Gewalt, Gesetz und Organisation
Attribute politischer Macht in Byzanz
Marie Theres Fögen t / Frankfurt am Main und Zürich
1. Politische Macht
Unter allen Mächten, denen ein Mensch im Laufe seines Lebens un
terworfen werden kann oder sich selbst unterwirft, der Macht des Geldes,
der Macht Gottes, der Macht der Liebe, der Macht der Süchte, der Macht
der Gewohnheit, der Macht des Herrschers, ist die letztgenannte eine be
sonders riskante. Denn die Macht des Herrschers, auch kurz: politische
Macht genannt, verfügt seit eh und je über besondere, von Polizei oder
Militär ausgeübte Zwangsmittel, über organisierte physische Gewalt in
Form von Prügeln, Foltern, Tötungen, Wegnahme von Geld, Gut, Familie
und über Verbote und andere Schikanen, um die Freiheit der Bewegung,
des Denkens, Redens und Handelns einzuschränken. Nikos Oikonomides
war viele Jahre seines Lebens mitleidender Beobachter einer solchen poli
tischen Macht. Seinem Andenken ist der folgende Versuch, über politische
Macht in Byzanz nachzudenken, gewidmet.
Macht, und dies gilt für alle Mächte, hat die Fähigkeit und die Funk
tion, vieles auszuschließen und zu verhindern. Ein Machthaber, ein
Machtwort, ein Mächtiger pflegen die schier infiniten, stets präsenten
Möglichkeiten aller Menschen, so oder anders zu reden, so oder anders zu
handeln, nein oder ja zu sagen, auf tunlichst eine einzige Variante zu re
duzieren. Das geschieht täglich und in allen Lebensbereichen. „Macht ist
ein lebensweltliches Universale gesellschaftlicher Existenz“1. Besonders
effektiv gelingt der Ausschluss denkbarer Handlungsalternativen aber dei
politischen Macht, die, anders als die sanfteren Mächte der Liebe, des Got
tes, der Gewohnheit usw., dafür besagte Zwangsmittel einsetzen oder, was
in der Regel genügt, mit ihnen drohen kann.
1. Niklas Luhmann, Macht, Stuttgart 1975, S. 90.
28 Marie Theres Fügen f
Politische Macht ist demnach durch aktuelle oder latente Gewalt gekenn
zeichnet. Das ist ihre erste und bis heute übliche Codierung. Frühzeitig gesell
te sich jedoch eine Zweitcodierung hinzu: Recht. Nicht erst im Rechtsstaat,
in dem Recht und Macht austauschbar sind, weil Recht Macht verleiht und
Macht auf Recht gründet, sondern schon in antiker abendländischer Traditi
on haben Macht und Recht eine starke Affinität. Diese kann sich in einer
Verschränkung von Macht und Recht äußern, so im Begriff der έννομος
έπιστασία, oder in einer Parallelität von Macht und Recht ausdrücken, so in
Justinians berühmten Worten2, er werde armis et legibus, durch Waffen (=
Gewalt) und durch Gesetze (= Recht) regieren3. Die Kombination von Gewalt
und Recht ist jedenfalls typisch für die politische Macht; bei der Macht des
Geldes, des Gottes, der Liebe, der Gewohnheit sucht man sie vergeblich. Diese
Mächte setzen auf andere Anreize oder Sanktionen, um im Chaos der unzäh
ligen Alternativen eine bestimmte zu bevorzugen und durchzusetzen4. Die
Doppelcodierung durch Gewalt und Recht gilt exklusiv für politische Macht.
Betrachtet man historische Diskurse über politische Macht, so fällt
allerdings auf, dass sie Gewalt zwar als Kriegsgewalt gegen äußere Feinde
selbstverständlich kennen und loben, „innenpolitisch“ aber selten themati
sieren. Es sind Machtkritiker, wie Prokop, die vorsichtig, darauf hinwei
sen, dass physische Gewalt nicht nur im Krieg im Einsatz war: „Mit sanf
ter Miene, gesenkten Augen, leiser Stimme verfügte er (Justinian) den Tod
unzähliger unschuldiger Menschen, die Vernichtung von Städten und all
gemeine Konfiskation“5. Das konnte man in einer „Geheimgeschichte“
sagen. Für öffentliche und offizielle Geschichten galt und gilt: Über Gewalt
redet man nicht, Gewalt hat man.
