Recht im Rettungsdienst
Behandlung und Behandlungsverweigerung • Straßenverkehr • Haftung
JUH Württemberg-Mitte • Nagold • 31.10.2021
Thomas Hochstein
Themenübersicht
⇒ Behandlung und Behandlungsverweigerung
▶ Durchführung heilkundlicher Maßnahmen
∙ Aufklärung und Einwilligung
∙ Arztvorbehalt (Not-/Regelkompetenz),
eigenständige Durchführung heilkundlicher Maßnahmen
▶ Behandlungs-/Transportverweigerung
⇒ Rettungsdienst im Straßenverkehr
▶ Sonderrechte / Wegerecht
▶ Ladungssicherung
⇒ Haftung für (Behandlungs-)Fehler
▶ Strafverfolgung
▶ Zivilverfahren
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 3
Aufklärung?
Notkompetenz?
Regelkompetenz?
DURCHFÜHRUNG HEILKUNDLICHER
MAßNAHMEN
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 4
Aufgaben des Notfallsanitäters
⇒ Erstversorgung, Stabilisierung und Transport
kritisch erkrankter und/oder verletzter Patienten
▶ Das erfordert regelmäßig auch die Durchführung
invasiver, heilkundlicher Maßnahmen.
▶ Diese Notwendigkeit besteht auch vor dem Eintreffen des
Notarztes und auch dann, wenn kein Arzt verfügbar ist.
Optional:
⇒ Eigenverantwortliche Patientenversorgung
ohne Hinzuziehung eines Arztes
▶ sparsamer Umgang mit der Ressource „Notarzt“
⇒ Die Notfallrettung wird aber
ärztliche Tätigkeit bleiben.
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Invasive / heilkundliche Maßnahmen
Selbstbestimmungsrecht
Arztvorbehalt
der Patienten
Invasive Maßnahmen berühren das Heilkundliche Maßnahmen
Selbstbestimmungsrecht der Patienten. berühren den Arztvorbehalt.
▶ Körperverletzung ▶ unerlaubte Ausübung d. Heilkunde
▶ Rechtfertigung durch Einwilligung ▶ Rechtfertigung durch Notstand
nach Aufklärung ▶ Möglichkeit der Delegation
▶ Erlaubnis zur Heilkundeausübung
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Invasive Maßnahmen
⇒ Invasive Maßnahmen
greifen in die körperliche Unversehrtheit ein.
⇒ Sie gelten in der Rechtsprechung
grundsätzlich als Körperverletzung,
▶ die der Rechtfertigung bedarf,
▶ die durch Einwilligung des Patienten erfolgt.
⇒ Diese Auslegung schützt das
Selbstbestimmungsrecht des Patienten
gegenüber Arzt und Rettungsfachpersonal.
⇒ Es kommt nicht darauf an,
wer die Maßnahme durchführt bzw. verantwortet.
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Heilkundliche Maßnahmen
⇒ Heilkundliche Maßnahmen sind solche,
die einem Arztvorbehalt unterliegen.
▶ Die Ausübung der Heilkunde ist grundsätzlich nur
einem Arzt (oder einem Heilpraktiker) erlaubt.
∙ Mittlerweile dürfen auch Notfallsanitäter
unter bestimmten Umständen die Heilkunde ausüben.
▶ Die Ausübung der Heilkunde durch andere Personen
bedarf ebenfalls der Rechtfertigung; insofern kommt
vor allem der rechtfertigende Notstand in Betracht.
▶ Dieses rechtliche Problem betrifft nur
nicht-ärztliches Rettungspersonal.
▶ Der zur Ausübung der Heilkunde Berechtigte
kann die Ausführung heilkundlicher Maßnahmen
unter bestimmten Voraussetzungen delegieren.
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 8
Rechtfertigende Einwilligung
⇒ Zur Rechtfertigung einer invasiven Maßnahme
ist die Einwilligung des Patienten erforderlich.
▶ konkludente (unausgesprochene) Einwilligung
▶ mutmaßliche Einwilligung
⇒ Eine solche rechtfertigende Einwilligung
setzt dabei voraus:
Einwilligungs- Aufklärung Einwilligung Durchführung
fähigkeit lege artis
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Einwilligungsfähigkeit
⇒ Grundsätzlich ist jeder (geistig) gesunde Erwachsene in der Lage,
über seine gesundheitliche Versorgung zu entscheiden.
⇒ Nicht einwilligungsfähig sind mithin
▶ Minderjährige (Kinder und Jugendliche)
∙ keine feste Altersgrenze; entscheidend ist tatsächlich vorhandene Einsichtsfähigkeit
∙ > 16 Jahre: oft schon einwilligungsfähig
▶ demente oder psychisch erkrankte Patienten
▶ Betrunkene und anderweitig Berauschte
▶ Bewusstlose
⇒ Bei fehlender Einwilligungsfähigkeit
▶ gesetzlicher Vertreter
▶ mutmaßliche Einwilligung
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Aufklärung
⇒ Die Aufklärung soll dem Patienten
▶ eine freie, informierte Entscheidung ermöglichen
▶ und so sein Selbstbestimmungsrecht wahren.
⇒ Inhalt:
▶ (vermutete) Art(en) der Erkrankung oder Verletzung (Verdachtsdiagnose)
▶ vorgesehene Behandlungsmaßnahmen und deren Notwendigkeit
▶ mögliche Risiken der Maßnahmen
▶ ggf. denkbare Alternativen
⇒ Der nötige Umfang der Aufklärung hängt ab von
▶ Risiken
▶ Dringlichkeit
der Maßnahme: je risikoloser und dringlicher, desto geringer.
