Logistiksysteme: Hans-Christian Pfohl
Logistiksysteme: Hans-Christian Pfohl
Logistiksysteme
Betriebswirtschaftliche Grundlagen
9. Auflage
Logistiksysteme
Hans-Christian Pfohl
Logistiksysteme
Betriebswirtschaftliche Grundlagen
9., neu bearbeitete und aktualisierte Auflage
Hans-Christian Pfohl
Darmstadt, Deutschland
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detail-
lierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Springer Vieweg
© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht
ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlags.
Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die
Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt
auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen-
und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden
dürften.
Der Verlag, die Autoren und die Herausgeber gehen davon aus, dass die Angaben und Informationen in
diesem Werk zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vollständig und korrekt sind. Weder der Verlag noch
die Autoren oder die Herausgeber übernehmen, ausdrücklich oder implizit, Gewähr für den Inhalt des
Werkes, etwaige Fehler oder Äußerungen. Der Verlag bleibt im Hinblick auf geografische Zuordnungen und
Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutionsadressen neutral.
Die neue Auflage wurde wieder umfassend überarbeitet und aktualisiert. Sofern es
notwendig war, wurde vor allem bei der Diskussion gesamtwirtschaftlicher As-
pekte der Logistik auf die verfügbaren, neuesten statistischen Untersuchungen zu-
rückgegriffen. Für die Logistik relevante Entwicklungen bei der Informations- und
Kommunikationstechnologie (Digitalisierung), z.B. RFID- oder Cloud- und
Blockchaintechnologie, wurden vor allem im Zusammenhang mit der Auftrags-
abwicklung und der Infrastruktur des Informationsflusses aufgegriffen. Das Lite-
raturverzeichnis wurde auf den neusten Stand gebracht. Die bewährte Gliederung
in fünf Teile – früher Kapitel A bis D – mit der Untergliederung in die Abschnitte
wurde beibehalten. Entsprechend der Vorgaben des Verlages wurde hinter jedem
Kapitel ein Literaturverzeichnis eingefügt. Das früher übliche Gesamtliteraturver-
zeichnis entfällt.
Für die Unterstützung bei der Überarbeitung und Aktualisierung dieser Auflage
danke ich ganz herzlich meinen Mitarbeitern Dr. Burak Yahsi und M.Sc. Tamer
Kurnaz. Mein besonderer Dank gilt B.Sc. Hendrik Bode für seinen unermüdlichen
Einsatz bei der Fertigstellung der Druckvorlage.
Im besten logistischen Sinn bieten beide Bände die integrativen Grundlagen der
Logistik.
1 Logistikbegriff ................................................................................................. 3
1.1 Logistiksysteme im Systemverbund der Gütertransformation .................. 3
1.2 Logistikprozesse und Arten der Gütertransformation ............................... 7
1.3 Begriffliche Abgrenzung der Logistik ..................................................... 11
1.4 Betrachtungsebenen und Umfang von Logistiksystemen ........................ 14
Literatur ........................................................................................................... 20
2 Charakterisierung der Logistikkonzeption ................................................. 23
2.1 Wert- und nutzenorientiertes Denken ...................................................... 23
2.2 Systemdenken .......................................................................................... 28
2.3 Gesamt- oder Totalkostendenken ............................................................ 32
2.4 Servicedenken ......................................................................................... 35
2.5 Logistisches Effizienzdenken .................................................................. 42
2.6 Konsequenzen des Logistikdenkens ........................................................ 45
Literatur ........................................................................................................... 49
3 Bedeutung der Logistik ................................................................................. 51
3.1 Betriebswirtschaftliche Entwicklungstendenzen ..................................... 51
3.2 Kostendruck ............................................................................................ 54
3.3 Marktdruck .............................................................................................. 58
3.4 Stellenwert im Unternehmen ................................................................... 63
Literatur ........................................................................................................... 70
4 Auftragsabwicklung ...................................................................................... 75
4.1 Definition und Funktionen der Auftragsabwicklung ............................... 75
4.2 Auftragsabwicklungsaufgaben ................................................................ 79
4.3 Formen der Auftragsabwicklung ............................................................. 83
4.4 Verknüpfung logistischer Informationssysteme ...................................... 91
Literatur ........................................................................................................... 95
xii Inhaltsverzeichnis
1 Zur Herleitung der Transfer- oder Überbrückungsbedarfe und -leistungen aus der Arbeitstei-
ligkeit, der Dislozierung und der Zeitstrukturen der Sektoren der Güterbereitstellung und Gü-
terverwendung vgl. Ihde, 2001, S. 1f. und S. 57.
in in in
oder oder
Güterfluss
a
Die rechtliche Transformation der Güter bei der Güterverteilung bleibt in der Darstellung unberücksichtigt.
Durch Logistikprozesse wird der Güterfluss hervorgerufen, der die Systeme der
Güterbereitstellung und Güterverwendung miteinander verbindet. In allen drei
Systemen gibt es Rahmenbedingungen, die auf den Ablauf der Logistikprozesse
großen Einfluss haben. Beispielsweise werden sich die Logistikprozesse bei der
Produktion von Schütt- oder Stückgütern, bei der Verteilung von Gütern in einem
Land mit einem gut oder schlecht ausgebauten Straßennetz oder bei einer Güter-
verwendung, für die eine schnelle Raumüberbrückung von großer oder von gerin-
ger Bedeutung ist, jeweils sehr unterscheiden.
1.1 Logistiksysteme im Systemverbund der Gütertransformation 5
Auflösungspunkt
(Break-bulk point)
Lieferpunkt Empfangspunkt
(Güter- (Güter-
bereitstellung) verwendung)
direkter Güterfluss
einstufiges System Lieferpunkt Empfangspunkte
Konzentrationspunkt
(Consolidation point)
Logistikprozesse
Um-
Transpor-
Gütertransformation schlagen Aufträge
tieren, Umschla-
(Zusam- Verpacken, übermitteln
Lagern Umschla- gen
menfassen Signieren und
gen (Hand- (Sortieren)
und bearbeiten
haben)
Auflösen)
Zeitänderung
Raumänderung
Mengenänderung
Sortenänderung
Änderung der
Transport-, Umschlags-
und Lagereigen-
schaften
Änderung der
logistischen
Determiniertheit des
Gutes
Güterfluss Informations-
fluss
Abb. 1.3 Logistikprozesse und die durch sie bewirkte Gütertransformation (Quelle: Ent-
nommen mit Änderungen und Ergänzungen aus Jünemann, 1980, S. 2)
Logistische Aufgabenbereiche
Um einen Eindruck von den Logistikaufgaben zu bekommen, die im Zusammen-
hang mit der Planung, Steuerung, Realisierung und Kontrolle von Logistikprozes-
sen wahrzunehmen sind, sind in der Abb. 1.4 wichtige logistische Entschei-
dungstatbestände zusammengestellt. In Anlehnung an die ablaufenden
Logistikprozesse werden hierbei logistische Aufgabenbereiche unterschieden.
Beim Lagern werden die Entscheidungstatbestände, die die Lagerbestände betref-
fen, unter dem Begriff Lagerhaltung zusammengefasst. Der Begriff Lagerhaus be-
inhaltet die Entscheidungstatbestände, die festlegen, wo gelagert und wie ein- oder
10 1 Logistikbegriff
9 Vgl. Pfohl, 1972, S. 17ff.; Schary, 1984, S. 7ff.; Kummer, 1992, S. 20ff.; Isermann, 1998, S.
21ff. und die dort aufgeführte Literatur.
10 Vgl. Pfohl, 1972, S. 28ff.
11 Council of Supply Chain Management Professionals, o. J., S. 2. Übersetzung durch den Ver-
fasser.
12 European Logistics Association, 1993, S. 1. Übersetzung durch den Verfasser. Diese Defin-
tion wird heute von der ELA zur Definition des Supply Chain Managements genutzt.
1.3 Begriffliche Abgrenzung der Logistik 13
13 Zu diesem Begriff vgl. Pfohl/Wübbenhorst, 1983, S. 144ff. Siehe dazu ebenso Finkel-
stein/Guertin, 1988.
14 Coyle u.a., 1992, S. 8. Übersetzung durch den Verfasser.
15 Arthur D. Little/The Pennsylvania State University, Center of Logistics Research, 1991, S.
XXII. Übersetzung durch den Verfasser.
16 Vgl. Arthur D. Little/The Pennsylvania State University, Center of Logistics Research, 1991,
S. 34ff. Einen anderen, umfassenderen dienstleistungsorientierten Begriff der Logistik ver-
treten die Banken, die unter logistischer Führung die Schaffung einer zweckmäßigen Infra-
struktur verstehen, mit der das gesamte Versorgungssystem in den Dienst der Führung der
Geschäftsfront gestellt wird. Die Logistik umfasst neben der Erfüllung von Dienstleistungs-
funktionen auch die Hilfegewährung für alle anderen Bereiche. Zur logistischen Führung ei-
ner Bank gehören das finanzielle und betriebliche Rechnungswesen, Informatik und EDV,
Kontrolle und Revision, bankeigene Forschung und Entwicklung, Immobilien und Sicherheit
sowie Personalführung und Ausbildung. Zum Logistikbegriff der Banken vgl. Lohmann,
1998, S. 76ff.
14 1 Logistikbegriff
te Definition kann sich lediglich dann als zweckmäßig erweisen, wenn Logistik im
Zusammenhang mit der Kalkulation, der Analyse und dem Entwurf der Lebens-
zykluskosten diskutiert wird. Lebenszykluskosten sind die totalen Kosten, die ein
System während seiner gesamten Lebensdauer verursacht. Der dienstleistungsori-
entierte Definitionsansatz kann sich in den Fällen als zweckmäßig erweisen, in
denen logistische Leistungen in engem Zusammenhang mit anderen Dienstleis-
tungen erbracht werden. Ein Beispiel für diesen Ansatz ist die Bereitstellung eines
Ersatzteils beim Kunden zu dem Zeitpunkt, zu dem der Kundendienstmonteur In-
standhaltungsaktivitäten an einer Maschine beim Kunden vornimmt.
Nachdem der Inhalt des Logistikbegriffs geklärt ist, sollen im folgenden Ab-
schnitt wichtige, in der Realität vorkommende Logistiksysteme unterschieden
werden.
17 Vgl. Pfohl, 1974, S. 73ff. und die dort zitierte Literatur sowie Felsner, 1980, S. 18; Endli-
cher, 1981, S. 29.
1.4 Betrachtungsebenen und Umfang von Logistiksystemen 15
satorische Systeme, deren größter Umfang durch die rechtlichen Grenzen einer
Organisation festgelegt ist. Mesologistische Systeme sind dagegen interorganisa-
torische Systeme, die über die rechtlichen Grenzen von Einzelorganisationen hin-
ausgehen und eine Kooperation mehrerer Organisationen (Institutionen) im Güter-
fluss beinhalten.
Systeme der Mikrologistik lassen sich zunächst nach der Art von Organisatio-
nen mit unterschiedlichen Zielsetzungen unterscheiden.18 In diesem Buch interes-
sieren nur solche Organisationen, deren Zielsystem wesentlich durch wirtschaftli-
che Ziele geprägt ist. Derartige Organisationen sollen als Unternehmen bezeichnet
werden. Die Unternehmenslogistik lässt sich nach der von einem Unternehmen am
Markt zu erfüllenden Aufgabe (Unternehmenszweck, Betriebszweck) in Indust-
rie-, Handels- und Dienstleistungslogistik untergliedern. Zwischen den Begriffen
18 Wegen ihrer großen Bedeutung in einer global vernetzten Welt ist bei der Logistik sonstiger
Organisationen die „Humanitäre Logistik“ hervorzuheben. Vgl. Baumgarten u.a., 2010.
16 1 Logistikbegriff
Unternehmen und Betrieb wird häufig die Unterscheidung getroffen, dass man mit
Unternehmen die rechtliche, finanzielle Einheit einer Betriebswirtschaft und mit
Betrieb die technische Einheit bezeichnet, in der die Produktions- und Logistik-
prozesse ablaufen. Ein Unternehmen kann demnach durchaus mehrere Betriebe
haben. Bei der Industrie- und Handelslogistik ist es sinnvoll, noch zwischen einer
innerbetrieblichen und einer zwischenbetrieblichen Logistik zu unterscheiden. Die
Dienstleistungslogistik ist in Abhängigkeit davon weiter zu untergliedern, ob die
hauptsächlich von einem Unternehmen am Markt zu erfüllende Aufgabe, seine
Primärleistung, eine logistische Leistung ist (z. B. im Falle von Speditionen oder
Verpackungsunternehmen) oder ob die Logistikleistungen, wie auch im Fall von
Industrie- und Handelsunternehmen, lediglich Sekundärleistungen sind, die im
Zusammenhang mit der Erfüllung der eigentlichen Marktaufgabe erbracht werden
müssen (wie z. B. im Falle von Banken oder Versicherungen). 19 Die Unterneh-
men, bei denen wie im ersten Fall der Hauptzweck in der Erbringung logistischer
Leistungen besteht, somit also logistische Funktionen dominieren, 20 bezeichnet
man als logistische Betriebswirtschaften oder Logistikunternehmen oder auch – da
häufig zwischen Unternehmen und Betrieben nicht unterschieden wird – als Lo-
gistikbetriebe oder aber als logistische Dienstleister.
Systeme der Mesologistik können danach unterschieden werden, welche Un-
ternehmen bei der Erfüllung logistischer Aufgaben kooperieren. Eine Kooperation
ist möglich unter Unternehmen der verladenden Wirtschaft. Beispielsweise kön-
nen Verlader aus verschiedenen Branchen, aber auch derselben Branche ein ge-
meinsames Warenverteilsystem benutzen. Die Kooperation zwischen Logistikun-
ternehmen kann z. B. zwischen regional spezialisierten Speditionen oder zwischen
Straßentransportunternehmen und der Bahn erfolgen. Eine Kooperation zwischen
Logistikunternehmen und der verladenden Wirtschaft liegt z. B. vor, wenn ein
Verlader die Auslieferung seiner Produkte einem Logistikunternehmen überträgt.
Abb. 1.6 Funktionelle Abgrenzung von Logistiksystemen nach den Phasen des Güter-
flusses am Beispiel eines Industrieunternehmens
20 1 Logistikbegriff
Produktionsfaktoren Versorgungs-/Lieferservice
(Arbeit, Betriebsmittel, (das richtige Gut, im richtigen
Material einschließlich Zustand, zur richtigen Zeit,
Energie, Informationen) am richtigen Ort)
Logistiksystem
Lagerhaltungssystem
Lagerhaussystem
Transportsystem
Auftrags-
Input Output
abwicklungssystem
Verpackungssystem
Logistikkosten Logistikleistungen
Abb. 1.7 Funktionelle Abgrenzung von Logistiksystemen nach den Inhalten von Logis-
tikaufgaben
Literatur
Arnold D u.a. (Hrsg) (2008) Handbuch Logistik. 3., neu bearb. Aufl. Berlin Heidelberg
Arthur D Little, The Pennsylvania State University, Centre of Logistics Research (1991) Logis-
tics in Service Industries. Prepared for Council of Supply Chain Management Professionals
(CSCMP). Oak Brook, IL
Ballou R H (2004) Business Logistics / Supply Chain Management. Planning, Organizing, and
Controlling the Supply Chain. 5. Aufl. Upper Saddle River N.J.
Baumgarten H, Keßler M, Schwarz J (2010) Jenseits der kommerziellen Logistik. Die humanitä-
re Hilfe logistisch unterstützen. In: Schönberge R, Elbert R (Hrsg) Dimensionen der Logistik.
Funktionen, Institutionen und Handlungsebenen. Wiesbaden, S.453-475
Behrendt W (1977) Die Logistik der multinationalen Unternehmung. Eine systemorientierte und
verhaltenswissenschaftliche Analyse. Diss. Berlin
Bowersox D J, Closs D J (1996) Logistical Management. Überarb. Ausg. der 3. Aufl. New York
u.a.
Bowersox D J, Smykay E W, LaLonde B J (1968) Physical Distribution Management. Logistics
Problems in the Firm. Rev. ed. New York
Literatur 21
1 Die vier Nutzenarten „form, possession, place and time“ unterscheiden Converse, 1958, S.
116; Bowersox u.a., 1968, S. 20; Langley/Holcomb, 1992, S. 1; Novack u.a., 1992, S. 236.
Zu einer Gliederung des Nutzens unter anderen Gesichtspunkten vgl. Corsten, 2007, S. 157f.
und die dort aufgeführte Literatur. Zu einem engeren Nutzenbegriff vgl. Large, 1995, S. 34f.
Die Zuordnung von Ort- und Zeitnutzen zur Logistik findet sich auch bei Morgenstern,
1955, S. 130.
Rechtliche
Zugesicherter
Verfügbarkeit Gebrauchswert
Gebrauchswert
gegeben
Rechtliche
Verfügbarkeit Eignungswert Eignungswert
nicht gegeben
Abb. 2.2 Verfügbarkeit als konstituierende Eigenschaft des Gebrauchswertes (Quelle: Mit ge-
ringfügigen Änderungen entnommen aus Large, 1995, S. 27)
werden kann. Die rechtliche Verfügbarkeit ist gegeben, wenn der Kunde das für
den speziellen Gebrauch des Gutes notwendige Verfügungsrecht erhält. Ist die
rechtliche, aber nicht die faktische Verfügbarkeit gegeben, so liegt der zugesicher-
te Gebrauchswert eines Gutes vor. Der Kunde hat dann ein Verfügungsrecht im
Sinne eines Anspruchs auf die Erzeugung und Bereitstellung eines Gutes. Der zu-
gesicherte Gebrauchswert im Sinne eines Leistungsversprechens ist insbesondere
für Dienstleistungen von Bedeutung, auf deren Erzeugung im Folgenden noch nä-
her eingegangen wird.
Die Ausführungen zum Wertschöpfungsdenken zeigen, dass Logistikaktivitäten
zur Erzeugung des Gebrauchswertes eines Gutes notwendig sind. Der Gebrauchs-
wert kann nicht nur durch eine bessere Eignung der Güter, sondern auch durch ei-
ne bessere Verfügbarkeit der Güter erhöht werden. Die faktische Verfügbarkeit
kann verbessert werden, indem die Leistung bei den schon bisher vom Anbieter
eines Gutes wahrgenommenen Logistikaktivitäten verbessert oder durch ihn zu-
sätzliche Logistikaktivitäten vom Kunden übernommen werden. Abb. 2.3 zeigt ein
Beispiel für die Übernahme solcher bisher vom Kunden wahrgenommenen wert-
schöpfenden Aktivitäten.
Die Übernahme solcher wertschöpfenden Aktivitäten durch das anbietende Un-
ternehmen ist dann sinnvoll, wenn die bisher vom Kunden erbrachten Logistikleis-
tungen zu niedrigeren Logistikkosten angeboten werden oder bei gleichen Logis-
tikkosten höhere Leistungen erbracht werden können. 4
2 Wareneingangskontrolle
Materialzusammenstellung/
Lieferant
3
-bereitstellung
6 Beschaffungsmanagement
Abb. 2.3 Übernahme wertschöpfender Logistikaktivitäten des Kunden durch den Liefe-
ranten (Quelle: In Anlehnung an Gopal/Cypress, 1993, S. 197)
5 Vgl. Meffert, 1994, S. 521f. Zu berücksichtigen ist, dass die folgenden Ausführungen für
den größten Teil der Dienstleistungen zutreffen. Es gibt aber auch Dienstleistungen, die we-
gen ihrer Eigenschaften ähnlich wie Sachgüter produziert werden. Ebenso gibt es Sachgüter,
die sehr den hier charakterisierten Dienstleistungen ähneln.
6 Vgl. Corsten, 1993, Sp. 765f.
2.1 Wert- und nutzenorientiertes Denken 27
7 Vgl. Corsten, 1993, Sp. 767f. Zur Charakterisierung des logistischen Leistungsprozesses als
zweistufigen Kombinationsprozess vgl. Isermann, 1998, S. 26ff.
8 Corsten, 1993, Sp. 768.
9 Vgl. Meffert, 1994, S. 525f.
28 2 Charakterisierung der Logistikkonzeption
2.2 Systemdenken
Ganzheitliche Betrachtungsweise
Die im ersten Abschnitt unter dem Begriff Logistik zusammengefassten Aufgaben
werden selbstverständlich schon immer in einem Unternehmen wahrgenommen
und nicht erst, seit es den Logistikbegriff gibt. Insofern stellt sich die Frage, ob
Logistik lediglich ein Modewort ist und Logistiker damit beschäftigt sind, alten
Wein in neue Schläuche abzufüllen. Eine Frage übrigens, die immer beim Auftau-
chen neuer Konzeptionen in der Betriebswirtschaftslehre gestellt wird, so z. B. bei
der Marketingkonzeption und der Controllingkonzeption. Bei der Beantwortung
dieser Frage ist davon auszugehen, dass es nicht darauf ankommt, ob Aufgaben im
Unternehmen schon immer wahrgenommen wurden oder nicht, sondern nur da-
rauf, wie diese Aufgabe wahrgenommen werden. Eine neue Konzeption beinhaltet
eine neue Betrachtungsweise der Probleme in Unternehmen und ermöglicht neue
Problemlösungen.
Grundlegend für die Logistikkonzeption ist die systemtheoretische Betrach-
tungsweise oder kürzer das Systemdenken. 10 Das Systemdenken hat seinen Ur-
sprung in der Biologie und wurde von dort in die Wirtschaftswissenschaften über-
nommen. Man versteht allgemein unter einem System eine Menge von
miteinander in Beziehung stehenden Elementen. Kennzeichnend für das System-
denken ist die ganzheitliche Betrachtungsweise sowie die Erkenntnis, dass für die
Erklärung der Ganzheit die Erklärung ihrer Elemente nicht ausreicht, sondern dass
dazu die Erklärung der Beziehungen zwischen den Elementen treten muss. Sys-
temdenken ist ein Denken in komplexen, vernetzten Zusammenhängen. Bei der
Koordination der Elemente bzw. Subsysteme werden als Grundtypen die Interak-
tionsmodelle lose Kopplung, Kooperation und Vereinigung unterschieden.11
Bei der losen Kopplung beeinflussen sich die miteinander agierenden Subsys-
teme gegenseitig nicht oder nur sehr gering. Sie handeln weitgehend autark, ob-
wohl sie voneinander abhängig sind. Die Kommunikation zwischen den Subsys-
temen ist schwach ausgeprägt, was letztlich zu einem suboptimalen Einsatz von
Ressourcen und Unstimmigkeiten im Gesamtsystem führt. Bei der Kooperation
wird diese Schwäche durch eine verbesserte Abstimmung der aus den individuel-
len Zielen der beteiligten Subsysteme resultierenden Ressourcen- und Infrastruk-
turbedarfe ausgeglichen. Dazu wird auch das Informations- und Kommunikati-
onsverhalten verbessert, so dass die einzelnen Interaktionspartner jeweils besser
über die Erfordernisse der übrigen Subsysteme informiert sind. Bei der Vereini-
gung geben die Subsysteme ihre Eigenständigkeit vollständig auf. Es kommt zur
Abstimmung der langfristigen Ziele und Visionen. Ziel ist es, gemeinsame Res-
sourcen und Infrastruktur optimal zu nutzen und auf individuelle Reservekapazitä-
ten zu verzichten.
Die Zusammenhänge zwischen den Elementen eines Systems lassen sich prin-
zipiell als Input-Output-Beziehungen interpretieren, durch die die Beziehungs-
struktur, z. B. des Netzwerkes eines Logistiksystems, hergestellt wird. Betont man
den Prozesscharakter dieser Beziehungen beim Austausch der Objekte zwischen
den Systemelementen, so kommt der Zeit als Systemdimension eine besondere
Bedeutung zu. Die Dimension Zeit unterscheidet die Prozessstruktur von der Be-
ziehungsstruktur der Systeme. KLAUS sieht in dem im Systemansatz der Logistik
allerdings schon enthaltenen Prozessansatz eine Erweiterung des Denkrahmens
der Logistik. Entsprechend des Prozessansatzes betrachtet er Logistiksysteme als
ein „Gewebe von Flüssen und Prozessen.“12 Dieses Fließprinzip wird aber neben
dem Prinzip der ganzheitlichen Betrachtungsweise bereits lange explizit als Inhalt
der Logistikkonzeption genannt.13
Der von WEBER14 der Logistikkonzeption als das eigentliche Neue zugeordnete
Koordinationsansatz ist ebenfalls schon im Systemansatz enthalten. Die abge-
stimmte, koordinierte Gestaltung von Güterflüssen ist die grundlegende Forderung
der theoretischen Logistikkonzeption, unabhängig von ihrer Umsetzung in der
Praxis. Das Management von Interdependenzen wird z. B. neben dem Manage-
ment von Material- und Informationsflüssen explizit zur Charakterisierung des
Logistikmanagements herangezogen.15 Allerdings lässt sich Logistikmanagement
nicht auf das Management von Interdependenzen beschränken, da dieses Ma-
nagement die Kenntnis der spezifischen Eigenschaften logistischer Leistungspro-
zesse voraussetzt.
Die Anwendung des Systemdenkens stellt die Behandlung logistischer Proble-
me auf eine neue Grundlage, was ein wesentlicher Grund dafür sein dürfte, dass
man heute nach einer langen Periode der Vernachlässigung diesen Problemen so-
wohl in der Wissenschaft als auch in der Praxis wachsende Beachtung schenkt.
Denn es werden dadurch neue Aussagen terminologischer (definitorischer), de-
skriptiver (beschreibender), theoretischer (erklärender) und praxeologischer (ge-
staltender) Art möglich.
für die Durchführung von Kostenanalysen, da durch sie bestimmt wird, welche
Kosten als Logistikkosten zu betrachten sind.
Beschreibende Aussagen: Für die Beschreibung realer Güterflüsse bietet das Sys-
temdenken zwei Vorteile: Der erste Vorteil liegt darin, dass die auf ihm basieren-
de Logistikdefinition es möglich macht, die verschiedenen Logistiksysteme in ei-
ner einheitlichen Terminologie zu beschreiben. Dadurch bietet sich die Chance,
bisher nicht gesehene Gemeinsamkeiten der Probleme und Problemlösung etwa in
der Militärlogistik und Unternehmenslogistik oder der Beschaffungs- und Distri-
butionslogistik zu erkennen. Der zweite Vorteil besteht darin, dass man bei der
Beschreibung von Logistiksystemen gezwungen wird, die komplexen logistischen
Systemzusammenhänge zu erfassen. Man wird beispielsweise nicht mehr Auf-
tragsabwicklung, Lagerung, Transport usw. isoliert beschreiben, sondern ihr Zu-
sammenwirken bei der Realisierung des Güterflusses. Selbst wenn man sich auf
die Beschreibung eines logistischen Subsystems konzentriert, wird die Aufmerk-
samkeit auf die Beschreibung der Schnittstellen mit den anderen Subsystemen ge-
lenkt.
Erklärende Aussagen: Das Systemdenken ermöglicht das Erkennen von Zusam-
menhängen, die man sonst nur sehr schwer oder überhaupt nicht erkannt hätte.
Denn konsequent angewandt sollte dieser Denkansatz zur Folge haben, dass all-
gemein übliche Denkansätze zerstört und einige ganz neue Wege des Denkens ge-
gangen werden. 16 Mangelndes Systemdenken verhinderte lange Zeit logistische
Systeme als eine tatsächlich Ganzheit zu betrachten und die Beziehungen zwi-
schen den einzelnen Systemelementen zu erfassen.
Da das Systemdenken das Erkennen der Beziehungen zwischen den einzelnen
Systemelementen in den Vordergrund rückt, wird die Entscheidung bezüglich ei-
nes Elementes nur noch unter dem Aspekt seines Beitrags zur Leistung des ganzen
Systems erfolgen. Eine Nichtbeachtung dieses Aspekts kann zu Fehlentscheidun-
gen führen. Eine isolierte Entscheidung bezüglich des Wechsels von einem Trans-
portmittel zu einem anderen Transportmittel mit unterschiedlichen technischen
Eigenschaften oder Transportgeschwindigkeiten kann beispielsweise nicht vorher-
gesehene Anforderungen an die Verpackung oder eine beträchtliche Erhöhung der
Lagerbestände zur Folge haben. Das Systemdenken deckt diese Zusammenhänge
auf. Denn es zwingt dazu, die Wirkungen einer Veränderung in einem logistischen
Teilsystem auf die anderen logistischen Teilsysteme zu erfassen. In gleicher Wei-
se wird man beim Auftreten von Problemen in einem logistischen Teilsystem die
Problemursachen nicht nur in diesem Teilsystem, sondern auch in allen anderen
Teilsystemen suchen.
