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tschick

Wolfgang Herrndorf

Illustriert von Laura Olschock

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Wolfgang Herrndorf
tschick roman

Illustriert von Laura Olschok

BücHergILde gutenBerg
— Dawn Wiener: I was ighting back.
meinen Freunden Mrs. Wiener: Who ever told you to ight back?
— Todd Solondz, Welcome to the Dollhouse
1 Als erstes ist da der geruch von Blut und
Kaffee. die Kaffeemaschine steht drüben auf dem tisch, und
das Blut ist in meinen Schuhen. um ehrlich zu sein, es ist
nicht nur Blut. Als der Ältere »vierzehn« gesagt hat, hab ich
mir in die Hose gepisst. Ich hab die ganze Zeit schräg auf dem
Hocker gehangen und mich nicht gerührt. Mir war schwind-
lig. Ich hab versucht auszusehen, wie ich gedacht hab, dass
tschick wahrscheinlich aussieht, wenn einer »vierzehn« zu
ihm sagt, und dann hab ich mir vor Angst in die Hose gepisst.
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Maik Klingenberg, der Held. dabei weiß ich gar nicht, warum
jetzt die Aufregung. War doch die ganze Zeit klar, dass es so
endet. tschick hat sich mit Sicherheit nicht in die Hose ge-
pisst.
Wo ist tschick überhaupt? Auf der Autobahn hab ich ihn
noch gesehen, wie er auf einem Bein ins gebüsch gehüpft ist,
aber ich schätze mal, sie haben ihn auch gekriegt. Mit einem
Bein kommt man nicht weit. Fragen kann ich die Polizisten
natürlich nicht. Weil, wenn sie ihn nicht gesehen haben, ist es
logisch besser, gar nicht damit anzufangen. Vielleicht haben
sie ihn ja nicht gesehen. und von mir erfahren sie’s mit Sicher-
heit nicht. da können sie mich foltern. Obwohl die deutsche
Polizei, glaube ich, niemanden foltern darf. das dürfen die nur
im Fernsehen und in der türkei.
Aber vollgeschifft und blutig auf der Station der Autobahn-
polizei sitzen und Fragen nach den eltern beantworten ist
auch nicht gerade der ganz große Bringer. Vielleicht wäre Fol-
tern sogar ganz angenehm, dann hätte ich wenigstens einen
grund für meine Aufregung.
das Beste ist Klappe halten, hat tschick gesagt. und das
seh ich genauso. Jetzt, wo eh alles egal ist. und mir ist alles
egal. na ja, fast alles. tatjana cosic zum Beispiel ist mir na-
türlich nicht egal. Obwohl ich jetzt schon ziemlich lange nicht
mehr an sie gedacht habe. Aber wo ich auf diesem Hocker
hier sitze und draußen die Autobahn vorbeirauscht und der
ältere Polizist steht seit fünf Minuten an der Kaffeemaschine
dahinten und füllt Wasser ein und kippt es wieder aus, drückt
auf den Schalter und schaut das gerät von unten an, während
jeder depp sehen kann, dass der Stecker vom Verlängerungs-
kabel nicht drin ist, da muss ich wieder an tatjana denken.
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denn genau genommen wäre ich nicht hier, wenn es tatjana
nicht gäbe. Obwohl sie mit der ganzen Sache nichts zu tun hat.
Ist das unklar, was ich da rede? Ja, tut mir leid. Ich versuch’s
später nochmal. tatjana kommt in der ganzen geschichte
überhaupt nicht vor. das schönste Mädchen der Welt kommt
nicht vor. Auf der ganzen reise hab ich mir immer vorgestellt,
dass sie uns sehen kann. Wie wir oben aus dem Kornfeld raus-
gucken. Wie wir mit dem Bündel Schläuche auf dem Müllberg
