Hermann Bauer
Baubetrieb
3., vollständig neu bearbeitete Auflage
1 23
Hermann Bauer
Baubetrieb
Hermann Bauer
Baubetrieb
3., vollständig neu bearbeitete Auflage
Mit 502 Abbildungen und 59 Tabellen
123
Professor Dr.-Ing. Hermann Bauer
Ostenallee 72
59063 Hamm
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ISBN-10 3-540-56707-0 2. Aufl. (Bd. 1) Springer Berlin Heidelberg New York
ISBN-10 3-540-56708-9 2. Aufl. (Bd. 2) Springer Berlin Heidelberg New York
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Katharina Kießling-Herold
gewidmet
Vorwort
In der zweiten Auflage des Handbuchs habe ich vor zehn Jahren die Grundlagen
rationeller maschineller Bauproduktion dargestellt. Die Produktionsplanung nach
dieser Zielprojektion ergibt das vertragliche „Bau-Soll“ für die Errichtung eines
Bauvorhabens.
Seither hat sich der Baumarkt einschneidend verändert. Eine gegenüber 1995
wesentlich geringere Nachfrage nach Bauleistungen und weitere Einflussfaktoren
haben den Wettbewerb um Aufträge verschärft. Dazu fordern Auftraggeber kür-
zestmögliche Bauzeiten und verwenden häufig Vertragsformen, die den Bauunter-
nehmungen erhebliche Risiken aufbürden.
In der vorliegenden dritten Auflage über den „Baubetrieb“ werden deshalb die
Grundlagen und Voraussetzungen einer rationellen industriellen Baufertigung un-
ter den aktuellen Rahmenbedingungen dargestellt. Dazu nenne ich die weiterent-
wickelten Baumaschinen und -geräte, und hier insbesondere die Betonschalungen,
die über den Einheitspreisvertrag und die funktionale Leistungsbeschreibung nach
der VOB hinausgehenden weiteren Vertragsformen sowie den Einsatz von Gene-
ral- und Nachunternehmern, wie er vor allem im schlüsselfertigen Hochbau üblich
ist. Die maßgeblich durch Richterrecht geprägte Abwicklung externer Leistungs-
störungen und die Übernahme weiterer, über die Bauproduktion hinausgehender
Baudienstleistungen durch Großunternehmungen werden ebenfalls behandelt. Die
einzelnen Abschnitte des Buches wurden durch Hinweise auf aktuelle Beispiele,
das Literaturverzeichnis um neuere Werke ergänzt.
Nach wie vor ist das Buch als Einführung der Studierenden des Bauingenieur-
wesens und der Architektur in den Bereich der Bauausführung gedacht. Nach
meinen Erfahrungen dürfte es darüber hinaus auch bei allen mit Planung, Aus-
schreibung, Ausführung und Kontrolle von Bauvorhaben befassten Baufachleuten
Interesse finden. Gleiches gilt für die Auftraggeber (Bauherren), da sie von den
Folgen gestörter Produktion – Bauzeitverlängerung und Mehrkosten – unmittelbar
und nachhaltig betroffen sind. Im Übrigen wäre zu wünschen, dass sich auch
Juristen (Richter und Anwälte) mit dieser Problematik beschäftigen. Sie sprechen
bei Auseinandersetzungen über Ablaufstörungen und deren Folgen, wenn es zu
keiner außergerichtlichen Einigung kommt, das letzte Wort.
Ich danke dem Springer-Verlag Berlin und hier besonders Herrn Dipl.-Ing.
Thomas Lehnert für seine Anregungen, Unterstützung und Geduld.
Ganz besonders bedanke ich mich bei Frau Adelhaid Funke und Herrn Dipl.-
Ing. Karl Funke für das Einarbeiten der zahlreichen Ergänzungen und Aktualisie-
rungen in das Manuskript. Beide haben an der Gestaltung aller drei Auflagen en-
gagiert mitgewirkt und zum Gelingen beigetragen.
VIII Vorwort
Und – last, but not least – danke ich meiner lieben Frau, Lotte Bauer-Kießling,
dafür, dass sie mir die Arbeit an diesem Buch ermöglicht hat.
Hamm, im August 2006 Hermann Bauer
Inhaltsverzeichnis
1 Anlass ............................................................................ 1
Literatur zu Kapitel 1 ............................................................ 5
2 Aufgabe.......................................................................... 7
3 Die Projektabwicklung im Bauwesen ................................... 9
3.1 Teilvorgänge bei der Planung und Herstellung eines Bauwerks ...... 9
3.1.1 Schema der Projektabwicklung im Bauwesen ................. 9
3.1.2 Erweiterte Darstellungen über Struktur und Reihenfolge
der Teilvorgänge bei der Planung und Ausführung von Bau-
vorhaben .......................................................... 18
3.2 Die Projektbeteiligten und ihre Aufgaben .............................. 24
3.2.1 Der Bauherr/Auftraggeber/Besteller............................ 24
3.2.2 Planer, Fachingenieure, Gutachter.............................. 25
3.2.3 Unternehmer und Lieferanten ................................... 26
3.3 Projektablauf .............................................................. 26
3.3.1 Organisationsformen............................................. 26
3.3.2 Terminplanung und -überwachung ............................. 30
3.3.3 Projektsteuerung.................................................. 31
3.4 Die vertraglichen Regelungen zwischen den Projektbeteiligten ...... 36
3.4.1 Vorbemerkungen ................................................. 36
3.4.2 Die Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB)
(Einheitspreis- und Pauschalvertrag) ........................... 36
3.4.3 Das AGB-Gesetz (Gesetz zur Regelung des Rechts
der Allgemeinen Geschäftsbedingungen, AGBG) ............ 42
3.4.4 Die weiteren Verdingungsordnungen VOL und VOF ........ 44
3.4.5 Der GMP-Vertrag ................................................ 44
3.5 Bauunternehmung und Bauproduktion im Projektablauf .............. 45
3.5.1 Die Bauunternehmung in der Projektorganisation ............ 45
3.5.2 Einflüsse auf die Bauproduktion................................ 46
3.5.3 Besonderheiten der Bauproduktion ............................. 47
3.5.4 Planungsbereiche der Bauunternehmung ...................... 49
3.5.5 Operationsfelder einer Bauunternehmung ..................... 51
3.5.6 Zusammenfassung ............................................... 52
Literatur zu Kapitel 3 ............................................................ 53
X Inhaltsverzeichnis
4 Definitionen ..................................................................... 57
4.1 Bauverfahren .............................................................. 57
4.2 Rationelle Fertigung ...................................................... 58
4.3 Automatisierung von Bauprozessen ..................................... 58
Literatur zu Kapitel 4............................................................. 59
5 Bauverfahren im Erdbau .................................................... 61
5.1 Bauaufgabe, Vorarbeiten, Begriffe ...................................... 61
5.1.1 Die Bauaufgabe................................................... 61
5.1.2 Vorarbeiten ....................................................... 63
5.1.3 Begriffe............................................................ 64
5.2 Teilvorgänge und Teilbetriebe ........................................... 68
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau ............................................ 69
5.3.1 Teilvorgänge T1 und T2, Lösen und Laden.................... 69
5.3.2 Teilvorgang T3, Transport....................................... 101
5.3.3 Fahr- und Flachbagger (Teilvorgang T1 bis T4)............... 121
5.3.4 Teilvorgang T4, Einbauen des Bodens (Kippe) ............... 139
5.3.5 Teilvorgang T5, Bodenverdichtung............................. 143
5.4 Bau- und produktionstechnische Kriterien rationeller Produktion .... 160
5.4.1 Stand der Produktionstechnik im Erdbau ...................... 160
5.4.2 Voraussetzungen rationeller Produktion ....................... 162
5.4.3 Kenngrößen ....................................................... 164
Literatur zu Kapitel 5............................................................. 166
6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau .......................... 171
6.1 Der Baustoff Beton........................................................ 171
6.1.1 Begriffe und Definitionen ....................................... 171
6.1.2 Baubetriebliche Einflussfaktoren auf Betoneigenschaften.... 178
6.2 Teilvorgänge und Teilbetriebe im Betonbau............................ 179
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau...................................... 180
6.3.1 Betonherstellung (Teilvorgang T31)............................ 181
6.3.2 Betonverarbeitung (Teilvorgang T32) .......................... 200
6.3.3 Maschinen und Geräte zur Betonförderung .................... 211
6.3.4 Betonförderleistung .............................................. 239
6.3.5 Verdichten von Beton ............................................ 249
6.3.6 Nachbehandlung des Betons .................................... 253
6.3.7 Sonderbetonverfahren............................................ 254
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung .......................... 255
6.4.1 Bedeutung der Schalarbeiten im Stahlbetonbau ............... 255
6.4.2 Umfang der Schalarbeiten (Teilvorgänge) ..................... 256
6.4.3 Aufgabe und konstruktiver Aufbau der Schalung ............. 257
6.4.4 Schalverfahren.................................................... 268
6.4.5 Rüstungen ......................................................... 335
Inhaltsverzeichnis XI
6.4.6 Bemessung der Schalung und Rüstung......................... 359
6.4.7 Voraussetzungen, Einsatzkriterien und -bereiche
rationeller Betonschalung ....................................... 361
6.5 Vorgangsgruppe T2 – Bewehrung ....................................... 376
6.5.1 Aufgabe ........................................................... 376
6.5.2 Teilvorgänge...................................................... 376
6.5.3 Bewehrungselemente für schlaffe Bewehrung ................ 377
6.5.4 Betonstahl-Verbindungen ....................................... 379
6.5.5 Spannglieder zur Vorspannung ................................. 381
6.5.6 Zur Rationalisierung und Qualitätssicherung im
Bewehrungsbereich .............................................. 381
6.6 Entwicklungslinien rationeller Produktion im Beton- und Stahl-
betonbau ................................................................... 385
6.7 Beispiele ................................................................... 387
Literatur zu Kapitel 6 ............................................................ 388
7 Bauen mit Stahlbetonfertigteilen ......................................... 393
7.1 Bedeutung und Aufgabe .................................................. 393
7.2 Teilvorgänge im Fertigteilbau............................................ 394
7.3 Vorteile und Voraussetzungen der Stahlbetonfertigteilbauweise ..... 399
7.3.1 Fabrikmäßige Fertigung ......................................... 399
7.3.2 Serienfertigung ................................................... 399
7.3.3 Normung durch Kombination ................................... 400
7.3.4 Anwendung der Spannbett-Technik ............................ 400
7.3.5 Werkbeton ........................................................ 400
7.3.6 Differenzierte Formgebung...................................... 401
7.4 Wirtschaftlichkeit im Stahlbetonfertigteilbau .......................... 401
7.5 Fertigungsverfahren....................................................... 402
7.6 Anordnung und Ausrüstung von Fertigteilwerken ..................... 407
7.7 Transport................................................................... 407
7.8 Montage.................................................................... 410
7.9 Fertigungsplanung ........................................................ 420
7.10 Sicherheit im Fertigteilbau ............................................... 423
7.11 Zusammenfassung und Beispiele ........................................ 423
Literatur zu Kapitel 7 ............................................................ 425
8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen ........................... 427
8.1 Vorbemerkungen .......................................................... 427
8.2 Aufgabe und Möglichkeiten.............................................. 427
8.3 Bauverfahren .............................................................. 429
8.3.1 Trägerbohlwand .................................................. 429
8.3.2 Spundwände ...................................................... 438
8.3.3 Bohrpfahlwände .................................................. 445
8.3.4 Schlitzwände...................................................... 451
XII Inhaltsverzeichnis
8.3.5 Rückverankerung von Baugrubenwänden...................... 459
8.3.6 Sonderverfahren .................................................. 463
8.3.7 Kosten von Baugrubensicherungen ............................. 468
8.4 Wasserhaltung ............................................................. 470
8.5 Sicherheitsprobleme....................................................... 478
8.6 Zusammenfassung......................................................... 479
Literatur zu Kapitel 8............................................................. 481
9 Ausbauarbeiten im Hochbau............................................... 485
9.1 Definition und Aufgabe................................................... 485
9.2 Vorgangsgruppen und Teilvorgänge..................................... 488
9.3 Materialfluss und Geräteeinsatz.......................................... 493
9.4 Merkmale und Probleme von Ausbauarbeiten .......................... 498
9.5 Möglichkeiten der Rationalisierung ..................................... 501
9.6 Schlüsselfertigbau ......................................................... 508
9.7 Zusammenfassung......................................................... 516
Literatur zu Kapitel 9............................................................. 517
10 Betriebswirtschaftliche Grundlagen der Bauproduktion........... 521
10.1 Fertigungstechnische Merkmale beim Einsatz von Bauverfahren .... 521
10.2 Produktionsfaktoren im Baubetrieb...................................... 523
10.3 Potential und Kapazität eines Baubetriebes ............................. 524
10.4 Zusammenfassung......................................................... 525
Literatur zu Kapitel 10 ........................................................... 526
11 Ablaufplanung ................................................................. 527
11.1 Abgrenzung zur Produktionsplanung in der stationären Industrie .... 527
11.2 Aufgabe der Ablaufplanung .............................................. 528
11.3 Grundlagen und Randbedingungen ...................................... 533
11.3.1 Grundlagen........................................................ 533
11.3.2 Randbedingungen ................................................ 534
11.4 Planungsschritte ........................................................... 535
11.4.1 Planungstiefe (Grob-, Feinplanung) ............................ 535
11.4.2 Planungsschritte (Schritt 1 bis 9)................................ 536
11.5 Fließfertigung und Taktarbeit ............................................ 565
11.5.1 Fließfertigung in der stationären Industrie ..................... 565
11.5.2 Definitionen....................................................... 566
11.5.3 Unterschiede zwischen der Fertigung in der stationären
Industrie und in Baubetrieben ................................... 566
11.5.4 Voraussetzungen für einen Bauablauf in Fließfertigung bzw.
Taktarbeit ......................................................... 567
11.5.5 Merkmale eines Bauablaufs in Fließfertigung/Taktarbeit .... 568
11.5.6 Anlaufzeit und Einarbeitungsaufwand.......................... 573
Inhaltsverzeichnis XIII
11.5.7 Leistungs- und Kapazitätsabstimmung ......................... 578
11.5.8 Vor- und Nachteile eines Bauablaufs in Fließfertigung....... 584
11.5.9 Zusammenfassung ............................................... 591
11.6 Baustelleneinrichtung..................................................... 592
11.6.1 Aufgabe und Kriterien ........................................... 592
11.6.2 Elemente und Platzbedarf ....................................... 593
11.6.3 Räumliche Anordnung........................................... 594
11.6.4 Planungsschritte .................................................. 594
11.6.5 Beispiele .......................................................... 596
11.7 Bereitstellungsplanung ................................................... 599
11.8 Darstellung der Ablaufplanung .......................................... 606
11.8.1 Terminlisten ...................................................... 606
11.8.2 Balkenpläne....................................................... 607
11.8.3 Weg-Zeit-Diagramme ........................................... 610
11.8.4 Netzplantechnik .................................................. 615
11.8.5 Bauphasenplan ................................................... 626
11.8.6 Weitere Darstellungsmöglichkeiten ............................ 629
11.9 Baustellenversorgung (Logistik)......................................... 632
11.10 Bauablauf unter Unsicherheit ............................................ 634
11.10.1 Vorbemerkungen ................................................. 634
11.10.2 Untersuchung von Bauprozessen mittels statistischer
Methoden ([Link]. nach [3.9]) ..................................... 634
11.10.3 Problematik der Erfahrungswerte............................... 634
11.10.4 Möglichkeiten praktischer Anwendung ........................ 636
11.10.5 Zusammenfassung ............................................... 640
Literatur zu Kapitel 11 ........................................................... 640
12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation .................... 643
12.1 Aufgabe .................................................................... 643
12.2 Grundlagen der Baukalkulation.......................................... 644
12.2.1 Leistungsbeschreibung und Vertragsbedingungen ............ 644
12.2.2 Kenntnis der Arbeitsabläufe und Bauverfahren ............... 646
12.2.3 Kalkulationsrelevante Erfahrungswerte ........................ 646
12.3 Kalkulationsverfahren .................................................... 648
12.3.1 Traditionelle Verfahren der Baukalkulation ................... 648
12.3.2 Kostenfunktionen der Bauproduktion .......................... 650
12.4 Die Angebotskalkulation in der Bauunternehmung .................... 651
12.4.1 Schema ............................................................ 651
12.4.2 Kostenarten ....................................................... 652
12.4.3 Ablauf der Kalkulation .......................................... 660
12.4.4 Beispiele .......................................................... 667
12.4.5 Zielkostenplanung (Target-costing) ............................ 668
12.4.6 Zusammenfassung ............................................... 669
12.4.7 Moderne Baukalkulation ........................................ 672
12.5 Risiken in der Bauproduktion ............................................ 676
XIV Inhaltsverzeichnis
12.5.1 Definition ......................................................... 676
12.5.2 Risikobereiche .................................................... 676
12.5.3 Risiko-Management.............................................. 679
12.5.4 Modernes Risikomanagement – Beispiele ..................... 686
12.6 Nachkalkulation ........................................................... 687
12.6.1 Zweck ............................................................. 687
12.6.2 Umfang einer Nachkalkulation.................................. 689
12.6.3 Unterlagen ........................................................ 689
12.6.4 Gang einer Nachkalkulation ..................................... 693
12.6.5 EDV-Einsatz ...................................................... 694
12.7 Optimierung von Bauabläufen ........................................... 698
12.7.1 Verfahrensoptimierung im Stahlbetonbau...................... 698
12.7.2 Bewertung von Ablauf-Alternativen zur Ermittlung
der kostenoptimalen Bauzeit .................................... 704
12.8 Investitionsplanung/Verfahrensvergleich ............................... 706
12.8.1 Vorbemerkung.................................................... 706
12.8.2 Begriff und Arten der Investition ............................... 707
12.8.3 Aufgabe der Investitionsrechnung .............................. 708
12.8.4 Kostenvergleichsrechnung....................................... 708
12.8.5 Ermittlung der kritischen Menge bei Kostenvergleichs-
rechnungen........................................................ 711
Literatur zu Kapitel 12 ........................................................... 713
13 Ablaufkontrolle und -steuerung/Controlling........................... 715
13.1 Aufgabe .................................................................... 715
13.2 Ablaufkontrolle............................................................ 716
13.2.1 Prinzip ............................................................. 716
13.2.2 Vorgaben (Feinplanung des Arbeitsablaufs) ................... 718
13.3 Ablaufsteuerung ........................................................... 721
13.3.1 Aufgabe ........................................................... 721
13.3.2 Möglichkeiten .................................................... 721
13.3.3 Ablaufsteuerung durch Arbeitsgestaltung ...................... 722
13.4 PC-Einsatz in der Ablaufkontrolle und -steuerung ..................... 723
13.5 Modernes Projekt-Controlling ........................................... 733
13.5.1 Aufgabe ........................................................... 735
13.5.2 Elemente des Bauprojekt-Controlling .......................... 735
13.5.3 Durchführung der Arbeitskalkulation .......................... 736
13.5.4 Fertigungsprozessorientierte Aufgliederung der Arbeits-
kalkulation ........................................................ 737
13.5.5 Fortschreibung der Arbeitskalkulation auf der Zeitachse
der Bauprojekt-Realisation ...................................... 740
13.5.6 Differenzierte Sichtweisen der Arbeitskalkulation ............ 741
13.5.7 Zusammenfassung................................................ 741
Literatur zu Kapitel 13 ........................................................... 742
Inhaltsverzeichnis XV
14 Allgemeine Problemlösungsmethoden, Prozessmanagement... 743
14.1 6-Stufen-Methode der Systemgestaltung................................ 743
14.2 Problemlösen über vernetztes Denken .................................. 745
14.3 Zusammenfassung zu Abschnitt 14.1 und 14.2......................... 747
14.4 Aufgaben des Prozessmanagements einer Baustelle ................... 747
Literatur zu Kapitel 14 ........................................................... 749
15 Störungen im Bauablauf .................................................... 751
15.1 Vorbemerkungen .......................................................... 751
15.2 Definition gestörter Bauprozesse ........................................ 753
15.2.1 Ablaufschwankungen ............................................ 753
15.2.2 Ablaufstörungen.................................................. 753
15.3 Ursachen von Produktionsstörungen .................................... 755
15.4 Der verzögerte (behinderte) Bauablauf.................................. 757
15.4.1 Definition ......................................................... 757
15.4.2 Möglichkeiten und Grenzen der Anpassung an
Behinderungen ................................................... 757
15.4.3 Art und Ursachen der Mehrkosten aus Behinderung/
Verzögerung ...................................................... 759
15.5 Der beschleunigte Bauablauf............................................. 761
15.5.1 Sachverhalt, Möglichkeiten und Grenzen der Anpassung .... 761
15.5.2 Art und Ursachen von Mehrkosten aus Beschleunigung ..... 764
15.6 Sonderfälle................................................................. 764
15.6.1 Wiederholtes Eintreten von Störungen ......................... 765
15.6.2 Einfluss auf nachfolgende Vorgänge ........................... 766
15.6.3 Bauzeitverlängerung durch Planungsverzug................... 767
15.7 Rechtliche Grundlagen zur Beurteilung eines gestörten Bauablaufs . 769
15.7.1 Verlängerung der Ausführungsfrist............................. 769
15.7.2 Ersatz der Mehrkosten ........................................... 770
15.7.3 Konkurrenz der Anspruchsgrundlagen ......................... 772
15.8 Baubetriebliche Grundlagen bei gestörtem Bauablauf .................. 773
15.8.1 Die Berechnung der Bauzeitverlängerung des AN ............ 773
15.8.2 Die Ermittlung der Mehrkosten des AN ....................... 774
15.8.3 Zur Ermittlung von Mehrkosten bei einer Beschleunigung .. 775
15.8.4 Zusammenfassung zu Abschnitt 15.7 und 15.8................ 777
15.9 Kostengliederung störungsbedingter Mehrkosten ...................... 778
15.9.1 Mehrkosten aus Behinderung ................................... 778
15.9.2 Mehrkosten aus Beschleunigung................................ 782
15.9.3 Schadensberechnung............................................. 783
15.10 Leistungsänderungen ..................................................... 786
Literatur zu Kapitel 15 ........................................................... 788
16 Zusammenfassung ........................................................... 789
XVI Inhaltsverzeichnis
Anhang................................................................................ 791
Sachverzeichnis .................................................................... 863
1 Anlass
Im vergangenen Jahrzehnt hat sich in der Bundesrepublik Deutschland das Umfeld
der Bauproduktion einschneidend verändert. Ursachen hierfür waren
− die Wiedervereinigung mit den neuen Bundesländern,
− die Internationalisierung der europäischen Baumärkte,
− das Vergabeverhalten der Bauauftraggeber und
− seit 1995 eine einschneidende Rezession.
In Westdeutschland hat sich durch die Wiedervereinigung der konjunkturelle
Aufschwung aus der zweiten Hälfte der 80er Jahre schwächer als erwartet fortge-
setzt. In den neuen Bundesländern ging die Bautätigkeit nach 1989 zunächst er-
heblich zurück. Ab 1991/92 sind dann durch den Transfer von privatem und öf-
fentlichem Investitionskapital aus Westdeutschland extrem hohe Zuwachsraten
eingetreten. Seit 1995 ist dagegen das Bauvolumen mit einer Ausnahme in 1999
insgesamt rückläufig, in den ostdeutschen Ländern wesentlich stärker als in West-
deutschland [1.1]. Nach Bild 1.1 beträgt diese Differenz zwischen 1994 und 2001
35 Mrd. Euro bzw. ca. 13 %. Die rückläufige Entwicklung hat sich bis 2005 fort-
gesetzt. Gegenüber 1994/95 ist bei derzeit 720.000 Beschäftigten die Hälfte der
Arbeitsplätze im Bauhauptgewerbe weggefallen [1.3].
270 264
258
260
252
250 246 247 245 249
241 242
240
229
230
219
220
210
200
1991
1992
1993
1994
1995
1996
1997
1998
1999
2000
2001
Bild 1.1: Bauinvestitionen in Deutschland zu Preisen von 1995 in Mrd. Euro [1.2]
© Springer Berlin Heidelberg 2007
H. Bauer, Baubetrieb,
DOI 10.1007/978-3-642-32533-5_1
2 1 Anlass
Dazu kam ab 1993 durch die Liberalisierung des europäischen Binnenmarktes
ein in diesem Ausmaß bisher nicht bekanntes Auftreten der internationalen Kon-
kurrenz. Offene Grenzen führten durch den Zustrom von Arbeitskräften und Fir-
men aus Niedriglohnländern der europäischen Union und Osteuropas zur Arbeits-
losigkeit deutscher Bauarbeiter. Die Lohnkostenunterschiede zwischen Deutsch-
land und diesen Niedriglohnländern haben die Wettbewerbsposition deutscher
Bauunternehmungen erheblich verändert. Die Folge war ein ruinöser Verdrän-
gungswettbewerb und ein Verfall der Baupreise, der bis heute (2005) anhält. Ohne
Einsatz von Subunternehmen aus Billiglohnländern kann – zumindest bei arbeits-
intensiven Standardbauvorhaben des Hochbaus – die deutsche Bauindustrie heute
keine Aufträge mehr erhalten. Deutsche Bauunternehmungen müssen sich auf
technisch anspruchsvolle Bauleistungen ausrichten [1.4].
„Das klassische Bauen ist passé. Schlüsselfertiges Bauen, private Konzessi-
onsmodelle, große Infrastrukturprojekte oder Flughafen-Management ... sind in“
[1.5]. Der jahrzehntelang übliche Einheitspreisvertrag mit Leistungsverzeichnis
nach der VOB/B wird die Ausnahme; zur Regel tendieren Pauschalverträge in
verschiedenen Variationen, die funktionale Ausschreibung und weitere Wettbe-
werbsformen aus den angelsächsischen Ländern (GMP-Verträge, garantierter ma-
ximaler Preis). Dabei werden die Bauunternehmungen schon in die Planungsphase
eines Bauvorhabens eingebunden.
Ursachen der rückläufigen Baunachfrage waren eine verbesserte Bedarfsde-
ckung im Wohnungsbau, geringere Investitionen der Wirtschaft wegen verschärf-
ter Auslandskonkurrenz und ein rigoroser Sparkurs der öffentlichen Haushalte, um
die „Maastricht-Kriterien“ für die Einführung des „Euro“ zu erfüllen [1.1].
Unter den Strategien zur Bewältigung dieser neuen Wettbewerbssituation ste-
hen die Beschäftigung von Firmen aus europäischen (Billiglohn-)ländern als
Nachunternehmer und die weitere Rationalisierung und Produktivitätssteigerung
in der Bauausführung (Prozessoptimierung) an erster Stelle.
Darunter fällt bei den deutschen Großbauunternehmungen auch der Trend zur
weiteren Globalisierung. Ein hoher Auslandsanteil reduziert die Abhängigkeit von
der Binnenkonjunktur, birgt jedoch hohe Risiken. Bauen im Ausland ist entweder
die Gründung von Niederlassungen oder die Beteiligung an ausländischen Bauun-
ternehmungen. Mit eigenem Potential ausgeführte Auslandsbauten sind die Aus-
nahme [1.6].
Darüber hinaus konzentrieren sich Bauunternehmungen teils auf Spezialgebiete
(Kerngeschäftsfelder) oder entwickeln sich zu Dienstleistern, die von der Projekt-
entwicklung über Planung, Finanzierung, Bau und Betrieb eines Bauvorhabens
nahezu alle Aufgaben eines Auftraggebers (Investors) übernehmen. Zum Teil wer-
den dabei die gesamten operativen Arbeiten an Nachunternehmer vergeben. Die
Bauunternehmungen verfügen dann über kein eigenes Produktionspotential mehr
und beschränken sich auf das Management, die Logistik, das Controlling und die
Risikobewältigung [1.7, 1.8].
Mit Ausnahme der Wiedervereinigungsfolgen und der Internationalisierung der
europäischen Baumärkte gilt die aufgezeigte Situation auf dem deutschen Bau-
markt im Wesentlichen auch für das deutschsprachige Ausland.
1 Anlass 3
In der Schweiz führt der Weg der Bauwirtschaft in das 21. Jahrhundert eben-
falls zur Spezialisierung von Bauunternehmungen und zu neuen Kooperationsfor-
men (die virtuelle Unternehmung). Darüber hinaus werden wie in der BRD weite-
re Managementaufgaben im Lebenszyklus eines Bauwerks übernommen [1.9,
1.10, 10.6].
In Österreich sind folgende von Deutschland abweichende Entwicklungen und
Entwicklungstendenzen erwähnenswert:
Durch die Ausgliederung der Bauverwaltungen aus den Gebietskörperschaften
und öffentlichen Anstalten in Errichtungsgesellschaften ist eine Desintegration der
Bauherrn festzustellen. In einer manches mal übersteigerten Arbeitsteilung nach
Bauherrenfunktionen werden für komplexe Projekte komplizierte Projektorganisa-
tionen geschaffen, bei denen Koordinierungsaufwand und Effizienzsteigerung
nicht mehr im Gleichgewicht stehen. Tendenz: gleichbleibend.
Die industriellen Baufirmen unterzogen sich, mehr oder minder freiwillig, ei-
nem enormen Konzentrationsprozess. Obwohl noch weit von einem Oligopol ent-
fernt, dürfte, wohl wegen der Kleinheit des österreichischen Marktes, der Wettbe-
werb um die Jahrtausendwende nicht ganz so scharf wie in Deutschland gewesen
sein. Tendenz: steigend (Richtung schärferer Wettbewerb).
Das Auslandsengagement der österreichischen Bauindustrie findet vor allem in
Osteuropa statt. Die Tatsache, dass es zu einem Großteil dieser Länder noch aus
der Habsburgerzeit herüberreichende Beziehungen gibt, und dass Wien von der
Lage in Mitteleuropa her einen weit in den Osten hineingeschobenen Brückenkopf
darstellt, fördert diese Entwicklung. Tendenz: steigend.
Inzwischen baut die Alpine Bau Deutschland als Generalunternehmer die Alli-
anz Arena in München und u. a. ein 5-Sterne-Hotel in Frankfurt/Main [1.12]. Da-
zu kommt, dass in 2005 der größte Anbieter am deutschen Inlandsmarkt (Walter
Bau) verschwand und durch die österreichische Bauholding Strabag (BHS) ersetzt
wurde [1.13].
Durch die Eigenschaft Österreichs, zu einem großen Teil mit Gebirge und Hü-
gelland bedeckt zu sein, bilden Hohlraumbauten für Eisenbahnen, Autobahnen
und, wenn auch in abnehmenden Maße, für Kraftwerke einen bedeutenden Teil
der Bauaktivitäten. Dementsprechend viel wird auch auf diesem Gebiet geforscht
und entwickelt. Tendenz: steigend.
Last, but not least, ist zu erwähnen, dass Subunternehmer und Arbeitskräfte aus
Niedriglohnländern der europäischen Union nach wie vor in Österreich praktisch
nicht präsent sind, obwohl Österreich seit 1995 Mitglied der Staatengemeinschaft
ist. Tendenz: gleichbleibend [1.11].
Über die Ursachen und Randbedingungen dieser Veränderungen auf dem Bau-
markt und die Anpassungsmöglichkeiten der Bauunternehmungen gibt es inzwi-
schen eine umfangreiche Literatur. Zum Überblick verweise ich daraus noch auf
die nachstehend erwähnten Veröffentlichungen [1.14 bis 1.22].
Alle diese Veränderungen auf dem Baumarkt ändern jedoch nichts daran, dass
unabhängig von der Marktsituation, den Wettbewerbsformen oder dem Vertrag
die Bauausführung ein wesentlicher Abschnitt im „Lebenszyklus“ eines Bauwer-
kes ist. Die Kenntnis der Grundlagen der Bauproduktion gehört deshalb zum Ba-
4 1 Anlass
siswissen aller mit der Planung, Vorbereitung und Ausführung von Bauvorhaben
befassten Personen.
Bauwerke entstehen in Einzelfertigung am gewünschten Standort. Produktions-
umfang und Baustoffe sind aus der Planung, die Produktionsbedingungen neben
dem anstehenden Baugrund durch Konstruktion, Standortverhältnisse, Vertrags-
bedingungen und hier besonders durch die verfügbare Bauzeit vorgegeben. Da
Baubetriebe die genauen Herstellkosten eines zu errichtenden Bauwerks nicht
kennen und Erfahrungen aus ausgeführten, gleichartigen Bauvorhaben aus ver-
schiedenen Gründen (andere Standortbedingungen, Marktsituation, Bauzeit, ver-
fügbares Potential) nur beschränkt übertragbar sind, kann jeder Bieter für die Her-
stellung eines bestimmten, durch Planung und Ausschreibung definierten Bau-
werks oder wesentlicher Teile (Gewerke) nur ein Leistungsversprechen abgeben.
Bei der Bauausführung liegt der dispositive und damit finanzielle Spielraum ei-
ner Bauunternehmung allein in der Wahl eines auf das Objekt zugeschnittenen
Fertigungsverfahrens, im optimalen Einsatz des dafür erforderlichen Potentials an
Arbeits-, Führungskräften und Betriebsmitteln bzw. entsprechender Subunterneh-
mer, in der kostengünstigsten Beschaffung der Bau- und Werkstoffe, sowie einer
möglichst zutreffenden Abschätzung des zu übernehmenden Risikos.
Der Baumarkt besteht aus einzelnen Teilmärkten, den Bauvorhaben. Dabei ste-
hen einem Nachfrager nach Bauleistungen mehrere Anbieter gegenüber, von de-
nen nur der mit dem wirtschaftlichsten – das heißt dem niedrigsten – Angebot den
Auftrag erhält. Dieser Wettbewerb um den Auftrag zwingt die Firmen zu ständi-
ger Rationalisierung der Produktion, die nicht nur im Einsatz noch leistungsfähi-
gerer Maschinen als bisher bestehen kann, sondern auch die Anwendung optima-
ler Planungs- und Bauverfahren im Sinne industrialisierten Bauens sowie ange-
passter Organisationsformen umfassen muss. Dazu gehören ein professionelles
Management, aber auch eindeutige und rechtzeitige Vorgaben des Auftraggebers.
Außerdem zwingen knappe Preise die Firmen zu extensiver Vertragsauslegung.
D.h. alle unvorhersehbaren, in der Ausschreibung nicht erfassten Aufwendungen
als Mehrkostenforderungen an den Verursacher weiterzugeben (soweit dies der
Bauvertrag zulässt).
Das aus Arbeitskräften verschiedener Qualifikation, Maschinen, Geräten und
weiteren Hilfsmitteln rationeller Fertigung sowie erfahrenem Führungspersonal
bestehende Potential einer Bauunternehmung verursacht auch bei optimalem, d.h.
weitgehend störungsfreiem Einsatz hohe laufende Kosten. Waren 1960 für eine
Facharbeiterstunde einschließlich Sozialaufwendungen nur 3,80 DM (↔ 1,94 €)
anzusetzen, müssen hierfür in 2002 etwa 62,60 DM (↔ 32,- €) kalkuliert werden.
Das ist fast das 17-fache gegenüber 1960. Durch einen weitgehenden Kündi-
gungsschutz ist der personelle Potentialanteil einer Unternehmung außerdem un-
elastisch gegenüber kurzfristig eintretenden Beschäftigungsschwankungen.
Durch gestiegene Ansprüche der Nutzer und hohe Kapitalkosten sind heute
immer umfangreicher und komplizierter gewordene Bauvorhaben in immer kürze-
ren Bauzeiten zu erstellen. Das ist nur mit qualifizierter Mannschaft, leistungsfä-
higen Maschinen und Geräten nach dem neuesten Stand der Technik, Detailpla-
nung und -steuerung des Arbeitsablaufes und einer angepassten Organisation
möglich.
Literatur zu Kapitel 1 5
Die Zahl der Angestellten je 100 gewerblicher Arbeitnehmer einer Bauunter-
nehmung ist in Westdeutschland von 1950 bis 1997 von 6 auf 26 angestiegen (in
den neuen Bundesländern auf 21), während die Anzahl angestellter Helfer und
Hilfsarbeiter, bezogen auf 100 Facharbeiter, von 75 auf 30 zurückgegangen ist. Da
inzwischen Großgerät fallweise angemietet werden kann, ist der Gerätebestand ei-
nes Baubetriebes in t je Arbeiter keine charakteristische Kenngröße einer Bauun-
ternehmung mehr.
Die Arbeit auf den Baustellen und in stationären Betriebsstätten ist durch Ein-
satz qualifizierter Arbeits- und Führungskräfte mit hoher Maschinen- und Geräte-
ausstattung gekennzeichnet. Diese können ihre Kosten jedoch nur erwirtschaften,
wenn sie weitgehend ungestört produzieren können. Nur so kann ein Baubetrieb
seine Möglichkeiten und Erfahrungen in rationeller Fertigung ausspielen.
Die Merkmale und Voraussetzungen einer unter den vorgenannten Bedingun-
gen wirtschaftlich optimalen Bauproduktion sind bekannt (bspw. Taktarbeit), die
Bauunternehmung kann sie allein jedoch nicht realisieren. Das liegt bisher häufig
daran, dass im Bauwesen im Gegensatz zu anderen Industriezweigen Planung,
Konstruktion und Bauausführung nicht in einer Hand liegen. Daraus resultiert der
Trend zu anderen Realisierungsformen von Bauvorhaben.
Literatur zu Kapitel 1
1.1 Knechtel, E., Auf Dialog gebaut, 50 Jahre Hauptverband der Deutschen
Bauindustrie 1948 – 1998, Wiesbaden, Berlin, Bauverlag 1998 (S.129 ff)
1.2 Weitz, H., Bauinvestitionen 1991 bis 2001, Baumarkt + Bauwirtschaft
(B + B) 3/2002, S.16
1.3 Talfahrt auf dem Bau geht weiter, Tag der Deutschen Bauindustrie in Berlin,
B + B 7-8/2005, S. 4
1.4 Walter, Ralf, Die Entwicklung der Deutschen Bauwirtschaft von 1936 bis
1996, in „Die Deutsche Bauindustrie auf dem Weg ins Jahr 2000“, Fest-
schrift zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. h.c. Ignaz Walter, 1996 (S.5 ff)
1.5 Linden, M., Die Konsolidierung geht weiter, Bauwirtschaft (BW) 53/1999,
Heft 6, S.11
1.6 Bauen im Ausland: Chancen-Risiken-Erfahrungen; Tagung Dresden,
8./[Link].1997, VDI-Gesellschaft Bautechnik Düsseldorf, VDI Verlag 1997
(VDI-Berichte, 1347)
1.7 Keitel, H.-P., Dr.-Ingenieur Homo faber oder Homo politicus?, Festvortrag
an der TU Berlin am 15.10.1999 (Festveranstaltung „100 Jahre Promotions-
recht – 200 Jahre Bauakademie“), Hochtief Unternehmenszentrale Vorstand
(Sonderdruck)
1.8 Högner, H., „Wenn Mietgarantien gegeben werden, müssen sie realistisch
sein“, (Bauunternehmen Karl Munte, Die Welt, 25.03.00, S. IM 12)
1.9 Girmscheid, G., Die EU- und die Schweizer Bauwirtschaft auf dem Weg ins
21. Jahrhundert, Schäubli Verlag Zürich, 1997 (ETH Zürich)
6 1 Anlass
1.10 Schalcher, H.R., Trends im Baumanagement, Ganzheitliches Management
von Bauwerken muss den ganzen Lebenszyklus umfassen, Management Nr.
6, 1999 (ETH Zürich)
1.11 Oberndorfer, W., Skriptum Bauwirtschaft, Eigenverlag des Instituts für Bau-
betrieb und Bauwirtschaft an der TU Wien, SS 2002
1.12 Alpine Bau baut 5-Sterne-Hotel, B + B 5/2005, S. 6
1.13 Linden, M., Teil 2 Bilanzen: Umfangreiche Umgruppierungen nach der Plei-
te von Walter Bau, B + B 9/2005, S. 16
1.14 Main, K., Karnani, F., Strukturwandel als unternehmerische Herausforde-
rung, BW 53/1999, H.11
1.15 Knipper, M., Deutsche Baubranche – Wie geht es weiter?, Ruhrwirtschaft
6/2000, S.23
1.16 Mängel, S., Evolutionen im Baubetrieb, Festschrift 50 Jahre Lehrstuhl für
Baumaschinen und Baubetrieb an der RWTH Aachen, S.285 (Hrsg. J. Dorn-
busch), Shaker Verlag Aachen, 2000
1.17 Girmscheid, G., Systemanbieterkonzept als Ausweg aus dem Preiswettbe-
werb, B + B 11/2001, S.31
1.18 BWI-Bau, Düsseldorf, Den Strukturwandel konzentriert, innovativ und kun-
denorientiert bewältigen, B + B 1/2002, S.41
1.19 Kehlenbach, F., Die deutsche Bauindustrie nutzt ihre Chancen im Ausland,
B + B 12/2002, S.12
1.20 Heilfort, Th., Strich, A., Neue Chancen mit alternativen Geschäftsmodellen,
B + B 12/2003, S. 14
1.21 Deutscher Bautechnik-Tag 2005, Interview mit Dr.-Ing. Klaus-Dieter Ehlers,
B + B 4/2005, S. 14
1.22 Pekrul, St., Seefehlt, M., Zukunftsstrategien der Bauindustrie, B + B 4/2005,
S. 16
2 Aufgabe
Bis heute kommt es aus den in Kap.1 genannten Gründen immer noch zu Stö-
rungen im Bauablauf mit der Folge von Bauzeitverlängerungen und Schadenser-
satzforderungen der betroffenen Firmen oder verwirkten Vertragsstrafen. Es er-
scheint deshalb nach wie vor geboten,
− die Merkmale und Voraussetzungen einer wirtschaftlich optimalen Fertigung
im Hoch- und Ingenieurbau und
− den Einfluss von Störungen (Stillständen, Behinderungen und Beschleunigun-
gen) auf einen derart organisierten Bauablauf – in der juristischen Literatur
werden sie als Leistungsstörungen bezeichnet – im Zusammenhang aufzuzei-
gen.
Die vorliegende Darstellung der Verfahren und Zusammenhänge rationeller
Bauproduktion soll Studierende des Bauwesens in dieses in der Literatur bisher
nur punktuell behandelte Gebiet des Bauens einführen. Dazu werden zunächst der
Ablauf eines Bauprojekts, die am Bauen Beteiligten, ihre Organisationsstrukturen
und deren vertragliche Regelungen erläutert. Anschließend wird der Potentialein-
satz in Baubetrieben im Sinne industrieller Fertigung aufgezeigt. Wegen der gro-
ßen Bandbreite des Bauwesens ist dies nur beispielhaft möglich. Ich habe hierfür
die am häufigsten vorkommenden Teilbereiche gewählt (den Erd-, Beton- und
Stahlbetonbau, das Bauen mit Stahlbetonfertigteilen, den Spezialtiefbau und – im
Überblick – die Ausbauarbeiten im Hochbau). Diese Darstellung der wichtigsten
Bauverfahren schließt mit einem kurzen Abschnitt über die betriebswirtschaftli-
chen Grundlagen der Bauproduktion aus der Sicht der Bauausführung ab.
In den weiteren Abschnitten werden die Ablaufplanung, d.h. der zeitliche Ein-
satz des Potentials einer Unternehmung, dessen Kosten (Kalkulation), die Ablauf-
kontrolle und -steuerung (Controlling), Qualitäts- und Sicherheitsfragen sowie Ur-
sachen und Folgen von Produktionsstörungen erläutert, wobei ich kurz auf die ak-
tuelle Rechtsprechung zu diesem Thema eingehe.
Insgesamt verfolgt die vorliegende Arbeit das Ziel, durch systematische Dar-
stellung der Grundlagen und Voraussetzungen rationeller Produktion bei allen am
Bauen Beteiligten Verständnis für die Bedingungen einer wirtschaftlich optima-
len Fertigung zu wecken und damit zu einer weiteren, sinnvollen Rationalisierung
von Bauproduktionsprozessen beizutragen.
Wer im Rahmen einer Bauablauforganisation Aufgaben des Bauprozessmana-
gements – früher als Bauleitung bezeichnet – übernehmen will, soll wissen, was in
der Praxis auf ihn zukommt.
© Springer Berlin Heidelberg 2007
H. Bauer, Baubetrieb,
DOI 10.1007/978-3-642-32533-5_2
3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
Bevor die in der Bauproduktion angewendeten Verfahren beschrieben werden und
auf Dauer und Kosten des dafür erforderlichen Potentialeinsatzes eingegangen
wird, sollen der Ablauf eines Bauvorhabens, die Projektbeteiligten, ihre Organisa-
tionsstrukturen und die Regelung ihrer gegenseitigen Beziehungen dargestellt
werden. Sie bilden das engere Umfeld und die Rahmenbedingungen der Baupro-
duktion. Ein Überblick über die Funktion der Bauunternehmung im Projektablauf
und ihre Operationsfelder schließen diese Einführung ab.
3.1 Teilvorgänge bei der Planung und Herstellung
eines Bauwerks
3.1.1 Schema der Projektabwicklung im Bauwesen
Von der Idee, dem Bauentschluss eines Bauherrn (Bauträgers, Investors, einer Be-
hörde), bis zur übergabereifen Fertigstellung eines Bauwerks lassen sich in erster
Näherung, bei grober Gliederung der Planung und Ausführung, 19 Teilvorgänge
unterscheiden (Bild 3.1). Dies sind:
− zunächst die Idee oder Konzeption des Bauherrn (z.B. für Hochbauten wie
Wohn- und Bürogebäude, Kaufhäuser, Schulen, Hotels, Kliniken oder Ingeni-
eurbauwerke wie Abwasserkanäle, Kläranlagen, Straßen, Brücken, Kraftwerke,
Flughäfen und Bahnanlagen). Für alle diese Bauwerke stellt die Bauabsicht den
Startvorgang in der Ablaufkette der einzelnen Teilvorgänge dar /1/,
− die Definition der Bauaufgabe und das Aufstellen des Raumprogramms /2/ ein-
schließlich erforderlicher Standortanalysen oder Bestandsaufnahmen /3/,
− die Vorplanung /4/5/ einschließlich Kostenschätzung /6/ und Finanzierungsplan
/7/. Hierfür werden je nach Bauvorhaben – Hoch- oder Ingenieurbau – Archi-
tekten oder Bauingenieure /4/ beauftragt, die von Fachingenieuren /5/, bspw.
für Tragwerksplanung, Gebäudetechnik, Fassade usw. unterstützt werden. Die-
se Fachingenieure werden häufig auf Vorschlag des Planers vom Bauherrn zu-
gezogen, soweit kein Generalplaner beauftragt wird (s. 3.3.1).
Bei größeren Hochbauvorhaben wird das zur Ausführung vorgesehene Vorpro-
jekt durch einen Planungswettbewerb aus mehreren Entwürfen ausgewählt. Öf-
fentliche Auftraggeber verlangen für ihre Finanzplanung dafür bereits relativ ge-
naue Kostenermittlungen (bspw. die Haushaltsunterlage BAU).
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H. Bauer, Baubetrieb,
DOI 10.1007/978-3-642-32533-5_3
10 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
Bild 3.1: Teilvorgänge bei der Realisierung eines Bauvorhabens (Teil 1)
Die Vorplanungen werden in der Regel im Maßstab 1:200 dargestellt.
Voraussetzung für die Vorplanung sind Grundstück und genehmigter Bebau-
ungsplan (Satzung) und damit Planungssicherheit.
Die Verfahrensweise für das Aufstellen und die Genehmigung eines Bebau-
ungsplanes im Rahmen der Bauleitplanung ist im Bundesbaugesetz bzw. in den
Länderbauordnungen geregelt [3.1]; die Ablaufschritte sind in [3.2] dargestellt.
Bei Großbauvorhaben der „öffentlichen Hand“, bspw. Infrastrukturprojekte wie
Straßen- und Autobahnabschnitte, U-Bahnlinien, Schnellbahnstrecken, tritt an die
Stelle des Bebauungsplanes das Planfeststellungsverfahren [3.1, 3.2]. Der Ablauf
dieses Verfahrens geht aus Bild 3.2 hervor.
Um große Infrastrukturprojekte relativ kurzfristig zu realisieren wurde 1991
durch das Verkehrswegeplanungsbeschleunigungsgesetz das zweistufige Planfest-
stellungsverfahren vereinfacht. Damit war es möglich, die Planungsfristen derarti-
3.1 Teilvorgänge bei der Planung und Herstellung eines Bauwerks 11
Bild 3.1: Teilvorgänge bei der Realisierung eines Bauvorhabens (Teil 2)
ger Projekte erheblich zu verkürzen (bspw. Planfeststellung innerhalb von 10,5
Monaten [1.16].
Auf den Vorentwurf folgt
− der eigentliche Entwurf /8/. Er entsteht aus der ausgewählten Variante der Vor-
studien (Vorplanung) und umfasst Entwurfs-
− und Genehmigungspläne im Maßstab 1:100; soweit notwendig Detailpläne in
größerem Maßstab (1:50, 20, 10, ..), eine Baubeschreibung, die geprüfte Trag-
konstruktion (Statische Berechnung), Entwässerungspläne und eine Kostenbe-
rechnung.
Der Entwurf wird, je nach Art des Bauvorhabens, ebenfalls durch Architekten
und/oder Bauingenieure sowie die schon genannten Fachingenieure /9/10/ ausge-
12 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
Bild 3.2: Planfeststellungsverfahren [3.2]
arbeitet und umfasst neben Funktionsplanung und Gestaltung die Tragkonstrukti-
on, die Fassade, die technischen Einrichtungen (Heizung, Lüftung, Elektroinstalla-
tion, Medienver- und -entsorgung, Förderanlagen, Maschinenaggregate), die bau-
physikalischen und die Brandschutzmaßnahmen. Zum Entwurf gehört der Stand-
sicherheitsnachweis des Bauwerks (statische Berechnung) und dessen Prüfung
durch einen besonderen Prüfingenieur /10/. Bei der späteren Ausführung prüft die-
ser die Bewehrungspläne, nimmt vor Ort die Bewehrung ab und gibt damit jeden
Bauteil zum Betonieren frei.
Um das Baugenehmigungsverfahren nicht zu verzögern, sind schon während
der Entwurfsarbeiten eine Reihe von Abstimmungen mit den Genehmigungsbe-
hörden vorzunehmen (Voranfragen).
3.1 Teilvorgänge bei der Planung und Herstellung eines Bauwerks 13
Die Merkmale genehmigungsbedürftiger Bauvorhaben, wobei sich die Geneh-
migungspflicht auf das Errichten, Ändern, Nutzungsänderungen und den Abbruch
bezieht, sind in den Länderbauordnungen festgelegt. Einfache Bauvorhaben gerin-
gen Umfangs sind genehmigungsfrei oder fallen unter ein vereinfachtes Genehmi-
gungsverfahren [3.3].
Zwischen der Baueingabe und dem Erteilen der Baugenehmigung durch die
Bauaufsichtsbehörde /11/ (Verfahrensschritte siehe Bild 3.3) sollten folgende wei-
tere Vorgänge ablaufen:
− der Beginn der Ausführungsplanung (Werkpläne M = 1 : 50 und größer, Aus-
sparungspläne /12/),
− das Ausarbeiten der Schalpläne sowie das Aufstellen und Prüfen der Beweh-
rungspläne /13/,
− das Ausarbeiten der Ausschreibungsunterlagen /14/. Hierbei sind nach der Ver-
gabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB), Teil A, 2 Varianten zu
unterscheiden,
− die herkömmliche Leistungsbeschreibung mit Leistungsverzeichnis und
− die zunehmend angewandte Leistungsbeschreibung mit Leistungsprogramm
(funktionale Leistungsbeschreibung) [3.4].
Zur Leistungsbeschreibung mit Leistungsverzeichnis (LV) gehören eine Glie-
derung und Beschreibung der einzelnen Teilbauleistungen (Positionen), die Men-
genermittlung, die besonderen technischen Vorschriften (allgemeine technische
Vorschriften = DIN-Normen) und alle weiteren, zusätzlichen und besonderen Ver-
tragsbedingungen.
In der Bundesrepublik werden diese für eine sorgfältige Kalkulation erforderli-
chen Unterlagen, die Vertragsbestandteil werden, durch die vom Bauherrn mit der
Vorbereitung der Vergabe bzw. der Bau- (Objekt-)überwachung beauftragten Ar-
chitekten oder Bauingenieure und die Fachingenieure aufgestellt. Behörden und
größere Industriebetriebe haben dafür zum Teil eigene Bauabteilungen.
Bei der funktionalen Leistungsbeschreibung wird nicht nur die Bauausführung,
sondern auch der Entwurf bzw. die Ausführungsplanung der Bauleistung dem
Wettbewerb unterstellt. Leistungsverzeichnis und Mengenermittlung sind dann
anhand der Planunterlagen während der Angebotsphase von den Bietern aufzustel-
len.
− die Ausschreibung /15/. Darunter versteht man das Einholen von Angeboten für
die Errichtung eines Bauwerkes oder einzelner Teile bzw. Teilleistungen nach
„Gewerken“ (bspw. Erdarbeiten, Baugrube, Rohbau, Fassade, gebäudetechni-
scher und allgemeiner Ausbau), um daraus das jeweils günstigste Angebot aus-
zuwählen.
Damit die Angebote vergleichbar sind, erhalten bei Variante 1 alle Bieter die
vorgenannten Ausschreibungsunterlagen. Bei öffentlichen Auftraggebern werden
die zum festgelegten Termin eingereichten Angebote im Beisein der Bieter geöff-
net und die Angebotssummen verlesen.
Für die Bearbeitung der Angebote stehen den Firmen je nach Größe und Lage
eines Bauprojektes 0,5 bis 3, im Ausland auch mehrere Monate zur Verfügung.
14 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
Der Angebotspreis einer Bauunternehmung ergibt sich als Summe aller Produk-
te „Menge einer Teilleistung (Position) mal Einheitspreis“ aus dem Leistungsver-
zeichnis. Voraussetzung für eine sichere Kalkulation ist neben Kenntnis der Pläne,
der Vertrags- und Standortbedingungen, einer vollständigen Leistungsbeschrei-
bung und einer Mengenkontrolle die überschlägige Planung des Bauablaufs und
der Baustelleneinrichtung im Rahmen einer generellen „Arbeitsvorbereitung“.
Auf die Ausschreibung folgen
− die Prüfung der Angebote und das Erteilen des Auftrags an den (die) ausge-
wählten (Bau-) Unternehmer oder Lieferanten /16/, sowie
− eine Arbeitsvorbereitung des beauftragten Unternehmens /17/.
Die Arbeiten auf der Baustelle können jedoch erst beginnen, wenn dafür die
Baugenehmigung /11/ erteilt wurde (Teilbaugenehmigungen sind möglich).
Bild 3.3: Baugenehmigungsverfahren [3.2]
3.1 Teilvorgänge bei der Planung und Herstellung eines Bauwerks 15
Weitere Teilvorgänge sind
− der Ablauf der Roh- und Ausbauarbeiten auf der Baustelle /18/, der auch für
den Laien sichtbare Teil der Errichtung eines Bauwerks,
− die Abnahme, Übergabe und Abrechnung des Bauwerks /19/. Abgenommen
wird in der Regel gemeinsam durch den Bauherrn und den Unternehmer vor
der Übergabe des Bauwerks oder von Bauwerksteilen an den Nutzer. Bei aus-
bautechnisch schwierigen, komplizierten Bauvorhaben (Krankenhaus) kann die
Abnahme der einzelnen Teilleistungen einige Monate in Anspruch nehmen.
Bis zum Teilvorgang /16/ – Auftragserteilung – laufen die Teilvorgänge nach
Bild 3.1 „eingleisig“ ab. Die restlichen Teilvorgänge laufen dagegen „zweiglei-
sig“. Bei der Bauausführung werden die Teilvorgänge /17/ und /18/ durch die be-
auftragten Unternehmen und Lieferanten vollzogen. Daneben werden auf Bauher-
renseite deren Aktivitäten durch ein Projektmanagement nach Leistung, Qualität,
Zeit und Kosten überwacht.
Wie noch zu zeigen ist, gibt es für den Ablauf nach Bild 3.1 auch andere Rege-
lungen, wobei sich die Schnittstelle zwischen Planung und Ausführung mehr oder
weniger nach vorne, in die Planungsphase, verschiebt.
Ausschreibung, Vorschläge für die Vergabe, Bauüberwachung (Objektüberwa-
chung) sowie Abnahme und Abrechnung können dem mit der Planung beauftrag-
ten Architekten oder Ingenieur übertragen werden (Leistungsumfang siehe Ver-
ordnung über die Honorare für Leistungen der Architekten und Ingenieure (HOAI,
Fassung 1991, Stand 01.01.1996 [3.5]). Häufig werden hierfür auch andere Planer
oder Fachingenieure beauftragt.
Neben allgemeinen Vorschriften in Teil I enthält die HOAI in den Teilen II bis
XIII Leistungsbilder und Honorartafeln für die wesentlichen Leistungsbereiche
von Architekten und Ingenieuren bei der Planung und Herstellung von Hoch- und
Ingenieurbauwerken.
Die Terminplanung und -kontrolle für die Planungs- und Bauphase bzw. die
gesamte Projektsteuerung können vom Bauherrn ebenfalls einem speziellen Fach-
ingenieur (Projektsteuerer) übertragen werden, dessen Aufgabe darin besteht, alle
Teilvorgänge der Planung und Bauausführung in ihrem zeitlichen Ablauf im Ein-
vernehmen mit den Beteiligten rechtzeitig festzulegen, zu koordinieren, in der
Ausführung zu überwachen sowie die dafür erforderlichen Entscheidungen recht-
zeitig einzuholen bzw. vorzubereiten. Im erweiterten Rahmen der Projektsteue-
rung übernimmt dieser Architekt oder Ingenieur auch Aufgaben des Bauherrn
(Projektmanagement) [3.6].
Bei der Realisierung eines Bauvorhabens sind somit grundsätzlich 4 Phasen zu
unterscheiden:
Phase I: Planung und Konstruktion
(Teilvorgänge 1–10 und 12–13)
Phase II: Genehmigung
(Teilvorgang 11)
Phase III: Bauvorbereitung
(Teilvorgänge 14–16)
16 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
Phase IV: Bauausführung
(Teilvorgänge 17–19)
Die Vorgänge der Phasen III und IV fallen unter den Oberbegriff „BAUBE-
TRIEB“ bzw. Bauproduktion.
Zeitlich laufen die vorgenannten 19 Teilvorgänge in 7 Stufen ab (Schrittfolgen
1–7):
Schritt 1: Grundlagenermittlung, Vorüberlegungen des Bauherrn,
Projektentwicklung
(Teilvorgänge 1–3)
Schritt 2: Vorplanung
(Teilvorgänge 4–7)
Schritt 3: Entwurfsplanung
(Teilvorgänge 8–10)
Schritt 4: Baugenehmigungsverfahren
(Teilvorgang 11)
Schritt 5: Ausführungsplanung
(Teilvorgänge 12 u. 13)
Schritt 6: Ausschreibung und Vergabe
(Teilvorgänge 14–16)
Schritt 7: Ausführung und Abnahme
(Teilvorgänge 17–19).
Die gegenseitigen Abhängigkeiten und Rückkopplungen der vorgenannten
Teilvorgänge in der Planungs- und Bauphase gehen aus Bild 3.1 nicht hervor,
damit würde es zu unübersichtlich. Im zeitlichen Ablauf können sich Teilvorgänge
überlappen, worauf im Einzelnen noch einzugehen ist.
Die Bauausführung, bei der bis zu 60 und mehr Gewerke auf der Baustelle tätig
werden können, ist das abschließende Glied in der Kette der Teilvorgänge zur Er-
stellung eines Bauwerks.
Jede Schnittstelle zwischen 2 Gewerken stellt ablauftechnisch einen Schwach-
punkt dar. Um diese Schwachpunkte zu reduzieren, versucht man schon seit Jah-
ren, aufeinander folgende Gewerke in Arbeitsgemeinschaften von beauftragten
Firmen bzw. Lieferanten zusammenzufassen (bspw. Arge Fassade, Gebäudetech-
nik, Trockenbauarbeiten u.ä.). Dadurch werden alle Belange der einzelnen Arge-
partner von der jeweils federführenden Firma vertreten, wodurch sich im Verhält-
nis zum Auftraggeber die Schnittstellen reduzieren. Am Ende dieser Entwicklung
steht der Generalunternehmer, der den Einsatz aller Nach- bzw. Subunternehmer
verantwortlich koordiniert, jedoch häufig keine eigenen operativen Bauleistungen
mehr erbringt (s. Abschn. 3.3).
Die vorgenannten Planungs- und Überwachungsleistungen lassen sich den
Leistungsphasen der HOAI zuordnen (Bild 3.4).
In der praktischen Arbeit lassen sich die Tätigkeiten in den Phasen I, III und IV
nicht streng voneinander trennen. Jeder Bauentwurf sollte „fertigungsgerecht“
sein. Der in Phase I planende und konstruierende Architekt und/oder Bauingenieur
kann diese Forderung aus der Sicht der Produktion nur erfüllen, wenn er wesentli-
3.1 Teilvorgänge bei der Planung und Herstellung eines Bauwerks 17
Bild 3.4: Teilvorgänge nach Bild 3.1 und Leistungsphasen der HOAI (Bsp. für Teil II,
Leistungen bei Gebäuden, Freianlagen und raumbildenden Ausbauten)
che Einzelheiten des Bauablaufs, die Bauverfahren, die Arbeitsweise der Bauma-
schinen, Aufwand und Dauer von Bauvorgängen und die Kosten der einzelnen
Teilleistungen kennt.
Ebenso sollte der in Phase III und IV tätige Bau- (Betriebs-)ingenieur Funktion,
Planungs- und Konstruktionsregeln eines Bauwerks kennen. Nur so lassen sich
Ungenauigkeiten in Ausschreibungsunterlagen und Fehler bei der Bauausführung
vermeiden, die oft nur mit erheblichen Verlusten an Zeit und Geld behoben wer-
den können. Der Bauingenieur muss daher nicht nur bei einer Tätigkeit in der
Bauunternehmung, sondern auch bei der Arbeit in der Bauverwaltung, dem Inge-
nieur-/Konstruktionsbüro oder im Projektmanagement über Funktion und Kon-
18 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
struktion sowie die Grundlagen der Herstellung von Bauwerken, der Qualitätssi-
cherung, der Vertragsgestaltung und der Preisermittlung von Bauleistungen Be-
scheid wissen, um effektiv arbeiten zu können.
Neben diesem für die Einführung in die Zusammenhänge des Baugeschehens
hinreichenden Überblick gibt es weitere Gliederungen der Teilvorgänge zur Er-
richtung von Bauwerken. Sie gehen jeweils von bestimmten Zielvorstellungen
aus. Da sie den bisher gegebenen Überblick ergänzen, soll auf die wichtigsten
kurz eingegangen werden.
3.1.2 Erweiterte Darstellungen über Struktur und Reihenfolge
der Teilvorgänge bei der Planung und Ausführung
von Bauvorhaben
Eine gegenüber Bild 3.1 weiter gehende Darstellung der Projektphasen bei Bau-
vorhaben wurde von Schub aus der Sicht des Projektmanagements bzw. der Pro-
jektsteuerung entwickelt [3.7]. Unter einem Projekt wird dabei „im Allgemeinen
ein Vorhaben verstanden, das zeitlich begrenzt, in sich abgeschlossen, einmalig
und komplex in dem Sinne ist, dass eine Konzentration vielfacher Aktivitäten auf
ein vorgegebenes Ziel erforderlich ist und eine Reihe verschiedener Organisati-
onseinheiten daran beteiligt sind“ [3.6, 3.8]. Diese Projektdefinition trifft auf Bau-
vorhaben in der Regel zu.
Schub unterscheidet bei der Planung und Ausführung von Bauvorhaben eben-
falls 4 Projektphasen (Konzeption, Konstruktion, Vorbereitung und Ausführung)
mit zusammen 25 Vorgängen (Bild 3.5). Die Ausführungsphase, Bild 3.5.4, ist als
vereinfachter Regelkreis dargestellt.
Seine 4 Projektphasen ordnet Schub ebenfalls den Leistungsphasen der HOAI
zu.
Im Prinzip stimmen die in Bild 3.1 und 3.5 dargestellten Gliederungen weitge-
hend überein. Sie unterscheiden sich lediglich im Grad der Strukturierung der
Teilleistungen.
Im Gegensatz zu diesen Gliederungen stellt Olk eine neuere Form für industria-
lisiertes Bauen vor, wobei weitgehend mit vorgefertigten Elementen gearbeitet
wird (Bild 3.6, [3.9]). Diese Darstellung des Projektablaufs für ein Bauvorhaben
war vor 20 Jahren noch Theorie. Inzwischen erscheint sie realistischer. In Bild 3.7
wird dieser Entwicklung ein vereinfachtes Ablaufschema der Teilvorgänge für die
„klassische“ Planung und Bauausführung gegenübergestellt.
Eine Darstellung von Will [3.11], als Übersicht sehr grob, in seiner Studie je-
doch ausführlich beschrieben, bezieht sich nicht nur auf die Planungs- und Reali-
sierungsphase eines Bauprojekts, sondern auf dessen gesamten „Lebenszyklus“.
Dabei werden für Planung und Realisierung drei Phasen unterschieden (Bedarfs-
ermittlung, Planung, Realisation); dazu kommen als vierte und fünfte Nutzung und
Liquidation (Bild 3.8). In diese Darstellung gehen erstmals die Nutzung und Li-
quidation als weitere Phasen ein.
3.1 Teilvorgänge bei der Planung und Herstellung eines Bauwerks 19
Bild 3.5.1: Konzeptionsphase
Bild 3.5.2: Konstruktionsphase
Bild 3.5: Projektphasen nach Schub [3.7] (Teil 1)
20 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
Bild 3.5.3: Vorbereitungsphase
Bild 3.5.4: Ausführungsphase
Bild 3.5: Projektphasen nach Schub [3.7] (Teil 2)
3.1 Teilvorgänge bei der Planung und Herstellung eines Bauwerks 21
Bild 3.6: Flussdiagramm für industrialisiertes Bauen [3.9] (Teil 1)
Bild 3.6: Flussdiagramm für industrialisiertes Bauen [3.9] (Teil 2)
22 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
Bild 3.7: Struktur konventionellen Bauens [3.10]
Bild 3.8: Vertikales Gefüge der Bauwerksentwicklung [3.11]
3.1 Teilvorgänge bei der Planung und Herstellung eines Bauwerks 23
Bild 3.9: Projekt-Objekt-Phasen eines
Hochbauvorhabens [3.6]
Abschließend sollen zwei ausführlichere Veröffentlichungen über Art, Umfang
und Gliederung der Teilvorgänge bei der Planung und Ausführung größerer Bau-
vorhaben nicht unerwähnt bleiben.
Die Erste habe ich im vorhergehenden Abschnitt 3.1.1 unter dem Stichwort
„Projektmanagement“ und in diesem Abschnitt im Zusammenhang mit der Pro-
jektdefinition bereits erwähnt [3.6]. Diese Darstellung mit dem Thema Gebäude-
management verfolgt das Ziel „ .... einen Überblick über das breit gefächerte Tä-
tigkeitsfeld von Architekten zu geben und an Bereiche heranzuführen, die .... nicht
nur die Entwurfsleistung, sondern auch (so genannte) Managementaufgaben um-
fassen“. Diese Arbeit bezieht sich auf Hochbauten, ihre Systematik lässt sich
sinngemäß auch auf Ingenieurbereiche übertragen. Für den Lebenszyklus eines
24 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
Bauvorhabens unterscheiden die Verfasser 8 Zeitabschnitte, die Projektphasen
a–d, die Abnahme (e) und drei Objektphasen (f–h, Bild 3.9).
Darüber hinaus sei auf die Veröffentlichung von Brandenberger und Ruosch
über „Projektmanagement im Bauwesen“ hingewiesen [3.12]. Hier werden die
Begriffe, der Projektablauf, die Projektorganisation, das Informationswesen,
Leistungs-, Termin- und Kostenplanung, Entscheidungshilfen sowie Projektüber-
wachung und -administration aus Schweizer Sicht ausführlich dargestellt. Von In-
halt und Umfang her gehört diese Arbeit jedoch schon in die Abschnitte 3.2 und
3.3.
3.2 Die Projektbeteiligten und ihre Aufgaben
In anderen Industriezweigen, wie z.B. der stationären Industrie, liegen Entwick-
lung, Planung, Konstruktion und Herstellung eines Produkts i.d.R. in einer Hand.
Im Gegensatz dazu liegen Planung, Konstruktion und Ausführung von Bauvorha-
ben traditionsgemäß häufig noch in mehreren Händen, die von Fall zu Fall im
Bauteam zu koordinieren sind. Dabei lassen sich neben den Genehmigungs- und
Bauaufsichtsbehörden 6 Gruppen von „Leistungsträgern“ unterscheiden. Dies sind
(nach [3.6]):
− der Bauherr (Auftraggeber, Besteller),
− der Projektmanager / Projektsteuerer,
− der Architekt / Planer,
− die Fachplaner und Gutachter,
− der Bauleiter (Objektüberwachung) und
− die bauausführenden Firmen des Roh- und Ausbaus.
Diese Leistungsträger sind natürliche oder juristische Personen oder Behörden,
die eine oder mehrere der zur Verwirklichung einer Bauabsicht notwendigen Leis-
tungen oder Teile davon erbringen.
Mit dem Begriff Leistungsträger können eine oder mehrere Einzelleistungen
Personen zugeordnet werden. Ich fasse die Aufgaben dieser Leistungsträger nach-
stehend in 3 Abschnitten zusammen.
3.2.1 Der Bauherr/Auftraggeber/Besteller
Der Leistungsträger Bauherr ist eine Person oder Organisation. Er fasst den unter-
nehmerischen Entschluss zur Planung und Ausführung eines Werkes und über-
nimmt die sich aus diesem Entschluss ergebenden Pflichten und Rechte.
Nach Art. 73 der Bayerischen Bauordnung, zitiert von Schub [3.7], ist der Bau-
herr „wer auf seine Verantwortung eine bauliche Anlage vorbereitet oder ausführt,
oder vorbereiten oder ausführen lässt.“
Der Bauherr stellt demnach die Bauaufgabe nach Umfang, Qualität, Zeit und
Kosten, beschafft das Grundstück und die Finanzmittel, beauftragt Planer, Fachin-
3.2 Die Projektbeteiligten und ihre Aufgaben 25
genieure, Firmen und Lieferanten und erfüllt durch Beschaffen der erforderlichen
Genehmigungen sowie rechtzeitige Entscheidungen in den einzelnen Planungs-
und Bauphasen die Voraussetzungen für einen weitgehend reibungslosen Bauab-
lauf.
Darüber hinaus koordiniert er die Tätigkeit aller am Bau Beteiligten und über-
wacht nach abgeschlossener Planung, die sich in den einzelnen Teilschritten durch
Rückkopplung oder in Regelkreisen vollzieht, die Ausführung nach Qualität, Zeit
und Kosten.
Aus der Sicht rationeller Bauausführung hat er besonders dafür zu sorgen, dass
alle Bauleistungen sorgfältig geplant und ausgeschrieben, den Firmen die erforder-
lichen Ausführungsunterlagen (Pläne) rechtzeitig und vollständig übergeben und
die seinerseits notwendigen Entscheidungen rechtzeitig getroffen werden (Detail-
angaben über Bauherrenaufgaben siehe auch [3.6, 3.7, 3.11, 3.12]).
Wie schon erwähnt, kann der Bauherr, besonders wenn er nicht fachkundig ist,
wesentliche Teile der ihm obliegenden Leistungen aus der Planung, Überwachung
und Steuerung eines Bauvorhabens an weitere Leistungsträger delegieren (Pro-
jektmanager und Projektsteuerer), die Verantwortung bleibt jedoch bei ihm.
Der Projektmanager (Projektleiter) arbeitet mit Entscheidungskompetenz, die
ihm vom Bauherrn übertragen wird und besitzt Linienfunktion, d.h., er ist für die
Beauftragung und Koordination aller Beteiligten verantwortlich.
Die Projektsteuerung ist dagegen eine Stabsstelle und arbeitet beratend ohne
Entscheidungskompetenz. Ihre Aufgaben sind in § 31 der HOAI aufgelistet (siehe
hierzu auch [3.6]). Ich gehe im Abschnitt 3.3.3 noch darauf ein.
3.2.2 Planer, Fachingenieure, Gutachter
Die Aufgaben der Planer, Fachingenieure und Gutachter umfassen Planung, Kon-
struktion, Bauvorbereitung und Management des beabsichtigten Bauvorhabens in
den verschiedenen Stufen von der Grundlagenermittlung bis zur Ausführung (bei
Gutachten für Spezialgebiete ohne Managementleistungen).
Während bei Hochbauten Planung und Koordination der Fachingenieure beim
Architekten liegt, da hierbei die künstlerische Gestaltung des Bauwerkes im Vor-
dergrund steht, liegen Entwurf und Konstruktion von Ingenieurbauten federfüh-
rend in der Hand von Bauingenieuren. Derartige Bauwerke (Verkehrs-, Wasser-,
Industriebauten, Tunnel, Brücken) werden in erster Linie durch die auf sie wir-
kenden Kräfte beeinflusst, weshalb hier die Konstruktion, das Tragwerk, domi-
niert. Jedoch sollten beim Entwurf von Ingenieurbauten ebenso Architekten zu-
gezogen werden wie andererseits bei Hochbauten die Mitwirkung des Bauingeni-
eurs nicht nur in der Tragwerksplanung, sondern auch in der Übernahme der Ver-
antwortung für eine fertigungsgerechte und damit wirtschaftliche Konstruktion des
gesamten Bauwerks liegen sollte.
In der BRD sind – wie schon erwähnt – die von den Planern und Fachingenieu-
ren zu erbringenden Einzelleistungen in der HOAI bzw. der sie kommentierenden
Spezialliteratur dargestellt [3.5, 3.6]. Sinngemäß lassen sich die Ausführungen aus
der Schweiz [3.12] weitgehend auf die Situation in der BRD übertragen.
26 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
3.2.3 Unternehmer und Lieferanten
Der Leistungsträger „Unternehmer“ bearbeitet und erstellt ein Werk oder be-
stimmte Teile desselben.
Der Leistungsträger „Lieferant“ liefert einzelne Teile oder Materialien eines
Werkes auf Grund einer Bestellung.
Unter den Unternehmen, die Bauwerke ausführen, nimmt die Bauunterneh-
mung eine Sonderstellung ein, weshalb sie im Abschnitt 3.5 noch ausführlicher
dargestellt wird. Sie hat mit den Rohbauarbeiten häufig das größte „Leistungspa-
ket“ zu erbringen und koordiniert z.T. weitere Teilleistungen, die von Nach- oder
Subunternehmern ausgeführt werden wie bspw. Spezialgründungen, Baugruben-
umschließungen, Wasserhaltung, Erd- und Abdichtungsarbeiten. Neuerdings ü-
bernimmt die Bauunternehmung als Generalunternehmer wieder die gesamte
„schlüsselfertige“ Erstellung eines Bauwerks.
3.3 Projektablauf
3.3.1 Organisationsformen
Die bisher am häufigsten praktizierte „klassische“ Aufbau-Organisation der Pro-
jektbeteiligten bei der Planung und Ausführung von Bauvorhaben – mit Einzel-
leistungsträgern – ist als Schema in Bild 3.10 dargestellt.
Für die gegenseitige Zuordnung und Koordination der einzelnen Leistungsträ-
ger und ihrer Tätigkeiten gibt es weitere Möglichkeiten. Dies sind:
− die Organisationsform mit zusammengefassten Leistungsträgern (d.h. mit Ge-
neralplaner und/oder Generalunternehmer),
− die Organisationsform des Generalübernehmers.
Der Leistungsumfang der Projektbeteiligten, die Charakteristik dieser typischen
Organisationsformen und ihre Vor- und Nachteile sind in [3.6, 3.11 und 3.12] er-
läutert. Der Informationsfluss zwischen den Beteiligten geht aus Bild 3.11 hervor,
die Projektbeteiligten für einen größeren Wohnungsbau mit Generalunternehmer
nochmals aus (Bild 3.12).
Wegen ihres systematischen Aufbaus sei noch auf eine weitere Untersuchung
über die Organisation des Ablaufs von Bauprojekten hingewiesen. Sie befasst sich
auch mit der Gliederung der Planungs-, Entscheidungs- und Bauphasen in einzel-
ne Teilvorgänge und deren Struktur bei der Realisierung von Bauvorhaben.
Diese Arbeit von Burger an der ETH Zürich stellt ebenfalls Modelle für Bau-
projektorganisationen vor, die alle Rahmenbedingungen berücksichtigen, die bei
der Realisierung von Bauvorhaben zu beachten sind [3.14]. In dieser ausführlichen
Darstellung werden Methoden der Systemtechnik auf den Entwurf von Baupro-
jektorganisationen angewandt, wobei auch auf systematisches Problemlösen
eingegangen wird (Bild 3.13).
3.3 Projektablauf 27
Bild 3.10.1: Projektorganisation Planungsphasen (Vorprojekt, Projekt, [Vorbereitung der
Ausführung])
Bild 3.10.2: Projektorganisation Ausführung ([Vorbereitung der Ausführung], Ausführung,
Abschluss)
Bild 3.10: Projektorganisation mit Einzelleistungsträgern [3.12]
Die von allgemeinen Grundlagen der Organisations- und Führungslehre über
die Führung und Leitung von Projekten ausgehende Studie stützt sich auf 8 Refe-
renzprojekte ab. Als Ergebnis werden Regeln zum Entwurf und zur Beurteilung
von Bauprojektorganisationen abgeleitet, die – als Checklisten aufgebaut – auf
praktische Fälle direkt angewendet werden können.
28 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
Mit den 6 Phasen (Vorbereitung, Vorprojekt, Projekt, Vorbereitung der Bau-
ausführung, Bauausführung, Inbetriebnahme (Bild 3.14) unterscheidet sich die
Gliederung eines Projektablaufs nicht wesentlich von den bereits vorgestellten
Strukturen.
Bei der Vorstellung dieser Arbeit hat Pozzi auch darauf hingewiesen, dass
Bauprojekte häufig aus neuartigen, komplexen, schwierigen und damit risikorei-
chen Problemsituationen entstehen, für deren Lösung eine Vielzahl von Fachkräf-
ten und Experten eingesetzt werden müssen und begründet damit, dass eine „aus-
gewogene Projektorganisation notwendige Voraussetzung dafür ist, dass die Ar-
beit der vielen Projektbeteiligten zielgerecht koordiniert werden und so ein hoch-
qualifiziertes Projekt überhaupt entstehen kann“. Das Ergebnis der Untersuchung
sollte zu besser gestalteten und zielorientierter geführten Projektorganisationen als
bisher beitragen und auch im Bauwesen die Erkenntnis durchsetzen, dass „die Or-
ganisationsarbeit in einem Projekt den gleichen Stellenwert erhalten muss wie
bspw. die statische Berechnung in einem Tragwerk“ [3.15].
Wie in der Schweiz wurden auch in der BRD bis vor etwa 20 Jahren Bauvorha-
ben überwiegend mit Einzelleistungsträgern abgewickelt. Inzwischen hat der Ein-
satz von Rohbaufirmen als Generalunternehmer, nicht nur im Hochbau, mehr und
mehr zugenommen. Ursache hierfür ist die Möglichkeit der Bauherren, mit diesen
Bild 3.11.1: über Objektplaner Bild 3.11.2: über Projektsteuerer des Bau-
herrn
3.3 Projektablauf 29
Bild 3.11.3: über Generalplaner Bild 3.11.4: über Generalübernehmer mit
Projektsteuerer als Schaltstelle
Bild 3.11: Informationsfluss bei verschiedenen Projektstrukturen [3.6]
Unternehmen kurze Bauzeiten, einen Pauschalfestpreis, einen festen Fertig-
stellungstermin sowie Haftung und Gewährleistung für das gesamte Werk in einer
Hand vereinbaren zu können [3.6, 3.16].
Seit etwa 10–15 Jahren werden große öffentliche Infrastrukturprojekte in West-
deutschland und den neuen Bundesländern, aber auch im Ausland, durch General-
unternehmer ausgeführt [1.16, 3.17].
Nach Führer/Grief stellt „die wohl zukunftsträchtigste Konstellation auf der
Leistungserbringerseite .... der Generalübernehmer dar, der den kompletten
Informationsfluss intern mit allen Planungs- und Ausführungsbeteiligten
koordiniert“. Gerade bei sehr großen Projekten würde diese Form der Abwicklung
auch von öffentlich-rechtlichen Institutionen bevorzugt [3.6, S. 35].
30 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
Bild 3.12: Projektbeteiligte beim Bau einer größeren Wohnanlage mit Generalunternehmer
[3.13]
3.3.2 Terminplanung und -überwachung
Wie die Darstellung der Projektbeteiligten und ihrer Organisation zeigt, werden
bei der Planung und Ausführung von Bauvorhaben eine Reihe von Leistungsträ-
gern tätig. Für deren effektives Zusammenwirken zur möglichst reibungslosen Re-
alisierung eines Bauwerks muss bei größeren Bauvorhaben ergänzend zu den ver-
traglichen Regelungen über die zu erbringenden Leistungen ein übergreifender
Terminrahmen aufgestellt und überwacht werden. Er weist je nach Projektfort-
schritt in verschiedenen Feinheitsgraden die Einzelleistungen aller Beteiligten in
ihrer gegenseitigen Zuordnung und ihrem Zeitablauf aus (Bild 3.15). Auf diese
Weise lassen sich Planung und Ausführung im Projektablauf von Anfang an ü-
berwachen und nur damit kann bei Störungen steuernd eingegriffen werden.
Im Überblick sind die Aufgaben der Projektüberwachung in Bild 3.16 darge-
stellt. Sie umfassen die zu erbringenden Leistungen, die dafür erforderlichen
Hilfsmittel (Kapazitäten) und die Termine und Kosten.
3.3 Projektablauf 31
Bild 3.13: Allgemeiner Vorgehenszyklus einer Systementwicklung (Problemlösungszyk-
lus) [3.14]
3.3.3 Projektsteuerung
Wie schon erwähnt, wurde bei größeren Bauvorhaben schon seit den sechziger
Jahren zunächst die Terminplanung mit den dazu gehörenden Kontrollen im Rah-
men der Projektorganisation einem besonderen Fachingenieur – dem Terminpla-
ner bzw. -steuerer – übertragen. Abschließend ist deshalb noch kurz darzustellen,
wie darüber hinaus durch Einrichten eines Projektmanagements zur Übernahme
von Bauherrenaufgaben Planungs- und Bauleistungen koordiniert werden können
und ihre straffe Abwicklung in den verschiedenen Projektstufen überwacht wer-
den kann.
32 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
Bild 3.14: Phasen und Phasenziele im Projektablauf [3.15]
Bei der Realisierung von Bauvorhaben wurde lange Zeit nur zwischen Planung
und Ausführung unterschieden. Das Management, die Projektleitung, wurde häu-
fig nicht als eigenständige Aufgabe betrachtet und von Fall zu Fall mehr oder we-
niger effektiv wahrgenommen. Die für den Ablauf eines Projekts zu treffenden
Entscheidungen waren ohnehin Aufgabe des Bauherrn.
3.3 Projektablauf 33
Bild 3.15: Dreistufiges System der Terminplanung [3.12]
Bild 3.16: Schema der Projektüberwachung [3.12]
34 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
Durch gestiegene Ansprüche der Nutzer, Entwicklung neuer Baustoffe, kürzere
Bauzeiten, höhere Sicherheitsanforderungen und Umweltschutzauflagen sind
Bauprojekte seit Jahren umfangreicher und komplizierter geworden. Auch die An-
zahl der Projektbeteiligten in der Planungs- und Ausführungsphase hat erheblich
zugenommen ([3.6] S.27/28). Um die Arbeit aller Planer, Firmen und Lieferanten
zielführend zu koordinieren, sind in den einzelnen Projektphasen Entscheidungen
zu treffen, Teilziele zu setzen, deren Erreichen zu kontrollieren und der gesamte
Projektablauf nach den Vorgaben zu steuern. Da hierbei technische und wirt-
schaftliche Faktoren in einem derartigen Umfang relevant werden, dass sie von
nicht fachkundigen Bauherren oft nicht mehr zu überblicken sind, ist vor etwa 20
Jahren die Projektsteuerung als eigenständige Fachingenieurleistung entstanden,
die den Bauherrn, soweit möglich, von diesen Aufgaben entlastet. Ihr Aufgaben-
bereich ist neben § 31 HOAI in [3.6, S.22/23] dargestellt.
Diese Projektsteuerung hat sich dann zu einem Projektmanagement weiter ent-
wickelt. Es umfasst die Projektleitung, die Aufbauorganisation eines Projekts, die
Ablaufplanung und -steuerung in den verschiedenen Projektphasen, Kostenpla-
nung und -überwachung, die Vertragsgestaltung sowie die Regelung des Rech-
nungs- und Zahlungsverkehrs [3.6, 3.11, 3.12]. Es handelt sich somit um Bauher-
renaufgaben, die in der HOAI unter den einzelnen Fachingenieurleistungen nicht
erfasst sind und deshalb von den Bauherren ganz oder teilweise an Fachingenieure
für Projektmanagement (Projektmanager) delegiert werden können.
Das Bild 3.17 aus [3.18] zeigt, wie die Teilleistungen eines solchen Projekt-
managements in der Projektvorbereitung (A), der Projektanalyse und -optimierung
(B) und in der Projektkontrolle (C) mit den Architekten- und Ingenieurleistungen
in den Projektphasen der HOAI verflochten sind.
Zum Leistungsumfang des Projektmanagements sei aus der aktuellen Literatur
noch auf die Veröffentlichungen [3.19] und [3.20] verwiesen.
Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass aus der ursprünglichen, durch spe-
zielle Fachingenieure mit Erfolg praktizierten Terminplanung und -kontrolle gro-
ßer und komplexer Bauvorhaben unter Anwendung der für den Baubetrieb weiter-
entwickelten Netzplantechnik ein besonderer Leistungsbereich – das Projekt-
management bzw. die Projektsteuerung – entstanden ist, der wenig erfahrenen o-
der auf ein zeitlich befristetes Projektmanagement größerer Bauvorhaben nicht
eingerichteten Bauherren einen wesentlichen Teil der von ihnen zu erbringenden
Leistungen abnehmen und damit zu einer straffen und kostengünstigen Abwick-
lung von Bauprojekten beitragen kann.
Eine weitere Form der Projektabwicklung für nicht fachkundige Auftraggeber
ist das Construction Management. Dabei werden sowohl die umfangreichen Pro-
jektmanagementleistungen als auch die gesamte Bauleistung einschließlich aller
Steuerungsleistungen zusammen an nur einen Projektbeteiligten vergeben. Dieser
zentrale Projektbeteiligte wird als Construction Manager bezeichnet und kann ein
Projektmanagementunternehmen oder ein Bauunternehmen sein [3.46].
3.3 Projektablauf 35
Bild 3.17: Verflechtungen und Leistungsbausteine des Projektmanagements [3.18]
36 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
3.4 Die vertraglichen Regelungen zwischen den
Projektbeteiligten
3.4.1 Vorbemerkungen
Die Aufgaben der einzelnen Leistungsträger, ihre Rechte und Pflichten, Ausfüh-
rungsfristen, Vergütung und alle weiteren, für das rechtzeitige und vollständige
Erbringen ihrer Leistungen im gegenseitigen Zusammenspiel wesentlichen Um-
stände und Randbedingungen werden in Verträgen mit dem Bauherrn oder den im
Einzelfall von ihm Beauftragten festgelegt. In der Regel sind dies Werkverträge
nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB). Ein Werkvertrag ist ein auf die Her-
beiführung eines Erfolges gerichteter Vertrag nach § 631ff BGB.
Diese Verträge regeln die Rechtsbeziehungen zwischen den Vertragsparteien.
Bei den von Planern und Fachingenieuren zu erbringenden Einzelleistungen stüt-
zen sie sich auf die Leistungsbilder der HOAI, soweit solche bestehen.
Bauverträge von öffentlichen Auftraggebern werden vorwiegend immer noch
auf der Grundlage der Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB)
geschlossen [3.4, 3.6, 3.21-3.23]. Sie stellt eine vor über 70 Jahren vom damaligen
Reichsverdingungsausschuss beschlossene Regelung dar, die das Werk-
vertragsrecht des BGB für Bauverträge im erforderlichen Rahmen erweitert. Da-
mit sollte ein fairer Interessenausgleich zwischen Auftraggebern und -nehmern
festgeschrieben werden.
Die VOB gilt nur für öffentliche Auftraggeber (AG) bzw. für Bauleistungen
mit öffentlichen Mitteln. Während bis vor wenigen Jahren auch private AG die
VOB ihren Bauverträgen zugrunde gelegt haben, werden von diesen seit einigen
Jahren weitere Vertragsformen verwendet (Pauschalverträge in verschiedenen Stu-
fen, GMP-Verträge). Dahinter steht die Absicht, die Risiken bei der Bauausfüh-
rung (bspw. das Baugrund-, Mengen- und Änderungsrisiko) auf den Bauunter-
nehmer abzuwälzen. Ich gehe im folgenden Abschnitt noch darauf ein.
3.4.2 Die Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB)
(Einheitspreis- und Pauschalvertrag)
Die VOB besteht aus drei Teilen (A, B, C).
− Teil A enthält in 4 Abschnitten „Allgemeine Bestimmungen für die Vergabe
von Bauleistungen“.
− Teil B umfasst die „Allgemeinen Vertragsbedingungen für die Ausführung von
Bauleistungen“ [3.4].
− Im Teil C sind „Allgemeine technische Vertragsbedingungen für Bauleistungen
(ATV)“ zusammengefasst [12.4].
Die VOB fasst nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs zusammen,
was im Bauverdingungs- und -vertragswesen aufgrund allgemeiner Erfahrung als
zweckdienlich und gerecht empfunden wird [3.21]. Sie ist weder Gesetz noch
3.4 Die vertraglichen Regelungen zwischen den Projektbeteiligten 37
Rechtsverordnung. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann sie, trotz ihrer weiten
Verbreitung im Bauwesen, auch noch nicht als Gewohnheitsrecht bezeichnet wer-
den. Trotzdem hat die VOB eine besondere Bedeutung dadurch erlangt, dass ihre
Anwendung für die öffentlichen Auftraggeber aufgrund der maßgeblichen Haus-
haltsordnungen des Bundes und der Länder zwingend vorgeschrieben ist. Die
meisten weiteren öffentlichen Auftraggeber haben darüber hinaus die VOB für ih-
ren Bereich eingeführt und zur Anwendung empfohlen.
Der Teil A der VOB ist eine Vergabevorschrift. Sie regelt die Vergabe von
Bauleistungen von der Ausschreibung bis zum Vertragsabschluß und kann deshalb
nicht Vertragsbestandteil werden.
Im Teil B enthält die VOB materiell-rechtliche Bestimmungen für die Bezie-
hungen zwischen Auftraggeber und -nehmer nach Vertragsabschluß. Haben die
Parteien Teil B vertraglich vereinbart, so bestimmen sich ihre Rechte und Pflich-
ten ausschließlich nach den Bestimmungen des Teils B. Diese gehen dann, soweit
sie abweichende Regelungen treffen, den dispositiven Normen des BGB vor. Im
Bauvertrag muss deshalb besonders vereinbart werden, dass die VOB/B Vertrags-
bestandteil wird (im ganzen oder nur teilweise).
Die VOB/C enthält „Allgemeine technische Vertragsbedingungen für Bauleis-
tungen“. Sie sind grundsätzlich Bestandteil eines Bauvertrages, dem die VOB/B
zugrunde liegt. Da ein Auftragnehmer seine Leistung jedoch stets fach- bzw.
handwerksgerecht zu erbringen, d.h. die technischen Standards und DIN-Normen
zu beachten hat, können die Bestimmungen der VOB/C auch dann maßgebend
sein, wenn die VOB/B nicht Vertragsbestandteil ist [3.21, 3.22].
Durch die seit dem 01.01.1993 bestehende Europäische Gemeinschaft (EG)
musste der Teil A der VOB an die EG-Richtlinien für öffentliche Aufträge ange-
passt werden. In die VOB/A war daher neben der schon 1990 durch a-Paragraphen
eingearbeiteten Baukoordinierungs-Richtlinie (BKR) die Sektoren-Richtlinie der
EG für Liefer-, Bau- und Dienstleistungen (SR) im Bereich der Wasser-, Energie-
und Verkehrsversorgung sowie im Telekommunikationssektor aufzunehmen. Der
Teil A der VOB besteht seither aus 4 Abschnitten (Anhang 1). Ich gehe nachste-
hend nur auf den (ursprünglichen) 1. Abschnitt ein.
Zur VOB/A ( Abschnitt 1)
Die 32 Paragraphen des Abschnitts 1 der VOB/A umfassen 6 Teilbereiche:
1. Definition von Bauleistungen (§ 1)
2. Grundsätze, Arten der Vergabe, Vertragsarten (§§ 2–5)
(öffentliche und beschränkte Ausschreibung, freihändige Vergabe,
die beiden letzten ggf. nach öffentlichem Teilnahmewettbewerb)
In den a-Paragraphen der VOB/A (Abschnitt 2) stehen dafür die Begriffe
offenes Verfahren, nicht offenes Verfahren und Verhandlungsverfahren (§ 3a).
3. Angebotsverfahren und Teilnehmer am Wettbewerb (§§ 6–8)
4. Leistungsbeschreibung, Vergabeunterlagen, Ausführungsfristen und Vertrags-
bedingungen (§§ 9–15)
5. Grundsätze und Gang der Ausschreibung, Fristen, Prüfung und Wertung der
Angebote, Aufhebung (§§ 16–27)
38 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
6. Zuschlag, Nachprüfungsstellen, Baukonzessionen (§§ 28–32).
Die vertragsgestaltenden Regelungen nach Punkt 4 gehören streng genommen
nicht in den Teil A der VOB, sondern in den Teil B.
Nach VOB/A werden Bauaufträge im Wettbewerb vergeben. Dieser ist unter
Bietern nur gewährleistet, wenn – soweit möglich – öffentlich ausgeschrieben
wird, die Teilnehmer am Wettbewerb bestimmte Voraussetzungen erfüllen und die
Ausschreibung bekannt gemacht wird. Nach Abgabe der Angebote darf mit den
Bietern nicht über den Preis verhandelt werden.
Gleichbehandlung aller Bieter ist wesentlicher Grundsatz der Vergabeverfahren
nach VOB/A.
Im übrigen geht die VOB davon aus, dass am Wettbewerb nur Unternehmen
beteiligt werden, die selbst Bauleistungen ausführen. Wenn dagegen Bieter wie
bspw. Generalunternehmer keine eigenen operativen Bauleistungen erbringen,
sondern nur das Baumanagement übernehmen, gelten für sie im Verhältnis zum
Auftraggeber die Bestimmungen der VOB nicht oder nur eingeschränkt [3.22].
Allgemein gilt für die Beschreibung der Leistungen, dass sie der Auftraggeber
eindeutig und so erschöpfend zu beschreiben hat, dass die Bieter ihr Angebot si-
cher und ohne umfangreiche Vorarbeiten kalkulieren können. Dem Auftragneh-
mer darf auch kein ungewöhnliches Wagnis aufgebürdet werden für Umstände
und Ereignisse, auf die er keinen Einfluss hat und deren Einwirkung auf Preise
und Fristen er nicht im voraus schätzen kann. Die Boden- und Wasserverhältnisse
sind so zu beschreiben, dass der Bewerber die Auswirkungen auf die bauliche An-
lage und die Bauausführung hinreichend beurteilen kann.
Ist eine Leistungsbeschreibung für die Bieter erkennbar unrichtig und unvoll-
ständig, sind diese verpflichtet, den Auftraggeber hierauf hinzuweisen, woraus ih-
nen kein Nachteil entstehen darf.
Neben diesen allgemeinen Anforderungen an eine Leistungsbeschreibung (LB)
unterscheidet die VOB/A die
– LB mit Leistungsverzeichnis (Einheitspreisvertrag) und die
– LB mit Leistungsprogramm.
Im ersten Fall erhält der Bieter ein in Teilleistungen gegliedertes Leistungsver-
zeichnis (§ 9, Ziff. 6–9).
Im zweiten Fall, auch als funktionale Ausschreibung bezeichnet, wird zusam-
men mit der Bauausführung auch der Entwurf für die Leistung dem Wettbewerb
unterstellt. Dafür erhalten die Bieter ein Leistungsprogramm (§ 9, Ziff. 10–12).
In § 10 VOB/A sind die Vergabeunterlagen im Einzelnen aufgeführt.
Der § 11 VOB/A bezieht sich auf die Vorgabe der Ausführungsfristen.
Für die spätere Bauausführung ist im Hinblick auf rationelle Produktion der 4.
Teilbereich, die §§ 9-15, von besonderer Bedeutung.
Am 01.01.2000 wurden die Verfahrensregelungen der VOB/A durch das Ver-
gaberechtsänderungsgesetz vom 26.08.1998 ergänzt. Danach wird den Bietern in
einem 2-stufigen Verfahren ein subjektiver, gerichtlich einklagbarer Anspruch
darauf eingeräumt, dass die Auftraggeber bei Aufträgen oberhalb der Schwellen-
werte die Bestimmungen über das Vergabeverfahren einhalten.
3.4 Die vertraglichen Regelungen zwischen den Projektbeteiligten 39
In NRW wird dieser Rechtsschutz durch Vergabekammern bei den Bezirksre-
gierungen gewährleistet. Dem Antrag auf Nachprüfung einer beabsichtigten Ver-
gabe durch die Vergabekammer kommt aufschiebende Wirkung zu. Gegen die
Entscheidung der Vergabekammer ist das Rechtsmittel der sofortigen Beschwerde
beim OLG Düsseldorf zulässig. Diese hat ebenfalls aufschiebende Wirkung ge-
genüber der Entscheidung der Vergabekammer.
Die mit dem Vergaberechtsänderungsgesetz erstmalig gesetzlich geregelte au-
tomatische Aussetzung des Vergabeverfahrens bei Einspruch eines nicht berück-
sichtigten Bieters gegen die beabsichtigte Vergabe an einen anderen beinhaltet für
den Auftraggeber das grundsätzliche Verbot, den Zuschlag zu erteilen, wenn ihm
ein Nachprüfungsantrag eines Bewerbers zugestellt ist. Ein dennoch erteilter Zu-
schlag ist nach der ausdrücklichen Begründung zum Vergaberechtsänderungsge-
setz als Verstoß gegen ein gesetzliches Verbot nach § 134 BGB nichtig [3.23].
Zur Informationspflicht des AG, die nicht berücksichtigten Bieter vorab über
den geplanten Zuschlag zu informieren, siehe [3.24].
Zur VOB/B:
Die 18 Paragraphen des Teils B der VOB regeln 9 Teilbereiche. Dies sind:
1. Art und Umfang der Leistung, Vertragsbestandteile (§ 1)
2. Vergütung (§ 2)
3. Ausführung (§§ 3–6, 11)
(Ausführungsunterlagen, Rechte und Pflichten der Parteien, Fristen,
Behinderung und Unterbrechung der Ausführung, Vertragsstrafe)
4. Kündigung des Vertrages (§§ 8, 9)
5. Haftung (§§ 7, 10)
6. Abnahme, Mängelansprüche (§§ 12, 13)
7. Abrechnung (§§ 14, 15)
8. Zahlung, Sicherheitsleistung (§§ 16, 17)
9. Streitigkeiten (§ 18)
Die VOB/B bestimmt den Umfang und die Beschaffenheit der Leistungen, die
durch die vereinbarten Preise abgegolten werden. Dabei sind Einheitspreis-, Pau-
schal-, Selbstkostenerstattungs- und Stundenlohnverträge zu unterscheiden. Stun-
denlohnverträge kommen nur für Bauleistungen geringen Umfangs und dann
meist für „angehängte“ Stundenlohnarbeiten, d.h. bei Einheitspreisverträgen, vor.
Selbstkostenerstattungsverträge sind im Bauwesen die Ausnahme.
Weiter enthält Teil B Regelungen über Änderungen der Vergütung ( §§ 2 und
6). Diese können aus Mengenänderungen, Leistungsänderungen, zusätzlichen
Leistungen oder aus Behinderungen des Bauablaufs resultieren, worauf im Ab-
schnitt 15 noch einzugehen ist.
Weitere wichtige Punkte des VOB-Vertrages sind Vereinbarungen über die
Ausführungsunterlagen, die Ausführungsfristen, über Behinderung und Unterbre-
chung der Ausführung, über Vertragsstrafen bei Überschreitung der Ausführungs-
fristen, über Regelungen zur Kündigung des Vertrages, über die Abnahme der
Leistungen des Auftragnehmers, über Mängelansprüche und die Zahlungsverein-
40 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
barungen (Abschlagszahlungen in regelmäßigen Abständen nach Baufortschritt im
Gegensatz zum BGB-Vertrag, der keine Vorauszahlungen kennt).
Da AG und AN über Art und Umfang der auszuführenden Leistungen, die hier-
für zu entrichtende Vergütung, die Bauzeit, die Mängelbeseitigung und weitere
Punkte häufig verschiedener Meinung sind, gehören Regelungen hierüber in den
Bauvertrag. Ihr Zweck liegt darin, Streitigkeiten möglichst außergerichtlich und
damit kurzfristig auszuräumen.
Zur VOB/C:
Wie schon erwähnt, enthält der umfangreiche Teil C der VOB in den DIN-
Vorschriften die technischen Regeln für die Ausführung der einzelnen Teilbauleis-
tungen (Gewerke). Jeder dieser für einen bestimmten Teilbereich des Bauens ent-
wickelten technischen „Standards“ ist einheitlich in die Abschnitte
0 Hinweise für das Aufstellen der Leistungsbeschreibung,
1 Geltungsbereich,
2 Stoffe, Bauteile,
3 Ausführung,
4 Nebenleistungen, besondere Leistungen,
5 Abrechnung
gegliedert.
Die Hinweise in den Abschnitten 0 beziehen sich auf § 9 des Teils A der VOB
(Beschreibung der Leistung) und sind keine Vertragsbedingungen [3.22].
Im Abschnitt 4 sind jeweils die Nebenleistungen aufgeführt, die im Gegensatz
zu den besonderen Leistungen mit den Preisen des Angebots abgegolten, also
nicht eigens vergütet werden. Aus Abschnitt 5 gehen die Abrechnungsregeln für
den Einzelfall hervor.
Die generellen, für alle Gewerke und DIN-Vorschriften geltenden Teile der all-
gemeinen technischen Vertragsbedingungen für Bauleistungen sind als „Allge-
meine Regelungen für Bauarbeiten jeder Art – DIN 18299“ den DIN-Vorschriften
18300 ff des Teils C der VOB vorangestellt.
Der Einheitspreisvertrag war bis vor wenigen Jahren die Regel, vor allem dann,
wenn die den Bietern für das Angebot zur Verfügung gestellten Unterlagen noch
keine vollständige Planung enthielten, sodass eine abschließende Mengenermitt-
lung vor Angebotsabgabe nicht möglich war. Auch behält sich der Auftraggeber
nach § 1 Abs.3 das Recht vor, während des Bauablaufs Änderungen des Bauent-
wurfs vorzunehmen. Diesen besonderen Gegebenheiten der Bauproduktion wird
der Einheitspreisvertrag am ehesten gerecht.
Der Pauschalvertrag, der in den letzten Jahren nicht nur bei Generalunterneh-
merverträgen mehr und mehr zur Regel geworden ist, unterscheidet sich vom Ein-
heitspreisvertrag darin, dass Mengenänderungen im Rahmen des Vertrags nicht
berücksichtigt werden. Damit trägt der Auftragnehmer das Risiko von Abwei-
chungen gegenüber den im Leistungsverzeichnis angegebenen Mengen, soweit
solche überhaupt angegeben werden. Für den Unternehmer ist der Abschluss eines
Pauschalpreisvertrages deshalb mit erheblichen Risiken behaftet, auch wenn sich
die vereinbarte Pauschalvergütung nur auf die Leistungen beziehen kann, die zum
3.4 Die vertraglichen Regelungen zwischen den Projektbeteiligten 41
Zeitpunkt des Vertragsabschlusses bekannt waren bzw. dem Auftragnehmer be-
kannt sein mussten.
Verlangt dagegen der Auftraggeber während der Ausführung zusätzliche Leis-
tungen oder ändert er die Ausführungsart, sind darüber auch bei Pauschalverträgen
neue Preisvereinbarungen zu treffen [3.25].
In der Praxis werden bei Ausschreibungen mit Leistungsverzeichnis (LV) im
Vertrag häufig die Teilleistungen, bei denen keine wesentlichen Mengenänderun-
gen zu erwarten sind (bspw. Baustelleneinrichtung, Gerüst-, Stahlbeton-, Mauer-
arbeiten) pauschaliert. Die restlichen Teilbereiche, deren Mengen bei Vertrags-
abschluß noch nicht eindeutig ermittelt werden können wie bspw. Erdarbeiten,
Wasserhaltung und Tagelohnarbeiten, werden nach den tatsächlichen Mengen mit
den Einheitspreisen des LV abgerechnet.
Allgemein sind nach heutigem Stand bei Pauschalverträgen 3 Wettbewerbs-
formen zu unterscheiden:
− der Detail-Pauschalvertrag,
− der einfache Global-Pauschalvertrag und
− der komplexe Global-Pauschalvertrag (Bild 3.18, [3.26, 3.27]).
Bild 3.18: Vertragsarten von Bauverträgen [3.26]
Beim Detail-Pauschalvertrag werden, wie vorstehend erwähnt, die zu erbrin-
genden Leistungen wie bei einem Einheitspreisvertrag detailliert beschrieben (dif-
ferenzierte Leistungsbeschreibung). Über ihre Summe wird ein Pauschalpreis ver-
42 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
einbart. Diese vertraglich vereinbarte Vergütungspauschale ist fixiert, egal ob sich
die Mengen der einzelnen Teilleistungen ändern.
Beim einfachen Global-Pauschalvertrag werden die Leistungen ebenfalls wie in
einem Detail-Pauschalvertrag detailliert beschrieben, jedoch mit Global-
Elementen kombiniert (für diese Bereiche bspw. mit dem Zusatz „komplett und
voll funktionstüchtig“). Diese „Komplettheitsklausel“ ist individuell zu vereinba-
ren.
In einem komplexen Global-Pauschalvertrag werden die zu erbringenden Leis-
tungen lediglich global (funktional) beschrieben (nicht in einer Leistungsbeschrei-
bung differenziert). Der Leistungsumfang ist deshalb noch „vervollständigungsbe-
dürftig“. Die dafür erforderlichen detaillierten Planungsleistungen wie das Festle-
gen von Baustoffen und Konstruktionen usw., die zur Vervollständigung des zu
erbringenden Leistungsumfangs notwendig sind und deren Mengenermittlung
werden dabei auf den Auftragnehmer verlagert. Die „Komplettheitsklausel“ kann
hier in die Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Auftraggebers integriert sein.
Hinsichtlich der weiteren Problematik von Pauschalverträgen verweise ich auf
die Spezialliteratur [3.21, 3.22, 3.25 bis 3.28].
Neben diesen Vertragsarten sind noch Mischformen möglich (Teilpauschalver-
träge). Bspw. können bei einem Bauvorhaben eines öffentlichen Auftraggebers die
vom AN zu erbringenden Leistungen positionsweise in einem LV erfasst sein , mit
Ausnahme einer (komplizierten) Wasserhaltung, die pauschal (und komplett) an-
zubieten ist.
Da Pauschalverträge neuerdings immer häufiger verwendet werden, verweise
ich hierzu besonders auf die aktuelle Literatur [3.47 bis 3.50].
3.4.3 Das AGB-Gesetz (Gesetz zur Regelung des Rechts
der Allgemeinen Geschäftsbedingungen, AGBG)
Bei der Verwendung vorformulierter Vertragsbedingungen, wie sie von Bauherren
sowie Architekten und Ingenieuren verwendet werden, ist seit 1976 ergänzend zur
VOB das Gesetz zur Regelung des Rechts der Allgemeinen Geschäftsbedingungen
(AGB-Gesetz) zu beachten [3.21, 3.22, Anhang 2].
Das AGBG hat neues Recht geschaffen und ist einer der stärksten Eingriffe in
das private Vertragsrecht seit dem Inkrafttreten des BGB im Jahre 1900. Es be-
schränkt den bisher geltenden Grundsatz der Vertragsfreiheit und engt damit die
Gestaltungsfreiheit von Verträgen erheblich ein. Dies gilt einmal im Hinblick auf
das materielle Recht selbst; zum anderen ist das auf Antrag von Gerichten durch-
zuführende Prüfungsverfahren hinsichtlich Wirksamkeit oder Unwirksamkeit ein-
zelner Bestimmungen in AGB ein Kontrollmechanismus, der dazu beiträgt, dass
angemessene AGB im Bauwesen und anderen Wirtschaftsbereichen verwendet
werden.
Ursprünglich ging der Gesetzgeber nach dem Grundsatz der Vertragsfreiheit
davon aus, dass die einzelnen Vereinbarungen zwischen den Parteien ausgehandelt
werden. Wegen der Vielzahl täglicher Vertragsabschlüsse ist dies jedoch nicht
mehr möglich. Im Interesse eines rationellen Geschäftsablaufs war es deshalb
3.4 Die vertraglichen Regelungen zwischen den Projektbeteiligten 43
notwendig, für die maßgeblichen und gleichgelagerten Vertragsinhalte einzelner
Wirtschaftsbereiche auch die Vertragsbeziehungen entsprechend zu vereinheitli-
chen. Durch die Verdingungsordnung für Bauleistungen (VOB) wurde bereits
1926 diesem Erfordernis Rechnung getragen.
In den letzten Jahrzehnten der schnellen wirtschaftlichen Entwicklung hat sich
jedoch gezeigt, dass AGB oft von den wirtschaftlich Stärkeren der Geschäftspart-
ner aufgestellt werden, die in ihren Bedingungen häufig und überwiegend nur ihre
eigenen Interessen berücksichtigen. Die Folge war, dass die Rechte der wirtschaft-
lich schwächeren Vertragspartner in AGB eingeengt und ihnen überwiegend ein-
seitig alle Risiken aus dem Vertrag aufgebürdet wurden.
In der Bauwirtschaft waren diese Auswirkungen besonders schwerwiegend.
Sowohl öffentliche als auch private Auftraggeber haben durch zusätzliche oder
besondere Vertragsbedingungen (AGB) oft eine Vielzahl von Risiken, die sich aus
der Ausführung von Bauleistungen ergeben, einseitig auf den Unternehmer abge-
wälzt. So wurden bspw. Pauschalpreisverträge abgeschlossen, die jegliche Nach-
forderungen der Unternehmer, z.B. aufgrund geänderter oder zusätzlicher Leis-
tungen, die sich während der Vertragszeit ergaben, ausgeschlossen haben. Die
Forderung nach hohen Sicherheiten, das Festlegen erheblicher Vertragsstrafen für
den Fall der Überschreitung der Bauzeit sowie das Hinauszögern des Abnahme-
termins brachten Auftraggebern Vorteile. Auch das Wettbewerbsverfahren bei der
Vergabe von Bauleistungen trägt mit dazu bei, dass die betroffenen Unternehmer
meist keine Möglichkeit haben, auf unangemessene Vertragsbedingungen einzu-
wirken. Das hatte zur Folge, dass in Bauverträgen die Grundsätze der Ver-
tragsgerechtigkeit häufig missachtet wurden. Da sowohl von öffentlichen als auch
von privaten Auftraggebern oft einheitlich zu ihren Gunsten vorformulierte AGB
verwendet wurden, bestanden für die Unternehmer in der Regel keine Möglichkei-
ten, ihre Leistungen bei anderen Auftraggebern unter für sie besseren Bedingun-
gen anzubieten.
Die Bedeutung des AGBG für das Bauwesen liegt darin, dass in AGB unange-
messene Bedingungen, die die Risiken aus einem Vertrag einseitig auf einen Ver-
tragspartner verlagern, unwirksam sind. Dies gilt sowohl für den öffentlichen als
auch für den privaten Auftraggeber und ebenso für Bauunternehmer, die ihrerseits
AGB verwenden.
Gerade im Hinblick auf das bei der Vergabe von Bauleistungen übliche Wett-
bewerbsverfahren, welches dem Bieter in der Regel keine Möglichkeit lässt, auf
die Vertragsbedingungen einzuwirken, kann das AGBG dazu beitragen, die Chan-
cengleichheit der Auftragnehmer im Hinblick auf ihre Auftraggeber wieder in ein
gerechteres Lot zu rücken. Voraussetzung ist allerdings, dass auch die Auftrag-
nehmer ihrerseits „AGB-bewusster“ werden und sie unangemessen benachteili-
gende Bedingungen nicht mehr akzeptieren. Das AGBG bietet gerade durch die
Verbandsklage zweckmäßige Eingriffsmöglichkeiten, die den Auftragnehmer von
selbständigen Maßnahmen freistellen.
Die Praxis zeigt immer wieder, dass die Übernahme eines Auftrages nicht al-
lein betrachtet werden kann; maßgeblich ist stets, zu welchen Bedingungen der
Vertrag abgeschlossen worden ist.
44 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
Typische Beispiele für Vertragsbedingungen, die nach dem AGB-Gesetz un-
wirksam sind, sind in [3.29, 3.30] dargestellt.
Das AGB-Gesetz aus 1976 wurde 2002 im Rahmen der Schuldrechtsmoderni-
sierung in das BGB integriert und modifiziert (nunmehr §§ 305 bis 310) [3.51].
3.4.4 Die weiteren Verdingungsordnungen VOL und VOF
Alle Lieferungen und Leistungen für öffentliche Auftraggeber, die keine Bauleis-
tungen sind, unterliegen der VOL (Verdingungsordnung für Leistungen). Neben
Warenlieferungen sind das bspw. die für ein Bauvorhaben erforderlichen Kom-
munikations- und EDV-Anlagen, wenn sie ohne Beeinträchtigung der Benutzbar-
keit abgetrennt werden können und einem selbständigen Nutzungszweck dienen.
Für die Vergabe von Leistungen, die im Rahmen einer freiberuflichen Tätigkeit
erbracht (d.s. Dienstleistungen von Rechtsanwälten, Architekten, Ingenieuren,
Steuerberatern, Wirtschaftsprüfern usw.) oder im Wettbewerb mit freiberuflich
Tätigen angeboten werden, gilt die VOF (Verdingungsordnung für freiberufliche
Leistungen). Ist die freiberufliche Leistung jedoch eindeutig und erschöpfend be-
schreibbar, gilt nach § 2 Abs. 2 S. 2 VOF allein die VOL.
Anders als VOB und VOL, die grundsätzlich für alle Auftragsvergaben ohne
Beschränkung auf einen bestimmten Wert gelten, gilt die VOF nur für Aufträge,
deren Wert 200.000 € oder mehr beträgt.
Aufträge nach VOF sind im Verhandlungsverfahren mit vorheriger Vergabebe-
kanntmachung zu vergeben.
3.4.5 Der GMP-Vertrag
Ein weiterer, neuer Vertragstyp für die Rechtsbeziehungen zwischen Auftraggeber
(AG) und Bauunternehmung (AN) ist der GMP (guaranteed maximum price)
-Vertrag.
Diese Vertragsform „ist vom vertraglich geschuldetem Leistungsumfang her
ein Pauschalvertrag mit bei Vertragsschluss festgelegtem Preis, der jedoch ein
Maximum-Preis und nach „unten“ veränderbar ist. Der abgerechnete, tatsächliche
Gesamtpreis liegt wie beim Einheitspreisvertrag erst mit der Schlussrechnung fest,
wobei ein eventueller Vergabegewinn in einem individuell vereinbarten Verhältnis
zwischen den Vertragsparteien aufgeteilt wird“ [3.31].
Bei dieser Vertragsform wird der Preis bereits in der Phase der Vorentwurfs-
oder Entwurfsplanung vereinbart, in der der AN sein Know-how einfließen lässt
und mitarbeitet.
Hinsichtlich Chancen und Risiken dieses Vertragstyps für AG und AN und die
Anwendungsbereiche verweise ich auf die Literatur [3.26, 3.27, 3.32, 9.30].
3.5 Bauunternehmung und Bauproduktion im Projektablauf 45
3.5 Bauunternehmung und Bauproduktion
im Projektablauf
3.5.1 Die Bauunternehmung in der Projektorganisation
Wie Projektorganisation und Projektablauf zeigen, ist Bauen eine Gemeinschafts-
leistung im Team. Dabei ist die Bauausführung nach Abschluss der Planung, Kon-
struktion und Genehmigung die letzte, jedoch kostenintensivste Phase bei der Rea-
lisierung eines Projekts.
Die nachstehende Darstellung beschränkt sich auf diesen Bereich der Projekt-
abwicklung. Sie setzt rechtzeitige, möglichst fertigungsgerechte Planung und eine
abgeschlossene Bauvorbereitung auf Auftraggeberseite voraus.
Um Produktionsleistungen erbringen zu können, verfügte die traditionelle Roh-
oder Ausbauunternehmung über ein Potential an produktiven Faktoren. Es bestand
zunächst aus gewerblichen Arbeitskräften - häufig eingearbeiteten Kolonnen-. Da-
zu kamen Betriebsmittel (Maschinen, Geräte, bspw. Schalung und Rüstung, Vor-
richtungen) sowie Werkstätten und Lagerplätze. Häufig verfügte eine Bauunter-
nehmung noch über zentrale (stationäre) Betriebsstätten (Schalungsvorbereitung),
einen Fuhrpark oder ein Stahlbetonfertigteilwerk.
Weiter gehörten zum Potential als dispositiver Faktor die Führungskräfte auf
den verschiedenen Ebenen, deren Können und Spezialerfahrungen das „Know-
how“ einer Unternehmung bilden. Dieses Potential galt es mit Hilfe systemati-
scher Einsatzplanung und angepasster Organisation bei der Bauausführung opti-
mal einzusetzen.
Auf den dritten produktiven Faktor, die Werkstoffe (im Bauwesen als Baustoffe
bezeichnet), hatte der Baubetrieb in der Regel keinen Einfluss. Sie sind durch die
Planung vorgegeben und werden in der vertraglich geforderten Qualität auf den
Baustoffmärkten beschafft.
Um nicht ausschließlich vom Preiswettbewerb abhängig zu sein, versuchen
große Bauunternehmungen durch eigene Forschung und Entwicklung im Ideen-
wettbewerb bei Ausschreibungen über technische Sondervorschläge (Nebenange-
bote) Aufträge zu erhalten. Im Großbrückenbau ist dies in der Bundesrepublik seit
Jahrzehnten die Regel. Insgesamt ist die Bauindustrie jedoch nach wie vor eine
Bereitschaftsindustrie, bei der es darauf ankommt, dass ein Betrieb vor dem Aus-
laufen von Baustellen rechtzeitig Anschlussaufträge erhält, um sein Potential kon-
tinuierlich und möglichst gleichmäßig einsetzen zu können. Andernfalls entstehen
Leerkosten.
Wie schon erwähnt, hat sich der Baumarkt verändert. Die traditionelle Bauun-
ternehmung, die nahezu alle für ein Bauwerk erforderlichen Leistungen im eige-
nen Betrieb erbracht hat, muss sich dem Markt anpassen. Ich gehe in der Zusam-
menfassung (Abschn. 3.5.6) nochmals darauf ein.
46 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
3.5.2 Einflüsse auf die Bauproduktion
Das operative Bauen, wie man es heute nennt, die Bauproduktion, unterliegt einer
Reihe von Einflüssen. Sie lassen sich in vier Einflussbereiche zusammenfassen
(Bild 3.19).
Bild 3.19: Einflussbereiche auf die Bauproduktion
Der erste Einflussbereich ist der Baumarkt. Darunter sind Art, Größe und An-
zahl der Bauvorhaben zu verstehen, die von öffentlichen und privaten Bauherren
mehr oder weniger laufend ausgeschrieben werden. Jede Ausschreibung, jede An-
frage eines Investors nach Angeboten für die kostengünstigste Erstellung eines
Bauwerks ist ein Teilmarkt. Da auch bei Bauzeiten von mehreren Monaten eine
Bauunternehmung immer wieder Anschlussaufträge braucht, um ihr Potential
möglichst kontinuierlich einsetzen zu können, ergibt sich für jeden Teilmarkt je
nach Unternehmens- und Konjunkturlage ein mehr oder weniger scharfer Wett-
bewerb um den Auftrag.
Für die Bauausführung geben die Auftraggeber die Vertragsbedingungen vor.
Sie bilden neben den Ausführungsunterlagen (Pläne, Leistungsbeschreibung) und
den Standortverhältnissen der Baustelle wesentliche Rahmenbedingungen der
Produktion.
Das zweite Einflussfeld ist die technische bzw. technologische Entwicklung in
den verschiedenen Bereichen des Bauwesens. Jede technologische Verbesserung
bei der Bauausführung hat in der Regel Kosteneinsparungen zur Folge, die im
Wettbewerb ausgespielt werden müssen, um den Auftrag zu erhalten. Die Beo-
bachtung der technischen und technologischen Entwicklung, besser noch ihre Be-
einflussung, ist für Bauunternehmungen eine ihrer wichtigsten Aufgaben.
Der dritte Einflussbereich sind die Beschaffungsmärkte. Dies sind der Arbeits-
markt, der Baustoffmarkt, der Baumaschinenmarkt und der Markt für Nachunter-
nehmer. Der Arbeitsmarkt beeinflusst die verfügbare Anzahl von Arbeitskräften,
ihre Qualifikation und ihre Kosten; der Baustoffmarkt stellt Bau-, Bauhilfs- und
3.5 Bauunternehmung und Bauproduktion im Projektablauf 47
Betriebsstoffe bereit. Der Baumaschinenmarkt umfasst das Angebot an Bauma-
schinen, Geräten und weiteren Einrichtungen für eine rationelle Bauausführung
nach Art und Größe, wobei Maschinenleistung, Verfügbarkeit, Lieferzeit und Kos-
ten sowie der Reparaturservice das Marktverhalten der Käufer bestimmen. Da
Großgerät inzwischen fallweise angemietet werden kann, entfallen die Investitio-
nen in Baumaschinen.
Da Bauunternehmungen die operativen Arbeiten zum Teil nur noch in Berei-
chen ihrer Kernkompetenz (Schalung, Betoneinbau) oder überhaupt nicht mehr
ausführen, spielen darüber hinaus die für den Einzelfall erforderlichen Nachunter-
nehmer eine immer wichtigere Rolle. Sie gehören, wie neuerdings auch Planungs-
und Ingenieurbüros, damit ebenfalls zum Beschaffungsmarkt einer Bauunterneh-
mung.
Ein weiterer (vierter) Einflussbereich resultiert aus staatlichen oder quasistaat-
lichen Regelungen und Eingriffen, d.s. Gesetze, Verordnungen und – nicht zu-
letzt – Regelwerke wie die DIN-Normen als technische Standards oder die Regeln
zum Arbeitsschutz auf Baustellen. Dazu kommen tarifvertragliche Regelungen
und Umweltbedingungen (Entsorgung), die in den Folgen staatlichen Eingriffen
gleichzusetzen sind.
Alle diese Einflussfaktoren bestimmen mehr oder weniger weitgehend Planung,
Vorbereitung und Ausführung von Bauvorhaben. Sie werden darüber hinaus von
den besonderen Bedingungen der Bauproduktion beeinflusst.
3.5.3 Besonderheiten der Bauproduktion
Im Vergleich zur Fertigung in der stationären Industrie ist die Bauproduktion
durch folgende Merkmale gekennzeichnet:
1. Fertigung auf Bestellung,
2. Einzelfertigung,
3. Baustellenfertigung,
4. Langfristfertigung [3.33].
Zu 1.:
Bauleistungen werden aufgrund von Aufträgen erbracht, die Auftraggeber (Inves-
toren) anhand von Preisangeboten bauausführender Unternehmungen nach öffent-
licher oder beschränkter Ausschreibung (oder freihändiger Vergabe) erteilen. Die
Ausschreibung erfolgt in der Regel nach Abschluss der Bauwerksplanung (Ziff.
3.1.1, Bild 3.1 ). Den Aufträgen liegen Entwürfe und Ausführungspläne zugrunde,
die nach individuellen Wünschen des Auftraggebers von betriebsfremden Archi-
tekten, Ingenieuren und sonstigen Fachleuten ausgearbeitet werden. Die Teillei-
stungen und die Baustoffqualität werden beim Einheitspreisvertrag und detaillier-
tem Pauschalvertrag in Leistungsverzeichnissen, bei funktionaler Ausschreibung
im Leistungsprogramm beschrieben. Dazu werden im Rahmen der Vertragsbedin-
gungen Baubeginn und Baufertigstellung vorgegeben.
Das Aufstellen eines optimalen Produktionsprogramms ist einer Bauunterneh-
mung deshalb nur bedingt möglich. Die bauausführende Wirtschaft wird deshalb
48 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
als Bereitschaftsgewerbe bezeichnet. Sie ist in noch stärkerem Maße durch die
Einflussnahme des Auftraggebers auf Produktgestaltung und Fertigungsprozess
gekennzeichnet als andere Branchen, für die die Fertigung auf Bestellung eben-
falls kennzeichnend ist (Großmaschinen- und Schiffbau).
Zu 2.:
Innerhalb einer Bauunternehmung werden in der Regel zur gleichen Zeit mehrere,
jedoch untereinander verschiedene Objekte erstellt. Diese Produktionsart (Einzel-
fertigung) erfordert für Vorbereitung und Durchführung eine besonders große
Zahl an menschlichen Eingriffen (Primärimpulsen).
Die Einmaligkeit der Objekte im Fall der Einzelfertigung schließt jedoch nicht
aus, dass ein Objekt Teile enthält, die auch bei anderen Objekten verwendet wer-
den können. Wenn dazu „das Kriterium der Gleichheit der Objekte nicht im Sinne
völliger Identität ausgelegt wird, sondern im Sinne der Gleichartigkeit hinsichtlich
Zweckbestimmung, Konstruktion und Fertigungstechnik sowie des Arbeitsum-
fangs aufgefasst wird, dann lassen sich im Zuge verstärkter Rationalisierung und
Industrialisierung auch im Baugewerbe Beispiele für Serienfertigung anführen“.
Zu 3.:
Bauwerke können vorwiegend nur an ihrem vorausbestimmten Standort herge-
stellt werden. Die Unternehmungen müssen daher ihre Leistungen an stets wech-
selnden Orten mit ihren topographischen, technischen und wirtschaftlichen Gege-
benheiten und unter saisonaler Witterungsabhängigkeit erstellen. Arbeitskräfte,
Betriebsmittel sowie Bau-, Vorhalte- und Reparaturstoffe müssen an die jeweilige
Baustelle transportiert werden (Ausnahme: bspw. Boden bei Erdarbeiten, vor Ort
aufbereiteter Recyclingsplitt und -schotter aus Abbrucharbeiten). Die Produktions-
stätte muss für jeden Auftrag dem geplanten Bauwerk entsprechend neu eingerich-
tet werden.
Die Bauunternehmungen sind daher durch eine mehr oder weniger große Zahl
von technisch und wirtschaftlich unterschiedlichen temporären Produktionsstätten
gekennzeichnet, die sich nach Art, Lage, Umfang, Ausführungsbedingungen und
Fertigstellungsstadium unterscheiden.
Zu 4.:
Die Herstellung vergleichsweise großer und häufig komplexer Objekte erfordert
oft Fertigungszeiten über mehrere Monate. „Während der Fertigungsdauer ist das
System der Produktionsfaktoren je nach der auszuführenden Arbeit sehr unter-
schiedlich strukturiert. Da sich in der Regel nicht nur ein einziges Objekt im Bau
befindet, sondern meist mehrere, zu unterschiedlichen Zeitpunkten begonnene und
in verschiedenen Fristen fertigzustellende Objekte und die Ansprüche der einzel-
nen Objekte an das Produktionspotential mit fortschreitender Bauzeit schwanken“,
resultiert daraus ein Abstimmungsproblem für den Einsatz der technischen und
personellen Betriebskapazität bzw. der Nachunternehmer.
Zusammenfassend liegen die Besonderheiten der Bauproduktion somit in der
ungleichmäßigen Beschäftigung, bedingt durch die Art der Auftragsvergabe und
die Art der Bauleistungen, der Konjunkturabhängigkeit und der Witterungsein-
3.5 Bauunternehmung und Bauproduktion im Projektablauf 49
flüsse. Sie erfordern vor dem Hintergrund der Dynamik des technischen Fort-
schritts und der sozialen Entwicklung seitens der Unternehmensführung, der Ar-
beits- und Führungskräfte und der eingesetzten Betriebsmittel höchste Leistungs-
effizienz und Elastizität.
Je nachdem, unter welchen Gesichtspunkten die Besonderheiten der Baupro-
duktion betrachtet werden, gibt es neben den v.g. Kriterien weitere Unterschei-
dungsmerkmale zur Einzelfertigung der stationären Industrie. Hierzu sind beson-
ders die Hinweise von Pause aus der Sicht der Bauunternehmung [3.34] und die
Kriterien von Schürings aus dem Blickwinkel der Fertigungssteuerung zu erwäh-
nen [3.35], die z.T. auch die bereits genannten grundlegenden Unterschiede zur
stationären Industrie ansprechen.
Zwei Bemerkungen daraus, die den genannten branchentypischen Sachverhalt
unterstreichen, sollen deshalb noch erwähnt werden:
„Kennzeichen der Baustellenfertigung ist, dass in ihr die Kapazitäten bewegt
werden und die Werkstücke (Bauwerksteile) ruhen“ [3.35].
Der Grund dafür, warum sonst als selbstverständlich für die industrielle Pro-
duktion anerkannte Gesichtspunkte im Baubereich immer noch und immer wieder
auf Schwierigkeiten stoßen, liegt in der Tatsache, dass es sich hier um eine extre-
me Form von Einzelproduktion handelt, trotzdem aber rationelle, teilmechanisierte
und organisierte Arbeitsverfahren zur Anwendung kommen. Wenn man von be-
stimmten Bereichen des einfachen Wohnungsbaus absieht, gibt es kaum zwei
Bauwerke, die völlig deckungsgleich sind. Selbst wenn die Endprodukte, d.h. die
fertigen Bauwerke, noch in sich gleich wären, liegen fast immer verschiedene
Produktionsbedingungen vor, die letztlich die Kosten bestimmen [3.34].
3.5.4 Planungsbereiche der Bauunternehmung
Innerhalb einer Bauunternehmung, die wie jede Unternehmung als zielorientiertes
Aktionszentrum zu sehen ist, lassen sich im Rahmen ihrer Gesamtplanung vier
Teilplanungskomplexe unterscheiden. Dies sind [3.36]
− die generelle Zielplanung,
− die strategische Planung,
− die operative Planung und
− die Ergebnis- und Finanzplanung.
Zielplanung, strategische Planung sowie Ergebnis- und Finanzplanung betref-
fen vorwiegend das nach außen gerichtete Operationsfeld einer Unternehmung,
weshalb im Rahmen dieser Darstellung im Einzelnen darauf nicht einzugehen ist.
Dagegen bezieht sich die operative Planung innerbetrieblich auf die Herstellung
von Bauwerken. Sie besteht aus zwei Teilbereichen, der kurzfristigen Programm-
planung (Angebotsplanung) und den einzelnen Projekt- (Baustellen-) planungen.
Hiervon umfasst die kurzfristige Programmplanung das Hereinholen von Auf-
trägen und legt dafür die Grundsätze für das Bearbeiten von Angeboten fest. Sie
ist aus der Sicht der Unternehmung ebenfalls nach außen, auf den Markt, gerich-
tet.
50 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
Der zweite Bereich der operativen Planung, die Planung für Ablauf und Ein-
richtung der einzelnen Baustellen (Projektplanung), betrifft dagegen das innere,
auf die Ausführung der Aufträge bezogene Operationsfeld einer Unternehmung.
Hierbei handelt es sich um zielorientierte, zeitlich begrenzte Auftragsfolgen, die in
der Regel sowohl komplex als auch einmalig sind. Ziel dieser Projektplanung ist
die Kostenminimierung bei Unterstellung eines vereinbarten Erlöses. Die Projekt-
planung umfasst als Produktionsprozessplanung die zielorientierte Potential- und
Verbrauchsfaktoreinsatzplanung, durch die Art, Einsatzort, Vorhaltezeit und Men-
ge der Potentiale und Verbrauchsfaktoren bestimmt werden.
Diese Detailplanung besteht aus
− der Verfahrensplanung,
− der Kapazitäts- und Terminplanung,
− der Materialplanung (Bereitstellungsplanung) und
− der Baustelleneinrichtungsplanung.
Bild 3.20: Operative Programm- und Projektplanung in einer Bauunternehmung [3.36]
Sie wird bei der Bauausführung durch die Produktionskontrolle und -steuerung
ergänzt (Bild 3.20).
Um im Unternehmen die optimale Potentialbereitstellung zu erreichen, ist im
Rahmen der aufgezeigten Teilbereiche der Projektplanung, vor allem für das je-
3.5 Bauunternehmung und Bauproduktion im Projektablauf 51
weilige Engpasspotential, eine Abstimmung mit der zentralen Potentialbereitstel-
lung aus dem strategischen Planungsbereich erforderlich.
Die vorstehende Darstellung bezieht sich auf die traditionelle Bauunterneh-
mung, die ihre Leistungen vorwiegend mit eigener Mannschaft und eigenem Gerät
erbringt. Inzwischen geht, wie schon erwähnt, bei größeren Firmen der Trend da-
hin, im eigenen Haus nur noch eine kleine, vielseitig einsetzbare Kernmannschaft
für die Kernkompetenz vor zu halten, die von Fall zu Fall erforderlichen Nachun-
ternehmer auszuwählen, ggf. die notwendigen Maschinen und Geräte anzumieten,
die Baustoffe zu beschaffen und für die Herstellung des Bauwerks das Manage-
ment, die Logistik, das Controlling und die Risikobewältigung zu übernehmen
[1.6, 1.7].
Auf die Terminplanung, in der Praxis als Ablaufplanung bezeichnet, gehe ich
im Einzelnen im Kap. 11 ein.
3.5.5 Operationsfelder einer Bauunternehmung
Wie schon erwähnt, sind innerhalb einer Bauunternehmung bzw. ihren für die
Bauausführung maßgebenden betriebstechnischen Fertigungseinheiten (Niederlas-
sungen) zwei Operationsfelder zu unterscheiden (Bild 3.21): der Unternehmens-
und der Produktionsbereich.
Bild 3.21: Operationsfelder im technischen Bereich einer Bauunternehmung
Der erstgenannte Bereich betrifft das Verhalten am Markt bzw. gegenüber den
Auftraggebern. Hier geht es aufgrund der eigenen Zielsetzung und Strategie um
Marktbeobachtung und Marktverhalten, d.h. das Beschaffen von Aufträgen (Aqui-
52 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
sition). Dieser Bereich ist wie der gesamte kaufmännische Bereich einer Unter-
nehmung nicht Gegenstand der weiteren Darstellung.
Das zweite Operationsfeld umfasst die Ausführung der übernommenen Aufträ-
ge, die rationelle Produktion. Dieser zweite, auftragsbezogene Bereich unterschei-
det sich vom ersten dadurch, dass eine Reihe von Unsicherheitsfaktoren, die aus
den Besonderheiten der Bauproduktion resultieren, bspw. diskontinuierlicher Auf-
tragseingang und Konjunkturabhängigkeit, bei der Abwicklung eines übernomme-
nen Auftrages für diesen nur noch bedingt wirksam sind, denn für hereingenom-
mene Aufträge sind die Randbedingungen und das auftragsspezifische Risiko im
Wesentlichen bekannt. Damit ist eine detaillierte Ablaufplanung (operative Pla-
nung bzw. Prozessoptimierung) möglich.
Dieser Produktionsbereich einer Bauunternehmung, das zweite Operationsfeld,
wird nachstehend als Baubetrieb bezeichnet. Er stellt die technisch-wirtschaftliche
Fertigungseinheit dar, in der durch Kombination der eigenen oder fallweise heran-
gezogenen fremden Produktionsfaktoren bzw. durch Einsatz von Mensch-
Maschine-Systemen bei der Be- oder Verarbeitung von Stoffen Bauprodukte er-
bracht und damit Bauteile hergestellt oder Bauwerke errichtet werden.
Während somit im ersten Operationsfeld einer Unternehmung erhebliche Unsi-
cherheiten die Unternehmensplanung belasten, da nicht vorhersehbar ist, welche
Aufträge unter den Bedingungen des Marktes wann übernommen werden können,
ist der zweite Bereich, die Produktion, von diesen Unsicherheiten weitgehend frei.
Für ein bestimmtes Bauvorhaben lässt sich dessen Ausführung durch Arbeitsvor-
bereitung – unter Berücksichtigung verbleibender Restrisiken – relativ sicher pla-
nen. Werden allerdings auftraggeberseitige Vorleistungen nicht rechtzeitig er-
bracht, Ausführungspläne unvollständig oder zu spät geliefert, Entscheidungen
nicht rechtzeitig getroffen oder kommt es bspw. wegen unterlassener oder nicht
hinreichend vorgenommener Bodenuntersuchungen zu Behinderungen oder Still-
ständen in der Bauausführung, sind Bauzeitverzögerungen und erhebliche Mehr-
kosten die Folge. Der Regelfall sollte jedoch der weitgehend ungestörte Bauablauf
im Sinne industrieller Fertigung sein.
Im effektiven Zusammenfügen der beiden Operationsfelder an der Nahtstelle,
dem Zentrum der Unternehmung, wo mit Hilfe der erforderlichen Informationen
und Aktivitäten sowie entsprechender Planung, Organisation und Kontrolle recht-
zeitig die notwendigen Entscheidungen zu treffen und ihr Vollzug zu überwachen
sind, besteht die Qualität einer Unternehmung und ihrer Leitung.
3.5.6 Zusammenfassung
Im vorstehenden Abschnitt ist die Situation der bauausführenden Unternehmungen
im Baumarkt dargestellt. Wie schon erwähnt, verändert sich der Markt. Als Stich-
worte hierzu werden das Ende der Universal-Bauunternehmung, alternative Ver-
tragsmodelle statt Einheitspreisvertrag und das Risikomanagement genannt [1.7].
Die Strukturveränderungen tendieren zum Generalunternehmer mit Pauschalfest-
preis und zu GMP-Modellen. Großbauunternehmungen verstehen sich darüber
hinaus als Dienstleister für private und öffentliche Investoren, übernehmen die
Literatur zu Kapitel 3 53
Entwicklung, Planung, Finanzierung und Realisierung von Bauobjekten sowie das
Facility-Management. Das operative Bauen wird teilweise oder ganz den auf ihre
jeweilige Kernkompetenz spezialisierten Nachunternehmen überlassen [1.20 bis
1.22].
Als abschließenden Überblick über die strategischen Möglichkeiten und den
derzeitigen Stand der Marktanpassung traditioneller Bauunternehmungen verweise
ich, ergänzend zu den Literaturangaben in den Abschnitten 1 und 3, noch auf die
Veröffentlichungen [3.37] bis [3.45] und [3.52, 3.53].
Literatur zu Kapitel 3
3.1 Handbuch für Städtisches Ingenieurwesen, Band I (1982), Darmstadt 1981,
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54 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
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3.18 Vliamos, N., Projektmanagement, Ber. Ing. 3-87, S. 34-40
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3.22 Vygen, K., Bauvertragsrecht nach VOB und BGB, Handbuch des privaten
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3.23 Heiermann, W., Ax, Th., Vergaberechts – Änderungsgesetz, Starnberg 1998
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3.29 AGBG, §§ 3, 9-11 und 13, Unwirksame Allgemeine Geschäftsbedingungen
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Literatur zu Kapitel 3 55
3.35 Schürings, F.-J., Entwicklung von Fertigungssteuerungsmodellen der Ein-
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3.41 Jacob, D., Die Bauwirtschaft im Jahr 2010, B + B 5/2001
3.42 Hehenberger, F., Tunnel, Brücken und Gleisknoten, Bauen für den ICE in
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3.48 Heddäus, I., Probleme und Lösungen um den Pauschalvertrag – Mischfor-
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56 3 Die Projektabwicklung im Bauwesen
3.52 Kulle, B., Kooperation zwischen öffentlicher Hand und privaten Unterneh-
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3.53 Osebold, R., Strukturierung von PPP-Vertragsmodellen, B + B 7/8-2004, S.
32
4 Definitionen
4.1 Bauverfahren
Wie bei der Produktion von Investitionsgütern in anderen Industriezweigen wer-
den beim Errichten von Bauwerken natur- und ingenieurwissenschaftliche Er-
kenntnisse sowie technologische Regeln und Erfahrungen angewendet. War Bau-
en ursprünglich größtenteils Handwerk und häufig schwere körperliche Arbeit,
wird durch die Entwicklung der Technik und der sie begleitenden gesellschaftli-
chen Veränderungen die Arbeit auf der Baustelle oder in stationären Fertigungs-
stätten heute mehr und mehr durch Maschinen verrichtet, die von Menschen nur
noch bedient zu werden brauchen. Der Bauablauf wurde, je nach Art der Teilvor-
gänge, maschinisiert bzw. mechanisiert. In Zukunft werden Teilprozesse der Bau-
produktion auch automatisch ablaufen.
Die aktuellen Baumethoden erfordern Arbeitskräfte, Betriebsmittel und Ener-
gie, um entweder feste Stoffe oder Körper zu be- oder verarbeiten (Baustoffe wie
Holz, Stahl, Mauerwerk) bzw. ihre Lage und Form zu verändern (Boden) oder
durch Zustandsveränderungen flüssiger (selten gasförmiger) Stoffe standfeste
Baukörper zu errichten (Mörtel und Beton) bzw. vor Ort überhaupt erst einen si-
cheren Arbeitsraum zu schaffen (Schildvortrieb, Baugrubenumschließungen und -
injektionen, Gefrieren). Der optimale Einsatz dieses Potentials erfordert eine dem
jeweiligen Bauablauf und seinen Randbedingungen (Bauzeit) angepasste Organi-
sation.
In der stationären Industrie wird der Umgang mit festen Stoffen als Fertigungs-
technik, die Zustandsveränderung flüssiger und gasförmiger Stoffe als Verfahrens-
technik bezeichnet. Da seit Jahren auch Bauvorgänge mit festen Stoffen oder Kör-
pern als Bauverfahren bezeichnet werden [4.1], wird im folgenden hierfür
ebenfalls diese Bezeichnung verwendet.
Um aufzuzeigen, wie ein Baubetrieb nach dem heutigen Stand der Technik ra-
tionell, also kostenoptimal, produzieren kann, werden nachstehend beispielhaft die
in der Bauproduktion vorwiegend angewendeten Verfahren dargestellt. Hierfür
wurden Erdarbeiten, Beton- und Stahlbetonarbeiten in Ortbeton, der Stahlbeton-
Fertigteilbau und der Spezialtiefbau gewählt. Die Ausbauarbeiten im Hochbau
werden ebenfalls erwähnt. Der Groß-Brücken- und Untertagebau sowie weitere
Bereiche des Ingenieurbaus (Straßenbau, Schienenverkehrswege) mussten ausge-
klammert werden, um die Darstellung in überschaubaren Grenzen zu halten. Hier-
zu sei auf die Spezialliteratur verwiesen [bspw. 4.2–4.7].
© Springer Berlin Heidelberg 2007
H. Bauer, Baubetrieb,
DOI 10.1007/978-3-642-32533-5_4
58 4 Definitionen
Da die Bauproduktion vorwiegend dort abläuft, wo ein Bauwerk errichtet wird,
werden die Kriterien für die dafür erforderliche „Feldfabrik“, die Baustellenein-
richtung, ebenfalls kurz aufgezeigt.
4.2 Rationelle Fertigung
Allgemein wird unter Rationalisierung die Summe der Änderungen und Maßnah-
men verstanden, die Abläufe und Zustände in einem Unternehmen so verbessern,
dass die Unternehmensziele schnell, sicher und mit möglichst geringem Aufwand
erreicht werden. In diesem Sinne bezeichnet „rationell“ das mehr oder weniger
stetige Anpassen von Fertigungsverfahren und Organisationsformen an die Ent-
wicklung des Marktes und der Technik zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit
und Produktivität.
Allgemein umfasst der technisch orientierte Teil von Rationalisierungsmetho-
den, um den es hier in erster Linie geht, die Planung oder Verbesserung von Ar-
beitsstätten und -plätzen, des Material- und Arbeitsflusses sowie Planung und
Entwicklung von Arbeits- und Fertigungsverfahren mit Hilfe der dafür verfügba-
ren Maschinen und Geräte. Insgesamt versucht man damit höhere Produktivität,
höhere Produktqualität, höhere Sicherheit am Arbeitsplatz, geringere Fertigungs-
kosten und geringere physische und psychische Belastung der Menschen im Ferti-
gungsprozess zu erreichen [4.8]. Die Rationalisierungsmöglichkeiten des „Indus-
trial-Engineering“, auch Prozessoptimierung genannt, weisen demnach eine erheb-
liche Bandbreite auf.
Auf eine kurze Formel gebracht bedeutet Rationalisierung die „zweckmäßige
Gestaltung von Arbeitsabläufen zur Leistungssteigerung und Aufwandssenkung,
Erhöhung der Arbeitsintensität und des Leistungsgrades.“
Als Rationalisierungsstufen sind sowohl Mechanisierung und Automatisierung
als auch die Beschränkung der zu fertigenden Produkte und deren Gestaltung mit
Hilfe von Wertanalysen zu unterscheiden. Als zentraler Rationalisierungsbereich
galt lange Zeit die Rationalisierung der menschlichen Arbeit durch weitgehende
Arbeitsteilung, Fließarbeit und Arbeitsstudien [4.9]. Bauen war dagegen und ist
heute noch i.W. Gruppenarbeit.
In diesem Sinne wird in der weiteren Darstellung unter rationeller Produktion
der jeweils bestmögliche, wirtschaftlich optimale Einsatz der produktiven Fakto-
ren eines Baubetriebes bei der Bauausführung verstanden.
4.3 Automatisierung von Bauprozessen
Die Bestrebungen zur Automatisierung von Bauprozessen stehen noch am An-
fang. Voraussetzung dafür war die Entwicklung der Informationstechnik, die Be-
triebsdatenerfassung und -verarbeitung bei Baumaschinen. Man versteht den Bau-
roboter als intelligente Arbeitshilfe, die vom Menschen gesteuert wird, seine
Literatur zu Kapitel 4 59
Leistungsfähigkeit und Sicherheit erhöht, ohne ihn von der Arbeit zu befreien. Die
weitere Entwicklung wird von der Wirtschaftlichkeit von Automatisierungslösun-
gen bestimmt werden.
Unter automatisierten Systemen bzw. Robotern wird im Bauwesen eine Tech-
nik verstanden, deren Steuerung durch einen Mikroprozessor erfolgt und von Sen-
soren beeinflusst wird.
Teilautomatisierung gibt es bereits in der stationären Baustoffaufbereitung und
-verarbeitung, bei Kranen, Betonverteilanlagen, Erdbewegungs-, Kanalbau-, Stra-
ßenbau-, Tunnelbaumaschinen und in stationären Bauteil-Vorfertigungswerken.
Als Beispiele seien zusammengefasste Grabvorgänge bei Hydraulikbaggern, die
Maschinensteuerung von Planierraupen und Gradern über Satelliten zur Herstel-
lung eines Planums, Spritzbetonroboter und Tübbingversetzmaschinen im Unter-
tagebau sowie Versetzgeräte für großformatige Mauerblöcke im Hochbau er-
wähnt.
Diese Beispiele zeigen, dass selbst eine Teilautomatisierung derzeit nur für
Teilvorgänge bzw. Vorgangsgruppen möglich ist, die von der Bauaufgabe und der
Organisation des Bauablaufs her kontinuierlich ablaufen. Das sind i.W. maschinel-
le Bauabläufe bei Linienbaustellen im Ingenieur- und Tiefbau. Die vorwiegend
handwerkliche Fertigung im Hochbau ist dafür (noch) nicht geeignet (Ausnahme:
selbstkletternde Schalungen mit Kletterautomaten beim Bau von Hochhäusern).
Für weitere Informationen und Beispiele verweise ich auf die Literatur [4.10–
4.15].
Literatur zu Kapitel 4
4.1 Reismann, W., Die Verfahrenstechnik im Baubetrieb und ihre Anwendung
zur Ermittlung der Maschinenkosten, BMT 20/1973, S. 260-272 und 305-
315
4.2 Göhler, B., Brückenbau mit dem Taktschiebeverfahren, Reihe Bauingeni-
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4.3 Maidl, B., Herrenknecht, M., Anheuser, L., Maschineller Tunnelbau im
Schildvortrieb, Ernst & Sohn, Berlin 1994
4.4 Maidl, B., Schmid, L., Ritz, W., Herrenknecht, M., Tunnelbaumaschinen im
Hartgestein, Ernst & Sohn, Berlin, 2001
4.5 Girmscheid, G., Baubetrieb und Bauverfahren im Tunnelbau, Ernst & Sohn,
Berlin, 2000
4.6 Eisenmann, I., Leykauf, G., Betonfahrbahnen, Reihe: Handbuch für Beton-,
Stahlbeton- und Spannbetonbau, 2. Auflage, Ernst & Sohn, Berlin 2003
4.7 Breitbach, P., Drüschner, L., Asphalt im 21. Jahrhundert – was wird blei-
ben, was wird sich verändern?, Bitumen 65/2003, H. 4, S. 154 ff
4.8 Lindemann, F. O. A., „Rationalisierung“, Management-Enzyklopädie, 5.
Band, München 1971
4.9 Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Band 19, S. 598, Bibliographisches In-
stitut Mannheim/Zürich 1977
60 4 Definitionen
4.10 Kunze, G., Attribute bei der Neu- und Weiterentwicklung von Baumaschi-
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4.11 Babendererde, S. und L., Auswahl von Tunnelbohrmaschinen für den Vor-
trieb in nicht standfestem Gebirge, BMT Heft 3/1996, S. 19
4.12 Maidl, B., Wehrmeyer, G., Anwendungen von Robotern im Tunnelbau,
BMT Heft 3/1996, S. 26
4.13 Schmidt, A. P., Blue Planet Team Network, Roboter werden im nächsten
Jahrhundert zu den wichtigsten Baumaschinen, Dt. Baublatt Nr. 237/238,
07/1997
4.14 Volz, H. J., Baubranche setzt die meisten Bau-Roboter ein, Dt. Baublatt
247, 05/1998
4.15 Neue Spritzbüffel im Hochwald-Tunnel (WETKRET 103), Putzmeister
Post, Heft 42, 1999 [6.45]
5 Bauverfahren im Erdbau
5.1 Bauaufgabe, Vorarbeiten, Begriffe
5.1.1 Die Bauaufgabe
Unter Erdbau versteht man die Veränderung von Erdkörpern nach Form, Lage
und/oder Lagerungsdichte, insbesondere Bodenabtrag (Herstellen von Einschnit-
ten, Baugruben, Gräben) und Bodenauftrag (Dammschüttung). Dabei sind Längs-
und Querförderung zu unterscheiden (Bild 5.1). SAB bezeichnet den Schwerpunkt
des Abtrags, SAuf den des Auftrags.
Bild 5.1: Längs- und Querförderung im Erdbau
Die Erdbauaufgabe besteht somit darin, Boden zu lösen, in Fördermittel zu la-
den, über eine bestimmte, möglichst minimale Entfernung zu transportieren und
wieder abzulagern oder einzubauen und zu verdichten. Bei einfachen Erdbauauf-
gaben (kleinen Baugruben, Rohrgräben), aber auch bei Fernleitungen für flüssige
oder gasförmige Medien (Pipelines) entfällt zunächst der Transport, der ausgeho-
bene Boden wird nur seitlich zwischengelagert. Für den Transport großer Boden-
mengen bei hohen Tagesleistungen werden in Sonderfällen, bei sehr großen Erd-
bewegungen, auch Förderbänder (Bandstraßen) eingesetzt.
Reichen die innerhalb eines Baufeldes bzw. einer Trasse (Linienführung von
Straßen und Bahnstrecken) anfallenden Abtragsmengen für die erforderlichen
Dammstrecken nicht aus, kann der abzutragende Boden in den planmäßigen
Schüttungen nicht untergebracht werden oder ist er als Schüttgut ungeeignet, sind
zusätzliche Seitenentnahmen oder Kippen einzurichten. Das Schema eines derarti-
© Springer Berlin Heidelberg 2007
H. Bauer, Baubetrieb,
DOI 10.1007/978-3-642-32533-5_5
62 5 Bauverfahren im Erdbau
gen, für den Erdbau typischen Produktionssystems geht aus Bild 5.2 hervor [5.1,
5.2].
In besonderen Fällen und bei entsprechender Eignung wird der im Aushubbe-
reich oder in der Nähe eines größeren Bauwerks (Staumauer) anstehende Boden
durch Zerkleinern (Fels), Waschen (Kiessand) und Sieben als Baustoff aufbereitet.
Kiessand bspw. zu Betonzuschlagstoff, Fels zu Brechsand, Splitt und Schotter für
den Straßen- und Dammbau oder ebenfalls für Massenbeton. Die hierfür erforder-
lichen Aufbereitungsanlagen entsprechen Fabrikbetrieben; Planung, Bau und Be-
trieb solcher Anlagen gehen über den Rahmen von Erdarbeiten hinaus; sie gehö-
ren zur Materialaufbereitung.
Neuerdings wird auch Betonabbruch durch kompakte, transportable Brech- und
Siebanlagen vor Ort aufbereitet und zur Baugrundverbesserung oder als Betonzu-
schlagstoff verwendet [5.3].
Bild 5.2.1: Struktur der Massenumlagerung [5.1]
Bild 5.2.2: Beispiel [5.2]
Bild 5.2: Produktionssystem einer Erdbauaufgabe
5.1 Bauaufgabe, Vorarbeiten, Begriffe 63
5.1.2 Vorarbeiten
Unabdingbare Vorarbeiten für den Erdbau und die Gründung von Bauwerken sind
Geländeaufnahmen, geologische, boden- und felsmechanische Untersuchungen
zur Klassifizierung und Beurteilung der anstehenden Böden sowie die Erkundung
des Grundwasserstandes. Derartige Bodenuntersuchungen sind in einfachsten Fäl-
len Schürfgruben; darüber hinaus Aufschluss- (Probe-)bohrungen bzw. -ram-
mungen, die mit dafür besonders entwickelten Geräten vorzunehmen sind (bspw.
leichte und schwere Rammsonde, leichtes Kernbohrgerät auf LKW-Fahrgestell).
Zu den Vorarbeiten gehören außerdem die Mengenberechnungen anhand der
Entwurfspläne (Längs- und Querprofile [5.4]), das Aufstellen der Ausschrei-
bungsunterlagen (Leistungsverzeichnis und Vertragsbedingungen), das Abstecken
der Trasse/Baugrubenböschungen im Gelände [5.5] und das Freimachen des Bau-
feldes (Rodungsarbeiten). Dies wird entweder dem Erdbauunternehmer oder Spe-
zialfirmen übertragen.
Weitere Vorarbeiten im Rahmen der Bauvorbereitung (das gilt nicht nur für
Erdarbeiten) sind
− das Erschließen des Baufeldes (Anlegen von Zufahrten, Wasser-, Stroman-
schlüssen),
− das Erkunden von Hindernissen im Baufeld (Kabel, Leitungen, alte Fundamen-
te usw.) ggf. durch Anlegen von Probeschlitzen,
− Verkehrsumleitungen und -sicherung,
− Untersuchung und ggf. Sicherung der durch den Bau möglicherweise gefährde-
ten Gebäude (Beweissicherung) sowie
− das Abstimmen der geplanten Arbeiten mit allen Beteiligten.
Alle diese Vorarbeiten sind so rechtzeitig durchzuführen, dass die Daten der
Bodenaufschlüsse – bspw. die Beschreibung und Einstufung von Boden und Fels
in die Gewinnungsklassen der DIN 18300 [5.6] – in die Ausschreibungsunterlagen
aufgenommen werden können und den anbietenden Firmen für ihre Verfahrens-
und Gerätedispositionen zur Verfügung stehen. Außerdem müssen, soweit erfor-
derlich, im Baufeld angetroffene Leitungen oder Kabel verlegt werden, bevor mit
den maschinenintensiven Arbeiten begonnen wird.
Darüber hinaus sollten Planungs- oder Bauaufträge so rechtzeitig vergeben
werden, dass statische Berechnungen und Ausführungspläne für Bauwerke und
Hilfskonstruktionen (Baugrubenumschließungen, Hilfsbrücken) ohne Zeitdruck
angefertigt und geprüft werden können, bevor lt. Terminplan mit den Hauptbau-
leistungen begonnen werden muss (d.h. ausreichend bemessener Planungsvorlauf).
Für die Ausschreibung und Kalkulation von Erdarbeiten wird aus der Mengen-
ermittlung der Massen- oder Mengenverteilungsplan entwickelt, aus dem sich die
mittleren Transportentfernungen der einzelnen Teilmengen ergeben (Bild 5.3). Zur
Ermittlung der Mengenverteilung längs der Trasse und der Förderweiten für die
einzelnen Bauabschnitte unter Berücksichtigung des Auflockerungs- und Verdich-
tungsgrades der Böden verweise ich auf die Literatur [5.4, 5.5]. Da die Transport-
kosten durchwegs der größte Kostenfaktor im Erdbau sind, ist deren Minimierung
64 5 Bauverfahren im Erdbau
durch geringst mögliche Förderweiten eine wirtschaftliche Grundbedingung jeder
Erdarbeit. Für große Erdbewegungen werden im Rahmen dieser Transportoptimie-
rung besondere Transportpläne erstellt, auf die im Abschnitt Förderung (Teilbe-
trieb T3) noch einzugehen ist.
5.1.3 Begriffe
Der Baustoff „Erde“
So groß das Feld des Erdbaus ist – von wenigen Kubikmetern Baugrubenaushub
für ein Einfamilienhaus bis zu Dammbauten mit über 100 Millionen m³ Erdbewe-
gung – so verschieden ist der Baustoff „Boden“, mit dem der Bauingenieur fertig
werden muss. Die Skala der Bodenarten reicht von Schluffböden mit Korndurch-
messern unter 0,06 mm bis zum schweren, gebankten Fels. Im Gegensatz zu Sand
und Kies, die als rollige Böden bezeichnet werden, weisen bindige Erdbaustoffe
wie Lehm und Ton (Schluffböden) häufig eine hohe Scherfestigkeit auf, die das
Lösen und Einbauen erschwert. Für den Erdbau ist es außerdem nicht unerheblich,
ob der zu bewegende Boden über Tage im trockenen Einschnitt, ggf. unter offener
Wasserhaltung, gewonnen werden kann oder ob er unter Tage, im Tunnel, oder
unter Wasser gelöst werden muss.
Bild 5.3.1: Schema
5.1 Bauaufgabe, Vorarbeiten, Begriffe 65
Bild 5.3.2: Längsschnitt einer Bautrasse (Straßenbau) mit Mengenverteilung, Hindernissen
und Schwerpunkt-Abständen [5.1]
Bild 5.3: Mengenverteilung im Erdbau
Erst genaue Kenntnisse der Materialeigenschaften gestatten zuverlässige Aus-
sagen über das Lösen, Laden, Einbauen und Verdichten des anstehenden Bodens,
seine Befahrbarkeit mit Transportfahrzeugen und die vorübergehende oder blei-
bende Standfestigkeit von Böschungen. Treffsichere Folgerungen für den Maschi-
neneinsatz und den Ablauf der einzelnen Teilvorgänge sind deshalb nur bei
Kenntnis dieser Materialeigenschaften und anhand mehrjähriger Erfahrungen
möglich. Theoretische Kennwerte über Grab- und Schürfwiderstände, besonders
aus Großversuchen, fehlen weitgehend; bodenmechanische Laborergebnisse sind
nicht ohne weiteres zu übertragen [5.7, 5.8].
Hinsichtlich Gewinnen (Lösen und Laden), Bearbeiten und Verwenden wird
der Baustoff „Boden“ im Erdbau vorwiegend nach der DIN 18300 [5.6] in 7 Bo-
denklassen eingeteilt. Weder diese Norm noch die allgemeine Bodenklassifizie-
rung nach DIN 18196 [5.9] enthalten Angaben über Grabwiderstände. Bei unzu-
reichenden Bodenaufschlüssen sollten für große Erdarbeiten diese Material-
kennwerte daher durch Versuchsausführungen „in situ“ (Proberammungen,
-baggerungen, -verdichtungen) bestimmt werden [5.10].
Zu diesem Punkt sei hinsichtlich der Bestimmung und Klassifizierung von Bö-
den ergänzend der Entwurf der DIN ISO 14688 erwähnt [5.8].
Bodenzustände
Im Erdbau sind folgende Bodenzustände zu unterscheiden [5.7]:
− das Volumen in festem Zustand (gewachsener Boden in natürlicher Lagerung)
und
66 5 Bauverfahren im Erdbau
Bild 5.4.1: Teilbetriebe/Betriebspunkte (Teil 1)
Bild 5.4.2: Schema der Teilvorgänge
Bild 5.4: Teilvorgänge und Betriebsablauf im Erdbau
− das Volumen in losem Zustand (gelockerter oder loser Boden nach dem me-
chanischen Lösen aus der natürlichen Lagerung, wobei eine Volumenzunahme
eintritt (Auflockerung).
Aus dem Ansatz
100 + % Aufloc ker ung(A)
lm³ = fm³ ( ) (1)
100
5.1 Bauaufgabe, Vorarbeiten, Begriffe 67
Bild 5.4.1: Teilbetriebe / Betriebspunkte (Teil 2)
ergibt sich die Auflockerung zu
lm ³ lm ³
A= − 1 bzw. A= × 100 − 100 in %. (2)
fm ³ fm ³
Sinngemäß ergibt sich das Festvolumen zu
100
fm³ = lm³ ( ) = lm³ × AF
100 + A (3)
fm³ = feste Masse, lm³ = lose Masse
Der Faktor
100
<1 (4)
100 + %A
wird als Auflockerungsfaktor (AF) bezeichnet (Anhang 3), in [5.7] als Ladefak-
tor LF.
Das Gewicht des Bodens in festem Zustand ist das Raumgewicht oder die Roh-
dichte (kg/fm³), in losem Zustand das Schüttgewicht (kg/lm³).
Der Anhang 3 enthält eine Tabelle über Raumgewichte, Auflockerung, Auflo-
ckerungsfaktoren und Schüttgewichte der wichtigsten Bodenarten, wobei die an-
gegebenen Werte nur Anhaltspunkte sein können.
68 5 Bauverfahren im Erdbau
Verdichteter Boden ist der Bodenzustand nach der mechanischen oder sonsti-
gen Bearbeitung (bspw. Spülen), die gegenüber der natürlichen Lagerung in der
Regel eine Volumenverminderung zur Folge hat. Damit ergibt sich der Verdich-
tungsgrad zu
Raumgewicht in kg / fm³
δV = <1 (5)
Raumgewicht in kg / m ³ verdichtet
Erdbaumaschinen
Erdbaumaschinen sind Maschinen, die über oder unter Tage für einen oder mehre-
re Teilvorgänge von Erdarbeiten (und zur Feststellung des Bodenzustandes) die-
nen.
Leistungseinheit
Die jeder Planung, Kalkulation und Abrechnung im Erdbau zugrunde liegende
Leistungseinheit ist in der Regel definiert als „1 m³ gewachsenen (festgelagerten)
Boden mit bestimmten Eigenschaften planmäßig (d.h. in vorgegebenen Quer- und
Längsschnitten) zu lösen, in Fördergeräte zu laden, auf eine bestimmte Förderwei-
te (oder auf Halde) zu fördern und planmäßig abzulagern oder einzubauen und zu
verdichten“.
5.2 Teilvorgänge und Teilbetriebe
Nach dieser Leistungseinheit bestehen Erdarbeiten ganz oder teilweise aus folgen-
den Teilvorgängen, die von entsprechenden Teilbetrieben an wechselnden Be-
triebspunkten vollzogen werden (Bild 5.4):
Teilvorgang Teilbetrieb bzw. Betriebspunkt
_______________________________________
T 1 Lösen ┐
├ Entnahme (Schacht)
T 2 Laden ┘
T 3 Fördern Transport
T 4 Einbauen ┐
├ Kippe
T 5 Verdichten ┘
Als Teilbetrieb wird das Gerät oder die Arbeitsgruppe bezeichnet, die einen
Teilvorgang vollzieht. Sie besteht aus einer oder mehreren Erdbaumaschinen und
der dazu gehörenden Bedienungs- und Ergänzungsmannschaft. Dazu kommen
Hilfs- und Nebenbetriebe für Unterhaltung der Fahrwege, Betriebsstoffversor-
gung, ggf. Reparaturwerkstätte und Ersatzteillager.
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 69
Im Bild 5.4 ist die für Mitteleuropa häufigste Form des Ablaufs von Erdarbei-
ten dargestellt, der Bagger-LKW-Betrieb. Weitere Möglichkeiten bietet der Ein-
satz von Flachbaggern, worauf i.E. noch einzugehen ist.
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau
Die wichtigsten Produktionsvarianten im Erdbau werden nachstehend nach den
Teilvorgängen T1 bis T5 gegliedert.
5.3.1 Teilvorgänge T1 und T2, Lösen und Laden
[Link] Abtragsformen (-querschnitte)
Die Verfahrenstechnik der Entnahme bzw. des gesamten Erdbaues wird neben
dem anstehenden Boden von typischen Abtragsformen bestimmt. Hierbei sind zu
unterscheiden (Bild 5.5):
1. Anschnitt,
2. Einschnitt,
3. freie Baugrube mit natürlichen Böschungen (Regelfall im Hochbau),
4. enge Baugrube, nicht verbaut (Graben),
5. enge und tiefe Baugrube, verbaut,
6. flacher Abtrag, unbegrenzt und
7. flacher Abtrag, geometrisch begrenzt (Graben mit flachen Böschungen).
Anschnitte, Einschnitte und geometrisch begrenzte flache Abträge sind durch
Böschungswinkel 1:m = tan α gekennzeichnet; ebenso freie Baugruben mit natür-
lichen Böschungen. Bei größeren Baugrubentiefen sind aus Sicherheitsgründen in
Abhängigkeit von Tiefe und Bodenart Bermen anzulegen [5.11].
Nicht verbaute Baugruben und Gräben mit abgeböschten Kanten dürfen bei
Materiallagerung neben dem Graben und wenigstens 60 cm Arbeitsraum nur bis
1,25 m, sonst bis 1,75 m unter Gelände ausgeführt werden; mit Teilsicherung bzw.