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Durchführung der Maßnahmen
⇒ Lehnt der Patient eine indizierte Maßnahme ab,
ist seine Entscheidung grundsätzlich zu akzeptieren.
⇒ Stimmt er der Durchführung zu, muss die Maßnahme
▶ nach dem Stand der ärztlichen Wissenschaft
∙ naturwissenschaftliche Erkenntnisse und ärztliche Erfahrung
∙ Orientierung an (aktuellen) Leitlinien
∙ Handlungsanweisungen / Ablaufschemata / SOPs
▶ grundsätzlich auf Facharztstandard
∙ in der Notfallrettung ggf. nur eingeschränkt möglich
∙ muss aber ggf. baldmöglichst herbeigeführt werden
durchgeführt werden.
⇒ Behandlungsfehler können zur Haftung führen.
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Ausübung der Heilkunde
„jede Tätigkeit“?
"Ausübung der Heilkunde [...] ‣ Voraussetzung
ist jede berufs- oder gewerbsmäßig ärztlicher Fachkenntnisse
‣ drohende gesundheitliche Schäden
vorgenommene Tätigkeit zur (bei generalisierender und
Feststellung, Heilung oder Linderung typisierender Betrachtung)
von Krankheiten, Leiden oder „berufs- oder gewerbsmäßig“
Körperschäden bei Menschen [...]." ‣ nicht: innerhalb der Familie
§ 1 Abs. 2 HeilprG ‣ nicht: bei Erste-Hilfe-Leistung
⇒ Das Heilpraktikergesetz gilt auch im Rettungsdienst
und auch für Rettungsassistenten und Notfallsanitäter.
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„Notkompetenz“
⇒Rechtfertigung heilkundlicher Maßnahmen durch
Notstand (§ 34 StGB), wenn …
die Maßnahme zwingend sofort erforderlich ist
Zudem
muss die
ein Arzt nicht rechtzeitig erreichbar ist Maßnahme
beherrscht
werden.
der Patient danach dem Arzt übergeben wird
⇒Diese Rechtsmeinung hat der Gesetzgeber in der
Begründung zum Notfallsanitätergesetz bestätigt.
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Ausbildungsziel im NotSanG
§ 4 Abs. 1-2 NotSanG
(1) Die Ausbildung […] zum Notfallsanitäter soll entsprechend dem
allgemein anerkannten Stand rettungsdienstlicher, medizinischer
und weiterer bezugswissenschaftlicher Erkenntnisse fachliche,
personale, soziale und methodische Kompetenzen zur
eigenverantwortlichen Durchführung und teamorientierten
Mitwirkung insbesondere bei der notfallmedizinischen Versorgung
und dem Transport von […] Patienten vermitteln.
(2) Die Ausbildung nach Absatz 1 soll insbesondere dazu befähigen,
[Link] folgenden Aufgaben eigenverantwortlich auszuführen
[Link] folgenden Aufgaben im Rahmen der Mitwirkung auszuführen
[Link] anderen Berufsgruppen […] zusammenzuarbeiten.
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 15
Sog. „1-c-Maßnahmen“
⇒ § 4 Abs. 2 Nr. 1 c) NotSanG:
„Die Ausbildung nach Abs. 1 soll insbesondere dazu befähigen,
▶ die folgenden Aufgaben eigenverantwortlich auszuführen:
∙ Durchführen medizinischer Maßnahmen der Erstversorgung bei […] Patienten
im Notfalleinsatz und dabei Anwenden von in der Ausbildung erlernten und
beherrschten, auch invasiven Maßnahmen, um einer Verschlechterung der Situation
der […] Patienten bis zum Eintreffen […] des Notarztes oder dem Beginn einer
weiteren ärztlichen Versorgung vorzubeugen, wenn ein lebensgefährlicher Zustand
vorliegt oder wesentliche Folgeschäden zu erwarten sind“
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 16
Sog. „2-c-Maßnahmen“
⇒ § 4 Abs. 2 Nr. 2 c) NotSanG:
„Die Ausbildung nach Abs. 1 soll insbesondere dazu befähigen,
▶ die folgenden Aufgaben im Rahmen der Mitwirkung auszuführen:
∙ eigenständiges Durchführen von heilkundlichen Maßnahmen, die vom Ärztlichen
Leiter Rettungsdienst oder entsprechend verantwortlichen […] Ärzten bei
bestimmten notfallmedizinischen Zustandsbildern und –situationen
standardmäßig vorgegeben, überprüft und verantwortet werden“
⇒ Ist das nicht ein Widerspruch?
▶ eigenständiges Durchführen
▶ im Rahmen der Mitwirkung
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 17
Ausbildungszielbestimmung
⇒ Es handelt sich um eine Ausbildungszielbestimmung,
nicht um eine Kompetenzregelung.
⇒ Eine Ausbildungsvorgabe hat aber nur dann Sinn, wenn es auch
eine rechtliche Grundlage zur Anwendung des Erlernten gibt.
⇒ Nur welche? Substitution durch
Rettungsfachpersonal
Delegation an
Rettungsfachpersonal
Assistenz durch
Rettungsfachpersonal
Der Arzt behandelt alleine.
