Chancen Und Perspektiven Des Unterrichtsgegenstandes Technisches Und Textiles Werken
Chancen Und Perspektiven Des Unterrichtsgegenstandes Technisches Und Textiles Werken
Perspektiven des
Unterrichtsgegenstandes
Technisches und
textiles Werken
Impressum:
Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:
Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur
Abteilung GM – Gender und Schule
Abteilung I/2 – Sekundarstufe I u. Polytechnische Schule
A-1014 Wien, Minoritenplatz 5
Text: Mag.a Evelyn Sutterlüti
Wien, 2012
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R WE R K E N !
W I
WIR WERKEN!
Chancen und Perspektiven des Unterrichtsgegenstandes
Technisches und textiles Werken
Infobox
sprünglich getrennten Unterrichtsge-
Im Unterschied zum biologischen
genstände Technisches Werken und Tex-
Geschlecht (sex), welches sich auf
tiles Werken in Technisches und textiles körperliche Geschlechtsmerkmale
Werken im Schultyp NMS beleuchtet bezieht, beschreibt der Begriff gender
die vorliegende Broschüre die Hinter- die sozialen Geschlechtsmerkmale
gründe dieser Zusammenführung un- und die Geschlechterrollen, welche von
Menschen in sozialen Interaktionen
ter besonderer Berücksichtigung der
vermittelt und erworben werden.
Kategorie gender. (> Infobox: gender)
Die Broschüre stellt die Grundlagen dar (> Infobox: rechtliche Grundlagen) und
versucht, einige Anregungen zu geben, wie ein gemeinsamer, prozessorientierter
Unterricht aussehen kann. Vielleicht finden Sie Elemente darin, die Sie in Ihrem Un-
terricht ausprobieren oder einbauen wollen. Das Ziel ist, mögliche Unsicherheiten
in Bezug auf die Neuerung der Gegenstandsverbindung zu nehmen und Ihnen Lust
auf einen gemeinsamen Werkunterricht zu machen.
Zwei Unterrichtsgegenstände
für zwei Geschlechter
Ein kleiner Blick in die Geschichte zeigt, dass die Unterrichtsgegenstände Techni-
sches Werken und Textiles Werken an österreichischen Schulen mit Geschlechter-
vorstellungen bzw. -klischees in enger Verbindung stehen:
Der Unterrichtsgegenstand Textiles Werken ist fast 60 Jahre älter als das Techni-
sche Werken. 1869 wurde es als Pflichtgegenstand in den Fächerkanon eingeglie-
dert. Schon die damalige Bezeichnung Weibliche Handarbeiten verrät, dass dieses
Fach ausschließlich den Mädchen gelehrt wurde. Entsprechend der damaligen
Erziehungsideale war der textile Werkunterricht primär auf den Haushalt und
das private Leben ausgerichtet. Er diente zur Vorbereitung auf die zukünftige Rol-
le als Hausfrau und Mutter.
Die Zweiteilung der Fächer entstand, weil für Frauen und Männer unterschied-
liche Rollenbilder galten und deshalb auch unterschiedliche Erziehungs- und
Bildungsziele forciert wurden. Bis in die 1990er Jahre blieb der Werkunterricht
geschlechtshomogen getrennt. Mädchen und Buben kamen prinzipiell mit
unterschiedlichen Materialien, Techniken, Inhalten und Problemstellungen in
Kontakt.
Wahlmöglichkeit
Mit der Absicht, traditionellen Rollenklischees entgegenzuwirken, wurde 1993 in
den Hauptschulen und AHS-Unterstufen die Regelung der Wahlmöglichkeit zwi-
schen den beiden Unterrichtsgegenständen eingeführt. Mädchen und Buben sollte
dadurch unabhängig von ihrem Geschlecht eine breite Berufsorientierung ermög-
licht werden. Heranwachsende entscheiden sich seither mit dem Eintritt in die
5. Schulstufe für die Teilnahme an einem der beiden Unterrichtsgegenstände.
Gleichzeitig wurden die Gegenstandsbezeichnungen Werkerziehung für Knaben und
Werkerziehung für Mädchen in Technisches Werken und Textiles Werken geändert.