Saumbohlen ebenfalls bis 1,75 m [5.11].
Gräben müssen auf der Sohle mindestens 0,40 m breit sein.
Bei größeren Grabenlängen (bspw. für Fernrohrleitungen (Pipelines) mit Ar-
beitsfortschritten bis zu 1800 lfdm./Arbeitstag) werden zum Aushub Spezialgeräte
(Grabenbagger, Grabenfräsen) eingesetzt; Voraussetzung ist eine standfeste Gra-
benböschung.
Rohrgräben werden vorwiegend mit Verbaugeräten hergestellt. Diese sind so
konstruiert, dass die mit den stählernen Verbauplatten gelenkig verbundenen
Spindeln soweit auseinander liegen, dass zwischen ihnen genügend Platz für das
Einführen des Baggerkorbes bzw. Tieflöffels und das Absenken der Rohrschüsse
bleibt (Bild 5.6), Siehe hierzu auch die DIN 18303 „Verbauarbeiten“ in der
VOB/C [5.13] und [5.14].
70 5 Bauverfahren im Erdbau
Bild 5.5: Abtragsformen im Erdbau
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 71
Zu Einzelheiten der Verbau- und Rohrverlegetechnik (Einstell-, Absenkverfah-
ren-, Boxen-, Gleitschienen-, hydraulischer Press-Verbau) verweise ich auf
Werksunterlagen der Hersteller [5.12].
Generell ist bei Erdarbeiten (ausgenommen standfester Fels) der Aushub so
vorzunehmen, dass Wände von mehr als 1,25 m Höhe – soweit sie nicht verbaut
sind – den Baugrubenverhältnissen, Grundwasserverhältnissen und Auflasten ent-
sprechend standsicher abgeböscht werden.
Bild 5.6: Grabenverbau mit Verbaugerät [5.12]
[Link] Maschinen zum Lösen und Laden
Die zu bewegende Erde wird durch Bagger unterschiedlicher Bauart abgetragen,
die den anstehenden Boden lösen und laden oder seitlich zwischenlagern (Halde).
Flachbagger übernehmen auch das Fördern und Einbauen des Bodens. Fels der
Bodenklassen 6 und 7 DIN 18300 muss vor dem Laden durch Sprengen oder, so-
weit möglich, durch Reißen gelöst bzw. aufgelockert werden.
Dieses Felsreißen geschieht mit schweren Planierraupen mit angebautem Reiß-
zahn. Reißen und Sprengen lockern den anstehenden Fels soweit auf, dass er
durch Bagger oder Lader aufgenommen werden kann, wobei Reißen weniger auf-
wendig ist als Bohren und Sprengen. Ausführliche Informationen zum Reißen von
Fels sind in [5.7] und [5.18] enthalten.
Auf das Bohren und Sprengen von Fels als Sonderfall für das Lösen des Bo-
dens gehe ich im Rahmen dieser Darstellung nicht ein. Hierfür sei ebenfalls auf
die Spezialliteratur verwiesen [5.15, 5.16]. Derartige Arbeiten werden i.d.R. von
Spezialfirmen ausgeführt, die im Rahmen einer Erdbauaufgabe als Nachunter-
nehmer tätig werden. Das gleiche gilt für Abbrucharbeiten, die häufig beim Frei-
machen eines Baufeldes anfallen.
72 5 Bauverfahren im Erdbau
Bild 5.7: Konstruktionsformen der Trockenbagger (Teil 1)
Bei beengtem Bauraum kann Fels weder durch schwere (große) Bagger gelöst
noch gerissen oder gesprengt werden. In diesem Fall werden schwere Abbau-
hämmer (Felsmeißel) eingesetzt, die an Hydraulikbagger angebaut werden. Auf
diese Abbauvariante gehe ich bei den Sonderbauformen von Standbaggern
(Abschn. [Link]) noch ein.
Für Spreng- und Abbrucharbeiten gelten besondere Sicherheitsbestimmungen
(s. Abschnitt [Link]).
Trockenbagger
Bagger und andere Lademaschinen werden in unterschiedlichen Größen und zahl-
reichen konstruktiven Varianten gebaut. Einen Überblick über die im Trockenen
arbeitenden Geräte gibt Bild 5.7. Sie stellen die im Erdbau am häufigsten einge-
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 73
Bild 5.7: Konstruktionsformen der Trockenbagger (Teil 2)
setzten Maschinen dar. Die Bezeichnung der absatzweise arbeitenden Standbagger
als Universalbagger ist inzwischen nicht mehr üblich.
Wesentliche Unterscheidungsmerkmale der verschiedenen Varianten sind:
1. der Arbeitsvorgang (stehend oder fahrend),
2. das Grabwerkzeug (Hoch-, Tieflöffel, Ladeschaufel, Greifer, Schürfkübel, Pla-
nierschild, Kübel),
3. das Fahrwerk (Gleisketten- oder Radfahrwerk),
4. die Kraftübertragung (früher mechanisch durch Seil oder Gestänge; heute vor-
wiegend hydraulisch durch Zylinder, Kolben und Hydraulikmotoren),
5. die Antriebsart (Dieselmotor oder elektrisch).
74 5 Bauverfahren im Erdbau
Konstruktionsformen, Aufbau und Arbeitsweise der typischen, im Trockenen
arbeitenden Standbagger sind in Bild 5.8–5.10 dargestellt. Im Einzelnen sind die
Maschinendaten den auf den Bildern angegebenen Werksunterlagen zu entneh-
men.
Während Standbagger beim Lösen und Laden stehen und die Grabbewegung
vom Oberwagen mit Ausleger und Grabgefäß ausgeführt wird, sind Fahrbagger
durch die starre Verbindung von Grabwerkzeug und Fahrwerk gekennzeichnet.
Zum Lösen und Laden bzw. Umsetzen des Bodens ist die Bewegung der gesamten
Maschine erforderlich.
Durch die Arbeitsweise der Bagger (kontinuierlich oder absatzweise) werden
die Folgebetriebe, vor allem der Transport des gelösten Bodens, beeinflusst (Bsp.:
Standbagger – LKW, Schaufelradbagger – Förderband).
Nassbagger (Überblick)
Bis zu einer Tiefe und Reichweite, die sich aus den technischen Daten der Ma-
schine ergibt, kann auch von Land mit Trockenbaggern Boden unter Wasser gelöst
werden (Tieflöffel, Schürfkübel, Greifer). Bei größeren Wassertiefen und -flächen
sind jedoch schwimmende Geräte einzusetzen, die als Nassbagger bezeichnet
werden. Hierbei sind zu unterscheiden:
1. Eimerketten-Schwimmbagger,
2. Saugbagger mit und ohne Schneidkopf und
3. Schwimmgreifer.
Welche dieser Geräte im Nassen eingesetzt werden können, hängt davon ab, ob
nur Boden zu gewinnen ist oder unter Wasser ein bestimmtes Profil (mit vorgege-
bener Toleranz) hergestellt werden muss.
Eine Zwischenstufe zu den Nassbaggern bilden Trockenbagger, die auf Stel-
zen-Pontons gesetzt werden. Mit Hilfe eines elektronischen Unterwassersicht-
gerätes, das dem Baggerführer auf einem Farbmonitor die genaue Position der Ar-
beitsausrüstung und die Löffelstellung „visualisiert“, ist auch eine Profilbaggerung
unter Wasser möglich [5.17, 5.75].
[Link] Konstruktionsmerkmale der Standbagger
Der Standbagger als die am häufigsten eingesetzte Lademaschine besteht aus dem
Grundgerät, an das unterschiedliche Arbeitsgeräte (Werkzeuge, Grabgefäße, Aus-
rüstungen) angebaut werden können (Bild 5.8 bis 5.10).
Das Grundgerät besteht aus Unter- und Oberwagen.
Der Unterwagen als Träger des Fahrwerks besteht aus einer verwindungssteifen
Stahlkonstruktion in geschweißter Ausführung und dem Rad- oder Gleisketten-
fahrwerk (Raupenfahrwerk).
Der über einen Kugeldrehkranz auf dem Unterwagen gelagerte, um 360° dreh-
bare Oberwagen trägt Antriebsmotor, Ausleger mit Grabgefäß, Hydraulikanlage
(bei Seilbaggern das Windwerk), Ballast und Steuerkabine.
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 75
Bild 5.8.1: Hochlöffel
(Klappschaufel)
Bild 5.8.2: Tieflöffel mit Monoausleger 6,3 m, R 942 [5.18]
Bild 5.8: Arbeitsbereiche von Hoch- und Tieflöffelbaggern
76 5 Bauverfahren im Erdbau
Bild 5.9: Arbeitsbereich eines Hydraulik-Greifbaggers A 316 [5.18]
Mit Kraneinrichtung (Kranhaken, Lastflasche bzw. Sicherheitshaken am Tief-
löffel) können schwere Lasten sicher abgelassen und abgesetzt (z.B. Montage von
Stahlbetonfertigteilen, Werksteinen, schweren Maschinenteilen, Rohrverlegung
(Bild 5.11) oder Grabenverbauplatten gezogen werden.
Seit etwa 30 Jahren hat im Baubetrieb der Hydraulikbagger den Seilbagger
weitgehend, bei Hoch- und Tieflöffelausrüstung völlig verdrängt. Der Vorteil des
Hydraulikantriebs liegt in der einfachen Kraftübertragung, der genauen, stufenlo-
sen und automatischen Regelbarkeit der erforderlichen Bewegungen sowie in ei-
ner 20 bis 30% höheren Ladeleistung gegenüber Seilbaggern gleichen Grabgefäß-
inhalts. Der Antrieb der Hydraulikpumpe erfolgt durch einen Dieselmotor.
Weitere Einzelheiten über Baggerantriebe, -ausrüstungen und Arbeitsbereiche
sind von Fall zu Fall den Herstellerunterlagen zu entnehmen.
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 77
Bild 5.10.1: Schürfkübelbagger HS 853 HD Litronik
Bild 5.10.2: Greifbagger HS 872 HD Litronik
Bild 5.10: Arbeitsbereiche von Seilbaggern [5.18]
78 5 Bauverfahren im Erdbau
Bild 5.11.1: Rohrverlegung
Bild 5.11.2: Verbau-Ziehen
Bild 5.11: Rohrverlegung und Verbau-Ziehen mit Tieflöffelbagger
[Link] Einsatz von Standbaggern für das Lösen und Laden
Verfahrens- und Gerätewahl
Im Erdbau wird Boden maschinell gewonnen. Für einen rationellen Baggereinsatz
und aller weiteren Erdbaumaschinen gibt es eine Reihe von Kriterien, die aus der
Arbeitsbewegung des einzelnen Gerätes, seiner Reißkraft, dem anstehenden Bo-
den, den Standortbedingungen und z.T. aus dem Wettereinfluss resultieren.
Maschinenführer und Bauleitung müssen alle diese Faktoren zu maximaler
Wirkung bringen, ohne Mensch und Maschine zu überfordern. Das Ergebnis ist
die stündliche Ladeleistung im Dauerbetrieb.
Die für den optimalen Ablauf von Erdarbeiten im Einzelnen geltenden Regeln und
Kriterien, vor allem die jeweils anzuwendende Einsatz- und Arbeitstechnik, kön-
nen im Rahmen dieser Untersuchung nicht dargestellt werden. Dafür sei auf
die Spezialliteratur verwiesen [5.1, 5.7, 5.18 u.a.]. Hier sollen nur die wichtigsten
Einsatzarten, -bedingungen und -kriterien genannt werden, die den Potentialein-
satz eines Baubetriebes bei rationellem Arbeitsablauf kennzeichnen.
Wie schon erwähnt, können Schürfkübel und Greifer durch einen Kranhaken
(Lastflasche) bzw. weitere Ausrüstungen ersetzt werden (Bild 5.12).
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 79
Bild 5.12.1: Teleskop-Tiefenführung Bild 5.12.2: Verrohrungsmaschine
für hydraulische Schlitzwandgreifer mit Rohrgreifer
Bild 5.12.3: Bohrgerät Bild 5.12.4: Ramme (für senkrechte
und Schrägrammung)
Bild 5.12: Baggeranbaugeräte an Seilbaggern [5.18]
Allgemein gilt, dass Verfahrens-, Maschinen- und Gerätewahl als wesentliche
Bestimmungsfaktoren des Baubetriebs beim heutigen Stand der Technik nicht
mehr vom Bauingenieur allein, sondern nur in Zusammenarbeit mit dem fachkun-
digen und erfahrenen Maschineningenieur getroffen werden können. Der Bauin-
genieur definiert die Produktionsaufgabe, der Maschineningenieur löst mit ihm
80 5 Bauverfahren im Erdbau
den optimalen Maschineneinsatz. Er ist auch für die vorbeugende Wartung und
Pflege, die Durchführung erforderlicher Reparaturen und damit für eine hohe Ver-
fügbarkeit des Maschinenparks verantwortlich.
Für die Wahl der Größe und Ausrüstung eines Standbaggers für einen bestimm-
ten Einsatz sind nachstehende Kriterien wichtig:
1. Lösbarkeit des anstehenden Bodens. Aus der Struktur des anstehenden Bodens
und dem Grabwiderstand ergibt sich die Wahl der Grabausrüstung und die er-
forderliche Grab-, Reiß- bzw. Losbrechkraft der Maschine.
2. Abtragsform und -abmessungen. Sie beeinflussen die Abmessungen (Größe)
des einzusetzenden Gerätes.
3. Umfang und Dauer der Erdbewegung. Abtragsmenge und verfügbare Bauzeit
bestimmen ebenfalls Anzahl und Größe der Maschinen.
4. Die weiteren Standortbedingungen an der Entnahmestelle (Arbeit im Trocke-
nen oder unter Wasser, verfügbarer Bauraum, mögliche Transportwege, Dreh-
freiheit des Oberwagens, freizuhaltende Lichtraumprofile usw.).
5. Ladevolumen und Bordwandhöhe der Transportfahrzeuge.
Zu 1.: Erforderliche Grabkraft des Baggers und Wahl der Grabeinrichtung
Leichter Boden (Sand und Kies) lässt sich leichter aus dem Zusammenhang,
dem gewachsenen Zustand, lösen als schwerer Boden (Lehm, Ton), der eine große
Reißkraft erfordert, um den Grabwiderstand zu überwinden. Zum Lösen und La-
den von schwerem Boden und leichtem Fels kann deshalb nur schweres Gerät und
eine Ausrüstung eingesetzt werden, mit der grobstückiges Gut aufgenommen wer-
den kann und große Grabkräfte auf den Boden übertragen werden können. Dies
sind der Hoch- und Tieflöffel. Das Grabwerkzeug ist starr geführt, ein Auswei-
chen bei der Grabbewegung nicht möglich. Hoch- und Tieflöffelbagger verfügen
aus der Kinematik ihrer Arbeitsbewegungen über größte Reiß- und Vorstoßkräfte.
Das Lösen von leichtem Fels erfordert sowohl große horizontale Grabkraft, um
mit den Löffelzähnen in Klüfte einzudringen, als auch die Möglichkeit von Kipp-
bewegungen mit dem Grabwerkzeug, um Felsstücke aus dem Verband heraus zu
brechen (Bild 5.13). Die Klappschaufel ermöglicht gegenüber der Ladeschaufel
kontrolliertes Beladen und kürzere Ladespiele; außerdem ist sie vielseitiger einzu-
setzen als die Ladeschaufel (Bild 5.14).
Der Schürfkübel (Eimerseilbagger) kann nur bei leichtem bis mittelschwerem
Boden eingesetzt werden (keine starre Führung des Grabgefäßes, Selbsteinschnei-
den des Grabgefäßes bei jedem Arbeitsgang). Sein Vorteil liegt darin, dass der
Grundbagger
− mit sehr langem Ausleger ausgestattet werden kann (große Grabweite und Aus-
schütthöhe, bspw. für das Abräumen von Felsböschungen bei Dammbauten o-
der für den Aushub unter Wasser),
− bei Arbeiten mit verkürztem Ausleger mit einem größeren Grabgefäß als bei
Normalausleger ausgestattet werden kann (konstantes Standmoment). Dadurch
kann seine Leistung nicht unerheblich gesteigert werden [5.1].
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 81
Bild 5.13: Losbrechen von Fels mit Hydraulikbagger und Ladeschaufel [5.18]
Bild 5.14: Klappschaufeleinsatz [5.18]
82 5 Bauverfahren im Erdbau
Seilgreifer (geringste Leistung) können wirtschaftlich nur bei locker gelagertem
Boden (Sand und Kies) eingesetzt werden. Sie sind jedoch ein ideales Gerät für
das Umschlagen von Schüttgütern (Sand, Kies, frischer Beton), wenn der Greifer-
korb an Stelle der Schneidezähne mit glatten Schneiden ausgestattet wird (Verla-
degreifer).
Hydraulikgreifer mit starrer Korbführung, die größere Grabkräfte als der Seil-
greifer aufweisen, können mit Tiefschachtausrüstung bis auf etwa 12 m Tiefe ar-
beiten.
Zu 2.: Abtragsform und -abmessungen (-querschnitte)
Neben dem anstehenden Boden werden Größe und Ausrüstung eines Standbag-
gers von den Abtragsformen und Abmessungen der zu verändernden Erdkörper
bestimmt. Für kleine Einschnitte können keine großen Bagger, für flache Abträge
weder Löffel- noch Greifbagger sinnvoll eingesetzt werden (Bereich der Fahr-/
Flachbagger).
Für das Herstellen von Gräben mit (vorübergehend) standfesten Böschungen,
d.h. bei mittelschweren und schweren Böden, werden Tieflöffelbagger (häufig mit
Speziallöffeln) eingesetzt.
Verbaute Gräben und Schächte können wegen der Steifen des Verbaugeräts
häufig nur mit Greifern ausgehoben werden (in leichtem Boden Seilgreifer mög-
lich, in schwerem Boden nur Hydraulikgreifer wegen der erforderlichen Vertikal-
kräfte zum Füllen des Greiferkorbes). Bei größeren Rohrdurchmessern und schwe-
rem Verbaugerät (größeres Innenmaß zwischen den Spindeln) ist auch der Einsatz
von Tieflöffelbaggern möglich (s. Bild 5.6).
Bei beengtem Bauraum wird die Größe des einzusetzenden Gerätes durch den
vorhandenen Arbeitsraum bestimmt.
Zu 3.: Umfang und Dauer der Erdbewegung
Neben Bodeneigenschaften und Arbeitsweise der Maschinen werden Art, Zahl
und Größe der einzusetzenden Geräte von den zu bewegenden Mengen und der
verfügbaren Bauzeit bestimmt. Je größer eine Erdbaumaschine ist, desto höher
sind zwar die Aufwendungen für die Beschaffung sowie den jeweiligen An- und
Abtransport; dafür sind durch die höhere Leistung die Ladekosten je m³ Erdbe-
wegung niedriger als bei einem kleineren Gerät. Bei von Fall zu Fall angemiete-
tem Gerät entfällt der Beschaffungsaufwand.
Die erforderliche Stundenleistung einer Erdbaustelle im Dauerbetrieb, die Ar-
beitsgeschwindigkeit (vD), ist daher eine weitere Grundgröße für die Planung eines
Erdbetriebes. Sie beträgt
V
vD = [fm³/h] (6)
d⋅T
Hierbei bedeuten
V = Umfang der Erdbewegung in fm³,
d = mögliche Betriebstage während der Produktionszeit,
T = Schichtzeit je Betriebstag [h].
Die erforderliche Stundenleistung einer Erdbaustelle wird demnach umso klei-
ner, je länger die Bau- und Schichtzeit angesetzt werden können und umgekehrt.
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 83
Sie beeinflussen Anzahl und Größe der einzusetzenden Maschinen und damit die
Kosten der Erdbewegung.
Aus Gl. 6 ergibt sich die Anzahl der erforderlichen (gleich großen) Maschinen
zu
vD
m= [St.] (7)
Qn
wobei Qn die Dauerleistung einer Maschine ausdrückt.
Die möglichen Betriebstage sind aus der verfügbaren Bauzeit anhand des Ka-
lenders zu bestimmen, wobei örtliche (Arabien, Rhamadan) sowie witterungs- und
jahreszeitlich bedingte Ausfallzeiten zu berücksichtigen sind – Winterpause, Was-
serführung und -stände von Gewässern, Niederschlagsmengen und -häufigkeiten
aus den langjährigen Aufzeichnungen der Wetterämter (zehnjähriges Mittel).
Die Ermittlung dieser Ausfallzeiten ist bei witterungsempfindlichen bindigen
Böden besonders wichtig. Durch Schlechtwetter kommen im Allgemeinen jedoch
nicht die Entnahme, sondern der Förderbetrieb und die Kippe (Teilbetrieb 3 und 4)
zum Erliegen.
Wegen unvorhersehbarer, häufig unvermeidbarer Betriebsstörungen bzw. -un-
terbrechungen muss die maximale Stundenleistung vmax einer Maschine oder Ma-
schinengruppe größer sein als die Dauerleistung vD, um die erforderliche Schicht-
leistung im Dauerbetrieb (cD) zu erreichen. In Bild 5.15 ist dieser störungsbedingte
mittlere Zeitanteil je Schicht mit ∆T bezeichnet. Für die gesamte Produktionszeit
einer Baustelle gilt im Prinzip das gleiche, worauf im Rahmen der Ablaufplanung
noch einzugehen ist.
Zu 4.: Weitere Standortbedingungen an der Entnahmestelle
Da Hochlöffelbagger nur auf dem Baggerplanum arbeiten können, sind sie für
den Aushub enger und tiefer Baugruben (Steilrampen für den Abtransport) und für
das Lösen unter Wasser nicht geeignet.
Bild 5.15: Maximal- und Dauerleistung einer Maschine bzw. Maschinengruppe
84 5 Bauverfahren im Erdbau
Bei Tieflöffelbaggern (in mittelschwerem und schwerem Boden) und Greifern
ist bei Arbeiten unter Wasser die konstruktiv vorgegebene Grabtiefe zu beachten,
jedoch kein genauer Profilaushub (Sohle) möglich. Um dem abzuhelfen, werden
bei Tieflöffelbaggern für diesen Profilaushub Sichtanzeige-Geräte der Arbeitsbe-
wegungen eingesetzt (s. Abschn. [Link]).
Die möglichen Fahrwege sind ein weiteres Kriterium für die Wahl der Ausrüs-
tung eines Baggers. Die Transportfahrzeuge, beim Abfahren über öffentliche Stra-
ßen häufig Sattelfahrzeuge, sonst Spezial-Lastkraftwagen mit Stahlmulde, sollten
möglichst im Ringfahrbetrieb ladegerecht unter den Bagger fahren können.
Um bei engen und tiefen Baugruben Steilrampen, die das An- und Abfahren der
Fahrzeuge erschweren und verteuern, zu vermeiden, können für deren Aushub
keine Hochlöffelbagger eingesetzt werden. In solchen Fällen ist es günstiger, den
Bagger (Greifer) auf Geländehöhe an den Baugrubenrand oder auf ein Gerüst zu
stellen und ihm in der Baugrube den Aushub mit einem Flach- oder Fahrbagger
zuzuschieben (Planierraupe oder Kettenlader). Der Bagger (Greifer) arbeitet dann
nur als Umschlaggerät zum Beladen der Fahrzeuge.
Bei allen Aushubarbeiten ist auf Hindernisse im Aushubbereich Rücksicht zu
nehmen (Leitungen, Kabel), auf die in der Ausschreibung hinzuweisen ist. Die bei
unbehinderter Arbeit mögliche Maschinenleistung kann dadurch erheblich absin-
ken (vorsichtiges Graben).
Generell hat sich im Baubetrieb der Hydraulik-Tieflöffelbagger gegenüber dem
Hochlöffel als universeller einsetzbar erwiesen.
Weiteres Kriterium bei der Gerätewahl von Baggern sind die möglichen Bag-
gerschnitte. Darunter versteht man den Teil eines Abtragsquerschnitts, der in ei-
nem Arbeitsgang des Baggers ausgehoben werden kann (Bild 5.16). Das Festlegen
der Baggerschnitte ist ein wesentlicher Teil der Arbeitsvorbereitung im Erdbau.
Sie sind stets im Zusammenhang mit dem Förderweg und ggf. weiterer Randbe-
dingungen in Schnitt und Grundriss zu entwerfen (bspw. Baugrubenaushub bis zu
einer bestimmten Ankerlage der Baugrubenumschließung).
Bild 5.16: Baggerschnitte für Hochlöffelbagger im Querschnitt (Bagger arbeiten in Längs-
richtung)
Aus dem Grundriss von Einsatzskizzen ergibt sich der für die Baggerleistung
wesentliche mittlere Schwenkwinkel (Bild 5.17).
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 85
Beim Entwerfen von Baggerschnitten sind folgende Punkte zu beachten:
− Um eine optimale Spielzahl zu erreichen, sollten die konstruktiven Grundmaße
A, D, E und G eines Baggers nur zu etwa 90% angesetzt werden (Bild 5.18).
Bild 5.17: Weitere Einsatzbeispiele von Hydraulikbaggern [5.18]
86 5 Bauverfahren im Erdbau
− Das Grundmaß G kann überschritten werden; hierzu sind jedoch die Unfallver-
hütungsvorschriften (UVV) für Bauarbeiten und Erdbaumaschinen zu beachten
(bspw. kein Unterhöhlen einer Wand).
− Baggerschnitte sind im Grundriss so anzulegen, dass bei minimalem Schwenk-
winkel (<90°) die Förderfahrzeuge möglichst ohne Zurückstoßen ladegerecht
unter den Bagger fahren können (Beispiele siehe Bild 5.17).
Zu 5.: Ladevolumen der Transportfahrzeuge
Für einen rationellen Erdbetrieb müssen der Grabgefäßinhalt des Baggers und
das Ladevolumen der Transportfahrzeuge in einer bestimmten Relation zueinander
stehen. Das Ladevolumen beeinflusst damit ebenfalls die Gerätewahl, worauf bei
der Ermittlung der Ladeleistung noch einzugehen ist.
Arbeitssicherheit
Neben den genannten, vorwiegend technisch-wirtschaftlichen oder standortbe-
dingten Kriterien sind bei der Planung von Baggereinsätzen wie überhaupt im
Baubetrieb grundsätzlich Arbeitsschutzbestimmungen zu beachten. Für Erdarbei-
ten sind dies die Unfallverhütungsvorschriften der Tiefbau-Berufsgenossenschaft
[5.19, 11.101, 11.102].
Bild 5.18: Festlegen der Abmessungen eines Baggerschnittes aus den konstruktiven
Grunddaten eines Baggers (Lade-/Klappschaufel) (s.a. Bild 5.8.1)
[Link] Leistung von absatzweise arbeitenden Standbaggern
Die Leistung von Standbaggern hängt von mehreren Einflussfaktoren ab. Sie las-
sen sich in 5 Einflussbereiche gliedern. Dies sind
− die konstruktive Auslegung der Maschine,
− der Boden,
− der Maschinenführer (Bedienung)
− die Betriebsorganisation (Ausrüstung, Einsatztechnik,
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 87
Transportvolumen, Wartung)
− das Wetter.
Die wichtigsten Einflussfaktoren sind in Tabelle 1 zusammengestellt [5.20].
Bei der Leistungsermittlung von Baggern sind 4 Stufen zu unterscheiden
− die theoretische Leistung,
− die Grundleistung,
− die technische Leistung,
− die Nutz- bzw. Dauerleistung.
Theoretische Leistung Q0
Die theoretisch mögliche Leistung eines Baggers resultiert aus den konstruktiv
vorgegebenen Arbeitsgeschwindigkeiten für die einzelnen Teilvorgänge (Graben,
Heben, Schwenken, Entleeren usw.). Da sich diese teilweise überlappen, lässt sich
die theoretisch mögliche Dauer eines Arbeitsspiels tS nur durch Zeitstudien ermit-
teln (Bild 5.20). Es beginnt nach dem Entleeren des Grabgefäßes.
Über die daraus abzuleitende theoretisch mögliche Spielzahl/h
3600 [s]
n= [1/h] (8)
t S [ s]
Bild 5.19: Teilzeiten im Arbeitsspiel eines Baggers (t1 bis t6) [5.20]
88 5 Bauverfahren im Erdbau
Bild 5.20.1: Ladeschaufel
Bild 5.20.2: Tief- / Universal-Löffel
Bild 5.20.3: Hydraulik-Greifer
Bild 5.20: Nenninhalt VL der Grabgefäße von Standbaggern
und unter Berücksichtigung des Inhalts des Grabgefäßes (VL) ergibt sich – unter
Normbedingungen – die theoretische Leistung eines Baggers zu
Q 0 = VL ⋅ n [lm³/h] (9)
Der Inhalt der verschiedenen Grabgefäße von Baggern (Bild 5.20) ist in den
„Europäischen Richtlinien für Hydraulikbagger und ihre Einrichtungen“ des
CECE (Europäisches Baumaschinen-Komitee) festgelegt [5.7, 5.18].
Grundleistung Qg
Mit dem Füllungsgrad des Grabgefäßes fF (von der Bodenart abhängig, s. Tabelle
3) folgt aus Gl. 9 die Grundleistung zu
Q g = Q 0 ⋅ f F = VL ⋅ n ⋅ f F [lm³/h] (10)
Für verschiedene Baggerausrüstungen können Spielzahlen und Füllungsgrade
in Abhängigkeit von Grabgefäßinhalt und Bodenart aus Diagrammen bzw. Tabel-
len entnommen werden (Tabelle 2 und 3). Die Grundleistung ist wie die theoreti-
sche Leistung eine rechnerische Größe, die nur unter bestimmten Normbedingun-
gen (ungestörter Einsatz; Entladen auf Halde; Schwenkwinkel 90°; pausenlose
Arbeit, eingearbeiteter Baggerführer (Leistungsgrad 100%); günstige Abbauhöhe
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 89
bzw. Grabtiefe; guter Zustand des Baggers einschließlich der Zähne bzw. Schnei-
den) zu erreichen ist [5.20].
Tabelle 1: Einflussfaktoren auf die Baggerleistung
1. Art des Grabgefäßes (Ausrüstung)
2. Grabgefäß-Nenninhalt (VL)
3. Dauer eines Arbeitsspiels
4. Auflockerung des Bodens (A, AF)
5. Füllungsgrad (fF)
6. Schwenkwinkel (f1)
7. Grabtiefe bzw. Hubhöhe (f2)
8. Zustand und Form des Grabgefäßes und der Schneide bzw. der Zähne (f3)
9. Entladeart (f4)
10. Stellung des Auslegers (bei Verstellauslegern)
11. Volumenverhältnis zwischen Transportgerät- und Grabgefäß-Nenninhalt (f5)
12. Leistungsgrad des Baggerführers
13. Einsatzart, Organisation der Baustelle (f6) , Wettereinfluss
Technische Leistung Qt
Jede Abweichung von diesen Voraussetzungen wird im Einzelfall vereinfacht
durch 5 Einflussfaktoren (f1 bis f5) berücksichtigt. Damit ergibt sich die technische
Leistung eines Baggers, d.h. die erreichbare Leistung bei störungsfreiem Betrieb,
zu
5 5
Q t = Q g ⋅ ∏ f i = VL ⋅ n ⋅ f F ⋅ ∏ f i [lm³/h] (11)
1 1
Hierbei bedeuten (f1 bis f5 nach Tabelle 4):
f1 = Einfluss des Schwenkwinkels,
f2 = Einfluss der Grabtiefe bzw. Abbauhöhe,
f3 = Zustand und Form des Grabgefäßes und der Schneide bzw. Zähne,
f4 = Entladeart,
f5 = Volumenverhältnis Transportgerät / Grabgefäß.
Gegenüber Tabelle 1 wurde der Einflussfaktor 8 (hier mit f3 bezeichnet) mit 1,0
angesetzt und der Faktor 10 (Auslegerstellung) vernachlässigt. Werden Zähne o-
der Grabgefäße verwendet, die stumpf oder für den anstehenden Boden nicht ge-
eignet sind, kann dies die Leistung des Baggers um bis zu 22% reduzieren [5.21].
Da für die Bedienung ein eingearbeiteter Maschinenführer mit dem Leistungs-
grad 100% bzw. 1,0 angenommen wird, kommt in Tabelle 4 der menschliche Ein-
flussfaktor (12) nicht vor. Er kann zwischen 1,10 (Sehr gut) und 0,70 (Anfänger)
liegen. Der Begriff „Leistungsgrad“ stammt aus der Methodenlehre des Arbeits-
studiums nach REFA [5.22]. Danach wird die einer methodisch ermittelten Soll-
Zeit zugrunde liegende Leistung als Bezugsleistung bezeichnet und jede Ist-
Leistung (Leistungsgrad) an dieser Bezugsleistung gemessen.
90 5 Bauverfahren im Erdbau
Tabelle 2: Spielzahlen von Hydraulikbaggern bei verschiedenen Bodenarten [5.20]
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 91
92 5 Bauverfahren im Erdbau
Tabelle 3: Füllungsgrade fF [%]von Hydraulikbaggern [5.7]
Mischboden, feucht 110 – 130
Fels und Erdboden, gemischt 90 – 120
Fels, gut geschossen 75 – 90
Fels, stark verkeilt, grobstückig 50 – 70
Gebrochenes Material 80 – 95
Sand, Kies, trocken 85 – 95
Sand, Kies, feucht 90 – 110
Ton, bündig, fest 80 – 100
Ton, sandig, feucht 100 – 120
Tabelle 4: Faktoren für die Einsatzbedingungen zur Leistungsbestimmung von Hydraulik-
baggern
f1 – Berücksichtigung des Schwenkwinkels
f2 – Berücksichtigung der Grabtiefe bzw. -höhe
Die Angaben gelten für Grabgefäße mit einem Nenninhalt von 0,5 bis 1,0 m³. Bei Grab-
gefäßen größer 1,0 m³ ist die Leistung nur abzumindern, wenn die vorhandene Grabtie-
fe bzw. -höhe die günstige Grabtiefe oder -höhe unter- oder überschreitet. Als günstige
Grabtiefe bzw. -höhe [m] gilt: (1 bis 2) × V (Grabgefäß-Nenninhalt) [m³].
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 93
Tabelle 4: (Fortsetzung)
Faktoren zur Berücksichtigung des Arbeitsablaufes
f3 – Zustand und Form des Grabgefäßes und der Schneide bzw. der Zähne
Hierzu liegen bisher kaum Werte vor, bei gutem Zustand der Schneiden
bzw. der Zähne und einer dem Boden angepassten Grabgefäßform bzw.
-art ist f3 = 1,00 zu setzen.
f4 – Art der Entleerung
ungezieltes Entleeren 1,00
gezieltes Entleeren in LKW auf Baggerplanum 0,90
f5 – Volumenverhältnis
Transportgerät-Nenninhalt
2 3 4 5 6
Grabgefäß-Nenninhalt
f5 0,82 0,87 0,91 0,94 0,96
f6 – Verteil-, Erholungs- und Nebennutzungszeiten
Unter Berücksichtigung von Verteil-, Erholungs- und Nebennutzungszeiten,
z.B. Zeit für das Weiterrücken, Nacharbeiten der Sohle und Zeiten für klei-
nere, unvermeidbare Störungen (<5 min) und für persönlich bedingtes Un-
terbrechen der Nutzung, ergibt sich Faktor f6 zu:
Behinderungsfreies Arbeiten, Entleeren auf Halde 0,82
Behinderungsfreies Arbeiten, Entleeren in LKW 0,76
Grabenaushub, Entleeren auf Halde 0,76
Grabenaushub, Entleeren in LKW 0,72
Aushub mit häufigem Umsetzen des Gerätes 0,60
Bei günstigen Bedingungen wird im allgemeinen mit einer 50-Minuten-
Stunde gerechnet (f6 = 0,83); bei ungünstigen Bedingungen mit einer 45-
Minuten-Stunde (f6 = 0,75)
Nutz- oder Dauerleistung QN
Neben der technischen Leistung einer Maschine bei ungestörter Arbeit, wie sie für
das Beladen eines Fahrzeuges anzusetzen ist, muss im praktischen Betrieb noch
der Grad ihrer zeitlichen Nutzung (f6 in Tab. 4) berücksichtigt werden. Er umfasst
die Einsatzbedingungen, d.s. die Verteil-, Erholungs- und Nebennutzungszeiten.
Daraus resultieren Ausfallzeiten, die im Dauerbetrieb die technische Leistung re-
duzieren (Bild 5.21).
Die für die Ablaufplanung und Kalkulation maßgebende Dauer- oder Nutzleis-
tung eines Baggers ergibt sich damit zu
6
Q N = Q t ⋅ f 6 = VL ⋅ n ⋅ f F ⋅ ∏ f i [lm³/h] (12)
1
f6 = zeitlicher Nutzungsgrad (Tabelle 4)
94 5 Bauverfahren im Erdbau
Bild 5.21: Vereinfachte Gliederung der Schichtzeit in der Bauproduktion
Der Faktor f6 aus Gleichung (12) ist in Bild 5.21 in der arbeitsablaufbedingten
Ausfallzeit T21 enthalten; ein besonderer Wettereinfluss ggf. in T22.
In der Praxis rechnet man vereinfacht mit der Spielzeit (Dauer eines Arbeits-
spiels) ts = 3600/n [s], die sich für die technische Leistung einfach beobachten
(messen) lässt. Da die beobachtete (mittlere) Spielzeit ts bereits die Faktoren f1 bis
f5 berücksichtigt lautet die Gl. 11 dann
3600
Q t = VL ⋅ ⋅ fF [lm³/h] (13)
ts
In [5.7] wird diese Spielzeit als Arbeitstaktzeit (ATZ) bezeichnet.
In den Werksunterlagen der Maschinenhersteller werden für typische Bodenar-
ten und abhängig von leichten, mittelschweren und schweren Einsatzbedingungen
Spieldauern zwischen 16 und 32 Sekunden angegeben [bspw. 5.18].
Da im Erdbau die Leistungseinheit in der Regel in fm³ ausgedrückt wird, sind
abschließend nach Gleichung (3) die technische und die Dauerleistung eines Bag-
gers mit dem Auflockerungsfaktor AF in fm³ (Fest-m³)umzurechnen. Hierfür gilt
dann
Qtf = Q tl ⋅ A F [fm³/h] bzw. (14)
QNf = Q Nl ⋅ A F [fm³/h] (15)
Ergänzend zu den v. g. Spielzeiten sind in Tabelle 5 weitere, aus Einsatzunter-
suchungen an verschiedenen Baggertypen in unterschiedlichen Böden ermittelte
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 95
Ladespieldauern zusammengestellt. Die Bandbreite aus 29 Beobachtungen reicht
hier von 15 bis 45 s/Spiel.
Tabelle 5: Ladespielzeiten von Hydraulikbaggern [5.1]
Durch laufende Verbesserungen ihrer Geräte haben die Maschinenhersteller,
die Bedienung vereinfacht und dadurch kürzere Ladespielzeiten erreicht. Dazu
zählen bspw. eine verbesserte Ladeschaufel-Kinematik, die Automatisierung der
Steuerung einzelner Teilvorgänge des Ladespiels und die elektronische Regelung,
Steuerung, Koordination und Überwachung aller wichtigen Systeme der Maschine
[5.23, 5.24].
96 5 Bauverfahren im Erdbau
Wie Tabelle 4 zeigt, liegt die Bandbreite der zeitlichen Nutzung eines Baggers
(f6) zwischen etwa 0,83 (50'-Stunde) und 0,67 (40´-Stunde, [5.7]), hängt somit we-
sentlich von den Einsatzbedingungen ab.
Ausfallzeiten infolge Maschinenstörungen sind in f6 nicht enthalten. Sie beein-
flussen die Verfügbarkeit einer Maschine, d.i. das Verhältnis ihrer Einsatzbereit-
schaft, bezogen auf die Bauzeit. Bei dem heute üblichen Service in der Wartung
und bei Reparaturen halte ich daraus resultierende Produktionsstörungen für aus-
i
nahmen. Sie wären im Π fi
1
der Gleichung (12) durch einen weiteren Einflussfak-
tor und in Bild 5.21 unter den Ausfallzeiten T22 zu berücksichtigen.
Abschließend sei die Leistungsermittlung von Hydraulikbaggern an zwei Bei-
spielen erläutert (Anhang 4 und 5).
Die Auswahl der richtigen Maschinen und ihrer Ausrüstung für eine bestimmte
Aufgabe, ihre gegenseitige Abstimmung in der Arbeitskette (Bagger – SKW –
Einbau- und Verdichtungsgeräte) und der möglichst störungsfreie Ablauf des ge-
samten Erdbetriebes entscheiden im Einzelfall über einen hohen zeitlichen Nut-
zungsgrad und damit über maximale Produktionsleistungen und minimale Produk-
tionskosten [5.25].
Weitere Voraussetzung hierfür ist neben systematischer Einsatzplanung und
Ablauforganisation die ständige Kontrolle des Betriebsablaufs im Sinne eines Re-
gelkreises. Nur damit lassen sich die aus Störungen resultierenden negativen Ein-
flüsse auf den Sollablauf so früh als möglich erkennen und durch Gegensteuern
auffangen (Bild 5.22).
Bild 5.22: Das kybernetische Modell einer Erdbaustelle (Regelkreis [5.1])
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 97
Soweit Fels der Bodenklassen 6 und 7 nicht mehr durch schwere Bagger mit
hoher Reißkraft, durch Planierraupen mit Reißzahn oder mit Abbruchhämmern an
Hydraulikbaggern gelöst werden kann, bleibt nur das Lockern durch Bohren und
Sprengen. Über erreichbare Leistungen für das Reißen von Fels liegen Erfahrun-
gen vor [5.7, 5.18, 5.20], für Bohren und Sprengen sei nochmals auf die Spezialli-
teratur verwiesen [5.15, 5.16].
Die Leistung von Seilbaggern ergibt sich sinngemäß ebenfalls aus den in Glei-
chung (9) bis (15) dargestellten Ansätzen. Die hierfür im Einzelfall anzunehmen-
den Faktoren sind in der Literatur dargestellt und erläutert [5.18, 5.20].
Zusammenfassend sei nochmals darauf hingewiesen, dass die Leistung von
Baumaschinen nicht isoliert, auf das Einzelgerät bezogen, gesehen werden darf,
sondern immer die Arbeitskette einschließen muss, in der das Gerät arbeitet. Die
Ermittlung der Produktionsleistung im Dauerbetrieb ist somit erst nach sorgfälti-
ger, am Produktionsablauf und dessen Randbedingungen orientierter Einsatzpla-
nung möglich.
Alle Daten aus Arbeitsstudien und Nachkalkulationen sind stochastische Grö-
ßen und daher je nach Umfang der Beobachtungen und Aufzeichnungen mehr o-
der weniger mit Unsicherheit behaftet. Um das Restrisiko einzugrenzen, das des-
halb auch bei sorgfältig durchgeführten Einsatzplanungen nicht auszuschließen ist,
geht man noch einen Schritt weiter. So wurden für Großbaustellen unter extremen
Bedingungen (Hochgebirge, Ausland) die zur Wahl stehenden Maschinen unter
ähnlichen Arbeitsbedingungen wie im späteren Einsatz (und wo dies nicht mög-
lich war an ähnlichen, stationären Einsatzstellen) hinsichtlich Leistung, Verfüg-
barkeit, Verschleiß und Energieverbrauch getestet. Die Investitionsentscheidung
resultierte dann aus diesen Vorstudien, Preisvergleichen und Verhandlungsergeb-
nissen [5.26].
Wenn Bagger (oder andere Lademaschinen) nicht als Leistungs-, sondern als
„Arbeitsgerät“ eingesetzt werden, das betrifft i.d.R. kleinere Maschinen bei Arbei-
ten geringen Umfangs, können nur wesentlich niedrigere Maschinenleistungen er-
reicht werden. Die Stillstandszeiten sind dann erheblich größer; oft können die
Maschinen in diesen Fällen nicht kontinuierlich eingesetzt werden.
[Link] Sonderbauformen von Standbaggern
Als weitere Vertreter der Standbagger sind innerhalb dieser Gruppe von Ladema-
schinen noch Teleskop- ,Schaufelrad- und Grabenbagger zu nennen. Außerdem ist
nochmals kurz auf das Lösen von Fels oder schwerem Boden und auf das Zerklei-
nern von Beton und Mauerwerk mit Abbruchhämmern an Trägergeräten einzuge-
hen.
Teleskopbagger
Der absatzweise arbeitende Teleskopbagger ist mit einem teleskopierbaren, um
seine Längsachse drehbaren Spezialausleger mit flacher Grabschaufel (Räum-
schaufel) ausgerüstet und damit in der Lage, maßgenaue Böschungsarbeiten
durchzuführen. Er wird vorzugsweise bei großen Erdarbeiten zum Planieren der
Böschung eingesetzt (Bild 5.23).
98 5 Bauverfahren im Erdbau
Bild 5.23.1: Teleskopbagger mit Grab- bzw. Räumschaufel
Bild 5.23.2: Teleskopbagger bei Einsatz unter Tage
Bild 5.23: Teleskopbagger [5.27]
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 99
Mit Hochbockunterwagen kann er auch unter Tage eingesetzt werden; mit ei-
nem Hydraulikhammer an Stelle der Räumschaufel auch zum Abbruch von
schwerem Boden und Fels.
Schaufelradbagger
Der kontinuierlich arbeitende Schaufelradbagger (Bild 5.24) ist eine Weiterent-
wicklung des Eimerkettenbaggers, der als Trockenbagger im Baubetrieb heute
nicht mehr verwendet wird. Er kommt als Nassbagger nur noch für den Profilaus-
hub unter Wasser und in wesentlich kleinerer Ausführung als Grabenbagger zum
Einsatz.
Der Schaufelradbagger ist durch Gleiskettenfahrwerk, Schaufelradausleger und
Bandabsetzer gekennzeichnet. Die einzelnen Schaufeln (Eimer) des Schaufelrades
entleeren in ihrer höchsten Stellung seitlich auf ein Förderband, das im Schaufel-
radausleger läuft; der elektrische oder hydraulische Antrieb erlaubt durch Dreh-
zahlregelung die Anpassung an den Grabwiderstand des zu lösenden Bodens.
Schaufelradbagger werden vorwiegend in Tagebaubetrieben – in der Bundesre-
publik bspw. westlich von Köln im Hambacher Forst – bei der Gewinnung von
Braunkohle eingesetzt (dort dann als Großgeräte mit Tagesleistungen bis über
200.000 m³). Im Baubetrieb kommen sie nicht vor. Ich gehe deshalb nicht weiter
darauf ein.
Bild 5.24: Schema eines Schaufelradbaggers [5.28]
Grabenbagger
Grabenbagger sind Sonderkonstruktionen, die entweder nach dem Eimerketten-
oder Schaufelradprinzip arbeiten (Bild 5.25). Sie werden zum Aushub von (nicht
ausgesteiften) Gräben für Versorgungsleitungen (Be- und Entwässerung, Kabel-
verlegung, Drainagerohre) sowie beim Bau von Fernleitungen für Öl und Gas über
große Entfernungen (Pipelines) eingesetzt mit Tagesleistungen bis zu 2000 m.
Voraussetzung für ihren Einsatz ist die Lösbarkeit des anstehenden Bodens und
dessen Standfestigkeit bei steiler Grabenböschung.
Grabenbagger mit Eimerkette können bedingt auch kleinstückig gesprengten
Fels fördern.
100 5 Bauverfahren im Erdbau
Bei den größeren Geräten werfen Eimerkette und Schaufelrad den gelösten Bo-
den auf ein rechtwinklig zur Baggerachse angeordnetes Austragsband, über das er
seitlich des hergestellten Grabens auf Halde abgesetzt wird.
In kleiner Ausführung für das Herstellen von Kabelgräben oder Gräben für
kleine Rohrdurchmesser werden Grabenbagger nach Bild 5.25.2 als „Grabenfrä-
sen“ bezeichnet. Als Sonderkonstruktionen übernehmen sie mit dem Ziehen des
Grabens auch das Verlegen von Kabeln und Drainrohren.
Bei den geringen Aushubquerschnitten von Gräben mit steilen Böschungen ist
der Aushub nur bei kontinuierlichem Vorschub der Maschine möglich. In stren-
gem Sinne sind Grabenbagger deshalb keine „Standbagger“, sondern bilden den
Übergang zu den Fahrbaggern.
Bild 5.25.1: Schaufelradprinzip [5.29]
Bild 5.25.2: Eimerkettenprinzip [5.30]
Bild 5.25: Grabenbagger
Abbruchhämmer an Hydraulikbaggern
In Sonderfällen (neben Gebäuden und Straßen, zum Zerkleinern von Knäppern im
Steinbruch, in engen Baugruben und im Kanalbau) können schwere und damit
große Bagger für das Lösen und Laden von Fels und schwerem Boden (oder für
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 101
das Abbrechen von Beton) nicht eingesetzt werden. Auch das Reißen mit der Pla-
nierraupe ist nicht möglich. Für derartige Aufgaben können leichte bis schwere
Abbruchhämmer an Hydraulikbaggern verwendet werden (Bild 5.26). Sie lassen
sich relativ schnell gegen eine Bohr- und Ladeausrüstung (Löffel) austauschen.
Hammer (Felsmeißel) und Bohrgerät werden mit der Hydraulikeinrichtung des
Trägergerätes betrieben. Bei Arbeiten kleineren Umfangs kann der anstehende
Fels mit demselben Gerät abwechselnd gelöst und geladen werden.
Über Abbruchleistungen größeren Umfangs (Betonbauwerke) und im Fels lie-
gen kaum Unterlagen vor. Für den größten Krupp-Hydraulikhammer HM 4000 an
einem O&K-Hydraulikbagger RH 30 D, eingesetzt in einem Kalksteinbruch in
Dalmatien, wird als maximale Stundenleistung 200 t gelöstes Material angegeben
[5.31, S. 10].
Die technischen Daten der von verschiedenen Herstellern angebotenen Abbau-
hämmer und die Einsatzbedingungen sind den Werksangaben bzw. der Literatur
zu entnehmen [5.3–5.34].
Bild 5.26: Abtragen mit Abbruchhammer am
Hydraulikbagger [5.31]
5.3.2 Teilvorgang T3, Transport
[Link] Vorbemerkungen
Boden kann mit gummibereiften Fahrzeugen, mit Bahnwagen (Normalspur), mit
Förderbändern oder mit Schuten auf dem Wasserweg transportiert werden. Gleis-
betrieb (Normalspur) und Bandstraßen sind nur für den Transport großer Mengen
über große Förderweiten (Gleis) oder mit sehr hohen Tagesleistungen (Bandstra-
ßen) wirtschaftlich. Der Regelfall im mitteleuropäischen Baubetrieb ist – je nach
Lage und Umfang einer Bauaufgabe – die gleislose Bodenförderung mit für öf-
fentliche Straßen zugelassenen Lastkraftwagen (LKW), mit knickgelenkten Mul-
denkippern (Dumper) oder mit schweren Starr-Rahmen-Muldenkippern. Diese
Schwerlastwagen (SKW) werden größtenteils in Abmessungen gebaut, die für öf-
fentliche Straßen nicht mehr zugelassen sind. Bei kurzen Förderweiten und gerin-
gen Transportmengen können auch Vorderkipper (Autoschütter) eingesetzt wer-
den.
Für großflächige Abträge sind Flach- oder Fahrbagger wirtschaftlicher, die ne-
ben dem Lösen und Laden auch den Bodentransport übernehmen (Abschn. 5.3.3).
102 5 Bauverfahren im Erdbau
[Link] Bauarten von Transportfahrzeugen
Nach der Art der Fortbewegung unterscheidet man
− selbstfahrende und
− angehängte Geräte.
Nach der Art des Fahrwerks (luftbereift) unterteilt man in
− Straßen-Lastkraftwagen (LKW),
− geländegängige Straßen-LKW, (mit Allradantrieb),
− Geländefahrzeuge mit hohem Bodendruck und
− Geländefahrzeuge mit niedrigem Bodendruck.
Nach der Entladeart sind
− Hinterkipper,
− Seiten- und Dreiseitenkipper und
− Vorderkipper (Autoschütter),
zu unterscheiden.
Im Erdbau sowie im Massenguttransport des Baubetriebes werden je nach Art
und Umfang der Transportaufgabe die nachstehend im Überblick aufgeführten
Fahrzeuge eingesetzt.
1. Normale und geländegängige Lastkraftwagen (LKW)
Sie sind als Hinterkipper, Seitenkipper oder Dreiseitenkipper nach der Straßenver-
kehrs-Zulassungsordnung (StVZO) für den öffentlichen Straßenverkehr zugelas-
sen und können auch im Anhängerbetrieb eingesetzt werden.
Geländegängige LKW haben einen verstärkten, für den rauhen Baubetrieb
konstruierten Rahmen, Ganzstahl- oder Leichtmetallaufbau (häufig Spezialmul-
den), drei- bis vierachsiges Fahrgestell sowie neben dem Schnellganggetriebe für
öffentliche Straßen ein Zusatzgetriebe (Geländegänge) und in der Regel Allradan-
trieb (Bild 5.27). Das zulässige Gesamtgewicht, die Nutzlasten, die Motorleistung
und das Volumen der Standardmulde betragen:
− bei 3-Achs-Fahrzeugen (Iveco Trakker AD 260 T 45 W):
26,0 t / 16,04 t (einschl. Mulde), 331 kW/450 PS, 9,40 m3 (gestr.)
− bei 4-Achs-Fahrzeugen (Iveco Trakker AD 410 T 45 W):
32,0 t / 21,3 t (einschl. Mulde), 331 kW/450 PS, 12,9 m3 (gestr.) [5.35].
Daimler Chrysler gibt für seine Kipper keine Nutzlasten an. Sie ergeben sich
als Differenz aus dem zulässigen Gesamtgewicht und dem Gewicht aus Fahrge-
stell (einschl. Führerhaus) mit Kipperaufbau [5.35, 5.37].
Für 4-Achs-Fahrzeuge von Daimler Chrysler (Actros-Reihe) gibt die Fa. Meil-
ler für Halfpipe-Hinterkippmulden bei Bordwandhöhen von 1,25 m bis 1,45 m ein
Ladevolumen von ca. 14 bis ca. 17 m³ (gestrichen) an.
Für 3- und 4-Achs-Fahrzeuge mit Anhänger beträgt das zulässige Lastzug-
Gesamtgewicht 40 t.
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 103
Bild 5.27.1: 3-Achs-LKW, Muldenkipper (Schema)
Bild 5.27.2: 4-Achs-LKW-Muldenkipper (Schema)
Bild 5.27: Straßen- und geländegängige Lastkraftwagen für den Baubetrieb [5.36]
2. Großraumfahrzeuge (Sattelzüge)
Als Ersatz für den Lastzug, der wegen beschränkter Manövrierfähigkeit am Lade-
gerät und auf der Kippe im Baubetrieb häufig nicht optimal eingesetzt werden
konnte, haben sich Großraumfahrzeuge bewährt, die aus Sattelzugmaschine und
Hinterkipp-Sattelanhänger bestehen (Bild 5.28).
Mit 2 oder 3 Achsen des Sattelanhängers – je nach Muldeninhalt und Nutzlast –
und einer 2- bzw. 3-achsigen Zugmaschine je nach erforderlicher Zugkraft (Straße
oder Gelände) sind sie die heute für Boden und Schüttgut im Verkehr auf öffentli-
chen Straßen üblichen Transportfahrzeuge.
Für das Befahren von Baustellen bzw. den Geländeeinsatz sollten die Zugma-
schinen mit 2 angetriebenen Hinterachsen sowie Differentialsperre oder Allradan-
trieb ausgerüstet sein.
104 5 Bauverfahren im Erdbau
Bild 5.28.1: 2-Achs-Zugmaschine mit 3-Achs-Sattelanhänger
Bild 5.28.2: 3-Achs-Zugmaschine mit 2-Achs-Stattelanhänger
Bild 5.28: Sattelzug-Hinterkipper [5.35, 5.37]
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 105
Die üblichen Sattelanhänger mit einem Ladevolumen bis zu 22 m³ (bei 29,4 t
Nutzlast und einem maximalen Gesamtgewicht von 35 t) können mit Stahl- oder
Aluminium-Mulde bestückt werden. Für den Transport von Sand und Kies auf
Straßenbaustellen oder die Beförderung von Abbruch und Baugrubenaushub im
harten Baustelleneinsatz ist die Stahlmulde der geeignete Aufbau; für den reinen
Straßentransport von Schüttgütern die Aluminium-Kippmulde [5.37].
Großraumfahrzeuge haben sich deshalb durchgesetzt, als bei gleicher Entfer-
nung die Transportkosten je m³ bzw. t umso niedriger werden, je größer die Nutz-
last eines Fahrzeuges ist [5.38].
3. Muldenkipper
Diese Fahrzeuge sind die Standardgeräte für den Erdtransport im Baubetrieb über
größere Förderweiten (ab etwa 300–500 m).
Hierbei sind knickgelenkte und schwere Starr-Rahmen-Muldenkipper (SKW)
zu unterscheiden.
3.1 Knickgelenke Muldenkipper
Diese Knicklenker sind inzwischen die Standardgeräte für den Erdtransport im
Baubetrieb (Bild 5.29). Diese Maschinen werden in verschiedenen Varianten mit
einem Transportvolumen von 12 bis 22 m³ (SAE 2:1, gehäuft), einer maximalen
Nutzlast von 20 bis 36 t und Motorleistungen von 170 kW (231 PS) bis 295 kW
(401 PS) gebaut [5.39, 5.40]. Die kleinste Ausführung von Volvo (A 20 C) liegt
mit einer Breite von nur 2,49 m im Zulassungsbereich für öffentliche Straßen (170
kW, Mulde 12,9 m³, max. Nutzlast 20,0 t).
Wesentliche Merkmale sind die Knicklenkung über ein Rahmenknickgelenk,
große Niederdruckreifen, kleine Wenderadien und eine relativ geringe Höhe bis
zur Oberkante der Kippmulde. Dadurch sind diese Maschinen in hohem Maße ge-
Bild 5.29: Knickgelenkter Muldenkipper Caterpillar D 350 E-II (18,8 m³, Nutzlast 31,75 t,
G = 61,9 t, 265 kW) [5.40]
106 5 Bauverfahren im Erdbau
ländegängig, auch auf Entnahmenstellen und Kippen. Die Höchstgeschwindigkeit
liegt bei etwa 50 km/h.
Als maximale Förderweiten gelten 1000 m für 2-Achs- und 3000 m für 3-Achs-
Fahrzeuge [5.7].
Alle weiteren Einzelheiten sind den ausführlichen Prospekten der Hersteller zu
entnehmen.
3.2 Starr-Rahmen Muldenkipper
Die für den „großen“ Erdbau und stationäre Gewinnungsbetriebe (Steinbrüche,
Tagebaue), d.h. für hohe Tagesleistungen in rauem Betrieb entwickelten großen
Hinterkipper entsprechen in ihren Abmessungen und Achslasten nicht mehr der
StVZO und sind Zweiachsfahrzeuge, die mit halbautomatischen lastschaltbaren
Getrieben und Dauerbremsaggregaten ausgerüstet sind (Bild 5.30). Die Gelände-
gängigkeit wird durch Sperrdifferentiale oder Allradantrieb erreicht, einige Kon-
struktionen haben Planetengetriebe in den Radnaben. Die Mulden sind Schweiß-
konstruktionen mit aussteifenden Hohlprofilen (teilweise mit Abgasbeheizung zur
Erleichterung des Entleerens). Für besondere Einsätze gibt es gummigepanzerte
Mulden, auch Leichtmetallmulden werden hergestellt. Über dem Fahrerhaus ist –
als Teil der Mulde – ein Schutzdach angeordnet.
Diese Fahrzeuge weisen eine höhere maximale Geschwindigkeit auf (bis etwa
70 km/h) als Knicklenker, die maximale Förderweite beträgt etwa 5000 m (unter
der Annahme, dass die Fahrzeuge auf Pisten ihre Höchstgeschwindigkeit ausfah-
ren können).
Bild 5.30: Muldenkipper Caterpillar 773 D (35,2 m³, Nutzlast 53,3 t, G = 92,5 t, 485 kW)
[5.40]
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 107
Ein Nachteil ist ihre ungenügende Geländetauglichkeit. Starrrahmen-Mul-
denkipper werden deshalb vorwiegend über größere Förderweiten und in stationä-
ren Gewinnungsbetrieben zum Transport von gesprengtem Fels eingesetzt.
Hinsichtlich Einzelheiten über Einsatzbedingungen und -kriterien großer Mul-
denfahrzeuge sei auf die Spezialliteratur verwiesen [5.1, 5.7, 5.39, 5.41].
4. Vorderkipper (Autoschütter)
Bei engem Bauraum, auf kleineren Baustellen und in flacher Spezialausführung
unter Tage werden für den Transport von Boden und Schüttgütern über kurze Ent-
fernungen Vorderkipper eingesetzt (Bild 5.31). Größere Geräte haben drehbare
Fahrersitze und entsprechende Lenksäulen, so dass Wendezeiten entfallen. Kurze
Radstände ergeben eine gute Manövrierfähigkeit.
Die Nutzlasten betragen bis ca. 15 t, Fassungsvermögen 0,9 bis 8,0 m³ (gestri-
chen); Motorleistungen 7,5 bis 150 PS; wirtschaftliche Förderweiten etwa 30 bis
300 m.
Bild 5.31: Vorderkipper
[Link] Auswahlkriterien für Förderfahrzeuge
Für die Auswahl von Förderfahrzeugen nach Art und Größe gelten folgende Krite-
rien:
− die Einsatzbedingungen (Boden, Ladegerät, Transportentfernung, Transport-
strecke (Fahrweg, Steigungen, Krümmungen), Kippe, Klima),
− die Fahrzeugdaten (Motorleistung, Ladevolumen, Nutzlast, angetriebene Räder,
Bremsen, Getriebe, Bereifung, erreichbare Geschwindigkeit, Steigfähigkeit,
Betriebsstoffverbrauch),
− der Wartungsaufwand einschl. Bereifung,
− die Investitionskosten bzw. die Maschinenmiete,
− die Transportkosten/t bzw. /fm³.
Weitere Kriterien für einen rationellen Förderbetrieb sind
− die Nutzlastfaktoren der Maschinen,
− die möglichst exakte Ausnutzung der konstruktiven Nutzlast und
− eine minimale Höhe bis O.K. Mulde.
108 5 Bauverfahren im Erdbau
Der Nutzlastfaktor ist das Verhältnis Nutzlast/Leergewicht. Je größer dieser
Faktor ist, desto weniger Leergewicht schleppt die Maschine bei jedem Arbeits-
spiel mit.
Die Höhe bis O.K. Mulde beeinflusst die Hubhöhe des Ladegeräts [5.41].
Nach der Vorauswahl geeigneter Geräte (Abschn. [Link]) wird das günstigste
durch Vergleichskalkulation bestimmt, worauf später noch einzugehen ist.
Größere Fahrzeuge haben einen geringeren Anteil an Personalkosten; bei einem
Geräteausfall entstehen in der Produktionskette jedoch höhere Leerkosten als bei
kleineren Fahrzeugen. Für Störfälle dieser Art sollten ggf. Reservefahrzeuge vor-
gesehen werden.
Durch vorbeugende Wartung, bspw. seitens fremder Servicestationen, lassen
sich Maschinenstörungen weitgehend vermeiden.
Die Transportkosten werden durch den Zustand der Förderstrecke (Erdweg,
Schotter, Bodenvermörtelung, bituminöse Decke, Betondecke, Fahrwegunterhal-
tung) stark beeinflusst. Je besser der Fahrweg ist, desto größer ist die erreichbare
Fahrgeschwindigkeit, desto weniger Fahrzeuge werden für die Transportaufgabe
gebraucht und desto niedriger sind die Transportkosten je Mengeneinheit. Auf
Großbaustellen werden für die laufende Unterhaltung der Fahrwege je ein Grader
für 2 bis 3 km Förderstrecke und Spezialfahrzeuge zur Fahrbahnreinigung und ge-
gen Staubbelästigung eingesetzt (Kehrbesen, Sprengwagen).
Auch sei nochmals wiederholt, dass für einen wirtschaftlichen Transportbetrieb
ein optimales Verhältnis zwischen Grabgefäßinhalt des Ladegerätes und Trans-
portvolumen des Förderfahrzeuges bestehen muss. Wird die zum Beladen eines
Fahrzeuges erforderliche Spielzahl des Ladegerätes zu groß, entstehen für das
Fahrzeug hohe Stillstandskosten; bei zu geringer Spielzahl führt der häufige Wa-
genwechsel zum Leistungsabfall des Ladegerätes. Der optimale Bereich für das
Verhältnis von Grabgefäßinhalt zum Ladevolumen des Fahrzeuges liegt etwa zwi-
schen 1:7 und 1:5 [5.7, 5.18], bei großen Geräten (Radlader) auch darunter (bis
etwa 1:3, Tabelle 6).
Tabelle 6: Anzahl Ladespiele/SKW [5.7]
Beladung Radlader Bagger
kurze Entfernung bis 500 m 3 Ladespiele 5 Ladespiele
mittlere Entfernung 1000 m 4 Ladespiele 7 Ladespiele
lange Entfernung > 1000 m 5 Ladespiele 9 Ladespiele
Bei der Ermittlung des Personalbedarfs für den Förderbetrieb ist zu berücksich-
tigen, dass neben den Fahrern ggf. „Springer“ benötigt werden, die die Fahrer in
Ruhepausen ablösen.
Das Einweisen der Fahrzeuge auf der Kippe geschieht, soweit erforderlich,
durch Aufsichtskräfte.
Für den Förderbetrieb werden ein Tanklager sowie Werkstatt- und Tankwagen
benötigt. Wenn bei abgelegenen Baustellen die Hersteller oder Reparaturbetriebe
kurzfristig Ersatzteile liefern und Reparaturen ausführen können, wird auf Werk-
stätten verzichtet.
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 109
[Link] Motoren und Getriebe
Hierzu nur einige Bemerkungen.
Förderfahrzeuge werden ausschließlich durch Dieselmotoren angetrieben. Klei-
nere Fahrzeuge im Straßentransport haben synchronisierte mechanische
Schaltgetriebe (Zahnradgetriebe). Sie haben einen hohen Wirkungsgrad, ermögli-
chen aber nur eine stufenweise Änderung der Übersetzung. Bei einer großen Zahl
von Gängen (Getriebestufen) wird der Fahrer stark belastet und es entstehen lange
Schaltzeiten.
Größere Fahrzeuge, vor allem solche für den Einsatz im Gelände, sind zur op-
timalen Ausnutzung der Motorleistung mit Drehmomentwandlern (hydrodynami-
schen Getrieben) ausgerüstet. Die Umwandlung des Motordrehmoments erfolgt in
Abhängigkeit von der jeweiligen Belastung. Der Motor läuft stets im günstigsten
Leistungsbereich; der Drehmomentwandler steuert selbsttätig den Kraftbedarf. Da
ein Wandler nur in einem bestimmten Bereich wirtschaftlich genutzt werden kann,
muss bei Baumaschinen in der Regel ein mechanisches Getriebe nachgeschaltet
werden.
Bei Verwendung von Drehmomentwandlern können die nachgeschalteten Ge-
triebe unter Last geschaltet werden (aus Sicherheitsgründen sehr wichtig).
Von den Fahrzeugherstellern werden Nomogramme angegeben, woraus über
das Gesamtgewicht des Fahrzeugs und die jeweiligen Fahrwiderstände in den ein-
zelnen Teilstrecken des Transportweges die erreichbaren Geschwindigkeiten und
Bremsleistungen abgelesen werden können (Bild 5.32). Damit wird in der Praxis
die nachstehend dargestellte Berechnung der Umlaufzeit eines Fahrzeuges wesent-
lich vereinfacht.
Bild 5.32.1: Widerstands-Geschwindigkeits-Diagramm
110 5 Bauverfahren im Erdbau
Bild 5.32.2: Bremsleistung für unbegrenzte Gefällelänge
Bild 5.32: Fahrdiagramme für Muldenkipper CAT 773 D [5.40]
Alle weiteren Daten über Konstruktion, Gesamt- und Nutzlasten, Fördervolu-
men, Motorleistung und Ausrüstung von Transportfahrzeugen sind den ausführli-
chen Werksunterlagen der Hersteller zu entnehmen.
[Link] Bestimmung des Wagenparks – Anzahl der Fahrzeuge
Voraussetzung für die Bestimmung des Wagenparks ist die Ermittlung des Um-
fangs der Transportaufgabe und der erforderlichen Leistung je Zeiteinheit, der
Mengenverteilung, der Transportwege, des Ladegerätes sowie der Art und Größe
der einzusetzenden Fahrzeuge.
Die Anzahl der bei voller Leistung des Ladegerätes erforderlichen Fahrzeuge
lässt sich dann aus der Umlaufzeit eines Fahrzeuges, der Wagenfolgezeit und dem
Ladevolumen bestimmen.
Hierbei sind folgende Teilzeiten zu unterscheiden (Bild 5.33):
tl = Ladezeit an der Entnahmestelle
T = Rundfahrzeit (Teilzeiten für Vollfahrt, Leerfahrt, Kippen)
tw = Wagenwechselzeit am Ladegerät
Die Umlaufzeit eines Fahrzeuges beträgt somit
t u = t l + T + t w [min] (16)
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 111
Bild 5.33: Fahrzeugumlauf im Erdbau
Die Wagenfolgezeit setzt sich aus der Ladezeit und der Zeitspanne für den Wa-
genwechsel zusammen und beträgt
t f = t l + t w [min] (17)
Damit ergibt sich die Umlaufzeit nach Gl. 16 zu
t u = t f + T [min] (18)
Für die Bestimmung der Ladezeit gilt allgemein
VF ⋅ t s
tl = [min] (19)
VL ⋅ 60
Hierbei bedeuten
VF = Ladevolumen des Fahrzeuges [lm³]
VL = Grabgefäßinhalt des Ladegerätes [lm³]
ts = durchschnittliche Ladespielzeit [s]
In Gl. (19) ist jedoch nicht berücksichtigt, dass das Ladegerät während des
Fahrzeugwechsels einen weiteren Grabvorgang vollzieht und das Grabgefäß zum
Entleeren anhebt. Sowie das leere Fahrzeug bereitsteht, kann das gefüllte Grabge-
fäß entleert werden. Für die Verweilzeit des Fahrzeuges am Ladegerät ist bei die-
sem Arbeitsablauf daher ein Arbeitsspiel weniger anzusetzen als dem Ladevolu-
men entspricht; dafür ist die Wagenwechselzeit zu berücksichtigen.
Die Ladezeit eines Fahrzeuges ergibt sich dann zu
(n´ −1) ⋅ t s
t l = (n´−1) ⋅ t s [s] bzw. [min] (20)
60
112 5 Bauverfahren im Erdbau
wobei n´ die Anzahl der Schaufelfüllungen/Fahrzeug und ts die Dauer eines
Ladespiels ausdrückt. Damit beträgt die Verweilzeit des Fahrzeuges (Wagenfolge-
zeit) nach Gln. (17) und (20)
(n´ −1) ⋅ t s
tf = tl + tw = + tw [min] (21)
60
Für den Wagenwechsel tw sind
– bei Vorstoßen tw = 0 min (Kreisverkehr),
– bei Rückstoßen tw = 0,40 bis 0,60 min für LKW/SKW,
1,0 min für Sattelfahrzeuge
anzusetzen.
Wie schon erwähnt, wird vereinfacht für die praktische Leistungsbestimmung
die Ladespielzeit ts nach Tabelle 5 bzw. nach Herstellerangaben angesetzt [5.7,
5.18].
Aus der Umlaufzeit eines Transportfahrzeugs nach Gl. (18) und der Wagenfol-
gezeit nach Gl. (17) ergibt sich bei voller Leistung des Ladegerätes (technische
Leistung) die für den laufenden Betrieb erforderliche Anzahl an Fahrzeugen zu
tu T + tf T
z= = = + 1 [ −] (22)
tf tf tf
An weiteren Daten lassen sich noch die (maximale) Nutzladung und die An-
zahl der Fahrten/Stunde bestimmen. Hierbei ist zu prüfen, ob bei der gewählten
Anzahl von Ladespielen das Ladevolumen und die Tragfähigkeit des Fahrzeugs
nicht überschritten werden (s. Beispiel).
Die Nutzleistung eines Fahrzeuges (QFN) ergibt sich zu
60
Q FN = VFN ⋅ ⋅ fN [lm³/h] (23)
tu
Hierbei bedeuten VFN das genutzte Ladevolumen des Fahrzeugs und
fN der Nutzungsfaktor (Verfügbarkeit, s. Beispiel)
Die auf der Baustelle vorzuhaltende Anzahl an Transportfahrzeugen errechnet
sich damit zu
vD
zi = + Δz > z (Gl. 22) (24)
Q FN
Hierbei bedeuten
vD = Sollleistung des Erdbetriebs [fm³/h], Gl. 6
QFN = Fahrzeugleistung in fm³/h = lm³ · fA (s. Anhang A5)
Δz = Anzahl an Reservegeräten.
Ob man beim heutigen Stand schneller Reparaturmöglichkeiten (Netz von Ser-
vicestationen der Maschinenhersteller) noch Reservegeräte vorhält oder auf
Transportfirmen zurückgreift, ist fallweise zu entscheiden.
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 113
Die Ermittlung der Produktionsleistung eines Erdbetriebes aus dem Zusam-
menspiel von Ladegerät und Transportfahrzeug ist im Anhang A4 dargestellt.
Die Rundfahrzeit T eines Fahrzeuges errechnet sich aus der erreichbaren Ge-
schwindigkeit bei Voll- und Leerfahrt in den einzelnen Teilstrecken sowie der
Kippzeit zu:
T = t voll + t leer + t k [min] (Bild 5.33). (25)
Hierfür sind anzusetzen:
l voll l leer
t voll = [h], t leer = [h]. (26)
v voll v leer
Damit wird
l i voll l
T=∑ + ∑ i leer + t k (+ Δt ) [h] (27)
v i voll v i leer
Hierbei bedeuten:
li = Länge einer Teilstrecke [km],
vi = erreichbare Geschwindigkeit in der Teilstrecke [km/h].
Die Kippzeit tk ist nach Tabelle 7 anzusetzen.
Längen und Krümmungen der einzelnen Teilstrecken (li) ergeben sich aus dem
Lageplan der Transportstrecke. Steigungen und Gefälle aus dem Höhenplan, die
erreichbaren Geschwindigkeiten (vi) aus den technischen Daten der Fahrzeuge und
dem Zustand der Transportstrecke (Fahrwiderstände). Besondere Bedingungen des
Transportbetriebes, wozu bspw. Wartezeiten bei Einbahnverkehr, Verzögerungen
an Kreuzungen oder sonstige Geschwindigkeitsbegrenzungen aus den örtlichen
Fahrbahnverhältnissen gehören, sind im Einzellfall durch einen weiteren Zeitzu-
schlag Δt in Gl. (27) zu berücksichtigen.
Tabelle 7: Kippzeiten tk
Allgemein lässt sich die erreichbare Geschwindigkeit von Transportfahrzeugen
ermitteln
− durch Schätzen ungenau, nur anhand von Erfahrungen möglich,
− durch Abfahren der im Stadtverkehr bzw. für den Transport auf
Transportstrecke öffentlichen Straßen brauchbar; damit lassen
sich Einflüsse von Ampeln, Bahnübergängen,
des Stoßverkehrs erfassen,
− nach den Regeln der Fahrdynamik.
Diese werden nachstehend kurz dargestellt.
114 5 Bauverfahren im Erdbau
[Link] Fahrdynamische Grundlagen des Transportbetriebes
Fahrwiderstände
Die Fahrwiderstände sind vom Fahrzeugmotor zu überwinden. Seine Leistung er-
gibt die Felgenzugkraft des Fahrzeuges bzw. die zur Überwindung der Fahrwider-
stände verfügbare Zugkraft.
Die Fahrwiderstände bestehen aus
− dem Getriebewiderstand ηges
(alle mechanischen (hydraulischen) Verluste zwischen Motorschwungrad
(Abtriebswelle) und Laufradlagerung, ausgedrückt durch den
Gesamtwirkungsgrad),
− dem Rollwiderstand wR [kg/t] bei Geradeausfahrt auf ebener Fahrbahn
(resultiert i.W. aus der Reibung zwischen Reifen und Fahrbahn),
− dem Krümmungswiderstand wK (10 bis 20% von wR),
− dem Steigungswiderstand wS (aus Steigung bzw. Gefälle).
Bei der relativ geringen Geschwindigkeit von Transportfahrzeugen kann der
Luftwiderstand vernachlässigt werden.
Der Gesamtfahrwiderstand ergibt sich damit zu
W = w R + w K ± w S [kg/t] (28)
Die Rollwiderstände verschiedener Fahrwege (wR) sind in Tabelle 8 zusam-
mengestellt.
Der jeweilige Steigungswiderstand wS ist aus dem Höhenplan der Trans-
portstrecke zu entnehmen (Bild 5.33). Dabei sind für 1% Steigung 10 kg/t (0,010)
bzw. 0,01 kN/t anzusetzen.
Fahrgeschwindigkeit
Die zur Überwindung des Fahrwiderstandes erforderliche Antriebskraft (Zugkraft)
Zerf an den Triebrädern der angetriebenen Achse(n) eines Fahrzeuges beträgt
3,6 ⋅ N ⋅ η ges
Z erf = [kN] (29)
v
Hierbei bedeuten
N = max. Motorleistung [kW],
ηges = Gesamtwirkungsgrad (liegt zwischen 0,75 und 0,85),
v = Fahrgeschwindigkeit [km/h].
Daraus ergibt sich die erreichbare Geschwindigkeit zu
3,6 ⋅ N ⋅ ηges
v err = (30)
W ⋅G
wenn für Zerf der Gesamtfahrwiderstand W · G [kN] eingesetzt wird.
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 115
Tabelle 8: Rollwiderstandsbeiwerte wR für Geländefahrzeuge [5.1, 5.7]
wr 0,020 =ˆ 20 kg/t
1 kg =ˆ 1kp = 0,01 kN
1000 kp = 1000 · 0,01 kN = 10 kN
Gewicht G in t = 10 G in kN
Tabelle 9: Geschwindigkeitskorrekturfaktoren k
116 5 Bauverfahren im Erdbau
Hierbei bezeichnen
W = Gesamtfahrwiderstand nach Gl. 28 [kg/t],
G = Gesamtgewicht des Fahrzeuges (voll bzw. leer) in [kN].
Zur Umrechnung der Dimensionen [kg/t] und G [t] in kN siehe Erläuterung in
Tabelle 8 und das Beispiel in Anhang 6.
Die Gl. (30) gilt für den Beharrungszustand (stationär gleichförmiger Zustand,
d.h. konstante erreichbare Fahrgeschwindigkeit).
Beim Anfahren und Beschleunigen eines Fahrzeuges sowie beim Verzögern
und Bremsen ist bzw. wird die Fahrgeschwindigkeit reduziert. Für praktische Er-
mittlungen kann dies in erster Näherung durch einen Korrekturfaktor k nach Ta-
belle 9 berücksichtigt werden. Je kürzer eine Teilstrecke ist, desto kleiner ist die-
ser Faktor und umgekehrt.
Damit ergibt sich die im praktischen Betrieb erreichbare Geschwindigkeit eines
Transportfahrzeuges zu
3,6 ⋅ N ⋅ η ges
v err = k ⋅ [km/h] (31)
W⋅G
Über die hiernach erreichbaren Geschwindigkeiten in den einzelnen Teilstre-
cken lässt sich nach Gl. (27) tabellarisch die Rundfahrzeit eines Fahrzeugs be-
rechnen.
Dabei ist zu beachten:
1. Die jeweils erreichbare Geschwindigkeit verr kann nicht größer als vmax nach
dem Fahrdiagramm bzw. der Geschwindigkeit des Fahrzeugs in den einzelnen
Gängen (aus den Herstellerangaben) sein. Es ist also die jeweils niedrigere Ge-
schwindigkeit anzusetzen.
2. Bei Berg- und Talfahrt gilt
– vvoll bergab ≈ vvoll bergauf,
– vleer bergab ≈ vleer bergauf.
Nach der Erfahrung ist die Geschwindigkeit vvoll/leer bergab etwa gleich wie
bergauf. Aus Sicherheitsgründen fährt kein schwer beladenes Fahrzeug mit
Höchstgeschwindigkeit steil bergab. In der Literatur wird darauf keine Rücksicht
genommen, wenn für Gefällestrecken der Steigungswiderstand wS kommentarlos
negativ angenommen wird.
Zutreffend lässt sich die Geschwindigkeit eines Fahrzeuges bei Talfahrt nur ü-
ber seine Bremsleistung ermitteln. Dies gilt vor allem für schwere Erdbaufahrzeu-
ge (SKW), die mit Dauerbremsaggregaten ausgerüstet sind (s. Bild 5.32.2 und
[5.7] sowie Werksangaben der Hersteller über die technischen Daten ihrer Fahr-
zeuge [5.40]).
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 117
Übertragbare Zugkraft ZR (Reibung zwischen Rad/Achse und Fahrbahn)
Für die vom Fahrzeug auf die Fahrbahn übertragbare Zugkraft gilt
Z R = μ ⋅ G R ⋅ 10 −2 [kN] (32)
Hierbei bedeuten
μ = den Kraftschluss- (Haftreibungs-)beiwert [–] (Tabelle 10),
GR = das für die Kraftübertragung wirksame Fahrzeuggewicht
(Gewichtsanteil auf der (den) Antriebsachse(n) in [kg],
im Einzelfall aus den Herstellerangaben zu ermitteln),
GR ≤ Gesamtgewicht G
Ein Schlupfbeiwert ist in Gl. (32) vernachlässigt.
Fahrbedingung
Damit die angetriebenen Räder eines Fahrzeuges nicht durchdrehen, muss die
durch Reibung übertragbare Zugkraft ZR eines Fahrzeugs größer sein als die zum
Erreichen der jeweiligen (maximalen) Fahrgeschwindigkeit erforderliche Motor-
zugkraft Zerf, d.h.
Z R ≥ Z erf (33)
Hierfür sind anzusetzen
Z R = G voll (leer) ⋅ α ⋅ μ ⋅ 10 −2 [kN] (34)
Z erf = G voll (leer ) ⋅ α ⋅ Wmax [kN] (35)
Hierbei bedeuten
α = Beiwert für das anteilige Maschinengewicht, bezogen auf die
angetriebene(n) Achse(n) (GR /G aus Herstellerangaben)
μ = Kraftschlussbeiwert Reifen (bzw. Gleiskette) / Fahrbahn (Tabelle 10).
Soweit die Motorzugkraft nicht zur Überwindung der Fahrwiderstände erfor-
derlich ist, wird mit dem Differenzbetrag das Fahrzeug beschleunigt.
Dem mit der Steigung zunehmenden Fahrwiderstand wird die Antriebskraft
durch größere Übersetzungen (Wechselgetriebe) angepasst.
Die erreichbare Zugkraft eines Fahrzeugs bei einer bestimmten Geschwindig-
keit bzw. die mögliche Geschwindigkeit bei gegebenem Fahrwiderstand ergibt
sich aus dem Fahrdiagramm (Bild 5.32.1, A5, A6).
Die tabellarische Ermittlung der Transportleistung großer Muldenkipper
(SKW) ist in [5.20] i.E. dargestellt.
Auf den Erdtransport über Bandstraßen (Förderbänder) gehe ich nicht ein. Er
bildet einen Sonderfall für große Erdbewegungen.
118 5 Bauverfahren im Erdbau
Tabelle 10: Kraftschlussbeiwerte μ für Erdbaumaschine mit Rad- und
Gleiskettenfahrwerk [5.7]
Material Reifen Ketten
Beton 0,90 0,45
Steinbruchsohle 0,65 0,55
toniger, trockener Lehm 0,55 0,90
fester Boden 0,55 0,90
toniger, nasser Lehm 0,45 0,70
loser Boden 0,45 0,60
nasser Sand 0,40 0,50
Schotterweg 0,36 0,50
trockener Sand 0,20 0,30
fester Schnee 0,20 0,25
Eis 0,12 0,12
Kohle auf Halde 0,45 0,60
[Link] Stochastische Einflussgrößen und Transportsimulation
im Erdbau
In den vorhergehenden Abschnitten wurde, vom Ladegerät ausgehend, die Leis-
tung einer Transportkette nach konventionellen Methoden ermittelt. Die beiden
Maschinengruppen bilden mit den Einbau- und Verdichtungsmaschinen eine Ar-
beitskette. Wie die Erfahrung zeigt, ist mit konventionellen Methoden die Leis-
tung einer Produktionskette jedoch nicht hinreichend genau zu bestimmen.
Die Problematik ist in Bild 5.34 dargestellt. Bei einem Bagger mit einer Leis-
tung von 500 m³ pro Stunde und 5 Schwerlastwagen mit je 100 m³ Stundenleis-
tung müsste sich nach konventioneller Rechnung im Punkt A für diese 5 SKW ei-
ne Stundenleistung von ebenfalls 500 m³ ergeben (Leistungskurve 2). Tatsächlich
wird sich jedoch für das Bagger-SKW-System etwa die Leistungskurve 3 einstel-
len.
Bild 5.34: Leistung eines Bagger-LKW-Systems [5.42]
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 119
Im Idealfall einer Arbeitskette müssten die Fahrzeuge in regelmäßigen Abstän-
den (Wagenfolgezeit) am Ladegerät ankommen und abfahren (Bild 5.35.1). Unter
diesen idealisierten Voraussetzungen werden Ladegerät und Wagenpark konventi-
onell bemessen.
In der Praxis lässt sich eine derart „starre“ Arbeitskette im Sinne eines Fließ-
bandes nicht realisieren. Im Betrieb treten Störungen auf. Bspw. können wegen
wechselnder Bodenbeschaffenheit, durch Witterungseinflüsse, nicht zutreffende
Annahmen über Maschinenleistungen oder durch Maschinenstörungen die Lade-
spielzeit, die geplante Wagenwechselzeit, die Kippzeiten oder überhaupt die Um-
laufzeit, d.h. die angenommenen Zeitvorgaben nicht erreicht werden. Die Folge
ist, dass die Fahrzeuge nicht zeitgerecht am Ladegerät bereitstehen. Es bilden sich
Warteschlangen, die die Transportleistung reduzieren (Bild 5.35.2). Die Trans-
portleistung liegt dann unter dem theoretischen Sollwert, das Ladegerät und die
Fahrzeuge arbeiten nicht optimal und die Kosten/Mengeneinheit sind höher als
kalkuliert.
Die Ursache liegt darin, dass eine Reihe von Daten, auf die sich die Bemessung
der Maschinenleistungen stützt, Zufallsgrößen sind, die nach bestimmten Vertei-
lungen um einen Mittelwert streuen. Sie lassen sich durch das mathematische Mo-
dell einer eingliedrigen geschlossenen Warteschlange mit begrenzter Besetzung
(limitierter Population) beschreiben (Bild 5.36) und durch Variation der zunächst
angenommenen Betriebsbedingungen mit Hilfe computerunterstützter Simulation
berücksichtigen. Hierüber liegen Untersuchungen vor [5.42–5.44].
Bild 5.35.1: Theoretischer Idealfall einer Trans- Bild 5.35.2: Realfall (instationärer
portkette (Fließband, stationärer Zustand) Zustand mit Warteschlange)
Bild 5.35: Transportkette im Erdbau
Bild 5.36: Geschlossenes Warteschlangenmodell mit limitierter Population [5.43]
120 5 Bauverfahren im Erdbau
Der Unterschied zwischen der auf konventionelle Weise, unter Annahme kon-
stanter Teilzeiten, für Bagger und Fahrzeuge berechneten Transportleistung und
der tatsächlichen Förderung (bis zu 20%) kommt daher, dass aus den genannten
Gründen zumindest zeitweise teils Fahrzeuge auf das Beladen, teils Ladegeräte
auf Fahrzeuge warten.
Der Leistungsabfall gegenüber den konventionell ermittelten Größen wird
durch diesen diskontinuierlichen Ablauf umso größer, je mehr die Elementzeiten
schwanken und je mehr Ladegeräte und Fahrzeuge eine „Fertigungsstraße“ bilden.
Ein weiterer Nachteil der deterministischen Berechnung wird darin gesehen,
dass die angesetzten Einflussfaktoren global auf die Maschinenleistung [m³/Stun-
de] bezogen werden, während die Betriebsbedingungen in Wirklichkeit zu
Schwankungen der Elementzeiten führen und dadurch die Mittelwerte beeinflus-
sen.
Für die wirklichkeitsnahe Berechnung eines Erdbausystems müssen diese sto-
chastischen Schwankungen der Elementzeiten berücksichtigt werden. Dazu sind
stochastische Modelle notwendig, die dann auch Entscheidungshilfen zur Steue-
rung der Systeme liefern [5.42].
Bei der Ermittlung der Dauerleistung von Standbaggern nach Gl. (12) bzw. (13)
und der Transportleistung nach Gl. (23) werden diese stochastischen Einflüsse in
erster Näherung durch den zeitlichen Nutzungsgrad (Betriebszeitbeiwert) erfasst.
In der Leistungsermittlung für SKW nach [5.20] wird hierfür ein Transportbe-
triebs- und ein Nutzleistungsfaktor eingeführt.
Aus der Sicht der Praxis kann im oftmals sehr witterungsempfindlichen Erdbau
wegen der großen Bandbreite der Bodeneigenschaften und der erheblichen Zahl
leistungsbestimmender Faktoren daher nur die gemeinsame Auswertung prakti-
scher Erfahrungen und theoretischer Erkenntnisse zu einer zutreffenden Einschät-
zung im Dauerbetrieb führen [5.45].
[Link] Fahrwegunterhaltung / Wettereinfluss
Der Transportbetrieb ist in der Regel der aufwendigste Teilbetrieb im Erdbau und
damit ein Leitbetrieb der Baustelle. Sein weitgehend ungestörter Ablauf ist eine
wesentliche Voraussetzung für einen rationellen Baubetrieb.
Die laufende Unterhaltung und Pflege der Pisten durch Grader, Kehrmaschinen
und Sprengwagen hat entscheidenden Einfluss auf die Förderleistung.
Auch die Wetterempfindlichkeit des Bodens beeinflusst die Förderung. Dabei
sind zwei Grenzfälle zu unterscheiden:
Betrieb in nicht wetterempfindlichem Boden
Bei rolligen Böden und auf Fels ist durch Niederschläge keine Arbeitsunterbre-
chung zu erwarten. Mit größeren Maschinenschäden braucht ebenfalls nicht ge-
rechnet zu werden. Trotzdem sollten, ggf. auf Abruf, die erwähnten Reservegeräte
vorgehalten werden.
Die Wintermonate Januar bis März sind i.d.R. als Ausfallzeit zu betrachten, da
auch bei nicht wetterempfindlichem Boden durch Schnee und Frost der Fahrbe-
trieb behindert wird und gefrorener Boden nicht verdichtet werden kann.
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 121
Betrieb in wetterempfindlichem Boden
Für einen Kurzeinsatz gilt bei günstiger Witterung das Gleiche wie bei wetterun-
empfindlichen Böden. Bei längerem Einsatz bleiben verschiedene Möglichkeiten.
Zunächst sind bei Erdarbeiten in bindigen Böden schon in der Ablaufplanung
witterungsbedingte Ausfallzeiten (bspw. Regenzeiten) zu berücksichtigen. Bei
schlechtem Wetter muss der Förderbetrieb rechtzeitig eingestellt werden, da auf-
geweichter bindiger Boden das Befahren nicht zulässt und das Abtrocknen
wesentlich mehr Zeit beansprucht, als wenn der Betrieb vor dem Aufweichen des
Bodens eingestellt wird.
Soweit als möglich wird versucht, bei einsetzendem Regen auf nichtbindigen
Boden auszuweichen, soweit es die Bauaufgabe zulässt. Dafür sollten in der Ab-
laufplanung Variationsmöglichkeiten (Einsatzpläne) vorgesehen werden. Im übri-
gen wird bei trockenem Wetter der Betriebsmitteleinsatz häufig verstärkt
(bspw. 2-Schicht-Betrieb mit 2 x 10 h „rund um die Uhr“, in den verbleibenden 2
x 2 Stunden Wartungsarbeiten und Auftanken).
Das Problem liegt darin, dass bei Niederschlägen die obere Schicht bindiger
Böden aufgeweicht wird. Der Schlamm macht den Förderbetrieb unmöglich. Die-
ser Zeitpunkt ist etwa erreicht, wenn der Boden so viel an Niederschlagswasser (in
mm) aufgenommen hat, wie seine Plastizitätsziffer angibt.
In der Praxis wird bei einsetzenden Niederschlägen der Förderbetrieb früher
eingestellt. Man vermeidet dadurch die Folgen zerwühlter Fahrbahnen. Tiefe
Fahrspuren, in denen sich das Wasser ansammelt, erfordern nach der Regenperio-
de umfangreiche Planierarbeiten (das bedeutet verzögertes Wiederanlaufen des
Transportbetriebes und zusätzliche Kosten).
Die Fahrbahn sollte Dachprofil oder Quergefälle aufweisen, wobei Abfluss-
möglichkeiten für Oberflächenwasser zu schaffen sind.
Die Kippe muss vor drohenden Niederschlägen mit einem Quergefälle ≥ 6%
abgezogen und verdichtet werden [5.10].
Der die Leistung in bindigen Böden beeinflussende, witterungsbedingte zeitli-
che Nutzungsfaktor fW, der die Leistungsminderung aus den genannten Schwie-
rigkeiten ausdrückt, hängt von der Niederschlagsmenge und -häufigkeit ab. Er
sollte in der Bundesrepublik für normale Witterung wenigstens zwischen 0,85 und
0,95 berücksichtigt werden, soweit durch den o.g. Trockenwettereinsatz „rund um
die Uhr“ nicht ein Ausgleich möglich ist.
Weitere Einzelheiten, wie bei Schlechtwetter in bindigen Böden zu verfahren
ist und die Möglichkeiten eventueller Bodenstabilisierung gehen aus der Spezialli-
teratur hervor [5.1].
5.3.3 Fahr- und Flachbagger (Teilvorgang T1 bis T4)
Das bisher dargestellte Verfahren für das Lösen, Laden und Transportieren von
Erdbaustoffen, der Bagger-LKW-Betrieb, ist die in Mitteleuropa für die gängige
Erdbewegung übliche Einsatzform. Für flache Abträge und kurze Transportentfer-
nungen ist sie zu aufwendig bzw. nicht anwendbar.
122 5 Bauverfahren im Erdbau
In den USA wurden für derartige Einsätze schon vor Jahrzehnten Spezialma-
schinen entwickelt, die nach dem 2. Weltkrieg in größerem Umfang auch in Mit-
teleuropa eingesetzt wurden: die Fahr- und Flachbagger (Bild 5.7). Sie arbeiten
teils absatzweise, teils kontinuierlich und vollziehen als Fahrbagger wie bei
Standbaggern die Teilvorgänge 1 und 2, als Flachbagger die Teilvorgänge 1 bis 4.
Je nach den Bodenverhältnissen bewirken sie durch Vorverdichtung des eingebau-
ten Bodens teilweise auch den Teilvorgang 5.
Über ihre Bauart, Arbeitsweise und Einsatzbedingungen gibt es umfangreiche
Literatur [5.1, 5.7]. Sie sollen deshalb nur kurz dargestellt werden.
[Link] Fahrbagger
Die Fahrbagger (Rad- und Kettenlader) sind verfahrenstechnisch die Zwischenstu-
fe zwischen Stand- und Flachbaggern. Ihre Ladeschaufel führt ähnliche Grabbe-
wegungen wie ein Hoch- oder Tieflöffelbagger aus. Der Unterschied zu diesen be-
steht darin, dass ein Standbagger beim Lösen und Laden nur den Oberwagen mit
dem Grabwerkzeug bewegt, während Lader beim Arbeitsvorgang die gesamte
Maschine bewegen müssen.
Der Vorteil von Fahrbaggern liegt darin, dass sie Ortswechsel zwischen ver-
schiedenen Einsatzstellen schnell vornehmen können. Dies gilt besonders für Rad-
lader, die aber nur geringere Grabkräfte als ein Bagger aufweisen und deshalb als
Löse- und Ladegerät nur bei leichtem bis schwerem Boden (Bodenklasse 5) einge-
setzt werden können.
Für Schüttgut bzw. vorgelockerten Boden, in Sonderfällen auch für Frischbe-
ton, sind Radlader ein sehr brauchbares Lade- bzw. Umschlaggerät (bspw. zur Si-
lobeschickung von Beton- und Asphaltmischanlagen aus der Deponie der Zu-
schlagstoffe).
Bei den Fahrbaggern werden die Teilvorgänge 1 und 2 (lösen und laden) durch
eine Kombination von Fahrbewegung und (hydraulischer) Bewegung des Grabge-
fäßes, der Ladeschaufel, vollzogen. Die Maschine lädt entweder auf Förderfahr-
zeuge, in den Aufgabetrichter eines Förderbandes (Silo) oder auf Halde. Wegen
der geringen Hubhöhen dieser Maschinen gegenüber Baggern (Bild 5.37) sind die
Ladebordwandhöhen der Fahrzeugmulden bzw. der Silo-Aufgabetrichter für das
Zusammenspiel mit dem Lader maßgebend.
Die gegenüber Kettenladern wesentlich beweglicheren Radlader können bei ge-
ringen Mengen den Boden auch über kurze Entfernungen bis etwa 250 m wirt-
schaftlich transportieren und vollziehen damit auch den Teilvorgang 3 (Transport
[5.7]).
Für Radlader bis etwa 30 t Einsatzgewicht mit Straßenzulassung ist ein Orts-
wechsel auf eigener Achse über öffentliche Straßen möglich [5.7].
Radlader
Radlader werden in den Leistungsklassen von 28 bis 932 kW bei Schaufelinhalten
von 0,7 bis 18,0 m³ gebaut (Großradlader mit 25 m³-Schaufel).
Sie werden in der Regel als Frontlader (Bild 5.37), kleine Geräte auch als
Schwenkschaufellader (Bild 5.38) gebaut und können mit Kombischaufel (für
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 123
Planieren, Schürfen, Laden, Greifen) ausgerüstet werden. Als Zusatzausrüstung
sind eine robuste Felsschaufel, Leichtgutschaufel, Siebschaufeln, Kranhaken, Ga-
belzinken, Holzladeschaufel und Heckaufreißer möglich.
Das Radfahrwerk ist, je nach den Einsatzbedingungen, mit Allrad-, Hinterachs-
oder Vorderachsantrieb sowie mit Allrad-, Hinterachs- oder (heute meist) Knick-
lenkung mit bis zu 40° Einschlag nach beiden Seiten konstruiert.
Die Kraftübertragung des Dieselmotors geschieht über Drehmomentwandler
und Voll-Lastschaltgetriebe.
Die wirtschaftliche Förderweite reicht bis 250 m.
Mögliche Einsätze sind Bodenabtrag und Baugrubenaushub an häufig wech-
selnden Einsatzorten bei nicht zu schwerem Boden, Schüttgutumschlag und im
Steinbruch bei gesprengtem Fels (hier häufig mit Kettenschutz für die Reifen).
Ein wichtiges Kriterium für Radlader ist die Tragfähigkeit der Reifen [5.18,
5.47].
Bild 5.37: Radlader Typ L 522 [5.18]
Bild 5.38: Schwenkschaufellader [5.46]
124 5 Bauverfahren im Erdbau
Baggerlader
Der Baggerlader (Bild 5.39) ist aus einer Landmaschine (Ackerschlepper mit An-
baugeräten) entstanden. Er ist als selbständige, hydraulisch gesteuerte Mehr-
zweckbaumaschine (30 bis 70 kW Motorleistung) einsetzbar, ausgerüstet mit
Frontschaufel (bis max. 1,2 m³ Inhalt) und seitenversetzbarem Hecktieflöffel
(max. 0,3 m³ Inhalt) mit Abstützvorrichtung. Er gewinnt wegen seiner universel-
len Einsatzmöglichkeiten (verschiedene Anbaugeräte) für kleine Erdarbeiten und
als Mehrzweckmaschine für kleinere Baustellen seit einigen Jahren bei Bauunter-
nehmungen und Kommunalbetrieben zunehmend an Bedeutung [5.48].
Bild 5.39: Baggerlader [5.48]
Für den Baustelleneinsatz ist Allradantrieb und Knicklenkung (enger Wendera-
dius) unabdingbar.
Als weitere Ausrüstungen sind Grabenlöffel, Greifer, Klappschaufel, Lastha-
ken, Staplereinrichtung, Kehrmaschine und Frontaufreißer möglich.
Kettenlader (Laderaupen)
Kettenlader werden in den Leistungsklassen von 53 bis 160 kW bei Schaufelinhal-
ten von 1,0 bis 2,9 m³ gebaut.
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 125
Als Ausrüstung kommen Frontlader mit Lade- und Klappschaufel (Bild 5.40),
mit Schwenkaufreißer, und Lader mit Kombischaufel (Planieren, Laden, Greifen,
Schürfen) vor. Als Zusatzausrüstung sind Felsschaufel, Abbruchschaufel und
Heckaufreißer (meist Mehrzahnaufreißer) möglich, letzterer schwenkbar oder mit
Parallelführung (s. Bild 5.42).
Das Fahrwerk besteht aus Gleisketten auf Lauf- und Stützrollen (Traktorlauf-
werk). Kraftübertragung vom Dieselmotor über Drehmomentwandler und Voll-
Lastschaltgetriebe wie bei Radladern.
Die wirtschaftliche Förderweite ist mit max. 60 m geringer als beim Radlader.
Mögliche Einsätze sind der Aushub enger Baugruben über steile Innen- oder
Außenrampen, Abtrag in schwerem, nassem Boden, Abbrucharbeiten, im Stein-
bruch.
Rad- und Kettenlader können bei nicht zu großem Arbeitsumfang auch zum
Humusabtrag und für Planierarbeiten eingesetzt werden.
Bild 5.40: Laderaupe [5.18]
[Link] Flachbagger
Im Gegensatz zu Stand- und Fahrbaggern führen Flachbagger während eines Ar-
beitsspiels mehrere Teilvorgänge aus (Lösen, Füllen (Laden), Transportieren, Ein-
bauen und ggf. noch Vorverdichten).
Flachbagger lösen (schälen) bei der Bewegung der Schürfwerkzeuge gegen den
Boden das zu fördernde Material in 10 bis 40 cm dicken Schichten ab, transportie-
ren es durch Schild oder Kübel und tragen es auf der Kippe lagenweise auf. We-
sentlich für die Verwendbarkeit der Geräte ist das Verhalten bei den Teilvorgän-
gen 1 und 2, dem Lösen und Füllen, da hierbei die größten Arbeitswiderstände
auftreten (Roll-, Schürf- und Füllwiderstand). Die an der Schneide des Schürf-
126 5 Bauverfahren im Erdbau
werkzeugs (Schild oder Kübel) wirksame Scherkraft hängt vom mechanisch er-
zeugten Vorschub des Trägerfahrzeugs und damit vom Kraftschluss zwischen
Fahrwerk und Boden ab. Sie muss größer sein als die Scherfestigkeit des anste-
henden Bodens.
Unter den Flachbaggern sind Planierraupen, Radplanierer, Motorschürfwagen
(Scraper), Schürfkübelraupen, Grader und Bandlader zu unterscheiden. Ihre
Einsatzmöglichkeiten im Erdbau können nur kurz aufgezeigt werden. Auch ihre
Leistungsermittlung soll nur in den Grundzügen dargestellt werden. Einsatzmög-
lichkeiten und Leistung hängen bei diesen Maschinen weit mehr als bei Bagger-
LKW-Betrieb vom anstehenden Boden, seiner Wetterempfindlichkeit, den Stand-
ortbedingungen der Baustelle, der Einsatztechnik, dem Können der Maschinenfüh-
rer und den Erfahrungen einschließlich dem für derartige Einsätze erforderlichen
Fingerspitzengefühl der Bauleitung ab, so dass treffsichere Prognosen nur anhand
von Detailuntersuchungen möglich sind. Hierfür muss neben eigenen Erfahrungen
die Spezialliteratur herangezogen werden [5.1, 5.7, 5.18, 5.20, 5.49].
Der folgende Überblick soll die möglichen Einsatzformen und Verfahren der
genannten Maschinen bei flachen Abträgen im Erdbau aufzeigen sowie Hinweise
zur Leistungsermittlung geben, die es gestatten, in erster Näherung Kennzahlen
für die Verfahrenswahl, die Ablaufplanung, die Kostenberechnung und damit für
Vergleichskalkulationen zu ermitteln.
Planierraupen (Kettendozer)
Planierraupen werden in den Leistungsklassen von 53 bis 634 kW gebaut [5.18,
5.49].
Als Ausrüstung sind Brustschild, Schwenkschild und U-Schild möglich (Bild
5.41). Weitere Grundausrüstung ist in der Regel ein Heckaufreißer (Ein- oder
Bild 5.41: Planierraupe mit Schwenkschild (links) und U-Schild (rechts) [5.18]
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 127
Bild 5.42: Heckaufreißer für Planierraupen (PR 751, [5.18])
Mehrzahnaufreißer, Bild 5.42). Schild und Heckaufreißer werden hydraulisch be-
tätigt.
Als Zusatzausrüstung sind Schubplatten, Seitenkraneinrichtung mit Gegenge-
wicht (Rohrleger) sowie Front- und Heckwinde möglich.
Das Fahrwerk besteht aus Gleisketten auf Roll- und Stützrollen (Traktorlauf-
werk). Als Spezialausführung ist ein Moorkettenlaufwerk mit besonders breiten
Gleisketten möglich (dadurch geringster Bodendruck).
Die Kraftübertragung vom Dieselmotor geschieht mit Drehmomentwandler und
Volllastschaltgetriebe (Schalten ohne Kuppeln unter Last).
Die wirtschaftliche Förderweite beträgt maximal etwa 100 m.
Typische Einsätze der Planierraupe sind flache Abträge in leichtem bis schwe-
rem Boden (Ab- oder Zusammenschieben des Bodens), Humusabtrag, Moor- und
Rodungsarbeiten, Auflockern und Aufreißen des Bodens (mit schwersten Geräten
(D11R, 634 kW) auch im noch reißbaren Fels), Planum herstellen, Hinterfüllen
von Bauwerken, Anlegen von Halden, Beschicken von Bunkern sowie als Schub-
raupe bei Scraper-Einsätzen.
Beim Herstellen und Andecken von Böschungen (Mutterboden) können Nei-
gungen bis etwa 1:2 (max. 1:1) befahren werden (Spandicke von Bodenart abhän-
gig).
An Teilvorgängen werden Lösen, Transportieren und Einbauen vollzogen (T1,
T3 und T4); das Laden entfällt.
Für das rationelle Herstellen großflächigen Planums können Planierraupen (wie
auch Radplanierer, Bagger, Radlader und Grader) mit Lasersystemen zur exakten
Höhen- bzw. Planumskontrolle ausgerüstet werden [5.49]. Ich gehe nachstehend
unter Gradern noch kurz darauf ein.
Radplanierer
Radplanierer werden in den Leistungsklassen von etwa 110 bis 435 kW gebaut.
Als Ausrüstung sind Brustschilde für Heben, Senken oder Kippen möglich,
weiterhin Spezialschilde, leichte Heckaufreißer oder Schubplatten (Bild 5.43).
Das Radfahrwerk ist mit einer Knicklenkung ausgestattet.
Die Kraftübertragung vom Dieselmotor geschieht mit Drehmomentwandler und
Volllastschaltgetriebe.
128 5 Bauverfahren im Erdbau
Die wirtschaftliche Förderweite beträgt maximal etwa 100 m.
Wegen der geringen Einsatzmöglichkeiten unter mitteleuropäischen Bedingun-
gen werden die Kenndaten dieser Geräte nur in Stichworten angegeben.
Mögliche Einsatzbereiche sind Bodeneinbau (Planum herstellen), Anlegen von
Halden, Hinterfüllen von Bauwerken oder das Beschicken von Bunkern.
Aufgrund des nur geringen Kraftschlussbeiwertes der Reifen ist der Einsatz
beim Schürfen auf leichte bis mittelschwere Böden begrenzt. Der Straßentransport
auf eigener Achse ermöglicht einen schnellen Standortwechsel.
Bei sehr abrasivem Boden ist der Verschleiß eines Kettenlaufwerks sehr groß.
Der Radplanierer ist dann der Planierraupe überlegen.
Die einzelnen Teilvorgänge sind mit denen der Planierraupen identisch.
Bild 5.43: Radplanierer (Wheel Dozer 824 G) [5.49]
Motor-Schürfzüge (Scraper)
Motorschürfzüge bestehen aus einem 1-achsigen Fronttraktor mit einem aufgesat-
telten, vorne und oben offenen liegenden Kübel, der hydraulisch angehoben und
abgesenkt werden kann. Am unteren Rand des offenen Kübels sind Schneidmesser
angebracht. Für den Bodentransport ist der Kübel vorne mit einer hochklappbaren
Stirnwand (Schürze) und hinten mit einer längsverschieblichen Rückwand zum
Entleeren (Ausstoßer) versehen. Zum Schürfen (Bodenabtrag) während der Fahrt
wird der Kübel abgesenkt.
Die Leistungsklassen von Motorschürfzügen liegen zwischen 140 und 470 kW
bei Kübelinhalten von etwa 8,4 bis 34 m³ (vmax bis 50 km/h).
Bauarten dieser Maschinen sind
− Einachs-Zugmaschine (Standard-Schürfzug, Bild 5.44)
Die Kraftübertragung erfolgt durch einen Dieselmotor mit Drehmomentwandler
(im 1. und 2. Gang Volllastschaltgetriebe, der 3. Gang und die höheren Gänge
sind direkt schaltbar).
Zum Schürfen (max. Bewegungswiderstand) ist eine Schubraupe erforderlich
(Bild 5.45). Ihre Einsatzmöglichkeiten sind dort dargestellt.
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 129
Bild 5.44: Motorschürfzug (Scraper) mit 1-Achs-Fronttraktor [5.49]
− Doppelmotor-Schürfzug
Bei diesen Geräten ist zur Überwindung des Schürfwiderstandes ohne Schub-
raupe und größerer Steigungen im beladenen Zustand ein zweiter Motor über
der Schürfkübelachse (Hinterachse) angeordnet (Allradantrieb, Bild 5.46).
Gesamtmotorleistung bis zu 430 + 298 = 728 kW.
− Selbstlade-Schürfzug (Elevator-Scraper)
Durch den vor und über der vorderen Kübelöffnung angeordneten Elevator
wird der Füllwiderstand wesentlich vermindert (Bild 5.47.1); dadurch ist eben-
falls keine Schubraupe erforderlich.
Um einen größeren Füllungsgrad zu erreichen, kann als weitere Variante in den
Kübel ein Schneckenrad auf einer vertikalen Welle eingebaut werden, das hyd-
raulisch angetrieben wird (Bild 5.47.2, [5.49])
Für den kombinierten Einsatz von zwei Geräten ohne Schubraupe können Dop-
pelmotor-Schürfwagen zusätzlich mit „Push-Pull“-Ausrüstung (Schubblock und
hydraulisch betätigtem Bügel vorn, sowie Haken und verlängertem Schubrahmen
hinten) ausgerüstet werden. Beim Schürfen wird das vordere Gerät zunächst vom
(leeren) hinteren geschoben, das hintere dann über die Hakenverbindung vom (be-
ladenen) vorderen gezogen.
Die wirtschaftlichen Förderweiten liegen etwa zwischen 200 und 1500 m.
Mögliche Einsätze sind großflächige flache Abträge in leicht lösbaren Böden
mit großflächigen Kippen; in stark wasserhaltigen Böden ist ein wirtschaftlicher
Einsatz nicht möglich.
Die Schürftiefe erreicht etwa 45 cm, die Auftragshöhe etwa 60 cm.
An Teilvorgängen werden Lösen (Schürfen), Füllen, Transportieren, Einbauen
(T1 bis T4) und Vorverdichten vollzogen.
Die genauen Maße und Kübelinhalte von Schürfzügen sind aus den jeweils gül-
tigen Prospekten der Hersteller zu entnehmen [5.49].
130 5 Bauverfahren im Erdbau
Allgemein gilt, dass bindiger Boden mit Scrapern mit geringerem Aufwand zu
schürfen ist als rolliger Boden. Schubscraper sind erst bei Massenbewegungen ab
300000 fm³ wirtschaftlich.
Bild 5.45: Scrapereinsatz mit Schubraupe
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 131
Hinsichtlich besonderer Einsatzdetails und -voraussetzungen verweise ich auf
die Literatur [5.7].
Motorleistung Vorderachse (Traktor) 410 kW/550 PS
Hinterachse (Scraper) 298 kW/400 PS
Transportvolumen gehäuft 33,6 m3
gestrichen 24,5 m3
Nutzlast 47 174 kg
Gesamtgewicht (Standard) 68 860 kg
Geschwindigkeit bis 50 km/h
Bild 5.46: Doppelmotor-Schürfzug CAT 657 E [5.49]
Bild 5.47.1: Selbstlade-Schürfzug mit Elevator
132 5 Bauverfahren im Erdbau
Bild 5.47.2: Selbstlade-Schürfzug mit Schneckenrad CAT 657 E
Bild 5.47: Selbstlade-Schürfzüge [5.49]
Schürfkübelraupen
Schürfkübelraupen werden in den Leistungsklassen 148 und 211 kW bei Kübelin-
halten von 7,7 und 9,5 m³ gebaut.
Als Ausrüstung sind Schürfkübel zwischen hydraulisch heb- und senkbaren
Gleiskettenträgern, Brustschild und Brustaufreißer und Wateinrichtungen für Ein-
sätze im Wasser möglich (Bild 5.48).
Bild 5.48.1 und 5.48.2:
Schürfkübelraupe [5.51]
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 133
Bild 5.48.2
134 5 Bauverfahren im Erdbau
Es werden Gleis- und Moorkettenfahrwerke gebaut.
Die Kraftübertragung vom Dieselmotor geschieht mit Drehmomentwandler und
Lastschaltgetriebe.
Die wirtschaftliche Förderweite reicht bei Einsatz des Brustschildes bis etwa 30
m, bei Einsatz des Schürfkübels bis etwa 250 m.
Mögliche Einsatzbereiche sind (flache) Abträge in leichtem bis mittelschwe-
rem und besonders in weichem oder wasserhaltigem Boden (das Gerät arbeitet im
Wasser bis zu 1,00 m, mit Wateinrichtung bis zu 1,80 m Tiefe). Auch bei Deich-,
Damm- und Wasserbauten, im Kulturbau und bei Meliorationen, zur Gewässerrei-
nigung und bei Flussbegradigungen sind die Geräte zu finden.
Grader
Grader werden in den Leistungsklassen von etwa 30 bis 380 kW bei Einsatzge-
wichten von 4 bis 60 t gebaut.
Als Ausrüstung kommen 2,50 bis 7,20 m lange, raumbewegliche Pflugschare
zum Einsatz. Die Scharsteuerung erfolgt kombiniert mechanisch und hydraulisch
(Bild 5.49). Zusätzlich werden Heckaufreißer, leichte Frontaufreißer vor der
Schar, Scharkübel und Frontschilde montiert. Der Sturz der Vorderräder kann um
15 bis 25° verstellt werden, die max. Geschwindigkeit beträgt ca. 50 km/h.
Beim Radfahrwerk findet man vorherrschend Dreiachs-Fahrwerke mit Tan-
demantrieb (hinten), bei kleinen Geräten und Gradern mit Zweiachs-Fahrwerk
Allradantrieb oder nur Hinterachsantrieb.
Die Kraftübertragung vom Dieselmotor geschieht mit Drehmomentwandler und
Volllastschaltgetriebe.
Mögliche Einsätze sind beim Herstellen von Feinplanum, Herstellen u. Reini-
gen von Banketten, Schneiden von Böschungen und Gräben, Flachabtrag, Einbau
von Frost- und Sauberkeitsschichten sowie von Beton- und Schwarzdeckenlagen
im Straßen- und Flugplatzbau, Instandhaltung (Pflege) von Transportwegen auf
Erdbaustellen, Aufreißen zu erneuernder Straßendecken und Wirtschaftswege.
An Teilprozessen werden Lösen, Transportieren und Einbauen vollzogen; La-
den entfällt (wie Planierraupe).
Für das Herstellen von großflächigem Feinplanum ist – wie auch bei Planier-
raupen – über ein zusätzliches Steuergerät die automatische Scharsteuerung mit
rotierendem Laserstrahl als Bezugsebene möglich (Höhen-, Planumskontroll- und
Nivelliersysteme [5.49]).
Inzwischen wurde – über den Lasereinsatz hinaus – für Erdarbeiten ein Funk-
übertragungssystem entwickelt (Global Positioning System GPS), das selbst bei
Nebel, starker Staubentwicklung und Nachts eine zuverlässige Positionsbestim-
mung und Maschinenführung bietet. Absteckpflöcke und Leitdrähte entfallen.
Dieses System erfordert einen Projektentwurf in digitaler Form, der zu Beginn
des Projekts bzw. für einen neuen Projektabschnitt in den Bordcomputer geladen
wird. Das System berechnet mit Hilfe des Entwurfs den an einem bestimmten
Punkt erforderlichen Ab- oder Auftrag. Site Vision GPS verwendet eine GPS-
Kalibrierung mit dem für das Projekt benötigten Koordinatensystem.
Zusätzlich zum Entwurf und der Kalibrierung benötigt das System GPS-Daten
für die Schildführung. Die GPS-Signale werden von den Antennen empfangen
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 135
und an den Empfänger übertragen. Gleichzeitig überträgt die Referenzstation Da-
ten per Funk an den Empfänger. Diese Daten werden für die Berechnung der
Schildstellung und der Querneigung des Schilds zusammengeführt und auf dem
Bordcomputer graphisch dargestellt (Trimble Navigation Limited, Site Vision
GPS, Ein Maschinenkontrollsystem für die Bauindustrie [5.50]).
Bild 5.49: Motorgrader (Straßenhobel) Cat 12H [5.49]
Bandlader
Hierbei sind stationäre und mobile Geräte zu unterscheiden [5.1]. Ihr Vorteil liegt
in sehr kurzen Ladezeiten für große Mengen.
Mobile Bandlader schälen (lösen) den Boden (oder Humus) bei Vorwärtsfahrt
ab. Über ein schräges Steigband hinter der Schneide wird er in neben dem Gerät
fahrende Transportfahrzeuge geladen.
Stationären Bandladern muss der Boden durch eine Planierraupe zugeschoben
werden.
Da Bandlader seit Jahren in der BRD nicht mehr eingesetzt werden, gehe ich
nicht weiter darauf ein.
136 5 Bauverfahren im Erdbau
[Link] Grundlagen der Leistungsbestimmung von Fahr-
und Flachbaggern
Allgemein ergibt sich die Stunden- bzw. Schichtleistung dieser Maschinen wie bei
den Standbaggern aus dem Nenninhalt des Grab- bzw. Fördergefäßes – bei Pla-
nierraupen, Radplanierern und Gradern der Schildfüllung –, dem Materialgewicht,
der Auflockerung des Bodens, dem Füllungsgrad, der Anzahl der Umläufe
(Arbeitsspiele) pro Stunde bzw. Schicht und dem Nutzungsgrad.
Für die typischen Maschinen (Radlader, Planierraupen, Grader und Motor-
schürfwagen) wird die Förderleistung im Dauerbetrieb nachstehend in erster Nä-
herung abgeleitet.
Die für den Bodentransport mit Muldenkippern sowie Fahr- und Flachbaggern
mit Radfahrwerk ermittelten Leistungen setzen voraus, dass die Maschinen mit
geeigneten Reifen bestückt sind. Für den Einsatz im Gelände gibt es verschiedene
Spezialreifen, die nach den Einsatzbedingungen der einzelnen Maschinen auszu-
wählen sind [5.1, 5.7, 5.18, 5.49]. Die Standzeit der Reifen ist ein erheblicher
Kostenfaktor.
[Link] Leistung von Radladern (Fahrbaggern)
Einsatzart
Der Einsatz von Fahrbaggern geht aus Bild 5.50 hervor. Die Maschine löst durch
Vorstoßen und Kippen der abgesenkten Schaufel den Boden an der Wand oder
nimmt ihn aus dem Haufwerk auf (1), fährt mit beladener Schaufel im Kreis zu-
rück (2), dann gerade zum bereitstehenden LKW vor (3), entlädt (4), fährt gerade
leer zurück (5) und im Bogen wieder vor die Wand (6), wo sich der Grab- oder
Ladevorgang wiederholt.
Bild 5.50: Einsatz von Fahrbaggern für das Lösen und Laden
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 137
Leistung
Das Arbeitsspiel eines Rad- oder Kettenladers umfasst demnach 6 Arbeitsschritte
(Bild 5.50). Sie bestehen teils aus Füllen (Graben), Heben, Entleeren und Absen-
ken des Grabgefäßes, teils aus Vor- und Rückwärtsfahrt, wobei sich Grabgefäß-
und Maschinenbewegungen überschneiden. Als Gesamtzeit ergibt sich die Spiel-
zeit, auf die Stunde bezogen die Spielzahl (bei pausenloser Arbeit). Mit den sinn-
gemäß wie bei Bagger – LKW – Beladung anzusetzenden weiteren Einflussfakto-
ren und unter Berücksichtigung maximaler Schaufelfüllung (sowie hinreichender
Standsicherheit der Maschine bei angehobener Schaufel) ergibt sich bei vorgege-
bener Produktions- (Dauer-)leistung die Größe des Grabgefäßes und damit des
Grundgeräts und in umgekehrter Reihenfolge die Grund- und Dauerleistung der
Maschine.
Füllungsgrad und Spieldauer werden beim Graben an der Wand von der
Losbrech- und Hubkraft der Maschine beeinflusst.
Die im Einzelfall anzusetzenden Daten sind aus Herstellerangaben und der
Spezialliteratur zu entnehmen [5.7, 5.18, 5.49].
[Link] Leistung von Planierraupen, Reifenplanierern und Gradern
Die Arbeitsweise dieser Geräte geht im Prinzip aus Bild 5.51 hervor. Die Förder-
weite beträgt 100 m (bei Großgeräten 120 bis 150 m).
Bild 5.51: Arbeitsweise von Planierraupen
Für die Förderleistung ist neben der Spielzeit die Schildfüllung VS maßgebend
(Bild 5.52). Sie beträgt angenähert:
1 2
VS = ⋅ h ⋅ b [lm³] (36)
2
Die Schildabmessungen b und h und die Schildkapazität sind aus den Werksun-
terlagen der Hersteller zu entnehmen.
138 5 Bauverfahren im Erdbau
Daraus ergibt sich die Dauerleistung in erster Näherung zu
VS ⋅ f ⋅ k
Q ′n = ⋅ 60 [lm³] (37)
T
VS = Schildkapazität,
f = Füllungsgrad des Schildes,
T = Umlaufzeit der Maschine (Spielzeit) [min],
k = Betriebszeitbeiwert (0,50 bis 0,83).
Sie ist über den Auflockerungsfaktor AF in fm³ (Q) umzurechnen.
Die Umlaufzeit T ergibt sich zu
T = t c1 + t c 2 + t v [min] (38)
Hierbei bedeuten
tc = Zeitkonstante = tc1 + tc2 ,
tc1 = Schürfzeit bis zur vollen Schildfüllung,
tc2 = Entleerungszeit,
tv = Fahrzeit (variabel).
Damit wird
l voll l
T = tc +( + leer ) ⋅ 60 [min] (39)
v voll v leer
wobei: tc = 0,5 min für Planierraupen,
tc = 0,3 min für Reifenplanierer,
l = mittlere Transportentfernung [km],
v = mittlere Fahrgeschwindigkeit [km/h].
Die optimale Leistung wird erreicht, wenn eben oder bergab geschürft wird;
bergauf sind auf längeren Strecken 15% Steigung möglich.
Für die genaue Ermittlung der Leistung von Planierraupen, auch für das Fels-
reißen, sei auf die Spezialliteratur und Werksangaben verwiesen [5.7, 5.18, 5.20].
Das Verfahren nach [5.20] ist in Anhang 7 dargestellt.
Bild 5.52: Angenäherte Schildfüllung von Planierraupen
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 139
[Link] Leistung von Motorschürfzügen (Scrapern)
und Schürfkübelraupen
Die Arbeitsweise eines Motorschürfwagens im Ringfahrbetrieb geht aus Bild 5.53
hervor.
Die Dauerleistung eines Scrapers bzw. einer Schürfkübelraupe beträgt demnach
in erster Näherung
Vw ⋅ f ⋅ k
Qn = ⋅ 60 [lm³] bzw. (40)
T
Q n = Q′n ⋅ A F [fm³] (40a)
wobei: Vw = Kübelinhalt [m³],
f = Füllungsgrad des Kübels,
k = Betriebszeitbeiwert,
T = Spielzeit [min].
Für eine genauere Leistungsermittlung, die sich auf eine Reihe von Boden-
kennwerten stützen muss, sei wiederum auf die Spezialliteratur verwiesen [5.7].
Bild 5.53: Arbeitsweise von Schürfzügen
5.3.4 Teilvorgang T4, Einbauen des Bodens (Kippe)
[Link] Einbauformen
Die Einbaustelle des Bodens wird im Erdbau als Kippe bezeichnet (Abkippen der
gelösten und transportierten Erdbaustoffe, Bild 5.4). Hierbei sind 3 Fälle zu unter-
scheiden (Bild 5.54):
− die Tiefkippe (Hangkippe) ohne Verdichtung,
− die Hoch- oder Dammkippe (mit und ohne Verdichtung),
− das Hinterfüllen von Bauwerken (einschl. Verdichtung).
140 5 Bauverfahren im Erdbau
Der Regelfall im planmäßigen Bodeneinbau ist die Kippe mit schicht- bzw. la-
genweisem Einbau der Erdbaustoffe und anschließender Verdichtung (Bild 5.54 b
und d). Bei Erdstaudämmen müssen innerhalb einer Schüttlage sogar mehrere Bo-
denarten nebeneinander eingebaut werden [5.26].
Bild 5.54: Formen von Kippen im Erdbau
Bei der gleislosen Kippe können die Transportfahrzeuge i.d.R. an jeder Stelle
anfahren und kippen. Es ist jede beliebige Kippenform möglich, bei hinreichend
großem Bauraum auch das gleichzeitige Kippen mehrerer Fahrzeuge. Kippen sind
möglichst im Ringfahrbetrieb anzuordnen. Die Kippleistung hängt von der einge-
setzten Wagenzahl ab, soweit diese nicht durch den Bauraum begrenzt wird.
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 141
Gleislose Kippen brauchen keine Kippmannschaft, höchstens einen Mann zum
Einweisen der Fahrzeuge (Aufsicht) bzw. zur Kontrolle beim Einsatz fremder
Transportunternehmer.
Das lagenweise Verteilen des Schüttgutes, der Einbau, erfolgt durch Planier-
raupen (Regelfall), Radplanierer oder Rad- bzw. Kettenlader, wobei die für den
Einzelfall festgelegten technischen Standards zu beachten sind (i.d.R. nach ZTVE-
StB in ihrer jeweils gültigen Fassung [5.10]). Wie Bild 5.55 zeigt, genügen für das
Verteilen relativ kleine Geräte, da nur ein Teil des abgekippten Materials einzu-
bauen ist.
Bei geringen Kippleistungen kann die Planierraupe im Wechselbetrieb auch als
Zugmaschine für das Anhänge-Verdichtungsgerät des nachfolgenden Teilvor-
gangs T5 eingesetzt werden.
Beim Bodentransport durch Motorschürfzüge und Schürfkübelraupen ist für
den lagenweisen Einbau auf der Kippe in der Regel kein Verteilgerät erforderlich.
Für das Herstellen eines exakten Feinplanums verweise ich auf die in Abschnitt
[Link] unter „Planierraupen“ und „Grader“ erwähnten Planumskontroll- und Ni-
velliersysteme.
Bild 5.55: Lagenweiser Bodeneinbau mit Planierraupe
[Link] Sonderfälle von Kippen
Sonderfälle von Kippen sind
Absetzerkippe
Dabei werden die abgekippten Massen mit Greifbagger, Lader o.ä. in die endgül-
tige Lage umgesetzt. Absetzerkippen kommen vor
− bei geringer Schichtdicke und schlechtem Boden (vorheriges Ausbreiten des
Kippgutes in dünnen Lagen zum Abtrocknen vor dem Einbau),
− wenn die Einbaustelle schwer zugänglich und unregelmäßig geformt ist
(Dammkronen, Hinterfüllen im Hochbau),
Spülkippe
Die Spülkippe wird bei Gewinnung von Sand und Kies aus dem Nassen mit Hilfe
von Saugbaggern angewendet, wenn der Boden als Sand-Wasser-Gemisch durch
Rohrleitungen von der Gewinnungs- zur Einbaustelle transportiert (gespült) wer-
den soll.
142 5 Bauverfahren im Erdbau
[Link] Einbau nasser bindiger Böden
Stark wasserhaltige, feinkörnige Böden (weiche bindige Böden) können wegen ih-
rer geringen Tragfähigkeit, wenn überhaupt, nur mit Raupenfahrzeugen befahren
werden. Zur Beurteilung ihrer Befahrbarkeit, d.h. welcher Bodendruck des Geräts
und welches Einsatzgewicht im Einzelfall möglich sind, gehen Anhaltspunkte aus
einer Untersuchung hervor, bei der in Abhängigkeit von der Anfangsscherfestig-
keit cu des (undrainierten und unkonsolidierten) Bodens Einsatzgrenzen für ver-
schiedene Geräteklassen ermittelt wurden. Kriterien waren der Bodendruck und
das Einsatzgewicht der Geräte. Das Ergebnis ist in Tab. 11 dargestellt [5.52].
Tab.11: Einsatzgrenzen für Raupengeräte auf weichen, bindigen Böden [5.52]
Damit ist es im Angebotsstadium möglich, zu beurteilen, welche Geräte für
derartige Böden eingesetzt werden können.
Häufig ist der Einbau nasser, bindiger Böden im Erdbau nur mit besonderen
Stabilisierungsverfahren (z.B. Kalkstabilisierung) möglich, denen aber technische
Grenzen gesetzt sind. Wegen gestiegener Kippgebühren für die Endlagerung nas-
ser, bindiger Aushubböden als Folge beschränkter Deponieflächen und wegen
ständig knapper werdender Kies- und Kiessandvorkommen hat es sich als not-
wendig und wirtschaftlich erwiesen, auch nasse, bindige Aushubböden wieder
einzubauen. Hierfür wurde ein schon lange bekanntes Einbauverfahren wieder
aufgegriffen, die Sandwichbauweise, d.h. der wechselweise Einbau nichtbindiger
mit zwischendeponierten nassen bindigen Böden. Der nichtbindige Boden stellt
jeweils die Stabilisierungsschicht dar (Bild 5.56). Bei Nachweis einer ausreichen-
den Sicherheit gegen Kontakterosion nach den Filterregeln von Terzaghi u.a. bie-
tet diese Bauweise eine wirtschaftliche Alternative.
Auf diese Weise können nasse bindige Aushubböden ohne besondere Baustel-
leneinrichtung wie Misch- oder Aufbereitungsanlagen wirtschaftlich eingebaut
werden. Die jeweils erforderliche Lagerungsdichte kann mit herkömmlichen Erd-
baugeräten (Raupen, Rüttler, Walzen) durch entsprechende Wahl der stabilisie-
renden, nichtbindigen Zwischenlagen in Kornverteilung und Schichtdicke erreicht
werden [5.53].
Auf weitere Einbauverfahren derartiger Böden wie verzögerte Einbauzeit, Ein-
bauen in dünnen Lagen und mit leichtem Gerät, Einbau in stark geneigten Schütt-
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 143
lagen zur besseren Entwässerung sowie die Kalkstabilisierung kann i.E. nicht ein-
gegangen werden.
Bild 5.56: Einbau nasser bindiger Böden im Sandwich-Verfahren [5.53]
5.3.5 Teilvorgang T5, Bodenverdichtung
[Link] Theoretische Grundlagen der Bodenverdichtung
Um für verschiedenartige Nutzungen (Gründungssohlflächen von Hoch- und In-
genieurbauten; Unterbau von Straßen, Bahnen, Flugplätzen; Staudämme, Frost-
schutzschichten, Bauwerkshinterfüllungen) standsichere, weitgehend setzungsfreie
Erdbaukörper zu erreichen, ist der auf der Kippe locker eingebaute Boden auf
höchstmögliche Lagerungsdichte zu verdichten. Die Teilvorgänge Einbauen (T4)
und Verdichten (T5) hängen dabei eng voneinander ab.
Für die richtige Wahl der Verdichtungsgeräte und ihren optimalen Einsatz muss
aus Laboruntersuchungen das Verdichtungsverhalten des Bodens bekannt sein.
Allgemein gelten hierfür folgende Prinzipien:
1. Erreichen dichtester Kornpackung bzw. festester Lagerungsdichte unter Einsatz
zweckmäßiger mechanischer (maschineller) Verdichtung in Abhängigkeit von
der Verdichtungswilligkeit des Bodens und der Leistungsfähigkeit der einge-
setzten Verdichtungsgeräte.
2. Mobilisierung des natürlichen Wassergehalts im nichtfelsigen Schüttgut bei der
unerlässlichen Lagenschüttung im Sinne gleichmäßiger höchstmöglicher kapil-
larer Verspannung unter Anwendung des optimalen Wassergehaltes und Ab-
stimmung der Schichtdicke auf die Tiefenwirkung des Gerätes.
3. Zertrümmerung unter intensiver Verklemmung felsiger, spröder, harter Schutt-
massen durch zermalmende und verfestigende Verdichtungsgeräte zum Errei-
chen einer dauerhaften Verzwickung und Verspannung des Schüttgutes ohne
144 5 Bauverfahren im Erdbau
Rücksicht auf den optimalen Wassergehalt bzw. die maximale Dichte des
Korngefüges.
Im Hinblick auf die Verdichtungswilligkeit des Schüttgutes sind 3 Bodengrup-
pen zu unterscheiden [5.54, 5.55]:
− Rolliger Boden
Sand und Kies als typische rollige Böden sind bewegungsempfindlich, gegen
Druckverdichtung sperren sie sich. Ihre Verdichtungswilligkeit ist am größten
unter einrüttelnden Bodenerregungen, wobei Sand in die dichteste Kornpa-
ckung eingerüttelt wird. Dabei schließt die Auflast des Verdichtungsgerätes ei-
ne Wiederauflockerung aus (Ausnahme: enggestufter Sand).
Diese Art der Verdichtung erfordert den geringsten Energieaufwand.
− Bindiger Boden
Alle feinstkörnigen, schwach bis stark bindigen Erdarten wie Lehm, Mergel,
Ton und stark lehmiger Sand können sowohl durch Kneten und Walken mit
schweren Gummirad- oder Stampffußwalzen als auch durch Vibration auf das
dichteste Bodengefüge verdichtet werden, so dass wie bei rolligem Boden unter
Verkehrserschütterungen keine Kornverlagerung und Gefügeveränderung mög-
lich ist. Dabei ist für die gleichmäßige innere verspannende Verfestigung der
optimale (Proctor-) Wassergehalt anzuwenden.
Um zu feuchten Boden in den Bereich dieses günstigsten, optimalen Wasserge-
halts zu bringen, kann durch Kalk bzw. Zementzugabe in kleinen Mengen der
Überschuss an Wasser beseitigt werden. Dies ist z.B. im Spätherbst bei Ter-
minarbeiten und auch im Frühjahr üblich, um die Arbeit nicht abzubrechen und
termingerecht zu beenden bzw. sie rechtzeitig aufzunehmen.
− Fels
Felsschüttungen wurden noch Anfangs der 60er Jahre durch Stampfbagger ver-
dichtet. Da hierbei nur geringe Leistungen zu erreichen waren, wurde diese Art
der Verdichtung mehr und mehr dadurch ersetzt, dass das Korngefüge (Kanten-
länge) durch Sprengen oder Reißen nur so groß gewählt wird, dass es mit
schweren Rüttelwalzen optimal verdichtet werden kann.
Diese Art der Verdichtung erfordert den höchsten Energieaufwand.
Unter Verdichtung versteht man somit die Erhöhung der Lagerungsdichte in
der Kornstruktur des Bodens. Sie erfolgt bei nichtbindigen Böden durch Umlage-
rung und teilweise Zerkleinerung, bei bindigen Böden durch Verkleinerung der
mit Luft oder Wasser gefüllten Porenräume. Verdichtungsunwillige Böden (z.B.
stark plastische, wassergesättigte Böden) lassen sich nicht oder nur schlecht me-
chanisch verdichten. Sie müssen ausgetauscht oder durch andere Verfahren stabi-
lisiert werden (Bodenverbesserung mit hydraulischen Bindemitteln bzw. mit Fein-
kalk oder Kalkhydrat [5.52, 5.53]).
Als Prüfmaßstab der erreichten Verdichtung dienen i.W. die Proctordichte
(Proctor-Versuch) und der Verformungsmodul (aus dem Plattendruckversuch).
Die in der BRD geforderten Verdichtungswerte sind den ZTVE-StB 94 (Zusätzli-
che technische Vertragsbedingungen für die Ausführung von Erdarbeiten im Stra-
ßenbau) zu entnehmen [5.10].
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 145
Die vorgenannten Bodengruppen sind durch folgende Korngrößenbereiche de-
finiert [5.55]:
Ton < 0,002 mm
bindiger Boden
Schluff 0,002 – 0,06 mm
Sand 0,06 – 2 mm
rolliger Boden
Kies 2 – 60 mm
Steine > 60 mm
Fels
Blöcke > 100 mm
Der Grad der erreichbaren Verdichtung hängt von der Bodenart, der Bauaufga-
be, den Einbaubedingungen, der Schütthöhe, der Anzahl der Verdichtungsgänge
und der Eignung der gewählten Geräte ab [5.56].
Bei der statischen Verdichtung wird mit einer über das Verdichtungsgut rollen-
den Walze Druck ausgeübt, wobei die Umlagerung der Materialteilchen lediglich
durch Auflast bewirkt werden kann.
Bei der dynamischen, der Vibrationsverdichtung, wird die Verdichtungswir-
kung dadurch erreicht, dass eingeleitete Schwingungen durch Verminderung der
inneren Reibung die Scherfestigkeit des Bodens reduzieren. Im Gegensatz zur sta-
tischen Verdichtung findet ein schneller Wechsel der Spannungszustände statt.
Durch Einwirken des Eigengewichts des Schüttgutes bei gleichzeitig wechselnder
Druckbelastung durch das Verdichtungsgerät tritt eine Umlagerung des Kornver-
bandes in eine dichtere Lagerung ein.
Diese Vibrationsverdichtung ist heute das Standardverfahren der Bodenver-
dichtung.
[Link] Verdichtungsgeräte
Bei den Verdichtungsgeräten im Erdbau sind folgende Gerätegruppen zu unter-
scheiden:
− statische Walzen (selbstfahrend),
− schwere Anhängewalzen,
− Vibrationswalzen,
− Walzenzüge sowie
− leichte Geräte wie Rüttelstampfer, Rüttelplatten und Grabenwalzen.
Die durch Planierraupen gezogenen schweren Anhängewalzen wurden aus
wirtschaftlichen Gründen in den letzten Jahren weitgehend durch Walzenzüge
verdrängt.
Statische Bodenverdichtung
Als statisch wirkende Verdichtungsgeräte werden selbstfahrende oder Anhänge-
walzen eingesetzt, die zylindrische Walzenkörper mit hohem Gewicht aufweisen.
Hierbei sind zu unterscheiden (Kurzfassung):
− Glattwalzen
Dies sind Walzen aus Stahl mit glatten Mantelflächen. Die Verdichtungswir-
kung hängt von der statischen Linienlast (Achslast kg / Bandagenbreite cm) ab.
146 5 Bauverfahren im Erdbau
Der Bodendruck statischer Walzen nimmt sehr schnell mit der Tiefe ab. Die
Auflast kann z.T. durch Ballastgewichte erhöht und damit dem jeweils zu ver-
dichtenden Material angepasst werden. Um ein Ankleben des Materials zu ver-
hindern, werden die Walzenkörper mit Wasserberieselungsanlagen ausgerüstet
und mit Abstreifern sauber gehalten.
Als Konstruktionsformen kommen (leichte) Einachs-, Tandem- Anhängewal-
zen und Walzenzüge vor. Tandemwalzen werden jedoch vorwiegend zur As-
phaltverdichtung im Straßendeckenbau eingesetzt.
Da im Erdbau statische Glattwalzen nur noch zur Oberflächenverdichtung von
Kies und Sanden eingesetzt werden, wird auf eine Angabe technischer Daten
verzichtet. Diese Aufgabe erfüllen auch Vibrationswalzen bei ausgeschalteter
Vibration und neuerdings an Vibrationswalzenzüge angehängte Plattenrüttler.
− Gummiradwalzen
Gummiradwalzen verdichten durch hohen Flächendruck mit Knet- und Walk-
wirkung der Gummiräder (guter Oberflächenschluss, dadurch geringe Wasser-
aufnahme). Ihre Verdichtungswirkung ist abhängig vom Kontaktdruck zwi-
schen Reifen und Boden, d.h. vom Walzengewicht und dessen Verteilung auf
die Achsen, von der Anzahl der Reifen je Achse und deren Größe, vom Reifen-
innendruck und von der Aufstandsfläche.
Einsatzgebiete: Verdichten von Gründungssohlflächen, von mit Kalk oder Ze-
ment stabilisiertem Material, Oberflächenschluss bei bindigen Böden.
Selbstfahrende Gummiradwalzen werden mit je 4 Rädern vorne und hinten (auf
Lücke) in der Größenordnung von 10 bis 24 t Betriebsgewicht gebaut (Bild
5.57).
Bild 5.57: Selbstfahrende Gummiradwalze [5.57]
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 147
− Stampffußwalzen
Stampffußwalzen werden als Walzenzüge für die Verdichtung von stark bindi-
gem Boden und mürbem, weichem Gestein eingesetzt. Die Verdichtung wird
durch die Knet- und Zerkleinerungswirkung der Füße (Stollen) begünstigt. Im
Gegensatz zum glatten Walzenkörper weisen Stampffußwalzenkörper pyrami-
denstumpfartige Füße auf. Diese sind so ausgebildet, dass die Berührungsfläche
mit zunehmender Eindringtiefe größer wird, so dass die Verdichtungswirkung
automatisch der Tragfähigkeit des zu verdichtenden Bodens angepasst wird.
Bei Beginn der Verdichtung dringen Stampffüße weit in den Boden ein. Bei
weiteren Übergängen steigen sie aus dem Boden auf, was eine Beurteilung des
Verdichtungsgrades zulässt. Ein Walzenzug mit Stampffußbandage ist in Bild
5.58 dargestellt.
Bild 5.58: Walzenzug B 225 mit 150 Standardstollen (H = 100 mm) [5.57]
Bild 5.59: Müllverdichter [5.58]
148 5 Bauverfahren im Erdbau
Inzwischen werden auch Stampffußwalzen weitgehend mit Vibration ausgestat-
tet. Für besondere Einsätze wie Verdichten von Geschiebemergel oder Verdich-
ten und gleichzeitiges Nachzerkleinern von Tonsteinschiefer und stark quarz-
haltigem Sandstein (aus einem Tunnelausbruch) wurden besondere Stollen
entwickelt [5.57, 5.60].
− Müllverdichter
Dies sind einem Schaufellader ähnliche Geräte, auf deren Rädern anstelle der
Reifen Stampffüße angebracht sind (Bild 5.59). Die Verdichtungswirkung erfolgt
nur in den beiden Walzenbahnen.
Diese mit einem Planierschild oder einer Ladeschaufel ausgerüsteten Geräte
sind für den Einsatz auf (Müll-) Deponien konzipiert.
Dynamische Bodenverdichtung
− Wirkungsweise
Bei dynamischer Verdichtung wird die Energie der Erregerquelle an der Berüh-
rungsfläche zwischen Verdichtungsgerät und Verdichtungsgut in Wellen umge-
formt, die im Verdichtungsgut weiterlaufen (Bild 5.60).
Transversal-, schräg gerichtete und Longitudinalwellen erteilen den Bodenteil-
chen periodische Beschleunigungen und damit Verformungen. In den Grenzflä-
chen zu den benachbarten Bodenteilchen entstehen dadurch Schubspannungen.
Sind diese größer als die Scherfestigkeit im Boden, so werden Kohäsion und
innere Reibung überwunden. Die unter dem Einfluss von Eigengewicht und
Auflast erzeugten Hauptspannungen führen die gewünschte Umlagerung des
Bodens herbei.
Dem Bestreben, die Lage der Bodenteilchen zu verändern, wirken Massenträg-
heitskraft, Kohäsion und innere Reibung entgegen. Da das Umlagern bei kohä-
sionslosen Böden leichter als bei bindigen Böden vor sich geht, ist die Vibrati-
onswirkung bei kohäsionslosen Böden (Sand, Kies, Fels) wesentlich
wirkungsvoller.
− Erzeugung der Vibration
Vibrationswalzen und Plattenrüttler sind krafterregt. Die Vibration wird durch
die vom Erregersystem stammende Kraft (Massenkraft – Fliehkraft) erzeugt.
Dabei werden überwiegend rotierende Exzenter (Umwuchten), so genannte
Kreisschwinger angewandt (Bild 5.60.1).
Durch die vibrierende Walzenbandage wird der Boden zum Schwingen ange-
regt. Der Vorteil gegenüber einer statischen Walze besteht darin, dass bei glei-
chem Maschinengewicht eine höhere Verdichtungsleistung erreicht wird. Bei
abgeschalteter Vibration können diese Maschinen als statische Walzen verwen-
det werden.
Konstruktionsformen von Vibrationswalzen sind
− Anhängevibrationswalzen
Sie bestehen in der Regel aus einer Bandage, die in einem Rahmen mit Anhän-
gegabel aufgehängt ist (Bild 5.61). Der Rahmen trägt den Antriebsmotor zur
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 149
Vibrationserregung. Als Zugfahrzeuge werden Planierraupen oder Reifen-
schlepper verwendet.
Dieses Gerät eignet sich besonders zur Verdichtung von mittlerem und schwe-
rem Fels sowie bindigen Mischböden bei großen Bauvorhaben [5.58].
Bild 5.60.1: Vibrationserzeugung durch rotierendes Exzentergewicht
Bild 5.60.2: Walzen-Geschwindigkeit und Vibrationsabstand
Bild 5.60: Vibrationsverdichtung [5.56]
Bild 5.61: Anhängevibrationswalze Bomag BW 6 [5.58]
150 5 Bauverfahren im Erdbau
− Walzenzüge
Aus der Anhänge-(Vibrations-)walze und dem selbständigen Zugfahrzeug (Pla-
nierraupe) wurde durch Kombination dieser beiden Geräte der Walzenzug ent-
wickelt. Er besteht aus einer einachsigen Walze und einem einachsigen, luftbe-
reiften Traktor, der die Walze schiebt. Beide Teile sind durch ein Knickgelenk
verbunden (Bild 5.62).
Bild 5.62.1: Walzenzug BW 213 D-3 [5.58]
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 151
Bild 5.62.2: Walzenzug 3520 HT mit Hammtronic [5.59]
Bild 5.62: Vibrations-Walzenzüge
Einsatzgebiete der (Vibrations-) Walzenzüge mit Glattmantel- oder Stampffuß-
bandage sind alle Böden (Fels, bindige und rollige Böden), mit glatter Bandage
auch im bituminösen Fahrbahndeckenbau. Walzenzüge werden in 4 Gewichts-
klassen gebaut (5–7 t, 8–9 t, 10–15 t und 16–25 t) und sind derzeit die Stan-
dardmaschinen zur Bodenverdichtung.
Zur Oberflächenverdichtung von Bodenvermörtelungen, ungebundenen Trag-
schichten, Frostschutzschichten und des Erdplanums wurde eine Gerätekombi-
nation aus einem 13t-Walzenzug mit angehängten Vibrationsplatten entwickelt.
Damit lassen sich bei diesen Böden Auflockerungen an der Oberfläche vermei-
den (Bild 5.63).
Wegen der großen Walzenbreite (2,00 bis 2,50 m) und des Gewichts (16 bis 25
t) sind die Maschinen der höchsten Gewichtsklasse besonders für großflächige
und schwere Verdichtungsarbeiten geeignet.
− Tandem-Vibrationswalzen
Tandem-Vibrationswalzen bestehen aus zwei gleichgroßen Walzenkörpern mit
Glattmantelbandagen sowie Antrieb und Fahrerplatz (Bild 5.64). Ihr Einsatz er-
folgt vorwiegend im Straßenbau für die Verdichtung von Frostschutzschichten
sowie im bituminösen Deckenbau als statische Walzen für die Vorverdichtung,
mit eingeschalteter Vibration für die Hauptverdichtung dicker Trag-, Binder-
und Verschleißschichten.
152 5 Bauverfahren im Erdbau
− Kombiwalzen
Diese Geräte sind eine Abwandlung der Tandem-Vibrationswalze. Die vordere
Glattmantelbandage ist vibrationserregt, die hintere Stahlbandage durch Gum-
miräder ersetzt. Die vibrierende Glattwalze verdichtet in die Tiefe, die stati-
schen Gummiräder verdichten und schließen die Oberfläche. Dadurch ergibt
Bild 5.63: Walzenzug mit Vibrationsplatten [5.58]
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 153
Bild 5.64: Tandem-Vibrationswalze BW 154 AD-2 [5.58]
sich eine Kombination der knetenden und der Vibrationsverdichtung sowie eine
bessere Steigfähigkeit. Anwendungsgebiete sind ebenfalls der bituminöse Stra-
ßendeckenbau und der Land- und Forstwirtschaftswegebau.
− Hangwalze
Anhänge- oder Tandemwalzen können auch zu Verdichtungsarbeiten an Bö-
schungen verwendet werden. Die Walzen werden dabei von einem auf der
Dammkrone fahrbaren Windwerk (Bagger) in der Falllinie auf und ab bewegt
oder auf Parallelfahrt in der Höhenlinie gehalten. Zwei Walzen mit eigenem
Fahrantrieb können über ein fahrbares Windwerk auf der Dammkrone im Pen-
delbetrieb arbeiten. Für den Deponie- und Dammbau können Walzenzüge mit
154 5 Bauverfahren im Erdbau
stärkeren Antrieben und Anti-Schlupfkontrolle auf Steigungen bis nahezu 45°
eingesetzt werden [5.58].
− Vibrationsplatten
Vibrationsplatten (reversierbar) (Bild 5.65) eignen sich zur Verdichtung von
nicht oder nur schwach bindigen Böden und Schotter bei geringem Leistungs-
umfang. Sie werden auch im bituminösen Deckenbau (z.B. bei Reparaturarbei-
ten) verwendet.
Bild 5.65: Vibrationsplatte [5.58]
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 155
− (Vibrations-)Stampfer (Bild 5.66)
Bei Stampfgeräten wird die kinetische Energie des auf den Boden zurückfal-
lenden Gerätes zur Verdichtung ausgenutzt. Durch Verändern des Gewichtes,
der Fallhöhe und der Aufschlagfläche lässt sich die Stampfwirkung an die Art
des zu verdichtenden Materials anpassen. Sie eignen sich besonders für bindi-
gen Boden.
Bild 5.66: Vibrations-Stampfer [5.58]
− Grabenwalzen (Mehrzweck-Verdichter)
Diese Geräte werden zur Verdichtung von Mischböden in engen Baugruben
eingesetzt (bspw. im Graben- und Kanalbau, bei Hinterfüllungen und bei Fun-
damentarbeiten) (Bild 5.67).
156 5 Bauverfahren im Erdbau
Bild 5.67: Mehrzweck-Verdichter (Grabenwalze) [5.58]
Vibrationsplatten, Stampfgeräte und Grabenwalzen werden nur bei relativ klei-
nen Verdichtungsaufgaben eingesetzt, für die eine geringe Geräteleistung genügt.
[Link] Kontrolle der Bodenverdichtung
Zur Kontrolle der Bodenverdichtung wurden elektronische Messeinrichtungen
entwickelt, um die Verdichtungszunahme und den bestmöglichen Verdichtungs-
grad von Erdbaustoffen während der Verdichtungsarbeit kontinuierlich und ver-
lässlich zu bestimmen. Sie gestatten die flächendeckende Bestimmung des Ver-
dichtungsgrades von Erdkörpern während des Verdichtungsvorgangs. Man erhält
damit auf allen Böden eine sichere Anzeige des erreichten Verdichtungsgrades,
kann den prozentualen Verdichtungszuwachs pro Übergang ablesen und feststel-
len, wann die Verdichtung zu beenden ist. Damit wird die Kontrolle der geforder-
ten Verdichtungsarbeit auf der Baustelle erheblich erleichtert.
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 157
Diese Entwicklung von Methoden zur flächendeckenden Messung der Verdich-
tungsarbeit während der einzelnen Walzübergänge war ein weiterer Schritt zur
Prozessoptimierung in der Bodenverdichtung.
Derzeitiger Stand sind das Variomatiksystem für Tandemwalzen und das Vari-
ocontrol-System für Walzenzüge. In beiden Fällen handelt es sich um Vibrations-
verdichtungsmaschinen mit verstellbaren Amplituden und automatischer Verdich-
tungsregelung. Die für den Erdbau erforderlichen größeren Amplituden werden
mit einem neuen verstellbaren Richtschwinger erreicht. Das System zeigt dem
Walzenführer an, wann die Verdichtung beendet ist.
Durch einen weiteren Entwicklungsschritt wurde es möglich, die flächende-
ckend gemessenen Verdichtungswerte zu dokumentieren (BCM Boma Compacti-
on Management System).
Eine Systemübersicht dieser flächendeckenden dynamischen Verdichtungskon-
trolle ist in Bild 5.68 dargestellt. Hinsichtlich weiterer Details sei auf die Literatur
verwiesen [5.61 – 5.65].
Wie auch auf anderen Gebieten maschineller Bauproduktion ergab sich hier die
optimale Lösung großer Bodenverdichtungsaufgaben durch die Zusammenarbeit
zwischen Maschinenhersteller, Anwender (Bauunternehmung) und Wissenschaft.
Bild 5.68: Systemübersicht zur flächendeckenden dynamischen Verdichtungskontrolle mit
dem BTM/BCM-System [5.65]
158 5 Bauverfahren im Erdbau
[Link] Leistungsermittlung von Verdichtungsgeräten
Wie bei den bisher genannten Erdbaumaschinen wird die Nutzleistung von Ver-
dichtungsgeräten aus einer Grundleistung abgeleitet. Dabei sind die Flächenleis-
tung QNA und die Mengenleistung QNV zu unterscheiden. Sie ergeben sich zu
b ⋅ v ⋅ 1000
QNA = QGA ⋅ f = ⋅ f [m²/h] (Flächenleistung) bzw. (41)
z
b ⋅ v ⋅ h ⋅ 1000
Q NV = QGV ⋅ f = ⋅ f [m²/h fest] (Mengenleistung) (42)
z
Hierin bedeuten:
b = Arbeitsbreite des Verdichtungsgerätes [m]
(ca. 0,8-fache Breite des Verdichtungskörpers zur Berücksichtigung
der Überlappung)
v = Arbeitsgeschwindigkeit des Verdichtungsgerätes [km/h]
(nach Herstellerangeben i.a. 2,0 – 6,0 km/h)
z = Zahl der Übergänge
h = Schichtdicke des verdichteten Bodens [m]
Nutzleistung
f = Abminderungsfaktor = [5.20, 5.56].
Grundleistung
Für die Ermittlung der Grundleistung QG werden vorausgesetzt:
− guter Zustand des Gerätes,
− keine räumliche Arbeitsbegrenzung,
− eingearbeiteter Geräteführer,
− keine störungsbedingten Wartezeiten,
− keine rationalisierbaren Arbeitsunterbrechungen,
− keine Beeinträchtigung durch Witterung.
Zur Berechnung der tatsächlichen Nutzleistung wird auch hier die theoretische
Grundleistung um den Abminderungsfaktor f abgemindert. Dieser berücksichtigt
alle leistungsbeeinflussenden Größen aus Gerätezustand und -bedienung, Betriebs-
und Baustellenorganisation sowie Witterung. Im Erdbau wird üblicherweise mit
einem Abminderungsfaktor von f = 0,75, im Asphaltbau mit f = 0,60 gerechnet.
Für die Leistungsermittlung im Erdbau ist die Schichtdicke des verdichteten
Materials von besonderer Bedeutung. Die optimale Schichtdicke hängt wesentlich
von der Bodenart, der Verdichtungsanforderung und dem eingesetzten Verdich-
tungsgerät ab. Die in den nachstehend genannten Tabellen 5–7 enthaltenen An-
haltswerte haben sich aus Probeverdichtungen und Praxiseinsätzen ergeben. In
vier bis acht Übergängen werden so unter gewöhnlichen Einsatzbedingungen die
gestellten Verdichtungsanforderungen erfüllt.
Angaben über die tatsächlichen Nutzleistungen von Vibrationsverdichtungsge-
räten sind in den Tabellen 5 – 10 von [5.56] enthalten.
5.3 Verfahrenstechnik im Erdbau 159
Beispiel [5.56]:
− Verdichten einer Kiessandschicht:
Schichtdicke (verdichtet) h = 0,50 m (Tabelle 12)
− Gerät: 10 t-Walzenzug BW 213 D
− Arbeitsbreite b = 2,10 m
− Arbeitsgeschwindigkeit v = 3,0 km/h
− Ermittlung der Leistung:
− Abminderungsfaktor f = 0,75
− Zahl der Übergänge z = 6
− Flächenleistung:
2,10 ⋅ 3,0 ⋅1000
QNA = 0,75 · = 790 m²/h
6
− Mengenleistung:
2,10 ⋅ 3,0 ⋅ 0,50 ⋅1000
QNV = 0,75 · = 395 m³/h.
6
Tabelle 12: Anhaltswerte für die Schichtdicke im Erdbau (aus [5.56], Tab.7)
160 5 Bauverfahren im Erdbau
Zum Überblick sind die für die Wahl von Verdichtungsgeräten maßgebenden
Daten und Kenngrößen in Tabelle 13 zusammengestellt. Für die Entscheidung
stehen Computerprogramme zur Verfügung (bspw. Care, [5.58]).
Tabelle 13: Schema zur Gerätewahl und Leistungsermittlung für Verdichtungsgeräte im
Erdbau
5.4 Bau- und produktionstechnische Kriterien rationeller
Produktion
5.4.1 Stand der Produktionstechnik im Erdbau
Der moderne Erdbau ist durch Hochleistungsmaschinen gekennzeichnet. Ihre typi-
sche Einsatzform ist die Arbeitskette. Dabei sind im Sinne einer Fließfertigung die
Teilvorgänge 1 bis 5 (Lösen, Laden, Transportieren, Einbauen und Verdichten)
aufeinander abzustimmen, um Engpässe und Warteschlangen auf ein Minimum zu
reduzieren.
Noch vor 40 Jahren gab es in der BRD große Erdbaustellen mit Gleisbetrieb
(1953/55 Kanaldurchstich Volkach mit 3,5 Mio. m³-Erdbewegung; 1961/64 Auto-
bahndeckenlose F13-15 auf der Strecke Erlangen-Würzburg, Einbau von 60 km
Frostschutzschicht mit 900 mm Spurweite).
Heute ist das Vergangenheit. Der Erdbau ist durch gleislosen Förderbetrieb mit
Großgerät gekennzeichnet. Nur dadurch konnten die Kosten von Erdarbeiten nied-
rig gehalten werden. Der Mangel an Arbeitskräften, steigende Löhne und lohnge-
5.4 Bau- und produktionstechnische Kriterien rationeller Produktion 161
bundene Kosten, hohe Qualitätsanforderungen an Erdbauwerke als Folge wissen-
schaftlicher Erkenntnisse in der Bodenmechanik und die Entwicklung der Bauma-
schinentechnik haben mit größer gewordenen Bauaufgaben und der Forderung
nach kurzen Bauzeiten diese Entwicklung nachhaltig gefördert.
Der Umfang von Erdarbeiten auf einer Baustelle reicht von wenigen Kubikme-
tern Baugrubenaushub für ein Einfamilienhaus bis zu Erdbewegungen von mehre-
ren Mio. m³ auf Großbaustellen (beim Assuandamm am Nil waren es 41 Mio. m³,
beim Tarbela-Damm in Pakistan 140 Mio. m³ Sand, Ton und Fels; beim 3-
Schluchten-Staudamm am Jangtse in China sind es nur für den Baugrubenaushub
der Beton-Staumauer einschl. Kraftwerk 132 Mio. m³, vorwiegend harter Granit-
fels [5.66]).
Weder der Bau von Wohnanlagen, Krankenhäusern, Schul-, Verwaltungs- und
Industriebauten noch das Anlegen von Straßen, Autobahnen, Schnellbahnstrecken,
Flugplätzen und Häfen ist ohne Erdarbeiten denkbar. Auch beim Bau von Spei-
cherbecken für Bewässerungs- und Wasserkraftanlagen, bei denen der Erdstau-
damm mit flachen Böschungen in Konkurrenz zur Staumauer aus Beton getreten
ist, beim Auffahren von Stollen, Tunneln und Kavernen und beim Verlegen von
Pipelines bilden die Erdarbeiten häufig den Leit- oder Schlüsselbetrieb des Bauab-
laufs.
Das Merkmal industrieller Produktion gilt für den Erdbau ganz besonders:
"Im modernen Erd- und Straßenbau ist eine vollkommen zu nennende Mecha-
nisierung erreicht. Wir alle kennen den Umfang von modernsten Erdbaugeräten an
Baggern jeder Größe und Leistung, Planierraupen, Großbaggern mit konzentriert
erreichten Tagesleistungen bis zu 70.000 (100.000) m³ Förderung und Transport
pro Arbeitstag in Europa" (beim Tarbela-Damm bis zu 260.000 m³ Tagesleis-
tung). "Moderner Straßen- bzw. Autobahnbau muss sich, um wettbewerbsfähig zu
bleiben, abspielen wie eine Fließbandarbeit und lückenloses Ineinander-sich-
verzahnen der aufeinander folgenden Arbeitsgänge" [5.67].
Dies war bereits vor über 30 Jahren Stand der Technik. Der Einsatz neuester
technischer Erkenntnisse für die Konstruktion der Gewinnungs-, Transport- und
Verdichtungsgeräte hat die menschliche Arbeitskraft vervielfacht, stellt allerdings
hohe Anforderungen an das Bedienungspersonal dieser Maschinen. Nur noch we-
nige, hochqualifizierte Baumaschinenführer bestimmen heute das Bild einer gut
organisierten Erdbaustelle. Dazu kommt erfahrenes Werkstattpersonal in den Ser-
vicestationen.
Maschinen zur Oberflächenbearbeitung von Erdkörpern (Planierraupen, Gra-
der), zum Herstellen des Feinplanums von Straßen-, Bahntrassen und Rollbahnen
sowie die Einbaugeräte von Straßendecken und Flugplatzpisten lassen sich bereits
teil- oder vollautomatisch steuern [5.49, 5.50].
Mit dem Fortschritt der Baumaschinentechnik ändern sich auch die Einsatzbe-
reiche bzw. –grenzen von Bauverfahren. Ich habe deshalb bei den Muldenkippern,
Fahr- und Flachbaggern die derzeitigen Einsatzbereiche genannt, jedoch auf Über-
sichten wie in der 2. Auflage (1995) verzichtet.
Als weitere Informationen über den Stand der Technik im Erdbau habe ich in
das Literaturverzeichnis noch einige Berichte bzw. Beispiele aus den letzten Jah-
ren aufgenommen [5.70 bis 5.89].
162 5 Bauverfahren im Erdbau
5.4.2 Voraussetzungen rationeller Produktion
− Vertragsgrundlagen
Die baustoffgerechte Planung, Trassen- und Höhenpläne, Ab- und Auftragsprofile,
die Mengen des zu bewegenden Bodens sowie Lage und Höhen eventueller Sei-
tenentnahmen oder Aussatzkippen werden aus den jeweiligen Vertragsunterlagen
als bekannt vorausgesetzt. Sie stellen die Grundlagen der Produktionsplanung dar.
− Transportoptimierung
Weiter wird vorausgesetzt, dass als Vorstufe der Produktionsplanung eine Trans-
portoptimierung vorgenommen wird. Darunter ist die Ermittlung der minimalen
Transportentfernungen und Förderhöhen für die einzelnen Teilmengen zu verste-
hen. Insgesamt ergibt sich daraus das minimale Transportmoment [tm4]. Bei gro-
ßen Erdbewegungen von mehreren Millionen m³ für einen Erddamm steht „im
Zentrum der Betriebsplanung die Dimensionierung des Transportapparates“,
des Fahrzeugparks [5.68, 5.69]. Sie geht von der Optimierung der Transportleis-
tungen aus, deren Ziel darin besteht, dass unter Berücksichtigung der Randbedin-
gungen der Bauaufgabe das Transportmoment, die Summe aller Teilmengen mul-
tipliziert mit ihren Entfernungen zwischen Ab- und Auftrag, ein Minimum wird
(Bild 5.69).
Bild 5.69: Matrix für den optimalen Gesamttransport einer Erdbaustelle [5.68]
Das Ergebnis ist der Transportplan (Bild 5.70). Über die tägliche Transportleis-
tung eines Fahrzeuges in Abhängigkeit von der Transportentfernung (Bild 5.71)
und die verfügbare Bauzeit ergibt sich dann die erforderliche Anzahl an Fahrzeu-
gen.
Optimierungsaufgaben dieser Art lassen sich heute mit EDV-Hilfe lösen.
5.4 Bau- und produktionstechnische Kriterien rationeller Produktion 163
Bild 5.70: Transportplan einer Erdbaustelle [5.68]
Bild 5.71: Tägliche Transportleistung eines Fahrzeuges [5.68]
164 5 Bauverfahren im Erdbau
5.4.3 Kenngrößen
Die wichtigsten Einflussfaktoren im Erdbau sind
1. die Bedingungen der Aufgabe,
2. der Boden,
3. das Wetter,
4. die Maschinen,
5. der Mensch.
Hierbei sind
− Maschinenbedienung und
− Führung (einschließlich Planung und Organisation)
zu unterscheiden
zu 1.: Bedingungen der Aufgabe
Aus der Bauaufgabe sind vorgegeben
− die Abtrags- und Auftragsprofile und ihre Lage,
− die Mengenverteilung,
− die Topographie der Baustelle,
− die Bauzeit,
− die besonderen Randbedingungen (Abbauart, Schlechtwetterperioden, mögliche
Transportwege, Zwischentermine, Risiken).
zu 2.: Boden
− die Bodenbeschaffenheit
− die Abbautechnik und damit die Wahl des Abbaugeräts,
− die Lage und Befahrbarkeit der Transportwege
− (daraus Fahrwiderstände und Wettereinfluss),
− die Einbauart,
− die Art der Verdichtung.
zu 3.: Wetter
Bei bindigem Boden verändert das Wetter die Bodeneigenschaften.