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§ 4 Abs. 2 Nr. 2 NotSanG
§ 4 Abs. 2 Nr. 2 NotSanG
Die Ausbildung [...] soll insbesondere dazu befähigen,
2. die folgenden Aufgaben im Rahmen der Mitwirkung auszuführen:
a) Assistieren bei der ärztlichen Notfall- und Akutversorgung von […]
Patienten im Notfalleinsatz,
b) eigenständiges Durchführen ärztlich veranlasster Maßnahmen bei
[…] Patienten im Notfalleinsatz und
c) eigenständiges Durchführen von heilkundlichen Maßnahmen,
dievom Ärztlichen Leiter Rettungsdienst […] bei bestimmten
notfallmedizinischen Zustandsbildern und -situationen
standardmäßig vorgegeben, überprüft und verantwortet werden.
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Keine Ausübung der Heilkunde
⇒ Die eigenständige Durchführung im Rahmen der Mitwirkung
(§ 4 Abs. 2 Nr. 2 c) berechtigt den Notfallsanitäter nicht zur
selbständigen Ausübung der Heilkunde.
▶ Es handelt sich um eine Regelung der Berufsausbildung,
nicht der Berufsausübung.
▶ Vergleichbare Gesetze wie das Gesetz über die Berufe in der Krankenpflege
enthalten ausdrückliche Erlaubnisse zur Ausübung der Heilkunde.
▶ Eine solche Regelung findet sich mittlerweile auch in § 2a NotSanG
für bestimmte Konstellationen.
⇒ Am ehesten handelt es sich wohl
um eine Form der Vorab- oder Generaldelegation.
▶ Eine solche kennen Rechtslehre und Rechtsprechung bisher aber nicht.
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 20
Voraussetzungen der Delegation
Delegations- Auswahl des Instruktion Überwachung
fähigkeit der Durchführenden / Anleitung
Maßnahme
⇒ Aufgaben, die der Arzt aufgrund der besonderen dafür
erforderlichen Fachkenntnisse nur höchstpersönlich erbringen
kann, dürfen nicht delegiert werden (Kernbereich der Tätigkeit):
▶ Diagnosestellung
▶ Indikationsstellung
▶ Entscheidung über die Therapie
▶ Durchführung invasiver Therapien
und operativer Eingriffe Stellungnahme der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung
zu Möglichkeiten und Grenzen der Delegation ärztlicher Leistungen vom 29.08.2008
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 21
Haftungsverteilung
⇒ Die Verantwortung für die Anordnung
(Anordnungsverantwortung) trägt der Arzt.
▶ Indikationsstellung, Aufklärung und Einwilligung
⇒ Er trägt auch die Auswahl- und Überwachungsverantwortung.
▶ Auswahl, Instruktion, Überwachung des Durchführenden
⇒ Die Verantwortung für die korrekte Durchführung
(Durchführungsverantwortung) trägt der Notfallsanitäter.
▶ Durchführung „lege artis“
▶ kritische Prüfung der eigenen Fähigkeiten
(Übernahmeverschulden)
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 22
Probleme der Delegationslösung
⇒ Die in § 4 Abs. 2 Nr. 2 c) NotSanG vom Gesetzgeber
vorausgesetzte Vorabdelegation schafft rechtlich
mehr Probleme als sie löst.
▶ Es gibt dazu nicht nur keine Rechtsprechung,
sondern auch keine gesicherte Lehrmeinung.
▶ Kennzeichen der Delegation ist eine Haftungsverteilung
zwischen dem, der anordnet (delegiert) und dem, der ausführt.
▶ Es ist fast unmöglich, sinnvolle SOPs zu schaffen,
bei denen der NotSan keine Indikation stellen muss.
⇒ Eine ergänzende (landesrechtliche) Regelung ist wohl
erforderlich (bspw. Art. 12 Abs. 1 Nr. 6 BayRDG).
"Die Ausbildungszielbestimmung des § 4 Abs. 2 Nr. 2 Buchstabe c des Notfallsanitätergesetzes"
Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages • Ausarbeitung WD 9 - 3000 - 042/16
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 23
Eigenständige Ausübung der Heilkunde
§ 2a NotSanG
Bis zum Eintreffen [...] des Notarztes oder bis zum Beginn einer
weiteren ärztlichen, auch teleärztlichen, Versorgung dürfen [...]
Notfallsanitäter heilkundliche Maßnahmen, einschließlich
heilkundlicher Maßnahmen invasiver Art, dann eigenverantwortlich
durchführen, wenn
1. sie diese Maßnahmen in ihrer Ausbildung erlernt haben
und beherrschen und
2. die Maßnahmen jeweils erforderlich sind, um Lebensgefahr oder
wesentliche Folgeschäden von der Patientin oder dem Patienten
abzuwenden.
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 24
Bedeutung
⇒ Die Vorschrift führt – lange erwartet und gefordert – eine eigene
Befugnis von Notfallsanitätern zur Ausübung der Heilkunde ein.
⇒ Diese Befugnis konzentriert sich auf heilkundliche Maßnahmen,
deckt aber auch entsprechende invasive Maßnahmen ab.
⇒ Sie beschränkt sich auf Notfälle und ersetzt dort die bisherige
Rechtfertigung durch Notstand durch eine Befugnis.
⇒ Für die eigenständige Durchführung heilkundlicher Maßnahmen
tragen Notfallsanitäter die volle Verantwortung.
⇒ Anderen Mitarbeitern im Rettungsdienst (RettAss, RettSan)
bleibt weiter der Rückgriff auf den rechtfertigenden Notstand.
