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APOTKURZ

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Der Apotheker in Novelle und Roman der Neuzeit

- Entwicklung - Dimensionen - Perspektiven

Dietrich v. Engelhardt (Lübeck)

I Voraussetzungen

Der Apotheker in Novelle und Roman ist ein vielfältiges Thema, das auf die
umfassendere Beziehung von Medizin und Literatur bezogen ist, die selbst wieder aus
zahlreichen Dimensionen besteht. Ohne Zweifel werden mit dem Apotheker zugleich
spezifische Momente in diese Beziehung gebracht, die bei der Medizin nicht gegeben
sind. Auf drei allgemeine Perspektiven sei zunächst vor allem hingewiesen, die auch für
die Wiedergabe des Apothekers in literarischen Texten bedeutungsvoll sind.

Medizin in der Literatur besitzt einen Wert für die Literatur - hier läßt sich von einer
'literarischen Funktion der Medizin' sprechen. Diese Funktion trifft ebenfalls für den
Apotheker zu; die Kenntnis seiner Tätigkeit, seiner Ausbildung, seiner Beziehung zum
Kunden, zum Arzt und zur Gesellschaft verbessert das Verständnis der literarischen
Texte mit dieser Thematik.

Umgekehrt besitzt die Literatur auch eine Bedeutung für die Medizin, für das
Medizinstudium, das ärztliche Denken, Wissen und Handeln wie auch die
Medizingeschichte - diese Funktion kann die 'medizinische Funktion der Literatur'
genannt werden. Auch diese Funktion hat für die Pharmazie Gültigkeit, auch der
Apotheker kann während seiner Ausbildung und später in seiner Tätigkeit wie ebenfalls
in seinen historischen Studien von Novellen und Romanen angeregt werden.

Mit der 'genuinen Funktion der literarisierten Medizin' wird schließlich an die Einflüsse
gedacht, die von der Literatur auf das allgemeine Bewußtsein ausgehen. Die in der
Öffentlichkeit verbreiteten Vorstellungen vom Arzt und entsprechend auch vom
Apotheker hängen nicht nur von realen Erfahrungen ab, sondern werden ebenso von
Beschreibungen und Werturteilen geprägt, die aus der Literatur und den anderen
Künsten stammen.

Die Wiedergabe des Apothekers in der Literatur muß auf die Realität und die historische
Entwicklung bezogen werden: auf die Trennung von Apotheker und Arzt, auf die
Entwicklung der Apothekerausbildung, auf die Entstehung der Apothekereide und
Apothekerordnungen, auf den Wandel im Bereich der Konzessionen und medizinischen
Visitationen, auf die wissenschaftlichen Fortschritte der Pharmazie und Pharmakologie,
auf die historischen Verbindungen zur Botanik und Chemie, auf die technischen und
auch baulichen Veränderungen der Apotheke.

Zu entscheidenden Autoren der Prosaliteratur mit dem Thema Apotheker von der
Renaissance bis zur Gegenwart gehören: Boccaccio (Decamerone 1349-53), Quevedo
(Sueños, 1627), Moscherosch (Gesichte Philanders von Sittewald, 1640-77),
Grimmelshausen (Das wunderbarliche Vogel-Nest, 1672/75), Jean Paul (Der Komet,
1820/22), Brentano (Märchen von dem Schulmeister Klopfstock und seinen fünf
Söhnen, 1811), Bechstein (Der Lehrling zum König Salomo, 1832; Der Gehilfe zum
König Salomo, 1835), Keller (Die mißlungene Vergiftung, 1847), Flaubert (Madame
Bovary, 1856), Raabe (Zum Wilden Mann, 1874), Heiberg (Apotheker Heinrich, 1885),
Gramegna (La Speciaria, posthum), Fontane (Effi Briest, 1895), Huch (Der Mondreigen
von Schlaraffis, 1896), Hasek (Aus einer alten Drogerie; Die Kamillentropfen, 1900-15),
Ernst Penzoldt (Die Leute aus der Mohrenapotheke, 1938), McCullers (Clock without
Hands, 1961), Amado (Dona Flor e sois dois maridos, 1966), Carl Améry (Charles
Bovary, 1978).

Der Apotheker kann im Zentrum oder, was auch häufiger der Fall ist, über die
Bedeutung der Darstellung aber noch nicht entscheidet, am Rande von Novellen oder
Romanen stehen, auf die in diesem Beitrag ebenfalls aufmerksam gemacht werden soll.

Wiederholt ist der Apotheker auch in Gedichten, Theaterstücken, in Opern und


Singspielen aufgegriffen worden: in Barockdramen von Calderon de la Barca,
Shakespeare und Molière; in Opern von Joseph Haydn (Lo Speziale, 1775), Christian
Gottlob Neefe (Die Apotheke, 1771), Karl Ditter von Dittersdorf (Doktor und Apotheker,
1786), Gaetano Donizetti (Il Campanello, 1836), Joseph Haas (Die Hochzeit des Jobs,
1944), Heinrich Sutermeister (Seraphine oder die stumme Apothekerin, 1960; Madame
Bovary, 1966).

Kriminalroman und Pharmazie hängen naturgemäß eng zusammen. Im Werk von


Agatha Christie kommen etwa 80 unterschiedliche Gifte zur Anwendung. Ausführlich
werden Apotheker und Apotheke in Harry Kemelmans Thriller 'Am Mittwoch wird der
Rabbi naß' (1976) geschildert. Martin Kayes 'My Son, the Druggist' (1977) entfaltet die
Möglichkeiten, die sich aus der Apotheke zur Begehung von Verbrechen ergeben.

Auch im Wildwestfilm taucht der Apotheker auf: John Wayne spielt in 'Der Draufgänger
von Boston' (engl. 'In Old California', 1942), unter der Regie von William McGann einen
Apotheker, der sich auf der Goldsuche nach Sacramento begibt und dort mit Erfolg dem
verbrecherischen Beherrscher der Stadt entgegentritt.

Wiederholt finden sich Apotheker, Apotheke und Medikament in Redewendungen und


Sprichwörtern: "Schwester ist, nicht Dienerin, die Pharmazie der Medizin"; "kein
Apotheker ohne Gift"; "bittere Pillen muß man in Zucker hüllen"; "Apothekerrechnung"
steht für überteuerte Rechnung; ein geflügeltes Wort ist der Ausruf in Shakespeares
'Romeo und Julia': "O wackrer Apotheker! Dein Trank wirkt schnell." ("O true
apothecary! Thy drugs are quick").

Den folgenden sieben Dimensionen kommt für die Darstellung und Deutung des
Apothekers in der Literatur zentrale Bedeutung zu:

- Ausbildung und Beruf


- Soziale Stellung
- Verhältnis zum Arzt
- Engagement als Forscher
- Weltbild und Persönlichkeit
- Apotheke und Apotheker als Symbol
- Wandel in Raum und Zeit
II Ausbildung und Beruf

"'Lieber Ludolph! So es Dein ernster Wille ist, die edle Apothekerkunst zu erlernen, so
gelobe mir Treue, Fleiß und Gehorsam, Aufmerksamkeit, Pünktlichkeit und Ordnung,
Mäßigkeit, Nüchternheit und Friedfertigkeit, denn das ist die heilige Dreimaldrei, durch
welche Du es in unserm Geschäft zu etwas Tüchtigem bringen kannst. Willst Du mir
versprechen, Dich stets dieser neun Punkte in Wahrheit zu befleißigen?'". Der 17jährige
Ludolph kann in Bechsteins Erzählung 'Der Lehrling zum König Salomo' (1832) diese
Frage des Prinzipals zu Beginn seiner vierjährigen Lehrzeit nur mit einem
entschiedenen Ja beantworten; bei sich selbst muß er allerdings denken: "Neun Musen
habe ich verlassen... neun Pflichten finde ich wieder".