Zu berücksichtigen sind:
− der Einfluss von Regen und Frost auf den Zustand der Transportstrecke
(Fahrwiderstände, Befahrbarkeit),
− der Einfluss von Regen und Frost auf die Kippe
(Ausbreiten weichen Bodens vor dem Einbau, Bodenstabilisierung,
bei Schlechtwetter und Frost u.U. kein Einbau möglich)
− der Einfluss von Regen und Frost auf die Verdichtung.
zu 4.: Maschinen
Aus dem anstehenden Boden, den Witterungsbedingungen und der Aufgabe ergibt
sich die anzuwendende Technologie und damit die Art der einzusetzenden Ma-
5.4 Bau- und produktionstechnische Kriterien rationeller Produktion 165
schinen. Aus der Bauzeit folgt, welche Maschinen nach Größe und Leistung opti-
mal eingesetzt werden können. Soweit möglich sind universell einsetzbare Ma-
schinen vorzusehen; häufig muss von einem vorhandenen Maschinenpark ausge-
gangen werden.
Wenn nur bestimmte, in einem eigenen Maschinenpark nicht vorhandene Ma-
schinen zur rationellen Lösung einer Aufgabe brauchbar sind, für die eine an-
schließende Verwendung unwahrscheinlich ist, werden diese angemietet oder die
Teilaufgabe wird an einen Nach- (Sub-) unternehmer vergeben.
Beim Maschineneinsatz ist zu achten auf
− das Erreichen minimaler Spieldauern und damit maximaler
Spielzahlen an den einzelnen Betriebspunkten,
− das Erreichen bzw. Überschreiten der vorgegebenen Mengenleistung
(fm³/h, verr, Anzahl der Umläufe),
− die Verfügbarkeit der Maschinen,
− laufende Instandhaltung
− die Betriebsorganisation (Schichtzeiten, Springer,
maximaler Betriebszeitbeiwert, minimale Ausfallzeiten und Störungen).
zu 5.: Der menschliche Einflussfaktor, dazu zählen
− die Maschinenbedienung
(Übung, Leistungsgrad und Leistungsbereitschaft der Mannschaft
unter Beachtung der Sicherheitsregeln) und
− das Management
(Planung, Organisation und Leitung der Produktion auf allen Ebenen
sowie die erforderliche Kontrolle).
Der Produktionseffekt des Gesamtbetriebes (T1 bis T5) muss bei minimalem
Aufwand das mögliche Maximum erreichen. Ablaufplanung, Organisation und
Ablaufkontrolle müssen mögliche Störungen auf ein Minimum reduzieren.
Dies wird erreicht durch
− Arbeitsvorbereitung (systematische Verfahrens- und Gerätewahl, Risikoab-
schätzung, Einsatz- und Ablaufplanung),
− laufende Kontrolle und Steuerung (Regelkreis Bild 5.22),
− bestmögliche Organisation und
− straffe Führung.
Die vorgenannten Einflussfaktoren auf die rationelle Lösung von Erdbauaufga-
ben sind mit ihren Abhängigkeiten (Vernetzung) in Bild 5.72 dargestellt. Es zeigt
im Überblick und vereinfacht die Struktur von Erdarbeiten, ihre Elemente und ihre
Beziehungen auf.
166 5 Bauverfahren im Erdbau
Bild 5.72: Einflüsse auf die Produktionsleistung im Erdbau
Literatur zu Kapitel 5
5.1 Kühn, G., Der maschinelle Erdbau, Stuttgart 1984
5.2 Schub, A., Projektplanung und -überwachung bei Bauvorhaben, in [3.7],
S. 149- 172
5.3 oh, 10.000 t Material binnen 5 Tagen aufbereitet, Deutsches Baublatt Nr.
252, 10,98, S. 10
5.4 Osterloh, H., Erdmassenberechnung, Wiesbaden, 1985
5.5 Matthews, K., Vermessungskunde (2 Teile), Stuttgart, Teubner, 1996/97
5.6 Allgemeine Technische Vertragsbedingungen für Bauleistungen, VOB Teil
C, DIN 18 300, Erdarbeiten (siehe [3.4])
5.7 Eymer, W., Grundlagen der Erdbewegung, Kirschbaum Verlag,
Bonn, 1995
5.8 Wittmann, L., Beschreibung und Einstufung von Boden und Fels, BW
52/1998, H. 4
5.9 DIN 18 196, Erdbau, Bodenklassifikation für bautechnische Zwecke und
Methoden zum Erkennen der Bodengruppen
5.10 Zusätzliche Technische Vertragsbedingungen und Richtlinien für Erdarbei-
ten im Straßenbau, ZTVE – St B 94, Fassung 97, Forschungsgesellschaft
für Straßen- und Verkehrswesen, Köln
5.11 DIN 4124, Baugruben und Gräben, Böschungen, Arbeitsraumbreiten, Ver-
bau, August 1981
5.12 Werksunterlagen Krings Tiefbautechnik, Hainsberg 8/2000
5.13 VOB/C, DIN 18 303, Verbauarbeiten, in [3.4]
Literatur zu Kapitel 5 167
5.14 Toepfer, A. C., Baugruben und Gräben sind in der Regel zu verbauen, BW
52/1998, H. 11
5.15 Thum, W., Sprengtechnik im Steinbruch und Baubetrieb, Bauverlag, Wies-
baden-Berlin 1978
5.16 Atlas Copco MCT GmbH, Essen, Leitfaden für das Bohren über Tage,
1998
5.17 „echo“, Kundenmagazin der O & K Orenstein &Koppel AG, 23. Ausgabe
3/1999
5.18 Liebherr – International AG, Unternehmensbereich Erdbewegung, Bulle
(CH), Technisches Handbuch Erdbewegung, Ausgabe 1995
5.19 Tiefbauberufsgenossenschaft München; Unfallverhütungsvorschriften
(UVV) Bauarbeiten (VBG 37) von 4/85 und Erdbaumaschinen – Bagger,
Lader, Planiergeräte, Schürfgeräte und Spezialmaschinen des Erdbaus
(VBG 40) von 4/87
5.20 Bundesausschuss Leistungslohn Bau, Fachgruppe Erdbau, Handbuch BML,
Daten für die Berechnung von Baumaschinenleistungen, Erdbaumaschinen,
3. Auflage, 1983
5.21 Kotte, G., Die Gewinnungs- und Transportkette, TIS 8/87, S. 476-482
5.22 REFA, Verband für Arbeitsstudien, Fachausschuss Bauwesen; REFA in
der Baupraxis, Zeit-Verlag Frankfurt/Main 1984
Berg, G., Teil 1, Grundlagen; Künstner, G., Teil 2, Datenermittlung;
Künstner, G., Teil 3, Arbeitsgestaltung; Kassel-Sprenger, Teil 4, Lohnges-
taltung
5.23 Litronic, Die Innovation in allen Bereichen, Werksunterlagen Liebherr –
International AG
5.24 Drüppel, C.-D., Maschinenbetrieb in Bauunternehmen – Neue Anforderun-
gen, Vortrag bei 71. Erfahrungsaustausch für Maschineningenieure, Aus-
bildungszentrum der Bauindustrie Essen, 27.10.1998
5.25 Eichner, H., Baumaschineneinsatz, in Schub/Meyran, Praxiskompendium
Baubetrieb, Bd. 2, Wiesbaden 1984
5.26 Hochtief AG, Essen; Der Staudamm Finstertal, Hochtief-Nachrichten 5/82
5.27 Werksunterlagen Eisenwerk Kaiserslautern
5.28 Werksunterlagen Orenstein & Koppel, Berlin
5.29 Werksunterlagen Barber Green
5.30 Werksunterlagen Parsons
5.31 Schneller Wechsel im harten Fels, O & K – Echo, Ausgabe 3/1997, S. 16
5.32 Granitschotter direkt aus der Wand genommen (Einsatz des Hydraulik-
hammers HM 4000 V, Stundenleistung im Mittel 400 t), Deutsches Bau-
blatt Nr. 229, 11/96, S. 10
5.33 Buchberger, M., Ein scharfer Zahn ersetzt die Ladung Dynamit (Cat-
Hydraulikbagger 375 LME mit Fels-Tieflöffel und Reißzahn im Kalk-
Tagebau, mit Schnellwechsel-System, Brutto-Leistung 310 t/8h), Deut-
sches Baublatt Nr. 239, 09/97, S. 9
5.34 HHC, Betonabbruch 14 m unter Wasser (mit 5t-Hydraulikhammer HM
2500 Marathon und Hydraulikfräse ETH 50 (AC-Eickhoff) an einem Cat
375 mit Stielverlängerung), Deutsches Baublatt Nr. 269, 03/00
168 5 Bauverfahren im Erdbau
5.35 Werksunterlagen Iveco Magirus AG, Unterschleißheim, 2005
5.36 Werksunterlagen Daimler Chrysler AG, Stuttgart, 2000
5.37 Werksunterlagen F.X. Meiller GmbH, München 2000
5.38 KURT, Kostenorientierte unverbindliche Richtpreistabellen, Verlag Hein-
rich Vogel, München, 1998
5.39 Werksunterlagen Volvo
5.40 Werksunterlagen Caterpillar
5.41 Cohrs, H.-H., Nur die Besten überleben, Knicklenker- und Starrahmen-
Muldenkipper ..., bpz, Nr. 3/91, S. 8
5.42 Gehbauer, F., Stochastische Einflussgrößen für Transportsimulationen im
Erdbau, Diss. Universität (TH) Karlsruhe, 1974
5.43 Danner, F., Warteschlangentheorie und Simulationstechnik – Hilfsmittel
zur Leistungsbestimmung maschineller Produktionsketten im Baubetrieb,
Diss. TH Wien, 1974
5.44 Bernold, L., Computersimulation und künstliche Intelligenz für Erdbaupro-
jekte, IABSE Journal J – 37/88, Zürich
5.45 Pröls, W., Leistungsermittlung für Erdbaumaschinen in der betrieblichen
Praxis einer Bauunternehmung, aus dem Bericht der Tagung über Leis-
tungsermittlung und -vermögen im maschinellen Erdbau, Essen 1979
5.46 Werksunterlagen Ahlmann, Rendsburg
5.47 Zeppelin Cat Katalog 2000, Zeppelin Baumaschinen GmbH, München
5.48 Werksunterlagen Schaeff, Langenburg/Württ.
5.49 Werksunterlagen Zeppelin – Metallwerke GmbH, München Geschäftsbe-
reich Caterpillar
5.50 Werksunterlagen Trimble GmbH, Am Prine Parc 11, 65479 Raunheim,
2000
5.51 Werksunterlagen Nissha
5.52 Bartels-Langweige, J., Befahrbarkeit bindiger Böden mit Raupenfahrzeu-
gen, TIS 2/88, S. 53-57
5.53 Placzek, D., Mögliche Alternative für den Einbau nasser, bindiger Böden,
TIS 10/87, S. 600-606
5.54 Keil, K., Materielle Festigkeitsgrundlage der Geotechnik, TIS 3/87, S. 150-
159 und TIS 4/87, S. 220-229
5.55 Grundlagen der Boden- und Asphaltverdichtung, Werksunterlagen
BOMAG, 05/99
5.56 Kirschner, R., Kloubert, H.-J., Vibrationsverdichtung im Erd- und Asphalt-
bau, BOMAG GmbH, Boppard, 2. Auflage 1994
5.57 Kloubert, H.J., Verdichtungsverfahren und -geräte, Bomag, Boppard, Se-
minar am 02.11.2000 in Frankfurt
5.58 Werksunterlagen Bomag, Boppard
5.59 Werksunterlagen Hamm, Tirschenreuth
5.60 Kloubert, H.-J., Anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung löst
Verdichtungsprobleme im Erd- und Asphaltbau, TBG, Tiefbau, H. 12/1999
5.61 Bomag, Verdichtungsmess- und Dokumentationssysteme, 03/1998
Literatur zu Kapitel 5 169
5.62 Bomag, Anwendungsbeispiele der flächendeckenden, dynamischen Ver-
dichtungskontrolle, 03/1998 (Autobahnbau, ICE-Neubaustrecke Köln-
Rhein/Main, SL-Bahn-Sanierung Flughafen Düsseldorf)
5.63 Bomag, Baustellenbericht Neubaustrecke Köln-Rhein/Main, Optimale
Verdichtung für Feste Fahrbahn, 04/1999
5.64 Bomag Variocontrol, Höchste gleichmäßige Verdichtung im modernen
Erd- und Verkehrswegebau, 04/1999
5.65 Floß, R., Kloubert, H.-J., Neueste Entwicklungen in der Verdichtungstech-
nik beim European Vorkshop Compaction of Soils and Granular Materials,
Paris, 19.05.2000 (Bomag Sonderdruck mit weiteren Literaturangaben)
5.66 Schneider, R., Jangtse – Drei-Schluchten-Staudamm, Chinesisches Jahr-
hundertprojekt nimmt Gestalt an, Deutsches Baublatt Nr. 257, 1999 und
Steinbruch und Sandgrube, H. 4/1999
5.67 Bay, H., Gegen die Diskriminierung der Bauindustrie, BW H.10/1970,
S. 292-295
5.68 Prenissl, W., Betriebs- und Ablaufplanung für einen großen Erddamm in
Kenia, Vortrag bei den 16. Tschechoslowakischen Talsperrentagen Brünn,
1978
5.69 Prenissl, W., Der Masinga Damm in Kenia, Wasserwirtschaft 70/1980,
Heft 3
5.70 Anforderungen an Schlüsselmaschinen im Gewinnungsbetrieb, St + S, H.
7/1995
5.71 Philipp Holzmann, Der Birecik-Staudamm, Deutsches Baublatt, 219-
220/1996, S. 9
5.72 Athen: Start frei für Flughafenneubau, O & K Echo 3/1996
5.73 Erdbewegung von 15000 m³ pro Tag, O & K Echo, 2/1996
5.74 Baugrubenaushub im Nassbaggerverfahren am Potsdamer Platz in Berlin,
BMT 4/1996, S. 8
5.75 Die Schwerarbeiter von der Spree, Deutsches Baublatt 229/1996
5.76 Kotte, G., Technik und Einsatzmöglichkeiten von Gradern (Mehr als Fein-
planierungsmaschinen beim Straßenbau); O & K Echo 3/1996
5.77 HHC, Das hohe C bei Kettenladern, Deutsches Baublatt 231-232/1997
5.78 Energie aus dem Jalong, Die Welt, 01.10.1997
5.79 Flughafen Dortmund startet in die Zukunft, O & K Echo 1/1998
5.80 Erdbewegung mit moderner Schubscraper-Flotte (am neuen Flughafen Ha-
le/Leipzig), Deutsches Baublatt 248/1998
5.81 Oh, Großgeräte lösen jede Aufgabe, Deutsches Baublatt 254/1998
5.82 HHC, Überwachungssystem kontrolliert jede Bewegung der High-Tech-
Riesen, Deutsches Baublatt 252/1998
5.83 Wirtgen GmbH, Homogenisierung für optimale Verdichtung, BW 7/1998
5.84 Volvo Baumaschinen Deutschland, Konz, Ein Bagger belädt täglich 200
Vierachser, BW H. 3/1999
5.85 Liebherr, Einsatz von Pontonbaggern am Main, St + S, H. 3/1999
5.86 Wasserkraft aus Thüringen (Pumpspeicherwerk Goldisthal), Steinbruch
und Sandgrube (St + S), Heft 10/1999
170 5 Bauverfahren im Erdbau
5.87 HHC, Die Massenbewegung verlangt eine ausgefeilte Baustellenlogistik,
Deutsches Baublatt 265/1999
5.88 HHC, Mit 300 km/h entlang der Autobahn, Deutsches Baublatt Nr. 269,
03/2000
5.89 Shain Wallis, Mohale Dam/7,5 Mio. m³ Steinschüttdamm), Lesotho High-
lands Water Projekt, Volume 5 Laserline, 2000
6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
6.1 Der Baustoff Beton
6.1.1 Begriffe und Definitionen
Beton und Stahlbeton ist seit Jahrzehnten der vielseitigste Baustoff im Bauwesen.
Neben hoher Druckfestigkeit, dichtem Gefüge, glatter Oberfläche, Wasserun-
durchlässigkeit, Widerstandsfähigkeit gegen chemische Angriffe sowie hohem
Abnutzungswiderstand ist er feuerbeständig. Außerdem lässt er sich nahezu belie-
big formen und damit weitgehend an die Funktions- und Standortbedingungen ei-
ner bestimmten Bauaufgabe anpassen. Mit schlaffer Bewehrung zur Aufnahme
von Zugspannungen (Stahlbeton) kommt er als tragendes Element bei nahezu je-
dem Bauvorhaben vor. Vorgespannt lassen sich mit ihm im Ingenieurbau größte
Belastungen aufnehmen und große Spannweiten überwinden.
Der Stand der Technik für Bemessung und Konstruktion, Herstellung und Aus-
führung von Beton und Stahlbeton ist in der Reihe DIN 1045 „Tragwerke aus Be-
ton, Stahlbeton und Spannbeton“ festgelegt. Sie besteht aus
− Teil 1: Bemessung und Konstruktion
− Teil 2: Beton – Festlegung, Eigenschaften, Herstellung und Konformität
– Anwendungsregeln zu DIN EN 206-1
− Teil 3: Bauausführung
− Teil 4: Ergänzende Regeln für die Herstellung und Konformität
von Fertigteilen [6.1 bis 6.4].
Eng verbunden mit dieser Reihe ist DIN EN 206-1 mit Festlegungen für die Be-
tontechnik [6.5].
DIN EN 206-1 „Beton – Teil 1: Festlegung, Eigenschaften, Herstellung und
Konformität“ erlaubt nationale Anwendungsregeln in einer Reihe von Abschnit-
ten, um unterschiedliche klimatische und geographische Bedingungen, verschie-
dene Schutzniveaus sowie gut eingeführte regionale Gepflogenheiten und Erfah-
rungen zu berücksichtigen. Die deutschen Anwendungsregeln sind in der DIN
1045-2 aufgeführt.
Diese Deutsche Norm gilt zusammen mit DIN EN 206-1 für Beton, der für
Ortbetonbauwerke, für vorgefertigte Bauwerke sowie für Fertigteile für Gebäude
und Ingenieurbauwerke verwendet wird. Der nachstehende auszugsweise Über-
blick über wesentliche Begriffe und Definitionen zum Begriff Beton aus der Sicht
der Bauausführung bezieht sich vorwiegend auf die deutsche Fassung der vorge-
nannten DIN EN 206-1/2000.
© Springer Berlin Heidelberg 2007
H. Bauer, Baubetrieb,
DOI 10.1007/978-3-642-32533-5_6
172 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Der Baustoff Beton ist in seinen Variationen als
− unbewehrter und
− bewehrter Beton (Stahl- und Spannbeton)
der im Hoch- und Ingenieurbau am häufigsten verwendete moderne Baustoff.
Er entsteht durch Erhärten des Zementleims als Gemisch aus
− dem Bindemittel Zement,
− den Betonzuschlägen Sand und Kies (Rundkorn), bzw.
Splitt und Schotter (gebrochenes Korn) und
− Wasser.
Der Beton muss soviel Zement enthalten, dass die geforderte Druckfestigkeit
und bei bewehrtem Beton ein ausreichender Schutz der Stahleinlagen vor Korrosi-
on erreicht werden kann.
Die Kornzusammensetzung des Betonzuschlags wird in Sieblinien dargestellt
(Bild 6.1), wobei stetige und unstetige (Ausfallkörnung) zu unterscheiden sind.
Häufig werden dem Beton noch Zusätze (Zusatzmittel und -stoffe) zugegeben,
um bestimmte Eigenschaften zu erreichen, z.B. Betonverflüssiger (bei enger Be-
wehrung), Abbindeverzögerer (für lagenweisen Einbau frisch auf frisch bei groß-
flächigen Bauteilen), Luftporenbildner (zur Tausalzbeständigkeit); für hochfesten
Beton Fließmittel und Silikatstaub.
Bild 6.1.1: Sieblinien mit einem Größtkorn von 32 mm
6.1 Der Baustoff Beton 173
Bild 6.1.2: Sieblinien mit einem Größtkorn von 63 mm
Bild 6.1: Sieblinien von Betonzuschlägen [6.2]
Nach der Rohdichte (ofentrocken) lassen sich
− Leichtbeton (Rohdichte 800–2.000 kg/m³),
− Normalbeton (Rohdichte zwischen 2.000 und 2.600 kg/m³),
− Schwerbeton (Rohdichte über 2.600 kg/m³)
unterscheiden,
nach der Druckfestigkeit fck [N/mm²] die Klassen für Normal- und Schwerbeton
sowie Leichtbeton (Bild 6.2).
Beton mit einer Festigkeitsklasse über C 50/60 im Fall von Normal- oder
Schwerbeton und einer Festigkeitsklasse über LC 50/55 im Fall von Leichtbeton
wird als hochfester Beton bezeichnet.
Dabei ist fck, cyl die charakteristische Mindestfestigkeit von Zylindern mit 150
mm Durchmesser und 300 mm Länge nach 28 Tagen, fck, cube die charakteristische
Festigkeit von Würfeln mit 150 mm Kantenlänge nach 28 Tagen. Als charakteris-
tische Festigkeit gilt der Festigkeitswert, den erwartungsgemäß 5% der Grundge-
samtheit aller möglichen Festigkeitsmessungen der Menge des betrachteten Be-
tons, z.B. im Beurteilungszeitraum, unterschreiten (5%-Quantil, Bild 6.3)
Eine relativ wenig streuende, wenn auch nur gering über dem geforderten Wert
liegende charakteristische Festigkeit bedeutet einen besseren Beton als große Fes-
tigkeitsschwankungen, auch wenn dabei der Mittelwert erheblich über der gefor-
derten Festigkeit liegt.
174 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.2: Druckfestigkeitsklassen für Beton [6.5]
6.1 Der Baustoff Beton 175
Bild 6.3: 5%-Fraktile der Normalverteilung. Dies ist jener Merkmalswert auf der x-Achse,
der nur in 5% aller Fälle unterschritten wird
Hinsichtlich der Verantwortung des Herstellers für die Betonqualität wird
− Beton nach geforderten Eigenschaften und zusätzlichen Anforderungen (Be-
ton nach Eigenschaften),
− Beton nach (festgelegter) Zusammensetzung und
− Standardbeton definiert. Dieser ist ein Beton dessen Zusammensetzung in einer
am Ort der Verwendung des Betons gültigen Norm vorgegeben ist.
Nach dem Ort der Herstellung oder der Verwendung unterscheidet man
− Baustellenbeton: Beton, der auf der Baustelle vom Verwender des Betons für
den Eigenverbrauch hergestellt wird; inzwischen kommen jedoch verwender-
eigene Betonmischanlagen nur noch bei Großbaustellen und in Fertigteilwerken
vor,
− Transportbeton: Beton, der in frischem Zustand durch eine Person oder Stelle
geliefert wird, die nicht der Verwender ist. Transportbeton im Sinne dieser
Norm ist auch
− vom Verwender außerhalb der Baustelle hergestellter Beton,
− auf der Baustelle nicht vom Verwender hergestellter Beton.
Transportbeton wird hergestellt als
− werkgemischter Transportbeton:
Beton, der im Werk gemischt und in Fahrzeugen zur Baustelle gebracht wird,
er ist heute die Regel,
− fahrzeuggemischter Transportbeton:
Beton, der während der Fahrt oder erst nach Eintreffen auf der Baustelle im
Mischfahrzeug gemischt wird.
Solange Beton verarbeitet werden kann (innerhalb ž 90 Minuten ab Herstel-
Herste
lung), wird er als Frischbeton, nach dem Erhärten als Festbeton bezeichnet.
Wird Frischbeton in Bauteile in ihrer endgültigen Lage eingebracht und erhärtet
dort, wird er im Gegensatz zu Betonfertigteilen als Ortbeton bezeichnet.
176 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bei Frischbeton sind nach [6.5] 4 Konsistenzklassen zu unterscheiden (Setz-
maß-, Setzzeit- Verdichtungsmaß- und Ausbreitmaßklassen); innerhalb der Aus-
breitmaßklassen, die in der BRD vorwiegend zur Konsistenzbestimmung von Be-
ton verwendet werden, 6 Konsistenzbereiche (F1a bis F6a, Bild 6.4). Da sich für
die Konsistenzbestimmung von steifem Beton das Ausbreitmaß nicht eignet, ist in
diesem Fall das Verdichtungsmaß zu bestimmen.
Zu a) in Bild 6.4:
Bei Ausbreitmaßen über 700 mm ist die DAfStb-Richtlinie Selbstverdichtender
Beton zu beachten. Sie ist zurzeit in Vorbereitung. Bis zu ihrer Einführung bedarf
es einer allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung oder einer Zustimmung im Ein-
zelfall.
Hochfester Ortbeton muss eine Konsistenzklasse F3 oder weicher haben.
Beton, dessen Konsistenz außerhalb dieser Bereiche liegt, darf für tragende
Bauteile nicht verarbeitet werden.
Bild 6.4: Konsistenzbereiche von Frischbeton [6.2]
Die Konsistenz des Frischbetons ist unter Berücksichtigung der Verarbeitungs-
bedingungen am Bau (Förderung, Einbau und Verdichtung) vor Baubeginn festzu-
legen. Heute gilt, „dass sicherer Betoneinbau, d.h. weicher, gut verarbeitbarer
Frischbeton eine wesentliche Voraussetzung für gute Bauwerksqualität ist. Diese
Tendenz zeigt sich auch im Betonieralltag. 70% des Frischbetons besitzen heute
weiche Konsistenz“ [6.6].
6.1 Der Baustoff Beton 177
Als Stahl-Faserbeton werden zementgebundene Betone und Mörtel bezeichnet,
denen kurze Stahlfasern beigemischt werden in der Absicht, einen Beton mit einer
konstruktiv nutzbaren Zugfestigkeit zu erreichen (Bild 6.5). Beton mit anorgani-
scher (Glasfaser) oder organischer (Kohlenstoff-Faser) Bewehrung ist in der Ent-
wicklung [6.9].
Bild 6.5: Vergleich der Spannungs-Dehnungs-Linien von faserfreiem Spritzbeton und
Stahlfaser-Spritzbeton aus Zugversuchen [6.8]
Stahlfaserbeton wird in üblichen Mischern durch Zugabe von Stahlfasern (0,2–
1,0 mm dick, 20–50 mm lang) hergestellt und entweder als Stahlfaser-Mixbeton in
die Schalung eingebracht oder durch Spritzen aufgetragen. Das Einsatzgebiet des
Stahlfaser-Mixbetons liegt vorwiegend im Untertagebau bei Schildvortrieb und
bei der vorübergehenden oder bleibenden Sicherung des Gebirges, des Stahlfaser-
Spritzbetons über Tage bei der vorübergehenden oder bleibenden Sicherung steiler
Böschungen [6.10, 6.10a].
Der Baubetrieb, hier die Baustelle bzw. das Transportbetonwerk, muss die vom
Konstrukteur aufgrund der statischen Berechnung und ggf. weiterer Vorgaben ge-
forderte Qualität des fertigen Betons mit Sicherheit und möglichst gleichmäßig er-
füllen. Diese Forderung wird durch Festigkeitsprüfungen überwacht.
In stationären Stahlbeton-Fertigteilwerken oder an der Baustelle eingerichteten
Feldfabriken mit einem entsprechenden Schutz vor Witterungseinflüssen herge-
stellte und erhärtet an die Bau- bzw. Einbaustelle gelieferte Elemente werden Be-
tonfertigteile genannt. Sie brauchen häufig eine besondere Transport- bzw. Mon-
tagebewehrung. Soweit in Feldfabriken kein Schutz vor ungünstigen Witterungs-
bedingungen besteht, gelten für die Herstellung von Fertigteilen die Regeln für
Ortbeton.
Vorgefertigte Stahlbetonbauteile sind wesentliche Elemente eines Teilbereichs
des industrialisierten Bauens (Abschnitt 7).
Die Bauleistungseinheit im Beton- und Stahlbetonbau ist verdichteter Frischbe-
ton mit einem Volumen von 1 m³ (Festbeton).
178 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
6.1.2 Baubetriebliche Einflussfaktoren auf Betoneigenschaften
Nach den Regeln der Betontechnologie im Teil 2 der DIN 1045 kann Beton auf
verschiedene Eigenschaften eingestellt werden [s. 6.6]. Von den Einflüssen auf die
Qualität des Festbetons haben Lieferwerk bzw. Baustelle folgende Faktoren be-
sonders zu beachten:
− Zusammensetzung des Frischbetons
Wasser- und Zementmenge (Wasserzementfaktor), Art und Anteil der einzel-
nen Komponenten der Zuschläge (Sieblinie) und die Betonzusätze bestimmen die
Konsistenz und damit die Verarbeitbarkeit des Frischbetons (weicher und plasti-
scher Beton sind leichter zur verarbeiten als steifer Beton). Bei dem heute relativ
selten gewordenen Baustellenbeton bestimmen sie auch den Umfang des Zwi-
schenlagers der Betonkomponenten an der Mischanlage und den Wärmebedarf im
Winterbau.
Steifer Beton mit Grobzuschlag > 63 mm kommt nur bei Massenbeton vor; bis
63 mm Korndurchmesser bei der Herstellung von Fahrbahndecken mit Gleitscha-
lungsfertigern.
− Verarbeitung des Frischbetons
Dazu zählen der Transport, das Fördern des Frischbetons von der Baustellenan-
lage bzw. dem Anlieferpunkt der Liefermischer zur Einbaustelle, das Einbringen
in die Schalung, die Rüttelverdichtung und das plangemäße Abziehen der Ober-
fläche. Art und Dauer der Verarbeitung beeinflussen die Qualität des fertigen Be-
tons ebenso nachhaltig wie der Mischvorgang. Beim Einbringen in die Schalung
darf sich der Beton nicht entmischen.
− Nachbehandlung des Frischbetons bis zum Ende der Erhärtungsperiode
Hierzu gehören bspw. das Abdecken der frischen Betonoberfläche zum Schutz
gegen Regen und Sonneneinstrahlung, das Feuchthalten in den ersten Tagen, um
zu frühes Austrocknen (unregelmäßige Schwindrisse) zu vermeiden und ein aus-
reichender Frostschutz im Winterbau.
Welche Anforderungen heute an den Beton für ein großes Ingenieurbauwerk
(200 m hoher Kühlturm für das Braunkohlekraftwerk Niederaußem) gestellt wer-
den und welche Vorgaben sich daraus für die Bauausführung ergeben, ist dem Be-
richt von D. Busch, B. Haselwander, B. Hillemeier und I. Strauß anlässlich des
Betontages 1999 zu entnehmen [6.11].
Der Teil 3 der DIN 1045 (Bauausführung) enthält im Einzelnen noch weitere
Voraussetzungen und Anforderungen, die bei der Verarbeitung (Fördern, Einbau,
Verdichten und Nachbehandlung) von Beton zu beachten bzw. zu erfüllen sind,
damit aus dem angelieferten Frischbeton der Qualitätsbeton entsteht, den der Kon-
strukteur seinem Tragwerksentwurf zugrunde gelegt hat. Ich gehe darauf in den
Abschnitten 6.3 bis 6.5 noch ein. (s. hierzu [6.12]).
6.2 Teilvorgänge und Teilbetriebe im Betonbau 179
6.2 Teilvorgänge und Teilbetriebe im Betonbau
Der Ablauf von Stahlbetonarbeiten hängt von Entwurf und Konstruktion des her-
zustellenden Bauwerks (Bauteils) ab. Zur Ermittlung der zeit- und kostenoptima-
len Bauausführung ist deshalb schon in der Planungs- und Bauvorbereitungsphase
die Zusammenarbeit des Tragwerks- und Fertigungs-(Baubetriebs-)ingenieurs un-
erlässlich. Im einzelnen sind dabei folgende Arbeitsschritte zu unterscheiden:
in der Konstruktionsphase:
− Wahl der Betonquerschnitte und -qualität in einem günstigen Verhältnis zum
Bewehrungsanteil (Ermittlung des optimalen Verhältnisses der Stahl- zur Be-
tonmenge unter Berücksichtigung der für das Bauvorhaben gültigen Baustoff-
preise).
− Ermittlung der günstigsten Bewehrungsart (bspw. Rippentorstahl-Baustahl-
matten statt Stabstahl) und Bewehrungsform (auf die Gegebenheiten des Bau-
werks abgestimmte Baustahlmatten bzw. vorgefertigte Bewehrungselemente).
− insgesamt Wahl einer fertigungsgerechten Konstruktion.
im Rahmen der Arbeitsvorbereitung:
− Festlegen der Ablauffolge der einzelnen Bauteile,
− Wahl eines wirtschaftlichen Schalsystems unter dem Gesichtspunkt minimaler
Lohn- und Betriebsmittelkosten, mehrmaligen Einsatzes und ggf. späterer Wie-
derverwendung der Schalung, wobei das Umsetzen im Taktverfahren erfolgen
sollte,
− Wahl des optimalen Betoneinbauverfahrens,
− Untersuchung der Liefermöglichkeit von Transportbeton (s. hierzu [6.6]).
Die Bauausführung, das Einbauen von Beton, besteht aus folgenden Teilvor-
gängen:
− nach dem Einmessen der Gebäudeachsen und Bauteile sowie Festlegen der Hö-
henpunkte Aufstellen der Rüstung und Schalung einschließlich erforderlicher
Arbeits- und Schutzgerüste für den ersten Bauabschnitt.
− Anlegen von Aussparungen und Versetzen von Einbauten (Anker, Halfenschie-
nen, Leerrohre, Fugenelemente).
− Verlegen der Bewehrung.
− Betonieren des jeweiligen Bauabschnittes (Herstellen, soweit nicht Transport-
beton verwendet wird, Fördern, Einbauen, Verdichten und Abziehen des Be-
tons mit geeigneten Maschinen und Geräten).
− Nachbehandlung des Betons (Feuchthalten, Abdecken mit Matten oder Planen,
Aufrauen von Arbeitsfugen).
− Ausschalen der Bauteile unter Berücksichtigung der Ausschalfristen nach DIN
1045-3 bzw. arbeitstechnischer Besonderheiten.
− Umsetzen der Schalung (einschließlich Reinigung und Oberflächenbehandlung)
in den folgenden Abschnitt (usw.).
Von besonderer Bedeutung für die Menge der vorzuhaltenden Rüstung und
Schalung und damit für einen wirtschaftlichen Baubetrieb sind die Ausschalfristen
180 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
nach DIN 1045-3 (Abschn. 5.6). Durch Verwendung hochwertigen (frühhochfes-
ten) Zements und damit kürzeren Ausschalfristen lässt sich die auf der Baustelle
vorzuhaltende Menge an Schalung und Rüstung auf ein Minimum reduzieren
(Kostenvergleich).
Die bei Beton- und Stahlbetonarbeiten in Ortbeton vorkommenden Teilvorgän-
ge werden zunächst zu Vorgangsgruppen zusammengefasst (Bild 6.6). Sie stellen
die technologische Grobstruktur von Beton- und Stahlbetonarbeiten dar. Für die
Feinstruktur lassen sich diese Vorgangsgruppen weiter untergliedern, worauf i.E.
noch einzugehen ist. Wie im Erdbau werden die Teilvorgänge bzw. deren Zu-
sammenfassung zu Vorgangsgruppen durch Teilbetriebe vollzogen.
Nach Bild 6.6 sind bei Betonarbeiten drei Vorgangsgruppen zu unterscheiden
(T1 Schalung und Rüstung einschließlich Aussparungen und Einbauten, T2 Be-
wehren und Fugenausbildung, T3 Betoneinbau).
Neben dem taktmäßigen Einsatz der Schalung ist die Betonverarbeitung, das
Fördern, Einbauen und Verdichten des Betons, ein wichtiges Ablaufkriterium ei-
ner Betonbaustelle. Die Betonierfolge hängt von der Konstruktion eines Bauwerks
sowie den besonderen Standortbedingungen einer Baustelle ab und bestimmt An-
zahl, Größe und Reihenfolge der einzelnen Betonierabschnitte. Die Vorgangs-
gruppen des Beton- und Stahlbetonbaues bzw. die dabei angewendeten Verfahren
werden deshalb nachstehend nicht in der tatsächlichen Ablaufreihenfolge T1–T3,
sondern in der didaktisch geeigneter erscheinenden Folge T3, T1, T2 erläutert.
Bild 6.6: Vorgangsgruppen im Beton- und Stahlbetonbau (s.a. [6.12])
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau
Diese Vorgangs- oder Prozessgruppe umfasst das Herstellen und Verarbeiten des
Frischbetons. Soweit sie auf der Baustelle ablaufen, werden diese Vorgänge durch
den Teilbetrieb T3 vollzogen.
Beton wird heute überwiegend durch Fremdfirmen in stationären Transportbe-
tonwerken hergestellt und als Frischbeton an die Baustellen angeliefert. Für Groß-
baustellen des Ingenieurbaus (Brücken, Tunnel, Verkehrswege), die weitab von
Transportbetonwerken liegen und kontinuierlich große Einbaumengen qualitativ
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 181
hochwertigen Frischbetons erfordern, können stationäre Anlagen die von den
Kunden gestellten Forderungen häufig nur schwer erfüllen. Dieser Bereich kann
daher nur durch mobile Baustellen-Mischanlagen abgedeckt werden. Auch Be-
tonwerke, die Beton- und Stahlbetonfertigteile herstellen, arbeiten mit eigenen Be-
tonmischanlagen. Da hierbei wie bei Transportbetonwerken maschinen- und ver-
fahrenstechnische Fragen im Vordergrund stehen, gehe ich auf das Herstellen von
Frischbeton, den Teilvorgang 3.1, nur kurz (informativ) ein.
6.3.1 Betonherstellung (Teilvorgang T31)
[Link] Aufgabe
Der für einen Bauteil (Betonierabschnitt) erforderliche Frischbeton ist nach den
Regeln der Betontechnologie in der geforderten Qualität und Konsistenz herzu-
stellen. Dazu werden Betonzuschläge, Zement, Wasser und Betonzusätze nach der
vorgesehenen Rezeptur entweder chargenweise oder in Durchlaufmischern so lan-
ge gemischt, bis eine gleichmäßige (homogene) Mischung erreicht ist. Diese For-
derung ist erfüllt, wenn jede aus der Mischung entnommene Probe die gleiche Zu-
sammensetzung und räumliche Verteilung ihrer Bestandteile aufweist.
[Link] Mischanlage
Für das Herstellen von Frischbeton sind bei chargenweiser Herstellung folgende
Arbeitsschritte zu unterscheiden:
− Betonzuschläge dosieren,
− Bindemittel dosieren,
− Wasser dosieren,
− Betonzusätze dosieren,
− Mischer beschicken,
− Beton mischen,
− Mischer entleeren.
Eine Betonmischanlage besteht deshalb aus folgenden Komponenten:
− dem Lager für Betonzuschläge, Bindemittel und Betonzusätzen,
− den Dosier- und Beschickungseinrichtungen (Waagen),
− dem Mischer.
Dazu kommen ein Steuerungssystem der Anlage, der Anschluss für Wasser und
Energie (Strom, ggf. Druckluft), die Entsorgung (Rest- und Rückbeton-Recycling,
Abwasser) sowie Einrichtungen für das Vorwärmen des Wassers und (ggf.) der
Zuschläge bei Winterbetrieb.
Ein allgemeines Verfahrens-Fließbild einer Betonmischanlage ist in Bild 6.7
dargestellt. Da dieses noch keine Dosierung von Betonzusätzen enthält, zeigt er-
gänzend Bild 6.8 die Hauptfunktionsgruppen einer modernen Betonmischanlage.
182 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
1 Vorratssilo
2 Beschickerwaage
3 Zementeinblasung
4 Zementsilo
5 Abluftfilter
6 Zementförderschnecke
7 Zementwaage
8 Wasserdosierung
9 Kompressor/Druckluftanlage
10 Tellermischer
11 Steuerraum
Bild 6.7: Verfahrens-Fließbild einer Mischanlage [6.13]
[Link] Mischerbauarten
An Mischerbauarten sind absatzweise und stetig arbeitende Mischer zu unter-
scheiden. Absatzweise arbeitende Mischer sind die Regel. Für Massenbeton (Be-
tonpisten von Flughäfen, Tunnel, Fahrbahndecken von Autobahnen) werden in-
zwischen auch stetig arbeitende (Durchlauf-)Mischer eingesetzt [6.15].
Bei den in Mischanlagen absatzweise arbeitenden Betonmischern kommen nur
noch Teller- und Trogmischer vor (Tab. 14).
Stand der Technik und am weitesten verbreitet sind Ringtellermischer mit
schnell drehenden umlaufenden Planetenrührwerken, die bei 30 Sekunden Misch-
dauer eine genügende Homogenität des Betons erzielen [6.14].
Fahrmischer sind dagegen Trommelmischer. Sie bestehen aus einer rotierenden
Trommel mit innen schräg bzw. spiralförmig angebrachten Leitblechen. Diese he-
ben bei der Umdrehung das Mischgut zunächst hoch und lassen es dann frei fallen,
wodurch sich die einzelnen Komponenten miteinander vermischen.
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 183
Bild 6.8: Hauptfunktionsgruppen einer Betonmischanlage [6.14]
Trommelmischer entleeren entweder durch Kippen der Trommel, Umkehraus-
tragung oder Öffnen einer (dann) 2-teiligen Trommel, Teller- und Trogmischer
durch Bodenöffnungen.
Die Fahrmischer werden mit 3 bis 5 Achsen als Umkehrmischer von 6 bis 15
m³ Nennfüllung (in m³ Festbeton) gebaut (Bild 6.9).
184 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Kipptrommelmischer wurden zuletzt nur noch bei großen Betonmischanlagen
ab etwa 3,0 m³ Trommelinhalt eingesetzt (s. Bild 6.14).
Tabelle 14: Bauarten von Betonmischern (DIN 459, Teil 1 [6.16])
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 185
Das Entleeren des Mischers kann direkt oder über einen Auslauftrichter in
Fahrmischer, LKW mit Stahlmulde (bei steifem Beton), Krankübel, Aufgabetrich-
ter einer Betonpumpe oder auf ein Förderband erfolgen.
Die Größe von Betonmischern wird nach ihrer Nennfüllung in m³ angegeben.
Übliche Mischergrößen sind 0,5–0,75–1,0–1,25–1,5–2,0–2,25 m³, für große
Mischanlagen ab 3,0m³.
Für das Mischen von Mörtel werden kleinere Mischer mit 75, 150 und 250 l
Nennfüllung gebaut.
186 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.9: 3-Achs Fahrmischer [6.17]
[Link] Bausysteme von Betonmischanlagen
Mischanlagen werden nach dem Baukastenprinzip als Kompaktanlagen serienmä-
ßig gebaut, wodurch sie relativ schnell auf- und abgebaut werden können. Variab-
le Bauhöhen ermöglichen die Mischgutabgabe in Krankübel, LKW, Betonpum-
pen, Fahrmischer oder auf ein Förderband.
Zur Beschickung eines Betonmischers sind drei Varianten zu unterscheiden:
− der Kübelaufzug
− die Beschickung über ein Förderband,
− die Beschickung durch Schwerkraft
Diese erfolgt durch das Eigengewicht der Betonzuschläge und des Zements aus
den über dem Mischer angeordneten Silos und Waagen.
Daraus haben sich 3 Standardsysteme von Betonmischanlagen entwickelt. Dies
sind die Mischanlage mit Zuteilstern, die Reihenanlage und der Mischturm. Die
Varianten 1 und 2 werden als Horizontalanlagen, Variante 3 als Vertikal- bzw.
Turmanlage (Mischturm) bezeichnet. Ob sie die jeweils wirtschaftlichste Lösung
darstellen, muss von Fall zu Fall untersucht werden. Welches Anlagenkonzept im
Einzelfall zu wählen ist, hängt auch von den Standortbedingungen ab [6.14, 6.18].
− Mischanlage mit Zuteilstern
Der Aktivvorrat über den Dosieröffnungen der Betonzuschläge im Zuteilstern
wird durch einen manuell oder automatisch arbeitenden Ausleger-Schrapper be-
schickt. Die abgewogenen Zuschläge kommen mit einem Kübelaufzug in den Mi-
scher. Die Zementsilos können über oder neben der Mischanlage aufgestellt wer-
den. Der Zement wird über Steilförderschnecken direkt in die Waage über dem
Mischer gefördert (Bild 6.10.1).
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 187
Die Zementsilos werden durch Silofahrzeuge mit losem Zement beschickt, der
mit Druckluft eingeblasen wird.
Sonderformen dieses Typs für geringe Betonleistungen (~ 30 m³ Festbeton/h)
sind die Zuschlaglagerung im Taschen- oder Reihensilo (Bild 6.11).
Bild 6.10.1: mit Sternsilo (Zuteilstern)
Bild 6.10.2: mit Reihensilo
188 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.10.3: mit Rundsilo
Bild 6.10: Horizontale Betonzentralen (bspw. Betonmix 0,5–3,0) [6.14])
− Reihenanlage
Horizontale Betonzentralen mit Reihensilo nach Bild 6.10.2 sind wie Sternan-
lagen für Betonierleistungen von etwa 50 bis 100 (120) m³ Festbeton/h ausgelegt.
Sie sind zweckmäßig, wenn
− größere Mengen an Zuschlagstoffen auf der Baustelle gelagert werden müssen,
− ein größerer Aktivvorrat als bei der Sternanlage verfügbar sein soll oder
− über ein Förderband direkt aus den Vorratssilos einer Kies-Aufbereitungs-
anlage abgezogen werden kann.
Die Silotaschen werden vom Zuschlagstofflager der Baustelle durch Radlader
beschickt.
Eine Anlage nach Bild 6.10.2 braucht jedoch mehr Platz als eine Sternanlage.
Sowohl Stern- als auch Reihenanlagen sind im Winter nur schwer zu beheizen.
Anstelle von Stern- und Reihensilos können bei horizontalen Betonanlagen mit
Kübelaufzug die Zuschläge auch in einem Rundsilo gelagert werden (Bild 6.10.3,
[6.14]).
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 189
Bild 6.11: Betonzentrale Compact mix 0,5 für geringe Betonierleistungen [6.14]
− Vertikale Betonzentralen(Betonmischtürme)
Anlagen dieser Art (Bild 6.12) sind nur für große Betonierleistungen im Dauer-
betrieb oder für Transportbetonwerke wirtschaftlich. Sie werden für Stundenleis-
tungen von 55 bis 150 m³ Festbeton serienmäßig gebaut (Betomat I–IV, mit 2 Zu-
schlagwaagen und 2 Fahrspuren bis 180 m³/h [6.14]). Statt mit Senkrecht-
Becherwerken können die Zuschlagsilos auch über Förderbänder beschickt wer-
den (Bild 6.13).
Der Vorteil eines Betonmischturms liegt im minimalen Platzbedarf.
Bei allen Mischern werden Zuschläge und Zement über Waagen dosiert. Ze-
mentwaagen werden durch eine staubdichte Förderschnecke aus dem Zementsilo
beschickt und entleeren staubdicht in den Mischtrog. Auf diese Weise und durch
den nach oben abgeschlossenen Mischtrog wird Staubbelästigung weitgehend
vermieden.
Für die Zugabe von Wasser und Zusatzmitteln sind neben Waagen auch andere
Varianten möglich (Bild 6.8), wobei in der Rezeptur des Betonlabors die Eigen-
feuchte der feinen Betonzuschläge berücksichtigt werden muss, die im Vorratssilo
zu messen ist.
Durch eine entsprechende Steuerautomatik können laufend verschiedene Be-
tonsorten gemischt werden. Ein Druckwerk druckt die Betonzusammensetzung
auf die Lieferscheine der einzelnen Fahrzeuge (für die Baustellenkontrolle bei
Transportbeton wichtig).
190 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.12: Betonmischturm (Schema) [6.14]
Bild 6.13: Beschickung der Zuschlagsilos über Förderband
Als Beispiel eines großen Betonmischturms für eine Massenbetonbaustelle sei
der Mischturm für den Bau der Sperrmauer Zillergründl für die Tauernkraftwerke
AG in den Österreichischen Alpen mit einer Gesamtbetonkubatur von 1,4 Mio. m³
erwähnt [6.18]. In diesem für eine Leistung von 360 m³ Festbeton/h ausgelegten
Mischturm (Bild 6.14) sind "vier 4,5 m³ – Kipptrommelmischer installiert, die den
Beton in entsprechende Frischbetonsilos von je 9 m³ Fassungsvermögen abgeben.
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 191
Das Kiesvorratsvolumen im Mischturm beträgt 1.200 t, die beiden Zementsilos im
Mischturm haben ein Fassungsvermögen von insgesamt 200 t. Der Mischturm ar-
beitet vollautomatisch und wird über eine zentrale Rechenanlage gesteuert.
Von diesem Mischturm aus wurde auch der Kiestransport über ein langes För-
derband von der Kiesaufbereitungsanlage her gesteuert, ebenso Abruf und Zugabe
von Scherbeneis sowie der Abzug des Zements aus den Vorratsbehältern. Die Ei-
genfeuchte der Zuschlagstoffe wurde über Sonden in den Silos gemessen, in der
zentralen Rechenanlage ausgewertet und im Mischrezept berücksichtigt," [6.18].
Die weiteren technischen Daten dieser Baustellenbetonanlage sind in Tab.15
zusammengefasst.
1 Zemententstaubung
2 Drehverteilerschurre
3 Zuschlagstoffsilos und Zementsilos
4 Wiegeeinrichtung mit Wasserdosierung
5 4 Freifallmischer á 4,5 m³
6 4 Frischbetonsilos á 9 m³
7 Steuerkabine
Bild 6.14: Betonmischturm der Sperrenbaustelle Zillergründl [6.18]
Tabelle 15: Technische Daten der Baustellen-Betonanlage Sperre Zillergründl [6.18]
192 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Tabelle 15 (Forts.)
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 193
Die Entscheidung über Beschaffung und Einsatz von Betonmischanlagen kann
neben den schon genannten Kriterien und ggf. Umwelteinflüssen nur anhand von
Wirtschaftlichkeitsberechnungen getroffen werden (Vergleichskalkulation über
die Kosten je m³ Beton in Abhängigkeit von der Nutzungsdauer der Anlage, ihrem
Einsatzgrad, dem Bedienungs- und Betriebsstoffaufwand sowie den Auf- und Ab-
baukosten), wobei die Annahmen sorgfältig abzuschätzen sind.
Zur größeren Betriebssicherheit bei Maschinenstörungen und besseren Leis-
tungsanpassung bei wechselnder Abnahme werden Mischtürme häufig statt mit
einem großen mit zwei kleineren Mischern ausgerüstet.
Bei über längere Zeit laufenden Großbaustellen in Stadtzentren wie bspw. in
den letzten Jahren in Berlin wurden – wie schon vor 40 Jahren im Autobahnde-
ckenbau – Betonzentralen mit Gleisanschluss und eigenen Baustraßen (Berlin) für
die Betonlieferungen an mehrere Baustellen mit Fahrmischern eingerichtet. Da-
durch wurde eine ungestörte Versorgung der Baustellen mit Frischbeton möglich
und der dichte öffentliche Straßenverkehr nicht behindert [6.19].
[Link] Leistung von Betonmischern und Mischanlagen
Die theoretische Mischleistung absatzweise und stetig arbeitender Mischer ergibt
sich aus Abschnitt 3 der DIN 459-1, Nr. 3.1.9 und 3.2.3. Für absatzweise arbeiten-
de Mischer beträgt sie
Qth = VNenn · n [m³/h Festbeton].
(43a)
VNenn = Nenninhalt des Mischers [m³ fest],
3600 [s]
n = theor. Spielzahl/h = /h
ts [s]
ts = theor. Spielzeit [s]
Das Leistungsdiagramm der Mischanlage in Bild 6.15 zeigt, dass sich Teilzei-
ten der Spielzeit teilweise überlappen.
Als Mischergröße wird jeweils der Nenninhalt in m³ Festbeton angegeben. Die
Füllmenge/Arbeitsspiel an Zuschlägen, Bindemittel, Zusatzstoffen und Wasser
muss daher um das Verdichtungsmaß (1,45) größer sein als das Volumen des ver-
dichteten Frischbetons (Tab.14).
Im Betrieb ist pro Arbeitsspiel noch eine Sicherheitszeit von weiteren 5 s zu be-
rücksichtigen (Bild 6.15). Die maximale Leistung/h eines Mischers ergibt sich da-
durch zu
VNenn ⋅ 3.600 [s] (43b)
Qth = VNenn · n´ = [ m³/h fest].
ts + 5 [s]
194 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Für das Einbauen des Betons ist die wegfahrbare bzw. abnehmbare Leistung
der Mischanlage maßgebend. Sie ergibt sich bei Abnahme des Betons durch
Fahrmischer und den Daten des Leistungsdiagramms in Bild 6.15 aus der
− Anlaufspielzeit A,
− der Spielzeit für m weitere Mischungen und
− der um 3 s längeren Entleerzeit des Mischers beim letzten Spiel (für das voll-
ständige Entleeren), d.h. aus der praktisch möglichen Spielzeit
F = A + m · C + 3 [s] (44)
Unter Berücksichtigung eines Nutzleistungsfaktors von 0,83 (50 min-Std.) er-
gibt sich daraus die wegfahrbare (einzubauende) Betonmenge/h zu
3.600 (45)
QN = 0,83 · [m³/h fest].
F
Beispiel: Horizontale Betonanlage mit Wiegeband und Kübelaufzug,
Ringtellermischer Liebherr RIM 2,25 [m³],
Teilzeiten nach Leistungsdiagramm in Bild 6.15,
Fahrmischer HTM 904 (Nennfüllung 9 m³ Festbeton
d.s. 4 Mischerspiele)
Anlaufspiel A = 32 + 28 + 18 + 18 + 30 + 35 = 161 s,
Spielzeit für die weiteren Mischungen
C = 5 + 18 + 30 + 35 = 88 s,
m = 4–1 = 3.
Daraus folgen
3.600 s
F = 161 + 3 · 88 + 3 = 428 s, d.s. = 8,41 Fahrmischerladungen/h
428 s
60′
bzw. = 7, 14′ /Ladespiel
8,41
und
3.600
QN = 0,83 · = 0,83 · 8,41 = 7 Fahrmischerladungen/h
F
= 7 · 9 m3 = 63 m³/h fest.
Die theoretische Mischerleistung beträgt
3.600 s
Qth = VNenn · n = 2,25 m³ · = 98 m³/h fest, die theoretische Leistung der
83 s
Fahrmischerbefüllung 8,41 Ladungen/h · 9m3 fest/Ladung = 76 m3/h fest.
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 195
Bild 6.15: Leistungsdiagramm einer Mischanlage [6.14]
196 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
[Link] Steuerung von Betonmischanlagen
Betonmischanlagen sind mit hoch entwickelten Mikroprozesssteuerungen ausge-
rüstet und können daher von einem Mann bedient werden. Dabei lässt sich der Ab-
lauf des Mischvorgangs am Steuerstand auf einem Tableau verfolgen und kontrol-
lieren.
Eine wesentliche Voraussetzung zum Einhalten der Vorgaben für die jeweils
geforderte Betonqualität ist eine verlässlich arbeitende Feuchtemessung in den
Zuschlagstoffen, vor allem im Sandbereich. Dabei sollen die kontinuierlich ermit-
telten Feuchtewerte der Zuschlagstoffe automatisch zu einer Korrektur der rezept-
gemäßen Wassermenge in der betreffenden Charge führen.
Eine in der Praxis bewährte Lösung dieser Aufgabe ermöglicht bspw. das
Litronic-Feuchtemaß-System (FMS) im gemeinsamen Einsatz mit einer Mikro-
prozesssteuerung. Funktionen, Leistung und weitere Möglichkeiten derartiger
Steuerungssysteme (bspw. zur Dokumentation) sind den Werksangaben der Her-
steller zu entnehmen [6.20, 6.21].
[Link] Betonrecycling
Der Rück- und Restbeton aus Fahrmischern ist zur Wiederverwendung
aufzubereiten. Das Funktionsschema einer Recyclinganlage ist in Bild 6.16
dargestellt. Durch Auswaschen des noch nicht erhärteten Frischbetons entsteht ein
rieselfähiges Zuschlaggemisch und Recyclingwasser, das aus Wasser und feinen
Feststoffen aus Zement, Zusatzstoffen und Zuschlag besteht. Der ausgewaschene
Restbetonzuschlag wird wieder der Korngruppe 16/32 zugegeben, das Restwasser
als Anmachwasser verwendet [6.14].
[Link] Mobile Betonmischanlagen
Neben den Merkmalen moderner stationärer Betonanlagen wie große Mengenleis-
tung, hohe Betonqualität und große Zuverlässigkeit gelten für Baustellenanlagen
folgende weitere Anforderungen:
− Schnell einsetzbar,
− Niedrige Fundamentkosten,
− Einfache Montage und
− Niedrige Betriebskosten.
Mobile Anlagen werden mit Mischergrößen von 1,0 bis 2,25 m³ Festbeton bzw.
einer theoretischen Festbetonleistung von 55 bis 100 m³/h eingesetzt. Die kleine-
ren Anlagen (1,0/1,5 m³ Mischergröße) werden vorwiegend mit Ringtellermi-
schern, die größeren mit Doppelwellen-Trogmischern (2,0/2,25 m³) ausgerüstet.
Für die Herstellung hydraulisch gebundener Tragschichten und von Beton im
Verkehrswegebau sowie bei der Verwendung von Grobkorn über 60 mm sind die-
se Mischer besonders geeignet.
Mobile Anlagen werden als Module gebaut und auf Sattelzuganhängern trans-
portiert.
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 197
Um Beton gleich bleibender Qualität herstellen zu können, gehören auch zu ei-
ner mobilen Anlage eine vollautomatische Anlagensteuerung und ein Echtwert-
Feuchtemaß- und Feuchtekorrektursystem.
Weitere Einzelheiten zu mobilen Mischanlagen (Minimal- oder Maximalaus-
führung, Bauweise, Montagedauer, Leistungsumfang der Hersteller u. ä.) sind den
Werksangaben der Hersteller zu entnehmen [6.22].
Bild 6.16: Funktionsschema einer Recyclinganlage [6.14]
[Link] Transportbeton / Mobile Baustellenanlage
Unter Transportbeton versteht man Beton, dessen Bestandteile außerhalb der Bau-
stelle in einer stationären Anlage zugemessen werden (s. Abschn. 6.1.1). Er kann
− in dieser Anlage entweder fertig gemischt und mit Fahrmischern zur Einbau-
stelle transportiert werden (werk gemischter Transportbeton) oder
− Zuschläge und Zement werden nur trocken in den Fahrmischer dosiert und mit
diesem zur Einbaustelle transportiert. Gemischt wird durch Wasserzugabe wäh-
rend des Transports oder an der Baustelle (Fahrzeug gemischter Transportbe-
ton). Eine Zugabe von Zusatzmitteln ist dabei nicht möglich, da Fahrmischer
darauf nicht eingerichtet sind.
In Europa hat sich werk gemischter Beton durchgesetzt, auch wenn hierbei die
Kosten etwa 15% höher als bei Fahrzeugmischung liegen. Sie werden durch die
erzielbare größere Homogenität des Betons aufgewogen. Fahrzeuggemischter Be-
ton wird nur dort verwendet, wo durch besondere Umstände der Einbau des fertig
198 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
gemischten Betons innerhalb von 90 Minuten nach der Herstellung nicht gewähr-
leistet ist.
Die Anforderungen an Transportbetonwerke, die Güteüberwachung und das
Befördern des Betons sind in der DIN 1045, Teil 2 und 3, festgelegt [6.2, 6.3].
In Transportbetonwerken darf Beton aller Festigkeitsklassen hergestellt wer-
den. Jede zur Lieferung vorgesehene Betonsorte ist in einem Betonsortenverzeich-
nis nach Festigkeitsklasse, Konsistenz und Zusammensetzung eindeutig zu be-
schreiben. Für jede Lieferung sind Aufzeichnungen (Werkstagebuch) zu führen;
außerdem sind den Lieferungen Lieferscheine beizugeben.
Frischbeton steifer Konsistenz darf mit Fahrzeugen ohne Rührwerk befördert
werden, muss dann allerdings spätestens 45 Minuten nach Wasserzugabe vollstän-
dig entladen sein.
Frischbeton anderer als steifer Konsistenz darf nur in Fahrmischern zur Ver-
wendungsstelle befördert werden. Die Fahrmischer sollten spätestens 90 Minuten
nach Wasserzugabe vollständig entladen sein [6.3].
Die Arbeits- und Verantwortungsbereiche zwischen Lieferwerk und Baustelle
bei Verwendung von Transportbeton gehen aus Bild 6.17 hervor.
Gegenüber Baustellenbeton weist Transportbeton folgende Vorteile auf [6.13]:
− Auf der Baustelle muss keine eigene Betonanlage eingerichtet werden (bei
Baustellen mit beengten Platzverhältnissen sowie diskontinuierlichem Beton-
bedarf ein wesentlicher Faktor),
− geringerer Überwachungsaufwand (keine Eignungsversuche auf der Baustelle
oder im firmeneigenen Labor, weniger betontechnisches Personal und Labor-
einrichtungen bei den Baufirmen),
Bild 6.17: Arbeits- und Verantwortungsbereiche bei Transportbeton [6.23]
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 199
− große Betoneinbaumengen möglich, besonders bei großen Baukörpern (Fun-
damentplatten), dadurch erhebliche Zeit- und Kostenersparnis. Dieser Punkt
kommt besonders bei Betoneinbau über Schüttrohre(-rinnen) oder Betonpum-
pen zum Tragen [6.6].
Die Verlagerung der Betonherstellung in baustellenunabhängige Mischanlagen
entspricht dem Trend der Rohbauunternehmen, aus Gründen der Kostensicherheit
Teilleistungen und -lieferungen durch spezialisierte Nachunternehmer erbringen
zu lassen.
Nachteilig war zunächst, dass Transportbeton wenigstens 2 Tage, bei großen
Mengen 3–8 Tage vor dem Einbau bestellt bzw. abgerufen werden musste. Heute
gilt (nur noch), dass bei Verarbeitung von hochfestem Beton der Betoniertermin
dem Transportbetonwerk und dem Auftraggeber oder dessen Beauftragten
mindestens 2 Arbeitstage im voraus mitzuteilen ist, damit die Ausgangsstoffe
sowie die Geräte und Einrichtungen bereitgestellt bzw. geprüft werden können
[6.3, Ziffer 8.4.3].
Die bei Bestellung und Abruf von Transportbeton dem Werk mitzuteilenden
Angaben sind der DIN EN 206-1 und der DIN 1045-2, jeweils Ziff. 7, die wesent-
lichen Punkte von Betonlieferverträgen der Literatur zu entnehmen [6.23, 6.24].
Bei der Standortwahl von Baustellenanlagen sind die Transportkosten ein wich-
tiger Faktor. Damit diese sowohl für die Transportphase Kieswerk-Betonanlage
als auch für die Phase Betonanlage-Einbaustelle minimal werden, sollten mobile
Anlagen verkehrsgünstig an der Strecke zwischen Zuschlaggewinnung und Bau-
stelle stationiert werden.
Bild 6.18: Kostenvergleich Baustellen / Transportbeton (Schema)
200 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Neben den genannten Gründen wird die Entscheidung, auf größeren Baustellen
eine eigene Betonanlage einzurichten, anhand einer Wirtschaftlichkeitsberechnung
getroffen. Trägt man dazu über den zeitlich verteilten Betonmengen die aus den
einmaligen Kosten für die Einrichtung und den laufenden Betriebs- und Vorhalte-
kosten bestehenden Gesamtkosten der Betonherstellung auf, ergibt sich – bezogen
auf den m³ Festbeton – eine ähnlich wie in Bild 6.18 verlaufende hyperbelförmige
Kostenkurve. Durch Eintragen der Kosten für Transportbeton (Preisliste) erhält
man aus dem Schnittpunkt der Kurven die kritische Menge Vx, von der an Bau-
stellenbeton kostengünstiger als Transportbeton ist.
Im einzelnen gehe ich auf diesen kalkulatorischen Verfahrensvergleich später
ein.
6.3.2 Betonverarbeitung (Teilvorgang T32)
[Link] Aufgabe
Der vom Transportbetonwerk angelieferte (oder auf der Baustelle hergestellte)
Frischbeton ist an die jeweilige Einbaustelle zu fördern, in die Schalung einzu-
bringen (zu verteilen) und zu verdichten. Dabei darf sich der Beton nicht entmi-
schen. Das im Einzelfall erforderliche Bearbeiten der Betonoberfläche (Abziehen,
Glätten) schließt den Betoneinbau ab.
Die Produktionsstruktur der Betonverarbeitung ist in Bild 6.19 dargestellt.
Bild 6.19: Produktionsstruktur Betoneinbau (T3)
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 201
[Link] Einbauverfahren
Für das Fördern von Beton als ersten Arbeitsgang der Betonverarbeitung (T 321)
gibt es verschiedene Möglichkeiten. Die wichtigsten sind
− Schütten,
− mit Kran und Kübel,
− Pumpen,
− Bandförderung.
Beim Schütten des Betons (Fall 1) wird die Wirkung der Schwerkraft ausge-
nützt, um Frischbeton durch direktes Abkippen bzw. über Schüttrinnen in die
Schalung einzubringen.
Das unmittelbare Abkippen des Betons vom Förderfahrzeug in die Schalung ist
das einfachste und billigste Förderverfahren (Bild 6.20). Es lässt sich immer dann
anwenden, wenn der Beton mit Fahrmischern oder Radladern beigefahren werden
kann und die freie Fallhöhe weniger als 1,50 m beträgt (sonst Entmischungsge-
fahr).
Auf diese Weise sind in der Regel nur relativ geringe Einbauleistungen möglich
(Ausnahme: mit 7 Schüttrohren bei fließfähiger Konsistenz des Betons i.M. 280
fm³/h [6.6]). Die Praxis verlangt jedoch maschinenintensive Einbauverfahren mit
großen Förderleistungen bei einem Minimum an manueller Arbeit (industrielle
Fertigung). Diese Forderung kann i.W. nur durch die anderen Einbauverfahren er-
füllt werden, d.i. mit Kran und Kübel, durch Pumpen und durch Bandförderung.
202 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.20: Betoneinbau durch Schütten
Bei Kraneinsatz (Fall 2) sind je nach den Baustellenbedingungen Turmdreh-
kräne (Regelfall), Portal-, Brückenlauf- und Kabelkräne, in Sonderfällen Seilbag-
ger und Autokräne mit Verladegreifer zu unterscheiden.
Der Beton wird hierbei aus Fahrmischern in einen Kübel entleert, der mit dem
Hebezeug an die jeweilige Einbaustelle gebracht wird. Dabei bleibt der Kübel am
Kranhaken. Die Kübel weisen am unteren Ende einen Siloverschluss auf, der bei
kleinen Kübeln von Hand, bei größeren durch Druckluft geöffnet wird. Sehr große
Betonkübel werden zum Entleeren abgerollt, um das schlagartige Entlasten des
Kranseils zu vermeiden. Im Schema ist dieser Fördervorgang in Bild 6.21 darge-
stellt. Um das minimale Lastmoment zu erreichen, steht der Kran an der Baugru-
benböschung.
Beim Betonieren enger, bewehrter Querschnitte (Stützen, dünne Wände) ist
unter dem Siloverschluss des Krankübels ein Kunststoffschlauch von etwa 150–
200 mm ∅ angebracht, um die maximal zulässige freie Fallhöhe des Betons von
1,50 m nicht zu überschreiten.
Das Einbauen von Frischbeton mit Krankübeln weist gegenüber Schüttbeton
folgende Vorteile auf:
− große Reichweite und Reichhöhe,
− Minimum an Verteilarbeit – der Kübel wird genau dort entleert, wo der Beton
gebraucht wird,
− geringe Fallhöhe – damit wird verhindert, dass sich der Beton beim Einbringen
in die Schalung entmischt.
Das Fassungsvermögen der Krankübel ist durch die Tragfähigkeit der
Hebezeuge (Krane) begrenzt. Im Hochbau sind 0,5–0,75–1,0–1,5 m³ – Kübel die
Regel im Ingenieurbau bis 4,0 m³. Bei Massenbetonbaustellen (Betonstaumauern)
werden Kübel bis etwa 10 m³ Inhalt verwendet.
Ein Beispiel für den Einsatz eines Seilbaggers mit 2,5 m³ (Verlade-)greifer bei
Massenbeton (Kaimauer) ist in [6.25] erwähnt.
Bei der Betonförderung durch Pumpen und Rohrleitungen (Fall 3) kann der Be-
ton über stationäre (Verteilermast) und mobile Ausleger (Autobetonpumpe) ver-
teilt werden.
Die kontinuierliche Pumpförderung mit Rohrdurchmessern von 100 und
125 mm ist ein optimales Einbringverfahren für plastischen und weichen Beton
(Konsistenz F2 und höher).
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 203
Bild 6.21: Betonförderung mit Kran und Kübel
Für Pumpförderung muss der Frischbeton eine gleichmäßige plastisch bis wei-
che Konsistenz aufweisen; der Zementgehalt soll bei etwa 300 kg/m³, der Beton-
zuschlag im besonders guten (oberen) Bereich der Sieblinien liegen. Ggfs. sind
dem Beton plastifizierende Zusätze beizugeben. Bei Inbetriebnahme der Pumpe
empfiehlt sich das Durchpumpen einer Mischung mit erhöhtem Feinmörtelanteil,
um die Rohrwandungen zu benetzen und spätere Verstopfungen zu vermeiden.
Bei auf der Baustelle verlegten Förderleitungen soll die Leitungsführung zügig
und mit möglichst wenig Krümmern erfolgen. Der Förderstrom darf nicht abrei-
ßen.
Bei der Förderung mit Autobetonpumpen (Pumpe und ausklappbarer Vertei-
lermast auf LKW-Fahrgestell) brauchen in der Regel keine Rohrleitungen auf der
204 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Baustelle verlegt zu werden. Der hydraulisch bewegte, mehrteilige Ausleger
bringt das Ende der Förderleitung an jeden Punkt innerhalb seines Aktionsberei-
ches (Bild 6.22).
Bild 6.22: Pumpen von Beton (Schema)
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 205
In Verbindung mit Transportbeton stellt diese Methode eine sehr wirtschaftli-
che Lösung der Betonförderung dar, die auf kleineren und mittleren Baustellen
heute die Regel ist, aber auch auf Großbaustellen – mehrere Pumpen fördern Be-
ton in einen Bauteil (bspw. Fundamentplatte) – weite Einsatzbereiche findet
[6.26].
Eine Weiterentwicklung der Betonförderung im unteren Leistungsbereich ist
die Kombination Fahrmischer – Autobetonpumpe. Die Reichhöhen dieser Ma-
schinen – derzeit 3 Größen – betragen 21 m (Förderleitung DN 100), 24 m (DN
125) und 26 m (DN 100). Die Reichweiten der letztgenannten 2 Größen betragen
19,8/21,7 m, die maximale Fördermenge 62 m³/h bei max. 48 bar. Die Misch-
trommel hat eine Nennfüllung von 7 m³ (Bild 6.45 [6.44]).
Als Sonderzubehör kann in den Endschlauch ein pneumatisches Sperrventil
eingebaut werden. Es verschließt sicher den Endschlauch beim Umsetzen.
Bei turmartigen Gebäuden ist Pumpbeton die bevorzugte (rationellste) Beton-
förderung, wie Beispiele aus aller Welt beweisen [6.27–6.29].
Bei Bandförderung (Fall 4) soll die Bandgeschwindigkeit wegen Entmi-
schungsgefahr beim Abwurf etwa 1,0 m/s nicht überschreiten. Außerdem ist am
Band ein Abstreifer für Zementleim vorzusehen. Der Beton sollte in einen Trichter
(ggf. mit angehängten Hosenrohren) abgeworfen werden, um Entmischung zu
vermeiden.
Für geringe Förderleistungen (Hochbau) sind Fahrmischer mit aufgebautem
Förderband auf dem Markt [6.13].
Für größere Einbauleistungen haben sich – auch bei steifem Beton – Geräte
bewährt, die aus einem Radlader-Fahrgestell als Grundgerät mit einem darauf
montierten, etwa 80 cm breiten Förderband bestehen. Damit sind bei Ufermauern
von großen Flusskraftwerken Einbringleistungen von etwa 50–80 fm³/h erreicht
worden. Insgesamt gesehen stellt das Fördern von Beton über Bänder jedoch nicht
den Regelfall dar.
Ein modernes Gerät für das Fördern von Schüttgütern (Kies, Sand, Erde) und
Beton ist der Telebelt von Putzmeister. Grundgerät ist ein 4-achsiges LKW-
Fahrgestell. Das aufgebaute Förderbandsystem verfügt über ein teleskopierbares
Zuführband und einen teleskopierbaren Förderbandausleger mit 32 m Reichweite.
Beim Aufbringen der 14 cm starken Filter-Tragschicht aus Schotter der Körnung
2/40 auf die Böschungen des Oberbeckens für das Pumpspeicherwerk Goldisthal
wurden damit täglich bis 3.600 m² eingebaut [6.30].
An weiteren Einbauvarianten ist, wie schon erwähnt, das Fördern des Betons
durch Radlader und in Grabgefäßen von Baggern möglich; die Aufzählung ist
nicht vollständig.
[Link] Kriterien zur Verfahrenswahl
Neben der Betonkonsistenz hängt die Wahl des Förderverfahrens von den beson-
deren Standortbedingungen der Baustelle ab.
Dazu zählen die Baustellengeometrie, die Verteilung der Betonmengen im
Bauwerk (Betonierabschnitte), die Betonierfolge – etwa gleichmäßiges Einbringen
ungefähr gleicher Betonmengen (stetig oder in kurzen regelmäßigen Intervallen)
206 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
oder Betonieren relativ weniger großer Baukörper in größeren Zeitabständen –
und der Betonförderweg Mischer – Bauteil bzw. Anlieferpunkt – Bauteil.
Dieser ergibt sich aus den Abmessungen des herzustellenden Bauwerks (Bild
6.23). Dabei sind Horizontal- und Vertikaltransport zu unterscheiden, wobei sich
die Transportentfernungen nach dem Baufortschritt verändern können (Bild 6.24).
Im übrigen ist die Wahl der Betonförderung von den Liefer- und Einbauge-
schwindigkeiten abhängig, die sich aus Art und Größe der jeweils zu betonieren-
den Bauteile, der maximalen Steiggeschwindigkeit des Frischbetons in der Scha-
lung bzw. dem maximalen Schalungsdruck ergeben. Stützen und Wände können
als feingliedrige Bauteile nicht zügig mit Beton gefüllt werden, da dieser nach
dem Einbringen in die Schalung lagenweise verdichtet werden muss. Bei Decken,
besonders aber bei Stützmauern, Brückenpfeilern und großflächigen, dicken Fun-
damentplatten kann die Einbringleistung wesentlich größer sein, ggf. ist das För-
dern des Betons im Parallelbetrieb, d.h. gleichzeitig an mehreren Einbaustellen,
die im Einzelfall rationellste Lösung [6.6, 6.26]. Die Arbeitskosten der Betonför-
derung hängen i.W. von der Einbringleistung ab.
Je nach Bauteil und Einbaumenge können auf einer Baustelle auch verschiede-
ne Förderverfahren zum Einsatz kommen [6.25].
Bild 6.23.1: Hochbau
Bild 6.23.2: Ingenieurbau
Bild 6.23: Betonförderwege
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 207
Bild 6.24: Wahl des Förderverfahrens nach den Standortbedingungen der Baustelle
Wie im Erdbau hängt auch für das Fördern von Beton die Verfahrens- und Ge-
rätewahl neben den Baustellenbedingungen von den Kosten ab, die im Einzelfall
über einen kalkulatorischen Verfahrensvergleich zu ermitteln sind.
Um sie so gering wie möglich zu halten, sind – analog zum Erdbau – die För-
derwege zu minimieren, d.h. der Beton ist möglichst nahe am Fördergerät herzu-
stellen oder bereitzustellen. Das Fördergerät (Kran, Autobetonpumpe) ist so dicht
als möglich neben den jeweiligen Betonierabschnitt zu stellen (Bild 6.25).
Während es sich beim Pumpen und der Bandförderung um reine Betonförder-
mittel handelt, ist im Gegensatz dazu der Kran ein universelles Transportgerät ei-
ner Baustelle. Das Fördern von Beton mit Kübeln stellt deshalb oft nicht den für
die Gerätewahl maßgebenden Lastfall dar.
Bild 6.25: Kosten von Baustellentransporten
208 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
[Link] Einsatz der Förderverfahren nach der Betonkonsistenz
Steifer Beton (F1 bzw. C0, C1)
Steifer Beton für unbewehrte oder gering bewehrte Bauteile und als Massenbeton
ist – das gilt für alle Konsistenzbereiche – bei Transport und Einbau vor Entmi-
schung und schädlichen Witterungseinflüssen (Regen, starke Sonneneinstrahlung)
zu schützen; die Förderwege sollen möglichst kurz sein. Die Gefahr der Entmi-
schung ist bei steifem Beton jedoch am geringsten.
Für den Horizontaltransport können
− Fahrzeuge ohne Mischer oder Rührwerk, wobei die Gefahr des Entmischens
durch Erschütterungen möglichst vermieden werden soll,
− Fahrmischer
− und Radlader
eingesetzt werden (letztere jedoch nur in Sonderfällen bei geringen Fördermen-
gen).
Horizontal- und Vertikaltransport sind mit Kran und Kübel möglich.
Beim Fördern von steifem Beton soll wegen Entmischungsgefahr die freie
Fallhöhe 1,50 m, bei Rutschen die Gesamthöhe max. 5,0 m, bei Fallrohren (Ho-
senrohre) max. 10,0 m nicht überschreiten.
Plastischer und weicher Beton (F2, F3)
Plastischer und weicher Beton sind die Regelkonsistenzen für gering bis stark be-
wehrten Beton.
Für den Horizontaltransport können neben Fahrmischern
− Autobetonpumpen,
− stationäre Betonpumpen mit Rohrleitungen und
− Bandförderung (bei plastischem Beton)
eingesetzt werden.
Horizontal- und Vertikaltransport sind
− mit Kran und Kübel und
− mit Betonpumpe und Rohrleitungen
möglich. Das Standardgerät für Rohrförderung ist die Autobetonpumpe.
Die Betonkübel (-silos) können je nach Art des zu betonierenden Bauteils
(Fundament, Stütze, Wand, Decke) oder Bodenschalung im Fertigteilwerk beson-
ders ausgebildet sein (Bodenentleerung, seitliche Entleerung, Schlauch).
An größeren Betonkübeln ist häufig eine Plattform für den Bedienungsmann
(Personalaufnahmekorb) zum Öffnen des Kübels angebracht. Auch das Öffnen mit
Reißleine oder Funkfernsteuerung ist möglich (Bild 6.26 [6.31]).
Um Entmischung zu vermeiden, sollte bei Betonkonsistenzen von F2 und grö-
ßer die freie Fallhöhe nicht voll ausgenutzt werden (< 1,50 m). Beim Einbringen
mit Kran und Kübel ist dieser direkt über die Einbaustelle zu führen. Die Endstü-
cke von Rohrleitungen (Kunststoffschlauch) sollen beim Einbauen des Betons di-
rekt über der Betonierstelle enden.
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 209
Bild 6.26.1: Betonsilo mit geradem Auslauf
Bild 6.26.2: Betonsilo mit Personen-
aufnahmekorb
210 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.26.3: Betonsilo mit Funkfernsteuerung
Bild 6.26: Betonsilos [6.31]
Mit Fließmitteln kann weicher Beton gepumpt werden. Er ist neben der Förde-
rung mit Kran und Kübel heute der Regelfall im Hoch- und Ingenieurbau.
Sehr weicher Beton und Fließbeton (F4, F5 und höher)
Wegen der großen Entmischungsgefahr ist auch Beton dieser Konsistenzen nur
mit Fahrmischern zu transportieren.
Einen Sonderfall stellt der Fließbeton dar (F5, F6), der im Ausbreitmaß über F4
liegt. Seine Fließfähigkeit wird durch Zusätze (Betonverflüssiger) erreicht. Bei
Verwendung von „Superverflüssigern“ lässt sich auch Beton mit einer Konsistenz
zwischen F3 und F5 als Fließbeton verarbeiten. Beim Einbauen ist dann jedoch
darauf zu achten, dass kein Entmischen eintritt.
Fördern und Einbauen erfolgt i.d.R. mit Betonpumpen.
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 211
6.3.3 Maschinen und Geräte zur Betonförderung
Die für das Fördern von Beton verfügbaren Maschinen und Geräte sind in Bild
6.27 zusammengestellt. Danach sind für die vorgenannten Förderverfahren i.W.
− Hebezeuge (Krane),
− Betonpumpen und Betonverteiler,
− Förderbänder
zu unterscheiden. Da letztere kaum mehr verwendet werden, gehe ich nicht
weiter darauf ein.
Innerhalb der Hebezeuge (Krane) sind
1. Turmdrehkrane,
2. Portalkrane,
3. Brückenlaufkrane,
4. Kabelkrane und
5. Autokrane
zu unterscheiden.
[Link] Hebezeuge
(1) Turmdrehkrane
In der Gruppe der Turmdrehkrane sind Unten- und Obendreher zu unterscheiden.
Zu den Untendrehern zählen die leichten Schnelleinsatzkrane, zu den Obendrehern
die größeren Krane mit Laufkatzen- und Nadelausleger. Untendreher drehen über
dem Unterwagen Turm und Ausleger, Obendreher auf dem Turm nur den Ausle-
ger und die Getriebebühne.
Großkrane mit Nadelausleger sind ebenfalls Unterdreher.
Aus Kostengründen werden Turmdrehkrane, wenn möglich, stationär aufge-
stellt, sind jedoch in der Regel gleisfahrbar und können, wenn sie mit Kurven-
fahrwerk ausgestattet sind, auch enge Radien befahren.
Für besondere Einsätze (häufige Ortsveränderungen auf Flächenbaustellen)
können Turmdrehkrane auch auf ein LKW-Fahrgestell montiert oder mit Raupen-
fahrwerk ausgerüstet werden.
Die wichtigsten Einsatzdaten eines Kranes sind Hakenhöhe, Ausladung und
Tragkraft sowie die Arbeitsgeschwindigkeiten für Heben und Senken der Last,
Katzfahren und Drehen; im Gleisbetrieb die Fahrgeschwindigkeit.
Die Kenngröße ist das maximale Lastmoment in [mt].
Die Kranbewegungen und die Sicherheitseinrichtungen (Lastbegrenzung) wer-
den inzwischen weitgehend elektronisch gesteuert. Größere Krane können mit Be-
triebsdatenerfassung, -speicherung und Teleservice ausgestattet werden [6.32].
Für die Einsatzplanung (Beurteilung, welcher Kran für welchen Einsatz am
besten geeignet ist) werden die wichtigsten Merkmale der verschiedenen Kranty-
pen kurz dargestellt. Auf Einzelheiten der maschinentechnischen Ausrüstung,
Steuerung sowie die Sicherheitseinrichtungen gehe ich nicht ein. Dazu sei auf die
Herstellerangaben verwiesen.
212 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.27: Betonfördergeräte und Varianten
Die im Baubetrieb einzuhaltenden Regelungen zur Arbeitssicherheit sind in der
Baustellenverordnung, den dazu gehörenden Regeln zum Arbeitsschutz auf Bau-
stellen und in den Unfallverhütungsvorschriften der Berufsgenossenschaften zu-
sammengefasst [11.101, 11.102]. Sicherheitsabstände im Kranbetrieb und die Bö-
schungswinkel, die beim Verlegen von Krangleisen an Baugrubenrändern und bei
der Kranaufstellung mit Einzelabstützung einzuhalten sind, gehen auch aus der
Kurzfassung der Sicherheitsbestimmungen in [6.33] hervor.
Als universelles Transportgerät einer Baustelle übernimmt der Turmdrehkran
den gesamten Transport aller umzuschlagenden Güter in vertikaler und horizonta-
ler Richtung. Alle übrigen Transportmittel (LKW, Betonpumpe, Material- und
Personallifte, Gabelstapler) können nur spezielle Aufgaben lösen.
Aus den baustellenspezifischen Anforderungen haben sich folgende Turmdreh-
kranbauarten entwickelt [6.32]:
1. (leichte) Schnelleinsatzkrane mit Katzausleger (unten drehend),
2. Kletterkrane mit Katzausleger (oben drehend),
3. Kletterkrane mit Nadelausleger (oben drehend),
4. Großkrane mit Nadelausleger (unten drehend),
5. Sonderausführungen (Auto-, Mobilkrane).
Zu 1.: Schnelleinsatzkrane mit Katzausleger
Krane dieser Gruppe werden bis 120 mt Lastmoment gebaut und sind von allen
Turmdrehkranarten nach der Stückzahl die am meisten verwendeten Geräte. Die
weitaus größte Zahl liegt jedoch im Nennlastbereich bis etwa 60 mt.
Innerhalb dieser Gruppe lassen sich 3 Baureihen unterscheiden:
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 213
− besonders leichte Schnelleinsatzkrane von 13 bis 26 mt Lastmoment (bspw. der
13 HM mit Hakenhöhe bis zu 20,7 m, einer max. Ausladung von 20 m und der
Minimaltraglast von 1.200 kg),
− Schnelleinsatzkrane mit einem Lastmoment von 30 bis 57 mt (doppelt telesko-
pierbar) und
− weitere Schnelleinsatzkrane mit Hakenhöhen von 11,7 bis 32,7 m bei waag-
rechtem Ausleger (bei Auslegersteilstellung von 30° bis zu 53,2 m), Ausladung
von 25,5 bis 45,0 m, einer maximalen Traglast von 2,075 bis 8,0 t und Last-
momenten von 32 bis 120 mt.
Diese Krane können sich nach Herstellung des Stromanschlusses selbst aufstel-
len und den Ballast selbst auflegen. Bei guter Organisation kann auch ein größerer
Schnelleinsatzkran innerhalb eines halben Tages einsatzfähig auf der Baustelle
aufgebaut werden.
Ein weiterer Vorteil dieser Krane liegt darin, dass sie als Zweiachsanhänger
oder Sattelauflieger auf der Straße schnell von einer Baustelle zur anderen trans-
portiert werden können.
Soweit als möglich wird der stationäre Einsatz bevorzugt, auch dann, wenn da-
für ein Typ mit größerer Ausladung erforderlich wird, um die kostenaufwendige
und Platz verbrauchende Gleisanlage auf der Baustelle einzusparen.
Wegen Einhaltung der STVZO-Vorschriften für den Turmdrehkrananhänger
hinsichtlich Abmessungen, Gewicht und Achslast sind die Schnelleinsatzkrane in
ihrer Größenordnung begrenzt.
Als Beispiel aus der vorgenannten dritten Baureihe ist in Bild 6.28 ein Kran
vom Typ 34 K dargestellt.
214 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Neuere Entwicklungen innerhalb dieser Baugruppe sind der 13 HM und der
2-fach teleskopierbare 32 TT-Kran (Bild 6.29). Bei diesem Kran ist der 18 m lan-
ge Ausleger um jeweils 2,0 m bis zu 30 m Ausladung teleskopierbar, der Turm
von 14,5 auf 19 und 24 m Hakenhöhe. Bei einer Auslegerneigung von 20° beträgt
die größte Hakenhöhe 31,5 m (bei 28,5 m Ausladung). Weitere Krandaten zur
Einsatzplanung enthält der Anhang 28.1.
Diese TT-Krane sind durch eine besondere Montagekinematik in kürzester Zeit
betriebsbereit (Bild 6.30) und bieten dadurch große Kranleistung im Kompaktfor-
mat.
Mit Transportachse und LKW bzw. Sattelauflieger kann auch dieser Kran in
zusammengeklapptem Zustand mit 80 km/h über öffentliche Straßen transportiert
werden.
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 215
Bild 6.28: Schnelleinsatzkran
mit Katzausleger [34 K, 6.32]
216 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.29: Schnelleinsatzkran 32 TT [6.32]
Bild 6.30: Aufstellvorgang für den 32 TT
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 217
Zu 2: Kletterkrane mit Katzausleger
Diese oben drehenden Kletterkrane schließen hinsichtlich ihres Einsatzspektrums
an die Schnelleinsatzkrane an. Sie werden überall dort eingesetzt, wo große Ha-
kenhöhe, große Ausladung und/oder große Tragkraft gefordert sind und werden
ebenfalls in verschiedenen Baureihen hergestellt.
Die maximalen Lastmomente dieser Krane reichen inzwischen bis 500 mt und
darüber hinaus. Zum Überblick und als Beispiele aus der Bandbreite dieser Groß-
geräte ist in Bild 6.31 ein Kran mit 140 mt Lastmoment und in Bild 6.32 mit 280
mt Lastmoment dargestellt. Die weiteren Krandaten enthält der Anhang A 28.2
und 28.3.
Bild 6.31: Kletterkran mit Katzausleger (140 EC-H6 [6.32])
218 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.32: Kletterkran mit Katzausleger (280 EC-H12 Litronic)
Dazwischen liegen Krane ohne Turmspitze (Biegebalken) mit einem Lastmo-
ment von 80–180 mt, einer Tragkraft von 6,0–10,0 t bei einer Ausladung bis zu 60
m und einer Hakenhöhe bis zu 68 m (Bild 6.33).
Auf die Lastmomentkurve 2 mit um 20% größerer Tragkraft kann der Kran-
führer durch Knopfdruck umsteuern.
Der Vorteil des Kletterkrans liegt darin, dass der Turm nach der Grundmontage
durch Einschieben von Turmschüssen mit Hilfe einer hydraulischen Kletterein-
richtung auf große Hakenhöhen aufgebaut werden kann.
Dabei sind
− außen kletternde und
− innen kletternde Kräne
zu unterscheiden.
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 219
Beim außen kletternden Kran wird dieser außerhalb des Gebäudes aufgestellt
und kann dann selbst auf größere Hakenhöhe klettern (Regelfall).
Wenn die freistehend mögliche Höhe überschritten wird, kann der Turm über
eine Verankerung gegen das zu errichtende Gebäude abgestützt werden, so dass
bspw. bei turmartigen Bauwerken über die freistehende Höhe hinaus größere Ha-
kenhöhen erreicht werden können.
Der Abbau des Krans geschieht nach dem gleichen Prinzip wie der Aufbau (er
baut sich selbst bis auf eine Grundhakenhöhe ab).
Ein Kletterkran im Inneren eines Gebäudes klettert ebenfalls Stockwerk über
Stockwerk mit, sollte jedoch nicht im (einzigen) Fahrstuhlschacht vorgesehen
werden, denn dort würde er die Fahrstuhlmontage bis zu seinem Abbau behindern.
Wegen der günstigeren Anordnung (im Bauwerk) kann häufig ein kleinerer Kran-
typ als beim Außenkletterer gewählt werden.
Dieser Krantyp wird inzwischen als EC-B Flat-Top-Baureihe in 14 Varianten
von 50 bis 280 mt Lastmoment gebaut. Der Ausleger enthält einen Kompaktkopf,
in den das Drehwerk, die Kugeldrehkreuz-Auflage, der Schaltschrank und die
Krankabine integriert sind [6.89].
Bild 6.33: Kletterkran ohne Turmspitze (Biegebalken)
220 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Nachteilig ist das schwierige Transportieren von Kletterteilen und Führungsein-
richtungen innerhalb des Gebäudes von Stockwerk zu Stockwerk und der spätere
Abbau des gesamten Krans über Dach.
Zu 3: Nadelauslegerkrane
Krane mit Nadelausleger sind für den Einsatz auf besonders engem Raum, auf
Baustellen mit höherer Krandichte oder für die Arbeit an besonders hohen Gebäu-
den konzipiert. Mit Nadelauslegerkranen können Hubhöhen erreicht werden, die
erheblich über dem Anlenkpunkt des Auslegers liegen.
Als Beispiel eines Nadelauslegerkrans aus der neuen Generation ist in Bild 6.34
ein Kran der Baureihe 355 HC-L 12/24 dargestellt. Seine besonderen Merkmale
sind:
− der horizontale Lastweg. Eine speicherprogrammierbare Steuerung ermöglicht
das Fahren der Last (Bewegen des Auslegers) wie bei einem Obendreher mit
Katzausleger. Beim Bewegen des Auslegers regelt die Steuerung das Hubwerk
so nach, dass der Lasthaken auf horizontalem Weg bewegt wird,
− stufenlose Hochleistungsantriebe,
− kleiner Drehkreisradius,
− praxisgerechte Montage. Die Drehbühne ist in mobilkrangerechte Montage-
Kolli teilbar.
Dazu kommt, dass die Nadelauslegerkrane der Baureihe HC-L für den Einsatz als
Kletterkran im Gebäude entwickelt wurden. Die Türme können bei rasch wach-
senden Projekten in Aufzugsschächten bzw. kleinsten Nischen eingesetzt werden
(Turmsystem mit Abmessungen von 1,90/1,90 m). Die Kletterhydraulik befindet
sich geschützt im Inneren des Turmstücks.
Die weiteren Daten des Krans sind im Anhang A 28.4 dargestellt.
Einsatzbeispiele von Kletterkranen gehen aus Bild 6.35 hervor.
Zu 4: Großkrane mit Nadelausleger
Diese unten drehenden Krane haben eine max. Tragkraft von 45 und 110 t bei 107
m und 160 m Hakenhöhe, ein Lastmoment von 660 / 1.000 bzw. 1.500 tm und ei-
ne Ausladung von 40–80 m [A-Reihe, 6.32]. Sie werden in Sonderfällen einge-
setzt, wenn derartige Kranleistungen gefordert werden. Im Hoch- und Ingenieur-
bau kommen sie nicht vor.
Auf Sonderausführungen (Ziffer 5), gehe ich nicht ein. Autokrane werden im
Abschnitt 7 "Bauen mit Stahlbetonfertigteilen" erwähnt.
Die vorstehend dargestellte Produktpalette von Baukranen eines international
führenden Herstellers zeigt naturgemäß nur einen Ausschnitt aus dem gesamten
Markt. Für einen Gesamtüberblick verweise ich auf die Marktübersicht von Son-
nenberg 2002 [6.35].
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 221
Bild 6.34: Kletterkran mit Nadelausleger [355 HC-L 12/24, 6.32]
Zusammenfassend sei daraus noch erwähnt, dass von der technischen Weiter-
entwicklung „die Antriebssysteme von Hub-, Dreh- und Katzfahrwerk durch die
Verwendung von Frequenz geregelten Antriebsmotoren“ profitieren. „Die feinfüh-
lige und stufenlose Drehzahlsteuerung dieser Antriebstechnik ermöglicht ruckfreie
und präzise Bewegungsabläufe“.
Weiter wird berichtet, dass sich (aufgrund rückläufiger Verkaufszahlen) bei den
Herstellern von Turmdrehkranen die Aktivitäten stark auf das Vermietgeschäft
222 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.35: Einsatzbeispiele für Kletterkrane [6.34]
konzentriert haben. Der Mietanteil reicht teilweise bis 90% der eingesetzten Kra-
ne“.
Als weitere Dienstleistungen der Vermieter werden neben der reinen Vermie-
tung noch die werksseitige Prüfung und Wartung der Mietkrane, der An- und Ab-
transport und der termingerechte Auf- und Abbau auf der Baustelle übernommen.
Außerdem werden die Krane bei Störungen über Ferndiagnosesysteme vom Werk
betreut.
Zur Logistik des Einsatzes von Turmdrehkränen
Eine wirtschaftliche Kranmontage ist nur zu erreichen, wenn der Montageablauf
vorher durchdacht und die Montage entsprechend vorgenommen wird.
Voraussetzung dafür ist die Klärung folgender Punkte:
− Energieversorgung,
− Zufahrt zur Baustelle,
− Standort des Turmdrehkrans,
− Stellung des Autokrans,
− Anfahrposition der Transportfahrzeuge,
− Richtige Beladung im Sinne des Montagefortschritts und richtige Transportfol-
ge der Fahrzeuge,
− Montageablauf, d.h. Zeitfolge der Zulieferfahrzeuge mit entsprechenden Zeit-
abständen, um Wartezeiten auf der Baustelle sowohl für die Transportfahrzeuge
wie für den Montagevorgang zu vermeiden.
Für den reibungslosen Montageablauf ist die Kontrolle der verladenen Teile auf
dem Lagerplatz wichtig, da ein einzelnes vergessenes Teil auf der Baustelle zu
Störungen und Unterbrechungen führt. Dies versucht man durch weitgehend
vormontierte Baugruppen zu vermeiden.
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 223
(2) Portalkrane
Neben Turmdrehkranen werden für das Fördern von Beton, das Führen schwerer
Rüttler, das Umsetzen schwerer Schalungen und weitere Transportaufgaben auch
Portalkrane eingesetzt. Sie bieten sich bei lang gestreckten Baustellen (Stützmau-
ern, U-Bahntunnel in offener Baugrube u.ä.) und beengten Platzverhältnissen an,
wenn für einen Turmdrehkran neben dem Baufeld entweder kein Platz ist oder auf
ein aufwendiges Krangleis verzichtet werden soll (Bild 6.36).
Bild 6.36: Portalkran [6.36]
224 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
In erster Linie werden Portalkrane im Baubetrieb jedoch nicht als allgemeines
Fördergerät, sondern zum Umschlagen schwerer Lasten auf Lagerplätzen von
Baustellen oder in Betonfertigteilwerken verwendet (Abschnitt 7).
(3) Brückenlaufkrane
Brückenlaufkrane (Bild 6.37) werden als Transportgerät und zum Fördern des Be-
tons vorwiegend in stationären Fertigteilwerken verwendet; auf Baustellen kom-
men sie nicht zum Einsatz (Abschnitt 7).
Bild 6.37: Brückenlaufkran [6.37]
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 225
(4) Kabelkrane
Das Einsatzgebiet des Kabelkrans ist die breite, lang gestreckte Baustelle in un-
wegsamem Gelände, wenn dabei große Lasten zu bewegen sowie große Entfer-
nungen und Höhenunterschiede zu überwinden sind. Typische Einsatzbedingun-
gen bieten Großbaustellen mit Massenbeton (Flusskraftwerke) sowie gerade oder
gekrümmte Staumauern aus Beton.
Die Antriebs- und Stützpunkte eines Kabelkrans werden häufig fahrbar ange-
ordnet, damit er relativ große Flächen bestreichen kann.
Der Einsatz eines Kabelkrans für den Bau der Sperrmauer Zillergründl geht aus
Bild 6.38 hervor.
Die Krankübel hatten hier ein Fassungsvermögen von 9 m³. Der Beton wird
vom Mischturm in einem Silowagen mit Schrägauslauf an den Betonkai gefahren.
Hier entleert der Silowagen in den Kübel des Kabelkrans, der den Beton zur je-
weiligen Einbaustelle bringt.
Kabelkrane übernehmen auf derartigen Baustellen neben der Betonförderung
den gesamten Transport außerhalb der Reichweite normaler Kräne, vor allem das
Umsetzen der Betoneinbaugeräte (kleiner Kettenlader zum Verteilen, kleine Pla-
nierraupe mit angebauten Rüttelflaschen zum Verdichten des Betons) und des Au-
tokrans zum Hochziehen der großflächigen Kletterschalungselemente in den ein-
zelnen Betonierblöcken.
Auf der Kraftwerksbaustelle Itaipu am Rio Paranà (Südamerika) waren gleich-
zeitig 7 Kabelkräne nebeneinander im Einsatz. Hinsichtlich weiterer Einsätze sei
auf die Literatur verwiesen [6.38].
Bei Großbauvorhaben wie Itaipu treten große Turmdrehkrane auch gegenüber
Kabelkranen erfolgreich in Konkurrenz (Bild 6.39).
Bild 6.38: Kabelkran für die Sperre Zillergründl [6.18]
226 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.39: Turmdrehkrane beim Einsatz in Itaipu. Kranposition mit Schnittbild des Haupt-
dammes [6.34]
(5) Sonderfälle der Betonförderung in Kübeln
Als solche seien beispielhaft Hängebahnen, Autokrane und Hubschrauber er-
wähnt.
− Hängebahnen
Neben dem Betontransport relativ geringer Mengen in Stahlbetonfertigteilwer-
ken können auch zur Betonförderung sehr großer Mengen auf weiträumigen
Großbaustellen voll- und teilautomatisch steuerbare Transferwagen mit ange-
hängten Betonkübeln an Hängebahnen eingesetzt werden. Für die damals größ-
te Baustelle der Welt in den 70-er und 80-er Jahren, den o.g. Staudamm Itaipu
im Rio Paranà, wurde zum Betontransport zwischen jeweils 2 bzw. 3 Beton-
mischtürmen mit einer Leistung von zusammen 900 m³/h und verschiedenen
Abnahmestellen (7 Kabelkrane und weitere Turmdrehkrane) an beiden Fluss-
ufern jeweils eine bis zu 1,9 km lange Hängebahn eingesetzt. Die am Transfer-
wagen mit Elektro-Fahrwerk hängenden Betonkübel mit hydraulisch betätigtem
Verschluss hatten ein Transportvolumen von 18,5 t = 6 m³ Festbeton.
Mit diesen Einschienen-Hängebahnen wurden bei einer Wagenfolge von 40 s in
täglich 20 h an 600 Tagen zusammen 13,2 Mio. m³ Beton gefördert [6.39,
6.40].
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 227
− Autokrane
Beim Herstellen von Großbohrpfählen im Spezialtiefbau können die geringen
Betonmengen für einen Pfahl auch von den ohnehin für die Pfahlbohrung auf
der Baustelle vorhandenen Autokranen eingebracht werden. Im Regelfall sind
jedoch sowohl Autokran als auch Bagger für das Betonieren zu aufwendig.
− Hubschrauber
Ein weiterer Sonderfall, der Betontransport bzw. die allgemeine Versorgung ei-
ner Baustelle mit Hubschraubern, für kleine Baustellen in der Alpenregion häu-
fig unvermeidlich, sei nur am Rande erwähnt [6.41].
[Link] Betonpumpen und -verteiler zur Rohrförderung von Beton
Vor- und Nachteile
Der Vorteil des Pumpens von Beton liegt darin, dass im Gegensatz zur absatzwei-
sen Förderung ab bestimmten Mengen ein kontinuierlicher Förderprozess immer
leistungsfähiger und kostengünstiger ist als jede andere Fördermethode.
Das Pumpen von Beton entlastet die Baustellenkräne, so dass die anderen
Transportvorgänge (Umsetzen der Schalung, Transport von Bewehrung, Mauer-
ziegeln und weiteren Einbauteilen) unabhängig vom Betonieren weiterlaufen kön-
nen. Die Kräne können dadurch häufig kleiner bemessen werden, wodurch sich
die Krankosten der Baustelle reduzieren.
Betonpumpen haben geringen Platzbedarf und können auch abseits vom Bau-
werk aufgestellt werden. Vor allem können fahrbare Betonpumpen – Autobeton-
pumpen mit Verteilermast, wie sie heute verwendet werden – an verschiedenen
Punkten einer Baustelle eingesetzt werden, wenn dafür Zufahrtsmöglichkeiten ge-
schaffen werden.
Mit Betonpumpen lassen sich wesentlich größere Förderhöhen, -weiten und
Einbauleistungen erreichen als mit Kränen.
Durch die Entwicklung immer leistungsfähigerer Maschinen und der Beton-
technologie ist heute fast jeder Beton pumpfähig (Ausnahme: Betone nach Aus-
breitmaßklasse F1).
Die Einsatzrisiken des Pumpens von Beton liegen darin, dass
− der einzubauende Beton pumpfähig ist,
− alle Glieder der Produktionskette aufeinander abgestimmt sein müssen,
− durch die höhere Förderleistung (Steiggeschwindigkeit in der Schalung) deren
Stabilität größer sein muss als bei Kranförderung,
− bei unsachgemäßem Einsatz die Gefahr von Produktionsstörungen (Verstop-
fern) besteht.
Im Einzelfall ist es Aufgabe der Arbeitsvorbereitung, die Vorteile und Risiken
der verschiedenen Förderverfahren (Kran bzw. Pumpe) gegeneinander abzuwägen
und für die gewählte Variante die einzelnen Systemkomponenten richtig zu be-
messen.
Häufig ist es sinnvoll, die kleinen Betonierabschnitte mit dem Kran, die großen
mit einer Autobetonpumpe oder mit Kran und Autobetonpumpe zu betonieren.
228 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Durch die Strukturveränderungen in der Bauwirtschaft in den letzten Jahren ist
neben der Frischbetonlieferung auch das Fördern (z. Tl. auch das Einbauen) von
Beton schon zu einer typischen Nachunternehmerleistung geworden, die vom Be-
tonhersteller übernommen wird [6.42].
Fördervarianten für das Pumpen von Beton
Für die Rohrförderung von Beton sind 3 Varianten zu unterscheiden (Bild 6.22):
1. Betonpumpe – Förderleitung – Verteilerschlauch bzw. Rutsche oder Decken-
verteiler,
2. Autobetonpumpe mit ausklappbarem Verteilermast,
3. Betonpumpe – Förderleitung – stationärer, mitkletternder oder umsetzbarer
Verteilermast.
Einen Sonderfall (Variante 4) bilden Verteilermaste auf Turmdrehkran-Spezial-
auslegern und Brücken-Vorschubgerüsten.
Das Fördersystem besteht somit aus der Betonpumpe mit Aufgabetrichter, der
Förderleitung und der Betonverteilung.
Eine Betonpumpe kann sowohl von einer Baustellenmischanlage als auch von
Fahrmischern beschickt werden.
Die sehr arbeitsaufwendige Variante 1 nach Bild 6.22 kommt nur noch in Son-
derfällen bei Rohrdurchmessern NW 100/125 vor. Bei NW 150 ist eine Betonver-
teilung nur über Rutschen möglich.
Bei Variante 2 sind die Betonpumpe und ein hydraulisch ausklappbarer Vertei-
lermast, an dem die Förderleitung geführt ist, auf ein LKW-Fahrgestell montiert
(Autobetonpumpe). Als Endstück der Leitung dient ebenfalls ein Kunststoff-
schlauch, der aus Sicherheitsgründen nicht länger als 4 m sein darf [6.33]. Da er
im Gegensatz zu Variante 1 frei herabhängt, kann er beim Betoneinbau von einem
Mann geführt werden. Der Beton wird damit wie bei Kübelbeton an die jeweilige
Einbaustelle gebracht und braucht in der Schalung nicht mehr von Hand verteilt zu
werden.
Die Autobetonpumpe muss beim Betonieren durch ausklappbare Spreizfüße
abgestützt werden.
Diese Variante ist heute der Regelfall für die Rohrförderung von Beton.
Da mit zunehmender Bauwerkshöhe die Reichweite des Auslegers auf dem
LKW-Fahrgestell und damit sein Aktionsradius immer kleiner wird, was bei grö-
ßeren Bauwerksabmessungen sehr nachteilig ist, wird bei Variante 3 ein Vertei-
lermast in oder neben das Bauwerk gestellt, wo er wie ein Turmdrehkran dem
Baufortschritt entsprechend mitklettert oder umgesetzt wird. Als Unterstützung
können ballastierte Grundrahmen oder Kransäulen(-türme) und Rahmenstützen
von Lehrgerüsten dienen, die dann auf Fundamenten zu verankern sind.
Bei größeren flächigen Baustellen hat sich diese Lösung bewährt. Sie wird auch
im Stahlbeton-Brückenbau bei feldweiser Herstellung der Überbauten angewen-
det. An der Vorschubrüstung ist beidseitig je ein Betonverteilermast angebracht;
beide zusammen können ein Überbaufeld bestreichen. Diese Verteilermaste wer-
den durch Autobetonpumpen beschickt, die den Beton durch Fahrmischer zuge-
führt bekommen [6.43].
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 229
Um hohe zeitliche Nutzungsgrade zu erreichen, sollte eine Betonpumpe so auf-
gestellt werden, dass sie gleichzeitig von zwei Fahrmischern angefahren werden
kann.
Bauarten von Betonpumpen
Bei den Betonpumpen sind hydraulisch angetriebene Zweizylinder-Kolbenpum-
pen und Rotorpumpen zu unterscheiden.
Bei der am häufigsten verwendeten Doppel-Kolbenpumpe (Bild 6.40.1) wird
der Beton beim Saughub aus einem Aufgabebehälter wechselweise in einen der
beiden Zylinder gesaugt und beim Druckhub über das Hosenrohr und ein Redu-
zierstück in die Förderleitung gedrückt. Dabei wird durch einen Steuerschieber
beim Saughub der Zylinder zum Aufgabetrichter hin geöffnet und gegen die För-
derleitung geschlossen, gleichzeitig drückt der Kolben des anderen Zylinders den
angesaugten Beton in die Förderleitung und umgekehrt.
Diese Steuerung des Förderstroms ist ein wesentliches Merkmal einer Beton-
pumpe und den Herstellern patentiert. In Bild 6.40.1 ist das System eines Herstel-
lers schematisch dargestellt. Bei einem anderen Hersteller wird das an die Zylin-
der anschließende Rohrstück wechselweise vor den jeweils gefüllten Zylinder
gedreht (Bild 6.40.2). Für steifere Mischungen gibt es auch Pumpen mit Flach-
Bild 6.40.1: Zwillings-Kolbenpumpe Schwing (Schema)
[6.44]
Bild 6.40.2: Zwillings-
Kolbenpumpe Putzmeister
(Schema) [6.45]
Bild 6.40: Pumpensteuerungen
230 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
schiebern. In den Werksunterlagen der Hersteller sind diese Steuerungen dreidi-
mensional farbig dargestellt [6.44, 6.45].
Der Aufgabetrichter der Pumpe enthält ein Rührwerk, um den Beton pumpfähig
zu halten.
Bei der heute kaum noch eingesetzten Rotorpumpe wird der Beton nach dem
Ansaugen in einen Spezialgummischlauch gedrückt, der sich auf ein Schlauchbett
abstützt. Ein hydraulisch angetriebener Rotor quetscht den Beton durch diesen
Schlauch und bewirkt damit den Förderstrom (Bild 6.41).
Bild 6.41: Funktionsschema einer Rotorbetonpumpe [6.45]
Förderleitung
Von der Betonpumpe führt eine Förderleitung zur jeweiligen Einbaustelle des Be-
tons.
Dazu dienen > 4 mm dicke Stahlrohre mit dichten Schalenspann-Kupplungen.
Als Rohrdurchmesser sind NW 100 und 125 üblich. Am Ende der Leitung ist zur
Betonverteilung ein Kunststoffschlauch angebracht.
Das Verlegen und Umlegen dieser Förderrohre von Hand ist relativ aufwendig,
auch wenn für „normale“ Einsätze die Rohr-∅ von NW 180 bzw. 150 auf 125
bzw. 100 mm zurückgegangen sind. Um dies zu vermeiden, werden bis zu etwa 60
m Reichweite Autopumpen eingesetzt.
Zum Reinigen der Förderleitungen, was unmittelbar nach dem Ende des Beto-
nierens geschehen muss, werden weiche und harte Gummibälle bzw. Molche mit
Druckwasser bzw. Druckluft durch die Förderleitung gedrückt. Darüber gibt es
genaue Anweisungen der Hersteller [6.43].
Autobetonpumpen
Wie schon erwähnt, ist bei Förderweiten bis ~ 60 m die Autobetonpumpe das
Standardgerät für die Betonförderung, wenn nicht mit dem Turmdrehkran beto-
niert werden kann.
Bei dieser Maschinenkombination kann der Ausleger, an dem die Förderleitung
geführt ist (Verteiler), hydraulisch ausgefahren und zusammengeklappt werden.
Pumpe und Ausleger sind auf ein LKW-Fahrgestell montiert, das im Einsatz abge-
stützt werden muss (Bild 6.42.1-3).
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 231
Die drei- bis fünfteiligen Ausleger von Autobetonpumpen weisen Reichhöhen
bis zu 58 m, Reichweiten bis zu 53/48 m und Reichtiefen bis zu 42 m auf [6.44,
6.45]. Damit sind Aktionsradius bzw. Einsatzmöglichkeit von einem Standort aus
vorgegeben (Tab. 16).
Autobetonpumpen können nur vom Baugrubenrand her arbeiten. Mit zuneh-
mender Bauwerkshöhe wird ihr Aktionsradius jedoch immer kleiner, bis sie bei
Nutzung ihrer maximalen Reichhöhe nur noch als vertikale Betonförderleitung
verwendet werden können.
Bild 6.42.1: Autobetonpumpe mit Teleskop-Verteilmast S 31 HT
232 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 233
Bild 6.42.2:
Autobetonpumpe S 42 SX
234 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.42.3: Autobetonpumpe S 58 SX
Bild 6.42: Schema und Arbeitsbereiche von Autobetonpumpen [6.44]
Verteilermaste
Ein weiterer Schritt in der Rationalisierung des Betoneinbaus waren die Beton-
Verteilermaste. Sie werden dort eingesetzt, wo Autobetonpumpen nicht mehr an
die zu betonierenden Bauteile heranfahren können (bspw. Stützen, Wände und
Decken von großflächigen Industriehochbauten oder Hochhäusern). Sie stehen
wie ein Kletterkran im Zentrum der einzubringenden Betonmengen auf einem ei-
genen Unterbau, wobei die Reichweite wichtiger ist als die Reichhöhe. Durch ent-
sprechende Kinematik ist auch bei dieser Anordnung die gesamte, in der Reich-
weite liegende Fläche zur Betonverteilung erreichbar (Bild 6.43).
Bei großflächigen Bauwerken müssen diese Verteilermaste umgesetzt werden.
Sie werden dafür auf einen Grundrahmen montiert, mit dem bei entsprechender
Verankerung die Vertikal- und Horizontalkräfte an jedem Standort sicher
aufgenommen und abgeleitet werden können.
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 235
Tabelle 16: Baureihen von Betonpumpen und Verteilermasten [6.45]
Generell werden Verteilermaste (Rohrsäule mit hydraulischer Dreheinrichtung)
auf das vorgenannte, umsetzbare Untergestell gesetzt. Bei Bauwerken mit größe-
ren Abmessungen können so mit serienmäßigen Verteilermasten Reichweiten von
20 bis 60 m erreichet werden. Damit ist auch beim Betonieren großflächiger Bau-
werke eine Betonverteilung ohne Handeinbau möglich. Weitere Varianten sind
Stationärmasten auf Kletterrahmen und Gleitschalungen (Bild 6.44) [6.45, Putz-
meister Post Nr. 42, PM 3058, 1999].
Die Baureihen für Pumpen und Verteilermaste eines Herstellers sind in Tabelle
16 dargestellt [6.45].
Zur Wirtschaftlichkeit des Pumpens von Beton sei noch erwähnt, dass bei ei-
nem Einsatz von Betonpumpe und Verteilermast der Arbeitsaufwand für das Be-
tonieren wesentlich geringer ist als mit Kran und Kübel (s. Abschnitt [Link])
236 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.43: Stationärer Betonverteilermast [6.45]
Bild 6.44: Stationärmaste auf Kletterrahmen und Gleitschalung [6.76]
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 237
Fahrmischer-Betonpumpen
Für den rationellen Einbau kleiner Betonmengen auf ständig wechselnden Bau-
stellen wurden Fahrmischerpumpen entwickelt (Bild 6.45). Ähnlich wie bei
Bild 6.45.1: Technische Daten
Bild 6.45.2: Arbeitsbereiche
Bild 6.45: Fahrmischerpumpe FBP 600 RK KVM 24-125 [6.44]
238 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
der Ausrüstung eines Fahrmischers mit einem Förderband sind bei diesem Gerät
Trommelmischer, Pumpe und Verteiler auf einem 4-achsigen LKW-Fahrgestell
angeordnet.
Voraussetzungen für die Rohrförderung von Beton
Abschließend sollen die Voraussetzungen für eine störungsfreie Rohrförderung
von Beton nochmals zusammengefasst werden:
Pumpbeton erfordert:
1. einen Mindestmehlkorngehalt von ca. 400 kg/m³ bei Beton mit einem Größt-
korn von 32 mm;
2. einen Mindestzementgehalt von 240 kg/m³ bei Beton mit einem Größtkorn von
32 mm;
3. einen Wasser/Zement-Wert von 0,42–0,65;
4. eine mit dem Ausbreitmaß messbare Konsistenz in den Bereichen F2 bis F4;
5. eine Kornzusammensetzung nach den Sieblinien der DIN 1045-2 im oberen
Bereich zwischen den Grenzlinien 5 und 4 (Bild 6 .1.1).
Weitere Voraussetzungen für das störungsfreie Pumpen von Beton sind
− das Anpumpen mit einer Vormischung zum Erreichen eines Schmierfilms in
der Förderleitung und
− das Reinigen der Leitung unmittelbar nach dem Pumpen.
Um den Schmierfilm in der Leitung zu erreichen, muss bei stationär verlegten
Förderleitungen zunächst ein Zement-Wasser- bzw. ein Zement-Feinsand-Wasser-
gemisch in den Aufgabebehälter der Pumpe gefüllt werden, bevor Beton der ge-
forderten Konsistenz gepumpt wird. Auch soll die erste Mischung etwas weicher
sein als die Regelkonsistenz, was bei konstantem Wasser-Zement-Faktor eine et-
was höhere Zement- (oder Feinsand-)Zugabe erfordert als für die Standardmi-
schung. Die Menge dieser Anfahrmischung hängt vom Durchmesser der Förder-
leitung und deren Länge ab. Dafür gibt es Tabellen der Hersteller [6.43].
Autobetonpumpen brauchen wegen ihrer relativ kurzen Förderleitung keine be-
sondere Anfahrmischung.
Kurze stationäre Förderleitungen werden bei geringen Förderhöhen mit Druck-
wasser und Schwammgummibällen gereinigt, lange Leitungen mit großen Förder-
höhen mit Druckluft. Dabei muss aus Sicherheitsgründen am Rohrende ein Fang-
korb für den Reinigungsmolch angeordnet werden. Bei sehr großen Förderhöhen
(Hochhausbaustellen) wird der Beton zurückgepumpt und dann die Leitung von
oben nach unten gereinigt. Der am unteren Ende der Steigleitung auslaufende
Restbeton kann entweder direkt oder über einen Verteilermast in einen Fahrmi-
scher entleert und anderweitig weiterverwendet, bei relativ geringen Mengen einer
Recyclinganlage zugeführt werden (Abschnitt [Link]) [6.44, 6.45, PM 261-25].
Auf weitere für ein störungsfreies Pumpen von Beton wesentliche Einzelheiten
kann ich nicht eingehen. Hierfür sei auf die Spezialliteratur verwiesen [6.43-6.45].
Darüber hinaus gehen die weltweiten Erfahrungen der Betonpumpenhersteller bei
Großbaustellen und unter z. Tl. extremen Bedingungen aus ihren Objektberichten
hervor [6.27–6.29].
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 239
6.3.4 Betonförderleistung
Im Rahmen der Ablaufplanung und der Arbeitsvorbereitung einer Baustelle ist die
Förderleistung zu bestimmen, die mit den v.g. Förderverfahren erreicht werden
kann. Hierbei sind absatzweise (Kran und Kübel) und kontinuierliche Förderung
(Pumpen) zu unterscheiden. Die Leistungsbestimmung aller weiteren Möglichkei-
ten lässt sich auf diese beiden Varianten zurückführen.
[Link] Förderleistung mit Kran und Kübel
Die Ermittlung der Betoneinbauleistung mit Kran und Kübel ist relativ einfach.
Sie ergibt sich aus der Dauer eines Kranspiels und dem Inhalt des Kübels. Die
Aufgabe ist jedoch umfassender zu sehen. Da der Kran das allgemeine Transport-
gerät einer Baustelle ist, sind zunächst Größe und Anzahl der für eine Baustelle
insgesamt erforderlichen Kräne zu bestimmen. Erst aus dem gesamten Transport-
umfang, der verfügbaren Zeit und dem aus den Randbedingungen einer Baustelle
oder aus wirtschaftlichen Gründen möglichen Kraneinsatz lässt sich beurteilen, ob
und in welchem Umfang Beton mit dem Kran überhaupt eingebaut werden kann.
Bevor die Kranleistung für die Betonförderung bestimmt werden kann, soll des-
halb kurz auf die Ermittlung der Krankapazität einer Baustelle eingegangen wer-
den. Sie gehört zur Planung der Baustelleneinrichtung.
Kranbestimmung aus den Kennzahlen eines Bauvorhabens
In einfachster Form lässt sich die Anzahl der für ein Bauvorhaben erforderlichen
Kräne aus der Zahl an produktiven Arbeitskräften ableiten, die für eine bestimmte
Aufgabe – bei einem Minimum an Kranstillstand und Wartezeiten der Arbeits-
gruppen – zu bedienen sind. Aus Baustellenbeobachtungen sind hierfür Erfah-
rungswerte bekannt [6.46, 6.47], die jedoch fortlaufend zu kontrollieren bzw.
fortzuschreiben sind. Diese überschlägige Ermittlung ist jedoch mit Unsicherhei-
ten behaftet; für die Ablaufplanung und Kalkulation ist sie zu ungenau.
Ähnlich einfach kann die Krankapazität einer Baustelle
− aus der mit einem Kran zu erreichenden Bauleistung in m³ u.R. (Bruttoraumin-
halt BRI) je Monat bzw.
− aus der Förderleistung eines Krans an Bau- und Bauhilfsstoffen (Schalung,
Bewehrung, Beton, Fertigteile) in t/Mt
ermittelt werden. An Kennzahlen sind hierfür
− die Kranaufwandswerte je m³ BRI,
− die Kranaufwandswerte je t Bau- und Bauhilfsstoffe und hierzu
− die Baustoff-Einbaugewichte / m³ BRI
erforderlich. Die Krangröße ergibt sich auch hier aus der Bauwerksgeometrie
(erforderliche Ausladung), dem größten Transportgewicht und dem daraus resul-
tierenden Lastmoment.
Da die Hub- und Senkgeschwindigkeit der Krane in den vergangenen Jahren
erheblich gesteigert werden konnten, sind auch für diese Ermittlung aktuelle
Kennzahlen erforderlich.
240 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Für die Ablaufplanung und Kalkulation ergibt die Bestimmung der Krananzahl
auf diese Weise ebenfalls nur Überschlagswerte.
Eine dritte Möglichkeit besteht darin, für das gesamte Bauvorhaben oder we-
sentliche, typische Bauabschnitte das gesamte Transportvolumen innerhalb der da-
für vorgesehenen Produktionszeit zu ermitteln (m³ Mauerwerk, m² Schalung,
t Stahl, m³ Beton usw.). Über Aufwandswerte an Kranstunden/Mengeneinheit der
einzelnen Transportarten, die aus eigener Erfahrung bekannt oder über Arbeitsstu-
dien zu bestimmen sind, lässt sich die Anzahl der erforderlichen Kräne relativ ge-
nau ermitteln.
Nach diesem Verfahren, das an einem Beispiel erläutert wird, läuft die für ei-
nen rationellen Bauablauf erforderliche, genauere Dimensionierung von Turm-
drehkränen in drei Stufen ab [6.47].
In der ersten Stufe werden die für ein Bauvorhaben oder einen Bauabschnitt zu
transportierenden Mengen an Bau- und Bauhilfsstoffen ermittelt. Über Kranauf-
wandswerte werden daraus die erforderlichen Kranstunden berechnet.
Dieser Kranaufwand für die einzelnen Transportvorgänge (Tabelle 17) bezieht
sich jedoch nur auf die Betriebsmittel-Grundzeit tgB. Durch Addition der Zuschlä-
ge für zusätzliche Nutzungszeiten (Kraneinsatz für nicht vorhersehbare notwendi-
ge Tätigkeiten) und Brachzeiten (Bild 6.46, 6.47) ergibt sich die gesamte Be-
triebsmittelzeit tB. Aus diesem Wert und der verfügbaren Produktionszeit erhält
man die erforderliche Anzahl an Kränen (Tab. 18).
Bild 6.46: Zeitarten im Kraneinsatz, Reduzierung auf Grundzeit tgB, zusätzliche Nutzungs-
zeit tBZ und Brachzeit tBB [6.47]
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 241
Bild 6.47: Bereinigte Zuschläge für Brachzeit und zusätzliche Nutzungszeit [6.47]
Bild 6.48: Bau eines Krankenhauses, gewählte Kranstellungen [6.47]
Werden in Tabelle 18 auch die Aufwandswerte der Arbeitskräfte für die einzel-
nen Teilleistungen aufgenommen, erhält man die Zahl der erforderlichen Arbeits-
personen.
In der zweiten Stufe werden die möglichen Aufstellungsorte der Kräne und die
zu bestreichenden Bauwerksflächen festgelegt (Bild 6.48), wobei auf die Vertei-
lung der Transportmengen im Bauwerk zu achten ist.
Daraus lassen sich dann in der dritten Stufe aus dem jeweils erforderlichen
Lastmoment der einzelnen Kräne (notwendige Ausladung x max. Hubgewicht) die
Krangrößen bestimmen.
242 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Als Kontrollrechnung kann in einem vierten Schritt aus den o.g. Kennzahlen
die Zahl der Arbeitskräfte/Kran bzw. die Bauleistung in m³ BRI/Kran und Monat
ermittelt werden.
In einem weiteren (fünften) Schritt wird die Bereitstellungszeit der einzelnen
Kräne in Abhängigkeit vom geplanten Baufortschritt festgelegt. Sie wird i.d.R. der
für den Bauablauf erforderlichen Anzahl an Arbeitskräften angepasst (Bild 6.49).
Bild 6.49.1: Kraneinsatz während der Bauzeit [6.47]
Bild 6.49.2: Anzahl der Krane in Abhängigkeit von Beschäftigtenzahl und Bauzeit [6.46]
Bild 6.49: Kraneinsatz während der Bauzeit eines Bauvorhabens (Abstimmung auf die er-
forderliche Belegschaft der Baustelle)
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 243
Tabelle 17: Ober- und Untergrenzen von Kranaufwandswerten [6.47]
244 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Wie die Tabelle 17 und Bild 6.47 zeigen, weisen die angegebenen Kenngrößen
z. T. erhebliche Bandbreiten auf. Da, wie schon erwähnt, heutige Baustellenkrane
durch elektronische Steuerungen relativ große Hub-, Dreh- und Senkgeschwindig-
keiten aufweisen, sind die angegebenen Grenzwerte nicht mehr realistisch.
Tabelle 18: Ermittlung der erforderlichen Kräne für einen 2-Wochen-Abschnitt eines Bau-
vorhabens (EG und [Link]) [6.47]
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 245
In einer neueren Darstellung (aus etwa 1988) wird der Zuschlag auf die Kran-
grundzeit tgB für zusätzliche Kranleistung und Brachzeiten (tBZ und tBB) mit rund
45% angegeben; an zusätzlichen Arbeitskräften, die den Kran nicht ständig in An-
spruch nehmen, werden rd. 30% genannt [6.48]. Im Einzelfall kann deshalb nur
von betrieblichen Erfahrungswerten ausgegangen werden.
Eine weitere Möglichkeit der Kranbemessung ergibt sich aus der erforderlichen
Spielzeit.
Kraneinbauleistung bei Betonförderung über die Spielzeit
Für die Betonförderung mit Kran und Kübel ergibt sich die erforderliche Kranleis-
tung zu
QN = QG · z · k [m³ fest/h]. (46)
Hierbei bedeuten:
QG = Grundleistung je Arbeitsspiel
(Fassungsvermögen des Kübels in m³ fest),
z = theoretisch mögliche Spielzahl / h
k = Betriebszeitbeiwert des Krans
(Mittelwert für das Verhältnis von reiner Betriebszeit
zur Schichtzeit, i.M. 0,85)
Wird in Gleichung (46) die Spielzahl z durch die Dauer eines Arbeitsspiels
t [min] ausgedrückt, so folgt daraus
60 (47)
QN = Q G · · k [m³ fest/h].
t
Die Dauer eines Arbeitsspiels t ergibt sich als Summe der einzelnen Teilzeiten
ti zu
12
t= ∑t
1
i [min]. (48)
Diese Teilzeiten sind
1. Anschlagen der Last (Kübel füllen)
2. Heben
3. Kranfahren
4. Schwenken
5. Katzfahren (bei Laufkatzenausleger)
6. Absenken der Last aus einem Sicherheitsabstand
7. Last abschlagen (Kübel entleeren)
8. Heben (auf Sicherheitsabstand)
9. Rückschwenken
[Link] (wie bei Ziff. 5)
[Link]
[Link].
246 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Da sich diese Teilzeiten z.T. ganz oder teilweise überlappen, sollte bei der Er-
mittlung der Kranzeiten wie bei der Baggerleistung im Erdbau nur von beobachte-
ten Spieldauern unter verschiedenen Einsatzbedingungen (Hubhöhe, Katzfahren,
Fahrweg, Schwenkwinkel, An- und Abschlagen der Last) ausgegangen werden.
Im einfachsten Fall (kein Kranfahren und Schwenken erforderlich) setzt sich
bei Laufkatzenauslegern das Kranspiel aus drei Zeitanteilgruppen zusammen (Bild
6.50):
− der Fixzeit (Füllen und Entleeren des Kübels bzw. An- und Abschlagen der
Last (t1 und t7),
− dem Heben, Katzfahren und absenken (t2, t5, t6),
− dem Wiederanheben, Katzfahren und Senken (t8, t10, t12).
Häufig beanspruchen Fahren und Schwenken jedoch weitere Zeitanteile.
Über die so ermittelte Spielzeit ergibt sich bei pausenloser Arbeit die Grund-
leistung QG. Für die Dauerleistung QN ist bei der Betonförderung, wie schon er-
wähnt, mit einem Abminderungsfaktor k von 15%, zu rechnen (Gl. 46–48).
Die Ermittlung der Kranleistung für das Betonieren ist somit relativ einfach.
Zur Kranbemessung ganzer Baustellen ist, wie erwähnt, dieses Verfahren jedoch
nicht geeignet.
Warteschlangenmodelle können wegen der dafür erforderlichen großen Anzahl
von Parametern „keinen praktisch verwertbaren Beitrag zur Auswahl der Anzahl
der Turmdrehkräne liefern“ [6.47].
Bild 6.50: Diagramm zur Ermittlung der theoretischen Leistung eines Betonierkranes Form
300 [6.49]
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 247
[Link] Förderleistung bei der Rohrförderung von Beton
Für die Rohrförderung von Beton ist von den Angaben der Maschinenhersteller
auszugehen, die sich auf jahrelange Einsatzerfahrungen (weltweit) stützen. Sie
sind sinngemäß auf die im Einzelfall vorliegende Aufgabe anzuwenden.
Die zueinander in Relation stehenden Größen werden in Nomogrammen darge-
stellt. Für Kolbenbetonpumpen verschiedener Hersteller sind diese in Bild 6.51
angegeben.
In den Nomogrammen wird von der theoretischen Förderleistung QG in m³/h
ausgegangen. Diesem Wert liegt die Fördergeschwindigkeit der betreffenden
Pumpe bei pausenlosem Betrieb zugrunde. Da im Baubetrieb durch den Fahr-
zeugwechsel der Fahrmischer und die Einbaubedingungen (Verdichten des Betons
bei lagenweisem Einbau) zwangsläufig Unterbrechungen des Förderstroms eintre-
ten, liegt die Einschaltzeit einer Betonpumpe i.d.R. bei maximal 45 Minuten/h.
Bei Anwendung des Nomogramms ist deshalb als theoretische Förderleistung die
effektiv während der Einschaltzeit durch zu pumpende Betonmenge einzusetzen.
Sie beträgt bei dem o.g. Betriebszeitbeiwert von k = 0,75.
QG (49)
QN = = 1,33 · QG [m³/h].
k
Für die Leistungsermittlung von Betonpumpen gilt:
P = Q · p = const. (50)
Hierbei bedeuten:
P = Antriebsleistung der Pumpe [kW]
Q = Betonfördermenge [m³/h]
p = Förderdruck [bar].
Das Produkt Q · p wird als „Technische Kenngröße“ [TK] einer Betonpumpe
bezeichnet.
Aus der Umrechnung der Faktoren Q und p und einem Gesamtwirkungsgrad
der Anlage von ~ 0,7 ergibt sich für die Ermittlung der Pumpleistung eine Kon-
stante von 1/25 und damit die erforderliche Antriebsleistung zu
TK m ³ / h ⋅ bar (51)
P= = [kW].
25 25
In den technischen Unterlagen der Hersteller werden neben der Antriebsleis-
tung einer Betonpumpe der maximale Förderdruck und die maximale Fördermen-
ge als Eckwerte angegeben. D. h., dass sich bei einer festgelegten Antriebsleistung
bei maximalem Förderdruck eine geringere Fördermenge als die maximale ergibt,
während die maximale Fördermenge nur bei niedrigem Förderdruck zu erreichen
ist.
Der erforderliche Förderdruck hängt ab von
− der Fördermenge,
− der Leitungslänge,
248 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.51.1: Fa. Schwing [6.44]
Bild 6.51.2: Fa. Putzmeister [6.45]
Bild 6.51: Leistungsdiagramme von Betonpumpen
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 249
− den in die Rohrleitung eingebauten Rohrbögen,
− dem Leitungsdurchmesser,
− der Betonkonsistenz und
− der Förderhöhe.
Die Rohrbögen werden der Leitungslänge zugeschlagen. Beides zusammen er-
gibt den Leitungswert.
Hierbei sind
− für Rohrbögen (mit R = 1,0 m) von 90° 3,0 m Rohrlänge,
− für Rohrbögen (mit R = 1,0 m) von 30° 1,0 m Rohrlänge und
− für jeden Krümmer in den Verteilermasten ebenfalls 1,0 m Rohrlänge
anzusetzen.
Ein Beispiel zur Ermittlung des Förderdrucks und der erforderlichen Antriebs-
leistung einer Betonpumpe aus [6.43] ist als Anhang A8 beigefügt.
Nach zurück liegenden Erfahrungen waren im Hochbau je Einbaukolonne mit
Kran und Kübel i.M. 20 m³/h Festbeton an realer Beton-Einbauleistung zu errei-
chen, mit Betonpumpe unter sonst gleichen Bedingungen etwa 40 m³/h, also das
Doppelte.
Bei Bauwerkshöhen von 50 m und mehr liegt die Betonierleistung mit Beton-
pumpe und Verteilermast noch wesentlich höher als mit Kran und Kübel.
So betrug bspw. bei Einsatz einer Baustellenbetonpumpe mit Deckenvertei-
lermast der Arbeitsaufwand bei 7 Mann 0,3 h/m³ (209 m³ Beton wurden von 7
Mann in 9 h eingebaut) [6.44].
Wie schon erwähnt, werden beim Betonieren sehr großer Bauabschnitte (bspw.
Fundamentplatten von Hochhäusern) mehrere Autobetonpumpen gleichzeitig ein-
gesetzt [6.26].
Aus der Literatur seien noch nachstehende Grenzwerte erwähnt, die nach Her-
stellerangaben bei Rohrförderung von Beton erreicht worden sind:
Förderleistung von Betonpumpen bis 550 m³/h,
Mögliche Pumpdrücke bis 260 bar,
Förderweite 2015 m,
Förderhöhe 532 m [6.50].
Bei einem Kraftwerksbau in Brasilien (Xingó) wurde Beton bis zu 100 mm
Größtkorn durch Pumpen mit Flachschieber und Rohr-∅ 150 mm gefördert [6.51].
6.3.5 Verdichten von Beton
Nach dem Einbringen in die Schalung muss der Beton (noch) verdichtet werden,
da die geforderten Eigenschaften des Festbetons (Festigkeit, wasserundurchlässig,
glatte Sichtflächen) nur durch einwandfreie Verdichtung des Frischbetons erreicht
werden (Ausnahme: selbstverdichtender Beton, Abschnitt [Link]).
Bei dem bisher üblichen Stahlbeton ist eine sorgfältige Verdichtung für die
vollständige (korrosionssichere) Umhüllung der Bewehrung besonders wichtig.
250 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Die Verdichtungsart richtet sich nach der Konsistenz des Frischbetons. Ratio-
nelle Betonverarbeitung ist auf der Baustelle und im Fertigteilwerk nur mit Rüt-
telverdichtung möglich. Dabei darf sich der Frischbeton nicht entmischen.
Unter Rütteln ist das Übertragen periodischer Stöße auf den Beton mit Fre-
quenzen von möglichst 200 Hz zu verstehen. Dadurch werden die Zuschlagkörner
in Schwingungen versetzt. Dabei ordnen sie sich, ähnlich wie im Erdbau, zu dich-
test möglicher Lage unter gleichzeitigem Verdrängen von Luftblasen und des ü-
berschüssigen Zementleims. Das Erscheinen der Zementschlämme an der Beton-
oberfläche sowie das Nachlassen des Aufsteigens von Luftblasen lassen die
Verdichtung des Betongefüges erkennen.
[Link] Verdichtungsgeräte
Man unterscheidet Innen-, Außen-, Oberflächenrüttler und Rütteltische.
Innenrüttler, auch Tauchrüttler genannt, geben die von ihnen erzeugten
Schwingungen unmittelbar an das zu verdichtende Betongemisch ab, in das sie
eingetaucht werden.
Diese Schwingungen werden von einer Unwucht erzeugt, die in der Rüttelfla-
sche umläuft. Durch die senkrecht zur Flaschenachse verlaufenden ungerichteten
Schwingungen wird kreisförmig um die Eintauchstelle eine Verdichtung des Be-
tons erreicht. Die Rüttelflasche soll möglichst schnell 30–70 cm tief eingetaucht
und so langsam nach oben gezogen werden, dass sich das durch den Rüttler ent-
standene Loch wieder schließen kann.
Der Abstand der einzelnen Rüttelstellen ist so zu wählen, dass sich die Wir-
kungskreise des Rüttlers überschneiden (Abstand normalerweise ca. 10-facher ∅
der Rüttelflasche). Bei schichtweisem Betonieren (Regelfall) ist der Innenrüttler
10–20 cm tief in die noch nicht abgebundene, untere Betonschicht einzutauchen
(Bild 6.52).
Innenrüttler weisen Flaschendurchmesser von 24–140 mm, Flaschenlängen von
320 bis 900 mm und Frequenzen von 7000 bis 20000 Schwingungen pro Minute
auf. Im Hoch- und Ingenieurbau werden normalerweise Geräte bis zu 65 mm ∅
eingesetzt (Tabelle 19). Bis zu dieser Größe kann der Rüttler während einer
Schicht noch von einem Mann bedient werden. Bei schwereren Rüttlern ist eine
Aufhängevorrichtung erforderlich [6.25].
Der Antrieb der Unwucht ist mit Druckluft oder elektrisch möglich. Bei E-
Antrieb wird dem Rüttler ein Spannungs- und Frequenzwandler vorgeschaltet,
damit das Gerät mit einer Schutzspannung von 42 V betrieben und die Rüttelfre-
quenz je nach der Verdichtungswilligkeit des Betons variiert werden kann.
Schalungsrüttler sind Außenrüttler, die direkt an der Schalung bzw. deren Un-
terstützungskonstruktion befestigt werden. Sie versetzen die Schalung und damit
den dahinter liegenden Beton in Schwingungen. Die Verwendung von Schalungs-
rüttlern empfiehlt sich bei schlanken Bauteilen mit starker Bewehrung, bei Stahl-
schalungen in Fertigteilwerken und bei Bauteilen, die wegen beengten Arbeits-
raums oder Unzugänglichkeit mit Innenrüttlern nicht verdichtet werden können
(bspw. Betonieren der Tragringe von Untertagebauten im Ulmen- und Kalottenbe-
reich bei Einsatz von Schalwagen).
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 251
Bild 6.52: Rüttelverdichtung von Beton [6.52]
Tabelle 19: Technische Daten von Innenrüttlern [6.53]
Der Antrieb von Außenrüttlern erfolgt ebenfalls elektrisch oder mit Druckluft.
Oberflächenrüttler werden in schmaler, langgestreckter Form als Rüttelboh-
len, mit quadratischem Grundriss als Rüttelplatten bezeichnet. Sie werden vor al-
lem zur Verdichtung größerer Betonflächen geringer Dicke verwendet, da die
Verdichtungswirkung der meist gerichteten Schwingungen mit zunehmender Tiefe
der Betonschicht rasch abnimmt. Sie bewirken sowohl das Verdichten des Betons
als auch das Abziehen und Glätten der Betonoberfläche. Auf Schienen oder über
252 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Lehren geführte Rüttelbohlen werden zum Herstellen von Stahlbetondecken, Be-
tonböden und Estrichen verwendet. Im Straßenbau werden die dafür entwickelten
Geräte als Gleitschalungsfertiger bezeichnet.
Tischrüttler (Rütteltische) werden bei der Herstellung von Betonfertigteilen
eingesetzt. Die auf dem Rütteltisch liegende (Stahl-) Schalungsform wird durch
Schwingungen hoher Frequenz in Vibration versetzt. Der Tisch ist über Federn
oder Gummipuffer auf ein Fundament abgestützt. Die Schalungsform kann fest
oder lose auf der Tischplatte stehen (liegen).
Rütteltische eignen sich besonders zur Verdichtung von sehr steifem Beton in
Stahlformen. Damit lassen sich hohe Betonfestigkeiten erreichen.
[Link] Leistung von Beton-Verdichtungsgeräten
Neben der Mischer- und Förderleistung hängt die Einbauleistung einer Betonko-
lonne von Anzahl und Durchmesser der eingesetzten Rüttelgeräte ab. Die Ver-
dichtungsleistung QN von Innenrüttlern kann nach folgendem Ansatz ermittelt
werden [11.1]:
QN = nT · n · t · F [m³/h] (52)
Hierbei bedeuten:
nT = die mögliche Anzahl der Tauchvorgänge eines Rüttlers/h
(etwa 90 Tauchvorgänge / h),
n = die Anzahl der Rüttler,
t = die Tauchtiefe des oder der Rüttler, nach DIN 4235, Teil2
zwischen 0,30 m und 0,50 m,
F = der Wirkbereich [m2] des Rüttlers, bei plastischem Beton (F2) etwa
das 10fache des Flaschendurchmessers.
Die Vibratorenwahl (Ø) hängt ab von
− der Bewehrung (Abstand),
− der Einbauleistung der Rüttelflasche (n) (theoretisch 5–50 m3/h, praktisch
2,5–25 m3/h),
− dem Wirkbereich des Rüttlers (für plastischen Beton (F2) etwa das 10fache
des Flaschen-Ø,
− den Tauchabständen (wg. der erforderlichen Überschneidung der Wirkbe-
reiche).
Beispiel
Für einen Innenrüttler mit 65 mm Flaschen-Ø, einer Eintauchtiefe von 0,50 m
und einem Wirkbereich von 10 x Flaschen-Ø ergibt sich folgende Einbauleis-
tung bei plastischem Beton:
QNerr. = QNtheor.⋅f = nT ⋅ t ⋅ F ⋅ f [lm3/h]
(53)
t = 0,50 m, d = 65 mm, nT = 90/h (Annahme)
F = 0,652 ⋅ Π/4 = 0,4225 ⋅ 0,785 = 0,332 m2, das ergibt bei
t = 0,50 m einen Wirkbereich von
6.3 Vorgangsgruppe T3 – Betoneinbau 253
V = F ⋅ t = 0,332 m2 ⋅ 0,50 m = 0,166 m3 Beton.
Daraus folgen bei 90 Tauchvorgängen/h (Annahme):
QNtheor.⋅= 90 ⋅ 0,166 m3 ≅ 15,0 lm3/h und Rüttler
und bei einer Abminderung von ∼ 20 % (f) wg. Überschneidung der
Wirkbereiche
QNerr. = QNtheor.⋅f = 15,0 ⋅ 0,8 ≅ 12,0 [lm3/h]
6.3.6 Nachbehandlung des Betons
Bis zum ausreichenden Erhärten ist Beton gegen schädigende Einflüsse zu schüt-
zen (z.B. starkes Abkühlen oder Erwärmen, Austrocknen der Oberfläche, Regen,
strömendes Wasser, mechanische Beschädigung u.a.m.). Um das Schwinden zu
verzögern und die Erhärtung auch an der Oberfläche zu garantieren, ist der Beton
lange genug feucht zu halten oder gegen Austrocknen zu schützen (Abdecken mit
Kunststofffolien, Planen, Aufspritzen eines Kunststofffilms, Feuchthalten). Dafür
genügen im allgemeinen 7 Tage. Bei Feuchthalten ist zu beachten, dass durch
Kalkausscheidungen helle Flecken auf den Sichtflächen entstehen können.
[Link] Wärmebehandlung
Das Erhärten des Betons kann durch Wärmezufuhr beschleunigt werden, wobei
auf ausreichende Feuchtigkeit zu achten ist. Es empfiehlt sich daher, eine Wärme-
behandlung mit Wasserdampf vorzunehmen.
Sie wird vor allem in Stahlbetonfertigteilwerken angewendet, um durch rasches
Ausschalen kurze Taktzeiten für den Schalungs- (Formen-)umlauf zu erreichen.
[Link] Arbeitsfugen
Arbeitsfugen entstehen bei Unterbrechung des Betoniervorgangs, wenn konstruk-
tiv vorgegebene große Bauabschnitte in Schicht- oder Tagesleistungen unterteilt
werden müssen. Da an ihnen Risse und Undichtigkeiten auftreten können, müssen
sie so ausgeführt werden, dass alle auftretenden Beanspruchungen schadenfrei
aufgenommen werden können. Arbeitsfugen sind daher an Stellen zu legen, die
weniger hoch beansprucht sind, möglichst an Stellen reiner Druckbelastung. Die
einzelnen Betonierabschnitte sind im Rahmen der Arbeitsvorbereitung festzule-
gen.
Die Flächen, an die anbetoniert werden soll, müssen aufgeraut werden; Verun-
reinigungen, Zementschlamm und lose Betonteile sind zu entfernen. Trockener äl-
terer Beton ist vor dem Anbetonieren längere Zeit feucht zu halten.
Das Aufrauen waagerechter Arbeitsfugen erfolgt unmittelbar nach dem Abbin-
den des Betons durch Druck-Wasserstrahl; von vertikalen oder schrägen (geschal-
ten) Arbeitsfugen nach dem Ausschalen durch Bearbeitung mit dem Stockham-
mer. Hierfür werden Druckluftgeräte verwendet. Für die Betonierzone, die an die
254 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Arbeitsfuge anschließt, soll ein Beton mit höherer Zementdosierung (10–20%)
verwendet werden.
Bei Bauwerken aus wasserundurchlässigem Beton sind auch die Arbeitsfugen
wasserundurchlässig auszubilden. Dies geschieht durch Einbau von Fugenbändern
aus Spezialgummi, die in verschiedenen Typen auf dem Markt angeboten werden
[6.54]. Ihre Lage und Ausbildung ist sorgfältig mit der Bewehrungsführung abzu-
stimmen; sie muss daher durch das Konstruktionsbüro (Tragwerksplaner) vorge-
geben werden.
Da heute durch Transportbeton relativ große Frischbetonmengen eingebaut
werden können, lassen sich bei Hoch- und Ingenieurbauwerken Arbeitsfugen re-
duzieren bzw. weitgehend vermeiden.
6.3.7 Sonderbetonverfahren
[Link] Betonieren bei niedrigen Temperaturen
Betonieren bei kühler Witterung und Frost ist wegen der Erhärtungsverzögerung
und der Gefahr bleibender Beeinträchtigung der Betoneigenschaften nur mit einer
Mindesttemperatur des Frischbetons möglich.
Bei Lufttemperaturen zwischen +5°C und -3°C darf die Temperatur des Betons
beim Einbringen +5°C nicht unterschreiten; liegt der Zementgehalt unter 240
kg/m³, muss die Betontemperatur mindestens +10°C betragen. Bei Lufttemperatu-
ren unter -3°C muss die Betontemperatur beim Einbringen mindestens +10°C
betragen und soll wenigstens 3 Tage gehalten werden [6.2].
Wenn nötig, sind das Wasser und – soweit erforderlich – auch die Betonzu-
schläge vorzuwärmen.
Wasser mit einer Temperatur von mehr als 70°C ist zuerst mit dem Zuschlag-
stoff zu mischen, bevor Zement zugegeben wird. Bei feingliedrigen Bauwerken
empfiehlt es sich, den Zementgehalt zu erhöhen oder Zement höherer Festigkeits-
klassen zu verwenden.
Die Wärmeverluste des eingebrachten Betons sind gering zu halten, z.B. durch
Abdecken der luftberührten frischen Betonoberflächen, Verwendung wärmedäm-
mender Schalung, spätes Ausschalen, Umschließen des Arbeitsplatzes mit beheiz-
ten Winterbauhallen und Zuführen von Wärme. Es ist darauf zu achten, dass dabei
dem Beton das zum Erhärten notwendige Wasser nicht entzogen wird.
[Link] Betonieren unter Wasser
Unter Wasser geschütteter Beton kommt in der Regel nur für unbewehrte Bauteile
in Betracht. Er kann über Trichter mit der Autobetonpumpe eingebracht werden.
Der Zementanteil muss mindestens 350 kg/m³ Beton betragen, der Wasserze-
mentwert darf 0,60 nicht überschreiten. Unter Wasser soll nur Beton der Konsis-
tenz F2, F3 verwendet werden.
Durch ein am unteren Ende des Einbaurohrs angebrachtes tellerförmiges End-
stück lässt sich, wenn dieses vertikal sowie horizontal längs und quer geführt wird,
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 255
eine relativ ebene Betonoberfläche erreichen. Als mögliche Einbauleistung mit
Autobetonpumpen werden bis zu 200 m³/h genannt [6.42, 6.55].
[Link] Spritzbeton
Bauteile, die nur sehr schwierig und mit erheblichem Aufwand geschalt werden
können, weil sie beispielsweise räumliche Krümmungen aufweisen, werden vor-
wiegend in Spritzbeton hergestellt, ebenso wird Spritzbeton außerhalb des Unter-
tagebaus zur Sicherung von steilen Baugrubenwänden verwendet (s.a. Ziff. 6.1.1).
Da es sich hierbei um ein Spezialverfahren des Betonbaus handelt, das vorwie-
gend im Untertagebau eingesetzt wird, sei zur weiteren Information auf die Spezi-
alliteratur verwiesen [4.3, 4.5, 6.56].
[Link] Selbstverdichtender Beton
„Nach der Entwicklung von Hochleistungssystemen für besondere Anwendungs-
gebiete Anfang der 90-er Jahre erfährt der Betonbau derzeit eine weitere, nahezu
revolutionäre Modifikation. Durch besondere Zusätze und ausgewählte Zusam-
mensetzungen kann der Frischbeton so eingesetzt werden, dass er über weite Stre-
cken frei fließen kann und sich dabei praktisch selbst verdichtet. Diese besondere
Eigenschaft kann selbstverdichtendem Beton den Einstieg nahezu über die gesam-
te Breite des Betonbaus öffnen“ [6.57]. Die Entwicklung dieses Baustoffs ist im
Gange. An ihrem Ende wäre ein Beton verfügbar, der ohne Rüttelverdichtung mit
Pumpen eingebaut werden kann. Ich verweise hierzu ebenfalls auf die Speziallite-
ratur.
[Link] Weitere Sonderbetonverfahren
Im Rahmen der Sonderbetonverfahren sollen Hochleistungsbeton, Sichtbeton, das
Betonieren bei heißer Witterung, wasserdichter Beton, faserbewehrter Beton, Va-
kuumbeton, Massenbeton sowie die Herstellung und Verarbeitung von Leichtbe-
ton nicht unerwähnt bleiben. Leichtbeton kann – wie Baustellenversuche gezeigt
haben – nur unter bestimmten Voraussetzungen (wässern der Leichtzuschläge)
mit hinreichender Sicherheit störungsfrei gepumpt werden [6.43].
Da aus der Zielprojektion dieser Darstellung i.E. auf diese und weitere beson-
dere Betonverfahren nicht eingegangen werden kann, sei auf die Spezialliteratur
verwiesen [6.58].
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung
6.4.1 Bedeutung der Schalarbeiten im Stahlbetonbau
Nach der aktuellen Literatur weisen Schalarbeiten im Stahlbetonhochbau (Indust-
rie-, öffentlicher Hochbau und industrieller Wohnungsbau) mit etwa einem Viertel
256 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
den größten Anteil an den Rohbaukosten auf. Die Lohnkosten der Schalung liegen
mit knapp der Hälfte der Gesamtlohnkosten im Anteil noch höher [6.59, 6.60].
Diese Zahlen bestätigen die baupraktische Erfahrung, dass die Schalarbeiten im
Betonbau ein wesentlicher Kostenfaktor sind und den Bauablauf nachhaltig beein-
flussen.
Nach wie vor gilt deshalb, dass die Auswahl des am besten geeigneten und kos-
tengünstigsten Schalverfahrens im Vordergrund aller baubetrieblichen Überlegun-
gen stehen muss mit dem Ziel, die Produktivität durch Senkung des Lohnaufwan-
des zu steigern. Schließlich stellen Schalung und Rüstung einen der wenigen
Freiräume dar, in dem Können und Phantasie qualifizierter Ingenieure in Zusam-
menarbeit mit Schalungsherstellern den Erfolg im Wettbewerb, die Bauzeit und
das finanzielle Ergebnis einer Baustelle wesentlich beeinflussen können. Die
Schalung ist deshalb der zentrale Punkt einer rationellen Fertigung im Stahlbeton-
bau.
Seit über 30 Jahren bestimmen industriell vorgefertigte Schalungen die Scha-
lungstechnik. Die Verwendung dieser Systemschalungen hat den hohen Lohnauf-
wand klassischer Holzschalungen erheblich reduziert.
Durch die seit 1995 anhaltende Rezession auf dem Baumarkt sind von den
Bauunternehmungen bei Stahlbeton(hoch)bauten derzeit kaum kostendeckende
Preise zu erzielen. Deshalb wird häufig das Schalgerät nur gemietet, werden dar-
über hinaus die gesamten Schalarbeiten einschließlich Schalungsplanung, Arbeits-
vorbereitung, Mitarbeiterausbildung, Logistik und Instandhaltung des Geräts unter
Einbindung in den Bauablaufplan der bauausführenden Unternehmung ausgela-
gert, d.h. an Nachunternehmer (Schalungshersteller, Spezialfirmen) vergeben
[6.61, 6.62] oder man lässt – noch weitergehend – die gesamten Betonarbeiten
durch Fremdfirmen ausführen [6.42, 6.64].
Über Betonschalungen liegen inzwischen umfangreiche Veröffentlichungen
vor. Ich gehe deshalb auf diese für den Baubetrieb wichtigen Hilfskonstruktionen
nur im Überblick und insoweit ein, als sie den rationellen Bauablauf beeinflussen
[6.59, 6.60, 6.65, 6.66].
6.4.2 Umfang der Schalarbeiten (Teilvorgänge)
Die Vorgangsgruppe T1 umfasst die gesamten Schalarbeiten für das Herstellen
von Betonbauwerken einschließlich der erforderlichen Rüstungen (Bild 6.6). Dazu
gehören, soweit die Schalung nicht montagefertig von betriebsfremden Herstellern
bezogen wird, das Vorbereiten in einer zentralen Schalungswerkstätte oder auf
dem Werkplatz der Baustelle, das Einschalen (Aufstellen) einschließlich erforder-
licher Einbauten (Aussparungen, Halfenschienen, Fugenbänder, Anker für Kletter-
schalungen u.ä.), das Ausschalen und Umsetzen nach dem Erhärten des Betons
einschließlich Reinigen und ggf. erforderlicher Instandsetzung sowie bei Unter-
zug- und Deckenschalungen der Auf-, Ab- und Umbau der erforderlichen Rüstung
(Bild 6.53).
Alle diese Teilvorgänge bzw. Arbeitsgänge werden durch den Teilbetrieb T1,
die Schalkolonne bzw. den Schalungsbetrieb, vollzogen.
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 257
Bild 6.53: Produktionsstruktur Schalung und Rüstung (T1–T4)
Zur Unterscheidung zum Einschalen (T1) wird in Bild 6.53 das Ausschalen als
weiterer Teilvorgang (T4) bezeichnet, da er erst nach dem Bewehren und Betonie-
ren eines Bauteils und der darauf folgenden Ausschalfrist abläuft. Nach dem erst-
maligen Einsatz eines Schalelements gehen jedoch Ausschalen und (Wieder-) Ein-
schalen (Umsetzen der Schalung) Hand in Hand, da die Schalung aus
wirtschaftlichen Gründen so oft wie möglich eingesetzt werden muss. Die Teil-
vorgänge Einschalen und Ausschalen werden deshalb durch dieselbe Arbeitsgrup-
pe (Schalkolonne) vollzogen.
6.4.3 Aufgabe und konstruktiver Aufbau der Schalung
[Link] Aufgabe
Eine rationelle Schalung hat folgende Forderungen zu erfüllen:
− Formgebung des Betons bis zur Erstarrung,
− Gewährleistung der verlangten Betonoberfläche und Maßgenauigkeit,
258 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
− sichere Aufnahme und Ableitung der während des Betonierens auftretenden
Kräfte (Frischbetondruck) und Lasten (Wind, Betriebslasten),
− Verwindungssteifigkeit der Elemente beim Ein- und Ausschalen,
− Stabilität für mehrfachen Einsatz,
− Möglichkeit der Vorfertigung von Schalungseinheiten bzw. Verwendung viel-
fach einsetzbarer, seriell hergestellter Einzelteile,
− geringer Arbeitsaufwand (einfache Handhabung, schnelles Einschalen, Aus-
schalen und Umsetzen),
− sicheres Arbeiten,
− minimale Investitionskosten (bzw. Miete oder Angebotspreis bei Ausführung
durch Nachunternehmer).
[Link] Konstruktiver Aufbau
Die Schalung besteht in der Regel aus der Schalhaut, die dem Beton die geplante
Form (Maßgenauigkeit) und der Oberfläche das gewünschte Aussehen gibt, der
stützenden Unterkonstruktion (Träger und Gurte) und der Abstützung (Steifen,
Rüstung) bzw. Verankerung. Unterkonstruktion, Anker, Absteifung und Rüstung
sind so zu bemessen, dass sie vom Aufstellen bis zum Ausschalen alle auftreten-
den Kräfte sicher aufnehmen können. Besonderes Augenmerk ist bei Wand- und
Stützenschalungen auf den Schalungsdruck und damit auf Steiggeschwindigkeit
und Verdichtung des Betons zu richten, da die daraus resultierenden Kräfte erheb-
liche Größen erreichen können.
Die Wahl der Schalhaut hängt von Form und Zweck der Betonkonstruktion, der
geforderten Betonsichtfläche sowie der Anzahl der Wiederverwendung (Einsätze)
ab. Sie kann aus massivem Holz (Bretter, Bohlen, Kantholz (gehobelt)), Sperr-
holz, verleimtem Schichtenholz (naturbelassen oder kunststoffbeschichtet), Kunst-
stoff (glasfaserverstärkt) oder Stahlblech angefertigt sein. Teilweise wird auch Be-
tonschalung (Elementschalung) verwendet.
Holz ist sehr anpassungsfähig, leicht zu verarbeiten, hat geringes Gewicht und
geringe Investitionskosten. Seine Verarbeitung erfordert jedoch hohen Lohnauf-
wand (weitgehend durch Facharbeiter). Es wird durch Einsatz und Verschnitt
schnell verbraucht und kann deshalb nur wenige Male verwendet werden. Durch
Kunststoffbeschichtung wird die Einsatzhäufigkeit einer Holzschalung (Schalhaut)
wesentlich gesteigert.
Wenn überhaupt kommt Holzschalung daher nur noch bei einmaligem Einsatz
und für Passflächen vor.
Stahlschalung hat dagegen eine nahezu unbegrenzte Einsatzhäufigkeit und ist
hoch zu beanspruchen, weist jedoch hohe Investitionskosten und hohes Gewicht
auf und ist mit vertretbarem Aufwand kaum anpassungsfähig.
Die Vor- und Nachteile der anderen vorgenannten Schalungsmaterialien liegen
zwischen diesen Kriterien von Holz und Stahl.
Die ausgeschalte Betonoberfläche ist der Abdruck, das Spiegelbild der Schal-
haut. Die Betonoberfläche soll geschlossen und gefügedicht (porenarm) sein und
gleichmäßig aussehen, soweit nicht weitergehende Anforderungen gestellt wer-
den.
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 259
Um die Schalhaut zu schonen und das Ausschalen zu erleichtern, wird vor je-
dem Einsatz ein Trennmittel aufgesprüht.
Allgemeine Auswahlkriterien für die Schalhaut sind:
− die Qualität und Art der damit zu erreichenden Betonoberflächen,
− die Einsatzbedingungen (Einsatzhäufigkeit und Vorhaltedauer),
− die Schalungskosten (die Schalungsplatte ist ein wesentlicher Kostenfaktor der
Schalung).
Für Betonflächen mit Anforderungen an das Aussehen (bis 1997 allgemein als
Sichtbeton bezeichnet) ergeben sich aus dem Merkblatt „Sichtbeton“ des Deut-
schen Beton- und Bautechnik-Vereins, Ausgabe 1997, mögliche Einflüsse ver-
schiedener Schalhautarten auf die Ansichtsfläche des Betons [6.67, 6.68].
Werden bspw. porenarme Betonflächen gefordert, sind Schalungsplatten zu
verwenden, die das Oberflächenwasser des Betons aufsaugen („saugende Scha-
lung“).
Die Hersteller industriell gefertigter Schalungen geben in ihren Handbüchern
für die von ihnen verwendeten Schalungshautarten deren Eignung für bestimmte
Anforderungen und die Einsatzhäufigkeit an [6.59, 6.60, 6.65, 6.66].
Bild 6.54.1: Vollwandträger
260 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.54.2: Gitterträger
Bild 6.54 Holz-Schalungsträger [6.60]
Die Schalhaut allein kann den Druck des Frischbetons nicht aufnehmen; sie
braucht zur Ableitung der auftretenden Kräfte eine Unterkonstruktion. Deren Aus-
führung ist abhängig
− vom Schalungsdruck bzw. Gewicht des frischen Betons,
− von der Biegefestigkeit der Schalhaut,
− von den Abmessungen eines Schalelements.
In der Regel wird die Schalhaut durch Schalungsträger und Gurtungen unter-
stützt. Bei der für glatte Wände häufig verwendeten Rahmenschalung fallen Scha-
lungsträger und Gurtungen weg.
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 261
Als Schalungsträger werden vorwiegend
− geleimte Holzvollwand- und gitterträger (Bild 6.54), daneben auch
− Aluminiumprofile
verwendet.
Ihre Standardhöhe beträgt bei Holzvollwandträgern 20 cm, bei Holzgitterträ-
gern 24 cm.
Gurtungen unterstützen die Schalungsträger der Wandschalungen und leiten die
Kräfte in die Auflagerpunkte weiter. Standard für die übliche Großflächen-
Trägerschalung ist eine Stahlgurtung aus Doppel-U100-Profilen bei 15 mm-
Ankern (90 kN, Bild 6.55). Stärkere Anker erfordern stärkere und dadurch schwe-
rere U-Profile.
Bild 6.55: Stahlgurtung mit Bolzenlöchern [6.59]
Bei Träger-Wandschalungen (Bild 6.56) werden die auftretenden Kräfte i.d.R.
durch senkrecht stehende Schalungsträger aufgenommen, die von quer davor lie-
genden Gurtungen unterstützt werden. Von diesen Gurtungen werden die Lasten
durch Wandstreben, Anker oder Abstützböcke abgetragen. Auch andere Varianten
sind möglich (querliegende Schalungsträger und senkrechte Gurtungen bei hohen
Wänden).
Bei beidseitiger Wandschalung bestehen die Anker, die den Betondruck auf-
nehmen, aus Ankerstab, Ankerverschluss, Ankerplatte und Abstandhalter; wobei
Abstandhalter und Ankerstab eine Einheit bilden können.
262 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.56.1: Längenverstellbare Bild 6.56.2: Schnitt durch Großflächen-
Elementabstützungen erleichtern die Wandschalung mit Richtstütze,
Einrichtarbeit Konsolgerüst und Verankerung (Schema)
Bild 6.56.3: Mögliche Elementgrößen
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 263
Bild 6.56.4: Eckausbildung
Bild 6.56: Träger-Wandschalungen (Großflächenschalung, [6.59])
Je nach Gurtung, Belastung und System werden verschiedene Ankerverschlüsse
verwendet (Bild 6.57). Im Grundwasser (wasserdichter Beton) müssen Anker mit
Wassersperren eingebaut werden.
Bild 6.57.1: Übliche Ankerstelle mit Hüllrohr und Konen
Bild 6.57.2: Im WU-Beton mit Wassersperre
Bild 6.57: Wandschalungsanker [6.59]
264 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bei einhäuptiger Schalung muss der Schalungsdruck durch Abstützböcke auf-
genommen werden, die entweder in der rückseitigen Wand (Felsanker) oder in ei-
nem Betonfundament (Betonsohle des Bauwerks) verankert werden (Bild 6.58).
Bild 6.58: Abstützbock für einhäuptige Schalung [6.60]
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 265
Für eine Deckenschalung werden als unmittelbare Unterstützung ebenfalls
Schalungsträger verwendet, die je nach Belastung im Abstand von etwa 0,30–0,80
m verlegt werden. Quer darunter werden Schalungsträger mit größerer Tragkraft
angeordnet (Jochträger). Diese werden durch Bau-(Rüst-) stützen mit Kopfgabeln
gehalten (Bild 6.59 und 6.60).
Bild 6.59: Deckenschalung mit
Schalungsträgern und Baustützen
(Schema [6.59])
Bild 6.60: Baustütze aus Stahl mit
Ausziehvorrichtung und Kopfgabel nach
DIN EN 1065, 12.98 [6.59]
266 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Um den Schalungsaufwand weiter zu reduzieren, wurden für das Schalen von
Wänden die Rahmenschalungen, für Decken anstelle der (klassischen) Träger-
schalung Modulschalungen entwickelt. Diese bestehen aus leichten Paneelen in
wenigen Standardabmessungen (Aluminiumprofile mit eingelassener Schalhaut),
Aluminiumträgern und Fallkopfstützen. Mit besonderen Ausgleichsträgern und -
blechen lassen sich alle Deckengrundrisse schalen. Ich gehe darauf noch ein.
