100%(2)100% fanden dieses Dokument nützlich (2 Abstimmungen) 7K Ansichten264 SeitenManfred Spitzer - Lernen
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Lernen
E Manfred Spitzer
Manfred Spitzer
Lernen
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————————Manfred Spitzer
Lernen
Gehirnforschung
und die Schule des Lebens
Spektrum Akademischer Verlag Heldetbera Bertinic Danae Bink - CIP Enkin
‘Spies, Mane
ncn Geirfonchang ul Schl des Lens Mane pitt eel ein
Spelru Vr, 2002
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ladora: Kann Nemcr-vin king, Ui Fk
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DrackndVerabang: her Spl Gb, Un
Inhalt
‘Vorwore XIIL
1 Binleitung 1
Der Namnberger Triches
Internet als Supermarke 3
Aktivni 4
Mit Inhalten hanteren 4
Lase und Feuse 9
Angst 1
Spusten 12
Das Gehien 13
in halbes Gehirn 15,
Der Plan 15
‘Teil I: Wie wir lernen 19
2 Exeignisse 21
Der Hippokampus 22
(Onrsellen aur Navigation 24
Neuronale Reprisenttionen 27
Nearouenveachscur fie Orte und Vokabeln 30
Neuigheitsdetckeor $4
Geschichten 35
LLemen ohne Hippokampus 35
Panic 36
Methodisches Postskript: Funkionelles Neuroimaging 37
3 Neuronen 4
Impulse und Synapsen 416
Leen Ghirfnschang ad de Schule des Lathes
Reprisentaion durch Synapsenseirken 44
Anatomie in Zahlen 31
Inpur und Ouepae 33
Fase Sa
Postshripr fr Fortgeschritene: Neuronale Vekeotrechnung, 55
Wissen und Kénnen 59
Viel kinnen und wenig wissen 59
Spnapsenstirken konnen viel 62
Synapses leren, aber lang
sames Kénnen-Lemen 65
Sprachenewicklung: Regeln an Beispielenlernen 68
Veegangenhitshewakigung 73
TTomaten im Kop 75
hafee Welt 76
Neuronale Reprisentationen 79
Mebr als innere Bilder 79
Reprisentation in Neuronenpopulaionen 81
Neuronale Aspekte und Perspektiven 82,
Von Kantes 2u Regela 85
Nearonen fil Kategorien 86
Neutonen fir Regein 90
Neuroplastiitit Sich andernde Repriseatationen 94
Fait 96
Plastische Karten 99)
Kareem 100
Prinsp der Karten 102
ntstehung der Karten 104
Dlastische Karten 105
Plastsches Sprachverstehen 107
Wird es eng im Kop 108
Vom Tasten 2um Sprechen 110
\Weitrichende kortikale Plastzitie 114
Kognitive korikale Karten bei Postheamten 115,
Ina vu
Zusammenspel der Karten 118
Farit 119
7 Schlaf und Trae 121
Konsolidierung und Schlaitadien 121
Lemen im Schlaf 125
Zebrafinken lernen schlaend singen 125
Lemen im Traum? 126
‘Tagesteste im Traum 129
Schlafhygiene fr Leben und Lernen 132
Favie 133
Poseskrpt: Delphine, Voge und die Prage Warum 133,
Teil Il: Was Lernen becinflusst 139
8 Aufmerksambeit 141
Vigilane 142,
Selektive Aufmerksamkeie 143
Aleve Fi das Lernen 146
(Ont versus Objektzenrierthet 151
Darauf achten oder niche 153
Faric 155
9 Emotionen 157
Aufeegung: Dabei sein 158
‘Angst esen Sece auf 161
Dem Gehirn beim emotionalen Lernen zuschauen 165
Seress 167
‘Akarer und chronischee Stress 169
Exit 171
Postscript: Wo ,Stress®herkommt 1
10. Motivation 175
Besscr als gedacht 176
Dopamin 177
Kokain 179
Belohnung 180
Neuigheit und Bewertung 181vat Lemen Gehirfosching und die Sc des Lebens
Belohnung und Plsiritie 183
Schokolade, Musik, Blickkoneake 184
Motivation erzeugen? 192
Motivation in der Schule 193
Fant: Dopamin, Neuigkee und Belohnung 195
Psychiarisches Postcripe
‘Wan: Wenn die Bewertung iberkoche 196
11 Letnen vor und nach der Gebuet 201
Lemen i» Muteereib 201
Angeboren undloder gl
Kicische Perioden 206
Frihes Tuning fir Laute 209
Protoeypen fur Gesichter 211
Verwirklichung von Moglichksten 216
ile Verbindungen 217,
Computer im Kindersimmer? 223,
Fas 2
a 205,
‘Teil II: Lebenslang Lernen 227
12 Kindheit 229
Verbindungen reifen 229
Areale gehen on-line 235,
Robuste Kinder und Spracherweeb 235
Taubstummensprache 237
Evolution: Fc scin versus fir werden 239)
Fazit: Was Hanschen nicht lert,. 240
13 Lesen 243
Erkennenis 244
Verdrahtung 245,
Diagnose von Mikroverdrahcungsstirangen 247,
‘Therapie und Neuroplsstzitie 250
Fait 251
14 Bildung: Mathematik, Natue- und Geisteswissenschafi 253
Mathematik 253,
Inhale
Einsteins Gehien 255
Machemasik # Mathematik: Module 257
Strahl, Sinn und Modul 258,
Genau rechnen versus grob schitzen 260,
Mathematikuntersicht 267,
[Naturwissenschaflche und geisteswissenschafiliche Bilin
Fasit 274
15 Schnelle Jugend, weises Alter 277
Endliche Existent und angepasste Langsambeic
Statistik: Zur Genauigheit von Mitehwereen
Langsam aur Weisheie 280
Schnell Physik und langsamer Frieden 281
Je mchr, desto heser 283
“Manner: Erfahrung versus Kafe 284
Elefanten-Frauen und Fruchtbarkeit 286
‘Warum werden wiralt? 288
Fanit: Der Sinn des Alters 290,
‘Teil IV: Gemeinschafe Lernen 291
16 Kooperation 293
Evolutionsmechanismen fie Kooperativiit 294
Vom Waren- zum Gedankenaustausch 296
Gefangen in Spiel 297
Dilemma im Scanner 300
Die React: Viele Spicer und viele Spiele 301
Ager und Suafe 303
Der gute Ruf 309
Rahmenbedingungen fir soziales Lernen 513
Wolf oder SchaP 314
Fazit: Die Wureeln der Kooperation 317
17 Bewertungen 321
Depression und Manie 321
Kohl, Apfel und Bananen 322
Das Trolley-Problem 323x Lemen Geielonehung und de Schl des Lebens
Moral im Scanner 328
Zu Funktion von Bewertungsreprisentaionen 330
Der gute Geschmack 333
Katzen, Whiskas und die Moral 335
Fazic337,
18 Werte 339
Werte im Gehien 340
Krankheiten und die E*kenntnis von Modulen 341
Der Fall Phineas Gage 342
Bewertung und Wert wie Haus und Substantiv 344
Kandex und Kodex 346
Prinzpien: Linguistk und Ethik 349
Enewicklung: Were als Spitentwickler 351
Erfahrene Varian spanne Raume auf 354
Erziehung: Was sollen wir tun? 356
Fanie 358
19 Gewale im Fernsehen leenen 361
25,000 Stunden Fernschen 362
Macht Fernsehen gewaliitig? 363
‘Wirkungen nach 2wei Jabrashnten 364
Lemnen am Modell: Geveale im Labor 366
Feldstudien 367
Fernsehen macht Gevalt 368,
Rausassen oder reinlassen? 369
Desensbilserung 370
Kinder vor dem Feensehappara 371
‘Auch Madchen, auch abne Veranlagung, 373
Fant Gewalr als Umweltverschmutaung 376
Posscript: Computerspiele ~ Learning by doing 379
‘Teil Vz Schlisse: Von PISA bis Pisa 385
20 PISA 387
Hundertachzigcausend Schilerlnnen 387
lesen, Rechnen, Naturwisenschaft 389
Inhale x
a
rgcbaisse: Mitclwerce und Streuungen 390
Finnische Schulen aus finnischer Siche 392
Deutsche Sehulen aus asmanischer Siche 393,
PISACE 395
Fasie 396
Postscript: Die OECD cntdecke das chin 397
Schule 399
‘Was witklich geschiche 400
Frontalunterricht, Varian, fim und
Deutsch im Kindergarten 405
Englisch in dee Grundschule 408
Lemen: Fir das Leben, niche fir Klassenarbiten! 410
Disiplin 411
Die Person des Lehrers 411
Ausbildung der Lehrer 414
Verneraung.. 416
und Ercignise 416
stast Vermitung 417
Tob ind Tadel, Angst und Stress 418.
Computer in der Schule 418
‘nit 421
Wore mit 0-402
Religion nd Stac 424
Das Schalfach im Grundgesee 425
Der Islam tnd die neuen Bundeslinder 427
Neuroplasiiat, Fontalhim und nuichcerne Realiit 429)
Aullirang 431
Philosophie, Eth, Relgionskunde 432
Ethik in der 7, Kise? 434
Problenafeld Weihnachelieder 435
avi: Vom Frontalhien zur Grandgeseziinden
Postskripr: Meditation aber Gras, die Worse aus zi, Gott und
die Welt 440xu Leren - Gehirtorachung und de Schule des Lebens
23. Lebensinhalte 447
Pokémon oder Naturschute 448
Lebensbedingungen 450
‘Welche Inhale? 452
Serukturen 453
Geschichten . 453
Meraphern «454
und Mythen 455,
Nacur..455
und Kultur 456
Fremabestimmung .. 457
«und Selbstbestimmung 457
Postcrip: Pisa 458
24 Epilog: Terra 1 461
Literatur 487
Index 505
Vorwort
‘Wenn es eovas gibt, vas Menschen vor allen anderen Lehewesen aus
reichnet, dann ist es die Tatsache, dass wir lemnen kénnen und dies
ich ailebens tun, Wirlernen Trinken, Laulen, Sprechen, Essen, Si
igen, Lesen, Radfahren, Schreiben, Rechnen, Englisch und uns zu be-
riehmen mic mehr oder weniger Erfolg. Spicer lernen wir einen
Beruf, jemanden kennen, Kinder 2u erichen und Vorgesetater au sen,
‘Wieder mic unteschidlchem Erfolg. Noch spiterleren wir vor al
lem fir andere da 2 sein, uns nicht mehr so wichtig 2 nehimen, mit,
det Rente auszukommen tnd mic Anstand abrutreten (au den Eifolg
aussichten wage ich keine Vermutung)
‘Wirlernen,indem wir einfach so herumprobieren (wie beim Trin
ken an der Mustetbrust oder beim Laufen),indem
ren und die anderen nachmachen (wie beim Si
Sprechen) adler auch, indem wir Vokabeln pauken. Far vicke Men
‘chen it Lemenidentisch mit Pauken und vor allem damit, dass k=
fen Spall mache, Aber auch dies ist geesnt
TLemen findet niche nur in der Schule stat, Im Gegentil: Non
scholae sed viva dscimusbrich sich niehe nur dara, wofrwi ernen
(imlich fir das Leben und nich fr die nichste Klasenarbeit), som
ddern auch darauf, so gelernt wird: im Leben und durch dis Leben (und
rmanchmal sogar selbst dann, wenn sich dieses in der Schule abspis
Lemen finder im Kopf start, Was der Magen fr die Verdanung,
dl Beine ir die Bewegung oder die Augen fr das Sehen sind, st das
‘Gehien fir das Lemnen, Daher snd die Ergebnisse der Eforschung des
Gehims fir das Lemen eswa so wichig, wie die Astrophysk fur die
Raumfihrt oder die Muskel- und Gelenkphysiologie fir den Sport
ie Wissenschaft von den Nervenzllen na dean Geir die Neuro
ie rsehcn,2ubis
en, Essen oderxv ‘Lemnen « Gehirforachang und di Schule des Lees
biotogic, hac in den lezen Jahren einen beisielloen Aufichwung
‘nem halben Jahrhundert is bekann, dass diese Scruktur fr das Lernen
von Ereignissen sehr wichtig ist: Soll ein neuer Sachverhalt gelern wer-
dln, so muss er erst einmal vom Hippokampusaufgenommen werden
‘Welcweite Berthmthei in der newrowissenschafelchen Gem
schafe erlang der Paint H.M., dem wegen cineeansonsten niche be
handelbaren Eplepsic der Hippokampus und angrenzende Teile des
Gehirms auf beiden Seiten opera entfrne wurden. Der Patient wae
dlanach auf den ersten Blick vllg normal. Es zeigt sich jedoch, dass
cr unfihig war, neue Ereignsse x lenen, Die Arte und Paychologen,
die ihn ber Jahre hinweg uneersucheen, must sch thm bei jem
Besuch neu vorstllen: et hate vergessen, mie wem er es beim letcen
‘Mal zu tun gehabe hate. HLM. konnte immer wieder die gliche Ta-
seszstung lesen und therasht sein von der Neugkeit der Nacich
ten, Gane sehlinsm wurde es al er einmal ume
mn musste, Er find
sich in seiner neuen Wohnung niche zurechs.