Gestaltende Aussagen: Durch gestaltende Aussagen sollen den Entscheidenden
Anweisungen für ihr Handeln gegeben werden. Logistische Entscheidungen be-
treffen den Aufbau von Logistiksystemen und den Ablauf von Logistikprozessen.
17 Siehe die Unterscheidung von Ressourcen- und Prozessstrategien bei Fey, 1989, S. 8ff.
32 2 Charakterisierung der Logistikkonzeption
Zielkonflikt
Das Gesamt- oder Totalkostendenken ist für Logistikentscheidungen von großer
Bedeutung, weil Logistiksysteme von einer Vielzahl von Kostenkonflikten ge-
kennzeichnet sind. Kostensenkungen in einem Teilsystem bewirken deshalb häu-
fig Kostensteigerungen in einem anderen Teilsystem. So führen beispielsweise
niedrigere Lagerbestandskosten zu höheren Transportkosten, weil häufiger gelie-
fert werden muss. Weiter Beispiele für Zielkonflikte sind: 19
x Verpackungskosten und Kosten durch Transportschäden,
x Auftragsabwicklungskosten und Transportkosten durch ungünstige Routenpla-
nung,
x Lagerbestandskosten und Produktionskosten durch kleine Losauflagen,
x Lagerbestandskosten und Kosten des Einkaufs durch häufigere und kleinere
Bestellungen.
Serviceniveau-
kosten
Auftrags-
Lagerbestands-
abwicklungs-
kosten
kosten
unmittelbar zusammen zu
mit den Logistikkosten
Logistiksystemkosten
betrachtende Kosten
Verpackungs-
kosten
Transport-
Lagerhauskosten
kosten
Loskosten
Lagerhaltungskosten Lagerhaltungskosten
Fehlmengenkosten Rüstkosten
Lagerbestand Fertigungslosgröße
Abb. 2.5 Typische Kostenverläufe im Logistiksystem (Quelle: Siehe auch Ballou, 2004,
S. 46)
für sehr wenige Güter gerechtfertigt. Berücksichtigt man jedoch die Wirkung der
Luftfracht auf die gesamten Logistikkosten, so ergibt sich für ihren Einsatz ein
wesentlich günstigeres Bild.
Wie aus Abb. 1.7 hervorgeht, ist jedoch Logistikdenken niemals nur Kosten-,
sondern auch Leistungsdenken. Das Entstehen von Logistikkosten ist nur dann ge-
rechtfertigt, wenn sie durch entsprechende Logistikleistungen verursacht werden.
Den Forderungen nach niedrigen Logistikkosten stehen Forderungen nach hohen
Logistikleistungen gegenüber.
2.4 Servicedenken
Kundenorientierung
In den 90er Jahren rückte mit der Kundenorientierung ein eigentlich altes Schlag-
wort in den Blickpunkt der betriebswirtschaftlichen Forschung und Lehre. Durch
ständig steigende Kundenanforderungen auf vielen Märkten wurde es für anbie-
tende Unternehmen immer wichtiger, sich beim Angebot von Produkten und
Dienstleistungen zunehmend an den Wünschen und Forderungen der Kunden zu
orientieren. Neben dem Preis, ehemals wichtigstes Entscheidungskriterium für die
36 2 Charakterisierung der Logistikkonzeption
Servicekomponenten
Der Lieferservice setzt sich im Wesentlichen aus Lieferzeit, Lieferzuverlässigkeit,
Lieferungsbeschaffenheit und Lieferflexibilität zusammen.25
Unter Lieferzeit (Auftragsperiode) ist die Zeitspanne zwischen der Ausstellung
des Auftrags durch den Kunden bis zum Erhalt der Ware zu verstehen. Sie ist für
den Kunden wichtig, weil kürzere Lieferzeiten bei ihm niedrigere Lagerbestände
und eine kurzfristigere Disposition ermöglichen. In Abb. 2.6 wird ein Beispiel für
die Zusammensetzung der Lieferzeit gegeben.26 Alle dort angegebenen Teilzeiten
– auch die Zeiten für Tätigkeiten, die nicht vom Lieferanten oder einem Dritten,
sondern vom Kunden selbst ausgeführt werden – kann der Lieferant beeinflussen.
Er kann etwa durch geeignete Auftragsformulare auf die Zeit für die Ausfertigung
des Auftrags durch den Kunden Einfluss nehmen. Die Zeit für die Einlagerung der
Ware beim Kunden ist insofern vom Lieferanten beeinflussbar, als durch eine Ab-
stimmung der Transport-, Verpackungs- und Lagererfordernisse zwischen Liefe-
ranten und Kunden die Warenannahme und -prüfung, der Transport ins Kundenla-
ger und die Unterbringung im Kundenlager sehr erleichtert werden können.
Der Begriff Lieferzeit wird hier zur Bezeichnung des Outputs von Logistiksys-
temen, also im Sinne einer allein von der Logistik abhängigen Lieferzeit, ge-
braucht. Davon zu unterscheiden ist die Lieferzeit, für deren Länge nicht die Lo-
gistik allein, sondern auch andere Unternehmensbereiche, wie z. B. die
Produktion, verantwortlich sind.27
Unter Lieferzuverlässigkeit (Liefertreue, Termintreue) versteht man die Zuver-
lässigkeit (Wahrscheinlichkeit), mit der die Lieferzeit eingehalten wird. Sie ist für
den Kunden wichtig, weil sie niedrigere Lagerbestände ermöglicht und Störungen
im Betriebsablauf vermeiden hilft. Die Lieferzuverlässigkeit hängt von folgenden
zwei Einflussfaktoren ab:
x Zuverlässigkeit des Arbeitsablaufs,
x Lieferbereitschaft.
Die Einhaltung der zugesagten Lieferzeit wird zunächst dadurch bestimmt, wie
zuverlässig die Teilzeiten eingehalten werden, aus denen sie sich zusammensetzt.
Die in den einzelnen Phasen der Lieferzeit anfallenden Arbeitsabläufe müssen
planmäßig in der dafür vorgesehenen Zeit realisiert werden. Bei der Auftragsbear-
beitung kann es etwa geschehen, dass eingehende Aufträge unbearbeitet liegen-
bleiben oder beim Transport ist es möglich, dass ein Spediteur die versprochenen
Transportzeiten nicht einhält. Die Zuverlässigkeit der Lieferzeit wird also von ih-
rer unzuverlässigsten Phase bestimmt!
25 Vgl. Pfohl, 1972, S. 177ff. und 1977, S. 241f.; Bender, 1976; LaLonde/Zinszer, 1976,
S. 148; Havighorst 1980, S. 58ff.; Stock/Lambert, 2001, S. 117f.
26 Vgl. Heskett u.a., 1973, S. 246f.
27 Vgl. Wagner, 1978. Auf die Lieferzeit wird außerdem in Teil III, Abschn. 10.3 zu Subsyste-
men der Produktionslogistik in eingegangen.
2.4 Servicedenken 39
1 3 Auftrag bearbeiten
zentrale Auftragsbearbeitung ½ 3½
½ 4
2 6
Zusammenstellen
Auslieferungslager und verpacken
beladen ½ 6½
2 8½ Verladen und
Transportmittel transportieren
entladen ½ 9
Einlagern der Ware
Kunde 1 10 beim Kunden
Abb. 2.6 Beispiel für den zeitlichen Verlauf einer 10-tägigen Lieferzeit
relevant angesehen, wie häufig die Nachfrage nicht vom Lager befriedigt werden
kann, sondern es ist wesentlich, welcher Prozentsatz der Nachfrage nicht vom La-
ger zu erfüllen ist. Die Nachfrage kann hierbei mengen- oder wertmäßig erfasst
werden. Mengenangaben sind im allgemein jedoch nur sinnvoll, wenn der Wert
der verschiedenen Artikel eines Auslieferungslagers ungefähr gleich ist. Jedes Un-
ternehmen wird letztlich die Definition zu wählen haben, in der das Auftreten von
Fehlmengen in der Weise berücksichtigt wird, wie es ihrer Wirkung auf den Ab-
satz auch tatsächlich entspricht.28
Durch die Lieferungsbeschaffenheit wird erfasst, inwieweit die Lieferung selbst
dem Kunden Grund zur Beanstandung gibt. Das hängt wiederum von zwei Fakto-
ren ab:
x Liefergenauigkeit,
x Zustand der Lieferung.
Durch die Liefergenauigkeit wird angegeben, inwieweit die bestellten Produkte
in gewünschter Art und Menge ausgeliefert werden. Kann der Lieferant das be-
stellte Produkt nicht liefern, so sollte er dem Kunden ersatzweise nur dann ein an-
deres Produkt ausliefern, wenn er zuvor dessen Zustimmung eingeholt hat. Ande-
renfalls riskiert der Lieferant, den Kunden zu verärgern und u. U. zu verlieren.
Außerdem können ihm zusätzliche Kosten für die Behandlung der Kundenbe-
schwerde und der Rücknahme der Ware entstehen. Der Kunde hat auch die von
ihm bestellte Menge zu erhalten. Denn wenn größere Mengen als die bestellten
angeliefert werden, erhöhen sich die Lagerkosten des Kunden. Werden kleinere
Mengen angeliefert, so können dadurch Fehlbestände im Kundenlager entstehen.
Der Zustand der Lieferung hängt im Wesentlichen davon ab, in welchem Um-
fang die Verpackung ihrer Schutzfunktion bei der Auslieferung der Güter gerecht
wird. Eine Beschädigung der Güter während der Auslieferung führt zu Kundenbe-
schwerden und/oder zu zusätzlichen Kosten durch Retouren bzw. zu gewährende
Preisnachlässe.
Die Lieferungsbeschaffenheit wird daran gemessen, wie oft die Lieferungen
von Kunden beanstandet werden und kann damit ebenfalls durch Prozentangaben
erfasst werden.
Unter Lieferflexibilität ist zu verstehen, ob das Auslieferungssystem des Liefe-
ranten es gestattet auf besondere Bedürfnisse des Kunden einzugehen oder ob sich
der Kunde mit seiner Beschaffungslogistik nach starr vorgegebenen Regeln der
Distributionslogistik des Lieferanten zu richten hat. Die Lieferflexibilität hängt im
Wesentlichen von folgenden drei Einflussfaktoren ab:
x Auftragsmodalitäten,
x Liefermodalitäten,
x Information des Kunden.
Abb. 2.7 Formeln zur Berechnung der Lieferbereitschaft (Quelle: Steinbrüchel, 1971, S. 27)
42 2 Charakterisierung der Logistikkonzeption
Effizienzdenken
Logistiksysteme sind effizient, wenn bei ihrer Gestaltung die Logistikkosten (In-
put) und die Logistikleistungen (Output) als Gestaltungsziele berücksichtigt wur-
den. Das Effizienzdenken verlangt bei der Lösung logistischer Probleme weder
eine einseitige Ausrichtung an dem Ziel der Kostenminimierung noch eine einsei-
tige Ausrichtung am Ziel der Servicemaximierung, sondern einen Kompromiss
zwischen diesen Zielen.
Das Effizienzziel entspricht zunächst dem bekannten Produktivitätsziel, das
durch das Verhältnis Output/Input (z. B. Anzahl der umgeschlagenen Palet-
ten/Arbeitsstunde) gemessen wird. Das Effizienzdenken ist also auf die technolo-
gische Dimension des Logistiksystems anzuwenden, die ein Denken in Mengen
2.5 Logistisches Effizienzdenken 43
und Qualitäten verlangt. 29 Dieses Denken befasst sich mit Problemen der Leis-
tungsfähigkeit (quantitative und qualitative Kapazität sowie betriebstechnische
Elastizität) und mit Problemen der Leistungsbereitschaft (Störanfälligkeit und Be-
nutzerfreundlichkeit) von Logistiksystemen. Zur Leistungsbereitschaft i. w. S.
zählt auch die Zeit für die Planung und Realisierung des Logistiksystems. Denn es
ist häufig besser, Systeme mit befriedigender Leistungsfähigkeit rechtzeitig im
Einsatz zu haben, als Systeme mit maximaler Leistungsfähigkeit erst nach langer
Zeit im Einsatz zu haben. Häufig wird noch als besonderes Problem die Flexibili-
tät im Sinne der Anpassungsfähigkeit von Systemen herausgestellt. So wird z. B.
unterschieden zwischen der kurzfristigen Effizienz als Produktivität unter konstan-
ten Bedingungen und der Anpassungsfähigkeit als Produktivität unter wechseln-
den Bedingungen.30 Die Anpassungsfähigkeit ist für Logistiksysteme insofern von
großer Bedeutung, als Veränderungen in der Höhe, Zusammensetzung und geo-
graphischen Verteilung der Nachfrage zu Güterflüssen führen, die sehr unter-
schiedlichen Anforderungen an die Logistiksysteme stellen.
Das Effizienzdenken kann sich jedoch auch auf die ökonomische Dimension
des Unternehmens beziehen. Diese verlangt ein Denken in Werten. In ihrem Mit-
telpunkt stehen Probleme der Preise sowie von Umsatz und Kosten. Neben der be-
sonderen Problematik der Zurechnung von Logistikkosten zu Logistikleistungen,
die wegen der einseitigen Ausrichtung der Kosten- und Leistungsrechnung in vie-
len Unternehmen ungelöst ist, stellt sich hier auch das Problem der Erfassung der
Auswirkung des Lieferservice auf den Umsatz. In Abb. 2.8 sind typische Kosten-
und Marktreaktionsfunktionen über dem Serviceniveau aufgetragen. Eine einge-
hende Diskussion dieser Kurven erfolgt in dem Band Logistikmanagement dieser
Reihe. Hier genügt es, darauf zu verweisen, dass der stark progressive Kostenan-
stieg mit steigendem Serviceniveau grundsätzlich charakteristisch für Logistiksys-
teme ist. Die Verbesserung eines schon sehr guten Serviceniveaus um noch einige
wenige Prozent verursacht – wenn man von einer Verschiebung der Kostenkurve
durch Prozessinnovation absieht – einen weit überproportionalen Kostenanstieg.
Für die Umsatzerlöskurve lassen sich keine in gleicher Weise empirisch abgesi-
cherten Aussagen machen. Doch hat sich in einigen Fällen der Kurvenverlauf der
Abb. 2.8 nachweisen lassen. Interessant ist hier vor allem das auch bei anderen
Marktreaktionsfunktionen zu beobachtende Sättigungsphänomen. Die Erhöhung
eines bereits guten Lieferservice um einige Prozent führt nur noch zu einem stark
unterproportionalen Anwachsen des Umsatzes. Daraus ergibt sich, dass der größte
Gewinnbeitrag des Lieferservice keineswegs bei einem maximalen Serviceniveau
liegt. Auf der ökonomischen Ebene entspricht also das Effizienzdenken dem be-
kannten Rentabilitätsziel, das durch die Relation Gewinn/Kapital gemessen wird.
Die Inputgröße ist in diesem Fall das Kapital, das in Logistiksystemen gebunden
ist, die Outputgröße der Gewinnbeitrag, der von Logistiksystemen geleistet wird.
Umsatzerlöse/
Kosten/
Gewinnbeitrag
Umsatzerlöse
Kosten
Gewinnbeitrag
93 95 100
Serviceniveau in %
Abb. 2.8 Auswirkung des Serviceniveaus auf den Gewinn (Quelle: Mit Änderungen entnom-
men aus Buxton, 1975, S. 35)
Technisch-wirtschaftliches Denken
Bei der Erläuterung des Effizienzdenkens wurde deutlich, dass das Effizienzden-
ken sowohl technisch als auch wirtschaftlich orientiert ist. Damit soll jedoch nicht
ausgedrückt werden, dass die soziale und ökologische Dimension des Unterneh-
mens im Logistikbereich keine Rolle spielen würde. Soziale Ziele wie etwa die
Zufriedenheit oder die langfristige Erhaltung der Gesundheit der Mitarbeiter ha-
ben für den Logistikbereich dieselbe Bedeutung wie für die anderen Bereiche des
Unternehmens. Das gilt auch für die ökologischen Ziele zum Schutz der Umwelt.
Insofern unterscheidet sich der Logistikbereich bezüglich des sozialen und ökolo-
gischen Denkens nicht von den übrigen Unternehmensbereichen. Dagegen ist die
besondere Verquickung technischen und wirtschaftlichen Denkens, wie sie für die
Logistik charakteristisch ist, für die anderen Unternehmensbereiche nicht immer
in gleicher Weise typisch.
Die Logistik liefert ein ausgezeichnetes Beispiel für einen Unternehmensbe-
reich, in dem sich technische und wirtschaftliche Probleme überschneiden. Ein
Logistikmanager muss in der Lage sein, die Möglichkeiten, die der technische
Fortschritt im Verpackungs-, Transport- und Lagerwesen für den Güterfluss eröff-
net, zu beurteilen und auszunutzen. Er muss aber auch dazu fähig sein, Kosten und
Service gegeneinander abzuwägen und mit den oft nur entweder in wirtschaftli-
chem oder in technischem Denken geschulten Führungskräften der Bereiche Be-
schaffung, Produktion und Absatz zusammenzuarbeiten. Führungspositionen im
Logistikbereich verlangen also in besonderem Maße eine Kombination von wirt-
schaftlichem und technischem Denken. Damit sind aber auch schon die Konse-
quenzen des Logistikdenkens für das Unternehmen angesprochen.
2.6 Konsequenzen des Logistikdenkens 45
Funktionelle Konsequenzen
Das für die Logistikkonzeption charakteristische Systemdenken verlangt, die lo-
gistischen Aufgaben im Gesamtzusammenhang, die Logistik als einen in sich ge-
schlossenen Aufgabenbereich des Unternehmens zu sehen. In der Betriebswirt-
schaftslehre kennzeichnet man häufig einen solchen Aufgabenbereich als eine
betriebswirtschaftliche Funktion, die in jedem Unternehmen wahrgenommen wer-
den muss. Die Logistik tritt damit als Funktion neben die anderen im Unterneh-
men zu verrichtenden Funktionen, wie etwa Beschaffung oder Finanzierung. Nach
herrschender Meinung geht man dabei vom Querschnittscharakter oder übergrei-
fenden Charakter der Logistikfunktion aus.32
Betrachtet man die unmittelbar aus der Marktaufgabe abzuleitenden Funktio-
nen Forschung und Entwicklung, Beschaffung, Produktion und Absatz als be-
triebswirtschaftliche Grundfunktionen33, so lassen sich aus ihnen eine Reihe be-
triebswirtschaftlicher Querschnittsfunktionen (Servicesleistungen) ableiten, die
notwendigerweise neben diesen Grundfunktionen wahrgenommen werden müs-
sen. Außer der Logistikfunktion zählt man dazu insbesondere die in Abb. 2.9 auf-
geführten Funktionen, die sich mit Personal, Finanzen und Informationen befas-
sen. Bezeichnet man diese Funktionen als Serviceleistungen, so hebt man ihren
dienenden Charakter gegenüber den betriebswirtschaftlichen Grundfunktionen
hervor. Spricht man dagegen von Querschnittsfunktionen, so wird damit betont,
dass sie die betriebswirtschaftlichen Grundfunktionen durchdringen. Schon an
dieser Stelle ist hervorzuheben, dass mit dem Begriff Serviceleistungen keine
Betriebswirtschaftliche Grundfunktionen
Forschung
und Beschaffung Produktion Absatz Entsorgung
Entwicklung
Betriebswirtschaftliche Querschnittsfunktionen
Personal
(Serviceleistungen)
Finanzen
Information
Logistik
Instrumentelle Konsequenzen
Verbindet man mit der Logistikkonzeption eine instrumentelle Dimension, so wird
die Logistik zunächst als ein Instrument zur Planung, Steuerung und Kontrolle von
Güterflüssen verstanden. Das Logistikdenken kann Auswirkungen auf viele Berei-
che dieser als Softwaretechnologie zu bezeichnenden Instrumente der Informati-
onsverarbeitung haben, sowohl bei der Unterstützung der logistischen Entschei-
dungsprozesse als auch bei den Auftragsabwicklungsprozessen, der
Materialsteuerung oder dem Bestandsmanagement. Beispielsweise legt es das Lo-
gistikdenken nahe, schwerpunktmäßig nicht Optimierungsmodelle des Operations
Institutionelle Konsequenzen
Der Einsatz neuer Instrumente bedingt im Allgemeinen im Unternehmen zunächst
nur ablauforganisatorische Veränderungen. Nicht immer lässt sich jedoch die Lo-
gistikkonzeption ohne institutionelle Veränderung, d. h. ohne intraorganisatori-
sche Änderung der bestehenden Verteilung von Aufgaben, Kompetenzen, Ver-
antwortung und Macht in Systemen der Mikrologistik realisieren. Denn bei einer
Aufsplitterung logistischer Aufgaben in der Organisationsstruktur sind erstens die
logistischen Systemzusammenhänge schwerer zu erkennen. Zweitens wird die
Verfolgung von Logistikzielen durch die Interessengegensätze der verschiedenen
Organisationseinheiten, die Logistikaufgaben wahrnehmen, erschwert. Offensicht-
48 2 Charakterisierung der Logistikkonzeption
35 Vgl. Pfohl, 1983, S. 721; Pfohl, 2016, S. 50ff. und die dort aufgeführte Literatur.
Literatur 49
Literatur
Ballou R H (2004) Business Logistics / Supply Chain Management. Planning, Organizing, and
Controlling the Supply Chain. 5. Aufl. Upper Saddle River N.J.
Bender P S (1976) Design and Operation of Customer Service Systems. New York
Bowersox D J, Smykay E W, LaLonde B J (1968) Physical Distribution Management. Logistics
Problems in the Firm. Rev. ed. New York
Buxton G (1975) Effective Marketing Logistics. The Analysis, Planning and Control of Distribu-
tion Operations. New York
Churchman C W (1970) Einführung in die Systemanalyse. München
Converse P D (1958) The Other Half of Marketing. In: Seelye A L (Hrsg) Marketing in Transi-
tion. New York, S. 114ff
Corsten H (1993) Stichwort "Dienstleistungsproduktion". In: Wittmann W u.a. (Hrsg) Handwör-
terbuch der Betriebswirtschaft. 5. Aufl. Stuttgart, Sp. 765-776
Corsten H (2007) Produktionswirtschaft. Einführung in das industrielle Produktionsmanagement.
11., vollst. überarb. Aufl. München/Wien
Fey P (1989) Logistik-Management und Integrierte Unternehmensplanung. München
Gopal C, Cypress H (1993) Integrated Distribution Management. Burr Ridge, NY
Havighorst D (1980) Konzept und Leistungspotential der Marketing-Logistik. Weinheim
Heskett J L, Glaskowsky N A, Ivie R M (1973) Business Logistics. Physical Distribution and
Materials Management. 2. Aufl. New York
Hinterhuber H H, Handlbauer G, Matzler K (2003) Kundenzufriedenheit durch Kernkompeten-
zen. Eigene Potentiale erkennen, entwickeln, umsetzen. 2., überarb. Aufl. Wiesbaden
Isermann H (1998) Grundlagen eines systemorientierten Logistikmanagements. In: Isermann H
(Hrsg) Logistik: Gestaltung von Logistiksystemen. 2., überarb. und erw. Aufl. Landsberg a.
L., S. 21-60
Kirsch W, Esser W M (1976) Plädoyer für eine betriebswirtschaftliche Logistik. In: Journal für
Betriebswirtschaft 26 4, S. 208-218
Klaus P (1998) Jenseits einer Funktionenlogistik: Der Prozeßansatz. In: Isermann H (Hrsg) Lo-
gistik: Gestaltung von Logistiksystemen. 2., überarb. und erw. Aufl. Landsberg a. L., S. 61-
78
Krulis-Randa J S (1977) Marketing-Logistik. Eine systemtheoretische Konzeption der betriebli-
chen Warenverteilung und Warenbeschaffung. Bern/Stuttgart
LaLonde B J, Zinszer P H (1976) Customer Service. Meaning and Measurement. Chicago, IL
1976
Langley C J Jr, Holcomb M C (1992) Creating Logistics Customer Value. In: Journal of Busi-
ness Logistics 13 2, S. 1-17
Large R (1995) Unternehmerische Steuerung von Ressourceneignern: Ein verstehender Ansatz
zur Theorie der Unternehmung. Wiesbaden
Large R (2013) Strategisches Beschaffungsmanagement. Eine praxisorientierte Einführung mit
Fallstudien. 5., vollst. überarb. Aufl. Wiesbaden
Lewis H T, Culliton J W, Steele J D (1956) The Role of Air Freight in Physical Distri-bution.
Boston
Meffert H (1994) Marktorientierte Führung von Dienstleistungsunternehmen – neuere Entwick-
lungen in Theorie und Praxis. In: DBW 54 4, S. 519-541
50 2 Charakterisierung der Logistikkonzeption
Zielgrößenentwicklung
Infolge der Globalisierung der Unternehmenstätigkeit und der Dynamik in der
Technologieentwicklung nimmt der Kostendruck zu. Jedes Unternehmen muss
deshalb in der Lage sein, Economies of Arbitrage (Preisvorteile), Economies of
Scale (Größenvorteile), Economies of Scope (Bündelungsvorteile), Economies of
Speed (Zeit- oder Geschwindigkeitsvorteile) und Economies of Structure (Ände-
rungsvorteile) zur Erlangung einer günstigen Kostenposition zu erreichen. Sollte
ein Unternehmen nicht in der Lage sein, diese Kostenanforderungen zu erfüllen,
hat es die „Eintrittskarte“ für das Spiel auf dem Markt verloren. Die mit dem Kos-
tendruck verbundene Ressourcen- oder Produktionsfaktororientierung ist deshalb
von wesentlicher Konsequenz für die Logistik.
Aus der Globalisierung und Technologieentwicklung resultiert aber auch ein
Marktdruck. Die Kunden werden immer anspruchsvoller und lernen schnell, posi-
tive Erfahrungen von Teilmärkten auf andere Teilmärkte zu übertragen. Das ver-
langt eine extreme Ausrichtung des Unternehmens an den Bedürfnissen des Kun-
den. Ein Unternehmen kann sich gegenüber Wettbewerbern vor allem durch
differenzierte, auf Marktsegmente zugeschnittene Problemlösungsangebote abhe-
ben. Diese Problemlösungsangebote verlangen neben Produktinnovationen auch
zunehmend Prozessinnovationen.
Dem Risiko (der Unsicherheit) unternehmerischer Entscheidungen wird künftig
größere Beachtung geschenkt werden müssen. Denn die Schere zwischen den An-
forderungen an die Risikobereitschaft der Unternehmen und deren Fähigkeit, Risi-
ko zu tragen, öffnet sich. Dies ist vor allem eine Folge der steigenden Komplexität
und Dynamik der Märkte, die mit schlechteren Prognosemöglichkeiten für unter-
nehmerische Entscheidungen verbunden ist und der sinkenden Ertragskraft der
Unternehmen. Sie verlangt, dass den finanziellen Auswirkungen unternehmeri-
Managementkonsequenzen
Der erste Schwerpunkt ergibt sich aus der sinkenden Ertragskraft der Unterneh-
men. Sie macht es erforderlich, dass unter den Unternehmenszielen dem Rentabili-
tätsziel besonderes Gewicht beigemessen wird.2 Das in den 70er Jahren vor allem
in Großunternehmen vorherrschende Umsatzdenken ist dem Rentabilitätsdenken
gewichen. Im Mittelpunkt steht die Qualität und nicht mehr die Quantität der
Märkte.3 Potentielle Umsatzsteigerungen werden daraufhin überprüft, ob die durch
sie verursachten Kostensteigerungen nicht eher Probleme schaffen als Probleme
lösen. Marketingorientiertes Management muss ergänzt werden durch produkti-
onsfaktor- oder ressourcenorientiertes Management. 4 Denn der Gewinn wird je
nach Wachstum eines Marktes mehr von der Umsatzseite oder von der Kostensei-
te positiv beeinflusst werden können.
Die Produktionsfaktororientierung im Management verlangt, bei der Kombina-
tion der Produktionsfaktoren allen Produktionsfaktoren die gleiche Aufmerksam-
keit zu schenken und ihre jeweilige Kostenentwicklung ständig zu verfolgen. Ver-
nachlässigt wurden diesbezüglich in der Vergangenheit die Produktionsfaktoren
Information und Material. Während die Information neben den klassischen Pro-
duktionsfaktoren Arbeit, Betriebsmittel und Material zum größten Teil überhaupt
nicht als solcher gesehen wurde, stand beim Produktionsfaktor Material einseitig
der Kosteneinflussfaktor Preis im Vordergrund. Der in den Lagerbeständen zum
Ausdruck kommende Kosteneinflussfaktor Menge wurde hingegen vernachlässigt.
Die Produktionsfaktororientierung hat deshalb (insbesondere) ein neues Informa-
tionsmanagement und ein neues Bestandsmanagement zur Folge.5 Gegenstand des
Informationsmanagements ist der wirtschaftliche Einsatz des Produktionsfaktors
Information, was bei einer entsprechenden Informationskostenentwicklung auch
die Substitution anderer Produktionsfaktoren durch die Information beinhaltet.