In knappen Worten wird Bechsteins Lehrling über sein Verhältnis zum Provisor
("Gehorsam"), zur Prinzipalin ("artig und höflich"), zum Gesinde ("freundlich, aber nicht
vertraulich"), zu den Kunden (höflich und zuvorkommend) und natürlich auch zu den
Ärzten aufgeklärt: "gegen die Herren Ärzte respektvoll und dienstwillig, denn die Herren
Ärzte sind die Grundpfeiler der Apotheke, und jedes Rezept ist ein Blättlein zu ihrem
Flor, viele Blätter bilden einen Kranz".

Was geschäftstüchtiges Verhalten heißt, wird dem neuen Lehrling in Haseks 'Aus einer
alten Drogerie' von seinem Chef am ersten Tag ebenfalls klar mitgeteilt: "Dem Käufer
immer etwas aufdrängen, wenn er schon einmal im Laden ist, einerlei was. Wenn er
zum Beispiel kommt und eine Zahnbürste haben möchte, ihm gleich Zahnpulver
aufdrängen; und wenn er Zahnpulver haben möchte, ihm dann eine Zahnbürste
aufdrängen und dabei bemerken, daß es ein Gelegenheitskauf sei".

Die weitere Ausbildung zum Apotheker wird nicht nur bei Bechstein und Hasek, sondern
in vielen anderen literarischen Texten ebenfalls geschildert - von dem Apotheker
Kristeller in Wilhelm Raabes Erzählung 'Zum wilden Mann' aus der Erinnerung: "so zog
ich nach abgelaufener Lehrzeit als voraussichtlich ewiges Subjekt ins Laborantentum
hinein und trieb mich fünf oder sechs Jahre lang so umher durch süß und sauer, von
einer Epidemie in die andere, von einem nächtlichen Aufgeklingeltwerden zum andern,
von einer Doktorpforte zur andern". Seine Ausbildung führt Kristeller vor allem in die
Natur: "Darauf schickte er mich in re herbaria auf die Jagd... und in den Monaten, wo die
übrige Flora in ihrer Pracht steht, ging ich fast täglich meilenweit ins Land oder in die
Berge, um eine einzige Pflanze zu suchen, auf deren Genuß und Studium er
augenblicklich sein Herz gewendet hatte".

Der Weg von der Ausbildung in die Praxis verläuft nicht immer unproblematisch, die
Tätigkeit bietet unterschiedliche Möglichkeiten. Der Apotheker Dominik in Ricarda Huchs
'Der Mondreigen von Schlaraffis' ist mit seiner Apotheke überaus erfolgreich, verliert
aber keineswegs das Interesse an wissenschaftlichen Forschungen: "Und so weit hatte
sein Fleiß es gebracht, daß er die einzige Apotheke von Schlaraffis hatte an sich
bringen können und somit der Anwartschaft auf künftigen Reichtum einigermaßen sicher
war. Diese ansehnliche Stellung machte ihn aber nicht übermütig, sondern er stand
tagaus, tagein hinter seinem Ladentische oder arbeitete in dem Laboratorium, das er
dicht hinter dem Laden eingerichtet hatte".
Tendenz und Stil der Wiedergabe fallen in den Novellen und Romanen abweichend aus.
Satirisch ist das Bild des Apothekers in Quevedos 'Träumen' (1627): "Ein Engel führte
zugunsten des Apothekers an, er habe den Armen ohne Entgelt Medizinen gegeben,
aber ein Teufel sagte: er finde in seinem Register, zwei Büchsen aus der Apotheke
hätten mehr Schaden angerichtet als zehntausend Büchsen im Krieg; mit ihnen und
einer Pestseuche verbündet habe er zwei Ortschaften ausgerottet". Die Hölle ist bei
Quevedo mit Apothekern angefüllt: "Wie andere nach Mittel suchen, den Himmel zu
gewinnen, haben diese die Mittelchen, zur Hölle zu fahren"; Apotheker seien die wahren
Alchimisten, aus allem machten sie Gold, "sogar das Papier, in das sie die Salben
wickeln, verkaufen sie". Natürlich kämen auch viele Apotheker in den Himmel, "aber
niemand darf glauben, diese hätten bei ihrem Tode Geld, sich begraben zu lassen". In
enger Anlehnung an Quevedo steht auch Moscheroschs negatives Bild des Apothekers
(Gesichte Philanders von Sittewald) als Konstabler, Zeugmeister und Büchsenmacher
des Arztes: "Denn alles, so in einer Apotheke zu finden, daß hat eine Gleichheit und
Gemeinschaft mit dem Krieg und Waffen. Die Büchsen sind das rechte Geschoß und
Petarden, damit die Pforten des menschlichen Lebens zerschmettert werden, daher sie
denn als Büchsen ihren rechten Namen haben. Die Spritzen, wenn sie die Klystier
losdrücken, sind den Pistolen zu vergleichen; die Pillen den Musketenkugeln; die Medici
selber dem Tod; die Medicamenta purgantia sind das rechte Purgatorium und
Fegefeuer. Die Barbiere die Teufel; die Apotheke die Hölle; und der Kranke die arme
gemarterte, verlorene und verdammte Seele".

Realistisch ist dagegen die Beschreibung des Apothekers und der Apotheke der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts in Heibergs Roman 'Apotheker Heinrich' (1885), der eher
der Trivialliteratur als der hohen Literatur zuzurechnen ist; die Einrichtung der Apotheke
ist gepflegt und ordentlich, das Repositorium besteht aus poliertem Mahagoniholz, in
einem Flügel des Erdgeschosses ist das Laboratorium untergebracht, in einem Anbau
befindet sich ein Kabinett für vorbestellte Bäder, der Boden dient als Lagerraum,
Provisor und Geselle schlafen im Hause.

Raabe verleiht der Apotheke 'Zum wilden Mann' wegen der bedrückenden Gefühle, die
sich mit dem Kranksein für die Kunden verbinden, einen ambivalenten Charakter: "In der
pharmazeutischen Werkstätte herrschte außer dem bekannten Duft die gleichfalls
wohlbekannte Ordnung und Reinlichkeit der deutschen Apotheken... Wäre die
schreckliche Bank, auf der die meisten von uns schon einmal in fiebernder Angst und
Beklemmung saßen und warteten, nicht gewesen: das Werkzeug und die Geräte der
hohen Kunst hätten jedermann das höchste Vertrauen einflößen müssen".

Von der Ordnung und den Gerüchen der Apotheke, die sogar an das Sakrale erinnern
können, wird wiederholt berichtet. Der Lehrling Ludolph (Bechstein) wird nach seiner
Begrüßung auch in den Keller der Apotheke 'Zum König Salomo' geführt: "Da standen
die Salben und die Syrupe, die Fette und Oele, die destillirten Wasser und die
Spirituosa; ein seltsamer Geruch, ein unheimliches Grausen umpfing den Neuling, als er
in dem hohen Gewölbe stand, und die düstern Reihen der Gefäße sich bei dem matten
Schein der Kerze in's Unabsehbare verliefen". Auf dem Boden des Hauses werden die
Kräuter aufbewahrt. In einer verschlossenen Kammer befinden sich Raritäten und
Obsoleta der Vergangenheit: alte Bücher, Krokodil, Vipern, Schildkröte, Gerippe,
Einhorn, Adlersteine, gebrannte Maulwürfe, Hundeexkrement, sogar das "Blut eines in
Erfurt dekollirten Knaben, der seine Mutter ermordet". Haseks Lehrling (Aus einer alten
Drogerie) kann sich der Apothekengerüche kaum erwehren: "Das dunkle Haus war
ständig von dem typischen Geruch getrockneter Drogen erfüllt, ein Geruch, der mich in
den ersten Tagen fast betäubte und so gründlich in meine Kleidung drang, daß jeder
schon von weither riechen konnte, daß ich Drogist lernte". Kirche und Adel sind die
Assoziationen in Penzoldts 'Mohrenapotheke': "Die Apotheke duftete heilsam, und es
war immer behutsam darin wie in einer Kirche und kühl von Porzellan, Glas, Messing
und aromatischen Ölen. Sie hatte auch ihren besonderen Klang. Sie klinge - so sagte
des kommenden kleinen Adrian seltsamer Pate - klinge adlig wie ein Toast, wenn die
Phiolen sich berührten".