In krassem Gegensata nu seiner Unfahighe, neue Einzelereignisse
za lernen, stand das erhalten gebliebene Eslernen cinee Fetigkeit. So
brachte man H.M, beispelsweise das Schreiben von Spiegelschrife bei,
cient, sondern lerte dies wie jeder
andere auch. Man kann durchaus vermuten, dass H.M. nach der Ope-
und er hatte damit keine Sch
2 Ercgnine 23
pals
“
2:1 Schematsche Darteung der Lage des lnken Hpokampus im mensch
hen Geir inks eben) und in Setnitiern (Magneresonanomegraphi} in
(der angodeuteton Ebene (oben Mie), Der hnke Hppokampus st engekest
{man sehaut auf das Bd von vorne dar ligt Gor inke Hippokarmus recs
‘Benco wie mein ner Schotl und main Snkas Auge al roinem Passot>
foci leg). Oben rect ist ine Ausscvutveryro8erung zu sehen. Uren st
fon Sehnitfoid des Gets entang des Hppkampus von vornenech ten 2
‘shan (Ubersicht Inks, AusschitvergrGerung ech).
ration auch das Fahrradfabren haste lernen knnen, lig. un
‘Mensch auch, wenn eres niche schon
Iyeintrichtge, wie jeder ander
savor gekonnt hite
‘Micerwele liegen sehr viele Erkennmisse uber den Hippokam
pus vor Er ist kleiner als mein Groftzeh, aber so wichtig, dass es sec
1989 cine eigene Zeitschrift gibt die seinen Namen erigt und in dee
Forschungsergebnisse tiber ihn berichtet werden (von meinem Zeh
kann ich dies niche behaupten). Der Hippokampus ist um Lernen cin~
zelner Ereignisse unabdingbat. Am Beispiel des Pavienten H.M. wind
aber auch klar, woir man den Hlippokampus niche braucht: Werdenx Lernen - Gehring und die Schule des Lees
Fertigheiten oder allgemeine Regeln durch vilfaches ben gelernt, so
geht dies ohne Hippokampus (vg. hierau Kap. 4). Gerade wel jedoch
der Hippokampus Rr das Lernen von Ereignissen so wichtig ist und
weil ich an dieser Arc des Lernens bestimmte Funktionsprinzipicn be-
sonders gut und einfach aufieigen lassen, lohne es sich, him dabei be
sonders genau und mit moderasten Methoden zuzuschauen. Anders
ausgedrickt: Will man enwas iber das Lernen lernen, dana ist der Hip-
ppokampus das ideale Studienobjekt.
Ortszetlen zur Navigation
Das Standardbeispieleinzelner Ereignisse sind Once. Dies mag 2
inichst erwas eigenartig erscheinen, aber denken wie einen Moment
nach: Es gibe keinen allgemeinen Ort es gibt nur diesen ader jenen
ganz konkreten jeweilscinzelnen, individuellen Ore, Einen Orcim All-
gemeinen, denallgeminen Ort, gibt es nich. Wenn Sie sich in Belin
{gut auskennen und kommen nach Hamburg, nurzr Ihnen das Wissen
liber Berlin nichts. Ortskenatnis se Kenneniseinzelner Fakten, cizel-
ner StraBenzlige, Huserfionten, Merkmale ee
Dies ist deswegen von groSer Bedeutung, weil man Ortskenncnis-
se auch im Tierversuch untersuchen kann. Man kana Tieee ja niche
rach dem L1. September oder der ersten Nacht mit dem Partner fr
gen, denn man kann sie tberhaupe nichts Fragen. Es ist daher wichtig,
sich klaraumachen, dass die Untersuchung von Oreskennenis einen be-
deatenden Weg darstllr, das Lernen von Einzeereignissen im Tierex-
periment 2u studieren, In praktiseher Hinsiche ist die Untersuchung
der Ortskenntnis daher von grater Bedeutung. Keineswegs Folge dar.
aus, dass Tire im Hippokampus nur Orte gespichere haben oder gar
dass der Hippokampus grandstach nue fr die Speicherung von Or
«en und das Zurechtfinden 2ustindig wate. Beides hat man friher ein-
‘mal angenommen; beides trift jedoch niche zu (gl. Wood et al. 1999).
“Tiete misen sich zurechtfinden und si lernen dies mit unglaub-
licher Geschwindigkei. Schon lange wei man, dass sie hieras ihren
Hippokampus benotigen, denn nach dessen beidsctiger Encfernung
2 eign 2%
kkonnen Tiere Oresinformationen nicht lernen. Beli Menschen ist dies
auch so, wie das oben angefihrte Bespil des nach seinem Umzug in
die neue Wohnung vallighillosen Patienten H.M. zeigt
Im Tierversuch it es mglich, dem Hippokampus beim Leen
neuer Ortsinformationen zuzuschauen. — Wie genau geschichr dies,
wie werden neue Orte gelerne? Das klasische Experiment hierzu wurde
1993 in der Zeitschrift Science publiziert (vg. hiereu auch Spitzer
1996, S. 86A. Die beiden US-amerikanischen Wissenschafler
Matthew Wilson und Bruce McNaughton pflanzzen erva 100 winzige
Drihtchen in den Hippokampus von Ratten ein, um die Aktiviccein-
zeliner Nervenzellen abruleiten. Set cinigen Jahren berets wusste man,
dass die Zellen im Hippokampus teihveise ocsspeifisch reagieren
Eine Zellefeuere genau dann, wenn sich die Rattan einem bestimm=
ten Ont ihrer Lebenswelt befindes. Man nennt ine sole Zelle daher
auch Oreszele (engl: place el.
‘Wilson und McNaughton wollte herausfinden, wie lange es da
cert, bis solche Oresinformationen von einem Organisms erworben
werden, Hierzu setaten sie die Tiere in einen Kafig(siehe Abb. 2.2), in
dem Kleine Schokoladenklgelchen Anreiz waren sich gut wmauschat-
en. An den inden des Kastens befand sich zurriumlichen Oriente
‘ung der Tiere eine Reihevisueller und taker Reize (in der Abbildung,
nicht zu sehen). Anhand des Aktivitissmusters der abgeleteren Neuro
nen zeigt sich, dass 20 bis 30 Prozent der Neuronen tatsichlich Orts-
rcllen waren: Jedes Neuron hatte cine Vorlicbe fr einen bestimmren
lac im Kifig und feuerte immer dann besonderssark, wens sch die
Rate an diesem Platz befund. Das fr die hintere Linke Eeke mustindige
[Neuron feuerte also beispilsweise dann am stirksten, wenn sich das
Tice in der linken hingeren Ecke befand. Es feueree aber auch dann
(und zwar schwicher), wenn sich das Ter in der Nie de inken hin-
reren Ecke aufhielt. Im Hippokampus wird dic Lokalisarion des Teves
jm Raum also nicht nur durch ein cinzelnes Neuron kodiert, sondern
ddarch das variable Aktivtitsmustervieler Neuronen, die mit Ortsko-
dlierung beschiftige sind (AbD. 2.3),Lemnen » Geirnfrschung und die Schule des Lens
hy
W
Se
je) 6
Phase Phase 2 Phased Phase
22Schomatsche Darstelung des Experiments von Won und MeNaughion
(chen Die Rate kote sien zunaest nur vordeen Tl dee Kaen (cre
{2 124 em) rel bewegen, eszen andere Hate durch ene undehsthige
‘Avspering tr Ter unzugingieh war, en Kop! es Tees betand ale ine
Asotevoritung, deren Snat mife litunpelnger Comput! wetarea
Bete! mien Baactetman den Kasten von ben dann st sh ch At
or Raton den vet owes zoho Wintendauernden Phasen des Sxpeerets
lect aarstten (ute) In dn Prason 1 un lt Rater "enon
"ate umber den Phasen 2 und 3 dagegenm gesamenungtaiten Kasten
Mic Hilfe leistungsfthiger Computer kann man aus diesen Infor-
_mationen, also daraus, welches Neuron (das fur cine bestimmte Stelle
steht) wie stark aktivist, berechnen, wo sich die Rate gerade befindet!
Dies mag manchem Leser trivial erscheinen (Motto: um 2u wissen, wo
die Race im Kali ist, brauche ich doch nur hinzuschen), man stelle
sich jedoch vor: Hier werden Impulse aus den Tiefen des Gehirns eines
2 Beige a
Versuchsties abgeleite und daraus berechne, wo sch das Tier gerade
svfhalt. Damie ist kar, das die abgeleiete Information tatsichlich den
‘Ortskode der Ratte darselle und dass man genau diesen Kode offenbar
sgeknacke har.
‘Damicwar man aber noch nicht am Ende des Experiments, es ging
vielmehe erst richtig los. Was geschiehe, wenn die Ratten sich mit einer
rnewen Umgebung vertrauc machen? Um dies hrauszufinden, lie® man
sie nunichst wie gewohnt fir zchn Minuten im Kasten und affnete
dlann die Absperrung zur anderen Halfe fle 2wei Mal zchn Minuten,
Ssodiss die Tiere sich in dieser Zeit auch in der anderen Hilfe des Kas-
tens ici bewegen konacen. Sie taten dies, denn auch dort gab es Scho-
keoladenstreusel auf dem Fuboden. Danach wurde die Absperrung,
wieder flr 2chn Minuten angebrache.
Neuronale Reprasentationen
\Wabend der gesamten 40 Minuten wurden die Tiere gefilme und die
clektrsche Aktivitit der Neuronen im Hippokampus aulgercichnet.