Auch die Lehrpläne wurden über die Jahre ange- > Koedukation
Infobox
passt. Selbstverständlich geht heute sowohl der
Der Begriff Koedukation
technische als auch der textile Werkunterricht bezeichnet die gemeinsame
weit über die ursprünglichen Inhalte hinaus. In Bildung und Erziehung
beiden Fächern steht eine intensive Auseinan- von Mädchen und Buben.
dersetzung mit Fragen der materiellen Kultur Das Gegenteil wären
im Zentrum. beispielsweise reine Mäd-
chen- und Bubenklassen
(Monoedukation).
Der technische Werkunterricht behandelt die
Sachbereiche „Gebaute Umwelt“, „Technik“ und
„Produktgestaltung/Design“; der textile Werkunterricht bezieht sich auf die Tätig-
keitsbereiche „Kleiden“, „Wohnen“, „Gestalten“, „Arbeiten“ bzw. „Produzieren und
Konsumieren“. Der textile Werkunterricht orientiert sich überwiegend nach wie vor
nach innen, an einer (unbezahlten) Haus- und Familienarbeit, wobei der technische
Werkunterricht den Fokus nach außen auf die Erwerbsarbeit richtet.
Die enge Verknüpfung von textilen Tätigkeiten mit Vorstellungen von Weiblichkeit
und ein männlich codierter Technikbegriff sind zentrale Motive für die geschlech-
terrollenkonforme Wahl. Denn wie alle Menschen wollen besonders Heranwach-
sende gewissen Normvorstellungen entsprechen. Dabei ist zu beobachten, dass das
für Buben geltende Rollenspektrum wesentlich eingeschränkter ausfällt. Mädchen
erfahren durch die Teilnahme an männlich codierten Tätigkeitsfeldern wie dem
Technischen Werken tendenziell einen Prestige-Gewinn, wobei Buben in weiblich
besetzten Domänen, wie dem textilen Bereich, oft mit Diffamierungen (vor allem
durch die eigene Peer-Group) konfrontiert sind.
Somit eröffnen sich für Mädchen und Buben neue Kompetenzentwicklungen und
somit auch erweiterte berufliche Perspektiven.
Doch diese formale Maßnahme allein reicht nicht aus, um unzeitgemäße Rollenbil-
der aufzubrechen und sämtlichen Geschlechtern ein breites Handlungsspektrum
zu ermöglichen. Es bedarf zusätzlich sehr genderbewusster Lehrpersonen.
Infobox
Formulieren beobachtet werden, dass wir Lehrenden
uns Mädchen und Buben gegenüber
Um alle gleichermaßen anzusprechen, unterschiedlich verhalten. Selbst wenn
sind geschlechtergerechte Formulie- Mädchen und Buben im Klassenraum
rungen notwendig. Diese sind besten- nebeneinandersitzen, werden sie von
falls neutral (z.B. Lehrende, Studierende),
uns häufig unterschiedlich unterrichtet.
um auch Menschen ohne eindeutiges
bio-logisches oder soziales Geschlecht
einzuschließen. Wo es keine geschlechts- Das geschieht über die Aufmerksam-
neutrale Bezeichnung gibt, kann bei- keit, die wir auf Schülerinnen und Schü-
spielsweise das sprachliche Mittel ler richten, über die Gesprächsformen
splitting (Schülerinnen und Schüler)
(> Infobox: geschlechtergerechtes For-
eingesetzt werden. Nachweislich fühlen
mulieren) die wir wählen und durch
sich Mädchen durch geschlechter-
gerechte Formulierungen eher ange- Unterschiede in der Art und Weise, wie
sprochen, wie beispielsweise höhere wir Hilfe leisten. Wir agieren oft auf
Bewerberinnenanzahlen auf doppelge- Grundlage unserer geschlechterstereo-
schlechtlich ausgeschriebene Stellenan- typen Erwartungshaltungen betreffend
zeigen zeigen.
der Charaktereigenschaften, Begabun-
TIPP: Leitfaden „Geschlechtergerechtes gen und Interessen von Mädchen und
Formulieren“. Hrsg. vom BMUKK,
Buben. Diese Erwartung führt zwangs-
3. Auflage 2012,
[Link]
läufig auch zu Unterschieden in der Be-
7108/gender_formulieren_2010.pdf wertung des Verhaltens und der Leistung
von Schülerinnen und Schülern.