Menschen aus allen Schichten, Berufen und in unterschiedlicher Verfassung treffen in


der Apotheke zusammen und gewähren tiefe Einblicke in ihr Leben und Denken;
Personen, die für Kranke Medikamente abholen, Kranke selbst, auch Ärzte, die sich wie
bei Bechstein (Der Gehilfe zum König Salomo, 1835) über Kollegen informieren wollen:
"Hierauf mustert Kaktus die Rezepte, und fragt dabei: 'was hat denn mein superkluger
Herr Kollege aufgeschrieben?'".

In Apotheken wie dem 'König Salomo' (Bechstein), dem 'Wilden Mann' (Raabe) oder
dem 'Engel' (Hasek) kann man sich wie in einem Wirtshaus treffen und bei einem
Gläschen Kräuterlikör, Bitter oder Kümmelschnaps angeregt unterhalten. "Finden sie
jetzt nicht auch, Colonel, daß wir hier besser aufgehoben sind als dort in der Kneipe
'Zum Krug ohne Deckel'", meint der Apotheker Kristeller zu dem unvermutet
aufgetauchten Besucher, hinter dem sich der bedrohliche Freund der Jugend- und
Ausbildungszeit verbirgt. Apotheke und Gasthäuser geraten in Konkurrenz. In Raabes
Apotheke werden nicht nur Arzneien verkauft, "denn in einer so gesunden Gegend, wie
die hiesige zum Exempel, legt sich der richtige Apotheker eben auf etwas anderes, zum
Beispiel auf einen Magenbitter, wie der "Kristeller" einer ist, auf die Fruchtsäfte im
Großen, auf den Weinhandel, und, nicht zu vergessen, auf den Kräuterhandel durch
ganz Deutschland ins Unermeßliche"; deshalb sei der Apotheker auch "der allereinzige
von uns, der es zu etwas gebracht hat. Der Doktor wird es nie zu etwas bringen."

III Soziale Stellung

Die soziale Stellung des Apothekers wird im Medium der Literatur unterschiedlich
dargestellt. Mit der Professionalisierung in der Realität verbessert sich die soziale
Einschätzung. Der Wandel der Gesellschaftsstruktur bleibt nicht ohne Folgen für die
Wiedergabe in Erzählungen und Romanen. Mit dem Namen 'Marggraf' für den
Apotheker im 'Komet' drückt Jean Paul die soziale Distanz zur Aristokratie und die
Sehnsucht nach ihrer Überwindung aus. Ergebenheit nach oben und Verachtung nach
unten zeigt der Hofapotheker Zeusel in Jean Pauls 'Hesperus' (1795): "Zeusel wollte
durchaus auf den flachsenfingischen Hof mit etwas anderem Einfluß haben als mit
seiner Klystier-Wasserkunst und durch anderes auf den Hofstaat wirken als durch
Senesblätter; daher kaufte er alle gemeine Nachrichten (er besserte sie sogleich in
öffentliche um), die er über neue Lufterscheinungen der Hofluft einzog, teuer auf". Der
Apotheker in Wassermanns Erzählung 'Der ungeküßte Mund' (1900) ist adlig; das Haus
dieses Barons stammt noch aus der Markgrafenzeit (Anspielung auf Jean Paul?)
Apotheker gehören in literarischen Texten seit dem 19. Jahrhundert mit dem Arzt, dem
Notar, dem Pfarrer und Lehrer zu den Honoratioren der Gesellschaft. Bei Wassermann
finden sich "der Doktor, der Apotheker, der Bürgermeister, der Schulrat" zusammen.
Wie sehr der Apotheker aber noch um 1900 von der Offiziers- und Beamtenklasse durch
die Verkaufssituation getrennt ist, macht Heinrich Mann am Apotheker Gottlieb Hornung
im 'Untertan' (1918) deutlich: "Ich habe nicht sechs Semester studiert und einer
hochfeinen Korporation angehört, damit ich mich jetzt hier hinstelle und Zahnbürsten
verkaufe". Über die gesellschaftliche Position seines Elternhauses meint Dr. phil.
Serenus Zeitblom in Thomas Manns 'Doktor Faustus' (1947): "Nur soviel sei hier
angegeben, daß es die mäßige Höhe eines halbgelebten Mittelstandes war, auf der ich
zur Welt kam, denn mein Vater, Wolgemut Zeitblom, war Apotheker".

Dominik (Huch) nimmt als Apothekeninhaber eine angesehene Stellung in Schlaraffis


ein: "Sein wichtiger Beruf, der dem des Arztes verwandt ist, verbunden mit seiner ernst
geheimnisvollen Miene und seiner Schweigsamkeit, bewogen die Leute, ihn für etwas
Besonderes anzusehen und unbegriffen zu ehren". Dominik hat, obwohl er in die Kirche
geht, den Pfarrer zum Gegner, da dieser der Meinung ist, daß "es vornehmlich der
Apotheker sei, der als ein unruhiger Kopf und eingebildeter Narr den Geist des
Widerstandes entfache". Die Gegnerschaft reißt den Pfarrer zu weitgehenden Plänen
hin. "Der Pfarrer dachte sogar daran, mit Aufopferung einer beträchtlichen Geldsumme
eine nebenbuhlerische Apotheke zu gründen, was Dominiks geschäftliche Stellung
unterwühlen und ihm den Aufenthalt in Schlaraffis unmöglich machen sollte". Der
Apotheker Homais (Madame Bovary, Flaubert) wird im Ort Yonville geachtet und
gefürchtet; seinen Abendeinladungen folgen nur wenige Menschen; "seine Lastersucht
und seine politischen Ansichten hatten ihn nach und nach mit verschiedenen
angesehenen Persönlichkeiten auseinandergebracht".

Apotheker sind verheiratet und haben Familie. Ihre Tätigkeit kann sich auf das
Privatleben im Sinne der Fortsetzung oder des Kontrasts auswirken. Die ständigen
Gespräche mit den Kunden können das dringende Bedürfnis nach Ruhe im Leben mit
den Angehörigen zur Folge haben. Der Beruf kann die sozialen Kontakte einschränken.
Der Apotheker in der Erzählung 'Die mißlungene Vergiftung, die Keller zugeschrieben
wird, von ihm in die 'Gesammelten Werke' (1889) allerdings nicht aufgenommen wurde,
kennt nur seinen Beruf, gönnt sich wie seiner Ehefrau keine Abwechslungen: Der
Apotheker ist "ein Mann, der früh und spät unter seinen Töpfen mit Latwergen, Pillen
und Salben anzutreffen ist, dessen emsige Hand mit einer bewundernswürdigen
Fertigkeit die Rezepturen komponiert, Extrakte destilliert, Posten einregistriert und
überhaupt alles besorgt, was im Bereich seines Geschäfts nur vorkömmt; er besucht
keine Vergnügungsplätze, gibt keine Gesellschaften und nimmt auch keine Einladungen
an". Auch seine Ehefrau "besucht keine Teegesellschaften, keine Theater und
Tanzpartien, sondern nur allwöchentlich mit ihrem Eheherren den Gottesdienst".

IV Verhältnis zum Arzt

Das Verhältnis zwischen Apotheker und Arzt fällt in der Vergangenheit bekanntlich
wechselvoll und spannungsreich aus, nicht immer sind die Grenzen klar gezogen, auch
wenn bereits mit den 'Constitutiones' von Friedrich II. aus dem Jahre 1241 die Trennung
beschlossen wird.

In Boccaccios Decamerone (1300) bereiten die Ärzte selbst ihre Arzneien. Das trifft
auch auf den beschränkten und vor Betrügereien nicht zurückschreckende Arzt Simone
zu, der in Bologna studiert hat und bei der Herstellung seiner Medikamente sogar
psychologische Aspekte nicht ausläßt: "als ob er die Arzneien für seine Kranken aus
den Handlungen der Menschen hätte zusammensetzen müssen, so gab er auf alles
acht und merkte sich alles". Zwischen Laienärzten und professionellen Ärzten wird bei
Boccaccio überdies der Unterschied nicht so klar gemacht. Gilletta lernt bei ihrem Vater,
dem Arzt Gerardo von Narbonne, die Kunst der Medizin wie ebenfalls die Zubereitung
von Arzneien.

