Rudolf Steiner Gesamtausgabe Vorträge
Rudolf Steiner Gesamtausgabe Vorträge
VORTRÄGE
V O R T R Ä G E VOR M I T G L I E D E R N
DER A N T H R O P O S O P H I S C H E N GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
1994
RUDOLF STEINER VERLAG
D O R N A C H / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung
Die Herausgabe besorgten
Helmut von Wartburg und Robert Friedenthal
Bibliographie-Nr. 174b
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1974 by Rudolf Steiner-Nachlaß Verwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck, Bühl
ISBN 3-7274-1742-0
Zu. den Veröffentlichungen
aus dem Vortragsiverk von Rudolf Steiner
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 383
Hinweise zum Text 384
Namenregister 398
Rudof Steiner über die Vortragsnachschriften 401
Übersicht über die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 403
"Während der Kriegsjahre wurden von Rudolf Steiner
vor jedem von ihm innerhalb der Anthroposophischen
Gesellschaft gehaltenen Vortrag in den vom Kriege be-
troffenen Ländern Worte gesprochen, die der im Felde
Stehenden sowie der durch die Pforte des Todes Ge-
gangenen gedachten. Sie lauteten:
Und für diejenigen, die infolge dieser Ereignisse schon durch die Pforte
des Todes gegangen sind:
Und der Geist, den wir suchen durch unsere erstrebte Erkenntnis, der
Geist, der dem Erdenleben Sinn, Bedeutung, Inhalt gibt, der Geist,
der aus göttlichen Sonnenhöhen durch das Mysterium von Golgatha
gegangen ist, er sei mit Euch und Euren schweren Pflichten.
Bei anderen Gelegenheiten lauteten die Worte folgender-
maßen:
Wir wenden uns wiederum zuerst an die schützenden Geister der durch
so schwere Verhältnisse draußen im Felde Stehenden:
Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch unsere Geistwis-
senschaft, der Geist, der zu der Erde Heil, zu der Menschheit Freiheit
und Fortschritt durch das Mysterium von Golgatha gehen wollte, er
sei mit Euch und Euren schweren Pflichten.
ERSTER VORTRAG
Stuttgart, 30. September 1914"*
Anmerkung der Herausgeber: Die Nachschrift dieses Vortrags kann nicht als
durchwegs zuverlässig betrachtet werden. Manches deutet auf eine lückenhafte,
wenn nicht sogar fehlerhafte Überlieferung der gesprochenen Worte. Der Leser sei
auf die Hinweise am Schluß des Bandes verwiesen.
rig ist es in der Zeit, in der wir jetzt leben, den Sinn für Objektivität
gegenüber dem Höchsten, nämlich gegenüber der Gerechtigkeit, voll
zu entwickeln.
Gerade aus den Gründen, die aus meinen heutigen Worten hervor-
gehen werden, haben es in gewissem Sinne Mitteleuropas Bewohner,
hat es vor allem das deutsche Volk gegenwärtig leichter als andere,
objektiv gerecht zu sein. Aber auch da ist es notwendig, uns nicht bloß
den unmittelbaren Empfindungen zu überlassen, sondern als ernste An-
throposophen müssen wir versuchen, mit Verständnis in die Sprache
einzudringen, die heute die Gerechtigkeit im geistigen Sinne führen
muß.
Nicht weil ich es als etwas Persönliches vorbringen will, sondern
weil die Sache für mich symptomatisch ist, will ich folgendes erwäh-
nen: Der erste Band meines Buches «Die Rätsel der Philosophie» ist
vielleicht in den Händen mancher von Euch. Der zweite Band war in
der zweiten Hälfte des Juli bis Seite 204 gedruckt. Mitten in den Zei-
len schloß er ab. Die Stelle war gerade für mich das Merkwürdige,
Symptomatische. Ich hatte die beiden französischen Philosophen Bou-
troux und Bergson zu charakterisieren gehabt. Ich versuchte das so
objektiv als möglich zu tun. Dann hatte ich den Übergang zu machen
zu Preußy einem unbeachteten, gewaltigen Denker. Ich hatte, nachdem
ich die französische Philosophie der Gegenwart dargestellt hatte, über-
zugehen zu dem, was diesseits des Rheins, was in Deutschland an Ge-
danken ersprossen ist. Da aber war der Bogen leer, denn da hinein
brach der Krieg aus. Oft mußte ich mir die leeren Felder des dreizehn-
ten Bogens anschauen.
Und damals kamen verschiedene Stimmen von jenseits des Rheins.
Sie sind Ihnen ja hinlänglich bekannt, jene Stimmen. Da sprach man
von deutscher Barbarei und dergleichen und warf die gehässigsten Be-
schuldigungen und Verleumdungen gegen uns auf. Man möchte sagen,
es war betrübend, was man da zu erleben bekam. Gerade geachtete
Vertreter des französischen Geisteslebens wühlten Haß und Leiden-
schaft im Volke auf. Und in diesem Falle darf wohl das Persönliche
als symptomatisch angesehen werden: Wenn man in einem Buche über
die Entwickelungsgeschichte der Philosophie die französische Philo-
sophie zu behandeln hatte, wenn die Seele sich bemühte, ihr voll ge-
recht zu werden, da könnte es wahrlich die Seele mit Erbitterung er-
füllen, wenn sie erleben muß, während sie mit aller Kraft versucht, mit
der größtmöglichen Objektivität sich hineinzuleben in die Philosophie
des Westens, daß diese dann ungeachtet aller Tatsachen über die «barba-
rische Art jenseits des Rheins» schreit. Es war um so bitterer, als einer
der schlimmsten Angreifer und Hasser des deutschen Wesens Maurice
Maeterlinck war.
Es ist sonderbar: das erste Werk, das von Maeterlinck erschien und
das schon ganz sein Wesen und seine Eigenart zum Ausdruck bringt,
fußt ganz auf Novalis, ist ganz geschöpft aus Novalis, und Maurice
Maeterlinck wäre nichts ohne Novalis. Alle seine späteren Werke ent-
sprangen ganz aus diesem ersten, aus Novalis geschöpften Fundament.
Das wirft auch ein Licht darauf, wie unsere Zeit es versteht, die Ge-
rechtigkeit zu handhaben. Es ist heute durchaus nicht genügend, die
Stimmen zu hören, die da und dort unter dem Eindruck der Leiden-
schaft gesprochen werden, sondern nötig ist, daß wir uns die Tatsachen
vergegenwärtigen. Läßt man diese sprechen, so führt es zur Objektivi-
tät. Und solche Objektivität ist nicht einerlei mit einem Gleichgültig-
sein gegenüber diesen Beziehungen.
Großes geht in unserer Zeit vor, Ungeheures. Und eine künftige
Zeit wird nötig haben, für das, was in unserer Zeit vorgeht, im Sinne
dessen, wie wir von Wiederholungen sprechen, bedeutsame Ereignisse
vergangener Zeiten heranzuziehen. Nicht nur eines, vieles drängt sich
zusammen, um eine Wiederholung zu bilden, eine zusammengefügte
Wiederholung von bedeutenden geschichtlichen Ereignissen.
Wie einstmals, in der vollen Blüte der griechisch-lateinischen Kul-
tur, die Römer die Punischen Kriege gegen Karthago auskämpfen
mußten, wie damals die denkwürdige Schlacht bei Mylä entschied
über das Geschick der Römer, die ihre aufblühende griechisch-rö-
mische Kultur zu erhalten hatten gegenüber einem Überfluten unter-
gehender Kräfte von Seiten des zwar äußerlich noch starken Reiches
der Karthager, so finden wir am Ausgangspunkte des gegenwärtigen
Krieges etwas wie eine Wiederholung gewisser Ereignisse. Es darf das
an diesem Orte hier schon heute ausgesprochen werden. Es fand da-
mals zwischen den Römern und den Karthagern eine merkwürdige
Schlacht statt. Die Karthager hatten eine gewaltige Flotte, der gegen-
über Rom mit seinen wenigen Schiffen machtlos schien. Da kamen die
Römer auf die ungewöhnliche Idee, Enterbrücken herzustellen, die von
Schiff zu Schiff führten und gewissermaßen die Seeschlacht in eine
Landschlacht umwandelten, so daß die Römer auf dem ihnen vertrau-
ten Boden einen großen Sieg errangen. Wie nun damals etwas Uner-
hörtes für jene Zeit geschah, so hat sich etwas, was die wenigsten Men-
schen denken können, in Lüttich abgespielt, was eine gewisse Bezie-
hung zeigt zu den geschilderten Ereignissen und von dem künftige Zei-
ten als einem allerersten Ereignis sprechen werden. Ich erwähne diese
Dinge nur, weil ich aufmerksam machen möchte auf das Bedeutsame
der Geschehnisse, innerhalb derer wir in der Gegenwart stehen.
Sind es doch gerade diese Tage, in denen wichtige Entscheidungen
im Osten und im Westen auf des Messers Schneide stehen. Es möchte
einem das Herz zerreißen, wenn man bedenkt, was sich gegenüber-
steht, und es darf gerade in diesen Tagen, wo die Entscheidung sozusa-
gen wie etwas Ungewisses vor dem Blick des Menschen steht, auf etwas
anderes aufmerksam gemacht werden, was von ungeheurer Wichtig-
keit ist, gedacht zu werden.
Ich darf über diese Dinge so sprechen, wie ich sprechen werde, weil
ich gewissermaßen durch mein Karma dazu vorbereitet bin. Geboren
bin ich ja in demjenigen Reiche, von dem man sagt, daß es so viel bei-
getragen habe zu dem Völkerkriege; aber herangewachsen, sehe ich,
daß ich schon in der Kindheit zur Heimatlosigkeit bestimmt war. Ich
hatte keine Gelegenheit, die eigentümlichen Gefühle des Zusammen-
hangs mit den Land- und Volksgenossen selbst zu erleben. Außer-
dem fiel meine Kindheit in die Zeit, wo ich in Österreich selbst den
Deutschenhaß kennenlernte, wo Deutsch-Österreich noch stand unter
dem Eindruck der Siege Preußens, wo auch die Deutschen in Öster-
reich die Reichsdeutschen haßten. Eine Voreingenommenheit für
Deutschland in mir zu erzeugen, war keine Gelegenheit. Diese Heimat-
losigkeit, die mir durch mein Karma gegeben worden ist, berechtigt
mich, objektiv zu sprechen, voll Bewußtsein, daß gerade da die anthro-
posophische Gesinnung durch meine Worte sprechen kann.
Es geziemt sich heute nicht, prophetische Worte zu sprechen. Des-
halb mag derjenige unerwidert bleiben, der da sagt: Wo der Sieg zu-
letzt bleiben mag, sei zweifelhaft. Aber ein Sieg, ein wichtiger Sieg,
der zusammenhängt auch mit einer geistigen Betrachtung, der unaus-
löschlich ist für alle kommenden Zeiten, der ist schon errungen wor-
den. Welches ist dieser Sieg? Er wurde erfochten vor Ausbruch des
Krieges. Dieser Sieg läßt sich in folgender Weise charakterisieren:
War nicht Europas Mitte lange Zeit verbunden mit dem Osten? Wir
reden wahrlich nicht von dem Volke, das in Europas Osten wohnt.
Über dieses Volk sind wir gut unterrichtet, und wer da Wahres über
das Verhältnis dieses Volkes zu der Völkerentwickelung erfahren
will, der lese den Vortragszyklus «Die Mission einzelner Volksseelen
im Zusammenhange mit der germanisch-nordischen Mythologie».
Etwas anderes ist dieses Volk im Osten und etwas anderes das Tri-
folium, das gegenwärtig dort an der Spitze gegen deutsches Geistes-
tum steht: der Zarismus, der russische Militarismus, der eine Schlappe
erhalten hat, und der verlogene Panslawismus. Es gab Fäden, die von
Europas Herzen nach diesem Trifolium gingen, wenn auch nicht bis
zu seinem letzten Blatt.
Am 31. Juli dieses Jahres wurde durch die Kriegserklärung dieser
Faden zwischen Deutschlands und Österreichs Leitung und dem Zaris-
mus zerrissen, hinweggefegt. Das war ein großer Sieg . . . [Das Fol-
gende ist unklar. Der Sinn scheint etwa der zu sein, daß das Geschehen,
welches sich damals zwischen der europäischen Mitte, den Westmäch-
ten und Rußland abspielte, zur weltgeschichtlichen Besinnung auf-
rufe. Vgl. auch die Fußnote auf Seite 13.]
Darin liegen bedeutsame Züge der Weltgeschichte. Man braucht
sich nicht die Augen zu verschließen für die Unnatur des Bundes zwi-
schen Europas Westen und Nordwesten und dem Osten, wenn man
auf anthroposophischem Boden der Gerechtigkeit steht. Versuchen wir
nur, das weiter zu üben in dieser schweren Zeit, was wir durch die Gei-
steswissenschaft selbst und durch manches von dem auch, was uns auf-
gedrungen ist, gelernt haben.
Als wir im Streite mit Frau Besant waren, war es sogar ein indi-
scher Gelehrter, der über die Art, wie Frau Besant nach Toleranz
schrie, sagte, Mrs. Besant mache es so, wie wenn man einem Menschen,
dem die Hand abgehauen wird und der sich dagegen wehrt, zurufe:
Sei tolerant, sonst beginnst du den Streit! - Es zeugt von wenig Den-
ken, wenn man nicht einsieht, daß es eine Absurdität ist, zu ver-
langen, daß der andere sich die Hand abhauen lassen solle, ohne sich
zu wehren.
Ich habe es die letzten Wochen oft hören müssen, daß gesagt wurde:
Wenn Österreich den Krieg mit Serbien nicht begonnen hätte, so wäre
das «tolerant» gewesen. - Genau derselbe Fall! Man ruft dem zu, dem
die Hand abgehauen werden soll: Sei tolerant! - Wir haben mancher-
lei Möglichkeiten, durch das, was sich so schmerzhaft um uns herum
abspielt, Objektivität zu gewinnen; aber dazu müssen wir richtig den-
ken können. Denken lernen ist auch eine Aufgabe der Theosophie.
Es gibt jenen Zyklus über die Volksseelen. Aber wenn wir jetzt in
ernster Zeit ihn nicht in heiligstem Ernst verstehen könnten, dann
wäre alle unsere damalige Beschäftigung mit diesem Zyklus ein theo-
retisches Spiel. Erst dann sind uns diese Dinge in Fleisch und Blut über-
gegangen, wenn wir sie durchzufühlen wissen, wo es sich darum han-
delt, sich Klarheit zu verschaffen, wie es jetzt nötig ist. Im vorletzten
Vortrage des Zyklus versuchte ich darzustellen, daß sich die verschie-
denen Volksseelen so zueinander verhalten, wie ich es im letzten Bilde
der «Pforte der Einweihung» zu schildern versuchte in bezug auf das
Zusammenspiel der drei Seelenkräfte. Der Inhalt der Rede, die Worte,
die jede der drei Persönlichkeiten dort spricht, müssen genau so ge-
sprochen sein, wie sie sind, da jede der Persönlichkeiten eines der drei
Seelenglieder des Menschen darstellt.
Im vorletzten Vortrage des Volksseelenzyklus werden Sie hinge-
wiesen darauf, wie sich, wenn wir die Völker Italiens, Spaniens neh-
men, für unsere Zeit Nachklänge des dritten nachatlantischen Zeit-
alters zeigen: der Volkscharakter ist ausgeprägt als Empfindungsseele.
Bei Frankreich ist es die Verstandesseele, bei England die Bewußtseins-
seele, und in Europas Mitte ist es das Ich.
Wissen wir nicht, daß es Kämpfe in der eigenen Seele geben kann,
daß die einzelnen Glieder im Kampfe gegeneinander stehen können?
Aufmerksam darauf ist gemacht im zweiten Drama, der «Prüfung der
Seele». Wir können ein Bild davon gewinnen, was sich in unserer Zeit
abspielt, wenn wir alles das, was dort zum Ausdruck kommt, auf uns
wirken lassen. Und wir müssen versuchen, dieses Bild so in unserer
Seele zur Klarheit zu bringen, daß wir wissen, wie wir in Europas
Mitte das Ich zu suchen haben. So haben wir gleichsam mitten in den
Tagen des Friedens in stiller geistiger Arbeit in jenem Zyklus die Grund-
lagen von etwas vor unsere Seele gestellt, was heute als schweres Schick-
sal die Welt erfüllt. Im Grunde genommen wird uns vieles von dem,
was jetzt vorgeht, erklärlich werden, wenn wir alles das in Betracht
ziehen, was in dem oben genannten Zyklus ausgesprochen ist. Dann
erst werden wir die nötige Objektivität erlangen.
Es ist in allen Kriegen vorgekommen, daß der eine dem anderen
die Schuld gibt. Für uns, meine lieben Freunde, geziemt es sich nicht,
so zu denken; für uns geziemt sich ein anderes. Durch einen Vergleich
will ich es klarmachen.
Man nehme an, jemand sei alt geworden, und stelle sich daneben
vor ein Kind in Frische und voll Kraft. Ware es da gescheit, wenn der
Greis dem Kinde grollen würde und sagte: Du Kind in deiner jugend-
lichen Kraft, du bist schuld, daß ich die Gebrechen des Alters trage! -
Nicht gescheiter ist es, wenn jetzt zum Beispiel den Deutschen vor-
geworfen wird, sie seien schuld an dem Kriege. Wir müssen uns klar-
machen: Das, was geschieht, ist im Karma der Völker begründet. Auch
im Leben der Völker gibt es Jugend und Alter; und wie im mensch-
lichen Leben die frische Kraft des Kindes nicht schuld daran ist, daß
das Alter jene Frische nicht mehr hat, so ist es auch töricht, im Leben
der Völker solchen Vorwurf zu erheben.
Aber alles das, was geredet wird, darf uns nicht blind machen; wir
müssen hinblicken auf das Tatsächliche, auf das Objektive. Die tie-
feren Grundlagen der gegenwärtigen Ereignisse entziehen sich heute
noch der Besprechung - abgesehen davon, daß eine solche heute bei
manchem böses Blut machen würde -, aber in einer anderen Weise kann
ich auf das aufmerksam machen, worauf es ankommt.
Wir wissen als Anthroposophen: Im deutschen Geiste ruht Euro-
pas Ich. - Das ist eine objektive okkulte Tatsache. Ich möchte einen
Mann anrufen, der nicht Theosoph war - er lebte im deutschen Geiste - ,
um zu charakterisieren, wozu die Gesinnung des Ich es gebracht hatte.
Ich weiß, daß dies nicht die Gesinnung eines einzelnen Menschen ist.
Es ist die Herman Grimms, der noch im geistigen Sinne Goetheblut in
seinen Adern hatte. Er spricht die wunderbaren Worte: «Die Solida-
rität der sittlichen Überzeugungen aller Menschen ist heute die uns
alle verbindende Kirche. Wir suchen leidenschaftlicher als jemals nach
einem sichtbaren Ausdrucke dieser Gemeinschaft. Alle wirklich ern-
sten Bestrebungen der Massen kennen nur dies eine Ziel. Die Trennung
der Nationen existiert hier bereits nicht mehr. Wir fühlen, daß der
ethischen Weltanschauung gegenüber kein nationaler Unterschied
walte. Wir alle würden für unser Vaterland uns opfern; den Augen-
blick aber herbeizusehnen oder herbeizuführen, wo dies durch den
Krieg geschehen könne, sind wir weit entfernt. Die Versicherung, daß
Friede zu halten unser aller heiligster Wunsch sei, ist keine Lüge. <Friede
auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallem durchdringt uns.»
Nehmen Sie als Antwort darauf das, was die anthroposophische
Lehre uns bringt. Unsere geistige Bewegung will die Möglichkeit her-
beiführen, solche Sehnsucht zu befriedigen. Und dann noch andere
Worte Herman Grimms: «Die Menschen als Totalität anerkennen sich
als einem wie in den Wolken thronenden unsichtbaren Gerichtshofe
unterworfen, vor dem nicht bestehen zu dürfen, sie als ein Unglück
erachten und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre inneren Zwistig-
keiten anzupassen suchen. Mit ängstlichem Bestreben suchen sie hier
ihr Recht. Wie sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen
Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustel-
len, deren Anerkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deut-
schen selber fordern!»
Man nehme als Antwort auf dieses Bild, was die Anthroposophie
von den Reichen der Hierarchien sagt. Ergreifend ist, zu sehen, wie
der Menschengeist in seinen besten, höchsten Persönlichkeiten voll tief-
ster Sehnsucht ist nach dem, was die Geisteswissenschaft bringen will,
aber an ihr vorbeigeht, sie nicht findet, und wie dann mit ängstlichem
Bestreben die Menschen ihr Recht hier suchen.
Dann noch eine merkwürdige Tatsache. Herman Grimm sagt: «Wie
sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen Deutschland,
den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren An-
erkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deutschen selber
fordern!» Nur zu gut gedacht ist das. Die Anstrengung, diesen Krieg als
eine sittliche Forderung hinzustellen, kann man sie heute nicht be-
merken aus dem, was uns aus dem Westen entgegenkommt?
Und dann noch ein drittes Wort Herman Grimms möchte ich Ihnen
vorlesen. Wieder werden Sie finden, wie es seine Erfüllung findet in
dem, was unsere Bewegung bringt: «Die Bewohner unseres Planeten,
allesamt als Einheit gefaßt, erfüllt ein allverständliches Feingefühl,
das selbst die rohesten Völker ahnen, und das zu verletzen sie Scheu
tragen. Die Menschen von heute erkennen jedem Einzelnen in geisti-
gen Dingen das Recht individueller Selbstbestimmung zu. Selbst wilde
menschliche Geschöpfe lassen sich zu diesen Gedanken hinleiten.» Da-
mit aber spricht Herman Grimm nichts anderes aus als gerade den
ersten Grundsatz unserer Gesellschaft.
Da sehen Sie, wie unsere Anthroposophie eine Antwort ist auf den
Ruf, den der deutsche Geist ertönen ließ in den Stimmen der Besten
seines Geisteslebens. Das Herz Europas hegt eine tiefe Sehnsucht nach
Spiritualität. Eine Beleuchtung erfährt dadurch auch die Tatsache,
daß der Deutsche, wo er hinkommt, sich unter Opferung seiner bishe-
rigen Lebenssitten anpaßt den Landesgewohnheiten, nicht seine geistige
Kultur, wohl aber seine Nationalität hingebend.
Dies alles, meine lieben Freunde, ist auf der einen Seite geeignet,
uns gerecht sein zu lassen, und dabei doch nicht die Augen zu verschlie-
ßen vor dem, was wirklich beachtet werden muß.
Auch für den Okkultisten gab es Überraschungen in der letzten
Zeit; und ich darf sagen, während meines Kursus in Norrköping konnte
oder mußte ich ein Wort sprechen, das auf solcher Überraschung be-
ruht hat. Es ist wahr: Daß diese Ereignisse eintreten mußten, konnte
man seit Jahren voraussehen, auch daß sie schicksalsgemäß in diesem
Jahre kommen mußten. Aber Anfang Juli war nicht mehr zu sagen, als
daß wir uns zum Münchner Zyklus versammeln würden, und dann,
wenn wir auseinandergehen würden - so konnte man erwarten -, dann
würden wir bedeutungsvollen Ereignissen gegenüberstehen. Da kam
das Attentat von Sarajewo. Wenn ich oft betont habe, wie anders die
Dinge sind hier auf dem physischen Plane als auf dem geistigen Plane,
wie oft das Gegenbild sich zeigt, so war es doch auch zu meiner Über-
raschung, als ich vergleichen konnte die Individualität, die durch die-
ses Attentat gegangen ist, vor und nach dem Tode. Etwas Eigenartiges
ist da geschehen: Diese Persönlichkeit ist zu einer kosmischen Kraft ge-
worden. Ich erwähne dies, um darauf aufmerksam zu machen, wie die
Dinge auf dem physischen Plan Symbolum für Geistiges sind, und wie,
genau genommen, alle Ereignisse des physischen Planes erst erklärt
werden, wenn man hindurchsieht nach dem geistigen Plane. Einige von
Ihnen wissen von meinem früheren Ausspruch. Ich sagte: Das Schreck-
liche schwebte in der astralischen Welt, es konnte sich nur nicht nie-
dersenken auf den physischen Plan, weil astralische Kräfte auf dem
physischen Plan versammelt waren, Furchtkräfte, die ihm hindernd
entgegenwirkten. - Es war am 20. Juli, als ich wußte, daß die Furcht-
kräfte nun Kräfte des Mutes, der Kühnheit wurden. Eine unbeschreib-
lich großartige Tatsache: Die Kräfte der Furcht wurden zu Kräften
des Mutes. Da war es nicht mehr unerklärlich, was auf dem physischen
Plan als ein so einzigartiges Phänomen sich abspielte: jener Enthusias-
mus. Das ist eine Tatsache, die mir einzigartig war, und soviel mir be-
kannt ist, auch keinem Okkultisten vorher bekannt war.
Nun, Sie alle sind ja Zeugen gewesen, wie dieser Enthusiasmus in
einigen Tagen die Menschen ergriffen hat, die vorher wahrhaft fried-
liebende Menschen waren, wie eine Welle von Mut sich über sie ergoß.
Es kamen bald die Zeiten, wo man mit Betrübnis hörte, welche
ungeheuren Opfer dieser Krieg fordert. Und als ich in den ersten Ta-
gen des September in Berlin war, zog tiefer Schmerz in meine Seele,
als ich gewahr wurde, welche Blüten deutscher Seelen hingeopfert wer-
den mußten auf dem Feld. Ich mußte dem Schmerze nachhängen, und
der erzeugt — nicht aus eigenem Verdienst — okkulte Forschung. In
Schmerzen wird der Seele okkulte Erkenntnis geschenkt. Die bange
Frage stand vor meiner Seele: Wenn insbesondere die Blüte der Führer
der einzelnen Korpsmassen dahingerafft wird, was wird dann?
Und da konnte man sehen, wie die Gefallenen es waren, die nach
dem Tode auf dem Schlachtfelde denen halfen, die nach ihnen zu
kämpfen hatten. Das ergab die hellseherische Forschung. Wenn die
Toten den Lebenden helfen, dann ist das inmitten des Schmerzes ein
Trost. Meine lieben Freunde, hineingreifen muß das, was Geisteswis-
senschaft ist, in das Leben in den Momenten, wo jeder Trost unmöglich
erscheint, wo die rechte Seelenstimmung nicht gefunden werden kann.
Auch da vermag geistige Erkenntnis die rechte Seelenstimmung zu ge-
ben, sie kann auch da noch Trost gewähren. Ich weiß, es wird Seelen
geben aus unserer Gemeinschaft, die Mut schöpfen werden aus solcher
Erkenntnis inmitten der traurigen Ereignisse.
Aus dem Studium der Geisteswissenschaft wissen wir, daß Geistes-
wesen Lenker und Leiter des Menschheitsganges sind. In der geistigen
Welt ist es vorgeschrieben, daß bis zu einem gewissen Zeitpunkt annä-
hernd das eine oder andere geschieht. Nehmen wir an, bis zum Jahre
1950 oder 1970 sei es für die Menschheit der Erde bestimmt, ein ge-
wisses Maß von Liebefähigkeit zur Bekämpfung des Egoismus zu er-
reichen. Alles, was Geisteswissenschaft ist, will diese Liebefähigkeit
erzeugen. Sie tut es ähnlich, wie das Holz im Ofen Wärme erzeugt. Sie
kann erzeugt werden durch das Wort; und innerhalb unserer Strö-
mung wird es versucht, sie zu erzeugen durch die großen Lehren der
Anthroposophie. Aber wenn nicht genügend wäre das Entgegenkom-
men der menschlichen Seelen gegenüber dem Worte, wenn die Dinge
zu langsam vor sich gehen würden, so daß bis zu dem Zeitpunkt, der
vorgeschrieben ist, die Liebefähigkeit und Aufopferung nicht genü-
gend entfaltet wäre, dann muß ein anderer Lehrmeister eintreten.
In Dornach ist es symbolisch vorgeführt worden. Eigentlich war
die Absicht, den Bau Anfang August fertig zu haben. Daraus ist nichts
geworden; es war vom Karma nicht vorbestimmt, daß der ganze Bau
bis zu dieser Zeit fertig stehe und herunterschaue von seiner die Gegend
überragenden Anhöhe von Osten und Südosten als Wahrzeichen des
Geistes. Doch es erheben sich in die weite Landschaft hinein die Säu-
len mit den Kuppeln als Geisteswarte. In unserem Bau soll auch die
Frage der Beschaffung eines akustisch guten Raumes gelöst werden.
Ich konnte mich überzeugen, daß die rechte Akustik gefunden ist. Der
Klang, wie er von einem gewissen Punkte her geprüft wurde, ergab,
daß die Akustik die richtige für den Bau sei. Aber in diese Akustik hin-
ein konnten unsere Freunde nicht zuerst das Wort vom geistigen Leben
hören, sondern zuerst hörten sie den Widerhall des Kanonendonners
vom Süden des Elsaß, und anstatt des Lichtes aus der geistigen Welt
zogen von dem Scheinwerfer vom Fort Istein weite Lichtmassen in
den Bau hinein und durchleuchteten ihn. Eine eigentümliche Symbolik!
Eine Symbolik, die vielleicht doch angeführt werden darf. Ein anderer
Lehrmeister ist manchmal nötig!
War es nicht ein ungeheurer Lehrmeister? Stellt er sich nicht dem
Materialismus gewaltig entgegen? Was hat sich dann alles in einer
Woche vollzogen! Welche Summe von Bekämpfung des Egoismus!
Welche Summe von Aufopferungsfähigkeit, von Menschenliebe ist da
entstanden!
Als ich kürzlich von Wien zurückfuhr, spielte mir Karma eine Zei-
tung in die Hand. Darin stand eine Schilderung von einem österreichi-
schen Krieger, der in das Feld zog. Er beschreibt zuerst, wie während
der Fahrt zum Kriegsschauplatz den Soldaten von allen Seiten Liebes-
dienste erwiesen werden, und am Schluß kommt ein Passus - der Krie-
ger ist aller Wahrscheinlichkeit nach nie der Theosophie nahegetreten - ,
da sagt er: Wir, die wir in das Feld ziehen, versuchen mit all dem Mut
und mit all dem, was wir haben, für die gerechte Sache einzustehn;
aber auch die, die zu Hause bleiben, können wirken. - Dann kommen
die großen Worte, er sagt: «Wen Gott erhört, der bete - wer nicht beten
kann, der sammle alle seine Gedanken und Willenskräfte zu dem in-
brünstigen Wunsche nach dem Siege...», und er trägt so das Seine bei! -
Von der Kraft der Empfindung haben wir lange Jahre gesprochen. So
lebt jetzt in einem einfachen Soldaten, was wir in jahrelanger Arbeit
gepflegt haben. Mag das nächste Ergebnis dieses oder jenes sein, eines
wird das Ereignis zeitigen: Spiritualität in der menschlichen Seele, die
solche sonst noch lange nicht gefunden haben würde.
Groß sind diese Ereignisse. Zu vergleichen sind sie nur mit großen
Ereignissen der Vergangenheit, die sich zyklisch übereinanderlegen.
So wie der Kampf der Römer gegen die Punier, wie die Kriege der Völ-
kerwanderung wichtig und eingreifend waren für die werdende Kul-
tur der Völker, so ist nicht weniger bedeutsam der Kampf, in dessen
Mitte wir stehen. Und aus manchem Wort, das ich spreche, wird eines
in Euer Empfinden hineinleben können: daß diejenigen, die heute im
Felde, in der Schlacht ihr Blut vergießen, dieses Blut als Opfer brin-
gen für etwas, was geschehen muß. Geschehen muß es zum Heile der
Menschheit. Und wenn wir auf die großen Opfer schauen, auf die
Schmerzen, eines kann uns doch, wenn auch nicht freudig stimmen,
so doch innerlich mit großer Befriedigung erfüllen: daß heiliges Blut
fließt, geheiligt durch die Ereignisse; und die, die es vergossen haben,
werden die wichtigsten Mitglieder werden für zukünftige Zeiten. Vie-
les wird uns verständlich werden, wenn wir uns entschließen können,
in dem fließenden Blut geheiligtes Opferblut zu sehen. Wenn wir un-
sere Seelen mit dieser Wahrheit durchdringen, dann wird der Geist
Früchte in uns tragen. Sagen darf ich es: Erfüllen kann sich gerade in
den Seelen unserer lieben anthroposophischen Freunde das, was jener
einfache Soldat gesagt hat.
Die Gedanken, die in der anthroposophischen Seele als Überzeu-
gung gehegt werden, sie werden besonders stark hinaustönen; und das
ist nötig, wenn die Formel, die wir unseren Ausführungen voransetz-
ten, wirken soll. Unter den Kämpfern gibt es schon solche, die in dem
rechten Glauben dienen.
Meine lieben Freunde! Daß wir den Sinn dessen, was wir an Gedanken
gelernt haben, jetzt den Ereignissen gegenüberstellen, damit wir die
Prüfung bestehen können, daß wir gerechten Auges die Ereignisse, die
Verhältnisse ins Auge fassen, das war der Zweck meines heutigen Vor-
trages. Spiritualität wird schon kommen auch durch jenen großen
Lehrmeister, der jetzt hinzieht durch Europa. Aber der Mensch ist
zur Freiheit geboren. Vieles liegt an denen, die mit uns vereint sind in
der geistigen Bewegung. Werden die anthroposophischen Gedanken
jetzt richtig in der Zeit der Prüfung in Euren Seelen sein, dann wird
jener Raum, der jetzt erfüllt ist von durcheinanderflutenden Leiden-
schaften, erfüllt sein mit hell leuchtenden Geistgedanken, mit heiligen,
echten Gefühlen. Solche Gefühle werden dauernd weiterleben.
Ich flehe in mancher Nacht, daß es viele Anthroposophen geben
möge, die solche lichtvoll strahlende Gedankenkraft hinaussenden;
und wenn wir dazu auch das richtige Wollen finden, werden wir die
Möglichkeit haben, unseren Platz auszufüllen in echtem Liebesdienst.
Seien wir achtsam, wo wir die Liebe auch werktätig in die Welt brin-
gen dürfen. Unser Karma wird es schon dahin bringen, ob wir da oder
dort stehen, daß dies oder jenes von uns gefordert wird, zu dem wir
gerade ausersehen sind.
Nur mit Tränen in den Augen konnte ich den Brief eines jungen
Österreichers an seine Mutter lesen, der am 26. Juli die Worte mit-
anhörte, die in Dornach gesprochen wurden, wie das, was Anthropo-
sophie an Gesinnung und an Kraft geben kann, in seinem Herzen lebt,
und ihn seine Pflicht erfüllen läßt da, wo das Schicksal ihn hingestellt
hat. Und dieselben Gefühle und Gedanken traten mir aus dem Brief
eines anderen jungen Freundes entgegen, der ebenfalls jener Zusam-
menkunft in Dornach beigewohnt hatte und dann ins Feld gezogen
war. Solche Gedanken und Gefühle sind es, die heute in den Seelen
leben müssen: Da, wo die Pflicht sich uns zeigt, sie zu erfüllen suchen,
unsere Urteilskraft walten lassen und achtsam sein, wo unsere Liebe
verlangt wird. Dann wird eines sich in der Zukunft erfüllen: Wenn
einstmals Europas Völker nicht mehr sich in den Schlachten gegenüber-
stehen werden, dann werden unter den Gedanken diese, die wir jetzt
hinaussenden, die bleibenden sein, die werden die stärksten sein, sie
werden ein Ewiges darstellen. Das, was wir jetzt fühlen, wird zum
Heile sein, wenn es verbunden wird mit dem Gefühl, daß ein Sieg un-
ausbleiblich ist: der Sieg des Geistes.
Merkwürdige Worte hat ein Staatsmann in Deutschland noch in
diesem Frühling gesprochen. Er sagte über unser Verhältnis zu Ruß-
land, daß Deutschland in freundschaftlichem Einvernehmen stehe mit
Petersburg, welches entschlossen sei, auf Pressetreibereien nicht zu ach-
ten. Und über England wurde im Juli gesagt, daß die Entspannung
Fortschritte mache, daß die Verhandlungen mit England noch nicht
abgeschlossen seien, daß sie aber in diesem Sinne weitergeführt würden.
So konnte ein namhafter Staatsmann im Juli noch sprechen. Man lese
diese Worte jetzt wieder und versuche sich zu vergegenwärtigen, wie
menschliche Urteilskraft vor den dahinflutenden Ereignissen steht.
Eines aber kann erhellen aus diesen Worten: Wir haben den Krieg
nicht gewollt! - Oh, man möchte - verstehen Sie mich recht! -, um es
grotesk auszudrücken, Nichtdeutscher sein, damit diese Worte die ge-
bührende Beachtung fänden, um ihnen den Nachdruck geben zu kön-
nen, der ihnen gebührt.
Aber die menschliche Seele braucht etwas, was bleibt, was nicht
so ist, daß man heute von Dingen spricht, die morgen schon sich als
unhaltbar erweisen; sie braucht etwas, was heute Wahrheit ist und was
morgen Wahrheit ist. Solche Wahrheit wird sie nur finden, wenn sie
sich mit dem Geiste verbindet. Auf die Sieghaftigkeit des Geistes dür-
fen wir vertrauen. Wer sich mit dem Geiste verbindet, wird den rechten
Weg finden zu jener Weisheit, die eben nur aus der Verbindung mit
dem Geiste entstehen kann. Gerade in der Woche vor dem Kriegsaus-
bruch mußte ich in einer Zeitung Sätze lesen, wie den folgenden:
Trotz Liebknechts Rüge halte ich dafür, daß man im politischen Leben
die Wahrheit nicht zu sagen braucht, außer wenn es herauskommen
würde oder einem selber schaden würde. - Der Ausspruch ist geprägt
aus dem Materialismus unserer Zeit, in dem wir erstickt wären ohne
diesen Krieg, und den zu überwinden Aufgabe unserer Bewegung ist,
die - im Gegensatz zu der Unglaublichkeit eines solchen Spruches -
als ersten Satz die Worte hat: «Die Weisheit liegt nur in der Wahr-
heit.»
Da zeigt es sich, wie sehr wir des Geistes der Wahrheit bedürfen,
wenn wir die Dinge in ihrer Wirklichkeit erfassen wollen. Denn dar-
um handelt es sich, daß wir zu jener Objektivität hindurchdringen, die
nur durch den Geist der Wahrheit errungen werden kann. Dann wird
man auch heute schon erkennen können, was eine spätere Zeit erken-
nen wird: daß dieser Krieg eine Verschwörung ist gegen deutsches
Geistesleben.
Zu solcher Objektivität kann uns verhelfen der Spruch, der an den
Volksgeist sich wendet:
Du, meines Erdenraumes Geist!
Enthülle Deines Alters Licht
Der Christ-begabten Seele,
Daß strebend sie finden kann
Im Chor der Friedenssphären
Dich, tönend von Lob und Macht
Des Christ-ergebenen Menschensinns!
Viel kann für unsere Seelen und für das Finden des rechten Weges her-
vorgehen, wenn wir lebendig mit dieser Seele vereinen, was aus solchem
Spruche uns werden kann. Dann aber weiß ich, daß etwas geschehen
wird, daß ein wichtiges Glied in dem, was sich entwickeln soll, da sein
wird, etwas, was in der anthroposophischen Seele leben wird und was
Anthroposophie in die Welt bringt, daß Hoffnungen entgegengekom-
men werden wird, die ich zusammenfassend aussprechen möchte mit
den Worten:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht -
Lenken Seelen geist-bewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
Das ist es, meine lieben Freunde, worauf es ankommt: werktätige Liebe
wollen wir üben, aufmerksam wachen auf die Forderungen des Tages.
Und dann wollen wir vorurteilsfrei und klar hineinschauen in die Ver-
hältnisse, um solche Objektivität zu erlangen, wie sie heute notwen-
dig ist, und die so schwer zu erlangen ist für viele. Vielleicht können
hier auch diejenigen unserer auswärtigen Freunde klärend wirken, die
diese Worte hören.
Wenn wir zu solcher Objektivität durchdringen und zu solcher Be-
reitschaft werktätiger Liebe, dann kann aus solchem Streben eine
Kraft erstehen, die nutzbar sein kann für diejenigen Geister, die ihr
Wirken hineinsenden in die Geschicke der Völker und die auch in
diesen ernsten, schweren Zeiten helfend und führend der Menschheit
zur Seite stehen.
Z W E I T E R VORTRAG
Stuttgart, 13. Februar 1915
Immer wieder und wiederum muß betont werden, daß der wesent-
lichste Punkt unseres geisteswissenschaftlichen Strebens derjenige ist,
der uns zeigt, wie bloßes Wissen, bloße in Ideen und Vorstellungen
lebende Erkenntnisse immer mehr und mehr vergangenen Zeiten an-
gehören müssen, und wie wir eine Erkenntnis zu suchen haben, eine
Summe von Ideen und Vorstellungen, von Empfindungen und Willens-
impulsen, die uns wirkliches Leben werden, die uns im eminentesten
Sinne des Wortes lebendig werden. Es ist notwendig, daß wir zuweilen
unser Nachsinnen, unsere Meditation hinlenken gerade auf diesen Kar-
dinalpunkt unseres Strebens. Denn voll wird das Licht, das von die-
sem Punkte aus strahlen kann, nur dann unsere Seelen erleuchten kön-
nen, wenn wir immer wieder und wiederum in treulichem Nachsinnen
auf ihn zurückkommen. Es muß ja gerade für uns, die wir mit Seele
und Herz uns bekennen wollen zu einem geisteswissenschaftlichen Stre-
ben, in dieser unserer ernsten Zeit Herzensbedürfnis sein, dasjenige,
was uns durch Erkenntnisse werden kann, in das wirkliche Leben
überzuführen, in das unmittelbare Leben der Seele. Wir müssen etwas
dazu tun, daß alles dasjenige, was theoretische Einsicht nur, was bloß
wissenschaftliches Streben ist, allmählich wirklich übergeführt werde
in Erlebnisse, daß es bereichert werde aus der Geisteswelt heraus durch
das, wodurch es Erlebnis werden kann. Sonst gehen wir einer Zeit
der geistigen Ausdörrung entgegen; denn Theorien, bloß wissenschaft-
liche Überzeugungen, sind dazu geeignet, die Menschenseele und das
ganze menschliche Leben überhaupt auszudörren. Aber tief, tief ein-
gewurzelt ist in unserer Zeit der Glaube, daß man im Leben zurecht-
kommen müsse mit einer nach dem Muster von wissenschaftlicher Er-
kenntnis geordneten Überzeugung.
Die großen Ereignisse, die sich in unserer Zeit abspielen, sie sollten
insbesondere Aufforderungen sein an die zur Geisteswissenschaft ge-
neigten Seelen, einmal wirklich über die Verschiedenheit von Leben
und bloßem Wissen ins klare zu kommen, von Leben und bloßer, nach
wissenschaftlichem Muster gebildeter Überzeugung. Wir müssen da
schon einmal ein wenig versuchen, zu einer Art von Selbsterkenntnis,
von rein menschlicher Selbsterkenntnis zu kommen; wir müssen das
versuchen, müssen mit uns zu Rate gehen, wie sehr der Dämon der
theoretischen Überzeugung gegenwärtig in den menschlichen Herzen
lebt. Wir müssen das seelische Auge klar darauf hin richten, wie sich
einwurzeln will dieser Dämon der theoretischen Überzeugung. Und
das, was uns Anthroposophie sein soll, werden wir nicht zu unserem
innersten Erlebnis machen, wenn wir das nicht versuchen, wenn wir
nicht das Auge hinlenken auf Tatsachen, die auch den Anthroposo-
phen sozusagen in seinem eigenen Seelenleben überraschen können, die
darauf hinweisen, wie ferne man, wenn man sich so dem modernen
Seelenleben hingibt, dem unmittelbaren Erlebnis des Geistigen steht,
und wie nahe man dem Suchen nach einer theoretischen Überzeu-
gung steht. Ganz unbefangen muß man solchen Tatsachen ins Auge
schauen.
Ich konnte - und was ich jetzt anführe, soll nur als Beispiel ange-
führt werden -, seitdem die ernsten Ereignisse über Europa und die
Welt hereingebrochen sind, an den Verschiedensten Orten des deut-
schen Sprachgebietes über Erlebnisse sprechen, die mit unserer ernsten
Zeit im Zusammenhang stehen. Ich habe es ja auch hier in Stuttgart
tun dürfen. Da und dort wurde von mir über solche Erlebnisse ge-
sprochen. Was war eine der Folgen davon, daß solche Erlebnisse be-
sprochen worden sind? Eine der Folgen war die, daß Angehörige an-
derer Reiche gekommen sind mit der Anforderung, dasjenige, was
innerhalb unseres Sprachgebietes gesprochen worden ist, auch zu ihnen
zu bringen. Oftmals war das gefordert unter der gutgemeinten Voraus-
setzung, daß die Wahrheit für alle Menschen selbstverständlich die
gleiche sei, und daß solch ein Hintragen desjenigen, was an einem Orte
gesprochen wird, zum anderen Orte ohne weiteres zur Aufklärung der
Wahrheit in unserer schwierigen Zeit dienen könne. Es ist ja innerhalb
unserer Geistesströmung Mode geworden, alles, was gesprochen wird,
auch dasjenige, was gesprochen wird aus dem unmittelbaren Impuls
nicht nur der Zeit, sondern auch des Ortes und der Menschen heraus,
zu denen es gesprochen wird, aufzuschreiben und nun den Glauben
zu haben, daß das jedem in der gleichen Weise dienen müsse, weil man
die theoretische Voraussetzung macht, die Wahrheit könne nur auf
eine einzige Weise formuliert werden. Nun, meine lieben Freunde,
es würde sich jener Unfug, der darin besteht, daß man in genauer
Weise das gesprochene Wort nachschreibt und glaubt, daß es noch
immer den Inhalt habe, wenn es nun als nachgeschriebenes Wort da
oder dort vorgelesen werde oder wiedergesprochen werde, es würde
sich dieser Unfug ins Ungeheuerliche auswachsen, wenn man das glau-
ben könnte, was eben angedeutet worden ist.
Wenn diejenigen Dinge, welche die Menschen Europas und der
Welt gegenwärtig auszumachen haben, ausgemacht werden könnten
durch Worte, dann brauchten nicht jene ungeheuren Ströme von Blut
zu fließen, die aus den ewigen Notwendigkeiten der Erdenentwicke-
lung heute fließen müssen. Wenn ohne weiteres die Möglichkeit be-
stünde, daß die Seelen sich aus den nationalen Aspirationen heraus ver-
stehen würden, dann brauchten sie sich nicht mit Kanonen gegenein-
ander zu stellen. Wir müssen uns mit demjenigen, was als der Charak-
ter des Erlebnisses angegeben worden ist, wir müssen uns mit geistes-
wissenschaftlicher Erkenntnis gerade da bewähren, wo es darauf an-
kommt, dem großen Ernst entgegenzusehen. Für alltägliche Seelenbe-
dürfnisse spielerisch okkulte Wahrheiten zu gebrauchen, das kann nicht
die Aufgabe unseres geisteswissenschaftlichen Strebens sein. Solange
wir nicht in der Lage sind, es zu dem Verständnis zu bringen, daß in
den Weltenerscheinungen, die uns auf dem physischen Plan entgegen-
treten, wirklich spirituelle Mächte tätig sind, und daß wir Geistes-
wissenschaft brauchen, um Wert und innere Wahrheit dieser spirituel-
len Mächte abzuschätzen und zu durchschauen, solange wir das nicht
vermögen, haben wir noch nicht das richtige Verhältnis zu unserer
Geisteswissenschaft.
Das muß uns klar sein: Wenn wir auf rein anthroposophischem
Boden stehen, wenn wir die hohen Wahrheiten entwickeln für unsere
Seele, welche des Menschen höchstes Wesen berühren, dann stehen wir
auf einem Boden, der jenseits ist aller Nationalität, ja jenseits aller
Rassenunterschiede sogar. Stehen wir recht auf dem Boden desjenigen,
was wir über des Menschen Wesen aus der spirituellen Erkenntnis ge-
winnen können, dann gelten dieselben Wahrheiten über den ganzen
Erdkreis hin, ja innerhalb gewisser Horizonte für andere Planeten un-
seres Planetensystems: sobald wir auf diesem Boden stehen, sobald für
uns in Betracht kommen die höchsten, das menschliche Wesen betref-
fende Gedanken. Anders ist es, wenn Dinge in Betracht kommen, aus
denen etwas anderes spricht und sprechen muß als dieses allerhöchste
Wesen des Menschen: Wenn Völker einander gegenüberstehen, haben
wir es nicht zu tun mit demjenigen, was in des Menschen Wesen hin-
ausreicht über alle die Differenzierungen der Menschheit. Wenn Völ-
ker einander gegenüberstehen, so stehen nicht bloß Menschen, son-
dern spirituelle Welten einander gegenüber, stehen sich solche Wesen-
heiten in spirituellen Welten gegenüber, die durch die Menschen sich
betätigen, die in den Menschen leben. Und zu glauben, daß dasjenige,
was für Menschen gelten muß, auch gelten muß für jene komplizierte
Dämonen- und Geisterwelt, welche durch die Menschen wirkt, wenn
Völker miteinander kämpfen, zu glauben, daß man durch einfache
menschliche Logik etwas ausmachen könnte über dasjenige, was die
Dämonen gegeneinander treibt, das heißt doch, noch nicht den Glau-
ben an eine konkrete spirituelle Welt gefunden zu haben.
Was meine ich damit? — Nicht wahr, wenn wir jetzt hinaussehen
auf dasjenige, was draußen in der äußeren Welt geschieht, so finden
wir — ich will jetzt ganz absehen von den eigentlichen schmerzlichen
Kriegsereignissen - , daß Menschen verschiedener Nationalitäten ein-
ander gegenüberstehen. Wir finden, daß die eine Nationalität die an-
dere mit ihrem Haß manchmal in der furchtbarsten Weise überflutet.
Dann versuchen jetzt die Menschen zurechtzukommen damit, das
heißt, sich zu fragen, wer nun mehr Recht hat zu hassen, dieses Volk
oder jenes Volk, oder welches man mehr hassen soll als ein anderes.
