Grundlagen Der Medienkommunikation Band 4: Herausgegeben Von Erich Straßner
Grundlagen Der Medienkommunikation Band 4: Herausgegeben Von Erich Straßner
Werbung
Niemeyer
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Sowinski, Bernhard:
Werbung / Bernhard Sowinski. - Tübingen : Niemeyer, 1998
(Grundlagen der Medienkommunikation ; 4)
0. Vorwort IX
1. Einleitung 1
1.1. Werbung heute 1
1.2. Werbung in der Kritik 3
2. Werbung und ihre Geschichte 4
2.1. Zur Wortgeschichte von .Werbung' 4
2.2. Zur Entwicklungsgeschichte der Werbung 4
3. Anwendungsbereiche von Werbung 7
3.1. Werbung im privaten Bereich 7
3.2. Werbung für gesellschaftliche Gruppen und Ziele 7
3.3. Politische Werbung 8
3.4. Werbung für Dienstleistungen 9
3.5. Warenwerbung 10
4. Zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit Werbung 11
4.1. Werbung als Gegenstand der Wirtschaftswissenschaften 11
4.2. Werbung und Psychologie 13
4.3. Werbung und Semiotik 16
4.4. Werbung und Sprachwissenschaft 17
4.5. Werbung und die Fachdidaktik des Deutschunterrichts 18
5. Werbung als Kommunikation 20
5.1. Kommunikationsbegriffe und Kommunikationsmodelle 20
5.2. Werbung als besondere Form der Kommunikation 23
5.3. Kommunikative Faktoren und ihre Variation in der Werbung . . 23
6. Grundprinzipien der Werbung 30
6.1. Auffälligkeit 30
6.2. Originalität 31
6.3. Informativität 31
7. Werbestrategien 32
7.1. Die Einordnung der Werbeobjekte in Werbestrategien 32
7.2. Produktbezogene Werbestrategien 32
7.2.1. ,Objektive' Darstellung 32
7.2.2. Idealisierung der Verwendungssituation 33
7.2.3. Zuordnung positiver Wertungen zum Werbeobjekt . . . 33
VI Inhaltsverzeichnis
Werbung ist seit langem Gegenstand öffentlicher Beachtung, aber auch öffentli-
cher Diskussionen. Es gibt eine Reihe von Gründen, mit denen ihre Existenz
gerechtfertigt, aber auch in Frage gestellt wird.
Zu ihrer Rechtfertigung und zur Rechtfertigung ihrer enormen Kosten wird
immer wieder vorgebracht, daß ohne sie eine moderne Industrieproduktion und
Warendistribution nicht möglich ist; daß durch sie erst neue Produkte bekannt-
gemacht, Wünsche und Bedürfnisse nach ihnen geweckt und daß auf diese
Weise Millionen von Arbeitsplätzen in Produktion, Verwaltung, Werbung und
Handel garantiert werden.
Kritisiert wird dagegen, daß die Werbung oft unehrlich ist, indem sie die
möglichen Konsumenten weniger objektiv informiert, vielmehr durch Verspre-
chungen und Übertreibungen zu überreden und zu manipulieren sucht; daß sie
nur auf Gewinnsteigerung der Unternehmen und der eigenen Branche bedacht
ist; daß sie mit ihrer einseitigen Betonung von Eigennutz, Konsum und Genuß
die Werteordnung der Gesellschaft zu einem platten Materialismus hin ver-
schiebt und daß sie in ihrer Aufdringlichkeit oft nicht davor zurückschreckt, die
Grenzen des Anstände und des guten Geschmacks zu überschreiten (z.B. in der
Werbung für bestimmte Rausch- und Genußmittel, Werbung bei Kindern und
in Verletzung sittlicher und moralischer Tabus).
Da man in einer Demokratie mit marktwirtschaftlicher Wirtschaftsordnung
Werbung nicht verbieten darf und auch nicht verbieten sollte, kann der Bürger
als Adressat der Werbung sich zumeist nur dadurch gegen derartige Manipula-
tionsversuche wehren, daß er lernt, deren Techniken zu durchschauen und so zu
neutralisieren. Im Rahmen der Bildung und einer freien kritischen Presse sind
Pädagogen und Journalisten aufgerufen, ihm bei der Aufklärung über die Me-
chanismen der Werbung zu helfen.
Das vorliegende Buch versucht, weniger die ökonomischen Zusammenhänge
zur Werbung darzustellen, als vielmehr die semiotischen und philologischen
Möglichkeiten der Analyse von Werbeanzeigen und Werbesendungen zu erläu-
tern und zu erproben. Da dieses Buch sich primär an Germanisten wendet,
konzentrieren sich die Darlegungen vorwiegend auf deutsche Werbeanzeigen.
Der Verfasser knüpft dabei an seine früheren Ausführungen zu diesem Thema
an (München 1979) und sucht sie aktuell zu ergänzen, ohne jeweils im einzelnen
darauf hinzuweisen.
1. Einleitung
Wer heute durch die Geschäftsstraßen einer Stadt geht, in einer Zeitung oder
Illustrierten blättert, Radio hört oder sich Fernsehprogramme auswählt, stößt
überall auf Werbung in den verschiedensten Formen. Die Werbung ist in unserer
Industriegesellschaft, die auf Produktion, Warenabsatz, Investition, Konsumtion
und Dienstleistungen angewiesen ist, nicht mehr wegzudenken. Der Bereich der
Werbung sichert unmittelbar Hunderttausenden ihre Arbeitsplätze, hält viele Zei-
tungen und Zeitschriften, aber auch Radio- und Fernsehsender und ihre Zuliefe-
rer am Leben und erlaubt viele kostenlose Werbezeitungen und -Informationen.
Werbung mag manchem zu aufdringlich und überflüssig erscheinen; ohne
Werbung bliebe das Leben zweifellos ärmer und eintöniger, wie es vielleicht
manchem noch aus Not- und Mangelzeiten und Staatswirtschaften in Erinnerung
ist, von den wirtschaftlichen Nachteilen einmal ganz abgesehen.
Seit fünf Jahrzehnten ist die Werbebranche in Deutschland, die drittgrößte
der Welt nach den USA und Japan, ständig im Wachsen. Die Investitionen für
Werbung (Produktionskosten, Agenturvergütungen, Gehälter und Streukosten)
betrugen selbst im schlechten Konjunkturjahr 1996 über 55 Milliarden DM und
erreichten gegenüber 1995 noch eine Steigerung von 2,8% (1994 und 1995 je
über 5%!). Die Werbung erwirtschaftete 1996 immerhin 1,56% des Brutto-
inlandsprodukts (1995 1,55%), das 1996 3541 Milliarden DM betrug (alle
Angaben lt. ZAW-Nachr. 4/97).
Für 1997 erwartet die Werbewirtschaft lt. ZAW (Zentralverband der deut-
schen Werbewirtschaft) ähnliche Steigerungsraten.
Dabei ist auch der Anteil der einzelnen Branchen in den letzten Jahren leicht
gestiegen oder in etwa gleichgelieben (s. Tabelle auf S.2).
Interessant ist es, solchen globalen Angaben gegenüber die Verteilung
einzelner Branchen auf die verschiedenen Medien zu beachten:
So beschränken sich z.B. auf die Zeitungen: der Handel für seine tagesaktuellen
Angaben zu 85 %, der Tourismus (außerhalb von Katalogen und Prospekten) zu
49%, die Banken und Sparkassen zu 42%;
Publikumszeitschriften (Illustrierte etc.) wählen: die Zigarettenwerbung zu 82%,
Uhren und Schmuck zu 62%, Oberbekleidung und Versandhandel zu 49%;
2 Einleitung
Obwohl die Werbebranche seit langem blüht und boomt, genießt die Werbung
selbst kein gutes Ansehen in der Gesellschaft. Die Gründe für das geringe
Ansehen sind vielfältig, aber auch vielschichtig. Manche der bereits im Vorwort
genannten Einwände (enorme Kosten bei oft nicht sichtbarem Nutzen, Unehr-
lichkeit, Überredung und Manipulation der Adressaten durch Versprechungen
und Übertreibungen, einseitige Betonung des Eigennutzes, von Konsum, Genuß
und Materialismus und Überschreitung der Grenzen von Anstand, Geschmack,
Moral und Sittlichkeit) müßten hier wiederholt werden. Auch hat die heutige
Werbung den Ruch des Aufdringlichen-Marktschreierischen, der der einstigen
.Reklame' anhaftete, noch immer nicht ganz abgelegt; er scheint sich sogar
aufgrund der aufdringlichen Fernsehwerbung wieder zu verstärken. Während
man sich inzwischen daran gewöhnt hat, daß die meisten Illustrierten und
Magazine zu etwa einem Drittel aus Werbeanzeigen bestehen, ärgern sich viele
darüber, daß ihr tägliches Fernsehprogramm ständig durch Werbesendungen
unterbrochen wird.
Hinzu kommt, daß diese Fernsehwerbung kaum einen Unterhaltungswert,
weder Witz noch Spannung aufweist, vielmehr oft durch tiefen Ernst, gespielte
Geschäftigkeit und falsches Pathos geprägt ist. Daß die zum internationalen
Wettbewerb der Fernsehwerbespots 1997 in Cannes eingereichten deutschen
Beiträge auf dem 19. Platz landeten, als Sieger vielmehr ein sarkastisch-witziger
englischer Beitrag hervorging, spricht für sich. Offenbar fehlt es der gegen-
wärtigen deutschen Werbung sowohl an Kreativität als auch an Sinn für Witz
und Humor. Mit dem Unterbrechen von aufwendigen Werbeseiten in Illustrier-
ten oder dem Auseinanderrücken von Fernsehspots als neuen Trick der Werbe-
leute beseitigt man diesen Mangel nicht.
Die nachfolgenden Darlegungen zur Werbung wollen nicht Werbeleuten
Anregungen bieten, als vielmehr den weniger Werbekundigen anhand von Bei-
spielen aus der gegenwärtigen Werbung Einsichten in deren Praxis vermitteln.
2. Werbung und ihre Geschichte
.Werbung' ist das Verbalsubstantiv zum Verbum ,werben'. Dieses hängt etymo-
logisch mit .Wirbel', .wirbeln' zusammen und hat die Grundbedeutung ,sich
drehen'. Auch die Bedeutungen ,hin und her gehen', ,sich umtun', ,bemühen',
.etwas betreiben', .ausrichten' werden in diesem Zusammenhang genannt. In
benachbarten Sprachen kommen die Bedeutungen ,wenden' und .wandeln'
hinzu. Der allgemeine Sinn dieser Bildungen beruht also im unruhigen Tätig-
sein, sich bewegen zu einem bestimmten Zweck. Denkt man an die Verwandt-
schaft mit ,wirbeln' (wobei das 1-Infix auf das wiederholte Tun verweist), so
denkt man an den Balztanz bestimmter Tiere, mit dem diese ihre Werbung um
einen Partner einleiten. Hier wird der spätere Sinn von werben bereits angedeu-
tet, das aktive Bemühen, um die Aufmerksamkeit anderer zu erregen. Auch die
frühen Wortbildungen mit den Vorsilben an- und be- schließen diese transitive
Bedeutung bereits ein. Diese erstreckte sich zunächst nur auf die Gewinnung
von Personen in der Brautwerbung, später auch in der Anwerbung von Soldaten.
Der Vorgang der geplanten Weckung von Aufmerksamkeit für bestimmte
Dienstleistungen, Ziele und Waren, als den man heute Werbung versteht, ist als
solcher alt. Er wird aber erst seit den 20er Jahren im Deutschen so bezeichnet.
Vorher war dafür das Wort Reklame (aus frz. réclame = bezahlte Buchbespre-
chung, sp. Werbung) im Gebrauch, das allerdings allmählich einen allzu plakati-
ven, marktschreierischen Bedeutungsgehalt erlangt hatte und deshalb durch das
neutralere und positivere Wort Werbung abgelöst wurde.
Die Anfänge der Wirtschaftswerbung, um die es uns hier vor allem geht, liegen
im Dunkel der Vorzeit, überall dort, wo Menschen zum Erwerb von Waren
verlockt oder überredet wurden. Folgt man dem Urbericht der Bibel, so vollzog
sich der erste Werbevorgang bereits im Paradies, als der Böse in Form der
Schlange Eva überredete, vom verbotenen Apfelbaum zu essen. Die Wirtschafts-
werbung, insbesondere die Warenwerbung, ist indes an die Entwicklung des
Zur Entwicklungsgeschichte der Werbung 5
Handels gebunden. Man muß sie dort voraussetzen, wo es Märkte, Nah- und
Fernhandel gab. Hier wird sie zunächst als Waren- oder Musterdarbietung, als
Marktschreierei und Mundpropaganda, auch als Schilder- oder Symbolzeichen-
werbung üblich gewesen sein. Mit dem Aufkommen der Schrift bei Phönikern,
Sumerern, Chinesen und Ägyptern wird sie neben den mündlichen auch ver-
dinglichte Formen angenommen haben. Relieftafeln, Steinzeichen und Maueran-
kündigungen aus römischer Zeit, etwa ein eingemeißelter Kelch für eine Wein-
schänke in Ostia antiqua, weisen noch darauf hin. Im Mittelalter, als die mündli-
che Werbung wieder hoch im Kurs stand, werden sogar besondere Gruppen von
clamatores (Ausrufer) urkundlich erwähnt, ihr reclamare (vgl. das frz. réklame
als Wort für Werbung) umfaßte Warenangebote ebenso wie andere Bekannt-
machungen. Daß auch Schilder und Symbole für Waren und Dienstleistungen
warben, wie noch erhaltene Handwerkerzeichen, Apotheken- und Gastwirts-
schilder, aber auch Schilder von Schulen und Lesemeistern bezeugen, ist hin-
länglich bekannt. Mit dem Aufkommen des Papiers (in Spanien und Italien im
13., in Deutschland im 15. Jh.) ergab sich ein billigeres Schreibmaterial (gegen-
über dem teuren Pergament), das vor allem nach der Entwicklung des Holz-
schnittdrucks und noch mehr des Buchdrucks mit beweglichen Lettern im 15. Jh.
auch für massenhafte wirtschaftliche Ankündigungen in Form von Flugblättern
und Messekatalogen und ersten Zeitungen u.ä. genutzt werden konnte. Aus dem
16. Jh. sind bereits erste Plakate bekannt: so von einem Schützenfest 1501 in
Köln, einer Lotterie 1518 in Rostock. Seit Beginn des 17.Jhs. erscheinen in
Deutschland, Frankreich und England Zeitungen mit Anzeigenabdrucken. In
Deutschland erscheinen 1722 die ersten Intelligenzblätter, die im 18. Jh. das
fürstliche Monopol für Zeitungsanzeigen haben. Auch Adressbücher werden zur
Werbung verwandt. Mit der Verbesserung der Drucktechniken um 1800 konnte
die Printwerbung erweitert werden, was zunächst von der Anzeigenpresse in den
USA, dann auch in Frankreich und England und zuletzt auch in Deutschland
genutzt wurde. Hier sprachen sich die Nationalökonomen Sombart und Schmol-
ler allerdings gegen die Werbung bzw. Reklame aus, die ihnen suspekt, unehr-
lich und marktschreierisch erschien. Die wirtschaftliche Entwicklung, vor allem
nach 1871, kümmerte sich jedoch wenig um solche Einwände. Einzelne Bran-
chen nutzten die Werbung besonders, so kam z.B. in der Schweiz schon Mitte
des 19.Jhs. eine Fremdenverkehrswerbung auf.
Eine neue Form der Entwicklung vollzog sich mit der Durchsetzung von
Markenartikeln, deren Namen im Bewußtsein der Konsumenten haften bleiben
sollten. Die Geschichte der modernen Absatzwerbung ist zu einem großen Teil
die Geschichte der Markenartikel und ihrer Werbekampagnen sowie der Werbe-
firmen und -abteilungen, die diese Kampagnen durchführten. Diese Entwicklung
setzte in den USA früher ein als in Europa und führte zu einem starken An-
wachsen der Werbebranche und der Ausgaben für Werbung. Diese stiegen von
50 Millionen Dollar 1867 auf 350 Millionen Dollar 1890, auf 3,426 Milliarden
6 Werbung und ihre Geschichte
1929 und schließlich auf 12 Milliarden 1962 (s. E.Henning, in: P.Nusser 1975,
42). Zu den frühen erfolgreichen Markenartikeln gehört z.B. jener Frucht- und
Kräutersirup, den 1886 der Drogist J.S.Pemberton in Atlanta/USA mit einer
Zuckerlösung anreicherte und mit kohlensäurehaltigem Wasser verdünnt unter
dem Phantasienamen Coca Cola vertrieb. Seither wird dieses Erfrischungs-
getränk in einer unverwechselbaren (gesetzlich geschützten) „unwahrscheinlich
weiblichen Flasche" (so nach Raymond Loewy) täglich in einer Stückzahl von
über 50 Millionen in aller Welt vertrieben und konsumiert. In Deutschland
setzte die Entwicklung der Markenartikel etwas später ein. 1893 setzte der
Dresdner Karl August Lingner mit seinem Mundwasser Odol, mit dem er
zugleich die Mundhygiene populär machte, das Prinzip des Markenartikels mit
wirksamen Produktnamen und originärer Verpackung durch, 1897 kamen die
Maggi'-Produkte auf den Markt, 1899 ließ sich der Bielefelder Apotheker
Dr. August Oetker sein Backpulver Backin gesetzlich schützen. 1907 wurde
Persil als erstes Waschmittel in Deutschland bekannt (s. W. Bongard 1964,
1 Iff.)·
3. Anwendungsbereiche von Werbung
Von Werbung im privaten Bereich kann gesprochen werden, sofern man alle
Formen der individuellen Aufmerksamkeitserregung, Gunstgewinnung und
Entscheidungsbeeinflussung, wie sie vor allem im Rollenverhalten von Mann
und Frau üblich sind, hierzu zählt. Eine Sonderform dieser Werbung, die mit-
unter größere Gesellschaften einbezieht, stellt mancherorts noch die Brautwer-
bung dar, soweit sie noch in ritualisierter Form stattfindet.
Als Zwischenform zwischen privater und öffentlicher (institutioneller) Wer-
bung kann man auch die (mitunter von Heirats- und Partnervermittlungen)
ausgehenden Partnersuchanzeigen ansehen, in denen die Vorzüge der Partner
angepriesen werden.
Die vorgenannten Formen von Werbung kommen auch bei den politischen
Parteien vor. Trotz mancher Übereinstimmungen mit der Werbung gesellschaftli-
cher Gruppen unterscheidet sich die politische Werbung von ihr in wichtigen
Punkten sowohl in der quantitativen als auch in der qualitativen Differenzierung.
Als weitere Bereiche kommen nämlich in der politischen Werbung die Ent-
scheidungs- und die Wahlwerbung hinzu; qualitativ verlangen die Zustimmungs-
werbung und die Entscheidungswerbung, in bestimmten Fällen auch die Wahl-
werbung, eine ständige Auseinandersetzung mit den Gegenpositionen anderer
Parteien und Gruppen. Die Arten der politischen Werbung sind in dieser Hin-
sicht nicht präzis voneinander zu trennen.
Als Entscheidungswerbung sollen hier jene zumeist rhetorischen Aktivitäten
verstanden werden, die bestimmten politischen Entscheidungen vorangehen.