Literatur bewahrt vergangene Zustände oder nimmt zukünftige Entwicklungen vorweg.


In Umberto Ecos historischem Roman 'Der Name der Rose' (1980) steht der Mönch
Severin von Sankt Emmeram für eine Zeit vor der professionellen Spezialisierung;
Severin ist "der Bruder Botanikus, dem die Pflege der Bäder, des Hospitals und der
Gärten" obliegt. Er ist ein Kenner der Medizinalpflanzen, weiß von giftigen Pflanzen, die
Visionen entstehen lassen, will dieses Wissen aber nicht publik machen und ist auch mit
dem Prinzip der Dosierung vertraut: "es gibt keine Pflanzen, die nur zum Essen gut sind
und nicht auch zur Behandlung von Übeln, wenn man sie in der richtigen Dosierung
nimmt".

Wenn auch voller Ironie abgefaßt, gibt der Brief im Namen des Apothekers vom
'Silbernen Einhorn' in Grimmelshausens 'Das wunderbarliche Vogel-Nest' an den Arzt,
der die Visitation der Apotheke vornehmen wird, zutreffende Hinweise auf das Verhältnis
zwischen Apotheker und Arzt im 17. Jahrhundert: "Ew.Exzell. wollten großg. belieben,
künftig meiner Wenigkeit als Ihres geringsten Dieners großer Patron zu sein und zu
verbleiben, und morgen vormittag ohnschwer die Mühe zu nehmen, meine Apotheke zu
visitieren, so sich Defekt und Mängel darin befinden, solche durch dero hocherlauchte
Scienz, Weisheit, hohen Rat und Unterweisung großg. zu korrigieren".

Eine Revision der Apotheke durch den Arzt wird von Jean Paul im 'Kometen'
beschrieben; die Spannungen zwischen beiden Berufsrichtungen werden nicht
ausgespart. Die Revision geht für den 'Drachendoktor' allerdings enttäuschend aus.
Beanstandet werden von diesem Arzt die zu stark eingedickte Ochsengalle, die uralten
spanischen Fliegen, die verfälschten Galläpfel, der mit Kreide vermischten Arsenik. Auf
den Hinweis des Visitators, daß nur Doktoren über die richtige Zubereitung entscheiden
dürften, reagiert der Apotheker mit der Vorlage des Dokuments seiner Verleihung des
Medizinischen Doktorhuts der Universität Erfurt, den allerdings in Wahrheit nicht er,
sondern sein Freund Worble für ihn erworben hat.

In Jean Pauls "Dr. Katzenbergers Badereise' (1809) kommt es zwischen dem an


Monstren interessierten Arzt Katzenberger und einem Apotheker zu einer heftigen
Auseinandersetzung, als Katzenberger sich erfolgreich mit dem ausgestopften
achtbeinigen Doppelhasen der Apotheke aus dem Staub machen will, ohne die
ausgemachte Summe in voller Höhe zu bezahlen. Mit einem Giftpfeil, den er
abzuschießen droht, setzt Katzenberger den Apotheker und seinen Gehilfen außer
Gefecht.
Homais (Flaubert), der sich mit dem Arzt Charles Bovary gegen den Pfarrer verbünden
will, ist seinerseits selbst als Arzt tätig. "An den Mittwochen wurde die Apotheke nie leer,
und man drängte und stieß, weniger um Arzneien zu kaufen, als um ärztlichen Rat zu
holen. So groß war der Ruf des Herrn Homais in den umliegenden Ortschaften. Seine
überzeugende Selbstsicherheit hatte die Bauern beeindruckt, und sie hielten ihn für den
Arzt aller Ärzte". Homais weiß nur zu genau, daß ihm diese Tätigkeit vom Gesetz (in
Frankreich noch einmal durch einen Erlaß vom 19. Ventôse im Jahr 11 der neuen
Zeitrechnung = 1803) verboten ist; er wurde auch schon einmal auf Grund anonymer
Anzeigen zum Staatsanwalt in Rouen bestellt und verwarnt mit nicht sehr großem
Erfolg. "Seit Bovarys Tod haben sich schon drei Ärzte in Yonville niedergelassen, ohne
aber Erfolg zu haben. Monsieur Homais hat sie alle zugrunde gerichtet. Er hat eine
ausgedehnte Praxis, die Obrigkeit scheut ihn, die öffentliche Meinung schützt ihn. Eben
erst hat er das Kreuz der Ehrenlegion erhalten".

Das Verhältnis von Arzt und Apotheker kann in der Literatur auch als gelungen
beschrieben werden. Ärzte können
Apothekern mit Respekt begegnen, Apotheker können ihrerseits den Arzt unterstützen.
Fontanes sympathischer Apotheker Alonzo Grieshübler (Effi Briest) verbirgt seinen
Doktortitel, will mit ihm nicht angesprochen werden, da Ärzte dies nicht gerne sähen;
"das ärgere, so meint er, die richtigen Doktors bloß". Mit den Worten: "Der Doktor und
ich wollen schon das Unsrige tun", spricht der Apotheker Kristeller einem Patienten Mut
zu. Der Arzt Maspero und Apotheker Baron führen bei Wassermann gemeinsam
"ausgedehnte und tiefsinnige Gespräche." An Verbindung wie Trennung in der
italienischen Sprache erinnert Max Frisch in 'Der Traum des Apothekers von Locarno'
(1972): "Il Dottore, so nennen sie hier alle akademischen Berufe; wenn er ein Arzt wäre,
so würden sie sagen: Il Medico".

V Engagement als Forscher

Apotheker begnügen sich im literarischen Medium wie in der historischen Realität oft
nicht mit der Zubereitung und dem Verkauf von Medikamenten, sondern engagieren sich
auch in der Forschung. Apotheker dehnen in Romanen und Erzählungen ihre Aktivitäten
auf das Gebiet des Arztes, des Chemikers und Botanikers aus.

Von den wissenschaftlichen Neigungen des deutschen Apothekers Glaser spricht


Hoffmann in der Kriminalerzählung 'Das Fräulein von Scuderi' (1820), die zur Zeit
Ludwig XIV. spielt - "der beste Chemiker seiner Zeit, beschäftigte sich, wie es bei
Leuten von seiner Wissenschaft wohl zu geschehen pflegt, mit alchemistischen
Versuchen. Er hatte es darauf abgesehen, den Stein der Weisen zu finden". Der junge
Marggraf (Jean Paul) versucht sich ebenfalls in der alchemistischen Herstellung von
Diamanten. Der Apothekerlehrling Pinkepank (Brentano) stößt über die Beobachtung
von Eidechsen auf ein Wunderkraut, das Tote wieder zum Leben erwecken und
überhaupt die Lebenskraft stärken soll; später legt er einen botanischen Garten an. Der
Lehrling Ludolph (Bechstein) muß dagegen von dem Provisor Semen erfahren, daß an
Forschung während der Ausbildung wie späteren Tätigkeit nicht zu denken sei: "keine
Experimente werden hier gemacht, sondern Rezepte". Der Apotheker Chardon in
Balzacs 'Verlorene Illusionen' (1837/43) ist zugleich Wundarzt und Chemiker; nachdem
er den Militärdienst wegen einer Verwundung aufgeben muß, wendet er sich dem
Studium der Gicht zu, das wegen der sozialen Verteilung dieses Leidens nicht nur
wissenschaftlichen Ruhm, sondern auch Reichtum verspricht.