Man denkt wohl auch nach, welches Volk die besondere Schuld habe
an diesem Krieg. Man denkt ungefähr über diese Angelegenheiten so
nach, wie man mit Recht nachdenkt bei einer Gerichtsverhandlung,
wo man die verschiedenen Umstände abwägt. Was tut man aber im
Grunde genommen, wenn man das tut, was eben charakterisiert wor-
den ist und was das jetzige Schrifttum beherrscht, was tut man dann?
Man stellt damit in Abrede alles spirituelle Leben, wenn man es auch
nicht zugeben wollte, denn man bekennt sich zu dem Dogma, daß jene
Dämonen zum Beispiel, die von Osten herübergetragen haben die Zwie-
tracht in das europäische Leben, nach dem Muster des Verstandes, sa-
gen wir, des Verstehens zu beurteilen sind, das der Mensch hat. Denn
man glaubt nicht, daß es einen anderen Verstand, eine andere Urteils-
kraft gibt als diejenige, die der Mensch hat. All dasjenige, was ge-
genüber solchen die Evolution aufwühlenden Ereignissen vom bloß
menschlichen Standpunkt aus beurteilt wird, ist eine Verleugnung des
geisteswissenschaftlichen Lebens. Nur dann bekennen wir uns zum
wirklichen geisteswissenschaftlichen Leben, wenn wir uns klar sind,
daß sich in den physischen Ereignissen geistige Ursachen ausleben, Ur-
sachen, die auch eine andere Urteilskraft notwendig machen als die
des physischen Planes. Wenn sich Menschen mit verschiedenen Ansich-
ten bekämpfen auf dem physischen Plan, dann kann man vielleicht
nach menschlichem Urteil entscheiden. Das kann man aber nicht, wenn
sich Völker bekämpfen, weil durch das Volksleben sich unsichtbare
Mächte zum Ausdruck bringen. Im Menschen bringen sich allerdings
auch unsichtbare Mächte zum Ausdruck, aber so, daß sie sich hinein-
fügen in das menschliche Urteil. Das tun sie im Völkerleben aber nicht.
Da handelt es sich eben darum, daß wir uns bewähren in der Aner-
kenntnis des konkreten spirituellen Lebens und einsehen, daß noch
ganz andere Impulse in der Menschenseele sprechen als diejenigen,
die man bewältigen kann mit dem Erdenverstand, wenn solch große
Ereignisse sich abspielen.
Wenn man heute dieses oder jenes liest, was da gesagt wird und was
reichlich nachgesprochen wird auch von denjenigen, die einen Impuls
von der Geisteswissenschaft haben empfangen wollen, dann findet
man, daß vieles davon so geschrieben oder gesprochen ist, als wenn die
Weltentwickelung erst am 20. Juli 1914 ungefähr begonnen hätte.
Selbst da, wo man die Ursachen der gegenwärtigen Verwicklungen
sucht, redet man so, als ob sie im vorigen Jahr begonnen hätten. Geistes-
wissenschaft wird neben vielem anderen auch das als praktisches Er-
gebnis zeitigen müssen, daß man etwas wird lernen wollen, daß man
nicht aus dem, was unmittelbar der Tag gibt, sondern aus den größe-
ren Zusammenhängen heraus sich ein Urteil wird bilden wollen. Das
wird das Elementarste sein; das Weitere wird erst daraus bestehen, daß
man das Urteil prüfen muß an dem, was Geisteswissenschaft zu geben
in der Lage ist. Machen wir uns einmal an einem Beispiel klar, wie diese
Geisteswissenschaft fruchtbar werden muß, wenn es sich darum han-
delt, unser Verständnis gegenüberzustellen dem Erleben, und das Er-
leben dann zu unserem eigenen zu machen.
Wir haben es ja immer wiederum betont, daß die Weltentwicke-
lung, die Erdenentwickelung, für die nachatlantische Zeit in deut-
lich voneinander verschiedenen Kulturperioden verläuft. Wir haben
diese Kulturperioden aufgezählt: die alte indische Kulturperiode, die
persische, die ägyptisch-chaldäische, die griechisch-lateinische, dann
diejenige, welche unsere eigene ist in der Gegenwart; dann haben wir
darauf aufmerksam gemacht, daß eine sechste, eine siebente Epoche
die unsrige wird ablösen müssen. Wir haben uns aber nicht damit be-
gnügt, schematisch die Aufeinanderfolge dieser Kulturperioden einfach
darzustellen, sondern wir haben versucht zu charakterisieren, welches
das Eigentümliche der einzelnen Kulturperioden ist. Und wir haben da-
durch versucht, ein Verständnis für unsere eigene Zeit zu gewinnen,
für die Ubergangsimpulse, die in unserer Zeit leben, in unserer fünften
nachatlantischen Zeitepoche. Und wir haben uns auch klargemacht,
daß keineswegs mit solchen Charakterisierungen irgend etwas Sche-
matisches gemeint sein kann, zum Beispiel daß man nicht sagen kann,
über die ganze Erde ziehe sich hin das Eigentümliche dieser Kultur-
epoche. An gewissen Orten tritt es auf, andere Erdenorte, andere Ter-
ritorien bleiben zurück. Nicht absolut brauchen sie zurückzubleiben,
aber sie bleiben mit alten Kräften zurück, um diese alten Kräfte später
mit der fortschreitenden Evolution in einer anderen Kulturepoche
entsprechend in Zusammenhang zu bringen. Man braucht nicht einmal
an Wertigkeiten zu denken, sondern nur an Charaktereigentümlich-
keiten. Wie sollte denn den Menschen nicht auffallen die tiefe Ver-
schiedenheit, wenn es sich um Geisteskultur handelt, sagen wir der
europäischen und der asiatischen Völker. Wie sollte denn nicht auf-
fallen die Differenzierung, die gebunden ist an die äußere Hautfär-
bung! Wenn wir das europäisch-amerikanische Wesen und das asia-
tische Wesen anschauen — sehen wir zunächst ganz ab von Wertig-
keiten - , dann müssen wir den Unterschied ins Auge fassen, daß die
asiatischen Volker zurückbehalten haben gewisse Kulturimpulse ver-
gangener Erdenepochen, während die europäisch-amerikanischen Völ-
ker hinweggeschritten sind über diese Kulturimpulse. Nur wenn man
in einem nicht ganz gesunden Seelenleben befangen ist, kann einem
dasjenige besonders imponieren, was als orientalische Mystik die orien-
talische Menschheit aus alten Zeiten bewahrt hat, wo die Menschen
es notwendig hatten, mit niederen Seherkräften zu leben. Solch un-
gesundes Geistesleben hat vielfach Europa allerdings ergriffen; man
hat geglaubt, den Weg in die geistigen Welten durch asiatisches Jogi-
tum und ähnliches lernen zu müssen. Diese Tendenz beweist aber
nichts anderes als ein ungesundes Seelenleben. Das gesunde Seelen-
leben muß sich aufbauen auf die Überführung der Erlebnisse der fünf-
ten nachatlantischen Kulturepoche in spirituelles Leben, in geisti-
ges Erkennen, und nicht auf das Herauftragen von irgend etwas in
der Menschheit, was ja ganz interessant ist, sozusagen naturwissen-
schaftlich zu erkennen, was aber nicht für die europäische Mensch-
heit erneuert werden darf, ohne daß sie zurückfallen würde in Zei-
ten, die ihr nicht angemessen sind. Aber andere Zeiten werden kommen
über die Erdenentwickelung, folgende Zeiten. In diesen folgenden Zei-
ten, da werden veraltete Kräfte mit vorgeschrittenen Kräften wieder-
um sich verbinden müssen. Daher müssen sie an irgendeiner Stelle
bleiben, um da zu sein, um sich verbinden zu können mit den vorge-
schrittenen Kräften. Eine sechste wird auf die fünfte Kulturepoche
folgen. Abstraktes Denken, dieses schreckliche abstrakte Denken, das
eine Tochter ist der rein theoretisch-wissenschaftlichen Überzeugung,
kann gar nicht umhin, das sechste Zeitalter höher zu schätzen als das
fünfte, weil das sechste eben spätere Entwickelung ist. Wir sollten uns
aber klar sein, daß es Zeiten des Aufgangs und Zeiten des Niedergangs
gibt; richtig klar sollten wir uns sein darüber, daß das sechste Zeitalter,
welches folgt auf das fünfte in der nachatlantischen Zeit, dem Nieder-
gang notwendig angehören muß, und daß dasjenige, was sich in der fünf-
ten nachatlantischen Zeitepoche herausentwickelt, der Keim sein muß
für die der siebenten Kulturepoche erst wiederum folgende Erdenzeit.
So lebendig muß man die Dinge betrachten, nicht abstrakt-theoretisch,
so daß man das sechste Zeitalter als ein vollkommeneres auf das fünfte
als unvollkommeneres folgen läßt.
In der atlantischen Zeit war die vierte Epoche diejenige, in der die
Keime lagen zu unserer Gegenwart. In unserer Zeit ist es die fünfte
Kulturepoche, in der die Keime liegen zu dem, was auf die nachatlan-
tische Zeit folgen muß. Und was ist das Charakteristische, das sich
insbesondere in dieser fünften Kulturepoche herausentwickeln muß?
Das ist das Charakteristische, was vorzugsweise durch das Mysterium
von Golgatha angefacht worden ist: daß die spirituellen Impulse hin-
untergeführt worden sind bis ins unmittelbar Physisch-Menschliche,
daß gewissermaßen das Fleisch von dem Geiste ergriffen werden muß.
Es ist noch nicht geschehen. Es wird erst geschehen sein, wenn die Gei-
steswissenschaft einmal einen größeren irdischen Boden hat und viel
mehr Menschen sie im unmittelbaren Leben zum Ausdruck bringen,
wenn der Geist in jeder Handbewegung, in jeder Fingerbewegung,
möchte man sagen, wenn er in den alleralltäglichsten Handlungen zum
Ausdruck kommt. Aber dieses Hinuntertragen der spirituellen Impulse
war es, um dessentwillen der Christus in einem menschlichen Leibe
Fleisch geworden ist. Und dieses Hinuntertragen, dieses Durchimpräg-
nieren des Fleisches mit dem Geiste, das ist das Charakteristische der Mis-
sion, die Mission überhaupt der weißen Menschheit. Die Menschen ha-
ben ihre weiße Hautfarbe aus dem Grunde, weil der Geist in der Haut
dann wirkt, wenn er auf den physischen Plan heruntersteigen will. Daß
dasjenige, was äußerer physischer Leib ist, Gehäuse wird für den Geist,
das ist die Aufgabe unserer fünften Kulturepoche, die vorbereitet wor-
den ist durch die anderen vier Kulturepochen. Und unsere Aufgabe
muß es sein, mit denjenigen Kulturimpulsen uns bekanntzumachen,
welche die Tendenz zeigen, den Geist einzuführen ins Fleisch, den
Geist einzuführen in die Alltäglichkeit. Wenn wir dies ganz erkennen,
dann werden wir uns auch klar sein darüber, daß da, wo der Geist noch
als Geist wirken soll, wo er in gewisser Weise zurückbleiben soll in
seiner Entwickelung - weil er in unserer Zeit die Aufgabe hat, ins
Fleisch hinunterzusteigen -, daß da, wo er zurückbleibt, wo er einen
dämonischen Charakter annimmt, das Fleisch nicht vollständig durch-
dringt, daß da weiße Hautfärbung nicht auftritt, weil atavistische
Kräfte da sind, die den Geist nicht vollständig mit dem Fleisch in Ein-
klang kommen lassen.
In der sechsten Kulturepoche der nachatlantischen Zeit wird die
Aufgabe die sein, den Geist vor allen Dingen als etwas sozusagen mehr
in der Umgebung Schwebendes zu erkennen als unmittelbar in sich, den
Geist mehr in der elementaren Welt anzuerkennen, weil diese sechste
Kulturepoche die Aufgabe hat, die Erkenntnis des Geistes in der phy-
sischen Umgebung vorzubereiten. Das kann nicht so ohne weiteres
erreicht werden, wenn nicht alte atavistische Kräfte aufgespart wer-
den, die den Geist in seinem rein elementarischen Leben anerkennen.
Aber ohne die heftigsten Kämpfe gehen diese Dinge in der Welt nicht
ab. Die weiße Menschheit ist noch auf dem Weg, immer tiefer und
tiefer den Geist in das eigene Wesen aufzunehmen. Die gelbe Mensch-
heit ist auf dem Wege, zu konservieren jene Zeitalter, in denen der
Geist ferne gehalten wird vom Leibe, in denen der Geist gesucht wird
außerhalb der menschlich-physischen Organisation, bloß dort. Das aber
muß dazu führen, daß der Übergang von der fünften Kulturepoche in
die sechste Kulturepoche sich nicht anders abspielen kann denn als ein
heftiger Kampf der weißen Menschheit mit der farbigen Menschheit
auf den mannigfaltigsten Gebieten. Und was diesen Kämpfen voran-
geht, die sich abspielen werden zwischen der weißen und der farbigen
Menschheit, das wird die Weltgeschichte beschäftigen bis zu der Aus-
tragung der großen Kämpfe zwischen der weißen und der farbigen
Menschheit. Die zukünftigen Ereignisse spiegeln sich vielfach in vor-
hergehenden Ereignissen. Wir stehen nämlich, wenn wir dasjenige, was
wir durch die verschiedensten Betrachtungen uns angeeignet haben,
im geisteswissenschaftlichen Sinn ansehen, vor etwas Kolossalem, das
wir in der Zukunft als notwendig sich abspielend erschauen können.
Da haben wir auf der einen Seite einen Teil der Menschheit mit
der Mission, den Geist in das physische Leben so hereinzuführen, daß
der Geist alles einzelne im physischen Leben durchdringe. Und auf der
anderen Seite haben wir einen Teil der Menschheit mit der Notwendig-
keit, gewissermaßen die absteigende Entwickelung nun zu überneh-
men. Das kann nicht anders geschehen, als wenn dasjenige, was wirk-
lich sich bekennt zur Durchdringung des Leiblichen mit dem Geistigen,
Kulturimpulse hervorbringt, lebendige Impulse hervorbringt, die für
die Erde bleibend sind, die von der Erde nicht wieder verschwinden
können. Denn was dann nachkommt als sechste, als siebente Kultur-
epoche, das muß geistig von den Schöpfungen der fünften leben, das
muß die Schöpfungen der fünften Kulturepoche in sich aufnehmen.
Die fünfte Kulturepoche hat die Aufgabe, das äußere idealistische Le-
ben zum spirituellen Leben zu vertiefen. Das aber, was so als spiri-
tuelles Leben vom Idealismus erobert wird, das muß später angenom-
men werden, das muß weiterleben. Denn im Osten wird man nicht
die Kräfte haben, ein eigenes Geistesleben produktiv hervorzubringen,
sondern nur dasjenige, was hervorgebracht ist, in sich aufzunehmen.
So muß sich die Geschichte abspielen, daß von der gegenwärtigen, die
eigentlichen Kulturimpulse in sich tragenden Menschheit eine spiri-
tuelle Kultur geschaffen wird, welche die eigentliche geschichtliche
Nachfolge der fünften Kultur ist, und daß diese Kultur verarbeitet
wird von dem, was nachfolgt.
Versuche man einmal, sich ganz objektiv, ohne Voreingenommen-
heit den Unterschied zwischen diesen beiden Menschheitsströmungen
klarzumachen. Man versuche sich einmal klarzumachen, wie seit dem
Eintritt desjenigen Teiles der Menschheit, den man germanische Völ-
ker nennt, gerungen worden ist um ein Durchdringen des äußeren Phy-
sischen mit dem Geistigen, und wie die Tiefen des Christentums ange-
nommen worden sind. Vom äußeren Physischen ist man ausgegangen,
von demjenigen, was gleichsam im Physischen den Keim enthielt zu
einem Physisch-Geistigen. Man blicke zurück auf das Sommeropfer,
auf das Sonnwendopfer des Gottes Baidur. Sein eigentlicher tieferer
Sinn ist ja früh verlorengegangen, aber was ist der eigentliche tiefere
Sinn? Er kann nur durchschaut werden, wenn man die Blicke hinlenkt
darauf, wie mit der heraufziehenden Frühlingssonne, im Lichte und in
der Wärme, geistige Mächte heraufsteigen, wie der Gott Lenz herauf-
zieht, und wie mit dem Anzünden des Johannisfeuers der Mensch hin-
neigt zu der Verbindung mit den in den Naturkräften herrschenden
Lenzeskräften, wie er sich Feuer anzündet zum Zeichen dafür, daß er
sein Verständnis verbindet mit dem Tode des Gottes Lenz zur Som-
mersonnenwende. Das ist die Bai dursage: Der Gott Lenz verbrennt
im Sonnwendfeuer, weil man das Fruchtende, das Keimende in der
Natur, in der äußeren physischen Natur empfand, weil man den Gott
Lenz liebte und ihm folgte in seinen Tod hinein. Darum aber, weil
man gleichsam in der äußeren physischen Welt das Vorbild hatte von
dem Christus, der nicht stirbt in der Sommerwende, aber der geboren
wird in der Winterwende - merken Sie diesen Gegensatz des Leiblichen
zu dem Geistigen - , weil man das Vorbild hatte an dem Sommerson-
nenwende-Gott für den Wintersonnenwende-Gott, weil man das um-
gekehrte Leibliche für das Geistige hatte, deshalb durchdrang man
sich mit dem Verwandten und doch Entgegengesetzten. Ist der Gott
Baidur der Gott Lenz, der in der Sommersonnenwende dahinstirbt, so
ist der Christengott derjenige, der in der Wintersonnenwende geboren
wird. Das eine und das andere durchdringen sich wie Leibliches, das
sich im äußeren Leiblich-Physischen abspielt, sich durchdringt mit Gei-
stigem, das verhüllt ist durch die leibliche Finsternis, durch die Winter-
finsternis. Der Wintergeist durchdringt den Sommerleib. Und wie
durchdringen sich diese Dinge? Im unmittelbar persönlichen Ringen
der Kulturimpulse. Was ist denn die Geschichte Mitteleuropas als ein
fortwährendes Ringen um das Aufgehen des göttlichen Funkens in der
persönlichen Seele, um das Aufgehen des Geistigen im Physischen?
Man kann von allem anderen absehen, aber die Wahrheit muß man
durchschauen, erkennen das Charakteristische dieses mitteleuropäi-
schen Wesens.
Und man nehme den anderen Teil der Menschheit. Wie ferne er im
Grunde genommen von diesem persönlichen Impuls des Sich-Empor-
ringens des Geistigen im Physischen steht! Man möchte sagen: «Na-
turhistorisch» ist es im höchsten Grade interessant, zu beobachten, wie
das Chinesentum seine Tao-, seine Konfuzius-Religion bewahrt hat,
wie sich überhaupt die asiatischen Religionen die ältesten Formen be-
wahrt haben, die abstraktesten Formen, diese Formen, bei denen sich
der theoretische Verstand so wohl fühlt, die aber Starrheit sind gegen-
über dem persönlichen Erleben, die das persönliche Erleben eben nicht
zum Ringen kommen lassen, weil dieses persönliche Erleben aufbe-
wahrt werden soll bis zu der Zeit, wo der Menschheitskultur das Er-
rungene so einverleibt wird, daß es aufgenommen werden kann. In der
fünften Kulturepoche muß ein Geistiges aus eigener Kraft errungen
werden; in der sechsten Kulturperiode werden die Menschen kommen
und das Erarbeitete, das Errungene annehmen als ihre Anschauung, als
ihr Erlebnis, aber als etwas, was sie nicht selbst errungen haben. Sie
werden aufbewahrt in den Kräften, die nicht ringen, sondern das Gei-
stige als etwas Äußerliches, Selbstverständliches entgegennehmen. Und
das Vorspiel für jenes viel weitere Ringen ist dasjenige, das sich all-
mählich entwickeln muß als das Ringen zwischen germanischer und
slawischer Welt. Man bedenke doch nur, daß die slawische Welt in ge-
wissem Sinne ein Vorposten ist für dasjenige, was sechste Kulturepoche
ist, ja daß in ihr der eigentliche Keim der sechsten Kulturepoche liegt.
Man bedenke das nur recht in wahrem, echtem, geisteswissenschaft-
lichem Sinne. Dann wird man sich klar darüber sein, daß in diesem
slawischen Element etwas Empfangendes liegen muß, etwas, was nichts
mit diesem Ringen zu tun hat, was das eigene Ringen geradezu abweist.
Man kann es mit Händen greifen. Während in Mitteleuropa die Seelen
gekämpft haben, mit ihrem Inneren gekämpft haben, um im persön-
lichen Erringen eine Gott-Erfassung zu bekommen, konserviert das
slawische Element die Religion, die Gott-Erfassung, den Kultus, der
eben einmal da ist; es konserviert, es macht den Geist nicht innerlich
lebendig, sondern laßt den Geist wie eine Wolke über sich hinziehen
und lebt in dieser Wolke, bleibt dem Geist gegenüber mit der Persön-
lichkeit fremd.
Nicht hat Mitteleuropa stehenbleiben können bei irgendeiner alten
Form des äußeren Christentums, weil es ringen mußte. Stehengeblie-
ben ist der Osten, und starr, abstrakt geworden sind selbst seine Kult-
formen, weil er sich vorbereiten soll zum äußerlichen Aufnehmen, zum
Annehmen desjenigen, was der Westen im persönlichen Erringen er-
wirbt, weil er nicht dazu bereitet ist, dieser Osten, im persönlichen Er-
ringen die Dinge zu bekommen. Und wie will man nach dem Muster
rein theoretischen Verstandes ein gegenseitiges Sich-Verstehen herbei-
führen, wenn ganz verschiedene geistige Impulse vorliegen? Wie will
man irgend etwas ausmachen über einen irgendwie gearteten Schieds-
spruch zwischen zwei voneinander verschiedenen Geistesströmungen,
die sich so verhalten, wie sich eben Differenziertes verhalten muß?
Mißverstehen Sie den Vergleich nicht: Wie will man ausmachen, ich
möchte sagen, nach Elefantenart dasjenige, was Löwenbrauch ist? Die
Ereignisse aber bilden sich heraus aus den ewigen Notwendigkeiten und
laufen so ab, wie die ewigen Notwendigkeiten fließen. Sträuben mußte
sich der Osten gegen dasjenige, was für ihn notwendig war und immer
notwendiger wird: die Verbindung mit dem Westen und seiner Kultur.
Denn im Grunde genommen konnte ihm vor seiner Reifung gar nicht
das rechte Verständnis gegeben sein. Und ein äußerer Ausdruck ist der
Konflikt zwischen dem, was man das Germanentum, und dem, was
man das Slawentum nennt, dasjenige, was sich im Grunde genommen
erst vorbereitet und als eine lange Beunruhigung über dem europäischen
Leben schweben wird: die Auseinandersetzung zwischen Germani-
schem und Slawischem. Man möchte sagen, wie sich ein Kind dagegen
sträubt, die Errungenschaften der Alten zu lernen, so sträubt sich der
Osten gegen die Errungenschaften des Westens, sträubt sich dagegen,
sträubt sich so weit, daß er ihn haßt, selbst wenn er sich gezwungen
fühlt, zuweilen seine Errungenschaften anzunehmen. Mit dem Lichte
der Wahrheit in diese Dinge hineinzuleuchten erfordert eben etwas
anderes als das, was man heute liebt; obwohl man dieses andere zu-
weilen verspürt, aber man ist abgeneigt, die Augen auf diese Dinge
hin zu richten und sie wirklich aus ihren innersten Impulsen heraus
zu verstehen. Denn wird man nur ein wenig von diesen innersten Im-
pulsen berührt, dann hört bald vieles von dem Geschwätz auf, muß
aufhören, was vollbracht wird und was bloß der Konfusion entspringt,
der Konfusion, die in der äußeren Maja befangen bleiben will.
Was wird man unter der sechsten Kulturepoche zu verstehen haben?
Man wird darunter eine Kulturepoche zu verstehen haben, innerhalb
welcher ein großer Teil der östlichen Menschen ihr Menschentum dem-
jenigen zum Opfer gebracht haben wird, was in der Volkskultur errun-
gen worden ist, indem gleichsam wie ein Weibliches das östliche sich
wird haben befruchten lassen von dem männlichen Westlichen. Das-
jenige, was leben wird in den Seelen der sechsten Kulturepoche, wird
dasselbe sein, was von den Seelen der fünften Kulturepoche errungen
worden ist. Das bedingt, daß von Osten her das Unreife und noch
nicht Gereifte sich walzt, sich wehrt gegen dasjenige, was ja doch ge-
schehen muß. Genau ebenso, wie das Griechisch-Römische sich einmal
zu wehren hatte gegen das Germanische, so muß sich das Slawische
gegen das Germanische wehren; aber genau ebenso wie beim Über-
gang vom Griechisch-Römischen zum Germanischen in der aufstei-
genden Entwickelung, so bei dem Übergang vom Germanischen ins
Slawische in der absteigenden. Indem die eigentliche Mission der fünf-
ten Kulturepoche von dem germanischen Element übernommen wor-
den ist, war dieses germanische Element dasjenige, welches für diese
fünfte Kulturepoche das eigentliche Verständnis des Christentums im
inneren Erringen in die Erdenevolution einzufügen hatte und noch
haben wird. Und es wäre das größte Unglück geschehen, wenn auf die
Dauer das germanische Element besiegt worden wäre von dem römi-
schen, denn dann hätte nicht geschehen können, was durch die fünfte
Kulturepoche geschehen ist: Dieses germanische Element hatte eben
das persönliche Erringen darzuleben. Und es wäre das größte Unglück,
wenn jemals das slawische Element das germanische besiegen würde.
Merken Sie den Unterschied. Der trostloseste abstrakteste Schematis-
mus wäre es, wenn man das als ein Unglück bezeichnen würde beim
Übergang von der fünften zur sechsten Kulturepoche, was man als ein
Unglück bezeichnen müßte beim Übergang von der vierten zur fünf-
ten Kulturepoche. Der Sieg der Römer würde bedeutet haben: das Un-
möglichmachen der Mission der fünften Kulturepoche; der Sieg des
slawischen Elementes würde ebenso diese Unmöglichkeit bedeuten für
die sechste Kulturepoche. Denn nur im passiven Annehmen desjenigen,
was die fünfte Kulturepoche hervorbringt, kann der Sinn der sechsten
bestehen.
Man muß fühlen, was ganz unabhängig von Ambitionen, von na-
tionalen Aspirationen aus diesen Erkenntnissen heraus folgt, wenn diese
Erkenntnisse Leben werden. Man muß aber auch sich klar sein dar-
über, wie schwer das Verständnis wird für die Menschen, wenn die
Wahrheit ihren Leidenschaften widerspricht, wenn eben die Wahrheit
ihren Aspirationen widerspricht. Wenn man durch menschlichen Ver-
stand heute etwa von Mitteleuropa aus einen Westeuropäer oder einen
Engländer überzeugen will, so tut man etwas, dessen Erfolglosigkeit
man einsehen sollte, wirklich einsehen sollte, sofern es sich um natio-
nale Gegensätze handelt. Auf rein geisteswissenschaftlichem Boden
verstehen wir uns als Menschen. Aber wenn man diesen Boden verläßt
und auf die Völkerkämpfe eingeht, sollte man sich klar sein, welche
Schwierigkeiten dem gegenseitigen Verständnis gegenüberstehen. Es
wird nur einen Weg geben, damit man zum Beispiel im französischen
Westen Europas Verständnis gewinnen wird für das, was man eigent-
lich tut. Es ist der Weg, der einmal aus der Erkenntnis entspringen
wird, welche Unnatur es eigentlich ist, daß man jetzt im französischen
Westen am Gängelband des europäischen Ostens sich vorwärtstreiben
läßt. Erst die Erkenntnis dessen, was man selbst getan hat, wird einiges
Verständnis über die Sache bringen, aber nicht das Wort, das von an-
deren kommt, das von denen kommt, die auf einem anderen nationalen
Boden stehen. Gefühlt, geahnt werden ja solche Dinge zuweilen, aber
wieder vergessen. Denn die charakteristischsten Dinge, die sich abspie-
len, die werden in der Regel vergessen. Wenn es doch gelungen wäre,
daß man in den letzten vierzig Jahren immer wieder und wiederum
jenen bedeutungsvollen Briefwechsel gedruckt hätte, der sich einmal
abgespielt hat zwischen Ernest Renan, dem Franzosen, und David
Friedrich Strauß, dem württembergischen Deutschen! Es wäre nütz-
lich gewesen, wenn man die maßgebenden Briefe, die gewechselt wor-
den sind, nun, sagen wir, alle vier Wochen einmal den Menschen wie-
derum ins Gedächtnis gerufen hätte: man würde dann einiges geahnt
haben von dem, was da kommen mußte. Man braucht ja nur auf das
eine in einem Brief Renans hinzuweisen, wo die Sehnsucht ausgespro-
chen wird, mit Mitteleuropa zusammenzuwirken für die westeuropäi-
sche Kultur: das war ein Impuls, der aus den Ewigkeitskräften her-
ausfloß. Aber dann sagt Renan sogleich: Das widerspricht aber mei-
nem Patriotismus. Denn wenn den Franzosen Elsaß-Lothringen abge-
nommen wird, so kann ich als Franzose nur dafür sein, daß die west-
liche Kultur gegen den Osten geschützt werde. Alles Spätere liegt
schon in einem solchen Ausspruch im Keim; das ist der Keim dessen,
was später geschehen wird. Es zeigt eben, daß auch ein aufgeklärter,
erleuchteter Geist im Grunde genommen offen gestand: Ja, einsehen
kann ich, wo der Weg liegt, der durch die ewigen Notwendigkeiten
vorgezeichnet ist, aber mitmachen will ich ihn nicht, weil ich mehr
Franzose als Mensch sein will. - Ich sage, man hat gefühlt, geahnt, wie
die Dinge liegen im Sinne der ewigen Notwendigkeit; aber man muß
durch Geisteswissenschaft allmählich lernen, den Ahnungen, den. Ge-
fühlen mit seinem Urteil nachzufolgen. Man muß lernen, wirklich mit
dem Urteil dahin zu kommen, wo die wirklichen Tatsachen sind. Und
die wirklichen Tatsachen überschaut man nicht, ohne die geistige Welt
zu durchschauen. Man kann es nicht, wenn man nicht zu dem seine
Zuflucht nimmt, was aus der geistigen Welt den Tatsachen ihre Evo-
lutionsimpulse gibt.
Wir sehen, wie für uns das fruchtbar werden kann, was aus der
Geisteswissenschaft heraus kommt, wie wir das Leben beleuchten kön-
nen in seinen ernstesten Ereignissen, wenn wir das mit unserem Gemüt
vereinigen, was aus der wirklichen geisteswissenschaftlichen Erkennt-
nis zum Beispiel über die nachatlantischen Kulturepochen folgt. Da
gewinnen wir einen objektiven Maßstab, da gewinnen wir die Mög-
lichkeit, über persönliche Aspirationen, auch auf dem heiklen Boden
des nationalen Erlebens, hinauszukommen. Und das ist das Eigentüm-
liche des mitteleuropäischen Erlebens, daß dieses mitteleuropäische
Erleben dem Menschen wirklich die Möglichkeit gibt, hinauszukom-
men über das, was bloß national ist. Man versuche nur einmal sich klar-
zumachen, wie in den aufeinanderfolgenden Kulturepochen gerade Mit-
teleuropa - in jenem Ringen der menschlichen Seele in Mitteleuropa -
im Persönlichen das Persönliche zugleich überwindet, da, wo es nicht
auf den Boden von Leidenschaften und unmittelbar triebartigen Im-
pulsen sich stellt.
Was Schönheit ist, haben gewiß auch andere Völker empfunden: so
innig nachgedacht über die Schönheit und die Stellung der Schönheit
im menschlichen Erleben, wie Schiller in seinen «Ästhetischen Briefen»
darüber nachdachte, hat man nur in Mitteleuropa. Kämpfe ausgefoch-
ten haben gewiß auch andere Völker und werden es tun: so eingegrif-
fen in einen Kampf, daß er die tiefsten philosophischen Impulse auf-
gerufen hat, um den Kampf mit diesen Impulsen zu durchseelen, wie
das Fichte in seinen «Reden an die deutsche Nation» getan hat, das hat
man nur in Mitteleuropa getan. Religiöse Kämpfe hat man auch an-
derswo ausgefochten: so verbunden mit allen Zweigen menschlichen
Erlebens, wie das der Fall war bei den religiösen Kämpfen in Mittel-
europa, waren sie nirgends in der Welt.
Und nehmen Sie unsere anthroposophische Bewegung selbst, neh-
men Sie sie so, wie wir sie unter uns entwickelt haben, wie wir in ihr -
wenigstens eine Anzahl von uns - gerungen, gekämpft und auch ge-
litten haben in den letzten Jahren. Wir waren eine Zeitlang verbun-
den mit der theosophischen Bewegung englischer Färbung. Was war
denn der tiefe Impuls, der diese Verbindung mit jener theosophischen
Bewegung nicht weiter zuließ? Werden wir uns über das klar, meine
lieben Freunde, was war der tiefe Impuls? Schauen Sie sich die Bewe-
gung doch an. Was konnte dort zu jener Absurdität von dem Krishna-
murti und dergleichen Torheiten führen? Das hat dazu geführt, daß
dort die Überzeugung von dem spirituellen Leben wie ein äußeres
Element angekoppelt ist an die übrige Kultur. Das sind zwei Dinge:
da ist die äußere Lebensauffassung und die philosophische Lebensauf-
fassung Englands, und dann angekoppelt daran, ohne daß die beiden
viel miteinander zu tun haben, eine spirituelle Überzeugung. Man hat
gar nicht einmal das Bedürfnis, die beiden miteinander zu durchdrin-
gen. Hier verspüren wir, daß wir zu einer spirituellen Überzeugung
nur kommen können, wenn sie uns sozusagen wie der Kopf aus dem
Leibe herauswächst, herauswächst aus alledem, was getrieben wurde
durch Johannes Tauler, Meister Eckhart, Angelus Silesius in der Mystik
der mittelalterlichen Zeit, was durch deutsche Philosophie, durch deut-
sche Dichtung hindurchgegangen ist an spirituellem Vorbereiten, wenn
daraus notwendig herauswächst wie ein neues organisches Glied das-
jenige, was wir wollen und wollen müssen. Wir können nicht das spi-
rituelle Leben ankoppeln an das übrige, wir brauchen Lebensorganis-
mus, nicht Lebensmechanismus. Man kann, ohne in Hochmut zu ver-
fallen, solche Dinge sich klarmachen, denn man braucht Klarheit dar-
über, wie das Spirituelle drinnenstehen muß im Leben, und wie man
durch das Spirituelle das übrige Leben erfassen, ergreifen kann. Wir
müssen als Bekenner der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung
Seelen werden können, welche so wollen, wie es im Sinne der eben
gegebenen Charakteristik im mitteleuropäischen Geistesleben sein muß.
Gewiß, auch da handelt es sich um ein Ringen; wirklich, darum han-
delt es sich, daß man sagen möchte: Das Wahre muß erst dadurch er-
rungen werden, daß die Irrtümer an beide Wegesränder gedrängt wer-
den. - Wie manchmal ist es schwer zu erkennen, daß man die Irrtümer
an beide Wegesränder drängen muß! Man konnte da im Erleben der
letzten Jahrzehnte tragische Erfahrungen machen.
Ich möchte Ihnen anschaulich etwas hinstellen. Es hat ja insbeson-
dere jetzt eine gewisse Bedeutung, so etwas hinzustellen, wie die natur-
gemäße Verbindung der beiden mitteleuropäischen Länder zu unserer
Zeit heraufgekommen ist. - In Österreich lebte in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts einer der deutschesten Poeten, Robert Hamerling.
Deutsch war er auch dadurch, daß er wirklich die ganze Welt in der
eigenen Seele wieder zu gebären suchte. Bis auf Kain leitet er zurück
die irrende Menschenseele in seinem «Ahasver in Rom», und in der
Gegenüberstellung des Ahasver mit Nero versuchte er tiefe Rätsel der
Menschenseele zu lösen. Das griechische Kulturleben versuchte er aus
der deutschen Seele wiederzugebären in seiner «Aspasia». Jene Vertie-
fung, welche zu einer gewissen Zeit gesucht worden ist im religiösen
Leben, suchte er in seinem Wiedertäufer-Epos «Der König von Sion»
für sich als Lebensrätsel zu lösen. Dasjenige, was an fortbewegenden
Impulsen in der Französischen Revolution war, versuchte er sich klar-
zumachen in seinem Drama «Danton und Robespierre». Und endlich,
die in die Zukunft hineingehenden, das Geistige überdämmenden Im-
pulse versuchte er klarzulegen in seinem «Homunculus». Aber ich
könnte vieles anführen, um zu zeigen, wie Robert Hamerling so rich-
tig ein mitteleuropäischer, ein deutscher Geist war. Dieser Robert Ha-
merling hat einen großen Teil seines Lebens im Bette zugebracht; die
drei letzten Jahrzehnte war er fast immer krank. Die größten Werke
schrieb er unter Schmerzen im Bett. Aber niemand merkt es diesen
Werken an, daß ein Schwerkranker sie geschrieben hat. Alles ist ge-
sund; man kann sonst darüber urteilen, wie man will, aber alles ist
gesund. Gewiß, die Werke haben eine größere Anzahl von Auflagen
erlebt; aber in den achtziger Jahren - ich könnte sagen, da trat mir
geradezu wie symbolisch anschaulich vor Augen, was ein solcher Geist
für einen Teil der Menschheit Mitteleuropas hätte werden können,
wenn seine Impulse in die Seelen eingeflossen wären. Als man einmal
gerade über solche Dinge, wie sie durch Robert Hamerling eintraten
in die Geistesentwickelung, in einer Gesellschaft sprach, da kam ein
Mensch herein, der gewohnt war, gerne hauptsächlich sich selbst zu
hören und nicht viel zu achten auf das, was die anderen sagen - es gibt
ja solche Menschen, die sich gerne selbst hören. Wie mit einem Bom-
benschlag erklärte er: das Größte, was in die Menschheit eintrete, das
sei «Raskolnikow» von Dostojewskijl Gewiß, man braucht nicht die
eigenartige Größe des Raskolnikow von Dostojewskij zu verkennen,
aber das Hängen am Materiellen, an der Seele, die im Materiellen steckt
und das Geistige außen läßt, das kontrastiert gewaltig gegen die Durch-
dringung von Geistigem und Materiellem, die Hamerling suchte. Es
mag gewiß interessanter und sensationeller sein, die Seele anzuschauen,
die nicht aus dem Materiellen heraus will und die Dostojewskij so
grandios schildert, aber für den mitteleuropäischen Menschen bedeutet
das Erkennen der Durchdringung des Geistigen und des Leiblichen ein
Erkennen seiner ganzen Wesenheit und seiner ganzen Aufgabe. Auch
da muß gerungen werden.
Zu dem äußeren Kampf wird der innere kommen, jener innere
Kampf gegen die widerstrebenden Mächte, die sich aufbäumen, das
Spirituelle anzuerkennen. Erleben wir doch jetzt schon die sonder-
barsten Tatsachen: Von einer Seite her sind wir ermahnt worden,
doch nicht gar zu sehr darauf zu achten, wie sich jetzt die geistigen
Potenzen in Europa gegenüberstünden; denn wenn das rein Deutsche
siegte - von deutscher Seite sind wir ermahnt worden! - , so würde man
dann ja auch wiederum ein Aufleben befürchten müssen solcher Ideen,
wie sie ein Hegel, Fichte, Schelling, Goethe hervorgebracht haben: ein
metaphysisches Träumen würde man befürchten müssen. - Es ist eine
eigentümliche Furcht, von der da gesprochen wird; aber diese Furcht
könnte immer größer werden, und diejenigen, die diese Furcht haben,
die werden das Spirituelle allerdings nicht annehmen können. In Wahr-
heit aber muß eingesehen werden, daß der Idealismus Mitteleuropas,
so wie das Kind zum Manne, sich entwickeln muß zum Spiritualismus;
denn dieser Idealismus Mitteleuropas ist das Kind des Spiritualismus,
das Kind, das zum Spiritualismus werden soll. Als Fichte sprach, sprach
er noch bloß vom Idealismus, aber von einem solchen Idealismus, der
zum Spiritualismus hinstrebt. Dieser Impuls des Spiritualismus darf
nicht aus der Erdenevolution verschwinden.
Mit diesen einfachen Worten kann man vieles vom Sinne der Zeit
zum Ausdruck bringen. Geahnt, gefühlt haben ja einzelne Menschen
solche Dinge. Aber diese Ahnungen gehen vorüber, ohne in ihrer Tiefe
genommen zu werden, ohne daß das Schwergewicht darin gesehen
wird. Man versäumt, Nebensächliches an Hauptsächliches anzuknüp-
fen. Und darum handelt es sich, daß man die großen Linien nicht aus
den Augen verliert, daß man wirklich sieht, was in den Strömungen,
die über die Erdenentwickelung hingehen, das Wesentliche ist. Und
zum Wesentlichsten kommen wir, wenn wir uns belehren lassen durch
dasjenige, was diese Erdenentwickelung uns im spirituellen Lichte
zeigt. In dem besonderen Fall, wenn wir wirklich ernst nehmen die
Lehre von den aufeinanderfolgenden nachatlantischen Kulturepochen -
immer wieder und wiederum muß es gesagt werden —, sollten die Men-
schen über jenen engen Standpunkt hinauskommen, welcher die Haupt-
sache nicht sehen kann.
Lassen Sie mich ein Beispiel anführen. Unter uns ist es notwendig,
auf solche Dinge aufmerksam zu machen. Nehmen wir an, es würde
jemand heute das Folgende sagen, und versuchen wir dann, uns Ge-
danken darüber zu machen, daß jemand heute das sagen würde: Was
mich betrifft, so bin ich keinen Augenblick im Zweifel, daß ein Kon-
flikt zwischen der germanischen und slawischen Welt bevorsteht, daß
derselbe sich entweder durch den Orient, speziell die Türkei, oder
durch den Nationalitätenstreit in Österreich, vielleicht durch beide,
entzünden, und daß Rußland in demselben die Führerschaft auf der
einen Seite übernehmen wird. Diese Macht bereitet sich schon jetzt auf
die Eventualität vor; die nationalrussische Presse speit Feuer und
Flamme gegen Deutschland. Die deutsche Presse läßt schon jetzt ihren
Warnungsruf erschallen. Seitdem nach dem Krimkriege Rußland sich
sammelte, ist eine lange Zeit verflossen, und wie es scheint, wird es
jetzt in Petersburg zweckmäßig gefunden, die orientalische Frage wie-
der einmal aufzunehmen.
Wenn das Mittelmeer einst, nach dem mehr pompösen als wahren
Ausdruck, «ein französischer See» werden sollte, so hat Rußland die
noch viel positivere Absicht, aus dem Schwarzen Meer einen «russi-
schen See» und aus dem Marmarameer einen «russischen Teich» zu ma-
chen. Daß Konstantinopel eine russische Stadt, Griechenland ein di-
rekter Vasallenstaat Rußlands werden müsse, ist ein feststehender Ziel-
punkt der russischen Politik, die ihren Unterstützungshebel in der ge-
meinsamen Religion und in dem Panslawismus findet. Die Donau
würde dann am Eisernen Tor etwa von dem russischen Schlagbaum
geschlossen werden. -
Nehmen wir an, einer würde so sprechen. Man könnte dann sagen:
Nun ja, dann ist er eben jetzt belehrt worden durch das, was geschehen
ist - , und es könnten doch diejenigen recht haben, die emphatisch pre-
digen, der Krieg sei nur von Mitteleuropa gewollt worden und habe
sich nicht vom Osten aus mit Notwendigkeit vorbereitet. - Aber das
ist geschrieben 1870! Und überhaupt ist nicht ein Jahr vergangen, wo
nicht solches hätte geschrieben werden können. Wie töricht ist es zu
glauben, daß man nicht bei den werdenden Kräften, die durch lange
Zeiten gespielt haben, die Ursache zu suchen habe zu dem, was heute
sich abspielt! Diese Worte sind 1870 geschrieben, während des fran-
zösischen Krieges. Zu glauben, daß die Dinge nicht hätten kommen
müssen, und zu glauben, daß nicht alle Impulse gegeben waren vom
Osten her, das ist, im gelindesten gesagt, unhistorisch, ein Verkennen
all desjenigen, was wirklich wirksame Kräfte sind. Das darf eben nicht
sein und muß durch Geisteswissenschaft verhindert werden, daß immer
wieder und wiederum die Menschen, auch die Journalisten, so urteilen,
als ob vor fünf oder sechs Monaten erst die Anfänge derjenigen Ereig-
nisse sich gebildet hätten, die sich jetzt abspielen! Wenn die Menschen
durch Geisteswissenschaft dahin geschult werden, zu wissen, daß das
Große sich im Kleinen vorbereitet, und daß nur aus dem Großen her-
aus das Kleine beurteilt werden kann, dann wird für das gewöhnliche
Leben auch etwas aus der Geisteswissenschaft errungen werden kön-
nen, dann wird in diesem gewöhnlichen Leben vorbereitet werden das-
jenige, was uns die Geisteswissenschaft zum Erleben macht.
Ich habe sprechen wollen, ja, ich könnte sagen, ich habe zu Ihnen
sprechen müssen in diesem heutigen einleitenden Vortrag wiederum von
einem gewissen Gesichtspunkte, der herausgefordert ist durch die Erleb-
nisse der Zeit, ich habe von dem sprechen müssen, was uns Geisteswis-
senschaft für die Beurteilung der Welt und unsere Stellung zur Welt
werden soll. Ich habe davon sprechen müssen. Im Grunde genommen
müssen wir uns immer wieder und wiederum diese Mahnung zuteil wer-
den lassen: ernst, tiefernst dasjenige zu nehmen, was Geisteswissenschaft
uns geben will, und nicht sozusagen zwei Leben leben zu wollen: das-
jenige Leben, wo wir einmal uns die Dinge der Welt im geisteswissen-
schaftlichen Sinne erklären, und dasjenige Leben, wo wir wiederum in
der Alltäglichkeit aufgehen und es so machen wie andere Leute auch.
Aber weniger durch Worte als durch die Art, wie ich die Dinge ausein-
andergesetzt habe hier in diesem engeren Kreise, möchte ich in Ihnen das
Gefühl und die Empfindung hervorrufen, daß diese Worte wirklich
nicht sein wollen etwas anderes als ewige Wahrheiten in dem Sinne, daß
ewige Wahrheiten auch die individuellsten sind. Zu Ihnen, meine lie-
ben Freunde, mit Ihren Gefühlen hier in Süddeutschland, sind diese
Worte gesprochen, mit jener Gefühlsnuance, die diesen Worten hier
zukommen muß. Und wenn es genügte, daß diese Worte nun einfach
nachgeschrieben werden und überall vorgelesen werden vor Leuten mit
anderen Lebenszusammenhängen, dann könnte es ja auch genügen,
wenn ich bloß meine Worte aufschriebe und nicht herumreiste. Daß
die Worte aus Gefühls- und Empfindungszusammenhängen heraus ge-
sprochen werden müssen, weil überall da, wo sich Menschen zusam-
menfinden, eine gemeinsame menschliche Aura ist, aus der heraus ge-
sprochen werden muß, das müssen wir endlich im spirituellen Leben
einsehen. Darauf kommt es an, daß wir die Dinge ins Leben überfüh-
ren, nicht daß man die Phrase mache, man müsse die Dinge ins Leben
überführen, sondern daß man sie wirklich ins Leben überführt. Und
dazu gehört, daß man sie wirklich individuell nimmt. Die Dinge ge-
schehen ja individuell, weil sie individuell geschehen müssen. Und es
ist ein abstrakter Glaube, wenn man annimmt, daß zum Beispiel das-
jenige, was ich übermorgen im öffentlichen Vortrage sagen werde in
jenem Hause, das vis-a-vis liegt dem Hause, an dem sich die Gedenkta-
fel für Hegel befindet, daß das, was im lebendigen unmittelbar Indivi-
duellen drinnen steht, daß das abstrakt für alle Empfindungsnuancen,
gleichsam zur Bekehrung der ganzen Welt gesprochen sein soll. Man
muß auch einsehen, daß das, was der eine begreifen kann, der andere
nicht begreifen kann. Und müssen schon die anthroposophischen Vor-
träge einen gewissen individuellen Charakter da und dort tragen, so
ist das dann in einem noch erhöhteren Maße der Fall, wenn man so
ernsten Dingen gegenübersteht, wie wir es jetzt tun. Nur dann aber,
wenn man es mit der Wahrheit ernst nimmt, und wenn man nicht
glaubt, daß dasjenige, was lebt, mit Worten erfaßt werden kann, die
leblos und regungslos sind und deshalb überall hingetragen werden
können, nur dann wird man gerade das allgemein Gültige verstehen,
das im Allerindividuellsten ist. Ich möchte, daß Sie auch einmal über
diese Seite des Lebens nachdenken. Es wird ein Weg dazu sein, daß
dasjenige, was ich in meiner Art aus der geistigen Welt zu holen habe,
in Ihren eigenen Seelen sich auf Ihre Art belebe, daß es nicht bloß eine
Wiederholung desjenigen ist, was in mir auf meine Art auftreten muß.
