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OTTO KAISER
Einleitung
in das Alte Testament
Eine Einführung in ihre Ergebnisse
und Probleme
GÜTERSLOHER VERLAGSHAUS
GERD MOHN
CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek
Kaiser, Otto:
Einleitung in das Alte Testament: e. Einf. in
ihre Ergebnisse u. Probleme/ Otto Kaiser. - 5.,
grundlegend neubearb. Aufl. - Gütersloh:
Gütersloher Verlagshaus Mohn, 1984.
ISBN 3-579-04458-3
ISBN 3-579-04458-3
5., grundlegend neubearbeitete Auflage 1984
Umschlagentwurf: Dieter Rehder, Aachen
© Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh 1969
Satz: IBV Lichtsatz KG, Berlin
Druck und Bindung: Clausen & Bosse, Leck
Printed in Germany
Seinen Lehrern
Artur Weiser und Karl Elliger
zum Gedächtnis
Zum Geleit 9
A. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
§ 1 Aufgabe, Geschichte und Methode der Einleitung in das
Alte Testament . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
B. Die Voraussetzungen 27
§ 2 Land, Gott und Volk 27
§ 3 Das kanaanäische Erbe 33
F. DasAlteTestament . . . . . . . . . 403
§ 38 DerKanondesAltenTestaments 403
Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 417
Verzeichnis der Einleitungen in das Alte Testament in Auswahl 42 5
Stellenregister 42 7
Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 441
Zum Geleit
Das vorliegende Buch ist auch in seiner abermals tiefgreifend veränderten Gestalt aus
dem akademischen Unterricht erwachsen und wendet sich in erster Linie an den Stu-
denten, Lehrer und Pfarrer, der sich in die Ergebnisse und Probleme der Entstehung
des Alten Testaments einführen lassen möchte'. Sein Verfasser hofft jedoch, daß es
sich gelegentlich auch dem Fachkollegen angesichts einer sich immer mehr speziali-
sierenden und zugleich verbreiternden Forschung als Informationshilfe nützlich er-
weisen mag. Die sich in schnellem Tempo wandelnde Situation der Disziplin in ihren
Grundzügen zu spiegeln und dabei in die Zukunft weisende Tendenzen aufzudecken,
ohne darüber die Herkunft zu verleugnen, war das beständige Bestreben seines Ver-
fassers. Eine Vollständigkeit des Referates oder eine Vollständigkeit der Literaturan-
gaben konnte dabei sinnvoller Weise nicht in seiner Absicht liegen. Wer weitere Aus-
künfte sucht, wird sie aufgrund der hier vorgelegten Angaben unschwer finden.
Die sachliche, sich in zahlreichen Hinweisen auf die in der Zukunft zu lösenden
Aufgaben äußernde Offenheit und Unabgeschlossenheit dieses Buches wird nur be-
klagen, wem wissenschaftliches Denken mit seiner Eigenart, offene Fragen auch als
solche anzusprechen, fremd ist oder gar in der Theologie als unangemessen erscheint.
Es sei daher erlaubt, den durch die hier zutage tretende Unsicherheit der historischen
Urteile Angefochtenen an das zu erinnern, was Carl Heinz Ratschow in seiner Chri-
stologie dazu angemerkt hat: »Es ist ... kein Zweifel daran, daß der Inhalt des christli-
I. Dieser Absicht ist nicht nur in der Typographie und in der Darstellung, sondern auch bei
der Literaturauswahl Rechnung getragen. Der unterschiedliche Satz möchte die Benutzung des
Buches bei der Wiederholung erleichtern. Darstellung und Literaturangaben nehmen in dem
Maße zu, in dem der Verfasser voraussetzen zu können meint, daß die behandelten Stoffe in der
Regel gar nicht oder nur am Rande im Ausbildungsgang des Lesers begegnen. Verweise auf Ein-
leitungen erfolgen im Text durch einen hinter den Verfassernamen gesetzten*. Das gleiche Zei-
chen bedeutet bei der Angabe von Bibelstellen, daß der Vers oder Abschnitt teilweise sekundär
überarbeitet ist. Auf die am Kopf eines Paragraphen genannte Literatur wird in seinen Anmer-
kungen in der Regel allein durch Namensnennung nebst a. a. 0. verwiesen. Abweichungen erge-
ben sich aus dem Zusammenhang. Der Anfänger wird bei der Lektüre des Abschnitts D gebeten,
nach dem Paragraphen 2 3 zunächst die Paragraphen 2 5 und 26 zu lesen und dann zu Paragraph
24 zurückzukehren. Auf eine erneute Darstellung der Geschichte und der Probleme der alttesta-
mentlichen Textüberlieferung meinte ich im Blick auf die allgemeine Verbreitung des Lehrbu-
ches von Ernst Würthwein verzichten zu können.
IO Zum Geleit
chen Glaubens - Gottes Handeln an und mit Israel, Gottes >Ereignung, durch und als
Jesus von N azareth, des Geistes Ereignung durch die Bibel - historischer Forschung
unterliegen und nur durch sie vergewissert werden können. Damit sind diese Inhalte
alle für uns nur approximativ >erreichbar,. Wir können uns diesen Inhalten - auch den
Schriften Alten und Neuen Testaments - nur mehr oder weniger nähern. Es gibt keine
absoluten Urteile: Hier ist Gottes Wort, dies hat Jesus so gesagt und getan, so geschah
Israels Erwählung als Gottes Volk. Diese absoluten Urteile sind unmöglich. Der Gott
Israels, der Vatergott J esu, wie der Heilige Geist handeln an der Welt verborgen. Sie
handeln in ihren ,Heilssubstituten, verborgen «. Der christliche Glaube ist eine Reli-
2
gion des Geistes und trotz seines basalen Angewiesenseins auf die Bibel keine Buchre-
ligion. So schadet die Vielzahl und selbst Gegenläufigkeit der Stimmen der Forscher
dem nicht, der da glaubt; und sie ruft den, der davon angefochten ist, dazu auf, sich die
Verborgenheit des Gottes einzugestehen, der durch menschliches Wort bezeugt wird
und sich unter diesem Zeugnis offenbart, wo und wann es ihm gefällt, Conf. Aug. V.
Ob sich die Landnahme Israels so oder anders ereignet, die historischen und prophe-
tischen Traditionen so oder anders entstanden sind-, das ist gewiß theologisch nicht
belanglos; denn je näher wir der historischen Wahrheit kommen, desto deutlicher
wird uns die Sdbigkeit des Menschen und seines angefochtenen Glaubens vor Gott in
der Zeit und damit der Charakter des biblischen Zeugnisses als des uns meinenden
Wortes. Aber weder die vermeintlich frömmste noch unfrömmste Erklärung ändert
etwas daran, daß wir Gottes als Menschen in dieser Zeit niemals habhaft werden kön-
nen und ihm gegenüber auf die Ereignung unseres Glaubens angewiesen bleiben. Er
steht hinter der dunklen Zukunft und der oft leidvollen Gegenwart als der verborgene
Gott, dessen Antlitz wir wie Mose nicht sehen können, dem wir aber nachblicken
dürfen, wenn er sein Werk an uns getan hat, Ex 33, r8ff.
So gibt es für den Exegeten keine anderen Kriterien als die der historischen Wahr-
scheinlichkeit und der Wahrhaftigkeit. Und da er heute weniger denn je das Ganze
seines Fachgebietes kraft eigener Forschung und Entscheidung vertreten kann, muß
er sich bei seiner Arbeit stets in einem gewissen Umfang vorerst auf die Ergebnisse
seiner Vorgänger und Zeitgenossen stützen, um sie dann gegebenenfalls zu modifizie-
ren oder zu korrigieren. Von diesem Prozeß approximativer Wahrheitsfindung kann
sich kein Theologe ausschließen, der daran festhält, daß sich Gottes Gegenwart in der
Zeit ereignet und diese Ereignung an das Zeugnis der Bibel gebunden und ohne ihre
beständige Korrektur verloren ist. So dienen die hier angebotenen Informationen bei
ihrer auf den ersten Blick oft erschreckenden Aporetik der einen Aufgabe, den Leser
auf detp Wege seiner eigenen Wahrheitsfindung zu begleiten.
Man kann die divergierenden Ergebnisse der Forschung so zur Kenntnis nehmen,
daß man über ihre widersprüchliche Vielfalt lamentiert. Man kann aber auch versu-
chen, den heimlichen ductus herauszufinden, der sich in ihr ankündigt und immer un-
übersehbarer zeigt, daß wir es im Alten Testament in seinen drei Teilen in der Regel
nicht mit historischen Urkunden, Geschichtsschreibungen und Predigtkonzepten im
Sinne der Neuzeit, sondern mit einem Glaubenszeugnis zu tun haben, das alles und
jedes auf das zwischen Gott, Mensch und Israel bestehende Verhältnis bezieht, ohne
bei seinen eigenen Aussagen an moderne historische oder literarische Grundsätze ge-
bunden zu sein. Demgemäß wäre es auch völlig verfehlt, angesichts seines anonymen
und weitgehend pseudonymen Charakters von historischen Fälschungen zu reden,
weil seine Autoren unseren Begriff des Historischen und der Authentizität nicht
kannten, sondern jeder von ihnen nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht emp-
fand, das väterliche Erbe den Söhnen in einer Form zu übergeben, in der sie Antwort
und Wegweisung in den sie bedrängenden Glaubensnöten ihrer Zeit finden könnten.
Der sich deutlicher und deutlicher nicht nur in den historischen, sondern auch in
den prophetischen und poetischen Büchern abzeichnende Prozeß der fast permanen-
ten Fortschreibungen spiegelt diese lebendige Bewegung des Glaubensdenkens.
Demgemäß war es das Bemühen des Verfassers, in dem durch die Sache erzwungenen,
gegenüber der letzten Auflage erheblich erweiterten, aber immer noch begrenzten
Rahmen nicht nur literarkritische Ergebnisse mitzuteilen, sondern zugleich auf die
hinter ihnen stehende Glaubensbewegung hinzuweisen. Der gleichen Absicht theolo-
gischer Abrundung entspricht es auch, wenn in dem letzten Paragraphen nicht nur die
üblichen kanonsgeschichtlichen Fragen, sondern auch der sich aus ihnen ergebende
innere Zusammenhang, die sich hinter der Dreiteilung der Schriften der Hebräischen
Bibel verbergende theologische Gewichtung und sachliche Zuordnung und schließ-
lich auch der Ursprung der Rede vom Alten Testament in das Blickfeld gerückt wor-
den ist. Es wäre gewiß denkbar und wünschenswert, von diesem Ende her das ganze
Buch noch einmal neu zu schreiben und damit den Gedanken der einen Schrift stärker
in den Vordergrund zu rücken, wie es Brevard S. Childs in seiner Introduction to the
Old Testament as Scripture versucht hat. Aber auch in dieser Beziehung schien dem
Verfasser im Blick auf die fehlenden Vorarbeiten und den zur Verfügung stehenden
Raum eine gewisse Zurückhaltung geboten. Er bekennt aber ausdrücklich, daß ihm
durch die Arbeiten von Childs und Ronald E. Clements gewisse blinde, aus der Tradi-
tion der Disziplin stammende Flecken bewußt geworden sind und er sich im Rahmen
des möglichen um ihre Beseitigung bemüht und dabei dankbar an eine im Tübinger
neutestamentlichen Hörsaal bei Otto Michel gehörte Vorlesung erinnert hat, in der
die Einleitung als ein theologisches Geschäft verstanden und vertreten wurde. Daß
man bei einer Überbetonung des Kanonischen des Guten auch zuviel tun und eine
spätere Begrifflichkeit samt den ihr inhärierenden Vorstellungen vorschnell auf die
Entstehung der Hebräischen Bibel zurückprojizieren kann, hat] ames Barr zu Recht
in die Debatte geworfen 3 • Davon unberührt bleibt die Aufgabe, die Frage nach der in
der Vielfalt der Zeugnisse verborgenen Einheit zu stellen. Dies schließt nicht aus, in
ihrer geschichtlichen Dimension zugleich so etwas wie eine Geschichte der Offenba-
3. Vgl. dazu J. Barr: Holy Scripture. Canon, Authority, Criticism, Oxford r 983.
12 Zum Geleit
4. Schopenhauer als Erzieher 4, KGA hg. G. Colli und M. Montarini III, 1, Berlin und New
York 1972, S. 361 = KTA 71, hg. A. Baeumler, Stuttgart 19766, S. 230.
Zum Geleit 13
feldt aus Lichtenau, Merten Rabenau aus Frankfurt/Main und Bert Schaaf aus Naun-
heim peim Lesen der Korrekturen und der Erstellung der Register geholfen hat, wo-
für ich ihnen allen recht herzlichen Dank sage. Dank schulde ich auch der energischen
Hilfe bei der Besorgung der Literatur durch die Sekretärin am Alttestamentlichen Se-
minar, Frau Elisabeth Maaß, und der Hilfsbereitschaft der Mitarbeiter der Bibliothek
des Fachbereichs Ev. Theologie, an ihrer Spitze Herrn Dipl. Bibliothekar Klaus Witt-
rock. Nicht vergessen sei schließlich auch Herr Otto Raabe von der Elwertschen Uni-
versitätsbuchhandlung in Marburg für seine stets gern gewährten und zuverlässigen
mündlichen und schriftlichen Auskünfte. Schließlich danke ich ganz besonders
Herrn Verleger Gerd Mohn und seinem Lektorat für alle Sorgfalt, die sie auf die Her-
stellung dieses Buches verwandt haben. Möge es auch in seiner veränderten Gestalt
seine alten Freunde behalten und neue dazugewinnen.
H. Gunkel: Die Grundprobleme der israelitischen Literaturgeschichte, in: Reden und Aufsätze,
Göttingen 1913, S. 29ff.;J. Hempel: Die althebräische Literatur und ihr hellenistisch-jüdisches
Nachleben, Wildpark/Potsdam 1930 (= Berlin 19682 ); W. Baumgartner: Alttestamentliche Ein-
leitung und Literaturgeschichte, ThR NF 8, 1936, S. 179ff.; 0. Eissfeldt: Einleitung in das Alte
Testament, Tübingen 19643 = 19764, S. 1 ff.; K. Koch: Was ist Formgeschichte?, Neukirchen
19743, S. 125 ff., H. Barth und 0. H. Steck: Exegese des Alten Testaments. Leitfaden der Metho-
dik, Neukirchen, 19788 ; K.-H. Bernhardt: Problematik und Probleme der alttestamentlichen
Einleitungswissenschaft, ThLZ 98, 1973, Sp. 481ff.; 0. Kaiser: Die alttestamentliche Exegese,
in: G. Adam, 0. Kaiser und W. G. Kümmel: Einführung in die exegetischen Methoden, Mün-
chen und Mainz 19796, S. 9ff. - G. Ebeling: Die Bedeutung der historisch-kritischen Methode
für die protestantische Theologie, ZThK 47, 1950, S. 1ff.= Wort und Glaube I, Tübingen 1967,
S. 1ff.;A. H.J. Gunneweg: Vom Verstehen des Alten Testaments, ATD.E 5, Göttingen 1977, S.
13-84.
I. Die Aufgabe. Die Schwierigkeit des heutigen Lesers der Bibel ist doppelter Art:
Entweder meint er genau zu wissen, wie und unter welchen Umständen sich Gott in
der Geschichte Israels und in der Geschichte J esu offenbart hat, weil ihm das von Gott
inspirierte Buch darüber widerspruchs- und lückenlos Auskunft gibt. Dann ist er nur
zu oft genötigt, seiner Vormeinung zuliebe über das einzelne hinwegzulesen und,
wird er auf Spannungen und Widersprüche aufmerksam gemacht, mit einem unter-
schiedlich guten Gewissen in Ausflüchten einen Weg zu suchen, der es ihm erlaubt, an
ihr festzuhalten. Oder er sieht in diesem Buch nur eine in sich verschlungene Samm-
lung von Dokumenten einstigen Glaubens, über dessen Kindlichkeit er sich als Bür-
ger eines aufgeklärten Zeitalters erhaben dünkt, ohne danach zu fragen, ja vielleicht
auch nur zu ahnen, wie tief unser abendländisches Denken von diesem Buch beein-
flußt ist und wieviel stärker als heute das bis in das erste Drittel dieses Jahrhunderts
hinein der Fall gewesen ist. Das scheinbar nur Fremde und Ferne verstellt ihm den
Blick darauf, daß der hier erhobene Anspruch, von Gott zu zeugen, auch heute noch
von einer ungeahnten Kraft und Lebendigkeit sein könnte. Die Schwierigkeiten erge-
ben sich unserer Einsicht nach in beiden Fällen daraus, daß wir als Kinder eines histo-
risch denkenden, den Ablauf der Geschichte in seinen zeitlichen und sachlichen Ver-
r6 Einleitung
r. Das grundlegende Nachschlagewerk ist die »Einleitung in das Alte Testament« von 0.
Eissfeldt, Tübingen 19643 ( = 19764); als Arbeitsbücher für den Studenten sind in erster Linie die
einschlägigen Werke von (Sellin-) G. Fahrer, Heidelberg 198o";A. Weiser, Göttingen 19666 ; R.
Smend, Stuttgart 19812, und]. H. Hayes, London 1982, zu nennen.
2. Vgl. z. B. R. Meyer: Hebräische Grammatik I-IV, Berlin 1966-19723.
3. Vgl. M. N oth: Die Welt des Alten Testaments, Berlin 19624 ; K.-H. Bernhardt: Die Umwelt
des Alten Testaments I, Berlin und Gütersloh 1967.
4. W. F. Albright: Archäologie in Palästina, Einsiedeln, Zürich und Köln 1962; K. M. Ke-
nyon: Archäologie im Heiligen Land, Neukirchen 19762 ; Archaeology and Old Testament
Study, ed. D. W. Thomas, Oxford 1967; Encyclopedia of Archaeological Excavations in the
Holy Land I-IV, ed. M. Avi-Yonah und E. Stern, Oxford 1975-1978; vgl. auch H. J. Franken
und C. A. Franken-Battershill: A Primer of Old Testament Archaeology, Leiden 1963.
5. Neben den Standardwerken von Abel und Simons eignen sich für den Studenten besonders
D. Baly: Geographisches Handbuch zur Bibel, Neukirchen 19732 ; Y. Aharoni: Das Land der Bi-
bel. Eine historische Geographie, Neukirchen 1983; vgl. ferner E. Orni und E. Efrat: Geogra-
phie Israels, Jerusalem 1966.
6. M. Noth: Geschichte Israels, Göttingen 19768 ;}. Bright: Gescliichte Israels. Von den An-
fängen bis zur Schwelle des Neuen Bundes, Düsseldorf 1966; M. Metzger: Grundriß der Ge-
§ 1 Aufgabe, Geschichte und Methode
a) DIE VORKRITISCHE EPOCHE. Solange die Kirche der Überzeugung war, daß Offen-
barung ein fest umrissenes, ewig gültiges, sich in der Inspiration eines Buches ereig-
nendes Geschehen sei, konnte ihr Interesse sich nicht primär der Aufhellung seiner
Geschichte, sondern nur dem Nachweis seiner Widerspruchsfreiheit, Durchsichtig-
keit und Allgemeinverständlichkeit zuwenden. Unserer Aufgabe am nächsten mußte
in diesem Rahmen einerseits die Erklärung fremder, altertümlicher Sachen und Be-
griffe, andererseits der Nach weis des Alters und die Authentizität der Offenbarungs-
schichte Israels, Neukirchen 19836 ; A. H. ]. Gunneweg: Geschichte Israels bis Bar Kochba,
Th Wi 2, Stuttgart 19824 ; S. Herrmann: Geschichte Israels in alttestamentlicher Zeit, München
19802; G. Fahrer: Geschichte Israels, UTB 708, Heidelberg 19823.
7. W. Eichrodt: Theologie des Alten Testaments I, Stuttgart und Göttingen 19688 ; II/III
19747 ; G. v. Rad: Theologie des Alten Testaments I, München 19828 ; II 19807;L. Köhler: Theo-
logie des Alten Testaments, Tübingen 19664;Th. C. Vriezen: Theologie des Alten Testaments in
Grundzügen, Neukirchen 1957; W. Zimmerli: Grundriß der alttestamentlichen Theologie,
ThWi 3, Stuttgart 19824 ; C. Westermann: Theologie ·des Alten Testaments in Grundzügen,
ATD.E 6, Göttingen 1978; W. H. Schmidt: Alttestamentlicher Glaube in seiner Umwelt, Neu-
kirchen 19824,und G. Fahrer, Geschichte der israelitischen Religion, Berlin 1969.
7a. L. Diestel: Geschichte des Alten Testaments in der christlichen Kirche, Jena 1869; vgl.
dazu auch H. Donner: Das Problem des Alten Testaments in der christlichen Kirche. Überle-
gungen zu Begriff und Geschichte der alttestamentlichen Einleitung, in: Beiträge zur Theorie
des neuzeitlichen Christentums, Festschrift W. Trillhaas, Berlin 1968, S. 37ff.
8. Vgl. dazu z. B. den von C. Westermann hg. Sammelband »Probleme alttestamentlicher
Hermeneutik«, ThB 11, München 19683 ; H. Seebaß: Biblische Hermeneutik, UB 199, Stuttgart
1974; A. H.]. Gunneweg: Vom Verstehen des Alten Testaments, ATD .E 5, Göttingen 1977,und
0. Kaiser: Von der Gegenwartsbedeutung des Alten Testaments, in: A. H.]. Gunneweg u. a.:
Der Gott, der mitgeht, Gütersloh 1972, S. 9ff.
r8 Einleitung
urkunden kommen, in deren Interesse man die Nachrichten über das Leben der bi-
blischen Autoren, wie sie die Tradition für die einzelnen Bücher unterstellte, sam-
melte. Und schließlich mußte man sich vor der Frage sehen, ob der hebräische oder
der griechische Text oder gar eine der von ihnen abhängigen Übersetzungen für die
Kirche als verbindlich zu betrachten seien. Damit haben wir bereits in groben Zügen
das erste vorkritische Stadium der Einleitungswissenschaft skizziert, wie es die Zeit
der Alten und der Mittelalterlichen Kirche beherrschte, aber in seinen Grundtenden-
zen darüber hinaus bis in das Zeitalter der Orthodoxie gültig war. Das erste Werk der
Weltliteratur, das den Titel der »Einleitung« auf das biblische Schrifttum anwandte,
wurde im Jahre 425 n. Chr. von dem antiochenischer Tradition nahestehenden
Mönch Adrianus verfaßt. Es heißt elaaywyn el~ Ta~ i}efa~ YQa<paf:,»Einleitung in
die göttlichen Schriften«, und umfaßt in einem modernen Nachdruck einige dreißig
Seiten9. Seinem Inhalt nach ist es ein Versuch, den Schüler mit den Eigentümlichkei-
ten hebräischer Ausdrucksweise vertraut zu machen. Dabei dürfen wir festhalten, daß
das hier zutage tretende Interesse an der hebräischen Bibel als solcher in der Alten wie
in der Mittelalterlichen Kirche die Ausnahme blieb. Trotz der gewaltigen Arbeit des
Origenes an seiner H exapla' 0 und der nicht minder großen Leistung des Hieronymus
in Gestalt der Vulgatan, die beide auch auf den hebräischen Text zurückgriffen, blieb
doch entscheidend, was Augustinus in De civitate dei XVIII, 4 3 im Blick auf das Ne-
beneinander der hebräischen und griechischen Bibel erklärt hatte: Die erste, den he-
bräischen Text verursachende Inspiration habe den Zeitgenossen gegolten, die
zweite, die griechische Übersetzung bewirkende gelte der Kirche, der sie Christus be-
zeugt. Und selbst wenn ein Mann wie Hieronymus ein »ignoratio scripturarum igno-
ratio Christi est« proklamierte 12 , hatte dies einen anderen als den uns heute geläufigen
· Sinn im wissenschaftlichen Umgang mit der Bibel. Der gleiche Mann, der in seinen
Vorreden zur lateinischen Bibel, der Vulgata, mancherlei Nachrichten zumal zur
Text- und Kanonsgeschichte überliefert hat, bemerkte angesichts der offensichtlichen
Verworrenheit der alttestamentlichen Chronologie, diese Wirrnis zu klären sei kein
würdiges Objekt der Forschung, sondern eine Aufgabe für Müßiggänger 12 •. In Ent-
sprechung zur Lehre von den zwei Naturen Christi setzte sich in der Kirche die an-
dere vom zweifachen Schriftsinn, dem wörtlichen und dem geistlichen, durch, und
dabei lag der Nachdruck entschieden auf dem letzten'l.
Auch das Mittelalter hat hier keine grundlegende Änderung gebracht. Entgegen ei-
nem weitverbreiteten Vorurteil ist freilich festzustellen, daß die Bibel in keiner Zeit so
allgemein bekannt gewesen ist wie in den großen Zeiten dieser Epoche 1 4. Da man ei-
9. Hg., übersetzt und erläutert von F. Goessling, Berlin 1887.
ro. Vgl. dazu E. Würthwein: Der Text des Alten Testaments, Stuttgart 19734, S. 58ff.
rr. Vgl. dazu Würthwein, S. 93ff.
12. Migne, Patr. Lat. 24, S. r8.
12a. Epist. 72,5 bei L. Diestel, a.a.O., S. 98, Anm. r8.
13. Vgl. dazu Gunneweg, ATD.E 5, S. 43.
14. Vgl. dazu B. Smalley: The Study of the Bible in the Middle Ages, Oxford 1952.
§ I Aufgabe, Geschichte und Methode 19
15. Vgl. dazu E. v. Dobschütz: Vom vierfachen Schriftsinn, in: Harnack-Ehrung, Leipzig
1921, S. 1 ff.;]. S. Preus: From Shadow to Promise. Old Testament Interpretation from Augu-
stine to the Young Luther, Cambridge, Mas. 1969,und G. Ebeling: Evangelische Evangelienaus-
legung, München 1942 = Darmstadt 1962, S. 127ff.
16. Als Beispiel für das, was mit dem Literalsinn gemeint sein konnte, zitieren wir aus der auf
Anselm von Laon zurückgehenden Glossa ordinaria nach Diestel, a.a.O., S. 161, zu Ex 6,20:
»Amram interpretatur pater excelsus, qui significat Christum,]ochabed Dei gratia, quae signifi-
cat Ecclesiam; ex Christo et Ecclesia nascitur Moses, id est lex spiritualis, et Aaron, scilicet verum
sacerdotium«. (»Amram wird mit erhabener Vater übersetzt, der Christus bedeutet, Jochabed
mit Gottes Gnade, die die Kirche bedeutet: aus Christus und der Kirche wird Moses geboren,
dies ist das geistliche Gesetz, und Aaron, offensichtlich das wahre Priestertum«).
17. Diestel, a. a. 0., S. 201.
18. Luther und das Alte Testament, Tübingen 1948, S. 164. Zu Luthers Schriftverständnis vgl.
zumal Ebeling, a. a. 0.; ferner G. Krause: Studien zu Luthers Auslegung der Kleinen Propheten,
20 Einleitung
deren Seite erklärte der gleiche Luther, er würde die Geschichte von dem Propheten
Jona im Bauche des Walfisches nicht glauben, wenn sie nicht in der Schrift stünde.
Was C. F. Meyer seinen Hutten über Luther sagen läßt:
gilt mutatis mutandis auch für sein Verhältnis zur Schrift: Auch hier finden wir neben
reformatorischer Freiheit mittelalterliche Gebundenheit, der die Bibel eine metaphy-
sische Größe war. So erbten seine Schüler und wohl mehr noch seine Enkel von ihm
weithin nicht seine Freiheit, sondern seine Gebundenheit. Dennoch ist die Bedeutung
der Reformation für die theologische und in ihrem Gefolge auch kritische Zuwen-
dung zur Schrift in keiner Weise zu unterschä[Link] den bereits erwähnten Vor-
reden Luthers dürfen wir in Carlstadts De canonicis scripturis wenigstens die Ansätze
zu einer modernen Einleitungswissenschaft erkennen' 9 •
Man sagt kaum zuviel, wenn man feststellt, daß das neuerliche Überwiegen syste-
matischer Interessen im Zeitalter der erstarkenden Orthodoxie, dem 17. Jahrhundert,
eigentlich kritischen Untersuchungen nicht günstig war. So steht seine Beschäftigung
mit dem Leibe der Schrift vornehmlich unter dem Zeichen einer milden, sammelnden
Philologie, deren Ergebnisse in Critica sacra, Isagoge oder, latinisiert, lntroductio ge-
nannten Werken vorgelegt wurden. Aus der Fülle der Titel sei die Critica sacra des
Ludovicus Cappellus (1650) hervorgehoben, die uns davor warnen kann, allzu ver-
ächtlich auf die Arbeit dieses Zeitalters herabzublicken: Denn hier werden Grund-
sätze der Textkritik entwickelt, die weithin noch heute gültig sind. Man darf wohl be-
haupten, daß die spätere kritische Wissenschaft ihren Weg ohne die sorgfältigen Ar-
beiten am biblischen Text dieses Jahrhunderts nicht so rasch hätte gehen können. Ein
Werk wie die Waltonsche Polyglotte ist noch heute unübertroffen 20 •
Die Versteifung des reformatorischen Schriftprinzips führte zu einer rigorosen
Fassung des lnspirationsdogmas 21 und mußte der ganzen Lage nach die Polemik der
BHTh 33, Tübingen 1962. - Zu Melanchthon vgl. H. Siek: Melanchthon als Ausleger des Alten
Testaments, BGH 2, Tübingen 1959.-Zu CalvinH. H. Wolf: Die Einheit des Bundes. Das Ver-
hältnis von Altern und Neuem Testament bei Calvin, BGLRK ro, Neukirchen 1958.
19. Zur weiteren Entwicklung vgl. die Darstellungen von E. G. Kraeling: The Old Testament
since the Reformation, London 1955; H.-J. Kraus: Geschichte der historisch-kritischen Erfor-
schung des Alten Testaments von der Reformation bis zur Gegenwart, Neukirchen 1982', und
K. Scholder: Ursprünge und Probleme der Bibelkritik im [Link]. Ein Beitrag zur Ent-
stehung der historisch-kritischen Theologie, FGLP ro. Ser. 23, München 1966.
20. S. S. Biblia Polyglotta ed. Brianus Waltonus 1-VI, London 1657 = Brian Walton, Biblia
Sacra Polyglotta 1-VI, Graz 1963-65.
21. Vgl. dazu z.B., was Flacius Illyricus in seinem Clavis scripturae 1567ausführt, wiederge-
geben nach E. Hirsch: Hilfsbuch zum Studium der Dogmatik, Berlin 19644,S.314: »Wenn die
Kirchen dem Teufel erlauben, diese Hypothese [von dem nachträglichen Hinzukommen der
§ I Aufgabe, Geschichte und Methode 21
c) DIE KRITISCHE EPOCHE. Von den Vertretern der Aufklärung in Deutschland ist in
unserem Zusammenhang an erster Stelle Johann Salomo Semler zu nennen, dessen
Vokalzeichen) zu setzen, wird uns dann nicht die ganze Schrift überhaupt ungewiß werden?«
Zur Kritik dieser Entwicklung vgl. auch G. Ebeling: Dogmatik des christlichen Glaubens I, Tü-
bingen 1979, S. 33 ff.
22. Vgl. dazu Kraus, a. a. 0., S. 65 ff., und H. Graf Reventlow: Richard Simon und seine Be-
deutung für die kritische Erforschung der Bibel, in: Historische Kritik in der Theologie, hg.
G. Schwaiger, Göttingen 1980, S. II ff.
22 Einleitung
Abhandlung von freier Untersuchung des Canon 1771-1775 in vier Bänden er-
schien2l. Die bahnbrechende Leistung Semlers bestand in dem Nach weis der ge-
schichtlichen Bedingtheit eines jeden Kanons und der Bedeutungslosigkeit der Kano-
nizität einer Schrift für die Beantwortung der Wahrheitsfrage. Was Lessing dem
Hamburger Hauptpastor Goeze entgegenhielt: »Aus ihrer innern Wahrheit müssen
die schriftlichen Überlieferungen erkläret werden, und alle schriftliche Überlieferun-
gen können ihr keine innere Wahrheit geben, wenn sie keine hat«, findet hier seine
mitunter weitschweifige Entfaltung 24. Semler ist wohl der eigentliche Begründer der
historisch orientierten Theologie gewesen. Von ihm stammt unter anderem ein Werk
mit dem lateinischen Titel Institutio ad doctrinam christianam liberaliter discendam,
1777 deutsch als Versuch einer freiem theologischen Lehrart aufgelegt. Er dürfte da-
mit Generationen von Theologen das Stichwort zu stolzer Selbstbezeichnung oder
polemischer Diskriminierung geliefert haben, das Stichwort »liberale Theologie«.
Die Zeit war gekommen, über die Critica sacra, Isagoge oder Introductio zur mo-
dernen kritischen Einleitung fortzuschreiten. 1750 hat der Göttinger Johann David
Michaelis die lateinische lntroductio erstmals verdeutscht in einem Buchtitel ver-
wandt: Einleitung in die göttlichen Schriften des Neuen Bundes. Er stand damit Pate
für das erste alttestamentliche Werk, das unter einem solchen Titel erschien und zu-
gleich unsere moderne Einleitungswissenschaft eröffnet, für Johann Gottfried Eich-
horns 1780 bis 1783 in drei, später in fünf Bänden erschienene Einleitung ins Alte Te-
stament25. Die Einleitungswissenschaft ist jetzt ein weltliches Geschäft. Den Geist des
Werkes mögen einige Sätze aus der Vorrede zur zweiten Auflage von 1787 erhellen:
»Der bloß theologische Gebrauch, welcher von den Schriften des Alten Testaments
gewöhnlich gemacht wird, hat bisher mehr, als man denken sollte, verhindert, diese
Werke des grauen Alterthums nach Verdienst zu würdigen. Man suchte darin nichts
als Religionsideen und war für ihren übrigen Inhalt blind; man las sie ohne Sinn für
Alterthum und seine Sprache, nicht viel anders, als ein Werk der neuem Zeiten; und
mußte nach Verschiedenheit der Geisteskräfte den allerungleichartigsten Erfolg in
sich verspüren 26«.
23. Vgl. den auszugsweisen Wiederabdruck in der Reihe: Texte zur Kirchen- und Theologie-
geschichte, Heft 5, Gütersloh 1967; ferner G. Hornig: Die Anfänge der historisch-kritischen
Theologie, Johann Salomo Semlers Schriftverständnis und seine Stellung zu Luther, Göttingen
1961; H. Donner: Gesichtspunkte zur Auflösung des klassischen Kanonbegriffes beiJ ohann Sa-
lomo Semler, in: Fides et communicatio. Festschrift M. Doerne, hg. D. Rössler u. a., Göttingen
1970, S. 56ff., und 0. Kaiser: Johann Salomo Semler als Bahnbrecher der modernen Bibelwis-
senschaft, in: Textgemäß. Festschrift E. Würthwein, Göttingen 1979, S. 59ff.
24. Axiomata, wenn es deren in dergleichen Dingen gibt, wider den Herrn Pastor Goeze, in
Hamburg, Kap. X., in: Ges. Werke hg. von P. Rilla, VIII, Berlin 1956, S. 189.
25. Zu Eichhorn vgl. E. Sehmsdorf- Die Prophetenauslegung beiJ. G. Eichhorn, Göttingen
1971; ferner 0. Kaiser: Eichhorn und Kant, in: Das ferne und nahe Wort. Festschrift L. Rost,
BZAW 105, Berlin 1967, S. 114ff.
26. Zitiert nach dem Abdruck Reutlingen 1790, S. V.
§ I Aufgabe, Geschichte und Methode
Es ist die Zeit, in der ein Johann Gottfried H erder den Geist der Ebräischen Poesie
( 1782) entdeckt. Es ist die Zeit, in der sich die Wendung zum historischen Bewußtsein
unaufhaltsam und, soweit wir es absehen können, auch unrevidierbar Bahn bricht,
das Wissen darum, daß jede menschliche Äußerung an ihre Situation gebunden ist
und primär aus ihrer Situation heraus verstanden werden will. Schon bei Eichhorn fin-
den wir die weiterhin für die Darstellungen unserer Disziplin maßgebliche Einteilung
des Stoffes in einen allgemeinen und einen speziellen Teil. In der Allgemeinen Einlei-
tung werden die Überlieferung des Textes und die Entstehung des Kanons, in der Spe-
ziellen Einleitung die Komposition und Entstehung der einzelnen Bücher behandelt.
Es würde an dieser Stelle zu weit führen, die Geschichte der Einleitungswissen-
schaft auf ihrem Weg durch die zurückliegenden beiden Jahrhunderte mit ihren Ein-
zelheiten zu verfolgen. Da sich ihre methodischen Epochen in der Geschichte der
Pentateuchforschung spiegeln, reicht es aus, auf ihre Skizzierung im Paragraphen 4 zu
verweisen und hier anzumerken, daß auf ein erstes literarkritisches Stadium etwa seit
der Jahrhundertwende ein formgeschichtliches, seit den zwanziger Jahren zu seiner
Ergänzung ein traditionsgeschichtliches und neuerdings ein noch in der Entfaltung be-
griffenes redaktionsgeschichtliches gefolgt sind.
3. Die Methode. Da aus der Beschäftigung mit der Formgeschichte ein in gewissem
Sinne mit der Einleitung konkurrierendes Programm einer israelitischen Literaturge-
schichte erwachsen ist, müssen wir bei diesem für unsere eigene Darstellung nicht un-
wichtigen Problem einen Augenblick verweilen. Die Formgeschichte geht von der
Feststellung aus, daß sich schon im normalen menschlichen Leben bestimmte einfa-
che sprachliche Formen ergeben. Der Mensch bedient sich je in einer bestimmten Si-
tuation auch einer bestimmten Sprachgebärde. Am Anfang einer form- oder gat-
tungsgeschichtlichen Analyse eines Textes ist mithin die Frage zu stellen, wer sich an
wen in welcher Situation unter Verwendung welcher Form wendet. Ausgangspunkt
der Forschung bildet dabei die sicherlich richtige Annahme, daß am Anfang der Ent-
wicklung einfache, reine Formen stehen, die sich im Laufe der Geschichte und der
Entwicklung zur eigentlichen Literatur immer mehr miteinander vermischen kön-
nen. Dabei dürfen wir im Blick auf Israel annehmen, daß wir bei ihm einerseits einfa-
che Formen nachweisen können, die bis in seine Vorzeit außerhalb seines späteren
Wohnsitzes in Palästina zurückreichen, und andererseits entwickelte Kunstformen
und Mischgattungen, die es teils von den alten Landesbewohnern, teils von seiner
Umwelt übernommen und teilweise wohl auch selbst hervorgebracht hat. Da nun in
der vor- und außergriechischen Welt kein eigentliches Interesse an dem schöpferi-
schen Individuum besteht, lassen sich anders als in der modernen Literaturwissen-
schaft die Werke nicht oder doch unvergleichlich weniger aus der Person und Biogra-
phie des Schriftstellers erklären. Sie sind weithin anonym oder pseudonym. Und
selbst wo uns Name und Geschick des Autors bekannt sind, kann sich seine Indivi-
dualität nicht in einer aus der Neuzeit bekannten Weise auf seine Produktion auswir-
ken. Sie bleibt vielmehr in einer uns überraschenden Weise von traditionellen literari-
Einleitung
sehen und vorliterarischen Formen abhängig. Daher läßt sich eine Geschichte der is-
raelitischen Literatur eigentlich nur als eine Geschichte ihrer Gattungen von ihrem er-
sten vorliterarischen Stadium bis hin zu ihrer letzten Verästelung und schließlichen li-
terarischen Fixierung denken. Hermann Gunkel (1862-1932), der dieses Programm
entworfen hat, legte selbst auch den ersten Entwurf zu seiner Einlösung vor 2 7.
So erstrebenswert das hier gesteckte Ziel ist, so bleibt doch in der gegenwärtigen
Forschungssituation immer noch einiges zugunsten der überlieferten analytischen
Einleitung zu sagen: Zunächst versteht es sich von selbst, daß die synthetische Litera-
turgeschichte auf den Schultern der analytischen Einleitung steht. Ohne ihre Vorar-
beiten würde sie bald zu einer Art von Dichtung degenerieren. Diese Vorarbeiten sind
aber, selbst was die Literarkritik des Pentateuch betrifft, nicht so abgeschlossen, wie
es in den ersten] ahrzehnten diesesJahrhunderts erscheinen mochte. Zudem bildet die
analytische Einleitung zugleich die für die Darstellung der Geschichte und der Reli-
gionsgeschichte Israels unumgängliche Quellenkunde. Daraus ergibt sich die Not-
wendigkeit, auch dem Anfänger die Grundzüge der analytischen Einleitung zu ver-
mitteln. Auf der anderen Seite ist es eine Tatsache, daß eine Analyse, die nicht gleich-
zeitig zu einer Synthese führt, unbefriedigend bleibt. Denn schließlich hat auch die
Einleitung nicht nur die Aufgabe der Quellenkritik, sondern auch die andere, das
Entstehen des Alten Testamentes als eines Ganzen verständlich zu machen. Sie kann
dieses Ziel ohne Berücksichtigung des Traditionsprozesses nicht erreichen, und das
heißt: sie muß das von Gunkel aufgestellte Programm ihrerseits aufgreifrn. Schließ-
lich sei angemerkt, daß es gerade angesichts der gegenwärtigen Forschungslage, in der
sich manches scheinbar gesicherte formgeschichtliche Forschungsergebnis als an-
fechtbar erwiesen hat, immer noch ein gewagtes Vorhaben ist, eine israelitische Lite-
raturgeschichte im oben skizzierten Sinne vorzulegen.
Aus dem Gesagten ergibt sich, daß unsere eigene Darstellung einen Mittelweg zwi-
schen den beiden Extremen einzuschlagen hat. Ihr kommt einmal die Aufgabe zu,
Grundkenntnisse der Ergebnisse und Probleme der analytischen Einleitungswissen-
schaft zu vermitteln, deren allgemeiner und spezieller Teil durch die gattungs-, tradi-
tions- und redaktionsgeschichtliche Forschung stofflich vermehrt sind. Andererseits
kommt ihr die Aufgabe zu, ein gewisses zusammenhängendes Bild der Entstehung
des Alten Testaments und der Entwicklung seiner literarischen Formen zu vermit-
teln. Sie sucht diesem Ziel zu entsprechen, indem sie den Stoff ungefähr der Dreiglie-
derung des alttestamentlichen Kanons entsprechend aufgliedert und zunächst die Ge-
27. Die israelitische Literatur, in: Kultur der Gegenwart I, 7, Leipzig 1925 = Einzelnach-
druck Darmstadt 1963. - Zur Würdigung seiner Person und seines Werkes vgl. W. Klatt: Her-
mann Gunkel. Zu seiner Theologie der Religionsgeschichte und zur Entstehung der formge-
schichtlichen Methode, FRLANT 100, Göttingen 1969;H.-P. Müller in: Theologen des Prote-
stantismus im 19. und [Link] I, hg. M. Greschat, UT 284, Stuttgart 1978, S. 241 ff., und
R. Smend in: Giessener Gelehrte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hg. H. G. Gundel
u. a., Marburg 1982, S. 345 ff.
§ I Aufgabe, Geschichte und Methode
28. Vgl. dazu R. Rendtorff· Hermeneutik des Alten Testaments als Frage nach der Ge-
schichte, ZThK 57, 1960, S. 27ff. = Ges. Studien zum Alten Testament, ThB 57, München 1975,
S. 1df.
29. Vgl. dazu K. Rahner: Grundkurs des Glaubens. Einführung in den Begriff des Christli-
chen, Freiburg i. Br. 19777, S. 145 f.
30. Vgl. dazu Fr. Nietzsche: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, Krit. Ge-
samtausgabe, hg. G. Colli und M. Montarini, III, 1, Berlin und New York 1972, S. 70 = Sämtli-
che Werke hg. A. Baeumler, KTA 70, Stuttgart 1976, S. 100f.- Zum Verständnis und zur theolo-
gischen Beurteilung des biblischen Fundamentalismus vgl. J. Barr: Fundamentalism, London
1977; deutsche Ausgabe mit einer Einführung von G. Sauter: Fundamentalismus, München
1981; vgl. hier besonders die S. 7off.
B. Die Voraussetzungen
M. Noth: Die Welt des Alten Testaments, Berlin 19624,S. 1ff.; D. Baly: Geographisches Hand-
buch zur Bibel, Neukirchen 19732 , S.11 ff.; Y. Aharoni: The Land of the Bible, London 1967, S.
3 ff.; M. Noth: Geschichte Israels, Göttingen 19768 (= 19563), S. 54ff.; W. Eichrodt: Bund und
Gesetz, in: Gottes Wort und Gottes Land. Festschrift H. W. Hertzberg, Göttingen, 1965, S.
3off.; G. Fahrer: »Amphiktyonie« und »Bund«?, ThLZ 91, 1966, Sp. 801ff., 893ff. = Studien
zur alttestamentlichen Theologie und Geschichte, BZAW 115, Berlin 1969, S. 84ff.; H. Donner:
Einführung in die biblische Landes- und Altertumskunde, Darmstadt 1976; C. H. ]. de Geus:
The Tribes of Israel. An investigation into some of the presuppositions of Martin Noth's Am-
phictyony hypothesis, StSN 18, Assen und Amsterdam 1976; 0. Bächli: Amphiktyonie im Al-
ten Testament. Forschungsgeschichtliche Studie zur Hypothese von Martin Noth, ThZ.S 6, Ba-
sel 1977; Monotheismus im Alten Israel und seiner Umwelt, hg. 0. Keel, BiBe 14, Fribourg
1980.
I. Das Land. Daß die Geschichte und also auch die Literaturgeschichte eines Volkes
entscheidend mit durch die geographische Lage seines Landes bedingt ist, gehört zu
den Selbstverständlichkeiten moderner Geschichtswissenschaft. Daß dies in beson-
derem Maße für den Verlauf der israelitischen Geschichte gilt, bedarf dagegen der
Hervorhebung; denn dieser allgemeine Satz trifft sowohl für die große Lage Palästi-
nas als eines Teiles der Landbrücke zwischen Asien und Afrika, Mesopotamien bzw.
Kleinasien und Ägypten, wie für seine genauere Position als einem schmalen, zwi-
schen Wüste und Meer gelegenen Kulturlandstreifen zu. Die große Lage entscheidet
mit über das Geschick seiner Bewohner, weil sich hier seit alters die Kultureinflüsse
des mesopotamisch-kleinasiatischen und des nilotischen Raumes kreuzen und die
Herrschaftsansprüche ihrer Reiche überschneiden. Die Lage zwischen Meer und Wü-
ste bestimmt zusammen mit der erdgeschichtlich gewordenen Oberflächengestalt den
Wechsel des Klimas zwischen Tag und Nacht, Regen- undTrockenzeit, führt aber
auch zu immer neuen Einbrüchen von Völkerschaften aus den Feuerstein- und
Zwergbuschwüsten im Osten und Süden.
Eine überaus scharf gegliederte Landschaft ist im gesamten syrischen Raum, dessen
südlichen Teil Palästina darstellt, der Bildung größerer Reiche abhold. Der tiefe Gra-
benbruch, der das Land zwischen Libanon und Antilibanon im Norden, Ost- und
Westjordanland im Süden durchschneidet und sich jenseits des Toten Meeres in der
Araba und dem Golf :von Aqaba fortsetzt, sorgt für eine scharfe Gliederung des Lan-
Die Voraussetzungen
des in einen östlichen und einen westlichen Teil. DemJordan fließen von Osten als
immer Wasser führende Bäche der Jarmuk undJabbok, dem Toten Meer der Arnon
und Zered zu. Von Westen ergießt sich dauernd nur das Wadi Galud in den Jordan.
Als einziger ganzjähriger Fluß zieht schließlich der Jarkon zum Mittelmeer, das bei
Akko, Dor, Jaffa und Askalon seine wenigen natürlichen Häfen anbietet. Die Küste
ist im Süden bis hinauf nachJ affa von einem Dünengürtel gesäumt. Dahinter liegt eine
Ebene, der sich das Hügelland der Schephela anschließt. Dann steigt das Judäische
Gebirge empor, das nordöstlich von Hebron mit 1019 m seine höchste Erhebung er-
reicht. Dieses Gebirge geht in kaum merklichem Übergang nach Norden in das Sama-
rische Gebirge über. Seine höchste Erhebung liegt nördlich vonJerusalem, wo es rund
1000 m erzielt. Die Ebenen von Sichern und Samaria geben ihm eine gewisse Gliede-
rung. Zur Küste schiebt sich im Norden das Vorgebirge des Karmel vor, jenseits des-
sen die Küstenebene von Akko und, teils durch die Berge von Gilboa begrenzt, die
J esreel-Ebene und schließlich die Ebene von Beth Schean einen deutlichen Einschnitt
bilden. Jenseits der Ebenen erheben sich die niederen Berge von Untergaliläa und
dann, nördlich des Sees Genezareth, die Berge von Obergaliläa, die 1209 m Höhe er-
reichen. Gegen Mitternacht schließen Libanon, Hermon und Antilibanon das Land
ab, das von Süden und Osten mangels natürlicher Grenzen fremdem Zugriff offen-
liegt. Das Ostjordanland, vom tief eingeschnittenen J ordangraben durch ein Randge-
birge getrennt, erhält seine Gliederung durch die Flußsysteme des J armuk, J abbok,
Arnon und Zered. Zwischen ihnen liegen fruchtbare Hochebenen, von denen die zwi-
schen J armuk und J abbok noch heute einen lichten Eichenwald trägt. Nördlich und
nordöstlich des Jarmuk verbreitert sich das Kulturland bis zum Drusengebirge, das
mit seinen mehr als 1800 m die höchste Erhebung des ganzen Landes bildet. Gehörte
dieser Landstrich zum umkämpften Grenzgebiet zwischen Israeliten und Aramäern,
so saßen nördlich des Arnon die Ammoniter, zwischen Arnon und Zered die M oabi-
ter und südlich desselben die Edomiter. Die Küstenebene war zum größten Teil von
den Philistern und den Phönikern besetzt, während das Südland, der Negev, von no 0
madisierenden Stämmen wie den Midianitern und Amalekitern durchzogen wurde.
3. Größenverhältnisse. So ist dieses Land ein Land der Gegensätze, der Gebirge und
ungeheuerlich tief eingeschnittenen Täler, der fruchtbaren Ebenen und Wüsten, der
hohen Tages- und tiefen Nachttemperaturen, der Trockenzeit und der Regenzeit.
Wer das Heilige Land, den Schauplatz der biblischen Geschichte, nicht aus eigener
Anschauung kennt, wird aufgrund der überragenden Rolle, die es in der Menschheits-
geschichte zu spielen berufen war, fast stets geneigt sein, sich von seinen Größenver-
hältnissen eine übertriebene Vorstellung zu machen. Die Wirklichkeit ist erheblich
bescheidener: Die Entfernung vom äußersten Norden bis zum äußersten Süden, von
Dan bis Beerscheba, beträgt in der Luftlinie etwa 240 km, der Straße folgend knapp
320 km. VonJ erusalem nach Sichern benötigt die Straße 67, nach Hebron 37 und nach
Jaffa 75 km. Das alles sind Entfernungen, wie sie uns aus einem normalen deutschen
Bundesland vertraut sind. - Dabei verleihen die großen Höhenunterschiede dem
Lande einen bizarren und streckenweise unheimlichen Charakter: Wer von Jerusalem
(ca. 790 m) durch dieJordanaue (Allenby Bridge: -373 m; Wasserspiegel des Toten
Meeres: -390 m) nach Amman, dem alten Rabbat Ammon, hinaufzieht, hat dabei
fast einen Höhenunterschied von 2000 m zu überwinden. - Und doch, welch ein
Land für den, der es mit den Augen Weide suchender Nomaden oder Halbnomaden
betrachtet. Er denkt nicht an die Steppen und Wüsten im Schlagschatten der Berge,
sondern er sieht die fruchtbaren Ebenen, die lichten Wälder, die nie versiegenden
Quellen und Bäche, die Öl- und Feigenbäume und die unter ihnen rankenden Reben,
die reichen Weidemöglichkeiten für sein draußen in der Wüste in der Sommerhitze
darbendes Vieh.
4. Landnahme. Mit solchen Augen hat das spätere Israel sein Erbland gesehen, vgl. Ex
3,8, sich selbst als Einwanderer in diesem Land und dieses selbst als eine Gabe seines
Gottes verstanden. Wenn wir sogleich feststellen müssen, daß das Problem, wie sich
die Landnahme der Israeliten oder, - stellen wir die Bildung Israels und seiner
Stämme erst auf dem Boden des Kulturlandes in Rechnung-, der Protoisraeliten tat-
sächlich vollzogen hat, zu den schwierigsten Fragen der gegenwärtigen alttestament-
lichen Forschung zählt, wird uns bewußt, daß wir in den sog. historischen Büchern
des Alten Testaments keine Geschichtsschreibung im modernen Sinne besitzen, son-
dern daß es sich bei ihnen primär um eine Spiegelung älterer, sagenhafter Überliefe-
rungen im Lichte der Glaubenserfahrung und des Gottesverständnisses des späteren
und vielleicht selbst sehr späten Israel handelt. Wer daran Anstoß nimmt, hat nicht
begriffen, daß alles menschliche, endliche Bezeugen des unendlichen Gottes indirekte
Mitteilung ist, die den Hörer zu seiner eigenen Glaubensgewißheit und seinen eige-
30 Die Voraussetzungen
nen Glaubensgedanken führen will. In diesem Prozeß gewinnt der Glaube seine Frei-
heit gegenüber dem ihn herausfordernden Zeugnis, weil er sich unmittelbar zu Gott
und nicht von historischen Hypothesen abhängig weiß. Daraus resultiert aber auch
seine Fähigkeit, sich solchen Hypothesen auszusetzen und sie nüchtern zu prüfen,
ohne dabei für seinen Glauben zu fürchten.
Konkret stehen sich heute vor allem zwei Hypothesen zur Erklärung der Land-
nahme der Israeliten in Palästina gegenüber. Die eine, an die Namen von Albrecht Alt
und Martin Noth geknüpfte, rechnet mit einer vornehmlich friedlichen Landnahme
von Kleinviehnomaden, die im Rahmen der sog. Aramäischen Wanderung zwischen
dem 14. und dem r r. Jahrhundert v. Chr. zumal im Zuge der Transmigration erst an
den Rand des Kulturlandes und dann im Verlaufe der Transhumanz, des Wechsels
zwischen Winter- und Sommerweide, in das Land eingedrungen wären. Das in der
Spätbronzezeit' weithin unbesiedelte, politisch ein Gewirr kleiner Stadtstaaten bil-
dende Land hätte ihnen und ihren Herden zunächst vor allem in den Gebirgen Raum
geboten. Dabei hätten die Weide suchenden Sippenverbände vorerst nur den Som-
mer im Kulturland verbracht, bis ihnen nachdrängende Gruppen den Weg zurück in
die Steppen am Rande des Kulturlandes verlegten'. - Die andere, am eindrucksvoll-
sten von de Geus vertretene Hypothese setzt die Einwanderung der Protoisraeliten
schon in den Zusammenhang der sog. Amoritischen Wanderung der Mittleren Bron-
zezeit. Sie beruft sich dafür auf die Tatsachen, daß sich archäologisch kein einschnei-
dender kultureller Bruch zwischen der Spätbronzezeit und der Eisenzeit nachweisen
läßtJ; der Nomadismus der Semiten erst eine jüngere Erscheinung darstellt; sich die
Familienstruktur Israels als sedentär-bäuerlich erweist und das Hebräische gegenüber
dem Kanaanäischen als eine »amoritisch« beeinflußte Sprache zu werten ist.
Der Niedergang der kanaanäischen Stadtstaaten gegen Ende der Spätbronzezeit
hätte dann den in den Gebirgen wohnenden und bislang in einer Art von Symbiose
mit diesen Städten lebenden Israeliten dank [Link] Basis als Viehzüchter und
Ackerbauern die schrittweise Entmachtung der Kanaanäer ermöglicht4. - Folgt man
nun dieser oder jener oder gar erst einer dritten Hypothese, die mit einer sozialen Er-
hebung benachteiligter und entrechteter Bevölkerungsgruppen rechnetl, so stimmt
1. Der Frühen Bronzezeit entspricht ungefähr die Zeit des Alten ägyptischen, der Mittleren
Bronzezeit die des Mittleren und der Späten Bronzezeit die des Neuen Reiches.
2. Vgl. dazu vor allem A. Alt: Kleine Schriften zur Geschichte des Volkes Israel I, München
1963, S. 89ff. und 126ff. = Grundfragen der Geschichte des Volkes Israel, hg. S. Herrmann,
München 1970, S. 99ff. und 136ff.; ferner M. Weippert: Die Landnahme der israelitischen
Stämme in der neueren wissenschaftlichen Diskussion, FRLANT 92, Göttingen 1967.
3. Vgl. dazu auch V. Fritz: The Conquestin the Light of Archaeology, in: Proceedings of the
Eight W orld Congress of J ewish Studies. Division a: Period of the Bible, Jerusalem 1982, S. 15 ff.
4. Vgl. dazu auch R. Smend, VT 24, 1979, S. 322ff.
5. Vgl. dazu jetzt vor allem N. K. Gottwald: The Tri bes of Israel. A Sociology of the Religion
of the Liberated Israel 1250--1050 B. C., London 1979, und dazu W. R. Wifall: The Tribes of
Yahweh: A Synchronie Study with a Diachronie Tide, ZAW 95, 1983, S. 197ff.
§ 2 Land, Gott und Volk 31
keine von ihnen mit dem im Alten Testament gezeichneten Bilde von dem unter Füh-
rung des Mose aus Ägypten zum Gottesberg Sinai und dann durch die Wüste bis an
den Abfall des moabitischen Gebirges ziehenden Israel, das dann unter dem Kom-
mando Josuas gemeinsam das Westjordanland eroberte, überein. Nur dies wird man
sagen können, daß die Geschichte Israels und das sich in ihr niederschlagende Be-
wußtsein der Absonderung von den Kanaanäern schwerlich verständlich ist, wenn es
keine entsprechenden historischen Wurzeln besitzt, sondern allein einen Ausdruck
späterer Problematiken darstellte 6•
5. Eigenart Israels. Von seinen Anfängen her war und blieb Israel anders als die Völ-
ker. Und dies nicht nur deshalb, weil es auch im Kulturland an gewissen Idealen des
nomadischen Lebens festgehalten hätte7, sondern weil sein Gott den unerbittlichen
Anspruch stellte, für Israel einzig zu sein, und Israel daher seine Existenz als Israel nur
im vertrauenden Hören auf das Zeugnis der Väter vom Wesen und Wirken seines
Gottes durchhalten konnte 8• Weil Jahwe, der Gott Israels, anders war als die Götter,
darum war auch Israel, solange es Israel blieb, notwendig anders als die übrigen Völ-
ker. Mögen die Formulierungen des ersten Gebotes und mit ihm auch die Zusammen-
ordnung des ganzen Dekaloges erst deuteronomistisch sein - vgl. Ex 20,2 ff. par Dtn
5,6ff. -, ohne die Voraussetzung des Glaubens an den einen Gott, der keinen anderen
neben sich duldet und der bildlos verehrt sein will, bleibt die ganze Geschichte Israels
und mithin auch die seiner Literatur unverständlich.
Über die inneren und äußeren Ordnungen der israelitischen Stämme in vorstaatli-
cher Zeit herrscht heute in der Forschung nicht mehr die gleiche Einmütigkeit wie
noch vor wenigen Jahren. Die Frage, ob Israel sein Gottesverhältnis von Anfang an
grundlegend als ein Bundesverhältnis verstand, ist ebenso umstritten wie die andere,
ob und seit wann die einzelnen Stämme ihrerseits zu einem Zwölfstämmebund, einer
Amphiktyonie, mit ganz bestimmten Lebensordnungen zusammengeschlossen wa-
ren9. An der Tatsache, daß Israel seine Frühgeschichte entscheidend von Jahwe gestal-
tet und sein Heil von seiner Treue zu seinem Gott abhängig wußte, will diese Diskus-
6. Vgl. dazu auch G. W. Ahlström: Another Moses Tradition, JNES 39, S. 322ff.
7. Vgl. dazu]. A. Soggin: Das Königtum in Israel, BZAW 104, Berlin 1967, S. 159ff.
8. Darauf hat besonders F. Mildenberger: Gottes Tat im Wort, Gütersloh 1964, S. 26ff., hin-
gewiesen.
9. Die im [Link] bereits vonH. Ewald und im 20. von E. Sellin in die Diskussion ein-
geführte Hypothese von der Verfaßtheit des vorstaatlichen Israel als einer Amphiktyonie hat seit
ihrer Neubegründung durch M. Noth: Das System der zwölf Stämme Israels, BWANT IV, 1,
Stuttgart 1930 = Darmstadt 1980 bis zu ihrerlnfragestellung durch G. Fahrer im Jahre 1966 in
der deutschen alttestamentlichen Wissenschaft ein fast kanonisches Ansehen besessen. Zu Recht
und Grenzen der in Analogie zur griechischen, delphisch-pyläischen Amphiktyonie eingeführ-
ten Hypothese vgl. die abgewogene forschungsgeschichtliche Studie von 0. Bächli, a. a. 0., und
M. Metzger, Grundriß der Geschichte Israels6, S. 49 ff. - Zur Diskussion über das Alter der Bun-
desvorstellung vgl. unten S. 75 f.