2 Vgl. die Einleitungskonstitution „Imperatoriam“, pr., zu den Institutionen
Justinians sowie die Einleitungskonstitution „Summa“, pr., zu seinem Codex.
3. Zu dieser Formel und ihrem Schicksal vgl. Dieter Simon, “Legislation as
Both a World Order and a Legal Order”, in: Law and Society in Byzantium, Ninth-
Twelfth Centuries, ed. Angeliki E. Laiou and Dieter Simon, Washington D.Q 1992,
S. 1-25.
4. Wo sich doch die Macht des Geldes mit Gewalt paart (etwa bei der Mafia)
oder die Macht Gottes mit dem Recht (etwa in den Gottesurteilen), handelt es sich um
pathologische Erscheinungen.
5. Prokop, Anekdota, 13 (Griechisch-deutsch ed. Otto Veh, 3. Auf!., München
1981, S. 115). Instruktiv zu der, wie der Autor meint, von Justinian geradezu pro
vozierten Gewaltorgie des Nika-Aufstands vgl. Mischa Meier, „Die Inszenierung ei
ner Katastrophe: Justinian und der Nika-Aufstand”, in: Zeitschrift für Papyrologie und
Epigraphik 142 (2003) 273-300.
Gewalt, Gesetz und Organisation 29
Dafür redete man über Recht. Wie es zu verstehen ist, dass politische
Macht sich auch durch Recht oder in Form des Rechts verwirklichen solle,
war ein Thema, das die Byzantiner für ihr Jahrtausend beschäftigen sollte.
Am Stichwort εννομος έπιστασία haben sich Generationen abgearbeitet,
und was legibus gubernare bedeutet, war ebenso wenig eindeutig. Kann es
doch heißen: rmittels Gesetzgebung - durch Gebote und Verbote - das
Schicksal der Gesellschaft lenken’ oder auch verstanden werden als gesetz
mäßig / im Einklang mit den Gesetzen regieren’. Die Stellung des Kaisers
zum Gesetz - ob er über oder unter diesem stehe, ob er daran gebunden
oder nicht gebunden sei - stand anhaltend im Zentrum vieler byzanti
nischer Debatten6. Diskutiert wurde damit die Zweitcodierung von Macht
durch Recht, in den Hintergrund trat die Erstcodierung von Macht durch
Gewalt. Man kann wohl auch sagen, dass Zwang und Gewalt erfolgreich
unter Kommunikationen über die Gesetzlichkeit der Macht verschwanden.
2. Macht des Kaisers und Macht des Gottes
Justinian I. folgte seiner eigenen Devise des legibus gubernare in ho
hem Maße. An Intensität, Breite und Dichte blieben seine Gesetzgebung
und seine Beschwörungen, die Welt durch Gesetze verbessern zu wollen,
unübertroffen7. Dabei kooperierte er, selbstverständlich, mit Gott, handel
te mit „Gottes Gnade“ und „Gottes Hilfe“ und leitete seine kaiserlichen
Pflichten und Rechte aus einem ursprünglich göttlichen Auftrag her8. Die
sen Auftrag erfüllt er nun in der Gesetzgebung aber ganz aus eigener
Kompetenz: „imperial authority did not need any further legitimization“9.
„Wir verordnen daher für die Zukunft...“ (N. 12.1), „Wir haben es für gut
befunden ...“ (N. 17.1), „Wir hielten es für gerecht...“ (N. 25 pr.), „Wir hiel
ten es für angemessen ..." (N. 29.1) lauten die typischen Einleitungssätze
justinianischer Novellen. Wo Gott dann noch ins Spiel kommt, erscheint
6. Umfassend dokumentiert bei Dieter Simon, „Princeps legibus solutus. Die
Stellung des byzantinischen Kaisers zum Gesetz“, in: Gedächtnisschrift für Wolfgang
Kunkel, hrsg. von Dieter Nörr und Dieter Simon, Frankfurt am Main 1984, S. 449-
492.
7. Beispiele in Marie Theres Fügen, „Gesetz und Gesetzgebung in Byzanz“, in:
lus Commune XIV (1987) 137-158 (hier: 140ff.).
8. Gott hat ihm die Macht über die zivilen Gesetze übertragen (N. 137 pr.), Gott
hat ihm die Herrschaft über alle Menschen und die Aufsicht über den Staat der Römer
anvertraut (N. 77 pr., 85 pr., 86 pr., 133 pr., 148 pr., 149 pr., 152 pr.).