Denn wie sich das Sonnenlicht in jedem Steinchen anders spiegelt und
doch immer dasselbe Sonnenlicht ist, weil es im Leben drinnensteht,
so muß Geisteswissenschaft etwas werden, das in jedem einzelnen an-
ders lebt und doch immer und immer dasselbe ist. In dem Engländer,
Franzosen, Russen, Deutschen kann nicht auf eine Art, wenn es sich
um die nationalen Dinge handelt, Geisteswissenschaft leben, und durch
dasjenige, wodurch sich die Empfindung des einen am fruchtbarsten
belebt, kann der andere nicht bekehrt werden. Solche Bekehrungssucht
entsteht aus dem theoretischen Hang unserer Zeit. Was die äußere rein
materielle Wissenschaft tun kann, daß sie alles über einen Leisten
schlägt, das kann beim Spirituellen nicht der Fall sein, weil es ein Le-
bendiges ist, und weil ich zu Ihnen so sprechen muß, wie es von mir
nicht ein abstrakter wissenschaftlicher Geist fordert, sondern wie es
sich in mir belebt, indem ich gerade vor Ihnen stehe. Denn nicht aus
meinem Herzen, aus Ihrem Herzen heraus tue ich es, so gut ich es
kann. Und dienen möchte ich dem geisteswissenschaftlichen Impuls,
der denjenigen, welcher in die geistige Welt etwas hinaufschauen kann,
anweist, sich auszuschalten und auszusprechen, was in den Tiefen der
Seelen derjenigen liegt, die ihm zuhören. In gewissem Sinne darf ge-
sagt werden: Was ausgesprochen wird in dieser oder jener Betrachtung,
es entspringt aus den Tiefen der Seelen der Zuhörer. Denken Sie auch
über dieses nach! Wir müssen die Geisteswissenschaft nehmen als etwas,
was lebt, und nicht als ein Abstraktes gewußt wird. Das abstrakt Ge-
wußte spricht zu unserem Hochmut, spricht zu unserem Eigensinn, der
sich so gern in Überredungskunst auslebt. Was spirituell ist, will ein-
fach mitgeteilt sein. Und es wollte mitgeteilt sein, was ich mitzuteilen
habe, und wenn hier kein einziger säße, der mir auch nur ein Sterbens-
wörtchen glaubte. Wenn wir hingehen zu dem anderen mit der Mei-
nung, ihn durchaus überreden zu wollen, mit der Meinung, daß er un-
sere Meinung annehmen soll, so erleben wir schon nicht richtig spiri-
tuell. Und dieses Erleben, dieses Erfassen im unmittelbaren Erleben
der geistigen Welt, das wird die Aura hervorbringen, die die Mensch-
heit in der Zukunft haben muß.
Immer wieder und wieder muß es gesagt werden: Was wir jetzt
unter Strömen von Blut erleben, es wird für die Menschheit nur das
bedeuten, was es bedeuten soll, wenn sich wirklich etwas ganz Neues
auch in der Kultur, in der Menschheit zeigt. Dieses Neue aber wird
aufsprießen, wenn Menschen da sind, aus deren Seelen spirituelle Ge-
danken aufsteigen; diese Gedanken sind Mächte. Und in die Atmo-
sphäre, die erzeugt wird, wenn die Dämmerung des Krieges vergangen
und die Friedenssonne wieder leuchten wird, müssen die Gedanken
einfließen, die in den geistigen Horizont hinein sich ergießen. Dann
werden diejenigen, deren Seelen hinunterschauen, diejenigen, die früh-
zeitig ihre Leiber verlassen mußten auf den Schlachtfeldern, die wer-
den wissen, wofür sie eigentlich gefallen sind auf den Schlachtfeldern.
Und der Anthroposoph muß sich sagen, er durchlebt diese Zeit nur im
richtigen Sinne, wenn er diesen Charakter des geisteswissenschaftlichen
Strebens eben lebendig aufnimmt. Wenn gewisse Seelen im Bewußtsein
des Geistes ihren Sinn ins Geisterreich schicken, dann wird wirklich
aufsteigen aus unserem Blutes-Horizont ein Lichtes-Horizont für die
zukünftige Entwickelung der Menschheit.
Davon wollen wir dann, ein spezielles Thema besprechend, morgen
weiter fortfahren. Für heute aber wollen wir die Gedanken vor unsere
Seele rücken, die Gedanken, die uns zusammenbringen mit den ernsten
Ereignissen der Zeit:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht -
Lenken Seelen geist-bewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
DRITTER VORTRAG
Stuttgart, 14. Februar 1915
Ich kann mir leicht vorstellen, daß jemand aus den Betrachtungen,
die gestern hier angestellt worden sind, die Schlußfolgerung zieht, daß
diejenigen Persönlichkeiten, welche den Menschengruppen, den Völ-
kern angehören, die erst in der sechsten Kulturperiode ihre besondere
Mission empfangen sollen, weil sie - wie der gestrige Ausdruck lau-
tete — der Zeit angehören, in der die Entwickelung bereits in absteigen-
der Linie erfolge, geringer bewertet seien als diejenigen, die Angehö-
rige sind von Menschengruppen der aufsteigenden Entwickelung. Ich
sage, ich kann mir leicht vorstellen, daß jemand diese Schlußfolge-
rung zieht. Mit anderen Worten: Ich kann mir leicht vorstellen, daß
gerade aus all dem, was gestern gesagt worden ist im Anschluß an
andere Bemerkungen, jemand erst recht ein Werturteil fällt unter dem
Eindruck von allerlei Emotionen und Gefühlen. Und so kann es sich
erfüllen, worauf ich ja aufmerksam machte, daß dasjenige, was insbe-
sondere in bezug auf diese Dinge an einem Orte gesprochen wird, an
anderen Orten mißverstanden werden muß. Nicht etwa deshalb, weil
es gefärbt ist nach den Bedürfnissen eines Ortes oder bestimmter Men-
schen, sondern weil es nicht aufgefaßt wird mit der nötigen Objek-
tivität, sondern mit Leidenschaft und allerlei nationalen Aspirationen.
Es könnte dann jemand sagen: Also hast du ja doch nur Worte ge-
braucht, um gewissermaßen der mitteleuropäischen Kultur zu schmei-
cheln, und wir fühlen uns, die wir der osteuropäischen Kultur ange-
hören, tief beleidigt von dem, was da gesagt worden ist. - Ja, wenn ein
solches Urteil gefällt wird, so beweist es nur, daß dasjenige dann ein-
tritt, was ich gestern gerade versuchte so darzustellen, daß es eben vom
geisteswissenschaftlichen Empfinden abgelöst werden muß, so abge-
löst werden muß, daß sich rein theoretisches, rein abstraktes Denken
umwandelt in unmittelbares Erleben, daß uns dasjenige, was sonst
bloß unserem Wissen angehört hat, empfindungsgemäß und erlebens-
gemäß nahetritt.
Wer so urteilen würde, wie eben angedeutet, der würde nur theo-
retisch abstrakt urteilen. Denn wie würde das konkrete, das ins Erleben
übertretende Urteil in einem solchen Falle lauten? So würde es lauten,
daß wir eben - wenn das, was auseinandergesetzt wurde, wahr ist -
einer Zeit entgegengehen, wo diejenigen, die da folgen wollen dem
Fortschritt der Kulturmission, nicht mehr aufgehen dürfen in dem
bloß nationalen Erleben. Die fünfte Kulturepoche war gerade durch
ihre Eigentümlichkeit dazu geeignet, daß die ihr angehörigen Persön-
lichkeiten in einer gewissen Weise aufgingen in dem nationalen Emp-
finden und sich wiederum persönlich aus ihm hinausrangen. Die sechste
und siebente Kulturepoche werden so sein, daß diejenigen, die bloß
national sein wollen, zurückbleiben hinter den Aufgaben der Mensch-
heit. Aber dies ist ja der Grund, warum wir geisteswissenschaftliche
Weltanschauung treiben: daß die Menschheit sich herausringe aus dem
bloß nationalen Empfinden, aus demjenigen Empfinden, das nicht all-
gemein menschliches Empfinden ist. Also, was geschlossen werden muß
aus dem gestern Gesagten, es ist etwas ganz, ganz anderes. Es ist: daß
die mitteleuropäischen Nationalkulturen diejenigen sind, die als Na-
tionalkulturen Impulse in sich haben, welche zusammenfallen mit der
großen Sendung der nachatlantischen Kultur, daß aber dann Kulturen
kommen, die ein Herauswachsen der Menschen aus den nationalen Im-
pulsen notwendig machen, und daß es nicht geht, wenn diejenigen, die
heute die Vorzügler sind - man sagt ja «Nachzügler», warum sollte
man nicht sagen «Vorzügler» - der späteren Kulturen, ganz in ihrem
nationalen Erleben, und zwar mit Prononcierung, aufgehen, wie es von
der Bevölkerung Osteuropas geschieht. Mit anderen Worten: Da sie in
diesem nationalen Empfinden noch nicht ihre Sendung empfangen
haben, sind sie darauf angewiesen, das, was als Geisteswissenschaft
erzeugt wird, in sich aufzunehmen, um über das Nationale hinauszu-
wachsen. Lebendiges Verstehen ist auch da notwendig.
Allerdings, man wird schwerlich in unserer heutigen Zeit, in der
sich die Leidenschaften und Vorurteile so gegenüberstehen, dasjenige
finden können, was notwendig ist, damit die Menschen auf den Boden
der ja wahrhaftig Objektivität erstrebenden Geisteswissenschaft sich
voll stellen können, sich voll stellen können auf den Boden des rein
Menschlichen. Geisteswissenschaft, wir treiben sie, damit gerade etwas
sich ausbreite über die ganze Erde, was über alle Differenzierungen
hinausgeht, und deshalb sollten diejenigen, die sich der Geisteswissen-
schaft zuwenden aus allen Nationen heraus, objektives Verständnis ge-
winnen können für so etwas, wie es ja auseinandergesetzt worden ist
in jenem Vortragszyklus, der den Titel trägt «Die Mission einzelner
Volksseelen», der überall, wo es Anthroposophen gibt, studiert werden
sollte. Seine Bedeutung hat er ja auch gerade dadurch, daß er Jahre
vor diesem Krieg gehalten worden ist, so daß ihm niemand vorwerfen
kann, er sei aus der Stimmung dieses Krieges heraus erzeugt worden.
Nicht darauf kommt es eben an, daß, was da oder dort gesprochen
wird, nicht allgemeingültige Wahrheiten enthielte, sondern darauf
kommt es an, daß man einsehen muß, wie man diese Wahrheiten nicht
überall verträgt. Als ich vor Monaten hier gesprochen habe, da habe
ich darauf aufmerksam gemacht, daß wir in Mitteleuropa es gewisser-
maßen leicht haben, objektiv zu sein, leichter als die anderen. Warum
wir es leichter haben, das geht gerade aus jenem Vortragszyklus auch
hervor. Alles, was die tieferen Lehren unserer ernsten Ereignisse sind,
weist uns darauf hin, daß aus den verschiedensten Untergründen un-
serer gegenwärtigen Weltenkultur etwas sich herausentwickeln muß,
das zusammenfällt mit unserem geisteswissenschaftlichen Streben. In
gewisser Beziehung kann man sagen: Diese ernsten Ereignisse sind
etwas wie eine mächtige Hindeutung auf die Notwendigkeit geisteswis-
senschaftlichen Erlebens in der Welt. Sie beweisen, daß dieses geistes-
wissenschaftliche Erleben kommen muß. Daher kann selbstverständ-
lich das doch nur etwas Sekundäres für uns sein, was zu den unmittel-
baren Empfindungen eines Ortes gehört; unsere eigentliche Aufgabe
ist, dasjenige in unser seelisches Erleben überzuführen, was jetzt schon
überall verstanden werden kann ohne innere Anstößigkeit, trotzdem
auf so vielen Gebieten eben Vorurteile über Vorurteile vorhanden sind.
Dasjenige, was Anschauungen sind aus der Geisteswissenschaft her-
aus über das allgemein Menschliche im Menschen, das bereitet uns ja
auch vor, objektiv all das übersehen zu können, in das wir durch die
Erdenentwickelung, die Weltenentwickelung hineinversetzt sind. Denn
dieses, wohinein wir versetzt sind, ist gewissermaßen der Boden, aus
dem wir herauswachsen, und dasjenige, wodurch wir herauswachsen
sollen, sind die Impulse, die wir durch die Geisteswissenschaft auf-
nehmen. Im Grunde genommen sind wir ja doch nur mit der einen
Hälfte unseres Wesens in all den Differenzierungen drinnen, die über
die Erde hin verbreitet sind, mit unserem physischen Leibe und unserem
Ätherleibe, die wir gewissermaßen der Erde auch zurücklassen, wenn
wir in den anderen Bewußtseinszustand eintreten, den wir als Schlaf
bezeichnen können. Mit dem Ich und dem Astralleib aber gehen wir
dann heraus aus unserem physischen Leib und Ätherleib und sind dann
mit unserem Ich und Astralleib in der Welt, die der Mensch sonst be-
tritt, wenn er durch die Pforte des Todes geht, in der Welt, wo alle
irdischen Differenzierungen aufhören, in der Welt, in welche uns die
Erkenntnisse der Geisteswissenschaft eben einführen sollen. Wer In-
itiationserkenntnisse zu seinen eigenen Erkenntnissen machen kann, der
ist durch diese Initiationserkenntnisse wahrhaftig schon geschützt da-
vor, in einseitiger Weise irgendeinem der Volksgeister einen besonderen
Vorzug zu geben. Denn, wie kommen wir denn mit dem besonderen
Volksgeist in Berührung, dem wir angehören?
Wenn wir vom Einschlafen bis zum Aufwachen in der geistigen
Welt weilen mit unserem Ich und Astralleib, da sind wir mit unserem
Volksgeist, mit dem Volksgeist, der unserer Nationalität gewisser-
maßen vorsteht, nicht in Berührung, sondern wir sind nur in Berüh-
rung mit diesem Volksgeist während unseres wachen Tageslebens, vom
Aufwachen bis zum Einschlafen. Unter den Kräften, in die wir unter-
tauchen, wenn wir in den physischen Leib und den Ätherleib unter-
tauchen, sind auch die Kräfte, in die hineinarbeitet der Volksgeist des
Volkes, dem wir angehören. Wir betreten sozusagen das Feld dieses
Volksgeistes, indem wir aufwachen; wir verlassen es wieder, wenn wir
einschlafen. Derjenige aber, welcher Initiationserkenntnisse sich er-
wirbt, der muß ja gerade während dieser Erwerbung in der Welt wei-
len, in der sein Volksgeist gerade nicht ist, denn er muß eintreten in
die Welt, in der wir leben zwischen Einschlafen und Aufwachen. Und
da stellt sich denn etwas Besonderes heraus. Nehmen wir an, ein
Mensch gehört also einem ganz bestimmten Volke an. Jeder gehört
ja einem solchen an, indem er sich zu einer bestimmten Nationalität
rechnen muß. Wenn der Mensch nun mit dem Einschlafen die Sphäre
seines Volksgeistes verläßt, dann steht er eben mit diesem Volksgeist
nicht mehr in Berührung, bis er wieder aufwacht. Da hinein begibt
sich auch derjenige, der sich Initiationserkenntnisse erwirbt, und er
kommt zusammen während der Zeit vom Einschlafen bis zum Auf-
wachen mit den anderen Geistern der Völker, die sonst auf der Erde
leben, nur nicht mit seinem eigenen Volksgeist. Also man durchlebt ein
Zusammensein mit den anderen Volksgeistern in der Zeit zwischen
Einschlafen und Aufwachen, und mit seinem Volksgeiste in der Zeit
zwischen Aufwachen und Einschlafen. Nur ist das Zusammenleben
mit den anderen Volksgeistern nicht sot daß man mit jedem einzelnen
lebt, sondern man lebt mit ihrer Verbindung, gleichsam mit ihrer Ge-
nossenschaft, mit dem, was sie im Verhältnis zueinander vollbringen,
mit der Gesamtheit der übrigen Volksgeister.
Also denken Sie sich, das menschliche Leben wechselt ab - so sagt
uns die Initiationserkenntnis - zwischen einem Erleben mit dem Volks-
geiste im Wachzustand und einem Erleben mit der Gesamtheit der an-
deren Volksgeister im Schlafzustand. Nur gibt es ein Mittel gleich-
sam, wodurch wir ein abnormes Zusammenleben haben mit den ande-
ren Volksgeistern, wodurch wir nicht mit ihrer Gesamtheit zusammen-
kommen im Schlafe, sondern mit einem besonderen Volksgeiste zusam-
menkommen. Das ist, wenn wir ein Volk besonders leidenschaftlich
hassen. Das ist das Abnorme: Wir können dem nicht entgehen, wenn
wir ein Volk besonders hassen, daß wir während des Schlafes in die
Sphäre seines Volksgeistes kommen. Und derjenige, der sich Initia-
tionserkenntnisse erwirbt, der würde, wenn er ein Volk aus rein per-
sönlichen nationalen Gründen besonders haßt, in die Sphäre seines
Volksgeistes sich begeben, gerade wenn er in das Feld der Initiation ein-
tritt, und es würde sich für ihn sehr bald die Unmöglichkeit ergeben,
da drinnen ordentlich zu weilen. Trivial ausgedrückt, könnte ich sagen:
Wer aus nationalen persönlichen Leidenschaften heraus ein anderes
Volk besonders haßt, ist dazu verurteilt, mit dessen Volksgeist zu schla-
fen. Das ist trivial ausgesprochen, aber ganz wörtlich zu nehmen.
Die Tatsachen der geistigen Welt, die sorgen schon dafür, daß das
ganze Menschengeschlecht eine Einheit ist, und daß ein Sich-Her-
aussondern nicht möglich ist. Aber wenn wir solche Tatsachen ins Auge
fassen, dann können wir daraus so manches lernen. Wir sprechen ja
davon, daß die Welt, in der wir äußerlich mit unseren Sinnen und mit
unserem Verstände, der an das Gehirn gebunden ist, leben, eine große
Täuschung, eine Maja ist; aber auch diese Wahrheit, daß die Welt eine
Maja ist, wir nehmen sie allzu abstrakt, wir nehmen sie bloß theore-
tisch. Ich möchte sagen, wir lassen uns noch herbei, diese Wahrheit ver-
standesmäßig zu fassen. Sie lebensvoll zu erfassen, dem widerstrebt nicht
nur unser Verstand, sondern oftmals sogar unser Wille. Denn dasje-
nige, was hinter der Welt der Täuschung ist, es sieht so aus, daß wir
nicht wollen, daß es so ausschaue. Wir scheuen uns davor, wir fürchten
uns davor, weil uns die Wahrheit unbequem ist. Zu wissen, daß die
ganze Menschheit im konkreten Sinne eine Einheit ist, das ist ja nicht
bequem, denn es gestattet nicht, daß man in einseitiger Weise Gefühle
und Enthusiasmen so betrachtet, wie sie heute vielfach betrachtet wer-
den, sondern es belehrt uns darüber, was das in der Welt der Wirklich-
keit bedeutet. Das aber ist unbequem. Der Wille scheut oftmals noch
mehr vor der Wahrheit zurück als die Einsicht, als der Verstand. Dar-
um braucht man sich nicht zu wundern, wenn in unserer Zeit die Wahr-
heiten der Geisteswissenschaft noch vielfach als Narretei gelten, denn
die Narretei der Zeit fürchtet sich vor der Weisheit der Welt. Hinter
die Erscheinungen zu blicken, das gibt aber erst die Möglichkeit, zu
verstehen, was eigentlich geschieht. Ich habe gestern bereits darauf
hingewiesen und will nun in einem speziellen Falle es noch ausführen.
Wenn wir den Menschen verfolgen, wie er durch die Pforte des
Todes in die geistige Welt hineingeht, in der er die Zeit zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt durchlebt, um sich vorzubereiten für ein
neues Erdenleben, dann müssen wir uns klar werden, inwiefern er in
seinem Leben zwischen Tod und neuer Geburt beeinflußt wird von
seinem letzten Erdenleben, inwiefern er gleichsam mitbringt durch die
Pforte des Todes in das geistige Leben hinein die Nachklänge, das
Nachtönen des letzten Erdenlebens. Wir wissen ja, daß der Mensch,
wenn er durch die Pforte des Todes schreitet, hindurchträgt durch diese
Pforte des Todes zunächst, nachdem er seinen physischen Leib den
Erdenelementen übergeben hat, seinen Ätherleib, den Astralleib und
das Ich. Wir wissen auch, daß dieser Ätherleib sich bald, sehr bald
trennt von Ich und Astralleib, mit Ausnahme eines Extraktes, der da-
von zurückbleibt, und daß der Ätherleib sich mit dem allgemeinen
Wirken des Kosmos ätherisch verbindet. Das alles haben wir ja öfters
ins Auge gefaßt. Nun aber ist es so, daß der Mensch nach dem Tode
durch seine Erkenntnisse, seine nach dem Tod ihm bleibenden Erkennt-
nisse dennoch zurückschaut auf die Schicksale des Ätherleibes, und daß
diese Schicksale für ihn etwas bedeuten. Es bedeutet für den Menschen
nach dem Tode etwas, wenn er anschaut die Schicksale seines Äther-
leibes, die so verlaufen, daß dieser Verlauf eine Art Resultat des Er-
denlebens ist. Und dieses Resultat, dieses Ergebnis des Erdenlebens
stellt sich verschieden heraus für die verschiedensten Verhältnisse der
Erde, unter anderem auch für das verschiedene Erleben im Nationalen
darinnen. Ganz anders stellen sich die Erdenreste, die für den Men-
schen eine Bedeutung haben nach dem Tode, sagen wir, bei einer Seele,
die aus einem französischen Körper herausgeht und übergeht in die
geistige Welt, und ganz anders bei einer solchen Seele, die heute aus
einem russischen Leibe in die geistige Welt übergeht. Seelen, die aus
einem französischen Leibe heute herausgehen, gehören einer Kultur
an, die gewissermaßen reif und überreif geworden ist, die vieles die-
sen Ätherleib erleben läßt auf der Erde. Das Eigentümliche der fran-
zösischen Volkskultur - nicht die Kultur des einzelnen - besteht darin,
daß der Ätherleib selber durcharbeitet wird, durchtränkt wird mit
Kräften und Kraftwirkungen, und in einer sehr scharf geprägten Weise
daher durch die Pforte des Todes tritt, und dann drinnen ist in der
geistigen Welt. Solche Ätherleiber lösen sich lange nicht auf, sie blei-
ben lange als Spektren vorhanden. In seiner Vorstellung hat der An-
gehörige des französischen Volkstums, insofern er ihm angehört, eine
ganz bestimmte Meinung von sich, von dem, was er gilt in der Welt.
Das ist aber nichts anderes als die Spiegelung von den fest arbeitenden
Kräften im Ätherleibe. Der Ätherleib ist plastisch fest gebildet und
tritt so über in die geistige Welt.
Ganz anders ist das bei einem Ätherleib eines russischen Menschen.
Der hat nicht eine so feste Prägung, der ist gewissermaßen elastischer,
er löst sich in der geistigen Welt leichter auf; daher sind die Seelen
durch ihn weniger gefesselt. Während durch das Hinschauen auf den
aus einer Hochkultur hervorgehenden Ätherleib des Franzosen die
französische Seele länger sozusagen verbunden ist mit dem Ätherleibe,
ist die Seele des russischen Menschen nur kurz verbunden mit dem
Ätherleibe. Es bedeutet das, was der Ätherleib durchmacht nach dem
Tode, weniger für diese Seele des Ostens. Das aber hat eine sehr be-
stimmte, tiefgehende, bedeutsame Wirkung für das, was gewisserma-
ßen hinter den Kulissen unseres Daseins in der Gegenwart geschieht.
Die Schicksale der russischen Seele sind ja ganz andere als die Schick-
sale der französischen Seele in der Zeit zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt.
Nun wissen wir ja aus den verschiedensten Betrachtungen, daß wir
entgegengehen im 20. Jahrhundert dem ätherischen Wirken des Chri-
stus-Geistes. Hingewiesen ist darauf schon im exoterischen Sinne an
der entsprechenden Stelle des Mysteriendramas «Die Pforte der Ein-
weihung» von der Wiedererscheinung des Christus als ätherische Kör-
perlichkeit. Und hingewiesen ist darauf auch schon in verschiedenen
Betrachtungen, daß dieses Erscheinen des Christus für diejenigen Men-
schen, die fähig sein werden, ihn zu schauen, vorbereitet wird seit
dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, indem der wirkende Zeitgeist
seit dieser Zeit ein anderer ist als früher. Durch Jahrhunderte vorher
war Gabriel der wirkende Zeitgeist; seit dem letzten Drittel des 19.
Jahrhunderts ist Michael der wirkende Zeitgeist. Michael ist es, der
gewissermaßen die Erscheinung des Christus als ätherische Wesenheit
vorzubereiten hat. Das alles muß aber vorbereitet werden, das alles
muß gewissermaßen in der Entwickelung gefördert werden, und es
wird gefördert. In der Art wird es gefördert, daß Michael für die Er-
scheinung des Christus gewissermaßen den Kampf führt, daß er die
Seelen in dem Erleben zwischen Tod und neuer Geburt vorbereitet auf
dasjenige, was in der Erdenaura zu geschehen hat. Nun würden scharf
geprägte Ätherleiber, die in der elementarischen Welt um uns herum
sind, immer störend sein in der Zeit, die herankommen muß, wo rein
gesehen werden soll diese Äthergestalt, die der Christus annehmen muß.
Näher stehen einer reinen Auffassung dieser Äthergestalt diejenigen
Seelen, die nach dem Tode durch ihre ätherischen Leiber weniger be-
rührt sind. Daher stellt sich folgendes heraus.
Wir sehen, wie ein Teil der Arbeit des Michael dahingeht, beizu-
tragen zur Auflösung der westeuropäischen hochkultivierten Äther-
leiber, die eine feste Gestalt haben, und wir sehen, wie sich Michael
bedient in diesem Kampfe der osteuropäischen Seelen. Und so sehen
wir Michael, gefolgt von den Scharen der osteuropäischen Seelen,
kämpfend gegen die westeuropäischen Ätherleiber und die Eindrücke,
welche die Seelen nach dem Tode haben. So gibt es einen lebendigen
Kampf hinter den Kulissen des heutigen Daseins. Dieser Kampf ist
vorhanden, dieser Kampf in der geistigen Welt. Dieser Kampf im
Himmel gleichsam, er spielt sich ab zwischen Rußland und Frankreich
in der geistigen Welt, ein lebendiger Kampf zwischen Osten und We-
sten. Und dieser Kampf ist die Wahrheit, und dasjenige, was sich in
der physischen Welt abspielt, das ist die äußere Maja, das ist die Ent-
stellung der Wahrheit. Und man bekommt auch da, wie so oft, wenn
man die geistigen Tatsachen betrachtet, auf diesem Gebiet den erschüt-
ternden Eindruck, daß oftmals dasjenige, was hier im Felde der Täu-
schung sich vollzieht, das gerade Gegenteil von dem ist, was in der
geistigen Welt als Wahrheit sich vollzieht.
Denken Sie sich das ungeheuer Erschütternde für denjenigen, der
Initiationserkenntnis erwirbt, daß ein Bündnis besteht zwischen Völ-
kern, die sich in der geistigen Welt aufs heißeste bekämpfen! Solche
Dinge dürfen natürlich nicht verallgemeinert werden, nicht etwa darf
die Schlußfolgerung gezogen werden, daß in der geistigen Welt alles
entgegengesetzt ist der physischen Welt. Jeder einzelne Fall muß unter-
sucht werden. Aber für diesen Fall bekommen wir auch diesen erschüt-
ternden Eindruck, diesen unsere Erkenntnis, man möchte sagen, zu-
nächst zermalmenden Eindruck. So sieht es eben vielfach anders aus
hinter den Kulissen des Daseins, als es in der äußeren Welt aussieht.
Aber begreiflich werden uns die Dinge in ihrem wahren Zusammen-
hang nur, wenn wir hinter die Kulissen des Daseins mit dem Gesichts-
punkte der Geisteswissenschaft leuchten können. Dann aber werden
sich auch in unsere ganze Auffassung hineinprägen diejenigen Gefühle,
welche gleichsam in die Wahrheit untertauchen lassen unsere Herzen
gegenüber den Vorurteilen, in denen wir befangen sein müssen, wenn
wir uns den Strömungen der äußeren physischen Welt hingeben. Wirk-
lieh ist Mitteleuropa heute hineingeschoben zwischen zwei kämpfende
Mächte und muß gewissermaßen sie auseinanderhalten. Daraus ergibt
sich aber der Zusammenhang zwischen demjenigen, was ich gestern als
das Ringen der mitteleuropäischen Kultur bezeichnet habe, gegenüber
dem, was links und rechts, wie umklammernd, diese mitteleuropäische
Kultur bedrängt. Das ist das Karma der mitteleuropäischen Kultur:
ihre Entwickelung sich abspielen zu sehen zwischen dem, was sich be-
kämpfen muß durch eine erdengeschichtliche Notwendigkeit. Die rech-
ten Gefühle für den tragischen Konflikt der Verhältnisse, insofern sie
jetzt Mitteleuropa betreffen, gehen ja erst aus einer solchen Betrach-
tung hervor. Dann erst, wenn wir eine solche Betrachtung zugrunde
legen, merken wir, daß im Grunde genommen Nichtbeteiligung an den
Händeln, die eigentlich auszufechten sind, das wirklich Charakteristi-
sche für Mitteleuropa ist, unschuldiges Verhalten zu diesen Händeln
und in das Karma mit hinein verwickelt sein. - Und wir haben nun
auch gesehen, wie der genaue Zusammenklang dessen ist, was da in der
Evolution enthalten ist: wir haben gesehen, wie beteiligt ist der Osten
und Westen Europas an dem kommenden Christus-Ereignis. Wenn wir
das Ringen der mitteleuropäischen Kultur mit ihrer Vereinigung, wie ich
es gestern charakterisiert habe, von Geistigem und Leiblichem ins Auge
fassen, dann haben wir auch die besondere Ausgestaltung des Christus-
Impulses, der ja der Träger dieser Vereinigung des Geistigen und Leib-
lichen ist. Mitten also in Europa das Phänomen, das Christentum über-
zuführen in die Erdenereignisse. Hier, sich abspielend auf dem physi-
schen Plan, etwas von ungeheurer Bedeutung, und rechts und links et-
was, was erst erkämpft wird auf den höheren Planen. Physischer Plan
und geistiger Plan schließen sich zusammen, wenn wir sie so betrachten.
Das ist die Ergänzung zu dem gestern Auseinandergesetzten. Und
so ist es im Grunde genommen mit aller Evolution, soweit sie sich unter
dem Einfluß des Christus-Impulses nach und nach entwickelt hat.
Denn was jetzt im 20. Jahrhundert geschieht, hat sich ja nach und nach
entwickelt. Der Christus-Impuls ist eingezogen durch das Mysterium
von Golgatha in die irdische Menschheitsentwickelung, und er hat dar-
innen gewirkt. Aber wenn er nur hätte so wirken können, der Christus-
Impuls, wie ihn die Menschen verstanden haben, hätte er wenig wir-
ken können bisher. Wir fangen ja erst an mit dem Verständnis, wir
fangen erst an, durch Geisteswissenschaft etwas zu begreifen von dem,
was das Mysterium von Golgatha ist. Der Christus-Impuls hat ge-
wirkt. Aber wahrhaftig wirkte er am wenigsten in dem, was das Ge-
zänk und Geschrei der Theologen war. Schlimm wäre es gewesen,
wenn nur so viel von dem Christus-Impuls hätte hereinkommen kön-
nen in die Erdenentwickelung, wie die Menschen begriffen haben in
den verschiedenen Epochen mit ihrem Verstände. Aber ich habe darauf
hingewiesen, wie der Christus-Impuls durch die Jahrhunderte in un-
bewußte Seelenkräfte gewirkt hat. Ich habe Ihnen geschildert, wie am
28. Oktober 312 Konstantin gegenüberstand dem Maxentius, und wie
da eine Schlacht geschlagen wurde, durch die das Schicksal von Eu-
ropa entschieden worden ist. Nicht durch die Kunst der Feldherren
wurde diese Schlacht geschlagen, sondern durch dasjenige, was sich im
Unterbewußtsein der Menschen zugetragen hat. Maxentius befragte
die sibyllinischen Bücher. Die verführten ihn, statt seine Heere in Rom
in Sicherheit zu lassen, sie aus den Toren Roms zu führen, den Heeren
Konstantins entgegen. Konstantin aber hatte den Traum: das Mono-
gramm Christi seinem Heere vorantragen zu lassen. Man folgte also
nicht den Gescheitheiten der Feldherren, sondern man folgte Träumen,
das heißt den Impulsen des Unterbewußtseins. Von dem, was daraus
entstand, hat Europa seine Gestaltung bekommen. Nicht von dem lei-
tete sich her die wirkliche Gestaltung des Christus-Impulses, worüber
die Theologen zankten, sondern von dem, was der lebendige Christus
auf den Feldern war, wo er wirken kann. Nicht die menschlichen Be-
griffe vom Christus - auf die kommt es nicht an - , sondern der leben-
dige Christus, der durch die Impulse wirkt, die die seinigen sind. Wenn
ihn die Menschen nicht verstanden, ging er in das hinein, wo man nicht
zu verstehen braucht, wo man in Träumen aufnimmt, was in die Wil-
lenssphäre übergehen soll.
Und wiederum einmal war es in Europa, daß der Christus-Impuls
hereingedrungen ist und Europa eine bestimmte Gestaltung gegeben
hat: im 15. Jahrhundert, als durch das einfache Landmädchen, die
Jungfrau von Orleans, Europa eine ganz andere Gestaltung bekommen
hat. Hätte dazumal England über Frankreich gesiegt - was die Jung-
frau von Orleans verhindert hat - , so wäre aller spatere geschichtliche
Verlauf ein anderer geworden. Aber wahrhaftig, das Hirtenmädchen
von Orleans hat nicht menschliche Weisheit gehabt, sondern in ihr hat
gewirkt der Christus-Impuls durch seinen michaelischen Vorläufer,
äußerlich zugunsten Frankreichs, in Wirklichkeit zugunsten Englands;
denn England hätte sonst nicht die Entwickelung durchmachen kön-
nen, die es durchgemacht hat. Aber es wirkte mit ungeheurer Deutlich-
keit für denjenigen, der die Welt geistig durchschauen will, der Chri-
stus-Impuls dazumal in dasjenige hinein, was geschehen sollte.
Ich habe öfters darauf aufmerksam gemacht, wie jene alten Legen-
den, jene alten Sagen und Mythen Wahrheiten enthalten, die darauf
hinweisen, daß in den dreizehn Nächten zwischen Weihnachten und
dem Fest der Erscheinung, dem Dreikönigsfest, daß in diesen Nächten
der tiefsten Winterfinsternis die Zeit ist, in der die Erdenkräfte dem
Hellsehertum ganz besonders günstig sind. Da, wo sozusagen die phy-
sischen Kräfte sich am meisten zurückziehen in Untätigkeit, da wir-
ken die geistigen Kräfte ganz besonders. Diese dreizehn Nächte, von
Weihnacht bis zum 6. Januar - so erzählt uns eine alte norwegische Le-
gende - , schlief Olaf Ästeson. Und in diesem Schlafe hat er all dasje-
nige in Imaginationen durchgemacht, was wir nun anthroposophisch
erkennen als Kamaloka, als Seelenwelt, als Geisteswelt. Das ist eine
Wahrheit. Und gar mancher, der, ich möchte sagen, am Tor steht der
Initiation, er kann dieser Initiation die letzte Vollendung geben, wenn
er es zu einem ganz besonderen konzentrierten inneren Erleben in die-
ser Zeit bringt, in die hinein deshalb mit Recht versetzt ist die Geburt
des Christus, des geistigen Sonnenlichtes. Man könnte sagen: Wenn
jemand eine unbewußte Initiation erleben soll, wann würde er sie am
besten erleben? - Dann würde er sie am besten erleben, wenn er zube-
reitet wird in diesen Nächten, wenn er in einem Schlafzustand ist, einer
Art weltentrücktem Zustand, bis zum 6. Januar. Könnten wir nicht
voraussetzen, daß auch das ganz gewiß nicht gelehrte oder geisteswis-
senschaftlich geschulte, aber innerlich spiritualisierte Hirtenmädchen,
die Jungfrau von Orleans, am besten initiiert hätte werden können,
wenn sie diese Nächte in einer Art Schlafzustand durchgemacht hätte,
einem Zustand, wo sie nicht durch die Sinne und den Verstand begrif-
fen hatte die äußere Welt? Das hat sie! Man ist in der Zeit, bevor die
physische Geburt eintritt, ganz gewiß nicht dazu veranlagt, durch die
äußeren Sinne die umliegende Welt wahrzunehmen, denn diese Sinne
wachen ja erst auf bei der Geburt im physischen Dasein. Man ist auch
nicht geeignet vor der Geburt, durch den Verstand nachzudenken, aber
der geistige Teil ist dann in Berührung mit der kosmischen geistigen
Umwelt.
Nun, die dreizehn Tage vor dem 6. Januar hat die Jungfrau von
Orleans im Leibe der Mutter zugebracht, denn am 6. Januar ist sie ge-
boren. Dies ist eine Tatsache, die tief bedeutsam über Weltenzusam-
menhänge spricht. Der die Evolution führende Weltengeist brauchte
in der Jungfrau von Orleans eine Menschenseele, die gerade die drei-
zehn letzten Tage der Schwangerschaft im Leibe der Mutter zubrachte
bis zum 6. Januar und dann geboren worden ist. Da sehen wir tief hin-
ein in jene Zusammenhänge, die hinter den Kulissen des Daseins sind.
Da sehen wir, wie die Welt geführt wird in geistiger Beziehung. Da
wurde eine Seele geboren, die gewissermaßen durch den Weltengeist
selbst initiiert worden ist bis zu ihrer Geburt hin. Es handelt sich daher
darum, daß wir uns eine Empfindung erwerben dafür, wie gewisser-
maßen vor uns der Teppich des äußeren Majadaseins ausgebreitet ist:
wenn wir ihn an verschiedenen Stellen zerreißen, so blicken wir in die
Geheimnisse des Daseins erst hinein. Und das muß Gefühl und Emp-
findung werden für das Umgestaltende der Geisteswissenschaft für
die Kultur der Menschheit. Das muß Empfindung werden, daß man,
um hineinzuschauen in die Geheimnisse der Welt, eben radikal wird
brechen müssen mit der bloßen Beobachtung der äußeren Maja, die ja
selbstverständlich eintreten mußte seit dem Glänze und dem Ruhm
des naturwissenschaftlichen Forschens. Aber dieser Glanz und Ruhm
muß für die Zukunft abgelöst werden von der Geisteswissenschaft.
Dasjenige, was die Menschheit zum wirklichen Einleben der Geistes-
wissenschaft in die Seelen braucht, wird aber vor allen Dingen sein
ein wirklich guter Wille für die Verbindung der eigenen Seele mit den
geistigen Welten. Das aber muß alles ausgehen von einer gewissen
Selbsterkenntnis. Doch Selbsterkenntnis ist gar nicht so leicht, und es
gehört zu den größten Täuschungen, denen man sich im gewöhnlichen
Leben hingeben kann, wenn man denkt, daß Selbsterkenntnis, die der
Anfang aller wahren Erkenntnis sein muß, leicht ist.
Selbst in bezug auf das Alleräußerlichste ist sie nicht einmal be-
sonders leicht. Ich habe hier ein Buch; es ist mir zufällig - was man
so zufällig nennt - , karmisch in diesen Tagen wieder in die Hände ge-
kommen: das Buch eines Philosophen der Gegenwart, der Philosophie-
professor an der Universität in Wien war: «Analyse der Empfindun-
gen.» Derjenige, der das Buch geschrieben hat, macht Selbstgeständ-
nisse, die sehr interessant sind. Auf Seite 3 sagt er: Als junger Mensch
erblickte ich einmal in einer Spiegelniederlage, als ich über die Straße
ging, mein Gesicht im Profil, aber ich erkannte es nicht als mein eige-
nes Gesicht. Ich dachte: Was für ein widerwärtiges, unsympathisches
Gesicht! - Also Sie sehen, selbst bis zu diesem Grade ist Selbsterkennt-
nis der rein äußeren Gestalt nicht einmal gar so sehr verbreitet. Der
gute Mann gesteht ganz offen: es kommt ihm entgegen ein höchst un-
sympathisches Gesicht, das einen abstoßenden Charakter hat, und dann
entdeckt er, daß es sein eigenes ist. So wenig hat er sich gekannt seiner
äußeren Gestalt nach. Sie sehen, nicht einmal äußere Selbsterkenntnis
kann man leicht erwerben. Universitätsprofessor kann man dabei sein,
ungehindert; das bezeugt dieses Beispiel. Ernst Mach, so heißt der Pro-
fessor, macht aber noch ein ähnliches Geständnis. Er ist ganz aufrich-
tig. Er sagt: Ich kam einmal recht ermüdet von einer Reise zurück und
bestieg einen Omnibus. Zu gleicher Zeit stieg ein anderer in den Omni-
bus ein. Ich dachte: Was für ein herabgekommener Schulmeister steigt
denn da ein! - Und siehe da, ich war es selbst. - Er hatte sich im Spie-
gel gesehen. - Der gute Mann wußte, wie ein herabgekommener Schul-
meister aussieht, da sah er einen einsteigen, aber er konnte sich nicht
damit identifizieren, er wußte nicht, daß er so aussah. Er fügt seiner
Erzählung hinzu: Also kannte ich den Standeshabitus besser als meinen
eigenen!
Noch viel schwieriger als das Wissen über die äußere Gestalt ist
das Wissen über die Seele, das Wissen desjenigen, was wir eigentlich
in unserem seelischen Wesen sind. Aber ohne dieses geht es nicht ab,
wenn man wirklich auf dem Felde der Initiation etwas vorwärtskom-
men will. Die Täuschung über sich selbst, sie gehört zu den verbreitet-
sten Eigentümlichkeiten des Menschen, und was in den Tiefen der
Menschenseele sich abspielt, man weiß es in der Regel nicht. Man denkt
sehr leicht: Ja, ich kenne mich, ich weiß, was ich will! - Man macht
sich gewisse Vorstellungen über sich selbst; nur sind diese meistens
nicht dazu angetan, wirklich auszudrücken, was wir in Wahrheit sind.
Da unten in der Seele sieht es oftmals ganz anders aus, als es in der
Region aussieht, wo wir uns die Vorstellungen über uns selbst machen.
Einige Beispiele seien angeführt, die sich nicht nur ereignen können,
sondern die oft sich ereignen im menschlichen Zusammenleben: Zwei
Menschen leben miteinander. Der eine hat gegen den anderen etwas,
so daß es ihm eigentlich gefällt, den anderen manchmal zu quälen, zu
peinigen, manchmal intensiver, manchmal weniger. Dasjenige, was die
Ursache dieses Quälens sein mag, kann ein ursprünglicher Trieb der
Grausamkeit sein. Ein Mensch kann nämlich scheinbar ganz harmlos
in der Welt herumgehen und doch eigentlich ein ganz grausamer Kum-
pan sein, der es als ein Bedürfnis empfindet, einen Nebenmenschen zu
quälen. Spricht man nun mit diesem Menschen, so wird er es einem
nicht verzeihen, wenn man ihn für einen grausamen Kumpan, für einen
ekelhaften Kerl hält, der sich nur befriedigt fühlt, wenn er seinen Ne-
benmenschen quälen kann, sondern er wird sagen: Ach, ich habe die-
sen Menschen so unendlich lieb, so furchtbar lieb, aber er macht halt
das und das und jenes, und gerade weil ich ihn so lieb habe, kann ich es
gar nicht ausstehen, daß er das tut! - Das ist im Oberbewußtsein des
Menschen, im Unterbewußtsein aber ist die Grausamkeit. Und die
Vorstellungen des Oberbewußtseins sind nur da, um zu verhüllen, um
uns vor uns selbst zu entschuldigen. Die Art, wie wir uns Vorstellun-
gen im Oberbewußtsein machen, ist nur da, um uns richtig vor uns
selbst zu entschuldigen. So habe ich einen Herrn gekannt, der bei jeder
Gelegenheit betonte, daß er eine gewisse geistige Richtung nur ein-
schlüge aus reiner Selbstlosigkeit, daß sie ihm gar nicht besonders sym-
pathisch sei, diese Richtung, aber aus Pflichtgefühl und Selbstlosig-
keit müsse er diese Richtung einschlagen. Ich sagte ihm: Was Sie für
eine Ansicht haben über die Dinge, die Sie tun, und warum Sie sie tun,
darauf kommt es nicht an, sondern darauf kommt es an, warum Sie es
wirklich tun. Und Sie tun es, weil es Ihnen Wollust macht, gerade dies
zu tun, weil es Ihrer Eitelkeit ganz besonders schmeichelt, dies zu tun. -
Es ist unangenehm, sich zu gestehen: Ich bin eigentlich recht eitel, des-
halb tue ich dies oder jenes. - Deshalb lieben wir unsere Maja, die
macht das anders. Die Maja, die wir in unserem Bewußtsein tragen
über uns selbst, ist oft noch unähnlicher der Wirklichkeit als die Maja,
die wir über die Geisteswissenschaft haben. Liebe ist ganz gewiß eine
wunderbare Sache, mit Recht auch, vor der menschlichen Meinung;
sie wird aber häufig mit Unrecht im Munde geführt, die Liebe! Als
wir noch mit der anderen Theosophischen Gesellschaft verbunden wa-
ren, da hörten wir immer wiederum, wie es darauf ankomme, daß die
Menschen sich ja, ja recht lieben! Oftmals war diese Liebe nur der
Schleier, der über die dogmatischen Zänkereien hinübergelegt war.
Denn Liebe kann oftmals die Maske sein für den allerstärksten Egois-
mus. Wenn man sich besonders wollüstig etwas darauf zugute tut, dieses
oder jenes zu tun, fälscht man oft das, was man tut und was einem ei-
gentlich Wollust bereitet, in Liebe um; und man entschuldigt sich wie-
derum vor dem, was man eigentlich niemals gestehen würde, was in
den Tiefen des Unterbewußtseins bleibt. Ja, wenn wir hinuntersteigen
in dieses menschliche Wesen, dann tauchen wir wirklich bald in einen
Abgrund hinunter. Wirklich erkennen kann der Mensch sich eigent-
lich nur dadurch, daß er sich hineinlebt in die Geheimnisse des geisti-
gen Daseins, daß er sich bekanntmacht mit dem, was die großen Ge-
setze dieses geistigen Daseins sind. Denn das menschliche Wesen ist
kompliziert, und der größte Irrtum ist es, wenn man glaubt, dieses
menschliche Wesen sei irgendwie einfach. Ich möchte sagen: Alle Wel-
tengeheimnisse sind zusammengenommen, um das menschliche Wesen
zusammenzubringen. Aber nur recht verstanden müssen die Dinge
werden.
Das Spielen mit der Selbsterkenntnis hört sehr bald auf, wenn
man etwas erkennt von den geistigen Geheimnissen des Menschenda-
seins. Nehmen wir einmal an, ein Mensch beginnt durch irgend etwas,
durch Schulung oder durch irgend etwas anderes, mit einem gewissen
Hellsehen, und er bringt es sogar dahin, daß ihm ganz wunderbare Ge-
bilde erscheinen, die er fixieren kann, so daß die Menschen kommen
und ganz entzückt sind über den bedeutungsvollen Zusammenhang
dieses Menschen mit der geistigen Welt. Der ist auch zweifellos vor-
handen, der Zusammenhang, aber man muß diesen geistigen Zusam-
menhang nur in seiner Wahrheit durchschauen, man muß durchschauen,
was er wirklich sein kann. Sehen Sie, demjenigen, was wir als physi-
schen Leib haben, liegt als sein Bildner der Ätherleib zugrunde, dann
der Astralleib, dann dasjenige, was wir den Ich-Träger nennen. Das
arbeitet alles am physischen Leibe, und jedes Höhere arbeitet wieder-
um an dem Niedrigeren. Wenn Sie den Ätherleib nehmen und unmittel-
bar hellsichtig erforschen, so ist er ein wunderbares Gebilde ineinander
flutender und schimmernder Farben. Was sind denn diese Farben, die
im Ätherleib fluten? Ja, das sind die Kräfte, die am physischen Leibe
bauen, die Kräfte, die nicht nur ihm Organe aufbauen, sondern auch
wirken in dem, was während des Lebens von den Organen des physi-
schen Leibes vollzogen wird. Aber die menschlichen Organe sind von
verschiedener Bedeutung. Nehmen wir zwei solcher Organe wie die
Eingeweide und das Gehirn. Die äußere Anatomie untersucht die Ge-
webe und alles, was in Betracht kommt, als gleichwertig. Das sind die
Dinge aber nicht, sie sind ganz verschieden. Wenn wir das menschliche
Gehirn anschauen, ist es als physisches Organ etwas Vollkommenes; das
kommt davon her, daß im Gehirn jene Farbenfluten verarbeitet sind.
Wenn wir den Ätherleib des menschlichen Gehirns anschauen, dann
sehen wir ihn in verhältnismäßig blasser Farbe, denn die Farben sind
dazu verwendet worden, den Bau des Gehirns hervorzubringen. Wenn
wir die Eingeweide anschauen, so finden wir die flutenden Farben
hellschimmernd wunderbar ineinanderfluten, denn die Eingeweide sind
wirklich gröbere Organe, da muß noch nicht so viel von Geistigem
verwendet werden, da bleiben die Kräfte noch zurück im Ätherleibe,
da wird ein kleinerer Teil nur zum Ausbau verwendet. Daher ist der
Ätherleib des Gehirns blaß, der Ätherleib der Gedärme aber von wun-
derbaren, flutenden Farben, schön.
Denken Sie nun, es kommt jemand, wie ich es geschildert habe, zum
Hellsehen. Da kann zweierlei eintreten: Es kann ein Hellsehen eintre-
ten dadurch, daß der Ätherleib des Gehirns gelockert wird, aber es
kann auch eintreten ein Hellsehen dadurch, daß der Ätherleib der Ein-
geweide gelockert wird. Beim Hellsehen wird nun der Mensch oft-
mals sein eigenes Innere gewahr. Derjenige, der den Ätherleib des Ge-
hirns herausbekommt, wird zunächst eine ziemlich blasse Welt vor sich
haben; aber der, welcher den Ätherleib seiner Eingeweide herausbe-
kommt, kann wunderbar flutende Farben in die Ätherwelt hinausspie-
geln. Um nämlich das Blasse des Gehirnätherleibes mit den flutenden
Farben des Kosmos in Berührung zu bringen, ist es nötig, daß wir die
flutenden Farben von der ganzen Sphäre des Kosmos erst heranziehen.