In Sonderfällen (schwere Decken und Unterzüge, größere Spannweiten) besteht
die zweite Lage der Unterstützungskonstruktion aus
− Stahlprofilträgern (bis etwa 12 m Spannweite),
− Rüstträgern mit Unterspannung oder
− Rüstbindern (schwere Stahl-Fachwerkkonstruktionen im Baukastensystem) mit
Bauhöhen von etwa 1,80 m bis 3,50 m für Spannweiten bis 30 m, die von be-
sonderen Rüst- oder Rahmenstützen (Rüst- bzw. Lasttürmen) gehalten werden
(Bild 6.61).
Die auftretenden Durchbiegungen sind zu berücksichtigen und ggf. durch Ü-
berhöhungsleisten auszugleichen.
Mit den erwähnten Schalelementen können auch gekrümmte bzw. kreisförmige
Bauteile geschalt werden [6.59, 6.60, 6.65, 6.66].
Bild 6.61.1: Deckenschalung auf Profilträgern und Rahmenstützen
Bild 6.61.2: Rahmenstützen
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 267
Bild 6.61.3: Unterzüge mit TRIO auf Lasttürmen und VT 20 Trägern
Bild 6.61.4: Randunterzug mit Stapelturm ST 100 und MULTIFLEX-Träger-Decken-
schalung
Bild 6.61: Decken- und Unterzugschalung auf Profilträgern und Rahmenstützen[6.60]
268 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
6.4.4 Schalverfahren
[Link] Vorbemerkungen
Wie schon erwähnt, ist die für Ortbeton erforderliche Schalung sehr lohnintensiv
und weist einen erheblichen Anteil an den Gesamtkosten von Betonarbeiten auf.
Ablauf und wirtschaftlicher Erfolg einer Betonbaustelle werden vom Arbeitsauf-
wand für die Schalarbeiten und dem möglichst häufigen, taktmäßigen Einsatz der
Schalung und Rüstung bestimmt. Die Schalarbeiten sind deshalb der Leitprozess
einer Betonbaustelle.
Bei hohen Arbeitslöhnen wie in der BRD muss der Arbeitsaufwand für die
Schalarbeiten deshalb so niedrig wie möglich gehalten werden. Die Entwicklung
ging daher zu vorgefertigten Schalungssystemen, die vielseitig verwendbar sind
und mit minimalem Arbeitsaufwand montiert und umgesetzt werden können. Sie
werden als Systemschalungen bezeichnet.
Mit fortschreitender Rationalisierung im Betonbau wurden schon in den sech-
ziger Jahren großflächige Schalungselemente entwickelt. Je größer ein Schalele-
ment ist, desto niedriger wird der spezifische Stundenaufwand je m² Schalung.
Neben dem Einarbeitungseffekt, gemessen an der Einsatzhäufigkeit einer Scha-
lung, ergab sich ein weiterer Rationalisierungseffekt aus der Größe eines Schal-
elements. Durch die Weiterentwicklung der Systemschalungen (und der Baukrä-
ne) liegen die Aufwandswerte in [h/m²] heute z.T. erheblich unter den damaligen
Angaben.
Die Schalung besteht aus Holz, Stahl bzw. Aluminium oder Holz und Stahl. In
diesem Fall bestehen die Belag-Träger aus Holz die Gurtungen aus Stahl, während
für die Schalhaut oberflächenbehandeltes oder kunststoffbeschichtetes Holz ver-
wendet wird (s. Abschnitt [Link]).
Nach der Verwendung werden im Stahlbetonhochbau Systeme für Stützen,
Wände, Unterzüge und Decken unterschieden. Tunnel-(Raum-)schalungen kom-
men nicht mehr vor. Auf die relativ einfachen Fundamentschalungen gehe ich
nicht weiter ein.
Grundsätzlich lassen sich nahezu alle Schalungsaufgaben auf zwei typische
bauteilabhängige Grundschalungsarten zurückführen: die Wand- und die Decken-
schalung. Während für die Bemessung einer Wandschalung der vom Frischbeton
ausgeübte Schalungsdruck maßgebend ist, wird die Deckenschalung neben ihrem
Eigengewicht durch das Gewicht des Frischbetons, der Bewehrung und den Belas-
tungen aus dem Betoneinbau (Betriebslasten) bestimmt. Bei hohen und großflä-
chigen Schalungen sind noch Windlasten anzusetzen.
Die Beanspruchung einer Wandschalung aus dem Schalungsdruck des frischen
Betons kann das vier- bis sechsfache einer Deckenschalung betragen.
Bei den nachstehend im Überblick dargestellten Schalverfahren sind zunächst
− Stützen-,
− Wand-,
− Balken- (Unterzug-) und
− Deckenschalungen
zu unterscheiden.
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 269
Neben diesen vorwiegend stationären, d.h. für jeden Betonierabschnitt auf- und
abzubauenden Schalungen lassen sich unter bestimmten Voraussetzungen „be-
wegliche“ Schalungen rationell einsetzen. Darunter sind
− Fahr-,
− Kletter- und
− Gleitschalungen
zu verstehen.
Nach den vorgenannten Schalverfahren werden die für die Unterzug- und De-
ckenschalungen erforderlichen Rüstungen dargestellt und abschließend Einsatzbe-
reiche und -kriterien für rationellen Schalungseinsatz genannt.
Die aufblasbare Gummischalung stellt einen Sonderfall für Rohrleitungen dar
und wird hier nicht weiter betrachtet.
[Link] Stützenschalung
Die einfachste Lösung einer Stützenschalung bei kleineren Bauvorhaben bieten
Stahlzwingen, die jede Art von Holz-Schalung zu einer Säulenschalung für Recht-
eckquerschnitte zusammenfügen. Die Anzahl der Kränze (Stahlzwingen) hängt
vom Stützenquerschnitt und dem Schalungsdruck ab. Beim Umsetzen wird auch
diese Stützenschalung in zwei winkelförmige Elemente – bei Rundsäulen in zwei
Halbschalen – getrennt.
Eine weitere Variante für eckige Stützen sind vorgefertigte Säulenelemente von
Rahmenschalungen. Dabei werden vier Tafeln windmühlenförmig miteinander
verschraubt. Beim Umsetzen werden die Verschraubungen zweier diagonal gege-
nüberliegender Kanten gelöst, so dass nur zwei winkelförmige Elemente mit dem
Kran zu transportieren sind (Bild 6.62.1 und 2).
Eine dritte Schalmöglichkeit, vor allem für größere und hohe Stützen (ab etwa
60/60 cm und 8,00 m Höhe) sind Holzschalungsträger mit winkelförmigen Stahl-
gurten oder Elementen aus Aluminium (Bild 6.62.3).
Alle genannten Systeme müssen durch Richtstützen abgestützt bzw. beim Be-
tonieren in ihrer Lage gehalten werden.
Runde Stützen können durch eine biegsame Schalhaut eingeschalt werden. Da-
für kommen dünnwandige Sperrholzplatten, Kunststoffbahnen oder Alubleche in
Betracht, die aufgrund der geringen Eigenfestigkeit eine entsprechende Unterkon-
struktion benötigen. Wie bei der Stützenschalung für rechteckige Querschnitte
werden zwei Schalungshälften (Halbschalen) vorgefertigt und an Ort und Stelle
zusammengesetzt.
Als Unterkonstruktion werden Säulenkränze angeordnet, die so geschnitten
sind, dass äußerlich ein eckiger Grundriss erscheint, der wie bei eckigen Stützen
abgestützt werden kann (Bild 6.62.4).
Für weitere Lösungsvarianten, bspw. Stahl-Halbschalen, sei auf die Literatur
und die Herstellerangaben verwiesen.
270 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.62.1: Windflügeliger Einsatz von Säulenelementen, im 5-cm-Raster verstellbar
Bild 6.62.2: Stützenschalungen für den flexiblen Einsatz
eignen sich besonders für Sichtbetonflächen, weil jede
beliebige Schalungshaut eingebaut werden kann
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 271
Bild 6.62.3: Stützenschalung auf Basis einer Holzträgerschalung
Bild 6.62.4: Eckige Stützen-
schalung als Basis für eine Rund-
säulenschalung
Bild 6.62: Stützen-(Säulen-)schalungen [6.59]
272 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
[Link] Wandschalung
Bei Wandschalungen sind Träger- und Rahmenschalungen zu unterscheiden.
Bei der Trägerschalung besteht der Unterschied gegenüber konventioneller
Wandschalung in den erheblich größeren Abmessungen und der höheren Tragfä-
higkeit der einzelnen Schalelemente. Sie wird deshalb auch als Großflächen
(Wand-)schalung bezeichnet. Die Schaleinheiten werden auf der Baustelle oder in
besonderen Schalungswerkstätten vorgefertigt und mit dem Kran versetzt. Die aus
wirtschaftlichen Gründen erforderlichen hohen Einsatzzahlen dieser Schalung be-
dingen eine langlebige Schalhaut (Mehrschichtenplatte). Ihr rationeller Einsatz
wird vor allem durch
− die Wandabmessungen,
− die Einsatzhäufigkeit,
− die Größe der Elemente,
− die Anzahl der Ankerungen und
− die Anzahl der Ecken, Aussparungen und Einbauteile
bestimmt.
Die großflächigen Elemente ergeben kurze Schalzeiten.
Träger-Wandschalungen werden als Großflächen- und als Elementschalung
eingesetzt. Bei der Großflächenschalung sind die Abmessungen der Schalung in-
nerhalb der Randbedingungen der Bauaufgabe (Bauteilabmessungen, Krantragfä-
higkeit bzw. transportfähige Längen und Breiten) und die Ankerlagen frei wähl-
bar. Elementschalung wird aus vorgefertigten Elementen zusammengesetzt.
Diese Trägerschalungen bestehen aus der Schalhaut, den Vollwand- oder Git-
ter-Schalungsträgern (in Holz), den unterstützenden Gurtungen, den Ankern und
den erforderlichen Wandstreben bzw. Richtstützen. Die sehr tragfähigen Unter-
konstruktionen ermöglichen große Ankerabstände, d.h. wenige Anker je Element
und damit kurze Aufstell- und Ausschalzeiten sowie niedrige Aufwandswerte.
Zum Überblick ist die Träger-Wandschalung eines Herstellers einschließlich
wesentlicher Bestandteile in Bild 6.63, die Elementschalung in Bild 6.64 darge-
stellt. Alle weiteren Details sind den Aufbauanleitungen der Hersteller zu entneh-
men.
Die Kenngrößen der am häufigsten verwendeten Dywidag-Schalungsanker mit
gewalztem Gewinde sind in der Tabelle 20 dargestellt. Bei der Verwendung von
Ankern mit 15,0 mm Durchmesser ergeben sich im Mittel 0,55–0,65 Anker/m²
Wandfläche [6.59].
Bei der dargestellten Trägerschalung kommt bspw. 1 Anker auf 1,6 m² Schal-
fläche, d.s. 0,625 St./m².
Weitere Hersteller bieten ähnliche Schalungsprogramme an.
Einsatzbereiche für Großflächen-Trägerschalungen sind komplizierte Grundris-
se, viele gleichförmige Einsätze, gleiche Wandhöhen und/oder hohe Qualitätsan-
forderungen an die Betonoberflächen, die mit gerasterten Träger- und Rahmen-
schalungen nicht wirtschaftlich abzudecken sind.
Die Investitionskosten für Träger-Wandschalungen sind relativ hoch und kön-
nen nur durch große Einsatzhäufigkeit bei allerdings geringem Lohnaufwand aus-
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 273
geglichen werden. Deshalb ist durch die Arbeitsvorbereitung einer Bauunterneh-
mung oder des Schalungsherstellers eine Einsatzplanung mit Kostenvergleichen
verschiedener Varianten vorzunehmen, um die zeit- und kostengünstigste Variante
zu finden und damit einen rationellen Einsatz dieser großflächigen Elemente zu
gewährleisten.
Bei der Rahmenschalung bilden die Schalhaut und die Tragkonstruktion aus
Stahl- oder Aluminiumprofilen eine Einheit. Die Rahmentafeln weisen eine aus-
reichende Eigenstabilität auf. In den kleineren Abmessungen (und damit geringe-
rem Gewicht) können sie ohne Kran montiert und umgesetzt werden (leichte kra-
nunabhängige Schalung).
Tabelle 20: Zulässige Traglasten von Ankerstäben [6.59]
Ankerstabdurchmesser Zul. Belastung nach DIN 18 216 Zul. Belastung bei
1,6-facher Sicherheit
15,0 mm 90 kN 120 kN
20,0 mm 150 kN 220 kN
26,5 mm 250 kN 350 kN
Bild 6.63.1: Überblick
274 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.63.2: Grundausstattung
Bild 6.63.3: Einsatzbereite Elementverbindung nach dem Eintreiben der Kupplungskeile
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 275
Bild 6.63.4: Ausführung von Passtafeln
Bild 6.63: Thyssen-Hünnebeck – Großflächenwandschalung GF 24 [6.66]
Bild 6.64.1: Überblick
276 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.64.2: Grundausstattung
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 277
Bild 6.64.3: Stirnabsperrung
Bild 6.64.4: Wandstreben und Strebenspreizen
278 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.64.5: Laufkonsole
Bild 6.64: Thyssen-Hünnebeck – Elementschalung ES 24 [6.66]
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 279
Rahmentafeln werden aber auch in größeren Abmessungen angeboten. Sie las-
sen sich zu größeren Schaleinheiten zusammenfassen, die nur mit Kranhilfe mon-
tiert und versetzt werden können (schwere kranabhängige Rahmentafelschalung).
Insgesamt sind 3 Kategorien von Rahmenschalungen zu unterscheiden:
1. Schwere Rahmenschalungen aus Stahl,
2. Leichte Rahmenschalungen aus (Stahl), Aluminium- oder Blechprofilen und
3. Kleinflächen- Rahmenschalungen aus Blech- und Hohlprofilen.
Deren Merkmale sind:
Zu 1.: Elementgrößen bis zu 8 m² und etwa 400 kg Gewicht,
Aufnehmbarer Frischbetondruck bis etwa 80 kN/m²,
Rahmenstärke 10–14 m,
Elementhöhe von 2,65 bis 3,30 m,
2 Ankerlagen auf 3,30 m Elementhöhe.
Zu 2.: Elementgrößen bis zu 2,5 m² und etwa 85 kg Gewicht,
Aufnehmbarer Frischbetondruck bis etwa 60 kN/m²,
Rahmenstärke etwa 10 cm,
Elementhöhen 2,50 bis 2,70 m,
2 Ankerlagen auf Elementhöhe.
Zu 3.: Handschalungen mit max. Elementgrößen bis 1,35 m² und 45 kg Ge-
wicht,
Aufnehmbarer Frischbetondruck bis 40 kN/m²,
vom Gewicht her kranunabhängig, aber auch großflächiges Umsetzen
mit dem Kran möglich,
bei Aufstockung mit kleineren Elementen auf Raumhöhe sind 3 Anker-
lagen erforderlich [6.59].
Der Aufbau einer Rahmen- Schalungstafel ist in Bild 6.65 dargestellt.
Bild 6.65: Rahmendetail mit verschraubter Schalungsplatte und versiegelter Fuge der Do-
ka-Rahmenschalung Framax [6.65]
Ein wesentliches Merkmal aller Rahmenschalungen sind die Verbindungsmittel
der Rahmentafeln. Mit besonderen Richt- und Verbindungszwingen (Richtschlös-
sern, -spannern) werden in einem Arbeitsgang die Stoßfugen dicht geschlossen
280 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
und die Tafeln versatzfrei fluchtend ausgerichtet. Die Rahmentafeln sind beliebig
stehend oder liegend zu kombinieren und ohne zusätzliche Aussteifungsgurte
großflächig (bis etwa 25 m²) mit dem Kran umsetzbar (Bild 6.66, 6.67). Zum Aus-
schalen weisen die Innenecken ein Ausschalspiel auf.
Die Schalung kann rasterartig zusammengesetzt und einfach verankert werden.
Abweichungen vom Rastermaß können durch Ausgleichselemente berücksichtigt
werden. Von den Schalungsherstellern werden ebenfalls Lösungen für Ausgleiche,
Eckausbildungen, Stirnabschalungen sowie Laufkonsolen und Absteifungen ange-
boten.
Bild 6.66.1: Richtzwinge
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 281
Bild 6.66.2: Sicher ausgesteifte Elemente können großflächig eingesetzt werden
Bild 6.66: Verbindung der Rahmentafeln mit Richtzwingen (-spannern) [6.66]
282 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.67: Großflächiges Umsetzen mit sicheren Transporthaken [6.66]
Eine schwere kranabhängige Rahmenschalung zeigt Bild 6.68 (Bild 6.68.1–4).
Bei diesem großflächigen Wandschalungssystem (Doka Framax) bestehen die Ta-
feln aus feuerverzinkten Stahlrahmen mit 12,3 cm Bauhöhe und einer bis zu 21
mm starken Schalhaut. Die Tafeln, die in Höhen von 2,70 m, 3,30 m und als 1,35
m hohe Aufsatztafeln zur Verfügung stehen, sind in verschiedenen Breiten liefer-
bar (1,35, 0,90, 0,60, 0,45, 0,30 m). Dazu gibt es Großtafeln mit 2,40 m Breite und
Sonderelemente.
Durch die größeren, dadurch aber schwereren Tafeln ergeben sich weniger Ta-
felstöße und damit weniger Kranspiele.
Die Bauhöhe von 12,3 cm gewährleistet hohe Tragfähigkeit (80/60 kN/m²), so
dass bei eingeschossiger Schalung bis 3,30 m Höhe Betondruck und Betonierge-
schwindigkeit unberücksichtigt bleiben können.
Ein Schnell- bzw. Uni-Spanner zur Verbindung zweier Tafeln beschleunigt
(wie auch bei der leichten Rahmenschalung) die Schalarbeiten. In einem Arbeits-
gang werden mit einem rüttelsicheren Knebel die Stoßfugen absolut dicht ge-
schlossen und die Tafeln versatzfrei fluchtend ausgerichtet.
Alle weiteren Einzelheiten dieser schweren Rahmenschalung sind den Herstel-
lerangaben zu entnehmen. Als mittlerer Zeitaufwand werden etwa 0,2–0,5 h/m²
angegeben.
Im Überblick wurden die derzeit auf dem Markt angebotenen schweren Rah-
menschalungen mit ihren wesentlichen Kenndaten (Schalungshöhe, aufnehmbarer
Frischbetondruck und Durchbiegung) vom Güteschutzverband Betonschalungen
(GSV) in einer Tabelle zusammengefasst (Tabelle 21 [6.59]).
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 283
Bild 6.68.1: Framax-Rahmenelemente
284 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.68.2: Framax Spanner
Bild 6.68.3: Betonier- und Zwischenbühnen
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 285
Bild 6.68.4: Ankerung bei schwerer Rahmenschalung (hier Peri Trio 330 [6.60])
Bild 6.68: Schwere kranabhängige Rahmenschalung (Doka Framax [6.65])
In Bild 6.69 ist eine leichte Rahmenschalung im Überblick dargestellt (Peri
Domino). Die 2,50 m hohe und 1,00 m breite Basistafel wiegt 84 kg. Die weiteren
Einzelheiten (Tafelabmessungen, Aufstockungen, Zubehör, Aufwandswerte – für
Ein- und Ausschalen werden als Mittelwert 0,3–0,5 h/m² genannt – Abschrei-
bungs- bzw. Mietsätze, Belastung) sind den ausführlichen Werksunterlagen und
Kalkulationsrichtwerten des Herstellers zu entnehmen.
Die neuerdings häufig verwendete kleinflächige Rahmenschalung ist eine Wei-
terentwicklung der Rahmenschalung in Richtung kleiner, kranunabhängig und
möglichst vielseitig einsetzbarer Elemente. Sie ist eine Standardschalung für klei-
nere und mittlere Baustellen. Im Aufwand liegt sie unter sonst gleichen Bedingun-
gen über den Lohnkosten einer leichten Rahmenschalung. Als mittlerer Auf-
wandswert werden für „normale“ Grundrisse 0,4 bis 0,6 h/m² angegeben. Die
Investitionskosten sind niedriger als für leichte Rahmenschalung.
In Bild 6.70 ist auszugsweise ein System dargestellt. Die Tafeln sind 120 cm
hoch. Die verschiedenen Tafelbreiten erlauben von 0,90 m bis 0,30 m eine Anpas-
sung im 15 cm – Raster. Die einzelnen Tafeln werden durch Zwingen verbunden.
Die 14 mm dicke Schalhaut ist beidseitig kunststoffbeschichtet und umlaufend
durch das feuerverzinkte Randprofil der Tafel geschützt. Durch die Abmessungen
der Tafeln bietet diese Schalung eine große Anpassungsfähigkeit an kleine und
mittlere Bauvorhaben und ist dort universell einsetzbar.
286 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Tabelle 21: Mögliche Lastaufnahmen der verschiedenen Schalungen nach DIN 18 202,
Ermittlung durch den GSV [6.59]
Da die größte Tafel 90 x 120 cm nur 38 kg wiegt, lassen sich alle Teile ohne
Kran bewegen und aufbauen. Trotz des geringen Gewichtes beträgt der zulässige
Schalungsdruck 60 kN/m².
Hinsichtlich weiterer Einzelheiten derartiger Schalungen wird wiederum auf
die Aufbauanleitungen und die Kalkulationsrichtwerte der Hersteller verwiesen.
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 287
Bild 6.69.1: Ansicht
288 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.69.2: Elemente
Bild 6.69.3: Richtschloss
Bild 6.69: Leichte Rahmenschalung (Peri, Domino [6.60])
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 289
Bild 6.70.1: Takko-Schalung Überblick
290 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.70.2: Bauteile
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 291
Bild 6.70.3: Verbindungsteile
292 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.70.4: Elementverbindung
Bild 6.70.5: Konsolen und Abstützungen
Bild 6.70: Kleinflächige Rahmenschalung (Hünnebeck-Takko [6.66])
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 293
Als Vorteile der Rahmenschalung werden genannt
− geringerer Lohnaufwand gegenüber konventioneller Schalung,
− Einsatz qualifizierter Arbeitskräfte (Facharbeiter) nicht erforderlich,
− einfacher Transport und Lagerung,
− hohe Einsatzhäufigkeit,
− für glatte Wandschalungen besonders geeignet.
Als Nachteile werden angeführt
− geringere Anpassungsfähigkeit als Träger-Schalung,
− schlechtere Sichtbetonqualität (Fugen),
− Gefahr des Ausblutens des Betons an den Stößen.
− große Anzahl an Elementen, Ankern und Kleinteilen.
Wandschalungsarbeiten laufen in folgender Reihenfolge ab (Bild 6.53):
− Einmessen der Wand (soweit erforderlich),
− 1. Wandseite stellen und absteifen,
− Aussparungen einbauen, Leerrohre verlegen usw.,
− Wand bewehren,
− 2. Wandseite stellen und absteifen,
− Schalungsanker einbauen.
Der mit zunehmender Größe eines Schalelementes abnehmende Arbeitsauf-
wand geht aus Bild 6.71 hervor.
Wenn beim Betonieren gegen senkrechte Baugrubenwände eine Verankerung
der Wandschalung nicht möglich ist, muss – wie schon erwähnt – die einhäuptige
Schalung durch Stützböcke abgesteift werden, die den vollen Betondruck aufneh-
men können (Bild 6.58).
Durch besondere Gurte (Gelenkriegel) können auch gekrümmte Wandflächen
relativ einfach geschalt werden. Für derartige Aufgaben werden von den Scha-
lungsherstellern Sonderkonstruktionen angeboten.
Als Überblick über die Kosten von Wandschalungen und damit als Hilfe für die
Wahl von Schalverfahren ist in Tabelle 22 ein Kostenvergleich zwischen Rahmen-
und Trägerschalung dargestellt.
Das Ergebnis zeigt, dass im Einzelfall von betriebsinternen Erfahrungswerten
bzw. Herstellerangaben (Mietrechnungen, Auf- und Abbaukosten, Reinigungs-
aufwand) auszugehen ist, wobei die Lohnkosten (Arbeitsaufwand) sowie die mo-
natlichen und die insgesamt möglichen Einsatzzahlen den Ausschlag geben. Die
Tabellenwerte bestätigen, dass auf der Baustelle, auch wegen des Einarbei-
tungseffektes (Bild 6.72), mit einem Minimum an Schalung die größtmögliche
Einsatzzahl angestrebt werden muss. Das arbeitsorganisatorische Prinzip, das die-
se Forderung erfüllt, ist Taktarbeit, worauf im Abschnitt 11 (Ablaufplanung) noch
einzugehen ist.
294 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.71: Stundenaufwand für Rahmentafelschalung [6.70]
Bild 6.72: Einarbeitungskurve für Schalarbeiten [6.71]
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 295
Tabelle 22: Kostenvergleich Rahmen- Trägerschalung [6.59]
296 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
[Link] Deckenschalung
Bei Deckenschalungen sind
− konventionelle Schalung mit Schaltafeln und Schalungsträgern
− Flex- und Flex-Raster-Schalungen (für den flexiblen Handeinsatz),
− Unterstellungen für Elementdecken,
− Alu- Modul-Schalungen (Hand-Deckenschalungen mit Alu-Elementen im vor-
gegebenen Raster),
− Flex-Tische (montierte Großmodule aus Einzelteilen der Flex-Schalungen),
− Alu-Unterstellungsgerüste (Alu-Unterstellungen zur leichten Montage, Einzel-
stützen oder Rahmen mit Verstrebungen),
− Deckentische (Unterstellungen mit Rahmen-Strebenkonstruktionen aus Stahl)
sowie
− Lasttürme (wie vor, jedoch mit höherer Lastaufnahme)
zu unterscheiden.
Auf Turmschalungen und Lehr- bzw. Traggerüste für den Brückenbau gehe ich
nur im Überblick ein.
Bei Kassettenschalung für Plattenbalkendecken werden die Schalkörper aus
Kunststoff oder Stahlblech auf eine ebene Decken(spar)schalung aufgelegt.
Analog zur Wandschalung hängt die Wahl eines Deckenschalverfahrens von
der Bauwerksgeometrie, der Einsatzhäufigkeit, der Unterstellungshöhe, der abzu-
tragenden Last und den Kosten des Schalverfahrens ab, die wiederum von der
Einsatzhäufigkeit und dem Arbeitsaufwand abhängen. Im Einzelfall ist daher auch
hier zu untersuchen, inwieweit höhere Investitionskosten durch geringere Lohn-
kosten ausgeglichen werden.
Im Vergleich zu Wandschalungen (Länge, Höhe) müssen Deckenschalungen in
3 Richtungen anpassungsfähig sein (Höhe, Breite, Länge). Ein Ausschalen der
Decken mit Kranhilfe von oben ist nicht möglich. Mit dem Baukran können Scha-
lungselemente und Deckentische nur umgesetzt werden, wenn sie aus der beto-
nierten Decke herausgefahren sind [6.59].
Konventionelle Deckenschalung
Bei nur einem Bauabschnitt, unregelmäßigen Bauteilabmessungen und beengten
Platzverhältnissen kommen immer noch konventionelle, örtlich hergestellte De-
ckenschalungen zum Einsatz.
Die Schalhaut besteht hierbei – soweit möglich – aus etwa 50 x 150 cm großen
hölzernen Schaltafeln, die auf einer Unterkonstruktion aus Kanthölzern oder Scha-
lungsträgern (Belags- und Jochträgern) aufliegen. Diese werden durch Stahl- oder
Aluminiumrohrstützen im erforderlichen Abstand unterstützt (Rüstung). Durch
Verwendung größerer Schalungsträger, die als Joche quer unter den Belagträgern
angeordnet werden, lässt sich die Zahl der Abstützungen verringern. Zur Aufnah-
me von Horizontalkräften wird die Rüstung verschwertet, soweit die Kräfte nicht
durch Verkeilen in bereits hergestellte Wände abgeleitet werden können.
Passflächen werden (aus verbrauchten Schaltafeln) zugeschnitten oder durch
Ausgleichsbleche geschlossen.
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 297
Da der Arbeitsaufwand hierfür relativ hoch ist, wurden mit steigenden Löhnen
und Sozialaufwendungen auch für Deckenschalungen Systeme entwickelt, die
durch Verwendung industriell hergestellter Elemente die Lohnkosten reduzieren.
Flex- bzw. Flex-Raster-Schalung
Wie bei Trägerwandschalungen werden bei diesen Systemschalungen leichte Trä-
ger aus verleimtem Holz mit geringen Bauhöhen (16 bis 24 cm) als Belags- und
Jochträger verwendet (Bild 6.59). Die Abstützung erfolgt mit längsverstellbaren
Stahlrohrstützen mit Gabel- oder Klauenkopf (Bild 6.59, 6.73).
Der Stützenkopf ermöglicht es, die Jochträger verschiebbar nebeneinander auf-
zulagern. Dadurch sind sie in der Länge stufenlos ausziehbar und können sich den
geometrischen Bauwerksbedingungen anpassen. Die Kopfgabel stabilisiert die
Träger gegen Kippen. Durch die Absenkautomatik der Stützen (Fallkopf) ist ein
schnelles Ausschalen und das Umsetzen der Stützen ohne Abspindeln möglich
(Bild 6.73).
Das Schema einer derartigen Deckenschalung ist in Bild 6.74 dargestellt.
Bild 6.73: Stahlrohrstütze,
Trägerauflager und Fallkopf
298 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.74: Schema der Flex-Deckenschalung
Die Belags- und Jochträger bilden mit Stützen, Stützenkopf und Schaltafeln das
Deckenschalsystem. Das Abspindeln der Stützen beim Ausschalen und Aufspin-
deln beim Wiedereinsatz entfallen. Durch Herausschlagen des Keiles im Fallkopf
senkt sich die Schalkonstruktion um 6 cm ab. Durch anschließendes Kippen der
Belagträger steht insgesamt ein Freiraum von 18 cm zur systematischen und Mate-
rial schonenden Entnahme aller Schalmaterialien zur Verfügung.
Die Stahlrohrstützen, die zur Unterstützung der Joch-Träger dienen, sind innen
und außen feuerverzinkt, wobei das Innenrohr eine Ausfallsicherung aufweist. Be-
lastungstabellen des Herstellers erleichtern die Bemessung.
Das Ein- und Ausschalen zeigt Bild 6.75, eine Absturzsicherung Bild 6.76.
Bemessungstabellen, ein Beispiel und Kalkulationsrichtwerte einer Variomax-
Deckenschalung sind im Anhang A9 dargestellt [6.66].
Ähnliche Systeme werden auch von anderen Schalungsherstellern angeboten.
Als weiteres Beispiel sei die Flex-Raster-Schalung von Doka erwähnt. Dabei
verhalten sich der Abstand der Belagträger, der Stützenabstand und der Jochträ-
gerabstand im Verhältnis von 1 zu 2 zu 4. Dafür sind auf den Schalungsträgern al-
le 50 cm Marken angebracht, so dass für das Einschalen weder Schalungsplan
noch Zollstock erforderlich sind (Bild 6.77). Damit konnte der Arbeitsaufwand
nun mehr als 20% reduziert werden. Diese Einsparung führt jedoch zu einem hö-
heren Materialeinsatz, der von Fall zu Fall dagegen abzuwägen ist [6.59].
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 299
Bild 6.75.1: Einschalvorgang
300 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.75.2: Ausschalen
Bild 6.75: Ein- und Ausschalen einer Flex-Deckenschalung (Variomax) [6.66]
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 301
Bild 6.76: Absturzsicherung
302 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.77: Dokaflex-Rasterschalung 1-2-4 (bedarf keiner Bemessung) [6.59]
Die Vorteile dieser Träger- und Stützensysteme liegen in der Einfachheit und
universellen Einsatzbarkeit, außerdem kann die Schalung kranunabhängig aufge-
stellt werden. Gegenüber Rahmentafelsystemen sind die Investitionskosten erheb-
lich niedriger; der Arbeitsaufwand je m² Deckenschalfläche aber noch relativ
hoch.
Bei hoch belasteten, weit gespannten Decken und großer Raumhöhe reicht die-
se relativ einfache Rüstung mit Deckenstützen oft nicht mehr aus. Die dafür an-
zuwendenden Unterstützungsarten werden im Abschnitt 6.4.5 (Rüstungen) erläu-
tert.
Rahmentafelsysteme
Vergleichbar mit den Rahmentafelsystemen für Wandschalungen werden auch für
die Herstellung von Ortbetondecken Rahmentafelschalungen eingesetzt (auch als
Modul- oder Paneelschalung bezeichnet). Die leichten Rahmentafeln aus Alumi-
niumprofilen mit eingelassener hochwertiger Schalhaut werden entweder in leich-
te Deckenträger eingelegt, die an den Fallköpfen der Stahlrohrstützen eingehängt
werden (Fallkopf-Träger-Element-Methode) oder direkt auf besondere Kopflager
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 303
der Stützen aufgelegt (Element-Methode). Restflächen werden mit Ausgleichsta-
feln geschlossen. Ausgeschalt wird meist durch Absenken der Fallköpfe, wodurch
die Decken- bzw. Kopfträger abgesenkt werden und die Rahmentafeln ausgehängt
werden können. Der Fallkopfkern mit der Kopfplatte ist nicht absenkbar und stützt
nach dem Absenken der übrigen Schalung direkt den Beton. Nach dem Abbau der
Rahmentafeln und Deckenträger (Ausschalen) verbleiben die Stahlrohrstützen mit
den Fallköpfen bis zur ausreichenden Erhärtung des Betons als Hilfsstützen an Ort
und Stelle [6.59].
Ein System mit direkter Lagerung der Decken-Rahmentafeln auf den Kopfla-
gern der Stützen ist im Bild 6.78 dargestellt (Topec-Deckenschalung [6.66]). Der
Aufwand für das Ein- und Ausschalen wird mit weniger als 0,4 h/m² (0,20 bis 0,40
h/m² je nach Passanteil) angegeben. Ein weiteres System mit Deckenträgern zwi-
schen den Stützen zeigt Bild 6.79 (Skydeck-Deckenschalung von Peri) [6.60].
In diesem Fall haben bei „frühem“ Ausschalen die Stützen das Eigengewicht
der Decke zu tragen. Dies kann beim Betonieren der nächsten Decke zu einer we-
sentlichen Erhöhung der Stützenlast führen, worauf die Stützen i.d.R. nicht ausge-
legt sind [6.59].
Die Investitionskosten von Alu-Modul-Schalungen sind relativ hoch. Mit zu-
nehmendem Anteil an Passflächen ist der Arbeitsaufwand gegenüber Flex-
Schalungen jedoch erheblich größer (Bild 6.80). Ob diese Systeme im Einzelfall
die wirtschaftlichste Lösung darstellen, kann nur über Verfahrensvergleiche ver-
schiedener Lösungen ermittelt werden.
Bild 6.78.1: Übersicht
304 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.78.2: Randausgleich
Bild 6.78: Alu-Modul-Schalung Topec von Thyssen-Hünnebeck [6.66]
Bild 6.79.1: Bild 6.79.2: Bei Alu-Modul-Schalungen sind
Fallkopf-Träger-Element-Methode im Ausgleichsbereich mehr Stützen zu stellen
Bild 6.79: Alu-Modul-Schalung Skydeck der Firma Peri [6.60]
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 305
Bild 6.80: Aufwandswerte von Alu-Modul- und Flex-Deckenschalungen bei Passflächen
[6.59]
Deckenschaltische
Analog zu großflächigen Wandschalungen wurden großflächige Deckenschalun-
gen entwickelt, die als Deckentische bezeichnet werden. Sie lassen sich wirt-
schaftlich einsetzen, wenn sich gleiche Schalflächen und Belastungen mehrfach
wiederholen. Weitere Voraussetzung ist, dass die Schaltische möglichst oft auf ei-
ner Ebene verfahren werden können, bevor sie mit dem Kran auf die nächste um-
gesetzt werden. Das Bauwerk sollte dafür wenigstens an einer Stelle offen sein.
Deckentische sind eine kranabhängige Deckenschalung. Ein Standard-Schal-
tisch besteht aus der Schalfläche (Schalhaut), der Unterkonstruktion (Quer- und
Längsträger) und den höhenverstellbaren Stahlrohrstützen. Diese Stützen, die in
den an der Unterkonstruktion befestigten Klappköpfen – auch als Schwenkköpfe
bezeichnet – gehalten und geführt werden, übernehmen auch bei voller Auszugs-
länge die Lasten ohne Aussteifungen (Bild 6.81). Zum Umsetzen werden, wenn
Brüstungen überfahren oder Unterzüge unterfahren werden müssen, die Stützen
hochgeklappt (Bild 6.82).
Durch Deckentische wird der Bauablauf beschleunigt und die Schalzeiten wer-
den reduziert. Ein wirtschaftlicher Tischeinsatz hängt jedoch von folgenden Rand-
bedingungen ab:
− möglichst hohe Einsatzzahlen
− möglichst wenig wechselnde Geometrien und Belastungen
− möglichst wenig unterschiedliche Tischgrößen und Tischformen
− möglichst geringe Beischalbereiche
− geeignete Umsetzgeräte für den Horizontal- und Vertikaltransport
− ungehinderte Ausfahrwege für die Deckentische
− ausreichende Kranverfügbarkeit und Krantragkraft
− wirtschaftliche Montage vor Ort oder überschaubare Frachtkosten [6.59]
306 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Die Verwendung von Deckentischen (oder Lasttürmen) kann im Einzelfall auch
bei hohen Lasten oder großen Unterstellungs-(Rüstungs-)höhen wirtschaftlich
sein, selbst wenn nur wenige Einsätze realisiert werden können [6.59].
Bild 6.81.1: mit 4 Stützen [6.65]
Bild 6.81.2: mit 6 Stützen
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 307
Bild 6.81.3: Schwenkköpfe
Bild 6.81: Deckentische [6.66]
Wie bei Wandschalungen sind Standard- und maßgeschneiderte Deckentische
(Sonderformen) zu unterscheiden:
Flextische (Standardtische), auch als Großmodule bezeichnet, werden fix und
fertig montiert in Standardabmessungen zu günstigen Mietsätzen angeboten. Die
Tischlängen betragen 4,00 m und 5,00 m, die Tischbreiten je nach Hersteller 2,50
m bzw. 2,15 m und 2,65 m. Daraus ergeben sich Schalflächen von 8,60 bis 13,25
m². Randtische werden mit Schutzgerüst geliefert und montiert (Bild 6.83).
Die Tische werden auf der Baustelle aneinander gereiht; bei entfernter Rand-
schalungshaut bieten sie zugleich die Auflagerfläche für einen größeren Passbe-
reich (Bild 6.84).
308 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.82: Klapp-Schaltisch bei vertikalem Umsetzen [6.66]
Bild 6.83: Randtisch mit Abspannung [6.59]
Von den Herstellern werden auch die erforderlichen Umsetzgeräte angeboten.
Dies sind für horizontales Umsetzen (Absenken und Verfahren) Umsetzwagen, für
vertikales Umsetzen mit dem Kran Umsetzgabeln (auch Entenschnabel genannt).
Damit der Schaltisch mit diesen Umsetzgeräten bewegt werden kann, sind der
Trägerrost und die Stützkonstruktion zugfest verbunden. Bei der Kranbemessung
ist das Gewicht der Umsetzhilfen zu berücksichtigen.
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 309
Bild 6.84: Anordnung der Tische [6.59]
Der horizontale Umsetzvorgang mit Umsetzwagen für Absenken und Verfahren
geht aus Bild 6.81.2 hervor.
Vertikal werden die Deckentische mit einer Krangabel umgesetzt. Diese greift
unter den Trägerrost, unterstützt ihn beim Herausfahren aus dem Bauwerk und
hebt ihn dann auf die nächste Ebene (Bild 6.82 und 6.85).
Bild 6.85: Vertikales Umsetzen der Tische [6.59]
310 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Maßgeschneiderte Flextische (Sonderformen) bieten freie Wahl im konstrukti-
ven Rahmen, sind jedoch besonders anzufertigen. Sie sind von Vorteil, wenn die
wesentlichen Randbedingungen hinsichtlich der Unterstellungsgerüste, Montage-
und Demontagekosten, Vorhaltmengen für einen kontinuierlichen Bauablauf
(bspw. Vorlauf für die Bewehrungsarbeiten) und die Auswahlkriterien erfüllt sind.
Ein allgemeiner Kostenvergleich zwischen Standardtischen und Sonderformen
ist in Bild 6.86 dargestellt.
Sonderformen werden bis etwa 25 m² Schalfläche verwendet.
Als Zeitaufwand für Deckentische werden für die Grundmontage 0,15 bis > 1,0
h/m², für das Ein- und Ausschalen 0,2–0,3 h/m² angegeben (abhängig vom Kran
und von der Bauwerksform).
Der Trend geht zu kleineren Tischeinheiten, die sich vielseitiger den wechseln-
den Grundrissen anpassen als überdimensionierte Tische.
Bei großen Höhen und Belastungen bestehen die Unterstellungsgerüste der De-
ckentische aus Stahlkonstruktionen (Rahmenstützen, Lasttürmen).
Hinsichtlich aller weiteren für einen rationellen Einsatz dieser Schalelemente
erforderlichen Detailinformationen verweise ich auf die jeweiligen Herstellerun-
terlagen und die Spezialliteratur [6.59, 6.60, 6.65, 6.66].
Bild 6.86: Kostenvergleich zwischen Standardtischen und Sonderformen [6.59]
Deckenschalung aus Stahlbetonfertigteilen (Elementschalung)
Bei regelmäßigen Grundrissen ist es häufig wirtschaftlich, die Deckenschalung
durch großformatige, 5 bis 7 cm dicke Betonplatten zu ersetzen (Bild 6.87). Die
Tragwirkung für den Bauzustand entsteht durch einbetonierte Mattenbewehrung
und leichte, fachwerkartige Stahlträger (Filigranträger), die bei der Bemessung der
Deckenbewehrung mit herangezogen werden.
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 311
Bild 6.87: Fertigbetonplatten, Übersicht [6.72]
Zum Aufbringen des Ortbetons erfordern diese Elementdecken quer zur Trag-
richtung eine Unterstellung (Rüstung) aus Jochträgern und selbst stehenden Stüt-
zen. Der Abstand der Jochträger liegt – je nach werkseitig eingebauter Bewehrung
– zwischen 2,00 und 3,00 m. Die zur Abstützung für Eigengewicht und Betonier-
lasten erforderlichen Hilfsjoche und -stützen (Unterstellungen) sind weniger auf-
wendig als die Rüstung einer normalen Deckenschalung.
Die Elementplatten können im Fertigteilwerk in Längen von 3,0 bis etwa 10 m
hergestellt werden Aus Transportgründen werden sie in der Regel 2,50 m breit
und bis zu 6,0 m lang nach einem vom Werk erstellten Verlegeplan gefertigt (d.s.
etwa 12,5 bis 15 m² Schalfläche). Angeliefert werden sie „just in time“ auf
LKW´s. Das Verlegen – möglichst ohne Zwischenlagerung – erfordert einen Kran
mit ausreichender Tragfähigkeit (g = 125 bis 175 kg/m² bei d von 5,0 bis 7,0 cm).
Dabei sind Ausfahrwege für die Unterstellung freizuhalten.
312 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Nach dem Verlegen der Bewehrung über den Fugen und – bei durchlaufenden
Platten – der oberen Zusatzbewehrung sowie der Installationsleitungen wird der
Beton aufgebracht und verdichtet. Die Stöße der Deckenplatten (zum Teil auch die
Flächen) sind zu spachteln.
Auflagerdetails gehen aus Bild 6.88, 6.89 hervor.
Alle weiter zu beachtenden Punkte sind den ausführlichen Werksunterlagen der
Plattenhersteller zu entnehmen [6.72].
a cm
Bild 6.88: Montageunterstellung, Querschnitt [6.72]
Bild 6.89: Montagestützweiten a [6.72]
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 313
[Link] Balken-/Unterzugschalung
Aus schaltechnischer Sicht ist der Idealfall einer Stahlbetondecke die Flachdecke.
Auch für Hochbauten mit abgehängten Decken (Bürogebäude mit hochwertiger
Gebäudetechnik) werden bevorzugt unterzuglose Decken hergestellt, um im Aus-
bau das Verlegen der gebäudetechnischen Installationen zu erleichtern. Größere
Spannweiten und höhere Lasten erfordern aus statischen oder wirtschaftlichen
Gründen Balkendecken. Diese Balken oder Unterzüge können in einer Richtung
verlaufen oder kreuzweise angeordnet sein.
Um die hohen Schalzeiten für Unterzüge, die zusammen mit Decken herzustel-
len sind, zu reduzieren, sind besondere Unterzugschalungen bzw. -zwingen ver-
fügbar (Bild 6.90). Damit können Unterzüge mit Abmessungen bis zu etwa 80 cm
Bild 6.90.1: Holzträger-Unterzug-
schalung [6.66]
314 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.90.2: Peri-Unterzugschalung [6.60]
Bild 6.90.3: Doka-Balkenzwingen [6.65]
Bild 6.90: Unterzugschalung
Bild 6.91: Typischer Schnitt durch die Schalung und Unterstützung bei integrierten Rand-
und Mittelunterzügen [6.60]
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 315
Bild 6.92: MULTIPROP Tische mit Unterzugschalung sind als Kompletteinheit umzuset-
zen [6.60]
Bild 6.93: Randunterzug in 4,53 m Höhe mit Stapelturm ST 100 und MULTIFLEX Träger-
Deckenschalung.
Der Einsatz von Diagonalen macht den ST 100 zugfest; dadurch sind große Höhen liegend
vormontiert in einem Kranhub aufzustellen [6.60]
316 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Höhe und 1,35 m Breite hergestellt werden. Damit lassen sich die bei konventio-
neller Schalung erforderlichen Schalzeiten (bis zum 5-fachen Aufwand gegenüber
Deckenschalung) erheblich reduzieren, ebenso der Materialaufwand. Beispiele
hierzu zeigen die Bilder 6.91 bis 6.94 aus den Werksunterlagen der Hersteller,
hinsichtlich weiterer Details sei auf die ausführlichen Herstellerangaben bzw.
-prospekte verwiesen.
Auch für die Randabschalung von Decken stehen besondere Abschalwinkel zur
Verfügung (bis zu 40 cm Höhe).
Auf den Sonderfall „Schalungskörper für Rippen- und Kassettendecken“ gehe
ich nicht ein (siehe hierzu [6.59].
Bild 6.94: Unterzüge mit Trio-Rahmenschalung auf Lasttürmen und VT 20 Trägern [6.60]
[Link] Raum- / Tunnelschalung
Im Wohnungsbau kommen Raum- bzw. Tunnelschalungen nicht mehr vor.
Für Sonderfälle (große Abwasser-Kanalquerschnitte aus wasserdichtem Beton)
wurden Schalungen entwickelt, die das abschnittsweise Herstellen des gesamten
Querschnitts (Sohle, Wände und Decke) ohne Anker in einem Zuge ermöglichen.
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 317
Derartige (Projekt-)Schalungen werden als Schalungsmaschinen bezeichnet. Da
sie i.d.R. längs verfahrbar sind, zählen sie zu den Fahrschalungen (Schalwagen)
nach Abschnitt [Link].
[Link] Mischbauweisen
Im Einzelfall kann es sich als wirtschaftlich erweisen, Nebenunterzüge nicht in
Ortbeton herzustellen, sondern dafür Stahlbetonfertigteile zu verwenden, die in die
Schalung des Hauptunterzuges einbinden. Um die Unterkonstruktion der Decken-
schalung und deren Rüstung damit nicht zu belasten, sind diese Fertigteile ent-
sprechend abzustützen.
Mit derartigen Mischbauweisen lässt sich die Bauzeit von Ortbetonkonstruktio-
nen häufig verkürzen.
[Link] Sonderschalungen
Weitere Rationalisierungsmöglichkeiten im Stahlbetonbau liegen in der Anwen-
dung „beweglicher Schalungen“. Dabei sind Fahr-, Kletter- und Gleitschalung zu
unterscheiden.
Wie normale Schalungen müssen auch Sonderschalungen folgende Kriterien
erfüllen:
− Minimaler Handhabungsaufwand (Einsparung an manueller Arbeit),
− Schnelles Ausschalen und Umsetzen,
− Mehrfacher Einsatz,
− Rationeller Zusammenbau aus weitgehend industriell vorgefertigten Elementen,
− Kosteneinsparung gegenüber anderen Schalverfahren.
Fahrschalung (Schalwagen)
Für Bauwerke mit horizontaler Folge gleicher oder nahezu gleicher Betonierab-
schnitte (Stützmauern, Kai- und Schleusenkammermauern, Brückenüberbauten,
Kanalprofile, Tunnel in offener Bauweise, Stollen- und Tunnelauskleidungen)
werden fahrbare Schalungen verwendet (Bild 6.95 und 6.96). Sie bestehen aus
dem Schalwagen als stützendes Grundelement, auf den die aussteifende Unterkon-
struktion und die Schalhaut aufgesetzt sind. Zum Ausschalen wird die Schalung
abgesenkt bzw. seitlich von der Betonoberfläche abgezogen oder abgeklappt. Die-
se Hub-, Senk-, Horizontal- oder Klappbewegungen werden bei kleinen Schalwa-
gen durch Spindeln, bei großen durch Hydraulikantriebe vorgenommen. Die
Schalwagen sind fahrbar, bei kleinen Querschnitten werden zum Umsetzen auch
Hubwagen oder Rollen verwendet. In der Regel stehen fahrbare Schalungen beim
Betonieren auf Spindeln und tragen damit die volle Last ab. Zum Ausschalen und
Verfahren wird die Schaleinheit auf Rollen oder Gleitflächen abgesenkt.
Die Schalwagen (Fahrschalungen) werden nach dem Ausschalen in den nächs-
ten Betonierabschnitt vorgezogen. Muss bei lang gestreckten Bauwerken (U-
Bahntunnel) und knappen Terminen ein zweiter Schalwagen eingesetzt werden,
bleibt zwischen beiden wenigstens ein Abschnitt frei. Die Betonierfolge ist dann
318 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
für den ersten Schalwagen Block 1-3-5-7 usw., für den zweiten 2-4-6-8 (Bild
6.96.2).
Tunnelquerschnitte mit Mittelunterstützung erfordern geteilte Schalwagen.
Bild 6.95: Fahrbare Wandschalung für eine Kaimauer eines Kanalhafens (Stahl)
Bild 6.96.1: Sohle-Wand-Schalwagen in einer Baugrube ohne Arbeitsraum [6.73]
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 319
Bild 6.96.2: Arbeitsablauf bei Einsatz von 2 Tunnelschalwagen in offener Baugrube zur
Herstellung des Tunnel-Querschnitts [6.74] ohne Arbeitsfugen (Schema )
Bild 6.96: Beispiele fahrbarer Schalungen
Die Länge der Betonierabschnitte ergibt sich aus dem wirtschaftlichen Kriteri-
um nach oftmaligem Einsatz der Schalung und technologisch aus der Forderung,
Schwindrisse im Beton zu vermeiden. Die Abschnittslängen liegen im Tunnel bei
320 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
10–16 m, in offener Bauweise zwischen 8 und 30 m, bei Brückenüberbauten auch
darüber.
Die Schalung ist jeweils auf die herzustellenden Bauteile zugeschnitten und be-
steht weitgehend aus Systemteilen. Wenn der Beton-Schalungsdruck durch Anker
oder Steifen aufgenommen werden kann, können die Abstützkonstruktionen (Rüs-
tung) relativ einfach ausgeführt werden.
Gegenüber Wandschalungen im Hochbau sind Stirnabschalungen von Bautei-
len im Grundwasser schwieriger herzustellen, da hierbei die Arbeitsfugen wasser-
dicht auszubilden sind. Neben der Fugenbandführung muss die Schalung häufig
auch das Durchführen von Energieleitungen, Drainagerohren oder Spannkabeln
berücksichtigen. Bei Tunnelprofilen kann bspw. vor dem Schalwagen ein fahrba-
res Bewehrungsgerüst eingesetzt werden, um Schalungs- und Bewehrungsarbeiten
zu entkoppeln und dadurch die Bauzeit zu verkürzen. Nach dem Ausschalen und
Vorziehen(-fahren) des Schalwagens in den nächsten Abschnitt, der bereits be-
wehrt ist, kann dort sogleich betoniert werden.
Bild 6.97: Schalungsmaschine [6.60]
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 321
Schalwagen mit teleskopierbarer Schalung können sich bspw. im Kanalbau,
Brückenbau und bei Tunnelaufweitungen im U-Bahnbau den wechselnden Quer-
schnitten anpassen (Bild 6.97). Wird das Aus- und Einfahren derartiger Schalun-
gen zentral gesteuert, spricht man, wie schon erwähnt, von Schalungsmaschinen.
Im Untertagebau bestehen Schalwagen nur aus der Innen- und Stirnschalung.
Diese Schalwagen sind so konstruiert, dass das für den allgemeinen Transport im
Tunnel erforderliche Lichtraumprofil freigehalten wird.
Als Taktzeit für das Umsetzen von Fahrschalungen werden 2 Tage bis 2 Wo-
chen genannt. Sie hängt i.W. von der erreichbaren Frühfestigkeit des Betons ab.
Beim Bau von Stützmauern, Kaimauern und Schleusenwänden verzichtet man
auf Fahrschalungen, wenn größere Kräne zur Verfügung stehen. Es wird dann mit
Großflächenschalung gearbeitet, die mit dem Kran umgesetzt werden kann, soweit
bei großen Höhen nicht Kletterschalung verwendet wird.
In Bild 6.98 sind aus Werksunterlagen der Hersteller nochmals Beispiele fahr-
barer Schalungen dargestellt. Hinsichtlich weiterer Details sei auch hierzu wieder
auf Herstellerinformationen und die Literatur verwiesen [6.59, 6.60, 6.65, 6.66].
Bild 6.98.1: Brücken-Lehrgerüst
Bild 6.98.2: Deckenschalung in 15 m Höhe
322 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.98.3: Tunnelschalung (Taktlänge 20,0 m)
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 323
Bild 6.98.4: Schalung für Brückenüberbau (Hohlkasten)
Bild 6.98.5: Gesimskappenwagen
Bild 6.98: Weitere Beispiele fahrbarer Schalungen [6.60]
324 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Kletterschalung
- Prinzip
Kletterschalungen sind höhenversetzbare Schalungssysteme. Dabei sind kranab-
hängige ein- und zweihäuptige Wandschalungssysteme, Sperrenschalungen (ein-
häuptig) und die kranunabhängige Selbstkletterschalung zu unterscheiden. Das
Prinzip einer einhäuptigen Kletterfahrschalung für senkrechte Wände ist in Bild
6.99, einer einhäuptigen Sperrenschalung in Bild 6.100 und einer senkrechten
Selbstkletterschalung in Bild 6.101 dargestellt.
Eine Kletterschalung besteht aus biege- und verwindungssteifen, großflächigen
Schalelementen von etwa 2,50–6,50 m Breite; die Höhe richtet sich nach den Ab-
messungen der Betonierabschnitte (max. ca. 5,40 m). Die Schalelemente (Träger-
oder Rahmenschalung) stehen auf einem Kletterkonsolgerüst, das an einbetonier-
ten Vorlauf-Ankern am darunter liegenden, bereits erhärteten Betonierabschnitt
hängt.
Mit Kletterschalung können senkrechte sowie vor- und rückwärts geneigte
schräge Wandflächen geschalt werden. Die zunächst an der Schalung befestigten
Anker haben an der Betonoberfläche einen Gewindestoß, auf den erst ein Vorlauf-
konus mit dem Anker und nach dem Ausschalen der Aufhänge-Ankerkopf aufge-
schraubt wird (Einhängering bzw. Gerüstschuh, in den die an der Gerüstkonsole
angebrachte massive Klaue eingehängt und durch Steckbolzen gesichert wird Bild
6.102). Bei zweihäuptiger Schalung geschieht das Umsetzen in den nächsten
Schalungsabschnitt wechselweise links und rechts, bei einhäuptiger Kletterscha-
lung nacheinander.
Kletterschalungseinheiten aus 2 Konsolen (2 Punkt-Aufhängung) werden ent-
weder mit einem Hebezeug (Kran) oder neuerdings durch hydraulisch gesteuerte
Kletterautomaten umgesetzt. Bei diesen kranunabhängigen Kletterautomaten wird
die Hubhöhe in den nächsten Betonierabschnitt in mehreren Kletterschritten ü-
berwunden.
Die Konzeption einer Kletterschalung hängt von Rahmenbedingungen ab. Dies
sind
− die Konstruktion des Bauwerks (Wandneigung, Wanddicke, Aussparungen
(bspw. Fensteröffnungen), Lastabtragung aus den Gerüstkonsolen, Beweh-
rungsführung),
− die Konstruktion der Kletterschalung (maximale Einflussbreiten und Abstände
der Kletterkonsolen, Lastannahmen zur Bemessung aus Eigengewicht, Be-
triebslasten und Wind, Ableitung der Gerüstlasten in vorhandene Bauwerkstei-
le) sowie
− die baubetrieblichen Rahmenbedingungen (geforderte Bauzeit, Taktzeiten
[6.59]).
- Einsatzbereiche
Typische Einsatzfälle von Kletterschalungen sind turmartige Bauwerke (Kühltür-
me, Kamine, Fernsehtürme, Silos, Brückenpfeiler, Faulbehälter), Schleusenkam-
merwände und -häupter, Staumauern, Industriebauten sowie Treppenhaus-, Instal-
lationskerne und Wände mehrgeschossiger Hochbauten (besonders Hochhäuser).
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 325
Sie wird überall dort angewendet, wo
− ein oftmaliger Einsatz der einzelnen Kletterschalungs-Einheiten möglich ist
und
− das Bauwerk eine ausreichend stabile Verankerung der einzelnen Elemente er-
möglicht.
Im Gegensatz zu Gleitschalung ist bei Kletterschalung jede Sichtbetonqualität
möglich.
- Systeme
Während ursprünglich nur Eigenentwicklungen von Bauunternehmungen ange-
wendet wurden, gibt es im Bereich der Systemschalungen seit Jahren einen Markt
für industriell hergestellte Kletterschalungselemente. Nachstehend sind einige ty-
pische Beispiele dargestellt.
Kletterfahrschalung Thyssen-Hünnebeck
Das System dieser Kletterschalung ist in Bild 6.103 dargestellt. Sie besteht aus
− dem Vorlaufanker,
− der Schalung und Ergänzungen (Diagonalstrebe),
− der Transportvorrichtung,
− der Kletterkonsole mit Abrückvorrichtung,
− der Konsolverankerung und
− der Nachlaufbühne [6.66].
Häufig wird über der Schalungsebene noch eine Arbeitsplattform für das Be-
wehren angeordnet, die ebenfalls mitklettert [6.65].
Der Arbeitsablauf beim Einsatz einer (einhäuptigen) Kletterschalung ist sche-
matisch in Bild 6.104 dargestellt. Während hier zum Ausschalen die Schalung
noch mit einer Spindel abgeklappt wird, entsteht bei der Kletterfahrschalung nach
dem waagerechten Abziehen von der Betonoberfläche ein 0,75 m breiter Arbeits-
raum. Dadurch ist auch bei größeren Arbeitshöhen über Gelände ein gefahrloses
Einbauen der Vorlaufanker an der Schalung und der Bewehrung des folgenden
Arbeitsabschnitts möglich.
Zum Umsetzen in den nächsten Abschnitt wird das Schalelement mit dem Kran
aus seiner Verankerung im vorletzten Betonierabschnitt gehoben und in die in den
zuletzt betonierten Abschnitt eingebauten Ankerelemente eingehängt und gesi-
chert (s. Ankerdetail, Bild 6.102). Bei zweihäuptiger Schalung wird die
Innenschalung der Wand entweder unabhängig von der Außenschalung umgesetzt
oder an einen Galgen der Außenschalung angehängt und mitgezogen.
Der Einsatz kranabhängiger Kletterschalungen ist bis etwa 100 m über Gelände
möglich.
Für das Herstellen von Gebäudekernen bzw. -schächten werden spezielle
Schachtschalungen angeboten. Sie stützen sich auf eine Bühne ab, die auf Klapp-
konsolen aufgelagert ist (Bild 6.99).
326 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.99: Kletterfahrschalung (Kranabhängig) [6.60]
DOKA-Sperrenschalung
Die Sperrenschalung ist ebenfalls eine einhäuptige Kragschalung mit Aufhängung
im vorhergehenden Betonierblock. Als Sperrenschalung wurde sie von DOKA für
den Bau von Beton-Staumauern und Schleusenkammerwänden entwickelt. Sie be-
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 327
steht aus einem Schalungssystem, das über ein Gelenk und eine Spindelstrebe mit
den Sperrenkonsolen zu einer Einheit verbunden ist. Die Aufhängung erfolgt mit
Hilfe eines speziellen Schalungsankersystems an Kletterkonen auf Wellenankern.
Schalelement und Gerüsteinheit sind voneinander trennbar und damit unabhängig
für Sondereinsätze zu verwenden.
Der Umsetzvorgang geht in folgenden Schritten vor sich (siehe Bild 6.100):
1. Abklappen der Schalung durch Abspindeln mit der Spindelstütze,
2. Herausschrauben der Vorlaufkonen und Einschrauben der Kletterkonen an der
Ankerstelle,
3. Umsetzen der Klettereinheit in den nächsten Betonierabschnitt mit dem Kran,
4. Einspindeln des Schalelementes (Ausrichten),
5. Reinigen und Einsprühen der Schalhaut,
6. Einsetzen der Vorlaufanker an der Schalung.
Anschließend kann – soweit vorgesehen – die Bewehrung verlegt und der Be-
ton eingebaut werden.
Das Anpassen an die Gewölbeform von Staumauern kann durch Gelenk und
Spindelstütze in jedem Betonierabschnitt vorgenommen werden. Die Schalungs-
einheiten sind nach allen Richtungen schnell und einfach justierbar.
Bild 6.100: Einhäuptige Kletterschalung PERI SSC (Single-Sided-Climbing) [6.60]
328 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.101: Selbstkletterschalung (kranunabhängig) [6.60]
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 329
Bild 6.102: Verankerung der
Kletterkonsolen [6.66]
Bild 6.103: Hünnebeck Kletterfahrgerüst KK 230 [6.66]
330 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.104: Umsetzvorgang einer Kletterschalung (Schema)
Beim Bau von Gewölbestaumauern lässt man die Blockfugenschalung an der
Ecke überstehen, während die luft- und wasserseitigen Schalungselemente dazwi-
schen auf genaues Maß angepasst werden. Der Anschluss an der Ecke erfolgt mit
Hilfe von Ausgleichsschienen (Minimum an Passflächen).
Für die Verankerung der Schalung werden wie erwähnt Wellenanker verwendet
(Bild 6.105), die mit Hilfe von Vorlaufkonen eingebaut werden. In die vorbereite-
te Ankerstelle wird beim Umsetzen der Schalung der Kletterkonus mit nur weni-
gen Umdrehungen eingebaut.
Bild 6.105: Ankerausbildung der DOKA-Kletterschalung [6.65]
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 331
Selbstkletterschalung
Der letzte Stand der Schalungstechnik in der Entwicklung höhenversetzbarer
Schalungssysteme ist die Selbstkletterschalung. Sie wurde von Bauunternehmun-
gen entwickelt und dann durch die Hersteller industriell vorgefertigter Schalungs-
systeme verbessert [6.60, 6.65, 6.66]. Das System Thyssen-Hünnebeck kann
bspw. alle auftretenden Kräfte unter einer Vertikallast von 150 kN/Konsole auf-
nehmen und ableiten. Bei einer maximalen Einflussbreite von 8,50 m pro Konsole
sind bei 2-Punkt-Aufhängung Schalungsflächen bis zu 5,50 m Höhe oder 17 m
Breite einsetzbar [6.66].
Der Klettervorgang (Aufstieg bzw. Umsetzen) läuft über Kletterschienen ab, an
der je Konsole eine hydraulische Klettervorrichtung die Klettereinheit nach oben
schiebt und im nächsten Kletterschuh fixiert. Dieser Klettervorgang ist in Bild
6.106 dargestellt.
Beim Bau von 97 m hohen Brückenpfeilern mit Abmessungen von je 4,00 ×
2,80 m waren bspw. nur 4 Aufhängekonsolen an der Längsseite erforderlich. Die
Schalungen der Stirnseiten waren an der Schalung der Längsseiten aufgehängt und
wurden mitgezogen. Die Betoniertakte waren 4,10 m hoch.
Mit Selbstkletterschalung kann über 100 m Höhe geklettert werden. Nach der
Herstellung des letzten Betonierabschnitts baut sich die Schalung selbsttätig wie-
der auf Geländehöhe ab. Einzelheiten, Bemessungen und Einsatzbeispiele dieser
Schalungen sind den Aufbau- und Verwendungsanleitungen der Hersteller zu ent-
nehmen.
332 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.106: Klettervorgang einer selbstkletternden Schalung [6.66]
Das Kletterprinzip – Kletterkonus mit Aufhängekopf – hat zu einer erheblichen
Reduzierung der Schalzeiten von Kletterschalungen geführt.
- Taktzeiten
Die Taktzeiten von Kletterschalungen hängen vom Umfang der Schal-, Beweh-
rungs- und Betonarbeiten in den einzelnen Betonierabschnitten, den erforderlichen
Nebenarbeiten, der Frühfestigkeit des Betons, dem Grad der Einarbeitung der
Mannschaft, einer sorgfältigen Arbeitsvorbereitung und – nicht zuletzt – vom ein-
gesetzten Kletterschalungsverfahren ab [6.59].
Nach Literaturangaben liegen die Taktzeiten / Abschnitt je nach Arbeitsumfang
zwischen 1 (Kühltürme) und 5 (Wochentakt), häufig bei 3 oder 4 Arbeitstagen
[6.59, 6.60, 6.65, 6.66].
Gleitschalung
- Prinzip
Das Prinzip einer Gleitschalung für senkrechte Bauteile ist beispielhaft in Bild
6.107 dargestellt. Auf horizontale Gleitschalungen, wie sie im Straßendeckenbau
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 333
(Gleitschalungsfertiger) und in Stahlbetonfertigteilwerken eingesetzt werden, gehe
ich nicht ein.
Das Gleitschalungsgerät besteht aus vertikalen, in bestimmten Abständen ange-
ordneten Jochen (Kletterböcken), die die beidseitige Schalung im erforderlichen
Abstand halten, mit den darauf montierten Hebern. An den Jochen ist die vertikale
Brett- oder Stahl-Schalung befestigt. Die Heber stützen sich auf Kletterstangen ab,
werden hydraulisch betätigt und zentral gesteuert. In Sonderfällen (Schachtbau) ist
auch Gleiten mit einhäuptiger Schalung möglich.
Bild 6.107: Regelschnitt einer Gleitschalung [6.59]
Der Gleitvorgang geschieht dadurch, dass an den in der Wandachse stehenden
Kletterstangen die Heber hydraulisch nach oben bewegt werden. Die Bewegung
ist abhängig vom Hebersystem und liegt etwa zwischen 2 und 6 cm je Hub. Im
Bereich der Schalung werden um die Kletterstangen Mantelrohre geführt, die an
den Jochen befestigt sind. Sie verhindern, dass die Kletterstangen einbetoniert
werden. Die 3-6 m langen Kletterstangen bzw. -rohre werden während des Glei-
tens durch Schraubverbindungen verlängert und nach dem Ende des Gleitvor-
gangs, nach Erreichen der erforderlichen Bauwerkshöhe, zur Wiederverwendung
gezogen.
Während des Gleitens werden eine innere Arbeitsbühne, ein äußeres Konsolge-
rüst und darunter angeordnete Hängegerüste, die alle dicht abgedeckt und mit Sei-
tenschutz versehen werden müssen, mit nach oben genommen. Von diesen Büh-
334 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
nen aus werden die Bewehrung, Aussparungen und der Beton eingebaut. Außer-
dem werden vom unteren Hängegerüst aus der frei gezogene Beton nachbehan-
delt, Aussparungen gezogen und erforderliche Nebenarbeiten getätigt.
- Einsatzbereiche
Neben dem Silobau, Schornsteinen und Türmen jeder Art können Gleitschalungen
für die Herstellung von Brückenpfeilern, Ölbohrplattformen, Hochhauskernen,
Schächten unter Tage, Bühnenhäusern, Kläranlagen (Faulbehälter), auch für frei-
stehende Mauern in größeren Abmessungen, eingesetzt werden.
- Merkmale (Vorteile, Voraussetzungen, Randbedingungen)
Das rationelle Prinzip beim Einsatz einer Gleitschalung liegt im kontinuierlichen
Arbeitsfortschritt. Bei der Gleitbauweise wird das arbeitsorganisatorisch optimale
Prinzip der Fließfertigung angewendet.
Die Vorteile sind ein Minimum an Arbeitsaufwand bei einem Minimum an
Bauzeit; die mögliche Arbeitsgeschwindigkeit beträgt etwa 4–6 m Höhe je Kalen-
dertag.
Auch die Gleitbauweise erfordert eine sorgfältige Arbeitsvorbereitung, da alle
Teilvorgänge planmäßig ablaufen müssen. Dazu gehören der Einbau der Beweh-
rung, das Einsetzen von Aussparungen, das Einbringen des Betons mit Kran oder
Kübelaufzug, die Rüttelverdichtung, das Ziehen der Schalung und das Verlängern
der Kletterstangen. Die Bewehrung wird in relativ kurzen Längen verlegt (hori-
zontale Verteiler liegen außen); die Stöße der Vertikalstäbe werden um etwa ž der
Länge versetzt.
Um die Reibung der Schalung am Beton zu verringern, verjüngen sich die bei-
den Schalungshäupter um etwa 4–7 mm nach oben. Man vermeidet damit ein Auf-
reißen des Betons und eine Überlastung der Hubvorrichtungen.
Im Schlussbereich des Gleitens ist auf eine einwandfreie Betonqualität zu ach-
ten.
Der Gleitvorgang geschieht ununterbrochen in Tag- und Nachtschicht (2 × 12
oder 3 × 8 Std.); wenn irgend möglich auch an Wochenenden. Soweit das von der
Gewerbeaufsicht in bewohnten Gebieten nicht zugelassen ist (Arbeit nur an Werk-
tagen zwischen 7.00 und 20.00 Uhr möglich), muss die Schalung am Schichtende
frei gezogen werden, was sich auf den Arbeitsablauf und die Kosten nachteilig
auswirkt.
Bei zu großem Bewehrungsanteil, d.h. zu großem Zeitaufwand für das Einbau-
en der Bewehrung (begrenzter Arbeitsraum), ist ein Gleiten nicht mehr möglich.
Die Steiggeschwindigkeit der Schalung wird dann zu gering, der Beton haftet an
der Schalung. In diesem Fall kann nicht mehr geglitten werden.
Die mögliche Herstellungstoleranz, bezogen auf die (vertikale) Achse des
Bauwerks, beträgt bei der Gleitbauweise etwa ±1,5 cm.
Gleitschalungsarbeiten wurden schon bei Bauwerkshöhen von wenigen Metern
ausgeführt (8–10 m Höhe), besonders dann, wenn bspw. eine ringförmige, was-
serdichte Behälterwand größeren Durchmessers auf diese Höhe ohne Arbeitsfugen
hergestellt werden musste.
Das wesentliche Kriterium bei der Anwendung von Gleitschalungen liegt darin,
dass einerseits der Beton beim Gleitvorgang (Ziehen) am unteren Ende der Scha-
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 335
lung noch nicht erstarrt ist, da er sonst an der Schalung haftet und ein Gleiten nicht
mehr möglich ist; andererseits aber schon eine derart hohe Anfangsfestigkeit auf-
weist, dass die Kletterstangen gegen Ausknicken gesichert sind.
Gleit- und Kletterschalungen werden vornehmlich dort eingesetzt, wo ein in die
Höhe gerichtetes Bauwerk erstellt werden soll. Eine der Voraussetzungen für die
Entscheidung, ob Gleit- oder Kletterschalung eingesetzt werden kann, ist die ge-
wünschte Sichtfläche. Während mit Kletterschalung fast alle Sichtbetonwünsche
erfüllt werden können, ist das mit Gleitschalung nur beschränkt möglich [6.59].
Durch die Entwicklung selbstkletternder Schalungen kommen Gleitschalungs-
arbeiten nur noch bei besonders dafür geeigneten Bauvorhaben vor. Ein sehr in-
struktives Beispiel aus der Literatur (Erstellung des 62 m hohen Turms für das
World Trade Center in der Innenstadt von Dresden) informiert ausführlich über
das Arbeiten mit einer Gleitschalung (bspw. patentierter Schneckenkübel für den
Betoneinbau) und gibt Hinweise über den Baufortschritt und die eingesetzte
Mannschaft [6.75].
Einer der beiden Emirates Tower in Dubai (305 und 350 m hoch), der Office-
Tower, wurde ebenfalls mit Gleitschalung errichtet. Dabei wurde mit dem ver-
stärkten Gleitschalungsgerüst ein Betonverteilermast mitgezogen [6.76, 6.77].
6.4.5 Rüstungen
Wegen ihrer Bedeutung für Standsicherheit und Kosten von Deckenschalungen
sind über die Unterstützung horizontaler bzw. schräger Schalungen, die Rüstung,
noch Erläuterungen sowie Hinweise auf Arbeits- und Schutzgerüste anzufügen.
Unter Rüstungen – von den Schalungsherstellern Unterstellungen genannt –
sind sowohl Traggerüste für Baukonstruktionen und damit auch für Betonschalun-
gen nach DIN 4421 als auch Arbeits- und Schutzgerüste nach DIN 4420 zu ver-
stehen.
[Link] Traggerüste
Aufgabe
Die zur Unterstützung horizontaler (oder geneigter) Schalungen erforderlichen
Traggerüste werden bei normalen Spannweiten (Decken) als Rüstung, bei weitge-
spannten Bauteilen (Brücken) als Lehrgerüst bezeichnet. Sie sind ein wesentlicher
Zeit- und Kostenfaktor bei der Herstellung von Tragkonstruktionen aus Stahlbe-
ton, bei Brücken oft das Hauptproblem.
Horizontale und geneigte Trägerschalungen bestehen aus der Schalhaut, den
Schalungs- und den Jochträgern. Die für die weitere Ableitung der auftretenden
Lasten erforderliche Unterstützung wird als Rüstung bezeichnet.
Bei kranunabhängigen Paneelschalungen entfallen die Jochträger, z.T. auch die
Schalungsträger.
Die Trägerwandschalung besteht dagegen aus der Schalhaut, den Schalungsträ-
gern und Gurtungen, die Rahmenschalung aus zusammengesetzten Rahmentafeln.
Die Standsicherheit von Wandschalungen wird durch Richtstützen und –streben
336 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
erreicht. Dazu kommen bei zweihäuptiger Schalung die Verankerung, bei
einhäuptiger die Stützböcke.
Rüstungen werden zur Aufnahme des Gewichts von Schalung, Bewehrung und
Beton (bis zur Erhärtung), der Betriebslasten während des Betonierens (Betonier-
einrichtung, Mannschaft) und der Windkräfte benötigt (DIN 1045-3, Abschn.5,
Gerüste und Schalungen [6.3]; DIN 4421, Traggerüste [6.79]). Sie können aus
konventionellen Baustoffen (Kant-/Rundhölzer, Stahlprofile), die individuell zu-
sammengebaut werden, Stahlrohrgerüstelementen (Rohre und Kupplungen) oder
besonders entwickelten Rüstungssystemen hergestellt werden. Im wesentlichen
bestehen sie heute aus Rüststützen und -trägern.
Die von der Schalung aufzunehmenden Lasten werden durch die Rüstung
punktförmig abgetragen. Dafür gibt es lastabhängig drei Möglichkeiten:
− bei kranunabhängigen Paneel-(Modul-)Schalungen stehen (Fallkopf-) Rüststüt-
zen unter den Ecken der Paneele (Bild 6.78). Diese haben Regel-Abmessungen
von etwa 0,90 × 1,80 m. Der Trend geht zu möglichst großen Tafeln (1,80/1,80
m), um mit weniger Stützen auszukommen. Um Gewicht zu sparen, wurden da-
für Aluminium-Paneele und –stützen entwickelt
− bei Trägerschalung liegen die hölzernen Jochträger in den Kopfgabeln von Ein-
zel- oder Rahmenstützen (Bild 6.108) oder
− die Schalungsträger liegen auf Stahlprofil- oder Stahlfachwerkträgern, die von
Schwerlaststützen unterstützt werden (Bild 6.109).
Um die Stabilitätsanforderungen zu erfüllen, müssen Rüstungen z.T. räumlich
ausgesteift oder an bereits fertigen Bauteilen verankert werden.
Einzelstützen können Lasten bis zu 30 kN aufnehmen, Rahmen- und Schwer-
laststützen bis zu etwa 200 kN (etwa 50 kN/Stiel, Schwerlaststützen z.T. bis zu
400 kN). Detailangaben sind den Werksunterlagen der Hersteller zu entnehmen.
Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Gründung von Schalungs- und Lehr-
gerüsten, die als vorübergehende Hilfskonstruktion ebenfalls kostenoptimal auszu-
führen ist. Die Unterlagen der Stützen müssen unverrückbar gesichert sein. Ein
Nachgeben der Schalung während des Betonierens (bspw. durch ungleichmäßige
Setzungen) birgt nicht nur Gefahr für Mannschaft und Gerät, sondern hat unver-
hältnismäßig hohe Kosten zu Folge.
Bauelemente
− Rüststützen
Zum Abstützen von Schalungen stehen Stahlrohr-, Rahmenstützen (Lasttürme)
und Drei- oder Mehrgurt-Schwerlaststützen zur Auswahl.
− Rüstträger
Bei den Rüstträgern sind besondere Jochträger für Schwerlaststützen, Stahlpro-
filträger und Rüstbinder zu unterscheiden.
Rüstbinder werden bei sehr großen Belastungen und Stützweiten verwendet.
Sie bestehen vorwiegend aus Stahlfachwerkelementen. Je nach System können
diese zu unterschiedlich langen Bindern zusammengesetzt werden. Wegen der
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 337
großen Binderhöhe sind sie durch Queraussteifungen gegen Kippen zu sichern.
Dieses schwere Gerät wurde ausschließlich im Industrie- und Brückenbau einge-
setzt.
Bei normalen Belastungen (Hochbau) werden i.d.R. Rüststützen aus Stahl oder
Aluminium eingesetzt. Sie bestehen, wie schon im Abschnitt [Link] erwähnt, aus
teleskopierbaren Rohrkonstruktionen verschiedener Durchmesser und Längen mit
Kopf- und Fußplatten. Die grobe Höheneinstellung erfolgt mit Steckbolzen, die
Feinregulierung über innen- oder außenliegende Gewinde (Bild 6.73). Zur Auf-
nahme von Schalungsträgern dienen Kopfgabeln, in die die Jochträger eingelegt
werden. Mit Faltstützenfuß sind diese Stahlrohrstützen standfest (Anhang A9).
Ausgeschalt wird durch eine Schnellabsenkung und Fallkopf.
Wenn sich Schalabschnitte mehrfach wiederholen, werden statt Einzelstützen
Schaltische verwendet (Bild 6.110).
338 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.108: PERI Stapelturm ST 100 [6.60]
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 339
Bild 6.109: Komplettes Schwerlastgerüst aus PERI HD 200 Systemteilen [6.60]
Bild 6.110: Im Anschluss an Standardtische werden Randtische mit rückwärtiger Verspan-
nung gestellt [6.59]
Tragfähiger, stabiler und wirtschaftlicher als Stahlrohrstützen sind Rahmenstüt-
zen. Die übliche Form ist eine vierstielige Konstruktion mit quadratischem oder
rechteckigem Querschnitt, die diagonal versteift ist (Bild 6.108). Diese Rahmen-
stützen werden vorwiegend für Einrüstungen relativ hoher und weitgespannter
Deckenschalungen und für Brückenlehrgerüste eingesetzt. Bei entsprechender
Aussteifung sind damit Höhen bis zu 25 m und mehr möglich (Bild 6.111–6.113).
340 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Die Höhenregulierung kann sowohl durch Kopf- als auch durch Fußspindeln
vorgenommen werden. Bei großen Belastungen und Höhen wird die Höhenregu-
lierung am Stützenkopf vorgenommen, damit das Eigengewicht der Stütze die
Spindeln nicht belastet.
Bild 6.114 zeigt die Schalung für einen Randunterzug.
Wie das Diagramm in Bild 6.115 zeigt, waren Rahmenstützen schon vor 30
Jahren eine sehr wirtschaftliche Lösung von Traggerüsten im Schalungsbau.
Schwerlaststützen aus Stahlrohren sind in Schüssen verschiedener Länge lie-
ferbar, die sich bis zu Gesamtlängen von etwa 25 m zusammensetzen lassen. Sie
eignen sich i.d.R. für Belastungen bis etwa 200 kN/Stütze. Diese Stützen können
zu Stützentürmen oder -jochen kombiniert werden (Bild 6.109, 6.116, 6.117).
Bild 6.111: Hünnebeck Rahmenstütze ID 15 Aufbauanleitung [6.66]
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 341
Bild 6.112: Hünnebeck Rahmenstütze ID 15 Aufbauanleitung im Tiefbau [6.66]
342 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.113: Hünnebeck Rahmenstütze ID 15 Aufbauanleitung im Brückenbau [6.66]
Umfangreiche bzw. schwierige Lehr- und Vorschubgerüste, wie sie im Massiv-
brücken- und Tunnelbau verwendet werden, sind im Detail nicht Gegenstand die-
ser Darstellung (siehe hierzu [6.59]).
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 343
Bild 6.114: Stapeltürme ST 100 für Randunterzug [6.60]
Bild 6.115: Kostenfaktoren von Lehrgerüsten
344 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.116: Elemente für Jochträger und Schwerlaststützen [6.60]
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 345
Bild 6.117.1: Ansicht
346 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.117.2: Belastungstabelle
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 347
Bild 6.117.3: MODEX-Laststützen in Verwendung als Jochreihe, Lastturm
Bild 6.117: MODEX-Laststütze [6.66]
348 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
[Link] Arbeits- und Schutzgerüste
Aufgabe
Arbeits- und Schutzgerüste dienen als vorübergehende, absturzsichere Arbeitsflä-
chen bei der Errichtung von Bauwerken oder – als Fanggerüste – zur Sicherung
gegen Absturz von Arbeitspersonen.
Sie bestehen aus leichten Stahl- oder Alu-Elementen, haben bei gleicher Trag-
fähigkeit ein weitaus geringeres Eigengewicht als die früher verwendeten Holz-
konstruktionen und können von ungelernten Arbeitskräften (durch einen Mann) in
kurzer Zeit auf- und abgebaut werden.
Gerüstarten
Eine Struktur der Arbeits- und Schutzgerüste ist in Tabelle 23 dargestellt.
Im wesentlichen werden nur noch Systemgerüste eingesetzt. Sie bestehen vor-
wiegend aus horizontalen und geschosshohen vertikalen Rahmen sowie Diagonal-
stäben, die mit Steckverbindungen zusammengesetzt werden. Ebenso werden die
Belagbohlen, das Schutzgeländer und die Bordbretter meist ohne Kupplung oder
Schraubverschluss baukastenartig zusammengesteckt. Je nach Belastung (Arbeits-
oder Schutzgerüst), können verschiedene Rahmen und Bordprofile gewählt wer-
den. Der Aufbau geht wesentlich schneller als bei Rohrkupplungsgerüsten, da nur
bei Montagebeginn die ersten Rahmen ausgerichtet werden müssen. Mit zusätzli-
chen Elementen können auch Fahrgerüste, Gerüsttreppen und Winterbauhallen er-
richtet werden.
Tabelle 23: Struktur der Traggerüste sowie der Arbeits- und Schutzgerüste [6.59]
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 349
Fassadengerüste sind mit dem Gebäude zu verankern, da sie wegen ihrer gerin-
gen Tiefe nicht standfest sind. Werden Gerüste zum Schutz gegen Witterungsein-
flüsse mit Planen oder Folien bespannt, müssen die Verankerungen wegen der
großen Windangriffsflächen nachgewiesen werden. Werden dagegen Fassadenge-
rüste in Regelausführung verwendet und festgelegte Lastgrenzen nicht überschrit-
ten, ist ein statischer Nachweis nicht erforderlich.
Die verschiedenen Konstruktionen sind den einzelnen Herstellern patentiert.
Als Beispiel ist in Bild 6.118 das Rahmengerüst BOSTA 70 von Thyssen Hünne-
beck, in Bild 6.119 das Rahmengerüst UP 70/100 aus dem Gerüstbaukasten von
PERI dargestellt.
Das Rahmengerüst BOSTA 70 kann als
− Arbeitsgerüst in der Gerüstgruppe 3 (200 kg/m²),
− Fanggerüst (für Absturzhöhe ž 2,00 m) und als
− Dachfanggerüst
eingesetzt werden.
Bei Regelausführung beträgt die maximale Aufbauhöhe 24 m. Die Systembrei-
te beträgt 0,74 m. Sie kann durch Konsolen vergrößert werden. Mit 5 verschiede-
nen Feldlängen zwischen 1,25 und 3,00 m ist dieses Gerüst sehr anpassungsfähig.
Allgemein gilt, dass der Aufbau, Umbau und die Benutzung des Gerüstes nur
unter sachkundiger Aufsicht und durch Personen erfolgen darf, die mit der Auf-
bauanleitung und dem gültigen BOSTA 70 Zulassungsbescheid vertraut sind.
Das Rahmengerüst UP 70 von PERI ist 0,72 m breit und für Gerüstgruppe 4
(3,0 kN/m²) zugelassen. Es unterscheidet sich bspw. darin, dass das Geländer der
nächsten Ebene bereits von der unteren, gesicherten Ebene aus zusammen mit dem
T-Rahmen montiert werden kann.
Konsolgerüste (Bild 6.120) lassen sich für offene und geschlossene Fassaden
verwenden. Sie können mit Stahlgerüstrohren zu größeren Elementen verbunden
werden, die dann mit dem Kran umgesetzt werden können. Die Befestigung am
Gebäude ist druck- und zugfest auszubilden. Auch an großflächigen Schalelemen-
ten lassen sich Konsolgerüste als Arbeitsgerüste anbringen.
Neben Konsolgerüsten werden als weitere rationelle Arbeitshilfen fertige Fahr-
und Montagegerüste in verschiedenen Abmessungen, mobile Hebebühnen und
Treppentürme angeboten. Einzelheiten sind den ausführlichen Angaben der Her-
steller zu entnehmen [6.59, 6.60, 6.65, 6.66, 6.78].
Diese Arbeitshilfen können wie Betonschalungen zum Teil auch angemietet
werden.
Stahlrohrgerüste (Rohrkupplungsgerüste) bestehen aus verzinkten Stahlrohren
verschiedener Längen und Kupplungen (Normal-, Dreh-, Zugkupplungen). Sie
sind vielseitig verwendbar, da eine Anpassung an fast alle Grundriss- und Fassa-
denformen möglich ist. Nachteilig ist der hohe Montageaufwand.
Über Berechnung, Aufstellen und Benutzen von Arbeits- und Schutzgerüsten
gibt es neben den einschlägigen DIN-Normen strenge Vorschriften der Berufsge-
nossenschaften und eine umfangreiche Literatur, auf die hier nur hingewiesen
werden kann [6.33, 6.59].
350 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.118.1: Überblick
Bild 6.118.2: Vertikalrahmen
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 351
Bild 6.118.3: Beginn Aufbau
352 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.118.4: Gerüsttreppe
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 353
Bild 6.118.5: Verankerung
354 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.118.6: Beispiel für Regelausführung
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 355
Bild 6.118.7: Dachfanggerüst
356 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.118.8: Materialermittlung Beispiele
Bild 6.118: Rahmengerüst BOSTA 70 [6.66]
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 357
Bild 6.119.1: Schema
Bild 6.119.2: Ansicht mit Absturzsicherung
358 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.119.3: Anwendergerechte Detaillösungen
(Querschnitt mit Konsole)
Bild 6.119: Rahmengerüst PERI UP 70 [6.60]
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 359
Bild 6.120: Arbeits- und Schutzgerüst (ASG 160) in Form einer Konsolbühne [6.60]
6.4.6 Bemessung der Schalung und Rüstung
[Link] Frischbetondruck auf lotrechte Schalung
Lotrechte Schalungen (Wand- und Stützenschalungen) werden maßgebend durch
den horizontalen Druck des noch nicht abgebundenen Betons (Flüssigkeitsdruck
des Frischbetons) belastet. Dieser Schalungsdruck hängt von mehreren Faktoren
ab. Aus den bekannten theoretischen Ansätzen und Versuchsergebnissen wurde in
der DIN 18218 ein auf der sicheren Seite liegendes Verfahren zu seiner Ermittlung
entwickelt [6.59].
Der im Einzelfall maßgebende Frischbetondruck ergibt sich danach zu
p = x · vb + y [kN/m²] (54)
Die Größen x und y variieren mit der Betonkonsistenz (Bild 6.121). Für Beton
der häufig verwendeten Konsistenz K3 ist x = 14 und y = 18.
Die wichtigsten Einflussgrößen auf den Frischbetondruck sind:
− die Steiggeschwindigkeit vb des Frischbetons in der Schalung (Betonierge-
schwindigkeit),
− die Betonkonsistenz,
− die Frischbetonrohwichte b als Quotient aus Eigenlast G und Volumen V des
verdichteten Frischbetons (für Normalbeton ist b = 25 kN/m³),
− die hydrostatische Druckhöhe als Höhenunterschied hs [m] zwischen der Be-
tonoberfläche und der Stelle, an der der Frischbetondruck den Wert p erreicht
(d.h. der Beton erstarrt),
− das Rüttelverfahren
Bei der Ermittlung des Frischbetondrucks geht man davon aus, dass der Beton
durch Innenrüttler verdichtet wird (bei Außen- bzw. Schalungsrüttlern muss mit
dem hydrostatischen Betondruck im Rüttelbereich gerechnet werden). Die Rüttel-
tiefe hr ist der Höhenunterschied zwischen der Frischbetonoberfläche und dem un-
teren Ende der Rüttelflasche.
360 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
− die Temperatur
Frischbeton- und Außentemperatur haben Einfluss auf die Erstarrungszeit des
Betons und damit auch auf den Frischbetondruck. Hierfür werden in der DIN
18 218 Richtwerte angegeben.
− Betonzusatzmittel
Betonverflüssiger, Luftporenbildner und Erstarrungsverzögerer müssen bei der
Bestimmung des Frischbetondrucks berücksichtigt werden. Bei Verwendung
von Erstarrungsverzögerern sind bspw. aus einer Tabelle in der DIN 18218
Faktoren zu entnehmen, mit denen p und h zu multiplizieren sind.
Unter Beachtung der vorgenannten Einflüsse kann nach Bild 6.121 der Frisch-
betondruck p in Abhängigkeit von der Steiggeschwindigkeit vb und der Konsistenz
bestimmt werden.
Bei der Bemessung der Stützkonstruktion einer Schalung ist neben der Tragfä-
higkeit auch die Durchbiegung zu berücksichtigen, damit unzulässige Verformun-
gen der Schalform und damit der Betonoberfläche vermieden werden.
Bild 6.121: Frischbetondruckdiagramm aus DIN 18 218, 09.80 [6.59, Nachtrag]
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 361
[Link] Belastung waagerechter Schalungen
Deckenschalungen werden vertikal durch das Eigengewicht und das Gewicht des
frischen Betons, der Bewehrung, der Betoniereinrichtung (Rüttelbohle und ggf.
Fördergerät) und der Einbaumannschaft belastet. Horizontale Belastungen ergeben
sich aus Wind, Seilzug, Schub aus Schrägstützen und dem Seitendruck des
Frischbetons bei abschnittsweisem Betonieren.
Im Bereich der Betonierflächen ist deshalb nach DIN 4421 [6.79] zum Eigen-
gewicht der Schalung und dem Gewicht des Frischbetons aus dem Betonierbetrieb
noch eine lotrechte Ersatzlast zu berücksichtigen. Diese muss mit 20% der plan-
mäßig aufzubringenden Frischbetoneigenlast (jedoch nicht weniger als 1,5 kN/m²
und höchstens 5 kN/m²) auf einer Fläche von 3 x 3 m sowie 0,75 kN/m² auf der
restlichen Betonierfläche angesetzt werden.
Zur vereinfachten Bemessung standardisierter Schalung und Rüstung geben
Hersteller auf ihr System abgestellte Belastungstabellen heraus, soweit nicht im
Einzelfall statische Nachweise erforderlich sind [Anhang A9].
[Link] Belastung schräger Schalflächen
Da Flüssigkeitsdruck nach allen Richtungen gleich groß ist, wäre theoretisch der
hydrostatische Frischbetondruck auf schräge Schalflächen in voller Höhe recht-
winklig zur Schalung anzusetzen. Die Schalung ist dann durch Verankerung nach
unten gegen Auftrieb zu sichern.
Das gleiche gilt für Hohlkörper in Brückenfahrbahnplatten.
Nach Erfahrung und aus Versuchen wird der Betondruck auf geneigte Schalun-
gen jedoch i.w. von Reibungsbeiwerten bestimmt. Schmitt verweist hierzu in
[6.59] auf Scheer, C., Holzbau-Taschenbuch, 9. Auflage, Band 1, Ernst & Sohn,
Berlin 1996, S. 894.
[Link] Ausschalfristen
Für das Ausrüsten und Ausschalen sind die Richtlinien der DIN 1045-3, Abschn.
5.6, Ausrüsten und Ausschalen zu beachten [6.3].
6.4.7 Voraussetzungen, Einsatzkriterien und -bereiche rationeller
Betonschalung
Im Rahmen rationeller Produktion müssen alle Überlegungen für eine wirtschaft-
lich optimale Schalung und Rüstung zu einem auf die Gegebenheiten des Bauvor-
habens und die Möglichkeiten des Unternehmens abgestimmten Schalungsplan
mit den zugehörigen Materialbedarfslisten führen. Das Entwerfen von Schalung
und Rüstung ist jedoch kein ausschließlich technisches, sondern auch ein arbeits-
organisatorisches Problem und damit eine wesentliche Aufgabe der Arbeitsvorbe-
reitung einer Unternehmung.
362 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Wie im Abschnitt 6.4.1 schon erwähnt, wird inzwischen von den Bauunter-
nehmungen die Schalung und Rüstung häufig an Nachunternehmer vergeben. Dies
sind entweder die Hersteller von Betonschalungen oder Spezialfirmen. Der Um-
fang dieser Fremdvergabe einer Hauptleistung des Beton- und Stahlbetonbaus
reicht vom Ausarbeiten der einzusetzenden Schalungsvarianten einschließlich Ma-
terialbedarf und Kosten – der Stofflieferung – über die weitere Übernahme der
Schalarbeiten bis zum Einbauen des Betons [6.42]. In den meisten Fällen wird je-
doch die „Stoffleistung“ der Schalung für den von den Bauunternehmungen vor-
gegebenen Bauablauf übernommen.
Bei den Kosten dieser Leistungen sind die Mietsätze/Monat für Systemteile, die
weiter verwendet werden können und die Kosten für Sonderbauteile zu unter-
scheiden, die bauspezifisch anzufertigen sind. Aus den Mietsätzen ergeben sich
die Stoffkosten/m² Schalung über die monatliche Einsatzhäufigkeit (Tabelle 22).
Je größer der Anteil an Systemschalung für eine Schalungslösung ist und je gerin-
ger die Sonderanfertigung, desto günstiger stellen sich die gesamten Stoffkosten.
Da hierüber ausführliche Informationen vorliegen, gehe ich nicht weiter darauf
ein [6.59]. Dass eine optimale Lösung dieser Aufgabe nur durch kooperative Zu-
sammenarbeit von Schalungsbauern und Anwendern gelingt, sei nur am Rande
erwähnt.
Abschließend sollen noch kurz die konstruktiven und betrieblichen Vorausset-
zungen für die Anwendung moderner Schalverfahren sowie ihre Einsatzkriterien
und -bereiche genannt werden.
[Link] Konstruktive und betriebliche Voraussetzungen
für die Anwendung großflächiger Schalungen
Da die ausführende Unternehmung noch relativ selten in der Planungsphase eines
Bauvorhabens beigezogen wird, besteht die Kunst der Schalungsbauer nach wie
vor darin, Schalungen mit einem möglichst großen Anteil an Systemschalungs-
elementen den Bauwerksentwürfen anzupassen.
Konstruktive Voraussetzungen
Große Serie
Großflächige Schalelemente verursachen erheblich höhere Fixkosten als her-
kömmliche Schalung. Sie resultieren aus dem hochwertigen Material und der Vor-
fertigung im Werk oder auf dem Reißboden. Diese hohen Fixkosten werden zwar
durch geringeren Lohnaufwand beim Ein- und Ausschalen kompensiert, doch
müssen sie sich davon unabhängig auf möglichst viele Einsätze verteilen, um den
Fixkostenanteil je Quadratmeter Schalfläche zu senken. Das gelingt umso besser,
je schneller und häufiger dasselbe Schalelement zum Einsatz kommt, d.h. je weni-
ger Schalelemente für ein Bauvorhaben vorzusehen sind.
Bei der Taktfertigung von Hochhäusern mit Selbstkletterschalung konnte bspw.
mit umgekehrter Ablauffolge (die Decken werden vor den Wänden betoniert) der
Bauablauf beschleunigt werden [6.59, S. 621].
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 363
Störungsfreie Flächen
Freie Feldöffnungen oder möglichst niedrige Brüstungen in den Fassaden sind
Voraussetzung für die optimale Verwendung von Deckenschaltischen.
Grundsätzlich lassen sich großflächige Schalelemente umso rationeller einset-
zen, je einfacher die zu betonierenden Formen gestaltet und je weniger deren Flä-
chen unterbrochen oder anderweitig gestört sind. Pfeilervorlagen, Konsolen, Ge-
simse und Versprünge verursachen erhebliche zusätzliche Schalungskosten.
Einfache Bewehrungsführung
Die Bewehrung ist möglichst einfach zu gestalten. Schwierige Bewehrungsberei-
che sollten vorgefertigt werden; denn der schnelle Umsatz der Großflächenscha-
lung setzt voraus, dass sich die Zeit für das Verlegen der Bewehrung innerhalb der
kurzen Taktzeit unterbringen lässt. Vorgefertigte Bewehrungskörper für Funda-
mente, Stützen und Unterzüge, die lediglich in die aufgestellte Schalung eingesetzt
werden, passen sich kurzen Taktzeiten am besten an.
Betriebliche Voraussetzungen
Im Gegensatz zu den konstruktiven liegen die betrieblichen Voraussetzungen zur
Anwendung von Großflächenschalung im Bereich der Unternehmung.
Arbeitsvorbereitung
Grundvoraussetzung ist eine weitgehende Arbeitsvorbereitung für den gesamten
Schalungsbereich. Sie umfasst folgende Aufgaben:
− die Auswahl des geeigneten Schalsystems
− die Abstimmung zwischen Bauwerk und Schalung einschließlich der Auftei-
lung des Bauwerks in Schalungsabschnitte (ggf. zusammen mit Tragwerksin-
genieur und Planer)
− das Aufstellen eines Taktplans für die Schal- und Betonarbeiten im Rahmen der
Bauablaufplanung
− die Berechnung und Konstruktion der Schalelemente einschließlich erforderli-
cher Rüstungen und Abstützungen, soweit nicht Systemschalung verwendet
wird
− Aufstellen detailierter Schalungseinsatzpläne (Montagepläne) (Bild 6.122–
6.125)
− Aufstellen von Stücklisten für die Anlieferung des benötigten Materials und des
gesamten Zubehörs
− Erarbeiten von Zeitvorgaben für die Herstellung der Schalelemente, die Erst-
montage und das Ein- und Ausschalen einschließlich Reinigung und evtl. Än-
derungsarbeiten
− Betreuung und Beratung der Baustelle beim Einsatz der Schalelemente
− Abstimmen der Baustelleneinrichtung (Hebezeuge) auf das Schalverfahren und
Einplanen ausreichender Zwischenlagerflächen
Diese Aufgaben werden heute mit EDV-Hilfe gelöst ([6.59], Abschnitt 16/17 –
Planung und Bereitstellung von Schalungen – ).
364 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.122: Beispiel für einen Materialauszug [6.66]
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 365
Bild 6.123: Einschalvorgang für Deckenschalung [6.66]
366 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.124: Einschalbeispiel für Deckenschalung [6.66]
Tragfähigkeit der Hebezeuge
Großflächige Schalelemente lassen sich nicht mehr von Hand bewältigen (es sind
kranabhängige Schalungen). Sie müssen mit dem Kran bis an die Einbaustelle
transportiert und meist auch mit Kranhilfe montiert werden.
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 367
Bild 6.125: Einsatzplan für Wandschalungen mit Elementbemaßungen [6.59]
Bei der Kranbemessung ist zu beachten, dass eine Anzahl von Arbeitsgängen
nicht flächen-, sondern stückabhängig ist, so das An- und Abschlagen am Hebe-
zeug, der Transport, die Montage, das Ausrichten. Es ist daher sinnvoll, die Schal-
elemente möglichst groß zu wählen und den Kran entsprechend anzupassen.
Reichweite der Hebezeuge
Deckenschaltische erfordern, dass der Turmdrehkran nicht nur das Bauwerk selbst
und entsprechende Lagerplätze bestreichen muss, sondern zusätzlich einen Be-
reich außerhalb der Fassadenöffnungen, der sich aus der halben Länge der Tische
ergibt. Auch größere Wandschalungselemente setzen voraus, dass die Kräne das
gesamte Bauwerk ohne „tote Ecken“ bestreichen.
Für die Auswahl eines Kranes ist nicht nur die größte, sondern auch die ge-
ringste Reichweite ausschlaggebend (d.h. Laufkatzen- oder Knick- statt Nadelaus-
leger).
Hebezeug als Montagegerät
Großflächenschalung erfordert bei allen Kränen eine Feinsenkeinrichtung.
Der Einsatz eines Kranes nicht nur als Transportmittel, sondern auch als Mon-
tagegerät verändert den Arbeitstakt. Während früher im Stahlbetonbau das Beto-
nieren die Hauptaufgabe des Kranes war und alle sonstigen Transporte weitgehend
auf Betonierpausen verteilt wurden, steht heute die Schalung im Vordergrund. Auf
jeder im Taktverfahren arbeitenden Baustelle schalen Spezialkolonnen ohne Un-
terbrechung ein und aus.
Zum Einbauen des Betons werden deshalb Autobetonpumpen mit ihren beweg-
lichen hydraulisch gesteuerten Betonierauslegern oder stationäre Pumpen und
Verteilermaste eingesetzt. Dadurch kann der Schalbetrieb als Leitbetrieb geplant
werden. Die Kosten moderner Schalsysteme lassen ein Brachliegen der Schalung
368 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
nicht zu. Der gesamte Bauablauf richtet sich nach dem exakt vorgeplanten Scha-
lungstakt (Wochentakt und Schalungsabschnitte, Bild 6.126 und 6.127). Ihm ha-
ben sich alle anderen Teilbereiche anzupassen und unterzuordnen; die Schalung ist
der Leitbetrieb (siehe auch [6.59], Bsp. Bauablaufplanung S. 518).
Bild 6.126: Wochentakt [6.59]
Bild 6.127: Beispiel Wandtakte aus Tipos-Doka [6.59]
Einsatz weiterer Transportgeräte
Der ununterbrochene Einsatz eines Kranes für Transport und Montage von groß-
flächigen Schalelementen kann dazu führen, für leichtere Elemente, z.B. Stützen-
schalungen, andere Montagehilfen zu suchen. Hier bieten sich mit gutem Erfolg
speziell ausgerüstete Gabelstapler an.
Sonstige betriebliche Voraussetzungen
Der vorgeplante Schalungstakt erfordert, die damit verbundenen Ausschalfristen
einzuhalten. Die Baustelle muss deshalb in der Lage sein, bei kalter Witterung
entweder vorgewärmten Beton einzubauen, den frisch eingebrachten Beton in der
Schalung zu beheizen oder beide Maßnahmen zu kombinieren.
Folgerungen
Der mit der Anwendung der dargestellten Schalverfahren verbundene Wandel im
Einsatz der Turmdrehkräne ist ein Grund dafür, dass zunehmend größere Kräne
entwickelt und auf Baustellen eingesetzt werden.
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 369
Im Gegensatz zu den betrieblichen liegen die konstruktiven Voraussetzungen
nicht in der Hand der Bauunternehmung. Sie resultieren aus einem integrierten
Planungsablauf, der sich über zwei oder drei getrennte Entscheidungsbereiche er-
streckt: Bauherr, Planer, und Tragwerksingenieur. Ob und inwieweit der Unter-
nehmer in der Planungsphase beigezogen wird und damit seine Erfahrungen ein-
bringen kann, hängt von der beabsichtigten Vertragsform für die Bauausführung
ab (s. Abschn. 3.4).
[Link] Einsatzkriterien und -bereiche rationeller Betonschalung
System- und Sonderschalungen
Bei der Auswahl von Schalverfahren für bestimmte Bauvorhaben ist zunächst zu
entscheiden, ob objektunabhängige Systemschalungen oder projektbezogene Son-
derschalungen eingesetzt werden sollen.
Unter Systemschalungen sind alle objektunabhängigen Schalsysteme zu verste-
hen. Dazu zählen
− Trägerschalungssysteme,
− Rahmenschalungen,
− Schaltische,
− Modul-Deckenschalungen,
− Rahmenstützen, (Lasttürme) und
− Klettergerüste.
Die wichtigsten Merkmale von Wand- und Deckenschalungssystemen und ihre
Einsatzbereiche sind stichwortartig nochmals in den Tabellen 24 und 25 darge-
stellt.
Kosten von Schalungen
Vorbemerkungen
Bei der Entscheidung, welches Verfahren für die Herstellung eines Produkts ein-
gesetzt werden soll, sind die Stückkosten der entscheidende Faktor. Sie resultieren
aus Stoff- und Lohnkosten. Da Schalungen nur Hilfsmittel für das Herstellen von
Betonkonstruktionen sind, ist die für ein Bauvorhaben erforderliche Menge ein
weiterer Kostenfaktor. Sie hängt von der Einsatzhäufigkeit einer Schalung ab.
Diese ergibt sich neben weiteren Einflussgrößen aus den Schalzeiten. Schalzeiten
und -mengen sind daher Grundgrößen der Kostenermittlung für eine Schalung.
Zum Zeitvergleich von Schalzeiten
Einen Überblick über die Problematik gibt das nachstehende Zitat aus der Sicht
von Schalungsdienstleistern:
„Eine wirtschaftliche Baustellenabwicklung und gute Ergebnisse stehen und
fallen mit den Grundmontagezeiten, den Schalzeiten, den Demontagezeiten und
letztendlich mit den Reinigungszeiten. Es kommt bei den heutigen Lohnkosten in
Mitteleuropa nicht so sehr darauf an, Materialkosten einzusparen, sondern das
Schalungsgerät muss schnell sein und sich über die Lohnkostenreduzierung amor-
370 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
tisieren. Selbst wenn Nachunternehmer zu günstigeren Stundensätzen die Scha-
lungsleistung einbringen, werden auch sie ihren Festpreis daran orientieren, wie
schnell mit dem Gerät gearbeitet werden kann. Die Bauwerksgeometrie wird auf-
wändiger und die zur Verfügung stehende Bauzeit immer kürzer. Ein solcher
Termindruck lässt sich nicht nur durch eine Erhöhung kostengünstiger Personal-
ressourcen kompensieren, sondern auch das Gerät auf der Baustelle muss funktio-
nal sein.“ [6.59]
Die vorgenannten Schalzeiten werden von folgenden, sehr unterschiedlichen
Faktoren, maßgeblich beeinflusst:
− Witterungseinflüsse
− Bauwerksgeometrie
− Krankapazität
− Nutzung von Transportgeräten
− Anzahl der Ankerstellen
− Raum- oder Wandhöhe
− Passflächenanteil
− fehlende Arbeitsvorbereitung
− fehlendes oder falsches Werkzeug
− Leistungsgrad des Personals
Aussagen über Schalzeiten sind daher nur aus Nachkalkulationen abgewickelter
Baustellen zu gewinnen. Der Schalzeitkreis in Bild 6.128 zeigt, woraus sich die
Schalzeiten zusammensetzen.
Tabelle 24: Wandschalungssysteme [nach 6.59]
Wandschalungssysteme
Trägerschalung - fertig montierte Elemente (Großflächenschalung), kranabhängig
aufnehmbarer Frischbetondruck bis 120 kN/m², sehr anpassungsfähig
an die statischen Gegebenheiten, aber erst bei hohen Einsatzzahlen
wirtschaftlich
- zur individuellen Montage (Elementschalung), kranabhängig
für kurzfristige und nur wenige Einsätze mit Sichtbetonqualität
Rahmenschalung - schwere Rahmenschalung, kranabhängig
wird am häufigsten eingesetzt, die Rahmentafeln können einfach
aufeinandergesetzt und mit zusätzlicher Aussteifung bis 15 m
Schalhöhe aufgestockt werden
- leichte Rahmenschalung, bedingt kranabhängig
nicht so häufig eingesetzt wie schwere Rahmenschalung, leichte Alu-
Rahmen, Elemente von Hand zu versetzen, bis 9 m Betonierhöhe,
mit schwerer Rahmenschalung kompatibel
- Kleintafel-Rahmenschalung
Für Handschalung (Fundamente), bis 3 m Betonierhöhe
Der Marktanteil von Rahmenschalungen beträgt derzeit bis zu 80%, allgemein die ideale Lösung
für übliche Bauaufgaben ohne Anforderungen an die Betonoberfläche.
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 371
Tabelle 25: Deckenschalungssysteme [nach 6.59]
Deckenschalungssysteme
Wichtigstes Unterscheidungsmerkmal ist die Art der Umsetzung.
Kriterien für kranabhängige oder kranunabhängige Deckenschalung sind
die Unterstellungshöhe (Rüstung),
die Einsatzhäufigkeit,
die Belastung der Schalung
die Bauwerksgeometrie.
Kranunabhängige Deckensysteme - Flex-Raster-Schalung
Flexible Schalung bis 30 cm Deckenstärke ohne Pla-
nungs- oder Statikaufwand einsetzbar, maximale Unter-
stellhöhe bis unter 6,0 m (besser hmax ž 3,50 m).
sehr anpassungsfähig, wenig Einzelteile, jede Schalhaut
möglich
- Alu-Modul-Schalung
Leichte Aluminiumpaneele mit fixen Elementgrößen, E-
lementraster, relativ hoher Preis (erheblich teurer als
Flex-Schalung), zum Ausgleich jedoch Reduzierung des
Lohnaufwands möglich
- Rüstung aus Alu/Hand
Mit Alu-Einzelstützen oder Rahmen-Streben-Konstruk-
tion, maximale Höhen 8- 10 m, Stiellast bis zu 60 kN,
Handschalung, als räumliche Tragwerke jedoch nur mit
Verfahrgeräten oder Kranhilfe zu bewegen
Einsatzbereiche dieser kranunabhängigen Deckensysteme:
Einfamilienhäuser und unzugängliche Bereiche von Großprojekten, auch bei großen Höhen und
schweren Lasten für einmalige Einsätze in geschlossenen Räumen
Kranabhängige Decken-Systeme - Flex-Tische
können fertig montiert (ohne Stützen) in Normabmessun-
gen auf die Baustelle geliefert werden. Stiellasten 40 -60
kN, Höhenbereiche bis etwa 4 m. Optimaler Einsatz,
wenn große Bereiche des Bauwerks mit den Tischen ab-
zudecken sind. Restflächen sind mit Hand-Decken-
schalung zu schließen. Umsetzen auf Decken mit Um-
setzwagen, Höhenversatz mit Umsetzgabeln.
Ab 4–6 Einsätze sehr wirtschaftlich.
- Rüstung aus Alu-Kran
Varianten: - Alu-Spindelstützen mit Aussteifungsrahmen
Bis 13 m Höhe,
- Grundrahmen aus Alu, die mit steckbaren
Strebenkreuzen verbunden werden (eben-
falls bis etwa 13 m Höhe)
- Rüstungen aus Stahl
D.s. Rahmenstützen bzw. Lasttürme. Stiellast bis etwa 60
kN (z. Tl. noch höher). Diese Lasttürme können bis zu
100 m Höhe aufgebaut werden.
Bei normalen Deckenschalungen geht der Trend vom Schaltisch zu Modulschalungen mit Fallkopf-
stützen oder zur Elementschalung aus Stahlbeton-Halbfertigteilen.
372 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.128: Gliederung der Schalzeit [6.59]
Zum Mengenvergleich
Die Ermittlung der Schalmengen ist Aufgabe der Arbeitsvorbereitung. Ausgehend
von der gesamten Schalfläche ergibt sich die Menge der einzelnen Schalungsvari-
anten aus der Bauzeit, den Zwischen- und Endterminen, den Taktgrößen, der
Taktzeit, den Einsatzzahlen und der Personal- und Kranverfügbarkeit (Tabelle 26).
Die Schalungs-Taktzeit besteht aus den Teilzeiten für das Schalen, Bewehren
und Betonieren, der Ausschalfrist, dem Ausschalen und Reinigen und für das Um-
setzen in den nächsten Taktabschnitt. Die Einsatzzahlen ergeben sich aus der An-
zahl der Takte und ggf. erforderlicher Parallelarbeit (s. hierzu Abschnitt 11).
Tabelle 26: Ermittlung der Vorhaltemenge [6.59]
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 373
Zum Kostenvergleich
Die Schalungskosten bestehen aus etwa 25% Stoffkosten und 75% Lohnkosten. In
der Reduzierung der Lohnkosten liegen somit die größten Rationalisierungsreser-
ven.
Neben der Mengenermittlung sind im Rahmen der Arbeitsvorbereitung unter
Berücksichtigung der jeweiligen Randbedingungen und Einflussfaktoren die
Stückkosten der Schalung zu ermitteln. Dazu gehören mit den getroffenen An-
nahmen auch die oberen und unteren Grenzkosten. Ich gehe darauf im Abschnitt
11 noch ein.
Für Materialkosten von Rahmenschalungen gibt Tabelle 27 einen aktuellen Ü-
berblick (Kauf-Listenpreise). Das Gerät wird heute jedoch weitgehend gemietet,
wobei Mietkauf möglich ist. Der Mietanteil liegt inzwischen bei 75-85% mit stei-
gender Tendenz.
Die Lohnkosten von Schalungen werden – trotz fallender Tendenz – nach wie
vor von der Geometrie des Gebäudes (wird seit Jahren immer „anspruchsvoller“),
der Anzahl der Einsätze, der Deckenstärke oder der Wandhöhe bestimmt, „Schal-
zeiten unter 0,4 h/m² bedürfen einer Optimierung in Planung und Organisation der
Baustelle und ihrer Kolonnen“.
Tabelle 27: Preis-, Gewichts- und Ankervergleich bei Rahmenschalungen [6.59]
Dazu kommen i.d.R. Randstunden für nachstehende Leistungen, die die Schal-
zeit „um bis zu 50% erhöhen können“ [6.59].
− Grundmontage der Schalelemente
− Ver- und Entladearbeiten
374 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
− Einarbeitungszuschläge
− Kosten für Aussparungen und Abschalungen
− Kosten für Hilfsgerüste und Sicherungsmaßnahmen
− Wartezeiten auf den Kran
− Planungsänderungen
− Erholzeiten
− Schlechtwetterzuschläge
Die daraus insgesamt resultierenden Aufwandswerte sind dann mit dem (beauf-
schlagten) Mittellohn zu multiplizieren.
Einen Kostenvergleich zwischen Rahmen- und Trägerschalung zeigt die Tabel-
le 22.
Allgemein lassen sich die Einzelkosten einer Schalung nach folgendem Ansatz
ermitteln:
Km
K= + wA ⋅ Ks [€/m²] (55)
E
Hierbei bedeuten
K = Gesamt(Einzel)kosten für den Einsatz der Schalung je m²,
Km = Stoffkosten für Schalung einschl. Verbrauchsstoffen [€/m²],
E = Einsatzzahl,
wA = Arbeitszeitaufwand in h/m² (Aufwandswert),
Ks = Verrechnungssatz je Arbeitsstunde [€].
Auf weitere Details zur Kostenberechnung von Schalungen verweise ich auf
die Literatur [6.59].
Darstellung des Schalungseinsatzes
Das Ergebnis der Untersuchungen über einzusetzende Schalverfahren und die er-
forderliche Schalungsmenge wird, wie schon erwähnt, in Einsatzplänen (Monta-
geplänen) und daraus abgeleiteten Stücklisten dargestellt. Sie enthalten alle Anga-
ben über Anzahl, Größe und Lage der einzelnen Schalelemente, Innen- und
Außenecken, Passflächen und die erforderlichen Kleinteile (Anker). Ggf. werden
sie für die Baustelle durch Arbeitsanweisungen ergänzt. In Bild 6.122 bis 6.125
sind Einsatzpläne für Wand- und Deckenschalungen dargestellt. Die Schalungs-
hersteller geben hierfür Planungs- und Montageanleitungen heraus.
Zur Kontrolle während der Bauausführung werden die Ergebnisse einer detai-
lierten Taktplanung abschließend in einem Bauablaufplan dargestellt (Bild 6.129).
6.4 Vorgangsgruppe T1 – Schalung und Rüstung 375
Bild 6.129: Beispiel für eine Bauablaufplanung [6.59]
Zielkriterien für rationellen Schalungseinsatz
Abschließend lassen sich unter dem Gesichtspunkt rationellen Bauens die Zielkri-
terien für rationellen Schalungseinsatz folgendermaßen zusammenfassen:
376 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
− kurze Bauzeit, das bedingt "schnelle" Schalungen,
− kostenoptimaler Einsatz von Schalung und Rüstung,
− EDV-gestützte Schalungsvorbereitung mit CAD-Anwendung, heute vielfach
durch die Dienstleister,
− Planung, Steuerung und Kontrolle des Bauablaufs, vor allem im Hinblick auf
taktmäßigen Einsatz der Schalung und Rüstung,
− laufender Soll-Ist-Vergleich zwischen kalkulierten und erreichten Aufwands-
werten und Taktzeiten (Einarbeitungseffekt); worauf im Abschnitt Ablaufkon-
trolle i.E. noch einzugehen ist.
6.5 Vorgangsgruppe T2 – Bewehrung
6.5.1 Aufgabe
Die Bewehrung hat die im Beton unter Lasteinwirkung entstehenden Zugkräfte
aufzunehmen. Außerdem können durch Stahleinlagen in der Druckzone auch
Druckkräfte aufgenommen werden.
Dazu ist es notwendig, die Bewehrung exakt nach den aus der statischen Be-
rechnung abgeleiteten Bewehrungsplänen zu verlegen. Eine hinreichende Beton-
überdeckung muss den Korrosionsschutz gewährleisten. Der Bewehrungsstahl
darf keinen losen Rost aufweisen. Er ist vor Schmutz, Fett, Eis, Farbe usw. zu
schützen, da sonst der Verbund mit dem Beton verloren geht.
Die Sorten und Abmessungen von Betonstahl, seine Eigenschaften, seine Ver-
wendung, die zulässigen Spannungen, die konstruktiven Gesichtspunkte und seine
Prüfung sind in der DIN 488 [6.80], der europäischen Vornorm DIN ENV 10080,
den Zulassungsbescheiden für die einzelnen Stahlsorten und der DIN 1045 [6.1–
6.4] festgelegt.
Die DIN ENV 10080 gilt nur für schweißgeeigneten gerippten Betonstahl
B 500.
Für eine Vorspannbewehrung (Spannglieder und Anker) gilt die DIN pr EN
10138.
6.5.2 Teilvorgänge
Die Bewehrungsarbeiten für schlaffe Bewehrung (Bild 6.6) lassen sich nach Bild
6.130. in die Teilvorgänge Stahl lagern, Schneiden, Biegen und Verlegen untertei-
len. Früher wurde der Betonstahl auf der Baustelle geschnitten und gebogen. Heu-
te wird die Bewehrung durch einen Biegebetrieb einbaufertig zur Baustelle gelie-
fert und i.d.R. durch einen darauf spezialisierten Nachunternehmer verlegt.
Bei Spanngliedern zur Betonvorspannung tritt an die Stelle des Biegens und
Verlegens der Zusammenbau im Werk, die Anlieferung und der Einbau. Nach
dem Erhärten des Betons folgt das Vorspannen und – bei Vorspannung mit nach-
träglichem Verbund – das Verpressen der Hüllrohre mit Zementmörtel.
6.5 Vorgangsgruppe T2 – Bewehrung 377
Bild 6.130: Teilvorgänge bei Bewehrungsarbeiten
6.5.3 Bewehrungselemente für schlaffe Bewehrung
Die schlaffe Bewehrung besteht aus einzelnen geraden oder gebogenen Stäben,
quer dazu verlegten Verteilern, Bügeln oder aus Baustahlgewebematten. Diese
werden in den Größen 5,00 x 2,15 m oder 6,00 x 2,15 m angeliefert. Vorgefertigte
Spannglieder werden in Ringen, länglichen Schleifen oder auf Trommeln
transportiert.
Statt der herkömmlichen Schubbewehrung aus Bügeln werden neuerdings an-
dere Bewehrungsformen angewendet (Dübelleisten, Doppelkopfanker). Diese
können als Durchstanzbewehrung für den Stützenbereich hochbelasteter Flachde-
cken, für Fundamente aus Stahl- bzw. Spannbeton und bei Schubbeanspruchung
infolge Querkraft in Platten und Balken eingesetzt werden. Sie erlauben eine ein-
fache und schnelle Montage auf der Baustelle, müssen aber besonders
bauaufsichtlich zugelassen sein. Beispiele zeigen die Bilder 6.131 bis 6.134
[6.81].
Sowohl für diese Dübelleisten als auch für die Kopfbolzendübel sind die Maße
der Betondeckung nach DIN 1045 einzuhalten.
378 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.131: Dübelleiste mit angeschweißtem Flachstahl
Bild 6.132: Doppelkopfanker (Fa. Halfen, Typ HDB-N)
Bild 6.133: Doppelkopfbolzen-Dübelleiste, verschiedene Varianten (Fa. DEHA)
6.5 Vorgangsgruppe T2 – Bewehrung 379
Bild 6.134: Doppelkopfbolzen-Dübelleiste (Fa. Schöck, System Bole)
6.5.4 Betonstahl-Verbindungen
Eine weitere Erleichterung des Arbeitsablaufs von Schal- und Bewehrungsarbeiten
sind Verbindungselemente der einzelnen Stäbe (Gewindestäbe, GEWI-Stahl). Sie
ermöglichen bei Arbeitsfugen eine Anschlussbewehrung durch geschraubte bzw.
Fließpress-Muffenstöße (Bild 6.135–6.138). Durch das aufgewalzte Gewinde
können die Stabquerschnitte voll beansprucht werden. Damit lassen sich an der
Arbeitsfuge weit herausragende Bewehrungsstäbe für den späteren Verbund mit
weiteren Bauteilen vermeiden. Daneben sind mit GEWI-Stahl auch Endveranke-
rungen und Anschweißungen an Stahlprofile möglich [6.81].
Bild 6.135: GEWI-Muffenstoß „Sechs-
kant“ als Zug- bzw. Druckstoß (gekontert)
Bild 6.136: GEWI-Anschlussbewehrung
Bild 6.137: GEWI-Endverankerung
(gekontert) mit Ankerstück
380 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.138: GEWI-Anschweißmuffe (gekontert)
Neben diesen Verbindungselementen sind von anderen Herstellern ähnliche
Lösungen entwickelt worden. Art, Abmessungen und Belastungen sind der Litera-
tur zu entnehmen [6.81].
Zur Vereinfachung des Bauablaufs werden darüber hinaus zunehmend vorge-
fertigte Bewehrungsanschlüsse verwendet. Hierbei wird die Anschlussbewehrung
in Verwahrkästen abgebogen in die Schalung eingebaut. Nach dem Ausschalen
und Abnehmen der Abdeckungen dieser Kästen wird die Bewehrung in die end-
gültige Lage zurückgebogen (Bild 6.139). Hinsichtlich weiterer Details und Vari-
anten verweise ich auf die Literatur [6.81].
Bild 6.139: Verwahrungskasten mit An-
schlussbewehrung und Rückbiegewerk-
zeug (Fa. HALFEN)
6.5 Vorgangsgruppe T2 – Bewehrung 381
6.5.5 Spannglieder zur Vorspannung
Bei weitgespannten und hochbelasteten Decken, Hallenbindern oder Behältern
kommen auch im konstruktiven Hochbau vorgespannte Bauteile vor. Die dafür er-
forderlichen Spannglieder für nachträglichen Verbund oder externe Vorspannung
bestehen aus festen Ankern und Spannankern, bei großen Längen noch aus Kop-
pelankern. Sie werden zwischen der unteren und oberen schlaffen Bewehrung ei-
nes Bauteils verlegt. Über Art und Aufbau dieser Spannglieder, das Verlegen und
Fixieren, die Montage der Anker an der Schalung, das Vorspannen gegen den er-
härteten Beton, den dafür erforderlichen Arbeitsraum und ggf. das Verpressen der
Hüllrohre mit Zementmörtel (bei nachträglichem Verbund) enthalten die Werks-
unterlagen der Hersteller alle weiteren Informationen [6.82].
Zum Überblick sind in Bild 6.140 und 6.141 Litzen-Spannglieder dargestellt,
wie sie im konstruktiven Hochbau verwendet werden. Darüber hinaus sei hier nur
erwähnt, dass Spannbeton vorwiegend im Brückenbau angewendet wird. Die Lite-
ratur über die Möglichkeiten dieses hochwertigen Baustoffs findet sich daher vor-
wiegend unter diesem Oberbegriff. Ich gehe auf dieses Gebiet des konstruktiven
Ingenieurbaus nicht weiter ein, nenne jedoch abschließend einige Literaturhinwei-
se über den derzeitigen Stand der Technik aus Herstellerunterlagen [6.83–6.86].
6.5.6 Zur Rationalisierung und Qualitätssicherung
im Bewehrungsbereich
Die Baustelle ist so einzurichten, dass der Lagerplatz für den gebogenen Stahl
unmittelbar an der Zufahrtsstraße zur Baustelle liegt. Die einzelnen Positionen
sind übersichtlich zu lagern. Kranstandort oder Kranbahn sind so anzuordnen, dass
neben der Abladestelle die gesamte Lagerfläche und die Einbaustellen vom Kran
bedient werden können.
Die Bewehrung ist nach geprüften Bewehrungsplänen (Prüfingenieur) so zu
verlegen, dass sich ein steifes, unverschiebliches Stahlgerüst ergibt. Die Kreu-
zungspunkte zwischen den Bewehrungsstäben werden mit Bindedraht verknüpft,
in Sonderfällen verschweißt.
Die Stahleinlagen werden durch Abstandhalter im vorgeschriebenen Abstand
von der Schalung gehalten. Diese Abstandhalter werden je nach Verwendungsstel-
le und -art in unterschiedlichen Abmessungen und aus verschiedenen Materialien
(Beton, Metall oder Kunststoff) hergestellt.
Bei großen Bauteilen können weitere Hilfsmittel erforderlich werden, um die
schlaffe Bewehrung bzw. die Spannglieder vor und während des Betonierens in
ihrer Lage zu halten. Sie reichen von Tragbügeln für die obenliegende Bewehrung
(bei Unterzügen und Decken) und Unterstützungskörben für Baustahlgewebe bis
zu besonderen Rund- oder Winkelstahlkonstruktionen bei Stützmauern und Brü-
ckenüberbauten, deren Kosten in den Bewehrungspreis einzurechnen sind.
Das einwandfreie Verlegen der schlaffen Bewehrung aus geraden und geboge-
nen Einzelstäben, Dübelleisten, Doppelkopfankern oder Baustahlgewebematten
und der Spannglieder nach dem Bewehrungsplan erfordert Fachpersonal an der
Baustelle.
382 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Bild 6.140: SUSPA-Monolitzen-Spannverfahren ohne Verbund
6.5 Vorgangsgruppe T2 – Bewehrung 383
Bild 6.141: mit nachträglichem Verbund
384 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
Die Vorfertigung der Bewehrung in stationären Biegebetrieben trägt erheblich
zur Kostenreduzierung und damit zur Rationalisierung von Stahlbetonarbeiten bei.
So werden bspw. auch Bewehrungskörbe für Bohrpfähle, Stützen, Unterzüge und
Wände – in Sonderfällen für ganze Bauteile (Segmente von Brückenüberbauten,
Tunnelabschnitte) – in besonderen Biegebetrieben oder an der Einbaustelle vorge-
fertigt und im ganzen transportiert und versetzt. Diese Biegebetriebe können, da
sie witterungsunabhängig und computerunterstützt mit modernen Maschinen und
eingearbeitetem Personal arbeiten, kostengünstiger fertigen als entsprechende
Teilbetriebe auf Baustellen.
Um die Transportkosten des Stahls vom Lieferwerk zur Baustelle zu minimie-
ren, werden auch auf Großbaustellen durch fremde Biegebetriebe eigene temporä-
re Fertigungsstätten für Betonstahl eingerichtet.
Die Bewehrungspläne und Stahllisten werden i.d.R. mit Computerhilfe (CAD)
erstellt, wie überhaupt große Firmen bzw. Ingenieurbüros intern das Erstellen von
Schal- und Bewehrungsplänen durch detaillierte Arbeitsanweisungen geregelt und
rationalisiert haben.
Der hierzu eingeschlagene Weg ging dahin, zunächst die Bewehrungsstäbe, Zu-
lagen, Bügel und Matten in den Grundrissen und Schnitten der Bewehrungspläne
vereinfacht darzustellen. Danach wurden die Biegeformen reduziert und standar-
disiert, um in weiteren Schritten den Computereinsatz sowohl zum Erstellen der
Bewehrungspläne und Stahllisten als auch für das Schneiden und Biegen der Be-
wehrungselemente durch NC-gesteuerte Maschinen zu ermöglichen.
Als zusätzliche Leistungen beim Verlegen der Bewehrung kommen häufig
− Abstellungen für Arbeitsfugen,
− Abstellungen für Bewehrungsfortführungen,
− Abstellungen mit Fugenbandführungskörben und Fugenblechen,
− Aussparungen (aussteifungsfrei) oder
− Köcher-Schalungen u.ä. vor.
Hierfür gibt es einbaufertige Schalelemente aus verstärktem Streckmetall, die
im Beton verbleiben und deshalb nicht mehr kostenaufwendig entschalt und ent-
sorgt werden müssen. Ich verweise hierzu auf die Spezialliteratur [6.87].
Ein weiterer Rationalisierungseffekt liegt vermutlich auch in automatisch vor-
gefertigten, ausrollbaren Bewehrungsteppichen anstelle herkömmlicher Baustahl-
gewebematten. Für das Verlegen dieser Bewehrungselemente werden ungewöhn-
lich niedrige Aufwandswerte genannt [6.88].
Abschließend weise ich noch darauf hin, dass sich die Bewehrungsarbeiten dem
Arbeitsablauf der Schal- und Betonarbeiten anpassen müssen. Bei großen Ein-
baumengen je Betonierabschnitt (Fundamentplatten von Industriebauten, Kraft-
werken, Hochhäusern; Brückenüberbauten) kann daher die Bewehrung den Bau-
fortschritt bestimmen. Die Bewehrungskolonne wird dann zum Leitbetrieb der
Betonarbeiten.
Die Kapazitätsabstimmung der Bewehrungskolonne auf wechselnde Einbau-
leistungen in den einzelnen Bauabschnitten – die Anpassung an den Bauablauf des
Hauptunternehmers – und eine Garantie für die rechtzeitige Lieferung der erfor-
6.6 Entwicklungslinien rationeller Produktion im Beton- und Stahlbetonbau 385
derlichen Bewehrung sind neben dem Preis wesentliche Bestandteile eines Nach-
unternehmervertrages für Bewehrungsarbeiten.
6.6 Entwicklungslinien rationeller Produktion im Beton-
und Stahlbetonbau
Die Vorgangsgruppen zur Herstellung von Betonbauwerken und ihre Einflussfak-
toren auf rationelle Produktion sind in Bild 6.142 nochmals zusammengestellt.
Die Produktion gliedert sich in die Phasen
− Schalung und Rüstung (T1, T4),
− Bewehrung (T2) und den
− Betoneinbau (T3).
Ähnlich wie im Erdbau lassen sich bei Betonarbeiten vier Einflussbereiche un-
terscheiden:
1. Planung und Konstruktion
2. Nachunternehmer (Vorbetriebe)
3. innerbetriebliche Einflüsse und
4. außerbetriebliche Einflüsse (außer den Einflussfaktoren nach Ziff.1).
Der erste Einfluss- und damit Rationalisierungsbereich umfasst die Planung
und Konstruktion des Bauwerks sowie die rechtzeitige Übergabe der vollständigen
Bild 6.142: Einflussfaktoren auf die Produktionsleistung im Beton und Stahlbetonbau
386 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
und geprüften Schal- und Bewehrungspläne an die ausführende Unternehmung,
soweit ihr die technische Bearbeitung (Ausführungsplanung) nicht übertragen
wird. Das ist heute nicht mehr die Regel. An die Stelle des technischen Büros der
Bauunternehmung tritt dann ein fremdes Ingenieurbüro. Schon hier kommt es dar-
auf an, möglichst fertigungsgerecht zu planen und die Ergebnisse den Firmen voll-
ständig und mit dem erforderlichen Vorlauf zur Verfügung zu stellen.
Der zweite Einflussbereich betrifft die Nachunternehmer, die für das Vorberei-
ten der Schalung, die Bewehrung, für die Betonlieferung und evtl. für weitere
Einbauteile oder Teilleistungen (bspw. die gesamte Schalung oder die gesamten
Betonarbeiten) beauftragt werden. Auch hier kommt es auf die Qualität und Kapa-
zität dieser Nachunternehmerleistungen und die rechtzeitige Lieferung bzw. Aus-
führung an.
Die innerbetrieblichen Einflüsse als dritter Bereich umfassen die unternehmeri-
sche Disposition (Führung, Kontrolle, Planung und Steuerung der Produktion).
Die Planung und Organisation dieses Bereichs zu dessen Aufgaben die Ablauf-
planung, die Wahl der kostengünstigsten Produktionsverfahren, die Ermittlung
der Mengenleistung der einzelnen Teilbetriebe, die rechtzeitige Bereitstellung der
produktiven Faktoren und deren Kontrolle gehören, sind Gegenstand der Arbeits-
vorbereitung.
Ein anderer wesentlicher Einflussfaktor des dritten Bereichs ist die Qualifikati-
on der Mannschaft und der Führungskräfte. Die qualitativ einwandfreie und ter-
mingerechte Bauleistung wird in diesem Bereich, vor Ort, erbracht.
An weiteren außerbetrieblichen Einflussfaktoren sind viertens die Standortbe-
dingungen der Baustelle, der Witterungseinfluss und ggf. besondere Risiken zu
nennen, auf die bereits bei der Ablaufplanung Rücksicht genommen werden muss.
Wie Bild 6.143 zeigt, sind die Schalung und Rüstung die arbeitsaufwendigsten
Vorgänge. Es kommt somit darauf an, hier den manuellen Arbeitsaufwand weiter
zu reduzieren. Aus technologischer Sicht sind wegen des oft nur bedingt verfügba-
ren Arbeitsraums und wegen der Vielfalt der Bauvorhaben und Standortbedingun-
gen dem Betonbau hinsichtlich weiterer Rationalisierung (bspw. automatischer
Betoneinbau) Grenzen gezogen. In der konsequenten Anwendung von Taktarbeit
(im Sinne einer Fließfertigung) liegen jedoch neben weiterer Verbesserung der
Bauverfahren immer noch Rationalisierungsmöglichkeiten, die bis heute oft nicht
voll ausgeschöpft werden.
Um die Störfaktoren aus Standort und Witterung weitgehend auszuschließen
und noch weitere Rationalisierungsmöglichkeiten zu nutzen, bietet es sich an, ähn-
lich wie im Stahlbau die Fertigung einzelner Bauteile und Bauelemente in statio-
näre Werke oder Feldfabriken zu verlegen, dadurch zeitlich aus der Produktionsli-
nie zu entkoppeln und an der Baustelle nur noch zu montieren.
Im nächsten Abschnitt werden diese Produktionsform und ihre Vorteile und
Voraussetzungen kurz dargestellt.
Wenn die gesamte Betonerstellung ausgegliedert, d.h. an Nachunternehmer
vergeben wird, entfallen für den Hauptunternehmer die Einflussfaktoren aus den
Bereichen 2 bis 4. Dadurch verlagert sich sein Risiko, da er gegenüber seinem
Auftraggeber für die qualitativ einwandfreie und termingerechte Betonerstellung
haftet.
6.7 Beispiele 387
Bild 6.143: Kosten einer Stahlbetonwand mit d = 0,30 m [6.60]
6.7 Beispiele
Abschließend werden noch die nachstehenden Betonbauwerke als weitere Beispie-
le zum Stand der Technik genannt:
aus dem allgemeinen und Ingenieurhochbau:
− Doka-Plattform SPC funktioniert wie ein Präzisionsuhrwerk (280 t Hubkraft für
die Diax-Towers in Zürich-Oerlikon, Schalung aktuell, doka, Ausgabe 1/2003
− Krüger, G.; Der Post-Tower – Das höchste Bürogebäude Nordrhein-West-
falens, beton 11/2002, S. 524
− Müller, A.; Das Projekt „Lehrter Bahnhof“ in Berlin, BAU-BG aktuell, 2/2002
− Starling-Tower in Chicago, Ein Hochhaus im 3-Tages-Takt, Schalung aktuell,
doka, Ausgabe 2/2001
− Pobst, H.; Errichtung des MAIN Tower in Frankfurt am Main, Vorträge Beton-
tag 1999, Ernst & Sohn, Berlin 2000, S. 419
aus dem Ingenieurbau
− Talsperre Leibis/Lichte, Massenbeton-Bauwerk wächst planmäßig mit doka-
Sperrenschalung, Schalung aktuell, Ausgabe 3/2004
− Neue Bogenbrücke für die „Autovia de la Plata“, Mit vier doka-Schalwagen im
Wochentakt über den Rio Almonte, doka-Schalung aktuell, Ausgabe 2/2004
388 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
− Brückenschlag zwischen Schweden und Norwegen, Bilfinger Berger und doka-
know-how halten die Termine bei der neuen Svinesund-Brücke, Deutsche doka
Schalungstechnik GmbH, 82216 Maisach, Schalung aktuell, Ausgabe 1/2004,
S. 10/11
− Schalungstechnik für 146 m hohen Büroturm, B + B 12/2003, S. 52
− Schaper, R.; Die längste Kanalbrücke der Welt, Das neue Elbe-Wasser-
straßenkreuz, BAU-BG aktuell, 1/2003
− Koch, A.; Auf 23 Pfeilern über das Thüringer Becken (Gera-Talbrücke der
ICE-Strecke München-Berlin), BW 6/2001
− Krumbach, G.; Jenssen, D.; Öresund-Querung, Die Brücke am Seil, BAU BG
aktuell, 3/2000 und [7.7]
− Neue Wege im Freivorbau von Rundbogen, Die Talbrücke über die Wilde Ge-
ra, doka, Ausgabe 4/99
− Errichtung der Restmüllverbrennungsanlage Köln, Philipp Holzmann AG
Frankfurt, 99.06
− Balance-Akt, Die Kylltalbrücke in der Eifel, doka, Ausgabe 1/97
Literatur zu Kapitel 6
6.1 DIN 1045-1, Tragwerke aus Beton, Stahlbeton und Spannbeton, Teil 1
Bemessung und Konstruktion, Ausgabe 07/2001
6.2 DIN 1045-2, Teil 2 Beton-Festlegung, Eigenschaften, Herstellung und
Konformität, Ausgabe 07/2001
6.3 DIN 1045-3, Teil 3 Bauausführung, Ausgabe 07/2001
6.4 DIN 1045-4, Teil 4 Ergänzende Regeln für die Herstellung und Konformi-
tät von Fertigteilen, Ausgabe 07/2001
6.5 DIN EN 206-1, Beton, Teil 1: Festlegung, Eigenschaften, Herstellung und
Konformität Deutsche Fassung EN 206-1, 2000
6.6 Kern, E.; Entwicklung der Betontechnik (in [6.73], S. 218)
6.7 Deutsche Beton- und Bautechnik-Verein, Vorträge auf dem Deutschen Be-
tontag 1999, Ernst & Sohn Berlin 2000
6.8 Leonhard, F.; Vorlesungen über Massivbau, Teil 1, 3. Auflage, Berlin 1984
6.9 Curbach, M.; Textilbewehrter Beton – Entwicklung eines innovativen Ver-
bundwerkstoffs (in [6.7], S. 443)
6.10 Hoffmann, R.; Rothschuh, H.; Einsatz und Weiterentwicklung von Stahlfa-
ser-Pumpbeton bei Tunnelinnenschalen, Tunnelbau; neue Chancen aus eu-
ropäischen Impulsen, Vorträge der STUVA-Tagung 1991
6.10a „Stahlfaserbeton – ein unberechenbares Material?“, Bauseminar über
Stahlfaserbeton am Institut für Baustoffe, Massivbau und Brandschutz der
TU Braunschweig am 14./15.11.2002
6.11 Busch, D.; Haselwander, B.; Hillemeier B.; Strauß, J.; Innovative Beton-
technologie für den Kühlturmbau (in [6.73], S. 661)
6.12 Breitenbücher, R.; Güteüberwachungssystem von gestern – morgen noch
zeitgemäß? (in [6.73], S. 559)
Literatur zu Kapitel 6 389
6.13 Werksunterlagen Liebherr – Mischtechnik GmbH, Bad Schüssenried
6.14 Siefert, F.; Mischtechnik – Neuester Stand der Technik, zu einem Arbeits-
seminar für Mischmeister 02/2000 aus [6.13]
6.15 Gehbauer, F.; Die prämiierten Innovationen auf dem Deutschen Bauma-
schinentag 1989 (Ziff. 2, Betonmischanlage „Combimix“), BMT 1989, S.
184 ff
6.16 DIN 459-1 und 459-2, Mischer für Beton und Mörtel, Teil1 (Begriffe,
Leistungsermittlung, Größen), Teil 2, 11/1995
6.17 Fahrmischer aus [6.13], 08/2000
6.18 Arbeitsgemeinschaft Sperre Zillergründl, Projektinformation, 1983
6.19 Zentrale Mischanlage für Verkehrsbauten in Berlin Mitte, Konsortium
Baustellenlogistik Spreebogen, Neue Wege auf dem Bau (Fa. Hafemeister
u.a., 10117 Berlin), 1995-2002
6.20 Steuerungssysteme für Betonmischanlagen, aus [6.13]
6.21 Feuchtemessung der Zuschlagstoffe – Neuester Stand der Technik und
Feuchtemesssystem Litronic-FMS, aus [6.13]
6.22 Siefert, F.; Mischanlagen in mobiler Konzeption, Referat zum VDBUM-
Seminar 02/1999 in Braunlage, aus [6.13]
6.23 Maltry, Th.; Mischen oder mischen lassen?, Baumarkt 6/1982, S. 268-271
6.24 Bayer, E.; Kampen, R.; Moritz, H.; Beton-Praxis. Ein Leitfaden für die
Baustelle, Düsseldorf, neueste Auflage
6.25 Roth, K.; Die Kaimauer für das Verrebroekdok in Antwerpen (in [6.7], S.
196
6.26 Objektbericht Nr. 23,11 Auto-Betonpumpen im störungsfreien Einsatz über
14 Stunden [6.44]
6.27 Objektbericht Nr. 26, 300 m – Stahlbeton-Hochhaus (Chicago) mit nur ei-
ner Pumpe und einem Verteilermast festiggestellt [6.44]
6.28 Objektbericht Nr. 36, Beton bis 385 m für die Petronas Tower in Kuala
Lumpur hoch gepumpt [6.44]
6.29 Reuters, W.; Ostbrücke über den Großen Belt, beton 7/95 (Sonderdruck
Hochtief Ag, Essen) und Objektbericht Fa. Schwing, Nr. 35, 1996 Beton-
förderung über eine bis zu 300 m lange Rohrleitung bis zur 254 m hohen
Pylonspitze für die Ostbrücke über dem Großen Belt in Dänemark [6.44]
6.30 Telebelt fördert und verteilt 28.000 m³ Schotter am Oberbecken Goldisthal,
Putzmeister-Post Nr. 44 Putzmeister AG, Aichtal, 2000
6.31 Florian Eichinger GmbH, Baugeräte (Baugerätekatalog 01/2003) Postfach
64, 92332 Berching
6.32 Werksunterlagen Liebherr, Werk Biberach
6.33 Berufgenossenschaften der Bauwirtschaft, Taschenbuch Sicherheit am
Bau, Ausgabe 1999, Abruf-Nr. 602
6.34 Werksunterlagen Peiner AG, Peine
6.35 Sonneberg, R.; Turmdrehkrane, Entwicklung und Tendenzen, beton H.
11/2002, VBT-Verlag, Düsseldorf
6.36 Werksunterlagen Aumund Förderbau GmbH, Rheinberg 1
6.37 Werksunterlagen Mannesmann Demag Fördertechnik, Wetter 1
390 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
6.38 Beitzel, H.; Wüst, G.; Der Kabelkran als wirtschaftliches Fördergerät im
Talsperrenbau, BMZ 5, Mai 1977, S. 340-344
6.39 Translift – Realisation; Beispiel: Betontransport beim Bau des größten
Staudammes der Welt, Werksunterlagen Translift, Grenzach – Wyhlen
6.40 Kurzinformation über den Betontransport in Itaipu, beton 5/1979, S. 155
6.41 Kreitmair; Der Bau der neuen Tutzinger Hütte, Hochbau 5/99
6.42 Betonpumpenlogistik am Ems-Sperrwerk, beton 9/2001, S. 506
6.43 K. E. V. Eckardstein, Pumpbeton und Betonpumpen, Handbuch für das
Pumpen von Beton, Schwing GmbH Herne, 2. Auflage 1983
6.44 Werksunterlagen Schwing/Stetter, Herne2/Memmingen
6.45 Werksunterlagen Putzmeister, Aichtal
6.46 Drees, G., Repmann, G.; Kennzahlen für den Einsatz von Turmdrehkranen
im Hochbau, BMT 10 Okt. 1977
6.47 Drees, G., Sommer, H., Eckert, G.; Zweckmäßiger Einsatz von Turmdreh-
kranen auf Hochbaustellen, BMT 12/1980, s. 822-843
6.48 Eichner, H.; Baumaschinen II, Vorlesungsskript Universität Dortmund, 3.
Auflage
6.49 Seeling, R.; Auswahl und Kombination der Hauptfördermittel auf Beton-
baustellen, BMT 1/1979, S. 21-22
6.50 Putzmeister Post Nr. 44, 2000 (aus 6.45)
6.51 Objektbericht Nr. 30, Schwing beim Kraftwerksbau in Brasilien: Beton mit
100 mm Größtkorn gepumpt, 1992 (aus [6.44])
6.52 Walz, K., Wischers G.; Über Aufgaben und Stand der Betontechnologie,
beton 10/1976, S. 403-408
6.53 Wacker-Werke München, Grundlagen der Betonverdichtung, Kap. 8, 3.
Aufl., 1998
6.54 Riesenber, W.; Abdichtung von Bauwerksfugen mit Fugenbändern, TIS
6/1989, S. 357-360
6.55 Freie Fahrt nach Hamburg-Fuhlsbüttel (Erweiterung des Krohnstiegtun-
nels, Deutsches Baublatt Nr. 240, 10/97
6.56 Putzmeister Anlagentechnik, Wetkret-Mobil WKM 102 und 103 (Spritzbe-
ton-Manipulatoren für den Tunnelbau – Spritzbüffel – ) aus [6.45] 2001
(PM 261-25 und PM 3058)
6.57 Breitenbücher, R.; Selbstverdichtender Beton, Chancen und Voraussetzun-
gen, beton 9/2001
6.58 Betonkalender, Richtlinien und Merkblätter des Deutschen Beton- und
Bautechnikvereins (Berlin), Zeitschrift beton u.ä.
6.59 Schmitt, R.; Die Schalungstechnik (Systeme, Einsatz und Logistik), Ernst
& Sohn Berlin 2001
6.60 Werksunterlagen PERI, Weißenhorn (Handbuch 2000 Schalung und Ge-
rüste sowie Handbuch 2002 Schalung und Handbuch 2002 Gerüste)
6.61 Runge, M.; Material- und Lohnleistungen bei Schalungsarbeiten im inter-
nationalen Wettbewerb in [6.63]
6.62 Muggenthaler, S.; Stoffleistungsverträge für Schalungsarbeiten in [6.63]
6.63 Schalungen und Gerüste, Tagung Baden-Baden, Okt. 1997, VDI-Gesell-
schaft Bautechnik Düsseldorf, VDI-Berichte: 1348, VDI-Verlag 1997
Literatur zu Kapitel 6 391
6.64 Thyssen Hünnebeck Schalung GmbH, Ratingen, Neue Messehalle Frank-
furt am Main 165 m freitragend, BW 7-8/2001, S. 62
6.65 Werksunterlagen Deutsche Doka Schalungstechnik Meisach (Doka-
Produkt- und Service-Katalog) Ausgabe 1998 und „Schalung aktuell“,
3 Ausgaben/Jahr
6.66 Werksunterlagen Thyssen Hünnebeck Ratingen, Perspektiven, Die Welt
des Bauens, Systems Services, Ausgabe 2001, Schalung und Gerüst
6.67 Hoffmann, F.H.; Grundlagen und Voraussetzungen für Schalungsqualitäten
bei Betonflächen und Anforderungen an das Aussehen in [6.63]
6.68 Ogniwek, D.; Zusammensetzung und Verarbeitung des Betons bei Beton-
flächen mit Anforderungen an das Aussehen – DBV-Merkblatt „Sichtbe-
ton“ 1997 in [6.63]
6.69 VDI; Tagungsbericht der VDI-Gesellschaft Bautechnik, Schalung und Rüs-
tung, Rationalisierungspotential im Ingenieurbau, VDI-Bericht 788, Düs-
seldorf 1989
6.70 Hoffmann, F.H.; Wirtschaftliche Schalverfahren durch Einflussnahme auf
die Planung, Referat aus [6.69]
6.71 Grupp, P.; Rahmenschalungen kranabhängig – großflächiger Einsatz auch
für Sichtbeton, Referat aus [6.69]
6.72 Werksunterlagen fdn Vertriebs- und Planungsgesellschaft, Georgsmarien-
hütte 2006
6.73 Baldauf, H., Timm, U.; Betonkonstruktionen im Tiefbau, Handbuch für
Beton-, Stahlbeton- und Spannbetonbau, Band 3, Berlin 1988
6.74 Bericht über die Tieferlegung einer Bundesbahnstrecke in Düsseldorf,
Werksunterlagen Holzmann, Frankfurt/Main 1982
6.75 Muckefuß, J. U.; Gleitschalung im Einsatz (MST Gleitschalung, MST-
BAU, Fussach Österreich) BMT 5/1995
6.76 Stationär-Verteilermast auf Gleitschalung, Putzmeister-Post Nr. 42, 1999
(PM 3058)
6.77 Schneller fertig als geplant, die Emirates Towers in Dubai, Deutsches Bau-
blatt Nr. 276, 10/2000
6.78 Werksunterlagen Layer (Gerüste)
6.79 DIN 4421, Traggerüste, Berechnung, Konstruktion und Ausführung
(08/82)
6.80 DIN 488, Betonstahl, Teil 1 (06/84) und 2 bis 7 (06/86)
6.81 Bertram, D.; Betonstahl, Verbindungselemente, Spannstahl, Beton-Kalen-
der 2001, Teil 1, Ernst & Sohn Berlin, S. 145-204
6.82 Werksunterlagen Suspa Spannbeton GmbH, Langenfeld/Rhld.
6.83 Beispiele von Vorspannbewehrung im konstruktiven Hochbau:
- Suspa-Report Parkpalette Technologiepark Raderborn
- Suspa-Report Parkdecks Centro Oberhausen
- Suspa-Report Behälter für die Gruppenkläranlage Wallmenroth-Muhlau
6.84 Schütt, K.; Entwicklung und Anwendung eines Spannglieds für extreme
Vorspannung, Beton- und Stahlbetonbau, H. 4/1991
6.85 Spannglieder für die Talbrücke Berbke [6.82]
392 6 Bauverfahren im Beton- und Stahlbetonbau
6.86 Krautwald, W., Thormälen, U., Schütt, K.; Talbrücke Berbke – Taktschie-
bebrücke mit externer Vorspannung, Sonderdruck aus Spannbetonbau in
der BRD 1987-1990, Deutscher Betonverein Wiesbaden, 1990
6.87 PECA – Verbundtechnik GmbH Dingolfing, Stemaform 3000, Ver-
schweißte Verbundsysteme mit Streckmetall und Bewehrung
6.88 Bamtec, Einbau von Flächenbewehrungen, das bauzentrum/spezial 6/2000,
Nr. 6043, S. 85
6.89 Meier, O., Marktübersicht Turmkrane, B + B 7/2006, S. 45
Nachtrag
Das Diagramm in Bild 6.121 enthält noch die frühere Bezeichnung der Konsis-
tenzklassen von Frischbeton (K1 bis K3). Die seit 2001 geltende neue DIN 1045,
Teil 2, enthält in ihren Tabellen 5 und 6 – hier in Bild 6.4 dargestellt – neue Be-
zeichnungen für diese Konsistenzbereiche. Durch einen Vergleich der Verdich-
tungsmaße aus Tabelle 5 mit den in Bild 6.121 ebenfalls eingetragenen Verdich-
tungsmaßen ergeben sich für die früheren Bezeichnungen K1 bis K3 angenähert
die neuen Bezeichnungen
F1 für steifen Beton,
F2 für plastischen Beton,
F3/F4 für weichen bis sehr weichen Beton.
7 Bauen mit Stahlbetonfertigteilen
7.1 Bedeutung und Aufgabe
In den Zeiten angespannter Baukonjunktur, vor allem während der Wiederaufbau-
phase der Nachkriegsjahre, wurde immer wieder versucht, die hochentwickelte
Fertigungstechnik der stationären Industrie sinngemäß auf die Bauproduktion zu
übertragen. Hohe Lohn- und Sozialkosten, der Mangel an qualifizierten Arbeits-
kräften, kurze Bauzeiten, hohe Qualitätsansprüche an die Bauvorhaben, der
Wunsch witterungsunabhängig fertigen zu können und der ständige Zwang des
Wettbewerbs zu weiterer Rationalisierung haben diese Entwicklung gefördert.
Im Hochbau waren es Typenbauten wie Industrie- und Lagerhallen, Büroge-
bäude, Krankenhäuser, Schulen, Universitätsbauten, Einkaufszentren und der
mehrgeschossige Wohnungsbau, die aus vorgefertigten Elementen errichtet wur-
den. Repräsentationsbauten (Kirchen, Museen, Theater) sowie anspruchsvolle Ein-
und Mehrfamilienhäuser sind für den Bau mit vorgefertigten Elementen weniger
geeignet, obwohl auch hier für einzelne Bauteile eine Typisierung und damit Se-
rienbildung möglich ist.
Im Ingenieurbau wird seit Jahrzehnten überall dort vorgefertigt, wo sich damit
signifikante Kostensenkungen gegenüber überkommenen Bauverfahren ergeben
bzw. aufgrund der Standortbedingungen die Errichtung eines Bauwerks dadurch
erst möglich wird. Sowohl im Grund- und Brückenbau, im Wasser- und Tunnel-
bau als auch im städtischen Ingenieurbau werden für anderweitig mit vertretbarem
Aufwand nicht lösbare Bauaufgaben Stahlbetonfertigteile verwendet. Der Bau von
Verkehrswegen über oder unter Flüssen, Hafenbecken und Meeresarmen ist häufig
nur unter Verwendung von Stahlbetonfertigteilen möglich. Im Großbrückenbau
waren es vor wenigen Jahren (1991-1995) die Unterbauten der Pylone, Ankerblö-
cke und Rampenpfeiler der Ostbrücke über den Großen Belt, mit deren Herstel-
lung und Positionierung der industrialisierte Stahlbetonfertigteilbau seine Leis-
tungsfähigkeit bewiesen hat. Diese Gründungskörper wurden in eigens dafür
hergestellten Trockendocks an der Küste fabrikmäßig hergestellt, dann 60 km weit
von Hochseeschleppern an ihren endgültigen Standort gezogen und dort in ihrer
exakten Position abgesetzt. Diese Fertigteile für die Rampenpfeiler wiegen bis zu
3.200 t, für die Pylone und Ankerblöcken 32.000 t bzw. 52.000 t [6.29].
Das größte schwimmende Bauwerk der Welt aus Stahl und Beton war 1997 die
600.000 t schwere Hibernia-Ölplattform. Dieses Ingenieurbauwerk hat 2 Bohrtür-
me und ist 224 m hoch. Es wurde an der Küste Neufundlands hergestellt, dann von
Schleppern 315 km in den Nordaltantik gezogen und in 80 m Tiefe auf den Mee-
resboden gesetzt [7.1].
© Springer Berlin Heidelberg 2007
H. Bauer, Baubetrieb,
DOI 10.1007/978-3-642-32533-5_7
394 7 Bauen mit Stahlbetonfertigteilen
Bauwerke dieser Größenordnung sind jedoch die Ausnahme. Die tägliche Pra-
xis des Stahlbeton-Fertigteilbaus ist nach wie vor die Herstellung von Bauelemen-
ten (Stützen, Unterzügen, Wänden und Decken, auch Köcherfundamenten) in ei-
nem (Beton-) Fertigteilwerk und ihre anschließende Montage auf der Baustelle.
Nach einer Untersuchung des Informations-Zentrums Beton von mehr als 1.300
Bauobjekten im Jahr 2002 liegt der Anteil der Fertigteile bei Wand- und Decken-
baustoffen von Betriebsgebäuden bei 32%, im Eigenheimbau bei 14% und bei
Mehrfamilienhäusern bei 17% [7.2].
Auch bei Mischbauweisen von Großobjekten im Hochbau (Hochhäusern,
Mehrzweckbauwerken für Sport-, Konzert-, Theater- und Show-Veranstaltungen),
die aus Stahl und Beton errichtet werden, kommen Stahlbetonfertigteile vor.
Die seit 1995 rückläufige Baukonjunktur hat aber auch dazu geführt, dass fir-
meneigene Beton-Fertigteilwerke geschlossen wurden.
Im übrigen hat die technische Entwicklung im Schalungsbau (Abschnitt 6) den
Wettbewerb zwischen Ortbetonbauten mit Elementschalungen und der Verwen-
dung von Stahlbetonfertigteilen verschärft.
Worin liegen nun die Vorteile, die die Bauwirtschaft und Bauunternehmungen
damals dazu bewegt haben, erhebliches Kapital in Fertigteilwerke und schweres
Montagegerät zu investieren und damit ein hohes Kapitalrisiko einzugehen ?
7.2 Teilvorgänge im Fertigteilbau
Beim Bauen mit vorgefertigten Stahlbetonelementen sind drei Herstellungsphasen
zu unterscheiden [7.3]:
− die Vorbereitung,
− die Produktion (Herstellung im Werk), wobei zwischen stationären Werken und
Feldfabriken zu unterscheiden ist, die am Verwendungsort der Fertigteile oder
in dessen Nähe errichtet werden,
− die Montage.
Die Vorbereitung (1. Phase) umfasst das Erstellen der für die Produktion erfor-
derlichen technischen Planunterlagen. Dazu gehören
− die statische Berechnung,
− Schalpläne,
− Bewehrungspläne,
− Vorspannprotokolle,
− Stücklisten für Stahl und Einbauteile,
− Mengenermittlungen.
Diese Planunterlagen werden entweder vom technischen Büro der Fertigteil-
werke oder von Ingenieurbüros angefertigt.
Die Produktion (2. Phase) gliedert sich in drei Abschnitte (Bild 7.1).
Der erste Abschnitt (Arbeiten der Nebenbetriebe) umfasst:
7.2 Teilvorgänge im Fertigteilbau 395
Bild 7.1: Abschnitte der Produktionsphase im Stahlbeton-Fertigteilbau [7.3]
− die Beschaffung oder Anfertigung der Schalungselemente,
− die Beschaffung oder Anfertigung der Einbauteile,
− die Vorfertigung der Bewehrung,
− das Herstellen des Betons.
Zum zweiten Abschnitt (Arbeiten an der Fertigungsstelle) zählen
− der Zusammenbau der Schalung (Form),
− das Einbringen der Bewehrung,
− das Einsetzen der Einbauteile,
− das Einziehen und Anspannen der Spanndrähte,
− das Einbringen, Rütteln und Glätten des Betons,
− eine eventuelle Wärmebehandlung,
− das Ausschalen und das Trennen der Spanndrähte,
− der Transport der Fertigteile (Bauteile) aus der Werkshalle.
Der dritte Fertigungsabschnitt (Nacharbeiten, Einlagern) besteht aus
− Oberflächenbehandlungen (Waschen, Sandstrahlen u.ä.)
− der Qualitätskontrolle,
− Nacharbeiten (Ausbesserungen) und
− der Einlagerung auf dem Lagerplatz.
Bei der dritten, der Montagephase, sind
− der Transport zur Baustelle und
− die Montage
zu unterscheiden.
396 7 Bauen mit Stahlbetonfertigteilen
Analog zur Herstellung eines Bauwerks in Ortbeton sind bei der Herstellung
von Stahlbetonfertigteilen somit ebenfalls Formenbau (Schalung), Bewehrung und
Betonieren zu unterscheiden. Dazu kommt zum schnelleren Ausschalen häufig ei-
ne Wärmebehandlung.
Bei der Großtafelfertigung im Wohnungsbau laufen in der Produktionsphase
bspw. folgende Arbeitsgänge nacheinander ab:
1. Vorbereiten der Schalung (Reinigen, Zusammensetzen, Einsprühen),
2. Einbau von Aussparungen und Verlegen von Leerrohren für die Elektroinstalla-
tion,
3. Einsetzen der vorbereiteten Bewehrung,
4. Einbringen und Verdichten des Betons auf dem Rütteltisch,
5. Erhärten bzw. Wärmebehandlung,
6. Ausschalen, Abheben, Transport aus der Halle,
7. Endkontrolle,
8. Lagern.
Die Formen werden für Serienelemente aus Stahl, für Kleinserien aus Holz o-
der Kunststoff hergestellt.
Der Beton wird, um ständig in der gewünschten Qualität verfügbar zu sein, in
einer eigenen Mischanlage hergestellt und in Kübeln mit Staplern, Hängebahnen
oder Brückenlaufkränen zur Einbaustelle transportiert.
Durch Vorfertigung der Formen und der Bewehrung sowie durch Wärmebe-
handlung nach dem Betonieren wird für das Herstellen der Stahlbetonfertigteile
ein Tages- oder Halbtagestakt angestrebt.
Mehrschalige Wandelemente werden horizontal auf Kipptischen gefertigt, die
zum Abheben hydraulisch in eine steile Schräglage hochgeklappt werden.
Großflächige einschalige Wandplatten werden in Batterieschalungen herge-
stellt, wobei gleichzeitig mehrere gleichartige Elemente stehend gefertigt werden
können.
Für tragende Bauteile größerer Spannweite (Unterzüge, Hallenbinder) werden
besondere Spannbahnen (Pisten) eingerichtet. Die Spanndrähte bzw. Litzen wer-
den vor dem Betonieren vorgespannt (direkter Verbund).
Für alle Transportvorgänge und zum Lagern der Fertigteile werden Hebezeuge
eingesetzt. In der Fertigungshalle sind das i.d.R. Brückenlaufkräne, außerhalb Por-
talkräne, soweit nicht die Kranbahn über die Halle hinaus auch den Lagerplatz be-
streicht.
Die Teilvorgänge und der Arbeitsablauf im Stahlbeton-Fertigteilbau sind in der
Literatur ausführlich beschrieben [7.3-7.6], weshalb ich nur kurz darauf eingehe.
Sie gehen aus Bild 7.2 und Bild 7.3 hervor.
7.2 Teilvorgänge im Fertigteilbau 397
Bild 7.2: Einzelheiten zur Produktion in Stahlbeton-Fertigteilwerken [7.4]
398 7 Bauen mit Stahlbetonfertigteilen
Bild 7.3.1: Arbeitsgänge und -stufen bei Standfertigung [7.4]
Bild 7.3.2: Fließfertigung im Kreislaufsystem [7.3]
Bild 7.3.3: Fließfertigung mit Zwischenlager [7.3]
Bild 7.3: Arbeitsablauf bei der Herstellung von Stahlbeton-Fertigteilen
7.3 Vorteile und Voraussetzungen der Stahlbetonfertigteilbauweise 399
7.3 Vorteile und Voraussetzungen der Stahlbeton-
fertigteilbauweise
Gegenüber konventionellem Bauen weist die Vorfertigung von Stahlbetonfertig-
teilen in stationären Werken oder Feldfabriken folgende Vorteile auf:
− Senkung der Lohnkosten
− Verkürzung der Bauzeit durch Vorfertigung der Elemente im stationären Be-
trieb
− Gleichbleibende Qualität
− Hohe Maßgenauigkeit
− Weitgehende Witterungsunabhängigkeit.
Die Verkürzung der Bauzeit ergibt sich aus der Entkopplung der Elementferti-
gung aus dem Arbeitsablauf gegenüber Ortbeton. Während die Baugrube ausge-
hoben und gesichert wird und die Fundamente hergestellt werden, produziert ein
Fertigteilwerk bereits Stützen, Unterzüge usw. Auch bei Großprojekten wird die-
ses allgemeine Prinzip zur Reduzierung der Bauzeit angewendet [7.7].
„Die Praxis zeigt, dass die genannten und eventuell noch weitere Vorteile des
Fertigteilbaus sich nicht automatisch einstellen. Vielmehr garantieren nur einge-
spielte Teams in Planung, Arbeitsvorbereitung, Herstellung der Fertigteile und
Montage, dass die angestrebten Ziele auch erreicht werden.“ [7.8].
Im einzelnen ergeben sich diese Vorteile aus folgenden Merkmalen [7.9]:
7.3.1 Fabrikmäßige Fertigung
Beim konventionellen Stahl- oder Spannbetonbau müssen Bau- und Bauhilfsstoffe
zum Bauwerk gebracht und dort verarbeitet werden. Außerdem ist die Baustellen-
einrichtung, die „wandernde Fabrik“, auf und abzubauen. Der Arbeitsablauf erfor-
dert ständiges Anpassen an die örtlichen Umstände der Baustelle, wozu häufig
aufwendige Rüstungen gehören.
Im Gegensatz dazu können in einem stationären Werk alle Vorteile einer fab-
rikmäßigen Fertigung ausgenützt, d.h. die herzustellenden Bauteile in die be-
quemste Lage, gewissermaßen auf die Werkbank, genommen werden. Der Ar-
beitsablauf kann dadurch weitgehend entstört und rationalisiert werden, ist
außerdem frei von Witterungseinflüssen und ermöglicht kontinuierlichen Betrieb
(keine Winterpause).