9. W. J. Aerts, Th. E. van Bochove, Μ. A. Harder et al., in: SG VII (2001) S.
91ff. (105): Kommentar zu Zeilen 5ff. des Prooimions der Eisagoge.
30 Marie Theres Fögen f
er neben Kaiser und Gesetz als primus inter pares. So weist Justinian zum
Beispiel den Quästor an, sein Amt korrekt auszuüben, wobei er stets „Gott
und die Furcht vor uns und das Gesetz“ vor Augen haben solle10.
Betrachtet man nachjustinianische Gesetzbücher und ihre Prooimien,
fällt eine veränderte Stellung des Kaisers zu Gott auf11. Hatte Justinian
befohlen, angeordnet, festgesetzt, was ihm recht schien, so versichern die
Kaiser im folgenden, dass nicht sie es sind, die etwas befehlen, anordnen
und festsetzen; vielmehr verhelfen sie nur Gottes Anordnungen zum
Durchbruch. Der Kaiser wird zum Hirten, dem von Gott befohlen wurde,
„die gläubigste Herde zu weiden“12. Gott selbst gab ihm dafür „das Gesetz
zur Hilfe“13, und „Gerechtigkeit“ wurde „den Menschen von Gott auch
vermittels der Gesetze geschenkt“14, deren Darstellung und Erläuterung,
nicht deren Erfindung Sache des Kaisers ist. Am deutlichsten wird diese
dem Gesetz dienende, nicht das Gesetz schaffende Stellung des Kaisers im
Prooimion der Eisagoge15.
3. Macht in der Eisagoge
Nach theologischer Diskussion von „natürlicher Monarchie“ und
„trinitarischer Herrschaft“ kündigt das Prooimion der Eisagoge an, „das
gute und welterhaltende Gesetz wiederherzustellen“16. Das Verhältnis von
Kaiser, Gesetz und Gott wird dann folgendermaßen beschrieben:17 Gott
10. N. 80.1.1: άφορΰιντα πρδς θεόν καί τό ήμέτερον δέος καί τόν νόμον...; vgl.
auch N. 24.2: Der Prätor soll „Gott vor Augen haben und die Furcht vor Uns“, oder N.
146 epil.: Die Juden mögen sich unterstehen, „zugleich gegen Gott und den Kaiser frech
aufzutreten“.
11. Aerts et al. (Anm. 9), S. 105.
12. Ecloga, Prooimion.
13. Ebd.
14. Prochiron, Prooimion, ed. Andreas Schminck, Studien zu mittelbyzantini
schen Rechtsbüchern [Forschungen zur byzant. Rechtsgeschichte, 13.] Frankfurt am
Main 1986, S. 56ff.
15. Ed. Schminck (Anm. 14), S. Iff.; Nachdruck mit neuer (englischer) Über
setzung und Kommentar: AERTS et al. (Anm. 9), S. 96ff.
16. Die „Wiederherstellung“ richtet sich gegen das Gesetzbuch der Isaurier, die
Ecloga von 741, welche erheblich von der justinianischen Kodifikation abgewichen
war.
17. Zu den altgriechischen Vorlagen dieser Beschreibungen vgl. Andreas
Schminck, «Από τόν νόμο στόν νόμο», in: Συμβολές στην έρευνα του αρχαίου ελλη
νικού και ελληνιστικού δικαίου. [Πάντειον Πανεπιστήμιον. Κέντρο Μελέτης αρ
χαίου ελληνικού και ελληνιστικού δικαίου, 2] Αθήνα 1994, S. 61-72.
Gewalt, Gesetz und Organisation 31
hat „das Gesetz gegeben“, das Gesetz den Menschen „geschenkt“ und „die
Weltordnung durch das Gesetz“ zusammengefügt. Die Untertanen sollen
das Gesetz empfangen, „wie es von Gott erschaffen, von oben diktiert, wie
es mit Gottes Finger nicht auf steinerne Tafeln geschrieben, sondern mit
Feuerzungen in eure Seelen eingebrannt“ ist. Gesetz scheint identisch mit
Gott. Von legibus gubernare des irdischen Machthabers, vom Regieren
durch Gesetz auf Erden, ist nicht die Rede. Das Gesetz selbst regiert, nicht
anders als Gott, „selbstherrscherlich und allesbeherrschend“ (αύτοκρα-
τορικός τε και παντοκρατορικός)18. Der Kaiser ist allenfalls dafür zu
ständig, die „Macht und unumschränkte Herrschaft“ des Gesetzes zu un
terstützen, dessen er selbst bedarf: Denn Leben und Glück sind dem Kaiser
nicht möglich „ohne das Gesetz als Mitkämpfer und Heerführer“19.