32 Die Voraussetzungen
sion nichts ändern. Solange Israel war, was es sein sollte, wußte es, daß sein Gott zu-
gleich der Gebende und Fordernde ist und daß eine Verletzung der ihm gegenüber be-
stehenden Treuepflicht die eigene Existenz aufs Spiel setzt. Die darin enthaltene Zu-
ordnung von Religion und Recht, die im Laufe der Geschichte Israels und des Juden-
tums zu immer neuen Entfaltungen führte, verhinderte eben im Zusammenhang mit
dem AusschließlichkeitsanspruchJ ahwes das Aufgehen Israels im Kanaanäertum und
das Aufgehen des Judentums im hellenistischen Synkretismus. Statt dessen führte die
geschichtliche Erfahrung, von der Errettung am Meer über die Landnahme und die
Blüte des davidisch-salomonischen Zeitalters bis hin zum Verlust der staatlichen
Selbständigkeit im 6. vorchristlichen Jahrhundert und der Krise der Makkabäerzeit,
zu einer Vertiefung und Ausweitung seines Gottesverständnisses' 0 •
6. Ursprung und Verlauf der Traditionsbildung. Suchen wir nach einem konkreten
Einsatzpunkt der israelitisch-alttestamentlichen Literatur, so dürfte es kaum möglich
sein, ihn auf einen einzigen Bereich, sei es nun den der volkstümlichen Sagenüberlie-
ferung, des an den Heiligtümern gepflegten Kultes oder den der zumal im Umkreis
des Hofes entstehenden Schriftkultur zu begrenzen. Man wird der Vielgestaltigkeit -
des geistigen Lebens schon in der vor- und frühstaatlichen Gesellschaft Rechnung zu
tragen haben, um einseitigen Urteilen bei der Rekonstruktion zri entgehen. Wenn
man jedoch die Eigenart des Alten Testaments als einer Sammlung religiöser Literatur
im Auge behält, wird man geneigt sein, dem Kult einen gewissen sachlichen Vorrang
einzuräumen, weil es sich bei ihm um den Lebensbereich handelt, in dem sich der
Herrschaftsanspruch Jahwes über Israel in der konkreten Forderung des Erscheinens
der Seinen vor seinem Angesicht, und das heißt in seinem Heiligtum, äußerte. Hier
begründete der Gott durch den Mund seines erwählten Sprechers seinen Anspruch
auf Israel mit seinen Taten für Israel. In diesem Sinne steht die Gottesrede, das Wort
Gottes, am Anfang. Priesterliche Weisungen, prophetische Ankündigungen ordneri
sich diesem Zusammenhang ungezwungen in ihrer Mannigfaltigkeit ein. Auf das
Wort seines Gottes und die Tat seines Gottes, die es als solche doch nur durch das
deutende Wort erkennen kann, antwortet das Volk mit seinem Lobpreis, dem Hym-
nus. Vor dem Heiligen beugt es sich im Bekenntnis seiner Schuld; an ihn wendet es
sich mit seiner Klage und Bitte. Aus dem, was es in der Feier von Gottes Handeln ver-
nommen hat, speist sich das theologische Interesse an einer der jeweiligen Situation
angemessenen Verarbeitung und Bearbeitung der Sagenüberlieferungen, die im Laufe
der Geschichte in zunehmendem Maße von ihrer primär lokalen und gruppengebun-
denen zu einer das Volksganze umspannenden Bedeutung gelangten; ohne daß
gleichzeitig die sagenbildende Kraft erlosch. Und was einmal mehr oder weniger pro-
fan oder gar politisch orientiert mündlich überliefert oder schriftlich tradiert worden
10. Vgl. dazu z. B. den Abriß der Geschichte des Jahweglaubens bei G. v. Rad: Theologie I,
München r9571 , S. r3ff. = r9828, S. r7ff.; aber auch G. Kittel: Erwählungund Gericht. Ein Ver-
gleich prophetischer und paulinischer Gotteserkenntnis, Diss. theol. Marburg r976, S. rr4ff.
§ 3 Das kanaanäische Erbe 33
war, konnte in diesem Prozeß den späteren Generationen als theologisch wichtig und
neuer Deutung bedürftig und fähig erscheinen. Aus diesem, an den aktuellen Heraus-
forderungen orientierten Sammlungs-, Bearbeitungs- und Traditionsprozeß fällt we-
der die Psalmen- noch die prophetische oder gar die Weisheitsliteratur heraus: Auch
ihre Weitergabe wurde durch die Spannung zwischen Tradition und Situation be-
herrscht und ist mithin nicht antiquarisch, sondern auf die jeweilige Gegenwart orien-
tiert gewesen n.
Im Blick auf den Verlauf der israelitisch-jüdischen Literaturgeschichte muß man
sich vergegenwärtigen, daß der mindestens in der Zeit des Nebeneinanders der Reiche
von Israel und Juda vorauszusetzenden Zweipoligkeit mit dem Untergang des Nord-
reiches im Jahre 722 eine im Endergebnis eindeutige Verlagerung des Schwerpunktes
der literarischen Tätigkeit auf das Südreich und seine Hauptstadt Jerusalem folgte.
Dank der Konsolidierung des Judentums um den zweiten, im Jahre 51 5 eingeweihten
Tempel blieb er prinzipiell auch für die nachexilische Epoche bestimmend. Man darf
darüber jedoch nicht übersehen, daß die Schwächung Jerusalems durch die babyloni-
sche Eroberung der Stadt im Jahre 587 und deren Folgen die Bildung eines zweiten,
konkurrierenden Zentrums in der östlichen Gola und schließlich der wirtschaftliche
Aufstieg der ägyptischen Diaspora in hellenistischer Zeit zu der eines dritten in Alex-
andrien führte, ohne daß die beiden den auf der religiösen Bedeutung beruhenden und
gleichsam als natürlich zu bezeichnenden Vorrang Jerusalems streitig machen konn-
ten. Hält man sich weiter gegenwärtig, daß sich in Jerusalem selbst unterschiedliche
religiöse Strömungen mit mindestens partiell zugleich auch unterschiedlicher sozialer
Bindung geltend machten, ist es deutlich, daß die Entstehung der in diesem Gesamt-
prozeß hineinverwobenen alttestamentlichen Bücher ein durchaus komplexes Phä-
nomen darstellt.
]. A. Knudtzon: Die El-Amarna-Tafeln 1-II, Leipzig 1915 = Aalen 1963;]. Hempel: Die althe-
bräische Literatur und ihr hellenistisch-jüdisches Nachleben, Wildpark/Potsdam r 930 = Berlin
19682, S. raff.; G. R. Driver: Semitic Writing from Pictograph to Alphabet, SchL 1944, London
19673 ; W. F. Albright: Von der Steinzeit zum Christentum, Bern 1949, S. 2roff.; C. H. Gordon:
Geschichtliche Grundlagen des Alten Testaments, Einsiedeln, Zürich und Köln 19612,S. 282ff.;
A. ]irku: Kanaanäische Mythen und Epen aus Ras Schamra-Ugarit, Gütersloh 1962; ders.: Der
Mythus der Kanaanäer, Bonn 1966; Religionsgeschichtliches Lesebuch, hg. W. Beyerlin, ATD.
Er, Göttingen 1975; H. Ringgren: The Impact of the Ancient Near East on Israelite Tradition,
in: Tradition and Theology in the Old Testament, ed. D. A. Knight, London 1977, S. 31 ff.; D.
Kinet: Ugarit-Geschichte und Kultur einer Stadt in der Umwelt des Alten Testaments, SBS 104,
Stuttgart 1981;]. Naveh: Early History of the Alphabet, Jerusalem und Leiden 1982;]. Gray:
The Legacy of Canaan, SVT 5, Leiden 19652 ; A. S. Kapelrud: Die Ras-Schamra-Funde und das
Alte Testament, München und Basel 1967; H. Gese: Die Religionen Altsyriens, in: Die Religio-
nen Altsyriens, Altarabiens und der Mandäer, Die Religionen der Menschheit 10, 2, Stuttgart
1970
Mit den Voraussetzungen der israelitischen Kultur beschäftigt, haben wir es im fol-
genden primär mit dem zu tun, was die Israeliten an vorliterarischen und literarischen
Überlieferungen und Formen bei ihrem Antritt des Erbes der spätbi-onzezeitlichen
Stadtkulturen wie im Laufe ihrer weiteren Symbiose und Nachbarschaft bei den Ka-
naanäern kennenlernten. Grundsätzlich ist zu berücksichtigen, daß der Prozeß der
Anreicherung der eigenen Überlieferung mit fremdem Gut andauerte, bis sich das Ju-
dentum gegenüber äußeren Einflüssen in sich selbst verschloß. Dieser Zeitpunkt liegt
jedenfalls jenseits des Kanonisierungsprozesses der alttestamentlichen Schriften und
mithin unserer Untersuchung'.
1. Schrift. Wir beginnen mit dem Alleräußerlichsten, aber für das Entstehen einer Li-
teratur Entscheidenden, dem Erbe der Schrift2 • Es war weder die schwerfällige akka-
dische Keilschrift noch die letztlich nicht weniger umständliche ägyptische Hierogly-
phenschrift, sondern eine Konsonantenschrift mit einem Alphabet von 22 Zeichen,
das so einfach und überzeugend war, daß es die Mutter einer ganzen Reihe weiterer
Schriften, darunter vermittels der Griechen und Römer auch unserer eigenen, gewor-
den ist.
Die Vorgeschichte dieser als altkanaanäisch, altphönikisch oder althebräisch bezeichneten Kon-
sonantenschrift ist noch nicht restlos geklärt. Als frühester Vorläufer der phönikischen Buchsta-
benschrift kommt die um die Wende vom 3. zum 2. Jahrtausend in Byblos auftauchende Silben-
schrift in Frage 3• Aus der Zeit um 1500 v. Chr. ist eine auf der Sinaihalbinsel gebrauchte Schrift
bekannt, die sicher ihre längere Vorgeschichte hat und mit dem Hieroglyphischen zusammenzu-
hängen scheint. Ob man sie als Vorläuferin der altkanaanäischen Schrift oder nicht vielmehr als
eine Angleichung der letzteren an die ägyptischen Hieroglyphen zu betrachten hat, ist umstrit-
ten. Dagegen hat Helck auf die Möglichkeit einer unmittelbaren Ableitung der phönikischen
von der ägyptisch-hieratischen Silbenschreibung der sogenannten »Gruppenschrift« hingewie-
sen4. Aus dem 17.-15. Jahrhundert stammen einige kurze Inschriften süd- und mittelpalästini-
scher Herkunft, deren Zeichen an die Sinaischrift erinnern und die man als protokanaanäisch be-
zeichnet. Sind die genannten Schriften noch stark piktographisch, bildhaft, obwohl es sich bei
ihnen bereits um Konsonantenzeichen handelt, so zeigen die aus dem 14.-12. Jahrhundert stam-
menden syrisch-palästinischen Inschriften direkte Vorstufen der altphönikischen Schrift, wenn
die Zeichen im einzelnen auch noch varriieren 5• Die ugaritische Keilschrift mit ihren 30 Konsos
nantenzeichen spiegelt dagegen eine Sonderentwicklung, die keine Fortsetzung gefunden hat.
An die altphönikische Schrift anknüpfend, die damals noch den vollen Konsonantismus mit 27
Werten umfaßte, suchte sie ihre Vorteile mit denen der für die Beschriftung von Tontafeln be-
stimmten Keilschrift zu verbinden 6. Das südkanaanäische Schriftsystem mit seinen 22 Konsonan-
ten erscheint erstmals in seiner weiterhin gültigen Grundform fertig ausgebildet in den beiden,
heute meist in das 1 o. Jahrhundert angesetzten Inschriften in der Grabkammerund auf dem Sarko-
phag des Königs Achiram von Byblos7.
Von diesen Inschriften führt eine klare Linie zu den Schriftfunden des ersten vor-
christlichen Jahrtausends auf palästinischem Boden, deren Zahl sich durch neue
Funde laufend vermehrt 8 • Von ihnen seien hier wenigstens der Bauernkalender von
Gezer, die Inschrift des Königs Mescha von Moab, die Ostraka von Samaria, die Si-
loahinschrift, die Lachisch-, die Arad- und neuerdings die Beersebaostraka sowie die
zahlreichen Krughenkel- und Siegelinschriften erwähnt9. - Wer immer sich mit der
alttestamentlichen Literatur und zumal mit ihrer Textkritik befaßt, muß sich verge-
genwärtigen, daß die überwiegende Zahl der alttestamentlichen Bücher, abgesehen
wohl nur von den beiden Ausnahmen des Daniel- und Estherbuches, ursprünglich in
dieser Schrift aufgezeichnet wurde.
Der Übergang zu der uns noch heute geläufigen hebräischen Quadratschrift ist erst
zwischen dem 4. und dem 2. vorchristlichen Jahrhundert unter dem Einfluß des Ara-
mäischen und seiner Kursivschrift erfolgt. Dabei hat allerdings die althebräische
Schrift ihre besondere Dignität bis zum letzten, bitteren Ende des jüdischen Staates
im Bar-Kochba-Aufstand (132-135 n. Chr.) bewahrt 10 •
5. Zur Chronologie der Schriftfunde vgl. W. F. Albright: The Proto-Sinaitic lnscriptions and
Their Decipherment, HThSt 22, Cambridge/Mass. 1966, S. 10ff.; Driver, S. 245 f., und Naveh,
S. 23 ff.
6. Vgl. dazu Albright, a.a.O., S. 15; Friedrich, a.a. 0., S. 96ff.; Driver, S. 148ff. mit S. 252,
und R. R. Stieglitz: The Ugaritic Cuneiform and Canaanite Alphabet, JNES 30, 1971, S. 135 ff.
Zur Verbreitung dieser Schrift in Palästina vgl. Naveh, S. 29.
7. Zu abweichenden Datierungsvorschlägen vgl. Driver, S. 104ff. und R. Hachmann, Istan-
buler Mitteilungen 17, 1967, S. 93.
8. Vgl. dazu das »Textbuch zur Geschichte Israels«, hg. K. Galling, Tübingen 19793 ; die im
Erscheinen begriffene Reihe »Texte aus der Umwelt des Alten Testaments«, hg. 0. Kaiser, Gü-
tersloh 1982ff. - Zweisprachige Ausgaben liegen in Gestalt der »Kanaanäischen und Aramäi-
schen Inschriften« I-III, hg. H. Donner und W. Röllig, Wiesbaden 1973-1979 314; den »Syrian Se-
mitic Inscriptions« I-III, ed.J. C. L. Gibson, Oxford 1973-1981, und dem »Manual of Palesti-
nian Aramaic Texts (Second Century B. C.- Second Century A. D.)«, ed.J. A. Fitzmyer und
D.]. Harrington, BibOr 34, Rom 1978, vor.
9. Vgl. dazu auch Vriezen", S. 13ff.
ro. Zur Palaeographie vgl. F. M. Cross:The Development of the J ewish Scripts, in: The Bible
and the Near East. Festschrift W. F. Albright, New York 1961, S. 133 ff.;]. Naveh: The Deve-
Die Voraussetzungen
Das geht besonders daraus hervor, daß sich in den bei Qumran in der Wüste Juda gefundenen,
in Quadratschrift gehaltenen Handschriften gelegentlich der Gottesname Jahwe in althebräi-
scher Schrift eingefügt findet. Selbst in einer griechischen Z wölfprophetenrolle aus dem N aha]
Hever ist das Tetragramm in dieser Schrift eingesetzt. So dürfen wir damit rechnen, daß sich die
althebräische Schrift noch bei der Abschrift biblischer Texte behauptete, als sich im alltäglichen
Leben längst die Quadratschrift durchgesetzt hatte, eine Annahme, die in der Existenz althebrä-
isch geschriebener Bibelhandschriften aus der Wüste Juda ihre Bestätigung findet. Schließlich sei
angemerkt, daß noch Bar Kochba seine Münzen mit einer althebräischen Legende prägen ließ".
Diese Schrift war wie ihre Nachfolgerin, die Quadratschrift, für jedes Material,
ausgenommen den für ihren weithin runden Duktus ungeeigneten weichen Ton, ver-
wendbar. Ostraka, Scherben von Tonkrügen, für gewöhnliche Notizen und Mittei-
lungen, Papyrus für den normalen Schriftverkehr, Leder für zur Dauer und häufigen
Gebrauch bestimmte Aufzeichnungen, Metall für die Niederschrift von Staatsverträ-
gen und anderen besonders wichtigen Dokumenten sowie Steine mit oder ohne Kalk-
überzug waren gleichermaßen für diese Schrift geeignet, die je nach dem Material mit
einem zugeschnittenen Rohr und einer organischen Tinte oder mit einem Griffel auf-
gezeichnet wurde.
Das normale Schreibmaterial wird wie in Ägypten so auch in Palästina der Papyrus gewesen
sein, der besonders empfindlich ist. So kam es, daß bis zu der noch nicht lange zurückliegenden
Entdeckung eines einzigen, zweimal nacheinander beschriebenen Papyrusblattes, eines soge-
nannten Palimpsestes, in den Höhlen von Murabba'at, das im 8. Jahrhundert erst mit einer Liste,
dann mit einem Brief beschrieben worden ist, nur einige Papyrusfasern die Verwendung dieses
Materials in Israel bezeugten. Sie klebten an einem Siegel, das bei den Ausgrabungen in Lachisch
gefunden wurde.
Was für die Zeitgenossen ein Vorteil war, eine Schrift, die leicht mit Tinte auf ein
wenigstens teilweise keinerlei Kosten verursachendes Material geschrieben werden
konnte, ist für uns heute ein Nachteil. Denn nachdem selbst die zahlreichen Funde
der letzten Jahrzehnte in der Wüste nur dies eine Papyrusblatt aus vorexilischer Zeit
zutage gefördert haben, ist kaum damit zu rechnen, daß weitere Erforschung des Lan-
des in dieser Hinsicht zu großen Überraschungen führen wird. Wir müssen dankbar
sein, wenn sich dabei die Zahl der Ostraka vermehrt, und uns damit bescheiden, daß
die uns im alttestamentlichen Kanon überlieferten Schriften bis an die Grenze des 3.
vorchristlichen Jahrhunderts die einzigen Zeugen einer ursprünglich viel reicheren is-
raelitisch-jüdischen Nationalliteratur bleiben.
Die Verbreitung der Schreib- und Lesekunst dürfte in Israel im wesentlichen auf
den König, seine höheren und niederen Beamten, die Weisen, die Priester und das
Tempelpersonal, die Oberschicht unter den Grundbesitzern samt ihren Verwaltern
lopment of the Aramaic Script, PIASH 1, 1970-76, S. 1ff.;]. B. Peckham: The Development of
the Late Phoenician Scripts, Cambridge/Mass. 1968.
11. Vgl. dazu die Übersicht über Textfunde in althebräischer Schrift aus der Zeit des 2. Tem-
pels von]. Naveh, IEJ 23, 1973, S. 83 und die sachliche Auswertung S. 90.
§ 3 Das kanaanäische Erbe 37
und Aufsehern, die mittelständischen Handwerker und Händler sowie auf einen zu er-
schließenden freien Schreiberstand begrenzt gewesen sein. Dagegen hat man mit ihr in
den Kreisen der kleinen Bauern, Hirten, der Menge der Handwerker, Tagelöhner und
Sklaven, kurz bei der ganzen Unterschicht, nicht zu rechnen. Über einen etwaigen
Schulbetrieb am Königshof oder Tempel besitzen wir keine direkten Nachrichten,
sondern können ihn nur aus sachlichen Gründen in Analogie zu den vorderasiatisch-
ägyptischen Gegebenheiten postulieren. Immerhin zeigen als Schreibübungen anzu-
sehende Ostraka, daß es lokale, sich in der Königszeit mit den Verwaltungszentren
verbindende Ausbildungsmöglichkeiten gegeben haben muß. In der Regel wird man
davon auszugehen haben, daß der Sohn in die Schule des Vaters ging 12 •
2. Sprache. Obwohl die Israeliten ihre Sprache später als die »Sprache Kanaans« be-
zeichnen konnten, vgl. Jes 19,18, ist es nicht ausgemacht, daß es sich bei dem Hebräi-
schen um einen landschaftsgebundenen südkanaanäischen Dialekt und nicht vielmehr
um eine eigene, dem »Amoritischen« verwandte Sprache handelt'J. Auf Dialektunter-
schiede innerhalb Israels weist Ri 12,6, auf solche zur Nachbarschaft in nachexilischer
Zeit N eh 13,24 hin. - In nachexilischer Zeit, als das Aramäische zur Amtssprache im
westlichen Perserreich geworden war, hat Israel das Aramäische aufgenommen. Zwei
Bibelstellen spiegeln, ohne daß ihre historische Zuverlässigkeit unanfechtbar ist, die-
sen (zweiten?) Sprachwechsel wider: Nach 2 Kö 18,26 hätte die Stadtbevölkerung von
Jerusalem das Aramäische im Jahr 701 noch nicht verstanden, während es bereits als
internationales Verständigungsmittel diente, vgl. auch KAI Nr. 266. Nach Neh 8,2
und 8 hätte Esra bei einer um 400 in Jerusalem abgehaltenen Gemeindeversammlung
das verlesene Gesetz durch Dolmetscher übersetzen lassen müssen' 4 • Doch wird man
angesichts des legendären Charakters der Esraüberlieferung'5 und des positiven
Zeugnisses für das Weiterleben des judäischen Dialektes Neh 13,24 das Vordringen
des Aramäischen eher in das 4. als in das 5. Jahrhundert v. Chr. datieren. Aber trotz
seiner Verdrängung aus dem Alltag konnte sich das Hebräische als Kultsprache weiter
behaupten. So kommt es, daß neben zwei Wörtern in der Genesis, vgl.Gn31,47, ei-
nem Vers im Jeremiabuch, vgl. Jer 10,n, und den Urkunden Esr 4,(6)8-6,18 und
12. Vgl. dazu H.-J. Hermisson: Studien zur israelitischen Spruchweisheit, WMANT 28,
Neukirchen 1968, S. 97ff., und zuRi 8,14 S. 99, undzuletztA. Lemaire: Les ecoles etlaformation
de la Bible, OBO 39, Freiburg/Schweiz und Göttingen 1981, S. 7ff. und S. 46ff.
13. Vgl. dazu C. Brockelmann, in: HO I, III, Leiden 1954, S. 59; Noth, a.a.O., S. 203;
R. Meyer: Hebräische Grammatik I3, Berlin 1966, S. 11 ff.; 0. Rössler, ZAW 74, 1962, S. 125 ff.
und besonders S. 133, sowie C. H.J. de Geus: The Tribes oflsrael, StSN 18, Assen und Amster-
dam 1976, S. 161 f.
14. Vgl. dazu U. Kellermann: Nehemia. Quellen, Überlieferung und Geschichte, BZAW
rn2, Berlin 1967, S. 29, Anm. 128.
15. Vgl. dazu unten, S. 18off.
Die Voraussetzungen
7,(u)12-26 nur etwa zwei Drittel des Danielbuches, nämlich Dan 2,4b-7,28 aramä-
isch sind' 6 •
Schließlich darf man im Blick auf die Spätzeit nicht vergessen, daß das Griechische
seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. nicht nur die Verwaltungssprache der das Land be-
herrschenden Ptolemäer und Seleukiden gewesen ist, sondern in zunehmendem Maße
auch von der jüdischen Oberschicht gebraucht und verstanden wurdeI7. Die ausneh-
mend geringe Zahl griechischer Lehnwörter im Alten Testament darf über die Inten-
sivität der geistigen Beeinflussung des Judentums durch den Hellenismus nicht hin-
wegtäuschen'8.
3. Sagen. Es ist nur natürlich, daß das frühe Israel mit dieser Sprache eine Fülle fester
Wendungen, Formen und Stilgesetze übernahm. Und es ist nicht weniger natürlich,
daß es seine eigenen, unter den veränderten Lebensbedingungen weithin beziehungs-
los gewordenen Sagen unter dem Einfluß dessen, was man im Lande erzählte, abwan-
delte und anreicherte'9. Hierbei handelt es sich nicht allein um die Übernahme lokaler
Traditionen, ätiologischer Natur- und Heiligtumssagen, wie sie sich aus dem Leben
in der neuen Landschaft und der Übernahme kanaanäischer Heiligtümer von selbst
ergab, sondern auch um den Eintritt in den Bereich der großen, im wahren Sinne in-
ternationalen Literatur. Daß zwischen der biblischen Sintfluterzählung und der in
Tafel XI des Gilgamesch-Epos erhaltenen Flutsage eine bis in Einzelheiten reichende
Verwandtschaft besteht, ist bald nach dem Bekanntwerden der akkadischen Texte
festgestellt worden und hat sich auch gegen alle Widerlegungsversuche bewährt. Das
Epos, von dem sich selbst Fragmente einer hethitischen Übersetzung gefunden ha-
ben, hat sich offensichtlich in der ganzen vorderasiatischen Welt besonderer Beliebt-
heit erfreut 20 • Nun ist es längst aufgefallen, daß die bislang leider nur fragmentarisch
bekannte sumerische Fluterzählung (Atrachasis-Epos) mit der Schöpfung des Men-
schen und der Gründung der ältesten Städte einsetztzr. Mithin dürfen wir in dieser su-
r6. Vgl. dazu unten, S. 3r7f. -Zum sonstigen Befund vgl. M. Wagner: Die lexikalischen und
grammatikalischen Aramaismen im alttestamentlichen Hebräisch, BZAW 96, Berlin 1966.
17. Vgl. dazu M. Hengel: Judentum und Hellenismus, WUNT ro, Tübingen 1973', S. ro8ff.
und S. 193f., sowie den knappen Überblick über die Hellenisierung Palästinas bei Morton Smith:
Palestinian Parties and Politics That Shaped the Old Testament, New York und London 1971, S.
57ff., und schließlich den Forschungsbericht von 0. Kaiser: Judentum und Hellenismus, VuF
27, 1982, S. 68 ff.
r8. Vgl. die Auflistung der Lehnwörter beiHengel, S. r 12, Anm. 17, sowie unten, S. 320 und
S. 365.
19. Vgl. dazu unten, S. Sr ff.
20. Zum Gilgamesch-Epos vgl. A. Falkenstein u. a., in: RLA III, 5, Berlin 1968, Sp. 356ff.,
und [Link]: The Treasures of Darkness. A History of Mesopotamian Religion, New Ha-
ven und London 1976, S. r93ff.
21. Vgl. dazu M. Civil: The Sumerian Flood Story, in: W. G. Lambert u. A. R. Millard,
§ 3 Das kanaanäische Erbe 39
merischen Dichtung als ganzer ein gewisses Vorbild der biblischen Urgeschichte von
Gn r ff. sehen 22 • Sind die vermittelnden Etappen zwischen den mesopotamischen und
den israelitischen Traditionen auch im einzelnen noch nicht ausreichend geklärt, so
kann nach dem erst in den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts erfolgten Fund eines
aus dem r 4. vorchristlichen Jahrhundert stammenden keilschriftlichen Fragments des
Gilgamesch-Epos in Megiddo in Rechnung gestellt werden, daß die Kanaanäer auch
hier die Vermittler gewesen sind 23. Daneben sind jedoch die spätestens mit dem 8.
Jahrhundert einsetzenden und durch das Exilsgeschick verstärkten unmittelbaren
Kontakte zwischen Israel und dem Zweistromland im Auge zu behalten.
Aber den Ausschlag können am Ende nicht allgemeine Überlegungen, sondern nur
konkrete literar- und traditionsgeschichtliche Untersuchungen der fraglichen altte-
stamentlichen Erzählungen geben.
4. Religion. Israel hat sich bei der Übernahme und Auseinandersetzung mit solchen
wie mit genuin kanaanäischen religiösen Überlieferungen nicht um seinenJ ahweglau-
ben bringen lassen, sondern sein eigenes Glaubensverständnis erweitert und vertieft.
- Es ist unmittelbar einsichtig, daß das Kulturland mit seinem in den mythisch gedeu-
teten Jahreskreislauf eingebetteten Ackerbau eine Herausforderung an den Jahwe-
glauben bildete, das Verhältnis de~ ursprünglich vielleicht in den Wüsten- und Step-
pengebieten südöstlich von Palästina beheimateten eigenen Gottes zu dem Rhythmus
des vegetativen Lebens zu bestimmen. Für die Kanaanäer dürfte es hier keine religiös
unausgefüllten und bestenfalls nur von magischen Praktiken besetzten Räume gege-
ben haben. Nach Ausweis der Texte aus dem nordsyrischen Ugarit besaßen sie ein
Pantheon, das in seinerDifferenziertheit durchaus neben den Hochreligionen des Al-
tertums bestehen kann. Die ugaritischen Texte gehören dem r 5. bis r 3. Jahrhundert
v. Chr. an und sind damit beträchtlich älter als die ältesten Stücke des Alten Testa-
ments24. In ihnen begegnet neben dem Schöpfer und Vater der Götter El und der Göt-
termutter Aschera der Vegetations- und Wettergott Baal, der mitAnat undAstarte als
seinen Partnerinnen verbunden ist. Der Mythos von den Schicksalen des Wettergot-
tes im Jahreslauf, seinem Abstieg in die Unterwelt, während Mot, der Gott der Som-
merdürre und des Todes, die Herrschaft auf Erden führt, seiner Befreiung aus der U n-
terwelt durch Anat und seinem siegreichen Kampf gegen das aufbegehrende Meer,
den Gott]am, der ihm das Königtum einträgt, wirft ein bezeichnendes Licht auf man-
ATRA-HASIS. The Babylonian Story of the Flood, Oxford 1969, S. 138ff., und]acobson, S.
rr6ff. u
22. Vgl. dazuH. Gese, ZThK 55, 1958, S. 142f. = Vom Sinai zum Zion, BEvTh64,München
1974, S. 96; G. Fahrer, ZAW 73, 1961, S. 13 = Studien zur alttestamentlichen Theologie und Ge-
schichte, BZAW rr5, Berlin 1969, S. 66, und W. M. Clark, ZAW 83, 1971, S. 184ff.
2 3. Vgl. dazu 0. Kaiser: Die mythische Bedeutung des Meeres in Ägypten, U garit und Israel,
BZA W 78, Berlin 1962 S. 122ff. -An direkte literarische Abhängigkeit denkt K.-H. Bernhardt,
2,
25. Vgl. dazuKapelrud, a.a.O., S. 37ff. -Zum Problem deridentität der in den ugaritischen
Texten und der im Alten Testament erwähnten Götter vgl. zuletzt C. ]. de Moor: The Seasonal
Pattern in the Ugaritic Myth of Baclu, AOAT 16, Neukirchen 1971, S. 53f.
26. Vgl. dazuKapelfud, a.a.O., S. 71 ff.; Gese, Religionen, S. So, und]. C. de Moor: New Year
with Canaanites and Israelites I-II, KC 21/22, Kampen 1972.
27. Zur Bedeutung der neuentdeckten Inschriften von Kuntillet cAdjrud und Chirbet el-
Qom aus der Zeit um 800 bzw. 750 v. Chr. vgl. F. Stolz: Monotheismus in Israel, in: Monotheis-
mus im Alten Israel und seiner Umwelt, hg. 0. Keel, BiBe 14, Freiburg/Schweiz 1980, S. 143ff.,
und besonders die umsichtig abwägende Studie von]. A. Emerton: New Light on Israelite Reli-
gion: The Implications of the Inscriptions from Kuntillet cAdjrud, ZAW 94, 1982, S. 2ff.
28. Vgl. dazu auch unten, S. 82f.-Zuder Annahme von 0. Eissfeldt,JSS 1, 1956, S. 25ff. = Kl.
Schriften III, Tübingen 1966, S. 386ff., El seiJ ahwe während einer gewissen Übergangszeit über-
geordnet geblieben, vgl. die Kritik von. G. Fohrer: Geschichte der israelitischen Religion, Berlin
1969, s. 94.
29. Vgl. dazu G. Wanke: Die Zionstheologie der Korachiten, BZA W 97, Berlin 1966, S. 74 ff.
30. Vgl. dazuR. de Vaux: Studiesin Old TestamentSacrifice, Cardiff 1964, S. 42ff., aber auch
S. uoff.
nicht reibungslos und ohne innere Gefährdung ve~laufen. Das wird zumal durch die
Eliageschichten und die Verkündigung des Propheten Hosea belegt.
Läßt das literarische Erbe der deuteronomisch-deuteronomistischen Schule mit ih-
ren mannigfachen Querverbindungen und Einwirkungen auf das prophetische
Schrifttum eine konsequente Zurückdrängung der mythologischen Elemente beob-
achten, haben diese doch in der Folgezeit auf dem Umweg über die eschatologischen
und apokalyptischen Vorstellungen und nicht minder auf dem über die in der bi-
blischen Urgeschichte teils enthaltenen, teils hinter ihr stehenden Überlieferungen er-
neute Virulenz gewonnen. Sachlich dürfte es sich dabei neben der Rezeption mesopo-
tamischer Traditionen vor allem um Anleihen an die mythischen Elemente des vor-
exilischen Jerusalemer Kultes und damit letztlich bei der kanaanäischen Mythologie
handeln3'.
5. Kultdichtung. Die Kanaanäer hatten mit ihren Kultdichtungen Anschluß an die alt-
orientalische und zumal mesopotamische Dichtung und somit einen Formen- und
Formelschatz, den sich zu eigen zu machen Israel locken mußte. Schon aus den in den
Ruinen der Hauptstadt des ägyptischen Königs Amenophis IV. Echnaton gefunde-
nen und nach dem heutigen Namen des Ortes als Amama-Briefe bezeichneten Keil-
schrifttexten hatte man gefolgert, daß die Kanaanäer eine eigensprachige Gebetslite-
ratur besaßen. Von ihrem Hofstil mußte ein Weg zu ihrer Kultdichtung, von beiden
ein Weg zur alttestamentlichen Psalmendichtung führen32 •
Wer die an den Pharao gerichteten Worte in dem Amarna-Brief 26,4 liest:
»Wenn wir aufsteigen zum Himmel,
wenn wir hinabsteigen zur Erde,
so ist unser Haupt in deinen Händen!«
muß wohl notgedrungen an Psalm 139 denken, wo es in V. 8 heißt:
»Stiege ich auf gen Himmel,
so bist du dort;
schlüge ich mein Lager in der Unterwelt auf -
auch da bist du!«
Und auch zwischen dem Bekenntnis aus dem 195. Amarna-Brief und dem des 123. Psalms wird
man unschwer die Verwandtschaft entdecken. In dem aus Kanaan stammenden Brief heißt es:
»Mein Herr ist die Sonne am Himmel,
und wie auf das Ausgehen der Sonnen vom Himmel,
so warten die Knechte auf das Ausgehen der Worte
vom Mund ihres Herrn.«
31. Vgl. dazu].]. Roberts: TheDavidic Origin of theZion Tradition,JBL 92, 1973, S. 329ff.,
und P. D. Hanson: The Dawn of Apocalyptic, Philadelphia 19792,S. 17ff.; R. Bartelmus: He-
roentum in Israel und seiner Umwelt, AThANT 65, Zürich 1979, sowie grundsätzlich W. H.
Schmidt: Alttestamentlicher Glaube in seiner Umwelt, Neukirchen 1982\ S. 141 ff.
42 Die Voraussetzungen
Die ugaritischen Funde haben den Eindruck der Abhängigkeit der israelitischen Psal-
mendichtung von der kanaanäischen weiter verstärkt, wenn auch bislang kein Ge-
betstext zum Vorschein gekommen ist, der sich formal und inhaltlich wirklich auf
eine Stufe mit einem der Psalmen des Alten Testaments stellen ließe.
Der von Aist!eitner als Opferlied an EI verstandene Text KTU r.65/CTA 30 (Gordon ro7) ist in
seiner Übersetzung umstritten. Eine an Ps ro,12; 79,8 und 22,20 anklingende Wiedergabe der
Zeilen 6---9ist jedenfalls fragwürdig 33• - So bleibt der Beitrag der U garitistik auf diesem Gebiet
mehr auf religionsgeschichtliche Einzelheiten, durch sie erhellte Wendungen und formale Ein-
zelheiten begrenzt 34 • -Bei aufmerksamer Beobachtung hätten wir schon bei den Zitaten aus den
Amarna-Briefen feststellen können, daß sich die Abhängigkeit nicht auf den Inhalt beschränkt,
sondern auch formal besteht. Schon hier hätten wir das Grundgesetz hebräischer Poesie, den so-
genannten parallelismus membrorum, eine Verdoppelung der dichterischen Aussage, entdecken
können 35• Die Konfrontation eines ugaritischen, aus einem epischen Text stammenden Verses
(KTU r.2/CTA 2,IV:Sff.; Gordon 68:8ff.) mit einem Vers aus Ps 92 soll das verdeutlichen 36 •
Dem -
»Sieh, deinen Feind, o Baal,
sieh, deinen Feind wirst du schlagen,
sieh, deinen Gegner wirst du zerstören ... «
32. Vgl. F. M. Th. de Liagre Böhl, ThLBI 35, 1914, Sp. 337ff. = Opera Minora, Leiden 1953,
s. 375ff.
33. Vgl. dazu]. Aistleitner: Die mythologischen und kultischen Texte aus Ras Schamra, Buda-
pest 19642 , S. ro8 Nr. 53, mit C. H. Gordon: Ugaritic Literature, Rom 1949, S. ro9.
34. Um den Nachweis sprachlicher Parallelen hat sich zumal M. Dahood in seinen zahlreichen
Arbeiten, darunter den Psalms I-III, AB 16---17A,Garden City, New York 1965-1970, bemüht;
vgl. dazu auch unten, S. 348f. - Die monumental angelegten Ras ShamraParallels. The Texts from
Ugarit and the Hebrew Bible, I, ed. L. R. Fisher (S. Rummel), AnOr 49, Rom 1972; II AnOr 50,
1957, und III, ed. S. Rummel, AnOr 51, 1981, sind bei kritischem Gebrauch ein sachdienliches
Hilfsmittel.
35. Vgl. dazu unten, S. 326ff.
36. Vgl. dazu G. Sauer: Die Sprüche Agurs, BWANT 84, Stuttgart 1963, S. 21, der S. 14ff.
Hinweise auf weitere Beziehungen gibt.
§ J Das kanaanäische Erbe 43
des ugaritischen Textes entspricht stärker noch als im Inhaltlichen im stufenartigen, klimakti-
schen Parallelismus Ps 92,10:
»Denn fürwahr, deine Feinde, Jahwe,
denn fürwahr, deine Feinde müssen vergehen,
alle Übeltäter müssen sich zerstreuen!«
6. Weisheit. Es würde zu weit führen, hier die Beziehungen zwischen der kanaanäi-
schen und der israelitischen Poesie in ihren Einzelheiten zu verfolgen. Statt dessen sei
der Einfluß der kanaanäischen auf die israelitische Weisheit am Beispiel des Zahlen-
spruchs aufgezeigt37.
In dem ugaritischen Text KTU 1.4/CTA 4,III:i7ff.; Gordon 51:III:17ff. heißt es:
»Siehe, zwei Gastmähler haßt Baal, drei ·
der Wolkenreiter: ein Gastmahl
der Niedrigkeit und ein Gastmahl des schlechten Betragens
der Mägde; denn dabei kommt wahrlich Schande zutage,
und dabei auch abscheuliche Taten der Mägde.«
Kommentarlos können wir dem Spr 6,16-19 gegenüberstellen:
»Sechs Dinge sind es, die Jahwe haßt,
und sieben sind ihm ein Greuel:
Hochmut der Augen, lügnerische Zunge,
Hände, die unschuldig Blut vergießen,
ein Herz, das mit nichtigen Gedanken sich befaßt,
Füße, die sich beeilen, nach Bösem zu laufen,
ein falscher Zeuge, der Lügen spricht,
und wer Streit unter Brüder bringt.«
7. Recht. In der Spätzeit ist weiterhin der Einfluß griechischer Literatur und gele-
gentlich vielleicht auch hellenistischer Philosophie auf die jüdische Weisheit in Rech-
nung zu stellen. In welchem Umfang die Vermittlung durch Sprache und Zeitgeist oder
darüber hinaus auch durch unmittelbare Bekanntschaft mit griechischer Literatur er-
folgt ist, ist derzeit noch umstritten39.
Mesopotamischer Einfluß war am folgenreichsten auf dem Gebiet des israelitischen
Rechts. Unter den Einfluß der im 2. Jahrtausend v. Chr. durch das Akkadische ver-
40. Vgl. dazuA. Alt, Kl. Schriften III, München 1959,S. 141ff., und Kl. Schriften I, München
1953, S. 278 ff. = Grundfragen der Geschichte des Volkes Israel, München 1970, S. 203 ff., und
: H.]. Boecker: Recht und Gesetz im Alten Testament und im Alten Orient, Neukirchen 1976. -
· Zur Sache vgl. R. Haase: Einführung in das Studium keilschriftlicher Rechtsquellen, Wiesbaden
1965, aber auch E. Seid!: Altägyptisches Recht, in: Orientalisches Recht, HO I, Ergänzungs-
band III, Leiden 1964, S. 4f. Die mesopotamischen und hethitischen Rechtsquellen finden sich
übersetzt AOT2, S. 38off., ANET 2 - 3, S. 159H. und S. 523ff.; R. Haase: Die keilschriftlichen
Rechtssammlungen in deutscher Fassung, Wiesbaden 19792 , sowie in TUAT III, Gütersloh
1982. - Zum kasuistischen Recht vgl. auch unten, S. 67f.
41. Vgl. dazu unten, S. 75f.
C. Die Geschichtserzählungen Israels
Die oben im § r getroffene Feststellung, daß der Leser der Bibel wie jeder Schrift des
Altertums der historischen Einführung und Erklärung bedarf 1 , gilt in besonderem
Maße für die Geschichtsbücher und die Propheten. Der Leser der Prophetenbücher
vermißt klare Abgrenzungen und Situationsangaben, die ihm das Verständnis erleich-
tern. Wer sich den von der jüdischen Tradition als »Gesetz« (Thora) und als »Frühere
Propheten« (Nebf'fm ri'sonfm) zusammengefaßten Mosebüchern und den Büchern
Josua bis 2. Könige zuwendet, stellt bald fest, daß der Erzählungsfaden nicht mit dem
Ende der einzelnen Bücher abreißt, vielfach durch größere oder kleinere Einschal-
tungen unterbrochen wird, und durch Dubletten etwas Unklares und Unübersichtli-
1. Vgl. s. 1 5f.
Die GeschichtserzählungenIsraels
ches erhält. Auch hinsichtlich der von der Tradition übermittelten Verfassernamen
stellen sich alsbald Zweifel ein. So ist es von vornherein unwahrscheinlich, daß Mose,
vgl. Dtn 34,5ff., oder Josua, vgl. Jos 24,29ff., ihren eigenen Tod berichtet haben soll-
ten. Und ebenso wäre es auffällig, wenn beide, von den eingeschalteten direkten Re-
den abgesehen, auch ihre eigenen Erlebnisse in der dritten Person erzählt hätten.
Diese und andere Schwierigkeiten lassen die Kenntnis der Vorgeschichte dieser Bü-
cher als für ihr Verständnis unerläßlich erscheinen.
2. NachH. Holzinger: Einleitung in den Hexateuch, S. 12.-Auf die mir in der r. und 2. Auf-
lage unterlaufene Verwechslung mit dem Neutestamentler Theodor Zahn hat mich Herr Kollege
Rudolf Smend freundschaftlich hingewiesen.
3. Vgl. B. de Spinoza: Theologisch-politisches Traktat, hg. C. Gebhardt, PhB 93, Hamburg
19555, s. 165.
§ 4 Die Geschichte der Pentateuchforschung 47
verstehst, ferner ,und Moses schrieb<, ,und die Kanaanäer waren damals im Lande<,
,auf dem Berg, wo der Herr erscheint<, endlich ,und siehe sein Bett, ein eisernes Bett<,
dann wirst du die Wahrheit erkennen 4«. Aus Dtn 34; 31,9; Gn 22,14 undDtn 3,u zog
Ibn Esra den Schluß, daß Mose nicht der Verfasser des Pentateuchs sein kann, weil die
Erzählung offensichtlich zwischen seiner Zeit und der Zeit des Berichterstatters un-
terscheidet. Aber geschichtsmächtig sind auch diese Hinweise erst geworden, als sie
Spinoza in seinem Tractatus theologico-politicus der Vergessenheit entriß und mit
weiteren Argumenten unterstützte.
2. Die philologische Epoche. In der von uns im Gegensatz zu der vor kritischen Phase
der Einleitungswissenschaft als philologische bezeichneten5 fehlte es nicht an kriti-
schen Stimmen. Außer Carlstadt hat im 16. Jahrhundert auch der katholische Jurist
Andreas Masius die mosaische Verfasserschaft des Pentateuch bestritten und erklärt,
er sei von Esra aus älteren Urkunden zusammengestellt. Aus dem 17. Jahrhundert
sei neben Hobbes, Spinoza und Simon der Protestant Jean le Clerc (Clericus) ge-
nannt. Nachdem er 1685 die Mosebücher einem aus der Verbannung nach Bethelzu-
rückkehrenden Priester als Verfasser zugeschrieben hatte, vgl. 2 Kö 17,28, sah er sich
nach wenigen Jahren zum Rückzug hinter die im buchstäblichen Sinne für ihn siche-
ren Mauern der Tradition genötigt. Die Zeit war offensichtlich für die Aufnahme der-
artiger Fragestellungen und Erkenntnisse noch nicht reif.
3. Die kritische Epoche. Erst als die Aufklärung in Europa an Boden gewann, konnte
in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die eigentlich historisch-kritische Unter-
suchung der Quellen und mithin auch des Pentateuchs beginnen. Und so liegen denn
auch hier die Wurzeln unserer heutigen Anschauungen über das Werden der fünf Bü-
cher Mose, die man nach einer wahrscheinlich zuerst im altkirchlichen Alexandrien
aufgekommenen Bezeichnung, die ihrerseits die talmudische Rede von den fünf Fünf-
teln der Thora aufzunehmen scheint, den Pentateuch, das fünfbändige (Buch), zu
nennen pflegt. Und je nachdem, ob man bei den Mosebüchern die ersten vier als eine
selbständige Überlieferungsgröße ausgliedert oder die Erzählungen der Bücher Jo-
sua, Richter, Samuel und Könige als ursprüngliche Fortsetzung ansieht, spricht man
in der Forschung von einem Tetrateuch, Hexateuch, Heptateuch, Oktateuch oder gar
Enneateuch 6 •
7. Vgl. dazu seine »Einleitung ins Alte Testament« II, 1781, S. 296f. Die Abhängigkeit von
Astruc wies M. Siemens, ZAW 28, 1908, S. 221 ff. nach. - Der Titel der deutschen, anonym er-
schienenen Ausgabe des Astrucschen Werkes lautet: »Muthmaßungenin Betreff der Originalbe-
richte deren sich Moses wahrscheinlicherweise bey Verfertigung des ersten seiner Bücher be-
dient hat, nebst Anmerkungen, wodurch diese Muthmaßungen theils unterstützt, theils erläutert
werden. Aus dem Französischen übersetzt. Frankfurt am Mayn, bey den Gebrüdern van Düren,
1783«.
§ 4 Die Geschichte der Pentateuchforschung 49
besser geeignet zu sein, das Werden des Pentateuch zu erklären. Als ihr Begründer gilt
der englische katholische Theologe Alexander Geddes. In seinen zwei zwischen 1792
und 1800 erschienenen Abhandlungen suchte er zu zeigen, daß es sich bei den zu-
nächst angenommenen beiden Quellen in Wahrheit um eine Serie von Fragmenten
handele, die zwei verschiedenen Traditionskreisen angehörten, von denen der eine die
Gottesbezeichnung Elohim, der andere den Gottesnamen Jehova verwandt habe.
Hauptvertreter dieser Fragmentenhypothese in Deutschland war Johann Severin Va-
ter. Sein 1802 bis 180 5 erschienenes dreibändiges Werk trägt einen Titel, der uns einen
Eindruck von der kontemplativen Ruhe jener politisch doch so bewegten Epoche ver-
mitteln kann: Commentar über den Pentateuch ... Miteinleitungen zu den einzelnen
abschnitten, der eingeschalteten Uebersetzung von dr. Alexander Gedde's merkwür-
digeren critischen und exegetischen anmerkungen, und einerabhandlung über Moses
und die verfasser des Pentateuchs ... Vater vertritt hier die These einer sukzessiven
Entstehung der Mosebücher. Er erkennt, daß die in ihnen enthaltenen Gesetze durch
ganz konkrete, in sich verschiedene Zeitbedürfnisse verursacht worden sind und kei-
neswegs einer einheitlichen mosaischen Gesetzgebung entstammen. Als Kern des
Pentateuchs betrachtet er eine in den Tagen Davids und Salomos veranstaltete, im
Deuteronomium erhaltene Sammlung, die zur Zeit J osias aufgefunden und dann suk-
zessiv durch weitere legislative und historische Aufsätze angereichert wurde.
c) ERGÄNZUNGSHYPOTHESE. Nicht ganz eindeutig läßt sich die Frage nach dem Be-
gründer der Ergänzungshypothese beantworten; denn schon 1807 hatte der Basler
Theologe Wilhelm Leberecht Martin de Wette, der an sich als Anhänger der Fragmen-
tenhypothese gelten kann, dessen Stellungnahme aber immer wieder schwankte, in
diese Richtung weisende Andeutungen vorgelegt 8 • Ihre wissenschaftliche Ausgestal-
tung ist das Verdienst von].]. Stähelin und H einrieb Ewald, der zu den »Göttinger
Sieben« gehörte, zum eigentlichen Lehrer vonjulius Wellhausen wurde und später
den Anstoß zur Überwindung dieser Theorie gab. 1830 und 1831 kamen sie zu der
Einsicht, daß dem ganzen Pentateuch, ja Hexateuch eine alte Geschichtserzählung
zugrunde liegt, die vom Anfang der Welt bis zur Besitzergreifung des Landes Kanaan
durch die Israeliten reicht. In diese durch den Gebrauch der Gottesbezeichnung Elo-
him kenntliche, durch klaren Gedankengang und einfachen Stil ausgezeichnete
Schrift hätte eine spätere Hand Stücke aus dem jüngeren, parallellaufenden Werk ein-
gesetzt, das den Gottesnamen Jehova gebraucht und eine sagenhafte Erzähl weise
liebt. Das eigentliche Verdienst der Ergänzungshypothese liegt in der Beobachtung
der Komposition des Hexateuchs. Sachlich mutet die hier freilich nur sehr oberfläch-
lich skizzierte Auffassung wie eine Abwandlung der älteren Urkundenhypothese an,
deren von Ilgen erreichten Stand Ewald später mit der Anerkennung zweier elohisti-
ImJ ahre 1869 konnte Theodor Nöldeke den Anteil der Priesterschrift, des älteren Elo-
histen der früheren Autoren - sieht man von den in der Folge vorgelegten unter-
schiedlichen Interpretationen des Materials ab -, fast abschließend aussondern. Der
eigentliche Fortschritt dieser Jahrzehnte liegt aber nicht auf dem Gebiet der Literar-
kritik, der Quellenscheidung, sondern auf literarhistorischem, auf dem der zeitlichen
Ansetzung der einzelnen Urkunden. Er wurde von Karl Heinrich Graf, Abraham
Kuenen und]ulius Wellhausen (1844-1918) erzielt, so daß man direkt von einer Graf-,
Kuenen-, Wellhausenschen Hypothese spricht. Graf erkannte schon 1865, daß die
gesetzlichen Partien der Bücher Leviticus und Numeri wie die mit ihnen zusammen-
hängenden Kapitel des Buches Exodus jünger sein müssen als das Deuteronomium.
Außerdem bestritt er, wie vor ihm schon de Wette, die Zuverlässigkeit der Chronik-
bücher als Quelle für die Kultgeschichte Israels. Das ist deshalb in diesem Zusammen-
hang bedeutsam, weil die Beurteilung des historischen Wertes des Chronisten bei der
Frage nach der zeitlichen Ansetzung von P notwendig eine Rolle spielen muß, vgl. :
z.B. 1 Chr 16,39f.; 28,11-19; 2 Chr 13,9 mit Ex 29,38f.; 25-27 und 29,df. Kuenen er-
kannte die Zusammengehörigkeit der priesterlichen Geschichtserzählung und der
Legalpartien. Er wurde damit zum eigentlichen Vater der Hypothese und setzte die
Spätdatierung der ganzen Priesterschaft (P) durch 9•. Wellhausen verschaffte mit sei-
nen Aufsätzen Die Composition des Hexateuchs ( 1876f.) und seiner Geschichte Isra-
els I, 1878 - seit 1883 unter dem Titel Prolegomena zur Geschichte Israels aufgelegt-
9. Vgl. dazu R. Smend jr.: Friedrich Bleek, in: Bonner Gelehrte. Beiträge zur Geschichte der
Wissenschaften in Bonn. Evangelische Theologie, Bonn 1968, S. 37f.
9a. Vgl. dazu]. A. Loader: The Exilic Period in Abraham Kuenen's Account oflsraelite Reli-
gion, ZA W 96, 1984, S. 3 ff.
§ 4 Die Geschichte der Pentateuchforschung
der These fast uneingeschränkte Anerkennung, daß die jahwistische, früher jehovi-
stisch genannte Quelle J als die älteste, die zweite elohistische Quelle E als die jüngere,
die Priesterschrift P aber als die jüngste Quelle anzusehen sind. Gleichzeitig wurde
dem Deuteronomium der Platz zwischen E und P angewiesen. Die »Prolegomena zur
Geschichte Israels« gehören zu dem Glänzendsten und Mitreißendsten, was in neue-
rer Zeit auf dem Gebiet der alttestamentlichen Wissenschaft geschrieben worden ist 10 •
In ihnen suchte W ellhausen vor allem am Beispiel des gottesdienstlichen Ortes, der
Opfer, der Feste und der Organisation und Ausstattung der Priester und Leviten zu
zeigen, daß die Anschauungen von JE älter als die des Deuteronomiums (im Blick auf
die in ihm enthaltene Gesetzgebung als D, heute weithin als Dt abgekürzt) seien und P
die lokale, von D geforderte Einheit des Gottesdienstes voraussetze, während das
Zeugnis der Propheten außer des Ezechiel gegen P stehe. Damit war der Rahmen für
die weitere wissenschaftliche Arbeit an den Mosebüchern und am Buche J osua abge-
steckt. Obwohl es weder an grundsätzlichen Angriffen auf die Vierquellentheorie als
solche noch an Weiterbildungen, über die alsbald zu berichten ist, gefehlt hat, konnte
sich die Neuere Urkundenhypothese für ein Jahrhundert letztlich als die opinio com-
munis durchsetzen und behaupten. Da sie mit ihrer Datierung der Quellen gleichzei-
tig das Koordinatenkreuz für die relative Chronologie der alttestamentlichen Schrif-
ten bereit stellte, wird man unbeschadet des eigenen Urteils über ihre Gültigkeit fest-
stellen müssen, daß ihre Bedeutung für das gesamte Verständnis des Alten Testaments
bis in die Gegenwart unübertroffen ist.
Sachlich verdient schließlich die Tatsache Beachtung, daß schon Wellhausen die li-
terarische Mehrschichtigkeit der jahwistischen Darstellung erkannt und damit das die
weitere Forschung vorzüglich beschäftigende Problem benannt hat, dessen Lösung
gegenwärtig in einer Verbindung zwischen einer modifizierten Urkunden- und einer
als Redaktionshypothese anzusprechenden Ergänzungshypothese gesucht wird. Die
Forschung hat dabei jedoch keinen geraden Weg eingeschlagen, sondern partiell Sei-
tenwege verfolgt, die sich trotzdem rückblickend insgesamt als sinnvoll erweisen. Als
einen ersten derartigen Seitenweg können wir die sog.
10. Gegen den oft wiederholten Vorwurf des Hegelianismus von Wellhausen vgl. L. Perlitt:
Vatke und Wellhausen, BZAW 94, Berlin 1965, S. 153ff., und Thompson, a.a.O., S. 37ff.; zum
biographischen Hintergrund vgl. auch R. Smend jr.: Wellhausen in Greifswald, ZThK 78, 1981,
s. 141ff.
52 Die Geschichtserzählungen Israels
kel Jin seinem Genesiskommentar seit 1901 (197!9) in eine Haupt- und je eine sich in
der Ur-, Väter- und Josephsgeschichte zu Worte meldende Nebenquelle geschieden
hatte, ging R. Smend sen. in seiner Erzählung des Hexateuch, auf ihre Quellen unter-
sucht, 1912 einen Schritt weiter, indem er sich für die durchlaufende Unterscheidung
zweier jahwistischer Quellen, eines älteren} 1 und eines jüngerenJ2, aussprach. Diese
Hypothese wurde von Otto Eissfeldt (1887-1973) in seiner Hexateuch-Synopse 1922
aufgenommen und spezifisch abgewandelt. Er bezeichnete J 1 als Laienquelle L und J2
als [Link] E meint er bis in die Samuelbücher, ja darüber hinaus mindestens bis I Kö
12 verfolgen zu können. Ähnliche Wege hat auch der Engländer C. A. Simpson um die
Mitte unseres Jahrhunderts eingeschlagen. Nachdem es in der deutschen Forscherge-
neration neben Eissfeldt um die Neueste Urkundenhypothese still geworden war, da
man die Spannungen innerhalb von J mittels der Sammlertätigkeit des Jahwisten oder
aus der Vorgeschichte der von ihm verarbeiteten Überlieferungen erklären zu können
meinte, hat sich auch Fahrer zu ihr bekannt, sie aber gleichzeitig entscheidend abge-
wandelt. Nach ihm hätten wir zwischen} und N zu unterscheiden und in der »Noma-
denquelle« eine Reaktion gegen J zu sehenu. - Diesen Versuchen war jedoch keine
größere Resonanz beschieden, da zumal Eissfeldt nicht ohne die Annahme einer oft
nur Einzelworte oder Halbsätze auswählenden Redaktorentätigkeit ausgekommen
war und damit den Eindruck einer zu neuzeitlichen Erklärung erweckt hatte. Als
Hauptgrund für die Ablehnung dieser Hypothesen und solcher, die sich enger an
W ellhausens eigene Ansicht hielten, daß in J und E weitere Stimmen ergänzend zu
Worte kommen, hat man freilich in Rechnung zu stellen, daß die um die Jahrhundert-
wende erwachte
f) FORM- UND TRADITIONSGESCHICHTLICHE FORSCHUNG mit ihrem Ansatz bei der
Einzelerzählung und ihrer Betonung der mündlichen Überlieferung die vornehmlich
literarkritisch orientierte Forschung diskreditierte und ihrerseits die Möglichkeit zu
geben schien, die nicht geleugneten literarischen Spannungen der Erzählung aus der
mündlichen Vorgeschichte ihrer Glieder abzuleiten. Auf diese Weise schien die
Neuere Urkundenhypothese zumal in den Arbeiten Martin Noths ihre abschließende
Ausarbeitung zu finden.
Angesichts der grundsätzlichen Bedeutung der neuen Methoden müssen wir den
forschungsgeschichtlichen Aspekt eine Weile außer acht lassen und uns ihren Ansatz
und ihre Konsequenzen vergegenwärtigen. Als ihre eigentlichen Begründer dürfen
Hermann Gunkel und Hugo Greßmann gelten 12 •
Die Formgeschichte geht von der Bestimmung der Gattung des einzelnen Erzäh-
lungsabschnittes aus 1 J. Von einer Gattung ist man dann zu sprechen berechtigt, wenn
sich eine bestimmte sprachliche, durch ihren Aufbau und ihre Motive gekennzeich-
nete Form in bestimmter Absicht mit einem bestimmten Inhalt verbunden hat und ei-
nen bestimmten Sitz im Leben besitzt'4. Wie wir bereits in unserem ersten Paragra-
phen zeigten, ergibt sich bei der Untersuchung der Entwicklung und Geschichte einer
Form vom ersten, ursprünglich weithin mündlichen Stadium bis hin zu ihrer letzten
schriftlichen Fixierung von selbst das Programm einer form- oder gattungsgeschicht-
lich orientierten Literaturgeschichte. Diese Arbeit ist sachlich von der traditionsge-
schichtlichen nicht zu trennen, die man im Sinne der Klärung der Terminologie künf-
tig in die mit der mündlichen Weitergabe einzelner oder größerer Komplexe befaßte
überlieferungsgeschichtliche und in die mit dem überkommenen thematischen Ver-
bund von Vorstellungen innerhalb eines Textes beschäftigte traditionsgeschichtliche
Fragestellung im engeren Sinne differenzieren mag. Über die nach der Einheit und
dem Zusammenhang eines Textes fragende Literarkritik hinausgehend, beschäftigt
sich nun die Redaktionsgeschichte mit dem Problem der Art und den Umständen des
Wachstums eines Textes. Dabei bleibt ihr die Redaktionskritik vorgeordnet. Sachlich
liegt das Interesse besonders bei den Fragen, welche Institution oder welcher Perso-
nenkreis an der Überlieferung, der Weitergabe und Weiterentwicklung des überkom-
menen Gutes beteiligt war, wie die Einzelüberlieferungen mit anderen zusammen-
wuchsen und wie schließlich die größeren, uns im Alten Testament erhaltenen Quel-
len, Sammelwerke und Bücher, ja schließlich auch das Alte Testament als solches ent-
standen sind. Daß damit notwendig auch soziologische und besonders sozial-
geschichtliche Gesichtspunkte in das Blickfeld treten, ergibt sich aus der mit der
traditionsgeschichtlichen verbundenen institutionsgeschichtlichen Fragestellung'5.
Führte die Formgeschichte zunächst zu einer Atomisierung der Quellen, da sie ihr In-
teresse primär auf die kleinste Erzählungseinheit und deren Vorstadien richtete, so
suchte die Traditionsgeschichte die darin liegende Gefahr zu überwinden, indem sie
die Frage nach dem Ursprung des jeweils größeren Ganzen stellte. Dies führte in der
Forschergeneration, die durch die Namen Albrecht Alt (1883-1956), Gerhard v. Rad
Berlin 1959; W. Richter: Exegese als Literaturwissenschaft, Göttingen 1971, S. 72ff., der konse-
quent zwischen Form und Gattung, mündlich oder schriftlich geprägter Tradition und dem In-
halt und seiner Geschichte unterschieden wissen möchte. - Zur Geschichte des Studiums der
Formen vgl. auch [Link]: The Study of Forms, in: Old Testament Form Criticism, ed. J. H.
Hayes, San Antonio 1974, S. 1ff.
14. Vgl. dazu auch Richter, a.a.O., S. 125ff.; H. Barth und 0. H. Steck: Exegese des Alten
Testaments, Neukirchen 19788, S. 56ff., oder 0. Kaiser, in: G. Adam, 0. Kaiser und W. G.
Kümmel, Einführung in die exegetischen Methoden, München und Mainz 19796, S. 33ff.
15. Einen Überblick über entsprechende Ansätze geben]. van der Ploeg: The Social Study of
the Old Testament, CBQ 10, 1948, S. 72ff., und W. Schottroff- Soziologie und Altes Testament,
VuF 19,2, 1974, S. 46ff., und ders.: Zur Sozialgeschichte Israels in der Perserzeit, VuF 27, 1982,
S. 46ff.- Zur Sache vgl. auch die Studien von W. Thiel: Die soziale Entwicklung Israels in vor-
staatlicher Zeit, Berlin/DDR 1980, undH. G. Kippenberg: Religion und Klassenbildung im anti-
ken Juda, StUNT 14, Göttingen 1978.