Diese Möglichkeiten der Rationalisierung des Arbeitsablaufes im stationären
Werk kommen jedoch erst voll zum Tragen, wenn zwei weitere Voraussetzungen
für eine optimale stationäre Fertigung erfüllt werden können. Dies sind Serienfer-
tigung und genormte Bauteile.
7.3.2 Serienfertigung
Bei der Forderung nach Serienproduktion wird häufig angenommen, dass Vorfer-
tigung nur bei großen Bauvorhaben angewendet werden kann. Dabei wird überse-
400 7 Bauen mit Stahlbetonfertigteilen
hen, dass sie verschiedene Möglichkeiten bietet, um zu größeren Serien im Ar-
beitsablauf zu kommen.
1. Die Elemente können in beliebiger zeitlicher Reihenfolge hergestellt werden.
2. Die Elemente lassen sich auch über größere Entfernungen (wirtschaftlich bis zu
etwa 200 km z. Tl. auch weiter) transportieren. Dadurch können gleichartige
Elemente für verschiedene Bauwerke in einer Serie zusammengefasst werden.
Die Grenze wird jeweils durch die Bauteilabmessungen beim Transport über
öffentliche Straßen und die Eisenbahn und die Transportkosten gezogen.
3. Eine weitere Vereinfachung besteht darin, dass Stützen und Wände durch Dre-
hen "auf der Werkbank" in horizontaler Lage und dadurch wesentlich einfacher
als auf der Baustelle hergestellt werden können.
Der zeitliche Freiheitsgrad nach 1. erlaubt vor allem, dass Bauteile, die auf der
Baustelle in einer bestimmten Reihenfolge hergestellt werden müssen, hinterein-
ander als Serie hergestellt werden können. Voraussetzung sind die rechtzeitige
Ausführungsplanung und ein entsprechend großer Lagerplatz im Fertigteilwerk.
7.3.3 Normung durch Kombination
Eine weitere Voraussetzung für industrielle, kostengünstige Fertigung wäre eine
gewisse Normung der Querschnitte und Abmessungen der Bauteile.
Damit hätten Bauherrn bzw. ihre Architekten und Ingenieure die Möglichkeit,
aus einem Normenkatalog die gewünschten Bauteile auszusuchen, was im Werk
zu einer größeren Stückzahl einzelner Elemente führen würde. Ansätze hierfür
liegen vor [7.9-7.12].
Diese Normung von Bauteilen hätte vor allem den Vorteil, dass die aufwendi-
gen Schalungen (Formen) entsprechend oft eingesetzt werden könnten.
7.3.4 Anwendung der Spannbett-Technik
Die Vorfertigung bietet die Möglichkeit, vorgespannte Stahlbetonfertigteile im
Spannbett herzustellen. Dabei entfallen gegenüber der Vorspannung auf der Bau-
stelle alle verlorenen Verankerungen, die Hüllrohre und die Injektionsarbeiten.
Außerdem steigen die Kosten des Vorspanndrahtes (Litzen) nicht linear mit seiner
höheren Festigkeit an.
7.3.5 Werkbeton
Die Herstellung des Betons im stationären Werk ist zwar nicht wesentlich billiger
als auf der Baustelle, man hat aber die Möglichkeit, mit demselben Aufwand eine
höhere Betonqualität zu erzielen. Die Ursachen hierfür sind
− alle Betonkomponenten stammen von permanenten Quellen und können im ei-
genen Labor sorgfältig untersucht und optimal zusammengesetzt werden,
7.4 Wirtschaftlichkeit im Stahlbetonfertigteilbau 401
− der Aufbereitungs-, Verarbeitungs- und Abbindeprozess kann den Zufälligkei-
ten der Witterung entzogen werden,
− die Betonverdichtung lässt sich mit hochfrequenten Schalungsrüttlern erheblich
steigern, so dass praktisch trockene Betonmischungen noch verarbeitet werden
können,
− die Qualitätsüberwachung lässt sich im stationären Werk straffer organisieren
und konsequenter durchführen als auf der Baustelle.
Der letztgenannte Effekt kann auch bei Betonlieferung durch ein Transportbe-
tonwerk erreicht werden.
Durch die gleichmäßigere Festigkeit und die höheren Betonfestigkeiten können
vorgefertigte Elemente leichter ausfallen als bei der Herstellung in Ortbeton.
7.3.6 Differenzierte Formgebung
Eine größere Stückzahl an Elementen erlaubt den Einsatz sorgfältig gearbeiteter
Schalungen, die durch differenzierte Formgebung den Baustoff besser auszunüt-
zen gestatten als dies in Ortbeton möglich ist (kleine Querschnitte können durch
die intensive Vibration auch bei enger Bewehrung noch einwandfrei hergestellt
werden). Die bei größerer Serie mögliche Verwendung von Stahlformen führt au-
ßerdem zu einer hohen Maßgenauigkeit bzw. engeren Toleranzgrenzen.
Bei diesem Punkt ist inzwischen an die Verwendung sich selbst verdichtenden
Betons zu denken, der eine Verdichtung erübrigt [6.57].
7.4 Wirtschaftlichkeit im Stahlbetonfertigteilbau
Die wesentlichen Kostenelemente eines am Ort betonierten und vorgefertigten
Bauteils gehen aus Tabelle 28 hervor.
Bei beiden Herstellverfahren sind jeweils der Arbeitsaufwand und die Stoffkos-
ten für die Teilvorgänge Schalung und Rüstung, Bewehren und Betonieren zu un-
terscheiden. Bei der Vorfertigung entfällt die Rüstung, dafür kommen Transport
und Montage der Fertigteile dazu.
Derart pauschal ist ein Kostenvergleich der einzelnen Teilvorgänge beider Ver-
fahren jedoch nicht möglich. Bei Vorfertigung ist der Arbeitsaufwand sowohl für
das Schalen als auch das Bewehren und Betonieren geringer als bei Ortbeton, da
die Elemente im Werk in bequemer Lage hergestellt werden können. Bei den
Stützen entfällt außerdem eine Schalungsseite, bei Wänden die zweite Wandscha-
lung. Der Schalungsbau ist einfacher als auf der Baustelle. Die Bewehrung lässt
sich im Werk besser vorfertigen und als Korb in die Form einsetzen als auf der
Baustelle. Durch diese Möglichkeiten reduzieren sich gegenüber Ortbeton die
Lohnkosten.
Bei den Stoffkosten ist die Schalung (Form) teurer, wenn sie aus Stahl gefertigt
wird; diese Schalungskosten sinken jedoch mit zunehmender Einsatzhäufigkeit.
Die Bewehrung kann durch Anwendung der Vorspannung kostengünstiger wer-
402 7 Bauen mit Stahlbetonfertigteilen
den. Wo dies nicht möglich ist, ist sie aufwendiger als bei Ortbeton, da bei Fertig-
teilelementen häufig keine Durchlaufwirkung zum Tragen kommt [7.13].
Investitions- und Arbeitskosten für die Rüstung entfallen, dafür kommen
Transport und Montagekosten hinzu. Die Transportkosten werden reduziert, wenn
beim Vergleich zwischen Ortbeton und Vorfertigung der Umstand zu Buche
schlägt, dass bei Ortbeton die Betonzuschläge und der Zement auf dem gleichen
Weg transportiert werden müssen wie die vorgefertigten Elemente.
Tabelle 28: Gegenüberstellung der wichtigsten Kostenträger eines am Ort betonierten und
vorfabrizierten Bauteils [7.9]
7.5 Fertigungsverfahren
Die Herstellung von Stahlbeton-Fertigteilen im Werk ist grundsätzlich in Stand-
und Fließfertigung möglich ([7.3-7.5, 7.14], Bild 7.3).
Bei Standfertigung (Bild 7.3.1) werden alle Arbeitsgänge für ein Element am
gleichen Ort vollzogen. Die verschiedenen Arbeitskolonnen wandern von Ferti-
gungs- zu Fertigungsstelle (Schalungsstandort).
Ein besonderes Standverfahren ist die Herstellung von vorgespannten Fertigtei-
len mit direktem Verbund im Spannbett.
Im Gegensatz dazu werden bei Umlauf- bzw. Fließfertigung die Formen im
Takt von Arbeitsstation zu Arbeitsstation bewegt (Bild 7.3.2 und 7.3.3).
Einen Sonderfall der Fließfertigung bildet der Einsatz von Gleitschalungsferti-
gern, bspw. für das Herstellen von leichten Deckenträgern oder Hohldeckenele-
menten [6.72, 7.5, 7.15].
Der Stand der Technik war schon vor etwa 15 Jahren durch folgende Merkmale
gekennzeichnet [7.15]:
„Die Methoden der Werksfertigung haben sich in den vergangenen Jahren wei-
ter zu industrialisierten, d.h. mechanisierten Verfahren entwickelt. Dabei wird
großer Wert auf flexible Einrichtungen gelegt, da die Großserien vielfach der Ver-
gangenheit angehören.“
An industrialisierten Fertigungsmethoden für die Herstellung von konstruktiven
Betonfertigteilen im Hochbau werden im wesentlichen
7. 5 Fertigungsverfahren 403
− Umlauffertigung und
− Fertigung auf langen Bahnen
angewendet.
Beide Verfahren erfordern jedoch einen gewissen (kritischen) Mengenausstoß.
Beim Umlaufverfahren (Bild 7.3.2, 7.3.3, 7.4) werden die Elemente auf Palet-
ten oder Kipptischen durch das Werk von einem Arbeitsgang zum anderen auf
Rollenförderern oder Schiebebühnen befördert. Dieses System ist das typische
Verfahren für flächenhafte Elemente wie Wand- und Deckentafeln des Großtafel-
baus. Umlaufsysteme sind heute schon so ausgelegt, dass eine große Flexibilität
möglich ist.
Bild 7.4: Palettenumlaufanlage zur Herstellung von Gitterträgerdecken [7.15]
404 7 Bauen mit Stahlbetonfertigteilen
Die Fertigung im Umlaufsystem hat vor allem zwei wesentliche Vorteile:
− bessere Organisation des ganzen Produktionsablaufs. Die notwendigen Mate-
rialien können ohne innere Transporte bereit gestellt werden und der einzelne
Arbeiter verrichtet die gleiche Arbeit an der gleichen Stelle.
− reduzierte Anlagekosten, da die einzelnen Arbeitsgänge an dafür speziell einge-
richteten Stationen optimal durchgeführt werden können. Bspw. müssen die
Rüttler oder die Kipphydraulikausrüstung nur einmal, dafür aber komfortabler
ausgestattet, vorgehalten werden.
Neben dem üblichen horizontalen Umlauf mit Längsbändern und Querschiebe-
bühnen zur Wärmebehandlung in Härtekammern findet man mehr und mehr den
platzsparenden vertikalen Umlauf mit Längsbändern in einer oberen und unteren
Ebene, die mit Hub- und Absenkstationen verbunden sind.
Die eigentliche Fertigung erfolgt auf dem oberen Band, während die Nachbe-
handlung in tunnelartigen Bändern in der unteren Ebene durchgeführt wird.
Während schlaff bewehrte Deckenhohlplatten ausschließlich auf Paletten in
Umlauffertigung produziert werden, werden Spannbetonhohlplatten fast nur auf
langen Bahnen hergestellt. Dabei ist zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen
Fertigern zu unterscheiden:
− Der Gleitfertiger wird mit einer Winde wie eine Gleitschalung über die Ferti-
gungsbahn gezogen. Die aufgesetzte Beschickeinheit arbeitet mit drei Einfüll-
und Verdichtungsstufen (Bild 7.5.1). Die untere Maschineneinheit kann bei un-
terschiedlichen Querschnittsformen ausgewechselt werden.
− Der Extruder arbeitet nach dem Rückstoßprinzip (Bild 7.5.2). Er drückt sich an
dem von ihm gefertigten Betonstrang ab und schiebt sich damit selbsttätig vor.
Dabei wird ein sehr steifer Beton verarbeitet, der durch Schnecken in die pro-
filbildenden Zonen gepresst wird unter gleichzeitiger Anwendung von Hoch-
frequenzrüttlung. Der Beton erhält dadurch eine für das Verfahren nötige Früh-
standfestigkeit und eine hohe Endfestigkeit.
Die Produktion nach diesem Verfahren stellt auch heute noch einen hohen Me-
chanisierungsgrad im Betonfertigteilbau dar. Die Bahnen werden maschinell ge-
reinigt, die Spannlitzen automatisch verlegt und die Platten mit einer verfahrbaren
vollautomatischen Betonsäge voneinander getrennt. Mit diesem Verfahren wurden
z.B. 40.000 Deckenplatten für die Universität in Riyadh produziert.
Die eingesetzten Maschinen sind der Spezialliteratur zu entnehmen [7.16,
7.17].
7. 5 Fertigungsverfahren 405
Bild 7.5.1: Gleitfertiger
Bild 7.5.2: Extruder
Bild 7.5: Industrielle Produktionsprozesse für Hohlplatten [7.15]
„In langen Bahnen werden außerdem TT-Platten, T- und I-Binder sowie V-
Sheds hergestellt. Diese Bahnen sind dann meist mit Spannbahnen kombiniert.
Die Entwicklung geht hier zum hydraulischen bzw. elektromechanischen Verstel-
len der Schalung.“
Als Beispiel für flexible Schalungen (Formen) ist in Bild 7.6 ein stufenlos ver-
stellbares Randschalungssystem für Kipptische und Paletten dargestellt. Bild 7.7
zeigt eine in Längsrichtung verfahrbare Binderschalungsmaschine mit elektrisch
verstellbarer Seiten- und Obergurtschalung.
Inzwischen ist in Betonfertigteilwerken eine weitgehend automatisierte De-
cken- und Wandfertigung möglich. Im einzelnen werden hierfür von den Maschi-
nenherstellern angeboten:
− eine computerunterstützte Elementdeckenfertigung mit Palettenumlauf (Trans-
port und Palettenstapelung automatisch),
− eine Doppelwand- und Massivwandfertigung,
− eine Fassaden- und Stützenfertigung,
406 7 Bauen mit Stahlbetonfertigteilen
Bild 7.6: Stufenlos verstellbares Randschalungssystem für Kipptische und Paletten (Fa.
Avermann, [7.15])
Bild 7.7: In Längsrichtung verfahrbare Binderschalungsmaschine mit elektrisch verstellba-
rer Seiten- und Obergurtschalung (Fa. Gärtner, [7.15])
7.7 Transport 407
− eine automatisierte Hohldeckenfertigung,
− eine Ziegelelementfertigung für Wand- und Deckenelemente mit Palettenum-
lauf,
− Rohrtransportanlagen im automatischen Umlauf,
− Schwellenfertigungsanlagen im Umlauf und
− Tübbingfertigungsanlagen mit Formenumlauf und automatischem Transport
einschließlich Härtekammer (für den Untertagebau) [7.18].
Welche Verfahren im Einzelfall angewendet werden, hängt von mehreren Fak-
toren, vor allem vom Produktionsprogramm und der längerfristigen Auftragslage
ab. Es wird über einen kalkulatorischen Verfahrensvergleich ermittelt.
7.6 Anordnung und Ausrüstung von Fertigteilwerken
Stahlbetonfertigteile können in stationären Anlagen (Fertigteilwerken) oder unmit-
telbar an der Baustelle (Feldfabriken) hergestellt werden.
Stationäre Werke können entweder für ein bestimmtes Fabrikationsprogramm,
mit dem sie einen festen Abnehmerkreis beliefern oder für die Fertigung auf Be-
stellung eingerichtet werden. Ihre Lage hängt von der Entfernung zu den potentiel-
len Abnehmern ab, da die Transportentfernung die Kosten erheblich beeinflusst
[7.13]. Heute ist die zweite Variante die Regel. Die Werke haben sich durch aus-
gereifte Bausysteme und flexible Produktionseinrichtungen darauf eingestellt.
Feldfabriken sind auftragsgebunden und werden dort errichtet, wo in begrenzter
Zeit an einer Stelle eine große Anzahl von Fertigteilen hergestellt und montiert
werden muss, der Umfang des Bauvorhabens somit die Einrichtung rechtfertigt.
Sie haben den Vorteil kurzer Transportentfernungen. Ihre Ausstattung ist i.d.R.
mit geringeren Mitteln als für ein stationäres Werk möglich. Je nach Produktions-
umfang und qualitativen Anforderungen an die herzustellenden Elemente ist aber
auch das Gegenteil möglich [7.7].
Die strukturelle Anordnung der einzelnen Produktionsbereiche von Fertigteil-
werken in Grundriss und Schnitt geht aus Bild 7.8-7.11 hervor, Querschnitte aus
Bild 7.12. Die Hakenhöhe des Hallenkranes sollte nicht unter 8 m liegen.
7.7 Transport
Beim Transport sind innerbetrieblicher (im Werk) und außerbetrieblicher Trans-
port (vom Werk zur Baustelle) zu unterscheiden.
Auf Einzelheiten des innerbetrieblichen Transports gehe ich nicht weiter ein. Er
wird im Einzelfall durch den Materialfluss bestimmt (Bild 7.8-7.12).
Der außerbetriebliche Transport umfasst das Verbringen der Elemente vom
Werkslagerplatz zur Montagestelle.
Transporte sind stets ein erheblicher Kostenfaktor, auch beim Bauen mit Fertig-
teilen. Hierfür ist ein Lieferplan aufzustellen, der mit der Fertigung und Montage
408 7 Bauen mit Stahlbetonfertigteilen
abgestimmt ist. Dabei müssen das Transportmittel (LKW, Bahn) und der Trans-
portweg, i.d.R. öffentliche Straßen, unter Berücksichtigung von Durchfahrtshö-
hen, Belastbarkeit von Brücken und engen Kurven festgelegt und die Umlaufzeit
der Transportfahrzeuge ermittelt werden. Das Be- und Entladen hat so zügig zu er-
folgen, dass keine unnötigen Wartezeiten für die Fahrzeuge entstehen. Großele-
mente befördert man meist aufrechtstehend, Binder, TT-platten und Deckenele-
mente liegend auf Tiefladern.
Bild 7.8: Schema eines permanent installierten Vorfabrikationswerkes [7.9]
Bild 7.9: Anordnung der Hilfsbetriebe, Fertigung und Lagerung eines kleinen und größeren
Fertigteilwerkes
7.7 Transport 409
Bild 7.10: Fertigteilwerk für Betonfertigteile im Skelettbau [7.10]
Bild 7.11: Schema eines modernen Fertigteilwerkes in Bagdad/Irak (Feldfabrik, [7.19])
410 7 Bauen mit Stahlbetonfertigteilen
Bild 7.12: Querschnitte von Fertigteilwerken [7.14]
Ob an der Montagestelle ein Zwischenlager für Fertigteile anzulegen und damit
ein Puffer für unvorhergesehene Störungen im Transportablauf zu schaffen ist,
kann nur im Einzelfall anhand eines Kostenvergleichs entschieden werden.
Beim Transport und Lagern der Fertigteile ist darauf zu achten, dass diese stets
in sicherer Lage gehalten werden und keine unzulässigen Beanspruchungen
auftreten können.
7.8 Montage
Die horizontale oder vertikale Montage (Bild 7.13) hat genau nach einem Monta-
geplan unter Beachtung der Montageanweisung zu erfolgen. Sie ist gekennzeich-
net durch den Einsatz leistungsfähiger Hebezeuge. Diese müssen ein ruckfreies
Heben und Verfahren der Last gestatten (Feinhubwerk). Neben maximaler Ausla-
dung und größter Hakenhöhe als Kenngrößen für den Arbeitsbereich eines Kranes
wird die Leistungsfähigkeit durch das maximale Lastmoment bezeichnet. Die
7.8 Montage 411
Auswahl des richtigen Hebezeuges entscheidet über den störungsfreien Ablauf der
Montage.
Bild 7.13: Montagearten [7.15]
Zur Justierung der Elemente eignen sich Unterlagsplatten aus Stahl, Blei oder
Zink. Besonders schnell lassen sich Justierungen mit Schraubenbolzen vorneh-
men, die vor der Montage der Elemente auf Sollhöhe gebracht werden.
Nach Justierung und Sicherung mit Richtstützen und Montagestreben werden
die Befestigungsstellen mit Zementmörtel bzw. Beton vergossen. Soweit Fertigtei-
le demontierbar sein sollen, sind die Befestigungen ohne Verguss aus nichtrosten-
dem Material (Edelstahl) auszuführen. Der Vorteil ständiger Regulierbarkeit und
die Möglichkeit einer Demontage muss allerdings mit höheren Kosten erkauft
werden.
Zur Montage von Stahlbetonfertigteilen werden bei geringeren Gewichten
Turmdrehkrane, bei größeren vorwiegend Mobilkrane verwendet. Tragfähigkeit,
Reichweite und Hakenhöhe müssen jeweils dem Gewicht der einzubauenden Fer-
tigteile und dem Montagestandort des Hebegerätes angepasst sein. Um nicht sehr
große und damit teure Autokrane einsetzen zu müssen, wird versucht, mit minima-
ler Ausladung zu arbeiten. Das setzt voraus, dass die Montagestellen für die
schweren Geräte und die Transportfahrzeuge zugänglich sind (Baustraßen).
An Fahrzeugkranen stehen hinsichtlich Traglast, Ausladung und Hakenhöhe
und damit auch der Kosten Geräte in großer Bandbreite zur Verfügung (Tabelle 29
und Bild 7.14). Aus der Produktreihe dieses Herstellers (Liebherr) sind in Bild
7.15-7.18 auszugsweise die Arbeitsbereiche der Typen LTF 1030-3 und LTM
1080-1 in Abhängigkeit von Ballast und Auslegerspitze dargestellt. Die Hubge-
schwindigkeit dieser Fahrzeugkrane liegt stufenlos zwischen 0 und 130 m/min für
einfachen Strang, die Drehgeschwindigkeit liegt – ebenfalls stufenlos – zwischen
0 und 2,0 min-1.
Alle weiteren Einzelheiten über die aktuelle Ausstattung dieser Hochleis-
tungsgeräte zur Einsatzplanung von Fertigteilmontagen sind den ausführlichen
Produktinformationen des Herstellers zu entnehmen [7.20].
412 7 Bauen mit Stahlbetonfertigteilen
Tabelle 29: Mobil- und Autokrane – Übersicht [7.20]
7.8 Montage 413
Bild 7.14: Auslegersysteme
T = Teleskopausleger, V = Verlängerter Teleskopausleger, K = Klappspitze, F = Feste Git-
terspitze, N = Wippbare Gitterspitze, AY = Teleskopausleger abgespannt, L = Hauptausle-
ger leicht, S = Hauptausleger schwer, N = Wippbare Gitterspitze leicht, W = Wippbare Git-
terspitze schwer, D = Derrickausleger, B = Schwebeballast
Wenn die Baustelle bspw. wegen ihrer Ausdehnung das Anlegen befestigter
Fahrwege nicht zulässt, können Krane mit Raupenfahrwerk eingesetzt werden
(Tabelle 30 und Bild 7.19).
Zum Abschlagen der Lasten werden hydraulisch bewegte, straßenfahrbare Hub-
steiger (-bühnen) verwendet.
414 7 Bauen mit Stahlbetonfertigteilen
Transport und Montage von Fertigteilen werden häufig an Nachunternehmer
vergeben, jedoch sollte jedes Werk dafür über eine jederzeit verfügbare Mindest-
kapazität verfügen.
Bild 7.15: Autokran LTF 1030-3 (max. Traglast 30 t) [7.20]
7.8 Montage 415
Bild 7.16: Traglasten für LTF 1030-3, T 26 m, Klappspitze 14,4 m
416 7 Bauen mit Stahlbetonfertigteilen
Bild 7.17: Mobilkran LTM 1080-1 (max. Traglast 80 t) [7.20]
7.8 Montage 417
Bild 7.18: Traglasten für LTM 1080/1 mit 48 m Tele, 19 m Klappspitze
418 7 Bauen mit Stahlbetonfertigteilen
Tabelle 30: Kompaktkran, Mobilbaukran und Raupenkrane – Übersicht [7.20]
7.8 Montage 419
Bild 7.19: Auslegersysteme
T = Teleskopausleger, K = Klappspitze, TA = Teleskopturm mit wippbarem Ausleger, L =
Hauptausleger leicht, S = Hauptausleger schwer, F = Feste Gitterspitze leicht, V = Feste
Gitterspitze schwer, N = Wippbare Gitterspitze leicht, W = Wippbare Gitterspitze schwer,
D = Derrickausleger, B = Schwebeballast, BW = Ballastwagen
420 7 Bauen mit Stahlbetonfertigteilen
7.9 Fertigungsplanung
Wie bei anderen Bauvorhaben ist die Fertigungsplanung auch bei Vorfertigung der
zentrale Punkt rationeller Produktion. In einfacher Form wird hierfür die Auslas-
tung der Fertigungsplätze und Montagegeräte als Balkendiagramm dargestellt
(Bild 7.20). Genauere Verfahren sind in der Literatur genannt [7.3]. Dafür sind
Computerprogramme verfügbar.
Bild 7.20.1: ohne Berücksichtigung von Kapazitätsgrenzen
Bild 7.20.2: unter Berücksichtigung einer maximalen Kapazität der Fertigungsplätze
Bild 7.20: Belegungsplan im Fertigteilwerk [7.3]
Entwurf, Planung und Ausführung von Bauwerken aus Stahlbeton-Fertigteilen
sind – wie schon erwähnt – nur durch Zusammenarbeit aller an einem Bauvorha-
ben Beteiligten zu lösen [7.7]. Die konstruktive und organisatorische Durcharbei-
tung aller Einzelheiten der Konstruktion, Fertigung und Bauausführung (Transport
und Montage) in weitgehend industriellem Sinne erfordert eine wesentlich engere
Vor- und Zusammenarbeit aller Beteiligten als beim konventionellen Stahlbeton-
bau.
Dabei lassen sich folgende Teilvorgänge unterscheiden (siehe auch Abschnitt
7.2):
7.9 Fertigungsplanung 421
Vorbereitende Maßnahmen
− Wahl eines geeigneten Systems für das zu erstellende Gebäude (z.B. Stützen-,
Wandtafel-, Deckensystem) und eines möglichst symmetrischen Rasters in
Verbindung mit dem Innenausbau.
− Festlegung möglichst großer Stückzahlen gleicher Fertigteile unter Berücksich-
tigung der wirtschaftlichsten Abmessungen und des Höchstgewichtes.
− Wahl kostensparender Verbindungen (Minimum an Einbau- und Montagetei-
len).
− Beschreibung des Transport- und Montagevorganges mit statischem Nachweis
der Zwischenbauzustände.
− Aufstellung der Positionslisten mit Kurzbeschreibung.
− Festlegung des gesamten Fertigungs- und Montageablaufs, d.h. eingehende Ar-
beitsvorbereitung.
Im Rahmen der Arbeitsvorbereitung werden aufgrund der verfügbaren Produk-
tionszeit zunächst die Anzahl der Grundschalungen und daraus die Terminfolge
der Planlieferung festgelegt. Die Produktionsfläche wird in einzelne Fertigungs-
plätze aufgeteilt. Für jede Fertigteilposition werden Produktionsplatz und -tag be-
stimmt.
Die Terminkontrolle dann hat zu gewährleisten, dass spätestens eine Woche vor
dem jeweiligen Produktionstag der vom Prüfingenieur freigegebene Fertigungs-
plan vorliegt [7.21].
Die Montagestandorte der Hebezeuge werden ebenfalls im Rahmen der Ar-
beitsvorbereitung in einem Baustelleneinrichtungsplan festgelegt (Bild 7.21).
Bild 7.21: Baustelleneinrichtungsplan (Ausschnitt) [7.21]
422 7 Bauen mit Stahlbetonfertigteilen
Fertigung und Montage
− Vorarbeiten an der Baustelle (Einmessen des Gebäudes, Erdarbeiten, Entwässe-
rungsarbeiten, Fundamente, ggf. Ortbetonkern, Baustraße),
− Herstellen der Fertigteile nach genauem Ablauf- und Belegungsplan der ver-
fügbaren Fertigungsflächen, (i.d.R. weitgehend zeitgleich mit den Vorarbeiten
an der Baustelle),
− Transport, ggf. Zwischenlagerung (wenn möglich jedoch „just in time“),
− Montage lt. Montageplan sowie die
− Verguss- und Nacharbeiten.
Die kurzen Ausführungszeiten – ein wesentlicher Vorteil – bedingen eine sorg-
fältige Planung und den erforderlichen Vorlauf für Arbeitsvorbereitung und Her-
stellung der Elemente. Nach der Freigabe der Ausführungspläne zur Produktion
im Werk sind Planänderungen, wenn überhaupt noch möglich, mit hohen Kosten
verbunden.
Ein Schema der Fertigung und Montage eines Skelettbaus aus Stahlbetonfertig-
teilen ist in Tabelle 31 dargestellt.
Tabelle 31: Zeitplan für Fertigung, Transport und Montage eines Skelettbaus aus Stahlbe-
tonfertigteilen [7.10]
7.11 Zusammenfassung und Beispiele 423
7.10 Sicherheit im Fertigteilbau
Im Rahmen der Arbeitssicherheit sind vor allem die Lastanschlüsse (ausreichende
Bemessung und Verankerung der Stahlschlaufen bzw. Aufhängevorrichtungen),
die Standsicherheit der Elemente im Montagezustand (Alu-Justierstützen,, Hilfs-
und Montageverbände, Abspannungen) sowie die Verwendung von Höhensiche-
rungsgeräten für die Mannschaft (Absturzsicherungen, Anseilen, mobile Arbeits-
bühnen) von Bedeutung.
Für die Montage jedes Fertigteiltyps muss an der Baustelle eine Montagean-
weisung vorhanden sein, in der die Art des Anschlagens an den Kranhaken, das
Transportieren, Abstützen im Einbauzustand, Befestigen und die endgültige Siche-
rung (z.B. Verguss) eindeutig beschrieben ist. Dabei sind die einzelnen Tätigkei-
ten der Montagekolonne zu nennen und die Sicherungsmaßnahmen für die Ar-
beitskräfte (z.B. Verwendung von Haltegurten) vorzuschreiben. Derartige Mon-
tageanweisungen werden von den Berufsgenossenschaften verlangt (SiGe-Plan).
Beim Anschlagen von Fertigteilen muss Schrägzug vermieden werden.
Für die Befestigung von Stützen-, Wand- und Fassadenelementen während des
Montagevorgangs werden die o.g. Justierstützen benutzt. Diese haben am Kopf-
und Fußpunkt drehbare Platten, sind in der Länge regulierbar und zur Aufnahme
von Zug- und Druckkräften geeignet (siehe Abschnitt 7.11, Beispiele).
Bei den Montagearbeiten sind ebenfalls die Auflagen der Berufsgenossenschaf-
ten zu beachten [7.8, 7.22, (Sicherheitsplan)].
7.11 Zusammenfassung und Beispiele
Im Rahmen dieses Überblicks sollten Problematik, Möglichkeiten und Besonder-
heiten des Bauens mit Stahlbeton- und Spannbetonfertigteilen im Sinne rationeller
Bauproduktion dargestellt werden. Auf Planung, Entwurf und Konstruktion von
Fertigteilbauten und -elementen gehe ich nicht ein, hierzu sei auf die bereits ge-
nannte Literatur und die nachstehend aufgeführten Beispiele verwiesen. Sie zei-
gen, wie die gestellten Aufgaben mit Stahlbeton-Fertigteilen gelöst worden sind.
Sie zeigen aber auch, dass mit Stahlbetonfertigteilen architektonisch ansprechend
gebaut werden kann.
Über Kosten im Fertigteilbau finden sich Hinweise in der genannten Literatur
[7.9].
Wie die Beispiele zeigen, ist das Bauen mit Stahlbeton-Fertigteilen heute Stan-
dard. In der Regel entscheiden die Art der Bauaufgabe, die verfügbare Bauzeit und
die Kosten darüber, ob Bauwerke ganz oder zum Teil- in Mischbauweise – aus
Stahlbeton-Fertigteilen errichtet werden.
Abschließend sei noch erwähnt, dass seit einigen Jahren bei größeren Bauvor-
haben die Stahlverbundbauweise mit dem Stahlbetonfertigteilbau konkurriert
[7.23].
An eindrucksvollen oder typischen Beispielen aus dem Stahlbetonfertigteilbau
seien auszugsweise erwähnt (chronologisch geordnet):
424 7 Bauen mit Stahlbetonfertigteilen
1. Flexible Spannbett-Schalung, B + B 4/2003, S. 56
2. Eurex-60-Stützen für einfache Montage der Beton-Fertigteile (beim Neubau
des Bochumer Kongress- und Veranstaltungszentrums) B + B 10/2002, S. 56
3. Moderne Sportarena für Leipzig, über 6.000 Betonfertigteile für Stützen, Trä-
ger, Treppen und Sitzplatzelementen, Baustelle 6/2002, S. 5 (Fertigteilpuzzle
auf „Silberstützen“)
4. Taiwans schneller Zug (Fertigteilbrücken für die 345 km lange Bahnstrecke
zwischen Taiwans Hauptstadt Taipeh und der Industriestadt Kaohsiung), Bil-
finger Berger Magazin 02/2002, S. 6
5. Die Tombia Bridge in Nigeria, in 4, S. 29
6. Die Ringstraße Abuja, standardisierter Brückentyp für 18 Straßen-Brücken in
27 km Straße (Kombination von vorgespannten Fertigteilen und Ortbeton), in
4, S. 34
7. Brux, G.; Einschaliger Tunnelausbau mit Stahlbetontübbingen (mit weiterfüh-
renden Literaturangaben), BW 6/2000
8. Brockmann, Ch., Rogendorfer, H., Industrialisierter Brückenbau, Das Fertig-
teilwerk Bang Po, Thailand, BW 3/2000, S. 50
9. Wenn von der Fassadenschalung der Baufortschritt abhängt – doka-Schalung
aktuell – 1/2000
10. Stenzel, G., Oefele, M.; Einsatz von Fertigteilen für die Neue Lackieranlage
der AUDI AG in Ingolstadt, Vorträge Betontag 1999, Ernst & Sohn Berlin
2000, S. 365
11. Homes, J.; Neubau des Zwischenlagers Nord als zentraler Baustein des Ent-
sorgungskonzeptes der Energiewerke Nord (Kombination von Ortbeton und
Fertigteilen, Vorträge Betontag, 1999, Ernst & Sohn Berlin 2000, S. 557
12. Zell S.; Die Stahlbetontübbings für die 4. Röhre des Elbtunnels - Besonderhei-
ten bei der Konstruktion und Herstellung, Vorträge Betontag 1999, Ernst &
Sohn Berlin 2000, S. 312 (Herstellung der 5,20 m langen, 2,00 m breiten und
0,70 m dicken Tübbings (G ~ 18 t) in Maschinenbaugenauigkeit)
13. Maßkonfektion statt Plattenbau, Deutsches Baublatt 251, 09/1998, S. 35
14. Verlängerung Flugsteig A (Terminal 1) des Flughafens Frankfurt am Main,
Mischbauweise mit Betonfertigteilen für Decken und Nebenunterzüge, BW
8/1998
15. Spektakuläre Wasserbaustelle, Großfertigteile für die Fischereihafenschleuse
Bremerhaven, Deutsches Baublatt 240, 10/1997
16. Mischbauweise für den Freizeitpark Centro in Oberhausen, Deutsches Bau-
blatt 237/238, 07/08/1997
17. Schneller und rationeller (Bauen mit Spannbeton-Hohlplattendecken), Deut-
sches Baublatt 236, 06/1997, S. 14
18. Acker, A.V.; Automated Produktion of Precast Architektural Elements, Struc-
tural Engineering International, 2/96, S. 113
Literatur zu Kapitel 7 425
Literatur zu Kapitel 7
7.1 Das größte schwimmende Bauwerk der Welt, DIE WELT, 30. Mai 1997,
S. 14
7.2 Betonfertigteile auf dem Vormarsch, beton 11/2002, S. 519
7.3 Kuhne, V.; Produktionsplanung in Fertigteilwerken auf der Grundlage der
Kostenoptimierung durch eine Dringlichkeitsfunktion, Wiesbden/Berlin
1972
7.4 Bernzott, E.; Grundsätze des Betriebs und der Planung von Fertigteilwer-
ken, Wiesbaden/Berlin, 1969
7.5 Weller, K.; Industrielles Bauen, Stuttagrt 1985 (Bd. 1) und 1989 (Bd. 2)
7.6 Nachts arbeitet der Beton alleine, Die Produktion von Fertigteilen bei der
imbau, Philipp Holzmann Journal, Heft 3/98, S. 14/15
7.7 Krumbach, G.; Der Bau der Öresundbrücke zwischen Dänemark und
Schweden, Vorträge Betontag 1999, Ernst & Sohn Berlin, 2000
7.8 Kammerer. H.; Fertigteilbau, Hochbau, Mitteilungsblatt der Bayer. Baube-
rufsgenossenschaft, 71/1983, S. 78-84
7.9 Basler, E.; Allgemeine Merkmale der Vorfabrikation, Techn. Forschungs-
und Beratungsstelle der Schweiz, Zementindustrie, Wildegg 1963
7.10 Rösel, W., Stöffler, I.; Beton – Fertigteile im Skelettbau, Fachvereinigung
Betonfertigteilbau im Bundesverband Deutsche Beton- und Fertigteilin-
dustrie, 1982
7.11 Brandt, Rösel, Schwerm, Stöffler; Beton-Fertigteile im Industrie-Hallen-
bau, Herausgeber wie [7.10], 1984
7.12 Koncz, T.; Bauen industrialisiert, Wiesbaden/Berlin, 1976
7.13 Olshausen, H.G.; Verfahrens- und Kostenvergleiche von Ortbeton mit Fer-
tigteil-System-Bauweisen, Diss. TU Braunschweig, 1977
7.14 Koncz, T.; Handbuch der Fertigteil-Bauweise, Band 1, Grundlagen, Wies-
baden/Berlin 1973
7.15 Steinle, A., Hahn, V.; Bauen mit Betonfertigteilen im Hochbau (Sonder-
druck aus dem Betonkalender 1988), Berlin 1988
7.16 Schwarz, S.; Praktische Hohlplattenproduktion unter 85 dB (A), Betonwerk
und Fertigteil-Technik (B + F) 1984, S. 807-813
7.17 Schwarz, S.; Moderne Maschinen und Anlagen zur Herstellung unter-
schiedlicher Deckenelemente, B + F 1985, S. 4-20 und 96-106
7.18 Werksunterlagen Vollert, Maschinenfabrik, Weinsberg (1992)
7.19 Koncz, T.; Industrialisierte Bauart für ein großes Bauvorhaben in Bag-
dad/Irak, Beton- Stahlbetonbau 1985, S. 42-45
7.20 Werksunterlagen Liebherr-Werk EHINGEN GmbH, 89582 Ehingen
7.21 Schmidt, W.; Fertigung und Montage der Bauvorhaben der AEG in Ulm,
Fertigteilforum 22/1989, S. 22-25
7.22 Jüngling; Eine bemerkenswerte Baustelle: Neubau Papierfabrik Plattling,
hochbau Mitteil.-blatt der Bayer. Bau-Berufsgenossenschaft 1988, S. 156-
158
7.23 Ring-Center II Berlin, Frankfurter Allee, Sondervorschlag Stahlverbund-
bauweise, Philipp Holzmann AG, Sonderdruck 02/98
8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
8.1 Vorbemerkungen
Eine weitere Gruppe von Bauvorgängen, deren Umfang in den letzten 30 Jahren
erheblich zugenommen hat, charakterisieren den Spezialtiefbau. Dazu gehören
− Tiefgründungen,
− der Baugrubenverbau (Baugrubensicherung),
− die Ankertechnik,
− die Grundwasserabsenkung,
− Abdichtungen,
− Injektion des Baugrundes,
− der Rohrvortrieb unter Tage.
Aus diesem weiten Bereich des Spezialtiefbaus gehe ich nachstehend nur auf
die Verfahren für das Herstellen von Baugrubenumschließungen im Trockenen
und im Grundwasser ein. Im Abschnitt 8.3.6 gebe ich noch einen Überblick über
Injektionen, Dichtwände und die in Bild 8.1 aufgeführten Sonderbauweisen zur
Baugrubensicherung. Darüber hinaus verweise ich auf die umfangreiche Spezialli-
teratur aus den letzten Jahren [8.1 bis 8.4] und die Werksunterlagen der Maschi-
nenhersteller.
8.2 Aufgabe und Möglichkeiten
In den vergangenen Jahren hat das Verlegen von innerstädtischen Verkehrsströ-
men unter die Erde (Schnell- und U-Bahnen, Hauptverkehrsstraßen) und die höhe-
re Nutzung der teuren Grundstücke in den Stadtzentren durch mehrere Unterge-
schosse (Tiefgaragen) zu einer Reihe von Bauverfahren für Baugrubenumschlie-
ßungen geführt.
In Gebieten dichter Bebauung ist es wegen des beengten Bauraums und zur
Aufrechterhaltung des Oberflächenverkehrs nicht möglich, Baugrubenböschungen
anzulegen. Die Herstellung steilgeneigter oder senkrechter Baugrubenumschlie-
ßungen ist dann eine weitere Teilgruppe von Bauvorgängen.
Häufig liegen auch Baugruben im Grundwasser. Wenn es zur Gründung eines
Bauwerks nicht temporär abgesenkt werden kann, muss die Baugrubenumschlie-
© Springer Berlin Heidelberg 2007
H. Bauer, Baubetrieb,
DOI 10.1007/978-3-642-32533-5_8
428 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
ßung – auch Baugrubensicherung genannt – wasserdicht sein, um das Wasser ab-
pumpen zu können. Zum Teil muss dafür die Baugrubensohle abgedichtet werden.
Nach den auftretenden Verformungen der Baugrubenwand unterscheidet man
biegeweichen Verbau, deformationsarmen Verbau und Sonderbauweisen (Bild
8.1). Welche Verbauart zu wählen ist, ergibt sich aus
− den Baugrundverhältnissen,
− den Grundwasserverhältnissen,
− der Nachbarbebauung,
− auftretenden Verkehrslasten und
− dem verfügbaren Arbeitsraum.
Bild 8.1: Baugrubensicherungsarten [8.5]
Ein biegeweicher Verbau kann überall dort angewendet werden, wo unmittel-
bar neben der Baugrube geringfügig auftretende Verformungen des Verbaus keine
Schäden an Nachbargebäuden, Leitungstrassen, Verkehrswegen oder anderen bau-
lichen Anlagen hervorrufen.
Ein deformationsarmer Verbau ist dagegen dort vorzusehen, wo die Verfor-
mungen (Setzungen) neben der Baugrube so gering wie möglich gehalten werden
müssen. Bohrpfahl- und Schlitzwände, aber auch Stahlspundwände können außer-
dem als tragende Konstruktionen in das spätere Bauwerk einbezogen werden. Die
Sonderbauweisen liegen im Verformungsverhalten etwa zwischen dem biegewei-
chen und dem deformationsarmen Verbau. Aufgelöste Elementwände haben sich
in bindigen Böden bewährt. In nichtbindigen Böden (Sand und Kies) mit einem
Schluffgehalt bis zu 20% können durch Injektionen unmittelbar neben oder unter
Gebäuden Bodenkörper auch so verfestigt werden, dass sowohl Erddruckkräfte als
auch vertikale Lasten abgetragen werden können [8.5].
Die wichtigsten Arten von Baugrubensicherungen nach Bild 8.1 sind
− Trägerbohlwände (Berliner Verbau),
− Spundwände,
− Bohrpfahlwände und
− Schlitzwände.
Wenn eine Kombination von Böschung und senkrechtem Verbau möglich ist,
wobei der geböschte Teil stets oberhalb des Grundwasserspiegels liegt, lassen sich
die Kosten der aufwendigen Baugrubensicherungen reduzieren (Bild 8.2).
8.3 Bauverfahren 429
Bild 8.2: Kombination von Bö-
schung und senkrechtem Verbau
[8.1]
8.3 Bauverfahren
8.3.1 Trägerbohlwand
Als wirtschaftlichste Lösung einer senkrechten Baugrubenwand gilt die Träger-
bohlwand (Bild 8.3). Sie besteht aus senkrechten Stahlträgern und einer Ausfa-
chung aus Rundholz, Kantholz oder Spritzbeton (Bild 8.4). Die Stahlprofilträger
Bild 8.3: Beispiel für eine Trägerbohlwand [8.3]
430 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
werden gerammt oder eingerüttelt. Wegen der je nach Bodenart mehr oder weni-
ger auftretenden Erschütterungen und der Lärmbelästigung sowie der Wahrschein-
lichkeit von Fehlrammungen bei nicht hinreichend bekanntem Baugrund (Fels-
bänke) werden bei größeren Baugrubentiefen die Träger in vorgebohrte Löcher
gestellt. Nach dem Einstellen eines Trägers wird der verbleibende Hohlraum mit
Granulatbeton o.ä. gefüllt. Beide Verfahren können auch so kombiniert werden,
dass erschütterungsempfindliche Böden zunächst mit oder ohne Verrohrung
durchbohrt werden. Dann erst werden die Stahlträger maßgenau gesetzt und auf
Solltiefe gerammt.
Trägerbohlwände sind nicht wasserdicht. Bei Grundwasserabsenkung können
sie jedoch auch für Baugruben ausgeführt werden, wenn der abgesenkte Grund-
wasserhorizont unter der Baugrubensohle liegt. Sie sind deshalb universell an-
wendbar und gehören zu den häufigsten Verbauarten.
Bild 8.4.1: Bohlträgerverbau mit Holzausfachung
Bild 8.4.2: Bohlträgerverbau mit senkrechter Ausfachung aus Kanaldielen
Bild 8.4.3: Ausfachung mit Ort- bzw. Spritzbeton
Bild 8.4: Ausfachungen [8.2]
8.3 Bauverfahren 431
Eine Spritzbetonausfachung (bewehrt oder unbewehrt) hat neben einer ausstei-
fenden Scheibenwirkung den Vorteil, dass der Kontakt zum dahinterliegenden
Erdreich lückenlos ist. Dadurch wird der Trägerverbau verformungsärmer.
Je nach den örtlichen Bedingungen (Baugrubenbreite) werden die Trägerbohl-
wände entweder gegeneinander ausgesteift (U-Bahn, Leitungsbau, Bild 8.5) oder
bei größeren Baugruben nach rückwärts verankert. An Stelle der Träger werden
dann Doppel-U-Profile verwendet und die Gurtungen entfallen (Bild 8.6). Die
rückwärtige Verankerung bietet den Vorteil, dass der Baubetrieb in der Baugrube
nicht durch Steifenlagen behindert wird. Sind Steifen unumgänglich – wobei stets
versucht werden sollte, mit möglichst wenig Steifenlagen und relativ großen Ab-
ständen auszukommen –, sind diese so anzuordnen, dass die Herstellung der Fun-
damente, Wandanschlüsse und der einzelnen Bauabschnitte ohne Umsteifen mög-
lich ist (Bild 8.7).
Bild 8.5: Anordnung der Steifen
Da die Steifen in der Regel wieder zurückgebaut werden, sollten sie nach Mög-
lichkeit nicht verschweißt werden. Im allgemeinen genügen angeschweißte La-
schen.
Bild 8.6: Bohlträger aus ][-Profilen
Bei der Herstellung einer Trägerbohlwand fallen folgende Arbeitsgänge an:
− Aufbrechen und Abtragen der Fahrbahndecke (ggf. zunächst nur als Bohr-
schlitz) bzw. Vorabtrag,
− Bohren der Löcher (soweit erforderlich mit Verrohrung, ggf. durch Meißelar-
beit),
− Einsetzen der Träger, Verfüllen der Bohrlöcher mit Zement-Sand-Gemisch,
Kalkmörtel oder Granulatbeton und Ziehen der Verrohrung (Bild 8.8),
432 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
− Baugrubenaushub mit gleichzeitigem Wandverbau bis etwa 0,40–1,00 m unter
die erste Steifen- (Anker-)lage (freie Wandhöhe je nach Bodenart max. 0,5–
1,0 m),
− Einbauen der ersten Steifenlage, bei Rückverankerung mit Injektionsankern
Bohren, Einbauen, Verpressen und nach Erhärten der Injektionsstrecke Vor-
spannen der ersten Ankerlage (Bild 8.9),
− Aushub und Wandverbau bis zur zweiten Steifen- (Anker-)lage usw.
Bild 8.7: Einbau und Rückbau von Steifenlagen [8.1]
8.3 Bauverfahren 433
Bild 8.8: Einbau der Träger in vorgebohrte Löcher [8.6]
434 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
Bei Rückverankerung der Wand wird der Aushub zunächst als vorauseilender
Schlitz rings um die Baugrube vorgenommen, um Zeit für das Erhärten der Injek-
tion und Vorspannen der Anker zu gewinnen. Dieser Schlitz ist so breit anzulegen,
dass das in Bild 8.9.1 dargestellte Ankerbohrgerät mit dem erforderlichen Arbeits-
raum parallel zur Wand fahrend eingesetzt werden kann. Das Prinzip eines Injek-
tionsankers ist in Bild 8.9.2 dargestellt.
Bild 8.9.1: Arbeitsphasen bei der Ankerherstellung [8.2]
8.3 Bauverfahren 435
Bild 8.9.2: Verpressanker
Bild 8.9: Verpressanker
Der Rückbau erfolgt (ebenfalls) parallel mit der Hinterfüllung des Bauwerks.
Abschließend können die Wandträger gezogen werden.
Wird die Holzverbohlung als verlorene Schalung verwendet, gegen die das
Bauwerk betoniert wird, so müssen die baugrubenseitigen Flansche der Träger mit
einem Schutzblech versehen oder mit Kunststoffwellplatten überzogen werden,
damit die Träger wiedergewinnbar sind (Bild 8.10 [8.1]).
Die Bohrungen für das Einstellen der Träger wurden zunächst mit Bagger-
anbaugeräten im Trockendrehbohrverfahren niedergebracht. Der an Seil- oder
Hydraulikbaggern als Trägergerät angebaute, höhenverstellbare Drehkopf wird an
einer Lafette geführt (Bild 8.11.1). Alle Arbeitsbewegungen der Bohreinrichtung
werden vom Antrieb des Trägergerätes betätigt und vom Geräteführer gesteuert.
436 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
Bild 8.10: Verbau als äußere verlorene Schalung [8.1]
Bild 8.11.1: Bauer-Drehbohrgerät auf
Sennebogen-Seilbagger-Grundgerät Typ
S 670 R-HD
8.3 Bauverfahren 437
Bild 8.11.2: Großdrehbohrgerät BG 20H (905.621.1 2/06)
Bild 8.11: Trockendrehbohrgeräte [8.7]
438 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
Die Bohreinrichtung für Trockendrehbohrungen besteht im Prinzip aus einer
Dreh-, Vorschub- und Führungsvorrichtung für die Bohrstange, an der auswech-
selbar verschiedene Bohrwerkzeuge (Schnecken, Schlammbüchsen, Meißel) sowie
Kopfstücke für Bohrrohre angebracht werden können. Beim Einbau einer Verroh-
rung kann damit das Bohrrohr gedreht und der für das Abteufen erforderliche An-
druck aufgebracht werden.
Inzwischen ist für Kelly- und weitere Bohrverfahren eine Reihe moderner
Bohrgeräte verfügbar. Mit dem Gerät BG 20H (Bild 8.11.2) sind bspw. Bohr-
durchmesser bis zu 1500 mm und Bohrtiefen bis zu 53,30 m zu erreichen. Die
Grenze wird jeweils durch das Drehmoment des Drehkopfes gezogen, das den
Spitzenwiderstand und die Mantelreibung des Bohrrohres überwinden muss.
Beim Ziehen der Verrohrung müssen zum Überwinden des Anfangswiderstan-
des besondere hydraulische Hubvorrichtungen eingesetzt werden, wenn die Gerä-
tezugkräfte dafür nicht hinreichen.
Die im Spezialtiefbau angewendeten Bohrverfahren und die bis vor einigen
Jahren dafür verfügbaren Maschinen und Geräte sind mit ihren Einsatzbereichen
in [8.2] dargestellt.
Weitere Bohrverfahren (Saug-, Lufthebe- und Rotarybohren) sind der Literatur
und Herstellerangaben zu entnehmen.
Die Schichtleistungen der Bohrgeräte für Träger- und Ankerbohrung hängen
vom anstehenden Boden (Lockergestein bis Fels), dem Grundwasserstand (Tro-
ckenbohrverfahren mit Schnecke schneller als Schlammförderung mit Büchse),
dem Bohrdurchmesser, der Bohrtiefe, vom Mitführen einer Verrohrung zum Stüt-
zen der Bohrlochwand bzw. von der Ankerlänge ab. Dazu kommen die Zeitspan-
nen für Rüstzeiten und das Umsetzen der Geräte. Allgemein gültige Leistungsan-
gaben sind wegen der großen Variationsbreite der Herstellungsbedingungen nicht
möglich. Aktuelle Angaben über erreichte Bohr- und Einbauleistungen mit Be-
schreibung der jeweiligen Arbeitsbedingungen sind daher von den Maschinenher-
stellern abzufragen, wenn sie aus deren Erfahrungsberichten nicht hervorgehen.
Am zuverlässigsten sind die Ergebnisse von Nachkalkulationen.
8.3.2 Spundwände
Stahlspundwände können waagerecht wirkenden Erd- und Wasserdruck sowie lot-
rechte Lasten aus Kranbahnen oder vertikalen Komponenten schräg angeordneter
Anker aufnehmen und in den Baugrund ableiten. Sie bilden eine wasserdichte
Baugrubenwand und werden hauptsächlich in gut rammbaren Böden bei hohem
Grundwasserstand eingesetzt, wenn die Standort- und Umweltbedingungen
Rammarbeiten zulassen.
Die Problematik des wirtschaftlichen Rammens von Stahlspundbohlen liegt in
der optimalen Abstimmung zwischen Rammgerät, Rammverfahren, Rammgut und
anstehendem Boden. Das Rammgut ist durch Profilquerschnitt, Länge und Ge-
wicht, der Boden durch seine bodenmechanischen Eigenschaften definiert (rollig,
bindig, gebrächer Fels; Kornverteilung, Lagerungsdichte, Steife, Grundwasser-
stand usw.). Aus der Gesamtheit der maßgebenden gerätebedingten und bodenab-
8.3 Bauverfahren 439
hängigen Einflussfaktoren resultiert der „dynamische Eindringwiderstand“ eines
Bodens, eine theoretische Größe, über die bislang keine allgemein gültigen Aus-
sagen vorliegen. Um jedoch Bestimmungsgrößen für die Einsatzdimensionierung
von Rammbären zu erhalten, wurden bereits vor etwa 30 Jahren Großversuche
durchgeführt [8.8].
Soweit für den Einzelfall keine Kennwerte vorlagen, konnte sich bis vor weni-
gen Jahren die Beurteilung einer Rammarbeit nur auf Hersteller- und Firmenerfah-
rungen stützen.
Häufig lassen wegen des auftretenden Lärms und möglicher Schwingungsüber-
tragung auf Gebäude die örtlichen Umstände den Einsatz langsam schlagender
Rammbäre, von Schnellschlaghämmern oder (älterer) Vibrationsrammen nicht zu.
Allerdings können Spundwände auch weitgehend lärm- und erschütterungsfrei in
den Boden gepresst werden, wenn auch mit erheblich höherem Aufwand.
Der aus den genannten Gründen resultierende Trend zu erschütterungs- und
lärmarmen Ramm- und Ziehverfahren und die wirtschaftliche Forderung nach u-
niverseller Einsatzmöglichkeit der Geräte, d.h. Rammen und Ziehen mit einem
Gerät, hat seit den 80-iger Jahren den Einsatzbereich eines Gerätetyps, der Vibra-
tionsramme, stetig erweitert. Zusätzlich wurde der Wirkungsgrad der erzeugten
Vibrationsenergie durch mäklergeführte Vibratoren erhöht (Bild 8.12).
Auch für Rammarbeiten sind neben Baggeranbaugeräten inzwischen moderne
Spezialgeräte verfügbar [8.9].
Das Einbringen von Stahlspundwänden mit Rammen, Vibrationsbären oder
verschiedenen Einpressverfahren bei fallweise erforderlicher Unterstützung durch
Vorbohren, Bodenaustausch, Spülhilfen oder Vorspaltsprengen ist in der Literatur
dargestellt. Dabei wird auf den Einfluss von Führungszangen für die Bohlen, auf
eine Mäklerführung des Rammgeräts und das gestaffelte Rammen besonders hin-
gewiesen (Bild 8.13, 8.14 [8.2]).
Neuerdings werden zum Einbringen von Spundbohlen dieselelektrisch oder
dieselhydraulisch angetriebene Vibrationsbären mit variablem statischen Moment
eingesetzt (Bild 8.15). Kenngrößen dieser Geräte sind eine stufenlos regelbare
Drehzahl und ein während des Betriebs verstellbares statisches Moment
(Schwingmoment). Diese Maschinen können dadurch resonanzfrei angefahren
werden. Erst nach Erreichen der vorgewählten Drehzahl werden die Umwuchten
verstellt und eingeregelt. Diese Möglichkeit, das statische Moment während des
Betriebes zu ändern, erlaubt es, sich sowohl den geologischen Verhältnissen als
auch den örtlichen Gegebenheiten optimal anzupassen. Damit hat man seit einigen
Jahren ein Instrument zur Hand, das sich sowohl auf die Umweltbelange als auch
auf ein wirtschaftliches Einbringen der Spundbohlen einstellen lässt.
440 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
Bild 8.12.1: Delmag-Mäkleranbausysteme – links: für Seilbagger – rechts: für Hydraulik-
bagger [8.2]
8.3 Bauverfahren 441
Bild 8.12.2: Teleskopmäkler –
Rammgerät RG 16T [8.9]
Bild 8.12: Rammvorrichtungen und -geräte
442 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
Bild 8.13: Führungszangen und Mäklerführungen [8.2]
Bild 8.14: Gestaffeltes Rammen [8.2]
8.3 Bauverfahren 443
Bild 8.15: Vibrations-Rammsystem: Typische Bauart [8.10]
Als Hilfsmittel zum Einbringen des Rammgutes (Einbringhilfen), d.h. Zusatz-
maßnahmen zur Unterstützung des Einbringens, werden auch hierfür
− Lockerungsbohrungen,
− Bohrungen mit Bodenaustausch,
− Spülhilfen (Nieder- und Hochdruckspülen) über Spüllanzen und
− Lockerungs- bzw. Vorspaltsprengen
genannt.
Ein weiterer wesentlicher Punkt ist der Einsatz der Mess- und Regeltechnik.
„Heute werden mit Hilfe von modernen Datenerfassungsgeräten die wichtigsten
Rütteldaten aufgezeichnet und ausgedruckt. Der Fahrer oder Operateur am Gerät
hat die Möglichkeit, alle diese Daten während des Arbeitsvorgangs zu beobachten
und für die Optimierung der Rammung einzusetzen.“ Durch Auswerten dieser
Rüttelprotokolle ist es möglich, an einem vorhandenen Bohrloch „die Geologie
rammtechnisch zu kalibrieren“ [8.10].
Hinsichtlich der beim Rammen auftretenden Erschütterungen und Schwingun-
gen ist es mit den erwähnten Hochfrequenzgeräten mit verstellbaren Momenten
und mit den notwendigen Rammhilfen ebenfalls möglich, in den Bereichen zu ar-
beiten, die die DIN 4150, Teil 2 und 3, als zulässig für Gebäude und Menschen
vorgibt [8.10, 8.12].
Eine weitere Variante der Spundwandtechnik ist seit einigen Jahren auch das
Einhängen einer Stahlspundwand in einen im Einphasenverfahren hergestellten
Dichtungsschlitz (Bild 8.16, 8.17). Wie Beispiele zeigen, können auf diese Weise
auch bei innerstädtischen Bauvorhaben und schwierigen Baugrundverhältnissen
Stahlspundwände mit Erfolg eingesetzt werden [8.14, 8.15].
444 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
Bild 8.16: Systemschnitt Verbauwand im Bereich „Friedrichstraße“ [8.14]
Bild 8.17: Kostenanteile von Einzelleistungen für Verbausysteme (Anteile in Prozent, be-
zogen auf das System Spundwand) [8.14]
Einzelheiten über Spundwandprofile, Rammen und Mäkler, Trägergeräte, Hin-
weise zur Rammtechnik und zum Ziehen der Spundbohlen, die einzuhaltenden Si-
cherheitsvorschriften sowie Leistungen von Ramm- und Ziehgeräten, sind der
Spezialliteratur und den einschlägigen Herstellerangaben zu entnehmen.
8.3 Bauverfahren 445
Ein Überblick über die Eignung verschiedener Böden für Ramm- und Vibrati-
onsverfahren geht aus Tabelle 32 hervor.
Tabelle 32: Rammeignung verschiedener Bodenarten [8.2]
Beispiele für Kostenberechnungen von Baugrubenumschließungen sind in [8.1]
aufgeführt.
Als Richtwert für das Rammen von 13 m langen Spundbohlen Larssen 24 für
eine 10 m tiefe Baugrube mit Diesel-Explosionsramme und einer Rammkolonne
von 3 Mann werden bspw. 0,7 h/Doppelbohle (1 m breit) genannt, d.s. 8h/(0,7
h/D.-Bohle) = 11 Doppelbohlen/Schicht.
Für das Ziehen mit Vibrationsbär wird der gleiche Aufwandswert angegeben.
Für einen abschließenden Überblick über den Stand der Spundwandtechnik am
Ende des vergangenen Jahrhunderts verweise ich auf nachstehende Literatur [8.16,
8.17].
8.3.3 Bohrpfahlwände
Bohrpfahlwände werden angewendet, wenn größere horizontale und/oder vertikale
Lasten abzutragen sind und wegen angrenzender Bebauung die Verformungen des
Verbaus klein bleiben müssen. Dabei sind
446 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
− aufgelöste,
− tangierende und
− überschnittene
Bohrpfahlwände zu unterscheiden (Bild 8.18).
Bild 8.18: Grundrisse von Bohrpfahlwänden [8.1]
Da sich Pfähle relativ genau herstellen lassen, werden Pfahlwände häufig als
Bestandteil des Bauwerks herangezogen.
Während aufgelöste und tangierende Wände nicht wasserrückhaltend sind,
kann die überschnittene Wand im Grundwasserbereich eingesetzt werden, wenn
der Grundwasserspiegel bei der späteren Baugrube nicht abgesenkt werden darf.
Das Herstellen einer Bohrpfahlwand, i.d.R. nur noch im Drehbohrverfahren,
besteht aus den nachstehenden Arbeitsgängen ([8.1, 8.2] und Bild 8.19):
− Herstellen einer Bohrschablone aus Beton,
− Abteufen der Bohrung und Aushub mit Schneckenbohrer oder Rohrgreifer (je
nach anstehendem Boden mit oder ohne Verrohrung),
− Meißeln von anstehendem Felserung (soweit erforderlich),
− Herstellen der Pfahlfußverbreitung (soweit erforderlich),
− Einstellen des Bewehrungskorbes,
− Betonieren des Pfahles mit Ziehen der Verrohrung, im Grundwasserbereich im
Kontraktorverfahren.
Bei der Herstellung einer überschnittenen Bohrpfahlwand werden zunächst die
unbewehrten Pfähle (1 – 3 – 5 usw.) gebohrt und betoniert. In den eben erst erhär-
teten Beton werden dann unter Verwendung von Bohrrohren und Schneidschuhen
die bewehrten Pfähle (2 – 4 – 6) überschnitten abgeteuft. Die im zweiten Durch-
gang hergestellten Pfähle erhalten eine Bewehrung nach statischen Erfordernissen
[8.2].
Bei Bohrpfählen mit Durchmessern bis zu 600 mm spricht man von VdW =
Vor-der-Wand-Pfählen. Sie werden zur Sicherung von unmittelbar an der Grund-
stücksgrenze stehenden Nachbargebäuden, also bei engen Platzverhältnissen bis
zu einer Tiefe von 15 m, gesetzt ([8.2, 8.18]; Bild 8.20).
Für die Herstellung größerer Pfahlbohrungen hinsichtlich Durchmesser und
Tiefe, in schweren Böden (große Mantelreibung), bei hoher Richtungsgenauigkeit,
wie sie für Pfahlwände gefordert wird, sowie für Schrägbohrungen werden bei den
im Bauwesen üblichen Teufen je nach Bodenart entweder Drehbohrgeräte oder
hydraulische, oszilierend arbeitende Verrohrungsmaschinen eingesetzt. Diese wer-
8.3 Bauverfahren 447
den ebenfalls als Baggeranbau- oder -zusatzgeräte gebaut (Bild 8.21). Mit Dreh-
bohrgeräten können verrohrte Bohrungen bis 300 cm ø auch in Böden mit hoher
Mantelreibung bis zu 80 m Tiefe niedergebracht werden [8.2, 8.19].
Phase 1
Bohrgerät in Position bringen, Bohrrohranfänger aufnehmen und mit dem Kraftdrehkopf so
weit wie möglich eindrehen.
Phase 2
Fördern des Bohrgutes mit Bohrschnecke bzw. Bohreimer und Nachsetzen der Bohrrohre,
evtl. Meißelarbeit.
Phase 3
Nach säubern der Bohrlochsohle mit Bohreimer (glatte Schneide ohne Schneide-Pilot) Ein-
setzen des Bewehrungskorbes.
Phase 4
Einbau des Betoniertrichters mit Führungsrohr bei trockener Bohrung, Einlassen der durch-
gehenden Betonierrohre für das Kontraktorverfahren, Betonieren des Bohrpfahls bei
gleichzeitigem Drehen, Ziehen und Abbauen der Bohrrohre.
Phase 5
Fertigstellung des Pfahles und nach Betonabbindung, Kappen des Pfahles auf Soll-Höhe.
Bild 8.19: Herstellen einer Bohrpfahlwand im Drehbohrverfahren [8.2]
448 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
Phase 1
Abteufen der Bohrung mit Doppelkopfanlage, Innenschnecke, Gestänge mit Bohrkrone o-
der Verdränger-Bohrschnecke bei kontinuierlicher Bohrgutförderung.
Phase 2
Bohren bis zur vorgesehenen Endtiefe
Phase 3
Schnecke bzw. Gestänge ausbauen, den Bewehrungskorb oder Tragglied in das Bohrrohr
einbauen.
Phase 4
Einbau des Betons und Ziehen des Bohrrohrs.
Phase 5
Fertiggestellter Pfahl, Kapparbeiten nach Freilegung des Pfahlkopfes.
Bild 8.20: Drehbohren im VdW-Verfahren [8.2]
Der Aushub für den herzustellenden Pfahl wird im Lockergestein durch Schne-
ckenbohrer oder Bohrgreifer vorgenommen, im Grundwasser auch mit der
Schlammbüchse. Fels muss i.d.R. durch Meißeln gelöst werden, die Förderung des
Bohrgutes geschieht wieder mit dem Bohrgreifer.
Neben Geräten dieser Art werden bei Pfahlbohrungen für das Niederbringen
der Mantelrohre auch Druckluftschwingen eingesetzt (Bild 8.22). Als zusätzliche
Hebezeuge für das Ansetzen der Rohre, das Abteufen, Bewehren und das Betonie-
ren sind Bagger oder Radlader beizustellen. Allerdings werden diese Geräte weni-
ger für Pfahlwände, sondern i.W. für das Herstellen von Großbohrpfählen bis zu
2,5 m ∅ und etwa 19 m Tiefe für Bauwerksgründungen eingesetzt.
Mit geneigten Bohrpfahlwänden können auch schwierige Gebäudeunterfan-
gungen sicher hergestellt werden.
Hinsichtlich aktueller Aufwandswerte bzw. Produktionsleistungen gilt das
Gleiche wie unter Abschnitt 8.3.2 (Spundwände) erwähnt.
8.3 Bauverfahren 449
Bild 8.21: Oszillierende Verrohrungsanlagen an Drehbohrgeräten [8.18] (Drehmoment von
450 bis 2780 kNm, Gewicht von 3,7 bis 17,0 t)
450 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
Phase 1
Setzen des Führungsrohres mit einer speziellen Rammvorrichtung
Phase 2
Absenken des eingestellten Bohrrohres durch Greiferaushub (soweit erforderlich, mit Mei-
ßeleinsatz) bei schlagender Schwinge.
Phase 3
Einbau des Bewehrungskorbes, Einbringung des Betons mit Fallrohr bei trockener Boh-
rung. Bei Wasserandrang wird der Beton über eine Druckluftschleuse oder mit Betonierrohr
im Kontraktorverfahren eingebracht. Verschließen des Betonierrohres mit einem Sicher-
heitsdeckel, Beaufschlagung mit Druckluft und Rückgewinnung des Bohrrohres bei gleich-
zeitiger Betätigung der Schwinge. Der unter Luftdruck stehende Beton tritt kontinuierlich
am Rohrende aus und drückt das Bohrrohr hoch, das vom Bagger gehalten wird. Somit
wird sichergestellt, dass die Betonsäule nicht abreißt und bei guter Verdichtung des Betons
eine innige Verzahnung mit dem Boden erreicht wird.
Phase 4
Nachdem der Pfahl fertig gestellt ist, erfolgt nach dem Abbinden des Betons das Kappen
und schließlich das Umsetzten der Geräte auf den nächsten Bohrpunkt.
Bild 8.22: Pressbetonpfähle nach dem HW-Verfahren (Hochstrasser-Weise) [8.2]
8.3 Bauverfahren 451
8.3.4 Schlitzwände
Schlitzwände bestehen aus einzelnen Elementen (Lamellen, Bild 8.23). Deren
Herstellung läuft im Regelfall in folgenden Arbeitsschritten ab (Bild 8.24, [8.1;
8.2]):
1. Herstellen 1.00–1,50 m hoher Leitwände in Ortbeton oder aus Stahlbetonfertig-
teilen,
2. Schlitzaushub für eine Wandlamelle (2,5–15,0 m lang) mit Spezial-Schlitz-
greifer, -meißel oder -fräse,
3. Einstellen von Abschalungsrohren,
4. Einbringen des vorgefertigten Bewehrungskorbes mit Autokran,
5. Betonieren der Lamelle im Kontraktorverfahren,
6. Ziehen der Abschalungsrohre.
Um die Standfestigkeit der Schlitze zu gewährleisten, werden sie während des
Aushubs mit einer Stützflüssigkeit (Bentonitsuspension) gefüllt, die beim Betonie-
ren abgepumpt wird. Die einzelnen Lamellen einer Schlitzwand werden nachein-
ander oder feldweise versetzt hergestellt.
Das Ausheben der Wand wird erleichtert, wenn im Lamellenabstand, der min-
destens der Breite des geöffneten Greifers entsprechen muss, bis auf Solltiefe vor-
gebohrt wird (Positionsbohrungen). Die Greiferbreite entspricht der Wanddicke
(0,60–1,50 m). Die Abschalungsrohre werden mit einem Autokran versetzt und
vor dem Ziehen durch eine hydraulische Hubeinrichtung so weit gelockert, dass
sie anschließend mit dem Autokran wieder gezogen werden können.
Bild 8.23: Schlitzwandelemente und Leitwand [8.2]
452 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
Bild 8.24: Herstellen einer Schlitzwand [8.1; 8.2]
In der Praxis wurden Schlitzwände, deren Bedeutung wie bei Pfahlwänden in
ihrer Eigenschaft als „verformungsarmer Baugrubenverbau“ liegt, mit Greifern bis
zu 35 m (60 m) tief hergestellt (mit Fräsen bis zu 150 m Tiefe möglich [8.18]). Sie
können im Bereich von lockeren Böden bis zu gebrächem Fels ausgeführt werden,
wobei für Bohr- oder Meißelarbeit jedoch mit einem erheblich höheren Aufwand
als bei Greiferarbeit oder Fräsen gerechnet werden muss.
Gegenüber Bohrpfahlwänden ist der Fugenanteil einer Schlitzwand wesentlich
geringer. Deshalb eignen sich Schlitzwände besonders für Bauvorhaben im
8.3 Bauverfahren 453
Grundwasserbereich, wo das Absenken des Grundwasserspiegels außerhalb der
Baugrube nicht möglich ist.
Im Hinblick auf Lärm und Erschütterungen bringt die Schlitzwandbauweise
keine größere Belästigung der Umwelt mit sich als übliche Erdarbeiten [8.5].
Auch bei unterirdischen Bauwerken im Grundwasser ist es möglich, die
Schlitzwand der Baugrubenumschließung als endgültige Bauwerkswand heranzu-
ziehen.
Schon in den 60-er Jahren haben sich Schlitzwände bei der Herstellung von in-
nerstädtischen Bauvorhaben in Deckelbauweise bewährt. Hierfür wird nach dem
Abteufen von Schlitzwänden für die Baugrubenumschließung und von Primärstüt-
zen innerhalb des Bauwerks auf Geländehöhe bzw. von einem Planum über dem
Grundwasserspiegel aus abschnittsweise eine Stahlbetonplatte als Deckel über der
künftigen Baugrube hergestellt. Unter dieser Platte werden dann gleichzeitig die
Untergeschosse des Bauwerks von oben nach unten und darüber die Obergeschos-
se von unten nach oben gebaut.
In Deutschland wurde dieses zeitsparende und umweltschonende Verfahren
erstmals in großem Maßstab 1966 beim S- und U-Bahnbau in München unter dem
zentralen Karlsplatz (Stachus) angewendet. Für ein innerstädtisches Gebäude in
Düsseldorf ist der Bauablauf in Bild 8.25 dargestellt.
Die für die Herstellung von Schlitzwänden erforderlichen Spezialgreifer,
-meißel oder fräsen arbeiten i.W. ungeführt an schweren Seilbaggern (oder geführt
an Mäklern von Hydraulikbaggern, Bild 8.26). Zur Herstellung Aufbereitung, Re-
generierung und Zwischendeponierung der thixotropen Stützflüssigkeit sind ent-
sprechende Aufbereitungsanlagen vorzusehen (Bild 8.27). Für das Einführen der
Bewehrungskörbe sind geeignete Hebezeuge (Autokran) und für den Abtransport
Bild 8.25.1: Schlitzwandkopf
454 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
Bild 8.25.2: Baufolgen (Bauphasen) (Teil 1)
8.3 Bauverfahren 455
Bild 8.25.2: Baufolgen (Bauphasen) (Teil 2)
456 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
Bild 8.25.2: Baufolgen (Bauphasen) (Teil 3)
Bild 8.25: Deckelbauweise [8.20]
des Bodens sowie der verbrauchten thixotropen Flüssigkeit (Entsorgen) entspre-
chende Transportfahrzeuge einzusetzen. Bei beschränktem Bauraum wird auf die
Regeneration der Stützflüssigkeit häufig verzichtet; ihre Entsorgung ist nicht un-
problematisch [8.5; 8.14; 8.15].
Die Leistung eines Schlitzgreifers (bei inhomogenem Boden) beträgt bei Grei-
ferarbeit je nach Schlitztiefe und -breite etwa 5 bis 10 m³/h [8.8], bei Schlitzwand-
fräsen 25–40 m³/h [8.2].
Die Hauptprobleme des Schlitzwandaushubs liegen im Lösen von festem Bo-
den, im absolut senkrechten Abteufen des Schlitzes, in der Standfestigkeit der
Schlitzwand, im Steigern der Aushubleistung sowie im Trennen von Feststoffen
und Suspensionen.
Hinsichtlich weiterer Einzelheiten und Spezialgeräte sei auf die umfangreiche
Literatur, auf Hersteller-Informationen und auf Ausführungsbeispiele verwiesen
[8.1; 8.3; 8.4, besonders 8.2, 8.21, 8.22 und 8.36].
8.3 Bauverfahren 457
Bild 8.26.1: Hydraulik-Schlitzwandgreifer System Leffer Typ HSWG [8.2]
458 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
Bild 8.26.3: Bauer-Schlitzwandfräsen
Auszug, siehe auch [8.18 und 8.36]
Bild 8.26.2: Schlitzaushub [8.18]
Bild 8.26: Schlitzwandgreifer, Schlitz-
aushub und Schlitzwandfräsen
Bild 8.27: System einer Betonitmisch- und Regenerierungsanlage [8.1]
8.3 Bauverfahren 459
8.3.5 Rückverankerung von Baugrubenwänden
Verpressanker zur Rückverankerung von Baugrubenwänden wurden 1935 erst-
mals im Fels verwendet. Hauptanwendungsgebiete waren der Talsperrenbau, die
Sicherung von Felsböschungen und der Tunnelbau. Seit 1958 werden Verpressan-
ker auch in Lockerböden eingesetzt, vor allem zur Sicherung von Baugrubenum-
schließungen. Die Baugruben werden dadurch frei von störenden inneren Ausstei-
fungen [8.1].
Diese Verpressanker (Bild 8.9.2 und 8.28) leiten Zugkräfte in den Baugrund ab.
Die Ankerlänge ergibt sich aus erdstatischen Berechnungen (Bild 8.29). Die zuläs-
Bild 8.28: Verpressanker; oben: Verbundanker – unten: Druckrohranker [8.2]
460 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
sigen Ankerkräfte richten sich nach den Bodenverhältnissen und dem Ankersys-
tem. Durch ein- oder mehrlagige Rückverankerung ergeben sich kleine Biegemo-
mente der Verbauträger und wirtschaftliche Abmessungen der Wandsicherung.
Bei Verbundankern (Bild 8.28 oben) besteht zwischen dem Ankerstahl und
dem Verpresskörper ein Verbund auf der gesamten Länge der Krafteintragungs-
strecke. Da der Verpresskörper beim Anspannen auf Zug beansprucht wird, ent-
stehen Risse, welche die Korrosion des Stahles begünstigen. Dieser Ankertyp wird
daher vorwiegend für temporäre Zwecke verwendet (Baugrubenwände bis zu 2
Jahren).
Bei Druckrohrankern (Bild 8.28 unten) wird die Kraft in das hintere Ende des
Verpresskörpers eingeleitet. Das Stahlzugglied hat keinen Verbund mit dem Ver-
presskörper. Zur Kraftübertragung dient ein Druckrohr (Duplex-Rohr). Der Ver-
presskörper wird auf Druck beansprucht, so dass eine Rissbildung nicht zu be-
fürchten ist. Dieser Typ wird vorwiegend bei Dauerankern eingesetzt.
Je nach Bodenart werden in Lockerböden Ankerkräfte von etwa 60 bis 2750 kN
pro Anker in den Baugrund abgetragen. Die Lasteintragung erfolgt in einer etwa
5–8 m langen Verpressstrecke am Bohrlochende des Ankers. Der Verpresskörper
wird durch eine Zementinjektion hergestellt.
Bild 8.29: Untersuchung der Sicherheit einer Schlitzwand gegen Geländebruch [Betonka-
lender 1974]
Vom Stahlzugglied her sind Einstab-, Mehrstab- und Litzenanker zu unter-
scheiden (Bild 8.30, [8.2].
Bei Einstabankern (Bild 8.30.1) übertragen Stahlzugglieder je nach Stab-∅
(16–63,5 mm) Ankerkräfte von 58–1004 kN (GEWI-Stahl); Spannstahl-Litzen-
8.3 Bauverfahren 461
anker (0,6“, Bild 8.30.2) nehmen Ankerkräfte von 126 kN (1 Litze)–2763 kN (22
Litzen) auf. (Suspa Spannbeton GmbH Langenfeld, Techn. Daten Ankertechnik,
04/2000).
Durch beliebig wiederholbares und genau gezieltes Nachverpressen können
auch in weniger tragfähigen Böden hohe Ankerkräfte erzielt werden.
Die Herstellung von Verpressankern, oft in mehreren Lagen, ist ein wesentli-
cher Teilvorgang beim Bau senkrechter Baugrubenwände. Auch für liegenden
Verbau ist eine Verankerung ein wesentliches Konstruktionsmerkmal.
Bild 8.30.1: Aufbau und Variationsmöglichkeiten des Dywidag-Einstab-Verpressankers –
temporär
Bild 8.30.2: Temporär-Litzenanker System Bauer (Mehrstabanker nicht dargestellt).
Bild 8.30: Beispiele von Verpressankern [8.2]
Die Arbeitsvorgänge für das Herstellen der Anker richten sich nach dem ver-
wendeten System (Herstellerangaben). Im wesentlichen ergibt sich die in Bild
8.9.1 dargestellte Reihenfolge:
462 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
1. Herstellen eines in der Regel verrohrten Bohrloches in erforderlichem ø und
vorgeschriebener Lage (Grundriss, Neigung und Länge). Je nach anstehendem
Boden (standfest oder nicht) wird das Bohrloch durch Rammen, Schlag- oder
Drehbohren hergestellt, wobei beim Drehbohren mit Wasserspülung gearbeitet
wird. Um eine zusätzliche Bodenverdichtung zu erzielen, wird beim Rammen
mit verlorener Spitze gerammt.
2. Auffüllen der Bohrung mit Zementsuspension und Einbau des vorbereiteten
Ankerzuggliedes.
3. Verpressen der Haftstrecke durch das Bohrgestänge bei gleichzeitigem Ziehen
der Außenrohre.
4. Nachverpressen des Ankers
5. Anspannen und Prüfen des Ankers nach der erforderlichen Abbindezeit (Bild
8.31).
6. Festlegen des Ankers auf die gewünschte Ankerkraft durch Vorspannen (Fest-
setzen der Segmentkeile bei Litzenankern).
Für das Herstellen der Anker werden durchwegs druckluftbetriebene selbstfah-
rende Lafettenbohrgeräte eingesetzt, die sowohl den Einsatz von Ramm- als auch
Bohrhämmern zulassen (Bild 8.9.2, 8.32). Dazu gehören neben einem Wasseran-
schluss für das Spülen des Bohrlochs ein Diesel-Kompressor, eine Mörtelpumpe,
die Zieheinrichtung für das Gestänge, die Injektionseinrichtung und die Pressen
für die Vorspannung.
Die Geräteleistung bei Verankerungsarbeiten hängt von einer Reihe von Ein-
flussgrößen wie dem anstehenden Boden, dem Bohrdurchmesser und der Anker-
länge ab. Bei guter Organisation des Arbeitsablaufs (eingespielte Mannschaft) las-
sen sich im Durchschnitt etwa 70–100 lfdm/Tag und Gerät erreichen, d.s. bei
normalen Ankerlängen vier bis sieben Anker.
Bild 8.31: Messanordnung für das Prüfen und Spannen von Ankern [8.2]
8.3 Bauverfahren 463
Bild 8.32: Bohrgeräte für kleine Durchmesser (max. 300 mm) [8.18]
Da für die Herstellung von Hilfsbauwerken, wie sie Baugrubenwände darstel-
len, häufig nur wenig Zeit zur Verfügung steht, sind für die Herstellung der Anker
hohe Tagesleistungen (bis zu 300 lfdm Anker/Tag), d.h. ggf. mehrere Bohrgeräte
vorzusehen und die Erhärtungszeit der Injektionen durch Abbindebeschleuniger
auf wenige Tage (max. 1 Tag) zu verkürzen.
Bei 30 m langen Ankern stellt ein Abstand von nur 1,5 m sehr hohe Anforde-
rungen an die Zielgenauigkeit einer Bohrung, für die Toleranzen von nur 5 %o ge-
fordert werden (d.s. ± 15 cm).
8.3.6 Sonderverfahren
Nachstehend werden noch einige Sonderverfahren zur Herstellung von Baugru-
benwänden und zur Gründung von Bauwerken in schwierigen Böden, bei beeng-
ten Platzverhältnissen und im Grundwasser genannt. Zusammen mit Fortschritten
in der Erdstatik haben diese Verfahren schwierige Gründungen und Baugruben-
sowie Bauwerksabdichtungen in kürzerer Zeit als früher ermöglicht.
[Link] Injektionen
Die Injektionstechnik wird den Verfahren zur Baugrundverbesserung zugeordnet.
Durch die Weiterentwicklung der Einpressmedien von Zement über feststoffreie
464 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
Silikatlösungen bis zur Verwendung spezieller Kunststoffe konnte die Anwen-
dungsgrenze von Injektionen bis zum Grobschluff erweitert werden (Bild 8.33).
Mitte der fünfziger Jahre wurde die chemische Bodenverfestigung zum selb-
ständig tragenden Baukörper entwickelt, der statisch bemessen und in geeigneten
Bodenarten auch mit hinreichender Genauigkeit hergestellt werden kann.
Anwendungsgebiete der Injektionstechnik im Bauwesen sind bspw. [8.2, 8.23]:
− Gebäudeunterfangungen (Bild 8.34.1)
− Fundamentverstärkungen (Bild 8.34.2)
− Bodenverfestigungen über Tunnelröhren oder neben U-Bahn-Schächten zur
Verminderung von Setzungen der darüberliegenden Bebauung oder für vorü-
bergehende Trag- und Abdichtungsfunktionen (Bild 8.34.3)
Bild 8.33: Anwendungsgrenzen für die Injektionsverfahren [8.2]
Bild 8.34.1: Unterfangung von Fundamenten Bild 8.34.2: Fundamentverbreiterung zur
durch Bodenverfestigung [8.24] Aufnahme von Zusatzlasten [8.24]
8.3 Bauverfahren 465
Bild 8.34.3: Schirminjektion zur Abdichtung Bild 8.34.4: Zwickelinjektion
und Verfestigung im Tunnelbau [8.24] bei Bohrpfahlwänden
Bild 8.34.5: Dichtungsschürze (Injektionsschleier) eines Staudammes [8.25]
Bild [Link]: Herstellung einer Injek-
tions-Dichtsohle, Schema [8.2]
466 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
Bild [Link]: Herstellen einer Injektionssohle mit Voraushub (Beispiel [8.26])
Bild 8.34 Anwendungsgebiete der Injektionstechnik
− Abdichtung von Schlosssprengungen bei Spundwänden oder Rieselschutz bei
aufgelösten Bohrpfahlwänden oder anderen Verbauarten (Bild 8.34.4).
− Dichtungsschürzen bei Staudämmen (Bild 8.34.5)
− horizontale Abdichtungen im Grundwasser (auftriebssichere Injektionssohlen,
Bild [Link] und .6.2)
Ein weiteres Anwendungsgebiet ist die Herstellung vertikaler Dichtungswände
im Soilcret- oder Jettingverfahren (Bild 8.35 und 8.36). Durch Anwendung hoher
Injektionsdrücke ist diese Hochdruckinjektionstechnik (HDI) in den Bodenarten
von Kies bis Ton verwendbar [8.27, 8.28].
8.3 Bauverfahren 467
Bild 8.35: Herstellen einer Dichtungswand im Soilcret-Verfahren [8.2, 8.27]
Bild 8.36: Weitere Anwendungsgebiete des Jettings [8.28]
468 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
[Link] Dichtwände
Dichtwände sind ein spezielles Anwendungsgebiet der Schlitzwandtechnik, das al-
le Vorteile dieses Verfahrens ausnutzt:
− hohe Maßgenauigkeit
− sicheres Erreichen großer Tiefen
− variable Wanddicken
− nachweisbare Mindestwanddicken in jeder Tiefe
− Möglichkeiten der sicheren Durchörterung von Hindernissen
− Wasserdichtigkeit.
Einsatzgebiete der Dichtwände sind
− Herdmauern
− Fangedämme im Wasserbau
− temporäre vertikale Abdichtung von Baugruben
− Abdichten von Deponien
− Gewässerfassungen.
Der grundsätzliche Unterschied zum Schlitzwandverfahren liegt in der Ver-
wendung von selbsterhärtenden Dichtwandmassen aus Bentonit, Zement und
Wasser (siehe hierzu Abschn. 8.3.2, Spundwände).
Herstellung und Kontrolle dieser Baugruben- und Bauwerksabdichtungen sind
in der Literatur ausführlich beschrieben [8.2, 8.29]; ich gehe deshalb nicht weiter
darauf ein.
[Link] Weitere Sonderverfahren
Als weitere Sonderverfahren sind die in Bild 8.1 noch genannten Bauweisen zu
nennen (Elementwand, Bodenvernagelung, bewehrte Erde). Außerdem sind hierzu
die sog. Schmalwände zu erwähnen, die zur Stauraumabdichtung von Flusskraft-
werken angewendet werden (Bild 8.37). Konstruktionsprinzip und Herstellung
werden in der Literatur ausführlich dargestellt [8.2]; ich gehe deshalb auch darauf
nicht weiter ein.
8.3.7 Kosten von Baugrubensicherungen
Am Beispiel einer 10 m tiefen Baugrube sind in der Literatur Kostenermittlungen
und Kolonnenleistungen von Baugrubensicherungen angegeben [8.1]. Das Ergeb-
nis ist für die wichtigsten Verfahren in Tab.33 dargestellt.
Anhand dieser Richtwerte und der zugrunde gelegten Randbedingungen kön-
nen für den Einzelfall überschlägige Berechnungen erstellt werden.
8.3 Bauverfahren 469
Bild 8.37: Schematische Darstellung für die Herstellung der Schmalwand [8.2]
Danach ist die Trägerbohlwand die kostengünstigste Lösung einer senkrechten
Baugrubenwand. Während die Stahlspundwand und die Spritzbetonsicherung nur
wenig darüber liegen, sind Schlitz- und Bohrpfahlwände wesentlich aufwendiger.
Bei Kostenvergleichen für ein gesamtes Bauvorhaben ist jedoch zu berücksichti-
gen, dass in diesen Fällen die Baugrubensicherung die Stahlbetonwände der Um-
fassungsmauern ersetzt, sodass deren Kosten von den Aufwendungen für die
Pfahl- bzw. Schlitzwände abzuziehen sind.
470 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
Tabelle 33: Kosten von Baugrubensicherungen [8.1]
1. Spritzbetonsicherung:
10 m hohe Böschung mit 10° Neigung gegen
die Vertikale, 10 cm Spritzbeton, mattenbewehrt
1 Nagel/m² (∅ 25 mm, 7 m lang injiziert)
(Leistung: 15 bis 25 m² fertige Wand in 127,- €/m2 116,5%
10 h mit 4 Mann – 2,0 h/m2) (ohne Berücksichtigung von Mehraushub)
2. Trägerbohlwand:
10 m tiefe Baugrube, gerammte Stahlträger
IPB 400 alle 2,50 m (13 m lg.), 109,- €/m² 100%
Kantenholzverbau d = 14 cm (ohne Verankerung) sichtbarer Verbau
3. Stahlspundwand:
10 m tiefe Baugrube, Stahlspundbohlen
Larssen 24, 13 m lang 114,- €/m² 105%
(ohne Verankerung) sichtbarer Verbau
4. Bohrpfahlwand:
10 m tiefe Baugrube, 13 m lang überschnittene
Bohrpfähle (∅ 88 cm, Überschneidung 13 cm,
Herstellung mit Kompaktbohranlage), 363,- €/m² 334%
(ohne Verankerung) sichtbarer Verbau
5. Schlitzwand:
10 m tiefe Baugrube, 13 m tiefe, 60 cm starke
Schlitzwand mit 2,80 m Lamellenlänge einschl.
1,50 m hoher Leitwand 251,- €/m² 231%
(0,20 m st., ohne Verankerung) sichtbarer Verbau
6. Verankerung (zu Ziff. 2 bis 5)
10 m tiefe Baugrube, 2-fach verankert, Anker-
abstand horizontal 2,50 m, Ankerlänge 12 m, 53,- €/m Anker bzw. 51,- €/m² Wand
Tragkraft/Anker 500 kN, Einstabanker ∅ 32 mm Verbau
Die genannten Kosten enthalten nur die Einzelkosten der Teilleistungen (Preisbasis 1989/90). Alle weiteren
Zuschläge wie Gemeinkosten der Baustelle, Allgemeine Geschäftskosten sowie Wagnis und Gewinn sind
nicht berücksichtigt.
8.4 Wasserhaltung
Eine Wasserhaltung (WH) ist notwendig, wenn die Gründungssohle eines Bau-
werks unterhalb des ruhenden Grundwasserspiegels liegt oder durch besondere
geo-hydrologische Verhältnisse Entwässerungsmaßnahmen getroffen werden
müssen, um Sohl- und Bodenaufbrüche in Baugruben zu vermeiden. Dabei sind
offene WH, geschlossene Grundwasserabsenkung mit Brunnen, Unterdruckent-
wässerung und das Herstellen einer wasserdichten Baugrube zu unterscheiden
[8.2, 8.30].
In Kiesböden kann bei geringen Absenktiefen (0,5–1,0 m) offene WH ange-
wendet werden (Bild 8.38–8.40). Sie hat den Nachteil, dass sich das Wasser stän-
8.4 Wasserhaltung 471
dig auf der Baugrubensohle bewegt und Ausspülungen von Bodenfeinteilchen
möglich sind. Es kann auch die Gefahr von hydraulischem Grundbruch bestehen.
Nach Erreichen der endgültigen Baugrubensohle wird dem Pumpensumpf das
Wasser über Drainagen zugeführt, die an der Baugrubenwand oder auch im Be-
reich unter der Baugrubensohle liegen können und auf diese Weise eine trockene
Baugrubensohle ermöglichen (Bild 8.38.2 c/d).
Bild 8.38.1: Schema [8.1]
Bild 8.38.2: Fassung des zuströmenden Wassers [8.30]
Bild 8.38: Offene Wasserhaltung
Bild 8.39: Beispiel für eine richtig angelegte offene Wasserhaltung [8.2]
472 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
In allen anderen Fällen ist eine geschlossene Wasserhaltung anzuwenden. Hier-
für sind die Grundwasserabsenkung durch Schwerkraftentwässerung und durch
Unterdruckentwässerung des anstehenden Bodens zu unterscheiden.
Eine Schwerkraftentwässerung mit Saugbrunnen ist in Mittel-, Grobsanden und
Kiesen bis zu einer Saughöhe der Pumpen von etwa 7 m möglich. Bei größeren
Absenktiefen sind Filter-Tiefbrunnen mit Tauchpumpen vorzusehen (Bild 8.41,
8.42).
Bei zu geringer Wasserdurchlässigkeit des Bodens (k-Wert < 10-6) ist eine
Schwerkraftentwässerung nicht mehr möglich. Daher wird mit Vakuumpumpen
zusätzlich Unterdruck erzeugt. Mit Vakuum-Kleinfiltern, die eingespült werden,
sind ebenfalls Absenktiefen von 5–7 m zu erreichen (Bild 8.43); durch Vakuum-
Tiefbrunnen mit eingehängter Tauchpumpe jedoch nahezu beliebige Absenktiefen
(Bild 8.42). Bei weichen und fließempfindlichen Böden ergibt sich bei Vakuum-
absenkung ein zusätzlicher Stabilisierungseffekt.
Die Wahl des Absenkverfahrens hängt vom anstehenden Boden (k-Wert) ab
(Bild 8.44).
Die möglichen Varianten einer Grundwasserabsenkung gehen aus Tab.34 her-
vor.
Bild 8.40: Anordnung des Pumpensumpfes [8.30]
Bild 8.41: Grundwasserabsenkung mit Brunnen (geschlossene Wasserhaltung, [8.1])
8.4 Wasserhaltung 473
Bild 8.42: Tiefbrunnen mit eingehängter Tauchpumpe [8.3]
Bild 8.43.1: System [8.2]
474 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
Bild 8.43.2: Anordnung von Vakuum-Anlagen bei Leitungsgräben [8.30]
Bild 8.43: Vakuum-Absenkung
Bild 8.44: Anwendungsbereiche der Wasserhaltungsverfahren Bei den Osmose-, Unter-
druck- und Schwerkraftverfahren sind die jeweils günstigen Bereiche besonders hervorge-
hoben [8.3]
8.4 Wasserhaltung 475
Tabelle 34: Möglichkeiten der Grundwasserabsenkung (Teil 1) [8.31]
476 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
Tabelle 34: Möglichkeiten der Grundwasserabsenkung (Teil 2) [8.31]
8.4 Wasserhaltung 477
478 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
Zur Bemessung einer Wasserhaltung (Art, Größe und Anzahl der Pumpen, Lei-
tungen, Absperrschieber usw.) verweise ich auf die Spezialliteratur [8.2, 8.30,
8.32].
Im übrigen sind bei jeder Grundwasserabsenkung und Einleitung des abge-
pumpten Wassers in Kanäle oder Vorfluter die wasserrechtlichen Vorschriften zu
beachten [8.2, 8.3].
Bei Untersagung einer Grundwasserabsenkungsanlage oder langer Bauzeit wird
man nach dem Grundsatz Abdichten statt Absenken handeln und eine wasserdichte
Baugrube wählen, für die u.a. Spundwände, Schlitzwände, Bohrpfahlwände in
Verbindung mit Unterwassersohle oder Sohlinjektionen zum Einsatz kommen.
8.5 Sicherheitsprobleme
Baugrubensicherungsarbeiten erfordern sorgfältiges und sicheres Arbeiten, um
Unfälle mit schwerwiegenden Folgen zu vermeiden. Treten durch fehlerhaftes Ar-
beiten oder vermeintliche Einsparungen bei Anwendung ungeeigneter Verfahren
Schäden auf, sind diese i.d.R. nur mit hohen Kosten zu beseitigen.
Sie führen neben dem direkten Schaden oft zu erheblichen Bauzeitverzögerun-
gen mit weiteren Folgekosten. Der beabsichtigte Rationalisierungseffekt schlägt
dann in das Gegenteil um.
Die Vielzahl, Verschiedenartigkeit und unterschiedliche Herkunft der an Bau-
projekten beteiligten Planer, Behörden und Firmen sowie eine große Zahl von
Schnittstellen bei der Bauabwicklung kann bei der klassischen Bauplanung und
-ausführung mit Einzelleistungsträgern zu Problemen und zu Fehlern im techni-
schen, organisatorischen und menschlichen Bereich führen. Treten sie bei Bau-
grubensicherungsarbeiten auf, sind die Folgen oft besonders gravierend. Aus die-
sem Grund sind an meinem früheren Lehrstuhl für Baubetrieb an der Universität
Dortmund unter Mitarbeit des Lehrstuhls für Grundbau im Rahmen einer Disserta-
tion eine große Anzahl von Schäden aus den Bereichen Baugruben-, Graben-, Un-
terfangungs-, Gebäudesicherungs- und Gründungsarbeiten analysiert und quantita-
tiv ausgewertet worden. Dabei wurden für 12 Bereiche die Schadensursachen, ihre
Vermeidbarkeit, in Kauf genommene Risiken, die Eignung des gewählten Verfah-
rens für die Aufgabe, Fehler beim technischen Ablauf, die Vorteile und Erschwer-
nisse des jeweiligen Verfahrens und Maßnahmen zur Verhinderung, Verringerung
und Beseitigung von schadensauslösenden Einflüssen untersucht und dargestellt
[8.33].
Anhand dieser aus der Praxis der Unfallverhütung entstandenen Analysen las-
sen sich Fehler bei der Ausführung von Baugruben-, Sicherungs- und Gründungs-
arbeiten vermeiden. Auch damit wird wesentlich zu einem rationellen Bauablauf
beigetragen.
8.6 Zusammenfassung 479
8.6 Zusammenfassung
Für die Sicherung von Baugruben, das Herstellen senkrechter oder steil geneigter
tiefer Baugrubenwände und für damit zusammenhängende Gebäudesicherungsar-
beiten in unmittelbarer Umgebung einer Baugrube stehen je nach Aufgabe und
Standortbedingungen verschiedene Verfahren zur Verfügung. Die am häufigsten
angewendeten Methoden wurden mit den dafür entwickelten Maschinen und
Geräten im Überblick dargestellt. Für die Wahl der jeweils geeigneten Verbauart
zeigt Bild 8.45 ein Schema. Da Arbeiten dieser Art mit hohen Risiken behaftet
sind und deshalb Erfahrung voraussetzen, werden sie seit Jahren nur noch von
darauf eingerichteten Spezialunternehmungen ausgeführt.
Im Regelfall, das ist bei ausgesteiften oder rückverankerten Baugruben, laufen
die Erd- und Baugrubensicherungsarbeiten phasenverschoben , jedoch weitgehend
parallel zueinander ab. Da sie von verschiedenen Spezialfirmen ausgeführt wer-
den, erfordert der rationelle Gesamtablauf eine darauf abgestellte Ablaufplanung
und laufende gegenseitige Abstimmung [8.34].
In der sorgfältigen Auswahl des Nachunternehmers für die Baugrubensiche-
rungsarbeiten nach Können, Leistungsvermögen, Zuverlässigkeit und Erfahrung
im Rahmen des Wettbewerbs und dem vertraglichen Einbinden in den eigenen
Bauablauf in Abstimmung mit den Erdarbeiten des Baugrubenaushubs liegt bei
dieser Vorgangsgruppe der Bauproduktion der Rationalisierungseffekt.
Aus der Sicht der für die gesamten Rohbauarbeiten beauftragten Bauunterneh-
mung wird der Ablauf der Baugrubensicherungsarbeiten somit vom damit beauf-
tragten Nachunternehmer bestimmt.
Wie im Abschnitt 8.3.4 (Schlitzwände) im Zusammenhang mit der Deckelbau-
weise erwähnt, hängen besonders bei innerstädtischen Bauvorhaben die Herstel-
lung der Baugrubenumschließung und des Bauwerks technisch und baubetrieblich
voneinander ab. Dies vor allem dann, wenn die Bauausführung von Infrastruktur-
vorhaben oder turmartigen Bauwerken (Hochhäuser) über mehrere Monate die in-
nerstädtische Umwelt nur so wenig wie möglich belasten soll.
Hinsichtlich typischer Beispiele aus dem Spezialtiefbau sei auf die nachstehen-
de Literatur verwiesen. Weitere Beispiele möglicher Individuallösungen bei der
Ausführung eines Großprojekts, der S-Bahn Zürich (1983-1990), sind in einer sehr
instruktiven Darstellung ihrer einzelnen Teilprojekte enthalten, auf die im Rahmen
dieser Darstellung ebenfalls nur hingewiesen werden kann [8.35].
Abschließend verweise ich noch auf die nachstehend aufgeführten Beispiele
bzw. Veröffentlichungen aus den letzten Jahren:
1. Losansky, G.; Baugrubenumschließungen, Teil 1 und 2, Hochbau 3 und 4/94
2. han – Neuer Terminal CT III in Bremerhaven übergeben, Dt. Baublatt
237/238, 07/08 1997, S. 8
3. Resonanzfreie Vibrationstechnik zum Einbau von Spundwänden, Sonderdruck
Bauer Spezialtiefbau, Schrobenhausen, 09/97
4. Verlängerung Predöhlkai in Hamburg, Sonderdruck Philipp Holzmann 05/98
5. Kanalbrücken im Leinetal, Neubau der Leinestrombrücke und der Leineflut-
brücke für die 2. Fahrt des Mittellandkanals im Leinetal, Sonderdruck Philipp
Holzmann 08/98
480 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
Bild 8.45: Wahl einer geeigneten Verbauart für Baugruben [8.1]
Literatur zu Kapitel 8 481
6. Wildner, H.; Kleist, F.; Strobl, Th.; (TUM) Das Mixed-in-Place-Verfahren für
permanente Dichtungswände im Wasserbau, Wasserwirtschaft 89 (1999) 5,
Vieweg & Sohn Verlag, Wiesbaden
7. Gründungsmaßnahmen, Baugrubenumschließung und Wasserhaltung für die
Doppelsparschleuse Hohenwarthe, Sonderdruck Bauer Spezialtiefbau, 9/99
8. Bauer, Sebastian, Entwicklung und Einsatz neuer Gerätetechniken im Spezial-
tiefbau, Felsbau 17/1999, Nr. 4, S. 264ff., Verlag Glückauf Essen
9. Der „Audi-Tunnel“ – Trassenführung der ICE-Neubaustrecke München –
Nürnberg (Übersicht und Leistungsumfang, Sonderdruck Bauer Spezialtiefbau
9/99
10. Wenk, G.; Bohrpfähle – Mehr Tragfähigkeit für den Anfänger-Verdrängungs-
(VS)-pfahl, bd-baumaschinendienst 5/2000
11. Wenk, G.; Bohren im Doppelkopf-System (mit Leistungsangaben), bd-
baumaschinendienst 5/2000
12. Wasserstraßen – Neubauamt Magdeburg/Arge Schleuse Hohenwarthe, Dop-
pelsparschleuse Hohenwarthe, Sonderdruck, 08/2001
13. Hanke, E.; Hüttl, Th.; Gollub, P.; Holdenried, E.; Wiegand, R.; IMAX Nürn-
berg, Herstellung und Sicherung einer tiefen Baugrube im innerstädtischen
Bereich, Bautechnik 78 (2001), H. 11, S. 761ff., Ernst & Sohn Berlin
14. Flughafenerweiterung: Voll verrohrte Bohrung in einem Stück hergestellt,
Allgemeine Bauzeitung – 16.02.01
15. tis, Tiefgarage am Hauptbahnhof von Nîmes, Tiefbau, Ingenieurbau, Straßen-
bau, 9/2001
16. Kranenberg, I., Europa-Passage in Hamburg: Unkonventioneller Betonbau un-
ter erschwerten Bedingungen, B + B 2/2005, S. 57
Literatur zu Kapitel 8
8.1 Schnell, W.; Verfahrenstechnik zur Sicherung von Baugruben,
Teubner Stuttgart 1990
8.2 Buja, H.-O.; Handbuch des Spezialtiefbaus – Geräte und Verfahren,
Düsseldorf Werner 1998
8.3 Hettler, A.; Gründung von Hochbauten, Ernst & Sohn Berlin, 2000
8.4 Smoltczyk, U.; Grundbau-Taschenbuch, Teil 2 Geotechnische Verfahren,
Teil 3 Gründungen, 6. Aufl. 2001, Ernst & Sohn, Berlin
8.5 Range, R.; Methoden der Baugrubenumschließungen,
BMT 1985, S. 273-281
8.6 Krimmer, H.; Technische Entwicklung der Baugrubenwände beim
Frankfurter U-Bahnbau, BMT 1972, S. 136-144
8.7 Werksunterlagen Bauer Maschinenbau GmbH, Schrobenhausen
8.8 Kühn, G.; Optimierung der Rammarbeiten, Forschungsreihe der Bauin-
dustrie Bd. 1, Hauptverband der deutschen Bauindustrie, 1971
8.9 Werksunterlagen RTG Rammtechnik GmbH, Schrobenhausen (905.600.1,
6/04)
482 8 Spezialtiefbau/Baugrubenumschließungen
8.10 Hudelmeier, K.; Entwicklung der Rammtechnik und Rammhilfen in den
letzten Jahren: Optimierung der Arbeitsabläufe durch Steuerung und mo-
derne Regeltechnik, S. 47 in [8.11]
8.11 Dokumentation „Stahlspundwände – Planung und Anwendung“, 1. Aufl.
1995, Stahl-Informations-Zentrum, Breite Straße 69, Düsseldorf
8.12 Mattarsch, K.R.; Die Anwendung moderner Vibrationsrammen im Tief-
bau, S. 57 in [8.13]
8.13 Dokumentation 542 „Stahlspundwände (2) – Planung und Anwendung“,
1. Auflage 1997, Stahl-Informations-Zentrum Breite Straße 69, Düsseldorf
8.14 Jörger, R.; Wieners, A.; Stahlspundwände als Baugrubenverbau im inner-
städtischen Bereich von Wiesbaden: Bewältigung schwierigster Baugrund-
probleme, S. 27 in [8.11]
8.15 Itzek, H.; Herstellung von Baugruben durch gefräste Einphasendichtwände
mit eingestellter Spundwand, S. 25 in [.8.13]
8.16 Floss, R.; Vorwort, S. 5 in [8.11]
8.17 Wind, H.; Wieners, A.; Stahlspundwände – Entwicklung und Anwendung,
S. 5 in [8.13]
8.18 Bauer Spezialtiefbau GmbH, Geschäftsbereich Maschinen, Gerätepro-
gramm 1998 (Drucksache 905.019.1)
8.19 Bauer Spezialtiefbau GmbH, Werksunterlagen Baugruben
8.20 Pause, H.; Umweltfreundliches Bauverfahren für tiefe Baugruben in Städ-
ten, Tiefbau-BG 1983, S. 678-684
8.21 Pabst, H.; Errichtung des Main Tower in Frankfurt am Main, S. 419 in Dt.
Beton- und Bautechnik-Verein, Vorträge Betontag 1999, Ernst & Sohn
Berlin,
8.22 Weber, E.-F.; U-Bahn Taipeh/Taiwan – Bahnhöfe, S. 151 in Dt. Beton-
und Bautechnik-Verein, Vorträge Betontag 1999, Ernst & Sohn Berlin
8.23 Kirsch, K.; Abdichtung mittels Injektionen, Herstellung von Dichtungssoh-
len für Baugruben, TIS Mai 1982
8.24 Bauer Spezialtiefbau GmbH, Werksunterlagen Injektionen
8.25 Werksunterlagen GKN Keller GmbH, Offenbach, Injektionen
8.26 Holzmann, Philipp AG, Frankfurt, Planen und Bauen für den technischen
Umweltschutz, Techniker Bericht, November 1987
8.27 Werksunterlagen GKN Keller GmbH, Offenbach, Injektionen??
8.28 Werksunterlagen Stump Bohr GmbH, Zürich, Stump Jetting
8.29 Werksunterlagen Hochtief AG, Köln, Dichtwände
8.30 Weißenbach, A.; Baugruben, Teil 1–3 Konstruktion und Bauausführung,
Berlin 1975
8.31 Bauer Spezialtiefbau GmbH, Werksunterlagen Wasserhaltung
8.32 Schnell, W.; Verfahrenstechnik der Grundwasserabsenkung, Teubner-
Verlag,
8.33 Losansky, G.; Analyse und quantitative Beurteilung von Personen- und
Sachschäden bei Baugruben-, Graben-, Unterfangungs- und Gebäudesiche-
rungsarbeiten, Diss. Universität Dortmund, 1989
8.34 Hawellek, P.; Spezialtiefbauarbeiten am Justizgebäude Frankfurt, Teerbau-
Veröffentlichungen Nr. 32, 1986, S. 123-128
Literatur zu Kapitel 8 483
8.35 Fechtig, R.; Glättli, M. (Herausgeber); Projektsteuerung und Bau der S-
Bahn Zürich, Stäubli Verlag Zürich, 199
8.36 Bauer Maschinen GmbH, Schrobenhausen, Information „Das Bauer-Fräs-
system“ (~2005)
9 Ausbauarbeiten im Hochbau
9.1 Definition und Aufgabe
Der Ausbau ist neben dem Rohbau und der technischen Gebäudeausrüstung ein
weiterer Produktionsbereich des Baubetriebes. Er umfasst alle Produktionsleistun-
gen und Konstruktionsteile, die den Rohbau eines Bauwerks bis zur Gebrauchsfer-
tigkeit vervollständigen.
Im Vergleich zu den Rohbauarbeiten, die in der Herstellung der Baugrube, der
Gründung und der Tragkonstruktion eines Gebäudes bestehen und nur relativ we-
nige Teilvorgänge umfassen, weisen die anschließenden Ausbauarbeiten eine gro-
ße Zahl weiterer verschiedenartiger Teilvorgänge auf. Gegenüber den Vorgangs-
gruppen der bisher dargestellten und weiterer ähnlicher Bereiche der Bau-
produktion wie dem Straßen-, Brücken- und Tunnelbau sind die Ausbauarbeiten
anders strukturiert. Sie bestehen in wesentlichen Teilen aus voneinander abhängi-
gen Montagen vorgefertigter Bauelemente mit zum Teil erheblichem Anpassungs-
aufwand und aus Bearbeitungsvorgängen (Beschichtung, Oberflächenverede-
lung).
Als Überblick ist in Bild 9.1 mit einem Grobnetzplan der Ausbauarbeiten für
das Bürogebäude einer Bank ein einfaches Beispiel über Struktur und Ablauf von
Ausbauarbeiten dargestellt. Die einzelnen Teilvorgänge sind in der Reihenfolge
ihres Ablaufs in Tabelle 35 nochmals aufgelistet.
Im Ausbau wird überwiegend lohnintensiv, handwerklich gefertigt. Viele Teil-
leistungen werden von kleinen bis mittleren Handwerksbetrieben vollzogen. Die
Produktionsstruktur derartiger Arbeiten entspricht einem Ablauf mit Einzelleis-
tungsträgern nach Bild 3.11.1 und 2.
Auftraggeber dieser Teilleistungen sind entweder private Bauherren (bei relativ
kleinen bzw. einfachen Bauvorhaben, besonders im Wohnungsbau), öffentliche
Auftraggeber (Kommunen, Länder, Bund u.a.) und für etwa 80% des Hochbauan-
teils an gewerblichen und industriellen Bauvorhaben private Investoren. Diese set-
zen, da sie i.d.R. nicht über eigene Bauabteilungen verfügen, für die schlüsselfer-
tige, funktionsbereite Errichtung ihrer Bauvorhaben Generalunternehmer (GUs)
ein. Diese übernehmen die gesamten Bauarbeiten, häufig nur nach einer Funktio-
nalausschreibung, zu einem Pauschalfestpreis und einem fest vereinbarten Fertig-
stellungstermin [9.1].
Während ursprünglich ein GU die Rohbauarbeiten durch seine Unternehmung
ausgeführt hat, gibt es inzwischen GUs die alle für ein Bauvorhaben erforderli-
© Springer Berlin Heidelberg 2007
H. Bauer, Baubetrieb,
DOI 10.1007/978-3-642-32533-5_9
486 9 Ausbauarbeiten im Hochbau
chen operativen Arbeiten an Nachunternehmer vergeben (s. Kap. 1 und Abschn.
3.3.1). Ich gehe darauf im Abschn. 9.6 näher ein.
Die Aufgabe rationeller Produktion besteht zunächst darin, im Ablauf der Aus-
bauarbeiten alle Vorgangsgruppen und Teilvorgänge, die von verschiedenen Fir-
men bzw. Betrieben vollzogen werden, zu einem nahtlos ineinander greifenden
Bild 9.1: Grobnetzplan der Ausbauarbeiten für ein Verwaltungsgebäude (Ausschnitt)
9.1 Definition und Aufgabe 487
Produktionsprozess zu koordinieren. Darüber hinaus kommt es darauf an, die
Teilvorgänge der einzelnen Gewerke – wie die Ausbauvorgänge auch bezeichnet
werden – zu rationalisieren.
Während bei den Teilleistungen der Abschnitte 5–8 Rationalisierungseffekte vor-
wiegend durch die Anwendung moderner Bauverfahren und -maschinen erreicht
werden, erfordert der zeit- und kostenoptimale Ablauf von Ausbauarbeiten eine
Koordination und straffe Organisation im Einsatz der einzelnen Nachunternehmer.
Diese sollen auch die bei ihren Gewerken möglichen Rationalisierungseffekte in
den Bauablauf einbringen.
488 9 Ausbauarbeiten im Hochbau
Tabelle 35: Teilvorgänge der Ausbauarbeiten nach Bild 9.1
Start Start Start
Grobinstallation 18.11 Trennwände 28.05 Malerarbeiten 08.10
Grobinstallation Heizung 28.11 Schlosserarb. Stahlbau 05.07 Feininstallation Heiz. 08.10.
Grobinstallation Lüftung 28.11. Fliesen 18.07. Außenanlagen 28.10.
Grobinstallation Elektro+ - Decken 01.08. Feininstalla. Sanitär 05.11.
Natursteinfassade 11.01. Doppelboden 03.08. Feininstalla. Lüftung 05.11.
Metallbau Geländer 15.02. Oberboden 03.08. Sprinkler (Feininsta.) 08.11.
Fenster ab [Link]. 22.02. Konvektorverkleidung 03.08. Gebäudereinigung 04.12.
Fassade Zwischengeschoss 22.02. Sonnenschutz 05.10. Schlussabnahme 17.12.
Putzarbeiten 01.03. Feininstallation Elektro 08.10.
F90-Verkleidung 01.03. EDV bauseits+) -
Estrich Naturwerkstein 28.03.
+) nicht dargestellt
In der Ablaufplanung von Ausbauarbeiten sind vor allem die Schnittstellen
zwischen den einzelnen Gewerken eindeutig festzulegen. Dazu kommt, auch bei
komplexen Bauvorhaben, häufig ein sehr enger Terminrahmen [9.2].
9.2 Vorgangsgruppen und Teilvorgänge
Als Merkmale zur Gliederung der Ausbauarbeiten bieten sich die Funktionserfül-
lung, die Ausführenden, die Ausführungstechnik und die zeitliche Reihenfolge an.
Da von diesen Merkmalen allein die Funktionen, die ein Gebäude- oder Bauteil zu
erfüllen hat, keinem kurzfristigen Wandel unterliegen, von technischen Systemen
unabhängig sind und eine klare Zuordnung der Teilleistungen gestatten, stellt zu-
nächst die Funktionserfüllung ein brauchbares Kriterium für die Gliederung der
Ausbauvorgänge dar [9.3]. Danach lassen sich die Ausbauarbeiten im Hochbau in
3 Leistungsbereiche und mehrere Leistungsgruppen gliedern (Tabelle 36).
Neben dieser funktionalen Gliederung ist unter dem Gesichtspunkt rationeller
Produktion der zeitliche Ablauf der einzelnen Teilvorgänge von Bedeutung. Dabei
lassen sich 4 Vorgangsgruppen unterscheiden (Ausbaustufen 1 bis 4 [9.4]).
Ausbaustufe 1:
Die Ausbaustufe 1 umfasst die Dacheindeckung, den Einbau gebäudeabschließen-
der Elemente (Fassaden, Fenster, Außentüren) in das tragende Gerüst des Rohbaus
sowie den Einbau von Zwischenwänden in Mauerwerk oder Leichtbauweise (Tro-
ckenbau, Ständerwände) als Raumabschluss und zur Aufnahme gebäudetechni-
scher Installationen. Die gebäudeabschließenden Elemente bewirken den Witte-
rungsschutz für den ungestörten Ablauf der weiteren Teilvorgänge.
Häufig werden die Teilvorgänge der Stufe 1 ganz oder teilweise dem Rohbau-
unternehmer übertragen (bspw. die Fassaden in Massivbauweise [9.5], die Zwi-
schenwände in Mauerwerk und die Dacheindeckung).
Die Herstellung von Glas- und Metallfassaden ist eine weitere Vorgangsgruppe
(1a), die an die Rohbauarbeiten anschließt [9.5, 9.6].
9.2 Vorgangsgruppen und Teilvorgänge 489
Ausbaustufe 2:
Die folgende Ausbaustufe 2 umfasst alle gebäudetechnischen Installationen. Dies
sind bspw. die vertikalen und horizontalen Haupt- und Verteilungsleitungen für
die Ver- und Entsorgung eines Gebäudes mit den verschiedenen Medien, die Heiz-
körper und Klimageräte, die Zentralen und Unterverteilungen des gesamten
technischen Ausbaus, alle Einbauten für Förderanlagen (Aufzüge), Nachrichten-
übermittlung und Gebäudeautomation sowie die Klempnerarbeiten (Regenwasser-
ableitung u.ä.). Dabei handelt es sich vorwiegend um Montagearbeiten.
Der Leistungsbereich Haustechnik wird inzwischen als Gebäudetechnik be-
zeichnet [9.7, 9.8].
Tabelle 36: Funktionale Gliederung der Ausbauarbeiten im Hochbau [9.3]
490 9 Ausbauarbeiten im Hochbau
Ausbaustufe 3:
Zur nächsten Stufe der Ausbauarbeiten, der Ausbaustufe 3 (allgemeiner Ausbau),
zählt die gesamte gebrauchsfertige Auskleidung der Räume, Flure und Treppen-
häuser wie Putz, Montagedecken, Wandverkleidungen, Estrich, Bodenbeläge und
Malerarbeiten einschließlich der Innentüren und Treppengeländer. Dies sind teils
Montage-, teils Bearbeitungsvorgänge.
Ausbaustufe 4:
Als letzte Vorgangsgruppe umfasst die Ausbaustufe 4 die Endmontage aller Ein-
bauobjekte (Waschbecken, WC's, Lampen, Schalter), den Einbau aller festen Ein-
richtungen (medizintechnische Ausstattung von Krankenhäusern und Arztpraxen,
Laborgeräte, Küchen, Einbauschränke) und die eventuelle Voll- oder Teilmöblie-
rung.
Badewannen sind vor den Fliesen einzubauen, dann jedoch gegen Beschädi-
gung und Verschmutzung zu schützen.
Den Schwerpunkt der Ausbaukosten und damit etwa auch der Ausbauarbeiten
bildet in der Regel der technische Ausbau der Stufe 2. Allerdings hängt der Um-
fang der gesamten Ausbauarbeiten und der Kostenanteil der einzelnen Gewerke
von Art und Ausstattungsgrad eines Gebäudes ab. Bei Bauvorhaben mit hochwer-
tiger technischer Ausstattung (klimatisierte Verwaltungsgebäude, Hotels, Theater,
Krankenhäuser, Laboratorien) kann der Anteil der Stufe 2 erheblich höher liegen
als bei Wohnbauten und einfacheren Bürogebäuden.
Beispiele sind in Tabelle 37 und 38 aufgeführt. Das Beispiel in Tabelle 37 liegt
35 Jahre zurück, während jenes in Tabelle 38 einer aktuellen Veröffentlichung
entnommen ist.
Vergleicht man die Rohbaukosten der beiden Beispiele, liegen diese in Tabelle
38 erheblich unter dem Ansatz der Tabelle 37 (35,7% < 52,5%). Das liegt vorwie-
gend darin, dass inzwischen durch den Einsatz moderner Schalungssysteme die
Rohbauabläufe erheblich rationalisiert worden sind. Der aktuelle Anteil der
Bausparten im schlüsselfertigen Hochbau geht aus Bild 9.2 hervor. Die prozentua-
le Aufgliederung des Beispiels der Tabelle 38 ist in Tabelle 39 dargestellt.
In der Praxis wird häufig eine vereinfachte Gliederung der Hochbauleistungen
verwendet: Rohbau, technische Gebäudeausrüstung (TGA), allgemeiner Ausbau.
Dazu kommen die Außenanlagen.
Bei Hochhäusern sind die Tiefgründung, die Fassade und die Aufzugsanlagen
weitere Vorgangs- und Kostengruppen [8.21].
Da öffentliche Auftraggeber die Baukosten nach der DIN 276 gliedern, hat es
sich als zweckmäßig erwiesen, auch bei Aufträgen für Generalunternehmer im
Schlüsselfertigbau diese Kostengliederung anzuwenden (siehe hierzu [9.1]).
9.2 Vorgangsgruppen und Teilvorgänge 491
Tabelle 37: Ausbaukosten von Terrassenhäusern einer großen Wohnanlage [9.4]
Bild 9.2: Anteil der Bausparten im schlüsselfertigen Hochbau [9.1]
492 9 Ausbauarbeiten im Hochbau
Tabelle 38: Baukostenermittlung für ein Bürogebäude [9.1]
9.3 Materialfluss und Geräteeinsatz 493
Tabelle 39: Gliederung der Gebäudekosten nach Tabelle 38 in (%)
Baukosten
Rohbau 700 + 3.393 + 170 = 4.263 TDM 35,7%
Fassade 2.130 + 200 = 2.330 TDM 19,6%
TGA = 2.880 TDM 24,2%
Ausbau = 2.444 TDM 20,5%
11.917 TDM 100,0%
Außenanlagen 94 TDM
Baunebenkosten 450 TDM
12.461 TDM
AGK, W+G 8,69% 1.082 TDM
13.543 TDM « 6.920 T€
Zieht man von den Rohbaukosten der Tabelle 38 die Kosten für die Baustelleneinrichtung und den Erdaushub ab,
ergeben sich die Rohbaukosten zu
3.563 ×100
= 31,8%
11.217
9.3 Materialfluss und Geräteeinsatz
Die für den Ausbau von Hochbauten benötigten Baustoffe, Bauelemente und Ein-
bauteile müssen zum erforderlichen Zeitpunkt angeliefert und an den jeweiligen
Einbauort im Bauwerk verbracht werden. Neben den Bearbeitungs- und Montage-
vorgängen sind diese Baustellentransporte ein wesentlicher Bestandteil der Aus-
bauarbeiten. Um sie kostenoptimal auszuführen, werden je nach Arbeitsumfang
und Bauwerksbedingungen dafür verschiedene Verfahren und Geräte eingesetzt.
In Bild 9.3 und 9.4 sind 2 typische Transport- bzw. Montagevarianten dargestellt.
Bild 9.3: Ausbaumontage - Variante 1 [9.9]
494 9 Ausbauarbeiten im Hochbau
Bild 9.4: Ausbaumontage – Variante 2 [9.9]
Zum Vertikaltransport werden bei Ausbauarbeiten wegen der hohen Kosten nur
schwere Bauelemente mit Kränen bewegt. Ein häufig eingesetztes, kostengünsti-
ges Transportgerät ist der Bauaufzug.
Wesentliche Merkmale dieser Geräte, die als reine Materialaufzüge oder kom-
binierte Material- und Personenaufzüge geliefert werden, sind die Tragfähigkeit
der Lastbühne, deren Abmessungen, die Fördergeschwindigkeit und die maximale
Förderhöhe. Leichte Aufzüge weisen einen Mast, schwere [Link]. 2 Masten auf. Die
Aufzüge bestehen aus der Lastbühne, dem Mast (bzw. 2 Masten), dem Hubwerk
(vorwiegend Zahnstangenantrieb), den Be- und Entladestellen sowie den Steuer-
und Sicherheitseinrichtungen. Der Antrieb erfolgt elektrisch. Die Ladebühne ist
mit Dach (zum Teil) und Schubtoren versehen; am Boden ist eine über 2 m hohe
Umwehrung installiert. Der Ausstieg ist als etwa 2 m hohes Gerüstladestellentor
mit elektro-mechanischer Verriegelung ausgebildet. Der Mast kann von der Lade-
bühne aus vorgestreckt (aufgebaut) werden.
Als Tragfähigkeit werden von den Herstellern 200 – 300 – 500 – 850 kg (leich-
te Bauaufzüge), darüber hinaus 1000 – 1500 – 2000 – 2400 kg (schwere Geräte)
angegeben.
Die Abmessungen der Ladebühne betragen bspw.:
− für leichte Geräte (200, 300 kg) etwa 1,40 × 0,75 m,
− für 500 kg-Geräte etwa 1,60 × 1,40 m,
− für 650 – 1000 – 1500 – 2000 kg-Geräte bei 2 Moduln 1,70 × 3,00 m, bei 3
Moduln 1,70 × 4,50 m parallel zum Gebäude,
− für das 2400 kg-Gerät (Bild 9.7) 1,50 × 3,20 m.
Als Höhe der Ladebühnen (Umwehrung) werden etwa 2,10 m angegeben.
Als Geschwindigkeit werden für Geräte bis 2000 kg 25–30 m/min genannt, für
das 2400 kg-Gerät 57 m/min (bei Personenförderung 15/30 m/min).
Die Förderhöhen betragen für normale Einsätze max. 100 m, für das Gerät mit
2400 kg Tragfähigkeit max. 150 m.
9.3 Materialfluss und Geräteeinsatz 495
Für Hochhäuser werden Bauaufzüge auch mit größeren Förderhöhen gebaut.
Alle weiteren technischen Daten sind den Werksunterlagen der Hersteller zu
entnehmen. Zum Überblick sind in den Bildern 9.5 bis 9.7 schematisch Bauaufzü-
ge von verschiedenen Herstellern dargestellt. Einsatzbeispiele enthält die Literatur
[9.13, 9.14].
Bild 9.5: GEDA-Zahnstangenaufzug [9.10]
Für Reparaturen an Fassaden oder in großen Höhen (bspw. Windkraftanlagen),
die ohne aufwendige Gerüste durchgeführt werden sollen, werden auch Hubar-
beitsbühnen und mastgeführte Klettergerüste verwendet [9.15, 9.16].
496 9 Ausbauarbeiten im Hochbau
Bild 9.6: Steinweg – Personen- und Materialaufzug Superlift 7/600 PM [9.11]
9.3 Materialfluss und Geräteeinsatz 497
Bild 9.7: Alimak-Bauaufzug mit Personenbeförderung Scando FC 24/32 TD [9.12]
Für den Horizontaltransport in das Gebäude können bei Kraneinsatz in den ein-
zelnen Geschossen auskragende, umsetzbare Arbeitsbühnen eingesetzt werden
(Plattformen mit Schiebebühnen). Im ausgefahrenen Zustand (außerhalb des Ge-
bäudes) werden die Paletten vom Kran auf der Schiebebühne abgesetzt; nach dem
Einfahren in das Bauwerk werden sie von Gabelstaplern abgenommen und auf der
Rohdecke an die jeweilige Einbaustelle gebracht. Im Schema ist eine solche um-
setzbare Schiebebühne in Bild 9.8 dargestellt.
Die möglichen Grund- und Dauerleistungen von Bauaufzügen lassen sich sinn-
gemäß wie bei Turmdrehkränen, von Gabelstaplern wie bei Radladern ermitteln.
498 9 Ausbauarbeiten im Hochbau
Bild 9.8: Schema einer umsetzbaren Schiebebühne für Ausbauarbeiten
Die Anlieferung der Ausbaustoffe und -elemente und ihr Transport an die Ein-
baustellen im Bauwerk erfordern wegen der begrenzten Lagermöglichkeiten an
der Baustelle eine sorgfältige Planung, Koordination und Steuerung (Logistik).
Die Liefermengen und Anlieferzeiten (just-in-time) ergeben sich aus der Ablauf-
und Bereitstellungsplanung [8.21].
9.4 Merkmale und Probleme von Ausbauarbeiten
Ausbauarbeiten weisen folgende Merkmale auf, die zu Störfaktoren rationeller
Produktion werden können [9.3]:
1. verschiedene technische Bedingungen der einzelnen Ausbauteilsysteme,
2. enge Verflechtung mit anderen Gewerken (Bild 9.1),
3. Umplanungen noch während der Ausführung (bei baubegleitender Planung),
4. mangelhafte Koordination der Ausführenden infolge ungenügender Ablaufpla-
nung und -kontrolle,
5. Kapazitätsengpässe bei den ausführenden Firmen,
6. Witterungseinflüsse.
Diese Merkmale lassen sich teils nicht ohne weiteres (Ziff.1), teils bedingt
(Ziff.2 und 6), teils jedoch ganz oder größtenteils eliminieren (Ziff.3 bis 5).
Infolge unzureichender Verbreitung und Anwendung wissenschaftlicher Er-
kenntnisse, unvollständiger oder verzögerter Detailplanung sowie ungenügender
Koordination und Ablaufplanung ist der Ausbau von Hochbauten häufig noch
9.4 Merkmale und Probleme von Ausbauarbeiten 499
Bild 9.9: Zeichnungsstammbaum für Modernisierungsvorhaben [9.17]
500 9 Ausbauarbeiten im Hochbau
Bild 9.10: Durchführung der Modernisierung in 4 Schritten [9.17]
9.5 Möglichkeiten der Rationalisierung 501
durch geringen Vorfertigungsgrad, niedrige Arbeitsproduktivität, subjektive Pro-
zessgliederung, fehlende analytisch-exakt ermittelte Vorgaben für Arbeits- und
Fertigungszeiten und damit durch instabile Produktion und relativ lange Produkti-
onszeiten gekennzeichnet.
Bei Neubauten, aber auch bei der immer mehr an Bedeutung und Umfang ge-
winnenden Sanierung und Modernisierung älterer Hochbauten, kommt es daher
darauf an, durch vollständige und rechtzeitige Ausführungsplanung, maßgenaue-
res Arbeiten (d.h. weniger Anpassungsaufwand) und einen optimalen Arbeitsab-
lauf (Entflechtung und optimales Ineinandergreifen der Arbeiten) die Minimierung
von Ausführungszeit und Kosten zu erreichen [9.1, Abschn. 2.2.1; 9.3].
Bei der Modernisierung von Altbauten ist die Bestandsaufnahme vor Beginn
der Planung ein wesentlicher Faktor. Da Modernisierungsvorhaben mehr und
mehr an Bedeutung zunehmen, aber auch wegen ihrer im Vergleich zu Neubau-
vorhaben andersartigen Struktur in Planung und Ausführung sind in Bild 9.9 und
9.10 anhand eines „Zeichnungsstammbaums“ die 4 Planungs- und Realisierungs-
schritte von Modernisierungsvorhaben dargestellt und erläutert [9.17].
9.5 Möglichkeiten der Rationalisierung
Aus den genannten Gründen liegen die Rationalisierungsmöglichkeiten im Ausbau
1. bei den Ausbauverfahren (moderne Baustoffe, weitgehende Vormontagen bei
engen Rohbautoleranzen),
2. in der Ablaufplanung und -steuerung (eindeutiges Festlegen der Schnittstellen
zwischen den Gewerken),
3. in der optimalen Koordination der Ausführungsplanung und der Ausbauarbei-
ten.
zu 1. Bauverfahren
Von den Bauverfahren her liegen Rationalisierungsmöglichkeiten des Ausbaus
immer noch in den umfangreichen Anpassarbeiten, die vorwiegend in Handarbeit
bestehen und durch engere Toleranzen bei den Arbeiten anderer Gewerke redu-
ziert werden könnten. Weiter zählt dazu die Montage vorgefertigter Einbauteile,
auch im Bereich der gebäudetechnischen Arbeiten (Heizung, Lüftung, Sanitärin-
stallation). Möglichkeiten weiterer Bauzeitverkürzung bietet außerdem der ver-
mehrte Einsatz von Trocken- anstelle von Nassbauverfahren (bspw. Zwischen-
wände im Trockenbau) sowie das Eliminieren von Verlustzeiten durch
Schwachstellenuntersuchungen [9.18].
Besonders verweise ich hierzu auf die Entwicklung im großformatigen Mauer-
werksbau und die dafür entwickelten Geräte. An einschlägiger Literatur seien
hierzu erwähnt [9.19 bis 9.26].
zu 2. Ablaufplanung und -steuerung
Hier liegt das Rationalisierungsproblem darin, dass einmal der Umfang der ein-
zelnen Ausbauarbeiten je nach Gebäudeart und Ausstattung variiert und zum an-
502 9 Ausbauarbeiten im Hochbau
deren jeder Ausbauunternehmer, jedes Gewerk, daran interessiert ist, seine Arbei-
ten ohne Unterbrechung durchführen zu können (Bild 9.11). Im Einzelfall sollte
„die Abstimmung ... unter Berücksichtigung der Gesamtkosten eines Projekts und
in Bezug auf die Belange der einzelnen Handwerker das Optimum ergeben“
[9.27].
In der Ablaufplanung und in den Nachunternehmer(NU)-Verträgen sind des-
halb die Schnittstellen zwischen den einzelnen Gewerken eindeutig zu definieren.
Bild 9.11: Abstimmungsprobleme bei Ausbauarbeiten [9.27]
Wie die Praxis zeigt, können auch beim Ausbau von Hochbauten durch sorg-
fältige Planung aller wesentlichen Teilvorgänge auf der Basis realistischer Auf-
wandswerte die einzelnen Arbeitsabläufe straff koordiniert und rationelle Produk-
tionsformen wie modifizierte Takt- und Fließfertigung angewendet werden.
Hierfür sollten Fachingenieure für Ausbauarbeiten mit Kenntnissen und Erfahrun-
gen auf dem Gebiet der Ablaufplanung und -steuerung von Hochbauvorhaben he-
9.5 Möglichkeiten der Rationalisierung 503
rangezogen werden. Der klassisch ausgebildete Bauplaner, ob Architekt oder
Bauingenieur, ist damit zum Teil auch heute noch überfordert.
zu 3. Optimale Koordination der Ausführungsplanung und Ausbauarbeiten
Für den Ablauf von Ausbauarbeiten im Rahmen des Gesamtablaufs einer Baustel-
le gibt es grundsätzlich drei Möglichkeiten (Bild 9.12).
Im Fall 1 beginnt der Ausbau um Zf1 später als der Rohbau, wenn dieser einen
Vorlauf von wenigstens drei, besser vier Geschossen erreicht hat. Die Ausbauar-
beiten der Stufen 1 bis 3, hier als Synchrongruppe dargestellt, laufen langsamer als
der Rohbau ab. Da der Aufwand für die Teilvorgänge der Stufe 4 geringer ist als
für jene der Stufen 1 bis 3 und es sich dabei vorwiegend um hochwertige, leicht zu
entwendende Einbauteile handelt, setzt Stufe 4 als Nachläufergruppe erst wesent-
lich später als die Synchrongruppe ein. Dieser Zeitpunkt ist so zu wählen, dass die
Bauzeit Z1 eingehalten wird.
Bild 9.12: Möglichkeiten des
Ablaufs von Ausbauarbeiten
504 9 Ausbauarbeiten im Hochbau
Im Fall 2 ist es umgekehrt. Hier läuft der Rohbau um ΔZR langsamer als im
Fall 1. Der Ausbau setzt um ΔZA später ein als im Fall 1 und läuft schneller. Unter
der Voraussetzung, dass die kritische Annäherung Zf1 zwischen Roh- und Ausbau-
arbeiten nicht unterschritten werden darf, um gegen Ende der Rohbauarbeiten ge-
genseitige Behinderungen der Vorgangsgruppen zu vermeiden, ergibt sich bei un-
veränderter Gesamtbauzeit eine größere Arbeitsgeschwindigkeit aller
Ausbauarbeiten als im Fall 1. Welche der beiden Lösungen günstiger ist, hängt
von den örtlichen Umständen, dem Schwierigkeitsgrad des Bauvorhabens, dem
Umfang der Teilarbeiten und den Kosten der einzelnen Teilvorgänge ab.
Im Fall 3 laufen die Roh- und Ausbauarbeiten im Sinne einer Fließfertigung
bzw. Taktarbeit parallel zueinander ab. Gegenüber Fall 1 läuft der Rohbau wie im
Fall 2 um ΔZR langsamer, erfordert also weniger Potential als im Fall 1; gegen-
über Fall 2 sind die Ausbauarbeiten A1 bis 3 wieder um ΔZA gestreckt und brau-
chen ebenfalls nicht mehr Potential als im Fall 1; trotzdem bleibt die Gesamtbau-
zeit unverändert. A4 läuft wieder mit der gleichen Geschwindigkeit wie im Fall 1.
Der Fall 3 kann somit als Idealfall gelten. Auf die theoretischen Grundlagen gehe
ich im Abschnitt Ablaufplanung (11) noch ein.
Die kürzestmögliche Bauzeit Zk < Z1 ergibt sich bei einem Ablauf der Rohbau-
arbeiten nach Fall 1 und der folgenden Ausbauarbeiten nach Fall 2, erfordert je-
doch mehr Potential und damit höhere Potentialeinsatzkosten als für die Bauzeit
Z 1.
Von praktischer Bedeutung für den optimalen Ablauf von Ausbauarbeiten ist
eine weitere (vierte) Möglichkeit (Bild 9.13). Sie führt bei gleicher Arbeitsge-
schwindigkeit der Roh- und Ausbauarbeiten wie im Fall 3 nach Bild 9.12 zwar zu
einer um Z2 längeren Gesamtbauzeit. Der Vorteil liegt jedoch darin, dass die
Nachläufergruppe A4 das Gebäude nicht von unten nach oben, sondern von oben
nach unten fertig stellt. Unmittelbar nach den jetzt von oben her ablaufenden
Restarbeiten kann das Gebäude gereinigt werden; Flure und Treppenhäuser wer-
den nicht mehr von Handwerkern betreten.
Um wie in den Abläufen nach Bild 9.12 auch bei dieser Variante die bspw.
vorgegebene Bauzeit Z1 einzuhalten, müssten alle Vorgangsgruppen des Roh- und
Ausbaus um den Faktor (Z1 + Z2) / Z1 schneller arbeiten.
Häufig werden auch im Erdgeschoss Ausbauarbeiten bis zuletzt zurückgestellt,
da es als Durchgangsgeschoss zu den oberen Geschossen dient.
Ein wesentlicher Grund, weshalb es relativ schwierig ist, die verschiedenen
Ausbauarbeiten auf ein Taktverfahren abzustimmen, liegt in ihrer unterschiedli-
chen Struktur hinsichtlich Zeit-, Material- und Vorbereitungsaufwand (Bild 9.14)
und darin, dass man es im Gegensatz zu den Rohbauarbeiten bei der Vergabe an
Einzelleistungsträger nicht mit einem Unternehmen, sondern mit einer ganzen
Reihe zu tun hat. Bei Ausbauvorgängen überwiegt teils der Lohnanteil auf der
Baustelle, teils der Anteil der Vorfertigung in stationären Betriebsstätten, oder die
Lieferzeit seitens fremder Hersteller, während bei den umfangreichen gebäude-
technischen Einrichtungen der Planungsaufwand einen weiteren Unsicherheitsfak-
tor darstellen kann. Dies kann den Beginn der Ausbauarbeiten auf der Baustelle
9.5 Möglichkeiten der Rationalisierung 505
nachhaltig verzögern, wenn unter Berücksichtigung der erforderlichen Ausschrei-
bungs- und Vergabefristen sowie Vorlaufzeiten für Lieferung und Werkstattvorbe-
reitung mit der Ausführungsplanung nicht rechtzeitig begonnen wird (Bild 9.14).
Darüber hinaus wird der Ablauf von Ausbauarbeiten erschwert, wenn nahezu
alle Gewerke einzeln vergeben werden und von der Projekt- bzw. Bauleitung in
ihrem Einsatz aufeinander abgestimmt werden müssen. Diese Abstimmung im
Rahmen der Ablaufplanung ist Aufgabe der Logistik. Bei umfangreichen Ausbau-
arbeiten, die 60 und mehr Gewerke aufweisen können, ist das keine einfache Auf-
gabe. An den Ausbauarbeiten für ein großes Krankenhaus waren bspw. einschließ-
lich Röntgen- und Medizintechnik 215 Firmen und Lieferanten beteiligt [9.28].
Bild 9.13: Fall 4 – Ablauf der Ausbau-Restarbeiten A4 von oben nach unten
Bild 9.14: Vorlaufzeiten für Planung, Ausschreibung, Vergabe und Vorleistungen gebäude-
technischer Ausbaugewerke (Schema)
506 9 Ausbauarbeiten im Hochbau
Das ist – wie schon erwähnt – mit der Grund, weshalb in der Praxis gerade bei den
Ausbauarbeiten die meisten Schwierigkeiten im Ablauf auftreten, die die Fertig-
stellung eines Bauvorhabens verzögern und dadurch zu erheblichen Mehraufwen-
dungen führen können.
Eine Abhilfe und damit eine Rationalisierungsmöglichkeit liegt in diesem Fall
in der Vergabe von strukturell ähnlichen Vorgangsgruppen wie der gesamten Fas-
sadenarbeiten (Werkstein-, Metall-. Glasfassaden und Fenster) oder der gesamten
Gebäudetechnik an Arbeitsgemeinschaften von Ausbaufirmen. Diese haben dann
aus eigenem Interesse – ähnlich wie ein Generalunternehmer für den Gesamtbe-
reich des Ausbaus – innerhalb ihres Bereichs und innerhalb des vorgegebenen
Terminrahmens selbst für die Detailabstimmung ihrer Teilvorgänge zu sorgen.
Außerdem hat die Projektleitung bzw. -steuerung für diese zusammengefassten
Leistungsbereiche dann nur einen statt mehrerer Ansprechpartner.
Die Endstufe dieser Entwicklung ist – wie schon erwähnt – der Generalüber-
nehmer sowie darüber hinaus die gesamte Projektentwicklung, Planung, operati-
ves Bauen und das Facility-Management in einer Hand. Gerade bei Großbauvor-
haben des Hochbaus und bei Infrastrukturprojekten geht deshalb der Trend zu
Komplettangeboten der Bauunternehmungen (Systemanbieter).
„Aufgrund seines Komplett-Angebots mit dem Teilbereich der Bauwerkserstel-
lung ist der Auftragnehmer weniger ein bauausführendes Unternehmen als viel-
mehr Anbieter eines Gesamtsystems. Die Bauausführung ist zwar weiterhin – ggf.
auch wesentlicher – Bestandteil der vertraglichen Vereinbarungen, das Vergabe-
kriterium allerdings ist nunmehr weniger der Preis als ein wettbewerbsfähiges
Systemangebot“ [9.29].
Großprojekte im Hochbau (über etwa 500 Mio. €) werden vorwiegend auf diese
Weise und mit GMP-Verträgen abgewickelt. Ich verweise auch hierzu auf die Li-
teratur [9.30].
Natürlich wird auch die Rationalisierung von Ausbauarbeiten schon seit langem
betrieben [9.27, 9.31], findet häufig aber nur als schrittweise Weiterentwicklung
einzelner Arbeitstechniken, Baustoffe und Einbauelemente statt.
Ein Vergleich der Ausbauproduktion mit hoch entwickelten Fertigungsbetrie-
ben der stationären Industrie zeigt, dass dort mit wesentlich größerer Effektivität
gearbeitet wird [7.5]. Kennzeichen dieser industriellen Produktionsverfahren sind
weitgehende Fertigungsvorbereitung, Arbeitsteilung und Leistungsstetigkeit
(Fließ- und Taktarbeit), Maschineneinsatz (Mechanisierung), Verwendung monta-
gefähiger Einzelteile, Entlastung des Menschen von schwerer körperlicher Arbeit
und hohe Produktionsauflagen. Die Besonderheiten der Bauproduktion verhindern
zwar eine direkte Übertragung dieser Verfahren, jedoch nicht der Prinzipien
industrieller Produktion auf den Ausbau bzw. die gesamte Baustellenfertigung.
Die prinzipiellen Grundlagen der Industrialisierung und der modernen Konstruk-
tions- und Produktionstechnik gelten allgemein. Die Fertigung in der stationären
Industrie hat damit – wenn auch nur in modifizierter Form – Modellcharakter für
eine rationelle Bauproduktion [9.2, 9.32].
9.5 Möglichkeiten der Rationalisierung 507
Zusammenfassend ergeben sich aus heutiger Sicht für die Ausbauarbeiten somit
folgende Rationalisierungsmöglichkeiten:
1. Rechtzeitige Ausführungsplanung unter Berücksichtigung fertigungstechni-
scher Anforderungen,
2. Entflechtung der Arbeiten der einzelnen Gewerke,
3. Weitgehende Vorfertigung von Einbauteilen im Werk, auf der Baustelle nur
noch Montage mit Spezialwerkzeugen und -geräten,
4. Genauer Einbau der Ausbauteile (Fassaden, Fenster) mit Hilfe schon in den
Rohbau (Beton) eingesetzter Befestigungselemente,
5. Einbau komplett vorgefertigter Ausbauelemente (Fassadenelemente, Wände,
Fenster),
6. Trocken- statt Nassverfahren,
7. Abstimmung der Ausbauarbeiten auf Taktarbeit; d.h. Zusammenfassen der Ar-
beiten mehrerer Gewerke in zeitgleiche Ausbauabschnitte, ggf. verteilt auf
mehrere Bauteile bzw. Geschosse (Bild 9.15).
Bild 9.15: Ausbauablauf in den Normalgeschossen von 2 Gebäuden (B6, D) einer
Wohnanlage in Fließfertigung (Taktarbeit)
508 9 Ausbauarbeiten im Hochbau
Für eine weitere Möglichkeit halte ich die intensivere Nutzung des Rationali-
sierungspotentials der Ausbaufirmen und der Hersteller von Ausbauelementen als
das bisher geschehen ist, was jedoch nur in engem Kontakt mit den Planern und
dem jeweiligen Projektmanagement zum Ziel führen kann.
Zum Ziel weiterer fachübergreifender Rationalisierung gehört allerdings – auch
das ist nicht neu – eine umfassende Ausbildung der Planer und Fertigungsingeni-
eure in der Fertigungstechnik des Ausbaus und dem Baumanagement an den Uni-
versitäten und Fachhochschulen, die bisher vielfach nicht ernst genug genommen
wird.
Abschließend sei noch auf eine Veröffentlichung der Bundesfachabteilung
Schlüsselfertiges Bauen im Hauptverband der Deutschen Bauindustrie verwiesen.
Diese geht unter dem Blickwinkel „Qualitätssicherung im Schlüsselfertigen Bau-
en“ ausführlich auf die Problematik der Vorbereitung und des optimalen Ablaufs
von Hochbauten und dabei besonders auf die fach-, sach- und termingerechte Pla-
nung, Koordinierung und Ausführung von Ausbauarbeiten ein [9.33].
9.6 Schlüsselfertigbau
Wie schon mehrfach erwähnt, hat die Situation auf dem Baumarkt dazu geführt,
dass Rohbaufirmen als Generalunternehmer auch die Ausbauarbeiten und damit
die Koordination aller beteiligten Firmen übernehmen (Schlüsselfertiges Bauen
mit Generalunternehmer). Als Vorteile für den Bauherrn bei Einsatz eines Gene-
ralunternehmers werden neben der Übernahme der Gesamtkoordination der Aus-
bauarbeiten die vertragliche Zusicherung eines festen Fertigstellungstermins ge-
nannt, der durch Konventionalstrafen abgesichert wird; dazu kommen ein
Pauschalfestpreis und die Gewährleistung und Haftung in einer Hand [9.18].
Voraussetzung dafür sollte eine weitgehend abgeschlossene Ausführungspla-
nung sein. Änderungen der Gebäude- und Ausbauplanung während der Ausfüh-
rung können Mehrkosten verursachen, die durch den Pauschalfestpreis und den fi-
xen Fertigstellungstermin nicht abgedeckt sind. Dieser deckt für den Auftraggeber
nur Mengenänderungen aber keine Leistungsänderungen ab. Kommt es durch
Planänderungen während der Bauausführung zu Bauzeitverschiebungen, ist auch
der Fertigstellungstermin gefährdet.
Übernimmt ein Generalunternehmer (GU) darüber hinaus noch weitere Leis-
tungen für die Realisierung eines Projektes (bspw. die gesamte Ausführungspla-
nung), wird er als Generalübernehmer (GÜ) bezeichnet (s. Bild 3.11.4).
Abschließend soll nicht unerwähnt bleiben, dass in der Praxis bis heute bei der
Kooperation zwischen GU bzw. GÜ und den Nachunternehmern und bei dem Ko-
ordinieren der einzelnen Leistungsträger Versäumnisse und Fehler vorkommen,
die häufig die Ursache für unbefriedigende Baustellenergebnisse sind. Sie resultie-
ren teils aus der baubegleitenden Planung, teils aus dem Termindruck. Im einzel-
nen sind hierzu die Erfahrungen der Nachunternehmer, die Ursachen aus der Sicht
9.6 Schlüsselfertigbau 509
von General- und Nachunternehmern und die Sichtweise der Generalunternehmer
in der Literatur dargestellt [9.34]. Ich gehe darauf nicht weiter ein.
Dennoch gilt, dass „ein Diversifikationsprozess vom Rohbauunternehmer zum
Generalunternehmer oder, sofern keine eigene wesentliche Bauleistung erbracht
wird, zum Generalübernehmer nur erfolgreich sein wird, wenn es gelingt, eine
förderliche Zusammenarbeit mit Nachunternehmern zu gestalten“
Schließlich sind „kostengünstige Nachunternehmerleistungen bei Schlüsselge-
werken eines Bauvorhabens oftmals entscheidend für die Aquisition des Projekts.
In der Phase der Bauausführung ist die ausgeprägte Koordinationsfähigkeit und
Kooperationswilligkeit des Nachunternehmers mitentscheidend für die erfolgrei-
che Projektdurchführung. Unter dem Gesichtspunkt des wirtschaftlichen Erfolges
kommt dieser Kooperation und der Koordinierung von Nachunternehmern ent-
scheidende Bedeutung zu, da in diesem Bereich noch ein erhebliches Optimie-
rungs- und damit auch Kosteneinsparpotential besteht“ [9.29, 9.34].
Zur allgemeinen Problematik des schlüsselfertigen Bauens verweise ich ergän-
zend noch auf folgende Literatur [9.35-9.38] und auf die Abschnitte über die Kal-
kulation im Schlüsselfertigbau in [12.3] und [12.7].
Darin klingt mehrfach an, dass nicht alle Objekte, die in den letzten Jahren
durch Generalunter-/-übernehmer realisiert wurden, für alle Beteiligten erfolgreich
abgeschlossen werden konnten. Ich gehe deshalb noch kurz auf eine Untersuchung
ein, die erst vor kurzem veröffentlicht worden ist.
Ziel dieser Arbeit war, Verfahren und Instrumente zu entwickeln, „mit denen
die erforderlichen Aufgaben zur Vorbereitung der schlüsselfertigen Ausführung
im Hochbau mit tragbarem Aufwand, methodisch und damit sicher, projektbezo-
gen und zu einem möglichst frühen Zeitpunkt vollständig erkannt, bestimmt und
gemäß den bestehenden Abhängigkeiten in ihrer zeitlichen Abfolge geplant wer-
den können [9.39].
Wie schon erwähnt, wird im Schlüsselfertig-(SF)-Bau dem Auftraggeber (AG)
die gesamte Bauleistung zur Erstellung eines kompletten Bauvorhabens von einer
einzigen Unternehmung geschuldet. Deren Leistungsspektrum umfasst die optima-
le Kombination und Koordination der einzelnen Leistungsbereiche, das Veranlas-
sen und Durchführen erforderlicher Planungsleistungen, die Analyse und Beherr-
schung der zu übernehmenden Risiken bis zur richtigen Preisfindung für das
Erstellen eines kompletten und funktionsfähigen Objekts. Dieser Unternehmer –
nachstehend als AN (GÜ) bezeichnet – übernimmt, wie bereits im Abschnitt 1,
3.3.1 und 3.4 erwähnt, nicht nur die gesamte Bauleistung für ein Objekt, sondern
z. Tl. auch die im Rahmen eines komplexen Global-Pauschalvertrages erforderli-
chen Management-(Bauherren-) und Planungsleistungen. Dazu gehört im Regel-
fall die Ausführungsplanung.
Zur Lösung dieser Aufgabe wird der Projektablauf in Prozessstufen und -ele-
mente gegliedert. Diese werden, nach Projektarten geordnet und logisch ver-
knüpft, zu Prozesselementekatalogen zusammengefasst. Daraus werden dann für
den jeweiligen Fall die erforderlichen Handlungsrahmen gebildet. Diese Systema-
tik wird dokumentiert und ist damit für weitere Projekte verfügbar.
510 9 Ausbauarbeiten im Hochbau
In Bild 9.16 ist die grundlegende Methodik dieses Verfahrensmodells darge-
stellt. Zum Überblick sind nachstehend einige weitere Abbildungen und Tabellen
aus dieser Untersuchung wiedergegeben:
Bild 9.16: Grundlegende Methodik des Verfahrensmodells [9.39, Abb. 29]
9.6 Schlüsselfertigbau 511
Bild 9.17: Charakter des Schlüsselfertigbaus [9.39, Abb. 3]
Tabelle 40: Aufgabenbereiche des Übernehmers zur Vorbereitung der Ausführung der
Bauleistungen [9.39, Tabelle 12]
Das Bild 9.17 zeigt nochmals das Prinzip des Schlüsselfertigbaus auf im Ver-
gleich zur Vergabe von Fachlosen an einzelne Unternehmungen (s. auch Bild
3.11). Die Prozesshierarchie ist, wiederum im Vergleich zur Gliederung eines Ab-
laufs in Ablaufabschnitte nach REFA, in Bild 9.18 dargestellt. Weiter zeigt die
Tabelle 40 die Aufgabenbereiche des AN (GÜ) zur Vorbereitung der Bauausfüh-
rung; das Bild 9.19 enthält Beispiele der schon erwähnten Schlüsselleistungen. In
Tabelle 41 sind typische Merkmale verschiedener Projektarten aufgelistet. Die
512 9 Ausbauarbeiten im Hochbau
Tabelle 42 enthält Beispiele wesentlicher Projektinformationen, die zur Vorberei-
tung eines SF-Projektes von besonderer Bedeutung sein können. Das Bild 9.20
gibt einen Überblick über die Risikokategorien der Projektdurchführung beim GÜ,
während Bild 9.21 dessen Risikomanagement in der Wettbewerbsphase zeigt.
Im letzten Abschnitt seiner Untersuchung zeigt der Verfasser auf, wie und in wel-
chem Umfang die EDV zur Projektvorbereitung und für die Projektsteuerung ein-
gesetzt werden kann.
Bild 9.18: Gewählte Prozesshierarchie zur Gliederung des Prozesses „Projektdurchfüh-
rung“ beim Übernehmer [9.39, Abb. 18]
9.6 Schlüsselfertigbau 513
Bild 9.19: Schlüsselleistungen: Eigenschaften und Beispiele [9.39, Abb. 25]
514 9 Ausbauarbeiten im Hochbau
Tabelle 41: Projektarten [9.39, Tabelle 19]
9.6 Schlüsselfertigbau 515
Tabelle 42: Projektinformationen im Verfahrensmodell [9.39, Tabelle 25]
Bild 9.20: Risikokategorien der Projektdurchführung beim Übernehmer [9.39, Abb. 35]
516 9 Ausbauarbeiten im Hochbau
Bild 9.21: Risikomanagement des Übernehmers in der Wettbewerbsphase [9.39, Abb. 36]
9.7 Zusammenfassung
Nach der aktuellen Literatur beträgt seit mehreren Jahren der Anteil des Bauvolu-
mens im Hochbau, der schlüsselfertig von Generalunternehmen ausgeführt wird,
mehr als 50% [9.40].
Die Ausbauarbeiten im Hochbau sind jedoch anders strukturiert als der Rohbau.
Dieser umfasst nur relativ wenige Elementarprozesse (Schalen, Bewehren, Beto-
nieren) bzw. das Versetzen von (vorgefertigten) Mauerwerksblöcken oder die
Literatur zu Kapitel 9 517
Montage großer vorgefertigter Elemente aus Stahlbeton. Diese Leistungen sind
Kernprozesse traditioneller Bauunternehmungen.
Im Gegensatz dazu bestehen gebäudetechnische und allgemeine Ausbauarbei-
ten vorwiegend aus kleinteiligen Montagen und Oberflächenbearbeitungen mit
verschiedenen werkstoffbedingten Arbeitstechniken, die nacheinander durch meh-
rere „Gewerke“ ausgeführt werden. Diese Leistungen werden größtenteils von
handwerklich organisierten Firmen erbracht, deren Einsatz hinsichtlich Terminen,
Kosten und Qualität zu koordinieren und zu kontrollieren ist. Dazu gehören Fach-
kenntnisse.
Die Problematik des Schlüsselfertigbaus liegt deshalb zum Teil immer noch
darin, dass Bauingenieuren auch heute noch während ihrer Ausbildung zu wenig
Fachkenntnisse aus den Ausbaugewerken vermittelt werden. Das Betriebswirt-
schaftliche Institut der Bauindustrie in Düsseldorf versucht allerdings seit einigen
Jahren, durch Lehrgänge für in der Praxis stehende Ingenieure diese Situation zu
entspannen [9.40].
Das andere Problem sehe ich in den komplexen Pauschalverträgen, deren Risi-
ken, wie die Literatur zu Abschnitt 3.4.2 zeigt, nicht ernst genug genommen wer-
den können.
Literatur zu Kapitel 9
9.1 Gossow, V.; Schlüsselfertiger Hochbau, Verlag Vieweg, Braunschweig/
Wiesbaden 2000
9.2 Gebaute Superlative, Hebel Projektbau realisiert Europas modernstes au-
tomobiles Sicherheitszentrum – schlüsselfertig in nur 14 Monaten, Das
Bauzentrum/Baukultur (BzBk) 1-2001, S. 56
9.3 Bauer, H.; Kurz, J.; Optimaler Ablauf der Ausbauarbeiten, Kriterien für
den optimalen Ablauf der Ausbauarbeiten im Hoch- und Wohnungsbau,
Schriftenreihe „Bau- und Wohnforschung“ des BM Bau Nr. 04.006, Bonn
1974
9.4 Bauer, H.; Kriterien für Planung und Ablauf der Ausbauarbeiten im Hoch-
bau; baupraxis 3/72, S. 41-45
9.5 Wendker, H.; Zunehmende Projektgrößen – abnehmende Ausführungszei-
ten (Großflächige Fassadenfertigbauweise als Lösungsmöglichkeit), Bau-
kultur, Heft 5/1998, Fassaden; S. 32 – und weitere Berichte über Glas- und
Metallfassaden
9.6 Toepfer, W.; Gottwald, G.; Berichte über Glas-, Metallfassaden an einem
Allianz-Hochhaus in Berlin sowie über Fassadentechnik vom Feinsten, das
„Eurotheum“ in Frankfurt, das Bauzentrum 4/2000, S. 6 und 8
9.7 Schönfeld, J.; Gehört die Haustechnik zur Architektur?, das Bauzentrum
(bz) 1/1998, S. 4
9.8 Sauer, J.; Generalunternehmer Gebäudetechnik, A + T, das letzte Großpro-
jekt am Potsdamer Platz, bz 3/1999, S. 38
518 9 Ausbauarbeiten im Hochbau
9.9 Heinicke, G.; Technologie des Ausbaus, VEB Verlag für Bauwesen, Berlin
1978
9.10 Werksunterlagen GEDA-Dechentreiter Maschinenbau GmbH, Asbach-
Bäumenheim
9.11 Werksunterlagen H. Steinweg GmbH, Werne
9.12 Werksunterlagen Alimak-HEK-Intervect GmbH, Postfach 247, 75021 Ep-
pingen
9.13 Transportbühneneinsatz in Warschau, B+B 6/02, S. 48 (Geda-Geräte)
9.14 Steinweg, Superlift XL 2080 am höchsten Bürogebäude in München, B+B
11/03, S.57
9.15 Blaasch, G.; Hubarbeitsbühnen, BW 3/97, S.32
9.16 Kotte, G.; Technik der Hubarbeitsbühnen, B+B 8/02, S.40
9.17 Wiechmann, H. H.; Modernisierungshandbuch für Architekten, Schriften-
reihe „Bau- und Wohnforschung“ des BM Bau Nr. 04.064, Bonn 1981
9.18 Mainka, Th.; Die optimale baubetriebliche Abwicklung schlüsselfertiger
Bauvorhaben hinsichtlich Organisation und Produktionstechnik, dargestellt
am Beispiel raumauskleidender Ausbauarbeiten, Diss. Universität Dort-
mund, 1988 (s. a. [9.1])
9.19 Peters, H.; Planziegelsysteme, B+B 2/02, S. 68
9.20 Schlötzer, B.; Baukosten und die EnVO (u.a. elektrische Arbeitsbühnen mit
angebautem Versetzgerät und Bandsäge), B+B 2/02, S. 79
9.21 Niebuhr, B.; Wirtschaftlicher Hausbau (mit KS-Quadro), B+B 3/02, S. 77
9.22 Gonzalez, A.C.; Schadenfreies Bauen (mit großformatigen Kalksandstei-
nen wie KS-Quadro und KS plus), B+B 5/02, S. 72
9.23 (Fa.) Steinweg, Mauertechnik senkt die Baukosten (Geräteübersicht), B+B
5/02, S. 87
9.24 Niebuhr, B.; Kostenoptimierung am Bau (KS-Quadro), B+B 11/02, S. 56
9.25 Niebuhr, B.; Doppelhaus in Bremen: Systemlösungen vor, während und
nach der Bauphase (Wandbausystem KS-Info), B+B 5/03, S. 64
9.26 Zobel, Elke, H.; Durch Vorproduktion Kosten senken, B+B 5/02, S. 75
9.27 Schönberg, G.; Kley, R.; Arbeitstechnische Untersuchungen beim Ausbau
von Wohnbauten, Veröffentlichung der Forschungsgemeinschaft Bauen
und Wohnen (FBW) Stuttgart, Heft 87, 1970
9.28 Krankenhausleitung und Bezirksamt (Hochbauamt) von Neukölln; Kran-
kenhaus Neukölln – Der Neubau, Berlin 1986
9.29 Helmus, M.; Weber, A.; Zusammenarbeit von General- und Nachunter-
nehmer im schlüsselfertigen Hochbau, B+B 2/03, S. 20
9.30 Batel, H.; Der Guaranteed Maximum Preis Bauvertrag (GMP-Vertrag),
Teil 1–3, B+B 4-6/2003 (s. a. Abschnitt 3.4.5)
9.31 Götz, L.; Einige Gedanken zum technischen Ausbau und Rohbau, rationel-
ler bauen, Nr. 10/1972, RG Bau, Frankfurt/Main
9.32 Ollesky, K.; Kaiser, J.; Würsching, B.; Ist Lean Thinking auf die Bauin-
dustrie übertragbar?, B+B 3/03, S. 30
Literatur zu Kapitel 9 519
9.33 Bundesfachabteilung Schlüsselfertiges Bauen im Hauptverband der Deut-
schen Bauindustrie (Herausgeber); Qualitätssicherung im Schlüsselferti-
gem Bauen, Schwerpunkte Bauausführung, Klärner F.; Schwürer A.; Aus-
gabe 1992
9.34 Helmus, M.; Höllrigl, M.; Problemorientierte Gewerkekoordination im SF-
Bau, B+B 3/03, S. 18
9.35 Pfeiffer, P.; Neumann, D.; Malkwitz, A.; Horvath, St.; Partnerschaften am
Bau – Wer kann sich das leisten?, B+B 3/02, S. 42
9.36 von Ende, S.; u.a.; Cash-Flow-Untersuchungen für GU´s, B + B 4/02, S. 38
9.37 Kullack, A.; Der Nachunternehmereinsatz (bei VOB-Verträgen), B+B
5/02, S. 36
9.38 Kullack, A.; Zur Zulassung von Generalübernehmern bei der Vergabe von
Bauleistungen (bei VOB-Verträgen), B+B 2/03, S. 17
9.39 Koch, M.; Die Vorbereitung für die schlüsselfertige Ausführung im Hoch-
bau, 1. Auflage, Berlin, Bauwerk, 2003
9.40 Bodenmüller, E.; 40 Jahre BWI-Bau: Aus Tradition in die Zukunft (Ab-
schnitt „Kooperationsfeld Schlüsselfertiges Bauen“), B + B 11/2004, S. 34
10 Betriebswirtschaftliche Grundlagen
der Bauproduktion
10.1 Fertigungstechnische Merkmale beim Einsatz
von Bauverfahren
Nach Abschnitt 4 werden Bauteile bzw. Bauwerke durch technisch und wirtschaft-
lich optimalen Einsatz von Arbeitskräften, Maschinen und Geräten, Baustoffen
sowie der dafür benötigten Energie unter Anwendung naturwissenschaftlicher o-
der technologischer Regeln und Erfahrungen (Verfahren) hergestellt bzw. errich-
tet. Beispiele typischer Bauverfahren aus dem gesamten Spektrum der Bauproduk-
tion sind in den Abschnitten 5 bis 9 dargestellt.
