachten) und der Wohnung
(Ersetzung aller ländlichen, mannigfaltigen Baustile durch den städti-
~hen Haustyp ).

Einen besonderen Fall dieser allgemeinen Nivellierung des Bedarfs


bildet das, was man seine Bureaukratisierung nennen mag. Ich
meine damit die Tendenz zur Vereinheitlichung des Bedarfs, die durch
die zunehmende Bedeutung der Beamtenschaft erzeugt wird, der
Beawtenschaft im weiteren Sinne, zu der auch die Angestellten der
großen Verkehrsanstalten, die im staatlichen und städtischen Dienste
stehenden Arbeiter u. a. gehören. Dieses Beamtenheer stellt eine Be-
völkerungsschicht dar, deren inneres und äußeres Wesen eine Uni-
formierung erfährt. Es zeigt sich das in der Gestaltung ihres Amts-
bedarfs nicht minder als der ihres Privatbedarfs; die einheitliche
Kleidung ist für jene der besonders markante Ausdruck. Aber es wird
im allgemeinen nicht zweifelhaft sein, daß hundert Ratsdiener oder
hundert Postsekretäre oder hundert Eisenbahnschaffner einen ein-
förmigeren Privatbedarf haben werden als hundert Schuster, Schneider
oder selbst Bauern. Die Schabionisierung ihres Gehirns wird viel
weiter vorgeschritten sein dank der völlig gleichen Umwelt, in der
ie ihre Tätigkeit ausüben und damit die Vereinheitlichung ihres Ge-
chmacks und Werturteils; aber auch ihre Einkommen sind durch die
etatsmäßige Zuweisung ganz gleicher Portionen viel mehr ausgeglichen,
als es je die Einkommen nicht beamteter Personen, welchen Charakters
auch immer, sein können.
Neununddreißigstes Kapitel: Die Artbeschaffenheit der Güter 629

Die Statistik vermag uns über diese Zunahme der Beamtenschaft


(im weiteren Sinne) in den modernen Staaten nur sehr unvollständige Aus·
kunft zu geben. Aber auch schon aus der zunehmenden Besetzung der·
jenigen Gruppen, die sie ausdrücklich aufführt, und in denen nur beamtete
Personen stecken, läßt sich mit ziemlicher Sicherheit auf die wachsende
Bedeutung der Beamtenschaft schließen. So betrug die Zahl der Berufs·
tätigen in De:utschlanil
im Post· Telegraphen·, und im Hof·, Reichs·, Staats·
Eisenbahnbetrieb mit Ausschluß und Gemeindedienst
des Straßenbahnbetriebes
1882 247275 258353
1895 0 0 0 0 0 402 059 332399
1907 0 0 0 0 0 683496 440958
Eine der Bureaukratisierung des Verzehrs verwandte Erscheinung
ist seine in unserer Zeit sich ebenfalls reißend schnell vollziehende
Proletarisierung, die durch das Auftreten der großen lohnarbeitenden
Schichten als Käufer entsteht. Auch sie haben einen einförmigen
Bedarf dank der Gleichheit ihrer äußeren (gedrückten) Lebenslage
und der Gleichförmigkeit ihrer Seelenvorgänge. Wenn man Scharen
von Lohnarbeitern auf ihrem Heimwege von der Arbeitsstätte be·
gegnet, so machen sie den Eindruck von uniformierten Soldaten: die·
selbe Kleidung, dieselbe Kopfbedeckung, dieselbe blaue Emaillekanne
in der Hand. Und ebenso ist ihr dürftiger Hausrat, ist ihr mageres
Essen von einer erschreckenden Gleichförmigkeit.
Ebenso nun wie in dem Bedarf der letzten Verbraucher sich von
selbst, durch den Gang der Ereignisse bewirkt, eÜle Ausgleichung
vollzieht, ebenso beobachten wir diesen Vorgang in der Produktions·
und Verkehrssphäre, wo zunächst die bloße Ausweitung des
Tätigkeitsumfanges ohne weiteres den Bedarf an gleichförmigen
Gütern, die in diesem Falle Produktionsmittel sind, steigert. Wenn
immer mehr Urstoffe, Kohle, Erze, Holz, Steine, Spinnstoffe, immer
mehr Stufenerzeugnisse, Eisen, Schienen, Gespinst, immer mehr
Verkehrsmittel, Eisenbahnen, Schiffe, Flugzeuge verlangt werden, so
bedeutet das eben zu gleicher Zeit, daß immer mehr gleichförmige
Güter bedurft werden.
Aber dieser Bedarf an gleichförmigen Gütern wird noch gesteigert
durch die Ausweitung der Abmessung der einzelnen Produktions·
und Verkehrsanlagen. Man denke an die Masse von gleichförmigen
Gütern, die der Bau von Eisenbahnen, Kanälen, Gas·, Wasser· und
Elektrizitätswerken erheischt. Ferner: wenn die Geschäfte sich zu ver·
größern die Tendenz haben, brauchen sie auch größere [Link].
40 ~
630 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte

Die Konzentrationstendenz der industriellen und kommerziellen Unter-


nehmungen bedeutet in den meisten Fällen eine Tendenz zur Aus-
dehnung der Baulichkeiten. Größere Bauten haben aber für sehr viel
Artikel eine Vereinheitlichung des Bedarfs zur Folge. Steine, Türen,
Fenster-Beschläge, Fußböden, Treppen, Beleuchtungs- und Beheizungs-
körper, Tische, Stühle - alles wird in größerer Anzahl einheitlicher
Art bedurft, wenn es zur Ausstattung eines großen Gebäudes, statt
zur Herstellung vieler kleiner dienen soll. Auch die Tendenz zur Ver-
größerung der Wohngebäude, wie sie sich während des 19. Jahr-
hunderts in den meisten Großstädten vollzogen hat und zum Teil noch
vollzieht, hat zur Vereinheitlichung des Güterbedarfs beigetragen.
Das schon erwähnte Woolworth Building, zurzeit (1926) das größte
Haus der Erde, hat zu bauen 7 Mill. $ gekostet. Im Gerippe dieses Ge-
bäudes wurden 23000 t Stahl und Schmiedeeisen verbaut, die Fundierung
beanspruchte 46000 cbm Beton; gebraucht wurden 17 Millionen Ziegeln,
7500 t hohle, gebrannte Steine aus Ton. Und wieviel Tausend völlig
gleiche Bestandteile, wie ich sie oben aufzählte! Einem Zeitungsbericht
entnehme ich noch folgende Angaben über Zahl und Ausmaße der Riesen-
ba 1ten in den amerikanischen Städten: Das Woolworth-Gebäude in Neu-
yoJ·k ist 792 Fuß hoch, das Haus der Equitable-Versicherungsgesellschaft
arn Broadway 545; jenes hat 29 Aufzüge, das Equitable gar 69, das
Gebäude der "General Motors Company" in Detroit 27, das "Union Trust"
Huilding 28. Im Equitable sind 11000 Fensterscheiben und 4800 Tele-
phone.
Aber ich rechne hierher auch die dimensionale Vergrößerung, die
infolge der Großbetriebstendenz einzelne Gegenstände erfahren. Das
eiserne Gerüste einer Bahnhofshalle oder eines Ausstellungsgebäudes
ste-llt selbst die Vereinheitlichung des Bedarfs an früher verschiedenen
kl~inen Gerüsten gleicher Zweckbestimmung dar. Und wenn größere
R ssel, größere Maschinen bedurft werden, so wird man diese Ent-
wicklung unter demselben Gesichtspunkt betrachten dürfen. Es liegt
nichts anderes vor als eine Vereinheitlichung des Bedarfs, wenn an die
Stelle von mehreren Dutzend Sensen - von denen jede einzelne indi-
vidualisierte Art theoretisch wenigstens zuläßt - eine Mähmaschine,
an die Stelle von hundert Einzelpflügen ein Dampfpflug, an die
, telle von zehn Dampfmaschinen eine große tritt usf.
Das alles ist konzentrierter Massenbedarf (siehe Seite 526).
Eine andere Ursachenreihe, die zur Vereinheitlichung des Bedarfs
führt, ist
(b) die zunehmende Organisation des Verzehrs (der Bedarfs-
de ckung), wie sie im Gefolge uns bekannter Tendenzen auftritt, der
Neununddreißigstes Kapitel: Die Artbeschaffenheit der Güter 631

Tendenz zur Zentralisierung des Bedarfs (Zunahme der öffentlichen


Körper und Anstalten als seiner Träger), zu seiner Kollektivisierung
sowie zur Vergrößerung des Betriebsumfanges der einzelnen Unter-
nehmungen.
Dadurch entstehen große Mittelpunkte eines einheitlichen Bedarfs
ganz ähnlich, wie wir sie zuletzt durch die bloße technische Tatsache
einer Vergrößerung der einzelnen Anlagen und Produktionsmittel er-
wachsen sahen, sei es, daß den Mittelpunkt eine Verwaltungsbehörde
oder eine Anstalt oder eine Großunternehmung bildet.
Große Verwaltungsbehörden haben einen einheitlichen Bureau-
bedarf; wo die Lehrmittel in den Schulen unentgeltlich geliefert werden,
auch einen einheitlichen Schulmittelbedarf. Gleichförmig ist die Be-
leuchtung der Straßen, gleichförmig die Ausstattung öffentlicher Parks,
gleichförmig die Anlage der öffentlichen Gebäude usw., gleichförmig
ist der Bedarf der Heeresverwaltung usw.
Die Krankenhäuser, Irrenanstalten, Gefängnisse sind nicht
nur alle nach einem bestimmten Plan gebaut, auch ihre innere Aus-
stattung mit Betten, Wäsche, Kleidung u. dgl. ist gleichförmig.
Großindustrielle oder großkommerzielle Abnehmer stellen
gegenüber einer früher vorhandenen Mehrzahl kleiner Produzenten,
kleiner Händler oder einzelner Familienwirtschaften eine einheitlicher
gestaltete Nachfrage dar. Beispielsweise, wenn das "Einmachen"
von Früchten, emüsen usw. von der Hausfrau und den Einzelgärtnern
auf große Konservenfabriken übergeht und dadurch ein gleichförmiger
Blechbüchsenbedarf entsteht. Oder wenn eine Schuhfabrik für viele
hunderttausend Mark Leder auf einmal kauft, wo früher Tausende
von Einzelschustern das Leder halbehäuteweise bezogen hatten. Oder
wenn die großen Brauereien nun viele Fässer einer Fa9on brauchen,
während ehedem jede Kleinbrauerei ihre eigene Böttcherware hatte.
Oder wenn die großen Etablissements der Textilindustrie, der Schuh-
warenfabrikation, der Konfektion ganze Berge von Versandkartons
einer und derselben Größe und Art nötig haben. Oder wenn das Vor-
dringen moderner Geschäftsprinzipien eine einheitliche Buchführung
und damit die Nachfrage nach gleichförmigen Kontobüchern und allem
anderen Kontorbedarf erzeugt.
Große Restaurants wirken auf eine Vereinheitlichung des Nahrungs-
bedarfs hin. Denn so sehr auch die Speisekarte eines Restaurants oder
einer Genossenschaftsküche reichhaltiger ist, als diejenige eines Einzel-
haushalts, sie ist sicher nicht so buntscheckig wie die Gesamtheit der
632 Dl'itter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl.l'rozesses i. d. Geschichte

