Weltkunst #99. April 2015
Weltkunst #99. April 2015
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Die Nr. 1
Gerhard Richter
Exklusiv Der Kunstkompass – die Rangliste der
100 wichtigsten Künstler unserer Zeit
L’âme du voyage.
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UNSER
TITELBILD
Bilder: Gerhard Richter, 2015
Venedig war für Gerhard Richter ein wichti- etwas Undenkbares. Aber in Richters Metho- dunstige Schleier die Szene, am Ende löst
ger Ort seiner Karriere. Hier wurde 1972 sein de des verwischt-diffusen Nachmalens von sich alles in zarten Farbwolken auf.
Werk zum ersten Mal einer großen Weltöf- meist eher banalen Fotografien passte es sich Aber warum hängt eine Reproduktion
fentlichkeit vorgestellt. An seinen überragen- bruchlos ein. Tizians »Verkündigung« wollte des Gemäldes in Richters Atelier, so wie wir
den Erfolg, den wir in dieser Ausgabe ab Sei- er »einfach haben, wenigstens als Kopie«. es auf unserem Coverbild sehen? Das Kunst-
te 26 würdigen, war noch nicht zu denken, Von Beginn an war die »Kopie«, die natürlich museum Basel konnte 2014 vier Versionen
als der Biennale-Kommissar der Bundesrepu- keine ist, als Serie von fünf Bildern angelegt, der »Verkündigung nach Tizian« aus einer
blik, Dieter Honisch, den Maler für den die Richter alle 1973 malte. Zürcher Privatsammlung erwerben. Ge-
deutschen Pavillon auswählte. Aber Richter Die hier gezeigte Version, die heute meinsam mit dem Gemälde aus Washington
brachte nicht nur internationale Anerken- dem Hirshhorn Museum in Washington ge- waren sie im vergangenen Jahr in der spekta-
nung aus der Lagunenstadt mit, sondern hört, ist Tizians Darstellung aus der Zeit um kulären Richter-Schau der Fondation Beyeler
auch den Eindruck von Tizian, dessen »Ver- 1540 am nächsten. Der Erzengel Gabriel in Basel zu sehen. Auf Dauer ist das in einem
kündigung« in der Scuola Grande di San schwebt mit dramatisch flatterndem Ge- Kunstmuseum natürlich nicht möglich; so
Rocco ihn nicht losließ. »Ich kam aus Vene- wand herbei, ein Lichtstrahl trifft die knien- schlug Richter vor, nach der Wiedereröffnung
dig von der Biennale zurück und hatte das de Maria, während sie die frohe Botschaft er- des erweiterten Hauses die fehlende Fassung
Gemälde gesehen und habe gedacht, das hält, dass sie ein göttliches Kind gebären als Fotoreproduktion zu zeigen. Einstweilen
machst du jetzt für dich und dein Wohnzim- wird. Richter hat die Szene in seine charak- hängt sie bei ihm in Köln. »Zur Probe«, wie
mer«, erzählte er später in einem Interview. teristische Unschärfe getaucht, die Farben er sagt. So will er noch verschiedene Hellig-
Die Aneignung eines Renaissancege- sind wärmer und samtiger, alles verschmilzt keiten austesten. Ab April 2016 können wir
mäldes war damals in den Zeiten des Mini- miteinander. In den vier anderen Versionen Gerhard Richters (fast) kompletten Tizian
malismus und der Konzeptkunst eigentlich »vermalte« er das Bild. Zuerst verwischen dann in Basel erleben. SEBASTIAN PREUSS
3
INHALT
Kolumnen
10
Drei Wünsche
Korallen aus Keramik, ein Rabe
aus Bronze und fotografierte
Stillleben aus der Psychiatrie
12 Die Marktfrau
Neue Software hilft Sammlern,
ihre Schätze zu verwalten
Bilder: Olafur Eliasson 2010; Elena Alonso; Raoul Van den Boom/ZERO foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
14 Heimliche Zwillinge
Ilja Repins Porträt von Wsewolod
Garschin und Late-Night-
Moderator Jon Stewart
Der Kunstkompass
24 Die Ruhmesliste 66 Trend: Post-Internet
Seit 45 Jahren recherchiert der Social Media wird museumsreif
Kunstkompass die öffentliche
Resonanz der Gegenwartskunst 79 Die Favoriten des Markts
Wer erzielte Rekordpreise?
26
Rang 1: Gerhard Richter
Gläubiger Zweifler oder Meister 80 Wie der Kunstkompass entsteht
der Indifferenz? Wie ist das Werk Die Methode und die Listen
des Malers Gerhard Richter zu
bewerten? Zwei Meinungen im 84 Die Kunstkompass-Macherin
W
iderstreit Linde Rohr-Bongard im Interview
4
Agenda
106 Nachrichten 120 Schaufenster
La Patinoire royale – Brüssel Maria Sibylla Merians Stich
eröffnet neues Kunstmuseum, »Banane mit Echse (1705) im
Nolde Stiftung kauft »Stillleben Kunstkabinett Strehler
(mit gestreifter Ziege)«,
Freeport-Investor Yves Bouvier 122 Auktionen
verhaftet, Kunsthändlerlegende Nachlass Peter Winkworth bei
Günther Abels gestorben Christie’s in London, Fotografie bei
Sotheby’s und Phillips in New York,
Hammerpreise Gemälde in Wien und Mülheim,
Christus (um 1315), Napoleons Bücher in Berlin und Königstein,
Medaillen und Gustav Nachtigal Ikonen in Heilbronn, Antiquitäten
Bilder: David Ertl, 2015/Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH; Christie’s Images Ltd; C.G. Boerner, Düsseldorf
136 Stilkunde
Nürnberger Exportschlager:
Beckenschlägerschüsseln
138 Kunststück
Ein nach Venedig zurückgekehrtes
veneto-byzantinisches Kruzifix
aus dem 14. Jahrhundert
6 Editorial
8 Impressum
9 Mitarbeiter des Monats
142 Termine
145 Vorschau
Seite 94
5
EDITORIAL
Liebe Leserinnen,
liebe Leser,
was ist der Kunstkompass? Ein Messinstrument
für das Renommee eines Künstlers – ein Ruh-
mesbarometer mit langer Geschichte. Gegrün-
det 1970, zur damals noch jungen Art Cologne,
erschien der Kunstkompass seitdem jährlich,
erst in Capital, später im Manager Magazin und
jetzt zum ersten Mal in der weltkunst. Wir neh-
instagram.com/lisazeitz
twitter.com/WeltkunstNews
facebook.com/weltkunst
6
Biedermeier-Globustisch mit Geheimfach;
Kirsche, Ahorn, Wurzelbirke, Esche sowie 12 Meridiane in Birnenfurnier;
z.T. gefärbt, ebonisiert und Tuschmalerei. Wohl Wien um 1820.
Höhe 102cm Durchmesser 49cm.
Impressum
AUKTIONSHAUS REDAKTION VERLAG
Redaktion WELTKUNST ZEIT Kunstverlag GmbH & Co. KG
Dorotheenstraße 33 Buceriusstraße, Eingang Speersort 1
10117 Berlin 20095 Hamburg
Tel. 030/59 00 48-340
Fax 030/59 00 48-334
GESCHÄFTSFÜHRUNG
Stefanie Hauer, Nathalie Senden
HERAUSGEBER
Christoph Amend OBJEKTLEITUNG
[email protected] Jan Henrik Groß, Tel. 040/3280-3464
Dr. Gloria Ehret
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Michael Menzer, Tel. 040/3280-3463
CHEFREDAKTEURIN
Dr. Lisa Zeitz ANZEIGENABTEILUNG
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STELLV. CHEFREDAKTEUR Juliane Lang, Tel. 040/3280-1634
Dr. Sebastian Preuss
[email protected] Silke Michels (Disposition, Kleinanzeigen)
Tel. 040/3280-268, [email protected]
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& TEXTCHEF ANZEIGENVERTRETUNGEN
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[email protected] iq media marketing gmbh, Michael Zehentmeier,
D-20095 Hamburg, Tel. 040/3280 310,
ART DIRECTOR [email protected]
Anja Büchner
Bureau Mirko Borsche Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz,
[email protected] Saarland: S. Fahr Verlags + Presse Büro e. K.,
Breitenbergstraße 17, D-87629 Füssen,
CREATIVE DIRECTOR Tel. 08362/5 07 49 96, Fax 08362/5 07 49 97,
Mirko Borsche [email protected]
Bremen, Niedersachsen, Nordrhein-
Westfalen: Medienkontor Dr. Silvia Weiss,
BERATER
AUKTIONEN Tillmann Prüfer (Stil)
[email protected]
Franklinstr. 29, D-40479 Düsseldorf,
Tel. 0211/44 03 78 65, Fax 0211/44 03 78 66,
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Andreas Wellnitz (Bild) Berlin, Brandenburg, Hamburg, Hessen,
[email protected] Mecklenburg–Vorpommern, Sachsen,
10. April 2015 Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein,
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Moderne & Klassischee [email protected] 10119 Berlin, Tel. 030/44 37 38-0,
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Österreich: ZEITKUNSTWERK
Eric Mantei, Herrengasse 1-3,
[email protected] A-1010 Wien, Tel. +43/660/4020865,
11. April 2015 Simone Sondermann Fax 030/814150960,
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Orientteppiche [email protected]
Schweiz: TopMediaSales
Laura Storfner Walter von Siebenthal, Chamerstraße 56,
25. April 2015 Julia Knecht (Assistenz) CH-6300 Zug, Tel. +41/041/7105701,
Fax +41/041/7105703,
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Kunst & Antiquitäten [email protected]
BILDREDAKTION
Zurzeit gilt die Anzeigenpreisliste Nr. 46
30. April 2015 Nora Ströbel
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vom 1.1.2015 (www.weltkunst.de).
Alle Rechte vorbehalten.
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Linde Rohr-Bongard
Journalistin, Künstlerin, Guerilla-Girl, Weggefährtin von Joseph Beuys und
Sigmar Polke: Seit über 40 Jahren arbeitet Linde Rohr-Bongard am Kunst-
kompass, dem traditionsreichsten Künstler-Ranking der Gegenwart (ab S. 24).
Ihr späterer Mann, Willi Bongard, hatte es 1970 erstmals veröffentlicht, kur-
ze Zeit darauf stieß sie als Mitarbeiterin hinzu. Für ihre Recherchen reist sie
um die Welt und bringt Jahr für Jahr erschwingliche Kompass-Editionen
(S. 86) heraus, die sich oft als exzellente Anlage erwiesen haben.
Armin Kunz
Mit jeder Faser ist er Kunsthistoriker und Connaisseur. Nach
dem Studium der Kunstgeschichte und journalistischer Tä-
tigkeit für die Neue Zürcher Zeitung fing er im Kunsthandel
an. Seit 1997 arbeitet er bei C. G. Boerner, zuerst in Düssel-
dorf, jetzt in New York. Seit 2005 ist er Miteigentümer des
fast 200 Jahre alten Kunsthandels, der vor allem auf Druck-
grafik spezialisiert ist. Für uns hat Kunz ein Sammlerseminar
über italienische Renaissancezeichnungen verfasst, das Ih-
nen ab S. 94 Inspirationen geben soll.
9
DR E I W Ü N S C H E
3900 €
Knittrige Innenansichten
Peter Granser hat die geschlossene Station einer französischen
Psychiatrie fotografiert. Herausgekommen sind ganz eigene
Bilder der Heilanstalt – Stillleben, etwa von Neonröhren und
Zimmerdecken. Die Ergebnisse sind in der Serie »J’ai perdu
Bilder: Courtesy of Ceramic Art London; Peter Granser/Robert Morat, Hamburg/Berlin; Otto von Mitzlaff
ma tête« bei Robert Morat in Hamburg (040 32870890) zu sehen.
Das Stillleben 08 (69,5 x 102 cm), auf dem ein scheinbar zu
fällig zerknülltes Betttuch sich zum Muster formt, gibt es auch
noch in einer kleineren Größe (43,5 x 56 cm) für 2400 Euro.
1650 €
Künstliche Organismen
Auf den ersten Blick erinnert die Keramikkunst von
Myung Nam An an Meerestiere mit Tausenden
von Tentakeln oder an mikrobiologische Organis
men. Der Künstler, der in London lebt, will mit
seiner Kunst vor allem Emotionen hervorrufen. Mit
dem Objekt »Blue Face« (37 x 37 x 25 cm) ist ihm
das gut gelungen. Denn wer staunt nicht über das
leuchtend hellblaue Gebilde mit dem roten Kern?
Das handgefertigte Objekt ist direkt vom Künstler
auf der Ceramic Art London zu erwerben, die
vom 17. bis zum 19. April stattfindet.
Kundige Flügeltiere
Raben gelten als die intelligentesten Vögel, schon in
der nordischen Mythologie stehen sie für Weisheit. Der
Bildhauer Ludwig Vordermayer, der für seine Tierdar
10
«Ohne Titel» 1983 «Ohne Titel» 1981 »Weißbewegung« 1987
Öl auf Leinwand, oil on canvas, 145 x 160 cm Öl auf Leinwand, oil on canvas, 220 x 150 cm Öl auf Leinwand, oil on canvers, 220 x 240 cm
20. März — 28. April 2015
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Bilder: The Metropolitan Museum of Art/Gift of Humanities Fund Inc., 1972; Phil Velasquez/Chicago Tribune/MCT/picture alliance/landov; Frank Röth/F.A.Z.
Wsewolod Garschin Jon Stewart
K R I T I K E R F R AG E
Samuel Herzog Kia Vahland Niklas Maak Lindsay Pollock Hanno Rauterberg
Neue Zürcher Zeitung Süddeutsche Zeitung Frankfurter Allgemeine Zeitung Art in America DIE ZEIT
Der Trend zur Langeweile, Mancherorts gibt es einen Statt Referenzkunst, die Es ist zwar ein Klischee Der wichtigste Trend
das ewige Durchkauen von neuen Realismus – der sich auf Kunst bezieht, geworden, sich über die heißt sicherlich: Postauto-
Diskursen der Moderne. vielleicht irgendwann auch welche sich auch schon auf astronomischen Preise zu nomie. Die gute alte
Es kommt mir auch vor, als einmal in aller Mehrdeutig- Kunst bezog: große beschweren, aber wie Auftragskunst ist zurück.
sei die Kunstwelt wieder keit auf die Weltlage zu Welterklärungsmodelle, aus schrieb Robert Storr aus
vermehrt auf der Suche reagieren versteht. Kunstwerken und anderen Yale neulich zu Recht in
nach »richtiger Kunst«. Objekten zusammengesetzt. Art Newspaper: »Der Markt
Dabei hat die »unrichtige« Camille Henrot in Münster frisst die Kunst«.
manchmal mehr zu bieten. macht es derzeit vor.
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Claude Monet
Bilder: bpk/RMN-Grand Palais/Patrice Schmidt/Musée d‘Orsay, legs de Gustave Caillebotte, 1894; Ebony Fleur; Workshop Living; Bloomingville (2); Mathieu Challières, Luminaires, Paris
Er steht als Schlüsselfigur im Mittelpunkt der großen Ausstellung
»Monet und die Geburt des Impressionismus« (bis 21. 6.), mit der
das Frankfurter Städel Museum sein 200-jähriges Jubiläum feiert.
Oben »Das Mittagessen: dekorative Tafel« aus dem Jahr 1873
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ERFAHRENE DIEBE
IST DIE BESTE ALARMANLAGE MACHTLOS.
Ob Diebstahl, Wasserschaden oder Transportrisiko: wertvolle Kunstwerke leben gefährlich.
Als Spezialversicherer in bester Lloyd’s Tradition beraten wir Sie umfassend über mögliche
Risiken und bieten Ihnen maßgeschneiderten Schutz. Kunst ist für uns mehr als ein Geschäft:
Sie ist unsere Leidenschaft.
Was haben Sie gesehen, Herr Obrist? sehen. Unter anderem gab es eine Ausstel- Oscar Murillo hat sich gebeugt?
Ich war in Madrid, weil wir in diesem lung von José Roca über die immer knapper Die Performance konnte nicht stattfin-
Bilder: selgascano, Madrid; Benoit Pailley/Courtesy New Museum, New York; Elena Alonso; Milena Carstens; Illustration: Andrea Ventura
Jahr unseren Pavillon der Serpentine Gallery werdende Ressource Wasser, das Gold des den. Aber bei der Eröffnung passierte etwas
in Kensington Garden von den jungen spa- 21. Jahrhunderts. Eine starke Präsenz hatte Herrliches: Weil alles nicht so ablief wie ge-
nischen ARCHITEKTEN SELGAS CANO (1) bauen die figurative Malerin und Kuratorin Beatriz plant, entschlossen sich die Gäste zu einer
lassen. Sie sind bekannt geworden durch ihr González. Eine visionäre Künstlerin, die seit spontanen Demonstration. So wurde der
eigenes Haus, ihre Büros, die sie in die Land- Jahrzehnten in Kolumbien wirkt und mehre- von den Behörden prophylaktisch verbotene
schaft geradezu versenkt haben, fast japa- re Generationen geprägt hat. Sie ist ganz Protest am Ende von einem realen Protest
nisch. Sie arbeiten sehr stark mit knalligen stark für die künstlerische Kraft verantwort- eingelöst. Eine Szene, die das Klima des Lan-
Farben, deshalb freuen wir uns auf einen far- lich, die heute von Kolumbien ausgeht. Au- des zurzeit ganz gut darstellt.
bigen Sommer. ßerdem gab es natürlich viel junge Kunst zu
sehen, unter anderem Oscar Murillo mit ei- Was haben Sie noch gesehen?
Sie verwenden Gelb, Grün, Orange … ner neuen Installation. »Casa Leibniz« ist eine Ausstellung, die
… genau, wir sind ja in der Architektur der junge Jacobo Fitz-James Stuart kuratiert
gar nicht mehr an Farben gewöhnt. Das Tref- Können Sie die näher beschreiben? hat, unter anderem mit der interessanten
fen mit den Architekten war der eine Anlass Murillo hat eine Art Protest inszeniert. Zeichnerin ELENA ALONSO (3) und mit dem
für die Reise, der andere war die Arco. Ich »De Marcha … Una Rumba« nannte er das. derzeit meistdiskutierten jungen spanischen
besuche seit den Neunzigern diese Messe, Er hatte über 100 Demonstrationsschilder ge- Künstler DANIEL STEEGMANN MANGRANÉ (2),
weil man dort immer einen guten Einblick malt und wollte einen Umzug organisieren, der in New York aktuell in der New-Muse-
von Lateinamerika bekommt. Spanien war mit dem gegen die derzeitige politische und um-Triennale zu sehen ist. Und ich war im
ja immer schon die Brücke zwischen den bei- wirtschaftliche Situation in Spanien protes- Palacio de Velázquez bei Luciano Fabro, für
den Kontinenten. Dieses Jahr stand Kolum- tiert wird. Die Aktion fand im Kulturzen- mich eine der besten Museumsausstellungen
bien im Fokus. trum Daoíz & Velarde statt, genauer gesagt: der vergangenen Jahre.
dort sollte sie stattfinden. Denn die Verant-
Und von dort haben Sie ja auch schon in un- wortlichen der Stadt hatten so viel Angst, Warum waren Sie so beeindruckt?
serer Kolumne berichtet. dass daraus am Ende wirklich eine Demons- Man kennt Fabro ja vor allem als Arte-
Ja, und es war schön, die aktuelle Stärke tration werden könnte, dass sie die Aktion povera-Künstler, sein Werk ist aber viel tief-
der kolumbianischen Kunst hier wieder zu kurzerhand verboten haben. schichtiger. Seit seinem Tod wurde es nicht
oft ausgestellt, jetzt kann man einen frischen
Blick darauf werfen. Die Ausstellung ist auf
1 3 der einen Ebene eine Übersicht von Fabro,
gleichzeitig wirkt sie so unglaublich modern,
fast wie eine Gruppenausstellung junger
Künstler 2015 – aber gemacht von einem vor
zehn Jahren Verstorbenen.
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GESTOHLEN
Diese Gegenstände wurden Anfang 2014 während eines
brutalen Raubüberfalls aus einer dt. Privatsammlung ge-
stohlen. Sachdienliche Hinweise zur Ergreifung der Auf-
traggeber bzw. Auffindung der Beute werden mit bis zu
100.000,00 EUR belohnt (Rechtsweg ausgeschlossen).
Es wird darum gebeten, Verdachtsfälle der Polizei zu
melden:
Kriminalpolizei Miesbach oder
jede andere Polizeidienststelle
AZ: BY1403-000114-14/4
9 [email protected] (E-Mail) 10
11 12 13 14
1. Tabakdose Chinoiserie- und Hafenszene, Silbermont. Meissen 1730 | 2. Tabaktopf Kakiemon, Frauenköpfe als Griffe, Meissen 1728 | 3. Mopshündin mit Jungtier Meissen 1744 | 4. Tabakdose Chinoiserieszene, Meissen
1732 | 5. 6. 7. Pagoden Bemalung bunt/weiß, rosé/gold/weiß, gold/weiß, Meissen 1728 | 8. Golddosen Email und mehrerlei Gold | 9. Callotfigur „Hanß Görge Pryhann“ aus der Serie „Neueingerichtetes Zwerchenkabinett“,
Golddekor Meissen 1725 | 10. Golddosen Louis-seize, Stempel Paris 1765 – 80 | 11. Pillendose in Form einer Rose, Meissen 1744 | 12. Callotfigur „Afrikanerin“, Golddekor Meissen 1725 | 13. „Hofnarr Fröhlich“ Meissen
1742 | 14. Paar gelb-schwarze Pirole mit roten Kirschen, Meissen 1740
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DE R K U N S T KOM PA S S
DER
KUNSTKOMPASS
2015
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DE R K U N S T KOM PA S S
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DE R K U N S T KOM PA S S
1
GERHARD RICHTER
Mit seinem heterogenen Werk zwischen Geschichtsmalerei und konzeptuellen
Farbtafeln dominiert Gerhard Richter seit Jahren den Kunstbetrieb.
Er sorgt für Preisrekorde am Auktionsmarkt, seine Ausstellungen ziehen
Hunderttausende an. Und immer noch spaltet er die Kritik.
Zwei langjährige Kenner über Höhen und Tiefen seiner Methode
FOTOS
A LBR ECH T F UCHS
EIN GLÄUBIGER ganz von vorn anfangen musste, so genau und so beharrlich
die Grundlagen der künstlerischen Produktion in den bei-
ZWEIFLER den Systemen reflektiert.
Vorwürfe, sein ständiger Wechsel zwischen Abstrakti-
VON E C K H A RT G I L L E N on und Gegenständlichkeit, High and Low, Pop und Klas-
sik, Op-Art und düsterer Historienmalerei sei zynisch, seine
Kunst total unverbindlich, ohne Inhalt und Substanz, gehen
völlig vorbei am Kern seines Kunstkonzepts, das besagt: Ich
Gerade erreichte uns wieder die Nachricht von einem neu- habe kein Konzept, und das ist mein Konzept. Sein unbe-
en Rekordpreis für ein Gemälde von Gerhard Richter. Ein dingter Glaube an die Kunst und sein demonstrativ gemal-
»Abstraktes Bild« aus dem Jahr 1986 hat im Februar bei ter Unglaube an die Möglichkeit der Kunst heute wurden
Sotheby’s in London 41 Millionen Euro erzielt. Seit 2004 ist für Richter zum täglichen Credo quia absurdum: Ich glaube,
Gerhard Richter ohne Unterbrechung die Nummer eins des weil es unvernünftig ist. Kein zweiter Künstler hat in seinen
Kunstkompasses. Entscheidend für dieses Ranking sind An- Schriften, Interviews und mit einem Studioporträt in Spiel-
käufe renommierter Museen, Ausstellungen und Nennun- filmlänge die Debatte um die Sinnhaftigkeit oder Absurdi-
gen in führenden Kunstzeitschriften. »Qualität, intellektu- tät der Malerei im Zeitalter der Neuen Medien und der
eller Anspruch oder Ästhetik«, so Willi Bongard über die Neoavantgarden so insistierend und so konsequent in aller
von ihm entwickelte Skala, werden nicht gewertet. Öffentlichkeit geführt. Wie kein anderer seiner Kollegen hat
Die Frage nach der Qualität und Ästhetik rührt aber Richter sich dabei selbst in seiner Existenz als Künstler in-
an den Kern von Gerhard Richters Selbstverständnis. Sie be- frage gestellt. Seine Weltberühmtheit ist demnach nicht das
stimmt seinen permanenten Kampf um Sinn, Bedeutung Resultat von finsteren Machenschaften eines undurchschau-
und Anerkennung seines Berufs als Maler unter den grund- baren Kunstmarktes, sondern verdankt sich einer von ihm
sätzlich unterschiedlichen Bedingungen der sozialistischen seit den frühen Sechzigerjahren konsequent geführten Aus-
DDR und der kapitalistischen BRD. Denn Richter macht es einandersetzung – als öffentlich zelebriertes, permanentes
sich nicht leicht. Zwei Monate nach seiner Übersiedlung von Experiment im Atelier und in Ausstellungen weit mehr
Dresden nach Düsseldorf im März 1961 schreibt er an den noch als durch all die Interviews und Texte.
Künstlerfreund Wieland Förster in Ost-Berlin: »Ich will Dass Richter im Gegensatz zu Kollegen wie Jörg Im-
nicht mehr denken (…) ob es gerechtfertigt ist, dass ich male. mendorff oder Anselm Kiefer, die ihre Konzept- und Akti-
Ich weiß jetzt, dass Malen mein Beruf ist.« Der Westen hat onskunst zugunsten von narrativer Malerei und ästhetischer
ihm klargemacht, dass hier dieser Beruf des Malens seine Überwältigungsstrategie aufgaben, Bilderstürmer und Bil-
Weise zu leben regeln wird – und nicht umgekehrt. Kein an- derverehrer in einer Person geblieben ist, liegt in seiner Her-
derer Künstler hat vor dem Hintergrund seiner Erfahrung kunft begründet. Der 2007 vollendete Auftrag des Kölner
als anerkannter Wandbildmaler im sozialistischen Realis- Domkapitels, das riesige, im Krieg zerstörte Südquerhaus-
mus, der mit 29 Jahren im Westen als Student noch einmal fenster der Kölner Kathedrale neu zu gestalten, sei hier als
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G E R H A R D R IC H T E R
signifikantes Beispiel für die ständige Ambivalenz zwischen tus dienen. Das »Richter-Fenster« ist trotz der konsequenten
Unglauben und Glauben an den Primat der Kunst genannt. Verweigerung religiöser Symbolik Teil der theologischen
Die Auftraggeber wünschten sich von Richter eine figurati- Gesamtkonzeption der mittelalterlichen Kathedrale gewor-
ve Lösung, die Darstellung von sechs modernen Märtyrern. den, deren diaphane Wände einen von der Außenwelt abge-
Doch der bekennend nicht gläubige Künstler verweigerte schlossenen, imaginären Lichtraum schaffen, der den Gläu-
diese Vorgabe und griff für seinen Entwurf auf eine Vorlage bigen als Vorschein des himmlischen Jerusalem, als Jenseits
zurück, die seit mehr als 30 Jahren in seinem Fundus bereit- im Diesseits erscheint. Auf diese sakrale Konstellation hat
stand, das letzte Bild einer umfangreichen Werkgruppe der sich Richter mit vollem Bewusstsein eingelassen.
Farbtafeln: »4096 Farben« von 1974. Die Fensterfläche zwi- Diese Ambivalenz findet sich auch in seinen »Abstrak-
schen dem Maßwerk füllte er mit 11 263 Farbquadraten in ten Bildern«. Gemäß der alten Parole der Avantgarde, die
72 verschiedenen Farbtönen aus; die Anordnung überließ er Erneuerung durch Zerstörung verhieß, realisiert er seit 1980
dem computergesteuerten Zufall (Abb. auf Seite 91). abstrakte Kompositionen. Mit Rakeln zieht er immer wie-
Erwartungsgemäß empfand der Hausherr, Joachim der Farbpartien ab und schichtet neue auf. Unter weitgehen-
Kardinal Meisner, die Gegenstandslosigkeit als beliebig und der Ausschaltung der eigenen Subjektivität wird der teils zu-
bedeutungsleer. Sie passe besser in eine Synagoge oder eine fallsgesteuerte, teils kontrollierte Prozess des Wegnehmens
Moschee. Für den Erzbischof, so schrieb er damals in der und Hinzufügens so lange getrieben, bis Richter feststellt:
FAZ, »entartet« die Kultur, sie »verliert ihre Mitte«, wenn sie Jetzt ist es »gut«, »schön« und »wahr«. Ihm ist dabei aber im-
»von der Gottesverehrung abgekoppelt wird«. Meisner griff mer bewusst, dass alle diese Fragen – warum ein Gemälde
damit Hans Sedlmayrs berühmtes, 1948 publiziertes Buch gut ist, warum es ihm aber am anderen Tag unbefriedigend
»Verlust der Mitte« auf. Die Thesen des katholischen Hoch- erscheint, warum es schön ist, warum es überhaupt Kunst
schullehrers und ehemaligen NSDAP-Parteigenossen vom ist – nicht zu beantworten sind. Klar ist nur, er will an der
Zerfallsprozess abendländischer Kunst und Architektur ins Malerei festhalten, die er zugleich in Zweifel zieht.
Disparate, Chaotische und Absurde gingen auf dessen Vor- Einerseits wünscht sich Richter, dass ein Gemälde dem
lesungen der Dreißiger- und frühen Vierzigerjahre zurück. Glauben an eine transzendente Welt »wenigstens sehr nahe«
Gemeint war der Verlust des Menschen als Ebenbild Gottes. komme. Andererseits weiß er, dass seit der Aufklärung diese
Mit dem ex cathedra verkündeten Verdikt seines Glasfenster- religiöse Dimension der Malerei säkularisiert worden ist.
konzeptes durch den Kardinal holte Richter die eigene Ver- Dennoch hält er daran fest, dass es einen gemeinsamen
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Bilder: Gerhard Richter, 2015; Sotheby’s London
Doch Richters Aussagen, seine Fotovorlagen seien Zufalls- Das Gemälde »Familie« entstand 1964. Die »Vermalung« des
funde, willkürlich und bedeutungslos, erweisen sich bei nä- Albumfotos zeigt Gerhard Richter als Kind mit Mutter (Mitte),
herer Betrachtung als Tarnung. Unter den mehr als 130 Ge- Schwester (li.) und Großmutter (mit Stock). Unten: das bis-
mälden nach Fotos befinden sich ein paar »Kuckuckseier«, lang teuerste Richter-Werk. »Abstraktes Bild« (Nr. 599) von
die in die scheinbare Nonsenswelt der Trivialfotografie ei- 1986 wurde im Februar bei Sotheby’s in London für 36,3 Mil-
nen brisanten Inhalt transportieren: Richters Familie in der lionen Euro versteigert. Seite 26, 30: In Richters Kölner Atelier
NS-Zeit, die Bilder verbinden persönliche Erinnerung mit
Zeitgeschichte. Die Bilder von »Onkel Rudi« und »Tate Ma-
rianne« waren in den Sechzigern eine Demonstration dafür,
dass Malerei möglich war – trotz Duchamp, dem Übervater
der Avantgarde. »Ich wollte Retina-Kunst, malerisch, schön
und wenn’s sein muss auch sentimental. So was war nicht
›in‹ damals, das war Kitsch.«
Als ein Ernüchterter, der dem Sozialismus entflohen
war, wollte er nun eine Malerei ohne Programm, ohne Stil,
ohne Anliegen verfolgen. Keine »Absichten, kein System,
keine Richtung« sollte erkennbar sein. Andererseits glaubt
Richter, geprägt vom sozialistischen Humanismus der DDR,
gleichzeitig unbeirrt daran, dass Kunst »immer im Wesent-
lichen mit Not, Verzweiflung und Ohnmacht zu tun« habe.
Diesen »Inhalt vernachlässigen wir oft, indem wir die for-
male, ästhetische Seite zu isoliert wichtig nehmen. Dann se-
hen wir in der Form nicht mehr den Inhalt, sondern die
Form als das den Inhalt Fassende und Zusätzliche. Dabei hat
der Inhalt keine Form, sondern ist Form.« Ob dieser existen-
zielle Inhalt tatsächlich Richters Formenwelt grundiert,
bleibt Glaubenssache. Wer sich auf seine Werke einlässt, ent-
kommt nicht dem Zwiespalt.
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DER MEISTER DER vermalungen hat ein paradoxes Fundament. Da die Wirk-
lichkeit jede Gewissheit und jeden Sinn verweigert, hält er
INDIFFERENZ sich umso emphatischer an ihren »Schein«. 1989 schreibt er:
»Der Schein ist mein Lebensthema«. Der Schein ist der Stoff,
VON E DUA R D B E AU C A M P aus dem seine Malerei ist. Die Fotografie liefert ihm den per-
fekten Schein der Realität, der ihm mehr Konkretheit und
Gewissheit bietet als die Realität selbst. Auch die verschie-
denen Bildmodi, die Richter zitiert und die er wie Vorlagen
Gerhard Richters Wege sind nach den Schulbegriffen der behandelt, sind Verdichtungen des Scheins und damit das
klassischen Moderne nicht geradlinig verlaufen. Im Gegen- Material, aus dem er seine üppigen malerischen Surrogate
teil: Die jähen Sprünge, Wechsel und Widersprüche sind sei- entwickelt. Nie hat Richter die radikalsten Zweifel der Mo-
ne Taktik, das abrupte Nacheinander, das gleichzeitige Ne- derne, etwa Marcel Duchamps Kampagne gegen die »Phy-
beneinander und sogar Ineinander kontroverser Stilmodi siologie der Malerei«, geteilt. Er sagt von sich selbst, er sei
sind seine Methode. Der Zickzackkurs hat die Urteile viel- eher ein kreatürlicher als ein kreativer Maler.
fach flattern lassen. Das quecksilbrige Werk zeigte anfangs Den größten Reichtum an »Schein« aber lieferte ihm
Symptome einer Krise; es war vor allem ein Affront gegen die Fotografie. Richter reiste nicht durch die Welt, sammelte
den Glaubenskodex der Moderne. Nach der Übersiedlung Eindrücke und setzte sich der Realität aus, sondern legte ein
in den Westen sah der junge Richter seinen Fall als »perso- Fotoarchiv an, seinen viel gerühmten »Atlas«. Das Publikum
nifizierte Krise«. Er glaube an nichts und sei gegen fast alles: favorisierte lange Richters Fotovermalungen, die barocken
gegen Ideen und Ideologien, gegen die Wahrheit, den Sinn Stadtpanoramen, die betörenden Landschaften, die inbrüns-
und die Utopien in der Kunst, gegen die Zukunft und den tigen Kerzenbilder oder die smarten Mädchenporträts. Man
Fortschritt, gegen Erfindungen, Behauptungen, Anliegen hielt sich dabei an die realistischen Motive und verkannte die
und vor allem gegen jede Form von Ausdruck und Stil. »Schein«-Produkte. Die Verwechslungen führten zu Missver-
Doch Richter hat sich in der nihilistischen Zweiflerecke ständnissen. Die Interpreten wollten den Sinn, die Tendenz
so stabil und feudal wie kein zweiter eingerichtet. Die Zwei- oder Moral, die ihnen der Meister der Indifferenz explizit vor-
fel lähmten ihn nicht, sondern setzten eine ironische, biswei- enthielt, in den malerisch traktierten Motiven erkennen. So
len zynisch anmutende, jedenfalls ungebrochen-robuste Pro- kam es, dass Fotoverwischungen nach Vorlagen aus Richters
duktivität frei. Zur Bekräftigung, aber auch Überlistung Familienalben wie »Onkel Rudi« (das Foto eines SS-Mannes
seiner Zweifel spielte der Künstler immer neue Möglichkei- auf Heimaturlaub) oder »Tante Marianne« – eine Grisaille
ten und Modalitäten der Malerei aus, darunter solche, die mit dem Kinderbild von Richters Tante, eines späteren Op-
sich gegenseitig radikal ausschließen. Kennzeichnend für fers der Euthanasie, von deren Schicksal der Künstler aber
den »postmodernen« Status dieser Kunst ist, dass Richter noch nichts wusste, als er das Bild malte – zu politisch-mora-
nichts erfindet (die Erfindung steht auf seiner Verbotsliste), lischen Bekenntnisbildern und Widerstandsmanifesten
sondern die Vorlagen aus dem Fundus zeitgenössischer Äs- hochgestemmt wurden. Der RAF-Zyklus löste Orgien von
thetik bezieht, sie neu bearbeitet, steigert und perfektioniert. Debatten zum Thema Engagement oder Neutralität aus.