Rückblickend stellt sich nun die Frage nach ihrem „gemeinsamen Nenner“ aus
verfahrenstechnischer Sicht. Darunter sollen die bei allen Verfahren eingesetzten
Faktoren verstanden werden, die den zeit- und kostenoptimalen Ablauf der Pro-
duktion bewirken und damit deren Rationalisierungsmöglichkeiten beeinflussen.
Anders ausgedrückt, welche Mittel oder Maßnahmen sind für den Einsatz techno-
logischer Verfahren zur Fertigung eines bestimmten Bauprodukts oder zum Errei-
chen eines bestimmten Bauzustands notwendig, wie lassen sie sich messen, ver-
gleichen und ggf. verbessern bzw. weiter rationalisieren?
Aus dieser Sicht weisen die dargestellten Bauverfahren zusammenfassend fol-
gende Merkmale auf:
Im Erdbau dominiert der Einsatz großer Maschinen. Die Teilvorgänge Lösen,
Laden, Transportieren, Einbauen und Verdichten laufen kontinuierlich im Sinne
einer Fließfertigung ab. Alle Erdbauleistungen werden von Maschinen vollzogen,
die von qualifizierten Maschinenführern bedient werden. Erdarbeiten weisen des-
halb einen hohen Maschinisierungsgrad auf. Ihr produktionstechnischer Schwer-
punkt liegt im Einsatz von Maschinen und Geräten und damit in den für diese gel-
tenden Einflussfaktoren (Bild 5.72).
Im Beton- und Stahlbetonbau bestimmt der taktmäßige Schalungseinsatz den
Ablauf der Produktion, bei Massenbeton ist es die Betonherstellung und
-förderung. Mit Ausnahme von Großbaustellen oder Sonderfällen wird der Bau-
stoff Beton von fremden Lieferwerken bezogen; die Schalung weitgehend aus in-
dustriell gefertigten Elementen kombiniert. Der Bewehrungsstahl kommt größten-
teils fertig geschnitten und gebogen (einbaufertig) auf die Baustelle; die
Bewehrungsarbeiten (Verlegen) werden durch Nachunternehmer ausgeführt, häu-
fig ganz oder teilweise auch die Schalarbeiten, die Betonförderung und der Beton-
einbau. Als Hebezeuge stehen leistungsfähige Kräne zur Verfügung. Neben der
© Springer Berlin Heidelberg 2007
H. Bauer, Baubetrieb,
DOI 10.1007/978-3-642-32533-5_10
522 10 Betriebswirtschaftliche Grundlagen der Bauproduktion
Einsatzplanung firmeneigener Arbeitskolonnen und Maschinen ist die Leistung re-
lativ weniger Nachunternehmer so auf die eigenen Arbeiten abzustimmen, dass
sich insgesamt ein rationeller Bauablauf ergibt.
Die Fertigung im Betonbau ist somit durch Maschinen- und Geräteeinsatz mit
dazu gehörender Ergänzungsmannschaft (Schal-, Betonkolonne und Nachunter-
nehmer bzw. Lieferanten) gekennzeichnet. Der Maschinisierungsgrad ist niedriger
als bei Erdarbeiten. Wesentliche Einflussfaktoren einer ungestörten Produktion
sind die rechtzeitige Bereitstellung geprüfter Schal- und Bewehrungspläne und der
erforderlichen Bau- und Bauhilfsstoffe (Bild 6.142).
Die Verwendung vorgefertigter Elemente, der Fertigteilbau, stellt im Betonbau
einen wesentlichen Schritt in Richtung auf industrielle Produktion dar. Die Her-
stellung der Elemente wird wie im Stahlbau in stationäre Werke oder Feldfabriken
verlegt und dadurch rationeller möglich als auf der Baustelle, der Witterungsein-
fluss dadurch weitgehend eliminiert. Auf der Baustelle wird nur montiert und ver-
gossen. Herstellung und Montage der Elemente sind räumlich, z.T. auch betrieb-
lich getrennt, wenn die Fertigteile von fremden Herstellern bezogen werden. Ein
weitgehend störungsfreier Bauablauf erfordert deshalb eine entsprechende organi-
satorische Vorbereitung (Logistik). Mehr als bei anderen Bauverfahren ist die
frühzeitige Planung der (Serien-)Elemente bis ins Detail eine wesentliche Voraus-
setzung für eine kurze Gesamtbauzeit.
In der Fertigung und Montage werden ebenfalls Maschinen mit dazu gehören-
der Ergänzungsmannschaft eingesetzt. Der Trend zu mechanisierten und automati-
sierten Fertigungsabläufen ist naturgemäß größer als im Ortbetonbau.
Für das Herstellen trockener Baugruben ohne Gefährdung der Nachbarbebau-
ung und des daneben aufrecht zu erhaltenden Verkehrs und für die Ausführung
von Pfahlgründungen, Pfahl-, Spund- und Schlitzwänden oder Wasserhaltungen
werden vorwiegend Nachunternehmer aus dem Spezialtiefbau eingesetzt. Diese
sind auf derartige Arbeiten spezialisiert und können deshalb kostengünstiger und
sicherer arbeiten als ein Betrieb, bei dem Arbeiten dieser Art nur hin und wieder
vorkommen. Wie im Stahlbetonbau geht es damit auch hier um die Koordination
der Nachunternehmer mit der eigenen Produktion (bspw. um die Abstimmung
zwischen der eigenen Maschinengruppe für den Baugrubenaushub und dem paral-
lel dazu mitlaufenden Einbau der Baugrubenwände und -verankerungen durch den
Nachunternehmer oder umgekehrt).
Werden einer Bauunternehmung Hochbauvorhaben als Generalunter- oder -
übernehmer zur schlüsselfertigen Ausführung übertragen, führt sie wenn über-
haupt nur die Rohbauarbeiten ganz oder teilweise mit eigener Mannschaft und ei-
genem oder angemietetem Gerät aus (Maschinen- und Geräteeinsatz mit Ergän-
zungsmannschaft und Nachunternehmer). Die gesamten Ausbauarbeiten, die
häufig 50-60% und mehr der Gesamtbauleistung umfassen, werden von Ausbau-
firmen, d.h. mehreren Nachunternehmern und Lieferanten ausgeführt, deren Ein-
satz optimal aufeinander abzustimmen ist. Hier dominiert die Organisation, die
Koordinationsaufgabe (Projektsteuerung). Dabei kommt es darauf an, durch ein
zielorientiertes Management die Kapazitäten der Ausbaufirmen zu einem straffen,
stetigen Produktionsablauf der Ausbauarbeiten im Sinne einer Takt- oder Fließfer-
tigung zusammenzufassen.
10.2 Produktionsfaktoren im Baubetrieb 523
In allen Produktionsbereichen ist die Baustelleneinrichtung, auf die noch ein-
zugehen ist, auf die einzelnen Teilleistungen abzustimmen. Dabei dominiert der
Materialfluss als wesentlicher Zeit- und Kostenfaktor.
Wie schon mehrfach erwähnt, übernehmen seit einigen Jahren große Bauunter-
nehmungen als Generalübernehmer bzw. Systemanbieter weitergehende Leistun-
gen für die Entwicklung, Planung und das Betreiben großer Bauprojekte im Hoch-
, Industrie- und Ingenieurbau. Da diese Aufgaben über den Rahmen einer rationel-
len Bauproduktion hinausgehen, gehe ich darauf nicht weiter ein und verweise auf
die Literatur [Abschnitt 1, 3, hier bes. 3.37-3.45, 9.35, 9.39, 10.5, 10.6].
10.2 Produktionsfaktoren im Baubetrieb
Allen vorgenannten wie auch den nicht dargestellten weiteren Bauverfahren aus
anderen Bausparten ist gemeinsam, dass bei ihrer Anwendung, zum Ablauf tech-
nologischer Prozesse, Mittel einzusetzen sind, die eine bestimmte Produktion oder
die erwünschte Zustandsänderung ermöglichen. Sie stellen die Produktionsfakto-
ren bzw. produktiven Faktoren dar. Dabei sind Elementar- und dispositive Fakto-
ren zu unterscheiden [10.1].
Zu den Elementarfaktoren zählen
1. die objektbezogenen, durch Arbeitspersonen zu verrichtenden Tätigkeiten, die
unmittelbar mit der Leistungserstellung und -verwertung im Zusammenhang
stehen, ohne dispositiv-anordnender Natur zu sein,
2. die Arbeits- und Betriebsmittel, d.h. alle Einrichtungen (Maschinen, Geräte und
Anlagen), welche die technische Voraussetzung betrieblicher Leistungserstel-
lung, insbesondere der Produktion bilden, sowie alle Hilfs- und Betriebsstoffe
(Energie), die notwendig sind, um den Betrieb arbeitsfähig zu machen und zu
erhalten,
3. die Werkstoffe, in unserem Fall die Bau- und Bauhilfsstoffe, Halb- und Fertig-
erzeugnisse, die als Ausgangs- und Grundstoffe für die Herstellung von Bau-
produkten dienen. Nach der Vornahme von Form- und Substanzänderungen
oder nach dem Einbau in das Fertigerzeugnis werden sie Bestandteil des neuen
Produkts, hier des Bauwerks oder einzelner Bauteile.
Neben diesen Elementarfaktoren stellt die Person oder Personengruppe, die die
Verbindung (Kombination) der vorgenannten Elementarfaktoren zu einer produk-
tiven Einheit vollzieht, das ist die Geschäfts- und Betriebsleitung, das Manage-
ment, einen vierten produktiven Faktor dar. Von seiner Leistungsfähigkeit ist der
Erfolg der Faktorkombination nicht weniger abhängig als von der Beschaffenheit
der Elementarfaktoren selbst [10.1, 10.2].
Dieser vierte „dispositive Faktor“ stellt des Zentrum betrieblicher Aktivität
dar, das planend und gestaltend das gesamtbetriebliche Geschehen steuert.
Im Rahmen dieser Aktivität haben als davon abgeleitete Funktionen die Pla-
nung (als planendes Vordenken aller Betriebsvorgänge) und die Organisation (d.h.
524 10 Betriebswirtschaftliche Grundlagen der Bauproduktion
das Durchsetzen und Verwirklichen der Planung im Betrieb durch einen betriebli-
chen Lenkungsapparat, die Betriebsorganisation) weiteren Einfluss auf eine ratio-
nelle Produktion.
Die produktiven Faktoren bestehen demnach aus den drei Elementarfaktoren
Arbeitspersonen, Betriebsmittel und Werkstoffe und dem vierten dispositiven Fak-
tor, der Geschäfts- und Betriebsleitung. Dazu kommen die von diesem abgespalte-
nen Faktoren Planung und Betriebsorganisation.
Insgesamt lassen sich somit sechs Produktionsfaktoren unterscheiden (Bild
10.1). Dieses allgemeine System gilt sinngemäß auch für die Bauproduktion.
Hinsichtlich der Voraussetzungen optimaler Ergiebigkeit manueller Arbeit im
Betrieb, von Betriebsmittelbeständen und des Werkstoffeinsatzes sei auf die Spe-
zialliteratur verwiesen. Das gleiche gilt für den Einfluss der Geschäfts- und Be-
triebsleitung sowie der Planung und Betriebsorganisation auf die Produktivität des
Faktoreinsatzes [10.1 bis 10.4].
Bild 10.1: Produktionsfaktoren im Baubetrieb
10.3 Potential und Kapazität eines Baubetriebes
Die zur Herstellung von Bauprodukten eingesetzten Produktionsfaktoren stellen
das Potential eines Betriebes dar. Je nach Größe und Produktionsbreite besteht es
aus einzelnen Teilpotentialmengen, die häufig nicht oder nicht ohne weiteres aus-
tauschbar sind.
Jede sinnvolle Kombination dieser Produktionsfaktoren innerhalb eines Baube-
triebes weist auf die Zeiteinheit, die Arbeitsstunde bezogen, ein bestimmtes Ar-
beits- (Produktions-)vermögen auf. Wird es mit seiner Einsatzzeit multipliziert,
ergibt sich die mögliche Kapazität eines Betriebes (Bild 10.2).
Aus Bild 10.2 geht zunächst nur die theoretisch vorhandene Kapazität hervor.
Wie aus den Ansätzen zur Bestimmung von Maschinenleistungen zu ersehen ist,
fehlt zur effektiven quantitativen Bestimmung noch eine weitere Größe, die die er-
reichbare zeitliche Nutzung des von einem Betrieb vorgehaltenen Potentials und
damit seine tatsächliche Produktivität bzw. Effizienz ausdrückt. Erst durch Be-
rücksichtigung dieses effektiven Nutzungsgrades ergibt sich die im Einzelfall
nutzbare Kapazität eines Betriebes oder einer Arbeitsgruppe.
10.4 Zusammenfassung 525
Analog zu den bisher dargestellten Gleichungen zur Bestimmung von Maschi-
nenleistungen wird dieser zeitliche Nutzungsgrad eines Produktionsapparates, der
in einer Arbeitskette aus mehreren Maschinen bzw. Produktionseinheiten besteht,
mit e bezeichnet. In der Literatur wird dafür auch die Bezeichnung „Betriebsgüte“
verwendet.
Wie schon erwähnt, wird unter dem Begriff „Baubetrieb“ im Sinne der Zielset-
zung dieser Darstellung vorwiegend die technisch-wirtschaftliche Einheit verstan-
den, die durch Kombination der vorgenannten Produktionsfaktoren sowie durch
Einsatz der dispositiven Faktoren Bauwerke und deren Teilprodukte erstellt.
Die nutzbare Kapazität einer Produktionseinheit, die einen Teilvorgang oder
eine Vorgangsgruppe vollzieht, oder eines Gesamtbetriebes ergibt sich somit zu
K n = P ⋅ Z ⋅ e (Bild 10.2) (56)
Auf die Dimension der Kapazität eines Betriebes gehe ich im folgenden Ab-
schnitt über die Ablaufplanung ein.
Bild 10.2: Potential und Kapazität eines Baubetriebes
10.4 Zusammenfassung
Die in der Bauproduktion eingesetzten Verfahren sind neben naturwissenschaft-
lich-technischen Voraussetzungen durch Einsatz von Potential gekennzeichnet,
das aus einer Kombination der elementaren und dispositiven Produktionsfaktoren
besteht. Unter Potential sind Menge und Arbeitsvermögen der produktiven Fakto-
526 10 Betriebswirtschaftliche Grundlagen der Bauproduktion
ren eines Betriebs pro Zeiteinheit zu verstehen. Mit der Tätigkeitszeit multipliziert
ergibt sich daraus unter Berücksichtigung des zeitlichen Nutzungsgrades (Effi-
zienz) seine Kapazität.
Es geht somit darum, dieses Potential rationell, d.h. wirtschaftlich optimal ein-
zusetzen. Zur Beurteilung der Wirtschaftlichkeit seines Einsatzes bedarf es weite-
rer Kenngrößen. Dies sind neben dem effektiven Arbeitsvermögen, das z.T. aus
den Verfahrensbedingungen resultiert, der zeitliche Einsatz und die Kosten. Sie
werden in den folgenden Abschnitten dargestellt.
Literatur zu Kapitel 10
10.1 Gutenberg, E.; Grundlagen der Betriebswirtschaftlehre, Erster Band, die
Produktion, 22. Auflage, Berlin – Heidelberg - New York 1976
10.2 Burkhardt, G.; Numerische Ablaufplanung einer Baustelle, Schriftenreihe
des Bayerischen Bauindustrieverbandes Nr. 4, Bauverlag Wiesbaden –
Berlin, 2. Auflage 1968
10.3 Refisch, B.; Probleme der Führung und Organisation von Bauunterneh-
mungen, Sonderdruck aus Betriebswirtschaftliche Unternehmensführung
(herausgeg. von v. Kortzfleisch, G. und Bergner H.), Verlag Duncker &
Humblot, Berlin (ohne Jahresangabe)
10.4 Hahn, D.; Planung und Kontrolle als Führungsaufgaben in Bauunterneh-
men, aus Planung, Steuerung und Kontrolle im Bauunternehmen, Refera-
te der 19. Betriebswirtschaftlichen Jahrestagung der Wirtschaftsvereini-
gung Bauindustrie NW, 1986, Wibau-Verlag, Düsseldorf 1987
Darüber hinaus sei nochmals an aktueller weiterführender Literatur er-
wähnt:
10.5 Leimböck, E., Iding, A.; Bauwirtschaft, 2. Auflage, Teubner Stuttgart,
2004
10.6 Bubb, Chr.; „Vom Bauleiter zum Dienstleister“, Baufirmen auf der Suche
nach neuen Geschäftsfeldern, Zschokke Holding AG, CH-8153 Dictikon,
in Bauen, Bewirtschaften, Erneuern – Gedanken zur Gestaltung der Inf-
rastruktur, Festschrift zum [Link] von Prof. Dr. Hans-Rudolf
Schalcher, vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich, 2004
11 Ablaufplanung
11.1 Abgrenzung zur Produktionsplanung
in der stationären Industrie
Allgemein besteht das Ziel einer Produktionsplanung darin, „das von der Unter-
nehmensleitung Gewollte in rationale Formen betrieblichen Vollzugs umzugie-
ßen“. Die Produktionsplanung industrieller Unternehmen umfasst dafür drei Stu-
fen:
− die Planung des Produktionsprogramms,
− die Planung der Bereitstellung jener Produktionsfaktoren, die zur Herstellung
der Erzeugnisse des Unternehmens benötigt werden (Bereitstellungsplanung)
und
− die Planung des Produktionsprozesses.
Produktionsprozesse bestehen aus einer Abfolge von manuellen und/oder ma-
schinellen Arbeitsoperationen, die auf Form- oder Lageänderungen der Roh- oder
Werkstoffe oder auf eine Änderung der Stoffeigenschaften gerichtet sind [11.1].
In der auftragsorientierten Bauunternehmung ist das Produktionsprogramm
durch die Aufträge vorgegeben. Die Produktionsplanung besteht deshalb in der
Planung und Koordination des Ablaufs der übernommenen Bauvorhaben. Sind da-
für die Termine bestimmt, können die erforderlichen Produktionsfaktoren nach
Art, Anzahl, Einsatzzeit und Liefermengen ermittelt sowie die notwendige Bau-
stelleneinrichtung, die „Baufabrik“, festgelegt werden.
Im einzelnen sind für jeden Bauablauf die Produktionsverfahren zu wählen, die
Vorgänge zu ermitteln, deren logische Reihenfolge unter Berücksichtigung techni-
scher, technologischer und produktionsbedingter Abhängigkeiten festzulegen und
ihre Dauern zu bestimmen. Mit diesen Daten kann das erforderliche eigene und
fremde Potential (Nachunternehmer) ermittelt, die Baustelleneinrichtung festge-
legt und das Ablaufmodell terminiert werden.
Die Produktionsplanung in Baubetrieben, die nachstehend wie in der Praxis als
Ablaufplanung bezeichnet wird, läuft deshalb in einer anderen als der o.g. Reihen-
folge ab, die für marktorientierte Unternehmen der stationären Industrie mit lager-
fähigen Erzeugnissen gilt. Eine weit vorausschauende Planung des Produktions-
programms ist nicht möglich. Der jeweilige Produktionsumfang ist durch die
erhaltenen Aufträge vorgegeben, die unter Berücksichtigung aller Randbedingun-
gen kostenoptimal auszuführen sind. Die Ablaufplanung besteht somit im Festle-
gen des optimalen räumlichen, kapazitiven und zeitlichen Ablaufs aller Produkti-
onsvorgänge (Verfahrens-, Kapazitäts-, Termin- und Bereitstellungsplanung).
© Springer Berlin Heidelberg 2007
H. Bauer, Baubetrieb,
DOI 10.1007/978-3-642-32533-5_11
528 11 Ablaufplanung
Daraus ergeben sich das erforderliche Potential, der Zeitraum seiner Bereitstellung
und die für den reibungslosen Ablauf erforderliche Baustelleneinrichtung (s. a.
Abschn. 3.5.4).
Dabei kommt es in der Unternehmung neben der Planung der einzelnen Aufträ-
ge darauf an, den Einsatz des gesamten Potentials an Arbeits- und Führungskräf-
ten, Maschinen und Geräten über alle Produktionsstätten so zu disponieren, dass
es ohne Engpässe möglichst stetig und gleichmäßig eingesetzt werden kann. Diese
übergeordnete Aufgabe wird durch sinnvolles Aneinanderreihen der für die ein-
zelnen Aufträge gebundenen Teilkapazitäten gelöst. Daraus folgt, dass sich Stö-
rungen im Ablauf einzelner Produktionen auf die nachfolgend geplanten auswir-
ken. Wird der Ablauf einer Baustelle gestört (verzögert) und dadurch das dort
eingesetzte Potential länger gebunden als geplant, steht es für den vorgesehenen
weiteren Einsatz bei anderen Aufträgen nicht rechtzeitig zur Verfügung. Ist dage-
gen eine Verzögerung im Arbeitsablauf durch zusätzlichen Potentialeinsatz aufzu-
holen, gilt im Prinzip das gleiche, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.
Durch Zeit- und Kapazitätsreserven in der Planung können unvorhersehbare
Störungen nur bedingt aufgefangen werden, da in Reserve gehaltene Kapazität er-
hebliche Kosten verursacht, die der Markt nicht erstattet.
Aus der Sicht der Bauunternehmung sind im Hinblick auf ein optimales wirt-
schaftliches Gesamtergebnis somit zwei Stufen der Produktionsplanung zu unter-
scheiden. Dies sind
− die Ablaufplanung für die einzelnen Bauvorhaben und
− die übergreifende Koordination des Potentialeinsatzes in der Unternehmung.
Die Lösung der Koordinationsaufgabe der zweiten Stufe besteht darin, für jede
Arbeitsaufgabe (Baustelle) ebenfalls das erforderliche Potential auszuwählen und
unter den gegebenen Randbedingungen (End- und Zwischenfertigstellungstermi-
ne) die Reihenfolge seines Einsatzes auf den einzelnen Baustellen festzulegen.
Für diese bisher i.W. durch Erfahrung gelöste Aufgabe wurden theoretische
Ansätze entwickelt. Sie gehen davon aus, dass dem aus der Einzelfertigung resul-
tierenden charakteristischen Produktionsablauf aus Einsatz, Stillstand, Umsetzen,
Rüsten und ggf. zweckentfremdetem (nicht optimalem) Einsatz des Potentials als
Zielvorstellung das theoretische Ideal einer Fließfertigung gegenüberstehen sollte.
Da für das optimale Gesamtergebnis einer Unternehmung optimale Ergebnisse
der einzelnen Produktionsstätten eine elementare Voraussetzung sind, stelle ich
nachstehend i. W. nur die Planung des rationellen Ablaufs einer Baustelle dar. Zur
Lösung der Koordinationsaufgabe in der zweiten Stufe sei auf die Spezialliteratur
verwiesen [11.1].
11.2 Aufgabe der Ablaufplanung
Da Auftraggeber und Unternehmer unterschiedliche Anforderungen an eine Ab-
laufplanung stellen, sind bei der Planung von Bauproduktionsvorgängen zwei
Aufgabenbereiche zu unterscheiden.
11.2 Aufgabe der Ablaufplanung 529
Schwerpunkt der Ablaufplanung des Auftraggebers ist die zeitliche Koordinati-
on aller Vorbereitungs- und Planungshandlungen, Bereitstellungen, Genehmigun-
gen usw., um einen störungsfreien Projektablauf zu gewährleisten. Sie ist durch
eine Koordination der Bauarbeiten zu ergänzen und gibt dann Informationen über
− Termine für Ausschreibung, Vergabe und Fertigstellung einzelner Bauabschnit-
te,
− Termine für Ausbau- und Zulieferfirmen,
− Dauer des Gesamtvorhabens,
− Bedarf an Führungskräften,
− Kosten in Abhängigkeit vom Projektfortschritt.
„Die Ablaufplanung des Bauherrn ist also eine Generalplanung. Sie dient der
Koordination und Überwachung des Bauvorhabens von der Konzeption der Bau-
idee bis zur Ingebrauchnahme des Werkes“ [11.1].
Die Planungsaufgabe des Unternehmers beschränkt sich dagegen auf die ei-
gentliche Bauproduktion. Jede größere Baustelle verlangt eine Produktionspla-
nung, welche i.W. folgende Teilgebiete umfasst:
− die Verfahrenswahl (Wahl der zweckmäßigsten (wirtschaftlichen) Arbeitswei-
se). Dazu dient ein Kostenvergleich verschiedener Produktionssysteme, worauf
i.E. noch einzugehen ist,
− die Betriebspunktplanung (Bestgestaltung der jeweiligen Arbeitsbedingungen
für Mensch und Maschine),
− die Leistungsberechnung zur Bestimmung des erforderlichen Potentials an Ar-
beitskräften, Betriebsmitteln und Werkstoffen,
− die Planung der Baustelleneinrichtung und
− die Ablaufplanung, d.h. die zeitliche, räumliche und kapazitive Koordination
aller Teilbauvorgänge.
Den Schwerpunkt der Planungsaufgabe bildet die Ablaufplanung, da sich in ihr
die Ergebnisse der übrigen Teilaufgaben niederschlagen. Sie ist eine Vollzugspla-
nung mit dem Ziel, Bauzeit, Potential und den weiteren finanziellen Aufwand ver-
nünftig aufeinander abzustimmen.
Häufig sind der Planungsfreiheit durch
− vorgeschriebene Bauzeiten,
− Kapazitätsgrenzen,
− Zwischentermine aus der übergeordneten Planung des Auftraggebers,
− Bauzeitbeschränkungen aus Witterungsgründen
Grenzen gezogen.
Aus der Sicht der Unternehmung hat die Planung von Bauvorgängen somit fol-
gende Forderungen zu erfüllen:
− die Bestimmung der Dauer der Teilvorgänge und der Gesamtbauzeit aufgrund
zur Verfügung stehender Produktionskapazitäten,
530 11 Ablaufplanung
− die Koordinierung der Teilvorgänge zu technisch-logisch verträglichen Bau-
vorgangsketten,
− die Optimierung des Bauvorganges, vor allem der wirtschaftlich oder technisch
maßgebenden Bauleistungen [11.1].
Wenn die Gesamtbauzeit nicht frei gewählt werden kann, sind aus der verfüg-
baren Zeit die erforderlichen Kapazitäten zu ermitteln.
Die Qualifikation der Arbeits- und Führungskräfte und die Art der einzusetzen-
den Betriebsmittel ergeben sich aus den gewählten Bauverfahren für die einzelnen
Teilvorgänge.
Der Baustoffbedarf ist in der Regel eine konstante Größe und von der Bauzeit
unabhängig. Dagegen sind die Anzahl der Arbeitskräfte und die Kapazität der Be-
triebsmittel der Bauzeit umgekehrt proportional.
Beispiel:
Für die Errichtung eines Bauwerks nach bestimmten Verfahren seien 100.000 Ar-
beitsstunden (12.500 „Tagewerke“ bei 8 h-Schicht) aufzuwenden.
Allgemein gilt bei konstanter täglicher Arbeitszeit:
A · d = konstant, (57)
A = Anzahl an Arbeitskräften,
d = Produktionszeit in Betriebstagen [AT]
Für das Beispiel gilt
A · d = 12.500 Tagewerke, daraus folgt:
A = 12.500 / d [Arbeitskräfte] oder
d = 12.500 / A [AT].
Die Funktion A = f(d) oder umgekehrt für A · d = konstant ist eine Hyperbel
(Bild 11.1).
Bild 11.1: Zusammenhang zwischen der Anzahl an Arbeitskräften und erforderlichen Be-
triebstagen für eine bestimmte Bauleistung
11.2 Aufgabe der Ablaufplanung 531
Da Grenzwerte wie d = 0 und d = ∞ keine praktische Bedeutung haben, wird
die Bandbreite, innerhalb der A und d variiert werden können, durch Randbedin-
gungen begrenzt. Dazu kommt die verschiedene Interessenlage der an einem Bau-
vorhaben Beteiligten.
Ein Bauunternehmer will bspw. sein Potential stetig und gleichmäßig, d.h. ohne
zeitliche Unterbrechung und ohne Kapazitätsspitzen einsetzen (Kapazitätsverlauf
A3 in Bild 11.2). Für Planungsbüros gilt sinngemäß das gleiche.
Bild 11.2: Formen des Potentialeinsatzes im Baubetrieb (Anzahl an Arbeitskräften während
der Bauzeit)
Der Auftraggeber fordert dagegen häufig eine Produktion nach speziellen Wün-
schen wie kürzestmögliche Bauzeit, raschen Baubeginn nach Vertragsabschluss
oder verlangt Zwischentermine in Abhängigkeit von nachfolgenden Gewerken.
Zusammenfassend besteht das Ziel der Ablaufplanung einer Bauunternehmung
somit im wirtschaftlich optimalen Einsatz der produktiven Faktoren zur Errich-
tung eines Bauwerkes bzw. (allgemein) zum Erbringen von Bauleistungen unter
gegebenen Randbedingungen.
Zu den produktiven Faktoren einer Bauunternehmung, dem Potential, zählen
(Bild 10.1):
− die Arbeitskräfte verschiedener Qualifikation für Handarbeit und Maschinen-
bedienung,
− die Betriebsmittel (Maschinen, Geräte, Aggregate, Vorrichtungen und Einrich-
tungen),
− die Bau-, Bauhilfs- und Betriebsstoffe.
532 11 Ablaufplanung
Bild 11.3: Aufgabe und Ziel der Ablaufplanung einer Bauunternehmung
Dazu kommen als vierter, dispositiver Faktor die Unternehmensleitung, die
Aufsichts- und Führungskräfte, das Verwaltungspersonal (technische und kauf-
männische Angestellte) sowie Patente, Lizenzen und Spezialerfahrungen. Außer-
dem gehören zum dispositiven Faktor die davon abgeleiteten Bereiche der Pla-
nung und Organisation.
Im Überblick sind Aufgabe und Ziel der Ablaufplanung einer Bauunterneh-
mung in Bild 11.3 im Schema dargestellt.
Durch die Ablaufplanung sollen somit:
− alle relevanten Vorgänge und ihre logischen Verknüpfungen im Hinblick auf
die vorgegebenen Projektziele erfasst und
− die für jede hierarchische Stufe angepassten Informationen für die Planung und
Überwachung (bezüglich Ablauf, Terminen, Kapazitäten und Kosten) darge-
stellt werden [11.1].
Wie im Abschn. 3.3.1 erwähnt, sind seit etwa 20 Jahren zwischen der ständig
verfügbaren Grundlast einer Unternehmung an produktiven Faktoren (bspw. für
11.3 Grundlagen und Randbedingungen 533
das Kerngeschäft) und der Vergabe aller operativen Bauleistungen aus einem
Bauvertrag an Nachunternehmer verschiedene Varianten möglich. Beispiele hier-
für sind
− der Einsatz von fremden Arbeitskolonnen (Nachunternehmer) als Teilgrundlast
A,
− das Anmieten von Großgerät (Baumaschinen, Betonschalung) als Teilgrundlast
B und
− die Vergabe von Teilleistungen wie Erd-, Spezialtiefbau-, Schal-, Bewehrungs-,
Beton- oder Ausbauarbeiten an Spezialfirmen im Rahmen der Grundlast A + B.
Für öffentliche Auftraggeber haben Bauunternehmungen bei VOB-Verträgen
(immer noch) einen nicht unerheblichen Anteil an Eigenleistungen zu erbringen
(ž bis ½ der Gesamtauftragssumme [11.2]).
11.3 Grundlagen und Randbedingungen
11.3.1 Grundlagen
Die der Ablaufplanung für ein Bauvorhaben zugrunde liegenden Ausgangsdaten
und Informationen gehen aus den Ausschreibungsunterlagen hervor. Sie bestehen
aus
− den Ausführungs- und sonstigen Bauwerksplänen,
− dem Leistungsverzeichnis (LV); es enthält die Beschreibung der einzelnen Teil-
leistungen, die Fertigungsmengen und – soweit erforderlich – besondere Ab-
rechnungsvorschriften,
− den Vertragsbedingungen. Unter diesen sind in den Besonderen Vertragsbedin-
gungen die Standortbedingungen und Besonderheiten der Bauaufgabe be-
schrieben (s. Abschn. 3.4.2).
Insgesamt sollten die Ausschreibungsunterlagen Angaben enthalten über
− das Bauwerk und seine Gliederung,
− Art und Umfang der Teilleistungen (Fertigungsmengen),
− die Bauzeit,
− den Baubeginn,
− geforderte Zwischentermine,
− die Standortbedingungen der Baustelle wie Zugang, Platz für die Baustellenein-
richtung, Grundwasserstand, Wasserführung von Gewässern, Wasser- und
Stromanschlüsse, Vorfluter, Klima- und Witterungsverhältnisse usw.,
− die Abrechnung bzw. Zahlungsbedingungen,
− Vertragsstrafen bei Terminüberschreitung,
− die besonderen Risiken der Bauaufgabe (bspw. aus dem Baugrund),
− weitere Randbedingungen der Produktion wie bspw. Aufrechterhaltung des
Verkehrs bei Arbeiten an öffentlichen Verkehrswegen u. ä.
534 11 Ablaufplanung
Über welche Punkte einer Bauaufgabe der Bieter zu informieren ist, geht aus
§ 10, Ziff.4 der VOB/A [3.4], den allgemeinen Hinweisen für das Aufstellen von
Leistungsbeschreibungen der DIN 18299 (VOB Teil C) sowie den weiteren DIN-
Vorschriften des Teils C der VOB hervor.
Fehlen die vorgenannten Informationen, sind sie durch eine Begehung des
Baugeländes und/oder Rückfragen bei der ausschreibenden Stelle zu beschaffen.
Die vorstehend genannten Ausschreibungsunterlagen beziehen sich auf VOB-
(Einzelleistungs-) Verträge nach Abschn. 3.4.2. Private Auftraggeber (Investoren)
sind an diese Vertragsform nicht gebunden. Bei Pauschalverträgen enthalten die
Ausschreibungsunterlagen auch kein Leistungsverzeichnis und keine Mengenan-
gaben. In diesem Fall haben die Bieter für ihre Preisermittlung anhand der Pläne
und der Baubeschreibung ein Leistungsverzeichnis selbst aufzustellen und die
Teilmengen zu ermitteln.
Weitere Grundlagen einer Ablaufplanung sind die technischen Regelwerke wie
die allgemeinen technischen Vertragsbedingungen für Bauleistungen des Teils C
der VOB und die Sicherheitsbestimmungen der Bauberufsgenossenschaften1 (s. a.
Abschn. 11.6.2).
11.3.2 Randbedingungen
Wesentliche Randbedingungen einer Ablaufplanung sind:
− die Bauzeit
Sie ist häufig vorgegeben und wird oft durch Vertrags- (Konventional-)strafen er-
zwungen (pauschalierter Schadensersatz).
Typische Beispiele für Bauvorhaben mit Vertragsstrafen sind
− Kaufhäuser: Ihre Bauzeit wird nach „Verkaufskampagnen“ festge-
legt (bspw. Fertigstellung vor dem Weihnachtsgeschäft
oder dem Winterschlussverkauf).
− Wohn- und Büro- Hier tritt bei verspäteter Fertigstellung ein Mietausfall
bauten: gegenüber dem Finanzierungsplan ein.
− Kraftwerksbauten: Durch Ausfall von Energielieferung bei verspäteter
Fertigstellung entstehen dem Auftraggeber ebenfalls
Mehrkosten gegenüber dem Finanzierungsplan.
Die Höhe von Vertragsstrafen in AGB ist durch die BGH-Urteile vom
20.01.2000 und 23.01.2003 auf 0,2% je Werktag, höchstens jedoch 5% des Werk-
lohns begrenzt [11.3].
− der Bauraum
Innerhalb eines Bauabschnitts bestimmt der verfügbare Bauraum die Abmessun-
gen der einsetzbaren Maschinen und Geräte und die Anzahl an Arbeitskräften. Er
muss so groß sein, dass sich Arbeiter und Maschinen nicht gegenseitig behindern.
1
Die Baustellenverordnung – BaustellV – des BMWA und die dazu gehörenden Regeln
zum Arbeitsschutz auf Baustellen (RAB)
11.4 Planungsschritte 535
Im Untertagebau hängt bspw. die Maschinengröße vom Lichtraumprofil ab; im
Betonbau die Anzahl an einsetzbaren Arbeitskräften häufig von der Fläche des
Bauabschnitts.
− konstruktiv und technologisch bedingte Zwangspunkte
Die Reihenfolge, in der Bauteile und Bauabschnitte hergestellt werden können,
hängt auch davon ab, ob ein Baukörper statisch stabil oder instabil ist (an anderen
Bauteilen hängt). Die stabilen Baukörper sind zwangsläufig vor den instabilen
herzustellen. Häufig sind Bauabschnitte durch Konstruktionsfugen begrenzt oder
müssen wegen ihrer Größe unterteilt werden. Vom Erhärten des Betons hängt es
ab, wann ausgeschalt werden kann usw..
− vom Bauherrn oder den Standortbedingungen vorgegebene Zwangspunkte wie
− das Freiwerden von Grundstücken,
− der Planvorlauf (rechtzeitige, vertraglich festzulegende Planbeistellung),
− Zwischentermine für nachfolgende Maschinenmontagen,
− Start von Ausbauarbeiten,
− Übergabe von Bauteilen an den Nutzer (bei umfangreichen Hochbauten,
Straßenbauten oder als Teilstau bei Staudämmen),
− Besondere Risiken (bspw. aus dem Baugrund, Wasserständen an Flüssen,
der Witterung).
− das verfügbare Potential einer Unternehmung
Bei nicht hinreichendem Potential müssen Arbeitsgemeinschaften eingegangen
oder Nachunternehmer eingesetzt werden, wenn zusätzliche Arbeitskräfte nicht
beschafft werden können.
− das Kostenminimum
Da für einen Bauablauf häufig verschiedene Kombinationen produktiver Faktoren
möglich sind, besteht ein wesentliches Kriterium der Ablaufplanung im Festlegen
der einzusetzenden Verfahren. Unter dem Wettbewerbsdruck wird jede Unter-
nehmung versuchen, für die einzelnen Teilprozesse das kostengünstigste Verfah-
ren zu wählen, soweit nicht Qualitätsanforderungen oder Kapazitätsgrenzen be-
stimmte Kombinationen oder Methoden ausschließen oder wegen begrenzter
Liquidität vorhandene Maschinen und Geräte eingesetzt werden müssen. Ich gehe
auf diesen Punkt in den Abschn. 12.4, 12.7 und 12.8 noch ein.
11.4 Planungsschritte
11.4.1 Planungstiefe (Grob-, Feinplanung)
Wie bei jeder Planung sind auch bei der Bauablaufplanung verschiedene Informa-
tionsgrade möglich bzw. notwendig. Hierfür sind i.a. 3 Stufen zu unterscheiden
[11.1]:
536 11 Ablaufplanung
1. der Grobablauf- oder Rahmenterminplan, der als Übersichtsplan für die wich-
tigsten Bauabschnitte Rahmentermine festlegt (Zeiteinheit 1 Monat),
2. der Koordinationsablaufplan. Er umfasst ebenfalls das gesamte Projekt und
dient der Steuerung und Kontrolle des Bauablaufs (Zeiteinheit 1 Arbeitstag),
3. Feinablaufpläne; damit werden im Zuge der Bauausführung die einzelnen Ar-
beitsabschnitte detailliert (Zeiteinheit 1 AT).
Der Genauigkeitsgrad der geplanten Daten sinkt mit dem Abstand vom Pla-
nungszeitpunkt ab. Jeder Praktiker weiß aus Erfahrung, „dass langfristige Feinplä-
ne keinen Vorteil gegenüber Grobplänen haben, da die zahlreichen während der
Bauzeit auftretenden inner- und außerbetrieblichen Einflüsse einen über längere
Zeiträume aufgestellten Feinplan schnell unrealistisch werden lassen“ [11.1].
Der Grobplan über die gesamte Bauzeit (Rahmenterminplan) dient als langfris-
tiges Steuerungsinstrument des Bauablaufs.
Der Koordinationsablaufplan bildet das Modell für die Kontrolle und Steuerung
des Bauablaufs durch die Bauleitung. Die im folgenden Abschn. 11.4.2 dargestell-
ten Planungsschritte beziehen sich auf diesen Koordinationsablaufplan.
Im Gegensatz dazu „beschränkt sich die Feinplanung auf einzelne Ausfüh-
rungsabschnitte, geht jedoch hier in die Einzelheiten bis zu den Arbeitsvorgängen
und legt deren Ausführungszeiten fest“. Dabei sind
− Feinpläne zur Untersuchung von Sonderproblemen innerhalb des Bauablaufs
(Taktpläne ohne Ausführungstermine für repräsentative Taktabschnitte) sowie
− Feinpläne mit einer Terminierung der Arbeitsvorgänge
zu unterscheiden. Diese stellen detaillierte Arbeitsanweisungen dar, die für
kurzfristig übersehbare Zeiträume ausgearbeitet werden. Mit diesen Feinplänen
wird der Bauablauf in seinen Einzelheiten gesteuert.
11.4.2 Planungsschritte (Schritt 1 bis 9)
Im einzelnen wird mit der Ablaufplanung versucht, „die komplexen Zusammen-
hänge bei der Abwicklung einer Bauaufgabe in einem Modell zu erläutern“. Die-
ses Modell wird – wie nachstehend dargestellt – „in mehreren Schritten erzeugt
und modifiziert“, um auch den Einfluss von nacheinander eingefügten Relationen
zu erkennen [11.1].
Aus den Informationen nach Abschn. 11.3 wird hierfür eine Bauaufgabe zu-
nächst in Bauteile und Bauabschnitte gegliedert (Projektstruktur). Dann werden im
ersten Planungsdurchgang die Bauverfahren festgelegt. Daraus ergeben sich die
Teilproduktionsvorgänge. Aus den hierfür angesetzten Aufwands- und Leistungs-
werten für die Maschinen und Arbeitsgruppen und dem verfügbaren Potential
kann die Dauer jedes Vorgangs ermittelt werden; umgekehrt ergibt sich über zu-
nächst geschätzte Vorgangsdauern im Rahmen der verfügbaren Bauzeit das erfor-
derliche Potential.
Werden jetzt die einzelnen Vorgänge – nach Gewerken und Produktionsgrup-
pen gegliedert – und das dafür erforderliche Potential unter Berücksichtigung ihrer
technischen und technologischen Abhängigkeiten in der Reihenfolge ihres Ablaufs
11.4 Planungsschritte 537
im Zeitmaßstab aufgetragen, ergibt sich der vorläufige Ablaufplan. Da dieser die
genannten Optimierungskriterien (Ziffer 11.2) in der Regel (noch) nicht erfüllt
und mit der angestrebten oder geforderten Bauzeit nicht übereinstimmt, wird
durch Einführen gewünschter Produktionsbedingungen, über eine Leistungs- und
Kapazitätsabstimmung und einen Verfahrens- und Variantenvergleich daraus in
weiteren Planungsdurchgängen der optimale Bauablauf – das Ablaufsystem –
entwickelt. Dafür stehen heute Computerprogramme zur Verfügung [11.4]. Paral-
lel dazu wird die Baustelleneinrichtung den einzelnen Planungsdurchgängen an-
gepasst.
Bild 11.4: Schema der Bauablaufplanung (Planungsschritte)
538 11 Ablaufplanung
Der Ablauf eines Bauvorhabens wird somit in mehreren Durchgängen geplant,
bis alle Randbedingungen und Optimierungskriterien hinreichend erfüllt sind.
Aus dem endgültigen Ablaufplan und der darauf abgestimmten Baustellenein-
richtung geht dann i.E. hervor, wann, wo und wie lange das erforderliche Potential
nach Art und Menge bereitgestellt werden muss.
Im einzelnen lässt sich auf diese Weise die Aufgabe der Bauablaufplanung in 9
Planungsschritten lösen, die nachstehend erläutert werden. Sie sind mit den erfor-
derlichen Rückkopplungen in Bild 11.4 dargestellt.
[Link] Schritt 1: Gliederung eines Bauwerks in Bauteile
und Bauabschnitte (Projektstruktur)
Im ersten Schritt der Ablaufplanung wird die Bauaufgabe in Bauteile und Bauab-
schnitte gegliedert (Bild 11.5). Daraus ergeben sich Art und Umfang der einzelnen
Teilbauleistungen. Diese Gliederung wird nach den Ausführungsplänen mit Hilfe
des Leistungsverzeichnisses (LV) vorgenommen.
Art, Anzahl, Umfang und Abmessungen der Bauteile- und -abschnitte gehen
aus den Ausführungsplänen hervor. Soweit die Baukörper und Konstruktionsfugen
ein Bauwerk nicht hinreichend in fertigungstechnisch sinnvolle Bauabschnitte
gliedern, müssen diese durch Arbeitsfugen festgelegt werden.
[Link] Schritt 2: Verfahrensplanung
Für eine Angebotskalkulation werden Bauablauf und Baustelleneinrichtung häufig
nur grob geplant, da offen ist, ob die Unternehmung den Auftrag erhält. Allerdings
müssen auch derartige Pläne alle wesentlichen Vorgänge enthalten und in sich
schlüssig sein. Nach Auftragserteilung wird durch die Arbeitsvorbereitung dieser
Grobplan aktualisiert und daraus ein genauer Ablauf (Koordinationsplan) erarbei-
tet (s. auch Abschn. 12.4.7).
Dafür werden zunächst die einzusetzenden Bauverfahren bestimmt. Aus der
gewählten Verfahrenstechnik ergeben sich die einzelnen Vorgänge. In der Regel
versucht eine Bauunternehmung die in den Ausschreibungsunterlagen geforderten
Bedingungen (Qualität, Mengenleistung, Termine) mit vorhandenem Potential
(Mannschaft und Gerät) zu erfüllen (soweit sie nicht alle operativen Arbeiten an
Nachunternehmer vergibt).
Um jedoch bei einem Angebot Aussicht auf Erfolg zu haben, müssen schon bei
dieser Grobplanung für die Hauptleistungen die kostengünstigsten Produktions-
verfahren (und die dafür erforderliche Baustelleneinrichtung) bestimmt werden.
Sie ergeben sich über einen kalkulatorischen Verfahrensvergleich möglicher Vari-
anten. Im einzelnen gehe ich darauf im Abschnitt Baukalkulation ein (Ziffer
12.2.2, 12.7 und 12.8).
[Link] Schritt 3: Festlegen der Teilvorgänge nach Art, Reihenfolge
und Ablaufbedingungen (Ablaufstruktur)
Im dritten Schritt werden die einzelnen Arbeitsvorgänge, die Reihenfolge ihres
Ablaufs und ihre Ablaufbedingungen festgelegt. Dies ergibt die Ablaufstruktur.
11.4 Planungsschritte 539
Bild 11.5: Gliederung eines Bauwerkes in Bauteile, Bauabschnitte und Teilbauleistungen
540 11 Ablaufplanung
Dieser Schritt besteht aus 4 Teilschritten:
1. der Ermittlung der Vorgänge für die einzelnen Teilaufgaben,
2. dem Festlegen ihrer Reihenfolge,
3. dem Festlegen der Ablaufbedingungen (Anordnungsbeziehungen),
4. der Kontrolle der Fertigungsmengen.
Art, Reihenfolge und die gegenseitigen Abhängigkeiten (Anordnungsbeziehun-
gen) der Vorgänge ergeben sich aus den Prozessstufen der Verfahren (Bild 11.6,
11.7) sowie den technischen und technologischen Bedingungen der Bauaufgabe
(siehe hierzu Ziffer 11.8.4).
Die bisher vorwiegend verwendeten Begriffe „Vorgang“, „Teilvorgang (-pro-
zess)“, „Prozessstufe“ können, abhängig von der betrachteten Produktionsstufe,
verschiedene Bedeutung haben. Bei der Betrachtung eines Hochbaus nach Bild
11.5 sind die Erd-, Rohbau-, die gebäudetechnischen und die Ausbauarbeiten
Teilvorgänge, die jeweils aus einer Reihe weiterer Detail- Produktionsvorgänge
bestehen. Bei der Brücke sind die Erdarbeiten, die Pfahlgründungen, die Pfeiler
und Widerlager und die Überbauabschnitte Teilvorgänge der Gesamtbauleistung,
wobei diese ebenfalls weitere Produktionsschritte (Teilverrichtungen) erfordern.
REFA gliedert die Produktionsvorgänge für Bauleistungen in Arbeitssysteme,
die (ebenfalls) aus einzelnen Ablaufschritten bestehen (4 Makro-Ablaufabschnitte
für die Baustellenführung, 3 weitere für Arbeitsstudien; Bild 11.7.1). Weitere Bei-
spiele zeigen die Bilder 11.7.2 und 11.7.3.
Welche Vorgänge in die Ablaufplanung aufgenommen werden, hängt von der
Planungstiefe ab. Bei vorgegebener Bauzeit ist zunächst eine überschlägige Pla-
nung der Hauptarbeiten anhand von Erfahrungswerten, Schätzungen oder Kenn-
zahlen vorzunehmen, um einen Überblick über den Bauablauf, den Potentialein-
satz und die erforderliche Baustelleneinrichtung zu erhalten [11.1].
Bild 11.6: Gliederung eines Bauablaufs in Vorgänge (Teilprozesse)
11.4 Planungsschritte 541
Bild 11.7.1: Gliederung des Arbeitssystems „Bauwerk erstellen“ in Ablaufschritte
Bild 11.7.2: Ablauforganisation des Arbeitssystems „Auswahl Fertigungsverfahren“, einem
Teilablauf des Arbeitssystems Arbeitsvorbereitung
542 11 Ablaufplanung
Bild 11.7.3: Ablauforganisation des Arbeitssystems „Baustelleneinrichtung“, einem Teilab-
lauf des Arbeitssystems Arbeitsvorbereitung
Bild 11.7: Gliederung von Arbeitssystemen nach REFA [11.5]
Erfahrungsgemäß sollten in einem Ablaufplan während eines Kontrollzeitraums
von 1 bis 2 Monaten nicht mehr als etwa 30 Vorgänge liegen. Darüber hinaus las-
sen sich die Aktivitäten nicht mehr gleichzeitig überblicken und realitätsnah kon-
trollieren. Ggf. sind dafür mehrere Vorgänge zu Arbeitspaketen zusammenzufas-
sen.
Beispiel:
Das Herstellen einer Baugrube mit senkrechten Wänden aus einer rückverankerten
Trägerbohlwand läuft in folgenden Vorgängen ab (Abschn. 8):
− Träger bohren und setzen,
− Aushub und Einbau des Verbaus bis zur 1. Ankerlage,
− Anker bohren, setzen und verpressen,
− Aushub und Einbau des Verbaus bis zur 2. Ankerlage usw.
Dieser weitere Aushub kann jedoch erst vorgenommen werden, wenn die An-
ker der 1. Lage nach ausreichendem Erhärten den Zugversuch bestanden haben.
Aushub mit Verbau und Ankereinbau sind in der Baugrube somit nur versetzt mit
einer Zeitdistanz von einigen Tagen möglich, woraus sich die Ablaufbedingungen
ergeben.
11.4 Planungsschritte 543
Für das Herstellen von Stahlbetonbauteilen ist die logische Reihenfolge Scha-
len-Bewehren-Betonieren-Ausschalen, wobei minimaler Schalungseinsatz unter
Berücksichtigung der Ausschalfristen den Arbeitsablauf bestimmt (Abschn. 6.4).
Für die Ablaufbedingungen, die gegenseitige Verknüpfung von Teilvorgängen,
gibt es verschiedene Varianten. Die wichtigsten (ohne Sprungfolge) sind in An-
hang 10 zusammengestellt.
Allgemein gilt, dass innerhalb eines Bauabschnittes (Arbeitsbereich einer Ferti-
gungsgruppe) immer nur ein Vorgang abläuft, damit sich die Arbeitskräfte oder
Maschinen nicht gegenseitig behindern.
Ein allgemeines Beispiel über Möglichkeiten des Ablaufs von drei Vorgängen
ist in Bild 11.8 dargestellt. Auf die Voraussetzungen für Fließ- und Taktarbeit ge-
he ich im Abschn. 11.5 noch ein.
Die minimale Folgezeit zwischen einzelnen Teilvorgängen wird als kritische
Annäherung bezeichnet. Bei Synchronablauf der einzelnen Teilvorgänge in Stu-
fenprozessen (Taktarbeit) entspricht sie der Taktzeit.
Die in den einzelnen Bauabschnitten ablaufenden Vorgänge werden in der Rei-
henfolge ihres Ablaufs mit ihren Ablaufbedingungen in eine Vorgangsliste
(Jobliste, Arbeitsverzeichnis) eingetragen. Dabei werden die Vorgänge nicht nach
den Positionen des LV, sondern firmen- oder objektspezifisch nach Leistungs-
positionen gegliedert, die die einzelnen Teilleistungen fertigungstechnisch abgren-
zen (Bild 11.9). Der Leistungsumfang eines Vorganges oder einer Vorgangsgrup-
pe (Job) wird hierbei so gewählt, dass er mit vertretbarem Aufwand im Rahmen
der späteren Ablaufkontrolle und Nachkalkulation noch eindeutig bestimmt wer-
den kann. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten:
Bei einfachen Bauvorhaben (geringer Produktionsumfang, relativ wenig ver-
schiedene Vorgänge) werden die Positionen des LV fertigungstechnisch nach ei-
nem Bauarbeitsschlüssel (BAS) in Leistungspositionen gegliedert (Bild 11.9).
Enthält ein LV Positionen gleicher Teilleistungen in verschiedenen Bauteilen,
werden sie zu einer Leistungsposition (bspw. Fundamentbeton) zusammengefasst.
Umgekehrt kann zur einfacheren Nachkalkulation eine Sammelposition im LV
(bspw. Stahlbetondecken einschl. Schalung und Rüstung) entsprechend aufgeglie-
dert werden [11.1].
Bei umfangreichen Bauvorhaben (großer Produktionsumfang, mehrere Hundert
LV-Positionen) werden – wie schon erwähnt – für eine übersichtliche und einfa-
che Ablaufkontrolle mehrere Teilleistungen (LV-Positionen) zu Arbeitspaketen
(Basispositionen, Jobs) zusammengefasst. Die Kontrolleinheit ist dann diese Ba-
sisposition.
Unter diesem Begriff, auch als Makrotätigkeit oder technologischer Bauab-
schnitt bezeichnet, ist „ein zeitlich, räumlich oder sachlich abgegrenzter Teil der
Bauaufgabe“ zu verstehen (bspw. ein Bauabschnitt einer U-Bahnstrecke mit allen
dafür erforderlichen Teilprozessen). In diesem Fall sind die Aufwandswerte und
Teilkosten der ganz oder teilweise in solchen Basispositionen enthaltenen LV-
Positionen prozentual auf diese aufzuteilen [11.1].
Abschließend werden aus den Bauwerksplänen die Fertigungsmengen je
Leistungs- bzw. Basisposition ermittelt (und mit den Angaben im LV verglichen).
544 11 Ablaufplanung
Bild 11.8: Beispiel für den Ablauf von 3 Vorgängen
Da die tatsächlichen Mengen eine wesentliche Planungs- und Kalkulationsgrund-
lage bilden, ist – wie schon erwähnt – zumindest die Mengenkontrolle der Haupt-
positionen des Leistungsverzeichnisses auf Übereinstimmung mit den Bauwerks-
plänen unerlässlich.
Praktisch laufen der 2. und 3. Planungsschritt parallel zueinander ab. Aus den
Verfahren ergeben sich die einzelnen Vorgänge und die dafür erforderliche Bau-
stelleneinrichtung. Die Vorgänge werden in einer Vorgangsliste zusammengefasst.
11.4 Planungsschritte 545
Bild 11.9: Fertigungstechnische Gliederung der Vorgänge in Leistungspositionen nach ei-
nem Bauarbeitsschlüssel [11.1]
[Link] Schritt 4: Festlegen der Aufwands- und Leistungswerte
Mit dem 3. Schritt ist die (zunächst vorläufige) Ablaufstruktur bestimmt. Im 4.
Schritt werden die Aufwands- und Leistungswerte der einzelnen Vorgänge festge-
legt.
Aufwandswerte bezeichnen den Verbrauch an Arbeitsstunden/Mengeneinheit,
Leistungswerte die stündliche Produktionsleistung von Arbeitskräften und Ma-
schinen.
Aufwandswerte lassen sich auf verschiedene Weise ermitteln:
546 11 Ablaufplanung
− durch Nachkalkulation (Erfahrungswerte aus betrieblichen Aufzeichnungen,
möglichst über einen längeren Zeitraum),
− durch Arbeitsstudien (Stichproben),
− durch Schätzung des Arbeitsablaufs, der Zusammensetzung der Arbeits- oder
Maschinengruppe und ihrer Mengenleistung,
− aus Literaturangaben (bspw. Arbeitszeit- Richtwerte, Zeittechnikverlag ztv).
Nachkalkulationen und Arbeitsstudien ergeben die sichersten Werte; Literatur-
angaben sind am unsichersten.
Erfahrene Kalkulatoren, Arbeitsvorbereiter und Bauleiter können Arbeitsabläu-
fe und Aufwandswerte relativ genau schätzen.
Beim Rückgriff auf Nachkalkulationen ist zu berücksichtigen, inwieweit die
Produktionsbedingungen der Baustellen, deren Aufzeichnungen verwendet wer-
den, mit den Bedingungen der zu schätzenden Vorgänge übereinstimmen.
Bei Großbauvorhaben, sehr kurzen Bauzeiten oder für Einsätze im Ausland
sind Arbeitsstudien an Modellen im Maßstab 1:1 oft wertvolle Hilfen.
Beispiel für die Ermittlung von Aufwandswerten aus Nachkalkulationen:
400 m² Deckenschalung (Raumhöhe 3,0 m, Schaltische) wurden in 5 Arbeitstagen
(1 Woche) mit 8 Mann bei 8,5 h-Schicht ein- und ausgebaut.
Gefragt ist nach dem Aufwandswert wA (Arbeitsstunden/m²) und dem Leis-
tungswert lA (Stundenleistung/Arbeiter).
Allgemein gilt:
A⋅d⋅T (58)
wA = [Ah / VE]
V
1A = 1/wA [VE/Ah] (59)
A = Anzahl der Arbeitspersonen
Ah = Arbeitsstunden
d = Arbeitstage [AT]
T = tägliche Arbeitszeit [h/AT]
V = Produktmenge
VE = Mengeneinheit (m³, m², m, t)
Eingesetzt ergibt sich damit der Aufwandswert zu
8 Mann ⋅ 5 AT ⋅ 8,5 h / AT 340 Ah
wA = = = 0,85 [Ah/m²]
400 m ² 400 m ²
und der Leistungswert zu
1 Mann
lA = = 1,18 [m²/Ah]
0,85 Ah / m ²
Die Leistungswerte von Maschinen in Mengenleistungseinheiten/h oder AT er-
geben sich aus ihrer Grundleistung und den Produktionsbedingungen. Für den
Erdbau ist die Leistungsermittlung von Maschinen in den Abschn. 5.3.1, 5.3.2,
11.4 Planungsschritte 547
5.3.3, 5.3.5 und im Anhang A4 bis A7; für den Betonbau in 6.3.1, 6.3.4, 6.3.5 und
im Anhang A8 dargestellt.
Die angesetzten Aufwands- und Leistungswerte werden abschließend in die
Vorgangsliste aus Schritt 3 eingetragen.
[Link] Schritt 5: Ermittlung des verfügbaren Potentials
Im 5. Schritt wird das im Betrieb für den Auftrag verfügbare Potential an Arbeits-
kräften und Maschinen ermittelt. Damit können im nächsten Schritt die Vorgangs-
dauern berechnet werden.
[Link] Schritt 6: Berechnung der Vorgangsdauern
Hierzu sind zunächst einige weitere Grundbegriffe der Ablaufplanung zu erläu-
tern.
Baufortschritt und Arbeitsgeschwindigkeit
Der Baufortschritt ist die mittlere Tagesleistung einer Arbeits- oder Maschinen-
gruppe in Mengeneinheiten. Er ergibt sich zu
V (60)
cm = [VE/AT]
d
V = Produktmenge eines Vorganges in
Mengeneinheiten
d = Betriebstage
Daraus ergibt sich die mittlere Arbeitsgeschwindigkeit (Stundenleistung) zu
cm V (61)
vm = = [VE / h ] , T = tägliche Arbeitszeit [h]
T d⋅T
Gliederung der Schichtzeit
Infolge äußerer (Standort- und Umweltbedingungen einer Baustelle, Witterung)
und innerbetrieblicher Einflüsse (Organisationsmängel, größere Maschinenstörun-
gen) mit z.T. stochastischem Charakter lassen sich Schwankungen des Baufort-
schritts bzw. der Arbeitsgeschwindigkeit nicht vermeiden. Die erforderlichen
Leistungen der Maschinen und Arbeitsgruppen sind deshalb auf eine Arbeitsge-
schwindigkeit vmax auszulegen, die größer ist als jene, die sich aus der nach Gl. 61
errechneten mittleren Arbeitsgeschwindigkeit ergibt. Diese kann als Dauerleistung
über einen längeren Zeitraum bzw. über die gesamte Bauzeit nur erreicht werden,
wenn diese Schwankungen pauschal als Betriebszeitbeiwert (k) in der Ablaufpla-
nung berücksichtigt werden (Bild 11.11).
Wie aus Bild 11.10 und 11.11 hervorgeht, setzt sich die Schichtzeit einer Bau-
stelle oder eines Teilbetriebes aus verschiedenen Teilzeiten zusammen. Innerhalb
der Schichtzeit sind zunächst die Produktionszeit und Rüstzeiten zu unterscheiden,
548 11 Ablaufplanung
die vereinfacht am Anfang und Ende der Schicht dargestellt sind. Die Produkti-
onszeit besteht aus der Leistungszeit sowie stochastisch auftretenden endogenen
und exogenen Ausfallzeiten. Die volle Produktionsleistung des Potentials wird nur
während der Leistungszeit erbracht, in der die einzelnen Vorgänge ungestört ab-
laufen.
Um die der Ablaufplanung zugrunde zu legende Soll-Leistung im Dauerbetrieb
zu erreichen, muss die mögliche Leistung einer Arbeitsgruppe, Maschine oder
Maschinengruppe auf die Arbeitsgeschwindigkeit vp, ihre Maximalleistung bei
störungsfreiem Betrieb auf vmax ausgelegt werden. In Bild 11.11 entspricht dies
der Ablaufgeraden BC.
In den Leistungsgleichungen der Maschinen bei den einzelnen Bauverfahren ist
dieser Sachverhalt dadurch berücksichtigt, dass für die Dauerleistung die techni-
sche Leistung um einen Betriebszeitbeiwert (k) abgemindert wird. Dieser berück-
sichtigt die unvermeidbaren Rüstzeiten und die Ausfallzeiten T2 und T3 im Dauer-
betrieb. Dabei sind T2 und T3 wie vm, vp und vmax als Mittelwerte über die gesamte
Produktionszeit eines Teilbetriebes aufzufassen.
Bild 11.10: Vereinfachte Gliederung der Schichtzeit in der Bauproduktion (1)
11.4 Planungsschritte 549
Bild 11.10: Vereinfachte Gliederung der Schichtzeit in der Bauproduktion (2)
Beim Ablauf der Vorgänge ist es deshalb sehr wichtig, die Rüstzeiten und die
Ausfallzeiten T2 und T3 durch Arbeitsvorbereitung, Umsicht, laufende Kontrolle
und Steuerung so niedrig wie möglich zu halten. Darin liegt neben der Qualitäts-,
Termin- und Kostenkontrolle eine der Hauptaufgaben der Bauleitung.2
Bei Arbeits- und Maschinengruppen (Arbeitsketten) können Rüstzeiten durch
zeitlich verschobenen Schichtbeginn einzelner Untergruppen reduziert bzw. ver-
mieden werden.
Die Darstellung in Bild 11.10 und 11.11 stellt eine vereinfachte, für den Baube-
trieb brauchbare Zeitgliederung dar. Eine genauere Gliederung nach REFA für
2
s. auch [11.6], S. 83–86 u. 207 ff.
550 11 Ablaufplanung
Arbeitskräfte und Betriebsmittel ist in Bild 11.12 dargestellt (vgl. hierzu Bild 6.46
und 6.47). Für die Ablaufplanung der Stufe 2 ist diese Zeitgliederung ohne Bedeu-
tung.
Bild 11.11: Erforderliche Arbeitsgeschwindigkeit von Maschinen
Ermittlung der Vorgangsdauern bzw. des erforderlichen Potentials (Menge an
produktiven Faktoren, Anzahl an Arbeitskräften und Maschinen)
Aus Gl. (58) und (61) ergibt sich die erforderliche Anzahl an Arbeitskräften für
einen Vorgang zu
cm wA ⋅ V
A = wA · v m = w A · = (62)
T d⋅T
11.4 Planungsschritte 551
Bild 11.12.1: Ablaufgliederung (Analyse der Ablaufarten) bezogen auf Arbeitskräfte
Bild 11.12.2: Ablaufgliederung (Analyse der Ablaufarten) bezogen auf Betriebsmittel
Bild 11.12: Ablaufgliederung für Arbeitskräfte und Betriebsmittel nach REFA [11.1]
552 11 Ablaufplanung
Daraus folgt die Dauer eines Vorganges zu
wA ⋅ V
d= [Arbeits- bzw. Betriebtage] (63)
A⋅T
V = Produktmenge des Vorgangs
T = tägl. Arbeitszeit in h (bei 1-Schicht-Betrieb = Schichtzeit)
Hierzu einige Beispiele:
Beispiel 1:
160 m³ Beton sind in 8 h bei wA = 0,5 Ah/m³ einzubringen.
Gesucht ist die erforderliche Anzahl an Arbeitskräften (A).
wA ⋅ V 0,5 ⋅160
Nach Gl.(62) ist A = = = 10 Mann
d ⋅T 1⋅ 8
Beispiel 2:
300 t Bewehrung (Rundstahl) sind in 10 h-Schicht mit einer aus 8 Mann bestehen-
den Kolonne bei wA = 12 Ah/t einzubauen.
Wie lange dauert der Vorgang?
wA ⋅ V 12 ⋅ 300
Nach Gl.(63) ist d = = = 45 AT = 2,25 Mt.
A ⋅T 8 ⋅10
Werden Aufwandswerte aus Nachkalkulationen übernommen, enthalten sie
i.d.R. den gesamten Stundenaufwand einer Teilleistung. Sollen damit die erforder-
lichen Arbeitskräfte ermittelt werden, ist zu beachten, ob die gesamte Teilleistung
auf der Baustelle oder z.T. in stationären Betriebsstätten erbracht werden soll bzw.
ob im Leistungslohn gearbeitet wird. Ist dies der Fall, ist bei der Ermittlung der
Arbeitskräfte der volle Aufwandswert um die außerhalb der Baustelle anfallenden
bzw. um die durch den erwarteten Akkordüberverdienst entfallenden Arbeitsstun-
den zu reduzieren.
Für die Bestimmung der erforderlichen Anzahl an Maschinen bzw. Geräten
gleicher Leistung gilt sinngemäß das gleiche. Aus den Gleichungen (60) und (61)
folgt:
vm
n= [Stck.] Qn1 = Nutzleistung einer Maschine [VE/h] (64)
Qn1
V V V V
d= = = = [AT] (65)
cm vm ⋅ T Qn ⋅ T n ⋅ Qn1 ⋅ T
Qn = Nutz- bzw. Dauerleistung [VE/h]
der erforderlichen Maschinen = n · Q n1 [VE/h]
T = tägl. Arbeitszeit [h]
11.4 Planungsschritte 553
Beispiel 3:
Erdbewegung mit vm = 600 fm³/h bei Qn1 = 210 m³/h (Radlader). n = ?
vm 600
Nach Gl. (64) ist n = = = 2,85 ž 3 Stck.
Qn1 210
Beispiel 4:
15.400 m³ Boden (Bkl.3-5) aus Baugrube im Trockenen ausheben (Lösen und La-
den) in 8 h-Schicht bei Qn = 80 fm³/h (1 Bagger). d = ?
V V 15.400m ³
Nach Gl.(65) ist d = = = ≅ 24 [AT]
Qn ⋅ T n ⋅ Qn1 ⋅ T 1 ⋅ 80 m ³ / h ⋅ 8 h / AT
Die berechneten Vorgangsdauern werden ebenfalls in die Vorgangsliste nach
Schritt 3 eingetragen.
Im [Link] wurde bisher davon ausgegangen, dass für das verfügbare
Potential (Schritt 5) die Produktionsdauern zu ermitteln sind. Werden dagegen bei
vorgegebener Bauzeit die Dauern der Hauptleistungen in einem ersten Durchgang
überschlägig ermittelt (geschätzt), ist dafür das erforderliche Potential zu bestim-
men. In diesem Fall werden die Planungsschritte (5) und (6) sinngemäß vertauscht
(Schritte 5a und 6a als Variante in Bild 11.4).
Hierzu noch einige Bemerkungen:
Die Arbeitsmenge AM für einen Vorgang ergibt sich bei konstantem zeitlichem
Einsatz des erforderlichen Potentials zu
AM = Qi ž T (Bild 11.13) (66)
Laufen mehrere Vorgänge mit gleichartigem Potentialbedarf (Arbeitskräfte)
zeitlich überlagert ab, ergibt sich das insgesamt erforderliche Potential durch Auf-
summieren der auf die Zeiteinheit bezogenen Potentialeinheiten (bspw. Arbeiter-
standskurve, Bild 11.14).
Daraus folgt, dass sich Vorgangsdauer und Potentialeinsatz direkt proportional zu-
einander verhalten. Der Geltungsbereich dieser Relation wird eingeschränkt durch
die je Vorgang minimal oder maximal einsetzbare Größe des Produktionsappara-
tes (Potentialmenge).
Bild 11.13: Arbeitsmenge für einen Vorgang [11.1]
554 11 Ablaufplanung
Bild 11.14: Beispiel für ein Histogramm
Die Maximalgröße Qi max ist als relative Grenzgröße dadurch definiert, dass ein
Zuwachs darüber hinaus keinen Zuwachs an Leistungsvermögen hervorbringen
kann. Wird Qi max überschritten, sinkt die Produktivität; die Kosten der Produkt-
einheit steigen an.
Die Minimalgröße Qi min ist die absolute Grenzgröße und i.a. dadurch definiert,
dass der Produktionsapparat nicht mehr teilbar ist (1 Bagger, 1 Kolonne als kleins-
te Einheit). Ist das erforderliche Leistungsvermögen kleiner als das mit der Mini-
malgröße erreichbare Leistungsvermögen, spricht man von Intensitätsanpassung,
die kostensteigernd wirkt.
Demnach kann Proportionalität zwischen Zeit und Potentialeinsatz, wie in Bild
11.15 dargestellt, nur in einem gewissen Rahmen zwischen Qi min und Qi max be-
stehen.
Im Beispiel des Abschn. 11.2 (Bild 11.1) wurde diese Einschränkung bereits
erwähnt.
Bild 11.15: Zusammenhang zwischen Potentialeinsatz und Kosten [11.1]
11.4 Planungsschritte 555
[Link] Schritt 7: Einsatzzeit des Potentials und vorläufiger
Ablaufplan
Im nächsten (7.) Schritt wird die Lage der Vorgänge im Zeitablauf terminiert. Da-
zu werden unter Berücksichtigung ihrer Ablaufbedingungen (Reihenfolge, Folge-
zeiten, Verknüpfungen, technische Randbedingungen und vorgegebene Zwangs-
punkte (Zwischentermine)) die Vorgänge mit ihren Dauern im Zeitmaßstab
aufgetragen. Reihenfolge, Folgezeiten, Ablauffolgen und Vorgangsdauern gehen
aus der Vorgangsliste hervor. Diese Terminberechnung wird i.d.R. mit EDV-
Unterstützung vorgenommen [11.1].
Beispiele von Arbeitsverzeichnissen (Vorgangslisten) sind im Auszug in Bild
11.16 und 11.17 dargestellt.
Bild 11.16: Auszug aus einem Arbeitsverzeichnis für einen Straßenbau [11.1]
556 11 Ablaufplanung
Bild 11.17.1: Arbeitsverzeichnis für die Bauzeit-Grobplanung (Die Sollstunden sind – für
Arbeiten, die außerhalb der Baustelle durchgeführt werden, um 10% vermindert – der An-
gebotskalkulation entnommen)
11.4 Planungsschritte 557
Bild 11.17.2: Arbeitsverzeichnis für die Feinplanung des Baubeginns
Bild 11.17: Arbeitsverzeichnis für eine Bauzeit-Grobplanung und eine Feinplanung ab
Baubeginn bei einem Stahlbetonbau [11.1]
558 11 Ablaufplanung
Um den Umfang der Baustelleneinrichtung ermitteln zu können, wird diese
Darstellung um die für die einzelnen Vorgänge im 5. bzw. 6. Schritt ermittelte
Anzahl an Arbeitskräften sowie das erforderliche Gerät (Schalung) und die
Hauptbaustoffe (Konstruktionsbeton) ergänzt (s. Bild 11.2, 11.21und Anhang 11).
Für Großgerät wird ein Geräteeinsatzplan aufgestellt.
Diese Potentialganglinien zeigen, ob das erzeugte Ablaufmodell die Randbe-
dingungen eines wirtschaftlich optimalen Ablaufs erfüllt.
Damit erhält man einen vorläufigen Ablaufplan. Für diese (erste) Darstellung ei-
nes Bauablaufs wird häufig ein Balkenplan gewählt, bei Streckenbaustellen auch
ein Weg-Zeit-Diagramm. Für einen Hochbau ist die erste Fassung eines solchen
Ablaufplans in Bild 11.18 dargestellt (weitere Beispiele siehe Abschn. 11.8 und
[11.1]).
Bild 11.18: Bauzeit-Grobplan für einen Stahlbetonbau, 1. Versuch [11.1]
[Link] Schritt 8: Baustelleneinrichtung
Wenn die Ablaufplanung zu einem vorläufig befriedigenden Ergebnis geführt hat,
wird als weiterer (8.) Schritt die Baustelleneinrichtung festgelegt. Sie wird eben-
11.4 Planungsschritte 559
falls schon parallel mit der Ablaufplanung erarbeitet, kann jedoch erst abgeschlos-
sen werden, wenn aus dem Ablaufplan der endgültige Potentialeinsatz bekannt ist.
Auf Einzelheiten der Baustelleneinrichtung gehe ich in einem weiteren Ab-
schnitt (11.6) ausführlicher ein.
[Link] Schritt 9: Leistungs- und Kapazitätsabstimmung
Ein vorläufiger Ablaufplan nach Schritt 7 und 8 wird die geforderten Randbedin-
gungen wie Einhalten der vorgegebenen oder beabsichtigten Bauzeit, gleichmäßi-
ger Potentialeinsatz oder Kostenminimum i.d.R. noch nicht erfüllen. Dazu bedarf
es dann in einem weiteren Planungsschritt einer Leistungs- und Kapazitätsab-
stimmung. Häufig werden abschließend auch die vorgesehenen Verfahren und Va-
rianten nochmals miteinander verglichen. Um Störungen des geplanten Ablaufs
soweit als möglich auffangen zu können, sollten – wenn es die Baustelle zulässt –
im 9. Planungsschritt zu dem geplanten Ablauf Ausweichmöglichkeiten unter-
sucht und dargestellt werden [11.1].
Für einen kostenoptimalen Ablauf wird außerdem jeder Betrieb versuchen,
gleichartige Teilvorgänge in verschiedenen Bauabschnitten nicht parallel oder mit
Unterbrechungen, sondern nacheinander durch dieselbe Arbeitsgruppe in einer
Fertigungsstraße zu vollziehen.
Bei größeren Bauvorhaben kann die Bauzeit evtl. über die Herstellungsreihen-
folge der einzelnen Bauteile beeinflusst werden.
Die Optimierung des vorläufigen Ablaufmodells mit dem Ziel einer rationellen
Produktion kann somit über 3 Wege erreicht werden:
− durch Einrichten von Fertigungsstraßen,
− durch Variation von Herstellungsreihenfolgen und
− über eine Leistungs- und Kapazitätsabstimmung.
Häufig müssen alle diese Möglichkeiten versucht werden, um das Ziel zu errei-
chen.
Ein einfaches Beispiel für das Einführen von Fertigungsstraßen beim Bau einer
Dreifeldbrücke wurde von Burkhardt dargestellt ([11.1], s. Abschn. 11.8.4).
Über die Variation von Herstellungsreihenfolgen gibt es umfangreiche Litera-
tur. Einen Überblick und Anwendungsmöglichkeiten zur Optimierung des Ablaufs
von Flächen- und Punktbaustellen bietet die Untersuchung von Hübner [11.1].
Zum Problem der Leistungs- und Kapazitätsabstimmung werden die Möglich-
keiten des Potentialeinsatzes kurz aufgezeigt. Dabei sind 4 Fälle zu unterscheiden.
a) Einsatz einer Arbeitsgruppe (Fall 1 und 2):
Allgemein gilt
wA ⋅ V
A= (Gl. 62) bzw.
d⋅T
wA ⋅ V
d= (Gl. 63)
A⋅T
560 11 Ablaufplanung
Setzt man wA · V = W (erforderliche Arbeitsstunden für einen Vorgang), ver-
einfacht sich Gleichung (63) zu
W (67)
d= [Arbeitstage]
A⋅T
Fall 1: A gegeben (Arbeitsgruppe)
d frei wählbar
W n
d= wobei W = ∑ wAi ž Vi
d⋅T i
(erforderlicher Zeitaufwand für alle (n)
vorkommenden Teilvorgänge)
Hierzu ist ein Beispiel für 4 aufeinander folgende Vorgänge mit verschiedenem
Aufwand in Bild 11.19 dargestellt.
Die Zahl der Arbeitskräfte in der Gruppe ist konstant, die Dauer der Vorgänge
(Verrichtungen) variiert. Unter der Voraussetzung, dass die Mannschaft für alle
Tätigkeiten in den 4 Vorgängen qualifiziert ist (Mischkolonne), werden diese von
der Arbeitsgruppe nacheinander ausgeführt.
Fall 2: d gegeben (Bauzeit bzw. Teilbauzeiten d1 bis d4)
A gesucht
W
A= (Anzahl der Arbeitskräfte)
d⋅T
Für die gleichen 4 Vorgänge wie im Fall 1 ist dieser Sachverhalt ebenfalls in
Bild 11.19 dargestellt. Voraussetzung ist auch hier eine ausreichende Qualifikati-
on der Mannschaft.
Wegen der vorgegebenen Teilzeiten d1 ÷ d4 variiert jetzt bei gleichem Produk-
tionsumfang wie im Fall 1 in den einzelnen Vorgängen die Zahl der Arbeitskräfte
(ungünstig). Der gleichmäßige Einsatz einer Arbeitsgruppe (A = konst.) ist somit
nicht mehr möglich.
Die Gesamtbauzeit ist in diesem Beispiel um Δ Z kürzer als im Fall 1, die (va-
riable) Anzahl der Arbeitskräfte dafür entsprechend höher.
Anwendungsformen von Fall 1 und Fall 2:
− bei Bauvorhaben kleineren Arbeitsumfangs (wenn bei nicht zu eng begrenzter
Bauzeit alle Vorgänge von einer Arbeitsgruppe nacheinander ausgeführt wer-
den können),
− wenn die technologisch bedingte Reihenfolge der Vorgänge und begrenzter
Bauraum einen anderen Arbeitsablauf nicht zulassen (bspw. bei schwierigen
Gründungen: Aushub – Anker bohren, setzen und injizieren usw.),
− bei Taktarbeit, wenn die Kolonne nicht nur einen, sondern mehrere Vorgänge je
Bauabschnitt auszuführen hat. Z1 im Fall 1 wäre dann die Taktzeit.
b) Einsatz von 2 oder mehreren Arbeitsgruppen:
Hierbei sind ebenfalls 2 Fälle zu unterscheiden (Fall 3 und 4):
11.4 Planungsschritte 561
Bild 11.19: Potentialeinsatz und Bauzeit für Fall 1 und 2
Fall 3: Allgemeiner Fall (ungeordneter bzw. loser Ablauf)
Im Prinzip wie Fall 2, die einzelnen Vorgänge werden jedoch von jeweils eige-
nen Arbeitsgruppen (Fachkolonnen) vollzogen (bspw. Mauer-, Schal-, Beweh-
rungs-, Betonkolonne).
Die Arbeitskräfte brauchen nur für die jeweilige Teilarbeit qualifiziert zu sein.
562 11 Ablaufplanung
Für 4 Vorgänge ist dieser Fall in Bild 11.20 dargestellt. Es stellt den Einsatz der
Arbeitsgruppen zunächst als Balkenplan, darunter als V/Z-Diagramm dar. Dazu ist
die Arbeiterstandskurve aufgetragen. Diese zeigt zunächst einen sehr ungünstigen
Verlauf (Sprünge).
Bild 11.20: Potentialeinsatz und Bauzeit für Fall 3
11.4 Planungsschritte 563
Der aufeinander folgende, sich wie dargestellt überlappende Einsatz der Ar-
beitsgruppen ist zunächst so vorgesehen, dass zwischen den Vorgängen 3 und 4
die Folgezeit (f3) größer ist als die kritische Annäherung (geringst mögliche Fol-
gezeit).
Eine Verbesserung zeigt Bild 11.21.
Bild 11.21: Verbesserter Potentialeinsatz mit Bauzeitverkürzung um ΔZ für Fall 3
564 11 Ablaufplanung
Für einen angenäherten Ausgleich (gleichmäßigerer Verlauf der Arbeiter-
standskurve, Fertigungsstraße für die Teilvorgänge 1 und 4) wäre für einen Teil
der Belegschaft wieder eine Qualifikation für mehrere Tätigkeiten erforderlich.
Die Darstellung in Bild 11.21 zeigt noch keinen optimalen Ablauf. Durch f3 min
< f3 ergibt sich eine Bauzeitverkürzung um Δ[Link] 4: Fließfertigung bzw. Takt-
arbeit
Die optimale Bedingung eines rationellen Bauablaufs ist bei einem Ablauf nach
Fall 3 noch nicht erfüllt (gleichmäßiger kontinuierlicher Einsatz des Potentials mit
geringst möglichen Folgezeiten). Nur dadurch ergeben sich die geringst möglichen
Produktionskosten bei minimaler Bauzeit. Diese Kriterien werden nur durch Fließ-
fertigung bzw. Taktarbeit erfüllt (Bild 11.8 und 11.22). Damit wird ein kontinuier-
licher und gleichmäßiger Ablauf der einzelnen Vorgänge erreicht. Die Anzahl der
Arbeitskräfte in den einzelnen Arbeitsgruppen ist nach Gl. (62) auf den dafür er-
forderlichen Arbeitsfortschritt abzustimmen; das gleiche gilt für die Maschinen-
leistungen und das erforderliche Gerät (Schalung und Rüstung).
Bild 11.22 Potentialeinsatz und Bauzeit für Fall 4, Ablauf in Taktarbeit (Stufenprozess, 2
Bauabschnitte/Geschoss, Wände mauern – Decken schalen, bewehren und betonieren, Ge-
bäudekerne vernachlässigt)
11.5 Fließfertigung und Taktarbeit 565
Wegen seiner Bedeutung für einen rationellen, wirtschaftlich optimalen Bauab-
lauf gehe ich auf dieses arbeitsorganisatorische Ablaufprinzip und die für seine
Planung erforderlichen Möglichkeiten der Leistungs- und Kapazitätsabstimmung
im nächsten Abschnitt (11.5.7) ausführlicher ein.
Im einzelnen sind Verfahren und Beispiele zur Grob- und Feinplanung von
Bauabläufen in der Literatur dargestellt [11.1].
Ergibt im 9. Schritt die Leistungs- und Kapazitätsabstimmung beim ersten
Durchgang noch kein brauchbares Ergebnis, sind in weiteren Schritten so lange
Verbesserungen vorzunehmen, bis ein akzeptabler optimaler Ablauf erreicht wor-
den ist [11.1, s.a. Abschn. 11.8.4, Netzplantechnik]. Die für den Bauablauf akzep-
tierte letzte Fassung des Ablaufmodells ergibt dann das Ablaufsystem.
Dieses Ablaufsystem ist abschließend für die Bauleitung und Kontrolle aufzu-
bereiten. Dafür werden – wie schon erwähnt – den im Ablaufplan dargestellten
Vorgängen (Leistungs- bzw. Basispositionen) die im letzten Durchgang ermittel-
ten Einsatzmittel (Mannschaft, Maschinen und Geräte, Hauptbaustoffe), Kosten
und Preise zugeordnet. Dadurch erhält man neben dem Zeitablauf der Vorgänge
noch Gang- und Summenlinien für Stunden, Lohn-, Geräte-, Stoff-, Fremd-
leistungs-, Gemeinkosten und Umsätze (Anhang A12). Zusammen mit dem
endgültigen Ablauf- und Baustelleneinrichtungsplan bilden diese Informationen
das Produktionsmodell der Baustelle und damit die Vorgaben für die Ablaufkon-
trolle und -steuerung.
Für einen zusammenfassenden Überblick über das Vorgehen beim Entwurf ei-
nes Planungsmodells für einen Bauablauf sind in Anhang 13 die Zyklen der Mo-
delldefinition und der Ablaufplanung und -überwachung nochmals vereinfacht
dargestellt.
11.5 Fließfertigung und Taktarbeit
11.5.1 Fließfertigung in der stationären Industrie
In der stationären Industrie wird seit Jahrzehnten maschinell produziert. Das Fer-
tigungsverfahren im arbeitsorganisatorischen Sinne, das dort zum optimalen Ein-
satz der Maschinen und Arbeitskräfte und damit zum Kostenminimum geführt hat,
ist die Fließfertigung. Es lag daher nahe, bei zunehmendem Maschineneinsatz in
den Baubetrieben dieses Prinzip auch in der Bauproduktion anzuwenden. Verein-
zelt wurde dies schon in den dreißiger Jahren und noch früher mit Erfolg prakti-
ziert.
Dagegen wurde immer wieder eingewendet, dass sich die Produktionsbedin-
gungen im Baubetrieb von der Fertigung in stationären Fabriken grundlegend un-
terscheiden (siehe hierzu Abschn. 3.5, 7.1, 7.5 und [10.5]).
566 11 Ablaufplanung
11.5.2 Definitionen
Fließfertigung ist Reihenfertigung mit Zeitzwang.
In einer Fließreihe der stationären Industrie sind die Arbeitsstationen aufeinan-
der folgend in einer Reihe angeordnet. Die zu bearbeitenden oder zu montierenden
Werkstücke werden wie auch immer in bestimmten Zeitintervallen (Taktzeit) von
Arbeitsstation zu Arbeitsstation bewegt. Innerhalb dieser Zeitspanne müssen an
den Arbeitsstationen die Arbeitsoperationen vollzogen werden.
In der Bauproduktion ist die Situation umgekehrt. Das „Werkstück“, das Bau-
werk als Ganzes (oder einzelne Bauteile bzw. Bauelemente), ist unbeweglich
(ortsgebunden). Zu seiner Herstellung bewegen sich die Arbeitsgruppen, -kräfte
oder Maschinen ebenfalls in einem bestimmten Rhythmus über das geplante und
damit Zug um Zug entstehende Bauwerk hinweg und vollziehen dabei die einzel-
nen Arbeitsvorgänge.
Eine Ausnahme bildet die Plattenfertigung in Stahlbeton-Fertigteilwerken (Bild
7.3).
Der Ablauf von Streckenprozessen, bspw. die Herstellung von Straßendecken
oder Erdarbeiten, für die aus der Planung keine eindeutigen Bauabschnitte vorge-
geben sind, wird in der Bauproduktion auch als Fließfertigung bezeichnet.
Im Gegensatz dazu sprechen wir bei Stufenprozessen, wie bspw. Geschossbau-
ten, für die sich Bauabschnitte eindeutig abgrenzen lassen, von Taktarbeit. Dabei
wird als Taktzeit die Dauer eines Teilvorgangs (oder einer Vorgangsgruppe) be-
zeichnet, der innerhalb gleicher, sich wiederholender Bauabschnitte kontinuierlich
durch eine Arbeitsgruppe oder Maschine in einem Bauabschnitt vollzogen wird (t
in Bild 11.22).
Die Durchlaufzeit aller Teilvorgänge innerhalb eines Bauabschnitts wird als
Abschnittszeit definiert (a in Bild 11.22).
11.5.3 Unterschiede zwischen der Fertigung in der stationären
Industrie und in Baubetrieben
Worin unterscheidet sich die Bauproduktion i.W. von der Fertigung in stationären
Industriebetrieben?
Zunächst ist die Mehrzahl der Bauobjekte unbeweglich und standortgebunden
(standortgebundene Auftragsfertigung). Nicht das Erzeugnis wechselt seinen Ort,
sondern die Betriebsstätte. Der häufige Ortswechsel der Baustelleneinrichtung und
der Betriebsmittel erfordert daher leicht umsetzbare Maschinen und Geräte. Der
Baubetrieb muss sich stets neu an die wechselnden Standortbedingungen einer
Produktionsstätte anpassen.
Zweitens ist der weitgehende Einfluss des Auftraggebers zu nennen. Die Quali-
tät des Produkts, die zu verwendenden Baustoffe, der Produktionsumfang und die
Ausführungsfristen werden vom Auftraggeber bestimmt. Er nimmt außerdem das
Recht für sich in Anspruch, zu jeder Zeit Änderungen in der Konstruktion vorzu-
nehmen und in den Bauablauf einzugreifen. Dadurch ist nur eine relativ kurzfristi-
ge Fertigungsplanung und -steuerung möglich.
11.5 Fließfertigung und Taktarbeit 567
Drittens ist (mit Ausnahme der Fertigteilproduktion in stationären Werken und
bei eingehausten Bauvorgängen) ein Bauablauf Witterungseinflüssen ausgesetzt.
Darin liegt ein zeitlich unvorhersehbarer Störfaktor.
Weitere Unterscheidungsmerkmale zur stationären Industrie sind:
− eine Großserienfertigung ist nur in wenigen Fällen möglich, denn nahezu jedes
Bauwerk ist anders. Dies gilt jedoch nur bedingt, denn viele Teilvorgänge wer-
den sich bei der Herstellung gleichartiger Bauwerke kaum von einem zum an-
deren Bauwerk unterscheiden. Damit ist die mehrfache Wiederholung gleicher
Arbeitsoperationen möglich (bspw. Straßendeckenbau und Gleisbau bei Neu-
baustrecken (feste Fahrbahn))
− es gibt kein längerfristiges Produktionsprogramm für den einzelnen Betrieb.
Der Produktionsumfang hängt vom Erfolg bei Ausschreibungen einzelner Bau-
werke ab. Die Bauindustrie ist eine auftragsorientierte Bereitschaftsindustrie,
− nicht immer sind die Bauvorhaben fertigungsgerecht konstruiert, denn die Kon-
struktion liegt oft in anderen Händen als die Ausführung. Dieser Punkt entfällt,
wenn Firmen den Auftrag für eigene konstruktive Sondervorschläge erhalten,
der Auftraggeber erfahrene Büros mit der Planung und Konstruktion beauftragt
und bei Generalunter- und -übernehmerverträgen, bei welchen dem Unterneh-
mer die Ausführungs- bzw. die gesamte Bauwerksplanung übertragen ist.
Dazu kommen häufig als weitere Störfaktoren Unsicherheiten in den Daten der
Ablaufplanung wie ungenügende oder nicht hinreichende Bodenaufschlüsse,
Grundwasserschwankungen, Verkehrsbehinderungen (sie beeinflussen die Auf-
wandswerte und die Maschinenleistungen), verzögerte Planbeistellung seitens des
Auftraggebers (bspw. bei baubegleitender Planung) oder unsichere Angaben über
die bauseitige Freigabe des Bauraums. Oft weiß der Baubetrieb bei der Kalkulati-
on nicht, in welcher Jahreszeit die Arbeit ausgeführt werden muss.
Im einzelnen sind diese und weitere Unterscheidungsmerkmale (Strukturprob-
leme) in der genannten Literatur ausführlich dargelegt (siehe Abschn. 3.5.3).
11.5.4 Voraussetzungen für einen Bauablauf in Fließfertigung bzw.
Taktarbeit
Können unter diesen Umständen Fließfertigung und Taktarbeit in der Bauproduk-
tion überhaupt angewendet werden?
Da ein Baubetrieb kein fest umrissenes Produktionsprogramm aufstellen kann,
lässt sich der Arbeitsablauf nur für einen bestimmten Bauauftrag einrichten. Für
diesen Auftrag ist aber der Produktionsumfang eindeutig bestimmt.
Viele Bauwerke des Hochbaus wie Wohngebäude, Hotels, Krankenhäuser,
Verwaltungsgebäude, Schulen und Universitätsbauten sowie Ingenieurbauwerke
wie Tunnel, U-Bahnschächte, Brücken oder Straßen lassen sich ganz oder teilwei-
se in gleiche oder gleichartige Bauabschnitte und damit Fertigungseinheiten glei-
chen oder nahezu gleichen Arbeitsumfangs aufteilen. Dadurch wird die häufige
Wiederholung gleicher oder nahezu gleicher Arbeitsgänge, also eine Serienferti-
gung, möglich.
568 11 Ablaufplanung
Gegenüber stationären Betrieben sind Baubetriebe dadurch im Vorteil, als jede
Betriebsstätte den besonderen Bedingungen eines Bauwerks angepasst werden
kann.
Einige Voraussetzungen für die Anwendung von Fließfertigung oder Taktarbeit
sind damit auch in der Bauproduktion gegeben. Folgende Voraussetzungen sind
dagegen zunächst nicht oder oft nicht hinreichend erfüllt:
− ein störungsfreier Bauablauf, vor allem wegen Witterungseinflüssen,
− keine Planänderungen während der Bauausführung,
− rechtzeitig getroffene Entscheidungen des Auftraggebers oder seiner Beauftrag-
ten,
− eine eingehende Ablaufplanung, da dem Betrieb häufig nur sehr kurze Zeit-
spannen für Angebotsbearbeitung und Arbeitsvorbereitung gewährt werden.
Von diesen Voraussetzungen lässt sich durch Verständnis seitens der Auftrag-
geber ein wesentlicher Teil hinreichend erfüllen. Dies sind
− ein ausreichender Planungsvorlauf, um Änderungen während der Bauzeit zu
vermeiden (Planung der Planung),
− rechtzeitig getroffene Entscheidungen und
− ausreichende Zeitspannen für Angebot und Arbeitsvorbereitung.
Bis auf wenige Punkte wie Einfluss der Witterung und standortbedingte Unsi-
cherheiten (bei Arbeiten unter Verkehr oder wechselnden Wasserständen) können
somit auch im Baubetrieb die Voraussetzungen für eine dem Idealfall angenäherte
(modifizierte) Fließfertigung erfüllt werden. Normalgeschosse von Hochbauten
und Ingenieurbauwerke (Brücken, U-Bahnstrecken) können – wie die Praxis zeigt
– in Taktarbeit, Straßendecken in Fließfertigung hergestellt werden. Auch bei
Ausbauarbeiten ist Taktarbeit möglich [9.3, 9.4, 11.1].
Ein störungsfreier Bauablauf ist dagegen die Ausnahme. Die Regel sind Ab-
weichungen von diesem Idealfall, an die sich die Betriebe durch Leistungsab-
stimmung, Zeitpuffer und/oder Beschäftigungsschwankungen anpassen müssen.
Ein Bauablauf kann daher nur in einer modifizierten Form des theoretischen I-
dealfalls einer Fließfertigung bestehen. Der Anwendung dieser modifizierten
Form als optimales Ablaufmodell steht aber – wie die Praxis der vergangenen Jah-
re gezeigt hat – nichts im Wege.
11.5.5 Merkmale eines Bauablaufs in Fließfertigung/Taktarbeit
Durch welche Merkmale ist ein derartiger Bauablauf gekennzeichnet und wie geht
man bei der Ablaufplanung vor?
Wie im Schema der Ablaufplanung dargestellt (Bild 11.4), wird das Bauwerk –
oder der für Fließ- bzw. Taktarbeit geeignete Teil – zunächst in gleich oder nahezu
gleich große Bauabschnitte aufgeteilt, die sich in der Regel aus seiner konstrukti-
ven Gliederung ergeben. Jeder dieser Bauabschnitte (Teil einer Geschossebene,
Hallenfeld, Betonierabschnitt) sollte so groß sein, dass eine Arbeitsgruppe wenigs-
tens eine volle Schicht braucht, um ihren Teilvorgang in diesem Abschnitt zu
11.5 Fließfertigung und Taktarbeit 569
vollziehen. Andererseits sollten die Bauabschnitte nicht zu groß sein, da sich sonst
sehr lange Taktzeiten und eine längere Bauzeit ergeben (Bild 11.23). Die Ent-
scheidung hierüber sollte über einen Kostenvergleich getroffen werden.
Dann wird im nächsten Schritt ebenfalls der Herstellungsprozess in Teilprozes-
se gegliedert, wobei wiederum die unterste Stufe dieser Gliederung die Teil- oder
Elementarprozesse bilden, die durch eine Maschine oder Arbeitsgruppe vollzogen
werden.
Auch die weiteren Ablaufschritte (3 ÷ 7) laufen wie in Bild 11.4 ab. Der Unter-
schied zur allgemeinen Ablaufplanung liegt im Festlegen gleich langer Taktzeiten
für die wesentlichen Teilvorgänge bei der abschließenden Leistungs- und Kapazi-
tätsabstimmung des 9. Planungsschritts.
Bild 11.23: Einfluss der Abschnittsgröße auf die Gesamtbauzeit (für 3 Teilvorgänge bei
gleichem Baufortschritt und gleichem Produktionsvolumen)
570 11 Ablaufplanung
Die Zeitspanne, die eine Arbeitsgruppe für ihren Teilvorgang (oder ihre Vor-
gangsgruppe) innerhalb eines Bauabschnitts braucht, bildet den Takt. Er sollte für
alle Teilprozesse gleich lang sein, d.h. der Arbeitsumfang ist so auf die einzelnen
Arbeitsgruppen aufzuteilen, dass jede Gruppe ihre Teilaufgabe in einem Abschnitt
innerhalb eines Taktes vollzieht (Bild 11.24).
Die Zeitspanne, die ein Teilbetrieb für seinen gesamten Teilprozess, d.h. für al-
le Produktionsabschnitte braucht, ist seine Betriebszeit. Die Produktionszeit für
das gesamte Fließarbeitsfeld ergibt sich aus Gleichung (69) in Bild 11.24.
Neben dieser Betriebszeit umfasst die Einsatzzeit eines Teilbetriebes noch die
Zeitspannen für den Auf- und Abbau seines Produktionsapparates (Bild 11.25,
oben).
(68)
(69)
Bild 11.24 Strenge Form von Taktarbeit (Fall 1) (jeder Teilbetrieb (Arbeitsgruppe) voll-
zieht nur einen Teilvorgang je Bauabschnitt)
Die höheren Fertigungsstufen eines Bauablaufs (Grund- und Hauptprozesse
nach Bild 11.6) entstehen durch Aneinanderreihen der einzelnen Teilprozesse.
Das Ablaufdiagramm einer Fließfertigung bzw. Taktarbeit ist somit durch fol-
gende Merkmale gekennzeichnet (Bild 11.25, oben):
1. kontinuierlicher, gleichmäßiger Ablauf der einzelnen Teilprozesse ohne zeitli-
che Unterbrechung (jeder Teilbetrieb durchläuft pausenlos den gesamten Bau-
raum),
11.5 Fließfertigung und Taktarbeit 571
2. Ablauf der einzelnen Teilprozesse in räumlicher Folge,
3. Synchronablauf des Gesamtprozesses mit geringstmöglichen Folgezeiten (bei
Taktarbeit entsprechen die Folgezeiten dem Takt).
Bei Stufenprozessen (Geschossbauten, Bild 11.24 und 11.25) ergibt sich die
räumliche Folge im Bauablauf von Geschoss zu Geschoss zwangsläufig.
Bild 11.25: Ablaufdiagramm für Fließfertigung
572 11 Ablaufplanung
Bei Streckenprozessen wie Straßen-, Kanal-, U-Bahn- oder Pipelinebauten,
kommt es dagegen bei schlechter Bauvorbereitung oder außerbetrieblichen Stö-
rungen während des Bauablaufs vor, dass Teilabschnitte des Produktionsfeldes
übersprungen werden müssen. Damit ist die räumliche Folge im Ablauf der Teil-
prozesse nicht mehr gegeben; ein wesentlicher Vorteil der Fließfertigung, das
Bauzeitminimum, geht verloren (Bild 11.25 unten).
Bild 11.26: Koordinierung der Teilprozesse bei Fließfertigung
11.5 Fließfertigung und Taktarbeit 573
Wie bei jeder Fertigung bildet auch bei Fließfertigung ein Leitprozess (Schlüs-
selbetrieb) den Fertigungsengpass. Die einzelnen Teilbetriebe sind daher auf die-
sen Leitbetrieb abzustimmen.
Dieser betriebliche Zwangspunkt ergibt sich entweder aus der begrenzten Ar-
beitsgeschwindigkeit einer Maschine (Mischanlage, Kran, Bagger), der optimalen
Zusammensetzung einer Arbeitsgruppe, einem Engpass an Arbeitskräften be-
stimmter Qualifikation (Schalungskolonne) oder es ist der aufwendigste Teilbe-
trieb (Transportflotte), dessen möglichst ungestörter Ablauf den Fortschritt des ge-
samten Bauprozesses bestimmt (Bild 11.26).
Unter diesen Voraussetzungen lässt sich nach Bild 11.26 (unten) die Betriebs-
zeit (Dauer) eines Bauprozesses in Fließfertigung in einfacher Weise anschreiben.
Sie beträgt
n −1
Z = ZE1 + Zb1 + ∑ Zfi + ZRn [Arbeitstage], (70)
i
wobei n die Anzahl der Teilprozesse im Gesamtprozess bezeichnet.
Daraus errechnet sich die Betriebszeit (Zb1) der einzelnen, synchron ablaufen-
den Teilprozesse zu
n −1 (71)
Zb1 = Z – (ZE1 + ∑ Zfi + ZRa) [Arbeitstage].
i
Mit diesen beiden Größen und den aufgrund der jeweiligen Bedingungen anzu-
setzenden Takt- bzw. Folgezeiten lassen sich Takt- und Fließarbeitsprozesse pla-
nen.
11.5.6 Anlaufzeit und Einarbeitungsaufwand
Jede neu gebildete Produktionseinheit (Arbeits-, Maschinen-, aber auch Planungs-
gruppe) braucht eine bestimmte Zeitspanne, bis sich alle Beteiligten in ihre Ar-
beitsverrichtungen eingearbeitet haben. Während dieser Einarbeitungs- oder An-
laufzeit nimmt die Schichtleistung (Produktion) von einem geringen Anfangswert
auf den Sollwert zu, während die Kosten/Mengeneinheit – reziprok dazu – von ei-
nem höheren Anfangswert auf den Sollwert abnehmen.
Die Anlaufzeit ZE und die Abnahme der Arbeitskosten kAE von einem relativ
hohen Anfangswert auf den Sollwert der ungestörten Ablaufphase (kAo), der sich
nach Ablauf der Einarbeitungszeit einstellt, gehen aus Bild 11.27 hervor. Die dun-
kel angelegte Fläche drückt die Anlauf- bzw. Einarbeitungskosten kAE aus.
Während der Einarbeitungsphase nehmen sowohl die Tätigkeitszeit als auch die
ablaufbedingte Wartezeit und weitere Zeitverluste pro Mengeneinheit (Ausfüh-
rung) ab (Bild 11.28).
Diesem Zeitgewinn durch Einarbeitung überlagert sich bei Hochbauten ein
Zeitverlust bei zunehmender Geschosszahl bzw. Gebäudehöhe, bedingt durch
wachsende Windstärke und länger dauernde Vertikaltransporte (Bild 11.29).
Aus der Anlaufzeit ZE in Bild 11.27 folgt, dass sich die normale Produktions-
zeit Z0 eines Teilvorgangs durch die Anlaufzeit um ΔZ verlängert. Dieser Betrag
574 11 Ablaufplanung
ist beim ersten Produktionsabschnitt am größten und nimmt bei den weiteren
Bauabschnitten rasch ab. Nach Erfahrungen der letzten Jahre kann die Anlaufzeit
bei eingespielten Kolonnen auf drei bis zwei Abschnitte beschränkt werden.
Die Berücksichtigung der Anlaufzeit im Linien- und Balkendiagramm ist in
Bild 11.30 dargestellt.
Ein Beispiel zur Ermittlung der Teilbauzeit für einen Vorgang in einem
Produktionsfeld für Taktarbeit – unter Berücksichtigung der Einarbeitung – geht
aus Bild 11.31 hervor; die Gesamtbauzeit einschließlich vor- und nachlaufender
Bereiche ohne Taktarbeit aus Bild 11.32. In Bild 11.31 sind die Einarbeitungszu-
schläge für die ersten Abschnitte nach [11.1] mit 60%, 30% und 10% der norma-
len Taktzeit (einfache Arbeit) angesetzt.
Bild 11.27: Anlaufzeit und Einarbeitungskosten eines Teilbetriebes
11.5 Fließfertigung und Taktarbeit 575
Bild 11.28: Verminderung der Tätigkeitszeit, Verteilzeit, Wartezeit und Verlustzeit durch
Einarbeitung
Bild 11.29: Einarbeitungskurve bei Hochbauten [11.1]
Im Gegensatz zur stationären Industrie konnten für Teilvorgänge der Baupro-
duktion Anlaufkurven zwar gemessen, jedoch nicht allgemeingültig mathematisch
definiert werden. Diese Untersuchungen haben jedoch ergeben, dass Anlaufzeiten
und -kosten nicht vernachlässigt werden können. Bei kurzen Bauzeiten können
durch die Anlaufzeit Bauablauf und Baukosten erheblich beeinflusst werden.
Nach Unterbrechungen oder Störungen von Produktionsprozessen treten, wie
die Erfahrung zeigt, ebenfalls wieder Anlaufzeiten und -kosten auf, wenn auch
nicht so ausgeprägt wie bei der ersten Aufnahme der Produktion (Bild 11.33).
576 11 Ablaufplanung
Bild 11.30.1: im Liniendiagramm
Bild 11.30.2: im Balkendiagramm
Bild 11.30: Berücksichtigung der Einarbeitung im Linien-/Balkendiagramm [11.1]
11.5 Fließfertigung und Taktarbeit 577
(72) (siehe Bild 11.27)
Bild 11.31: Ermittlung der Teilbauzeit ZT für einen Vorgang in einem Produktionsfeld für
Taktarbeit unter Berücksichtigung der Einarbeitung (nach [11.1])
578 11 Ablaufplanung
(73)
Bild 11.32 Gesamtbauzeit einer Baustelle mit Taktarbeit sowie zeitlich nicht gebundenen
vor- und nachlaufenden Vorgängen
Bild 11.33: Auswirkung einer Änderung der Kolonnenzusammensetzung auf eine Einarbei-
tungskurve
11.5.7 Leistungs- und Kapazitätsabstimmung
Bei der Leistungs- und Kapazitätsabstimmung des 9. Schrittes der Ablaufplanung
kommt es darauf an, die zunächst nicht übereinstimmenden Schichtleistungen der
einzelnen Teilbetriebe an den Idealfall „Synchronablauf“ anzupassen bzw. bei
Taktarbeit gleiche Taktzeiten zu erreichen. Hierfür gibt es verschiedene Möglich-
keiten.
Die erste Gruppe besteht aus Betriebsformen. Dabei sind Aussetzer-, Wechsel-,
Spring- und Asynchronbetriebe zu unterscheiden.
11.5 Fließfertigung und Taktarbeit 579
Ein Aussetzerbetrieb (Bild 11.34) arbeitet nur während eines Teils der mögli-
chen Betriebszeit. In den Produktionsabschnitten wechseln Betriebs- und Leerzei-
ten miteinander ab. Die Arbeitsgeschwindigkeit während der Produktionszeit ist
so auszulegen, dass die kritische Annäherung i-j an den vorhergehenden Teilvor-
gang (i) nicht unterschritten wird.
Da ein kontinuierlicher Ablauf des Teilbetriebes j nicht gegeben ist, ist bei die-
ser Betriebsform eine Forderung für Fließarbeit nicht erfüllt.
Aussetzerbetriebe sind zu vermeiden, da sie nicht gleichmäßig, sondern nur mit
Unterbrechungen ihren Teilprozess vollziehen. Bei Nachunternehmerleistungen
sind sie oft nicht zu umgehen, stören dann aber den optimalen Potentialeinsatz des
Hauptunternehmers nicht (z.B. Aufbringen der Abdichtung bei Stützmauern, Brü-
ckenüberbauten oder erdüberdeckten Tiefgaragen).
Ein Ablauf, bei dem in einem Bauabschnitt durch einen Teilbetrieb zwei (oder
mehrere) aufeinander folgende Teilvorgänge vollzogen werden, die für sich relativ
kurz sind, zusammen aber der Taktzeit entsprechen, wird als Wechselbetrieb be-
zeichnet (Bild 11.35, Vorgänge j und k).
Die Ausführung der gesamten Betonarbeiten im Hoch- oder Brückenbau durch
eine "Montagekolonne" (die Schalkolonne übernimmt bspw. Schalarbeiten, Be-
wehren, Betonieren und Vorschub der feldweise freitragenden Rüstung im Brü-
ckenbau) ist ein typischer Wechselbetrieb.
Ein Beispiel eines Wechselbetriebes mit 4 Teilvorgängen als erweiterte Form
von Taktarbeit ist in Bild 11.36 dargestellt.
Bild 11.34: Aussetzerbetrieb
580 11 Ablaufplanung
Bild 11.35: Wechselbetrieb
Bild 11.36: Erweiterte Form von Taktarbeit (Fall 2) (eine Arbeitsgruppe vollzieht nachein-
ander 4 Teilvorgänge je Bauabschnitt)
Unter einem Springbetrieb ist ein Wechselbetrieb zu verstehen, bei dem eine
Kolonne ebenfalls zwei (oder mehrere) Teilvorgänge ausführt, jedoch in verschie-
denen (häufig aufeinander folgenden) Bauabschnitten (Bild 11.37).
Damit wird wie beim Wechselbetrieb eine Fertigungseinheit (Arbeitsgruppe
oder Gerät) zwar für zwei oder mehrere Teilvorgänge, insgesamt aber kontinuier-
lich eingesetzt.
Bei Wechsel- und Springbetrieb wird die Leistungsabstimmung auf den Syn-
chronablauf durch Zusammenfassung oder Trennung aufeinander folgender Ar-
beitsvorgänge erreicht. Diese wird vereinfacht, wenn Bauarbeiter über eine breite
Qualifikation für verschiedene Arbeitsarten verfügen.
11.5 Fließfertigung und Taktarbeit 581
Bild 11.37: Springbetrieb
Ein allgemeines Beispiel der Leistungsabstimmung ist in Bild 11.38 dargestellt.
Im Gegensatz dazu sind Asynchronbetriebe Betriebseinheiten mit oder ohne
Zeitzwang, deren Baufortschritt von dem der Synchrongruppe abweicht. Dabei
Bild 11.38.1: Zeit je Einheit der 12 Vorgänge vor der Leistungsanpassung
582 11 Ablaufplanung
Bild 11.38.2: Ergebnis der Leistungsanpassung
Bild 11.38: Leistungsanpassung bei Fließarbeit [11.1]
sind unabhängige Betriebe sowie Vor- und Nachläuferbetriebe einer Synchron-
gruppe zu unterscheiden (Bild 11.39).
Bild 11.39: Asynchronbetriebe
Unter unabhängigen Betrieben sind Betriebe ohne Zeitzwang und ohne Einfluss
auf die Produktionsgeschwindigkeit von Synchrongruppen zu verstehen; ihr Pro-
duktionsbeginn ist häufig gegenüber der Synchrongruppe weit vorgezogen. Vor-
aussetzung dafür ist ein entsprechender Planungsvorlauf. Unabhängige Betriebe
sind häufig Vorbetriebe, die auf Lager arbeiten (Aufbereitung von Baustoffen,
11.5 Fließfertigung und Taktarbeit 583
Herstellen von Fertigteilen, Versorgungsbetriebe (Bild 11.39); auch der Aufbau
großer Baustelleneinrichtungen entspricht dem Charakter eines Vorbetriebes.
Vor- und Nachläuferbetriebe (Bild 11.39) haben auf das Bauzeitminimum einer
Synchrongruppe ebenfalls keinen Einfluss. In diesen Betrieben ist mehr Potential
installiert, als aufgrund der verfügbaren Betriebszeit notwendig wäre. Der Forde-
rung nach dem Kostenminimum entsprechen solche Betriebe nur dann, wenn die
höheren Einrichtungs- und Einarbeitungskosten der schneller als die Synchron-
gruppe ablaufenden Teilvorgänge durch entsprechend niedrige Arbeitskosten aus-
geglichen werden.
Ein Beispiel für einen Vorläuferbetrieb ist der Humusabtrag im Erdbau, für
Nachläuferbetriebe das Herstellen der Fahrbahndecke im Straßenbau und die letz-
te (4.) Stufe der Ausbauarbeiten im Hochbau (Objektmontage, Einbauten, Bild
9.12).
Neben diesen Betriebsformen sind als weitere Gruppe folgende Anpassungs-
formen von Arbeitsabläufen zu unterscheiden:
− die zeitliche Anpassung (Variation der Schichtzeit, bspw. von 8 h auf 9 oder 10
h).
Durch zeitliche Anpassung lassen sich Abstimmungsprobleme relativ einfach
lösen.
Durch gewerbeaufsichtliche Bestimmungen (Arbeitszeitordnung) sind dieser
Anpassungsform jedoch Grenzen gezogen (10 h/AT an maximal 30 AT/Jahr sind
möglich, ebenso 10 h/AT (auch Samstags) bei max. 48 h/Woche). Aus Lärm-
schutzgründen darf in oder an Wohngebieten nur zwischen 700 und 2000 Uhr gear-
beitet werden.
Bei längerer Schichtzeit als 8 h fällt durch Ermüdung die Leistung der Arbeits-
kräfte ab und das Unfallrisiko steigt an (siehe hierzu auch [11.1]).
− die quantitative Anpassung, d.h. entweder Verstärkung von Arbeitskolonnen
bis zum Einsatz von zwei oder mehreren Arbeitsgruppen (Parallelarbeit), zu-
sätzliche Maschinen oder umgekehrt Abbau von Mannschaft und Gerät.
Die Grenzen der quantitativen Anpassung liegen darin, dass Arbeitskolonnen
nicht beliebig verstärkt oder reduziert werden können, wenn der Arbeitsablauf in-
nerhalb der Gruppe optimal bleiben soll. Maschinen sind ohnehin nicht beliebig
teilbar und auch bei Arbeitskräftemangel ist eine Verstärkung der Kolonnen kaum
möglich.
Eine Zwischenstufe zur quantitativen Anpassung bildet der Mehrschichtbetrieb.
Hierbei ist das Gerät zeitlich, die Mannschaft quantitativ angepasst. Man braucht
dazu Arbeitskräfte und/oder Maschinenführer für eine zweite Schicht. Der Regel-
fall des Zweischichtbetriebs sind täglich 2 x 10 h mit 4 Stunden Pause, wenn keine
Arbeitszeitbegrenzung wie in Wohngebieten gegeben ist, häufig auch Dekadenbe-
trieb (10 Tage Einsatz, dann 5 Tage Pause). Im Untertagebau und bei Arbeiten un-
ter Druckluft sind auch 3 bzw. 4 Schichten (Drittel) innerhalb 24 Stunden üblich.
Weitere Möglichkeiten quantitativer Anpassung wären
− Ausführung der Arbeiten in Arbeitsgemeinschaft mit anderen Firmen,
− Verstärkung der eigenen Mannschaft durch Subunternehmer,
584 11 Ablaufplanung
− Einsatz freier Kolonnen (im Prinzip das Gleiche),
− die in der BRD nur mit besonderer Genehmigung mögliche Leiharbeit.
− Kann bei Störungen der Produktion das Potential nicht sofort an einen reduzier-
ten Baufortschritt angepasst werden, was häufig der Fall ist, tritt als Folge eine
intensitätsmäßige Anpassung ein. Die Kapazität der betroffenen Teilbetriebe
wird dann nicht mehr voll in Anspruch genommen, sodass Leerkosten entste-
hen. Auf diesen Fall gehe ich im letzten Abschnitt (15) nochmals ein.
Seitens der Auftraggeber wären als weitere Anpassungshilfen zu nennen:
− längere Fristen als maximal 2 Wochen zwischen Auftrag und Baubeginn,
− keine zu kurzen Ausführungsfristen.
Das Hauptproblem für den rationellen Potentialeinsatz der Baubetriebe liegt
darin, Mannschaft und Gerät kontinuierlich und gleichmäßig einsetzen zu können.
Damit lassen sich Spitzen im Potentialeinsatz vermeiden, die gegenüber dem
gleichmäßigen Einsatz zu erheblichen Mehrkosten führen (Bild 11.40).
Mit Hilfe der genannten Anpassungsformen lassen sich Abstimmungsprobleme
lösen und Störbetriebe vermeiden. Das sind Betriebe, deren Baufortschritt
(Schichtleistung) nicht der Synchrongruppe angepasst ist (Bild 11.41). In diesen
Fällen ist, wie die Darstellung zeigt, das Bauzeitminimum nicht mehr gewährleis-
tet und ein wesentlicher Vorteil der Fließfertigung geht damit verloren.
Wenn in der unteren Darstellung von Bild 11.41 der Störbetrieb als Aussetzer-
betrieb läuft, ergibt sich eine Bauzeitverkürzung um ΔZ.
In der Literatur sind ausführliche Beispiele aus verschiedenen Bausparten über
die Feinabstimmung von Bauabläufen auf Fließfertigung und Taktarbeit angege-
ben [11.1]. Die Aufgabe der Leistungsabstimmung auf gleiche Taktzeiten besteht
in der sinnvollen Aufteilung der Tagewerke des Arbeitsverzeichnisses auf die
Kleingruppen der Baustellenbelegschaft bzw. bei Maschinengruppen im Einrich-
ten von Arbeitsketten mit Aggregaten gleicher Leistung. Zum Überblick ist in Bild
11.42 aus einem Arbeitsverzeichnis für einen Stahlbetonbau die Taktplanung der
Normalgeschosse, in Bild 11.43 der Taktplan als Balkenplan dargestellt.
Bild 11.44 zeigt eine weitere Taktfertigung mit Wechselbetrieb für einen Stahl-
betonbau im Weg-Zeit-Diagramm.
Der Taktplan (Balkenplan) geht aus Bild 11.45, für eine weitere Variante (Hin-
tereinanderfertigung mit einer gemischten Kolonne) aus Bild 11.46 hervor. Die
Erläuterung enthält der Anhang 14.
11.5.8 Vor- und Nachteile eines Bauablaufs in Fließfertigung
[Link] Vorteile
Vergleicht man einen unkoordinierten Bauablauf nach Bild 11.26 oben und 11.40
unten mit einem Ablauf in Fließfertigung oder Taktarbeit, ergeben sich für diese
Betriebsformen folgende Vorteile:
− die minimale Bauzeit,
11.5 Fließfertigung und Taktarbeit 585
− das Minimum an Potentialeinsatz und daraus
− minimale Kosten für Einarbeitung und Baustelleneinrichtung.
Diese Vorteile gehen aus Bild 11.40 anschaulich hervor. Je kleiner der Potenti-
alfaktor r ist (r nur wenig größer als 1), desto besser sind die Voraussetzungen für
Fließ- bzw. Taktarbeit erfüllt.
Bild 11.40:
__ Potentialfaktor und Bauzeit bei Fließfertigung und unorganischem Ablauf
(trotz c2 = 3c2 Bauzeitverlängerung um ΔZ)
586 11 Ablaufplanung
Bild 11.41: Störbetriebe (s.a. Bild 11.34)
Bild 11.42: Arbeitsverzeichnis für die Taktplanung der Normalgeschosse eines Stahlbeton-
baus [11.1]
11.5 Fließfertigung und Taktarbeit 587
Bild 11.43: Taktplan für die Normalgeschosse eines Stahlbetonbaus [11.1]
Bild 11.44: Weg-Zeit-Diagramm für einen Stahlbetonbau bei Taktfertigung mit
Wechselbetrieb
588 11 Ablaufplanung
Bild 11.45: Balkendiagramm für einen Stahlbetonbau bei Taktfertigung mit Wechselbetrieb
[11.1]
Bild 11.46: Balkendiagramm für einen Stahlbetonbau bei Hintereinanderfertigung mit einer
gemischten Kolonne [11.1]
11.5 Fließfertigung und Taktarbeit 589
[Link] Nachteile
Die Nachteile dieser Ablaufform liegen darin, dass bei Störungen im Ablauf ein-
zelner Teilvorgänge deren Nachläufer ebenfalls gestört werden.
Wird bspw. durch verspätete Entscheidungen oder Planfreigabe der taktmäßige
Ablauf der Teilvorgänge gestört (behindert), gehen die Vorteile eines derartigen
Bauablaufs (kürzest mögliche Bauzeit bei minimalem Potentialeinsatz, ge-
ringstmögliche Kosten) verloren. Bei Behinderung (Störung) eines Vorgangs wer-
den dann auch die nachfolgenden Vorgänge betroffen; es kommt zwangsläufig zu
Bauzeitverzögerungen. Ein Beispiel ist in Bild 11.47.3 dargestellt. Die Behinde-
rung des Teilvorgangs 3 ab Zeitpunkt C behindert zwangsläufig den Ablauf der
Teilvorgänge 4 und 5 um die gleiche Zeitspanne wie bei Teilvorgang 3 (ΔZ).
Ist diese Behinderung aufgehoben, gibt es zwei Möglichkeiten für den weiteren
Produktionsablauf. Im einen Fall (Bild 11.48.1) laufen ab Punkt E und G die Teil-
vorgänge 3 und 4 mit ihrer ursprünglichen, ungestörten Arbeitsgeschwindigkeit
weiter ab (Vorgang 5 hat später als im Soll begonnen, da die Behinderung aus den
vorlaufenden Vorgängen 3 und 4 rechtzeitig zu erkennen war, und ist deshalb in
Bild 11.47.1: ungestörter Ablauf von Teilvorgängen bei optimalem Bauablauf (Fall I)
Bild 11.47.2: erweiterte Form von Taktarbeit (Fall II) (eine Arbeitsgruppe vollzieht nach-
einander 4 Teilvorgänge je Bauabschnitt)
590 11 Ablaufplanung
Bild 11.47.3: Ablaufstörung durch Behinderung des Teilvorgangs 3 (Bauzeitverlängerung
um die Zeitspanne ΔZ)
Bild 11.47: Ablaufstörung bei Taktarbeit
dieser Darstellung nicht gestört). Es bleibt dann im Gesamtablauf bei der bereits
im Zeitpunkt E eingetretenen Bauzeitverlängerung um die Zeitspanne ΔZ.
Häufig verlangt in solchen Fällen der Auftraggeber (oder erfordert der mit Ver-
tragsstrafe belegte Endtermin) den ursprünglichen Fertigstellungstermin einzuhal-
ten, soweit dies überhaupt noch möglich ist. In diesem Fall wäre die Arbeitsge-
schwindigkeit der Teilvorgänge 3-5 ab Punkt E, G und J soweit zu steigern (zu
beschleunigen), dass der Soll-Fertigstellungstermin erreicht wird (Bild 11.48.2,
Punkt L, M, N).
Bild 11.48.1: Gesamtbauzeitverlängerung durch eingetretene Verzögerung
11.5 Fließfertigung und Taktarbeit 591
Bild 11.48.2: Einholen einer Verzögerung durch Beschleunigung
Bild 11.48: Folgen von Ablaufstörungen bei Taktarbeit
Beide Arten von Störungen eines nach den o.g. Kriterien optimalen in Bild
11.47.1 nochmals dargestellten Ablaufs führen zu Mehrkosten, deren Ableitung
im letzten Abschnitt (15) dargestellt wird.
Um die Folgen der in Bild 11.47.3 dargestellten Ablaufstörung zu vermeiden,
können im Sollablauf neben der technologischen Entflechtung der Arbeiten zwi-
schen den Vorgängen oder Vorgangsgruppen (Gewerken) Sicherheitspuffer vor-
gesehen werden (P in Bild 11.47.1), d.h. die Folgezeiten werden größer gewählt
als die kritische Annäherung [11.1]. Sie verlängern jedoch die Bauzeit und wider-
sprechen dem Prinzip der Fließfertigung.
Im Einzelfall kann nun unter Anwendung der v.g. Kriterien und anhand der
Projektparameter Zeit, Kapazität und Kosten für jedes Projekt ermittelt werden,
wo das Optimum liegt [11.1].
11.5.9 Zusammenfassung
Häufig werden Bauabläufe durch äußere Umstände, auf die der Betrieb keinen
Einfluss hat, mehr oder weniger behindert. Der Idealfall einer Fließfertigung, der
störungsfreie Synchronablauf, ist deshalb auf der Baustelle die Ausnahme. Der
Realfall besteht in einer mehr oder weniger angepassten Modifikation dieses Ide-
alfalles.
Die Vorteile von Fließfertigung und Taktarbeit sind die minimale Bauzeit bei
minimalem Potentialeinsatz. Diese Organisationsformen ermöglichen damit die
optimale Nutzung eines Produktionsapparates, seinen maximalen Produktionsef-
fekt. Daraus ergibt sich das Kostenminimum einer Produktion. Diese Vorteile
wirken sich umso mehr aus, je mehr die Modifikation dem Idealfall entspricht.
Darin liegt die Bedeutung der Vorfertigung in stationären Betriebsstätten. Hier ist
592 11 Ablaufplanung
die Annäherung an die Verhältnisse der stationären Industrie am weitesten mög-
lich. Dem Idealfall kommen wir auch näher, wenn es gelingt, dass gleichartige
Baustellen mit dem gleichen Potential einer Unternehmung mehrfach unmittelbar
hintereinander ablaufen (Konvoifertigung).
Die Anwendung dieser optimalen Arbeitsorganisation ist jedoch an Vorausset-
zungen gebunden. Die wichtigsten sind die rechtzeitige Ausführungsplanung, die
mehrfache Wiederholung gleichartiger Produktionsvorgänge (Serie) und ein weit-
gehend störungsfreier Synchronablauf. Dazu gehört eine sorgfältige Ablaufpla-
nung im Rahmen der Arbeitsvorbereitung.
Je länger die Betriebszeit eines Teilbetriebes im Verhältnis zur Gesamtbauzeit
wird, desto größer ist die Kostensenkung, die gegenüber einem improvisierten und
unkoordinierten Bauablauf erwartet werden kann. Darin liegt die Bedeutung von
Fertigungsstraßen. Allgemein gültige Werte liegen nicht vor. In der Praxis der
vergangenen Jahre wurden 20% und mehr erreicht.
Mit dem Ablaufmodell Fließfertigung und Taktarbeit verfügen Projektmana-
gement, Ablaufplaner und Bauunternehmungen über ein Instrument, das es ihnen
ermöglicht, das komplizierte Räderwerk einfacher und komplexer Baustellen –
und zwar Ablauf und Kosten – von Anfang an „im Griff“ zu behalten.
Fließfertigung und Taktarbeit sollten daher, wenn auch in einer gegenüber dem
Idealfall mehr oder weniger modifizierten Form, den Regelfall eines (rationellen)
Bauablaufs bilden.
11.6 Baustelleneinrichtung
11.6.1 Aufgabe und Kriterien
Nachdem aus der Ablaufplanung die Produktionsdaten, das erforderliche Potential
und seine Einsatzzeit bekannt sind, kann abschließend die Baustelleneinrichtung
geplant werden. Sie stellt die „Fabrik“ des Baubetriebs dar und hat den reibungs-
losen Ablauf der Produktion zu gewährleisten. Die Planung der Baustelleneinrich-
tung ist damit ein wesentlicher Teil der Vorbereitung einer Baustelle. „Die Bau-
stelleneinrichtung stellt als Bindeglied zwischen Planung und Ausführung
gleichsam die Schaltzentrale der Baudurchführung dar“ [11.1].
Art und Umfang einer Baustelleneinrichtung hängen von Art und Größe des zu
errichtenden Bauwerks, dem erforderlichen Potential, der Bauzeit, den Standort-
bedingungen der Baustelle und hier vor allem von ihrer Lage und den Versor-
gungsmöglichkeiten ab. Eine Baustelle im Zentrum oder am Rand einer Großstadt
in einem industriell hoch entwickelten Gebiet kommt mit weniger Elementen aus
als eine über mehrere Jahre laufende Sperrenbaustelle im Hochgebirge oder ein
Hafenbau in einem unerschlossenen Gebiet.
Die Bedingungen, die eine Baustelleneinrichtung zu erfüllen hat, sind
− der ungestörte Bauablauf in jeder Bauphase,
− die materialflussgerechte Anordnung der einzelnen Elemente mit minimalen
Transportentfernungen. Außerdem sind
11.6 Baustelleneinrichtung 593
− alle Sicherheitseinrichtungen für eine unfallfreie Bauausführung vorzusehen
und
− alle Emissionen (Lärm und Staub) in den vorgeschriebenen Grenzen zu halten.
Damit die Kosten der Baustelleneinrichtung als temporärer Baufabrik so gering
als möglich bleiben, muss sie den Standortbedingungen und dem anstehenden Bo-
den angepasst werden.
Das Grundkonzept für die Planung einer Baustelleneinrichtung ist im Anhang
15 dargestellt.
11.6.2 Elemente und Platzbedarf
Art, Größe und Lage der Elemente einer Baustelleneinrichtung ergeben sich aus
den Abmessungen des Bauwerks, den Standortbedingungen der Baustelle, den
Bauverfahren, dem Potential, den Standorten der Großgeräte, dem Materialfluss,
den Möglichkeiten des Materialnachschubs, den erforderlichen Unterkünften und
dem Platzbedarf.
Auch für die Bemessung der Einrichtungselemente gilt, dass ihre Kapazitäten
über ihre geplante Vorhaltezeit möglichst gleichmäßig genutzt werden.
Die Einrichtungsflächen sind so aufzuteilen, dass sich minimale Umschlags-
und Transportkosten ergeben. Dazu ist eine Bemessung der Verkehrswege und
Arbeitsflächen erforderlich.
Die Reihenfolge der Planung beginnt mit der Ablaufplanung (Schritt 3 bis 7
Bild 11.4) und dem Platzbedarf. Erst danach kann die räumliche Anordnung fest-
gelegt werden.
Ablaufplanung und Bestimmung des Platzbedarfs sind vorzunehmen
1. für Kräne und feststehendes Gerät (Betonumschlag, Kompressorstation, Pump-
station, Fahrzeugwaagen usw.),
2. für den weiteren Materialumschlag, Lagerungen und Lagermengen (für Bau-,
Bauhilfs-, Betriebsstoffe und Einbauteile),
3. für Vorfertigungsplätze (Schalungs- und (ggf.) Stahlbaumontagen),
4. für Betriebsräume (Werkstätten, Magazin, Geräteabstellplätze, Labors),
5. für Belegschafts- und Büroräume (ggf. Wohnlager),
6. für die Erfordernisse an beweglichem Gerät,
7. für Verkehrsflächen,
8. für Kleingerät.
Die Kräne müssen neben den Einbaustellen alle Plätze bestreichen können, wo
sie für den Materialumschlag gebraucht werden.
Die Lagermengen ergeben sich aus den möglichen laufenden Zulieferungen
und werden über Ganglinien ermittelt. Bei großen Betonierabschnitten (Funda-
mentplatten mit einigen tausend m³ Beton) müssen Zement und Zuschlagsstoffe
bereitstehen, bevor betoniert werden darf soweit dafür nicht Lieferbeton bezogen
werden kann (s. Abschn. [Link]).
Die Bemessung des Großgeräts wurde bereits bei den Bauverfahren vorge-
nommen (Abschn. 5 und 6).
594 11 Ablaufplanung
Die Ergebnisse werden in einer Einrichtungs- und Geräteliste festgelegt.
Neben den betrieblichen Anforderungen sind dabei alle Sicherheitsbedingungen
sowie alle gewerbeaufsichtlichen Auflagen hinsichtlich der Belegschaftsräume
(Büro-, Tagesaufenthalts-, Schlafräume, Küchen) und der sanitären Einrichtungen
zu beachten. Dazu gehören
− die Arbeitsstättenverordnung vom 20.03.75,
− die jeweils geltenden Arbeitsstätten-Richtlinien des BMA für Tagesunterkünf-
te, Waschräume sowie Toiletten und Toilettenräume auf Baustellen,
− die Richtlinien für die Unterkünfte ausländischer Arbeitnehmer in der BRD,
− die jeweils letztgültige Ausgabe der Grundanforderungen an Sanitätsräume in
Betrieben,
− die Unfallverhütungsvorschriften der Bau-BG [11.101],
− die Baustellenverordnung (BaustellV) [11.102] und ggfs.
− ein SiGePlan [11.102] und [11.6], Abschn. 10.3.11
11.6.3 Räumliche Anordnung
Räumlich werden die Einrichtungsteile nach der fertigungsgerechten Lagefolge
und dem Materialfluss angeordnet. Alle Transporte, vor allem die Massenbewe-
gungen, müssen mit minimalen Transportentfernungen möglich sein.
Bei der räumlichen Anordnung wird zunächst von einer funktionalen Idealan-
ordnung der Einrichtungsteile ausgegangen, die dann an die natürlichen (Gelände)
und gesetzlichen Einschränkungen anzupassen ist. Der Flächenbedarf ergibt sich
aus der genannten Einrichtungsliste.
Zur räumlichen Planung der Baustelleneinrichtung gehören noch das Festlegen
der Versorgungsnetze für Wasser, Strom und Druckluft sowie alle Anlagen zur
Beseitigung von Oberflächen- und Brauchwasser. Bei Großbaustellen müssen
häufig Wasserfassungen angelegt und der elektrische Strom selbst erzeugt werden.
11.6.4 Planungsschritte
Die Planung der Baustelleneinrichtung (Schritt 8 in Bild 11.4) wird im Rahmen
der Arbeitsvorbereitung einer Unternehmung vorgenommen, wobei die Bauleitung
und die Maschinenabteilung maßgebend beteiligt werden. Sie läuft in 7 Schritten
ab. Dies sind
− für die Vorbereitung:
1. das Studium der Vertragsunterlagen,
2. die Besichtigung des Baugeländes,
3. das Vorbereiten des Arbeitsverzeichnisses
− für die eigentliche Planung:
4. das Erfassen der Anforderungen aus den Ablaufabschnitten,
5. das Bestimmen und Auswählen der Großgeräte,
11.6 Baustelleneinrichtung 595
6. die Wahl der sonstigen Elemente und
7. das Zuordnen und Zeichnen der Einrichtung.
Die Vorbereitungsschritte 1 und 2 sind Voraussetzung für die Ablaufplanung
und bereits im Abschn. 11.3.1 erwähnt. Das Arbeitsverzeichnis aller Teilvorgänge
ergibt sich ebenfalls aus der Ablaufplanung (Abschn. 11.4, 2.3). Ich gehe deshalb
auf diese 3 Teilschritte nicht weiter ein.
Die 4 weiteren Schritte der BE-Planung sind in Tabelle 43 in Stichworten dar-
gestellt.
Zu den sonstigen Elementen (Schritt 6 der Tabelle 43) gehören die Verkehrser-
schließung, Werk- und Lagerplätze, die Sozialeinrichtungen (Tagesunterkünfte,
Büros für Auftraggeber und Firmenbauleitung, WC-Anlagen), die Wasser- und
Stromversorgung, die Abwasserbeseitigung, aller Sicherheitseinrichtungen und die
Abfallentsorgung.
Tabelle 43: Vorgehensweise bei der Planung der Baustelleneinrichtung [11.5]
Nr. Aufgabe Frage Schritte
4 Ablaufabschnitte erfas- Welche Geräte und Materialien a) notwendige Geräte und Materialien
sen werden b) Anforderungen
pro Ablaufabschnitt benötigt? c) Leistungen erfassen
5 Großgeräte bestimmen Welche Geräte bestimmen den Ar- a) produktionsbestimmende Großgerä-
und wählen beitsablauf und wie muss die Bau- te bestimmen
stelle räumlich in Arbeitsfelder ge- b) Anzahl und Lage der Arbeitsfelde
gliedert werden?
bestimmen
c) Leistungswert des Hauptgerätes
pro Arbeitsfeld ermitteln
6 Sonstige Elemente Welche sonstigen Elemente werden Werk- und Lagerplätze, Verkehrswe-
wählen benötigt? ge, Sozialeinrichtungen, Wasser,
Strom, Sicherung und Abfall
7 Einrichtung zuordnen Wie können die Elemente den ein- a) feste Bauwerke
und zeichnen zelnen Arbeitsfeldern zugeordnet b) Hauptgerät mit Arbeitsfeld
werden?
c) Verkehrswege, Werk- und Lager-
plätze
d) Sozialeinrichtungen und Versor-
gungsleitungen
e) Geräteliste erstellen
Im letzten Schritt sind die einzelnen Einrichtungselemente auf dem verfügbaren
Platz um das geplante Bauvorhaben so anzuordnen, dass sich während der Erstel-
lung des Bauwerks ein optimaler Produktionsablauf ergibt. Die Zielvorgabe wird
i.d.R. durch mehrfache Iteration dieser Planungsschritte erreicht.
Ein einfaches Beispiel hierzu ist in Bild 11.49 dargestellt, die dazu gehörende
Planung im Anhang 16 [11.5].
Durch die Teilnahme der Bauleitung am Verfahrens- und Ausführungsvarian-
tenvergleich (Schritt 9 der Ablaufplanung) sollen die Erfahrungen der Bauausfüh-
596 11 Ablaufplanung
rung in den Entscheidungsprozess eingebracht werden mit dem Ziel, „die Vorga-
ben aus Strategie und Planung zu einem wirtschaftlich positiven und den Anforde-
rungen des Bauherrn gerecht werdenden Gesamtergebnis zu führen“ [11.1].
Bild 11.49: Baustelleneinrichtungsplan für Baustelle Werkhalle [11.5]
11.6.5 Beispiele
Als Überblick sind für einige typische Baustellen Beispiele von Einrichtungen
bzw. wesentliche Elemente in den Bildern 11.50 bis 11.58 dargestellt. Über weite-
re Einzelheiten der Planung, besonders für Großbaustellen, sei auf die Literatur
verwiesen [11.1, 11.5, 11.6].
Auf die logistischen Anforderungen zur störungsfreien Versorgung von Bau-
stellen gehe ich im Abschn. 11.9 näher ein.
11.6 Baustelleneinrichtung
Bild 11.50.1: Turmdrehkranarten und ihre Haupteigenschaften [11.1]
597
598
11 Ablaufplanung
Bild 11.50.2: Haupteigenschaften verschiedener Kranarten [11.1]
11.7 Bereitstellungsplanung 599
Bild 11.51: Baustelleneinrichtung für ein Verwaltungsgebäude in Stahlbeton
11.7 Bereitstellungsplanung
Wie im Abschn. 11.6 dargestellt, hat die Baustelleneinrichtung (BE) die Anforde-
rungen der Ablaufplanung, die aus Terminplanung, Ganglinien und Verfahrensda-
ten hervorgehen, in die tägliche Bereitstellung umzusetzen. Die BE ist damit der
Versorgungspuffer, um auftretende Schwankungen zwischen Planung und tägli-
chen Anforderungen ausgleichen zu können. Aus dem Ablaufplan einer Baustelle
und dem Einrichtungsplan geht i.E. hervor, wann, in welchem Umfang, zu wel-
cher Zeit und an welchem Ort Arbeits- und Führungskräfte, Betriebsmittel und die
Elemente der Baustelleneinrichtung verfügbar sein müssen. Ebenso weist der Ab-
laufplan aus, wann Nachunternehmer ihre Leistungen zu erbringen haben.
Über die Baufortschritte der einzelnen Teilprozesse lässt sich außerdem be-
rechnen, wann und in welchen Mengen Bau-, Betriebs- und Bauhilfsstoffe (Scha-
lung und Rüstung, Bewehrung, Beton, Mauersteine) verfügbar sein müssen. Damit
können diese Stoffe rechtzeitig bestellt und von den Baustellen abgerufen werden.
Im Überblick sind die Vorgaben der Ablaufplanung im Anhang 17 nochmals dar-
gestellt. Die Ergebnisse der Bereitstellungsplanung werden tabellarisch zusam-
mengefasst; ein einfaches Beispiel geht aus Anhang 18 hervor.
600 11 Ablaufplanung
Bild 11.52: Entwurf Turmkraneinsatz für AKH-Kernbau, Wien [11.1]
11.7 Bereitstellungsplanung 601
Bild 11.53: Kranverträglichkeit im Krafthaus Donaukraftwerk Wallsee [11.1]
Bild 11.54.1: Variante 1 – Infrastruktur und Anlieferung
602 11 Ablaufplanung
Bild 11.54.2: Variante 2 – Infrastruktur und Anlieferung
Bild 11.54.3: Kranaufstellung
Bild 11.54: Innerstädtische Baustelleneinrichtung [11.6]
11.7 Bereitstellungsplanung 603
Bild 11.55: Baustelleneinrichtungsplan – innerstädtische Baustelle in Frankfurt [11.6]
Bild 11.56: Bürocontainer einer mittelgroßen Baustelle [11.6]
604
11 Ablaufplanung
Bild 11.57: Tages-, Schlaf- und Sanitärcontainer [11.6]
11.7 Bereitstellungsplanung
605
Bild 11.58: Wohnbaracken in Holzbauweise (Wohnlager, [11.1])
606 11 Ablaufplanung
Voraussetzung und Hilfsmittel für die rechtzeitige Bereitstellung aller Einsatz-
mittel und damit für eine störungsfreie Produktion ist eine angepasste Logistik. Ich
gehe im Abschn. 11.9 darauf ein.
11.8 Darstellung der Ablaufplanung
Um die Ergebnisse der Ablaufplanung im Betrieb umsetzen zu können, müssen sie
den zuständigen oder damit beauftragten Mitarbeitern eindeutig mitgeteilt werden.
Dafür gibt es nach Art, Umfang und Komplexität einer Bauaufgabe verschiedene
Methoden. Dies sind i.W. Terminlisten, Balkenpläne, Weg-Zeit-Diagramme,
Netzpläne und Bauphasenpläne. Auch Kombinationen dieser Darstellungsformen
und weitere Varianten sind möglich (s.a. [11.1], Anhang 11).
11.8.1 Terminlisten
Die einfachste Form der Darstellung eines Bauablaufs ist eine Terminliste (Bild
11.59). Darin werden Dauer, Beginn und Ende der Vorgänge oder Vorgangsgrup-
pen in der Reihenfolge ihres Ablaufs aufgelistet.
Terminlisten werden für Planungsvorgänge, für einfache und wenig strukturier-
te Bauvorhaben, für das Festlegen von Zwischen- und Endterminen in Verdin-
gungsunterlagen, für das Festlegen von Lieferterminen und für kurzfristige Ter-
minvorgaben der Feinplanung von Bauabläufen verwendet; im Prinzip stellen sie
Terminpläne in Listenform dar. Häufig werden sie durch Erläuterungen ergänzt
(Aktenvermerk). Die Ergebnisse der Terminberechnungen von Netzplänen mit
EDV-Programmen werden für die praktische Anwendung ebenfalls als Terminlis-
ten und Balkenpläne ausgedruckt.
Wie jeder Terminplan sollten auch Terminlisten für Bauabläufe nicht nur Pro-
duktions-, sondern auch Planübergabetermine für die einzelnen Bauabschnitte und
Gewerke enthalten.
Bild 11.59: Terminliste für Ausbauarbeiten
11.8 Darstellung der Ablaufplanung 607
11.8.2 Balkenpläne
Balkenpläne werden für die Darstellung von Planungs- und Bauabläufen am häu-
figsten angewendet. Als kontinuierliche Größe wird oben von links nach rechts die
Zeit eingetragen. In den Zeilen darunter kann von oben nach unten jeder Teil des
Baugeschehens in beliebigem Feinheitsgrad dargestellt werden. Die einzelnen
Bauvorgänge erscheinen in den Zeilen als Balken entsprechender Länge. Damit
lassen sich Bauvorgangsketten aneinander reihen.
Bei der klassischen Art der Darstellung des chronologischen Ablaufs in Diago-
nalanordnung (Bild 11.60) können logische Zusammenhänge nur bedingt darge-
stellt werden (Bild 11.61.1 und 11.61.2). Um Balkenpläne übersichtlicher zu hal-
ten, werden hintereinander liegende Vorgänge (logische Ketten) innerhalb eines
Bauabschnittes in derselben Zeile eingetragen (Bild 11.62, 11.63). Die Vorgangs-
dauern und der Potentialeinsatz lassen sich in einer besonderen Kopf- (Rand-)
spalte ermitteln, die am linken Rand des Balkenplans angeordnet ist (Bild 11.64).
Grundsätzlich gehören sie jedoch bereits in das Arbeitsverzeichnis bzw. die Job-
liste (s. Abschn. 11.4.2 und 11.6.4).
Wie schon in Bild 11.21 angedeutet, kann man damit den Potentialeinsatz op-
timieren. Darüber hinaus lassen sich aus den mit den Produktionskosten bewerte-
ten Balken der Vorgänge der monatliche (Soll-)Umsatz und der Finanzmittelbe-
darf einer Baustelle bestimmen. Balkenpläne haben jedoch den Nachteil, dass sich
die Ergebnisse von Ablaufkontrollen nicht anschaulich darstellen lassen (Bild
11.65). Eine übersichtlichere Darstellung eines Soll-Ist-Vergleichs zeigen Bild
13.1 und Bild 13.13.
Im Anhang 19 ist ein Rahmenterminplan für ein Großbauvorhaben als Balken-
plan dargestellt, der in der vorletzten Zeile die Fertigstellungszeitpunkte der
Hauptbauteile enthält.
Bild 11.60: Balkenplan in Diagonalanordnung
608 11 Ablaufplanung
Bild 11.61.1: Darstellung von Abhängigkeiten in Balkenplänen
Bild 11.61.2: Projektbalkenplan [11.6]
Bild 11.62: Darstellung
hintereinander liegender
Vorgänge in Balkenplänen
11.8 Darstellung der Ablaufplanung 609
Bild 11.63: Grobablaufplan einer Talbrücke
Bild 11.64: Kopfspalte eines Balkendiagramms
Bild 11.65: Möglichkeiten der Ablaufkontrolle in Balkenplänen
610 11 Ablaufplanung
11.8.3 Weg-Zeit-Diagramme
Im Weg-Zeit- oder Volumen-Zeit-Diagramm – abgekürzt als V/Z-Diagramm be-
zeichnet – werden Bauzeit und Baufortschritt in zwei Dimensionen dargestellt. Es
eignet sich deshalb sehr gut für Linienbaustellen und für Soll-/Ist-Vergleiche ein-
zelner Vorgänge (Hauptleistungen/Leitbetriebe). Wegen der begrenzten Über-
sichtlichkeit ist es für die Darstellung des Ablaufs mehrerer Teilleistungen unter-
schiedlicher Arbeitsgeschwindigkeit weniger geeignet. Es wird deshalb vor-
wiegend für Erd-, Straßen-, Tunnelbauten und im Rohrleitungsbau, aber auch für
Roh- und Ausbauarbeiten im Hochbau angewendet.
Für den Soll-/Ist-Vergleich von Leitbetrieben ist das V/Z-Diagramm sehr an-
schaulich, da es nicht nur die Situation zum Kontrollzeitpunkt, sondern auch den
weiteren Trend eindeutig erkennen lässt (Bild 11.47.3, 11.48, 13.1, 13.14).
Theoretisch werden auf der Abszisse eines rechtwinkligen Koordinatensystems
die Zeit, auf der Ordinate das Produktionsvolumen in Mengeneinheiten oder in
Prozenten der Gesamtbauleistung aufgetragen.
In der Praxis wird für ein bestimmtes Bauvorhaben unter dem Längsschnitt o-
der dem Grundriss die Zeit lotrecht abgetragen. Punktartige Bauteile innerhalb der
Baustrecke werden als senkrecht angeordnete Balken oder Rechtecke gekenn-
zeichnet.
Beispiele von V/Z-Diagrammen sind in Bild 11.66–11.72 dargestellt, Kombina-
tionen mit Balkenplänen in Bild 11.73 und 11.74. Hierzu wird besonders auf die
Erläuterungen in [11.7] hingewiesen.
Bild 11.66: Beispiel aus dem Straßenbau
11.8 Darstellung der Ablaufplanung 611
Bild 11.67: Liniendiagramm für einen Tunnelbau (Modellbeispiel, [11.7])
Bild 11.68: Ablaufplanung beim Tauern-Tunnel [11.8]
612 11 Ablaufplanung
Bild 11.69: Bauzeitplan nach Bauausführung des Arlberg-Straßentunnels [11.8]
Bild 11.70: Ablaufsystem der Ausbauarbeiten im Wohnungsbau (Prinzip, [11.1])
11.8 Darstellung der Ablaufplanung 613
Bild 11.71: Bauzeitenplan nach einjähriger Bauausführung, Stadtbahn Dortmund, Baulos
22 [11.8]
614
11 Ablaufplanung
Bild 11.72: Weg-Zeit-Diagramm für den Bau des Arabella-Hauses der Bayrischen Hausbau GmbH in München [11.1]
11.8 Darstellung der Ablaufplanung 615
Bild 11.73: Bauablaufplan 2. Mainbrücke der Farbwerke Hoechst AG [11.1]
11.8.4 Netzplantechnik
Für die Netzplantechnik als weitere Möglichkeit der Planung und Darstellung von
Bauabläufen ist – wie schon im Abschn. 11.4.2 bei den Teilschritten der Ablauf-
planung erwähnt – die Systematik der Gliederung eines Projekts in Vorgänge und
das eindeutige Festlegen ihrer gegenseitigen Abhängigkeiten kennzeichnend. Bei
der Ablaufplanung komplizierter und damit störanfälliger Bauprojekte hat sich das
als sehr vorteilhaft erwiesen. Praxisorientiert angewendet ist die Netzplantechnik
unter Anwendung der elektronischen Datenverarbeitung bei größeren Bauvorha-
ben nach wie vor ein ausgezeichnetes Planungshilfsmittel und Kontrollinstrument
für Bauzeit und Baukosten. Auf eine besonders für Bauvorhaben entwickelte Me-
thode, das BKN-Verfahren von Burkhardt, gehe ich deshalb kurz ein [11.1].
Der Vorteil eines Netzplans für ein Projekt besteht darin, dass sich
− alle Vorgänge, in die das Projekt zerlegt wurde,
− die Abhängigkeitsbeziehungen dieser Vorgänge und
− die Reihenfolge der Vorgänge beim Projektablauf aufgrund ihrer Abhängig-
keitsbeziehungen,
eindeutig darstellen lassen.
Das BKN-Verfahren arbeitet mit Vorgangsknotennetzen. Ein einfaches Vor-
gangsknotennetz geht aus Bild 11.75 hervor.
616 11 Ablaufplanung
Bild 11.74: Angebotsbauzeitenplan, Brenner-Autobahn (Ausschnitt, [11.7])
Unter dem Vorgangsknotennetz ist die Reihenfolge der Vorgänge in einer
Symbolsprache (Notation) dargestellt. Die verschiedenen Wege durch das Netz
werden als Vorgangsfolgen bezeichnet (bspw. S-1-2-6-8-11-E in Bild 11.75).
Netzplan und Notation stellen den Ablauf aller Vorgänge eines Projektes dar.
Ordnet man jedem Vorgang die Dauer zu, lässt sich aus dieser Ablaufstruktur ein
11.8 Darstellung der Ablaufplanung 617
Terminplan für das Projekt entwickeln. Dazu werden rechnerisch oder graphisch
Termine für Start und Ende jedes Vorgangs ermittelt. Diese Termine sind be-
stimmt durch
1. die Abhängigkeitsbeziehungen der Vorgänge (auch Anordnungsbezeichnungen,
AOB's, genannt),
2. die Vorgangsdauern,
3. den Projektstart,
4. die äußeren Ablaufbedingungen wie vorgegebene Bauzeiten, Zwischentermine,
Sperrzeiten aus Witterungsgründen usw.
Da diese Bedingungen in der Regel nicht ausreichen, um die Lage eines Vor-
gangs im Zeitrahmen des Projektes eindeutig festzulegen, unterscheidet man dar-
über hinaus zwischen
− der frühest möglichen Lage,
− der spätest zulässigen Lage und
− der Planlage
eines Vorgangs.
Für die Vorgänge aus Bild 11.75 sind ihre Dauern in Zeiteinheiten, ihre frühest
mögliche Lage unter den gegebenen Ablaufbedingungen und die spätest zulässi-
gen Lagebedingungen in den Grundnetzen F und S (für die früheste und späteste
Lage) in Bild 11.76 dargestellt.
Vorgänge, deren frühest mögliche und spätest zulässige Lage nicht zusammen-
fallen, können innerhalb gewisser Spielräume (Puffer) zeitlich verschoben werden.
Nach der praktischen Auswirkung auf die Planung unterscheidet man dabei zwi-
schen dem
− totalen Puffer und dem
− freien Puffer
eines Vorgangs.
Bild 11.75: Beispiel eines Vorgangsknotennetzes
618 11 Ablaufplanung
Der totale Puffer ist die Zeitdifferenz zwischen seiner frühest möglichen und
seiner spätest zulässigen Lage. Totale Puffer sind somit ein Maß für die Zeitreser-
ven von Vorgängen.
Der freie Puffer eines Vorgangs gibt an, um wie viele Zeiteinheiten man diesen
Vorgang im Grundnetz F auf "später" verschieben darf, ohne die frühest mögliche
Lage seiner Nachfolger zu beeinflussen (Bild 11.76).
Bild 11.76: Grundnetze F (frühest) und S (spätest) für das Vorgangsnetz in Bild 11.75
Das frühest mögliche Ende und damit die Mindestdauer eines Projekts ergibt
sich aus seinem Grundnetz F. Vorgänge, deren Lage dieses Projektende im
Grundnetz F bestimmen, werden als „kritisch“ bezeichnet. Aneinandergereiht er-
geben sie den „kritischen Weg“. Werden kritische Vorgänge auf „später" verscho-
ben, verlängert sich die Mindestdauer des gesamten Projekts. Kritische Vorgänge
müssen deshalb beim Projektablauf besonders beachtet werden. Im Grundnetz F in
Bild 11.76 sind dies die Vorgänge 1, 2, 6, 8 und 11.
Die Reihenfolge der Vorgänge beim Projektablauf bestimmt sich aus ihren An-
ordnungsbeziehungen. Diese ergeben sich aus konstruktiven, bautechnischen,
11.8 Darstellung der Ablaufplanung 619
technologischen oder betrieblichen Ablaufbedingungen des Projekts. Sie wurden
bei der Ablaufplanung bereits erwähnt und sind im Anhang 10 dargestellt.
Im Rahmen der Ablaufplanung mit Netzplänen kann jedes Bauvorhaben grund-
sätzlich in zwei Schritten koordiniert werden. Dies sind
Schritt 1: Aufstellen aller technischen Verknüpfungen der einzelnen Vorgän-
ge. Dieser Schritt setzt ingenieurmäßiges Fachwissen voraus.
Schritt 2: Einführen und Variieren betrieblicher Verknüpfungen, um ein wirt-
schaftliches Ablaufsystem zu finden.
Das Ergebnis von Schritt 1 wird als Kausalnetz, das von Schritt 2 als Produkti-
onsnetz bezeichnet.
Das Kausalnetz zeigt die Ablaufstruktur eines Projekts allein nach konstrukti-
ven, technologischen und bautechnischen Gesichtspunkten, ohne betriebliche
Wünsche oder Forderungen zu berücksichtigen.
Werden in einem weiteren Durchgang im Zuge der Optimierung des technisch
bedingten Ablaufs betriebliche Verknüpfungen (Produktionsbedingungen) einge-
führt, ergibt sich aus dem Kausalnetz das Produktionsnetz.
Die wichtigste Produktionsbedingung ist das Einführen von Fertigungsstraßen.
Damit werden (lückenlose) Folgen gleichartiger Vorgänge bezeichnet, die mit
dem gleichen Produktionsapparat ausgeführt werden können.
Auf dieser Basis läuft die Ablaufplanung nach der BKN-Methode in den fol-
genden 4 Schritten ab:
1. Zusammenstellen aller zu koordinierenden Vorgänge in einer Vorgangsliste,
2. Ermittlung der Vorgangsdauern,
3. Aufstellen des Kausalnetzes mit den technischen Verknüpfungen des Projekts,
4. daraus Entwicklung eines wirtschaftlichen Projektablaufs (Produktionsnetz).
Die 9 Teilschritte der Ablaufplanung nach Bild 11.4 sind hier in 4 Schritten zu-
sammengefasst.
Im einzelnen werden im ersten Schritt alle Vorgänge, die in die Planung einbe-
zogen werden sollen, in einer Vorgangsliste zusammengestellt (s.a. Bild 11.4).
Im zweiten Schritt sind nach den Regeln der Ablaufplanung (Abschn. [Link])
für alle Vorgänge Dauern zu ermitteln, wobei als Einheit der Betriebstag gilt.
Im dritten Schritt werden in der technischen Analyse des Projekts alle Verknüp-
fungen (Anordnungsbeziehungen) festgelegt, die jedes Ablaufsystem zwingend
einhalten muss.
Für das einfache Beispiel einer Dreifeldbrücke (Bild 11.77) ist das Ergebnis der
drei Ablaufschritte, das Kausalnetz, in Bild 11.78 dargestellt. Die angesetzten
Vorgangsdauern gehen aus Bild 11.79, die technische Analyse und Notation aus
Bild 11.80, die Terminberechnung aus Bild 11.81 und das Kausalnetz im Zeitfol-
geplan mit allen Verknüpfungen aus Bild 11.82 hervor.
Aus dem Kausalnetz als Ausgangsmodell wird im vierten Schritt ein wirtschaft-
licher Bauablauf entwickelt. Dazu sind in das Kausalnetz betriebliche Verknüp-
fungen einzuführen, wobei die technischen Verknüpfungen nicht verletzt werden
dürfen.
620 11 Ablaufplanung
Bild 11.77: Schemaplan und Liste der Vorgänge für eine Dreifeldbrücke
Wie im Rahmen der Ablaufplanung schon erwähnt, ist der Ablauf eines Bau-
vorhabens so zu koordinieren, dass Bauzeit und Kapazität ein Optimum ergeben.
Kapazitätsballungen sollen vermieden und vorgegebene Begrenzungen für Bauzeit
und Kapazität eingehalten werden. Dazu müssen Vorgänge mit verschiedenartigen
Produktionsapparaten zeitlich so ablaufen, dass keine extremen Kapazitätsspitzen
auftreten und Vorgänge mit gleichartigen Produktionsapparaten in Fertigungsstra-
ßen gereiht werden können.
Bild 11.78: Kausalnetz des Brückenmodells als Vorgangsknotennetz
Über die in Bild 11.83 dargestellten betrieblichen Verknüpfungen zu Ferti-
gungsstraßen und die Terminberechnung nach Bild 11.84 entsteht das Produkti-
onsnetz (Bild 11.85). Die dafür ermittelte Reihenfolge der Vorgänge geht im Zeit-
ablauf aus Bild 11.86 hervor.
11.8 Darstellung der Ablaufplanung 621
Bild 11.79: Vorgangsdauern für das Kau-
salnetz der Dreifeldbrücke
Bild 11.80: Technische Analyse und No-
tation der Dreifeldbrücke
622 11 Ablaufplanung
Bild 11.81: Terminberechnung für das Kausalnetz der Dreifeldbrücke
Bild 11.82: Kausalnetz der Dreifeldbrücke im Zeitfolgeplan (alle Verknüpfungen)
11.8 Darstellung der Ablaufplanung 623
Bild 11.83: Betriebliche Verknüpfungen zu Fertigungsstraßen
Bild 11.84: Terminberechnung für das Produktionsnetz der Dreifeldbrücke
624 11 Ablaufplanung
Bild 11.85: Produktionsnetz der Dreifeldbrücke
Bild 11.86: Vorgangsfolgen der Fertigungsstraßen im Produktionsnetz der Dreifeldbrücke
Bild 11.87: Ausschnitt aus einem Grobnetzplan
11.8 Darstellung der Ablaufplanung 625
Der Vorteil der Netzplanung für den Ablauf von Bauvorhaben besteht vor al-
lem darin, dass die Vorgangsfolgen und Termine elektronisch berechnet und da-
durch innerhalb kurzer Zeit verschiedene Ablaufvarianten durchgespielt werden
können.
Ein einfaches Beispiel einer Ablaufplanung mit einem Vorgangsknotennetz
wurde schon in Bild 9.1 dargestellt.
Bild 11.87 zeigt nochmals einen Ausschnitt aus einem Netzplan (Grobnetz,
Bild 9.1). Die Knoten enthalten hier für die Baustelle nur die früheste Lage der
Vorgänge.
Netzpläne werden ebenfalls in mehreren Schritten (Zyklen) entwickelt, bis das
Ergebnis dem angestrebten Produktionsmodell entspricht (s. Abschn. 11.4.2 und
Anhang 13).
Allgemein wird in den Knoten neben der Code-Nr. (i), Bezeichnung (x) und
Dauer des Vorgangs (d), sein frühest möglicher und spätest zulässiger Start (FA
und SA) und das früheste und späteste Ende (FE, SE) angegeben (Bild 11.87). Die
Anordnungsbeziehungen (Verknüpfungstypen xy nach Anhang 10) werden zwi-
schen den Vorgängen eingetragen.
Je nach den Anforderungen, die an eine Ablaufplanung gestellt werden, kann
das Ergebnis in verschiedenen Stufen (Feinheitsgraden) dargestellt werden. Bild
11.88 zeigt bspw. ein dreistufiges Planungssystem (s.a. Abschn. 11.4.2).
Bild 11.88: Dreistufiges Planungssystem
„Für größere, komplizierte Projekte bzw. die dafür gewünschten Informationen
ist der Aufbau eines mehrstufigen Planungssystems zweckmäßig. Damit wird
vermieden, dass überdimensionierte, unübersichtliche Einzelpläne entstehen. Gut
bewährt hat sich ein dreistufiger Aufbau. Kernstück ist der Koordinationsnetzplan
626 11 Ablaufplanung
(Stufe 2) des Projektleiters, der einerseits zu einem Übersichtsplan (Stufe 1) kon-
densiert und andererseits in Detailprogramme (Stufe 3) gegliedert wird. Für Stufe
2 steht der Netzplan im Vordergrund, auf der Stufe der Ausführenden, d.h. Stufe
3, können verschiedene Methoden angewendet werden“ [11.1] (noch ausführlicher
in [11.9]).
11.8.5 Bauphasenplan
Eine weitere Darstellungsart von Bauabläufen sind Bauphasenpläne. Sie werden
bei schwierigen, komplizierten Bauvorhaben zur Darstellung einzelner Bauphasen
verwendet. Der Zeitablauf geht aus Bauphasenplänen jedoch nicht hervor; sie stel-
len nur wichtige Bauzustände zu bestimmten Zeitpunkten oder Ausführungsab-
schnitten dar.
Bauphasenpläne wurden schon in vorhergehenden Abschnitten erwähnt (Bild
8.24, 8.25 Abschn. 8.3.4). Ein weiteres Beispiel zeigt Bild 11.89.
Bauphase 1:
− Abfangung der bestehenden Mittelstützenreihe der Bundesbahnbrücke des Tunnels mit
jeweils zwei Hilfsstützen.
− Herstellen der Großbohrungen unverrohrt mit thixotroper Stützflüssigkeit und Einbau
stählerner Primärstützen für Lasten bis zu 10.000 kN, gegründet ca. 30 m unter Gelände.
− Dabei Aufrechterhaltung des öffentlichen Verkehrs auf zwei Straßenbahnspuren und ei-
ner Autospur.
− Die lichte Arbeitshöhe im Tunnel betrug 5,80 m. Keinerlei Beeinträchtigung des Bun-
desbahnverkehrs war zugelassen.
Bauphase 2:
− Herstellung eines Mittelbalkens auf den Primärstützen.
− Darauf Einbau der neuen, endgültigen Stahlstützen für die Bundesbahnbrücke.
− Wechselseitige Herstellung der 80 cm starken Bentonit-Schlitzwände unmittelbar am
Fuß der Widerlager der Bundesbahnbrücke.
− Einbau der endgültigen Bauwerksdecke aufliegend auf Mittelbalken und Schlitzwand,
wechselseitig.
− Während dieser Phase musste je eine Tunnelhälfte für zwei Straßenbahnspuren frei-
gehalten werden.
Bauphase 3:
− Unterirdischer Aushub der Ebene 1 und Einbau einer Zwischendecke, hängend an der
Bauwerksdecke als Geschoß für Versorgungsleitungen.
− Unterirdischer Aushub, fortschreitend mit Einbau der Verpressanker.
− Grundwasserabsenkung ist auf die Baugrube innerhalb der Umschließung beschränkt,
außerhalb keinerlei Veränderung des Grundwasserspiegels.
Bauphase 4:
− Fortschreitender unterirdischer Aushub unter Einbau von fünf Lagen Verpressanker mit
jeweils wasserdichter Durchführung durch die Schlitzwände.
− Es wirken je vertikalem Wandstreifen von 1 m Breite beiderseits ca. 3.000 kN Horizon-
talkräfte. Es werden ständig sehr gründlich Kraft- und Verformungsmessungen durchge-
11.8 Darstellung der Ablaufplanung 627
führt, um kritische Bauzustände mit außerordentlich hohen Belastungen unter Kontrolle
zu halten.
− Einbau einer Kiesfilterschicht mit aussteifender Betonsohle, abschnittweise unter der
Gründungssohle ca. 20 m unter Gelände.
Bauphase 5:
− Einbau der Grundwasserabdichtung.
− Erstellung des endgültigen Stahlbetonbauwerks von unten nach oben fortschreitend.
− Stählerne Primärstützen werden in endgültige Stahlbetonstützen eingezogen.
Bild 11.89.1: Erläuterung der Bauphasen
Bild 11.89.2: Querschnitte der einzelnen
Bauphasen
628
11 Ablaufplanung
Bild 11.89.3: Längsschnitt durch die Baustelle
Bild 11.89: Darstellung des Arbeitsablaufes in Bauphasen beim Bau des Verknüpfungspunktes Stadtbahn-Hauptbahnhof Duisburg [11.1]
11.8 Darstellung der Ablaufplanung 629
11.8.6 Weitere Darstellungsmöglichkeiten
Neben den genannten Varianten gibt es weitere Darstellungsmöglichkeiten von
Bauabläufen, bspw. kotierte Flächen und Flussbilder.