54 Die Geschichtserzählungen Israels
(1901-1971) und Martin Noth (1902-1968) gekennzeichnet ist, weithin zu der oben
bereits signalisierten Stabilisierung der Neueren Urkundenhypothese, da man die
Spannungen innerhalb der Quellen auf den geprägten Charakter der von ihnen verar-
beiteten Einzelüberlieferungen zurückführen zu können meinte. Läßt sich in der ge-
genwärtigen Forschergeneration fast durchgehend eine größere Aufgeschlossenheit
für das Problem sekundärer Erweiterungen feststellen, für das ja auch Noth keines-
wegs blind gewesen ist und das nun allein schon durch die Neubewertung des Alters
der Bundesschlußvorstellung bei jeder Behandlung der Sinaiperikope seine Berück-
sichtigung verlangt 16, hat die das literarische Problem vereinfachende Lösung der
Lehrergeneration trotzdem und zumal in Deutschland eine große Anhängerschaft be-
halten. Als ihre Wortführer sind zumal Gelehrte wie Eckart Otto, Ludwig Schmidt,
Werner H. Schmidt und Horst Seebaß hervorgetreten, während bei Rudolf Smend jr.
im Blick auf J eine die weiteren Wege offenlassende Zurückhaltung zu beobachten
ist'7 und bei Peter Weimar bereits von einer gewissen Umbildung der Urkundenhy-
pothese gesprochen werden kann 18•
Von dem überlieferungsgeschichtlichen Ansatz her ist es in den zurückliegenden
Jahrzehnten zumal von zwei Männern zu einem Generalangriff auf die Urkundenhy-
pothese gekommen, durch Ivan Engnell und Rolf Rendtorff Die Neubewertung der
mündlichen Überlieferung führte bei Engnell (t 1964) zur Ersetzung der herkömmli-
chen Quellen durch primär mündlich arbeitende Traditionskreise, wobei das Erbe
des J ahwistischen und Elohistischen vom Priesterlichen rezipiert und schließlich sein
bis in die Tage Esras und N ehemias sukzessiv verschriftetes Gut alsbald mit dem des
ähnlich arbeitenden Deuteronomistischen Traditionskreises verbunden worden sei.
Man erkennt unschwer, daß hier der bisher literarisch gedeutete Vorgang weithin in
einen mündlich erfolgenden Überlieferungsprozeß umgewandelt worden ist. Ange-
sichts der ungefähr gleichzeitig in das Gesichtsfeld der [Link] rückenden ugariti-
schen, eine ausgebreitete kanaanäische Schriftkultur bezeugenden Textfunde konnte
dieser Versuch so nicht mehr überzeugen'9.
Ganz anders geartet ist der Einwurf von Rendtorff- Er sieht in der Verbindung der
form- und überlieferungsgeschichtlichen Forschung mit der ererbten Urkundenhy-
pothese eine vorschnell geschlossene Ehe und fordert, daß man noch einmal ab ovo
von vom beginnen und sich von den Einzelerzählungen und ihren Bearbeitungen neu
zu den größeren Zusammenhängen vortasten und interimsweise auf die Zuordnung
zu übergreifenden Quellen verzichten solle. Man wird ihm zugestehen, daß das von
ihm eingeschlagene und freilich erst paradigmatisch vorgeschlagene V erfahren sach-
lich legitim ist, zumal sich in seinem Fortgang erweisen würde, welche Wahrheit den
zurückliegenden Versuchen zukommt 20 • Es ist ja nicht zu leugnen, daß die unter-
schiedlichen und immer nur an einem mehr oder weniger begrenzten Textmaterial
ausgearbeiteten Versuche insgesamt eher zu einer Destabilisierung als einer Neube-
gründung der Urkundenhypothese beigetragen haben.
20. Vgl. vor allem R. Rendtorff- Das überlieferungsgeschichtliche Problem des Pentateuch,
BZAW 147, Berlin und New York 1976, und dazu auch die Diskussion in JSOT 3, 1977.
21. Vgl. R. Kilian: Die vorpriesterlichen Abrahamüberlieferungen, BBB 24, Bonn 1966, und
V. Fritz: Israel in der Wüste. Traditionsgeschichtliche Untersuchung der Wüstenüberlieferung
des Jahwisten, MThSt 7, Marburg 1970.
22. Vgl. dazu P. Weimar: Untersuchungen zur Redaktionsgeschichte des Pentateuch, BZA W
146, Berlin und New York 1977, und ders. und E. Zenger: Exodus. Geschichten und Geschichte
der Befreiung Israels, SBS 75, Stuttgart 1975.
Die Geschichtserzählungen Israels
23. Vgl. dazuP. Volz und W. Rudolph: Der Elohist als Erzähler-ein Irrweg der Pentateuch-
kritik?, BZAW 63, Gießen 1933, und W. Rudolph; Der »Elohist« von Exodus bisJosua, BZAW
68, Berlin 1938.
24. Vgl. dazu S. Mowinckel: Tetrateuch, Pentateuch, Hexateuch, BZAW 90, Berlin 1964, S.
1ff.; ders.: Erwägungen zur Pentateuch Quellenfrage, Oslo 1964, S. 59ff.; F. V. Winnett: Re-
examining the Foundations, JBL 84, 1965, S. 5ff.; Th. C. Vriezen, Literatuur, S. 159, und R. N.
Whybray: TheJoseph Story and Pentateuchal Criticism, VT 18, 1968, S. 522ff., und jetzt]. van
Seters: Abraham in History and Tradition, New Haven und London 1975, S. 125ff., sowie
Hans-Christoph Schmitt: Die nichtpriesterliche J osephsgeschichte, BZAW 154, Berlin und New
York 1980, S. 178ff.
25. Vgl. dazu F. M. Cross: Canaanite Myth and Hebrew Epic, Cambridge/Mass. 1973, S.
293 ff., vgl. S. 324f.;D. B. Redford: AStudy of the BiblicalStory ofJoseph (Genesis 37-50), SVT
20, Leiden 1970, S. II Anm. 4, der ,p, freilich für den Kompilator der Genesis hält; v. Seters,
a. a. 0., S. 310, und Rendtorff, a. a. 0., S. u2ff. und besonders S. 141ff.; S. Tengström: Die He-
xateucherzählung, Con Bib 7, Lund 1976, S. 16, undA. G. Auld: Joshua, Moses and the Land,
Edinburgh, 1980, S. 116.
26. Vgl. dazu H.-Chr. Schmitt, a. a.O., S. 127ff. und S. 189ff., und]. van Seters, a.a.O., S.
3 l I.
§ 5 Gattungen der israelitischen Erzählung 57
von Hermann Vorländer ihre Bestätigung. Schmid hatte auf die Nähe jahwisti-
scher Konzeptionen zur deuteronomistischen Theologie und Vorländer auf das ei-
gentümliche Schweigen der vorexilischen Literatur über die Heilsgeschichte hinge-
wiesen. Beide haben demgemäß für eine relativ späte Entstehung von J (und E) plä-
diert27. Es bleibt abzuwarten, ob sich dieses Modell auch bei der Analyse der Bücher
Exodus und Numeri bewährt und wo sich dabei die endgültige Grenze der Verwen-
dung protojahwistischer Erzählungen und elohistischen Gutes abzeichnet28 • An den
Naht- und Übergangsstellen müßte sich dann auch Klarheit darüber gewinnen lassen,
in welcher Beziehung der späte, theologisierende jahwistische Redaktor zur deutero-
nomistischen Bearbeitung steht. Daß dabei noch mit manchen Überraschungen zu
rechnen ist, zeigt der Blick auf die Sinaiperikope und die von Martin Rose geäußerte
Vermutung, daß wir mit deuteronomistischen Rückspiegelungen bis hinein in die Ge-
nesis zu rechnen haben 29. Will man aus den divergierenden Ergebnissen der jüngsten
Forschung eine Lehre ziehen, lautet sie, daß ein endgültiges Urteil über die literari-
schen Verhältnisse im Pentateuch nur fällen kann, wer ihn ganz untersucht hat. Über-
schreitet das bei der Fülle der Literatur und der zu berücksichtigenden Gesichts-
punkte das Vermögen eines einzelnen, so sollte man nicht länger zögern, die Aufgabe
in kohärenter Gemeinschaftsarbeit in Angriff zu nehmen.
Es könnte sein, daß sich im Zuge dieser Arbeit die klassische Formel der Urkun-
denhypothese J, E, D, P differenziert. Nach ihr sind] und E durch den sog. Jehovi-
sten, JE und P durch den Redaktor RJE/Pund der so entstandene Tetrateuch schließ-
lich durch einen weiteren Redaktor mit dem von Dtn 1-2 Kö 2 5 reichenden Deutero-
nomistischen Geschichtswerk verbunden worden. Dabei wurde die Erzählung vom
Tode des Mose Num 27, uff. und Dtn 34'f (P) auseinandergerissen und schließlich
durch Rückspiegelungen aus dem J osuabuch eine erzählende Brücke zwischen Num
27 und den Erzählungen des Josuabuches geschlagen. Vielleicht variiert die Redak-
tionsgeschichte dieses Bild dahingehend, daß protojahwistische Grunderzählu~gen
elohistisch, spätjahwistisch, priesterlich und deuteronomistisch überarbeitet worden
sind, ohne daß dabei die Aufnahme weiterer Traditionselemente ausgeschlossen war.
A. Olrik: Epische Gesetze der Volksdichtung, ZDA 51, 1909, S. 1ff.; H. Gunkel: Genesis, HK I,
I, Göttingen 19103 (= 19779 ), S. VII ff.; ders. Die israelitische Literatur, in: Kultur der Gegen-
wart I, 7, Leipzig 1925 = Einzelnachdruck Darmstadt 1963, dort S. 15ff.; A. ]olles: Einfache
27. Vgl. dazu H. H. Schmid: Der sogenannteJahwist, Zürich 1976, S. 167ff., undH. Vorlän-
der: Die Entstehungszeit des jehovistischen Geschichtswerkes, EHS.T 109, Bern und Frank-
furt/Main 1978, S. 367ff.
28. Vgl. dazu auch unten, S. 92ff. und S. 103ff.
29. Deuteronomist und Jahwist, AThANT 67, Zürich 1981, S. 314ff.
Die Geschichtserzählungen Israels
Geschichte und Geschichtsschreibung beginnen in der Regel erst, wenn ein Volk zu
staatlicher Existenz gefunden hat. Bis dahin ist die Sage die einzige Form der Erinne-
rung an die eigene Geschichte. Dieser allgemein bewährten Erkenntnis entsprechend,
handelt es sich auch bei dem, was Israel über seine Ursprünge bis hin zu den Anfängen
König Davids zu erzählen weiß, primär um Sagen. Über die Historizität oder Nicht-
historizität des Berichteten ist mit seiner Bestimmung als Sage zunächst nichts ent-
schieden. Diese Frage bedarf in jedem Fall besonderer Überprüfung nach den metho-
dischen Grundsätzen der kritischen Geschichtsforschung 1 •
I. Sage. Die Sage verdankt ihre Einprägsamkeit und Wirkung weithin dem Umstand,
daß sie sich stilistisch wie alle ursprüngliche Volksdichtung außerordentlich zurück-
hält. Sie berichtet nur das für den Fortgang der Handlung Wesentliche und verzichtet
auf die Ausschmückung des Nebensächlichen. Entsprechend beschränkt sie sich auf
wenige Personen, die in ihrem Verhältnis zu der Hauptperson scharf und eindeutig
charakterisiert sind. Sie ist also im höchsten Maße parteiisch und zeichnet ihre Cha-
raktere in Schwarzweißtechnik. Dem Helden steht der Feigling, dem Listenreichen
und Klugen der Dumme oder weniger Listige gegenüber. So gibt und verrät die Sage
die Ideale des Volkes. - Ihre wenigen Szenen sind von dem Gesetz bestimmt, daß bei
insgesamt drei Personen oder Personengruppen - erst später können es vier oder
mehr werden - jeweils eine von der Szene verschwindet, so daß diese immer nur von
zweien besetzt ist. Die Handlung verläuft einsträngig. Ihre Darstellung ist anschau-
lich, ohne sich in Einzelheiten zu verlieren. Ihr Höhepunkt, durch eine Rede oder ein
Gespräch bestimmt, liegt am Ende. Deutlicher Einsatz, deutlicher Schluß und scharf
gegliederter Aufbau verleihen ihr die innere und äußere Geschlossenheit. Aus dem
Gesagten läßt sich bereits entnehmen, daß am Anfang der Entwicklung die Einzelsage
steht. Erst im Laufe der Geschichte wächst sie mit anderen Sagen zu einem Sagen-
kranz zusammen. Die alten Einzelsagen geben sich durch ihre knappe Erzählweise zu
erkennen: Ihre Motive sind streng auf die Handlung bezogen. Die Eigenschaften der
Personen und Dinge müssen sich in ihren Handlungen ausdrücken. Mittel zur Her-
vorhebung ist entsprechend nicht die Ausgestaltung, sondern die, in der Regel dreifa-
che, Wiederholung. So liegt das Interesse der alten Sagen gänzlich bei dem, was siebe-
richten. Die jungen Sagen verraten sich durch ihren ausgeführten Stil. Das Interesse
verschiebt sich von dem, was sie berichten, auf die Art, wie sie berichten. Die vorlite-
rarische Sage wird zu einem Stück wirklicher Literatur. Bei der konkreten Untersu-
2. Annalen und Geschichtserzählung. Schließlich stirbt die Sage in dem Maße ab, in
dem das staatliche Interesse die zunächst einfachen Formen schriftlicher Geschichts-
überlieferung in Gestalt der die Ereignisse aufzählenden Annalen sowie der mit der
fortgeschrittenen Erzählkunst der Sage verwandten Geschichtserzählung entstehen
läßt. Hinter den Annalen stehen die königlichen Beamten bzw. Staatsschreiber, vgl.
z. B. 2 Sam 8,17; Jer 37,15, hinter der Geschichtserzählung der einzelne Autor, hinter
der Sage die Vielzahl der Erzähler, die den überkommenen Stoff mit leisen Wandlun-
gen immer neu den Bedürfnissen der eigenen Zeit anpassen, ein Vorgang, der im Blick
auf die biblischen Sagen und Geschichtserzählungen sein Ende zum einen bei ihrer er-
sten schriftlichen Fixierung, zum anderen mit dem letzten Wort der vom Alten Testa-
ment abhängigen Religionen des Judentums, Christentums und des Islam findet. Auf
die am Hofe oder vielleicht auch im Tempel geführten Annalen gehen die »Tagebü-
cher der Könige von Israel bzw. von Juda« zurück, vgl. 1 Kö 14,19; 2 Kö 15,26 bzw.
1 Kö 14,29 und 2 Kö 24,51a.
3. Märchen und Anekdote. In dem Grade, in dem die Geschichtsschreibung und die
schriftliche Überlieferung auch der Sagen zur beherrschenden Form der Bewahrung
der Erinnerung an vergangene Ereignisse werden, schränkt sich die Volksphantasie
auf das Märchen und die Anekdote ein. Um nicht jede Volkserzählung als Märchen zu
bezeichnen, schließen wir unsjolles an, der gezeigt hat, daß das Märchen eine Selbst-
gestaltung menschlicher Leiden und Wünsche in welthafter Verbindung ist. Es ent-
springt der Erfahrung des Widerspruchs zwischen naivem Glücksverlangen und
amoralischem Schicksal. Es vernichtet die amoralische Welt und schafft eine neue, in
der die Wünsche und Gerechtigkeitserwartungen des Menschen in Erfüllung gehen.
Es reicht aus festzustellen, daß im Alten Testament kein einziges eigentliches Mär-
chen enthalten ist, wohl aber eine ganze Reihe von Märchenmotiven, z.B. die von
dem Jüngling, der auszog, seines Vaters Eselinnen zu suchen und dabei ein König-
reich fand, 1 Sam 92 , von den nie leerwerdenden Krügen, 1 Kö 17,7ff., und vom hilf-
reichen oder gar sprechenden Tier, 1 Kö 17,1ff.; Gn 3; Num 22,22ff. -Der Anekdote
geht es, anders als der Sage und der Geschichtsschreibung, nicht mehr um die Darstel-
lung des großen Volksschicksals, sondern um einzelne, bezeichnende Züge eines gro-
ßen Mannes. So ist es kein Zufall, daß sich Anekdoten über David und seine Helden
finden, vgl. 2 Sam 23,8-23.
Überblickt man die Geschichte Israels und des Judentums, so kann man feststellen,
daß die schriftliche Überlieferung damals wie überhaupt im Altertum und bis hinein
in die ersten Jahrhunderte der Neuzeit nie eine so ausschließliche Rolle gespielt hat,
wie es heute jedenfalls in Mitteleuropa selbstverständlich ist. Das bedeutet, daß selbst
nach der schriftlichen Fixierung der klassischen Sagen Israels ihr unmittelbares Wei-
terleben im Volk und an den Ortsheiligtümern der Provinz fortdauerte, so daß spä-
tere Schriftsteller auf sie zurückgreifen konnten.
4. Arten der Sagen. Die alttestamentliche Sagenforschung ist bis zur Mitte dieses Jahr-
hunderts durch die Arbeiten von Gunkel bestimmt worden, dessen Genesiskommen-
tar bahnbrechend wirkte. Erst in den letzten Jahren sind gegen seine Nomenklatur
von verschiedenen Seiten Einwendungen erhoben worden, ohne daß sich heute be-
reits Einmütigkeit unter den Forschern feststellen läßt. Daher ist zunächst die von
Gunkel gegebene Einteilung darzustellen. Bei ihm greifen zwei Bezeichnungssysteme
ineinander. Das eine orientiert sich an dem Nacheinander der biblischen Erzählungen
und unterscheidet entsprechend zwischen Ursagen, Vätersagen, Führungs- und Hel-
densagen. Das andere ist mehr formal orientiert und gliedert annähernd parallel in
Mythen, Ätiologien und historische Sagen. Gunkel hat deutlich hervorgehoben, daß
die von uns stark vereinfacht dargestellten Grundtypen selten rein, sondern meistens
in Motivverbindungen begegnen. Es wird sich zeigen, daß eben an diesem Punkt das
Bemühen der neuesten Forschung einsetzt, geeignetere Gattungsbezeichnungen für
die alttestamentlichen Sagen zu finden.
Gunkel expliziert die Mythe als Göttergeschichte und merkt sogleich an, daß das
Alte Testament in den Ursagen eine »stille Scheu vor der Mythologie« zeigtl. Entwe-
der handelt Gott, wie in der Schöpfungsgeschichte von Gn 1,1-2, 4a, allein - dann
kommt es zu keiner eigentlichen »Geschichte«. Oder die Erzählung spielt zwischen
Gott und den Menschen - dann tritt das eigentlich Mythische noch stärker in den
Hintergrund. - Im Sinne einer Begriffserklärung fügen wir hinzu, daß unter einer
Mythe eine geformte, praetheistische oder theistische Erzählung zu verstehen ist, der
es um die Deutung von Aspekten von Welt oder Existenz oder deren Gesamtheit
geht. Die in ihr enthaltenen Einzelmotive nennen wir Mythologeme. Der Mythos ist
dagegen ein in seiner Form nicht festgelegter Zusammenschluß mythischer Elemente.
Unter der Mythologie versteht man dagegen sowohl den Gesamtbestand der Mythen
eines Volkes oder Kulturkreises wie die Wissenschaft vom Mythischen überhaupt.
Sagen, die geschichtliche Ereignisse widerspiegeln, nannte Gunkel historische, sol-
3. HK I, r, S. XIV. -Daß er sich des bloß Zweckhaften dieser Definition bewußt war, zeigt
seine Darstellung in seiner »Israelitischen Literatur«, Kultur der Gegenwart I, 7, Leipzig 19252
= Darmstadt 19633, S. (68) 16. - Zu den Ansätzen zum Verständnis des Mythos in der alttesta-
mentlichen Forschung vgl.]. W. Rogerson:Myth in Old Testament Interpretation, BZAW 134,
Berlin und New York 1974.
§ 5 Gattungen der israelitischenErzählung 6r
ehe, die Zustände der Völker festhalten, [Link] die ersten rechnete er
in der Genesis z.B. Gn 34, unter die zweiten z.B. Gn 4,rff.
Die größte Gruppe nimmt bei ihm die Ätiologie ein4, eine Sage, die etwas erklären
will. Auf die Frage »Warum?« antwortet die Geschichte mit ihrem Darum. Gunkel
erkannte, daß es sich bei den alttestamentlichen Sagen weithin nicht um ätiologische
Sagen im vollen Sinne, sondern nur um solche mit ätiologischen Motiven handelt.
Auch darin liegt ein Problem, das die jüngste Forschung beschäftigt hat.
Gunkel unterschied zwischen ethnologischen,etymologischen,kultischen und geo-
logischenätiologischenSagenmotiven sowie Sagen zur Erklärung menschlichen oder
[Link] ethnologischeSage oder das ethnologischeMotiv fragt nach
den Gründen für Völkerverhältnisse. Die Frage, warum Kanaan der Knecht seiner
Brüder ist, beantwortet die Sage Gn 9,2off. Die Frage, warum ein Keniter siebenfach
gerächt wird, Gn 4, r ff. Völkerverhältnisse der Gegenwart werden so auf ein Tun der
Urväter zurückgeführt. Gunkel sah darin den Anfang der Geschichtsphilosophie. Da
der Eigentümlichkeit alttestamentlichen Selbstverständnisses entsprechend Gott bei
diesen Erzählungen immer irgendwie im Hintergrund steht, könnte man mindest im
Blick auf die uns erhaltene Endgestalt der Sagen häufig auch von den Anfängen der
Geschichtstheologie sprechen. Denn das ist das Spezifische der alttestamentlichen Sa-
gen, daß sie schließlich alle in das Koordinatensystem Gott und Volk, Geschichte als
Dialog zwischen Gott und Menschheit, Gott und Israel, Gott und dem einzelnen ein-
gezeichnet worden sind5•. - Die ethymologischen Motive suchen Antwort auf die
Frage, warum etwas so heißt, wie es nun einmal heißt. Dahinter steht nicht bloße
Neugier, sondern die Überzeugung, daß zwischen Name und Benanntem eine ge-
heime Wesensbeziehung besteht 6 • Der Name wird nicht sprachwissenschaftlich er-
klärt- eine Sprachwissenschaft in unserem Sinne gab es damals nicht oder doch nur in
der bescheidenen Form lexikalischer Listen -, sondern mittels Anklängen aus der
Umgangssprache. Das schönste Beispiel ist wohl die Ableitung des Namens der Stadt
Babel (akkadisch: »Gottestor«) aus dem[hebräischen bll »verwirren«, Gn r r,r ff. -
Eine große Gruppe bilden die kultischen Sagen, welche die Heiligkeit eines Ortes, ei-
nes Kultgegenstandes oder eines Kultbrauches erklären wollen. Auf die Frage nach
der Heiligkeit des Sabbats antwortet Gn r,r-2,4a; auf die Frage nach der Heiligkeit
des Steins von Bethel 28,1off.; auf die Frage, warum die Israeliten einen gewissen
Muskelstrang der Hüftgegend nicht essen, Gn 32,32f. -Man nennt derartige Erzäh-
lungen heute gern Kultlegenden. Aber diese Bezeichnung ist nicht ohne Gefahren,
weil sie dazu auffordert, das Charakteristische mittelalterlicher Heiligenlegenden
auch auf diese Erzählungen zu übertragen. Die mittelalterlichen Legenden wurden
am Gedächtnistag des Heiligen im Gottesdienst verlesen, um die Gemeinde zur Ver-
ehrung und Nachahmung des Heiligen aufzufordern. Ob die alttestamentlichen
Kultsagen ihren »Sitz im Leben« wirklich im Gottesdienst der entsprechenden Hei-
ligtümer besaßen, darf von uns nicht ohne weiteres unterstellt werden. Auch der
Rückschluß aus einer Sage auf eine bestimmte, für ihre Weitergabe verantwortliche
Institution sollte nur mit größter Vorsicht gezogen werden. Es gibt manche ätiologi-
sche Sage in unseren Breiten, die von Kirchengründungen handelt und doch kaum je-
mals in einem Gottesdienst der betreffenden Kirche verlesen sein dürfte7. Aus diesen
Andeutungen wird wohl hinreichend deutlich, welch schwierige und umfassende
Kenntnisse voraussetzende Kunst die Auslegung und Auswertung der alttestamentli-
chen Sagen ist. Sie will wie jede Kunst erlernt sein.
Die geologischen Sagenmotive, Eissfeldt'~ nennt sie ansprechender Orts- und Na-
tursagen, wollen die Entstehung einer Örtlichkeit, einer auffallenden Geländeform
oder Einzelformation erklären. Das schönste Beispiel ist hier die Geschichte vom Un-
tergang Sodoms Gn 19. Die unheimlich starre Welt des Toten Meeres und zumal sei-
ner südwestlichen Umgebung wird als Folge eines Strafgerichtes über die sittenlosen
Sodomiter erklärt; eine in der Nähe befindliche bizarre Steinbildung mit Lots Weib
ideittifiziert, das sich trotz des Verbots auf der Flucht umwandte und zur Salzsäule er-
starrte.
Zu den ätiologischen Sagen und Sagenmotiven gehören schließlich die, welche
menschliches Schicksal deuten und tierische Gestalt und tierischesLos erklären wollen.
Eigentliche Tiersagen hat uns das Alte Testament nicht beschert, wohl aber aus ihnen
stammende Motive wie das der Erklärung, warum die Schlange auf dem Bauche
kriecht und warum zwischen Mensch und Schlange ewige Feindschaft besteht, Gn
3,14f. Die ganze jahwistische Erzählung von der Erschaffung des Weibes und dem
Sündenfall in Gn 2 und 3 ist ein Musterbeispiel für eine Sage zur Erklärung mensch-
lichen Schicksals.
5. Neuere [Link] hat mindestens einen Teil der hier als Ätiologien bezeich-
neten Formen als Mythe bezeichnet. Nach seiner Begriffsbestimmung ist die Mythe
eine Erzählung, in der sich ein Gegenstand seine Geschichte in Frage und Antwort
7. Zum Ätiologieproblem vgl. auch M. Weippert: Die Landnahme der israelitischen Stämme
in der neueren wissenschaftlichen Diskussion, FRLANT 92, Göttingen 1967, S. 132ff.; R.
Smend jr.: Elemente alttestamentlichen Geschichtsdenkens, ThSt (B) 95, Zürich 1968, S. rnff.;
B. 0. Long: The Problem of Etiological Narrative in the Old Testament, BZA W 108, Berlin
1968, und F. Golka, VT 20, 1970, S. 9off., und VT 26, 1976, S. 41off.
§ 5 Gattungen der israelitischen Erzählung
selbst erschafft, wobei die Deutung nicht aus objektiver Untersuchung, sondern aus
dem Erlebnisgehalt des Gegenstandes für das Subjekt genommen wird. Wir entneh-
men dem mindestens den Hinweis, daß das Bewußtsein der Erzähler anders als das
unsere nicht aus einer Subjekt-Objekt-Spaltung lebte.
Die eigentlichen Schwierigkeiten bei der Anwendung des von Gunkel geschaffenen
Beschreibungssystems ergeben sich einmal daraus, daß sie weithin so formal sind, daß
sie eine genaue Bestimmung der Erzählungen erschweren; zum anderen daraus, daß
sie Kriterien der Historizität oder Nichthistorizität mitverwenden, die den alten Er-
zählern so nicht bewußt gewesen sind. Das erste Problem ist von Westermann, das
zweite von Richter gesehen worden. Im Blick auf den Mißbrauch, der gelegentlich mit
der Bezeichnung einer Sage als Ätiologie betrieben worden ist, hat Westermann zu-
treffend hervorgehoben, daß man nur dann von einer Ätiologie oder einer ätiologi-
schen Sage sprechen sollte, wenn die Linie der Erzählung mit der Linie der Ätiologie
übereinstimmt. In diesem Sinne sind die Sagen der Urgeschichte von Gn 1-11 als
Ätiologien zu bezeichnen, vgl. z.B. 2,4b-3,24; 4,1-16 und u,1-9, aber auch 198• -Im
Blick auf den Inhalt schlägt Westermann für diese Sagen die Bezeichnung als Erzäh-
lungen von Schuld und Strafe vor. Die Vätersagen spricht er als Familienerzählungen
an. Damit behält er ihren Horizont, das Leben im Bereich der Familie und Sippenver-
bände, im Auge. Vom Inhalt her gliedert er in Erzählungen vom Schicksal der Stamm-
mutter und ihres Kindes, z.B. 12,10-20; 16,1-16 und 18,1-16, solche vom Streit um
den Lebensraum, z.B. 13,5-13; 21,22-32 und 26,18-33, Schilderungen des Gelingens,
z.B. 24, Verheißungserzählungen, z. B. 15,7-21, und Theologische Erzählungen,
z.B. 22,1-19 und 18,17-33. Itinerare und Genealogien sorgen für die Verknüpfun-
gen.
Itinerare dienten ursprünglich der Information über Weg und Dauer einer Reise-
route. Ihre uns am vollständigsten in dem Stationenverzeichnis Num 33,1-49 begeg-
nende Form könnte von den biblischen Autoren dem Repertoire der königlichen Ar-
chive entlehnt sein9 • - Genealogien dienten ursprünglich der Wahrung und Abgren-
zung sozialer Ansprüche und religiöser Zugehörigkeiten. Vor allem im Stadium
mündlicher Überlieferung konnten sie ihrer jeweiligen Funktion angepaßt werden
und spiegeln so Verschiebungen der Struktur oder der Interessen der Gesellschaft wi-
der. Formal läßt sich zwischen linearen, die reale oder fiktive Ahnenfolge wiederge-
b~nden, und segmentierten, in die Breite einer Generation gehenden, unterscheiden,
vgl. z.B. Gn 5 und Gn 36. Sachlich läßt sich zwischen primären, ursprünglich selb-
ständigen und ohne Rückgriff auf nichtgenealogische Erzählungen konzipierten, und
8. In diesem Zusammenhang verdient auch der Hinweis von]. van Seters: Abraham in Hi-
story and Tradition, New Haven und London 1975, S. 233, Beachtung, daß aus der in einer Er-
zählung formulierten Frage nicht ohne weiteres auf ihren ätiologischen Ausgangspunkt zurück-
geschlossen werden darf.
9. G. I. Davies: The Way of the Wilderness. A geographical study of the wilderness itineraries
in the Old Testament, SOTMS 5, Cambridge 1979, S. r.
Die Geschichtserzählungen Israels
6. Ein letztes Wort sei über den rechten Umgang mit den biblischen Geschichtserzäh-
lungen angefügt. Wer sie im Sinne moderner, nachgriechischer Geschichtsschreibung
primär als Berichte über den tatsächlich erfolgten Geschichtsverlauf zu verstehen
sucht, gerät angesichts der Vielschichtigkeit des in ihnen enthaltenen Traditionsgutes
alsbald vor dessen Widersprüche und Anachronismen. Die biblische Geschichtser-
zählung stellt sich primär nicht die Aufgabe, historische Abläufe erhellend festzuhal-
ten, sondern sie ist weitgehend glaubende Deutung der jeweiligen Gegenwart ihrer
Erzähler im Spiegel einer im Lichte dieser Gegenwart gedeuteten Vergangenheit. In
diesem Sinne kann man bei ihnen von einer narrativen Theologie reden; denn ihr An-
liegen ist, gemessen an dem des modernen Historikers, primär ein theologisches. Da-
her ist die alttestamentliche Geschichtserzählung und Geschichtsschreibung auch
nicht antiquarisch, sondern monumental, d. h. im höchsten Grade für die Sache Got-
tes Partei nehmend. Erst von diesem Hintergrund her wird das Nacheinander der im
10. Vgl. dazu R. R. Wilson: The Old Testament Genealogies in Recent Research, JBL 94,
1975, S. 169ff., und ders.: Genealogy and History in the Biblical World, Yale Near Eastern Re-
searches 7, New Haven und London 1977; zur Bedeutung und Führung der Genealogien in der
J erusalemer Priester- und Levitenschaft vgl. Joachim ]eremias: Jerusalem zur Zeit J esu, Göttin-
gen 19623, S. 241 ff.
11. Vgl. dazu unten, S. 149.
§ 6 Gattungen des israelitischen Rechts
Pentateuch enthaltenen, die Vorgeschichte des Volkes immer neu deutenden Schich-
ten und weiterhin der das Deuteronomistische Geschichtswerk überholende Charak-
ter der Chronik verständlich.
L. Köhler: Die Hebräische Rechtsgemeinde ( 1931), in: Der Hebräische Mensch, Tübingen 1953
= Darmstadt 1980, S. 143ff.; A. Alt: Die Ursprünge des israelitischen Rechts, SAL 86, 1934 =
Kleine Schriften I, München 1953 (19633), S. 278ff. = Grundfragen der Geschichte des Volkes
Israel, München 1970, S. 203 ff.; M. Noth: Die Gesetze im Pentateuch, SKGG 17, 1940, 2 = Ge-
sammelte Studien zum Alten Testament, ThB 6, München 19663,S. 9ff.; D. Daube: Studies in
Biblical Law, Cambridge 1947; ders.: The Exodus Pattern in the Bible, London 1963; J.].
Stamm: Der Dekalog im Lichte der neueren Forschung, Bern und Stuttgart 1958 (19622 );
F. Horst: Gottes Recht. Gesammelte Studien zum Recht im Alten Testament, ThB 12, München
1961; E. Gerstenberger: Wesen und Herkunft des »apodiktischen Rechts« (Diss. ev. theol. Bonn
1961), WMANT 20, Neukirchen 1965; H. Graf Reventlow: Kultisches Recht im Alten Testa-
ment, ZThK 60, 1963, S. 267ff.; R. Haase: Einführung in das Studium keilschriftlicher Rechts-
quellen, Wiesbaden 1965; D.J. McCarthy: Der Gottesbund im Alten Testament, SBS 13, Stutt-
gart 1966; ders.: Treaty and Covenant, AnBib 21 A, Rom 1978'; H. Schulz: Das Todesrecht im
Alten Testament, BZAW 114, Berlin 1969; W. Schottroff- Der altisraelitische Fluchspruch,
WMANT 30, Neukirchen 1969; L. Perlitt: Bundestheologie im Alten Testament, WMANT 36,
Neukirchen 1969; G. Liedke: Gestalt und Bezeichnung alttestamentlicher Rechtssätze,
WMANT 39, Neukirchen 1971; V. Wagner: Rechtssätze in gebundener Sprache und Rechts-
satzreihen im israelitischen Recht, BZA W 127, Berlin 1972; W. M. Clark: Law, in: Old Testa-
ment Form Criticism, ed. I. H. Hayes, San Antonio 1974, S. 99ff.;H.J. Boecker: Recht und Ge-
setz im Alten Testament und im Alten Orient, Neukirchen 1976.
I. Das Problem. Der Fortgang der Erzählung im Pentateuch wird immer wieder
durch kürzere oder längere Einschaltungen unterbrochen. Unter ihnen nehmen
Rechtsreihen, Rechtsbücher und Kultordnungen durch Bedeutung oder Umfang die
ersten Plätze ein. Zu den Rechtsreihen gehört der Dekalog Ex 20,2-17 par. Dtn
5,6~21; an Rechtsbüchern sind uns das Bundesbuch B Ex 20,22-23,19, das Heiligkeits-
gesetz H Lev 17-26 1 und das Deuteronomium Dt Dtn 4,44-30,20* 2 , an priesterlichen
Kultordnungen z.B. die Opferthora Lev 1-7 und die Reinheitsthora Lev r 1-15 erhal-
ten. Im Blick auf den Umfang des Materials wie in dem auf die unbestreitbar wichti-
gen Beziehungen zwischen Religion und Recht im alten Israel muß auch der Anfänger
gewisse Grundkenntnisse der Gattungen des israelitischen Rechts besitzen. Dabei
muß schon einleitend darauf hingewiesen werden, daß die Forschung auf diesem Ge-
biet trotz der bereits vorliegenden umfänglichen Literatur erst zu wenigen gesicher-
ten Ergebnissen gekommen ist. Trügen die Zeichen der letzten Jahre nicht, so wird in
der nächsten Zukunft nicht allein über die Frage nach Wesen und Umfang des israeli-
tischen Rechts, sondern auch über die nach der Abgrenzung und dem Sitz im Leben
der einzelnen Rechtsformen wie über die des Alters der Rechtsreihen und Rechtsbü-
cher neu gearbeitet und gestritten werden. Wenn die Frage der mosaischen Verfasser-
schaft dabei fast nur noch im Blick auf die Vorgeschichte des Dekalogs erörtert wird,
so entspringt das einmal dem wissenschaftlichen Gesamtbild vom Werden des Penta-
teuchs\ zum anderen der Einsicht, daß Rechtsreihen, Rechtsbücher und Kuhord-
nungen in der Regel aufgrund konkreter Bedürfnisse und nur in seltensten Fällen aus
prophetisch- oder philosophisch-utopischer Absicht entstehen 4. Und da sich auch im
zweiten Fall Hinweise auf die Verhältnisse der Entstehungszeit finden, können wir es
als eine Grundregel der Auslegung rechtlicher Texte bezeichnen, daß die von den
Rechtssätzen und Anweisungen vorausgesetzten sozialen, ökonomischen und religiö-
sen Verhältnisse einen Rückschluß auf ihr Alter erlauben5. Bei der Anwendung dieser
Regel muß man sich freilich vergegenwärtigen, daß sich die Gesellschaft im Altertum
nicht so schnell und entscheidend gewandelt hat, wie wir es aus der Gegenwart ge-
wohnt sind.
Grundsätzlich sind Sätze, die einfachere gesellschaftliche Verhältnisse vorausset-
zen, für älter als solche anzusehen, die demgegenüber ein entwickelteres Stadium auf-
weisen. So leuchtet es zunächst ohne weiteres ein, daß Sätze, die nomadische Lebens-
verhältnisse im Auge haben, angesichts des geschichtlichen Weges Israels für älter zu
halten sind als solche, die sich nur aus der Kulturlandsituation verstehen lassen. Die
Erarbeitung einer Rechts- und einer Sozialgeschichte Israels gehen daher Hand in
Hand. - Neben die inhaltlichen Kriterien dürfen wir als formale, nur gemeinsam an-
zuwendende Grundregeln setzen, daß ein kurzer Rechtssatz älter als ein langer, ein
auf einen konkreten Fall beschränkter älter als ein verallgemeinernder und eine reine
Gattung älter als eine Mischgattung sind. Schließlich ist davon auszugehen, daß auch
auf diesem Gebiet die Entwicklung von der mündlichen Überlieferung5• zur schriftli-
chen Fixierung, vom Einzelspruch zur kleinen, von der kleinen zur größeren Reihe
und von den Reihenbildungen zur Komposition eines Rechtsbuches verlaufen ist. -
Vor einer schematischen Anwendung dieser Regeln muß man sich daran erinnern,
daß die Gattungen des israelitischen Rechts nur im Zusammenhang mit der altorien-
talischen Rechtsgeschichte zu verstehen sind. So zeigt z.B. die Übernahme des kasui-
stischen Rechts von den Kanaanäern, daß von der Rechtsform nicht ohne weiteres auf
das Alter eines Rechtssatzes geschlossen werden kann 6•
7. Der Leser wird hiermit grundsätzlich aufgefordert, die behandelten Texte mitzulesen. An-
dernfalls gleicht er einem Blinden, der von der Farbe reden hört.
68 Die Geschichtserzählungen Israels
gen das bürgerliche Zusammenleben regulieren wollten. Ihr Sitz im Leben dürfte
demnach der Ort gewesen sein, an dem sich die israelitische Rechtsgemeinde zu ver-
sammeln pflegte, das Stadttor, vgl. Dtn 21,19; Am 5,10; Spr 22,22 und Ru 4,1.11 8.
Das 4. Kapitel des Buches Ruth gibt uns einen gewissen Anschauungsunterricht über den
Gang des Verfahrens. Rechtsreden in den Geschichtswerken und in den Prophetenbüchern er-
gänzen das Bild•. Sobald das Stadttor am Morgen geöffnet wurde, durch das die Bauern zur Feld-
arbeit ausrückten, setzte sich der Rechtsuchende dort nieder, um das Kommen seines Gegners
zu erwarten. Außerdem suchte er sich eine Reihe der Ältesten des Ortes als Richter und gegebe-
nenfalls auch als Zeugen aus. Die Vorübergehenden gesellten sich dazu, wurden als Zeugen auf-
gerufen und begleiteten sicher das ganze Verfahren in orientalischem Temperament mit ihren
Kommentaren. Und so wurde unter lebhaften Reden und Gegenreden, unter Beschuldigungen
und Beschwichtigungen, Anrufungen der Richter, Anklagereden, Zeugenaufrufen und Verteidi-
gungsreden verhandelt, bis das Geständnis vorlag, der Täter durch Zeugen überführt oder die
Unschuld erwiesen, so daß schließlich das Urteil gefällt werden konnte, vgl. auchJer 26,rnff. -
Den Maßstab für das Urteil dürfte, soweit es sich nicht einfach auf das Rechtsempfinden und die
Weisheit der Richter stützte, in der Regel das geltende und als solches besonders den Alten be-
kannte Gewohnheitsrecht gebildet haben, ohne daß man es schriftlich fixiert hätte oder auf eine
schriftliche Fixierung zurückgreifen mußte. Entsprechend möchte Liedke die im Alten Testa-
ment überlieferten kasuistisch formulierten Rechtssätze oder mispatim,vgl. Ex 21, 1, auf Urteile
zurückführen, die im schiedsgerichtlichen Verfahren der Sippenältesten vereinbart worden wa-
ren. In der für Israel neuen Kulturlandsituation konnten die Sippengerichte an die Entscheidun-
gen des lokalen Rechts anknüpfen. - Bei diesem Verfahren handelte es sich, sehen wir von dem
Sonderfall der Blutgerichtsbarkeit ab, um ein Schiedsgericht, dessen Wirksamkeit auf dem von
der Gemeinschaft ausgeübten sozialen Druck beruhte. Blieben Zweifel an Schuld oder Unschuld
des Angeklagten oder über das angemessene Strafmaß, konnte bei Kapitalverbrechen ein prie-
sterliches Gericht angerufen werden, das in späteren Zeiten Rechtsbescheide erteilte, in den älte-
ren aber wohl auch das Gottesurteil des Ordalverfahrens übte, vgl. Dtn 17,8ff. und Num 5,11 ff.
- Die Gerichtshoheit des Königs war primär auf die Angehörigen seines Hauses und Hofes,
seine Beamten und Söldner sowie die Hauptstadt begrenzt, vgl. 1 Kö 2, 5ff. 22 ff. Doch scheinen
2 Sam 14,4ff. und 2 Kö 8,1 ff. sowie vielleicht auch 2 Sam 15,2ff. für eine überörtliche königliche
Gerichtsbarkeit zu sprechen. Eine verstärkte königliche Jurisdiktion soll im Südreich nach 2 Chr
19,8ff. unter König Josaphat durch die Einsetzung beamteter Richter in den Festungsstädten
und die Errichtung eines für Kapitalfälle zuständigen, gutachtlich tätigen Obergerichts in J eru-
salem geschaffen worden sein. Doch muß offenbleiben, wie weit dem Chronisten hier tatsäch-
lich ältere Nachrichten zur Verfügung standen 10 •
8. Vgl. dazu Köhler, a. a. 0., S. 143ff.; Boecker, Recht und Gesetz, S. 2off., und zur Veran-
schaulichung A. E. Jensen: Im Lande des Gada, Stuttgart 1936, S. 44ff.
9. Vgl. dazu H. J. Boecker: Redeformen des Rechtslebens im Alten Testament, WMANT 14,
Neukirchen 19702 •
IO. Vgl. dazu G. Chr. Macholz: Die Stellung des Königs in der israelitischen Gerichtsverfas-
sung, und: Zur Geschichte der Justizorganisation in Juda, ZA W 84, 1972, S. 157ff. und S. 314ff.;
Boecker, Recht und Gesetz, S. 32 ff., aber auch P. Welten: Geschichte und Geschichtsdarstellung
in den Chronikbüchern, WMANT 42, Neukirchen 1973, S. 184f.
§ 6 Gattungen des israelitischen Rechts
b) ZUM PROBLEM DER ENTSTEHUNG DES BUNDESBUCHES UND DER SCHRIFTLICHEN FI-
[Link] RECHTSGUTES. Über die Entstehungsweise, Abfassungszeit und Absicht
des Bundesbuches gibt es bis heute keine allgemein anerkannte Meinung". Scheint
der Versuch, die in 21,1-22,16(19) enthaltenen kasuistischen Rechtssätze als nach-
träglich mit den kultrechtlichen Bestimmungen in 20,22-26 + 22,20-2 3, 19 gerahmten
Kern anzusehen (so z.B. Baentsch und Holzinger), der Vergangenheit anzugehören,
hat sich die entgegengesetzte Ansicht als lebensfähiger erwiesen: Nach dieser (z.B.
von Pfeiffer*, Beyerlin und besonders von Halbe) vertretenen Hypothese wäre der
Ausgangspunkt gerade innerhalb der kult- bzw. genauer privilegrechtlichen Bestim-
mung zu suchen. Schließlich fehlt es nicht an dem Versuch, das Ganze als eine Einheit
höherer Ordnung zu verstehen (z. B.]epsen, Cazelles, Eissfeldt*, Weiser*, Noth und
Fahrer';). - Wer von einem privilegrechtlichen Kristallisationspunkt ausgeht oder mit
einer Neuschöpfung des Buches aus unterschiedlichen Materialien rechnet, wird ge-
neigt sein, auch 20,22-26* als originären Bestandteil des Rechtsbuches anzusehen.
23,20-33 wird teils den Pentateuchquellen zugerechnet (z.B. Eissfeldt* und Fahrer*),
teils als deuteronomistisch beeinflußter, in sich uneinheitlicher Zusatz (z.B. Noth)
und teils als unlösbar mit der Geschichte des Rechtsbuches verbunden (z.B. Halbe)
erklärt. Nach Halbe wäre das Bundesbuch in drei Schritten zu seiner jetzigen Gestalt
herangewachsen, wobei ein Ex 34'' verwandter privilegrechtlicher Kern zunächst um
Grundforderungen zur Wahrung des Gemeinschaftsfriedens und dann unter gleich-
zeitigen Umstrukturierungen um 21,1-22,19 erweitert worden wäre, um so »das
Rechtsbuch der kraft ihrer Privilegbeziehung zu Jahwe geeinten und abgegrenzten
,Rechtsgemeinschaft Jahwes<« zu schaffen 12 • - Im Blick auf die Datierung schwanken
die Stimmen zwischen der Richter- und der Königszeit. Fest steht lediglich, daß das
Bundesbuch gegenüber dem Deuteronomium ein älteres Stadium der Rechtsbildung
fixiert. Damit ist jedoch nur ein terminus ad quem gewonnen. Inhaltlich setzt das
Bundesbuch zwar die Kulturlandsituation voraus, läßt aber Andeutungen über die
staatliche Ordnung vermissen. Daher kann man es in der vorstaatlichen Epoche an-
setzen, ist dazu aber angesichts dessen, was wir über die Rechtspflege in der Ortsge-
meinde ausführten, in keiner Weise verpflichtet. Grundsätzlich hat man die folgenden
drei Motivationen für die schriftliche Fixierung von Rechtsgut __zu berücksichtigen: 1.
die Aufgabe der Rechtsvereinheitlichung bei divergierenden Rechtsauffassungen in-
1r. Vgl. dazuB. Baentsch: Das Bundesbuch Ex. XX 22-XXIII 33, Halle 1892;[Link]: Un-
tersuchungen zum Bundesbuch, BWANT 41, Stuttgart 1927; H. Cazelles: Etudes sur le Code de
l' Alliance, Paris 1946; W. Beyerlin: Die Paränese im Bundesbuch und ihre Herkunft, in: Gottes
Wort und Gottes Land. Festschrift H.-W. Hertzberg, Göttingen 1965, S. 9ff.; D. Conrad: Stu-
dien zum Altargesetz Ex 20,24-26, Diss. Marburg 1966, Marburg 1968; V. Wagner: Zur Syste-
matik in dem CodexEx21,2-22,16, ZAW 81, 1969, S. 176ff.;J. Halbe: DasPrivilegrechtJahwes
Ex 34,10-26, FRLANT II4, Göttingen 1975, mit dem Forschungsbericht S. 391 ff., und
G. Wanke: Artikel »Bundesbuch«, TRE VII, S. 412ff.
12. Halbe, a.a.O., S. 500.
Die Geschichtserzählungen Israels
c) DAS APODIKTISCHE RECHT. Der apodiktischen Rechtsform wies Alt die Ge- und
Verbote, Todes (möt jumat)- und Fluchsätze und letztlich auch die Talionsformeln
zu. Prohibitive begegnen Ex 22,17-30*. Inhaltlich handelt es sich bei ihnen um reli-
giöse und soziale Vorschriften, denen jede Kasuistik und ebenso jede Festsetzung des
Strafmaßes fehlt. Sie gebieten schlechthin, was nicht geschehen darf. Neben den un-
mittelbar an ein Du gerichteten Prohibitiven oder Verboten finden sich in 22,28b.29a
(und 30a) positive Gebote, welche Ansprüche Jahwes sichern. Außerdem finden sich
in 22,22 f. und 2 5f. im Sinne der Kasuistik umgestaltete Prohibitive, Zeugen der Gat-
tungsmischung. Sucht man eine einheitliche Bezeichnung für die Ge- und Verbote, so
mag man vorerst von einem Prohibitivrecht sprechen.
Weitere Prohibitive finden sich in 23,1-9*. Inhaltlich haben es alle hier vereinigten
Bestimmungen mit dem Verhalten der Israeliten im Rechtsverfahren zu tun. Wie die
sozialen Bestimmungen in 22,17ff. verfolgen sie das Anliegen, den Armen und
Schwachen zu schützen, über dessen Rec~t Jahwe wacht. In 23, 1o-19 folgen kultische
Ge-und Verbote, denen wir auch 20,23-26 zurechnen dürfen. Zumal das in 23,14-19
vereinigte Gut sichert die kultischen Ansprüche Jahwes. Nach einem Vorschlag von
Horst dürfen wir diese Abteilung des Prohibitivrechts als Privilegrecht Jahwes be-
zeichnen '[Link] es richtig, daß der Anspruch auf die ausschließliche Verehrung Jahwes
dem israelitischen Glauben von seinen Anfängen her innewohnte, so müssen wir
postulieren, daß die Aufstellungen derartiger Forderungen, wie sie auch Ex 34,14-26
überliefert sind, in vorstaatliche, ja wohl sogar in die Wüstenzeit zurückreichen. Daß
die vorliegenden Reihen weithin Bestimmungen enthalten, die nur innerhalb des Kul-
turlandes sinnvoll waren, darf freilich nicht übersehen werden.
Schließlich meinte Alt unter Rückgriff auf die durch die Diskussion übet das Mol-
chomor- Molochopfer berühmt gewordenen Stelen aus dem algerischen, punischen
N'gaous in der Anwendung der Talionsformel Ex 21,23-25; Lev 24,18-20 und Dtn
19,21 die Folge einer sekundären Ausweitung des Stilbereiches einer primär den Aus-
tausch von Opfern regelnden Wendung erkennen zu können 1 5.
d) DISKUSSION. Gerade die von Alt als apodiktisch bezeichneten Rechtsformen sind im
letzten Jahrzehnt lebhaft diskutiert und seine Ergebnisse dabei modifiziert worden.
So hat Gerstenberg er vorgeschlagen, den Ursprung des Prohibitivrechts in der Sippen-
ordnung des vorstaatlichen Sippenverbandes zu suchen. Die Prohibitive wären dem-
nach zunächst autoritative Gebote der Sippen- oder Familienältesten gewesen. Sie
hätten ihre Würde aus der geheiligten Lebensordnung empfangen, die von diesen na-
türlichen Autoritäten vertreten wurde. Das angeredete »Du« wäre entsprechend die
männliche Nachkommenschaft. - Ob man auf dieser Kulturstufe mit einer regelrech-
ten Unterweisung zu rechnen hat, kann man jedoch bezweifeln. - Kilian versuchte
nachzuweisen, daß apodiktisches Recht außerisraelitische (ägyptische) Parallelen be-
sitze, und stellte damit die Hypothese von der apodiktischen als einer genuin israeliti-
schen Rechtsform in Frage 16 • Thomas und Dorothy Thompson wiesen auf apodiktisch
formulierte Rechtssätze in mesopotamischen Rechtsbüchern hin. Schließlich hat
Weinfeld an die hethitischen Dienstanweisungen und entsprechende, Gesetzeskraft
besitzende Befehle der assyrischen Könige erinnert, in denen die dialogische, sich in
der unmittelbaren Anrede spiegelnde Situation und die apodiktische Formulierung
wiederkehren 17. - Die Frage, ob man bei den Prohibitiven statt von einer Rechtsform
nicht besser von Lebens- und Verhaltensregeln in apodiktischer Formulierung reden
sollte, wie es Fahrer vorgeschlagen hat, rührt an das Fundamentalproblem der Defini-
tion dessen, was Recht ist, auf das hier nicht eingegangen werden kann.
15. A. Alt: Zur Talionsformel, ZAW 52, 1934, S. 303H. = Kl. Schriften I, S. 341 ff. -Zur Dis-
kussion der punischen Opferterminologie vgl.]. G. Fevrier: Le vocabulaire sacrificiel punique,
JA 2 43, 1955, 5. 49ff.
16. Vgl. dazu R. Kilian: Apodiktisches und kasuistisches Recht im Licht ägyptischer Analo-
gien, BZ NF 7, 1963, S. 185ff.; R. Hentschke: Erwägungen zur israelitischen Rechtsgeschichte,
Th V 10, Berlin 1966, S. 108ff.
17. Th. undD. Thompson, VT 18, 1968, S. 81f., undM. Weinfeld: Theüriginof theApodic-
tic Law, VT 23, 1973, 5. 63ff.
72 Die Geschichtserzählungen Israels
nimmt demgegenüber an, daß es sich bei dem mot jumat nicht um die Feststellung der
Rechtsfolge, sondern um die Deklaration der Todesverf allenheit handelt. Er kann je-
denfalls zeigen, daß die Todessätze jeweils ihre Entsprechung in einem Prohibitiv fin-
den, vgl. z.B. Ex 21,12 mit 20,13. Als Sitz im Leben vermutet Schulz ein sakrales
Rechtsverfahren. Die örtliche bürgerliche Rechtsgemeinde hätte sich demnach zur
Fällung und Vollstreckung eines Todesurteils als kultische Rechtsgemeinde konsti-
tuiert. - Wagner bleibt dagegen näher bei der Deutung Alts, indem er die mot-jumat-
Formel als terminus technicus für das Todesurteil deutet und den Bestand auf eine
zeh~gliedrige, festumrissene Reihe zurückführt, die er als »eine Sammlung von Kapi-
taldelikten für die innergentale Gerichtsbarkeit innerhalb des nomadischen Rechts«
anspricht 18•
3. Fluch und Recht. Alt hatte, wie bereits betont, auch die Fluchreihe Dtn 27,15-26
zum apodiktischen Recht gezählt und im Blick auf die in Dtn 27 vorausgesetzte kulti-
sche Situation wie unter Berufung auf Dtn 3 1, 10 ff. die Existenz eines alle sieben] ahre
anläßlich des Laubhüttenfestes in Sichern begangenen Bundeserneuerungsfestes po-
stuliert. Die Feier wäre mit der Verlesung apodiktischer Reihen wie etwa der Fluch-
reihe Dtn 2 7, 15 ff. oder des Dekaloges Ex 20,2-17 verbunden gewesen. Soviel Zustim-
mung diese Hypothese in den zurückliegenden Jahrzehnten gefunden hat, so sehr ist
ihr auch widersprochen worden. - Wir zerlegen die hier angesprochenen Probleme
am besten in drei Fragenkreise: 1. die Frage, ob man die Fluchreihe und entsprechend
den liturgischen Einzelfluch zu den Rechtsformen zählen darf; 2. die Frage nach Alter
und Vorgeschichte des Dekalogs und 3. die Frage nach den Beziehungen zwischen
Bund und Recht bzw. Kult und Recht.
Die israelitische Fluchformel ist nach Schottroff eine ursprünglich auf dem Boden
des nomadischen Clans erwachsene Redeform, welche »der feierlichen Lossage von
einem gemeinschaftsfeindlichen und gemeinschaftsschädigenden Einzelnen« diente,
die eben deshalb vermutlich primär als Ausschlußformel von dem Haupt der Familie
oder der Sippe verwendet wurde, vgl. Gn 9,2 5; J os 9,2 3. Man kann sie also mit Wag-
ner der innergentalen Gerichtsbarkeit zuordnen. Weiterhin diente der Fluch dem
Im Blick auf die Fluchreihe Dtn 27,15 ff. ist deutlich, daß sie auf Rechtssätze zurückgeht. In ih-
rem jetzigen Kontext schließt sie die paradigmatische Rechtsbelehrung des Deuteronomiums ab.
Die Flüche haben zusammen mit der Bekräftigung durch die Gemeinde die Absicht, die Bundes-
partner auf die Einhaltung der Vertragsbestimmungen zu verpflichten".
4- Zum Dekalog Ex 20,2-q par. Dtn 5,6-21. Von den hier behandelten Problemen
dürfte die Frage nach Alter und Ursprung des Dekalogs nach wie vor besonders inter-
[Link] der Dekalogforschung sind heute: 1. die Frage nach seiner
Zugehörigkeit zu einer der Pentateuchschichten; 2. das Problem der Rekonstruktion
seiner Urform; 3. die Frage nach der Ursprünglichkeit seiner Komposition und 4.
nach seinem Sitz im Leben. - Die 1. Frage läßt sich am schnellsten mit einem Zitat von
Lothar Perlitt beantworten: »(Ex) 20,2-17 schließt nicht an 19,19 an, denn da antwor-
tet Gott nicht mit Geboten, sondern mit dem Donner. 20,2-17 schließt auch nicht an
19,2 5 an, denn da ist Mose schon wieder bei den Seinen. 20, 18ff. hat andere Interessen
und läßt mit keiner Silbe erkennen, daß Jahwe (so 20,22ff. gegenüber Elohim in
20, 19ff.) eben ein Letztgültiges proklamiert hat 23«. Mithin ist der Dekalog erst nach-
träglich in die Sinaiperikope eingeführt worden. Seine Zuweisung zu Ein einem Teil
der Literatur beruht auf der petitio principii, daß J wie E eine sinaitische Bundes-
schlußurkunde enthalten haben, wobei man dann diesen sog. ethischen Dekalog E
und den sog. kultischen in Ex 34,1off. J zuweist.
Daß der Dekalog ebenfalls erst im Zuge einer deuteronomistischen Redaktion in Dtn 5 seinen
Platz erhalten hat, zeigt ein Blick auf seine der pluralischen Anrede verpflichtete Rahmung'4.
Auch die 2. und 3. Frage sind negativ zu entscheiden: Der Dekalog erweist sich formal als eine
sekundäre Einheit. Seine anfängliche Stilisierung als Gottesrede hält er nicht einmal in seinem
privilegrechtlichen Teil durch. Weiterhin läßt seine Verallgemeinerungstendenz beim 5. und
seine Verschiebung von der Tat zur Tatvorbereitung beim r o. Gebot ein fortgeschrittenes Über-
lieferungsstadium erkennen. Demgemäß erlaubt die Kurzreihe Ex 20, r 3- r 5 par. Dtn 5,r 7- r 9 le-
diglich d·enRückschluß darauf, daß bei der Komposition des Dekaloges auf älteres Material zu-
rückgegriffen worden ist. Dabei bezeugen Hos 4,2 und Ps 50,18 bestenfalls, daß die Kurzreihen
noch nicht erstarrt, sondern abwandelbar waren. Diesem Befund gemäß ist mit einer dem ganzen
Dekalog zugrunde liegenden Reihe von Kurzgeboten nicht zu rechnen' 5• Das Sabbatgebot hat in
Ex 20,rr erst nachträglich eine priesterliche, Gn 1-2 entsprechende Begründung erhalten. An-
[Link] ist der deuteronomische Formelschatz gerade der theologisch relevanten Aussagen un-
übersehbar'6.
Mithin liegt es auf der Hand, mit seiner Entstehung in der deuteronomischen
Schule zu rechnen. Daraus folgt im Blick auf die 4. Frage, daß der Dekalog weder als
mosaische Bundesurkunde angesehen werden 27 noch seinen Sitz im Leben in einem
vorexilischen Bundesfest besessen haben kann. Man wird in diesem Zusammenhang
auch bedenken müssen, daß das Privilegrecht Jahwes und das Prohibitivrecht primär
einen unterschiedlichen Sitz im Leben besaßen. Das eine gehörte in den Umkreis des
Heiligtums, das andere in die bürgerliche Rechtsgemeinde bzw. das Sippenethos.
Wann und unter welchen Bedingungen beide zusammengewachsen sind, ist eine
letztlich noch nicht gelöste Frage.
Das Recht galt bei den Alten niemals allein als eine Sache menschlichen Ermessens, weil die so-
ziale und sittliche Weltordnung als eine Stiftung Gottes oder der Götter angesehen wurde. Mit-
hin unterstand auch der Schutz des Rechtes der Gottheit. Daher läßt sich wohl verstehen, warum
das Recht »als eine Gabe der Götter und die gesetzgeberische Gewalt als göttlichen Ursprungs«
galten''. Wenn man in Israel und im Judentum so beharrlich an der Fiktion der mosaischen Ver-
mittlung des jeweils geltenden oder Geltung beanspruchenden Rechtes festhielt, so zeigt das, wie
man alle späteren Fortbildungen des Rechts als im Einklang mit einem vermeintlich in der Vor-
zeit Israels von Mose vermittelten Sinaibund stehend wissen wollte' 9 •
24. Vgl. dazu Perlitt, S. 77ff.; Hossfeld, S. 214ff., und unten, S. 126.
25. Vgl. dazu Perlitt, S. 83 ff., W. H. Schmidt, S. 214ff., und im Blick auf das Verhältnis zu
Hos 4,2 jetzt H ossfeld, S. 276 ff. Zu seinem im Rahmen deuteronomistischer Redaktionstätigkeit
bleibenden genetischen Gesamtverständnis des Dekalogs vgl. die Zusammenfassung S. 283f.
26. Vgl. dazu Perlitt, S. 83 ff. Zur vermutlich erst priesterlichen Einstellung des Dekaloges in
Ex 20 vgl. Hossfeld, S. 212f.
27. Vgl. dazu auch unten, Anm. 29.
28. Fahrer, Einleitung, S. 57.
29. Zur Mosetradition vgl. den Forschungsbericht bei H. Schmid: Mose. Überlieferung und
§ 6 Gattungen des israelitischen Rechts 75
5. Bund und Recht. Wenn wir uns abschließend der Frage nach der Beziehung zwi-
schen Bund und Recht sowie Kult und Recht zuwenden, rühren wir an eines der
schwersten Probleme der alttestamentlichen Wissenschaft in der Gegenwart. Ohne
den Anspruch zu erheben, hier auch nur die Problemstellung als solche vollständig
darzustellen, beschränken wir uns auf einige Hinweise und das Aufzeigen von Per-
spektiven. v. Rad hat in seinem Formgeschichtlichen Problem des Hexateuch darauf
aufmerksam gemacht, daß der Aufbau der Sinaiperikope des Buches Exodus und der
Aufbau des Deuteronomiums gemeinsam haben, daß hier jeweils auf eine Paränese
(Mahnrede) Gesetzesvortrag, Bundesverpflichtung und Bundesschluß bzw. Segen
und Fluch folgen3°. Die Arbeiten von Mendenhall, Beyerlin, Baltzer und McCarthy
haben nachzuweisen versucht, daß dieser Aufbau in den altorientalischen Staatsver-
trägen seine Entsprechung besitzt3 1 • Umstritten ist die Frage, in welchem Umfang
dieses Schema erst auf das Deuteronomium sowie möglicherweise deuteronomistisch
beeinflußte Redaktionen des Pentateuch zurückgeht oder schon den Aufbau der ur-
sprünglichen Sinaierzählungen von J und E bestimmte.