Hietbeizeige sch ermeus, dass der Aufenchaltsore der Tite walend
dleretsten zzhn Minuten in der bekannten Hilfe des Kastens (Phase
1) gut vorhergesage werden konne, In den nichsten 10 Minuten (Phi-
s¢2) wat dies nur ir Bewegungen in der alten Halfte des Kastens m&g-
lich: Bewegte sich die Rarte in dieser Zeit in der noch wnbekannten
Kastenhilfe, war der Voshersagefehler gro, Auch war die Anzahl der
Nearonen, die einen bestimmten Ore in der neuen Kastenhilfe ko-
dlierten, noch relatv geving. Sie atten die neuen Orteja noch niche ge-
Jeent! Damit waren diese Orte im Hippokampus der Tiere noch nicht
veprientiert (at re = wieder, pracsencare = vergrgenwittigen.
‘Nach Gelegenheit zm Auskundschaften der neuen Umgebung
dh. im Zeiteaum von der 11. bis 20, Minute nach Cffnung der Ab
sperrung (Phase 3), hare sich die jedoch geindert: Die Anzahl der
(Onrszcllen war gestiegen, der Vorhersagefehler gefllen. Es dauert also
hur zchn Minuten, bis einige Neuronen im Hippokampos den neue23 Schematsche Darstelung eines Tels der Orginalaten von Wison und
‘MeNaughion (1993, 5. 1057) Die zwanaig Quacate stolen de Hale des
gation Kastons carn jodos Quadra is ci Aka nes einigen Neurons in
Gaustulo in Abhangighat wom Aulenthalsot der Rate m Kasten walvend det
lesion Versuchsphase engezoicnet. So st beispeswoise das im rken oberon
(Quacrat reprasentierte Nouran watvend Geser Za nent akty: das mm Quadra
‘echis danebenreprasenterte Newron hingogen nme dann at, wenn sch
‘ho Rate in dor ikon eberan Ecke des Kastan (in ger Aull) betindet: das
(Quadra echis daneben 201 de Axil enes Neurons, as nr bel Aletha
in der rechion oberen Ecko des Kasions ak it, also diosen Ort im Kasten
oat Insgesamt zeigt eva ie Hale der in dor ABbacung durch entepre
chende Quacrate eprasentiorten Neuronen eine onsabhangge Akiva,
eet den Raum.
Teil des Kastens gelerne hatten. In diesen 2ehn Minuten entstanden
also nene Reprisentationen, db, Nearonen, die nur bei ganz bestimm-
tem Input feuern und damie auf diesen spezaliser sind (Abb. 24),
Dies hatte niche zum Verlernen der bereits gespeicherten
riumlichen Verhiltnisse in der alten Kastenbilfe gefihrt: In der vie
ten Phase des Versuchs dh, nach erneuter Absperrang und zehnmini-
rigem Aufenthale in der alten Kastenhalfte, zeigten sich kaum
Abweichungea von Phase 1. Die alten Reprisentationen waren noch
2 Bacgnise »
Ne [x
Phase! Phase? Phase’ Phases
[Link] obere Reine zeigt de Akvis snes Neurons (ages Uber das
Fecttck dos gesantenKasos), da nde ak wa. joc wavend
‘Sor beden ermphase ene rumiche Rpraseraton fr elven Ort nee
Sl ae Kastor nerausoet. le unos Fhe zene Vegeta. de
Fate ewes nabvond der verachedonenPrason ds Experiments Zona!
rat (gaue Line), sow don aus der Avi r(rtederencn) Nexen
Deredneton onprechendn Weg (rie Line). Mt Avsatne von Beveai
orn dr Ter nue os Kars wr Pave 2 de
Stramenng estartch gu oh be Keni der Enodugsaten der He
Sn Ge One owseren, emg de Vrersage des Aulenatsrtes Jos
“Tats (nach ab 2 aus Wison urd MeNaugon #658, 8 1057).
‘da, Mic ihnen konnte sich das Tier orientcren, und man konnte die
Informationen iber neuronale Aksviie mach wie wor zur Vorherige
von dessen Ort im Raum mute.
ialeen wir fest Als die Tiere den neven Raum beraten, war dicser
hoch niche durch Neuronen im Hippokampus repisenter, Neve Er
fahrungen in der neuen Kastenhilfte bewitkten jedoch sehr schnlle
Veeinderungen im Hippokampus der Tiere mit dem Ergebnis, dass
nach wenigen Minuten neve Reprisentaionen der Umgebung au
bbaue worden waren.x0 Lemen -Gehirforscung und die Schule des Leber
Neuronenwachstum fir Orte und Vokabeln
Die Ergebnisse zur Reprisentation von Einzclhcien im Hippokampus
gclten auch fir den Menschen, Wer sich in einem Iergarten befinder
tund den Weg hinaus suche, der muss beispielsweise sche rasch eine
Vorstellung von dem ihn umgebenden Raum ausbilden, Wie konnten
durch die Untersuchung der Gehisnalsivierung gesunder Probanden
bai dieser iigkeit mites eines vieuellen Labyrinths nachweisen, dass
der Hippokampus beim Sich-Zurechtfinden tacsichlich aktiv se (vg
Abb. 2.5)
25 Akiverung des Hippokampus beim Hereusfnden aus in einem witueen
Latyenh (Groen eta. 2000) Miner schnegen in deser Aube Im Mato
besser a als Frauen. Sia Bemersteligan si vr allo mit der Hippokampus
{Bilder umor, wotingegen Frauen de Augabe vorranglg mt dam rechan fon
tate un paretalen Korte son (oben).
2 Eecgnine "
Londoner Taxifahrer haben einen eras griReren Hippokampus
als der Dutchsehnitesmensch, Warum dies so ist, list sich allrdings
aus dem Zusammenhang allen nich ableiten: Es kinnte sein, dass det
Hippokampus bei manchen Menschen etwas grier it (et 80, wie
‘anche Menschen auch lingere Beine haben als andere) und das dies
Menschen sich bese arintieren knnen und daher gerade in Londos
als Tanifahrer niches leche versagen wie andere (so wieder mit angen
Beinn velleicht ja auch als Sprinter eher Erfolg hat) Es kine aber
auch sen, dass der Hippokampus bei Londoner Taxifaheera gan be
sonders beansprucht wird und daher wichst (erwa so, wie Muskeln
wachsen, wenn man viel trainier), Diese zveive Mglichkeic hitte man
noch vor wenigen Jahten nicht in Betrache gezogen, denn mas sah es
als erwiesen an, das sich Nervenzellen niche eilen und das Gehirm da
her letatlich ein sch staisches Organ ist. Wie wir heute wissen st dise
ide im Hinblick auf den Hippokampus wurden
in den lezen fin Jahren wichrige Entdcckungen gemacht
Auffassung falsch. G
Im Jahr 1997 wurde bei Miusen nachgewiesen, dass auch bei
swachsenen Tieren neue Nervenzellen im Hippokampus gebildet wer
den, allerdings ur dann, wenn sie sich in einer imeressante
[Umgebung befinden (Kempermana etal. 1997), Berets ein Jahr spite
wurde die Neubilduing von Nervenzellen auch im Gehitn des Menschen
rnachweisen (Eriksson eal, 1998), und wieder ein Jahr ypiter wurde die
Rolle dieser Vorginge bei Lemprozesen vorschtg dskurier (Gold e
al 1999; vgl. auch Unger und Spitzer 2000). tm Jahr 2000 wurde bet
‘Singvégeln eestmals gezeigt, dass nach Zerstrung des .Singzenteums
a eines Liedes, duh eine friher
vothandene Funkcion, wieder ausfthren knnen (Scharf et al. 2000,
Zusammenfassung in Spitzer 2001). Ein weiteres Jahr spiter wunle
Fran v-nonmale Leenvor
{dann erstmals bei Rarten nach
fnge nue dann ablaufen kénnen, wen neue Nervenzelien im Hippo
Kampus gebilder werden (Shors et al. 2001; Zusammenfassung i
Spitzer 2002),2 Lemnen-Gehinforschung und die Schule des Lebens
In Anbetracht dieser Entwicklungen ist nicht verwunderlch, dass
auch im Kortex nach Neuronenwachstum intensiv gesucht wurde.
Nach eingehenden Untersuchungen der Arbeitsgeuppe um Pasko Ra-
kic (Kornack &¢ Rakic 2001) ist dies jedoch nicht der Fal
“Taboo 21 Geschichte des Nachwachsens von Nevronen. Bs nde Goer tre
hinein bestand algemsin Enigket drier dass es ich be Nouronen Um pos
reoteches Gewebe handel. Des wurde als glochbedutend damt angerahon,
{ase es kein Nachwachsen von Nervenzllen im Gen erwachsener Organs
‘men (Nager,Praten,encehieBich des Menschen) gibt.
sate Aulor/ Quelle TiavEndeckung
{967 Kempermann at Tm ippokarpus ewacheonor Mau
Natu wwachsen Newonen
1998 Eriksson eta lm Hppokampus ertachsener Men
Nature Medicine sahen wacheen Newonen
1900 Golde a. nachwachsende Newonen haben ene
‘rendsin Cognitive _moglcne Fella bei Lomprozessen
Selences
2000 Schart eta rnachwachsende Neuronen haben one
Neuron | falsdtione Ralle beim Wedererver>
‘on durch Navronenunergang vero:
‘on Fahigon
2001 Shors tal ‘nachwacrsende Neuron haben eine
Nae ‘rchge Ral bel Lernprozessen in Hip-
okampus
001 atic sm Korte wachsen keine Neuronen nach
Soience
Diese Tatsachen liefern Hiinweise darauf, dass der Hippokampus
in Abhiingieit von der Erfabrang wich und damit um so besser Funke
fioniery, je mehr er beansprucht wid. Es ist damit niche unwahrsehe
lich, dass die VergeaBerung des Hippokampus bei Londoner Taxi-
fahreen mit deren Aufgabe des Zurechefindens in einem Straengewire
‘ganz besonderen Ausmaes in Zusammenhang steht,
Man muss niche anbedingt Orte oder Labyrinthe untersucher
uum etwas ber Reprseneationen im Hippokampus 2u erfahren. Man-
‘che Menschen mit Tumoren im Bereich des Hippokampus ethalten
2 Ersgaisse B
Fir cine kurze Zeit vor der Operation feine lekeroden in diese Gehira-
seruktureingepflanct, Man kann damit die Aksiviit der Nervenzellen
“untersuchen und die Operation bese planen. Man kénate nun scher-
Tich diese Patientenin einen Iegarten bringen, um dann hippokampale
Oneszellen 2u charakteriseren. Dies ist jedoch gar niche ndtg. Onte
sind ja nut ein Spezialfll von Einzelereignisen, Jed andere einzelne
Informacion list sich chenso verwenden, um die Funktion des Hippo-
‘kampus 2utberprifen. So bat man dese Ptiente,wllkisich zusam=
rmengestelte Worepaare nu lernen. Man setzte hierau ein Verfahren cin,
das seit ber hundere Jahren in der Psychologie verwendet wird (vel
Abb. 2.6)
*
‘Waerlunaen|
[Link] Leriromme (Mite) von Hermann Ebbinghaus ks) Gent werden
hen eosammernangende Wortpas und bel jeder Durehgang wd fetge
‘Jot, wi ele der Worpaare bers gemart aden. So lassen Sch Lema
ton (rachis) euzoehnen, a de Lorgescrwinsgket angeben Diese Kuren
haben sine bestimmt For, wet bor 100 Jahen sell den batibrechendon
Untersuchungen des dutzcren Psychlogen Ebbinghaus Pekann ist, Sedan
‘aa man aen, dass atere Menechen angsume len, jingere schnallr und
‘Gass sen der Zustand des Menschen, desson Movaton und andere Persie
Tebtosvarabien au den Lerworgang auswrken,
Im Grunde entspriche diese Situation des Lemens aweier unc
sammenhiingender Worteerwa dem Lernen von Vokabeln, zumindest
dann, wean man Vokabeln zum ersten Mal .bifelt", Durch diese ex
perimentelle Anordnung konnte bet den Patenten nachgewixen wer
Jen, dass man durch ie Aksviit der hippokampalen Neueonen
‘orktersagen kann, ob ein Patient ein bestimmtes Wort 2 cinem and« Lernen« Gehirfrschung nd dic Schule des Lebens
ren Wore wei oder nicht. Mit anderen Worten: Ganz ihnlich wie
‘oben im Tierexperiment bei der Vorhersage des Ortes im Kasten dutch
slie Aktviir der Neuronen kann man beim Menschen anand der Ak-
tivict cinzelner Reprisentationen im Hippokampus ablesen, ob je-
uy rat hat oder nicht. Damit ist nachgewiesea,
rt sind und dass
sliese Reprisentationen innethalb von kureer Zeit gebildet werden kin
ul ine Vokabel ge
«lass neu gelernte Inhale im Hippokampus repr
Neuigkeitsdetektor
‘Wirsagten es bereits mehefach: Wann immer wirerwas Besonderes ler-
nen, ist der Hippokampus beteilige. Er wird daher zuweilen auch als
Neuigheitsdercktor (engl: novelty deteton) bezcichnet, denn er ist auf
«ines ganz besonders aus: auf Neuigkeiten. Er idencifiziert Neuigkeiten
alssolche, wel e ja bekannte Ereignisse gespeichert hat und daher die
jeweils bei thm cintreffenden Erfahrungen rasch danach beurtilen
kann, ob er mic ihnen vertraut ist oder niche. Ist cine Sache bekanne,
brauche er sich cht weiter darum zu kiimmern. Ist sie jedoch unbe-
kano, dann bewerter er sie und stir sich dabei auf zusitaiche Seeule-
turen (mit den entsprechenden Funktionen) des Gehiens, die hierbei
cine Rolle spielen (siche hiereu die Kap. 8, 9 und 10).