Der permanente Modus- und Rollenwechsel hat Rich- Bei heiklen, politisch oder moralisch zugespitzten Su-
ter nicht alt werden lassen. Bei jedem Szenenwechsel konn- jets hat Richter das Prinzip der Prinzipienlosigkeit und die
te er mithalten. Ohne sich jemals zu bekennen oder festzu- Indifferenz nicht aufrechterhalten können. Kann man den
legen, steuerte er seit den Sechzigerjahren in einem Slalom schwer belasteten RAF-Komplex und den Untergang seiner
ohnegleichen Paraphrasen und Kommentare zur Pop-Art Akteure teilnahmslos inszenieren und in den Raum stellen?
und zum Fotorealismus bei, dann zu einer neuen Land- Vollends verbot sich das Jonglieren zwischen Sein und
schafts- und Historienmalerei, gleichzeitig zum Neobieder- Schein, Wirklichkeit und fotografischem Abbild angesichts
meier mit Kerzenbildern, Stillleben und Mädchenporträts, der grausamsten Tatsachen des 20. Jahrhunderts, des Holo-
zur Monochromie und Concept-Art, schließlich zu einem caust. Hier verbürgen Foto und Film eine unabweisbare Rea-
wiederaufflammenden Expressionismus, den er zur leuch- lität. Im Bildarchiv des »Atlas« vermischte der Künstler noch
tenden Theatralik monumentaler Abstraktionen steigert. In die ungeheuerlichen Fotos mit Alltagsbanalitäten. Auch er
der Dressur der Gegensätze, im Spiel mit den Alternativen verschanzte sich lange hinter der Nachkriegsausrede, dass
triumphiert sein geniales Geschick. Der größte Triumph: diese Realität nicht darstellbar sei. Doch dann wollte er »ver-
Der Kunstbetrieb akzeptiert die Simulationen und Surroga- malte« KZ-Fotos auf die Bildstele im Eingangsbereich des
te als Originale und honoriert sie mit Höchstpreisen. Heute Berliner Bundestags platzieren, scheute aber am Ende zurück
ist der über achtzigjährige Maler, bei bescheidenem persön- und ersetzte sie durch drei banale Farbfelder mit den Bundes-
lichem Auftritt, allgegenwärtig und fast allmächtig: Er farben. Und in diesem Jahr, siebzig Jahre nach dem Ende der
bricht Kunstmarktrekorde, bespielt die besten Museen und Schrecken, legte er vier abstrakten Monumentalbildern
Sammlungen der Welt, dominiert das Foyer des Bundestags, Auschwitz-Fotos zugrunde. Unerkennbar sind sie unter düs-
spendet Gläubigen im Kölner Dom das sakrale Farblicht ei- terer Rakelmalerei begraben. Nicht einmal die Bildtitel ver-
nes Fensters und hat im Dresdner Albertinum, seinem Hei- raten, was hier versenkt ist. Der Sinn liegt beim Betrachter:
matmuseum, die ostdeutsche Konkurrenz aus dem Feld ge- Hat man es mit Erinnerungen, Verdrängungen oder einem
schlagen und sich mit säkularem Anspruch in zwei großen fast blasphemischen, demonstrativen Scheitern zu tun? ×
Sälen vis-à-vis von Caspar David Friedrich etabliert.
Richters Zweifeln und Taktieren, das Befragen und Of- Eduard Beaucamp leitete von 1966 bis 2002 das Kunstressort der
fenlassen, das Distanzieren und Verunklären in den Foto- FAZ. Immer noch ist er das Kunstgewissen der Nation
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BRUCE NAUMAN
Bilder: Konrad Fischer Galerie/Courtesy: The artist and Konrad Fischer Galerie/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; Rosemarie Trockel/Courtesy Sprüth Magers/VG Bild-Kunst, Bonn 2015;
Er ist der Typ mit dem trockenen Humor, der seine Clowns
quält. Seit er in den Siebzigern als Konzeptkünstler die Bühne
betrat, überzeugt Nauman mit Videos, Performances und
Installationen, die lustig, beklemmend oder beides zugleich
sind. Nauman ist eher der Idee als einem Stil verpflichtet.
Seine Ausstellungsomnipräsenz sichert ihm den zweiten Platz.
oben: »Beschriebene Kombinationen«, 2011, HD-Videoinstallation
Georg Baselitz, 2015; Cindy Sherman/Courtesy of the Artist, Sprüth Magers, and Metro Pictures
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GEORG BASELITZ
Früher galt Georg Baselitz als düsterer Wüterich, der sich auf
3 Schloss Derneburg als Malerfürst inszenierte und klirrende
Sätze sagte: »Als Maler bin ich zwei Deutsche.« Seit 1969 ist er
ROSEMARIE TROCKEL
der weltbekannte Kunst-auf-dem-Kopf-Maler – verdammt
Sie liebt Überraschungen. Berühmt wurde sie in den Achtzigern, von den Kritikern als Neoexpressionist, weil er das mit dem
als sie der männerdominierten Kunstwelt ihre Strickbilder Malen viel ernster nahm als seine Kollegen Polke oder
und Herdplattenobjekte um die Ohren haute. Auf der docu- Richter. Das Düstere, Teutonische ist seit den Remix-Bildern ab
menta baute sie 1997 ein »Haus für Schweine und Menschen«. Mitte der Nullerjahre verschwunden. Stattdessen: Leichtig-
Wer ihre Schau in Bregenz (bis Anfang April) verpasst, hat keit und sogar Humor. Mittlerweile lebt und arbeitet Baselitz
Pech: Trockel macht vier Jahre Ausstellungspause. am Ammersee. Das Auf-dem-Kopf-Malen ist geblieben.
oben: »Easter Parade«, 2013 Museum Burda, Baden-Baden, bis 3. Mai | oben: »Lesende Mutter«, 1998
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CINDY SHERMAN
Seit Cindy Sherman Mitte der Siebziger damit begann, sich selbst zu fotografieren, begleitet ihr Werk
das Missverständnis, es handele sich um Selbstporträts. Das Gegenteil ist der Fall. In ihrem Atelier
veranstaltet die New Yorkerin mit Masken, Make-up, Prothesen, Schutt oder Unmengen von Stoff wahre
Materialschlachten: Niemand zelebriert das Verschwinden in den eigenen Bildern so kunstvoll wie sie.
me Collectors Room Berlin, ab September | oben: »Untitled # 496«, 2010
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Bilder: Charles Duprat/Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac Paris/Salzburg; Olafur Eliasson 2010; William Kentridge/Courtesy: Kewenig, Berlin; Sammlung Boijmans van Beuningen/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
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ANSELM KIEFER
In den vergangenen Jahren war es ruhiger um ihn geworden. Ein Trugschluss, wie seine von der britischen
Presse umjubelte, vom Publikum überrannte Werkschau vergangenen Herbst in der Londoner Royal
Academy beweist. Kiefer, der gerade 70. Geburtstag gefeiert hat, ist immer noch auf unnachahmliche Weise
der Mann fürs Düstere und Abgründige, ohne dabei je ins Dozieren abzugleiten.
oben: »le dormeur du val«, 2014
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WILLIAM KENTRIDGE
Doch, der Kunstbetrieb kennt Gerechtigkeit. Der Johannes
burger Kentridge stellt eigenhändig aufwendige, angenehm alt
modische, unangenehm wach rüttelnde Animationsfilme her,
mit denen er gegen Rassismus und politische Missstände kämpft.
Kewenig Berlin, bis 18. 4. | oben: »Carte de l’Europe (Shower Woman)«, 2006/7
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OLAFUR ELIASSON
Hat eine alte, seit dem 19. Jahrhundert verloren geglaubte
Kategorie ins Museum zurückgeholt: das Staunen. Olafur 9
Eliassons Objekte und Installationen verblüffen zuverlässig mit
RICHARD SERRA
schönen Effekten. Und nichts davon ist Zufall oder etwas
anderes kunsthaft Unberechenbares. Jedem Werk des Dänen Der Charakterschädel unter den amerikanischen Bildhauern,
mit isländischen Wurzeln liegen akribische naturwissen in jeder Hinsicht. Verbindet Gespür für feinste Veränderungen
schaftliche Recherchen zugrunde. Kann auch schiefgehen, wie der Sinneswahrnehmung mit Schwermetall. Hat das Zeug
man an seinen Waterfalls in New York sehen konnte. zum Klassiker, der alle Zeitläufte überdauert.
Langen Foundation, Neuss, ab 18. 4. | oben: »Colour experiment no. 10«, 2010 Boijmans van Beuningen, Rotterdam, bis 11. 10. | oben: »Waxing Arcs«, 1980/2000
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Bild: Chris Buck
»Ich finde Schönheit im Hässlichen. Herkömmliche Schönheit langweilt mich.« CINDY SHER M AN
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Bilder: Pipilotti Rist, 2014/Courtesy die Künstlerin und Hauser & Wirth; Andreas Gursky/VG Bild-Kunst, Bonn 2015/Courtesy Sprüth Magers, Berlin London; Tom Powel Imaging/Collection of the artist/Jeff Koons
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PIPILOTTI RIST
Sie ist das Girlie unter den Videokünstlerinnen – und das
schon seit mehr als zwanzig Jahren. Verspielt, bunt, mit reizen
den kleinen Melodien unterlegt und manchmal ziemlich
böse gibt Rist in ihren Filmen die Zauberfee der internationa
len Szene. Die Möbel sind normal groß? Mach sie riesig, und
du hast eine Installation. Du hast eine Fackellilie in der Hand?
Schlage Autoscheiben damit ein. Ist lustig, gefällt jungen Men
schen und macht sich in jedem Museum gut.
Kunsthalle Krems, bis 28. Juni | oben: »Pickelporno«, 1992
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JEFF KOONS
Manch einem gilt seine Kunst als kitschig und hohl. Dabei hat
Jeff Koons nie etwas anderes gemacht, als das Erbe der Pop-Art
zu pflegen und zu hegen. Ganz so wie es auch ein Wallstreet-
Broker getan hätte, der er vor seiner Kunstkarriere war: auf
dass es gedeihe und sich vermehre zu aller und eines jeden Freu
11 de. Mit 32 Jahren präsentierte er bei seinem ersten Auftritt in
Deutschland im Münchner Kunstverein Glaskästen, in denen
ANDREAS GURSKY
sich Staubsauger und schwebende Basketbälle (»Spalding«)
Die FAZ schrieb zu seinem 60. Geburtstag, er mache die befanden. Heute, knapp dreißig Jahre später, hat der New Yorker
»Historienbilder unserer Zeit«. Dabei sind es eher – ein kleiner, nicht nur das Werk von Andy Warhol kongenial weiterge-
aber entscheidender semantischer Unterschied – Geschichts führt, sondern gleich auch noch das von Roy Lichtenstein, Claes
bilder. Das Ruhrgebiet, Regale in Supermärkten, Formel-1-Teams Oldenburg, James Rosenquist, Tom Wesselmann, Marcel
an der Rennstrecke oder die Welt von oben: Gursky arbeitet Duchamp und Salvador Dalí. Seit der Versteigerung seines
beharrlich wie ein Kartograf an der Vermessung der Gegen »Balloon Dog (orange)« für 58,4 Millionen Dollar ist er der
wart. Hat nebenbei die Fotografie endgültig und im großen teuerste lebende Künstler. Das macht ihn sehr beliebt bei
Maßstab als Kunstform etabliert. Großsammlern – und beim Massenpublikum.
oben: »Ocean IV«, 2010 Centre Pompidou, Paris, bis 27. April | oben: »Lobster«, 2003
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Nic Tenwiggenhorn/Courtesy: The artist and Konrad Fischer Galerie/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac Paris/Salzburg/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
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THOMAS RUFF
Bilder: Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac Paris/Salzburg/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; Courtesy: The artist and Johnen Galerie, Berlin/VG Bild-Kunst, Bonn 2015;
Die Kamera hat der Fotograf Thomas Ruff längst beiseite
gelegt. Doch fotografische Bilder produziert der Düsseldorfer
nach wie vor. Sie entstehen am Rechner, oft als aufwendige
Bearbeitungen von Bildmaterial aus dem Internet. 2014 über-
raschte der Becher-Schüler mit großformatigen Fotogrammen:
fiktionale Bilder aus der simulierten Dunkelkammer.
Kunstforum Wien, bis 26. April (Gruppenausstellung)
oben: »phg.04_III«, 2014
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TONY CRAGG
Was verhandelt Bildhauerei im 21. Jahrhundert? Sicher nicht die
naturgetreue Nachbildung der Umwelt. Für zeitgenössische
Künstler stellt sich die Frage nach der Skulptur deshalb grund-
sätzlich neu. So sieht es jedenfalls der in Wuppertal lebende
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Engländer Tony Cragg, der die aktuelle Bildhauerei als eine Art THOMAS SCHÜTTE
fundamentales Studium der physischen Materie definiert. Vor Thomas Schütte ist ein Poet. Seine Werktitel klingen nach
seinem Kunststudium arbeitete Cragg als Praktikant bei einem Theaterstücken: »Ferienhaus für Terroristen«, »Ganz große
biochemischen Forschungsunternehmen. Vielleicht pendeln Geister« oder »Vater Staat«. Die dazugehörigen figurativen
daher seine Skulpturen zwischen technizistischer Makellosig- Skulpturen nehmen wie selbstverständlich die öffentliche Bühne
keit und organisch-wuchernden Formen. in Beschlag. Schüttes Kunst hat die Qualität, ihre Betrachter
Buchmann Galerie, Berlin, bis 25. April | oben: »Orb«, 2012
bis in die Träume zu verfolgen.
Peter Freeman, Inc., New York, ab 16. April
oben: »One Man Houses (Möbel, Keramik, Lampen)«, 2005
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IMI KNOEBEL
Schon zu Beginn seiner künstlerischen Karriere Ende der
Sechzigerjahre hat der Düsseldorfer Maler und Bildhauer Imi
Knoebel mit seinen Bildern die Leinwand verlassen – tief in
den Raum hinein. Seither wandern die Keilrahmenraster und
Farbfelder ruhelos umher und finden doch nicht mehr in alte
Konstellationen zurück. An der Kunstakademie arrangierte der
Student von Joseph Beuys Hartfaserplatten im legendären
Raum 19 zu einer extensiven Installation. Mittlerweile ist er ein
Minimalismusklassiker und wird von den jüngeren Künstler
generationen kultisch verehrt.
Haus Esters, Krefeld, bis 23. August | links: »Bild 10.06.2014«, 2015
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Bild: Albrecht Fuchs
»Meine Arbeiten sind Skulpturen, denn sie zeigen die Beziehung von Gegenständen
zu Gegenständen – das ist die Idee und Absicht von Skulptur.« LAWRENCE WEINER
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DE R K U N S T KOM PA S S
Bilder: Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac Paris/Salzburg/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; © Studio lost but found/VG Bild-Kunst, Bonn 2015/Installation view
MMK, Frankfurt, 2011/Photo Studio lost but found/Katharina Kiebacher/Image Courtesy Gagosian Gallery; John Baldessari/Courtesy Sprüth Magers
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LAWRENCE WEINER JOHN BALDESSARI
Er trägt einen Bart wie ein Hamburger Barkassenkapitän, und 1970 gingen die Werke des Malers John Baldessari in Flammen
bereits als Zwölfjähriger jobbte er in den Docks von New York. auf. Als Phönix aus der Asche dieses »Cremation Projects«
Den Künstlerberuf ging der erklärte Marxist dann weniger erhob sich der Konzeptkünstler. In Los Angeles wurde er Leh-
schweißtreibend an. Siehe Weiners »Declaration of Intent«, 1968, rer von Künstlergrößen wie David Salle oder Mike Kelley,
dritter Paragraf: »Das Werk braucht nicht ausgeführt zu wer- sein eigener Durchbruch kam dagegen spät. Heute verehren
den.« Mit handfesten Gegenständen hantiert Weiner nur im Publikum und Kuratoren seinen Stilmix aus bunten Punkten,
Kopf. Seine Ausstellungen sind poetische Beschreibungen, Texten, Szenen aus Hollywoodfilmen und kunstgeschicht
was passieren könnte, wenn Objekte auf Menschen treffen. lichen Referenzen, der stets Baldessaris Versprechen von 1971
»Sprache ist auch Skulptur«, sagt Weiner dazu. Genial. einlöst: »I Will Not Make Any More Boring Art.«
oben: »Pending Resolve« (Teil eines Triptychons), 2012 oben: »Hands and/or Feet (Part Two): Eyeglasses (Broken)/Foot/Person«, 2009
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JASPER JOHNS
Jasper Johns einen Misanthropen zu
nennen wäre vielleicht untertrieben,
aber wer Gemälde geschaffen hat, die
vorbehaltlos neben Warhols »Marilyns«
18 in der Popgeschichte bestehen, darf
DOUGLAS GORDON sich eben auch was herausnehmen.
Der Lieblingsschotte der Kunstwelt. Amerikanische Flaggen, Zielscheiben,
Sein auf 24 Stunden ausgedehnter Zahlen und Buchstaben malte Johns
Hitchcock-Film »24 Hour Psycho« (1993) ab 1955 in knalligen Farben. So früh wie
hat viele Ausstellungsbesucher zwangs- sonst nur Robert Rauschenberg, sein
entschleunigt und den Schriftsteller Kollege und Freund, begriff er das ele-
Don DeLillo zu seinem Roman »Point mentare Abc des amerikanischen Pop.
Omega« inspiriert. Gordon ist ein irrer Johns’ Werke erzählen immer von der
Netzwerker, der Henry Hopper (o.), Kunst und vom Leben. So wie die zwei
den Sohn von Filmstar Dennis Hopper, neuesten Gemälde, »Regrets«, die auf
für seine Vernissage in einen Schafstall einem Foto aus dem Atelier des engli-
bei Wolfsburg holen kann. Arbeitet im schen Malers Lucian Freud basieren. Der
Grunde nur noch daran, so unsterblich Titel stammt von einem Stempel, den
zu werden wie Sean Connery. Johns schon seit Jahren auf alle Einla-
oben: »Henry Rebel«, 2011, Video- dungen, Anfragen und Fanbriefe
installation, produziert zusammen drückt – »Regrets«: »Bedauere.«
mit James Franco und Oberes Belvedere, Wien, bis 26. April
Rabbit Bandini Productions rechts: »Regrets«, 2013
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Courtesy: Kewenig, Berlin/Palma de Mallorca/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; David Heald/Solomon R. Guggenheim Foundation; Kira Perov
Bild 20: Jerry Thompson/Courtesy der Künstler/Bildrecht, Wien, 2015/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; Bilder diese Seite: Stefan Müller/
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CHRISTIAN BOLTANSKI
Wer gegen seinen eigenen Tod wettet, läuft schnell Gefahr,
daneben zu liegen. Christian Boltanski hält bei seinem tempo-
rären faustischen Pakt allerdings noch ganz gut durch. 2009
schloss er mit einem Sammler ein Geschäft ab: Gegen Zahlung
einer monatlichen Leibrente lässt sich Boltanski nun ständig
von Kameras in seinem Atelier filmen. Stirbt er innerhalb von
acht Jahren, hat der Sammler diese Arbeit zum Schnäppchen-
preis bekommen. Lebt er länger, gewinnt Boltanski. Der Tod
ist stets ein treuer Begleiter des französischen Künstlers ge 22
wesen, der 1944 als Sohn eines Holocaust-Überlebenden zur Welt MAURIZIO CATTELAN
kam: Leben und Sterben, Erinnerung und Vergessen sind
Maurizio Cattelan führt eine On-Off-Beziehung mit seiner
die großen Themen Boltanskis, der mit historischen Fotos oder
eigenen Künstlerexistenz. Seine Werke lässt der Italiener von
abgelegten Kleidern wahre Materialschlachten des Morbiden
anderen herstellen, lieber kümmert er sich um sein Kunst
inszeniert. Darin sind wir bloß Schatten an der Wand.
magazin. Interviews gibt er nie. Nach seiner Retrospektive 2011
oben: »Sombras«, 2015, Installation in La Lonja, Palma de Mallorca
im Guggenheim in New York, bei der Cattelans Werke von
der Decke baumelten, kündigte er »den Ruhestand« an. Zwei
Jahre später gab es dann doch eine Schau in der Schweiz.
Hat immerhin einen Hitler in Büßerpose und Papst Johannes
Paul II. (vom Meteoriten erschlagen) als Skulpturen verewigt.
oben: »All«, 2011, Installation im Guggenheim Museum, New York
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BILL VIOLA
Wäre Caravaggio im 16. Jahrhundert ein Camcorder zwischen
die Finger geraten, hätte er Werke geschaffen, die aussehen wie
Bill Violas Kunst: Performer in Alltagskleidung verrenken
sich vor dunklem Hintergrund in gespielter Ekstase. Gelegent-
lich werden sie dabei mit Wasser übergossen. Einst innovativ,
ist Violas Werk über die Zeit zu Kitsch geronnen und dort am
besten aufgehoben, wo das Pathos immer zu Hause war: in
den Kirchen, wie St. Paul’s in London oder San Gallo in Venedig.
oben: »Fire Woman«, 2005, Fünfkanal-HD-Videoprojektion
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Bestrickende Werke
Feier der Sinnlichkeit: Immer mehr große Künstler, von Rosemarie Trockel bis
William Kentridge, fühlen sich von textilen Stoffen angezogen
E N D : T E X TIL
VON TR
L I N DE ROH R- B ON G A R D
40
TEXTIL
E
Eine Flut von Ausstellungen in den letzten
beiden Jahren signalisieren eine neue Sicht
auf textile Kunst. Überbordende Museums-
In Wolfsburg hatte man Anfang 2014 in der
äußerst gelungenen Überblicksschau »Kunst
& Textil« aufgezeigt, dass Stoffe als Material
ser spät als nie«, kommentierte die mehrfa-
che documenta -Teilnehmerin lakonisch ih-
ren Ruhm. Die Jahrhundertkünstlerin
präsentationen in Paris, Turin, München, und Idee die gesamte Moderne begleiten und recycelte aus alten Familienstoffen kopflose
Bild linke Seite: William Kentridge/Courtesy: Kewenig, Berlin; Bild diese Seite: Louise Bourgeois/Stoff, Glas, rostfreier Stahl und Holz, 137.2 x 61 x 50.8 cm/
Wien, Mönchengladbach und Wolfsburg de- auch heute nichts von ihrer Attraktivität als Torsi und abgetrennte Körperteile. Ihre El-
monstrieren die Qualität dieser Kunst, die künstlerisches Medium eingebüßt haben. tern betrieben bei Paris eine Galerie für his-
gern und oft unterschätzt wird. Vor allem Der jüngst verstorbene Markus Brüderlin, torische Stoffe, und schon als Kind besserte
wenn Frauen zu Geweben, Nadel und Faden Direktor des Kunstmuseum Wolfsburg, in- Bourgeois alte Gewebe aus. Angst und Ver-
Privatsammlung, courtesy Hauser & Wirth/Foto: Christopher Burke/© The Easton Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
greifen, fällt oft die abschätzige Bewertung terpretierte damals die aktuelle Neugier auf letztheit verströmen ihre amputierten Stoff-
von »Hausfrauen- und Handarbeitskunst«. textile Kunst als Reaktion auf die digitalisier- skulpturen. »Ich vergebe nicht, und ich ver-
Der Kunstkompass, der seit 1970 Ruhm te Welt und Black Boxes: »So ist diese Ausstel- gesse nicht. Das ist das Motto, das meine
und Rang zeitgenössischer Künstler misst, lung mit den Kunstwerken und Stoffen aus Arbeit nährt«, erklärte die zierliche Frau. Ein
spricht da eine andere Sprache. Darin finden aller Welt auch ein Fest der Sinne.« Brüderlin Leben lang verarbeitete sie in ihren Skulptu-
sich etliche Protagonisten, die seit vielen Jah- führte in seiner Ausstellung die gesamte ren und Zeichnungen die patriarchalen Kon-
ren für ihre Bilder, Skulpturen, Installatio- Bandbreite angewandter und freier textiler flikte ihrer Familie. Ein berühmtes Foto von
nen und Aktionen zu Stoffen, Geweben, Kunst eindrucksvoll vor: von mittelalterli- Robert Mapplethorpe zeigt Louise Bourgeois
Wolle und Fäden greifen. Dazu gehören an chen Tapisserien bis zu Filzarbeiten von 1982 in einem Affenfellmantel verschmitzt lä-
vorderster Front Claes Oldenburg, Joseph Joseph Beuys, von Bauhauskünstlern wie chelnd. Unter ihrem Arm hat sie die riesige
Beuys, Christo und Jeanne-Claude, Sigmar Anni Albers bis zu Henri Matisse, der in sei- phallische Skulptur »Filette« wie ein Ba-
Polke, Alighiero Boetti, Michelangelo Pisto- nen mediterranen Bildern ornamentale far- guette geklemmt.
letto, William Kentridge, Mike Kelley, Louise benprächtige Stoffe malte. Und auch vom Im Künstlerkompass tauchte die Gran-
Bourgeois und Rosemarie Trockel. langjährigen Kompass-Champion Gerhard de Dame der Skulptur erst 1990, pikanterwei-
Gallionsfigur des Textilkunsttrends ist Richter, den man eher mit Malerei assoziiert, se in der Rangliste der Nachrücker, auf Platz
zweifellos Rosemarie Trockel. Mit hintersin- waren in Wolfsburg Jacquards, die er entwor- 159 auf. Wenige Jahre später belegte sie bis zu
nigem Humor verstrickt die 62-Jährige fen hat, zu bestaunen. ihrem Tod einen Dauerplatz unter den Top
Kunstfreunde in ihren komplexen Kosmos Wer liebt sie nicht, die unter die Haut Ten. Seither thront sie im Ranking der Un-
aus Zeichnungen, Objekten, Installationen, gehenden Stoffskulpturen der Französin sterblichen hinter ihren männlichen Kolle-
Keramik und Videos und eben Wollwerken. Louise Bourgeois, die 2010 mit 98 Jahren in gen Andy Warhol, Joseph Beuys und Sigmar
Computergesteuerte Wollbilder mit seriellen New York starb. Die große alte Dame der Polke auf Platz vier. Im Münchner Haus der
Playboy-Häschen sowie Hammer und Sichel Bildhauerei hatte erst 1982 mit einer Retro- Kunst wurde gerade ihre Ausstellung »Struk-
verschafften ihr schon in den Achtzigerjah- spektive im New Yorker Museum of Modern turen des Daseins: Die Zellen« eröffnet, die
ren frühen Ruhm. Heute werden für die Art ihren künstlerischen Durchbruch. »Bes- noch bis Anfang August zu sehen ist. Danach
Strickwerke sechsstellige Summen bezahlt. wandert sie weiter nach Moskau ins Garage
Was die subversive Künstlerin interes- Museum und 2016 nach Bilbao, Guggenheim
sierte, waren vermeintlich »minderwertige« und ins Louisiana in Humlebæk.
Materialien und Techniken wie Wolle und Eigentlich ist William Kentridge für sei-
Stricken. »Ich will wissen, ob das negative ne politisch engagierten Collagen und
Klischee überwunden werden kann, wenn schwarz-weißen Kreidezeichnungen, die er
der handwerkliche Aspekt aus dem ganzen in Animationsfilme transformiert, bekannt.
Komplex herausfällt, wenn das Strickmuster Auf der letzten documenta wurde er für eine
vom Computer gesteuert wird«, erklärte sie skulpturale Rauminstallation gefeiert, die
einmal den Impetus ihrer Arbeit. Die vielsei- eindringlich die Probleme der Apartheid the-
tige »Frau Wolle« ist im Kompass seit Jahren matisierte. Doch seit 2001 produziert der
auf den Plätzen, wo sich sonst nur Männer Südafrikaner, der im aktuellen Kompass auf
tummeln: weit oben. Das ist der Professorin Platz neun steht, auch Wandteppiche. Ge-
der Düsseldorfer Kunstakademie aber nach nauer gesagt: Er lässt im Marguerite Ste-
eigener Aussage »wurscht«. Noch bis zum phens Tapestry Studio in Johannesburg nach
6. April zeigt das Kunsthaus Bregenz ihre Louise Bourgeois schuf 2005 ihre stoffver-
seinen Collagen und Zeichnungen großfor-
neuen raumspezifischen Arbeiten, danach kleidete »Femme«-Skulptur, die in einer matige »Tapestries« aus Mohairwolle, Seide
will sie erst mal eine längere Ausstellungs- Privatsammlung steht. Links der aus Mohair und Polyesterfasern weben. Sie werden der-
pause einlegen. Ihre Strickbilder sind nur ein gewebte Wandteppich »Diva« (2011) von zeit in der Berliner Galerie Kewenig gezeigt
Beispiel, wie Künstler Klischees spielerisch William Kentridge, der noch bis 18. April in – eine gute Gelegenheit, diese sinnlichen
und intellektuell unterwandern. der Berliner Galerie Kewenig zu sehen ist Kunststücke einmal im Original zu sehen.×
41
DE R K U N S T KOM PA S S
24 25
Bilder: Francis Alÿs/David Zwirner, New York/London 2015; Fredrik Nilsen/Paul McCarthy/Courtesy the artist and Hauser & Wirth; Jeff Wall/Courtesy Jeff Wall
FRANCIS ALŸS PAUL MCCARTHY
Francis AlŸs ist ein notorischer Fußgänger. Auf seinen »Paseos« Weihnachtsbaum oder Analdildo? Um diese Frage entbrannte
genannten Aktionen durchstreift er bevorzugt Mexiko-Stadt, letzten Oktober in Paris ein heftiger Skandal. Stein des
wo es ihn als junger Architekt hinverschlug. Mal hat er einen Anstoßes: die aufblasbare Skulptur »Tree«. Provokationen wie
magnetischen Hund mit dabei, der Schrott anzieht, mal diese sind eine Spezialität von Paul McCarthy. Anfangs be
einen schmelzenden Eisblock, mal rennt er einem Tornado nutzte er seinen Körper als Pinsel und Mayonnaise, Handcreme
hinterher. Mit seinen poetisch-politischen Interventionen, oder Exkremente als Farbe. Später kamen Performances und
die er multimedial dokumentiert, nimmt AlŸs meisterlich die Installationen hinzu, allesamt vehemente und lustige Angriffe
globalen Probleme unserer Zeit aufs Korn. auf die Spießermoral und den vermeintlich guten Geschmack.
oben: »Ohne Titel (Herat)«, 2012, Öl auf Leinwand und Holz oben: »White Snow Dwarf (Bashful)«, 2011
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JEFF WALL
Man könnte Jeff Walls Fotografien für dokumentarisch halten, in Wirklichkeit sind sie bis aufs kleinste
Detail inszeniert. Er zeigt sie in Leuchtkästen oder als großformatige Prints. Um sie zu erfassen, muss
man seinen Blick schärfen, ganz gelingen wird es einem jedoch nie. Seinen Bildkompositionen, die
der Kanadier selbst »kinematografische Fotografien« nennt, fehlen die Fußnoten: Die Geschichten bleiben
rätselhaft, der Plot entsteht erst im Auge des Betrachters. Wer versuchen mag, sie zu entschlüsseln,
hat dafür jetzt im Louisiana Museum für Moderne Kunst im dänischen Humlebæk die Gelegenheit.
Louisiana Museum, Humlebæk, bis 21. Juni | oben: »Boxing« von 2011
42
Prudence Cuming Associates Ltd/Damien Hirst and Science Ltd. All rights reserved/DACS 2015/VG BIld-Kunst, Bonn 2015; def image/Courtesy: The artist and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris DI E B E S T E N L I S T E
Bilder: Attilio Maranzano/Claes Oldenburg, 2011/Photo courtesy the Oldenburg van Bruggen Studio; David Regen/Matthew Barney/Courtesy Gladstone Gallery, New York and Brussels;
28
MATTHEW BARNEY
Mit »Cremaster«, seinem fünfteiligen
Filmprojekt, das voller Fabelwesen um
Themen der Geschlechtsidentität und
uramerikanische Mythen kreist, traf er
den Zeitgeist der Neunzigerjahre.