Bei allgemein gehaltenen Aufgabenstellungen, die den Prozess und nicht das
Werkstück in den Vordergrund stellen, ist die Gefahr geringer, dass sie „geschlechts-
typisch“ sind. Themen, die unterschiedliche Lösungen erlauben, sind noch kein Ga-
rant dafür, dass Schülerinnen und Schüler nicht weiterhin auf „rollenstereotype
Lösungen“ zurückgreifen. Deshalb ist es wichtig, Schülerinnen und Schüler dazu zu
ermutigen, auch ihnen bisher unvertraute Lösungswege anzustreben.
Prozessorientiert Werken
Führen wir diesen Gedanken weiter, steht am Beginn eines Gestaltungsprozesses
eine Aufgabenstellung, aus der kein klar definiertes Werkstück resultiert, sondern
eine Frage, die einen Prozess in Gang bringt, der viele Lösungsmöglichkeiten offen-
lässt.
Ein Beispiel:
Beliebte Aufgabenstellungen im Werkunterricht sind das Nähen eines Sitzsackes im
Textilen Werken, beziehungsweise das Bauen eines Sessels im Technischen Werken.
Beide Werkstücke sind Produkte, die sich auf das menschliche Bedürfnis „Sitzen“ beziehen.
Wird nun im Unterricht nicht direkt ein bestimmtes Werkstück forciert, sondern allgemein
der Frage „Wie kann Sitzen gestaltet werden?“ nachgegangen, können Lösungen entste-
hen, die weit über die handwerkliche Gestaltung eines bestimmten Produktes hinausge-
hen. Diese Frage lässt eine Fülle von (innovativen) Lösungsmöglichkeiten zu, die zunächst
unabhängig von Technik oder Material sind.
Ein Gestaltungsprozess zum Thema „Sitzen“ kann beispielsweise wie folgt aufge-
baut sein:
Diese Fragen verdeutlichen bereits eine zentrale Stärke des Werkunterrichts: die In-
terdisziplinarität. Gerade im Werkunterricht lassen sich sehr gut fächerübergreifen-
de Projekte initiieren.
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3. Anschließend folgt die Ideenfindungs- und Entwurfsphase, bei der die Schülerin-
nen und Schüler auf die Aspekte der Aufgabenstellung eingehen sollen.
Gestalte ich zum Beispiel eine Sitzgelegenheit für meine Lieblingsband, werde
ich mir Fragen stellen wie:
5. Bei einer abschließenden Präsentation werden die zugrunde liegende Idee und
die einzelnen Schritte der Umsetzung dargestellt. Durch dieses Verbalisieren
wird der gesamte Prozess reflektiert, argumentiert und diskutiert.
6. Während des gesamten Prozesses wird ein Portfolio angelegt, um die einzelnen
Arbeitsschritte nachvollziehbar zu dokumentieren.
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Aus einer solchen Art der Auseinandersetzung mit der materiellen Kultur gehen
Kompetenzen hervor, die auch in anderen Fach- und Arbeitsbereichen nutzbar sind
(transferable skills). Gerade diese Kompetenzen sind in der Arbeitswelt dringend er-
forderlich.
Die neue Form des Werkunterrichts bietet sämtlichen Kindern unabhängig von ih-
rem Geschlecht die Möglichkeit, Fähigkeiten in allen Bereichen des Werkunterrichts
zu entwickeln und ein breites Spektrum an Ausbildungs- und Berufswahlmöglich-
keiten kennenzulernen.
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ANHANG 1
„Der Unterrichtsgegenstand Technisches und textiles Werken setzt sich aus zwei Teilen zusammen.
Diese können – unter Berücksichtigung der Qualifikation der eingesetzten Lehrkräfte – im gleich-
mäßigen Wechsel innerhalb eines Schuljahres geführt werden. Eigentliches Ziel ist es allerdings,
technisches und textiles Werken miteinander verbunden zu unterrichten, unter Einbeziehung von
projektorientiertem, fächerübergreifendem Unterricht, offenen Lernformen u.Ä. Diese Unterrichts-
formen bieten die Möglichkeit, technisches und textiles Werken nicht als Gegensatz aufzufassen,
sondern die Inhalte aufeinander abzustimmen, Schnittpunkte von technischem und textilem
Werken zu nützen, um Neues zu entwickeln. Durch die Verbindung von technischem und textilem
Werken mit einer entsprechenden Gewichtung der Lehrplaninhalte können in Abstimmung mit
anderen Gegenständen innovative Zugänge entstehen.