Diese Werbung wendet sich vor allem an diejenigen, die zu bestimmten politi-
schen Entscheidungen berechtigt sind. In demokratischen Abstimmungsgremien
sind dies zunächst die Abgeordneten der eigenen Partei oder Gruppe, erst im
weiteren auch die Angehörigen des politischen Gegners. Da die Reden, die
bestimmten Abstimmungen vorausgehen, in unserer Zeit häufig durch Rundfunk
und Femsehen, verkürzt und oft zugleich kommentiert auch in der Zeitungs-
presse, sehr großen Volksschichten übermittelt werden, kann auch das Volk als
Adressat solcher Reden gelten. Oft heißt es dann, daß bestimmte Reden „zum
Fenster hinaus" gesprochen werden, d.h. mehr vor einem großen Publikum
gehalten werden.
Schließlich gelten derartige Reden auch der Abgrenzung von den zumeist
konträren Positionen der jeweiligen Oppositionsparteien. Die Texte solcher
Reden enthalten deshalb auch zumeist die in politischen Texten üblichen Auf-
wertungs- und Abwertungsstrategien, besonders wenn es weniger um sachlich-
argumentative Abgrenzungen geht (wie z.B. in Parlamentsdebatten u.ä.) als
vielmehr um gleichzeitig oder überwiegend emotionale Auseinandersetzungen.
Aufgewertet werden dann fast stets die eigene Politik sowie die eigenen Politi-
ker und Anhänger. Als Mittel der Aufwertung gelten alle Möglichkeiten der
,semantischen Aufwertung', im besonderen auch die durch häufige Wiederho-
lung bedeutungsmäßig verfestigten Schlüsselwörter' oder ,Miranda' (lat. = die
zu Bewundernden; n. H.D. Lasswell), die mitunter auch zu ,Schlagwörtern' ab-
geflacht werden (z.B. Freiheit, soziale Gerechtigkeit usw.). Solchen Aufwertun-
gen der eigenen Positionen stehen die Abwertungen (, Antimiranda') gegenüber,
die dem politischen Gegner und der gegnerischen Politik gelten. Sie reichen von
einfachen Ablehnungen bis zu Beleidigungen zur Diffamierung der Gegner.
Jede Partei wird sich bemühen, das negative Bild, das die Gegenparteien von
ihr entwerfen, durch eine gezielte Gegenpropaganda oder Gegenagitation zu
neutralisieren oder umzukehren. Diese Form der Ansehenswerbung (Imagepfle-
Werbung für Dienstleistungen 9
ge) wird vor allem durch die Hervorhebung der bisherigen eigenen Leistungen
und des Versagens der Gegner wirksam. Neben den täglichen Auseinanderset-
zungen dieser Art dienen vor allem Parteitage und außerordentliche Parteiver-
sammlungen der Präzisierung und Festigung der eigenen Positionen und der
Abrechnung mit dem politischen Gegner.
Wahlwerbung kann in verschiedenen Formen auftreten, sofern man alle Texte
dazu zählt, die anläßlich einer politischen Wahl und zur Beeinflussung der
Wähler verfaßt werden. So gibt es beispielsweise längere Wahlaufrufe der
Parteien, in denen die Ziele ihrer Politik und deren Begründungen dargelegt
werden. Auf Wahlversammlungen und -kundgebungen werden bestimmte
Wahlreden gehalten, in denen die eigene Partei mit ihren Zielen und Leistungen
gelobt und verteidigt werden, während die Gegenparteien und deren Politik und
Ziele widerlegt und abgelehnt werden. Im Rundfunk und Fernsehen wird den
Parteien eine bestimmte Sendezeit (meist 3 - 1 0 Minuten) für eigene erweiterte
Werbespots eingeräumt, in denen häufig Argumente durch Situationsbilder und
Folgerungen als Wahlziele verkündet werden.
Die wichtigste und häufigste Form der Wahlwerbung bilden die Wahlplakate.
Den kommunikativen und semiotischen Bedingungen der Plakatwerbung ent-
sprechend, die nur ein schnelles Erfassen im Vorübergehen und Vorbeifahren
erlauben, wird hierbei nur auf drei notwenige Elemente der Text-Bild-Werbung
Wert gelegt: ein bestimmtes Bild (z.B. Kandidatenporträt, Symbolfigur oder
Zielsymbol o.ä.), ein Wahlslogan (z.B. Für soziale Gerechtigkeit, Weg mit den
Versagern der Regierung X o. ä.) und - möglichst groß - der Parteiname - (oft
verbunden mit einer Wahlaufforderung, z.B. Wählt ...).
Der Bereich der Dienstleistungen hat sich in den letzten Jahrzehnten mehr und
mehr in die Angebotsfelder der Zeitungen, Illustrierten, Rundfunk- und Fernseh-
sendungen gedrängt, in denen Werbung getrieben wird. Die Werbung für
Dienstleistungen erscheint dort gleichberechtigt neben der Waren- und Produkt-
werbung. Die Zunahme dieses Werbebereichs hängt zweifellos mit der Zunahme
an Freizeit für die Menschen in den Industriegesellschaften zusammen. Für viele
Menschen ergibt sich ein Übermaß an freier Zeit, wie es solche bisher noch nie
gegeben hat. Ein großer Teil der Dienstleistungsbetriebe, die mit Verwaltungen
jeder Art, mit Banken, Versicherungen, Krankenhäusern, Altenheimen, Hotels,
Gasthäusern, Reiseunternehmen, Omnibusbetrieben u.a. eigene große Arbeits-
bereiche ausmachen, ist auf sinnvolle und amüsante Nutzung der Freizeit der
Menschen ausgerichtet und treibt dafür Werbung. An der Spitze steht hier die
Touristik-Werbung mit ihren bunten bilderreichen Katalogen und Prospekten,
wie sie von großen und kleinen Tourismusunternehmen, aber auch von Frem-
10 Anwendungsbereiche von Werbung
denverkehrsämtern der Landschaften und Orte sowie von Bahnen, Omnibus- und
Schiffsunternehmen und Fluggesellschaften angeboten werden. Daneben zählt
zu diesem Werbebereich auch die Werbung der Unterhaltungsbranche für
Konzert-, Theater- und Filmaufführungen, Tonträger (Schallplatten, CDs, Vi-
deos). Neuerdings werben auch Fernsehsender für den Empfang ihrer Program-
me zur Erreichung höherer Einschaltquoten, deren Nachweis wiederum für die
Preisgestaltung der Vermietung von Sendezeit für fremde Fernsehwerbungen
wichtig ist.
Eine Sonderform hierbei stellen die Anzeigen mit Stellen- und Arbeitsange-
boten dar, wie sie oft in Kleinanzeigen der Tages- und Wochenzeitungen er-
scheinen. Mit der Hervorhebung der Leistungsfähigkeit und den Qualitäten des
Werbenden bilden sie eine Untergruppe der Imagewerbung, wie sie uns auch in
anderen Werbearten begegnet.
3.5. Warenwerbung
Den weitaus größten und auffälligsten Teil der Werbung macht die Absatz-
werbung oder Warenwerbung aus. Sie setzt die industrielle Fertigung der Waren
und ihr indirektes Angebot als Markenartikel voraus, eine Entwicklung, die im
späten 19. Jh. begann und seitdem stetig zunahm. Im Unterschied zum direkten
Warenverkauf etwa auf Wochenmärkten u.ä., wo durch die Warenpräsentation
und durch Marktschreierei direkt geworben wird (das Warenangebot in Geschäf-
ten stellt eine ähnliche Form des direkten Verkaufs dar), erfolgt die Werbung
für Markenartikel indirekt und anonym über die Print- und Funkmedien (zu
denen auch die Filmwerbung im Kino zu rechnen ist). Zwar geht mit der Wer-
bung für Markenartikel zumeist auch eine Warenpräsentation in Supermärkten,
Kaufhäusern u.dgl. einher, der Kunde hat jedoch nur wenige Möglichkeiten, die
fabrikverpackte Ware durch Anfassen, Besichtigen und Probieren in ihrer
Qualität zu prüfen. (Eine Ausnahme macht der Kauf bestimmter Gegenstände,
wie z.B. Autos, wo die Qualität der ausgesuchten Ware durch eine Probefahrt
getestet werden kann). Sinn der Warenwerbung ist es, die potentiellen Käufer
auf bestimmte Waren hinzuweisen und so ihre Kaufentscheidungen im voraus
zu motivieren und zu steuern.
4. Zur wissenschaftlichen Beschäftigung
mit der Werbung
Werbung spielt vor allem bei Planungen innerhalb der Absatzwirtschaft eine
große Rolle. Vor jeder industriellen Produktion muß die Frage des vermuteten
Absatzes der produzierten Waren geklärt werden. Insbesondere bei neuen
Produkten müssen Produktion und Absatz durch bestimmte Werbeaktionen, die
das neue Produkt bekannt und für potentielle Käufer interessant machen, gesi-
chert werden. Für derartige Einführungswerbungen werden mitunter horrende
Summen ausgegeben. Meistens sind derartige Produktwerbungen das Ergebnis
der engen Zusammenarbeit von allen Abteilungen der Produktions- und Ver-
kaufsplanung bzw. des Marketing, wie dies das nachstehende Schema verdeut-
licht (s. S. 12).
Die eigenen Werbeabteilungen der einzelnen Firmen, die mit anderen Ab-
teilungen des Marketing kooperieren, arbeiten in der Regel auch mit Werbeun-
ternehmen außerhalb des eigenen Betriebes zusammen, die für die weitere
Planung und Gestaltung der vorgesehenen Werbeaktionen - im Einvernehmen
mit der auftraggebenden Firma - zuständig sind.
12 Zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Werbung
Wie das Resultat der Markenstrategie, so werden auch die Ergebnisse der
Gestaltungsstrategie häufig erst bei ausgewählten Testgruppen auf mögliche
Erfolgschancen hin geprüft, bevor man sich zur Beibehaltung oder Änderung der
Gestaltungsstrategie entschließt.
In der Medienstrategie entscheidet man, auf welche Art, in welcher Intensität
und auf welchen Wegen (= mit welchen Medien) die vorgesehenen Zielgruppen
angesprochen werden sollen. Zu überlegen ist hier z.B., ob man sich im Werbe-
vorgang auf Printmedien (Zeitungen, Zeitschriften, Illustrierten, Flugblätter und
Beilagen) oder auf Funk- und Filmmedien (Rundfunk, Fernsehen, Kinowerbung)
oder auf beides bzw. alle Medien konzentrieren soll. Auch über die Reichweite,
Intensität und Häufigkeit der Werbeimpulse müssen Entscheidungen getroffen
werden.
Alle werbestrategischen Planungen sind natürlich von den vorgesehenen
Werbekosten abhängig, bei denen sowohl alle innerbetrieblichen wie auch alle
außerbetrieblichen Kosten zu berücksichtigen sind. Auch unterscheiden sich
hierbei Einführungswerbungen (bei neuen oder verbesserten Produkten) und
Erinnerungswerbungen (z.B. bei nachlassenden Absatzzahlen).
theoretiker und erfahrene Praktiker haben das schon früh erkannt und für ihre
Zwecke zu nutzen gesucht. Dabei kam es besonders darauf an, daß die Vor-
stellungen, die sich der Werbende vom Umworbenen und seinen Wünschen,
aber auch von seinem Verhältnis zu ihm machte, wirklichkeitsgerecht waren,
nicht irgendwelche Illusionen oder Wunschbilder, obwohl solche nicht immer
auszuschließen sind. Eine Psychologie, die sich mit der Beeinflussung der
Menschen beschäftigte und somit auch für Werbung auszunutzen war, hat sich
erst im Verlauf des 20. Jh. entwickelt. Verschiedene Richtungen haben sich
dabei ausgebildet. Genannt seien hier nur: 1. die Massenpsychologie aus den
20er Jahren, 2. die Verhaltens- und Motivationsforschung, besonders im Gefolge
des amerikanischen Behaviorismus, 3. die Tiefenpsychologie nach S.Freud und
C.G.Jung.
Die Massenpsychologie, die sich als Gegensatz zur Individualpsychologie vor
allem im Anschluß an die Publikationen des französischen Sozialpsychologen
Gustave le Bon (1841-1931) entwickelt und u.a. die Rhetorik der faschistischen
Diktatoren (Mussolini, Hitler) beeinflußt hat, ging von einer Schwächung des
Einzelwillens der Menschen in Kollektiven und der Lenkbarkeit der .Massen'
durch demagogische ,Führer' aus. Auch die Wirksamkeit von ständig wiederhol-
ten Parolen und Feindbildern wurde hierbei betont. Es lag nahe, daß manche
dieser Einsichten auch in der Werbetechnik wirksam wurden.
Auf die amerikanische Werbung und über sie auch auf die westeuropäische
Werbung wirkte stärker der Behaviorismus (aus: engl, behaviour = Verhalten),
eine auf Ursachen (Reize) und Reaktionen gründende Beobachtungsmethodik
(keine eigentliche ,Psychologie'), die in Verbindung mit den Erkenntnissen und
Lehren des russischen Physiologen I.P.Pawlow ( t l 9 3 6 ) über die .bedingten
Reflexe' eigene Lerntheorien entwickelte, die wiederum auf die Werbetheoreti-
ker einwirkte (s.u.: AIDA-Formel).
Aus den Auffassungen der Tiefenpsychologie S.Freuds, C.G.Jungs u.a. und
ihrer Nachfolger griff die ,Werbepsychologie' vor allem die Lehren von den
unbewußten Strebungen und Wünschen der Menschen auf und suchte sie für
ihre Theorien fruchtbar zu machen.
Gemeinsam ist allen drei Richtungen die Auffassung von der Beeinfluß-
barkeit der Menschen durch bestimmte psychologisch begründete Aktionen.
Dieser theoretische Grundkonsens garantiert gleichsam die Erfolgsaussichten der
Werbung und sichert zugleich den Psychologen und den auf diese hörenden
Werbern eine gewisse Macht über die Zu-Umwerbenden zu, eine Auffassung,
die die werbende Geschäftswelt veranlaßt, Millionen, ja Milliarden für Werbung
auszugeben.
Einige Hinweise auf werbungsrelevante Einzelaktionen seien zur Verdeutli-
chung aufgeführt:
1957 löste eine Pressebehauptung des Werbeuntemehmers J.M.Vikary in New
York heftige Diskussionen aus: Er behauptete, durch minimal kurze Einblen-
Werbung und Psychologie 15
dung von Coca Cola- und Popcombildern den Verkauf dieser Artikel in Kinos
beträchtlich gesteigert zu haben. Die Einblendungen seien so kurz gewesen (eine
dreitausendstel Sekunde), daß sie unterhalb der Wahrnehmungsschwelle des
Bewußtseins lagen, aber dennoch das Handeln beeinflußten. Es ergab sich
daraus die Frage, ob unser Bewußtsein bzw. unser Handeln unterschwellig
manipuliert werden kann. Fast zu gleicher Zeit erschien Vance Packards Buch
The hidden Persuadors (deutsch: Die geheimen Verführer (1958)), das von
einem ähnlichen Experiment in New Jersey berichtete. Auch mit Flüsterstim-
men, die der Musik in Kaufhäusern überlagert wurden und nur unbewußt erfaßt
werden konnten, wurde eine derartige unterschwellige (subliminale) Werbung
betrieben (Angaben n. E.Heller 1984).
Die Diskussion um die Realisierung und Wirksamkeit unterschwelliger
(subliminaler) Werbung und einer damit verbundenen Manipulation des Men-
schen, wie sie von Werbeleuten gern behauptet wird, erhielt Unterstützung von
Vertretern der Tiefenpsychologie, die eine subliminale Wirksamkeit solcher
Blitzwerbungen unterstrichen, wogegen das Bewußtsein hier restriktiv wirken
könne. Die Wirksamkeit solcher Experimente ist allerdings letztlich nicht
bewiesen (n. E.Heller).
Die Auffassung von den „geheimen Verführern" (V. Packard) wurde in den
USA und später auch in Europa modifiziert durch die Motiv-Forschung, die
weniger das Unterbewußte als vielmehr das Unbewußte, die Wünsche und
Motive der Konsumenten, zu erfassen sucht. V.Packard referierte bereits in
seinem Buch Ergebnisse der Motivforscher (und zitiert dort u. a. als Beispiel für
die neue Art der Konsumentenansprache den Vorschlag E. Dichters an den ame-
rikanischen Schuhhandel: Verkaufen Sie an Frauen nicht Schuhe - verkaufen Sie
hübsche Füße!). Ernest Dichter gilt mit seinen Büchern Strategie im Reich der
Wünsche (1964) (englisch: The Strategie of Desire (I960)) und Handbuch der
Kaufmotive (englisch: Handbook of Consumer Motivation (1964)) als der ei-
gentliche Wortführer dieser Richtung. Dichter suchte die dem Handeln, auch bei
einem Kauf, zugrundeliegenden Impulse zu finden und sah sie - wie die Tiefen-
psychologen als Entladung von psychischen Spannungen im Bereich der Wün-
sche und Strebungen an. Dabei behauptete er u. a. auch die Wirksamkeit kultur-
anthropologisch früher (embryonaler u.a.) Verhaltensweisen. Das Handbuch der
Kaufmotive nennt Dichter im Untertitel Der Selling-Appeal von Waren, Werk-
stoffen und Dienstleistungen. Er betont darin, daß jede Ware etc. unabhängig
von rationalen Erwägungen psychische Effekte aktiviere. Ein Sportwagen werde
so z.B. mit einer Geliebten, eine Limousine dagegen mit der Ehefrau gleichge-
setzt. Produkte haben, nach Dichter, eine Persönlichkeit, eine Seele, die wir nur
unbewußt erfassen. Die von der Psychoanalyse herrührende Uberschätzung des
Sexuellen kehrt in Dichters Angaben immer wieder, reduziert die Handlungs-
motive so aber nur auf wenige Typen, die der Vielfalt menschlicher Wünsche
und Vorstellungen kaum gerecht werden.
16 Zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Werbung
Werbung ist auch für die Wissenschaften von Interesse, die sich mit den ver-
schiedenen Zeichensystemen beschäftigen, die in der Werbung verwendet
werden, nämlich für die Semiotik (Zeichensysteme allgemein) und die Lingui-
stik (die verbalen Zeichen). Sowohl Roland Barthes, der französische Struktura-
list, als auch Umberto Eco, der bekannte italienische Semiotiker, bieten Unter-
suchungen zur Zeichenverwendung in Werbeanzeigen. Dabei konzentrieren sie
sich auf die Sprache der Bilder und unterscheiden dabei mehrere semiotische
Ebenen, nämlich die der Bildaussagen der ikonischen Ebene und die der mehr
hintergründigen oder symbolisch-konnotativen Zeichenkombinationen der (n.
Eco) ikonographischen Ebene. Auch andere Forscher gehen auf diese semioti-
schen Zusammenhänge ein. So verbindet Winfried Nöth (1975) die semiotische
Analyse von Werbeanzeigen mit den pragmatischen Zeichenstufen von
Ch.S.Pierce und Ch.W.Morris, die indexikalische, ikonische und symbolische
Zeichen unterscheiden.
Interessant erscheinen hier auch die Auffassungen des Informatik- und
Ästhetikforschers Max Bense (1910-1990), der Werbeanzeigen mit der Literatur
vergleicht und als eine neue Literaturgattung, als Textdesign oder eine Art
angewandte Literatur bezeichnet, weil auch hier eine Form der Weltspiegelung
vorgenommen werde, allerdings einer manipulierter Konsumwelt, sowie ästhe-
tische Gestaltungen in Text- und Stilformen erscheinen.