Heute ist Barney ein Popstar der Kunst
und entwirft rätselhafte, verstörende
Welten; sein Mammutwerk »River of
Fundament« hatte 2014 Premiere.
oben: »River of Fundament«, 2014, Filmstill
27
CLAES OLDENBURG
Neben Jasper Johns der letzte große lebende Künstler der Pop-Art. Mit ironischer
29
Formsprache geht Claes Oldenburg dem Wesen der Dinge auf den Grund. Der bunten DAMIEN HIRST
Warenwelt ist in seiner Kunst die Luft ausgegangen. Seine »Soft Sculptures«, die er Er schneidet Kühe auf, legt Haie in
1963 erstmals schuf, sind schlaffe Abbilder von Gegenständen, die zerknautscht fast Formaldehyd ein und besetzt Toten-
schon menschliche Züge entwickeln. Burger und Kuchen nähte Oldenburg aus schädel mit Diamanten. In den
bemalter Leinwand zusammen, Toiletten, Schreibmaschinen oder Lichtschalter bastelt Nineties berühmt geworden als Enfant
er aus Vinyl. Den öffentlichen Raum bestückt er indes mit enormen Lippenstiften, terrible der sensationsheischenden
Krawatten oder Farbpinseln, comicartigen Kommentaren auf die Welt, die uns umgibt. »Young British Artists«, entwickelte
oben: Großskulptur »Paint Torch« (2011) vor der Pennsylvania Academy of the Fine Arts, Philadelphia sich Hirst zum Oligarchenliebling und
Großverdiener wie zum Promoter und
Massenproduzenten seiner Luxuskunst.
oben: »Last Kingdom«, 2012
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MONA HATOUM
Situationen wie aus Albträumen. Alltägliches entpuppt sich als Bedrohung,
wenn die palästinensische Künstlerin Küchengeräte unter Strom setzt,
einen Rollstuhl mit Messern versieht oder Glasobjekte, die an Organe erin-
nern, auf Readymades verteilt. Hatoum zitiert das Vokabular der
Minimal Art und füllt sie mit Inhalten wie Gewalt, Exil, Weiblichkeit.
links: »Korb I«, 2014
43
32
CHRISTO & JEANNE-CLAUDE
Zur Magie der Werke von Christo
und Jeanne-Claude gehört untrennbar
Bilder: Peter Fischli David Weiss/Courtesy Sprüth Magers; Wolfgang Volz/laif/Christo 1972-2005; Thomas Demand/Courtesy Sprüth Magers/VG Bild-Kunst, Bonn 2015;
deren Vergänglichkeit. Egal ob das
Künstlerpaar nun einen Nylonzaun
quer durch Kalifornien errichtete
(1976), die Pariser Pont Neuf (1985) und
den Berliner Reichstag verhüllte (1995)
oder im New Yorker Central Park 7503
mit Stoffbahnen bespannte Tore auf-
stellte (2005) – von ihrer raumgreifenden
Anna Kowalska/Courtesy Gladstone Gallery, New York and Brussels/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
31 Landschaftskunst blieben nach den
FISCHLI/WEISS Spektakeln, die stets Hunderttausende
anzogen, stets nur die Erinnerungen
Die wunderbare Unergründlichkeit menschlichen Daseins fassten und Dokumentationen zurück. Anders
Fischli/Weiss 2003 in Fragen zusammen: »Findet mich das Glück?« for- als oft unterstellt, verfolgte das bul
mulierten sie für die Biennale in Venedig und ihren gleichnamigen garisch-französische Paar bis zum Tod
Künstlerbuchbestseller. Solch vermeintliche Naivität haftet der Kunst Jeanne-Claudes 2009 seine Verhül-
von Peter Fischli und David Weiss stets an, ob sie nun Filme drehten lungsprojekte gleichberechtigt. Seitdem
oder Skulpturen aus Polyurethan schnitzten. Wie niemand sonst gelang führt Christo die Arbeit allein fort
es dem Schweizer Duo, eine eigentümliche Bastelästhetik mit Slapstick und plant unter anderem als Nächstes
elementen, feiner Ironie und philosophischer Reflexion zu verknüpfen. eine textile Überspannung des Arkan-
Seit Weiss’ Tod 2012 führt Fischli das Werk in beider Sinn fort. sas River in Colorado.
oben: »Ohne Titel«, 2012, Fotoarbeit oben: »Valley Curtain« in Colorado, 1970–1972
33
THOMAS DEMAND
Das kollektive Gedächtnis ist der Kom-
plize von Thomas Demand. Er benutzt
Bilder aus Presse und Fernsehen als
Vorlage, eliminiert alle Personen, baut
die Schauplätze akribisch aus Pappe
und Papier nach, fotografiert die Mo
delle ab und zerstört sie wieder.
Demands hyperrealistische Stillleben
treiben ein hintergründiges Spiel mit
Wahrnehmung und Erinnerungen.
rechts: »Bloom«, 2014
34
THOMAS HIRSCHHORN
Kunst ist Widerstand, findet Thomas Hirschhorn, und
stochert mit Vorliebe in gesellschaftlichen Wunden. Aus
Billigmaterial, Zeitungsschnipseln und philosophischen
Texten puzzelt der Schweizer wilde Assemblagen zusam-
men und knallt uns einen Wust an Ideen vor den Latz.
links: »Concordia, Concordia«, Installation, Gladstone Gallery, 2012
44
DE R K U N S T KOM PA S S
Bild: Stephane Grangier/Corbis
»Ich will, dass die Arbeit starke formale Präsenz hat und durch die physische
Erfahrung eine psychologische und emotionale Reaktion aktiviert.« MONA HATOUM
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Bild: Peter Rigaud; rechte Seite: Thomas Struth; Charles Duprat/Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac Paris/Salzburg/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
46
DE R K U N S T KOM PA S S
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THOMAS STRUTH
Bilder: Uwe Walter, Berlin/Privatsammlung/Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin, David Zwirner, New York/London/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; Gilbert & George/Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac Paris/Salzburg
36 37
ILYA & EMILIA KABAKOV NEO RAUCH
Utopien und deren Scheitern sind das große Thema von Ilya In der Malerei von Neo Rauch wimmelt es von aus der Zeit
und Emilia Kabakov. Mit Fantasiebauten, sphärischen Raum- gefallenen Sonderlingen, die in düsteren Szenerien einem nur
installationen und komplexen Gemälden erzählt das Kon- schwer zu deutenden Tun nachgehen. Manche Kritiker nennen
zeptkünstlerpaar vom Untergang (nicht nur) der Sowjetunion. das neokonservativ, der internationale Markt reißt sich darum.
oben: »The Four Paintings about Sun #2«, 2013 Grafikstiftung Neo Rauch, Aschersleben, bis 3. Mai | oben: »Das Blaue«, 2006
38
GILBERT & GEORGE
Im Zentrum ihrer Kunst stehen sie selbst. Gilbert & George, Markenzeichen Maßanzug, erklärten sich
in den Sechzigern zu »lebenden Skulpturen« und provozierten mit aberwitzigen Performances. Es folgten
grellbunte Fotomontagen, in denen sie sich über Sexualmoral, Nationalismus und Religion auslassen.
oben: »Three Cheers«, 2013
47
DE R K U N S T KOM PA S S
Film stills/Courtesy the artist/Marian Goodman Gallery, New York/Hauser & Wirth, London/Esther Schipper, Berlin und Anna Lena Films, Paris/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; Jens Ziehe/Tobias Rehberger/courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin
Bilder: Brett Boardman/2015 Jenny Holzer, member Artists Rights Society (ARS), NY/Courtesy the artist and Sprüth Magers/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; Konrad Fischer Galerie/Courtesy: The artist and Konrad Fischer Galerie/VG Bild-Kunst, Bonn 2015;
39 41
JENNY HOLZER PIERRE HUYGHE
Jenny Holzer nennt die Dinge gern Er ist der mit dem Hund. Pierre Huyghe war es, der dem dünnen weißen Hund die
beim Namen. Ihr Medium ist das Vorderpfote rosa ansprühte und ihn auf der documenta 13 herumstreunen ließ. Der
geschriebene Wort. »Protect me from Vierbeiner war Teil von Huyghes Ausstellungsbeitrag, genau wie die Skulptur einer
what I want« oder »Abuse of power nackten Frau mit Bienenstock auf dem Kopf und ein entwurzelter Baum – ein Verweis
comes as no surprise« lauten zwei ihrer auf Beuys’ berühmte Eichen. Dass sich Tiere in Huyghes Werken tollen und diese mit
legendären sogenannten »Truisms«. bestimmen, ist Teil seiner Idee von Kunst. Nachdem er anfangs in Videoarbeiten die
Diese pointierten Binsenweisheiten verschiedenen Realitätsebenen von Filmen aufgedröselt hat, kreiert er die Situationen
platziert die Künstlerin auf Plakaten, nun selbst, etwa indem er Lebewesen und Artefakte zu geschlossenen Systemen grup
Leuchtreklamen, Häuserwänden, piert. Effektvoll lotet Huyghe so die Grenzen zwischen Leben und Kunst neu aus.
T-Shirts, Schriftbändern und vor allem oben: »Untitled (Human Mask)«, 2014, Film
auf LED-Laufschrifttafeln. Sie durch
bricht die Flut an Werbeslogans und
Nachrichten, die uns im öffentlichen
Raum sowieso umgibt. Die Mittel der
Massenkommunikation nutzt sie für
kritisch-poetische Weltsicht.
oben: »I Stay«, Installation, Sydney, seit 2014
40
DANIEL BUREN
Zu Anfang seiner Karriere hatte Daniel 42
Buren eine klare Vorstellung von sei
TOBIAS REHBERGER
nem Kunstmuster: vertikale Streifen in
einer Breite von stets 8,7 Zentimetern. Tobias Rehbergers Skulpturen – so eingängig sie auch wirken mögen – fordern den
Mit diesen überzog er den öffentlichen Betrachter heraus. Seine Cafeteria etwa, die er 2009 für die Biennale in Venedig ge
Raum, Installationen und Museums staltete, war eine Zumutung, fürs Auge zumindest. Das verlor angesichts der konfusen
wände. Mittlerweile hat er sein Reper Streifen, Rhomben und Spiralen, die sich auf Wänden und Mobiliar breitmachten,
toire erweitert und benutzt zum Bei jeden Sinn für Räumlichkeit. Razzle-Dazzle nennt das der Kenner, ursprünglich eine
spiel auch Spiegel oder bunte Quadrate Tarnbemalung für Kriegsschiffe. Wie die Cafeteria haben viele von Rehbergers
aus Plexiglas für seine Auseinander Objekten Funktionen, eigentlich ein Tabu in der Kunst. Ihn kümmert das nicht, mit
setzungen mit Raum, Licht und Farbe. hintersinnigem Witz baut er Vasen, Stühle oder Kuckucksuhren mit Eigenleben.
oben: »Relief 10«, 2008 oben: »Sieben Jahre Skulptur und Neid«, 2008
48
Bilder: © Carsten Höller/Courtesy Gagosian Gallery/Foto: Attilio Maranzano/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; The artist and Johnen Galerie, Berlin; Axel Schneider/Courtesy Galerie Buchholz, Berlin, Köln, Hauser & Wirth, Zürich/London, David Zwirner, New York/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
43
CARSTEN HÖLLER
Carsten Höller will Kunst sinnlich
erlebbar machen und lässt deshalb die
Besucher seiner Ausstellungen immer
auch an ihnen teilhaben: Mal können
sie im Floating-Tank baden, mal eine
Rutsche hinuntergleiten, mal in einem
ausfahrbaren Bett übernachten. Höller
hat Agrarwissenschaften studiert und
über die Kommunikation von Insek
ten habilitiert, bevor er sich der Kunst
widmete. Den Erkenntnisdrang des
Wissenschaftlers hat er beibehalten.
Seine Ausstellungen sind Experimente
mit Tieren oder Menschen, in denen
er Versuchsaufbauten mit surrealer
Anmutung entwickelt, um elementa
ren Bewusstseinszuständen auf den
Grund zu gehen.
oben: »Mirror Carousel«, 2005
44
DAN GRAHAM
Das Subjekt und dessen Beziehung zur
Umwelt ist es, was Graham interessiert.
Bevor er Künstler wurde, war er als
Musikjournalist, Galerist und Kultur 45
theoretiker tätig, und noch immer
ISA GENZKEN
sind Theorietexte Teil seines Œuvres,
das Performance, Video, Fotografie Sie hat am Computer Ellipsoide modelliert, Frauenohren fotografiert,
und Skulptur umfasst. Bekannt wurde Betonblöcke auf Sockel gestellt, Röntgenaufnahmen von sich beim
Graham seit den späten Siebzigern Rauchen und Trinken anfertigen lassen, Videos gedreht und Konsum
vor allem für seine halb transparenten schrott aller Art zu grellen Skulpturen und Assemblagen zusammen
Glaspavillons. Diese konstruiert er gebastelt. Isa Genzken hat sich im Laufe ihrer Karriere immer wieder
meist aus Zweiwegespiegelglas, in dem neu erfunden. Sie will sich nicht einordnen lassen und bleibt gerade
sich der Besucher – je nach Licht- so stets auf der Höhe der Zeit. Zurzeit zeigt das MMK in Frankfurt am
einfall – selbst sehen oder ins Innere Main eine neue Werkgruppe von ihr. Im Zentrum »Schauspieler«,
hineinschauen kann. Betrachter wie Genzken sie nennt: Schaufensterpuppen, denen sie ihre abgetrage
oder Betrachteter? Drinnen oder drau nen Kleider sowie allerlei Dekomaterial angezogen hat. Es sind
ßen? Dan Graham lässt es offen. schaurige Selbstporträts der Künstlerin, so vielschichtig wie ihr Werk.
oben: Installation auf dem Dia Center, New York Museum für Moderne Kunst, Frankfurt, bis 31. Mai | oben: »Untitled«, 2014
49
Z E RO
RO
TREND : ZE VON
T I M AC K E R M A N N
50
K
Z E RO
Kaum zu glauben, dass der Zero-Rakete auf Herr Mack, ich habe gelesen, dass Ihre erste Ein bekanntes Propagandawerk von Leni
dem Weg in Richtung Kunstgeschichte fast Begegnung mit Kultur im Kino Ihres Dor- Riefenstahl …
der Sprit ausgegangen wäre. Zwei Boompha- fes stattfand. Ist also das Kino, das ja früher Ja, da waren die Nazis natürlich un-
sen hielten das Projekt glücklicherweise auf auch als »Lichtspielhaus« bezeichnet wurde, glaublich stolz drauf. In Riefenstahls Film
Kurs. Die erste begann gleich zu Anfang: 1958 die Geburtsstätte des späteren »Lichtkünst- »Olympia« sieht man am Ende den »Licht-
formierten sich Otto Piene, Heinz Mack und lers« Heinz Mack? dom«, von dem ich damals nicht wusste, dass
Günther Uecker zu Zero. Sie vernetzten sich Das klingt zwar gut, aber so ganz er von Albert Speer war. Mich erinnerte das
mit Künstlern wie Lucio Fontana aus Mai- stimmt es wohl nicht. Richtig ist, dass meine visuelle Spektakel an den Bombenangriff auf
land oder Yves Klein aus Paris zu einer schlag- Schwester und ich aus Krefeld nach Lollar Krefeld – der auch ein Lichtdom war und
kräftigen Avantgarde, die eine ungegenständ- evakuiert wurden – das zu meiner Jugendzeit dessen Nachglühen und nachfolgende Explo-
liche und unpersönliche, dabei aber coole, wirklich eher ein Dorf als eine Kleinstadt sionen ich damals mit meiner Agfa-Kamera
spirituelle und erstaunliche Kunst propagier- war. Und in diesem Kuhdorf gab es in der Tat fotografieren konnte. Also, das hat alles
te. Frühe Anerkennung in Museen in Lever- ein Kino, das aber nichts mit einem Kino in wahrscheinlich schon unbewusste Folgen
kusen (1960) und Amsterdam (1962) waren unserem heutigen Sinne gemein hatte. Das auf meine Beschäftigung mit Licht gehabt.
der Lohn. Nach Ende der Gruppe (1966) stell- war eine alte Scheune mit einem Lehmbo-
ten Piene, Mack und Uecker bis in die Siebzi- den. Da wurden die Stühle draufgestellt. 1950 haben Sie sich dann als 19-jähriger Abi-
ger hinein auf Biennalen und auf der Docu- turient an der Kunstakademie Düsseldorf
Bild: Edwin Braun/Atelier Heinz Mack/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
menta aus. Danach wurde es ruhig um Zero. An welche Filme erinnern Sie sich? für Kunsterziehung eingeschrieben, dem
Sprung in den Februar des Jahres 2010 Ein Erlebnis war für mich, als ich in die- drei Jahre später noch das Zweitfach Philo-
und einen Auktionssaal von Sotheby’s in sem Kino Zarah Leander sah. Sie war sehr sophie in Köln folgte. In beiden Klassen be-
London. Die Sammlung Lenz Schönberg mit schön – im Dorf gab es nicht so schön ange- gegneten Sie Otto Piene, Ihrem späteren
Zero-Kunst wird versteigert – und erzielt sen- zogene Frauen – und sang mit einer Bariton- Zero-Mitbegründer. Wie haben Sie sich als
sationelle Ergebnisse. Ein Nagelbild von stimme Lieder wie »Ich weiß, es wird einmal Gleichgesinnte erkannt?
Uecker verfünffacht seinen Schätzpreis auf ein Wunder gescheh’n«. Das war deshalb Zwischen Piene und mir gab es eine In-
rund 936 000 Euro. Werke von Piene und merkwürdig, weil es gleichzeitig Gerüchte tuition: Wir wollten nicht nur gute Kunst
Mack landen bei 250 000 und 230 000 Euro. von kriegsentscheidenden »Wunderwaffen« machen – und haben uns zu diesem Zweck
Auch hier hatte man ein Fünftel des Preises gab. Ebenso im Gedächtnis sind mir Filmauf- auch heftig gegenseitig kritisiert –, sondern
erwartet. So gerät Zero wieder ins Blickfeld. nahmen der Olympischen Spiele 1936 in Ber- wir merkten, dass wir gemeinsame Ansich-
Die zweite Zündphase der Zero-Rakete wur- lin, die in diesem Kino gezeigt wurden. ten teilten. Das war ein menschliches Ereig-
de maßgeblich vom Markt angeheizt. Der Re-
kordpreis für ein Uecker-Nagelbild liegt mitt-
lerweile bei 1,26 Millionen Euro – erzielt im
vergangenen Juli mit »Hommage à Fontana
I« (1962) bei Ketterer in München.
Auf den Boom am Markt folgt die Wie-
derentdeckung durch die Kuratoren: 2014
stellte Heinz Mack goldene Stelen vor der Kir-
che San Giorgio Maggiore in Vendig auf und
Otto Piene ließ aufblasbare Sterne über der
Berliner Nationalgalerie aufgehen. Aktuell
läuft im K20 in Düsseldorf Günter Ueckers
Werkschau (bis 10. Mai) – und dann gibt es
natürlich die lang erwartete Zero-Retrospek-
tive, die nach einer Station im Guggenheim
Museum New York jetzt bis zum 8. Juni im
Martin-Gropius-Bau in Berlin gastiert, bevor
sie nach Amsterdam weiterzieht. All das
mehrt den Ruhm: Während Günter Uecker
sich schon seit längerem in den Top 100 des
Kunstkompasses festgesetzt hat, macht vor al-
lem Mack mit einem Zuwachs von 4250
Punkten und einen großen Sprung auf Platz
204 auf sich aufmerksam. Anlass für ein Ge- Revolte gegen die Museumswelt: Heinz Mack bei den Dreharbeiten zum Film »Tele-Mack«
spräch mit dem Künstler auf dem Huppertz- (1968) in der tunesischen Wüste. Linke Seite: die Zero-Künstler Heinz Mack, Otto Piene
hof, seinem Wohnsitz in Möchengladbach. und Günter Uecker 1962 bei einer Vernissage im Stedelijk Museum, Amsterdam
51
Bilder: Ute Mack/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; ZERO foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
nis. Sie müssen wissen, dass nach dem Krieg Der Künstler Heinz Mack in seinem Atelier dann mit den Reliefs begonnen, weil sie zwi-
nicht nur ein materielles Vakuum entstan- in Mönchengladbach. Er steht vor einer schen der Malerei und der Skulptur vermit-
den war, sondern auch ein vollkommenes seiner »Chromatischen Konstellationen«. teln. Wir fingen wirklich wieder von vorne
künstlerisches Vakuum und vor allem ein in- Unten: Die Künstlerfreundschaft zum an und erkannten schnell, dass nun für uns
tellektuelles Vakuum. Es gab hierzulande Schweizer Bildhauer Jean Tinguely inspi- alle Türen offenstanden.
nichts mehr, was uns hätte faszinieren oder rierte Mack zu einer Skulptur: »Siehst Du
den Wind? Gruß an Tinguely« (um 1962)
begeistern können. Kurz gesagt: Wir hatten Spielt Komposition als Ausdruck räumli-
einfach keine Vorbilder mehr! cher und zeitlicher Zusammenhänge in Ih-
rem Werk eigentlich eine Rolle? Oder leh-
Wie sind Sie damit umgegangen? nen Sie den Begriff »Komposition« in Bezug
Wir sagten uns, dass wir die drei Jahre auf Ihre Arbeiten generell ab?
Studium wieder vergessen mussten. Das war Wenn man die Werke aller Künstler be-
eine ganz wesentliche Erkenntnis: Alles, was trachtet, die direkt oder indirekt an Zero be-
du bis jetzt gelernt hast, ist möglicherweise teiligt waren, dann fällt auf, dass alle seriell
gar nicht für deinen künftigen Lebensweg arbeiten. Und keiner hat Komposition ge-
sinnvoll, das musst du wieder verwerfen. Du macht. Bei den Musikern dieser Zeit war es
musst wieder ganz von vorn anfangen. ganz genauso. Ob das John Cage war, Karl-
heinz Stockhausen, Steve Reich oder Philip
Das ist also der Nullpunkt, von dem 1958 Glass – bei allen finden Sie reine, serielle
Zero als Gruppe ausging? Strukturen! Das hat uns sehr elektrisiert,
Diesen Entschluss, wieder von vorne dass wir anstelle von Kompostion nun Struk-
anzufangen, hat zunächst jeder für sich al- turen, Energiefelder, Raster und serielle Rei-
lein gewagt. Wir haben natürlich alles gele- hungen gebracht haben.
sen, was uns noch zur Verfügung stand. Ich
nahm mir Kandinskys »Punkt und Linie zu Bemerkenswert finde ich auch das Wechsel-
Fläche« vor. Danach war für mich klar: spiel zwischen Farbigkeit und Nichtfarbig-
Punkt, Linie und Fläche sind das Elementars- keit in Ihrem Werk, das bis heute anhält. Far-
te, was es in der Atomphysik der Kunst gibt! be spielte ja schon früh in Ihrem Leben eine
Und also beginnt Piene mit seinen Punkten, Rolle: Während Ihrer Schulzeit haben Sie als
aus denen er serielle Raster macht. Und ich Hilfsarbeiter in einer Färberei gearbeitet,
fange gleichzeitig mit Linien an, die ich pa- um Geld für die Familie zu verdienen.
rallel zueinander und seriell zu einer Struk- Stimmt, in den Vereinigten Seidenwe-
tur der Energie ordne. Wenig später habe ich bereien in Krefeld habe ich die Arbeiter in
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Z E RO
der Farbküche mit Nachschub an Pigmenten einer optischen Desorientierung führte. Ich
versorgt, drei Kilo Blau oder zwei Kilo Gelb. fand zwischen den Spiegeln gar nicht mehr
Das war insofern mörderisch, als dort eine hindurch. Das war die erste kardinale Entde-
enorme Hitze herrschte und zudem keine ckung: dass die Präsenz des Spiegelbildes die
Masken getragen wurden. gleiche Realität hat wie die Realität selbst.
Was assoziieren Sie mit einzelnen Farben? Und die zweite Entdeckung?
Was bedeutet Rot für Sie? Was Gelb? Das war die Erkenntnis, dass durch die
Rot erinnert mich heute noch an die Spiegel ein Gegenstand vom Ursprungsort
Nazi-Fahnen – wenn in unserem Dorf wie- an einen anderen Ort verschoben wurde. Das
der der Befehl kam: »Alle Flaggen raus!« Das habe ich in der Wüste noch intensiver erfah-
Rot hatte eine sehr aggressive Wirkung auf ren dürfen, als ich dort Spiegel aufstellte und
dem Grau der Häuser. Auch die Aufmärsche mich dann wieder bis zu einem halben Kilo-
in der DDR und der gesamte russische Revo- meter von ihnen entfernte. Wenn die Sonne
lutionszirkus fanden ja unter roten Fahnen richtig reagiert, blitzt der Spiegel auf und das
statt. Das ist wirklich die Farbe der Aggressi- Bild ist mit Lichtgeschwindigkeit bei Ihnen.
on, der Diktaturen, wenn zum Rot keine Und der Raum dazwischen ist weg!
Komplementärfarben hinzutreten. Oder
wenn man es musikalisch ausdrückt: Rot ist Warum sind Sie eigentlich 1955 erstmals in
ein Schrei! Dagegen ist Weiß die vollständige die Sahara gegangen?
Stille. Und Schwarz wäre für mich vollkom- Manche Arbeiten aus Macks Zero-Zeit sind Das war auch eine innere Revolte gegen
men unmusikalisch. Da schwingt nichts. farblich extrem zurückgenommen, so wie die Welt der Museen und gegen die Kultur-
»Drei Kuben« (1959, o.). In anderen Werken industrie, gegen das Überangebot an Bildern
Welche Farbe schwingt denn richtig? spielt Farbe dagegen die zentrale Rolle: und deren ständige Verfügbarkeit. Die Wüs-
Gelb schwingt. Wenn ich einen Raum »Gelb schwingt«, erklärt Mack – man fühlt te ist ein naturbelassener Ort, an dem Raum,
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AI WEIWEI
Der chinesische Künstler, Architekt und furchtlose Aktivist
hat keinen Reisepass, aber in der Welt ist er so präsent wie
kein anderer seiner Landsleute. Nicht nur durch Ausstellun-
gen wie »Sunflower Seeds« in der Turbinenhalle der Tate
Modern 2010 oder der umfassenden Schau im Berliner Martin-
Gropius-Bau 2014, sondern auch durch seine unermüdliche
Bilder: Ai Wewei/courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin; Marina Abramovic/Courtesy Galerie Krinzinger and Marina Abramovic Archives/VG Bild-Kunst, Bonn 2015;
Tätigkeit im Internet. Immer wieder greift er in seiner Kunst
auf die Geschichte Chinas, auf traditionelle Techniken,
Motive und Materialien zurück und reflektiert die Gegenwart
mit Eimern voller Zuchtperlen oder Handschellen aus Jade.
rechts: »The Wave«, 2014, glasierte Keramik
48
GÜNTHER UECKER
Irgendwas muss ihm unter den Nägeln gebrannt haben, als
Günther Uecker Mitte der Fünfzigerjahre zum Hammer griff.
Danach hat der Zero-Künstler ganze Eisenwarenhandlungen
auf Bildern und Objekten verarbeitet, die heute auf Auktionen
von Rekord zu Rekord jagen. Doch bevor er Gefahr lief, die
Kunst irgendwann aus Langeweile an den Nagel hängen zu
müssen, hat er sich neu erfunden – mit Schriftbildern.
K20, Düsseldorf, bis 10. Mai | oben: »Weißer Wind« (1992)
56
DE R K U N S T KOM PA S S
Bilder: MANDEL NGAN/AFP/Getty Images; Courtesy of the artist and Marian Goodman Gallery; Zan Wimberley/Courtesy the artist, Frith Street Gallery, London and Marian Goodman Gallery, New York/Paris
50 52
ELLSWORTH KELLY TACITA DEAN
»Bin so abstrakt«, sang 1997 die Hamburger Diskursrockband Vieles an Tacita Deans Kunst ist ein Festhalten an Dingen, die
Die Sterne. Was bei den Musikern die Komplexität des der Welt zu entschwinden drohen. Diese Neigung betrifft
Lebens meinte, bedeutet für den Maler Kelly das Gegenteil – nicht nur das Material, das die englische Künstlerin bevorzugt
radikale Vereinfachung. Ende der Vierziger begann der 1923 benutzt, 16-mm-Film, eine Technik, die mehr und mehr
geborene Amerikaner bei einem Frankreichaufenthalt im antiquiert wirkt. Auch ihre Themen sucht sich Dean entspre-
Skizzenbuch gestapelte Cafétische, Bäume oder gestreifte chend aus: In »Disappearance at Sea« (1996) spürt sie dem
Badehäuser zu abstrakten, ornamentalen Mustern zu gliedern. verschollenen britischen Weltumsegler Donald Crowhurst
Eine einzigartige Hard-Edge-Malerkarriere später ist nach, ihr Werk »Michael Hamburger« (2007) handelt von
er heutzutage der treuste Rechtsbeistand der reinen Farbe. einem Lyriker, der in seinem Garten im Aussterben begriffene
oben: »White Red Black«, 2004, Öl auf Leinwand Apfelsorten hegte. »Palast« (2004) wiederum ist eine Serie,
bei der die Künstlerin mit der Kamera in die Spiegelscheiben
des Palasts der Republik in Berlin hineinfotografierte. Ein
Jahr zuvor hatte der Bundestag den Abriss beschlossen. Deans
Filme erzählen von ihrem paradoxen Verhältnis zur Zeit:
Durch das Abrollen des Zelluloids thematisieren sie die Ver-
gänglichkeit der Objekte, die sie für die Ewigkeit sichern.
oben: »Event for a Stage«, 2015, Fotografie einer Performance
51
GABRIEL OROZCO
Ein Auto hat ihn auf einen Schlag berühmt gemacht. Als
Gabriel Orozco 1993 seine Version des Citroën DS vorführte,
wurde der polyglotte Mexikaner, damals Anfang 30, rasch
im Kunstbetrieb herumgereicht. Er hatte aus der schnittigen
Fifties-Ikone in Längsrichtung den Mittelteil herausgesägt
und das Ganze als surreale Schmalversion wieder zusammen
gefügt. Einen VW Käfer zerlegte er in alle Einzelteile und
ließ diese an unsichtbaren Schnüren im Raum schweben.
Orozco arbeitete aber auch mit Walskeletten, mit Müll, den
er ornamental nach Farben ordnete, oder mit gefundenen
Steinen. Selbst banale Dinge überführt er so in andeutungs-
reich verwirrende Artefakte.
oben: »La DS (Cornaline)«, 2013, veränderter Citroën
DE R K U N S T KOM PA S S
53
SHIRIN NESHAT
In ihrer Kindheit gab es katholische
Internate im Iran und Sympathien für
Bilder: Shirin Neshat/Courtesy of the artist and Gladstone Gallery, New York and Brussels; Raymond Pettibon; Konrad Fischer Galerie/The artist and Konrad Fischer Galerie/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
den Westen. 1979 schickten die Eltern
Shirin Neshat in die USA, damit sie
dort Kunst studieren konnte. Elf Jahre
später war von ihrem Land, das die
Künstlerin als 30-Jährige erstmals wie
der besuchte, nichts mehr übrig. Seit
her beschäftigen sich ihre Fotografien
und Filme mit der paradoxen Rolle der
Frau im Islam. Kämpferisch soll sie
sein, unterwürfig, feminin und gläubig.
Neshat setzt diese Ambivalenz, die sie
auch für sich selbst reklamiert, in star
ke, manchmal kitschige Bilder um.
Yarat Contemporary Art Space, Baku, bis 23. Juni
unten: »Mahira«, 2014/15 54
RAYMOND PETTIBON
Bei Pettibon ist die Welt noch in Ordnung: Er gibt ihr
klare Konturen und zeichnet ein Leben jenseits der ameri
kanischen Vorstadtidylle. Hart, schwarzweiß und brutal
wahr. In seinen häufig von Texten begleiteten Tuschbildern
finden Machtkämpfe zwischen den Geschlechtern statt,
wird drangsaliert, gequält, unterdrückt. Alles im Comicstil,
weshalb man den Kalifornier lange als schrägen Punk sah,
der Fanzines und Plattencover für Bands wie Sonic Youth
gestaltet hat. Das ist vorbei. Inzwischen gilt er als wich-
tiger Konzeptkünstler mit Ausstellungen in renommierten
Museen von London über Köln bis New York. Seine
Motive werden als komplexe Bild-Text-Assemblagen gelesen,
die ebenso aus der Literatur zitieren, wie sie sich der
Subkultur bedienen. Alles, um gründlich mit den Mythen
der amerikanischen Gesellschaft aufzuräumen.
Deichtorhallen, Hamburg, bis 3. April
oben: »No Title (My First Ride)«, 1983
55
JANNIS KOUNELLIS
Weshalb mit teuren Materialien arbeiten, wenn es auch
Erde, Kartoffelsäcke, Schrott und Ruß tun? Jannis Kounellis
entdeckte 1963 die sogenannten armen Mittel für sich
und arrangierte einige davon zu räumlichen Bildern. An
dere nutzte er für spektakuläre Performances. Das Publi
kum erklärte ihn bald zum zentralen Akteur der Arte povera.
Dass die Protagonisten der Strömung auch gegen bürger
liche Kunstvorstellungen opponierten, wurde dabei offen
bar übersehen: Das Bürgertum umarmt ihn bis heute
und konzentriert sich auf die Sinnlichkeit seiner Arbeit.
rechts: ohne Titel, 1994, Installation
58
DE R K U N S T KOM PA S S
Bild: Albrecht Fuchs
»Nostalgie ist doch die Hölle. Es gibt Nostalgie für den Krieg, für die
Wirtschaftskrise und für den Holocaust.« R AYMOND PETTIBON
59
DE R K U N S T KOM PA S S
56 57
LUC TUYMANS MONICA BONVICINI
Wie die meisten Künstler aus Belgien hat Tuymans einen Hang Ihre Karriere begann im Berlin der Neunzigerjahre, wo sie fest
zu Symbolismus und Surrealismus – oberflächlich betrachtet. verwurzelt war in der Technoszene. Raumfüllende Gestelle mit
Bilder: Luc Tuymans/Courtesy David Zwirner, New York; Monica Bonvicini/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; Peter Cox/Marlene Dumas/2015, ProLitteris, Zürich
Er tritt mit seinem Werk in Wahrheit den Beweis an, dass Sling-Matten sind eines ihrer Markenzeichen geworden – eine
Malerei, die erst mal nicht danach aussieht, politisch sein kann, Anspielung auf die Sexualisierung unserer Welt, zugleich eine
und ist stilistisch mit großem Einfluss auf jüngere Künstler hintergründige Reflektion von Macht und Gewalt. Die gebürtige
generationen. Studierte in seiner Heimatstadt Antwerpen Kunst Venezianerin arbeitet in allen Medien: Licht, Schrift, Objekte,
und dann Kunstgeschichte. Bevorzugte Motive: Porträts von Installationen, es entstanden auch viele Zeichnungen. Es geht
Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, meist solchen mit großen um Architektur und Raum, Kontrollmechanismen oder
Mengen Dreck am Stecken, zum Beispiel die Nomenklatura Geschlechterfragen. Eine ihrer ersten Einzelausstellungen fand
der belgischen Kolonialherrschaft im Kongo oder Mitglieder 1993 in den Kunst-Werken in Berlin statt und hieß »verbrauchte
der Bush-Administration. Ist inzwischen 56 Jahre alt und nostalgie«. Das beschreibt ihre künstlerische Haltung gut: Sie
in nahezu jedem Museum, das etwas auf sich hält, vertreten. ist der Typ für klare Ansagen, nicht fürs Sentimentale.