Gegenstand des Bestandsmanagements ist eine integrierte Betrachtung aller im
Unternehmen vorhandenen Lagerbestände mit dem Ziel, die Kapitalbindung zu
senken und so die Rentabilität durch eine größere Kapitalumschlagshäufigkeit zu
erhöhen. Grundlegend für das Bestandsmanagement ist die Überlegung, dass die
Kapitalbindung im Umlaufvermögen ebenso eine Investition darstellt wie die Ka-
pitalbindung im Anlagevermögen.
2 Nach außen erkennbar wird dieser Wandel durch eine zunehmende und von den meisten Un-
ternehmen auch nach außen kommunizierte Konzentration auf den Shareholder Value. Die-
ser soll durch die Steigerung des Cash Flow erhöht werden. Zum Einfluss der Logistik auf
den Return on Investment vgl. Pfohl, 2016, S. 55ff.
3 Vgl. LaLonde, 1979, S. 16ff.
4 Vgl. Bender, 1983, S. 27f.
5 Vgl. LaLonde, 1979, S. 16ff.
3.1 Betriebswirtschaftliche Entwicklungstendenzen 53
Der zweite Managementschwerpunkt ergibt sich aus der Dynamik der Märkte
und den damit verbundenen kürzeren Reaktionszeiten für unternehmerische Ent-
scheidungen. Sie verlangt zunächst einen Ausbau der Planungs- und Kontrollsys-
teme des Unternehmens. Nur damit können die in der Umwelt des Unternehmens
entstehenden Gefahren und Chancen rechtzeitig erkannt werden. Zur langfristigen
Eingrenzung des Risikos bietet sich das Instrumentarium des Controllings an.
Durch hoch entwickelte Planungs- und Kontrollsysteme lässt sich jedoch die
Unsicherheit unternehmerischer Entscheidungen nicht vollständig beseitigen.
Deshalb kommt der Flexibilität des Unternehmens wachsende Bedeutung zu, auf-
grund der es kurzfristig auf Veränderungen der Umwelt reagieren kann. Zur Um-
setzung der Flexibilitätsforderung können in Unternehmen flexible Organisations-
strukturen eingeführt oder Produktions- und Logistiksysteme flexibel ausgerichtet
werden. Flexibilität der Organisationsstruktur wird beispielsweise durch Entbüro-
kratisierung erreicht. Flexible Organisationsstrukturen ermöglichen Entschei-
dungsprozesse, mit denen das Unternehmen auf nicht vorhergesehene Situationen
reagieren kann. Flexibilität in Produktion und Logistik erreicht man dadurch, dass
die Produktions- und Logistikentscheidungen näher an den Zeitpunkt der Kaufent-
scheidungen am Absatzmarkt herangerückt werden. 6 Dies bedeutet einen Auf-
schub der Fertigung, bis Klarheit über die vom Käufer gewünschten Produkte be-
steht und setzt die Konstruktion der Produkte nach dem Baukastenprinzip,
kleinere Fertigungslose, geringere Umrüstkosten sowie universeller einsetzbare
Betriebsmittel und Mitarbeiter voraus. Außerdem bedeutet es einen Aufschub der
Lagerhaltung, bis sich die auftretende Nachfrage in den Absatzmärkten klar ab-
zeichnet und setzt zentrale Lagerhaltung – verbunden mit einer schnellen und zu-
verlässigen Auslieferung – voraus.
Erhöht wird die Flexibilität häufig noch durch eine Spezialisierung der Unter-
nehmen. Dies erfolgt teilweise innerhalb der Unternehmen, indem bestimmte Mo-
dule für die jeweiligen Aufgaben geschaffen werden, 7 teilweise durch eine unter-
nehmensübergreifende Arbeitsteilung. Statt möglichst umfangreiche Teile der
logistischen Kette und der Produktionsprozesse zu übernehmen, werden nur noch
bestimmte Aufgaben wahrgenommen. Andere Aufgaben werden an andere Unter-
nehmen übergeben, die auf die jeweiligen Gebiete spezialisiert sind. Durch diese
Spezialisierung können sich die Unternehmen auf ihre Aufgaben konzentrieren
und flexibler auf die an sie gestellten Aufgaben reagieren. Hierdurch entstehen
flexible Logistikketten (auch als Supply Chains bezeichnet) und Netzwerke, die
gemeinsam Leistungen erbringen.8
Die aus den betriebswirtschaftlichen Entwicklungstendenzen aufgezeigten bei-
den neuen Schwerpunkte im Management zeigen die grundsätzliche Bedeutung
der Logistik für das Unternehmen. Denn die Logistikkonzeption kann sowohl ei-
6 Dieses Konzept wird als Postponement bezeichnet, vgl. dazu Bowersox/Closs, 1996, S.
471f.; Pfohl/Pfohl, 2000, S. 40ff; Pfohl, 2016, S. 110ff.
7 Vgl. Picot u.a., 2003, S. 230ff.
8 Siehe Teil IV Abschn. 17.3.
54 3 Bedeutung der Logistik
3.2 Kostendruck
Ausgangssituation
Die genaue Höhe der Logistikkosten in einem Unternehmen ist nur sehr schwer zu
ermitteln. Dies liegt zum einen daran, dass die Definition von Logistikkosten un-
ternehmens-, branchen- und länderspezifisch variiert und dass zur Bestimmung
der Kosten häufig unterschiedliche Kostenrechnungssysteme zur Anwendung
kommen.10 In einer 2009 veröffentlichten Studie, die Unternehmen aus verschie-
denen Branchen in Europa verglich, wurden Logistikkosten von 3,5-8,7% Anteil
vom Umsatz ermittelt (vgl. Abb. 3.1). Abb. 3.2 zeigt die Bedeutung der Logistik-
kosten durch eine Abschätzung ihres Anteils am Bruttosozialprodukt verschiede-
ner Länder. Hinsichtlich der Vergleichbarkeit müssen allerdings die geographi-
schen Gegebenheiten sowie die vorhandene Infrastruktur berücksichtigt werden.
Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass die anteiligen Logistikkosten
über lange Jahre zurückgegangen sind, in den letzten Jahren jedoch wieder anstei-
gen, wobei sie jedoch unterschiedlich hoch eingeschätzt werden.11
Obwohl mittlerweile neue Kostenrechnungsmethoden entwickelt wurden, 12 mit
denen die Kosten genauer als in der Vergangenheit den Kostenverursachern zu-
gewiesen werden können, stellt sich die Logistikkostenrechnung in vielen Unter-
nehmen als Schwierigkeit dar.13 Die Höhe der Logistikkosten wird deswegen häu-
9 Zu dieser über den Zeitraum von 1981 bis 1990 durchgeführten Untersuchung vgl.
Graumann, 1993.
10 Zu den Problemen bei der Bestimmung der Logistikkosten vgl. Pfohl, 1996 und die dort auf-
geführte Literatur.
11 Vgl. Straube/Pfohl, 2008, S. 47; European Logistics Association/A. T. Kearney, 2009a, S. 13
und 2009b, S. 12. In den USA war der niedrigste Wert für den Anteil der Logistikkosten am
Bruttosozialprodukt 7,37% im Jahr 2009. Danach stiegen sie wieder an auf ca. 7,9% in den
Jahren 2011 bis 2015. Zum ersten Mal fielen sie 2016 auf 7,5%. Vgl. Solomon/Gooley,
2017.
12 Vgl. Weber, 2002; Pfohl, 2016, S. 214ff.
13 Vgl. Straube/Pfohl, 2008, S. 48.
3.2 Kostendruck 55
8,7%
8,4%
0,2%
1,3%
7,1%
2,1%
Summe 6,0% 1,4%
1,3%
Verwaltung 0,5%
1,2%
1,2%
Lagerhaltung 1,0% 2,2%
3,5%
1,1%
Lagerhaus 1,5%
0,4%
0,3%
4,8%
1,2%
3,9%
Transport 3,5%
3,0%
1,6%
Abb. 3.1 Aufteilung der Logistikkosten verschiedener logistischer Teilfunktionen und Bran-
chen in Prozent vom Umsatz. Ergebnisse einer 2008/2009 in 18 europäischen Län-
dern durchgeführten Studie (Quelle: European Logistics Association /A. T.
Kearney, 2009a, S. 14 und 2009b S. 13)
fig unterschätzt, weil nicht alle durch den Ablauf logistischer Prozesse verursach-
ten Kosten als Logistikkosten erkannt werden. Sie bleiben dann entweder in Ge-
meinkostenzuschlägen, z. B. in Beschaffungs-, Produktions- und Absatzkosten,
verborgen oder es wird nicht das gesamte betriebliche Logistiksystem gesehen,
sondern nur ein logistisches Teilsystem. Dabei stand sehr lange allein die Distribu-
tionslogistik im Vordergrund. Später gewannen auch die Beschaffungslogistik und
die Produktionslogistik die ihnen gebührende Aufmerksamkeit. Die mehr oder
weniger vollständig erfassten Logistikkosten werden den logistischen Leistungen
(dem Service) zudem nicht verursachungsgerecht zugerechnet, so dass der eigent-
liche Preis dieser Leistungen nicht bekannt ist, was zu überzogenen Serviceanfor-
derungen seitens der Produktion und des Marketings im Unternehmen führt.
Doch nicht nur Entscheidungen über logistische Leistungen werden oft ohne
fundierte Kenntnisse der durch sie verursachten Logistikkosten getroffen. Be-
schaffungs-, Produktions- und Absatzentscheidungen haben ebenfalls nicht be-
rücksichtigte Auswirkungen auf die Logistikkosten. Beispielhaft werden solche
Auswirkungen noch im Teil III aufgezeigt.
56 3 Bedeutung der Logistik
* in Mrd. Euro
Abb. 3.2 Vergleich der nationalen Logistikkosten und des Bruttosozialproduktes ausgewähl-
ter Länder. Stand 2007 für Europa und Stand 2008 für die USA. 14 (Quelle:
Klaus/Kille, 2008, S. 153ff; Wilson, 2009, S. 2ff.)
Zukünftiger Trend
Der Anteil der Logistikkosten am Bruttosozialprodukt und die teilweise erhebli-
chen Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern (vgl. Abb. 3.2) zeigen,
dass das Gesamtvolumen der Logistikausgaben erheblich ist. Studien aus dem Jahr
2008 zeigen, dass die Logistikkosten primär von steigenden Energie-, Treibstoff-
und Transportpreisen sowie von hohen Personalaufwendungen hoch getrieben
werden.15 Noch zu berücksichtigen ist, dass bestimmte Logistikkosten in Folge der
zunehmenden Tendenzen zu Globalisierung, Umwelt- und Ressourcenschutz, Si-
cherheitsanforderungen weiter steigen werden (vgl. Abb. 3.3).
Summe 12,1%
Verwaltung 1,3%
Lagerhaltung
2,5%
8,5%
7,7%
1,2% 7,3%
2,4% 0,8%
Lagerhaus 6,4% 0,8%
1,7% 6,1%
1,3%
1,0% 0,8% 1,2%
Abb. 3.3 Anteil der Logistikkosten in Prozent vom Jahresumsatz. Ergebnisse einer 2008/2009
in 18 europäischen Ländern durchgeführten Studie (Quelle: European Logistics
Association /A. T. Kearney, 2009a, S. 13 und 2009b S. 13)
raussetzung. Sie sind die Eintrittskarte dafür, dass man überhaupt in einem Wett-
bewerb eine Rolle spielen kann.
Die Einsparpotentiale im Bereich der Logistikkosten werden recht unterschied-
lich bewertet. Logistikmanager sehen noch Kostensenkungspotential bei den Be-
standskosten. Einsparpotentiale bei den Transportkosten könnten sich noch durch
eine bessere Auslastung der vorhandenen Transportkapazitäten ergeben, zum Bei-
spiel durch mehr Kooperation sowohl seitens der Anbieter als auch seitens der
Nachfrager auf dem Transportmarkt. Einsparpotentiale liegen weiterhin im ver-
stärkten Einsatz des Produktionsfaktors Information, der höhere Kosten verursa-
chende andere Produktionsfaktoren, z. B. Materialbestände oder Lagerhäuser, sub-
stituiert. Dies gilt vor allem für die bessere Unterstützung logistischer Planungs-
und Steuerungsprozesse. Noch zu erschließende Potentiale liegen aber auch in der
umfassenderen, unternehmensübergreifenden Optimierung der interorganisatori-
schen Logistikketten.17
3.3 Marktdruck
Ausgangssituation
Der Wettbewerb wird auf Käufermärkten mit allen Instrumenten der Marketingpo-
litik ausgetragen. Wie empirische Untersuchungen bereits in den 80er und 90er
Jahren18 übereinstimmend zeigen, kommt hierbei auf vielen Absatzmärkten von
Industrie- und Handelsunternehmen dem Lieferservice eine große Bedeutung zu.
Er ist mit der Produktqualität vielfach der gewichtigste Einflussfaktor der Ein-
kaufsentscheidung (Lieferantenwahl). 19 Bewertungskriterien für Lieferantenaus-
wahl umfassen nicht nur den zu beschaffenden Gegenstand, sonder auch die ge-
samte Leistungsfähigkeit des Lieferanten und auch die Logistikleistungen sind ein
wichtiger Bestandteil der Kriterien (vgl. Abb. 3.4). Einerseits folgt dies aus einem
Kaufverhalten, das sich durch das Bestreben nach einer Verschiebung der Lager-
haltung auf den Lieferanten auszeichnet. Damit verbunden sind kleinere Auftrags-
größen und kürzere Bestellintervalle sowie die Forderung nach speziellen Anlie-
ferbedingungen. Andererseits ist es eine Folge der auf vielen Märkten
anzutreffenden Substituierbarkeit der Sachleistungen. Wettbewerbsvorteile lassen
sich dann nur noch aufgrund einer Heterogenisierung des Angebots durch Dienst-
leistungen, z. B. logistische Dienstleistungen, erringen. Diese Möglichkeit wird
sowohl von Anbietern genutzt, um sich von Wettbewerbern zu differenzieren,
wird aber mittlerweile auch verstärkt von Kunden nachgefragt. Auf solchen Märk-
• Rechtsform
• Image
• Kapitalbasis
Kriterien zur
Beurteilung der • Stellung auf dem Markt
wirtschaftlichen • Qualität des Management
Lage des • Qualität der Mitarbeiter
Lieferanten
• Kostenstruktur
• Ertragslage
• Organisation
• Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten
• Entfernung zum Abnehmer
• Anlieferungsmöglichkeiten
• Möglichkeiten zur Just-in-Time-Anbindung
Kriterien zur • Flexibilität im Hinblick auf später mögliche Änderungen
Beurteilung der • Service
grundsätzlichen
Eignung als • Garantie/ Kulanz
Zulieferer • Recyclingmöglichkeiten
• Abstimmung bzw. Integration der IT-Systeme
• Möglichkeit von gemeinsamen Investitionen
• Möglichkeit der gemeinsamen Produktionsplanung und -steuerung
• Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten
• Qualität
Kriterien zur
Beurteilung des • Preis
Lieferanten im • Lieferbedingungen
Hinblick auf das • Zahlungsbedingungen
Beschaffungsobjekt
• Liefertermine
ten ist die Notwendigkeit jederzeitiger Verfügbarkeit der Ware (z. B. Präsenz der
Ware im Regal des Handels) offensichtlich. Diese Entwicklung wird auch an der
Verschiebung der Auswahlkriterien für die Fremdvergabe logistischer Leistungen
deutlich (vgl. Abb. 3.5). Faktoren wie Kosten und Zuverlässigkeit verlieren relativ
an Bedeutung, weil sie als notwendige Voraussetzung betrachtet werden. Im Ge-
gensatz dazu gewinnen die Faktoren Innovationsfähigkeit und Flexibili-
tät/Kundenorientierung als Differenzierungsmerkmale an Bedeutung.
Aus der Bedeutung des Lieferservices in Industrie und Handel folgt die Bedeu-
tung der Logistikunternehmen als Absatzhelfer von Industrie- und Handelsunter-
nehmen. Auf diese Absatzhelfer sind viele Industrie- und Handelsunternehmen
angewiesen, weil sie selbst die erforderlichen logistischen Dienstleistungen gar
nicht oder nur unter großen Mühen erbringen können. Die Gründe hierfür liegen
60 3 Bedeutung der Logistik
32%
Preis/
Kosten 28%
en
st
Ko
s/
ei
Pr 30%
Zuverlässigkeit/
Liefertreue 29%
ue
tre
er
ef
Li
it/
ke
Innovationsfähigkeit 9%
ig
ss
rl ä
11%
ng
ve
ru
Zu
ie
nt
rie
no
de
Flexibilität/ 16%
un
t/K
Kundenorientierung 18%
tä
t
ei
i li
gk
ib
hi
ex
fä
Fl
ns
ti o
2007
va
Entwicklungstendenz
no
2012
In
Abb. 3.5 Vier ausgewählte Kriterien für die Fremdvergabe von Leistungen der Verlader an
Logistikdienstleister (Quelle: European Logistics Association/Arthur D. Little,
2007, S. 12)
Zukünftiger Trend
Die eher noch zunehmende Substituierbarkeit der Produkte und die zunehmende
Verbreitung des Wissens über die aus der Logistikkonzeption resultierenden Vor-
teile sowohl bei den Kunden als auch bei den Konkurrenten werden auf vielen
Märkten die Bedeutung des Lieferservice als Instrument zur Behauptung im Wett-
bewerb noch weiter steigern. Der mit einem Anheben des Lieferserviceniveaus im
Allgemeinen verbundene überproportionale Anstieg der Logistikkosten zwingt al-
20 Vgl. Large u.a., 2000, S. 41ff.; European Logistics Association/Authur D. Little, 2007, S. 12.
3.3 Marktdruck 61
1 2 3 4 5
Beurteilungskriterien
Zuverlässigkeit beim Einhalten der Laufzeit
Preis
Servicequalität (Zustellfehler, Beschädigungen)
Verhalten bei Nachforschungen
Sendungsverfolgungssystem
Sendungslaufzeit 24 Stunden
Zustand der Transportmittel
Beratungskompetenz der Mitarbeiter
EDV-Anbindung
internationale Ausrichtung
Technologische Fortschrittlichkeit der Transportmittel
Einbindung in Netzwerke mit anderen Speditionen
ergänzende logistische Leistungen
fester Kundenbetreuer
mobiler Stauraum
regionale Marktstärke
Image
Abb. 3.6 Bedeutung von Beurteilungskriterien bei der Auswahl von Speditions- bzw. Trans-
portunternehmen für die Transportdurchführung im Beschaffungsbereich (1 = keine
Bedeutung, 5 = sehr große Bedeutung). Ergebnisse einer 1997 bei 533 Unterneh-
men in Deutschland durchgeführten Befragung (Quelle: Pfohl/Schäfer, 1998, S. 86)
21 Vgl. Pfohl, 1998, S. 31ff. Untersuchungen haben gezeigt, dass Unternehmen, die kundenin-
dividuelle ergänzende Serviceleistungen anbieten, überdurchschnittlich erfolgreich sind, vgl.
ebenda, S. 29f.; Straube u. a., 2005, S. 20f.; Doch, 2009, S. 1f.
62 3 Bedeutung der Logistik
Dies steht im Zusammenhang mit dem technischen Fortschritt als dritte Ent-
wicklung auf den Verkehrsmärkten. Der technische Fortschritt innerhalb beste-
hender Transportsysteme bei den Fahrwegen (z. B. Schienenwege für schnellere
Züge), bei den Fahrzeugen (z. B. neue Antriebsformen) und bei den Stationen
(z. B. neue Umschlagstechnologien) oder bei Warenflusssteuerung (z. B. RFID-
Technologie28) bildet die Grundlage einer Industrialisierung der Produktion von
Verkehrsleistungen. Sie äußert sich in einer verstärkten Mechanisierung und Au-
tomatisierung, in der Herstellung der Massenhaftigkeit der Produktion und in einer
größeren Kapitalintensität.
Logistikkosten/
Transport- und Früher
Kommunikations-
kosten
Heute
Marktentfernung
Abb. 3.7 Tendenzieller Verlauf der Logistikkosten – insbesondere der Transport- und Kom-
munikationskosten – je Gütereinheit in Abhängigkeit von der Marktentfernung
Logistik- Logistik-
kosten kosten Gesamtkosten
Gesamtkosten
Transportkosten Lagerkosten
Lagerkosten
Transportkosten
Logistik-
kosten
Gesamtkosten
Transportkosten
Lagerkosten
Gefährlichkeit
Abb. 3.8 Tendenzieller Verlauf der Logistikkosten in Abhängigkeit von der Produktart (Quel-
le: Vgl. Ballou, 2004, S. 72ff.; Heskett u.a., 1973, S. 45ff.)
30 Vgl. Pfohl, 1972, S. 82f. Zur Diskussion der Branchenabhängigkeit der Logistik vgl. Schu-
macher, 1988, S. 96ff.; Kummer, 1992, S. 40f.
31 Vgl. Hallbauer/Knödel, 1977, S. 16ff.
3.4 Stellenwert im Unternehmen 67
Eine Analyse der Logistikkosten und des Services zeigt beispielsweise, dass die
Logistik für Verbrauchsgüter des täglichen Bedarfs eine große Bedeutung haben
muss. Das sind Güter, die relativ billig sind und die ohne lange Qualitäts- und
Preisvergleiche gekauft werden, da wesentliche Unterschiede bei den konkurrie-
renden Produkten nicht bestehen. Dies trifft etwa auf weite Bereiche der Nah-
rungsmittelindustrie zu. So ist es nicht verwunderlich, dass gerade Unternehmen
der Nahrungsmittelindustrie zu den Pionieren im Bereich der Logistik gezählt
werden müssen.
Bei vielen Erzeugnissen der chemischen Industrie liegt der Anteil der Logistik-
kosten am Umsatz ebenfalls sehr hoch und es bestehen kaum Preis- und Qualitäts-
unterschiede zwischen den konkurrierenden Produkten, so dass die Logistik auch
bei diesen Gütern von großer Bedeutung ist. Natürlich kann die Bedeutung der
Logistik für eine Branche auch dann groß sein, wenn der Anteil der Logistikkos-
ten relativ niedrig, der Service aber sehr wichtig ist. Dies dürfte für Büromaschi-
nen und Haushaltsgeräte einschließlich des damit verbundenen Ersatzteilgeschäf-
tes zutreffen. In Abb. 3.9 wird der Versuch unternommen, verschiedene Branchen
in einer Matrix entsprechend der Bedeutung der Logistik als Instrument der Ratio-
nalisierung und des Lieferservice als Instrument der Marketingpolitik zur Diffe-
renzierung zu positionieren.
Zur Gewährleistung ihres Stellenwertes im Unternehmen ist die Logistik in
zweierlei Weise zu implementieren, zum einen als Querschnittsfunktion und zum
anderen als Unternehmensprinzip.
hoch
Handel/
Konsumgüter
Chemische
Industrie
Maschinenbau/
Geräte
Differenzierung
Papierindustrie
niedrig hoch
Rationalisierung
Abb. 3.9 Bedeutung der Logistik als Instrument der Rationalisierung und des Lieferservice
als Instrument zur Differenzierung für einzelne Branchen (Quelle: in Anlehnung
an Kowalski, 1992, S. 130)
Teilweise wird sogar die Meinung vertreten, die Logistik mit ihrem traditionel-
len Merkmal der Prozessorientierung biete das Potential zu einer logistikorientier-
ten Organisations- oder Managementtheorie 36 oder lasse sich als eine spezielle
Ausprägung einer (Meta-)Führungslehre37 verstehen, in der alle prozessbezogenen
Ansätze der Unternehmensführung zu integrieren seien. Sicherlich braucht man
nicht so weit zu gehen, um der Bedeutung der Logistik gerecht zu werden! Sie hat
jedoch einen großen Einfluss auf wichtige Teilbereiche der Betriebswirtschaftsleh-
re, auf den abschließend in diesem Grundlagenkapitel eingegangen werden soll:38
In der Verkehrsbetriebslehre als einer speziellen Betriebswirtschaftslehre ge-
mäß der institutionellen Gliederung der Betriebswirtschaftslehre hat die Logistik-
konzeption zu einer Erweiterung des Erfahrungs- und Erkenntnisobjektes geführt.
Erfahrungsobjekte sind heute alle Unternehmen, die logistische Dienstleistungen
auf dem Markt anbieten. Zu ihrer Bezeichnung haben sich die Begriffe Logistik-
unternehmen oder logistische Dienstleister durchgesetzt. Bei der Gewinnung von
neuen Erkenntnissen ist die Verkehrsbetriebslehre dabei verstärkt auf die For-
schungsergebnisse technischer Nachbarwissenschaften und der Informatik ange-
wiesen, wobei der Blick für die komplexen Schnittstellen zu den Logistiksystemen
der Industrie und des Handels geöffnet wird. Diese Entwicklung kommt auch da-
rin zum Ausdruck, dass einer der Träger der Logistikidee die Gesellschaft für
Verkehrsbetriebswirtschaft und Logistik e. V. (GVB) ist.
In der Materialwirtschaft als einer betriebswirtschaftlichen Teildisziplin gemäß
der funktionellen Gliederung der Betriebswirtschaftslehre hat die Logistikkonzep-
tion zu einer deutlichen Profilierung der zwei unterschiedlichen materialwirt-
schaftlichen Teilfunktionen Einkauf und Materiallogistik geführt, die beide zur Er-
füllung des materialwirtschaftlichen Ziels der Versorgung des Unternehmens mit
Material i. w. S. beitragen. Charakteristisch für den Einkauf ist die Marketingori-
entierung zur aktiven Beschaffungsmarktforschung und Beschaffungsmarktbeein-
flussung in Hinblick auf eine Sicherung der Lieferkapazität. Charakteristisch für
die Materiallogistik ist die Logistikorientierung bei der Gestaltung der Lieferkette
(Supply Chain) vom Lieferanten zur Produktion (Verbindung der Lieferkapazitä-
ten mit den Produktionskapazitäten) beim Industrieunternehmen oder zu den Ver-
kaufsstellen (Absatzkapazitäten) beim Handelsunternehmen. Bei der Entwicklung
von Einkaufsstrategien und der Lieferantenauswahl finden zunehmend logistische
Beurteilungskriterien Beachtung. Auch im Bereich der Materialwirtschaft gibt es
als einen Träger der Logistikidee eine Gesellschaft, nämlich den Bundesverband
für Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e. V. (BME).
In der Produktionswirtschaft als einer betriebswirtschaftlichen Teildisziplin
gemäß der funktionellen Gliederung der Betriebswirtschaftslehre hat die Logistik-
konzeption zu einer neuen Gewichtung der bei der Produktionssteuerung verfolg-
ten Ziele und damit zu neuen Handhabungen des als Dilemma der Produktions-
Literatur
A T Kearney (1993) Logistics Excellence in Europe. A Study Report Prepared by A T Kearney
on Behalf of the European Logistics Association (ELA). o. O. 1993
Aberle G (2009) Transportwirtschaft. Einzelwirtschaftliche und gesamtwirtschaftliche Grundla-
gen. 5., überarb. und ergänzte Aufl. München
Ballou R H (2004) Business Logistics / Supply Chain Management. Planning, Organizing, and
Controlling the Supply Chain. 5. Aufl. Upper Saddle River N J
Baumgarten H, Wolff S (1999) The Next Wave of Logistics - Global Supply Chain efficiency.
Berlin/Boston
Bender P S (1983) Resource Management. An Alternative View of the Management Process.
New York u.a.
Bowersox D J, Closs D J (1996) Logistical Management. Überarb. Ausg. der 3. Aufl. New York
u.a. 1996
Bowersox D J, Closs D J, Stank Th (1999) 21st Century Logistics: Making Supply Chain Inte-
gration a Reality. Oak Brook, IL
Bundesamt für Güterverkehr (2006a) Marktbeobachtung Güterverkehr: Sonderbericht: Einein-
halb Jahre streckenbezogene Lkw-Maut – Auswirkungen auf das deutsche Güterverkehrsge-
werbe. Köln
Bundesamt für Güterverkehr (2006b) Marktbeobachtung Güterverkehr: Sonderbericht: Zwei Jah-
re EU-Osterweiterung – Auswirkungen auf das deutsche Güterverkehrsgewerbe. Köln
Literatur 71
Jedes System lässt sich in ein übergeordnetes System einordnen sowie in eine An-
zahl von Subsystemen aufgliedern. Eine Aufgliederung des Gesamtsystems der
Logistik in Subsysteme ermöglicht eine Konkretisierung der für die Logistik cha-
rakteristischen Entscheidungsprobleme. Das Gesamtsystem der Logistik wird
hierzu entsprechend der in Teil I vorgenommenen funktionellen Abgrenzung in
die Folgenden verrichtungsspezifischen Subsysteme zerlegt:
x Auftragsabwicklung,
x Lagerhaltung,
74 3 Bedeutung der Logistik
x Lagerhaus,
x Verpackung,
x Transport.