Perlitt hat recht, wenn er wie vor ihm schon Wellhausen feststellt, daß sich bei den
Propheten des 8. Jahrhunderts kein genuiner Beleg für ihre Bekanntschaft mit dem Si-
naibund nachweisen läßt, da Hos 8,1b deuteronomistischer Redaktion angehört. In
der Sinaiperikope Ex 19-24 und 32-34 scheint} jedoch nur von Theophanie und Op-
fer, E aber von Theophanie und Mahl berichtet zu haben 32. Dabei gehören weder Ex
19,3b-8; 20,1-17; 20,22-23,19(33) noch 24,7f. und 32-34 zum alten Quellenbestand.
Geschichte, BZAW 110, Berlin, 1968, S. l ff.; S. Herrmann: Geschichte Israels in alttestamentli-
cher Zeit, München 1980', S. 109ff., und zuletzt W. H. Schmidt: Exodus, Sinai und Mose, EdF
191, Darmstadt 1983.
30. BWANT IV, 26, Stuttgart 1938 = Gesammelte Studien, ThB 8, München 19714,S. 9ff.
31. G. E. Mendenhall: Recht und Bund in Israel und dem Alten Vorderen Orient (1954),
ThSt(B) 64, 1960; W. Beyerlin: Herkunft und Geschichte der ältesten Sinaitraditionen, Tübin-
gen 1961; K. Baltzer: Das Bundesformular, WMANT 4, Neukirchen 19642 ; vgl. den For-
schungsbericht von D.]. McCarthy: Der Gottesbund im Alten Testament, SBS 13, Stuttgart
1966. - Zur Kritik vgl. F. Nötscher: Bundesformular und »Amtsschimmel«, BZ NF 9, 1965, S.
l 81 ff.; E. Kutsch: Verheißung und Gesetz. Untersuchungen zum sogenannten ,Bunde<im Alten
Erst als in der Nachfolge der b•rit als feierlicher, den Vätern gegebener Landverhei-
ßung des Deuteronomikers beim Deuteronomisten bzw. in der deuteronomisch-deu-
teronomistischen Bewegung Gesetz und Bund identifiziert wurden, wäre es zu den
entsprechenden Erweiterungen der Sinaiperikope gekommen. Nach Perlitt bietet
auch Jos 24 keinen Anhaltspunkt für eine alte, sichemitische Bundestradition, son-
dern sei vielmehr primär als Aufforderung zu verstehen,Jahwe angesichts der assyri-
schen Gefahr im 7. Jahrhundert die Treue zu halten. Da sich schließlich weder in der
Sinaiperikope noch im Deuteronomium stichhaltige Anhaltspunkte für die Existenz
eines altisraelitischen Bundesformulars ergeben und Dtn 3 r,9ff. die Hypothese einer
Rechtsverkündigung im altisraelicischen Bundesfest nicht zu tragen vermag, ist es um
beide, die alttestamentliche Forschung in den letzten Jahrzehnten so sehr befruchten-
den Hypothesen schlecht bestellt. Daß sich daraus auch Konsequenzen für die z. B.
von M owinckel33und WeiserHin je eigentümlicher Weise vertretene Hypothese vom
Inhalt des vorexilischen Jerusalemer Herbstfestes erge_benund man Psalmen wie 50
und 8 r eher wieder für nachexilisch halten wird, sei an dieser Stelle ausdrücklich be-
tont.
Vorsicht dürfte auch gegen die Verwendung von Ps r 5 und 24 als Zeugen für eine
schon auf den vorexilischen Kult zurückgehende Verbindung des Privilegrechtes J ah-
wes mit sozialen Schutz- und Rechtsbestimmungen .an den Helligtümern angebracht
sein, da das Alter der sog. Einzugs- und Thoraliturgien nicht über jeden Zweifel erha-
ben ist35.
Es sei schließlich angemerkt, daß auch die erzählende Literatur, mit sorgfältig durchdachten
rechtsanalytischen Methoden ausgelegt, zur Erhebung von Rechtsvorstellungen beizutragen
vermag. Wesentliche Kriterien für eine derartige rechtsanalytische Auslegung erzählender Lite-
ratur hat Daube ausgearbeitet. Wenn sich 1. der Sinn des Erzählten erst im Zusammenhang mit
einer Klärung der rechtlichen Vorstellungen erschließt, 2. Termini und Wortfelder der Erzäh-
lung im rechtlich-sozialen Bereich verwurzelt sind und 3. die erhobenen Rechtsvorstellungen
durch altorientalische Rechtsbildungen als möglich ausgewiesen sind, darf man die Abhängig-
keit der Erzählung von Rechtsvorstellungen, Rechtsbrauchtum oder Rechtssätzen als sicher an-
nehmen36.
6. Segen. Obwohl nicht zu den eigentlichen Rechtsgattungen gehörend, sei hier auf
das Wesen des Segens eingegangen. Er hätte nach Schottroff auf dem Boden der noma-
dischen Gesellschaft zunächst die soziale Funktion besessen, an dem in der Gemein-
schaft des Clans beschlossenen Heil Anteil zu geben oder dieses Heil zu bestätigen.
Daher ist die Annahme vertretbar, daß er seinen ursprünglichen Sitz im Leben in der
Grußsituation bei Ankunft, vgl. Gn 14,19f.; 1 Sam 25,14; Ru 2,4 und Abschied, vgl.
Gn 24,60; 28,1; 2 Sam 13,25, besessen hatJ7.- Von hier aus erklärt sich ungezwungen
die Rolle des Segens im Kult, wie sie außer im aaronitischen Segen Num 6,22ff. und
im Deuteronomium, vgl. z.B. Dtn 28,1 ff., zumal in den Psalmen, vgl. z.B. Ps 24,5;
134,3, hervortritt. Im Kult spricht der Priester als Stellvertreter Jahwes denen, die ih-
rerseits die Gemeinschaft mit Gott aufrechterhalten, das in ihr beschlossene Heil zuJ8•
7. Rechts- und Wirtschaftsurkunden. Daß wir im Alten Testament nur Hinweisen auf
eigentliche Rechtsurkunden begegnen, hängt an der religiösen Eigenart des hier ver-
sammelten Schrifttums. Die Existenz besitzrechtlicher, handels- und außenpoliti-
scher Verträge, mit dem Terminus b'rit, »Verpflichtung«, bezeichnet, läßt sich aus
einschlägigen Erzählungen und Notizen in Gn 21,22ff.; 26,2off.; 31,43ff.; Jos 9;15
und 1 Kö 5,22ff., aber auch aus den Nachrichten über die zwischen den Reichen von
Israel und Juda und den Großmächten ihrer Zeit bestehenden Abhängigkeits- und
Schutzverhältnisse postulieren, vgl. etwa 2 Kö 15,19f.; 16,7ff.; 17,3f.; 18,13ff.;
23,11 f. 34f.; 24,1.17 und Hos 7,11. Der Wortlaut eines außenpolitischen Vertrages ist
uns aus der Hasmonäerzeit in Gestalt des zwischen Judas Makkabaeus und den Rö-
mern abgeschlossenen Freundschaftsvertrags 1 Macc 8,19ff. erhalten. Als Prozeß-
urkunde sei die Bittschrift auf dem Ostrakon von Yavneh-Yam aus dem späten 7.
Jahrhundert erwähnt (KAI 200; TUAT I/3, S. 249f.).
An Wirtschaftsurkunden nennt das Alte Testament ausdrücklich den Kaufvertrag,
den seper hammiqna, Jer 32,8ff., vgl. Gn 23,7ff.; Jes 8,1ff. -Registraturvermerke
über Naturalabgaben und andere Verwaltungsurkunden in Gestalt von Aufforderun-
gen zur Abgabe, zum Einzug und zur Verteilung von Geld und Naturalabgaben fin-
den sich in den Ostraka von Samaria und Arad (KAI 182ff.; TUAT I/3, S. 248f. u.
251 ff.). Fragmente von Kauf-, Leih-, Abtretungs-, Freilassungs-und Scheidungsver:..
trägen bzw. -urkunden aus der späten Perserzeit enthalten die Samaria-Papyri aus
dem Wadi Daliya beiJ ericho. Sie werden nach ihrer Veröffentlichung eine Rechtspro-
vinz erhellen, die bisher allein durch die verschiedenen in Ägypten gefundenen jü-
disch-aramäischen Urkunden beleuchtet wurdeJ9_
gen. Studien zu Num 6,22-27, Neukirchen 1976, und 0. Loretz: Altorientalischer Hintergrund
sowie inner- und nachbiblische Entwicklung des aaronitischen Segens, UF 10, 1978, S. 115ff.
39. Zu den altorientalischen Staatsverträgen vgl. McCarthy, Treaty and Covenant, S. 27-153;
TUAT 1/2, Gütersloh 1982; zu den Samaria Papyri vgl. F. M. Cross:The Discovery of the Sama-
Die Geschichtserzählungen Israels
Rückblick. Als gesichertes Ergebnis der Forschung dürfen wir den Nachweis der Ei-
genart und des ursprünglichen Sitzes im Leben des kasuistischen Rechtes betrachten.
Die drei von Alt als apodiktisch angesprochenen Formen, die Prohibitive, die Todes-
sätze und die Rechtsflüche, sind dagegen als je eigenständige Gattungen erkannt. Daß
es sich bei ihnen um genuin israelitische Formen handelt, kann man nicht sagen. Die
Frage nach Form und Inhalt ist in dieser Beziehung gesondert zu stellen. Dabei ist
weiter zwischen Sätzen mit rechtlicher und solchen mit pädagogischer Bedeutung zu
unterscheiden. Die funktionale Zuordnung ist höher zu bewerten als die formale Dif-
ferenzierung, wie sie sich in der von Alt vorgeschlagenen Terminologie durchgesetzt
hat4°. Über das Verhältnis zwischen Bund und Recht, Kult und Recht sind die ab-
schließenden Urteile noch nicht gefällt. Das Ziel einer zusammenhängenden Rechts-
geschichte Israels ist von der Forschung ebenfalls noch nicht erreicht.
Ein letzter Satz sei im Blick auf die theologische Bedeutung des Rechtes im Alten
Testament angefügt, da das Problem in der christlichen Theologie in Gestalt der Frage
nach dem Verhältnis von Gesetz und Evangelium wiederkehrt: »Der Gehorsam ...
schafft nicht die Gemeinschaft mit Gott ... , sondern wird als Antwort des der Gottes-
gemeinschaft gewürdigten ,erwählten, Volkes erwartet41 «. Mit anderen Worten: Am
Anfang steht stets die Gabe Gottes. Aber als Gabe Gottes birgt sie für den Menschen
stets eine Aufgabe.
A. Olrik: Epische Gesetze der Volksdichtung, ZDA 51, 1909, S. 1ff.; A. Alt: Der Gott der Väter,
BWANT III, 12, Stuttgart 1929 = Kl. Schriften I, S. 1ff. = Grundfragen der Geschichte Israels,
München 1970, S. 21ff.; G. v. Rad: Das formgeschichtliche Problem des Hexateuch, BWANT
IV, 26, Stuttgart 1938 = Gesammelte Studien zum Alten Testament, ThB 8, München 19714,S.
9ff.; M. Noth: Überlieferungsgeschichte des Pentateuch, Stuttgart 1948, 19663 ;A. Weiser: Ein-
leitung, Göttingen 1949 S. 66 ff. = 19666, S. 79 ff.; A. Jepsen: Zur Überlieferungsgeschichte der
2
,
Vätergestalten, WZ (Leipzig) 3, 1953/54, Festschrift A. Alt, S. 139ff. = Der Herr ist Gott, Ber-
lin/DDR 1978, S. 46ff.; C. Westermann: Arten der Erzählung in der Genesis, in: Forschung am
Alten Testament, ThB 24, München 1964, S. 9ff. = Die Verheißungen an die Väter, FRLANT
ria Papyri, BA 26, 1963, S. 11o ff.; zu den jüdischen Rechtsurkunden aus Ägypten vgl. Y. Muffs:
Studies in the Aramaic Legal Papyri from Elephantine, Studia et documenta ad iura orientis anti-
qui pertinentia 8, Leiden 1969 (1973).
40. Vgl. dazu auch Wagner, a.a.O., S. 69.
41. E. Würthwein: Der Sinn des Gesetzes im Alten Testament, ZThK 55, 1958, S. 266ff. =
Wort und Existenz, Göttingen 1970, S. 5of.; vgl. auchA. H.J. Gunneweg: Vom Verstehen des
Alten Testaments, ATD.E 5, Göttingen 1977, S. 8 5ff. und besonders S. uoff. -Zur grundsätzli-
chen Bedeutung des Gesetzes in den Religionen vgl. C. H; Ratschow in: Ethik der Religionen,
hg. ders., Stuttgart 1980, S. 49ff., und]. D. M. Derrett, ebenda, S. 437ff.
§ 7 Bedeutung der münd!. Überlieferung für die Pentateuch-Entstehung 79
u6, Göttingen 1976, S. 9ff.; ders.: Genesis I, 2, Neukirchen 1981, § 2-4; S. Herrmann: Die pro-
phetischen Heilserwartungen im AltenTestament, BWANT V, 5, Stuttgart 1965, S. 64 ff.; H. -].
Zobel: Stammesspruch und Geschichte, BZAW 95, Berlin 1965; H. Seebaß: Der Erzvaterlsrael,
BZA W 98, Berlin 1966; H. Weidmann: Die Patriarchen und ihre Religion im Licht der For-
schung seitJulius Wellhausen, FRLANT 94, Göttingen 1968;Hannelis Schulte: Die Entstehung
der Geschichtsschreibung im Alten Israel, BZAW 128, Berlin 1972;]. Scharbert: Patriarchentra-
dition und Patriarchenreligion, VuF 19,1974, S. 2ff.; Th. L. Thompson: The Historicity of the
Patriarchal Narratives, BZAW 133, Berlin und New York 1974;]. van Seters: Abraham in Hi-
story and Tradition, New Haven und London 1975; R. Rendtorff: Das überlieferungsgeschicht-
liche Problem des Pentateuch, BZAW 147, Berlin und New York 1976; W. McKane: Studies in
the Patriarchal Narratives, Edinburgh 1979.
Merneptah aus dem späten 1 3. Jahrhundert abJ, allein auf die Erzählungen des Hepta-
teuchs angewiesen sind, ist seine überlieferungsgeschichtliche Erschließung eine im
Interesse der ganzen alttestamentlichen Wissenschaft liegende Aufgabe, weil davon
nicht allein ein Bild der Ursprünge und der Volkwerdung Israels in seiner verstaatli-
chen Epoche, sondern auch Auskünfte über die Herkunft der Jahwereligion zu er-
warten sind.
Zur Lösung dieser Aufgabe bedarf es methodisch eines sorgfältig gehandhabten
Zusammenspiels der Formgeschichte, Literar- und Sachkritik mit den überliefe-
rungsgeschichtlichen Überlegungen. Grundlegende Fehlentscheidungen wie ein-
zelne Irrtümer auf dem Gebiet der Literarkritik, Vernachlässigung formgeschichtli-
cher Gesichtspunkte bei Gattungsanalysen, mangelhafte Aufbauanalysen und -ver-
gleiche wie eine unkontrollierte, auf einer Addition oder gar Potenzierung beruhende
überlieferungsgeschichtliche Hypothesenbildung drohen jeweils ·den ganzen oder
wesentliche Teile des Rekonstruktionsganges zu verderben. Dabei darf man die
grundsätzliche, sich· aus der Annahme einer sekundären Verschriftung einer primär
mündlichen Überlieferung ergebende Schwierigkeit, zwischen Tradition und Inter-
pretation zu unterscheiden, nicht aus dem Gesichtsfeld verlieren 3•.
2. Die Bildung der Themen, dargestellt an der Vätergeschichte. An den Anfang aller
Ausführungen über die Vätergeschichte darf man heute Westermanns Feststellung
setzen, daß an ihrem Anfang die Einzelerzählung steht und sie als Ganzes weder hi-
storisch oder biographisch, sondern als das Ergebnis eines Wachstumsprozesses von
der Einzelerzählung zu diesem Ganzen zu verstehen ist4. -Als Einsatzpunkt für die
überlieferungsgeschichtliche Rekonstruktion empfehlen sich die sog. Haftpunkte der
Sagen. Da gemäß den Erkenntnissen der Sagenforschung damit zu rechnen ist, daß
verschiedene Zentralorte auf verschiedene Haftpunkte der Überlieferung und unter-
schiedliche Zentralfiguren auf unterschiedliche Tradentengruppen verweisen, dürfen
wir unterstellen, daß die Auszugsgeschichte mit Mose und die Landnahmegeschichte
mitJosua als Zentralfiguren ursprünglich voneinander unabhängige Sagenbildungen
darstellten und auch unterschiedlichen Überlieferungskreisen angehörten, die erst se-
kundär zusammengewachsen sind. Das gleiche gilt dann noch einmal für die Ur- und
die Vätergeschichte mit ihrer Mehrzahl von Zentralfiguren. Grenzen wir die Unter-
suchung jetzt paradigmatisch auf die Vätergeschichte ein, ist a priori damit zu rech-
nen, daß die sie tragende Genealogie Abraham-Isaak-Jakob/Israel samt allen sie ver-
mittelnden oder voraussetzenden Erzählungen überlieferungsgeschichtlich jung ist.
Es bleibt dabei allerdings zu prüfen, ob ältere Vater-Sohn-Geschichten verarbeitet
oder die Filiation ein rein fiktives Gebilde des Spätstadiums der mündlichen Überlie-
ferung oder gar erst späterer Schriftstellerei darstellt.
5. Vgl. dazu einerseits M. Noth, HAT I, 7, Tübingen 19532 , S. ror, und andererseitsK. Eili-
ger, BHHW I, Sp. 231.
Die Geschichtserzählungen Israels
nenden Rede von dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und den in nabatäischen
und palmyrenischen Texten aus dem I. vor- bis 3. nachchristlichen Jahrhundert auf-
tauchenden Vätergöttern aufmerksam, vgl. z. B. Gn 26,24; 28,r 3; 31,5 3; 46,1; 49,25
und Ex 3,6.r5. Er zog daraus den Schluß, daß es einmal einen GottAbrahams,Pachad
Isaaks und Starken Jakobs gegeben habe, Götter, die ihren Namen jeweils nach dem
Offenbarungsempfänger erhalten hätten. Diese Götter hätten den Vätern bzw. den
Gruppen, in denen das Andenken der Väter in Sonderheit gepflegt wurde, Nachkom-
menschaft und Landbesitz verheißen.
Die Erzväter wären demnach Off enbarungsempfänger und Kultstifter in der noch
vor dem Eindringen in das Kulturland liegenden Wanderzeit gewesen, da sich der Ty-
pus ihrer Vätergötter nicht in das Bild der kanaanäischen Religion zu fügen schien
und die erhaltenen Erzählungen sämtlich erst aus sehr viel späterer Zeit und dazu aus
dem Kulturland stammen. Diese Entwicklung dachte sich Alt wie folgt: Als die als
Tradenten der alten Väterüberlieferung anzusprechenden Sippengemeinschaften in
das Kulturland kamen, verloren die alten Sagen ihre Aktualität und wurden durch
neue, dem Kulturland angehörende Sagen ersetzt. Im Zuge der Identifikation der Vä-
tergötter mit den lokalen Elgottheiten der kanaanäischen Ortsheiligtümer wie dem El
Roi von Beer Lachaj Roi, Gen r6,r3 f., dem El Olam von Beerseba, Gn 21,33, demEl
Bethel von Bethel, Gn 3 5,7 und dem El Berit von Sichern, Ri 9,46, durch die Traden-
tengruppen hätten sie dann auch die Kultsagen dieser Heiligtümer übernommen. In
dieser Rekonstruktion liegt bereits beschlossen, daß die Überlieferungsträger der Vä-
tergestalten ohne Zwischenaufenthalt in Ägypten zu ihren neuen Wohnsitzen im
Kulturland gekommen sind. Oder anders ausgedrückt: Die gesamtisraelitische Land-
nahme erweist sich ebenso als eine überlieferungsgeschichtliche Fiktion wie der ge-
samtisraelitische Aufenthalt in Ägypten 6 • Diese Darstellung der späteren Geschichts-
erzählungen sei vielmehr als Ergebnis der gesamtisraelitischen Interpretation der ur-
sprünglich selbständigen Themen anzusehen. So habe denn die Verbindung der Väter-
mit der Auszugsgeschichte tiefgreifende Umdeutungen nötig gemacht: Aus der end-
gültigen Landnahme der Väter wurde nun ein vorläufiges Intermezzo. Und da sich die
Landbesitzverheißungen, die Alt übrigens erst in die Weiterbildung der Väterüberlie-
ferung im Kulturland ortete, mit der ganzen weiteren, auf die fiktive gesamtisraeliti-
sche Landnahme hinauslaufenden Erzählung stießen, mußten sie nun auch auf diese
umgedeutet werden.
6. Vgl. dazu die für die weitere historische und überlieferungsgeschichtliche Forschung
grundlegenden Aufsätze von A. Alt: Die Landnahme der Israeliten in Palästina ( 192 5), Kl.
Schriften I, S. 89ff. = Grundfragen, S. 99ff.; Josua (1936), Kl. Schriften I, S. 176ff. = Grundfra-
gen, S. 1 86 ff.; Erwägungen über die Landnahme der Israeliten in Palästina, Kl. Schriften I, S.
126 ff. = Grundfragen, S. 136 ff.; zur Auseinandersetzung mit der Kritik an Alt vgl. M. Weippert:
Die Landnahme der israelitischen Stämme in der. neueren wissenschaftlichen Diskussion,
FRLANT 92, Göttingen 1967, und zur ersten Information die Darstellungen zur Geschichte Is-
raels von S. Herrmann, München 19802, S. u6ff.;A. H.j. Gunneweg, ThWi 2, Stuttgart 19824,
S. 34ff., oder M. Metzger, Neukirchen 19836, S. 37ff.
§ 7 Bedeutung der münd!. Überlieferung für die Pentateuch-Entstehung 83
4. Die gesamtisraelitische Traditionsbildung und das Problem der Ursprünge der Jah-
wereligion. Die eben erwähnte gesamtisraelitische Interpretation der Vätergeschich-
ten setzt offenbar ein drittes und letztes Stadium in der Geschichte dieser Religion
voraus, das ihrer Identifikation mit Jahwe, dem Gott Israels. Hält man Israel mit See-
baß für den von den Ephraimiten verehrten Stammvater, ergeben sich keine weiteren
Probleme: Seine gesamtisraelitisch-eponyme Bedeutung zeigte dann hinreichend,
daß die Identifikation der Vätergötter mit Jahwe beim El,"Gott Israels einsetzte. An-
dernfalls könnte sich die Entwicklung diffiziler darstellen, ohne daß sich am Ender-
gebnis Wesentliches ändert, weil die Tatsache, daß der genealogisch jüngste unter den
drei Erzvätern zum Heros eponymos des Stämmeverbandes uminterpretiert wird,
wiederum zu dem gleichen Schlusse nötigt. Damit wird zugleich deutlich, daß, wenn
nicht die Identifikation der Vätergötter mit Jahwe, so doch auf alle Fälle der Anschluß
ihrer Tradentengruppen an die Stämmegemeinschaft Israel gegenläufig zu der vorlie-
genden genealogischen Folge zu denken ist. Und das bedeutet zugleich, daß die ganze
Genealogie sich nicht von ihrem Anfangs-, sondern von ihrem Endpunkt her entwik-
kelt hat. Der Zusammenschluß der Vätersagen kann mithin überhaupt nicht vor die-
sem Zeitpunkt erfolgt sein7.- Den Quellpunkt des J ahweglaubens möchte man dank
seiner Verbindung mit den Midianitern weit im Südosten des Kulturlandes suchen,
vgl. Ex 2,r5ff.; 3,rf.; r8 8 • Mithin liegt es nahe, auch die Gottesberg'-Sinai-Tradition
als ursprünglich jahwistisch anzusehen und sie aus geographischen Erwägungen mit
den Südstämmen zu [Link] nachdem, ob man sich die Träger der Auszugstradi-
tion vor ihrem Einzug, nach ihrem Auszug oder erst im mittelpalästinischen Kultur-
land mit dem J ahweglauben in Berührung gekommen vorstellt, verändert sich das
überlieferungsgeschichtliche Bild9 • Da die Behandlung dieser Probleme den vorlie-
genden Rahmen sprengen würde, reicht es aus, wenn wir als Ergebnis festhalten, daß
die gesamtisraelitische Traditionsbildung wahrscheinlich in Mittelpalästina erfolgt ist.
Als weiterer Zeuge für diese Hypothese läßt sich anführen, daß die josephsgeschichte
offensichtlich ein überlieferungsgeschichtlicher Spätling und zu dem Zweck kompo-
niert ist, die Lücke zwischen der Väter- und der Auszugsgeschichte zu überbrücken.
7. Zum Problem des Vätergottes vgl. die Forschungsberichte von 0. Kaiser in: Theologie und
Religionswissenschaft, hg. U. Mann, Darmstadt 1973, S. 245ff., und]. Scharbert: Patriarchen-
tradition und Patriarchenreligion, VuF 19,2, 1974, S. 2ff., und die zusammenfassende Darstel-
lung bei W. H. Schmidt: Alttestamentlicher Glaube in seiner Geschichte, Neukirchen 19824,S.
r7ff.
8. Vgl. dazuKaiser, a.a.O., S. 254ff., und W. H. Schmidt, a.a.O., S. 59ff., ders.: Exodus, Si-
nai und Mose, EdF r9r, Darmstadt 1983, S. r raff. Zum Gottesnamen vgl. außerdem G. H. Par-
ke-Taylor: Yahweh. The Devine Name in the Bible, Waterloo, Ontario 1975 (Lit.!); M. Saeb0:
Offenbarung oder Verhüllung? Bemerkungen zum Charakter des Gottesnamens in Ex 3, r 3-r 5,
in: Die Botschaft und die Boten. Festschrift H. W. Wolff, Neukirchen r98r, S. 43ff., undH.-P.
Müller: Der Jahwename und seine Deutung Ex 3,14 im Licht der Textpublikationen aus Ebla,
Bib 62, r98r, S. 305ff.
9. Vgl. dazu Kaiser, ebenda, und W. H. Schmidt, EdF r9r, S. r22ff.
Die Geschichtserzählungen Israels
Gn 37,12.17 gibt jedoch zu erkennen, daß sie ursprünglich bei Sichem spielte und also
dort entstanden sein dürfte. Es ist verständlich, daß N oth in all diesen Beobachtungen
und Überlegungen eine Bestätigung für die von ihm vorgenommene Erneuerung der
Hypothese von der Organisation des vorstaatlichen Israel als einer primär um das
Zentralheiligtum von Sichern vereinigte Amphiktyonie der zwölf Stämme erblickte' 0 •
5. Der Sitz im Leben der gesamtisraelitischen Traditionsbildung. Wenn man den Zu-
sammenschluß der zunächst getrennt überlieferten Pentateuchthemen in der hier
skizzierten Weise in das Stadium der mündlichen Überlieferungsbildung zurückver-
legte, wie es seit Alts Gott der Väter zur Diskussion stand, mußte sich weiterhin die
Frage stellen, ob dieser Verschmelzungs- und lnterpretationsprozeß im Bereich der
Sagenüberlieferung im Umkreis des Heiligtums oder direkt im Kult des Stämmever-
bandes zu suchen ist. Kurz: die Forschung stand vor der Frage nach seinem Sitz im
Leben.
Den wohl einflußreichsten, drei} ahrzehnte beherrschenden Versuch, das damit ge-
stellte Problem zu lösen, hat Gerhard von Rad 1938 in Gestalt seiner Abhandlung
Das formgeschichtliche Problem des Hexateuch vorgelegt. In ihr wählte er das soge-
nannte kleine geschichtliche Credo von Dtn 26,5-9 als Ausgangspunkt, das er trotz
seiner partiell deuteronomistischen Terminologie nach Form und Inhalt für wesent-
lich älter als seinen Kontext ansah Mit diesem Credo sollte sich der Israelit, dessen
II.
Vater als wandernder Aramäer nach Ägypten gekommen war, anläßlich der Abliefe-
rung der Erstlinge seiner Feldfrüchte dankbar zu dem Gott bekennen, der Israel aus
Ägypten geführt und in sein jetziges Land gebracht hat. Auffallend an diesem Be-
kenntnis ist, daß es von der Väter- bis zur Landnahmezeit reicht, aber die Sinaiereig-
nisse übergeht. Aus dem Vergleich mit Texten wie Dtn 6,20-24 undJos 24,2-13 zog
von Rad den Schluß, daß es schon früh eine kanonische Form der Heilsgeschichte
ebendieses Typs gegeben haben muß: »Die feierliche Rezitation der Hauptdaten der
Heilsgeschichte, sei es als direktes Credo oder als paränetische Rede an die Gemeinde,
muß einen festen Bestandteil des altisraelitischen Kultus gebildet haben 12 «. Der
Rückschluß auf einen kultischen Sitz im Leben schien sich angesichts der sowohl Dtn
26 wie J os 24 vorausgesetzten Situation zu ergeben. Die Annahme eines heilsge-
schichtlichen Schemas, in dem die Sinaiüberlieferung fehlte, fand von Rad in der von
ihm vorausgesetzten Tatsache bestätigt, daß die Kadeschüberlieferung Ex X7 und
N um 10-14 durch den Sinaisagenkranz unterbrochen wird. In diesem dominieren die
Erzählungen von Bund und Theophanie. Daß es sich bei beiden um kultische Ereig-
nisse handelt, liegt auf der Hand. Also blieb die Aufgabe, den kultischen Sitz im Le-
ben zum einen für das heilsgeschichtliche Gut, zum anderen für die Sinaiüberliefe-
ro. Vgl. dazu M. Noth: Das System der zwölf Stämmelsraels, BWANT IV, 1, Stuttgart 1930
= Darmstadt 1980, und zur Kritik oben, S. 3 r, und unten, S. 86 Anm. 2r.
II. BWANT IV, 26, s. 3f. = ThB 8, S. I2.
12. A.a.O., S. 6 = S. 15.
§ 7 Bedeutung der münd!. Überlieferung für die Pentateuch-Entstehung 85
rung zu bestimmen. Unter Rückgriff auf die Altsche Hypothese vom Sitz im Leben
des Dekalogs in einem Bundeserneuerungsfest in Sichern und einem nach seiner An-
nahme sowohl der Sinaiperikope wie dem Deuteronomium gemeinsam zugrunde lie-
genden Schema kultischer Herkunft 1 J zog von Rad den Schluß, daß es sich bei der Si-
naiüberlieferung umden Inhalt des alten sichemitischen Bundesfestes handelt 14• Dabei
hatte er Texte wie Ps 50; 81 und J os 24 mit im Blickfeld. - Da die Landnahmetradition
im Buche J osua auf das Heiligtum von Gilgal als Haftpunkt verweist 1 5 und die Ablie-
ferung der Erstlinge am Wochenfest erfolgte, vgl. Ex 34,22; Lev 23,15f.; Dtn 16,9f.,
erschloß von Rad als Sitz im Leben für die heilsgeschichtliche Überlieferung das Wo-
chenfest in Gilgal. Die eigentliche Literaturwerdung und Vereinigung der Sinai- und
der heilsgeschichtlichen Tradition schrieb er dem J ahwisten zu. Dieser hätte »die sich
vom Kultus lösenden Stoffe aufgefangen und in der strengen Klammer seiner literari-
schen Komposition gehalten« 16• Außerdem hätte der J ahwist-und damit hat von Rad
wohl ein richtiges Gespür für den relativ jungen Charakter dieser Komposition be-
wiesen - der heilsgeschichtlichen Tradition die Urgeschichte vorgeordnet. - Die Ge-
schlossenheit der Radsehen Rekonstruktion des Überlieferungsprozesses hat ihren
Eindruck nicht verfehlt, ist aber seit Ende der vierziger Jahre zunehmend der Kritik
unterworfen worden, ohne daß sich bis zum Tage eine einhellige Meinung gebildet
hat.
fülle die Rede vom »Gott meines Vaters« innerhalb der familiären Gemeinschafts-
form die gleiche Funktion wie die vom »Gott Israels« im Rahmen der völkischen Ge-
meinschaft. Aus den Erzählungen der Genesis schließt er dann auf eine monolatrische
Religion, für deren Gott die Verheißungen typisch gewesen wären. Dabei sieht er in
der Nachkommenverheißung freilich eine sekundäre Ausweitung des in den Ge-
schichten verankerten Motivs der Sohnesverheißung 18• - Zu noch größerer Vorsicht
im Umgang mit den Verheißungstexten mahnt dagegen Rolf Rendtorff Ihm erweisen
sich die Verheißungstexte der Vätergeschichten einerseits als literarisch komplex und
andererseits als ein redaktionelles Mittel zu ihrer theologischen Deutung'9.
Um zu zeigen, wie breit das Spektrum der Diskussion ist, sei auch auf den Versuch von Oswald
Loretz hingewiesen. Er sucht, von dem ugaritischen il. ib als dem vergöttlichten Ahnen ausge-
hend, hinter dem Vätergott der Patriarchenerzählungen den einst vergöttlichten Ahnvater, wo-
bei die Vätergeschichten als solche erst Folge eines Verbots des Ahnenkultes seien. Dabei bleibt
ihm die Historizität der Ahnengestalten gewahrt, ohne daß ihre Existenz von der Richtigkeit der
Vorstellung von einer Landnahme der Israeliten in Kanaan abhängt2°.
Dem umsichgreifenden Gefühl, daß sich die Forschung allzusehr ins Hypothetische
verloren hat, entspricht es, daß in den zurückliegenden Jahren Zweifel an der Richtig-
keit einer ganzen Reihe bis dahin für grundlegend angesehener Hypothesen angemel-
det wurden. Sie wandten sich gegen Noths Amphiktyoniehypothese und faßten dabei
sowohl die Zahl der zwölf Stämme als auch die unterstellte Verfassungs- oder Organi-
sationsform ins Auge 21 • Sie meinten bei erneuter literarkritischer Nachprüfung an ex-
emplarisch ausgewählten Texten nachweisen zu können, daß Noths Annahme der
hinter J wie E stehenden Grundlage G sachlich unbegründet und die speziell auf die-
ser Voraussetzung aufgebauten Konstruktionen falsch sind. Das Verhältnis zwischen
J und E wird nun teilweise wieder wie früher im Sinne literarischer Abhängigkeit der
jüngeren von der älteren Quelle oder Bearbeitungsschicht erklärt. Hannelis Schulte
und Hans-Christoph Schmitt sind bei unterschiedlichem Verständnis von E als Quelle
bzw. Redaktion an der J osephsgeschichte,] ohn van Seters und Peter Weimar bei um-
gekehrter Divergenz im Ansatz und selbst im Blick auf die Richtung der zwischen den
drei Erzählungen von der Gefährdung der Ahnfrau Gn r 2,20 ff.; 20 und 26, r ff. beste-
henden Abhängigkeit und van Seters unter weitergehender Einbeziehung der ganzen
Abraham- und der Isaakerzählungen zu dem gleichen Ergebnis gelangt, daß E in
18. Vgl. BK I, 2, S. II6ff., und ThB 24, S. 18ff. = FRLANT II6, S. 18ff., samt den S. 15off.
mitgeteilten einschlägigen Beobachtungen in den ugaritischen Texten.
19. A. a. 0., S. 37ff. - Zur Sache vgl. aber auch]. A. Emerton: The Origin of the Promises to
the Patriarchs in the Older Sources of theBook of Genesis, VT 32, 1982,S. 14ff., undH. Seebaß:
Die Verheißungen in den Väter-Erzählungen, Bib 64, 1983, S. 189ff.
20. Vgl. 0. Loretz: Vom kanaanäischen Totenkult zur jüdischen Patriarchen- und Elternver-
ehrung, Jahrbuch für Anthropologie und Religionsgeschichte, hg. A. Rupp, 3, Saarbrücken
1978, S. 149ff. Vgl. dazu auch oben, S. 29f.
21. Vgl. dazu den Forschungsbericht bei 0. Bächli: Amphiktyonie im Alten Testament,
ThZ.S6, Basel 1977, S. 7off.
§ 7 Bedeutung der münd!. Überlieferung für die Pentateuch-Entstehung 87
Kenntnis von J erzählt hat. Hannelis Schufte bestritt in der Konsequenz, daß es im
Stadium mündlicher Überlieferung bereits einen gesamtisraelitischen Geschichtsent-
wurf gegeben habe. Für sie bestehen keine Zweifel, daß die erste Zusammen[ assung
der Einzelsagen und Sagenkränze auf den]ahwisten zurückgeht und er lediglich ge-
prägte bereits gesamtisraelitisch entworfene Teilerzählungen im Bereich der Mose-
und Auszugsgeschichte vorfand. Da der Auszugs- und Wüstentradition jeder stam-
mesgeschichtliche Bezug fehlt, nimmt sie beide Themen aus dem Bereich der ur-
sprünglichen Volkserzählungen heraus 22 • ]. van Seters untersuchte die Abrahamer-
zählungen und ihre Parallelen in den Isaakgeschichten erneut und hielt sich dabei
streng an die von Olrik ermittelten Gesetze der mündlichen Volksdichtung. Außer-
dem führte er sorgfältige strukturale Vergleiche der Parallelerzählungen durch. Auf
diese Weise kam er zu der Einsicht, daß es sich bei den jüngeren Erzählungen um lite-
rarische, von den älteren abhängige J}ildungen handelt. Damit war nicht allein die Hy-
pothese von der Grundlage G erschüttert, sondern zugleich die ganze darauf aufbau-
ende Folgerung von der Abhängigkeit eines Teils der Abrahamtradition von der .
Isaaktradition in ihr Gegenteil verkehrt. Auch für ihn ergab sich die Annahme, erst
der J ahwist habe die ihm vorliegenden, freilich bereits schriftlich fixierten Grunder-
zählungen zu der umgreifenden Gesamtgeschichte ausgestaltet. Aber dieser Jahwist
gehörte nach seiner Meinung erst in das 6. Jahrhundert. Die Urkundenhypothese
wird bei ihm zugunsten der Redaktionshypothese preisgegeben. Wenn man seine Po-
sition möglichst prägnant von der Martin Noths absetzen will, muß man sagen, daß
der Pentateuch jedenfalls in der von ihm untersuchten Abrahamgeschichte zum größ-
ten Teil ein literarisches Produkt und zum kleinsten Erbteil mündlicher Überliefe-
rung [Link] dieser Voraussetzung aus bestreitet er die Möglichkeit, aus den Erzäh-
lungen des Pentateuch unmittelbare Rückschlüsse auf vor- und frühgeschichtliche
Verhältnisse zu ziehen. Man habe vielmehr primär mit historisierenden Ätiologien
für damals relevante kultische und außerkultische Sachverhältnisse zu rechnen 2 4.
Demgemäß erkennt er in der Verwendung von El und den mit El kombinierten Got-
tesepitheta unbeschadet ihrer zu unterstellenden kanaanäischen Herkunft einen Aus-
druck der mit der Exilszeit einsetzenden universalistischen und monotheistischen
22. Vgl. dazu a. a. 0., S. 73f. sowie S. 63 ff. und S. 206. Ihre Beurteilung der geprägten Vorla-
gen als mündlichem Überlieferungsgut widerspricht den in der Feldforschung gewonnenen Ein-
sichten. Vgl. dazu]. Vansina: Oral Tradition, London r965, S. r54ff. MithinistP. Weimarin:P.
Weimar und E. Zenger: Exodus, SBS 75, r975, S. 22ff., jedenfalls auf der richtigen Spur, wenn er
nach der m. E. tatsächlich vorhandenen schriftlichen Vorlage sucht, die in Jverarbeitet :vorliegt.
Zur Kritik an der G- Hypothese einschließlich ihrer von G. Fahrer, Einleitung, S. r 3 8 ff., ausge-
bauten Form vgl. auch R. Smend, Entstehung2, S. 89, und unten, S. ro3. ··
23. Vgl. dazu a.a.O., S. r25ff., S. r9r und die Zusammenfassung S. 309ff., aber auch unten,
s. 88.
24. Vgl. dazu]. v. Seters: In Search of History. Historiography in the Ancient World and the
Origins of Biblical History, New Haven und London r983, S. 209 ff. Leider konnte das Werk in
der Darstellung und Auseinandersetzung nicht mehr berücksichtigt werden.
88 Die Geschichtserzählungen Israels
Tendenzen, dem sich auch der Sprachgebrauch der Genesis einfüge. Als Vermittlerin
der Gottesepitheta fungiert bei ihm nicht mehr die mündliche, die Vätergestalten tra-
dierende Überlieferung der Vätererzählungen, sondern die innerisraelitische, sie be-
reitstellende liturgische Tradition 2 5. Zieht man die Ergebnisse der Untersuchungen
von Thomas L. Thompson über den historischen Gehalt der Patriarchenerzählung
zum Vergleich heran, stützen sie die von van Seters gewonnenen ab, obwohl sie unter
den traditionellen literarkritischen Voraussetzungen der Urkundenhypothese ge-
wonnen sind: Nach seiner Ansicht findet sich in den Vätererzählungen kein Zug, der
nicht aus der Eisenzeit und d. h. nach Abschluß der Landnahme der Israeliten in Palä-
stina erklärt werden kann 26• Und im Blick auf das verarbeitete kanaanäische Material
stellt er die skeptische Frage, ob es sich nicht am besten erklärt, wenn man berücksich-
tigt, daß der Erzähler in einer israelitisch-kanaanäischen Umwelt lebte 2 7. So scheint
die Forschung am Ende wieder bei der Erkenntnis von]ulius Wellhausen anzukom-
men, der im Blick auf die Vätergeschichten erklärte, daß aus ihnen kein anderes histo-
risches Wissen zu gewinnen sei als »über die Zeit, in welcher die Erzählungen über
(die Väter) im israelitischen Volk entstanden; diese spätere Zeit wird hier, nach ihren
inneren wie äußeren Grundzügen, absichtslos ins graue Altertum projiziert und spie-
gelt sich darin als ein verklärtes Luftbild« 28 •
Warten wir ab, was die künftigen Untersuchungen der älteren Grundlagen nicht
nur der Patriarchenerzählungen, sondern des ganzen, die Zeit von den Vätern bis zur
Landnahme umspannenden Erzählungszusammenhanges erbringen. Der von Rolf
Rendtorff aufgenommene Schlußsatz Gerhard von Rads zu seiner Bearbeitung der
Genesis letzter Hand erweist sich in der Tat als berechtigt. In ihm tritt der Gelehrte,
der selbst entscheidende Anstöße für die überlieferungsgeschichtliche Forschung ge-
geben hat, für »eine umfassende Neuanalyse des pentateuchischen Erzählungsgutes«
ein2 9. Aber wie Um- und Fehlwege in der Forschungsgeschichte am Ende fast immer
auch ihren positiven Beitrag für den Weitergang der Arbeit geleistet haben, wird sich
auch bei aller künftigen Untersuchung der Pehtateuchthemen zeigen, daß Noth ihr
mit dem Hinweis auf die besondere Vorgeschichte der einzelnen Themen einen heuri-
stischen Dienst geleistet hat, eine Fülle von seinen überlieferungsgeschichtlichen Ein-
zelbeobachtungen sich selbst bei der Transposition auf eine literarische Ebene als
letztlich richtig erweisen. -Angesichts des gegenwärtigen Hiats zwischen einer Früh-
und einer Spätdatierung der ersten gesamtisraelitischen Geschichtskonzeption und
den sich daraus ergebenden unterschiedlichen Konsequenzen für die überlieferungs-
25. Vgl. dazu]. v. Seters: The Religion of the Patriarchs in Genesis, Bib 61, 1980, S. 22off.
26. The Historicity of the Patriarchal Narratives, BZAW 133, Berlin und New York 1974, S.
325 f. Vgl. auch W. Leineweber: Die Patriarchen im Licht archäologischer Entdeckungen. Die
kritische Darstellung einer Forschungsrichtung, EHS.T 127, Bern und Frankfurt/Main 1980.
27. Ebenda, S. 326.
28. Prolegomena zur Geschichte Israels, Berlin 19276, S. 316.
29. ATD 2/4, Göttingen 19729/i976 10 , S. 362; Rendtorff, a.a.O., S. 173.
§ 7 Bedeutung der münd!. Überlieferung für die Pentateuch-Entstehung 89
7, Weitere Kritik an Einzelhypothesen. Obwohl Gerhard von Rad selbst sein Frage-
zeichen hinter die ganze zurückliegende Pentateuchforschung gesetzt hat, müssen
wir anhangsweise die Kritik referieren, die seine in ihrer Fragestellung richtige und in
ihrer Lösungsrichtung vielleicht nicht falsche Abhandlung über das Formgeschichtli-
che Problem des Hexateuch vom Ansatz beim sogenannten Kleinen Credo tödlich ge-
troffen und daher in ihrer konkreten Durchführung auch widerlegt hat. Fast gleich-
zeitig nahmen B. S. Childs und W. Richter die nie verstummte Kritik am Alter dieses
kultischen Bekenntnisses auf, das in der Tat als deuteronomistisch zu beurteilen ist.
Sie drangen aber tiefer als ihre Vorgänger, indem sie zeigten, daß derartige Bekennt-
nisbildungen überhaupt erst späteren theologischen Systematisierungen entstam-
men30. Merken wir an, daß sich durch die m. E. geglückte Bestreitung des Alters der
Bundeskonzeption durch L. Perlitt auch die Annahme eines vorstaatlichen Bundesfe-
stes erübrigtl', so dürfen wir den ganzen Versuch, dem thematischen Aufriß der He-
xateucherzählungen einen konkreten Sitz im Leben des vorstaatlichen Kultes zuzu-
weisen, als gescheitert zu den Akten der Forschungsgeschichte geben, was uns jedoch
nicht davon entbindet, ihn durch einen adäquateren zu ersetzen.
Anders sieht es aus, wenn wir uns noch einmal dem VersuchMartinNoths zuwen-
den, das letzte entscheidende Stadium der Entstehung des vor uns liegenden Penta-
teuchs zu erklärenl 2 • Er stellte die Hypothese auf, P habe dem vermutlich schon im 6.
Jahrhundert aus J und E komponierten]ehovistischen Geschichtswerk als Rahmen ge-
dient33. Da er annahm, daß P ursprünglich mit Dtn 34 endete, wären bei dieser Gele-
genheit die älteren Landnahmeerzählungen von J/E verlorengegangen. Später sei
dann das so auf den um Dtn 34 erweiterten Tetrateuch begrenzte Werk mit demDeu-
teronomistischen vereinigt worden. Diese Hypothese hat zwar zu keiner Zeit unge-
teilte Zustimmung erfahren. Ihr stehen gegenwärtig z.B. die Versuche von Langla-
met und Otto gegenüber, eine oder mehrere Pentateuchquellen in der Landnahmeer-
30. Vgl. B. S. Childs: Deuteronomic Formulae of the Exodus Tradition, in: Hebräische
Wortforschung. Festschrift W. Baumgartner, SVT 16, Leiden 1967, S. 3off., und W. Richter: Be-
obachtungen zur theologischen Systembildung in der alttestamentlichen Literatur anhand des
,kleinen geschichtlichen Credo<, in: Wahrheit und Verkündigung. Festschrift M. Schmaus, Pa-
derborn 1967, S. 175ff.; E. W. Nicholson: Exodus and Sinai in History and Tradition, Oxford
1973, S. 2off.; zum Befund vgl. R. P. Merendino: Das deuteronomische Gesetz, BBB 31, Bonn
1969, S. 146ff.; zur Sache aberauchH. Seebaß: Geschichtliche Zeit und theonome Tradition in der
Joseph-Erzählung, Gütersloh 1978, S. rro Anm. 68.
3 1. Vgl. dazu oben, S. 75 f., aber auch W. Zimmerli: Grundriß der alttestamentlichen Theolo-
gie, ThWi 3, Stuttgart 19824, S. 39ff.
32. Überlieferungsgeschichte, S. 1ff. und besonders S. 16.
33. Vgl. dazu oben, S. 57.
Die Geschichtserzählungen Israels
zählung des Buches J osua nachzuweisenH. Aber nachdem Rose noch einmal für einen
eigenständigen, für ihren Kern verantwortlichen Sammler plädiertH und Auld erneut
gezeigt hat, daß die Erzählung von P über N um 2 7, 12 ff. direkt zu Dtn 34 lief und sich
in Num 33,50-35 nur Rückspiegelungen aus der Landverteilungserzählung des Jo-
suabuches finden 36, darf Noths Tetrateuchhypothese derzeit als grundsätzlich ge-
rechtfertigt angesehen werden. Eine Frage für sich bleibt freilich, ob es überhaupt ein-
mal eine altjahwistische Landnahmeerzählung gegeben hat und inwieweit es sich
selbst bei den jahwistischen Erzählungen des Buches Numeri um Rückspiegelungen
aus dem Deuteronomistischen Geschichtswerk handeltJ7,
]. Wellhausen: Die Composition des Hexateuchs (1876--1878),Berlin 19634 ; K. Budde: Die bi-
blische Urgeschichte, Gießen 1883; R. Smend sr.: Die Erzählung des Hexateuch auf ihre Quellen
untersucht, Berlin 1912; M. Noth: Überlieferungsgeschichtliche Studien, Halle 1943 = Tübin-
gen (Darmstadt) 19673, S. 18off., 211ff., ders.: Überlieferungsgeschichte des Pentateuch, Stutt-
gart 1948 = Stuttgart (Darmstadt) 19663,S. 2off., 256ff.; G. Hölscher: Geschichtsschreibung in
Israel. Untersuchungen zumJ ahwisten und Elohisten, SKHVL 50, Lund 1952, S. 2off.; 0. Eiss-
feldt: Die Genesis der Genesis, Tübingen 19612 ; S. Mowinckel: Tetrateuch, Pentateuch, Hexa-
teuch. Die Berichte über die Landnahme in den drei altisraelitischen Geschichtswerken, BZA W
90, Berlin 1964; ders.: Erwägungen zur Pentateuch Quellenfrage, (Oslo) 1964; G. Fohrer: Ein-
leitung in das Alte Testament, Heidelberg 1965, S. 159ff., 173ff.; R. Kilian: Die vorpriesterli-
chen Abrahams-Überlieferungen, BBB 24, Bonn 1966; V. Fritz: Israel in der Wüste. Traditions-
gesch. Untersuchung der Wüstenüberlieferung des Jahwisten, MThSt 7, Marburg 1970; G. v.
Rad: Der Anfang der Geschichtsschreibung im alten Israel, AfK 32, 1944, S. r ff. = Gesammelte
Studien zum Alten Testament, ThB 8, München 19714,S. 148ff.; ders.: Theologie des Alten Te-
staments I, München 1957, S. 56ff. = 19828, S. 62ff.; M.-L. Henry: Jahwist und Priesterschrift,
ATh I, 3, Stuttgart 1960; H. W. Wolff- Das Kerygma des Jahwisten, EvTh 24, 1964, S. 73 ff. =
Gesammelte Studien zum Alten Testament, ThB 22, München 1973\ S. 345ff.; E. Zenger: Die
Sinaitheophanie. Untersuchungen zum jahwistischen und elohistischen Geschichtswerk, FzB 3,
Würzburg 1971; Hannelis Schulte: Die Entstehung der Geschichtsschreibung im Alten Israel,
BZA W 128, Berlin 1971; E. Otto: Das Mazzotfest in Gilgal, BWANT 107, Stuttgart 1975; P.
Weimar und E. Zenger: Exodus, Geschichten und Geschichte der Befreiung Israels, SBS 75,
Stuttgart 1975;]. van Seters: Abraham in History and Tradition, New Haven und London 1975;
H. H. Schmid: Der sogenannte Jahwist. Beobachtungen und Fragen zu Pentateuchforschung,
Zürich 1976; R. Rendtorff- Das überlieferungsgeschicht!iche Problem des Pentateuch, BZA W
147, Berlin und New York 1976; S. Tengström: Die Hexateucherzählung. Eine literaturge-
schichtliche Studie, Con Bib 7, Lund 1976; W. Resenhöfft: Die Geschichte Alt-Israels L Der Jah-
wist, EHS.T 81, Bern und Frankfurt/Main 1977; P. Weimar: Untersuchungen zur Redaktions-
geschichte des Pentateuch, BZA W 146, Berlin und New York 1977; Hans-Christoph Schmitt:
Die nichtpriesterliche Josephsgeschichte, BZA W 154, Berlin und New York 1980; A. G. Auld:
Joshua, Moses and the Land, Edinburgh 1980; M. Rose: Deuteronomist und Jahwist, AThANT
67, Zürich 1981. Den Text bieten in deutscher Übersetzung 0. Eissfeldt: Hexateuch-Synopse,
Leipzig 1922 = Darmstadt 19622,unter Voraussetzung·der Fünfquellentheorie, undR. Smend jr.:
Biblische Zeugnisse, Literatur des alten Israel, FB 817, Frankfurt und Hamburg 1967, S. 24 ff., un-
ter Voraussetzung der Vierquellentheorie (nur J und P).
I. Literarisches Problem. Die Rede vom Jahwisten oder Jahwistischen Geschichts-
werk J ist ein Ergebnis der Neueren, vor allem durch Wellhausen zur Geltung ge-
brachten Urkundenhypothese'. Sie geht davon aus, daß es sich bei der Gn 2,4b einset-
zenden, im Unterschied zu der elohistischen und der priesterlichet12 vom ersten Satz
an den J ahwenamen verwendenden Schicht um eine ursprünglich selbständige Quel-
lenschrift handelt. Dabei erkannte W ellhausen, daß es sich bei J wie bei E um litera-
risch mehrschichtige Größen handelt, die vor ihrer Zusammenarbeit mehrfach erwei-
tert worden sind. Ebenso blieben ihm die Schwierigkeiten, die Quellenscheidung
über die Mitte des Buches Numeri hinweg durchzuführen, nicht verborgen3. So
konnte er schon bei der Analyse der Urgeschichte zeigen, daß sich in ihr eine Schicht
findet, der die Sintfluterzählung unbekannt war, daß diese nachträglich in den Zu-
sammenhang eingefügt und dieser gleichzeitig und später durch größere und kleinere
unselbstandige Stücke erweitert worden ist. Es ist z.B. deutlich, daß Gn 4, 16-24 und
r r ,r-9 _dieFluterzählung und die Völkertafel nicht voraussetzen und daß die Noaher-
zählung Gn 9,20--:-27 einen anderen Horizont als die Sintfluterzählung und die Völ-
kertafel besit:z;t4.- Letztlich ist die alttestamentliche Forschung in dem zurückliegen-
den Jahrhundert im Blick auf das literarische Problem des J ahwisten nicht über Well-
hausen hinausgekommen, sondern steht immer noch vor der Aufgabe, den von ihm
diagnostizierten Befund angemessen zu interpretieren.
Dazu sind in der Folge vor allem drei Modelle entwickelt worden: r. eine Zweiquel-
lentheorie; 2. eine überlieferungsgeschichtlich orientierte, mit der wesentlichen litera-
rischen Einheit rechnende Lösung und 3. ein W ellhausens Ansatz in unterschiedlichen
Modifikationen aufnehmendes redaktionsgeschichtliches Modell. Schließlich fehlt es
nicht an Ansätzen zu einer Auflösung der Grundhypothese.
Ad r: In der Nachfolge voi:iSmend sr. suchte man die eine jahwistische Schicht in
zwei ursprünglich selbständige Quellen J, und J 2 zu zerlegen. Das als Neueste Urkun-
denhypothese bezeichnete Modell wurde besonders von Eissfeldt (L, Laienquelle, und
J), Simpson und Fo~rer Gund N, Nomadenquelle) aufgenommen. Ad 2: In N achwir-
kung des formgeschichtlichen Ansatzes von Gunkel bei Alt, von Rad und Noth wurde
das literarkritische Forschungsinteresse durch die Überlieferungsgeschichte überla-
gert. Spannungen innerhalb eines umgreifenden Erzählungszusammenhanges schie-
nen jetzt nicht mehr zu einer literarkritischen Lösung zu drängen, da sich darin so-
wohl die primäre Selbständigkeit bereits geprägter Einzelerzählungen als auch die
Übernahme vorgeformter Wendungen durch die Quelle spiegeln konnte. Ad 3: An-
gesichts des Ungenügens an der überlieferungsgeschichtlichen, die literarischen Span-
nungen letztlich überspielenden Lösung ist seit den sechziger Jahren in mehreren,
partiellen Anläufen versucht worden, das Problem mittels der Annahme zu lösen, daß
der J ahwist seinerseits auf eine oder mehrere protojahwistische Grunderzählungen
zurückgegriffen hat. Entsprechende Entwürfe haben Rudolf Kilian für die Abraham-
und Volkmar Fritz für die Wüstenerzählungen und weiterhin Peter Weimar fur die
Ur- und die Auszugsgeschichte vorgelegt. Ließen Kilian und Fritz die Frage nach
dem Umfang der protojahwistischen Vorlagen offen, plädierte Weimar dafür, daß
dem Jahwisten eine Mehrzahl schriftiich fixierter Einzelerzählungen und Erzäh-
lungskränze vorgegeben war. Über Kilian und Fritz hinausgehend rechnete er zu~
gleich mit einer umfangreichen, durch den]ehovisten erfolgten redaktionellen Auf-
füllung des ursprünglich jahwistischen Bestandes. Der damit vollzogene Übergang zu
einer Redaktionshypothese spiegelt sich noch deutlicher in den auf die Abraham- und
die Josephsgeschichte zentrierten Versuchen von John van Seters und Hans-Chri-
stoph Schmitt, die beide auf die Arbeit eines jedenfalls nach E, wenn nicht nach Pan-
zusetzenden theologischen J ahwisten stoßen und dann eine mit E einsetzende, auf
protojahwistischen Überlieferungen fußende Redaktionstätigkeit annehmen, die
dann durch P bzw. J(Th)fortgesetzt worden sei.-Für Schmitt wird E dabei überhaupt
erst zum Schöpfer eines von der Väter- bis zur Auszugserzählung reichenden heilsge-
schichtlichen Zusammenhanges. Das provoziert natürlich die Frage, auf wen dann die
jahwistische Urgeschichte zurückgeht und zu welchem Zeitpunkt sie mit der Heilsge-
schichte verbunden worden ist. - Sachlich bleibt festzustellen, daß in der Forschung
der letzten beiden Jahrzehnte zunehmend mit einer hinter J liegenden, vermutlich be-
reits schriftlich fixierten Überlieferung gerechnet wird und andererseits in immer grö-
ßerem Umfang früher J zugeschriebene Texte jehovistischer, deuteronomistischer
und spätjahwistischer Arbeit zugeschrieben werden5. Insofern fällt auch der Protest
von Hans H einrieb Schmid gegen die herkömmlich gewordene globale Frühdatierung
des J ahwisten nicht aus dem Rahmen und wird schließlich angesichts der Vielzahl der
Entwürfe die Mahnung Rolf Rendtorffs verständlich, interimsweise auf übergreifende
Hypothesen zu verzichten und den Befund in geduldiger form- und redaktionskriti-
scher Kleinarbeit von der Basis her neu aufzuarbeiten. ·
5. Vgl. dazu vor allemA. Reichert: DerJehovist und die sog. deuteronomistischen Erweite-
rungen im Buch Exodus, Diss. ev. theol. Tübingen 1972; W. Fuß: Die deuteronomistische Pen-
tateuchredaktion in Exodus 3-17, BZAW 126, Berlin und New York 1972; M. Rose: Deutero-
nomist und Jahwist, AThANT 67, Zürich 1981.
§ 8 Die ]ahwistische Pentateuchschicht 93
2. Fragen der Abgrenzung und Datierung. Die klassische Antwort auf die Frage nach
dem Umfang und Alter des J ahwistischen Geschichtswerkes lautet, daß es in Gn2,4b
beginnt, mit Num 24,24 abbricht und in Ri1* noch einmal auszugsweise mit seiner
Konzeption einer getrennten Landnahme der Stämme zu Worte kommt. Da es im
Zwölfsöhne- bzw. Zwölfstämmeschema die Nord- und Südstämme als Einheit be-
trachte, stehe es im Schatten des sie historisch allein verwirklichenden davidisch-salo-
monischen Großreiches. Da es jedoch keinerlei Hinweise auf die um die Mitte des fol-
genden Jahrhunderts einsetzende Gefährdung durch die Assyrer und Aramäer ent-
hält, sei es vor diesem Zeitpunkt und also zwischen der Mitte des ro. und der Mitte des
9. Jahrhunderts v. Chr. entstanden. Zur Unterstützung dieser Datierung lassen sich
dann weitere Grü~de herbeibringen: So ist die Verfluchung Kanaans durch Noah Gn
9,26 nur auf dem Hintergrund der politischen Unterwerfung der Kanaanäer durch
David verständlich. Weiterhin möchte man auch die Väterverheißungen über Land-
besitz und Nachkommenschaft, soweit sie jahwistisch sind, und nicht zuletzt die als
vaticinia ex eventu verstandenen Bileamsprüche Num 24,15-19 mit ihrer Ankündi-
gung der Niederwerfung der Moabiter und Edomiter als verschlüsselte Hinweise auf
das Großreich Davids als ihre Erfüllung deuten, vgl. auch Gn 25,23; 27,37.4oa bzw.
27,40b; 33,17 mit 2 Sam 8,2.14; 1 Kö u,2Iff. und 2 Kö 8,2off.
Eine zusätzliche Bestätigung für diese Ansetzung scheint dann weiter die eigen-
tümliche Theologie dieser Schicht zu liefern, die Jahwes Handeln nicht in Mirakeln,
sondern im welthaften Geschehensablauf selbst findet. Das tritt in der J osephsge-
schichte in Gn 39 hervor, hält sich in den Plagenerzählungen, in denen anders als bei
E/P kein Nilwasser in Blut verwandelt wird und keine sprichwörtlich gewordene Fin-
sternis über die Ägypter; aber nicht über die unter ihnen wohnenden Israeliten
kommt, durch: Ein großes Fischsterben, eine Landplage durch Frösche, Insekten,
eine Viehseuche und, wieder mit E/P im Einklang, Hagel und Heuschrecken sind
eben durchaus natürliche, wenn auch von Jahwe gesandte Ereignisse. Beim Zug durch
das Meer baut sich das Wasser nicht in hohen Mauern zur Rechten und Linken der
Flüchtlinge auf, sondern es weht die Nacht hindurch ein starker, das Meer zurücktrei-
bender Ostwind(!), und bei Morgengrauen treibt dann der Gottesschrecken die
Ägypter in einer Panik in die zurückkehrenden Wogen. Darin meinte man in der
Nachfolge Gerhard von Rads d'en Geist einer davidisch-salomonischen Aufklärung
wiederzuentdecken, für den man die Erzählung von der Thronnachfolge Davids als
Kronzeugin zu besitzen meinte; denn dort wird das Menschlich-Allzumenschliche
der schließlfch zur Erhebung Salomos führenden Familientragödie Davids mit we-
nigen Bemerkungen als göttliches Handeln gedeutet.