David Zwirner, New York, bis 2. April | oben: »Bedroom«, 2015 oben: »Chainsaw«, 2012, Aluminium, gegossen, mit verzinkten Ketten
58
MARLENE DUMAS
Sie ist ein Beispiel dafür, dass die alten
Genres der Kunstgeschichte entgegen
regelmäßig vorgebrachten gegenteili-
gen Behauptungen nicht tot sind.
Wuchs in Kapstadt auf und studierte in
Amsterdam, wo sie noch immer an
sässig ist. Belegte einige Semester Psycho-
logie, was für ihre künstlerische Ent-
wicklung sicher hilfreich war. Marlene
Dumas malte schon figurativ, als sich
die Kunstwelt noch fest im Griff der
Abstraktion befand, und gilt deshalb
als Pionierin der aktuellen Malerei. Mit
ihren oft wie dahingetuscht wirkenden,
trotzdem sehr prägnanten Porträts ist
sie eine der gefragtesten Künstlerinnen.
Hat in Amsterdam für eine Bilderserie
einmal Polaroidaufnahmen von Strip-
perinnen in Sexclubs gemacht. Lässt
den Betrachter auch sonst so nah an ihre
Modelle heran, dass der Grad von
Intimität fast weh tut. Aber nur fast.
Fondation Beyeler, Basel 31. 5. bis 6. 9.
links: »nuclear family«, 2013
60
DE R K U N S T KOM PA S S
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Bilder: Robert Zahornicky/Arnulf Rainer, 2015; © Robert Gober/Courtesy Matthew Marks Gallery; David Regen/Courtesy Gladstone Gallery, New York and Brussels/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; Bernd + Hilla Becher/Courtesy Sprüth Magers
ARNULF RAINER
Einer der wenigen Künstler, dessen Schaffen zwischen drei
verschiedenen Ismen oszilliert: Expressionismus, Informel und
der konzeptuelle Ansatz. Als er in den Fünfzigerjahren mit
seinen »Übermalungen« anfing, wollte er etwas »noch nie Ge
machtes« erreichen. Ist ihm gelungen. Hielt es als Student
drei Tage an der Wiener Kunstakademie aus. Fuhr, anstatt sich
weiter beschimpfen zu lassen, lieber mit Maria Lassnig nach
Paris, um André Breton kennenzulernen. Entdeckte dabei Wols
und die Écriture automatique. Wurde 1961 von einem Gericht
in Wolfsburg wegen »Übermalung eines prämierten Bildes« be
langt und rechtskräftig verurteilt. War damals schon einer
von Österreichs Besten. Hat seit 2009 in Baden bei Wien ein
eigenes, nur seinem Werk gewidmetes Museum.
Museum Frieder Burda, Baden-Baden, bis 3. Mai | links: ohne Titel, 2012
60
ROBERT GOBER
Seit seinem denkwürdigen Auftritt auf der documenta 1992
ist er auch in Europa einer der bekanntesten amerikanischen
Künstler. Arbeitet an der Schnittstelle von Realismus und
Surrealismus. Montiert in Ausstellungsräumen gerne einzelne
menschliche Gliedmaßen an Wände, und bringt damit Eltern
in Begleitung ihrer Kinder immer wieder in Erklärungsnot.
oben: ohne Titel, 1993/2003, Holz, Farbe, Bienenwachs
62
BERND UND HILLA BECHER
61
Die Geschichte der Fotografie als Kunst wäre anders verlaufen
ANISH KAPOOR
ohne sie. Mit ihren unsentimentalen, scheinbar streng aufs
Er ist der Meister der unklaren Verhältnisse. Den Plastiken Faktische beschränkten, dabei aber sehr ästhetischen En-face-
des 2013 geadelten 61-jährigen Briten mangelt es nicht an Aufnahmen von Gebäuden waren sie stilprägend wie sonst
Gewicht und Volumen. Doch lassen Materialien wie spiegeln nur wenige Künstler und begründeten die Düsseldorfer Schule.
der Stahl und reine, staubtrockene Farbpigmente den Hilla Becher führt seit dem Tod ihres Mannes 2007 das
Betrachter immer wieder hartnäckig zweifeln – an der eigenen Werk allein fort, sie war Lehrerin unter anderem von Andreas
Wahrnehmung und den Gesetzen der Physik. Gursky, Thomas Ruff, Thomas Struth und Axel Hütte.
oben: Installation in der Gladstone Gallery, New York, 2012 oben: »Detail, Duisburg-Bruckhausen«, 1995
61
DE R K U N S T KOM PA S S
Bilder: Anri Sala/Haus der Kunst, München/Galerie Chantal Crousel, Paris, Marian Goodman Gallery, New York, und Hauser & Wirth/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; Jens Ziehe/The artist and Johnen Galerie, Berlin/VG Bild-Kunst, Bonn 2015;
63
ANRI SALA
Statt Geschichten zu erzählen, will Videokünstler Anri Sala
Erfahrungen nachvollziehbar machen. Die Sprache verschwin-
det aus seinen enigmatischen, gedehnt wirkenden Filmen und
macht zunehmend Platz für Stille, Geräusche und Musik wie –
zurzeit in einer Auftragsarbeit im Münchner Haus der Kunst.
oben: »The Present Moment«, 2014, Filmstill
Courtesy Galerie Krinzinger/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; CALLE/ADAGP, Paris, 2014/ARNDT und Galerie Perrotin/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
64
HANS-PETER FELDMANN
Weil er kein begnadeter Maler oder Zeichner war, suchte
Hans-Peter Feldmann früh nach Alternativen, seine Ideen zu
publizieren. Oft sind es ganz einfache Kniffe, mit denen er
Alltagsobjekte in Kunstwerke verwandelt: Zu den populärsten
Feldmann-Stücken überhaupt zählt etwa eine Dollarnote,
bei welcher der Künstler George Washington eine Clownsnase 65
verpasste. Das Werk des 1941 geborenen Feldmann ist nie JONATHAN MEESE
auftrumpfend, und trotz Konzeptkunst ist Lachen erlaubt.
Als Ameise der Kunst kämpft Meese in manischer Emsigkeit
unten: »Zwei Schwestern von Schadow«, 2012
gegen alles Schöne, Wahre und Gute. Inzwischen sind die
Installationen, Performances, Gemälde und Manifeste des
Hamburg-Berliners zum Gesamtkunstwerk mit dramatischen
Ausmaßen gewachsen. Aus dem Kunstkompass ist Meese
nicht mehr zu vertreiben – aus Bayreuth schon. Die ursprüng-
lich 2016 geplante Parsifal-Krönung fällt aus. Das Gute daran:
Die schmutzige Trennung befeuert neue wütende Manifeste,
die Meese dem intriganten Kultur-Establishment entgegen-
schleudert. Kopf hoch, Johnny! Die Produktion geht weiter.
Tim van Laere Gallery, Antwerpen, bis 25. April
oben: »KAMPFHERZELEIDE«, 2015
66
SOPHIE CALLE
Am Anfang der Karriere von Sophie Calle steht ein ungewöhn-
liches Projekt: Für ihre Fototextserie »The Sleepers« (1997)
lud die angehende Künstlerin in Paris wildfremde Leute ein, in
ihrem Bett zu übernachten. Aus kleinen Grenzüberschreitungen
und großer Offenherzigkeit destilliert die Französin bis heute
ihre seltsam anrührende Kunst.
oben: »I went to Istanbul, a city surrounded by water, I met people who had
never seen the sea. I filmed their first time«, aus »Voir la mer«, 2011, Fotoarbeit
62
DE R K U N S T KOM PA S S
Bilder: Jens Ziehe, Berlin/Rirkrit Tiravanija/courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin; Timo Ohler/John Bock/Courtesy Gallery: Sprüth Magers/Anton Kern/Gio Marconi/Sadie Coles/Regen Project;
67
RIRKRIT TIRAVANIJA
Es ist eine ziemlich ernüchternde
Erfahrung, in einem Ausstellungsraum
auf die verwaisten Überreste einer
Tiravanija-Aktion zu stoßen. Leere
Becher, Teller und Töpfe: zeichenhafte
Reste eines vergangenen, geselligen
Moments. Seit Mitte der Neunziger legt
der Performancekünstler die Beto-
nung auf das Soziale in der Kunst und
benutzt unter anderem gemeinsames
Essen als Kommunikations- und Parti-
zipationsbeschleuniger. Die Verfechter
der relationalen Ästhetiktheorie, die
auf das Soziale als Material und Inhalt
zeitgenössischer Kunst setzen, verdan-
Richard Prince/Courtesy the artist and Sprüth Magers
68
JOHN BOCK
Malerei ist die einzige Sache, von der
sich John Bock schon vor langer Zeit 69
verabschiedet hat. Stattdessen eroberte RICHARD PRINCE
der 1965 in Schleswig-Holstein gebore-
Als klassischer Vertreter der New Yorker Pictures-Generation der frühen Achtziger
ne Künstler die Biennalen und Museen
hat Richard Prince seinen Platz in der neueren Kunstgeschichte schon sicher. Bis heute
dieser Welt seit den späten Neunziger-
durchziehen Strategien der Aneignung, des Pastiche und der Rekontextualisierung
jahren mit verspielten Punk-Mode-
von Werbung, Zeitungsbildern und Illustrationen seine Kunst wie ein roter Faden.
Performances, die sich in ihren installa-
Angesichts der zunehmend porösen Definition von Autorschaft in der Gegenwart
tiven Momenten aus dem reichen Fun-
scheint die Zeit sogar für den Künstler und sein Werk zu arbeiten: So gewinnen seine
dus bäuerlicher Erfindungskunst und
Aneignungen und sein exzessives Bildersammeln gerade wieder an Aktualität. Er
ländlichem Improvisationswillen spei-
hat auch nie aufgehört, an der Gegenwart dranzubleiben, und schafft es offensichtlich
sen. Das Filmemachen ist in den
noch immer spielend, sein Publikum zu verstören und zu spalten. Zuletzt sorgte er
letzten Jahren immer wichtiger gewor-
in New York für Ärger, als er 37 auf realen Instagram-Profilen basierende Inkjetgemälde
den: Schamlos schlachtet der ehemalige
zeigte. Ein Schock für viele der so aus der Semiöffentlichkeit des Netzes Gezerrten.
BWL-Student im Do-it-yourself-Modus
Die Kritik aber jubelte und feierte Prince als »genialen Troll«. Tendenz: aufsteigend.
historische Filmgenres wie den expres-
Zachęta, Warschau, bis 31. Mai (Gruppenausstellung) | oben: »Untitled«, 2015
sionistischen Film oder das Roadmovie
aus. Ergebnis: großes absurdes Theater!
Kulturhuset, Stockholm, ab 2. April
oben: »Appeldorn«, 2014
63
DE R K U N S T KOM PA S S
70
LIAM GILLICK
Für alle, die in der zeitgenössischen Kunst Poesie oder Sinn-
lichkeit suchen, sind die Installationen des gebürtigen Englän-
Rebecca Horn/Courtesy Galerie Thomas Modern 2015/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; David Hockney; Courtesy Galerie Thomas Modern 2015/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
Bilder: Andrea Rossetti/Courtesy: The artist and Esther Schipper, Berlin; Konrad Fischer Galerie/The artist and Konrad Fischer Galerie/VG Bild-Kunst, Bonn 2015;
ders ein rotes Tuch. Liebhaber knochenharter Konzeptkunst
hingegen verehren den Briten kultisch. Lange her, dass Gillick
in den frühen Neunzigerjahren zur krawalligen YBA-Clique
zählte. Unvergessen bleibt hingegen sein verstörender deutscher
Küche- und Katze-Pavillon auf der Venedig-Biennale 2009. 73
Galerie M. Szwajcer, Brüssel, bis 18. April | oben: »Extracted Revision«, 2013
DAVID HOCKNEY
Gerade sei er so produktiv wie in den letzten zwanzig Jahren
nicht, erzählte David Hockney kürzlich einer Reporterin bei
einem Atelierbesuch in den Hollywood Hills. Gut so! Obwohl:
Unproduktiv war er nie. Ende der Neunziger knüpfte sich der
gebürtige Brite die Landschaftsmalerei vor (teilweise mit iPad
und iPhone) und beglückte die internationale Kunstwelt
anlässlich seines 75. Geburtstages 2012 mit umfassenden Retro-
spektiven. Seit 2014 arbeitet Hockney an einer Serie von
Porträts, die demnächst in großen Galerieausstellungen in Los
Angeles und London Premiere feiern. Wir sind gespannt!
71 Louisiana, Humlebæk, bis 21 Juni | oben: »Woldgate, 6 – 7 May«, 2013
RICHARD LONG
Richard Long nennt seine Kunst »Art made by walking in
Landscapes«. Seit den Sechzigern entstehen Fotografien, Texte
und Skulpturen entlang des Weges. Von seinen amerikani-
schen Land-Art-Kollegen unterscheidet sich der Ansatz des 1945
in Bristol geborenen Künstlers durch einen behutsameren,
fast schon romantischen Zugriff auf die Natur. 74
Arnolfini, Bristol, ab 31. Juli | oben: »Flint Stones«, 2012
MARKUS LÜPERTZ
Leute ohne Humor nehmen Markus
Lüpertz den Geniekult um seine eigene
Person übel. Der Maler und Bildhauer,
der mit Spitzbart, Spazierstock und
Gamaschen zwischen dem Rheinland
und Berlin pendelt, ist ein Solitär
in der deutschen Kunstlandschaft.
Berühmt wurde er Ende der
Sechziger, Anfang der Siebziger
mit »deutschen Motiven«, die
ihn aber selber nur aus formalen Grün-
den faszinierten: »Der Stahlhelm
erzählt natürlich seine eigene Geschich-
72 te, aber das ist das Problem des Be
trachters und interessiert mich nicht.«
REBECCA HORN
Das ist lange her. Völlig unumstritten
Gekommen, um sich zu beschweren: »Konzert der Seufzer« sind seine aktuellen Antikebilder.
lautet der Titel der zentralen Installation der Rebecca-Horn- Musée d’Art Moderne, Paris, ab 17. April
Schau, die gerade in der Münchner Galerie Thomas noch links: »Salieri«, 2005
einmal verlängert worden ist. Aus einem Schutt- und Geröll-
haufen wachsen organisch Kupfertrichter, aus denen
ein vielstimmiges, internationales Klagelied erklingt.
oben: »Garten, Gefangen im Ruß der Erinnerung«, 2014 (Detail)
64
Bild: David Schultz/John Bock/Courtesy Sprüth Magers
»Kunst hat eine Energie und Kraft, die nicht mit Worten zu vermitteln ist.
Sie ist antibegrifflich!« JOHN BOCK
65
P O S T-I N T E R N E T
Furchtlos im Datensturm
Die digital aufgewachsene Generation hat ihre eigene Kunstbewegung
entwickelt, die derzeit überall hoch gehandelt wird. Es
verbindet sie kein erkennbarer Stil, sondern eine gemeinsame Haltung
VON
KITO NEDO
TREND :
RNET
P O S T- I N T E
66
P O S T-I N T E R N E T
E
Eine denkwürdige Mitteilung veröffentlichte
die Kölner Firma Dornbracht Anfang Febru-
ar. Anlässlich der im Frühjahr stattfindenden
realisieren. Das Internet dient als unerschöpf-
licher Fundus, ebenso die hochglänzende
Scheinwelt der Werbung und des Corporate
zu einem Objekt ausgefräst, um anschlie-
ßend als Galeriefoto, Facebook- oder Twitter-
Post wieder im Netz zu landen. Kellers Kol-
Triennale im New Museum in New York ver- Design. Benutzt werden industriell gefertig- legin Katja Novitskova, geboren 1984 im
kündete der Armaturenhersteller eine Kol- te Produkte; man lässt eher herstellen als estnischen Tallinn, baut mit Fototapeten
laboration mit dem in Manhattan ansässigen selbst Hand anzulegen. und großformatigen Fotoaufstellern Envi-
Künstlerkollektiv und Netzmagazinbetrei- Was diese Künstler ästhetisch verbindet, ronments, die wie begehbare Collagen aus
ber DIS. Hinter den drei Buchstaben – her- ist nicht leicht zu definieren. Ihre gemeinsa- National-Geographic-Heften und Business-
geleitet von der englischen Vorsilbe dis- wie me Haltung ist keine kritische Antihaltung, grafiken anmuten.
disruption – stehen Lauren Boyle, Marco sondern eher eine seltsam gebrochene Affir- Als Erfinderin des so diffus ausgelegten
Roso, David Toro und Solomon Chase. Ge- mation der Gegenwartskultur. Perfekt spie- Begriffs »Post-Internet« gilt die deutsch-ame-
meinsam, so Dornbracht, habe man ein »hy- gelt sich das in den hochqualitativ verarbei- rikanische Künstlerin Marisa Olson, die ihn
brides Produkt« entwickelt, das die »übli- teten Flächen der Badküchenskulptur von 2008 in ihren Texten erstmals verwendete.
cherweise getrennten Lebensbereiche der DIS, ein edelstählernes Ambivalenzmonster, Seit 2010 sind auch noch andere Begriffe im
(sozialen) Küche und des (privaten) Bads« ver- das, so unkte der amerikanische Kritiker Umlauf, die sich mehr oder weniger auf die-
binde und somit »gelernte Muster von Logik Andrew Weiner, »zweifellos als populäres selbe ästhetisch Stoßrichtung einer interna-
Bild linke Seite: Courtesy of DISimages, 2013
und Anwendung« in Frage stelle. Selfie-Motiv dienen wird«. Es geht um Kon- tionalen Kunstjugendbewegung beziehen:
Es ist ja längst nichts Neues mehr, wenn sumkultur, stecken geblieben in der Sackgas- »New Aesthetic«, »Circulationism« »Tumb-
zeitgenössische Künstler mit Modehäusern se der Verfeinerung; es geht darum, wie und lerism«, »Radikanten« oder »Meme Art«.
kooperieren, Espressotassen entwerfen, Zi- mit welcher unvorstellbaren Geschwindig- Der Urknall dieser Bewegung ereignete
garrenkisten verschönern, Autos bemalen keit die Bilder-Mengen durch die sozialen sich außerhalb der Kunstsphäre: Mit der Ein-
oder Sportschuhe gestalten. Aber dass eine Netzwerke und Aggregator-Webseiten ge- führung des iPhones durch Apple im Jahr
Firma gemeinsam mit einer Künstlergruppe schleudert werden. Es geht aber auch um die 2007 veränderte sich grundlegend, wie jegli-
ein im Grunde unverkäufliches Produkt kon- Frage, für wen die smarten Post-Internet-In- che Art von Information – Bilder, Texte, Vi-
zipiert und dies auch so bewirbt, ist doch stallationen auf einer Schau wie der New deoclips – zirkuliert. Die Art und Weise, wie
ziemlich ungewöhnlich. Die Schöpfung Yorker Triennale, in den Hipster-Galerien heute geschaut wird, ist einerseits mobil, viel-
»The Island (KEN)« soll so etwas wie die von Berlin oder London eigentlich gemacht leicht sogar ortlos geworden, andererseits hat
Kombination von Küchenkonsole, Wasser- sind: Für die Besucher oder für eine mutmaß- sich die Geschwindigkeit, mit der sich Infor-
spender und Horizontaldusche sein. Eine lich sehr viel größere, international vernetzte mationen verbreiten lassen, extrem beschleu-
Performancebühne mit Wasseranschluss: Community, die seit ein paar Jahren endlos nigt. Ein Großteil der Kunst wird heute nicht
»Ein Philosoph stellt Überlegungen zu ›Hy- durch solche Ausstellungsansichten auf ih- mehr in Ausstellungsräumen betrachtet, son-
perobjekten‹, an, während er einen Salat zu- ren Tablets und Smartphones scrollt? dern auf Tablet-Computern und Smart-
bereitet, ein Lifestyle-Guru praktiziert, eine Wie in einem Pingpong-Kreisspiel mit phones. Die Arbeit der »Digital Natives«, der
Frau in Khakihosen duscht unter Horizontal sehr vielen Akteuren werden in der Post-In- digital Geborenen, gründet auf diesen verän-
Shower, während vom Herd der Duft war- ternet-Art Inhalte aus dem Netz zu Installa- derten Wahrnehmungsrahmen.
mer Butter aufsteigt«, so noch einmal der tionen – und im Gegenzug die Dinge aus Post-Internet bedeutet nicht, dass bald
Originalton von Dornbracht. Der Duft war- dem Ausstellungsraum zu einem im Netz das Netz abgeschaltet würde, es meint keine
mer Butter – was ist hier bloß los? kursierenden Foto. »Ich mag eigentlich keine Nach-Netz-Kunst. Ganz im Gegenteil: Für
Die »Post-Internet-Art«, diese derzeit so Objekte«, sagt etwa Daniel Keller, der als Teil die digital sozialisierte Generation ist das
häufig und heftig beschworene neue Kunst- des Künstlerduos Aids-3D die Post-Internet- Netz Alltag und selbstverständlicher Teil der
tendenz, ist kein eingrenzbarer Stil, sondern Haltung maßgeblich definiert hat. »Doch es künstlerischen Praxis. Man kennt es eben so
eine Haltung. Die unter diesem Begriff sub- ist nun einmal der Job des Künstlers, welche und nicht anders. Post-Internet-Kunst werde,
sumierten Künstler nutzen mit großer Selbst- zu machen. Meine Internetrecherchen sind so fasste es der Kurator und Kritiker Carson
verständlichkeit die neueste Software und mir aber wichtiger als das Ding, das danach Chan einmal bündig zusammen, nicht not-
avancierte Geräte wie 3-D-Drucker, mit de- im Raum steht.« Mithilfe eines 3D-Druckers wendigerweise für das Internet oder gänzlich
ren Hilfe sie Bilder, Filme und Skulpturen produziert der 1986 in Detroit geborene, in im Online-Modus produziert, sondern mit
Berlin lebende Künstler Codeskulpturen, die einer Art »Internet State of Mind«, einem in-
den merkwürdigen Buchstabenzahlenkom- ternetgeprägten Geisteszustand.
Warenfetischismus 2.0: Das New Yorker binationen nachempfunden sind, mit denen Chan nennt Verstreutheit, Referenziali-
Kollektiv DIS nimmt den Trash der billigen auf gewissen Webseiten versucht wird, Men- tät und eine neue Materialsensibilität, die
Werbebilder aufs Korn, etwa in der schen von Software-Robots zu unterschei- sich paradoxerweise genau aus der Negie-
Fotoarbeit »The New Wholesome« von 2013 den. Eine technisch generierte Grafik wird rung von Materialität und Handwerk speist,
67
P O S T-I N T E R N E T
als charakteristische Züge dieser künstleri- tur und davon, wie man diesen Ekel beson- aktuellen technischen Möglichkeiten von
schen Ansätze. Darin unterscheidet sich die ders herzlich und freudvoll umarmt, anstatt Produktion und Distribution Schritt zu hal-
neue Strömung der meist in der zweiten ihn wütend zu bekämpfen. Auch dies zeigt ten? Techno-Junkies, die nicht wirklich wis-
Hälfte der Achtziger geborenen Künstler von DIS charakteristisch in ihrem liebevollen sen, was sie da eigentlich tun? Die Kritik hat
ihren internetaffinen Vorgängern, etwa den Umgang mit der Glattheit von billiger Kom- es scheinbar vorerst aufgegeben, bei dem sich
Netzkunstaktivisten der Neunzigerjahre, merzfotografie: Anstatt zu versuchen, Gegen- unerbittlich beschleunigenden Tempo mit-
wie sie man heute zuweilen noch auf Me- bilder zu konstruieren, kriechen sie lieber halten zu wollen, in dem sich Informations-
dienkunstfestivals, etwa der Berliner Trans- wie neugierige Kinder unter den industriel- technologien, Zirkulationsnetzwerke und
mediale, treffen kann. Deren politisch unter- len Bilderteppich und untersuchen das visu- Inhaltsproduktion in der zeitgenössischen
fütterter Medien-Utopismus, verbunden mit elle Gewebe. Wie sonst käme man dem Trash Kunst immer weiter optimieren.
einem Hacker-Ethos und der Distanzierung eines mit Photoshop gereinigten Bildes, den Doch da gibt es noch das, was der Ber-
gegenüber Museen und Galerien, ist den jun- Abgründen unter den polierten Oberflächen liner Kritiker Pablo Larios kürzlich als »net-
gen, meist kunstmarktunternehmerisch ein- digital optimierter Körper und aseptischer work fatigue« beschrieben hat: »ein Über-
gestellten Post-Internet-Künstlern eher Gesichter auf die Spur? druss an Netzwerken und ihren Forderungen
fremd. Näher stehen ihnen da schon Figuren Das eigene DIS-Wasserzeichen auf den nach Generalisierbarkeit, Wiederholung und
wie der 1978 geborene Programmierer, Ge- Fotos, das an kommerzielle Bildagenturen er- Auslöschung des Besonderen«. Die Netz-
stalter und Künstler Cory Arcangel, dessen innert, ist das visuelle Sahnehäubchen. Diese werkmüdigkeit, die mittlerweile auch schon
Karriere bereits Anfang der Nullerjahre mit Sorte von sorgfältig konstruiertem Trash ist die Post-Internet-Künstler selbst erreicht hat,
dem kunstvollen Hacking von Nintendo- auch für die Filme charakteristisch, die das wende sich, so Larios Diagnose, gegen vieles,
Spielen begann. Für seine »Super Mario derzeit sehr erfolgreiche Künstlerduo Ryan was die heutige Bilderkultur vorantreibt:
Clouds« etwa löschte er die populäre Video- Trecartin und Lizzie Fitch mit großem tech- »die Auflösung des Bildes in Daten, heiße
spielfigur Super Mario und alle anderen Re- nischen Aufwand produziert. Schon deshalb Luft statt Gefühle, Reichweite statt Kunst,
quisiten aus der digitalen Oberfläche, bis nur könnte im nächsten Jahr die von DIS kura- Format statt Form, Marke statt Künstler, Spe-
noch Schäfchenwolken einsam über den tierte 9. Berlin Biennale eine sehr spannende kulation statt Wert«.
blauen Himmel zuckeln. Veranstaltung werden. Steht die Post-Internet-Generation also
Auch DIS und die mit ihnen assoziier- Mittlerweile geht vielen im Kunstbe- bereits vor einem Rückzug aus den von ihr
ten Künstler – Novitskova, Keller, Timur Si- trieb der Drang der postdigitalen Strömung selbst mit beschleunigten Netzwerken der
Qin, das Kollektiv GCC oder das Duo Ryan zur dauerdröhnenden Selbstvermarktung Bildzirkulation? Zumindest gewisse Begriff-
Trecartin und Lizzie Fitch – betreiben fröh- auf Facebook, Twitter, Instagram oder lichkeiten scheinen schon jetzt entwertet.
liches Hacking zweiter Ordnung. Sie insze- Tumblr schon gehörig auf die Nerven. Die »Post-Internet ist Vergangenheit, das ist ja
nieren sich als coole Trickster, die im Auge meisten Post-Internet-Künstler, so schrieb schon wieder Jahre her«, erklärten die Ma-
des Wirbelsturms rasender Bildermassen etwa der New Yorker Kritiker Brian Droitcour cher von DIS kürzlich in Berlin. »Früher war
agieren. Klickt man sich etwa durch die Web- in seinem Pamphlet »Warum ich Post-Inter- vielleicht auch klarer, was das bedeuten
seite von DIS, dann begegnet man einer ei- net Art hasse«, seien Karrieristen, ihre Kunst- könnte. Heute ist es eine Marketingfloskel
genartigen Mischung aus Neo-Tech-Ästhetik, methoden schwer zu unterscheiden von Wer- ohne jeden Inhalt. Solche Begrifflichkeiten
dem Humor von Computer- und Mode- bung und Produktplatzierung. Susanne von interessieren uns im Moment generell nicht.
Nerds, einem ironisch verbrämten Waren- Falkenhausen dagegen seufzte kürzlich in ei- Damit sind Erwartungen verbunden, sich in
weltfetischismus und dem Geschwindig- nem Essay über die mangelnde Radikalität, einer gewissen Art und Weise zu verhalten.
keitsrausch der Twitter- und Facebook-Kultur. die durch einen »Strudel von inszenierten Diesen Druck brauchen wir nicht.«
Über »DISown«, den Webshop der Künstler- Diskursen und Metaphern« verdeckt werde. Während der New Yorker Triennale or-
gruppe werden alle möglichen und unmög- Die Berliner Kunsthistorikerin beobachtete, ganisiert die DIS-Gruppe um ihre Dusch-
lichen Produkte und Accessoires angeboten: dass es »nun nicht das digitale Medium, son- kocheinheit herum eine Diskussionsreihe
hautenge Trainingsanzüge mit dem Konter- dern die Steigerung seiner Zirkulationsdich- mit Gesprächsrunden zu Themen wie Daten-
fei des Kulturkritikers Slavoj Žižek, eine te und -geschwindigkeit in den sozialen Me- schutz, Konnektivität, Genderfragen, digita-
rundum mit Mangaaugen bestickte Baseball- dien ist, welche die Faszination aufs Neue lem Bewusstsein oder der »Smartifizierung«
kappe oder Seidenschals mit den Konterfeis anstachelt und eine mögliche konzeptuelle der Geräte. Es klingt wie eine Mischung aus
von Angela Merkel oder Condoleezza Rice. Distanz unterläuft.« Cebit-Forum, Hackerkongress und Politse-
So viel Gegenwartsbezug ist nach Jahren der Muss man sich die Künstler der Digital- minar. Sponsor ist unter anderem der Ener-
retrospektiven Avantgarde- und Modernis- Natives-Generation also als Gefangene einer gy-Drink-Produzent Red Bull. Gut möglich,
musaufarbeitung auch ganz erfrischend. technisch-digitalen Innovationsspirale vor- dass auch jemand die Dusche und den Herd
Ein Großteil der Post-Internet-Ästhetik stellen, die wie Hamster in einem Rad vor al- anstellt. Vielleicht liegt dann sogar tatsäch-
handelt vom Unbehagen an der Konsumkul- lem damit beschäftigt sind, mit den jeweils lich der Duft warmer Butter in der Luft. ×
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Bilder: Heji Shin/Courtesy the artists; Courtesy Sprüth Magers/Andrea Rosen Gallery/Regen Projects; Sacha Maric/Cory Arcangel/Courtesy of the artist and Gallery Thaddaeus Ropac
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DE R K U N S T KOM PA S S
Bilder: museum moderner kunst stiftung ludwig wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig Stiftung seit 1995/Bildrecht, Wien, 2015; Katharina Fritsch/Courtesy Matthew Marks Gallery/VG Bild-Kunst, Bonn 2015;
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MICHELANGELO PISTOLETTO RONI HORN
Was für Beuys der Filz war, ist für den Italiener der Spiegel: Seit So vielfältig die Medien sind, in denen sich die Amerikanerin
mehr als fünfzig Jahren setzt der Altmeister der Arte povera ausdrückt, so klar ist die Thematik ihrer Bildwelten: die wech
die glänzende Oberfläche ein. Nicht Narziss ist dabei sein Vor selhafte Natur der Identität. Roni Horn, die eigentlich mit
bild, sondern das dialektische Gegenüber des Menschen. Mit Vornamen Rose heißt und in Harlem aufwuchs, macht Wetter,
33 Jahren hatte Pistoletto seine erste Retrospektive im Walker Art Landschaft und nackte Gesichter zu ihren Protagonisten.
Center in Minneapolis, später schuf er Lampen und Holzstruk Oft trägt sie dazu mehrere motivgleiche Bilder zusammen und
turen zwischen Design und Skulptur oder rollte eine Kugel aus zeigt, wie die Zeit vergeht. Manchmal liegen nur Wimpern
Zeitungspapier durch Turin. Dass die Arte povera als meist schläge, manchmal Jahre zwischen den Aufnahmen. Verände
diskutierte aller vernachlässigten Kunstbewegungen gehandelt rung ist in ihrer Arbeit wichtiger als Geschlecht und soziale
wurde, ist auch seinem Tatendrang geschuldet. Heute lebt Zugehörigkeit. Viele ihrer unaufgeregten Bilder entstehen in
Pistoletto in Biella, wo er geboren wurde. Hier hat er eine Kunst Island – der Insel, die Horn ihr zweites Zuhause nennt.
stadt errichtet, in der Ökologie, Mode und Politik eins werden. St. Kolumba, Köln, bis 24. August (Gruppenausstellung)
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GREGOR SCHNEIDER
Wäre die Kunstszene ein Gruselkabinett, Gregor Schneider
wäre ihr professionellster Erschrecker: Jahrelang gestaltete der
Rheinländer sein Eigenheim »Haus u r« in Rheydt um. Er
vervielfältigte Räume, simulierte Tageszeiten und erfand sogar
eine Untermieterin. In seinen klaustrophobischen Irrgängen
76 scheint Neonlicht, die Fenster sind verbaut. 2001 transportierte
er das Raumkunstwerk in den deutschen Pavillon nach
KATHARINA FRITSCH
Venedig und gewann, gerade mal 32 Jahre alt, den Goldenen
Männer in Machtpositionen machen sie misstrauisch. Herren, Löwen. Bis heute baut der Mann für die Anti-Hornbach-
die sich cool geben, bestimmen ihr Werk: Katharina Fritsch Werbung Teile seiner Hausskulpturen ab und in Museen wieder
begegnet dem Geschlechterkampf ironisch. Seit sie in den auf. Nach der Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit,
Achtzigerjahren an der Düsseldorfer Akademie abschloss, neh folgte 2014 die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit: Das
men ihre Figuren Klischees grotesk aufs Korn. Die skulptura Geburtshaus von Joseph Goebbels wurde von ihm entkernt
len Methaphern treten reduziert, monochrom eingefärbt und und als Bauschutt ausgestellt. Auch religiöse Themen zogen in
nicht selten lebensgroß auf. Berühmt geworden ist sie mit ihrer das Werk ein und sorgten für Kontroversen: Seine schwarze
Tischgesellschaft, dem Markenzeichen des Frankfurter MMK. Kaaba auf dem Markusplatz wurde verboten. Als er humane
Am modernen Stammtisch gleichen sich die Brüder aufs Haar. Orte für den Tod bauen wollte, hagelte es Schlagzeilen.
Flag Art Foundation, New York, bis 16. Mai (Gruppenausstellung) Marres, Maastricht, bis 7. Juni (Gruppenausstellung)
oben: »Muschel (Hellgrün)«, 2013 oben: »Haus u r«, 1985 bis heute
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79
RODNEY GRAHAM
Die Ausstellungen des Kanadiers sind fiktive Alumnitreffen,
auf denen sich von Sigmund Freud über Georg Büchner bis zu
Donald Judd die Klassenbesten aus Kunst, Literatur und Pop-
kultur die Klinke in die Hand geben. Der Weggefährte von Jeff
Bilder: Rodney Graham/Courtesy the artist and Hauser & Wirth; Courtesy David Zwirner, New York, Galerie Buchholz, Cologne/Berlin, and Maureen Paley, London; Eva Würdinger/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
Wall macht Kunst über Kunst, zieht den Hut vor Vaterfiguren
und dekonstruiert zugleich deren Übermacht. Keine Technik
erscheint ihm fremd: Er brachte manipulierte Editionen von
Edgar Allan Poe heraus und malte nach Picasso. Später folgten
Filmarbeiten, in denen er selbst die Hauptrolle spielte, und
Leuchtkästen, die populäre Mythen des Kinos reflektieren.