Im Rahmen dieses Buches ist es nicht möglich, die verrichtungsspezifischen
Subsysteme der Logistik in ihrer gesamten Breite und Tiefe darzustellen, sondern
es ist eine Beschränkung auf grundlegende Aspekte notwendig. Hierzu wird je-
weils jedes verrichtungsspezifische Subsystem definiert und seine Funktionen im
Gesamtsystem der Logistik werden erörtert. Danach folgt eine Charakterisierung
der im verrichtungsspezifischen Subsystem wahrzunehmenden Aufgaben.
Schließlich wird noch auf spezifische Entscheidungstatbestände eingegangen, die
für das jeweils behandelte verrichtungsspezifische Subsystem als besonders ty-
pisch anzusehen sind.
Es erfolgt eine Beschränkung auf die Logistiksysteme in Industrie- und Han-
delsunternehmen.1 In der Handelsliteratur wird das Logistiksystem auch als Teil
der Warenwirtschaft des Handelsunternehmens diskutiert. 2 Unter Warenwirtschaft
ist die physische, administrative und dispositive Behandlung von Handelsware zu
verstehen. Sie lässt sich in die funktionalen Subsysteme Warenwirtschaftssystem
und Warenprozesssystem zerlegen. Das Warenwirtschaftssystem umfasst alle wa-
renbezogenen Informationsprozesse und wird im Abschnitt über die Auftragsab-
wicklung gesondert dargestellt. Das Warenprozesssystem umfasst alle warenbezo-
genen physischen Prozesse. Dazu gehören die im Folgenden zu behandelnden
logistischen Teilprozesse des Warenflusses als auch die Veränderung der Ware
durch handelsübliche Manipulation.
Die Logistikunternehmen werden in Teil IV gesondert behandelt. Die Logistik
in den anderen Dienstleistungsunternehmen wird nicht an besonderer Stelle darge-
stellt, da die Logistikproblematik vergleichsweise gering ist, wenn lediglich Be-
triebsstoffe als logistische Objekte betrachtet und die anstehenden Logistikprob-
leme von ihrer Art denen in Industrie- und Handelsunternehmen ähneln. Die
Übertragung der Logistikkonzeption auf spezifische Dienstleistungen, die etwa
von einer Bank am Markt angeboten werden, kann im Rahmen dieses Buches
nicht geleistet werden.
Definition
Der Auftrag ist die Grundlage des Informationsflusses im Logistiksystem. Abb.
4.1 zeigt, welche Informationen einem vollständig ausgefüllten Auftragsformular
auf jeden Fall zu entnehmen sein sollten. Die Vollständigkeit und Richtigkeit der
Informationen sind deshalb so wichtig, weil sie der Input für das Logistiksystem
sind. Fehler bei diesen Informationen können durch Kontrollen im System im All-
gemeinen nicht mehr aufgedeckt werden, sondern machen sich erst bemerkbar,
wenn die Güter beim Empfangspunkt eintreffen. Außerdem ist der Auftrag eine
wichtige Informationsquelle für andere Unternehmensbereiche.
Als externer Auftrag (Kundenauftrag) ist er ein wichtiges Bindeglied für die
Distributionslogistik des Lieferanten und die Beschaffungslogistik des Kunden.
Als interner Auftrag ist er das Bindeglied zwischen intraorganisatorischen Lo-
gistiksystemen, wie z. B. zwischen Produktionslogistik und Beschaffungslogistik
oder Zentrallager und Außenlager. Die Auftragsabwicklung wird im Folgenden
am Beispiel des externen Auftrags definiert. Diese Definitionen lassen sich jedoch
analog auf interne Aufträge mit unterschiedlichen Empfangs- und Lieferpunkten
übertragen. Bei der Definition der Auftragsabwicklung können zwei Sichtweisen –
eine aus dem Bereich der Distributionslogistik und eine aus dem Bereich der Pro-
duktionslogistik – unterschieden werden.
Definitionen aus dem Bereich der Distributionslogistik betonen die funktionel-
le Dimension der Auftragsabwicklung. Entsprechend lässt sich die Auftragsab-
wicklung als die Übermittlung und „datenmäßige Bearbeitung und Kontrolle der
Aufträge vom Zeitpunkt der Auftragsaufgabe beim Kunden bis zur Ankunft der
Sendungsdokumente und Rechnungen beim Kunden“1 definieren. Im Mittelpunkt
der Auftragsabwicklung steht somit der Formularfluss zur Erledigung eines Auf-
trages. Sie bildet neben der Kommissionierung, der Verpackung und dem Trans-
port einen Teil des Auftragszyklusses.2 Unterschiede zwischen den verschiedenen
Definitionen dieser Sichtweise beruhen im Wesentlichen auf der Einbeziehung
von Materialflussaufgaben sowie dem Grad der Einbeziehung des finanzwirt-
schaftlichen Stroms (z. B. Debitorenkontokorrent).
1 Klee/Türks, 1970, S. 69. Vgl. auch Türks, 1972, S. 67f.; Specht/Fritz, 2005, S. 159 f.
2 Vgl. Stock/Lambert, 2001, S. 146ff.
Auftragsformular
Auftragsnummer, Auftragsdatum
Verkaufsbedingungen, Rabatte
Transportmittel, zu berechnender
Versandkostenanteil
Versandanschrift, Liefertermin
Funktionen
Die Auftragsabwicklung hat drei Funktionen: Die Gewährleistung eines dem Gü-
terfluss vorauseilenden Informationsflusses, die Gewährleistung eines den Güter-
fluss begleitenden Informationsflusses und die Gewährleistung eines den Güter-
fluss nacheilenden Informationsflusses. Aufgrund dieser drei Informationsflüsse
ist es möglich, den Güterfluss zu planen, zu steuern und zu kontrollieren. Der Gü-
terfluss bzw. die Güter werden dadurch logistisch determiniert.
Der dem Güterfluss vorauseilende Informationsfluss soll alle in den Güterfluss
eingeschalteten Stellen rechtzeitig über die eintreffenden Güter informieren. Sie
erhalten auf diese Weise den notwendigen Planungs- und Dispositionsspielraum,
der für eine unter Kosten- und Servicegesichtspunkten optimale Realisierung des
Güterflusses Voraussetzung ist. Beispielsweise können unnötige Wartezeiten von
anliefernden Lastkraftwagen an der Entladerampe vermieden werden.
Der den Güterfluss begleitende Informationsfluss soll alle in den Güterfluss
eingeschalteten Stellen mit den Informationen versorgen, die für die operative
Ausführung von Transport-, Umschlags- und Lagertätigkeiten vor Ort notwendig
sind. Hierzu gehört etwa die richtige Handhabung gefährlicher Güter. Außerdem
soll durch den den Güterfluss begleitenden Informationsfluss eine Verfolgung des
Güterflusses durch das logistische Netzwerk ermöglicht werden. Der Güterfluss ist
so lange zu kontrollieren, bis die Güter beim Empfangspunkt eingetroffen sind.
Nur wenn man bei jedem Auftrag darüber informiert ist, in welcher Phase der Ab-
fertigung er sich befindet, kann gegebenenfalls die Abfertigung beschleunigt oder
aber auch verzögert werden. Erst aufgrund dieser Information kann sichergestellt
werden, dass die Güter zum gewünschten Zeitpunkt beim Empfangspunkt eintref-
fen.
Der dem Güterfluss nacheilende Informationsfluss besteht aus Informationen,
die erst nach der Realisierung des Güterflusses fließen können. Dies kann bei-
spielsweise bei einer entsprechenden Organisationsform der Fakturierung die
Rechnung sein. Es ist aber auch ein Informationsfluss entgegengesetzt dem Güter-
fluss möglich. Dazu gehören Informationen, die, von den begleitenden Informati-
onen ausgehend, der Rückmeldung über den Stand der Abfertigung eines Auftrags
dienen. Ein Beispiel hierfür ist die Information zurück an den Lieferpunkt, zu wel-
chen Zeitpunkten bestimmte kritische Stationen in der Transportkette, etwa
Grenzübergänge im internationalen Transport, vom Güterfluss passiert worden
sind. Zum nacheilenden Informationsfluss gehören aber auch Informationen vom
Empfänger an den Lieferanten über die Qualität des Lieferservice, z. B. in Form
von Reklamationen. Letztlich beinhaltet der dem Güterfluss nacheilende Informa-
tionsfluss Informationen, die man im Rahmen der Auftragsauswertung dem Auf-
trag entnehmen kann und für die sich andere Unternehmensbereiche (z. B. die
Marktforschung) interessieren.
Neben der begleitend zum Güterfluss stattfindenden Steuerung von Informati-
onsflüssen gewinnt in letzter Zeit in zunehmendem Maße der Begriff der Informa-
tions- bzw. Office-Logistik an Bedeutung. Viele Unternehmen konzentrieren sich
immer stärker auf ihre Kernkompetenzen und überlassen anderen Dienstleistungs-
unternehmen den Bereich des Empfanges, der Versendung, der Verarbeitung, der
Bereitstellung, der Archivierung und Vernichtung großer Datenmengen. 6 Ziel der
Informationslogistik ist insbesondere die Versorgung des Mitarbeiters mit den für
ihn richtigen Informationen zur richtigen Zeit am richtigen Ort. 7 Das Geschäfts-
feld der Office-Logistik als Teilbereich der Informationslogistik beinhaltet wiede-
rum die Poststellenlogistik, die Archivlogistik sowie die Akten- und Datenträger-
vernichtung. Als typischer Service eines Office-Logistikdienstleisters gilt im
4.2 Auftragsabwicklungsaufgaben
Unabhängig von der Art der Auftragsabwicklung lassen sich immer bestimmte
Grundaufgaben unterscheiden, die zu erfüllen sind. Diese Aufgaben sind am ein-
fachsten zu erkennen, wenn man den in Abb. 4.2 dargestellten Weg der Auf-
tragsinformation bei der Auftragsabwicklung verfolgt. 9 Es wird deutlich, dass die
Auftragsabwicklung eng mit den übrigen verrichtungsspezifischen Subsystemen
der Logistik verbunden ist.
Übermittlung
Der Ausgangspunkt für die Auftragsinformation ist die Auftragserstellung beim
Kunden. Die Art der Übermittlung des Auftrags bestimmt weitgehend die Form
der Auftragserstellung. Die Aufträge können vom Kunden per Brief, Fernschrei-
ben, Telefax, Telefon oder elektronischer Datenverarbeitung an einen Außen-
dienstmitarbeiter, an ein dezentrales Verkaufsbüro oder direkt an die Zentrale des
Lieferanten übermittelt werden. Der Außendienstmitarbeiter kann den Auftrag
auch selbst beim Kunden aufnehmen und seinerseits dann weiterleiten. Bei jeder
dieser Möglichkeiten muss das Problem der Kontrolle der Auftragserstellung an-
ders gelöst werden, das vor allem dann vordringlich wird, wenn die Auftragsbear-
beitung nicht mehr manuell, sondern durch den Einsatz von elektronischer Daten-
verarbeitung erfolgt.
Übermittlung
Aufbereitung Lagerhaltung
Umsetzung
Zusammenstellung Lagerhaus
Versand Transport
Fakturierung
Abb. 4.2 Der Weg der Auftragsinformation bei der Auftragsabwicklung und die Verbindung
zu den übrigen Subsystemen der Logistik (Quelle: In enger Anlehnung an Türks,
1972, S. 69)
Eine klassische Methode zur Kontrolle der Auftragserstellung ist der Einsatz
von Außendienstmitarbeitern, die selbst beim Kunden ein vorgedrucktes Auftrags-
formular ausfüllen. Es besteht auch die Möglichkeit, dem Kunden Auftragsformu-
lare, auf denen alle Artikel schon vorgedruckt sind (Ordersätze) und in die nur
noch die gewünschte Menge eingesetzt werden muss, mit der Bitte um ausschließ-
liche Verwendung zur Verfügung zu stellen. Wird dem Kunden gestattet, seine ei-
genen Auftragsformulare zu gebrauchen, so muss der Lieferant die Auftragsin-
formation nach Erhalt des Auftrags noch aufbereiten. Das verursacht zusätzliche
Kosten und birgt zusätzliche Fehlerquellen in sich. Kostenerwägungen und die
Verringerung der Wahrscheinlichkeit des Entstehens von Fehlern, die der Auf-
tragsbearbeitung angelastet werden können, sprechen dafür, die Verantwortung für
das Ausfüllen des Auftragsformulars, das während der Auftragsbearbeitung be-
nutzt wird, soweit wie möglich dem Kunden zu überlassen. Hierbei ist jedoch
auch zu berücksichtigen, dass dem Kunden das Erteilen eines Auftrages möglichst
erleichtert werden soll und der Lieferant unter Lieferservicegesichtspunkten flexi-
bel auf die diesbezüglichen Kundenwünsche einzugehen hat.
Um den hohen Kundenanforderungen hinsichtlich der Verfügbarkeit der be-
stellten Waren, kurzer Lieferzeiten (die oft von der Auftragsbearbeitungszeit maß-
geblich abhängen) und Informationen über den Stand der Auftragsbearbeitung
4.2 Auftragsabwicklungsaufgaben 81
Fakturierung
Die Fakturierung (Rechnungslegung) der Aufträge kann nach der Versanddisposi-
tion oder vor bzw. auch parallel zu den Phasen der Zusammenstellung und des
Versandes erfolgen. Im ersten Fall spricht man von Nachfakturierung, im zweiten
Fall von Vorfakturierung. Das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zwischen
diesen beiden Arten der Fakturierung ist, dass bei der Vorfakturierung die Rech-
nung schon in der Phase der Aufbereitung und Umsetzung erstellt wird, also bevor
die Güter physisch kommissioniert werden. Bei der Nachfakturierung dagegen
muss der Vorgang der Kommissionierung abgeschlossen sein, bevor die Rechnung
erstellt wird. Das Vorfakturieren basiert auf der Überlegung, dass alle Schreibar-
beiten soweit wie möglich in einer Phase erledigt werden, so dass weitere
Schreibarbeiten möglichst überflüssig sind. Vorausgesetzt wird hierbei, dass ent-
weder stets genügend hohe Lagerbestände vorhanden sind oder dass eine stets ak-
tuelle Bestandsfortschreibung existiert, die über die disponiblen Bestände Aus-
kunft gibt. Außerdem darf der Zeitbedarf für die Erledigung dieser
Schreibarbeiten nicht zu groß sein, da sonst die Kommissionierung zu lange ver-
zögert wird. Dies würde aber der Forderung widersprechen, dass die Aufträge
möglichst kontinuierlich und schnell in das Lager fließen sollen.
Das Nachfakturieren stellt diese Gedanken des schnellen Informationsflusses in
das Lager und den Kommissionierungsakt in den Vordergrund. Soll die Rechnung
zusammen mit den Gütern verschickt werden, so muss allerdings dafür Sorge ge-
tragen werden, dass die Rechnungserstellung schnell vonstatten geht. Denn sonst
geht möglicherweise der mit dem Nachfakturieren erstrebte zeitliche Vorteil wie-
4.3 Formen der Auftragsabwicklung 83
der verloren. Wird die Rechnung extra geschickt, so entstehen zusätzlich Porto-
kosten, die bei einer großen Anzahl von Aufträgen nicht vernachlässigbar sind.
Die grundsätzlichen Überlegungen zur Vor- und Nachfakturierung können
selbstverständlich auch auf die anderen Auftragsbearbeitungsaktivitäten übertra-
gen werden. So besteht grundsätzlich die Möglichkeit, möglichst wenig Vorarbei-
ten vor der Kommissionierung zu machen, um die Aufträge ohne große Verzöge-
rungen in das Lager laufen zu lassen. Die andere Möglichkeit besteht eben darin,
möglichst alle Schreibarbeiten in einem Vorgang vor der Kommissionierung zu
erledigen.
Manuelle Formen
Vor der Einführung elektronischer Datenverarbeitung wurden die manuellen For-
men der Auftragsabwicklung optimiert. Hierbei ging es vor allem darum, den
Schreibaufwand und den Aufwand für die Umsetzung des Auftrages so gering wie
möglich zu halten und die im Auftrag vorhandenen Informationen für die weitere
Verwendung in der Produktion, im Lager und beim Transport möglichst in einem
Arbeitsgang vorzubereiten.
Bedingt durch den einfachen Zugang zu elektronischen Datenverarbeitungssyste-
men und der Notwendigkeit, immer kürzere Lieferzeiten zu realisieren, sind aller-
dings mittlerweile fast ausschließlich maschinelle Formen der Auftragsabwick-
lung im Einsatz.
Maschinelle Formen
Die Auftragsabwicklung bietet sich für den Einsatz elektronischer Datenverar-
beitung an, weil sie im Allgemeinen aus einer Vielzahl routinemäßiger, dennoch
zeitraubender Tätigkeiten besteht und die dem Auftragsformular zu entnehmenden
Informationen in vielfältiger Weise ausgewertet werden müssen (z. B. das Anfer-
tigen einer Artikelumsatzstatistik oder Lieferantenumsatzstatistik). Der Umfang
der EDV-Unterstützung ist geringer, wenn der Umsatz einzelner Aufträge niedrig
oder die Anzahl der Aufträge bzw. Artikel gering sind. Die EDV-Unterstützung ist
weniger umfangreich, wenn die Auftragsbearbeitung sehr flexibel sein muss, weil
bei der Bearbeitung der Aufträge viele Ausnahmen gemacht werden müssen.
84 4 Auftragsabwicklung
Grund hierfür ist, dass dann die erreichbare Effizienzsteigerung und damit einher-
gehende, prozessuale Einsparpotenziale die anfallenden IT-Implementierungs-
und Wartungskosten sowie die administrativen Kosten (beispielsweise durch die
regelmäßig notwendige Anlage von Stammdaten des Lieferanten) nicht überstei-
gen werden. Dies hält insbesondere kleine und mittelgroße Unternehmen von ei-
ner Investition in EDV-Systeme ab.
Es bestehen heutzutage jedoch so genannte „Supplier Information Manage-
ment“-Systeme (SIM), die für eine schnellere Transaktionsabwicklung eine zwi-
schenbetriebliche Stammdaten- und Auftragspflege ermöglichen. 13 Das SIM-
System erfolgt in Echtzeit und hilft die Vollständigkeit und Richtigkeit der beste-
henden Daten zu verbessern. Durch ihre Implementierung in den zwischenbetrieb-
lichen Auftragsprozess können auch kleinere Lieferanten die Verarbeitung ihrer
Aufträge mit einem (relativ) geringen Umsatzbeitrag beschleunigen. Sie pflegen
auf der zwischenbetrieblich funktionierenden IT-Plattform (die „Cloud“-
Technologie wird in einem späteren Teil dieser Arbeit erläutert) ihre eigenen Auf-
tragsinformationen und haben in der Regel einen direkten Zugang zu Ansprech-
partnern beim Käuferunternehmen durch sog. „Chat“-Funktionen. Durch die Nut-
zung dieser SIM-Systeme werden Ineffizienzen reduziert und so die Gesamtkosten
der Auftragsabwicklung reduziert.14
Prinzipiell können jedoch alle in Abb. 4.3 aufgeführten Entscheidungs-, Prü-
fungs-, Schreib- und Übermittlungsaufgaben von Systemen der elektronischen Da-
tenverarbeitung übernommen werden. Abhängig von der Phase der Auftragsab-
wicklung, in der elektronische Datenverarbeitung eingesetzt wird, lassen sich
einstufige und mehrstufige Formen unterscheiden. Eine weitere Möglichkeit der
Unterscheidung der maschinellen Formen der Auftragsabwicklung setzt an der Art
der Informationsverarbeitung an. Demzufolge wird zwischen Stapelbetrieb (Batch
Processing) und Echtzeitbetrieb (Real Time Processing) unterschieden.
Verschiedene Ansatzpunkte zum Einsatz elektronischer Datenverarbeitung
existieren in den Phasen Auftragsumsetzung und Fakturierung. Bei einstufigen
Formen der Auftragsabwicklung wird die elektronische Datenverarbeitung ledig-
lich in einer dieser Phasen eingesetzt. Bei mehrstufigen Formen erfolgt der Einsatz
in beiden Phasen und möglicherweise zusätzlich in weiteren Phasen.
Die Beschränkung auf ein einstufiges System mit einer maschinellen Auftrags-
umsetzung bietet sich z. B. für Unternehmen an, die für die Fakturierung die
Dienstleistungen einer Factoring-Bank in Anspruch nehmen oder Kontraktabrech-
nungen durchführen, so dass die Rechnungsstellung selten erfolgt, während Auf-
träge häufig über Abruf abgewickelt werden. Spezifische Technologieunterneh-
men ermöglichen heutzutage jedoch entweder vor oder nach erfolgreicher
Lieferung der in Auftrag gegebenen Produkte beim Käuferunternehmen eine digi-
tale Lösung für das „Factoring“. Durch eine direkte technologische Anbindung in-
terner IT-Systeme und der externen IT-Plattformlösungen werden mehrstufige
Formen auch für Unternehmen rentabel, die ein solches „Factoring“-Konzept nut-
zen wollen. Ein einstufiges System mit maschineller Fakturierung ist außerdem in
Unternehmen von Vorteil, die aufgrund des Lagersortiments in der Lage sind, mit
dem manuellen Lagersatzverfahren zu arbeiten.
Mehrstufige Systeme sind vor allem dann von Vorteil, wenn folgende Voraus-
setzungen gegeben sind:15
x Umgehende Ausgabe von Auftragsbestätigungen,
x Vorprüfung des verfügbaren Warenbestandes,
x umfassende Prüfung der Bonität,
x umfassende Ausrechnung von Auftragskonditionen,
x kontinuierliche Kontrolle des Auftragsbestandes,
x sichere Kontrolle unfakturierter Lieferungen,
x gleich hoher Auftrags- und Rechnungsdurchsatz,
x ungeeignet für Factoring, außer es besteht eine IT-Schnittstelle zu Plattformlö-
sungen (sog. „Cloud“-Lösungen) von Technologieunternehmen.
Beim Einsatz mehrstufiger maschineller Formen der Auftragsabwicklung stellt
sich insbesondere die Frage, ob die Daten im Stapel- oder Dialogbetrieb (in Echt-
zeit) verarbeitet werden sollen bzw. müssen.
Wird die elektronische Datenverarbeitung im Stapelbetrieb eingesetzt, so wer-
den die Aufträge für einen bestimmten Zeitraum (z. B. für einen Tag) gespeichert
und das in der Warteschlange angesammelte Auftragsvolumen wird in einem Stoß
(z. B. in der Nacht) verarbeitet. Das Ansammeln der Aufträge kann sowohl beim
Auftragssachbearbeiter als auch im Computer selbst erfolgen.
Beim Echtzeitbetrieb ist der Computer ständig für die Übernahme von Auf-
tragsabwicklungsarbeiten bereit, so dass die Aufträge ohne den Aufbau einer War-
teschlange kontinuierlich abgewickelt werden können.
Die Informationsverarbeitung im Stapelbetrieb ist im Allgemeinen kostengüns-
tiger (aufgrund wegfallender Implementierungs- und Wartungskosten von zwi-
schenbetrieblichen IT-Schnittstellen), aber wesentlich weniger leistungsfähig. Sie
hat den großen Nachteil geringerer Flexibilität, weil Eilaufträge nicht direkt bear-
beitet werden können und geringerer Auskunftsbereitschaft aufgrund einer verzö-
gerten Auftragsbearbeitung. Diese Diskrepanz zwischen dem Stand der Daten und
dem realen Zustand erfordert zusätzliche Hilfsdateien, die neben der eigentlichen
Auftragsabwicklung geführt werden müssen. Dagegen hat die Informationsverar-
beitung im Echtzeitbetrieb den Vorteil extrem kurzer Bearbeitungszeiten und gro-
ßer Flexibilität. Die Auskunftsbereitschaft ist bei dieser Form der maschinellen
Auftragsabwicklung jederzeit gegeben.
Abb. 4.3
4
Auftragseingang
Nein
Produkt
Bonität Produkt
Bestimmung des in einem
Auftragskontrolle des Ja auf Nein
Auslieferungslagers anderen
Kunden? Lager?
Lager? Nein
verarbeitung
Auftragsabwicklung
Ja Ja
Erstellen und
Senden der Auftrags- Produkt in
Rechnung auswertung Planung?
an Kunden
Nein
Ja
Erstellen der
Terminplanung für Auftrag
Erstellen der Liefer- Auftragsbestätigung,
Anweisung zur Abfertigung des Auftrags rechtzeitig
anzeige einschließlich Weiterleiten von Ja
Auslieferung im Lager und den aus-
aller Versandpapiere Informationen
Transport führbar?
an die Auftragsabwicklung
Nein
Warenwirtschaftssysteme
In Handelsunternehmen kommen geschlossene Warenwirtschaftssysteme zum
Einsatz. Sie basieren auf einer kurzfristigen, artikelgenauen (artikelspezifischen)
Erfassung aller Wareneingangs- und aller Warenausgangsdaten. Sie weisen eine
aus vier Modulen bestehende Grundstruktur auf, die in Abb. 4.4 dargestellt ist. 19
Durch Warenwirtschaftssysteme gelingt es, die warenbegleitenden Informations-
flüsse darzustellen und im gesamten Unternehmen die notwendigen Informationen
bereitzustellen.
Warenwirtschaftssysteme werden als geschlossen bezeichnet, weil die im Sys-
tem befindlichen Artikel durch alle Phasen des Informationsflusses geführt wer-
den, ohne dass im Grenzfall manuell eingegriffen werden muss. Die Vorausset-
zung für den ökonomischen Einsatz geschlossener Warenwirtschaftssysteme wird
durch die Entwicklung moderner Informationsverarbeitungs- und Kommunikati-
onstechnologien geschaffen. Hier können vier Entwicklungsbereiche unterschie-
den werden: die mobile Datenerfassung, das Scanning, die Datenübertragung und
die Mikroelektronik.20
Durch Geräte zur mobilen Datenerfassung (MDE) können Daten mit Hilfe
tragbarer Erfassungsgeräte direkt in EDV-gerechter Form erfasst und per Funk,
über Satellit oder über eine Internet-/“Wireless-Local-Area-Network“-Verbindung
• Artikelspezifische Wareneingangserfassung
- Abgleich der Bestellung
Wareneingang - Bewertung und Lagerbestandsführung
• Rechnungskontrolle
• Auszeichnung der Ware (Druck von Etiketten)
• Artikelspezifische Warenausgangserfassung (durch
Warenausgang Datenkassen)
• Warenbestandsverbuchung
dende Verbindung von Maschinen und Datenbanken eine zentrale Rolle. Der
weltweite Zugang und die niedrigen Kosten ermöglichen eine nahezu verzöge-
rungsfreie und schnelle Informationsübertragung zwischen beliebigen Orten sowie
eine bidirektionale Kommunikation zwischen Geschäftspartnern z. B. zur Verein-
barung von Konditionen, Lieferterminen oder Verfügbarkeitsabfragen. Auf diese
Weise können gerade häufig eingesetzte und standardisierte Güter und Rohstoffe
automatisch geordert und zwischen Handelsunternehmen bzw. zwischen Handels-
und Industrieunternehmen vertrieben werden. Beispielsweise funktionieren die be-
stehenden Plattformlösungen nur deshalb, weil eine sichere IT-Verbindung der
Unternehmen über das Internet ermöglicht wird. Über das Internet werden jedoch
nicht nur Organisationen in der Form von verantwortlichen Personen (Einkäufer
und Verkäufer), sondern auch Maschinen und autonome Programme direkt mitei-
nander verbunden.30
Durch den hohen Verbreitungsgrad des Internets im privaten Umfeld spielt die-
se Kommunikationsmöglichkeit heute auch eine größer werdende Rolle in der
Kommunikation mit und im Vertrieb zu den Konsumenten. Für die Auftragsab-
wicklung bedeuten die neuen Kommunikationsmöglichkeiten, dass eine manuelle
Auftragsbearbeitung weitgehend entfallen kann. So ist vorstellbar, dass zukünftige
Warenbereitstellungsprozesse durch Bestellungen von Kunden initiiert und von
(künstlich) intelligenten Algorithmen gesteuert werden.