Um die flutenden Farben des Ätherleibes der Gedärme zu entwickeln,
können wir sie aus uns herausstrahlen, und so kann ein ganz wunder-
bares Gebilde geschaut werden auf dem Wege des Hellsehens. Gewiß,
es ist ein echtes hellsichtiges Gebilde, aber wenn man es untersucht, was
ist es? Es ist nichts anderes als der eigene Verdauungsprozeß, es ist das-
jenige, was der Ätherleib während des Verdauungsprozesses des Men-
schen tut; das projiziert sich in den Ätherraum hinaus. Das ist anato-
misch betrachtet höchst interessant, aber man muß sich klar sein dar-
über, daß man erst, wenn man herandringt an die Geheimnisse der gei-
stigen Welt, wirklich eine Ahnung bekommt von dem, was eigentlich
vorliegt in der geistigen Welt. Man bekommt ja erst dann eine Ahnung,
daß aus einem wunderbar flutenden Farbenmeer des Ätherleibes auch
dasjenige heraus entspringt, was im Ätherleib vorgehen muß, damit
die Gedärme in der richtigen Weise funktionieren. Wenn man das
dann hellsichtig schaut, so ist es gewiß ein hellsichtiger Vorgang; aber
es ist nichts, was mit himmlischen Geheimnissen zusammenhängt, es ist
nichts, was die großen kosmischen Tatsachen der Welt uns irgendwie
nahebringt, sondern es ist etwas, was uns unser gewöhnlichstes niederes
Selbst nahebringt.
Und gerade dann, wenn wir hellsichtig zur Selbsterkenntnis auf-
steigen, dann finden wir, daß das erste, was wir an wunderbaren Ge-
bilden erleben, unser Niedrigstes hinausspiegelt. Und erst dann, wenn
wir durch größere Anstrengung diejenigen Teile des Ätherleibes losbe-
kommen, die als geringere zurückgeblieben sind in uns selbst, weil die
Mehrzahl zu Herz und Gehirn verwendet worden ist, dann erst ge-
langen wir dazu, dasjenige, was in uns ist, hinauszustrahlen und einen
Eindruck zu machen durch die stärker angewandten Kräfte auf den
äußeren Äther. Und dann kommt es zu folgendem: Wenn wir den
Ätherleib der physischen Organe hinausprojizieren, stoßen wir das
hinaus in den Raum. Wenn wir höheres Hellsehen entwickeln, da ar-
beiten wir auch hinaus, aber wir arbeiten hinaus dasjenige von uns, was
wir uns aufbauen zwischen Geburt und Tod, auf daß es vorbereite das-
jenige, was zwischen Tod und neuer Geburt sich in uns entwickelt. Das
schreiben wir hinein in den Raum, da bilden wir eine Wirkung hinaus
in die ätherische Welt. Und da gehen wir entgegen demjenigen, was
durch diese Wirkungen gebildet wird, den kosmischen Wirkungen, den
kosmischen Tatsachen.
Gerade darauf wird durch uns unausgesetzt hingearbeitet. Die
Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» will das
im eminentesten Sinne zum Ausdruck bringen, daß die rechten Wege
gefunden werden, um eben nicht die niedere Wesenheit des Menschen
durch ein berückendes Hellsehen zu finden, sondern um die Geheim-
nisse der Welt zu ergründen. Immer wieder wird darauf aufmerksam
gemacht, daß dieses Hellsehen schwierig ist, daß es blaß auftritt, daß
man sich erst durch große Anstrengungen derjenigen Kräfte, die die
Kräfte sind des Menschen zwischen Geburt und Tod, zu dem wahren
Hellsehen hin entwickelt, daß einem dann die Weltengeheimnisse sich
enträtseln können. Wo diese Kräfte liegen, kann man sich vorstellen,
wenn man sich einläßt auf dasjenige, was im Wiener Zyklus 1914 ge-
sagt ist. Da ist von den Kräften gesprochen, die der Mensch zwischen
Tod und neuer Geburt entwickelt, von den Kräften, für die es nur
möglich ist, stammelnd Worte zu gebrauchen, weil die Worte ja für die
physische Welt geprägt sind, und man nur durch Wortzusammenset-
zungen das herausbringt, was in der geistigen Welt ganz anders ist als
in der physisch-sinnlichen Welt. Aber die Menschen finden es beque-
mer, in der geistigen Welt sich auch nichts anderes vorzustellen als eine
Art Fortsetzung der physischen Welt, nur etwas dünner, etwas flüch-
tiger. Die Menschen fänden es bequem, in der geistigen Welt die Ge-
stalten auch herumgehen zu sehen wie in der physischen Welt; aber sie
finden es unbequem, daß man sich eine neue Art des Auffassens ange-
wöhnen muß, wenn man in die geistige Welt eintreten will. All das soll
Ihnen beweisen, daß nicht nur das menschliche Verstehen, sondern vor
allen Dingen der menschliche Wille sich sträubt gegen dasjenige, was
Geisteswissenschaft jetzt in unserer Zeit in die Welt bringen muß.
Wir können wirklich sagen: Nicht bloß deshalb, weil die Menschen
heute noch in weiten Kreisen Geisteswissenschaft nicht verstehen, wei-
sen sie sie zurück, sondern weil sie sie nicht wollen, weil es ihnen im
Grunde genommen schrecklich ist, daß die Welt so ist, wie Geistes-
wissenschaft sie darstellen will und muß.
Ein besonders wichtiger Begriff ist derjenige, den man von Weisheit
und von Bewußtheit haben muß, wenn man das Erleben zwischen Tod
und neuer Geburt verstehen will. Im Grunde genommen kann man gar
nicht sagen, der Mensch, der durch die Pforte des Todes gegangen ist,
habe kein Bewußtsein und sein Bewußtsein müsse erst erwachen. Das
ist nicht einmal richtig, sondern richtig ist, daß er ein zu starkes Be-
wußtsein hat, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, daß er
von Bewußtsein ganz umflutet ist, daß er sich nicht auskennt, daß er
ganz betäubt ist von dem geistigen Sonnenlicht des Bewußtseins und
erst anfangen muß sich zu orientieren, wie ich es ja des näheren ausge-
führt habe in dem eben erwähnten Zyklus. Hier auf der Erde müssen
wir uns Weisheit notdürftig erwerben; drüben aber sind wir von Weis-
heit allseitig umflossen, da müssen wir sie dämpfen, daß wir sie an-
schauen können. Die Teile, die wir herabgedämpft haben bis zur mensch-
lichen Schwäche, die sind es, die wir anschauen können. So müssen wir
uns erst hineinfinden in das Herabdämpfen unseres Bewußtseins, bis wir
uns zurechtfinden können. Dies ist etwas, was einem ganz besonders
bemerkenswert vor Augen tritt, wenn man die Erscheinungen wirk-
lich betrachtet. Sehen Sie, man versucht dann allmählich die Worte so
zu prägen, daß sie ordentlich ausdrücken diese Erscheinungen. Vor nicht
langer Zeit ist ein liebes Mitglied unserer Gesellschaft in Zürich gestor-
ben. Das Karma hat es dahin gebracht, daß, obwohl ich das Mitglied
noch habe sehen wollen im physischen Leben, ich zu spät gekommen
bin und es nicht mehr sah. Dann aber hatten wir in Zürich nach einigen
Tagen die Kremation. Ich war veranlaßt, bei dieser Kremation zu
sprechen, und ich versuchte in Worte zu fassen dasjenige, was sich mir
innerlich darstellte als das Wesen dieses unseres lieben Mitglieds. Ich
versuchte mit einigen Worten festzuhalten dieses Wesen. Dann wurde
die Kremation vollzogen. Und zu bemerken war nun, daß das erste
orientierende Auftauchen aus dem überflutenden Bewußtsein heraus
in dem Moment eintrat, als der Körper überging in die Verbrennung,
als scheinbar die Flamme, in Wirklichkeit die Wärme diesen Körper
ergriff. In diesem Moment stand vor der Seele der Hingestorbenen die
Szene, die wir vorher gehabt hatten. Vorher hatte sie, während der Be-
stattungsrede, nicht daran teilgenommen, aber hinterher, als die Ver-
brennung anfing, da blickte sie zurück. Und wie man im physischen
Leben den Raum vor sich hat, so sieht der Tote die Dinge in der Zeit.
Was vergangen ist, ist neben dem Toten. Er sieht die Szenen vor sich
stehen. Die Zeit wird wirklich zum Räume. Das Vergangene ist nicht
vergangen, es bleibt da, es wird angeschaut. Dann ging die Tote wieder
hinab in ein allgemeines Betäubtsein, und es dauert dann längere Zeit,
bis das Orientieren stattfindet. Aber es bereiten sich solche Momente
vor, man möchte sagen, lichte Augenblicke, die dann weiter verarbeitet
werden. Dann kommt wieder ein Untertauchen in die allgemeine Über-
flutung des Bewußtseins, bis später ein vollständiges Orientieren ein-
tritt.
Und so muß man sagen, daß es ein wichtiger Begriff ist, der die
Weisheit, die Bewußtheit in anderer Weise denkt nach dem Tode als
vor dem Tode. Es ist nicht so, daß uns ein Grad von Bewußtheit erst
erwachsen müsse nach dem Tode, sondern es muß das unermeßliche
Bewußtsein bis zu einem gewissen Grade herabgedämpft werden. Das
müssen wir beachten. Und dann müssen wir ernst machen, richtig ernst
machen mit der Erkenntnis, daß für die Wahrheit die Dinge oftmals
gerade umgekehrt liegen gegenüber dem, was sich äußerlich darstellt.
Ich habe das ja schon öfter veranschaulicht an einem Beispiel. Ein
Mensch geht am Rande eines Baches, er fällt hinein in den Bach und
ertrinkt. Wir gehen ihm nach und finden ihn ertrunken, und an der
Stelle, wo er in den Bach hineingefallen ist, finden wir einen Stein.
Wir können dann mit vollem Recht den Schluß ziehen, der Mensch
sei über den Stein in den Bach hineingefallen und dadurch ertrunken.
Wenn wir nichts weiter tun, kommen wir zu keiner anderen Anschau-
ung. Hier kann aber mit Bezug auf die physischen Tatsachen die Tat-
sachenlogik falsch sein. Bei der Sektion kommen wir vielleicht dar-
auf, daß den Menschen der Schlag getroffen hat, und daß er infolge-
dessen ins Wasser gefallen ist, daß also Ursache und Wirkung sich um-
kehren. Wir meinten, der Mensch ist tot, weil er ins Wasser fiel; in
Wirklichkeit ist er ins Wasser gefallen, weil er tot war. Da war in be-
zug auf die äußeren Tatsachen die Logik falsch. So können wir oft gar
nicht zurechtkommen mit der Logik für die äußere Maja.
Nehmen wir den Fall, den wir im Herbst zu unserem Schmerz in
Dornach erlebt haben. Das Söhnlein eines Mitgliedes gerade des hie-
sigen Zweiges, der in Dornach ansässig geworden ist, das siebenjährige
Söhnchen wurde eines Abends vermißt. Und nachdem man sich klar
geworden war, daß das Kind unter einem umgefallenen Möbelwagen
liegen könnte, mußte mitten in der Nacht der Wagen gehoben werden,
und der kleine Theo Faiß wurde unter diesem Wagen hervorgezogen,
tot. Was war geschehen? Dort in der Gegend fährt sonst kein Möbel-
wagen, fährt überhaupt kein Wagen. Es ist der äußerste Ausnahmefall,
daß da ein Wagen fährt. Es ist lange vorher und nachher keiner ge-
fahren. Und der kleine Theo hat sonst immer, was er zu holen hatte,
eine Viertelstunde früher geholt. An jenem Abend war er veranlaßt
worden, eine Viertelstunde zu warten. Er hätte auch, während er an der
linken Seite des Wagens gegangen ist, an der rechten Seite gehen kön-
nen, aber man hatte ihn veranlaßt, zu einem anderen Ausgang hinauszu-
gehen als sonst. Alles hat sich so zusammengezogen, daß es auf die Se-
kunde hin sich so abgespielt hat, daß der Knabe gerade just unter diesen
Wagen kam. Untersucht man den Fall geistig in seinem karmischen Zu-
sammenhang, dann hat sich die Seele des Knaben diesen Wagen bestellt,
um den Tod zu finden in diesem Zeitpunkt; da war das alles so einge-
richtet, da ist das physische Ereignis eine Folge der geistigen Zusammen-
hänge. Dann begreift man die Dinge in einer ganz anderen Weise, dann
versteht man allerdings auch den Zusammenhang zwischen dem, was
geschehen ist, und dem weiteren Verlauf nach dem Tode. Der kleine
Theo hatte ja einen Ätherleib, den er im normalen Leben noch siebzig,
achtzig Jahre und noch länger hätte haben können. Das alles geht ja
nicht verloren, das bleibt da. Ein Ätherleib von einem siebenjährig ge-
storbenen Kinde hat noch die Kräfte in sich, die verwendet worden
wären im Leben, die sind in der geistigen Welt vorhanden. Und das ist
auch denjenigen, die mit der Ätheraura unseres Baues zu tun haben, sehr
wohl bemerklich; denn da ist der Ätherleib des kleinen Knaben seit
dem Tode drinnen, da sind die Kräfte, die starken geistigen Kräfte die-
ses klugen, lieben, gutgearteten Knaben. Das sind Hilfs- und Helfer-
kräfte desjenigen, was mit der Aura des Dornacher Baues zusammen-
hängt.
So hängen geistige und physische Wirkungen zusammen. Die Zeiten
sind nicht vergangen, wo man hinblicken mußte auf die geistigen Wel-
ten bei dem, was in der physischen Welt geschieht; die Zeiten sind noch
immer da. Einiges beginnen wir zu begreifen durch unsere Geisteswis-
senschaft. Vieles aber ist darin, wozu wir Hilfskräfte brauchen von
denen, die mit unverbrauchten Ätherkräften fortgehen aus dem phy-
sischen Leben. Denken Sie an die Tausende und Tausende, die drau-
ßen auf den großen Feldern der ernsten Zeitereignisse heute durch die
Pforte des Todes gehen, durchwegs Menschen mit unverbrauchten
Ätherleibern. Das alles sind geistige Kräfte, die noch lange hätten wirk-
sam sein können, wenn die betreffenden Menschen in der physischen
Welt geblieben wären. Für die Physik erkennt man heute schon an, daß
keine Kraft verlorengeht. Im eminentesten Sinne ist dieses Gesetz von
der Erhaltung der Kraft aber in der geistigen Welt vorhanden. Die
Kräfte, die ein Ätherleib hat, um ein Leben zwischen Geburt und Tod
bis zum achtzigsten, neunzigsten Jahre zu versorgen, die gehen nicht
verloren, wenn jemand früh durch die Pforte des Todes geht. Die
Kräfte sind da. Neben dem, was durch das Ich und den Astralleib in
die geistige Welt eingeht und für die Individualität einen Wert hat,
hat der Ätherleib einen allgemeinen Wert für dasjenige, was übergeht
in die allgemeine Aura der Menschen-Erdenentwickelung. So können
wir hinaufschauen zu den frischen, vollkräftigen, unverbrauchten
Ätherleibern, die hinunterwirken aus den geistigen Welten in die kom-
menden Zeiten.
So wie wir heute vielfach sehen, daß Tote mitkämpfen mit den
Lebenden, so sehen wir auf der anderen Seite das ätherische Feld, die
elementarische Welt durchsetzt mit Kräften, mit starken Menschen-
kräften, welche erworben werden in hoher Zuversicht in dem Glauben
an ideelle Menschheitsziele, welche zurückgelassen werden von Men-
schen, die mit diesem Glauben durch die Pforte des Todes gegangen
sind. Diejenigen, welche später leben werden, die werden aber hinauf-
schauen müssen zu diesen unverbrauchten Ätherkräften, die fortwir-
kend sein werden. Diese Ätherkfäfte Früh verstorben er, sie werden ganz
sicher verlangen, daß sie nicht umsonst den Übergang gefunden haben
in die geistige Welt und von dort aus herunterschauen. Sie werden ver-
langen, daß sie wirklich ihren Teil beitragen können zur Neugestal-
tung der geistigen Erdenwelt, welche von der Menschheit verlangt
wird. Wie Mahner sind sie da, diese Ätherleiber, Mahner, die da sagen:
Wir sind in die geistige Welt gegangen, damit euch von hier aus Kräfte,
die in eure Herzen und Seelen gehen können, zufließen können, mit
denen ihr noch stärker arbeiten könnet für den im geisteswissenschaft-
lichen Sinne gehaltenen Fortschritt der Erdenentwickelung. - Zusam-
menwirken des Leiblichen mit dem Geistigen, wir müssen es verstehen,
nicht nebulos, verschwommen, sondern als konkrete geistige Verbin-
dung zwischen den Menschen, die hier auf Erden im physischen Leibe
leben und den Seelen, die hinaufgegangen sind in die geistige Welt.
Eine Gemeinsamkeit wird da sein, wenn wir die Tatsachen verste-
hen und uns richtig erfüllen mit dem, was die Geisteswissenschaft ge-
ben kann. Ja wahrhaftig, die Einsicht in den Zusammenhang zwischen
Geistigem und Physischem, sie kann uns in der richtigen Weise stellen
auch zu dem großen Ernste unserer Zeit, und uns ganz fühlen lassen,
wie dasjenige, was geschieht, nur allein wird gerechtfertigt werden
können von uns vor der Zukunft, wenn es genommen wird zum An-
lasse eines großen, bedeutsamen Menschheitsringens und Menschheits-
arbeitens auch auf dem physischen Plan. Erfüllen muß sich dasjenige,
was wir schon gestern betonten, aus dem richtigen Verständnis zwi-
schen geistiger und physischer Welt, erfüllen muß sich dasjenige, was
in den Worten liegt:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht -
Lenken Seelen geist-bewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
VIERTER VORTRAG
Stuttgart, 22. November 1915
Es sind ja durch die großen Ereignisse der Zeit schon viele derjenigen
Seelen, die ihr Streben dem unsrigen verbunden haben, durch die Pforte
des Todes gegangen. Wie ich bereits im Verlaufe dieser kriegerischen
Zeiten hier von diesem Orte Ihnen andeuten durfte: gerade durch das-
jenige, was mit diesen Seelen erlebt worden ist, hat es sich bestätigen
können, daß die Seelen, die aus dem Kampfe heraus durch die Pforte
des Todes gegangen sind, weiterhin mitleben dasjenige, was die große
Zeit von ihnen fordert. Sie leben verbunden mit dem Geiste ihres Vol-
kes, sie kämpfen weiter mit den geistigen Waffen. Gerade das aber,
meine lieben Freunde, obliegt uns insbesondere diesen Seelen gegen-
über: unsere liebenden Gedanken, unsere innigsten, uns in Liebe mit
ihnen verbindenden Impulse zu vereinigen. Es wird, wenn der Sturm
der Ereignisse vorbei ist — in den ja insbesondere diese Seelen, auch wenn
sie schon durch die Pforte des Todes gegangen sind, hineinverflochten
sind, allerdings im besten Sinne - , oder wenn die Zeit überhaupt ge-
eignet ist, die Möglichkeit kommen, gerade mit jenen Gedanken und
Vorstellungen, die uns beseelen müssen für diese teuren Toten, deren
Totenfest zu begehen.
Auch sonst hat gerade in dieser sturmbewegten Zeit die Macht des
Todes ihre Mahnungen ausgebreitet innerhalb unserer Reihen. Gerade
am heutigen Tage haben wir den Elementen der Erde übergeben die
irdische Hülle unserer lieben Freundin Sophie Sünde. Zahlreiche See-
len auch aus dieser Stadt werden sich ja im tiefsten Sinne mit dieser,
einer der treuesten Mitarbeiterinnen innerhalb unserer Reihen, tief ver-
bunden fühlen. Es wird, wenn ich in den nächsten Tagen in München
in der Lage sein werde zu sprechen, zu meinen Pflichten gehören — aber
zu den Pflichten, die in tiefster Liebe geleistet werden - , auch noch in-
nerhalb unserer Geistesströmung der teuren Sophie Stinde zu gedenken.
In vieler Beziehung, meine lieben Freunde, sind wir so an dasjenige
gemahnt worden, was ja, all die anderen Lebensrätsel wie zusammen-
fassend, in der Mitte vieler Rätselfragen des Daseins steht: an den Tod.
An den Tod, der oftmals so schmerzvoll, immer aber so rätselhaft ge-
rade für diejenigen, die für Lebensrätsel Empfindung haben, sich hin-
einstellt in das irdische Dasein, und der innerhalb des irdischen Da-
seins selber etwas ist, was seine Aufklärung niemals durch dieses irdi-
sche Dasein selber finden kann. Es ist gewiß im tiefsten Sinne begrün-
det, wenn die beiden Gedanken zusammengebracht werden, welche
einmal gebracht wurden in dem Thema auch eines der öffentlichen
Vorträge «Das Geheimnis des Todes und die Rätsel des Lebens». Denn
eine Betrachtung, welche sich über den Tod ergeht, bezieht sich nicht,
wie so manche gerade im materialistischen Lager glauben, nur auf
etwas, was dem Erdenleben ferne steht, was den Erdenmenschen ei-
gentlich nichts angeht. Sondern auch eine Weltanschauungsbetrach-
tung über den Tod bringt aus den Tiefen des Daseins solche Erkennt-
nisse heraus, welche, gerade vom Todesgeheimnis aus, das Leben auch
hier auf der Erde zu einem starken, zu einem sinnvollen machen. Und
deshalb muß man sich auch nicht vom Gesichtspunkte der Weltan-
schauung aus abhalten lassen, gerade zur Erklärung, zur Aufhellung
des Lebens an das Rätsel, an das Geheimnis des Todes heranzugehen.
Und so sei denn in dieser Zeit, wo der Tod auf der einen Seite uns
gerade im letzten Jahr so viel auch in unseren Reihen nahegestanden
hat, und wo er außerdem so hundertfältig uns entgegentritt durch die
geschichtlichen Ereignisse, in denen wir stehen, das Geheimnis des To-
des in die Betrachtungen dieser Tage in mancherlei Weltanschauungs-
fragen hinein verwoben. Wir können, indem wir an das Geheimnis des
Todes herantreten, den Tod da betrachten, wo er sich sozusagen noch
voll in das unmittelbare Leben hineinstellt. Der Tote selber nimmt
ja Abschied von diesem Sinnenleben, er betritt eine neue Sphäre. Aber
er bleibt vorhanden in dem Schmerze derer, die er verlassen hat; er
bleibt vorhanden in den Gedanken, die in jenen leben, bei denen durch
den Toten Gedanken, Empfindungen, Gefühle angeregt werden durf-
ten, solange der Tote unter den Lebenden weilte. Und es war nicht nur
eine schöne, aus den tiefsten menschlichen Bedürfnissen hervorgehende
Sitte, allüberall, wo das menschliche Herz nicht kalt und dürr ist, auch
im allgemeinen für die Toten Feste anzusetzen, Totenfeste. Auch in
unsere Zeit ragen sie herein, die Totenfeste, im Allerseelentag der Ka-
tholiken, in dem Totenfeste der evangelischen Konfession, und man-
ches andere Totenfest ragt mehr oder weniger individuell auch in un-
sere Zeit herein. Wer sollte nicht das Gefühl haben, daß in dem Herein-
ragen dieser Totenfeste selbst eine materialistische Zeit ihren Tribut ab-
trägt an das spirituelle Leben? Selbst wenn der Materialismus die See-
len schon so angefressen hat, daß sie es nur unbewußt tun: auch ma-
terialistische Seelen werden davor zurückschrecken, anders als mit
vertiefter Seele, mit vertieftem Herzen an dasjenige heranzutreten, was
sich mit den üblichen Totenfesten verbindet. Die Toten bleiben in dem,
was die noch Lebenden für sie fühlen, empfinden und denken können,
im Leben herinnen. Und so können wir auch, wenn wir den Tod im
allerengsten Sinne betrachten, diese Betrachtung des Todes noch mitten
im Leben beginnen.
Wir wissen ja aus den allgemeinen Betrachtungen, die durch viele
Jahre hindurch gepflogen worden sind, daß wir niemals sagen dürfen:
Hier steht die physisch-sinnliche Welt, und abgesondert von ihr steht
die geistige Welt. - Die physisch-sinnliche Welt reicht in die geistige
Welt hinauf, und die geistige Welt reicht in die physisch-sinnliche Welt
herunter. Und wenn auch die äußeren Sinne des Menschen die physisch-
sinnliche Welt nur im Sinnensein sehen, so ist doch, wie die Luft im
groben Sinne sich unmittelbar ausbreitet, der Geist allüberall ausge-
breitet und durchwellt und durchwogt alles das, was der Mensch im
physischen Leben mit normalen Sinnen eben nur sinnlich sieht. Und
diejenigen, die durch die Pforte des Todes hindurchgegangen sind, die
in der geistigen Welt sind, ragen herein in unsere sinnliche Welt mit
ihren Impulsen und Kräften. So daß wir sagen können: Wenn auch
hinter der Schwelle des normalen Bewußtseins das Band liegt, das die
im physischen Leibe Lebenden mit den im Geiste lebenden Toten ver-
bindet, so ist dieses Band doch ein reales. Und demjenigen, der in Gei-
steswissenschaft sich vertieft, muß so manches Rätsel aufgehen, das
notwendig gelöst werden muß, um das Leben zu verstehen da, wo es
verstanden werden muß nicht vom theoretischen, sondern vom Le-
bensstandpunkt aus selber, von dem Lebensstandpunkt aus, den nicht
nur das Denken, den die Seele in ihrem ganzen Inhalt und in ihrem
ganzen Umfange einnimmt.
Versuchen wir uns das, was wir uns ja aus dem gewöhnlichen Le-
ben klarmachen können in bezug auf den Tod, einmal vorzustellen.
Der Tote geht von uns fort. Was sich äußerlich ändert, ist, daß unsere
Augen ihn nicht mehr sehen, daß wir unseren Händedruck nicht mehr
mit ihm tauschen können, unsere Worte gehen nicht mehr von uns zu
ihm, von ihm zu uns. Das, was von seinen Gefühlsströmen als Wärme in
unser Herz sich ergossen hat, strömt nicht mehr in der sinnlichen Welt
zu uns. Er hat uns während der Zeit, in der wir mit ihm zusammen-
leben konnten, mit Hilfe seines sinnlichen Leibes, desjenigen, womit er
sich umkleidet hat in der physischen Welt, das Bild immer von neuem
vorgezaubert, das wir von ihm haben konnten. Die eingetretene Ver-
änderung besteht darin, daß wir nun, wenn die Seele, der wir nahe-
gestanden haben, durch die Pforte des Todes von uns gegangen ist,
nicht mehr die Hilfe haben für unsere Verbindung mit dieser Seele, die
dadurch bewirkt wird, daß das Bild dieses Menschen mit Hilfe der
sinnlichen Impulse, die von ihm ausgehen, in uns erzeugt wird mit
alledem, was es wachruft an Empfindungen, Gefühlen, Willensimpul-
sen, an Liebefähigkeit, an Sympathie und Antipathie. Was von die-
sem Zeitpunkte an, wo die Seele von uns durch die Pforte des Todes
hinweggeschritten ist, in uns weiterlebt, ist das Bild, das nun in uns
selber sein muß, das uns innerlich durchdringt. Wenn wir dieses Bild
aus der Imagination, als welche es ja fortlebt in unserem Ätherleibe,
insbesondere aber im Astralleibe und im Ich - was uns allerdings im
normalen Bewußtsein unbewußt bleibt - , wenn wir dieses zum Be-
wußtsein des physischen Daseins erheben wollen, so müssen wir es von
innen heraus erstehen lassen. Das, was wir bewahrt haben in uns von
unserem Verhältnis zu dem Toten, müssen wir aus dem innersten See-
lengrund, das heißt aus dem Ich und Astralleib ergießen in die Teile
unseres Menschenwesens, die uns das Bewußtsein und die Vorstellung
erzeugen: in den Ätherleib und physischen Leib.
Als die Seele, die durch die Pforte des Todes gegangen ist, noch bei
uns war, erzeugte sie noch das Bild; das Bild strahlte uns von außen
an, wir brauchten mit dem, was unsere Seele zu geben hat, nur dem
Bild entgegenzukommen. Wenn der Tote von uns gegangen ist, dann
sind wir darauf angewiesen, selber dasjenige, was wir von ihm bewahrt
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haben, in unsere äußere Menschenhülle hineinzugießen, damit der Be-
griff, die Vorstellung, das Bild von ihm vor unsere Seele treten kann.
Uns unterstützt dann nicht mehr - wie bei der Erinnerung an den Be-
kannten, der noch im Leben auf der Erde weilt - der Gedanke, daß wir
diese Erinnerung nicht als einziges haben, daß wir ihn auch noch
äußerlich erblicken können. Das ist für uns eben der gewaltige Ein-
schnitt, daß wir uns von nun an, solange wir nicht selber durch die
Pforte des Todes gegangen sind, auf die Erinnerung angewiesen sehen.
Diese Erinnerung an unbewußte Kräfte in uns kann ja nimmer-
mehr ausgelöscht werden in unseren tiefen Seelengliedern, im Ich und
Astralleib. Und wenn wir des Nachts in den Schlaf hineingehen, wenn
aus unserem gewöhnlichen Tagesbewußtsein die Eindrücke der phy-
sischen Außenwelt versinken, wenn versinken alle die Gedanken, die
wir vom Aufwachen bis zum Einschlafen haben können, dann leuchten
auf in dem, was wir in unserem Ich und Astralleibe aus unserem Leibe
heraustragen, die Imaginationen, die lichten Bilder derjenigen Persön-
lichkeiten, mit denen wir verbunden waren und die von uns hinweg-
gegangen sind durch die Pforte des Todes. In dem Teile unseres We-
sens, der in uns lebt vom Einschlafen bis zum Aufwachen, da leben
die Toten mit uns, wie die Lebendigen der Erde mit uns leben vom
Aufwachen bis zum Einschlafen. Unser waches Tagesbewußtsein ver-
danken wir eben dem Umstand, daß wir mit unserem physischen Leibe,
der uns mit dem Ätherleibe zusammen das Tagesbewußtsein vermittelt,
durch vier Stadien unserer Erdenentwickelung gegangen sind. Und
es entzieht sich uns das nächtliche Bewußtsein aus dem Grunde, weil
unser Ich ja erst während der Erdenentwickelung in uns eingezogen
ist und der Astralleib erst während der Mondenentwickelung. Was
wir erleben können, wenn wir unsere Toten erheben in das Ich und den
Astralleib, das werden wir erst in späteren Epochen unserer Erdenent-
wickelung so erleben wie jetzt das Leben der Lebendigen der Erde, das
heißt im normalen, wachen Tagesbewußtsein. Das Ich ist das jüngste
Glied, das muß sich erst durchringen zu einem Bewußtsein, welches
so Wachbewußtsein sein kann wie das jetzige Tagesbewußtsein, das
dadurch errungen, verursacht wird, daß unser Ich und Astralleib ver-
bunden sind mit dem physischen und Ätherleib. Der physische Leib ist
durch vier Stadien der Erdenentwickelung gegangen, der Ätherleib ist
durch drei Stadien gegangen, der Astralleib aber nur durch zwei Sta-
dien, und das Ich ist erst durch ein Stadium gegangen.
So ruhen diejenigen, die Geister geworden sind, die unverkörperte
Seelen geworden sind, in dem Elemente, das wir selbst durchleben
während unseres Schlafes. Aber in unser Tagesbewußtsein herein kön-
nen wir sie nurmehr aus unseren Erinnerungen zur Vorstellung bringen.
Es ist ja eine andere Kraft, die da bewirkt, daß ein geistiger Impuls in
uns lebt, und eine andere Kraft, die bewirkt, daß ein solcher geistiger
Impuls in uns zum Bewußtsein kommt. Die Eindrücke auf unsere
Sinne entstehen dadurch, daß sie von außen auch in den physischen
Leib und den Ätherleib einfließen können. Für dasjenige aber, was
im Ich und Astralleibe nur sein kann, hat unsere jetzige normale Ent-
wicklung noch nicht genügend Kraft, es so in den Ätherleib und phy-
sischen Leib hinein zu drängen und zu pressen, daß es für uns Vorstel-
lung wird. Dennoch ist eine Verbindung tief geistiger Art vorhanden.
Denn gerade in den zartesten Gliedern unserer Wesenheit sind wir un-
zertrennlich verbunden mit den sogenannten Toten. Für diese Ver-
bindung bildet der äußere Tod keinen Einschnitt, kaum eine Umwand-
lung. In diesen zarten Gliedern, in dem Ich und Astralleibe, da leben
die Toten so wie die Lebendigen, da leben diejenigen, die aus unseren
Reihen heraus Geisteswesen geworden sind.
Blicken wir ihnen nach mit den Mitteln der Erkenntnis, die wir
haben gewinnen können im Laufe des Lebens. Es ist ja hier öfter betont
worden, wie ganz andersartig das Verhältnis eines Wesens überhaupt,
also auch eines Menschenwesens, ist zu seiner Umgebung, wenn dieses
Wesen nicht wie wir in der physischen Welt einen physischen Leib
oder einen Ätherleib hat. Wenn derjenige, der durch die Pforte der
Initiation gegangen ist, für seine Erkenntnis den physischen und den
Ätherleib verläßt, dann lebt er in seiner geistigen Umgebung; so lebt
er darin, wie auch der Tote darinnen lebt. Und ich habe es öfter be-
tonen müssen, wie ganz andersartig das Verhältnis zu der geistigen
Welt ist, welcher der Wahrnehmende dann selbst angehört, wenn er
ein entkörpertes Menschenwesen ist oder ein Wesen der Hierarchien
oder ein Wesen der elementaren Welt. Wir haben betonen müssen, daß
wir selbst die Worte anders wählen müssen, die andeuten sollen, wie
dann das Verhältnis ist des geistigen Wesens zu seiner Umgebung ge-
genüber dem Verhältnis eines im physischen Leibe verkörperten We-
sens zu seiner Umgebung.
Hier in der physischen Welt machen die Dinge und Wesenheiten
der Außenwelt auf uns einen Eindruck. Wir stehen da, die Wesenheiten
stehen außer uns. Das, was sie ausstrahlen, zieht durch unsere Sinne in
unsere Seele hinein. Und wir sagen, indem wir ein Bewußtsein davon
haben: Wir stehen hier eingeschlossen in die Grenzen des Leibes. Die
anderen Wesen stellen wir vor; wir nehmen sie wahr. — Wenn wir in
die geistige Welt hineinkommen, müssen wir schon das Wort anders
wählen: Als geistiges Wesen werden wir wahrgenommen von den an-
deren geistigen Wesen. Tiere nehmen wir wahr, insofern sie sinnliche
Verkörperungen sind, Pflanzen nehmen wir wahr, die Menschen neh-
men wir wahr. Indem wir nun selbst in die geistige Welt hineingehen,
werden wir wahrgenommen von den Wesen der Angeloi, der Archan-
geloi, der Archai und so weiter. Und während wir hier sagen: Wir
sehen die Pflanzen, die Tiere, die Menschen - , haben wir zu sagen,
wenn wir in die geistige Welt eintreten: Wir erleben in uns etwas, und
dieses Erleben bedeutet, die Geistesaugen eines anderen Wesens ruhen
auf uns. Wir werden wahrgenommen. - Dieses Wahrgenommenwerden,
dieses Wissen, daß auf uns geschaut wird, das unterscheidet unser Le-
ben in der geistigen Welt von dem Leben in der physischen Welt.
Die Worte schon müssen, wenn man im eigentlichen Sinne spricht,
umgewandelt werden, denn es ist alles ganz anders in der geistigen
Welt. Und um es figürlich und doch wiederum mehr als figürlich aus-
zudrücken: Wenn ein Wesen aus der geistigen Welt in die sinnliche
Verkörperung kommt, dann muß es sich darauf gefaßt machen, daß
es allmählich lernen muß - auch das Kind muß das ja lernen - , durch
die physischen Sinne nach außen zu schauen, eine Welt von außen zu
empfangen, ein Ich zu werden, das die Welt von außen empfängt.
Wenn ein Wesen durch die Pforte des Todes oder auf eine andere Art
in die geistige Welt aus der sinnlichen Welt eintritt, muß es sich daran
gewöhnen, sich zu sagen: Du bist ein Ich, aber ein Ich, das nicht iso-
liert in der Welt lebt, das innerlich immer wiederum etwas erlebt, so wie
es etwa die Erinnerungsvorstellungen erlebt hat, die aus dem Unter-
grunde der Seele herauftauchen. Aber jetzt weißt du: Was da auf-
taucht, sind die in dich hineingetretenen Vorstellungen, Gedanken,
Empfindungen der anderen Wesen, die mit dir in der geistigen Welt
zusammenleben. - So wie von außen in uns hereintreten die Eindrücke,
die wir von der Sinnenwelt, von den Sinneswesen bekommen, so treten
in unserem Inneren die Vorstellungen und Empfindungen von Wesen
auf, die in der geistigen Welt sind. Aber wir wissen, diese Vorstellungen
und Empfindungen, die in uns auftreten aus dem dann für uns wesent-
lichen Inneren, die rühren her von geistigen Wesen, die mit uns sind.
Da sind wir in der geistigen Welt, da tritt in uns eine Vorstellung auf,
die Vorstellung eines Wesens, das wir lieben müssen, eines Wesens,
das uns die Anregung gibt, dies oder jenes in der geistigen Welt zu voll-
bringen. Woher rührt diese Vorstellung, wie kommt es, daß sie in uns
auftritt, wie hier die Erinnerungen? Das rührt davon her: Ein anderes
Wesen, ein Wesen der geistigen Welt hat sich uns genähert. Wir schauen
es nicht von außen an, wir wissen, daß es da ist, weil es das, was in ihm
lebt, in uns hineinsendet. Wir werden vorgestellt, wir werden wahrge-
nommen, so müßten wir sprechen gegenüber dem, was in der geistigen
Welt lebt. Dadurch wird das Erleben in der geistigen Welt nicht etwa
abstrakter, nebelhafter, damit wird es nur um so lebendiger. Es wird
so lebendig, was wir in der geistigen Welt erleben, wie nur lebendig
sein kann das, was wir in der physischen Welt in unserer unmittelbaren
Umgebung gegenwärtig haben. So müssen wir uns bekanntmachen mit
dem ganz andersartigen Zusammenleben mit den Wesen, die in der
geistigen Welt sind.
Und nun blicken wir von diesem Gesichtspunkte aus nach jenen,
die durch die Pforte des Todes gegangen sind. Sie treten ein in die
Welt, von der sie sagen müssen: Ich lerne immer mehr kennen, wie ich
wahrgenommen werde, wie in mich ihre Vorstellungen, Empfindungen
und Gefühle hineinsenden die entkörperten Menschen, die Elementar-
wesen, die Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, der Archangeloi.
Alle diese Wesen leben in mir. — Und wir blicken hinauf zu einem
solchen Toten, und wir ahnen: So wie uns ein Mensch hier in der Sin-
nenwelt entgegentritt und wir durch seine Haut das Blut erahnen, wir
in seinen Zügen die Arbeit seiner Nerven erahnen, so erahnen wir,
indem wir den geistigen, den entkörperten Menschen schauen, wie
durch das, was von uns erlebt wird an ihm, die Gedanken, die Emp-
findungen der Angeloi, der Archangeloi, der Archai wirken.
Hier in der physischen Welt tritt uns der physische Mensch ent-
gegen. Er hat durch seine Seele und seine Entwicklung das tierische,
pflanzliche und mineralische Sein geadelt. Aber dieses tierische, pflanz-
liche und mineralische Sein, es tritt uns in ihm dennoch entgegen. Wenn
uns ein Mensch hier im physischen Dasein entgegentritt: tief verborgen
in seinem Inneren und leuchtend durch die Leibeshülle ist sein Seelisch-
Geistiges. Doch das, was von seinen Impulsen in unser Auge hinein-
strahlt, das, was in der Sinnenwelt auf uns wirkt, ist durchsetzt mit
der bis zum Menschentum veredelten tierischen Natur; es tritt uns im
Menschen die Tierheit geadelt entgegen, aber doch die Tierheit. Auch
die Pflanzenwelt und das Mineralische, sie treten uns entgegen im Men-
schen. Wir wissen: Die Reiche der Natur leben im Menschen auf einer
höheren Stufe. Und würde das Mineralreich nicht im Menschen leben,
so würde uns niemals an der Stelle, wo uns der Mensch entgegentritt
im Physischen, wirklich ein Mensch entgegentreten können, denn nur
durch das, was er an Mineralischem in sich schließt, kann er ja einen
Eindruck in uns hervorrufen. Stehen wir als Geist einem geistigen We-
sen gegenüber, so blicken wir - wie wir hier bei dem physischen Men-
schen die Tierheit sehen - bei dem geistigen Menschen in der geistigen
Welt auf dasjenige, was in ihn, in diesen geistigen Menschen hinein-
strömen lassen an Empfindungen, an Gedanken, seelenhaft die Ange-
loi. Es ist herunterorganisiert bis zum Menschenleibe, was die Angeloi
erleben. So wie hinauforganisiert ist die Tierheit in dem Menschen,
so ist herunterorganisiert in der geistigen Welt dasjenige, was die An-
geloi durchzuckt im Seelenleben des Menschen. Und wie hinauforga-
nisiert ist das Pflanzenreich im Menschen, so ist herunterorganisiert
in der geistigen Gestalt des Menschen dasjenige, was die Archangeloi
in ihn hineinströmen lassen. Und ebenso wie das Mineralreich im sinn-
lichen Menschen in uns aufglänzt und dadurch der sinnliche Mensch
in uns wahrnehmbar wird, so ist dasjenige, was uns als geistiger Mensch
in der geistigen Welt entgegentritt, dadurch eine in sich geschlossene
Imagination, daß die Archai das, was sie an formgebender Kraft, an
bildender, gestaltender Kraft haben, hineingießen in den Menschen.
So wie die drei Naturreiche hier den physischen Menschen durchsetzen,
so durchsetzen die Angeloi, Archangeloi und Archai den Geist des
Menschen in der geistigen Welt.
"Wenn dann der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist,
so ist er ja — mit Ausnahme der allerersten Zeit - durch lange Zeiten
verbunden mit seinem Astralleib und mit seinem Ich. Aber so, wie er
da nun ist der Mensch in der geistigen Welt und von der Erde sich be-
wahrt das Ich und den Astralleib, so können in ihn zunächst herein-
wirken, so daß sie ihn eigentlich wahrnehmbar machen, die Geister
der Form und diejenigen Geister, die wir kennenlernen als die Ange-
hörigen der Hierarchie der Archai. So wie das eigentliche Mineralreich
den Menschen hier sichtbar und fühlbar macht, so macht das Reich der
Archai und Geister der Form den Menschen zum festgeschlossenen We-
sen in der geistigen Welt. Und so wie das Pflanzliche schon nicht mehr
geschaut wird, sondern wie es hier in der physischen Welt im Menschen
nur erahnt wird, so wird erahnt in der festgeschlossenen Gestalt des
Menschen in der geistigen Welt dasjenige, was die Hierarchien in ihn
einströmen lassen. So wie das Tier im Menschen uns hier nicht mehr
tierisch entgegentritt, und nur die Geisteswissenschaft darauf aufmerk-
sam macht, inwiefern die Tierheit einen Anteil hat am Menschen, so
erkennt man in der geistigen Welt zunächst auch nicht den etwas ver-
borgen bleibenden Anteil der Angeloi, der noch stark ist, solange der
Mensch den Ätherleib nicht abgelegt hat. Der verborgene Anteil der
Angeloi bleibt, aber er kommt weniger zum Ausdruck, wenn man die
Geistgestalt des Menschen in der geistigen Welt sieht. So begegnet uns
in der Tat der Tote, wenn wir nach einiger Zeit zu ihm in Beziehung
treten, so daß wir sagen können: Er ist es; aber das, was ihm die fest-
geschlossene Wesenheit gibt, das ist die Art und Weise, wie in ihn hin-
einwirken die Geister der Form. Und was noch stark erahnt werden
kann an ihm, das sind die Geister der Persönlichkeit. - So gleichsam
von oben, von den Hierarchien her organisiert, tritt uns dann der Tote
entgegen, wie uns hier das Physische, durchorganisiert von der mine-
ralischen Welt, entgegentritt.
Wenn wir nun von einer Menschenseele verlassen worden sind, da-
durch daß sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, dann bewah-
ren wir hier im Rahmen unseres physischen Bewußtseins das Erinne-
rungsbild. Alles das, was uns teuer ist an dem Toten, bewahren wir in
uns. Das ist eine andere Erinnerung, als die Erinnerungen sind, die
wir sonst im äußeren Leben haben. Denken Sie nur, wie unsere ande-
ren Erinnerungen sind. Was sind sie denn? Sie sind Gedanken über
etwas, was nicht mehr da ist, denn dadurch sind sie gerade Erinnerun-
gen. Dasjenige, an das wir uns erinnern, das ist nicht da, es geschieht
nicht in dem Augenblicke, in dem wir uns erinnern. Der Inhalt un-
serer Erinnerungsvorstellungen ist nicht da, wirkt jetzt nicht. Wenn
wir uns desjenigen erinnern, was das Wesen einer Seele ist, die uns
verbunden war und die durch die Pforte des Todes gegangen ist, dann
haben wir den Gedanken an diesen Toten; aber er selbst, der Tote, ist
da, ist in unmittelbarer Gegenwart da, ist ein reales Wesen der gei-
stigen Welt. Da haben wir nicht bloß eine Erinnerungsvorstellung, da
haben wir eine Vorstellung in der Seele, die zwar auch eine Erinne-
rungsvorstellung ist, der aber ein reales geistiges Wesen entspricht. In
uns lebt die Vorstellung, und draußen in der geistigen Welt lebt der
Tote. Das Wesen ist da, und die Vorstellung ist da. In uns also, wenn
wir verehrend dem Toten nachblicken, wenn wir in treuem Gedenken
dasjenige in uns gegenwärtig machen, was der Tote uns war, in un-
serem Wachbewußtsein tritt die Imagination, tritt das Bild des Toten
auf. Da ist es. Was heißt das? Das heißt: es ist da in einem lebendig
tätigen Prozeß in unserem physischen und Ätherleibe.
In unserem physischen und in unserem Ätherleibe stellen wir für
das andere Leben, das nicht gewidmet ist der Erinnerung an teure
Tote, das vor, kombinieren in unseren Gedanken dasjenige, was in
der physischen Welt ist. Rufen wir das Bild, das Gedanken- oder
Empfindungsbild oder das Gefühlsbild des Toten in uns hervor, dann
lebt für dieses Bild in unmittelbarer Gegenwart ein Wesen, durch das
blicken, ihre Vorstellungen in ihm verbindend, Engel und Erzengel.
Bedenken Sie, wenn wir die Gedanken, die Empfindungen auf Hebe
Tote hinrichten, da ist mehr, viel mehr vorhanden, als im gewöhn-
lichen normalen Zusammenleben vorhanden ist an Beziehungen zwi-
sehen der geistigen und der sinnlichen Welt. Da ist etwas vorhanden,
was auch, ich möchte sagen, nicht vorhanden sein könnte. Und eine
Frage richtet sich auf vor dem Geistesforscher: Was bedeutet nun für
die Toten die Tatsache, daß wir leben in der Welt, die sie verlassen
haben, in dem Reiche, dessen Hülle sie abgelegt haben, was bedeutet
für diese Toten, die da leben, der Umstand, daß wir in unserem Wach-
bewußtsein, das heißt im physischen und Ätherleibe das, was uns mit
ihnen verbindet, hervorrufen? Für den Geistesforscher entsteht diese
Frage, eine Frage, die scheinbar recht intimer Natur ist, die aber, wenn
der Geistesforscher sie löst, ich glaube, viele Lichter wirft auf die Ge-
heimnisse des Lebens.
Denn wir können diese Frage noch anders, von dem Gesichtspunkte
des unmittelbaren Lebens aus stellen, des Lebens, das allerdings nicht
immer vorhanden ist, das aber die Menschen dennoch suchen auf die
Art, wie ich es vorhin angedeutet habe. Stellen wir die Frage so: Was
bedeutet es denn eigentlich für die gesamte Realität, wenn an einem
Totengedenktage, am Allerseelentage oder einem anderen Totenfest-
tage, die Seelen der Menschen, die hier auf Erden in ihren Leibeshüllen
leben, nach den Gräbern gehen oder in Gedanken sich mit ihren Toten
vereinigen? Was bedeutet es, wenn wir uns selber unsere Erinnerungs-
tage oder Erinnerungsstunden an die Toten machen? Wenn wir ihnen
in unserem Sinne vorlesen? Wenn wir etwas tun, um uns mit ihnen zu
vereinigen und besonders das lebendig zu machen, was uns mit ihnen
dauernd verbindet? Mit anderen Worten jetzt: Was bedeutet es, wenn
wir uns im Wachbewußtsein das wach rufen, was uns mit den Toten
verbindet? - So kann auch diese Frage vor das Bewußtsein des Geistes-
forschers hintreten.
Da muß er es ausdrücken durch etwas anderes, was sich ihm nun
aus der Geistesforschung heraus ergibt. Man kann gerade die wichtigsten
Tatsachen der geistigen Welt im Grunde nur bildlich ausdrücken. Man
muß nach Vergleichen suchen, wenn man die Dinge der geistigen Welt
ausdrücken will. Denn für das gewöhnliche Leben sind ja unsere Worte
geprägt, für die physische Welt, und so unmittelbar mit den Worten
der physischen Welt können wir nicht sprechen über die geistige Welt,
wenn wir ihre Tatsachen ausdrücken wollen. Wir müssen versuchen,
auf dem Umweg eines Vergleichs in unseren Seelen solche Vorstel-
lungen wachzurufen, welche uns das gegenwärtig machen, was wir
uns vorstellen wollen über die geistige Welt. Und es bietet sich dem
Geistesforscher etwas hier in der physischen Welt, wodurch er eine
Vorstellung hervorrufen kann von dem, was eben wie eine Frage vor
uns aufgetaucht ist. Wir finden hier in der physischen Welt etwas, das,
ohne daß der äußere, der Naturprozeß der sinnlichen Welt gestört
würde, auch nicht da sein könnte, das aber doch diejenigen Menschen
nicht missen möchten, die das Leben in seiner Gänze durchzuleben
streben. Was ist es, was wir hier in der physisch-sinnlichen Welt fin-
den, was nicht zum fortlaufenden Naturprozeß gehört, was wir aber
nicht missen möchten? Nun, wenn wir uns von dem, was da ist und
was sich auf das Natürliche bezieht, Bilder machen, seien es künst-
lerische Bilder, seien es solche, wie sie in neuerer Zeit durch die äußere
Photographie hervorgerufen werden, so ist das, was uns so in Bildern
der physisch-sinnlichen Welt von Wesen, die dieser Welt angehören,
entgegentritt, etwas, das zu dem Naturprozeß hinzukommt; der Na-
turprozeß würde auch ohne sie sein können.