Die Verknüpfung der beiden Teile ermöglicht auch, dass sogenannte männliche und weibliche Tä-
tigkeiten gleichermaßen Platz finden und ein Diskurs über geschlechterstereotype Zuweisungen
sowie Chancen und Möglichkeiten, diese aufzubrechen, geführt werden kann. Eine – allerdings nur
kurzzeitige! – Einrichtung von geschlechtshomogenen Gruppen kann Raum schaffen, um an einem
veränderten Rollenbild zu arbeiten und um die Schwellenangst vor geschlechtsuntypischen Tätig-
keiten abzubauen.
Damit eröffnen sich für Burschen und Mädchen neue Chancen: die gleichwertige technische und
gestalterische Kompetenzentwicklung für beide Geschlechter und damit auch eine Erweiterung
der beruflichen Perspektiven. Berufsorientierung hat einen hohen Stellenwert in der Neuen Mit-
telschule, und dem Werkunterricht fällt hier eine zentrale Rolle zu. Werken kann durch das Aufbre-
chen der Trennung von textilem und technischem Werken, durch Zusammenarbeit mit Betrieben,
durch Vermittlung von Arbeitsprozessen usw. einen verstärkten Bezug zur Arbeitswelt herstellen
und auch einen Beitrag zum Abbau der segregierten Ausbildungs- und Berufswahl leisten.“ (NMS-
Umsetzungspaket, BGBl. II v. 30. Mai 2012, Nr. 185)
Bildungs- und Lehraufgaben, didaktische Grundsätze und Lehrstoff wurden unverändert vom Lehr-
plan der Hauptschule übernommen.
Richtlinien des BMUKK für die NMS-Entwicklungsarbeit geben dazu weitere Hinweise:
Textiles und technisches Werken sind in einem Gegenstand zusammengeführt. Als Übergangs-
regelung ist eine abwechselnde Führung der beiden Teile möglich (die gemischtgeschlechtlichen
Gruppen wechseln dann zum Halbjahr oder beispielsweise auch 14-tägig vom technischen zum
textilen Unterricht, wie dies in zahlreichen Schulen bereits erfolgt.)
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Ziele der Zusammenführung sind vorhandene Schnittpunkte der beiden Bereiche zu nützen, die In-
halte aufeinander abzustimmen und unter Einbeziehung von projektorientiertem, fächerübergrei-
fendem, offenem Lernen verschränkt zu unterrichten. Dies bietet auch die Chance, neue zukunfts-
und kompetenzorientierte Unterrichtskonzepte zu entwickeln, die den Gestaltungsprozess in den
Vordergrund stellen und dem Werkunterricht zu einem neuen Stellenwert verhelfen.
Dementsprechend stellt der Lehrplan einen Rahmen dar, in dem Materialien, Techniken und The-
mengebiete beider Fachbereiche exemplarisch eingesetzt werden, um die Ziele des Lehrplans zu
erreichen. Durch die Aufhebung der Wahlmöglichkeit und Zweiteilung des Werkunterrichts soll der
Verfestigung von Rollenklischees entgegengewirkt und geschlechtsspezifische Einschränkungen
abgebaut werden, um neue Denk- und Handlungsspielräume sowie erweiterte berufliche Perspek-
tiven zu ermöglichen
Um den gesetzlichen Intentionen der NMS und der LPVO zu entsprechen, sind Unverbindliche
Übungen, Verbindliche Übungen sowie Wahlpflichtfächer mit Bezug zu technischem und textilem
Werken jedenfalls koedukativ einzurichten.
ANHANG 2
Unterricht in geschlechtshomogenen Gruppen kann auf Basis eines reflektierten Konzepts gen-
derkompetenter Lehrerinnen und Lehrer zu einer Erweiterung des Verhaltens- und Interessens-
spektrums von Mädchen und Burschen beitragen. Im Zusammenhang mit speziellen Themen oder
Situationen kann es sinnvoll sein, unter Beachtung der im § 8a des Schulorganisationsgesetzes
sowie der auf Grund dieser Bestimmung ergangenen Verordnung festgelegten Voraussetzungen
den Unterricht temporär nach Geschlechtern getrennt durchzuführen.“ (NMS-Umsetzungspaket,
BGBl. II v. 30. Mai 2012, Nr. 185)
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