Neben dem Internet bestehen weitere Technologien für den Datentransfer:
Hierzu gehören z. B. „Universal-Mobile-Telecommunication-Systems“ (UMTS),
„General-Packet-Radio-Service“ (GPRS), „Global-System-for-Mobile-
Communication“ (GSM) und die Satellitenkommunikation. Unternehmen ent-
scheiden sich zwischen diesen Technologien hinsichtlich zweier Aspekte: (1)
Leistungsfähigkeit in Form der transportierbaren Informationen sowie der Daten-
sicherheit und (2) der Kosten für die Nutzung der jeweiligen Technologien. Die
einzelnen Technologien können in der betrieblichen Praxis auch in Kombination
eingesetzt werden.31
Den vierten Entwicklungsbereich stellen computergestützte Kassensysteme dar.
Aufgrund der Entwicklung in der Mikroelektronik sind moderne Kassensysteme
direkt mit den Warenwirtschaftssystemen der Unternehmen vernetzt und erfassen
über Scanner sowie elektronische Waagen die verkauften Artikel automatisch.
Darüber hinaus ermöglichen diese Kassen auch die Zahlung über angeschlossene
Kartenlesegeräte und die anschließende Abwicklung der Zahlung in den Bu-
chungssystemen. Umgekehrt beziehen die Kassensysteme Informationen zu den
erfassten Artikeln direkt aus den zentralen Systemen, so dass alle Kassen stets
über die gleichen Artikeldaten und auch Informationen zu aktuellen Angeboten
verfügen.
Solche vernetzten Warenwirtschaftssysteme ermöglichen Handelsketten einen
umfassenden Überblick über die Warenbewegungen im gesamten Unternehmen.
Mit Hilfe von EDI32 und des Internets vernetzen sich Handelsunternehmen mit be-
stimmten Benutzergruppen und bilden große Netzwerke mit mehreren tausend
Unternehmen. Die automatische artikelgenaue Erfassung der Abverkäufe am Point
of Sale (POS) und die Kommunikation dieser Verkaufsdaten schafft in diesen
Netzwerken die Grundlage für Bestellsysteme mit hoher Reaktionsfähigkeit, so
genannte Quick-Response-Systeme.
Darüber hinaus ist es durch solche Warenwirtschaftssysteme mit artikelgenauer
Erfassung in allen Bewegungsprozessen und Anbindung aller bei der Distribution
beteiligten Unternehmen möglich, eine umfangreiche Sendungsverfolgung zur
Verfügung zu stellen. Eine solche Sendungsverfolgung wird auch als Tracking &
Tracing bezeichnet. Dabei ist es bspw. einem Kunden möglich, nach einer Bestel-
lung alle Bewegungen der bestellten Güter in einem Webfrontend zu verfolgen
und diese Informationen in seine eigene Planung einzubeziehen.
Neben der Vernetzung der Handelsunternehmen und der Anbindung der Liefe-
ranten und Endverbraucher ist die Integration von Banken, Logistikdienstleistern
und Marktforschungsinstituten in die komplexen warenwirtschaftlichen Informati-
onsflüsse Ziel einer auf die Optimierung des Gesamtsystems ausgerichteten Per-
spektive. 33 Für solche integrierten Warenwirtschaftssysteme spielt die Verknüp-
fung oder Kopplung verschiedener Informationssysteme eine große Rolle.
Literatur
Arnold D u.a. (Hrsg) (2008) Handbuch Logistik. 3. neu bearb. Aufl. Berlin Hei-
delberg
Diruf G (1998) Computergestützte Informations- und Kommunikationssysteme
der Unternehmenslogistik als Komponenten innovativer Logistikstrategien. In:
Isermann H (Hrsg) Logistik: Gestaltung von Logistiksystemen. 2., überarb. und
erw. Aufl. Landsberg a. L., S. 181-196
Ebel G (2012) Vorgehensmodell für die Anforderungsanalyse in der Baulogistik.
Dortmund
Ebert K (1986) Warenwirtschaftssysteme und Warenwirtschafts-Controlling.
Frankfurt a. M./Bern/New York
Finkenzeller K (2002) RFID-Handbuch. Grundlagen und praktische Anwendun-
gen induktiver Funkanlagen, Transponder und kontaktloser Chipkarten. 3., ak-
tualisierte und erweiterte Aufl., München u.a.
Gleißner H, Femerling C (2008) Logistik. Grundlagen – Übungen – Fallbeispiele.
Wiesbaden
Günthner W A, Zimmermann J (2008) Logistik in der Bauwirtschaft. Status quo,
Handlungsfelder, Trends und Strategien. Nürnberg
Definition
Lagerhaltung befasst sich mit allen Entscheidungstatbeständen, die einen Einfluss
auf die Lagerbestände haben, weshalb man auch von Bestandsmanagement
spricht. Lagerbestände sind Puffer zwischen Input- und Output-Flüssen von Gü-
tern. Diese Puffer entstehen, sobald sich die zeitliche und quantitative Struktur der
Input-Flüsse von der der Output-Flüsse unterscheidet. Solche Puffer können infol-
ge der unterschiedlichen Struktur der Input- und Output-Flüsse an den unter-
schiedlichsten Stellen in der Logistikkette entstehen, wie in Abb. 5.1 ersichtlich
ist.
Nur durch die vollständige Synchronisation der Input- und Output-Flüsse kön-
nen Lagerbestände überflüssig gemacht werden. Dies wird aber lediglich in Ein-
zelfällen gelingen. Allerdings darf die Definition der Lagerhaltung als Puffer nicht
Industrieunternehmen
Beschaffungs-
Produktions- Distributions-
lager
lager lager
Handels- oder Industrieunternehmen
(Eingangslager,
(Zwischenlager) (Absatzlager)
Vorratslager)
Logistikunternehmen
Beschaffungs-/
Recyclinglager Distributions-
lager
Beschaffungs-/ Beschaffungs-/
Konsumenten- Distributions- Distributions-
lager lager lager
im Einzelhandel im Großhandel
Haushalte Handelsunternehmen
zu einem statischen Denken führen, das die Existenz derartiger Puffer grundsätz-
lich nicht in Frage stellt. Ausgehend vom logistischen Systemdenken lassen sich
Lagerbestände auch als teilweise unerwünschte Unterbrechungen des Güterflusses
definieren. Damit sind aber schon die Funktionen der Lagerhaltung angesprochen.
Funktionen
Die Funktionen der Lagerhaltung zeigen, warum Lagerbestände gehalten werden.
Die im Folgenden zusammengestellten Funktionen der Lagerhaltung1 belegen den
Nutzen, der mit Lagerbeständen verbunden sein kann.
Lagerbestände sind erforderlich, wenn ein Unternehmen Größendegressionsef-
fekte beim Einkauf, beim Transport oder bei der Produktion von Gütern ausnutzen
möchte. Beschaffungslager können dadurch entstehen, dass ein Unternehmen
Mengenrabatte beim Lieferanten oder günstigere Transportkonditionen beim Spe-
diteur erzielen will. In ähnlicher Weise kann der Aufbau von Lagerbeständen in
Distributionslagern dazu dienen, günstigere Transportkonditionen für größere
Transportmengen zu erzielen. Lagerbestände in Distributionslagern können eben-
falls wie Lagerbestände in Produktionslagern den Zweck haben, die Produktions-
stückkosten durch größere Produktionslose zu senken. Höhere Lagerbestandskos-
ten nimmt man in diesem Fall in Kauf, weil in der Produktion geringere
Rüstkosten anfallen.2
Eine weitere Funktion von Lagerbeständen ist der Ausgleich des Auseinander-
klaffens von Angebot und Nachfrage. Ein Beispiel hierfür ist die saisonale Nach-
frage nach bestimmten Konsumgütern zur Weihnachtszeit. Der Aufbau von La-
gerbeständen dient in diesem Fall in Distributions- wie auch in Produktionslagern
dazu, die Produktionskapazitäten trotz saisonaler Nachfragen kontinuierlich aus-
zulasten. Bei landwirtschaftlichen Gütern findet sich andererseits häufig ein saiso-
nales Angebot. Um die Güter kontinuierlich während des Jahres absetzen zu kön-
nen, müssen dann Lagerbestände in Distributions- oder Produktionslagern
aufgebaut werden.
Lagerbestände erleichtern im Allgemeinen auch die Spezialisierung der Pro-
duktion in verschiedenen Werken eines Unternehmens bzw. die Arbeitsteilung in
einer Volkswirtschaft oder in der Weltwirtschaft überhaupt. Die Spezialisierung
der Produktion, beispielsweise in verschiedenen Werken eines Unternehmens, auf
bestimmte Teile senkt die Produktionskosten. Wenn keine einsatzsynchrone An-
lieferung der Teile an das Montagewerk möglich ist, so ist diese Spezialisierung
nur durch Inkaufnahme höherer Lagerbestände möglich.
Lagerbestände dienen auch der Spekulation. So werden sowohl in Beschaf-
fungs- als auch in Distributionslagern Lagerbestände aufgebaut, wenn man einen
Anstieg der Preise für diese Güter erwartet. Das beschaffende Unternehmen
möchte sich in diesem Fall noch mit Gütern zum gegenwärtig niedrigeren Preis
versorgen. Der Lieferant spekuliert unter Umständen darauf, dass die Verknap-
pung des Angebots die Preise noch höher treiben wird, so dass er die Bestände in
seinem Lager hält. Spekulationen, die zu Lagerbeständen führen, beziehen sich
nicht immer auf den Preis. Ganz allgemein entstehen Lagerbestände infolge von
Spekulationen bezüglich der Knappheit von Gütern. Lagerbestände können so
z. B. auch aus der Erwartung resultieren, dass ein Streik bei den Zulieferunter-
nehmen die Versorgungssituation beeinträchtigen wird.
Letztlich hält man Lagerbestände auch als Schutz vor Unsicherheit. Wenn die
Input- und Output-Flüsse anders verlaufen, als man erwartet hat, so kann die
Nachfrage nach Gütern nur aus Lagerbeständen befriedigt werden. Die Notwen-
digkeit zum Aufbau solcher Lagerbestände gibt es sowohl in Beschaffungs- als
auch in Produktions- und Distributionslagern. Sie sind eine Folge davon, dass man
die Nachfrage der Kunden bzw. der eigenen Produktion nicht immer sicher prog-
nostizieren kann und die Lieferung durch die Lieferanten oder durch die Produkti-
on nicht immer sicher erfolgt.
Die genannten Funktionen gelten zunächst allgemein unabhängig von einer be-
stimmten Lagerart, wobei allerdings manche Funktionen für gewisse Lagerarten
von größerer Bedeutung sind als für andere Lagerarten. Man kann auch versuchen,
für einzelne Lagerarten die spezifisch für sie zutreffenden Funktionen noch kon-
kreter herauszuarbeiten.3
5.2 Lagerhaltungsaufgaben
Bei der Gestaltung des Puffers zwischen den Input- und Output-Flüssen sind vier
eng miteinander zusammenhängende Fragen zu beantworten:
x Welches Gut soll gelagert werden?
x Wie viel soll von einem Gut gelagert werden?
x Wie viel soll zur Wiederauffüllung des Lagerbestandes bestellt werden?
x Wann soll zur Wiederauffüllung des Lagerbestandes bestellt werden?
Offensichtlich wird durch die Beantwortung dieser vier Fragen die Höhe der
Lagerbestände festgelegt. Durch die Beantwortung der ersten Frage soll zunächst
grundsätzlich geklärt werden, ob Lagerbestände für alle Güter zu halten sind oder
ob sie im Sinne einer selektiven Lagerhaltung nur für ganz bestimmte Güter auf-
gebaut werden. Durch die Beantwortung der übrigen drei Fragen wird dann durch
Maßnahmen der Vorratsergänzung und -sicherung die Höhe der Lagerbestände für
diese Güter bestimmt. Hierbei ist es zweckmäßig, verschiedene Bestandteile des
Lagerbestandes zu unterscheiden, aus denen sich dieser zusammensetzt.
die Bestellmenge ist bzw. je weniger häufig bestellt wird, desto größer ist der aus
der Bestellmenge resultierende durchschnittlich im Lager vorhandene Bestand,
den man als mittleren Lagerbestand bezeichnet. Vom mittleren Lagerbestand zu
unterscheiden ist der gesamte Durchschnittsbestand eines Lagers, der noch einen
Lagerbestand zur Vorratssicherung enthält. Wenn man die Nachfrage für die Wie-
derbeschaffung völlig genau vorhersagen könnte, würde der mittlere Lagerbestand
auch immer noch zur Befriedigung der nach Erreichen des Bestellpunktes auftre-
tenden Nachfrage genügen. Die beim Bestellpunkt ausgelöste Bestellmenge würde
am Ende der Wiederbeschaffungszeit gerade dann im Lager eintreffen, wenn der
alte Lagerbestand genau auf Null reduziert ist. Da häufig der prognostizierte
Nachfrageverlauf (Lagerabgang) nicht mit dem tatsächlichen Nachfrageverlauf
und die geplante Anlieferung der Güter (Lagerzugang) nicht mit der tatsächlichen
Anlieferung übereinstimmen, muss man als zusätzlichen Bestand noch den Si-
cherheitsbestand auf Lager halten. Der mittlere Lagerbestand resultiert also aus
der Vorratsergänzung, wenn die geplante und tatsächliche Nachfrage sowie die
geplante und tatsächliche Wiederbeschaffungszeit übereinstimmen. Der Sicher-
heitsbestand resultiert aus Unsicherheiten im Nachfrageverlauf und in der Wie-
derbeschaffung, die zu Lagerentnahme- und Wiederbeschaffungszeitüberziehun-
gen führen.4
Lagerbestand
Nachfrageverlauf
Bestellmenge=Q
mittlerer
Bestellpunkt Lager-
bestand gesamter
Nw =Q/2 Durchschnitts-
bestand
Sicherheits-
bestand
Zeit
Wiederbeschaffungszeit
Bestellzyklus
Abb. 5.2 Bestandteile des Lagerbestandes aufgrund der Vorratsergänzung und -sicherung
Will man wissen, wie viel Kapital in den Lagerbeständen gebunden ist, so soll-
te man neben dem aus Abb. 5.2 ersichtlichen Durchschnittsbestand auch die La-
gerbestände während der Bewegung (Unterwegsbestände, movement inventories,
pipeline inventories, inprocess inventories) berücksichtigen. Sie entstehen wäh-
rend des Transports und Umschlags der Güter. Braucht man z. B. zwei Wochen
für Transport und Umschlag eines Artikels vom Fabriklager zum Auslieferungsla-
ger und werden vom Auslieferungslager 100 Einheiten des Artikels pro Woche
verkauft, so beträgt die Höhe der Lagerbestände während der Bewegung im
Durchschnitt 200 Einheiten.5
Bevor die Aufgaben der Vorratsergänzung und -sicherung sowie der selektiven
Lagerhaltung noch ausführlicher erörtert werden, wird auf die Bedarfsermittlung –
und damit auf die Ermittlung des aus Abb. 5.2 ersichtlichen Nachfrageverlaufs –
eingegangen. Die Bedarfsermittlung ist die Grundlage für die Ausübung der wei-
teren Lagerhaltungsaufgaben.
Bedarfsermittlung
Wie die Aufgabe der Bedarfsermittlung wahrgenommen werden kann, hängt we-
sentlich von der Art des Bedarfs ab. 6 In Abb. 5.3 sind die prinzipiell zu unter-
scheidenden Materialbedarfsarten zusammengestellt, wobei der Begriff Material
in diesem Fall identisch mit dem Begriff Gut ist.
Unter Primärbedarf ist der Marktbedarf zu verstehen, also der Bedarf an ver-
kaufsfähigen Gütern (Fertigprodukte, Ersatzteile, Handelsware). In Handelsunter-
nehmen ist der Primärbedarf die Grundlage für die weiteren Lagerbestandsdisposi-
tionen. In Industrieunternehmen gilt dies nur für die Lagerbestandsdispositionen in
der Distributionslogistik. Für die Produktions- und Beschaffungslogistik muss der
Primärbedarf in einen Sekundärbedarf an Rohstoffen, Zukaufteilen und Baugrup-
pen zerlegt werden, der für die Produktion gemäß dem Primärbedarf entsteht. Als
Tertiärbedarf bezeichnet man den Bedarf an Hilfs- und Betriebsstoffen sowie
Verschleißwerkzeugen für die Produktion.
Materialbedarfsarten
gleitender gewichteter
Mittelwert gleitender Durchschnitt
exponentielle exponentielle
Glättung 1. Ordnung Glättung 2. Ordnung
Die Methoden der Bedarfsermittlung unterscheiden sich nach der ihnen zu-
grundeliegenden Datenbasis. Die deterministische oder programmgebundene Be-
darfsermittlung geht von einem Primärbedarf an marktfähigen Produkten für be-
stimmte Perioden (geplantes Produktprogramm) oder für einen Kundenauftrag
aus. Der Sekundärbedarf wird dann anhand von Stücklisten oder Teileverwen-
dungsnachweisen deterministisch errechnet. Verwendet man Stücklisten, so liegt
eine analytische Bedarfsauflösung vor. Die im Produktprogramm enthaltenen Pro-
dukte werden schrittweise aufgrund von Stücklisten über verschiedene Baugrup-
pen bis zu Einzelteilen und Rohstoffen aufgegliedert. Während die Stückliste an-
gibt, welche Materialien in welchen Mengen für die Produktion einer Baugruppe
oder eines verkaufsfähigen Erzeugnisses erforderlich sind, gibt der Teileverwen-
dungsnachweis als umgekehrte Stückliste an, in welchen Baugruppen und ver-
kaufsfähigen Erzeugnissen ein bestimmtes Material vorkommt. Werden Teilever-
wendungsnachweise als Hilfsmittel zur deterministischen Bedarfsermittlung
benutzt, so liegt eine synthetische Bedarfsauflösung vor. In beiden Fällen ist die
deterministische Bedarfsermittlung sehr rechenintensiv und verlangt bei Unter-
nehmen mit breiten und tiefen Produktionsprogrammen den Einsatz der elektroni-
schen Datenverarbeitung. Wegen des großen Aufwandes dieser Methode der Be-
darfsermittlung wird sie nur bei wichtigen Materialien angewendet. Welche
106 5 Lagerhaltung (Lagerbestände)
Materialien als wichtig anzusehen sind, wird im Abschnitt über die selektive La-
gerhaltung behandelt. Grenzen für die Anwendung der deterministischen Bedarfs-
ermittlung liegen aber auch in der Unsicherheit bei der Festlegung des Produkt-
programms einer Periode. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass
der Begriff deterministisch nicht zur Annahme verleiten darf, der Sekundärbedarf
könne immer deterministisch, also sicher, festgelegt werden. Dies ist nur in den
Fällen möglich, in denen das Produktprogramm nach erteilten Kundenaufträgen
vollständig festliegt. Ist die Prognose des Produktprogramms dagegen mit Unsi-
cherheiten behaftet, so kann es durchaus zu Abweichungen zwischen geplantem
und tatsächlich benötigtem Sekundärbedarf kommen.
Basis der stochastischen oder verbrauchsgebundenen Bedarfsermittlung ist der
Materialverbrauch vergleichbarer Perioden der Vergangenheit, der in Verbrauchs-
statistiken festgehalten wurde. Ausgehend von diesen Daten wird mit Hilfe von
Prognosemethoden, die für kurzfristige Prognosen geeignet sind, der Bedarf ermit-
telt. Häufig angewendet werden hierbei Methoden der Mittelwertbildung, Metho-
den der exponentiellen Glättung und der Regressionsanalyse. Während die deter-
ministische Bedarfsermittlung vorwiegend bei hochwertigen Erzeugnishaupt-
stoffen – das sind Materialien, die einen wesentlichen Bestandteil des
Fertigproduktes ausmachen – eingesetzt wird, verwendet man bei geringwertigen
gängigen Erzeugnishauptstoffen sowie bei den Erzeugnishilfsstoffen und Be-
triebsstoffen (Tertiärbedarf) die stochastische Bedarfsermittlung. Sie ist weniger
aufwendig und kann auch in Fällen angewendet werden, in denen die Bedarfsbe-
wegung nur wenig der Produktionsprogrammänderung folgt, wie das bei vielen
Betriebsstoffen der Fall ist. Voraussetzung für ihre Anwendung ist, dass die Ver-
gangenheitswerte ausreichend und zuverlässig sind sowie die Zeitstabilitätshypo-
these Gültigkeit hat. Letztere besagt, dass der Ursachenkomplex, der in Vergan-
genheit die Entwicklung der zu prognostizierenden Größe bewirkt hat, in Zukunft
in derselben Weise weiter wirkt.8
Sind diese Voraussetzungen für den Einsatz der stochastischen Bedarfsermitt-
lung nicht gegeben, so verbleiben noch die Methoden der subjektiven Schätzung.
Deren Grundlage ist die persönliche Meinung einer oder mehrerer Personen. Wer-
den die Meinungen über den mutmaßlichen Bedarf in der Zukunft rein intuitiv ab-
gegeben, so liegt eine Intuitivschätzung vor. Logisch begründbare und damit in-
tersubjektiv überprüfbare Zusammenhänge versucht dagegen die Analogschätzung
heranzuziehen. Zur Prognose des Bedarfs eines bestimmten Materials greift man
beispielsweise auf die Bedarfsentwicklung bei einem vergleichbaren Material zu-
rück.
Im Zusammenhang mit der Bedarfsermittlung wird in der angelsächsischen Li-
teratur auch zwischen unabhängigen und abhängigen (koordinierten) Nachfrage-
systemen unterschieden.9 Bei unabhängigen Nachfragesystemen ist die vom Emp-
fangspunkt ausgehende Nachfrage für den Lieferpunkt 10 unsicher und muss von
letzterem prognostiziert werden. Dagegen ist in einem abhängigen (koordinierten)
Nachfragesystem die vom Empfangspunkt ausgehende Nachfrage für den Liefer-
punkt bekannt. In diesem Fall besteht in einem mehrstufigen Logistiksystem das
Problem darin, aus dieser Nachfrage die Nachfrage (den Bedarf) bei den vorgela-
gerten Lieferpunkten abzuleiten. Im logistischen Subsystem Materiallogistik ge-
schieht dies, ausgehend von dem als bekannt vorausgesetzten Produktionspro-
gramm (Master Production Schedule), durch die Methode der deterministischen
Bedarfsermittlung, die in der angelsächsischen Literatur unter dem Begriff Mate-
rial Requirements Planning (MRP) zusammengefasst werden. 11 Im logistischen
Subsystem Distributionslogistik besteht das Problem in der Zusammenfassung der
als bekannt vorausgesetzten Bedarfe an mehreren Empfangspunkten (z. B. lokalen
Auslieferungslagern) über mehrere Stufen bis zum Bedarf in einem zentralen Lie-
ferpunkt (z. B. Zentrallager oder Fabriklager). In der angelsächsischen Literatur
spricht man hierbei vom Distribution Requirements Planning (DRP).12
Vorratsergänzung
Das Entscheidungsproblem der Vorratsergänzung besteht darin, für den festge-
stellten Materialbedarf zu bestimmen, wann und wie viel bestellt werden soll, da-
mit die Summe der Lagerhaltungskosten und der Bestellkosten minimiert wird. In
der Literatur werden eine Reihe von Bestellregeln genannt, durch die das Wann
und das Wie viel der Bestellung konkretisiert wird.13
Die Frage nach dem Wann einer Bestellung kann sowohl durch eine bestimmte
Mengenangabe als auch durch eine bestimmte Zeitangabe beantwortet werden. Es
wird also entweder bestellt, wenn ein bestimmter Lagerbestand s (der Bestellpunkt
in Abb. 5.2) unterschritten oder eine bestimmte Periode t (der Bestellzyklus in
Abb. 5.2) abgelaufen ist. Die Frage nach dem Wie viel einer Bestellung kann
ebenfalls unter zwei Gesichtspunkten beantwortet werden. Die bestellte Menge ist
entweder eine vorgegebene Bestellmenge Q oder eine variable Menge, die den La-
gerbestand jeweils bis zu einem bestimmten Bestellniveau S ergänzt. Unter Heran-
ziehung dieser vier Entscheidungsvariablen unterscheidet man üblicherweise die
in Abb. 5.5 dargestellten Bestellregeln.
Bei der (s,Q)-Regel ist die optimale Bestellmenge oder optimale Los- bzw. Auf-
tragsgröße wesentliche Entscheidungsvariable.14 Bei der Bestimmung der optima-
Bestellmenge
Q S
(s,Q)-Regel (s,S)-Regel
s
Bestellzeit-
punkt
(t,Q)-Regel (t,S)-Regel
t
len Bestellmenge ist ein für die Logistik typischer Zielkonflikt zu lösen. Denn die
Höhe der Kapitalbindung und damit der Lagerhaltungskosten hängt von der Größe
der Bestellmenge ab. Im Gegensatz zu diesen Bestellvariablen gibt es bestellfixe
(losfixe) Kosten, die mit jedem Lagerzugang nur einmal anfallen. Das sind die Be-
stellkosten, die bezogen auf die Bestellmenge regressiv verlaufen. Im Extremfall
könnte die Bestellmenge gleich der Jahresbedarfsmenge sein, so dass nur eine Be-
stellung im Jahr erfolgt. Infolge des hohen mittleren Lagerbestandes entstehen in
diesem Fall sehr hohe Lagerhaltungskosten, dagegen nur niedrige Bestellkosten.
Im anderen Extremfall macht die Bestellung nur eine Mengeneinheit des Bedarfs
aus. In diesem Fall stehen minimale Lagerhaltungskosten den maximalen Bestell-
kosten gegenüber. Die klassische Bestellmengenformel zur Minimierung der
Summe der beiden gegenläufigen Kosten lautet:
Die Bestellkosten umfassen die Kosten für alle Tätigkeiten, die zur Vorberei-
tung und Abwicklung einer Bestellung notwendig sind. Der Lagerhaltungskosten-
satz beinhaltet den kalkulatorischen Zinssatz und den Lagerkostensatz. Mit erste-
rem sollen die kalkulatorischen Zinsen auf das durchschnittlich im Lager
gebundene Kapital berechnet werden. Mit letzterem werden die weiteren mit der
Lagerhaltung verbundenen Kosten erfasst. Die klassische Bestellmengenformel
geht von folgenden Prämissen aus: Konstanter Bedarf, konstanter Nachfragever-
lauf (konstante Lagerabgangsgeschwindigkeit), konstanter Einstandspreis, kon-
stanter Lagerhaltungskostensatz, konstante Bestellmengenfixkosten und keine La-
gerungs- oder Finanzierungsrestriktionen. Ausgehend von diesen teilweise
realitätsfremden Prämissen wurden Modifikationen der Bestellmengenformel ent-
wickelt, die z. B. von variablen Einstandspreisen (Berücksichtigung von Preisstaf-
felungen infolge von Mengenrabatten und Mindermengenaufpreisen, Transport-
5.3 Vorratsergänzung und -sicherung 109
Vorratssicherung
Das Entscheidungsproblem der Vorratssicherung ist ebenfalls durch einen Ziel-
konflikt gekennzeichnet, der bei der Bemessung des Sicherheitsbestandes auftritt.15
Je größer der Sicherheitsbestand ist, desto größer sind die durch ihn verursachten
Lagerhaltungskosten. Die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Fehlmengen und
damit die Fehlmengenkosten sinken dagegen mit wachsenden Sicherheitsbestän-
den. Zu den Fehlmengenkosten zählen alle Kosten, die entstehen, wenn ein in der
Produktion (Fehlmengen in der Materiallogistik) oder beim Kunden (Fehlmengen
in der Distributionslogistik) auftretender Bedarf mit den vorhandenen Lagerbe-
ständen nicht gedeckt werden kann. Dazu zählen z. B. Kosten für Sondermaßnah-
men zur Befriedigung des auftretenden Bedarfs, der nicht aus dem Vorrat gedeckt
werden kann, Kosten eines Produktionsstillstandes, Kosten einer Umrüstung der
Produktionsanlage, Kosten aus Umsatzverlusten und entgangenen Aufträgen wie
auch Kosten, die längerfristig durch Imageverluste entstanden sind.
Grundsätzlich lassen sich drei Möglichkeiten zur Bestimmung des optimalen
Sicherheitsbestandes unterscheiden:
x Bestimmung des Sicherheitsbestandes mit Hilfe der Fehlmengenkosten,
x Bestimmung des Sicherheitsbestandes durch explizite Berücksichtigung der
Nachfrageveränderung infolge des Auftretens von Fehlmengen,
x Bestimmung des Sicherheitsbestandes durch Vorgabe der Lieferbereitschaft,
die die Wahrscheinlichkeit für das Entstehen von Fehlmengen begrenzt.
Die erste Methode, bei der versucht wird, das gemeinsame Minimum der
Fehlmengenkosten und der Lagerhaltungskosten zu bestimmen, wird in vielen La-
gerhaltungsmodellen 16 angewendet. Sie hat zwar eine große Bedeutung für die
Theorie der Lagerhaltung, jedoch weniger für die Praxis, da es in den meisten Fäl-
len sehr große Schwierigkeiten bereitet, die Fehlmengenkosten quantitativ zu er-
fassen.17 Die zweite Methode hat bisher weniger Eingang in die Lagerhaltungsthe-
orie gefunden. Für die Anwendbarkeit in der Praxis stellt sich jedoch ebenfalls das
Problem der Quantifizierbarkeit.