Hermann K.Ehmer (1971) greift in seiner Analyse einer Doornkaat-Werbung
auf die semiotischen Arbeiten von R. Barthes und Leo Spitzer zurück, wenn er
ebenfalls von mehreren Zeichenebenen ausgeht.
Fragen der semiotischen Analyse von Werbeanzeigen berühren auch die
Untersuchungen von Wolfgang Brandt (1973) und Jutta Brechtel-Schäfer (1972).
Während Brandt in seiner umfangreichen Studie kommunikative und semiotische
Analysen mit didaktischen Überlegungen verbindet, untersucht J. Brechtel-
Schäfer visuelle und auditive Formen der Werbung im Fernsehen. Die unter dem
Titel Ästhetik der Werbung erschienenen Untersuchungen von Rolf Kloepfer und
Hanne Landbeck (1991) klammern hingegen semiotische Aspekte aus und
konzentrieren sich, dem Untertitel des Buches gemäß (Der Fernsehspot in
Europa als Symptom neuer Macht) auf kommunikations- und kulturpolitische
Aspekte dieser Werbeform.
Werbung und Sprachwissenschaft 17
Die traditionelle germanistische Sprachwissenschaft hat sich seit den 50er Jahren
mit der Analyse der Sprache in der Werbung beschäftigt, wobei zunächst nur
philologische Methoden der Text- und Sprachanalyse zur Anwendung kamen.
Weiterführende Aspekte, wie sie bereits der Romanist Leo Spitzer (1964)
exemplarisch am Beispiel einer amerikanischen Orangenwerbung berücksichtig-
te, indem er Bildanalyse und Textanalyse mit kulturgeschichtlichen Ausblicken
verband, wurden zunächst wenig beachtet. Spitzer kennzeichnete diese Werbung
als „moderne Volkskunst" und analysierte sie nach der romanistischen Methode
der explication de texte', hebt dabei auch die Grundzüge der visuellen und
sprachlichen Werberhetorik und den pseudoreligiösen Charakter dieser Kon-
sumentenansprache hervor. Die frühe Untersuchung von Eberhard Beheim-
Schwarzbach (1954) dagegen kommt noch nicht über die Kennzeichnung der
Funktionen des Benennens, Beschreibens, Beziehens und Beseelens in exem-
plarischen Werbeanzeigen hinaus. Siegfried Grosse (1966) hebt die Sprache die-
ser Texte als Kunstsprache von der Alltagssprache ab und betont die hohe Wirk-
samkeit aufgrund reicher sprachlicher Differenzierungen durch Abkürzungen,
Markennamen, Adjektiv- und Substantivkomposita, Satzverkürzungen und ver-
schiedene Stilformen. Ludwig Kerstiens (1970) untersucht das ,werbende
Sprechen' und hebt demgegenüber die unscharfen, aber stimmungweckenden
Aussagen, Fragen und Konditionalsätze hervor.
Ausführlicher geht Ruth Römer (1968; 5 1976) in ihrer Monografie auf die
Sprache der Werbung ein. Sie kennzeichnet die gegenüber den Bildern dominie-
rende Rolle der Sprache in der Werbung und analysiert dann die Formen der
Wortbildung, der Wortwahl, des Satzbaus und der Rhetorik. Dabei widmet sie
den Erscheinungsformen der ,semantischen Aufwertung', den verbalen Wert-
steigerungen und Übertreibungen mit sprachlichen Mitteln besondere Aufmerk-
samkeit. Ingrid Hantsch hat in zwei Aufsätzen die „semantische Strategie der
Werbung" (1972) und „Textformanten und Vertextungsstrategien von Werbetex-
ten" (1975) untersucht. Während sie im ersten Beitrag Spiegelungen der von
Bühler und Jakobson konstatierten Sprachfunktionen (Ausdruck, Appell, Darstel-
lung) am Beispiel von Werbeanzeigen ermittelt, hebt sie im zweiten Beitrag die
textprägenden Faktoren anhand von Kommunikationsmodellen hervor (Sprecher,
Hörer, Thema, Nachricht, Kanal, Code). Einen Überblick über die Sprachpro-
bleme von Werbetexten bietet P. Schifko (1982) innerhalb eines Handbuchs der
Werbung. Semantische und pragmatische Probleme von Werbetexten analysiert
H.Spoerri (1993). Textprobleme und ihre kommunikativen und ökonomischen
Voraussetzungen untersucht auch Thomas Fritz (1994), während A.Greule und
N. Jania (1997) sich wieder stärker auf die Sprache der Werbung konzentrieren.
Mehrere spezielle Untersuchungen sind den Werbeslogans gewidmet, die seit
den Anfängen der modernen Werbung im frühen 20. Jh. üblich geworden waren,
18 Zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Werbung
Obwohl die Werbung schon seit der Währungsreform von 1948 in den damali-
gen drei Westzonen Deutschlands in zunehmenden Maße wieder zum Alltag
gehörte, setzte eine Beschäftigung mit ihr im schulischen Unterricht erst nach
der mentalen Wende und den Unruhen der 60er Jahre ein. Zwar hatte Erika
Essen in ihrer Methodik des Deutschunterrichts schon 1956 die Beschäftigung
mit Werbung vorgeschlagen, aber selbst keine methodischen Hinweise geboten.
Erst nach 1968 wurden die ersten methodischen Hinweise zu diesem Gegen-
standsbereich geboten. ROsswald und E. Gramer (1968) schlagen nun die
Analyse von Werbeanzeigen für die Schüler des 6.-10. Schuljahres vor, die an
Literatur weniger interessiert seien. H. D. Heistrüvers (1968) führt die Behand-
lung von Werbeslogans in einer 12.Klasse durch. C. Siefer (1971) sieht dies erst
für die gymnasiale Abschlußklasse vor; K.J.Heller (1972) will dafür die Sam-
meltätigkeit der Schüler der 11. Klasse nutzen. Während D.Boueke (1970)
Werbetexte in allen Klassen der Hauptschule behandelt wissen will, möchte
B. Engelen (1975) schon im 3. Grundschuljahr in solche Texte einführen.
U. Klein (1968) versucht, anspruchsvollere rhetorische Analysen an Werbetexten
zu demonstrieren. F.Hebel (1971) dagegen will neuere linguistische Verfahren
an solchen Texten erproben, u.a. den syntaktisch-semantischen .swing' an
werbetypischen Bedeutungserweiterungen aufzeigen. Robert Ulshöfer, der als
Verfasser mehrerer Deutschmethodiken und als Herausgeber und Autor der
Werbung und die Fachdidaktik des Deutschunterrichts 19
Wir sind es seit einigen Jahrzehnten gewohnt, sprachliche Vorgänge nicht nur
innersprachlich zu analysieren, sondern zugleich in ihren kommunikativen Zu-
sammenhängen zu erfassen. Der Begriff der Kommunikation, der aus dem lat.
communis (= gemeinsam) agere (handeln, tun) oder communicare (= vereinigen,
sich besprechen) abgeleitet werden kann und lange auf das Zusammenkommen
und Zusammenwirken der Menschen bezogen war, also mehr verkehrsmäßig
oder psychologisch verstanden wurde (L.Mackensen 1966, 200), wird neuer-
dings fast nur auf die sprachliche Verständigung und (kybernetisch) auf den
Austausch von Signalen mit verschiedenen Zeichen in sozialen Interaktionen
bezogen (DUDEN) 1961, 367). So ist er seit den 70er Jahren zu einem Schlüs-
selbegriff in verschiedenen Sparten des sozialen und geistigen Lebens geworden
(Watzlawick u.a. 1974). Auch in der Werbewirtschaft, die sich ohnehin stets als
sehr offen für neue Begriffsbildungen und Modellvorstellungen erwiesen hat, ist
dieser Begriff nicht mehr wegzudenken (vgl. O.W.Haseloff 1970, 158ff.). Seit
den Anfängen der wissenschaftlichen Beschäftigung mit den Phänomenen und
Auswirkungen von Kommunikation nach dem 2. Weltkrieg hat man versucht, die
dabei wirksamen Vorgänge an Hand von Modellen zu verdeutlichen, (vgl.
W. Herrlitz Frankfurt 1973, 27ff.; G. Wolff 1977).
Das einfachste und wohl auch plausibelste Modell in der Art eines kyberneti-
schen Verlaufsdiagramms geht auf die amerikanischen Mathematiker und
Informatiker C.E.Shannon und W.Weaver (1949) zurück. Es arbeitet mit den
Hauptkomponenten ,Sender' (Absender) und .Empfänger' (Adressat), zwischen
denen über einen bestimmten (Vermittlungs-),Kanal' eine ,Information' oder
,Nachricht' (message) vermittelt wird.
Da der Vorgang auch umgekehrt werden kann, wobei Sender und Empfänger
ihre Rollen tauschen, kann auf diese Weise jede Art von Informationsaustausch
und Verständigung in modellhafter Vereinfachung erfaßt werden.
Natürlich sind die tatsächlichen Kommunikationsvorgänge weitaus komplexer
und erfordern zur besseren Verdeutlichung differenziertere Modelle, die die
Kommunikationsbegriffe und Kommunikationsmodelle 21
Kommunikative Aspekte und Faktoren sind bereits lange vor der Entwicklung
von Kommunikationsmodellen durch Angehörige des Prager Linguistenkreises
in die Sprachbetrachtung einbezogen worden. Der älteste Ansatz dieser Art
stammt von dem deutschen Psychologen und Sprachtheoretiker Karl Bühler
(Sprachtheorie 1934) und ist als Organonmodell der Sprache bekannt. Bühler
charakterisiert darin die drei Grundfunktionen der Sprache, den sprecherbezoge-
nen Ausdruck, den hörerbezogenen Appell und die gegenstände- oder sachbezo-
gene Darstellung, die in jeder Sprachäußerung in unterschiedlichem Grade gege-
ben und wirksam sind. J. Mukarovsky fügte diesen drei Funktionen die ästheti-
sche (= poetische, n. M.Riffaterre = stilistische) Funktion hinzu. R.Jakobson
(1960, 350ff.) erweiterte schließlich diese Aspekte durch die des jeweiligen
(phatischen) Kontaktes oder Kanals und des sprachbezogenen (metasprachli-
24 W e r b u n g als Kommunikation
Kommu-
opinion-
(Empf.)
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Kommunikative Faktoren und ihre Variation in der Werbung 25
chen) Sprechens und nennt nunmehr sechs Funktionen der Sprache, die sich auf
die wichtigsten kommunikativen Faktoren beziehen: die senderbezogene emotive
Funktion, die empfängerbezogene conative Funktion, die kontext- oder gegen
standsbezogene referentielle Funktion, die textform- bzw. nachrichtbezogene
poetisch-stilistische Funktion, die kanalbezogene phatische Funktion und die
codebezogene metasprachliche Funktion.
Ausdruck Appell
(emotiv) (conativ)
—(phatisch) —
metasprachlich
(ästhetisch/
(referentiell)
I
Darstellung
das Lob des Firmengründers; die Hervorhebung des Firmennamens und Marken-
zeichens und ihrer möglichen Assoziationen; evtl. wissenschaftliche Leistungen
und Verfahren, Prüfungen, Auszeichnungen und andere Erfolge; die Vorstellung
von eigenen Experten und Mitarbeitern; die Darstellung der Fabrik, der Räume,
Maschinen, des Produktionsvorgangs, der Vertriebsstätten des Produkts (z.B.
Hotels, Gasthöfe, Geschäfte in aller Welt); die firmen- oder markentypische
Verpackung; das/or-yow-Pathos; die Betonung der eigenen Glaubwürdigkeit und
Zuverlässigkeit; die Nutzung eines Nationalimages oder einer anderen institutio-
nellen Aufwertung (z.B. Klosterfrau = Kirche); Formen der Selbstästhetisierung
und Preziösität.
2. Vermittlung durch Sekundärsender: z.B. durch die Leitbildfunktion des
Sekundärsenders als Angehöriger einer höheren Sozialschicht, der Identität an
Schönheit, Jugend, Erfolg als Sport-, Film- oder Fernsehstar o.ä.; durch die
erhöhte Glaubwürdigkeit und Vertrauensweckung bei Vertretern gleicher Sozial-
schicht, durch Durchschnittskonsumenten; Erreichung positiver Werbewirkungen
durch negative Sekundärsender; durch Fiktionalisierung von Überredungssitua-
tionen (Experte ; Verbraucher); durch Vermittlung von Unterhaltung als vorder-
gründige Intention sowie andere Ablenkungstechniken; durch Einschaltung von
anonymen OFF-Sprechern.
b) in der Appelldimension (empfängerbezogen, conativ):
alle individuellen oder gruppenbezogenen Anredeformen; das Ansprechen von
Rollenerwartungen, Gruppennormen und -idealen; die Verwendung spezifischer
Jargons (z.B. ,Teenagersprache', Fachsprache); Ansprechen des Ich-Bewußt-
seins, der Kennerschaft; Zuordnung zu bestimmten Vorbildgruppen und -rollen
(z.B. den Klugen, Erfahrenen, Reichen, Glücklichen, Bevorzugten, Angesehe-
nen, Abenteurern, Geliebten und Beliebten); Versprechen zur Hebung des
Lebensstandards, des Ansehens, der Selbsteinschätzung und des Selbstgefühls,
Ansprechen des Eskapismusverlangens (Flucht in bessere Welten); Versprechen
der Integration in heile Welten; Ratschlag- und Rezeptwerbung; Darstellung des
Produkts in bestimmten Zugriffssituationen (z.B. halb herausgezogene Zigarette,
volles Bierglas); Weckung von Gewinnhoffnungen bei Preisausschreiben u.ä.;
Aufforderungen zu bestimmten Entscheidungen (Ja zu x! usw.); Hervorhebung
bestimmter Ideale oder allgemeiner Grundsätze; Schaffung und Steuerung von
Angstpotential (z.B. Schmutzangst, Schmerzangst, Angst vor Krankheit, Alter,
Tod, Isolation, Konkurrenz, Versagen); Ansprechen der Triebe (Nahrungstrieb,
Sicherheitsbedürfnis, Geschlechtstrieb, Mutter- und Pflegetrieb, Spiel- und Be-
wegungstrieb, Aggressionen, Selbstbetätigungsdrang, Selbstbehauptungsstreben,
Kraftgefühl, Verwurzelungsgefühl, Heimatsehnsucht, Reinlichkeits-, Genuß-, Lu-
xus·, Prestigebedürfnis u.ä.); Vermittlung und Weckung von Wunschbildern
(Appetenzsymbolen, ζ. B. Sehnsucht nach Liebe, Jugend, Schönheit, Gesundheit,
Frische, Natur, Potenz, Männlichkeit bzw. Weiblichkeit, Emanzipation, Freiheit,
Selbstbestimmung u.dgl.).
Kommunikative Faktoren und ihre Variation in der Werbung 27
Innerhalb des des linguistischen Codes finden sich zunächst Merkmale des
lexikalischen Bereichs, z.B. Erscheinungen der Worthäufigkeit, der Wortver-
teilung (Anteil der Wortarten) und der Wortverknüpfungen: Neologismen,
Fremdwörter, fremdsprachliche Teile (Exotisierungswirkung); Elemente eines
Gruppenjargons; Wortspiele, Oxymora; Superlative; Komparative (einschl.
unvollständiger), unterschiedliche Anteile an Konkreta und Abstrakta; bestimmte
Sublimierungsmechanismen und Hervorhebungstechniken, wie z.B. Neuheits-
werbungen, Originalitätsbetonungen, direkte und indirekte Vergleiche, Meta-
phern, Kontrastierungen (mit Antithesen), Zusatzsymbolik, Argumentation ex
negativo, Anzitieren von bekannten Wendungen; Verwendung von Redewendun-
gen u.ä. und Abweichungen graphematischer, morphologischer oder lexikali-
scher Art; Orts- und Zeitdeiktika; semantische Unbestimmtheit; bewußte Am-
biguitäten (Mehrdeutigkeit).
Im syntaktischen Bereich kommt es auf die Art des Satzbaus, die verwende-
ten Satzarten und Satzverknüpfungen an. Wichtig sind hier auch Einsatz und
Funktion von Negationen sowie Verweisungen im Text, Präsuppositionen
(Aussagenvoraussetzungen), Verwendungen offener Satzmuster, Satzabbrüche,
Inversionen u.a.
Im phonetischen Bereich fallen auf: bestimmte Klangmuster und -Wirkungen;
Knappheit oder Länge der Lautungen, Rhythmus der Aussagen, besonders bei
Schlagzeile und Slogan; Klangmalereien, Lautsymbolik, Lautmusikalität und von
ihnen getragene Vorstellungen; Klangredundanzen: Reim, Alliteration, Assonanz
und ihre Funktionen.
Innerhalb des visuellen Codes ergeben sich Wirkungsmöglichkeiten durch
Umfang und Ausgestaltung des Layout, die Art und optische Konstellation der
Zeichen, die Druck- und Schrifttypen, die Verteilung, Symbolik und Psychologie
der Farben, Art und Wirkungen von Zeichnungen und Fotografien, Leistung und
Wirkung von Schwarz-Weiß- oder Farbbildern, die Verklammerungen der
linguistischen mit der ikonischen Nachricht, Bedeutungserweiterungen im Bild,
Objekte der Bilddarstellung und die Art ihrer Darstellung (Ausschnitt, Bild-
größe, Begrenzung), Blickpunkte und Perspektiven, Tiefenschärfe der Bilder,
spezifische Wirkungen des gewählten Objektivs (z.B. Weitwinkeleffekt, Nahein-
stellung); Bildsymmetrie, Axialsymmetrie, Asymmetrie; bevorzugte Bildfelder;
Bilddenotation und -konnotation; ,story appeal' der Abbildung; Bilderfolgen;
Bildwiederholungen; Semantik, Syntaktik und Pragmatik der Bilder.
Als Möglichkeiten des rhetorischen Codes kommen in Frage: Formen der
Wiederholung, der Antithese, der Steigerung, der Umkehrung (Inversion), des
Parallelismus, der Ellipse; Topoi wie Reinheit, Frische, Abenteuer, Gesundheit,
Schönheit, Jugend, Genuß, Leistung und ihre Ideologie; Allegorien, Personifika-
tionen und Symbole; verschiedene Argumentationen (ein-, zweiseitig, primär
oder sekundär) und Argumentationstypen; offene und versteckte Imperative,
verschiedene Stilhöhen und Stiltypen, Stilfiguren.
Kommunikative Faktoren und ihre Variation in der Werbung 29
Jede Form von Werbung, sofern sie wirksam sein will, muß drei wichtige
Prinzipien beachten, die hier als Prinzipien der Auffälligkeit, der Originalität
und der Informati ν ität bezeichnet werden sollen. Was ist damit gemeint?
6.1. Auffälligkeit
Werbung muß auffallen, sonst bleibt sie von vornherein wirkungslos. Sie muß
so beschaffen und piaziert sein, daß sie beachtet wird. Um das zu erreichen,
muß sie die jeweils geeigneten und zulässigen Mittel anwenden und ausnutzen:
in der Printwerbung (Anzeigen, Plakate, Handzettel, Beilagen u.a.) z.B. die
möglichst effektiven drucktechnischen Verfahren der Schrift- und Bildgestaltung
und -plazierung, in der audiovisuellen Werbung die wirkungsvollste Text- und
Bildregie und Szenengestaltung, auch die Stimm- und Klangwirkungen, in der
Außenwerbung (Plakate, Schilder, Leuchtschriften u. ä.) die stilvolle Schrift- und
Farbenwahl u.dgl.