Versuchen Sie einmal, sich das recht vorzustellen, wie das Leben
bereichert wird dadurch, daß wir uns Bilder machen von dem, was
sonst im Naturprozeß da ist. Wie sehr lechzen wir danach, außer dem
Naturprozeß noch die Kunst in unserer Welt zu haben. Wie sehr wol-
len wir von irgend etwas, was erlebt worden ist, ein Bild haben! Der
Weltenlauf könnte auch ohne das weitergehen. Ein Wesen bleibt, was
es ist, auch wenn wir kein Bild davon haben, aber wir brauchen in
gewissem Sinne ein Bild. An dieses nun wird der Geistesforscher er-
innert, wenn er sich Vorstellungen machen muß über das, was die
Toten dadurch haben, daß die Lebendigen sie in ihrer Seele aufleben
lassen.
Das, was der dem Naturprozeß entsprechende Geistesprozeß ist,
auf den die Toten, also die geistigen Wesen hinblicken, das wäre
da, auch wenn nicht in den Seelen der Menschen die teuren Erin-
nerungen auflebten. Aber öde und leer wäre dann für die Toten, für
diese geistigen Wesen der fortlaufende Geistesprozeß, so wie wir Leere
empfinden würden, wenn wir nur den Naturprozeß um uns hätten,
und nichts von Bildlichem hineingestellt wäre in das Menschenleben,
in den Naturprozeß.
Wahrhaftig, man kann folgenden Vergleich ziehen: Wenn eine
teure Freundin, ein teurer Freund lange von Ihnen abwesend waren,
Sie liebend ihrer gedenken und sie nicht sehen können, und nun schicken
Ihnen diese ein Bild, so ist Ihnen dieses Bild lieb. Es ist etwas, was Ihr
Herz mit Wärme erfüllt, etwas, was Sie brauchen. So wie Ihnen das
Bild teuer sein muß, so sind die Gedanken an die teuren Toten, die im
wachen Tagesbewußtsein der Menschen leben, für diese Toten, wenn
sie herunterschauen auf die Welt, die sie sonst nur als fortlaufenden
Geistesprozeß empfinden, den sie aber nun durchsetzt fühlen von dem,
was nicht da sein könnte und doch da sein muß - in dem einen oder
anderen Sinn sind die Worte zu nehmen —, wenn sie das, was fort-
laufender Geistesprozeß ist, mit dem durchsetzt fühlen, was ihnen
aus den Seelen, die hier geblieben sind, hinaufgestrahlt wird, etwa wie
ein Bild eines lieben Menschen. Darum kann man sagen: Wenn man
auf einen Friedhof geht, am Totensonntag oder am Allerseelentag,
und dort viele Menschen sieht, die in dieser Zeit erfüllt sind von dem
Bilde ihrer teuren Toten, und man blickt dann hinauf in die Seelen
derer, an die da erinnert wird, dann sind das die Dome, die Kunst-
werke für diese Toten. Dann durchleuchtet das, was ihnen da von der
Erde hinaufstrahlt, für diese Toten die Welt wie ein herrlicher Dom,
der uns Geheimnisse kündet, uns die Welt durchleuchtet, oder wie ein
Bild, das uns lieb und wert ist, einen lieben Menschen vergegenwärtigt.
Öde und leer wäre für die Toten die Welt, in die sie immerdar blicken
müssen; von ihrem Gesichtspunkte aus wäre diese Welt der Erde öde
und leer, wenn sie herunterblicken würden, und in den Seelen der hier
auf Erden Lebenden nicht das zu ihnen hinaufblickte, was ja auch
nicht sein kann, und doch sein muß: die Gedanken, welche die auf der
Erde Lebenden mit den geistig Lebenden, den Toten, verbinden.
Ein tief ergreifender Gegensatz kündet sich uns da an, zwischen
dem Erdenleben und dem Leben im Geiste. Wir müssen, um das Erden-
leben zu erhöhen, dasjenige, was nicht ist, im Bilde zum Erdenleben
hinzufügen für die auf der Erde Lebenden. Eine von allem Bild-
lichen entblößte Erde, eine bloße Naturerde, wie öde, wie leer wäre
sie! Und jetzt erheben wir uns zu dem Standpunkt der Toten. Sie wür-
den den fortlaufenden Geistesprozeß wahrnehmen, aber öde und leer
wäre er für sie, so öde und leer wie das bildlose Naturdasein für die
Erdenkinder, wenn die Erinnerungen an die Toten nicht lebendig wä-
ren, wenn das treue Gedenken nicht wach wäre in den Wachbewußt-
seinen, wenn innerhalb des fortlaufenden Geistesprozesses nicht die
Gedanken wären, die für die geistige Welt gleich Kunstwerken sind,
insofern sie schöne Gedanken sind, und nicht verwoben sind dem
Erdenprozeß, sondern hingerichtet werden auf die nicht mehr im Er-
denprozeß Lebenden. Und was hier auf der Erde ein Kunstwerk zum
Kunstwerk macht, was seine Schönheit erhöht, es ist ja etwas, was in
viel geringerem Sinne mit dem menschlichen Innersten zusammen-
hängt als das, was unsere Gedanken an die Toten für die geistige Welt
sind. Denn auch in der geistigen Welt gibt es in diesem Sinne eine
Schönheit, eine wirkliche, echte Schönheit. Sie entsteht aber nicht in
dem gleichen Maße durch Äußerlichkeit, wie sie doch vielfach hier in
der physischen Welt durch Äußerlichkeit in dem Bilde entsteht. Daß
die Gemälde von Raffael, von Leonardo, von Dürer schöner sind als
andere, rührt davon her, daß diese Meister eben mehr konnten als
andere Meister. Daß ein Toter ein schöneres Kunstwerk - analogisch
gesprochen - von der Erde hinauf sich entgegenstrahien fühlt, das
rührt her von der Tiefe der Innerlichkeit, von dem heiligen geistigen
Gefühl der Erinnerung, die wir an ihn fortdauernd hegen. Die Stärke
der Empfindung für die Toten greift ein in unser Seelenleben und ver-
tieft es im Anblick der Toten selber. Dies macht unsere Seele schöner
und schöner.
Verfolgen Sie diesen Gedanken in Ihrer eigenen Seele, meine lieben
Freunde, und Sie werden durch diese Vertiefung manches sich er-
meditieren, was Ihnen Aufschluß geben kann über den Zusammen-
hang zwischen der geistigen und der sinnlichen Welt und über das
spezielle Kapitel der geistigen Welt, in der die Toten leben, und der
sinnlichen Welt, in der die Erdenmenschen leben. Wir werden andere
Betrachtungen aufbauen, die uns in weitere Kreise der geistigen Welt
einführen können, nach diesem ersten Kapitel, das wir heute durch-
gearbeitet haben.
F Ü N F T E R VORTRAG
Stuttgart, 23. November 1915
Wenn man an das Geheimnis des Todes herantritt, dann muß man
sich vor allen Dingen immer gegenwärtig halten, wie es auch gestern
wieder betont worden ist, daß zur Charakteristik der geistigen Welten
schon notwendig ist, den Sinn, der in unseren gewöhnlichen, für die
physische Welt zugeschnittenen Worten liegt, zu wandeln. Denn der
Tote, der sogenannte Tote, tritt ein in die geistige Welt, und wie wir
ja schon wiederholt angedeutet haben, ist es eben in der geistigen Welt
von Grund aus anders als in der physischen Welt.
Nicht nur nach geisteswissenschaftlichen Einsichten, sondern schon
in Gemäßheit der gewöhnlichen physischen Vernunft kann gedacht
werden, daß beim Eintreten in die geistige Welt durch die Pforte des
Todes das erste für den Toten ist: das Lösen des physischen Leibes von
dem, was innerhalb dieses physischen Leibes seine andere Menschen-
wesenheit ist. Das ist ja natürlich eine ganz triviale Wahrheit. Wir
wollen nun heute in dem Sinne, wie das für die Geisteswissenschaft er-
forschbar ist, auf die Vorgänge, die in Betracht kommen beim Be-
schreiben der Pforte des Todes und dem weiteren Verfolg des Weges
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, auf die inneren Erlebnisse
des Toten hinschauen.
Für den Menschen, der hier im physischen Leben zurückbleibt, ist
es ja so, daß er die Empfindung hat, dasjenige, was so in der physischen
Leibeshülle eingeschlossen ist, verlasse den oder die Zurückbleibenden,
der Tote gehe fort in eine andere Welt. Die Wahrnehmung, die der
Tote - wie gesagt, nach dem, was für die Geisteswissenschaft erforsch-
bar ist - zunächst hat, ist die, daß er seinerseits verlassen wird von
den Erdenbewohnern und auch von seinem physischen Leibe, von dem,
was das Werkzeug war für seine Wahrnehmung, für sein Denken und
Fühlen und seine Willensfähigkeit zwischen Geburt und Tod. Diese
also, die um ihn waren, die mit ihm verbunden waren, gehen von ihm
weg: das ist seine erste Wahrnehmung. Diese Wahrnehmung ist zunächst
verknüpft mit den Vorgängen, die wir oft beschrieben haben: daß die
Erde selber in einem gewissen Sinne weggehe, so daß sie die physische
Leibeshülle von dem durch die Pforte des Todes Gehenden wegnimmt.
Es ist durchaus so, als ob gewissermaßen der Tote das Gefühl bekäme,
er bleibe hinter einer Bewegung zurück, die er eigentlich hier auf der
Erde gar nicht wahrgenommen hat, er bleibe hinter der eigenen Be-
wegung der Erde zurück; die Erde gehe von ihm fort und mit der
Erde alles dasjenige, was ihn auf der Erde umgeben hat. Und er werde
nun einer ganz anderen Welt eingegliedert, aber einer Welt, durch die
er nunmehr etwas wahrnimmt, was ihm vorher ganz verborgen war,
durch die er wahrnimmt, daß dasjenige, was ihm als Leibeshülle ge-
geben war, gebunden ist an die Erde, auch an die Bewegungen der Erde.
Er hat so gewissermaßen das Gefühl - obwohl das recht ungenau aus-
gedrückt ist -, er könne den Weg nicht mehr mitmachen, den die Erde
und ihre Geister machen; daher verlassen sie ihn. Er bleibe in einer
gewissen größeren Ruhelage zurück, er gliedere sich gewissermaßen
einer ruhigeren Welt ein.
Auf diese Wahrnehmung des Verlassenwerdens, namentlich auch
von der physischen Leibeshülle, von alledem, was man von Menschen
erfahren hat, was man mit den Menschen erlebt hat zwischen Geburt
und Tod, gründet sich nun für den Toten gar mancherlei. Der Besitz
seiner physischen Leibeshülle war ihm etwas Selbstverständliches wäh-
rend des Erdenlebens. Daher ist das, was er jetzt wahrnimmt, etwas
ganz Neues, und wir werden sehen, wie verschieden diese Wahrneh-
mungen sind, je nachdem man eines sogenannten natürlichen Todes
durch Krankheit oder Altersauflösung stirbt oder eines gewaltsamen
Todes, zum Beispiel eines solchen Todes, den jetzt viele Tausende
sterben müssen.
Diese Wahrnehmung, von demjenigen verlassen zu werden, was
einem selbstverständlich als Eigentum gehörte, bedingt, daß etwas ganz
Neues im Seelenleben auftritt. Es bedeutet, daß etwas im Seelenleben
auftritt, was man eben nicht hat kennenlernen können, solange man im
Leibe weilte. Das erste, was da im Seelenleben auftritt, ist, ich möchte
sagen, das umgekehrte Gefühl gegenüber dem Leben. Hier auf der
Erde hat man das Gefühl, daß einem das Leben von außen gegeben ist,
daß man lebt durch die Lebenskräfte, die einem vom Äußeren der
Erde gegeben sind. Nun geht sozusagen die Erde mit dem, was sie
einem gegeben hat, fort und sogleich tritt durch dieses Verlassen wer den
das Gefühl auf, daß von innen heraus nunmehr die Kraft des Belebens
sprudelt. Das erste also ist die Wahrnehmung des Sich-Belebens. Es
ist der Übergang zu einer gewissen Aktivität, während man bisher in
der Passivität verharrt hat: Du belebst dasjenige, was du nun bist.
Du bist in dir selber. Was du bisher Welt nanntest, das ist von dir fort-
gegangen. Das, in dem du jetzt lebst, indem du es aber ganz ausfüllst,
das erzeugt in sich selber die Kraft des Belebens, das belebt sich. - Und
im Konkreten ist das so, daß sich eben das ergibt, was ich oftmals das
Lebenspanorama genannt habe, das flutende Leben in alledem, was
man zwischen Geburt und Tod erlebt hat. Die Bilder dieses Lebens
treten ja vor die Seele. Es steigt gleichsam aus dem Punkte, in dem man
selber ist, wie ein mächtiger, sich erzeugender Traum das ganze letzte
Leben zwischen Geburt und Tod auf. Aber Kraft braucht dieses Bild,
damit es nicht ein Traum sei. Es wäre wie ein dahinflutender Traum,
wenn man nicht dadurch, daß man dieses Bewußtsein errungen hat:
die eigene Leibeshülle löst sich los von dem Geistig-Seelischen - , die
Kraft des Belebens bekommen hätte. Der Traum belebt sich. Es wird,
was sonst nur flutende, dunkle Traumesbilderwelt wäre, von dem-
selben Punkte aus belebt, es wird lebendige Welt, lebendiges Lebens-
panorama. Man ist selber Quell des Belebens für das, was also als
Traum auftaucht. Das ist ja das unmittelbare Erleben nach dem Tode.
Das alles ist so, während der Mensch noch kaum das Bewußtsein
hat, er sei aus seinem früheren Bewußtsein heraus, sondern als habe
sich nur in ihm etwas geregt wie aus dem Mittelpunkt seines Wesens,
das sich ausbreitet und dem entflieht jenes Leben, dem er sich bis nun
passiv hingegeben hat. Was man nicht gewußt hat zwischen Geburt und
Tod: daß Gedanken, die sonst bloß wie ein Ich-Traum auf und ab
wogen, leben, das weiß man jetzt. Und man lebt sich nun aus dem
früher fremden Leben heraus in dieses Eigenleben hinein. Man erlebt,
was es bedeutet, daß das, was bisher mehr äußerlich mit einem ver-
bunden war, das Innerste ergreift. Was bisher eben nicht Leben, son-
dern Bild des Lebens war, ergreift das Vorstellen, das Denken. Und
während man sich in diese Vorstellung hineinfindet, geht allmählich
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eine weitere auf. Das ist diese, die man nennen könnte: ein Sich-Hin-
einleben in ein Durchtönen des Lebenspanoramas mit dem Weltenall. -
Mehr im allgemeinen habe ich diese Dinge schon beschrieben. Man muß
sie aber immer genauer betrachten, damit man hinter die Geheimnisse
der Welt kommt.
Zuerst belebt sich gewissermaßen der innerste Lebenstraum, wird
selbst ein lebendes Universum, ein lebender Kosmos. Dann füllt er
sich gleichsam aus mit dem, was man nennen kann: Es durchtönt
die Sphärenmusik des Weltenalls diesen Lebenstraum. Man erlebt,
wie das, was man selber war zwischen Geburt und Tod als ein Aus-
schnitt aus dem Kosmos, nunmehr aufgenommen wird von dem Kos-
mos, wie sich das eingliedert demjenigen, was jetzt nicht irdisch ist.
Denn das Irdische hat man durchgemacht zwischen Geburt und Tod.
Und dann ist das Nächste, daß man fühlt, wie intim der Kosmos das-
jenige durchzieht, was man so als ein Ausschnitt war. Man hat das
Gefühl, wie wenn ein inneres Licht aufginge und dasjenige erhellte,
was man war. Das alles aber strömt und tönt sozusagen in das Lebens-
panorama hinein. Dann löst sich der Ätherleib ab - denn diese Vor-
gänge geschehen ja alle, solange der Mensch mit dem Ätherleibe ver-
bunden ist -, und es geschieht das, was man nennt die Loslösung des
Ätherleibes.
Nun ist dieses, was man da erlebt, dieses Wahrnehmen des Lebens-
panoramas, dieses Auskleiden des Lebenspanoramas mit den tönenden
und leuchtenden Substanzen des Kosmos, ähnlich dem Sich-Einglie-
dern des physischen Leibes in die menschliche Wesenheit, wenn man
durch die Geburt ins Dasein tritt. Wie da sozusagen die menschliche
Substanz, die einem von der Erde gegeben ist, sich in das menschliche
Seelenwesen hineingliedert, so gliedert sich nach dem Durchschreiten
der Todespforte hinein das Kosmische, das Allmäßige. Dieses Erleben,
das da beschrieben worden ist, es ist nötig. Und wenn man wirklich
geisteswissenschaftlich das Leben zwischen Tod und neuer Geburt ver-
folgt, dann bemerkt man, welche Bedeutung für dieses ganze Leben zwi-
schen Tod und neuer Geburt dieses erste Durchleben nach dem Durch-
schreiten der Todespforte hat. Hier im physischen Erdenleben - das
müssen wir uns ganz klarmachen, ich habe es öfters betont - haben
wir unser Ich-Bewußtsein dadurch, daß wir eben in dem physischen
Leibe leben. Ich betone ausdrücklich: das Ich-Bewußtsein, nicht das
Ich. Unser Ich ist uns ja zugeteilt von den Geistern der Form, das ist
etwas anderes. Aber unser Ich-Bewußtsein haben wir dadurch, daß
wir im physischen Leibe untergetaucht sind. Dieses Ich-Bewußtsein
im wachen Erdenzustand müssen wir uns nur seinem Wesen nach ganz
klarmachen. Sie können es sich am besten so klarmachen: Denken Sie
sich, Sie bewegen sich durch einen Raum. Zunächst spüren Sie nichts;
jetzt stoßen Sie an etwas. Die Außenwelt stößt an Sie, aber Sie werden
sich gewahr. Sie werden den Stoß, den Ihnen die Außenwelt versetzt,
in sich gewahr, Sie werden sich an der Außenwelt gewahr, Sie spüren
sich, der an die Außenwelt anstößt.
In der Tat haben wir unser Ich-Bewußtsein in der physischen Welt
dadurch, daß wir überall an die Außenwelt stoßen. Natürlich nicht
nur mit dem Tastsinn, sondern wenn wir die Augen aufmachen, stoßen
wir auch an, das heißt, wir stoßen auf das äußere Licht; wenn Töne
an unser Ohr dringen, so werden wir uns gewahr, indem unser Gehör
an die Töne anstößt.
So aber werden wir uns auch selbst gewahr dadurch, daß wir jeden
Morgen aus der geistigen Welt herauskommen und untertauchen in die
physische Welt. Dieses Untertauchen in unseren physischen Leib, das
heißt dieses Zusammenstoßen unseres Ich und Astralleibes mit dem
Ätherleibe und physischen Leibe, das erzeugt unser Ich-Bewußtsein.
Daher in der Regel das Fehlen des Ich-Bewußtseins in der Traumes-
welt: weil wir zum Ich-Bewußtsein eben dieses Zusammenstoßen mit
dem physischen Leibe und dem Ätherleibe brauchen.
Zum klaren, deutlichen, wachen Ich-Bewußtsein brauchen wir die-
ses Zusammenstoßen. Nun ist dem, der durch die Pforte des Todes ge-
gangen ist, der äußere physische Leib genommen. Auf dieselbe Weise,
wie zwischen Geburt und Tod, kann er das Ich-Bewußtsein nicht er-
zeugen. Er würde ohne Bewußtsein seines Ich den Weg zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt schreiten müssen, wenn nicht dieses Ich-
Bewußtsein nun auf einem anderen Wege erzeugt würde. Dieser andere
Weg ist der, daß alles dasjenige, was wir nun unmittelbar im Äther-
leibe durchleben, nachdem wir durch die Pforte des Todes geschritten
sind, die ganze Zeit über zwischen dem Tod und einer neuen Geburt
bestehen bleibt.
Auch in dieser Beziehung ist das Erleben in der geistigen Welt zwi-
schen dem Tod und einer neuen Geburt entgegengesetzt dem physi-
schen Erleben hier zwischen Geburt und Tod. Hier in der physischen
Welt kann sich im normalen Bewußtsein keiner des Momentes seiner
Geburt erinnern; das Erinnern setzt erst später ein. An sein Geboren-
werden erinnert sich der Mensch nicht, das steht sozusagen in einer
größeren zeitlichen Ferne, als der Erinnerungsweg rückwärts durch-
machen kann. Das aber, was der Mensch innerlich jetzt erlebt von
der anderen Seite des Todes aus, das bleibt das ganze Leben hindurch
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt für die Seele bestehen. Das
Todeserlebnis, das bleibt ebenso gewiß bestehen, wie das Geburtser-
lebnis verschwindet, wenn der Mensch in die physische Welt eintritt.
Zu seiner Geburt sieht der physische Mensch nicht zurück in der phy-
sischen Welt, auf den Tod sieht er zurück in der ganzen Zeit zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt. Dieses Zurückschauen, dieses Tref-
fen auf das Todeserlebnis, das ist es, was das Ich-Bewußtsein erzeugt
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, dem verdanken wir es.
Der Anblick des Todes ist ja nur von der Seite des physischen Er-
lebens aus gesehen, wenn überhaupt, etwas Schreckliches. Nur da hat er
Grausen und Schrecken, wenn man ihn von dieser Seite aus sieht. Der
Tote sieht ihn aber von der anderen Seite. Und von dieser Seite aus
gesehen, hat das Wissen wirklich nichts Furchtbares, daß gewisser-
maßen der Moment des Todes bleibend ist für das ganze Leben zwi-
schen Tod und neuer Geburt. Denn wenn er auch Vernichtung ist, an-
gesehen von dieser physischen Seite des Lebens, so ist er das Herrlichste,
das Größte, das Schönste, das Erhabenste, was immerfort gesehen
werden kann von der anderen Seite des Lebens aus. Da bezeugt er fort-
während den Sieg des Geistes über die Materie, die selbstschöpferische
Lebenskraft des Geistes. In diesem Erfühlen der selbstschöpferischen
Lebenskraft des Geistes ist das Ich-Bewußtsein vorhanden in den gei-
stigen Welten.
In den geistigen Welten hat man also dieses Ich-Bewußtsein gerade
dadurch, daß man fortwährend sich innerlich selbst erzeugt, daß man
niemals an ein bestehendes Sein appelliert, sondern immer sich selbst
erzeugt, und in diesem Selbst-Erzeugen gewissermaßen sich berührt
rückwärts hin nach dem Momente, da der Tod eingetreten ist. Also
wir können auch angeben, auf welche Weise das Ich-Bewußtsein, das
Selbst-Bewußtsein in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt er-
zeugt wird. Diese große Bedeutung der Geburt des Ich-Bewußtseins hat
dieses Erleben in der ersten Zeit nach dem Tode. Und natürlich ist
gerade dieses erste Erlebnis auch verschieden, je nachdem der Mensch,
sagen wir, ein höheres Alter erreicht, dann auf naturgemäße Weise
durch die Pforte des Todes geht, oder vielleicht im zartesten Kindes-
alter schon dahingerafft wird oder in der Blüte seiner Jahre. Und von
einer ganz besonderen Bedeutung in bezug auf den Unterschied auf
diesem Gebiet ist annähernd — natürlich nicht pedantisch genau - das
fünfunddreißigste Lebensjahr. Was jetzt in so tausendfältiger Weise
stattfindet, daß junge Leute in der Blüte ihres Lebens durch die Pforte
des Todes schreiten: es wird sich uns morgen zeigen, wie sich das noch
weiter modifiziert dadurch, daß der Tod von außen an sie herantritt.
Aber wenn ein Mensch überhaupt jung durch die Pforte des Todes
schreitet, dann ist das Erblicken dieses geschilderten Lebenstableaus
mit seinen belebenden Vorgängen schon anders, als wenn man etwa
nach dem fünfunddreißigsten Lebensjahr durch die Pforte des Todes
schreitet.
Man kann etwa so sagen - obwohl es natürlich schwierig ist, für
diese Verhältnisse die richtigen Worte zu finden - , jemand, der in
jugendlichem Alter dahinstirbt, der hat das Gefühl: Das Traumbild
deines Lebens taucht auf, du belebst es aus dem Mittelpunkt deines
Lebens heraus. Aber indem du deine eigenen belebenden Kräfte aus-
gießest über dieses Lebenstableau, steht hinter .diesem Lebenstableau
noch etwas wie ein Rest aus der Welt, aus der du herausgeschritten
bist, indem du durch die Geburt gegangen bist.
Stirbt ein Kind, dann ist das Lebenstableau ja außerordentlich kurz.
Wenn zum Beispiel ein sechsjähriges Kind stirbt, so ist das Lebens-
tableau noch wenig inhaltsreich. Dafür tritt aber gewissermaßen hin-
ter diesem Tableau, in dasselbe hereinschattierend, von hinten noch vieles
von dem auf, was vor der Geburt durchlebt wurde in der geistigen
Welt, oder, wie man auch in der deutschen Sprache früher gesagt hat -
Goethe hat den Ausdruck gebraucht —, bevor man «jung geworden»
ist. Ein schöner Ausdruck, der jetzt verlorengegangen ist. Und wenn
ein Kind stirbt, das noch keine Rückerinnerung besitzt, bei dem noch
nicht der Zeitpunkt eingetreten ist, bis zu dem man sich zurückerinnert,
so hat es eigentlich noch nicht ein solches Lebenstableau, in welchem es
sich so unmittelbar darinnen fühlt, wie der Mensch sich drinnen fühlt,
wenn er später stirbt; sondern es tritt durch das ganze Lebenstableau
heraus, bloß ein wenig modifiziert, dasjenige, was es um sich gehabt
hat vor der Geburt. Man kann sagen: Dieses Erschauen bestimmter
Reste der geistigen Welt, die man vor der Geburt durchlebt hat, verliert
sich erst für die Rückschau nach dem Tode, wenn man das fünfunddrei-
ßigste Lebensjahr durchschritten hat.
Man soll niemals - dieses sei in Einschaltung gesagt — in die Ver-
suchung kommen, ich betone das ausdrücklich, sich dem gar nicht un-
gefährlichen Gedanken hinzugeben, was nun für einen Menschen bes-
ser sein könnte: vor dem fünfunddreißigsten Lebensjahr zu sterben,
oder nach dem fünfunddreißigsten Lebensjahr zu sterben und das-
jenige durchzuleben, was wir noch beschreiben werden. Diesen Gedan-
ken soll man nicht nachgehen, man soll sie nicht hegen, sondern man
soll erwägen: Wann man durch die Pforte des Todes schreitet, das
soll man im strengsten Sinne des Wortes einzig und allein dem Karma
überlassen.
Aber diese Dinge verstehen, das ist wichtig. Stirbt man nach dem
fünfunddreißigsten Lebensjahr, dann ist allerdings nicht die Möglich-
keit gegeben, etwas von dem Reste des der Geburt vorangehenden gei-
stigen Lebens noch zu schauen. Das ist abgedunkelt. Aber das Lebens-
tableau tritt dennoch auf. Nur hat man ein starkes Gefühl, daß man
von innen heraus es erzeugt, daß man es gewissermaßen selber spinnt;
aber es wird durchbelebt, dieses Gespinst. Dadurch unterscheiden sich
ganz wesentlich das Sterben vor dem fünfunddreißigsten Jahr und
das Sterben nach dem fünfunddreißigsten Jahr in bezug auf das Le-
benstableau. Das vorfünfunddreißigjährige Lebenstableau hat noch
viel mehr den Charakter, daß es wie von außen an einen herankommt,
wie aus einer geistigen Welt heraus, und man ihm nur entgegenschiebt
dasjenige, was man selber erlebt hat. Das nachfünfunddreißigjährige
Lebenstableau ist so, daß einem eigentlich von außen entgegenkommt
zuerst mehr ein Leeres, ein Verdunkeltes, und daß man diesem Dun-
kel entgegenbringt, was man sich im Leben erworben hat. Aber es
entzündet sich dadurch nicht minder lebendig. Es ist das innere Er-
leben modifiziert dadurch, daß man es das eine Mal so wie das Her-
ankommen einer Fata Morgana hat, der man entgegengeht, während
das andere Mal der Mensch seine Welt in die Welt des Kosmos hin-
einträgt. Das alles hat für das Leben eine große Bedeutung, wie wir mor-
gen noch sehen werden. Dieser karmische Vorgang, daß uns unser phy-
sischer Leib in einem bestimmten Alter des physischen Lebens ent-
rissen wird, hat eine große Bedeutung für die Art des Lebens nach
dem Tode. Aber das hängt innig zusammen mit unserem ganzen Karma.
Dann kommt die Zeit, in der wir das Gefühl haben: Jetzt bist du
eigentlich erst draußen, aus dem Irdischen heraus. - Wenn man grob
sprechen würde, so könnte man so sagen: Unmittelbar beim Durch-
schreiten der Pforte des Todes hat man das Gefühl, der irdische Leib
geht von einem fort. Die Freunde, die Menschen, mit denen man zu-
sammen war, gehen von einem fort. Die Erlebnisse, die man mit ihnen
hatte, gehen von einem fort. Man ist für eine Weile mit sich allein,
allein mit dem, was man erlebt hat. Natürlich ist da alles in dem Le-
benstraum drinnen, was man mit den Menschen erlebt hat; man be-
schaut es als das, was die Menschen in einen eingegraben haben, aber
so, daß man die Tage über in sich lebt und in sich den Lebenstraum be-
lebt. Man hat da den Eindruck, auch die Erde gehe von einem fort, aber
man lebe noch durchaus in derselben Sphäre, in der sich die Erde befin-
det, in der Sphäre, die noch zur Erde gehört. - Und das Ablegen des
Ätherleibes erlebt man eigentlich auch so, daß man das Gefühl hat:
Jetzt bist du nicht nur aus der Erde und ihrer Substanz heraus, sondern
auch aus dem, was die unmittelbarste Umgebung der Erde ist, aus dem
Licht; du bist auch aus dem fort, was auf der Erde als dichte Substan-
tialität die Sphärenmusik unhörbar macht. Du bist - das ist der letzte
Eindruck vielleicht, der sehr bedeutsam ist, der dann etwas Bleiben-
des ist - , du bist fort aus der Gewohnheit, gewissermaßen dich und deine
Umgebung beleuchten zu lassen von äußerem Licht. - Ich bemerke ein-
schaltungsweise: Die dümmste Vorstellung haben diejenigen, die glau-
ben, wenn man von der Erde zur Sonne wegfliegen würde, so würde
man immerfort durch Licht fliegen. Diese phantastische Vorstellung
haben gegenwärtig die materialistischen Physiker. Der Glaube, daß die
Sonne in der Weise, wie man es in der Physik beschreibt, Licht ver-
breite, daß durch den Weltenraum das Licht gehe und auf die Erde
falle, das ist einer der ärgsten Aberglauben. Man merkt das nach dem
Tode dadurch, daß man, sich von dem Ätherleib frei wissend, die Er-
fahrung macht, daß nur in dem Gebiet, das zur Erde gehört, das ist, was
wir als Sonnenlicht hier im physischen Leben haben. Man hat die Wahr-
nehmung: Jetzt stört dich dieses Licht nicht mehr. Jetzt ist es die in-
nere Erzeugung des Lichtes, die sich ausbreitet in dem erst Durchtönten.
Das innere Licht kann nun wirksam werden, weil das äußere Licht
das innere nicht mehr stört.
Und nun beginnt eben mit dem Ablegen des Ätherleibes der Ein-
tritt in jene Welt, die so oft die Kamalokawelt genannt wird. Wir
wollen sie die Seelenwelt nennen, denn nachdem zuerst die innere Be-
lebekraft aufgetreten ist, erlebt man dann etwas wie inneres Durch-
tönen dessen, was man ist, da man nun mit sich allein ist. Und nach
dem inneren Durchleuchten tritt nun das auf, was wie ein inneres
Durchwärmen sich ausnimmt. Hier auf der Erde hat man das Durch-
wärmen, indem man Wärme von außen empfängt und darauf ange-
wiesen sich fühlt im physischen Leibe. Und nun tritt das innere Durch-
wärmen auf, und dieses Durchwärmen ist so, daß man nun wieder
fühlt: Du bist jetzt imstande, in dem Elemente, in dem du lebst, die
Empfindung in dir selbst hervorzurufen, die du früher auch hattest,
aber in der Form: Wärme wirkt auf dich. - Das durchzieht das Le-
benstableau mit Wärme. Dadurch tritt man in ein völlig neues Ele-
ment ein. Man hat das Gefühl, daß der Ätherleib einen nun verläßt.
Und das ist eben der Eintritt in die Welt, die mit vollem Bedacht in
meinem Buche «Theosophie» die Welt der Begierdenglut genannt wor-
den ist, weil die Wärme, die von innen auftritt, zugleich Begierde ist,
sich erzeugende, fließende Begierde, Empfinden des Wollenselementes.
Und in sie mischt sich schon hinein dasjenige, was uns jetzt für eine
gewisse längere Zeit bleibt: das Erleben der Seelenwelt, die ich ja öfters
geschildert habe - wir können diese Dinge nur nach und nach genauer
schildern - als ein Zurückerleben des Lebens. Man schreitet von dem
Erleben des Todes zurück gegen die Geburt hin. Und nun erlebt man
alles das von der anderen Seite wieder, was man hier im physischen Le-
ben durchlebt hat. Aber nicht so durchlebt man es, wie man es hier in
der physischen "Welt durchlebt hat, sondern man erlebt es auf moralische
Weise. Wenn man, sagen wir, an einem gewissen Zeitpunkt zwischen Ge-
burt und Tod jemandem eine Verletzung zugefügt hat, so hat man dazu-
mal in sich dasjenige gespürt, was man getan hat, nicht aber das Leid,
das der andere empfunden hat. Jetzt erlebt man dieselbe Sache wieder,
aber nicht das, was man selber an Zorn oder Antipathie in sich durch-
lebt hat, sondern so, wie der andere es erlebt hat. Man breitet sein eige-
nes Erleben, wenn ich mich so ausdrücken will, auf die Wirkungen sei-
ner Taten aus, die da waren zwischen Geburt und Tod. Man lebt sich
in alle Wirkungen der Taten hinein.
Das ist gewissermaßen die Grundlage des Lebens zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt, daß man sich während des Erlebens in der
Seelenwelt nach und nach in das, was man bewirkt hat zwischen Ge-
burt und Tod, hineinlebt, daß man in dieses allmählich untertaucht.
Wirklich so, wie man nach und nach hier von Kindheit auf sich in die
Natur hineinlebte, wie man lernte, die Natur wahrzunehmen, die Na-
tur zu verstehen, so lebt man sich in der Zeit nach dem Tode in die
Wirkungen seiner eigenen Taten, in die Wirkung seiner eigenen Ge-
danken und Worte, kurz in die gesamte Welt der Wirkungen hinein;
man strömt sich aus in die Welt der Wirkungen. Gewiß tauchen aus
diesem Untergrund schon geistige Wesen nach und nach auf: die Wesen
der höheren Hierarchien, die Wesen der Elementarwelt. So wie wir
hier nicht bloß die Natur erleben, sondern Tiere, Pflanzen, Mineralien
auftauchen auf dem Boden der Natur, so tauchen auf innerhalb dieses
Zurückerlebens, wo wir uns in die Wirkungen unserer Taten hinein-
leben - denn das ist eigentlich dann der Grundboden unserer Welt - ,
die geistigen Wesen in der geistigen Welt. Da kommen uns dann auch
entgegen, wie in der physischen Welt die physischen Wesen, unter den
geistigen Wesenheiten der Elementarreiche und der höheren Hierar-
chien die Seelen, die mit uns in Zusammenhang gestanden haben, die
Seelen, die schon früher verstorben und in der geistigen Welt sind, oder
die Seelen, die noch im physischen Leibe verkörpert sind, mit denen wir
hier Zusammenhang gehabt haben. Mit alledem belebt sich dieser
Grundboden des nachtodlichen Seins, dieses Sich-Auflösen in die Welt
seiner eigenen Taten.
Und da ist in einer gewissen Weise wahrzunehmen, daß ein Unter-
schied besteht zwischen dem Wahrnehmen einer Seele, die noch auf
Erden weilt, und einer Seele, die auch schon durch die Pforte des To-
des gegangen ist. Der Tote weiß natürlich, ob er es mit der einen oder
mit der anderen Seele zu tun hat. Wenn er es mit einer Seele zu tun
hat, die noch im irdischen Leibe weilt, dann hat der Tote das Ge-
fühl, daß diese Seele mehr wie von außen an ihn herandringe, daß sich
das Bild, die Imagination selber formt. Bei einer Seele, die auch schon
zu den entkörperten gehört, ist ein viel aktiveres Erleben da. Da hat
man das Gefühl, daß die Seele an einen herankommt, daß man aber
das Bild für diese Seele formen muß. Der Tote kommt mit seiner Wesen-
heit an einen heran, sein Bild muß man selber formen; der noch Le-
bende bringt einem sein Bild heran, wenn man auf ihn hinunterschaut.
Und nun durchlebt man also in einer gewissen Weise mit moralischer
Betonung dasjenige, was man seine Taten nennen kann, das heißt die
Wirkungen desjenigen, was man getan, gedacht, gewollt hat. Da taucht
man unter, da lebt man sich hinein. Und in einer ganz bestimmten
Weise taucht man ein, nämlich so, daß man eben zum Beispiel das Er-
leben hat: Du hast jemanden verletzt, jetzt erlebst du, was der andere
erlebt hat durch die Verletzung! - Das ist wirklich jetzt eigenes Er-
leben, was der andere hier in der physischen Welt erlebt hat. Das macht
man durch. Und indem man es durchmacht, taucht ganz wie durch
innere, elementare Notwendigkeit in einem die Kraft auf: Das mußt
du ausgleichen, das mußt du gutmachen! - Es ist wirklich so, daß Sie
den Vergleich gebrauchen können: Eine Stechmücke fliegt Ihnen ent-
gegen, Sie schließen die Augen. Sie führen eine Tätigkeit aus unter ei-
nem Eindruck. - Nach dem Tode erleben Sie das, was irgend etwas,
das Sie begangen haben, bewirkt hat; dann antworten Sie in sich selber
in dem Erzeugen der Kraft, das auszugleichen, also das auszugleichen,
was der andere durch die Verletzung erlitten hat. Das heißt, indem Sie
das durchleben, rückläufig im Seelenland erleben, nehmen Sie in sich
auf die Kraft, in diesem Menschen, der das durch Sie erlitten hat, das
wiederum wegzuschaffen. Damit ist der Wunsch erzeugt, mit ihm zu-
sammenzusein im Erdenleben, um das, was man ihm erwiesen hat, wie-
derum auszugleichen. Da erzeugen sich während dieses Rückerlebens
die ganzen Kräfte zum Karma, zum ausgleichenden Karma. Die nimmt
man da auf.
Also schon in diesen ersten Jahren oder Jahrzehnten nach dem
Durchgang durch die Todespforte erzeugt man das Ausleben des
Karma. Und so wahr, als im Keime eine wachsende Kraft ist, die später
erst in der Blüte sich auslebt, so wahr ist, daß jetzt schon, in der Zeit
nach dem Durchschreiten der Todespforte, in dem Toten die Kraft
als Wurzelkraft besteht, die dann bleibt fürs ganze Leben zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt, und die im neuen Erdenleben oder in spä-
teren Erdenleben sich auslebt als karmischer Ausgleich dessen, was man
verübt hat. So erzeugt sich der Wille, der dann unbewußter Wille zum
Karma wird.
Und nun kann man noch etwas näher betrachten, was wichtig ist
für die Erkenntnis dieses Bildes des Lebens zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt. Man kann es betrachten, wenn man noch einmal
einen Blick wirft auf Wechselwirkungen zwischen den Verhältnissen
des irdischen Lebens hier, die uns in ihrer äußeren Erscheinung gut be-
kannt sind und über die wir manche Betrachtung angestellt haben
ihrem inneren Geheimnisse nach, wenn wir auf die Wechselwirkung
blicken zwischen wachem Tagesleben und nächtlichem Schlafesleben.
Wir wollen heute von einem gewissen Punkte aus noch einmal auf
dieses Wachen und diesen Schlaf sehen. Äußerlich betrachtet besteht
ja der Schlaf darin, daß wir mit unserem Ich und Astralleibe außer-
halb des physischen und des Ätherleibes sind. Das Schlafesleben bleibt
zunächst, wenn es nicht auf eine gewisse Art vom Traumesleben durch-
setzt ist, unbewußt, doch bedeutet dies nicht Untätigkeit. Im Gegen-
teil, dieses Schlafesleben ist ein innerlich viel tätigeres Seelenleben -
wenn es auch zunächst während des normalen Erdenlebens unbewußt
bleibt - als das wache Seelenleben. Das wache Seelenleben ist nur des-
halb so intensiv, weil die Tätigkeit des Ich und des Astralleibes an dem
Ätherleibe und physischen Leibe einen Widerstand erfährt, und in die-
sem gegenseitigen Sich-Stoßen von Ich und Astralleib einerseits und
physischem und Ätherleib andererseits etwas entwickelt wird wie fort-
währende Stöße und Gegenstöße. Dieses ist es, was uns als waches Ta-
gesleben erscheint, wahrend wir im normalen Erdenleben noch nicht
in der Lage sind, die fortwährende, aber intensive Tätigkeit des Nacht-
lebens zum Bewußtsein zu bringen. Dieses stößt nicht an den physi-
schen und Ätherleib, daher wird es nicht bewußt. Aber an sich ist das
Tagesleben schwächer; es wird nur bewußt dadurch, daß es fortwäh-
rend antrommelt an Ätherleib und physischen Leib. Dieses Antrom-
meln nimmt man wahr, während die intensivere Tätigkeit des Schla-
feslebens ins Unbestimmte hinausgeht, nicht antrommeln kann an ir-
gend etwas und dadurch unbewußt bleibt.
Aber womit beschäftigt sich der Mensch während dieses Schlafes-
lebens? Wenn Träume auftreten im normalen Leben, so sind diese
Träume ja nicht die wirkliche Tätigkeit während des Schlafeslebens,
sondern sie sind eigentlich eine Verbildlichung der Tätigkeit durch die
Erinnerungen des gewöhnlichen Lebens. Die Bilder des Traumlebens
entstehen dadurch, daß das Leben seinen Teppich breitet über die ei-
gentliche innere Tätigkeit; und dadurch wird mancherlei wahrgenom-
men im Traumesleben. Da sind das Ich und der Astralleib in einer le-
bendigen Tätigkeit; wenn sich das berührt mit dem Ätherleibe und
der Mensch anstößt an den Ätherleib, dann entsteht der Traum. Aber
der Traum benützt aus dem Ätherleib heraus die physischen Lebens-
erinnerungen, um die unsichtbar bleibende Tätigkeit des Ich und des
Astralleibes sichtbar zu machen. Hinter den Traum kommt man daher
nur, wenn man diese Bilder in bezug auf ihren Charakterablauf nimmt,
wenn man also diese Bilder verstehen lernt. Träume müssen erst in der
richtigen Weise gelesen werden, es muß erst die richtige Auslegekunst
dazukommen. Dann weisen sie allerdings in diese bedeutungsvollste
Wirklichkeit hinein, die vom Ich und vom Astralleib im Schlafe aus-
geführt wird. Diese Tätigkeit also, die da der Mensch ausführt, ent-
hüllt sich dann der ernsten und würdigen Geistesforschung.
Worin besteht nun diese Tätigkeit vom Einschlafen bis zum Auf-
wachen? Sie besteht darin, daß man in viel intensiverer Weise inner-
lieh die Tageserlebnisse noch einmal durchlebt, daß man gewisserma-
ßen zum Selbstbeurteiler wird der Tageserlebnisse. Es ist trivial ausge-
drückt, aber tief innerlich wahr: man lebt in dem normalen Bewußt-
sein in den Tag hinein, man läßt die Ereignisse, die um einen sich ab-
spielen, abfluten. In der Nacht aber nimmt man ichlich und in dem
Astralleib - ichlich und seelisch - die Tagesereignisse viel ernster, viel
bedeutungsvoller. Man wägt sie, prüft sie in bezug auf ihren Welten-
wert. Man beschäftigt sich damit, was sie für eine Bedeutung haben im
ganzen Weltenzusammenhang. Eine ungeheure innerliche Gründlich-
keit in der Lebensbetrachtung ist ausgegossen über die Tätigkeit vom
Einschlafen bis zum Aufwachen; nur bleibt sie eben im normalen Le-
ben unbewußt. Alles dies, was da der Mensch wie ein nochmaliges
Durchleben des Tageslebens jede Nacht durchmacht, das hat eine große
Bedeutung als Vorbereitung für das Leben nach dem Durchschreiten
der Pforte des Todes.
Betrachten Sie doch einmal mit den Mitteln der gewöhnlichen phy-
sischen Betrachtung dieses fortlaufende Leben zwischen Geburt und
Tod. Man sagt natürlich nur, man erinnere sich bis zu einem gewissen
Zeitpunkt zurück in diesem Leben. In Wahrheit erinnert man sich nicht
an das ganze Leben zurück, sondern man erinnert sich am Abend an
das, was bis zum Morgen geht. Dann reißt die Erinnerung ab. Dann
kommt erst wiederum der vorhergehende Tag, dann wieder die Nacht,
an die man sich nicht erinnert. So erinnert man sich zurück, aber es
ist gleichsam Kettenglied an Kettenglied, ein weißes und ein schwarzes
Glied. An die Nacht erinnert man sich nicht in dem Leben zwischen
Geburt und Tod. Das Eigentümliche ist nun, daß man sich gerade er-
innert in dieser Zeit, in der man im Seelenlande lebt, an die Art, wie
man nun in den Nächten, Nacht für Nacht zurückgehend, die Tages-
erlebnisse durchlebt hat. Hier im physischen Leben erinnert man sich
an seine Tage; im Seelenland erinnert man sich an dasselbe, aber man
erinnert sich, wie man die Tage durchwirkt und durchlebt hat in den
Nächten. Man schreitet seine Nächte zurück. Dadurch blicken Sie hin-
ein in die ganze Art des Erlebens im Seelenlande.
Wenn Sie sich das im einzelnen klarmachen, ist es so: Sie haben
einen Menschen getroffen an einem bestimmten Tage des Lebens, Sie
haben mit ihm dieses oder jenes erlebt. Sie erleben es nicht nur mit
ihm am Tage, sondern auch in der Nacht noch einmal, auch in den
folgenden Nachten; dann ist es eine Art von Reminiszenz. Sie erleben
es da innerlich im Ich und Astralleib. Alles, was Sie hier erlebt haben
im Tagesbewußtsein, erleben Sie wiederum im Nachtbewußtsein. Und
so wie Sie es im Nachtbewußtsein erlebt haben, so gibt es Ihnen die
Handhabe für das, wie Sie es in der Seelenwelt brauchen. Sie erleben
Ihre Nächte zurück. Das ist eine sehr bedeutungsvolle Wahrheit der
Geistesforschung, und man kann durch eine solche Sache immer wie-
derum der Tatsache gedenken, daß das Forschen im Geistigen nicht so
ist, wie viele glauben. Viele glauben, daß wenn man einmal die geistige
Welt betreten hat, dann kenne der Geistesforscher auf einmal die ganze
geistige Welt und wisse über alles Bescheid. Dieser Glaube ist ebenso
naiv, wie es naiv ist zu glauben, daß einer, der über einen Teil der Erde
gegangen ist, die ganze Erde kennt. Stücke der Erde kennt er ganz gut,
aber von anderen Stücken der Erde weiß er nichts. Ebensowenig
braucht einer, der die geistige Welt an irgendeinem Punkte kennt,
alles von der geistigen Welt zu wissen. Das ist Gegenstand einer lang-
samen Forschung. Daher ist es so schwierig, über die Geisteswissen-
schaft zu sprechen, weil man immer wieder diesem Vorurteil begegnet.
Wenn geisteswissenschaftliche Vorträge gehalten werden, dann ver-
langen die Leute in der Fragenbeantwortung, daß über alle Dinge
Auskunft gegeben werde. Solche Fragen sind ebenso zu beurteilen, wie
wenn irgend jemand zum Beispiel eine bestimmte Anzahl von Mine-
ralien, von Pflanzen kennengelernt hätte, und man würde ihn dann
über die Geheimnisse der Tierwelt fragen und sagen: Er kennt das
eine, da muß er auch das andere kennen!