Die dritte Methode umgeht die mit dem Auftreten der Fehlmengen bestehenden
Quantifizierungsschwierigkeiten. Sie wird deshalb in der Praxis bevorzugt ange-
wendet. Die Anwendung dieser Methode ist jedoch nicht unproblematisch. Es be-
reitet zwar keine großen Schwierigkeiten, den Sicherheitsbestand mit Hilfe einer
vorgegebenen Lieferbereitschaft zu bestimmen. Das eigentliche Problem besteht
dann darin, auf welche Weise diese Lieferbereitschaft festgelegt wird.
Ähnlich wie bei der Vorratsergänzung, wo gezeigt wurde, dass der mittlere La-
gerbestand von den vier Einflussfaktoren abhängt, die im Zusammenhang mit den
Bestellregeln aufgeführt wurden, lassen sich auch bei der Vorratssicherung vier
Einflussfaktoren für die Höhe des Sicherheitsbestandes nennen. Es sind dies:
x Länge der Wiederbeschaffungszeit,
x Wahrscheinlichkeit für die Wiederbeschaffungszeitüberziehung und Entnah-
meüberziehung (Fehler in der Prognose der Zuverlässigkeit der Einhaltung der
Wiederbeschaffungszeit und Fehler in der Bedarfsprognose),
x Lieferbereitschaft,
x Anzahl der Lager.
Die auf mangelnde Liefergenauigkeit zurückzuführenden Fehllieferungen, die
teilweise ebenfalls als Einflussfaktor des Sicherheitsbestandes18 genannt werden,
schlagen sich im zweiten Einflussfaktor nieder.
wobei
S = Sicherheitsbestand,
Nmax = maximal möglich erscheinende Nachfrage/Zeiteinheit,
NØ = erwartete, durchschnittliche Nachfrage/Zeiteinheit,
tw = Wiederbeschaffungszeit.
Je kürzer also die Wiederbeschaffungszeit für ein Lager ist, desto niedriger
kann der Sicherheitsbestand sein, mit dem die möglich erscheinende Nachfrage
befriedigt werden kann. Da der Sicherheitsbestand eine wesentlich geringere Um-
schlagshäufigkeit bzw. Umlaufgeschwindigkeit hat als der mittlere Lagerbestand –
welcher deswegen auch Umlaufbestand genannt wird –, kann eine Verkleinerung
des Sicherheitsbestandes zu einer merklichen Senkung der Lagerhaltungskosten
führen. Eine Verkürzung der Wiederbeschaffungszeit verursacht jedoch normaler-
weise im logistischen System auch höhere Kosten, beispielsweise durch den Ein-
satz schnellerer Kommunikations- und Transportmittel. Eine Verkürzung der
Wiederbeschaffungszeit ist also immer nur dann von Vorteil, wenn das Ansteigen
dieser Kosten durch die Verringerung der mit dem Sicherheitsbestand verbunde-
nen Lagerhaltungskosten mehr als ausgeglichen wird.
Ist es wegen der damit verbundenen hohen Transportkosten nicht möglich, die
Wiederbeschaffungszeit dadurch zu verkürzen, dass man die gesamte Gütermenge
zum Wiederauffüllen des Lagers mit schnellen Transportmitteln befördert, so kann
man noch auf andere Weise versuchen, den Vorteil einer kurzen Wiederbeschaf-
fungszeit bezüglich des Sicherheitsbestandes auszunutzen. Man verwendet in die-
sem Fall nicht nur einen Bestellpunkt, sondern zwei Bestellpunkte, wie es in Abb.
5.6 im Prinzip dargestellt ist. Hierdurch wird es ermöglicht, den größten Teil der
Gütermenge mit billigen langsameren Transportmitteln zum Lager zu befördern
und die teuren schnellen Transportmittel nur dann einzusetzen, wenn eine außer-
gewöhnlich hohe Nachfrage dies nötig macht.
Die Linie AB in Abb. 5.6 zeigt den erwarteten, durchschnittlichen Nachfrage-
verlauf und die Linie AE den maximal möglich erscheinenden Nachfrageverlauf. 20
BE ist der konventionelle Sicherheitsbestand, der bei der Verwendung nur eines
Bestellpunktes gehalten werden muss. Wird durch die Lagerabgänge der Stan-
dardbestellpunkt (A) erreicht, so wird eine Bestellung ausgelöst und die Bestell-
menge trifft am Ende der – infolge des Einsatzes von billigeren langsameren
Transportmitteln – langen Standard-Wiederbeschaffungszeit (E) im Lager ein. Bei
der Verwendung von zwei Bestellpunkten wird der sekundäre Bestellpunkt so
festgelegt, dass bei seinem Erreichen durch Lagerabgänge infolge des maximal
möglich erscheinenden Nachfrageverlaufs (C) die dann ausgelöste Bestellmenge
( DD' ) – aufgrund der durch den Einsatz schneller Transportmittel verkürzten
Wiederbeschaffungszeit – noch rechtzeitig im Lager eintrifft (D), um die Nachfra-
Lagerbestand
Sekundärer C B
Bestellpunkt
Sicherheitsbestand
bei zwei Bestellpunkten Konventioneller
D Sicherheitsbestand
Abb. 5.6 Verkleinerung der Sicherheitsbestandes durch Verwendung von zwei Bestellpunk-
ten (Quelle: Magee u.a., 1985, S. 109)
Prognosefehler
Der Fehler, der bei der Bedarfs- oder Nachfrageprognose für eine Periode gemacht
wird, ist die Differenz zwischen dem vorhergesagten und dem tatsächlich einge-
troffenen Wert. Die zufälligen Schwankungen in der Nachfrage verursachen diese
Prognosefehler, die zu Entnahmeüberziehungen führen. Analog führen Fehler in
der Prognose der Zuverlässigkeit der Einhaltung der Wiederbeschaffungszeit zu
5.3 Vorratsergänzung und -sicherung 113
21 Zur Begründung vgl. Pfohl, 1972, S. 100 und die dort aufgeführte Literatur.
22 Vgl. Gudehus, 2010, S. 301f.
114 5 Lagerhaltung (Lagerbestände)
P (t) x: Vorhersagefehler
t: Vorhersagefehler
in der Einheit von s
P(t): Dichtefunktion der
Normalverteilung
s: Standardabweichung
des Vorhersage-
Vorhers
2,15 13,59 34,13 34,13 13,59 2,15 fehlers
-3 -2 -1 0 1 2 3 t = x/s
50%
84,13% einseitige
statistische
97,72% Sicherheit
99,87%
nur durch eine viel größere Anzahl von Standardabweichungen als bei der Nor-
malverteilung erreicht werden.23
Die Höhe des Sicherheitsbestandes hängt also von der Größe der Prognosefeh-
ler und der Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens ab. Mit Hilfe der Standardabwei-
chung und aufgrund der Häufigkeitsverteilung der Prognosefehler lässt sich der
Sicherheitsbestand somit wie folgt berechnen:
S = k · σ
wobei
S = Sicherheitsbestand,
k = Sicherheitsfaktor,
σ = Standardabweichung der Verteilung der Prognosefehler.
Je genauer die Nachfrageprognose ist, desto niedriger ist der Wert der Stan-
dardabweichung 24 und desto geringer muss der Sicherheitsbestand sein, um mit
23 Vgl. Inderfurth, 1996, S. 1031ff.; zur Nachfrageverteilung siehe auch Thonemann, 2015, S.
246ff.
24 Zur Abhängigkeit der Standardabweichung von der Länge der Wiederbeschaffungszeit und
der Größe des Absatzgebietes vgl. Pfohl, 1972, S. 102 und die dort aufgeführte Literatur.
5.3 Vorratsergänzung und -sicherung 115
Lieferbereitschaft
Die Lieferbereitschaft beeinflusst also über den Sicherheitsfaktor die Höhe des Si-
cherheitsbestandes. Wie bereits bei der Diskussion der Servicekomponenten aus-
geführt wurde, kann die Lieferbereitschaft sehr unterschiedlich gemessen wer-
den. 25 Von der Art der Definition der Lieferbereitschaft hängt es jedoch ab,
welcher rechnerische Zusammenhang zwischen der Lieferbereitschaft und dem
Sicherheitsbestand besteht. Zwei sehr häufig verwendete Definitionen der Liefer-
bereitschaft lauten wie folgt:
x Die Lieferbereitschaft wird gemessen als der prozentuale Anteil der Anzahl
von Wiederbeschaffungszeiträumen, in denen der Lagerbestand zur Befriedi-
gung der Nachfrage ausreicht, an der Anzahl aller Wiederbeschaffungszeiträu-
me. Man misst also den Prozentsatz der Wiederbeschaffungszeiträume, in de-
nen keine Fehlmengen auftreten. Die Größe der Fehlmengen spielt keine Rolle.
x Die Lieferbereitschaft wird gemessen als der Prozentsatz der Nachfrage wäh-
rend der Wiederbeschaffungszeit, der vom Lagerbestand befriedigt werden
kann. Diese Definition zielt also nicht auf die Häufigkeit des Auftretens von
Fehlmengen, sondern auf die Größe der Fehlmengen ab.
Geht man von der ersten Definition der Lieferbereitschaft aus, die der einseiti-
gen statistischen Sicherheit entspricht, so kann der Sicherheitsfaktor direkt aus der
Verteilung der Prognosefehler in Abb. 5.7 abgeleitet werden. Soll die Lieferbereit-
schaft beispielsweise 97,72% betragen, so ist der dazugehörige Sicherheitsfaktor
k = 2. Man kann also erwarten, dass in 97,72% der Wiederbeschaffungszeiträume
keine Fehlmengen auftreten, wenn ein Sicherheitsbestand in Höhe von 2 σ gehal-
ten wird. Wie viel Fehlmengen z. B. in einem Jahr auftreten, hängt von der Häu-
figkeit der Bestellungen für die Wiederbeschaffung eines Artikels ab. Werden von
einem Lager 100 Bestellungen pro Jahr für einen Artikel aufgegeben, so werden
bei einer Lieferbereitschaft von 98% wahrscheinlich zweimal im Jahr Fehlmengen
auftreten, bevor die Lieferung zur Wiederauffüllung der Lagerbestände eintrifft.
Bestellt man dagegen nur einmal jährlich, so ist in 2 von 100 Jahren mit dem Auf-
treten einer Fehlmenge zu rechnen.
Man kann den Sicherheitsfaktor nicht mehr direkt durch einfache Ableitung aus
der Funktion der Normalverteilung ermitteln, wenn nicht die Häufigkeit des Auf-
tretens von Fehlmengen, sondern die Größe der Fehlmengen selbst interessiert. In
diesem Fall muss der Sicherheitsfaktor über die sogenannte Brown'sche Service-
funktion – die auch als Lieferfunktion bezeichnet wird – bestimmt werden.26
Untersucht man den Einfluss verschiedener Werte der Lieferbereitschaft auf die
Lagerhaltungskosten, so zeigt sich, dass diese für große Werte der Lieferbereit-
schaft viel stärker anwachsen als die Lieferbereitschaft selbst. Aus Abb. 5.8 ist er-
sichtlich, dass eine geringfügige Verbesserung einer bereits hohen Lieferbereit-
schaft mit einer unverhältnismäßig großen Erhöhung des Sicherheitsbestandes und
damit der Lagerhaltungskosten verbunden ist. Denn bei großen Sicherheitsfakto-
ren nimmt die Wahrscheinlichkeit für das Entstehen von Fehlmengen bei einer
Erhöhung der Sicherheitsfaktoren nur noch geringfügig ab. Eine 100%ige Liefer-
bereitschaft kann man theoretisch nur mit einem unendlich großen Sicherheitsbe-
stand erreichen.
Sicherheitsfaktor
= rel. notwendiger
Sicherheitsbestand
2
0 //
50% 60% 70% 80% 90% 100% Lieferbereitschaft
84,13% 97,72%
dann
somit
Vx = 9 = 3
Vy = 16 = 4
Vges = 25 = 5
Für den gesamten Sicherheitsbestand eines Artikels gilt bei zwei Lagern (für
den Sicherheitsfaktor soll gelten: k = 1):
S = 1 · σx + 1 · σy = 3 + 4 = 7
S = 1 · σges = 5
Allgemein lässt sich die Wirkung einer Erhöhung der Zahl der Lager auf den
Sicherheitsbestand durch folgende Formel abschätzen:30
Sn = S1 n
wobei
S1 = Sicherheitsbestand zur Befriedigung einer bestimmten Nachfrage durch
ein Lager,
n = Zahl der Lager, wenn diese Nachfrage von mehreren Lagern befriedigt
werden soll,
Sn = gesamter Sicherheitsbestand bei n Lagern.
Der Zusammenhang zwischen den Lagerhaltungskosten für den Sicherheitsbe-
stand und der Anzahl der Lager ist ein Aspekt, der bei der Entscheidung darüber
berücksichtigt werden muss, ob ein Artikel zentral von einem Lager oder dezentral
von mehreren Lagern ausgeliefert werden soll. Diese Frage führt zu dem Problem
der selektiven Lagerhaltung.
ABC-Analyse
Untersuchungen in vielen Branchen haben ergeben, dass der größte Teil des ge-
samten Umsatzes nur mit einer relativ kleinen Anzahl der Artikel, aus denen sich
das Produktprogramm eines Unternehmens zusammensetzt, erreicht wird. Eine oft
zitierte Faustregel ist die 80:20-Regel, nach der 80% des Umsatzes von 20% der
Artikel getragen werden.35 Das Anfertigen einer Artikelumsatzstatistik ermöglicht
es, die Artikel zu bestimmen, auf die sich der Umsatz konzentriert. Man kann die
Umsatzkonzentration durch eine Konzentrationskurve, die sogenannte Lorenzkur-
ve, darstellen. Abb. 5.9 zeigt beispielhaft eine solche Lorenzkurve zur Kennzeich-
nung der Umsatzkonzentration in einem Produktprogramm.
Vergleicht man verschiedene Branchen, dann lässt sich feststellen, dass die
Kurve umso weniger gekrümmt verläuft – die Umsatzkonzentration auf wenige
Artikel also umso weniger ausgeprägt ist –, je mehr das Lager auf den Endver-
braucher ausgerichtet ist. Die Lorenzkurve des Einzelhandels weist deshalb i. d. R.
eine geringere Krümmung auf als die des Großhandels oder die der Fertigungsin-
dustrie.
Der Umsatzanteil jedes Artikels hängt von seinem Einzelpreis und von der ab-
gesetzten Menge ab. Somit bestimmen der Wert des Artikels und seine Absatz-
menge, ob er zu den Hauptumsatzträgern des Produktprogrammes gerechnet wer-
den kann oder nur einen geringeren oder sogar gar keinen Anteil am
Gesamtumsatz hat. Den Hauptumsatzträgern ist im Allgemeinen wegen ihrer gro-
ßen Bedeutung für das Unternehmen wesentlich mehr Aufmerksamkeit bei der
Lagerhaltung zu schenken als den Artikeln mit geringerem Anteil am Umsatz.
Sehr aufschlussreich ist auch eine Klassifizierung der Artikel nach ihrem Bei-
trag zum Gewinn. Eine entsprechende Untersuchung wird im Allgemeinen erge-
ben, dass auch der größte Teil des Gewinnes nur mit einer relativ kleinen Anzahl
von Artikeln erwirtschaftet wird und dass der Gewinn oft durch eine beträchtliche
Anzahl mit Verlust verkaufter Artikel reduziert wird. 36
Eine Gewinnanalyse aller Artikel ist jedoch mit sehr großem Aufwand verbun-
den, so dass man sich in den meisten Unternehmen im Allgemeinen mit der we-
sentlich einfacher zu ermittelnden Klassifizierung der Artikel nach dem Umsatz
begnügen wird. Sind die Preisunterschiede der Artikel eines Produktprogramms
nur gering, so kann die Klassifizierung der Artikel auch nach den Absatzmengen
anstatt nach den Umsätzen vorgenommen werden.
Umsatzanteil
[%]
100
80
60
40
20
0
20 40 60 80 100 Mengenanteil
[%]
Abb. 5.9 Beispiel für eine Lorenzkurve zur Kennzeichnung der Umsatzkonzentration in ei-
nem Produktprogramm
Ist der Umsatz das Bewertungskriterium, so werden die Artikel gemäß ihrer
Bedeutung für den Gesamtumsatz in verschiedene Klassen aufgeteilt. Meistens
bildet man eine Rangordnung von drei Klassen und bezeichnet sie mit A, B und C.
Man spricht deshalb bei der Umsatzklassifizierung auch vom ABC-Prinzip, von
der ABC-Analyse oder vom ABC-System der Lagerhaltung. In Abb. 5.10 ist in
den Spalten 1 bis 4 ein Beispiel für eine Klassenbildung nach dem ABC-Prinzip
gegeben.
Aufgrund der ABC-Umsatzanalyse wird den A-Artikeln bei der selektiven La-
gerhaltung wegen ihres bedeutenden Umsatzanteils wesentlich größere Aufmerk-
samkeit geschenkt als den C-Artikeln, weil der Lagerwert der A-Artikel sehr hoch
ist und das Auftreten von Fehlmengen mit großen Verlusten verbunden sein kann.
Nun ist es aber möglich, dass auch ein Artikel, der wegen seines geringen Um-
satzanteiles in die C-Kategorie fällt, besonderer Aufmerksamkeit bei der Lagerhal-
tung bedarf, weil er eine besonders kritische Rolle für den Kunden spielt.37 So ist
z. B. ein kleines, unscheinbares Ersatzteil für die Zündung eines Autos für den
Kunden wesentlich wichtiger als ein Kotflügel, da ein Auto mit einem verbeulten
Kotflügel noch fahren kann, ohne funktionierende Zündung jedoch nicht. Der Lie-
ferant muss also bei der selektiven Lagerhaltung neben dem Umsatzanteil des Ar-
tikels als weiteres Bewertungskriterium auch den kritischen Wert berücksichtigen,
den ein Artikel für den Kunden hat. Abb. 5.10 zeigt in Spalte 6 ein Beispiel für ei-
ne Analyse des kritischen Wertes oder Bedeutungsfaktors.
Bewertung der
Umsatzklasse Rangordnung
Artikel nach
Umsatz Umsatz und prozen- der Artikel kritischer
Artikel Umsatz und
(in $) (in %) tualer Anteil nach Umsatz- Wert kritischem Wert
der Artikel anteilen
(7) = (5) x (6)
I 20.000 A-Artikel 1 3 3
56
II 18.000 20% 2 1 2
III 8.000 3 2 6
IV 6.000 B-Artikel 4 3 12
34
V 5.000 40% 5 1 5
VI 4.000 6 2 12
VII 3.000 7 3 21
VIII 2.500 C-Artikel 8 1 8
10
IX 1.000 40% 9 2 18
X 500 10 1 10
Abb. 5.10 Klassifizierung der Artikel mit Hilfe der Umsatzanalyse und der Analyse des kriti-
schen Wertes (Quelle: Die Tabelle ist eine Zusammenfassung der beiden Tabellen
bei Bowersox u.a., 1968, S. 201. Kritischer Wert von 1 bis 3 bedeutet von kritisch
bis unkritisch)
Den kritischen Wert eines Artikels kann man durch seine Bewertung quantifi-
zieren. Hat ein Lieferant Ersatzteile für die von ihm gelieferten Maschinen auf
Lager zu halten, so kann er die Artikel, die für die Funktionsfähigkeit der Maschi-
ne sofort verfügbar sein müssen, den kritischen Wert 1 geben. Die Artikel, deren
Ausfall die Funktionsfähigkeit der Maschine für eine bestimmte Zeit nicht beein-
trächtigen, erhalten den kritischen Wert 2; und die Artikel, die für die Funktions-
fähigkeit der Maschine nicht von unmittelbarer Bedeutung sind, erhalten den kriti-
schen Wert 3. Das Bewertungskriterium zur Bestimmung dieser gewichteten
kritischen Werte ist also die Bedeutung des Artikels für die Funktionstüchtigkeit
der Maschine. Es gibt auch andere Bewertungskriterien zur Bestimmung des kriti-
schen Wertes. Bezieht man beispielsweise den kritischen Wert auf die Phase im
Lebenszyklus eines Produktes, so wird man der Lagerhaltung eines Produktes in
der Wachstumsphase wesentlich größere Aufmerksamkeit schenken müssen als
der Lagerhaltung eines Produktes in der Phase der Degeneration. Man wird die
kritischen Werte für die Produkte entsprechend gewichten. Aus den Spalten 5 und
6 in Abb. 5.10 ist zu ersehen, dass die Bedeutung der Artikel aufgrund des Um-
satzanteils und aufgrund des kritischen Wertes unterschiedlich eingeschätzt wird.
Um zu einer Rangordnung der Artikel zu gelangen, muss man die Bewertung auf-
grund der beiden Bewertungskriterien zu einem einzigen Wert zusammenfassen.
Hierzu bietet sich die Multiplikation an, da dann der Wertebereich weit gestreut
und eine deutliche Rangordnung ermöglicht wird. Spalte 7 zeigt die einheitliche
122 5 Lagerhaltung (Lagerbestände)
Bewertung der Artikel mit Hilfe der Umsatzanalyse und der Analyse des kriti-
schen Wertes. Es entsteht eine andere Rangordnung der Artikel als bei einer rei-
nen Umsatzanalyse. Diese Rangordnung kann dazu dienen, eine neue Klassifizie-
rung in A-, B- und C-Artikel vorzunehmen. Das ABC-Prinzip kann auf diese
Weise erweitert werden.
samten Lagerkosten in einem Lager steigen also relativ an, wenn der Umsatz
sinkt. Da der Umsatz je Lager steigt, je weniger Lager vorhanden sind, sprechen
die Lagerkosten für eine Zentralisierung der Lager. Gegen eine Zentralisierung
sprechen im Allgemeinen die Transportkosten, weil wegen des Fehlens von La-
gern in den Einzelmärkten die Möglichkeit verloren geht, die Produkte in großen
Transporteinheiten möglichst nahe an die Einzelmärkte heranzubringen. Die
Transportkosten erhöhen sich aber bei einer Zentralisierung von umsatzstarken
und umsatzschwachen Artikeln relativ gleich stark. Deshalb spricht ein Vergleich
der Lagerhaltungskostensenkung und der Transportkostenerhöhung dafür, umsatz-
starke Artikel in mehreren Auslieferungspunkten dezentral zu lagern, umsatz-
schwache Artikel dagegen möglichst zentral zu lagern. Teilt man die Artikel in
vier Klassen ein, so lässt sich folgende ABCD-Politik formulieren:
x A-Artikel sind so umsatzstark, dass es gerechtfertigt ist, sie in allen lokalen La-
gern zu lagern,
x B-Artikel sind weniger umsatzstark und werden in wenigen, ausgesuchten re-
gionalen Auslieferungslagern gelagert,
x C-Artikel werden wegen des geringen Umsatzes nur in Fabriklagern gelagert,
x D-Artikel haben einen so niedrigen Anteil am Umsatz, dass sie überhaupt nicht
auf Lager gehalten und nur auf Bestellung hergestellt werden.
Geht man davon aus, dass bei einer Zentralisierung der Lager die Ausliefe-
rungszeit der Ware an den Kunden ansteigt, so sinkt der Lieferservice für die zent-
ral gelagerten Artikel. Da jedoch nur die umsatzschwächeren Artikel davon be-
troffen sind, wird der Lieferservice für den gesamten Umsatz nur unwesentlich
beeinträchtigt. Er kann sogar erhöht werden, wenn man in Folge der Kostensen-
kung, welche durch die Zentralisation der umsatzschwachen Artikel ermöglicht
wird, freigesetzte Mittel dazu verwendet, die Sicherheitsbestände und somit die
Lieferbereitschaft der umsatzstarken Artikel zu erhöhen.
Vor der Einführung einer solchen ABCD-Politik ist noch der kritische Wert der
Artikel zu analysieren und die ABCD-Klassen sind gegebenenfalls entsprechend
abzuändern. Ferner muss man untersuchen, inwieweit umsatzstarke und umsatz-
schwache Artikel von denselben Kunden gekauft werden. Dieser Aspekt kann
ebenfalls zu einer Änderung der ABCD-Politik zwingen, wenn die Kunden erwar-
ten, dass ihnen die bestellten Artikel zusammen von einem Lager ausgeliefert
werden. Bei den umsatzstarken Artikeln ist zudem zu prüfen, ob der Umsatz durch
die Nachfrage vieler Kunden entsteht, die den Artikel in kleinen Mengen beziehen
oder ob es wenige Kunden sind, die den Artikel in Waggon- oder Lastzugladun-
gen beziehen. Trifft der zweite Fall zu, so wird auch für umsatzstarke Artikel eine
zentrale Auslieferung von Vorteil sein. Es zeigt sich also, dass zur Beantwortung
der Frage, welche Artikel an welchen Auslieferungspunkten zu lagern sind, je-
weils eine ganze Reihe von Einflussfaktoren zu berücksichtigen sind. Nicht zuletzt
gehört dazu auch das Lagerhaus selbst, mit seinem Standort, der Größe des von
ihm aus versorgten Marktgebietes und den Einrichtungen für die Lagerung und
Handhabung der Güter.
124 5 Lagerhaltung (Lagerbestände)
Literatur
Arnolds H u.a. (2016) Materialwirtschaft und Einkauf. 13., durchges. Aufl. Wies-
baden 2016
Bowersox D J, Closs D J, Helferich O K (1986) Logistical Management. A Sys-
tems Integration of Physical Distribution, Manufacturing Support, and Materi-
als Procure-ment. 3. Aufl. New York/London
Bowersox D J, Smykay E W, LaLonde B J (1968) Physical Distribution Manage-
ment. Logistics Problems in the Firm. Rev. ed. New York
Constantin J A (1966) Principles of Logistics Management. New York
Flaks M (1967) Total Cost Approach to Physical Distribution. In: Marks N E,
Taylor R M (Hrsg) Marketing Logistics. Perspectives and Viewpoints. New
York/London/Sydney, S. 264-269
Grochla E (1990) Grundlagen der Materialwirtschaft. Das materialwirtschaftliche
Optimum im Betrieb. 3., gründl. durchges. Aufl., unveränd. Nachdruck. Wies-
baden
Gudehus T (2010) Logistik: Grundlagen, Strategien, Anwendungen. 4., aktual.
Aufl. Berlin u.a.
Hammann P, Palupski R (1997) Stichwort „Bestellpolitik“. In: Bloech J, Ihde G B
(Hrsg) Vahlens Großes Logistik Lexikon. München, S. 88-90
Hartmann H (2002) Materialwirtschaft. Organisation, Planung, Durchführung,
Kontrolle. 8., überarb. und erw. Aufl. Gernsbach
Homburg C (2017) Marketingmanagement. Strategie - Instrumente - Umsetzung -
Unternehmensführung. 6., überarb. u. erw. Aufl. Wiesbaden
Inderfurth K (1996) Stichwort „Lagerhaltungsmodelle“. In: Kern W, Schröder H-
H, Weber J (Hrsg) Handwörterbuch der Produktionswirtschaft. 2. Aufl.
Stuttgart, Sp. 1024-1037
King W R (1967) Quantitative Analysis for Marketing Management. New York
1967
LaLonde B J, Grashof J F (1969) Computer oriented information systems provide
effective P. D. management. In: Handling and Shipping 10 10, S. 53-59
Liesegang D G, Wohlgemuth E (1997) Stichwort „Sicherheitsbestand“. In: Bloech
J, Ihde G B (Hrsg) Vahlens Großes Logistik Lexikon. München, S. 963
Magee J F, Copacino W F, Rosenfield D B (1985) Modern Logistics Manage-
ment. Integrating Marketing, Manufacturing, and Physical Distribution. New
York u.a.
Pfohl H-Chr (1972) Marketing-Logistik. Gestaltung, Steuerung und Kontrolle des
Warenflusses im modernen Markt. Mainz
Pfohl H-Chr (2016) Logistikmanagement. Funktionen und Instrumente. 3., neu
bearb. und aktual. Aufl. Berlin/Heidelberg
Pfohl H-Chr, Stölzle W (1997) Planung und Kontrolle. 2., neu bearb. Aufl. Mün-
chen
Literatur 125
Definition
Ein Lagerhaus ist ein Knoten im logistischen Netzwerk, in dem Güter vorüberge-
hend festgehalten oder auf einen anderen durch das Netzwerk führenden Weg
übergeleitet werden. Aus der Abb. 1.2, in der die Grundstrukturen von Logistik-
systemen zusammengestellt sind, ist ersichtlich, dass Lagerhäuser sowohl Liefer-
und Empfangspunkte als auch Auflösungs- oder Konzentrationspunkte im Lo-
gistiksystem sein können. Im Lagerhaus laufen Lager- und Bewegungsprozesse
ab. Welche Prozesse dominieren, hängt von der Funktion eines Lagers ab. Die
Funktion bestimmt somit stark den Standort und die im Lagerhaus einzusetzende
Technik.