stehen wie die letzten trottel … Ich hab mir immer vorgestellt,
tatjana steht hinter uns und sieht, was wir sehen, und freut
sich, wie wir uns freuen. Aber jetzt bin ich froh, dass ich mir
das nur vorgestellt hab.
der Polizist zieht ein grünes Papierhandtuch aus einem
Handtuchspender und gibt es mir. Was soll ich damit? den
Boden aufwischen? er fasst mit zwei Fingern an seine nase
und sieht mich an. Ach so. nase schnäuzen. Ich schnäuze mir
die nase, er lächelt freundlich. das mit der Folter kann ich
mir wohl abschminken. Aber wohin jetzt mit dem taschen- chen? Deinen Anwalt?« – was soll ich dann antworten? Ich
tuch? Ich schaue suchend auf dem Boden herum. die ganze hab in meinem Leben noch keinen Anwalt gesehen, und ich
Station ist mit grauem Linoleum ausgelegt, genau das gleiche weiß auch nicht, wozu ich einen brauche. Ich weiß nicht mal,
wie in den gängen zu unserer turnhalle. es riecht auch ein ob rechtsanwalt dasselbe ist wie Anwalt. Oder Staatsanwalt.
bisschen so. Pisse, Schweiß und Linoleum. Ich sehe Wolkow, So was Ähnliches wie ein richter, nehme ich an, nur dass er
unseren Sportlehrer, im trainingsanzug durch die gänge fe- auf meiner Seite steht und mehr Ahnung von gesetzen hat als
dern, siebzig Jahre, durchtrainiert: Auf geht’s, Jungs! Hopp, ich. Aber mehr Ahnung von gesetzen als ich hat hier praktisch
hopp! das geräusch seiner schmatzenden Schritte auf dem jeder, der im raum ist. Jeder Polizist vor allem. und die könn-
Boden, fernes gekicher aus der Mädchenumkleide und Wol- te ich natürlich fragen. Aber ich wette, wenn ich den Jüngeren
kows Blick dorthin. Ich sehe die hohen Fenster, die Bänke, die frage, ob ich jetzt so eine Art Anwalt brauchen könnte, dann
ringe an der decke, an denen nie geturnt wurde. Ich sehe na- dreht der sich zu seinem Kollegen um und ruft: »Hey, Horst!
talie und Lena und Kimberley durch den Seiteneingang der Horschti! Komm mal her! unser Held hier will wissen, ob er
Halle kommen. und tatjana in ihrem grünen trainingsanzug. einen Anwalt braucht! guck dir das an. Blutet den ganzen Bo-
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Ich sehe ihr verschwommenes Spiegelbild auf dem Hallenbo- den voll, pisst sich in die Hosen wie ein Weltmeister und – will
den, die glitzerhosen, die die Mädchen jetzt immer tragen, die seinen Anwalt sprechen!« Hahaha. da lachen die sich natür-
Oberteile. und dass neuerdings die Hälfte von ihnen in dicken lich kaputt. Und ich inde, es geht mir schlecht genug, ich muss
Wollpullovern turnt, und mindestens drei haben immer ein mich nicht auch noch zum Obst machen. Was passiert ist, ist
Attest vom Arzt. Hagecius-gymnasium Berlin, achte Klasse. passiert. Mehr kommt jetzt nicht. da kann auch der Anwalt
»Ich dachte, fünfzehn?«, sage ich, und der Polizist schüttelt nichts mehr ändern. Weil, dass wir Mist gebaut haben, könnte
den Kopf. nur ein geisteskranker abzustreiten versuchen. Was soll ich
»nee, vierzehn. Vierzehn. Was ist mit dem Kaffee, Horst?« sagen? dass ich die ganze Woche zu Hause am Pool gelegen
»Kaffee ist kaputt«, sagt Horst. hab, fragen Sie die Putzfrau? dass die Schweinehälften wie
Ich möchte meinen Anwalt sprechen. regen vom Himmel gefallen sind? Viel kann ich jetzt wirklich