Hamburger Bahnhof, Berlin, bis 16. August (Gruppenausstellung)
links: »Actor / Director, 1954«, 2013
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WOLFGANG TILLMANS
Denkt man an ihn, sieht man den Som-
mer am See vor sich und Überreste
von Silvesterböllern, die in Kreuzberg
Krieg bedeuten. Und dazwischen:
stampfende Raver in Londoner Clubs,
sich küssende Männer und der Schweiß
auf der Haut. Die Neunzigerjahre sind
Wolfgang Tillmans’ Familienalbum. Er
war Partyfotograf, lange bevor man
begann, das Feiern zu porträtieren. Sei-
ne Stillleben und Momentaufnahmen,
die in Magazinen wie i-D und Tempo
gedruckt wurden, machten ihn zum
Chronisten einer ganzen jungen Gene-
ration. Später entstanden abstrakte
Kompositionen, Laborexperimente
und Fotopapiere als skulpturale Objek-
te. 2000 wurde ihm als erstem Foto
grafen und erstem Nichtbriten der Tur-
ner Prize verliehen. Ende November
erhält er in Göteborg den nicht minder
renommierten Hasselblad Award.
unten: »Conor plant, dusk«, 2011
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ERWIN WURM
Der Österreicher, der gar nicht »Wurm« heißen will, hat das Lachen
zurück ins Museum geholt: Das Publikum steckt auf seine Anweisung
hin Köpfe in Kühlschränke und klemmt Gurken zwischen die
Zehen. Neben den One-Minute-Sculptures haben ihn seine fies geform-
ten Kunstwitze berühmt gemacht. Was auf den ersten Blick platt
wirkt, ist immer eine Abrechnung mit dem bürgerlichen Wertesystem.
Kunstmuseum Wolfsburg, bis 13. September | oben: »Mutter«, 2014
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Bild: Eva Würdinger/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
»Ich glaube, dass Gigantomanie in der Kunst den Menschen klein macht.« ERWIN W UR M
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DE R K U N S T KOM PA S S
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YOKO ONO
Vor zwei Jahren feierte die Popfee, deren Vorname »Kind des
Ozeans« bedeutet, ihren achtzigsten Geburtstag. Zum Jubiläum
Bilder: Yoko Ono; Jason Wyche/Kara Walker/courtesy of Sikkema Jenkins & Co., New York; Albert Oehlen/Lothar Schnepf; Rineke Dijkstra/Courtesy: The artist
erinnerte man sich daran, dass sie neben ihrer Tätigkeit als
berühmte Witwe auch den Fluxus mitgestaltete. Bevor sie vom
Bett aus für den Weltfrieden kämpfte, ließ sie sich die Kleider 84
vom Leib schneiden und forderte das Publikum mit »Instructi ALBERT OEHLEN
on Paintings« dazu auf, selbst Künstler zu werden. Im Ge
dächtnis blieb trotzdem immer mehr ihre Person als ihr Werk. In den Achtzigerjahren saß er mit Kippenberger in der Berliner
MoMA, New York, 17. Mai bis 7. September | oben: »Painting to Shake Hands«, Paris Bar und gab seinen Bildern Titel wie »Selbstporträt mit
2012, Videoarbeit zur »Instruction«-Reihe von 1961 verschissener Unterhose und blauer Mauritius«. Heute zählt
man ihn zu den »Neuen Wilden«. Ein Etikett, mit dem er sich
nicht so recht anfreunden will. Um dem Ruf des ewigen
Ironikers zu entgehen, legte er sich ein Notebook zu und schuf
Pixelgemälde, für die er selbst ein Label erfand: »post-unge
genständlich«. 2014 folgten baumähnliche Formen, die als Motiv
die Rückkehr zu seinen Anfängen markieren sollen. Bisweilen
erinnern sie auch an das Grafikprogramm Microsoft Paint.
Neben Willem de Kooning verehrt Oehlen H.P. Baxxter von
Scooter, dessen Songtexte er schon auf Leinwände übertrug.
oben: »Untitled«, 2014
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KARA WALKER RINEKE DIJKSTRA
Baristas aus Brooklyn und japanische Touristengruppen standen Sie fotografiert mit einer 4-mal-5-Plattenkamera, benutzt kein
vergangenen Sommer vor der Domino-Zuckerraffinerie am Photoshop und zieht für Porträts nächtelang durch Bars, die
East River an, um Walkers neuesten Skandal aus nächster Nähe es mit der Alterskontrolle nicht allzu genau nehmen. Kein
zu sehen und als Fotobeweis mit nach Hause zu nehmen: Künstler versteht die Jugend besser als die 55-jährige Niederlän
Selfies samt schneeweißer Sphinx, die der Mammy aus »Vom derin. In den Nineties begann Dijkstra, die Pubertät an den
Winde verweht« zum Verwechseln ähnlich sah, verstopften Stränden von South Carolina und in den Clubs von Liverpool
das Netz. Das nackte Monstrum aus weißem Zucker und Styro- zu fotografieren. Mädchen in engen Partykleidchen und mit
por nährte sich an Gedanken zu Sklaverei, Vergewaltigung Zahnspangen tanzen durch ihre Videos, hin und hergerissen
und Macht. Themen, die die Afroamerikanerin seit den Neun zwischen Unbefangenheit und Pose. Kritiker meinen, in
zigern auch in Scherenschnitten variiert. Die Twitter-Femi ihren Bildkompositionen Jan Vermeer zu erkennen. Fest steht,
nistinnen würden ihrem Werk ein #Aufschrei hinterhertippen. dass sie die Adoleszenz ein bisschen erträglicher macht.
oben: »A Subtlety, or the Marvelous Sugar Baby«, 2014 oben: »Amy, Liverpool, England, December 23«, 2008
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Bilder: Konrad Fischer Galerie/Courtesy: The artist and Konrad Fischer Galerie/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; Jens Ziehe, Berlin/Franz Ackermann/courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin; Gavin Jackson/Arcaid
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CARL ANDRE
Er ist ein Meister der Zurückhaltung
und gilt als »Vater des Minimalismus«.
Das Ideal des 1935 geborenen Künstlers
ist einfach: Kunst darf einen nicht
erdrücken oder ins Auge springen. »Ich
mag Arbeiten, mit denen man in einem
Raum ist, und die man jederzeit igno-
rieren kann.« Mit seinen extrem redu-
zierten Installationen aus modulartigen,
standardisierten Holz-, Stein-, oder
Metallelementen bereitete Andre in
den Sechzigern einem neuen Ver
ständnis von Skulptur den Weg. Das
Museum macht sich locker – auf
den Stahlplatten darf man sogar umher-
laufen. Kürzlich zeigte das Dia:Beacon
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bei New York eine große Retrospektive,
die bald in Madrid und kommendes
FRANZ ACKERMANN
Jahr auch im Hamburger Bahnhof in Als Weltreisender startete der Maler in den Neunzigern seinen Siegeszug durch Galerien
Berlin zu sehen sein wird. und Museen. Unterwegs fertigt er sogenannte »Mental Maps« urbaner Situationen
Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, an – die Grundlage für seine späteren malereibasierten Rauminstallationen. Alles ist ihm
Madrid, ab 4. Mai | o.: »39 Aluminum Line«, 2008
Inspiration: ornamentale Tätowierungen, amerikanischer Billboard-Bombast oder
Straßenknäuel einer asiatischen Megacity. Material, das zu neuen Bildern gerinnt.
oben: »locked cosmopolitans«, 2013, Mixed Media
88
RACHEL WHITEREAD
Ihre Art, mit Räumen umzugehen, hat etwas Unbarmher-
zig-Unheimliches. Seit Ende der Achtziger produziert
die gebürtige Londonerin Ausgüsse von Innenräumen und
Objekten in Gips, Beton und Kunststoff. Sie selbst nennt
diesen Vorgang »die Stille mumifizieren«. 1993 gewann sie
den prestigeträchtigen Turner Prize mit der Installation
»House«: ein vollständig mit Zement ausgegegossenes und
seiner äußeren Hülle entledigtes Vorstadthaus – das letzte
in einem ansonsten bereits abgerissenen Straßenzug.
links: »Tree of Life«, 2012, Fassade der Whitechapel Gallery, London
74
DE R K U N S T KOM PA S S
89 90
A. R. PENCK KIKI SMITH
Bilder: A.R. Penck/Franz Zadnicek, Städtische Galerie Dresden/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; View Pictures/UIG via Getty Images; Hiroshi Sugimoto/Courtesy The Pace Gallery
Was macht eigentlich A. R. Penck? In den Siebziger- und Acht- Kaum zu glauben dass die New Yorkerin einst als Schock-
zigerjahren war der gebürtige Dresdner, Jahrgang 1939, der künstlerin galt. Ihr Werk, dass sich seit den Achtzigern auf den
eigentlich Ralf Winkler heißt, einer der allgegenwärtigen Stars Körper richtete, war in der Kunstwelt als geradezu quälerisch
der »Neuen Wilden«. Man konnte sich kaum retten vor dem und schmerzfixiert verschrien. Smiths Skulpturen, Zeichnun-
Schöpfer vitalistisch-archaisch anmutender Strichmännchen und gen und Photogramme galten als aufgeladen mit religösen,
Hieroglyphenzeichen. Seit ein paar Jahren ist es ruhiger um mythologischen und okkultistischen Motiven. Die Künstlerin
ihn geworden, inzwischen lebt er zurückgezogen in Irland. Doch spielte mit diesem Image, kokettierte als »Kiki Frankenstein«.
die Bilder bleiben präsent: Erst kürzlich zeigte die Galerie Alles Vergangenheit: Das Quälerische ist einer ätherischen Ent-
Michael Werner neue Arbeiten in New York. spanntheit gewichen – Smith lässt ihre Kunst geschehen.
Galerie M. Werner, Märk.-Wilmersdorf, ab 20. 4. | oben: »Der Sturz«, 1960 »Pee Body«, 1992, Wachsskulptur und Glasperlen
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HIROSHI SUGIMOTO
Ganz klar: Die Fotografieschublade ist viel zu klein für den Universalansatz des 1948 gebo-
renen Japaners. Deshalb gab es auch kaum Diskussionen, als der zwischen Tokio und
New York pendelnde Künstler 2009 den hochdotierten Kulturpreis »Praemium Imperiale«
in der Kategorie Malerei erhielt. Während seines Kunststudiums in Kalifornien kam
er mit den Ideen des Minimalismus und der Konzeptkunst in Berührung – sie haben ihn
geprägt. Sein Markenzeichen ist die strikte Beschränkung auf den ästhetischen Rahmen
von Großbildkamera-Schwarzweißfotografie, die Produktion seiner Werkserien erstreckt
sich über Jahrzehnte. Das Raumgefühl und die Balance der Mittel bestimmen auch die
Architekturprojekte des Zen-Ästheten, die er mithilfe seines 2008 gegründeten Architek-
turbüros »New Material Research Laboratory« realisiert.
Fondazione Fotografia Modena, bis 7. Juni | oben: »Alaskan Wolves«, 1994
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DE R K U N S T KOM PA S S
Bilder: Santiago Sierra/Courtesy of Santiago Sierra and KOW, Berlin/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; Tony Oursler/Galerie Hans Mayer; Georg Herold/Galerie Bärbel Grässlin/VG Bild-Kunst, Bonn 2015;
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GEORG HEROLD
Holzlatten, Kaviar und Ziegelsteine: Material besorgt sich der
Kölner entweder im Baumarkt oder Feinkostgeschäft. Ende der
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Siebziger entdeckte der Polke-Schüler die Poesie von Bau
SANTIAGO SIERRA stoffen im Rohzustand. Doch die Anarchie hat Grenzen: Die
Ist das Modell Politprovokationskunst nicht längst ausgereizt? Kügelchen auf seinen Kaviarbildern sind durchnummeriert.
Nicht für Santiago Sierra. Der 1966 in Madrid geborene Grässlin, Frankfurt, ab 10. April | oben: »Liver of love«, 2011/14
Künstler ist der notorische Erweiterer der Schmerzzone. Er
lässt Flüchtlinge in Kartonboxen leben, Billiglöhner zu Ausstel-
lungszwecken tagelang Galeriewände abstützen, arme Schlu-
Rudolf Sagmeister/Per Kirkeby/Kunsthaus Bregenz; art3/Courtesy the artist and Galerie Neu, Berlin
cker für fast kein Geld tätowieren. So ätzend kann Kritik sein.
Galerie T. Zander, Köln, ab 17. April | oben: »NO (Pope)«, 2011
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PER KIRKEBY
Einst studierte der Däne Geologie. Dann flirtete er mit Fluxus
und Pop-Art. Seit den Siebzigern spürt er Naturphänomenen
nach. Kirkebys großformatige, expressiv-abstrakten Leinwände
in satten Erd- und Laubtönen entziehen sich der einfachen
Kategorisierung, ebenso wie seine skulpturalen, architektoni-
schen oder literarischen Arbeiten. Sie bilden die Basis für
seinen Status als skandinavischer Solitär.
Kunsthaus Bregenz, bis 27. September | oben: »Das Steinhaus«, 1995
93 96
TONY OURSLER MANFRED PERNICE
Im Werk des New Yorker Künstlers, der Ende der Siebziger Der Berliner Künstler Manfred Pernice hat die Anti-Pathos-
gemeinsam mit seinem Kommilitonen Mike Kelley die Formel für zeitgenössische Skulptur gefunden. In seinen
Punkband »Poetic« gründete, mischen sich Hochkultur und Installationen umarmt der 1963 geborene Künstler die Unzu-
Popsensibilität. Musikstars scheinen dies zu schätzen: länglichkeiten, Planunsgfehler und Improvisationen, die
Jenseits der Museums- und Galerienwelt drehte Oursler schon den städtischen Raum bestimmen, auf eine sehr sympathische
Videoclips für Sonic Youth oder David Bowie. Weise. Es geht um das Suchen, nicht um das Finden.
oben: »Obscura«, 1996/2013 oben: »ideacasa«, 2014
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Bild: Mark Mahaney/Redux/Redux/laif
»Was auch immer ich tue, es wird immer politisch sein, ganz einfach
wegen der Geschichte, die uns vorausgeht.« K A R A WA LKER
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DE R K U N S T KOM PA S S
Bilder: Sarah Morris/Courtesy Friedrich Petzel Gallery, New York; Frank Stella/Galerie Hans Strelow/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; Ben Westoby/Courtesy White Cube/WHITE CUBE;
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FRANK STELLA
Anfang der Sechziger versetzte der Amerikaner mit seinen
»Black Paintings« das New Yorker Publikum in helle
Aufregung. Danach war der 1936 in Malden, Massachusetts
geborene Künstler mit italienischen Wurzeln im Grunde
jahrzehntelang damit beschäftigt, sich wieder vom Minimalis
mus zu befreien: mithilfe von zwei- und dreidimensionalen
Form-, Farb- und Materialexplosionen.
Courtesy Künstler und Galerie Nagel Draxler, Berlin/Köln/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
oben: »K.81 Protogen RPT«, 2008
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SARAH MORRIS
Seit den Neunzigerjahren pflegt Sarah Morris die Synthese aus
Kunst und Design: Ihre Gemälde wirken dekorativ, ohne des
wegen gleich blöd sein zu müssen. Serientitel wie »Midtown«,
»Rio« oder »Los Angeles« deuten an, dass die Engländerin 99
für ihre Hard-Edge-Malerei in diversen Weltmetropolen recher
CHRISTIAN MARCLAY
chiert. Der Bezug auf die Architektur vor Ort verleiht ihren
geometrisch-strengen Werken eine überraschende Vielfältig Er ist ein Soundingenieur und Medienarchäologe. Der 1955 ge
keit: Die Werkserie »Las Vegas« (1999–2001) etwa ist ein Fest borene Künstler pflastert Museumsböden mit CD-Silberlingen
aus Rhomben, Drei- und Rechtecken, bei dem die Farbgebung oder Vinylscheiben, produziert Plattencovercollagen oder
der Fassaden von verschiedenen Kasinohotels in der Wüsten schleift eine zusätzlich verstärkte Fender Stratocaster mit einem
stadt die Palette der Künstlerin bestimmt. Malt weiterhin ziel Pick-up durch die texanische Steppe. Einen Hit landete er vor
bewusst an ihrem »Merian«-Führer der Abstraktion. ein paar Jahren mit der 24-Stunden-Filmcollage »The Clock«.
oben: »Big Ben«, 2012 White Cube, London, bis 12. April | oben: »The Clock«, 2010
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HEIMO ZOBERNIG
Der Schock des schwarzen Quadrats bebt sichtlich nach, auch wenn er
sich bemüht, dabei cool und lässig zu bleiben: Heimo Zobernig
begann in den frühen Achtzigern, mit geometrischen Abstraktionen
das Erbe von Bauhaus und russischer Avantgarde zu vermessen. So
streng wie in den Hochzeiten der Moderne ist das bei ihm nie. Es geht
alles immer irgendwie aus dem Lot, es gibt Kratzer, Sprünge,
billige Materialien. Die Moderne ist auf einem subversiven Prüfstand.
links: ohne Titel (HZ2011-057), 2011
T E X T E : T I M AC K E R M A N N , U L R IC H C L E W I N G , C H R I S T I A N E M E I X N E R , K I T O N E D O,
SE B A S T I A N P R E U S S , B E AT E S C H E DE R , L AU R A S T OR F N E R , L I S A Z E I T Z
78
DE R K U N S T KOM PA S S
Der teuerste lebende Künstler heißt immer langsam holen die Frauen auf. Die Walmart-
noch Jeff Koons. Im November 2013 erzielte Erbin Alice Walton hat kürzlich bei Sothe-
seine Stahlskuptur »Balloon Dog (Orange)«
Die höchsten by’s in New York 31,5 Millionen Euro für
bei Christie’s in New York den bislang unan- Hammerpreise Georgia O’Keeffes Blumenbild »Jimson
gefochtenen Rekordpreis von 38,9 Millionen lebender Künstler Weed/White Flower No. 1« (1932) geboten.
Euro (ohne Aufgeld) und überrundete damit 2014/2015 Das übertrifft alle anderen Ergebnisse, die je-
Gerhard Richters ein halbes Jahr zuvor auf- mals für Werke von Frauen notiert wurden,
gestellten Rekord von 25,4 Millionen Euro sogar den exaltierten »Dragon Chair« (1917/19)
für »Domplatz, Mailand«. Fast hätte Richter 36,3 Mio Euro Gerhard Richter der irischen Designerin Eileen Gray aus der
jetzt im Februar in London Koons wieder »Abstraktes Bild« (1986), Sotheby’s London Sammlung von Yves Saint Laurent und
eingeholt: 36,3 Millionen Euro bewilligte der Pierre Bergé, der im Jahr 2009 bei Christie’s
amerikanische Hedgefondsmilliardär Ken 25,7 Mio Euro Jasper Johns, »Flag« in Paris bis auf 19,5 Millionen Euro kletterte.
Griffin für sein »Abstraktes Bild« von 1986 (1983), Sotheby’s New York Und die lebenden Künstlerinnen? Zu
(Abb. S. 29). den auf Auktionen am teuersten gehandelten
Das weltweite Auktionswesen hat eine
21,8 Mio Euro Jeff Koons, »Jim Beam Frauen zählen die Japanerin Yayoi Kusama,
– J. B. Turner Train« (1986), Christie’s NY
erstaunliche Steigerung erfahren: Im Jahr die im November in New York immerhin auf
2014 betrug der Umsatz der Auktionshäuser fünf Millionen Euro für ein Ölbild kam, und
21,7 Mio Euro Ed Ruscha, »Smash«
15,2 Milliarden Dollar, heißt es im jüngsten die Amerikanerin Cindy Sherman, deren
(1963), Christie’s New York
Kunstmarktbericht von Artprice, 26 Prozent »Film Stills« im selben Monat 4,7 Millionen
mehr als im Vorjahr. 37,2 Prozent des Volu- 15,3 Mio Euro Christopher Wool, Euro erzielten. Ein gestricktes Wollbild von
mens fällt auf China, es folgen die USA mit »If You« (1992), Christie’s New York Rosemarie Trockel verdreifachte die Schät-
32,1 Prozent und Großbritannien mit 18,9 zung und landete bei 3,1 Millionen Euro. All
Prozent. Deutschland und die Schweiz neh- 15,2 Mio Euro Cui Ruzhuo, »Landscape diese Rekorde für Werke von Frauen fallen
men sich mit 1,4 bzw. 1 Prozent dagegen be- in Snow« (2006), Poly Auction Hongkong in das Jahr 2014 und signalisieren Aufwind
scheiden aus. Das schnellste Wachstum ist für Künstlerinnen.
bei der Kunst nach 1945 beobachten. 12,9 Mio Euro Peter Doig, »Pine Neun der zehn links aufgelisteten Pos-
Wenn man sich nur die Auktionsergeb- House (Rooms for Rent)« (1994) , Christie’s ten gelten als »Flachware« – Bilder, die man
nisse des Jahres 2014 anschaut, steht Richter New York an die Wand hängen kann. Die einzige
an der Spitze der Top Ten der lebenden Skulptur stammt von Jeff Koons. Sein auf
Künstler. Es folgen fünf Amerikaner, der 10,6 Mio Euro Robert Ryman, Hochglanz polierter »J. B. Turner Train«
Schotte Peter Doig und drei Chinesen. Dass »Untitled« (1961) , Sotheby’s New York brachte jetzt 21,8 Millionen Euro – ein ande-
Künstler aus den USA so stark vertreten sind, res Exemplar aus dieser Edition wurde zehn
ist keine Überraschung: Seit Jahrzehnten be- 7,8 Mio Euro Zhang Xiaogang, Jahre zuvor für 4,1 Millionen Euro versteigert.
herrschen sie den Kunstmarkt und haben »Bloodline: Big Family No. 3« (1995), Künstler mit sperriger Kunst, Video und In-
ihre Sammler in Amerika und in der ganzen Sotheby’s Hongkong stallationen spielen auf dem Markt im Ver-
Welt. Ebenso wenig verwundert, dass chine- gleich zu ihrem Renommee eine geringe Rol-
sische Künstler aufholen. Die Zahl superrei-
5,9 Mio Euro Liu Xiaodong, le. Zum Vergleich: Der Rekord für Joseph
»Disobeying the Rules« (1996), Sotheby’s
cher Chinesen ist in den letzten Jahren ge- Beuys liegt bei 622 000 Euro, für Andy Warhol
Hongkong
wachsen, und ihr Interesse liegt ebenfalls bei bei 70 Millionen. Beide liegen in den Listen
den Künstlern des eigenen Landes. des Kunstkompasses seit Jahrzehnten ganz
Es fällt auf, dass keine Frau unter den vorn, doch am Markt klaffen sie auseinander.
hier aufgelisteten Top Ten ist. Der Markt ist Ihnen ist schwindlig von all den Millio-
immer noch eine von Männern dominierte nen? Die Realität sieht sowieso anders aus:
Welt, und zwar nicht nur in Bezug auf die Werke in Millionenhöhe machen nur 0,4 Pro-
Künstler, sondern auch auf die Käufer. Doch zent des Gesamtmarkts aus. LISA ZEITZ
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Wie der
Kunstkompass
entsteht
VON
L I N DE ROH R- B ON G A R D
Der Kunstkompass ist eine Rangliste der 100 berühmtesten zeitgenössischen Künstler
weltweit. Seit 1970 misst das Informations- und Bewertungssystem so objektiv wie
möglich Ruhm und Rang dieser Protagonisten. Umsatzerfolge, Preise und Auktions-
rekorde spielen bei der Recherche keine Rolle.
Der Kunstkompass basiert auf der Annahme, dass die Qualität von Kunst nicht mess-
bar ist, wohl aber die Resonanz in der Kunstwelt. Bewertet und mit unterschiedlichen
Ruhmespunkten gewichtet werden:
Daneben existieren weitere Ranglisten: Die Protagonisten, die hinter den hundert
Großen den größten Punktezuwachs erobern konnten, werden in der »Liste der Auf-
steiger« vorgestellt. Und seit 1987 werden die verstorbenen Künstler gesondert in der
»Liste der Unsterblichen« erfasst.
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Ruhmesbarometer
Das große Ziel des Kunstkompass ist Transparenz – ein Interview mit der
Herausgeberin Linde Rohr-Bongard zum 45. Jahr seines Erscheinens
Wie wurde der Kunstkompass geboren? Seit 1971 haben Sie am Kompass mitgearbei- und Jan Hoet. Zunächst wurden nur vier-
tet. Wie sah das anfangs aus, noch ohne zehn Museen ausgewertet, in Düsseldorf,
Zum ersten Mal erschien der Kunstkompass Computer? Krefeld, aber auch New York, London, Eind-
1970 pünktlich zur Art Cologne im Wirt- hoven, Wien und Mailand. Noch nicht dabei
schaftsmagazin Capital. Willi Bongard woll- Jeder Künstler bekam eine Karteikarte, und war Osteuropa und erst recht nicht Südame-
te den Kunstbetrieb transparenter machen wir hatten mehrere Holzboxen. Während rika, Afrika oder Asien. Das sind Phänomene
und ein Messinstrument für die Bedeutung der heißen Phase waren die Wände unserer der letzten Jahre. Anfangs war diese Welt
eines Künstlers entwickeln. Die Qualität von großen Galerie- und Bürowohnung in der noch überschaubar. Die amerikanischen
Kunst ist nicht quantifizierbar, wohl aber Lindenstraße in Köln voll mit riesigen Pa- Künstler waren mit großem Abstand füh-
ihre Resonanz in der Kunstwelt. So wertete pierbahnen, alles wurde mit der Hand auf- rend, mit Pop-Art und Konzeptkunst. Vom
er Einzel- und Gruppenausstellungen, Aus- geschrieben. Der eine las dann die Listen ei- ersten Kunstkompass 1970 bis 1978 stand
zeichnungen und Rezensionen aus. ner Gruppenausstellung vor, ein anderer die Robert Rauschenberg an erster Stelle. Wir
Einzelausstellungen und so weiter. hatten kaum deutsche Künstler.
Wie kam das Ranking in der Kunstwelt an?
Heute umfasst die Liste des Kunstkompass Welche Institutionen haben Sie Ihrer Aus-
Der Sammler Peter Ludwig war begeistert, rund 25 000 Künstler, und Sie werten die wertung zuletzt hinzugefügt?
Bild: privat
aber unter Künstlern löste der Kompass eine Ausstellungen von 270 Museen aus. Wie ent-
Welle der Empörung aus. Es hagelte Kritik, stand die Systematik? Museen in Schanghai, Peking und Havanna.
zum Beispiel von Jean Tinguely und Wolf
Vostell. Heinz Mack bezichtigte Willi Bon- Auf den Algorithmus kam Willi, indem er War es nach dem Tod Ihres Mannes 1985 von
gard der Unmenschlichkeit. Ich selbst als 106 Experten aus Deutschland und der vornherein klar, dass Sie den Kunstkompass
Künstlerin empfand das Ranking auch zu- Schweiz befragte, welche Museen in ihren weiterführen würden?
nächst als Geschmacklosigkeit. Augen die bedeutendsten der Welt wären.
Auch Künstler wie Günther Uecker, Joseph Nein, gar nicht. Als Künstlerin fiel es mir
Sie lernten Willi Bongard 1971 kennen … Beuys, Christo und Jeanne-Claude gaben im- schwer, mich nur noch um den Kompass zu
mer wieder Input sowie Harald Szeemann kümmern und Kunst zum Privatvergnügen
… bei einer Vernissage in Düsseldorf in der zu machen. Es war Beuys, der mich eigent-
Eat Art Gallery von Daniel Spoerri. »Da ist ja lich überredete. Er nahm mir 1985 das Ver-
der furchtbare Bongard«, dachte ich, und wir sprechen ab, den Vertrag zu unterschreiben
begannen gleich zu streiten: »Sie gehen mit und weiterzumachen.
Künstlern um wie mit Pferden: abscheulich,
Künstler wie bei einem Rennen nach Plätzen Gab es für Sie bei der Erstellung der Listen
zu sortieren.« Aber ich merkte, der hat was, dieses Jahr eine große Überraschung?
der Mann. Der hat Passion. Es war die große
Liebe auf beiden Seiten. Die Aufsteiger hinter den 100 Großen sind
am spannendsten. Das ist immer ein facet-
Sie selbst hatten damals auch schon Erfah- tenreiches Kaleidoskop an Nationalitäten,
rung mit Künstlerlisten? Generationen und Kunstkonzepten. Ich war
überrascht, dass Camille Henrot dort vorn
Ich bin ein Anhänger der Editionskunst, die liegt und Nicole Eisenman, Ernesto Neto
jeder erwerben kann. Das hatte ich von oder Rivane Neuenschwander überrundet
Joseph Beuys stark verinnerlicht, der eine hat. Willi sagte immer: »Die Zukunft der
Edition für schlappe 8 D-Mark herausgege- Kunst liegt bei den Frauen.« Davon war er
ben hatte – preiswerter als ein guter Blumen- überzeugt. Nachdem in den Siebzigerjahren
strauß. Ich schrieb 100 führende Galerien in nur drei, vier Frauen überhaupt im Kunst-
Deutschland an und veröffentlichte monat- In der ganzen Welt unterwegs: Willi und Linde kompass vorkamen, tauchten 1990 zum ers-
lich in der Welt am Sonntag eine Liste der Rohr-Bongard 1976 in Paris. Die Passion für die ten mal zehn Frauen auf. Jetzt sind unter den
zehn bestverkauften Editionen. Kunst schweißte die beiden zusammen Aufsteigern immerhin ein Drittel Frauen. ×
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Kunstkompass 2015
– die Editionen
weltkunst-Leser haben Grund zur Freude: erschwingliche Auflagenkunst
vom Aktionskünstler Joseph Beuys, Zero-Künstler Otto Piene
und der Malerin Karin Kneffel begleiten den aktuellen Kunstkompass
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HEA DZEILE
Joseph Beuys
»Stimmzettel«, 1980
»Ich würde auch Kanzler werden, wenn man mich fragt«, verkündete Joseph Beuys.
1980 ließ sich der tollkühne Utopist als Kandidat der Grünen zur Bundestagswahl
in Düsseldorf aufstellen. Neben Pop-König Andy Warhol hat Beuys die Vorstellung
von Kunst am radikalsten ausgeweitet. Beide bewegten sich von 1970 an im
Kunstkompass weit oben. Seit ihrem Tod wechseln sich die Ausnahmekünstler in
der Rangliste der Unsterblichen (S. 83) an der Spitze ab.
Beuys tanzte auf vielen Hochzeiten: Er war Bildhauer und Aktionskünstler ,
leidenschaftlicher Pädagoge und Zeichner, Fluxuskünstler und politischer Provo-
kateur, unermüdlicher Redner und Propagandist der sozialen Skulptur und des
erweiterten Kunstbegriffs. Er war fest überzeugt davon, dass sich Künstler »in die
wichtigen Fragen der Politik, Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft einmischen«
müssten. Für Joseph Beuys war Auflagenkunst in allen Variationen das ideale Me-
dium: »Jede Edition hat für mich den Charakter eines Kondensationskerns, an
dem sich viele Dinge absetzen können. Ich bin an der Verbreitung von Ideen inte-
ressiert.« Beuys war und ist für viele jüngere Künstler mit seiner gesellschafts
Bilder: Maurice Cox/Joseph Beuys/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; Otto Piene/Galerie Breckner GmbH/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
verändernden Kunst Vaterfigur und Leitbild. 1972 gründete er mit dem Schriftsteller
Heinrich Böll, dem Politkünstler Klaus Staeck und dem Journalisten Willi Bongard
die »FIU«, die Hochschule für Kreativität und interdisziplinäre Forschung, deren »we-
sentliches Anliegen die Erziehung aller Menschen zur geistigen Mündigkeit und
Unabhängigkeit ist«.
Stimmzettel, Hg. artaktuell, 29,5 x 21 cm, Auflage 221, gestempelt, sig. u. num.,
Schellmann Werkverzeichnis Multiples Nr. 322, (die 7 letzten Exemplare) 980 Euro
Otto Piene
»Wetter«, 1974/2014
Ansteckend optimistisch fantasierte Otto Piene 1961: »Ja, ich träume von einer
besseren Welt. Sollte ich von einer schlechteren träumen?« Der Zero-Mitbegründer
ließ früh das traditionelle Leinwandbild hinter sich, um die mit Farbschlachten
überfrachtete düstere Nachkriegskunst zu entschlacken. Pinsel und Leinwand wa-
ren überholt. Stattdessen laborierten die Zero-Künstler mit Licht, Luft, Feuer,
Bewegung, Sound und Wind. Zero stand für die Stunde Null, für einen Neuanfang
in der Kunst, die den Dialog in und mit der Natur sucht. Piene traktierte seine
Bilder mit Flammenwerfern und schoss mit Helium gefüllte Skulpturen in den Him-
mel. Er choreografierte Lichtballette und produzierte Blumen aus Feuer.
Ab 1974 dirigierte er zwanzig Jahre das Medienlabor für künstlerisch-opti-
sche Experimente am Massachusetts Institute of Technology in Boston. Viele jün-
gere Protagonisten wie Olafur Eliasson haben sich von seiner interdisziplinären,
grenzüberschreitenden Kunst beeinflussen lassen. Der Abschiedsreigen seiner
Ausstellungen 2014 in Berlin und in der Langen Foundation hätte nicht eindrucks-
voller sein können. Nach der Eröffnung seiner faszinierenden Schau »More Sky« in
der Berliner Nationalgalerie und der Deutschen Bank KunstHalle starb Otto Piene
mit 86 Jahren. Seine Kunst wird weiter strahlen. Weltweit: Noch bis zum 25. Mai
zeigt das Museum für zeitgenössische Kunst in Teheran seine Retrospektive
»Rainbow«, die der Lichtkünstler noch selbst mitkonzipiert hat: ein Brückenschlag.