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 25
Voraussetzungen und Grenzen
⇒ Die eigenständige Ausübung heilkundlicher Maßnahmen setzt
eine Notlage voraus, bei der dem Patienten
▶ Lebensgefahr
▶ wesentliche Folgeschäden
drohen.
⇒ Die entsprechenden Maßnahmen müssen
▶ in der Ausbildung erlernt worden sein
▶ und beherrscht werden.
⇒ Die eigenständige Kompetenz endet mit
▶ Eintreffen des Notarztes
▶ oder dem Beginn einer anderen ärztlichen Behandlung
∙ in der Klinik
∙ durch Telemedizin
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 26
Betäubungsmittel im Rettungsdienst
⇒ Nur Ärzte dürfen Betäubungsmittel verschreiben.
⇒ Nur im Rahmen einer ärztlichen Behandlung dürfen
Betäubungsmittel verabreicht oder überlassen werden.
⇒ Eine begründete Behandlung erfordert nach der Rechtsprechung
eine vorherige ärztliche Untersuchung und Indikationsstellung.
▶ Diese ist nicht an Rettungsfachpersonal delegierbar.
⇒ Bei der Rechtfertigung der Betäubungsmittelgabe
durch Notstand (§ 34 StGB) ist ein strenger Maßstab anzulegen.
▶ Wenn möglich ist auf nicht dem BtMG
unterliegende Arzneimittel zurückzugreifen.
▶ Die Verabreichung wird sich auf seltene Ausnahmefälle,
insbesondere schwere Traumata, beschränken.
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 27
Zusammenfassung
⇒ Die Durchführung heilkundlicher Maßnahmen
im Notfall ist (und war) rechtlich unproblematisch.
⇒ Notfallsanitäter haben im Notfall eine eigene Befugnis zur
Ausübung der Heilkunde; für alle anderen ändert sich nichts.
⇒ Die Übertragung zusätzlicher Kompetenzen im Wege einer Vorab-
oder Generaldelegation stößt auf viele ungelöste Rechtsfragen.
⇒ Die Verabreichung von Betäubungsmitteln ohne vorherige
ärztliche Untersuchung und Indikationsstellung ist strafrechtlich
hochproblematisch und sollte möglichst vermieden werden.
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 28
Wenn der Patient nicht so will,
wie wir wollen …
TRANSPORT- UND
BEHANDLUNGSVERWEIGERUNG
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 29
Problemstellung
⇒ Der Patient lehnt eine Behandlung
oder den Transport in eine Klinik ab.
∙ Wird sein Wunsch respektiert, kann ∙ Wird er gegen seinen Willen
er schwere Schäden erleiden oder behandelt oder transportiert,
gar versterben. drohen aber gleichfalls Vorwürfe:
∙ Es drohen Vorwürfe: - Körperverletzung
- unterlassene Hilfeleistung - Nötigung
- (fahrlässige) Körperverletzung - Freiheitsberaubung
durch Unterlassen
- fahrlässige Tötung/Totschlag
durch Unterlassen
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 30
Behandlungsindikation / Patientenwille
⇒ Behandlung / Transport
⇒ Behandlungs-/ Transportverweigerung
⇒ fehlende Behandlungs-/
Transportindikation
⇒ Ablehnung von
Behandlung / Transport
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 31
Strafrechtliche Problematik
⇒ Strafrechtlich kommen insbesondere
Unterlassungsdelikte in Betracht.
Aktives Tun Unterlassen
⇒ Normalerweise bedroht der ⇒ Nur ausnahmsweise ist es
Gesetzgeber es mit Strafe, auch strafbar, etwas
etwas Verbotenes zu tun. Gebotenes nicht zu tun.
⇒ Begehungsdelikte ⇒ Unterlassungsdelikte
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 32
Unterlassene Hilfeleistung
⇒ Verletzung der allgemeinen Hilfeleistungspflicht
⇒ § 323c StGB: Unterlassene Hilfeleistung
„Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet,
obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten,
insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer
wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder
mit Geldstrafe bestraft.“
⇒ Eine Strafbarkeit setzt voraus,
dass die Notwendigkeit einer Hilfeleistung erkannt,
aber dennoch keine Hilfe geleistet wird.
⇒ Auf die Folgen kommt es nicht an.
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 33
Unechte Unterlassungsdelikte
⇒ „Unechte Unterlassungsdelikte“:
„Wer es unterlässt, einen Erfolg abzuwenden, der zum Tatbestand eines
Strafgesetzes gehört, ist nach diesem Gesetz nur dann strafbar, wenn er
rechtlich dafür einzustehen hat, dass der Erfolg nicht eintritt, und wenn das
Unterlassen der Verwirklichung des gesetzlichen Tatbestandes durch ein Tun
entspricht.“
[§ 13 StGB]
⇒ Generalklausel:
Auf alle Straftatbestände ergänzend anwendbar.
⇒ Gilt nur für bestimmte Personen, sog. Garanten.
⇒ Die Strafdrohung ist im Vergleich
zur unterlassenen Hilfeleistung meist höher.
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 34
Garantenstellung
⇒ Ein Garant hat eine sog. Garantenstellung,
d.h. besondere Obhutspflichten
▶ gegenüber einer bestimmten Person oder Sache
(Beschützergarant), beruhend auf
∙ enger natürlicher Verbundenheit
- bspw. Ehegatten, Eltern, Kinder
∙ Lebens- oder Gefahrgemeinschaften
- bspw. Bergsteiger
∙ Übernahme von Schutz- oder Beistandspflichten
- bspw. Babysitter, Bademeister, Ärzte, Rettungskräfte
- aber nur im Dienst und erst mit Dienstübernahme
▶ oder bezüglich der von einer Sache oder Person ausgehenden Gefahren
(Überwachergarant)
⇒ Helfer im Rettungs-/Sanitätsdienst sind Garanten.