Auffälligkeit ist jedoch nicht nur auf die äußere Aufmachung der Werbung
bezogen. Auch innerhalb der Unzahl von Werbeanzeigen beispielsweise muß
sich der Werber durch besondere Tricks in seinen Werbestrategien um besonde-
re Auffälligkeit und Merkwirkung bemühen. Das kann eine Wortspielerei
mitunter ebenso bewirken wie eine graphische Besonderheit, eine Rätselhaftig-
keit ebenso wie ein besonderer Slogan. Solche Auffälligkeiten sollen besonders
die Fähigkeit zur Wiedererinnerung stärken, die bei der Auswahl vieler Angebo-
te die Kaufentscheidung lenken soll.
Die amerikanischen Werbefachleute haben die Wichtigkeit dieses Prinzips
der Auffälligkeit schon früh erkannt. In der sog. AIDA-Werbeformel (attention
+ interest + desire + action) haben sie es an die erste Stelle gerückt.
Natürlich ergeben sich hierbei auch quantitative und qualitative Grenzen im
Bestreben nach möglichst effektiver Auffälligkeit. Sie sind sowohl ökonomi-
scher und rechtlicher Art als auch von der Rücksichtnahme auf den Geschmack
und die Aufnahmebereitschaft des angesprochenen Publikums bestimmt. Jeder
Werber ist an seine finanziellen Mittel gebunden, die in einem begrenzten
Verhältnis zum erwarteten Produktabsatz und -gewinn stehen müssen. Auch
kann nicht überall geworben werden, Außenwerbung z.B. hat auch ihre recht-
Informativität 31
6.2. Originalität
Werbung darf keine Speisekarte sein, die ihre ,Werbeobjekte' als Standardge-
richte und die täglich wechselnden Speisen in immer gleichem Rahmen anbietet.
In der kaum überblickbaren Vielfalt der Werbeangebote muß der Werbende
bedacht sein, seine Werbung möglichst dadurch auffällig zu machen, daß sie
sich durch ihre Originalität von anderen Werbungen abhebt. In der Regel ge-
schieht das durch die Wahl einer originellen Werbestrategie in Verbindung mit
dem jeweiligen Markenimage. Zwar kann es in der begrenzten Typologie von
Werbestrategien (vgl. Kap. 7.2.) auch zu Duplizitäten kommen, was peinlich
wäre, wenn es in der gleichen Branche bei sich ähnlichen Produkten geschähe.
(Bei politischen Parteien kommt so etwas zuweilen vor.). Jeder Werber von ein-
ander ähnlichen Markenartikeln (z.B. Zigaretten, Zahnpasta, Schmerztabletten
u. a.) muß daher bestrebt sein, für sein Werbeobjekt (Produkt) eine originäre und
originelle Werbestrategie zu finden, die ihm eine beständige Auffälligkeit
sichert.
6.3. Informativität
Aufgabe jeder Werbung ist es, bestimmte Ziele, Leistungen oder Waren bekannt
zu machen, über sie zu informieren und zum Erwerb anzuregen. Das bedingt
zunächst, daß in allen Werbeanzeigen und -Sendungen auf das jeweilige Wer-
beobjekt hingewiesen und seine Funktion gekennzeichnet wird, soweit Bild und
Markenname es nicht schon hinreichend kennzeichnen. Das Ausmaß an notwen-
diger Information wird bei den einzelnen Werbeobjekten verschieden sein. Bei
Waschmitteln z.B. wird man nicht deren chemische Zusammensetzung kenn-
zeichnen, da die Hausfrau darauf keinen Wert legt. Bei technischen Geräten
hingegen wird man durchaus Angaben über Leistung, Verbrauch, Beschaffenheit
usw. bieten, da solche Angaben für den Käufer wichtig und für den Vergleich
mit Konkurrenzprodukten notwendig sind.
7. Werbestrategien
Die einfachste Form der Marken- und Gestaltungsstrategie, die zudem von den
Kritikern der Werbung am ehesten akzeptiert wird, ist die Beschränkung auf die
bloße Benennung, bildliche Darstellung und sachliche Kennzeichnung des
Werbeobjekts durch Angaben über die tatsächliche Beschaffenheit und Leistung.
Solche kataloggemäßen Werbeanzeigen sind vornehmlich im technischen Be-
Produktbezogene Werbestrategien 33
durch Adjektive mit großer Wertungsbreite, wie etwa gut, wahr, echt, ehrlich,
schön, zärtlich, jung, frisch, gesund, natürlich, kostbar, groß, rein, aber auch
durch substantivische Attribute, Kompositabildungen, Vergleiche, sogar durch
Satzaussagen, wie sie in Slogans u.ä. begegnen. Dafür einige Beispiele:
der gute Pott - der beste Pott (Rum); echter Stuyvesandt-Geschmack (Ziga-
retten); der ehrliche Katalog (Ferientouristik); das einzig wahre Warsteiner
(Bier); die schönste Verbindung von Hub und Raum (Opel-Autos), Vellemint -
reines Pfefferminz zungenzärtlich·, die junge Rama (Margarine); die natürliche
Kur mit Sympatovit (Arzneimittel); der große Duft (Badeschaum); Auf Togal ist
Verlaß (Arzneimittel); Reyno - wie ein Sonnentag am Meer (Zigaretten); Ariel
wäscht nicht nur sauber, sondern rein (Waschmittel). Den sprachlichen Charak-
terisierungen werden oft entsprechende Bilder zugeordnet, die die sprachlichen
Wertungen rechtfertigen sollen: z.B. Blumen und junge Mädchen zu ,junger'
Rama.
Eine andere Möglichkeit, eine Ware interessant zu machen, besteht darin, ihr
eine .Geschichte' (story) anzudichten oder zuzuordnen und ihr so ein bestimm-
tes Profil oder Image zu geben, das sie von anderen Waren gleicher Art unter-
scheidet. Insbesondere bei der Werbung für Genußmittel (Zigaretten, Alkoholika
u. ä.) lassen sich solche Einordnungen in bestimmte, z. T. sachfremde Entwick-
lungs- oder Erlebniszusammenhänge beobachten. So dichtet z.B. eine Werbung
im Slogan einer Zigarettenmarke (Marlboro) ihr einen Geschmack von Freiheit
und Abenteuer an und verbindet die Texte dieser Werbung mit klischeeartigen
Wildwest-Bildern einer Cowboy-Romantik. Eine andere Zigarettenmarke wirbt
in ihren Anzeigen mit der Repräsentationsfigur (Sekundärsender) eines Tramps,
obwohl Markenname {Camel) und Markenzeichen (Kamel) eine andere, aber
wahrscheinlich weniger verkaufsattraktive Bildvorstellung assoziieren.
Die Werbung für andere Artikel nutzt gern mögliche historische oder andere
kulturelle Bilder und Vorstellungen, die sich mit dem Produkt oder der Herstel-
lerfirma verbinden lassen (z.B. 4711 - Kölnisch Wasser; Klosterfrau-Melissen-
geist; Fürst von Metternich-Sekt; Stroganoff-Wodka usw.). Wieder andere
Werber knüpfen bestimmte Bild- und Textvorstellungen an die Ambivalenz des
Produktnamens (z.B. Wilkinson-(Ra.sier-) Klingen an Schwertklingen und
Ritterleben). An die Ambivalenz des Wortes .begleiten' (Wohin er auch reist,
Placido Domingo läßt sich stets von seinem Lieblingsinstrument begleiten.) in
der headline einer Werbeanzeige für /îo/ejc-Uhren, die den berühmten Sänger
zeigt, knüpft man an, wenn man diese Uhr als ständigen Begleiter meint, ob-
wohl Sinn des Satzes und Bild des Sängers zunächst ein Musikinstrument
vermuten lassen. Hier eröffnet der Doppelsinn der Worte .Instrument' und
,begleiten' eine andere Sinnebene als der weitere Wort- und Bildtext.
Produktbezogene Werbestrategien 35
Eine ähnliche Werbestrategie besteht darin, daß man nicht das Werbeobjekt
selbst in den Bildmittelpunkt rückt, sondern eine andere zumeist gesellschaftlich
höher eingeschätzte Vorstellung, mit der das Werbeobjekt verglichen oder
gleichgesetzt wird. Die anerkannte Wertschätzung des Gezeigten soll so auf das
Werbeobjekt übertragen werden.
Eine Anzeige für .Bundeswertpapiere' z.B. wird zu zwei Dritteln mit einem
aufgeklapptem Konzertflügel mit einem kleinen Jungen davor ausgefüllt und hat
als headline den ambivalenten Satz Bundeswertpapiere bilden, der im folgenden
Haupttext u.a. durch die nachstehenden Sätze erläutert wird: Kinder wollen
vieles werden. Da ist es gut, wenn Sie Ihre private Begabtenförderung mit
Bundeswertpapieren rechtzeitig selber in die Hand nehmen. Die höher einge-
schätzte Vorstellung von Bildung überlagert so die Aufforderung zum Wertpa-
pierkauf. Ähnlich, aber anders gelagert, verfährt eine Werbeanzeige für die
Mitsubishi-Großlimousine ,Pajero Belvedere', die unter der Schlagzeile Adel
verpflichtet das Bild eines Schlosses und des entsprechenden Autos zeigt. Hier
soll die Exklusivität der Adelsvorstellung auf das Werbeobjekt übertragen
werden, wie auch der leicht ironische Folgetext beweist: Sein edles Design adelt
ihr Häuschen auch dann, wenn Sie noch ohne Butler auskommen.
Seit den 50er Jahren verbindet man häufig bestimmte Werbungen mit knapp
bekleideten, halbnackten oder nackten Frauen (seltener mit entsprechenden
Männern), auch wenn solche Bilder in keinem sachlichen oder ursächlichen
Verhältnis zum Werbeobjekt stehen. Hintergrund solcher Werbungen sind in der
Regel tiefenpsychologische Grundsätze über die Wirkung sexueller Triebappelle,
nach denen derartige Bilder eine größere Beachtung und Wirksamkeit erreichen
sollen.
Ein Beispiel einer solchen Blickfangwerbung bietet eine Kamerawerbung von
Canon, die über einer Kompaktkamera das Bild einer nackten Frau zeigt, die
sich an einen großen Fisch klammert. Daneben steht: Ihr bester Fang" - Eine
ähnliche Werbung für Hiltl-Uosen zeigt einen nackten Männerrücken bis zum
Oberschenkel und die Inschrift: Hiltl hat beobachtet: Die meisten Frauen
schauen zuerst, wie Männerhosen hintenrum sitzen. (Hiltl macht Hosen).
dem wie Sandstränden unter Palmen u. ä. verbunden. So zeigt eine Werbung von
TU1-Reisen eine badende Frau bei Sonnenschein in bläulich klarem Wasser mit
dem Text: Sie haben es sich verdient. - In ähnlicher Weise zeigt z.B. eine
ß/ibHrger-Bierwerbung unter der Überschrift Paradies auf Erden stilisierte
Koralleninseln, die im blauen Meer den Werbeslogan Bitte ein Bit bilden. Hier
soll das Südseebild eine analoge Genußwirkung assoziieren.
7.2.8. Rezeptwerbung
Verwandt mit den Erfolgsverheißungen sind die Anwendungsrezepte in der
Werbung, wie sie vor allem bei rezeptfreien Arzneimitteln u. a. üblich sind. Die
Anzeige weist hier auf einen gesundheitlichen Mißstand hin (Schmerz etc.) und
seine Beseitigung durch das Werbeobjekt. So heißt es in einer Anzeige, die
einen Menschenkopf mit erleuchtetem Gehirn zeigt: Craton Brausetabs. Wenn
Gedächtnis und Konzentration nachlassen. Dynamischer ist eine Thomapyrin-
Werbung, in der es heißt: Packt den Schmerz - Löst ihn auf. Eine andere Tablet-
tenwerbung wirbt mit dem Slogan: Wer Sodbrennen hat, nimmt Talidat und der
größer gedruckten Erläuterung: Weil sie weich ist, wirkt sie schnell.
7.2.9. Aura-Werbung
Eine beliebte Methode, ein Produkt in ein besseres Licht zu rücken, besteht
darin, es mit einer besonders geschätzten Aura zu umgeben. So zeigt z.B. die
Νescafé-Werbung ihre neue Kaffeesorte Wiener Melange im Bild eines alten
Wiener Kaffeehauses. Diese Produktwerbung soll zugleich, indem sie die
Atmosphäre einer Wiener Gemütlichkeit beim Kaffeegenuß suggeriert, die
Produktwirkung erhöhen. Die Radeberger-Bier-Werbung prahlt in ähnlicher
Weise mit der Nähe zur festlich erleuchteten Semper-Oper in Dresden, die
Berliner A"iWe/-Bierwerbung mit dem Brandenburger Tor.
pentium bemerkt, entdeckt man bei genauerer Betrachtung des Werbebildes, daß
die scheinbaren Käsescheiben derart getarnte Gehäuse von Notebooks sind.
Bei zahlreichen Werbeanzeigen bildet nicht so sehr das Bild als vielmehr die
Schlagzeile den Blickfang, der zugleich durch Wort- und Sprachspielereien zum
Nachdenken reizt und so eine Merkwirkung auslöst. So zeigt z.B. eine Wer-
beanzeige von Deutschlandfunk-Radio ein dunkel abgeblaßtes Bild des Wirt-
schaftsexperten Rainer Bittermann (mit Brille in der Hand und PC im Hin-
tergrund), auf dessen Sendung der Kleintext verweist, und in größerer weißer
Schrift die Schlagzeile: Wissen ist besser als Besserwissen, wobei dieses (rheto-
risch chiasmische) Wortspiel das allgemeine Negativurteil über Besserwisserei
variiert. - Den umgangssprachlichen Ausdruck ,Flaschen' für mitunter untaugli-
che Menschen o. ä. verwendet die 7eirapa/:-(Getränketüten-)Werbung mit dem
Bild einer Straßenjungen-Fußballmannschaft und der Schlagzeile Flaschen
spielen erst gar nicht mit..., die im Haupttext wie folgt fortgesetzt wird: ...die
bleiben auf der Reservebank! Das Spiel macht nämlich Tetra-Pak... Diese
Werbung wirkt also durch die Doppelbedeutung von ,Flasche' (1. Glasbehälter,
2.Versager). - Auf die volkstümliche Redewendung „Geld (allein) macht nicht
glücklich" bezieht sich die LBS-Bausparwerbung, wenn sie ein Bild einer fröhli-
chen Familie vor einem neuen Eigenheim zeigt und in der darunterstehenden
Schlagzeile behauptet: Manchmal macht Geld eben doch glücklich. Zum Beispiel
71200 Mark Förderung fürs eigene Zuhause.
Auf die Wirkung einer sprachlichen Verfremdung baut eine Ford-Fiesta-
Autowerbung im anaphorischen und homonymen Dreiklang ihrer headline auf:
Viel Klasse. Viel Raum. Feel Good.
7.2.12. Rätselwerbung
Auch das Nachdenken über eine rätselartige Wirkung, die nicht sofort argumen-
tativ einsichtig wird, soll einen höheren Einprägungsgrad erreichen.
Recht einfach macht es sich dabei eine Michelin-Autoreifenwerbung, die
(recht groß) die blaue Teilansicht eines Autoreifens neben einem etwas kleine-
ren stilisierten Rennfahrer bietet, der auf die gelb gedruckte Frage verweist: Was
haben 88% aller Sportwagen gemeinsam? Im Haupttext wird dann erläutert, daß
88% aller Sportwagen Michelin-Reifen besitzen. - Eine Lucky Strike-Zigaretten-
werbung begnügt sich mit der Abbildung einer geöffneten halbvollen Zigaretten-
schachtel dieser Marke und der Überschrift: Der kleinste Picknick-Korb der
Welt. Der Leser soll hier also vermuten, daß das Rauchen solcher Zigaretten
dem Vergnügen eines Picknicks und der Schachtelinhalt demnach dem Inhalt
eines Picknickkorbs gleichkommt. - Eine VK4flST£W£/?-Bierwerbung zeigt ein
Glas voll Wasser mit einer sich darin auflösenden (Kopfschmerz?-)Tablette und
38 Werbestrategien
der darüber stehenden Schlagzeile: Das nächste Mal lieber wieder WARSTEI-
NER. Die Anzeige will suggerieren, daß der Wechsel zu einer anderen Bier-
(oder Alkohol)sorte offenbar nicht bekömmlich ist.
Schwieriger erscheint dagegen die Ravensberger Spiel-Werbung für THINK,
die die Abbildung eines Gehirns zeigt, von dem eine (Kalk?)-Schicht abblättert.
Darunter steht die Schlagzeile: Entkalker für 72 Mark. Überall wo es Bücher
und Spiele gibt. Etwas tiefer erscheint Train your brain. Play Think und die
Abbildung einer 77//iVAf-Spiel-Packung. Erst aus den Folgetexten nach dem
ersten Bild und der Schlagzeile wird klar, daß es nicht um einen ,Entkalker' für
eine Kaffeemaschine oder eine Waschmaschine geht.
Ein wichtiges Anliegen vieler Werber ist es, mit der jeweiligen Werbung für ein
Produkt zugleich das eigene Ansehen (Image) zu stärken. So heben manche
Anzeigen vor allem die Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit des Werbenden
hervor. Bevorzugt wird diese Art der Werbung besonders von Banken und
Versicherungen. So zeigt z.B. eine Werbeanzeige der Aachener und Münch-
nener Versicherung nur das Bild einer Männerhand, die eine Frauenhand er-
greift. Darüber steht die Überschrift: Mit Sicherheit ein guter Partner. - Die
Stuttgarter Versicherung demonstriert ihre Leistungsstärke mit dem grotesken
Bild einer Frau, die einen Elefanten hochhebt unter dem Titel: Stark mit der
Stuttgarter. - Die Volks -und Raiffeisenbanken zeigen in ihrer Werbung das Bild
einer breiten Straße voller Autos und betonen demgegenüber ihre Finanzierungs-
beratungen unter der Überschrift: Wir machen den Weg frei. - Origineller ist
eine F/eíírop-Werbung, die unter dem Titel: Mitten ins Herz via Fleurop einen
Bogenschützen (Amor?) mit einer Rose als Pfeil zeigt.
Die Verfasser von Werbetexten sind in der Regel nicht festzulegen. Zumeist
stammen diese Texte von den Werbeagenturen und werden durch Schauspieler
o. a. gesprochen. Wirkungsvoller, weil persönlicher als die anonymen Behaup-
tungen und Konsumaufforderungen der Off-Sprecher klingen Aussprüche
bekannter Personen, insbesondere wenn es sich um Figuren des öffentlichen
Lebens (Sportler, Schauspieler u.a.) handelt und der Text einen Bezug zum
Leben dieser Personen hat. Als ,Sekundärsender' in diesem Sinne gelten auch
Spezialisten der einzelnen Branchen (zumeist als solche verkleidete Schauspie-
ler), die entsprechende Ratschläge geben. Mitunter fungieren aber auch unbe-
kannte einfache Konsumenten (bzw. Fotomodelle oder Schauspieler als deren
Empfängerbezogene Werbestrategien 39
Darsteller) als Sekundärsender, weil sie durch die vorgebliche soziale Gleichheit
glaubwürdiger wirken. Eine Variante des Konsumenten als Sekundärsender
bietet die Wiedergabe witziger oder ambivalenter Zitate durch unterschiedliche
Personen in einer Serienwerbung (z.B. für Jägermeister-Likör).