Als so minimal, geradezu verschwindend geringfügig war die Macht
der Kaisers, durch Gesetze zu regieren, weder vorher noch nachher be
schrieben worden. Das bedeutet: Nicht nur die Erstcodierung von Macht
durch Gewalt, sondern auch die Zweitcodierung durch Recht und Gesetz
ist fast vollständig verschwunden. Zurück bleibt eine politische Macht,
die keine Macht hat, die nur einer anderen Macht, der des Gottes und des
sen Gesetz, dient. Das Prooimion der Eisagoge hat die Zweitcodierung von
politischer Macht, das legibus gubernare, an Gott (zurück-)übertragen und
hat damit für kaiserliche Macht keinen Platz gelassen. Im Bild der Macht,
das dieses Prooimion zeichnet, ist der Kaiser weder durch Gewalt noch
durch Rechtssetzung präsent. Das Bild wird von Gott ausgefüllt und be
herrscht. Eine bereits in der Spätantike entwickelte, sich in Justinian voll
endende Spezifizierung von politischer Macht durch Gewalt und Gesetz
hat sich also im Nebel Gottes wieder aufgelöst.
Ändert sich daran etwas durch die berühmten ersten drei Titel des
Gesetzbuchs? Titel 1 ist eine Pflichtlektüre in Sachen „Recht und Gerech
tigkeit“; er präsentiert alte, aus den Digesten entnommene Weisheiten wie:
„Gerechtigkeit bedeutet der stetige und anhaltende Wille, jedem das Seine
18. So treffend Simon, Legislation (Anm. 3), 18: „The nomos is not used for rul
ing, rather it rules itself like an emperor.” Man möchte hinzufügen: it rules itself like
God.
19. άνευ τοϋ συμμαχοϋντος καί στρατηγοϋντος νόμου. Vgl. die divergierenden
Übersetzungen von Schminck, Studien (Anm. 14): „ohne das im Kampfe beistehende
und Befehle erteilende Gesetz“ und AERTS et al. (Anm. 9): „without the law as one’s
ally and commander-in-chief“, welche die militärische Konnotation der Wortwahl auf
greift.
32 Marie Theres Fögen f
zukommen zu lassen“20. Eröffnet wird das Gesetzbuch also im Namen des
Rechts und der Gerechtigkeit. Der erste Titel formuliert das „Programm
der Programme“ und erfüllt damit die Funktion eines Prooimions.
Titel 2 „Über den Kaiser“ enthält in zwölf Kapiteln Definitionen des
Kaisers selbst (Eis. 2.1: Βασιλεύς έστιν έννομος έπιστασία...), seines
Zwecks (Eis. 2.2: Σκοπός τφ βασιλεί ...), der Anforderungen an seine
Rechtgläubigkeit (Eis. 2.5) und Bestimmungen über die richtige Anwen
dung und Auslegung von Gesetzen (Eis. 2.6-12). Nur diese letzten Kapitel
über die Anwendung der Gesetze sind aus altem Recht, nämlich den Di
gesten, entnommen. Die Definitionen des Kaisers und seiner Aufgaben in
den ersten fünf Kapiteln sind hingegen erstmalig in der Eisagoge formu
liert worden.
Titel 3: „Über den Patriarchen“ beschreibt - fast spiegelbildlich zu Ti
tel 2 - in elf Kapiteln die Aufgaben des Patriarchen, insbesondere seine
Aufsicht über die Seelen, seine Pflicht, Häretiker und Ungläubige zu be
kehren, sowie seine Lehrbefugnisse. Alle diese Kapitel sind „neu“, erstmals
in diesem Wortlaut in der Eisagoge formuliert; so auch die schöne Be
stimmung Eis. 3.8: „Der Staat (πολιτεία) ist analog dem Menschen aus
Teilen und Gliedern zusammengesetzt. Die wichtigsten und nötigsten Tei
le sind der Kaiser und der Patriarch...“.