Kotierte Flächen eignen sich für Flächenbaustellen. Als dritte Dimension kön-
nen bspw. in Grundrisse großflächiger Baugruben Höhenkoten eingetragen und
damit Bauzustände des Baugrubenaushubs im Zeitablauf dargestellt werden. (Bild
11.90).
Mit Flussbildern lassen sich die Vorgänge und Arbeitsstufen von Bauprodukti-
onsvorgängen in ihren gegenseitigen Abhängigkeiten darstellen und damit in wei-
Bild 11.90.1: 2 Zustandspläne für den Schlieraus- Bild 11.90.2: Bauzustands-Grundriss
hub der Schleuse DoKW Ottensheim-Wilhering (Modellbeispiel)
Bild 11.90: Zustandspläne für den Aushub einer Schleusenbaugrube [11.7]
630 11 Ablaufplanung
teren Schritten von Hand und mit EDV-Einsatz Bauabläufe simulieren. In Bild
11.91 und 11.92 sind bspw. Flussbilder von Erdarbeiten und für das Herstellen
von Betonfertigteilen dargestellt. Dieses Verfahren eignet sich zur Simulation der
Dynamik von Bauabläufen im Rahmen der Arbeitsvorbereitung und Arbeitsgestal-
tung, wird bisher aber kaum angewendet.
Abschließend sei hierzu noch erwähnt, dass inzwischen auch Bauzustandspläne
mit EDV-Hilfe 3-dimensional erstellt werden können.
Bild 11.91: Produktionsmodell für Erdarbeiten im Flussbild [11.1]
11.8 Darstellung der Ablaufplanung 631
Bild 11.92: Bauprozess „Betonfertigteilerzeugung" im Flussbild [11.1]
632 11 Ablaufplanung
11.9 Baustellenversorgung (Logistik)
Die Vorbereitung einer Bauproduktion schließt damit ab, dass die Organisation
festgelegt wird, deren Aufgabe es ist, das durch die Planung vorgegebene Ablauf-
system im Betrieb zu realisieren. Dazu gehört die Baustellenversorgung, die Lo-
gistik. Mit ihrer Hilfe sind die Betriebsstätten (Baustellen) zunächst rechtzeitig mit
dem erforderlichen Personal und Gerät auszustatten und dann laufend mit Bau-,
Bauhilfs-, Betriebsstoffen und Ersatzteilen zu versorgen.
Die zentrale Forderung an die Logistik besteht somit darin, Personal und Be-
triebsmittel rechtzeitig bereitzustellen, die Betriebsbereitschaft der Maschinen und
Geräte zu gewährleisten und für die rechtzeitige und vollständige Materialbeistel-
lung zu sorgen.
Die bauspezifische Problematik der Logistik liegt darin, dass zur Ausführung
eines Bauprojektes stets eine temporäre Projektorganisation gebildet wird.
Wie die Erfahrung zeigt, hat die Logistik entscheidenden Einfluss auf das Er-
gebnis einer Baustelle.
„Bei den Logistikaufgaben ist zwischen der Produktionslogistik, dem Herstel-
len des Bauwerks, und der Transport- und Versorgungslogistik von und zur Bau-
stelle und auf der Baustelle selbst zu unterscheiden.“
„Die Produktionslogistik befasst sich ..... mit allen Tätigkeiten im Zusammen-
hang mit dem Material- und Informationsfluss von Roh-, Hilfs- und Betriebsstof-
fen vom Rohmateriallager (Kiesgruben, Betonwerke) oder vom Zentrallager (La-
gerplatz der Baufirma, Schalung, Geräte) zur Produktionsstätte sowie mit der
Zulieferung von Halbfabrikaten (Fertigteilelemente, Transportbeton, Mauersteine,
Mörtel) durch die Stufen des Herstellprozesses, einschließlich aller Zwischenlager
bis zum Endverbrauch [11.9].
Außerdem bestimmt der Produktionsprozess die Versorgungslogistik auf der
Baustelle. Dazu gehören bspw.
− bei der Schalung der Transport der Schalungselemente von Einsatzstelle zu
Einsatzstelle,
− bei der Bewehrung der Transport vom Lager- oder Biegeplatz zur Einbaustelle
(soweit der Bewehrungsstahl nicht einbaufertig bezogen wird),
− beim Beton der Transport vom Übergabepunkt zur Einbaustelle sowie das Ein-
bauen, Verdichten und die Nachbehandlung.“
Um diese Aufgaben erfüllen zu können, muss ein Logistikkonzept vollständig
und transparent sein. Der Realisierungsaufwand muss zudem im vorgegebenen
Kostenrahmen liegen.
Das Schema der zeitlichen Abhängigkeiten in der Versorgungslogistik für die
Bewehrung ist aus Bild 11.93 zu erkennen.
Ergänzend hierzu sind als Beispiel für die Versorgungslogistik in Bild 11.93.1
und 2 die einzelnen Teilschritte für die Bereitstellung der Bewehrung bei Eigen-
leistung (Schneiden, Biegen, Positionieren, Flechten) und bei Fremdleistung (Ein-
baufertige Anlieferung durch einen Biegebetrieb) dargestellt. Diese beiden Va-
11.9 Baustellenversorgung (Logistik) 633
Bild 11.93.1:
Eigenleistung
Bild 11.93.2: Fremdleistung
Bild 11.93: Zeitliche Abhängigkeiten in der Versorgungslogistik von Bewehrungsarbeiten
[11.9]
634 11 Ablaufplanung
rianten zeigen u.a. die unterschiedlichen Vorlaufzeiten für die Übergabe der Be-
wehrungspläne und Stücklisten an den Baubetrieb auf.
Hinsichtlich weiterer Einzelheiten zur Logistik im Baubetrieb siehe [11.6, S. 85
und Abschn. 10.3.7, 11.9, 11.10]; aktuelle Beispiele enthalten die Berichte
[11.103] und [11.104]
11.10 Bauablauf unter Unsicherheit
11.10.1 Vorbemerkungen
Wie schon erwähnt, sind Bauwerke häufig Prototypen und kaum unter gleichen
Bedingungen herzustellen. Die aus Aufzeichnungen ausgeführter Bauvorhaben
ermittelten Aufwands- und Leistungswerte, die der Ablaufplanung zugrunde ge-
legt werden, sind deshalb mit Unsicherheiten behaftet. Oft gilt das auch für die der
Ablaufplanung und Kalkulation zugrunde liegenden Fertigungsmengen, vor allem
dann, wenn Ausschreibungen anhand von Entwurfsplänen vorgenommen werden,
d.h. noch keine endgültige statische Berechnung und keine Ausführungspläne vor-
liegen.
Auf die Problematik und Bedeutung stochastischer Daten und Vorgaben soll
deshalb nochmals kurz eingegangen werden.
11.10.2 Untersuchung von Bauprozessen mittels statistischer
Methoden ([Link]. nach [3.9])
Wie bisher schon zu sehen war, unterliegt ein Bauprozess im Gegensatz zu Pro-
duktionsprozessen in der stationären Industrie äußeren Einflüssen, die zu Unre-
gelmäßigkeiten im Ablauf führen können. Es gibt – den Fertigteilbau und die Be-
tonwarenherstellung ausgenommen – keine Fertigungsstraßen mit längerfristig
starren Produktionsprogrammen. Kaum ein Bauprozess läuft unter gleichen, wie-
derkehrenden Bedingungen ab. Jeder Bauprozess, ob einfach oder komplex, wird
daher von zufälligen Störgrößen mehr oder weniger beeinflusst und ist damit ein
stochastischer Prozess.
Alle Annahmen von Aufwands- und Leistungswerten und damit auch über die
Dauer von Bauabläufen gehen von Erfahrungswerten aus, deren erneutes Eintreten
innerhalb bestimmter Grenzen vom Zufall abhängt. Damit gelten für diese Daten
die Gesetzmäßigkeiten der Statistik.
11.10.3 Problematik der Erfahrungswerte
Im Bauwesen werden Erfahrungswerte von laufenden bzw. abgewickelten Bau-
vorhaben weitgehend individuell von den einzelnen Beteiligten je nach ihren spe-
zifischen Bedürfnissen gesammelt (von Architekturbüros bspw. Angaben über den
11.10 Bauablauf unter Unsicherheit 635
Planungsaufwand, Planungszeiten und verwendete Materialien; von Ingenieurbü-
ros Daten über Aufwand und Dauer der technischen Bearbeitung, über Abmes-
sungen von Tragelementen und den Bewehrungsanteil im Verhältnis zur Belas-
tung; von Bauunternehmungen Aufwandswerte für die einzelnen Teilleistungen,
Daten über die Ausführungsdauern der verschiedenen Arbeiten und das eingesetz-
te Potential). Dabei ist ein systematisches Vorgehen auf gut organisierte Architek-
tur- und Ingenieurbüros sowie Arbeitsvorbereitungsabteilungen von Bauunter-
nehmen beschränkt.
Grundsätzlich müssen, um statistische Aussagen treffen zu können, zwei Vor-
aussetzungen gegeben sein:
− die Daten müssen unter gleichen Bedingungen gewonnen werden, d.h. ver-
gleichbar sein;
− es muss eine ausreichend große Anzahl von Daten vorliegen.
Allgemein betrachtet wären dafür n Versuche unter gleichen Bedingungen er-
forderlich, wobei in f Fällen ein bestimmtes Ergebnis (ein bestimmter Wert) ein-
treten wird. Das Verhältnis f/n = relative Häufigkeit strebt mit steigendem n einem
Näherungswert zu, der mathematische Wahrscheinlichkeit P(E) genannt wird.
Hierfür gilt: 0 ≤ P(E) ≤ 1
P(E) strebt bei n → ∞ seinem Grenzwert zu.
Die Problematik der Bauproduktion liegt darin, dass nahezu jedes Bauvorhaben
anderen äußeren Einflüssen unterliegt und somit im Gegensatz zu einem Labor-
versuch kein Bauprozess bis ins letzte Detail wiederholbar ist. Völlig gleiche Be-
dingungen lassen sich nicht erreichen, der erste Punkt der Voraussetzungen kann
damit zunächst nicht erfüllt werden. Eine Möglichkeit, doch zu brauchbaren, d.h.
vergleichbaren Werten zu kommen, ist durch die „Bereinigung" der Daten gege-
ben, d.h. sie müssen von allen Besonderheiten des betrachteten Bauvorhabens e-
liminiert werden. Diese „Bereinigung" kann nur von Fachleuten erfolgen, die mit
den Besonderheiten der einzelnen Baustellen und deren Auswirkungen vertraut
sind. Da eine solche Bereinigung subjektiv erfolgen wird, liegt hier eine Fehler-
quelle, die das Auffinden exakt vergleichbarer Werte ausschließt. Die Werte wer-
den also je nach den Erfahrungen der Fachleute mehr oder weniger genaue Nähe-
rungswerte sein, die subjektiv gefärbt sind. Trotzdem kann man davon ausgehen,
dass aufgrund der persönlichen Erfahrungen ein relativ hoher Genauigkeitsgrad
erreicht wird, der allerdings nicht quantifizierbar ist.
Die zweite Voraussetzung ist eine genügend große Anzahl von Daten. Die von
Baustelle zu Baustelle unterschiedlich ablaufenden Produktionsprozesse führen
dazu, dass oft nur weniger als zehn vergleichbare Werte herangezogen werden
können, eine viel zu geringe Anzahl, wenn man bedenkt, dass in der Statistik erst
bei einem Probenumfang > 100 einigermaßen sichere Aussagen über die Parame-
ter der Grundgesamtheit möglich sind.
Die Frage nach den Parametern einer beliebigen Grundgesamtheit von Werten,
von denen eine begrenzte Menge n bekannt ist, lässt sich über die Ermittlung der
636 11 Ablaufplanung
Stichprobenverteilung beantworten. Auf die damit zusammenhängenden weiteren
grundlegenden Fragen wie die Arten von Verteilungen, die Wahl der geeigneten
Verteilungsfunktionen und die Gesetzmäßigkeiten von Stichproben kann ich im
Rahmen dieser Darstellung nicht eingehen; hierzu sei neben [3.9], [5.42 bis 5.44],
[11.11] auf weitere Spezialliteratur verwiesen.
11.10.4 Möglichkeiten praktischer Anwendung
Die Untersuchung von Bauproduktionsprozessen mittels statistischer Methoden
ist, wie aufgezeigt, mit Schwierigkeiten verbunden. Die Grundvoraussetzungen
für statistische Aussagen
− die Vergleichbarkeit der Daten und eine
− genügend große Anzahl dieser Daten
sind zunächst nicht gegeben.
Das Sammeln und Aufbereiten von Daten an unterschiedlichen Stellen führt –
wie schon erwähnt – dazu, dass deren Anzahl für eine statistische Betrachtung
größtenteils zu gering ist und dass diese Daten subjektiv gefärbt sind. D.h. dass
Werte der Baustelle A nicht mit Werten der Baustelle B verglichen werden kön-
nen. Das zentrale Sammeln und einheitliche Aufbereiten aller verfügbaren Daten
führt jedoch zu einer genügend großen Anzahl vergleichbarer Werte und ermög-
licht so den Weg zu statistischen Aussagen. Diese Aufgabe kann bspw. von der
zentralen Arbeitsvorbereitung einer Unternehmung wahrgenommen werden. Da-
mit lassen sich die oben genannten Grundvoraussetzungen hinreichend erfüllen.
Für die weitere Betrachtung kann je nach den vorliegenden Felddaten in
brauchbarer Näherung von Wahrscheinlichkeitsverteilungen ausgegangen werden,
die durch einen oder zwei Parameter einfach zu definieren sind (Standardvertei-
lungen, Tabelle 44). Damit lassen sich μ (Mittelwert) und σ² (Varianz) relativ ein-
fach ermitteln und unter Vorgabe der gewünschten statistischen Sicherheit (S) die
Vertrauensgrenzen ±xs für μ und σ² aufzeigen.
Mit derart abgesicherten Werten lassen sich genauere Angaben über den Ablauf
von Bauprozessen machen als mit geschätzten Erfahrungswerten. Für die Praxis
ist bspw. die Angabe von Bauzeiten, die mit vorgegebener Sicherheit von 90%,
95% oder 99% eingehalten werden können, von großem Interesse, denn damit las-
sen sich Termin- und Kostenschätzungen enger fassen und das Risiko der zeitli-
chen Abwicklung sowie der Finanzierung von Bauprojekten begrenzen.
[Link] Bereich Bauablaufplanung
Bei der Realisierung von Bauprojekten laufen verschiedenartige Prozesse ab, die
für den Gesamtablauf unterschiedlich zu werten sind. Meist dominieren einige
wenige, im Extremfall nur ein Prozess (Leitprozess).
11.10 Bauablauf unter Unsicherheit 637
Tabelle 44: Standardwahrscheinlichkeitsverteilungen [11.1]
Der Leitprozess, auf den bei einer Taktfertigung alle Teilprozesse abzustimmen
sind, wird vom Leitbetrieb ausgeführt, der den Fertigungsengpass bildet. Dies
kann, wie schon erwähnt, die teuerste Maschine (bzw. Gerät) sein, für die ein
weitgehend störungsfreier Arbeitsablauf gesichert werden muss, eine Maschine
(bzw. Gerät) mit begrenzter Arbeitsgeschwindigkeit oder eine begrenzte Anzahl
an Arbeitskräften. Der Leitprozess liegt auf dem kritischen Weg, weist keine Puf-
ferzeiten auf und lässt somit keine Verzögerungen zu, ohne dass der Endtermin
des Projekts überschritten wird.
Für die statistische Betrachtung des Ablaufs eines Bauvorhabens reicht es dem-
nach aus, nur die auf dem kritischen Weg liegenden Teilprozesse zu untersuchen,
um Aussagen über die Wahrscheinlichkeit des Einhaltens einer bestimmten Bau-
zeit zu erhalten. Damit lässt sich die oft sehr große Menge von Teilprozessen (z.B.
beim schlüsselfertigen Bauen) auf eine übersichtliche Zahl begrenzen und der Ar-
beitsaufwand erheblich verringern. Notwendig ist allerdings die vorhergehende
ingenieurmäßige Bearbeitung des Projekts durch den Ablaufplaner, d.h. vor allem
das Auffinden des kritischen Weges und die Ermittlung, ob nicht aufgrund großer
638 11 Ablaufplanung
Streuungen der Parameter der einzelnen Teilprozesse (vor allem bei sehr vielen
Vorgängen) andere Wege ebenfalls kritisch werden und zur Überschreitung der
Bauzeit führen können [11.1].
Für die Praxis bedeutet die Beschränkung auf den kritischen Weg (eventuell
mit einigen Alternativen) bei der Untersuchung komplizierter Abläufe eine we-
sentliche Reduzierung des Aufwandes, ohne dass die Aussage über den Ablauf des
Gesamtprojekts an Wert verliert.
Betrachtet man bspw. unter der Annahme einer Normalverteilung den Ablauf
mehrerer aufeinander folgender Prozesse mit Ende-Anfang-Beziehung (Normal-
folge) und bestimmten Sicherheitsgrenzen ±xs für den Mittelwert μ,, so ergibt sich,
dass sich die Extremwerte jeweils addieren können (Bild 11.94). Das würde be-
deuten, dass bei mehreren aufeinander folgenden Prozesse somit zufallsbedingtem
Ablauf eine Aussage über den Mittelwert des Gesamtablaufs nur relativ grob sein
kann.
Die Situation des rein zufallsbedingten Ablaufs einer Bauproduktion tritt aller-
dings nicht ein. Denn die Projekt- oder Bauleitung hat unter anderem die Aufgabe,
den Planungs- oder Produktionsablauf steuernd zu überwachen und bei Abwei-
chungen von den Sollwerten einzugreifen. Dies entspricht der Funktion eines Reg-
lers bzw. einem Regelkreis (Bild 11.95, s. a. Bild 5.22). Ein gesteuerter bzw. ge-
regelter Ablauf ist aber nicht mehr zufallsbedingt, da durch die Regelung ein ganz
bestimmtes Ziel angestrebt wird. D.h. aber, dass der Gesamtablauf eines Baupro-
jekts im Normalfall kein stochastischer Wert sein kann.
Die einzelnen Bauprozesse werden durch die Bauleitung – je nach Qualifikati-
on und Erfahrung – mehr oder weniger genau gesteuert. Dabei ist der zeitliche
Abstand der Kontrollen (Soll-Ist-Vergleich) mit ausschlaggebend für die Abwei-
chungen vom Soll-Wert. Je enger die Kontrollen liegen, um so geringer werden
die Abweichungen vom Soll sein, wenn jeweils entsprechend gegengesteuert wird.
Die „Bandbreite“ der Abweichungen vom Soll-Wert kann damit von der Baulei-
tung bestimmt werden. Bei annähernd gleichen Randbedingungen und Steue-
Annahme: normalverteilte Grundgesamtheit, statistische Sicherheit s1 und s2
Bild 11.94: Streuungsbereich der Ablaufdauer zweier aufeinander folgender Prozesse mit
Ende-Anfang-Beziehung (Normalfolge) [3.9]
11.10 Bauablauf unter Unsicherheit 639
rungsmaßnahmen verhält sich die „Bandbreite“ der Abweichungen vom Soll-
Wertdirekt proportional zum zeitlichen Abstand der einzelnen Kontroll- bzw.
Steuerungsvorgänge.
Für die Bereiche zwischen den einzelnen Kontrollterminen bzw. Steuerungs-
maßnahmen kann unter Berücksichtigung der jeweiligen Randbedingungen ein zu-
fallsbedingter Ablauf angenommen werden. Dabei sind wieder für eine bestimmte
statistische Sicherheit S [%] die zugehörigen Sicherheitsgrenzen ±xs gegeben, die
die entsprechende Abweichung vom Mittelwert μ kennzeichnen. Dem Mittelwert
kommt bei der Festlegung der Dauer der einzelnen Teilprozesse innerhalb der Ab-
laufplanung eine ausschlaggebende Bedeutung zu, denn er wird für die Bestim-
mung des Soll-Ablaufs herangezogen. Es ist daher notwendig, vor allem den Mit-
telwert durch statistische Verfahren zu bestimmen und abzusichern.
Für die Ablaufplanung wird deshalb im Rahmen der Planungsschritte empfoh-
len, neben dem Aufstellen des Ablaufplans unter Berücksichtigung möglichst „si-
cherer“ Mittelwerte für die einzelnen Teilprozesse (aus der zentralen Arbeitsvor-
bereitung), der Ermittlung des kritischen Weges und dem Festlegen von
Bandbreiten für Abweichungen vom Mittelwert bei den Vorgängen auf dem kriti-
schen Weg die Kontroll- und Steuerungszeitpunkte vorzugeben. Damit lässt sich
ein Bauablauf innerhalb enger Grenzen halten und relativ genau kalkulieren.
Bild 11.95: Regelkreis [11.1]
[Link] Bereich Aufwandswerte
Neben der Ablaufdauer von Bauvorgängen sind vor allem die Aufwands- und
Leistungswerte von Mannschaft und Gerät von Interesse. Oft sind außerbetriebli-
che Einflüsse so gravierend, dass sie den Bauablauf bestimmen (z.B. außerge-
wöhnliche Witterung, Ausschalfristen, beengte Arbeitsräume oder keine Verstär-
kungsmöglichkeit des eingesetzten Potentials). Die Produktionsdaten der Teil-
640 11 Ablaufplanung
prozesse sind dann mit dem Blick auf ungestörte Abläufe, den Regelfall, zu
beurteilen.
Der Aufwandswert ist mitbestimmend für die Ausführungsdauer des entspre-
chenden Teilprozesses und maßgebend für die Kosten einer Teilleistung. Der sta-
tistischen Ermittlung des Mittelwertes μ und der Varianz σ² eines ungestörten Ab-
laufs von Leitprozessen kommt deshalb besondere Bedeutung zu.
Die Relationen zwischen Potentialeinsatz, Aufwands- bzw. Leistungswert, Pro-
zessdauer und Produktmenge gehen aus den Gleichungen (58) bis (66) im Abschn.
[Link] hervor.
11.10.5 Zusammenfassung
Statistische Betrachtungen sind zur Absicherung von Mittelwert und Varianz
maßgebender Produktionsdaten notwendig, sind aber immer nur als Hilfsmittel zu
verstehen. Genauere Aussagen sind erst durch die Kombination von statistischen
Daten und der ingenieurmäßigen Beurteilung aller Randbedingungen möglich (Ri-
sikobewertung). Ich gehe im Abschnitt über die Ablaufkontrolle (13) nochmals
darauf ein.
Durch die gewählten Bauverfahren ist das erforderliche Potential, durch die
Ablaufplanung seine Einsatzzeit für die einzelnen Vorgänge bekannt. Der nächste
und letzte Schritt der Produktionsplanung besteht jetzt darin, die Kosten des Po-
tentialeinsatzes zu ermitteln. Das ist die Aufgabe der Baukalkulation.
Literatur zu Kapitel 11
11.1 Bauer, H.; Baubetrieb, 2. Aufl., Springer-Verlag Berlin 1995, Abschnitt
113
11.2 Kullack, A. M.; Angaben zum Nachunternehmereinsatz im Blickpunkt
der Rechtsprechung, B + B 2/2005, S. 20
11.3 Franke, H., Kemper, R., Zanner, Ch., Grünhagen,; VOB-Kommentar
Bauvergabe, Bauvertragsrecht, Werner-Verlag 2002
11.4 Programm MS Project (Bereich A4, Standardsoftware; Rubrik A4.13,
Terminplanung) von Microsoft; Programm ACOS Plus1, Version 8.5;
Softgide, der Softwareführer
11.5 Böttcher, P., Neuenhagen, H.; Baustelleneinrichtung, Betriebliche Orga-
nisation, Bauverlag Wiesbaden/Berlin 1997
11.6 Girmscheid, G.; Angebots- und Ausführungsmanagement- Leitfaden für
Bauunternehmen, Springer-Verlag Berlin, vdf Hochschulverlag ETH Zü-
rich 2005
11.7 Toussaint, E.; Leitfaden zur Bauvorgangsplanung, Bauingenieur-Praxis,
Heft 107, Ernst & Sohn Berlin, 1975
11.8 Maidl, B.; Handbuch des Tunnel- und Stollenbaus, Band II, 1988
3
Der Abschnitt 11 wurde z. Tl. aus der 2 Auflage übernommen
Literatur zu Kapitel 11 641
11.9 Lessmann, Heigl, Pacher, Lins, Raffetseder,; Qualitatives Baumanage-
ment, Berlin 1990
11.10 Blecken, U., Kulick, R.; Logistikkonzept für den Auslandsbau, BMT
10/1984, S. 404-415
11.11 REFA, Fachausschuss Bauwesen, REFA in der Baupraxis, Teil 2, Daten-
ermittlung, Frankfurt/Main 1984
Nachtrag:
11.101 z.B. Info-Ordner der Tiefbau-Berufsgenossenschaft München, Ge-
schäftsbereich Präventation, Ausgabe 04/2000 (s. Anhang 27)
11.102 BMWA, Verordnung über Sicherheit und Gesundheitsschutz auf Baustel-
len – Baustellenverordnung (BaustellV) – und die zugehörigen Regeln
zum Arbeitsschutz auf Baustellen (RAB) vom 10.06.98 (hier bes. RAB
31, Sicherheits- und Gesundheitsschutzplan – SiGeplan)
11.103 Krauß, S., Gunzenhauser, A.; Hochhaus „Skyper“: Bauausführung und
Logistik, B + B 4/2004, S. 59
11.104 Streif-Baulogistik, Baustellenlogistik spart Zeit und Geld, B + B 2/2005,
S. 78
12 Kosten des Potentialeinsatzes –
Baukalkulation
12.1 Aufgabe
Aus den für das Erstellen eines Bauwerks, eines Bauzustandes oder für die Ferti-
gung von Bauteilen gewählten Produktionsverfahren sind Art und Umfang der
produktiven Faktoren bekannt. Ihre Einsatzdauer und damit der Verbrauch an Ar-
beits- und Maschinenstunden, Bau-, Bauhilfs- und Betriebsstoffen sowie anteili-
gem Führungs-, Verwaltungs- und Versorgungsaufwand ergibt sich über die Ferti-
gungsmengen aus dem Ablaufplan. Die Bauverfahren, die produktiven Faktoren
und der Ablaufplan bilden damit zusammen das Produktionsmodell einer Bauauf-
gabe. Durch Multiplikation der Faktoreinsatzmengen mit ihren Preisen (Stunden-
löhne einschließlich Sozialaufwendungen und Lohnnebenkosten, Gehälter, Gerä-
tevorhaltekosten, Preise für Bau-, Bauhilfs- und Betriebsstoffe, Büro-, Montage-,
Transportkosten) und den Kosten der Nachunternehmerleistungen ergeben sich die
Herstellkosten, mit den Zuschlägen für Geschäftskosten, Wagnis und Gewinn die
Angebotssumme bzw. der Preis für die geforderte Bauleistung.
"Im Gegensatz zu der in der Öffentlichkeit häufig vertretenen Meinung, dass
der Preis der in großem, industriellem Maßstab hergestellten Produkte ausschließ-
lich durch Angebot und Nachfrage bestimmt werde, sind es in Wirklichkeit in
weiten Bereichen die Herstellkosten, die den Preis bestimmen. Die Ermittlung der
Herstellkosten eines Produktes ist daher primär die Aufgabe jeglicher Kalkulati-
on" [Reuter, E., Offene Worte des Daimler-Managers, DIE ZEIT, Nr. 33,
8.8.1980, S. 18].
Die Angebotssumme einer Bauunternehmung entscheidet darüber, ob ihre Pro-
duktionsplanung realisiert wird, da auf dem Markt i.d.R. nur das kostengünstigste
Angebot zum Auftrag führt.
Die Preisermittlung oder Kostenberechnung einer Unternehmung, allgemein als
Baukalkulation bezeichnet, hat zwei Aufgaben zu erfüllen.
Die erste besteht darin, über die Herstellkosten den Angebotspreis und für die
in einem Leistungsverzeichnis aufgelisteten Teilleistungen Einheitspreise zu be-
stimmen.
Das gilt jedoch nur für Einheitspreisverträge. Bei funktionaler Ausschreibung
bzw. Pauschalverträgen wird die geforderte Leistung in den Verdingungsunterla-
gen nur beschrieben und nur der Gesamtpreis angeboten. In diesem Fall muss die
Bauunternehmung das für eine Kalkulation erforderliche LV selbst erstellen.
© Springer Berlin Heidelberg 2007
H. Bauer, Baubetrieb,
DOI 10.1007/978-3-642-32533-5_12
644 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Ist der Auftrag erteilt, sind zweitens im Rahmen der Arbeitskalkulation für die
Ablaufsteuerung und -kontrolle die Produktionskosten (Soll-Vorgaben) zu ermit-
teln.
Für die Beurteilung, ob eine Fertigung wirtschaftlich optimal abläuft – die Kos-
tenkontrolle – interessiert nur der zweite Aspekt.
Auf die verschiedenen Stufen der Kostenermittlung auf der Auftraggeberseite
wie Kostenschätzung, Kostenberechnung und Kostenanschlag und die nach Fer-
tigstellung eines Bauvorhabens vorzunehmende Kostenfeststellung gehe ich nicht
ein. Sie sind i.E. in der DIN 276 [12.2] erläutert. Ihr Zusammenhang mit der
Kalkulation einer Bauunternehmung geht aus Bild 12.1 hervor.
1) Ergebnis aus der Baukalkulation
Bild 12.1: Kostenentwicklung eines Projektes [12.1]
12.2 Grundlagen der Baukalkulation
12.2.1 Leistungsbeschreibung und Vertragsbedingungen
Grundlagen einer Baukalkulation sind die vom Auftraggeber (AG) oder seinem
Projektmanagement aufgestellten Vergabeunterlagen. Diese bestehen aus dem An-
12.2 Grundlagen der Baukalkulation 645
schreiben, den Bewerbungsbedingungen und den Verdingungsunterlagen (VOB,
Teil A, § 10 [3.4]1). Zu den Verdingungsunterlagen gehören
− das Leistungsverzeichnis (LV, bei Einheitspreisverträgen nach § 9, Ziffer 6–9,
VOB/A),
− das Leistungsprogramm (bei funktionaler Ausschreibung nach § 9, Ziffer 10–
12, VOB/A bzw. allgemein bei Pauschalverträgen),
− die Vertragsbedingungen,
− die Ausführungspläne,
− die Ergebnisse von Baugrunduntersuchungen (Bodengutachten) usw.
In einem LV werden die für das jeweilige Bauvorhaben zu erbringenden Teil-
leistungen beschrieben. Es wird in Form einer Tabelle aufgestellt, in deren Spalten
der Reihe nach
− die Ordnungsziffer (Position),
− die voraussichtlich auszuführende Menge der jeweiligen Teilleistung,
− die genaue Beschreibung der Teilleistung,
− der Einheitspreis der Position (vom Bieter auszufüllen) und
− der Gesamtpreis der Positionen (vom Bieter auszufüllen)
aufgeführt sind.
Ein LV ist bzw. wird nach Gewerken, Leistungsbereichen und Bauteilen ge-
gliedert.
Um die Beschreibung der Teilleistungen zu standardisieren, wurden seit 1965
ein Standardleistungsbuch für die Leistungsbereiche des Hochbaus und ein Stan-
dardleistungskatalog für den Straßen-, Brücken- und Wasserbau entwickelt. Diese
Leistungsbeschreibungen geben durchdachte, technisch einwandfreie und straff
formulierte Texte auf der Grundlage der VOB vor, die keinen Raum mehr für Un-
klarheiten in der Vertragsauslegung lassen [12.3].
Soweit Bauwerkspläne, Bodengutachten usw. den Bietern nicht überlassen
werden, können diese nach Absprache beim AG oder Planer eingesehen werden.
Neben den Vorschriften des BGB, den Bestimmungen der VOB, Teil B2 (so-
weit Vertragsbestandteil) und C [12.4] sowie der Leistungsbeschreibung sind noch
weitere Vertragsbestimmungen erforderlich, da diese allgemeinen Bestimmungen
nur Regeln enthalten, aber keine zahlenmäßigen Festlegungen treffen wie Baube-
ginn, Bauzeit, Zahlungsbedingungen, Vertragsstrafen usw. Außerdem sind vom
AG die Standortbedingungen der Baustelle darzulegen.
Nach VOB/A § 10 können deshalb neben der VOB/B und C und der Leistungs-
beschreibung
− Zusätzliche Vertragsbedingungen,
− Besondere Vertragsbedingungen und
− Zusätzliche Technische Vertragsbedingungen
weitere Vertragsbestandteile werden.
1
Allgemeine Bestimmungen für die Vergabe von Bauleistungen
2
Allgemeine Vertragsbedingungen für die Ausführung von Bauleistungen
646 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Allgemein gilt, dass die Vertragsbedingungen geeignet sein müssen, die Ge-
schäftsabwicklung für ein spezielles Vertragsobjekt erschöpfend zu regeln.
Die v.g. Verdingungsunterlagen beziehen sich auf die (derzeit noch) häufig
verwendete Vertragsform von Bauverträgen, den Einheitspreisvertrag. Bei funkti-
onaler Leistungsbeschreibung (Leistungsbeschreibung mit Leistungsprogramm)
tritt wie eingangs erwähnt an die Stelle des LV (nur) eine ausführliche Beschrei-
bung der geforderten Leistung.
In der privaten Bauwirtschaft hat sich bei großen Bauprojekten die Auftrags-
vergabe mit funktioneller Leistungsbeschreibung durchgesetzt. Ihre Definition,
welche Mindestanforderungen der AG zu beachten hat, die Nachteile aus Bieter-
und Auftraggebersicht und die Risiken sind in [12.5] i. E. dargestellt.
Bei Pauschalverträgen nach dem BGB können auch andere oder weitere Infor-
mationen Grundlage der Preiskalkulation sein [12.3] (s.a. Abschn. 3.4)
12.2.2 Kenntnis der Arbeitsabläufe und Bauverfahren
Neben dem Studium der Verdingungsunterlagen über den Umfang des „Bau-
Solls“ sind detaillierte Kenntnisse über Herstellverfahren und Bauabläufe für die
Baupreisermittlung eine notwendige Voraussetzung.
Im allgemeinen stehen für das Erbringen von Bauleistungen mehrere Ausfüh-
rungsmöglichkeiten hinsichtlich Material, Tragwerk, statischem System, Be-
triebsmitteleinsatz usw. zur Wahl.
Die Auswahl der jeweils optimalen Bauverfahren ist deshalb von zentraler Be-
deutung für den wirtschaftlich und zeitlich günstigsten Bauablauf. Die Kombinati-
on der Produktionsfaktoren (menschliche Arbeit, Maschinen, Geräte und Stoffe)
und die Organisation ihres Zusammenwirkens bestimmen die besonderen Eigen-
schaften eines Bauverfahrens und seine Eignung für eine spezielle Bauaufgabe.
Nur mit verfahrenstechnischen Kenntnissen und dem Wissen um Reihenfolge
und gegenseitige Abhängigkeiten der einzelnen Teilleistungen bei der Herstellung
eines Bauwerks ist es dem Kalkulator möglich, die wirtschaftlichste Lösung zu
finden.
Im einzelnen besteht die Kalkulationsaufgabe darin, zunächst den Fertigungs-
ablauf technologisch vorzudenken, d.h. technisch und wirtschaftlich zu analysie-
ren. Dann sind die durch die Fertigung voraussichtlich entstehenden Kosten der
einzelnen Teilleistungen so sicher wie möglich zu erfassen. Daraus ist dann unter
Berücksichtigung technischer und wirtschaftlicher Risiken der Preis zu bestim-
men.
Ein sorgfältig aufgestellter Bauablauf- und ein Baustelleneinrichtungsplan sind
deshalb wesentliche Kalkulationshilfen (s. Kapitel 11).
12.2.3 Kalkulationsrelevante Erfahrungswerte
Als weitere Grundlagen für eine Angebotskalkulation müssen außerdem alle er-
forderlichen Planunterlagen vorhanden sein. Damit wird im Zusammenhang mit
12.2 Grundlagen der Baukalkulation 647
dem (ggfs. selbst erstellten) Leistungsverzeichnis zunächst das „Mengengerüst der
Bauleistung“ ermittelt, d.h. die Fertigungsmengen wie m³ Erdaushub, m³ Beton
der verschiedenen Güteklassen, m² Schalung, t Bewehrungsstahl usw..
Die Problematik der Kalkulation besteht nun darin, nach Abschn. [Link] für
die einzelnen Teilleistungen
− die Aufwandswerte,
− die Leistungswerte
− und unter Berücksichtigung ihrer Anordnungsbeziehungen die Vorgangsdauern
zu ermitteln bzw. auf die Vorgaben des (vorläufigen) Ablaufplans abzustim-
men.
Um zutreffende Aufwands- und Leistungswerte für Mensch und Maschine zu
ermitteln, hat der Kalkulator – wie schon erwähnt – verschiedene Möglichkeiten:
− er kann Erfahrungswerte verwenden, die er selbst auf Baustellen gesammelt
hat,
− er kann firmeneigene Nachkalkulationen auswerten, die über ähnliche Bauvor-
haben erstellt worden sind (Stammdaten),
− er kann sich auf Erfahrungen anderer Fachleute stützen (Bauleiter, Literatur)
und
− er kann Bauabläufe unter verschiedenen Annahmen simulieren (s. Abschn.
11.8.6 und 11.10).
Das Objekt der Leistungsermittlung ist in erster Linie die Arbeitsperson, der
Mensch, gleich ob er als Bauwerker, Baufacharbeiter oder Polier tätig ist. Die Ma-
schinen, nicht aber der Mensch, lassen sich exakt programmieren. Seine Leis-
tungsbereitschaft ist von verschiedenen Einflüssen abhängig. Die Stundenansätze
können vom Wetter, der Zusammensetzung des Baustellenpersonals, dem Organi-
sations- und Improvisationstalent des Bauleiters, Poliers und der gewerblichen
Arbeitskräfte und vom Grad der Arbeitsvorbereitung und Arbeitsunterweisung be-
einflusst werden, worauf bei der Ablaufkontrolle noch einzugehen ist. Selbst ein
sorgfältig aufgebauter und ständig aktualisierter Stundenansatzkatalog, der in ei-
ner Kalkulationsabteilung vorhanden ist, darf nicht unbesehen verwendet werden,
sondern es ist immer der spezielle Fall des zu kalkulierenden Bauwerks zu analy-
sieren.
Eine weitere Problematik im Rahmen der Kalkulation besteht in der zuverlässi-
gen Abschätzung der Preisentwicklung für die Löhne und auf den Beschaffungs-
märkten für Baustoffe und Baumaschinen. Bei der Kalkulation von Bauobjekten,
die sich über einen längeren Zeitraum (> 10 Monate) erstrecken, können die künf-
tigen Preisentwicklungen nicht vorhergesehen werden. In solchen Fällen sollte der
(Festpreis-)Vertrag Preisgleitklauseln enthalten.
Problematisch wird es, wenn bspw. Baustoffpreise wie der Stahlpreis in 2004
sprunghaft ansteigen und dadurch zu einem erheblichen Kalkulationsrisiko werden
(von Januar bis Mitte April 2004 gab es eine Steigerung im Grundpreis BSt 500
von etwa 350% [12.6].
648 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
12.3 Kalkulationsverfahren
Die Kosten des in der Bauproduktion eingesetzten Potentials lassen sich auf zwei
Wegen ermitteln. Dies sind
− die traditionellen Verfahren der Baukalkulation. Sie dienen in erster Linie zur
Ermittlung der Angebotssumme und der Einheitspreise,
− besonders dafür entwickelte Kostenfunktionen.
Produktionsfunktionen der Betriebswirtschaftslehre wie bspw. vom Typ B nach
Gutenberg [10.1] sind dafür zu allgemein und deshalb nicht geeignet.
12.3.1 Traditionelle Verfahren der Baukalkulation
In den folgenden Abschnitten wird die im Bauwesen vorwiegend angewendete
progressive (hochrechnende) Kalkulation im Überblick dargestellt.
Auf die retrograde Kalkulation („Target costing“, Zielkostenplanung), das Zu-
rückrechnen vom Marktpreis, um festzustellen, was einzelne Objektkomponenten
bei dem herrschenden Marktpreis maximal kosten dürfen, gehe ich im Abschn.
12.4.5 kurz ein.
Grundsätzlich sind im Rahmen der Baukalkulation die Vorkalkulation mit eini-
gen Varianten und die Nachkalkulation zu unterscheiden (Bild 12.2).
Über die Vorkalkulation werden die voraussichtlichen Herstellkosten und dar-
aus die Angebotssumme für eine Bauleistung ermittelt. Wegen häufig eintretender
Mengenänderungen während der Bauausführung wird sie bei VOB-Verträgen mit
LV in Einheitspreise für die einzelnen Teilleistungen aufgegliedert. Die übliche
Baukalkulation ergibt damit die Einzelkosten je Mengeneinheit und die Gesamt-
kosten einer Bauleistung für die in einem LV vorgegebenen oder bei funktionaler
Ausschreibung anhand von Ausführungsplänen ermittelten Mengen.
Aufgabe der Nachkalkulation ist es, die bei der Bauausführung für die einzel-
nen Teilleistungen angefallenen Kosten zu ermitteln, um damit die Produktion zu
steuern und realistische Aufwandswerte für weitere Vorkalkulationen zu erhalten.
Grundsätzlich ist zur traditionellen Angebotskalkulation der Bauunternehmung
zu bemerken [12.1]:
Für den Unternehmer sind die Einheitspreise der Positionen das Ergebnis einer
Berechnung, bei der eine mehr oder weniger große Menge von Kostenarten mög-
lichst verursachungsgerecht auf mehr oder weniger exakt beschriebene Teilleis-
tungen umgelegt werden muss. Diese Arbeit steht unter dem Eindruck einer kur-
zen Bearbeitungszeit, einer unbekannten Konkurrenz und einer Zuschlags-
erwartung von etwa 5–10%.
Dafür wurden Kalkulationsverfahren entwickelt, die als Kompromiss zwischen
dem Bearbeitungsaufwand und der Zuverlässigkeit des Ergebnisses anzusehen
sind.
In der Kalkulationspraxis sind mehrere Kalkulationssysteme entstanden. Sie
lassen sich auf wenige gleichartige Operationen zurückführen.
12.3 Kalkulationsverfahren 649
Bild 12.2: Kalkulationsbegriffe
In allen Systemen sind zwei Datenfelder zu bearbeiten und ein Verteilungs-
schlüssel zu bestimmen (Bild 12.3).
Das Feld „Einzelkosten“ nimmt alle Kostenarten auf, die einer Position des
Leistungsverzeichnisses direkt zugerechnet werden können. Der Kalkulator hat zu
entscheiden,
− welche Kosten in die Einzelkosten aufgenommen werden sollen,
− welche dieser Kostenarten einzeln ausgewiesen und welche unter der Sammel-
bezeichnung „Sonstige Kosten“ geführt werden sollen und
− welche Positionen als Ganzes zu kalkulieren und welche in Unterpositionen
aufzugliedern sind
Das Feld „Gemeinkosten“ (allgemeine Kosten) enthält dagegen alle Kosten, die
den einzelnen Positionen nicht direkt zugewiesen werden können, aber mit der
Übernahme des Auftrages in Zusammenhang stehen. Auch hier muss entschieden
werden,
− welche Kosten in die Gemeinkosten aufgenommen werden sollen,
− welche Kosten dem Bereich Baustelle und welche dem Bereich Zentrale Ver-
waltung zugeordnet werden und
− welche dieser Kostenarten in ihrer absoluten Höhe berechnet und welche als
Prozentsatz einer vorgegebenen Bezugsgröße angesetzt werden.
Die Summe der diesen beiden Feldern zugewiesenen Kosten ergibt die Ge-
samtkosten, die der Kalkulator für diese Baustelle erwartet.
650 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Bild 12.3: Aufbau einer Angebotskalkulation (Schema, [12.1])
Da für die Beurteilung eines Angebots jedoch die Preise für die Mengeneinhei-
ten der einzelnen Leistungspositionen (Einheitspreise) erforderlich sind, müssen
als dritte Rechenoperation noch die für das Feld „Gemeinkosten“ ermittelten Kos-
ten dem Feld „Einzelkosten“ zugeordnet werden. Diese Umlage bietet ebenso wie
die Anlage der beiden Kostenfelder eine nahezu beliebige Variationsbreite.
Die verschiedenen traditionellen Kalkulationsverfahren dienen somit dem
Zweck, dem Kalkulator die Möglichkeit zu geben, für das anstehende Projekt mit
einem Minimum an Arbeitsaufwand eine hinreichend zuverlässige Kostenprogno-
se abgeben zu können.
Im einzelnen werden die erwähnten Kostenarten und die Kalkulationsverfahren
in der genannten Literatur anhand einer Reihe instruktiver Beispiele erläutert. Ich
gehe im Abschn. 12.4 darauf ein.
12.3.2 Kostenfunktionen der Bauproduktion
Für die Kostenplanung der Bauproduktion hat Burkhardt vor etwa 40 Jahren eine
weitere Kostengliederung vorgestellt. Im Gegensatz zur Vorkalkulation, die zu ei-
ner vertraglichen Preisbildung führen soll, haben danach Kostenbetrachtungen in
der Ablaufplanung folgende Aufgaben:
− über Kostenvergleiche verschiedener Ablaufsysteme soll für ein Bauvorhaben
ein wirtschaftlicher Projektablauf gefunden werden,
12.4 Die Angebotskalkulation in der Bauunternehmung 651
− die Sollkosten eines geplanten Projektablaufs sollen mit den tatsächlich ange-
fallenen Ist-Kosten zu Kontrollzwecken verglichen werden, um in den weiteren
Projektablauf korrigierend eingreifen zu können.
Hierfür sind Kostenfunktionen brauchbar, welche die Produktionskosten in Ab-
hängigkeit von Zeit und Potential (Kapazität) ausdrücken.
Diese Kostenfunktionen sind in [12.1] dargestellt. Da sie in der Praxis kaum
angewendet werden, gehe ich nicht weiter darauf ein.
12.4 Die Angebotskalkulation in der Bauunternehmung
12.4.1 Schema
Wie erwähnt lassen sich bei der Angebots-(Vor-)kalkulation folgende Kostenarten
unterscheiden:
− unmittelbar zurechenbare Kosten
(Einzelkosten der Teilleistungen, unmittelbare Herstellkosten),
− Gemeinkosten
(alle Kosten, die für die Durchführung einer Baumaßnahme anfallen, jedoch
den einzelnen Teilleistungen nicht direkt zugerechnet werden können).
Dazu zählen die Gemeinkosten der Baustelle und die anteiligen allgemeinen
Geschäftskosten der Unternehmung. In stufenweisem Vorgehen wird daraus die
Angebotssumme für ein Bauvorhaben nach folgendem Schema ermittelt [12.1,
12.3, 12.7]:
Einzelkosten der Teilleistungen
+ Gemeinkosten der Baustelle
= Herstellkosten
+ Allgemeine Geschäftskosten
= Selbstkosten
+ Wagnis und Gewinn
= Netto-Angebotssumme
+ Umsatzsteuer
= Brutto-Angebotssumme
Die Einzelkosten der Teilleistungen und die Gemeinkosten der Baustelle wer-
den in der Kalkulation weiter untergliedert.
Dabei sind Kostenarten, die bei der Gemeinkostenverteilung mit unterschiedli-
chen Zuschlägen beaufschlagt werden sowie Kostenarten, die Gegenstand eines
Vergleichs zwischen Soll- und Istkosten sind, (spätestens bei der Arbeitskalkulati-
on) getrennt auszuweisen.
652 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
12.4.2 Kostenarten
[Link] Einzelkosten der Teilleistungen
Unter Berücksichtigung dieser Kriterien werden in der Praxis die Einzelkosten der
Teilleistungen zwischen zwei (Lohn- und Sonstige Kosten) und sechs Kostenarten
untergliedert:
− Lohnkosten,
− Baustoff-Kosten
− Kosten der Rüst-, Schal- und Verbaustoffe,
− Gerätekosten,
− Fremdarbeitskosten und
− Kosten der Nachunternehmer-Leistungen.
Die Anzahl der angesetzten Kostenarten hängt neben der Betriebsgröße von der
Struktur der auszuführenden Arbeiten ab.
Beim Einsatz maschineller Fertigungsgruppen wie beim Bau von Straßende-
cken und im Spezialtiefbau gelten als wichtigste Kostenarten die
− Lohnkosten,
− Baustoffkosten,
− Abschreibung, Verzinsung und Reparatur der Geräte (Gerätekosten),
− Kosten der Betriebs- und Schmierstoffe und
− Fremdleistungen.
Diese Kosten werden je Schicht ermittelt und auf die Schicht-(Tages-)Leistung
bezogen.
Zu den Einzelkosten der Teilleistungen ist zu bemerken [nach 12.3]:
1. Lohnkosten:
Die Lohnkosten werden als Mittellohn sämtlicher auf der Baustelle entstehen-
den Lohnkosten je Arbeitsstunde erfasst. Dazu kommen Lohnzusatzkosten aus
Sozialkosten, Lohnnebenkosten und sonstigen Kosten (bspw. anteilige Auf-
sichtsgehälter für Poliere oder Schachtmeister) und (ggfs.) aus dem Verbrauch
von Werkzeugen und Kleingeräten.
Danach sind drei Mittellöhne zu unterscheiden:
− Der Mittellohn A. Er umfasst die tariflichen Löhne der gewerblichen Arbeits-
nehmer und die Zulagen und Zuschläge für
− Längere Betriebszugehörigkeit (Stammarbeiterzulage),
− Leistungszulagen,
− Überstunden, Nacht-, Sonntags- und Feiertagsarbeit,
− Übertarifliche Bezahlung,
− den Arbeitgeberanteil zur Vermögensbildung sowie
− Zulagen für Arbeitserschwernisse.
12.4 Die Angebotskalkulation in der Bauunternehmung 653
− Der Mittellohn AS. Dieser umfasst darüber hinaus sämtliche Sozialkosten
(Lohnzusatzkosten), die sich aus Gesetzen, Tarifverträgen, Betriebs- und Ein-
zelvereinbarungen als Zuschlag zum Mittellohn A ergeben.
− Der Mittellohn ASL. Der Mittellohn ASL enthält neben dem Mittellohn AS
noch die Lohnnebenkosten. Diese entstehen vorwiegend für solche Arbeitneh-
mer, die auf eine Arbeitsstelle außerhalb des Betriebes entsandt werden. Lohn-
nebenkosten sind u.a. Auslösung, Fahrtkostenabgeltung, Verpflegungszu-
schuss, Reisegeld- und -zeitvergütung usw.
Werden die Gehälter des aufsichtsführenden Poliers in den Mittellohn einbezo-
gen, ergeben sich die Mittellöhne AP, APS und APSL.
Der Mittellohn ASL oder APSL ist der Betrag mit dem die Stundenansätze der
einzelnen Positionen zu multiplizieren sind, um die Lohnanteile zu erhalten
(Beispiel Bild 12.4).
2. Baustoffkosten:
Die Baustoffkosten bestehen aus:
− den Einkaufspreisen nach Abzug aller Rabatte,
− den Frachtkosten für die Anlieferung zur Baustelle (wenn die Baustoffe
nicht frei Baustelle angeboten werden),
− Baustoffverlusten (Bruch, Verschnitt, Streuverlust).
3. Kosten der Rüst-, Schal- und Verbaustoffe:
Diese Kostengruppe umfasst Bauhilfsstoffe, die teils vorgehalten, teils ver-
braucht werden. Unter dieser Kostenart sind somit zeitabhängige (Vorhaltekos-
ten) und zeitunabhängige Kosten zu unterscheiden, – bei letzteren Einsatzab-
hängige (Ein- und Ausschalen) und – unabhängige Kosten (Montage, Demon-
tage) [12.3].
4. Gerätekosten:
Gerätekosten sind alle Kosten aus der Vorhaltung und dem Betrieb firmeneige-
ner Geräte. Dies sind
− Kosten der Gerätevorhaltung, d. s. die kalkulative Abschreibung (A), die
kalkulative Verzinsung (V) und die Reparaturkosten (R),
− Kosten des Gerätebetriebs (Betriebsstoff-, Bedienungs- sowie Wartungs-
und Pflegekosten),
− Kosten der Gerätebereitstellung (An- und Abtransport, Auf-, Um- und Abla-
den; Auf-, Um- und Abbau),
− Allgemeine Kosten (Lagerung, Geräteverwaltung und -versicherung, Kfz-
Steuern).
In der Kalkulation der Einzelkosten werden nur die Gerätemiete (A + V) und
die Reparaturkosten (R) sowie die Betriebsstoffkosten erfasst.
Soweit Geräte oder -gruppen den Teilleistungen direkt zugeordnet werden kön-
nen, werden sie unter den entsprechenden Leistungspositionen erfasst. Anderen-
falls werden ihre Kosten unter der Baustelleneinrichtung ermittelt.
654 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Bild 12.4.1: Mittellohn ASL
12.4 Die Angebotskalkulation in der Bauunternehmung 655
Bild 12.4.2: Mittellohn APSL
Bild 12.4: Beispiele zur Berechnung des Mittellohns [12.3]
656 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Bei direkter Zuordnung zu Leistungspositionen sind dort auch die Kosten des
Geräteführers und die Betriebsstoffkosten anzusetzen.
Der Treibstoffverbrauch ergibt sich bei Benzin und Dieselöl nach dem Ansatz
kW · l/kW · Eh · €/l = €/Eh (74)
kW = Kilowatt, Eh = Einsatzstunde, l = Liter/kW
Grundlage für die Ermittlung der Gerätevorhaltekosten ist (derzeit) die Bauge-
räteliste 2001 (BGL) des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, – Bauver-
lag Wiesbaden – Berlin. Sie enthält die Neuwerte, die Nutzungsdauern, die monat-
lichen A- und V-Beträge und die Reparaturkosten (R) der in der Bauwirtschaft
eingesetzten Geräte. Die in der BGL enthaltenen Angaben sind Durchschnittswer-
te. Technische Daten für Erdbaumaschinen aus der BGL sind bspw. als Auszug in
Tabelle 45 angegeben.
Die in der BGL angegebenen Neuwerte sind Mittelwerte der Listenpreise ge-
bräuchlicher Fabrikate auf der Preisbasis 2000 einschl. Bezugskosten (Nettopreis
ohne Steuern) und gelten für komplett ausgerüstete, betriebsbereite Geräte ohne
Ersatzteile.
Begriffe zur Gerätekostenermittlung sind:
− der mittlere Neuwert (A),
− die Abschreibung (Wertverzehr während der Nutzungsdauer eines Geräts; kal-
kulatorische Abschreibung linear von 100% bis 0%)
− die Verzinsung (rechnerische Verzinsung des im Gerät investierten, durch-
schnittlich gebundenen Kapitals mit 6,5%). Dabei wird mit einem gleichblei-
benden durchschnittlichen Verzinsungsbetrag gerechnet (halber mittlerer Neu-
wert über die gesamte Nutzungsdauer).
Damit ergeben sich die Ansätze für A + V nach der BGL zu
100%
a= [%]
v
p ⋅ n (0,5 ⋅ 100%)
z= [%]
v
k = a + z [%], und die monatliche Abschreibung und Verzinsung zu
K = k · A [€] (75)
Erläuterung der Ansätze für Abschreibung und Verzinsung nach der BGL
a = Anteil für Abschreibung je Monat in Prozent vom mittleren Neuwert
z = Verzinsung je Monat in Prozent vom mittleren Neuwert
k = Abschreibung und Verzinsung in Prozent vom mittleren Neuwert
v = Vorhaltemonate
n = Nutzungsjahre
p = kalkulatorischer Zinsfuß von 6,5%
K = Monatlicher Abschreibungs- und Verzinsungsbetrag in €
A = Mittlerer Neuwert in €
12.4 Die Angebotskalkulation in der Bauunternehmung 657
Tabelle 45:
Die Reparaturkosten der Geräte steigen mit zunehmendem Gerätealter. Verein-
fachend sind sie als Durchschnittswerte über die gesamte Nutzungsdauer (Vorhal-
temonate) angegeben (monatliche Beträge R [€] für jede Gerätegröße oder in %
des mittleren Neuwerts für jeden Gerätetyp als monatliche Sätze r). Es gilt
R = r · A [€/Mt] (76)
658 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Davon sind 40% Lohnkosten (Bruttolöhne ohne S+ LN-Kosten),
60% Stoffkosten.
Die Reparaturlöhne sind deshalb noch um die S-, LN- und Reparatur-Gk zu er-
höhen.
Gerätekosten sind zeitabhängig. Zu ihrer Ermittlung sind deshalb 4 Zeitarten zu
unterscheiden:
− Vorhaltezeit,
− Einsatzzeit,
− Betriebszeit,
− Stillliegezeit.
Zeitbegriffe: 1 Vorhaltemonat = 30 Kalendertage = 170 Vorhaltestunden =
8/170 Vorhaltetage.
Die Gerätekostenberechnung über die Vorhaltezeit wird vorwiegend für Geräte
angewendet, die längere Zeit auf der Baustelle vorgehalten werden müssen, ohne
immer im Betrieb zu sein (bspw. für Geräte des Hoch- und Ingenieurbaus). Die
Sätze für A + V + R je Vorhaltemonat werden dabei der BGL oder eigenen Unter-
lagen entnommen und mit der Anzahl der Vorhaltemonate multipliziert (Bild
12.5). Für Stillliegezeiten werden reduzierte Sätze verwendet (nach BGL 75% A +
V, R = 0 ab 10 Tagen).
Bild 12.5: Berechnung der Gesamtgerätekosten eines Kletterkrans mit Laufkatzenausleger,
Nennlastmoment 125tm, BGL-Nr.C.0.10.0125 [12.3]
Bei der Gerätekostenermittlung über die Einsatz- oder Betriebszeit entfallen
Auf- und Abbauzeiten, Zeit für Umbau und Umsetzen, Stillliege- und Reparatur-
zeiten. Bei der Betriebszeit als Berechnungsgrundlage entfallen weiter die Zeit für
Vorbereitung und Abschluss der Arbeiten, betrieblich bedingte Wartezeiten, Ver-
teil- und Verlustzeiten.
12.4 Die Angebotskalkulation in der Bauunternehmung 659
Die Kalkulation auf der Basis von Geräteeinsatz- oder Betriebsstunden wird
i. Allg. nur für Leistungsgeräte vorgenommen, die bestimmten Teilleistungen zu-
geordnet werden (Erd- und Straßenbaugeräte, Rammen, Bohrgeräte).
Häufig wird bei diesen Leistungsgeräten mit einer mittleren Tagesleistung und
Tagessätzen kalkuliert, die zu 1/20 des Monatssatzes berechnet werden.
Zur Ermittlung unternehmensinterner Verrechnungssätze für die Gerätevorhal-
tung verweise ich auf die Spezialliteratur [12.3].
5./6. Kosten der Fremdleistungen:
Hierbei sind Fremdarbeitskosten und Kosten der Nachunternehmerleistungen zu
unterscheiden.
− Fremdarbeitskosten sind Kosten für Leistungen, die an ein anderes Unter-
nehmen zur Ausführung weiter vergeben werden. Sie bilden einen Bestand-
teil der Leistungen des Hauptunternehmers (Bsp: Verkleiden von Baugruben
und Verankerung von Baugrubenverkleidungen, Auf- und Abbau von Gerä-
ten durch fremde Montagekolonnen, Montage von Fertigteilen, Schal- und
Bewehrungsarbeiten, Erdarbeiten).
− Nachunternehmerleistungen sind in sich abgeschlossene gewährleistungsfä-
hige Leistungen. Sie werden im Allgemeinen vom Nachunternehmer zu den
gleichen Vertragsbedingungen ausgeführt, wie sie auch für den Hauptunter-
nehmer gelten. Typische NU-Leistungen sind vor allem bei schlüsselfertigen
Bauten die Gebäudetechnik, die Fassade, die Abdichtung, der allgemeine
Ausbau.
Der Hauptunternehmer übernimmt bei dieser Vertragsform i. W. nur Aufgaben
der Bauleitung sowie die Risiken der Gewährleistung.
[Link] Gemeinkosten der Baustelle
Da sich die Gemeinkosten einer Baustelle keiner Teilleistung direkt zurechnen
lassen, werden sie in einer besonderen Berechnung erfasst und – wie schon er-
wähnt – beim Bilden der Einheitspreise in einem dritten Schritt den Teilleistungen
als Bestandteil des Kalkulationszuschlags zugerechnet. Sie setzen sich aus ver-
schiedenen (zeitunabhängigen und zeitabhängigen) Kosten zusammen, die als
Checkliste im Anhang 20 dargestellt sind. Auf ihre Detailermittlung gehe ich nicht
ein und verweise hierzu ebenfalls auf die Spezialliteratur [12.3, 12.7].
Wegen ihrer Bedeutung ist im Rahmen dieser Darstellung jedoch auf Sonder-
wagnisse der Bauausführung und Sonderkosten hinzuweisen, die nach A 20 Be-
standteil der zeitunabhängigen Gemeinkosten der Baustelle sind.
Bei einer Bauausführung können Wagnisse (Risiken) bspw. aus folgenden Um-
ständen eintreten (s. hierzu auch Abschn. 12.5).
− Schlechtwetter,
− Hoch- und Niedrigwasser,
− Personal- und Stoffkostenerhöhungen bei langfristigen Festpreisverträgen (!),
− Terminüberschreitungen und Vertragsstrafen bei besonders kurzen Bauzeiten
(gewerblichen Bauten),
660 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
− neuen Bauverfahren,
− Mengengarantien.
Weiter fallen unter die Sonderwagnisse Kosten für Versicherungen, die speziell
für das Bauwerk abgeschlossen werden.
Sonderkosten sind bspw. außerordentliche Bauzinsen, Lizenzgebühren, Arge-
Kosten und Kosten für eventuelle Winterbaumaßnahmen [12.3].
Werden verschiedene der in Anhang 20 genannten Kosten im Leistungsver-
zeichnis als eigene Positionen aufgeführt, wie „Einrichten und Räumen der Bau-
stelle“ oder „Technische Bearbeitung“, sind diese Kosten definitionsgemäß nicht
mehr als Gemeinkosten zu behandeln.
[Link] Allgemeine Geschäftskosten
Unter Allgemeinen Geschäftskosten (Verwaltungsgemeinkosten) versteht man die
Kosten, die dem Unternehmen nicht durch einen bestimmten Bauauftrag, sondern
durch den Betrieb als Ganzes entstehen. Sie können den einzelnen Baustellen e-
benfalls nur über Zuschlagssätze zugerechnet werden.
[Link] Wagnis und Gewinn
Nach dem im Abschn. 12.4.1 dargestellten Kalkulationsschema setzt sich die Net-
to-Angebotssumme aus den Selbstkosten einer Bauleistung und dem kalkulatori-
schen Ansatz für „Wagnis und Gewinn“ zusammen.
Wagnis und Gewinn dienen
− der Absicherung eines Unternehmens gegen das allgemeine Unternehmerwag-
nis sowie
− der Erzielung eines Unternehmensgewinns.
In der Praxis werden die Zuschläge für Allgemeine Geschäftskosten sowie
Wagnis und Gewinn häufig als gemeinsamer Zuschlag auf die Herstellkosten an-
gesetzt.
Im einzelnen ist die Ermittlung der genannten Kostenarten in [12.3] und [12.7]
erläutert.
12.4.3 Ablauf der Kalkulation
[Link] Vorarbeiten
Vor der eigentlichen Kostenermittlung sind alle kostenwirksamen Umstände zu
erfassen. Dazu gehören
− die Prüfung der Verdingungsunterlagen, ob in Vorbemerkungen, zusätzlichen
oder besonderen Vertragsbedingungen oder zusätzlichen technischen Vertrags-
bedingungen kostenbeeinflussende Festlegungen getroffen sind.
12.4 Die Angebotskalkulation in der Bauunternehmung 661
Einen Überblick über derartige Festlegungen wie Zahlungs- und Abrech-
nungsmodalitäten, Nebenleistungen, Lieferung von Ausführungsunterlagen
usw. enthält die Fachliteratur [12.3].
Diese Prüfungspflicht ist deshalb von Bedeutung, als nach der Rechtsprechung
aus einer lückenhaften Leistungsbeschreibung allein noch kein Schadensersatz-
anspruch begründet werden kann, wenn die Lückenhaftigkeit zu erkennen war.
Zweifelsfragen sind vor Abgabe des Angebots zu klären.
− die Begehung der Baustelle zur Beurteilung der örtlichen Umstände wie Ver-
kehrsverhältnisse, Geländebeschaffenheit, besondere Verhältnisse (Grundwas-
serstände, Bodenbeschaffenheit, Hochwassergefahr, o. ä.),
− das Einholen der Baustoffpreise und der Angebote der Fremdunternehmer,
− das Aufstellen eines Bauablaufplans aufgrund der vorgegebenen Termine. Die-
ser muss für die Kalkulation enthalten
− Angaben über einzubauende oder zu bewegende Mengen,
− die Einsatzdauer der erforderlichen Geräte (Geräteliste),
− Art, Anzahl und Einsatzdauer der erforderlichen Arbeitskräfte,
− Arbeitsunterbrechungen (bspw. Winterpause),
− der Entwurf der Baustelleneinrichtung.
[Link] Kalkulationsverfahren
In der Kalkulationspraxis der Bauwirtschaft werden üblicherweise folgende Ver-
fahren angewandt [12.1, 12.3, 12.7]:
1. Kalkulation mit vorbestimmten Zuschlagssätzen
− Variante 1:
Vorbestimmte Zuschläge für alle Gemeinkosten, die Allgemeinen Ge-
schäftskosten und sowie Wagnis und Gewinn.
− Variante 2:
Vorbestimmte Zuschläge für Teile der Gemeinkosten, die Allgemeinen Ge-
schäftskosten sowie Wagnis und Gewinn.
2. Kalkulation mit objektspezifischer Ermittlung der Gemeinkosten der Baustelle
Dieses Verfahren ist als „Kalkulation über die Angebotssumme“ bekannt.
zu 1.: Kalkulation mit vorbestimmten Zuschlagssätzen
− Variante 1
Bei diesem Verfahren werden die Gemeinkosten der Baustelle nicht objektspe-
zifisch angesetzt, sondern es werden aus periodischen Gesamtkosten oder ver-
gleichbaren Bauvorhaben ermittelte Gemeinkostenzuschläge verwendet. Dabei
wird häufig mit nur einem Gesamtzuschlag für die Gemeinkosten der Baustelle,
Allgemeinen Geschäftskosten sowie Wagnis und Gewinn gearbeitet (Bild 12.6).
Dieses Verfahren kann nur in Betrieben mit Baustellen gleichartiger Kosten-
struktur angewendet werden. Andernfalls würde diese Kalkulation zu erheblichen
Kalkulationsfehlern führen.
662 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Die Kalkulation wird in folgenden Schritten durchgeführt:
− Berechnung des Betriebs-Mittellohnes (z.B. am Anfang des Geschäftsjahres),
− Ermittlung der Einzelkosten je Einheit der LV-Position – getrennt nach den
Kostenartengruppen Lohnkosten und Sonstige Kosten,
− Ermittlung der Einzelkosten je LV-Position und Summierung der Kostenarten,
− Ermittlung der Einheitspreise und der Angebotssumme.
Bild 12.6.1: Schema
Bild 12.6.2: Beispiel
Bild 12.6: Ablauf der Kalkulation mit vorberechneten Zuschlägen [12.3]
− Variante 2
Bei dieser Variante werden Mängel des einfachen Verfahrens vermieden. Wenn
die Gemeinkosten des Betriebes nur einmal jährlich ermittelt und in allen Ange-
botskalkulationen auf die Basiskosten (Lohnkosten, Sonstige Kosten und evtl.
12.4 Die Angebotskalkulation in der Bauunternehmung 663
Fremdleistungskosten) gleichmäßig verteilt werden, besteht bei Angeboten unter-
schiedlicher Kostenstruktur die Gefahr unrichtiger Gemeinkostenzurechnung.
Diese Gefahr will eine Variante der einfachen Zuschlagskalkulation vermeiden,
und zwar dadurch, dass jene Gemeinkosten der Baustelle, wie z.B. Gerätekosten,
die eine besondere Abhängigkeit vom einzelnen Bauvorhaben aufweisen, objekt-
spezifisch wie die Basiskosten ermittelt werden, so dass nur die restlichen Ge-
meinkosten (nicht objektspezifische Gemeinkosten der Baustelle und Allgemeine
Geschäftskosten) wie bei der einfachen Zuschlagskalkulation aufgrund jährlicher
Ermittlung in allen Angebotskalkulationen gleichmäßig verteilt werden.
zu 2.: Kalkulation über die Angebotssumme
Bei der Kalkulation über die Angebotssumme werden die Gemeinkosten der Bau-
stelle bei jedem Angebot objektspezifisch ermittelt, während die Geschäftskosten
sowie Gewinn und Wagnis mit vorberechneten Zuschlagssätzen den Herstellkos-
ten zugeschlagen werden. Daher ergeben sich für jedes Angebot in der Regel un-
terschiedlich hohe Kalkulationszuschläge.
Infolge der objektspezifischen Ermittlung der Gemeinkosten der Baustelle engt
dieses Kalkulationsverfahren das Risiko von Kalkulationsfehlern erheblich ein.
Die Kalkulation über die Endsumme sollte daher das Kalkulationsverfahren für al-
le größeren Bauobjekte sein, besonders für solche des Tief- und Ingenieurbaues.
Sie wird in zwei Stufen mit jeweils unterschiedlichen Schritten durchgeführt
(Bild 12.7.1 bis 12.7.4):
− Ermittlung der Angebotssumme (aus Einzelkosten, Gemeinkosten der Baustel-
le, Geschäftskosten, Gewinn und Wagnis) und Ermittlung des Angebotslohnes
(Kalkulationslohn),
− Ermittlung der Einheitspreise und Preise je Teilleistung.
2.1 Ermittlung der Angebotssumme und des Angebotslohnes (Kalkulationslohn)
Diese Rechnung wird in vier Schritten durchgeführt:
a) Ermittlung der Einzelkosten je Einheit der LV-Position – getrennt nach den
gewählten Kostenartengruppen (Bild 12.7.2),
b) Ermittlung der Einzelkosten je Position und Summierung je Kostenart,
c) Ermittlung der Gemeinkosten der Baustelle,
d) Ermittlung der Herstellkosten, der Angebotssumme und des Kalkulations-
lohnes.
Die Herstellkosten ergeben sich durch Addition der Einzelkosten und der Ge-
meinkosten der Baustelle. Zuzüglich der auf die Herstellkosten berechneten Zu-
schläge für Geschäftskosten sowie Gewinn und Wagnis ergibt sich die Netto-
Angebotssumme (Bild 12.7.3, Teil 1).
Zur Ermittlung der Einheitspreise werden die Gemeinkosten der Baustelle, die
Geschäftskosten sowie Gewinn und Wagnis auf die Einzelkosten der einzelnen
Positionen mit Hilfe von Zuschlagssätzen umgelegt. Durch Subtraktion der Ein-
zelkosten von der Angebotssumme (ohne Umsatzsteuer) erhält man den umzule-
genden Kostenblock (Bild 12.7.3, Teil 2).
664 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Bild 12.7.1: Schema
Bild 12.7.2: Entwicklung der Einzelkosten der Teilleistungen
12.4 Die Angebotskalkulation in der Bauunternehmung 665
Bild 12.7.3: Ermittlung der Angebotssumme und der Einzelkostenzuschläge
666
Bild 12.7.4 Berechnung der Einheitspreise
12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Bild 12.7 Ablauf der Kalkulation über die Angebotssumme [12.3]
12.4 Die Angebotskalkulation in der Bauunternehmung 667
Für die Wahl der Zuschlagssätze, nach denen dieser Kostenblock verteilt wer-
den soll, ist ein weiter Spielraum gegeben, angefangen von der gleichmäßigen
Umlage auf alle Kostenarten der Einzelkosten bis zur Festlegung von unterschied-
lichen Zuschlagssätzen für jede Einzelkostenart.
In Bild 12.7.3 wurden bspw. die Sonstigen Kosten und die Gerätekosten mit je
15% und die Fremdleistungen mit 10% beaufschlagt.
Die auf diese Weise umgelegten Beträge werden von dem insgesamt umzule-
genden Kostenblock abgezogen (Bild 12.7.3, Teil 2).
Die verbliebenen Gemeinkosten werden nach folgender Formel auf den Lohn
umgelegt
verbliebene Gemeinkosten ⋅ 100
Lohnzuschlag [%] = (77)
Summe der Lohnkosten in den Einzelkosten
Mittellohn und Lohnzuschlag ergeben den Kalkulationslohn. Aus dem Produkt
Stundensatz · Kalkulationslohn ergibt sich dann der beaufschlagte Lohnanteil je-
der LV-Position.
2.2 Ermittlung der Einheitspreise und der Preise je Teilleistung
Zur Einheitspreisermittlung werden zunächst die Einzelkosten je Position mit
den gewählten oder berechneten Zuschlagssätzen multipliziert. Die Addition der
Einzelkosten zuzüglich der Zuschläge je Position ergibt den Einheitspreis je Posi-
tion.
Durch Multiplikation der Einheitspreise je Position mit den Positionsmengen
ergibt sich der Netto-Preis je Teilleistung (Bild 12.7.4).
Die Addition der Preise je Teilleistung ergibt wiederum die Netto-
Angebotssumme.
Wie die Bildausschnitte zeigen, werden für die einzelnen Teilschritte der Kal-
kulation Formulare verwendet. Die Berechnungen werden mit EDV-Hilfe durch-
geführt.
12.4.4 Beispiele
Die vorstehend genannte Literatur [12.3, 12.7] enthält eine Reihe instruktiver,
vollständig durchgerechneter Kalkulationsbeispiele. Sie sind im Anhang 21 ge-
nannt.
Zur Erläuterung meiner Ausführungen im Abschn. 12.4 habe ich aus diesen
Unterlagen zwei Kalkulationen in den Anhang 22 übernommen:
− die Kalkulation von Rohbauarbeiten (Beton, Stahlbeton) aus [12.7] als Anhang
22.1 und
− die Kalkulation aus dem Spezialtiefbau (Herstellen von Ortbeton-
Rammpfählen) aus [12.3] als Anhang 22.2.
In einem weiteren Anhang (22.3) sind Merkmale von Kalkulationen für den
Schlüsselfertigbau aufgezeigt.
668 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
12.4.5 Zielkostenplanung (Target-costing)
Gegen die progressive Kalkulation nach Abschn. 12.4.1 bis 4 wird eingewendet,
dass mit dieser Vollkosten-Kalkulation keine marktorientierten Preise ermittelt
werden können.
Bei starkem Wettbewerbsdruck um Aufträge, wie er seit nahezu 10 Jahren auf
dem deutschen Baumarkt herrscht, müssen trotz knapper Preise neben den Basis-
kosten für Personal, Stoffe, Geräte und Fremdleistungen (Elemente der Herstell-
kosten) auch unvermeidbare Gemeinkosten, anteilige AGK und ein Mindestge-
winn erzielt werden. Die kalkulierten Preise müssen sowohl marktorientiert als
auch kostendeckend sein, wenn eine Unternehmung im Geschäft bleiben will. Die
Unternehmen müssen „marktorientierte Preisflexibilität üben und praktizieren“.
Mit der Zuschlagskalkulation der Vollkostenrechnung sei dies nicht möglich
[12.8, 12.9].
Die Behauptung, dass die „Zuschlagskalkulation“ für eine marktorientierte
Preisbildung nicht zu gebrauchen sei, würde jedoch nur dann zutreffen, wenn die
Zuschläge auf die Elemente der Herstellkosten nicht ständig an die Marktsituation
angepasst würden. Diese „Zuschläge“ sind nichts anderes als die nach einem frei
wählbaren Schema auf die Elemente der Herstellkosten umgelegten Anteile für
(minimale) Gemeinkosten, AGK und dem Mindestgewinn.
Das Problem ist im Bild 12.8 nicht korrekt dargestellt. In der linken Kostensäu-
le werden zu den elementaren Herstellkosten Zuschläge als fix dargestellt, wo-
durch der oben angegebene preispolitische Spielraum der Unternehmung zur
Bild 12.8: System für wettbewerbsorientiertes Preisverhalten [12.9]
12.4 Die Angebotskalkulation in der Bauunternehmung 669
Marktanpassung nur eine geringe Bandbreite aufweist. In der rechten Kostensäule
sollen diese Zuschläge den Elementen der Herstellkosten „zugeordnet“ sein, wo-
durch sich oben ein wesentlich größerer Deckungsbeitrag zur Marktanpassung er-
gibt. Die Summe der elementaren Herstellkosten + marktangepasste Zuschläge
müssten deshalb in den beiden Kostensäulen gleich hoch sein. Ohne wenn auch
minimale Gemeinkosten, AGK und einen minimalen Gewinnanteil (in [12.9] zu-
sammengefasst als „Sowieso“-Kosten bezeichnet) kommt eine Unternehmung
nicht aus, was auch der Verfasser einräumt. Dass diese Sowieso-Kosten-Anteile
nicht über einen längeren Zeitraum als konstanter Anteil angesetzt werden kön-
nen, wenn sich der Markt verändert, sollte selbstverständlich sein.
Als Hilfsmittel für die Anpassung der Aufwandswerte und Gemeinkosten an
erzielbare Marktpreise werden in [12.8] ein detailierter Ablaufplan, Bedarfspläne
für Stoffe, Subunternehmer, Maschinen und Geräte, Personal und Arbeitssicher-
heit sowie Checklisten genannt. Ich verweise hierzu auf den Abschn. 11.
Darüber hinaus ist in Bild 12.9 und 12.10 ebenfalls dargestellt, wie für eine
Marktanpassung vorzugehen ist.
12.4.6 Zusammenfassung
Zweck der Angebotskalkulation ist die Ermittlung des „richtigen“ Preises. Dieser
muss
− so niedrig sein, dass er zum Auftrag führt,
− so hoch sein, dass er einen erwarteten Überschuss ergibt bzw. keine Verluste
verursacht [12.1, 12.7].
Bild 12.9: Anpassung der Kosten an den Marktpreis – Beurteilung [11.6]
670 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Bild 12.10: Anpassung der Kosten an den Marktpreis – Maßnahmen [11.6]
In Zeiten harten Wettbewerbs schrumpft die Bandbreite zwischen Ober- und
Untergrenze des Preises auf Null oder verkehrt sich ins Negative, wenn zu nicht
kostendeckenden Preisen angeboten und vergeben wird.
Die Zuverlässigkeit der Preisgestaltung wird einmal bestimmt durch die Quali-
tät der Kostenermittlung des Kalkulators, der unter den Gegebenheiten und Be-
sonderheiten der Bauproduktion die Angebotskalkulation als theoretisches Kos-
tenmodell aufbauen muss. Zum anderen wird sie durch die Preispolitik und
Strategie des Unternehmers beeinflusst.
Die Tätigkeit des Kalkulators besteht somit in der sach- und fachgerechten Er-
mittlung der Herstellkosten eines angefragten Objekts. Sie muss bei den Leis-
tungs- und Kostenansätzen im Rahmen des Machbaren bleiben, die Risiken abwä-
gen und bewerten, jedoch das Optimum anstreben. Nach der preispolitischen
Entscheidung für Gewinn und Wagnis durch den Unternehmer wird dann das end-
gültige Angebot erstellt.
Der Ablauf der traditionellen Angebotsbearbeitung geht aus Bild 12.11 hervor.
Das Zustandekommen des Angebotspreises ist jedoch von einer Reihe von
Randbedingungen abhängig, die der Unternehmer nicht beeinflussen kann. Dies
sind die Marktsituation, die Qualität der Ausschreibungsunterlagen und die Ange-
botswertung.
12.4 Die Angebotskalkulation in der Bauunternehmung 671
Bild 12.11: Ablauf der traditionellen Angebotsbearbeitung in einer Bauunternehmung
[12.1]
672 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
12.4.7 Moderne Baukalkulation
Seit 10 Jahren ist der Baumarkt rückläufig. Dazu haben sich in den vergangenen
Jahren die Vergabe- und Vertragsformen der Auftraggeber verändert. Mehr und
mehr treten Detail- und Global-Pauschalverträge an die Stelle des Einheitspreis-
vertrages nach der VOB/B. Im gleichen Maße versuchen Auftraggeber, die Risi-
ken der Bauausführung weitgehend auf die Bauunternehmungen zu überwälzen.
Um an Aufträge zu kommen, müssen Auftragnehmer genauer kalkulieren. Und
um mit den knappen Preisen auszukommen, muss die Bauausführung ungestört
ablaufen, was nur mit einem angepassten Controlling möglich ist.
Auf die dadurch bedingte Weiterentwicklung der vorgestellten, seit Jahrzehnten
angewendeten Kalkulationsverfahren zu einer modernen Angebotskalkulation ge-
he ich deshalb nachstehend noch kurz ein.
Neben der Darstellung der traditionellen Vorkalkulation, die auf Einheitspreis-
verträge nach der VOB zugeschnitten war, ist im Überblick auf weitere Kalkulati-
onsformen hinzuweisen, die inzwischen aus den veränderten Markt- und Ver-
tragsbedingungen der Auftraggeber resultieren.
So wird wegen des Konkurrenzdrucks auf dem seit 10 Jahren angespannten
Baumarkt den Bauunternehmungen empfohlen, nicht mehr alles anzubieten, was
auf den Markt kommt, sondern sich durch eine Vorauswahl auf die Angebote zu
beschränken, für die eine Unternehmung ihr Können und ihre Erfahrung ausspie-
len kann. Diese Angebote sind dann anhand eines Bauablaufplans, einer Risikoab-
schätzung (Risikoplan) und eines Cash-flow-plans sorgfältig zu kalkulieren [12.7].
Dazu kommt, dass als Grundform von Bauvergaben neben der direkten Verga-
be im Wettbewerb immer häufiger Verhandlungsverfahren angewendet werden.
Sie kommen sowohl im privatwirtschaftlichen Bereich bei Generalübernehmer-
und Projektleitungsverträgen vor, bei denen Generalübernehmer neben der Aus-
führung auch die Planung anbieten, bei BOT-Projekten privater Auftraggeber
(Build, Operation, Transfer) und bei Großprojekten der öffentlichen Hand im PPP-
Bereich (Public-Privat-Partnership-Verträge). Durch PPP-Verfahren werden drin-
gend erforderliche Projekte öffentlicher Auftraggeber, die wegen fehlender Inves-
titionsmittel zurückgestellt werden müssten (z.B. Straßen, Autobahnen, Hochbau-
ten), durch Bauunternehmungen in Verbindung mit Banken realisiert ([12.101], s.
hierzu Abschn. 3.4).
Im Gegensatz zu einer VOB-Ausschreibung, wobei ein (öffentlicher) Auftrag-
geber mit den anbietenden Firmen nicht über den Preis verhandeln darf, besteht
das Verhandlungsverfahren aus zwei Schritten, der Wettbewerbs- und der Ver-
handlungsphase. Mit den 2 bis 3 günstigsten Anbietern aus der Wettbewerbsphase
wird dann über den Preis verhandelt, bevor der Auftrag an den kostengünstigsten
und leistungsfähigsten Bieter vergeben wird (Bild 12.12).
Auch die VOB/A lässt nach den §§ 3a, 3b und 3 SKR unter bestimmten Vor-
aussetzungen ein Verhandlungsverfahren zu [3.4, 12.10].
Die moderne, verfeinerte Baukalkulation ist durch folgende Merkmale gekenn-
zeichnet:
− erhöhte Genauigkeit für ausgewählte Angebote mit Bauablaufplan und definier-
ten Bauverfahren,
12.4 Die Angebotskalkulation in der Bauunternehmung 673
Bild 12.12: Verhandlungsphase [11.6]
− Berücksichtigung von Kapitalkosten,
− Bewertung der Risiken (Risikoplan, s. Abschn. 12.5) und
− Berücksichtigung der Saisonalabhängigkeit des Bauablaufs (Grundwasserstän-
de, Sonneneinstrahlung usw.).
Dazu weisen die Verfasser besonders darauf hin, dass die Genauigkeit der Vor-
kalkulation eindeutig von den Planungsinformationen abhängt [12.7].
Der Prozess für die Erstellung eines Angebots ist in Bild 12.13.1 und .2 darge-
stellt (s. hierzu Bild 12.11).
674 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Bild 12.13.1: bei moderner Kalkulation nach [12.7]
12.4 Die Angebotskalkulation in der Bauunternehmung 675
Bild 12.13.2: Hauptphase einer risikobasierten Angebotsbearbeitung [11.6]
Bild 12.13: Prozess der Angebotserstellung
676 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Der Weg von der Entscheidung, ein Angebot abzugeben, führt von der Planung
des Kalkulationsprozesses und der Projektanalyse über die Kalkulation der direk-
ten und indirekten Kosten, die abschließende Angebotsberatung, das Vornehmen
von Korrekturen, das Festlegen der Zuschläge sowie dem Ermitteln und Einschät-
zen des Cash-flows und der Preispolitik zum fertigen Angebot. Hinsichtlich weite-
rer Einzelheiten verweise ich auf die Literatur [11.6, 12.7].
Für Baukalkulationen sind ebenfalls Kalkulationsprogramme verfügbar. Als
Beispiele verweise ich auf die Anwendung von ARRIBA-bauen von RIB bei der
Firmengruppe Max Bögl, Neumarkt/Opf. [12.103] und auf [12.108].
12.5 Risiken in der Bauproduktion
Wie jede unternehmerische Tätigkeit ist die Bauproduktion mit Risiken verbun-
den. Sie resultieren aus der Angebotsbearbeitung, dem Vertragsabschluss, der
Produktionsplanung, ihrer Durchführung und aus der Abrechnung und Gewähr-
leistung. Es kommt deshalb darauf an, diese Risiken zu erkennen und zu bewerten,
um die sich möglicherweise daraus ergebenden wirtschaftlichen Verluste zu ver-
meiden oder wenigstens zu reduzieren.
Häufig bestehen Risiken aus technischen und vertragsrechtlichen Komponen-
ten.
12.5.1 Definition
Risiken (Wagnisse) werden in der Literatur folgendermaßen definiert [12.1]:
1. das Risiko ist die Gefahr, dass irgendeine wirtschaftliche Betätigung misslingt
oder zumindest nicht den erwarteten Erfolg bringt;
2. das Risiko bleibt vor seinem Eintritt eine weitgehend ungewisse Größe, zumin-
dest ist es nicht exakt bestimmbar. Der Grad der Ungewissheit ist unterschied-
lich, er wird daher bei jedem Risiko bestehen;
3. die Ungewissheit besteht sowohl hinsichtlich der Häufigkeit des Risikoeintritts
als auch hinsichtlich seiner Höhe. In Sonderfällen ist nur einer der beiden
Risikofaktoren ungewiss;
4. um die Höhe eines Risikos beurteilen zu können, muss eine Basis festgelegt
werden, von der ab vom Eintritt eines Risikofalles gesprochen werden kann.
12.5.2 Risikobereiche
Grundsätzlich ist zwischen den allgemeinen Wagnissen einer Bauunternehmung
und den besonderen Risiken bei der Ausführung bestimmter Bauvorhaben (Son-
derwagnisse) zu unterscheiden. Diese Sonderwagnisse für einzelne Bauvorhaben
habe ich bereits im Rahmen der Baukalkulation unter Abschn. [Link] erwähnt.
Sie lassen sich in 5 Gruppen gliedern:
12.5 Risiken in der Bauproduktion 677
1. Risiken aus der Angebotsbearbeitung und Angebotsabgabe,
2. Risiken aus Auftragsverhandlungen und der Auftragserteilung,
3. Risiken aus technischer Bearbeitung und Arbeitsvorbereitung,
4. Risiken aus der Baustelleneinrichtung, der Personalbereitstellung, der Fertigung
und der Abnahme der erstellten Produkte,
5. Risiken aus Abrechnung und Zahlung, Gewährleistung und evtl. Rechts-
streitigkeiten.
Schon vor mehreren Jahren wurden diese Risiken in ihrer Reihenfolge während
der Angebotsphase und Baudurchführung aufgelistet (Tabelle 46) und erläutert
[12.1].
Die neuere Literatur enthält weitere Beiträge zu diesem Thema, auf die wegen
der Situation auf dem seit 10 Jahren angespannten Baumarkt – harter Wettbewerb,
knappe Preise, Termindruck und veränderte Vertragsformen – hinzuweisen ist.
In der Arbeit von Drees/Paul [12.3] werden die Risiken nach
− leistungsbedingten Risiken (Risiken der Bauausführung),
− internen Risiken (aus Management und Organisation),
− finanzwirtschaftlichem Risiko und
− externen Risiken (politischen Veränderungen, Naturgewalten, Veränderung
wirtschaftlicher Rahmenbedingungen)
gegliedert.
Leistungsbedingte Risiken liegen in der Aquisitions- und Kalkulationsphase
und hier in den Vertragsbedingungen, der Leistungsbeschreibung und in fehlerhaf-
ten Kalkulationsansätzen (besonders bei Global-Pauschal-Verträgen).
Zu den Risiken aus Management und Organisation zählt die Logistik, ein-
schließlich termin- und sachgerechter Planversorgung.
Finanzwirtschaftliche Risiken resultieren u.a. aus der Vorfinanzierung und den
Zahlungsfristen der Auftraggeber.
Jacob, Winter, Stuhr [12.7] gehen noch ausführlicher auf die Risiken einer
Bauunternehmung und ihre Bewertung ein. Sie gliedern die Risiken zunächst nach
− wesentlichen funktionalen Risikobereichen
− Kundenrisiken,
− Vertrags- und Kalkulationsrisiken,
− Risiken der Bauausführung,
− Risiken der Beschaffung.
− Darüber hinaus wird in einer Tabelle die typische Risikoverteilung bei der Le-
benszyklusbetrachtung eines Bauobjekts dargestellt, wobei die Risiken dem
AG, dem AN und beiden Vertragspartnern zugewiesen werden. Diese Tabelle
enthält
− 6 Risikoarten aus dem Planungsbereich,
− 22 Risikoarten aus dem Bereich Bauausführung und
− 14 Betriebsrisiken des fertigen Bauwerks.
Unter den für die Bauausführung wichtigen Vertrags- und Kalkulationsrisiken
sind folgende Bereiche angeführt:
678 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Tabelle 46: Risiken bei Angebot und Ausführung einer Bauaufgabe [12.1]
12.5 Risiken in der Bauproduktion 679
− Angebotskalkulation und Preisbildung,
− Randbedingungen des Bauobjekts,
− Aufgabenverlagerung durch den AG,
− Baustellenorganisation und -leitung,
− Nachunternehmereinsatz und die
− bauvertragsrechtliche Qualifikation.
Daran anschließend zeigen die Verfasser
− die kostenrechnerische Bewertung der Risiken auf,
− nennen Risikobewertungsinstrumente und
− sprechen Möglichkeiten der Risikoabwälzung an.
Zusammenfassend wird noch erwähnt, dass die Risiken von den im einzelnen
aufgeführten Vertragstypen, die Kalkulationsform auch von der Bausparte abhän-
gen.
In einer weiteren Veröffentlichung zu diesem Thema nennt Girmscheid unter
dem Stichwort „Risikoorientierte Selektion von Ausschreibungen“ sechs Risiko-
gruppen. Dies sind
− die Bauherrenanalyse,
− die Mitbewerberanalyse,
− die Vertragsanalyse,
− die Analyse der Zahlungsmodalität,
− die Analyse der technischen Risiken und
− die Analyse der Bearbeitungskapazität [11.6].
Die ersten beiden Risikobereiche liegen, wie eingangs erwähnt, im Vorfeld der
Kalkulation. In den restlichen vier Bereichen werden ebenfalls die Risiken ge-
nannt, die bei der Kalkulation zu berücksichtigen sind.
Insgesamt weisen die vorgenannten Risikobereiche nachdrücklich auf deren
Bedeutung bei der Angebotskalkulation in den Bauunternehmungen hin.
Abschließend bleibt festzuhalten, dass in den letzten Jahren bei privaten Auf-
traggebern die von den Bauunternehmungen zu tragenden Risiken zugenommen
haben, während die zumindest im Inland seit Jahrzehnten übliche Vertragsform
des Einheitspreisvertrages nach der VOB abgenommen hat.
12.5.3 Risiko-Management
Den Risiken einer Produktionsaufgabe wird durch ein Risikomanagement begeg-
net, um sie abzuwehren. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten.
[Link] Allgemeines Risiko-Management
Jede Aufgabe besteht darin, ein Ziel zu setzen, sie durchzuführen und die Ausfüh-
rung zu überwachen [12.11]. Jede dieser drei Teilaufgaben erfordert Informatio-
nen und Abwägen (Bild 12.14). Bei der Lösung jeder Aufgabe treten Gefahren
680 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
auf. Ein Risiko ist eine wenigstens nach Tragweite (Höhe) und Wahrscheinlichkeit
des Eintretens bewertete Gefahr.
Bild 12.14: Hauptelemente eines Regelkreises [12.11]
Es geht somit darum, die Risiken zu untersuchen, die in einer Produktionsauf-
gabe liegen.
Aus der Sicht des Risikomanagements besteht die Lösung einer Produktions-
aufgabe aus 9 Teilschritten, die in Bild 12.15 dargestellt sind. Sie umfassen die
Beschreibung der Aufgabe (des Systems), die Analyse der Risiken, die Entschei-
dung, die Ausführung und deren Überwachung.
Im ersten und zweiten Schritt wird die Aufgabe beschrieben. Dabei werden ihre
Ziele, ihre Komponenten und ihre Nahtstellen und Grenzen zu anderen Systemen
festgelegt.
Mögliche Systemkomponenten sind in Tabelle 47, Stichworte zur Systemkom-
ponente „m5“, in Tabelle 48 dargestellt.
Die nächste Vorgangsgruppe, die Risikoanalyse (Schritte 3–5), besteht aus
nachstehenden Teilschritten:
− Gefahren suchen (Schritt 3),
− Gefahren nach Tragweite und Eintritts-Wahrscheinlichkeit bewerten, wobei
Eintrittswahrscheinlichkeit und Tragweite (Schadenshöhe) abzuschätzen sind.
Daraus ergibt sich das Risiko (Schritt 4),
− dieses Risiko mit dem akzeptierbaren Risiko vergleichen, das hierfür i.E.
festzulegen ist (Schritt 5).
Für das Suchen von Gefahren gibt es drei Wege (intuitiv, historisch und syste-
matisch); sie sind in Tabelle 49 dargestellt.
12.5 Risiken in der Bauproduktion 681
Bild 12.15: Schema einer Risikoanalyse [12.11]
Zur Bewertung der Gefahr wird zuerst die Tragweite, die mögliche Schadens-
höhe (T) jeder ausfindig gemachten Gefahr und dann die Wahrscheinlichkeit des
Eintretens (W) berechnet oder geschätzt. Auch hierfür dient die Tabelle 49 (Ge-
fahrensuche) als Hilfe.
Das Ergebnis lässt sich in einem Koordinatennetz veranschaulichen (Bild
12.16).
Zum Risikovergleich nach Schritt 5 müssen die Kriterien des akzeptablen Risi-
kos von Fall zu Fall festgelegt werden (s. Tabelle 49).
Auf die Risikoanalyse folgt die Entscheidung (Schritt 6). Dafür gibt es drei
Möglichkeiten:
− die Risiken werden nicht übernommen, sie sind zu groß; es wird auf die Aus-
führung verzichtet,
− die erkannten und bewerteten Risiken sind relativ gering, die Aufgabe wird
übernommen bzw. durchgeführt,
− die bestehenden Risiken müssen weiter abgebaut werden, was durch
682 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
− Vermindern
− Überwälzen oder
− Versichern
möglich ist.
Tabelle 47: Systemkomponenten einer Produktionsaufgabe [12.11]
Für das Vermindern kann die Tabelle 49 wiederum als Hilfe dienen. Ein Bei-
spiel ist in Bild 12.16 qualitativ dargestellt.
Das Überwälzen von Risiken bedeutet, sie in den Preis einzurechnen,
Vorbehalte im Angebot zu machen (soweit das zulässig ist) und Subunternehmer
und Lieferanten zu verpflichten, die Risiken, deren Ursache bei ihnen liegen,
selbst zu tragen.
12.5 Risiken in der Bauproduktion 683
Tabelle 48: Stichworte zur Systemkomponente „m5“ [12.11]
Tabelle 49: Wege zur Suche von Gefahren, die das Funktionieren eines Systems (einer
Produktion) beeinträchtigen oder verhindern können [12.11]
684 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Bild 12.16: Einstufung eines Risikos nach Tragweite und Eintrittswahrscheinlichkeit
[12.11]
In begrenztem Umfang können Risiken auch versichert werden, wobei dann die
geforderte Prämie gegen das Risiko abzuwägen ist [12.11].
Die letzte Vorgangsgruppe des Risikomanagements, die Ausführung der Auf-
gabe (Schritt 7), bedarf der Überwachung (Schritt 8). Treten dabei Abweichungen
der Istgrößen vom Soll und neue Informationen auf (Schritt 9), ist eine erneute Ri-
12.5 Risiken in der Bauproduktion 685
sikobeurteilung nach Bild 12.16 vorzunehmen. Ergeben sich daraus neue Maß-
nahmen, sind diese durchzuführen.
[Link] Risikobewertung in der Bauproduktion
Neben diesem Schema eines allgemeinen Risikomanagements werden in [12.11]
an Beispielen aus dem Bauwesen besondere Risiken und Gefahren aufgeführt und
ein Fragenkatalog zur Reduzierung von Fehlleistungen angegeben, worauf hier
nur hingewiesen werden kann.
Für das Abschätzen und Bewerten der Risiken von Bauproduktionsaufgaben
soll noch ein weiterer Weg erwähnt werden, der in folgender Methode besteht
[12.1]:
1. Auflistung aller denkbaren und möglichen Risiken, die den erfolgreichen Bau-
ablauf beeinflussen können,
2. Auftragen eines Risiko-Terminplanes. Darin werden alle unter Punkt 1 erfass-
ten Risiken dem Bauablauf zeitlich zugeordnet.
Es muss also abgeschätzt werden, wann die aufgelisteten Risiken am wahr-
scheinlichsten auftreten werden.
3. Anschließend sind die Auswirkungen der einzelnen Risiken auf die verschiede-
nen Bauaktivitäten der Höhe nach abzuschätzen. Dabei muss sich zeigen, wie
risikoempfindlich bspw. die vorgesehenen Bauverfahren sind.
4. Abschließend wird festgelegt, wie man den möglichen Risiken begegnen will.
Dabei muss geprüft werden, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Risi-
ko eintritt.
Daraus ergeben sich folgende Möglichkeiten zur Risikoabsicherung:
1. Umstellung von zunächst gewählten Bauverfahren,
2. Neufestlegung der Soll-Produktionsleistungen,
3. Bewertung der Wagnisse und
4. soweit möglich eine Beteiligung des Auftraggebers am Risiko über eine ver-
tragliche Absicherung.
Bei dieser Methode steht der Risiko-Terminplan im Mittelpunkt, der erkennen
lässt, wann wo und in welcher Höhe mit Risiken zu rechnen ist.
Im übrigen soll nicht unerwähnt bleiben, dass schon vor fünfzehn Jahren auf
die Bedeutung eines objektbezogenen Risikomanagements für das Einhalten der
Projektziele (Bauzeit, Qualität, Kosten) sowie Risiko-Maßnahmen im Bereich der
Ablaufplanung und Vertragsgestaltung (Ersatz- Einsatzmöglichkeit des Potentials
bei Störungen der Produktion, Terminspanne für die Fertigstellung der Arbeiten
statt eines präzisen Termins) nachdrücklich hingewiesen wurde [11.9].
Neben den in Gruppe 3 und 4 der Tabelle 46 aufgelisteten Risiken aus der Bau-
produktion wurden bereits damals für das wirtschaftliche Ergebnis einer Produkti-
onsaufgabe folgende weitere Risiken aus den Gruppen 1 und 5 besonders hervor-
gehoben:
1. Das Kalkulationswagnis aus dem Ansatz der Aufwandswerte und Leistungsan-
sätze.
686 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Werden die kalkulierten Leistungen nicht erbracht, entstehen neben höheren di-
rekten Kosten für Löhne und Geräte oft erhebliche Folgekosten aus Terminver-
zögerungen, Umstellungen des Arbeitsablaufs und aus den zeitabhängigen Bau-
stellengemeinkosten.
Dieses Risiko kann durch eine detaillierte Arbeitsvorbereitung während der
Angebotsphase eingeschränkt werden.
2. Das Kalkulationswagnis aus Nichtberücksichtigung von Vertragsbedingungen.
Dieses Risiko kann nur durch Studium des Vertrages vermieden oder gemindert
werden.
3. Das Gewährleistungswagnis
Dieses Wagnis tritt nach Beendigung der Bauzeit ein und zwar über den als
Gewährleistungszeit vereinbarten Zeitraum (nach VOB 2 Jahre, nach BGB 5
Jahre).
Unter dieses Risiko fallen:
− das Versagen von Baustoffen,
− die Gewährleistung für Bauleistungen, die von Subunternehmern erbracht
wurden, die nicht in der Lage sind, in vollem Umfang für die von ihnen er-
brachten fehlerhaften Leistungen zu haften.
Zur Vermeidung dieser Risiken muss eine strenge eigene Qualitätskontrolle
eingerichtet werden mit der Aufgabe, nicht nur alle wichtigen Baustoffe vor dem
Einbau zu testen, sondern auch die Bauarbeiten genau zu überwachen und die Er-
gebnisse entsprechend zu dokumentieren.
Beim Bauen im Ausland treten darüber hinaus weitere Risiken auf, auf die im
Rahmen dieser Darstellung nicht eingegangen werden soll [12.1].
12.5.4 Modernes Risikomanagement – Beispiele
Durch die Entwicklung, Planung und Ausführung großer Bauprojekte im In- und
Ausland und die Situation auf dem deutschen Baumarkt ist das Abschätzen, Be-
werten und Managen von Risiken bei Auftraggebern, Planern und Bauunterneh-
men wieder in den Vordergrund von Kostenberechnungen für derartige Bauvorha-
ben gerückt. Dabei sollten für nahezu alle Bauvorhaben derartige Risiko-
überlegungen angestellt werden. Der Trend geht zu einer Risikoabschätzung und -
abwehr durch alle an einem (Groß-) Projekt Beteiligten im Rahmen eines „integ-
rierten Risikomanagements“.
Nach den Vorträgen auf einer Tagung an der Universität Kassel reicht die
„Bandbreite“ bei der Anwendung risikoabwehrender Maßnahmen von Infrastruk-
turprojekten wie Bahn- und Autobahnstrecken, die großen Basistunnel unter dem
Gotthard und Lötschberg bis zur Planung und dem Bau von Flughäfen und vom
Risikomanagement aus der Sicht eines mittelständigen Bauunternehmens bis zur
allgemeinen Risikoverteilung zwischen Auftraggebern und -nehmern. Ich verwei-
se hierzu auf die Literatur [12.102].
Aus den 21 Vorträgen dieser Tagung, die im Tagungsband enthalten sind, sei
jedoch das einführende Referat von K. Spang über „Integriertes Risikomanage-
12.6 Nachkalkulation 687
ment bei großen Bauvorhaben – Vision und Realität“ und der Vortrag von W.
Heiermann über „Juristisches Risikomanagement als Bestandteil des Projektma-
nagements bei Großbauvorhaben“ besonders erwähnt.
Zu weiteren aktuellen Risikoermittlungen verweise ich auf die Spezialliteratur
[12.104 bis 12.108].
12.6 Nachkalkulation
12.6.1 Zweck
Kurz gefasst bestehen Sinn und Zweck einer Nachkalkulation im Soll-Ist-
Vergleich der kalkulierten oder vorgegebenen Produktionsdaten (Soll) mit den an-
gefallenen Aufwandswerten, Leistungswerten und Kosten (Ist).
Diese Soll-Ist-Vergleiche dienen
− als Kontrollinstrument für die Ablaufsteuerung laufender Bauvorhaben, dafür
müssen sie jedoch rechtzeitig vorliegen, als auch
− zur Ermittlung von Aufwandswerten und Kosten für künftige ähnliche Bauvor-
haben.
Die Nachkalkulation wird i.d.R. in periodischen Abständen vorgenommen
(monatlich). In der Anlaufphase einer Baustelle kann es notwendig sein, damit die
Hauptleistungen in kürzeren Zeitabständen, ggf. täglich, zu kontrollieren.
Aus der Nachkalkulation sind die erforderlichen Daten zur Planung und Steue-
rung der Termine und Kosten des Potentialeinsatzes zu erhalten. Im Abschn. 13
(Controlling) gehe ich nochmals darauf ein.
Bei der Ermittlung der tatsächlich anfallenden Aufwendungen einer Produktion
sind kaufmännische und technische Nachkalkulation zu unterscheiden.
Die kaufmännische Nachkalkulation verfolgt in frei zu wählenden Zeitabschnit-
ten den Verlauf der Baustelle durch Vergleich der Sollkosten aus der Arbeitskal-
kulation mit den Istwerten der Buchhaltung. Dazu müssen die Konten der Buch-
haltung nach den Kostenartengruppen der Kalkulation sortiert und in
Übereinstimmung gebracht werden.
Diese Kostenkontrolle wird durch die kaufmännische Abteilung einer Unter-
nehmung vorgenommen. Dafür ist eine Gliederung nach folgenden Kostenarten-
gruppen zweckmäßig (weitere Untergruppen nach Bedarf):
− Lohnkosten (Stunden und Mittellohn)
− Stoffkosten
− Gerätekosten für Eigengerät und Fremdmieten
− Kosten der Schalung und Rüstung, ggf. weiterer wesentlicher Bauhilfsstoffe
− Kosten der Nachunternehmerleistungen
− Allgemeine und Sonderkosten (Gemeinkosten der Baustelle).
688 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Die technische Nachkalkulation ermittelt den Stundenverbrauch von Mann-
schaft und Gerät für die einzelnen Teilleistungen, den Mittellohn, die Mengen der
verbrauchten Betriebsstoffe und der eingebauten Baustoffe, die Kosten der wichti-
gen Bauhilfsstoffe und die Gemeinkosten der Baustelle. Durch Vergleich mit der
Arbeitskalkulation muss die technische Nachkalkulation verlässliche Daten für die
Ablaufsteuerung und für weitere Angebote liefern.
Der übliche Stichtag für die technische Nachkalkulation ist das Monatsende. In
Bild 12.17 sind zum Vergleich die Aufgaben der kaufmännischen und technischen
Nachkalkulation gegenübergestellt.
Bild 12.17: Aufgaben der technischen und kaufmännischen Nachkalkulation [11.11]
12.6 Nachkalkulation 689
12.6.2 Umfang einer Nachkalkulation
Im Rahmen der Nachkalkulation werden Soll-Ist-Vergleiche für alle wesentlichen
Produktionsdaten vorgenommen. I.W. sind dies (s. a. Bild 12.17):
− die Lohnstunden der unmittelbaren Herstellkosten
(Einzelkosten der Teilleistungen),
− die Stunden aus den Gemeinkosten der Baustelle
(bspw. Hilfs- und Reparaturlöhne),
− die Betriebsmittelstunden
(Maschineneinsatz),
− der Materialverbrauch für die Hauptleistungen
(bspw. Beton, Stahl, Straßenbaustoffe),
− der Mittellohn
Je nach Art der Baustelle werden weitere Aufwandswerte ermittelt, bspw.
− der Betriebsstoffverbrauch / m³ Erdbewegung oder je tkm und Fahrzeug,
− der Sprengstoffverbrauch / m³ Ausbruch (Abtrag)
− Transportkostenanteile
− die Kosten der Schalung und Rüstung.
12.6.3 Unterlagen
Unterlagen bzw. Voraussetzung einer Nachkalkulation sind
− die Tages- und Wochenberichte der Poliere (Kolonnenführer), die auch zur
Lohnabrechnung dienen. Sie enthalten die täglich bzw. je Schicht verfahrenen
Arbeitsstunden der Kolonne, aufgegliedert nach den einzelnen Vorgängen der
Ablaufplanung. Diese sind mit den Vorgabewerten (Solldaten) in einem fir-
men- bzw. baustellenspezifischen Arbeitsverzeichnis (Bauarbeitsschlüssel, Jobs
bzw. Basispositionen) zusammengefasst. (s. Abschn. 13.4).
− die Maschinentagesberichte für das Großgerät. Sie enthalten die Maschinen-
stunden, ebenfalls aufgeteilt auf die einzelnen Jobs, und den Betriebsstoff-
verbrauch.
− die zum Stichtag fertiggestellten Fertigungsmengen der Positionen des Arbeits-
verzeichnisses (Aufmaß) bzw. den Fertigstellungsgrad der einzelnen Jobs,
− die verbrauchten Hauptbaustoffe (aus den Bautagesberichten bzw. Aufmaßen),
− die Einsatzzahlen der wichtigsten Bauhilfsstoffe (bspw. der Schalung und Rüs-
tung).
Beispiele gehen aus Bild 12.18–12.21 hervor.
690 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Bild 12.18: Tagesstundenbericht [11.11]
12.6 Nachkalkulation 691
Bild 12.19: Wochenstundenbericht [11.11]
692 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Bild 12.20: Aufmassblatt für die interne Mengenermittlung [11.11]
12.6 Nachkalkulation 693
Bild 12.21: Maschinentagesbericht [11.11]
12.6.4 Gang einer Nachkalkulation
Anhand dieser Unterlagen läuft eine Nachkalkulation unter Verwendung entspre-
chender, häufig firmeneigener Formulare in folgenden Schritten ab:
1. Für jede Leistungseinheit (Job bzw. Basisposition) werden die verfahrenen
Lohnstunden oder die verbrauchten Stoffmengen über den Berichtszeitraum
und den vorangegangenen Gesamtablauf addiert und durch die fertiggestellten
Produktmengen dividiert. Damit erhält man den Istaufwand je Mengeneinheit
im Berichtszeitraum und insgesamt.
2. Ebenso werden je Leistungseinheit die Sollwerte aus dem Arbeitsverzeichnis in
das Formular eingetragen.
3. Durch Vergleich der Ist- mit den Solldaten der Arbeitskalkulation bzw. der Ab-
laufplanung ergeben sich Über- und Unterschreitungen gegenüber den Vorga-
bewerten.
4. Multipliziert man darüber hinaus die Stundendifferenz mit dem tatsächlichen
Mittellohn (aus der Lohnbuchhaltung), erhält man den Mehraufwand oder die
Einsparung an Lohnkosten.
694 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Auf gleiche Weise werden alle relevanten weiteren Daten einander gegenüber-
gestellt und die Differenzen ermittelt. Insgesamt ergeben sich daraus die Mehr-
aufwendungen oder Einsparungen gegenüber den Plandaten.
Aus dem Vergleich der Daten des letzten Produktionsabschnitts mit den Ergeb-
nissen der Vormonate ergibt sich die jeweilige Trendaussage.
Die endgültigen Nachkalkulationswerte der einzelnen Positionen können dann
in Sammelblätter eingetragen werden, die entweder die wichtigsten Ergebnisse
verschiedener Positionen einer Baustelle oder die Ergebnisse gleichartiger Positi-
onen aus verschiedenen Baustellen enthalten.
Beispiele und ein Auszug aus einem Bauarbeitsschlüssel für einen Stahlbeton-
skelettbau gehen aus Bild 12.22–12.27, weitere Einzelheiten aus [12.3, 11.11] und
[12.12] hervor.
12.6.5 EDV-Einsatz
Um die Ergebnisse von Nachkalkulationen schnell zu erhalten und damit Baustel-
len zielsicher steuern zu können, wurden EDV-Programme entwickelt. Damit ist
es möglich, mit Personalcomputern auch auf kleineren Baustellen schnell die er-
forderlichen Nachkalkulationen vorzunehmen.
Ein an der ETH Zürich dafür entwickeltes Schema ist in Bild 12.28 dargestellt,
das PC-Programm in [12.13] beschrieben.
Zusammenfassend ist somit die Nachkalkulation die erste Stufe der Ablaufkon-
trolle und damit Voraussetzung für die Ablaufsteuerung.
Bild 12.22: Auszug aus einem Bauarbeitsschlüssel für einen Stahlbeton-Skelettbau [12.12]
12.6 Nachkalkulation 695
Bild 12.23: Ermittlungsbogen des Arbeitsaufwandes für lohnintensive Arbeiten [11.11]
696 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Bild 12.24: Leistungswerte-Sammelkarte für das Schalen von Massivdecken auf verschie-
denen Baustellen [11.11]
Bild 12.25: Gesamtstunden und Gesamtlohnvergleich einer Baustelle [11.11]
Bild 12.26: Nachkalkulation von Einzelwerten, Auszug [12.12]
12.6 Nachkalkulation 697
Bild 12.27: Nachkalkulation von Einzelwerten – Zusammenstellungsblatt der wichtigsten
Arbeiten einer Baustelle [12.12]
Bild 12.28.1: KPC-Menüstruktur
698 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Bild 12.28.2: Grundkonzept KPC
Bild 12.28: Grundkonzept und Menüstruktur für die Nachkalkulation mit Personalcompu-
tern [12.13]
12.7 Optimierung von Bauabläufen
Das Ziel jeder Ablaufplanung besteht darin, den optimalen Gesamtablauf einer
Produktionsaufgabe (Baustelle) zu ermitteln. Das ist entweder die kosten-
günstigste Lösung bei vorgegebener Bauzeit oder die kürzestmögliche Bauzeit bei
noch vertretbaren Kosten. In beiden Fällen führt der Lösungsweg über die Opti-
mierung der einzelnen Teilverfahren.
12.7.1 Verfahrensoptimierung im Stahlbetonbau
Über die Ermittlung der kostengünstigsten oder zeitminimalen Verfahren im
Stahlbetonbau liegen umfangreiche Untersuchungen vor, deren Ergebnisse sinn-
gemäß auf andere Produktionsbereiche übertragen werden können. Danach geht es
im allgemeinen Hoch- und Ingenieurbau um folgende Teilbereiche:
1. die erforderliche Anzahl an Kränen für die Fertigungsprozesse,
2. den Einfluss der Krangröße auf die Leistungs-/Stundenansätze der Einzelver-
fahren,
12.7 Optimierung von Bauabläufen 699
3. den Einfluss der Bauzeit auf die Herstellkosten.
Dazu sollte „die technisch-wirtschaftliche Planung um einen organisatorischen
Ansatz zum Leistungsanreiz der Mitarbeiter ergänzt werden. Ohne Anreiz- und
Beurteilungsmethoden –leistungsgerechte Entlohnung, Geltung, Aufstieg – lässt
sich auf der Baustelle auch die optimale Fertigungsplanung kaum durchsetzen“
[12.14].
zu Punkt 1: Erforderliche Anzahl an Kränen
Aus der Auswertung von Arbeitsstudien ist bekannt, wie über die für ein bestimm-
tes Bauvolumen umzuschlagenden Mengen an Bau- und Bauhilfsstoffen (Scha-
lung), die Kranaufwandswerte pro Mengeneinheit und die möglichen Kran-
standorte, Kranleistung, -anzahl und Krangröße bestimmt werden können.
Umgekehrt kann über diese Daten die minimale Bauzeit ermittelt werden. Diese
Ermittlung der Förderleistung von Kränen wurde bereits im Abschn. [Link] dar-
gestellt. Ein weiteres Beispiel geht aus Tabelle 50 hervor.
Danach bestimmt die zeitliche Nutzung der Leitgeräte (Kran) und deren mögli-
che Anzahl den Bauablauf.
zu Punkt 2: Einfluss der Krangröße auf die Leistungs-/Stundenansätze
Durch den Einsatz größerer Schalelemente, Betonkübel und Fertigteile sinken die
Stundenansätze (Aufwandswerte) für Schalung, Betoneinbau und Montage. Die
Ursache ist, dass unabhängig von der Größe des Fördergutes die Hubzeit des
Krans konstant bleibt, die Zeiten für das An-/Abschlagen nur unerheblich beein-
flusst werden und die reine Hubzeit nur geringen Einfluss auf die Spielzeit hat.
Daraus folgt:
− je größer die Menge des Förderguts ist, das je Hub gefördert werden kann, des-
to weniger Kranzeit ist erforderlich;
− je größer des Fördergut ist (Betonkübel, Schalelement, Fertigteil), desto niedri-
ger sind bei konstanter Größe der Arbeitsgruppe die Stundenansätze für das je-
weilige Fertigungsverfahren.
Für die Baustelle heißt das, dass die Größe der Kräne über den Bedarf an Kran-
zeit (Bauzeit) und die Produktivität der Fertigung mit entscheidet.
Da sich im realen Baugeschehen jedoch keine beliebig großen Kübel, Fertigtei-
le, Schalelemente einsetzen lassen, sind selbstverständlich die von der Konstrukti-
on des Bauwerks vorgegebenen Randbedingungen in die optimale Kranauswahl
einzubeziehen.
Die wirtschaftlichsten Kranvarianten ergeben sich, indem
− entweder bei vorgegebener Bauzeit das Kranpotential angepasst oder
− bei gegebener (möglicher) Kranzahl die Bauzeit angepasst wird.
Ein Beispiel zur Krangrößenoptimierung bei den Hauptmengen für das gleiche
Regelgeschoß wie in Tabelle 50 geht aus Tabelle 51 und 52 hervor. In beiden Fäl-
len ist (bei 44 m Ausladung) der T 90 die wirtschaftlichste Alternative [12.14].
700 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Tabelle 50: Kranzahl / Bauzeitbestimmung eines Regelgeschosses [12.14]
zu Punkt 3: Einfluss der Bauzeit auf die Herstellkosten
Um die Frage nach der optimalen Bauzeit beantworten zu können, sind der Ein-
fluss der Bauzeit auf die einmaligen und die zeitabhängigen Gemeinkosten der
Baustelle sowie der Einfluss der Einzelkosten der Teilleistungen (der unmittelba-
ren Herstellkosten) auf die Bauzeit zu untersuchen.
Diese Relationen werden in [12.14] an Beispielen erläutert.
12.7 Optimierung von Bauabläufen 701
Tabelle 51: Krangrößenoptimierung aus Hauptmengen, max. Ausladung 44 m [12.14]
Tabelle 52: Kostenvergleich alternativer Kran-Lohnkosten [12.14]
Der gravierende Einfluss der zeitabhängigen Gemeinkosten der Baustelle ist
bekannt. Seit Jahren versuchen deshalb die Baubetriebe, real vorgegebene Bauzei-
ten möglichst zu unterschreiten, soweit die Kosten für Überstunden und der damit
verbundene Leistungsabfall der Mannschaft das zulassen.
Bei den Einzelkosten der Teilleistungen geht es vor allem darum, wie die An-
zahl an Fertigungsabschnitten bei den verschiedenen Teilarbeiten (Serie) die Bau-
zeit beeinflusst (s. hierzu Bild 11.23).
Darüber hinaus ist die Relation zwischen der Anzahl an Bauabschnitten, der
Arbeitsgeschwindigkeit und der Vorhaltemenge an Schalung von Bedeutung. In
702 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
[12.14] ist auch hierzu an Beispielen dargestellt, welchen Einfluss diese Daten der
Ablaufplanung bei konstanter Belegschaft bzw. Kranzahl auf die Bauzeit und die
Einzelkosten haben.
Das Ergebnis einer Ermittlung der optimalen Fertigungsserie für eine Wand-
schalung ist in Tabelle 53 dargestellt. Die wichtigsten Einflussfaktoren auf die
Bauzeit sind demnach der technologisch bedingte 1-Tagestakt einschließlich Be-
tonieren, da erst am nächsten Morgen die Schalung zurückgewonnen werden
kann, sowie die Anzahl der Kräne.
Bei Deckenschalungen sind die Zusammenhänge komplizierter, da die Erhär-
tungszeit des Betons eine längere Standzeit der Schalung erfordert. Dadurch ver-
ändert sich die erforderliche Schalungsmenge nicht proportional zur Anzahl der
Fertigungsabschnitte, obwohl auch hier die Vorhaltemenge durch die Produkti-
onsgeschwindigkeit bestimmt wird. Beispiele hierzu sind in Bild 12.29 und Tabel-
le 54 dargestellt.
Tabelle 53: Ermittlung der optimalen Fertigungsserie bei Wandschalung [12.14]
12.7 Optimierung von Bauabläufen 703
Tabelle 54: Ermittlung der optimalen Fertigungsserie bei Deckenschalung [12.14]
Über die hier nur im Ergebnis dargestellten Zusammenhänge lassen sich Pro-
duktionszeit und Kosten der einzelnen Verfahren optimieren.
Zusammenfassend weisen die Verfasser noch darauf hin, dass jede Optimalpla-
nung nur so gut ist, wie sie auf der Baustelle umgesetzt werden kann. Nur wenn
alle Mitarbeiter motiviert werden können, eine optimale Verfahrensplanung auf
der Baustelle zu verwirklichen, lässt sie sich realisieren. Hierfür werden Leis-
tungslohn und Erfolgsbeteiligung genannt. Außerdem sollte die Arbeitsvorberei-
tung mit den Polieren, Vorarbeitern und ggf. Facharbeitern abgestimmt werden
[12.14].
704 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Bild 12.29.1: Vorhaltemenge in Abhängigkeit von der Anzahl der Fertigungsabschnitte
Bild 12.29.2: Vorhaltemenge in Abhängigkeit von der Arbeitsgeschwindigkeit
Bild 12.29: Abhängigkeiten der Vorhaltemenge an Schalung [12.14]
12.7.2 Bewertung von Ablauf-Alternativen zur Ermittlung
der kostenoptimalen Bauzeit
Mit den Methoden nach 12.7.1 lassen sich für einzelne Produktionsvorgänge kos-
tenoptimale Ausführungsdauern bestimmen. Wird diese Verfahrensoptimierung
mit der Kostenplanung für das Projekt kombiniert, können über die zeitliche Ver-
teilung von Ausgaben und Einnahmen die Kosten der Zwischenfinanzierung er-
mittelt werden. Unter Anwendung von Verfahren der Investitionsrechnung lassen
sich damit verschiedene Ablaufalternativen kostenmäßig bewerten und verglei-
chen.
In Bild 12.30 ist hierzu ein Beispiel dargestellt [12.15].
Es handelt sich um ein Bürogebäude mit rd. 55.000 m³ BRI und 14.900 m²
BGF im Innenstadtbereich einer Großstadt. Die Konstruktion besteht aus Stahlbe-
ton in Ortbetonbauweise mit Fassadenstützen aus Stahl und vorgehängter Alumi-
niumfassade.
Die Ausgangslösung für den Bauablauf (A) ergab eine Bauzeit von 32 Mona-
ten, wobei keine terminlichen Restriktionen zu berücksichtigen waren. Dazu wur-
den folgende Ablaufvarianten erarbeitet:
A1 Bauzeit 29 Monate
Die Verkürzung um 3 Monate ergab sich durch Einbau einer provisorischen
Verglasung, um die gebäudetechnischen Rohinstallationen und die Monta-
12.7 Optimierung von Bauabläufen 705
ge der Zentralen während der kälteren Jahreszeit unter Beheizung weiter-
führen zu können.
A2 Bauzeit 28 Monate
Weitere Verkürzung der Bauzeit durch Einsatz höherer Kapazitäten bei den
Aushub-, Baugrubenverkleidungs- und Stahlbetonarbeiten.
A3 Bauzeit 26 Monate
Extrem kurze Lösung. Dafür werden neben den Maßnahmen nach A2 in
den gebäudetechnischen Leistungsbereichen größere Montagekolonnen
eingesetzt. Außerdem wurde die durchschnittliche Arbeitszeit von 9 auf 10
Stunden/Arbeitstag angehoben.
A4 Bauzeit 35 Monate
Extrem lange Lösung unter Berücksichtigung evtl. Verzögerungen bei den
Stahlbetonarbeiten (Winterpause), wobei vorausgesetzt wurde, dass die da-
durch auftretenden Verzögerungen nicht mehr aufgefangen werden können.
Für diese 5 Varianten wurden die in Bild 12.30 dargestellten Baukosten ermit-
telt.
Die Kosten der einzelnen Ablaufalternativen wurden nach der Kapitalwertme-
thode ermittelt, wobei als Bezugszeitpunkt die Inbetriebnahme des Gebäudes ge-
wählt wurde.
Die Ablaufalternativen ergeben Ausführungsdauern zwischen 26 und 35 Mona-
ten, wobei sich die Kosten zwischen rd. 27,7 und 28,4 Mio. DM bewegen. Die zu-
nächst sehr gering erscheinende Differenz von rd. 3,2%, die innerhalb der in die-
sem Planungsstadium erreichbaren Kalkulationsgenauigkeit liegt, darf nicht
Bild 12.30: Kalkulierte Kosten und Bauzeit von 5 Ablaufvarianten für ein Bürogebäude
[nach 12.15]
706 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
darüber hinwegtäuschen, dass dieses Bild wesentlich verschoben wird, wenn die
Kosten der Zwischenfinanzierung in die Untersuchung einbezogen werden. Be-
rücksichtigt man außerdem noch die Grundstücks- und Planungskosten, so treten
Abweichungen auf, die über 1,0 Mio. DM betragen können und somit die Beurtei-
lung der Wirtschaftlichkeit verschiedener Ablaufvarianten ganz erheblich beein-
flussen [12.15].
Die Bauzeit der einzelnen Varianten ergibt sich durch zeitliche und quantitative
Anpassung des Potentials bzw. bei A1 durch zusätzliche Maßnahmen wie der
Winterfestmachung der Baustelle.
Bild 12.31: Zusammenhang zwischen Bauzeit und Kosten [12.1]
Das Beispiel zeigt, wie innerhalb der möglichen Bandbreite (Bild 11.15 und
12.30) die kostenoptimale Bauzeit durch Simulation verschiedener Ablaufvarian-
ten gefunden werden kann. Diese Aufgabe ist heute durch Einsatz von EDV-
Anlagen in relativ kurzer Zeit mit vertretbarem Aufwand zu lösen.
Damit ist es jedem Baubetrieb möglich, unter Berücksichtigung seiner besonde-
ren Ausgangslage im Einzelfall eine für ihn zeit- oder kostenoptimale Lösung zu
finden. Weicht diese von der in einer Ausschreibung geforderten Bauzeit ab, kann
sie dem Bauherrn als Nebenangebot offeriert werden.
Weitere Beispiele und Hinweise finden sich in der Literatur [12.1, 11.9].
12.8 Investitionsplanung/Verfahrensvergleich
12.8.1 Vorbemerkung
Ein wesentlicher Punkt der Planung und Kalkulation einer Produktionsaufgabe ist
die Wahl des zeit- bzw. kostenoptimalen Fertigungsverfahrens. Wenn dafür Be-
triebsmittel beschafft werden müssen, sind Investitionsentscheidungen zu treffen.
12.8 Investitionsplanung/Verfahrensvergleich 707
Der Abschnitt über Produktionskosten soll deshalb durch einen Überblick über
den Verfahrensvergleich und die Hilfsmittel derartiger Entscheidungen (Investiti-
onsrechenverfahren) ergänzt werden.
Seit etwa 1950 ist der Fortschritt im Bauwesen der Bundesrepublik und Mittel-
europas durch konstante technische Weiterentwicklung von Baustoffen und Ar-
beitsverfahren, vor allem aber durch Maschinisierung und Mechanisierung in der
Fertigung gekennzeichnet. Die Folge war eine Expansion des Anlagevermögens
der Firmen und damit des Kapitalbedarfs; aus dem lohnintensiven Handwerksbe-
trieb wurde der kapitalintensive Industriebetrieb.
Mit erhöhtem Kapitaleinsatz wächst das Unternehmensrisiko und damit die
Notwendigkeit, Instrumente zu besitzen, die dieses Risiko mindern. Solche re-
chentechnischen Instrumente sind kurzfristige Kosten- und Leistungskontrollen,
vor allem aber zielsichere kurz-, mittel- und längerfristige Planrechnungen.
Allgemein versteht man unter Investition den Einsatz verfügbarer Mittel für ei-
nen bestimmten Zweck, also Umwandlung von Kapital in andere Vermögensteile
(Anlagevermögen). In der Fertigung gehört dazu die Beschaffung von Produkti-
onsmitteln.
Um derartige Investitionen so effektiv wie möglich vornehmen zu können,
werden sie geplant. Ein Maßstab, um verschiedene Investitionen quantitativ mit-
einander vergleichen und damit die günstigste auswählen zu können, ist die Inves-
titionsrechnung. Sie bildet deshalb ein wesentliches Hilfsmittel der Investitions-
planung.
12.8.2 Begriff und Arten der Investition
Bevor mit der Durchführung von Betriebsprozessen begonnen werden kann, wer-
den die aus Eigen- und Fremdkapital verfügbaren finanziellen Mittel zur Beschaf-
fung von Rohstoffen, Maschinen usw. verwendet. Diese Umwandlung von liqui-
den Mitteln in andere Vermögensteile bezeichnet man als Investition.
Nach dem Investitionsanlass werden verschiedene Arten von Investitionen un-
terschieden. So bezeichnet man eine Investition, die die Produktionskosten senkt
oder die Qualität des Produktionsprozesses verbessert, als Rationalisierungsinves-
tition. Eine Investition, mit der die vorhandene Produktionskapazität vergrößert
wird, bezeichnet man als Erweiterungsinvestition und eine Investition schließlich,
bei der verbrauchte Produktionsgüter zur Erhaltung der betrieblichen Leistungsfä-
higkeit ersetzt werden, als Ersatzinvestition. In der Praxis überwiegen die Misch-
formen. Einmal wirkt der Ersatz einer alten durch eine neue Maschine häufig rati-
onalisierend, zum anderen sind Ersatzinvestitionen vielfach zugleich Erwei-
terungsinvestitionen, da abgenutzte Anlagen oft durch neue ersetzt werden, die
eine höhere Fertigungskapazität besitzen.
Darüber hinaus sind Investitionsentscheidungen denkbar im Hinblick auf Be-
triebsmittel für Produktionsbeschränkungen bei rückläufigem Markt.
In diesem seit 1996 in Deutschland eingetretenem Fall werden Investitionen
auch durch das fallweise Anmieten von Großgeräten (Baumaschinen) und von
Bauhilfsstoffen (Betonschalungen, Traggerüste u. ä.) ersetzt.
708 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
12.8.3 Aufgabe der Investitionsrechnung
Im Rahmen einer Investitionsplanung soll die Investitionsrechnung drei Fragen
beantworten:
− Ist eine Einzelinvestition vorteilhaft ?
Damit soll geprüft werden, ob eine einzelne Investition im Blick auf die Ziel-
setzung einer Unternehmung getätigt werden soll oder nicht.
− Welche der möglichen Investitionen soll durchgeführt werden (Wahlproblem)?
Im allgemeinen werden sich mehrere Investitionen anbieten, unter denen aus-
gewählt werden muss. Die Notwendigkeit zur Auswahl kann sich ergeben, weil
die finanziellen Mittel nicht ausreichen, um alle möglichen Investitionen
durchzuführen. Zum anderen kann es sich um technische Alternativen handeln,
die sich gegenseitig ausschließen. Die Investitionsrechnung hat dann zu
bestimmen, welche der zur Wahl stehenden Investitionen für die Unterneh-
mung am günstigsten ist.
− Soll eine bereits vorhandene Anlage durch eine neue ersetzt werden (Ersatz-
problem) ?
Der technische Fortschritt bedingt, dass laufend neue Maschinen auf dem
Markt erscheinen, die zwar funktionsgleich sind, aber unterschiedliche Kosten
und Leistungsbedingungen aufweisen. Zum anderen ändern sich für die im Be-
trieb befindlichen Maschinen im allgemeinen im Zeitablauf ihre Kosten und
Leistungskennziffern (steigende Instandhaltungskosten bei abnehmender Ver-
fügbarkeit). Beide Ursachen bewirken, dass sich laufend die Frage stellt, ob ei-
ne vorhandene Maschine, obwohl sie noch eingesetzt werden könnte, durch ei-
ne neue ersetzt oder Gerät für den erforderlichen Zeitraum angemietet werden
soll.
Damit wird die Investitionsentscheidung auf einen Kostenvergleich zweier oder
mehrerer Fertigungsverfahren zurückgeführt. Ich gehe deshalb nur auf diesen
Kostenvergleich ein. Für Investitionsentscheidungen verweise ich auf die Spe-
zialliteratur [10.5].
12.8.4 Kostenvergleichsrechnung
Diese Methode ist als kalkulatorischer Verfahrensvergleich in der Praxis sehr ver-
breitet. Sie stellt die Kosten zweier oder mehrerer Verfahrensalternativen einander
gegenüber, um das günstigste Verfahren zu ermitteln [10.5].
Dafür sind folgende Kostenarten von Bedeutung:
− Kapitalkosten, d.h. kalkulatorische Abschreibung und Verzinsung
− Betriebskosten, Lohn-, Lohnzusatz- und Lohnnebenkosten, Materialkosten
− Instandhaltungskosten (Instandsetzung, Inspektion, Wartung)
− Energiekosten
− Raumkosten (soweit erforderlich)
− Werkzeugkosten
12.8 Investitionsplanung/Verfahrensvergleich 709
− Versicherungskosten.
Damit lautet die Gleichung für den Kostenvergleich zweier Verfahren (1 und
2):
⋅i > ⋅i
B1 + A1 + A1 = B 2 + A 2 + A 2 (78)
t1 2 < t2 2
Hierbei bedeuten:
B1,2 = Betriebskosten, sie umfassen
Löhne und Lohnnebenkosten, Materialkosten, Instandhaltungskosten,
Energie-, und Werkzeugkosten.
A1, 2
= jährliche kalkulatorische Abschreibung
t1, 2
der Maschinen und Einrichtungen
t1,2 = wirtschaftliche Nutzungsdauer
i = kalkulatorische Zinsen
Die kalkulatorische Abschreibung wird unabhängig von der bilanzmäßigen er-
mittelt. Sie umfasst die Wertminderung der betriebsnotwendigen Anlagen und
wird als Kostenart den Leistungen zugerechnet. Sie dient der Selbstkostenermitt-
lung und bezweckt den Kostenersatz durch den Preis.
Bei gemietetem Gerät ist für die kalkulatorische Abschreibung und Verzinsung
die monatliche Miete anzusetzen. Die Verbrauchsdaten sind dann auf 1 Monat zu
beziehen.
Für die Entscheidung ist nicht allein die Ermittlung der Kosten pro Leistungs-
einheit von Bedeutung, wenn Anlagen in ihrer quantitativen Leistung voneinander
abweichen. In diesem Falle interessiert auch die kritische Menge (Bild 12.32).
Aus Bild 12.32.1 geht hervor, dass die Anlage I bei jeder Leistungsmenge
günstiger ist. Eine kritische Menge existiert nicht.
Bei Kostenverläufen der in Bild 12.32.2 wiedergegebenen Art ergibt sich dage-
gen eine kritische Menge. Vor Erreichen dieser Menge arbeitet die Anlage II kos-
tengünstiger, danach ist die Anlage I vorteilhafter. Die kritische Menge ist dem-
nach diejenige Leistung, bei der die Kosten der beiden Anlagen gleich hoch sind.
Werden mehr als zwei Verfahren miteinander verglichen, so erhält man im all-
gemeinen auch mehrere kritische Mengen (Bild 12.32.3).
Aus dem Ausdruck „Anschaffungswert A / Nutzungsdauer t“ in Gl. (78) erge-
ben sich drei Probleme [10.5]:
− der Anschaffungswert A,
− die Nutzungsdauer t und
− die lineare Beziehung zwischen A und t.
Der Anschaffungswert A als Grundlage der Abschreibungsrate kann nur ein Er-
satzwert sein, wenn der Wiederbeschaffungswert für das Investitionsgut nicht er-
mittelt werden kann.
710 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
Bild 12.32.1: Keine kritische Menge, Verfahren II aufwendiger als Verfahren I
Bild 12.32.2: Bis zur kritischen Menge ist Verfahren II kostengünstiger als Verfahren I
Bild 12.32.3: Mehrere kritische Mengen
Bild 12.32: Kritische Mengen verschiedener Fertigungsverfahren [10.5]
Die Nutzungsdauer t ist für die Höhe der periodischen Abschreibungen von
entscheidender Bedeutung. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die technische Nut-
zungsdauer nicht eindeutig feststeht, sondern weitgehend von der Höhe des lau-
fenden Erhaltungsaufwandes abhängt. Für eine ökonomische Rechnung kann nur
12.8 Investitionsplanung/Verfahrensvergleich 711
die wirtschaftliche Nutzungsdauer maßgebend sein. Sie ist dann beendet, wenn ei-
ne Anlage aus wirtschaftlichen Gründen durch eine andere ersetzt werden sollte.
Da die exakte rechnerische Ermittlung der wirtschaftlichen Lebensdauer einer
Anlage wegen der zukünftigen Unsicherheiten nicht möglich ist, hilft sich die Pra-
xis mit überbetrieblich ermittelten Erfahrungswerten (bspw. der Baugeräteliste).
Die gleichmäßige Abschreibung A/t, deren Vorzug in der rechnerisch einfachen
Handhabung liegt, unterstellt eine konstante Gebrauchsfähigkeit der Anlage wäh-
rend der Nutzungsdauer. Die unterschiedliche Nutzung in den einzelnen Perioden
und der steigende Unterhaltungsaufwand finden bei gleichbleibender Abschrei-
bung keine Beachtung. Sie entspricht somit nicht dem Prinzip der Abschreibungs-
bemessung nach der Verursachung.
Der Abschreibungsbetrag ergibt sich, indem der Anschaffungswert der Anlage
durch die Gesamtleistungsmenge dividiert wird.
Beispiel (in Geldeinheiten GE):
Der Anschaffungswert A einer Anlage sei 100.000,- GE, ihre Lebensdauer betrage
10 Jahre, Laufzeit pro Tag 8 Stunden, 250 Arbeitstage pro Jahr.
Gesamtleistungsmenge:
250 Tage · 8 Stunden · 10 Jahre = 20.000 Laufstunden (t)
Abschreibungssatz pro Laufstunde:
100.000,- GE / 20.000 h = 5,- GE/h.
Für allgemeine Kostenvergleichsrechnungen wird die gleichbleibende Ab-
schreibung angewendet, da derartige Rechnungen zukunftsgerichtet sind und man
besonders im Hinblick auf Beschäftigungsschwankungen keine sicheren Voraus-
sagen machen kann. Eine gleichbleibende Beschäftigung über die Gesamtnut-
zungsdauer der Anlage kann jedenfalls als erste Annäherung dienen.
Welcher Zinsfuß angesetzt wird, ist nicht entscheidend, solange man Investiti-
onsobjekte vergleicht, da bei beiden mit dem gleichen Wert gerechnet wird.
Allgemein ist festzuhalten, dass die Anwendung der scheinbar einfachen Glei-
chung (78) eine Reihe betriebswirtschaftlicher Probleme enthält, die bei der prak-
tischen Anwendung bewusst sein sollten.
Bisher wurde das Problem des Restbuchwertes bzw. des Liquidationserlöses
(R) ausgeklammert. Die Berücksichtigung dieses Problemkreises führt zu folgen-
der Erweiterung der Gleichung (78):
− ( + ) > − ( + ) (79)
B1 + A1 R 1 + A1 R 1 ⋅ i = B 2 + A 2 R 2 + A 2 R 2 ⋅ i
t1 2 < t2 2
Die Zusammenhänge gehen aus Bild 12.33 hervor.
12.8.5 Ermittlung der kritischen Menge bei Kostenvergleichs-
rechnungen
Die Ansätze der Gleichungen (78) und (79) drücken nur die Kostenunterschiede
zweier (oder mehrerer) Verfahren aus. Zur Berechnung der kritischen Menge, die
712 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
nach Bild 12.32 angibt, von welcher Produktionsmenge oder Bauzeit an ein Ver-
fahren kostengünstiger ist als ein anderes, werden die gesamten Produktionskosten
der beiden Verfahren in ihre einmaligen und laufenden (mengenabhängigen) Kos-
ten gegliedert. Die einmaligen Kosten beziehen sich auf die gesamte Produktmen-
ge, die laufenden Kosten werden zunächst für die Mengeneinheit (VE) ermittelt.
Die anzusetzenden Werte gehen aus der Arbeitskalkulation hervor.
Bild 12.33: Kalkulatorische Abschreibung bei Liquidationserlösen [10.5]
Bild 12.34: Wirtschaftlichkeitsgrenze zwischen Verfahren 1 und 2
Aus den Kostensummenlinien der beiden Verfahren ergibt sich nach Bild
12.34 ihre Wirtschaftlichkeitsgrenze. Für die Berechnung der kritischen Menge x
gilt
K1 = C1 + x · k1 (80a)
K2 = C2 + x · k2 (80b)
Hierbei bedeuten: C1,2 = einmalige Kosten der beiden Verfahren
k1,2 = laufende Kosten / Produktmengeneinheit
der beiden Verfahren
Literatur zu Kapitel 12 713
Aus Gleichung (80a) und (80b) folgt:
− (81)
x = C1 C 2 [VE]
k 2 − k1
Beispiel: C1 = 100.000,- €
C2 = 50.000,- €
k1 = 10,- €/m³
k2 = 20,- €/m³
100.000 € − 50.000 €
x= = 5.000 m³
− 20 € / m ³ − 10 € / m ³
Im Produktionsbereich unter 5.000 m³ ist hier das Verfahren 2, darüber das
Verfahren 1 günstiger.
Ein praktisches Beispiel ist in 12.1, Anhang 19 dargestellt, weitere finden sich
in der Literatur [10.5, 11.9, 12.3]; über Kosten von Schalsystemen s. a. Tabelle 22
im Abschn. [Link] und Abschn. [Link].
Literatur zu Kapitel 12
12.1 Bauer, H.; Baubetrieb, 2. Aufl., Springer-Verlag Berlin 1995, Abschn. 12
12.2 DIN 276, Kosten von Hochbauten, Ausgabe 1993
12.3 Drees, G., Paul, W.; Kalkulation von Baupreisen, 7. Auflage 2002, Bau-
werk Verlag Berlin
12.4 VOB, Teil C, Allgemeine Technische Vertragsbedingungen für Bauleis-
tungen (ATV DIN 18 299 bis 18 451)
12.5 Kullack, A.; Zur funktionalen Leistungsbeschreibung, B + B 11/2001, S.
26 und 12/2001, S.
12.6 Hochstadt, S, Wronna, A.; Baustahl – Preisanpassung wegen gestiegener
Stahlpreise?, B + B 7-8/2004, S. 28
12.7 Jacob, D., Winter, Ch, Stuhr, C.; Kalkulationsformen im Ingenieurbau,
Ernst & Sohn Verlag, Berlin 2002
12.8 Sehlhoff, G.; Bauerfolg mit Zielkosten-Management, BW 6/2001, S. 36
12.9 Sehlhoff, G.; Marktorientierte Preise?, B + B 12/2003, S. 12
12.10 Kullack, A.; Das Verhandlungsverfahren, B + B 5/2004, S. 22
12.11 Locher & Cie AG, Zürich, Risiken erkennen und meistern, Zürich 1980
12.12 Künstner, G.; Die Ablauforganisation von Baustellen am Beispiel eines
Stahlbetonbaus, Frankfurt/Main 1989
12.13 Cron, R.; Überwachung von Kosten und Stunden auf Baustellen, KPC-
eine praxiserprobte Lösung mit Personal Computer, Institut für Baupla-
nung und Baubetrieb ETH Zürich, Projekt 061/87, Schlussbericht 1989
12.14 Blecken, U., Misch, V.; Verfahrensoptimierung im Stahlbetonbau, BW
1980, S. 1126-1134 und 1179-1183
714 12 Kosten des Potentialeinsatzes – Baukalkulation
12.15 Kochendörfer, B.; Die Bewertung von Ablaufalternativen für die Erstel-
lung von Hochbauten, BW 1978, S. 210-219
Nachtrag
12.101 Osebold, R.; Strukturierung von PPP-Vertragsmodellen, B + B 7-8/2004,
S. 32
12.102 Spang, K., Dayyari, A.; Konzepte und Entwicklungen beim Risikomana-
gement komplexer Bauprojekte, 2. Kasseler Projektmanagement Sympo-
sium 2005, Tagungsband, Universität Kassel, Fachgebiet Projektmana-
gement
12.103 Berger, R.; Optimales Zusammenspiel aller IT-Komponenten, B + B
11/2003, S. 40
12.104 Blecken, U., Meinen, H. Wirtschaftliche Unternehmensführung und Risi-
ken im Baubetrieb, B + B 12/2004, S. 35
12.105 Puche, M.; Liquiditätssicherung bei komplexen Bauaufträgen, B + B
2/2005, S. 28
12.106 Blecken, U., Meinen, H.; Liquiditätsmanagement in Bauunternehmen,
B + B 2/2005, S. 28
12.107 Meinen, H.; Deckungsbeitragsrisiken im Baubetrieb und Risikoabsiche-
rung, B + B 5/2005, S. 37
12.108 Poggel, H., Kosten- und Leistungsrechnung im Baubetrieb, Betonkalen-
der BK2/2001, Ernst & Sohn Berlin
Für einen weiteren Einblick in die aktuelle Kalkulationspraxis von Großbauunter-
nehmungen sei hier auf die Veröffentlichung von Poggel im Betonkalender
BK2/2001 verwiesen [12.108]. In dieser ausführlichen Darstellung zeigt der Ver-
fasser besonders die Anwendung der Informatik im Rahmen der Angebots-, Auf-
trags- und Arbeitskalkulation und des Controllings. Darüber hinaus werden die
Kosten- und Erlösrisiken von der Vorkalkulation bis zur Gewährleistung in ihrer
gesamten Bandbreite dargestellt.
13 Ablaufkontrolle und -steuerung / Controlling
Nachdem die wichtigsten Bauverfahren sowie Ablaufplanung und Kostenermitt-
lung einer Bauproduktion dargestellt sind, kann der optimal geplante Produktions-
ablauf in die betriebliche Praxis umgesetzt werden. Dazu bedarf es der Ablaufkon-
trolle – heute als Projektcontrolling bezeichnet – und Ablaufsteuerung.
13.1 Aufgabe
Wie allein schon die dargestellten Bauverfahren zeigen, bestehen Bauarbeiten aus
einer großen Zahl technologisch unterschiedlicher Vorgänge, die von gemischten
oder spezialisierten Arbeitsgruppen einer Unternehmung oder verschiedenen Fir-
men ausgeführt werden. Die optimale technologische und zeitliche Koordination
dieser Vorgänge ist nur über einen auf die jeweilige Bauaufgabe und Terminsitua-
tion angepassten Ablaufplan möglich.
Der Ablaufplan allein gewährleistet aber noch keine termingerechte Bauab-
wicklung, denn während der Bauarbeiten können inner- und außerbetriebliche Stö-
rungen auftreten, die zu Umdispositionen zwingen. Halten aber Arbeitsgruppen
und/oder Nachunternehmer den geplanten Ablauf nicht ein, behindern sie die
nachfolgenden Gewerke (Bild 11.47 und 11.48).
Tritt dieser Fall ein, besteht die Gefahr von Terminüberschreitungen. Um derar-
tige Verzögerungen aufzufangen, sind Steuerungsmaßnahmen erforderlich. Um
diese treffen zu können, müssen die Differenzen zwischen dem tatsächlichen Ab-
lauf und der Planung erkannt und daraus Schlüsse für Gegenmaßnahmen gezogen
werden. Zur Früherkennung derartiger Situationen ist daher eine (laufende) Ter-
minkontrolle unerlässlich.
Der Ablaufplan muss deshalb ein dynamisches Steuerungsinstrument sein und
fallweise dem Baufortschritt angepasst werden.
Für die Baukosten gilt sinngemäß das gleiche wie für die Termine. Wurden
Aufwandswerte zu niedrig (oder Leistungswerte zu hoch) eingeschätzt und/oder
dauern Vorgänge länger als vorgesehen, sind die Fertigungskosten höher als ge-
plant, dann muss ebenfalls gegengesteuert werden, um finanzielle Verluste zu
vermeiden.
Zusammenfassend ist deshalb festzuhalten:
Beherrschung und Einsatz einer effizienten Ablaufplanung allein reichen nicht
aus, um den beabsichtigten wirtschaftlichen Effekt bei der Abwicklung von Bau-
vorhaben zu erzielen. Dazu gehört eine Projektorganisation, die die Ergebnisse der
© Springer Berlin Heidelberg 2007
H. Bauer, Baubetrieb,
DOI 10.1007/978-3-642-32533-5_13
716 13 Ablaufkontrolle und -steuerung / Controlling
Ablaufplanung auf der Baustelle umsetzt, Ablaufkontrollen durchführt und Steue-
rungsmaßnahmen veranlasst. Diese Organisation ist die Bauleitung (das Prozess-
management). Sie muss neben ihren weiteren Aufgaben, auf die noch kurz einzu-
gehen ist, die Planung in die betriebliche Praxis umsetzen (s. Tabelle 55 und
Abschn. 14.4).
Der Ablauf der Produktion ist deshalb durch Soll-Ist-Vergleiche zu kontrollie-
ren. Zeigt die Kontrolle gegenüber den Solldaten geringere Produktionsfortschritte
und/oder höhere Kosten an, ist so rasch als möglich durch geeignete Anpassungs-
maßnahmen für Abhilfe zu sorgen. Nur so lassen sich Terminüberschreitungen
und Mehrkosten vermeiden (oder in vertretbaren Grenzen halten).
Von der Anzahl und Qualität dieser Kontrollen, die den einzelnen Projektpha-
sen anzupassen sind, hängt es ab, ob Störungen der Produktion (oder der Planung)
frühzeitig erkannt werden und die Folgen durch rasches Gegensteuern eliminiert
oder gering gehalten werden können.
13.2 Ablaufkontrolle
13.2.1 Prinzip
Wie bereits im Abschnitt Nachkalkulation (12.6) dargestellt besteht die Kontrolle
eines Bauablaufs aus
− der Feststellung des Ist-Ablaufs der einzelnen Teilvorgänge. Dazu gehören die
im betrachteten Zeitraum erreichten Baufortschritte, die Mengenleistungen und
die dafür angefallenen Aufwendungen,
− dem Vergleich dieser Daten mit den Vorgaben des Ablaufplans und der Ar-
beitskalkulation,
− der Analyse von Abweichungen gegenüber dem Soll,
− dem Bewerten entstandener Verschiebungen und
− einer Prognose über den voraussichtlichen weiteren Ablauf der Produktion
(Trendanalyse) mit Blick auf das Bauende.
Die zu einem periodischen oder je nach Erfordernis gewählten Kontrollzeit-
punkt erbrachte Fertigungsmenge ist durch eine Bestandsaufnahme (Aufmass) o-
der aus zuverlässigen Aufzeichnungen (bspw. über Transportleistungen) zu ermit-
teln, der Aufwand an Arbeitsstunden, Lohn- und Lohnnebenkosten, Geräte-,
Stoffkosten, Fremdleistungen und Gemeinkosten der Baustelle durch Nachkalku-
lation.
Diese Ist-Daten werden mit den Soll-Daten verglichen.
Bei der Terminkontrolle wird geprüft, ob Vorgangsdauern eingehalten und die
geplanten Mengenleistungen erbracht wurden; bei den Kosten, inwieweit die aus
der Nachkalkulation ermittelten Aufwandswerte mit den Daten der Arbeitskalku-
lation übereinstimmen.
13.2 Ablaufkontrolle 717
Selbstverständlich ist ein Soll-Ist-Vergleich nur insoweit möglich, als Plandaten
vorliegen. Je gröber diese Vorgaben sind, desto ungenauer sind die Kontrollergeb-
nisse.
Das Resultat wird zumindest für die Hauptleistungen (Leitvorgänge) zweckmä-
ßig graphisch aufgetragen. Dabei lässt, wie Bild 13.1 zeigt, die Darstellung im
V/Z-Diagramm bereits den Trend des weiteren Ablaufs erkennen. Aus dem Bal-
kenplan geht das so eindeutig nicht hervor. In Bild 13.1.1 ist mit einem Blick zu
erkennen, dass zum Kontrollzeitpunkt t1 im Istablauf der Vorgang Ti statt den
Punkt A nur den Punkt B erreicht hat. Ti liegt damit in t1 zeitlich um ΔZ1, in der
Produktmenge um ΔV1 hinter dem Soll.
Auch der Trend des weiteren Ablaufs, wenn nichts unternommen wird, ist aus
Bild 13.1.1 sofort zu erkennen (gesamte Bauzeitverlängerung um ΔZ2).
Aus Bild 13.1.2 geht dies nicht so eindeutig hervor. Hier muss der Punkt C erst
aus der bis t1 erbrachten Istmenge berechnet werden, um den Zeitverzug ΔZ1 ein-
tragen zu können.
Bild 13.1: Soll-Ist-Vergleich des Vorgangs Ti bei der Ablaufkontrolle in t1
Als Beispiel ist die Bauzeitkontrolle im Balkendiagramm für den Ablauf der
Rohbauarbeiten eines Stahlbeton-Skelettbaus in Bild 13.2 dargestellt. Für jeden
Vorgang sind dafür im Ablaufplan 2 Zeilen vorzusehen (Soll und Ist). Anschau-
lich sind solche Bauzeitpläne nur, wenn der Istablauf durch Schraffuren oder far-
big dargestellt wird, damit er sich klar vom Soll abhebt (s. a. Abschn. 11.8).
718 13 Ablaufkontrolle und -steuerung / Controlling
Sind in Netzplänen bei Vorgängen, die nicht auf dem kritischen Weg liegen,
die Pufferzeiten durch Zeitverschiebungen aufgebraucht, ist das Netz neu zu be-
rechnen, da jetzt andere Vorgänge als bisher kritisch werden können.
Der Soll-Ist-Vergleich zeigt, ob die geplanten Fertigstellungstermine und Men-
genleistungen eingehalten wurden oder Vorgänge gegenüber den Planterminen ei-
nen Vor- oder Nachlauf aufweisen. Bei den Aufwandswerten und Kosten liegt die
Bewertung sinngemäß darin, ob sie eingehalten, unterschritten oder überschritten
worden sind.
Die Ursachen der Abweichungen vom Soll sind zu ermitteln und daraus Maß-
nahmen abzuleiten, um Produktionsablauf und Kosten wieder den Sollwerten an-
zunähern. Das ist dann Aufgabe der Ablaufsteuerung.
Abschließend muss, wie im Abschn. 12.6 erwähnt, zu jedem Kontrollzeitpunkt
eine Trendanalyse mit Blick auf das Bauende vorgenommen werden.
Bild 13.2: Bauzeitkontrolle am Balkendiagramm [12.12]
13.2.2 Vorgaben (Feinplanung des Arbeitsablaufs)
Grundlagen der Ablaufkontrolle sind die Solldaten des Ablaufplans und der Ar-
beitskalkulation. Sie werden mit den Istwerten verglichen. Ein Beispiel für den
Soll-Ist-Vergleich des Potentialeinsatzes (in Arbeitskräfte-Wochen) geht aus Bild
13.3 hervor.
13.2 Ablaufkontrolle 719
Bild 13.3: Ermittlungsbogen zur Bauzeitkontrolle (Soll-Ist-Vergleich der Arbeitsstunden
[12.12])
Um Produktionsvorgänge überwachen und steuern zu können, müssen sie nach
Zeit und Aufwand festgelegt werden. Für eine wirksame Ablaufkontrolle ist das
Terminieren der Teilarbeiten für jeden Tag und eine Woche im voraus, und zwar
720 13 Ablaufkontrolle und -steuerung / Controlling
verbindlich und so genau wie möglich, die wichtigste Aufgabe der Ablaufplanung.
Grundlagen dieser Detailplanung (Feinplanung) sind die genauen, im voraus er-
mittelten Mengen und realistische Zeitvorgaben. Mit derartigen Wochenplänen ist
es dann möglich, auch schwierige Produktionsabläufe von Anfang an im Griff zu
behalten.
Für diese Aufgabe wird der Koordinations-Ablaufplan der Arbeitsvorbereitung
zur Feinplanung erweitert. Dabei werden analog zur Koordinationsplanung wieder
„Arbeitspakete“ gebildet. Sie enthalten alle Vorgänge für einzelne Bauteile oder -
abschnitte, die bspw. innerhalb einer Woche von einer Arbeitsgruppe auszuführen
sind (Bild 13.4). Damit bleiben Planung und Steuerung einschließlich der notwen-
digen Berichterstattung übersichtlich. Diese Wochenleistung wird in einem Wo-
chenarbeitsplan auf die einzelnen Arbeitstage verteilt (Bild 13.5).
Bild 13.4: Arbeitspaket "Schalen Treppenhaus A, Erdgeschoß" [12.12]
Bild 13.5: Wochen-Terminplan für die 26. Kalenderwoche (Beispiel aus [12.12])
13.3 Ablaufsteuerung 721
Diese Teilabläufe sind rechtzeitig zu veranlassen und täglich durch die Baulei-
tung zu überwachen [12.12].
Weitere Beispiele von Ablaufkontrollen gehen aus Bild 11.65 und Anhang
23/24 sowie der Spezialliteratur hervor [11.7–11.9, 12.12].
13.3 Ablaufsteuerung
13.3.1 Aufgabe
Ergeben Ablaufkontrollen nach Abschn. 13.2, dass Ist-Werte von den Plandaten
abweichen, sind im Sinne eines Regelkreises (Bild 5.22, 11.95, 12.14) Steue-
rungsmaßnahmen vorzunehmen, um den Istablauf wieder dem geplanten Soll an-
zunähern oder Abweichungen möglichst gering zu halten. Dafür gibt es die nach-
stehend genannten Möglichkeiten. Reichen diese nicht aus oder ist mit den
vorhandenen Mitteln eine Anpassung nicht möglich, liegen unrealistische Planda-
ten vor. Für die weiteren Überlegungen sind dann zunächst die Plandaten zu kor-
rigieren.
13.3.2 Möglichkeiten
Um negative Planabweichungen nach oben aufzufangen, sind folgende Maßnah-
men möglich:
1. Zur Terminsicherung:
− Entstören (Rationalisieren) von Arbeitsabläufen (Reduzieren der Nebenzei-
ten, Störungen und Unterbrechungen),
− zeitliche Anpassung des Potentials (Überstunden),
− quantitative Anpassung, d.h. Einsatz von mehr Personal und/oder Gerät,
− Mehrschichtbetrieb,
− Einsatz von Subunternehmern,
− konstruktive Möglichkeiten (bspw. Verwendung von Stahlbeton-Fertigteilen
statt Ortbeton).
Inwieweit Vorgänge zeitlich und quantitativ angepasst werden können, wird im
Abschn. 15 über gestörte Bauabläufe erläutert.
2. Zur Kostensicherung:
Zur Reduzierung von Aufwands- bzw. Erhöhung von Leistungswerten (Kosten)
bieten sich an:
− ebenfalls das Entstören von Arbeitsabläufen,
− Lohnanreize durch Prämien,
− Leistungslohn und
− bessere Unterweisung der Mannschaft.
722 13 Ablaufkontrolle und -steuerung / Controlling
Kann dadurch der gewünschte Effekt nicht erreicht werden oder sind diese
Maßnahmen nicht möglich, bleibt nur der Weg, die Arbeitsmethoden oder -ver-
fahren zu ändern (bspw. Wahl eines anderen Schalungssystems). Für diese erneute
Verfahrenswahl lassen sich die Problemlösungsmethoden nach Abschn. 14 an-
wenden.
Darüber hinaus sollte stets geprüft werden, ob durch Mängelanalysen und sys-
tematische Arbeitsgestaltung Termine verkürzt und Plandaten (Aufwandswerte
und Kosten) unterschritten werden können. Oft wird dies unterlassen, wenn bei
Kontrollen festgestellt wird, dass die Plandaten erreicht worden sind [12.12].
Wegen ihrer Bedeutung für die Optimierung und Steuerung von Arbeitsabläu-
fen werden die Möglichkeiten der Arbeitsgestaltung nachstehend kurz dargestellt.
13.3.3 Ablaufsteuerung durch Arbeitsgestaltung
Um vertraglich vereinbarte Termine und Kosten einzuhalten bzw. – soweit mög-
lich – zu unterschreiten, sind – wie wir gesehen haben – seitens des Managements
die erforderlichen Vorgänge zu planen, zu veranlassen, im Ablauf zu überwachen
und bei Abweichungen Korrekturen vorzunehmen (d.h. den geplanten Ablauf zu
sichern).
Das Gleiche gilt sinngemäß für die Qualitätskontrolle, die Leistungen von Sub-
unternehmern, den Verbrauch an Bau-, Betriebs- und Bauhilfsstoffen und die
rechtzeitige Planbeistellung.
Durch das Steuern von Bauabläufen sollen – wie erwähnt – Plandaten im
Istablauf nicht nur erreicht, sondern möglichst unterschritten werden. Die einzel-
nen Vorgänge müssen optimal ablaufen. Das Stichwort dafür heißt Arbeitsgestal-
tung. Sie stellt einen weiteren Schlüssel zum optimalen Bauablauf dar [12.12].
Hier ist zu fragen, warum dies nicht schon vor Produktionsbeginn im Rahmen
der Arbeitsvorbereitung geschieht? In Sonderfällen geschieht das auch, indem
bspw. Pilotstudien an Produktionsmodellen im Maßstab 1:1 vorgenommen wer-
den. Das sind jedoch Ausnahmen.
Da es sich bei Bauvorgängen in der Regel um zwar bekannte, jedoch unter im-
mer wieder anderen Bedingungen ablaufende Vorgänge handelt, können Erfah-
rungswerte aus abgeschlossenen Baustellen, wie sie einer Vorkalkulation und Ar-
beitsvorbereitung für ein neues Projekt zugrunde gelegt werden, nicht immer
zutreffen. Im Gegensatz zur stationären Industrie kann deshalb eine Arbeitsgestal-
tung im einzelnen erst nach Aufnahme der Produktion auf der Baustelle einsetzen.
Sie besteht
− in Ablaufkontrollen als Voraussetzung,
− in systematischen Arbeitsstudien (Mängelstudien),
− deren Analyse,
− im Auswerten dieser Analysen (Erkennen von Schwachstellen und der Mög-
lichkeiten, sie zu beseitigen) und abschließend
− im Umsetzen dieser Erkenntnisse (Arbeitsunterweisung).
Mängelanalysen sind nur durch systematisches Beobachten von Arbeitsabläu-
fen möglich. Das im Bauwesen bekannteste und unter den Bedingungen der Bau-
13.4 PC-Einsatz in der Ablaufkontrolle und -steuerung 723
produktion (Gruppenarbeit) wirksamste Verfahren für Ablaufstudien ist die Mul-
timomentaufnahme. Sie wird wie die Grundlagen rationeller Arbeitsgestaltung in
der Literatur ausführlich beschrieben [12.12, 13.2].
Ergebnisse aus derartigen Untersuchungen sind in Checklisten festgehalten. Ein
Beispiel hierzu ist die rationelle Gestaltung von Schalarbeiten im Hochbau, das
sich sinngemäß auf andere Bauvorgänge übertragen lässt [11.11, 12.12, 13.2,
13.3].
Als ebenso wirksame, wenn auch noch wenig angewendete Methode, um eine
optimale Planung umzusetzen und erkannte Mängel zu beseitigen, gilt die Ar-
beitsunterweisung. Darunter ist das systematische Informieren und Einweisen der
Arbeitskräfte in die anzuwendenden Arbeitsmethoden zu verstehen. Auch hierüber
gibt es, neben der vorgenannten, weitere Literatur über Grundlagen und Erfahrun-
gen [13.4, 13.5].
Im Anhang 25 sind die Aufgaben der Arbeitsvorbereitung in Bauunternehmen
zusammengestellt. Sie enthalten im Abschn. c i.E. auch diese Möglichkeiten und
Verfahren der Ablaufsteuerung.
Als Ergebnis einer systematischen Arbeitsgestaltung wird ein gegenüber dem
Soll möglichst noch verbessertes Produktionsergebnis erwartet, d.h. ein höherer
Anteil der Haupttätigkeiten an der Schichtzeit und weniger Neben-, Warte- und
Verteilzeiten (Bild 11.12). Vereinfacht kann dieses Ergebnis auch durch den An-
teil der Leistungszeit bzw. der Rüst- und Ausfallzeiten an der Produktionszeit aus-
gedrückt werden (Bild 11.10). Bei Maschinen ist der erreichte Betriebszeitbeiwert
k in den Gleichungen über Maschinenleistungen ein weiterer Qualitätsmaßstab des
Produktionsablaufs. Maßgebend ist, dass durch Mängelstudien und Arbeitsgestal-
tung die unproduktiven Zeiten der Mannschaft und die Leerzeiten von Maschinen
und Geräten geringer und die produktiven Zeitanteile größer werden.
Die Möglichkeiten der Arbeitsgestaltung haben damit die Feinplanung des Ar-
beitsablaufs im „Mikrobereich“ zu ergänzen, um insgesamt einen rationellen Pro-
duktionslauf zu erreichen.
13.4 PC-Einsatz in der Ablaufkontrolle und -steuerung
Durch die Entwicklung preisgünstiger Dialogsysteme kann seit Jahren die ferti-
gungsbegleitende Leistungs- und Kostenkontrolle von Baustellen mit EDV-Hilfe
vorgenommen werden.
Eine Darstellung, wie Ablaufkontrollen für Termine und Kosten mit Hilfe von
Personalcomputern durchgeführt werden können, enthält ein Forschungsbericht
der ETH Zürich. Die Ergebnisse werden auszugsweise dargestellt ([13.6], in
[11.9] übernommen).
Gesucht war eine Baustellenanalyse, die
− so schnell wie möglich zur Verfügung steht,
− Trend-Informationen für den Bauleiter liefert, damit er seine Baustelle steuern
kann (er muss agieren können und nicht nur – Monate später – reagieren),
− einfach zu handhaben ist,
724 13 Ablaufkontrolle und -steuerung / Controlling
− flexibel ist und
− eine Kontrolle mit genaueren (finanzbuchhalterischen) Systemen gestattet, da-
mit die Trendaussagen nicht grundsätzlich Falsches liefern.
„So schnell wie möglich“ bedeutet, dass die Baustellenanalyse spätestens in der
2. Woche nach dem Berichtszeitraum vorliegt (Bild 13.6).
Der dieser Studie zugrunde liegende Kontrollkreis ist in Bild 13.7 dargestellt.
Er besteht aus den Zyklen der Planung, Ausführung, Kontrolle und Korrektur. Die
zyklische Darstellung deutet an, dass es sich um immer wiederkehrende Vorgänge
handelt.
Bild 13.6: Bearbeitungszeit für Ablaufkontrollen [13.6]
Bild 13.7: Kontrollkreis [13.6]
Bei der Planung des Bauablaufs werden die Vorgaben für die Ausführung er-
mittelt und dargestellt. Dies können Ausführungstermine, aber auch Aufwands-
13.4 PC-Einsatz in der Ablaufkontrolle und -steuerung 725
werte oder Ablauffolgen sein. Grundsätzlich können sich die zu kontrollierenden
Werte auf Termine, Kosten, Stunden und den Umsatz beziehen.