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 35
Hilfeleistungspflicht
⇒ Gefordert ist die Hilfeleistung nach besten Kräften.
⇒ Der Umfang der Hilfeleistungspflicht ist abhängig von
▶ individuellen Kenntnissen und Fähigkeiten
▶ körperlichen und geistigen Möglichkeiten
⇒ Das gilt für die allgemeine Hilfeleistungspflicht
wie auch für die Anforderungen an Garanten.
⇒ Keine Pflicht zur Hilfeleistung besteht,
wenn der Patient aus freien Stücken auf Hilfe verzichtet.
⇒ Entscheidend ist der Wille des Patienten, nicht dessen Wohl.
⇒ Voraussetzung ist, dass der Patient
▶ seine Lage richtig verstehen und beurteilen
▶ und so eine informierte Entscheidung treffen kann.
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 36
Checkliste Verweigerung
nein
Transportindikation? kein Transport
nein
Einsichtsfähigkeit? „Zwangseinweisung“
Grundlage einer
Aufklärung informierten Entscheidung
des Patienten
Entscheidung
des Patienten
Dokumentation
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 37
Voraussetzungen des Verzichts
⇒ Einsichtsfähigkeit
▶ Der Patient ist generell und auch derzeit in der Lage, überhaupt
Entscheidungen über seine Gesundheitsversorgung zu treffen.
⇒ Aufklärung
▶ Der Patient wurde über seine Lage und die ihm drohenden (gesundheitlichen)
Gefahren sowie die möglichen Folgen umfassend aufgeklärt.
⇒ Ablehnung / Verzichtserklärung
▶ Der einsichtsfähige Patient erklärt nach erfolgter Aufklärung,
dass er jedwede oder eine bestimmte Behandlung ablehnt.
⇒ Dokumentation
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 38
Einsichtsfähigkeit
⇒ Grundsätzlich ist jeder (geistig) gesunde Erwachsene in der Lage,
über seine gesundheitliche Versorgung zu entscheiden.
⇒ Nicht einsichtsfähig sind mithin
▶ Minderjährige (Kinder und Jugendliche)
∙ keine feste Altersgrenze; entscheidend ist tatsächlich vorhandene Einsichtsfähigkeit
∙ > 16 Jahre: oft schon einsichtsfähig
▶ demente oder psychisch erkrankte Patienten
▶ Betrunkene und anderweitig Berauschte
▶ Bewusstlose
⇒ Bei fehlender Einsichtsfähigkeit
▶ gesetzlicher Vertreter
▶ „Zwangseinweisung“
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 39
Aufklärung
⇒ Die Aufklärung soll dem Patienten
▶ eine freie, informierte Entscheidung ermöglichen
▶ und so sein Selbstbestimmungsrecht wahren.
⇒ Inhalt:
▶ (vermutete) Art(en) der Erkrankung oder Verletzung (Verdachtsdiagnose)
▶ mögliche Folgen der Entscheidung zur Ablehnung der Behandlung (Gefahren)
▶ vorgesehene Behandlungsmaßnahmen und ggf. deren Risiken
⇒ Umfassend und überzeugend, aber ohne Übertreibungen.
⇒ Im Zweifelsfall: Hinzuziehung eines Arztes
▶ bessere Einschätzungsfähigkeit
▶ höhere Überzeugungskraft
▶ Risikoverteilung
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 40
Entscheidung des Patienten
⇒ Der Patient stimmt nach Aufklärung
den nötigen Maßnahmen oder dem Transport zu:
▶ Problem gelöst
⇒ Der Patient lehnt auch nach Aufklärung
die notwendigen Maßnahmen ab …
▶ … und ist einsichtsfähig:
∙ Dokumentation der Befunde, der Aufklärung und der Entscheidung
∙ Unterschrift des Verantwortlichen, des Patienten und/oder von Zeugen
▶ … und ist nicht einsichtsfähig:
∙ Entscheidung des gesetzlichen Vertreters
∙ ggf. „Zwangseinweisung“
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 41
Dokumentation
⇒ Bei der Weigerung des Patienten sind neben seiner Entscheidung
vor allem die Aufklärung (und die Einsichtsfähigkeit) von
Bedeutung.
⇒ Aus der Dokumentation sollten die Befunde,
aber auch der Inhalt der Aufklärung,
namentlich die dargestellten Risiken, hervorgehen.
⇒ Der Patient sollte den Vordruck unterschreiben;
unabhängig davon sind Unterschriften von Zeugen
(und ggf. deren Erreichbarkeit) sinnvoll.
⇒ Die Dokumentation ist eine Urkunde, die nicht mehr
ungekennzeichnet verändert werden darf.
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 42
Ablehnung des Transports
Vorsicht!
⇒ Schon ein Rettungseinsatz, bei dem der Patient den Transport
ablehnt, kann rechtliche Risiken für das Rettungsfachpersonal
nach sich ziehen, wenn der Patient später zu Schaden kommt.
⇒ Dies gilt umso mehr, wenn dem Patient der Transport ausgeredet
wird oder sogar ein Transportwunsch des Patienten abgelehnt
wird.