Wir haben in den Titeln 2 und 3 der Eisagoge ein Unikat byzantini
scher Rechtsbücher und Gesetzgebung vor uns. Eine so klare Kompetenz
verteilung zwischen Kaiser und Patriarch, zwischen weltlicher und geistli
cher Macht, gab es weder vorher noch nachher21. Entsprechend zahlreich
waren und sind die Versuche, dieses Phänomen zu erklären. Es wurde er
wogen, ob gegen Ende des 9. Jahrhunderts die westliche Lehre von den
Zwei Schwertern oder zumindest von der Verschiedenheit der profanen
und sakralen Ämter in Byzanz durchgesickert sein könnte22. Andere ver
muten, dass die scharfe Trennung der Kompetenzen auf einen höchstper
20. Eis. 1.4; D. 1.1.10 pr.
21. „In der gesamten byzantinischen Geschichte läßt sich nur ein einziges Mal
der Versuch feststellen, diese Beziehungen festzulegen, zu umgrenzen und zu insti
tutionalisieren.“ Spyros N. Troianos, «Die Beziehungen zwischen Staat und Kirche in
Griechenland», in : Αφιέρωμα εις τον Κωνσταντίνον Βαβοϋσκον, Bd. II, Thessaloniki
1990, S. 435-447 (438) = Ders. Historia et lus, Bd. II, Athen 2004, S. 175-198 (181).
22. So z.B. Μ. Th. Fügen, “Reanimation of Roman law in the ninth century: re
marks on reasons and results”, in: Byzantium in the Ninth Century: Dead or Alive?, ed.
L. Brubaker, Aidershot 1998, S. 11-22.
Gewalt, Gesetz und Organisation 33
sönlichen Machtstreit zwischen Patriarch (Photios) und Kaiser (Basileios
I.) zurückgeht, in welchem es dem Patriarchen gelang, seine Machtstellung
zu festigen, ja, sich dem Kaiser überzuordnen23. Womöglich liege der
Grund für die erstmalige Fixierung der kaiserlichen und patriarchalen
Kompetenzen aber weniger in Machtkämpfen zwischen den beiden höchs
ten Amtsträgern als in innerkirchlichen Streitigkeiten, in denen Photios
durch die ihm in Titel 3 zugewiesenen Rechte den Primat des Patriarchats
von Konstantinopel über die anderen Patriarchate sicherstellen wollte24.
Welche Motive im Einzelnen auch immer zur Formulierung der Kompe
tenzen von Kaiser und Patriarch geführt haben mögen25 - Einigkeit be
steht, dass Titel 2 und 3 der Eisagoge jedenfalls als ein Versuch anzusehen
sind, „die in ,Staat’ und ,Kirche’ der Zeit relevanten Positionen mit juris
tischen Mitteln zu beschreiben“, was „doch eine gewisse Sensation
dar(stellt)“, da der Patriarch Photios damit nichts Geringeres unternahm
als „Herrscherethos durch Rechtsform erzwingbar zu machen“26.
Ist also das Recht wenn nicht im Prooimion der Eisagoge, so doch in
den ersten Titeln des Gesetzbuchs in die Codierung von politischer Macht
zurückgekehrt? Ist politische Macht damit wieder durch ihr enges Ver
hältnis zu Recht und Gesetz ausgezeichnet? Was die Bindung des Kaisers
an die alten und bestehenden Gesetze betrifft, so ist dies zu bejahen. Aber
der Erlass von Gesetzen erscheint, ganz anders als in Justinians program
matischem Versprechen, durch Gesetze zu regieren, keineswegs als kaiser
liche Aufgabe, die er mit Gottes Gnaden und in Gottes Auftrag selbstver
antwortlich wahrzunehmen hätte. Vielmehr wird der Kaiser, der geborene
Gesetzgeber, zum Empfänger und zum Gegenstand des Gesetzes. Das Ge
setz, das seinen Ursprung im Kaiser zu haben pflegte, definiert nun, was
ein Kaiser ist. Damit bestätigt sich, was das Prooimion der Eisagoge zum
Ausdruck brachte: Das Gesetz ist immer schon da, der Kaiser ist diesem
stets schon unterworfen. Mehr als dem Gesetz zum Durchbruch zu verhel
fen, bleibt ihm nicht zu tun.
23. So insbesondere Andreas Schminck, «„Rota tu volubilis“. Kaisermacht und
Patriarchenmacht in Mosaiken», in: Cupido legum, hrsg. von L. Burgmann / Μ. Th.