7.4.2. Imperativ-Werbung
Daß der Werbende sein Publikum zu bestimmten Handlungen in der Sprachform
des Imperativs auffordert, ist nicht so selten, wie es in der Literatur zur Wer-
bung behauptet wird. Allerdings sind direkte Kaufaufforderungen (z.B. Kaufen
Sie x!) als marktschreierisch verpönt. Dafür verwendet die heutige Werbung
indirekte, mehr umschreibende Kaufappelle. So heißt es z.B. in einer Computer-
Werbung {Intel), die dies mit dem Bild von Hochspannungsleitungen symboli-
siert: Bleiben Sie in Verbindung. - Eine Autofirma, die ihren Wagen (Chevrolet
Blazer) für Individualisten anpreist, empfiehlt: Tanken Sie Gelassenheit. - Und
eine Jeans-Werbung (Joker) fordert in verrätselnder Weise ihre möglichen
Kunden auf: Führen Sie Ihrem Körper die wichtigsten Stoffe in ausreichender
Menge zu! Erst das beigefügte Bild eines Ausschnitts aus einer Jeanshose läßt
ahnen, daß als ,Stoffe' hier Leinen und Zwirn dieser Hose gemeint sind. Die
gleiche Firma bietet eine direkte Kaufaufforderung erst nach einer leicht schok-
kierenden vorangehenden Behauptung: Jede dritte Ehe geht in die Brüche.
Holen Sie sich wenigstens die Hose fürs Leben.
7.4.3. Fragenwerbung
Den umschreibenden Kaufappellen ähnlich sind die indirekten Aufforderungen
in Frageform, hinter denen sich Behauptungen und Aufforderungen zugleich
verbergen. Wenn es z.B. in einer Touristikwerbung für Zypern heißt: Wollten
Sie nicht schon immer Ihr Leben ändern?, dann versteckt sich hier eine Behaup-
40 Werbestrategien
tung (Ja, Sie wollten es!) und ein Angebot (Zypern bietet die Möglichkeit dazu).
Der Angebotstext schließt entsprechend wieder mit einer Frage: Wann kommen
Sie, um Ihr Leben zu ändern? Das Bild der Anzeige, ein freier Stuhl vor einer
antiken Säule, unterstreicht den Einladungscharakter. - Eine Werbeanzeige für
Bundeswertpapiere zeigt dagegen im oberen Drittel ein Schwarzweißfoto eines
Vogelpaares auf einem Nest, darunter im mittleren Drittel in Großdruck die
Frage: Wollen Sie unterm Dach Eigenbedarf anmelden? und im unteren Drittel
den Haupttext, der besagt, daß unter Deutschlands Dächern viel Platz zum
Ausbau der Dachgeschosse vorhanden sei, daß dessen Finanzierung durch
Wertpapiererwerb und -sparen möglich sei und empfohlen wird. Hier appellieren
Bild (Nestbau) und Fragetext (Eigenbedarf ist ein aktuelles Fachwort der Wohn-
raumbewirtschaftung) an das mögliche Erwerbsbedürfnis und provozieren eine
Ja-Antwort.
8. Werbung und Sprache
Sprache ist das wichtigste Medium zur Vermittlung von Werbebotschaften. Die
Sprache in der Werbung hat daher das größte Interesse philologischer Arbeiten
zur Werbung gefunden. An der Spitze dieser Arbeiten steht noch immer die
Untersuchung von Ruth Römer (1968), deren Resultate - obwohl auf der Grund-
lage von Werbeanzeigen der 60er Jahre gewonnen - weiterhin Gültigkeit besit-
zen, wenn sie auch durch inzwischen erlangte neue Einsichten aus Soziolingui-
stik, Pragmatik und Stilistik/Textlinguistik ergänzt werden müssen.
Eines der ersten Probleme, die R. Römer diskutiert, betrifft die Stellung der
Werbung innerhalb der Gesamtsprache.
Die Sprache der meisten Werbetexte wird von den Textern der Werbebüros
kreirt; sie könnte somit als eine Sondersprache weniger Benutzer gelten. Soweit
sie sich nur an Fachleute (z.B. Techniker, Mediziner u.a.) in Fachzeitschriften
wendet und dabei Fachsprachen verwendet, erreicht sie auch einen solchen
Status. Mit der Mehrzahl ihrer Texte wendet sie sich aber ein breites, weniger
fachgebundenes Publikum, das es durch eine allgemeinverständliche Sprache für
die dargebotenen Werbeobjekte zu interessieren gilt. Diese Aufgabe verlangt die
Berücksichtigung und Verwendung der allgemeingültigen Schriftsprache oder
Standardsprache, allenfalls mit gelegentlichen fachsprachlichen und umgangs-
sprachlichen Einsprengseln.
Man kann die Werbung auch nicht ohne weiteres mit der Sprache anderer,
informierender Texte gleichsetzen. Das wird bereits deutlich, wenn man die
Sprache in solchen Texten, die die Überschrift .Anzeige' tragen, vergleicht mit
anderen Texten ihres kontextuellen Zusammenhangs. Abgesehen vom jeweils
verschiedenen referentiell-sachlichen Bezug heben sich Werbetexte von anderen
Texten ab durch einen anderen Leserbezug, eine andere Art und Dominanz von
Sprachhandlungen und einen zumindest teilweise anderen Stil und Wortschatz.
R.Römer (1968, 203ff.) macht deutlich, daß die Sprache der Anzeigenwerbung
darin „die historische und eine Art soziale Gebundenheit" mit den Sonderspra-
chen teilt, indem sie innerhalb des Bereichs der kapitalistischen Produktions-
42 Werbung und Sprache
Eterna 1935
Ein schönes Stück Zeitgeschichte
Dieses legendäre Modell im Stil des Art Deco hat schon in den frühen dreissiger Jahren
deutliche Akzente gesetzt. Es besticht noch heute durch seine klare Linienführung, die
Prinzipien seiner handwerklichen Verarbeitung und viel Liebe zum Detail. (Uhrenwerbung)
Saab Cabrio.
Dabei werden die ersten beiden Sätze des Textes graphisch als Schlagzeilen
hervorgehoben, der übrige Text wirkt als Haupttext, in dessen letzte Zeilen im
Kleindruck sachliche Angaben eingefügt sind.
von Aufzählungen entstehen, der die Wirkung steigert. Mitunter dient dies aber
auch der Platzersparnis. Zwei Beispiele sollen dies verdeutlichen:
Zypern. Das ist der Reichtum einer über 9000 Jahre alten Kultur. Malerische Dörfer und
einsame Buchten, Kirchen und Klöster. Die herzliche Gastfreundschaft unverfälschter
Menschen. Ungetrübte Badefreuden an den saubersten Stränden des Mittelmeeres. 340
Sonnentage im Jahr. (Touristikwerbung)
Treibgasfrei
One Drop
ATEMDUSCHE
Das Mundspray
Natürliche Frische
Ohne Zucker
Beugt medizinisch vor (Mundspraywerbung)
Neben den allgemein üblichen Satz- und Wortformen der Standardsprache gibt
es in den verschiedenen Arbeits-, Berufs- und Standesbereichen Sondersprachen
mit eigenen Wort- und Satzformen, die als Fachsprachen bezeichnet werden.
Innerhalb solcher Sondersprachen sind noch weitere Differenzierungen möglich.
So kann man z.B. in der Fachsprache der Autobranche die Schichten der Kon-
strukteur- bzw. Wissenschaftssprache, der Verteilersprache und der Werkstatt-
sprache unterscheiden (H.Ischreyt 1965, 200ff.), wobei die Autowerbung häufig
auf die Verteilersprache zurückgreift. Natürlich kennen auch die meisten Auto-
käufer bereits zahlreiche Fachwörter dieser Verteilersprache, wie z.B. die
technischen Fachbegriffe Airbag, ABS, computergesteuerte Knautschzone usw.
Manche Werbeanzeigen, die sich vor allem an Fachleute wenden, weisen
einen beträchtlichen Anteil an Fachwörtern auf und bleiben für Laien kaum
verständlich, vgl. z.B.:
Eine besondere Form der Expertensprache in der Werbung stellt die Verwen-
dung fremdsprachlicher Texte oder Textteile dar, die beim Rezipienten ent-
sprechende Sprachkenntnisse voraussetzen. Am häufigsten kommen dafür
englische Sprachformen in Frage, wobei vor allem Wendungen aus der engli-
schen Alltagskommunikation und Umgangssprache gewählt werden, die mitunter
wegen ihrer semantischen Ambivalenz Sprachspiele o.ä. ermöglichen, vgl. z.B.
Sprachschichten und Sprachregister 45
8.2.6. Umgangssprache
Fragen wiederholungen :
Warum wir ein Postsparbuch haben? Damit kommen wir bei der Post an unser Geld. Auch
im Ausland. (Postbank-Werbung)
Idiomatische Wendungen:
Vitamine sind beim Essen oft eine ausgekochte Sache. Selbst bei bewußt ausgewogener
Küche bleiben viele Vitamine auf der Strecke. Schon der Zubereitungsprozeß birgt so
46 Werbung und Sprache
manche Vitaminfalle. Viele Menschen kommen auch berufsbedingt an Fast Food oder
Kantinenkost nun mal nicht vorbei. Multibionta plus Mineral schützt vor ernährungs-
bedingtem Vitaminmangel. (Vitamintabletten-Werbung)
Ausdrücke wie ,ausgekochte Sache', .bleiben auf der Strecke', ,birgt ... Vit-
aminfalle', .kommen ... nun mal nicht vorbei' sind umgangssprachliche Rede-
wendungen, die hochsprachlich auch anders hätten gesagt werden können.
Ein beliebtes Beispiel dieser Art war vor Jahren die Werbung der Münchener
Spafón-Brauerei mit der stilisierten Abbildung eines chinesischen Mandarins und
der Unterschrift: Laß dil laten: Tlinke Spaten! Hier wurde also das Phänomen
der 1/r-Substitution in einigen ostasiatischen Sprachen dazu benutzt, das heimi-
sche Publikum rätseln zu lassen über solche Werbung.
8.3. Sprachhandlungen
In den 70er Jahren hat sich innerhalb der Sprachwissenschaft nach bzw. neben
der syntaktisch-semantisch (vorwiegend generativ) ausgerichteten Systemlingui-
stik die Erforschung pragmatischer Aspekte der Sprachverwendung entwickelt.
Der Grundgedanke dieser neuen Richtung, der von einem Zweig der angel-
sächsischen Philosophie ausging, ist, daß jede kommunikativ angelegte Sprach-
verwendung zugleich ein sprachliches Handeln ist, das analysiert und systemati-
siert werden kann.
Bekanntlich erfahren alle sprachlichen Zeichen in bestimmten kontextuellen
Äußerungen präzisierende Einschränkungen ihrer allgemeinen lexikalischen
Bedeutung. Zu den so entstandenen aktuellen (lokutiven) Bedeutungen der
Sprachzeichen treten (verkürzt gesagt) im kommunikativen Sprachvollzug
(Sprechakt) handlungsbezogene (illokutive) Bedeutungen hinzu, durch deren
Handlungskennzeichnungen aufgrund von jeweils vorhandenen oder einsetzbaren
performativen (illokutiven) Verben die Sprechakte charakterisiert und systemati-
siert werden können.
Werbetexte eignen sich als ganze oder in bestimmten Teilen (z.B. Slogans)
aufgrund ihrer Intentionen und kommunikativen Absichten gut für derartige
Sprechaktanalysen. Auf einer frühen Stufe dieser Theorie hat D.Flader (1972,
341ff.; 1974) anhand von Werbeslogans solche Analysen vorgenommen. Er
unterscheidet dabei: 1. Empfehlungshandlungen, 2. Behauptungshandlungen,
3. Präskriptionshandlungen, 4. Versicherungshandlungen, 5. Beurteilungshandlun-
gen, 6. Präsentationshandlungen, 7. Aufforderungshandlungen, 8. Ausdrücke der
inneren Sprache, Meinungen. Die vorgenannte Reihenfolge besitzt keine Ver-
bindlichkeit und kann jederzeit geändert werden.
Als Empfehlungshandlungen kennzeichnet D.Flader die Slogans, die dem
Leser bzw. Hörer ein Werbeobjekt empfehlen, somit eine (begründbare) Aus-
wahlentscheidung nahelegen. Der Sprechakt kann in verschiedenen semantisch-
syntaktischen Formen realisiert werden, wobei die Intention durch einen Vor-
satz „Wir empfehlen Ihnen ..." expliziert werden könnte. Vgl. z.B.
RTL-News. Damit Sie mitreden können. (Fernsehsender-Werbung)
Ihrem Po zuliebe. (Hakle-Toilettenpapier-Werbung)
Freude am Fahren - BMW (Autowerbung)
Preiswert und nah - DEVK (Versicherungswerbung)
48 Werbung und Sprache
Wie die Beispiele zeigen, könnten manche Slogans pragmatisch auch anders
verstanden werden, z.B. BMW (vermittelt) Freude am Fahren als Behauptungs-
handlung.
Etwas klarer sind dagegen die Präsentationshandlungen zu erfassen, die sich aus
Gleichsetzungen von Produktnamen und Qualitätsaussagen ergeben. Natürlich
sind auch solche Aussagen letztlich Behauptungen, die sich jedoch von den
bisher aufgeführten durch feste Kopplungen unterscheiden, die möglichst lange
im Bewußtsein der Kunden haften sollen, z.B.
Marlboro - der Geschmack von Freiheit und Abenteuer. (Zigarettenwerbung)
Renault - Autos zum Leben. (Autowerbung)
König Pilsener - Das König der Biere. (Bierwerbung)
Sprachhandlungen 49
Die in der Werbung einfachsten und wohl auch ältesten Sprachhandlungen sind
die Aufforderungshandlungen, die mehr oder weniger Imperativischen Charakter
haben, vgl. z.B.
Nimm VIM (Reinigungsmittel-Werbung)
Trink Brohler und Dir ist wohler. (Mineralwasser-Werbung)
Train your brain. Play Think. (Ravensburger Denkspiel-Werbung)
In seiner letzten Gruppe faßt D.Flader (1972) auch die noch übrigen Fälle
zusammen, die er als ,Ausdrücke der inneren Sprache' und .Meinungen' be-
zeichnet. Es handelt sich um Aussagen wie Persil bleibt Persil (Waschmittel-
werbung) oder MILDE SORTE aus reiner Lebensfreude (Zigarettenwerbung),
wobei unklar bleibt, ob es eine Aussage des Kommunikators oder des Rezipien-
ten sein soll.
Ob die von Flader aufgeführten Sprachhandlungstypen ausreichen, um das
weite Feld der Werbetexte abzudecken, muß hier offenbleiben und wäre in
weiteren Analysen zu klären.
Die Festlegung von Sprechakten bei Werbetexten, die diesen bestimmte
kommunikative Funktionen zuordnet, erweist sich mitunter als schwierig, sofern
mehrere Deutungsmöglichkeiten bestehen. Sie ist auch bei komplexen Texten
nicht immer leicht, z.B. bei ,Haupttexten', die oft nach der Hauptintention und
mehreren Bedeutungen untersucht werden müssen. Ein kurzes Beispiel möge das
verdeutlichen:
(Anzeige)
(obere Bildhälfte: nachdenklicher Mensch + (Schlagzeile:))
Geschäftsführer M. denkt streng wirtschaftlich
(untere Bildhälfte: funktionales Geschäftsgebäude + (Schlagzeile:))
Das hat er nun davon (+Haupttext:)
(schwarz:) Ein repräsentatives Firmengebäude, das von Anfang an Kosten spart. Durch
schnelle Fertigstellung mit dem rationellen Hebel-Bausystem aus Porenbeton-Elementen,
hohe Wärmedämmung und günstige Unterhaltskosten auf Dauer. Selbst Nutzungsänderun-
gen sind mit diesem Bausystem ökonomisch zu realisieren. Ob Bürogebäude oder La-
gerhalle. (rot:) Bau mit System.
kann als Behauptungshandlung (*Hebel-System ist ein Bau mit System), Empfeh-
lungshandlung (*Wir empfehlen Hebel-Bau mit System) und als Aufforderungs-
handlung (Bau mit System!) aufgefaßt werden. Alle vorgenannten Deutungs-
möglichkeiten sind der Gesamtintentention als Empfehlung subsumiert.
In der Literatur zur Werbung ist es noch immer strittig, ob den bildhaften oder
den sprachlichen Elementen bei Werbeanzeigen die größere Wirkung zukommt.
Dem chinesischen, auf Konfuzius zurückgehenden Sprichwort gemäß, wonach
ein Bild mehr sage als tausend Worte, betonen manche Werbefachleute das
Bildhafte, d. h. den optisch erfaßbaren und dementsprechend gestalteten Teil der
Werbemittel, also z.B. Illustration, Farbe, Typografie, Layout, besonders,
während andere darauf hinweisen, daß Texte dem Bild erst seine Orientierung
und Verankerung geben. Werbebilder vermitteln in der Regel recht genaue
Informationen über das Aussehen und oft auch über die Verwendung der Waren,
bedürfen jedoch der zutreffenden Einordnung in den Werbevorgang und in den
Kontext der gesamten Werbestrategie. Diese Stabilisierung wird durch den
sprachlichen Text vollzogen. Durch ihn wird ein Bild, das mitunter nur Blick-
fang ist, in den vorgesehenen Kommunikationsvorgang eingefügt. So kann man
- etwas zugespitzt - sagen: Werbebilder können nicht ohne Text auskommen,
Werbetexte jedoch auch ohne Bilder, wie etwa die vielen Kleinanzeigen in
Zeitschriften und Zeitungen bestätigen. Dabei spielen auch medienspezifische
Texte eine Rolle. So kommen Werbesendungen im Rundfunk ebenfalls völlig
ohne Bilder aus (wenn man nicht mit ,inneren Bildern' der Zuhörer rechnet),
Fernseh- und Kinowerbungen dagegen können nicht auf Bilder (+Text) ver-
zichten.
Textgliederungen
(Schlagzeile:) Man kann nicht alle städtischen Probleme per Knopfdruck lösen. Aber ein
paar.
[Haupttext]
Textstrukturen von Werbeanzeigen 53
Texttypen
Wie in den obigen Beispielen deutlich wurde, lassen sich von ihrer Funktion wie
auch von ihrer textlinguistischen und stilistischen Struktur her vier verschiedene
Texttypen feststellen: Marken- oder Firmenangabe, Schlagzeile (head-line),
Haupttext, Slogan.
Sie sollen im folgenden noch etwas näher betrachtet werden.
8 . 5 . 4 . Die S c h l a g z e i l e
Als Schlagzeile (engl, headline = Kopfzeile, auch: claim) wird die zumeist auf-
fälligste Texteinheit einer Werbeanzeige bezeichnet. Dieser Begriff stammt aus
der Journalistik, wo er heute noch üblich ist für die graphisch besonders (groß,
dick, unterstrichen o.a.) hervorgehobene Kurzkennzeichnung der Hauptnach-
richt. Das Wort ist möglicherweise eine Analogiebildung zum älteren ,Schlag-
wort', womit ursprünglich das Stichwort für den Auftritt eines Schauspielers und
später ein Modewort, besonders im politischen Bereich, bezeichnet wurde.