Über die botanischen Neigungen seines ehemaligen Lehrherren meint Kristeller


(Raabe): "Mein damaliger Prinzipal war Apotheker mit Liebe, aber mit einem gewissen
Wahnsinn ein Enthusiast für die hohe Wissenschaft Botanik, und er war in der Tat ein
bedeutender Pflanzenkundiger... Ich kam, und er stellte ein botanisches Examen mit mir
an, das an Schärfe nichts zu wünschen übrig ließ... Nach dem Examen überreichte er
mir als Zeichen seiner Zufriedenheit ein Exemplar von Stövers Leben des Ritters Karl
von Linné und hielt mir eine Rede über die Märtyrer unserer 'Göttin' und empfahl mir
vorzüglich zur Nachahmung das größte botanische Genie des sechzehnten
Jahrhunderts, den Meister Charles de l'Ecluse - Carolus Clusius aus Arras in den
Niederlanden".

Dominik (Huch) will ebenfalls nicht nur Medikamente bereiten: "Seine Arbeit bestand
darin, daß er eine neue Farbe herstellen wollte. Diese Erfindung sollte ihn mit einem
Schlage zum reichen Manne machen". Wie ein "Alchemist der alten Zeit, der über dem
Stein der Weisen oder dem Lebenselixier brütet", saß er in seinem Laboratorium. "Der
Raum war voll kleiner, reinlicher Tiegel, Pfannen und Gläser, dazu sah man überall die
schönsten Farben, Proben seiner Versuche oder Muster der lehrreichen Raritäten".
Diesem hohen Ziel ist auch der Apotheker in Brentanos romantischem 'Märchen von
dem Schulmeister Klopfstock und seinen fünf Söhnen' (1811) gefolgt: "Ich habe den
Apotheker hören im Mörser pinkepank stoßen und bin ein Apotheker geworden und
kenne ein Kräutchen, damit kann ich die Toten lebendig machen".

Auch Homais wird von Flaubert (Madame Bovary), wenngleich ironisch, als Forscher
geschildert. Homais hält sich für einen Chemiker und Botaniker, macht meteorologische
Beobachtungen, stellt epidemiologische Forschungen an, veröffentlicht Berichte und
Pamphlete in allgemeinen Journalen, verfaßt statistische Werke, schickt Denkschriften
an Akademien (z.B. 'Über den Apfelwein, zur Herstellung und seinen Folgen'), vertritt in
der Sicht des Autors Flaubert aber einen beschränkten Fortschritts- und
Wissenschaftsbegriff. Die Apotheke in Amados Roman 'Dona Flor' trägt den
programmatischen Namen einer 'Wissenschaftlichen Apotheke' ('Drogaria Científica').

VI Weltbild und Persönlichkeit

Wie jeder Beruf verbindet sich auch mit dem Beruf des Apothekers ein bestimmtes
Weltbild und eine bestimmte Persönlichkeit, die beide darüberhinaus von den
Zeitverhältnissen und den individuellen Bedingungen geprägt werden. Der Apotheker
gilt als sparsam, ordentlich, genau, als Menschenkenner und Menschenfreund, aber
auch als Narr, Sonderling und Träumer, gelegentlich sogar als boshaft und gefährlich.

Fontanes Apotheker Gieshübler - die Gegenfigur zu Effis bedenkenlosen Verführer


Crampas - erscheint als eine Idealgestalt: "Schöngeist und Original und vor allem Seele
von Mensch". Überaus menschlich reagiert Gieshübler auf die Ehetragödie und das
tödliche Duell, wie Instettens Sekundant an diesen zu berichten weiß: "Heute früh
wieder eingetroffen. Eine Welt von Dingen erlebt: Schmerzliches, Rührendes;
Gieshübler an der Spitze. Der liebenswürdigste Bucklige, den ich je gesehen. Von Ihnen
sprach er nicht allzuviel, aber die Frau, die Frau! Er konnte sich nicht beruhigen, und
zuletzt brach der kleine Mann in Tränen aus. Was alles vorkommt. Es wäre zu
wünschen, daß es mehr Gieshübler gäbe. Es gibt aber mehr andere".

Henoch Elias Marggraf (Jean Paul, Komet) verdient in den Augen der Bevölkerung
wegen der Hoffnungen seines Sohnes, als Sohn des Fürsten anerkannt zu werden, das
"Großkreuz der Narren". Er ist ebenfalls sparsam, wird von einer ausgesprochenen
"Hab- und Greifsucht" angetrieben, die er hinter seinen Scherzen zu verbergen versteht:
"Lustigkeit ist die beste Fledermausmaske des Nehmens, sogar des Geizes; und der
Apotheker setzte in seinen lebhaften, aufflackernden, italienischen Lustfeuern wohl
häufig Ehre und Verstand beiseite, aber niemals einen Profit". Als ehrgeizig und boshaft
wird der Hofapotheker Zeusel in Jean Pauls 'Hesperus' beschrieben: "im Ganzen ein
menschliches Diminutiv und Essigälchen an Leib und Seele, überall spitz geschaffen an
Kinn, Nase, Witz, Kopf, Lippen und Achsel". Sein Charakter ist ambivalent, keineswegs
nur negativ: "Er war trotz einiger Herzensgüte ein Lügner von Haus aus, nicht weil er
boshaft, sondern weil er fein sein wollte". Die Sparsamkeit des Apothekers wird bei
Keller (Die mißlungene Vergiftung) zu Geiz, nicht aber von der gewöhnlichen Art, der
sich selbst nichts gönnt; der Apotheker und seine Frau nehmen vielmehr erlesene
Speisen und Getränke zu sich: "handelt es sich aber darum, ihren Mitmenschen
beizustehen, so ist des Apothekers Herz und Haus verschlossen, und der Arme und
Bedrängte kann getrost an seiner Türe vorbeigehen, denn nicht ein Pfennig wird ihm
gereicht".

Raabes Apotheker Kristeller macht einen bescheidenen und gerade darin


überzeugenden Eindruck: "Die Welt oder nur ein Stück davon würde er freilich nicht
erobern, aber was man ihm gibt, das nimmt er mit Bescheidenheit und Dankbarkeit, und
für unsere Gegend ist er doch wirklich ...ein Segen gewesen". Bei Jean Améry erscheint
Homais dem trauernden Charles Bovary, dem er Mut zuspricht, als "ein wackerer Mann
und Freund", zugleich als knickrig, warnt er doch "vor den Kosten für die prächtige
Bestattung", vor allem wegen des teuren Samts. Der Apotheker Ikey Schoenstein (O.
Henry, Der Liebestrank, 1904) "war der Nachtprovisor in der Apotheke 'Zum blauen
Licht' und der Freund seiner Kunden. So ist es auf East Side, wo das Herz der
Pharmazie nicht verzuckert ist. Dort ist der Apotheker, wie es sein sollte, ein Ratgeber,
ein Beichtvater, ein fähiger und bereitwilliger Missionar und Lehrer, dessen Wissen
geachtet, dessen geheime Künste verehrt und dessen Medizin oft in die Gosse
geschütttet wird, ohne daß man sie gekostet hätte".

Apotheker werden in der Literatur wiederholt als Sonderlinge und Narren beschrieben.
"Die Menschen werden die närrischsten, von denen es nicht viele in ihrem Stande gibt, -
Apotheker etc. aber Bauern nicht" (Jean Paul). Der Provisor Tiburtius (Heiberg, 1885)
wird vom Advokaten als ein ordentlicher Mensch beurteilt - "natürlich etwas sonderbar,
wie alle Apotheker." Ricarda Huchs Apotheker Dominik scheitert an seiner
Menschenkentnis wie seinem Welt- oder Wissenschaftsbild. Seinen ganzen
forscherischen Ehrgeiz entwickelt er aus Liebe zu einem jungen Mädchen und später
einer diesem Mädchen ähnlich aussehenden Frau. Ohne dieser seine Gefühle zu
gestehen, verläßt er sie, um reich und erfolgreich auf Grund seiner Farberfindung
("verweltlichte Abendröte") zu ihr zurückzukehren und sie zu heiraten; sie aber ist
inzwischen gestorben. "Da wurde ihm klar, daß er von Anfang an alles, was ihn einmal
erfreuen sollte, auf diesem erträumten Grunde aufgebaut hatte und daß alles mit ihm
zusammenbrach. Was war es alles nutz gewesen, die Entsagung, die Entbehrungen,
die Arbeit, das Aufsparen? Nun war sein Leben so gut wie zu Ende, und es war nichts,
auch gar nichts daran gewesen".