Fügen/A. Schminck, (Frankfurt am Main 1985) S. 211-234.
24. So Spyros N. Troianos, «Ό Μέγας Φώτιος καί. ol διατάξεις τής ΕΙσαγωγής»,
in: Εκκλησία καί Θεολογία 10 (1989-1991) 489-504 (497ff.).
25. Zusammenfassung der Diskussion nun in Aerts et al. (Anm. 9), 137ff.
26. Simon, Princeps (Anm. 6), S. 470f.
34 Marie Theres Fögen t
4. Macht und Organisation
Die bescheidene, der Gewalt und der Gesetzgebung entkleidete
Machtstellung des Kaisers hat, wie erwähnt, viel Anlass zur Diskussion
gegeben. Womöglich sind die ersten Titel der Eisagoge aber weniger Aus
druck eines Machtkampfes als ein Versuch, diffuse Machtverteilungen zu
ordnen und zu definieren. Die Titel 2 und 3 enthalten in nuce ein Organi
gramm politischer - weltlicher und geistlicher - Macht. Ein solches Bild
der Macht, das in Definition und Funktion der Machtträger aufgeht, hatte
es noch nicht gegeben und sollte es auch später nicht mehr geben. Aus
dem „Organismus“ des Staates, wie er in Eis. 3.8 anschaulich dargestellt
ist, wird „Organisation“ abgeleitet, d.h. eine Ordnung des Ganzen (πο
λιτεία) im Verhältnis zu seinen Teilen - zunächst Kaiser und Patriarch -
hergestellt27.
Dass wir in der Eisagoge tatsächlich einen Versuch vor Augen haben,
politische Macht in Organisation zu überführen, erweisen die folgenden in
der Literatur weniger beachteten Titel: Titel 4-7 handeln vom Stadtepar-
chen, vom Quästor und von den anderen Magistraten, von deren Zustän
digkeiten, Rechten und Pflichten, Pflichten insbesondere auch (Titel 7) zur
korrekten und unentgeltlichen Amtsausübung. Die Bestimmungen sind
überwiegend - zuweilen mit kleinen Abweichungen - dem justinianischen
Recht entnommen28. Ein anderes Vorbild, wie man einen Staat organi
siert, stand nicht zur Verfügung, was aber nichts daran ändert, dass die
Eisagoge das erste und das letzte byzantinische Gesetzbuch ist, welches
frühere, fragmentarisch gebliebene Versuche, eine funktionale Staatsord
nung und eine wohlfunktionierende Magistratur aufzubauen, aufnahm
und die Organisation von „Staatsgewalt“ mit ihren Zuständigkeiten, bü
rokratischen Abläufen und Kompetenzgrenzen an den Anfang stellte. Ei
nige Beispiele:
„Der Stadteparch verbannt (Verbrecher), wobei der Kaiser die Insel
bestimmt“ (Eis. 4.3; D. 1.12.1.3).
27. Vgl. zum Organisationsbegriff Niklas Luhmann, Historisches Wörterbuch
der Philosophie, Bd.6, Basel 1984, Sp. 1326-1328.
28. Für den Eparchen aus D. 1.12; den Quästor aus N. 80; die Beamten in Titel 6
aus D. 1.18, Titel 7 aus N. 8, 128 und 134.
Gewalt, Gesetz und Organisation 35
„Der Stadteparch ist in der Stadt - nach dem Kaiser - mächtiger als
alle anderen. Wenn er aber die Grenzen der Stadt verlässt, hat er keine
Gewalt außer zu befehlen und zu richten“ (Eis. 4.11; D. 1.12.329).
„Der Quästor hat die Gewalt, alle, die sich in der großen Stadt aufhal
ten, zu kontrollieren, aus welcher Gegend sie kommen, gleich ob Männer,
Frauen, Kleriker, Mönche oder Nonnen oder Anwälte aus auswärtigen
Städten und von welchem Stand und welcher Würde sie sind, und dabei zu
untersuchen, wer sie sind und woher sie kamen und unter welchem Vor
wand ..." (Eis. 5.1; N. 80.1.1).
„Dem Quästor gewähren wir die Befugnis, auch Beamte dazu zu
drängen, an uns zu referieren, oder auch selbst das Nötige zu tun, damit er
weder mangelnde Gewalt noch sonst irgend etwas geltend macht, um be
deutungsloser zu erscheinen als er nach unserer Meinung ist.“ (Eis. 5.9; N.