Reliefsiebdruck, 100 x 75,6 cm, Auflage 100, signiert und nummeriert,
30 Exemplare zum Vorzugspreis von 2950 Euro
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Drei Tage in
Köln & Bonn
VON
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KÖL N & B ON N
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KÖL N & B ON N
Bilder: Jablonka Galerie; Lee M./Museum Ludwig; David Ertl, 2015/Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
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BunDesKunsthAlle
Raffael
Caravaggio
Rubens
Caravaggio, Johannes der Täufer (Ausschnitt), 1602, Rom, Musei Capitolini – Pinacoteca Capitolina, 2014. Foto Scala, Florenz – courtesy of Sovraintendenza di Roma Capit ale
Rodin
Cézanne
Struth
Der Göttliche
Hommage an Michelangelo
bis 25. Mai 2015 in Bonn
oben (von links nach rechts): Kunstsammlung NRW – K20 Grabbeplatz / Uecker Portrait des Künst-
lers, Foto © Ingrid von Kruse, Hamburg, © Kunstsammlung NRW; Stiftung Museum Kunstpalast /
Wim Wenders, Joshua and John (behind), Odessa, Texas, 1983, © Wim Wenders; Hetjens Museum
Düsseldorf / Allegorie des Winters, nach einem Modell von Friedrich Elias Meyer, Höchst, um 1755 /
Teller »Blea Tarn«, Joseph Birbeck sen., Royal Doulton, um 1900, Foto: Horst Kolberg;
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland
T +49 228 9171–200, www.bundeskunsthalle.de
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W E LT K U N S T
SAMMLER
SEMINAR Nº 18
Italienische Renaissancezeichnungen
Unser modernes Kunstverständnis begann mit den Zeichnungen der Renaissance. Das macht sie so
faszinierend und treibt die Preise der Spitzenwerke. Aber man kann auch moderat einsteigen
VON
ARMIN KUNZ
S A M M L E R SE M I N A R
A
Als Christie’s im Dezember 2009 in London
Raffaels Kreidezeichnung »Kopf einer Muse«
anbot, lag der Ausrufpreis bereits deutlich
höher als der bis dahin gültige Weltrekord
für eine Altmeisterzeichnung. Das waren sei-
nerzeit noch die 8,1 Millionen Pfund, die der
New Yorker Sammler Leon Black im Juli
2000 am gleichen Ort für Michelangelos Dar-
stellung des auferstandenen Christus aus der
Sammlung von Sir Brinsley Ford gezahlt hat-
Bild: Galerie Bassenge, Berlin
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heute gültige Vorstellung von dem entwi- ten Hälfte des Cinquecento beschrieb das
ckelt, was Kunst eigentlich ausmacht. Und in Wort somit nicht nur die mit Stift, Feder oder
dieser fiebrig fruchtbaren Zeit setzte das Pinsel ausgeführte Zeichnung, sondern
Emanzipationsstreben ein, mit dem sich die nichts weniger als den Moment künstleri-
Künstler aus dem im Mittelalter ausgepräg- scher Inspiration. Während sich das Gemäl-
ten Milieu des Handwerks und der Zünfte de vom Kult zu trennen begann, avancierte
zu befreien begannen. So waren Dürers Kup- die Zeichnung über den Werkprozess hinaus
ferstiche nicht mehr nur fromme Andachts- zum genuinen Ausdruck kreativer Schaffens-
bilder, sondern Werke, die um ihrer Kunst- kraft. Und als solche weckte sie auch zum ers-
fertigkeit willen gesammelt wurden. Dies ten Mal das Sammelinteresse.
galt umso mehr für die Zeichnung. Auf die Schon Dürer besaß Zeichnungen des
Frage, welcher der Künste der Vorrang ge- von ihm bewunderten Martin Schongauer
bührt, ist von Jacopo Pontormo die Antwort sowie eine Rötelzeichnung Raffaels. Nur we-
überliefert, dass es nur eine einzige Sache nige Jahrzehnte später begann Giorgio Vasa-
gebe, »die erhaben und die Grundlage aller ri mit dem Sammeln von Zeichnungen –
Künste ist, und das ist die Zeichnung«. und bewies dabei den gleichen Sinn für
Ordnung und Systematik wie in seinen 1550
Schon früh bei Sammlern begehrt erschienenen Künstlerviten. Die Zeichnun-
Der Zeichnung war es gelungen, den Parago- gen, die er zusammentrug, klebte er auf die
ne, jenen seit der Frührenaissance unter Vorder- und Rückseiten von Albumblättern,
Künstlern und Kunsttheoretikern ausgetra- rahmte sie mit farbigen Bordüren und versah
genen Wettstreit zwischen Malerei und Bild- sie mit den Namen der Künstler. Vasaris
Maria als Himmelskönigin, Lombardei,
hauerei, als lachende Dritte für sich zu ent- spätes 16. Jahrhundert. Die lavierte Feder-
»Libro del disegni« umfasste schließlich fünf
scheiden. Und zu Recht wird diese Zeit denn zeichnung erzielte bei Winterberg in Klebebände; die Zeichnung wurde zum Do-
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Sammler wie Resta und im 18. Jahrhundert aufgenommen werde. Nun endlich konnte obachtet werden können. So versteigerte
dann vor allem der Engländer Jonathan Ri- C. G. Boerner in New York die Zeichnung etwa Christie’s 1984 und 1987 zwei Partien
chardson zugleich auch zu den Pionieren auf guten Gewissens anbieten. Einer der ersten mit Zeichnungen aus dem Besitz des Her-
dem Gebiet der Kennerschaft gehörten. Ziel Besucher, ein angesehener, dabei sowohl ei- zogs von Devonshire in Chatsworth, wo heu-
des Kenners war es von jeher, durch ständi- gensinniger wie vorlauter britischer Con- te noch immer eine der bedeutendsten
gen Vergleich eine genaue Vorstellung von naisseur alter Schule, verweilte einen Mo- Sammlungen in Privatbesitz verwahrt wird.
der »Handschrift« eines Künstler zu gewin- ment bewundernd vor dem Blatt, um dann 1991 folgten, ebenfalls bei Christie’s, Zeich-
nen, seine stilistischen Eigenarten zu erken- zu kommentieren: »Das ist doch niemals nungen aus der in der ersten Hälfte des
nen, das für ihn typische Strichbild zu ana- ein Cigoli! Vielmehr könnte es ein Werk Fe- 18. Jahrhunderts zusammengetragenen Kol-
lysieren und seine bevorzugten Techniken derico Zuccaros sein« – und das, obwohl lektion des Earl of Leicester, bis dahin in
und benutzten Materialien zu beschreiben. der alte Zuschreibungsvorschlag Richard- Holkham Hall. Der Markt belohnte die
So verfügen wir 450 Jahre nach Vasari sons vom Passepartout verdeckt war. Marktfrische dieser Sammlungen mit einer
über einen recht soliden und umfangreichen zuvor nie dagewesenen Preisentwicklung.
Corpus von Werken, die mit einiger Sicher- Nichts für Spekulanten Umgekehrt überrascht es kaum, dass
heit Namen von Künstlern zugeordnet wer- Die erstaunliche Dynamik des Zeichnungs- dieses Feld weitgehend immun ist gegen
den können. Der regelmäßig immer wieder markts, die mit den erwähnten Rekordprei- kurzfristige Spekulationen. Der kleine Kreis
aufbrechende Streit um Zeichnungen Mi- sen einen vorläufigen Höhepunkt erreichte, der Spezialisten hat ein gutes Gedächtnis,
chelangelos zeigt allerdings auch, dass dieser setzte in den Achtzigerjahren ein. Gerade in und wenn der Verdacht entsteht, dass schnel-
Prozess längst nicht abgeschlossen ist. Eben- Deutschland begann damals eine Gruppe ler Profit gemacht werden soll, reagieren sie
so verdeutlichen diese Debatten, dass Zu- junger Händler in München und Hamburg höchst zurückhaltend. Selbst eine erlesene
schreibung letztlich kein isolierter Vorgang – vor allem Katrin Bellinger, Thomas Le Provenienz fällt dann kaum noch ins Ge-
sein kann, an dessen Ende ein Spezialist ex Claire und das Ehepaar Arnoldi-Livie, sich wicht. So konnte eine Sammlerin aus Chica-
cathedra das Urteil verkündet. Vielmehr soll- ausschließlich der Zeichnung zu widmen. go Federico Baroccis großartige Vorstudie
te es um offenen Austausch gehen zwischen Man verabschiedete sich damit von der tra- für seine berühmte »Madonna del Popolo«
Kennern, Museumskustoden und Kunsthis- ditionellen Verbundenheit von Zeichnung bei Christie’s in New York 1999 für 2,64 Mil-
torikern, die sich intensiv mit einem be- und Druckgrafik; mittlerweile haben sich lion Dollar erwerben. Dabei hatte der Vor-
stimmten Künstler befasst haben. die Märkte der beiden Gattungen nahezu besitzer auf der zweiten Chatsworth-Aukti-
Allzu oft wird dabei ein schlichter, aber vollständig getrennt. on von 1987 bereits 1,76 Million Pfund
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Bild: Ketterer Kunst, Hamburg
Angeles können da kaum mithalten. Unter Carraccis und mit Ausnahme des endlos pro- Die Kataloge sind somit auch Zeugnisse der
den Blättern weniger bekannter Künstler duktiven Guercino – oft nur am Rande wahr- gerade im anglo-amerikanischen Bereich üb-
aber, oder solchen, die noch keine Zuschrei- genommen. So war im Januar eine sehr schö- lichen engen Zusammenarbeit zwischen
bung gefunden haben, kann ein sensibler ne Rötelstudie eines nackten Jünglings des in Händlern und Museumskuratoren. Diesen
und gebildeter Sammler noch manches ent- der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts tätigen Kontakt sollte auch der private Sammler su-
decken. Etwa eine frisch erhaltene Feder- Alessandro Turchi bei Sotheby’s in New York chen. Zudem lassen sich in den Studiensälen
zeichnung mit Weißhöhung auf blauem Pa- schon für 22 500 Dollar zu haben. der großen Museen die Originale studieren,
pier des Veronesers Paolo Farinati: Sie Ein aufmerksamer Sammler wird also und aus der Fülle der heute meist gut illus-
konnte im November 2014 bei Bassenge ausreichend Gelegenheiten finden, italieni- trierten Ausstellungskataloge kann man sich
schon für ganze 3000 Euro erworben wer- sche Zeichnungen noch zu moderaten Prei- leicht ein veritables eigenes Bildarchiv anle-
den. Dass dagegen eine so gut dokumentier-
te Kreidevorstudie wie die von Cristofano
Roncalli für einen Mosaikzwickel im Peters-
dom im Juli 2013 bei Sotheby’s in London
Unter den Blättern weniger bekannter Künstler kann ein
bei einer Schätzung von 8000 bis 12 000 sensibler und gebildeter Sammler noch manches entdecken.
Pfund unverkauft blieb, erinnert jedoch zu-
gleich an die Kluft, die sich zwischen den im-
mer teurer werdenden ikonischen Großmeis- sen zu erwerben. Die Auktionshäuser sind gen. Die im Gespräch mit Händlern und Ku-
tern und dem künstlerisch wie historisch schon aufgrund des Zeitdrucks nur selten in ratoren gewonnenen Anregungen und Hin-
nicht minder interessanten Mittelfeld auftut. der Lage, jenseits der Starlose ausführlich zu weise können so weiterverfolgt werden, um
recherchieren. Der Händler kann hier anders schließlich selbst Überlegungen zur Autor-
Chancen für Entdeckungen vorgehen, aufgrund seiner Erfahrung und schaft anonymer Blätter anzustellen.
Der Nachschub ist allerdings begrenzt. Kennerschaft aus der Menge des Auktions- All das erfordert natürlich Geduld und
Zeichnungen des 15. Jahrhunderts kommen angebots auswählen, die erworbenen Blätter kann manchmal auch frustrierend sein.
kaum noch auf den Markt, und auch gute ausführlich bearbeiten, ihre Provenienz ver- Doch wer sich von der Zeichnungspassion
Blätter des 16. Jahrhunderts werden immer folgen und ihre Zuschreibung bestätigen, packen lässt, sich kundig macht und in die
seltener. Dadurch tritt die Folgezeit zuneh- verändern oder präzisieren. Forschung eintaucht, ein Auge für Qualität
mend ins Blickfeld des Sammlerinteresses. All diese Sorgfalt, die seriöse Kunst- entwickelt, sich zudem beraten lässt und den
Während sich die Zeichenkunst des 18. Jahr- händler auf die Werke in ihrem Angebot ver- Markt aufmerksam beobachtet, darf sehr
hunderts, und hier vor allem das Werk der wenden, spiegelt sich auch in den Katalogen wohl auf überraschende Funde hoffen. Und
Venezianer Tiepolo (Vater wie Sohn), Cana- wieder. Waren die Texte dort in den Achtzi- gelingt es irgendwann, ein anonymes Blatt
letto, Guardi und Piazzetta, schon immer gerjahren noch kaum mehr als lange Bildun- durch einen überzeugenden stilistischen Ver-
großer Beliebtheit erfreute, wurde das italie- terschriften, sind sie heute ausführliche, gleich einem Künstler zuzuschreiben, dann
nische 17. Jahrhundert – nach dem Tod der nicht selten von Experten verfasste Essays. ist das Erfolgserlebnis umso größer. ×
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Gut zu wissen
Was ist Rötel, wie informiert man sich über Wasserzeichen? Wo schult man sein Auge?
Und wo kann man Renaissancezeichnungen kaufen? Die kompakte Übersicht
Bilder: Alexander Ch. Wulz; C.G. Boerner, Düsseldorf; Galerie Bassenge, Berlin
hinter UV-Schutzglas oder entspre- besaß. Im 17. Jahrhundert began-
chendem Plexiglas aufgehängt nen Sammler, ihre Blätter mit
werden und niemals direktem Stempeln zu markieren. Onlinear-
Sonnenlicht ausgesetzt sein. chiv der von Sammlern gebrauch-
ten Signaturen und Stempel unter
Carta azzurra www.marquesdecollections.fr.
Eine vor allem venezianische
Besonderheit war der Gebrauch von Die Albertina in Wien ist eine der besten grafischen Sammlungen der Welt. Rötel
nicht nur an der Oberfläche, Hier darf man Altmeisterzeichnungen auch im Studiensaal anschauen Rote Kreide gehört zu den ältesten
sondern durchgehend in der Masse Farben. Umso mehr verwundert es,
gefärbten blauen Papieren. Fixierung Kohle dass sie als Zeichenstift erst kurz vor
Besonders bei der Kohlezeichnung Gerne zum ersten Skizzieren 1500 in Italien Verwendung fand.
Feder war es notwendig, sie durch eingesetzt. Besonders in Venedig Man kann sich kaum einen
Bereits in den Skriptorien der Tränken oder Bestäuben mit waren rasch ausgeführte Kohle- markanteren Unterschied zur
Antike fanden Feder und Tinte als Gummiwasser, später auch zeichnungen beliebt. filigranen Silberstiftzeichnung
Schreibmaterial Verwendung. Die mit Harz- oder Schellacklösungen denken als den breiten Rötelstrich.
Feder ist das vielseitigste Zeichen zu fixieren. Kreide
utensil und ermöglicht den klarsten Das Lieblingsmedium Michelange-
Ausdruck einer individuellen Grafit los, der es verstand, die Kreide
künstlerischen Handschrift. Daher Seit dem 13. Jahrhundert schrieb ebenso breit gewischt wie für feine
sind Federzeichnungen das beste man mit Griffeln aus Bleilegie- Linien zu einzusetzen.
Medium bei Zuschreibungsfragen. rungen, doch erst durch die
Entdeckung englischer Grafitvor- Passepartout PASSEPARTOUT Künstlerzuschrei-
kommen (die man für Bleierz Kartonumrahmung, in die bung auf dem alten Passepartout
hielt) im 16. Jahrhunderts kam es Zeichnungsblätter traditionell einer Zeichnung, bei C. G. Boerner
zu einer weiteren Verbreitung des montiert werden. Heute gebraucht
»Bleistifts«. man den Begriff »französisches Silberstift
Passepartout« für farbig aquarel- Um den mit dem feinen Silberdraht
Höhung lierte Rahmen, in denen Altmeister- erzeugten Strich sichtbar zu
Die Akzentuierung der Zeichnung zeichnungen im Handel noch machen, wurde die Unterlage mit
durch mit dem Pinsel aufgetragenes immer gerne präsentiert werden. feinem, in Leim gebundenem
Bleiweiß. Das Aufkommen breit Knochenmehl grundiert.
zeichnender Stifte ermöglichte Pergament
später auch die Höhung mit weißen In den Anfängen und zu besonde- Wasserzeichen
Kreiden. ren Repräsentationszwecken wurde Seit den Anfängen der europäi
auch Pergament als Zeichenmateri- schen Papierherstellung im 13.
Klebeband al verwendet. Dabei handelt es sich Jahrhundert markierten Papiermüh-
Anfänglich wurden Zeichnungen um getrocknete, an der Oberfläche len ihre Produkte durch Drahtfi-
ebenso wie Druckgrafiken in mit Bimsstein geglättete und oft guren, die auf dem Schöpfsieb
Büchern oder Alben eingeklebt. auch mit Kreide geweißte Tierhaut. befestigt waren. Wasserzeichen sind
Erst im 19. Jahrhundert wurden wertvolle Indizien bei der Bestim-
FEDER Männerstudie von Maso diese dann oftmals zugunsten Pinsel mung von Zeichnungen. Einen sehr
Finiguerra (1426–64), bei Bassenge einzelner, bis heute üblicher Der Pinsel wurde gern zur flächigen guten Zugang bietet das Online
2014 für 24 000 Euro zugeschlagen Passepartouts aufgelöst. Lavierung oder Akzentuierung von archiv www.memoryofpaper.eu.
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Terminbeschaffung aufwenden. Sammlergebieten gibt es auch für Räumen oder bei befreundeten Die mit Abstand besten Übersichts
die Altmeisterzeichnungen Händlern präsentieren. Immer werke sind alle längst vergriffen,
einschlägige Messen. Die besten wichtiger ist seit Jahren die Sektion aber antiquarisch erhältlich:
Kaufen Händler der Welt versammeln sich »Paper« auf der Tefaf in Maastricht
Walter Koschatzky: Die Kunst der
Der Hamburger Thomas Le Claire, Zeichnung, dtv, versch. Aufl.: in der
die Münchner Galerie Arnoldi-Livie Taschenbuchausgabe das beste
sowie Katrin Bellinger (München/ Preis-Leistungsverhältnis, gehört zur
London) waren in den Achtzigern unbedingten Grundausstattung.
treibende Kräfte einer neuen
Dynamisierung des Zeichnungs Heinrich Leporini: Die Künstler
marktes. Die wohl älteste noch zeichnung, erstmals 1926 erschie
bestehende Kunsthandlung, die nen: solide und informativ; dass der
sich ausschließlich der Zeichnung große Vorgänger von Meder nicht
und der Druckgrafik widmet, ist erwähnt wird, macht jedoch stutzig.
C. G. Boerner, 1826 in Leipzig
gegründet. Schon Goethe kaufte Joseph Meder: Die Handzeichnung.
hier, heute in Düsseldorf und New Ihre Technik und Entwicklung,
York ansässig. In London, dem Schroll, 1923: historisch, technisch
Epizentrum des europäischen und kennerschaftlich bis heute
Altmeistermarkts, sind Jean-Luc RÖTEL Beinstudie von Bernardino Gatti (um 1495–1575), auf der Rückseite die konkurrenzlos, zudem von höchster
Baroni, Stephen Ongpin, die Galerie Skizze für einen Sebastian. Stephen Ongpin bietet das Blatt für 18 000 Euro an sprachlicher Klarheit und Eleganz.
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Lombardei um 1700. (Artikel Nr. 400)
T H U R N U N D TA X I S F R AG E B O G E N
Richard Mosse
über sein
Goma
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Bilder: Courtesy Virunga National Park (2); John Holten; Natasha Carleton; Gastromedia/iStock by Getty Images; Sofia Achaval
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Zwei Jahre lang bereiste der irische Fotograf Was bestellen wir dort? Womit betrinken wir uns dort?
Richard Mosse den Kongo, um das Leben Ganz klar: Filet au Capitain. Man sagt, dass Am besten mit Gin Tonic. Das Chinin
zwischen Korruption, Bürgerkrieg und wei- der Buntbarsch so groß ist, weil er nur Men- des Tonic Water soll nämlich Malaria vorbeu-
ten Landschaften abzubilden. In seinen Vi- schenfleisch frisst. Ich bin mir nicht sicher, ob gen. Vielleicht ertragen die Mücken aber
deoinstallationen wechseln Rebellengrup- das wahr ist, aber die Fische schmecken groß- auch den scharfen Geruch des Gins nicht.
pen den Platz mit Dorfbewohnern, die ihre artig. Genauso wie der MILLE-FEUILLE (4).
Toten begraben. Mosse zeigt den Alltag von Wohin treibt es uns nach Einbruch der
Tätern und Opfern, aufgenommen mit In- Gibt es dort auch eine Galerie, die Sie emp- Nacht?
frarotfilm, der ursprünglich zur Aufde- fehlen können? In Coco Jambos Nachtclub. Die reinste
ckung von Flecktarn entwickelt wurde. Die Ich habe noch keine Galerie in Goma Freakshow. Hier tanzen UN-Offiziere an ih-
vergessene Katastrophe eines Landes am Ab- entdeckt, aber jedes Jahr findet das Festival rem freien Tag mit NGO-Mitarbeitern. Au-
grund leuchtet in Mosses Bildern hellrot. Zu Salaam Kivu statt, auf dem Filme aus der ßerdem trifft man Rebellen und Prostituier-
sehen sind seine Arbeiten bis zum 25. Mai im ganzen Welt gezeigt werden und alle auf den te. Sie konkurrieren um Aufmerksamkeit der
Louisiana Museum bei Kopenhagen. Straßen tanzen. Expats, während sie sich im Spiegel mustern
und die Tanzfläche überwachen. Wer mit den
Wie heißt Ihre momentane Lieblingsstadt? Und ein Museum? Einheimischen feiern möchte, geht ins Chez
Im Augenblick ist es Goma, eine Groß- Museen gibt es in Goma, soweit ich Ntemba. Ein verspiegelter Discopalast.
stadt im Ostkongo. weiß, nicht. Wer Berggorillas in freier Natur
sehen will, besucht stattdessen den VIRUNGA- Was müssen wir über Ihre Lieblingsstadt
Was unternehmen Sie dort am liebsten? NATIONALPARK (2). wissen, um sie wirklich zu verstehen?
Auf dem Rücksitz eines Motorradtaxis Eines Abends saß ich in einem Restau-
durch die Nacht fahren – über die verlasse- Ein Gebäude in der Stadt, das Sie immer rant, als plötzlich General Bosco Ntaganda
nen, unbefestigten Straßen, vorbei an der wieder gerne ansehen? hereinspazierte. Er gehörte damals zu den
UN-Nachtwache. Nirgendwo sonst pumpt Ich liebe den Flughafen. Direkt neben meistgesuchten Kriegsverbrechern der Welt.
das Adrenalin so stark wie hier. Außer bei ei- der Landebahn liegen die ausrangierten Ma- Goma steckt voller Widersprüche: Gerüchte
ner Wanderung zum NYIRAGONGO (1), einem schinen – ein Technikfriedhof, der zum und Angst findet man hier so schnell wie Gast-
aktiven Vulkan mit Blick über die Stadt. Abenteuerspielplatz wird. freundschaft und die Schönheit der Natur. ×
Haben Sie ein Lieblingsrestaurant, das Sie Wo finden wir die beste Hotelbar der Stadt? Elisabeth von Thurn und Taxis
immer wieder besuchen? Wahrscheinlich in der KIVU-LODGE (3) ist Autorin der US-Vogue und
Das Chalet im Quartier Himbi, unten mit Blick auf den See. Am Abend können Sie stammt aus einer Familie von
am Kivusee, liegt in einem Gartenpavillon, bei schlechtem Wetter die Blitze toben sehen Kunstsammlern. Für uns entwi-
zu dem ein Steg aus Lava führt. und dem Grollen des Donners zuhören. ckelte sie diesen Fragebogen.
102
Royal Academy of Arts
Burlington House · Piccadilly The
London
London W 1 J 0 BD
Thursday 23 to
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Sunday 26 April 2015
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Albrecht Dürer, The Four Horsemen (detail) c.1497–98, woodcut. Courtesy C.G. Boerner
Nachrichten, Ausstellungen,
Messen, Kunsthandel, Auktionen und
wichtige Termine im April
AGENDA
Bild: Pablo Picasso/Galerie Boisserée, Köln/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
Während der Art Cologne (S. 114) zeigen die Galerien Boisserée und Simonis die gemeinsame Sonderschau »Picasso Africa«.
Hier hängt auch die signierte und nummerierte Lithografie »Françoise« (65,1 x 49,8 cm) aus dem Jahr 1946
105
AG E N DA
NACHRICHTEN
YVES BOUVIER VERHAFTET
Als größter Mieter des Genfer
Hammerpreise
Zollfreilagers und Initiator ver-
gleichbarer Freeports in Singa-
Bilder: Tanguy Aumont - AIRSTUDIO pour La Patinoire royale; Nagel Auktionen, Stuttgart; ICE Auction Galleries, Dublin; Nolde Stiftung Seebüll; Hauff & Auvermann, Berlin
pur und Luxemburg kümmert
sich Yves Bouvier um die sichere
Aufbewahrung von Kunstwer-
ken – doch jetzt wurde er selbst
in Gewahrsam genommen: Die
Polizei in Monaco verhaftete STEINALT
den Schweizer Großspediteur Einen beachtlichen Preissprung
Ende Februar wegen Betrugs- machte eine steinerne Christus-
verdacht. Angezeigt hat ihn büste, um 1315, bei Nagel in
zuvor Dmitri Rybolowlew, ein Stuttgart. Die 36 cm hohe Büs-
russischer Oligarch und Eigen- te aus der Sammlung von
tümer des Fußballclubs AS Schnitzler, vorher im Besitz des
NEUES MUSEUM IN BRÜSSEL SEEBÜLL KAUFT NOLDE Monaco. Laut Darstellung von Frankfurter Industriellen Carl
La Patinoire royale, die ehemali- Die Nolde Stiftung Seebüll hat Rybolowlew soll Bouvier bei von Weinberg (1861–1943) und
ge königliche Rollschuhbahn ihre Sammlung durch ein wei- Kunstgeschäften für ihn als Ver- auf 30 000 Euro taxiert, wurde
im Brüsseler Saint-Gilles-Vier- teres wertvolles Gemälde des mittler agiert und dabei die für 175 000 Euro zugeschlagen.
tel, wird jetzt zum Schauplatz Expressionisten verstärken Preise der Werke über Offshore-
eines weniger schweißtreiben- können: Das »Stilleben (mit Firmen künstlich erhöht haben,
den als vielmehr kontemplati- gestreifter Ziege)« (u.) malte um die Differenz einzubehal-
ven Freizeitvergnügens: In die- Emil Nolde im Jahr 1920. Jetzt ten. »Le Monde« berichtet, es
sem Frühjahr noch soll das 1877 wurde es mit Unterstützung der sei eine Kommission von zwei
entworfene Gebäude (o.) als ein Kulturstiftung der Länder aus Prozent vereinbart gewesen.
Ort für Kunst und Design nach dem Nachlass der zweiten Frau Dem widerspricht Bouviers
1945 eröffnen. Nach einer Res- des Künstlers, Jolanthe Nolde, Anwalt in Schweizer Medien:
PROPAGANDA
taurierung durch den Architek- erworben. Die Gattung Stillle- »Mein Mandant war nicht Ver-
Zu seiner Verherrlichung ließ
ten Pierre Yovanovitch stehen ben nimmt eine besondere Posi- mittler, sondern Verkäufer der
Napoleon prächtige Medaillen
in der Patinoire royal nun tion im Werk von Nolde ein. In Bilder.« Es sei sein Recht, den prägen – die ihn zum Beispiel
890 Quadratmeter für temporä- über 100 Werken erprobte der Preis eines Werks festzulegen. auch nackt als Herkules zei-
re Ausstellungen zur Verfü- Künstler Kombinationen von Bouvier wurde nach Zahlung gen. Eine ganze Reihe dieser
gung. Die teils spektakulären Farben und unterschiedlichen von 10 Millionen Euro Kaution begehrten Sammelobjekte
Einbauten von Yovanovitch exotischen Objekten. Das ange- freigelassen. Ein Ermittlungs- sind nun beim Auktionshaus
betonen die gigantische Dimen- kaufte Werk vereint eine mexi- verfahren ist eingeleitet. ICE in Dublin für 26 000 Euro
sion der historischen Halle, kanische Bronzefigur mit Son- versteigert worden.
deren Grundfläche 3000 Qua- nenemblem, eine Glasziege und GÜNTHER ABELS GESTORBEN
dratmeter misst. Mit ihrer fili- einen Strauß Mohnblumen. Der Kölner Kunsthändler
granen Dachkonstruktion in Das Stillleben gilt auch als der Günther Abels ist tot. Er starb
Polonceau-Technik und einer Höhepunkt der Jahresausstel- am 23. Februar im 94. Lebens-
mit Pilastern und Fensterrosen lung der Stiftung in Seebüll jahr in seiner Heimatstadt.
verzierten Fassade lässt sich die »Emil Nolde – Die Kunst selbst Abels war eine Ausnahmegestalt
Patinoire royale dem Historis- ist meine Sprache«, die bis zum nicht nur des rheinischen Kunst-
mus zuordnen. Seit 1995 gehört 30. November zu sehen ist. handels: 1982 übernahm er das
WÜSTENREISE
das Gebäude zum geschützten Präsidentenamt im Bundesver-
Zur damaligen Zeit eine absolu-
Kulturerbe in Belgien. Roll- band des Deutschen Kunst- und te Besonderheit: Gustav Nach-
schuhbahn war es nur für kurze Antiquitätenhandels (BDKA). tigal hielt die Ergebnisse
Zeit. Ab 1905 diente die Halle 1984 wurde er auch Präsident sechsjähriger Reisen in Afrika
als Depot für die staatliche Rüs- des internationalen Kunsthänd- in seinem 790 Seiten umfassen-
tungsindustrie, nach dem Zwei- lerverbandes CINOA in Brüssel. den Werk »Sahara und Sudan«
ten Weltkrieg nutzte Siemens Er galt zudem als Experte für fest. Die drei Bände mit einem
sie als Garage und ab 1975 wur- deutsches Silber, Altmeisterge- Porträt, Holzschnitten und
den dort Ausstellungen von mälde sowie Kunst des 19. und Faltkarten kletterten bei Hauff
Oldtimern gezeigt. 20. Jahrhunderts. und Auvermann auf 3200 Euro.
106
Bilder: Dawin Meckel; privat (3); Sueraya Shaheen/Courtesy David Zwirner, New York/London
Personalien im April
Der Name Zwirner hat in der Nachdem der Kanadier mehr stellte. Assistenzkuratorin war Berliner kennen Wiesner als
Kunstwelt einen ausgezeichne als 16 Jahre Kurator für zeitge CHRISTIANE SCHACHTNER – die langjährigen Mitarbeiter der
ten Klang. Und so freut man nössische Kunst am Montreal derzeit noch Volontärin bei der Galerie Esther Schipper.
sich über die Nachricht, dass Museum of Fine Arts war, wird Staatlichen Graphischen Samm Zum Abschluss noch eine
DOROTHEA ZWIRNER, Ehefrau er jetzt Chefkurator des renom lung München ist. Aus diesem weitere Nachricht aus dem Hau
der Kölner Galeristenlegende mierten Hirshhorn Museum Hintergrund heraus wird sie se Zwirner: David Zwirner,
Rudolf Zwirner, jetzt die neue and Sculpture Garden in Wa demnächst als neue Leiterin der Großgalerist aus New York und
Vorsitzende der Graphischen shington. Ein Highlight seiner Graphischen Sammlung im Sohn von Rudolf Zwirner, hat
Gesellschaft ist. Der Freundes Montrealer Jahre war eine Aus Kunstforum Ostdeutsche Gale sich für seine Londoner Depen
kreis des Berliner Kupferstich stellung zu Musik und Tanz im rie Regensburg arbeiten. dance die Verkaufskünste von
kabinetts organisiert Führun Werk von Andy Warhol. An die Seine zieht es dage GÉRARD FAGGIONATO gesichert.
gen, fördert Ausstellungen und Der Pop-Art-Künstler hatte gen CHRISTOPH WIESNER. Als Der gebürtige Monegasse führ
unterstützt Ankäufe. Der dyna aber noch mehr unterschätzte neuer künstlerischer Direktor te selbst seit 1993 eine Galerie.
mischen Kunsthistorikerin Seiten, das zeigte 2013 die Schau der Messen Paris Photo und Davor war er Head of Contem
dürfte die neue Rolle liegen. »Reading Andy Warhol« im Paris Photo Los Angeles küm porary Art Worldwide bei
Größere Aufgaben kommen Museum Brandhorst, die den mert er sich gleich um den ame Christie’s. Er steigt als Partner
auch auf STÉPHANE AQUIN zu: »Büchermacher« Warhol vor rikanischen Ableger im Mai. bei Zwirner in London ein.