Daß Apotheker immer wieder Gefährdungen ausgesetzt sind, zu irrationalen Verfahren


neigen und auch vor ungesetzlichem wie moralisch bedenklichem Verhalten nicht
zurückschrecken, wird in Erzählungen und Romanen von der Renaissance bis in die
Gegenwart mehrfach thematisiert. Apotheker können ihr Wissen zum Schaden von
Kranken einsetzen, Laien können ihrerseits mit Hilfe pharmazeutischer Kenntnisse zu
Verbrechern werden (Kriminalroman). Bei Boccaccio läßt Ninetta ihren ungetreuen
Geliebten Restagnone durch "eine alte Griechin, eine geriebene Giftmischerin",
umbringen; ein Schwarzkünstler steht auch Saladin mit seinen magischen Kräften bei.
Dem mit dem deutschen Apotheker Glaser zusammenarbeitenden Italiener Exili
(Hoffmann, Madame Scuderi) geht es nicht um den Stein des Weisen, sondern um ein
Gift, das sich nicht nachweisen läßt: "es gelang ihm endlich, jenes feine Gift zu bereiten,
das ohne Geruch, ohne Geschmack, entweder auf der Stelle oder langsam tötend,
durchaus keine Spur im menschlichen Körper zurückläßt".

Das große Beispiel eines Anhängers der Aufklärung und Fortschrittsgläubigkeit ist
Flauberts Apotheker Homais (Madame Bovary). Seinen Freund Charles Bovary
überredet Homais zu einer gerade in Paris propagierten Klumpfußoperation, "damit
auch Yonville, um mit der Zeit zu gehen, seine Strephopodie-Operation habe". Die
Operation mißlingt, da sich ein schweres Gangrän einstellt, das Bein muß amputiert
werden. Der Apotheker wird an seinen Überzeugungen allerdings nicht irre. Die
Lebensweisheit des Apothekers Homais kommt Charles Bovary in Carl Amérys
gleichnamigem Roman in seinem Kummer aber zugleich zu abgeklärt und gefaßt vor:
"Er ist ein kluger Mann, unser Apotheker. Aber was frommt mir Lebensweisheit, wenn
sie tot ist". Immerhin hat Homais Emma "einen letzten Liebesdienst erwiesen" und war
der erste, den das Ehepaar Bovary traf, als es von Tostes nach Yonville umzog. Wegen
seines ideologischen Engagements gerät Homais immer wieder mit dem Abbé
Bournisien in Streit. "Wenn ich die Regierung wäre, ich würde veranlassen, daß man die
Geistlichen einmal im Monat zur Ader läßt. Jawohl, Madame Lefrancois, alle Monate
einen ordentlichen Aderlaß, im Interesse der Ordnung und Moral". Auch er habe einen
Gott, wenn auch nicht den der Bibel: "Mein Gott ist der Gott Sokrates', Franklins,
Voltaires, Bérangers!" Emma Bovary steht der Apotheker mit seinen Medikamenten und
aufklärerischen Reden bei, der Abbé dagegen mit seiner Gottesgelehrsamkeit; beide
halten zusammen nach ihrem Selbstmordversuch die Totenwache - "Trotz seiner
aufklärerischen Lebensanschauung achtete Monsieur Homais die Toten." -, beide
geraten sich aber selbst noch in dieser Situation über das Zölibat, die Ölung, die Beichte
in die Haare.

Apotheker zeigen in der Literatur wiederholt große Neigungen zur Wissenschaft,


sondern auch zur Kunst und Literatur. Flauberts Homais verfügt über "eine gut
ausgestattete Bibliothek, die die besten Autoren enthält: Voltaire, Rousseau, Delille,
Walter Scott." Der Apotheker Theobald Stieglitz (Heyse, Über allen Gipfeln) dichtet, da
sich die fürstliche Residenz Blendheim "einer gesunden Bevölkerung erfreut"; seine
Produkte, die unter dem Pseudonym 'Bruno von der Aue' gedruckt werden, werden von
ihm "mit tonloser Grabesstimme" vorgetragen. Einen Hang zur Dichtkunst besitzt auch
der adlige Apotheker in Jakob Wassermanns 'Der nie geküßte Mund': "Das Lispelnde
und Visionäre war ihm stets eigen. Seine Art erinnerte an frische Butter, so reinlich, mild
und appetitlich war er. Er war den schönen Künsten ergeben und verdankte dieser
Neigung das Zerflossene und Selbstgefällige seiner Natur. Immer ging er durch die
Straßen wie jemand, der sagen will: Seht, welch ein Träumer bin ich". Kristeller (Raabe)
besitzt eine Bildergalerie, die unter anderem einen Kupferstich von Dürer enthält.
Ebenso literarisch engagiert gibt sich der feinsinnige und an vergangener Dichtung
interessierte Apotheker Paustian in Klabunds Erzählung 'Die Krankheit'; er verfaßt
"kleine literarische Betrachtungen über Schlegel, über J.Ch. Günther, über Gottfried
Keller, kurz: über eine schöne, aber vergangene Literatur. Die Literatur der Gegenwart
beglückte ihn weniger". Teodoro Madureira (Amado, Dona Flor) ist begeisterter
Fagottspieler.

Der Apotheker hat mit Krankheiten, mit dem Leiden und dem Sterben anderer
Menschen zu tun, er kann auch selbst leiden und krank werden. Auf die Gefährdung
durch die Ausdünstungen in der Apotheke wird in der Literatur wiederholt hingewiesen.
Der Apotheker Paustian und seine Frau (Wassermann) sind lungenkrank und haben
sich nach Davos begeben, wo sie die Pension 'Schönblick' leiten. "Sie waren beide von
jener Art Lungenkranker, die die Krankheit durchsichtiger, gläserner und gleichsam
innerlich gewandelt hat". Da ein Pneumothorax mit Erfolg bei ihnen erprobt worden war,
wurden sie von den Pensionären "mit einem gewissen gütigen Spott Pneumo und
Thorax benannt." Den Reifungsprozeß eines Apothekers durch Krankheit und Sterben
an einer Krebserkrankung schildert bewegend Carson McCullers in ihrem Roman 'Uhr
ohne Zeiger'. Malone bäumt sich zunächst gegen sein Schicksal auf, nimmt es dann
aber an. Im Krankenhaus greift er auch die Möglichkeiten der Bibliotherapie auf. Malone
ist keineswegs besonders gebildet, Kierkegaard ist ihm als Autor des ausgeliehenen
Werkes 'Krankheit zum Tode' (1849) unbekannt. Die Sätze des Buches werden von ihm
aber unmittelbar begriffen, sie werden ihm zu einer großen Hilfe beim Sterben; vor allem
berührt ihn zutiefst die Warnung: "Die größte Gefahr - sein Ich zu verlieren - kann sich
so still vollziehen, als wäre es nichts; jeder andere Verlust - von einem Arm oder Bein,
von fünf Dollar, von einer Ehefrau und so weiter - fällt einem bestimmt auf". Erst das
Kranksein macht den Apotheker bereit zu dieser Einsicht, während der Arbeit wäre er
auf sie nicht gestoßen: "Wenn Malone nicht eine unheilbare Krankheit gehabt hätte,
wären diese Worte einfach Worte geblieben, ja er hätte die Hand überhaupt nicht nach
dem Buch ausgestreckt".