Menüs in all den Familien sein würde, deren Glieder an einem Abend
im Restaurant essen. Und selbst wenn sie es wäre, so würde doch der
Großbedarf an den einzelnen Bestandteilen der Nahrung, Brot, Fleisch,
Kartoffeln, Geflügel, Gemüse usw., den Bezug viel größerer Mengen einer
und derselben Ware ermöglichen. Restaurants und Hotels haben aber
selbst wieder einen gleichförmigen Bedarf an Ausstattungsgegenständen
aller Art: Tische, Stühle, Beleuchtungskörper, Betten, Wäsche usw.
Das alles ist zentralisierter Massenbedarf (siehe Seite 525 ).
Die beiden bisher betrachteten Entwicklungsreihen ergaben die
zunehmende Gleichförmigkeit der Güter als nicht ausdrücklich be-
zweckte Begleiterscheinung anderer Bestrebungen. Nun müssen wir

aber feststellen, daß diese Uniformierung zum nicht geringen Teile
(c) die Folge des bewußten Willens zur Gleichförmig-
keit ist.
Dieser Wille zur Gleichförmigkeit, der aller vorkapitalistischen
Kultur fremd ist, gelangt in Europa zur ersten Betätigung in dem
Bestreben der modernen Staaten, in ihren Heeren Zucht und Ord-
nung zu schaffen ("Uniform"!) und sie mit wirksamen Waffen aus-
zustatten (Kaliber!). (Vgl. meine ausführliche Darstellung in "Krieg
und Kapitalismus".)
Eine ganz moderne Form, in der vom Staate jetzt wieder eine Ein-
wirkung auf die Gleichförmigkeit der Erzeugung ausgeübt wird, ist die
Schaffung von einheitlichen Lieferungsve~trägen in den Vereinigten Staaten,
eine Schöpfung H. C. Hoovers. "Aus dem Bedürfnis der verschiedenen
RegierungRatellen heraus, die Material zu beschaffen und Arbeiten zo ver-
geben hatten, erstand zuerst das Bureau of the Budget. Es sollte prüfen,
ob eine Zusammenf; ssung und Vereinfachung der Regierungsausgaben
möglich wäre. Das führte dazu, gewisse immer wiederkehrende Materi'[Link]
zentral zu beschaffen. Dazu waren einheitliche Lieferungsbedingungen
- specifications - notwendig. So gliederte Hoover seinem Ministerium
ds s ,Bureau of Specifications' an." Jetzt bedient auch die Privatindustrie
sich dieser staatlichen Lieferungsformulare. Vgl. C. Koettgen a. a. 0.
Seite 54.
Aber erst im 19. Jahrhundert entsteht außerhalb des Bereiches
dieser rationalen Staatszwecke auch in der Bevölkerung ein solcher
Wille zur Gleichförmigkeit in der Bedarfsgestaltung. Vor allem im
Angelsachsentum, wo er namentlich in der Kleidung eine so weit-
gehende Übereinstimmung der Formen erzielt, daß man von einer
"Uniform" sprechen kann. Man hat wohl nicht mit Unrecht gesagt,
daß die strenge Zucht, die sich der Angelsachse in seiner Kleiderform
auferlegt und deren Durchbrechung (etwa den Strohhut in Neuyork
Neununddreißigstes Kapitel: Die Artbeschaffenheit der Güter 633

nach dem 15. September zu tragen) mit gesellschaftlicher Ächtung


bestraft wird, ihm die staatliche Disziplinierung ersetzt, deren sich
andere Länder erfreuten. Oder steckt im Angelsachsen ein besonderer
"Trieb" zur Gleichförmigkeit 1 Tatsache ist jedenfalls, daß sie sich
auf allen Gebieten betätigt; zwölf Bücher über Betriebswirtschafts-
lehre gleichen jedes dem andern ebenso genau wie zwölf Gibson-Giris
oder zwölf Yazzbandstücke.
Erinnern wollen wir uns, daß dieser Wille zur Gleichförmigkeit der
Bedarfsgestaltung beim einzelnen Verzehrer sehr wesentlich versteift
wird durch seine Abhängigkeit von der Mode, und daß diese von
ihr bewirkte Vereinheitlichung der Bedarfsgestaltung die andere neben
der ersten, mehr in die Augen springende Aufgabe, Wechselhaftigkeit
zu erzeugen, häufig vergessene Funktion im Organismus der kapi-
talistischen Wirtschaft ist.
Denken wir uns eine Bedarfsgestaltung, die von der Mode un-
abhängig wäre, so würde die Nutzungsdauer für den einzelnen Ge-
brauchsgegenstand vermutlich länger, die Mannigfaltigkeit der einzelnen
Gebrauchsgüter hingegen wahrscheinlich erheblich größer sein.
Was in allen diesen Fällen den Wunsch nach Gleichförmigkeit der
Güter erzeugt, mag dahingestellt bleiben. Wahrscheinlich ist stark
dabei beteiligt das Streben des in der aufgelösten Gesellschaft ver-
einzelten und verwaisten Individuums nach irgendwelcher, wenn auch
noch so äußerlicher Gemeinschaftsbildung, sein Bedürfnis, in die Masse
unterzutauchen, zu verschwinden, sich zu verbergen, um nur nicht
als ewig Vereinsamter durchs Leben gehen zu müssen. Die Bindung,
die die alten Verbände von innen heraus ihm gewährten, sieht er
- unbewußt -im Äußerlichen.
Ganz davon verschieden ist das Bedürfnis einiger Idealisten nach
Gleichförmigkeit der Güterwelt, die wähnen, auf diesem Wege wiederum
zu einem "Stil" gelangen zu können, der ja im Verlauf der kapi-
talistischen Entwicklung abhanden gekommen ist. Als ob ein Stil,
der nur aus Einheitsgeist entspringen kann, durch irgendwelche Äußer-
lichkeit, wie es die Gleichgestaltung der Gebrauchsgüter ist, künstlich
erzeugt werden könnte! Immerhin wird die Tendenz zur Uniformierung
unserer Güterwelt auch durch diese absonderlichen Stilsucher verstärkt.
Aber die Gleichförmigkeit unserer Güterwelt wäre wahrscheinlich
nicht annähernd so groß als sie in Wirklichkeit ist, wenn nicht die
Unternehmer, die an ihr das größte Interesse haben, von sich aus
sie gefördert hätten.
634 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte

Dem echten Unternehmer schwebt als leuchtendes Zukunftsbild


vor die Befriedigung je eines Bedürfnisses - womöglich mehrerer
Bedürfni se - durch einen Gegenstand von derselben Form. So
träumte der alte Withworth (der geistige Stammvater der Vereinheit-
lichungsidee in der Privatindustrie) von der einen Kerze und der
einen Leuchtergröße, der bekannte "Typen-Schmidt" in Hellerau
von dem einen Weltstuhl, Henry Ford von dem einen Automobil-
typus usw.
Ihr Ideal ist noch nicht verwirklicht. Aber auf dem Wege dazu
sind wir, und wir marschieren rasch. Vor allem wirksam hat der angel-
sitchsische, namentlich amerikanische Unternehmer gewaltige Erfolge
errungen in seinem Kampfe für die Vereinheitlichung der letzten Ge-
brauchsgüter. Auf allen Gebieten, der Nahrung, der Kleidung, der
Wohnung, werden die einheitlichen Typen, sogenannte " Markenartikel"
(jehe unten), dem Publikum aufgedrängt. Wir sind auch hier- ebenso
wie bei der Gestaltung der Mode - in völliger Abhängigkeit vom
'Cnternehmerinteresse; dieses schreibt uns vor, welche Stiefel- oder
Hut- oder Mantelform wir tragen sollen. Und es läßt uns die Wahl
zwischen nur ganz wenigen Mustern. Die Ausstattung der Wohnungen
erfolgt längst ganz systematisch gemäß dem Wunsch der Lieferanten;
neuerdings wird auch der Häuserbau selbst systematisch von den
Produzenten auf Einförmigkeit hingedrängt. Die Steel Corporation
in d~n Vereinigten Staaten hat einen mb von Ingenieur-Architekten
ges baffen, dem die Aufgabe gestellt ist, Pläne für Gebäude zu ent-
" er{cn, für die die gleichen Stahlbestandteile passend sind.
Wohin der Weg geht, zeigen uns die Erfolge der Division of Simplified
Practice, die seit einiger Zeit dem amerikanischen Bureau of Standards
mit der Aufgabe angegliedert ist, Vereinfacbungen, die dieses ausdenkt,
in der Praxis herbeizuführen. Unter den zahlreichen Arbeiten, die schon
durchgeführt oder vorbereitet sind, seien als Beispiele die folgenden
erwähnt:
Gegenstand Typenzahl verringert
von auf
Feilen und Raspeln . . . 2351 496
Gescbnriedete \Verkzeuge 665 351
Drahtgeflecht für Zäune. 552 69
Betten mit Sprungfedern und Matratzen 78 4
Hospitalbetten . . . . . . . . . . 40 1
Bettdecken und Bettücher (Größe) 78 12
Raube Ziegelsteine . . .
Glatte Ziegelsteine . . . 39
36 } 119
Gewöhnliebe Ziegelsteine 44
Neununddreißigstes Kapitel: Die Artbescbafl'euheit der Güter 635

Gegenstand Typenzahl verringert


von auf
Plattenbelag für Fußböden 66 5
Dachlatten aus :Metall. 125 24
Dachziegel, Größen . 60 30
" Dicken 21 10
Milchgefäße . . . . 49 9
Verschlüsse dazu . . 29 1
Waschgeschirre aus Metall 1114 72
Hotelgeschirr, Stärke . . . 700 160
Kessel für Dampfheizungen 130 13
sphaltsorten. . . . 88 9
Warmwasserbehälter . . . 120 14
Wandtafeln . . . . . . . 90 3
Ausgüsse und ähnliches für Hausbedarf. 1114 72
Weckeruhren . . . . . . 4
tand- und Hängeuhren. 1
Fahrräder . . . 3
Stahlfedern. . . . . . . 132 30
Waschmaschinen . . . . 446 18
Steife Stroh- u. Panamahüte (Formen u. Maße [ !]) 6
Filzhüte für Männer, Farben. 1000 9
Taschenmesser . . . . 300 45
Heisekoffer, Größen 3
chrankkoffer, Größen . . 3
Aus dem Managements Handbook mitgeteilt von C. K o e t t g c n,
a , a. 0. S. 160 ff.
[Link] vielgelesenenRoman von Sinclair Lewis, Babbitt, derdieaus
der Gleichförmigkeit der Güterwelt folgende Verödung des amerikanischen
Lebens sehr anschaulich schildert.
Im Zusammenhange mit dieser Tendenz zur Typisierung der
fertigen Produkte steht jene zur N ormalisierung der einzelnen
Produktteile und der Produktionsmittel, auf die teilweise die an-
geführten Beispiele schon hinweisen. Beide Erscheinungen werden uns
in dem Unterabschnitt, der vom Betriebe handelt, noch weiter be-
schäftigen (siehe namentlich das 53. Kapitel).
Überall ist es das Streben nach größerer technischer oder kauf-
männischer Exaktheit oder aber - und das vor allem! - das Streben
nach Verbilligung der Produktion und des Transports, was den Unter-
nehmer (oder die ihn vertretenden öffentlichen Instanzen) zum Förderer
der Gleichförmigkeit macht. Daß diese ebenso wie die vier vorher
besprochenen Tendenzen zur Rationalisierung der Bedarfsgestaltung
(im kapitalistischen Sinne) gehört, dürfte nicht zweifell1aft sein.
636 Dritter Abschuitt: Die Gestaltuug d. vrirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte

Welche Ersparung an Kostenaufwand mit der Typisierung verbunden ist,


wird uns in verschiedenen Fällen von dem amerikanischen Institut eben-
falls mitgeteilt:
Fahrräder: Ersparnis von etwa 13000 t Stahl; ferner erspart an
Brennstoff, Arbeitslöhnen, Fracht- und Transportlöhnen je 10 %, an
Frachtraum 25%.
Bettstellen und Betten: 331/ 3 % Kosten am Stück erspart.
Särge: Materialersparnis: 6000 t Eisen, 285 t Zinn, 125 t Kupfer,
40 t Messing, 33 t Bronze, 8 t Nickel, 3200 t Kohle, 312 000 m Holz.
Kinderwagen: 1700 t Eisen und 36 t Zinn erspart.
Backgerät: Ersparnis 600000 Faß Mehl.
Das Bild, das ich von der Gestaltung des Bedarfs im .Zeitalter des
Hochkapitalismus entworfen habe, wäre unvollständig, wenn ich nicht
erwähnen wollte, daß es auch
(6) eine Tendenz zur Vermannigfaltigung der Güterwelt
gibt, eine Tendenz also, die der eben dargestellten zuwiderläuft. Sie
wird erzeugt dadurch, daß immer neue Arten von Gebrauchsgütern
auftauchen und doch auch dadurch, daß hier und da der Geschmack
sich differenziert und die Einwirk'llllg des Unternehmers nicht stark
genug ist, diese Neigung des Publikums zur Geschmackszersplitterung
zu unterdrücken. Aber wie der Kapitalismus aus allen Blumen Honig
saugt, das zeigt sich hier. Er bedient sich dieser Tendenz zur Ver-
mannigfaltigung ebenfalls zur Durchsetzung seiner Zwecke, indem er
sie im Wettbewerb mit seinen Konkurrenten ausnutzt. Neue Artikel
helfen ihm, den Abnehmerkreis auszuweiten, und eine etwa vorhandene
Differenzierung des Geschmacks nützt er, um durch Übersteigerung
der Mannigfaltigkeit des Gebotenen seinen Mitbewerber aus dem Felde
zu schlagen. So stellen die Farbenfabriken der Seidenindustrie angeblich
gegen 20000Farbennuancen zur Verfügung, und die Seidenindustriellen
revanchieren sich dadurch, daß sie ihren Abnehmern Tausende von
Musterungen zur Auswahl bieten.
537

Zweiter Unterabschnitt
Die Rationalisierung des Marktes
(Zirkulation)

Quellen und Literatur


Die Darstellung in diesem Unterabschnitte greift vielfach auf Gebiete
über, die die Privatwirtschaftler oder Betriebswirtschaftler oder Handels-
wissenschaftler anbauen. Ein großer Teil der Literatur, die hier in Betracht
kommt, ist deshalb privatwirtschaftlicher oder betriebswirtschaftlicher oder
handelswissenschaftlicher Natur. Namentlich kommen die Technologien des
internationalen Warenhandelsverkehrs in Betracht, wie Sonndorfer-
Ottel, Technik des Welthandels. 4. Auf!. 2 Bde. 1912; J. Hellauer,
System der Welthandelslehre. 3. Aufl. 1920. u. a.
Ferner die Handbücher des Geld-, Bank- und Börsenwesens, sowie
die eigentlichen Börsenhandbücher, deren jedes Land einige besitzt
wie Deutschland Salings Börsenpapiere u. a. Vgl. auch H. Sehn-
macher, Weltwirtschaftliche Studien. 1911.
Zu den einzelnen Kapiteln und Problemenkreisen sind noch folgende
Anführungen zu machen.
I. (40. Kapitel.) Allgetneines über Erhellung: K. Knies, Der Tele-
graph. 1857; Erwin Steinitzer, Die allgemeine Bedeutung des modernen
Nachrichtenwesens. GdS. IV, 1. (1925). Vgl. die Darstellung im zweiten
Bande dieses Werkes im dritten Hauptabschnitt.
Kaufmännisches Auskunftwesen: Artikel "Auskunftwesen (Kaufm.)"
im HSt. 2 4 (Rich. Ehrenberg); E. Sutro, Die kaufm. Kreiliterkundi-
gung. 1906. W. Stets, Die kaufmännische Auskunfterteilung. 1921.
Arbeitsnachweise: Bibliographie der Arbeitsvermittlung in der Zeit-
schrift "Der Arbeitsmarkt".14. Jahrgang; W. Lins, Artikel "Arbeitsmarkt"
im HSt. 1 4 ; Ernst Berger, Arbeitsmarktpolitik 1926 und die an beiden
Orten genannte Literatur. Eine besonders ausführliche Behandlung haben
die Probleme des Arbeitsmarkts erfahren in dem Werke: The Public
Organisation of the Labour Market. Ed. with Introduction by Sidney and
B e a tri c e Web b. 1909. Vgl. auch die auf Seite 370 genannten Schriften,
sowie die auf Seite 638 angeführte Arbeit von Lederer und Marschak.
Arbeitslcammern: Artikels. h. v. im HSt. P (Harms), 1 4 (Joh. Feig)
nnd das dort angeführte Schrifttum.
Geschäftsanzeige: siehe die oben Seite 552 genannten Werke über Re-
klame.
Harulelsnachrichten: Herrn. Bode, Die Anfänge der wirtschaftlichen
Berichterstattung. Heidelberger In.-Diss. 1908; Norden, Die Bericht-
erstattung über WelthandelsartikeL 1910. Oswald Schneider, Po-
638 rittcr Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte

litisch und wirtschaftliche Berichterstattung im Weltwirtschaftlichen


Archiv Bd. 17. 1921/22. Fritz Moses, Amerikanische Geschäfts-
methoden in der Zeitschrift für Betriebswissenschaft. 2. Jahrgg. 1925.
Behandelt die private Organisation der Nachrichtenübermittlung.
Auf die Anführung der umfänglichen allgemeinen Literatur über die
Ueschicltte der Zeitung, die hier zum Teil hineinschlägt, verzichte ich.
li. (41 . Kapitel.) Versaihlichung: Auf dem Gebiete des [Link]:
siehe die oben Seite 151 genannte Literatur über Effektenwesen. Ferner die
allgemeinen Werke über Börsenverkehr. Vgl. noch Aupetit-Brocard,
I ... es grands marches financiers. 1913. Auf dem Gebiete des Arbeitsmarktes:
::;iehe namentlich die Literatur über die Geschichte des kollektiven Arbeits-
vertrages. Zusammenfassende Darstellungen aus neuerer Zeit: S. and B.
Webb, History of Trade Unionism. 1920; H. Herkner, Arbeiterfrage.
Band I. 8. Aufl. 1922; W. K,askel, Arbeitsrecht. 1925 (juristisch). Dazu die
Tagesliteratur. Siehe z. B. Richard Seidel, Der kollektive Arbeits-
vertrag in Deutschland (1921) und die dort genannten Schriften. Auf dem
Warenmarkte: Außer den oben genannten allgemeinen Werken über Weit-
handelslehre siehe die vortreffliche Arbeit von Julius Hirsch im GdS.
Abt. V.
III. (42. Kapitel): Die Rationalisierung der Preise wird in der allge-
meinen Literatur über :Preisbildung meist mitbehandelt (siehe diese auf
Seite 520).
Ferner gehört hierher die Literatur über Tarifbildung im Verkehrs-
weHen insbesondere. Zusammenfassende Darstellung mit vielen Literatur-
hinweisen bei Emil Sax, a. a. 0. Vor allem die amerikanische Literatur
ist hier wichtig. Siehe namentlich die schon genannten Werke von Ripley.
Von hervorragender, auch allgemeiner Bedeutung ist das Werk von
Kurt Giese, Das Seefrachttarifwesen. 1919.
IV. (43. Kapitel): Außer den allgemeinen betriebswissenschaftliehen
Werken: F. Leitner, Die Unternehmungsrisiken. 1915; Derselbe im
GdS. VI. Abteilung; Charles 0. Hardy, Risk and Risk-bearing;
Alfred Manes, Versicherungswesen. 4. Aufl. 1924.; Paul Molden-
haucr, Versicherungswesen im GdS. VII. 1922. Versicherungslexikon.
2. Auf!. 1924.
V. (44. Kapitel.) Gewerkschaftsbewegung: Außer den schon genannten
Schriften verdienen folgende zusammenfassende Darstellungen hervor-
gehoben zu werden: S. and B. Webb, History of Trade Unionism. 1890.
2. Aufl. 1920; W. Kulemann, Die Berufsvereine. 2. Aufl. 3 Bde. 1908;
Paul Louis, Histoire du mouvement syndicaliste. Deutsch 1912; S. Ne-
striepke, Die Gewerkschaftsbewegung. 3 Bände. 1922/23; Th. Cassau,
Die Gewerkschaftsbewegung, ihre Soziologie und ihr Kampf. 1925. Beide
Werke sind vom Standpunkt der "freien" (sozialistischen) Gewerkschaften
aus gesehen. E. Lederer und J. l\Iarschak, Die Klassen auf dem Arbeits-
markte u. ihre Organisation, im Gd.S. IX. 2.1927. Beste Gesamtdarstellung.
Kartellbewegung: Während ich auf Seite 520f. die wichtigsten theoreti-
schen Kartellschriften angegeben habe, verzeichne ich hier noch einige Werke
Quellen und Literatur 639

die über den geschichtlichen Verlauf der Kartellbewegung unterrichten. Vor


allem kommen hier als Quellen die verschiedenen Enqueten und anderen
amtlichen Feststellungen in Betracht. Die umfassendste Übersicht enthält
der Report on Cooperation in American Export Trade. 2 Vol. 1916. Der
Titelläßt nicht erkennen, daß es sich in dem Werke u. a. um eine Bestands-
aufnahme der Kartelle in sämtlichen Ländern der Erde handelt. Deutsch-
land: Kontradiktorische Verhandlungen über deutsche Kartelle. 6 Bde.
1903-1906. Denkschrift über das Kartellwesen, bearbeitet im Reichsamt
des Innern. 1906. Vereinigte Staaten: Report of Commissioner of Corpora-
tions. 15 Vol. 1905-1913. Großbritannien: Report of committee on Trusts.
1919. Reprinted 1924. Hauptsächlich auf Kriegs- und Nachkriegsverhält-
nisse bezüglich. Kartelle und Konzerne wirr durcheinander. Dürftig.
Viel Tatsachenstoff enthalten auch verschiedene private Unter-
suchungen. England: Henry W. l\Iacrosty, The Trust Movement in
British Industries. Deutsch von Felicitas Leo. 1910 (Kartelle und Kon-
zerne durcheinandergeworfen); H. Levy, Monopole, Kartelle und
Truste usw. 1909; Tb. Vogelstein, Organisationsformen der Eisen-
industrie und Textilindustrie usw. 1910.
Deutschland: J. Singer, Das Land der Monopole usw. 1913; W. He eh t,
Organisationsformen in der deutschen Rohstoffindustrie. I. Die Kohle.
1924; Artbur Klotzbach, Der Roheisen-Verband. Ein geschiehtlieber
Rückblick auf die Zusammenschlußbewegungen in der deutschen Hocb-
ofenindustrie. 1925. Beide Werke enthalten gute Rückblicke auch auf
die Entwicklung in der hochkapitalistischen Periode.
Vereinigte Staaten von Amerika: Moody, The Truth about the Trust.
1904; William S. Stevens, Industrial Combinations etc. 1913; J. Singer
a. a. 0. Das stoffreiche Buch behandelt zu gleichen Teilen Deutschland und
Amerika.
Über (meist internationale) Schiffahrtskartelle: K. Thiess, Deutsche
Schiffahrt und Schiffahrtspolitik der Gegenwart. 1907. XL
Vgl. auch die von S. Tschierschky vortrefflich geleitete "Kartell-
rundschau" und die regelmäßigen Übersichten im Weltwirtschaftlichen
Archiv.
Eine jetzt veraltete Bibliographie ist Griffon, A list of books relating
to Trusts. 1907.
Die unten anzugebende Literatur über Konzerne und Trusts greift
auch häufig auf die Kartellbewegung über.
VI (45. Kapitel): Außer der gesamten bisher zu diesem Unterabschnitt
genannten Literatur gehört hierher die oben Seite 553ff. angeführte Lite-
ratur über die Konjunktur im allgemeinen.
Über dieneueren Bestrebungen namentlich in Amerika zur Stabilisierung
der Konjunktur unterrichtet das Sammelwerk: The Stabilization of
Business. Ed. by Lionel D. Edie. 1923. Dazu David F. Jordan,
Business Forecasting. 1921. Neue Ausgabe. 1925. Sir C h a s. W. M a-
c a r a, Trade Stability and how to obtain it. 2. ed. 1925. Eine Samm-
lung von Aufsätzen eines englischen Baumwollindustriellen. I. }f. C1a r k,
Social control of Business. 1926.
640