Die Zeitungsschlagzeilen sollen „die Aufmerksamkeit auf die folgende
Botschaft oder Information lenken ..." und „... kurz und treffend formuliert sein;
sie müssen den Kern einer Information oder Botschaft herausstellen, so daß der
Leser angereizt wird, weiterzulesen." (Neske/Heuer 1971, 159).
Auch die Schlagzeile der Werbung soll (oft neben, unter, über einem Bild)
die Aufmerksamkeit des Lesers wecken und auf ihn einwirken (vgl. das atten-
tion der AIDA-Formel s. S.30). Im Unterschied aber zur Zeitungsschlagzeile
geht es hier seltener um die Zusammenfassung einer Information als um die
(mitunter verfremdende) Aufmerksamkeitslenkung möglicher Konsumenten im
Sinne der gewählten Werbestrategie. Die Werbetexter suchen die Leser dement-
sprechend auf unterschiedliche Art und Weise zu fesseln, je nachdem, welche
kommunikativen Faktoren oder welche werblichen Funktionen betont werden
sollen, welches Produktprofil (Markenbild) gewählt oder welche Werbestrategie
bevorzugt wird.
Nachstehend sei eine Reihe der geläufigen Anzeigenschlagzeilen aufgeführt:
4. Ambivalente Aussagen:
6. Allgemeine Sentenzen:
Bauen kann Ihren Kopf kosten ... oder deutlich weniger. (Knauf-Baustoffe)
Ein Glas Wasser kann Sie den ganzen Urlaub kosten. (Sachs-Filtron-Wasserreiniger)
Achtung: Ihr Unternehmen ist in Gefahr. (Microsoft)
9. Allgemeine Fragen:
11. Zukunftsverheißungen:
12. Erinnerungen:
Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als man Musik nur hören konnte? (Apple Multimedia
CD EVE)
Geschätzt wie seit Kaisers Zeiten. (Hoehl-Sekt)
14. Gegensätze:
16. Umweg-Werbung:
Soll jetzt keiner sagen, er käme bei uns nicht auf den Geschmack. (Toshiba Notebook-
Werbung m. Käsestücken)
18. Argumentankündigung:
Zwei Cameras zu besitzen ist kein Snobismus. Sondern reine Vernunft. (Kodac Mini
Instamatic)
Herz, Kreislauf und Nerven brauchen mehr Hilfe denn je. (Biovital-Stärkungsmittel)
Früher oder später haben Sie Urlaub. Mit uns früher (Deutsche Bahn)
Wir machen den Weg frei / Wir bieten mehr als Geld und Zinsen. (Volksbanken)
Textstrukturen von Werbeanzeigen 57
Die Übersicht, die noch erweitert werden könnte, zeigt, daß es zahlreiche
Möglichkeiten gibt, mit Hilfe von Schlagzeilen die Leser zur Lektüre von
Anzeigen zu verleiten. Der Kreativität der Werbetexter sind dabei kaum Gren-
zen gesetzt.
Beobachtet man die Werbeanzeigen über längere Zeit, so entdeckt man auch
Wandlungen im Layout und Stil der Schlagzeilen. Während früher in Wer-
beanzeigen der Slogan graphisch und sprachlich hervorgehoben wurde, so
nimmt neuerdings die Schlagzeile diese dominierende Rolle ein. Hierin spiegelt
sich eine Schwerpunktverlagerung von einer stärker hörorientierten Werbung,
wie sie vor allem durch das Radio bestimmt wurde, das einprägsame Formeln
bevorzugte, zu einer stärker sichtbetonten Werbung, wie sie durch Illustrierten-,
aber auch durch Film- und Fernsehwerbung begünstigt wird, wobei allerdings
die letzteren eigene Textstrukturen aufweisen.
Schauen Sie bei Ihren Heizkosten auch so gerne auf den Pfennig? Dann sehen Sie sich
doch mal den Vaillant Thermoblock ecoTec an. Der heizt mit modernster Brennwert-
technik: Durch die bedeutend bessere Energieausnutzung im Vergleich zu anderen moder-
nen Wärmeerzeugern spart man bis zu 15 % Heizkosten - gegenüber alten Anlagen sogar
30%. Und zusätzlich wird die Umwelt durch besonders schadstoffarme Verbrennung
geschont. Möchten Sie mehr wissen? Dann schreiben Sie uns doch. Vaillant. Heizen,
Regeln, warmes Wasser. Stichwort: ecoTEC, 42850 Remscheid.
Fragen Sie mal den Fachmann.
Der graphisch nicht untergliederte Text besteht inhaltlich aus drei Teilen: einem
Einleitungssatz, der Erläuterung des Produkts und seines Spareffekts und der
Schlußbemerkung, die wie die Einleitung mit einer rhetorischen Frage eingelei-
tet wird. Bis auf diesen Schluß, der auf weitere Auskünfte durch die Firma
verweist, bietet der Haupttext Angaben zur Heizkostenersparnis, auf die ja
bereits in den Bildern und ihren Umschriften hingewiesen wurde. Dabei be-
schränkt sich der Text nicht nur auf den individuellen Nutzen des Käufers,
sondern hebt auch, im Sinne aktueller ökologischer Verantwortung, die Scho-
nung der Umwelt durch die schadstoffarme Verbrennung hervor.
Nach V.Klotz (1963, 99) ist jeder Slogan innerhalb der Werbesituation zu
sehen, die durch die Trias der kommunikativen Faktoren des Werbenden, des
Umworbenen und des zu Erwerbenden (bzw. von Produzent, Konsument, Ware)
bestimmt wird. Diese drei Faktoren werden in unterschiedlicher Weise ganz
oder teilweise im Slogan wie im übrigen Werbetext berücksichtigt.
Der werbende Produzent bzw. seine Werbeagentur bestimmen Text und
Modus des Slogans, der sich an mögliche Konsumenten richtet oder die jeweili-
ge Ware oder die Produktionsfirma bekanntmacht oder preist. Die Art der
kommunikativen Zuwendung an den Konsumenten kann im Slogan recht ver-
schieden ausfallen, wie D.Flader (1972, 34Iff.) aufgrund von Sprechaktanalysen
zahlreicher Slogans festgestellt hat.
Recht verschieden kann auch das Verhältnis zwischen Slogan und dem
übrigen Text und dem Bild der Anzeige bzw. Sendung sein. Es gibt Slogans, die
einen sehr engen Bezug zur Schlagzeile, zum Haupttext und zum Bild haben.
Bei anderen fehlt diese Verklammerung. Die Bild-Slogan-Einheit ist oft bei
textarmen Anzeigen (meistens ohne Haupttext, oft auch ohne Schlagzeile)
anzutreffen, z.B. in der Sekt-Werbung: Henckell-Trocken ... die Welt von ihrer
schönsten Seite; Paral stoppt Insekten (Insektizid). Bei textreicheren Anzeigen
findet man dagegen auch Slogans, die von den übrigen Textaussagen isoliert
erscheinen, entweder weil der Slogan besonders abgehoben und hervorgehoben
werden soll oder weil es sich um Serienanzeigen bzw. -Sendungen handelt. So
werben z.B. die FORD-Autowerke neuerdings in allen Anzeigen und Sendungen
mit dem Slogan: Ford - Die tun was.
Welche kommunikativen Funktionen der Slogan jeweils ausübt, muß - wie
die Analysen von Flader zeigen - stets im Einzelfall untersucht werden. Man
kann jedenfalls nicht - wie H.Plate (1963, 550) - dem Slogan nur die Funktion
der .Auslösung' von Kauf- oder Wahlentscheidungen zusprechen (das action der
AIDA-Formel, s. S.30), dem Haupttext dagegen nur die Funktion der .Darstel-
lung' und der Schlagzeile nur die Funktion der Herstellung und Einleitung von
Kommunikation'. Eher kann man beim Slogan ein .Prinzip der mehrfachen
Wirkungsweise' beobachten (so nach Möckelmann/Zander 1970), das es er-
möglicht, daß alle notwendigen Grundfunktionen eines Werbetextes durch ihn
wahrgenommen werden können.
Der Mehrdeutigkeit in der Funktion entspricht die Vielfalt der sprachlichen
Formen der Slogangestaltung. Der Sprachform kommt so wegen der angestreb-
ten erhöhten Beachtung der Slogans besondere Bedeutung zu. Erst durch die
Sprache gelangt er zur Wirksamkeit, erreicht er höhere Aufmerksamkeit und
größeren Erinnerungswert. Das Auffinden wirksamer Slogans war deshalb früher
eine besonders wichtige Aufgabe der Werbetexter (zu der mitunter auch ,Laien'
eingeladen wurden).
Die auffallendsten Stilzüge des Slogans sind sprachliche Kürze und Klarheit.
Der Slogan muß kurz sein, wenn er im Gedächtnis haften soll. Er sollte zudem
Textstrukturen von Werbeanzeigen 61
keine Zweifel über die Appellfunktion aufkommen lassen, vielmehr die Werbe-
wirksamkeit der übrigen Elemente der Anzeige bzw. Sendung sprachlich ver-
stärken; er sollte also nicht abschweifen oder sich im Unverbindlichen verlieren.
Als die wichtigsten Satzformen erweisen sich dementsprechend ganze oder
verkürzte Behauptungs- und Aufforderungssätze, in denen Aussagen über das
Produkt oder entsprechende Konsumappelle formuliert werden. Bei Slogans in
Behauptungssätzen bzw. deren Satzreduktionen fällt auf, daß fast stets Behaup-
tungen mit absolutem Geltungsanspruch gewählt werden. Solche Aussagen sind
meist leicht widerlegbar und werden deshalb wegen ihrer unwahren Behauptun-
gen oder Übertreibungen oft kritisiert, scheinen aber gerade durch diesen hyper-
bolischen (übertreibenden) Charakter besonders suggestiv und nachhaltig zu
wirken. Beispiele dieser Art sind:
Als Behauptungen können auch elliptisch verkürzte Aussagen gelten, soweit sie
als Gleichsetzungen mit fehlender Kopula oder fehlendem Prädikat aufgefaßt
werden, z.B.:
8.6. Satzbau
8.6.1. Satzumfang
Das Anfahr- und Bremsverhalten des neuen R70 läßt sich einfach und bequem jedem
Einsatzzweck anpassen. Per ,Hasentaste ' wird er stufenweise flinker, per ,Schildkröten-
taste ' wieder sachter.
Zu den weiteren Vorzügen des neuen R70 gehört seine optimale Geräuschdämpfung. Viele
PKW sind bereits im Leerlauf lauter. Das schont die Nerven des Fahrers und verlängert
die Konzentrationsfähigkeit, (aus: Still-Gabelstapler-Werbung)
Der Eindruck von Kurzsätzen wird in Werbetexten oft auch dadurch erreicht,
daß wichtige Satzglieder oder Nebensätze verselbständigt, durch Punkte vom
Satzganzen getrennt werden (sog. Isolationen oder Nachträge), vgl. z.B.:
Sätze mittlerer Länge ( 8 - 2 0 Wörtern zwischen zwei Punkten) finden sich vor
allem in argumentativen Haupttexten, die sich an ein fachkundiges und gebilde-
tes Publikum wenden, vgl. z.B.:
Lange Sätze (mit über 20 Wörtern in einem (komplexen) Satz) sind in Werbe-
texten selten. Es erscheint daher ungewöhnlich, wenn gerade eine Wein-Wer-
bung, die bereits in der Schlagzeile die Länge bevorzugt, solche Sätze in ihrem
Werbetext verwendet (Wortzahlangaben nachträglich eingefügt. B.S.):
Für unseren Rheinhessen-Rivaner würden wir am liebsten einen Weinkeller verlosen (11).
Ein neuer Wein macht von sich reden (7). Ein trockener, frischer Wein mit zarter Säure
und feiner Frucht, der in seiner zeitgemäßen leichten Art auch gut zur modernen Küche
paßt (22). Es gibt Weinkenner, die diesen Wein als schönste und wichtigste Wein-Erfindung
seit langem bezeichnen (14).
Der Rivaner: eine neue Wein-Philosophie (5).
Was steckt dahinter? (3) Keine neue Züchtung, keine exotische Rebe, sondern eine neue
Art, mit einer altbekannten Rebe umzugehen, geboren aus Neugier und der Bereitschaft,
Gewohntes in Frage zu stellen, gepaart mit einer gehörigen Portion Winzer-Know-how
(32). Die dem Rivaner zugrunde liegende Rebe ist der Müller-Thurgau, mit etwa gleichem
Flächenanteil wie der Rießling eine der wichtigsten Reben Deutschlands (21 ) ... (Rheinhes-
sen-Wein-Werbung)
8.6.2. Satzarten
Die Darbietungs- und Reizfunktion in der Werbung, d.h. ihre Tendenz, ihre
Werbeobjekte interessant und begehrenswert zu machen, verlangt, daß das
Interesse der Kunden außer durch visuelle Reize auch durch Besonderheiten des
Wortschatzes in den Werbetexten geweckt wird. Zu den Möglichkeiten, den
Wortschatz der Werbetexte zu variieren und zu erweitern, gehören neben Ent-
lehnungen aus Fachsprachen, Fremdsprachen und anderen Sprachbereichen die
verschiedenen Formen der Wortbildung. Man unterscheidet dabei Neuschöpfun-
gen, Zusammensetzungen und Zusammenschreibungen sowie Ableitungen.
8.7.1. Wortbildungen
Neuschöpfungen
Neuschöpfungen sind Neubildungen von Wörtern, die nach ihrer Neueinführung
usuell geworden sind, d. h. wiederholt für längere Zeit gebraucht werden.
Produktnamen:
Die Bezeichnung von Waren mit eigenen Namen ist das Ergebnis einer langen
Entwicklung. Ursprünglich wurden Waren nur nach ihrem Gattungsnamen
gekauft und verkauft, wie dies ζ. B. in kleinen Geschäften und auf Märkten noch
immer geschieht (z.B. ein Pfund Mehl, Bohnen, ein Liter Milch usw.). Die
ersten Unterscheidungen innerhalb der Produktgattungen waren wahrscheinlich
Herkunftsangebote (z.B. Edamer Käse, Einbecker oder Pilsener Bier, Brüsseler
Spitzen usw.), die schließlich zu eigenen Gattungsnamen wurden. Die neueren
Produkt- oder Warennamen sind ein Ergebnis der neuzeitlichen Markenartikelfa-
brikation. Durch einen eigenen Markennamen (und gesonderte Verpackung)
kann ein Produkt von einem gleichartigen unterschieden werden. Es erreicht so
einen größeren Wiedererkennungs- und Erinnerungswert und einen entsprechen-
den Verkaufswert.
In manchen Branchen ist es inzwischen üblich geworden, daß beim Ein-
kaufen nicht mehr nach der Gattungskennzeichnung, sondern nach dem Marken-
namen gefragt wird (z.B. bei Waschmitteln, Zigaretten, Getränken usw.).
Einher mit der Absicherung von Produkten gegenüber Imitationen durch
Patente ging der gesetzliche Schutz von eingetragenen Warenzeichen (seit 1874)
und Wortzeichen (seit 1894). Bis 1965 gab es in der Bundesrepublik 251431
inländische und 40918 ausländische eingetragene und somit gesetzlich geschütz-
te Zeichen (Wort- und Bildzeichen, n. R.Römer 1968,59f.). Darunter sind sicher
viele längst vergessene Firmen- und Warenzeichen, aber noch manche heute
bekannte mit einer eigenen Wirkungsgeschichte, "die oft mit der Wahl des
richtigen Namens verknüpft ist." (W. Bongard 1964, 158).
Als nichtiger Name' ist hier ein ökonomisch über längere Zeit erfolgreicher
Markenname gemeint. Durch ihn wird die Ware gleichsam individualisiert, hebt
Der Wortschatz in der Werbung 65
sie sich als ,Markenartikel' von anderen Waren der gleichen Produktgattung ab
und tritt mit ihnen in einen Wettbewerb, der durch die Werbung gesteuert wird.
Markennamen sind keine Eigennamen wie etwa Familien- und Ortsnamen,
aber auch keine Gattungsnamen wie ,Mehl, Zucker, Butter' usw. Von den
ersteren unterscheiden sie sich durch die Artikelfähigkeit (z.B. ein VW, eine
HB), von den letzteren durch die Firmenbindung, die bei Markennamen erhalten
bleibt, auch wenn sie den Käufern von Persil, Golgate, Becel u.a. gar nicht
mehr bewußt ist und nur aus der Warenverpackung und -Werbung ersichtlich
wird. Es geschieht jedoch im Laufe der Zeit, daß aus dem geschützten Marken-
namen ein Gattungsname wird, der dann nicht mehr geschützt, vielmehr auch
auf andere Waren gleicher Art übertragen werden kann. Das ist z.B. bei den
einstigen Markennamen Cellophan, Kölnisch Wasser, Knirps, Leitzordner,
Vaseline der Fall; Warennamen wie Tempotücher, Tesafilm, Höhensonne, Star-
mix sind in der Entwicklung zu Gattungsnamen.
Der Bildung von Markennamen liegen verschiedene Prinzipien zugrunde, die
ein Sonderkapitel in der deutschen Wortbildung ausmachen. Folgende Benen-
nungstypen kommen hier vor:
1. die Benennung der Waren nach Eigennamen: z.B. nach dem Firmengründer
oder -inhaber, z.B. Opel, Ford, Grundig, Neckermann, Rosenthal, Dr.Oetker,
Asbach, Bosch, Söhnlein, Henckell, Porsche, Siemens, Diesel u. a. m.
Mitunter erscheinen Eigennamen auch in verfremdenden Verkürzungen und
Abkürzungen: MM (Matthäus Müller-Sekt), ergee (Strümpfe der Firma
E.E.Rössler, früher: Gelenau), elbeo (Strümpfe der Fa. L.Bahner, früher:
Oberlungwitz), VW (Volkswagen), AEG (Allgemeine Elektrizitätsgesell-
schaft), Agfa (Aktiengesellschaft für Anilinfarben), BASF (Badische Anilin-
und Sodafabrik),
oder nach Vornamen: Mercedes (Name der Tochter des Firmeninhabers),
Isabella (früher Auto der Borgward-Werke),
oder nach geographischen Namen (ohne kausalen Bezug): Taunus, Granada,
Ascona (Autos), Atika, Luxor (Zigaretten),
oder nach historischen oder literarischen Namen: Peter Stuyvesandt, Astor
(Zigaretten), Puschkin (Wodka).
Zwischen diesen scheinbar persönlich motivierten Artikelnamen und den
Waren selbst besteht keinerlei Motivationszusammenhang. Es sind auch
keine sprechenden Namen', vielmehr wie die meisten Namen willkürliche
Setzungen. Erst aus zugefügten Firmennamen ergibt sich oft eine nähere
Produktkennzeichnung (z.B. Opel Ascona, Ford Capri, VW Passat, Maggi
Hühnersuppe).