das wäre der Satz, den ich jetzt wahrscheinlich sagen müss- nicht mehr tun. Ich könnte noch gen Mekka beten und mir in
te. das ist der richtige Satz in der richtigen Situation, wie die Hosen kacken, sonst sind nicht mehr viele Optionen offen.
jeder aus dem Fernsehen weiß. Aber das sagt sich so leicht: der Jüngere, der eigentlich ganz nett aussieht, schüttelt
Ich möchte meinen Anwalt sprechen. Würden die sich wahr- den Kopf und wiederholt: »Fünfzehn ist Quatsch. Vierzehn.
scheinlich totlachen. das Problem ist: Ich habe keine Ahnung, Mit vierzehn bist du strafmündig.«
was dieser Satz bedeutet. Wenn ich sage, ich möchte meinen Wahrscheinlich sollte ich jetzt Schuldgefühle haben und
Anwalt sprechen, und sie fragen: »Wen möchtest du spre- reue und alles, aber, ehrlich gesagt, ich fühle überhaupt
nichts. Mir ist einfach nur wahnsinnig schwindlig. Ich kratze dem Horchding, Brötchen abhorchen? Wird schon ein Arzt
mich unten an meiner Wade. nur da, wo früher meine Wade sein. und dieser Arzt zeigt jetzt auf meinen Kopf und brüllt.
war, ist jetzt nichts mehr. ein violetter Streifen Schleim bleibt Ich taste unter der Bettdecke herum, wo meine Beine sind. Sie
an meiner Hand kleben. das ist nicht mein Blut, hatte ich vor- sind nackt. Fühlen sich auch nicht mehr bepisst an oder blutig.
hin gesagt, als sie mich gefragt hatten. Lag ja genug anderer Wo bin ich denn hier?
Schleim auf der Straße, um den man sich kümmern konnte, Ich liege auf dem rücken. Oben ist alles gelb. Blick zur
und ich dachte wirklich, dass das nicht mein Blut ist. Aber Seite: große, dunkle Fenster. Andere Seite: weißer Plastikvor-
wenn das nicht mein Blut ist, wo ist denn jetzt meine Wade, hang. Krankenhaus, würde ich sagen. das passt ja auch zum
frage ich mich? Arzt. und klar, die kleine Frau trägt auch einen Kittel und ei-
Ich ziehe das Hosenbein hoch und gucke drunter. dann nen Schreibblock. und welches Krankenhaus, vielleicht die
habe ich noch genau eine Sekunde, um mich zu wundern. charité? nee, keine Ahnung. Ich bin ja nicht in Berlin. Mal
Wenn ich das im Film sehen müsste, würde mir mit Sicher- fragen, denke ich, aber niemand beachtet mich. Weil, dem
heit übel, denke ich, und tatsächlich wird mir jetzt übel, auf Polizisten gefällt das nämlich nicht, wie er da von dem Arzt
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dieser Station der Autobahnpolizei, was ja auch irgendwie be- angeschrien wird, und er schreit zurück, aber da schreit dann
ruhigend ist. Für einen kurzen Moment sehe ich noch mein der Arzt noch lauter – und da merkt man interessanterwei-
Spiegelbild auf dem Linoleum auf mich zukommen, und dann se, wer hier das Sagen hat. das Sagen hat nämlich eindeutig
knallt es, und ich bin weg. der Arzt und nicht der Polizist, und ich bin so erschöpft und
auch irgendwie glücklich und müde, ich bin von innen wie mit
glück ausgepolstert und schlafe wieder ein, ohne ein Wort zu
sagen. das glück, stellt sich später raus, heißt Valium. es wird
mit großen Spritzen verteilt.
2 der Arzt macht den Mund auf und zu wie Als ich das nächste Mal aufwache, ist alles hell. In den gro-
ein Karpfen. es dauert ein paar Sekunden, bis Worte rauskom- ßen Fenstern steht die Sonne. An meinen Fußsohlen wird he-