Hac der Hippokampus eine Sache als new und interessant bewer-
tet dann macht et sich an ihre Speicherung, dh. bilder eine neuronale
Reprisentation von ir aus. Daraus folg, dass eine Sache vergleichs
\weise new und inceresant sein muss, damie unsere schnell lernende
Hirsteuktur sie aufnimme baw. ihre Aufnahme untersttat
Sollte man hieraus nicht ableiten, dass Lehrer sich im Event-Ma-
‘nagement iben sallten also im Prisentieren von Fakten als new, damit
diese Fakten von den Hippokampi der Schiller rasch aufgenommen
werden? — Ja und nein! In der Schule lernen wie weit mehrals nur cin-
zelne Ereignsse. Es gehe in der Schule keineswegs nut um Neuigkeiten,
2 Brcgnine 8
tum cinzelne Fakcen, wie in den folgenden Kapiteln deutlch werden
wird. Daher muss der Lehter auch keineswegs von cinem Event 2am
rnichsten noch neueren Event hechten, um seine Arbeit guru machen.
Geschichten
Ein guter Lehrer wird Geschichten erzihlen. Die Geschichte vom
‘World-Trade-Center kennen wic lle, und wenn der Lehrer gut Ge-
schichten erzihlen kann, dann wenden wir noch mehr Geschichten
keennen und dami auch Geschichte, Jahresealen buen (,753 kroch,
‘Rom aus dem Ei", .333 bei Issus Keilere etc.) is silos, solange ms
dic Hintergrinde niche kent. Erst die Geschichte des von einem Phi
Tosophen erzogenen Griechen, der mit einem Kleinen Heer ein riesiges
Reich bezwang und behertschte, mache das Datum leben
Geschicbteneeiben uns uns, niche Faken. Geschichten enthalten
Fakten, aber diese Fakten vethalten sich zu den Geschichten wie das
Skelett zum ginzen Menschen. Wer glaubt, beim Lernen gehe es dar-
‘um, Fakter i bifln, der liege vlligfalsch: Einaelheiten machen nur
iim Zusammenhang Sinn, und es ist dieser Zusammenhang und dieser
Sinn, der die Einzlhiten interesan¢ macht. Und nur dann, wenn die
Fakten in diesem Sinne interessant sind, werden wirsicauch behalten.
Lernen ohne Hippokampus
s auch
So wichtig der Hippokampus fr das Leren it, leben kann
‘ohne ihn, wie der cingangs gescilderte Fall ds Patienten H.M. zeigt
“Aber auch das Lernen kann obne Hippokampus vonstatten gehen. In
ddr inecrnationalen hochrangigen wissenschallchen Zeitschrift Si-
fence werden normalerwese Keine mediznischen Fallberichte abge-
Grucke. Wenn dies gelegentlch doch gescicht, so hat dies einen
Grund: Ganz allgemeine, wesendiche Funktionsprinipien des Kir
per lassen sich manchmal an einem cinrigen Patienten besser demons
frieren als durch das sonse abliche Arsenal wissenschaflicher Er
‘Gruppen mi enesprechender stati
keenntnisgewinnung an grofenx6 Lemen -Gehirfrachng nd die Schule des Lebens
scher Aufarbeitung vieler Daten und hierdurch méglicher Hypothe-
senpriifung, H.M. war ein solches Beispel. Sein crauriges genauest
ddokumentierres Schicksal fuhvte der wissenschafiichen Welt glasklar
vor Augen, was es heiss, Keine einzelnen Ereignisse mebr lernen 2
kinnen, Die Bedeueung des Hippokampus kénnte man niche deut
cher zeigen.
Wenn vor wenigen Jaheen in Science drei Fille von Jugendlichen
publiiert wusden, die von frdher Kindheit an ohne Hippokampus auf-
_gewachsen waren, so hatte dies erneut den Grund, dass mit diesen drei
Fallen eine wichtige Tarsache demonstier werden konnte: Auch wenn
‘man den Hippokimpus nicht hat, ann man cin ansonsten fase norma
les Leben fihzen (Vargha-Khadem ec al. 1997). Die Sprachentwick-
lung war beispielsweise bei den drei Jugendlichen nahezs normal
verlaufen, und auch ansonsten zeigte ihr Verhalten wenig Auflillgkei-
ten. Sie gingen zur Schule wie andere Kinder auch, Allein auf dem
Heimweg gab es gelegentich Probleme, denn sie verifen sich und
fanden den Weg
sie beglecete und ihnen den Weg wis. Ganz offensichdlich wares den
Kindern aber moglich, auch obne Hippokampus au lernen. Insbeson-
ere lernten sie ein Kommunikstionssysters, das zum komplexesten
tach Hause nicht mehr, brauchten also jemanden, der
geht, was Menschen diberhaupt je leren: die Mutcersprache.
Neben vielen anderen Zeneeen fir unterehiedlichste Funktionen
sind auch die Sprachzentren in der menschlichen GroGhirncinde (dem
Neokortes)lokalisiert. Diese lernt anders als der Hippokampus, wie in
den folgenden Kapiteln dargestelle wird,
Fazit
Ein flr das Leenen neuer Inhalte wichtiger ‘Tell des Gehirns ise der
Hippokampus, eine kleine Struktur, die tieim Temporallappen gele-
_gen ist. Wenn Sie sich das nchste Mal in einer neuen Umgebung ver-
fahren und vielleicht nach einigen Irefahrten das Gefuh! haben, dass
Sie sich nun besser auskennen, dann waren Nervenzellen in dieser Ge-
hienstrukeur av
2 Beige a
Nervenzellen im Hippokampus lassen sich direkt dabei beobach-
cen, wie se neue Inhate lernen. Wie man aus Tierexperimenten wei8,
gibt es dore Zellen, die nur dann aktiv sind, wenn sich das Tier an ei-
nem bestimmren Ore befindet, Man hat diese Zellen daher auch Ors
zellen genanne. Lert ein Organismus, sich an neuen Orcen ureche 20
finden, dann enstchen neue Reprisentaionen dieser Orte in dessen
Hippokampus. Beim Menschen konnte man zeigen, dass das Lernen
von Vokabeln ~ tholich wie das Lernen von Orten beim Nagetir —
von der Entstehung von Reprisentationen im Hiippokampus abhinge.
benso, wie man beim Nager anhand der Aksivierung von Zellen im
Hippokampus vorausagen konnte, wo sich das Tier gerade befindes,
kkonnte man durch Ableitung von cinzelnen Neuronen beim Men~
schen voraussagen, ob e sich eine Vokabel gemerke hat oder niche (Ca-
‘meron etal. 2001)
Der Hippokampus lerne wicheige und neue Binzelheitenraschs er
ist madem in der Lage, unvollscindige Informationen 2u erginzen,
clenm er ist unter anderem sehr stark mie sch selbst verknipfe (Naka
awa etal 2002), Salche Netwerke vervollstandigen unvolstindigen
Inpuc anhand gespeicherter Informationen (yg. Spitzer 1996)
‘Methodisches Postskript:
Funktionelles Neuroimaging
Nervenzellen kann man im Labor studieren, Wer jedoch wissen
‘mchte, wo das Gehirn des Menschen welche Funksion ausfut, der
‘muss in den Kopf hineinschauen, Wie in Kapitel 6 erwahne wird,
tmusste man hier frther den Kopf dffnen. Dies ist heute dank der
Entwicklung einiger bahnbrechender Methoden der kognitiven New-
rowissenschaft niche mehr notig. Man kann heute dem Chir bei der
‘Arbeit uschauen, ohne den Kopf 2u affaen. Dies geschicht heute vor
Sllem mittls zweier Methoden des so genannten fuuktonelen Neuro
“imaging, dh des Ereeugens von Bildern des Gehirns, auf denen dessen
anlaion au sehen ist, Diese Methoden sind die Posironenemissions-38 ‘Lernen-Gehirfoschung und de Sch des Leben
‘omographie (PET) und die funktionelle Magnectesonanztomographie
((MRT). Im Prinaip funktionieren sie wie fog.