80.9).
„Der Provinzgouverneur hat nur in seiner eigenen Eparchie Gewalt;
außerhalb dieser ist er nämlich ein Privatmann“ (Eis. 6.2; vgl. D. 1.18.3).
„Der Beamte soll Verrückte ins Gefängnis werfen, wenn sie nicht
durch Verwandte bewacht werden, oder sie fesseln. Wenn sie aber Morde
begehen, muss er untersuchen, ob sie nicht etwa vorgetäuscht haben, ver
rückt zu sein ... Er muss aber auch untersuchen, ob die Wächter leichtfer
tig waren. Sie (die Verrückten) werden nämlich nicht nur deshalb be
wacht, damit sie sich nicht selbst schaden, sondern auch, damit sie nicht
anderen schaden“ (Eis. 6.9; vgl. D. 1.18.13, 14).
„Wir [i.e. Justinian] befehlen, dass alle Beamten, sowohl die militäri
schen als auch die zivilen, Raubzüge und Gewaltdelikte, Raub von Sachen
oder Frauen oder andere in den Provinzen begangene Verbrechen höchst
persönlich untersuchen und mit den gesetzlichen Strafen belegen und dass
sie auch dafür nichts aufgrund angeblicher Gewohnheiten erhalten sollen,
so dass unsere Untertanen in jeder Hinsicht vor Schaden bewahrt bleiben.
...“ (Eis. 7.7; vgl. N. 128.21).
Was die Eisagoge vor allen anderen byzantinischen Rechtsbüchern
auszeichnet, ist also die Überführung politischer Macht in Organisation,
in Ämter, Kompetenzen, Funktionen und Hierarchien. Ob der Auslöser
dieser Ordnung ein psychologischer Grabenkrieg zwischen Kaiser und
29. Der erste Satz von Eis. 4.11 steht nicht in den Digesten (und auch nicht in
den Basiliken, B. 6.4.4); er ist - wohl in Anlehnung an Eis. 6.3 / D. 1.18.4 („Der Pro
vinzgouverneur ist in seiner Provinz - nach dem Kaiser - mächtiger als alle anderen.“)
- hinzugefügt worden.
36 Marie Theres Fügen t
Patriarch war oder ob der Patriarch seine Sonderinteressen damit verfolg
te, möchte ich dahingestellt sein lassen. Deutlich ist jedenfalls das Ergeb
nis: Kaisermacht wird nicht nur verrechtlicht, sondern die diffuse, unspe
zifizierte, auf Gott überschriebene Macht, wie das Prooimion sie zeichnet,
wird unter dem Dach von Recht und Gesetz (Titel 1) durch Organisation
(Titel 2-7) re-spezifiziert. Macht, die im jenseitigen Nebel verschwunden
war, kehrt auf eine pragmatisch-organisatorische Weise auf die Erde zu
rück.
5. Geteilte Macht - absolute Macht
Macht, so unsere Ausgangsthese, ist dazu da, eine rigide Präferenzord
nung für Handeln aufzustellen und unzählige andere Möglichkeiten zu ver
sperren. Wird Macht in Organisation überführt, so wird sie geteilt und ver
streut, verwaltet, bürokratisiert, transformiert und domestiziert. Unter dem
selten geäußerten Vorbehalt der größeren Macht des Kaisers agiert der
Quästor aus eigener Kompetenz, verbannt der Eparch kraft Amtes Verbre
cher, wirft der Beamte Verrückte ins Gefängnis. Zu Ende gedacht heißt dies:
Wenn Macht eine Organisation hat, so hat die Organisation die Macht - was
wohl jeder, der unter unerfreulichen politischen Regimes gelebt hat, bestäti
gen dürfte. Justinians (N. 80.9) in die Eisagoge (5.9) aufgenommene Auffor
derung, der Quästor möge sich nicht machtloser und bedeutungsloser ma
chen, als er nach des Kaisers Meinung ist und sein soll, bringt deutlich zum
Ausdruck: Die Delegation von Macht soll zu Eigenmacht führen. Auch dies
zu Ende gedacht heißt: Die Macht des Kaisers, die im Prooimion der Eisago
ge ohnehin schon nihiliert wurde, wird gänzlich entbehrlich.