men. der Arzt schreit. Warum schreit denn jetzt der Arzt? er rumgekratzt. Aha, schon wieder ein Arzt, ein anderer diesmal,
schreit die kleine Frau an. dann mischt sich der uniformierte und eine Krankenschwester hat er auch wieder dabei. Keine
ein, eine blaue uniform. ein Polizist, den ich noch nicht kenne. Polizisten. nur dass der Arzt so an meinen Füßen kratzt, ist
er weist den Arzt zurecht. Woher weiß ich überhaupt, dass das nicht angenehm. Warum kratzt der denn so?
ein Arzt ist? er trägt einen weißen Kittel. Könnte also auch »er ist aufgewacht«, bemerkt die Krankenschwester. nicht
ein Bäcker sein. Aber in der Kitteltasche hat er eine Metall- sehr geistreich.
taschenlampe und so ein Horchding. Was soll ein Bäcker mit »Ah, aha.« der Arzt schaut mich an. »Wie geht es dir?«
Mit diesem Buch halten Sie den gewinner des Büchergilde
Gestalterpreises 2016 in Ihren Händen, eine Auszeichnung,
die alle zwei Jahre an nachwuchskünstlerInnen vergeben
wird. Seit 2002 fördern wir junge IllustratorInnen und geben
ihnen die Möglichkeit, ihr erstes Buch zu veröffentlichen.
der text der vorliegenden Ausgabe folgt der im Rowohlt Berlin Verlag erschienenen
In der Büchergilde haben die gewinner die Möglichkeit, sich Erstausgabe. Copyright © 2010 by Rowohlt · Berlin Verlag GmbH, Berlin
einem illustrationsafinen Publikum zu präsentieren. Nicht
1. Aulage 2016
selten festigt sich die Zusammenarbeit mit dem Verlag und Alle Rechte dieser Ausgabe:
copyright © 2016 Büchergilde gutenberg Verlagsgesellschaft mbH,
es folgen weitere gemeinsame Projekte. Frankfurt am Main, Wien und Zürich
Bereits mehrfach wurden titel des Büchergilde Gestalter-
preises von der Stiftung Buchkunst prämiert, denn hoher die Illustrationen wurden von Laura Olschok exklusiv für diese Ausgabe angefertigt.
die Originale haben das Format 29,7x42 cm. die Skizze ist mit Bleistift angelegt, bevor
gestalterischer Anspruch wird bei uns traditionell groß die Linien mit Pigment Linern gezeichnet wurden. die Farbigen Aspekte entstanden
im Anschluss, in Photoshop, auf der gescannten Linienzeichnung.
geschrieben. Wir freuen uns, dass wir durch die unterstüt-
das Buch wurde in der georgia gesetzt. den text las Viktoria Kaiser Korrektur. die
zung unserer treuen Mitglieder und LeserInnen jungen Lithograie übernahm Fotosatz Amann in Memmingen. Druck und Bindung besorgte
das Memminger Mediencentrum. Sie haben 4farbig auf das Papier Schleipen Fly 04
KünstlerInnen türen öffnen können. aus nachhaltiger Forstwirtschaft gedruckt. einbandidee, Satz und Herstellung lagen in
den Händen von cosima Schneider, Frankfurt am Main.

Die erste Aulage beträgt 6000 Exemplare mit der ISBN 978-3-7632-6830-6.

Zu diesem Titel erscheint eine limitierte Vorzugsausgabe mit einer Originalgraik


von Laura Olschok in einer Aulage von 120 Exemplaren.
Buch und Graik sind nummeriert und signiert und in einem Schuber aufbewahrt.
die Vorzugsausgabe trägt die ISBn 978-3-7632-6831-3.

Büchergilde gutenberg, Stuttgarter Straße 25-29, 60329 Frankfurt am Main


tel 069-273908-0, [email protected] , www.buechergilde.de, facebook: Büchergilde

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