2. die Benennung der Waren nach isolierten Wörtern (Simplizia oder Kompo-
sita) einer natürlichen (deutschen oder fremden) Sprache, die einen gesell-
schaftlichen oder exotischen Hochwert des Erlesenen, Seltenen besitzen, der
konnotativ auch mit der Ware verbunden werden soll, vgl. z.B. Kult (Seife),
66 Werbung und Sprache
Andere Neuschöpfungen:
Eigennamen werden mitunter auch zu anderen Neubildungen umgeformt, die
man auch als Neuschöpfungen ansehen könnte. So wurde z.B. aus dem Produ-
zentennamen Birkel ein neues Verb birkein für die Verwendung bestimmter
Nudeln gebildet (analog etwa zu röntgen). Die Neubildung glänzern ist dagegen
schon eine Ableitung aus dem Produktnamen Glänzer (+n). Inwieweit sich diese
Der Wortschatz in der Werbung 67
und andere Wortbildungen der Werbesprache (z.B. das Adjektiv urig) halten
können oder sogar in die Gemeinsprache eindringen, muß abgewartet werden.
Selbst die zahlreichen neuen Benennungen der jeweiligen Modefarben sind,
auch soweit es sich um Simplizia handelt, keine Neuschöpfungen, sondern
Übertragungen (Metaphern) aus anderen Wortbereichen, vgl. z . B . bronze,
cognac, gift, honig, koralle, lind, antilope, moor, muscat, brandy usw.
Zusammensetzungen (Komposita)
Zusammensetzungen oder Komposita, die Kombination zweier oder mehrerer
selbständig möglicher Wörter oder Wortteile (Lexeme oder Morpheme) zu
einem neuen Wort mit spezieller Bedeutung, sind die häufigste Form der Wort-
bildung in Werbetexten. Komposita kennen zahlreiche Variationsmöglichkeiten
und eignen sich so f ü r unterschiedliche Aussagezwecke. Durch sie kann man
Aussagen über Sachverhalte und Gegenstände beliebig differenzieren und
variieren. Zudem können mit ihrer Hilfe längere Aussagen zusammengefaßt und
gehäuft werden. Das Bestreben nach sprachlicher Information s Sammlung wie
nach sprachlicher Ökonomie kann so leichter realisiert werden. Wie in den
Fachsprachen der Technik und der Verwaltung, so bleiben auch hier die Kom-
posita nicht frei von Aufschwellungen und Überladungen. Bindestriche oder Ge-
trenntschreibungen (nach englischem Vorbild) sollen daher oft die Übersicht
erleichtern, mitunter auch das Wort besonders hervorheben. Manchmal sind
Komposita auch mit Wortreduktionen verbunden.
Komposita können nach der Bildungsweise verschieden gegliedert werden,
quantitativ nach der Zahl der Kompositionsglieder, qualitativ nach der Zusam-
mensetzung nach ihren Wortarten; schließlich ist auch eine Bestimmung nach
dem Verhältnis der Glieder zueinander möglich (additiv oder determinativ). Die
einzelnen Kompositionsarten sind in der Werbesprache unterschiedlich stark
vertreten.
Anhand einer Auswertung von 104 Komposita aus 10 Anzeigen (aus ,Der
Spiegel 16/1997) soll dies einmal exemplarisch verdeutlicht werden.
Von den 104 Komposita waren 84 (= 8 1 % ) zweigliedrig, z . B . problem-
orientiert, Immobilienentwicklung, steueroptimiert, Probefahrt; 17 (= 16%)
dreigliedrig, z. B. Leichtmetallfelgen, Beleihungswertermittlung, Bausparkasse;
1 viergliedrig (sofern Zusammenstellungen mit ,und' als Komposita zählen:
Boden- und Produktproben), 1 fünfgliedrig (Kontoführungs- und Darlehens-
gebühren) und 1 siebengliedrig ( M D M Markt-Daten- und Medien Service
GmbH). Alle Komposita sind Determinativkomposita, d.h. das jeweils hintere
Grundglied wird durch das vordere Bestimmungsglied näher bestimmt (determi-
niert).
Aufschlußreich ist auch die Gliederung nach den Wortartelementen der
Komposita. Dominierend ist die Kombination Substantiv (Nomen) + Substantiv
(NN) sowohl bei den zweigliedrigen Wörtern (65 = 6 3 % ) als auch bei den
68 Werbung und Sprache
Ableitungen
I m Vergleich zu den zahlreich vertretenen K o m p o s i t a , d i e in den W e r b e t e x t e n
d u r c h i m m e r w i e d e r neue K o m b i n a t i o n e n ergänzt w e r d e n , ist dort der Anteil an
Ableitungen (Derivaten), d. h. von e i n f a c h e n L e x e m e n mit e i n e m oder m e h r e r e n
W o r t b i l d u n g s m o r p h e m e n ( A f f i x e n ) v e r h ä l t n i s m ä ß i g gering. Bei Ableitungen
k ö n n e n die W o r t e l e m e n t e nicht beliebig k o m b i n i e r t w e r d e n . Wortschatzerweite-
rungen sind so an die v o r h a n d e n e n K o m b i n a t i o n s r e g e l n g e b u n d e n u n d daher
sehr begrenzt. Mitunter versuchen Werbetexter, durch N e u b i l d u n g e n mit tradi-
tionellen W o r t b i l d u n g s e l e m e n t e n a u f z u f a l l e n , vgl. z . B . frischwärts in einer
( f r ü h e r e n ) C o c a - C o l a w e r b u n g , urig in der Likör- und B i e r w e r b u n g , kartoffelig
in der F e r t i g g e r i c h t e w e r b u n g , quakige (Freunde f. F r ö s c h e ) in einer Touristik-
W e r b u n g , Zahnfleischstraffer in einer Z a h n c r e m e - W e r b u n g , Bodenpfleger in der
R e i n i g u n g s m i t t e l w e r b u n g , Renditeknaller in d e r B a u s p a r w e r b u n g .
Mitunter werden auch neue Ableitungssuffixe gebildet, so etwa -itten (analog
zu -etteri) als D r a g e e k e n n z e i c h n u n g : Bronchitten, Milkitten.
Bei m a n c h e n W o r t b i l d u n g e n ist der Ü b e r g a n g v o m K o m p o s i t u m zur Ablei-
tung fließend, b e s o n d e r s d a n n , w e n n das G r u n d e l e m e n t hier häufig v e r w e n d e t
wird und d a b e i seine ursprüngliche B e d e u t u n g allmählich verliert (es entmoti-
viert oder idiomatisiert wird). D a s ist z . B . bei W ö r t e r n der Fall wie -aktiv
(atmungsaktiv, bioaktiv,), -fest (kurvenfest, wasserfest), -fertig (schrankfertig,
tassenfertig), -frei (störungsfrei), -gerecht (babygerecht, bartgerecht), -sicher
(unfallsicher, kurvensicher).
Eine wichtige Rolle, auf die hier n u r verwiesen w e r d e n soll, spielen Ablei-
t u n g s s u f f i x e bei der P r o d u k t n a m e n b i l d u n g . Dabei werden fremdsprachige
E l e m e n t e bevorzugt, so e t w a -a (Perla, Suwa, Constructa, Milka), -an (Luran,
Chromitan), -en (Hostalen, Perdiphen), -in (Birkin, Neo-Silvikrin), -mat (Lava-
mat, Saxomat), -matic (Eterna-Matic, Linde-Abtaumatic), -ol (Odol, Pelikanol),
-on (Pitralon, Dralon).
A u c h fast schon zu Präfixen g e w o r d e n e K o m p o s i t i o n s t e i l e finden sich oft in
P r o d u k t n a m e n und anderen Wortbildungen, z . B . all- (Allwaschmittel, Allzweck-
reiniger), edel- (Edelfett, Edelkirsch), fein- (Feinkäse, Feinkost), groß- (Groß-
bildröhre, Großraummöbel), mikro- (mikrosanft, Mikro-Batterien), Sonder-
Der Wortschatz in der Werbung 69
8.7.2. W o r t w a h l
Die Sprache der Werbung gelangt als stark zweckbestimmte Sprache vor allem
durch die überlegte Wahl der passenden Wörter zur Wirkung. Eine Untersu-
chung dieser Sprache kann feststellen, welche Wörter hierbei besonders bevor-
zugt werden und in den Werbetexten häufig zu finden sind. Hier soll ermittelt
werden, welche Wortarten und welche hervorhebenden Wortinhalte (ohne Sach-
und Branchenreferenz) bevorzugt werden.
8.7.3. Wortarten
Nur eine begrenzte Zahl von Substantiven (rd. 40 %) ist in den Werbetexten mit
attributiven Adjektiven verbunden. Sie gewinnen durch das Adjektiv einen
höheren Aussagewert.
Eine besondere Sprachwirkung entsteht durch metaphorische Adjektivzuord-
nung (sog. Hypallage oder Enallage), bei der Adjektive aus einem anderen
70 Werbung und Sprache
Pfingsten kimmt (KIM-Zigaretten); LIFT zischt den atemlosen Durst weg (Getränkewer-
bung); Snicker Dir einen von Snickers (Süßwarenwerbung); Birkein Sie auch ? (Nudel-
Werbung); Haben Sie heute schon geschweppt? (Getränkewerbung).
Philips hat das richtige Programm. Für jeden Zweck das richtige Modell. Für das Schlaf-
zimmer genauso wie für das Kinderzimmer. Für den Schreibtisch oder für das Bücherregal
8.7.4. Schlüsselwörter
Abenteuer, Chance, Design, echt, edel, Energie, Erfolg, Geschmack, Gewinn, gewinnen,
global, helfen, Hilfe, Information, Innovation, know-how, Kraft, Kreativität, Leben, Lust,
ökonomisch, ökologisch, Pflege, Qualität, Service, Technologie, Umwelt, Vergnügen, Zu-
kunft.
Psychologen Ernest Dichter (s. S. 15) verwiesen, Waren und ihren Symbolen Ge-
schlechtskategorien zuzuordnen. Beispiele mit erotischer Tendenz wären z.B.
die Slogans und Schlagzeilen Strahler-Küsse schmecken besser (Zahncreme),
Puschkin - für harte Männer (Wodka), Machen Sie Ihren Po zur Kuss-Zone
(Toilettenpapier), Für das Beste im Mann (Gillette-Rasierwasser), siar - aufre-
gend weiblich (Deodorant). Häufig finden sich erotische Anspielungen auch im
Haupttext, noch häufiger in Werbebildern.
Als weitere Leitbildbereiche wären zu nennen: Gesellschaftliches Ansehen
durch Darstellung und Beschreibung von Leitbildfiguren, Verhaltensregeln, Er-
folgsverweise, Schmeicheleien; ferner Elitebewußtsein mit den zentralen Wör-
tern anspruchsvoll, Elite, Erfolg, Herr, Welt, Prestige, Ansehen, exklusiv u.ä.;
schließlich - damit verbunden - auch der Snobismus (snob appeal) mit der Be-
tonung des Besonderen, Außergewöhnlichen, Bevorzugten, Geschmackvollen,
Abweichenden u. ä.
Die vorstehenden Beispiele zeigen, wie sehr die Schlüsselwörter und Leitbil-
der der Werbung den jeweiligen Werbestrategien entsprechend an gesellschaftli-
che Erwartungshaltungen gebunden sind, solche aber auch mitunter erst durch
die Werbung produziert werden.
6. Superlativ, Komparativ, Elativ: Die der Werbung eigene Tendenz zur Stei-
gerung und Übertreibung der Aussagen über die Werbeobjekte fand und findet
noch immer wirksamen Ausdruck in den grammatischen Steigerungsformen der
Adjektive. Als Möglichkeiten kommen dabei in Frage: der Superlativ, der be-
Der Wortschatz in der Werbung 75
Übertrieben und damit um seine Wirkung gebracht wurde das Spiel der Werbe-
texter mit den Komparativen in der Waschmittelwerbung, als es um das .weiße-
re Weiß' ging: dash - weißer gehts nicht; weiß - weißer - suwa-weiß; denn ein
strahlendes Weiß ist weißer (Sunil).
Der Eindruck der Steigerung oder zumindest der besonderen Hervorhebung
gegenüber anderen Produkten kann mitunter auch durch einfache Positivformen
hervorgerufen werden, besonders dann, wenn dazu ,Hochwertadjektive' ver-
wendet werden: vgl. z.B.:
Delaforce Port. Der vollkommene Genuß. (Portwein); Idee-Kaffee. Der berühmte Magen-
freundliche (Kaffeewerbung); Es gibt nur einen Mariacron (WeinbrandWerbung).
Der gesamte Bereich der Werbetexte kann als eigener Stilbereich im Sinne einer
.funktionalen Stilistik' angesehen werden (vgl. B.Sowinski 1991, 33f.), dem
bestimmte Stileigenheiten gemeinsam sind. Diese ergeben sich aus dem Zweck
aller Werbetexte, mögliche Konsumenten für die Werbeobjekte zu interessieren
und zum Kauf zu veranlassen. Das bedingt z.B., daß grundsätzlich positive
Aussagen über die Werbeobjekte gemacht werden, daß dabei häufig hyperboli-
sche (steigernde und übersteigerte) und euphemistische Aussagen über die
angepriesenen Waren und Dienstleistungen gewählt werden, daß bestimmte
Stilmittel wie z.B. Metaphern. Vergleiche, Alliterationen, Preziosa häufig
verwendet werden.
Je nach Werbeobjekt, Branche, Adressaten, Werbestrategie und Werbebüro
ergeben sich allerdings auch zahlreiche Stilvarianten, so daß manche Texte
gewissermaßen einen eigenen ,Werkstil' oder ,Individualstil' aufweisen, der
jedoch jeweils funktionalen Überlegungen und oft auch einer Teamarbeit des
Werbebüros entspringt.
Im folgenden sollen noch einige Beispiele für die Verwendung bestimmter
rhetorischer und stilistischer Mittel in Werbetexten aufgeführt werden. Auf die
bereits erläuterten Stilmittel der Satzformen, Satzlänge und der Wortwahl wird
dabei verzichtet.
R.Römer (1968, 173ff.) nennt als wichtigste rhetorische Mittel in Werbetex-
ten:
1. Wiederholung, 2. Behauptung, 3. Befehl, 4. Anrede, 5. Einleitende Frage, 6.
Antithese, 7. Dreierfigur, 8. .Aufhänger', 9. Gebundene Sprache, 10. Euphemis-
mus, 11. Negation, 12. Wortspiel, 13. Anspielung, 14. Vermenschlichung der
Ware.
Auf einige der erwähnten Formen sowie auf einige Ergänzungen dieser
Zusammenstellung sei im folgenden noch eingegangen.
Wiederholungen: Die Notwendigkeit von Wiederholungen wird von vielen
Werbetheoretikern und Rhetoriklehrern häufig betont. Gemeint ist zunächst die
Wiederholung des Werbevorgangs in den Medien, im weiteren auch die Wie-
derholung von Aussagen und besonders die des Produkt- und Firmennamens in
Anzeigentexten und Werbesendungen.
Der Zwang zur Wiederholung bestimmter Werbeaussagen ergibt sich für die
Werbenden einmal aus der Konkurrenz der vielen Botschaften, die auf das
menschliche Bewußtsein einströmen und das Gedächtnis überlasten, zum ande-
ren aus dem Bestreben, die Werbebotschaften möglichst auch im Unbewußten
zu verankern, damit sie, rationaler Bewußtheit entzogen, trotzdem wirksam
bleiben. In den Massenmedien ergibt sich eine solche Konkurrenz bereits aus
anderen Informationen wie aus anderen Werbeanzeigen und Werbesendungen.
Die Wiederholung ist hier oft nur ein rhetorisches Mittel unter anderen. Eine
Stilmerkmale u n d Stilmittel 77
GRILL-PARTY. Auf geht's, Freunde! Wir ziehen hinaus ins Grüne ... Damit's besser
schmeckt, drücken wir auf die richtige Tube: auf Haas-Grillsenf. (Senf-Werbung)
Fragen: Fragen sind ein uraltes rhetorisches Mittel, ob man darauf eine Antwort
erwartet oder nicht. In jedem Fall soll der Leser oder Hörer für einen Moment
sorgfältiger achtgeben und nachdenken. Dieses Ziel wird auch in rhetorischen
Fragen' erstrebt, aber auch in Fragen, die eher einen Rätselcharakter aufweisen,
z.B.:
Finden Sie es nicht bedenklich, dass Ihr Gedächtnis zu 70 % aus Rindsleder besteht?
(Ravensburger Spiele-Werbung für Think-Spiel m. Abbildung eines Taschenkalenders)
form, sondern auch in der nur ästhetisch und somit exklusiv wirksamen reimlo-
sen, aber rhythmischen Form moderner Lyrik (vgl. das Beispiel der SAAB-
Werbung S.43), vgl. auch:
Weitere Stilmittel:
Alliteration: Milch macht müde Männer munter. (frühere Milch-Werbung);
Freude am Fahren. (BMW-Autowerbung); MERIAN. Land und Leute erleben.
(Reisewerbung).
Chiasmus: Kaufen bei SPAR - Sparen beim Kauf. (Einzelhandelswerbung);
Nichts geht über Bärenmarke - Bärenmarke zum Kaffee. (Büchsenmilch-Wer-
bung)
Euphemismus: NEDA regelt die Verdauung. (AbführmittelWerbung); Ramond
erleichtert natürlich und mild. (Abführmittelwerbung)
Metaphern: Gold ist Liebe. (Schmuckwerbung); In Asbach Uralt ist der Geist
des Weines. (Weinbrandwerbung); Gerolsteiner. Der Stern guten Geschmacks.
(Mineralwasserwerbung)
Metonymien: Die Frische mit der Frucht. (Limonadenwerbung); Ihr Zahnfleisch
spürt den Unterschied. (Meridol-Zahncreme); Tanken Sie Sicherheit. (Shell-
Benzin-Werbung)
Parallelismus: biovital. Frische für den Tag - Ruhe für die Nacht. (Schmerz-
mittel-Werbung); Der Tag geht, Jonny Walker kommt. (Whisky-Werbung)
Polyptoton: Bitte ein Bit (Bierwerbung); Trinke ihn mäßig, aber regelmäßig.
(Steinhäger-Werbung).
9. Das Bild in der W e r b u n g
Das ursprünglichste Lockmittel der Warenwerbung ist die Ware selbst. Das
Angebot der Wochen- und Supermärkte, Schaufenster und Selbstbedienungs-
läden richtet sich noch immer nach diesem Prinzip. Wie jedoch einzelne Waren-
bilder und Handwerkerzeichen aus Antike und Mittelalter beweisen, wurde
bereits sehr früh das Bild als zusätzliches Werbemittel eingesetzt, um die Auf-
merksamkeit auf die Ware zu lenken und das Angebot zu verstärken.
Auch innerhalb der graphischen Warenwerbung wurden die zunächst domi-
nierenden reinen Textanzeigen allmählich durch Bildzusätze erweitert. Einen
wichtigen Fortschritt bedeutete dann die Einführung des Vier- und Mehrfarben-
drucks in Zeitungen und Illustrierten, durch den ganzseitige farbige Anzeigen
möglich wurden. Der Bildteil der Anzeigen erlangte dadurch quantitativ wie
qualitativ eine erhöhte Geltung und konnte nun sogar den Textteil als sekundär
erscheinen lassen. Die werblichen Funktionen, die bisher nur dem Textteil
zukamen, konnten nun auch vom Bildteil übernommen werden. Einzelne dieser
Funktionen, wie etwa die Aufmerksamkeitsweckung (das attention der AIDA-
Formel) und die Produktkennzeichnung, die Darbietung und Belebung bestimm-
ter Werbestrategien, oft auch die Aufforderung zum Konsum, kommen nun
zusätzlich oder ausschließlich dem Bildbereich der Anzeigen zu.