Es ist verständlich, daß diese in sich geschlossene Konzeption bis heute ihre engagierten Ver-
: teidiger findet, weil sie zum einen an dem ganze):].in Frage kommenden Material entwickelt ist
und zum anderen gegenüber den sich abzeichnenden neuen Modellen eine wesentliche Vereinfa-
chung des religionsgeschichtlichen Bildes darzustellen scheint 8•. Wenn wir im folgenden mehr
Infragestell:ungen als befriedigende Gesamtlösungen zur Sprache bringen, hängt das mit dem ge-
genwärtigen Stand der wissenschaftlichen Diskussion zusammen, deren Offenheit zu ertragen
den Theologen ziert, der den Anspruch erhebt, daß sein Glaube den Menschen einen unverstell-
ten Blick auf die Offenheit der Situation ermöglicht. Dabei ist im Blick auf die Argumente für das
Alter des heilsgeschichtlichen Gesamtentwurfes der jahwistischen Schicht anzumerken, daß Ar-
gumente, die für Teile gelten, nicht notwendig für das Ganze in Anspruch genommen werden
können, es sich aber auch zeigen läßt, daß ein Großteil dieser Prämissen nicht eindeutig und da-
her unterschiedlicher Deutung fähig ist. - Setzen wir bei der Frage der Abgrenzuhg ein, so zeigt
sich, daß hier im Blick auf [Link] des Werkes eine bemerkenswerte Unsicherheit besteht. Sie
ist einerseits-durch die verwickelten literarischen Verhältnisse im Buche Num:eri und anderer-
seits durch die Kqntinuität der vorliegenden, von der Schöpfung bis zum Untergang des judäi-
schen Reiches reichenden Heilsgeschichte bedirigt. So haben Weimar das Ende von J in Num
14,Sa, Noth in Num 32*, Otto in Jos u*, Budde im Schluß der Thronfolgeerzählung Davids
1 Kö 2, Hölscher mit vorsichtiger Zustimmung von Hannelis Schulte in der Erzählung von der
Reichsteilung I Kö 12*, Resenhöfft in I Kö 14,25 und Smend sr. und Eissfeldt erst in 2 Köge-
sucht. Inzwischen hat sich das Problem insofern geklärt, als Auld gezeigt hat, daß es sich bei Ri 1
um eine späte Komposition handelt und daß im Pentateuch jenseits von Num 27, 12ff. P erst wie-
der in Dtn 34* als ursprünglicher Fortsetzung der Erzählung von Moses Tod mit quellenhaftem
Material gerechnet werden kann 9• Demgemäß kommt nur noch der Komplex der Bileamerzäh-
lung in Num 22-24 als vorpriesterlicher Überlieferungsblock in Frage. Bei den die Landnahme
im Westjordanland vorbereitenden Erzählungen im letzten Teil des Buches Numeri handelt es
Sa. Vgl. dazu vor allem W. H. Schmidt: Ein Theologe aus salomonischer Zeit? Plädoyer für
den Jahwisten, BZ NF 25, 1981, S. 82ff.
9. Vgl. dazuA. G. Auld, J oshua, Moses and the Land, S. rn7f., und ders.:Judges I and History:
A Reconsideration, VT 25, 1975, S. 261ff.
§ 8 Die Jahwistische Pentateuchschicht 95
sich dagegen um literarisch komplizierte Rückspiegelungen aus dem Josuabuch. -Aber auch die
jahwistischen Erzählungen über den Wüstenzug sind nicht über allen Zweifel an ihrem Alter er-
haben. Nachdem Fritz ihre »Murrtheologie« als jahwistische Eigenleistung erwiesen hat'°,
machte Hans Heinrich Schmid auf die Nähe dieser geschichtstheologischen Konzeption zur
deuteronomistischen Theologie aufmerksam". Schließlich erinnerte er auch daran, daß das in Ex
3/ 4 gezeichnete Mosebild das Phänomen der israelitischen Prophetie und seine geschichtstheo-
logische Verarbeitung bereits voraussetzt". Daher ist die von Martin Rose an Stichproben ent-
wickelte Möglichkeit, daß es zu einer vom Deuteronomistischen Geschichtswerk her rückspie-
gelnden Erweiterung der jahwistischen Schicht gekommen sei, die teilweise selbst bis in die Vä-
tergeschichte reicht' 3, nicht a priori von der Hand zu weisen, aber auch nicht ebenso vorschnell
zu generalisieren. Es ist durchaus denkbar, daß sich die jahwistische Großgeschichte in einem
vielfältigen und sachlich gegenläufigen langfristigen Redaktionsprozeß herausgebildet hat, wo-
bei nicht nur die Erzählungen vom Wüstenzug, sondern auch die ganze, in sich vielschichtige
Urgeschichte erst nach dem Verlust der Staatlichkeit eingefügt sein könnten' 4 • Mithin bleibt ab-
zuwarten, zu welchen Ergebnissen die weitere Forschung kommt und zu welchem Zeitpunkt sie
schließlich das älteste themenübergreifende jahwistische Geschichtswerk datiert.
Im Blick auf die klassische Datierung sind jedoch jetzt schon eine Reihe von Beden-
ken vorzutragen: So hat Smend'f wohl richtig geurteilt, daß man aus dem Schweigen
über die assyrische und aramäische Gefahr kein sicheres Argument für die Bestim-
mung des terminus ad quem gewinnen könne, weil zu ihrer Erwähnung im Rahmen
der im Pentateuch behandelten Heilsgeschichte kein zwingender Anlaß vorlag. In
ähnlicher Weise lassen sich auch gegen die Ortung in der Zeit des davidisch-salomoni-
schen Großreiches Bedenken anmelden: Angesichts der Problematik von Alter und
Gestalt des Zwölfstämmeschemas ist seine Voraussetzung kein sicheres Indiz für eine
entsprechende Frühdatierung, seit C. H.]. de Geus dafür plädiert hat, das Levi und
Joseph einschließende Schema erst als eine nach dem Untergang des Nordreiches er-
folgte Umbildung zu beurteilen, vgl. Gn 29,34 und 30,24 15• Daß die Väterverheißun-
gen in Gn 13,14ff.; 18,17ff.; 22,15 ff. und 26,3 ff. als redaktionell anzusehen sind und
exilisch-nachexilischer Versicherung der eigenen Zukunft dienen, darf als anerkannt
gelten. Ob sich abgesehen von der Landverheißung in Gn 12,7 und derSohnesverhei-
ßung in Gn 18,10.14 überhaupt eine altjahwistische Verheißungsschicht festhalten
läßt, ist in der Diskussion 16• Auf die jahwistische Bileamweissagung in Num 24,15-19
sollte man schon ihrer Einleitung gemäß in V. 14 nicht allzu sicher bauen: Was heute
gern als vaticinium ex eventu beurteilt wird, dürfte in Wahrheit eine eschatologisch-
messianische Weissagung sein. Es bleibt überdies grundsätzlich fraglich, ob die durch
die aramäischen Inschriften vom Tell Deir cAllä aus dem späten 7. Jahrhundert
v. Chr. bezeugte Sehergestalt schon in vorstaatlicher Zeit in Israel rezipiert worden
ist17. Schließlich ist es nicht ausgemacht, ob der theologische Rationalismus der jahwi-
stischen Schicht nicht statt mit einer davidisch-salomonischen oder doch frühkönig-
zeitlichen Aufklärung im Zusammenhang mit dem theologischen Rationalismus der
deuteronomisch-deuteronomistischen Theologie gesehen werden muß 18 •
Zusammenfassend können wir sagen, daß die Annahme eines schon in frühkönigli-
cher Zeit entstandenen und die Heilsgeschichte von der Schöpfung bis zur Land-
nahme reichenden J ahwistischen Geschichtswerkes derzeit begründeten Bedenken
unterliegt und ernsthaft mit der Möglichkeit zu rechnen ist, daß dieses Geschichts-
werk in seinen Teilen eine sehr unterschiedliche Herkunft besitzt und erst durch suk-
zessive redaktionelle Bearbeitungen seine schließliche Gesamtgestalt erhalten hat und
so gleichsam eine Art theologischer Summe des Judentums darstellt.
J. Herkunft und Sondergut. Trifft es zu, daß sich im Rahmen der jahwistischen Penta-
teuchschicht letztlich das bis in die Perserzeit hinein bewahrte, innerlich neu angeeig-
nete und zugleich vermehrte religiöse Erbe des Judentums erhalten hat, bedarf es nur
eines Blickes auf die Genesis, um zu erkennen, daß wir es in ihr mit glaubend gedeute-
ten Überlieferungen, Glaubenserzählungen und -bearbeitungen unterschiedlichster
Provenienz zu tun haben: Mesopotamische Traditionen von den Anfängen von Welt
und Menschheit und ihrer Geschichte bis zur Flut, mittel- und südpalästinische Vä-
tertraditionen mit einer deutlichen judäischen Akzentuierung: Man braucht lediglich
an die Kaingestalt, den Heros eponymos des südöstlich der Araba und im N egeb be-
heimateten Wanderschmiedesta~mes von Gn 4, an den allein in dieser Schicht enthal-
tenen Abraham-Lot-Sagenkranz mit dem Erzvater im Baumheiligtum von Mamre bei
Hebron von Gn 13; 18'-19, die Juda-Thamar-Novelle in Gn 38 oder die älteste Fas-
sung der Josephsgeschichte zu erinnern, in der Juda als Sprecher der Brüder er-
scheint19. Blicken wir über die Genesis auf die Mose- und Wüstenerzählungen hinaus,
S. 236ff.; H. Seebaß, EvTh 37, 1977, S. 2roff.; ders., Bib 64, 1983, S. 189ff., und in gewisser
Weise vermittelnd J. A. Emerton, VT ,z, 1982, S. 14ff.
17. Vgl. dazu]. Hoftijzerund G. van der Kooij: Aramaic Texts from Deir Alla, Leiden 1976,
und die Verteidigungen der klassischen Datierung durch L. Schmidt: Die alttestamentliche Bile-
amüberlieferung, BZ NF 23, 1979, S. 234ff., und H.-P. Müller: Die aramäische Inschrift von
Deir cAlla und die älteren Bileamsprüche, ZA W 94, 1982, S. 214ff.
18. Vgl. dazu auch unten, S. 158undS. 137, sowie provozierend]. vanSeters: InSearchofHi-
story, New Haven und London 1983, S. 271ff. und besonders S. 290.
19. Zur Forschungsgeschichte der Genesis vgl. unter sich aus dem Erscheinungsdatum erge-
benden Einschränkungen C. Westermann: Genesis 1-11, EdF7, Darmstadt 1972, und: Genesis
12-50, EdF 48, Darmstadt 1975.
§ 8 Die Jahwistische Pentateuchschicht 97
zeigt die Verbindung von Moses mit den Midianitern in Ex 2-3 20 und die, soweit
überhaupt kontrollierbar, im Bereich der Oase von Kadesch lokalisierte Wüstenge-
schichte in die gleiche Richtung 21 • Auf ein letztlich in jüdischer Tradition verankertes
Interesse an der Macht, Num 24, 15 ff. und, ziehen wir Gn 15 mit in die Überlegungen
ein 22 , auch an den Grenzen des Großreiches Davids wird man ebenso hinweisen müs-
sen. Wieweit die Gola oder aus dem Exil nach} erusalem und Juda zurückgekehrte, in-
nerlich am theologischen Denken der Gola orientierte Kreise das Ihre zu der jahwisti-
schen Schicht beigetragen haben, muß vorläufig völlig offen bleiben. Ungeklärt bleibt
bis auf weiteres auch die Frage, von welchen Institutionen dieser gewaltige lite-
rarische Entwicklungsprozeß getragen und schließlich verantwortet wurde. Es liegt
nahe, im Blick auf das ältere, die Überlieferung sammelnde und verschriftende Sta-
dium an weisheitlich orientierte Kreise zu denken und die jüngeren, stärker theolo-
gisch orientierten Redaktionen auf levitische Hände zurückzuführen. Doch müssen
wir uns eingestehen, daß es sich bei diesen Zuweisungen gegenwärtig lediglich um
Vermutungen handelt. Daß sich in der jahwistischen Schicht eine Reihe mehr oder
weniger umfangreicher geprägter poetischer Texte findet, sei festgehalten: Neben dem
glücklichen Ausruf des Mannes beim ersten Anblick des Weibes Gn 2,2 3, den Fluch-
und Schicksalsworten über die Schlange, das Weib, den Acker und den Mann in Gn
3,14ff., dem Lamechlied Gn 4,23f., den Noahsprüchen Gn 9,25-27, den Orakeln
über die Stammväter Israels und seiner Nachbarvölker Gn 16,rrf.; 24,60; 25,23;
27,2 7-29* und den im] akobsegen vereinigten Stammessprüchen Gn 4923 sind hier der
Bannerspruch Ex 17,16, die Ladesprüche Num ro,35f. und die Bileamsprüche Num
24,3-9.15-19 zu nennen. Daß einige Autoren auch das Meerlied Ex 15,1-18 und eine
freilich abnehmende Zahl der Forscher den sogenannten »kultischen Dekalog« Ex
34,10--26'' zum jahwistischen Grundbestand rechnen24, sei ausdrücklich erwähnt.
4. Geschichtsbild und Theologie. Einer Theologie, die ihre Sache erzählend vertritt,
wird man am Ende nur gerecht, wenn man ihre Geschichte wiederum nacherzählt.
Dabei nehmen wir uns das Recht, die oben angedeuteten genetischen Probleme der
20. Zu den einschlägigen Problemen vgl. oben, S. 74 Anm. 29, mitgeteilte Literatur.
2r. Vgl. dazu V. Fritz, a.a.0., S. 37ff. undS. 97ff., unddieumsichtigeBeurteilungdesBefun-
des durch W. H. Schmidt: Exodus, Sinai und Mose, EdF 191, Darmstadt 1983, S. 91 ff.
22. Zur Problematik von Gn 15 vgl. die unten, S. 104 Anm. 9, genannte Literatur. - Zu dem
seltsam isoliert stehenden 14. Kapitel der Gn. vgl. van Seters, Abraham, S. 296ff., und Th. L.
Thompson: The Historicity of the Patriarc~al Narratives, BZAW 133, Berlin und New York,
1974, s. 187ff. ~
23. Vgl. dazu auch H.-J. Zobel: Stammesspruch und Geschichte, BZAW 95, Berlin 1965.
24. Zur zurückliegenden Literarkritik von Ex 34, 10 ff. vgl. die Tabellen bei E. Zenger, a. a. 0.,
S. 228ff.; zu den diversen Versuchen, einen Dekalog aus dem Text zu gewinnen, vgl. F.-E.
Wüms: Das jahwistische Bundesbuch in Ex 34, StANT 34, München 1973, S. 2ooff., und zu bei-
den [Link]. Halbe: Das PrivilegrechtJahwes in Ex 34,10-26, FRLANT 114, Göttingen
1975; E. Otto, a. a. 0., S. 203 ff., und jetzt auch W. H. Schmidt, EdF 191, S. 74.
Die Geschichtserzählungen Israels
Schicht weithin auf die Seite zu schieben, um zu sehen, was bei dieser großartigen
summa theologiae historicae herausgekommen ist.
Auf die Schöpfung einer Welt, die Menschen und Tiere in glücklichem Frieden vereint, folgt
durch die Schuld des Menschen der Fall, der ihn der Mühsal der Arbeit, der Feindschaft der Tiere
und dem Schmerz ausliefen. Allein die Gnade Gottes sichen der Menschheit ihren künftigen,
freilich mit dem Urstand nicht vergleichbaren Fonbestand, Gn 2,4b-3,24 25• Der Bruder er-
schlägt den Bruder; aber selbst das Leben des Mörders bleibt unter Gottes Schutz, Gn 4,1-16.
Die frühe Menschheit verdirbt so sehr, d,aß sie Jahwe in der Sintflut vernichtet. Aber als Jahwe
die von ihm vor der Vernichtung bewahnen Menschen, Noah und seine Nachkommen, nach
dem Sinken der Flut erblickt, weiß er, daß sich an den grundlegend bösen Eigenschaften des
Menschen nichts geändert hat, und garantiert freiwillig den Fonbestand der Erde im Kreislauf
des Jahres 26 • Die Menschheit bestätigt das göttliche Urteil alsbald in dem hybriden Werk des
Turmbaus, das Jahwe zur Zerstreuung der Menschen über die Erde und zur Verwirrung ihrer
Sprachen hötrgt 2 7. Von dem ersten Menschenpaar zieht sich der Faden der Auflehnung und Sit-
tenlosigkeit über Kain und Lamech zu den Riesen. In Harn (Kanaan) setzt er sich nach der Flut
fon. Und in dem Versuch, sich mit dem Turmbau einen Namen zu machen und in die Sphäre
Gottes einzudringen, erreicht das Thema seinen Höhepunkt, vgl. Gn 3, 5.22 mit 11,4.6. - In die-
sem Sinne steht die ganze Urgeschichte, die man heute teilweise nach mesopotamischem Vorbild
bei J statt mit der Turmbau- schon mit der Flutsage enden lassen möchte 28, unter dem Fluch.
Und doch bewährt sich in Gottes Strafen immer wieder seine Gnade, weil das Strafmaß hinter
der Schuld zurückbleibt2 9• Mittels der Vorschaltung der Urgeschichte vor die alte heilsgeschicht-
liche Tradition ist bei J wie P das Heilshandeln Gottes an Israel in den Rahmen der Weltge-
schichte hineingestellt und damit letztlich die Weltgeschichte als Heilsgeschichte interpretiert.
Freilich ist für sie nicht die Weltgeschichte als solche zugleich auch Heilsgeschichte, sondern sie
wird es nur durch Gottes spezielles Heilshandeln an Israel. Was über die Völkerwelt und den
Menschen außerhalb dieses Heilshandelns zu sagen ist, ist in den ersten elf Kapiteln der Genesis
gesagt. Aber schon hier zeichnet sich das vollends mit Abraham beginnende und im Großreich
Davids sein erstes Ziel erreichende Heilshandeln ab: Unter den Söhnen Noahs befindet sich
Sem, der Stammvater der Semiten und damit auch der Abrahamiden. In dem Fluch über Kanaan
25. Zur jahwistischen Schöpfungs- und Sündenfallgeschichte vgl. W. H. Schmidt: Die Schöp-
fungsgeschichte der Priesterschrift, WMANT 17, Neukirchen 19743, S. 194ff.
26. Der Anteil von J an der Urgeschichte: Gn 2,4b-4,26; 5,28b.29; 6,1-8; 7,1.2.3b bis
5.10.7*.16b.12.17b.22.23*; 8,6a.2b.3a.6b.8.9.10*.11-12.13b.20-22; 9,18-27; 10,8.10 bis 19.
21.25-30; 11,1-9. Zur Sintfluterzählung vgl. V. Fritz: »Solange die Erde steht« - Vom Sinn der
jahwistischen Fluterzählung in Gen 6-8, ZAW 94, 1982, S. 599ff.
27. Gn 11,1-9. Vgl. dazu auch K. Seybold: Der Ttirmbau zu Babel. Zur Entstehung von Ge-
nesis 11,1-9, VT 26, 1976, S. 453ff.
28. Vgl. dazuR. Rendtorff: Genesis 8,21 und die UrgeschichtedesJahwisten, KuD 7, 1961, S.
69ff., und M. W. Clark, ZA W 83, 1971, S. 205 ff.; dagegen 0. H. Steck: Genesis 12,1-3 und die
Urgeschichte des Jahwisten, in: Probleme biblischer Theologie. Festschrift G. von Rad, Mün-
chen 1971, S. 525ff.
29. Das hat besonders C. Westermann: Arten der Erzählung in der Genesis, in: Forschung im
Alten Testament, ThB 24, München 1964, S. 47ff. = Die Verheißungen an die Väter, FRLANT
116, Göttingen 1976, S. 47ff., schön herausgearbeitet.
§ 8 Die Jahwistische Pentateuchschicht 99
und dem Segen für Sem undJ aphet leuchtet das Thema der Herrschaft Israels über die Kanaanäer
auf, vgl. Gn 9,25-27 mit Ri 1.
Mit der Berufung Abrahams und der ihm gegebenen Verheißung ist die Erzählung bei ihrem
eigentlichen Thema angelangt. Der Mann, der dem Anruf Jahwes gehorchend sein Vaterland,
seine Verwandtschaft und sein Vaterhaus verlassen hat, um in ein unbekanntes Land aufzubre-
chen, wird ein Volk als Nachkommenschaft und ein Name verheißen, der ihn zum Segenswort
unter den Völkern werden lassen soll. Am Verhalten zu Abraham und dem seinen Lenden ent-
stammenden Volk wird sich das Schicksal der Völker entscheiden, vgl. Sach r4, r6 ff.; Jes 2,2 ff. -
Die Landverheißung für die Nachkommen erhält der Erzvater, als er am heiligen Ort bei Sichern
inmitten der Kanaanäer weilt, Gn r2,6 f. Sie findet ihre feierliche Erneuerung anläßlich des Bun-
desschlusses, Gn r5,r8. Und sie wird Jakob, als er sich auf der Flucht vor seinem Bruder Esau in
die Heimat der Väter befindet, in Bethel wiederholt, Gn 28, r 3. -Als die Israeliten unter der Fron
des Pharao in Ägypten seufzen, erscheint Jahwe dem Mose im brennenden Dornbusch, um die Be-
freiung seines Volkes aus der Gewalt der Ägypter und die Führung in ein schönes und weites Land
zu verheißen. Mose soll den Israeliten erklären, daß der Gott der Väter dies verheißen hat. Verhal-
ten, aber doch vernehmbar klingt so die alte Landverheißung an, vgl. Ex 3,7. r 6''. - Die N achkom-
menschaft, durch eigene Nachhilfe Abrahams nicht zu erzwingen, Gn r 6, r b,2.4-8. r r-r 4, findet
wider menschliches Erwarten in der Geburt Isaaks ihr Unterpfand, Gn r 8, r- r 6; 2 r, ra.2a. 7. Wenn
das Land, das sich der Neffe Lot auswählte, vgl. Gn r 3, r-r 2, nachher dank der Ruchlosigkeit sei-
ner Bewohner vonJ ahwe mit Feuer und Schwefel vernichtet wird, Gn r9'', findet das Gerechtig-
keitsbedürfnis des Lesers doppelte Befriedigung, weil nicht nur dem Großmut Abrahams seine
Bewahrung, sondern zugleich der Unschuld Lots seine Errettung entspricht. Dadurch werden
wir auf die Kunst des Jahwisten aufmerksam, uns vor einseitiger Parteinahme zu bewahren und
uns mit den Benachteiligten fühlen zu lassen, wie es sich in der Hagargeschichte Gn r 6'', der Lea-
erzählung Gn 29,31 ff. und der Josephsgeschichte besonders schön erkennen läßt: Auch die ver-
stoßene Magd ist eine Mutter, deren Tränen Gott erhört. Auch die ob ihrer Häßlichkeit ver-
schmähte Frau hat ein verständliches, von Jahwe gestilltes Glücksverlangen. In der Josephsge-
schichte wird uns der vorgezogene Vatersohn in der sittlichen Bewährung im Hause des Ägyp-
ters sympathisch, nachdem uns der Verkauf durch die Brüder an die Ismaeliter bereits für ihn
eingenommen hatte. Daß wir es im weiteren Verlauf der Geschichte lernen, auch mit den Brü-
dern zu fühlen und die ihnen gewährte Verzeihung als gerecht zu bewerten, läßt uns ahnen, wie
sehr Gottes Gerechtigkeit sich von der der Menschen unterscheidet. Daß sich in dieser allzu-
menschlichen Geschichte gleichzeitig Gottes besondere Fürsorge für sein Volk verbirgt und da-
mit an den geheimen Sinn der Geschichte erinnert wird, die unter Jahwes Führung steht, ist
kaum zu übersehen. Wer einmal auf diese Spur gesetzt ist, entdeckt das Doppelthema der göttli-
chen Gerechtigkeit und Geschichtsleitung in den ethisch recht anfechtbaren Geschichten
von Jakob und Esau, Jakob und Laban, Gn 25,21-32,r"", ebenso wieder wie in der Auszugsge-
schichte, in der die Sy~pathie sogleich den unterdrückten Israeliten, dem für sie eintretenden
Mose gehört, der erst vor die Ältesten seines Volkes und dann vor Pharao hintreten muß, um den
einen die Stunde der Erfüllung der Verheißung, dem anderen aber die Bitte vorzutragen, das
Volk (zur Feier eines Jahwefestes) in die Wüste ziehen zu lassen. Scheinbar erreicht er nur das
Gegenteil, die Verstockung Pharaos und die Verstärkung der Israel auferlegten Fronlasten, vgl.
Ex 5,22 f.; 6, r ''. Aber Jahwe erweist sich als der Stärkere: Seine sieben Plagen brechen den Willen
des Pharao, so daß er das Volk ziehen läßt. Als sich der Sinn des Königs wandelt und er den Flie-
henden nachsetzt, führt Jahwe die Ägypter am Meer in ihr Verderben. Die Erretteten ziehen in
die Wüste Schur, wo Mose dem Volk das Bitterwasser von Mara genießbar macht, bei Massa und
100 Die Geschichtserzählungen Israels
Meriba Wasser aus dem Felsen schlägt undJosua die Amalekiter besiegt. Am Sinai erlebt Israel
die Theophanie Jahwes, der ein Opfermahl folgt, und bricht dann auf, dem Land der Verheißung
entgegen, von Hobab geleitet, vgl. Num ro,29. Auf seinem Marsch durch die Wüste murrt das
Volk im Gedenken an das, was sie in Ägypten zu essen hatten. Sie werden von Jahwe durch Was-
ser aus dem Felsen getränkt, mit Wachteln und Manna gespeist; aber sie wollen einen Anführer
wählen, der sie nach Ägypten zurückführt, weil der Einzug in das verheißene Land ihnen zu ge-
fährlich erscheint, als die zurückkehrenden Kundschafter von dessen verlockenden Früchten
und dessen bewehrten Städten erzählen. Darum beschließt Jahwe, die Aufsässigen zu bestrafen:
Nur Kaleb wird als der Getreue das Land sehen, das Jahwe den Vätern zu geben geschworen
hatte. Alle eigenmächtigen Versuche, in das Land zu ziehen, werden von den Amalekitern und
den Kanaanäern vereitelt. Bei der Wanderung um das edomitische Gebiet herum murrt das Volk
von neuem in Sehnsucht nach dem Land seiner Knechtschaft. Feurige Schlangen fahren darein;
nur wer die eherne Schlange erblickt, wird gerettet. - Wir treffen mit Bileam und seiner Eselin
zusammen, wir hören seinen Segen für Israel, die Weissagung von dem Stern aus Jakob und dem
Rutenstern aus Israel - und blicken durch David als das Urbild aller Herrscher über Israel auf
eine Zukunft hinaus, in der sich alle Verheißungen erfüllen.
Daß es im gegenwärtigen Zusammenhang der altisraelitisGhenGeschichtserzählungen eine Li-
nie gibt, die von Mose, dem Retter aus der Hand der Ägypter, über Gideon, den Retter aus der
Hand der Midianiter, und Simson als den anfänglichen Retter aus der Hand der Philister zu Saul
als dem Retter aus der Hand der Philister führt, der sich schließlich die Notiz des Siegesvon Da-
vid über die Philister einfügt, sei wenigstens abschließend angemerkt 30•
Jahwe ist wahrhaft ein Weltengott. Er wohnt im Himmel, Gn u,5. Er schuf Men-
schen und Tiere, Gn 2,4bff. Er sendet Wind und Wetter, Krankheit und Plagen, Gn
19,24; Ex 7,14-14,31'; J. Er läßt die Quellen sprudeln, Ex 17,6, und gibt Menschen
und Vieh Fruchtbarkeit, Gn 21,d.; 25,21; 30,25 ff. Sein Name ist der Menschheit seit
Urzeiten bekannt, Gn 4,26. Seiner Macht sind die Könige unterworfen, Ex 3 ffY.
Und doch wird sie, da die Völker unter seinem Gericht stehen, an Israel allein im vol-
len Sinne offenbar. - Blicken wir auf die ganze in dieser Schicht enthaltene Geschichte
zurück, so bleibt die Betonung des menschliche Bosheit und menschliche Untreue
überwindenden Heilswillens Jahwes unübersehbar. Und doch muß daneben das an-
dere gesehen und betont werden, die Warnung an das Volk, sein Heil eigenmächtig zu
suchen, die Mahnung, auch in schweren Tagen dem Gott die Treue zu halten, dessen
die Verheißung und das Gericht sind32 • Denn Israels Gott ist, wie er in einem vermut-
lich erst nachexilischen Zusatz zu der Geschichte vom Gottesgericht an Sodom ge-
nannt wird, der »Richter der ganzen Erde«, Gen 18,2533.
An dem übernommenen Gut haftet mancher urtümliche Zug: So geht Jahwe
abends im Garten spazieren, so formt er aus der Rippe des Mannes das Weib, Gn
30. Vgl. Ex 3,8; Ri 6,14; 13,5; 1 Sam 9,16 und 2 Sam 5,25.
31. Vgl. dazu Hölscher, a.a.O., S. u6ff.
32. Vgl. dazu Marie-Louise Henry: Jahwist und Priesterschrift, ATh I, 3, Stuttgart 1960, S.
l 5 ff.
33. Zu Gn 18,22b--32a vgl. Ludwig Schmidt: De Deo, BZAW 143, Berlin und New York
1976, S. l 3 l ff.
§ 9 Die ElohistischePentateuchschicht IOI
2,4bff. - Doch sieht man weiterhin genauer zu, bleibt Gott ,im Gewölk, verborgen.
Verhalten das »Da erschien Jahwe Abraham und sprach ... « Gn 12,7. Gerade in den
offensichtlich rein literarischen Erzählungen wird Gott an seinen Wirkungen er-
kannt. Dabei geht es dann sehr natürlich zu: An schlichten Zeichen erkennt Abra-
hams Knecht, daß er die rechte, für Isaak bestimmte Jungfrau gefunden hat, Gn
24, [Link] erhört das [Link] segnet die Saaten, Gn 26, 12 ff., segnet Jakobs
Besitz im fremden Land, Gn 35,25ff. Er läßt Joseph all sein Tun gelingen, Gn 39,3,
benutzt selbst das Dunkel der Sünde, um sein Ziel zu erreichen. Wo Mirakelhaftes ge-
schieht, wie bei dem Erblinden der Sodomiter, Gn 19,u, spüren wir älteres Gut im
Hintergrund. Es befremdet wohl auch nicht, wie die Erzählung vom brennenden und
sich doch nicht verzehrenden Domstrauch zeigt, Ex 3,2ff.* Aber wir merkten oben
schon an, um wieviel natürlicher die Erzählungen dieser Schicht von den ägyptischen
Plagen und vom Zug durch das Meer gegenüber denen von E/P wirkenl4. Und viel-
leicht greifen wir nicht fehl, wenn wir diese Hinweise auf eine zunehmende Reflexion
statt in die Frühe der davidisch-salomonischen Zeit in das Judentum versetzen, dessen
Horizonte sich durch Exilsgeschick und Diaspora erheblich ausgeweitet haben. Frei-
lich: Noch ist diese Weltzuwendung innerlich ungebrochen. Noch vertraut der
Glaube darauf, daß es ihm möglich ist, in dem äußeren Geschehen Gottes Absichten
zu erkennen. Der schließliche Weg der Weisheit in Israel wird es aufdecken, daß
menschliches Erkennen letztlich vor dem göttlichen Grunde der Welt als einem Rät-
sel steht35.
0. Procksch: Das nordhebräische Sagenbuch. Die Elohimquelle, Leipzig 1906;,P. Volz und W.
Rudolph: Der Elohist als Erzähler-ein Irrweg der Pentateuchkritik?, BZAW 63, Gießen 1933;
W. Rudolph: Der ,Elohist< von Exodus bis Josua, BZAW 68, Berlin 1938; 0. Eissfeldt: Die
Komposition von Exodus 1-:-[Link] Rettung des Elohisten, ThBl 18, 1939, Sp. 224ff. = Kleine
Schriften II, Tübingen 1963, S. 16off.; M. Noth: Überlieferungsgeschichte des Pentateuch,
Stuttgart 1948 = 19663,S. 4off., 247ff.; G. Hölscher: Geschichtsschreibung in Israel, SKBVL
50, Lund 1952, S. 136ff.; S. M owinckel: Erwägungen zur Pentateuch Quellenfrage, (Oslo) 1964,
S. 59ff.; F. V. Winnett: Re-Examining the Foundations, JBL 84, 1965, S. 1ff.; R. Kilian: Die vor-
priesterlichen Abrahams-Überlieferungen, BBB 24, Bonn 1966; R. N. Whybray: The Joseph
Story and Pentateuchal Criticism, VT 18, 1968, S. 522ff.; H. W. Wolf[: Zur Thematik der elohi-
stischen Fragmente im Pentateuch, EvTh 29, 1969, S. 59ff. = Gesammelte Studien zum Alten
Testament, ThB 22, München 1973 S. 402ff.; Hannelis Schulte: Die Entstehung der Ge-
2,
schichtsschreibung im Alten Israel, BZA W 128, Berlin 1972;K. Jaros: Die Stellung des Elohisten
zur kanaanäischen Religion, OBO 4, Freiburg/Schweiz und Göttingen 1974; J. van Seters:
Abraham in History and Tradition, New Haven und London 1975; R. Rendtorff: Das überliefe-
rungsgeschichtliche Problem des Pentateuch, BZAW 147, Berlin und New York 1977; P. Wei-
mar: Untersuchungen zur Redaktionsgeschichte des Pentateuch, BZAW 146, Berlin und New
York 1977; Hans-Christoph Schmitt: Die nichtpriesterliche Josephsgeschichte, BZAW 154,.
Berlin und New York 1980.
I. Das literarische Problem. Im Pentateuch findet sich eine Schicht von Texten, die
sich durch die jedenfalls bis Ex 3,14 durchgehaltene Vermeidung des Jahwenamens
schon äußerlich von der jahwiscischen und durch Stil und geistige Physiognomie zu-
gleich von der priesterlichen Schicht unterscheidet. Wir vergegenwärtigen uns das
Problem an der Abrahamüberlieferung: Die Abraham-Lot-Sagen, die Erzählung von
Isaaks Opferung und die vom Tod und Begräbnis der Ahnfrau Sara liegen jeweils nur
in einer Fassung vor. Dagegen ist die Erzählung von der Gefährdung der Ahnfrau
doppelt überliefert: Nach Gn 12,10-20 verschwand Sara im Harem des Pharao, nach
Gn 20 in dem des Königs Abimelech von Gerar'. Ähnlich verhält es sich bei der
Hagarerzählung: Nach Gn 16,r-14* floh Hagar vor der Geburt lsmaels, nach Gn
21,8-21 wurde sie lange nach seiner Geburt vertrieben.
Achten wir nun darauf, welche Erzählungen den Gottesnamen Jahwe gebrauchen
und welche statt dessen einfach von Elohim, d. h. Gott', reden, lassen sich die Dublet-
ten und die übrigen Erzählungen auf zwei Gruppen verteilen, wenn wir aus Gründen
der Übersichtlichkeit von dem priesterlichen Erzählgut in 17 und 23 absehen:
12,10-20 und 16,1-14* kommenz. B. in die gleiche Textgruppe wie der Abraham-
Lot-Sagenkranz in 1 3 ; 18-19, während 20 und 21,8-21 zusammen mit der Erzählung
von der Opferung Isaaks in 22, eine andere bilden. Diese nach ihrer Verwendung des
Wortes Elohim als elohistisch bezeichnete Schicht ist nicht auf die Abrahamgeschich-
ten beschränkt, sondern findet sich auch in den weiteren Überlieferungen. Dabei fällt
auf, daß das elohistische Erzählgut in der Regel so in den Rahmen der jahwistischen
Schicht eingefügt ist, daß es wie eine Ergänzung anmutet.
Im Rahmen der Neuere~ und der Neuesten Urkundenhypothese erklärt man sich
den Befund so, daß ein als J ehovist bezeichneter Redaktor RJEin das ältere J ahwisti-
sche Geschichtswerk Teile aus einem entsprechenden Elohistischen Geschichtswerk E
eingefügt habe. Aber es liegt auf der Hand, daß man den Befund auch ganz anders,
nämlich als Folge einer Bearbeitung gewisser Teile des jahwistischen corpus durch
den Elohisten erklären kann. Diese Hypothese ist 1933 von Paul Volz und Wilhelm
Rudolph am Beispiel der Genesis durchgeführt. Später hat Rudolph die Untersu-
chung bis in das J osuabuch fortgesetzt.
Durch den lange Zeit und sicher weithin auch heute noch als geglückt angesehenen
Versuch Martin Noths, nachzuweisen, daß die älteren Literarkriciker E zu Unrecht
als eine Neuausgabe von J beurteilt hätten, weil beide in Wahrheit unabhängig von-
einander in der älteren Überlieferung G (= Grundlage) verwurzelt seien, erhielt die
r. Zu Gn 26,1 ff. vgl. die späteren Ausführungen unter der gleichen Ziffer.
2. Zum etymologischen Problem und der Verwendung dieser ursprünglichen Pluralform vgl.
H. Ringgren, ThWAT 1, Sp. 29rf.
§ 9 Die Elohistische Pentateuchschicht 103
3· A. a. 0., S. 4off.
4. Vgl. dazuv. Seters, a.a.O., S. 183undS. 200, mit Weimar, a.a.O., S. 107undS. 111, und als
Repräsentanten der älteren Sicht z.B. R. Smend sr.: Die Erzählung des Hexateuch, Berlin 1912,
s. 342f.
5. Vgl. dazu auch]. Schüppenhaus: Volk Gottes und Gesetz beimElohisten, ThZ 31, 1975, S.
193ff.
6. Außer Volz und Rudolph haben z.B. Mowinckel, Bentzen*, Winnett, Whybray und Vrie-
zen* für die Bearbeitungs- oder Ergänzungshypothese plädiert.
7. Vgl. dazu auch den Forschungsbericht von K. Jaros, a.a.O., S. 18ff.
104 Die Geschichtserzählungen Israels
den Forschung kaum Anklang gefunden 8 • Bis in die fünfziger Jahre und darüber hin°
aus meinte man in der Regel E erstmals in Gn r 5 feststellen zu können. Kaiser hat
diese Annahme widerlegt, so daß man den Einsatz derzeit in Gn 20 zu suchen hat9.
Die Frage, wo der Endpunkt liegt, scheint stets die größten Schwierigkeiten bereitet
zu haben und ist heute völlig kontrovers. Wer die unterstellten Quellen wie
Smend sr., Eissfeldt und Hölscher über den Hexateuch hinaus verfolgen zu können
meinte, war sich seiner Sache natürlich auch im Blick auf das J osuabuch sicher, in dem
man in der Nachfolge Wellhausens bis hin zu Weiser'f den Grundbestand von r-II
mit der Erzählung vom Landtag in Sichern J os 24 als Endpunkt ansah. Dagegen hatte
N oth die Landnahmeerzählung in J os r-r r'-· einem judäischen Sammler zugeschrie-
ben und darüber hinausgehend erklärt, die ganze alte LandnahmeerzählungJE sei bei
der Einfügung in den auf Dtn 34 begrenzten Rahmen von P verlorengegangen 1°.Mag
man diese Hypothese auf sich beruhen lassen, bleibt anzumerken, daß Volkmar Fritz
Zweifel an dem Vorkommen elohistischer Partien in Ex r 5-17 + Num ro-21, d. h. in
der ganzen Wüstenüberlieferung, geäußert hat 11 • Gegen die Hypothese, die jüngere
Bileamgeschichte in Num 22-24 sei E zuzuweisen, hat Leonhard Rost Bedenken an-
gemeldet12. Mustert man die Analysen der Plagen- und Auszugserzählungen, ist die
Unsicherheit groß 13 • Vollends entmutigt wird, wer sich den unterschiedlichen Versu-
chen, das elohistische Gut in der Sinaiperikope auszusondern, zuwendet 1 4. Manches,
was kritisch gegen die Zuweisung von Texten in der Genesis an E vorgetragen worden
8. Vgl. dazu S. Mowinckel: The Two Sources of the Predeuteronomic Primeval History OE)
in Gen 1-11, ANV AO II, 1937,2, Oslo 1937,von ihm später widerrufen, vgl. Pentateuchquel-
lenfrage, S. 6of.;Hölscher, a. a. 0., S. 271,u. ö.; W. Fuss:Die sogenannte Paradieserzählung, Gü-
tersloh 1968;vgl. auchHannelis Schufte, a. a. 0., S. 43 f. -Sie fänden allenfallsin der von Weimar,
a. a. 0., S. 152ff. und S. 167ff. vertretenen Hypothese ihre modifizierte Rechtfertigung, daß ein
beachtlicher Anteil der Urgeschichte erst auf den Jehovisten zurückgeht.
9. ZAW 70, 1958,S. 107ff., aufgenommen und weitergeführt z.B. beiR. Kilian: Der heilsge-
schichtlicheAspekt in der elohistischen Geschichtstheologie,ThGl 54, 1966,S. 369ff.; L. Perlitt:
Bundestheologie im Alten Testament, WMANT 36, Neukirchen 1969,S. 68ff.; G. v. Rad, ATD
2/4, Göttingen 1976'°, S. 141; Rendtorff, a.a.O., S. 37; vgl. aber auch Weimar, a.a.O., S. 165.
10. A. a. 0., S. r6; vgl. dazu oben, S. 89, und unten, S. r4of.
rr. Israel in der Wüste, MThSt 7, Marburg 1970,vgl. besonders S. 34f., dazu aber auch den
Widerspruch von H. Cazelles, VT 21, r97r, S. 506ff.
12. Fragen um Bileam, in: Beiträge zur alttestamentlichen Theologie. Festschrift W. Zim-
merli, Göttingen 1977,S. 386f. Vgl. aber auch L. Schmidt, BZ NF 23, 1979,S. 234ff., und dage-
gen G. W. Ahlström, JNES 39, 1980, S. 69 Anm. 29.
13. Vgl. z.B. 0. Eissfeldt: Hexateuchsynopse, Leipzig 1922 = Darmstadt 19622 mit Noth,
a.a.O., S. 39.
14. Vgl. dazu die Tabellen bei E. Zenger: Die Sinaitheophanie, FzB 3, Würzburg 1971, S.
207ff.; weiterhin A. Reichert: Der J ehovist usw., Diss. Tübingen 1972,S. 109ff. (referiert ThLZ
98, 1973,Sp. 958), undE. Otto: Das Mazzotfestin Gilgal, BWANT 107,Stuttgart 1975,S. 254ff.
§ 9 Die Elohistische Pentateuchschicht 105
ist, wie im Fall von 22 und in der Josephsgeschichte dürfte nicht so triftig sein, um die
von Gunkel vorgelegten Analysen grundsätzlich zu entkräften 1 5. Zusammenfassend
können wir feststellen, daß derzeit prinzipielle Einigkeit darüber besteht, daß mit der
Anwesenheit von E bis in die Sinaiperikope zu rechnen ist. Dabei werden die Zuwei-
sungen freilich jenseits von Ex 19 schwankend 1 6 • Eine gewisse Unsicherheit läßt sich
auch im Blick auf den elohistischen Anteil der Bileamperikope mit den elohistischen
Bileamsprüchen 23,7-10 und 18-24 feststellen. Als oberste Grenze von E ist, sie in
Rechnung gestellt, Num 23, 26 zu betrachten. -Aus dem Verweis auf die Auszugs-
und Landnahmegeschichte in Gn 50, 24ff., vgl. Ex 13,19 undJos 24,32, läßt sich kein
Rückschluß auf eine elohistische Landnahmeerzählung gründen, da es sich hier um
eine in den Umkreis der deuteronomistischen Schule gehörenden Zusatz zu handeln
scheint 17 • ·
15. Vgl. dazu oben, S. 93, und H. Donner: Die literarische Gestalt der alttestamentlichenJo-
sephsgeschichte, SHA W 1976, 2, Heidelberg 1976, der die These vertritt, dieJ osephsgeschichteJE
sei durch die jehovistische Josephsnovelle ersetzt. Auszunehmen seien 37,2 P; 41,50-52'';
46,1-5; 48 und 50,23-25, wovon nur 48 eine sichere Zuweisung an J bzw. E zulasse. Auch
P. Weimar, a. a. 0., S. 24 f. Anm. 66, rechnet damit, daß die J osephsgeschichte nicht zum Grund-
bestand von J oder E gehörte, sondern nach ihrer Entstehung in der hiskianischen Epoche erst
durch den gegen Ende des 8. Jahrhunderts arbeitendenJ ehovisten in seine Geschichtsdarstellung
aufgenommen wurde. Demgegenüber halten H. Seebaß: Geschichtliche Zeit und tlreonome
Tradition in der Joseph-Erzählung, Gütersloh 1978, S. 64ff. und S. 79ff., und H.-Chr. Schmitt,
a. a. 0 ., S. 21 ff., m. E. mit Recht an einem auf J und E aufzuteilenden Grundbestand fest.
16. Vgl. dazu die Tabellen bei E. Zenger: Die Sinaitheophanie, FzB 3, Würzburg 1971, S.
207ff. - P. Weimar, a.a.O., S. 166f., hat den Umfang des von ihm als paradigmatische Ge-
schichtsschreibung angesprochenen Elohisten auf drei Textgruppen zwischen Gn 15 und Ex 34
beschränkt: I Gn 15"·; 20''; 22''; II Gn 28'·; 35"·; 46,1-5''; III Ex 3/4''; 9/ro''; 19/zo*; 33* und
34''. Er hält jedoch am Charakter von E als primär selbständiger Quelle fest.
17. Vgl. dazu Rendtorff, S. 75 ff..
106 Die Geschichtserzählungen Israels
tion z.B. Weiser,* Plöger 18 Fahrer\ Vriezen>f, Weimar 19, Schmidt':- und Seebaß 20 für
die Heimat des Elohisten im Nordreich ausgesprochen, womit sie wohl immer noch
die opinio communis repräsentieren. Eissfeldt'f hielt die Frage dagegen wegen des
komplexen Befundes für nicht entscheidbar. -Auf der anderen Seite haben Smend sr.,
Hölscher und Noth und in vorsichtiger Form auch Smend jr/f für die judäische Her-
kunft votiert. Noth sah die für die nördliche Entstehung ins Feld geführten Eigenar-
ten schon deshalb für nicht stichhaltig an, weil es sich hier lediglich um ein intensive-
res Nachwirken der in Mittelpalästina ihren Ursprung nehmenden, aber inzwischen
längst judäisch erweiterten Traditionsgrundlage handele, und fand schließlich in Gn
22 und Ex 18 direkte Stützen für die Südreichhypothese. Weiterhin ist geltend zu ma-
chen, daß sich die sachliche Nähe zur hoseanischen und deuteronomisch-deuterono-
mistischen Theologie nicht nur im Sinne eines zeitlichen prae, sondern auch in dem
der Gleichzeitigkeit erklären läßt, womit sich angesichts der Geschichte der deutero-
nomisch-deuteronomistischen Aktivitäten ein breiter Spielraum eröffnet, der keines-
wegs zu einer Ansetzung im Nordreich zwingt.
Damit ist zugleich gesagt, daß die der opinio communis entsprechende Datierung
jedenfalls vor dem Untergang des Nordreiches im fahre 722 nicht zwingend ist. Das
Fehlen von Hinweisen auf die Bedrohung durch die Assyrer oder Aramäer kann
grundsätzlich ebenso ein Zeichen dafür sein, daß diese noch nicht wie daß sie nicht
mehr aktuell gewesen ist. So hat denn auch Smend sr. für die Ansetzung im 7. und
Hölscher, der die Quelle freilich bis 2 Kö 25 verfolgen wollte, für die im 6. Jahrhun-
dert votiert. Angesichts der sich in der J osephsgeschichte findenden neuassyrischen
und vermutlich auch neubabylonischen Vorstellungen dürfte eine Datierung vor der
späten Königszeit ausgeschlossen sein21 • Die der theologisierten Weisheit entspre-
chende Betonung der als ethische Haltung verstandenen Gottesfurcht, vgl. Gn 20, 11;
22,12; 42,18; Ex 1,17 und 18,21, die dem theologischen Ethizismus der elohistischen
Darstellungsweise insgesamt entspricht, läßt eine Herabdatierung in das 6. Jahrhun-
dert vertretbar erscheinen 22 • Ihr entspricht weiterhin die sich in Abrahams Bezeich-
nung als eines Propheten niederschlagende Hochschätzung der Prophetie Gn 20,7
und die m. E. absichtlich geheimnisvolle Anspielung auf Jerusalem als Opferstätte Gn
22,2, welche jede Divergenz zur deuteronomischen Kultzentralisationsforderung
von Dtn 12 und ihrer deuteronomistischen Beziehung auf den Jerusalemer Tempel
ausschließt. Und auch die Traumoffenbarungen sprechen nicht dagegen, finden sie
doch in den Nachtgesichten Sacharjas ihre Entsprechung 2 3.
4. Quellen. Die Frage nach den von E verarbeiteten Quellen ist notwendig von der
Beurteilung von E als einst selbständiger Geschichtsdarstellung, bloßer Ergänzungs-
schicht oder erstmaligen Komposition eines umgreifenderen Erzählungszusammen-
hangs abhängig24 • Nach dem oben über das zwischen] und E bestehende Verhältnis
Gesagten haben wir als die eigentliche Quelle des Elohisten jedenfalls das ältere jah-
wistische Gut der Tetrateucherzählung anzusehen, das er mit besonderen, mit den
Heiligtümern von Bethel und Sichern und, ist unser Verständnis von Gn 22 zutref-
fend, Jerusalem verbundenen Traditionen angereichert hat. Hier scheint auch der ei-
gentliche Haftpunkt der Ex 18 in die Wüste zurückprojizierten Rechtsorganisation
zu liegen25 • - Bei den Segensworten für Jakob und Esau in Gn 27,28 f. und 39 f. handelt
es sich kaum um aus mündlicher Tradition übernommene Sprüche, sondern um eine
ad hoc-Bildung, die auf ältere Segensformulierungen zurückgriff2 6 • Das partiell zu E
gerechnete Mirjamlied mag zwar alt sein, läßt sich aber keiner der tragenden Penta-
teuchschichten mit Sicherheit zuweisen 27. Dagegen handelt es sich bei dem Brunnen-
lied Num 21,17f. und bei dem Spottlied auf den König von Hesbon Num 21,27-30
um vorquellenhaftes Gut, das wie die poetische Grenzbeschreibung in Num 21,14f.
dem »Buch der Kriege Jahwes« entnommen sein mag28 • Wenn die weithin als elohi-
stisch eingestuften Bileamsprüche Num 23,7ff. und 18ff. wirklich jünger als ihre jah-
wistischen Parallelen sind 2 9, wird man sie als bewußte Korrektur der älteren ansehen
können. Am meisten dürfte jedoch die Frage interessieren, ob der sog. Ethische Deka-
log Ex 20,2-17 und das Bundesbuch Ex 20,22-23,19(33) zu E gehören. Trotz eines bis
in die Gegenwart reichenden Optimismus dürften die neueren Untersuchungen im
Recht sein, die für ihre redaktionelle Einfügung plädierenl 0 • -
5. Der Elohist als Erzähler. Vergleicht man die elohistischen Erzählungen mit seinen
Vorlagen, drängt sich besonders auf, in welchem Maße er sie unter theologischen Ge-
sichtspunkten abgerundet hatl 1 •
Stilistisch fällt bei ihm die Vorliebe für die Dehnung der Szenen durch Verdoppe-
lung auf: Joseph hat zwei Träume, Gn 37,5ff.; Obermundschenk und Oberbäcker
haben zusammen zwei Träume, Gn 40,5ff. Auch der Pharao träumt zweimal, Gn
4 r, r ff. Zweimal werden Boten ausgesandt, erst zum König von Edom, Num 20, 14ff.,
dann zum König von Hesbon, Num 22,5ff. Wie die szenische Verdoppelung dient
auch die Vermehrung der Personen der Verlängerung der Erzählung: Sind es in seinen
Vorlagen G1) selten mehr als zwei oder drei, so können es bei E selbst sieben sein, ein
sicheres Anzeichen dafür, daß wir es mit literarischen Bildungen zu tun haben. So
sind Gn 2r,8ff. Elohim, sein Bote, Abraham, Sara, Isaak, Hagar und ihr Sohn an der
Handlung beteiligt. Der Ausgestaltung der Erzählung dient auch die Einführung von
Nebenpersonen: Abraham läßt sich auf dem Wege zu dem Berg im Lande Morija von
zwei Knechten begleiten, Gn 22,3. Die Nebenpersonen erhalten Namen, bei denen
man den Eindruck freier Erfindung hat: So heißen z.B. die beiden frommen Hebam-
men in Ägypten Siphra und Pua, Ex r,15. - E zeigt eine größere Fähigkeit als seine
Vorlage, Charaktere und Stimmungen zu zeichnen. Dabei tritt die Rede als ein be-
wußter verwandtes Mittel hervor. Ein Vergleich zwischen Gn r 2, 10-20 J I und Gn 20 E
zeigt, daß J I die Rede verwendet, soweit sie zum Fortschritt der Handlung nötig
ist. Bei E dient sie gleichzeitig der Charakterisierung der Personen.
Dem tödlichen Ernst von Gn 22, dem Meisterstück elohistischer Erzählkunst, steht
der Humor anderer Stellen versöhnend gegenüber: Wenn Esau gierig nach dem Lin-
sengericht greift, das er nicht einmal genau kennt (»Laß mich schnell von dem Roten
schlingen, dem Roten da; denn ich bin müde!«), und damit die Erstgeburt verspielt,
Gn 2 5,29 ff., ist der Schalk herauszuspüren. Und wenn Rahel den Vater bei der Suche
nach den Hausgötzen, den Teraphim, hinters Licht führt, meint man den gutmütigen
Spott über die Anhänglichkeit an derartige Fetische herauszuhören, Gn 3 r,3offY.
32. Zum Stil von Evgl. Hölscher, a. a.O., S. 209ff.-Es bleibt abzuwarten, ob die für den Hu-
mor des Elohisten beigebrachten Texte dieser Schicht verbleiben.
§ 9 Die Elohistische Pentateuchschicht 109
den, vgl. Ex 3,1*.4b'f.6.9-15'f. Bis Ex 3 gebraucht er daher planvoll statt des Gottesna-
mens die Gottesbezeichnung ElohimJJ.
Ähnliche Unterschiede zwischen E und seinem jahwistischen Kontext lassen sich
auch sonst beobachtenl4: In der jahwistischen Schicht wird der Schwiegervater des
Mose einfach als Priester Midians bezeichnet, vgl. Ex 2,16, beim Elohisten heißt er
]ethro, vgl. Ex 3,1'f (4,18). Der Jahwist nennt den Berg der Gottesbegegnung Sinai,
vgl. Ex 19,n; der Elohist redet dagegen vom Gottesberg, vgl. Ex 3,1b (18,5)35.
Kehren wir zu unserem Ausgangsbeispiel, der Doppelüberlieferung Gn 12,10 bis
20 und Gn 20, zurück, können wir unschwer weitere Charakteristika feststellen, die
sich auch ferner durch die Dublettenreihen verfolgen lassen: Während Pharao die
Wahrheit über Sara Gn 12 an den Plagen erkennt, offenbart Gott (Elohim) die Hinter-
gründe Abimelech Gn 20 im Traum. Eine Traumoffenbarung setzt offenbar auch die
knappe Einleitung der Erzählung von Isaaks Opferung Gn 22, 1-3 [Link] so läßt
sich das Traummotiv weiter durch die elohistischen Erzählungen verfolgen: Die
Himmelsleiter in Bethel erscheint Jakob im Traum, Gn 28,12. Der Engel Gottes er-
scheint Jakob im Traum, um ihn zur Rückkehr in die Heimat aufzufordern, Gn
31,1df. Ebenso wird Laban von Gott im Traum gewarnt, unfreundlich mit Jakob zu
reden, Gn 31,24. - Die Linie setzt sich in der Josephsgeschichte fort: Josephs Träume
bringen die Geschichte in geheimnisvollem Zwielicht in Gang, Gn 37,5ff. Die
Träume des Obermundschenken und Oberbäckers, die Träume Pharaos und ihre
Deutung durch Joseph, Gn 40 f., und schließlich der Jakob im Nachtgesicht gegebene
Befehl zum Aufbruch nach Ägypten, Gn 46,2, runden das Bild ab: Überall ist in der
vormosaischen Zeit der Traum das eigentliche Offenbarungsmittel. Darin spiegelt
sich wohl eine ganz bestimmte Gottesauffassung, die um die Distanz zwischen Gott
und Mensch weiß und sie gewahrt wissen will.
Sind wir auf das eigentümliche Offenbarungsverständnis des Elohisten aufmerk-
sam geworden, so werden wir auch leicht der Unterschiede im sittlichen Empfinden
inne: Gn 12,10ff. wird von seiner Vorlage ganz unbedenklich erzählt, daß Abraham
seine Frau als seine Schwester ausgibt, damit es ihm wohl gehe und er am Leben
bleibe. Vielleicht hat der Erzähler gar noch seine Freude an dem listigen Erzvater!-
Ganz anders in der elohistischen Parallele Gn 20: Der Stoff war offensichtlich so fest
in der Überlieferung verankert, daß der Erzähler ihn nicht übergehen konnte. So
sucht er seinen Helden wenigstens zu entlasten: Sara sei ja in der Tat die Halbschwe-
ster Abrahams gewesen!- Und während Abraham Gn 12 mit einem derben »Nimm
und geh!« vom Pharao entlassen wird, läßt ihn der Erzähler von Gn 20 zum Retter
Abimelechs werden. Der Prophet Abraham muß den kranken König durch seine Für-
bitte heilen! Die ganze Erzählung zeigt nicht nur ein verfeinertes sittliches Empfin-
den, sie ist auch theologisch reflektierter als ihre Vorgängerin: Aus der Geschichte
von der Gefährdung der Ahnfrau wird unter der Hand des Elohisten ein Beitrag zur
Frage nach der Gerechtigkeit Gottes. Unwissend und darin einem Helden der grie-
chischen Tragödie gleich gerät der fremde König in Schuldverstrickung. Gott aber
weiß um die Schuldlosigkeit und verhindert, daß er sich aktiv versündigt. - Die theo-
logische und ethische Durchdringung der überlieferten Stoffe verleiht der Einzeler-
zählung beim Elohisten ein ganz anderes Gewicht als beim älteren Jahwisten.
36. Gn 39* werden vonD. B. Redford: A Study of the BiblicalStory of Joseph, SVT 20, Lei-
den 1970, S. 146f.; H. Seebaß, a. a. 0., S. 79, und Hans-Christoph Schmitt, a. a. 0., S. 81 ff., nicht
grundlos als eine spätere Einfügung beurteilt.
37. Zu Beerseba als angeblichem Wohnsitz Jakobs bei E Gn 46,raß vgl. H.-Chr. Schmitt,
a.a.O., S. 59.
§ 10 Die Priesterliche Bearbeitung des Pentateuchs III
]. Wellhausen: Die Composition des Hexateuchs (1876/77), Berlin 19634 ; G. v. Rad: Die Prie-
sterschrift im Hexateuch, BWANT IV, 13, Stuttgart und Berlin 1934, daraus Teilabdruck (S.
166ff.) in: Gesammelte Studien zum Alten Testament II, hg. R. Smend, ThB 48, München 1973,
S. 165ff.; P. Humbert: Die literarische Zweiheit des Priester-Codex in der Genesis, ZAW 58,
1940/41, S. 3off.; M. Noth: Überlieferungsgeschichtliche Studien, Halle 1943 = Tübingen
19673, S. 18off.; ders.: Überlieferungsgeschichte des Pentateuch, Stuttgart 1948 = 19663, S. 7ff.,
2 59 ff.; K. Eiliger: Sinn und Ursprung der priesterlichen Geschichtserzählung, ZThK 49, 1952, S.
121 ff. = Kleine Schriften zum Alten Testament, ThB 32, München 1966, S. 174 ff.; R. Rendtorff-
Die Gesetze in der Priesterschrift, FRLANT 62, Göttingen 1954 = 1963•; K. Koch: Die Eigenart
der priesterschriftlichen Sinaigesetzgebung, ZThK 55, 1958, S. 36ff.; ders.: Die Priesterschrift
von Exodus 25 bisLeviticus 16,FRLANT 71, Göttingen 1959; G. [Link]: TheologieI,München
1957, S. 231 ff.= 19665, S. 245 ff.; M.-L. Henry: Jaliwist und Priesterschrift, ATh 1,3, Stuttgart
1960, S. 2off.; S. Mowinckel: Erwägungen zur Pentateuch Quellenfrage, (Oslo) 1964, S. 9ff.;
P. R. Ackroyd: Exile and Restauration, OTL, London 1968, S. 84ff.;J. G. Vink: The Date and
Origin of thePriestly Code in the Old Testament, OTS 15, Leiden 1969, S. df.;D. Kellermann:
Die Priesterschrift von Numeri 1,1 bis 10,10, BZAW 120, Berlin 1970; S. E. McEvenue: The
Narrative Style of the Priestly Writer, AnBib 50, Rom 1971; F. M. Cross: The Priestly Work, in:
Canaanite Myth and Hebrew Epic, Cambridge/Mass. 1973, S. 293 ff.; P. Weimar: Untersuchun-
gen zur priesterschriftlichen Exodusgeschichte, FzB 9, Würzburg 1973; ders.: Untersuchungen
zur Redaktionsgeschichte des Pentateuch, BZA W 146, Berlin und New York 1977;]. van Seters:
Abraham in History and Tradition, New Haven und London 1975, S. 279 ff.; M. Wüst: Untersu-
chungen zu den siedhingsgeographischen Texten des Alten Testaments I, BTAVO. B 9, Wiesba-
den 1975; R. Rendtorff- Das überlieferungsgeschichtliche Problem des Pentateuch, BZA W 147,
Berlin und New York 1976, S. 112ff.; V. Fritz: Tempel und Zelt. Studien zum Tempelbau in Is-
rael und zu dem Zeltheiligtum der Priesterschrift, WMANT 47, Ne11kirchen 1977; A. G. Auld:
J oshua, Moses and the Land, Edinburgh 1980; S. Tengström: Die Toledotformel und die literari-
sche Struktur der priesterlichen Erweiterungsschicht im Pentateuch, ConBib 17, Uppsala 1981.
buches (Q) zu, hat sich doch im Blick auf ihren gesamten Inhalt und ihre vermutliche
Herkunft aus priesterlichen Kreisen im Anschluß an Kuenen die Benennung als Prie-
sterschrift (P) durchgesetzt.