Es ist durchaus so, daß alle Einzelheiten der geistigen Welt erst
erarbeitet werden müssen. Und vor allem muß man warten können,
bis sich einem die eine oder die andere Sache ergibt. Nun haben Sie
ersehen können, daß ich in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß»
und «Theosophie» gesprochen habe über die ungefähre Länge des so-
genannten Kamalokalebens, des Lebens in der Seelenwelt. Von einem
gewissen Gesichtspunkte aus kann man das auch durchaus so sagen,
wie es da geschehen ist. Aber nun kommt der Geistesforscher in einen
bestimmten Zusammenhang, der sich wirklich vergleichen läßt mit dem
Bereisen von Ländern. Man kommt von einem Ort zum anderen, und
so kommt man hier von einem Gebiet zum anderen. So kann der Gei-
stesforscher zu einem anderen Gesichtspunkte kommen; und diesem
Gesichtspunkt ergibt sich auf die Frage: "Womit beschäftigt sich die
Tätigkeit des Ich und des Astralleibes in der Nacht? - als Antwort:
Die Erlebnisse der Nacht können so betrachtet werden, daß sie eine
nochmalige Verarbeitung der Tageserlebnisse sind. - Die Frage kann
sich aufwerfen: Wie nimmt sich da das Leben in der Seelenwelt aus,
wenn man weiß, die Nächte werden durchlebt in der Seelenwelt? - Ich
habe angegeben, daß das Leben in der Seelenwelt ungefähr ein Drittel
ausmacht des letzten Erdenlebens. Wenn man die Nächte durchlebt,
wie lange wird das Leben in der Seelenwelt dauern? Nun, man durch-
schläft ungefähr ein Drittel seines Lebens hier auf der Erde; einige
Leute verschlafen mehr, andere weniger, aber ungefähr ein Drittel des
Erdenlebens verschläft man.
So sind die ungeheuer bedeutungsvollen Eindrücke, die man haben
kann in bezug auf die Bewahrheitung der Geisteswissenschaft. Denn
so ist es ja in der Geisteswissenschaft: Da wird einem einmal von einem
gewissen Gesichtspunkte aus etwas gegeben, von dem aus man hinein-
schaut in die geistige Welt. Da ergibt sich eine Wahrheit. Es könnte sie
einer bezweifeln, diese Wahrheit. Nun geht man von einem anderen
Gesichtspunkte aus und kommt zu derselben Wahrheit, so wie es jetzt
mit dem Durchleben der Nächte der Fall ist. Das ergibt die Bewahrhei-
tung. Das ist ein wichtiges Kriterium, dieses innerliche Zusammen-
stimmen. Und das werden Sie überall in der Geisteswissenschaft, da wo
sie ernst und würdig betrieben wird, finden: daß von verschiedenen
Gesichtspunkten aus dieselbe Sache gesucht wird, und daß sich die-
selbe Wahrheit ergibt von diesen verschiedenen Gesichtspunkten aus.
Wenn die Menschen einmal ein Gefühl dafür bekommen, welcher
Wahrheitswert in dieser Art und Weise liegt, der geistigen Wahrheit
sich zu nähern und diese geistige Wahrheit dann zu finden, so werden
sie auch empfinden, wie ungeheuer viel wahrer dasjenige ist, was auf
diesem Gebiete erforscht werden kann, als alles das, was in der phy-
sischen Welt erforscht werden kann.
Das ist das Wesentliche, das Wichtige, daß wir hier im physischen
Erdenleben ein Gedächtnis haben für dasjenige, was im tagwachen Be-
wußtsein erfahren ist, und daß wir in der Zeit, in der wir durch die
Seelenwelt gehen, ein Erinnerungsvermögen haben für das, was in den
Nächten weitergearbeitet wird auf Grundlage dessen, was das tag-
wache Bewußtsein erlebt.
Damit wir recht fruchtbar uns den bedeutungsvollen Wahrheiten
nahen können, die wir morgen noch abzuhandeln haben, wollen wir
uns eines in die Erinnerung rufen, was ich auch hier schon in einem
anderen Zusammenhange mit Bezug auf die großen Ereignisse unserer
Zeit erwähnt habe: Wenn der Mensch so durch die Pforte des Todes
geht, daß sein Leben gewissermaßen von außen abgerissen ist, über-
haupt wenn er in jugendlichem Alter dahinstirbt, dann tritt, nachdem
er durch die Pforte des Todes gegangen ist, nach kurzer Zeit auch die
Trennung vom Ätherleibe ein. Aber dieser Ätherleib hätte ja in sich
die Kraft, den Rest des Lebens noch zu versorgen mit äußeren Lebens-
kräften. Normal bekommt der Mensch an Kräften des Ätherleibes das-
jenige mit, was ihn bis ins hohe Alter mit Lebenskräften versorgen
kann. Reißt nun das Leben ab, dann bleiben doch diese Kräfte. Im
abgelegten Ätherleibe sind diese Kräfte auch vorhanden. Und ge-
radeso wie in der physischen Welt nichts verlorengeht an Kräften, son-
dern nur verwandelt wird, so gehen auch diese Kräfte nicht verloren,
sondern sie bleiben vorhanden. Wenden Sie das konkret an, dann wer-
den Sie sich sagen: Wenn der Mensch im jugendlichen, im blühenden
Alter hinstirbt, hinterläßt er der Welt das, was er noch an Lebens-
kräften in seinem Ätherleibe hat, die er selber hätte verbrauchen kön-
nen. - Stellen Sie es sich noch konkreter vor. Nehmen Sie einen Men-
schen an, der, sagen wir, im fünfundzwanzigsten Lebensjahre durch
eine Kugel getroffen worden ist: er hinterläßt der Welt an Lebensäther-
kräften das, was er hätte aufbrauchen können vom sechsundzwanzig-
sten Lebensjahre ab für den Rest eines langen Lebens. Das bleibt, das
ist eine Gabe, die der Tote überläßt der geistigen Lebensatmosphäre, in
der wir sind. Von diesen Kräften bleiben wir umgeben. Und in diesen
Kräften stecken die Opfergesinnungen, von denen der also Geendete
seine Ätherkräfte durchzogen hat. Das bleibt. Und die Nachkommen-
den wissen gar nicht, wie sie in den von den Vorfahren auf diese Weise
hinterlassenen Kräften eigentlich leben, wie sie von denen umgeben
sind, und wie unsere geistige Lebensluft davon durchtränkt ist. Sie
achten nicht auf das, was zurückbleibt von den Hingegangenen in ei-
ner solchen Zeit, wo in verhältnismäßig kurzer Zeitspanne so viele
noch lebensbrauchbare Ätherleiber der geistigen Erdenatmosphäre
übergeben werden. - Von da ausgehend, werden wir morgen weiter-
sprechen.
Wir wollen nur noch den Blick hinlenken auf dasjenige, was sich
uns erschließt aus solchen tiefen Zusammenhängen, durch die wir in
die geistige Welt hineinblicken können, und nicht mehr in bloß ab-
strakter, trivialer Weise in der Sinneswelt auch noch verschwommen
den Geist schauen, sondern darin konkret Geistiges wesenhaft schauen.
Wir schauen darin - neben dem, was sich an Schicksal abspielt bei den
Menschen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind - Wesen der
höheren Hierarchien, Wesen der Elementarwelt. Aber wir schauen
auch, was innerlich verbunden bleibt mit der Erde: das, was in den
Ätherleibern zurückgeblieben ist. Es wird das in konkreter Weise wir-
ken, was die auf den großen Feldern der Ereignisse den Tod Finden-
den auch noch den Erdenkindern an unverbrauchten Ätherkräften zu-
rücklassen. Das wird sich verbinden mit dem, was diesen Keimen
an Verständnis entgegengebracht wird für die Zukunft von Seiten der
Erdenkinder. Und auf das blickend, sagen wir, was wir schon öfter
am Schlüsse unserer Betrachtung gesagt haben:
Seien wir die Seelen, die in dieser Weise ihren Sinn ins Geisterreich
lenken! Dann werden wir beitragen können zu den Früchten, die son-
nenhaft heilsam für die Menschheit aufgehen müssen aus den Saaten,
die sich blutgetränkt über die Erde hinstreuen in unseren schicksals-
schweren Tagen.
S I E B E N T E R VORTRAG
Stuttgart, 12. März 1916
Als wir das letzte Mal hier miteinander gesprochen haben bei meiner
vorigen Anwesenheit, da betrachteten wir einige geistige Tatsachen,
die sich auf das Leben der Menschenseele beziehen, nachdem der
Mensch durch die Todespforte hindurchgegangen ist. Wir wollen heute
zunächst einige mit diesem Ereignisse zusammenhängenden Tatsachen
der geistigen Welt betrachten, die ein weiteres Verständnis auf dieses
Ereignis werfen können, Tatsachen, die aber ebenso, wie sie auf das
Todesereignis Licht zu werfen geeignet sind, zugleich erhellen können
das, was im Leben sich abspielt zwischen Geburt und Tod des Men-
schen, was sich abspielt in dem physischen Leben, in dem wir darin-
stehen. Ich muß ja immer wieder und wiederum betonen, daß Geistes-
wissenschaft den Versuch machen muß, nicht bloß bei einer äußeren
Schematik in der Auffassung der Menschenwesenheit stehenzubleiben,
sondern immer tiefer und tiefer in die verschiedenen Glieder der
menschlichen Wesenheit einzudringen.
Nun wollen wir einmal unsere Betrachtungen auf das hinwenden,
was wir oftmals den menschlichen Ätherleib genannt haben. Schon im
öffentlichen Vortrage gestern habe ich darauf aufmerksam gemacht,
daß man sich diesen Ätherleib nicht nur wie einen verdünnten phy-
sischen Leib vorstellen soll - das wäre ja eine materialistische Auffas-
sung - , sondern daß man sich ihn als das vorstellen soll, als was er er-
scheint durch ein inneres Erlebnis. Und da kommen wir darauf, daß
sich dasjenige, was wir im engeren Sinne Denken, Vorstellen nennen,
so wie der Mensch hier auf dem physischen Plan lebt, eigentlich ab-
spielt im Ätherleib. Aber damit sich Gedanken bilden durch dieses
Denken, durch dieses Vorstellen, ist der physische Leib notwendig,
denn der physische Leib muß seine Eindrücke bekommen, wenn Ge-
danken hier im physischen Leben erinnerungsmäßig festgehalten wer-
den sollen.
Der Vorgang ist also der: Wenn wir denken, so geht natürlich das
Denken vom Ich aus, geht durch den astralischen Leib, aber es spielt
sich dann hauptsächlich in den Bewegungen des Ätherleibes ab. Was
wir immer denken, was wir vorstellen, spielt sich in den Bewegungen
des Ätherleibes ab. Diese Bewegungen des Ätherleibes drücken sich
förmlich ein in den physischen Leib. Das ist grob gesprochen, denn es
handelt sich um viel feinere Vorgänge als um ein grobes Einprägen,
aber man kann die Sache vergleichsweise so nennen. Und dadurch, daß
diese Bewegungen des Ätherleibes in den physischen Leib eingeprägt
werden, spielen sich für unser Bewußtsein die Gedanken ab, und da-
durch auch erhalten sich die Gedanken in der Erinnerung. Gewisser-
maßen ist es so: Wenn wir einen Gedanken haben und den später ein-
mal aus der Erinnerung hervorholen, so kommt bei dieser Arbeit des
Sich-Erinnern-Wollens unser Ätherleib in Bewegung, und er paßt sich
mit seinen Bewegungen dem physischen Leib an, und indem er hinein-
kommt in jene Eindrücke, die dieser Ätherleib bei dem entsprechen-
den Gedanken in den physischen Leib gemacht hat, kommt der Ge-
danke wieder herauf ins Bewußtsein. Also Erinnerung ist daran ge-
knüpft, daß die Bewegungen des Ätherleibes sich in den physischen
Leib einprägen können. Natürlich ist das Gedächtnis an den Äther-
leib gebunden, aber der Ätherleib muß eine Art von Bewahrer seiner
Bewegungen haben, damit im physischen Leben das Erinnern zustande
kommen könne. Und so leben wir denn unser Leben zwischen Geburt
und Tod, haben unsere Erlebnisse und erinnern uns unserer Erlebnisse,
das heißt, es läuft unser Gedankenleben in uns ab. Im wachen Zustande
haben wir immer mehr oder weniger dieses in unserem Inneren ab-
laufende Gedankenleben.
Man hat nun als Mensch im physischen Leib so die Empfindung,
das, was sich da abspielt in unserem Denken, in unserem Vorstellungs-
leben, das ist inneres Erleben, etwas, was sich in uns selber abspielt, was
unser Eigentum ist. Und für das physische Leben ist ja das auch zu-
nächst richtig, denn äußerlich ist ja für andere Menschen wirklich das-
jenige, was sich innerlich als Gedankenerlebnis abspielt, nicht sichtbar.
Es ist also unser Eigentum. Aber gegenüber der geistigen Welt ist das
gar nicht unser Eigentum, was sich da in unserem Gedankenleben ab-
spielt.
Ja, unser Gedankenleben hat noch eine ganz andere Bedeutung, als
wir oftmals vermeinen, wenn wir es so als unser Eigentum anspre-
chen. Und wir wollen einmal ein bißchen nachfragen nach dieser
Weltbedeutung unseres Gedankenlebens. Damit ich mich ganz gut ver-
ständlich machen kann, muß ich von einem Vergleich ausgehen: Wir
physischen Menschen arbeiten hier in der physischen Welt. Nehmen
wir an, unsere Arbeit bestünde darin, daß wir Maschinen machten. Sie
könnte ja auch in etwas anderem bestehen, aber nehmen wir an, sie be-
stünde darin, daß wir Maschinen machen. Um die Maschinen zu ma-
chen, die dann in den Dienst des menschlichen Lebens gestellt sind,
brauchen wir Holz oder Eisen oder was immer, woraus eben die Ma-
schinen gemacht werden. Wir brauchen die entsprechenden Materialien
dazu, und wir müssen diese Materialien bearbeiten. Die Materialien
müssen da sein in der Natur. Wir können als physische Menschen nicht
Eisen erschaffen, Holz erschaffen, diese Materialien müssen da sein.
Wir nehmen diese Materialien, formen sie, bearbeiten sie und setzen sie
zu unseren Maschinen zusammen. Da üben wir Menschen eine gewisse
Tätigkeit aus. Wir bewirken gewissermaßen, daß ein Reich der Ma-
schinen da ist, aber wir schaffen dieses Reich der Maschinen auf Grund-
lage der Materialien, die wir der Erde entnehmen.
Stellen Sie sich nun vor, wir hätten es nicht mit Menschen zu tun,
die aus irdischen Materialien, aus Eisen oder Holz Maschinen her-
stellen, sondern mit den Wesenheiten der nächsthöheren Hierarchie,
den Wesenheiten, denen wir die Namen geben: Angeloi, Archangeloi,
Archai. Man könnte nun fragen: Was haben denn diese Wesen eigent-
lich zu tun? Haben sie auch so etwas zu tun, was sich vielleicht ver-
gleichen ließe mit der Tätigkeit, von der eben gesprochen worden ist,
und die dazu führt, daß ein Reich der Maschinen geschaffen wird? -
Ja, diese Angeloi, Archangeloi und Archai, sie haben auch ihre Tätig-
keit. Diese Tätigkeit spielt sich eben nur in der geistigen Welt ab. Und
geradeso wie wir Menschen aus den untergeordneten Reichen, also zu-
nächst aus dem mineralischen, aus dem pflanzlichen Reiche unser Ei-
sen, unser Holz nehmen müssen, um unsere Maschinen zusammenzu-
stellen, so brauchen die Angeloi, Archangeloi, Archai auch Materialien,
um dasjenige, nun, sagen wir, zu erbauen - obwohl der Ausdruck na-
türlich sehr grob ist - , was sie erbauen sollen. Und was sind ihre Ma-
terialien? Zu vielem, was die Angeloi, Archangeloi, Archai zu leisten
haben in der geistigen Welt, sind die Materialien gerade die Gedanken,
die die Menschen als ihr Eigentum betrachten. Und es ist schon so:
Während wir durch die Welt gehen und unsere Gedanken hegen, unser
Gedankenleben gleichsam vom Inneren anschauen und als unser Eigen-
tum betrachten, arbeiten an unseren Gedanken, ohne daß wir es wis-
sen, die Angeloi, Archangeloi und Archai. Das allerwenigste, was in
unseren Gedanken lebt, kommt uns zum Bewußtsein, denn die Ge-
danken bedeuten noch viel anderes, als was uns zum Bewußtsein
kommt, viel anderes, als was in unseren Seelen lebt. Während wir den^-
ken und unsere Gedanken erinnern, arbeiten gleichsam von außen
nach ihrer Art, so wie sie unsere Gedanken brauchen können, die ge-
nannten Wesenheiten der höheren Hierarchie, der nächsten Hierarchie.
Also stellen Sie sich durchaus jeden Menschen so vor, daß das nur
eine Seite seines Gedankenlebens ist, was sich für sein Bewußtsein ab-
spielt. Während er denkt, umschweben ihn fortwährend die Wesen-
heiten der genannten Hierarchien und arbeiten mit Hilfe seiner Ge-
danken. Das sind ihre Materialien. Und das, was sie auf diese Art ar-
beiten, das gehört zu dem dazu, was gebraucht wird, damit aus der
Erde einmal Jupiter, Venus, Vulkan hervorgehen können. Das gehört
zu dem, was den Fortschritt in der Entwicklung des Weltenalls be-
wirkt. Und unser ganzes Leben bis zum Tode hin arbeiten an den Ge-
danken, insofern sie von unserem Wesen gleichsam umschlossen wer-
den, von außen herein die genannten Wesen der höheren Hierarchie.
Und wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, dann wird ja, wie
wir schon bei meiner vorigen Anwesenheit angedeutet haben, einige
Zeit nachdem wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, unser
Ätherleib von uns genommen und dem allgemeinen Weltenäther ein-
verwoben. Da wird nicht nur dasjenige einverwoben, was wir zuletzt
sehen, indem wir auf die eine Seite unseres Gedankengewebes hinsehen,
sondern da wird einverwoben dem allgemeinen Weltenäther auch das,
was die genannten Wesenheiten erarbeitet haben. Während sie gewis-
sermaßen an unserem einzelnen Gedankengewebe während unseres
Lebens arbeiten, fügen sie dann die einzelnen Gedankengewebe des
einen, des anderen, des dritten Menschen zusammen, so wie sie sie brau-
chen können, damit Neues entstehe im Fortentwickelungsgange der
Welt. Das muß hineinverwoben werden in den allgemeinen Welten-
äther, was sie da erwerben können durch das Zusammenfügen der ein-
zelnen Ätherleiber der Menschen, die sie während der Zeit des physi-
schen Lebens bearbeitet haben.
Sie sehen daraus, wie ernst es eigentlich steht mit unserem gedank-
lichen Innenleben. Recht ernst steht es damit. Je nachdem wir den-
ken, werden wir brauchbar gefunden für den allgemeinen Welten-
entwickelungsgang. Derjenige, der sein ganzes Leben sich nur bemüht
hat, Dummheiten zu denken, oder sich nur bemüht hat, die Dinge zu
denken, die Abbilder der physischen Welt sind, der wird nicht sehr
gute Baumaterialien liefern für dasjenige, was aus seinem Ätherleib
dem allgemeinen Weltenäther einverwoben werden soll. Eine ernste
Sache ist es um das innere Leben, um das innere Gedankenleben, das
uns während des Lebens zwischen Geburt und Tod wie unser Eigen-
tum erscheint. Es gehört auf diese geschilderte Weise eigentlich der
ganzen Welt an. Und so wenig wir Menschen Maschinen ohne Holz
und Eisen machen könnten, so wenig könnten die höheren Wesenheiten
fortarbeiten an dem Weltenwerdegang, wenn sie nicht ihre Baumate-
rialien finden würden an dem, was wir während unseres physischen
Lebens an Gedanken ihnen geben können. Wir sind für sie der Grund
und Boden, aus dem sie ihr Holz, ihr Eisen und so weiter, das heißt un-
sere Gedankengewebe, nehmen. Ihre erhabene Tätigkeit mit diesen
Materialien üben sie aus ihrer die menschliche Wesenheit überragenden
Weisheit aus; aber die Materialien muß ihnen das liefern, was in uns
liegt.
Dasjenige, was wir so diesen Wesenheiten, den Angeloi, Archangeloi,
Archai zu geben vermögen, das bildet für die ganze Zeit, die wir dann
durchleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, etwas, das wir
anzuschauen haben, auf das wir hinzublicken haben. Wir wissen ja, es
wird von uns genommen wenige Tage schon, nachdem wir durch die
Pforte des Todes geschritten sind. Aber so, wie wir weiterleben zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt, ist unser seelischer Blick unab-
lässig hingerichtet auf dasjenige, was wir so imstande waren hinzuge-
ben zu dem allgemeinen Weltenäther-Gewebe. Und wie wir selber nun
wiederum mitzuarbeiten haben an der Herstellung dessen, was sich
dann mit der physischen Materie verbindet, um uns eine neue Inkar-
nation zu geben, so wirkt in diese unsere Arbeit hinein der Anblick
dessen, was wir so der großen Welt gegeben haben. Kurz, ob wir auf
etwas zu blicken haben, woraus wir neue Antriebe für eine nächste
Inkarnation schöpfen können in diesem, dem Weltenäther einverwo-
benen Gedankengewebe, oder ob wir das nicht können, davon wird
vieles abhängen in bezug auf die Art, wie wir imstande sein werden,
für unsere neue Inkarnation vorzuarbeiten.
So sind unsere Gedanken an unsere Körperlichkeit gebunden, be-
vor wir durch die Pforte des Todes gehen. Dann werden sie uns in
einer gewissen Weise genommen, und sie werden in dem, was die ge-
nannten Wesenheiten aus ihnen gemacht haben, dem allgemeinen Wel-
tenäther einverwoben, um nun nicht ein Dasein in uns zu haben, son-
dern ein Dasein außer uns. Daher kann man in der Geisteswissenschaft
diesen Vorgang, um ihn sich immer zu merken, um ihn gewissermaßen
zur Meditation immer vor sich zu haben, mit den Worten bezeichnen:
Das Innere wird ein Äußeres. Denn genau so, wie wir hier mit dem
physischen Auge auf Berge, Flüsse, Wolken, Sterne sehen, so sehen wir
nach dem Tode auf das aus unserem Denken Gewobene hin als auf das
Äußere, das von uns genommen und dem allgemeinen Weltenäther
einverwoben ist. Außenwelt ist es jetzt, uns erhebende oder uns be-
trübende, uns stärkende oder schwächende Außenwelt. Das Innere
ist ein Äußeres geworden.
Dann wissen wir, daß es eine fernere, sehr lange Zeit dauert, in der
wir rückwärtsgehend auf eine gewisse Art dasjenige zu durchleben ha-
ben, was wir hier im Erdenleben durchgemacht haben, aber anders, als
wir es im Erdenleben durchgemacht haben. Wir durchleben ja, wie wir
wissen, mit dreifacher Schnelligkeit das abgelaufene Leben zwischen
dem Tode und der Geburt in umgekehrter Reihenfolge, also das, was
wir im letzten Jahre erlebt haben, zuerst, dann das vom vorletzten
Jahre und so weiter. So leben wir das Leben nach dem Tode in Ima-
ginationen zurück, aber anders, als wir es hier im physischen Leib ge-
lebt haben. Nachdem unser Ätherleib von uns getrennt ist, leben wir
das Leben zurück, so aber, daß wir jetzt nicht das erleben, was wir in
unserem Fühlen, in unseren Willensimpulsen während unseres phy-
sischen Daseins erlebt haben. Nehmen wir den extremen Fall, wir
hätten während unseres physischen Daseins jemanden verletzt, be-
leidigt, so haben wir etwas gefühlt, indem wir ihn beleidigt haben.
Aber er hat auch etwas gefühlt. Das, was wir gefühlt haben, ist das-
jenige, was uns aus unserem Fühlen heraus getrieben hat, ihn zu belei-
digen, dann auch, was wir gefühlt haben vielleicht sogar als eine ge-
wisse Befriedigung über die Tat. Kurz, Sie können sich ausmalen, was
ein Mensch fühlt, im guten oder im schlimmen Sinne fühlt, wenn er
irgend etwas auf dem physischen Plan bewirkt. Aber der andere, auf
den sich das richtete, was wir getan haben, der fühlt etwas anderes.
Derjenige, der beleidigt wird, fühlt etwas anderes als der, der beleidigt.
Nach dem Tode, bei diesem Zurücklaufen, das jetzt charakterisiert
werden soll, da fühlen wir die Wirkungen, die wir mit unseren Taten,
mit unseren Willensimpulsen, ja auch mit unseren Gedanken in ande-
ren Menschen, aber auch in anderen Wesenheiten angerichtet haben.
Also nicht das, was wir schon gefühlt haben, während wir im physi-
schen Leibe waren, fühlen wir jetzt, sondern das, was wir bewirkt ha-
ben in anderen Seelen, in anderen Wesenheiten. Das Äußere, das, was
Äußerliches geblieben ist während unseres physischen Lebens, das wird
jetzt Inneres. Wie durch die Abtrennung des Ätherleibes das Innere ein
Äußeres wird, so wird durch dieses Zurückleben das Äußere ein Inne-
res. Unsere Seele erfüllt sich mit dem, was wir innerhalb unseres phy-
sischen Daseins als Wirkungen angestellt haben. Das wird jetzt unser
Innenleben: das Äußere wird ein Inneres. So wird das Innere ein
Äußeres und das Äußere ein Inneres. So wird der Mensch gleichsam
gewendet, nachdem er durch die Pforte des Todes getreten ist.
Stellen Sie sich vor, wie Sie sich vorhin die Angeloi, Archangeloi
und Archai in einem gewissen Verhältnisse zur menschlichen Gedan-
kenwelt vorstellen mußten, jetzt die Geister der höheren Hierarchien
vor: die Geister der Form, die Geister der Bewegung, die Geister der
Weisheit, ja sogar noch die Geister des Willens, die Throne, die stellen
Sie sich so vor, daß sie nun auch in einer Art Verhältnis zu dem stehen,
was ich jetzt charakterisiert habe, wie der Mensch ein neues Inneres
erwirbt, das jetzt aus dem Äußeren zusammengeschweißt wird. Mit
ihrem geistigen Auge - wenn ich das Bild gebrauchen darf - sehen die
Formgeister, die Geister der Bewegung, die Geister der Weisheit, die
Geister des Willens herab auf jenes merkwürdige, bedeutungsvolle
Schauspiel, das sich abspielt, nachdem der Mensch zwischen der Ge-
burt und dem Tod dies oder jenes durch seine Taten, durch seine Wil-
lensimpulse innerlich erlebt hat; was er jetzt erlebt, nachdem er durch
die Pforte des Todes geschritten ist, wo er die Wirkungen aufsammelt
gleichsam, um sie zu einem neuen Inneren zu machen, zu jenem Inne-
ren, das dann im Karma sich weiter ausleben kann bei dem Aufbau der
späteren Inkarnation. Wie da alles, was sich draußen in der Welt als
unsere Wirkungen ausbreitet, Inneres wird, das schauen die genannten
Geister aus ihren geistigen Höhen an. Und das, was sie so anschauen,
ist für sie nun Material, um noch etwas anderes als die genannten
niedrigeren Geister der fortlaufenden Weltenentwickelung einzuverlei-
ben, um vor allen Dingen Hilfe zu leisten, damit das Karma bewirkt
werden kann, damit dasjenige, was so von außen nach innen gedrängt
wird, die Grundlage abgibt in einem langsamen Aufbau, der da
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt jenes Gewebe vereinigt,
das sich dann herabsenkt zu der physischen Vererbungssubstanz, um
sich als Geistiges mit dem zu verbinden, was der Mensch von Vater
und Mutter ererbt. Es ist vieles notwendig, damit das zustande komme,
was sich so herabsenkt aus den geistigen Höhen und sich verbinden
muß mit der Vererbungssubstanz, die von den Vorfahren abstammt.
Nachdem der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist, seinen
Ätherleib abgelegt hat, nachdem er jenen Rücklauf durch die Seelen-
welt bewirkt hat, von dem gesprochen worden ist, da beginnt ja bereits
die Arbeit, die verrichtet werden muß zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt, damit eben die neue Geburt, die neue Inkarnation zu-
stande kommen könne.
Was wird da gearbeitet? Es ist eigentlich unendlich schwierig, die
Art, wie da an uns gearbeitet wird im geistigen Weltenall draußen, zu
charakterisieren. Sollte ich das charakterisieren, so könnte ich es viel-
leicht in der folgenden Weise durch eine schematische Skizze tun.
Nehmen wir an, der Mensch tritt durch die Pforte des Todes. Sein
Ätherleib wird dann abgelegt. Dasjenige, was er selber noch überblickt,
bleibt ja verhältnismäßig lange Zeit irgendwie in der Umgebung der
Erde. Ich habe Ihnen solche Dinge im Laufe der Zeit charakterisiert.
Das aber, was die Angeloi, Archangeloi, Archai gewoben haben, geht
so weit hinaus, indem es der allgemeinen Ätherwelt einverwoben wird,
daß es sich in einer weiten Kugel entfaltet, deren Mittelpunkt die Erde
ist. Also wie eine Geistatmosphäre umgibt der Weltenäther die Erde.
Und diesem Weltenäther wird einverwoben, was wir aus unseren Ge-
danken gesponnen haben. Seien Sie nicht ängstlich darüber, wo Platz
sein könnte für alle diese Gewebe: das Geistige durchdringt sich, und
in dieser Sphäre sind alle diese Gewebe drinnen.
In seinem weiteren Verlauf sieht der Mensch nun, nicht von innen,
sondern von außen, dieses Gewebe. Und sein weiteres Leben ist eine
Art Vergrößerung, ein Aufgehen im Weltenall. Und während der gan-
zen Zeit, während sich das Leben zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt abspielt, sieht der Mensch immer von außen herein, sieht er:
Das bist du - , wie eine noch mächtigere, ausgedehntere Kugel, und auf
dieser Kugel stellen Sie sich vor so etwas wie eine mächtige Land-
karte. Es ist natürlich alles bildlich und grob ausgedrückt, aber es gibt
schon die Tatsachen wieder. - Da, an dieser Landkarte, an diesem
Globus wird gearbeitet, indem alles eingezeichnet, geistig eingearbeitet
wird: Erstens dasjenige, was da vom Menschen selber erarbeitet wor-
den ist in seinem Ätherleib, auf den der Mensch hinblicken kann, dann
aber auch das, was jetzt menschliches Inneres geworden ist auf die
Art, wie ich es geschildert habe. Das wird alles da eingearbeitet, in-
dem an dem Menschen zwischen Tod und neuer Geburt Formgeister,
Geister der Bewegung, Geister der Weisheit, Willensgeister arbeiten.
Und wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wo sich die neue Inkarnation
ergeben soll, dann ist dieses Gewebe fertig. Dann ist also eine mächtige
Kugel da. Sie brauchen wiederum keine Angst zu haben, daß kein
Platz da wäre für alle diese Kugeln; die können alle ineinander sein.
Es ist natürlich ein Bild für eine geistige Sache. - Dann beginnt diese
Kugel immer kleiner und kleiner zu werden, und sie wendet sich, so
wie Sie einen Handschuh umwenden, daß das Innere Äußeres wird
und das Äußere Inneres. Das, was gleichsam außen ist, das geht alles
nach innen hinein, das wendet sich vollständig und wird so klein, daß
es sich vereinigen kann mit dem menschlichen Keim, wie er sich aus-
bildet im Leibe der Mutter. Das ist auch ein Bild.
Man kann diese Dinge natürlich auch noch in einer anderen Bild-
lichkeit darstellen. Das ist ja hier auch schon geschehen. Aber wir wol-
len uns die Sache heute so vorstellen, daß nach Maßgabe desjenigen,
was der Mensch den Wesenheiten der höheren Hierarchien während
seines Lebens zwischen der Geburt und dem Tode hingegeben hat, diese
Geister der höheren Hierarchien sowohl an der Welt wie auch an der
Herstellung der geistigen Grundlagen für die neue Inkarnation des
Menschen arbeiten. Das, denke ich, ist ein gewaltiger Gedanke, wenn
er sich in gefühlsmäßiger Art festsetzt in unserer Seele, wenn wir ge-
wahr werden, was eigentlich, so betrachtet, unser Leben für das ge-
samte Weltenall bedeutet, wie wir drinnenstehen in diesem Weltenall.
Und notwendig ist es, daß immer mehr und mehr die Menschen sich
von der Gegenwart an mit dem Bewußtsein durchdringen, so im Zu-
sammenhange zu stehen durch ihr ganzes Leben mit einer geistigen
Welt.
Die sehr gescheiten Leute von heute, die Gegner der Geisteswissen-
schaft sind, werden sagen: Das menschliche Leben geht ja weiter,
auch wenn man nicht solche Kenntnisse unter den Menschen verbrei-
tet, sondern Kenntnisse viel einfacherer Art. Denn das wären doch nur
Dinge, die eben für das Denken da seien, womit man sich sein Denken
beschweren könne; aber man brauche ja nicht das Leben mit solchen
Gedanken zu belasten. - So sagen gewiß die ganz gescheiten Leute.
Und sie fügen dann vielleicht auch noch hinzu: Die Menschen haben
ja früher auch nicht solche unnötige Weisheit gewußt und haben auch
vorwärtskommen können. - Die Menschen, die solches sagen, haben
gar keine Ahnung, wie dumm das ist, was sie so sagen, weil nämlich eine
solche Behauptung unter der Voraussetzung getan wird, daß es wirk-
lich wahr sei, daß die Menschen immer so unwissend über die geistigen
Geheimnisse des Daseins waren, wie sie es jetzt sind. Aber es ist gar
nicht so lange her, daß die Menschen nicht so unwissend waren. Das
kann man sogar an Äußerlichkeiten überall zeigen.
Ich will Ihnen eine solche Äußerlichkeit anführen. Hier habe ich
noch niemals Gelegenheit gehabt, irgendeine Bildergalerie zu besuchen,
um nachzusehen, ob sich auch hier in Stuttgart ähnliche Stücke be-
finden. Aber vor kurzem besuchten wir einmal eine Bildergalerie in
Hamburg, und da stellte sich folgendes heraus. Sehen Sie, wenn heute
die Maler kommen und das malen sollen, was wir als ein großes, ge-
waltiges Bild kennen, aber ein Bild für eine Wahrheit, wie wir ja
wissen, den Sündenfall im Beginne des Alten Testaments, wenn die
Maler diesen Sündenfall malen sollen auf Grund dessen, was sie heute
für das Richtige halten, nun, da malen sie einen Baum, auf der einen
Seite Eva, auf der anderen Seite Adam. Je nachdem sie Expressionisten,
Impressionisten oder andere «isten» sind, malen sie diese menschlichen
Gestalten mehr oder weniger aus, ich will sagen, an; aber jedenfalls ma-
len sie dann an dem Baum eine Schlange. Das ist naturalistisch, nicht
wahr, das ist realistisch. Genauer zugesehen für den, der wirklich den-
ken kann, ist das aber gar nicht realistisch. Denn ich möchte das Weib
kennen, selbst wenn es eine Eva wäre, die sich von so einer gewöhn-
lichen Schlange mit einem richtigen bloßen Schlangenkopf verführen
ließe zu dem, wozu sich die Eva hat verführen lassen. Ich meine, das
gibt es ja nicht. Von einer solchen Schlange wird sich auch eine Eva
nicht verführen lassen. Wir wissen ja, daß es sich um eine Verführung
durch den Luzifer handelt. Aber kann denn Luzifer durch eine ge-
wöhnliche Schlange dargestellt werden? Diese kann höchstens das Bild
sein. Aber wir wissen von Luzifer, daß er sein Dasein eigentlich da-
durch erhalten hat, daß er zurückgeblieben ist auf der Mondenstufe.
Da hat es noch nicht solche Schlangen gegeben, wie sie sich während
der Erdenzeit gebildet haben. Es ist also ganz unnaturalistisch, eine
reine Schlange mit einem riesigen Schlangenkopf zu malen. Wie müßte
man denn Luzifer eigentlich malen, wenn man ihn richtig, realistisch
im Sinne unserer Geisteswissenschaft malen wollte? Man müßte ihn
so malen, daß man ausdrückte, wie Luzifer für eine, noch das Imagi-
native ausdrückende Entwickelung während der Mondenzeit war, so
wie ich es geschildert habe in der Akasha-Chronik. Das heißt, wenn
man näher darauf eingeht, wird man finden, daß das, was als Erden-
kopf beim Menschen jetzt physisch geworden ist, mit der dicken,
manchmal sehr dicken knöchernen Hirnschale, dazumal noch dünn
war. Es war imaginativ zu sehen. Aber das, was daran hängt - Sie
können es am Skelett sehen, wie der Mensch eigentlich aus den zwei
Teilen besteht, aus dem Hirn und dem Rückgrat - das hängt daran
nur wie ein ganz dünner Streifen. Das andere ist eigentlich Erdenwerk.
Und vom Menschen ist wesentlich dasjenige, was eigentlich Schädel ist,
vom Monde, und das Rückenmark ist als Anhänger herübergekommen.
Das andere alles ist durch das, was wir als Erdensein ausgebildet
haben, darangesetzt worden. Wie wird also Luzifer auszusehen haben
für ein imaginatives Erkenntnisschauen? Er wird einen menschlichen
Schädel gehabt haben, und daran hängend so etwas wie einen Schlan-
genleib, als damals Bewegliches ausgebildet, das Rückgrat. So wird
er ausgesehen haben. Wenn man realistisch malen wollte, müßte man
also den Baum malen, und an dem Baum den menschlichen Kopf mit
daranhängendem Schlangenleib, andeutend das Rückgrat. Dann würde
man wahr malen. Aber man müßte dann etwas wissen von dem Ge-
heimnis des Daseins, von den geistigen Welten, mit denen der Mensch
im Zusammenhang steht.
Im Hamburger Bildermuseum finden Sie ein Bild aus dem 13., 14.
Jahrhundert von dem sogenannten Meister Bertram. Da ist der Sün-
denfall genau so gemalt, wie ich es Ihnen jetzt geschildert habe. Da ist
nicht jenes Abbild einer bloßen Schlange gemalt, sondern da ist all das
gemalt an dem Baum, wie ich es Ihnen soeben geschildert habe. Was
heißt das? Das heißt, es ist höchstens ein paar Jahrhunderte her, seit
die Menschen nicht mehr wissen, wie sie mit der geistigen Welt im Zu-
sammenhang stehen und daß es eine geistige Welt im gekennzeichneten
Sinne überhaupt gibt. Also die Menschen sind so töricht geworden, daß
sie glauben, so wie die Menschen jetzt mit den bloßen physischen Sin-
nen und mit dem bloßen Verstände, der an das Gehirn gebunden ist, die
Welt anschauen, so hätte man sie immer angeschaut; sie wären nur
etwas kindischer gewesen und hatten sich allerlei Mythen ausgedacht.
So denkt heute die Universitätswissenschaft. Aber Unsinn ist das ganze,
denn ein paar Jahrhunderte ist es erst her, seit die Menschheit das le-
bendige Anschauen der geistigen Welt verloren hat. Und gegenüber
den großen Aufgaben der Erkenntnis ist die materialistische Wissen-
schaft der Gegenwart nichts anderes als der herumwandelnde Stumpf-
sinn gegenüber der geistigen Welt. Und dieser Stumpfsinn ist dasjenige,
was als das Autoritative unter den Menschen heute herumwandelt, das,
was als der große Fortschritt angestaunt wird. Er mußte einmal kom-
men. Wir wissen, warum er kommen mußte: damit die Menschen ge-
schützt sind durch ihre bloße physische Entwickelung und frei werden
können. Und das muß durchschaut werden. Und selbst von solchen
äußeren Dokumenten, wie ich sie Ihnen angeführt habe, könnten die
Menschen, wenn sie nur ein klein wenig, verzeihen Sie das, Grütze in
ihren Köpfen hätten, ersehen, wie kurze Zeit es erst her ist, daß das
geistige Anschauen den Menschen verlorengegangen ist. Aber es fällt
den Menschen heute gar nicht ein, diese Dinge wirklich denkend anzu-
schauen. Man wählt lieber äußere Machtmittel, weil das bequem ist,
weil man dabei nichts Besonderes zu lernen, sondern sich nur hinzu-
stellen braucht an irgendeinen Laboratoriumstisch und sich gewisse
Methoden eintrichtern lassen kann; und man erklärt dann durch äußere
Machtsprüche, daß alles Irrtum und Unsinn und Phantasterei ist, was
von der geistigen Welt redet. Das ist dasjenige, was statt des wirklichen
Hinneigens zur geistigen Welt gegenwärtig den Menschen gegeben
werden soll.
Aber, meine lieben Freunde, gegenwärtig ist es noch so, daß alles
das, wozu Erfindungsgabe gehört, noch als ein Erbgut von jenen alten
Zeiten, in denen man in die geistige Welt hineingeschaut hat, geblie-
ben ist. Wenn das auch einmal weg sein wird, dann werden die Men-
schen keine Erfindungen mehr machen. Und wenn Geisteswissenschaft
das menschliche Denken nicht wiederum neu erflammen würde, so
würde es keine fünfzig Jahre mehr dauern, dann würde alles, was so
arbeitet in dem bloßen Materialismus, ein Reden über die äußere Ma-
terie sein, und niemandem würde mehr etwas einfallen, das die Kunst
oder die Ideologie oder irgendwie das äußere Leben bereichern könnte.
Daher ist es die strengste Forderung der Zeit, nicht eine bloße Vorliebe
für irgendwelche spirituelle Träumerei, daß Platz greife ein Bewußt-
sein des Zusammenhanges der Menschheit mit der geistigen Welt, daß
die Menschen wiederum hinaufschauen können. Und das können sie,
nachdem das alte atavistische Hellsehen vergangen ist, indem sie durch
die Geisteswissenschaft hindurchgehen.
Und in diesem Sinne ist es schon notwendig, daß die Menschen
lernen, wie befruchtend nicht nur für ein Wissen von der geistigen
Welt, sondern für ein richtiges Denken auch über das ganze Leben das
Herantreten an die Geisteswissenschaft ist. Immer wieder und wieder
erfährt man, wie eigentlich die Menschen in der gegenwärtigen Zeit
ganz abgeneigt sind, sich in jenes etwas komplizierte innere Seelen-
leben einzulassen, das schon einmal entwickelt werden muß, wenn
man der geistigen Welt nahetreten will. Denken Sie sich doch nur ein-
mal: so ein richtiger Durchschnittsprofessor von heute - selbstver-
ständlich kann es Ausnahmen geben, es soll niemand getroffen werden,
und um so mehr muß es gelobt werden, wenn einer da sein sollte in
diesem Kreis - , so ein richtiger heutiger vortragender Universitätspro-
fessor, der wird diesen Dingen in der Regel gar nicht zuhören wollen,
das ist ihm viel zu fad. Wenn man heute nämlich von geistigen Din-
gen redet, dann muß man in allgemeinen, verschwommenen Redens-
arten reden, die möglichst wenig besagen, die dann aber auch möglichst
wenig bedeuten für das wirkliche Leben.
Als ich vor kurzem einmal in Leipzig denselben Vortrag gehalten
habe, den ich vorgestern hier über einen verklungenen Ton im deut-
schen Geistesleben hielt, da kamen zwei Herren nach dem Vortrag auf
mich zu, zwei Herren von der gescheiten Sorte der genannten Men-
schen natürlich, und der eine sagte, er hätte sich eigentlich gewundert,
daß ich so gesprochen hätte, denn er hätte erwartet, daß, wenn man
von theosophischen Gesichtspunkten aus redet, man mehr in seine Denk-
weise hineinschlüge; er sei nämlich Pazifist und müsse insbesondere
als Pazifist den gegenwärtigen Krieg betrachten.
Pazifismus, das ist diese Anschauung, welche seit einiger Zeit unter
der Ägide verschiedener Leute, der Bertha von Suttner, aber auch jenes
Wesens, das in Petersburg als Cäsar und Papst zugleich gilt, gepflegt
wird. Vor vielen Jahren habe ich in Berliner Vorträgen schon gesagt,
charakteristisch für die Friedensbestrebungen sei, daß, seit wir sie ha-
ben, die größten und blutigsten Kriege in der Weltgeschichte geführt
werden. Aber diese Bewegung ist gerade eine von denjenigen, die davon
leben, möglichst unklare Phrasen unter die Menschheit zu bringen, die
sich aber einschmieren in das menschliche Gefühlsleben, weil man sie
nur zu verbreiten braucht, und man verbreitet ja lauter Liebe und
lauter Güte. Ich erlaubte mir, dem Herrn zu sagen: Sehen Sie, wir
leben jetzt in dem furchtbarsten der Kriege, den die Weltgeschichte
bisher erlebt hat, wir haben es erlebt, daß im Juni oder Juli 1915 inner-
halb eines einzigen Tages mehr Munition verschossen worden ist wie im
ganzen Deutsch-Französischen Krieg! Wir haben bereits den Punkt
erreicht, daß jetzt in diesem Kriege so viel Munition verschossen ist wie
in allen Kriegen, die bisher mit dieser Munition überhaupt in der Welt,
in der Menschheitsentwickelung, geführt worden sind. Ich sagte: Ist
denn da nicht einzusehen, daß dasjenige, was sich nunmehr durch
Jahrhunderte als Kultur abgespielt hat, sich selbst ad absurdum geführt
hat, daß sich gezeigt hat, wozu es führt? - Nun, da wandte er ein: Ich
sehe diesen Krieg als eine Krankheit an, und die muß eben geheilt wer-
den; es ist ja nur eine Krankheit, die kann eintreten.
Es ist nun ein solcher Satz besonders tief einleuchtend aus dem
Grunde, weil er so selbstverständlich ist und weil er von irgendeiner
Seite her ganz selbstverständlich richtig ist. Aber darauf kommt es
nicht an, daß die Dinge richtig sind, sondern ob sie mehr oder weniger
oberflächlich sind, darauf kommt es an. Richtig ist der Satz selbstver-
ständlich: es ist eine Krankheit. Aber ich sagte ihm: Wenn Sie doch
die Krankheit tiefer betrachten würden, warum tritt sie denn in den
Menschen auf? Weil vorher etwas nicht in Ordnung ist! Die Krank-
heit ist ja erst die Reaktion gegen etwas, was vorher nicht in Ordnung
war. Also wenn Sie nur etwas weiter denken würden von Ihrem Ge-
sichtspunkte aus, so würden Sie darauf kommen, daß das eine Krank-
heit ist, die aber aufgetreten ist, weil vorher die Dinge nicht in Ordnung
waren. Weil das gerade nicht in Ordnung war, ist die Krankheit auf-
getreten, das stimmt. - Aber die Leute vermischen eben alle möglichen
richtigen Dinge, weil sie trivial und selbstverständlich sind und weil
sie eigentlich an tiefere Dinge nicht herankommen können. Das ist das
Ernste, das man einsehen muß in der gegenwärtigen Zeit.
Wenn Sie eine solche Tatsache nehmen, wie die, die ich vorgestern
vorgebracht habe mit Bezug auf Karl Christian Planck, dessen geistige
Kapazität einfach daraus hervorgeht, daß er im Jahre 1880 genau vor-
aussah, was sich heute abspielt, werden Sie aus der Art, wie er geschätzt
und anerkannt worden ist, einsehen, daß diese Kultur, die sich da her-
anentwickelt hat, ganz dazu angetan ist, die Herrschaft der alles wahr-
haftige Streben unterdrückenden Macht der Unfähigen gerade zur
Weltenmacht zu machen. Darüber sollte man sich nur keiner Unklar-
heit hingeben. Das ist dasjenige, was man im tiefsten Sinne einsehen
muß.
Ich will Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Ein Mensch hörte
einmal, daß Goethe einen «Faust» geschrieben hat, und er sagte, er
wollte kennenlernen, was eigentlich dieser Goethesche «Faust» ent-
hält. Da fand der, den er also befragt hat, er müsse die bequemste,
leichteste Methode herausfinden, damit der andere erfahren könne,
was dieser «Faust» eigentlich enthält, und er dachte tief nach: Wie
kann ich denn diesem Menschen, der nun keinen Sinn hat für die ein-
fachste Idee des Goetheschen «Faust», eigentlich beibringen, was er
enthält? - Da ging ihm ein Licht auf. Ihm fiel ein: es wird jetzt ja
gerade eine neue «Faust»-Ausgabe in einer bestimmten Buchdruckerei
gedruckt, da führe ich den Kerl hin, der wissen will, was im «Faust»
steht. Und da sagte er ihm: Sieh einmal, in drei Wochen wird hier der
«Faust» gedruckt. In all den Hunderten von Setzkästen liegen die ver-
schiedensten Buchstaben, und nun gib einmal acht, du wirst sehen, der
Setzer nimmt diesen und jenen Buchstaben heraus und setzt die ein-
zelnen Buchstaben zu Wörtern zusammen. Da wirst du genau sehen,
wie man Seite um Seite zusammensetzt, und wie dann zum Schluß der
«Faust» aus den einzelnen Buchstaben zusammenkommt. Da setzte
sich der andere also durch Wochen hin und sah, wie der ganze «Faust»
durch die Hände der Menschen durch die Buchstaben zusammenge-
kommen ist!
Ja, sehen Sie, ich kann das auch in etwas anderer Art erzählen. Es
kam die neuere Zeit herauf. Da wollten die Leute wissen, was eigent-
lich im geistig-seelischen Leben vorhanden ist, und sie hatten ein Be-
dürfnis danach, einzusehen, wie Vorstellungen, Gedanken, Willens-
impulse und Gefühle in der Menschenseele verwoben werden, was sie
für die Gesamtwelt bedeuten. Sie fragten - die Menschen. Nun, da
kam die neuere Wissenschaft, diese bloß naturalistische Wissenschaft,
und die sagte: Nun, das werden wir schon machen! Da schauen wir,
daß wir, soweit es jetzt schon sein kann, die einzelnen Gehirnbahnen,
die Nervenfäden, die Ganglien und das alles untersuchen, wie das mit-
einander verwoben ist. Und da haben wir das Seelenleben drinnen. -
Genau dasselbe hat man, was man vom Goetheschen «Faust» hat, wenn
man ihn so kennenlernt, wie der betreffende Mensch, der drei Wochen
in der Druckerei gesessen hat, genau dasselbe! Nehmen Sie alle die
Erzeugnisse, die heute fabriziert werden von den sogenannten Psycho-
Physiologen, da haben Sie in bezug auf die geistigen Erkenntnisse der
Welt dasjenige, was Sie über den ganzen «Faust» wissen, wenn Sie
zugesehen haben, wie der «Faust» fabriziert wird aus dem Setzerkasten
heraus. Das ist nur notwendig einzusehen, dann wird schon das er-
schütternde Gefühl die Seele überkommen, das nötig ist, um vorwärts-
zukommen im Entwickelungsgange der Menschheit.