⇒ Es droht im schlimmsten Fall eine Strafbarkeit wegen
unterlassener Hilfeleistung, fahrlässiger Körperverletzung
oder fahrlässiger Tötung.
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 43
Ablehnung des Transports
⇒ Bevor der Transport eines Patienten unterbleibt oder gar
abgelehnt wird, ist daher eine besonders sorgfältige
Untersuchung geboten.
⇒ Gerade bei alkoholisiert wirkenden Patienten darf das Risiko einer
durch die (scheinbare) Alkoholisierung verdeckten Erkrankung
oder Verletzung nicht unterschätzt werden.
⇒ Im Zweifelsfall sollte ein Patient immer transportiert werden –
besser, dass ein unnötiger Transport erfolgt, als dass ein
notwendiger Transport unterbleibt.
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 44
Fahrzeuge des Rettungsdienstes sind
von den Vorschriften dieser Verordnung
befreit, wenn höchste Eile geboten ist, [...]
SONDERRECHTE UND WEGERECHT /
LADUNGSSICHERUNG
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 45
Sonderrechte / Wegerecht
Sonderrechte Wegerecht
⇒ Rechtsgrundlage: § 35 StVO ⇒ Rechtsgrundlage: § 38 StVO
⇒ befreit von (manchen oder allen) ⇒ verpflichtet alle anderen
Vorschriften der StVO Verkehrsteilnehmer, freie Bahn zu schaffen
⇒ Berechtigte: ⇒ Berechtigte:
▶ Polizei, Feuerwehr, KatS, Bundespolizei, ▶ Fahrzeuge, die mit blauem Blinklicht und
Bundeswehr, Zoll Einsatzhorn ausgestattet sind
▶ Fahrzeuge des Rettungsdienstes
⇒ Voraussetzung: ⇒ Voraussetzung:
▶ zur Erfüllung hoheitlicher Aufgaben ▶ höchste Eile geboten ist, um Menschenleben zu
dringend geboten retten oder schwere gesundheitliche Schäden
▶ höchste Eile geboten, um Menschenleben zu abzuwenden, eine Gefahr für die öffentliche
retten oder schwere gesundheitliche Schäden Sicherheit oder Ordnung abzuwenden, […]
abzuwenden
⇒ keine Kennzeichnung erforderlich ⇒ Blaulicht und Einsatzhorn
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 46
§ 35 StVO: Sonderrechte
(1) Von den Vorschriften dieser Verordnung sind die Bundeswehr,
die Bundespolizei, die Feuerwehr, der Katastrophenschutz, die
Polizei und der Zolldienst befreit, soweit das zur Erfüllung
hoheitlicher Aufgaben dringend geboten ist.
(5a) Fahrzeuge des Rettungsdienstes sind von den Vorschriften
dieser Verordnung befreit, wenn höchste Eile geboten ist, um
Menschenleben zu retten oder schwere gesundheitliche Schäden
abzuwenden.
(8) Die Sonderrechte dürfen nur unter gebührender Berücksichtigung
der öffentlichen Sicherheit und Ordnung ausgeübt werden.
§ 35 Abs. 1, 5a, 8 StVO
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 47
§ 38 StVO: Blaues Blinklicht
(1) Blaues Blinklicht zusammen mit dem Einsatzhorn darf nur
verwendet werden, wenn höchste Eile geboten ist, um
Menschenleben zu retten oder schwere gesundheitliche Schäden
abzuwenden, eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit oder
Ordnung abzuwenden, flüchtige Personen zu verfolgen oder
bedeutende Sachwerte zu erhalten.
Es ordnet an:
„Alle übrigen Verkehrsteilnehmer haben sofort
freie Bahn zu schaffen".
§ 38 Abs. 1 StVO
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 48
§ 38 StVO: Blaues Blinklicht
(2) Blaues Blinklicht allein darf nur von den damit ausgerüsteten
Fahrzeugen und nur zur Warnung an Unfall- oder sonstigen
Einsatzstellen, bei Einsatzfahrten oder bei der Begleitung von
Fahrzeugen oder von geschlossenen Verbänden verwendet
werden.
§ 38 Abs. 2 StVO
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 49
Sonderrechte: Voraussetzungen
Rettungsdienst Katastrophenschutz
Fahrzeuge des Was ist
Rettungsdienstes Katastrophenschutz?
Welche Fahrzeuge Welche Aufgaben
gehören zum sind hoheitlich?
Rettungsdienst?
höchste Eile geboten
Helfer vor Ort Sanitätsdienst Hausnotruf
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 50
Sonderrechte: Umsetzung
⇒ Wer entscheidet,
ob Sonderrechte in Anspruch genommen werden?
⇒ Wer entscheidet,
wie Sonderrechte in Anspruch genommen werden?
⇒ Wie wird ein Fahrzeug gekennzeichnet,
das Sonderrechte in Anspruch nimmt?
⇒ Was bedeutet die Inanspruchnahme
von Sonderrechten?