Funktionen
In Abb. 6.1 werden nach den in erster Linie von einem Lagerhaus zu erfüllenden
Funktionen drei Lagerhausarten unterschieden. Die prinzipielle Unterscheidung in
Vorrats-, Umschlags- und Verteilungslager1schließt nicht aus, dass in der Praxis
Mischformen auftreten können.
Die Vorratslager sind meist dem Produktionsbetrieb zugeordnet. Ihre wichtigs-
te Funktion ist, Kapazität für die Aufnahme von in der Produktion einzusetzenden
Gütern, aber auch von Fertigerzeugnissen (z. B. bei der Aufnahme von saisonge-
bundener Produktion) zur Verfügung zu stellen. In Vorratslagern dominieren die
Lagerprozesse gegenüber den Bewegungsprozessen. Sie können sowohl Beschaf-
fungs- als auch Produktions- oder Distributionslager sein.2 Umschlagslager (Tran-
sitterminals) sollen kurzfristig die Güter zwischen dem Umschlag von Transport-
mittel zu Transportmittel aufnehmen. Man findet solche Lagerhäuser vor allem bei
Logistikunternehmen. Mittlerweile spielen sie jedoch zunehmend auch bei Han-
delsunternehmen eine wichtige Rolle. Beim sogenannten Crossdocking liefern die
Hersteller die Ware für die einzelnen Filialen kommissioniert in das Zentrallager
des Handels. Dort werden dann die Sendungen verschiedener Hersteller für die
jeweiligen Filialen zusammengefasst und gemeinsam ausgeliefert. Im Zentrallager
des Handelsunternehmens entfällt damit die filialbezogene Kommissionierung und
Material,
hohe produktions- saisongebundene
Vorratslager
Lagerkapazität orientiert Halb- und
Fertigfabrikate
Material,
hohe transport- Halb- und
Umschlagslager
Umschlagsleistung orientiert Fertigfabrikate,
Handelsware
Verteilungslager
hohe
-Zulieferungslager Konzentrations- beschaffungs-
Material,
leistung orientiert
Handelsware
auch die Bestände werden ganz oder zumindest zum großen Teil eliminiert. 3 Ent-
sprechend dominieren im Umschlagslager die Bewegungsprozesse, so dass nicht
die Lagerkapazität, sondern die Erzielung einer großen Umschlagsgeschwindig-
keit bei ihrer Gestaltung zu erreichen ist. In Verteilungslagern wird der Güterfluss
in seiner Zusammensetzung geändert. In solchen Lagerhäusern sind die Lager- als
auch die Bewegungsprozesse von gleicher Bedeutung. Wichtigste Zielsetzung ist
die Leistungsfähigkeit zur Umstrukturierung des Güterflusses. Die Verteilungs-
funktion kann entweder eine Zuliefer- oder Auslieferfunktion sein, so dass Zulie-
ferungs- und Auslieferungslager unterschieden werden können.4 Zulieferungslager
sind Konzentrationspunkte in Logistiksystemen. In ihnen werden Güter von unter-
schiedlichen Lieferanten gesammelt und an einen oder mehrere Produktionsbe-
triebe – im Falle eines Handelsunternehmens an einen oder mehrere Handelsbe-
triebe – verteilt. Auslieferungslager sind Auflösungspunkte in Logistiksystemen.
In ihnen werden Güter aus der Produktion gesammelt und an den Kunden ausge-
liefert.
Nach dem Bereich, der von Verteilungslagern bedient wird, unterscheidet man
zentrale, regionale oder lokale Verteilungslager. Bei den zentralen Verteilungsla-
gern spricht man im Allgemeinen von Zentrallagern, während die dezentralen re-
gionalen oder lokalen Verteilungslager als Zulieferungs- bzw. Auslieferungslager
i. e. S. bezeichnet werden.
5 Für einen empirisch ermittelten Transportkostenverlauf vgl. Magee u.a., 1985, S. 253. Siehe
auch Abb. 3.7 in Teil I.
6 Klaus, 2005.
130 6 Lagerhaus
Transportkosten von
Auslieferungslager zu Kunde
Kosten je (Stückgutverkehr)
Gütereinheit B
Transportkosten
von Fabrik zu
A
Kunde
A' (Stückgutverkehr)
Zusätzliche Kosten
des Auslieferungslagers
(abhängig vom
Güterumschlag)
Transportkosten
Von Fabrik zu
Auslieferungslager
(Wagenladungs-
verkehr)
Abb. 6.2 Kostensenkung bei der Belieferung eines Gebietes durch ein Auslieferungslager
(Quelle: Vgl. Frederick, 1957, S. 81; Bowersox/Closs, 1996, S. 503)
Bei der Entscheidung über die Errichtung eines Auslieferungslagers sind nicht
nur seine Auswirkungen auf die Kosten, sondern vor allem auch auf die Nachfrage
zu berücksichtigen. Oft ist die Errichtung eines Auslieferungslagers die einzige
Möglichkeit, um einen entfernten Teilmarkt schneller beliefern zu können und so
die Lieferzeit zu verkürzen. Durch den auf diese Weise steigenden Lieferservice
kann man einen Wettbewerbsvorteil von Konkurrenten, die bisher einen günstige-
ren Standort hatten, ausgleichen. Das Auslieferungslager ist also ein wichtiges In-
strument beim Kampf um die Marktanteile.
6.2 Lagerhausaufgaben
Lagerhausstandort
Ausschlaggebend für die Funktionserfüllung eines Lagerhauses sind sein funkti-
onsgerechter Standort und sein funktionsgerechter Betrieb. Zu den Lagerhausauf-
gaben gehört deshalb zunächst die Standortwahl, die auf zwei Stufen zu treffen ist.
Bei der interlokalen Standortwahl wird darüber entschieden, an welcher Stelle in
einem Wirtschaftsgebiet ein Lagerhaus errichtet werden soll. Hat man sich hier
z. B. für eine Gemeinde entschieden, so muss danach bei der lokalen Standortwahl
festgelegt werden, an welchem Platz sich dort das Lagerhaus befinden soll.
Der interlokale Standort eines Lagerhauses hängt von der primär vom Lager zu
erfüllenden Funktion ab. Abgesehen von den Fällen, in denen Vorratslager einen
produktionsorientierten Standort haben und im Allgemeinen als Fabriklager un-
mittelbar mit dem Produktionsbetrieb verbunden sind, wird die interlokale Stand-
ortwahl eines Lagerhauses in weit größerem Maß von logistischen Überlegungen
beeinflusst als die Standortwahl eines Produktionsbetriebes. 7 Wie schon die Funk-
tion des Lagerhauses am Beispiel des Auslieferungslagers näher konkretisiert
wurde, so sollen auch die Einflussfaktoren der Standortwahl an dieser Lagerhaus-
art beispielhaft erläutert werden. Folgende sechs Einflussfaktoren sind für die
Wahl des Standortes eines Auslieferungslagers von Bedeutung:
x Lieferservice: Das Auslieferungslager soll gewährleisten, dass die Kunden
schnell beliefert werden. Welchen Lieferservice erwarten in dieser Beziehung
die Kunden und welchen Lieferservice bietet die Konkurrenz an? Eine Antwort
darauf gibt schon eine Vorstellung davon, wo überhaupt ein Auslieferungslager
errichtet werden sollte und welches Gebiet von ihm beliefert werden kann, um
den erforderlichen Lieferservice zu erreichen.
x Art des Absatzgebietes: Konzentriert sich die Nachfrage an bestimmten Punk-
ten im Absatzgebiet oder ist sie gleichmäßig über das gesamte Absatzgebiet
verteilt? Ist das Absatzgebiet durch geographische Barrieren (Bergzüge, Seen
oder Staatsgrenzen) geteilt, durch die das von einem Auslieferungslager zu ver-
sorgende Gebiet schon mehr oder weniger vorgegeben ist?
Lagerhausbetrieb
Die zur Funktionserfüllung eines Lagerhauses notwendigen Lager- und Bewe-
gungsprozesse bedingen die Wahrnehmung einer Anzahl von Lagerhausaufgaben,
die sich nach den in Abb. 6.3 angegebenen Lagerhausbereichen untergliedern las-
sen.8
Im Lagerhausbereich Wareneingang werden die Aufgaben der Güterannahme
vom Lieferanten und der Vorbereitung der Güter für die Lagerung erfüllt. Hierzu
8 Vgl. zum Folgenden Bowersox/Closs, 1996, S. 397; Stock/Lambert, 2001, S. 396ff.; Arnold
u. a., 2008, S. 378ff.
6.2 Lagerhausaufgaben 133
außerbetrieblicher
Transport
Lagerhaus
Wareneingang
Einheitenlager innerbetrieblicher
Lagerverwaltung
Transport
Kommissionierlager
Packerei
Warenausgang
außerbetrieblicher
Transport
oder Auflösung des Güterflusses dienen. 9 Zur Bezeichnung dieser Prozesse hat
sich der Begriff Kommissionieren durchgesetzt. Infolge des Kommissionierens
verlassen die Güter diesen Lagerhausbereich nicht in dem Zustand, in dem sie
eingelagert wurden. Das Kommissionieren ist auch heute noch in vielen Fällen ein
manueller Vorgang. Um trotzdem die Kommissionierzeiten möglichst kurz zu hal-
ten, ist bei der Gestaltung dieses Lagerhausbereiches auf zeitsparende Greifvor-
gänge und kurze Transportwege zu achten.
Infolge der unterschiedlichen Dominanz von Lager- und Bewegungsprozessen
im Einheiten- und Kommissionierlager sind beide Lagerhausbereiche also unter-
schiedlich zu gestalten. In den Fällen, in denen eine Trennung zwischen beiden
Lagerhausbereichen nicht sinnvoll erscheint, sind selbstverständlich die Ziele der
Raumausnutzung und der kurzen Kommissionierzeiten gleichgewichtig zu verfol-
gen.
Im Lagerhausbereich Packerei wird der kommissionierte Auftrag zu einer ver-
sandfähigen Einheit zusammengestellt, wobei unter Versand auch der Transport
an andere innerbetriebliche Stellen zu verstehen ist. Die Verpackungsaufgaben
werden im nächsten Abschnitt beim logistischen Subsystem Verpackung behan-
delt.
Der Lagerhausbereich Warenausgang umfasst die Aufgaben der Warenabgabe
an den Empfänger sowie die damit zusammenhängenden vorbereitenden Arbeiten.
Hierzu gehören die Entgegennahme der Waren aus der Packerei, nach Kunden o-
der Versandart geordnetes Zwischenlagern bis zur Abholung und die Disposition
der abholenden Transportmittel sowie das Verladen. Wie im Wareneingang stehen
auch hier die Bewegungsprozesse im Vordergrund. Eine längere Zeitüberbrückung
der Güter im Warenausgang findet nur in Sonderfällen statt.
Der Lagerhausbereich Lagerverwaltung umfasst die Aufgaben der Steuerung
und Koordination der Lager- und Bewegungsprozesse in den übrigen Lagerhaus-
bereichen. Die Lagerverwaltung bildet die Schnittstelle zum logistischen Subsys-
tem Auftragsabwicklung. Überträgt man Begriffe aus der elektronischen Daten-
verarbeitung auf das Lagerhaus, so ist die Lagerverwaltung die Software des
Lagerhauses und die übrigen Lagerhausbereiche stellen die Hardware dar.
In Abb. 6.3 wird zwischen inner- und außerbetrieblichem Transport unterschie-
den. Zum innerbetrieblichen Transport zählen sowohl die Transportprozesse in
einem Lagerhaus als auch die Transportprozesse in der Produktionsstätte. Zum
außerbetrieblichen Transport zählen dagegen sowohl der Transport vom Lieferan-
ten zum Unternehmen und vom Unternehmen zum Kunden als auch der Transport
zwischen verschiedenen Betrieben des Unternehmens. In diesem Abschnitt wird
lediglich der innerbetriebliche Transport behandelt. Der außerbetriebliche Trans-
port ist Gegenstand des fünften Abschnitts. Das bedeutet selbstverständlich nicht,
dass beide Transportarten isoliert voneinander zu sehen wären. Bei der Gestaltung
des innerbetrieblichen Transports ist der außerbetriebliche Transport soweit wie
möglich zu integrieren. Zur Vermeidung von Lager- und Bewegungsprozessen,
die zusätzliche Logistikkosten verursachen, ist eine Produktion direkt aus dem
bzw. in das außerbetriebliche Transportmittel anzustreben. Dies wird allerdings
nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen möglich sein. In den übrigen Fällen
ist der innerbetriebliche Transport, der wesentlich kürzere Distanzen zu überbrü-
cken hat als der außerbetriebliche, mit besonderen Transportmitteln vorzuneh-
men.10 Die innerbetrieblichen Transportmittel bezeichnet man auch als Fördermit-
tel, wobei sich unter diesem Begriff auch die Mittel zur Realisierung der
Umschlagsprozesse subsumieren lassen. Wenn im Folgenden von Transport- oder
Fördermitteln bzw. -einrichtungen gesprochen wird, so sind damit alle Mittel zur
Überwindung horizontaler und vertikaler Distanzen gemeint.
Bevor ein Überblick über die Lager- und Transporteinrichtungen gegeben wird,
die zur Rationalisierung der Lager- und Bewegungsprozesse eingesetzt werden
können, soll auf die Lagerplatzzuordnung eingegangen werden. Die Zuordnung
von Lagerplätzen zu Gütern bestimmt wesentlich die Einsatzmöglichkeit von La-
ger- und Transporteinrichtungen.
6.3 Lagerplatzzuordnung
Das Problem der Lagerplatzzuordnung – in der Literatur auch unter den Stichwor-
ten Lagerorganisation oder Lagerordnung behandelt – kann als dritte Stufe der
Lagerhausstandortproblematik aufgefasst werden. Es geht um die Bestimmung der
Lagerorte für die im Lagerhaus zu lagernden Güter.
Einheit, in der das Gut an den Kunden verkauft wird, nennen. Zwei Einflussfakto-
ren, nämlich die Zugriffshäufigkeit und das Volumen der Verkaufseinheit, die sich
auch miteinander kombinieren lassen, sollen im Folgenden exemplarisch be-
schrieben werden:16
x Zugriffshäufigkeit (Entnahme- oder Bestellhäufigkeit): Bei einer Lagerung der
Güter nach diesem Einflussfaktor geht man davon aus, dass die mit der Be-
stellmenge der Kunden zusammenhängenden Handhabungskosten bei der
Kommissionierung unabhängig vom Lagerplatz sind. Somit verändern sich mit
dem Lagerplatz nur die Transportkosten, die von der zurückzulegenden Entfer-
nung sowie von der Häufigkeit, mit der man diese Entfernung zurücklegen
muss, abhängen. Man wird also bestrebt sein, die Güter umso näher am Kom-
missionierplatz zu lagern je größer die Zugriffshäufigkeit ist.
x Volumen der Verkaufseinheit eines Gutes: Bei der Lagerung der Güter nach
dem Volumen der Einheit, in der das Gut verkauft wird, werden die Artikel mit
einem großen Volumen je Verkaufseinheit entfernt vom Kommissionierplatz
und die Artikel mit einem kleinen Volumen je Verkaufseinheit nahe am Kom-
missionierplatz gelagert. Man verfolgt damit das Ziel, einen möglichst großen
Prozentsatz der zu lagernden Verkaufseinheiten möglichst nahe am Kommissi-
onierplatz zu lagern, um die zum Transport der Verkaufseinheiten zurückzule-
genden Wege zu verkürzen. Bei einer Lagerung nach diesem Einflussfaktor
wird zugleich vermieden, dass Güter mit den verschiedensten Abmessungen
nebeneinander gelagert werden. Das hat den Vorteil, dass nebeneinander la-
gernde Güter im Allgemeinen auch dieselben Anforderungen an die techni-
schen Hilfsmittel für ihre Ein- und Auslagerung und den zur Bedienung der
Lagerplätze notwendigen Raum stellen.
x Volumen-pro-Auftrag-Index: Dieser Index kombiniert das Volumen der Ver-
kaufseinheit eines Gutes mit der Zugriffshäufigkeit. Er kann mit Hilfe folgen-
der Informationen berechnet werden: (1) das Volumen der Verkaufseinheit ei-
nes Gutes, (2) die durchschnittlich pro Auftrag bestellte Anzahl von
Verkaufseinheiten, (3) die Anzahl der Aufträge pro Tag, (4) die Anzahl der Ta-
geslieferungen (Nachfrage pro Tag), die im Kommissionierlager gelagert wer-
den sollen. Aus diesen Informationen lässt sich errechnen, welches Volumen
im Kommissionierlager für die Lagerung eines jeden Gutes erforderlich ist. Di-
vidiert man dieses Volumen durch die Zugriffshäufigkeit pro Tag, so erhält
man den Volumen-pro-Auftrag-Index eines Artikels in der Form: im Kommis-
sionierlager benötigtes Volumen/Zugriffshäufigkeit pro Tag.
Der Index gibt also an, wie viel Raum im Kommissionierlager für ein Gut pro
Auftrag benötigt wird. Je niedriger der Indexwert für ein Gut ist, also je kleiner
das Volumen und je größer die Zugriffshäufigkeit pro Tag ist, desto näher am
Kommissionierplatz im Lagerhaus wird der Artikel gelagert. Dadurch wird er-
reicht, dass unter Berücksichtigung des Einflusses der Zugriffshäufigkeit und des
Abb. 6.4 Möglichkeiten der Lagerplatzzuordnung (Quelle: Eggenstein u.a., 1981, S. 259)
zur Lagerung eines Gutes benötigten Raumes die sich mit dem Lagerplatz verän-
dernden Transportkosten bei der Kommissionierung minimiert werden.
Gibt es eine nach Güterart festgelegte Lagerplatzzuordnung nicht, so spricht
man von freier Lagerplatzzuordnung, Einzelplatzlagerung oder chaotischer Lage-
rung. Hierbei kann jedes Gut an jedem gerade freien Platz gelagert werden. Man
verfolgt dabei das Ziel, den Lagerraum optimal auszunutzen. Dieses Problem stellt
sich vor allem bei einer stark schwankenden Nachfrage. Da die Güter bei der cha-
otischen Lagerung an zufällig freien Lagerplätzen gelagert werden, macht sie bei
einer großen Anzahl von Lagerplätzen den Einsatz der elektronischen Datenverar-
beitung zur Steuerung und Kontrolle der Ein- und Auslagerung erforderlich. Die
elektronische Datenverarbeitungsanlage übernimmt es, einem einzulagernden Gut
einen Lagerplatz von der erforderlichen Größe anzuweisen. Sie registriert, wel-
ches Gut, in welchen Mengen, an welchem Lagerplatz gelagert ist. Bei der Kom-
missionierung wird das Kommissionierpersonal teilweise automatisch zu dem La-
gerplatz geleitet, an dem die gewünschte Menge des Gutes entnommen werden
kann. Damit ist diese Art der Lagerplatzzuordnung häufig mit einer bestimmten
Technik im Lagerhaus kombiniert.
6.4 Technik im Lagerhaus 139
Technische Lagersysteme
Die im Lagerhaus einsetzbaren technischen Lager- und Transporteinrichtungen
hängen von dem in einem Lagerhaus zu realisierenden technischen Lagersystem
ab. Technische Lagersysteme unterscheiden sich zunächst nach der Art der Lager-
güter, die in Stückgüter, Schüttgüter, Gase und Flüssigkeiten aufgegliedert wer-
den:17
x Stückgüter sind Gegenstände, die sich während des Transportierens, Umschla-
gens und Lagerns als Einheit behandeln lassen und ihre Gestalt und Form wäh-
rend dieser Vorgänge nicht oder nur gering verändern. Zu Stückgütern gehören
feste Körper unterschiedlichster Abmessungen (z. B. Bauteile oder Halbzeuge),
aus einzelnen Stückgütern bestehende Lagereinheiten (z. B. beladene Paletten
oder palettenlos mit einer Folie umschrumpfte Gutstapel), Schüttgüter, Flüssig-
keiten oder Gase, die sich in Behältnissen befinden (z. B. Fässer oder Säcke)
sowie auch die Verpackung als Leergut (z. B. Behälter oder Fässer).
x Schüttgüter verändern während der Bewegungsprozesse ihre Gestalt. Es sind
lose Güter in schüttbarer Form, zu denen die verschiedenartigsten körnigen und
staubförmigen Güter wie Erze, Kohle, Sand, Zement, Getreide, Kaffee usw.
zählen.
x Gase und Flüssigkeiten sind Güter, bei denen während Transport, Umschlag
und Lagerung Stoffeigenschaften berücksichtigt werden müssen, die besondere
Kenntnisse aus der Chemie sowie der Verfahrenstechnik voraussetzen.
Im Rahmen dieses betriebswirtschaftlich orientierten Buches wird auf techni-
sche Lagersysteme für Schüttgüter sowie Flüssigkeiten und Gase nicht eingegan-
gen. Es wird lediglich ein knapper Überblick über technische Lagersysteme für
Stückgüter gegeben, für die in Abb. 6.5 eine Prinzipdarstellung zu finden ist.
Bei den technischen Lagersystemen unterscheidet man zwischen dem stati-
schen System für die Lagerung und dem dynamischen System für die Bewegung
der Güter.18 Die einfachste Form eines statischen Lagers ist eine Bodenlagerung
ohne Lagergestell. Von Bodenlagerung i. e. S. spricht man dann, wenn keine Sta-
pelbildung vorliegt. Dies führt zu einer schlechten Raumausnutzung, so dass trotz
fehlender Investitionen in Lagereinrichtungen hohe Investitionen pro Lagereinheit
entstehen können. Den Nachteil der schlechten Raumausnutzung vermeidet die
Blocklagerung, bei der das Lagergut lückenlos auf-, neben- und hintereinander ge-
stellt wird. Hierbei ist jedoch ein direkter Zugriff zu einem beliebigen Lagergut
nicht mehr gegeben. Dies ist auch nicht mehr bei der Zeilenlagerung der Fall,
wenn die Lagergüter nicht nur nebeneinander, sondern auch aufeinander gestellt
Abb. 6.5
Lagermittel für Stückgut
6
Lagerung auf
Bodenlagerung Regallagerung
Fördermittlen
Lagerhaus
Vertikales
Zeilenlagerung Fachbodenregal al
Umlaufregal
werden. Für die Stapelbildung üblich sind zwei- bis vierfache Stapelungen mit
Höhen bis normalerweise ca. 5 m, aber in Ausnahmefällen auch bis zu 10 m.
Technisch fortschrittlicher sind statische Regallagerungen, die eine größere
Lagerhöhe zulassen und auch für prinzipiell nicht aufeinander stapelbare La-
gereinheiten eine bessere Raumausnutzung ermöglichen. Zudem ist in der Form
der Regallagerung die Zugriffsmöglichkeit auf jede beliebige Lagereinheit gege-
ben.
Im dynamischen Lagersystem werden die Lagergüter bewegt. Bewegungspro-
zesse finden einerseits statt, um das Lagergut zur Beschickung (Einlagerung) und
Entnahme (Auslagerung) zu bewegen. In diesem Fall sind Lager- und Bewe-
gungsprozesse getrennt. (Vgl. Abb. 6.5, dynamische Regallagerung) Andererseits
ist es möglich, dass Lager- und Bewegungsprozesse nicht klar voneinander zu
trennen sind. So finden Bewegungsprozesse während der eigentlichen Lagerung
statt, wenn das Lagergut im Lagergestell bzw. wenn Lagergut und -gestell ge-
meinsam bewegt werden. Lagerprozesse während der eigentlichen Bewegungs-
prozesse finden statt, wenn das Lagergut auf Transportmitteln ständig umläuft.
Diese Art des dynamischen Lagers kann dann zum Einsatz kommen, wenn die
vor- und nachgelagerten Stellen im Güterfluss taktmäßig nicht übereinstimmen
und es sich um Güter mit hohem Mengenaufkommen und großer Umschlagshäu-
figkeit handelt.19
Um einen Eindruck von der technischen Vielfalt zu vermitteln, mit der die
prinzipiell möglichen technischen Lagersysteme realisiert werden können, werden
im Folgenden die wichtigsten Typen von Lagergebäuden, Lagergestellen und
Transportmitteln einander gegenübergestellt.20
Lagergebäude
Freilager: Die baulichen Maßnahmen bei Freilagern beschränken sich auf eine
Befestigung des Bodens, um den Untergrund für den Einsatz von Transportmitteln
zu schaffen. Geeignet sind solche Lager in erster Linie für witterungsunempfindli-
che Lagergüter; andernfalls müssen die Lagergüter zusätzlich gegen den Einfluss
der Witterung geschützt sein (z. B. durch Schrumpffolien oder durch Abdecken
mit Planen). In den meisten Fällen erfolgt die Lagerung in Form der Bodenlage-
rung.
Flachlager: Von einem Flachlager spricht man bei einem Lagergebäude bis ca.
7 m Höhe, in das mit oder ohne Lagergestelle eingelagert wird.
Etagenlager: Ein Etagenlager besteht aus mehreren Stockwerken. Der Übergang
vom Flachlager zum Etagenlager kann notwendig werden, wenn bei kleinen
Grundstücksflächen die Lagerfläche erhöht werden soll. In der Regel sind die
Stockwerke über Aufzüge miteinander verbunden.
19 Vgl. ten Hompel u.a., 2007, S. 80ff.
20 Vgl. zum Folgenden Jünemann/Schmidt, 2000, S. 41ff.; ten Hompel u.a., 2007, S. 55ff. Dort
finden sich auch zahlreiche Abbildungen zur Veranschaulichung.
142 6 Lagerhaus
Lagergestelle
Fachbodenregale: Sie bestehen aus Seitenstützen, zwischen denen durchgehende
Fachböden befestigt sind, wobei sich die Fachhöhe nach dem Lagergut richtet.
Gelagert werden in diesen Regalen vor allem Kleinteile. Die Bedienung der Rega-
le erfolgt vorwiegend manuell. Typischerweise finden sich solche Regale in
Flach- oder Etagenlagern.
Palettenregale: Diese Regale haben keine Böden, sondern bestehen lediglich aus
Seitenstützen mit Quer- oder Längstraversen zur Auflage für das palettierte La-
gergut. Die Bedienung erfolgt üblicherweise mit Hilfe von Gabelstaplern, was ent-
sprechende Gangbreiten erfordert.
Einfahrregale: Sie sind ein Spezialfall der Palettenregale und dienen der Blockla-
gerung mit Lagergestell. Da diese Regale nur Längstraversen aufweisen, können
die palettierten Güter nicht nur über- und nebeneinander, sondern auch hinterei-
nander gelagert werden.
Durchlaufregale: Dies sind dynamische Lager, in denen das Lagergut von der Be-
schickungs- zur Entnahmeseite kontinuierlich oder diskontinuierlich weiterbewegt
wird. In der Regel wird palettiertes Lagergut entweder auf geneigten Rollenbah-
nen bzw. auf geneigten Laufschienen mit Rollpaletten durch die Schwerkraft oder
mit mechanischem Antrieb auf nichtgeneigten Rollenbahnen bewegt. Bei diesen
Lagergestellen ist das FIFO-Prinzip (first in first out) zwangsläufig gewährleistet
und der Flächen- bzw. Raumausnutzungsgrad ist relativ hoch. Allerdings erfor-
dern die Durchlaufregale verhältnismäßig große Investitionen.
Kompaktregale: Zu den Kompaktregalen zählen Verschiebe- und Umlaufregale.
Verschieberegale sind entweder kompakt nebeneinander angeordnete Fachboden-
oder Palettenregale, die sich in den Bediengang herausziehen oder parallel zu ihm
verfahren lassen. Auf diese Weise stehen stets nur ein bzw. zwei Regale im direk-
ten Zugriff. Bei Umlaufregalen laufen Regaleinheiten horizontal oder vertikal um.
Solche über Kettenantriebe verfahrende Umlaufregale werden typischerweise dort
eingesetzt, wo beim Kommissionieren die „Ware zum Mann“ kommt und nicht
umgekehrt. Bei Kompaktregalen, bei denen also die Lagergüter und -gestelle ge-
meinsam bewegt werden, ist ein sehr hoher Flächen- bzw. Raumnutzungsgrad ge-
währleistet, aber der Zugriff ist durch die technisch bedingten hohen Manipulati-
onszeiten nicht besonders gut. Deshalb sind diese Regale nur für Güter mit
niedrigen Umschlagsfrequenzen geeignet. Außerdem entspricht die Investition
dem vergleichsweise hohen technischen Aufwand.