Vierzigstes Kapitel
Erweiterung und Erhellnng des lUarktes
Es handelt sich um die Gestaltung der äußeren Bedingungen,
unter denen der Verkehr auf dem (Kapital-, Arbeits- und Waren-)
Markt stattfindet, und deren Veränderungen im Zeitalter des Hoch-
kapitalismus (Markt im geistigen Sinne einer Tauschbezogenheit,
einer Marktgemeinschaft, einer Ausgleichung gefaßt).
Was sich hier in der Marktgestaltung vollzogen hat, findet sein
Gegenstück in der Umbildung unseres Städtebildes und unserer Bau-
weise, mit der es sogar zum Teil in einem ursächlichen Zusammen-
hange steht. Der frühere Marktverkehr spielte sich - bildlich und in
Wirklichkeit - in l<leinen Lichtkreisen ab, die selber nur im Zwielicht
lagen, in engen, winkligen Gäßchen, Läden, Buden, in denen alles
Marktwissen auf persönlicher Ertastung und Erkundung bemhte. Im
matten Scheine der Öllampe. An deren Stelle ist heute die elektrische
Bogenlampe getreten, die ihr Licht weithin über große, freigelegte
Plätze ausgießt. Auf ihnen (oder in taghell erleuchteten Palästen)
wick lt sich der heutige Marktverkehr (im wirklieben und noch mehr
im bildliehen Sinne) ab.
Erweiterung und Erhellung gehen bei dieser Umbildung Hand
in Hand. Die Entstehung großer, einheitlieber Märkte ist teils Vor-
bedingung für die Erhellung, teils schafft sie diese, teils wird sie durch
die Erhellung auf anderen Gebieten erst möglich. Das alles soll im
folgenden im einzelnen aufgewiesen werden.

I. Die Erweiterung
1. Der Kapitalmarkt
In den Anfängen besteht kein "Markt" für Kapitalien; diese
werden unberührt voneinander einzeln beschafft. Dieser Zustand
herrscht noch heute etwa im Hypothekenverkehr in kleinen Städten.
Auch das Beteiligungskapital für Privatlmternehmungen wird
nicht auf dem Markte besorgt, es liegt vielmehr immer ein Sonder-
abkommen mit Sonderbedingungen vor.
Ein Fall nichtmarktmäßiger Kapitalbeschaffung ist aber auch
Vierzigstes Kapitel: Erweiterung und Erhellung des Marktes 641

noch das Hausiergeschäft der englischen Discount-Broker, die in der


Cjty von Bank zu Bank laufen, Akzepte nehmen und begeben.
Die Zunahme der Verkehrsakte führt dann zu einer Marktbildung
- im doppelten Sinne --, die sich über ein beschränktes Gebiet er-
streckt; es entsteht ein lokaler Markt. So etwa für Hypotheken
innerhalb einer Provinzstadt, für [Link] innerhalb einer Provinz,
für Industrieanlagekredit innerhalb einer Branche in einem Industrie-
bezirk (Seide um Krefeld, Stahl um Solingen, Schuhe um Pirmasens).
Endlich entwickelt sich - allmählich, schon im Mittelalter be-
ginnend - ein nationaler und dann internationaler Markt für
fungible Werte: Geldsorten, erstklassige Devisen, Aktien oder Obli-
gationen großer Unternehmungen. Ebenso für Rentenfonds.
Mit der Vereinheitlichung und Ausweitung der Märkte im geistigen
Sinne geht gleichen Schritt die Ausbildung großer Zentral-
märkte im Si.J:lne einer Zusammenballung von Absatzgelegenheiten,
einer Häufung von Angebot und Nachfrage an einzelnen, bevorzugten
Plätzen. Unnötig zu sagen, daß derartige Stellen nicht nur Zentral-
märkte für die Beschaffung von Kapital, sondern ebensosehr für Geld
zu Anleihezwecken usw. sind.
Solche zentrale Geld- und Kapitalmärkte von internationaler Bedeu-
tung waren vor dem Kriege Berlin, Paris und vor allem London, während
seit dem Kriege Neuyork mehr und mehr in den Vordergrund getreten ist.
Die Vorzugsstellung Londons beruhte vornehmlich auf folgenden
Gründen:
1. London war der Mittelpunkt eines Reiches, das die älteste Handels-
macht mit den weitesten Beziehungen umschloß. 2. London war die Haupt-
stadt desj enigen Landes, das zuerst zu einer kapitalistisch-rationellen
Währung, nämlich zur Goldwährung übergegangen war und diese Währung
unentwegt festgehalten hatte. Das Pfund Sterling war immer 7,988 g (113
grains) Gold gewesen, und dadurch hatte der Pfund Sterling-Wechsel eine
Vorzugsstellung erlangt, dem ein unbedingtes Vertrauen in die Londoner City
entsprach. Das Pfund Sterling war vor dem Kriege "Weltgeld" schlecht-
hin, der einzig sichere Wertmesser. 3. London hatte den größten Geldzufluß,
da hier Import und Export der halben Erde bevorschußt und große Summen
ausgeliehen wurden. Daher standen in London stets große Guthaben aus
allen Ländern zur Verfügung, die eine große Geldflüssigkeit bewirkten.
Gegenüber London trat Neuyork als Anleihemarkt ganz in den Hinter-
grund. Ausländische Anleihen wurden aufgelegt (in l\1ill. Pfund Sterling):
in England m den Vereinigten Staaten
1911 503 31
1912 465 71
1913 422 78
ö-!2 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte

Das hat sich erst während des Krieges geändert. Ausländische An-
leihen wurden aufgelegt (wie oben):
in England in den Vereinigten Staateu
1920 40 464
1921 . . . . . . . . 111 396
1922 . . . . . . . . 276 652
Nach dem Monatsbulletin (Februar 1923) der Guaranty 'l'rust Company:
K. Strasser, Deutsche Banken im Auslande. 2. Auflage. 1925. Seite 34.
Vgl. auch die sachkundigen Ausführungen daselbst auf Seite 32.
Neben jenen "Weltmärkten" für Geld- und Kapitalbeschafftmg
haben sich dann für die einzelnen Länder Zentralmärkte in den
Hauptstädten (und - wie in Deutschland - in den größeren Provinz-
städten) herausgebildet.
2. De:r Arbeitsmarkt
Die Marktbildung für die Beschaffung der Arbeitskraft ist noch
heute in den Anfängen steckengeblieben. Dank der eigentümlichen
Natur der "Ware" Arbeitskraft ist noch heute der isolierte Vertrags-
abschluß (wenn auch zwischen den Organisationen der Arbeitgeber
tmd Arbeitnehmer) die Regel. Darüber hinaus hat sich ein Arbeits-
mar1."t für "ungelernte" und "angelernte" Arbeiter in den Großstädten
und vielleicht ein Arbeitsmarkt innerhalb eines Gewerbes über ein
ganzes Land hin (Baugewerbe!) entwickelt. Wir werden besonderen
Eigenarten des Arbeitsmarktes noch bei der Besprechung des Arbeits-
nachweises und der gewerkschaftlichen Arbeiterorganisation gerecht
zu werden haben.
3. Der Warenmarkt
Die einzige Gelegenheit der Marktbildung war ehedem der lokale
Markt oder die Messe, wo Käufer und Verkäufer zusammenkamen
und durch persönliche Fühlungnahme einen Ausgleich herbeüührten.
Im Laufe der kapitalistischen Entwicklung hat sich der Groß-
handel Märkte geschaffen, die unabhängig von der persönlichen
Zusammenkunft sind. Er hat es getan durch die BegrenZtmg auf einen
Artikel meist vertretbarer Natur (s. u. S. 662f,}, für den er dann einen
Ausgleich über ein ganzes Land, wenn möglich die Erde, schafft. So
entstehen abstrakte "Weltmärkte" für die großen Handelsartikel,
wie Baumwolle, Eisen, Kaffee, deren Zahl sich immer weiter vermehrt.
Neben diesen abstrakten Weltmärkten entwickeln sich dann,
ganz ähnlich, wie wir es bei den Geld- und Kapitalmärkten beobachten
konnten, einzelne Handelsplätze zu konkreten Weltmärkten in
Vierzigstes Kapitel: Erweiterung und Erhellung des Marktes 64~

-einem bestimmten Artikel oder in einer geringeren oder größeren


Anzahlsolcher Welthandelsgegenstände. Das heißt: Angebot und Nach-
frage in diesen Artikeln ballen sich an einzelnen Orten der Erde zu-
.aammen.
Häufig befindet sich an diesen Welthandelsplätzen auch die
Organisationszentrale für den abstrakten Markt einer bestimmten
Ware, die fälschlich so genannten "Börsen", in denen Aufsicht über
·die Einhaltung der für eine bestimmte Branche aufgestellten Handels-
bedingungen geübt und meist auch der Terminhandel (s. u. S. 664f.)
beaufsichtigt wird: die Baumwollbörse in Bremen, die Kaffeebörse in
Hamburg, die Kupferbörse in Berlin usw.
Der Detailhandel hat nur eine unvollkommene Marktbildung,
im Rahmen einer Großstadt und vielleicht in besonderen Fällen inner-
halb des Wirkungskreises eines Versandgeschäftes.