VII Symbolik

Literatur ist nie nur Darstellung, sondern immer auch Deutung. Apotheker und Apotheke
im literarischen Medium dienen als Metapher, werden zum Symbol, zur Idee, gehen in
zahlreiche Wendungen ein. Der Apotheker steht für Sparsamkeit und Ordnung, für
Menschenliebe und Naturinteresse, für Eigennutz und Verschrobenheit, für
Forscherhaltung und Kunstneigung. Die historisch entstandene professionelle
Grenzziehung kann immer wieder überschritten werden; der Apotheker kann zum
Naturwissenschaftler und Arzt, zum Politiker und Philosophen werden.
Selbst in den Namen, die Apotheken gegeben werden, zeigt sich die Spannweite der
geistig-ideellen Aspekte, sie reichen bis ins Religiöse: "Zu den "Seligen Boten" heißt die
Apotheke der Zeitbloms in 'Doktor Faustus' von Thomas Mann. 'Christus als Apotheker'
ist ein ebenso alter Topos der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte wie die
Wendung 'Christus Medicus'. Die zahlreichen Darstellungen der Märtyrer Cosmas und
Damian erinnern ihrerseits an die Nähe von Apotheker und Arzt.

Religiöse Symbolik trägt die Apothekergestalt in Jean Pauls Roman 'Der Komet'. Mit
dem Namen Marggraf wird nicht nur auf die aristokratischen Ambitionen des Apothekers
hingewiesen, sondern auch und viel tiefer auf die Verbindung von Apotheker und
Christus. Der junge Marggraf steht für Christus, der Fürst für Gott; viele Hinweise
belegen diese Verbindung: seine Nase ziert "zwölf Blatternnarben", sein Haupt umgibt
eine "Art von Heiligenschein".

Die Apotheke weist mit der Säkularisierung als Verweltlichung des Paradieses auf das
Paradies zurück, das Medikament wird zum Lebenselixier. Homais hat seinem Labor
den Namen Kapernaum gegeben: "Dort brachte er ganz allein oft Stunden zu, mit
Etikettieren, Umfüllen oder Verpacken beschäftigt. Er betrachtete diesen Raum nicht als
gewöhnliches Magazin, sondern als ein wahres Heiligtum, aus dem, von seiner Hand
bereitet, all die Pillen, Tinkturen, Arzneien, Wässerchen und Mixturen hervorgingen, die
ihn in der ganzen Gegend berühmt machten".

Der Apothekergehilfe Ludolph (Bechstein, 1835) träumt von der Erfindung eines
Lebenselixiers: "Ludolph hatte eine große Freude im Traum über seine Erfindung, denn
er gedachte, nun selbst eine Apotheke zu etablieren, einfacher als die einfachste
homöopathische, diese sollte nur ein einziges Gefäß enthalten, und dies ein einziges
Mittel. Auf der Flasche sollte mit großen Goldbuchstaben stehen: Lebenselixier. Auf
diese höchst einfache Apotheke wollte er sich einen Gehilfen halten, sich selbst, und
eine Gehilfin, und dann allen Menschen helfen, nämlich vom Tode zum Leben".

Mit dem Lebenselixier ist allerdings eine tiefe Ambivalenz verbunden. Gift und
Medikament kommen sich überaus nah, gehen ineinander über. Severin in Umberto
Ecos Roman 'Der Name der Rose' sagt mit Recht: "die Grenze zwischen Medikament
und Gift ist fließend, die Griechen nannten beides Pharmakoon." Von Paracelsus
stammt bekanntlich der klassisch gewordene Ausspruch: "allein die Dosis macht, daß
ein Ding kein Gift ist."

VIII Wandel in Raum und Zeit

Raum und Zeit wirken sich auf die Wiedergabe des Apothekers in den literarischen
Texten aus. Renaissance und Barock betonen in bewußter Übertreibung die grotesken
und gefährlichen Seiten des Apothekers wie ebenfalls des Arztes. Quevedo begreift in
einem seiner Träume: "Es gibt keine bestialischeren Menschen als diese Apotheker. Sie
sind die Zeugmeister der Doktoren; sie geben ihnen die Waffen". Gargantuas
Ausbildung (Gargantua und Rabelais, Rabelais) schließt auch die Apothekerkunst ein,
die ihm vor allem bei schlechtem Wetter beigebracht wird: "Und statt im Freien zu
botanisieren, wurden die Läden der Drogisten, Kräuterhändler und Apotheker besucht
und dabei die größte Aufmerksamkeit auf die Früchte, Wurzeln, Blätter, Harze und
Samenarten, auf die fremden Salben und ihre Mischung, desgleichen auf die Art, wie
man sie verfälscht, gerichtet". Nicht wenige Menschen, spottet Grimmelshausen (Der
abenteuerliche Simplicissimus, 1669), machten "einen Gott aus dem Medico und
suchten ihres Lebens Aufenthalt in der Apotheke".

In der Aufklärung stoßen Vernunft und Aberglaube zusammen, Abenteuer und Satire
bleiben erhalten, die Grenzen zwischen Arzt oder Chirurg und Apotheker sind nur zu oft
noch fließend. In den Romanen von Tobias George Smollett, der Medizin studiert und
auch praktiziert hat, zeigt sich der Einfluß dieser Epoche auf die Darstellung des
Apothekers; bald ist von Apotheker (apothecary), bald von Chirurg (surgeon) die Rede,
Pharmazie kommt als Bezeichnung in 'Roderick Random' (1748) vor; von Spannungen
wird in 'Sir Launcelot Greaves' (1762) berichtet, ebenso von allgemeiner Anerkennung;
in 'Peregrine Pickle' (1751) verschafft den Ärzten ihr Kontakt zu den Apothekern
bedenkliche Vorteile: "Durch ihre Beziehungen zu Apothekern und Krankenschwestern
lernten sie alle Familienangelegenheiten kennen und konnten daher rachsüchtige
Bosheit befriedigen, den Launen einer krankhaften Verdrießlichkeit willfahren und
unverschämter Neugier aufwarten".

Klassik sucht den Ausgleich, Romantik verleiht der Prosa poetische Tiefe, besonders
eindrucksvoll in Jean Pauls 'Komet'. Der historischen Neigung der romantischen
Literatur entsprechen die Schilderungen des Apothekers in verschiedenen Romanen
von Walter Scott; in 'Rob der Rote' (1818) wird ein Apotheker-Chirurg im Glasgow des
beginnenden 18. Jahrhunderts hilfreich tätig; 'Der Abt' (1820) beschreibt den
Arbeitsraum eines schottischen Arztes aus der Zeit der Königin Maria Stuart als
Verbindung von einem "Warenlager eines Spezereihändlers" und einer "chemischen
Werkstätte"; wie sich Pharmazie, Medizin, Astrologie und Alchimie vereinen lassen, wird
in 'Kenilworth' (1821), nun aus dem England Elisabeths I., wiedergegeben; in 'Nigels
Schicksale' (1822) wird eine Apotheke im London des 17. Jahrhunderts erwähnt, deren
Besitzer ärztlich tätig wird. Romantisch geprägt sind auch Bechsteins
Apothekenerzählungen; unheimlich wird es Ludolph zu Mute, als er zum ersten Mal in
einer versteckten Kammer der Apotheke 'Zum König Salomo' einen alten Topf mit der
Inschrift 'Axungia Humana' (Menschenfett) erblickt: "Konnte es nicht einmal dem armen
Sünder, von dem das Fett, einfallen, einen Besuch im Keller abzustatten, und sich sein
Eigentum wieder auszubitten?"

Realismus und Naturalismus halten sich an den Reichtum des Alltags, gehen auf die
Nuancen der Wirklichkeit ein, bieten wichtige Hinweise zur sozialen Situation des
Apothekers, zu seinen Reaktionen auf die naturwissenschaftliche Grundlegung der
Medizin, heben negative Seiten des Individuums wie der Gesellschaft hervor. Luigi
Gamegna lenkt in seinem posthum erschienenen Werk 'La Speciaria di Sant'Eusebia'
den Blick in das italienische 17. Jahrhundert, Samuel Lover mit 'Handy Andy' (1842) in
das zeitgenössische Irland. Russische Verhältnisse werden in Erzählungen und
Romanen von Leskov, Turgenev, Dostoevskij, Tolstoj und Cechov geschildert, die
insgesamt aber der Apotheke und dem Apotheker nur beiläufig ihre Aufmerksamkeit
zuwenden.