▶ Befreiung von den Vorschriften der StVO
▶ keine Wirkung ggü. anderen Verkehrsteilnehmern
▶ Einschränkungen
bei der Inanspruchnahme von Sonderrechten
⇒ § 35 Abs. 9 StVO: Funken auf Alleinfahrt
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 51
Wegerecht
höchste Eile geboten
Blaues Blinklicht und Einsatzhorn
alle anderen Fahrzeuge haben
sofort freie Bahn zu schaffen
• ständige Aufmerksamkeit
• Fehlreaktionen anderer Verkehrsteilnehmer
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 52
Ausstattung mit Sondersignal
⇒ § 52 Abs. 3 StVZO:
▶ Kraftfahrzeuge, die dem Vollzugsdienst der Polizei, der Militärpolizei,
der Bundespolizei, des Zolldienstes, des Bundesamtes für Güterverkehr
oder der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung dienen, […]
▶ Einsatz- und Kommando-Kraftfahrzeuge der Feuerwehren und
der anderen Einheiten und Einrichtungen des Katastrophenschutzes
und des Rettungsdienstes,
▶ Kraftfahrzeuge, die nach dem Fahrzeugschein als Unfallhilfswagen
öffentlicher Verkehrsbetriebe mit spurgeführten Fahrzeugen […]
anerkannt sind,
▶ Kraftfahrzeuge des Rettungsdienstes,
die für Krankentransport oder Notfallrettung besonders eingerichtet
und nach dem Fahrzeugschein als Krankenkraftwagen anerkannt sind.
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 53
Verkehrsunfall auf Einsatzfahrt
⇒ § 34 StVO: Verhalten bei Unfällen
▶ dazu gehört:
∙ anhalten
∙ absichern
∙ Unfallfolgen klären, Verletzten helfen
∙ Feststellung der Unfallbeteiligung ermöglichen
▶ aber: „von den Vorschriften dieser Verordnung befreit“
⇒ § 142 StGB: Unerlaubtes Entfernen vom Unfallort
▶ ggf. § 34 StGB: rechtfertigender Notstand
▶ Feststellungen unverzüglich nachträglich ermöglichen
⇒ Unfall mit Personenschaden
▶ Güterabwägung
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 54
Missbrauch von Sondersignalen
⇒ Missbrauch von Blaulicht und/oder Einsatzhorn
▶ Ordnungswidrigkeit (20,- €)
▶ je nach Fahrweise: ggf. Nötigung (§ 240 StGB)
▶ Haftung beim Unfall
▶ organisationsinterne Folgen
▶ Überprüfung von erteilten Ausnahmegenehmigungen
oder der zulassungsrechtlichen Voraussetzungen
⇒ Unberechtigte Inanspruchnahme
von Sonderrechten
▶ begangene Verstöße gegen die StVO sind
in der Regel als Ordnungswidrigkeiten zu ahnden
▶ Haftung beim Unfall
▶ organisationsinterne Folgen
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 55
Geschlossene Verbände
⇒ Ein geschlossener Verband gilt als ein Fahrzeug.
▶ Er darf nicht unterbrochen werden.
▶ Er darf Kreuzungen und Einmündungen zur Gänze queren,
wenn das erste Fahrzeug queren durfte.
⇒ Geschlossene Verbände müssen erkennbar sein.
▶ Alle Fahrzeuge müssen gekennzeichnet sein.
∙ Fahnen, Plakate, Blaulicht
▶ Der Verband muss geschlossen gehalten werden.
⇒ Fahrten im geschlossenen Verband sind genehmigungspflichtig.
▶ Ausnahme: Sonderrechtsberechtigte (namentlich KatS)
▶ Konvois > 30 Fahrzeuge sind immer anzumelden.
∙ Ausnahme: Großschadensfall / Katastrophe
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Ladungssicherung / Mitfahrer
Die Ladung einschließlich Geräte zur Ladungssicherung sowie
Ladeeinrichtungen sind so zu verstauen und zu sichern, dass sie
selbst bei Vollbremsung oder plötzlicher Ausweichbewegung nicht
verrutschen, umfallen, hin- und herrollen, herabfallen oder
vermeidbaren Lärm erzeugen können. Dabei sind die anerkannten
Regeln der Technik zu beachten.
§ 22 Abs. 1 StVO
In Kraftfahrzeugen dürfen nicht mehr Personen befördert werden,
als mit Sicherheitsgurten ausgerüstete Sitzplätze vorhanden sind.
§ 21 Abs. 1 S. 1 StVO
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Verantwortung des Fahrzeugführers
Wer ein Fahrzeug führt, ist dafür verantwortlich, dass seine Sicht
und das Gehör nicht durch die Besetzung, Tiere, die Ladung, Geräte
oder den Zustand des Fahrzeugs beeinträchtigt werden.
Wer ein Fahrzeug führt, hat zudem dafür zu sorgen, dass das
Fahrzeug, der Zug, das Gespann sowie die Ladung und die
Besetzung vorschriftsmäßig sind und dass die Verkehrssicherheit
des Fahrzeugs durch die Ladung oder die Besetzung nicht leidet.
§ 23 Abs. 1 S. 1-2 StVO
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 58
Ladungssicherung im Rettungsdienst
⇒ Ladung umfasst nicht die Fahrzeugausstattung oder Mitfahrer.
▶ Im Rettungsdienst ist also in erster Linie Gepäck (Rollstühle!) betroffen.
⇒ Der Fahrer ist dafür verantwortlich, dass
▶ Mitfahrer (Personal, Patienten, Begleiter) sicher sitzen,
▶ Ladung sicher verstaut ist
▶ und auch die Fahrzeugausstattung gesichert ist.
⇒ Dazu gehört:
▶ Jeder hat einen Sitzplatz und den Sicherheitsgurt angelegt.
▶ Medizintechnik, Koffer/Taschen, Schreibunterlagen pp. sind gesichert.