PET: In einem Teilchenbesehleuniger (Zyklotran) werden radio-
aktive Acome (Isotope) produziert und dann chemisch beispielsweise
an eine Zuckerart gebunden, die von Nervenzellenaufgenommen, abet
niche verarbeitet (und daher auch niche wieder ausgeschieden) werden
kann. Zellen die besondetsstatk aktv sind, nchmen veemehre Zucker
auf und damicauch vermehre den eadioaktiven Stoff. Bei dessen Zerfall
werden Posironen Feigesezt. Aus der Physik ist bekannt, dass es sich
hierbei um Antimateric handel, also um ein Teilehen, das dem Elek-
tron (kleine Masse, negative Ladung) entsprich bis auf die Tarsache,
dass es posit geladen ist. Treffen Materie und Antimaterie zusam-
men, werden die Teilchen kompletc in Energie in Form zweiet Photo-
ren, die in genau entgegengesctzte Richtungen wepfiegen, m=
‘gewandele Diese beiden Phozonen werden von sehr empfindlichen wm
dden Kopf angcordneren Detektoren (Photomultpliern) register
und aus diesen Daten wied per Computer ein Bild der Strablungsquelle
berechnet. Diese Bilder sind meistens farbig, wobei nach einer
willkirlichen, aber recht sinnvollen Konvention rote und gelbe Farben
cher mehr, grine und blaue hingegen cher weniger Aktivie anzeigen,
Aus der Tatsache, dass nur Bildgebung mit PET cin Teilchenbe
schleuniger bendtige wied. engeen sich wa. der hohe technische Auf-
wand und der Preis der Methode, Die verwendeten Isotope
(beispielsweise 15-Sauerstoff oder 18-Fluor) haben Halbwertszciten
von Minuten bis Stunden, die Belastung der untersuchten Personen
‘mie Radioaktivieit ist insgesame gering, aber nicht Null. Da Aufnahme
bie, Verbrauch von Sauerstoff und Glukose von der Aksiviit der
Neuronen abhingt, kann man im Positronenemissionstomographen
dic neuronale Akivite Uber deren Stoffwechsel sichtbar machen, Die
Substanzen werden in eine Veneinjziet, wahrend sich die Versuchs-
person entweder in cinem Ruhczustand befindet oder cine bestimmt
igelstige Tatigheitausfihre. Aus dem Unterschied beider Bilder, von
dem man wiederam ein Bild machen kann, ergeben sich Informatio-
ren daiiber, wo genau cine bestimmte Leistung im Chita statfindet
2 Erg x»
PART: Befindet sich Wasserstof¥ in cinem starken Magnet, so
richten sich dessen Aromkerne, die als winzie sch drehende Magnet
aufgefass werden konnen, nach dem auBeren Magneteld aus. Diese
‘Ausrichtung kann durch ein zweits, sich rsch snderndes Magnetfld
gestirt werden, wobei die Atombeme durch Resonana mit diesem
pvcitenschwingenden Magneteld Energie aufnehmen, Wird das ei
te Magnetfld wieder abgeschaltet, geben die Atome diese Energie in
Form von Radiowellen wieder ab. Aus dieser Energicabgabe sowie aus
dleren zidlichem Verlauf lisssich berechnen, sie viel Wasertaer:
re a einer bestimmten Stelle vorhanden sind
Da jedes Korpergewebe mehr oder weniger Wasser enchle und
Wasser bekannrermafen aus avei Wassersoffitomen und einem Sau
crsoffacom zusammengeserzt ist, Kénnen Unterschiede im Wasserg
hale (und damis unterschiedliche Gewebetypen wie Nervenzellen und
Nervenfasern) mittlsbildverarbeitender Computer sichibar gemacht
werden. Mic der Magnetresonanzzomographie (MRT) kann san auf
diese Weise sehr genaue Sclnittilder des Gehirns herstellen. Da die
Ereugung von MRT-Bikdlern mic keinerlei Swahlenbelastung verbun-
den ist kénnen mit hoher Auflésung sehe viele Schnite” angfe
werden, was die exakte Lokalisation anaromischer Serukeuren heim le
bbenden Menschen erlaubt
‘Um mit der MRT Funksionsbilder herastllen, tat man die
Tatsache aus, dass sancrstoffciches Blot geringfigig andere magneti-
dhs im
sche Eigenschaften beste als sauerstoffarmes. Daher Liss si
Gehirn vorhandene Blue als .Koncrastmircl” verwenden, um Arce
im Hinblick auf den Sauerscofrcichtum des durchlicenden Blues 2
tunterscheiden, Da man be der Enewieklung der IMRT gegen Ende der
80er und Anfang der 90er Jahre bereits aus Untersuchungen mitels
PET wasste, dass das BhurgefaSsystem des Gehiens auf neuconale Akt
vierung (und damic auf den Verbrauch von Sauerstof) mit ciner Weit
stellung der Blurgefie und dadurch mit einer Vermehrung des
“uerstoffreichen Bluts in aksiven Gebieten reagiet, brauchte man nur
Bilder in Ruhe und wahrend einer bestimmren geistigen Leistung at
‘zunehmen. Durch Vergleich der Biles im Computer kann mas dann
tie aktiven Areale des Gehirns sichtbar machen. Es ist sicherich shwo Lernen-Gehirforchang un de Schule des Lebens
27 Dar Paychiater und Neurowissenschatr Jonathan Cahen, Prncaton, vor
‘inom Mageetresonanztoregraphen der peunsion Generation
thertrieben, wenn behaupree wird, dass die Runktionelle Magnetreso-
‘nanztomographie ns den wichtigten Fortchrttn auf dens Gebiet der
Hiraforschung im vergangenen Jarechnt ile
3 Neuronen
Im Herzen listen die Heramuskezellen die Arbeit, in de Leber die Le
berzellen, im Blu die Blutkérperchen und in der Haue die Hautzlen,
Diese Zellen sind jewels auf cine bestimmte Aufgabe (Bewegung, En
siffung, Sauetstoffransport und Schur) speailisiert. Nervenzllen
sind ebenfalls spezialsier, und 2war auf die Speicherung und Verarbe-
‘ung von Information (siche Abb. 3.1). Sie wurden vor gut cinhundert
Jalen entdeckt, aber erst in den 4 Jahren wurde der Begriff der In-
formation in die Neurowissenschaftcingefuhrt. Frst damit wurde es
miglich, wirklich 21 verstchen, was Neuronen eigentlich run und wo-
Jeschicheevgl. Spier 1999).
fir sie gu sind (zur G
Impulse und Synapsen
Sinneszellen in Auge, Ohr, Haut, Nase und Mund sind darauf specia-
lsiert, Lich, Schall, Drack und Sto ader chemische Eigenschafeen in
Impulse umuwandeln, Tri Lich auf unsere Augen, werden auf der
Netchaut Impulse erzeugt;eift Schall an das Ohr, werden im Innen-
hr Impulse erzcugt; wird unsere Karperoberfliche berth, entstehen
doce Impulse; und kommen bestimmte Chemikalien mit den Scheie
hhiuten von Mund oder Nase in Bertheung, entstchen dort wiederum
Impulse. Diese Impulse ~ man nennt sie auch Altionsporenciale~ ha-
ben keine Farb, sie icchen nicht und schmecken nicht, Sic lassen sich
mathematisch als Eisen (Impuls vorhanden) und Nallen (kein Lm
pus) beschreiben. Sie haben immer und iberal die gleche Form und
‘werden von Nervenfasern ~ den Axonen ~zu anderen Nervenzellen ge
Ieitet. An diesen wird cin Impuls auf chemischem Weg, von der Ne
venfasr auf das nichste Neuron ibereragen.2 Lerner» Gehirfonchung un de Schule des Lebar
Deen Frapen
|
£23 Lehimroskopléche (inks) und elektronenmitzoskopische Aunahme (oben
‘eonts2u sehen st nur er Zetkorpar. rien aber dle Dendrite) sowie stems.
teche Darstalung anes Neurons (union rechs) ES ethat Uber dunne Fasern
Impulse von anderen Neurone, verarbltst eee und schckt dann Uber seln
‘ron (ou snes pro Neuron) entweder selbst einen impuls weg oder ict (9
Spitzer 1986). Um Neuranen im Licimikraskop zu sehen, muss man se 24or
lanfarben, Geechent des mit Siberslzen 0 snd richt ru der Zallkrper, So
tien avon de nan einen baumarigen Verzwesgungen des Neurons 2u sehen,
the Dangrton genannt werden. In Ge elekrenenmikoskopiscen Autnahme
Sent man nur dan Zalkorper und che au iesom ankommenden Fasern anderer
NNervenzolln Dis meisten solder elngehender Fasern anden jedoch aut dam
Dendetenaum ive Zan betrag nicht enuge Outzend (wo ce elekronenmiro
shopiche Auloahne naneleh, sondern bis 2u 10.000.
Die Ubertragung cines Nervenimpulses von einem Neuron zum
anderen geschiche an ciner Synapse (vg. Abb. 3.2). Sie kann mehr oder
‘weniger stark sen, und es hinge von der Seirke der synaptischen Ver
320% Ubervagung von Newenimpuisen tndet an Syrapeen stat. Dis
‘eschiht dad, dass bam Enteton dos pases (inks) Ke Becher
or Synapse, dle enen Uberragorsiof (Neuovanmiter)entaten, ma der
Wand er Synapse verschmzen (ie), woduch der Neuroransmster rage
‘solar und seiner de nachoigende Zale eregt echt)
bindung ab, ob ein Impuls einen groBen oder einen kleinen Effeke au
slic Erregung des nachfolgenden Nearons hat. Der gliche Impuls kann
also an verschiedenen Synapscn gar unterschiedlich wirken: It die
syaprische Verbindug stark, wie das nachfolgende Neuron stark e
regh ist ie Verbind
wenig siche Abb. 3.3).
schwach, geschicht am machfalgenden Neon
33 An dieser Synapse kommt wien Abbiung 3.2 ein Impulse doch zu
Fressetaung von nor weng Tansmiter fa. ie Starke der Synapse ist
ctwach, und der ingehende pls een nur aus, un das nachoigense Nev
fon ein tion wenig 24 eragen. Diese nur gtinge Eregung fst ret daz,
tia des Neon sett sien Impuls generar so dass feztch oar nies
feschiet Die Zekhrung weranaet de Vematnsse sole, als an desen
Prozesson sly vale Sypapsenund str vee impuse bet Si“i Lemen - Gehiafrachuing und die Schule des Lebens
Die Information aus diesen Impulsen witd von Neuronen dann
wie Folge werarbeicet: Die eingehensden Impulse werden an den Synap-
sen gewichter (bewerte), dh. mehr oder weniger stark Gbertragen.
Hiern liegt gerade der Wiez der chemischen Impulsibertragungan Sy-
napsen, Je nach Sticke der Ubereragung kann der gleiche Input das
cine Neuron erregen, das andere jedoch nicht.
Reprasentation durch Synapsenstarken
Es wurde schon mehefach erwihns, das: Neuronen fir eras stchen
nme, etwas repeisentieren, Mic dem begriflichen Riisteug der
Synaprenstirke karin man verstehen, wie Neueonen dies bewerkstlli-
‘gen, Erinn wir uns: Im vergangenen Kapiel wurde gezeigt, was man
uunte einer neuronalen Reprisentation versteht: Ein bestimmtes Neu-
nau dann, wenn ein ganz bestimmter Input (ein
Orr oder cine Vokabel) vorliegs. Um zu verstehen, wie Neuronen dies
bbewerkselligen, se ein cinfacher Fall betracheet (vg). Abb. 3.4).