HAUS D E R KUNST
Programm
Kunst nach Feierabend Offenes Seminar Ein Abend mit Siri Hustvedt
Führung, danach Snack & Drink Vermittlungsprogramm entwickelt Dienstag, 09.06.15, 19 Uhr
in der Goldenen Bar von Studierenden des Institut
Donnerstag, 30.04 / 18.06 / für Kunstgeschichte der LMU in
16.07.15, 18.30 Uhr Kooperation mit Haus der Kunst Information und Anmeldung
Jeden Mittwoch, 22.04 - 08.07.15 +49 89 21127 113
11 - 13 Uhr fuehrungen @ hausderkunst.de
Kunst Cocktail
Führung, danach Cocktail Abbildung:
Louise Bourgeois, In and Out, 1995 (detail),
in der Goldenen Bar Vortrag Foto: Christopher Burke, © The Easton Foundation /
VG Bild-Kunst, Bonn 2015
Donnerstag, 02.04 / 11.06 / Mieke Bal über „Größe als poli-
30.07.15, 19.30 Uhr tisches Werkzeug. Louise
Borgeois’ Zellen als Lebensstil“
Donnerstag, 13.05.15, 19 Uhr
S T R E T C H Y O U R V I E W
AUSSTELLUNGEN
Schauen wir, oder glauben wir? Diese Frage Johan Christian Dahl (1788–1857). Freunde de eine Ausstellung im Dresdner Albertinum
beschäftigt die Menschen seit Ewigkeiten, waren sie und wohl auch Konkurrenten, zu- sehr schön zeigt. Die zusammen mit dem
und in ihrer gesellschaftlichen Brisanz ist sie mindest die Zeitgenossen sahen den deut- Nasjonalmuseet in Oslo organisierte Doppel-
heute wieder aktuell. In der Tagesdebatte um schen Romantiker und seinen norwegischen schau rückt vor allem Dahl ins rechte Licht.
den Gegensatz von Aufklärung und Religion, Kollegen als Antagonisten: »Unser poetischer In Deutschland wird er oft schlicht zum
von Ratio und Gefühl, mag die Erkenntnis Friedrich steht dem Wahrheitskünstler Dahl Friedrich-Umfeld addiert, während er in
überraschen, dass diese Dialektik ausgerech- gegenüber«, notierte 1822 ein Kritiker zur Norwegen mindestens gleichrangigen Stel-
net in den 1820er-Jahren in Dresden ebenfalls Dresdner Akademieausstellung. Poesie und lenwert genießt.
die Gemüter bewegte. Für Gesprächsstoff Wahrheit. Glauben oder Schauen. Dass sich die beiden Künstler schätzten,
sorgten damals zwei der prominentesten Ver- Geschaut auf die Welt haben beide, und verraten gleich am Anfang zwei Bilder: In
treter der nordischen Landschaftsmalerei – Dichtung ist bei Romantikern stets im Spiel. Friedrichs Gemälde »Zwei Männer in Be-
Caspar David Friedrich (1774–1840) und Vieles verband Friedrich und Dahl, wie gera- trachtung des Mondes« von 1819/1820 vertie-
108
fen sich die in Rückenansicht dargestellten ausgeliehen). Die gleichen Motive, nur eben
Männer auf einem Berghang in den Anblick unterschiedlich interpretiert: Friedrich kom-
des blass leuchtenden Himmelskörpers. Der poniert um 1820 sein »Hünengrab im Herbst«
schmalere, jüngere Mann stützt sich dabei ohne Mittelgrund direkt vor dem sturmzer-
auf die kräftige Schulter des Älteren. Die klei- zausten Himmel. Die tiefen Wolken überzie-
ne Leinwand ist ein großes Programmbild hen die Szene mit einer düsteren Ahnung, sie
der Romantik, und über die Identität seiner scheinen das Grab zu bedrängen. Friedrich
Protagonisten ist viel spekuliert worden. Fest gibt dem Stein eine Persönlichkeit. Dahls
steht, dass Friedrich das Werk seinem Freund Findling in »Winter am Sognefjord« (1827) ist
Dahl schenkte. Dieser revanchierte sich im im Vergleich reine Naturbeobachtung. Die
Gegenzug mit seinem Gemälde »Fluss im Art jedoch, wie das Sonnenlicht als sachtes,
Plauenschen Grund« (1820), einer idyllischen rosafarbenes Flirren zwischen den vertrock-
Szene, in der ein Gebirgsflüsschen munter neten gelben Halmen am Fuß des Steins
über eine umgestürzte Birke plätschert. spielt, macht das Bild zum visuellen Ereignis.
Dahls Gemälde hängt nun Seite an Seite mit 1823 zieht Dahl in das Stadthaus, in dem
Bilder: Caspar David Friedrich/Museum Oskar Reinhart, Winterthur; Johan Christian Dahl/bpk/The Metropolitan Museum of Art, New York
109
AUSSTELLUNGEN
110
AUSSTELLUNGEN
eben auch als »kosmisches« Werk: wand fest. Ein Jahr nach sei-
Ein Balken dreht sich. Damit ver- nem Tod sieht man sich den
Bilder: Victoria and Albert Museum, London; Herbert Koller/Kunstsammlung NRW/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; Bildarchiv Foto Marburg/Thomas Scheidt; Guggenheim Museum New York/Sammlung Keiji und Sawako Usami;
bundene Seile ziehen konzentri- Werkgruppen gegenüber, die
sche Kreise in den Sand – Spuren, sein Leben bestimmten. Mit
die sich im steten Kreislauf bestäti- jedem Schritt in der Rotun-
gen und doch durch die Fragilität de am Central Park verfolgt
des Sandes ständig variieren. Der der Besucher den Menschen,
DER GÖTTLICHE – HOMMAGE AN 85-jährige Uecker (u.) ist aber nicht der die Versicherung, am
MICHELANGELO nur am Universum interessiert. Leben zu sein, zur tagtägli-
Bundeskunsthalle, Bonn, Neben den »Nagelbildern« sind in chen Meditation werden
bis 25. Mai der ersten große Werkschau in sei- ließ. Mit jeder Runde sam-
ner Heimatstadt auch viele politi- melt sich der Geist, erkennt
Glaubt man Giorgio Vasari, dann sche Arbeiten zu sehen: Sie han- Details in der Wiederho-
beschreibt lediglich ein Adjektiv deln von den Menschenrechten in italienischen Renaissance lung, bis schließlich die Spit-
Michelangelos Werk treffend: Peking oder Themen wie Folter wie aus den Niederlanden ze erreicht ist und mit ihr
»göttlich«. Entsprechend wurde und Hunger. und vieles mehr. In Fach- On Kawaras Anfänge.
der Künstler auch von seinen Kol- kreisen längst berühmt ist
legen angebetet. In Bonn findet die »Geburt Christi« aus der
man deshalb Arbeiten aus fünf Werkstatt des Rogier van der MARY HEILMANN /
Jahrhunderten, die sich an seinem Weyden (o.). Marks’ Großva- DAVID REED
Vorbild abarbeiten. Inspiriert von ter Fritz Thomée (1862–1944) Hamburger Bahnhof, Berlin,
Michelangelos Meisterhand, die als hat all dies mit großer Ken- bis 11. Oktober
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und ließ seine Bekannten sen«, sagt Heilmann und hat
29. 3. —
wissen, wann er aufstand völlig Recht: Trotz der
(oben). Untertags notierte er, Unterschiede manifestiert
wen er traf oder hielt das sich eine tiefe Liebe zwi-
Datum in Acryl auf Lein- schen ihren Bildsprachen.
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Salzburger
Preziosen
Die Art & Antique bekommt im
Jubiläumsjahr Verstärkung
Bilder: Christian Eduard Franke Kunsthandel, Bamberg; Galerie Gerald Hartinger Fine Arts; Fulvio Bianconi/Galerie Kovacek, Wien/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
den lassen, und dennoch ist es ein besonde-
res Stück Salzburger Kunst: ein Porträttaler,
der unter dem 1727 bis 1744 amtierenden
Salzburger Erzbischof Leopold Anton Frei-
herr von Firmian geprägt wurde. Philipp
Christoph Becker von Beckersfeld, der ab
1725 in Wien tätig war, gilt als Stempelschnei-
der der Prägung. Schwaighofer bietet die Ra- Raum, um 1720, in Zirbenholz hat die Ga-
rität auf der Salzburger Art & Antique für lerie Figl an ihrem Stand.
3500 Euro zum Kauf an. Es ist das erste Mal, Österreichische Gemälde reichen von
dass die einheimische Kunsthandlung, die idyllischen Szenen wie »Pinzgauer Jäger mit
Das Bureau Plat aus Wien (um 1810) bietet
auf Münzen, Schmuck und Kunstgegenstän- Mädchen aus Golling« von 1835 des Bieder-
Christian Eduard Franke zum Kauf an.
de spezialisiert ist, auf dieser wichtigsten meiermalers Johann Fischbach bei Giese & Unten: Andy Warhols »Red Lenin« hängt in
Messe in ihrer Stadt ausstellt. Die Schau, die Schweiger bis zu zeitgenössischen Bildern der Koje von Gerald Hartinger Fine Arts.
jährlich zu den Osterfestspielen abgehalten wie Maria Lassnigs »Porträt Iris Kuchling« Links unten: Bei Kovacek Spiegelgasse ist
wird, feiert in diesem Jahr ihr vierzigjähriges von 1983 bei Schütz. Fulvio Bianconis Vase »Pezzato« ausgestellt
Jubiläum und findet traditionell in den Im Zentrum steht aber die Moderne:
prächtigen Sälen der historischen fürsterzbi- Thomas Salis Art & Design aus Salzburg of-
schöflichen Residenz statt. feriert eine Landschaft des Fauvisten Maurice
Zu weiteren interessanten Neuzugän- de Vlaminck: »Paysage bleu« aus der Zeit um
gen der 36 Teilnehmer zählen die Galerie von 1910 für 135 000 Euro. Gabriele Münters »Still-
Vertes aus Zürich, Tefaf-Aussteller mit Kunst leben mit Russischer Decke II« von 1911 ist
vom Impressionismus bis zur Pop-Art, die ein Highlight am Stand der Galerie von Vertes
Zeitgenossengalerie Tanglberg aus Vorch- aus Zürich. 345 000 Euro veranschlagt der
dorf und Markus Strassner aus Schärding, Kunsthandel dafür. Einen wunderbaren Ha-
der mit seinen »Augenwendern« bisher auf fenblick bietet die Wiener Galerie bei der Al-
der Art & Antique in Wien vertreten war. bertina Zetter mit Oskar Kokoschkas »Ham-
Der Wiener Martin Suppan kehrt, unter an- burg III« von 1961. Pop-Art-Größen sind bei
derem mit klassischer Moderne, nach länge- Gerald Hartinger Fine Arts aus Wien zu fin-
rer Zeit wieder auf die Messe zurück. den. Dort sticht Andy Warhols »Red Lenin«,
Die Mischung aus Kunsthandwerk, Siebdruck aus dem Jahr 1987, in leuchtendem
Antiquitäten, Kuriositäten und Gemälden Rot hervor. Für 115 000 Euro wechselt das
macht die Veranstaltung so attraktiv. Die Werk den Besitzer.
österreichische Kunst ist wie Neben einem Venedigbild in Pas-
immer sehr gut vertreten, tellfarben von Carl Moll ist
auch in der Möbelofferte: Bei bei Kovacek Spiegelgasse die
Christian Eduard Franke aus venezianische Glaskunst zu
Bamberg ist ein Bureau Plat aus entdecken. Die Vase »Pezza- Edle Schmuckstücke wie eine Brosche in
Wien um 1810 in Pyramidenma- to« (12 000 Euro), von Fulvio Form eines Schmetterlings aus Paris um 1970
hagoni, furniert auf Eiche und Bianconi um 1951 aus transpa- glitzern bei Pintar aus Salzburg. Die Flügel
Ahorn, zu finden – ein besonde- rentem Glas und farbigen Mo- des Insekts sind aus Koralle und Brillanten
res Beispiel der Wiener Möbel- saikstücken gefertigt, wurde gefertigt, der Körper in Lapislazuli. Schwaig-
kunst. Der große Schreibtisch von dem Italiener für Venini in hofer hat ein typisches Jugendstilcollier, das
mit feuervergoldeter Bronzede- Murano entworfen. Bei Runge auch als Brosche tragbar ist, von etwa 1910 da-
koration ist mit fünf Schüben aus Linz blickt ein 130 Zentime- bei. 14 000 Euro ist das diamantbesetzte
und zwei Geheimfächern ausge- ter hoher Hirschkopf dem Be- Glanzstück wert. SUSANNE LUX
stattet. Bauernmöbel wie einen trachter entgegen. Ernst Heissl
dreiteiligen Pinzgauer Prunk- schuf den Kopf im 19. Jahrhun- Art & Antique, Salzburg, Residenz, 28. März bis
schrank aus dem Kitzbüheler dert aus Nadelholz. 6. April, artantique-residenz.at
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1964 Oskar Kokoschka
Zwei Rosen
Bilder: Louise Bourgeois/Galerie Zlotowski, Paris/VG Bild-Kunst, Bonn 2015; Bibliothèque nationale de France, 2015
Markt. Rekordzuschläge im Millionenbe- doch sorgen gerade die weniger bekannten
reich für restituierte Meisterzeichnungen Namen für die größten Überraschungen.
des 19. Jahrhunderts bei den Berliner Aukti- Zum Beispiel das lebensnahe Profilbildnis ei-
onshäusern Bassenge und Villa Grisebach ner Frau des Manieristen Bernardino Lanino
sorgten für Aufsehen und verleiteten opti- auf blauem Papier bei Pandora Old Masters
mistische Marktbeobachter umgehend dazu, »The Good Mother« hat Louise Bourgeois oder die bildhübschen Studie der heiligen
eine Renaissance der Flachware auszurufen. 2006 zu Papier gebracht (Galerie Zlotowski), Maria, von Élisabeth Vigée-Lebrun zu Papier
Und Berlin als neuen Hauptumschlagplatz der kugelförmige Kenotaph von Boullée (u.) gebracht, am Stand der Pariser Galeristin
für Meisterzeichnungen. ist eine Leihgabe der Nationalbibliothek Nathalie Motte Masselink. Zur Jungfrau ge-
Das ist optimistisch – und vielleicht et- sellt sich ein trabendes Dressagepferd, das der
was vorschnell, weil ein Blick nach Paris ge- Bildhauer Jean-Baptiste Carpeaux mit
nügt, um zu sehen, dass sich Deutschland als Vielfalt und Qualität unvergleichliche Werk- schwungvoll-dynamischer Feder in brauner
Marktplatz für Meisterzeichnungen noch auswahl von Zeichnungen aller Epochen zu Tusche flink einfing. Die Zeichnung zeugt so-
lange nicht mit der französischen Haupt- präsentieren. Allein das bei Stephen Ongpin wohl von der genauen Beobachtung der Ana-
stadt messen kann. Zeichnungsbegeisterte angebotene, um 1850 entstandene Porträt der tomie des Tieres als auch von dem Herantas-
Kuratoren, Sammler und Händler aus aller Familie Gatteaux von Ingres, das eine beein- ten des Künstlers an die perfekte plastische
Welt lockt hier der Salon du Dessin, die be- druckende Ausstellungshistorie vorzuweisen Form. Die übereinandergelegten Umrisse der
deutendste Spezialmesse für Meisterzeich- hat, rechtfertigt die Reise nach Paris. Das Beine verdeutlichen seine Begabung, den
nungen aller Epochen und Herkunftsländer, großformatige Werk, eine Collage aus Druck- perfekten Moment der Bewegung des Hengs-
in das Palais Brongniart. grafiken und feiner Bleistiftzeichnung, ist tes festzuhalten (12 000 Euro).
Dieses Jahr sind 39 ausgewählte Händ- atemberaubend. Wer 340 000 Euro mitbringt, Der Schwerpunkt des Salons liegt dieses
ler aus ganz Europa (davon rund die Hälfte kann es erwerben. Allen anderen sei geraten, Jahr auf der Architekturzeichnung, deren Fa-
aus Frankreich) anwesend, um eine in ihrer diese Chance zu nutzen und einen letzten cetten in einer Reihe von Vorlesungen nach-
gegangen wird. In einer sehenswerten Kabi-
nettausstellung werden zudem Leihgaben
aus der Nationalbibliothek präsentiert, da-
runter Boullées ikonischer, kugelförmiger
Kenotaph für Isaac Newton (1784).
Neben den Messehändlern nutzen auch
andere Galerien und Auktionshäuser die »Se-
maine de Dessin«, um auf ihr Angebot auf-
merksam zu machen. Bei Christie’s kommt
der dritte Teil der herausragenden Sammlung
des Connaisseurs I. Q. van Regteren Altena
(1899–1980) unter den Hammer. Diesmal
sind französische und italienische Meister-
zeichnungen an der Reihe, darunter die deli-
kate, in farbigen Kreiden ausgeführte Studie
eines schlummernden Babys von Federico
Barocci zum Schätzpreis von mindestens
100 000 Euro. ANNA SCHULTZ
118
RE N
15% SPA ENK
H
+ GESC N
WÄHLE
KUNSTHANDEL
Schaufenster
Werkdaten
Kupferstich, altkoloriert, aus
dem Surinambuch von 1705
Büttenpapier mit Wasserzeichen
Höhe: 49 cm, Breite: 33 cm
Kunsthandlung
Preis
3200 Euro
Für gewöhnlich leben die Sammler mit der herrschte sie als Spross des legendären Kup- schen Kunst- und Antiquariatsmessen wie der
Kunst, während die Kunsthandlung als blo- ferstechers Matthäus Merian das Handwerk Hamburger Art Fair im April. Hier soll der
ßer Transit jener Werke fungiert. Bei Streh- ihres Vaters. Ab 1675 gab Maria Sibylla Meri- Jubiläumskatalog vorgestellt werden, und
lers verhält es sich ein wenig anders: Mutter an drei Bücher mit Blumendarstellungen he- man kann unverbindlich einen Blick auf das
und Tochter sind der Grafik, mit der sie in raus und schmuggelte schon damals kleine Programm werfen. In Sindelfingen, wo die
ihrem Kunstkabinett handeln, so nah, dass Insekten zwischen die Blätter. Ihnen galt ihre Tochter Passepartouts schneidet und die Mut-
sie eigentlich auch mit ihr leben. Sie müssen ganze zeichnerische Liebe, sie begeisterte ter selbst rahmt, öffnet sich die Tür zum Sou-
bloß in den Souterrain ihres Wohnhauses hi- sich für Raupen, noch mehr aber für ihre terrain allein auf Anmeldung.
nuntersteigen: Sofort sind Brigitte und Birgit Verwandlung in prächtige Schmetterlinge. Strehlers Zuneigung zu Maria Sibylla
Strehler von Radierungen aus Picassos Hand Strehlers teilen diese Leidenschaft für Merian versteht man nur zu gut. Noch als
umgeben, stehen sie Holzschnitten von Al- Schönes, das sich sukzessive entfaltet. Seit 50-Jährige bewies die Künstlerin ihre Unab-
brecht Dürer aus dem frühen 16. Jahrhundert Brigitte Strehler vor vierzig Jahren ihr Kunst- hängigkeit und brach nach Südamerika in
oder Lithografien wie »Paula« (1939) von Hen- kabinett in Sindelfingen eröffnete, hat sie die damals niederländische Kolonie Surinam
ri Matisse gegenüber. Und immer wieder den sich kontinuierlich einen Ruf als Expertin er- auf. Dort entstand jenes farbenprächtige,
anziehenden Kupferstichen von Maria Sibylla worben. Vor allem für Merians druckgrafi- exotische Blatt mit Echse, Banane und
Merian, auf deren virtuoses Werk Mutter sches Werk, das längst komplett durch ihre Schmetterlingen, das 1705 als Kupferstich im
und Tochter spezialisiert sind. Hände gegangen ist. Echte Fans wissen das, »Surinambuch« erschien. Ein Motiv, für das
Das beginnt mit der Vignette ihrer In- und so stieg die Nachfrage aus aller Welt und sich Brigitte Strehler gewiss auch vor vier
ternetseite. Hier kämpfen Schlange und Al- mit ihr der Bedarf an kompetenter Unterstüt- Jahrzehnten begeistert hätte. Als sie noch
ligator miteinander. Eine Szene, die schon zung. Seit 1994 ist Tochter Birgit als studierte Sammlerin war und sich langsam zur Händ-
eingangs die ungewöhnliche Sichtweise ei- Kunsthistorikerin dabei, gemeinsam meistert lerin entwickelte. Was sicher auch ein Grund
ner Künstlerin des späten 17. Jahrhunderts man den Besuch internationaler Auktionen für die offenbare Verbundenheit zwischen
dokumentiert. Schon mit elf Jahren be- wie auch die Teilnahme an wichtigen deut- Leben und Kunst ist. CHRISTIANE MEIXNER
120
© 2015, ProLitteris, Zurich.
PABLO PICASSO. Jeune fille inspirée par Cranach. 1949. Lithografie. 17/50. Blattmass 65,6 x 50 cm auf Vélin von Arches.
AUKTIONEN
Das kanadische
Schatzhaus
Christie’s versteigert
Peter Winkworths Nachlass
122
PIERRE-AUGUSTE RENOIR. Bouquet de fleurs. 1917. Öl auf Leinwand. 36 x 31 cm (Detail).
Bilder: Sotheby‘s New York; Man Ray/Image courtesy of Phillips, www.phillips.com/VG Bild-Kunst, Bonn 2015
vier Schwestern, die so ernst blonde Schönheit, nur in ein
in die Kamera blicken, ein wich dünnes Laken gewickelt, auf
tiges Stück Americana. Die dem Rücken. Man Rays »Recli
SAMMLUNG WELDON Erwartet werden um 30 Millio »Brown Sisters«, ab 1975 über ning Nude with Satin Sheet«
Sotheby’s, nen Dollar. Jahre hinweg von dem Fotogra von 1935, ein Silbergelatine
New York, 22. April Zu den Höhepunkten zählt fen Nicholas Nixon porträtiert, druck, ist mit einem Schätzpreis
ein delikates kleines Stillleben sind zu einer der wichtigsten von 300 000 bis 400 000 Dollar
Anlässlich ihrer Ausstellung mit Walderdbeeren des Nieder Fotoserien unserer Zeit avan im Angebot. Lee Friedlander ist
von 67 kleinformatigen nieder länders Adriaen Coorte, datiert ciert. Vor den Augen des mit dem collageartigen Bild
ländischen und flämischen Por auf 1704 und nur 13,5 auf 16,5 cm Betrachters werden aus Nixons »Portland, Maine« aus dem Jahr
träts, Stillleben und Landschaf groß. Die glitzernden, zum junger Frau Bebe und ihren 1962 vertreten, das vermutlich
ten des 17. Jahrhunderts im Anbeißen einladenden Früchte Schwestern gestandene Frauen, für 15 000 bis 25 000 Dollar ver
Walters Art Museum in Balti konnten als Symbol von Sinn zeichnet sich das Leben in ihren steigert werden wird. Etwas
more, Maryland, im Jahr 1999 lichkeit und Verlockung zur Gesichtszügen ab. Geschätzte darüber im Preisrahmen liegt
erinnerten sich Henry und June Sünde gelesen werden. Coorte 15 Institutionen besitzen das Set, »Queen Charlotte’s Ball« von
Weldon daran, wie sie kurz ergänzte aber eine weiße unter anderem das MoMa in Henri Cartier-Bresson von 1959
nach ihrer Hochzeit unbeab Blüte. Weil Erdbeeren Frucht New York und San Francisco. (Taxe 20 000 bis 30 000 Dollar).
sichtigt ihr erstes Altmeisterge und Blüte zur gleichen Zeit Bei Sotheby’s wird eine CATRIONA MCLAUGHLIN
mälde erwarben. Eigentlich entwickelten, waren sie auch komplette Serie, bestehend aus
wollten sie nur ihre Wände ein Sinnbild der Jungfräulich 40 Fotografien, aus der Samm
dekorieren und ersteigerten für keit und Mutterschaft Mariens. lung von Mary Robinson zu
16 Dollar auf einer Auktion im Die konservativ angesetzte ersteigern sein. Die Taxe liegt
1 Adriaen Coorte, Stillleben mit
New Yorker Greenwich Village Taxe beläuft sich auf 800 000 bis bei 200 000 bis 300 000 Dollar. Walderdbeeren, 1704, 13,5 x 16,5 cm,
ein stark verschmutztes Bild. 1,2 Mio. Dollar, bei jüngsten Weitere Highlights der Auktion Sotheby’s, New York,
Das konnte nach der Reinigung Marktauftritten in Europa spiel ist Paul Strands »Rebecca« Taxe 800 000 bis 1,2 Mio. Dollar
dem vor 300 Jahren lebenden ten ähnlich schlichte Stillleben aus dem Jahr 1921. 300 000 bis 2 Man Ray, »Nackte mit Satintuch«,
Niederländer Willem van Aelst Cortes schon mehrere Millio 500 000 Dollar sind für das 1935, Phillips, New York,
zugeschrieben werden. nen Euro ein. Platinunikat taxiert. Eine Aus Taxe 300 000 bis 400 000 Dollar
So begann die lebenslange
Sammelleidenschaft der Wel
dons. Sie spezialisierten sich auf 2
kleine Formate, manche reichen
nicht über Postkartengröße
hinaus. Darunter finden sich
Berühmtheiten wie Rubens,
van Dyck oder Ruisdael, aber
auch ein frühes Stillleben des
Deutschen Ludger tom Ring
d. Ä. und später auch französi
sche Werke. Sotheby’s verstei
gert nun über 70 Bilder aus dem
Nachlass von June Weldon, die
im Oktober 2014 verstarb.
124
HERMANN HISTORICA
N äC H S T E Au K T I O N :
28. April -
13. Mai 2015
Antiken, Alte Waffen,
Kunsthandwerk,
Schusswaffen, Orden,
historische & zeit-
geschichtliche
Rossstirn mit Schriftkartusche
über „Tamga“ des St. Irenenarse- Sammlungsstücke
nals in Konstantinopel, Ostanato-
lien oder Iran, 1. Hälfte 16. Jhdt.
Kataloge online ab Anfang April unter:
www.hermann-historica.com
Maximilianischer Helm
für einen Riefelharnisch,
süddeutsch ca. 1530
Alte Waffen ✦ Orden ✦ Militärische und Geschichtliche Objekte
Internationale Auktionen
Silbertauschierte Storta,
Italien ca. 1600
Aus unserem
Angebot an
chinesischen
Jadeobjekten
19./20. Jhdt.
B
Bedeutende
ssilberne
Dorn-
D
lleuchter im
ggotischen
Stil, deutsch
S
cca. 1860
Gold- und silbertauschierte Vajra und Vajra-
Hammer, Tibet, 15. Jhdt.
Bilder: Andy Warhol/Property from a Private Collection, Felissimo Corporation, Japan/Sotheby‘s New York; Ludwig Deutsch/Sotheby’s London
1 sen. Im Jahr 2011 war Pablo gen Darstellung von Seiden und die Menschen in das Maler
Picassos Werk »La femme qui glanz und kaltem Marmor museum strömten – Frederic
PRINTS IN NEW YORK pleure, I« für knapp über übertrumpften. Man kann auf Leighton war ein Orientmaler,
Christie’s, 23./24. April 5 Millionen Dollar am Rockefel dem Schwert des baumlangen der sein Haus wie einen ottoma
Sotheby’s, 30. April bis 1. Mai ler Plaza versteigert worden. Nubiers, der ein Palasttor nischen Sultanspalast ausstatte
CATRIONA MCLAUGHLIN bewacht, sogar die Dekoration te. Zu sehen war dort Sir Law
Für den Prints & Multiples Sale der Schwertklinge erkennen. rence Alma-Tademas »Die Rosen
in New York Ende April werden Das Bild steht bei Sotheby’s des Heliogabal«, 1906 von
bei Sotheby’s drei wichtige im Mittelpunkt, wenn in der einem englischen Industriellen
1 Andy Warhol, »$ (9)«, Felissimo
Sequenzen aus bedeutenden Corporation, Japan, 1982, Auktionswoche mit islamischer für unerhörte 6000 Pfund aus
Sammlungen vertreten sein. Sotheby’s, New York, Taxe Kunst wieder Orientalistenge dem Atelier gekauft, dann fast
Besonders hohe Ergebnisse 80 000 bis 120 000 Dollar mälde versteigert werden. Die vergessen. Simón bezahlte 1993
erwartet man für die Werke des 2 Ludwig Deutsch, »Palastwächter«, Schätzung liegt bei 800 000 bis dafür 1,6 Mio. Pfund, inzwi
Druckmeisters Kenneth Tyler, Sotheby’s, London, 1,2 Mio. Pfund und zeigt das schen wurden solche Werke für
welcher in seinen Workshops Taxe 800 000 bis 1,2 Mio. Pfund Vertrauen der Experten in diese über 30 Mio. Dollar verkauft.
berühmte amerikanische Deutsch hat da noch Luft.
Künstler wie Frank Stella, Roy Seinen Rekordpreis erzielte So
Lichtenstein und Jasper Johns theby’s 2013 mit 2,2 Mio. Pfund.
unterrichtete. Er ist noch mit einem Figuren
Andy Warhols Dollarzeichen bild einer Koranschule vertreten
in außergewöhnlichen Farb (600 000 bis 800 000 Pfund).
kombinationen aus dem Jahr Ähnlich detailversessen ist der
1982 von der japanischen Felissi »Waffenverkäufer« von Rudolf
mo Corporation werden zu Ernst (100 000 bis 150 000 Pfund)
einem Schätzpreis von 80 000 bis – alles Preise, die zeigen, dass die
120 000 Dollar veräußert. Da Orientalistenmalerei im Auf
neben gelangen zeitgenössische wind liegt. MATTHIAS THIBAUT
Prints aus der privaten Samm
lung des 2013 verstorbenen Phi
lantrophen Peter B. Lewis zum PRIVATE COLLECTIONS
Aufruf. Unter anderem Frank Christie’s,
Stellas Siebdruck »Double Gray South Kensington, 30. April
Scramble« von 1973, den auch
das MoMA New York in seiner Zu den Glanzstücken der Auk
Sammlung hat. tion gehören die vor einigen
Unter den modernen und Jahren wiederaufgetauchten
zeitgenössischen Meistern ist Objekte aus Schloss Steinort in
wieder Man Ray vertreten, dies Ostpreußen. Ihr am Attentat
mal mit den großen roten Lip des 20. Juli 1944 beteiligter und
pen seiner farbig gedruckten kurz danach hingerichteter
Lithografie »À l’heure de Besitzer Heinrich Graf Lehn
l’observatoire: Les amoureux« dorff hatte diese nach Sachsen
von 1967, die für geschätzte ausgelagert. Zwischenzeitlich
30 000 bis 50 000 Dollar verstei wurden sie teilweise Museen
gert wird. Von dem britischen zugeteilt. Jetzt werden sie von
Künstler Cyril Power ist der seinen Töchtern verkauft. Dazu
2
bedeutende Linolschnitt »Tube gehört ein Familienporträt von
126
Berlin Auktion
Gemälde 17.-21. Jh., Porzellan, Kunstgewerbe, sowjetisches Avantgarde-Porzellan
Auktion am 2. Mai 2015 in Berlin
Vorbesichtigung: 24. April –1. Mai
KPM, Medici-Vase mit umlaufendem Panorama von Potsdam. Um 1838. Vasenmodell von J. C. Riese, Malerei von E. W. Forst. H 77 cm
Meister von Hoogstraten. Heilige Familie mit Engeln und die Heiligen Katharina und Barbara
Öl auf Holz, x , cm (Mittelstück) und je x cm (Flügel)
130
AUKTIONEN
BÜCHER GEMÄLDE
Bassenge, Auktionshaus an der Ruhr,
Berlin, 15. bis 18. April Mülheim, 25. April
Der Individualismus boomt der- Er galt zeit seines Lebens als ein
zeit, da kommt Nietzsche gerade Querulant, aber einer, den die
recht, den Peter Sloterdijk einen Kunstszene liebte: Martin Kip-
»Trend-Designer des Individua- penberger (1953–1997) provozier-
lismus« genannt hat. So dürfte te mit seinen Performances,
die erste Ausgabe von Nietz- Gemälden, Skulpturen und
sches »Also sprach Zarathustra«, Installationen, die Titel trugen
seinem berühmtesten Werk, ein wie »Null Bock auf Ideen«
großes Bieterinteresse hervor (1982/83). Das Auktionshaus an
rufen. Obwohl es sich von allen der Ruhr versteigert nun Martin
seinen Veröffentlichungen Kippenbergers »Ray Charles«
damals am schlechtesten ver- von 1969 zu einem Limitpreis
Bilder: Galerie Bassenge, Berlin; Auktionshaus an der Ruhr, Mülheim; Dr. Fischer Kunstauktionen, Heilbronn
131
BÜCHER
Reiss & Sohn,
Königstein, 27. bis 30. April
Bilder: Reiss & Sohn oHG, Königstein im Taunus; Auktionshaus Ursula Nusser e.K., München
zwei prachtvollen Initialen, Teile umfasst ein Frisierset
die eine mit einem Porträt aus reliefhaft dekoriertem
des Augustinus, die andere Sterlingsilber, das bei Ursula
mit Weißranken, in denen Nusser für 2800 Euro aufge-
rufen wird.
Einlieferer ist die Fine
Art Gallery Arthur & Bond
aus Yokohama in Japan, ein
Kunsthandelshaus, das in
seiner Silberschmiede selbst
Stücke fertigte. Dessen
1
berühmtestes Silberobjekt
war die nach einem Colonel
sich ein Putto und ein E. C. Liscum benannte
Kaninchen versteckt halten. 90 Pfund schwere Liscum-
Es handelt sich hierbei um Schale, die als Geschenk
die zweite Ausgabe über- für den von Queen Victoria
haupt und die erste in Rom geadelten chinesischen
gedruckte. Der rote Maro- Diplomaten Prinz Li Huang
quinband befand sich in der Chang diente.
Bibliothek des russischen Zu den wie immer origi-
Generals und Militärhistori- nellen Preziosen des Hauses
kers Dmitri Petrowitsch zählt eine seltene französi-
Buturlin. Im 20. Jh. gelang- sche, um 1820 gefertigte
te er in die Bibliothek des Taschenuhr mit Viertelrepe-
Schweizer Sammlers Martin tition mit Carillon und drei
Bodmer. Auch diese Prove- Glockenschlägerfiguren
nienz trägt zu der stolzen (Jacquemarts) zur Taxe von
Taxe von 70 000 Euro bei. 5500 Euro. Das Gehäuse ist
& Die Abteilung Botanik
enthält eine Sammlung süd-
deutscher Provenienz. Als
Hauptlos erweisen sich die 1 »Descriptiones et icones
»Descriptiones et icones plantarum rariorum Hungariae«,
1802 bis 1812, Wien,
plantarum rariorum Hun-
Maroquineinbände des 20. Jh.,
gariae«, 1802 bis 1812 in drei Reiss & Sohn, Königstein,
Bänden in Wien herausge- Taxe 8000 Euro
geben (Taxe 8000 Euro). Der 2 Taschenuhr mit Viertelrepeti-
Text über die Flora Ungarns tion, um 1820, Carillon, Roségold,
stammt vorwiegend von Pál Email, Nusser, München,
Kitaibel. MARTIN MIERSCH Taxe 5500 Euro
DR. FISCHER
ARTCONGRESSCOLOGNE
17. April 2015
Congresszentrum der ART COLOGNE
Messe Köln
KUNSTAUKTIONEN
Der Kunstmarkt des 21.
Jahrhunderts im Spannungsfeld
von Transparenz, Beschleunigung
und Globalität Russisc
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30+ internationale Sammler und Kunstmarkt-Experten
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Sheikha Hoor Al-Qasimi, President and Director, V
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Sharjah Art Foundation, Sharjah, United Arab Emirates
Stefan Simchowitz, Los Angeles, USA
Mark Coetzee, Executive Director and Chief Curator,
Zeitz Museum of Contemporary Art Africa, South Africa
Don and Mera Rubell, Gründer der Rubell Family
Collection, Miami, USA
Anita Zabludowicz, Gründerin der Zabludowicz
Collection, London, New York, Sarvisal
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l.+ +497 131-887250
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AUKTIONEN
aus Roségold, das Emailziffer Linie die Qualität der Objekte
blatt in dekorativem Kobaltblau und die Art, wie Stoffe wirken.
gehalten, eine goldene Ziffer Trotz ihrer Vielfalt vereint die
scheibe gibt es und außerdem Susanis und Kelims ihr starker
als Figurenschmuck Orpheus visueller Ausdruck. Sie überset
mit umgehängter Lyra, Eurydi zen die Gedanken eines Archi
ke und unter dem Zifferblatt tekten in Gewebe, verknüpfen 2
ein sitzender Eros mit Pfeil und strategische Flächennutzung
Bogen. All das verleiht dem mit dem Ornament als Gestal
Objekt eine besondere kostbar- tungselement. Vok hat sich nun
exotische Note. aus Altersgründen dazu ent
FRANK MAIER-SOLGK schlossen, seine gesamte Textil
sammlung weiterzugeben.