▶ Gepäck und andere Ladung ist sicher verzurrt.
⇒ Ist das nicht möglich, kann die Fahrt so nicht stattfinden.
⇒ Ausnahme: Sonderrechte oder Notstand (§§ 16 OWiG, 34 StGB)
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Rechtsfolgen von Fehlern
HAFTUNG FÜR BEHANDLUNGSFEHLER
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Mögliche Rechtsfolgen
⇒ Fehlentscheidungen oder Fehler bei der Durchführung können
Konsequenzen auf unterschiedlichen Rechtsgebieten nach sich
ziehen.
Strafrechtliche Zivilrechtliche Arbeitsrecht
Verfolgung Haftung
Staatsanwaltschaft Geschädigte Arbeitgeber
Geld- oder Schadensersatz Abmahnung
Freiheitsstrafe und oder Entlassung
Schmerzensgeld
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Strafrechtliche Verfolgung
⇒ Strafrechtlich kommen v.a. Unterlassungsdelikte in Betracht.
⇒ Unterlassene Hilfeleistung
▶ Verletzung der allgemeinen Hilfeleistungspflicht
▶ Eine Strafbarkeit setzt voraus, dass die Notwendigkeit einer Hilfeleistung
erkannt, aber dennoch keine Hilfe geleistet wird.
▶ Auf die Folgen kommt es nicht an.
⇒ Unechte Unterlassungsdelikte
▶ Verletzung einer Garantenpflicht
▶ Zumeist fahrlässige Begehungsweise
∙ fahrlässige Körperverletzung (durch Unterlassen)
(§ 229 StGB – Freiheitsstrafe bis 3 Jahre oder Geldstrafe)
∙ fahrlässige Tötung (durch Unterlassen)
(§ 222 StGB – Freiheitsstrafe bis 5 Jahre oder Geldstrafe)
Thomas Hochstein „Recht im Rettungsdienst“ 62
Zivilrechtliche Haftung
⇒ § 823 BGB: Schadensersatzpflicht
„Wer vorsätzlich oder fahrlässig das Leben, den Körper, die Gesundheit […]
oder ein sonstiges Recht eines anderen widerrechtlich verletzt, ist dem anderen
zum Ersatz des daraus entstehenden Schadens verpflichtet.
Die gleiche Verpflichtung trifft denjenigen, welcher gegen ein den Schutz eines
anderen bezweckendes Gesetz verstößt.“
⇒ § 253 Abs. 2 BGB: Immaterieller Schaden
„Ist wegen einer Verletzung des Körpers, der Gesundheit, […] Schadensersatz
zu leisten, kann auch wegen des Schadens, der nicht Vermögensschaden ist,
eine billige Entschädigung in Geld gefordert werden.“
⇒ Zivilrechtlich wird grundsätzlich für Vorsatz
und auch jede Fahrlässigkeit gehaftet.
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Rechtlicher Bewertungsmaßstab
⇒ Zu prüfen ist, ob das Handeln „richtig“ war.
▶ Indikationsstellung und Durchführung / Nicht-Durchführung
▶ Stand der ärztlichen Wissenschaft
⇒ Entscheidend ist nicht, was rückblickend „richtig“ gewesen wäre,
sondern welche Entscheidung das Rettungsfachpersonal (oder der
Arzt) hätte treffen müssen (Betrachtung ex ante).
⇒ Auf dieser fachlichen Bewertung
basiert die anschließende rechtliche Bewertung.
▶ Waren die Maßnahmen fachlich richtig, ist eine Haftung ausgeschlossen.
▶ Strafrechtlich muss der Vollbeweis der Tat geführt werden.
▶ Zivilrechtlich kommt eine Beweislastumkehr bei groben Behandlungsfehlern
oder hinsichtlich der Aufklärung in Betracht.
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Ablauf eines Ermittlungsverfahrens
⇒ Kenntniserlangung
▶ Strafanzeige bei Polizei oder Staatsanwaltschaft
▶ Todesermittlungsverfahren
▶ sonstige eigene Wahrnehmung (Presse!)
⇒ Rechtliche Würdigung
und Prüfung des Anfangsverdachts
⇒ Aufnahme der Ermittlungen
⇒ Prüfung des hinreichenden Tatverdachts
und Abschlussentscheidung
Anklage / geringe kein
Strafbefehl Schuld Tatnachweis
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Ermittlungsschritte
⇒ Vernehmung des Anzeigeerstatters und
Erhebung einer Schweigepflichtentbindung
⇒ Erhebung von Sachbeweisen
▶ Einsatzprotokoll und Tonaufzeichnungen der Leitstelle
▶ Notfallprotokoll
▶ Krankenakten der aufnehmenden Klinik,
ggf. Vorbehandler
⇒ Zeugenvernehmungen
▶ Patienten, Angehörige, Passanten,
Kollegen, Nachbehandler, …
⇒ Sachverständigengutachten
⇒ Beschuldigtenvernehmung
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Ihre drei Verteidigungslinien
⇒ Gute Arbeit
▶ gute Aus- und Fortbildung
▶ Routine (Checklisten, Schemata)
▶ Crew Resource Management (CRM)
⇒ Gute Dokumentation
▶ Befunde und Maßnahmen dokumentieren
▶ möglichst vollständig (und verständlich)
▶ anlassbezogen: Gedächtnisprotokoll
⇒ Freundliches Auftreten
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Danke!
Danke für Ihre Aufmerksamkeit!
Thomas Hochstein
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