Hochregale: Dies sind Fachboden- oder Palettenregale mit sehr großen Regalhö-
hen, die über hoch technisierte Regalbediengeräte beschickt werden. Aufgrund der
großen Regalhöhen und der schmalen Bediengänge ergibt sich ein vergleichsweise
guter Flächen- und Raumnutzungsgrad. Die Zugriffszeiten sind wegen des allge-
mein hohen Mechanisierungsgrades sehr gering. Eingesetzt werden Hochregale
vor allem bei großen Gütermengen und breiten Sortimenten, wobei jedoch zu be-
rücksichtigen ist, dass Anpassungen bei Betriebsumstellungen nur in geringem
Ausmaß möglich sind.
Transportmittel
Stetigförderer: Dazu zählen alle Transportmittel, mit denen Güter auf einem fest-
gelegten und in der Regel gleichbleibenden Weg stetig in horizontaler, vertikaler
oder geneigter Richtung bewegt werden. Stetigförderer haben einen geringen
Energiebedarf, einen geringen Bedienungsaufwand und eine große Betriebssicher-
heit. Stetigförderer können sowohl flurfrei (Lastaufnahme erfolgt durch die De-
ckenkonstruktion des Lagerhauses) als auch flurgebunden (Lastaufnahme erfolgt
durch die Bodenkonstruktion des Lagerhauses) konstruiert werden. In der Regel
werden Stetigförderer als Förderbänder, Mitnehmerketten, Rollenbahnen oder
auch Unterflurschleppkettenförderer flurgebunden konstruiert. Umlaufketten
(Kreisförderer) oder Schaukelförderer mit festen Gehängen oder auswechselbaren
Schaukeln (Power and Free) werden dagegen häufig flurfrei konstruiert.
Unstetigförderer: Dazu zählen alle Transportmittel, die im sogenannten Aussetz-
betrieb arbeiten. Unstetigförderer mit vorwiegend vertikalen Transportaufgaben
bezeichnet man als Hubförderer. Solche mit vorwiegend horizontalen Transport-
aufgaben bezeichnet man als Flurförderzeuge, die ihrerseits wieder in gleisgebun-
dene und gleislose Flurförderzeuge untergliedert werden. Zu den gleisgebundenen
Flurförderzeugen gehören z. B. die Grubenbahnen für die Förderung im Unterta-
144 6 Lagerhaus
Nach dem Prinzip „Ware zum Mann“ entnehmen die vollautomatisch gesteuer-
ten Paletten- oder Behälterregalbediengeräte die Ladeeinheiten vom Lagerplatz
und stellen sie den Kommissionierern zur Verfügung. 23 Nach dem manuellen Pi-
cking transportieren die Regalbediengeräte die Ladeeinheit wieder zurück zum
Lagerplatz. Beispielsweise gibt es für die Pharmabranche als Geräte zur automati-
schen Entnahme spezielle Schachtautomaten und Kommissionierroboter.24
Abb. 6.6 gibt einen Überblick über die dargestellten Elemente eines Lagerhau-
ses. Die Materialfluss- und Fördertechnik wird im deutschen Sprachraum auch als
Intralogistik bezeichnet.25 „Die Intralogistik umfasst die Organisation, Steuerung,
Durchführung und Optimierung des innerbetrieblichen Materialflusses, der Infor-
mationsströme und des Warenumschlags mit Hilfe technischer Systeme und
Dienstleistungen.“26 Mit Hilfe neuer Technologien in der Sensorik – technische
Systeme zur Identifikation, Ortung und Zustandsüberwachung – lässt sich das La-
gerhaus zu einem intelligenten Logistikraum entwickeln. Hierzu lassen sich zwei
grundlegende Herangehensweisen definieren: „Zum einen die Schaffung intelli-
genter Infrastrukturen durch lokale Ausstattung mit entsprechenden Technologien
und alternativ zum anderen die Definition mobiler, intelligenter Objekte durch die
Ausstattung von Waren und Betriebsmitteln mit Sensorik.“ 27
Automatisierung im Lagerhaus
Die Automatisierung der Prozesse im Lagerhaus kann in zwei Problembereiche
unterteilt werden. Dies sind die Informationsverarbeitung und die Lagergutbe-
handlung. Beide Bereiche sind zwar untrennbar miteinander verbunden und beein-
flussen sich wechselseitig, doch existieren technisch unterschiedliche Probleme.
In der Informationsverarbeitung zur Steuerung und Kontrolle der statischen
und dynamischen Lagersysteme besteht in erster Linie eine Herausforderung der
informationstechnischen Verknüpfung der verschiedenen Systeme und Lager-
hausbereiche. Deshalb müssen hier vordergründig Probleme der physischen Ver-
knüpfung und der Standardisierung der Datenformate gelöst werden, um einen un-
terbrechungsfreien und automatischen Datenfluss realisieren zu können.
Abb. 6.6
6
Lagerhaus
Lagereinrichtungen
Abb. 6.7 Oben ist ein Beispiel für ein vollautomatisches Lager mit Regalbediengeräten und
Umsetzer abgebildet. Unten wird der Ablauf bei teilautomatisierter Kommissionie-
rung durch Pick-by-Light bzw. Put-to-Light dargestellt. (Quelle: In Anlehnung an
ten Hompel u.a., 2007, S. 194 und S. 294)
kann z. B. bei einem Computerausfall der Betrieb teilweise aufrecht erhalten wer-
den.
Voraussetzung für ein störungsfrei arbeitendes, automatisiertes Lagerhaus ist
nicht zuletzt eine Verpackung der Lagergüter, die die hohen Anforderungen für
einen automatischen Güterumschlag erfüllt.
Literatur 149
Literatur
Appelt G (1997) Stichwort „Lagergut“. In: Bloech J, Ihde G B (Hrsg) Vahlens
Großes Logistik Lexikon. München, S. 481-482
Arnold D (2006) Einleitung des Herausgebers. In: Arnold D (2006) Intralogistik.
Potentiale, Perspektiven, Prognosen. Berlin/Heidelberg, S. 1-4
Arnold D u.a. (Hrsg) (2008) Handbuch Logistik. 3., neu bearb. Aufl. Ber-
lin/Heidelberg 2008
Bowersox D J, Closs D J (1996) Logistical Management. Überarb. Ausg. der 3.
Aufl. New York u.a.
Eggenstein F, Herbst D, Jansen R (1981) Materialfluß und Steuerung. In: Volk P
(Hrsg) Betriebsleiter Handbuch. 5., völlig neu bearb. u. erw. Aufl. Landsberg a.
L., S. 159-330
Elkmann u.a. (2015) Arbeitssysteme der Zukunft. In: Schenk M (Hrsg) Produktion
und Logistik mit Zukunft. Digital Engineering and Operation. Ber-
lin/Heidelberg, S. 245-281
Frederick J H (1957) Using Public Warehouses. Philadelphia
Gudehus T (2010) Logistik: Grundlagen, Strategien, Anwendungen. 4., aktual.
Aufl. Berlin u.a.
Heskett J L, Glaskowsky N A, Ivie R M (1973) Business Logistics. Physical Dis-
tribution and Materials Management. 2. Aufl. New York
Jünemann R, Schmidt T (2000) Materialflußsysteme. Systemtechnische Grundla-
gen. 2., Aufl. Berlin/Heidelberg/New York
Klaus P (1996) Stichwort "Lager: Funktionen und Arten". In: Kern W, Schröder
H-H, Weber J (Hrsg) Handwörterbuch der Produktionswirtschaft. 2. Aufl.
Stuttgart, Sp. 1019-1024
Klaus P (2005) Ringen um Investitionen. DVZ 59 (2005), 22.02.2005
Magee J F, Copacino W F, Rosenfield D B (1985) Modern Logistics Manage-
ment. Integrating Marketing, Manufacturing, and Physical Distribution. New
York u.a.
National Council of Physical Distribution Management (NCPDM) (1984) Measur-
ing an Improving Productivity in Physical Distribution 1984. Oak Brook, IL
Pfohl H-Chr (2007) Logistikarbeitsplatz. In: Landau K (Hrsg) Lexikon Arbeitsge-
staltung. Best Practice im Arbeitsprozess. Stuttgart, S. 795-797
Richter K u.a. (2015) Logistiksysteme. In: Schenk M (Hrsg) Produktion und Lo-
gistik mit Zukunft. Digital Engineering and Operation. Berlin/Heidelberg, S.
245-281
Schulte C (2013) Logistik. Wege zur Optimierung des Material- und Informati-
onsflusses. 6., überarb. und erw. Aufl. München 2013
Stock J R, Lambert D M (2001) Strategic Logistics Management. 4. Aufl. Boston
u.a.
150 6 Lagerhaus
Definition
Unter Verpackung versteht man die lösbare, vollständige oder teilweise Umhül-
lung eines Gutes (Packgutes), um dieses zu schützen oder andere Funktionen zu
erfüllen. 1 Der Verpackungsvorgang wird als Verpackungsprozess bezeichnet.
Packgut, Verpackung und Verpackungsprozess bilden zusammen das Verpa-
ckungssystem. Die Verpackung selbst ist nach der Norm DIN 55 405 eine Einheit
gebildet aus dem Packmittel und dem Packhilfsmittel, die aus verschiedenen
Packstoffen bestehen. 2 Der Packstoff ist der Werkstoff, aus dem Verpackungen
hergestellt werden. Das Packmittel ist das Erzeugnis aus dem Packstoff, das dazu
bestimmt ist, das Packgut zu umschließen oder zusammenzuhalten. Packhilfsmit-
tel ist ein Sammelbegriff für Hilfsmittel, die zusammen mit Packmitteln zum Ver-
packen, Verschließen, Versandfertigmachen usw. eines Packgutes dienen. Es ist
oft nützlich, diese einzelnen Verpackungselemente gesondert zu betrachten. Denn
jedes dieser Elemente hat seinen spezifischen Einfluss auf das Verpackungssys-
tem. Die Anwendung eines neuen Klebebandes kann beispielsweise das Ver-
schließen des Packmittels im Verpackungsprozess erleichtern. Die Unfallgefahr
kann bei der Handhabung der Verpackung durch die Umreifung des Packmittels
mit Kunststoffbändern statt mit Stahlbändern herabgesetzt werden.
Funktionen
Welche Eigenschaften eine Verpackung aufzuweisen hat, hängt von den von ihr
zu erfüllenden Funktionen ab.3 Grundsätzlich lassen sich folgende vier Funktions-
bereiche unterscheiden:
Produktionsfunktionen: Die Verpackung ermöglicht die mengenmäßige Bereitstel-
lung des Produktionsinputs und die mengenmäßige Aufnahme des Produkti-
onsoutputs am Produktionsort. Durch die Wahl einer geeigneten Verpackung
(z. B. Container) kann ohne weitere zwischengeschaltete Umschlagsvorgänge di-
rekt aus der Verpackung bzw. direkt in die Verpackung produziert werden.
7.2 Verpackungsaufgaben
Verpackungsgestaltung
Da die Verpackung Funktionen bei der Produktion, dem Marketing, der Verwen-
dung und der Logistik zu erfüllen hat, kann das gesamte Verpackungsproblem nur
durch ein Verpackungsteam gelöst werden, in dem Fachleute aus den verschiede-
nen Bereichen zusammenarbeiten. Zu einer Analyse des Verpackungssystems ge-
hört zunächst die Erfassung aller Anforderungen, die in den vier Funktionsberei-
chen der Verpackung an diese gestellt werden. 7 Danach muss geprüft werden,
inwieweit diese Anforderungen durch ein Verpackungssystem erfüllt werden und
welche Kosten damit verbunden sind. Die an die Verpackung gestellten Anforde-
rungen aus den verschiedenen Funktionsbereichen können miteinander konkurrie-
ren, wie aus Abb. 7.1 hervorgeht. Deshalb muss bei der Verpackungsgestaltung
ein Kompromiss gefunden werden, der alle Funktionsbereiche berücksichtigt. Soll
ein Funktionsbereich aus einem bestimmten Grund dominieren, so sind ihm die in
den anderen Funktionsbereichen der Verpackung dadurch entstehenden Mehrkos-
ten anzulasten.
temperaturbeständig
dicht
korrosionsbeständig
staubfrei
chemisch neutral
mengenerhaltend
Schutzfunktion schwer entflammbar
formstabil
stoßfest
stoßdämpfend
druckfest
reißfest
stapelbar
Lager- und rutschfest
Transportfunktion genormt
handhabbar
automatisierungsfreundlich
unterfahrbar
einheitenbildend
raumsparend
flächensparend
ökonomisch
werbend
Verkaufsfunktion Identifikations- und informativ
Informationsfunktion identifizierbar
unterscheidbar
leicht zu öffnen
wiederverschließbar
Verwendungsfunktion wiederverwendbar
ökologisch
entscheidungsfreundlich
hygienisch
Vormaterialverpackung
Einzelverpackung
Ökologie Marketing
Sammelverpackung
Versand-/Transportverpackung
Produkteigenschaften Verbraucher
Logistik
Abb. 7.2 Einflüsse auf die Gestaltung der Verpackungsarten (Quelle: Mit geringfügigen Än-
derungen entnommen aus Frerich-Sagurna, o. J., S. 21)
Verpackungsprozess
Der Verpackungsprozess beinhaltet die Gesamtheit der zum Verpacken des Gutes
notwendigen Arbeitsschritte von der Zuführung der leeren Verpackung und des
Packgutes zum Verpackungsplatz über die verschiedenen Stufen des eigentlichen
Verpackungsverordnung
Die Verpackungsverordnung unterscheidet verschiedene Verpackungsarten. Die
Transportverpackung hat vor allem eine Schutzfunktion und soll die Ware auf
dem Weg vom Hersteller zum Vertreiber vor Schäden bewahren. Die Verkaufs-
verpackung dient dem Transport vom Handel zum Endverbraucher und ggf. auch
zur Lagerung bis zum endgültigen Verbrauch. Bei der Umverpackung handelt es
sich um Folien, Kartonagen oder ähnliche Umhüllungen, die dazu dienen, die Ab-
gabe der Ware im Wege der Selbstbedienung zur ermöglichen, die Diebstahlmög-
lichkeiten zu senken bzw. zu verhindern oder Werbung zu ermöglichen.11
sche Einheiten dadurch zu bilden, dass sie mit Hilfe von Schnüren oder Bändern
zu in Form und Abmessungen standardisierten Einheiten paketiert werden. Eine
derartige paketierte Einheit kann man mit Untersätzen (Füßen, Pallhölzern) verse-
hen, so dass eine Art Palette entsteht. Die verschiedenen Arten von Paletten, Falt-
kisten, Kleinbehältern und Großbehältern vermitteln einen Eindruck von der Viel-
falt der Möglichkeiten zur Bildung logistischer Einheiten.
In Abb. 7.3 sind die grundsätzlichen Möglichkeiten zur Bildung logistischer
Einheiten zusammengestellt. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, alle Mög-
lichkeiten zur Bildung logistischer Einheiten im Einzelnen darzustellen und mitei-
nander zu vergleichen. Deshalb sollen exemplarisch nur die Palette und der Con-
tainer etwas ausführlicher behandelt werden. Ein wesentlicher Gesichtspunkt bei
der Wahl der logistischen Einheit wird jedoch immer sein, welche Einheit eine
weitgehend ununterbrochene Transportkette erlaubt.
logistische Einheit
Palette16
Nach DIN 15 145 und DIN 55 405 wird die Palette definiert als eine „tragbare
Plattform mit oder ohne Aufbau, die dazu dient, Güter zusammenzufassen, um ei-
ne Ladeeinheit zum Befördern, Lagern und Stapeln mit Flurförderzeugen oder an-
deren mechanischen Einrichtungen zu bilden. Sie ist mit Einrichtungen zum Un-
terfahren durch die Einführungsorgane von Flurförderfahrzeugen (Gabelstapler,
Gabelhubwagen usw.) versehen; die Unterfahrhöhe beträgt in der Regel etwa 100
mm.“17 Diese Definition des Deutschen Normenausschusses weist die Palette als
typische logistische Einheit aus. In ihr wird direkt auf die Funktionen der Palette
während der Auslieferung der Güter beim Lieferanten, beim Kunden und bei den
Logistikunternehmen erfüllen. Durch Normung versucht man, die Abmessungen
der Paletten mit den Abmessungen der für ihre Lagerung und Handhabung sowie
ihren Transport notwendigen technischen Hilfsmittel abzustimmen und die Zahl
der Typen zu verringern. Um die Vorteile der Palettierung durch die Möglichkeit
des zwischenbetrieblichen Austausches von Paletten voll nutzen zu können, wur-
den durch Normen neben den Abmessungen auch schon genaue Einzelheiten in
Bezug auf Werkstoff und Konstruktion festgelegt. Eine derartige Vereinheitli-
chung ist in noch größerem Umfang anzustreben als bisher, um die Freizügigkeit
des Paletteneinsatzes weiter zu steigern. Werden von Lieferanten, Kunden und
Logistikunternehmen einheitliche Paletten eingesetzt, so können zwischen ihnen
die Paletten Zug um Zug, also eine volle Palette gegen eine leere, ausgetauscht
werden. Ein solcher Austausch der Palette kann innerhalb eines Palettenpools
verwirklicht werden, dem Lieferanten, Kunden und Logistikunternehmen angehö-
ren. Es entsteht dadurch ein einheitliches Palettensystem, in dem eine Palette als
logistische Einheit innerhalb des gesamten Absatzkanals so lange wie möglich er-
halten bleibt. Hierbei gelangt die logistische Einheit durch Transportvorgänge von
einer Stufe im Absatzkanal zur nächsten Stufe.
Im Jahre 1961 wurde ein europäischer Palettenpool gegründet. Die Europäische
Tauschpalette oder Pool-Palette (Europalette) hat die Abmessungen 800 mm ×
1.200 mm. In der chemischen Industrie und in der Hohlglasindustrie findet auch
die Palettenabmessung 1.000 mm × 1.200 mm und in der Getränkeindustrie die
Palettenabmessung 800 mm × 1.000 mm Verwendung.
Großbehälter
Zu den Großbehältern zählen folgende Behälterarten (vgl. Abb. 7.4):
x ISO-Container für den internationalen Verkehr,
x Binnencontainer für den europaweiten Transport,
x Wechselbehälter oder Wechselaufbauten,
x ULD (Unit Load Device) für die Luftfahrt.
Den ISO-Container gibt es in den Hauptausführungen mit 20 Fuß (6.055 mm)
und 40 Fuß (12.190 mm) Länge (auch in 10 und 30 Fuß)20, einer Breite von 8 Fuß
(2.435 mm) und einer Höhe von 8 bis 9 Fuß (2.435 bis 2.745 mm). Er ist sechs-
fach stapelfähig und wird meist durch eine zweiflügelige Tür an einer Stirnseite
be- und entladen. Der ISO-Container erlaubt eine optimale Flächenausnutzung nur
durch eine Beladung mit den z. B. in den USA gebräuchlichen ISO-Paletten. Für
die in Europa gebräuchliche Pool-Palette ergeben sich Verluste bei der Flächen-
nutzung im ISO-Container.
Für den deutschen Binnenverkehr und den europäischen Verkehr wurde der
Binnencontainer entwickelt. Er hat eine Breite von 2.500 mm, eine Höhe von
ULD
ISO-Container, 40 Fuß Binnencontainer, 20 Fuß Lower-Deck Container
Wechselbehälter
Abb. 7.4 Verschiedene Großbehälter (Quelle: ten Hompel u.a., 2007, S. 30ff.)
2.600 mm, eine Länge von 20 Fuß (6.055 mm) oder 40 Fuß (12.190 mm) und hat
ein zulässiges Gesamtgewicht von 20 t bzw. 30 t. Zur Be- und Entladung hat der
Container neben einer Hecktür auf der linken Seite eine Seitentür. Er weist eine
Innenbreite von 2.440 mm auf, so dass ein Querstau von zwei Paletten von
1.200 mm oder drei Paletten von 800 mm möglich ist. Da man sich bei der Länge
des Containers an den ISO-Containern ausgerichtet hat, ist aber die maximale Flä-
chenausnutzung mit der Europäischen Tauschpalette nicht möglich.
Für den Transport auf der Straße und der Schiene wurden Lkw-
Wechselaufbauten entwickelt, die im deutschen Binnenverkehr – teilweise auch
im europäischen Verkehr – eingesetzt werden. Die Wechselaufbauten haben eine
Breite von 2.500 mm, eine Höhe von 2.600 mm und eine Länge von 6.250 mm
oder 7.150 mm. Da die Wechselaufbauten eine Innenbreite von 2.440 mm und ei-
ne Innenlänge 6.100 bzw. 7.000 mm haben, kann die Ladefläche mit den in Euro-
pa gebräuchlichen Paletten maximal genutzt werden.
Da alle drei Großbehälterarten die gleichen Anschlussmaße haben, können sie
mit dem gleichen Fahrgestell transportiert werden.
Im Bereich der Luftfahrt werden ULD als Paletten und Container zur Lastenuf-
nahme benutzt. Aufgrund der verschiedenen Bauarten von Flugzeugrümpfen wei-
sen sie eine Vielzahl unterschiedlicher Formen auf. Als Hauptklassen unterschei-
det man hierbei Main-Deck- und Lower-Deck-Container, die in Leichtbauweise in
ihrer Konstruktion auf die Paletten abgestimmt und aus Aluminium bzw. Alumi-
nium und Kunststoff gefertigt werden.
164 7 Verpackung
Einzelpackung Sammelpackung
Grundpackung Versandpackung
400 x 600
Modul 600 x 800
2x 800 x 1200
4x 1000 x 1200
5x
Abb. 7.5 Modularer Aufbau von Verpackungen (Quelle: Mit geringfügigen Änderungen ent-
nommen aus Rockstroh, 1978, S. 203)
Abb. 7.6 Beispiel einer Palette mit modularen Verpackungen (Quelle: Eggen-
stein/Herbst/Jansen, 1981, S. 172)
Literatur
Arnold D u.a. (Hrsg) (2008) Handbuch Logistik. 3. neu bearb. Aufl. Ber-
lin/Heidelberg
Deutsches Institut für Normung e. V. (DIN) (Hrsg) (1981) Deutsche Norm, DIN
ISO 668, ISO-Container der Reihe 1: Klassifizierung, Außenmaße, Gesamtge-
wichte. Berlin/Köln
Deutsches Institut für Normung e. V. (DIN) (Hrsg) (1987) Deutsche Norm, DIN
15 145. Paletten – Systematik und Begriffe für Paletten mit Einfahröffnungen.
Berlin/Köln
Literatur 167
Deutsches Institut für Normung e. V. (DIN) (Hrsg) (2006) Deutsche Norm, DIN
55 405, Verpackung-Terminologie-Begriffe. Berlin/Köln
Eggenstein F, Herbst D, Jansen R (1981) Materialfluß und Steuerung. In: Volk P
(Hrsg) Betriebsleiter Handbuch. 5., völlig neu bearb. u. erw. Aufl. Landsberg a.
L., S. 159-330
Frerich-Sagurna R (o J) Verpackung und Logistik. In. EWI – Gesellschaft für Eu-
ropäische Wirtschaftsinformation mbH. (Mehr)wege aus der Verpackungskrise.
Stammberg, S. 19-38
Isermann H (1996) Stichwort „Verpackung“. In: Kern W, Schröder H-H, Weber J
(Hrsg) Handwörterbuch der Produktionswirtschaft. 2., völlig neu gestaltete
Aufl. Stuttgart, Sp.2162-2182
Isermann H (1997a) Stichwort „Verpackung“. In: Bloech J, Ihde G B (Hrsg) Vah-
lens Großes Logistik Lexikon. München, S. 1227-1234
Isermann H (1997b) Stichwort „Verpackungsprozeß“. In: Bloech J, Ihde G B
(Hrsg) Vahlens Großes Logistik Lexikon. München, S. 1238-1240
Isermann H (1998) Stauraumplanung. In: Isermann H (Hrsg) Logistik: Gestaltung
von Logistiksystemen. 2., überarb. und erw. Aufl. Landsberg a. L., S. 245-286
Jünemann R, Schmidt T (2000) Materialflußsysteme. Systemtechnische Grundla-
gen. 2. Aufl. Berlin/Heidelberg/New York
Large R (2012) Logistikfunktionen. Betriebswirtschaftlicher Logistik. Band 1.
München
Meffert H, Burmann Chr, Kirchgeorg M (2012) Marketing: Grundlagen marktori-
entierter Unternehmensführung: Konzepte – Instrumente - Praxisbeispiele. 11.,
überarb. und erw. Aufl. Wiesbaden
Rockstroh O (1978) Die Abstimmung der Verpackung mit Palette und Container.
In: Rationalisierung 29 9, S. 203-206
ten Hompel M, Schmidt T, Nagel L (2007) Materialflusssysteme. Forder- und La-
gertechnik. 3., völlig neu bearb. Aufl. Berlin u.a.
8 Transport
Definition
Unter Transport versteht man die Raumüberbrückung oder Ortsveränderung von
Transportgütern mit Hilfe von Transportmitteln. Jedes Transportsystem besteht
aus dem Transportgut, dem Transportmittel und dem Transportprozess. Soll ein
Transportgut vom Lieferpunkt A zum Empfangspunkt B transportiert werden und
ist am Lieferpunkt A nicht das gewünschte Transportmittel vorhanden, so kann ein
Transportprozess notwendig werden, den man als Leertransport bezeichnet. Leer-
transporte sind Transportprozesse ohne Transportgut, die aber notwendige Vo-
raussetzung für den sich anschließenden Transportprozess mit Transportgut sind.
Unter innerbetrieblichem Transport versteht man den Transport in einem Werk
von einem Produktionsort zum anderen oder den Transport in einem Bereich oder
zwischen verschiedenen Bereichen eines Lagerhauses. Unter außerbetrieblichem
Transport versteht man dagegen den Transport vom Lieferanten zum Kunden, den
Transport zwischen verschiedenen Werken bzw. zwischen verschiedenen Lager-
häusern eines Unternehmens sowie zwischen dessen Werken und dessen Lager-
häusern. Da der innerbetriebliche Transport im Abschnitt über das Lagerhaus ab-
gehandelt wurde, beziehen sich die folgenden Ausführungen auf den
außerbetrieblichen Transport.
Funktionen
Man unterscheidet zwischen primären und sekundären Funktionen des Trans-
ports.1 Zu den primären Funktionen zählen die Beförderungsfunktion sowie die
damit untrennbar verbundene Umschlagsfunktion. Zu den sekundären Funktionen
zählt in erster Linie die Wegsicherungsfunktion, d. h. das Herstellen und Vorhal-
ten von Wegen.2 Häufig wird als weitere Sekundärfunktion die Haftungsfunktion
genannt.
Die Haftungsfunktion wird im Rahmen dieses betriebswirtschaftlich orientier-
ten Buches nicht behandelt. Ebenfalls wird auf die Wegsicherungsfunktion im
Folgenden nicht eingegangen, denn dies ist eine volkswirtschaftliche Aufgabe.
Die folgenden Ausführungen beziehen sich somit auf die Möglichkeiten zur Erfül-
8.2 Transportaufgaben
Transportproblem
Das Transportproblem in einem logistischen Netzwerk ist gekennzeichnet durch
das Transportgut, die Struktur und Beschaffenheit des Liefergebietes, die Standor-
te der Liefer- und Empfangspunkte sowie durch die Art des Angebots und der
Nachfrage seitens dieser Punkte. Für ein gegebenes Transportproblem müssen
grundsätzlich zwei Fragen beantwortet werden:
x Welches ist das günstigste Transportmittel?
x Welches ist der günstigste Transportprozess?
Die Frage nach dem günstigsten Transportmittel betrifft die Hardware des
Transportes. Es muss entschieden werden, mit welchen Transportmitteln die Güter
befördert werden sollen. Dagegen geht es bei der Frage nach dem günstigsten
Transportprozess um die Software des Transportes. Die Software betrifft die ab-
lauforganisatorischen Regelungen zur Steuerung des Transportprozesses.
Unter dem Transportproblem versteht man in der Literatur des Operations Re-
search meistens ein ganz bestimmtes organisatorisches Problem. Ist ein Gut an
den verschiedenen Lieferpunkten in bestimmten Mengen verfügbar, so besteht das
Transportproblem in der Bestimmung der Lieferpunkte und der von ihnen auszu-
liefernden Gütermengen derart, dass die gesamten Transportkosten bei der Belie-
ferung der Empfangspunkte mit den von ihnen nachgefragten Gütermengen mini-
miert werden. Weitere Transportprobleme im Transportprozess, die ebenfalls in
der Literatur des Operations Research behandelt werden, sind die optimale Bela-
dung ei