Von vereinzelten Einsprüchen gegen dieses basale Verständnis abgesehen hat sich
die Hypothese von ihrem ursprünglich eigenständigen Charakter und ihrer nachträg-
lichen Verbindung mit demJ ehovistischen Geschichtswerk Q/E) im wesentlichen un-
erschüttert bis an die Schwelle des letzten} ahrzehnts erhalten. Und auch jetzt sind die
gegenläufigen, den Befund im Sinne einer oder mehrerer Priesterlicher Redaktionen
deutenden Beobachtungen noch nicht so weit gediehen, um ein endgültiges Urteil
über Wert und Unwert dieser Hypothese zu sprechen. Wir müssen daher bei unserer
Darstellung sowohl dem Verständnis dieser Pentateuchschicht als Teil einer ur-
sprünglich selbständigen Quelle wie den gegen es gerichteten Einwänden gebührend
Rechnung tragen.
b) In der Nachfolge Wellhausens ist, ohne daß es bis heute zu einer einhelligen An-
sicht gekommen wäre, vor allem die Frage der Einheit der Priesterschrift erörtert
worden. Sie hat sich zumal bei der Analyse der Sinaiperikope Ex 25-Num ro'; gestellt,
wo es nicht an Unterbrechungen des Erzählungsfadens, Wiederholungen und zu-
gleich Spannungen und Widersprüchen fehlt. Allein die Beobachtung, daß die Opfer-
thora Lev r-7 retardierend zwischen Ex 40 und Lev 8 tritt und Ex 3 5-40 selbst nicht
über allen Zweifel erhaben als primäre Bestandteile der Erzählung bzw. des Grundbe-
standes gelten können, deutet an, wie komplex sich eine eingehende Analyse desprie-
sterlichen Bestandes gestalten muß. So geht die heute übliche Unterscheidung zwi-
schen der Grunderzählung (Pg) und ihren sekundären Erweiterungen (P') der Sache
nach auf W ellhausen zurück. Er schied neben der Opferthora Lev 1-7 vor allem das
H eiligkeitsgesetz als ursprünglich selbständige Größen aus2 , während er die Frage, ob
auch die Reinheitsthora Lev r r-r 5 zu den Ergänzungen gehört, vorsichtig offenließ3.
Ein etwas genauerer Blick auf die Stellung der Opferthora soll das Gesagte erläutern
und zugleich begründen, warum die Ansichten im Blick auf beide Kultunterweisun-
gen immer wieder auseinandergehen: Ex 2 5-3 r empfängt Mose sieben Tage nach der
Ankunft am Sinai während vierzig Tagen und Nächten von Jahwe die Anweisungen
zur Einrichtung des Kultes. Die Kapitel 3 5-40 berichten entsprechend von der Auf-
stellung und Einrichtung der Zeltwohnung Jahwes, der Stiftshütte. Die in Ex 29 ange-
ordnete Priesterweihe wird dagegen erst Lev 8 erzählt, während Lev 9 von der ersten
Opferhandlung berichtet. Wir erkennen, daß die Opferthora Lev r-7 den Erzäh-
lungszusammenhang unterbricht, aber gleichzeitig auch, daß die Einschaltung im
Sinne einer Vorbereitung von Lev 9 erfolgt ist.
Ähnlich verhält es sich bei der ReinheitsthoraLev II-I 5: Sie ist mittels ro,rof. an die, der
Warnungvor der Verunreinigungdes HeiligtumsdienendeErzählungvon N adabund Abihu in
ro,df. angeschlossen und leitet mittels 15,31 zu der in 16 folgenden Bestimmung vom großen
Versöhnungstag über4.
Finden sich in den Einschaltungen keine Nachklänge der alten technisch gewonnenen Orakel
der Priester, vgl. z.B. 1 Sam 14,36ff. G; 30,6ff., die nach dem Vordringen der Prophetie im pro-
phetischen H eilsorakel fortgelebt haben dürften5, so um so deutlicher die priesterlichen Thorot
oder Anweisungen in der Form der Belehrung über die Unterscheidung zwischen rein und un-
rein als Reinheitsthora, vgl. Hag 2,ro ff.; Ez 44,2 3 und Lev 11-1 5, oder die über das rechte Opfer
als Opferthora, vgl. Lev 1-7. Daß solche kultisch-rituellen Materien, einmal aufgenommen, zu
Nachträgen und Ergänzungen herausforderten, liegt auf der Hand. Dtn 31,9 und Esr 7,1 ff. zeu-
gen für die Übernahme der ganzen Rechtstradition durch das exilisch-nachexilische Priestertum,
dem in der Konsequenz Dtn 17,8f. und Ez 44,24 die oberste Gerichtsbarkeit zugesprochen
wurde 6• Num 5,II ff. kennt als Mittel des Rechtsentscheides das priesterliche Ordal.
Sicher ist jedenfalls, daß P auf eine Fülle kultisch-priesterlicher Traditionen zurückgreifen
konnte, die ihrerseits eine lange und vielfältige Vorgeschichte besessen haben 7•
c) Angesichts des breiten, wiederholenden und zugleich variierenden Stils und den
damit verbundenen Spannungen hat von Rad in den dreißiger Jahren auch in der Ein-
heit der Grunderzählung ein Problem gesehen: Da in der Schöpfungsgeschichte Gn
r,r-2,4a einerseits ein Acht-Werke- und ein Sieben-Tage-Schema und andererseits
die Vorstellung von einer Tat- und einer Wortschöpfung miteinander konkurrieren 8,
fand er hier einen Ansatzpunkt, den Bestand der Grunderzählung auf eine ältere
Quelle pA und eine jüngere Quelle pB aufzuteilen. Gleichzeitig nahm er die Existenz
eines Toledot- oder Geschlechterbuches an. Doch hat auch dieser Versuch abgesehen
von einer zeitweiligen Zustimmung zur Toledotbuchhypothese keinen Anklang ge-
funden9. Am energischsten hat sich Tengström' 0 für den redaktionellen Charakter des
4. Vgl. dazu auch oben, S. 65.
5. Vgl. dazu]. Begrich: Das priesterliche Heilsorakel, ZAW 52, 1934, S. 81ff.= Ges. Studien
zum Alten Testament, ThB 21, München 1964, S. 217ff., sowie unten, S. 275 und S. 338. Zur Sa-
che vgl. auchA. Cody: A History of Old TestamentPriesthood, AnBib 35, Rom 1969, S. II4ff.,
sowie P.j. Bidd, VT 23, 1973, S. 1ff., [Link]: The Use of t6ra by Isaiah, CBQM 3, Wa-
shington D.C. 1973, S. 6ff.
6. Vgl. dazu Cody, S. 12off., und E. Schürer: Geschichte des jüdischen Volkes II, Leipzig
19074,S. 240. -Inwieweit die sog. Einzugsthorot Ps 15 und 24 mit der priesterlichen Unterwei-
sung zu verbinden sind, bleibt der Klärung bedürftig.
7. Vgl. dazu außer den oben angegebenen Monographien von R. Rendtorff und K. Koch auch
den Leviticuskommentar von K. Elliger, HAT I, 4, Tübingen 1966. Zur Information über den
ugaritischen Kult vgl.J.-M. de Tarragon: Le culte aU garit d'apres les textes de la pratique en cu-
neiformes alphabetiques, CRB 19, Paris 1980.
8. Auf Vorläufer bei diesen Beobachtungen im 18. und zu Beginn des 20. Jaluhunderts weist
C. Westermann: Genesis 1-11, EdF 7, Darmstadt 1972, S. 15ff. hin.
9. Vgl. die ausführliche Kritik von P. Humbert, ZA W 58, 1940/41, S. 3off. -Zur Diskussion
über das Toledotbuch und die Toledotformel vgl. 0. Eissfeldt, Kl. Schriften III, Tübingen 1966,
S. 458ff.; Kl. Schriften IV, Tübingen 1968, S. 1ff.;]. Scharbert, in: Wort, Gebot, Glaube, Fest-
schrift W. Eichrodt, AThANT 59, Zürich 1970, S. 45 ff., und P. Weimar, BZ NF 18, 1974, S.
65 ff. und ZA W 86, 1974, S. 174ff.
114 Die Geschichtserzählungen Israels
2. Abgrenzung und Inhalt der ältesten priesterlichen Schicht. Über den Einsatz der
priesterlichen Schicht in Gn 1,1 sind bislang keine Meinungsverschiedenheiten laut
geworden. Umstritten ist ihr ursprünglicher Endpunkt. Während zahlreiche Ge-
lehrte von Wellhausen bis hin zu Weiser* und vor allem M owinckel und Fahrer* P bis
in das Josuabuch verfolgen zu können meinten 21 , waren Noth und Eiliger in der
Nachfolge Alts davon überzeugt, daß Dtn 34,ia*.7-9 als Endpunkt anzusehen ist.
Diese Ansicht hat durch die erneute Analyse von Num 26,52ff. und Num
17. Vgl. dazu neben Cross, S. 301 ff., und van Seters, S. 279, vor allem Rendtorff, S. 112ff.
18. Rendtorff, S. 130.-Ob die HypothesevonP. Weimar, FzB 9, P habe in Ex 1,1-[Link];
2,2 3-2 5*; 6,2-12; 7, 1-7 eine eigene, vonJ /E unabhängige Vorlage verarbeitet, Anerkennung fin-
det, bleibt abzuwarten. Vgl. dazu auch]. Becker, ThPh 50, 1975, S. 276ff.
19. Vgl. dazu oben, S. 57; ferner Cross, a.a.O., S. 319f. Anders W. Zimmerli: Sinaibund und
Abrahambund, ThZ 16, 1960, S. 268ff. = Gottes Offenbarung, ThB 19, München 1963, S. 205ff.
20. Vgl. dazu H. Seebaß: Geschichtliche Zeit und theonome Tradition in der Joseph-Erzäh-
lung, Gütersloh 1978, S. 18ff. und S. 61. -Man fragt sich, ob in Gn 12 und Ex 2 nicht ebenfalls
eine nachträgliche Störung vorliegt. [Link],S.95 undS. 103,und [Link]; BKII, 1,
Neukirchen 1974, S. 63f.
21. Vgl. dazu unten, S. 139ff.
rr6 Die Geschichtserzählungen Israels
33,50--34,29 durch Auld ihre Bestätigung gefunden: Was hier an die Landnahme im
Westjordanland vorbereitenden Texten begegnet, ist samt und sonders von der in ih-
rer Grundlage deuteronomistischen Landverteilungserzählung des Josuabuches ab-
hängig und sprachlich priesterlich und deuteronomistisch, ja teilweise selbst vom
Ezechielbuch beeinflußt. Umgekehrt läßt sich priesterliche Sprache im Josuabuch
erst in dessen jüngsten Schichten nachweisen. Daraus ergibt sich zwangsläufig, daß P
in der Tat mit Num 27,12ff.,:· + Dtn 34':·schloß, P also seine Erzählung mit dem Tode
des Mose beendete 22 • - Bei aller, dem gegenwärtigen Diskussionsstand entsprechen-
den Vorsicht können wir unter Benutzung einer von Hölscher gegebenen Übersicht
und der sich aus der neueren Diskussion wie aus Diether Kellermanns Analyse von
Num 1-ro ergebenden Korrekturen etwa folgende Stoffe der priesterlichen Grund-
schrift oder Grundschicht (Pg) zuweisen 23 : In der Genesis berichtet P von Schöpfung,
Urvätern, Sintflut und Noahbund, Völkertafel, Semitenstammbaum, Abrahams
Wanderung nach Kanaan, Trennung von Lot, Geburt Ismaels, Bund mit Abraham,
Geburt Isaaks, Tod und Begräbnis der Ahnfrau Sara, Tod und Begräbnis Abrahams,
Stammtafel Ismaels, Notizen über Isaak,Jakob und Esau, Stammbaum Esaus, Noti-
zen über Joseph. Im Buch Exodus erzählt sie die Bedrückung der Israeliten in Ägyp-
ten, die Berufung des Mose, die Wunder Moses in Agypten, Passah und Auszug,
Durchzug durch das Schilfmeer, Manna und Wachteln, Ankunft am Sinai, Anwei-
sung zum Bau der Wohnung Gottes, ihre Anfertigung und Einrichtung. Im Buch Le-
viticus erzählt P von Aarons Priesterweihe und erstem Opfer, von N adab und Abihu
(sowie dem großen Versöhnungstag). Im Buch Numeri berichtet sie über die Muste-
rung des Volkes und seine Lagerordnung, die Musterung der dreißig- bis fünfzigjäh-
rigen Leviten und den Aufbruch vom Sinai, die Aussendung der Kundschafter, die
Rotte Korah, das Murren der Gemeinde, das Wasser aus dem Felsen, Aarons Tod, die
Ankündigung von Moses Tod, die Einsetzung Josuas und in Dtn 34'' den Tod des
Mose.
In dieser Übersicht sind die Opferthora Lev 1-7, die Reinheitsthora Lev 11-15 und
das Heiligkeitsgesetz Lev 17-26 aus den oben unter b) genannten Gründen ebenso
ausgelassen wie dieAnordnungen über Gelübde und Zehnten Lev 27. Im Buche Nu-
meri haben wir von den Kapiteln 1-9 praktisch nur die Kapitel 1", 2':·und 4':· zurück-
behalten, weiterhin haben wir Kap. 15; 19; 28-30 ebenso übersprungen wie Kap.
32-35':-.
3. Alter und Herkunft. Ob man nun bei der Beurteilung des priesterlichen Bestandes
des Pentateuchs von der Urkunden- oder der Redaktionshypothese ausgeht, bleibt im
22. Vgl. A. G. Auld, a.a.O., S. 73ff. und S. 93ff.
23. Vgl. dazu G. Hölscher: Geschichte der israelitißchen und jüdischen Religion, Gießen
1922, S. 142f.; die Bestandsnachweise bei M. Noth, Überlieferungsgeschichte des Pentateuch, S.
17ff.;K. Elliger, ZThK49, 1952,S. 126f. = ThB 32,S. 174f.;ders.: HATI,4, S. uf., undD. Kel-
lermann, a. a. 0. Eigene Wege geht W. Resenhöfft: Die Geschichte Alt-Israels III. Die Priester-
schrift, EHS.T 83, Bern und Frankfurt/Main 1977.
§ 10 Die Priesterliche Bearbeitung des Pentateuchs
Blick auf die Frage nach der Datierung der ältesten Schicht (Pg)und der folgenden Re-
daktion (P') jedenfalls irrelevant. Sie ist für beide ebenso getrennt zu stellen wie die
nach dem Alter der von ihnen verarbeiteten Traditionen. - Bei der Altersbestimmung
von pg sind wir wie bei der der anderen, durch die Sigla J/E/Dt/Dtr abgedeckten
Schichten auf nur mit relativer Sicherheit zu führende Indizienbeweise angewiesen.
Seit Wellhausens brillantem kultgeschichtlichen Nachweis gilt es mit Recht als erwie-
sen, daß P jünger als das Deuteronomium [Link] hervorragendste, aber keineswegs
einzige Argument bildet dabei die Beobachtung, daß pg die Kulteinheit selbstver-
ständlich voraussetzt, die in der Richter- und Königszeit offensichtlich unbekannt
war, die Dtn r 2 postuliert und die nach 2 Kö 23 angeblich durch KönigJ osia durchge-
setzt worden [Link] man die Kulteinheit auf den blutigen Opferdienst bezieht, än-
dert sich daran auch nichts, wenn manJos 22,9--34zu P rechnet und die dem Tempel
der jüdischen Militärkolonie im oberägyptischen Elephantine der letzten Jahrzehnte
des 5. Jahrhunderts v. Chr. eingeräumte Konzession des Speise- und Weihrauchop-
fers in Betracht zieht 26 • Dagegen bietet EP 2r und 32 vielleicht einen terminus ante
quem für die Einfügung von Ex 30,r ff. mit seinen Bestimmungen über Räucheraltar
und Rauchopfer und d. h. für p 52 7_ Oder anders ausgedrückt: pg ist jedenfalls älter als
EP 2 r und d. h. das Jahr 4 r 9/ r 8. - Ist [Link] ü[Link] Verhältnis zwischen Dt und pg
Gesagte richtig, kann pg keinesfalls vor dem späten 7. Jahrhundert entstanden sein28,
sondern gehört statt dessen frühestens in das späte 6. oder eher in die erste Hälfte des
5. Jahrhunderts. Zugunsten dieser Ansetzung brauchen wir in diesem Zusammen-
hang nur daran zu erinnern, daß nach Ex 28,36ff. ehemals königliche Insignien zur
Amtstracht des Hohenpriesters gehören 2 9. Umgekehrt zeigen Sach 3, r ff.; 4, r ff. und
6,9 ff., daß man im letzten Drittel des 6. Jahrhunderts noch zwischen dem König und
dem Hohenpriester zu unterscheiden bereit war. Mit dieser zeitlichen Ansetzung
wird jedoch keinesfalls bestritten, daß P traditionsgeschichtlich in seiner Kultgesetz-
gebung älteres Material verarbeitet hat.
24. Vgl. dazu]. Wellhausen: Prolegomena zur Geschichtelsraels ( 1878), Berlin 19216 = 1981,
S. 1 ff. und besonders S. 34 ff. - In der Nachfolge von]. Y. Kaufmann: Probleme der israelitische
jüdischen Religionsgeschichte, ZA W 48, 1930, S. 23 ff.; ders.: The Religion oflsrael from its Be-
ginning to the Babylonian Exile, trl. M. Greenberg, Chicago 1969, S. 175ff., findet sich in der jü-
dischen Exegese die Tendenz zur Frühdatierung von P. Sie wird z. B. von M. Weinfeld: Deutero-
nomy and the Deuteronomic School, Oxford 1972, S. 180 Anm. 1, modifiziert vertreten. Für die
Entstehung vor 587 hat sich zuletzt Z. Zevit: Converging Lines of Evidence Bearing on the Date of
P, ZA W 94, 1982, S. 481 ff., eingesetzt.
25. Vgl. dazu auch unten, S. 13off.
26. Vgl. dazu G. Vink, a.a.O., S. 8ff., 42ff., 73ff. und S. 143 samt EP (Elephantine Papyri)
Nr. 21, 32 und 33 Cowley AOT', S. 4 pf.; P. Grelot; Documents Arameens d'Egypte, LAPO 5,
Paris 1972, Nr. 96 und 103f.
27. Vgl. z.B. K. Eiliger, ZThK 49, 1952, S. 121 = ThB 32, S. 175.
28. Zur Datierung des Deuteronomiums vgl. unten, S. 13of.
29. Vgl. dazu M. Noth, ATD 5, z. St.
II8 Die Geschichtserzählungen Israels
Die Betonung der Nachkommen-und der Landverheißung, vgl. Gn 17,4ff.; 28,3 f.;
35,11 f. und 48,4, spricht wohl ebenso wie die eigenartige Vorstellung von einem trag-
baren Zentralheiligtum in der Wüstenzeit für die Entstehung von pg im Kreise der
Exilierten. Auch das Interesse an dem durch ein Wunder ermöglichten Zug durch das
Meer könnte in der Exilssituation und ihrer Hoffnung auf einen zweiten Exodus be-
gründet sein, wie sie in der deuterojesajanischen Prophetie expressis verbis auftaucht,
vgl. z. [Link] 43,14ff. -Daß sich Esra bei seiner Reform auf P oder bereits auf den gan-
zen Pentateuch stützte, läßt sich nicht erweisen3°. Die Wahrscheinlichkeit spricht
aber dafür, daß der Zusammenschluß zwischen dem Priesterlichen Tetrateuch und
dem Deuteronomium noch im 5. Jahrhundert v. Chr. erfolgt ist und sich der so ent-
standene Pentateuch bald nach 400 auch in Palästina durchsetzte.
4. Theologie. Unbeschadet aller Fragmale, die im einzelnen mit der Beurteilung des
Bestandes der priesterlichen Schicht des Pentateuchs verbunden sindJ', können wir
auch heute eine Skizze ihrer theologischen Eigenart entwerfen: Die Darstellung der
Führungsgeschichte Jahwes mit seinem Volk in den älteren Pentateuchschichten im
Rücken, wird sie offenbar von dem Anliegen bestimmt, diese Geschichte seit der
Schöpfung der Welt als eine solche der Stiftung der ewig gültigen Kultordnungen
Gottes oder, wie Steck prägnant sagt, der ,Setzungsgeschichte Gottes< zu deutenJ 2 • So
läßt sie den von Gott am siebten Tage gehaltenen Sabbat, Gn 2,3, von den Israeliten
am Ausbleiben des Mannas in der Wüste entdecken, Ex 16,22ff., bis dann das Sabbat-
gebot am Sinai erlassen wird, Ex 20,9-u*, vgl. Ex 31,uff. P•JJ,
Julius Wellhausen hatte die Priesterschrift als Vierbundesbuch bezeichnet und da-
bei an einen nicht nachweisbaren Schöpfungsbund neben dem Noah-, Abraham-und
Sinaibund gedacht 34. Tatsächlich gestaltet pg nur zwei Bundesschlüsse zu einer eige-
nen Erzählung aus, den mit Noah Gn 9,1 ff. und den mit Abraham Gn 17, während sie
den überlieferten Sinaibund jedenfalls respektiert, vgl. Ex 25,21; 31,18, ferner
34,29 P•. Der Noahbund, der den Blutgenuß verbietet und das Menschenleben hei~
ligt, tritt bei Pan die Stelle des in der jahwistischen Schicht die Fluterzählung abschlie-
ßenden Opfers: Vor der Stiftung des mosaischen Kultes konnte es für P kein legitimes
Opfer geben, sondern nur die profane Schlachtung, vgl. Dtn 12,15f. -Auf dem Hin-
tergrund dieses Erhaltungsbundes, der den weiteren Bestand der Welt garantiert und
damit die Gefährdung der Welt durch das Chaos endgültig bannt 35, schließt Gott
dann mit Abraham und seinen Nachkommen einen ewigen Bund. War der Regenbo-
gen das Zeichen des Noahbundes, so wird die Beschneidung das Zeichen des Abra-
hambundes. Da die Babylonier die Beschneidung nicht kannten, gewann sie für die
Exilierten wohl einen Bekenntnischarakter, der weiterhin für das ganze Judentum
Gültigkeit erlangte. Inhalt des zweiten Bundes ist die Verheißung großer N achkom-
menschaft und des ewigen Besitzes des Landes Kanaan. Hat der Priester bisher ledig-
lich von Elohim geredet, so läßt er sich Gott nun als EI Schaddaj offenbaren. Mit die-
sem Namen wird er bis einschließlich Ex 6 an allen besonders hervorgehobenen Stel-
len bezeichnet. Dort wird Mose der Jahwename offenbart. Blicken wir auf die Stif0
tung des Passah Ex 12,3ff. und die Entdeckung des Sabbat in Ex 16,22ff. hinaus, wird
deutlich, daß P in [Link] Erzählung von der Schöpfung bis zur Ankunft am Sinai die
grundlegenden Kennzeichen jüdischer Existenz in Gestalt der profanen Schlachtung
bei Enthaltung von Blutgenuß, der Beschneidung, der Sabbatheiligung und der häus-
lichen, in der von P vorgesehenen Weise durch Dtn 16,5ff. verdrängten Passahfeier le-
gitimiert. Ziehen wir Gn 27,46-28,4 und Gn 23 mit zu Rate, erhält das jüdische Leben
seine Fundierung bei der Geburt durch die Beschneidung, bei der Hochzeit durch die
stammesverwandte, jüdische Frau und beim Tode durch das eigene GrabJ 6 •
Weiterhin ist die Konzentration von P auf Gottes Setzungsgeschichte und seine der
Mehrung und dem Landbesitz geltenden Segensverheißung für ihn charakteristisch.
Daß die wohl von Gn 15 inspirierte Erzählung vom Abrahambund in Gn 17 die durch
die Katastrophe von 587 geschaffene Situation im Auge hat, liegt auf der Hand: Wie
Gott seine damals Abraham gegebene und dem Sohn und Enkel erneuerte Verhei-
ßung in der Volkwerdung in Ägypten und schließlich nach Generationen in der
Landnahme vorläufig erfüllte, wird er auch in der Zukunft zu ihr stehen, mag darüber
auch eine Generation nach der anderen ins Grab sinken. - In diese Lage des Volkes
fügt sich auch ein, was in Ex 6 über den Kleinmut des Volkes, dem die durch Mose
übermittelte Verheißung der Befreiung zu groß erschien; was in Ex 16,1-3 über das
Murren der Befreiten und in Num 14'' über den Defaitismus der Kundschafter und
den dadurch ausgelösten Volksaufstand erzählt wird. Dieser hat zur Folge, daß alle
über 20 Jahre alten Israeliten mit dem Tode in der Wüste bestraft werden. So ruft P das
exilierte, zerstreute und unfreie Volk dazu auf, der Verheißung seines Gottes gegen
allen Augenschein zu vertrauen und auf eine durch Gottes wunderbares Eingreifen
ermöglichte Heimkehr zu hoffen.
Neben das ältere und in seiner Schule durch das ,Heiligkeitsgesetz, ergänzte37 Got-
3 5. Vgl. dazu E. Würthwein: Chaos und Schöpfung im mythischen Denken und in der Urge-
schichte, in: Zeit und Geschichte. FestschriftR. Bultmann, Tübingen 1964, S.317ff. = Wort und
Existenz, Göttingen 1970, S. 28 ff.
36. Vgl. dazu auch C. Westermann, BK I, 2, S. 46of.
37. Vgl. dazu unten, S. 121f.
120 Die Geschichtserzählungen Israels
tesrecht stellt er die Stiftung des Sühne schaffenden und apotropäischen Kultes 38•
Dessen Herzstück ist die Gegenwart Gottes in seinem Heiligtum inmitten seines Vol-
kes. Dabei realisiert sich Jahwes Gegenwart allein in seinem käbod, seiner von Licht-
erscheinungen begleiteten Majestät, vgl. Ex 24, 15b-1 Sa, ferner Ez 10,4. Der von ihm
gestiftete Kult sühnt und reinigt das Volk und bewahrt es in seinem rituellen Zusam-
menhang vor den Mächten der dämonischen Unreinheit, wie sie zumal in den Bedro-
hungen des Lebens durch Sexualität, Tod und Verwesung aufbrechen.
Man kann sich den Priester oder den Kreis der Männer, die hinter der Priester-
schrift stehen, nicht anders als mit einem lebenserfahrenen, klugen, aber auch etwas
kühlen Gesicht vorstellen. Die mythischen Elemente sind, wie ein Vergleich von Gn
1,1-2,4a P mit 2,4b-3,24 J besonders deutlich zeigt, zurückgedrängt. Sachlich und
nüchtern wird von der Schöpfung und der Flut erzählt. Neben die alte Vorstellung
vom deus faber und sie relativierend ist die neue von dem durch sein Wort schaffen-
den Gott getreten. Der Regenbogen des Noahbundes ist gleichsam das letzte mytho-
logische Relikt, Gn 9,8 ff., sonst aber ist der naive Zauber der Urgeschichte durch ein
in seiner Art großartiges Ordnungsdenken ersetzt. Dabei zeigt Gn 5,24, daß der Prie-
ster mehr wußte, als er erzählte.
Ein unübersehbarer Rationalismus geht mit einem reflektierten Archaismus Hand
in Hand: Die Erzväter, von allen Flecken, aber auch allen Farben der alten Überliefe-
rungen gereinigt, bleiben Wanderer im Lande der Verheißung. Sie gehören dem na-
türlichen Boden, wie Holzinger treffend sagte, nur dadurch an, daßsie in ihm begra-
ben werdenl9. Der Archaismus zeigt sich darin, daß das Wüstenheiligtum, diese
merkwürdige Mischung zwischen einem alten Zeltheiligtum und dem Jerusalemer
Tempel, der vorausgesetzten Situation so weit angepaßt wird, daß es als transportabel
erscheint: Die Kerube, die 1 Kö 6,2 3 ff. recht beachtliche Maße erhalten, werden ver-
kleinert und als Dekoration auf die Deckplatte der Lade gesetzt, Ex 25,18ff.; 37,7ff.
Der Brandopferaltar wird zu einem hölzernen, mit Erzplatten überzogenen Gerüst.
Aus der alten Gewittertheophanie ist die übernatürliche Gotteserscheinung im Feuer
des von der Wolke eingehüllten käbod geworden, dessen Anwesenheit statt Furcht
und Schrecken Jubel und Anbetung in Israel bewirkt, vgl. Ex 24, 15b ff.; Lev 9,2 3 mit
Ps 18,Sff.; Ex 19,16; 20,18ff. Daß sich der Priester Gott selbst in Menschengestalt
vorstellte, zeigt Gn 1,26f., wird aber auch durch Ez 1,26ff. bezeugt. Dieser Rationali-
sierung,'Archaisierung und Schemenhaftigkeit der Gestalten entspricht die Schemati-
sierung der Geschichte. Die übernommenen Stoffe werden restlos der theologischen
Tendenz untergeordnet. Mittels seiner Chronologie, die das deuteronomistische,
beim Auszug aus Ägypten einsetzende System rückwärts bis zur Schöpfung verlän-
gert, gliedert die priesterliche Schule die Weltgeschichte nachrechenbar. Der Exodus
38. Vgl. dazu K. Koch, ZThK 55, 1958, S. 36ff., und M. Weinfeld, Deuteronomy, S. 191 ff. -
Zur Umgestaltung der Reinheitsidee in der Qumrangemeinde vgl. B.]anowski und H. Lichten-
berger: Enderwartung und Reinheitsidee, JJSt 34, 1983, S. 31 ff.
39. Einleitung in den Hexateuch, Freiburg und Leipzig 1893, S. 360.
§ 10 Die Priesterliche Bearbeitung des Pentateuchs 121
fällt nun in dasJahr 2666 bei M(Sam 2867; G 3346). Im Hintergrund dieses Zahlen-
werkes scheint die Vorstellung einer 4000 Jahre umfassenden Weltperiode zu stehen,
ohne daß uns die spezifischen, mit der Datierung des Auszuges (bei M gleich zwei
Drittel der Periode) verbundenen Erwartungen bekannt sind 40. So rationalistisch wie
diese Zahlenreihe muten die Maßangaben bei der Arche und die Angaben über die
Höhe der Flut an. Man hat sich freilich vor einer zu einseitigen Bewertung daran zu
erinnern, wie nahe auf dem Felde der Religion Rationalismus und Mystik zusammen-
gehen.
5. Das H eiligkeitsgesetz. Das Heiligkeitsgesetz (H) Lev 17-26 ist zuerst von A. Klo-
stermann 1877 als selbständige Einheit angesprochen worden4'. Es trägt seinen Na-
men nach der 19,2, ähnlich 20,7 und 26, begegnenden Forderung: »Ihr sollt heilig
sein; denn ich, Jahwe, euer Gott, bin heilig.« Nach Eiliger können wir seinen Aufbau
wie folgt bestimmen: Lev 17 Umgang mit Blut, 18 Geschlechtlicher Umgang, 19 Um-
gang mit dem Nächsten, 20 Strafbestimmungen, besonders für Unzuchtsünden,
21, 1-22, 16 persönliche Angelegenheiten der Priester, 22, 17ff. Beschaffenheit der Op-
fer, 23 Festzeiten, 24,1-9 Versorgung von Leuchter und Schaubrottisch, 24,rnff.
Gotteslästerung, 25 Umgang mit dem Grundbesitz Gabeljahr) und 26 Segen und
Fluch.
Über die Entstehung des Heiligkeitsgesetzes gehen die Ansichten gerade in det Ge-
genwart weit auseinander. Einen extrem traditionsgeschichtlichen Standpunkt vertritt
Graf Reventlow 42 • Nach ihm wäre H ursprünglich im altisraelitischen Bundesfest be-
heimatet und hätte in ihm, von einem Dekalog in Lev 19 ausgehend, seine sukzessive
Entfaltung bis zu seinem gegenwärtigen Umfang gefunden. Als Träger dieser Ent-
wicklung bis hin zur Gesetzespredigt seien beamtete Prediger und Gesetzesverkün-
der anzunehmen. Die Entstehung des Heiligkeitsgesetzes spiegele entsprechend ei-
nen »bruchlosen Übergang zwischen apodiktischer Verkündigung und paränetischer
Predigt«43. Zeitlich wäre der Entstehungsprozeß auf die lange Spanne zwischen der
Sinaizeit und der Zeit nach 72 5 einzugrenzen. -Auf der anderen Seite steht der primär
literarkritische Lösungsversuch von Elliger44 • Er bestreitet, daß H jemals ein selbstän-
diges Korpus gewesen ist, und tritt dafür ein, daß es sich um eine von vornherein für
die Einfügung in die Priesterschrift bestimmte Sammlung handelt. Sie sollte den of-
fensichtlichen Mangel von P, das Fehlen einer außerkultischen Sinaigesetzgebung,
40. Vgl. dazu P. R. Ackroyd, a.a.O., S. 9d. - Nach M. D. Johnson, referiert bei Th. L.
Thompson: The Historicity of the Patriarchal Narratives, BZAW 133, Berlin und New York
1974, S. 14, faßt M die Neuweihe des Tempels 164 v. Chr. als Endpunkt der Periode ins Auge.
41. Ezechiel und das Heiligkeitsgesetz, ZLThK 38, 1877, S. 401 ff.
42. H. Graf Reventlow: Das Heiligkeitsgesetz formgeschichtlich untersucht, WMANT 6,
Neukirchen 1961.
43. Ders.: Wächter über Israel. Ezechiel und seine Tradition, BZAW 82, Berlin 1962, S. 124.
44. K. Elliger: Leviticus, HAT I, 4, Tübingen 1966.
122 Die Geschichtserzählungen Israels
beheben. Elliger rechnet damit, daß die Sammlung in vier deutlich zu ermittelnden
Etappen ihre Endgestalt erhalten hat, und unterscheidet entsprechend die literari-
schen Schi_chten Ph1-Ph4. Das nachdeuteronomische Alter aller Schichten ergibt sich
unbeschadet der von Elliger natürlich gesehenen Tatsache, daß traditionsgeschicht-
lich partiell sehr altes Material verarbeitet worden ist, aus der Zuweisung von 17,3 f.
an phr.- Noch konsequenter als Elliger hat Volker Wagnerweitergefragt, wie sich die
Aufnahme von 17-26 in P erklärt, und die Antwort gegeben, daß so, wie Lev 11-15
von reparabler, 17-20 von irreparabler Unreinheit handeln, während 21-22 die Un-
reinheit der Priester und Opfergaben ins Auge faßt. 23'' und 25'' sind dann den wö-
chentlich, jährlich und den im mehrjährigen Zyklus wiederkehrenden heiligen Zeiten
gewidmet, ehe 26 eine feierliche Fermate setzt45.
Behält man dies Ergebnis der literarkritischen Analyse von Lev 17-26 im Auge und
zieht man gleichzeitig die von Hermann Schulz und Jörg Garscha zum Ezechielbuch
vorgelegten Analysen mit in Betracht 46, gewinnt die bisherige Diskussion über das
Verhältnis von Lev r 7-26 zum Deuteronomium und zum Ezechielbuch nur noch for-
schungsgeschichtliches lnteresse 47. Die Untersuchung müßte künftig genau zwischen
den von der ältesten Schicht dieser Kapitel verarbeiteten Traditionen, ihren eigenen
Interpretationen und den weiteren Bearbeitungen auf der einen wie den Schichten des
Ezechielbuches auf der anderen Seite unterscheiden.
§ 11 Das Deuteronomium
P. Kleinert: Das Deuteronomium und der Deuteronomiker, Bielefeld 1872;]. Wellhausen: Die
Composition des Hexateuchs,JDTh 21, 1876,S. 392ff., 531ff.; 22, 1877,S. 407ff. = Die Com-
position des Hexateuchs und der historischen Bücher des Alten Testaments, Berlin 19634;
W. Staerk: Das Deuteronomium. Sein Inhalt und seine literarische Form, Leipzig 1894; ders.:
Das Problem des Deuteronomiums, BFchTh 29,2, Gütersloh 1924; C. Steuernagel: Der Rah-
men des Deuteronomiums, Berlin 1894;ders.: Die Entstehung des deuteronomischen Gesetzes,
Berlin 1895(19012 );]. Cullen: The Book of the Covenant in Moab. A Critical Inquiry into the
Original Form of Deuteronomy, Glasgow 1903;A. Klostermann: Der Pentateuch. Beiträge zu
seinem Verständnis und seiner Entstehungsgeschichte. Neue Folge, Leipzig 1907;F. Puukko:
1. Name. Der Name des 34 Kapitel umfassenden Buches geht auf die irrtümliche
Übersetzung des misne hattord 17,18 durch die Septuaginta zurück, welche die Ab-
schrift des Gesetzes bedeutende Wendung mit zweites Gesetz übersetzte. Die Gesetz-
gebung des Deuteronomiums wird auf diese Weise im Gegensatz zu der sinaitischen
Gesetzgebung als zweite, nach der Rahmenerzählung im Lande Moab erfolgte ange-
sehen, obgleich nach Dtn 4,13; 9,7-10,5 am Horeb, wie der Deuteronomist (Dtr) den
124 Die Geschichtserzählungen Israels
Gottesberg nennt', lediglich der Dekalog offenbart worden ist. In der hebräischen Bi-
bel wird das Buch wie die übrigen des Pentateuch nach seinem Anfang als »Und dies
sind die Worte« bezeichnet (Genesis: Im Anfang; Exodus: Und dies sind die Namen;
Leviticus: Und er rief; Numeri: In der Wüste).
2. Inhalt. Das Buch setzt mit der 1,1-5 eingeleiteten, von 1,6-4,40 reichenden von
Mose jenseits des Jordans gehaltenen Rede ein, in der er einen mahnenden Rückblick
über die Ereignisse der zurückliegenden vierzig Jahre seit dem Aufbruch vom Horeb
gibt. In 4,41-43 schließt sich der Bericht über die Aussonderung der ostjordanischen
Asylstädte an. Den Hauptteil 4,44-30,20 - unterbrochen von 27 - nimmt die Geset-
zespredigt des Mose ein, in deren Mittelpunkt die Kultzentralisationsforderung steht.
Ihr schließen sich in 3 1 die Erzählung von der Aufzeichnung des Gesetzes durch
Mose und der EinsetzungJosuas zu seinem Nachfolger, in 32 das Lied des Mose, in 33
der Segen des Mose und in 34 die Erzählung vom Tod des Mose an. Wir können also
1,1-4,43 und 31-34 dem Hauptteil 4,44-30,20 als Rahmen gegenüberstellen. Inner-
halb der Gesetzespredigt 4,44-30,20 lassen sich die erzählende Einleitung 4,44:...49,die
Mahnrede 5,1-n,32 sowie die Schlußreden 28-30 von der häufig als corpus bezeich-
neten Gesetzespredigt in 12,1-26,19 unterscheiden. ·
r. Hinter der Vermeidung des Sinainamens und seiner Ersetzung durch Horeb = Ödland er-
kennt L. Perlitt: Sinai und Horeb, in: Beiträge zur alttestamentlichen Theologie. Festschrift W.
Zimmerli, Göttingen r 977, S. 303 ff. und besonders S. 3 ro ff., die Absicht, die Jahweoffenbarung
von ihrer Verbindung mit Se"ir-Edom zu lösen.
2. v. Rad, FRLANT 58, S. 8 = Studien II, S. uo.
§ II Das Deuteronomium
bilden. Wir nähern uns der Lösung der angeschnittenen Fragen am besten mittels ei-
nes weithin nach sachlichen Gesichtspunkten geordneten forschungsgeschichtlichen
Rückblicks3.
a) DAS LITERARISCHE PROBLEM. Nachdem Graf 1866 das höhere Alter des Dt gegen-
über der Priesterschrift erwiesen und Wellhausen der Hypothese in den folgenden
beiden Jahrzehnten glanzvoll zum Siege verholfen hatte4, wurde die Gleichsetzung
des Dt mit dem Gesetzbuch des J osia wohl zur Hauptstütze der Rekonstruktion der
israelitischen Literatur- und Religionsgeschichte. Die weitere Forschung konzen-
trierte sich zunächst im wesentlichen auf die Fragen der literarischen Einheit, des Al-
ters und der Vorgeschichte des Buches. Nachdem bereits Kleinert 1872 den Unter-
schied zwischen der Rahmenerzählung ( 1-11) und dem gesetzlichen Kern 12-26 er-
kannt hatte, trat Wellhausen für die Beschränkung des josianischen Gesetzes auf
12-26 als Urdeuteronomium ein. Gleichzeitig vertrat er die Ansicht, dieses sei in zwei
nachträglich miteinander vereinigten Sonderausgaben umgelaufen, deren eine durch
1-4 + 27 und deren andere durch 5-11 + 28-30 ein- bzw. ausgeleitet worden sei. Einen
weiteren, in der Diskussion bis heute freilich umstrittenen Fortschritt bedeutete der
1894 gleichzeitig von Staerk und Steuernagel als Kriterium der Quellenscheidung er-
kannte Numeruswechsel. Die Methode wurde allerdings alsbald dadurch belastet, daß
Puukko den Bestand des Urdeuteronomiums auf diejenige Stücke beschränkte, die in
dem Reformbericht 2 Kö 22f. vorausgesetzt werden, und Ste-uernagel sie schließlich
mit der Wellhausenschen Hypothese verschiedener Sonderausgaben verband, die er
weiter ausbau tel.
Erst Hölscher machte sich von beiden Voraussetzungen frei und zeigte 1923, daß
wir das Urdeuteronomium in den singularischen Stücken von 4,44-28,69'' zu suchen
haben, wobei jedoch nicht nur mit pluralischen Ergänzungen zu rechnen ist. Dieser
Annahme hat sich zumal Noth angeschlossen, der 1943 die Hypothese aufstellte, daß
mit 1,1 das Deuteronomistische Geschichtswerk beginnt 6, auf dessen Verfasser
Rechtsbuches der Gragäs hinwies, das aus dem öffentlichen mündlichen Rechtsvor-
trag erwachsen ist.
Es würde zu weit führen, an dieser Stelle bei Hempels Unterscheidung der Quellen des Josia-
gesetzes - einer aus Salomos Tagen stammenden Jerusalemer Tempelregel, einer aus Manasses
Zeiten kommenden To'eba- oder Greuelgesetzqüelle, einer Quelle sozialer Bestimmungen und
dem Bundesbuch- oder bei SteuernagelsDifferenzierung zwischen den Gesetzen über dieKult-
zentralisation, den To'eba-Gesetzen, den Ältesten-, Richter-, Humanitäts- und Einzelgesetzen
und Breits Verständnis von 1,1-31,19 als einer paränetischen Predigt auf der Grundlage des De-
kaloges zu verweilen.
Weiter führte F. Horsts Einsicht, die er mit der so allerdings kaum haltbaren Hypos
these eines 12-18 zugrunde liegenden privilegrechtlichen, Dekaloges verband, daß in-
nerhalb des corpus zwischen älteren Rechtssätzen und jüngeren Legalinterpretationen
zu unterscheiden ist. Und schließlich hat Alts Untersuchung über die Ursprünge des
israelitischen Rechts 1934 mit ihrer grundlegenden Unterscheidung zwischen dem
apodiktisch und dem kasuistisch formulierten Recht sowie ihrer Verbindung von
Rechtsvortrag und Bundesfeier maßgeblich auf die Forschung eingewirkt". Damit
waren zum einen die Kriterien für eine Gattungsanalyse einschließlich der Unter-
scheidung zwischen älterem Rechtsgut und deuteronomischer Interpretation bereit-
gestellt, zum anderen die Frage nach dem Verhältnis des Ganzen zur Burtdestradition
vorbereitet. Der Lösung beider Aufgaben hat sich v. Rad gewidmet, der sich schon in
seinem Gottesvolk im Deuteronomium 1929 um die Erfassung der theologischen Ei-
genart des Buches bemüht hatte. Sein für die gesamte weitere alttestamentliche For-
schung kaum zu überschätzender Beitrag bestand zunächst darin, daß er in seinem
Formgeschichtlichen Problem des Hexateuch 1938 den Nachweis führte, daß der Auf-
bau des sicher als literarisches Produkt anzusehenden Dtn mit seiner Abfolge von ge-
schichtlicher Darstellung der Sinaiereignisse und Paränese 1 bzw.6-11, Gesetzesvor-
trag 12,1-26,15, Bundesverpflichtung 26,16-19 und Segen und Fluch 27ff. dem der Si'."
naiperikope des Buches Exodus entspricht, sich dieser Aufriß auch in den kleinsten li-
turgischen Einheiten des Dtverfolgen läßt'3 und im Hintergrund des Schemas der Ab-
lauf des altsichemitischen Bundesfestes zu erkennen sei'4 • Das damit postulierte Kom-
positionsprinzip wurde von Lohfink in 5-12 weiterverfolgt, der zeigen konnte, daß
sich die Einleitungsreden und das Corpus wie Haupt- und Einzelgebote zueinander
verhalten 15, wobei er die Nachwirkung des Bundesschemas auch in den Einzelstük-
ken nachweisen wollte. Schließlich hat H. Schulz gesehen, daß die Anordnung der
Stücke innerhalb von 12-25 trotz einiger empfindlicher Störungen grundsätzlich
durch den Aufbau des Dekaloges beeinflußt ist.
So folgen auf die kult- und privilegrechtlichen Bestimmungen in 12-18 solche über Mord-, Fa-
milien-, Nächsten- und Prozeßrecht. Das dekalogische Anordnungsprinzip läßt sich auch bei der
Abfolge einzelner Stücke, besonders schön bei 21,1-22,4, nachweisen, wo der alten Kurzreihe
lö' tirjaf lö' tin'ap lö' tignöb (»Du sollst nicht morden! Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst
nicht stehlen!«) in 21,1 ff. Bestimmungen über Mord, in 21,1off. solche über Ehe und Familie
und 22,1ff. solche über die Walrrung des Eigentums des Nächsten entsprechen. Angesichts des
zuletzt von Perlitt und Hossfeld geführten Nachweises, daß die Aufnahme des Dekaloges in
5,6-21 erst deuteronomistischer Redaktionstätigkeit zu verdanken ist, stellt sich mit Preuß die
Frage, inwiefern diese strukturalen Analogien auch ihrerseits erst das Ergebnis der Bearbeitung
sind1 6•
In den Deuteronomium-Studien 19482 arbeitete v. Rad die Eigenart der deuterono-
mischen Gesetzespredigt heraus'7, in der nicht nur mit Horst zwischen alten Rechts-
sätzen und eventuell auch älteren Legalinterpretationen, vgl. z. B. 15, rf., sondern
auch zwischen diesen und der paränetischen Aktualisierung zu unterscheiden ist, wo-
bei sich im einzelnen die von Alt eingeführte Unterscheidung der Rechtsformen be-
währte. Sie ermöglichte es, auf von dem Deuteronomiker verarbeitete Reihen wie ei-
nen Richterspiegel, vgl. 16,19, eine apodiktische Reihe zur Einschärfung kultischer
Pflichten, 16,21-17,1, eine solche sich ausschließender Handlungen, 22,9-11 18, und
eine über die Zugehörigkeit zum Kahal, dem Aufgebot der Vollbürger, 23,2-4.8, zu-
rückzuschließen. Nach L 'H ourwären ihnen die bi'arta-Gesetze, die durch die Formel
und du sollst wegschaffen das Böse und das Anliegen kultischer Integrität zusammen-
gehalten werden, sowie die t8'eba- oder Greuelgesetze, durch die Begründung denn
dies ist Jahwe, deinem Gott, ein Greuel zusammengeschlossene Prohibitive, an die
Seite zu stellen 19. Obwohl v. Rad sieht, daß etwa 50 Prozent der Bestimmungen des
Bundesbuches im Dt ihre Entsprechungen besitzen und der Vergleich, wo er möglich
ist, deutlich die im Dt vorausgesetzten jüngeren gesellschaftlichen Verhältnisse er-
16. Vgl. dazu L. Perlitt, a.a. 0., S. 77ff.; F.-L. Hossfeld: Der Dekalog, OBO 45, Freiburg/
Schw. und Göttingen 1982, S. 214ff., mit H. D. Preuß, a. a.O., S. roo; aber auch Mittmann,
a.a.O., S. 132ff.
17. Sieht v. Rad in der Gesetzespredigt den rechtlichen Raum verlassen, so betont Schulz
demgegenüber, daß auch die Paränese innerhalb des Juristischen bleibt und die Absicht verfolgt,
dem verbindlichen Rechtssatz durch größtmögliche Veranschaulichung zur größtmöglichen
Verbindlichkeit zu verhelfen. Als eigene Gattungsbezeichnung für die von einem Rechtss~tz
ausgehenden Paränesen schlägt er den Ausdruck Rechtsparadigma vor.
18. Gegen v. Rad könnte 22,5 mit]. L'Hour, RB 71, 1964, S. 486, unter Umständen zu einer
Greuelgesetzquelle gehören.
19. Zu den bi'artd-Gesetzen wären nach]. L'Hour: Une legislation criminelle dans le Deute-
ronome, Bib 44, 1963, S. 1ff., 13,2-6; 13,7-u; 13,13-19; 17,2-7; 19,11-13; 19,16-19; 21,1-9;
21,18-21; 22,13-21; 22,22; 22,23-27; 22,28-29; 24,1-4; 24,7 und 25,5-ro, zu der tiJ'ebd-Samm-
lung, vgl. Les interdits to' eba dans le Deuteronome, RB 71, 1964,S.481 ff., 17,1; 18,10-12; 22,5;
23,19 und 25,13-16 zu rechnen. Vgl. dazu jetzt auch Merendino, a. a. 0., S. 326ff. - Grundsätz-
lich bleibt es im Blick auf die nicht homiletisch durchdrungenen älteren Rechtsmaterialien, die
ab 2 1 gehäuft auftreten, fraglich, inwieweit sie erst im Laufe des redaktionellen Prozesses einge-
fügt worden sind, eine Problematik, die Hölscher und v. Rad gesehen haben.
§ 11 Das Deuteronomium
kennen läß t 20 , zögert er wie vor ihm Steuernagel und nach ihm M erendino, das Dt mit ·
Eissfeldt'' als eine Neuausgabe des Bundesbuches zu verstehen, da es aus einer ande-
ren, uns unbekannten Quelle geschöpft haben könnte 21 • Als genuin deuteronomische
Gattungen sprach er die paränetischen Abschnitte an, die keinerlei Rückgriff auf äl~
tere Rechtssätze erkennen lassen, wie 13,1-6; 13,7-19; 17,14-20; 18,9-22 und
19, 1-1 3. Schließlich wies er auf die nach seiner Ansicht aus der Tradition des heiligen
Krieges stammenden Kriegsgesetze 20,1-9; 20,10-18.19-20; 21,10-14; 23,10-14; 24,5
und 25.17-19 sowie die Kriegsansprachen, vgl. 20,19*; 7,16-26; 9,1-6; 31,3-6.7-8
u. a. hin 22 •
Im Horizont der Hypothese Martin Noths von dem im wesentlichen einsträngigen
Deuteronomistischen Geschichtswerk blieben die Analysen von Merendino und
Seitz.
Nach Merendino hätte der Deuteronomiker außer auf kultische und liturgische Texte, die
bi'artä- und to'eba-Gesetze, Bestimmungen »bürgerlichen Rechts«, [Link] Humanitätsbe-
stimmungen sowie selbständige apodiktische Reihen zurückgegriffen, die je ihre eigene Vorge-
schichte besaßen. Dabei wären die to'eba-Gesetze unter dem Gesichtspunkt der Schwerpunkt-
bildung auseinandergerissen,sonst aber, die vorgefundenen Materialienzurückhaltend, in einer
von der Sprache der Predigt und der Paränese geprägten Weise bearbeitet worden. Inhaltlich
geht es in 12-18 um das rechte Verhältnis zu Jahwe, in 19-25 um das von Mensch zu Mensch. Die
Aufnahme des Deuteronomiums in das Deuteronomistische Geschichtswerk hätte zu einer wei-
teren redaktionellen Bearbeitung von 12-26 geführt. Seitz unterscheidet zwischen dem durch
eine dtn Sammlung entstandenen Gesetz 12-28*und einer dtn Bearbeitung, die für die Vorschal-
tung von 5-u*, die Einführung der vornehmlich sozialen Gesetze 15,1-18; 21,22f.; 22,1-12;
23,1-9.16-24(25-26); 24,17--22wie der agendarischen Formulare in 26 sowie eine Überarbei-
tung des Grundbestandes verantwortlich wäre und der dtr Redaktion vorausging23.
Das literarische Problem des Dt darf als besonders kompliziert bezeichnet werden,
weil es nicht nur mit den Fragen seiner eigenen Vorgeschichte und Geschichte, son-
dern auch mit denen seiner Verbindungen nach rückwärts und vorwärts und damit
mit den Problemen der literarischen Schichten des Tetrateuchs und des Deuterono-
mistischen Geschichtswerkes verbunden ist24.
c) DAS PROBLEM VON HERKUNFT UND ALTER. Daß die Gleichsetzung des wie auch
immer abgegrenzten Urdeuteronomiums mit dem Gesetzbuch des Josia seit Beginn
des 19. Jahrhunderts als die geltende Meinung anzusehen ist, wurde oben bereits fest-
gestellt. Mit dieser Arbeitshypothese ist heute in der Regel die andere verbunden, daß
das Dtzwischen der Mitte des 8. und der Mitte des [Link] im Nordreich ent-
standen, nach dessen Untergang im Jerusalemer Tempel deponiert und dort bis zu
den Bauarbeiten im 18. Jahr Josias (639-609) vergessen worden sei (Welch). So würde
sich die durch die Auffindung des Buches am Hofe ausgelöste Bestürzung verstehen
lassen, ohne daß - wie es bei der Annahme einer maßgeblichen Beteiligung der J erusa-
lemer Priesterschaft oder des Hofes am Entstehen des Buches mehr oder weniger un-
vermeidlich wäre- der Schatten einer pia fraus auf die Beteiligten fiele, vgl. 2 Kö 22 f.
Es kann kein Z weife! daran bestehen, daß die Identifikation des Gesetzbuches des J osia mit
dem Dt von den deuteronomistischen Erzählern von 2 Kö 22 f. beabsichtigt ist: So wird das Ge-
setz hier wie dort als »Buch des Gesetzes« oder »Buch des Bundes« bezeichnet, vgl. Dtn
28,58.61; 29,20; 30,ro bzw. 28,69; 29,8.2omit 2 Kö 22,[Link]; 23,24 bzw. 23,2.3.21. Weiterhin sind
die Konkordanzen zwischen den königlichen Reformen und einzelnen Bestimmungen des Dt
unübersehbar: Der Forderung der Kuhzentralisation Dtn 12,13ff. entsprechen 2 Kö 23,8a.9 und
19, der nach einer zentralisierten Passahfeier Dtn 16,1ff.; 2 Kö 23, 12ff., der nach Beseitigung des
Gestirndienstes Dtn 17,3; 2 Kö 23,11f., der gegen Wahrsager, Zeichendeuter und Totenbe-
schwörer Dtn 18,1of.''; 2 Kö 23,24. Das Tophet, die Stätte für das Kinderopfer im Tale Hinnom,
wurde gemäß Dtn 18, 1o durch J osia verunreinigt. Die männlichen und weiblichen Hierodulen
wurden gemäß Dtn 23,18 nach 2 Kö 23,7 aus dem Tempel entfernt. -Der vieldiskutierte Unter-
schied, daß die Höhenpriester scheinbar entgegen Dtn 18,6ff. nicht gleichberechtigt neben die
J erusalemer Zadokiden traten, vgl. 2 Kö 23,9, erledigt sich demgegenüber angesichts der sachli-
chen Unterschiede' 5•
Die nordisraelitische Entstehung des Dt suchte Alt durch inhaltliche Argumente zu
erhärten: Die von ihm unterstellte Begrenzung des Interesses auf das Verhältnis zwi-
schen Jahwe und dem Volk lasse den Gedanken an seine Weltherrschaft unberück-
sichtigt26und spreche angesichts der uns bekannten Jerusalemer Traditionen ebenso
für eine nordisraelitische Entstehung wie die Nähe des Königsgesetzes 17,14ff. zu
dem von ihm angenommenen charismatischen Königtum des Nordreiches 27. Schließ-
lich sah er in der hier zum Ausdruck kommenden Zurückhaltung gegenüber dem Kö-
nigtum ebenso einen Nachklang der Verkündigung Hoseas wie in der deuteronomi-
schen Forderung der Gottesliebe, vgl. 6,5; 7,9; ro,12 mit Hos 11,1ff.; 2,1ff. und
25. Vgl. dazu A. H.]. Gunneweg: Priester und Leviten, FRLANT 89, Göttingen 1965, S.
rr9ff.
26. Vgl. dagegen 0. Bächli, a.a.O., S. 205.
27. Zur Kritik dieser Hypothese vgl. H. Wildberger: Samuel und die Entstehung des israeliti-
schen Königtums, ThZ 13, 1957, S. 442ff.; G. Buccellati: Da Saul a David, Bibbia e Oriente 1,
1959, S. 99ff.; W. Beyerlin: Das Königscharisma bei Saul, ZAW 73, 1961, S. 186ff., und Ludwig
Schmidt: Menschlicher Erfolg und Jahwes Initiative, WMANT 38, Neukirchen 1970, S. 199ff. -
Zur Kritik an der vermeintlichen nordisraelitischen Herkunft des Königsgesetzes vgl. Lind-
blom, a. a. 0., S. 5of.
§ r r Das Deuteronomium IJI
2.8. Vgl. dagegen 0. Bächli, a.a.0., S. 205 f.; Lindblom, S. 66ff., und Smend, Entstehung, S.
8of.
29. E. Junge: Der Wiederaufbau des Heerwesens des Reiches Juda unter Josia, BWANT IV,
23, Stuttgart 1937.
30. Vgl. dazu ob~n, S. 72 und S. 85. Zu der Problematik der Annahme einer vorexilischen
Lehrtätigkeit vgl. Th. Willi: Die Chronik als Auslegung, FRLANT 106, Göttingen 1972, S. 197 f.
31. Vgl. dagegen Lindblom, S. 57ff.
32. So sucht er dem deutlich levitischen Interesse, den Spannungen zur J erusalemer Ideologie
und ihrer transponierenden Verarbeitung z.B. im Gedanken der Erwählung des Volkes statt des
Zions oder der Davididen im Deuteronomium gerecht zu werden.
33. Vgl. dazu die Nachweise bei Preuß, a.a.O., S. 3rf.
34. M. Kegel: Die Kultus-Reformation des Josia, Leipzig 1919.
132 Die Geschichtserzählungen Israels
fall von Staerk interpretierte er die Kultzentralisationsforderung 12,14 von 23,17 her
generell: Die Opfer dürften an jeder von Jahwe erwählten Stätte dargebracht werden.
Mit dieser Hypothese verband er eine entschiedene Frühdatierung, in der ihm Löhr
folgte. Er meinte in 12-26* ein priesterliches Buch der Lehre entdecken zu können,
das in die Wanderzeit Israels gehöre, Aber es ist verständlich, daß die Annahme eines
mosaischen Ursprungs des Dt nicht mehr durchzudringen vermochte. Die Eigenart
der deuteronomischen Gesetzespredigt schließt eine Frühdatierung jedenfalls aus35.
Ernster zu nehmen sind die im angelsächsischen Raum von Kennett und Berry, im
deutschen von Hölscher und Horst erhobenen Einwände gegen die Identifikation des
Dt mit dem Gesetzbuch des J osia und ihr damit verbundenes Eintreten für eine Spät-
datierungJ6. Die Tatsache, daß sie teilweise mit eigenwilligen literarkritischen oder li-
terargeschichtlichen Hypothesen operiert hatten, machte es der gleichzeitigen und
der folgenden Forschergeneration wohl zu einfach, über sie zur Tagesordnung über-
zugehenJ7. Da Hölscher seine These am umfassendsten begründet und mit ihr immer-
hin die Zustimmung eines Mowinckel gefunden hatJ 8, beschränken wir uns im we-
sentlichen auf eine geraffte Wiedergabe seiner Argumente. Hölscher suchte das Alter
des Dt zunächst ohne Seitenblick auf 2 Kö 22f. allein aus seinem Wortlaut zu ermit-
teln. Bei der Durchmusterung des von ihm als ursprünglich angenommenen singula-
risch formulierten Grundbestandes von 12-26* drängte sich ihm der ideologische,
praktischer Durchführbarkeit widerstreitende Charakter des Gesetzes sowie seine
mangelnde Eignung gerade für eine von Josia durchgeführte Reform aufJ9.
Über den Wert seiner Argumentationen kann man im einzelnen in der Tat streiten. Immerhin
ist zuzugeben, daß 16,11,14 und 15,df. ihrer Realisierung ernsthafte Schwierigkeiten in den
3 5. Die gegenteiligen Nachweise von G. T. Manley: The Book of the Law, London 1957, und
M. G. Kline: Treaty of the Great King. The Covenant Structure of Deuteronomy: Studies and
Commentary, Grand Rapids/Mich. 1963,werden das Rad der Forschung schwerlich zurückdre-
hen.
36. Von den skeptischen Stimmen aus dem [Link] verdientM. L. Horst: Etudes sur
le Deuteronome, RHR 16, 1887, S. .2.8ff.;17, 1888, S. 1ff.; 18, 1888, S. 32off.; 23, 1891, S. 184ff.
und 2.7, 1893, S. 119ff., noch immer Erwähnung. -Außer dem oben genannten Aufsatz von
G. Hölscher vgl. R. H. Kennett: Deuteronomy and the Decalogue, Cambridge 192.0; G. R.
Berry: The Code Foundin the Tempel,JBL 39, 1920, S. 44ff.; ders.: TheDate ofDeuteronomy,
JBL 59, 1940, S. 133ff.; F. Horst: Die Kultusreform des Josia, ZDMG 77, 192.3,S. 2..[Link].
37. Vgl. dazu W. Eichrodt: Bahnt sich eine neue Lösung der deuteronomischen Fragen an?,
NKZ 32.,192.1,S. 41ff.;H. Gressmann:JosiaunddasDeuteronomium,ZAW 42.,192.4,S.313ff.;
K. Budde: Das Deuteronomium und die Reform König Josias, ZAW 44, 192.6,S. 177ff.; Hans
Schmidt: Das deuteronomische Problem, ThBl 6, 192.7,Sp. 4off.;J. A. Bewer: The Case for the
Early Date of Deuteronomy, JBL 47, 192.8,S. 305ff.; L. B. Paton: The Case for the Post-Exilic
ff.; G. Dahl: The Case for the Currently Accepted Date of
Origin of Deuteronomy, ebd., S. 32..2.