Ihr seid schöne Gegner, werden nun die Leute vom Naturalismus
sagen, indem ihr unsere Wissenschaft, die wahre Wissenschaft, die
streng naturgemäß vorgeht, so anschwärzt! - Aber es fällt uns gar
nicht ein, sie anzuschwärzen. Wir stellen sie nur auf den rechten
Punkt, an den richtigen Lebenspunkt hin. Wenn der «Faust» zustande
kommen soll, muß für die «Faust»-Ausgabe selbstverständlich die Set-
zerarbeit gemacht werden; aber sie muß in ihrer richtigen Weltenlage
erkannt werden.
Das alles, was ich damit andeuten kann, gehört in dem Sinne, wie ich
es auch gestern gemeint habe, zu den ernsten, bedeutsamen Aufgaben,
die Mitteleuropa noch erwachsen werden. Das alles deutet auf diese
ernsten Aufgaben hin. Und dieser Dinge zu gedenken in unserer heu-
tigen ernsten Zeit, das ist schon dringend notwendig. Denn es ist un-
bedingt nötig, daß ein tieferer Sinn für wirkliche Wahrheit durch die
Welt gehe, als er wehen kann unter dem Einfluß der materialistischen
oder naturalistischen oder streng naturwissenschaftlichen Weltan-
schauung. Man braucht gar nicht Gegner davon zu sein, daß die Leute
setzen lernen, damit «Faust»-Ausgaben gemacht werden können. Man
braucht gar nicht Gegner davon zu sein, daß die Leute das Hirn, das
Nervensystem studieren. All das soll studiert werden, was heute wirk-
lich sehr wichtig ist zu studieren. Aber man muß in einer entschiedenen
Weise Gegner davon sein, daß jene anmaßende Hochmütigkeit auf-
tritt, die heute gerade in der materialistischen Wissenschaft ist, daß
in einer so furchtbaren Weise das Gefühl dafür leidet, wie ernst und
würdig gerade von Mitteleuropa aus - denn Westeuropa ist in bezug
auf diese Dinge abgestorben - die Vergeistigung der Kultur geleistet
werden muß. Ich sage das nicht bloß, um irgend etwas Paradoxes, ir-
gend etwas Starkes zu sagen, sondern ich sage das aus der Notwendig-
keit heraus, die für das Aussprechen solcher Dinge in unserer Zeit
wirkt. Es wird eine Zeit kommen, wo man wahrheitsgemäß auf ver-
schiedene Dinge wird hinsehen müssen; aber es ist heute noch nicht
viel Sinn vorhanden für ein solches wahrheitsgemäßes Hinschauen.
Tausende und Tausende von Beispielen für die innere Unwahrhaftig-
keit des gegenwärtigen Wissenschafts- und Literaturbetriebes könnte
ich Ihnen anführen. Lassen Sie mich eines wenigstens anführen, das
ich gern schon im gestrigen öffentlichen Vortrag angeführt hätte, aber
die Zeit ist ja immer zu kurz, und die Vorträge müssen leider so sehr
kurz gehalten werden.
Sie können zum Beispiel in vielen Büchern von Ernst Haeckel - Sie
wissen, ich schätze Ernst Haeckel sehr auf dem Gebiet, wo er zu schät-
zen ist - immer wieder und wiederum angeführt finden, daß er sich
beruft auf Karl Ernst von Baer, den ausgezeichneten Naturforscher,
den er seinen Lehrer nennt. Die Menschen nehmen heute selbstver-
ständlich Haeckels Bücher in die Hand, studieren sie, betrachten sie
als eine Art neuer Bibel oder wenigstens als eine Art von Schriften
neuer Kirchenväter. Denn der Unterschied ist ja nicht der, daß man
heute an ein eigenes Urteil glaubt, während man zur Zeit der Kirchen-
väter sich eben auf die Kirchenväter verlassen hat, sondern der Unter-
schied ist ein ganz anderer. Zu Tertullians, Gregors von Nazianz Zei-
ten, da waren diese die Kirchenväter, und auf sie haben die Leute ge-
schworen. Heute schwören namentlich diejenigen, die Monistenvereine
oder Vereine für eugenetische Weltanschauung oder ähnlich schöne
Dinge gründen, auf den heiligen Darwin, den heiligen Haeckel oder auf
den heiligen Helmholtz. Es ist - nur auf einem etwas anderen Gebiete -
ganz dasselbe! Man nennt es nicht heilig, aber das macht ja den Unter-
schied nicht aus. Also die Leute lesen Haeckel und haben, wenn er so
Karl Ernst von Baer anführt, die Meinung: Nun ja, man sieht schon,
dieser große Naturforscher Karl Ernst von Baer war in bezug auf die
Ablehnung jeder geistigen Welt mit Haeckel vollständig einig. Ich
möchte manchem, der heute, nachdem er so ein bißchen hineingerochen
hat in Haeckels, in Darwins Bücher, raten, bevor er daran geht, eine
Filiale für einen Monistenverein zu gründen, mancherlei anderes vor-
her zu tun: so zum Beispiel wenn Haeckel Ernst von Baer anführt, sel-
ber einmal Karl Ernst von Baer in die Hand zu nehmen und zu lesen.
Ich will Ihnen nur eine Stelle aus Karl Ernst von Baer vorlesen, wo er
sich darüber ausspricht, wie es mit der geistigen Welt im Verhältnis
zur Erdenwelt bestellt ist. Da sagt Baer: «Der Erdkörper ist nur das
Samenbeet, auf welchem das geistige Erbteil des Menschen wuchert,
und die Geschichte der Natur ist nur die Geschichte fortschreitender
Siege des Geistigen über den Stoff. Das ist der Grundgedanke der
Schöpfung, dem zu Gefallen, nein, zu dessen Erreichung sie Individuen
und Zeugungs-Reihen schwinden laßt und die Gegenwart auf dem Ge-
rüste einer unermeßlichen Vergangenheit erhebt.»
Was sagt also dieser Baer? Der Erdenkörper, die Erde ist das Sa-
menbeet, und da hinein werden versenkt die geistigen Keime, damit
sie sich umhüllen. - Die reine Wahrheit hat dieser Baer gesagt im Be-
ginne des 19. Jahrhunderts! Ernst Haeckel sucht sich diejenigen Sätze
von Baer heraus, die ihm genehm sind. Diejenigen, die nichts tun, als
höchstens Monistenvereine begründen, um die Weltenweisheit zu be-
fördern, die wissen ja von alledem nichts anderes, als was Haeckel
über Baer sagt, und leben in der Lüge weiter, ohne auch nur die leiseste
Neigung dazu zu haben, sich von der Sache, die zugrunde liegt, selbst
zu überzeugen. Von solchen Lügengeweben ist heute unsere Literatur
überall durchzogen. Und überall kommt, namentlich in unserer populä-
ren wissenschaftlichen Literatur, das über Europa ausgegossene Streben
nach möglichster Verwaschenheit und Verspieltheit, könnte man sogar
sagen, der geistigen Bestrebungen und eine möglichste Ungeneigtheit
zum Ausdruck, mit klaren, sicheren Menschenurteilen in diese Dinge
hineinzuschauen und zu urteilen.
Da gibt es zum Beispiel, um Ihnen konkrete Dinge anzuführen, im
Westen unter den Franzosen, unter den Briten, unter den Italienern,
allerlei Freimaurerorden mit hohen Graden, solche mit dreiunddreißig
Graden, aber es gibt auch solche mit über neunzig Graden. Gerade in
solchen Orden ist im Laufe der letzten Jahrhunderte viel im trüben ge-
fischt worden. Und wenn man einmal mit nüchternem, gesundem Urteil
den Einfluß allerlei ungesunder, törichter, aber wohl in bezug auf die
persönlichen und politischen Absichten bewußter Spielerei untersuchen
wird, wenn man die Einflüsse und die Strömungen der Freimaurerei,
die im Westen Europas existiert, auf den Anteil Italiens an diesem
Krieg studieren wird, dann wird man erst von mancherlei Unklarhei-
ten und Im-trüben-Fischereien in unserer sogenannten Kultur eine Ah-
nung bekommen! Das, was sich abgespielt hat, namentlich in solchen
freimaurerischen Orden seit dem Ausbruch des Krieges, das wird einst-
mals ein kurioses Kapitel werden. Die deutschen Freimaurer, werden
dabei verhältnismäßig am besten wegkommen, denn von ihnen wird
man das einzige sagen können: daß sie bei dem ganzen Spiel der Dumme
gewesen sind. Sie haben nämlich, insofern sie mit den anderen in Bru-
derschaft gelebt haben, nichts gemerkt. Und das ist ja etwas, was
noch - nun ja! - zu ihren Gunsten gesagt werden kann. Aber man soll
nur ja nicht glauben, daß das, was sich von solchen Seiten geltend
macht, ohne Einfluß sei auf das, was um uns herum lebt und wirkt iri
der sogenannten Kultur, und was nur wirken und leben kann, so lange
als die anderen Menschen nicht wollen, daß ihr Urteil geklärt, gekräf-
tigt wird durch den Einblick in die geistige Welt.
Ich habe in meinem Buch «Gedanken während der Zeit des Krie-
ges» aufmerksam gemacht, soweit man es in der öffentlichen Literatur
kann, um verstanden zu werden - es ist ja auch wenig verstanden wor-
den - , auf gewisse Strömungen, die überall im Osten und im Westen
sind. Diese Strömungen, sagen wir zum Beispiel die östliche der Sla-
wophilen, auf die ich in dem genannten Schriftchen hingewiesen habe,
wurzeln aber viel tiefer. Am Ende des 18. Jahrhunderts schon, und na-
mentlich am Ende des 19. Jahrhunderts, aber auch schon Jahrzehnte
früher, haben besonders die westlichen Freimaurerorden größeren Ein-
fluß auf das russische Geistesleben gehabt, haben da hinübergepflanzt,
haben da infiziert, eingeimpft dasjenige, was da auftauchen sollte.
Und in vieler Beziehung ist der Slawophilismus und der Panslawismus
wirklich die aufgegangene Saat dessen, was viele gerade aus diesen
Freimaurerorden gepflanzt haben. Unter der Maske, unter dem Man-
tel der Zeremonie wurden die Leute zunächst sozusagen benebelt, wurde
ihnen allerlei Firlefanz vorgemacht, damit sie dann geneigt sein können
für gewisse Pläne. Und welche Dinge gespielt haben im Osten Europas
von dieser westlichen Seite, davon wird sich die Menschheit dann,
wenn einmal an die Stelle der kriegerischen andere Ereignisse getreten
sein werden, entsprechend überzeugen!
Wenn diese Orte, an denen wir in unseren Zweigen beisammen
sind, die einzigen Orte sind, an denen man eben heute sprechen kann,
so muß es wenigstens hier besprochen werden.
Ich wollte heute anknüpfen an jenes Große, Erhabene des Zusam-
menhanges des Menschen mit ganzen Hierarchien, das vor unsere Seele
treten kann, wenn wir bedenken, daß das, was wir im Gedanken-, im
Gefühlsleben in uns tragen, schon innerhalb unserer physischen Hülle
zwischen Geburt und Tod, aber dann auch zwischen Tod und neuer
Geburt in einem Gewebe darin ist, einer Weltenarbeit, an der ganze
Hierarchien arbeiten im Weitenzusammenhange. Nicht darauf kommt
es an, daß wir so sehr das einzelne wissen, sondern darauf, daß wir uns
mit einer solchen Weltempfindung durchdringen können, und daß Sie,
meine lieben Freunde, aus einer solchen Betrachtung weggehen mit dem
Gefühl dafür, was der Mensch innerhalb der Welt eigentlich ist, und
was er wissen sollte über diesen seinen Zusammenhang mit der Welt.
Darauf kommt es an. Daß alles dies in Ihren Seelen, in Ihren Herzen
zusammenfließt in eine Weltenempfindung, und daß auf diese Weise
etwas in Ihnen aufleuchtet von der Kraft, die sich anfeuern kann daran,
was unserer Kultur einverleibt werden soll, soweit jeder es vermag
nach dem Platze, auf den er gestellt ist in der Welt. Offizielle Gelehrte
haben heute nicht gearbeitet an diesen Dingen; sie werden es nicht tun.
Daher muß den Menschen auch das Auge aufgehen über die Stellung,
die den offiziellen Gelehrten gebührt in der Welt: daß sie, insofern sie
Laboratoriumsarbeit machen, zu vergleichen sind mit den Setzern, oder
manche, die nicht Laboratoriumsarbeit machen, bloß mit Leuten, die
die Setzerei beschreiben. Das sind zumeist heute die Philosophen, die
an den Universitäten predigen.
Daß das so ist, das soll doch in einzelnen Seelen gewußt werden.
Denn das ist keine Kritik der Zeit, das ist eine Charakteristik. Nur da-
durch, daß man in den verschiedenen Zeitaltern gewußt hat, wie die
Dinge stehen, fanden sich die Kräfte, um die Entwickelung weiterzu-
bringen, nur dadurch.
Das wollte ich insbesondere in dieser schweren Zeit - wo man ja
nicht immer sagen kann, man wird sich wieder sehen - auf Ihre Seelen
legen: etwas von Erkenntnis, was sich, wenn wir es in der richtigen
Weise empfinden, verwandeln kann in eine heilige innere Pflicht der
Menschenseele gegenüber dem Weitenzusammenhange. Tode über Tode
umgeben uns heute in dem Ereignisse, das auf der einen Seite im an-
gedeuteten Sinne die Frucht der vorhergehenden Entwickelung ist, das
aber ein Merkzeichen sein muß für mancherlei, was zu geschehen hat,
damit die Menschheit nicht in der Weise vorrückt, wie es die Beschrei-
ber des Setzerkastens wollen, sondern so vorrücke, wie es der Notwen-
digkeit der Weltentwickelung entspricht.
Gewiß, ich habe gestern von dem Vater alles Materialismus, von
Lamettrie, angeführt, daß er gesagt hat — selbstverständlich, Wahrheit
ist auch das - , Erasmus hätte bloß notwendig gehabt, daß ein kleines
Rädchen in seinem Nervensystem anders geworden wäre, dann wäre
er vielleicht kein Erasmus, sondern ein Tor geworden. Ich habe gesagt,
daß man das nicht zu widerlegen braucht. Aber wir, die wir vielleicht
ein wenig vorbereitet sind, müssen ja auch noch ein wenig anderes dar-
über wissen.
Alles, was wir heute betrachtet haben, nehmen wir zusammen, las-
sen es Gefühl und Empfindung in uns werden, und wir sagen uns dann,
wie wahr das ist, daß die zahlreichen Opfertode, die gegenwärtig ge-
bracht werden, wirklich sich zum Erdendasein so verhalten, daß die
Ätherleiber, die in frühem Lebensalter den Menschen genommen wer-
den, lange, lange verbunden bleiben mit dem Erdendasein, und daß
nun Menschen da sein müssen, die sich bewußt werden können dessen,
was in diesen unverbrauchten Ätherleibern lebt, die alles dasjenige,
was diese Menschen noch hätten in ihrem irdischen Leben verwenden
können, wenn sie noch Jahrzehnte gelebt hätten, noch in sich enthiel-
ten. Das ist in dem Geistig-Ätherischen der Erde. Aber Menschen wer-
den da sein müssen, die sich dessen bewußt sind in der Folgezeit, damit
die Erdenkultur und nicht Ahriman die Früchte dessen bekommt, was
in diesen Ätherleibern enthalten ist. Durchdringen wir uns also wirk-
lich angesichts dessen, daß wir uns vorzubereiten haben in unseren See-
len für dasjenige, was geschieht, mit den Worten, die hier öfters aus-
gesprochen worden sind:
Es ist meine Absicht, Ihnen bei dieser meiner Anwesenheit von Dingen
zu sprechen, welche die Ereignisse der Gegenwart dem suchenden Men-
schensinn ein wenig tiefer verständlich machen können. Nicht in
äußerlicher Weise sollen diese Dinge besprochen werden, sondern es
soll auf einiges hingedeutet werden, wodurch der Mensch gewisser-
maßen in geistiger Erweiterung Verständnis dieser unserer Gegen-
wart gewinnen kann. Diese Absicht, welche bei mir seit langem bestand
für diesen Stuttgarter Besuch, wollen wir auch durchführen. Es steht
uns ja auch noch der Vortrag am nächsten Sonntag zur Verfügung.
Mit Rücksicht auf mancherlei, das, ich möchte sagen, wie Wellen-
schläge unserer Zeit - ich sage das mit vollem Bedacht - von außen
hereinspielt in unsere Bewegung, erscheint es mir aber zunächst notwen-
dig, heute in einer Art Einleitung einiges Prinzipielle vorzubringen,
das geeignet sein kann, manche Mißverständnisse zu zerstreuen, die
nur allzuleicht, in unserer die Tiefe des Gedankens und des Empfindens
ja hassenden Zeit, über Anthroposophie entstehen können, das auf der
anderen Seite geeignet sein kann, in uns selbst ein richtiges Verhältnis
zu dem, was uns Anthroposophie sein kann, zu gewinnen.
Versuchen wir einmal, uns die Frage so recht vorzulegen: Was
suchen wir, wenn wir den Weg wählen in die anthroposophische Be-
wegung hinein? - Wir suchen auf diesem Wege die Möglichkeit zu ge-
winnen, ein Verhältnis zur Geisteswelt zu finden, das den Bedürfnissen
nach dieser geistigen Welt entspricht, die in uns geboren werden aus
den Kräften, aus den Lebensverhältnissen der Gegenwart heraus. Kei-
ner kommt ja, wenn er nicht oberflächlich ist, zu uns, der auf gangba-
rerem Wege als bei uns ein Verhältnis zur geistigen Welt gewinnen
kann. Keiner kommt zu uns, der ein Verhältnis zur geistigen Welt ge-
winnen kann auf denjenigen Wegen, die seit Jahrhunderten draußen
voll anerkannt sind, und die ihre Gangbarkeit dem Umstände ver-
danken, daß die Menschen nachzudenken vergaßen über die Berech-
tigung dessen, was sich den allgemeinen Lebensnotwendigkeiten ein-
gefügt hat. Dagegen wird viel diskutiert über die Berechtigung, wenn
etwas gewissermaßen zuerst auftreten muß in der Welt. Wir können
nicht oft genug uns dasjenige, was aus dem Geiste unserer Zeit heraus
Anthroposophie sein soll und sein will, vor Augen halten und es in
Zusammenhang bringen mit dem in uns, was nach Anthroposophie
drängen kann, was uns zur Anthroposophie bringen will.
Sehen Sie, meine lieben Freunde, Anthroposophie würde nicht da
sein, wenn es nur den einen oder anderen Menschen gäbe, der es sym-
pathisch findet, für solche Ideen, wie sie in der Anthroposophie leben -
nun, gebrauchen wir den offiziösen Ausdruck - , zu agitieren. Anthro-
posophie entspringt durchaus der Erkenntnis, daß es in unserer Zeit
suchende Seelen gibt, die nur auf dem Wege der Anthroposophie das-
jenige finden können, was sie eben suchen. Nicht weil irgend jemand
Anthroposophie haben will, wird Anthroposophie getrieben, sondern
weil die Seelen nach Anthroposophie verlangen. Dagegen spricht nicht,
daß manche dieses leugnen, denn in der Seele lebt viel Unterbewußtes
und Unbewußtes, das, richtig gedeutet, nichts anderes darstellt als ge-
rade die Sehnsucht nach Anthroposophie. Die Sehnsucht vor allen
Dingen - wenn wir eines aus dieser Anthroposophie herausheben - ,
die Sehnsucht danach, den größten Impuls der Erdenentwickelung,
den Christus-Impuls, auf dem Wege zu erkennen, der dem Bedürfnis
der Gegenwart angemessen ist, den Weg zum Christus-Impuls auf die
Art zu finden, die das Herz ersehnen muß, wenn es sich wirklich inner-
halb der Lebensverhältnisse der Gegenwart verstehen will. Nun sind
solche allgemeinen, abstrakten Sätze, wie ich sie eben jetzt ausgespro-
chen habe, für denjenigen gewiß einleuchtend, der jahrelang auf dem
Boden der Anthroposophie steht. Aber um was es sich handelt, das ist
dieses: wirklich seine Seele so mit dem Geiste dieser Worte zu durch-
dringen, daß diese Worte nicht bloß abstrakt, nicht bloß theoretisch
in uns bleiben, sondern daß sie zum Inhalt unseres ganzen Lebens, vor
allen Dingen zum Inhalt unserer Gesinnung werden.
Ich habe wohl auch hier schon ein Beispiel erzählt, das besonders
charakteristisch ist: Ich hielt in einer süddeutschen Stadt einmal einen
Vortrag über das Thema «Bibel und Weisheit», worin ich versuchte
auseinanderzusetzen, wie auch der positiv christliche Mensch, gerade
wenn er sich recht versteht, den Weg zur Anthroposophie finden kann,
indem ich schilderte, wie Anthroposophie durch ihre Voraussetzungen
tiefer eindringen kann in die großen, ja niemals auszuschöpfenden Ge-
heimnisse des Urbuches der Menschheit, der Bibel. Nach dem Vortrage
kamen zwei katholische Priester an mich heran, die an dem Vortrag
teilgenommen hatten. Und aus ihren Worten ging klar hervor, daß
sie eigentlich aus ihrer christlichen Lehre, so wie sie sie auffaßten, wie
sie sie als Theologen kannten - vielleicht nicht so sehr als auf irgend-
welche Dinge hin verpflichtete Priester, sondern als Theologen kann-
ten -, nichts Besonderes einwenden konnten. So begaben sie sich denn
auf einen Seitenweg und sagten: Ja, sehen Sie, es ist ja nichts Beson-
deres zu sagen von unserem Standpunkte aus gegen das, was Sie gerade
heute vorgebracht haben, als dieses: Wenn wir reden, dann reden wir
so, daß jeder auffassen kann, was wir sagen. Sie reden allerdings auch
vom Christentum, aber nur für diejenigen, die einen gewissen Bil-
dungsgrad erreicht haben oder sich besonders für diese Art vorbereitet
haben. - Ich erwiderte darauf: Ja, sehen Sie, Hochwürden, darauf
kommt es nicht an, was Sie oder ich denken über die Frage, was zu
allen Menschen gesprochen werden soll, denn das führt das ganze
Thema auf den Abweg der persönlichen Meinung. Es ist gar nicht be-
sonders wunderbar, daß ein jeder von dem, was er treibt, glaubt, daß
es allgemein-menschlich gültig ist. Warum sollte man sich denn darüber
wundern; sonst würde er es ja nicht treiben! Aber darauf kommt es
eben nicht an, was Sie oder ich denken, daß es richtig ist. Unsere Art,
über den Geist zu forschen, fängt damit erst an, daß wir uns erheben
über diese persönliche Meinung, und die Wirklichkeit, die wahre Wirk-
lichkeit ins Auge fassen. In unserem Falle Hegt diese Wirklichkeit sehr
nahe. Sie liegt einfach in der Antwort auf die Frage: Kommen heute
alle Leute, für die Sie zu reden glauben - Sie glauben ja für alle Leute
zu reden - , noch zu Ihnen in die Kirche? Die Frage beantwortet eine
Tatsache - die Frage, ob Sie meinen, daß Sie für alle Leute reden. Daß
das allen Leuten gelten soll, das entspricht nur Ihrer Meinung; das
andere entspricht nur einer Tatsache. Sagen Sie mir, ob alle Leute in
die Kirche gehen! - Darauf konnten sie mir nichts anderes erwidern,
als daß eine Anzahl von Leuten eben nicht in die Kirche gehen. Das
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widerlegt Sie, sagte ich, denn dann sprechen Sie gerade für die nicht,
die nicht in die Kirche gehen. Und unter denen sind zahlreiche Men-
schen, zu denen ich zu sprechen habe, und die auch das Recht haben,
den Weg zum Christus in der Gegenwart zu finden.
Das heißt, sein Urteil nicht richten nach dem, was man persönlich
für wahr oder falsch hält, sondern sein Urteil den Forderungen und
Aufgaben der Wirklichkeit unterstellen. Es ist allerdings viel beque-
mer zu theoretisieren, was richtig oder falsch ist, als in allen Einzel-
heiten konkret die Wirklichkeit zu studieren, immerfort mit aufmerk-
samem Ohr hinzulauschen auf dasjenige, was die Wirklichkeit von uns
fordert. Anthroposophie will nicht etwas anderes sein, als was Ant-
wort gibt auf Fragen, die sie nicht selber stellt, sondern die die Herzen,
die Seelen in der Gegenwart stellen, wenn sie sich richtig verstehen.
Und ich bin mir bewußt: die Fragen, die in meinen ja allerdings schon
sehr zahlreich vorliegenden Schriften gestellt werden, sind nicht von
mir gestellt. Die Antworten sind vielfach von mir gegeben, die Fragen
aber sind nicht von mir gestellt. Die Fragen werden gerade von dem-
jenigen gestellt, was die Zeitkultur hervorbringt, was gerade zum Bei-
spiel die Naturwissenschaft in der Zeitkultur hervorbringt, was jeder
fragen muß, der Interesse hat an den Forderungen der Zeit, und dem
vor allen Dingen es ernst ist um die wichtigsten Bedürfnisse der Seelen
der Gegenwart.
Wenn man sich diese Voraussetzungen einmal einigermaßen vor
die Seele ruft, dann zeigt es sich uns als wahr, daß eine Grundintention
in der ganzen Ihnen vorliegenden anthroposophischen Literatur
herrscht, eine Grundansicht, eine Grundtendenz und eine Grundge-
sinnung. Geht man alle diese Schriften durch, nicht mit der wohlwol-
lenden Gesinnung, die wir vielleicht innerhalb unseres Kreises gewon-
nen haben, sondern mit dem kritischen Blick, den man gerade aus der
gegenwärtigen Zeitkultur heraus gewinnen kann, dann wird man eines
als den Kernpunkt dieser ganzen anthroposophischen Literatur finden.
Das ist, daß alles darauf ausgeht, der Menschenseele dasjenige zu brin-
gen, wonach diese Menschenseele vor allen Dingen in der Gegenwart
verlangen muß: Selbständigkeit, Urteilskraft aus dem eigenen Inneren
heraus. Ich habe öfter dem Drängen widerstehen müssen, das von die-
ser oder jener Seite an mich gestellt worden ist, populär zu schreiben.
Ich habe diesem Drängen immer widerstanden, aus dem einfachen
Grunde, weil es sich nicht darum handeln kann, innerhalb der anthro-
posophischen Literatur den Menschen Glaubensartikel zu geben, die
sie, wenn sie wollen, in leichtgeschürztem Verständnis entgegenneh-
men, sondern weil es sich nur darum handeln kann in dieser Literatur,
eigene Urteilsfähigkeit, das eigene Seelensuchen aufzurufen. Das
herrscht, wie sich jeder, der will, überzeugen kann, innerhalb dieser
ganzen anthroposophischen Literatur.
Nirgends wird darauf ausgegangen, einen blinden Glauben hervor-
zurufen. Gewiß, es werden Dinge erzählt, die nicht ohne weiteres nach-
geprüft werden können, aber sie werden erzählt als Tatsachen der gei-
stigen Welt, die jeder als Mitteilungen entgegennehmen kann und an
die er immer weiter und weitergehend seinen kritischen Maßstab schon
anlegen kann, wenn er will. Und wir haben ja gesehen, daß in der
letzten Zeit verständnisvoll auf die Sache eingehende Freunde es da-
hin gebracht haben, bis zu einem hohen Grade selbst an die subtilsten
Dinge mit der Sonde einer vorurteilslosen Kritik heranzugehen. Vor
dieser vorurteilslosen Kritik braucht dasjenige, was in der hier gemein-
ten anthroposophischen Literatur enthalten ist, niemals zurückzu-
schrecken. Diese vorurteilslose Kritik wird es bestehen; es wird sie um
so besser bestehen, je vorurteilsloser diese Kritik ist. Niemals wird von
mir jemand etwas anderes hören, wenn es sich um diese Frage handelt,
als dieses: Prüfet, prüfet, prüfet, aber bleibt nicht beim Prüfen, sondern
suchet gerade vor allen Dingen dadurch zu prüfen, daß ihr immer
tiefer und immer tiefer mit den Mitteln des gegenwärtigen Denkens in
die Dinge hereinzukommen versucht. - Weil dies angestrebt wird,
können die Schriften dieser Literatur die Menschen gerade selbständig
machen.
Nun allerdings erlebt man gar mancherlei, wenn man die Art und
Weise überblickt, wie Anthroposophie entgegengenommen wird. Die
Menschen begegneten mir ja immer wieder und wiederum, die den einen
oder anderen Vortrag sich anhörten, die eine oder andere kleine Schrift
lasen, und dann sich nicht mehr sehen ließen. Das ist ihr gutes Recht,
selbstverständlich, es soll das niemandem vorgeworfen werden. Und
wenn sie dann von einem Bekannten gefragt wurden, warum sie nicht
mehr erschienen sind - in aller Freundschaft selbstverständlich, nicht
wie mit irgendeinem Vorwurf - , dann gaben sie zur Antwort: Ja, wenn
wir näher auf die Sache eingehen, fürchten wir, überzeugt zu werden. -
Es ist dies ganz gewiß ein bedeutsames Wort, es weist aber auch auf be-
deutsame Tatsachen hin. Was versucht wird, ist ja gerade: loszukom-
men von dem Erbübel unserer Zeit, dem Aufstellen von persönlichen
Meinungen, dem Aufstellen von persönlichen Theorien, und die Seelen
hinzulenken auf dasjenige, was die Geistigkeit der Welt selber sagt,
wenn wir die Möglichkeit finden, uns dieser Geistigkeit der Welt mit
ganzer Seele hinzugeben und von den Methoden zu sprechen, von den
Mitteln zu sprechen, durch welche die Seele dahin gelangt, gewisser-
maßen die Geistigkeit der Welt selber anzuhören.
Eine in dieser Weise zwar aus den tiefsten Bedürfnissen der Zeit
hervorgehende Weltanschauung, die jedoch dem, was die Leute der
Gegenwart glauben, so gründlich widerspricht, nun, solche Weltan-
schauung wird nur langsam und allmählich sich in die Seelen der Men-
schen hineinfinden. Die Seelen der Menschen hängen an dem Gewohn-
ten, die Seelen der Menschen haben es am liebsten, wenn sie ihre eigene
Wasserklarheit von der Kanzel hören und sich sagen können von dem,
was sie hören: Das habe ich schon lange gedacht. — Solche Wahrheiten,
die «schon lange gedacht» worden sind, sind allerdings die in der Ge-
genwart auftretenden anthroposophischen Lehren nicht. Aber das ist
in den Augen vieler Menschen gerade der Hauptfehler, daß sie sich
nicht sagen können: Das habe ich schon lange gedacht ~, und daß sie
sich nicht sagen wollen: Wenn ich recht tief in meinem Inneren schürfe,
dann wird da nichts ausgesprochen, was eine persönliche Meinung ist,
sondern was zusammenhängt gerade mit den Entwickelungsfaktoren
der Menschheit. - Auf solche Entwickelungsfaktoren der Menschheit
werden wir während meines diesmaligen Aufenthaltes in Stuttgart
noch mannigfaltig zurückkommen. So ist es begreiflich, daß mancher-
lei Hindernisse und Hemmnisse entstehen, wenn die Menschen ver-
suchen, an die Anthroposophie, an die Geisteswissenschaft heranzu-
kommen.
Mein Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»
wird im Laufe der Zeit viel gelesen, nicht nur innerhalb derjenigen, die
den verschiedenen Kreisen der Anthroposophischen Gesellschaft an-
gehören, sondern es wird in der Gegenwart auch draußen viel gelesen.
Beim Lesen gerade dieses Buches kann immer wieder und wiederum
eine Erfahrung gemacht werden, die außerordentlich charakteristisch
ist. Es liest da oder dort jemand das Buch «Wie erlangt man Erkennt-
nisse der höheren Welten?» und schreibt mir einen Brief darüber. Und
selbstverständlich, ich bin jedesmal erfreut darüber, wenn mir jemand
einen verständigen Brief schreibt über irgendein Buch oder über ir-
gend etwas anderes, insbesondere aber über das Buch «Wie erlangt
man Erkenntnisse der höheren Welten?». Aber das gewöhnliche ist,
daß der Brief, der geschrieben wird, der klarste Beleg dafür ist, der
allerklarste Beleg, daß der Betreffende das Buch nicht verstanden hat,
überhaupt die aller wichtigsten Dinge des Buches sich in die materia-
listischste Gesinnung der Gegenwart umgesetzt hat. Denn dasjenige,
worauf die Menschen zumeist anbeißen, wenn sie an dieses Buch kom-
men, das ist das Folgende. Aber schicken wir noch etwas voraus: Es
kann eine ganze Summe von Zweifeln demjenigen aufstoßen, der das
Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» liest, und
es wird schon viele Menschen geben, welche Zeugnis davon ablegen
können, daß ich immer bereit bin, über diese Zweifel mit den Menschen
mich zu unterhalten, und daher möchte ich durchaus nicht, daß, was
ich jetzt sage, so erscheint, als ob es irgend jemand abschrecken sollte,
den Brief, von dem ich eben sprach, zu schreiben. Es soll nicht abge-
schreckt werden von dem Schreiben dieses Briefes, aber der Brief wird
sehr häufig geschrieben, indem die Menschen an eine besondere Sache
anbeißen, wo ihnen unmittelbar das Ding sich ins Materialistische um-
setzt. Es ist vieles gesagt in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse
der höheren Welten?», das bei richtiger Beobachtung den Menschen
gerade dazu führt, von sich aus, von seiner Seele aus den Weg in die
geistige Welt hinein zu finden. Gerade dieses Buch ist daraufhin an-
gelegt, den Menschen so selbständig wie möglich zu machen, ihm gar
nicht irgend etwas aufzudringen auf irgendeinem subjektiven Weg,
sondern ihm nur die Hindernisse hinwegzuräumen, damit er selber die
Wahrheit finden kann. Das beste Mittel zunächst, dieses Buch aufzu-
nehmen, das wäre: seinen Inhalt sich in innerer Tat anzueignen. Aber
da haken die Menschen ein bei dem Satz: Derjenige, bei dem die nötige
Reife eingetreten ist, der findet schon, wenn er nur richtig sucht, seinen
geistigen Lehrer. - Also, da haben wir es! Da schreibe ich einen Brief
an denjenigen, der das Buch geschrieben hat, da wird er mein geistiger
Lehrer; das ist das einfachste! - Da haben wir die Übersetzung ins
Materialistische. Daß diese Stelle gerade für einen nach Selbständig-
keit suchenden Menschen der heiligste Antrieb sein könnte, weiter zu
suchen, um den Weg zu finden, der vielleicht in etwas ganz anderem
bestehen könnte, als einen Brief an jemand zu schreiben: Du, gib mir
Anweisungen - , das ist sehr vielen Lesern des Buches eben unbequem.
Sie suchen nicht genügend in dem Buche. Und so gehört denn dieses
Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», trotzdem
es unter den so geschriebenen Büchern heute vielleicht zu den gelesen-
sten gehört innerhalb der deutschen Welt und sogar vielfach in fremde
Sprachen übersetzt ist, es gehört zu den Büchern, die am meisten miß-
verstanden werden. Und es ist doch kinderleicht zu verstehen, wenn
man es nur vorurteilslos auf sich wirken läßt und nicht es sich ins mate-
rialistisch Bequeme übersetzt.
Gewissermaßen suchen die Menschen heute auch hier dasjenige, was
sie gewohnt sind auf anderen Gebieten zu suchen. Wie sehr sind die
Menschen heute von der Gewohnheit durchdrungen, sich nicht selber
zu helfen, das heißt, nicht dasjenige zu lernen, womit man sich in der
einen oder anderen Lage helfen kann, sondern sich helfen zu lassen und
sich nicht zu bekümmern um die Prinzipien, nach denen ihnen geholfen
wird. Wozu braucht man sich heute viel zu bekümmern über die Art
und Weise, wie man gesundheitlich am besten lebt? Man laßt es sich
verschreiben von einem, der dafür da ist, und man braucht dann nicht
nachzuprüfen, nach welchen Prinzipien er verschreibt, man übergibt
sein Schicksal demjenigen, der als Autorität aufgestellt ist. Warum
sollte man denn nicht gerade auf dem geistigen Wege, auf dem mensch-
lich wichtigsten Wege zunächst den Drang haben, auch sein Schicksal
irgendeinem anderen zu übergeben? Aber wenn nun gerade dasjenige
Werk, wodurch man dazu angeregt wird, am allermeisten sich zur Auf-
gabe macht, die Menschenseele selbständig zu machen!
Man darf sagen: Gerade die naturwissenschaftliche Forschung hat
heute einen bestimmten Stand erreicht, und dieser Stand der natur-
wissenschaftlichen Forschung wäre zugänglich denjenigen, die heute
berufen sind, die naturwissenschaftlichen Fächer zu vertreten, wenn
nicht die meisten einfach sich in ihr Fach einspinnen und nicht über
die Grenzen ihres Faches hinausgehen würden. Wenn sich nur, ich will
sagen, ein Dutzend der offiziellen Vertreter - und nur diese werden ja
heute gehört - aufraffen würden mit innerster Ehrlichkeit, und dann
mit dem, was sich ergibt aus diesem naturwissenschaftlichen Stand,
dasjenige prüfen würden, was in meiner «GeheimWissenschaft im Um-
riß», in meiner «Theosophie» steht* dann würden sie alles von der Seite
her bewahrheitet finden, die man charakterisieren kann, indem man
sagt: Seht euch das Leben an, ob das Leben dasjenige nicht bestätigt,
was durch Geisteswissenschaft erfahren werden kann, was hier aus
der geistigen Welt heraus gesucht wird! - Wer heute Naturwissenschaft
wirklich beherrscht, kommt zur Beglaubigung desjenigen, was anthro-
posophisch orientierte Geisteswissenschaft gibt. Dies ist durchaus eine
Wahrheit. Aber wir stehen vor der eigentümlichen Tatsache, daß sich
gerade diejenigen, die eine solche Prüfung vornehmen könnten, absolut
nicht darum kümmern, bis jetzt nicht sich darum gekümmert haben,
daß niemand diese Fragen auch nur aufgeworfen hat - von denjenigen
sehe ich ab, die aus unseren Kreisen die Anregung dazu empfangen ha-
ben - , daß niemand die Aufgabe sich gestellt hat, die geisteswissen-
schaftlichen Resultate der Anthroposophie an der, aber voll verstan-
denen, naturwissenschaftlichen Forschung der Gegenwart wirklich zu
prüfen! Vor dieser Prüfung braucht die geisteswissenschaftliche For-
schung wahrhaftig nicht die geringste Angst zu haben, die wird sie be-
stehen. Sie soll nur angestellt werden, sie wird bestanden werden. Aber
allerdings, in einer Zeit, in der man nicht einmal die Geneigtheit hat,
auf die allerprimitivsten Wahrheiten einzugehen, wird diese Prüfung
vielleicht noch lange auf sich warten lassen.
Den Drang, nicht nur logisch zu sein, sondern wirklichkeitsgemäß
zu sein, das heißt, sein Urteil sich nicht nur nach abstrakter Logik,
sondern durch Versenkung in die Wirklichkeit zu bilden, diesen Drang
haben wenige in unserer Gegenwart. Logisch zu sein, das streben ja viele
an, aber erst ein gewisses Gehen hinter die Logik macht es möglich,
auch die Tragweite der Logik selber einzusehen, sonst merkt man gar
nicht, welche Konfusion man gerade mit solchen sehr zusammenstim-
menden Urteilen machen kann. Sehen Sie, mit seinem eigenen Urteil
immer übereinstimmend sein, oder mit dem Urteil eines anderen über-
einstimmend sein, ist gewiß logisch, es kann aber zu recht sonderbaren
Kollisionen führen. Zum gleichen Gedanken kamen Karl V.y der Öster-
reicher, und der französische König Franz I. Sie waren gewissermaßen
völlig einverstanden mit Bezug auf einen bestimmten Gedanken, den
sie verwirklichen wollten. Franz sagte: Mein lieber Bruder will ja ganz
genau dasselbe wie ich. Wir beide wollen genau dasselbe. - Sie wollten
nämlich beide Mailand erobern! Ja, sehen Sie, da merkt man es - näm-
lich wenn man den Nachsatz sagt. Aber daß solche Urteile ungeheuer
viel herumschwirren und gerade das Denken der Gegenwart beherr-
schen, zum Unheil dieser Gegenwart, darauf auch nur zu kommen, ha-
ben wenige in der Gegenwart die Neigung.
Es ist merkwürdig, wie - verzeihen Sie das philiströse Bild - er-
leuchtete Geister zuweilen die Urteilsfähigkeit heute beim Schwanz
aufzäumen, wie wenn einer ein Pferd aufzäumte am Schwanz, statt
vorne am Haupte. Aber solch ein Aufzäumen wird sofort gelten ge-
lassen, wenn der Betreffende offiziell autorisiert ist. Wer einen Sinn für
das Lebendige im Denken, Fühlen und Wollen hat, der konnte seit
langen Jahren wahre Qualen ausstehen bei der ganzen Art und For-
mung, wie manches Denken in der Gegenwart ist. Ich weiß mich jetzt
noch zu erinnern, wie ich meine erste Vorlesung in Wien über ellip-
tische Funktionenlehre hörte - verzeihen Sie das Wort, es kommt aber
auf den Geist desjenigen an, was ich ausdrücken will, und nicht darauf,
daß der eine oder andere das, was ich jetzt heranziehe, versteht. Ich
hörte also bei dem damals schon berühmten Professor Leo Königsberger
Vorlesungen. Er war so berühmt, daß er, als er zum Professor ernannt
war, gleich an die Regierung schreiben konnte, daß er zum Hofrat er-
nannt werden wolle, nicht bloß zum Professor. Als ich also die erste
Vorlesung bei ihm hörte, kam er auf die Frage: Wie verhält es sich mit
den Zahlen? Die Menschen nehmen an positive und negative Zahlen.
Positive Zahlen entsprechen dem Geld, das ich habe, negative Zahlen
dem Geld, das ich nicht habe, das ich schuldig bin. Es gibt aber noch
andere Zahlen. Nun bezeichnen die Mathematiker durch eine Linie, in
deren Mitte sie eine 0 schreiben, die positiven und negativen Zahlen:
plus 1, plus 2; minus 1, minus 2. Und dazu hat dann der berühmte Gauß
noch eine neue Zahlenlinie hinzugefügt, so daß man die Ebene anfüllen
kann mit verschiedenen Arten von Zahlen. Ich will über die Berechti-
gung dieser Zahlenebene nicht sprechen, aber Leo Königsberger begann
dazumal seine Vorlesung über die elliptischen Funktionen damit, daß
er sagte: Es könnte nun sein, daß jemand heute sagen würde, man
könne auch ebensogut senkrecht zu dieser Ebene Zahlen annehmen. -
Als ich als ganz junger Dachs von sechzehn, siebzehn Jahren die Ge-
schichte mit der Zahlenebene kennengelernt habe, da machte ich dazu-
mal schon einen Einwand: Ich sagte, dann könne man ja auch den
Raum mit Zahlen ausgefüllt denken. - Der Lehrer beruhigte mich
freundlich, indem er sagte: Na, warten's bis in die nächsten Jahrhun-
derte! - was selbstverständlich auf mich, den jungen Dachs, einen gro-
ßen Eindruck machte. Nun hörte ich Leo Königsberger in Wien die-
selbe Frage behandeln. Er sagte: Nehmen wir an, es gäbe diese drei
Arten von Zahlen, nicht nur die Zahlen, die in der Ebene der beiden
Linien liegen, sondern die Zahlen, die in der dritten Dimension liegen.
Wir nehmen hypothetisch an, solche Zahlen gäbe es, und ich würde
eine solche Zahl multiplizieren mit einer anderen Zahl. Nun werde ich
Ihnen zeigen, daß, wenn man sie multipliziert, das Produkt unter Um-
ständen null sein kann. Da das aber niemals sein kann, so kann es keine
solche Zahl geben. - Nun, sehen Sie, so etwas anzuhören ist eine Qual.
Ich will jetzt nicht davon sprechen, ob die ganze Geschichte richtig
ist oder nicht, aber wenn man das eine annimmt, das andere nicht an-
zunehmen, sondern die Behauptung aufzustellen: weil das Produkt null
sei, könne es keine solche Zahl geben - , so etwas anzuhören, das ist
eine Qual, weil selbstverständlich das Richtige dies ist, daß wenn man
zwei Zahlen hat, die null geben, man annehmen muß, daß dann null
entstehen könne durch Multiplizieren, nicht das Umgekehrte; das ist
das Nächstliegende. Aber ob diese Urteile nun in der Mathematik le-
ben, ob diese Urteile in politischen Noten leben, zum Beispiel in den
Noten des Herrn Wilson, sie führen eben immer auf dieselben Gedan-
kenformen zurück. Wenn aber diese Urteilsformen leben in denjenigen
Urteilen, die da wirksam sein wollen für das Schicksal der Menschheit,
dann bedeutet ein Irrtum im Urteil noch etwas ganz anderes als ein
Irrtum in einer bloß eingeschränkten wissenschaftlichen Spekulation,
wie es in vieler Beziehung die Lehre des Leo Königsberger ist.
Man muß schon darauf aufmerksam machen, wie es zur Charak-
teristik unserer Gegenwart gehört, daß sich die Menschen mit ihrem
Urteil nicht der Wirklichkeit anpassen wollen. Sie wollen nicht in der
Wirklichkeit leben, weil sie es in den einfachsten Dingen nicht wollen.
Sie wollen bei den einfachsten Dingen dasjenige voraussetzen, was
ihnen lieb ist, nicht was sich aus der Wirklichkeit ergibt. Daß man in
vieler Beziehung lernen muß, anders zu denken, um aus manchem Un-
heil der Gegenwart herauszukommen, daß man lernen muß, nicht bloß
über alles zu denken, sondern anders zu denken, darauf kommt unge-
heuer viel an. Wenn die Menschen mit ihren alten Denkgewohnheiten
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft so recht begreifen
könnten, dann würden sie sich schneller einleben können in die geistes-
wissenschaftlichen Wahrheiten. Die aber sollen nicht mit den alten
Denkgewohnheiten, sondern sie müssen gerade mit dem neuen Denken
erfaßt werden, und darauf lassen sich die Leute so ungeheuer schwer
ein.
Nun, das sind so Teile der Gründe, warum es in der Gegenwart so
schwierig ist, mit der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft durchzukommen, einfach weil sie stoßen muß an die alleraller-
nächstliegenden Vorurteile. Aber gerade weil diese Sache so ist, wird
Geisteswissenschaft nicht eigentlich bekämpft, denn das Bekämpfen
der Geisteswissenschaft steht ja, das muß man gestehen, auf sehr
schwachen Füßen. Suchen Sie sich diejenigen wissenschaftlichen Er-
örterungen einmal auf, welche versuchen, in ernster Weise und auf
die Sache eingehend, Geisteswissenschaft, wie sie vorliegt, zu behan-
deln, suchen Sie sich Abhandlungen oder dergleichen dieses Kalibers
auf! Wer sich jemals damit befaßt hat, wird sehen, wie wenig es nach
dieser Richtung gibt. Aber es mag ja vielleicht auch gar nicht bequem
sein, auf diesem Wege vorwärtszugehen. Denn sehen Sie, mir erzählte
vor einigen Jahren einmal ein Student, der eben sich anschickte, an
einer sehr bekannten Universität als Philosoph seinen Doktor zu ma-
chen: er wollte eine Dissertation schreiben, die ihm geraten worden
war von einem berühmten Professor. Diese Dissertation sollte handeln
über den großen russischen Denker Solowjow. Dazumal war von So-
lowjow nicht viel mehr gedruckt als ein paar Sachen, die von Nina
Hoff mann herausgegeben worden sind; später kam ja viel mehr heraus.
Ich früg den Studenten: Warum gibt Ihnen der Professor gerade den
Rat, über diesen Solowjow die Dissertation zu machen? - Ja, sagte der
Student, der Professor weiß von diesem Philosophen gar nichts und
möchte etwas erfahren. — Das ist also der beste Weg: Man läßt den
Schüler eine Doktorarbeit über Solowjow schreiben, wenn der Schü-
ler russisch kann; dann erfährt man etwas über ihn. So entstand denn
die Doktorarbeit über Solowjow. Aber ungefähr aus derselben Ge-
sinnung heraus entstehen sehr viele Doktorarbeiten. Es ist geradezu
dies vielfach eine Maxime, wie Themen für Doktorarbeiten gegeben
werden. Damit aber wird eine gewisse wissenschaftliche Gesinnung
herangezogen, herangezüchtet, könnte man sagen. Der betreffende Pro-
fessor hätte natürlich nur einen Weg haben können, den Solowjow
wirklich kennenzulernen, wenn er die Absicht gehabt hätte, nicht nur
Professor der Philosophie zu sein, sondern auch die Philosophie der
Gegenwart kennenzulernen in einem ihrer hervorragendsten Vertreter:
Er hätte versuchen müssen, Solowjow selber zu studieren, so gut es
geht, wenn auch das wenigste von Solowjow übersetzt ist, und er nicht
selbst russisch kann. Es ist ein unbequemer Weg, man darf aber schon
sagen: Für viele, die zu einem eigenen Urteil über Geisteswissenschaft
kommen wollten, ist heute der Weg viel unbequemer, Geisteswissen-
schaft kennenzulernen. Denn es ist noch ein Unterschied, ob nun ein
Professor eine Dissertation machen läßt über Solowjow, oder ob er
etwa eine Dissertation machen ließe über die Geisteswissenschaft. Über
Solowjow geht es noch halbwegs, ein Urteil zu gewinnen, wenn die
Dissertation fertig ist, denn der Schüler ist ja ohnehin gut dressiert,
dieses Urteil nur abzugeben in dem Sinne, wie eben Philosophie gelehrt
wird. Aber was sollte denn ein heutiger Professor zum Beispiel mit
einer Dissertation über Geisteswissenschaft anfangen? Er könnte ja
gar nichts damit anfangen. Er würde absolut ratlos davorstehen. Und
noch unbequemer ist natürlich der Weg, nicht auf dem Umweg einer
Dissertation die Sache kennenzulernen, sondern etwa gar irgendwie er-
schöpfend die Sache selbst zu studieren.