In drei Auktionen trennt er
TEPPICHE sich von seinen antiken orien KUNST UND ANTIQUITÄTEN den Highlights der Gemälde
Bilder: Auktionshaus Rippon Boswell & Co., Wiesbaden; Allgäuer-Auktionshaus Kühling, Kempten; Enea GmbH
Rippon Boswell & Co, talischen Textilien, darunter ein Allgäuer Auktionshaus Kühling, zählen zwei Werke Otto Pip
Wiesbaden, 11. April von Blumenranken bedeckter Kempten, 16. bis 18. April pels, eines Vertreters der deut
Lakai Susani aus Usbekistan, schen Impressionisten: ein
Im Jahr 1974 erwarb der Archi der in der ersten Hälfte des Schon unter Alexander dem »Liegender weiblicher Rücken
tekt Ignazio Vok sein erstes tex 19. Jahrhunderts entstand (Taxe Großen wurden sie nach Euro akt« in Öl mit einem Limitpreis
tiles Kunstwerk. Heute zählt 45 000 bis 55 000 Euro). Für eine pa importiert und galten seit von 7000 Euro und das Ölge
seine Sammlung über 250 Stü südostkaukasische Shahsavan- dem als der Inbegriff für Exotik: mälde »Londonbridge«, für das
cke, die sich mit den Beständen Flachgewebedecke aus der Mit Papageien. Heute sind viele mindestens 6500 Euro geboten
russischer Kunstgewerbemu te des 19. Jahrhunderts wird mit Arten dieser hübschen Vögel werden müssen.
seen messen können. Schon 18 000 bis 23 000 gerechnet. aus fernen Ländern bedroht. Erwähnenswert ist auch die
während des Studiums entdeck LAURA STORFNER Umso schöner ist der Porzellan signierte Ikone »Mariä Darstel
te der gebürtige Slowake seine ara von Nymphenburg anzu lung im Tempel«. Das vermut
Faszination für islamische Stof sehen, der von Theodor Kärner lich Ende des 18. Jahrhunderts
fe. Eine auf Vollständigkeit entworfen wurde. Das etwa in Griechenland entstandene
abzielende Sammlung zusam 37 cm hohe Tier wird zum Kultbild auf Holz kommt mit
menzutragen reizte ihn nie. Limitpreis von 1600 Euro bei dem Limitpreis von 12 000 Euro
Stattdessen zählten in erster Kühling angeboten. zum Aufruf. Unter dem Möbel
Das Kemptener Haus, das angebot ist eine vierteilige, aus
jährlich vier große Auktionen Nussbaum gearbeitete Salon
1 Lakai Susani, Usbekistan, 19. Jh., mit Gemälden, Grafiken, sitzgruppe aus der Zeit des
282 x 220 cm, Rippon Boswell, Wies- Möbeln, Schmuck, Büchern Jugendstils zu entdecken. Das
baden, Taxe 45 000 bis 55 000 Euro und Kunsthandwerk aller Art Sofa mit zwei Stühlen und
2 Ara, Nymphenburg, 1913, Porzellan, abhält, feiert gerade sein 20-jäh einem Beistelltisch ist bereits ab
37,5 x 64,5 cm, Theodor Kärner, riges Bestehen. Die Jubiläums 2600 Euro zu ersteigern.
Kühling, Kempten, Taxe 1600 Euro aukion umfasst 3000 Lose. Zu SUSANNE LUX
1
134
DR. FISCHER
KUNSTAUKTIONEN
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8. Mai 2015
Auktion Alte Meister
und Kunst des 19. Jahrhunderts
Jetzt im
Handel! 11. / 12. Juni 2015
Auktionen Moderne
und Zeitgenössische Kunst
STILKUNDE Nº 9 3
Beckenschlägerschüsseln
VON
G L OR I A E H R E T
N
ürnberg um 1500: Innova- Messingteller bis Spanien oder Norwegen be-
tive Künstler wie Veit gehrte Exportschlager.
Stoß oder Albrecht Dürer Ihre Erforschung ist dem 2002 verstor-
taten den epochalen benen Kunsthändler Hermann P. Lockner,
Schritt von der Spätgotik in die Renaissance, vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren,
und das blühende Kunsthandwerk brachte und Sammlern wie dem Ungarn Tamás
Sonderleistungen wie die Beckenschläger- Egyeki-Szabó und aktuell Klaus Tiedemann
schüsseln hervor. Beckenschläger tauchen zu verdanken. Die Sammlung von Tiede-
wiederholt in Nürnberger Berufsdarstellun- Die 61 Zentimeter große Schüssel, in der mann ist bis zum 26. Juli im Museum Schloss
gen auf, und 1485 gab es bereits eine »Beck- zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Friedenstein in Gotha ausgestellt. Obwohl
schlagergasse« in der Stadt. Nürnberg gefertigt, war eventuell ein Tauf- Beckenschlägerschüsseln zu Hunderttausen-
Rund 100 Jahre, von ca. 1450 bis 1560, beckeneinsatz. Sie vereint radiäre Disteln den in Umlauf waren und in erheblicher
waren die mit dekorativem Reliefdekor ver- mit einen Mittelmotiv von sieben Blüten Stückzahl auf uns gekommen sind, tappte
zierten, blinkenden Messingschüsseln und und einem pseudogotischen Schriftkranz man in Bezug auf Provenienz, Herstellungs-
136
techniken und Gebrauch im Dunkeln. So 1 Bauchige Schüssel, 27 cm, mit »Fisch
werden etwa die knapp 60 Paradestücke im blasenrosette« und Schriftkranz, um 1500
Metropolitan Museum in New York überaus 2 Umboschüssel, 37 cm, Löwenköpfe
vorsichtig als »deutsch« deklariert. Kaum mit Weintrauben, mit aufgenieteten Email
glaublich, was Tiedemanns akribische Unter- medaillons, zweite Hälfte 15. Jh
suchungen ergeben haben. Sie werden im 3 Schüssel, 24 cm. Sie zeigt den Heiligen
Gothaer Ausstellungskatalog, der in deut- Georg, nach einem Holzschnitt
scher und englischer Sprache vorliegt, prä- von Hans Schäufelein aus dem Jahr 1514
sentiert. Lockner, Szabó und nun auch Tie- 4 Teller, 39 cm, Fischblasenrosette im
demann kommen zu dem Ergebnis, dass alle Schriftkranz, aufgelötete Auflagen
auf Matrizen verzierten Beckenschläger- aus Grubenschmelzemail, Anfang 16. Jh.
schüsseln aus Nürnberg stammen, aus einem
durchorganisierten Werkstättenverbund mit garnituren (zum Händewaschen) gewesen
zentraler Logistik für Einkauf und Vertrieb sein und der »Nabel« als Stand des trompe-
1
sowie einer arbeitsteiligen, an Fließbänder tenförmigen Fußes der spätgotischen Kan-
erinnernden Herstellungsweise. nen gedient haben. Der Rand blieb glatt, be-
Beckenschlägerschüsseln bestehen aus liebte Motive, zu denen keine Bildvorlagen
Messing, einer Kupferzinklegierung (im Ver- gefunden wurden, zeigen einen Löwenkopf
hältnis 83 zu 17 Prozent), wobei das Zink da- mit einer Weintraube im Maul, einen wap-
mals nur aus dem Zinkmineral Galmei ge- penhaltenden Engel, umlaufende Hirsche
wonnen werden konnte. Nürnberg musste oder einen Bär zwischen Blüten.
beides über den Fernhandel beziehen. Doch Insgesamt sind über 50 verschiedene fi-
verfügte die Reichsstadt über eine florieren- gürliche Sujets bekannt, doch rund die Hälf-
de Metallindustrie mit allen entsprechenden te aller Beckenschlägerschüsseln sind in der
Bilder: Prof. Dr. Klaus Tiedemann (4); Christoph Vohler, München
Voraussetzungen bis hin zur Wasserkraft für Mitte mit einer Fischblasenrosette verziert.
die Schlaghämmer und Drehbänke. Als Vorlagen dienten die weit verbreiteten
Auch die Strukturen für den Export der Kupferstiche, Holzschnitte und Buchillustra-
Massenproduktion waren vorhanden. Ein tionen, etwa von Albrecht Dürer, Hans
Beispiel: 1542 hatte die Nürnberger Handels- Sebald Beham oder dem Meister E. S., gele-
gesellschaft 182 Zentner Kupfer und vier Ton- gentlich auch Ölgemälde. Doch haben die
2
nen Galmei bezogen, woraus 384 Zentner Beckenschläger die Motive meist abgewan-
Messing erschmolzen wurden. Das Hand- delt, frei kombiniert oder spiegelbildlich um-
werk war streng reguliert. Die Beckenschlä- gesetzt. Schriftgravuren sind fast immer spä-
ger mussten in einem vielstufigen Werkpro- teren Datums. Man hat sie nachträglich als
zess ihr eigenes Blech schmelzen, gießen und Besitzermarkierungen, etwa bei Schenkun-
alle Verzierungen von Hand einschlagen. Ein gen, hinzugefügt.
tüchtiger Metalldrücker konnte an die hun- Ihr aufwendiger Dekor lässt vermuten,
dert Schüsseln pro Tag formen. dass die Beckenschlägerschüsseln im gehobe-
Als Schmuckmotive waren Adam und nen Bürgerhaushalt als Schauobjekte dien-
Eva, Mariä Verkündigung, die Heiligen ten, wie dies auf einigen spätgotischen Ge-
Georg oder Michael, alttestamentliche Sze- mälden zu sehen ist. Sicherlich wurden
nen wie Samson im Kampf mit dem Löwen Schüsseln auch als Blaker zur Lichtverstär-
sowie ornamentale Rosetten mit Weinreben kung des Kerzenscheins benutzt. In nord-
oder Blüten beliebt. All diese erhabenen Mit- deutschen Kirchen sind die dekorativen
telreliefs schlugen die Beckenschläger mithil- Schüsseln in späterer Zeit als Taufbecken in-
fe von Stahlmatrizen – den sogenannten Ge- 3 ventarisiert worden.
senken – in die Rückseite des Messingrohlings Was gefragt ist, wird gefälscht: So ka-
ein. Die vielfach aufgebrachten Schriftkrän- men mit dem Antiquitätenboom auch viele
ze setzen sich aus Abschlägen einer Viertel- nachgemachte Schüsseln auf den Markt.
kreismatrize zusammen, wobei ein Großteil Heute geht man von zirka 30 Prozent Fäl-
nur eine ornamentale Kalligrafie darstellen schungen aus. Doch dank des akribisch pu-
und keinen lesbaren Sinn ergeben. Leider ha- blizierten neuesten Forschungsstandes und
ben sich weder originale Mittelmotivmatri- der zerstörungsfreien Röntgenfluoreszenz-
zen erhalten noch Teilmatrizen für Schrift- Untersuchung kann man sich diesem reizvol-
und Ornamentkränze. Auch die Punziereisen, len Sammelgebiet aus Nürnbergs Glanzzeit
mit denen die Fahnen von vorn verziert wur- getrost wieder zuwenden. ×
den, gibt es nicht mehr.
Wegen ihrer nabelförmigen Mittelwöl- Gloria Ehret ist Herausgeberin
bung werden die frühesten, bis 1500 entstan- der WELTKUNST,
denen Beckenschlägerschüsseln Umboschüs- für die sie seit 1986 arbeitet.
seln oder Omphalosschüsseln genannt. Sie Ihre erste Stilkunde
4
könnten Teil der damals verbreiteten Lavabo- erschien im April 2008
137
W E LT K U N S T
KUNSTSTÜCK Nº 51
VON
PETR A SCH A EFER
Unbekannter Meister
Das veneto-byzantinische Kruzifix von San Pantalon, um 1350
Diözesanmuseum Sant’ Apollonia, Venedig
138
V
on drängenden Besucher- kehrt, aber immerhin bietet die derzeitige extreme Farbigkeit von breiten weißen Pin-
massen bleibt das Diöze- Hängung im Diözesanmuseum Sant’ Apollo- selstrichen auf nachträglich verstärkten ro-
sanmuseum Sant’ Apollo- nia die Möglichkeit, es aus nächster Nähe zu ten Flächen steht in krassem Gegensatz zu
nia in Venedig unweit des betrachten: Auf punziertem Goldgrund ist der Gestaltung des Umhangs. Der Falten-
Markusplatzes weitgehend verschont. Hier, der leidende Christus mit gesenktem Haupt wurf ist von monotoner Flächigkeit und ge-
in einem schmalen Seitenraum im Oberge- und geschlossenen Augen als »Christus Pa- winnt lediglich durch tief eingeritzte Striche
schoss des ehemaligen Klostergebäudes, tiens« in der Tradition Giunta Pisanos mit an Form. Im Gegensatz zum gleichfarbigen
hängt unter einer niedrigen Holzbalkende- Reminiszenz an byzantinische Vorbilder dar- Gewand des heiligen Johannes, das detail-
cke ein Meisterwerk, das über ein halbes gestellt. Östlichen Einfluss erkennt man auch reich ausgearbeitet ist, legen im Marienman-
Jahrhundert als verschollen galt. Es handelt in der Gestaltung des Gesichts, das durch re- tel die eingeritzten Kerben den hölzernen
sich um das großformatige gemalte Kruzifix, duzierte kurze Pinselstriche charakterisiert Bildträger frei.
das um 1350 für die Kirche von San Pantalon ist. Auf dem grau-grünen Inkarnat hebt sich Im Bildensemble fällt die markante
im Stadtviertel Dorsoduro im veneto-byzan- eine weiße Nasenwurzel ab, die in einer zwei- hellgoldene Gestaltung des zentralen Heili-
tinischen Stil von einem lokalen Maler gefer- geteilten Falte in Augenhöhe endet. Dreipass- genscheins Christi ins Auge, die sich von den
tigt wurde. Finanzielle Not und die Sorge förmige Tafeln an den Kreuzenden enthalten Stanzarbeiten an den Außentafeln stilistisch
um seine Gemeindemitglieder sollen den die Halbfiguren des geflügelten Erzengels und qualitativ unterscheidet. Offenbar wur-
Pfarrer der venezianischen Kirche in den Jah- Michael, der Muttergottes Maria und des hei- de hier in jüngerer Zeit eine neue Vergol-
ren nach dem Zweiten Weltkrieg veranlasst ligen Johannes im Trauergestus. dung angebracht, möglicherweise, um den
haben, das Kruzifix zu veräußern. Zu diesem Das Kreuz von San Pantalon folgt dem Wert des Gemäldes für den Kunstmarkt zu
Zeitpunkt war das Holzkreuz vermutlich in als westlich geltenden »Dreinageltypus«, der steigern. Der Erhaltungszustand des Kruzifi-
einem prekären Erhaltungszustand und eine Nagelung der übereinandergestellten xes ist offenbar stabil, auch wenn ein langer
längst in Vergessenheit geraten. Denn die um Füße vorsieht. Die innerbildliche Kreuzi- vertikaler Riss den Bildträger durchzieht und
das Jahr 1200 dem Märtyrer Hl. Pantaleon, gungsszene erfährt durch den hellen Gold- an den Seitenarmen kleinere Brüche er-
venezianisch »Pantalon«, geweihte Kirche kenntlich sind. An einigen Stellen wölbt sich
hatte seit dem 18. Jahrhundert einen kom- die punzierte Goldschicht, was auf eine lang-
pletten Neubau erfahren. In dem barocken jährige ungeeignete klimatische Lagerung
Ambiente hatte das mittelalterliche Tafel- Die Kreuzigungsdarstellung schließen lässt. Die offensichtliche Überma-
kreuz seine ursprüngliche zentrale Aufstel- lung des mittelalterlichen Holzkreuzes stellt
lung am Lettner schon lange eingebüßt. ist eine venezianische die venezianische Denkmalschutzbehörde
Wie genau es nach dem Verkauf weiter-
ging, ist unklar. Das Kreuz befand sich wohl
Sonderform: Sie vereint subtil vor die schwierige Frage, ob man einer um-
fassenden Restaurierung und somit einer
über viele Jahre in Füssener Privatbesitz. Erst Östliches und Westliches. Reinigung und Abnahme jüngerer Farb-
seit 2009 ist es wieder belegt: Die Authentizi- schichten zustimmen soll.
tät des Kruzifixes hat Matthias Weniger, Wis- Im schlimmsten Fall bliebe dann nur
senschaftlicher Referent für Skulptur und die erste Malschicht über der Vorzeichnung
Malerei vor 1550 am Bayerischen Nationalmu- grund eine ruhige, feierliche Aura. Der sphä- und somit nur noch ein Hauch dessen, was
seum, bestätigt. Kurz darauf bot ein Münch- rische Charakter erinnert an die berühmte, dieses Meisterwerk einmal war. Die Diözese
ner Kunsthändler dem amerikanischen Ver- zeitnahe Kreuzigungsdarstellung in den Mo- würde darauf verzichten wollen, um eine bal-
band »Venetian Heritage«, der sich die saiken des Baptisteriums in der Markusbasi- dige Überführung an den ursprünglichen
Erhaltung venezianischer Kulturgüter auf lika, die nur wenige Schritte vom Diözesan- Aufbewahrungsort zu ermöglichen. Man
die Fahnen geschrieben hat, das Pantalon- museum entfernt liegt. Beide Darstellungen möchte das Werk rasch seiner eigentlichen
kruzifix für 500 000 Dollar zum Kauf an. der Kreuzigung stellen eine venezianische Bestimmung, der Anbetung und Meditation
Doch aufgrund des nicht autorisierten Sonderform dar, die auf subtile Weise west- über das Leiden Christi, zuführen.
Exports aus Italien nach 1945 hatte das wie- liches und östliches Bildformular vereinen Der Direktor des Diözesanmuseums,
derentdeckte Meisterwerk praktisch keinen und daher dem »veneto-byzantinischen Stil« Don Gianmatteo Caputo, wäre einer Restau-
Marktwert – dabei sind Kruzifixe wie das zugeordnet werden. Der Bonner Kunsthis- rierung nicht abgeneigt, um das Kreuz in sei-
»Crocifisso di San Pantalon« auf dem Kunst- toriker Marcello Gaeta schreibt in seiner 2013 ner originären Form erforschen zu können.
markt eine Rarität. Entsprechend hoch war erschienenen Monografie über oberitalieni- Die Aufstellung in der Kirche San Pantalon
das Medienecho, als das Kölner Auktions- sche Tafelkreuze: »Mit dem östlichen Ausse- am Hochaltar hat für ihn aber Priorität.
haus Lempertz im Jahr 2012 dessen Einliefe- hen der Bilder traf man nicht nur auf ästhe- Dann würde möglicherweise die malerische
rung und im selben Atemzug die Schenkung tisches Interesse, denn die ›Östlichkeit‹ war Qualität aufgrund der großen Distanz in den
und Rückführung von Köln nach Venedig zugleich in hohem Maß ein Garant für die Hintergrund rücken. Nach den vielen Jahren
ankündigte. Der monetäre Wert des Objekts, Authentizität der Bildwerke.« ungewissen Verbleibs im Kunsthandel hat
der durch die illegale Ausfuhr eingebrochen Trotz der unbefriedigenden Beleuch- für Caputo die liturgische Nutzung durch
war, ist mit der Rückführung nun wieder ge- tung im Museum, die von oben nur den Kopf die Kirchengemeinde Vorrang. ×
sichert – er wird jetzt, unabhängig von einer Christi im Pantalonkreuz erhellt, wird deut-
anstehenden Restaurierung, mit 700 000 Euro lich, dass dieses Gemälde eine umfassende Seit 2009 ist Petra Schaefer Korrespondentin der
beziffert. Nachbearbeitung erfahren haben muss. weltkunst in Venedig. Die Kunsthistorikerin ist
Zurück in Venedig wurde das Kruzifix Übermalungen sind aus nächster Nähe mit Mitarbeiterin am dortigen Deutschen Studienzen-
von den italienischen Behörden zunächst be- bloßem Auge zu erkennen, wobei insbeson- trum, ihre Forschungsinteressen liegen in der vene-
schlagnahmt. Noch immer ist es nicht in die dere das Gesicht Mariens seine ursprüngli- zianischen Malerei der Frührenaissance und im
Kirche am Campo San Pantalon zurückge- che Gestaltung eingebüßt haben dürfte. Die Kulturtransfer zum nordalpinen Raum.
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(0031 20 / 5 75 52 55) Ikonen, russische Kunst 16. 4. Bonhams / New Bond (0012 12/6 44 90 01)
Kunst (nach 1945, 18. 4. Street Kunst nach 1945 29. 4.
Gegenwart) 14./15. 4. Kempten (0044 20/74 47 74 47) Christie‘s
Eckartsberga Allgäuer Auktionshaus Antiquitäten 16. 4. (0012 12/6 36 20 00)
Augsburg Dr. Bernd Mrosk (08 31 / 5 64 25 30) Christie‘s South Ken- Schmuck 14. 4.
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23./24. 4. Peter Winkworth 1. 4. (0012 12 /9 40 12 00)
Erlangen Köln Phillips Fotografie 1./2. 4.
Bad Dürkheim Bergmann Auction Team Breker (0044 20/73 18 40 10) Schmuck 15. 4.
Alino (0 63 22 / 95 99 70) (0 91 31 / 45 06 66) (0 22 36 / 38 43 40) Antiquitäten, Kunst 13. 4. Sotheby‘s
Spielzeug 2./4. 4. Antiquitäten, Kunst 28. 3. Nachrichtentechnik 18. 4. Sotheby‘s (0012 12/6 06 70 00)
Bischoff (02 21/9 23 36 00) (0044 2 07/2 93 50 00) Fotografie 1. 4.
Bad Homburg Frankfurt/M. Antiquitäten, Kunst 27. 3. Orientalisten 21. 4. Slg. Weldon 22. 4
Homm (0 61 71 /5 54 97) Arnold (0 69 / 28 27 79) Scholz (02 21/9 12 33 22) Spink Druckgrafik 30. 4.–1. 5.
Alte Kunst, Antiquitäten Bücher, Druckgrafik, (0044 20/75 63 40 00) Swann Galleries
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28. 3. Multiples, Kunst 27. 3. Münzen, Medaillen 16. 4. (0012 12/2 54 47 10)
25. 4.
Gegenwartkunst (Benefi- Signens Bücher (Medizin, Reise,
Bad Vilbel zauktion) 25. 4. (4 92 21/16 89 94 40) Lübeck Wissenschaft) 9. 4.
Döbritz (0 69/28 77 33) Asiatica 25. 4. Die Eiche Americana 14. 4.
Blank (0 61 01 / 82 11)
Antiquitäten, Kunst, (04 51 / 70 74 99 99)
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(Kontorhaus im Osthafen) Königstein Antiquitäten, Kunst 25. 4. Nürnberg
18. 4.
18. 4. Reiss & Sohn Prado (04 51/69 32 70 80) Franke (09 11 / 5 27 37 20)
Peus (0 69/9 59 66 20) (0 61 74 / 9 27 20) Antiquitäten, Kunst 28. 3. Antiquitäten, Kunst, Varia
Bamberg
Münzen 23./24. 4. Bücher, Manuskripte, 23.–25. 4.
Schlosser (09 51 / 20 85 00)
Therese Weiser Nachf. Kunst 27.–30. 4. Mannheim Weidler (09 11/22 25 25)
Antiquitäten, Kunst 28. 3.
(0 69/67 51 48) Schwab Antiquitäten, Kunst, Varia
Antiquitäten, Kunst 18. 4. Königswinter (06 21 / 12 80 53 94) 16.–18. 4./30. 4.
Berlin
Auction Partners Antiquitäten, Kunst 25. 4.
Bassenge Freiburg (0 22 23 / 2 86 11) Pfaffenhofen
(0 30 / 89 38 02 90)
Peege (07 61 / 7 55 56) Antiquitäten, Kunst 18. 4. Mülheim Theilmann
Autografen, Bücher, Grafik Antiquitäten, Kunst Auktionshaus an der Ruhr (0 84 41 / 78 86 63)
15.–18. 4. 26.–28. 3. Konstanz (02 08 / 3 02 69 81) Antiquitäten, Kunst 25. 4.
Gutshaus Mahlsdorf Bayer (0 75 31 / 2 44 51) Antiquitäten, Kunst 25. 4.
(0 30/56 59 48 72) Friedrichsdorf Antiquitäten, Kunst, Pforzheim
Antiquitäten, Kunst, Varia Waue (0 61 72 / 7 94 80) Schmuck, Varia 27. 3. München Kiefer (0 72 31 / 9 23 20)
25. 4. Reklameschilder 11. 4. Hermann Historica Bücher, Kunst, Grafik
Jeschke – van Vliet Koserow (0 89 / 54 72 64 90) 24./25. 4.
(0 30/22 66 77 00) Hamburg Galerie der Berliner Antiken, Waffen, Kunst-
Bücher, Fotografie, Grafik Colombos Graphikpresse handwerk, Jagdliches Potsdam
18. 4. (0 40 / 27 80 63 72) (03 0 / 42 01 24 40) 28. 4.–12. 5. Auktionshaus Eichelkraut
Lehr (0 30/8 81 89 79) Moderne Kunst, Glas, Druckgrafik 12. 4. Nusser (0 89/2 78 25 10) (03 31 / 8 70 93 90)
Kunst 20. Jh. 25. 4. Skulpturen, Keramik 18. 4. Antiquitäten, Kunst 28. 4. Antiquitäten, Kunst 28. 3.
Prucha (0 30/8 81 47 21) Cortrie (0 40/23 48 48) Krefeld Rütten (0 89/12 71 51 00)
Schmuck 15. 4. Uhren 28. 3. Schmolt (0 21 51 / 93 10 90) Antiquitäten, Kunst 18. 4. Quedlinburg
Quentin (0 30/21 01 83 72) Schmuck 29. 3. Autografen 28. 3. Breitschuh (0 39 46 / 37 51)
Antiquitäten, Kunst 18. 4. Varia 20. 4. Mutterstadt Antiquitäten, Kunst 28. 3.
Spik (0 30/8 83 61 70) Banknoten, Münzen Ladenburg Henry‘s (0 62 34 / 8 01 10)
Antiquitäten, Kunst 28./29. 4. Ladenburger Spiel- Schmuck 27. 3. Rüdesheim
16.–18. 4. Stahl (0 40/34 34 71) zeugauktion Antiquitäten, Kunst, Möbel, Christian Selzer
Spott (0 30/6 31 25 22) Antiquitäten, Kunst (0 62 03 / 1 30 14) Glas 28. 3. (0 67 22 /4 02 47 77)
Schmuck, Uhren 25. 4. 24./25. 4. Spielzeug 17./18. 4. Teppiche 11. 4. Spielzeug 16.–18. 4.
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weitere Reisen
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Kunstreise in das
»Blaue Land«
Abb.: Franz Marc »Blaues Pferd I« (Ausschnitt), 1911, G 13324 Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München;
Entdecken Sie mit ZEIT REISEN das Alpenvorland
Das »Blaue Land«, so nannte Franz Marc das bayerische Alpenvorland rund
um Kochel und Murnau. Diese Region ist eng verbunden mit der Künstler-
gemeinschaft »Blauer Reiter«, der neben Franz Marc und Wassily Kandin-
sky auch August Macke und andere angehörten. In der Städtischen Galerie
im Lenbachhaus in München besuchen Sie im Rahmen einer Privatführung
die umfangreichste Sammlung von Gemälden dieser Maler. In Murnau, wo
Anbieter: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG, Buceriusstraße, Hamburg
Münter und Kandinsky mehrere glückliche Jahre verlebten, sind neben ihrem
Haus weitere Gemälde und die Schauplätze ihrer Malausflüge zu besichtigen.
Themenspaziergänge und eine Fahrt auf dem Staffelsee werden Ihnen die
von den »Blauen Reitern« so sehr geliebte Landschaft zu Füßen des Ester-
gebirges erschließen. Auf den Spuren der Expressionisten begleitet Sie die
Kunstexpertin Dr. Nina Gockerell.
040/32 80-2900
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St. Gallen
Teppiche, Textilien 30. 4.
Dorotheum Favoriten
Messen Affordable Art Fair.
Tapijnkazerne 16.–19. 4.
Antiquitätenmesse.
Künstlerhaus Wien
Widmer (0043 1/6 04 13 71) Basel 18.–26. 4.
(0041 71 / 2 27 68 68) Musikinstrumente 15. 4. Blickfang Basel. Mailand
Kunst 24. 4. Lehner Kunstauktionen Messe, Halle 3 24.–26. 4. miart. Fieramilanocity Ausstellungen
(0043 1/15 85 46 23 90) 10.–12. 4.
Stockholm Antiquitäten, Kunst 26. 3. Brüssel MIA Milan Image Art Fair. Amsterdam
Bukowskis Art Brussels. Expo The Mall -Porta Nuova Rijksmuseum: Der späte
(0046 8/6 14 08 00) Wiesbaden 25.–27. 4. 11.–13. 4. Rembrandt. Bis 17. 5.
Moderne Kunst 21./22. 4. Jäger (06 11 / 30 41 02) Stedelijk Museum: A Year
Antiquitäten, Kunst 25. 4. Innsbruck New York at the Stedelijk: Tino
Sugenheim Rippon Boswell EuroAntik. The AIPAD Photography Sehgal. Bis 31. 12.
Kube (0 91 65 / 6 50) (06 11/33 44 30) Messe Innsbruck 27.–29. 3. Show New York. Park Ed Atkins – Recent Ouija.
Orden, Historica 28. 3. Teppiche, Slg. Vok 11. 4. Avenue Armory 16.–19. 4. Bis 31. 5.
Knokke-Heist Antiquarian Book Fair. Baden-Baden
Überlingen Wiesloch art@Knokke-Heist. Park Av. Armory 9.–12. 4. Kunsthalle: Nach dem
Zadick (0 75 51 / 74 47) Badisches Auktionshaus Div. Galerien 4./5. 4. frühen Tod. Bis 21. 6.
Antiquitäten, Kunst 25. 4. (06 22 2/ 38 65 22) Paris Museum Frieder Burda: .
Antiquitäten, Kunst 8. 4. Köln Salon du Dessin. Palais Arnulf Rainer. Bis 3. 5.
Walldorf Art Cologne. Messe Brongniart Bis 30. 3.
Auktionshaus Walldorf Würzburg 16.–19. 4. Salon International du Basel
(0 62 27 / 40 43) Kempf (09 31 / 20 79 31 93) Kölner Liste. Dock.One Livre Ancien. Grand Palais Museum Tinguely: Belle
Antiquitäten 27./28. 3. Antiquitäten, Kunst 28. 3. 16.–19. 4. 24.–26. 4. Haleine. Bis 17. 5.
144
Basel/Riehen Kleve
VORSCHAU
Fondation Beyeler: Paul Museum Kurhaus Kleve:
Gauguin. Bis 28. 6. Ewald Mataré – Die
Berliner Jahre. Das Die nächste Ausgabe
Berlin Frühwerk. Bis 28. 6.
Bode-Museum: Das der weltkunst erscheint am
vergessene Museum. Leipzig
Bis 27. 9. Grassi Museum für 9. April 2015
Hamburger Bahnhof: Angewandte Kunst:
Mary Heilmann & David Vornehmste Tischlerarbei-
Reed. Two By Two. ten aus Leipzig. Bis 12. 4.
Bis 11. 10. Object is Meditation and
Und weg mit den Minuten. Poetry. Bis 28. 6.
Dieter Roth und die Musik.
Bis 16. 8. München
Martin-Gropius-Bau: Liu Bayer. Nationalmuseum:
Xia – Fotografin aus China. Bella Figura: Europäische
Bis 19. 4. Bronzekunst in Süd-
ZERO Die internationale deutschland um 1600.
Kunstbewegung. Bis 8. 6. Bis 25. 5.
Haus der Kunst: Anri Sala.
Bonn Bis 20. 9.
Kunst- und Ausstellungs- David Adjaye: Form,
halle der Bundesrepublik Gewicht, Material. Bis 31. 5.
Deutschland: Der Mark Leckey – Als ob.
Göttliche: Hommage an Bis 31. 5.
Michelangelo. Bis 25. 5. Louise Bourgeois. Struk-
Petrit Halilaj. Bis 18. 10. turen des Daseins: Die
Bild: Heinrich Kuhn/Sabine Krüger/Repro: Isabell Kanthak
145
DA S B I L D M E I N E S L E B E N S
Marie Bäumer
Von klein auf male und zeichne ich, auch hat mich eine Lucian-Freud-Ausstellung be- die sich in verschiedene Richtungen entwi-
heute noch, beim Telefonieren oder sogar eindruckt, die ich im Centre Pompidou in Pa- ckeln könnte. Ich bewundere die Chuzpe des
beim Abendessen, wenn es nicht auffällt. Die ris mit einem Freund besucht habe. Ich bin Malers, die physische Kraft, die aus dem Bild
Fantasie hatte in unserer Familie schon im- vollkommen in seine Bilder getaucht. Als wir spricht, aber auch die Räume für Sehnsucht
mer viel Freiraum. Nachts in meinen Träu- draußen waren, habe ich gesagt: Das muss ich Das ist eine Brücke zu meinem Beruf,
men lebe ich so intensiv wie tagsüber. Von noch einmal sehen – ich war noch nicht »satt«. der Schauspielerei. Mein Kunstlehrer an der
der sogenannten Realität fühle ich mich da- Also sind wir gleich noch einmal rein. Waldorfschule hat einmal gesagt: Marie, Sie
gegen eingeschränkt, egal ob es ein Zebra- Freuds Malerei geht direkt in jede Pore. Das müssen mit dem ganzen Korpus in die Farbe.
streifen ist, Schleusen am Flughafen oder Bild der nackten Frauen mit dem Hund hat Davon träume ich heute noch. ×
Blutbilder beim Arzt, die das eine sagen, mich besonders berührt. Sinnlichkeit, Bett
während man sich ganz anders fühlt. und Tier: Das sind drei Dinge, die mich un- Marie Bäumer ist eine der renommiertesten deut
Mein Zugang zur Kunst war und ist im- mittelbar ansprechen. Ich sehe hier die Suche schen Schauspielerinnen. Gerade hat sie die Dreh
mer emotional. Sei es bei Max Ernst, Gau- nach Geborgenheit, die Fragilität. Von den arbeiten zu »Brief an mein Leben« abgeschlossen.
guin oder Chagall, mich faszinieren die Zwi- Körpern geht eine gewisse Melancholie aus.
schenwelten, die offenen Räume. Besonders Das Bild ist wie ein Zoom in eine Geschichte, Aufgezeichnet von Lisa Zeitz
146
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