Alle Macht den Organisationen - so weit ist es in Byzanz natürlich
nicht gekommen. Im Gegenteil. Der in der Eisagoge dokumentierte Ver
such, Macht unter der Prämisse von Recht und Gerechtigkeit in Organisa
tion zu spezifizieren, war viel zu „modern“ und offenbar unzeitgemäß. Die
Eingangstitel der Eisagoge wurden in die folgenden Rechts- und Gesetz
bücher, das Prochiron und seine Derivate, die Basiliken und ihre Derivate,
die Hexabiblos und ihre Derivate, nicht mehr aufgenommen. Fragmente
daraus tauchen zwar immer wieder in den Rechtshandschriften auf, teils
als erratische Lückenfüller, teils als versprengte Scholien zu den Rechtsbü
chern, teils mit anderen einschlägigen Fragmenten zu einem Paket ge
schnürt30. Zu einem neuen Anlauf, politische Macht in Form gesetzmäßi
30. Vgl. die Nachweise im Index zu Repertorium.
Gewalt, Gesetz und Organisation 37
ger Organisation darzustellen, kommt es nicht. Statt dessen überwiegen
Beschreibungen von Macht, die nicht auf Organisation fußen, nicht ein
mal auf armis et legibus rekurrieren, sondern sich - wie bei dem folgenden
Kaiser Leon VI. und seinen Novellen - auf die Imitation Gottes und dessen
Tugenden, auf Weisheit, Milde und Gerechtigkeit stützen. „Fürstenspiegel“
sprechen den Kaisern vor, welche Tugenden zählen und anzustreben sind.
Auf irdischer Ebene wird diese unspezifizierte Macht unterfüttert durch
höfischen Rang, Zeremonie und Sitzordnung an der kaiserlichen Tafel.
Zeremonien bûcher und Listen der Würdenträger zeichnen ein Bild der
Macht, das frei ist von der Erstcodierung, Gewalt, und der Zweitcodie
rung, Recht, und das keine andere „Organisation“ kennt als Hierarchie,
eine Hierarchie, die linear und pyramidal vom untersten Titel bis hinauf
zum Kaiser führt, über dem - in Wort und Bild - die Macht aller Mächte
thront: Gott.
Fragt man, warum denn die Organisationskapitel der Eisagoge „un
zeitgemäß“ waren, warum eine irdische Funktions- und Kompetenzvertei
lung der Macht so schlechte Chancen hatte, warum statt dessen Macht
(wieder) ungeteilt, unorganisiert und undifferenziert erscheint, so müssen
wir zu unserer Ausgangsbeschreibung von Macht zurückkehren. Wenn
Macht darin besteht, kommunikative Prozesse zu modalisieren und einzu
dämmen, indem sie den Überschuss an Alternativen unterdrückt, so ist
die Ausbildung von Macht überhaupt nur möglich und nötig, wo es einen
solchen Reichtum an Alternativen gibt. Wo hingegen alternative, devian
te, originelle, innovative, aus der Fremde rezipierte, heterodoxe, unge
wöhnliche Lebensformen, Entscheidungen und Handlungen ohnehin nicht
erwogen und praktiziert werden oder schnell, nicht etwa aufgrund von
Macht oder Recht, sondern aus moralischen und religiösen Gründen dis
kreditiert werden, da trifft Macht nicht auf das „Nicht-wollen“ der Unter
tanen, dessen sie bedarf, um sich überhaupt als Macht zu konstituieren
und zu offenbaren. Eine Gesellschaft, die in sich nicht reich an „Anders
wollen“ und damit nicht reich an Konflikten ist, gibt der Ausbildung und
Perfektion von politischer Macht keine gute Chance. Macht kann sich un
ter diesen Umständen als unspezifizierte und ungeteilte, also als absolute,
Macht darstellen. Eine solche absolute Macht ist geringe Macht, „weil ihr
gar keine Wahlsituationen vorliegen, in die sie eingreifen könnte“31. Die
„Wahlsituationen“ der Byzantiner waren dank Orthodoxie, kultureller Iso
31. Luhmann, Macht (Anm. 1), S. 30.
38 Marie Theres Fögen f
lat ion und rhomäischer Identität wohl denkbar gering. Weshalb politische
Macht getrost absolute und damit geringe Macht bleiben konnte und für
Macht in Form der Organisation, mit der die Eisagoge experimentierte,
kein Platz und kein Bedarf bestand.