Das 20. Jahrhundert geht auf unterschiedliche Aspekte ein, verfolgt weiterhin die private
Lebenssituation wie den sozialen Kontext. Nach Südamerika führt Jorge Amado (Dona
Flor und ihre zwei Ehemänner). Eine Prager Apotheke schildert Hasek (Aus einer alten
Apotheke, Die Kamillentropfen). Mit dem historischen Wandel der Wirklichkeit verändert
auch die Apotheke ihr Aussehen, Spuren der alten Zeit bleiben aber oft noch erhalten,
wie etwa in Penzoldts Roman 'Die Leute aus der Mohrenapotheke': "An der Decke des
Gewölbes waren auch noch die Ringe zu sehen, an denen einst ein ausgestopftes
Krokodil hing. Adrians Vater hatte es noch gekannt. Lange schon ruhte es nun im
Garten (der jetzt Eisenbahn war), wo er es als Knabe unter ernsthaften Gebräuchen tief
unter Sonnenblumen beigesetzt hatte. Dort lag es, und die Züge fuhren darüber hin."
Von der zeitgenössischen Literatur kann der Sieg der Moderne auch ausdrücklich
beklagt werden. Der Apotheker im Roman 'Gegenzauber' (Muschg, 1967) wehrt sich
gegen die geplante neue Straße: "Nun sah er im Geiste die sechsspurige Rennbahn
durch seine Näpfchen rauschen und bangte um das, was er 'Apothekergespräch'
nannte."

IX Perspektiven

'Der Apotheker in Novelle und Roman der Neuzeit' ist ein faszinierendes Thema, das in
diesem Beitrag nur mit wenigen Beispielen und an einigen zentralen Dimensionen
skizziert werden konnte: Ausbildung und Beruf, soziale Stellung, Verhältnis zum Arzt,
Engagement als Forscher, Weltbild und Persönlichkeit, Symbolik, Wandel in Raum und
Zeit.

Apotheke und Apotheker werden nicht nur von der Literatur und den Künsten als Thema
aufgegriffen, es gibt zwischen ihnen auch innere Zusammenhänge. Von der Kunst der
Apotheke zu sprechen, ist ebenso gerechtfertigt wie von der Kunst als Apotheke; beide
enthalten Chancen und Gefahren: "'Gewiß', unterbrach ihn Homais, 'gibt es auch
schlechte Literatur, wie es schlechte Pharmazie' gibt" (Flaubert). Die Kunst des
Umgangs, der Beratung wie der Beeinflussung ist für den Apotheker von zentraler
Wichtigkeit.

Bereits die Namen von Apotheken tragen literarische Qualität: 'Zum weißen Engel', 'Zum
König Salomo', 'Zum Wilden Mann', 'Zum Schwan', 'Zum blauen Licht'. Die Verbindung
zu Gasthäusern und Restaurants ist in diesen Namen ebenso bezeichnet wie die
Differenz zu Praxen und Kliniken. Welcher Mediziner würde seinem Krankenhaus oder
seiner Praxis ähnlich poetische Namen geben?

Apotheke und Literatur stehen in einer therapeutischen Verbindung. Literarische Texte


können heilsam sein, Literatur wird auch von Schriftstellern immer wieder mit einem
Medikament verglichen. Montesquieu entwirft in den 'Persischen Briefen' (1721) ein
bibliotherapeutisches System: Aristoteles als Abführmittel; Romane,
Lebenserinnerungen und Lobreden als Vomitiva; philosophische und theologische
Schriften gegen Krätze, Grind, Liebeskrankheit und Schlaflosigkeit. Nach Jean Paul (Dr.
Katzenbergers Badereise) können Lustspiele Lungengeschwüre, Rheumatismus, Ekel
überwinden helfen, während Trauerspiele zu Leberverstopfung, Gelbsucht,
Lungenerkrankungen und Darmkrämpfen führen sollen. Settembrini plant in Thomas
Manns Roman 'Der Zauberberg' (1924) eine Zusammenstellung und Analyse "aller für
jeden einzelnen Konflikt in Betracht kommenden Meisterwerke der Weltliteratur". Erich
Kästner führt in seiner 'Lyrischen Hausapotheke' (1936) die "Antitoxine Humor, Zorn,
Gleichgültigkeit, Ironie, Kontemplation und Übertreibung" an.

Das Thema 'Apotheker und Literatur' besitzt auch eine biographische Dimension. Wie es
viele Ärzte gibt, die zugleich Schriftsteller gewesen sind, gibt es auch Apotheker, die
sich literarisch engagiert haben, oder Schriftsteller, die in der Pharmazie tätig gewesen
sind. Berühmte Beispiele sind Ludwig Bechstein, Theodor Fontane, Henrik Ibsen, Georg
Trakl, Agatha Christie.

Man muß aber nicht Apotheker gewesen sein, um über den Apotheker angemessen
schreiben zu können. Das reale Erlebnis von Apotheker, Apotheke und Medikament
kann hinter eindrucksvollen Texten stehen, deren Autoren keine Apotheker gewesen
sind. Wilhelm Raabe verfaßt seine Apothekererzählung 'Zum Wilden Mann' während
eines Sommeraufenthaltes 1873 in Bad Harzburg, als er wiederholt in die Apotheke in
Bündheim wandert, um Arzneien für seine gefährlich erkrankte Tochter zu holen.

Von der Biographik sei der Blick abschließend wieder auf innere Zusammenhänge
zurückgelenkt. Beeinflußt die Apothekertätigkeit das literarische Schaffen, wie das
literarische Schaffen auch von der ärztlichen Tätigkeit beeinflußt sein kann? Fontane
schreibt in einem Brief an seine Tochter Mete vom 14. September 1889: "Betreffs Ibsen
muß ich doch noch eine gute Bemerkung anfügen, die Emil Rittershaus (der mich
gestern auf 2 1/2 Stunden besuchte) über Ibsen machte.'Haben Sie nicht bemerkt, daß
Ibsen ganz wie ein Apotheker wirkt; er ist den Apotheker nicht losgeworden und das
spukt nun in seinen Stücken, seinen Problemen und Tendenzen, und auch in seiner
Conversation. Er ist immer ein kleiner Apotheker, der abwartet und dribbelt und auf der
Lauer liegt.' Es ist vollkommen richtig und ich mußte laut lachen, schon um hinter der
großen Lache meine eigne Angst zu verbergen."

Literatur

Bardell, E.B.: Literary reflections of pharmacy, in: Pharmacy in History 27(1985)32-33,


75-76, 160-162, 210-214; 28(1986)89-90, 181-182; 29(1987)74-77, 177-180;
30(1988)37-38, 110-112, 188-190; 31(1989)126-128; 32(1990)65-68, 128-131.

Dörries, M.: Pharmazie zwischen politisch-sozialer und wissenschaftlicher Revolution.


Das Apotheker-Motiv in der deutschen und französischen Literatur vom 17. bis 19.
Jahrhundert, Diss. rer nat. Berlin-West 1989.

Engelhardt, D. v.: Medizin in der Literatur der Neuzeit, Hürtgenwald 1991.

Maubach, H.: Das Charakterbild des Apothekers in der Literatur. Berlin 1898.

Nowotny, O.: Apotheker, Pharmazie und Literatur im Wandel der Zeiten in einer
kritischen Betrachtung, in: G. Schramm, Hg.: Neue Beiträge zur Geschichte der
Pharmazie, Zürich 1979, S. 147-156

Sievers, R, Hg.: Begegnungen: Apotheker in der Literatur von Sebastian Brant zu


Umberto Eco, Frankfurt a.M. 1989.

Stafski, H.: Der Apotheker in der deutschen Dichtung, in: Stafski: Aus alten Apotheken,
1956, S. 41-47.

Urdang, G.: Der Apotheker als Subjekt und Objekt der Literatur, Berlin 1926.

Urdang, G.: Der Apotheker im Spiegel der Literatur, Berlin 1921.

in: Deutsche Apotheker Zeitung 133 (1993) (41) 27-40.

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