Sellen wir uns einen einfachen Organismus vor, desen Nerven-
system aus nur sechs Neuronen beste, drei sitzen auf der Netzhaur im
Auge und drei iny Gehien, das dre mit zwei Muskela und einer Dril=
se verhunden ist. Wenn Sie wollen, stellen Sie sich einen Frosch vor,
er sich in Abhiingigkeie von sciner Wahenehamung sinnvell verhaeen
solle: ligt der Storch abe hm, muss er wegspringen liegt die liege
vor ihm, muss et die Zinge herausstecken und die Fliege Fangen. Sieht
er einfach nur blauen Himmel, dann sollte er Drisen 2ue Verdauung
Ader Fliege aktvieren. Drei unterschiedliche Muster aus der Umgebung
werden also von der Netahaut des Auges ins Gehirn glifert, und dic-
ses muss in der Lage sein, eine Umsetrung der Eingangsmuster in Aus-
gangsmuster vorcumehmen,
‘Um zu verstehen, wie cin neuronales Netzwerk diese Musterer
kennung lest si cin einfiches Net betrachet (siche Abb. 35). Im
Netawetk ist jedes Newton der Inpuschicht mic jedem Neuron der
ron feuer imme
3 Neuronen 6
(ies
SD moms
Siorch wegsprigen
4
-] Cie
\ teput Output
Fibpe foeton
(Bm é oc:
ts
(eli
134 Drei Sineszain (Netzhau biden i Inpunauronen des Netzwerk. In de
‘Ungebung des Organisms konmen nur dei unerschiodehe Muster vo, au
fae jensts anders eagioren muss. Das Sehen dieser Musor Dewitt
‘terug der cel Ipuneuronen Wi nennan dese Akiverungsmusier de: Net
haut Moston A Bund G Nehmen wi wetarn an, dass die el Ouputnexonen
tel mogiche Reaktonen das Orgaisnus hodore, 2.8. Wegspringen (Ste-
‘hen es Obershenkolnuslels), Aueseon (Bewegen des Zungenmusels) und
‘erdavon (Seketon von Magenta. Die Muse olen jewel erkannt werden,
Gh won Muster A (Sor) von der Netzhaut des Auges ins Goh dberagen
ti sol Oaputneuron 1 at ain, was dan Oborscenkelsreckuskel at
“ot una Stor sgh das der Frosch wepapingt Kort Muster B (lige) vor
Ge Netchaut, sof Ouputneuron 3 as dan Zungenmuselerregt. ative sain
Istnuster © bem Anblck das laven Harmelsn dr Netzhaut ak, sl Neuron
2 aliv sein und de Verdauung anregen (nach Spiizer 1996)46 Lemen + Gehimfonchung und de Schule des Lcbens
(Ourputschicht verbunden. Uber die Verbindungen erhalcen alle New-
ronen der Ourpurschiehe den Input von allen Newsonen der Inpuc-
schiche,
Netzhaut Genin
25 Ein set elntacnas neuronales Netewerk, das de in Abbidung 3.4 darge-
‘ette Mustrauordnung ltl Dieses Netrwerk hat ze Schichion ene input
chcht inks) und eine Otputschiht (echs). Die Neuronen sind scheratsc)
fs Krese oder Kugel dargosiet. Bede Schichten sind mieinander durch
Fraser. de n Synapsen enden,varunden, Das Netawerkreduziet de bolo
‘chen Verhaiiase aut en Nariman und macht gerase daduch de Prinzinen
fer Veraoeitung duties
Wir gehen weiterhin davon aus, das alle drei Ourpurneuronen die
leiche Akcivierungsschwelleaufweisen und immer dann aktiviert wer-
‘den, wenn acht ader mehr Neurotransmittermolekile an den Synapsen
Freigesett werden. Ist dies der Fall, wird das Neuron aktiv, isc der In-
‘pue geringer, dann verbarrt es in Ruhe.
3 Neuronen e
Entscheidend fur das Funktionieren der gesimten Anoedaung ist
dic Sere der syraptischen Verbindungen zwischen Input- und Out
pptschicht. Betrachten wir, was durch diese Gewichtung mir dea In
pputmustern A und B geschiehe: Bei Muster Ain de Inputschich (dh
das obere und das untere Input-Neuron sind akti, das mittee niche
vl. Abb. 3.6) cre das obere Neuron der Outputschiche aber dic
Vesindng(Syap) mit dem aberen Neuron de Input nen
Impuls
38 inpuimuster Astin der nputschict ative.
Die Synapses reche stark dh, beim Entree des Impules wer
den Fin Molekile NeuroeansmiterFeigesetzt (Abb. 3.7) Vom mit
lerenNeweon komme kein Impuls, vor unten Neuron kommt
hingegen cin weiter Impuls, der wieder Uber eine starke Synapse
abertagen wird, Dadurch erhilt das obere Neuron insgesumt zehn
Molekile Neurotansmitcerund wird aktiviert. Die anderen Neuronen
der Ouspuschch erhalten zwar eben die dem Muster A entpre-
chenden Impulse; deren Oberteagung jedoch eflgre an schwachen
Symapsen, sodas thr Eck am nichsten Neuron geting ist. Da Nev
ronen die Eigenschafebesizen,eneweder au feuer oder nicht i in
gernger Eck dents damit dass uberhaup nichts past, Daher
fhe dle Absivierung des obcren und unteren Neurons der Inpor
schiche ur Akivirung des oberen Neurons der Ousputschiche® Lemen -Gehinfrscng und die Schule des Lebens
5.7 De Impulse der Inpuschen gelangen zu jdm Neuron der Outputschict.
De dberregenden Synapsen sna jedoch unorshidlich sark, weswegen die
(echen inptmuster an den drt Oulpuinewonen unterschesiche Ete
Rabon. Obon fone de impulee an slarkan Syrapsen zur Aktwerung des New
rons. er Me und unten sch
Es expibe sich: Besteht der Input aus Muster A, ise somic in der
COurpurschiche nur das obere Neuron aktiv (ABD. 3.8). Dies ist nun
nichts weiter als die genaue Bedeucung der Rede von der Reprisentat
‘on: Das obere Neuron der Ousputschicht repriseniert das Inputmus.
A. Lebensweltich gesprochen bedeutet dies: Beim Anblicke des
Storchs springt der Frosch weg, Die geforderte Bezichung, zwischen In
put and Output is also durch das neuronale Newwerk realsir
‘Wie steht es um die Fliege? Wie unschwer in Abbildung 3.9 cr
keennen ist, wid auch das Muster B (die Fliege richtig erkannt. Wich.
tigist, as alle drei Outpurneuronen gl
Jeichzeitig— parallel ~arbeten
3 Newonen rs
38 Bein Voriogen des Inputmuatas A wed dat ober Neuron der Outpt
{sche (und nat esos) aktiviert
Diese Parallelverarbeitung hac Vortile, denn das Eskennen des Mus
ters erflge in einem einzigen Verarbeitungschria, also sehr schnell. Be
steht das Muster nicht aus dee, sondern aus mehe Bildpunkten, bleibc
diese Schnellgkei ethalten, Das Etkennen komplexerer Muster erfr
lediglich mehr Neuronen, von denen wie ja mehr als genug, im
Kopf haben! Auch komplirierte Muster brauchen somit nicht mehr
“Zeit als einfache, da die Verarbeicung auch gréRerer Mengen von Fin
fzingsdacen parallel erfolgt. Das Erkennen von Mustern kann damir
sehr rasch geschehen, abwohl Neuronen sch langsam arbeiten
Hilten wir est; Neuronale Netawerke sind informationsverarbe-
tende Systeme, die aus einer groBen Zahleinfacher Schalteinheiten m0
sammengesett sind. In neuronalen Newen wird Information durch
Aktvierung (und durch Hemmung) von Neuronen verarbetet. Abs
ttahiere man von biologischen Gegebenheiten wie Form, mikroskopi
scher Scruktur, Zellphysiologie und Neurochemie, so list sich ein
Neuron als Informationsverarbeitungselement verstchen, In diese
Hinsiche besteht die Funktion eines Neurons darn, Input nu ethalten
lund aktiviert 21 werden oder nicht. Wid ein Neuron durch einen In
pat aktiviers, so repitentert es diesen Inpu. Damit hat die Rede vo
neuronaler Reprisentaion cine ganz klare und cinfache Bedeutung.so Leese Gchinfrschng und di Schule ds Ucens
[Link] Muster wird eran. Eo! zundchet in der Inpuschicht vor (aden,
wd von dot an alle Newonen der Oututscheht weg und ft dc
‘ene sar sarke Syrapse (tte) 2ur Akiverung des unteren Neuron (unten).
Dieeos repent das Muster 8
Ss Nearonen a
Anatomie in Zahlen
Das Gehirn besteht im Wesentlchen aus Nervenzellen, den Neuto-
nen, sowie aus Faserverbindungen zwischen den Neuronen. Die ge-
nnaue Zahl der Neutonen in der GroBhirorinde (dem Kowtex) des
Menschen beteige ei der Frau enva 19,3 Millaeden und beim Mann
Milliarden (Pakkenberg, & Gundersen 1997). Da Miner i
Darchschnite graere Kopf hahen als Frauen, wundert dieser Unter
schied von 3,5 Millarden Neuronen (16 Prazent)cinersets kaum. An
derersits ist man jedoch dberrascht, denn ihm entsprechen keine
Unterschiede in der Leistung. Manner haben die grieren, Frauen die
ffir
even Gehimne, s scheint es,
Neben dem Geschleche hat das Alter cinen Einfluss auf die Zahl
der kortikalen Nearonen. Man fand eine Abnabine der Neuronenaahl
von det Wiege biszur Bahre von erwa 10 Prozent (wenn man niche an
nnchmen will, das die Zabl der korikalen Newsonen beim Menschen
wwahrend der letren zwei Generationen um 10 Prozent zagenammen
hat, bleibe nur dieser Schluss). Wenn Sie mchten, kénnen Sic die An-
zal der Neuronen (in Millarden) Ihrer GeoBhirninde selbst berech-
ren (vg), Pakkenberg & Gundersen 1997, S. 319). Die Formel laure
fir Frauen
Anzahl der Neuronen (in Millarden) « ¢3?~Ale = 0.0145
und flr Manner
‘Anzahl der Neuronen (in Miliaden) =e?
Dineen Zable sm Nore ln bbl Neen
sowie dicts pommucn Yinka cb, dln it nora
eva 100 Millen Zllen a Buchel. Die Neurone snd he
im Mie! Wins, so dass das Keine Klin esclich ahr New
ronen cadena at roe Grr, Aa les Neto oa2 ‘eren-Gehirforschung und die Schule des Leben
handen scien, Mittlerweie verdichten sich aber die Hinweise darauf,
class sie chenflls einen (noch niche gane gekirten) Beitrag zur Infor
[Link] Gehien lesen
‘Becrachren wir cinmal nur die Neuronen in det Gehienrinde (che
Kapitel 5). nel chien wie nur Grofnordnnngen ab, dana betrige die
Zahl der Nearonen 10", Jedes cinzene Neuron hat mit bis 24 10.000
(10°) anderen Neuronem Verbindangen, woraus sch die Anza det
Verbindungen mit 10"° x 10* = 10" berechnet. Kein Wander, dass
Nervenfisern (ihre Zahllautee ausgeschieben 100,[Link])
‘olumenmig den griSten Teil unseres Gehirns ausmachen. So sind
brispiclwise hei der Gebure alle Neuronen bereits vorhanden, der
Kopf des Neugeborenen (sowie dessen Gehien) ist jedoch nur halb so
i wie der des Erwachsenen. Was also wichst, wenn KopF und Ge-
hirn wachsen? ~ Die Dicke der Fasern! Wie uncen (vg. Kap. 11) noch
_genauer dargstllt beste die Entwicklung des Gehirns nach der Ge-
bre (bis nach der Pubereit!) vor allem in Verinderungen der soge-
nannten .Verdrahcung” der Neuronen, Wesenlich hier ist unter
anderem cass dicke Nervenfasern die Impulse 30 bis 40 mal schneller
Iciten als dinne. Erse durch diese hohen Geschwindigkeiten kénnen
dlc Verbindungen richtig geourat und damic ganze Bereiche des Ge
his aberhaup sche in den Informationsverarbeitungsprozes cin
henogen werden
Bleiben wir kure bei der Betracheung von GriBenordnungen: Die
Zabl der cingehenden und ausgehenden Fasetn (Input + Output) be-
tragt era 4 Millionen(siehe unten). Selbst wenn wir nun groSeigig
sind und hirfir inal 10 Milionen (107) ansetzn, ergibe sich fol
sends: Die Zahl de itcenen Verbindungen des Gehirns (10!) ise 10
slic Zab der Einginge und Ausginge 2
sammen (10! 10” = 10°), Die Zellen in unserem Gehien sind somit
vor allem mie sich selbst verbunden und nur eine Verbindung von 10
hinein oder aus ihm hinaus. Fine von 10
Millionen Fascen ist mit der Welt verbunden, die anderen verbinden
sich selbst. Wenn also der Zen-Buddhise behauptet,
inde eigentlich vorallem und zumeist nur bei uns selbst
sind, so hat et ~ neurobiologisch betrachtct ~ Reche!