Der Ausführungszyklus ist der kontinuierlich ablaufende Bauprozess. Er wird
laufend vom Bauleiter überwacht, wobei periodisch Informationen aus dem Pro-
zess übernommen werden. Ergeben sich Abweichungen, werden Korrekturmaß-
nahmen ergriffen, sofern dies möglich ist. Bei größeren Abweichungen muss die
Planung erneut durchlaufen und müssen neue Zielvorstellungen festgelegt werden.
Die Kontrolle übernimmt aus der Ausführung bestimmte laufende oder periodi-
sche Einzelwerte und formuliert eine Aussage über die Qualität der gesamten Aus-
führung. Die Aufbereitung der beobachteten Werte zu einer klaren Trendaussage
ist dabei eine wesentliche Kontrollaufgabe.
Korrektur bedeutet, bei Abweichungen vom Soll die Ausführung so zu beein-
flussen (zu steuern), dass sie wieder planmäßig wird. Sind Termine im Verzug, ist
durch Beschleunigungsmaßnahmen (mehr Personal und/oder Gerät, Überstunden
usw.) eine Einhaltung der Ecktermine zu gewährleisten. Laufen die Kosten in ein-
zelnen Bereichen weg, sind die Ursachen zu ergründen und nach Möglichkeit zu
beseitigen.
Bei Abweichungen, die nicht mehr zu korrigieren sind, muss die Planung ange-
passt werden, da nur so der Ausführung – also der Baustelle – erfüllbare Vorgaben
zur Verfügung stehen.
Wie die Plandaten aufbereitet und welche Kontrollen bei dem dargestellten
Beispiel, einem U-Bahn-Los in München, vorgenommen wurden, geht aus dem
Flussdiagramm in Bild 13.8 hervor.
Als Grundlagen der Planung werden auch hier der Vertrag, das Leistungsver-
zeichnis, die Termine, die Auftragskalkulation und der Ablaufplan genannt. Wich-
tig sei, dass im Ablaufplan eine sinnvolle Gliederung der Arbeiten nach Abschnit-
ten, Arbeitsgattungen, Gruppen u. ä. in Basispositionen erfolgt, da nachher die
gesamte Kontrolle über dieses System läuft.
In diesen Basispositionen sind die zu erbringenden Teilleistungen in Tätigkei-
ten zusammengefasst, die auf der Baustelle beobachtet werden können (Bild 13.9
und Anhang 23).
Im Sinne einer „rollenden Planung“ werden Arbeiten, die weiter in der Zukunft
liegen, zunächst in Sammelpositionen erfasst, müssen aber vor der Ausführung
ebenfalls i.E. in Detailablaufplänen festgelegt werden.
Das Auswertungsprogramm für die periodischen Terminkontrollen muss so
aufgebaut sein, dass man nicht mehr als ein bis zwei Tage für das Erfassen des
Wesentlichen benötigt um zu erkennen, wo Steuerungsaktivitäten ansetzen sollen.
Die Ablaufkontrolle für die beiden Bereiche Termine und Leistungen sowie
Wirtschaftlichkeit und Kosten besteht in einem periodischen Soll-Ist-Vergleich
der wesentlichen Daten, um bei Abweichungen vom Soll kurzfristig reagieren zu
können.
Wie schon erwähnt, sollten in der Anlaufphase von Baustellen die Kontrollen
der Leitprozesse kurzfristig vorgenommen werden, um schnell einen Überblick
über deren Ablauf und Kosten zu erhalten. Je genauer dafür die Vorgaben sind,
desto sicherer lassen sich Störungen und Mehrkosten erkennen und desto schneller
kann gegengesteuert (korrigiert) werden.
726 13 Ablaufkontrolle und -steuerung / Controlling
Bild 13.8: Flussdiagramm der Ablaufpla-
nung und Kontrolle [13.6]
Bild 13.9: Zuordnung der LV-Positionen zu
den Ablaufaktivitäten (Basispositionen,
[13.6])
Die Kostenstruktur der Basispositionen (Einzelkosten der Teilleistungen) geht
aus Bild 13.10 hervor. Die Baustellengemeinkosten wurden in einen fixen und va-
riablen Anteil getrennt. Der fixe Anteil wurde über den Prozentsatz der Fertigstel-
lung umgelegt, der variable (Kosten der Angestellten, Poliere, Hilfslöhner einschl.
13.4 PC-Einsatz in der Ablaufkontrolle und -steuerung 727
Kranführer) aus der Summenlinie des Ablaufplanes entnommen. Als Ergebnis der
Kostenkontrolle wurden die Allgemeinen Geschäftskosten einschließlich Wagnis
und Gewinn ausgewiesen.
Ein Beispiel für einen Kontrollzeitpunkt tx geht aus Bild 13.11 hervor.
Mit dem Hinweis, „dass Baustellen nie so laufen, wie wir uns das vorstellen“,
wird auf Störungseinflüsse hingewiesen. Änderungen gegenüber dem Soll aus
Mengenänderungen, Nachträgen, Terminverzügen u. ä. müssen daher bei den
Bauablaufkontrollen einfach zu erfassen sein.
Einige weitere Unterlagen und Ergebnisse der Leistungs- und Kostenkontrollen
aus diesem Beispiel gehen aus Bild 13.12 bis 13.15 hervor.
Bild 13.10: Basisdispositionsblatt für Job 25 [13.6]
Bild 13.11: Ergebnis einer Leistungs- und Kostenkontrolle [13.6]
728 13 Ablaufkontrolle und -steuerung / Controlling
Bild 13.12: Beispiel U-Bahnhof München, Bauweise [13.6]
Im übrigen enthält der Bericht den Hinweis, dass bei der Ablaufplanung durch
Einsatz eines Personalcomputers die Auswirkung von unterschiedlichen Zeitdau-
ern der Aktivitäten auf den Endtermin mit erheblich geringerem Aufwand als bei
der Berechnung von Hand verfolgt werden können. Dadurch kann man den Effekt
„was ist, wenn ...“ sofort darstellen und die Tragweite der Auswirkung abschätzen,
wodurch das Variantenstudium wesentlich erleichtert wird.
Neben dieser Untersuchung über den PC-Einsatz zur Baustellenkontrolle liegt
eine weitere Arbeit von Gehri vor [13.7]. Ziel dieser Untersuchung war die Ab-
sicht, „mit Hilfe eines EDV-basierten, modernen Führungshilfsmittels den Bau-
stellenleiter bei seinen Aufgaben in mehrfacher Beziehung wirkungsvoll unter-
stützen zu können“. Vor allem sollte „möglichst viel Routinearbeit, die den
größten Teil der Arbeitszeit bindet, durch Computereinsatz sinnvoll rationalisiert“
werden (Bild 13.16). Dafür wurde ein System entwickelt, „das mit Hilfe wissens-
basierter Module in der Lage ist, für den Baustellenleiter eine Beraterfunktion zu
übernehmen“.
Als erster Arbeitsschritt wurden die Merkmale der Baustellenführung darge-
stellt. Sie sind in die Führungsaufgaben auf der Baustelle mit ihren Ausführungs-
phasen (Bild 13.17 und 13.18), die von der Baustelle erzeugten Informationen, die
für die Baustelle notwendigen und nützlichen Informationen, den Stand der
derzeitigen und in die wünschbare EDV-Unterstützung gegliedert.
In weiteren Abschnitten werden die Konzeptidee eines Beratersystems für Bau-
stellenleiter (Grundidee, Grundmodul, Erweiterungsmodule, Entwicklungsgren-
zen) und die Realisierungsvoraussetzungen (Hardware, Software, Benutzerober-
fläche, Mitarbeit in der Praxis) erläutert.
13.4 PC-Einsatz in der Ablaufkontrolle und -steuerung
729
Bild 13.13: Ergebnis einer Terminkontrolle [13.6] (Bestimmung und Darstellung des Fertigstellungsgrades im Balkenplan)
730
13 Ablaufkontrolle und -steuerung / Controlling
Bild 13.14: Darstellung der Ist-Leistungsermittlung [13.6]
13.4 PC-Einsatz in der Ablaufkontrolle und -steuerung 731
Bild 13.15: Gegenüberstellung der Soll- und Ist-Kosten [13.6]
Bild 13.16: Verschiebung der Arbeitsanforderungen in der Zukunft [13.7]
732 13 Ablaufkontrolle und -steuerung / Controlling
Bild 13.17: Gliederung der Führungsaufgaben auf der Baustelle [13.7]
Bild 13.18: Phaseneinteilung der Aufgaben der Baustellenleitung [13.7]
In einem umfangreichen Anhang sind auf mehreren Seiten die Aufgaben der
Baustellenleitung in Checklisten dargestellt, getrennt nach Planungs-, Organisati-
ons-, Realisierungs- und Kontrollaufgaben (PORK, Gliederung Tabelle 55).
In einem weiteren Anhang werden Prinzip und Möglichkeiten wissensbasierter
Systeme (Expertensysteme) erläutert. Die Definition eines Experten geht aus Ta-
belle 56 hervor.
Insgesamt wurden als Ergebnis dieser Untersuchung bekannte Einzellösungen
durch ein MEGA-Expertensystem zu einer integrierten Lösung für die Baustelle
verbunden, um damit den Baustellenleiter bei der Bewältigung seiner rationalsier-
baren Aufgaben zu unterstützen.
13.5 Modernes Projekt-Controlling 733
Tabelle 55: Aufgaben der Baustellenleitung [13.7]
Tabelle 56: Einteilung der menschlichen Fertigkeiten nach Dreyfus [13.7]
13.5 Modernes Projekt-Controlling1
Die dargestellten Verfahren der Ablaufkontrolle und -steuerung einer Baustelle
sind die unterste Ebene des Kontrollsystems einer Bauunternehmung. Daraus hat
sich in den vergangenen Jahren ein modernes Projekt- und Unternehmens-
Controlling entwickelt. Im Rahmen dieser Darstellung sollen deshalb nachstehend
die Grundzüge des Projekt-Controlling aus heutiger Sicht kurz aufgezeigt werden.
Auf das Unternehmens-Controlling gehe ich nicht ein und verweise hierzu auf die
Literatur [10.5, 12.7].
Nach Auftragserteilung beginnt mit der Arbeitsvorbereitung die ausführungs-
orientierte Phase des Bauprojekt-Controlling (Bild 13.19).
1
Nach Oepen in [12.7], s. hierzu auch die Darstellung von Leimböck/Iding in [10.5].
734
13 Ablaufkontrolle und -steuerung / Controlling
Bild 13.19: Zeitachse der Bauprojekt-Realisation in bauausführenden Unternehmen [12.7]
13.5 Modernes Projekt-Controlling 735
13.5.1 Aufgabe
Als Aufgabe des Projekt-Controlling wird „das eigen- und fremdverantwortliche,
interdisziplinär angelegte, von Eigeninitiative geprägte und konzeptionell schlüs-
sige Leiten und Führen eines Bauprojekts mit der gleichzeitigen Verantwortungs-
übernahme für Erfolg, Rendite und Liquidität“ bezeichnet [12.7].
Die vorstehend in ihren Grundzügen dargestellte Soll-Ist-Vergleichsrechnung
wird als zwingende Grundvoraussetzung für die zukunftsorientierte Steuerung von
Bauprojekten bezeichnet. Dabei ist es wichtig, sich nicht auf die nachbetrachtende
Auswertung der Arbeitsabläufe zu beschränken, es auch nicht bei der Gegen-
wertsanalyse des Bauprojekts zu belassen, sondern den Blick konsequent auf das
Projektende zu richten.
13.5.2 Elemente des Bauprojekt-Controlling
Die Elemente dieses Bauprojekt-Controlling (BC) sind
− das Planungselement mit den Instrumenten
− Angebots- und Risikoanalyse,
− Angebots-/Auftragskalkulation sowie
− Arbeitsvorbereitung und Arbeitskalkulation mit den Plandaten AK(O) und
der Erst-Prognose PK(O) zum Bauende.
− das Organisationselement mit den Instrumenten
− Eingriff in die laufende Projekt-Realisation,
− Interaktion zwischen Bauprojekt- und Unternehmens-Management-Con-
trollern und das
− Kontrollelement mit den Instrumenten
− Kurzfristige Ergebnisrechnung,
− Vergleichsrechnung und Abweichungsanalyse.
Da die Daten der Angebots- und Auftragskalkulation primär preisorientiert er-
mittelt werden, sind sie für den internen Informationscharakter des BC nicht oder
nur bedingt nutzbar. Deshalb ist die Angebots- und Auftragskalkulation nach Ab-
schluss der Arbeitsvorbereitung in Abstimmung zwischen Kalkulation, Arbeits-
vorbereitung, Bauprojekt-Management (Bauleitung) und übergeordneten Instan-
zen innerbetrieblich in eine Arbeitskalkulation zu überführen. Die hierbei zu
berücksichtigen Daten sind in Tabelle 57 dargestellt.
„Ohne eine Arbeitskalkulation kann ein BC nicht realisiert werden und ohne
eine Nachkalkulation nach Ausführungsende ist die Überprüfung der stammdaten-
gestützten Erfahrungswerte für neue Angebots- und Auftragsbearbeitungen nur
bedingt möglich.“
736 13 Ablaufkontrolle und -steuerung / Controlling
Tabelle 57: Merkmale einer Arbeitskalkulation gegenüber einer Auftragskalkulation [12.7]
In der Arbeitskalkulation sind zu berücksichtigen:
13.5.3 Durchführung der Arbeitskalkulation
Die Arbeitskalkulation unterscheidet sich vom Verfahren der Angebots-
/Auftragskalkulation. Während diese Kalkulation die Angebots-/Auftragsumme
aus der Addition von Herstellkosten, allgemeinen Geschäftskosten sowie Wagnis-
und Gewinnzuschlag ermittelt, werden in der Arbeitskalkulation zunächst nur die
(inzwischen präziser ermittelten) projektspezifischen Herstellkosten berechnet.
Wichtig dabei ist, dass
− alle Änderungen, die sich aus der Arbeitsvorbereitung gegenüber der vertrag-
lich vereinbarten Bauleistung ergeben, eingearbeitet werden,
− alle Kostenbestandteile separat dargestellt werden, d.h. leistungs- und zeitab-
hängige Kosten sind getrennt zu ermitteln und voraussichtliche Abrechnungs-
mengen einzuarbeiten. Die Umlage der Gemeinkosten der Teilleistungen auf
die Leistungspositionen entfällt, diese sind eigenständig zu kalkulieren und ge-
trennt auszuweisen.
Die ermittelten Herstellkosten der Arbeitskalkulation werden dann der Auf-
tragssumme gegenübergestellt, so dass sich als Differenz von Auftragssumme und
Herstellkosten der Arbeitskalkulation der projektspezifische Deckungsbeitrag so-
wie als Differenz von Auftragssumme und Herstellkosten der Arbeitskalkulation
zuzüglich anteiliger allgemeiner Geschäftskosten das projektspezifische Ergebnis
ergibt (Bild 13.20).
13.5 Modernes Projekt-Controlling 737
Bild 13.20: Ermittlung von Vorgabewerten aus der Gegenüberstellung von Angebots-
/Auftragskalkulation und Arbeitskalkulation [12.7]
13.5.4 Fertigungsprozessorientierte Aufgliederung
der Arbeitskalkulation
Um eine sach- und kostenverursachungsgerechte Arbeitskalkulation durchzufüh-
ren, ist die zu erbringende Bauleistung in Fertigungsprozesse aufzugliedern. Dafür
kann es notwendig sein, bei Einheitspreisverträgen nach § 5 VOB/A, die Positio-
nen des LV teilweise in Unterpositionen aufzuteilen und interne Positionen bspw.
zur Kalkulation der Gemeinkosten der Teilleistungen zu bilden.
Das gleiche gilt auch für den Pauschalvertrag (§ 5 VOB/A) wie auch in den
Fällen des Werkvertrages (§§ 631 ff. BGB) sowie den hierauf aufbauenden neuen
Vertragsmodellen in der Bauwirtschaft. An die Stelle des auftraggeberseitigen LV
treten im Pauschalvertrag auftragnehmerseitig zu erstellende interne Leistungsver-
zeichnisse – besonders auch für die Ausschreibung, Vergabe und Abrechnung von
Nachunternehmerleistungen – oder fertigungsprozessorientierte Ablaufbeschrei-
bungen.
In diesen Fällen kann die ABC-Analyse zur Bildung von Kosten- und Leis-
tungsträgern ein Hilfsmittel sein (Bild 13.21). Danach kann bspw. eine detaillierte
Untersuchung der entscheidenden A-Positionen sinnvoll sein (d.h. deren detaillier-
te Untergliederung in Kosten- und Leistungsträger), während die B- und C-
Positionen nur grob gruppiert werden.
Als Beispiel ist in Tabelle 58 eine Arbeitskalkulation für den Bau einer Stütz-
mauer (Ausführungssicht AK(i)) im Auszug dargestellt.
738 13 Ablaufkontrolle und -steuerung / Controlling
Bild 13.21: ABC-Analyse zur Bildung von Kosten- und Leistungsträgern [12.7]
Tabelle 58: Einzelkosten und Gemeinkosten der Teilleistungen [12.7]
13.5 Modernes Projekt-Controlling 739
740 13 Ablaufkontrolle und -steuerung / Controlling
13.5.5 Fortschreibung der Arbeitskalkulation auf der Zeitachse
der Bauprojekt-Realisation
Um ihre Aufgabe erfüllen zu können, muss die AK aktuell und vollständig gehal-
ten werden. Sie sollte deshalb zweigliedrig fortgeschrieben werden.
Der Kernaspekt dieser zweigliedrigen Fortschreibung ist die Trennung von
Plan-, Soll-, Ist- und Wird- Daten.
Plandaten sind die aus der Auftragskalkulation überführten (vertraglich verein-
barten) Werte, die nach ihren Kostenbestandteilen gegliedert werden. Dabei kön-
nen Änderungen in der Kostenstruktur stattfinden.
Soll-Daten betreffen eine Fortschreibung der Plan-Daten während des Projekt-
fortschritts, z.B. nachtragsrelevante Sachverhalte (genehmigte Nachträge u. ä.).
Die Ist-Daten spiegeln die zu einem bestimmten Zeitpunkt (Monatsende) ermit-
telten, realistischen und bereits erzielten Werte eines Bauprojekts wider.
Die Wird-Daten ergeben sich beim permanenten Blick auf das Projektende. Al-
le Kosten- und erlöswirksamen Abweichungen zwischen dem Bau-Soll und dem
Bau-Ist werden unabhängig von ihrer Nachtragsrelevanz einbezogen.
Damit ergeben sich folgende Ausprägungen:
− Arbeitskalkulation/Vertragssicht [AK(O)] → Plan-Daten,
− Arbeitskalkulation/Ausführungssicht [AK(i)] → Soll-Daten,
− Arbeitskalkulation/Prognosesicht [PK(i)] → Ist-/Wird-Daten.
13.5 Modernes Projekt-Controlling 741
13.5.6 Differenzierte Sichtweisen der Arbeitskalkulation
Nach Auftragerteilung dient die AK(O) der Ermittlung von Plandaten als Zielgrö-
ße vor Ausführungsbeginn. Sie wird, auf der Angebots- bzw. Auftragskalkulation
aufbauend, einmalig erstellt und im EDV-System des Bauunternehmens eingefro-
ren. Die EK und GK werden, getrennt nach Fertigungsprozessen, separat darge-
stellt. Im Gegensatz zur Auftragskalkulation erfolgen keine Umlagen zur Ermitt-
lung der Positionspreise. Die Arbeitskalkulation AK(O) ergibt die Plan-
Herstellkosten.
Aus der Differenz zur Auftragssumme resultiert ein Deckungsbeitrag, unter
weiterem Abzug der anteiligen AGK das Plan-Ergebnis (Bild 13.20).
Nach Auftragserteilung wird während der Bauausführung die AK(O) als AK(i),
i von 1 bis n, fortgeschrieben als Soll-Daten im Bauprojekt-Controlling. Nicht
nachtragsrelevante Änderungen in der Bauausführung (Austausch von Eigen- zu
NU-Leistungen) dürfen sich nur in der Kostenartenstruktur widerspiegeln. Die
AK(O) darf nur Soll-Daten beinhalten.
Die Ist-Daten und die Wird-Situation des Bauprojekts, bezogen auf das Projek-
tende, ergeben sich aus der Prognosesicht der Arbeitskalkulation (PK(i), i von 1
bis n. Neben dem Blick auf die Situation im Projektablauf zum Zeitpunkt i hat die
Prognosesicht auf das Projektende zum Ziel, alle sich abzeichnenden Informatio-
nen, die sich (zukünftig) auf die Herstellkosten, den Deckungsbeitrag, das Ergeb-
nis und die Leistung zum Projektende auswirken, möglichst frühzeitig transparent
zu machen und offen zu legen. Beispiele hierfür sind eingetretene und erwartete
Kostenänderungen für NU-Leistungen, Materialeinkäufe, Löhne, Aufwandswerte
u. ä., aber auch positiv ergebniswirksame Umstände wie offene, aber zu realisie-
rende Nachträge.
Die Ermittlung dieser Wird-Daten stellt die eigentliche Steuerungsaufgabe im
Projekt-Controlling dar, da nur die permanente Sicht auf das Bau- bzw. Berichts-
jahresende zielgerichtete Steuerungsaktivitäten ermöglicht.
Weitere Einzelheiten besonders hinsichtlich des Erstellens der AK(O) und
PK(O) als Vorgabe für das Bauprojekt-Management, sind der angezogenen Litera-
tur zu entnehmen [12.7].
13.5.7 Zusammenfassung
Die wesentlichen Elemente eines baustellenbezogenen Controlling sind die auf
eine Arbeitsvorbereitung aufbauende Arbeitskalkulation und die daran anschlie-
ßende baustellenbegleitend durchgeführte Nachkalkulation mit Prognosen zum
Bauende. Bei Abweichung von den Soll-Daten kann daher das Bauprozessmana-
gement entsprechend gegensteuern, um mit der Produktion wieder auf deren Soll-
Kurs zu kommen bzw. sich diesem soweit als möglich zu nähern.
742 13 Ablaufkontrolle und -steuerung / Controlling
Literatur zu Kapitel 13
13.1 Bauer, H.; Baubetrieb, 2. Auflage, Springer-Verlag Berlin 1995, Abschn.
14
13.2 REFA, Fachausschuss Bauwesen, REFA in der Baupraxis, Teil 3, Ar-
beitsgestaltung, Frankfurt/Main 1984
13.3 Berner, F.; Optimierung der Bauabläufe, baupraxis 9/82, S. 32-38 und
10/82, S. 25-28, 31
13.4 REFA, Fachausschuss Bauwesen, REFA in der Baupraxis, Teil 1, Grund-
lagen Frankfurt/Main, aktuelle Ausgabe
13.5 Künstner, G.; Arbeitskalkulation, Kostenkontrolle und Steuerung des
Bauablaufs am Beispiel der Kochertalbrücke Geisingen, Referat beim
Lindauer Bauseminat 1983
13.6 Gehri, M., Raffetseder, O., Lessmann, H.; PC-Einsatz für die Baustellen-
kontrolle, Arbeitsbericht Nr. 2, ETH-Pilotprojekt PC als Hilfsmittel für
Planen und Bauen, Institut für Bauplanung und Baubetrieb ETH Zürich,
1987
13.7 Gehri, M.; Computerunterstützte Baustellenführung, Diss. ETH Zürich
1992
14 Allgemeine Problemlösungsmethoden,
Prozessmanagement
Die Wahl kostenoptimaler Produktionsverfahren ist eine Teilaufgabe aus dem Be-
reich allgemeiner Problemlösungen. Ergänzend zu Abschn. 12.7 soll deshalb noch
kurz dargestellt werden, welche allgemeinen Problemlösungsmethoden für kom-
plexe Aufgaben dieser Art verfügbar sind.
Neben den bereits in anderem Zusammenhang genannten Möglichkeiten (Bild
3.13, 3.14, 12.15) sind folgende Verfahren zu nennen:
− die schon erwähnte 6-Stufen-Methode der Systemgestaltung nach REFA und
− eine Problemlösungsmethodik über vernetztes Denken.
14.1 6-Stufen-Methode der Systemgestaltung
Die 6-Stufen-Methode der Systemgestaltung nach REFA besteht aus folgenden
Schritten [13.2]:
1. Ziele setzen,
2. Aufgabe abgrenzen,
3. ideale Lösungen suchen,
4. Daten sammeln und praktikable Lösungen entwickeln,
5. optimale Lösung auswählen,
6. Lösung einführen und Zielerfüllung überwachen.
Das Schema mit den erforderlichen Rückkopplungen ist in Bild 14.1 darge-
stellt.
Bei der Anwendung dieser Methode können weitere Techniken und Hilfsmittel
zielführend verwendet werden. Hierfür kommen in Frage:
1. das Brainstorming und verwandte Techniken, um in Stufe 3 ideale Lösungen zu
finden,
2. Zeitstudien und Nachkalkulationen für Stufe 4 und
3. die Kostenvergleichsrechnung, um in Stufe 5 die wirtschaftlich optimale Lö-
sung zu finden (Abschn. 12.8.4.).
Methoden, um in Stufe 3 Ideen zu finden, sind in Bild 14.2 dargestellt.
Die 6-Stufen-Methode eignet sich zur Lösung vieler im Baubetrieb anstehender
Aufgaben.
© Springer Berlin Heidelberg 2007
H. Bauer, Baubetrieb,
DOI 10.1007/978-3-642-32533-5_14
744 14 Allgemeine Problemlösungsmethoden, Prozessmanagement
Bild 14.1: 6-Stufen-Methode der Systemgestaltung [13.2]
14.2 Problemlösen über vernetztes Denken 745
Bild 14.2: Methoden der Ideenfindung [13.2]
14.2 Problemlösen über vernetztes Denken
Probleme sind dadurch gekennzeichnet, dass sie nicht auf Anhieb, in einem Zug
gelöst werden können. Deshalb gliedern auch andere Methoden die Aufgabe des
Problemlösens in Phasen oder Schritte. Bei der Problemlösungsmethodik über
vernetztes Denken werden die Lösungsschritte je nach den Bedingungen der Auf-
gabe eng miteinander vernetzt.
Bei diesem auf komplexe Situationen ausgerichteten Problemlösungsprozess
sind ebenfalls 6 Schritte zu unterscheiden (Bild 14.3). Dies sind [14.1]:
1. Bestimmen der Ziele und Modellieren der Problemsituation,
2. Analysieren der Wirkungsverläufe,
3. Erfassen und Interpretieren der Veränderungsmöglichkeiten der Situation,
4. Abklären der Lenkungsmöglichkeiten,
5. Planen von Strategien und Maßnahmen,
6. Verwirklichen der Problemlösung.
Auch für diese Methode gilt, dass ihre Gliederung nicht als Schrittfolge in dem
Sinne aufgefasst werden darf, dass der erste Schritt abgeschlossen sein muss bevor
der zweite getan werden kann usw. Komplexe Problemsituationen erfordern eben
ein mehrfaches Durchlaufen der einzelnen Lösungsschritte, das Entwickeln ver-
schiedener denkbarer Szenarien in einem iterativen Prozess. Dabei müssen Zwi-
schenergebnisse häufig korrigiert werden, bis eine akzeptable Lösung gefunden
wird.
Ein einfaches Netzwerk, das die Struktur der Problemsituation „Umsatzsteige-
rung einer Unternehmung“ in diesem Sinne darstellt, geht aus Bild 14.4 hervor.
746 14 Allgemeine Problemlösungsmethoden, Prozessmanagement
Bild 14.3: Die 6 Schritte des ganzheitlichen Problemlösungsprozesses [14.1]
Bild 14.4: Netzwerk für die Problemsituation „Umsatzsteigerung einer Unternehmung“
ausgehend von den wichtigsten Zielgrößen und Einflussfaktoren [14.1]
14.4 Aufgaben des Prozessmanagements einer Baustelle 747
14.3 Zusammenfassung zu Abschnitt 14.1 und 14.2
Je nach Umfang, Bedeutung und damit „Gewicht“ eines Problems – bspw. einer
Wahl von Fertigungsverfahren – kann auf eine der dargestellten Problemlösungs-
methoden zurückgegriffen werden. Der Praktiker kommt schneller zum Ziel, wenn
er aufgrund seiner Erfahrungen die Variationsbreite einer Aufgabe eingrenzen
kann oder durch Randbedingungen wie bspw. verfügbares Potential gebunden ist.
Die Entscheidung für ein Fertigungsverfahren oder eine Ablaufvariante wird
dann über eine Kostenvergleichsrechnung vorgenommen, wobei – wie in Abschn.
12.8 erwähnt – für jede Variante auch die nicht quantifizierbaren Kriterien zu be-
rücksichtigen sind. Sie lassen sich mit Hilfe der vorgenannten Problemlösungsver-
fahren bestimmen bzw. eingrenzen.
14.4 Aufgaben des Prozessmanagements einer Baustelle
Hierzu sind zunächst die in einer Bauunternehmung für das Erbringen von Bau-
leistungen erforderlichen Aufgaben in Bild 14.5 im Überblick dargestellt. Es zeigt,
wie ein Bauauftrag von der Anfrage bis zur Übergabe und Abrechnung nach ei-
nem Regel-Auftrags-Ablauf (RAA) ausgeführt wird.
Bild 14.5: Regel-Auftrags-Ablauf
(Prozesse, Kompetenzen, Strukturen,
Kommunikation), [14.2]
748 14 Allgemeine Problemlösungsmethoden, Prozessmanagement
In diesem Rahmen umfassen die im Abschn. 13.1 genannten weiteren Aufga-
ben der Bauleitung (Ablauforganisation) einer Baustelle
− die Ausführungsvorbereitung (Bild 14.6),
− den Ablauf der Bauausführung und
− die Übergabe bzw. Inbetriebnahme des Bauwerks.
Bild 14.6: Ablauf der Ausführungsvorbereitung [11.6]
Literatur zu Kapitel 14 749
Die Hauptaufgaben des Bauleiters (Prozessmanagers) sind
1. das Erstellen der Baustelleneinrichtung,
2. das Leistungserstellungsmanagement. Dazu gehören
− das Umsetzen der Leistungserstellungsplanung (Bauabläufe, Bauverfahren) und
die Produktionssteuerung (stetige Verbesserung)
− Aufbau und kontinuierliche Pflege des Kommunikationsmanagements
− extern zum Bauherrn, zu Ingenieuren, Architekten, den Nachbarn und der
Öffentlichkeit
− intern zu Vorgesetzten, Baustellenführung, internen Serviceabteilungen
− das Termin-, Ressourcen- und Kostenmanagement
− das Qualitäts- und Arbeitssicherheitsmanagement und
− das Administrationsmanagement.
Der wirtschaftliche Erfolg eines Projekts ist das Ziel eines jeden Bauunterneh-
mens; somit muss der Baustellenleiter jederzeit über den Stand der Leistungser-
stellung, der Termine und Kosten seiner Baustelle informiert sein. Hierzu stehen
ihm die Instrumente des Controllings zum Prozess-, Termin- und Kostenmanage-
ment zur Verfügung.
Auf die Einzelheiten dieser Aufgabenfelder gehe ich nicht ein. Ich verweise
hierzu auf die Literatur [14.2 bis 14.4] und besonders auf die ausführliche Darstel-
lung in [11.6], S. 207 ff.
Literatur zu Kapitel 14
14.1 Ulrich, H., Probst, G.; Anleitung zum ganzheitlichen Denken und Han-
deln, Bern/Stuttgart 1988
14.2 Sehlhoff, G.; Unternehmensführung und Bauleitung, B + B 4/2004, S. 26
14.3 Linde, T.; Projekt- und Wissensmanagement zur Komplexitätsbeherr-
schung, B + B 7 – 8/2004, S. 44
14.4 Sehlhoff, G.; Ablaufstörungen leicht vermeiden, B + B 10/2004, S. 34
15 Störungen im Bauablauf
15.1 Vorbemerkungen
Seit den sechziger Jahren ist die Bauproduktion durch weitgehende maschinelle
Fertigung gekennzeichnet. Steigende Löhne, Sozialaufwendungen und Lohnne-
benkosten knapper werdende Facharbeitskräfte, gestiegene Ansprüche an Ausstat-
tung und Qualität der Bauwerke und der Trend zu kürzestmöglichen Bauzeiten
haben unter dem Zwang des Wettbewerbs zu dieser Entwicklung geführt. Die Fol-
ge ist der Einsatz von Maschinen, Spezialkolonnen und -geräten auf den Baustel-
len nach den Grundsätzen industrieller Produktion (bspw. Fließ- bzw. Taktarbeit).
Darüber hinaus vergeben Bauunternehmungen z. Tl. alle operativen Arbeiten ein-
schließlich Schalung und Rüstung an Nachunternehmer (s. Abschn. 3.5.6).
Während früher das Bauen durch überwiegend handwerkliche Tätigkeit und
weitgehende Improvisation gekennzeichnet war, mussten diese bei steigenden
Löhnen und lohngebundenen Kosten sowie zunehmendem Einsatz von Maschinen
und Geräten durch systematische Arbeitsvorbereitung, Ablaufplanung und -
steuerung ersetzt werden. Jeder Planung eines Bauablaufs liegt das Prinzip
zugrunde, die einzelnen, oft ineinander greifenden Teilaufgaben mit einem Mini-
mum an Aufwand zu lösen. Man versucht deshalb im Rahmen der dargestellten
Produktionsplanung, das für den Einsatz auf der Baustelle vorgesehene Potential
einer Unternehmung, bestehend aus gewerblichem Personal unterschiedlicher
Qualifikation, Betriebsmitteln und Führungskräften, der vorliegenden Aufgabe op-
timal zuzuordnen.
In der Theorie sind die dafür geltenden, in den Kap. 11 bis 13 dargestellten Zu-
sammenhänge bekannt. Die Praxis hat sie bestätigt. Trotzdem läuft auch heute
noch manche Baustelle nicht im Sinne einer derart modifizierten, auf den Baube-
trieb zugeschnittenen industriellen Fertigung ab, die durch planmäßigen Einsatz
der produktiven Faktoren einer Unternehmung nach den dargestellten Regeln ge-
kennzeichnet ist. Nur durch Anwendung dieser Regeln lässt sich aber eine Produk-
tionsaufgabe, die Herstellung eines Bauwerks, zu dem angebotenen Preis realisie-
ren, denn Arbeitsvorbereitung und Preiskalkulation gehen von diesen Voraus-
setzungen aus.
Die Bauindustrie ist eine Bereitschaftsindustrie. Von wenigen Ausnahmen ab-
gesehen – wie z.B. Sondervorschlägen im Großbrückenbau – haben Bauunter-
nehmungen bei VOB-Verträgen keinen oder nur einen geringen Einfluss auf eine
fertigungsgerechte Planung der Bauwerke, denn Planung und Herstellung liegen in
verschiedenen Händen. Der Auftraggeber bestimmt, was, wo und wann gebaut
werden soll und die von ihm beauftragten Planer, wie es zu bauen ist. Die von ihm
© Springer Berlin Heidelberg 2007
H. Bauer, Baubetrieb,
DOI 10.1007/978-3-642-32533-5_15
752 15 Störungen im Bauablauf
oder seinen Beauftragten rechtzeitig zu erbringenden Vorleistungen sind deshalb
wesentliche Voraussetzungen einer rationellen Produktion.
Bei schlüsselfertig herzustellenden Bau- und Großbauvorhaben wird dagegen
zumindest die Ausführungsplanung an den Generalunter- bzw. -übernehmer ver-
geben. Ablaufstörungen wegen verzögerter Planbeistellung kommen dann nicht
mehr vor.
Die Vorteile beim Ablauf maschinisierter Bauprozesse in Fließ- und Taktarbeit,
deren Einsatz der Markt erzwingt – minimaler Potentialeinsatz bei minimaler
Bauzeit und damit das Kostenoptimum –, werden mit einem nur bedingt elasti-
schen Produktionsapparat mit hohem Fixkostenanteil erkauft. Die Folge ist, dass
Behinderungen der Produktion zu erheblichen Störungen des geplanten Ablaufs
und damit zwangsläufig zu Mehrkosten führen. In Zeiten rückläufiger Konjunktur,
d.h. knapper Preise, trifft dies die Betriebe besonders hart. Dazu kommt aus heuti-
ger Sicht noch hinzu, dass ein Unternehmer störungsbedingte Mehrkosten nur for-
dern kann, wenn es sein Vertrag zulässt.
Über Ursachen, Höhe und Vergütungsanspruch störungsbedingter Mehrkosten
gibt es in der Praxis häufig zeitraubende Auseinandersetzungen, wenn sie durch
nicht vorhersehbare, nach Vertragsabschluß eintretende außerbetriebliche Einflüs-
se hervorgerufen werden. Nachstehend wird daher die Problematik gestörter Bau-
abläufe und der daraus resultierenden Mehrkosten anhand theoretischer Grundla-
gen und mehrjähriger Erfahrungen dargestellt, und auf die Rechtsprechung
verwiesen.
Dazu aus juristischer Sicht:
„Nur ein rationeller und damit kostengünstiger Bauablauf ermöglicht es, die
immer umfangreicher und komplizierter gewordenen Bauvorhaben in immer kür-
zeren Bauzeiten durchzuführen und dabei angesichts des verschärften Wettbe-
werbs auf dem Baumarkt und der nicht immer auskömmlichen Preise auch noch
die erforderlichen Gewinne zu erwirtschaften ... . Zu keinem Zeitpunkt war des-
halb eine ins einzelne gehende Bauablaufplanung so wichtig wie heute“ (Vygen
[15.1], Rdn 8).
Die Auseinandersetzungen zwischen Bauvertragspartnern über Ansprüche aus
Leistungsänderungen und daraus resultierenden Bauzeitverzögerungen haben ihre
vorrangige Ursache in dieser zunehmend verfeinerten Bauablaufplanung, die zu
einer immer geringeren Flexibilität der Kosten gegenüber Störungen im geplanten
Bauablauf führt und schließlich zur Folge hat, dass nahezu jede Einwirkung auf
den geplanten Bauablauf zusätzliche Kosten auslösen kann ([15.1], Vorw., 1.
Aufl.).
Andererseits schafft der Bauunternehmer nur mit einer derartigen Terminpla-
nung die Voraussetzungen für die Erfüllung seiner Leistungspflicht zur fristge-
rechten Fertigstellung einer Bauleistung und nur damit kann er im Falle von Be-
hinderungen durch Maßnahmen oder Unterlassungen des Auftraggebers den
Nachweis für dadurch eingetretene Bauverzögerungen und dadurch bedingte
Mehrkosten führen (Vygen [15.1], Rdn 9).
15.2 Definition gestörter Bauprozesse 753
15.2 Definition gestörter Bauprozesse
15.2.1 Ablaufschwankungen
Durch Witterungseinflüsse, Standortbedingungen und die allgemeinen Risiken der
Bauproduktion (Abschn. 12.5) ist der Ablauf von Bauvorgängen innerhalb eines
Streubereichs häufig mehr oder weniger geringfügigen Schwankungen unterwor-
fen (Bild 15.1). Derartige Schwankungen im Arbeitsfortschritt von Teilprozessen
und in der Produktmenge lassen sich nicht vermeiden und müssen als normal an-
gesehen werden. Dabei drücken ± ΔZ den Streubereich der Bauzeit und ± ΔV den
Streubereich der Produktmenge aus.
Bild 15.1: Bereich normaler Schwankungen von Bauzeit und Produktmenge eines Teilpro-
zesses. Der Schwankungsbereich ist nur am Ende des Teilprozesses Ti dargestellt
15.2.2 Ablaufstörungen
Wenn jedoch ein einzelner Teilbetrieb oder der Gesamtbetrieb eine realistisch ge-
plante, (mittlere) Arbeitsgeschwindigkeit nicht mehr einhalten oder erreichen
kann, ohne zusätzliche betriebliche oder finanzielle Mittel in Anspruch zu neh-
men, gilt ein Produktionsprozess als gestört [15.2]. Eine derartige Störung, bei der
die tatsächliche Arbeitsgeschwindigkeit signifikant unter dem geplanten „Soll“
liegt (Bild 13.1, 15.2 und 15.6), führt zwangsläufig zu Mehrkosten gegenüber den
Plandaten und kann den im Vertrag vereinbarten Preis beeinflussen.
Nach der Rechtsprechung gilt als Behinderung in der ordnungsgemäßen Aus-
führung der Leistung und damit als Störung der Produktion „jedes Ereignis, das
den vorgesehenen Leistungsablauf hemmt oder verzögert, so dass der Unterneh-
mer die Bauleistung nicht, wie im Bauzeitenplan vorgesehen und von der Arbeits-
vorbereitung geplant, ausführen kann“ (Vygen [15.1], Rdn 122).
754 15 Störungen im Bauablauf
Behinderungen können "tatsächlicher oder rechtlicher Art sein, auf rechtmäßi-
gem oder rechtswidrigem Verhalten beruhen, vom Auftraggeber oder Auftrag-
nehmer verursacht sein oder aber ohne Einfluss beider Vertragspartner auftreten"
[15.2].
Bild 15.2: Ablaufbild eines gestörten (behinderten) Teilvorgangs
Für die Beurteilung derartiger Störungen ist von Bedeutung, ob mit dem ge-
planten Potential an Arbeitskräften und Betriebsmitteln nach der Einarbeitungs-
phase die geplante Arbeitsgeschwindigkeit erreicht werden konnte bzw. in einer
ungestörten Ablaufphase (Teststrecke 01 ) erreicht worden ist.
Grundsätzlich lassen sich zwei Arten gestörter Produktionsabläufe unterschei-
den:
− der behinderte (verzögerte) und
− der beschleunigte Ablauf.
Eine Beschleunigung des Ablaufs wird notwendig, wenn nach einer vorange-
gangenen Verzögerung der ursprünglich vorgesehene Soll-Fertigstellungstermin
15.3 Ursachen von Produktionsstörungen 755
eingehalten werden muss oder, wenn dies nicht möglich ist, die Bauzeitverlänge-
rung in Grenzen gehalten werden soll.
Beide Arten von Störungen führen zu Mehrkosten gegenüber dem Sollablauf.
Die erwähnten Einarbeitungs- oder Anlaufschwierigkeiten einer Baustelle oder
eines Teilbetriebes nach Bild 11.27 (Abschn. 11.5.6) fallen dagegen nicht unter
den Begriff einer gestörten Produktion.
15.3 Ursachen von Produktionsstörungen
Bei den Ursachen, die zu Behinderungen eines Bauablaufs und damit zu Verzöge-
rungen oder Stillständen in der Produktion führen, ist zwischen äußeren Einflüs-
sen, die aus der Ausschreibung und damit bei Vertragsabschluß bekannt sind
(Gruppe 1), äußeren Einflüssen, die erst nach Baubeginn eintreten oder erkannt
werden (Gruppe 2) und innerbetrieblichen Einflüssen (Gruppe 3) zu unterschei-
den. Je nachdem, welcher Gruppe die Störungsursachen zuzurechnen sind, erge-
ben sich daraus Anspruchsgrundlagen und Verrechenbarkeit von Bauzeitverlänge-
rung und Mehrkosten für den Auftragnehmer bzw. Schadenersatzansprüche für
den Auftraggeber.
Außerbetriebliche Ursachen, die aus den Verdingungsunterlagen und damit bei
Vertragsabschluß bekannt waren (Gruppe 1), sind z.B. die normalen Klima- und
Witterungseinflüsse, die Standortbedingungen einer Baustelle sowie alle im Ver-
trag aufgeführten Randbedingungen der Bauaufgabe.
Informationen hierüber – wie die Beschreibung des anstehenden Bodens, Auf-
zeichnungen der Wetterämter über Niederschlagsmengen und -häufigkeiten,
Ganglinien von Wasserständen an Wasserläufen, Grundwasserbeobachtungen so-
wie Behinderungen durch Verkehr oder verfügbaren Bauraum – müssen vom Bau-
betrieb bei der Planung des Bauablaufs und damit in seiner Kalkulation durch
Zeitreserven, entsprechende Aufwandswerte und Risikoansätze berücksichtigt
werden. Geschieht dies nicht und wird dadurch die Produktion gestört, ist hierfür
allein der Baubetrieb verantwortlich. Nach § 9 VOB/A ist in den Verdingungsun-
terlagen auf derartige Störfaktoren und die für den Bauablauf u.U. daraus resultie-
renden Risiken hinzuweisen.
Außerbetriebliche Störeinflüsse, die erst nach Vertragsabschluß bzw. nach
Baubeginn auftreten oder zu erkennen sind (Gruppe 2) – wie fehlerhafte oder un-
vollständige Leistungsbeschreibungen, verzögerte Freigabe des Bauraums, verspä-
tet erteilte Baugenehmigungen, Mengenänderungen, die über die vereinbarte (oder
übliche) Toleranzgrenze hinausgehen, Planänderungen bzw. Umplanungen wäh-
rend des Bauablaufs durch Anordnungen des Auftraggebers, verspätete Planbei-
stellung, sowie Boden- oder Gebirgsverhältnisse, die erheblich von den Angaben
der Ausschreibung abweichen –, sind naturgemäß in der Planung und Kalkulation
der Bauunternehmung nicht berücksichtigt und können deshalb Ursachen für be-
rechtigte Bauzeitverlängerungen und Mehrkostenforderungen des Auftragnehmers
bilden.
756 15 Störungen im Bauablauf
Innerbetriebliche Störungen, die aus Fehldispositionen eines Baubetriebs ent-
stehen (Gruppe 3) – wie zu spät angeliefertes oder ungeeignetes Gerät, unzurei-
chende Arbeitsvorbereitung, zu geringer Personaleinsatz, zu spät angelieferte Bau-
stoffe, unzutreffend eingeschätzte Schwierigkeiten in der Bauausführung, soweit
sie nicht aus unvorhersehbaren Einflüssen der Gruppe 2 resultieren, sowie falsch
beurteiltes Leistungsvermögen des Potentials – hat allein der Betrieb zu vertreten.
Sie liegen damit im Bereich des Unternehmerrisikos (Abschn. 12.5).
In Bild 15.3–15.5 sind Störungsursachen aus den 3 Gruppen im Überblick dar-
gestellt [15.3].
Bild 15.3: Ursachen von Störungen im Bauab-
lauf (Die Verursacher echter Störungen)
Bild 15.4: Vom Bauherrn oder seinen Bevollmächtigten verursachte relativ häufig vor-
kommende Störungen
15.4 Der verzögerte (behinderte) Bauablauf 757
Bild 15.5: Vom Unternehmer oder seinen Subunternehmern verursachte Störungen (infolge
...)
15.4 Der verzögerte (behinderte) Bauablauf
15.4.1 Definition
Ein verzögerter Bauablauf ist durch ein Ablauf(V/Z-)diagramm gekennzeichnet,
wie es für einen Vorgang aus Bild 15.6 zu ersehen ist. Gegenüber dem Sollablauf
(Strecke OD) bleibt der Baufortschritt co durch eine Störung im Istablauf ab Punkt
E eindeutig zurück. Die nach dem Sollablauf bis zum Zeitpunkt Z0 zu erbringende
Produktmenge (Punkt A) wird erst in Zi erreicht (Punkt B). Der Produktmengen-
rückstand gegenüber dem Sollablauf beträgt in Zi somit V0 – Vi = ΔV (Strecke
BC), der zeitliche Rückstand, die Verzögerung, Zi – Z0 = ΔZ (Strecke AB).
Für die Darstellung der Problematik eines gestörten Bauablaufs wird wie schon
im Kap. 11 (Ablaufplanung) das Volumen-Zeit-Diagramm (V/Z-Diagramm; auch
als Weg-Zeit-Diagramm bezeichnet) gewählt. Aus ihm ist bei Soll-Ist-Vergleichen
neben der Mengenleistung auch die Produktionsgeschwindigkeit im Ablauf eines
Vorgangs zu erkennen.
Auch für die Soll-Ist-Darstellung der Leitvorgänge von Vorgangsgruppen ist
diese Darstellung sehr anschaulich.
Für einen Soll-Ist-Vergleich bei größeren Bauvorhaben mit mehreren Teilvor-
gängen wird diese Darstellung zu unübersichtlich. Hierfür ist der Balkenplan die
zweckmäßigste Darstellungsform.
15.4.2 Möglichkeiten und Grenzen der Anpassung an Behinderungen
Grundsätzlich hat ein Fertigungsbetrieb nur wenige Möglichkeiten, sich bei Be-
hinderungen an Beschäftigungsschwankungen anzupassen. Dies sind die zeitliche,
die quantitative und die intensitätsmäßige Anpassung.
758 15 Störungen im Bauablauf
Zeitliche Anpassung bedeutet Verkürzung der baustellennormalen Schichtzeit
auf die tarifliche Arbeitszeit von 8 h/Arbeitstag. Diese einfachste Anpassungsform
ist jedoch nur möglich, wenn die baustellennormale Schichtzeit größer als 8 h ist
und damit auf das zeitliche Minimum von 8 h reduziert werden kann.
(82)
(83)
Bild 15.6: Ablaufbild und Mehrkosten bei verzögertem Bauablauf (Behinderung)
Quantitative Anpassung bedeutet Abbau des aus Arbeits- und Führungskräften
(Meister, Bauführer) sowie Maschinen und Geräten bestehenden Potentials eines
(Teil-)Betriebes im Verhältnis der durch die Behinderung erzwungenen Ist- zur
Sollbaugeschwindigkeit.
Intensitätsmäßige Anpassung ist dagegen keine Anpassungsform, die ein Be-
trieb wählen wird, solange er andere Möglichkeiten hat, sondern die Folge einer
Behinderung. Hierbei wird das Leistungsvermögen eines Produktionsapparates
nur noch teilweise genutzt. Diese Form der Anpassung tritt zwangsläufig ein,
wenn maschinenintensive Betriebe behindert werden und/oder die Belegschaft ei-
15.4 Der verzögerte (behinderte) Bauablauf 759
ner im Arbeitsablauf behinderten Baustelle bzw. eines Teilbetriebes nicht kurzfris-
tig zeitlich oder quantitativ an die durch die Behinderung erzwungene, reduzierte
Arbeitsgeschwindigkeit angepasst werden kann. Die Folge ist, dass mit den vol-
len, nicht oder nur unwesentlich reduzierbaren zeitabhängigen Arbeitskosten die-
ses Produktionsapparates nur eine geringere Mengenleistung / Zeiteinheit als im
Normalfall erbracht werden kann. Dadurch entstehen nicht kalkulierte, da bei An-
gebotsabgabe nicht vorhersehbare Leerarbeit und Leerkosten, die Kosten pro
Mengeneinheit steigen zwangsläufig an. Außerdem verlängert sich die Produkti-
onszeit für diesen Teilvorgang um ΔZ.
Auch den beiden zuerst genannten Anpassungsmöglichkeiten an Behinderun-
gen sind relativ enge Grenzen gezogen:
So liegt – wie schon erwähnt – die untere Grenze der zeitlichen Anpassung bei
der tariflichen Arbeitszeit von 8 h/Arbeitstag bzw. 40 h/Woche, wenn man von
Sonderfällen wie Kurzarbeit absieht. Auch das Reduzieren der Arbeitszeit von
mehr als 8 h/Tag auf das Minimum ist nicht immer möglich. Dazu kommt, dass
sich bei Vollbeschäftigung in der Bauwirtschaft häufig das qualifizierte, nicht
ortsansässige Fachpersonal geweigert hat, derartige Arbeitszeitverkürzungen hin-
zunehmen.
Die Grenzen der quantitativen Anpassung (Abbau des Potentials) ergeben sich
einmal daraus, dass Großgerät nicht oder nur begrenzt teilbar ist. Außerdem kann
das Personal einer Baustelle oder einer Arbeitsgruppe oft nicht kurzfristig ander-
weitig produktiv eingesetzt oder abgezogen (bzw. entlassen) werden. Außerdem
muss in der Regel die Betriebsbereitschaft der Baustelle bzw. Unternehmung für
den Fall einer kurzfristigen Behebung der Behinderungsursache in vollem Umfang
erhalten bleiben.
Sind bei plötzlich eintretender Behinderung die Möglichkeiten der zeitlichen
und quantitativen Anpassung ausgeschöpft oder nicht durchführbar, ergibt sich
zwangsläufig die intensitätsmäßige Anpassung des Produktionsapparates. Bis eine
Ablaufstörung durch Behinderung in vollem Umfang erkannt und eine kostenre-
duzierende Anpassung wirksam werden kann, verstreicht außerdem eine bestimm-
te Reaktionszeit (Bild 15.7). Während dieser Reaktionszeit tritt zwangsläufig in-
tensitätsmäßige Anpassung ein, d.h. es entstehen Leerarbeit und damit Kosten aus
reduzierter Produktivität, da die Mannschaft (oder das Gerät) erst im Zeitpunkt Z2
an die in Z1 eingetretene Behinderung angepasst werden kann.
Aus diesem Grund sollten, wie schon erwähnt, bei der Ablaufplanung Varian-
ten untersucht werden, um in solchen Fällen flexibel reagieren zu können. Ob dies
möglich ist, hängt von Art und Struktur der Bauaufgabe und ihren Randbedingun-
gen ab.
15.4.3 Art und Ursachen der Mehrkosten aus Behinderung/
Verzögerung
Alle vorgenannten Anpassungsformen an Behinderungen der Produktion führen
zu Mehrkosten, d.h. sie verteuern das Bauprodukt.
Bei zeitlicher Anpassung steigt der Kostenanteil/Mengeneinheit aus den zeit-
konstanten Lohnnebenkosten an.
760 15 Störungen im Bauablauf
Bei quantitativer Anpassung fallen – wenn auch in geringerem Umfang als bei
intensitätsmäßiger Anpassung – Leerkosten an. Sie resultieren aus der Teilauslas-
tung der Betriebsmittel, die sich wegen ihrer begrenzten Teilbarkeit in der Regel
nicht vermeiden lässt.
Dazu kommen alle zeitabhängigen Kosten, die während der behinderungsbe-
dingten Bauzeitverlängerung (ΔZ) anfallen, da im Regelfall die Betriebsbereit-
schaft der Baustelle aufrecht erhalten werden muss. Darunter fallen die Kosten aus
verlängerter Vorhaltung der Baustelleneinrichtung und alle nicht reduzierbaren
zeitabhängigen Gemeinkosten der Baustelle.
(84)
Bild 15.7: Mehrkosten Km eines Teilvorgangs (Ti) aus Behinderung (Ist) gegenüber seinem
Sollablauf bei intensitätsmäßiger Anpassung (mit k2 < k1 ab Z2)
Die durch die Behinderung eines Bauablaufs entstehenden Mehrkosten aus re-
duzierter Produktivität (d.h. intensitätsmäßiger Anpassung der Mannschaft und
des Geräts) ergeben sich ebenfalls aus der behinderungsbedingten Bauzeitverlän-
gerung ΔZ, multipliziert mit den in dieser Zeitspanne anfallenden Leerkosten k je
Zeiteinheit des betroffenen Potentials. Die für die Mehrkostenberechnung maßge-
bende Behinderungszeitspanne der Verzögerungsperiode (ΔZ) entspricht der Zeit-
differenz AB zwischen Soll- und Istablauf in Bild 15.6 und 15.7.
15.5 Der beschleunigte Bauablauf 761
Dazu kommen Mehrkosten aus nicht erwirtschafteten Allgemeinen Geschäfts-
kosten der Unternehmung (s. Abschn. 15.8.3).
Ist nur eine intensitätsmäßige Anpassung des Potentials der Baustelle oder des
von einer Behinderung betroffenen Teilbetriebs möglich, bleiben die zeitabhängi-
gen Kosten des im Sollablauf eingesetzten Potentials über ΔZ in voller Höhe be-
stehen (k1). Ist durch zeitliche oder quantitative Anpassung ein reduzierter Einsatz
bzw. Abbau des Potentials und damit der Potentialkosten um einen bestimmten
Betrag Δk möglich, so reduziert sich k1 um diesen Betrag auf k2. Die Mehrkosten
aus Behinderung errechnen sich dann nach Gleichung (82) bis (84), Bild 15.6 und
15.7, zu Ki = ki · ΔZ bzw. Km = KIst – KSoll.
15.5 Der beschleunigte Bauablauf
15.5.1 Sachverhalt, Möglichkeiten und Grenzen der Anpassung
Das Ziel von Beschleunigungsmaßnahmen – die ebenfalls eine Störung des ur-
sprünglichen Sollablaufs darstellen – liegt darin, die während einer Behinderungs-
periode nicht erbrachte Produktmenge ΔV zusätzlich innerhalb der noch verblei-
benden Restbauzeit zu erbringen und damit den vertraglichen Fertigstellungs-
termin einzuhalten. Falls dies nicht möglich ist, soll eine Bauzeitüberschreitung so
gering wie möglich gehalten werden.
Dies bedeutet, dass die ursprünglich geplante Produktionsgeschwindigkeit ge-
steigert werden muss, und zwar umso mehr, je kürzer die noch verbleibende Rest-
bauzeit bzw. je größer die durch die Behinderung hervorgerufene Soll-Ist-Leis-
tungsdifferenz ΔV ist (Bild 15.8). Derartige Beschleunigungsmaßnahmen be-
stehen wie beim behinderten Bauablauf i.W. in zeitlicher und/oder quantitativer
Anpassung, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Der ursprüngliche Sollablauf ist al-
so durch Erhöhen der täglichen Schichtzeit (Überstunden) bzw. Verstärkung des
Baustellenpotentials bis zu Parallelarbeit und Mehrschichtbetrieb zu beschleuni-
gen. Mehrschichtbetrieb stellt dabei einen Grenzfall dar, da bei ihm das Gerät zeit-
lich, die Mannschaft quantitativ angepasst wird.
Weitere Anpassungsmöglichkeiten sind, soweit dies möglich ist, Umstellungen
im Gesamtablauf einer Baustelle (Ändern von Herstellungsreihenfolgen und/oder
Beanspruchen von Pufferzeiten) oder konstruktive Maßnahmen, wenn dadurch ei-
ne Beschleunigung der Produktion erreicht werden kann (bspw. Verwendung von
Stahlbetonfertigteilen anstelle von Ortbeton). Dies setzt jedoch die notwendige
Zeit für die dafür erforderlichen Umplanungen und die Herstellung der Elemente
voraus (s. hierzu Abschn. 13.3.2).
Zeitliche Anpassung bedeutet jetzt Verlängerung der Schichtzeit über die be-
triebsübliche tägliche Arbeitszeit des Sollablaufs hinaus (im Bereich von 8 bis 10
(12) Stunden/d), wobei Mehrkosten durch Überstundenzuschläge anfallen. Ab et-
wa 9 h/Schicht tritt außerdem ein nicht unerheblicher Leistungsabfall infolge Er-
müdung ein, gleichzeitig steigt das Unfallrisiko an. Weitere Grenzen für längere
Schichtzeiten sind durch die Gewerbeaufsicht gezogen (s. Abschn. 11.5.7).
762 15 Störungen im Bauablauf
Quantitative Anpassung bedeutet zusätzlichen Potentialeinsatz (Einsatz weite-
rer Mannschaft, sowie zusätzlicher Maschinen, Geräte und Bauhilfsstoffe (Scha-
lung und Rüstung)). Beim Grenzfall Mehrschichtbetrieb braucht man Arbeits- und
Führungskräfte für die zweite Schicht und in Wohngebieten ebenfalls die Zustim-
mung der Gewerbeaufsicht, jedoch kein zusätzliches Gerät.
Eine intensitätsmäßige Anpassung nach oben ist nicht möglich, wenn der Pro-
duktionsapparat vorher ausgelastet, d.h. auf den Sollablauf richtig abgestimmt
war.
Den theoretischen Möglichkeiten der Beschleunigung eines Bauablaufs sind in
der Praxis ebenfalls Grenzen gesetzt. Sie werden zum einen durch die dafür erfor-
derlichen Vorbereitungen und Vorleistungen des Auftraggebers (Planlieferung)
gezogen, zum anderen durch die höchstzulässige tägliche Arbeitszeit der Mann-
schaft, den verfügbaren Bauraum, die Größe der einzelnen Bauabschnitte sowie
die technologischen und produktionstechnischen Abhängigkeiten der Vorgänge.
Werden innerhalb eines Bauabschnitts für einen Vorgang – bspw. Schal- oder
Bewehrungsarbeiten – zu viele Arbeitskräfte eingesetzt, behindern sie sich gegen-
seitig. Keinesfalls ergibt eine Verstärkung der Mannschaft bei begrenztem Ar-
beitsraum zwangsläufig eine im gleichen Verhältnis höhere Mengenleistung.
Im günstigsten Fall gelingt es durch eine oder mehrere der genannten Anpas-
sungs- oder Beschleunigungsmaßnahmen, vom Ende der Verzögerungsphase an
(Zeitpunkt B in Bild 15.8) den Arbeitsablauf so weit zu beschleunigen (d.h. die
Arbeitsgeschwindigkeit zu steigern), dass der ursprüngliche Fertigstellungstermin
Z0 eingehalten werden kann. Im ungünstigsten Fall kommt es nach Wegfall der
Behinderungsursachen vom Punkt B an zum normalen Sollablauf, d.h. der Fertig-
stellungstermin Z1 wird mit der gleichen Verzögerung erreicht, um die der Bauab-
lauf bereits im Zeitpunkt B verzögert war (ZoZ1 = AB). Zwischen dieser oberen
(Z0) und unteren Grenze (Z1) ist theoretisch jedes Zwischenstadium denkbar (in
Bild 15.8 ist nur die Variante Z2 dargestellt).
Entsprechend diesen Ablaufvarianten zeigt die untere Darstellung in Bild 15.8
den zusätzlichen Potentialeinsatz auf, der zu den o.g. Beschleunigungseffekten
führt. Daraus lassen sich die jeweiligen Mehrkosten ableiten.
Soll im Ablauf nach Bild 15.8 der ursprüngliche Fertigstellungstermin Z0 ein-
gehalten werden, ist nach Wegfall der Behinderung, ab dem Zeitpunkt B, gegen-
über dem Sollablauf soviel Potential zusätzlich einzusetzen oder durch Überstun-
den zu kompensieren, als notwendig ist, um in der Restbauzeit ZB0 neben der
Sollmenge die aus der Verzögerungsphase fehlende Mengendifferenz ΔV zusätz-
lich zu produzieren. Dieser zusätzliche Potentialeinsatz (Q2 > Q1) wird durch die
senkrecht schraffierte Rechteckfläche F2 ausgedrückt, die F1 entspricht. F1 stellt
die gegenüber dem Sollablauf aus der Verzögerung resultierende Fehlmenge an
effektivem Potentialeinsatz (Leerarbeit) dar (hier vereinfacht bezogen auf die
Bauzeitverlängerung ΔZ).
Das Rechteck F2 wird jedoch immer gestreckter und damit kleiner, d.h. der Ein-
satz an zusätzlichem Potential je Zeiteinheit immer geringer, je mehr sich ab dem
Zeitpunkt B der Istablauf (Fertigstellungstermin) von Z0 über Z2 gegen Z1 bewegt,
wobei Z1 ohne zusätzlichen Potentialeinsatz, also mit Q1, zu erreichen ist (F2 = 0).
Für die Beschleunigung von B nach Z2 wäre bspw. theoretisch das zusätzliche Po-
tential Q2´ erforderlich.
15.5 Der beschleunigte Bauablauf 763
Bild 15.8: Ablaufdiagramm und Potentialeinsatz bei beschleunigtem Bauablauf
In der Praxis treten – wie die Erfahrung zeigt – Reibungsverluste auf. D.h., der
tatsächliche Einsatz an zusätzlichem Potential bzw. an verfahrenen Überstunden
muss größer sein als der aufgezeigte theoretische Wert (Q3, F3), um die Zielvorga-
be zwischen Z0 und Z1 zu erreichen. Statt Q2´ ist für den Ablauf B – Z0 das größere
Potential Q3 erforderlich; statt Q2´ für B – Z2 braucht man Q3´. Das kommt einmal
aus der nicht beliebig variablen Mengenleistung zusätzlich eingesetzter Maschi-
nen; zum anderen aus der ebenfalls nicht beliebig, sondern bestenfalls halbstun-
denweise zu steigernden Schichtzeit der Mannschaft. Dazu kommt ggf. der Einar-
beitungsaufwand für das zusätzlich eingesetzte Potential. Eine weitere Ursache
liegt – wie schon erwähnt – darin, dass der verfügbare Arbeitsraum bei zusätzli-
chem Potentialeinsatz, also mehr Arbeitskräften als im Sollablauf, häufig so knapp
wird (im Hochbau < 15 m²/Mann), dass bei enger zeitlicher Abfolge der einzelnen
764 15 Störungen im Bauablauf
Vorgänge – wie sie für Baustellen, die unter Termindruck stehen üblich ist – ein
voller wirtschaftlicher Effekt des zusätzlich eingesetzten Potentials nicht mehr zu
erreichen ist.
15.5.2 Art und Ursachen von Mehrkosten aus Beschleunigung
Die Berechung der Mehraufwendungen zur Beschleunigung eines Bauablaufs lässt
sich aus dem Schema in Bild 15.8 ableiten.
Bei zeitlicher Anpassung zur Beschleunigung eines Bauablaufs fallen zunächst
nur Überstundenzuschläge an. Dafür verringern sich anteilig die Lohnnebenkos-
ten. Bei Leistungsabfall (über 9 h) entstehen weitere Mehrkosten durch höhere
Aufwandswerte [15.1, Rdn 494 u. 495].
Bei quantitativer Anpassung, d.h. zusätzlich eingesetzter Mannschaft und / oder
zusätzlich auf die Baustelle gebrachtem Gerät, ergeben sich für die zusätzliche
Mannschaft An- und Rückreisekosten sowie Kosten für die Erweiterung der Bau-
stellenunterkünfte; dazu kommen zusätzliche Einarbeitungskosten. Für zusätzlich
auf die Baustelle gebrachte Maschinen und Geräte entstehen Kosten für An- und
Abtransport sowie Auf- und Abbau.
Dagegen fallen durch zusätzliches Gerät gegenüber dem ungestörten Ablauf
keine höheren Gerätevorhaltekosten pro Mengeneinheit an. Ob ein Bagger einer
bestimmten Größe während der Zeit ZX eingesetzt wird oder zwei Bagger dersel-
ben Größe über ZX/2 arbeiten; die Gerätekosten dieser Maschinen pro Mengen-
einheit sind in beiden Fällen gleich, wenn bei gegebenem Bauraum beide Geräte
wie im Sollablauf vorgesehen ausgelastet werden können.
Die Mehrkosten weiterer Maßnahmen, bspw. Mehrschichtbetrieb, Umstellun-
gen, konstruktiver Änderungen (Verwendung von Stahlbetonfertigteilen statt Ort-
beton) oder Nachunternehmereinsatz lassen sich im Einzelfall relativ einfach er-
mitteln.
Welche Kostenanteile aus der Baustelleneinrichtung oder den Gemeinkosten
der Baustelle im Einzelfall von einer Beschleunigung betroffen sind und in wel-
cher Höhe, lässt sich aus der Arbeitskalkulation und den besonderen Bedingungen
des Einzelfalles ableiten.
Festzuhalten ist, dass die am Ende einer Bauzeitverlängerung um ΔZ aus ge-
störter Produktion im Zeitpunkt B bereits entstandenen Leerkosten aus Behinde-
rung durch Beschleunigungseffekte gleich welcher Art nicht mehr kompensiert
werden können.
15.6 Sonderfälle
Zur Erläuterung des Sachverhalts wurde bisher vereinfacht nur der Einfluss einer
Störung im Ablauf eines Teilvorgangs dargestellt und zwar zunächst aus Behinde-
rung (Bild 15.6 und 15.7) und anschließend aus Beschleunigung (Bild 15.8).
Beide Arten von Ablaufstörungen können sich wiederholen und nachfolgende
Vorgänge beeinflussen. Auf derartige Fälle sowie auf den Einfluss verspäteter
15.6 Sonderfälle 765
Planbeistellung – eine häufig vorkommende Behinderungsursache – ist deshalb
noch kurz einzugehen.
15.6.1 Wiederholtes Eintreten von Störungen
Im Bild 15.9 ist der Ablauf eines Vorgangs dargestellt, der zwei Störungsphasen
aufweist, die jeweils aus einer Behinderung und darauf folgenden Beschleunigung
bestehen (B-C-D und E-F-G).
(85)
Bild 15.9: Mehrkosten aus mehrfacher Verzögerung und Beschleunigung
766 15 Störungen im Bauablauf
Die (theoretische) Bauzeitverlängerung aus den beiden Ablaufstörungen beträgt
ΔZV = ΔZV1 + ΔZV2. Sie addieren sich, da sich die einzelnen Störungsbereiche
nicht überlappen. Ebenso addieren sich die beiden Beschleunigungsbereiche zu
ΔZB = ΔZB1 + ΔZB2.
Eine derartige Ablauflinie kommt zustande, wenn nach eingetretenen Behinde-
rungen versucht wird, so schnell wie möglich wieder in den Sollablauf zu kom-
men. Die Baustelle soll in beiden Fällen auf jede dieser Verzögerungen mit einer
Beschleunigung reagieren können, bis der ursprüngliche Sollablauf wieder er-
reicht ist.
Die beim Ablauf von Vorgängen mit diesem Störungsbild entstehenden Mehr-
kosten gehen aus Gleichung (85) in Bild 15.9 hervor. In den beiden Störungsbe-
reichen entstehen Mehrkosten aus Behinderung und Beschleunigung.
15.6.2 Einfluss auf nachfolgende Vorgänge
Bild 15.10 zeigt, wie der behinderte Ablauf der Rohbauarbeiten den gesamten
Ausbau eines Bauvorhabens beeinflusst. Aus dem Sollablauf des Rohbaus, der ge-
streckten Linie 0A, kommt es ab Punkt B zum Istablauf BDE mit der Verzögerung
ΔZR. Da die Ausbauarbeiten in F erst beginnen können, wenn der Rohbau C er-
reicht hat (kritische Annäherung), verschiebt sich durch die Behinderung im Roh-
bau zu diesem Zeitpunkt der Beginn der Ausbauarbeiten von F nach H. Die Ver-
zögerung der Rohbauarbeiten nach der Linie B-D-E hat somit zwangsläufig eine
Beschleunigung der Ausbauarbeiten nach der Linie HG zur Folge, wenn insge-
samt keine Bauzeitverlängerung eintreten soll und am Ende die kritische Annähe-
rung EG einzuhalten ist. Die Mehrkosten aus Behinderung bei einem derartigen
Verlauf der Roh- und Ausbauarbeiten ergeben sich aus den Gleichungen (86) und
(87), die Beschleunigungskosten aus Gleichung (88).
Die dargestellten Vorgänge für den Roh- und Ausbau sind vereinfacht als Leit-
vorgänge der Roh- und Ausbauarbeiten aufzufassen.
Eine weitere Darstellung über den Einfluss von Störungen auf nachfolgende
Vorgänge geht bereits aus Bild 11.48 hervor (Abschn. [Link]). Dagegen zeigen
die Darstellungen in Bild 15.9 und 15.10, wie die aus den eingetretenen Behinde-
rungen zwangsläufig entstehenden Mehrkosten der Produktion grundsätzlich
abzuleiten bzw. zu erklären sind.
15.6 Sonderfälle 767
(86)
(87)
(88)
Bild 15.10: Einfluss von Behinderungen auf nachfolgende Vorgänge (Mehrkosten bei den
Ausbauarbeiten durch Behinderungen beim Rohbau)
15.6.3 Bauzeitverlängerung durch Planungsverzug
Abschließend soll am Beispiel verzögerter Planbeistellung gezeigt werden, wie
durch verspätete Übergabe von Ausführungsunterlagen oder zu spät getroffene
Entscheidungen in der Bauvorbereitung Bauvorgänge verzögert werden. Ich gehe
darauf besonders ein, weil derartige Fälle häufig bagatellisiert werden. Eine ver-
spätete Planbeistellung liegt selbstverständlich auch dann vor, wenn Ausführungs-
pläne zwar zum vereinbarten Termin übergeben werden, jedoch unvollständig
(bspw. ohne Maße) und/oder fehlerhaft sind, sodass danach nicht gearbeitet wer-
den kann.
768 15 Störungen im Bauablauf
Allgemein lässt sich eine Bauzeitverlängerung durch verspätet oder unvollstän-
dig übergebene Ausführungspläne aus Bild 15.11 ableiten.
Bild 15.11: Bauzeitverlängerung durch verzögerte Planbeistellung
Geht man davon aus, dass für den Sollablauf des dargestellten Vorgangs i in
den Bauteilen m, n und q die erforderlichen Ausführungspläne um die Zeitspannen
t1, t2, t3 vor Beginn der Fertigung vorliegen müssen, d.h. zum Zeitpunkt 1, 2, 3,
damit die erforderlichen Vorbereitungen und Dispositionen für den Ablauf der
Produktion rechtzeitig getroffen werden können, dann sind diese Termine die
notwendige Voraussetzung dafür, dass der Vorgang i in der Soll-Bauzeit, zwi-
schen den Punkten 0 und A, planmäßig ablaufen kann.
Werden dagegen beim gleichen Vorgang für die Bauteile m, n, q die Ausfüh-
rungspläne erst in 1', 2', 3' übergeben und bezeichnen t1min, t2min, t3min die Mindest-
vorlaufzeiten der Planübergabe gegenüber dem Beginn der Ausführung, so geht
aus Bild 15.11 hervor, dass dadurch der Vorgang i Ist erst nach der später liegen-
den Ablauflinie 0B ablaufen kann und am Ende (Punkt B) um ΔZ später liegt als
im Soll.
Über diese Zeitspanne (ΔZ) ist das für die Bauausführung erforderliche Poten-
tial (Aufsichts- und Führungskräfte, Maschinen, Geräte) und die Baustellenein-
richtung zusätzlich einzusetzen bzw. vorzuhalten. Die daraus resultierenden Kos-
ten sind durch die Preise des Vertrages nicht gedeckt, dem Betrieb entstehen somit
Mehrkosten.
Da der Baubetrieb diese Verzögerungen bei Angebotsabgabe bzw. bei der Ver-
gabe nicht vorhersehen konnte, sind deren Kosten in seinem Angebot nicht erfasst.
15.7 Rechtliche Grundlagen zur Beurteilung eines gestörten Bauablaufs 769
15.7 Rechtliche Grundlagen zur Beurteilung eines
gestörten Bauablaufs1
Damit der AN einen Anspruch darauf hat,
− dass die vertragliche Ausführungsfrist verlängert wird und
− dass der AN vom AG seine durch die Verlängerung entstandenen Mehrkosten
ersetzt bekommt,
müssen rechtliche Voraussetzungen vorliegen.
15.7.1 Verlängerung der Ausführungsfrist
Eine Verlängerung der Ausführungsfrist richtet sich nach § 6 Nr. 1 bis 5 der
VOB/B [3.4].
Der Mehrkostenersatz richtet sich nach § 6 Nr. 6 VOB/B, § 2 Nr. 5 bzw. 6
VOB/B oder nach § 642 BGB.
Diese beiden Sachverhalte sind strikt voneinander zu trennen.
Der AN hat einen Anspruch auf eine Bauzeitverlängerung, wenn
− (alternativ) die Gründe des § 6 Nr. 2 Abs. 1a bis c der VOB/B vorliegen und
− der AN die Behinderung angezeigt hat bzw. die hindernden Umstände und de-
ren Wirkung offenkundig sind (§ 6 Nr. 1 VOB/B).
Der Inhalt des § 6, Nr. 1 bis 7 /VOB/B ist im Anhang 26 dargestellt.
Im Rahmen einer schriftlichen Behinderungsanzeige muss der AN konkret dar-
legen,
− welche Leistungen betroffen sind,
− zu welchem Zeitpunkt die betroffenen Leistungen bei ungestörtem Bauablauf
ausgeführt werden sollen und
− warum sie nicht wie geplant ausgeführt werden können.
Dazu ist noch zu bemerken:
− die Behinderungsanzeige muss unverzüglich erfolgen,
− die Behinderungsanzeige ist die rechtzeitige Information zum Schutz des AG,
− die schriftliche Behinderungsanzeige ist auch eine Voraussetzung für den An-
spruch gemäß § 642 BGB,
− zur Dauer der Behinderung sei maßgeblich, ob die eingetretene Behinderung
auch in der Realität zu einer tatsächlichen Behinderung des AN geführt habe.
− Der AN sollte in jedem Fall den Wegfall der Behinderung und die Wiederauf-
nahme der Arbeiten beim AG anzeigen.
1
Nach Genschow/Stelter [15.4] (Ziff. 15.7 und 15.8)
770 15 Störungen im Bauablauf
15.7.2 Ersatz der Mehrkosten
Zum Ersatz der Mehrkosten gibt es 4 Möglichkeiten:
− § 2 Nr. 5 VOB/B
Anspruchsgrund: Nach § 1 Nr. 3 VOB/B kann der AG Änderungen des Bau-
entwurfs anordnen. Ändern sich durch solche Anordnungen die Grundlagen des
Preises für eine im Vertrag vorgesehene Leistung, besteht nach § 2 Nr. 5
VOB/B ein Anspruch des AN, einen neuen Preis zur Berücksichtigung der
Mehr- und Minderkosten zu vereinbaren.
Anspruchshöhe: Inhalt des Anspruchs aus § 2 Nr. 5 VOB/B sind die direkten
Kosten der geänderten Leistung. Wenn jedoch die Änderung des Bauentwurfs
zu einer Bauzeitverlängerung führt, können auch zeitabhängige Kosten betrof-
fen sein, die nicht direkt der geänderten Leistung zuzuordnen sind, aber eine
mittelbare Folge der geänderten Leistung darstellen. Auch diese Kosten sind
Inhalt des Anspruchs aus § 2 Nr. 5 VOB/B.
Wesentlicher Unterschied des Anspruchs aus § 2 Nr. 5 VOB/B gegenüber dem
Anspruch aus § 6 Nr. 6 VOB/B ist jedoch, dass die Vergütung nach § 2 Nr. 5
VOB/B allein anhand der Kalkulation zu berechnen ist.
− § 2 Nr. 6 VOB/B
Anspruchsgrund: Nach § 1 Nr. 4 VOB/B kann der AG zusätzliche Leistungen
anordnen, sofern diese zur Ausführung der vertraglichen Leistung erforderlich
sind und der Betrieb des AN auf diese zusätzlichen Leistungen eingerichtet ist.
Der AN hat im Gegenzug einen Anspruch auf eine besondere Vergütung für
diese zusätzliche Leistung nach § 2 Nr. 6 VOB/B.
Der Unterschied zu § 2 Nr. 5 VOB/B liegt darin, dass der AG keine Leistung
ändert, die bereits im ursprünglichen Bauentwurf enthalten ist, sondern eine
Leistung verlangt, die neu ist, jedoch für die Erfüllung der vertraglichen Leis-
tung des AN erforderlich ist. Voraussetzung für den Anspruch nach § 2 Nr. 6
VOB/B ist jedoch, dass er diesen Anspruch vorher schriftlich ankündigt.
Anspruchshöhe: Hierfür gilt das gleiche wie für die Anspruchshöhe nach § 2
Nr. 5 VOB/B.
− § 6 Nr. 6 VOB/B
§ 2/Ziff. 5 und 6 der VOB/B regeln nur die vertragliche Vergütung. Sonstige
sich aus nachträglichen Änderungen oder zusätzlichen Leistungen ergebenden
Behinderungen in der Ausführung sind durch § 6, Ziff. 6 ausgleichbar.
§ 6 Ziff. 6 VOB/B regelt somit abschließend alle Fälle von Behinderungen so-
wie Unterbrechungen der Leistungsausführung. Die Regelung ist ein Auffang-
tatbestand mit eigener Anspruchsgrundlage [15.5].
Insoweit sind also nicht die §§ 280, 281, 286 BGB zu Pflichtverletzungen und
zum Verzug sowie die Bestimmungen zur Gewährleistung maßgebend. Diese
gelten allein dann, wenn die Leistungsstörungen auf schweren Pflichtverletzun-
gen wie z.B. einer anfänglichen ernsthaften, endgültigen Erfüllungsverweige-
rung oder auf Mängeln beruhen.
15.7 Rechtliche Grundlagen zur Beurteilung eines gestörten Bauablaufs 771
Anspruchsgrund: Sofern der AG die Behinderung zu vertreten hat, hat der AN
Anspruch auf Ersatz des nachweislich entstandenen Schadens, des entgangenen
Gewinns jedoch nur bei Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit. Die Begriffe Vor-
satz und grobe Fahrlässigkeit sind in § 276 BGB definiert. Da Vorsatz und gro-
be Fahrlässigkeit seitens des AG wohl kaum vorkommen, geht es hier nur um
Schadensersatz, den der AN geltend machen kann, wenn dem AG einfache
Fahrlässigkeit vorgeworfen werden kann, d.h. wenn der AG die Behinderung
durch ein Verhalten verursacht hat, das die im Verkehr erforderliche Sorgfalt
vermissen lässt.
Anspruchshöhe: Nach § 6 Nr. 6 VOB/B hat der AN nur Anspruch auf den
nachweislich entstandenen Schaden. Die Rechtsprechung fordert deshalb –
auch bei Großbauvorhaben – eine konkrete Berechnung des Schadens. Dazu ist
im einzelnen darzulegen,
− welche konkrete Behinderung
− zu welchem konkreten Schaden
geführt hat.
Der konkrete Schaden ist nach der Differenztheorie zu ermitteln. Hierbei sind
zwei Vermögenslagen zu unterscheiden:
− die tatsächliche Vermögenslage (finanzielle Verhältnisse der Baustelle nach
Eintritt der Behinderung) und
− die hypothetische Vermögenslage (wie würden die finanziellen Verhältnisse
der Baustelle aussehen, wenn die Behinderung nicht eingetreten wäre).
Die Schadensberechnung muss nicht lückenlos sein. Der AN muss nicht im
Rahmen seines Schadensersatz- bzw. Vergütungsanspruchs darlegen, wie viele
gewerbliche Arbeitsnehmer oder wie viele Geräte aufgrund dieser einzelnen
Behinderung konkret nicht gearbeitet haben bzw. in welchem minderen Um-
fang. Das heißt, wenn
− die Behinderung unstrittig bzw. bewiesen ist,
− ein Schadenseintritt zumindest wahrscheinlich ist und
− greifbare Anhaltspunkte vorliegen, die eine plausible Zuordnung der einzel-
nen Behinderungen zu den Schäden ermöglichen,
kann das Gericht den Schaden nach § 287 ZPO schätzen.
Vorsorglich wird jedoch empfohlen, in einem solchen Fall den Schadensum-
fang – soweit mit vertretbarem Aufwand möglich – detailliert zu ermitteln und
darzulegen. Das setzt eine Dokumentation des Schadenseintritts und der daraus
resultierenden Folgen voraus.
− § 642 BGB
Anspruchsgrund: Nach neuerer Rechtsprechung des BGH ist der § 642 BGB
auch bei Vereinbarung der VOB/B anwendbar. Danach muss der AG dem AN
eine angemessene Entschädigung bezahlen, wenn dieser eine Mitwirkungs-
handlung nicht vornimmt und dadurch mit der Annahme der Bauleistung des
AN in Verzug kommt. Ein Verschulden des AG hinsichtlich der fehlenden
Mitwirkungshandlung ist nicht erforderlich.
Die für die Frage des gestörten Bauablaufs entscheidende Mitwirkungshand-
lung sieht der BGH z.B. darin, dass der AG dem AN das Grundstück dergestalt
772 15 Störungen im Bauablauf
zur Verfügung stellt, dass dieser mit seiner Leistung rechtzeitig beginnen bzw.
fortfahren kann.
Zu dieser fehlenden Mitwirkungshandlung muss noch hinzukommen,
− dass der AN leisten darf, zur Leistung bereit und imstande ist und
− dass er die Leistung dem AG gemäß § 294 bis 296 anbietet.
Zu einem ordnungsgemäßen Angebot in diesem Sinne gehört auch eine Baube-
hinderungsanzeige nach § 6 Nr. 1 VOB/B.
Ein wörtliches Angebot sieht der BGH auch darin, wenn der AN seine Mitar-
beiter auf der Baustelle zur Verfügung hält und dadurch zu erkennen gibt, dass
er bereit und in der Lage sei, seine Leistung zu erbringen.
Anspruchshöhe: Die Anspruchshöhe ergibt sich aus § 642, Abs. 2 BGB. Dieser
lautet
„Die Höhe der Entschädigung bestimmt sich einerseits nach der Dauer des
Verzugs und der Höhe der vereinbarten Vergütung, andererseits nach demjeni-
gen, was der Unternehmer infolge des Verzugs an Aufwendungen erspart oder
durch anderweitige Verwendung seiner Arbeitskraft erwerben kann.“
Danach besteht die Berechnung der Entschädigung aus folgenden Schritten:
− Feststellung des Störungszeitraums
− Berechnung der zeitabhängigen Mehrkosten anhand der Kalkulation
− Abzug der ersparten Aufwendungen
− Abzug der Einnahmen, die der Unternehmer durch den anderweitigen Ein-
satz der durch die Behinderung freigewordenen Arbeitskräfte erwirbt oder
hätte erwerben können.
Maßgeblich für die Berechnung der Entschädigung nach § 642 BGB ist auch
hier, dass sich die Berechnung der Entschädigung – wie bei § 2 Nr. 5 VOB/B –
auf die Kalkulation stützt.
Die Bestimmungen des 3. und 4. Schritts sowie die weitere Bestimmung des
BGH, dass der Anspruch des AN Gewinn und Wagnis nicht umfasst, werden
von den Verfassern konträr kommentiert.
15.7.3 Konkurrenz der Anspruchsgrundlagen
Die rechtlichen Anspruchsgrundlagen sind nebeneinander anwendbar, sofern de-
ren jeweilige Voraussetzungen vorliegen. Da während des Bauvorhabens beim
Auftreten einer Behinderung oft noch unklar ist, welche Anspruchsgrundlage für
den einzelnen Störungsfall zutrifft, empfehlen die Verfasser, bei jeder einzelnen
Störung alle Formalien nebeneinander für alle Anspruchsgrundlagen einzuhalten.
Dies sind:
− Behinderungsanzeigen,
− Angebot zur Leistungsausführung,
− Mehrkostenanmeldung und
− Behinderungsabmeldung.
15.8 Baubetriebliche Grundlagen bei gestörtem Bauablauf 773
15.8 Baubetriebliche Grundlagen bei gestörtem Bauablauf
15.8.1 Die Berechnung der Bauzeitverlängerung des AN
Diese Berechnung erfolgt in 3 Schritten:
1. Die bauablaufbezogene Aufbereitung der einzelnen Störungseinflüsse, Ermitt-
lung der Störungsdauer und deren konkreten Einfluss auf den Bauablauf
2. Die Integration der aufbereiteten Störungseinflüsse in den Bau-Soll-Ablaufplan
entsprechend den technologischen oder baubetrieblichen Anordnungsbeziehun-
gen bzw. Randbedingungen
3. Vergleich des störungsmodifizierten Bauablaufplans mit der Ist-Ausführung,
dem Bau-Ist.
Zu 1.: Hierzu sind für jede einzelne Behinderung die Dauer und der Umfang
festzustellen und zu dokumentieren.
„Wenn der AN jede einzelne Behinderung
− nach Art und Umfang beschreibt,
− sie bestimmten Arbeitsschritten im Bauzeitenplan zuordnet,
− ihre Auswirkungen anhand der Ablaufanordnungen im Bauzeitenplan
darstellt und
− diese Auswirkungen dann noch der tatsächlichen Ausführung gegen-
über stellt,
dann ist er seiner Darlegungslast hinsichtlich der Bauzeitverlängerung (-
nämlich einer konkreten bauablaufbezogenen Darstellung der Behinderun-
gen – ) nachgekommen.“
Diese bauablaufbezogene Darstellung ist auch deshalb erforderlich, um die
Auswirkungen von sich überlappenden Störeinflüssen zu erkennen.
Zu 2.: Im 2. Schritt werden dann die einzelnen Störungen in den ursprünglichen
Bau-Soll-Ablaufplan integriert und es wird ein neuer, störungsmodifizier-
ter Bau-Soll-Ablaufplan erstellt. Dieser muss den zeitlichen Zustand be-
schreiben, der sich eingestellt hätte, wenn dem AN die Störungen zur An-
gebotsabgabe bzw. zum Zeitpunkt der Auftragserteilung bekannt gewesen
wären.
Zu 3.: Nun ist der störungsmodifizierte Bauablauf mit dem tatsächlichen Bauab-
lauf zu vergleichen.
Dabei sind 3 Fälle denkbar,
− die Ist-Ausführung entspricht dem errechneten Bauzeitverlängerungsan-
spruch. D.h.
− der AG hat, da die Störungseinflüsse durch ihn verursacht wurden bzw. in
seiner Risikosphäre anzusiedeln sind, die Bauzeitverlängerung zu vertre-
ten,
− der AN hat sich sowohl an seine terminlichen als auch kalkulatorischen
Angebotsannahmen gehalten,
774 15 Störungen im Bauablauf
− aus den beiden vorgenannten Punkten resultiert, dass der AG die Mehr-
kosten für die ermittelte Bauzeitverlängerung, die der Ist-Ausfüh-
rungsdauer entspricht, zu tragen hat.
− Die Ist-Ausführung dauert länger als der ermittelte Bauzeitverlängerungsan-
spruch. Daraus folgt:
− „der AN befindet sich entweder im Verzug, da er länger braucht oder ge-
braucht hat, als es ihm nach dem rechnerischen Bauzeitverlängerungsan-
spruch zusteht bzw. zugestanden hätte oder es gab Störungseinflüsse, die
weder dem AG noch dem AN zuzurechnen sind.
− Die Verschiebung des Fertigstellungstermins gegenüber dem Bau-Soll-
Termin auf das rechnerische Bauzeitende ist durch den AG zu vertreten.
− Aus den beiden vorgenannten Punkten ergibt sich, dass der AG die resul-
tierenden Mehrkosten für die ermittelte Bauzeitverlängerung, d.h. den
Zeitraum des störungsmodifizierten Bauablaufes, zu tragen hat. Für die
darüber hinausgehende Ist-Ausführungsdauer muss der AN die Kosten
selbst tragen.“
− Die Ist-Ausführung endet vor dem ermittelten Bauzeitverlängerungsan-
spruch. Dazu sind folgende Rückschlüsse fest zu halten:
− der AN hat weniger Zeit gebraucht oder in Anspruch genommen, als ihm
nach dem rechnerischen Bauzeitverlängerungsanspruch zusteht bzw. zu-
gestanden hätte → Beschleunigung.
− Die Verschiebung des Fertigstellungstermins gegenüber dem geplanten
Fertigstellungstermin auf das rechnerische Bauzeitende ist durch den AG
zu vertreten.
− Aus den beiden vorgenannten Punkten ergibt sich, dass der AG die resul-
tierenden Mehrkosten für die ermittelte Bauzeitverlängerung bzw. für die
Kompensation der Bauzeitverlängerung in Form der Beschleunigung zu
tragen hat.
Zur Höhe der Vergütung für eine Bauzeitverlängerung infolge Behinderung gilt
auch hier, dass der Anspruch auf der Grundlage der Kalkulation des AN zu ermit-
teln ist.
15.8.2 Die Ermittlung der Mehrkosten des AN
Die Ermittlung der Mehrkosten bei einem gestörten Bauablauf erfolgt entspre-
chend der anzuwendenden rechtlichen Anspruchsgrundlage:
a) § 6 Nr. 6 VOB/B → Mehrkostenbestimmung auf der Grundlage des kon-
kret (tatsächlich) eingetretenen Schadens
b) § 2 Nr. 5/6 VOB
sowie § 642 BGB → Mehrkostenbestimmung auf der Grundlage der Kal-
kulation
15.8 Baubetriebliche Grundlagen bei gestörtem Bauablauf 775
Ein Schadensersatzanspruch wird in der Regel aus der Betriebsbuchhaltung ab-
geleitet, während sich die Vergütungsansprüche aus der Kalkulation ergeben.
Als allgemeiner Grundsatz gilt – dies vorweg –, dass Ansprüche aus einer Bau-
zeitverlängerung beim Vergütungsanspruch dann ausgelöst werden, wenn die An-
ordnung der geänderten bzw. zusätzlichen Leistung mittelbare Folgen auf die
Bauzeit haben. Wenn jedoch der AN in Verzug ist und die durch die angeordnete
geänderte bzw. zusätzliche Leistung verursachte Störung auch ohne Anordnung
eingetreten wäre, dann bleibt die Anordnung der geänderten bzw. zusätzlichen
Leistung folgenlos.
Als weitere Grundsätze werden angeführt:
− „Ein guter Preis bleibt ein guter Preis und ein schlechter Preis bleibt ein
schlechter Preis.“
− Werden Bestandteile des geschuldeten Leistungsumfangs nachweislich teil-
weise oder gar nicht kalkuliert, spricht man von einer „Unterwert-
Kalkulation“, mit der Folge, dass die kalkulierten Bestandteile der Preiser-
mittlung um/auf dieses „fehlende“ Maß zu normieren sind.
15.8.3 Zur Ermittlung von Mehrkosten bei einer Beschleunigung
Hierbei ist zu beachten,
− dass der nachgewiesene Ist-Bauablauf kürzer ist als der ermittelte störungs-
modifizierte Bauablauf.
− Der Nachweis der vom AG verursachten Bauzeitverzögerung ist unabding-
bar,
− über Beschleunigungsmaßnahmen ist der AG unbedingt vor der Durchfüh-
rung zu informieren und ihm sind die geplanten Maßnahmen vor Ausfüh-
rung zur Entscheidung vorzulegen,
− im Interesse beider Parteien (AG und AN) sollte ein sachlicher Umgang zur
Kostenminimierung bzw. -optimierung der im Sinne der Baumaßnahme un-
strittig einzuleitenden Maßnahmen stattfinden. Dafür sollten Vergleichs-
rechnungen für den (jeweils) eigenen Bedarf als Entscheidungshilfe sowohl
auf der Seite des AG als auch auf der Seite des AN stattfinden, da diese für
die Festlegung der weiteren Vorgehensweise auf der Baustelle unabdingbar
sind.
− Zur Bestimmung der Mehrkosten von Beschleunigungsmaßnahmen ist (au-
ßerdem) eine aussagekräftige detaillierte Dokumentation der Ist-Ausführung
unbedingt erforderlich. Das gleiche gilt auch für die Dokumentation eines
gestörten Bauablaufs ohne Beschleunigung.
− Darüber hinaus ist zu beachten, dass Beschleunigungskosten, die durch den
AN nicht angeordnet wurden (aber durch ihn zu vertreten sind), nicht höher
sein dürfen als die entsprechenden Bauzeitverlängerungskosten des stö-
rungsmodifizierten Bauablaufs (Schadensminderungspflicht des AN gegen-
über dem AG).
776 15 Störungen im Bauablauf
Bild 15.12: Die Unterdeckung der AGK während der vertraglichen Bauzeit [15.4]
Bild 15.13: Die „fehlenden“ AGK nach der vertraglichen Bauzeit [15.4]
15.8 Baubetriebliche Grundlagen bei gestörtem Bauablauf 777
Neben den direkten Kosten gehen Genschow/Stelter auch ausführlich auf die
Problematik der Allgemeinen Geschäftskosten (AGK) des AN bei Bauablaufstö-
rungen ein (Bild 15.12 und 15.13). Dazu wird jedoch festgestellt, dass eine ab-
schließende Betrachtung der Problematik erst zum tatsächlichen Bauende möglich
ist, da erst zu diesem Zeitpunkt sowohl die zu betrachtenden Zeiträume festliegen
als auch die bereits durch sonstige Nachträge erlösten AGK.
Für den Ansatz der Baustellengemeinkosten bei der Ermittlung störungsbeding-
ter Mehrkosten gilt im Prinzip das gleiche. Ich verweise hierzu auf die Literatur
[15.6].
15.8.4 Zusammenfassung zu Abschnitt 15.7 und 15.8
Die vorgenannten Ausführungen und Ansätze werden von den Verfassern an ei-
nem vollständig durchgerechneten (hypothetischen) Beispiel demonstriert.
In diesem Beispiel sind vor und während der geplanten Bauzeit 8 Ablaufstö-
rungen aufgetreten, die zu einer Bauzeitverlängerung von 14 Arbeitstagen (AT)
geführt haben. Da der Auftraggeber (AG) einen um 5 AT (1 Woche) früheren Fer-
tigstellungstermin wollte, war dafür der Bauablauf zu beschleunigen.
Die einzelnen Störungen werden rechtlich und baubetrieblich bewertet. Daran
anschließend werden die daraus resultierenden Mehrkosten infolge des ermittelten
Bauzeitverlängerungsanspruchs berechnet (beide Abschnitte mit ausführlichen Er-
läuterungen und Kommentaren).
Hierzu seien im Auszug noch erwähnt:
− Nach der Rechtsprechung des BGH stellt die Übermittlung von Plänen eine
schriftliche Anordnung dar.
− „Wegen der Unsicherheit hinsichtlich des Umfangs der originären Vollmacht
des Architekten muss dringend angeraten werden, entweder darauf zu bestehen,
dass der Auftraggeber die geänderten bzw. zusätzlichen Leistungen selbst di-
rekt anordnet oder seinen Architekten hierzu ausdrücklich bevollmächtigt.“
„Eine fehlende Anspruchsankündigung zu § 2 Nr. 6 Abs. 1 Satz 1 VOB/B ist
dann unbeachtlich,
− wenn der AG bei der Anordnung der zusätzlichen Leistung von deren Ent-
geltlichkeit ausging bzw. ausgehen musste, oder
− wenn die zusätzliche Leistung für die Erstellung der Gesamtleistung zwin-
gend vonnöten war.“
− Es ist herrschende Meinung, dass Anordnungen, die allein die Bauzeit betref-
fen, unter den Begriff der „anderen Anordnungen“ im Sinne des § 2 Nr. 5
VOB/B fallen (bezieht sich auf eine Beschleunigungsanordnung des AG).
Zu weiteren Einzelheiten verweise ich auf die in [15.4] herangezogene Litera-
tur.
778 15 Störungen im Bauablauf
Die vorstehende Darstellung der Problematik von Leistungsstörungen zeigt,
dass Ansprüche aus Bauablaufstörungen vor Gericht nur durchgesetzt werden
können, wenn sie
− anhand eines plausiblen Bauablaufplans,
− einer damit übereinstimmenden Kalkulation und
− einer sorgfältigen Dokumentation der behindernden Umstände
zu begründen sind.
15.9 Kostengliederung störungsbedingter Mehrkosten
Mit Hilfe der Ablaufdiagramme nach Bild 15.6 bis 15.8 wurde in den Abschnitten
15.4 bis 15.6 erläutert, wodurch störungsbedingte Mehrkosten entstehen und wie
sie grundsätzlich abzuleiten sind. Es ist deshalb noch zu zeigen, aus welchen Kos-
tenarten diese Mehrkosten bestehen. Dabei sind Mehrkosten aus Behinderung und
Beschleunigung der Produktion zu unterscheiden [15.2].
15.9.1 Mehrkosten aus Behinderung
Wird ein Bauablauf behindert und dadurch verzögert, können Mehrkosten aus fol-
genden Kostenarten anfallen:
− Lohnkosten der gewerblichen Arbeitskräfte,
− Gerätevorhaltekosten,
− Vorhaltekosten weiterer Betriebsmittel bzw. Bauhilfsstoffe (angemietete Scha-
lung, Rüstung u. ä.),
− zeitabhängigen Gemeinkosten der Baustelle,
− allgemeinen Geschäftskosten,
− Nachunternehmerleistungen.
Dazu kommen ggf. noch Mehrkosten aus Lohn- und Gehaltserhöhungen, höhe-
ren Materialpreisen und höherem Arbeitsaufwand, wenn sich Arbeiten gegenüber
dem Sollablauf in Perioden höherer Löhne und Gehälter, gestiegener Materialprei-
se oder in eine ungünstige Jahreszeit (Schlechtwetter) verschieben.
[Link] Lohnmehrkosten der gewerblichen Arbeitskräfte
− Ermittlung
Ein behinderungsbedingter Mehrkostenansatz des gewerblichen Personals,
bspw. für eine Schal- oder Montagekolonne, kann nur aus der Situation des Ein-
zelfalls heraus beurteilt werden. Wenn bei behindertem Arbeitsablauf eine Bau-
stellenbelegschaft ganz oder teilweise nicht mehr wie geplant eingesetzt werden
kann, tritt intensitätsmäßige Anpassung ein (Abschn. 15.4.2 und 3). Eine Mann-
schaft, die nicht mit normaler Arbeitsgeschwindigkeit produzieren kann oder mit
15.9 Kostengliederung störungsbedingter Mehrkosten 779
Ausweicharbeiten beschäftigt wird, erreicht nicht ihren vollen Produktionseffekt,
von dem die Preisermittlung ausgegangen ist.
Die Lohnmehrkosten aus reduzierter Produktivität bestehen aus Lohn- und
lohngebundenen Kosten der gewerblichen Arbeitskräfte (Mannschaft der Arbeits-
gruppen und Bedienungspersonal der Maschinen s. Abschn. [Link], Ziffer 1).
Sie ergeben sich aus dem Soll-Ist-Vergleich der Arbeitsstunden der gestörten Pro-
duktionsphase und dem Sollablauf.
Mit dem Mittellohn multipliziert resultieren aus dieser Stundendifferenz die
Mehrkosten. Dazu sind die Behinderungsursachen sowie die getroffenen bzw.
überhaupt möglichen Anpassungsmaßnahmen zu dokumentieren.
Wenn bei gestörter Produktion die betroffene Mannschaft sofort abgezogen und
anderweitig produktiv eingesetzt werden kann, was kleinen Betrieben mit eng be-
grenztem Produktionsbereich häufig möglich ist, fallen aus dieser Kostengruppe
keine Mehrkosten an.
− Ursachen reduzierter Produktivität (Minderleistung)
Wie im Abschn. 15.4.2 erwähnt, ist bei gestörter Fertigung häufig zeitliche und
quantitative Anpassung nicht oder nicht in vollem Umfang möglich. Außerdem
verstreicht erst eine Reaktionszeit, bis Anpassungsmaßnahmen getroffen werden
können (Bild 15.7). In diesen Fällen kommt es zwangsläufig zu intensitätsmäßiger
Anpassung, d.h. zu Leerzeiten und damit zu Leerkosten.
Im Gegensatz zu Verzögerungen, die aus eindeutig erkennbaren Behinderungs-
ursachen resultieren, deren Eintrittszeit und Dauer somit eindeutig zu bestimmen
sind, treten „andere Verzögerungsursachen schleichend und hinsichtlich ihrer
Tragweite unmerklich auf, sodass sie später sehr viel schwerer bezüglich Grund
und Ausmaß der Verursachung zurückzuverfolgen sind“ [15.2].
Eindeutig erkennbare Behinderungen sind verspätet übergebener Bauraum, feh-
lende Genehmigungen oder Zustimmungen (Entscheidungen) und nicht rechtzeitig
erbrachte Lieferungen oder Vorleistungen des AG oder von ihm beauftragter Drit-
ter.
Behinderungsursachen der zweiten Art sind bspw. verspätet oder unvollständig
übergebene Ausführungspläne. Dies vor allem dann, wenn sie nicht als Planpakete
für die einzelnen Arbeitsabschnitte übergeben werden und/oder mangelhaft sind
(bspw. fehlende Schnitte und Maßketten).
In jedem Fall störungsbedingter Behinderung eines im Rahmen einer Arbeits-
vorbereitung geplanten Bauablaufs oder einzelner Teilvorgänge kommt es zu re-
duzierter Produktivität gegenüber dem ungestörten Sollablauf. Dabei steigen im
Vergleich zum ungestörten Sollablauf die Aufwandswerte (Arbeitsstunden/Men-
geneinheit) an, die Leistungswerte von Maschinen (Mengenleistung/Einsatz-
stunde) fallen ab. Die Folgen sind verlängerte Vorgangsdauern, höhere Herstell-
kosten pro Mengeneinheit und insgesamt höhere Fertigungskosten in der Behinde-
rungsperiode.
Dieser Sachverhalt wird durch die Literatur bestätigt [15.1]. Auch darin wird
berichtet, dass ein Potential aus Arbeitskräften und Geräten nicht in der geplanten
Reihenfolge oder Größe eingesetzt werden kann, wenn ein geplanter Bauablauf
780 15 Störungen im Bauablauf
gestört wird. Die Arbeitsvorbereitung des Betriebes wird dann außer Kraft gesetzt
bzw. muss abgeändert werden.
[Link] Gerätekosten
Die Gerätevorhaltekosten bestehen aus kalkulatorischer Abschreibung (A), Ver-
zinsung (V) und den Reparaturkosten (R). Da die Zinsen als Gewinnanteil gelten,
bleiben als Gerätemehrkosten nur die Anteile aus A + R.
Nach Dähne können an Mehrkosten aus gestörtem Bauablauf daraus
− für die Abschreibung (A) nur 35–40% der mittleren BGL-Werte,
− für den Reparaturanteil (R) ⅔ der mittleren BGL-Werte
angesetzt werden.
Nach einem Beispiel aus Drees/Paul [12.3], Ziffer [Link], S. 253–255 ergeben
sich damit bei vollen Gerätevorhaltekosten von
A = 5.870,- DM/Mt.,
V = 1.335,- DM/Mt. und
R = 4.770,- DM/Mt.
zus. 11.975,- DM/Mt.
Gerätemehrkosten für den gestörten Bauablauf von
A = 0,375 · 5.870,- = 2.200,- DM/Mt.,
R = ⅔ · 4.770,- = 3.175,- DM/Mt.
zus. 5.375,- DM/Mt.,
d.s. 5375,-/11.975,- · 100 = 45% der vollen Gerätevorhaltekosten.
Im Gegensatz dazu hat in 2003 das OLG Düsseldorf die Frage, wie bei einer
eingetretenen Behinderung der Schaden bei verlängerter Vorhaltung der Eigenge-
räte zu berechnen ist, anders beantwortet. „Danach können die Kosten gemäß
§ 287 ZPO anhand der aktuellen Baugeräteliste geschätzt werden, wobei ein im
üblichen Rahmen liegender, in der Regel kostendeckender Faktor von 70% des
Baugerätelistenwertes (der BGL 1991) anzusetzen sei.“ [15.7].
Neben diesen Gerätevorhaltekosten sind noch die einsatzabhängigen Betriebs-
stoffkosten anzusetzen, die relativ einfach aus dem Betriebsstoffverbrauch ermit-
telt werden können.
Die Kosten der Maschinenbedienung werden unter den Lohnkosten erfasst
(Abschn. [Link]).
[Link] Mehrkosten aus der Vorhaltung weiterer Betriebsmittel
bzw. Bauhilfsstoffe
Hierfür sind sinngemäß die gleichen Relationen anzusetzen wie unter Ziffer
[Link].
15.9 Kostengliederung störungsbedingter Mehrkosten 781
[Link] Zeitabhängige Gemeinkosten der Baustelle
Kann durch eingetretene Störungen der Produktion die Baustelle nicht terminge-
recht abgeschlossen werden, fallen während der störungsbedingten Bauzeitverlän-
gerung auch weitere zeitabhängige Kosten für die Überwachung, Steuerung, Ver-
waltung und Versorgung der Baustelle an.
Dazu zählen
− die Kosten für das Vorhalten und Unterhalten der Baustelleneinrichtung und
der Sicherungsmaßnahmen (mit Ausnahme des Großgerätes nach Ziffer
[Link] und der Betriebsmittel/Bauhilfsstoffe nach Ziffer [Link]),
− alle weiteren zeitabhängigen Gemeinkosten der Baustelle wie
− Gehälter der Angestellten,
− Hilfslöhne,
− Betriebsstoffkosten der allgemeinen Baustelleneinrichtung und
− Bürokosten.
Im Einzelnen gehen diese Kostenarten aus Anhang 20 und [12.3, 12.7] hervor
(s. a. Abschn. 15.9.3).
[Link] Allgemeine Geschäftskosten
Die allgemeinen Geschäftskosten (AGK) sind die Kosten der Betriebsbereitschaft
einer Unternehmung. Sie werden beim Jahresabschluss ermittelt und auf die Her-
stellkosten der Jahresproduktion bezogen. Mit diesem Prozentsatz werden sie im
folgenden Jahr kalkuliert. Sofern sich die geschäftlichen Aktivitäten der Unter-
nehmung im folgenden Jahr im Rahmen des vorherigen bewegen, werden mit die-
sem Ansatz – wie die Praxis zeigt – diese Kosten gedeckt.
Die AGK haben den Charakter zeitabhängiger Kosten, auch wenn sie als Zu-
schlagssatz in die Kalkulation eingehen. Da sie über die Herstellkosten eines
Bauwerks auf das volle Leistungsvermögen der Arbeitskräfte und Maschinen be-
zogen sind, können sie nur bei ungestörtem Einsatz dieses Potentials in vollem
Umfang erwirtschaftet werden.
Wenn somit bei störungsbedingter Behinderung der Produktion das Potential
eines Betriebes nicht voll eingesetzt werden kann, dann kann es in dieser Periode
keine vollen AGK erwirtschaften. Deshalb sind bei störungsbedingter Bauzeitver-
längerung auch die durch intensitätsmäßige Anpassung nicht erwirtschafteten all-
gemeinen Geschäftskosten als Mehrkosten und damit als Schaden anzusetzen (s.
hierzu Abschn. 15.9.3).
[Link] Nachunternehmerleistungen
Wie für Eigenleistungen nach Ziffer [Link] bis 1.5 beschrieben, können bei Teil-
leistungen, die durch Nachunternehmer ausgeführt werden und in der Ausführung
ebenfalls behindert wurden, gleichartige Mehrkosten aus Behinderung anfallen.
Sie sind, wenn sie dem Hauptunternehmer gegenüber geltend gemacht werden,
782 15 Störungen im Bauablauf
von diesem dem Verursacher (AG) gegenüber zu vertreten und damit ein weiterer
Anteil behinderungsbedingter Mehrkosten.
[Link] Sonstige störungsbedingte Mehrkosten aus Behinderung
Über die vorgenannten Kostengruppen hinaus können – wie schon erwähnt – wei-
tere Mehrkosten aus Lohnerhöhungen und Materialpreissteigerungen eintreten. Sie
kommen dann zum Tragen, wenn sich durch die Behinderung ein Bauablauf in ei-
ne Zeitperiode verschiebt, in der gegenüber dem Soll höhere Löhne und Material-
preise wirksam werden, im Vertrag dafür jedoch keine Gleitklauseln vereinbart
sind.
Dasselbe gilt für die Verschiebung eines Bauablaufs in Schlechtwetterperioden
(bspw. Soll – April bis Oktober, Ist – November bis Mai). In diesem Fall wird die
Arbeit durch Schlechtwetter (Regen, Schnee, niedrige Temperaturen und Frost)
zusätzlich behindert soweit sie nicht völlig eingestellt werden muss. Dadurch er-
höhen sich gegenüber dem Sollablauf die Aufwandswerte, wodurch ebenfalls
beim Angebot nicht vorhersehbare Mehrkosten anfallen (s. hierzu das Beispiel
von Drees/Paul in [12.3]).
15.9.2 Mehrkosten aus Beschleunigung
Muss, aus welchen Gründen auch immer, ein Bauablauf beschleunigt werden, fal-
len nach Abschn. 15.5.2 ebenfalls Mehrkosten aus zeitlicher und quantitativer An-
passung bzw. aus technischen Anpassungsmaßnahmen (Stahlbetonfertigteile statt
Ortbeton o. ä.) oder Produktionsumstellungen an.
Bei zeitlicher Anpassung sind das i. W. Überstundenzuschläge, bei quantitati-
ver Anpassung die bereits im Abschn. 15.5.2 genannten Kostenarten.
Im Übrigen können auch bei Beschleunigungsmaßnahmen Mehrkosten aus
reduzierter Produktivität anfallen, wenn sich beim Einsatz zusätzlicher
Mannschaft die Arbeiten auf engem Arbeitsraum konzentrieren. Die Arbeitskräfte
könnten sich dann gegenseitig behindern. Der Anteil der Tätigkeitszeit an der
Arbeitszeit fällt ab, Warte- und Ausfallzeiten steigen an. Eine für derartige Fälle
typische Arbeiterstandskurve ist in Bild 15.14 dargestellt.
Eine teilweise Abhilfe ist – wenn überhaupt – nur über eine zeitliche Entflech-
tung der Arbeiten innerhalb der täglichen Arbeitszeit (zeitversetzte Schichten)
möglich.
Werden die oben bzw. im Abschn. 15.5.2 genannten Kostenanteile für die be-
schleunigten Vorgänge ermittelt, ergeben sich die Mehrkosten der Produktion
ebenfalls aus der Kostendifferenz des ungestörten Soll- und des gestörten
Istablaufs (Bild 15.8, s. hierzu jedoch die einschränkenden rechtlichen Bestim-
mungen nach 15.7.2).
Der Umfang von Beschleunigungsmaßnahmen ergibt sich aus dem Vergleich
des Istablaufs mit dem Sollablauf. Für die Darstellung gibt es verschiedene Mög-
lichkeiten (Abschn. 11.8). Wie die mehrfach verwendeten Ablaufdiagramme zei-
gen, ist das V/Z-Diagramm hierfür die übersichtlichste Darstellungsform.
15.9 Kostengliederung störungsbedingter Mehrkosten 783
Bild 15.14: Arbeiterstandskurve der Elektroarbeiten bei gestörtem Arbeitsablauf (Bau eines
Einkaufszentrums)
15.9.3 Schadensberechnung
Mit den Kostenarten nach Abschn. 15.9.1 und 2 können nun die Mehrkosten er-
mittelt werden, die einer Bauunternehmung (AN) aus der Behinderung oder Be-
schleunigung eines Bauablaufs entstehen.
Grundlagen der Schadensberechnung sind
− das vertraglich vereinbarte Bau-Soll,
− der Soll-Ablaufplan und
− die Soll-Kosten der Produktion aus den o.g. Kostenarten.
Sie ergeben sich aus der Auftragskalkulation (Bild 12.2).
Dass Ablaufplanung und Kalkulation übereinstimmen, wird vorausgesetzt. Die
Sollkosten werden auf die Zeiteinheit (Arbeitstag bzw. -stunde) bezogen.
Parallel dazu werden die einzelnen Ablaufstörungen in einer Tabelle chronolo-
gisch aufgelistet. Anhand dieser Dokumentation werden die jeweilige Anspruchs-
begründung für Mehrkosten gegenüber dem Vertrag, die Höhe des An-
spruchs/Zeiteinheit und die Dauer der Störung ermittelt. Durch das Eintragen der
Störungen in den Soll-Ablaufplan ergibt sich der störungsmodifizierte Ablauf und
die daraus resultierende Zeitverlängerung; aus dieser und den Kosten/Zeiteinheit
die störungsbedingten Mehrkosten.
Ob dieser Ansatz die o.g. störungsbedingten Mehrkosten zutreffend wieder-
spiegelt, zeigt sich erst zum Bauende (bzw. am Ende eines im Sollablauf darge-
stellten Bauabschnitts). Theoretisch müsste dann der Ist-Ablauf mit dem stö-
rungsmodifizierten Bauablauf übereinstimmen. Liegt das Ist-Bauende früher, ist
daraus zu schließen, dass der AN beschleunigt hat (woraus ebenfalls Mehrkosten
abgeleitet werden können). Liegt dagegen das Ist-Ende später als der modifizierte
Ablauf , könnte dies dadurch bedingt sein, dass der AN länger gebraucht hat als
im Vertrag vereinbart. Dadurch bedingte (weitere) Mehrkosten aus der Bauzeit-
verlängerung gingen dann auf seine Rechnung (s. Abschn. 15.8.1).
784 15 Störungen im Bauablauf
Einige typische Beispiele aus [15.4] zu den Abschn. 15.7 und 15.8 sind in den
Bildern 15.15 bis 15.19 dargestellt (aus [15.4]).
Da über Einzelheiten derartiger Schadensberechnungen ausführliche Veröffent-
lichungen vorliegen, verweise ich hierzu
auf die Literatur [15.4] mit weiteren Literaturangaben,
auf das Beispiel in [12.3] über die Mehrkostenermittlung aus einer Bauzeitver-
längerung für einen Brückenbau durch Verzögerungen, die der AN nicht zu vertre-
ten hat und
auf ein weiteres Beispiel über die Ermittlung der Behinderungskosten bei
Stahlbetonarbeiten infolge verspäteter Planbeistellung in [12.7].
Ergänzend sei noch auf folgende Punkte hingewiesen:
− Abstrakte Schadensberechnung
Wird ein Bauablauf behindert und damit verzögert, ergeben sich die störungs-
bedingten Mehrkosten aus der Kostendifferenz des Ist- und Sollablaufs.
Bild 15.15: Soll-Bauablauf – grob
Bild 15.16: Darstellung „sich überlappender Störungen“
15.9 Kostengliederung störungsbedingter Mehrkosten 785
Bild 15.17: Auszug aus dem störungsmodifizierten Bauablauf: Verschiebung des Gesamt-
fertigstellungstermins ausschließlich infolge verspäteter Lieferung des Planes A 100
Bild 15.18: Ist-Bauablauf (grob) mit Bau-Soll und störungsmodifiziertem Bau-Soll
Nach der allgemein für Schadensberechnungen anzuwendenden Differenztheo-
rie „besteht der Schaden in dem Unterschied zwischen der Vermögenslage des
Geschädigten, wie sie sich infolge des schadensstiftenden Ereignisses gestaltet hat
und seiner Vermögenslage, wie sie ohne dieses Ereignis bestehen würde“ [15.1].
786 15 Störungen im Bauablauf
Bild 15.19: Baubetriebliche Zusammenhänge zwischen Bau-Soll, störungsmodifiziertem
Bau-Soll und Bau-Ist
Da in der Behinderungsphase der Sollablauf jedoch nicht realisiert werden
kann, lassen sich die Sollkosten nur abstrakt (hypothetisch) berechnen. Sie weisen
in der Behinderungsphase somit keinen direkten Bezug zur Wirklichkeit auf. Eine
weitgehende Annäherung der Sollkosten an die Realität wird jedoch erreicht,
wenn die für den Sollablauf kalkulierten Aufwandswerte und Kostenansätze wäh-
rend einer ungestörten Teststrecke erreicht worden sind [15.2].
Schließlich sei noch erwähnt, dass auf Behinderungskosten keine Mehr-
wertsteuer fällig wird, da hierdurch keine Leistung erbracht wird.
15.10 Leistungsänderungen
Neben Störungen im Bauablauf aus Behinderungen und/oder Beschleunigungen
(Leistungsstörungen) kommen bei VOB-Verträgen noch Leistungsänderungen
vor, die vertraglich geregelt werden können, bisher jedoch nicht erwähnt worden
sind. Darunter fallen:
− Mengenänderungen,
− Übernahme von Leistungen durch den AG,
− Leistungen ohne Auftrag oder unter Abweichung vom Vertrag,
− Bedenken gegen Anordnungen des Auftraggebers,
− Kündigung durch den AG,
− Kündigung durch Auftragnehmer.
15.10 Leistungsänderungen 787
Auch darüber gibt es in der Literatur ausführliche Erläuterungen und Beispiele
[12.3, 12.7]. Ich gehe deshalb im einzelnen nicht darauf ein.
Im Überblick sind diese Fälle und ihre vertraglichen Regelungen – zusammen
mit den im vorstehenden Text ausführlich dargestellten Varianten – in Tabelle 59
dargestellt.
Tabelle 59 [12.3]
788 15 Störungen im Bauablauf
Literatur zu Kapitel 15
15.1 Vygen, Schubert, Lang; Bauverzögerung und Leistungsänderung, Recht-
liche und baubetriebliche Probleme und ihre Lösungen, 2. Auflage,
Wiesbaden 1994
15.2 Bauer, H.; Baubetrieb 2. Auflage, Springer-Verlag Berlin, 1995
15.3 Krebs, W.; Bauabläufe aus der Sicht des Unternehmers, Referat am Insti-
tut für Bauplanung und Baubetrieb der ETH Zürich, 1986
15.4 Genschow/Stelter; Störungen im Bauablauf, Werner Verlag (Wolters
Klüwer Deutschland) München/Unterschleißheim 2004
15.5 Franke, H., Kemper, R., Zanner, Ch. Grünhagen, M.; VOB-Kommentar
Bauvergaberecht, Bauvertragsrecht, 1. Auflage, Werner Verlag, 2002
15.6 Rodde, N., Bauer, G., Strassen, D. Berlin; Gemeinkosten in vertraglicher
Mehrleistung und Bauzeitennachtrag: Doppelvergütungsrisiko für Bau-
herren?, ZfBR 07/2005, S. 634
15.7 Keldungs, K. H.; Die Rechtsprechung der Oberlandesgerichte zum priva-
ten Baurecht 2003, ZfBR 06/2004, S. 523, Abschnitt Verzögerung des
Bauvorhabens
Abschließend verweise ich noch auf weitere Literatur:
− zur rechtlichen Beurteilung gestörter Bauabläufe:
- VOB/B, § 6, Nr. 6
Der Auftragnehmer muss eine Behinderung, aus der er Schadenersatzan-
sprüche ableitet, möglichst konkret darlegen. Dazu ist in der Regel auch
dann eine bauablaufbezogene Darstellung notwendig, wenn feststeht,
dass die freigegebenen Ausführungspläne nicht rechtzeitig vorgelegt
worden sind. ZfBR 5/2002, S. 427 (BGH, Urt. V. 21.03.02 – VII ZR
224/00)
- Quack, F.; Zur Leistungsbeschreibung im Bauvertrag. Die Bedeutung der
baubetrieblichen Sicht für die vertragsrechtliche Leistungsbeschreibung,
ZfBR 4/2003, S. 315
- Thode, R.; Nachträge wegen gestörten Bauablaufs im VOB/B-Vertrag,
Eine kritische Bestandsaufnahme, ZfBR 3/2004, S. 214
− zur baubetrieblichen Beurteilung gestörter Bauabläufe:
- Heilfort, Th., Zipfel, C.; Abrechnung der Folgen von Bauablaufstörungen
im VOB-Vertrag, B + B 9/2004, S. 22
- Kumlehn, F.; Bewertung gestörter Bauabläufe der Höhe nach, Geht mit §
642 BGB für Auftragnehmer alles einfacher?, B + B 9/2004, S. 28
- Knacke, I., Spranz, D., Wagner, F.; Probleme gestörter Bauabläufe, Teil
1–3, B + B 3/2005, S. 2; 4/2005, S. 42; 5/2005, S. 22
- Kumlehn, F.; Geänderte und zusätzliche Leistungen, B + B 9/2005, S. 31
- Bötzkes, F.; Gestörter Bauablauf: So kann der Nachweis der Mehrkosten
gelingen, B + B 10/2005, S. 26
16 Zusammenfassung
Am Ende dieser Darstellung der wesentlichen Aspekte rationeller Bauproduktion
und des Bauprozessmanagements sind in Bild 16.1 die wichtigsten Teilbereiche
im Überblick nochmals zusammengestellt.
Sie beginnen mit den Vorgaben aus der Projektplanung, die i.d.R. den Aus-
schreibungsunterlagen beigefügt sind.
Der Auftragnehmer hat diese Planungsvorgaben durch den Einsatz technisch
und wirtschaftlich optimaler Herstellungsverfahren und eine an die Bedingungen
einer Bauaufgabe angepasste Organisation zu realisieren.
Dafür setzt er geeignete Bauverfahren und das erforderliche Potential aus Ar-
beitskräften verschiedener Qualifikation, Maschinen, Geräten und Werkstoffen
sowie Können und Erfahrung seiner Mitarbeiter und ggf. weiterer Nachunterneh-
mer ein, um mit geringstmöglichem Aufwand und in der kürzestmöglichen Zeit
die Produktionsaufgabe zu lösen.
Dieser Potentialeinsatz ist durch ein Prozessmanagement im einzelnen zu pla-
nen, mit den Kosten zu bewerten sowie im Ablauf zu überwachen und zu steuern.
Bild 16.1: Teilbereiche der Bauproduk-
tion
© Springer Berlin Heidelberg 2007
H. Bauer, Baubetrieb,
DOI 10.1007/978-3-642-32533-5_16
790 16 Zusammenfassung
Abschließend war es mir wichtig, häufig vorkommende Störungen der Produk-
tion und ihre Folgen aufzuzeigen.
Damit schließt sich der Kreis einer Bauaufgabe, wodurch die Erfahrungen aus
der Abwicklung eines Projekts wieder in die Planungen des nächsten einfließen.
Das Prinzip rationeller Bauproduktion besteht im gezielten Einsatz produktiver
Faktoren. Dies sind, wie in den Kap. 5 bis 9 dargestellt, Fertigungsgruppen aus
qualifizierten Arbeitskräften, die mit leistungsfähigen Maschinen und Geräten
Baustoffe be- und verarbeiten. Hohe Lohn- und Gerätekosten sowie erhebliche
zeitabhängige Kosten der Betriebsstätten bedingen einen möglichst kontinuierli-
chen und störungsfreien Einsatz dieses Potentials. Nur so können die Arbeitskos-
ten sowie die Funktionskosten der Baustelle und der Unternehmung gedeckt und
ein angemessener Gewinn erwirtschaftet werden.
Die Voraussetzungen rationeller Produktion sind
− bei VOB-Verträgen eine sorgfältige Leistungsbeschreibung durch den Auftrag-
geber, die Darstellung aller Randbedingungen einer Bauaufgabe und hinrei-
chende Ausschreibungs- und Ausführungsfristen; dazu eine möglichst ferti-
gungsgerechte Planung und Konstruktion und – nach Auftragserteilung – die
rechtzeitige (vertraglich vereinbarte) Übergabe der Ausführungszeichnungen.
− bei Global-Pauschalverträgen mit Vollständigkeitsklausel im Schlüsselfertigbau
wird dem AN mit dem Bauauftrag auch die für das Bauvorhaben oder Bauteile
noch ausstehende Planung übertragen.
Zwischen diesen beiden „Polen“ und darüber hinaus sind, wie erwähnt, noch
weitere Leistungsbereiche für den Auftragnehmer möglich.
Nach Baubeginn erfordert rationelle Produktion die rechtzeitige Planübergabe
sowie rechtzeitige Entscheidungen des Auftraggebers bzw. seiner Beauftragten.
Auf Unternehmerseite erfordert sie eine sorgfältige Planung und Organisation
des Bauablaufs, eine straffe Ablaufkontrolle und die zielsichere Steuerung der
Fertigung über Soll-Ist-Vergleiche in Regelkreisen.
Die optimale Form des Potentialeinsatzes ist ein Bauablauf in modifizierter
Takt- oder Fließfertigung. Damit sind bei minimalem Potentialeinsatz optimale
Bauzeiten und das Kostenminimum zu erreichen.
Mir kam es darauf an, mit dieser Arbeit die Grundlagen rationeller Bauproduk-
tion von der Bauaufgabe über die Möglichkeiten und Voraussetzungen ihrer Rea-
lisierung im Sinne industrieller Produktion bis zu den Folgen von Ablaufstörungen
darzustellen.
Damit können Studierende des Bauingenieurwesens und der Architektur in die-
ses in der Praxis immer wichtiger werdende Fachgebiet des Bauwesens eingeführt
werden.
Darüber hinaus soll bei allen am Bauen Beteiligten Verständnis für die Krite-
rien und Voraussetzungen rationeller Produktion, aber auch für die dafür erforder-
liche Zeit und die damit verbundenen Kosten geweckt werden und die Bereit-
schaft, bei der täglichen Arbeit nach diesen Kriterien zu arbeiten, um die heute
und in der Zukunft anstehenden Bauaufgaben optimal zu lösen.
Anhang
A1 Gliederung des Teils A der VOB [3.4]
A2 Auszug aus dem Gesetz zur Regelung des Rechts der Allgemeinen Ge-
schäftsbedingung [3.21, 3.51]
A3 Materialgewichte [5.18]
A4 Beispiel zur Leistungsberechnung eines Bagger-SKW-Betriebes [5.18]
A5 Beispiel für die Leistungsermittlung eines Erdbetriebs (Entnahme und
Transport)
A6 Beispiel für die Ermittlung der erreichbaren Geschwindigkeit und der Ha-
kenzugkraft eines knickgelenkten Muldenkippers [5.40]
A7 Leistungsermittlung von Planierraupen [5.20]
A8 Beispiel zur Ermittlung des Förderdrucks und der erforderlichen Antriebs-
leistung einer Betonpumpe [6.43]
A9 Einsatzbeispiel einer Variomax-Deckenschalung mit H 20-Trägern (Thys-
sen Hünnebeck Schalung [6.66])
A10 Die Verknüpfungstypen zweier Vorgänge in der BKN-Methode [11.1]
A11 Darstellungsformen von Bauabläufen [11.1]
A12 Ganglinien und Summenlinie für Einsatzmittelvorgaben (hier für den Um-
satz einer Baustelle) [11.9]
A13 Zyklen der Modelldefinition eines Bauablaufs und der Ablaufkontrolle
[11.1]
A14 Varianten für Taktfertigung im Baubetrieb [11.1]
A15 Grundkonzept für die Planung einer Baustelleneinrichtung [11.9]
© Springer Berlin Heidelberg 2007
H. Bauer, Baubetrieb,
DOI 10.1007/978-3-642-32533-5
792 Anhang
A16 Beispiel: Baustelleneinrichtung für die Fertigung einer Werkhalle [11.5]
A17 Vorgaben der Ablaufplanung für Bauleitung und Kontrolle [11.9]
A18 Bereitstellungsplanung für einen Stahlbetonbau [12.12]
A19 Rahmenterminplan für das Behördenzentrum Frankfurt am Main
A20 Gliederung der Gemeinkosten der Baustelle [12.3]
A21 Hinweis auf Kalkulationsbeispiele in der Literatur
A22 Kalkulationsbeispiele/Merkmale aus A21
A22.1 Vorkalkulation eines Wasserbehälters (Beton, Stahlbeton [12.7])
A22.2 Vorkalkulation einer Pfahlgründung
mit Ortbeton-Rammpfählen [12.3]
A22.3 Merkmale von Kalkulationen für SF-Bauvorhaben
(in Stichworten)
A23 Schema von Ablaufkontrollen und Strukturen von Basispositionen [11.9]
A24 Beispiele von Ablaufkontrollen [11.9]
A25 Aufgaben der Arbeitsvorbereitung im Bauunternehmen [11.11, Teil 1]
A26 § 6 VOB/B, Behinderung und Unterbrechung der Ausführung [3.4]
A27 Unterlagen zur Arbeitssicherheit [11.101]
A28 Weitere Einsatzdaten für Turmdrehkrane [6.32]
A28.1 Schnelleinsatzkran 32 TT
A28.2 Kletterkran/Katzausleger 140 EC-H 6 Litronic
A28.3 Kletterkran/Katzausleger 280 EC-H 12 Litronic
A28.4 Nadelauslegerkran 355 HC-L 12/24
Anhang A1 793
A1 Gliederung des Teils A der VOB [3.4]
794 Anhang
Anhang A2 795
A2 Auszug aus dem Gesetz zur Regelung des Rechts der
Allgemeinen Geschäftsbedingung [3.21, 3.51]
Das AGB-Gesetz aus 1976 wurde 2002 in das BGB integriert und modifiziert
(§§ 305 bis 310).
796 Anhang
A3 Materialgewichte [5.18]
Anhang A4 797
A4 Beispiel zur Leistungsberechnung eines
Bagger-SKW-Betriebes [5.18]
798 Anhang
A5 Beispiel für die Leistungsermittlung eines Erdbetriebs
(Entnahme und Transport)
Aufgabe:
130.000 fm³ Abtrag aus einer Seitenentnahme für eine Dammschüttung (Auto-
bahn). Anstehender Boden: fest gelagerter Kiessand, trocken; Raumgewicht 1.930
kg/fm³, A = 12, AF = 0,89; Schüttgewicht 1.720 kg/lm³ (Anhang 3). 45`/Stunde
(f6 = 0,75).
Längsschnitt der Transportstrecke S. 799
1. Erforderliche Dauerleistung:
V 130.000 fm ³ 1.512
vD = = = 1.512 fm3 / d = = 189 fm ³ / h
d × T 4 Mt. × 4,3 Wo. / Mt. × 5 At 8h
2. Entnahme:
Abtrag mit Tieflöffel-Hydraulikbagger Liebherr 954, oben stehend, VL = 2,2 m³
(SAE), Füllungsgrad fF 90%, Arbeitstaktzeit (Spieldauer) 25’’.
3.600' '
Baggerleistung: Qt = VL × × fF
25' '
= 2,2 × 144 × 0,9 ≅ 285 lm³/h
QN = Qt × f6 = 285 × 0,75 = 215 lm³/h
= 215 × AF = 215 × 0,89 ≅ 190 fm³/h
3. Transport:
− Gewählt Knickgelenkte Dumper Volvo A 25 C (SKW, s. S. 801)
Technische Daten: max. Motorleistung 187 kW
vmax 52 km/h
Muldeninhalt (SAE) gestrichen 10,1 m³, gehäuft 13 m³
max. Nutzlast 22.500 kg
Gewicht: Netto 17.770 kg, Brutto 40.270 kg
− Gerätenutzung:
Volumen: 6 Spiele × 2,2 m³ × 0,9 = 11,9 m³ < 13 (maßgebend)
Tragfähigkeit: 6 Spiele × 1.720 kg × 2,2 × 0,9 = 20.434 kg < 22.500
1
− Ladezeit/SKW: 6 Spiele × 25’’ = 150’’ × = 2,5 min.
60
Anhang A5 799
− Rundfahrzeit:
livoll lileer
T=ž +ž + tK [min]
vivoll vileer
3,6 × N × ηges li
verr. = k × [km/h], ti = × 60 [min]
W×G×g vi
für die Teilstrecke l1 wird
3,6 × 187 × 0,85 429,2
v = 0,75 × = ≅ 37 km/h,
0,030 × 38,21 × 10 11,5
1,2 km
t1voll = × 60 = 1,9’
37
(Gvoll = Gleer + Ladung = 17.700 + 20.440 = 38.210 kg, Gleer = 17.770 kg)
Weitere Berechnung der Rundfahrzeit siehe Tabelle (S. 800).
800 Anhang
Tabelle der Rundfahrteilzeiten ti
Teilstrecke l wR G k verr ti Bem.
1 2 3 4 5 6 7 8
l1voll 1.200 m 0,030 38.210kg 0,75 37 km/h 1,9 min.
l2voll 200 m 0,110 38.210 kg 0,70 9,5 km/h 1,3 min.
l3voll 700 m 0,050 38.210 kg 0,80 24 km/h 1,8 min.
l4voll 100 m 0,080 38.210 kg 0,50 7 km/h 1,0 min.
l1leer 1.200 m 0,030 17.770 kg 0,85 40 km/h 1,8 min. geschätzt
l2leer 200 m -0,050 17.770 kg 0,75 30 km/h ~ 0,5 min. geschätzt
l3leer 700 m 0,050 17.770 kg 0,80 35 km/h 1,2 min. geschätzt
l4leer 100 m 0,080 17.770 kg 0,50 20 km/h ~ 0,5 min.
10,0'
Kippzeit 1,0'
Rundfahrzeit T = 11,0 min
− Umlaufzeit tu : tu = tf + T = tL + tw + T [min]
(n ' − 1) × ts (6 − 1) × 25' ' 125' '
tL = = = = 2,1’
60 60 60
tw (Rückstoßen) = 1,0’
tf = 3,1’
T (Tabelle) 11,0’
tu = 14,1’
− Nutzleistung eines SKW:
60 60
QFN = VFN × × fN = 11,9 m³ × × 0,90 = 45,6 lm³/h
tu 14,1
fN = Gerätenutzungsfaktor (0,90 =ˆ 90%)
− Erforderliche Anzahl der Fahrzeuge:
215 lm³ / h 215
Zi = = = 4,7 ~ 4,6
QFN 45,6
T 11,0'
(z = +1= + 1 = 3,6 + 1 = 4,6)
tf 3,1'
gewählt 5 Fahrzeuge
− Fahrbedingung: Übertragbare Zugkraft ZR > Zerf.
ZR beladen = Gvoll × × μ × 10-2 = 38.210 kg × 1,0 × 0,45 × 10-2 = 172 kN
=ˆ 17,2 t
ZR leer = Gleer× × μ × 10-2 = 17.800 kg × 1,0 × 0,45 × 10-2 = 80 kN =ˆ 8,0 t
Zerf. = Gvoll × 11,0 × 10-2 = 382 kN × 0,11 = 40 kN =ˆ 4,0 t
17,2/8,0 t > 4,0 t, Fahrbedingung erfüllt!
4. Kontrolle der über die angenommene Spieldauer ermittelten Baggerleistung
vom QN = 215 lm³/h.
Gegeben Tieflöffelbagger mit VL = 2,2 m³
Anhang A5 801
5
Qt = VL × n × fF × Π1 fi [lm³], Gleichung (11)
VL = 2,2 m³ f1 = 1,0 (Tabelle 4)
n = 180 (Tabelle 2) f2 = 0,85 (4 m, Tabelle 4)
fF = 0,9 f3 = 1,0 (Tabelle 4)
f4 = 0,9 (Tabelle 4)
f5 = 1,0 (für 6 Ladespiele, Tabelle 4)
5
Π f = 0,85 × 0,9 = 0,765
1
Technische Leistung:
Qt = 2,2 × 180 × 0,9 × 0,75 = 273 lm³/h
Mit f6 = 0,75 wird
QN = Qt × f6 = 273 × 0,75 ≅ 205 lm³/h
= 95,4 % von 215 lm³/h
Ergebnis: Stimmt etwa überein.
Nachtrag
Zur Gerätewahl für das Einbauen und Verdichten des Bodens auf der Kippe siehe
Abschn. 5.3.4 und 5.3.5.
802 Anhang
A6 Beispiel für die Ermittlung der erreichbaren
Geschwindigkeit und der Hakenzugkraft
eines knickgelenkten Muldenkippers
1. Maschinendaten für knickgelenkten Muldenkipper D 30 D, CAT
N = 223 kW
Gvoll = 49.106 kg (Allradantrieb) = 49,106 t
Nutzlast 27,5 t bei 16,5 m³ Mulde
(gehäuft SAE 2: 1, gestr. 12,5 m³)
Fahrwiderstand 4% (2,o% + 2% Steigung)
2. erreichbare Geschwindigkeit:
2.1 lt. Fahrdiagramm (Anlage): 31,5 km/h (4. Gang)
2.2 aus Gleichung (30):
3,6 N × ηges. 3,6 × 223 × 0,80 642,24
verr. = = = = 32,7 km/h ≅ 31,5 km/h
WR × G × g 0,04 × 49,106 × 10 19,64
3. Haken- (Felgen-) Zugkraft:
3.1 lt. Fahrdiagramm (S. 803): 2.000 kg (kp!)
3.2 aus Gleichung (29):
3,6 × N × ηges.
Zerf. = [kN]
v
3,6 × 223 kW × 0,80
= = 20,4 kN
31,5 km / h
= 20,4 × 100 = 2.040 kp (1 kN = 100 kp, kp =ˆ kg lt. Prospekt)
Anhang A6 803
Bild 1: Fahrdiagramm
804 Anhang
A7 Leistungsermittlung von Planierraupen [5.20]
Bild 1
Anhang A7 805
806 Anhang
Bild 2
Anhang A7 807
808 Anhang
Anhang A8 809
A8 Beispiel zur Ermittlung des Förderdrucks und der
erforderlichen Antriebsleistung einer Betonpumpe
[6.43]
810 Anhang
Anhang A8 811
812 Anhang
A9 Einsatzbeispiel einer Variomax-Deckenschalung mit
H 20-Trägern (Thyssen Hünnebeck Schalung [6.66])
Anhang A9 813
814 Anhang
Anhang A10 815
A10 Die Verknüpfungstypen zweier Vorgänge in der BKN-
Methode [11.1]
816 Anhang
A11 Darstellungsformen von Bauabläufen [11.1]
Anhang A12 817
A12 Ganglinien und Summenlinie für Einsatzmittel-
vorgaben (hier für den Umsatz einer Baustelle) [11.9]
818 Anhang
A13 Zyklen der Modelldefinition eines Bauablaufs und
der Ablaufkontrolle [11.1]
Anhang A14 819
A14 Varianten für Taktfertigung im Baubetrieb [11.1]
820 Anhang
Anhang A14 821
822 Anhang
A15 Grundkonzept für die Planung einer Baustellen-
einrichtung [11.9]
Anhang A16 823
A16 Beispiel: Baustelleneinrichtung für die Fertigung
einer Werkhalle [11.5]
824 Anhang
Anhang A16 825
826 Anhang
Anhang A16 827
828 Anhang
A17 Vorgaben der Ablaufplanung für Bauleitung
und Kontrolle [11.9]
Anhang A18 829
A18 Bereitstellungsplanung für einen Stahlbetonbau
[12.12]
830 Anhang
Anhang A18 831
832 Anhang
A19 Rahmenterminplan für das Behördenzentrum
Frankfurt am Main
Anhang A20 833
A20 Gliederung der Gemeinkosten der Baustelle [12.3]
834 Anhang
A21 Hinweis auf Kalkulationsbeispiele in der Literatur
Folgende Kalkulationsbeispiele sind in der nachstehend genannten Literatur ent-
halten:
− in Drees/Paul, Kalkulation von Baupreisen, 7. Auflage [12.3]:
− Hochbauarbeiten,
− Erdbauarbeiten,
− Straßendeckenbau,
− Ortbeton – Rammpfähle
− Montagebau,
− Schlüsselfertigbau
− in Jacob, Winter, Stuhr, Kalkulationsformen im Ingenieurbau [12.7]:
− Hochbau: Schlüsselfertigbau
Rohbau (Beton-/Stahlbetonarbeiten)
Allgemeiner Ausbau/Fassade
Technischer Ausbau
− Konstruktiver Straßenbau
− Spezialtiefbau
− maschineller Tunnelbau
− Brückenbau
− Werkstattfertigung/Stahlbau
− Auslandsbau
Bei Drees/Paul sind alle Geldbeträge in € angegeben, bei Jacob/Winter/Stuhr noch
in DM. Der offizielle Umrechnungsfaktor beträgt
1 € = 1,95583 DM bzw.
1 DM = 0,51129 €.
Anhang A22 835
A22 Kalkulationsbeispiele/Merkmale aus A21
A22.1 Vorkalkulation eines Wasserbehälters (Beton, Stahlbeton
[12.7])
Leistungsverzeichnis
836 Anhang
Zusammenstellung der Aufwandswerte und Einzelkosten pro Mengeneinheit
Anhang A22 837
1 Einzelkosten der Kostenarten pro Position
838 Anhang
Berechnung des Mittellohns
Anhang A22 839
840 Anhang
Anhang A22 841
842 Anhang
Berechnung der Einheitspreise
Anhang A22 843
844 Anhang
A22.2 Vorkalkulation einer Pfahlgründung
mit Ortbeton-Rammpfählen [12.3]
Anhang A22 845
846 Anhang
Anhang A22 847
A22.3 Merkmale von Kalkulationen für SF-Bauvorhaben
(in Stichworten)
I. nach Drees/Paul [12.3]
1. Vorarbeiten
− Mengenkontrolle bei Detail-Pauschalverträgen,
− bei Global/-Pauschalverträgen Angebotsbearbeitung über alle Fachbereiche
der Planung und Ausführung hinweg, dabei integratives Durcharbeiten des
Bauobjekts hinsichtlich Funktionserfüllung und Vollständigkeit.
Grundlage hierfür ist die Tabelle 1 der DIN 276, Kosten im Hochbau, Aus-
gabe 1993 (Gewerke im Hochbau).
2. Kalkulationsmethoden
Hierzu werden 5 Varianten genannt. Am häufigsten wird die Kalkulation über
Einzelgewerke mit Preisen aus Einzelausschreibungen angewendet, gefolgt von
der Kalkulation über Einzelgewerke mit Erfahrungswerten (Kostenanteile).
Im Prinzip entspricht die Kalkulation im SF-Bau der Kalkulation von Rohbau-
arbeiten mit sehr hohem Anteil an Nachunternehmer-Leistungen (häufig 100%
der Bauausführung durch Nachunternehmer).
Dazu sind 2 Tabellen angeführt:
− Anteile der Leistungsbereiche,
− Gemeinkostenanteile im SF-Bereich (Kostenanalyse einer Hochbaustelle).
3. Die Kalkulation mit Grob-Kennwerten wird an zwei Beispielen aufgezeigt.
Weitere Inhalte der Darstellung (mit Beispielen) sind:
4. Vorgehensweise bei der SF-Baukalkulation (Abschnitt 4):
− Gliederung eines Projekts (Tabelle),
− Angebotskalkulation (Beispiel mit Kostenkennwerten),
− Vergabe der Gewerke (Bild Vergabeplan, Schema).
Weitere Angaben beziehen sich auf
5. die Ablaufplanung (Abschnitt 5, 4 Phasen):
− Erdarbeiten, Rohbau, Fassade, Dach (wetterfestes Gebäude),
− Grobausbau (Gebäudetechnik, Innenputz, Estrich),
− Feinausbau,
− Außenanlagen.
6. die Terminplanung (Abschnitt 6, Überlappung Roh-, Ausbau),
7. Lohnanteile für Ausbauarbeiten (Abschnitt 7), Richt- und Aufwandswerte für
Teilleistungen mit Anwendungsbeispielen.
II. nach Jacob, Winter, Stuhr [12.7]
1. Zunächst informieren die Verfasser darüber, nach welchen Gesichtspunkten
durch die Auftraggeber eine Vorauswahl der Bieter getroffen wird (soweit es
sich nicht um öffentliche Ausschreibungen handelt).
848 Anhang
Basis der Darstellung ist die Vorgehensweise im angelsächsischen Raum. Dort
wird (ebenfalls) nicht mit Kennwerten, sondern vornehmlich mittels LV und
Einzelausschreibung der einzelnen Gewerke kalkuliert.
Das Ablaufschema der wesentlichen Vorgänge von der Bietervorauswahl durch
den Bauherrn bis zur Zuschlagserteilung ist als Schema dargestellt.
2. Als wichtiger Bestandteil des Kalkulationsprozesses wird die Bearbeitung und
Kontrolle der Anfragen und Angebote der Lieferanten und Nachunternehmer
genannt. Parallel dazu muss die Arbeitsvorbereitung des Bauvorhabens mit den
jeweiligen Bauleitern und zuständigen Abteilungen abgestimmt werden.
3. Für die Entscheidung, ob ein Angebot für ein Bauvorhaben abgegeben wird,
werden eine Reihe erforderlicher Informationen genannt (Planunterlagen, Leis-
tungsbeschreibung, Leistungsverzeichnis, Vertragsbedingungen, Technische
Berichte u.a.).
4. Für das Management des Kalkulationsprozesses wird ein Arbeitsablaufplan
vorgestellt und erläutert, zum Beschaffungsprozess die Gewerkeliste eines GÜ
und ein Formular „Aufforderung zur Angebotsabgabe“. Für die eingehenden
Angebote, die durch Preisspiegel ausgewertet werden, sind Prüfungskriterien
angegeben.
5. Des weiteren enthält die Darstellung die Gliederung eines Zwischenberichts des
Kalkulators für die Unternehmensführung.
6. Die Einzelkosten der Teilleistungen werden wie üblich ermittelt (Lohn-, Bau-
stoffkosten, Gerätekosten) /Stunde bzw. Mengeneinheit mit/ohne Fahrer, Ei-
gen- oder Fremdgerät; daraus über Aufwands-/Leistungswerte die Einzelkosten
der LV-Positionen für Eigenleistung und die Kosten der Nachunternehmer-
leistungen.
7. Die Gemeinkosten werden für die aufgeführten Teilkosten anhand von Formu-
laren ermittelt.
8. Vor der Schlussberatung des Angebots sollte ein Kostenplan in der Form einer
Kostenkurve aufgestellt werden. Hierzu ist der Kostenverlauf auf den Bauab-
laufplan abzustimmen. Dazu sind die Vertragsbedingungen (Abschlagszahlun-
gen), Bankkonditionen und eine Reihe weiterer Umstände, die im Einzelnen
genannt werden, zu beachten.
9. Die zur Vorbereitung der Schlussberatung zwischen Kalkulator und Geschäfts-
leitung in einen Bericht aufzunehmenden Informationen sind in einer ebenfalls
beigefügten Tabelle zusammengefasst.
Anhang A23 849
A23 Schema von Ablaufkontrollen und Strukturen
von Basispositionen [11.9]
850 Anhang
A24 Beispiele von Ablaufkontrollen [11.9]
Anhang A23 851
A25 Aufgaben der Arbeitsvorbereitung im Bau-
unternehmen [11.11, Teil 1]
852 Anhang
A26 § 6 VOB/B, Behinderung und Unterbrechung
der Ausführung [3.4]
Anhang A27 853
A27 Unterlagen zur Arbeitssicherheit
1. Bedingt durch die Umsetzung von europäischem Recht in deutsches, können
die Berufsgenossenschaften kein eigenes Recht mehr in der Arbeitssicherheit
setzen. Hierfür ist jetzt der Staat (Bund) zuständig. Die Unfallversicherungsträ-
ger haben sich in der verbliebenen einzigen UVV1 „Grundsätze der Prävention“
vom 01.01.2004 in § 2 (1) die Möglichkeit gelassen, dieses Recht auch in Ei-
genregie umsetzen, so dass ihre Hoheitlichkeit gewahrt bleibt. Alle noch ver-
bliebenen UVVen werden sukzessive außer Kraft gesetzt, sobald der jeweilige
Bereich durch staatliche Regeln ausgefüllt ist.
2. Basisvorschrift für alle Arbeitsbereiche ist auf der Grundlage des Arbeits-
schutzgesetzes die Betriebssicherheitsverordnung vom 27.09.2002. Der neu ge-
gründete Ausschuss für Betriebssicherheit soll zur Konkretisierung der Verord-
nung ein gefährdungsbezogenes Regelwerk (Technische Regeln für
Betriebssicherheit) sowie Handlungsanleitungen für einzelne Arbeitsbereiche
erstellen. Hierbei arbeiten die Berufsgenossenschaften mit und setzen dieses
dann in den Betrieben um. Das Schrifttum der BGen2 wird dann aus der ge-
nannten UVV, den bglichen3 Regeln (BGR) und bglichen Informationen (BGI)
bestehen. BGR und BGI sollen ausgewählte Technische Regeln für Betriebssi-
cherheit sowie Handlungsanleitungen für die Betriebe beinhalten.
3. Die Bauberufsgenossenschaften hatten in den letzten Jahren den Stand der Si-
cherheitsanforderungen auf den Baustellen und in Betrieben in „Info-Ordnern“
(o. ä.) zusammengefasst [11.101]. Diese wird es nicht mehr geben. Ihre Inhalte
stellen aber noch immer den derzeitigen Stand der Sicherheitstechnik dar (Bei-
spiele aus [11.101] siehe Anlagen 27.1 und 27.2).
1
Unfallverhütungsvorschrift
2
Berufsgenossenschaft
3
berufsgenossenschaftlichen
854 Anhang
A27.1 Inhalt des Info-Ordners der Tiefbau-Berufsgenossenschaft
München [11.101]
Anhang A27 855
A27.2 Arbeitsraumbreiten
856 Anhang
Anhang A28 857
A28 Weitere Einsatzdaten für Turmdrehkrane [6.32]
A28.1 Schnelleinsatzrehkran 32 TT
Weitere Daten für den Schnelleinsatzkran 32 TT (Bild 6.29):
Maximale Traglast bei waagrechter Ausladung und 1-Strang-Betrieb 2,5 t, bei
2-Strang-Betrieb 4,0 t (Umscherautomatik); bei Ausleger-Steilstellung von 20° bis
26,6 m Ausladung max. 1,3 t, bei 28,5 m 1,17 t.
Arbeitsgeschwindigkeiten:
− Drehen 0–0,8 U/min,
− Katzfahren 20/40 m/min (auch bei 20° Steilstellung),
− Ausleger aus- und einfahren 10 m/min,
− Turm hochfahren 4 m/min.
Hub- und Senkgeschwindigkeiten für verschiedene Betriebszustände siehe Ta-
belle A 28.1
Elektrischer Anschlusswert bei 400 V und 50 Hz 22,0 kVA für KL- und 20,0
kVA für FU-Antrieb (KL Kurzschlussläufermotoren, FU Frequenzumrichter).
Tabelle A28.1 Hub- und Senkgeschwindigkeiten
858 Anhang
A28.2 Kletterkran/Katzausleger 140 EC-H6 Litronic
Der Kletterkran mit Katzausleger 140 EC-H6 Litronic in Bild 6.31 weist nachste-
hende Daten auf:
Hakenhöhe bis 52,9 m (Turm 170 HC),
Ausladung bis 60 m,
Traglast von 1,92 t bis 6,0 t.
Drehgeschwindigkeit stufenlos von 0 bis 0,8 U/min,
Katzfahren stufenlos von 0 bis 100 m/min,
Kranfahren 25,0 m/min.
Der Antrieb ist mit einem 30 kW- und einem 37 kW-Motor möglich (jeweils
FR-tronic – FU). Die Lastmomentkurven LM1 und LM2 dieses Krans sind in Bild
A 28.2.1 dargelegt, die Hubgeschwindigkeiten für den 30 kW FU-Antrieb in Bild
A 28.2.2.
Elektrischer Anschlusswert bei 30 kW FU 45,0 kVA, bei 37 kW FU 50,0 kVA.
Bild A28.2.1 Lastmomentkurven LM1 und LM2
Anhang A28 859
Bild A28.2.2 Hub- und Senkgeschwindigkeiten
A28.3 Kletterkran/Katzausleger 280 EC-H12 Litronic
Der Kletterkran mit Katzausleger 280 EC-H 12 Litronic in Bild 6.32 weist nach-
stehende Daten auf:
Hakenhöhe bis 59,6 m (Turm 256 HC), bei Turm 355 HC 75,2 m,
Ausladung bis 75,0 m,
Traglast von 2,8 t bis 12,0 t.
Drehgeschwindigkeit stufenlos von 0 bis 0,7 U/min,
Katzfahren stufenlos von 0 bis 110 m/min,
Kranfahren 25,0 m/min.
Für diesen Kran gibt es 2 Antriebe für das stufenlose Heben und Senken (45
und 65 kW FR-tronic – FU) und einen dritten mit 3 Gangbereichen (110 kW FU).
Die Lastmomentkurven LM1 und LM2dieses Krans sind in Bild A 28.3.1, die
Hub- und Senkgeschwindigkeiten für den 45 kW-Antrieb in Bild A 28.3.2 darge-
stellt.
Elektrischer Anschlusswert 63 kVA bei 45 kW FU-Antrieb (bzw. 86 kVA bei
65 kW FU und 128 kVA bei 110 kW FU).
860 Anhang
Bild A28.3.1 Lastmomentkurven LM1 und LM2
Bild A28.3.2 Hub- und Senkgeschwindigkeiten
A28.4 Nadelauslegerkran
Weitere Daten für den Nadelauslegerkran 355 HC-L 12/24 (Bild 6.34):
Turmhöhe (Turm 500 HC-L) 53,3 m
Hakenhöhe über Ausleger-Drehpunkt bei 70° ~ 53,0 m
Hakenhöhe insgesamt bei Auslegerneigung 70° ~ 106,3 m
Ausladung bis 60 m,
Tragfähigkeit 4,5 bis 12,0 t bei 1-Strang-Betrieb und
3,2 bis 24,0 t bei 2-Strang-Betrieb.
Anhang A28 861
Drehen stufenlos von 0 bis 0,7 U/min,
Ausleger heben/senken 2,8/2,3/1,8 min bei 65/90/110 kW-Antrieb (FU).
Das Heben und Senken des Auslegers ist bei 65 kW-Antrieb mit 2 Gängen, bei
den 90 und 110 kW-Antrieben mit jeweils 3 Gängen (lastabhängig und stufenlos)
möglich.
Die Lastmomentkurven für LM1 sind in Bild A 28.4.1, die Hub- und Senkge-
schwindigkeiten für den 65 kW-Antrieb in Bild A 28.4.2 dargestellt.
Elektrischer Anschlusswert: bei 65 kW FU-Antrieb 143 kVA,
bei 90 kW FU-Antrieb 190 kVA,
bei 110 kW FU-Antrieb 226 kVA.
Bild A28.4.1 Ausladung und Tragfähigkeit
Bild A28.4.2 Hub- und Senkgeschwindigkeiten bei 65,0 kW FU-Antrieb
Sachverzeichnis
6-Stufen-Methode der Systemgestaltung baubetriebliche Grundlagen bei
743 gestörtem Bauablauf 773
Bauen im Ausland 2
Abbruchhämmer an Hydraulikbaggern Baukosten nach der DIN 276 490
100 Baukostenermittlung für ein Büro-
Ablaufstörungen 753 gebäude 492
AGBG 43 Bauphasenplan 626
allgemeine Geschäftskosten 660 Baustelleneinrichtung 592
allgemeines Risiko-Management 679 Bauzeitverlängerung durch Planungs-
Anlaufzeit und Einarbeitungsaufwand verzug 767
573 Bemessung der Schalung und Rüstung
Anpassungsformen an Behinderungen 360
der Produktion 759 Bereitschaftsindustrie 45
Arbeits- und Schutzgerüste 349 beschleunigter Bauablauf 761
Arbeitsfugen 254 Besonderheiten der Bauproduktion 47
Arbeitsvorbereitung für den Schalungs- Bestimmung des Wagenparks – Anzahl
bereich 364 der Fahrzeuge 110
Asynchronbetrieb 582 Betonieren bei niedrigen Temperaturen
Aufgabe des Problemlösens 745 255
Aufgabe rationeller Produktion 486 Betonieren unter Wasser 255
Aufgabe und Ziel der Ablaufplanung Betonpumpen und -verteiler zur Rohr-
einer Bauunternehmung 532 förderung von Beton 228
Aufgaben des Prozessmanagements Betonrecycling 196
einer Baustelle 747 Bewehrungsarbeiten 378
Aufwands- und Leistungswerte 545 Bodenzustände 65
Ausführungsvorbereitung 748 Brückenlaufkrane 225
Aussetzerbetrieb 579
Auswahlkriterien für Förderfahrzeuge Construction Management 34
107
Autobetonpumpen 231 Darstellung des Schalungseinsatzes
automatische Scharsteuerung mit 376
rotierendem Laserstrahl 134 Deckelbauweise 453
Automatisierung von Bauprozessen 58 Deckenschaltische 306
Deckenschalung 297
Balken-/Unterzugschalung 314 Deckenschalung aus Stahlbeton-
Balkenpläne 607 fertigteilen (Elementschalung) 311
Bauablauf unter Unsicherheit 634 Detail-Pauschalvertrag 41
Bauarten von Betonpumpen 230 Dichtwände 468
Bauarten von Transportfahrzeugen 102 DIN 1045 „Tragwerke aus Beton,
Bauaufzug 494 Stahlbeton und Spannbeton“ 171
© Springer Berlin Heidelberg 2007
H. Bauer, Baubetrieb,
DOI 10.1007/978-3-642-32533-5
864 Sachverzeichnis
DIN EN 206-1 171 Grundlagen der Leistungsbestimmung
von Fahr- und Flachbaggern 136
Einbauen von Beton 179
Einbauformen (Erdbau) 139 Hauptaufgaben des Bauleiters
Einbauverfahren (Beton) 201 (Prozessmanagers) 749
Einflussfaktoren auf die Produktions- Hebezeuge 211
leistung im Beton und Stahlbetonbau Hubarbeitsbühnen 495
388
Einheitspreisvertrag 40 Injektionen 463
Einsatz von Standbaggern für das Lösen
und Laden 78 Kabelkrane 226
Einsatzkriterien und -bereiche rationeller Kalkulation mit vorbestimmten
Betonschalung 370 Zuschlagssätzen 661
Einzelkosten der Teilleistungen 652 Kalkulation über die Angebotssumme
Elemente einer Baustelleneinrichtung 661
593 Kalkulationsbeispiele 667
Erdbauaufgabe 61 Kalkulationsverfahren 661
Europäische Gemeinschaft (EG) 37 Kenngrößen im Erdbau 164
Kletterschalung 325
Fahr- und Flachbagger 121 Komplettheitsklausel 42
Fahrbagger 122 Konsistenzbereiche von Frischbeton
fahrdynamische Grundlagen des [6.2] 176
Transportbetriebes 114 Kontrolle der Bodenverdichtung 156
Fahrmischer-Betonpumpen 238 konventionelle Deckenschalung 297
Fahrschalung (Schalwagen) 318 Kosten von Schalungen 370
Fahrwegunterhaltung / Wettereinfluss Kostenarten 651
120 Kostengliederung störungsbedingter
Flachbagger 125 Mehrkosten 778
Flex- bzw. Flex-Raster-Schalung 298 Kostenvergleichsrechnung 747
Fließfertigung/Taktarbeit 568 kotierte Flächen 629
Flussbilder 629 Kriterien zur Verfahrenswahl (Beton)
Förderleistung bei der Rohrförderung 205
von Beton 248
Förderleistung mit Kran und Kübel Lebenszyklus eines Bauvorhabens 24
240 Leichtbeton 256
Förderleitung 231 Leistung von Betonmischern und
Fördervarianten für das Pumpen von Mischanlagen 193
Beton 229 Leistung von Beton-Verdichtungs-
funktionale Leistungsbeschreibung 13 geräten 253
Funkübertragungssystem 134 Leistung von Motorschürfzügen
(Scrapern) 139
Gemeinkosten der Baustelle 659 Leistung von Planierraupen, Reifen-
Generalunternehmer 16, 29, 485 planierern und Gradern 137
Gleitschalung 333 Leistung von Radladern (Fahrbaggern)
Gliederung der Gebäudekosten 493 136
Global Positioning System GPS 134 Leistung von Standbaggern 86
Global-Pauschalvertrag 42 Leistungs- und Kapazitätsabstimmung
GMP (guaranteed maximum price)- 559, 578
Vertrag 44 Leistungsänderungen 786
Grobnetzplan der Ausbauarbeiten 485 Leistungsbeschreibung mit Leistungs-
Großdrehbohrgerät BG 20H 437 programm 13
Sachverzeichnis 865
Leistungsbeschreibung mit Leistungs- Rahmenbedingungen der Produktion 46
verzeichnis LV 13 Rahmenschalung 274
Leistungsermittlung von Verdichtungs- Rahmentafelsysteme 303
geräten 158 Rammeignung verschiedener Boden-
Leistungsstörungen 7 arten 445
Leistungsträger 24 Randbedingungen einer Ablaufplanung
Logistik 632 534
Rationalisierung 58
Mehrkosten aus Behinderung 778 Rationalisierungsmöglichkeiten im
Mehrkosten aus Beschleunigung 782 Ausbau 501
Mengenverteilungsplan 63 rationelle Produktion 52, 58
Mischanlage 181 rechtliche Grundlagen zur Beurteilung
Möglichkeiten des Ablaufs von eines gestörten Bauablaufs 769
Ausbauarbeiten 503 Regel-Auftrags-Ablauf (RAA) 747
retrograde Kalkulation 648
Nachunternehmer 486 Risiko 676
Nassbagger (Überblick) 74 Risikobewertung in der Bauproduktion
Nebenangebote 45 685
Nebenleistungen 40 Rüstungen 336
Netzplantechnik 615
Schäden aus Baugruben-, Graben-,
Organisationsformen 26 Unterfangungs-, Gebäudesicherungs-
und Gründungsarbeiten 478
Pauschalvertrag 40 Schadensberechnung 783
Planung der Baustelleneinrichtung 594 Schalverfahren 269
Planungsschritte 536 Schema der Bauablaufplanung
Portalkrane 224 (Planungsschritte) 537
Potential und Kapazität eines Bau- schlüsselfertiges Bauen mit General-
betriebes 525 unternehmer 508
Prinzip rationeller Bauproduktion 790 selbstverdichtender Beton 256
Problematik des schlüsselfertigen Sonderbauformen von Standbaggern 97
Bauens 509 Sonderfälle der Betonförderung in
Problemlösen 26 Kübeln 227
Produktionsbereich einer Bau- Sonderfälle von Kippen 141
unternehmung 52 Sonderschalungen 318
Produktionsfaktoren im Baubetrieb 524 Spezialtiefbau 427
Produktionsplanung in Baubetrieben Springbetrieb 580
527 Spritzbeton 256
Produktionsprozessplanung 50 Stand der Produktionstechnik im Erdbau
Produktionsvarianten im Erdbau 69 160
progressive Kalkulation 648 Standardleistungsbuch 645
Projekt 18 Standardleistungskatalog 645
Projektablauf 26 stochastische Einflussgrößen und
Projektabwicklung im Bauwesen 9 Transportsimulation 118
Projektmanagement 23, 34 Störbetrieb 586
Projektmanagement im Bauwesen 24 Störungen im Bauablauf 751
Projektsteuerung 34 Stützenschalung 270
Prozessoptimierung 2, 58
Teilautomatisierung 59
Qualität einer Unternehmung 52 Teilpauschalverträge 42
866 Sachverzeichnis
Teilvorgang T3, Transport 101 Verhandlungsverfahren 672
Teilvorgang T4, Einbauen des Bodens Verordnung über die Honorare für
(Kippe) 139 Leistungen der Architekten und
Teilvorgang T5, Bodenverdichtung 143 Ingenieure HOAI 15
Teilvorgänge 378 Verteilermaste 235
Teilvorgänge T1 und T2, Lösen und verzögerter (behinderter) Bauablauf 757
Laden 69 VOB 36
Teleskopmäkler – Rammgerät RG 16T VOB/A 37
441 VOB/B 39
Terminliste 606 VOB/C 40
theoretische Grundlagen der Boden- Vorarbeiten für den Erdbau und die
verdichtung 143 Gründung von Bauwerken 63
Trägerschalung 273 Voraussetzungen für die Rohrförderung
Traggerüste 336 von Beton 239
Transportbeton 197 Voraussetzungen rationeller Produktion
Trockenbagger 72 162, 790
Turmdrehkrane 211 Vorgangsdauern 547
Ursachen von Produktionsstörungen Wagnis und Gewinn 660
755 Wandschalung 273
Wärmebehandlung 254
V/Z-Diagramm 610 Wechselbetrieb 579
Veränderungen auf dem Baumarkt 3 Wettbewerbssituation 2
Verdichtungsgeräte 145, 251
Verdingungsunterlagen 645 Zielkostenplanung 648
Verfahrensplanung 538 Zielkostenplanung (Target-costing) 668