Während in den Zeitungen Anzeigen meistens in einem besonderen Anzei-
genteil erscheinen, werden sie in den farbigen Illustrierten, Programm- und
Klubzeitschriften u.dgl. in den redaktionellen Teil gemischt, erscheinen also
zwischen den lesenswerteren Beiträgen und verleiten so selbst dazu, betrachtet
und gelesen zu werden. Besonders geschickt gelingt dies, wenn zwischen den
redaktionellen Beiträgen und den Werbeanzeigen nach Inhalt und Form kaum
ein auffallender Unterschied besteht, z.B. bei bestimmten Textilwerbungen im
Modeteil mancher Illustrierten.
Dem ständigen Wechsel zwischen redaktionellen Texten und Werbeanzeigen
in den Illustrierten u. ä. entspricht die Zwischenschaltung von Werbesendungen
in die Unterhaltungsprogramme von Rundfunk und Fernsehen, wobei die priva-
ten Sender, die fast nur von ihren Werbeeinnahmen finanziert werden, hier den
größeren Anteil beitragen.
Semiotik des Werbebildes 81
Roland Barthes, der 1967 in seiner Rhetorik des Bildes am Beispiel einer Panza-
ni-Spaghettiwerbung aufgezeigt hat, daß zwischen dem sichtbaren Bild und den
implizierten kulturellen und ideologischen Botschaften differenziert werden
muß. Schließlich ist der italienische Semiotiker Umberto Eco hier zu nennen,
der in seinen Darlegungen zur ,Reklamebotschaft' in seiner Einführung in die
Semiotik (München 1972) diese Dopplung der Werbebildanalyse als ikonische
und als ikonographische Botschaft aufgreift und weiter differenziert nach histo-
rischen und publizistischen (modernen) Typen sowie nach tropologischen, topi-
schen und enthymematischen Ebenen. Hermann K.Ehmer (Köln 1971, 162ff.)
knüpft an L. Spitzer und R. Barthes an, wenn er eine Doornkaat-Werbung unter
semiotischen Aspekten analysiert. Weitere ähnliche Bildanalysen stammen von
J.Prieto (1972), Winfried Nöth (1975, 2 1996) und D.Matthias (1978).
Eine Vorannahme über die Werbewirkung, die mit den genannten Semioti-
kern nichts zu tun hat, im übrigen umstritten ist, bezieht sich auf die graphische
Plazierung von bildlichen wie textlichen Elementen innerhalb bestimmter
Werbeflächen (s. L. v. Rosenstiel, Rosenheim 1964,69). Danach findet das rechte
obere Viertel die meiste Aufmerksamkeit, es folgen im Grad der Aufmerksam-
keit das linke obere Viertel, das rechte untere Viertel und das linke untere
Viertel. Mitentscheidend für derartige Aufmerksamkeitsgrade sind aber auch
andere Faktoren (z.B. der graphische oder textliche Kontext, die rechte oder
linke Seite, der vordere oder hintere Teil der Publikation, die Farbgebung, die
Motivwahl u.a.).
Besondere Beachtung verdient bei einer Bildanalyse zunächst die Erfassung
der Signifikanten des Bildes, der bildlichen Einzelheiten (Gegenstände, Teile,
Formen, Farben etc.) und ihrer Signifikate, ihrer Bezeichnungen, der Denotate
des Bildes also, wie auch der Empfindungs- und Stimmungswirkungen (z.B.
freundlich, licht, dunkel, düster), der bildlichen Konnotate.
Über diese (n. Eco) ,ikonische Ebene' hinaus vermitteln viele Bilder noch we-
itere Botschaften, die Eco als ,ikonographische Ebene' (Barthes' ,codierte iko-
nische Nachricht') zusammenfaßt. Im historischen Codierungstyp verdienen dabei
Elemente der Vergangenheit (Moden, Kostüme, Bauten etc.) Beachtung, im
publizistischen Codierungstyp dagegen die Signale der Gegenwart, der Moderne.
Die tropologische Ebene bei Eco umfaßt die visuellen Äquivalenzen der
verschiedenen verbalen Tropen, also die den rhetorischen Figuren und Tropen
entsprechenden Bildkombinationen oder entsprechende neuartige Bildkombina-
tionen, wie sie nach Eco vor allem in der Werbung üblich geworden sind.
Ebenso wie in der verbalen Rhetorik bestimmte Wortkombinationen und Bedeu-
tungsfiguren zur Steigerung der Aussagewirkung verwendet werden, so lassen
sich auch im visuellen Bereich ähnliche Figurationen aufweisen, die zur tropolo-
gischen Ebene des Bildes gehören.
Es gibt beispielsweise bildliche Metaphern ebenso wie verbale Metaphern.
Eine solche Metaphorisierung (Bildübertragung aus einem sachähnlichen, aber
Semiotik des W e r b e b i l d e s 83
Als enthymematische Ebene meint Eco die aus bestimmten Bildern zu zie-
henden Folgerungen im Sinne allgemeiner ethischer o. ä. Aussagen oder ent-
sprechender Appelle an den Konsumenten. Eco kennzeichnet z.B. als Enthymem
das Bild einer Mutter, die sich .vorbildlich' verhält, indem sie ihr Kind mit dem
Produkt X nährt und so andere Mütter zu gleichem Verhalten auffordern soll.
Die enthymematische Ebene steht in engem Bezug zur topischen Ebene, insofern
ein Enthymem ein Wahrscheinlichkeitsschluß ist, also ebenfalls eine logische
Beweisführung, allerdings mit unvollständigen Prämissen, darstellt. Ermöglicht
wird die Folgerung durch den synekdochischen Charakter (die generalisierende
Bedeutung) bestimmter Werbebilder.
Die vorgenannten semiotisch-visuellen Ebenen Ecos bedürfen m.E. noch
einer Ergänzung durch eine Ebene der graphischen Mittel, eine graphische
Ebene, die die genutzten graphischen Möglichkeiten und ihre Aussagewirkung
erfaßt. Der Gebrauch bestimmter graphischer Möglichkeiten (z.B. der Druckty-
pe, der Bildwiedergabe, der Farbenwahl u.a.), durch die die phatische Dimen-
sion der erweiterten sprachlichen Funktionen nach Jakobson (1960) realisiert
wird, kann im Leser oder Betrachter einer Anzeige bestimmte Bedeutungs-
assoziationen oder Konnotationen hervorrufen, die die Gesamtbedeutung der
Werbebotschaft beeinflussen, ebenso wie dies bestimmte musikalische oder
andere akustische Effekte in Werbesendungen des Rundfunks und Fernsehen
vermögen (für die man eine eigene musikalisch-akustische Ebene einrichten
müßte). Beispielsweise wirkt die Verwendung einer Frakturschrift in bestimmten
Werbeanzeigen (beispielsweise für Asbach-Uralt-Weinbrand) archaisierend,
konnotiert Tradition und Erfahrung, auch wenn diese Werte nicht ausdrücklich
verbalisiert erscheinen; die Wiedergabe einer Handschrift kann Vornehmheit,
Gewandtheit oder Naivität ausstrahlen, ein Foto wirkt realistischer, echter, wahr-
heitsgemäßer als eine Zeichnung; bestimmte Farben können aufreizend, ge-
schmackvoll gewählt oder atmosphärisch emotional wirken usw.
Selbst graphische Reduktionstechniken, wie etwa Abkürzungen in Klein-
anzeigen, können - kontrastiv in Werbeanzeigen verwendet - überraschende
Wirkungen zeitigen, wie dies z.B. eine Plakatanzeige von 1977 für Stereo-
anlagen von PHILIPS verdeutlicht, die über der Abbildung des Produkts die
Schlagzeile Konzertsaal preisw. zu verk. enthält. Dieses Beispiel verdeutlicht die
Aussagenredundanz vieler Anzeigen: Der metaphorisch verfremdete Text (der
durch die Metapher ,Konzertsaal' den Wert der Ware zu erhöhen sucht), drückt
so (bei gleichzeitiger graphisch bewirkter Transponierung in die Ebene der
Angebote durch Kleinanzeigen) verbal das aus, was das Plakat auch schon ohne
Worte, allein schon durch seinen allgemein bekannten Plakatcharakter verkün-
det: daß die Firma PHILIPS ein neues Gerät anbietet. Ebenso kann die äußere
Form einer Werbeanzeige, eines Werbeplakats oder Werbefilms bereits eine
Nachricht vermitteln, also Zeichenwirkung ausüben, die auf dieser graphischen
Ebene erfaßt werden sollte.
Semiotik des W e r b e b i l d e s 85
Die ganzseitige Anzeige wirkt zunächst durch ihre erste Schlagzeile Kopfgeld
und die darunter befindliche Strichzeichnung eines Mannes vor einer großen
Fensterscheibe, dem zahlreiche Geldscheine aus dem Kopf erwachsen und vor
einer lachenden Sonne davonflattern. Jeder Leser stutzt hier wahrscheinlich über
die allzu wörtliche Auslegung des Wortes Kopfgeld und vielleicht auch über den
Widerspruch zwischen der bisherigen Bedeutung von .Kopfgeld' und der hier
gebotenen bildlichen Auffassung. Diese Ambivalenz der Wortbedeutung kann
den Leser zum Nachdenken veranlassen. Damit ist der erste Effekt der Wer-
beanzeige erreicht: Ein ,Stolperstein' zum Verweilen und Einprägen ist gegeben.
Die zweite Schlagzeile (Heizkosten sparen + Umwelt schonen: K-PLUS: Das
Energie-Gewinn-Glas!) stabilisiert sodann die neue Bedeutung von Kopfgeld.
Es handelt sich um Geld aus ersparten Heizkosten, die man einspart, wenn man
.Köpfchen' beweist und K-PLUS-Glas verwendet. Man erreicht dadurch sogar
einen doppelten Gewinn, insofern man persönliche Heizkosten spart und durch
geringeren Heizenergieverbrauch weniger C0 2 -Emmissionen produziert und so
die Umwelt schont. Dieser Doppeleffekt durch Verwendung des K-PLUS-Glases
wird sowohl in der zweiten Schlagzeile (Überschrift) als auch im Haupttext
88 Einzelinterpretation von W e r b e a n z e i g e n und W e r b e s e n d u n g e n
Als dritter Effekt sei die Einbeziehung des Gedankens der Umweltschonung
genannt, der der Anzeige eine zweite ideologische Codeebene eröffnet (neben
der wirtschaftlich-ökonomischen).
Diese Werbung fällt sowohl bildlich als auch graphisch durch die mehrfache
Halbteilung auf. Die Anzeige wird zunächst in der Seitenmitte horizontal geteilt
in eine Bildhälfte und eine Texthälfte. Die (obere) Bildhälfte wird zudem vertikal
geteilt in die Darstellung eines halben Mohnbrötchens und einer gutrasierten Ge-
sichtshälfte eines lächelnden Mannes. Der darunterstehende Text ist in seiner
Mitte horizontal geteilt in eine (weiße) Hälfte mit den Schlagzeilen und eine (vor-
wiegend gelbe) Hälfte mit dem Haupttext, kleineren Fotos und dem Firmensignet
und Firmennamen. Die Aufmerksamkeit des Lesers wird hier wahrscheinlich
zunächst durch die obere Anzeigenhälfte mit der merkwürdigen Bildteilung bean-
sprucht. Obwohl die Halbbilder völlig disparate Inhalte bieten, zudem mit unter-
schiedlichen Hintergrundfarben (beim Brötchen dunkelblau, beim Mann gelb)
ausgestattet sind, scheinen sie doch zusammenzugehören. Dafür sprechen zum
einen die Übereinstimmung der Kinnrundung des Mannes mit der unteren Run-
dung des Brötchens, zum anderen die roten Pfeildreiecke in beiden Bildhälften,
die gegeneinandergerichtet in gleicher Höhe und gleichem Abstand von der Mitte
erscheinen. Es wird so - natürlich übertreibend - suggeriert, daß ein unrasierter
Mann im Gesicht wie ein Mohnbrötchen aussieht, während die PHILISHAVE
Sensorschliff-Rasur ein glattrasiertes, strahlend lächelndes Gesicht ermöglicht und
- wie es im Haupttext in Fortführung dieser Personifikation des Werbeobjekts
doppelsinnig heißt - den so gepflegten Mann glatt ... durch den Tag ... bringt.
Die Schlagzeile mit der umgangssprachlichen Aufforderung: MACHEN SIE
KEINE HALBEN SACHEN! vermittelt zunächst den Sinn, nichts Unfertiges zu
tun, vielmehr alles perfekt zu machen. Angesichts der rechten Bildhälfte (und der
oberen Ergänzung der Schlagzeile) entsteht jedoch die Aussage: Rasieren Sie sich
gründlich, und zwar mit dem PHILISHAVE Sensorschliff-Rasierer, bleiben Sie
nicht halbrasiert wie das Mohnbrötchen! Der im Haupttext erwähnte ,Mohn-
brötchen-Test' beim Fachhändler bezieht sich dementsprechend wohl auf ein
Ausprobieren des angepriesenen Rasierers am unrasierten Gesicht.
Der durch gelben Untergrund besonders hervorgehobene Haupttext, der
zudem durch die Abbildung eines /WL/PS-Rasierers links und eines Autos
rechts am Textrand geschmückt ist, weist bereits in seiner Überschrift (Fühlen
und gewinnen!) und in den Bildern auf einen zusätzlichen Vorteil für die PHI-
LISHAVE-R&siereT hin: die Teilnahme an einer Verlosung eines Opel Frontera-
Geländewagens. Mit der Bemerkung Dann kommen Sie auch glatt durch rauhes
Gelände schafft der Text einen Analogiebezug zum vorher beschriebenen
Rasiervorgang (glatt durch den Tag).
Einzelinterpretationen von Werbeanzeigen 91
PHILIPS
92 Einzelinterpretation von Werbeanzeigen und Werbesendungen
Der Leser eines zeitkritischen Magazins ist zunächst überrascht, im Wechsel von
journalistischen Texten und ökonomischer Werbung auch eine Werbeanzeige der
Heilsarmee (engl. Salvation Army) zu finden. Er wird dabei bedenken, daß auch
caritative, religiöse, ökologische und andere Vereinigungen, die nicht auf ökono-
mischen Gewinnerwerb eingerichtet, vielmehr auf Spendenerwerb angewiesen
sind, für sich werben müssen. Meistens erfolgt solche Werbung durch Postwurf-
sendungen, gezielte Anschreiben mit beigefügten Überweisungsformularen, in
Kleinanzeigen oder in Straßen Werbungen. Daß eine solche Organisation ganzsei-
tig im Stil und in der Preislage der Illustriertenwerbung um Unterstützung bittet,
ist ungewöhnlich und insofern schon aufschlußreich. Verstärkt wird diese Über-
raschung durch die ungewöhnliche Bildgestaltung. Das damit beauftragte Werbe-
büro (Wilkens), das diese Anzeige gestalten ließ, hat deren Werbestrategie ganz
auf den kriegerisch wirkenden Armee-Begriff dieser Institution abgestimmt.
Armee - das assoziiert Kampf, Krieg, Soldaten, Tod. Dementsprechend ist die
schemenhafte Gestalt eines vorwärtsstürmenden Soldaten in Kampfausrüstung,
mit einer Maschinenpistole in der rechten Hand, in den oberen Bildmittelpunkt
gerückt, gewissermaßen als exemplarische Verkörperung des grausamen moder-
nen Krieges. Realismus wird hier angedeutet, zugleich aber schemenhaft und in
auffallendem Signalrot relativiert, um eine negative Symbolik zu erreichen.
In der leicht schräg in das Bild hineinragenden Schlagzeile und im Haupttext
vor allem wird nämlich verdeutlicht, daß der mit tödlichen Waffen ausgetragene
blutige Krieg nicht von der Heilsarmee gebilligt wird, auch wenn er von den
verschiedenen Ideologien als gerechter, ja ,heiliger Krieg' legitimiert wird. Die
.Heilsarmee', die sich in einem Textschild im oberen Bild als The Army of Love
bezeichnet (wobei Love ebenfalls rot erscheint), kennt nur einen heiligen Krieg,
[...] aber nicht mit den Waffen der Gewalt, sondern mit den entwaffnenden
Waffen der Liebe.
Die Schlagzeile grenzt sich somit ab von den Ideologien und Ideologemen,
die die bisherigen und evtl. noch kommenden Kriege als heilig werten oder
Einzelinterpretationen von W e r b e a n z e i g e n 93
Wir haben einen kriegerischen Namen, sich (Or unsere karitativen und scclsor· jyj
und auch wir kämpfen. Aber nicht mit gerischen Aktivitäten interessieren, oder ]
den Waffen der Gewalt, sondern mit den die Heilsarmee finanziell
Feinde sind Armul. Obdachlosigkeit, Hun- Sie uns an. Wir freuen uns,
ger, Einsamkeit und Ignoranz· Wenn Sie mit Ihnen ins Gespräch zu kommen.
94 Einzelinterpretation von Werbeanzeigen und Werbesendungen
Manche Firmen haben es schwer, für ihre Produkte eine wirksame Werbung zu
finden. Mitunter stehen ihrer Werbung gravierende Gründe entgegen. So kann
z.B. ein Produkt zu minderwertig sein, um eine besondere Werbeaktion zu
lohnen; wieder andere Produkte sind zu allgemein und selbstverständlich not-
wendig und werden auch ohne Werbung gekauft, und wieder andere berühren
gesellschaftliche Tabubereiche, was mitunter ebenfalls Werbung erschwert.
Bei einer Werbung für Toilettenpapier scheinen alle drei genannten Gründe
vorzuliegen: erstens ist das Produkt nicht besonders wertvoll, zweitens besteht
hier kein besonderer Konkurrenzkampf, zudem wird das Produkt notwendiger-
weise gekauft, und drittens entbehrt der Anwendungsbereich dieses Produkts
nicht einer gewissen Anrüchigkeit. Es erfordert so schon einiges Geschick, hier
wirkunsgvoll zu werben.
Die Firma Häkle, die unter dem Slogan Ihrem Po zuliebe trockenes und
feuchtes Toilettenpapier herstellt und vertreibt, hat es 1997 trotzdem verstanden,
durch eine recht auffallende Anzeige für ihr Sonderprodukt Häkle feucht, die
feuchten Toilettentücher, zu werben. Der Werbung kommt zugute, daß es sich
hierbei nicht um gewöhnliches (trockenes) Toilettenpapier handelt, sondern um
ständig feuchtes (sprachlich ist es zu Tüchern aufgewertet), das nach der Trok-
kenreinigung des Pos eine zusätzliche Waschwirkung zeitigt und so die Hygie-
newirkung erhöht. Im Haupttext wird etwas unbestimmt darauf hingewiesen
(reinigt es perfekt, pflegt ihren Po durch natürliche Wirkstoffe und beugt so
Hautreizungen vor). Der Text hebt allerdings die psychologische Wirkung dieser
Reinigungshilfe besonders hervor: Häkle feucht gibt Sicherheit und Wohlgefühl.
Mit diesen Worten knüpft die Anzeige an die auch für andere Waren des Intim-
96 Einzelinterpretation von Werbeanzeigen und Werbesendungen