Deuteronomy, ebd., S. 358ff., und zusammenfassend W. Baumgartner: Der Kampf um das
Deuteronomium, ThR NF 1, 192.9,S. 7ff.
38. Erwägungen zur Pentateuch Quellenfrage, Oslo 1964, S. 2.2.
39. Vgl. dazu auch]. Pedersen: Israel III-IV, London und Kopenhagen 1940 (1953), S. 58off.
§ II Das Deuteronomium 1 33
Weg legen. Auch seinem Urteil, daß weder 13,1 ff. noch 17,14H. in vorjosianischer oder josiani-
scher Zeit denkbar seien, wird man beipflichten können 40 • Selbst sein Hinweis, 12,13ff. erwecke
kaum den Eindruck, die ausschließliche Erwählung Jerusalems als legitimer Kultstätte als eine
bislang unerhörte Neuerung durchzusetzen, ist trotz einzelner Einwendungen gegen seine dabei
gemachten Voraussetzungen der Nachprüfung wert. Sucht man die Bestimmungen über die Ein-
setzung der Richter in 16,18 auf der Folie der Rechtsorganisation der Königszeit zu verstehen,
wie sie sich in 2 Chr 19,8ff. zu spiegeln scheint4', spricht die Tatsache, daß die entsprechende Ge-
walt beim Volk gesucht wird, dafür, daß das Königtum inzwischen verschwunden ist.
Die entscheidende Frage bleibt am Ende, ob der, wie die divergierenden jüngsten
Analysen zeigen, in seiner literarischen Schichtung schwer zu entschlüsselnde Bericht
über die josianische Reform in 2 Kö 22 und 2 3 im wesentlichen als historisch zuverläs-
sige Nachricht oder als kerygmatische Empfehlung des Deuteronomiums in erzählen-
der Gestalt zu bewerten ist42 •
Es ist das Verdienst Ernst Würthweins, nachgewiesen zu haben, daß der sich historisch an die
antiassyrischen Reformen J osias in 23, rr-12'' festmachende Bericht in seiner heutigen Fassung
auf die drei deuteronomistischen Schichten DtrH (= Würthweins DtrG, Deuteronomistische
Grundschicht des Königsbuches), DtrP und DtrN zurückgeht: Der von DtrH aufgenommene,
protodeuteronomistische Fundbericht in 22,3-11 '' gibt dem neu aufgetauchten Deuteronomium
eine Ätiologie aus der letzten Glanzzeit Judas. Die auf DtrP zurückgehende Erzählung von der
Befragung der Prophetin Hulda in 22, 12-20•· deutet das Ende des judäischen Staates und das ihm
folgende Unglück des Volkes als Antwort des Gotteszornes auf den Ungehorsam des Volkes.
Der auf DtrN zurückgehende Bundbericht in 23,1-3 schärft den Überlebenden ein, daß sie
durch die von ihren Vätern eingegangene Verpflichtung an die Befolgung des neuen Gesetzes ge-
bunden sind. Der ebenfalls von DtrN stammende Reformbericht 23,4-22'' knüpft an die histori-
sche Nachricht von den antiassyrischen KultmaßnahmenJosias in 23,11 f.* an und setzt sich für
die strikte Befolgung des deuteronomisch-deuteronomistischen Hauptgebots der ausschließli-
40. Vgl. dazu ZAW 40, 1922, S. 192f. und S. 199f., sowie Berry, JBL 59, S. 137.
41. Vgl. dazu G. Chr. Macholz: Zur Geschichte der Justizorganisation in Juda, ZA W 84,
1972, S. 333ff., und P. Welten: Geschichte und Geschichtsdarstellung in den Chronikbüchern,
WMANT 42, Neukirchen 1973, S. 184f.
42. Aus der neuesten Diskussion vgl. W. A. Irwin: An Objective Criterion for the Dating of
Deuteronomy, AJSL 56, 1939, S. 337ff.; G. R. Berry: The Date ofDeuteronomy,JBL 59, 1940,
S. r33 ff. -vgl. auch Anm. 34-; G. Hölscher: Geschichtsschreibung in Israel, SKHVL 50, Lund
1952, S. 405 ff.; A. Jepsen: Die Reform des Josia, in: Festschrift F. Baumgärtel, Erlanger For-
schungen A ro, Erlangen 1959, S. 97ff.; R. Meyer: Stilistische Bemerkungen zu einem angebli-
chen Auszug aus der ,Geschichte der König von Juda<, ebd., S. 114ff.; die vorsichtig abwägende
Untersuchung von N. Lohfink: Die Bundesurkunde des Königs J osia. Eine Frage an die Deute-
ronomiumsforschung, Bib 44, 1963, S. 261 ff. und S. 461 ff., und W. Dietrich: Josia und das Ge-
setzbuch (2 Reg. XXII), VT 27, 1977, S. 13ff.; H. Hollenstein: Literarkritische Erwägungen zum
Bericht über die Reformmaßnahmen Josias 2 Kön 23,4ff., VT 27, 1977, S. 321ff.; H.-D. Hoff-
mann: Reform und Reformen. Untersuchungen zu einem Grundthema der deuteronomisti-
schen Geschichtsschreibung, AThANT 66, Zürich 1980,S. 169ff.; H. Spieckermann: Juda unter
Assur in der Sargonidenzeit, FRLANT 129, Göttingen 1982, S. 3off.; zuletzt E. Würthwein,
ATD rr,2, z. St., und Preuß, a.a.O., S. 31.
134 Die Geschichtserzählungen Israels
chen J ahweverehrung ein. Er ist in der Folge auf jüngere Erweiterungen des Gesetzes selbst ab-
gestimmt worden 43 • Der ebenfalls aus der Schule von DtrN stammende Bericht über die Passah-
feier in 23,21-23 setzt sich für die vom Deuteronomium gebotene zentralisierte Passahfeier ein
und schaltet damit die noch von P anvisierte Schlachtung des Passahlammes außerhalb Jerusa-
lems im Interesse der Sicherung des Hauptgebotes aus, vgl. Dtn 16,5ff. mit Ex 12,1 ff.44 •
So geht es der Erzählung als ganzer um die Durchsetzung des Deuteronomiums in
exilisch- bis frühnachexilischer Zeit und damit um die Konsolidierung des Judentums
als dem allein Jahwe dienenden Gottesvolkes. Man wird sich also mit dem Gedanken
vertraut machen müssen, bei der Rekonstruktion der Literatur- und Religionsge-
schichte Israels ohne die Hyothese einer von König} osia aufgrund des Deuteronomi-
ums durchgeführten Reform auszukommen. - Über Alter und Herkunft des Dt sind
die Akten jedenfalls nicht geschlossen. Finden sich in den vermutlich ältesten Partien
des J eremiabuches keine Hinweise auf ihre Bekanntschaft mit dem Dt und der josiani-
schen Reform, sollte das nach dem Gesagten nicht mehr wundernehmen45.
5. Das Urdeuteronomium. Die folgende Übersicht will als Arbeitshilfe, nicht als Darbietung
endgültiger Ergebnisse verstanden werden. Sie geht von der Annahme aus, daß die Anrede Isra-
els in der 2. Person des Singulars für das Urdeuteronomium charakteristisch ist. Die Entschei-
dung wird im einzelnen dadurch erschwert, daß einerseits mit einer sukzessiven Auffüllung des
Materials, andererseits mit gelegentlicher Angleichung deuteronomistischer Zusätze an den deu-
teronomischen Stil singularischer Anrede zu rechnen ist. Die ab Kap. 19 einsetzende Störung der
sachlichen Ordnung läßt weiter die Frage zu, in welchem Umfang es in diesen Kapiteln bei der
Einfügung weiterer Bestimmungen zu Umstellungen gekommen ist und in welchem Maße der
gegenwärtige Befund auf assoziative Aneinanderreihungen erster Hand zurückgeht. Für 12-16
bedient sich die Übersicht dankbar der Analysen von Merendino, ohne ihm in allen Punkten zu
folgen. Möglicherweise nachträgliche Einfügungen sind in eckige, deuteronomistische Zusätze
in runde Klammern gesetzt. A Überschrift: 4,45(?); B Einleitungsrede: (5,6-21 Dekalog);
6,4-9,7''; ro,12-14.21-22; 11,1 Das Hauptgebot (6'' Gebote für das Leben im geschenkten Land;
7'' Gebote für die Eroberung des Landes; 8'' Gebote für das Leben im Lande; 9, 1-7 a weitere Ge-
bote für die Eroberung des Landes; 10,12-14.21-22; 11,1 abschließende Einschärfung des
Hauptgebotes der Gottesfurcht und Gottesliebe) 46 ; Hauptteil: a) 12,13-18,22'' Privilegrechtli-
che Bestimmungen: 12,13-28'' Verbot des Opfers an beliebigem Ort (Kultzentralisationsgesetz);
13,2-19 (ohne 4b-5.6aa''. 8.17-18) gegen Verführer zum Fremdkult; 14,1-28 Speisevorschrif-
ten; 14,22-29•· vom Zehnten; 15,1-18 (ohne 4-6 und [16-18]) vom Erlaßjahr und Freilassung
der Schuldsklaven; 15,19-23 vom Opfer tierischer Erstgeburt; 16,1-17 von den drei Jahresfe-
sten; 16,18 Richtergesetz; 16,19-17,1 Prozeß- und Kuhbestimmungen (ohne 16,22b); 17,2-7
43. Hollensteins Urteil über die we-qatal-Sätze, a. a. 0., S. 321 ff., scheint mir durch die Kritik
von Hoffmann, a. a. 0., S. 215 ff., keineswegs widerlegt und durch das von Spieckermann,
a. a. 0., S. 120ff., beigebrachte Material eher bestätigt. Zur Sache vgl. auch 0. Kaiser, in: Denken-
der Glaube. Festschrift C. H. Ratschow, Berlin und New York 1976, S.33f., und demnächst un-
bedingt Chr. Levin, ZAW 96, 1984.
44. Zur Sache vgl. auch]. van Seters, ZAW 95, 1983, S. 167ff.
4 5. Vgl. dazu unten, S. 248 ff. Zum literarkritischen Befund des Ezechielbuches vgl. unten,
S. 262.
46. Vgl. dazu Lohfink, Hauptgebot, S. 139ff.
§ II Das Deuteronomium 1 35
6. Lied und Segen des Mose. Besteht kein Zweifel daran, daß sowohl das Lied wie auch
der Segen des Mose in 32 und 33 erst nachträglich in Dtn eingefügt worden sind49, so
ist doch ihr Alter und ihre Herkunft umstritten. Das Moselied 32,r-43 wird von Eiss-
[Link] der Mitte des II., von Baumann in seinem Grundbestand im 8.-7., vonBudde
im 6. und von Sellin im 5. Jahrhundert angesetzt 50 • Da Budde richtig gesehen haben
dürfte, daß das Lied kein weiteres Gericht über Jahwes Volk erwartet und auf sehr un-
terschiedliche Traditionen und Gattungselemente zurückzugreifen scheint, setzt das
Exil den terminus non ante, und da es nach Veijola seine jetzige Stellung erst dem deu-
teronomistischen Nomisten (DtrN) verdankt, dieser den terminus ad quem. - Bei
dem M osesegen 33,2-29 ist zwischen dem Hymnus 2-5 .26--29und den Stammessprü-
chen 6--25 zu unterscheiden. Läßt sich das Alter des hymnischen Rahmens schwer be-
stimmen, ist weiterhin zwischen der Frage nach dem Alter der Einzelsprüche und der
nach dem Alter der Komposition zu unterscheiden. Gehören die profanen Einzel-
sprüche in die vorstaatliche Zeit, so dürften die theologisierenden Neubildungen so-
wie die Verknüpfung der Einzelworte nach dem Zwölfstämmeschema mit Zobel erst
in der Königszeit erfolgt sein51 •
51. Vgl. K. Budde: Der Segen Mose's Deut. 33, Tübingen 1922; F. M. Cross jr. und D. N.
Freedman: The Blessing ofMoses,JBL 67, 1948, S. 191ff., undH.-J. Zobel: Stammesspruch und
Geschichte, BZAW 95, Berlin 1965.
52. Daß W. Rudolphs Explikation des chronistischen Ideals diese Zusammenfassung angeregt
hat, wird dem Kundigen nicht verborgen bleiben.
53. Zum Unterschied zwischen deuteronomischer und deuteronomistischer Bundestheolo-
gie vgl. G. Minette de Tillesse, VT 12, 1962, S. 5of., und Perlitt, a.a.O., S. 54ff.
54. Vgl. dazuPerlitt, a.a.O., S. 77ff., undF.-L. Hossfeld: Der Dekalog, OBO 45, Freiburg/
Schw. und Göttingen 1982, S. 2II ff. und S. 283.
§ II Das Deuteronomium 1 37
schichtstheologie - seine Hörer in die letzten Tage der Wanderzeit unter Mose im
Ostjordanland, um ihnen einzuschärfen, daß Segen und Fluch, Besitz des Landes und
Leben im Lande allein von ihrer ausschließlichen, alle Lebensgebiete umfassenden
Treue zuJ ahwe abhängen. Mit der Bindung des Opfers an das eine Heiligtum sucht er
die Gefahr einer Überfremdung des Jahwedienstes durch kanaanäische Praktiken
ebenso zu überwinden wie den Zwiespalt zwischen einer teilweise überlebten Kult-
praxis und der eigenen kulturellen Situation55. Die damit verbundene Profanierung
der Schlachtung, die lediglich in ihrem Blutritus religiös gebunden blieb, mußte sich
künftig auf das Verhältnis des Judentums zum Heidentum ebenso entscheidend aus-
wirken wie der bildlose Gottesdienst, vgl. 1 Kor 8; Act 15,20. Die mit dem Verlust der
Lade, die später beim Deuteronomisten zum bloßen Aufbewahrungsbehälter des Ge-
setzes werden sollte, vgl. 10,1f.;31,26, und der Zerstörung des Tempels 587 verbun-
denen Glaubensprobleme wurden durch die sem(Namens-)-Theologie gelöst, nach
der nicht Jahwe selbst, sondern unter Wahrung der Distanz zwischen Gott und Welt
allein »sein Name als Garant seines Heilswillens« am Kultort gegenwärtig ist56 •
Diese Verschiebungen verlangten von der Gemeinde eine größere Energie bewuß-
ten Glaubens als die totale Kultreligion57. Es kommt jetzt viel deutlicher darauf an,
daß sich Israel aus seiner Offenbarungsgeschichte versteht. Daher gebietet das Dt die
heilsgeschichtliche Unterweisung der Söhne durch die Väter, vgl. 6,7.2off. Daher
greift es bei seiner Gesetzespredigt immer wieder auf diese Geschichte zurück. Daher
ist es an den bei den Darbringungen zu sprechenden Bekenntnissen interessiert, vgl.
26,3 ff.13. Daher muß es aber auch die dauernd sichtbare Präsenz seiner Gebote in der
Gestalt von Phylakterien, Pfosten- und Torinschriften einschärfen, vgl. 6,6f.
Von einer Gesetzlichkeit, die das Heil als geschuldeten Lohn für die eigenen Werke
versteht, muß man Dt schon deshalbfreisprechen, weil die Erwählung aller Gesetzes-
befolgung vorausgeht, Israel das Land nicht um seiner eigenen Gerechtigkeit willen
gegebenen wird, vgl. 9,4ff., und der geforderte Gehorsam nichts anderes als die ei-
gentlich selbstverständliche Antwort auf Gottes vorlaufendes H eilshandeln und
Folge der Liebe und Furcht Gottes ist. Für ein Volk, das seine Existenz und sein Land
ganz Jahwe verdankt, ergibt sich als Konsequenz nicht nur, daß es sich seiner Sonder-
stellung gemäß von allen Fremdkulten, magischen Praktiken und aller Unreinheit
fernhält, heilig ist, vgl. 7,6, sondern auch seiner eigenen Vergangenheit gemäß Rück-
sicht auf die sozial Schwächeren, auf seine Witwen und Waisen, seine Beisassen und
Sklaven, ja selbst auf sein Vieh nimmt, indem es sie nicht bedrückt, ihnen nicht ihr
Recht beschneidet, ihnen das Leben ermöglicht und den Feiertag gönnt. Dem gehor-
samen Israel gilt dann die Verheißung eines Segens, der Natur und Geschichte glei-
chermaßen umfaßt und den weder äußere Feinde noch Naturkatastrophen, Krank-
heit oder Unfruchtbarkeit der Leiber, des Viehs und der Felder beeinträchtigen sol-
len58.
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sia, PJ 21,1925, S. 1ooff. = Kl. Schriften II, S. 276ff.; ders: Das System der Stammesgrenzen im
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Kommentare: KHCHolzinger 1901-HK Steuernagel 19232 -HS Schulz 1924-HAT Noth
1938; 19532 -ATD Hertzberg 1953 (19735)- CB Gray 1967- CAT Soggin I970- CBC Miller
und Tucker 1974.
58. Von den neueren Arbeiten zur theologischen Eigenart des Dt ist M. Weinfeld: Deutero-
nomy and Deuteronomic School, Oxford 1972, vorab zu nennen. Daß er P vor Dt ansetzt, will
beachtet sein. Vgl. weiter H. H. Schmid: Das Verständnis der Geschichte im Deuteronomium,
ZThK 64, 1976,S. 1ff., 174ff; S. Herrmann: Die konstruktive Restauration. Das Deuteronomium
als Mitte biblischer Theologie, in: Probleme biblischer Theologie. FestschriftG. v. Rad, hg. H. W.
Wolff, München 1971, S. 155ff., und Preuß, a.a.O., S. 174ff.
§ I2 Das Buch ]osua 1 39
2. Inhalt und Gliederung. Das Buch erzählt von der gemeinsamen Landnahme der Is-
raeliten im Westjordanland unter der Führung Josuas sowie von der ihr folgenden
Landverteilung. Es setzt hinter dem Tode des Mose ein und schließt mit dem Tode J o-
suas. Deutlich lassen sich zwei Hauptteile und ein Anhang unterscheiden:
I 1,1-12,24 Die Landnahme der Israeliten im Westjordanland.
II 13,1-21,45 Die Landverteilung an die westjordanischen Stämme 13-19 und
die Aussonderung der Asyl- und Levitenstädte 20 und 21.
III 22-24 a) Die Errichtung eines Altars durch die ostjordanischen Stämme
am Jordan 22.
b) Die Entlaßrede Josuas 23.
c) Der Landtag zu Sichern, Josuas Tod und Begräbnis 24.
Auf den ersten Blick fällt bei der Lektüre auf, daß 23 und 24 miteinander konkurrie-
ren.
3. Entstehung. Trotz der Anerkennung der Tatsache, daß das J osuabuch in einer Deu-
teronomistischen Bearbeitung vorliegt, gehen die Ansichten der Forscher gegenwär-
tig im Blick auf die Vorgeschichte des Buches auseinander. Neben die ältere, sich bis
in die Gegenwart fortsetzende vorwiegend literarkritische Forschungsrichtung sind
nacheinander erst die überlieferungsgeschichtliche und als letzte die redaktionsge-
schichtliche getreten, ohne daß sich bisher ein neues, allgemeine Anerkennung fin-
dendes Gesamtbild der Genese des Buches ergeben hat. Eine primär literarkritisch
und eine literarkritisch-traditionsgeschichtlich orientierte Forschungsrichtung ste-
hen sich ohne Ausgleich gegenüber. Die erste knüpft an die schon von Wellhausen
vertretene These an, daß die alten Pentateuchquellen im J osuabuch ihre Fortsetzung
finden. In diesem Sinne haben sich in den letzten Jahrzehnten zumal Eissfeldt", Ru-
dolph, Pfeiffer", Simpson, Weiser';, Hölscher, Mowinckel, Fahrer':·,Langlamet, Otto
und Resenhöfft ausgesprochen. Bei der konkreten Quellenzuweisung gehen die An-
sichten der Genannten jedoch auseinander, wobei die aus der Pentateuchforschung
bekannten Unterschiede zwischen den Vertretern der Neueren (z.B. Weiser, Höl-
scher und Otto) und der Neuesten Urkundenhypothese (z. B. Eissfeldt, Simpson, Fah-
rer, Langlamet und Resenhöfft' wiederkehren und schließlich die Bestreitung einer
selbständigen elohistischen Quelle (Rudolph und Mowinckel) eine Rolle spielt. Auf
der anderen Seite hat die von Noth im Anschluß an Beobachtungen von Alt vorge-
nommene Erklärung des Befundes und die Identifikation des Verfassers des Buches
mit dem des Deuteronomistischen Geschichtswerkes Zustimmung gefunden". Bei der
gegenwärtigen Forschungslage 2 wird man eine Klärung auch des Problems der in dem
Buche verarbeiteten Quellen am ehesten von weiteren redaktionskritischen Untersu-
chungen erwarten können, wie sie einerseits bereits bei Smend zum Nachweis der
Mehrschichtigkeit der deuteronomistischen Bearbeitung und andererseits bei Auld
zu einer grundsätzlichen Klärung des literarischen Alters von Jos 13-19 geführt ha-
ben.
I.]osua r-r2. a) Die literarkritisch orientierte Forschung weist innerhalb von 1-12 Pin
der Regel nur wenige Verse zu, 4,19; 5,10-12; 9,15 b und 9,17-21. Daher wollen Ru-
dolph, Eissfeldt undNoth hier nur einen im Sinne von P arbeitenden Redaktor am
Werk sehen. Nur Mowinckel und Fahrer haben sich in neuerer Zeit dafür eingesetzt,
auch noch 12 ganz oder teilweise als gelehrte Eroberungsgeschichte von P anzusehen.
Dagegen spricht jedoch die von N oth und Eiliger vertretene und von Auld erneut als
richtig bestätigte These, daß P mit Dtn 34'f endet. Demgemäß ist im ganzen Josua-
buch lediglich mit jüngeren Bearbeitungszusätzen im Stile von P zu rechnen.
Von dernachNoth zumal in 1,1-18; 8,30-35 und rr,16-12,24 zu suchendendeute-
ronomistischen Bearbeitung abgesehen, wird der Grundbestand der Erzählung 2-I I
seit Wellhausen gern E zugeschrieben. Den Ausschlag für diese Zuweisung gibt die
Beobachtung, daß hier eine zu Ri 1 im Gegensatz stehende Vorstellung von der Land-
nahme vorliegt; während sie nach Ri 1 auf Einzelaktionen der Stämme beruht, soll es
sich nach J os 1-12 um eine gesamtisraelitische Gemeinschaftsaktion gehandelt haben.
Die Zuweisung an E basiert also letztlich auf der Annahme, daß sich] in Ri 1 zu Worte
meldet. Jselbst werden innerhalb des Josuabuches dann nur wenig Fragmente zuge-
schrieben, 15,13-19.63; 16,ro; 17,11-13.14-18 und 19,47, die inhaltlich mit Ri 1 zu-
sammenhängen. Mit dem Nachweis vonAuld, daß es sich bei Ri 1 um eine späte Kom-
position handelt, ist dieser Hypothese der Boden entzogen3.
Damit scheidet aber auch die von Mowinckel aufgestellte weitere Hypothese, daß
es sich bei der vordeuteronomistischen Landnahmeerzählung in Jos 2-11 um eine an
Ri 1 orientierte und zu ihrem Ersatz bestimmte Bildung eines J erweiternden Bearbei-
ters, seinesjahvista variatus jV,handelt, aus der Diskussion aus. Aber auch gegen die
Versuche von Langlamet und Otto wesentliche Teile der Erzählung als jahwistisch
anzusprechen, bestehen angesichts des Befundes im Buche Numeri und der zu unter-
stellenden ursprünglichen Zusammengehörigkeit von Num 27''und Dtn 34'f erhebli-
che Bedenken4. Daher wird man Langlamets Deutung des Befundes mittels der An-
nahme, hier eine vonJ 1 über L, E und RJEbis zum Deuteronomisten und nachdeute-
ronomistischen Zusätzen reichende Schichtung nachweisen zu können5, ebenso kri-
tisch betrachten wie Ottos Lösung, zwischen der jahwistischen, mit J os 2, 1 und 3, 1
an Num 2 5,1 anknüpfenden Quelle A und der deuteronomistisch bearbeiteten Quelle
B zu unterscheiden 6 • Somit wird sich die Aufmerksamkeit der Forschung auch wei-
terhin primär dem Lösungsversuch Martin Noths zuzuwenden haben.
b) Noth legte die Beobachtung zugrunde, daß es sich bei 2-9 um eine Reihe ätiologi-
scher Sagen aus dem Umkreis des bei Jericho zu suchenden Heiligtums Gilgalhandelt,
die als benjaminitisch"eTraditionen anzusprechen sind. Diese Sagen wären bereits in
Gilgal gesamtisraelitisch interpretiert und wahrscheinlich auch schriftlich fixiert wor-
den. Die Verbindung mit der Gestalt des Ephraimiten J osua wäre dagegen erst auf der
nächsten Stufe erfolgt, als ein um 900 tätiger judäischer Sammler die Sagen mit den
Kriegserzählungen aus IO und II verband und damit zu einer Eroberungsgeschichte
des Westjordanlandes umgestaltete. Allerdings wäre die GestaltJosuas auch in ihnen
nicht primär verwurzelt, sondern vermutlich überlieferungsgescliichtlich im Sachbe-
reich von Jos 24 beheimatet7. Für die zeitliche Ansetzung des Sammlers ist entschei-
dend, daß er I. noch wußte, daß Hazor bis zu seinem Wiederaufbau durch Salomo
zerstört war, vgl. 11,10ff., daß ihm 2. die nach dem archäologischen Befund bis ins IO.
Jahrhundert bestehende israelitische Siedlung in Aj unbekannt war, vgl. 8,29, wäh-
rend 3. die Anspielung auf die Neugründung J erichos unter Ahab in 6,26, vgl. 1 Kö
16,34, sekundär sei. Mithin sei der Sammler zwischen Salomo und Ahab anzusetzen.
Für die örtliche Ansetzung führt er ins Feld, daß in 11,2und11,16 die judäische geo-
graphische Terminologie auf andere palästinische Gebiete übertragen und in IO die in
der jüdischen Schephela beheimatete Tradition von Maqqeda aufgenommen ist.
Gegen Noths zeitliche Ansetzung des Sammlers um 900 v. Chr. läßt sich einwen-
den, daß damals die in 7,11.15 vorausgesetzte Vorstellung vom Bund Jahwes mit Is-
rael schwerlich zur Verfügung stand 8 und die in den Erzählungen vom Zug durch den
Jordan c. 3-4 und von der Eroberung von Jericho c. 6 wie in den Motiven von] osuas
ausgestrecktem Speer 8,18.26 und dem vom Himmel mit Steinen nach den Feinden
werfenden Gott 10, 1 zutage tretende Vorliebe für das Mirakel eher als Hinweise auf
eine relativ späte Entstehung der Sammlung zu. werten sind. Darüber hinaus ist es
fraglich, ob Gilgal in dem hinter der Sammlung stehenden Überlieferungsprozeß
wirklich die ihm von N oth zugeschriebene Rolle gespielt hat, so daß die Wahl des Or-
5. Vgl. dazu die von Langlamet, RB 79, 1972, S. 35, gegebene Zusammenfassung seiner Analy-
sen.
6. Vgl. dazuM. Noth: Numeri,ATD 7, Göttingen 1966 = 19773,S.17of.,zumBefundvonJos
25 sowieAuld, a.a.O., S. 88ff.
7. Zum Problem vgl. auch H. Schmid:Erwägungen zur Gestalt J osuas in Überlieferung und
Geschichte, Jud 24, 1968, S. 44ff.; S. Herrmann: Geschichte Israels in alttestamentlicher Zeit,
München 19802,S. 132f., und G. W. Ahlström, JNES 39, 1980, S. 68f.
8. Vgl. dazu oben, S. 75 f.
Die Geschichtserzählungen Israels
tes eher konstruiert als Zeuge des Traditionsweges wäre. 9,27 i~t gegen Noth kaum
auf Gilgal, sondern mit Hertzberg vielleicht erst auf Gibeon, dann aber sicher auf Je-
rusalem zu beziehen.
Die inzwischen von Langlamet, Otto und Rose9 vorgelegten Analysen vonJ os 2-11
divergieren in ihren Ergebnissen sowohl untereinander wie gegenüber denen von
N oth. Sie weisen darauf hin, daß eine den ganzen Textbereich einbeziehende Unter-
suchung des literarischen Befundes einschließlich einer umfassenden Bearbeitung des
Problems der zwischen der Landnahmeerzählung des Josuabuches und dem Penta-
teuch bestehenden Beziehungen ein dringendes Desiderat der Forschung ist. Mit Rose
ist zu erwarten, daß sie zugleich das gegenwärtig offene Problem des Jahwistischen
Geschichtswerkes der Lösung näherbringt.
[Link] 13-21. Bei der Erklärung der Genese des zweiten Teils begegnen wir einem
ähnlichen Dualismus wie bei der ersten Hälfte des Buches. Weithin ist man davon
überzeugt, daß Pin diesen Kapiteln die Führung besitzt. Diese Ansicht ist zuletzt von
Mowinckel unter Beipflichtung von Fohrer* vertreten worden. Andere Wege be-
schritt demgegenüber Noth in Anknüpfung an Untersuchungen von Alt: Ein Blick
auf den zentralen Bericht über die Landverteilung an die westjordanischen Stämme in
den c. 15-19 zeigt, daß er im wesentlichen teils aus Grenzbeschreibungen der einzel-
nen Stammesgebiete zumal mittels der Aufzählung ihrer Grenzorte, vgl. z. B.
1 5, 1-12.20, und teils aus einer regional gegliederten Städteliste besteht, vgl. 1 5,21-62;
18,21-28; 19,2-8. Diese Städtelisten lassen sich insofern als eine besondere Einheit
verstehen, als sie nur das Stammesgebiet von Juda und Benjamin und schließlich auch
Simeon einschließen. Dabei erweist sich die Simeonliste als ein Auszug aus der judäi-
schen. Aus diesem Befund schloß Alt mit Zustimmung Noths auf die Verarbeitung
von zwei dokumentarischen Quellen, einem System der Stammesgrenzen aus der
Richterzeit und einer Liste der Orte des Reiches Juda nach seiner Einteilung in zwölf
Gaue aus der Zeit des Königs Josia' 0 • Es ist deutlich, daß die Ansprache der Grenz-
9. Rose, a. a. 0., rechnet offenbar mit einer nach Sprache und Vorstellungswelt in die Nähe
der deuteronomischen Schule gehörenden benjaminitischen Grundschicht für Jos 2-8; einer
weiteren deuteronomistischen Bearbeitung, der wir gleichzeitig Jos 9-10 (unter Aufnahme
mündlicher Tradition für c. 10) verdanken; einer folgenden, die überhaupt erst den Brücken-
schlag zu den Pentateucherzählungen vornahm und die möglicherweise diese Referenztexte
überhaupt erst selbst konzipiert hätte. Auf diese »jahwistische« wäre dann noch eine priesterli-
che Redaktion gefolgt.
10. 0. Bächli: Von der Liste zur Beschreibung. Beobachtungen und Erwägungen zu Jos.
13-19, ZDPV 89, 1973, S. 1ff., hat der Städteliste einen Sitz im Leben der J osiazeit verschafft, in-
dem er sie als Ergebnis der Tätigkeit einer Flurkommission dieser Zeit ansprach, welcher die
Führung des Grundbuches für die Steuereinschätzung und die Volkszählung für die Erfassung
der Wehrpflichtigen oblag. -Andere, wie z.B. Z. Kallai-Kleinmann, VT 8, 1958, S. 134ff., und
Y. Aharoni, VT 9, 1959, S. 225ff., haben die Städteliste in dieTage Hiskias bzw. Josaphats si-
tuiert.
§ I2 Das Buch ]osua
beschreibung als eines aus der Richterzeit stammenden Verzeichnisses aufs engste mit
der Amphiktyoniehypothese verbunden ist, weil sie ihr erst eine institutionelle Er-
möglichung verleiht''. -Folgen wir Noth, so wären beide Dokumente zunächst zu ei-
nem Besitzstandsverzeichnis der Stämme verbunden und dann während des Exils in
eine Erzählung über die Inbesitznahme des Landes unter Josua umgeformt worden.
Als nachdeuteronomisch sind auch 20 und 2 r mit ihrer Erzählung von der Aussonde-
rung der Asyl- und Levitenstädte anzusehen, vgl. Num 35,rff. 9ff., treten doch die
erstgenannten religionsgeschichtlich an die Stelle der über das Land verteilten Orts-
heiligtümer, mit denen sich die Levitenstädte teilweise decken. Aus der vermeintlich
sekundären Vorwegnahme von 23,r bin 13,r a zogNoth den Schluß, daß dieser ganze
stämmegeographische Teil erst sekundär von einem zweiten deuteronomistischen Be-
arbeiter in das deuteronomistische Josuabuch eingefügt worden sei. Dem gleichen ·
Bearbeiter wäre auch die Einfügung und Redaktion von 24,1-33 zuzuschreiben. In
den formelhaften Über- und Unterschriften sieht er eine viel zu schmale Basis, um auf
ihr die Annahme der Herkunft der Landverteilungserzählung aus der Priesterschrift
zu gründen. ·
Mowinckel hat wiederholt versucht, diesen Erklärungsversuch kritisch zu durch-
leuchten und der alten Annahme der Herkunft von r 3-2 r aus P neue Geltung zu ver-
schaffen.
Da er das ganze System der zwölf Stämme für eine Konstruktion der davidischen Zeit hielt,
während es in der Richterzeit nach seiner Ansicht nur einen Zehnstämmebund 'gab", war seine
Vorentscheidung über die Möglichkeit eines Verzeichnisses der Stammesgrenzen aus der Rich-
terzeit bereits gefallen. Zudem vermochte er nicht einzusehen, welchen Zweck ein derartiges
Verzeichnis in seiner Zeit besessen hätte. Die Grenzziehung ist- und darin sind sich alle Parteien
einig - teilweise durchaus theoretisch, so etwa, wenn einzelnen Stämmen bis an das Meer rei-
chende Gebiete zugeschrieben werden, die Israel zu keiner Zeit gehört haben. Die Existenz lite-
rarischer Quellen für eine solche religionsrechtliche, den Anspruch auf den Besitz von ganz Ka-
naan erhebende Theorie sei nicht nachweisbar. Überdies spiegelten die hier von P verarbeiteten
Traditionen Zustände aus ganz verschiedenen Zeiten wider. -Anders beurteilte Mowinckel Jos
r 5. Er räumte Alt ein, daß hier in der Tat Verhältnisse der spätjudäischen Königszeit ihren Nie-
derschlag gefunden haben und daß mit der Existenz derartiger Verzeichnisse in den J erusalemer
Archiven der Königszeit zu rechnen ist. Aber er bezweifelte, daß solche Dokumente die Katastro-
phe desJahres 587 überdauern konnten. Stelle man in Rechnung, daß sich die Erinnerung an ein-
stige Grenzverhältnisse längere Zeit im Bewußtsein der Bevölkerung lebendig erhält und daß
eventuell sogar gewisse administrative Einteilungen aus der späten Königszeit in der persischen
Provinz Juda weiterlebten, sei die Fixierung dieser Tradition in frühnachexilischer Zeit auch
ohne die Annahme des Vorliegens dokumentarischer Quellen verständlich.
In der jüngsten Forschung stellte es sich als entscheidend für die weitere literarische
Rekonstruktion heraus, ob 13,r mit Noth gegenüber 23,r als sekundär oder mit
Smend als primär betrachtet wird. Den ersten Weg schlug Manfred Wüst, den zweiten
A. Graeme Auld ein. Da Wüst Jos 13-19 gleichzeitig als literarisch von Num 32-34
abhängig beurteilte und diese Kapitel durchgehend zu den Nachträgen zu P gehören,
kam er notwendig zu einer nachpriesterlichen Ansetzung der ganzen Landvertei-
lungsgeschichte. - Dagegen kam Auld zu dem Ergebnis, daß schon DtrH, d. h. die äl-
teste Schicht des Deuteronomistischen Geschichtswerkes (DtrG) eine Landvertei-
lungserzählung enthielt. In 13,r.7-9''(G).11 einsetzend enthielt DtrH bereits den
Grundbestand der Landverteilungserzählung mit den Gebietsbeschreibungen in
15,1-12.21.26; 16,5-9; 17,1''.2''.7-10 und 18,u-19,48, jeweils ohne die Erwähnung
des Loses, und weiterhin 21,42a-d(G).43-45 als Abschluß und schließlich auch
c. 2413• Sachlich berichtete sie also nach kurzer Erwähnung der bereits erfolgten
Landvedeihung an die beiden ostjordanischen Stämme Ruhen und Gad von der
Landzuweisung an die zehn westjordanischen Stämme, um dann mitJosuas Rede auf
dem sog. Landtag zu Sichern eine kräftige Fermate hinter eine Epoche zu setzen, die
der Deuteronomist offenbar nostalgisch als eine Zeit des Vertrauens und des Gehor-
sams bewertete 14• - Demgegenüber gehören 13,2-6.13 und die in der älteren For-
schung wegen ihrer Verwandtschaft zu Ri 1 gern J zugeschriebenen Abschnitte
15,13-19; 16,10; 17,u-13; 19,47(G).49 b-50 und c. 23 zu DtrN, der jüngsten Schicht
des DtrG 1 5. Die jetzige, zweiphasige, erst Juda und Joseph und dann die übrigen
Stämme berücksichtigende Landverteilung durch das Los ist samt der Beurteilung
von Ephraim und Manasse als Unterabteilungen von Joseph und der Gebietszuwei-
sung an Halbmanasse im Ostjordanland erst das Ergebnis einer weiteren Bearbeitung,
die sich ihrerseits von Ri 1 beeinflußt erweist. Wir können so ein lebhaftes Hinundher
zwischen den Schichten des J osuabuches und seinen Anschluß texten beobachten, das
sich auch auf Num 26,52ff. und 33,50-35,40 erstreckt, die Auld wieder wie Noth als
vomJosuabuch abhängig anspricht16 • -Die Liste der Levitenstädte in c. 21 sieht erbe-
reits in Abhängigkeit von 1 Chr 6,39ff. 1 7. Relativ unbestimmt sind noch 13,15ff. und
c. 22 samt ihrer Beziehung zu Num 32 in Aulds Analyse stehengeblieben. Doch
scheint er sie ebenfalls zu einer späteren Erweiterungsschicht zu rechnen.
III. Gesamtbild. Als gesicherte Ergebnisse der bisherigen Forschung läßt sich trotz al-
ler noch bestehenden Unsicherheiten und Meinungsverschiedenheiten im einzelnen
festhalten, daß der Erzählungszusammenhang des J osuabuches mit seiner Dreiteilung
in Landnahmeerzählung (c. 1-12), Landverteilungsbericht (c. 13-22) und verpflich-
13. Angesichts des Übergangs der alten Tetrateucherzählung von Num 27,12ff. zu Dtn 34°·
bleibt der Versuch von H. Mölle: Der sogenannte Landtag zu Sichern, FzB 42, Würzburg 1980,
erneut eine Schicht von Jos 24 dem Elohisten zuzuweisen, problematisch.
14. Vgl. in diesem Sinne Miller und Thucker, CBC, S. 15.
15. Zum Deuteronomistischen Geschichtswerk und seinen Schichten vgl. unten, S. 172ff.
·16. Vgl. dazu auch unten, S. 147.
17. Vgl. dazu auch A. G. Auld, The Levitical Cities: Text and History, ZAW 9r, 1979, S.
r94ff.
§ 13 Das Buch der Richter 1 45
tender Abschiedsrede J osuas auf dem sog. Landtag zu Sichern in c. 24 von dem älteren
Deuteronomisten DtrH geschaffen worden ist. Er hat sich in 2-ro'', r3-r9'' und 24''
in je eigentümlicher Weise auf älteres Gut gestützt, über dessen Umfang und Her-
kunft noch keine Einmütigkeit besteht. Die von DtrH geschaffene Erzählung ist
durch DtrN überarbeitet, dem jedenfalls c. 23 angehört. Die von DtrH komponierte
Erzählung von der Erfüllung der den Vätern gegebenen Verheißung wurde durch
DtrN um den Aspekt des paradigmatischen Gesetzesgehorsams Josuas, vgl. r,7f.,
und die Verpflichtung der kommenden Generationen auf denselben unter Andro-
hung des Verlustes des Landes im Falle des Ungehorsams erweitert, vgl. 23,6ff. -
N achdeuteronomistische Erweiterungen und Umgestaltungen im priesterlichen Sinn
sollten nicht länger dazu verleiten, die Quelle P im J osuabuche zu suchen. In der
Frage nach Alter und Herkunft der in c. 2-ro bzw. r r enthaltenen Überlieferungen ist
bis heute keine Einmütigkeit erzielt. Obwohl grundsätzlich die Möglichkeit zuzuge-
ben ist, daß DtrH bei seiner eigenen Darstellung der Landnahme auf eine entspre-
chende Erzählung von J/E zurückgegriffen hat, weil seine Tätigkeit zeitlich vor die
Einfügung des Jehovistischen Werkes in den Rahmen des mit dem Tode Moses en-
denden P anzusetzen sein dürfte, sind die Untersuchungen Aulds über den literari-
schen Befund von Num 33-35 und die Tatsache, daß die Anspielungen auf das Meer-
wunder in Jos 2,ro und 4,23 in ihrer Formulierung mit keinem Erzählungselement
von Ex r4 unmittelbar verwandt sind, einer solchen Hypothese nicht günstig. Viel-
leicht führt die Fortsetzung der redaktionsgeschichtlichen Forschung am Pentateuch
und am Deuteronomistischen Geschichtswerk auch zu einer allseitig überzeugenden
Klärung dieser schwierigen Frage. War das Josuabuch zunächst ein Bestandteil des
von Dtn r-2 Kö 25 reichenden Deuteronomistischen Geschichtswerkes, so wurde es
spätestens im 3. vorchristlichen Jahrhundert vom Pentateuch bzw. vom Deuterono-
mistischen Geschichtswerk abgetrennt' 8 • Denn bei den in diese Zeit fallenden Anfän-
gen der Septuagintaübersetzung wurde der Pentateuch offensichtlich bereits als eine
besondere Größe betrachtet. Der Aufteilung der von Mose bis zur Königszeit durch-
laufenden Erzählung in einzelne Bücher ist mindestens die Einfügung von 24,29ff.
par. Ri 2,6ff. zuzuschreiben, während die ursprüngliche deuteronomistische Erzäh-
lung Ri 2,6ff. unmittelbar an Jos 24,28 anschloß.
K. Budde: Die Bücher Richter und Samuel, ihre Quellen und ihr Aufbau, Gießen 1890; 0. Eiss-
feldt: Die Quellen des Richterbuches, Leipzig 1925; M. Noth: Überlieferungsgeschichtliche
Studien, Halle 1943 = Tübingen 196!3; ders.: Das Amt des ,Richters Israels,, in: Festschrift A.
18. Vriezen'' hält die Ablösung der Bücher Josua bis 2 Könige vom Pentateuch für eine Folge
der Aufblähung der Bücher Exodus bis Numeri durch ritual-kultische und legislative Materia-
lien im Zuge der mehrschichtigen priesterlichen Bearbeitung.
Die Geschichtserzählungen Israels
Bertholet, Tübingen 1950, S. 404ff. = Gesammelte Studien zum Alten Testament II, ThB 39,
München 1969, S. 71 ff.; G. Hölscher: Geschichtsschreibung in Israel, SKHVL 50, Lund 1952;
C. A. Simpson: Composition of the Book of Judges, Oxford 1957; E. Jenni: Zwei Jahrzehnte
Forschung an den Büchern Josua bis Könige. V. Richterbuch, ThR NF 28, 1961, S. 129ff.;
W. Beyerlin: Gattung und Herkunft des Rahmens im Richterbuch, in: Tradition und Situation.
Festschrift A. Weiser, Göttingen 1963, S. 1ff.; W. Richter: Traditionsgeschichtliche Untersu-
chungen zum Richterbuch, BBB 18, Bonn 1963; 19662 ; ders.: Die Bearbeitung des ,Retterbu-
ches, in der deuteronomischen Epoche, BBB 21, Bonn 1964; ders.: Zu den ,Richtern Israels,,
ZAW 77, 1965, S. 4off.; ders.: Die Überlieferungen umJephtah Ri 10,17-12,6, Bib 47, 1966,
S. 485 ff.; Hannelis Schulte: Die Entstehung der Geschichtsschreibung im Alten Israel, BZAW
128, Berlin 1972; T. Veijola: Das Königtum in der Beurteilung der deuteronomistischen Histo-
riographie, AASF. B 198, Helsinki 1977; W. Resenhöfft: Die Geschichte Alt-Israels I-IV,
EHS.T 81-84, Bern und Frankfurt/Main 1977.
Kommentare: ICC Moore 18982 (1949)- KHC Budde 1897- HK Nowack 1900 - Burney
1920,-EHZapletal 1923-HSSchulz 1926-ATDHertzberg 1963(19735)-CB Gray 1967-CBC
Martin 1975 - OTL Soggin 1981.
1. Name und Verfasser. Das Richterbuch trägt seinen Namen nach den als Richterbe-
zeichneten Helden, von denen in seinem Hauptteil berichtet wird. In der rabbini-
schen Tradition galt Samuel als sein Verfasser. Diese Annahme ist so wenig begründet
wie die über die Verfasserschaft der übrigen historischen Bücher. Die kritische Prü-
fung zeigt, daß das Richterbuch eine Jahrhunderte umfassende Vorgeschichte besitzt.
2. Inhalt und Gliederung. Das Richterbuch umspannt in seinem Hauptteil 2,6 bis
16,31 die Zeit vom Tode Josuas bis zum Tode Simsons. Als Ganzes gliedert es sich in
drei Teile:
I 1,1- 2,5a Einleitung.
II 2,6-16,31 Hauptteil.
III 17-21 Anhang.
In der Einleitung wird von der Landnahme der Südstämme und des Hauses Joseph er-
zählt, 1,1-26; es folgt ein Verzeichnis der von den Stämmen nicht eroberten Gebiete,
das sogenannte negative Besitzverzeichnis, 1,27-36, und schließlich eine im wesentli-
chen redaktionelle Erzählung von dem Zug von Gilgal nach Bochim, 2,1-5'f.
Der von 2,6-16,3 1 reichende Hauptteil enthält die eigentlichen _»Richtergeschich-
ten«. Er setzt in 2,6-3,6 mit einer neuen Einleitung ein, in deren Mittelpunkt eine ge-
schichtstheologische Abhandlung über das Verhältnis zwischen Gott und Volk in der
Richterzeit steht, 2,rn-19'f.In3,7-16,31 sind einerseits theologisch gerahmte Erzäh-
lungen über einzelne Stammeshelden enthalten, die man am besten als Retter vor äu-
ßeren Feinden anspricht, zum anderen knappe, listenartige Notizen über Richter Is-
raels. Dem äußeren Umfang der Nachrichten entsprechend pflegt man herkömmlich
zwischen sechs großen und sechs kleinen Richtern zu unterscheiden. Zu den großen
gehören Othniel 3,7-11, Ehud 3,12-30, Debora-Barak 4 (nebst dem Deboralied 5),
Gideon 6-8 (verbunden mit der Erzählung vom Stadtkönigtum Abimelechs 9), Jeph-
§ 13 Das Buch der Richter 1 47
tha 10,6-12,7 und Simson 13,1-16,3 r. Zu den kleinen rechnet man Samgar 3,31, Tola
und Jair 10,1-5 sowie Ibzan, Elon und Abdon 12,8-15.
Der dritte, als Anhang bezeichnete Teil 17-21 besteht aus zwei Erzählungskomple-
xen. In 17-18 wird erzählt, wie es zu der Gründung des Heiligtums in Dan kam; in
19-21 wird von der Schandtat der Benjaminiten in Gibea, ihrer Bestrafung und der
Rettung ihres Restes durch die Versorgung mit fremden Frauen berichtet. Die Einlei-
tung steht nach allgemeiner Ansicht außerhalb des für den Hauptteil charakteristi-
schen theologischen Rahmens. Ob das bei dem sogenannten Anhang ebenso der Fall
ist, ist umstritten.
b) Wie heim J osuabuch ist die Wendung der Forschung auch beim Richterbuch
durch Noth eingeleitet worden. In seinen Überlieferungsgeschichtlichen Studien
suchte er zu zeigen, daß auch das Richterbuch ursprünglicher Bestandteil des Deutero-
nomistischen Geschichtswerkes gewesen und der Verfasser des Richterbuches mit dem
des Gesamtwerkes identisch ist2 • So begegnen auch im Richterbuch die beiden
Hauptkennzeichen dieses übergreifenden Werkes: Seine chronologischen Angaben
stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der von Dtn 1,3-1 Kö 6,1 reichenden,
vom Auszug aus Ägypten bis zum Beginn des Tempelbaus 480 Jahre rechnenden
Chronologie 3 • Und wie in den anderen zum Werk gehörenden Büchern wird auch
hier der geschichtliche Wendepunkt besonders hervorgehoben, vgl. 2,1off.*. Zudem
schließe 2,6 unmittelbar anJos 23,16 an. Die 2,6ff. beginnende Richterzeit findet erst
1 Sam 12 ihr Ende. Als Quellen hätten dem Deuteronomisten für diese Epoche zwei
ursprünglich selbständige Überlieferungen vorgelegen, die in 10,1-5 und 12,7--'15er-
haltene Richterliste und eine Sammlung von Erzählungen über Stammeshelden und
ihre siegreichen Taten, die von Ehud bis zu J ephtha reichte. Die Simsonerzählungen
wären ebenso wie Einleitung und Anhang als Nachwuchs zu beurteilen. Die in beiden
Überlieferungen begegnende GestaltJephthas hätte einmal die Anordnung der Rich-
terliste vor und hinter der J ephthaerzählung bedingt, zum anderen aber den Anlaß ge-
geben, den sachlichen Rahmen für die Geschichte der Richterzeit der Richterliste zu
entnehmen und die Stammeshelden als Richter i'u interpretieren. Diese Argumenta-
tion ist mit der Ansicht verknüpft, daß die sogenannten kleinen Richter Träger eines
gesamtisraelitischen Richteramtes gewesen seien. Vom Vergleich mit den altisländi-
schen Gesetzessprechern ausgehend und Anregungen Klostermanns aufnehmend,
hatte Alt in den Richtern Israels die Überliefererund Wahrer des kasuistischen Rechts
gesehen. Noth schrieb ihnen weitergehend die Wahrung des Gottesrechts überhaupt
zu. Mit Elliger läßt sich die Hypothese dahingehend zusammenfassen, daß es sich bei
den Richtern um die Verkünder des für alle gültigen amphiktyonischen Rechtes, um
die für die Entscheidung außerordentlicher Fälle und für die Weiterbildung des ge-
meinsamen Rechtsgutes zuständigen Männer handelte 4 • Ihre Abhängigkeit von der
Amphiktyoniehypothese ist unübersehbar. Daher nimmt sie notwendig an deren
Schicksal teil.
c) Unabhängig voneinander haben Beyerlin und Richter festgestellt, daß zwischen
der geschichtstheologischen Einleitung in 2 und den Rahmenstücken der Heldener-
zählungen ein Unterschied besteht, der zur Annahme verschiedener Verfasser führt.
1. Vgl. dazu oben, S. 94, undA. G. Auld: Judges r and History: A Reconsideration, VT 25,
1975, S. 26rff. Zu einem vergleichbaren Ergebnis kommt auch C. H.J. de Geus: The Tribes of
Israel, StSN 18, Assen und Amsterdam 1976, S. 85 f. mit Rückverweis auf Vox Theologica 36,
1966, s. 32ff.
2. Vgl. dazu unten§ 16.
3. Zu den Einzelheiten vgl. Noth, Studien, S. r8ff.
4. RGG V3, Sp. 1095.
§ 13 Das Buch der Richter 149
Die Beschränkung der Rahmung auf diese Erzählungen ist für Richter der Beweis dafür, daß
das Retterbuch thematisch über die Gideon-Abimelech-Erzählung nicht hinausging. Kenn-
zeichnend für diese Bearbeitung ist der Schematismus ~on Sünde, folgender Bedrückung, dem
Schreien des Volkes zu Jahwe mit folgender Errettung und der Feststellung, daß das Land Ruhe
erhielt 6• Ihr wäre also die Uminterpretation der lokalwirksamen Heldentaten in Rettungen ganz
Israels zur Erreichung der Ruhe im Lande zuzuschreiben. In der Verwandtschaft der Sündenfor-
mel mit Dtn 17,2 könnte sich eine Beziehung zum Deuteronomium verraten. Richter vermutet,
daß diese Bearbeitung ein Beispielbuch schaffen wollte, das anläßlich der Restauration des judäi-
5. Vgl. dazu sein: Exegese als Literaturwissenschaft. Entwurf einer alttestamentlichen Litera-
turtheorie und Methodologie, Göttingen 197r.
p. Zu Ri 6, u-32 vgl. auch L. Schmidt: Menschlicher Erfolg und Jahwes Initiative, WMANT
38, Neukirchen 1970, S. 5ff.
6. Dieser Bearbeitung (Rdt') weist Richter 3,12aba.14 (ohne Zahl?).15aa.30; 4,1a.2.3a.23f.;
5,31b (ohne Zahl); 6,1 (ohne Zahl).2a; 8,28 (ohne Zahl) und 9,16b--19a.22 und 55 zu.
150 Die Geschichts_erzählungenIsraels
sehen Heerbannes unter König J osia einprägen sollte, daß Jahwes Hilfe dem sündigen, zu Gott
schreienden Volke Ruhe verschaffen kann.
Ein zweiter deuteronomischer Bearbeiter hätte dann das »Beispielstück« 3,7 bis
11 'feingefügt. Die Wahl seines paradigmatischen Helden läßt seine Herkunft aus dem
Südreich vermuten. Die konkrete Nennung der Schuld als Götzendienst lasse erken-
nen, daß er nach der Veröffentlichung des Deuteronomiums wirkte.
Erst die nach der Katastrophe des Jahres 587 erfolgte deuteronomistische Bearbei-
tung hätte dann das so gerahmte Retterbuch in den größeren Zusammenhang des
Deuteronomistischen Geschichtswerkes hineingestellt. Entsprechend seien jetzt die
Zahlenangaben im Dienst der übergreifenden Chronologie, die Richterformeln und
die Todesnotizen eingefügt und die Einleitungen 2,7-19'f und rn,6-16 dazugetan
worden. Mittels der Aufnahme der Richterliste, der J ephtha- und, verstehe ich Rich-
ter recht, auch der Simsonerzählung wurde die von den Rettern über die Richter J eph-
tha, Simson und Eli zu Samuel und seinen Söhnen führende Linie ausgezogen7. Nach
der Anschauung des Deuteronomisten führte die Degeneration des Richtertums zur
Wahl des Retters Saul zum König. Theologisch geht es ihm darum, den Zusammen-
hang zwischen dem Abfall des Volkes zu den fremden Göttern und den immer erneu-
ten Zusammenbrüchen Israels aufzuzeigen. -Angemerkt sei, daß Richter in den Rich-
tern der Liste I o, 1 ff. und 12,7 ff. keine Vertreter eines amphiktyonischen Amtes, son-
dern die »aus der Stadt oder den Stämmen stammenden, zur zivilen Verwaltung und
Rechtsprechung über eine Stadt oder einen entsprechenden Landbezirk von den
(Stammes- )Ältesten eingesetzten Vertreter einer Ordnung im Übergang von der Tri-
bal- zur Stadtverfassung« sieht. Die Aufstellung der Liste mit ihrer systematisieren-
den Einordnung als »Richter Israels« wäre erst in frühköniglicher Zeit unter dem Ein-
fluß der Königsannalen erfolgt. C. H.J. de Geus, der die städtische der stammesmäßi-
gen Verfassung vorordnet, sieht die sog. großen und kleinen Richter gleichmäßig als
Machthaber in den kleinen Städten der vormonarchischen Epoche an 8•
Inzwischen haben Analysen ausgewählter Texte des Richterbuches durch Smend
und Veijola gezeigt, daß wir auch in diesem Teil des Deuteronomistischen Ge-
schichtswerkes mit mehreren deuteronomistischen Redaktionen zu rechnen haben.
7. Die Abtrennung der Jephthaüberlieferungvom Retterbuch wird von Richter, Bib 47, 1966,
S. 555, damit begründet, daß sie erst in ihrer letzten, für den Komplex 10,17-12,6 verantwortli-
chen Redaktion auf die bereits um 3,7-11 erweiterte Ausgabe des Retterbuches bezogen worden
ist. Bei der Aufnahme in das Deuteronomistische Geschichtswerk wären außer I o, 1-5 .6-16 auch
12,7-15 vor- bzw. nachgestellt worden.
8. Vgl. auch Richter, ZAW 77, 1965, S. 71, bzw. de Geus, StSN 18, S. 204ff.-Ähnlich wie de
Geus haben sich auch A.]. Hauser: The ,Minor Judges< - A Re-evaluation, JBL 94, 1975, S.
19off., und]. D. Martin, a.a. 0., S. uf., geäußert. Zur Richterliste vgl. auch]. A. Soggin, VT 30,
1980, S. 245ff., und OTL, S. 195ff., und zur Epoche die umsichtige Darstellung von S. Herr-
.mann: Geschichte Israels in alttestamentlicher Zeit, München 1980', S. 147ff., und M. Metzger:
Grundriß der Geschichte Israels, Neukirchen 19836 , S. 49ff.
§ 13 Das Buch der Richter
Besondere Beachtung durch den Historiker verdienen die von Veijola und Fritz ge-
führten Nachweise, daß die Ablehnung des Königtums durch Gideon 8,22f. jeden-
falls erst eine deuteronomistische Bildung darstellt, stamme sie nun mit Fritz von
DtrH oder mit Veijola von DtrN. Der einen oder der anderen deuteronomistischen
Redaktion hätten wir auch die Auf~ahme der quellenhaftenJothamfabel zu verdan-
ken9. - So ist damit zu rechnen, daß die weitere Untersuchung des Buches Richters
Hypothesen von der Abgrenzung und den vordeuteronomistischen Redaktionen des
Retterbuches wesentlich modifiziert.
d) Leider fehlt es an gründlicheren neuen Arbeiten über das literarische Problem
der Simsonerzählung 13-16 und der gern als Anhang bezeichneten »chronique scan-
daleuse« der Stämme Dan und Benjamin in 17,21. Aus der Tatsache, daß sich die dtr
Schlußnotiz über Simson schon in 15,20, vgl. 16,31, findet, ist nicht notwendig zu
schließen, daß 16 von Dtr ausgespart und erst von einer späteren Hand wieder- oder
erstmals eingefügt worden ist; denn die Notiz steht an ihrem organischen Ort, ehe der
Held für den Rest seines Lebens auf philistäischen Boden übertritt 10 •
Bei der Simsonerzählung handelt es sich ursprünglich um danitische Sagen von dem Natur-
burschen Simson, der den Philistern durch seine Schläue und seine Kraft zu schaffen machte. Die
Spannungen zwischen der Geburtsgeschichte und dem aus ihr übernommenen Motiv der Eltern
zu dem Sagenkranz 13,25-15,19 in 14,5-7, dem Motiv seiner Bestimmung zum Nasiräer und
dem, abgesehen von den langen Haaren, keine Rücksicht darauf nehmenden Verhalten des Hel-
den und nicht zuletzt die Motivdoppelung in 14,1ff. und 16,4ff., vgl. auch 16,1ff., weisen auf
eine komplizierte Vorgeschichte der gegebenen Komposition, welche die Taten Simsons mit
13,5 b auf die kommende Rettung Israels aus der Hand der Philister im Königtum Sauls, vgl.
1 Sam 9, 16, hin orientiert. Die endgültige Aufklärung des literarischen Geschicks der Simsoner-
zählung ist entsprechend im Zusammenhang mit der des Samuelbuches zu erwarten. Die ihrem
Stoff nach als Sagen vom schlauen und Sagen vom starken Simson anzusprechenden Einzeler-
zählungen sind sicher längere Zeit mündlich überliefert worden, ehe sie in dem Sagenkranz von
13,25-15,19 und 16 ihre Formung erhielten. Da die Delilaerzählung mit dem Tode des Helden
endete, erhielt sie ihren Platz bei der literarischen Vereinigung beider Erzählungen notwendig
am Schluß".
In der Nachfolge Buddes werden 17-21 weithin als ein erst nachdeuteronomistischer Anhang
zum Richterbuch betrachtet, der mit seinen Erzählungen von der Gründung des Heiligtums in
9. Vgl. dazu R. Smend: Das Gesetz und die Völker. Ein Beitrag zur deuteronomistischen Re-
daktionsgeschichte, in: Probleme biblischer Theologie. Festschrift G. von Rad, München 1971,
S. 504ff., mit der Untersuchung von 1,1-2,5.17.20-3,5; T. Veijola, a.a.O. (mit Analysen von 2;
6,7-ro; ro,6-16; 8,22f. und 9), und V. Fritz: Abimelech und Sichern in Jdc. 9, VT 32, 1982, S.
129ff. Vgl. dazu auch oben, S. 144, und unten, S. 176ff.
ro. Da 16,1-3 nichts über die Begegnung Simsons mit seinen Landsleuten sagte, hätte sich
deshalb die Einfügung der Schlußnotiz hinter 15,19 empfehlen können.
1r. Vgl. dazuH. Gunkel: Simson, in: Reden und Aufsätze, Göttingen 1913, S. 38ff.;H. Gese:
Artikel Simson, RGG 3 VI, Sp. 41 ff.; Hannelis Schulte, a. a. 0., S.4l3ff., die hierwiederumJ fin-
det, und]. L. Crenshaw: The Samson Saga: Filial Devotion or Erotic Attachment?, ZAW 86,
1974, S. 47off.