II. Die ErheBung


Auf diese erweiterten und vereinheitlichten Märkte fällt nun heute
.[Link] Licht eines vollendeten Wissens der Marktteilnehmer; Käufer
und Verkäufer sind über die Marktlage bestens unterrichtet. Wie ist
<das bewirkt worden~
Zur Erhellung des Marktes dienen teilweise dieselben Mittel, die
auch früher schon im Gebrauch waren, und die sich im Laufe der Zeit
sehr vervollkommnet haben, teilweise sind neue Mittel in Anwendung
gelangt. Wir unterscheiden:
1. die persönliche Erkundung, die früher üblichste Form
der Aufhellung. Auch heute noch reist der Chef, reist der Geschäfts-
reisende. Und beide geben und nehmen Marktwissen;
2. die individuelle Nachrichtenübermittlung. Darunter
verstehe ich diejenige Form der Nachrichtenübermittelung, die die
Nachricht an individuell bestimmte Personen weitergibt, es mag eine
Person, es mögen deren viele sein; tausend Rundschreiben an tausend
bestimmte Personen gerichtet, bleiben individuelle Nachrichten-
übermittlung.
Der individuellen Nachrichtenübermittelung dienen:
a) der Brief, auch also das Rundschreiben, der Prospekt;
b) der Telegraph;
c) das Telephon. Der Effektenmarkt zum Beispiel wird ausschließlich
durch dieses beherrscht; während der Börsenstunden schießt das.
Wissen von Börse zu Börse unausgesetzt hinüber und herüber;
Sombart, Hochkapitalismus II. 41
{)44 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte

3. die Nachrichtenpublikation oder kollektive Nachrichten-


übermittlung, worunter ich diejenige Nachrichtenübermittlung ver-
stehe, die eine Nachricht an individuell nicht bestimmte P~rson€m
gelangen läßt, es mögen unzählbare Massen sein, es mag sich um ganz
wenige handeln, ja, es mag überhaupt kein Mensch mehr die Nachricht
in Empfang nehmen. Ein Ausruf, der auf einem leeren Platze etwas
verkündet, ein Anschlag, den nie ein Mensch liest, sind Akte der kol-
lektiven Nachrichtenübermittlung oder Nachrichtenpublikation.
Ich. habe im zweiten Bande auf Seite 398/99 ein Schema der Nach-
richtenpublikation entworfen, auf das ich hier verweise.
Diese Nachrichtenpublikation ist nun im Zeitalter des Hoch-
kapitalismus recht eigentlich die beliebte Form der Nachrichten-
übermittlung geworden, wenn es sich darum handelt, die Markt-
verhältnisse bekanntzum'achen. Die Aufhellung der Marktlage wird
dadurch zu einer sachlichen Angelegenheit, sie wird versachlicht und
objektiviert.
Die Nachrichtenpublikation, die dazu dient, den :Markt zu erhellen,
erscheint in zwei Formen: als GeschäftsanZeige und als Handel$-
nachricht. Jene hat die Aufgabe, Wissen vom Geschäftsmanne fort
(zum Kunden), diese, Wissen zum Geschäf1smann hin (vom Markte)
zu bewegen. Über die Entwicklung dieser beiden Formen der kapita-
listischen Nachrichtenpublikation müssen wir uns nunmehr etwas
genauer unterrichten.
Die Geschäftsanzeige
Die (unmittelbare, akustische) Ankündigung durch Ausrufer,
die in der Zeit vor der Erfindung der Druckkunst eine große Bedeutung
hatte, ist heute stark zurückgedrängt worden. Kleinhändler, wandernde
Handwerker, Schaubudenbesitzer sind die wichtigsten Gruppen vQn
Anbietern, die sich ihrer bedienen. Es scheint, daß sie durch die Ent-
wicklung des Radios wieder eine größere Bedeutung gewinnt.
Dagegen ist nun die mittelbare, offene Ankündigung mittels
der (Druck-) Schrift zu einer der beliebtesten Formen der Nach-
richtenpublikation in unserer Zeit geworden. Ich spreche vom Anschlag,
von der Affiche, vom Plakat, die uns bis in die verschwiegensten Orte
auf Schritt und Tritt verfolgen, die, wie ein Lepraausschlag das Gesicht,
so alle Häuser, Fahrzeuge, Landschaften bedecken; aber auch von der
"Lichtreklame", die selbst in der Dunkelheit die Augen nicht in Ruhe
läßt.
Vi~rzigstes Kapitel: Erweiterung und Erhellung des Marktes 645

Wie sehr verbreitet das Ans c h 1a g wes e n ist, weiß jedermann.


Leider haben wir gar keine Möglichkeit, uns von seiner Ausdehnung und
Bedeutung eine ziffernmäßige Vorstellung zu machen. Der einzige
Maßstab, an dem wir seine Verbreitung messen können, ist die Größe
der Unternehmungen, die sich gewerbsmäßig mit der Vermittlung
und Anbringung von Anschlägen und anderen Formen der mittelbaren,
offenen Nachrichtenpublikation befassen.
Aber noch bedeutsamer als das Anschlagwesen ist für die Ent-
wicklung des modernen Wirtschaftslebens wohl das Annoncen-
wesen geworden. Unter einer Annonce oder einer "Geschäftsanzeige"
im engeren Sinne verstehen wir eine mittelbare, geschlossene Nach-
richtenpublikation.
Über die Geschichte der Annonce habe ich im zweiten Band
Seite 403ff. das Nötige mitgeteilt. Danach beginnt sie ihren Lauf im
Anfang des 17. Jahrhunderts, bleibt aber bis zum Ende der früh-
kapitalistischen Periode eine Ausnahmeerscheinung. Nur Gegenstände,
die notwendig der öffentlichen Anzeige bedurften, weil man ohne diese
nichts von ihnen wissen würde, werden mittels Annoncen [Link];
der alltägliche, übliche Geschäftsverkehr wickelt sich noch ohne Anzeige
ab. Konkurrenzanzeigen tauchen vereinzelt am Ende des 18. Jahr-
hunderts auf; in der ersten Nummer der "Times" vom I. Januar 1788
finden sich deren drei.
Während des 19. Jahrhunderts ist dann die Geschäftsa-nzeige zu
einer gewaltigen Ausdehnung gelangt. Sie erscheint: :
a) in der politischen Tagespresse, die namentlich für den Detail-
handel oder Einzelverkauf ab seiten des Produzenten das Wichtige
Insertionsorgan ist, aber auch für Arbeitsstellenvermittlung und
Kapitalleihe in Betracht kommt;
b) in den populären Zeitschriften, den "Revuen" aller Art, illustrierten
Blättern, Magazinen usw. Vielfach (namentlich in den Vereinigten
Staaten, in wachsendem Umfange auch in Europa) sind diese Blätter
nur da, um Annoncen aufzunehmen, der Inhalt ist Nebensache;
c) in den Fachblättern, deren Zahl unübersehbar ist.
Zur Statistik des Annoncenwesens: Das größte amerikanische Annoncen-
bureau bat einen Jahresumsatz von 15 Mill. $.Nach Angabe des New York
Council of the American Association of Advertising Agencies (AAAA):
Veblen, Absentee Ownership (1923), 314. Im Jahre 1922 betrugen die
K:osten für Landesanzeigen (im Gegensatz zu den Ortsanzeigen) über
600 Mill. $. Die Außemeklame (outdoor advertising) kostete bis 1919 etwa
5 Mill. $ im Jahre; seitdem steigt sie rasch und betrug 1921 schon 30 Mill. $.
41*
646 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtscbafU. Prozesses i. d. Geschichte

E. 0. Per rin, The Development of outdoor advertiaing in The J. Walter


Thompson News. Februar 1922. A. a. 0. S. 315.
Die Annonceneinnahmen von 72 "Magazines" betrugen (a. a. 0. S. 317):
1918 61,3 Mill. $
1919 . . . . . . . . 97,2 " "
1920 . . . . . . . . 132,4 " "
Ein guter Kenner (Lincoln) schätzt die Gesamtausgabe für Reklame
in den Vereinigten Staaten von Amerika auf jährlich 1-1,2 Milliarden$.
Davon entfallen Yz Milliarde auf Zeitungsannoncen, Y4 Milliarde auf Ver-
sand von Prospekten usw.
Die Ausgaben für Reklame machen etwa 1-5% des Verkaufspreises
der Waren, 10--40% der Verkaufsspesen aus. Für 1489 typische Gewerbe-
betriebe war der Anteil der Reklamekosten und der Verkaufskosten vom
Hundert folgender: Reklamekosten Verkaufskosten
Kofferfabriken 5,0 12,25
Eisenwarenfabriken 4,29 8,0
Schnittwarenhandel 1,6 7,33
Wirkwarenherstellung 1,88 10,0
Lebensmittelerzeugung 4,55 14,3
Lincoln, Applied Business Finance 2 (1923), 653.
In den vom Harvard-Forschungsinstitut untersuchten Schuhgeschäften
betrugen (nach dem Umsatz verschieden):
die gesamten Verkaufsspesen . . . 12,6-13,9%
die Reklamekosten . . . . . . . 1,1- 3,7%
~es Umsatzes. Harvard Bureau of Business Research. Bull. No. 31. Opera-
tmg Expenses in Retail Shoe Stores in 1921. S. 18.
Von Reklamefachleuten werden folgende Beträge genannt, die von dem
Bruttoerlös für Reklamezwecke zurückgestellt werden sollten (das ist also
wohl das noch unerreichte höchste Ziel des Reklamisten):
Warenhäuser . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3Yz%
Frauenartikel-Läden (Women's speciality shops) 5Yz%
Schuhläden . . . . . . . . 4 %
Modewarengeschäfte . . . . 4 %
Musikinstrumentengeschäfte . 5Yz%
Möbelmagazine . . . . . . 5Yz%
Elektrizitätsartikelgeschäfte 6 %
Juwelierläden . . . . . . 5Yz%
Herrenkonfektionsgeschäfte 5 %
Verschiedenes . . . . . . 4 %
Lincoln, a. a. 0 . S. 654.
Das Ergebnis aller dieser Machenschaften ist das gewünschte: der
Käufer - sei er letzter Verbraueher oder Geschäftsmann, das heißt
Erzeuger oder Händler - ist über die Lage des Marktes, den Stand
des Angebots, was Preis, Auswahl, Qualität betrifft, stets auf das beste
unterrichtet. Aber auch der Anbieterbedarf des Wissens vom Markte ;
ihm vermittelt es
Vierzigstes Kapitel: Erweiterung und Erhellung des Marktes 647

die Handelsnachricht
Auch die Handelsnachrichtenvermittlung, namentlich in ihrer kollek-
tiven Form, ist erst im 19. Jahrhundert zur vollen Entfaltung gelangt.
Über die Entwicklung bis zum 19. Jahrhundert siehe Band II, Seite 411 ff.
Heute stellt sich die Vermittlung von Handelsnachrichten als
ein mächtiges, wohldurchgebildetes System dar, dessen einzelne
Betandteile folgende sind:
1. Auskunftsorganisationen aller Art.
Diese betreiben teilweise die individuelle Nachrichtenvermittelung.
Als solche kommen in Betracht:
a) die Kreditauskunftsbureaus: Erwerbsunternehmungen, die
mit der Erteilung über Kreditwürdigkeit usw. einzelner Firmen Ge-
schäfte machen.
"Zuerst ist in England Ende der 1830er Jahre ein Auskunftsbureau
entstanden aus gewissen, schon erheblich früher begonnenen Aufzeichnungen
der Konkurse und sonstiger geschäftlich wichtiger Gerichtssachen, Auf-
zeichnungen, die Abonnenten gegen Entgelt mitgeteilt worden waren. Im
Jahre 1841 begründete sodann ein Neuyorker Anwalt für den Verkehr mit
den Südstaaten das erste festorganisierte System interlokaler Auskunfts-
einholung, während das älteste französische Bureau sich erst 1857 aus einer
aufgelösten Kreditversicherungsgesellschaft bildet und in Deutschland ein
Stettiner Makler 1860 anfing, auf die häufig von ihm beanspruchten ge-
schäftsfreundlichen Auskunftserteilungen eine kleine Gebühr zu erheben.
Doch erst in den 1860er Jahren begann die eigentliche Entwicklung des
Auskunftsbureaus ... Das Hauptverdienst um die Entwicklung dieser An-
stalten in D(•utschland gebührt (seit 1872) W. Schimmelpfeng in Berlin."
(Ehren b er g.) 1887 erfolgt die Vereinigung der "Auskunfteien" von
Schimmelpfeng und Bradstreet Comp. Entwicklung dieses Bureaus (nach
Stets, a. a. 0. S. 23.)
Zahl der Zahl der :Zahl des
schriftlichen Auskünfte Geschäftsstellen Personals
1890 750000 15 106
1914 8000000 100 2400
b) Eine Sitte, die früher allgemein verbreitet war, wird noch heute
von manchen Geschäfts-, namentlich Bankhäusern gepflegt: ihrer
Kundschaft Berichte über die geschäftliche Lage im allgemeinen
oder über die Zustände in einem einzelnen Geschäftszweige zu erstatten.
In der Form der Nachrichtenpublikation erteilen Auskünfte
über die allgemeine Lage des [Link] die Institute für Konjunktur-
forschung, die neuerdings in verschiedenen Ländern begründet sind.
Namentlich in den Vereinigten Staaten sind diese Institute zahlreich.
Unter Mitchells Leitung arbeitet das National Bureau of Economic
Research; daneben bestehen solche ökonomische Wetterwarten an den
einzelnen Universitäten, wie das Harvard Committee on Economic
648 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtscbaftl. Prozesses i. d. Gescbicb