Millonen mal so gro®
Millonen geht in das Geb
das Ghien
dass wirim
3 Newronen 5
Input und Output
Die zum Gehir chenden Nerefsen erage Impulse, dii
"Hinblck auf di Iformaionsverbeitung den lop de Gr dar
scllen. Geis im ini aden Sees sind ea, 400 bi 500
Kloklorien/ Tag er lp aber une gh junc um ds Geen
alsEnericumwander und Warmeprodzent, onde un das Gein
as lnformaionserarbeer Auch der Compare an dm ch shrebe
bench Stom snd wid wards eda ids Vern set
ser Bunkson uni.
Von ede Auge sh cin dicks Fastin tees ea
sc Milian Nenenfern nim Gin, Von jam Oht Karmen
‘Sige Tausend ater, und cma auch noh di Fase von Fw
Mand und Nase dan oer sich ls Genamiopt des Gehins cine
ah von eoea 2,9 Milfonen Fuser, Die Eckdrenlasen sch ver
wenden, um de Ifomationsmenge die ner Gehi ech
ter GrBRenondnang dustin, Dem Vorhandercin ode Nich
che de Infrmaconsmen-
ve ivan Bic Ein Newnan bing eget Pearse ou Bisse
500 Inputen pro Sekunde: Nehmen wit an das die Anweseaei
oder Abwesnbes es diss Impuse ie Tnformatonsmenge ane
Vorhandensein eines jeden Impulses ent
nem Bir ig, dann verarbeicec unser Gehien in jeder Sekunde ceva 2,5
Millionen mal 300 Bic = 750 Millionen Bic. Acht Bit encsprechen e-
nem Byte und ,Millionen" wird gern durch , Mega" abgekra. Die In
formationsmenge, die unser Gehirn ereieht, betrigedaher knapp 100,
Megabyte pro Sekunde.
Diese ungeheure Menge an Information wird vom Gehitn ve
bites, dh. in einen Stcom von Impulsen umgesetzt, der das Gehira
wieder zum grb8¢en Teil ther Fasern verlisst und Verhalten steuer.
‘Man kann im Hinblick auf diesen Output in thnlicher Weise verfah=
en wie beim Input, Man kann als zihlen, wie viele Fasern das Gehirn
verlassen und die Efektororpane (im Wesentlichen Muskeln und Dri
‘son) steuern, Es sind etwa 1,5 Millinen. Nehmen wir wieder die Feu-” Lernen«Gchirfscung und ic Schule des Lens
czrate yon maximal 300 Impulsen pro Sekunde an, so ergie sich als
‘Ousput des Gehiras die Informationsmenge von 450 Milionen Bit’
Sekunde (entsprechend etwas 50 MegaByte pro Sekunde)
‘Was also lester unser Gehien? — Es seer Input in der Gr8Genord-
‘nung von 100 MBYs in Ourpur der Griienondnung 50 MB/s urs, Wie
es diese Aufgabe hewilkige, war noch bis vor wenigen Jahren vallg un
la. Dies hat sch geindert, Man kann heute aus der Kennnis des Auf>
thaws und der Funktion des Gehirns einige Prinzipin ableiten, die in
der: Bereich des Verstindlichen ricken, wie haheregestige Leistungen
vollbracht werden,
Fazit
Das Gehien des Menschen wiegt nur zwei Prozene scines Koeperge-
wichts. verarbeiter jedoch ungehew
ier insgesame vier Millinnen Nervenfascenein- oder ausgehen. Di
agroBen Zabl von Verbindungen des Gehims mit der Wele stehe cine
noch grdGere Zahl innerer Verbindungen gegendber. Sec man die
Zahlen der Verbindungen de Neuronen des Gehitns und det Verbin-
lunges des Gehieos zur AuBenwelt ins Vethiltnis, so ergibe sich, dass
auf jee Faser, dein die GroBhimrinde hineingehe oder se verse, 10
Millionen interne Verbindungen kommen. Kure: Wir sind, neurobio
logisch gesprochen, vor allem mic uns selbst beschaftge.
In und mic diesen Verbindungen findee im Gehien Informations:
verarbeitung, dh. inden Wahrnchmen, Leenen und Denken start
Wir metken davon nichts! Neuronen arbeicen nicht mit Symboten,
sondern subsymbolivh. Pur Neuronen gibt es our Aktivierung und
Hemmung durch Impulse. Was wir erleben, wenn wir die Augen
sche, ist niche diese neuronale Informationsverarbeicung, sondern
ih
Mengen an Informationen, die
Benutzeroberfliche’.
Man kann sich die Unterschiede awischen der Informationsver-
arbeitung in ncuronalen Netwerken cinerseits und in reelgeeitecen
sprachlogischen Spstemen anderersits nicht deutlich — genug
vergegensirtigen, Im Gegensate 21 Regeln des logischen SchlieRens
3 Newton Pa
und es sraclichen Deskens de den sien Reg gore, it
denen hei Compater atten and dar Merckens
poles Wn eda Neto wer Zordnunpacln meh
Rechenvorchifen Es bees ge eh erage Zac
ngalgand dr ihigen Sender Veroindungenoicen Ne
fone. ices Kien kn der Vercang er Neuron wd
itsondere indo Sender onaptichenVebnngenrchen
Postskript fiir Fortgeschrittene:
Neuronale Vektorrechnung
Um ai verstehen, wie Neuronen Informationen verarbeiten, ist ex
nitalich, sie mathematsch zu betrachten. Das eingehende Signal, der
Tnpur, kann als ene Zahl (1 oder 0) und die Starke der synaprischer
Ubertragung ebenfalls als Zahlenwerebetrachtet werden. Je nach Seit-
ke und Are der Verbindung ligr dieser Wert zwischen —1 und 1
Kommt ein Impols 2u einer Synapse, dann wind dor sein Wert (1 odet
0) mit der Stirke der Synapse multpliziert, das heir, der Input wied
lurch die Synapsenverbindungsscirke gewichet, weshalb man auch
‘vom Synapsengewichr spriche, Wenn man Neuronen auf dice Weise
beteachtcr, ls sich mic dhnen sechnen. Damir ise gemeing, dass man.
rmathematsch bescheeiben kann, wie sich Ansammlungen von Newro-
‘nen ~ neuronale Netzwerk — beim Einteeffen eines hestimmnten Inputs
vethaleen,
[Berrachten wir crew nochmals das Beispel in Abbildung 34, in
dlem drei unterschiedliche Muster aus der Umgebung vom Auge ins
Gehien gemelder werden, das in der Lage sein muss, eine Umsetaung
der Eingangsmuster in die richtigen Ausgangsmuster voraunchmen.
‘Wie anderswo nihereslauter (vg. Spitzer 1996, Kapite 2), lassen sich
solehe Muster aus weifen und schwarzen Bildpunkten auch als Vekto-
ren schreiben, Dem Inputmuster A entsprich der Vekoor (1.0.1), dem
Inputmuster B der Vektor (0,10) und dem Muster C der Vekcor
). Entsprechend lisst sich der Output oben (1,0.0), in der Mite6 {Lemen-Gehifrschung und die Schule ds Lens
(00,1) und unten (0,1,0) als Vektor darstellen, Die Neuronen des
hirns betreiben damit nichts weiter als Vektoreechniung, Wie aber lis-
ten sic, in mathematscher Minsicht, die Umsecaung der Inpusmuster
in die Ausgangsmmuster?
in Computer herkimmlicher Bauart wire wie folge vorgehen:
Erwlirde die Neuronen der Netzhaut einzeln abfragen und nacheinan-
der (dL. srill)festsellen, ob si aktiv (schware) oder inaktiv (wei)
sind. Dann wirde er einer Regelfolgen, die ihm einprogrammiert wut-
de und ihm sage, bei welchen Kombinationen aktivierter Inpuneuro-
rnen er welches Ourputneuron einauschalten (at aktiviren) hat, Ein
solches Vorgehen wird mit jedem Bildpunke, d.h. mic jeder Zelle auf
«der Nethaut komplizierer und brauchr entsprechend meh Zeit. Fir
di eowa eine Million Fasern des menschlichen Auges mit etwa 300 Bit
pro Sekunde je Fasr ist cin solchessereles Verfahren vilig ungeeig-
Neuronale Netawerke meistern solche Mustererkennungsleistun
igen ganz anders als Computer. In Abbildung 3.10 ist das oben bercis
imehrfach abgebildere Nerawerk dargestelle, in das seine mathemati
schen Eigenschafien eingezeichnet wurden. Alle drei Outpurneuronen
\weisen eine Akzivierungsschwelle von 0,8 auf. Ist ihr gewicheerer Input
vier als diese Schwelle, dann wird das Neuron aktiv, liegt der ge-
wichtete Input uncerhalb dieser Schwelle, dana verharre es in Rue
Entscheidend fir das Funktionicren der gesamten Anordnung is die
Starke der synaprischen Verbindungen zwischen Input- und Ourput-
schiche
Bercachten wie, was durch diese Gevichtung mie den Inputmus-
teen A, Bund C geschieht: Bei Master A in der Inputschiche erie das
‘bere Neuron ler Outputschiche ber die Verbindung (Starke 0,5) mi
dem oberen Neuron der Inpurschiche den Input 1. Da die Stitke der
Synapse 0,5 betrigr, errechner sich der gewichtete Input des oberen
(Ourpur-Neurons vom oberen Input-Neuron mit - 0,5 = 05.
Der Inpur aber die beiden anderen Synapsen ergibe sich emtspee-
chend als 0--0,5 = Oundals 1 -0,5 = 0,5. Die Summe des gewichteten
Input betrige somit I. Der Wert liegt Uber der Akrivierungsschvvelle
des Neurons von 0,8, d. ., das Neuron wied aktv
3 Neuronen A
3.10 Das Netawork aus Abbidung 3.5 mit Synapsonstirkon und Schwalletunk-
‘ionen, Das Netwerk st durch Al und Sark der Vetondungen ~ yr
‘Set durch Linion und Zahlonwere ~ sowe durch de Akiverungstunkton der
"Neuronen der Ouputshitt volta cheraktrset (vl. hierau such Spitzer
1906)
Der entsprechend berechnece gewichtereInpac des midleren Neu
rons betige 0,6, der des unteren Neurons -0,6, dh beide Neuronen
sind niche akti, Rechnen Sie bite mvt Es ere sich: Bester der In
put aus Muster A, so it in der Oucputschiche nur das obere Neuron.
sktiv. Oder lebensweltlch: Beim Anblick des Storchs springs der
Frosch weg, Die geforderre Bezichung awischen Inpur und Ousput ist
also durch das neuronale Netawerk talisiere. Wie steht es um die Fle
age und den blauen Himmel? Wie unschwer2u ertechnen, werden auch
Sie (Muster B und C) richtig erkannt, In informarionstheoretscher
Hinsicht besteht die Funktion cines Neurons damit in Vektor- bev.se Lemen Gehimforschung und die Seale des ibn
Matizenalgebra. Wean Sie abo wieder einmal gefrage werden, was The
chien eigentlich den ganzen Tag tt, so knnen Sie aneworten: Es be-
trcibt Vektorrechnung
4 Wissen und Kénnen
ren” enden, das Pariip Per
fel ohne ge" bilden? Wirsind gestern gelaufen, waren aber niche ge-
spazieren, sondern nur spaziren. Auch habe ich mi die Bathaare ge
kat, mich aber niche gerasiet, sondern nur rsiere nd was ich vor-
gestern nur verloren (und niche ge-verloren) habe, das habe ich gestern
wieder gefunden.