152 Die Geschichtserzählungen Israels
Dan 17-18 und der Schandtat der Benjaminiten 19--21einen negativen Hintergrund für das posi 0
tiv bewertete Königtum zeichnen wolle, vgl. 17,6; 18,1; 19,1 und 21,25. Diese Hypothese setzt
voraus, daß die Anfänge des Königtums im Deuteronomistischen Geschichtswerk einlinig nega-
tiv beurteilt werden 12 • - Erkennt man mit Veijola, daß die drei Deuteronomisten das Königtum
unterschiedlich bewertet haben und daß die königsfreundlichen Notizen in 17-21 mit Dtn 12,8
zusammen gesehen werden können, ist damit zu rechnen, daß DtrH, der Verfasser des Deutero-
nomistischen Geschichtswerkes, auch für die Aufnahme von 17-21 verantwortlich ist: Die chro-
nique scandaleuse sollte die Schuldhaftigkeit Israels vor der entscheidenden Philisterniederlage
von I Sam 4 demonstrieren' 3• Angesichts des literarischen Befundes von 19--21würde die Einbe-
ziehung von 17-21 in DtrG wohl ein weiteres Argument für seine Spätdatierung liefern' 4 •
Die Erzählung von der Gründung des Heiligtums in Dan 17-18 ist von N oth als nordisraeliti-
schen Ursprungs und dem 9. Jahrhundert entstammend beurteilt worden. Unter der Vorausset-
zung der primären Zugehörigkeit von 17,6 und 18,1 zu der Erzählung plädierte er für ihre Her-
kunft aus dem Umkreis des Reichsheiligtums zu Dan, vgl. 1 Kö 12,28f., zu dessen Gunsten sie
gegen seinen Vorläufer polemisiere. Zweisträngigkeit der insgesamt geschickt aus einer Ge-
schichte von dem Privatheiligtum eines Ephraimiten Micha und einer Kundschaftergeschichte
aus der Zeit der Wanderung der Daniten aus ihrem primären Siedlungsgebiet im nordwestlichen
Juda in den Norden gebildeten Erzählung ist wiederholt vermutet worden. Dabei käme der
zweite, insgesamt dem ersten sehr verwandte Strang jedoch nur ergänzend zu Worte. Nach Rose
wäre die Schichtung Folge des Nacheinanders von mündlicher Ausformung und schriftlicher
Aufzeichnung der Erzählung. Gemäß der in 18,31 vorausgesetzten Zerstörung des Heiligtums
von Silo im 8. Jahrhundert wäre letztere auch erst nach diesem Ereignis erfolgt, um nun den An-
spruch auf das verlorene Stammesgebiet und Heiligtum aufrechtzuerhalten. Dabei bleibt freilich
der negative Charakter der Erzählung unerklärt'5.
Die Erzählung von der Schandtat in Gibea und der Bestrafung der Benjaminiten in 19--21er-
innert mit ihrem Einsatz an .17, ihrer Durchführung in 19 an Gn 19 und I Sam 11. Daß das ge-
samtisraelitische Unternehmen in 20 dem Anlaß nicht entspricht und 21 ziemlich gewaltsam und
äußerlich an das Vorausgehende angeschlossen ist, liegt auf der Hand. Die sonderbare, vermute
lieh eine mehrschichtige Vorgeschichte besitzende Komposition ist nicht nur von Gressmann als
ein literarisches Spätprodukt angesprochen worden. -Bei 19-20 scheint es sich um eine sekundär
gesamtisraelitisch ~interpretierte Erzählung von einer lokalen Auseinandersetzung zwischen
Gibea und den benachbarten Ephraimiten zu handeln, vgl. auch Hos 9,9. Von I Sam u,4 her
könnte man hinter der Erzählung vom Frauenraub inJabesch, vgl. 21,1-12.14a, 24a, eine Ätio-
logie für die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen dieser Stadt und Gibea suchen. Die
mittels 21, 14b lose angefügte Erzählung vom Frauenraub in Silo könnte die Erinnerung an einen
mit dem dortigen Lesefest verbundenen Kultbrauch bewahren. Aus der vorliegenden Ge-
schichte Rückschlüsse auf den Heiligen Krieg einer Amphiktyonie zu ziehen, ist jedenfalls uner-
laubt'6.
Dürfen wir abschließend festhalten, daß die neueste Forschung eher dazu neigt, das
Werden des Richterbuches traditionsgeschichtlich als mittels einer der Urkundenhy-
pothesen zu erklären, so bleibt gleichzeitig zu konstatierten, daß auch über die Vorge-
schichte dieses Buches das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.
4. Fabel, Gleichnis, Parabel und Allegorie. Die in 9,8-15 überlieferte Jothamfabel gibt
Gelegenheit, einige Sätze über die Gattungen der Fabel, des Gleichnisses, der Parabel-
und der Allegorie anzufügen. Die Fabel begegnet hier wie 2 Kö r 4,9 als Pflanzenfabel.
Für die Gattung als solche ist kennzeichnend, daß sie menschliche Verhältnisse als
eine Begebenheit zwischen Tieren (Tierfabel) oder Pflanzen (Pflanzenfabel) oder bei-
den zugleich darstellt und auf diese Weise ein Sinnbild entwirft. Der eigentliche Hin-
tersinn, die Moral, wird nicht ausgesprochen, sondern soll vom Hörer getroffen wer-
den. Legt sich daher der Gedanke nahe, sie hätte primär eine sozialkritische Funktion
besessen, indem sie sozial Untergeordneten eine kritische und doch nicht haftbar zu
machende Äußerung ermöglichte' 7 , scheint von der Geschichte der Gattung her das
Gegenteil der Fall zu sein: Die geltende Sozial- und Moralordnung voraussetzend
und an den Spieltrieb des Menschen appellierend, hatte sie nicht zuletzt die Träger der
jeweiligen Gesellschaftsordnung als Adressaten im Auge' 8 • So wendet sich auch die
Jothamfabel nach Fritz nicht gegen das Königtum als solches, sondern gegen die Wahl
eines ungeeigneten Königs'9. -
Das Gleichnis unterscheidet sich von einem einfachen Vergleich, einer Metapher,
nur durch seine Ausführlichkeit. Es meint einen typischen, immer wiederkehrenden
Sachverhalt. Die Parabel hat dagegen einen bestimmten Einzelfall im Auge. In diesem
Sinne sind das Weinberglied Jes 5,1-7 und, falls man nichtlieber von einem Rechtspa-
radigma reden möchte, auch 2 Sam 12,r-4 sowie Koh 9,14f., vgl. r2,3-4a, als Parabel
anzusprechen 20 • Bei der Parabel wie beim Gleichnis liegt das tertium comparationis
16. Vgl. dazu H. Gressmann: Die Anfänge Israels, SAT I, 2, Göttingen 19222, S. 255ff.;
0. Eissfeldt: Der geschichtliche Hintergrund von Gibeas Schandtat, Kl. Schriften II, Tübingen
1963, S. 64ff.; Hannelis Schufte, S. 96ff., und zuletzt Smend*, S. 128. -Zur Kritik an M. Noths
Auswertung in: Das System der zwölf Stämme Israels, Stuttgart 1930, S. 162ff., vgl. schon Eiss-
feldt, a. a. 0., S. 77ff.
17. Vgl. dazu Richter, BBB 18, 1963, S. 299.
18. Vgl. dazu W. Schottroff, ZA W 82, 1970, S. 86f., der sich auf E. Leibfried: Fabel, Stuttgart
1967 (19732 ), S. 1ff., und].]. A. van Dijk: La sagesse sumero-accadienne, Leiden 1953, S. 31ff.,
berufen kann. Vgl. aber auch van Dijk, S. 12f. und 38f.
19. Vgl. dazu V. Fritz, VT 32, 1982, S. 139f.-Andersz. B.F. Crüsemann: Der Widerstand ge-
gen das Königtum, WMANT 49, Neukirchen 1978, S. 19ff.
20. Vgl. dazu]. A'. Loader: Polar Structures in the Book of Qohelet, BZAW 152, Berlin und
New York 1979, S. 23ff.
154 Die Geschichtserzählungen Israels
§ 14 Die Samuelbücher
J. Wellhausen: Der Text der Bücher Samuelis, Göttingen 1872; K. Budde: Die Bücher Richter
.und Samuel, ihre Quellen und ihr Aufbau, Gießen 1890, S. 167ff.; L. Rost: Die Überlieferung
von der Thronnachfolge Davids, BW ANT III, 6, Stuttgart 1926 = Das kleine Credo und andere
Studien zum Alten Testament, Heidelberg 1965, S. 199ff.; 0. Eissfeldt: Die Komposition der
Samuelisbücher, Leipzig 1931; M. Noth: Überlieferungsgeschicht!iche Studien, Halle 1943 =
Tübingen 196l3, S. 54ff.; H.-U. Nübel: Davids Aufstieg in der Frühe israelitischer Geschichts-
schreibung, Diss. ev. theol. Bonn 1959; E. Jenni: ZweiJ ahrzehnte Forschung an den BüchernJ o-
sua bis Könige. VI. Samuelbuch, ThR NF 27, 1961, S. 136ff.; F. Mildenberger: Die vordeutero-
nomistische Saul-David-Überlieferung, Diss. ev. theol. Tübingen 1962; A. Weiser: Samuel.
Seine geschichtliche Aufgabe und religiöse Bedeutung, FRLANT 81, Göttingen 1962; ders.: Die
Legitimation des Königs David. Zur Eigenart und Entstehung der sogen. Geschichte von Davids
Aufstieg, VT 16, 1966, S. 325 ff.; R. A. Carlson: David- the Chosen King. A traditio-historical
approach to the Second Bock of Samuel, Stockholm 1964; L. Delekat: Tendenz und Theologie
der Da:vid-Salomo-Erzählung, in: Das ferne und nalie Wort. Festschrift L. Rost, BZAW 105,
Berlin 1967, S. 26 ff.; H. ]. Boecker, Die Beurteilung der Anfänge des Königstums in den deute-
ronomistischen Abschnitten des 1. Samuelbuches, WMANT 31, Neukirchen 1966; Ludwig
Schmidt: Menschlicher Erfolg und Jaliwes Initiative, WMANT 38, Neukirchen 1970; J. H.
Grönbaek: Die Geschichte vom Aufstieg Davids ( 1 Sam 15-2 Sam 5). Tradition und Komposi-
tion, AcThD 10, Kopenhagen 1971; R. Rendtorff: Beobachtungen zur altisraelitischen Ge-
schichtsschreibung anhand der Geschichte vom Aufstieg Davids, in: Probleme biblischer Theo-
logie. Festschrift G. von Rad, München 1971, S. 428ff.; Hannelis Schulte: Die Entstehung der
Geschichtsschreibung im Alten Israel; BZA W 128, Berlin 1972; F. Schickelberger: Die Ladeer-
zählungen des ersten Samuel-Buches, FzB 7, Würzburg 1973; E. Würthwein: Die Erzählung
von der Thronfolge Davids-theologische oder politische Geschichtsschreibung?, ThSt(B), Zü-
rich 1974; T. Veijola: Die ewige Dynastie. David und die Entstehung seiner Dynastie nach der
deuteronomistischen Darstellung, AASF. B 193, Helsinki 1975; ders.: Das Königtum in der Be-
urteilung der deuteronomistischen Historiographie, AASF. B 198, Helsinki 1977; W. Dietrich:
David in Überlieferung und Geschichte, VuF 22, 1977, S. 44ff.;J. Kegler: Politisches Geschehen
und theologisches Verstehen. Zum Geschichtsverständnis in der frühen israelitischen Königs-
zeit, CThM A8, Stuttgart 1977; D. M. Gunn: The Story of King David, JSOT. S 6, Sheffield
1978; ders.: The Fate of King Saul, JSOT. S 14, Sheffield 1980;
Kommentare: HKNowack 1902-KHCBudde 1902-ICCSmith 1912 (1953)-'EHA. Schulz
1919/20-KAT Caspari 1925-HSLeimbach 1936-ATDHertzberg 1956 (19826)-NCB Mauch-
line 1971 - KAT 2 I Stoebe 1973; AB I McCarter 1980 - ZB Stolz 1981.
I. Name, Verfasserschaft und Zweiteilung. Bis in das 15. Jahrhundert hinein bildete
das Samuelbuch in den hebräischen Handschriften eine Einheit. Die jetzige Zweitei-
lung geht auf die Septuaginta zurück, von der sie auch die Vulgata übernommen hat.
§ r4 Die Samuelbücher 1 55
Die Septuaginta, die übrigens einen kürzeren Text als M bietet', zählt unsere Bücher
Samuel und Könige als ß[Link]:rov a-ö, die Vulgata als libri regnorum I-IV. - Der
hebräische und von hier in die neueren Bibelübersetzungen übernommene Name der
Bücher ist mit der rabbinischen Tradition verbunden, der Samuel als Verfasser des
Richter- und des Samuelbuches galt. Da aber der größte Teil des Samuelbuches von
Ereignissen nach dem 1 Sam 2 5,1 und 28, 3 berichteten Tod Samuels handelt, galten ihr
der Seher Gad und der Prophet Nathan als Autoren der über Samuels Tod hinausfüh-
renden Erzählungen, vgl. 1 Chr 29,29 f. In den Erzählungen selbst finden sich keiner-
lei Anhaltspunkte für eine derartige Zuweisung. - Sicher ist, daß die 2 Sam 9 begin-
nende Erzählung von der Thronnachfolge Davids unter Überspringung von 2 Sam
21-24 erst in 1 Kö 1 f. ihr Ende findet. Die vorliegende unorganische Abtrennung der
Samuelbücher von den Königsbüchern dürfte nach einer Vermutung Buddes durch
die Nachträge in 2 Sam 21-24 begünstigt worden sein. Das erste Buch endet sachge-
mäß mit der Erzählung von Sauls Tod 1 Sam 31, das zweite schlecht mit der Erzählung
von Davids Volkszählung 2 Sam 24. Der Name Samuel paßt einigermaßen für das er-
ste und überhaupt nicht für das zweite Buch. Sachlich wären die Namen der Septua-
ginta und der Vulgata vorzuziehen.
[Link]. Die Samuelbücher berichten vom Ende der Richterzeit und den Anfängen
des israelitischen und des judäischen Königtums unter Saul und David.
3. Entstehung. Über die Vorgeschichte des Samuelbuches sind die Akten noch nicht
geschlossen. Schon Wellhausen war auf die Doppelsträngigkeit der Erzählung. auf-
merksam geworden, indem er dem sogenannten königsfreundlichen Bericht über die
Entstehung des Königtums Sauls (a) einen königsfeindlichen (b) gegenüberstellte••. Im
r. Vgl. [Link]: The SeptuagintandModern Study, Oxford 1968, S.283 f., und zuletzt
]. Lust: The Story of David and Goliath in Hebrew andin Greek, EThL 59, 1983, S. 5ff.
1a. Die Composition des Hexateuchs und der historischen Bücher des Alten Testaments,
Berlin 18993 = 19634,S. 24off., nebst seiner klassischen Darstellung in den »Prolegomena zur
Geschichte Israels«, Berlin 192t = 1981, S. 244ff. - Zur lediglich theologischen Aussagekraft
der sog. königsfreundlichen Erzählungen vgl. V. Fritz: Die Deutungen des Königtums Sauls in
den Überlieferungen von seiner Entstehung I Sam 9"---I1*, ZAW 88, 1976,S. 346ff. Zum Problem
etwaiger älterer Traditionen in der königsfeindlichen Reihe vgl. außer Weiser, Samuel und
Die Geschichtserzählungen Israels
allgemeinen pflegt man jetzt die beiden Stränge wie folgt abzugrenzen: a) 1 Sam
9,1-10,16 + 10,27b-11,15 und b) 1 Sam 7,2-8,22 + 10,17-27a + 12,1-25. In der zwei-
ten Reihe erkannte schon W ellhausen eine nachdeuteronomische Arbeit. Inhaltliche
Doppelungen und Spannungen lassen sich auch sonst in der Erzählung nachweisen:
So liegen z.B. in 1 Sam 13,7bff. und 15 zwei miteinander konkurrierende Berichte
über Sauls Verwerfung, in 16,14ff. und 17,55ff. zwei über die Art, wie David an Sauls
Hof kam, in 21,11 ff. und 27,1ff. zwei über Davids Aufenthalt am Hof des Philister-
königs Achis von Gath und in 24 und 26 zwei über die Verschonung Sauls durch Da-
vid vor.
a) Daher ist es verständlich, daß man unter dem Eindruck der Ergebnisse der Penta-
teuchforschung wie im J osua- und Richterbuch auch im Samuelbuch eine Lösung des
literarischen Problems mittels der dort bewährten Urkundenhypothesen versuchte. In
diesem Sinne hat Budde um die Jahrhundertwende in dem vordeuteronomistischen
Samuelbuch die Arbeit der jahwistischen und der elohistischen Schule zu erkennen
gemeint. Eine Lösung im Sinne der Neueren Urkundenhypothese hat als letzter Höl-
scher vorgelegt, der hier J und E am Werke sah. Dagegen haben Eissfeldt und Resen-
höfft auch hier eine Quellenscheidung unter der Voraussetzung der Neuesten Urkun-
denhypothese versucht und die Existenz von L, J und E bzw. L, E und P angenom-
men.
b) Mit Leonhard Rosts »Überlieferung von der Thronnachfolge Davids« (1926)
rückten die herkömmlichen literarkritischen Lösungsversuche des Samuelbuches zu-
gunsten der Frage nach den ihm inkorporierten Quellen des Buches und den von ih-
nen aufgenommenen mündlichen und schriftlichen Überlieferungen in den Hinter-
grund. Selbst wo man, wie zuletzt Hannelis Schulte, wieder nach dem Zusammen-
hang mit den Pentateuchquellen und insonderheit der Bedeutung des J ahwisten für
das Zustandekommen des vordeuteronomistischen Samuelbuches fragt, ist die Nach-
wirkung der von Rost eingeführten Problemstellung unübersehbar. - Unter Auf-
nahme älterer Beobachtungen (z. B. von Klostermann) arbeitete er die Existenz einer
2 Sam 6(9)-20 + 1 Kö 1-2 umfassenden Geschichte von der Thronnachfolge Davids
heraus. Ihrem Verfasser hätten bereits eine Geschichte von den Schicksalen der Lade,
erhalten in I Sam 4, 1b-7, 1'-·und 2 Sam 6, 1-20'f, eine Grundfassung von 2 Sam 7 sowie
ein Ammoniterkriegsbericht, überliefert in 2 Sam ro,6-u und 12,26-3 1, vorgelegen.
Die Ladeerzählung grenzte Rost auf 1 Sam 4, 1b-7, 1~-+ 2 Sam 6'f ein. Er sah sie als
durch Wortschatz, Stil, Thematik und Tendenz von ihrer Umgebung als einheitlich
abgehoben an. Von den Schicksalen der Lade von ihrer Abholung aus dem Heiligtum
in Silo bis zu ihrer schließlichen Überführung nach Jerusalem berichtend, sei ihr Ver-
fasser im Kreise der Jerusalemer Ladepriester zu suchen. Die Erzählung sei als LEQoi:;
Myor; (Festlegende) für das Jerusalemer Ladeheiligtum anzusehen. Sie habe die Ab-
sicht verfolgt, den Festpilgern die Bedeutung der Lade zu zeigen. Da sie für die Zelt-
Boecker, a. a. 0., auch F. Crüsemann: Der Widerstand gegen das Königtum, WMANT 49, Neu-
kirchen 1978, S. 6off.
§ r4 Die Samuelbücher 1 57
wohnung der Lade eintrete, sei sie noch vor der Errichtung des salomonischen Tem-
pels entstanden'.
Gegen diese Abgrenzung und Bewertung der Ladeerzählung hat 1973Franz Schik-
kelberger Einspruch erhoben: Er begrenzt sie nach erneuter, umfassender Untersu-
chung auf r Sam 4,1-6,14.16'' und setzt sie energisch von 2 Sam 6 ab. Ihr liege eine ins
Nordreich verweisende und vermutlich in oder bei Silo entstandene Katastrophener-
zählung in c. 4'' zugrunde, die im späten 8. Jahrhundert ins Südreich übertragen und
hier während der letzten Regierungsjahre König Hiskias in eine komponierte theolo-
g¼,cheAussageerzählung umgestaltet worden sei. Es gehe ihr darum, die Geschichts-
mä~htigkeit des Gottes der Lade herauszustellen und die Lade selbst neu theologisch
zur Geltung zu bringen. - Man darf abwarten, wie sich das Bild der Entstehung der
Ladeerzählung und ihrer Verzahnung mit der Geschichte Davids nach Abschluß der
redaktionsgeschichtlichen Untersuchung des Samuelbuches im Rahmen des Deute-
ronomistischen .Geschichtswerkes
. darstellt .
In der Geschichte von der Thronnachfolge Davids 2 Sam (6)9-20 und 1 Kö r-2
wollte Rost die Erzählung eines Mannes erkennen, der weithin ein Augenzeuge der
von ihm berichteten Ereignisse war und den sein Sinn für die realen Zusammenhänge,
wie es später v. Rad formulierte, als Kind der davidisch-salomonischen Aufklärung
auswies. Die Geschichte habe die von dem Propheten Nathan an David gerichtete
Frage beantworten wollen: »Wer soll auf dem Thron meines Herrn, des Königs,nach
ihm sitzen?« Die Antwort: »Salomo, der Sohn der Bathseba!«, r Kö r,27, sei trotz ih-
rer realen Grundlage für die Zeitgenossen nicht selbstverständlich gewesen, weil die
Königinmutter einst das Weib des Hethiters Uria war, den David aus dem Weg räu-
men ließ, und eine ganze Kette innerdynastischer Wirren zwischen der Geburt ihres
zweiten Kindes, des späteren Königs Salomo, und seiner Thronbesteigung lag. So
hätte der Erzähler bis auf die Sterilität der Saulstochter und Gemahlin Davids Michal
2 Sam 6,16.20b-23 zurückgegriffen und deshalb die Ladeerzählung aufgenommen,
wie er zum Nachweis der Legitimität der Davididen die N athanweissagung von 2 Sam
7* und angesichts der Herkunft Salomos auch den Ammoniterkriegsbericht überneh-
men mußte, um dann seine Leser erleben zu lassen, wie die legitimen Thronfolger
Amnon, Absalom und Adonja der Reihe nach ermordet wurden und sich zuvor selbst
disqualifizierten.
Der Erzähler ist den Ereignissen mit einer fast epischen Breite nachgegangen. Er schreibt eine
Kunstprosa, die sich der Häufung von Verben und Adjektiven, der Verwendungen von Zwi-
schenwörtern und Nebensätzen reichlich bedient. Anschauliche, teilweise weisheitlich beein-
flußte Vergleiche beleben und vertiefen seine Darstellung, vgl. 9,8; 14,14 und 17,8.10. Die erzäh-
[Link] Kunst zeigt sich besonders in der vielfältigen Gestaltung und Verwendung der .Reden.
2. Zum Problem vgl. auch K. Rupprecht: Der Tempel von Jerusalem, Gründung Salomos
oder jebusitisches Erbe?, BZAW 144, Berlin und New York 1976. -Zur Lade vgl.]. Maier: Das
alcisraelitische Ladeheiligtum, BZA W 93, Berlin 1965; G. Fahrer: Geschichte der israelitischen
Religion, Berlin 1969, S. 97ff., und F. Stolz: Jahwes und Israels Kriege, AThANT 60, Zürich
1972, s. 45 ff.
Die Geschichtserzählungen Israels
Neben der Frage, der vom bloßen Imperativ bis zur kunstvollen Mahnrede reichenden Auffor-
derung, dem Botenspruch in Gestalt der Übermittlung eines Auftrages oder eines Berichtes ste-
hen die Darlegung und die Disputation. Besonders kennzeichnend ist die Verwendung der
Ploke. In ihr kehrt der Schluß der Rede zum Anfang zurück, so daß das Schema a-b-a entsteht,
vgl. z.B. 15,19f.; 19,12f. oder 11,20-22. Die Rede kann sich in ganze Redegänge auflösen. Sie
verläßt mithin ihre dienende Stellung und wird zu einem Mittel der Szenenbildung. Zwischen
räumlich entfernten Szenen vermittelt der Botenlauf, der in Abgangs- und Ankunftsszene zer-
~egtwird, vgl. z.B. 18,19ff. Gerade die Reden und Gespräche lassen die Kunst der Charakteri-
sierung erkennen, vgl. z. B. 16,16ff. und 17,7ff.
Mit wenigen Hinweisen hätte der Erzähler zu erkennen gegeben, daß Jahwe selbst
hinter diesem, menschlich gesehen, so dunklen Kapitel der Geschichte steht und ihr
schließliches Ergebnis seinem Willen entsprach, vgl. II,27; 12,1.15.24 und 17,[Link]-
ter Zustimmung z. B. von Rads betonte er die Nähe zu der Geschichtstheologie des
J ahwisten, als deren Eigentümlichkeit man weithin ansieht, daß sich das Wirken Got-
tes nicht in außergewöhnlichen Ereignissen, sondern im Gang der Geschichte selbst
offenb:i,[Link] Verfasser der Erzählung suchte Rost in Übereinstimmung mit der
Forschung seit der Jahrhundertwende unter den Augenzeugen des Berichteten und
im Umkreis des Jerusalemer Hofes. In seinem Werk vereinigen sich altisraelitische
und weisheitliche T endenzen4.
Die merkwürdige Diskrepanz zwischen dem Menschlich-Allzumenschlichen der
eigentlichen Erzählung und der, abgesehen z. B. von der Geschichte von der Begeg-
nung zwischen Nathan und David in 12,1ff. mehr oder weniger auf kurze Notizen
beschränkten theologischen Interpretation, weckte den Verdacht von Lienhard Dele-
kat und ließ ihn gegen die unterstellte salomofreundliche Tendenz protestieren. Wei-
teiführend stellte Ernst Würthwein in der von ihm wieder auf 2 Sam 10-20 und I Kö
1-2 begrenzten Erzählung neben einer antidavidischen und antisalomonischen Ten-
denz eine gegenläufige, der Rechtfertigung Salomos dienende heraus. Damit wurde
notwendig die literarische Einheit, an der schon vor Rost Zweifel geäußert waren, er-
neut zum Problem. Würthwein gelang der Nachweis, daß die ganze, der theologi-
3. Rost, a.a.O., S. 129 = 235. Vgl. auch G. v. Rad: Der Anfang der Geschichtsschreibung im
alten Israel, AfK 32, 1944, S. 27ff. = Gesammelte Studien, ThB 8, München 19714,S. 173ff. -
Vgl. aber auch den Einspruch von]. van Seters: Abraham in History and Tradition, New Haven
und London 1975, S. 151.
4. Die Beziehungen der Thronnachfolgegeschichte zur Weisheit untersucht ausführlich R. N.
Whybray: The Succession Narrative, StBTh II, 9, London 1968. Die Möglichkeit ihrer weiteren
Tradierung in den Kreisen der Weisheit und vielleicht sogar ihres Schulbetriebes erörtert H.-J.
H ennisson: Studien zur israelitischen Spruchweisheit, WMANT 28, Neukirchen 1968, S. 126f. -
Sachlich vgl. dazu auch, was W. Helck, OrAnt 8, 1968, S. 288, zum Wandel des Geschichtsver-
ständnisses zu Beginn des ägyptischen Neuen Reiches ausgeführt hat, wonach nun Geschichte
nicht mehr als Ritual, sondern »als eine Kette von nicht von vornherein festgelegten Ereignissen«
angesehen wurde, »die ihre eigene Folge von Ursache und Wirkung haben«, oder seine Feststel~
lung, S. 309: »Im ,wirklichen, Geschehen zeigt sich die Maat.«
§ r4 Die Samuelbücher 1 59
sehen und politischen Rechtfertigung des Königtums Salomos dienende Schicht erst
sekundär in die Thronfolgeerzählung eingearbeitet worden ist, um ihre ursprüngliche
antimonarchische Absicht in ihr Gegenteil zu verkehren5. Die Tatsache, daß über die
Hälfte des Grundbestandes der Erzählung aus Reden oder Gesprächen besteht, viele
Szenen keinen Zeugen besaßen und die Stoffauswahl durchaus parteiisch ist, läßt ihn
zur Vorsicht gegenüber der Betonung der Augenzeugenschaft des Verfassers warnen.
- Ihren Verfasser sucht er, ohne sich derzeit genauer festzulegen, im Bereich der
N ordstämme 6 • Würthweins Beobachtungen finden in den Untersuchungen von Diet-
rich, Veijola und Bickert über die mehrfachen deuteronomistischen Redaktionen, de-
nen im Rahmen des Deuteronomistischen Geschichtswerkes nicht nur die Thronfol-
geerzählung, sondern auch das ganze Samuelbuch unterworfen ist, trotz Divergenzen
der vorgelegten Analysen im einzelnen insgesamt ihre Ergänzung und grundsätzliche
Bestätigung. In vergleichbarer Weise hat sich auch Langlamet für eine umfangreiche
Bearbeitung der Thronfolgeerzählung in der späten Königszeit ausgesprochen7.
Es fehlt jedoch nicht an Stimmen, die in eine andere Richtung weisen. In diesem
Zusammenhang ist vorab der Einspruch von David M. Gunn gegen die Isolation der
Thronfolgeerzählung innerhalb der Geschichte vom Königtum Davids zu nennen. Er
verweist in der Tat auf das letztlich in der Forschung noch unerledigte Problem des li-
terarischen Wachstums der vordeuteronomistischen Davidsgeschichte 8 • Dagegen ha-
ben sich Frank Crüsemann und Joachim Conrad gegen die Hypothese einer substan-
tiellen deuteronomistischen Bearbeitung der Thronfolgeerzählung gewandt. Crüse-
mann wertet sie als in der höfisch-weisheitlichen Königskritik verwurzelte offene
Frage an Salomo9 , Conrad umgekehrt als bedingte Rechtfertigung der königlichen
Macht als Mittel der göttlichen Erhaltung Israels 10 • Vielleicht sprechen diese diame-
tral entgegengesetzten Interpretationen doch für eine literarkritische Schichtung der
Erzählung. 1
c) Die Forschung hat sich in den letzten Jahrzehnten besonders der Geschichte von
Davids Aufstieg in I Sam 16-,-2 Sam 5 gewidmet. NachdemNübel in ihr ohne viel Zu-
stimmung zwischen einer Grunderzählung aus der ersten Hälfte der Regierungszeit
Davids und einer zu den Vorläufern der deuteronomischen Bewegung gehörenden
Bearbeitung aus der Zeit um 860 unterscheiden wollte, betonte Mildenberger vor al~
lern ihre Einheit und ihren planvollen Aufbau, wobei er ebenfalls mit einer von ihm als
prophetenfreundlich, nebiistisch angesprochenen Redaktion aus der Zeit um 700
rechnete. Demgegenüber betonte Weiser, daß ihr Verfasser auf Einzeltraditionen an-
gewiesen war, die vollends auszugleichen er sich nicht für befugt hielt. Die Absicht
des im Umkreis des J erusalemer J ahwekultes zu suchenden Verfassers sei es gewesen,
die »göttliche Legitimation des Königs David und seiner Dynastie über Israel als dem
sakralen Stämmeverband« nachzuweisen". Weiterführend haben Grönbaek und
Rendtorff gezeigt, auf wie verschiedenartiges und zumal für die Frühzeit brüchiges
Material der Autor angewiesen war, dem offenbar erst für die spätere Zeit größere Er-
zählungszusammenhänge, wie z.B. 1 Sam 27-30*, vorlagen. Die Geschichte von Da-
vids Aufstieg ist in diesem Sinne ein Dokument für den Versuch einer Geschichtser-
zählung über eine Zeit des Übergangs von der vorstaatlichen Epoche zur Staatlichkeit
und von den im dunkeln liegenden Anfängen ihres Helden bis zu seinem auf Jahwes
Mitsein zurückgeführten: Weg zu den Thronen von Juda Gerusalem) und Israel 12 •
In der Frage nach der Datierung der Aufstiegsgeschichte votiert die Mehrheit mit
Nübel, Mildenberger, Weiser, Rendtorff und Stoebe jedenfalls für eine Ansetzungvor
der Reichsteilung, während Grönbaek im Blick auf die nach seiner Einsicht bereits die
Trennung der beiden Reiche voraussetzende Verarbeitung allein judäischer und ben-
jaminitischer Traditionen für ihre Entstehung nach derselben eintritt. Schließlich
denkt sichjoachim Conrad die Schrift erst im fortgeschrittenen [Link] als eine
judäische Reaktion auf die Revolution J ehus entstanden, die den Davididen das Bild
des tatkräftigen Ahnherren vorhält 1 3.
d) Grundlegende Einsichten in die Entstehung des ganzen Samuelbuches hat Timo
Veijola gewonnen. Während N oth damit gerechnet hatte, daß die im Samuelbuch ent-
1o. Der Gegenstand und die Intention der Geschichte von der Thronfolge Davids, ThLZ 108,
1983, Sp. 161ff.; vgl. auch Kegler, a.a.O., S. 162ff.
II. Vf 16, 1966, S. 354•
12. Vgl. z. B. 1 Sam 16,18; 17,37; 18,12.14.28; 2 Sam 5,10 sowie 2 Sam 7,3.9.
13. Vgl. dazu Grönbaek, a.a.O., S. 35f. und S. 274ff., sowie]. Conrad: Zum geschichtlichen
Hintergrund der Darstellung von Davids Aufstieg, ThLZ 97, ~972,Sp. 32df. -Ob die von]. van
Seters:In Search of History, New Haven und London 1983, S. 277ff., vorgeschlagene nachdeute-
ronomistische Ansetzung Zustimmung findet, bleibt abzuwarten.
14. Vgl. dazu unten, S. 172ff.
15. Vgl. dazu oben, S. 152.
§ 14 Die Samuelbücher
haltenen Einzeltraditionen schon vor der von ihm verhältnismäßig gering veran-
schlagten einen Bearbeitung durch den Verfasser des Deuteronomistischen Ge-
schichtswerkes DtrG zusammengewachsen waren 14,sieht Veijola diesen Erzählungs-
zusammenhang erst als das Werk des Dtr(G)IH an. Ihm hätten außer der Silotradition
I 1-3'', der Ladeerzählung I 4,1b-7,1+II6'', der Erzählung von Sauls Königtum
I 9,1-10,16''+ 10,27G-u,15 + 13,2-14,46'', der Aufstiegsgeschichte in I 16,14-II
5,10'' und der Thronfolgeerzählung II 9-20"-·+ 1 Kö 1-2'' weiterhin Nachrichten über
Davids Siege II 5,12-25+8'', Listen über Davids Beamte II 8,16-18; 20,23-26, aber
auch schon die Erzählungen von der Opferung der Sauliden II 21,1-14 und von der
zum ersten Opfer auf der Tenne Araunas in Jerusalem führenden Volkszählung
Davids II 24* sowie eine vielleicht nicht einmal alte Nathanweissagung II
7,1 a.2-5 .8-10.12.14f. 17 zur Verfügung gestanden. Wie im Falle des Richterbuches
nimmt Veijola also auch im Samuelbuch die schon bei Wellhausen'' begegnende Hy-
pothese von dem in II 21-24 vorliegenden Anhang zurück'5. - Neben DtrH entdeckt
er, Beobachtungen von Smend und Dietrich aufnehmend und erweiternd, auch die
beiden jüngeren Deuteronomisten, den Prophetentheologen DtrP und den Israels
Geschichte als eine Folge seines Verhaltens gegenüber dem Gesetz verstehenden No-
misten DtrN 16•
Steht eine vollständige Analyse des Samuelbuches unter dem Gesichtspunkt der
mindestens dreifachen deuteronomistischen Redaktion noch aus, so lassen sich doch
die historischen und theologischen Konsequenzen schon skizzieren: Die negative Be-
urteilung von Sauls Königtum ist erst eine Folge der Bearbeitung durch DtrP und
DtrN 1 7. Für DtrH war selbst Saul der gottgesandte Befreier aus der Philisternot und
der mit Jahwes Willen aufgestiegene David, dem er neben Mose und J osua den Ehren-
titel des Knechtes Jahwes gab, der Begründer der ewigen, auch durch die Katastrophe
von 587 nicht um ihre Verheißung gebrachten Dynastie, vgl. 2 Sam 7. DtrP sieht den
Gegensatz zwischen den von ihm allein als den Knechten Jahwes bezeichneten Pro-
pheten und den Königen schon in den Anfängen des Königtums angelegt. Er aner-
kennt zwar die göttliche translatio imperii von Saul auf David, beurteilt diesen aber
keineswegs als Idealbild und setzt auch keine Hoffnungen auf die Rückkehr der Dy-
nastie. DtrN sah in dem Begehren des Volks nach einem König den Abfall vonJ ahwe.
Für ihn gab es letztlich nur das Königtum Jahwes über Israel. Doch scheint diese kö-
16. Beide hätten ihrerseits noch Zugang zu weiteren Traditionen besessen. So steuerte DtrP
die Nathanerzählung 2 Sam rr,27b-12,1 p und DtrN den nordisraelitischen Königsvertrag
1 Sam 8,12-17, den Psalm 2 Sam 22 (= Ps 18)und die sogenannten »letzten Worte Davids« 2 Sam
23,1-7 bei. Vgl. dazu Veijola, Königtum, S. 6off., und ders., Dynastie, S. uoff.-Zu den Redak-
tionen vgl. auch oben, S. 143ff., und unten, S. 167f. und S. 175ff.
17. Die Erzählungen über die Anfänge des Königtums wären nach Veijola, Königtum, wie
folgt auf DtrG und Dtr N aufzuteilen: DtrG bot 7,2''. 5-17; 8, 1-5 .22b nebst 9, 1-10, 16'' als Quel-
lentext; 10,r7-27a''· und rr,r-15 als von ihm gerahmten Quellentext. DtrN fügte 7,2a.3-4;
8,4-22a mit 8,rr-17 als Quellentext; 10,r8a"·b-r9a und c.12 ein. - Vgl. aber auch Crüsemann,
a.a.O.
162 Die Geschichtserzählungen Israels
nigsfeindliche Sicht in den sich unter dem siglum DtrN verbergenden Kreis aufgege-
ben und durch die Anerkennung Davids ersetzt worden zu sein. Er galt nun als das
unerreichte Vorbild des gehorsamen und dadurch erfolgreichen Herrschers, hinter
dem alle späteren Könige zurückblieben' 8 und die ewige Erwählung seiner Dynastie
als Unterpfand der Erwählung des Volkes.
Rückblick: Es bleibt abzuwarten, zu welchem Ergebnis die vollständige Durchfüh-
rup.g des in der Schule von Smend entwickelten analytischen Programms führt und
welche, vermutlich auf eine weitere Differenzierung der Bearbeitungen dringenden
Modifikationen die Kritik vorschlagen wird.
§ r 5 Die Königsbücher
I. Benzinger: J ahvist und Elohist in den Königsbüchern, BWAT NF 2, Berlin, Stuttgart und
Leipzig 1921; G. Hölscher: Das Buch der Könige, seine Quellen und seine Redaktion, in: Eucha-
risterion. Festschrift H. Gunkel, FRLANT 36, 1, Göttingen 1923, S. 158ff.;J. Begrich: Die
Chronologie der Könige von Israel und Juda und die Quellen des Rahmens der Königsbücher,
BHTh 3, Tübingen 1929; M. Noth: Überlieferungsgeschichtliche Studien, Halle 1943 = Tübin-
gen 196l3, S. 66ff.; G. von Rad: Die deuteronomistische Geschichtstheologie in den Königsbü-
chern, in: Deuteronomium-Studien, FRLANT 58, Göttingen 19482, S. 52ff.; G. Hölscher: Ge-
schichtsschreibung in Israel SKHVL 50, Lund 1952; A. ]epsen: Die Quellen des Königsbuches,
Halle 1953; 19562; E. ]anssen: Juda in der Exilszeit, FRLANT 69, Göttingen 1956, S. uff.;
G. Fahrer: Elia, AThANT (31) 53, Zürich (1957) 19682 ; [Link]: ZweiJahrzehnteForschung an
den BüchernJosua bis Könige. VII. Königsbücher, ThR NF 27, 1961, S. 142ff.; [Link] und
R. Hanhart: Untersuchungen zur israelitisch-jüdischen Chronologie, BZAW 88, Berlin 1964;
]. Debus: Die Sünde Jerobeams. Studien zur Darstellung Jerobeams und der Geschichte des
Nordreichs in der deuteronomistischen Geschichtsschreibung, FRLANT 93, Göttingen 1967;
0. H. Steck: Überlieferung und Zeitgeschichte in den Elia-Erzählungen, WMANT 26, Neukir-
chen 1968; W. Dietrich: Prophetie und Geschichte. Eine redaktionsgeschichtliche Untersu-
chung zum deuteronomistischen Geschichtswerk, FRLANT 108, Göttingen 1972; H.-Chr.
Schmitt: Elisa. Traditionsgeschichtliche Untersuchungen zur vorklassischen nordisraelitischen
Prophetie, Gütersloh 1972; H. Schweizer: Elischa in den Kriegen, StANT, München 1974;
R. Smend jr.: Das Wort Jahwes an Elia. Erwägungen zur Komposition von 1 Reg 17-19, VT 25,
1975, S. 525 ff.; G. Hentschel: Die Elijaerzählungen, Erfurter Theo!. Studien 33, Leipzig 1977;
R. Bohlen: Der Fall Nabot. Form, Hintergrund und Werden einer alttestamentlichen Erzählung
( 1 Kö 2 1), T rierer Theo!. Studien 3 5, Trier 1978; H. D. Hoffmann: Reform und [Link]-
suchtingen zu einem Grundthema derdeuteronomistischen Geschichtsschreibung, AThANT 66,
Zürich 1980; St. Timm: Die Dynastie Omri. Quellen und Untersuchungen zur Geschichte Israels
im 9. Jh. v. Chr., FRLANT 124, Göttingen 1982; W. Spieckermann: Juda unter Assur
in der Sargonidenzeit, FRLANT 129, Göttingen 1982. - Vgl. auch die Angaben zu § 16.
18; Im Blick auf die bei den Aussagen über die Einstellung von DtrN zum Königtum durch
einen Vergleich von Veijola, Königtum, S. 122 mit S. 142, deutlich werdenden Spannungen teilt
mir der Autor brieflich freundlich mit, daß es sich nach seiner wie Smends Ansicht bei DtrN kaum
um eine Einzelperson handelt. Vgl. dazu auch Smend"", S. 123.
§ 15 Die Königsbücher
1. Zweiteilung und Verfasser. Wie das Samuelbuch wurde auch das in den hebräischen
Handschriften eine Einheit bildende Königsbuch im 1 5. Jahrhundert unter dem Ein-
fluß der Septuaginta und der Vulgata in zwei Bücher aufgeteilt. Die Teilung ist wenig
glücklich, da sie die Geschichte Ahasjas von Israel auseinanderreißt. Die ersten beiden
Kapitel des 1. Buches gehören sachlich zu der 2 Sam 9 beginnenden Geschichte von
der Thronnachfolge Davids'. Bei den Notizen über die Statthalterschaft Gedaljas in
2 Kö 25,18-26 handelt es sich um einenAµszug ausJer 39,11-43,7. -Die rabbinische
Tradition hielt J eremia für den Verfasse/ des Buches. Diese Vermutung erweist sich
angesichts des Inhalts und der Entstehungsgeschichte des Buches als haltlos.
2. Inhalt. Die Königsbücher umspannen die Zeit von der Thronbesteigung Salomos
bis zur Begnadigung J ojachins aus der babylonischen Kerkerhaft. Sie lassen sich un-
gezwungen wie folgt gliedern:
I I Kö 1-11 Geschichte Salomos.
II I Kö 12- 2 Kö 17 Geschichte der Könige von Israel und Juda bis zum Un-
tergang des Reiches Israel (722 v. Chr.).
III 2 Kö 18-25 Geschichte der Könige von Juda bis zur Zerstörung J eru-
salems 587 nebst dem Nachspiel der Statthalterschaft Ge-
daljas und dem der BegnadigungJojachins (561 v. Chr.).
3. Rahmen. Das Buch erhält seinen unverwechselbaren Charakter durch den Rah-
men, der die übernommenen Stoffe zusammenhält. Er besteht aus Einleitungs- und
Schlußbemerkungen. Die Einleitungen enthalten maximal (nur bei den Königen von
Juda) fünf, die Schlußbemerkungen ebenso vier Glieder. Die fünf Glieder der Einlei-
tung sind:
1. eine synchronistische Datierung des Regierungsantritts des Königs des einen Rei-
ches nach dem Regierungsjahr des gleichzeitig regierenden Königs des Nachbarrei-
ches. Der Regierungsantritt eines judäischen Königs wird also nach dem Regierungs-
jahr des gleichzeitigen Königs von Israel datiert und umgekehrt.
2. Daneben hat sich die von W. [Link], BASOR 100, 1945, S. 16ff.; 130, 1953, S. 4ff., und
143, 1956, S. 28 ff., aufgestellte Chronologie weithin durchgesetzt. Zur Sache vgl. auch [Link]-
gan: Handbook of Biblical Chronology, Princeton 1964. Die methodischen Probleme hat A.
Jepsen: Noch einmal zur israelitisch-jüdischen Chronologie, VT 18, 1968, S.31 ff., auch für den
Anfänger einsichtig herausgestellt. - Eine bis zur Regierungszeit Manasses von der J epsenschen
Chronologie abweichende haben C. Schedl: Textkritische Bemerkungen zu den Synchronismen
der Könige von Juda und Israel, VT 12, 1962, S. 88ff.; V. Pavlovsky und E. Vogt: DieJalire der
Könige von Juda und Israel, Bib 45, 1964, S. 321 ff., und K. T. Andersen: Die Chronologie der
Könige von Israel und Juda, StTh 23, 1969, S. 69ff., vorgelegt.
Die Geschichtserzählungen Israels
Die Synchronismen sind nur möglich, solange beide Reiche nebeneinander existieren. So fin-
det sich der erste Synchronismus für König Abia von Juda r Kö r 5,r und der letzte bei König
Hiskia 2 Kö r8,r. Angesichts des Fehlens einer absoluten Chronologie, wie wir sie heute zum
Beispiel in der christlichen Zeitrechnung besitzen, stellt eine solche relative Chronologie die ein-
zige Möglichkeit einer objektiven Fixierung der Regierungszeiten dar. Daß diese Synchronis-
men im Zusammenhang mit gewissen, aus der altorientalischen Geschichte bekannten astrono-
misch berechenbaren Daten die wesentliche Basis für die Einordnung der Geschichte der Kö-
nigszeit in unsere Zeitrechnung und damit die Weltgeschichte bilden, sei angemerkt. Die Addi-
tion der aus den Synchronismen gewonnenen Zahlen und der absoluten Zahlen für die Regie-
rungsdauer der einzelnen Könige führt zu einem verschiedenen Ergebnis. Dennoch ist weder die
eine noch die andere Zahlenreihe grundsätzlich als falsch anzusehen. Es ist vielmehr mit Fehlern
bei der Überlieferung einzelner Zahlen sowie gelegentlich mit verschiedenen Datierungssyste-
men zu rechnen. Um die Aufklärung der Chronologie haben sich in Deutschland zumal Begrich
und in seiner Nachfolgefepsen erfolgreich bemühe.
Die Synchronismen bestimmen den eigentümlichen Aufbau des Buches: Um ihret-
willen folgt auf die Geschichte des Königs des einen Reiches jeweils die aller Könige
des anderen, die während seiner Regierung ihre Herrschaft angetreten haben. So wird
etwa im Anschluß an die Schlußbemerkung über Jerobeam L von Israel über die ju-
däischen Könige Rehabeam, Abia und Asa berichtet. Erst dann geht die Erzählung zu
den Nachfolgern] erobeams Nadab und Baesa über, die gleichzeitig mit Asa regierten.
So ergibt sich ein Hin und Her der Erzählung zwischen dem Nord- und dem Süd-
reich, bis nur noch von ihm zu berichten ist.
2. nur bei den judäischen Königen die Angabe des Alters bei der Thronbesteigung.
3. generell die Feststellung der Regierungsdauer. Dabei will beachtet sein, daß even-
tuelle Regentschaftsjahre in sie einbezogen werden.
4. nur bei den judäischen Königen der Name der Königsmutter und
5. wieder allgemein ein Urteil über die Frömmigkeit des Königs, offensichtlich das
Herzstück der ganzen Darstellung.
Die Schlußbemerkungen setzen
r. mit dem Hinweis auf ausführlichere Quellen ein. Dabei werden gelegentlich be-
sonders interessierende Ereignisse oder Leistungen erwähnt. Es folgt
2. die Nachricht über den Tod und,
3. nur bei den judäischen Königen, eine Nachricht über die Beisetzung bei den Vätern
und
4. wieder allgemein die Nennung des Nachfolgers des Königs. Aus sachlichen Not-
wendigkeiten wird dieses Schema immer wieder durchbrochen. So fehlt die Einleitung
bei J erobeam L und bei Jehu, weil für beide Könige eine ausführliche Erzählung über
ihren Weg zum Thron zur Verfügung stand. Bei der judäischen Thronusurpatorin
Athalja fehlt der ganze Rahmen. Damit wird gekennzeichnet, daß sie in der offiziellen
Zählung der Könige von Juda nicht mitrechnet. Schließlich fehlen die Schlußbemer-
kungen, wenn Könige deportiert worden sind oder wenn eine ausführlichere Erzäh-
lung über ihr Ende geboten werden sollte.
§ I 5 Die Königsbücher
4. Quellen. An Quellen werden im Königsbuch selbst 1. das »Buch der Geschichte Sa-
lomos«, 2. das »Tagebuch der Könige von Israel« und 3. das »Tagebuch der Könige
von Juda« genannt. So heißt es I Kö 11,41: »Die übrige Geschichte Salomos aber und
alles, was er getan hat, und seine Weisheit, das ist ja im Buch der Geschichte Salomos
aufgezeichtnet. « Blickt man auf die in I Kö 3-11 enthaltene Salomogeschichte zurück,
so fragt sich vorab, ob es sich bei der vorliegenden Darstellung um einen einheitlichen
oder einen mehrfach redigierten Entwurf handelt. Erst nach Beantwortung dieser
Frage läßt sich sinnvoll die weitere nach dem Inhalt des Buches der Geschichte Salo-
mos stellen. Nach Würthweins Analyse wären jedenfalls die eigentlichen Salomoer-
zählungen 3,16---28;ro,1-10.13 und 11,14-25 als nachdeuteronomistische Erweite-
rungen anzusehen. Das Bild des reichen und weisen Königs Salomo geht offenbar erst
auf diese und ähnliche spätere Zusätze zurück. Man gewinnt den Inhalt des Salomo-
buches also erst nach Abzug des nachdeuteronomistischen Gutes und derdeuterono-
mistischen Interpretationen. Da sich nach dieser Operation noch unterschiedliches
Traditionsmaterial wie z.B. 3,4-4,1'f mit seiner Erzählung von Salomos Opfer in Gi-
beon und die Listen überSalomos Beamte und Reich4,1-5,8'f finden, dürfte es sich bei
der genannten Quelle um ein 1. allgemein zugängliches und 2. nicht mit den amtlichen,
am Königshof geführten Annalen identisches Werk handeln, sondern um eine Schrift,
die sich zwar auf jene stützte, aber auch andere Traditionen aufnehmen konnte.
Das Tagebuch der Könige von Israel wird zuerst beiJerobeam 1. 1 Kö 14,19und zu-
letzt bei Pekach 2 Kö 15,26 erwähnt. In den neun Jahren der Regierung des letzten is-
raelitischen Königs Hosea scheint es also nicht mehr zu einer Fortführung der Anna-
lenbearbeitung gekommen zu sein. Man muß entweder annehmen, daß das Werk in
Juda entstanden oder nach dem Untergang des Nordreiches nach Juda gerettet wor-
den ist.
Das Tagebuch der Könige von Juda findet seine erste Erwähnung bei Rehabeam
1 Kö 14,29 und seine letzte bei J ojakim 2 Kö 24, 5. Wie im Norden ist es also auch im
Süden offenbar nicht zu einem Abschluß des Werkes nach der Katastrophe gekom-
men. Die Annahme liegt auf der Hand, daß der Autor des Königsbuches seine Syn-
chronismen, die Angaben über die Regierungsdauer der judäischen Könige sowie die
übrigen Daten diesen Quellen entnommen hat. Ein Problem für sich bildet dagegen
die Frage nach der Herkunft der dem Buch inkorporierten Prophetenerzählungen
und nach dem Zeitpunkt ihrer Aufnahme.
5. Absicht. Allein die Stoffauswahl und die lediglich unter religiösen Gesichtspunkten
erfolgende Beurteilung der Könige beider Reiche lassen erkennen, daß es sich bei dem
Buch nicht um eine mit den Maßstäben griechischer oder moderner Geschichtsschrei-
bung zu messende Darstellung der Königszeit bis zu ihrem katastrophalen Ende han-
delt. Von dem Leitgedanken der Treue zu Jahwe her, die sich in der Treue zum]eru-
salemer Tempel manifestiert3, ergab sich das besondere Interesse an allem, was mit
3. Diese Tendenz läßt sich nebenbei ungezwungen aus frühnachexilischer Zeit verstehen.
166 Die Geschichtserzählungen Israels
6. Entstehung. Nach herrschender Auffassung ist das Königsbuch Bestandteil des von
Dtn 1,1-2 Kö 25 ,30 reichenden Deuteronomistischen Geschichtswerkes. Dabei gehen
die Ansichten darüber auseinander, ob es sich hier um eine alle Bücher umfassende
einheitliche Komposition oder nur um eine durchgehende Redaktion der bereits vor-
liegenden Bücher handelt.
a) Es fehlt nicht an Stimmen, die auch im Königsbuch die Pentateuchquellen J und E
bzw.J, oder L,J, oder J und E wiederfinden möchten. Im Sinne der Neueren Urkun-
denhypothese haben Benzinger und Hölscher die Existenz zweier vordeuteronomi-
scher Quellen nachzuweisen versucht. Benzinger meint J bis zum Beginn der Regie-
rung Hiskias und E bis zum Höhepunkt der Regierung J osias verfolgen zu können.
Für Hölscher endet J mit der sogenannten Reichsteilung in 1 Kö 12 und E mit dem
Schluß der ganzen Erzählung, der BegnadigungJojachins in 2 Kö 25. Weiter meint er
hier wie in den übrigen Büchern von der Genesis an Nachträge eines E 2 feststellen zu
können. Smend sr., dessen Auffassung freilich nur in fragmentarischen Aufzeichnun-
gen aus dem Nachlaß ermittelt werden kann, suchte tastend das Vorkommen von J"
J 2 und E über die Zerstörung Samarias hinaus nachzuweisen 5• Eissfeldt äußert sich zu-
versichtlich im Grundsätzlichen: Es steht ihm fest, daß dem deuteronomistischen
Verfasser oder Herausgeber des Buches auch für die Königszeit L, J und E vorlagen.
Daß man dabei nicht über die Entstehungszeit der Quellen, L zwischen 950 und 850, J
zwischen dem Ende des ro. und dem letzten Drittel des 8. sowie E zwischen der Mitte
des 9. und der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts, hinausgehen darf, versteht sich von
selbst. Eine Rekonstruktion des vordeuteronomischen Königsbuches und seine Auf-
teilung in einzelne Fäden hält Eissfeldt für unmöglich. - Es ist nicht zufällig, daß in
den letzten Jahrzehnten eine zunehmende Reserve gegen diese Versuche zu beobach-
ten- ist.
b) Einen andersgearteten Versuch, die Existenz eines vordeuteronomistischen Kö-
nigsbuches nachzuweisen, hat]epsen vor,gelegt. Er rechnet mit einer die Zeit von Da-
4. Vgl. dazu]. Debus, a.a.O. Zu dem, was an wichtigen historischen Ereignissen unerwähnt
bleibt, vgl. M. Weippert, VT 23, 1973, S. 436f.
5. Vgl. dazu R. Smend sr.: JE in den geschichtlichen Büchern des AT, hg. H. Holzinger,
ZAW 39, 1921, S. 181ff.
§ I 5 Die Königsbücher
6. Vgl. die fortlaufende Übersetzung der angenommenen Quelle bei]epsen, Quellen, Seite
30 ff. - Zu der Chronik vgl. auch das ausführlichere Referat bei Kaiser, Einleitung 'S. 1 35; 2 S. 1 39
oder 3S. I 54.
7. Vgl. dazu unten, S. 175.
8. Vgl. dazu unten, S. 172ff.
168 Die Geschichtserzählungen Israels
9. Wie weit der Dissenz bei gleichem Rahmenmodell im Einzelfall gehen kann, zeigt die Ana-
lyse von 2 Kö 22f. durch W. Dietrich, VT 27, 1977, S. 13ff.; H. Spieckermann: Juda unter Assur
in der Sargonidenzeit, FRLANT 129, Göttingen 1982, S. 3off., und E. Würthwein, ATD u,2, z.
St. - Dabei danke ich Herrn Kollegen Würthwein herzlich dafür, daß er mir Einblick in sein
noch unabgeschlossenes Manuskript zum Königsbuch gewährt und mir mich im folgenden auf
ihn zu berufen gestattet hat. - Auf das abweichende Rahmenmodell von Helga Weippert: Die
»deuteronomistischen« Beurteilungen der Könige von Israel und Juda und das Problem der Re-
daktion der Königsbücher, Bib 53, 1972, S. 301ff., vgl. auch M. Weippert, VT 23, 1973, S. 437f.,
die mit einer dreiphasigen, die Darstellung jeweils bis zur eigenen Zeit führenden Entstehung des
Königsbuches nach 722,609 und 587 rechnet, kann an dieser Stelle nur hingewiesen werden. Vgl.
auch ihren weiteren einschlägigen Beitrag ZAW 95, 1983, S. 344ff.
10. Vgl. dazu unten, S. 169f.
§ 1 5 Die Königsbücher
11. Vgl. dazu auch E. Würthwein: Die Erzählung vom Gottesurteil auf dem Karmel, ZThK
59, 1962, S. 131ff., und R. Smend, VT 25, 1975, S. 537ff.
12. Vgl. dazu E. Würthwein: Naboth-Novelle und Elia-Wort, ZThK 75, 1978, S. 375 ff.;
A. ]epsen: Israel und Damaskus, AfO 14, 1941/44, S. 153ff., und E. Würthwein: Zur Komposi-
tion von I Reg 22,1-38, in: Das nahe und ferne Wort. Festschrift L. Rost, hg. F. Maas, BZA W
ro5, Berlin 1967, S. 245 ff.
13. Vgl. dazu auch Ex 33,15ff. und, einen Vorbehalt anmeldend, E. Würthwein, ATD u,2, z.
St.
Die Geschichtserzählungen Israels
sehe Berücksichtigung Elisas überhaupt erschöpft. Denn angesichts der Tatsache, daß die übri-
gen Elisaerzählungen außerhalb des deuteronomistischen Rahmens stehen und entsprechender
Wendungen ermangeln, sind Schmitt und Würthwein zu dem Ergebnis gekommen, daß ihre
Aufnahme in das Königsbuch überhaupt erst nachdeuteronomistisch erfolgt ist. Dabei ist es kon-
trovers, ob die Aufnahme mit Schmitt durch den Gottesmannbearbeiter oder mit Würthwein
sukzessiv erfolgte, wobei die von ihm auf 5,15-19a''; 8,u b-13 a; 13,18-19 begrenzte Gottes-
mannbearbeitung eine unter mehreren Redaktionsstufen darstellen würde. Als letztes wären
dann die Episoden und Motive in 2,16-18*; 5,5 b''. 15b-17a''. 19b-27; 8,4-5 und 13,20 b-21 ein-
geführt, womit u. a. Elisas Diener Gehasi aus der primären Überlieferung ausscheidet. Auch bei
der Elisaüberlieferung läßt sich die redaktionelle Umgestaltung des aus eigener wundertätiger
Begabung zum in der Vollmacht Jahwes handelnden Propheten verfolgen, vgl. 2 Kö 2,21 b;
4,33 b.43 f.
3. Als dritte große, von DtrP zu verantwortende Einschaltung sind die ]esajaerzählungen
2 Kö 18,17-20,19 zu betrachten, die von hier aus unter Einfügung des sog. Psalms des HiskiaJes
38,9-20 und vor allem einer harmonisierenden Umdisponierung und Straffung der Erzählung
von Hiskias Krankheit in den c. 36-39 in das J esajabuch übernommen worden sind' 4 • Die Erzäh-
lungen, um deren Deutung sich neben M einhold und Childs' 5 auch alle neueren Kommentatoren
des Königs- und des J esajabuches bemüht haben, bestehen aus zwei geschickt miteinander ver-
bundenen Erzählungen über die Errettung Jerusalems vor dem Zugriff König Sanheribs im Jahre
701 v. Chr. in 2 Kö 18,17-19,37* par Jes 36-37, einer nachträglich um das Sonnenwunder erwei-
terten Geschichte von der Wunderheilung des tödlich erkrankten Königs Hiskia durch den Pro-
pheten in 2 Kö 20,1-II par Jes 38'' und schließlich der Erzählung von der anläßlich einer babylo-
nischen Gesandtschaft erfolgten Weissagung des Exils durch Jesaja in 2 Kö 20, 12-19 par J es 39. -
Von den beiden, sich mit der Rettung Jerusalems beschäftigenden Erzählungen erweckt die er-
ste, in 18,17-19,9a.36aa b.37 enthaltene Fassung den Anschein, als sei Sanherib durch die Kunde
vom Auszug des Pharao Taharqa zum Rückzug aus Judäa veranlaßt und alsbald von seinen Söh-
nen erschlagen worden' 6 • Die zweite, in 19,9 b-3 5.36 aß überlieferte Parallelversion läßt Sanherib
durch die Vernichtung seines Heeres durch den Engel Jahwes zum Abzug gezwungen werden.
Der vordeuteronomistische Grundbestand der ersten Erzählung setzt den 681 erfolgten Tod
Sanheribs und den Sieg Taharqas über Asarhaddon 673 voraus, ohne eine Erinnerung an das zwi-
schen Hiskia und Assur bestehende Vasallitätsverhältnis zu besitzen. Man wird sie daher kaum
vor dem mit dem Tode Assurbanipals 626 einsetzenden Niedergang Assurs ansetzen können.
Die theologisierende Bearbeitung und die Einführung] esajas in 19,1ff. ist mit Würthwein auf das
Konto von DtrP zu setzen. Die zweite, in 19,9b-35.36aß enthaltene Version geht ganz auf seine
und, wie V. 34 b zeigt, auch die Hand von DtrN zurück. In 19,35 könnte es sich mit Würthwein
um eine nachträgliche Steigerung ins Wunderbare handeln. Aber so oder anders erübrigen sich
angesichts des literarischen Befundes alle Versuche, das Wunder von V. 3 5 historisch zu rationa-
lisieren. Die vorliegenden Erzählungen sind als im Schatten der deuteronomistischen Deutung
der Katastrophe von 587 als einer Folge des Unglaubens stehende antitypische Interpretationen
14. Vgl. dazu 0. Kaiser, ATD 18, Göttingen 19833,undH. Wildberger, BK 19,3, Neukirchen
1982, z. St.
15. Vgl.]. Meinhold: DieJesajaerzählungen, Göttingen 1898, undB. S. Childs: Isaiah and the
Assyrian Crisis, StBTh II,3, London 1967, S. 69ff.
16. Zur Frage eines eventuellen Textausfalls bei der Vereinigung beider Versionen vgl. einer-
seits Kaiser und Wildberger z. St. und andererseits Würthwein z. St.
§ I 5 Die Königsbücher