Research u. a. In Deutschland ist im Jahre 1925 im Anschluß an das


Statistische Reichsamt ebenfalls ein Institut für Konjunkturforschung
begründet worden.
c) Besonders beliebt ist die Erteilung von Marktwissen durch
Auskunftsorganisationen auf dem Arbeitsmarkte. Hier sind es die
Arbeitsnachweise, die die Stellenvermittlung betreiben, teilweise
als Erwerbsanstalten, dann ist ihre Nachrichtenvermittlung individuell,
teils auf anderer Grundlage, dann ist ihre Nachrichtenvermittelung
kollektiv (Nachrichtenpublikation). In einzelnen Ländern haben
besondere Anstalten (Arbeitskammern, Arbeiterkammern, Arbeits-
börsen) in verschiedener Form unter ihre Funktionen auch die der
Auskunftserteilung über die Lage des Marktes aufgenommen.
Die früheste Form der Stellenvermittlung, die heute noch, wie
schon bemerkt wurde, nicht ohne Bedeutung ist, war das Inserat in der
Zeitung. Zu diesem gesellte sich dann die gewerbsmäßige Stellenvermitt-
lung, die heute noch für bestimmte Berufe (Dienstboten, Kellner, See-
leute, ungelernte Arbeiter, persönliche Dienste u. a.) die wichtigste Form
des Arbeitsnachweises ist. Als dritte Organisation, die sich der Arbeitsver-
mittlung annahm, erschienen die Verbände der Arbeitgeber und Arbeit-
nehmer. Beide begründeten Arbeitsnachweise, nicht zuletzt, um die Arbeits-
vermittlung den Interessen der eigenen Gruppe dienstbar zu machen.
· Da alle drei Formen Übelstände zeitigten, entschlossen sich zuletzt die
öffentlichen Körper, namentlich die Gemeinden, den Arbeitsnachweis von
sich aus zu organisieren durch die Errichtung öffentlicher Arbeitsnach-
weise, meist unter paritätischer Mitwirkung der Arbeitgeber und Arbeit-
nehmer. Teilweise schlossen sich diese Arbeitsnachweise zu größeren Ver-
bänden zusammen, die in Deutschland unter dem "Verband deutscher
Arbeitsnachweise" vereinigt wurden.
Über die Entwicklung der Arbeitsnachweise in den verschiedenen Län-
dern geben die folgenden Ziffern Aufschluß:
Zahl der erfaßten Vermittlungen
Arbeitsnachweise im Jahre 1911
Deutschland . . . . 2224 3424799
davon öffentliche A.-N .. 781 1677660
Österreich . . . . . . . 518 554853
davon öffentliche A.-N .. 374 460146
Frankreich . . . . . . . 754 812867
davon öffentliche A.-N. 229 115815
Großbritannien . . . . . 404 593739
davon öffentliche A.-N. 404 593739
Ver. Staaten von Amerika. 65 362037
davon öffentliche A.-N. 65 362037
Ungarn . . . . . . . . 36 207412
davon öffentliche A.-N. 5 61250
Vierzigstes Kapitel: Erweiterung und Erhellung des Marktes 649

Die übrigen Länder weisen weniger als 100000 Vermittlungen aus.


Bulletin trimestriel de l'Association Internationale pour la Lutte contre
le chömage. III. Annee. Band 3. 1913.
In Deutschland war die Verteilung der Vermittlungen auf die ver-
schiedenen Arten von Arbeitsnachweisen im Jahre 1914 folgende:
Männer Frauen
% %
Gemeindliche und gemeindlich unterstützte A.-N. 58,6 89,6
.Andere allgemeine oder gemeinnützige A.-N. 1,1 4:,1
Paritätische Fach-A.-N. 1,9 0,6
Arbeitgebernachweise . . 23,8 3,6
Innungsnachweise 5,1 0,7
Arbeitnehmernachweise . 9,5 1,4
100,0 100,0
Stat. Jahrbuch.
Durch die Ereignisse des Krieges und der Na-chkriegszeit hat sich die
Bedeutung der öffentlichen A.-N. immer mehr gehoben, so daß sie jetzt
neun Zehntel aller Stellen vermitteln. · ·
Neben die Auskunftsorganisationen treten als ein Organ zur Ver-
breitung von Handelsnachrichten
2. die Fachzeitschriften, die sich der besondernAufgabe'widmen,
den Stoff, der zur Beurteilung der Marktlage dient, in mehr oder
weniger verarbeiteter Form ihrem Leserkreise zu übermitteln. Ihre Zahl
ist Legion, undeine Aufzählung erübrigt sich. Manche dieser Nachrichten-
blätter tragen halbamtliches oder amtliches Gepräge, wie die "Labour
Gazette", das "Reichsarbeitsblatt", die Konsulatsberichte, die "Baro-
metres economiques", die seit 1924 das Internationale Arbeitsamt in
Genf herausgibt, die Zeitschrift "Wirtschaft und Statistik''. Andere
sind private Veröffentlichungen und erfreuen sich gleichwohl hohen
Ansehens, wie das älteste dieser Blätter, der englische "Economist",
der "Deutsche Ökonomist" u. a. Auch die Veröffentlichungen der
ökonomischen "Wetterwarten" gehören hierher, wie der "Wirtschafts-
dienst", die "Wirtschaftskurve", die von dem Harvard Co~ittee
herausgegebene "Review of Economic Statistics" u. a.
Das vielleicht wichtigste Glied in der Kette von Maßnahmen zur
V ~breitung von Handelsnachrichten ist
~· der Handelsteil der Tagespresse, in dem über die Vorgänge
auf dem Kapital- und Warenmarkt (und in noch unvollkommene-r
Weise auf dem Arbeitsmarkt) regelmäßig und fortlaufend Bericht
erstattet wird. Dieser Zweig der Handelsnachrichtenvermittlung ist
in Deutschland zu besonderer Blüte gelangt.
650 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte

Das Ergebnis aller dieser Bemühungen ist aber dieses, daß der
Gesclläftsmann - Produzent, Händler, Spekulant - morgens, mittags,
abends, nachts - in den Vereinigten Staaten laufen die Depeechen-
bänder in den Clubs und Hotels die halbe Nacht ab - über die Markt-
lage in seiner Branche sowie über die allgemeine Wirtschaftslage unter-
richtet wird.
Und nicht nur der Mann in der City wird unterrichtet, auch der
Gutsherr im fernen Winkel der Provinz liest beim Frühstück die Wauen-
notierungen an der Chlkagoer Börse, die ihm seine Zeitung vermeldet.
Vor dem Kriege wurden die Preisnotierungen der Berliner Getreide-
börse jeden Morgen in den Bauerndörfern Sibiriens angeschlagen.
Und der Arbeiter in der kleinen Provinzstadt kann aus seinem
Fachblättchen ersehen, welches die Lage auf dem Arbeitsmarkte in
seinem Berufskreise ist. Der großstädtische stellungslose Arbeiter aber
erfährt von den verschiedenen Stellen aus die vorhandenen Arbeits-
gelegenheiten.

I II. Die Er m ö g I ich u n g


Wie ist es möglich geworden, die Märkte in der geschilderten Weise
auszuweiten, zu vereinheitlichen und zu erhellen? Da werden wil'
drei Bedingungen unterscheiden müssen, von deren Erfüllung jene
Entwicklung abgehangen hat.
l. Die Psychologie der handelnden Menschen. Erst mußten
diese einmal jene Belichtung des Verkehrs wollen. Das aber taten sie
i11 früherer Zeit keineswegs. Ich [Link] im zweiten Band auf Seite 416
darauf hingewiesen, auf welche Schwierigkeit bei der Händlerschaft
diejenigen Männer stießen, die zuerst so etwas wie allgemeine Handels-
berichte veröffentlichen wollten. Nun - heute hat sich der Geschäfts-
mann daran gewöhnt, im grellen Lichte der Öffentlichkeit zu arbeiten.
2. mußten zum Teil die gehandelten Werte eine Wandlung
erfahren, damit die Märkte groß und hell werden konnten. Über diese
Entwicklung unterrichtet das folgende Kapitel.
3. - und nicht zum mindesten - war die Ausweitung und die
Erhellung der Märkte gebunden an die Fortschritte der Produk-
tions- und Transporttechnik und an die Vervollkommnung der
Verkehrsorganisation. Über diesen Punkt müssen wir uns
noch etwas genauer unterrichten. Was hier bestimmend eingewirkt hat,
ist vor allem folgendes:
a) Die Erleichterung des Reisens. Dieses ist durch die uns be-
Vierzigstes Kapitel: Erweiterung und Erhellung des Marktes 651