Kannten Sie die eingangs genannte Regel’ Sofeen Sie niche
Deutsch fir Auslinder” uncertichten, ist die Wahrschealichkeit u-
Bers gering, dass Sie diese und Tausende andere Regeln dr deutschen
‘Grammatik kennen. Und das ist auch in Ordnung so, denn Sie brau-
chen diese Regeln niche zu wissen, umn sichtiges, dh. grammarikaliseh
cinwandficies Deutsch 2a sprechen,
Viel kénnen und wenig wissen
Es mag eigenatighlingen, aber es ist dennoch so: Fast alles, was wir ge-
leene haben, wissen wit nicht. Aber wir Aivmnen es. Weils Spa8 macht,
nach ein Bespiel: Es jst verboten, den Sehutzmann umnzuahren. Es ist
vielmehr geboren, den Schumann 24 umfahren. ~ Warum? Weil
nach der deutschen Grammatik .um ein so genannces Halbprilix ist,
das (wie die Grammatie mie weiteren Termini technici erklir) fest
und unfést vorkommen kann. ,Um" kann also sowohl wie die unbe-
toncen Prafixe ver, be", went” et” und er” gebraucht werden und
ise dann uncrennbar mit dem Verb verbunden, dessen Partizip, dies sei
angemerkt, ebenfills ohne .ge" gebilder (also niche ge-erzcugt) wird
Damit ist das Problem keineswegs urngangen, denn mic etwa der Hall
ce der Falle muss anders umgegangen werden. Hier is das um” berontw nen» Gehirforachng und dic Schule des Leben
und neh fest mic dem Verb verbunden. Man muss jezt umdenken:
Niche nur das Partzip wird mi .ge” umgedache, sondern eben auch
dler Schutzmann verborenerweise umgefihen, wie der Gramenatikdu-
slen ganz klar darlege. Offenbar konnen wie alle das ,2u" in das Verb
hineinnehmen, wenn das Prati betont ist; andernfills stellen wir &s
voran. ~ Haicen Sie’ gw? Jedenfalls ken Se es mic links!
cr Wissen bei Licht be-
teachter unglaublich bescheiden. Dies bezchr sich keineswegs nus auf
dle Sprache, sondern auf die unterschielichsten Lebensberciche. Bei
unserem sprachlichen K@nnen wird die Sache lediglich besondersau-
senfillig, denn das Konnen bezieht sich ja gerade auf die Sceuktut,
der Wissen allgemein vermittelewied, nolich die Sprache, Es mag 2u-
rnichst paradox exscheinen, aber selbst und gerade im Hinblick auf die
Sprache ist das, was wir geleene haben, nur u einem ganz kleinen Teil
sprachlich (als Wissen) vorhanden, Der griffte Teil sogar unserer
sprachlichen Kompetenz ist vielmehe in uns gerade nicht sprachli
vorhanden, sondern besteht in Kénnen, niche aber in Wissen,
Inanderen Bereichen unserer Kompeterz st dies ohnchin kl
kannen sich den Mantel anzichen und sich den Schuh binden. Wenn
Sie aber exwa einem auBeriedischen Wesen micteilen wolkten, wie S
cles genau machen, so widen Sie sich wahrscheinlch gate schon an-
Im Vergleich 22 unserem Kanmen ist
sengen mulssen, Auch die in den Medien deract weit verbretete Un-
ckampf zu interviewen, 2eigr das
Gleiche mie kaum uberbietbarer Deutlichkeit: Da hat gerade jemand
cine Sache so gut gekonnt wie kein anderee auf der Welt und dafir die
Goldmedaille kommen. Wird er jedoch danach befrage, wie er seine
Leistung denn bewerksellige har, komenc wenig Brauchbares aus se:
‘nem Mund. Gewis, diese Interviews si
sitee, Athleten nach einem Wi
authentiseh und manelymal
sche emotional, Aber schlau wied man durch sie nicht.
‘Ganz offensichtlich gcht es dem Aehleten mit seiner Fahighcie wie
tuns mit dem Sprechen. Die Information ist prozedual gespeichert,
Wirsind war in der Lage, mic viel Mihe ranches von diesem proze-
clural gespeichertem Kénnen 2u verspeachlichen, abe dies ist eine eige
ne, sch miihevolle Leissung, Wenn Sie dem Auferirdischen erkliten
4 Wiser wad Komen a
sole, wi Sie Schuh inde, so mise Sic Thr Konnenvrwenden,
tm sich de Vrginge bd vortlen, Dann wieder nehmen
Si di Sprache, um he Vrslnge u bho,
‘Wie vile Fenster ha hr Wohnsimmer Wenn Sie dive Frage
teanworen, dan haben Sie grade wieder sichrspaclich psp
chert Infomation in spraclichs Wisenumgewandc: Und wich
ten ie das gach? ~ Nehren wr an, Sicbefnden sch grad ich
in trem Wormer Dann haben Sie chs Gei nt Wah
Zimmer gel und die Fener gabe (gl tra die austhlihe
Darling in Spitzer 2002). Bildhafc Information hat egenier
Vremetnen den Vor aoe cher reppin Ue
dno in Bech dex Handel och war co Looe
fel den Schenk omega, de espe Eh a
Handhngen keineswep cll: Mancha lings gr ich
chine Beil Nese Bden sich in Mesanei Wenn
che Gsanglerrin wesc den Scher merken, wit ich
Sgr, vo kan Sie im Grande nur tila. bew. metaphoric rede,
Dis jedoch in Ordnng! Denn se wid den She drch alee
tagmartgeAufloderangen (Sing al ise Da gina! Acme in
dn Ricken) dau bingen, mit cnc Sime ma experinentren,
ds wieder wird thm en, welche MOghieen in he
‘ken oh hie ic usc Dasellang in Spier 2003). Auch
Peim Elmer von nsumenen werden nic ele gear Di
posgt. fs get auch ar ict dar, ob dan, was gop
Simm sondern dau, os Gerd den Lemenden dacs bg di
richigen Handungen brn, Atmen oer Bei Halen des Korpes de
inde und der Finger hervreringe.
‘Nicht nur in Sport und Msc wind Konan vr, und
esega min den teen et eral um as Kes in
ter athematkersicht es cine lechngschon an, wie ih bi
sm wi be Nacage ache Res ci Aulsung
tnyrunde Ingen, angeben konnen, aber fir scn praktsches Hanela
hig dave ie Regeln crake Hi geht os wieder
tim ice ier als um das Konne, nc ur das Wissen. Wer eneLemen -Gebitafonshang nd die Schule des Lens
Fremdsprache kann, brauche deren Grammatik nicht 24 wissen, wenn
esauch beim Lernen durchaus sinnvol sein kann, dieses Wissen einzu
seen (beispielsweis, um sich viele Bespiele sebsttitig 2a genetieren).
Ganz allgemein gilt: Wir kénnen sehr vieles. Man spriche hier
auch von inpliztem Wien, dh. von einer Wissen, das wit niche as
solches~ expliziehaben, aber das wi jedoch verfigen kéxnen, indem
wir es nutzen. Man spricht auch vom Wissen, dass eewas soundsa it
(coplizt) und vom Wissen, wi erwas geht (implizit). Wenn daher von
Wissen ganz allgemein die Rede ist, so sind niche selten diese beiden
Formen des Wissens gemeine:implizites Wissen und expliices Wissen
Mit Ricksich auf Finfachheit und Klatheit bleiben wie jedoch bei den
biden Termini Wisen und Kannen, denn sie dricken genau das aus,
wworum es geht: Wer also beispilsweise Englisch aun, muss keines-
wegs wiser, dass man bei adverbialem Gebrauch von Adjektiven ein
Jy" anhingen muss, Er tures einfach.
‘Synapsenstarken kénnen viel
‘Woran liegt e eigentlich, dass wir niche alles, yas wirknnen, auch ex
plizie wissen? Erinnern wir uns an das vorhergehende Kapitel: Informa
tion ist im Gehien in Form von Verbindungsstirken 2wischen
Nouronen gespeichert. Diese Verbindungsstirken bewirken, dass das
Gchitn bei einem bestimmten Inpuc einen bestimmten Ouspur produ-
ziert. Das Ganze geschiche ohne jegliche expliite, sprachlich gefiste
Regel, Der Affe, der je nach herannahender Raubsierart einen anderen
Warnschrei aussi, kenne auch niche die Regeln wenn Raubvogel,
dann Schrei A’; ,wenn Lwe, dann Schrei B* etc, aber er verhile sich
danach. Fin visuller Input sorg bei then regethaé fr einen entspre-
cchenden akustischen Ourput.
Kommt in Liwe zur linken Tir herein, so errecht cine sehleehte
SchyraraweiGkopie des Bikles des Lawen auf unserer Netehaut bercits
rach weniger als 200 Milisekunden den Mandelkern (siche Kap. 9),
dlr daftrsongt, dass Blutdrack, Puls und Muskelspannung ansteigen,
lange bevor das Facbarcal in unseeer Gehirnrinde dessen Farbe mi bei-
4 Wins und Konnen 6
sge-braun-gelblich herausgeknobelt hat. In dieser Zeit rennen wir be-
reits ur echten Tr! (Und wer dieses Input-Ouspat-Mapping niche so
rasch behertsche, thle nicht au unseren Vorfahten!)
Das Gehi bewerkstellgt die Produktion des Oueputs durch dic
sichtigen Synapsenseirken. In diesen ist unser K@nnen gespeicher.
Man kann zeigen, dass tbeshaupr nur dadurch, dass unser Gehirn auf
cliese Weise funktioniert, es auch so gut funkrionicrt. Verglichen mie
‘Computerchips sind Nervenzellen langsam und unzuverissig, Dass
wir uns cote diese, wie die Amerikaner sagen, lousy harduarein unse=
ren Kopfen so erfolgeich verhalten kénnen, liegt genau daran, dass
neuronale Informasionsverarbeitung micels Erregungstbertragung an
sche vielen Synapsen sehr veler Neutonen geschieht (vg. hierau die
ausfiheliche Darstellung in Spitzer 1996).
‘Wirhaben allerdings keinen diekten Zugang 2u dieser Bbene wn-
«ret Hienfunktion. Ebensowenig, wie wir den Zustand jeder Zelle wn-
serer Magenschleimhaut oder unseres Herzmuskels kennen, kennen
wit den Zustand unserer Newronen, Die Maschinerie der im Gehien
ablaafenden Informationsverarbeicung ist uns ebensowenig dirk mi-
tsinglch wie die Maschinerie der Informacionsverarbeitung im Com-
puter aufunseren Seheeibtschen. Wir blicken auf den Farbbildschirm,
schen Symbole und hantiren mie ihnen, obwobl ef im Inneren des
Computers ,nur* Nullen und Einsen nach wenigen logischen Regeln
smiteinander verkniipft werden
‘Wenn wir die Augen schleRen, um in uns hinein zu héren, und
‘unserem Geist bei der Arbeit uschauen wollen, so gehres uns dennoch
niche viel andes als vor dem Computerbildschitm: Wir blicken keines-
swegs auf Neuromen und Synapsen, sondern auf das im Laufe der Evo-
lution entstandene Uberwiegend graphische User-Inresface unseres
Gchitns in Form innerer Bilder und Tene sowie zuweilen Sprach
bbruchstiicke. Die egendiche Informationsverareitungsmaschineie in
‘unserem Gehim jedoch erkennen wir nicht. Sie ist uns verborgea, und
‘wena wir sc erkennen wollen, bleibe nur der harte Weg wissenschafe
licher Untersuchungen.
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