kannten Erfindungen und Einrichtungen der modernen Zeit be-


schleunigt, erleichtert, verbilligt worden, verbilligt nicht sowohl durch
die Herabsetzung der Fahrpreise (die vielmehr für dieselbe Strecke
bei Post und Eisenbahn dieselben geblieben sind), als vielmehr durch
die Abkürzung der Reisedauer. Heute kann man eine Reise von Berlin
nach Hamburg und zurück an einem Tage unternehmen, wozu man
früher vier bis sechs Tage brauchte. Dadurch spart man Aufenthalts-
kosten.
So ist es dem Geschäftsmann möglich geworden, ohne Schwierig-
keiten ein paarmal im Jahre die Hauptstadt oder die große Provinz-
stadt oder vielleicht sogar die Hauptstadt eines fremden Landes auf-
zusuchen, und dem Geschäftsreisenden, das ganze Jahr lang unter-
wegs zu sein; siehe darüber das nächste Kapitel.
Zur Statistik des Reisens: Man rechnet, daß vier Fünft~l der Reisenden
zu geschäftlichen Zwecken reisen. Um die Zunahme des Reiseverkehrs
in den letzten 100 Jahren zu ermessen, muß man die Zahl der Postreisenden
von ehedem zusammen mit denen, die zu Pferde ritten oder im eigenen
Wagen fuhren, den heutigen Benutzern der Eisenbahn und den .Automobil-
fahrern gegenüberstellen. Leider ist die Zahl für die Vergangenheit eben-
sowenig wie für die Gegenwart zu beschaffen. Wir kennen nur die Post-
reisenden einerseits, die Eisenbahnreisenden andererseits. Aber das ist
wohl in beiden Fällen der Hauptteil. Reisende mit der Post wurden im
Jahre 1831 in Preußen eine halbe Million Menschen befördert (nach
v. Reden). In Deutschland können wir annehmen rund 1 Million. Diesen
st hen Eisenbahnreisende im Jahre 1912 1744 Millionen gegenüber. (Stat.
Jahrbuch.)
Die Gesamtziffern der Eisenbahnreisenden betrugen (nach Sundbärg)
in Tausenden:
Durchschnitt Europa Erde
1891/95 . 2258775
1896/1900 . . . 2926240 3960659
1901/05 . . . . 3623473 4976698
Die zweite Wirkung, die die Vervollkommnung der Transporttechnik
und der Transportorganisation im Gefolge hatte, und die für die Um-
gestaltung der Marktverhältnisse bedeutsam wurde, war
b) die Erleichterung der individuellen Nachrichten-
übermittlung, also der Beförderung von Briefen (Drucksachen,
Postkarten [seit 1869]), Telegrammen und Telephongesprächen.
Besonders wichtig war hier die Verbilligung des Portos.
Ich habe die EntwickluTUJ des Portowese:ns bis zum Ende der frühkapita-
listischen Periode im zweiten Bande Seite 393ff. verfolgt. Noch im Jahre 1844
konnte ein einfacher Brief innerhalb Preußens 19 Silbergroschen kost~n.
652 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte

. Die große Reform setzt im Jahre 1840 in Engktnd ein, wo auf Anregung
Rowland Hills, dessen Schrift: Post office reforrn, its irnportance and
p:aCticability (1837) den Anstoß gegeben hatte, das sogenannte "Penny-
porto" eingeführt wird. Ein bis Y2 Unze schwerer Brief kostete durch ganz
England zu befördern 1 Penny.
In De:utschland wurde seit Errichtung des deutsch-österreichlachen
Postvereins im Jahre 1850 das Briefporto ermäßigt
auf 10 Pfennige bis 10 Meilen
" 20 " " 20 "
" 30 " über 20 "
Seit Einrichtung des norddeutschen Postwesens kostete der einfache
Brief 10 Pfennige durch ganz Deutschland.
Seit Begründung des Weltpostvereins im Jahre 1874 betrug das Porto
für den einfachen Brief über die ganze Erde 20 Pfennige.
Um von der Entwicklung und der heutigßn Ausdehnung der indi-
viduellen Nachrichtenübermittlung auf der Erde eine Größenvorstellung
zu geben, teile ich im folgenden noch einige der wichtigen Ziliern aus der
Post-, Telegraphenr und Teleplwnstatistik
mit. 1. Poststati8tik:
a) Weltpostverkehr:
Zahl der Zahl der
angeschlossenen Länder abgesandten Briefsendungen
1875 15 143 958 799
1990 41 592363083
1900 . . . . . 62 1151700680
1913 . . . . . 84 2439288306
Archiv f. Post u. Telegraphie 1924 S. 84. (HSt. 64, 978.)
b) Entwicldung deJJ Postverkehrs in verschiedenen Lärukrn:
Eine Postanstalt trifft auf Quadratkilometer:
1878 1898 1920
Belgien . . 47 30,3 17,6
Italien. . . 92 37,4 24,8
Niederlande 25 25,4 19,8
Schweiz . . 15 11,9 10,3
Großbritannien und Irland 23 14,9 13,3
Ungarn . . . . . . . . . 164 74,1 40,6
Auf einen Einwohner aufgegebene Postsendungen:
1878 1898 1920/21
Belgien . . 29,6 69,6 125,5
Italien. . . 11,5 17,9 53,7
Niederlande 25,6 55,0 119,3
Schweiz . . 45,9 112,4 191,6
Großbritannien und Irland 45,0 90,0 116,7
Ungarn . . . . . . . . . 7,4 21,3 36,2
Stat. generale du service postal. Bern. Statistik der Reichspost- und
Telegraphenverwaltung.
•: ! ~•• • Vie'l"~igstes K11-P.i~el: Erweiterung und Erhe4ung des Marktes 653
c) De:utscJilands Post?Mkehr: _
Im Königreich Preußen wurden. aqf den Kopf der Bevölkerung
1842 . . . . . . . . 1,5
1851 . . . . . . . 3,0
Briefe befördert. 1. Aufl. dieses Werkes 2, 286.
Eingegangene Briefsendungen auf den Kopf der Bevölkerung in Deutsch-
land:
1872 . 12,1
. 1880 18,7
1890 33,2
1895 40,5
1900 58,6
1905 73,3
1910 87,9
1912 97,7
Stat. Jahrbuch.
d) Postverkehr der Vereinigten Staaten von Amerika:
Verkaufte Briefmarken: Stück:
1850 1,5 Mill.
1870 498,1
1880 954,1 "
1890 2219,7 "
1900 3 998,5 "
1910 9067,2 "
t' :

1915 11226,4 "


., Zahl. sämtlicher beförderter Postatücke:
· 1890 4005,4 Mill.
1900 7130,0 "
1910 14850,1
1913 181567,4 "
Sta.t. Abstr. U.S.
2.· Telegraphenstatistik: a) EurCYpa:
Länge der Anzahl der Telegramme
Durchschnitt Stationen Drähte Telegramme auf 100
(Kilometer) (Tausend) Einwohner
1891/95 .63265 49054 57
1895/1900
76193 57043 64
1901/05 .
91896 3635799 68100 67
b) [Link]äisihe Länder:
Länge der Leitungen in Kilometern
Asien . . 232 222
Afrika 93037
Amerika . . . . . 695 042
Australien . . . . 89 300
Insgesamt 1109601
Nach Sundbärg. i '
~54: Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Gescbiehte

c) DeutßChland:
Anstalten Länge der Drähte
(in 1000 km)
1872 . 4033 125,3
1880 . 9980 255,9
1890 . 17452 351,9
1900 . 24456 483,6
1905 . . 32312 542,8
1910 . . 45116 1837,9 (einschl. Telephondrähte)
1912 . . 48167 1991,5 " "
Stat. Handbuch und Sta.t. Jahrbuch.
3. Teleplwnstatistik: a) Erde:
In den Jahren 1905-1907 hatten Apparate Leitungslänge
Stück km
Buropa . 1847666 8001047
Asien . . 56390 367079
Afrika 9281 19828
Australien 53059 14:5000
Amerika. 7682430 11629937
Nach Sundbärg. 9648826 20162891
b) Deutschland:
Zahl der Verbindungs-
Gesamtzahl der
Zahl der Orte mit anlagen zwischen den
vermittelten
Fernsprechanstalten Ortsfernsprechnetzen
Gespräche
verschiedener Orte
1881 7 511354 (1884) 22
1890 . 258 249716655 281
1900 . 15533 690956355 2797
1905 . 25548 1207400000 6350
1912 . . 39503 2326700000 9691
Die Ziffern für 1881-1884 freundliche Mitteilung des Reichspos tarnte, die
übrigen Ziffern aus Stat. Handb. f. d. Deutsche Reich I [1905] und Statist.
Jahrbuch.
c) Vereinigte Staaten von Amerika:
1898 919121
1902 2371044:
1912 8729592
(1922 14347395)
Länge der Leitungen (Meilen):
1902 . . . . . 4900451
1912 . . . . . 20248326
(1922 . . . . . 37265958)
Zahl der vermittelten Gespräche (Ta11BeBd):
1902 . . 5070555
1912 . . 13735658
Stat. Abstr. U.S. (1922 . . . . . . . 21901387)
Vierzigstes Kapitel: Erweiterung und Erhellung des Marktes 655

Aber die Fortschritte der Technik und der Organisation brachten


nicht minder
c) die Erleichterung der Nachrichtenpublikation. Diese
~e gefördert
(1.) durch die Vervollkommnung der Anzeigetechnik, wie sie in der
Lichtreklame, der Überlandreklame, dem Radio vorliegt;
(2.) durch die Vervollkommnung der Organisation des Anzeigewesens
und der Handelsnachrichtenbeschaffung;
(3.) durch die Vervollkommnung der Herstellung und Verbreitung
der periodischen Druckschriften, vor allem der Zeitung.
Um die moderne Zeitung, die recht eigentlich Schöpfung, Organ
und Ausdruck hochkapitalistischen Wesens ist, zur Entwicklung zu
bringen, haben viele Kräfte zusammenwirken müssen.
Zunächst bedurfte es zu ihrer literarischen Herstellung der
Entstehung und Ausbildung des Zeitungsgewerbes, jener Organisation
kaufmännischer, schriftstellerischer und technischer Hilfskräfte, die
heute an der Erzeugung einer Zeitung beteiligt sind, und die, untet
Ausnutzung wiederum der modernen Nachrichtentechnik, namentlich
des Telegraphen, des Telephons und des Rundfunks, ihr eiliges Werk
vollbringen. Man muß sich immer gegenwärtig halten, daß die Nummer
einer größeren Zeitung den Druckumfang einer Broschüre und häufig
eines Buches von mehreren hundert Seiten hat, und daß täglich ein
§olches Druckwerk neu geschrieben, gesetzt, gedruckt werden muß.
Eine in jeder anderen Zeit undenkbare, gewaltige Leistung des mensch-
lichen Geistes.
Damit diese intensive geistige Tätigkeit Form gewinnen kann,
bedarf es der technischen Herstellung der Zeitung, die auch erst
durch die umstürzenden Erfindungen des 19. Jahrhunderts möglich
geworden ist. Erst mußte die Papiermaschine (1799), erst die Rotations-
schnellpresse (1811), erst die Verwendung von Holzstoff zur Papier-
erzeugung (1850er Jahre) erfunden werden, ehe die Zeitung in der
schnellen Zeit eines Tages oder weniger Stunden und in dem Umfange,
den sie heute erreicht hat, erscheinen konnte.
Um welche Mengen von Papier, das von den Zeitungen bedruckt
wird, es sich handelt, haben neuere Ermittlungen festgestellt. Der Papier-
verbrauch der amerikanischen Zeitungen wird jetzt auf 2600000 tim Jahre
geschätzt. Nach Mitteilungen auf einer Versammlung der Canadian Paper-
Association bei Veblen, Absentee Ownership (1923), 317. Diese Holz-
menge ist der Gesamtertrag einer Waldfläche von etwa 600000 ha, also
eines Geländes von der Größe des Großherzogtums Oldenburg. Daß dieser
656 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. [Link]. Prozesses i, [Link]

[Link] · Holzverbrauch nur möglich ist, weil .Amerika seinen ·ij:olz-


bestand a? baut (ohne an. Ergä.~ung zu denken}, habe ich an .a~de~!r
Stelle bere1ts ausseführt (s1ehe. Se1te,. 264 f.). ~
• •j

Damit nun aber diese Menge einzelner Zeitungsnummern a~clt


wirklich ihrem Verwendungszweck, gelesen zu ·werden, ~gefiihi-t
werde, dazu bedarf es wieder des gewaltigen Apparates der modernen
Verkehrsorganisation: der Eisenbahnen, Dampfschiffe, Au.~mo­
bile, Flugzeuge, der Post usw., die dafür sorgen, daß täglich von der
Erzeugungsstelle aus Millionen und aber Millionen von Zeitunge1~ über
das Land verbreitet werden. Denn erst durch diese Ver breitun~
des Lesestoffes wird die Publizität des Marktes gewährleistet, deren
Ausbildung wir in diesem Kapitel verfolgt haben.
Zeitungsversandstat,istik:
··;
In ganz Europa gelangten durch die Post zum Versand:
Dw:chschnitt Tausend Zeitungsnummern
1891/95 . 1587180
1896/1900 2134140 '( .f
1901/05 . 265.0690
1906 . . 3093800
Nach Sundbä.rg.
Seitdem noch weiter rasche Zunahme!
Die Zahl der versandten Zeitungsnummern betrug:
1913/14 in Großbritannien und Irland 1379,0 Millionen • .: ~

1913 in Deutschland . . . . . . . 2406,2 " 'j

Stat. Jahrbuch.
Die große B e d e u tun g, die die in diesem Kapitel darges~e~t,e
Entwicklung für die Entfaltung des kapitalistischen Wesens geha'~f
hat, bedarf keiner besonderen Begründung.
.
• _.J

')

.'
.· .
657
~

Einundvierzigstes Kapitel ·· ' ·


Die Versachlichnng der Geschäftsformen .
Alle früheren Marktbeziehungen, wisse~ wir, waren höchst persön-
licher Art. Mochte es sich um den Abschluß von Kreclitg~schäften,
vop. Warenhandelsgeschäften oder von Arbeitsverträgen handeln:
immer traten sich zwei lebendige Menschen gegenüber und trafen in
mündlicher Verhandhmg - Auge in Auge, Hand in Hand - ihre
Vereinbarungen. · ·
Die entscheidende Wandlung dieser Verhä.ltnisse; die recht eigentlich
die hochkapitaliStische Form des Marktverkehrs kennzeichnet, bringt
die Versachlichung der Beziehungen. Unter Versachlichung
(E11tpersönlichung, Vergeistung) der Geschäftsformen verstehe ich [Link]
Er!$etzung jener seelenvollen Abmachungen durch V~rtragsformen,
bei denen der einzelne Vertragschließende in ei,n System objektiver,
die Vertragschließung von vornherein regelnder Bestimmurig~n ein-
tritt, deren er sich für seine persönlichen Zwecke wie eines Mechanismus
bedient. Das Vertragsschema - ein Geistgebilde überindividueller
Nätur - ist bereits da, ehe die einzelnen Kontrahenten den Entschluß
zu einer Vereinbarung. fassen.
Diese Versachlichuilg ist aber die Form, in der die Marktvorgänge
im kapitalistischen Sinne "rationalisiert" werden. Sie vollzieht sich
während der hochkapitalistischen Epoche auf allen drei Märkten
gleichermaßen: auf dem Kapitalmarkt, auf dein Arbeitsmarkt und auf
dem Warenmarkt. Das haben wir in diesem Kapitel im einzelnen zu
verfolgen (soweit wir nicht schon in einem anderen Zusammenhange
von diesem Vorgange Kenntnis genommen haben).

I. Auf dem Kapitalmarkte


Für diesen gilt die einschränkende Bemerkung des letzten Satzes:
Ich habe nämlich den Prozeß der Versachlichung der Kreditgeschäfte
bereits im vierzehnten Kapitel ausführlich zur Darstellung gebracht.
Das ließ sich nicht vermeiden, weil dieser Vorgang eine überragend
große Bedeutung für die Entstehung des Kapitals hat, die ich an
jener Stelle im Zusammenhange behandeln wollte.
658 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte

Der Leser erinnert sich, daß ich die Versachlichung des Kredit-
verkehrs in der Ausbildung dreier Grundsätze fand, die die neuzeit-
liche Kreditwirtschaft kennzeichnen, nämlich:
1. des Bankprinzips,
2. des Effektenprinzips,
3. des Prinzips der bargeldlosen Zahlung.
Für alle Einzelheiten muß ich auf die frühere Darstellung verweisen.

II. Auf dem Arbeitsmarkte


Der Arbeitsvertrag hat verschiedene Staffeln durchlaufen.
Das Handwerk ebenso wie die feudale Landwirtschaft kennen das
gebundene Arbeitsverhältnis. Bei diesem tritt der Arbeiter in
ein Gemeinschaftsverhältnis ein, das nach überindividuellen Normen
gestaltet ist. Die Arbeitsbedingungen sind durch Gesetz, Sitte oder
Überlieferung festgesetzt und bestimmt, Beziehungen herzustellen,
die ebenso den Bestand des Ganzen wie das leibliche und seelische
Wohl des Einzelnen verbürgen. Jede rationale Zweckmäßigkeitserwä-
gung liegt den Vertragschließenden fern. Das ökonomische Interesse
ist eingebettet in ein Gefüge sittlicher Normen.
Dieses Gefüge zerstört der Kapitalismus, indem er den ökonomischen
hilialt des Arbeitsvertrages verabsolutiert. Dieser dient jetzt nur noch
dazu, den Betrieb der kapitalistischen Wirtschaft aufrechtzuerhalten,
der erste Schritt zur Rationalisierung. Der Arbeitsvertrag ist nun
zunächst ein "freier", "individueller", den jeder einzelne Arbeiter
mit jedem einzelnen Unternehmer nach freiem Ermessen abschließt.
Bei dem "freien" Arbeitsvertrag ist es nun aber nicht geblieben.
Auch er ist der Versachlichung anheimgefallen und hat damit die
höchste Stufe der Rationalität erreicht. Der versachlichte Arbeits-
vertrag ist der kollektive Arbeitsvertrag oder der Tarifvertrag.
Er besteht darin, daß maßgebend für die Gestaltung der Vertrags·
bedingungen nicht mehr die 'villkürlichen Abmachungen der beiden
Vertragschließ enden, sondern Vereinbarungen sind, die man ein für
allemal (für eine bestimmte Branche, einen bestimmten Ort, eine be-
stimmte Zeit) festgesetzt hat, und die nun als Norm gelten bei jedem
einzelnen Vertragsabschluß. Das Entscheidende ist dabei dieses, daß
dieser nicht mehr durch die unmittelbare lnbeziehungsetzung von
Seele zu Seele, sondern durch dasDazwischentreten eines Geistgebildes
zustande kommt. Von nebensächlicher Bedeutung für die Geschäfts·
form (wenn auch nicht für die praktischen Ziele der beteiligten Per·
Einundvierzigstes Kapitel: Die Versachlichung der Geschäftsformen 659

sonen) ist der Umstand, daß dieses Geistgebilde - der Tarif - das
Werk einer Gruppe von Arbeitern und Arbeitgebern, der in Ver-
bänden orgarusierten Angehörigen des Gewerbes, ist. Siehe darüber
das vierundvierzigste Kapitel.
Man könnte daran denken, diese Bindung des einzelnen durch den
Tarif mit der Bindung zu vergleichen, die für den Arbeitsvertrag in
vorkapitalistischer Zeit bestand. Die Gleichheit ist aber rein äußerlich.
Innerlich trennt den gebundenen Arbeitsvertrag des Gesellen und des
Knechtes von dem Tarifvertrag eine Welt; während jener seine Bindung
dem Gemeinschaftsverhältnis verdankte und auf überindividuellen, letzt-
lich außerökonomischen Normen ruhte, ist dieser ein rein rationales
Zweckgebilde, aus kapitalistischem Geiste geboren, von Interessen-
gesichtspunkten beherrscht. Ich nannte ihn deshalb auch die höhere
Stufe kapitalistischer Rationalität, weil er dem Bedürfnisse kapita-
listischer Zwecke angepaßter ist als der freie Arbeitsvertrag, vor allem
wegen der größeren Beständigkeit, die er den Arbei~abmachungen
verleiht, und die dadurch gewährleistete Sicherheit der Kalkulation.
r -.:--Es ist mit Recht darauf hingewiesen worden, daß schon die Einführung
deR Akkordlohnes in gewissem Sinne einen Bruch mit dem individuellen
Arbeitsvertrag bedeutet. Der Lohn wird nicht mehr mit jedem Arbeiter
für sich vereinbart, sondern einheitlich für alle festgesetzt; der Unternehmer
zahlt jedem für ein bestimmtes fertiggestelltes Produkt einen bestimmten,
von vornherein festgesetzten Preis, und die individuelle Leistung wird
nicht mehr als Qualität, sondern nur noch als Massenleistung gewertet.
Richard Seidel , Der kollektive Arbeitsvertrag in Deutschland (o. J.), 8/9.
Vgl. auch unten Seite 671. Der Akkordlohn ist also der erste Schritt auf
dem Wege zur Versachlichung des Arbeitsvertrages.
Angesichts dieser offenbaren Rationalität ist es auffallend, daß der
kollektive Arbeitsvertrag so verhältni&mäßig spät zur Anerkennung
gelangt ist. Bei näherem Zusehen lassen sich aber sehr wohl Gründe
anführen, die seine Einbürgerung und Verbreitung aufgehalten haben.
Da ist erstens der Umstand zu berücksichtigen, daß der Tarifvertrag
praktisch nur auf der Grundlage einer starken Arbeiterorganisation
ins Leben treten konnte, daß diese aber nur das Werk einer langen
Entwicklung gewesen ist. Ferner ist zu bedenken, daß wegen dieses
Urspnmgs aus einer Arbeiterinteressenbeweg1mg der Tarifvertrag auch
kapitalistisch unzweckmäßige Erscheinungen mit heraufbrachte, wie
namentlich die Tendenz zu Lohnerhöhung, aber auch die Beschränkung
der Entschlußfreiheit des Unternehmers in mannigfacher Hinsicht (bei
der Anstellung von Arbeitern u. dgl. ). Als ein besonderer Übelstand
S t mbart, Hochkapitalismus li. 42
660 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte

des Tarifvertrages wurde in der deutschen Unternehmerpresse seine


Starrheit geltend gemacht, die geeignet sei, den technischen Fortschritt
aufzuhalten. Endlich ist das irrationale Moment nicht zu unterschätzen,
das den Unternehmer lange Zeit zum Gegner des Tarifvertrages gemacht
hat: sein Machtdünkel, der ihn "Herr im Hause" sein lassen wollte.
So ist es gekommen, daß der Tarifvertrag bis zum Ausbruch des
Krieges eine geringe Ausbreitung aufweist und erst nach dem Kriege
sich rascher entwickelt hat.
Zur Statistik der Tarifverträge:
Deutschland: Bestand am 31. Dezember 1913:
davon Baugewerbe
Tarifgemeinschaften 10885 1825
Mit Geltung für Betriebe . 143088 41651
" " " Personen . 1398597 408462
Großbritannie:n: Bestand 1910:
davon Textil- Bergbau • Verkehrs-
Baugewerbe industrie r·tz.\ . gewerbe
Tarifverträge • 1696 803 113 56 92
Für Personen • 2400000 200000 460000 900000 "" 500000
Schweden: Bestand am I. Januar 1914:
Tarifverträge 1448
Für Betriebe 8300
Für Personen 233020
Österreich: In den Jahren 1910-1912 wurden für 413711 Personen
Tarifverträge abgeschlossen.
Frankreich: Tarifverträge wurden abgeschlossen:
1910 . . . . 252
0 • •

1911 . 0 0 0 202