Aber alle diese Dinge sind für den ehrlich Suchenden, nach Wahr-
heit Strebenden der Gegenwart kein Hindernis; er lechzt vielleicht
gerade nach Geisteswissenschaft. Viele von Ihnen wissen das, meine
lieben Freunde. Aber sie sind ein Hindernis für die meisten, die heute
im gewohnheitsmäßigen Leben stehen, diese Geisteswissenschaft anzu-
erkennen, irgendwie etwas anderes zu tun, als diese Geisteswissenschaft
in Grund und Boden zu bohren. Sie geht nicht von ihnen aus, und da
sie nicht von ihnen kommt, muß sie in Grund und Boden gebohrt wer-
den. In sachlicher Weise kann man das nicht tun; das zeigen heute
schon die Tatsachen. Denn diejenigen, die es versucht haben, an die
Geisteswissenschaft heranzukommen, sind in der Regel nicht Gegner
geworden, sind gewiß keine blinden Anhänger geworden, aber auch
keine Gegner. Es gibt ja solche auch. Aber ein großer Teil unserer Zeit-
genossen hat eben einfach das persönliche Interesse, diese Geisteswis-
senschaft auszutilgen, ihr zunächst das Leben in der Gegenwart un-
möglich zu machen. Wird er es auf dem Wege versuchen, den man
selbstverständlich, wenn man auf dem Boden der Geisteswissenschaft
steht, voll anerkennen kann, wird er es versuchen, auf dem Wege des
ehrlichen literarischen Kampfes das ins Feld zu führen, was man da-
gegen zu sagen hat, was ein anderer zu sagen hat, so ist selbstverständ-
lich gar nichts dagegen einzuwenden. Allein das will man eben nicht,
das ist zu unbequem. Viel bequemer ist es, die ganze Sache auf das
persönliche Gebiet hinüberzuspielen, nicht über dasjenige zu sprechen,
was in der Geisteswissenschaft gesagt wird, sondern über allerlei an-
deres zu sprechen. Und das, sehen Sie, ist es gerade, was in unserer un-
mittelbaren Gegenwart heute versucht wird und in den nächsten Zei-
ten immer mehr versucht werden wird, und worauf ich einmal doch
Ihre Aufmerksamkeit hinlenken möchte. Denn das wird dazu führen,
daß zahlreiche Unzufriedene, die immer wiederum aus persönlichen
Gründen unzufrieden werden innerhalb unserer Gesellschaft, leicht
zu Werkzeugen gemacht werden können für diejenigen, die Anthro-
posophie aus der Welt schaffen wollen, aber es nicht auf dem ehrlichen
Wege anstreben - sie würden auch nicht ans Ziel gelangen auf dem ehr-
lichen Wege -, die nicht wissenschaftliche Diskussionen anstreben, son-
dern den ehrlichen Weg meiden, dafür aber danach streben, der geistes-
wissenschaftlichen Bewegung irgendeinen Skandal anzuhängen und
alles ins Persönliche zu übersetzen.
Da ja meine Zeit, über Sachliches zu sprechen, abgelaufen ist, so daß
niemand sagen kann, daß ich Ihre Zeit in Anspruch nehme für das, was
mit der Gesellschaft und ihren Interessen zu tun hat, statt die sach-
lichen Fragen zu behandeln, darf ich das Folgende jetzt hinzufügen:
Jene Menschen finden sich immer zahlreicher, welche sich geeignet er-
weisen, von den also charakterisierten Personen gebraucht zu werden,
und man hat die Verpflichtung, wenn man es mit der anthroposophisch
orientierten Geisteswissenschaft ehrlich meint, auf diese Dinge genauer
hinzuweisen.
Da ist ein Mensch - vor vielen Jahren kam sein Name zum ersten-
mal vor unsere Augen - , er stammt aus einer kleinen Stadt, und Frau
Dr. Steiner empfing eines Tages ein Schreiben, wie sie so oft vorkom-
men: Ich fühle mich unglücklich in meiner Lage, ich möchte meine
Lage verbessern. - Und einer der Briefe, die diesen Ton hatten, stellte
die Frage nach einem Rat, der dem betreffenden Menschen gegeben
werden sollte: ob er besser täte, in irgendein Haus, in ein Geschäft ein-
zuheiraten, oder aber auf irgendeine andere Weise seinen weiteren Weg
in der Welt zu suchen. Ja, man muß schon die Wahrheit ungeschminkt
sagen, wenn man den Dingen auf den Grund kommen will, und wenn
man nicht blind demjenigen, was sich in der nächsten Zeit abspielen
wird, gegenüberstehen will. Nun wurde dem Manne zwar begreiflich
gemacht, daß wir uns mit der Frage nicht beschäftigen können, ob er
irgendwo hineinheiraten solle oder nicht, aber da er nicht nachließ,
so wurde ihm auch bereitwillig manches zur Verfügung gestellt, was
geeignet war, seinen Bedürfnissen nach geistiger Belehrung, die er zu
haben vorgab, entgegenzukommen. Indem er sich solchen geistigen
Dingen hingab, wie er sie sich vorstellte, kam er sehr bald darauf, daß
es doch für einen so großen Geist nichts wäre, in einer kleinen Stadt
ein Geschäft zu versorgen. Er sehnte sich nach größeren Kreisen. Er
hatte sich offenbar einiges erspart und kam nach Berlin. Er fand, daß
es ja ganz schön ist, Geisteswissenschaft zu treiben, allein erfühlte in sich
auch ein besonderes künstlerisches Talent, und er verlangte nun von der
Gesellschaft, daß sie dieses fördere. Man kommt ja gerne den Leuten
zu Hilfe, nicht wahr. Die Proben, die der Betreffende aus seiner Kunst
gab, sprachen zwar gegen alles Talent, aber mancher lernt ja auch ohne
Talent so viel, daß es knappen Ansprüchen manchmal genügt. Und so
kam es denn, daß der Betreffende an verschiedene Mitglieder, die das
oder jenes ihm schaffen konnten, empfohlen wurde, daß man ihn för-
derte. Allein immer stellte es sich heraus, daß die Sache namentlich
daran scheiterte, daß der Betreffende zwar eine Kunst ausüben, aber
nichts lernen wollte, weil er der Ansicht war, mehr zu können als alle
die Lehrer, die für ihn sorgen wollten. Und die Folge war, daß, weil er
jedem Lehrer davonlief, man am Schlüsse gar nichts mehr tun konnte.
Man hatte Nachsicht über Nachsicht, konnte aber nichts Besonderes
mehr tun, es gefiel dem Betreffenden nichts. Denn selbstverständlich
war das wiederum in seinen Augen so ein eklatanter Fall, wie die Welt
das werdende Genie verkennt! Daß niemand anderer diese Ansicht in
ehrlicher Weise teilen konnte, ja, meine lieben Freunde, es war wahr-
haftig nicht unsere Schuld. Das ist die Hauptsache, alle anderen Dinge
sind Nebensache. Und so ging es denn bei diesem Menschen so, wie es
bei vielen geht. Sie suchen zuerst eine Förderung innerhalb unserer
Gesellschaft, und wenn ihnen diese Förderung nach ihrem Sinn nicht
zuteil wird, werden sie Gegner. Und dann treten sie mit allerlei Din-
gen auf. Von dem, was hinter den Dingen steht, davon reden sie nie,
selbstverständlich. Sie treten mit allerlei Dingen auf, die man dann
am besten widerlegt, wenn man erst die Gründe darlegt. Selbstver-
ständlich war es die purste gekränkte Eitelkeit und Unfähigkeit in die-
sem Falle. Und alles übrige, was nun als Brimborium darauf aufge-
richtet wurde, war die allertörichteste Erfindung, die allertörichteste
Phantasterei. Aber heute findet man selbstverständlich die Journale, die
diese Dinge aufnehmen. Denn der Betreffende, den ich meine, heißt
Erich Bamler. Und wenn man den Dingen bei solchen Unternehmungen
wahrhaftig auf den Grund geht, dann hat man nicht nötig, sich solch
einen Aufsatz herzunehmen, der zumeist gar nichts besagt, weil alle
einzelnen Dinge ja gar nicht das ausdrücken, was sie sagen, sondern
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sie gehen ja aus ganz anderen Dingen hervor. Und man ist eigentlich
töricht, wenn man das Wesenlose ernsthaftig widerlegen will. Denn
darauf kommt es ja gar nicht an, sondern auf dasjenige, was dahinter
liegt.
Nehmen wir einen anderen Fall: Ein Mann, dem es auch nicht ge-
rade an Eitelkeit fehlt, fand sich vor Jahren, nachdem er erst gegen die
Anthroposophie allerlei einzuwenden hatte, bei dieser Anthroposophie
ein. Ich war der allerletzte, der gerade diese Persönlichkeit geholt hätte.
Er fand sich ein. Es zeigte sich mancherlei, das nicht gerade darauf
hinauslief, daß diese Persönlichkeit ganz unpersönliche Zwecke in un-
serer Gesellschaft anstrebte. Das kann man ja auch nicht verlangen,
daher kann es auch nicht getadelt werden, wenn man manchmal auch
persönlich angestrebten Zwecken schon einigermaßen entgegenkommt.
Es wird auch solchen persönlichen Zwecken zuweilen entgegengekom-
men, weil man gerade auf diesem Umweg manche Menschen doch zum
Richtigen führen kann. Und so kam es denn, daß der Betreffende zu-
erst mit uns recht zufrieden war. Er schrieb nämlich eine Schrift. Ich
ließ mich sogar herbei, ein Nachwort dazu zu schreiben, und die Schrift
wurde auch aufgenommen in unseren Verlag. Er war gut mit uns; wir
waren Leute, mit denen sich reden ließ. Dann ließ der Betreffende eine
andere Schrift drucken, und nachdem diese Schrift mancherlei Schick-
sale gehabt hatte, die uns jetzt nichts angehen, bot er diese wieder dem
Philosophisch-Anthroposophischen Verlag an. Es war aber unmöglich,
diese Schrift im Philosophisch-Anthroposophischen Verlag aufzuneh-
men. Auf den ersten Seiten dieser Schrift steht, ich hätte gewisse Sachen
über das Christus-Problem nur angedeutet, und der betreffende Herr
möchte das Nähere ausführen. Ich sage das wahrhaftig nicht aus ge-
kränkter Eitelkeit, obwohl in diesem Falle mir dies vorgeworfen wird;
aber der Satz, in dem sie mir vorgeworfen wird, ist eine dreiste Un-
wahrheit, denn die Sache, die da erwähnt wird, hat nicht stattgefunden.
Ohne Rücksicht darauf, daß ich vielleicht Grund hatte, nicht weiter-
zugehen, werden dann Dinge weiter ausgeführt in einer Weise, die ei-
nen erinnern kann an eine andere Geschichte, die sich zugetragen hat,
und von der diese Geschichte wenigstens eine Miniaturausgabe ist. Auf
diese andere Geschichte muß ich auch wiederum zurückkommen und
werde es nachher kurz tun. In dieser Schrift des betreffenden Herrn
wurden allerlei Dinge, die nur in Vorträgen von mir gesagt waren, ein-
fach mitgeteilt. Frau Dr. Steiner nahm mit Recht daran Anstoß und
wies diese Schrift für den Verlag zurück. Und der Herr entwickelte
sich, weil ihm diese Schrift zurückgewiesen wurde, zu einem Gegner.
Nun kann man freilich nicht sagen, wenn man für ein Journal einen
Aufsatz schreibt: Die Anthroposophische Gesellschaft ist von Grund
aus schlecht, weil mir von dem Philosophisch-Anthroposophischen
Verlag meine Schrift zurückgewiesen worden ist. Das geht nicht! Aber
das wäre die Wahrheit gewesen! Also, man erfindet - trotzdem der
Betreffende unzählige Male über die Sache unterrichtet worden ist —
das Märchen über die Widersprüche. Der Betreffende weiß sehr gut,
wie es sich mit diesen Widersprüchen verhält, aber er macht darüber
Zeitungsartikel! Was in diesen Zeitungsartikeln steht, hat keinerlei Be-
deutung, denn Gegner ist der Betreffende nicht geworden wegen die-
ser Sache. Die Sache hätte er ja längst wissen können, als er eingetreten
ist. Gegner ist er geworden aus dem angegebenen Grunde. Manche be-
zweifeln ja, daß man so ohne weiteres die Hypothese aufstellen darf:
Was nachher ist, das ist auch kausal durch das Vorhergehende bedingt;
aber auffällig bleibt es immerhin, daß die Gegnerschaft des Herrn Max
Seiling unmittelbar auf die Zurückweisung seiner Schrift durch unse-
ren Verlag folgte. Selbstverständlich ist es, daß man eine solche Sache
leicht ableugnen kann, daß man allerlei einwenden kann, aber es kommt
eben nicht darauf an, was der eine oder andere einwendet, sondern
darauf, welches die Tatsachen sind.
Es erinnert das ja tatsächlich an einen etwas genialeren Fall; dies ist
nur eine Miniaturausgabe davon. Der genialere Fall ist der, daß ein
Herr, der früher in Amerika war, aber ein guter Europäer ist, vor eini-
gen Jahren durch ein altbewährtes Mitglied gerufen, hier in Deutschland
sich aufhielt und sich alle möglichen Vorträge angehört hat, überall
auch mit großer Emsigkeit die Vorträge zu bekommen suchte, die seit
Jahren gehalten worden waren, indem er sie dem oder jenem abver-
langte. Nachdem er alles getreulich eingepackt hatte, was er abge-
schrieben hatte, ging er wieder nach Amerika. Er sagte dort, daß er
hier gewesen sei, daß er sich mit meiner Lehre bekanntgemacht habe,
daß er aber nicht zufrieden sein könne mit meiner Lehre, sondern viel
tiefer gehen müsse, daher würde man bei ihm manches finden, was in
meinen Büchern noch nicht zu finden ist. Denn als er alles ausgeschürft
habe, was bei mir zu finden ist, da wäre er berufen worden zu einem
Meister, der da irgendwo in den Transsilvanischen Alpen haust; der
habe ihm dann vieles mitgeteilt, das er jetzt seinem Buche einverleibe.
Nun war aber alles das, was er seinem Buche einverleibte, dasjenige, was
er hier in den Vorträgen abgelauscht und was er abgeschrieben hatte!
Und dann wurde das Buch genannt: «Rosenkreuzerische Weltanschau-
ung». Es erschien in Amerika und machte dort großes Aufsehen: das
Buch also, das kombiniert war aus dem, was er hier von mir gehört
hatte, und dem, was der Meister dann in den Transsilvanischen Alpen
ihm gesagt haben soll. Nachzuprüfen brauchten die Leute nicht, was
von mir war, konnten es auch nicht, denn es war ja zum Teil in un-
seren interneren Vorträgen gesagt worden. Aber damit nicht genug,
daß das nun als ein englisch-amerikanisch geschriebenes Buch erschien,
sondern es fand sich eine deutsche Buchhandlung, die das Buch über-
setzte und als «Weltanschauung der Rosenkreuzer» herausgab. Der
Herausgeber war Dr. Vollrath.
Das sind nur so einige Proben der Praxis, wie man es macht, meine
lieben Freunde! Auf diese Dinge darf schon hingeschaut werden. Es
muß darauf hingeschaut werden, denn das sind die Mittel, mit denen
man auf der einen Seite benutzt, was auf unserem Boden wächst, und
wie man es auf der anderen Seite bekämpft. Es darf schon gesagt wer-
den: Vielleicht wurde niemals mit schlimmeren Mitteln gegen irgend
etwas zu kämpfen gesucht, wie jetzt angefangen wird gegen uns zu
kämpfen, gerade gegen die anthroposophisch orientierte Geisteswissen-
schaft! Daher werden Sie es begreiflich finden, wenn, gewissermaßen
einer eisernen Notwendigkeit folgend, zu dem einzigen Mittel gegriffen
wird, das die Sache zwar nicht abwenden, aber vielleicht einige Besse-
rung bringen kann, wenn auch alles sich zusammentun wird, um den
Persönlichkeiten, die mit der Sache verknüpft sind, die denkbar größ-
ten Schwierigkeiten zu machen. Allein das eine muß doch bedacht wer-
den: Geredet ist über diese Sache zuviel worden, aber immer eigentlich
für taube Ohren. Daher bleibt nichts anderes übrig, als - um der Sache,
der wir ja alle ergeben sein müssen, in entsprechender Weise zu dienen -
sich einer gewissen eisernen Notwendigkeit zu fügen. Diese eiserne
Notwendigkeit ergibt sich einfach. Nehmen Sie an, Geisteswissen-
schaft würde als Literatur auftreten, würde da sein als Literatur. Es
wäre dann ganz unmöglich - in der Theorie ist es möglich, aber gegen-
über den konkreten Tatsachen wäre es ganz unmöglich - , daß sich all
diese Dinge an die Geisteswissenschaft anschlössen, die sich angeschlos-
sen haben, und die sich in wahrhaft schlimmster, unwürdigster Weise
anschließen werden. Dasjenige, was wir unterscheiden müssen von der
geisteswissenschaftlichen Bewegung, die eine reine Erkenntnis-, eine
Weltanschauungsbewegung der Gegenwart sein will, ist die Anthro-
posophische Gesellschaft. In der Idee ist diese Anthroposophische Ge-
sellschaft sehr gut, aber in der Praxis entwickelt sie sich - nicht wie mir
scheint, sondern wie die Tatsachen lehren - vielfach so, daß jeden Tag
Dinge an uns herantreten, welche zeigen, es ist dies keine Übertrei-
bung, wie innerhalb dieser Anthroposophischen Gesellschaft sich mit
einer gewissen Leichtigkeit Cliquenwesen, speziell persönliche Inter-
essen pro und kontra, in der ausgiebigsten Weise entwickeln. Es ist
schwierig, die persönlichen Interessen von den rein sachlichen zu tren-
nen auf dem Boden einer Gesellschaft. Aber denken Sie, daß gerade
durch den gesellschaftlichen Betrieb Tür und Tor geöffnet wird den-
jenigen Leuten, die nicht durch ehrliche Diskussion der Geisteswissen-
schaft entgegentreten wollen, sondern die auf dem Umwege der per-
sönlichen Anschwärzung, durch persönliche Verleumdungen Geistes-
wissenschaft zu Fall bringen wollen. Denn das darf man schon sagen:
sie wollen Geisteswissenschaft zu Fall bringen.
Vor Jahren habe ich mich entschlossen, den Wünschen der verschie-
denen Mitglieder nach persönlichen Besprechungen entgegenzukom-
men, den jüngsten und ältesten Mitgliedern gegenüber in der weitge-
hendsten Weise. Nur in den letzten Jahren, als die Sachen schon so her-
ankamen, mußte von der alten Gepflogenheit manchmal sporadisch
abgegangen werden; aber eben nur sporadisch, in Ausnahmen. Trotz-
dem öfter betont worden ist, daß in dem, was in der Literatur vorliegt,
und in dem, was hier in den Vorträgen gesagt wird, reichlich vorhan-
den ist, was der einzelne gerade zu seiner selbständigen Entwickelung
braucht, so daß persönliche Rücksprachen sich nur beziehen konnten
auf ein Aussprechen eben von Mensch zu Mensch, wird es immer wie-
der vorkommen, daß an den persönlichen Verkehr der Mitglieder mit
mir das tollste Geflunker - verzeihen Sie den Ausdruck - innerhalb
der Gesellschaft sich angliedert, und von den Außenstehenden dann
die Wege gesucht werden zu allerlei Verunglimpfungen und Verleum-
dungen. Mit dem Geflunker meine ich, daß nur allzuoft innerhalb des
Kreises der Gesellschaft die Menschen recht geneigt sind, wenn sie so
ein gut klingendes Wörtchen haben, dieses gutklingende Wörtchen zu
ihrer eigenen tiefen Befriedigung zu brauchen. Wie wohl tut es zum
Beispiel doch manchem, wenn er sagen kann: Ich bin ein esoterischer
Schüler geworden. - Und wie wohl erst tut es manchem, wenn er sagen
kann: Ja, weißt du, das ist etwas ganz Geheimnisvolles, das darf ich
dir nicht sagen; darüber darf ich dir ja nichts sagen. - Sich in Szene zu
setzen, sich ein gewisses Ansehen zu geben, das steckt hinter manchem
Ausdruck, der gebraucht wird, und der dann von den Draußenstehen-
den oft in recht böswilliger Weise mißbraucht wird. Alle diese Dinge,
die jetzt gerade in böswilliger Absicht gebraucht werden, hätten nie-
mals sich abspielen können, wenn nicht in ein falsches Licht gerückt
würde dasjenige, was zwar berechtigten Wünschen und vielleicht ei-
nem ebenso berechtigten Entgegenkommen dieser Wünsche entspricht,
das aber nun angesichts dessen, was die Außenwelt daraus macht, nicht
weiter aufrechterhalten werden kann, so schwer es mir auch wird,
meine lieben Freunde. Selbstverständlich, in der Gesellschaft kann
jeder freundschaftliche Verkehr bestehen, aber die eiserne Notwen-
digkeit zwingt mich dazu, Privataudienzen einzustellen. Mir tut das
insbesondere deshalb leid, weil mancher sagen wird: Warum sollen
denn die Unschuldigen mit den Schuldigen leiden? - Aber wenn man
in einer Gesellschaft ist, so ist das selbstverständlich ein Karma der Ge-
sellschaft, und es läßt sich die Sache gar nicht anders machen. Alles
dasjenige, was sich abgespielt hat in Privatgesprächen, die gesucht wor-
den sind, das ist etwas, was angesichts jener böswilligen Verleumdun-
gen einfach aufhören muß.
Glauben Sie nicht, daß mir das weniger leid tut als Ihnen, aber ich
weiß, daß, wie alles, was ich über solche Dinge gesprochen habe, in den
Wind gesprochen war, auch mein heutiges Sprechen in den "Wind ge-
sprochen sein würde, wenn nicht Maßnahmen getroffen würden, die
einfach zwingen, sich den Ernst der Sache zum Bewußtsein zu bringen.
Es ist leicht, Verleumdungen anzuknüpfen an dasjenige, was im
Privatgespräch mit den einzelnen Mitgliedern gesagt wird, wenn diese
Verleumdungen den Grad erreichen, daß zum Beispiel da oder dort
gesagt wird, dieses oder jenes Mitglied sei hypnotisiert worden. Nun,
meine lieben Freunde, gegenüber diesen Dingen werde ich gleich eine
andere Maßregel ergreifen müssen, aus der Sie ersehen werden - und
ich rede wirklich aus einfachem Pflichtgefühl gegenüber unserer Be-
wegung heraus - , daß es mir heute und jetzt in dieser Sache der alier-
bitterste Ernst ist um der Heiligkeit der Geisteswissenschaft wegen.
Wenn einer Bewegung wie dieser einfach als Prinzip zugrunde liegt,
in niemandes Freiheitssphäre einzugreifen, und wenn dies streng be-
folgt wird, wenn alles streng abgelehnt wird, was in eines Menschen
Freiheitssphäre eingreift, und man dann gerade mit diesen Dingen
krebsen geht, dann ist es notwendig, daß einmal das eintrete, daß alles,
was auf unserem Boden wachsen soll, im vollsten Lichte der Öffent-
lichkeit wächst. Wenn die Dinge in voller Öffentlichkeit wachsen wer-
den, dann wird den Verleumdern der Boden entzogen werden. Aber
eine andere Methode gibt es in der Zukunft nicht mehr. Daher werde
ich, soweit es an mir ist, danach trachten, daß die anthroposophisch
orientierte Geisteswissenschaft sich in der Zukunft immer mehr und
mehr im vollen Lichte der Öffentlichkeit abspielt. Sie hat die Öffent-
lichkeit nicht zu scheuen. Und am heutigen Tage erkläre ich Ihnen aus-
drücklich: In bezug auf diejenigen Privatgespräche, die seit Jahren mit
den Mitgliedern stattgefunden haben, entbinde ich jeden des Verspre-
chens, nicht über den Inhalt des Gespräches zu sprechen. Jeder kann,
soviel ihm selber lieb ist, dasjenige mitteilen, was jemals vorgekommen
ist in einem Privatgespräch mit einem Mitglied. Nichts wird sich fin-
den, was das Licht der Öffentlichkeit zu scheuen hätte. Dann wird
man auch nicht mehr krebsen gehen können mit Dingen, die etwa auf
dem folgenden Boden stehen. Ich will Ihnen ein Beispiel sagen, wie man
diese Dinge brauchen kann vor der krassesten Unwissenheit und dem
Willen zur krassesten Unwissenheit.
Nicht nur jener Erich Bamler, sondern auch noch andere, die aber
ebenso «ehrlich» wie er kämpfen, haben vorgebracht und glauben im
Grunde, daß ihnen unter allerlei esoterisch genannten Grundsätzen
auch dieser gegeben worden wäre: «Sieh alles, was dich umgibt, an im
Lichte der Notwendigkeit, wie wenn es notwendig wäre, als ein gege-
benes notwendiges Geschick.» Es tut eine Zeitlang wohl, solange man
sich innerhalb der Gesellschaft gefördert glaubt, wenn man eine solche
Regel bekommen hat, zu sagen: Ich bin ein esoterischer Schüler, denn ich
meditiere immerfort: «Sieh alles, was dich umgibt, an im Lichte der
Notwendigkeit.» - Aber warum ist denn gerade jenen Leuten diese Re-
gel gegeben, diese Regel angeraten worden? Aus dem einfachen Grunde,
weil sie es nach ihrer Seelen Verfassung brauchten! Es war ein durchaus
nicht in ihre Freiheit eingreifender Ratschlag, sondern ein Ratschlag,
dessen Tragweite und dessen Esoterik Sie beurteilen wollen, wenn ich
Sie auf folgendes hinweise: Schopenhauer sagt in seiner Preisschrift
über die Freiheit des Willens gegen den Schluß seines Aufsatzes, unser
Verhalten gegen den Weltlauf und das Schicksal betreffend: «Alles
was geschieht, vom größten bis zum kleinsten, geschieht notwendig»;
und er spricht von der beruhigenden Wirkung der Erkenntnis des
Unvermeidlichen und Notwendigen. Es ist also den Leuten nichts
anderes angeraten worden als dasjenige, was selbst Schopenhauer für
ein erprobtes Mittel hält, über gewisse Seelendepressionen hinauszu-
kommen.
Nun, bei der Spekulation auf die krasseste Unwissenheit und auf
den Willen zur krassesten Unwissenheit lassen sich natürlich den Leu-
ten allerlei schöne Märchen erzählen: daß man grün und blau, beson-
ders an den Beinen, geworden ist, indem man solche Grundsätze be-
folgt hat. Und bei jenen, die bei allem etwas Esoterisches aus den Fin-
gern saugen wollen, lassen sich diese Dinge natürlich als Verleumdun-
gen anbringen. Aber eben gerade wenn wir wissen, daß die Dinge, die
in der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft getrieben
werden, von notwendigen Bedürfnissen tatsächlich gefordert werden,
dann werden wir es begreiflich finden können, daß eine solche Maß-
regel, wie die vorher erwähnte, einmal wirklich ergriffen werden muß;
einfach aus dem Grunde, damit man sieht, daß die Dinge ernst gemeint
sind, um welche es sich handelt. Beklagen Sie sich nicht bei mir, der es
ebenso hart empfindet wie Sie; beklagen Sie sich bei denjenigen, auf die
ich Sie deutlich hingewiesen habe, und die es unmöglich machen, daß
eine solche Maßregel vermieden werde. Mir ist es heute sehr schwer,
Privatgespräche, die ja zahlreiche Mitglieder wünschen, aus diesen
prinzipiellen Gründen ablehnen zu müssen. Ich weiß selbstverständlich
auch, daß dieses auch wiederum als Verleumdung gegen mich ausge-
nützt werden wird, aber ich kann mich nicht nach persönlichen Grün-
den richten, sondern nach dem muß ich mich richten, was für unsere
Bewegung notwendig ist. Das heißt, ich muß mich fügen dem Prinzip,
ernst zu machen mit dem, was immer wieder und wiederum auf der
einen Seite Anlaß gibt zum Geflunker, auf der anderen Seite der An-
laß ist zu den Verunglimpfungen und Verleumdungen von seiten der-
jenigen, die nicht ehrlich Geisteswissenschaft widerlegen wollen, son-
dern die sie auf andere Weise aus der "Welt schaffen wollen.
Prüfen Sie vieles von dem, was vorgegangen ist, Sie werden finden:
die Anlässe stammen immer aus der Gesellschaft heraus. Angegriffen
wird sehr selten die Gesellschaft, der Angriffspunkt bin gewöhnlich
ich oder meine allernächste Umgebung. Prüfen Sie die Dinge. Aber in-
dem man mich angreift, ist es schon so, daß man gerade in mir die Gei-
steswissenschaft treffen will. Denn es ist dem einen oder anderen höchst
gleichgültig, ob da oder dort ein törichter esoterischer Ratschlag ge-
geben wird; die werden in der Welt genug gegeben. Was den Leuten
aber nicht gleichgültig ist, das ist, daß Geisteswissenschaft in der an-
throposophischen Orientierung ein Kulturfaktor unserer Zeit ist, daß
sie mitsprechen will. Das ist den Leuten nicht gleichgültig. Winkeleso-
teriker, die sind den Leuten gleichgültig; derjenige aber nicht, der nach
seinem Schicksal nicht ein Winkelesoteriker bleiben kann. Den Winkel-
esoteriker würde man nicht treffen wollen, wenn er in Berlin vor fünf-
zig Leuten sitzt und denen Ratschläge geben würde. Man hat erst mit
den Angriffen angefangen, als die Bücher über eine gewisse Zahl hin-
ausgingen. Es wäre eine Sünde wider den Geist der anthroposophisch
orientierten Geisteswissenschaft, sie zugrunde gehen zu lassen, wenn
es sich vielleicht verhindern läßt dadurch, daß einmal, vielleicht nur
für eine Zeitlang, einiges entbehrt werden muß, weil sich die Mora-
lität der Menschen der Gegenwart so entpuppt, wie sie sich jetzt ent-
puppt hat.
Man hat oft erlebt, daß Dinge falsch dargestellt werden; aber wie
es den Dingen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
gegenüber gemacht wird, wie Dinge erfunden werden, die gar nicht da
sind und etwas ganz anderes, als stattgefunden hat, erzählt wird, das
gehört doch zu den allergrößten Seltenheiten, selbst in der Geschichte
der Menschheit. Und eine Neigung muß man haben, nicht bloß die
Lawine zu sehen, wenn sie die Dörfer unten verschüttet, sondern die
Neigung muß man haben, den Schneeball zu sehen, der von oben fällt,
denn der wird zur Lawine. Gewiß, ich habe lange zugesehen und im-
mer wieder und wiederum ermahnt, aber man hat die Ermahnungen
nicht recht gehört oder jedenfalls sich nicht viel daraus gemacht. Die
Menschen außerhalb unserer Gesellschaft werfen mir vor, einer mei-
ner größten Fehler sei — heute zählen sie schon größere auf, das war
vor einem Jahr - , daß ich blinde Anhänger mache, daß ich blind auto-
ritätsgläubige Anhänger habe. Ich darf wohl sagen: Wenn es auf irgend
etwas ankommt, wo man mir etwas Vertrauen von seiten der Mitglie-
der der Gesellschaft entgegenbringen und auf das Vertrauen hin das
eine oder andere tun sollte, da finde ich in der Regel nicht sehr viel
Anhängerschaft. Da geschieht in der Regel das Gegenteil von dem, was
meine Meinung ist. So war es die ganzen Jahre hindurch. Es ist eigent-
lich immer das Gegenteil von dem geschehen, was meine Meinung war.
Nur merkt man es nicht, weil ja in vielen Kreisen eine besondere Me-
thode befolgt worden ist: Man hat weniger nach meiner Meinung ge-
fragt, sondern nach der eigenen Meinung und hat dann den Leuten er-
zählt: Das hat er gesagt. - Ich war sehr weit entfernt davon, das ge-
sagt zu haben, aber der Betreffende hätte gerne gehabt, daß ich es ge-
sagt hätte; so hat er denn erzählt, ich hätte es gesagt. Es ist schon so:
Wenn in der Außenwelt erzählt wird, daß ich blinde Anhänger habe,
so zeigt die Praxis der Gesellschaft, daß das vollständige Gegenteil der
Fall ist, in bezug auf die Dinge wenigstens, wo man mir mit einigem
Vertrauen entgegenkommen müßte, weil ich mich manchmal jahrelang
um ein Urteil bemüht habe, und der andere nicht.
Das alles wird wirklich nicht ausgesprochen, um, wie man in öster-
reich sagt, zu raunzen oder zu greinen, oder gewissermaßen zu zetern,
sondern das wird gesagt, weil die Symptome sich täglich jetzt zeigen,
die darauf hinausgehen, daß auf dem angedeuteten Wege unserer gei-
stigen Bewegung der Garaus gemacht werden soll, und weil die Neigung
entstehen muß, den Schneeball oben zu sehen, und nicht erst die La-
wine, wenn sie unten angekommen ist. Gerade ein paar Stunden bevor
ich hierher gekommen bin, wurde mir unter anderem ein Brief vorge-
lesen, in dem wieder einmal erzählt wird, daß zwei aneinander gekom-
men sind; ich will keine Namen nennen, so kann man einen solchen
Fall einfach als Fall anführen. Dem einen wird zur Last gelegt, daß er
mit dem anderen Hypnose treibe, daß er sogar sich hinter den anderen
gesetzt und meditiert habe in dessen Genick hinein, damit dem Betref-
fenden allerlei Schädliches in der Seele entstehe. Und die Sache wird
dann weiter verfolgt. Es ist nur ein Fall, der letzte, nein, nicht der
letzte, es kam hinterher noch ein anderer, aber es ist der, den ich vor
drei Stunden gelesen habe. Das ist heute eine harmlose Sache, in ein
paar Jahren braucht sie es nicht mehr zu sein: daß der eine sich hinter
den anderen gesetzt haben soll, um ihm allerlei Schädliches ins Genick
hinein zu meditieren und dadurch Einfluß auszuüben. Daß der Be-
treffende so harmlos in der Sache ist, wie nur möglich, daran besteht
kein Zweifel. Aber heute, meine lieben Freunde, spielt das zwischen
zwei Mitgliedern; in ein paar Jahren ist es zu einem «Fall Steiner» ge-
macht, der wiederum für solche «Studien» einen ganz netten Fall ab-
gibt. Vielleicht geht es auch schneller und bedarf nicht erst der paar
Jahre.
Also, begreifen Sie es, daß wirklich eine für mich außerordentlich
harte Notwendigkeit vorliegt, wenn ich für die nächsten Zeiten zu dem
greifen muß, daß ich auf der einen Seite eben sage: Es muß versucht
werden, daß sich Geisteswissenschaft in der vollen Öffentlichkeit ab-
spielt. Niemand wird dadurch irgendwie zu kurz kommen, niemand
wird irgendwie das nicht finden, was er suchen muß, weil sich alles in
voller Öffentlichkeit abspielt. Aber all das Geschwätz: Das ist etwas
geheimnisvoll Mystisches, das darf man nicht sagen und so weiter - ,
das soll keine Veranlassung mehr geben können zu allerlei Verleum-
dungen. Unser Verkehr mag noch so freundschaftlich sein, er darf kein
anderer sein für die nächste Zeit als ein solcher, der von Freund zu
Freund stattfindet, denn Privatgespräche müssen prinzipiell für die
nächste Zeit aufhören. Vielleicht finden sich dadurch unsere lieben
Mitglieder genötigt, wenn es auch unbequem ist, den Dingen doch
etwas mehr nachzugehen und sich zu kümmern um die Dinge, um die
man sich bisher ja recht wenig gekümmert hat.
Wie gesagt, verzeihen Sie es, daß ich diese Sachen heute hier ange-
bracht habe; ich habe sie ja angebracht in der Zeit, als der eigentliche
Vortrag schon vorüber war, aber ich habe sie anbringen müssen, weil
sie mit den Lebensfragen der Anthroposophischen Gesellschaft, der an-
throposophischen Bewegung zusammenhängen. Dies, und nicht eine
Unfreundlichkeit ist es, wenn ich sehr, sehr bedauern muß, in der
nächsten Zeit die immer bereitwillig abgehaltenen Privatgespräche mit
den lieben Mitgliedern nicht abhalten zu können. Dann wird dasjenige
nicht entstehen können, wirklich im Konkreten nicht entstehen können,
was so gerne von den böswilligen Feinden gesucht wird. — Denn, meine
lieben Freunde, einen Einwand könnten Sie selbstverständlich machen,
und es macht ihn jeder von sich aus in begreiflicher Weise, indem er
nämlich findet: Mit mir könnte er aber sprechen. - Das hat jeder von
denjenigen gesagt, die jetzt in der unflätigsten Weise ihre Angriffe er-
folgen lassen; und manche von denjenigen, die jetzt die Werkzeuge ihrer
Protektoren sind, wurden von sehr, sehr angesehenen Mitgliedern der
Gesellschaft an die Gesellschaft herangebracht. In gewisser Beziehung
muß es schon anders werden, aber es kann nur durch die Mitglieder an-
ders werden.
ZEHNTER VORTRAG
Stuttgart, 13. Mai 1917
Wenn wir nun das Alter der Menschheit vergleichen mit den einzelnen
Altern des Menschen, wie alt ist dann die Menschheit im ersten Zeit-
raum nach der atlantischen Katastrophe eigentlich gewesen? Wie alt
war sie da? Sehen Sie, wenn wir wüßten, wie alt die ganze Menschheit
war, dann könnten wir vergleichen, wie wir uns selbst ansehen müssen,
wie wir uns hineinstellen in die Menschheitsentwickelung mit unseren
Lebensaltern. Es war gar nicht so leicht, geisteswissenschaftlich diese
Frage zu untersuchen. Man mußte zunächst auf die rein geisteswis-
senschaftliche Tatsache sehen, mußte einen Sinn verbinden mit dieser
rein geisteswissenschaftlichen Tatsache des ersten Zeitraumes. Und
wenn man eine Ansicht gewonnen hatte über die besondere geistige
Konfiguration der Menschheit, wie sie damals war, dann mußte man
fragen: Mit welchem individuellen, persönlichen Lebensalter wäre
diese Konfiguration der damaligen Zeit zu vergleichen? Und da kriegt
man heraus, daß die Menschheit als Menschheit - nicht der einzelne
Mensch, von dem sprechen wir später —, daß die Menschheit in diesem
ersten nachatlantischen Zeitraum ein Alter habe, das sich vergleichen
läßt mit dem heutigen menschlichen Alter zwischen dem achtundvier-
zigsten und sechsundfünfzigsten Jahr. Also denken Sie, wenn man die
Geisteskonfiguration desjenigen nimmt, was damals Kulturleben ist,
so kommt man darauf: die Menschheit hatte dazumal ein Lebensalter,
das man vergleichen kann mit dem heutigen Mannesalter, selbstver-
ständlich auch Frauenalter, von dem achtundvierzigsten bis zum sechs-
undfünfzigsten Jahr. Es war nicht sehr leicht, diese Sache herauszube-
kommen; aber hat man sie dann einmal, so ist sie eben ein tatsächliches
Ergebnis der Geisteswissenschaft.
Nun ist die Frage: Wie steht es mit dem zweiten, dem urpersischen
Zeitraum? Da mußte man wiederum dieselbe Betrachtung anstellen.
Da stellt sich denn heraus: wenn man die Geistesbeschaffenheit des-
jenigen, was dazumal Kultur war, ins Auge faßt, so läßt sich das nur
vergleichen mit dem Lebensalter von heute zwischen dem zweiund-
vierzigsten und dem achtundvierzigsten Jahr. Und geht man jetzt
weiter zum ägyptisch-chaldäisch-babylonischen Zeitalter, das ja etwa
im Jahre 747 endet, dann entspricht das dem menschlichen Lebensalter
vom fünfunddreißigsten bis zum zweiundvierzigsten Lebensjahr.
Kommt man nun zum griechisch-lateinischen Zeitraum, so entspricht
das dem menschlichen Lebensalter vom achtundzwanzigsten bis zum
fünfunddreißigsten Lebensjahr. Und kommt man zu unserem fünften
nachatlantischen Zeitalter, so entspricht das dem einzelnen mensch-
lichen Lebensalter zwischen dem einundzwanzigsten und achtund-
zwanzigsten Jahr. Und im sechsten Zeitraum wird das so sein - das
kann man gewissermaßen voraussehen - , daß das sechste Zeitalter ent-
spricht dem Lebensalter zwischen dem vierzehnten und einundzwan-
zigsten Jahr; und im letzten Zeitraum, vor einer neuen großen Ka-
tastrophe, dem Lebensalter vom siebenten bis vierzehnten Jahr.
Ich darf Ihnen wohl gestehen, meine lieben Freunde, daß mir das
Ergebnis, das da herausgekommen ist, als es formuliert war, wirklich
zu dem Überraschendsten gehörte, zu dem ich eigentlich gekommen
bin, zu dem Überraschendsten. Denn, nicht wahr, es liegt ja eine merk-
würdige Tatsache zugrunde: während der Mensch aufwärtsgeht in den
Zahlen, geht die Menschheitsentwickelung zurück. Die Menschheit
wird merkwürdigerweise immer jünger! So ist es: die Menschheit wird
immer jünger.
Nun, natürlich muß man sich fragen: Was bedeutet das ganze in
einem weiteren Umfang? Mit dieser Sache sind ja sehr viele Entwicke-
lungsrätsel verbunden. Ich habe mich zunächst gefragt: Was bedeutet
es denn für den ersten Kulturzeitraum, daß die Menschheit zwischen
dem achtundvierzigsten und sechsundfünfzigsten Jahre alt war? Da
ergibt sich das Folgende: Selbstverständlich, die Menschen, die damals
geboren worden sind und gelebt haben, die wurden zunächst ein, zwei,
drei Jahre alt. Das ist ja klar. Dann wurden sie aber auch achtund-
vierzig Jahre alt. Für jeden kam der Zeitpunkt, wo er zwischen dem
achtundvierzigsten und sechsundfünfzigsten Jahr der einzelnen indi-
viduellen Entwickelung lebte. Und da konnten sich diese Menschen
sagen: Jetzt rücken wir persönlich in ein Lebensalter ein, wo wir die
persönlichen Alterseigenschaften haben, die ringsherum um uns im
Gruppengeiste der ganzen Menschheit enthalten sind. Wir wachsen
hinein in das, was in unserer Umgebung ist. Früher, vor dem achtund-
vierzigsten Lebensjahr, hatten wir gewissermaßen eine Entwickelung
abgeschlossen, die uns angehörte, die für uns war; aber mit dem acht-
undvierzigsten Jahr wachsen wir hinein in das, was in unserer Umge-
bung ist. Wurde man dann älter als sechsundfünfzig Jahre, dann ent-
wickelte man sich weiter, man lebte eben weiter und wuchs gewisser-
maßen zurück, hinein in das, was vor der atlantischen Katastrophe da
war. Man machte dann etwas durch, was hinausging über das, was
ringsherum in der Gruppenseele der Menschheit sich offenbarte. Man
fand also mit dem ach tun d vi erzigsten Jahr den Anschluß an die Grup-
penseelenhaftigkeit der Menschheit.
Im nächsten, im zweiten Kulturzeitraum, da fand man diesen An-
schluß schon früher. Da wurde man zweiundvierzig Jahre alt und
wuchs hinein in das, was in der Umgebung war, wuchs hinein in das,
was aurisch in der ganzen Menschheit war.
Und dann wuchs man da hinein mit dem fünfunddreißigsten Jahr,
so daß man zwischen dem fünfunddreißigsten und zweiundvierzigsten
Lebensjahr sich sagen konnte: Es stimmt jetzt das, was in mir ist, mit
dem was um mich ist, überein. - Nach dem zweiundvierzigsten Lebens-
jahr, da konnte einem das, was um einen war, nichts mehr geben, da
mußte man sozusagen aus sich heraus weiterleben, denn das Alter der
Menschheit war um so viel jünger geworden. In der Zeit vom zweiund-
vierzigsten Jahr an war man nicht mehr in der Umgebung; da wuchs
man darüber hinaus, da war man auf sich angewiesen.
So war der alte Grieche, der alte Römer auf sich angewiesen, wenn
er ein Lebensalter von fünfunddreißig Jahren erreicht hatte. Zwischen
dem achtundzwanzigsten und dem fünfunddreißigsten Lebensjahr lebte
er mit der Umgebung, dann hatte die Menschheit nichts mehr hinzu-
zugeben von ihrem Alter, denn das war abgelebt; die Menschheit
konnte nicht mehr achtundvierzig Jahre alt werden, wenn sie beim
fünfunddreißigsten angelangt war bei ihrem Rückwärtsgang.
Und wir im fünften Zeitraum: denken Sie einmal, wir leben uns
hinein in den Gruppengeist der Menschheit, in das, was unsere Umge-
bung ist, zwischen dem einundzwanzigsten und achtundzwanzigsten
Jahr. Von da ab gibt die Umgebung nichts mehr her. Was des weite-
ren kommt, müssen wir durch unsere eigene Entwickelung erlangen,
müssen wir aus unserem Inneren heraus schöpfen, denn von außen
fließt uns nichts mehr zu. Die Menschheit hat die Jahre bis zum acht-
undzwanzigsten Jahr zurückgelegt, und wenn wir achtundzwanzig
Jahre alt geworden sind, dann, ja dann müssen wir einen Fond, dann
müssen wir etwas in uns haben, was wir weitertragen können; sonst
werden wir nie älter als achtundzwanzig Jahre. Und jetzt sogar ist
schon so viel vom fünften Zeitraum vergangen, daß die Menschheit
gerade zurückgekommen ist zum siebenundzwanzigsten Jahr. So daß,
wenn nichts dafür getan wird, daß sie ihr Inneres energisch entwickeln
und durch sich vorwärtskommen, die Menschen nur siebenundzwanzig
Jahre alt werden. Das heißt viel, meine lieben Freunde! Das heißt:
wenn alles gelassen wird, wie es ist, so erreicht die heutige Menschheit
nicht eine intellektuelle oder eine sonstige seelische Entwickelung, als
nur eine solche bis zum siebenundzwanzigsten Jahr. Und wird in ihre
Seelen nicht etwas gegossen, daß sie sich weiter entwickeln, dann
bleiben sie den ganzen Rest ihres Lebens siebenundzwanzig Jahre alt.
Sie bleiben den ganzen Rest ihres Lebens siebenundzwanzig Jahre
alt: das ist ein großes Geheimnis der gegenwärtigen Menschheitsent-
wickelung. Im sechsten nachatlantischen Zeitraum werden die Men-
schen überhaupt nicht älter als einundzwanzig Jahre. Wird dann nichts
getan, daß ihr Inneres sich erweitert, kräftig wird an Intellekt, an
Initiative, an Wille, dann würde eine allgemeine Dementia praecox
ausbrechen. Die Menschen müßten bei einer Lebensentwickelung blei-
ben, die mit dem einundzwanzigsten Jahre schließt.; Das Spätere wäre
lediglich eine wesenlose Draufgabe.
Fassen wir das einmal im Zusammenhang mit dem Individuellen
des Menschen. Denken Sie doch nur einmal, daß man ja nach seinen
individuellen, nach seinen persönlichen Anlagen immer reifer und rei-
fer wird. Das Kind ist eigentlich immer Materialist; der Jüngling wird
dann Idealist, aber seine Ideale sind abstrakt, sie gehen ins Wesenlose.
Erst in späteren Lebensjahren paßt man sich an, sich solche Ideale zu
machen, welche in die Wirklichkeit untertauchen, mit der Wirklich-
keit leben, die richtig wirklichkeitsgemäß sind. Nehmen Sie an, es ist
nun ein Mensch heute ganz ein Kind seiner Zeit. Was wird er denn
für eine Eigenschaft zeigen können, wenn ihm nicht in seiner Jugend
die Möglichkeit geboten worden wäre, daß er etwas Spirituelles auf-
genommen hat? Das allein bringt ja die Seele vorwärts. Wenn er dem
überlassen bleibt, was heutiger Zeitgeist ist, dann ist eines solchen Men-
schen Schicksal: nicht weiterzukommen als bis zu einer Entwickelung
von achtundzwanzig Jahren. Was später ist, bleibt stehen beim acht-
undzwanzigsten Jahr. Man kann ja, wenn man angeregt wird, schon
hinauskommen über das achtundzwanzigste Jahr, aber das andere ist
die Regel; was ich dargestellt habe, das ist das, was aus dem Gesetz der
Entwickelung folgt. Ein Mensch, der nun nicht über das achtundzwan-
zigste Lebensjahr hinauskommt, der achtundzwanzig Jahre alt bleibt,
trotzdem er fünfzig, sechsundfünfzig, sechzig Jahre alt wird, ein sol-
cher Mensch wird unter Umständen große abstrakte Ideale entwickeln
können, aber er wird nur sozusagen die Lehrjahre des Lebens mit ihren
abstrakten Idealen durchgemacht haben, nicht die Prüfungsjahre, die
ja im geistigen Sinne jene zu praktischen Menschen machen, die solche
Ideen bergen, wie sie sich verwirklichen lassen, die nicht nur die Men-
schen blenden durch Jugendkraft, sondern die sich verwirklichen
lassen.
Da tritt natürlich die Frage nah: Könnte denn ein Beispiel ange-
führt werden eines so richtigen Kindes unserer Zeit, das alt geworden
ist und doch nicht über das achtundzwanzigste Jahr hinausgekommen
ist? Selbstverständlich, wenn man ein solches Beispiel draußen heute
anführt, in der Welt, die nichts wissen will von geistigen Gesetzen,
welche auch in der Entwickelung der Menschheit wirken, wird man
als ein Narr verlacht. Aber hier unter uns, wo wir so vieles geisteswis-
senschaftlich entwickelt haben, darf vielleicht zum besseren Verständ-
nis unserer Zeit doch auch ganz konkret gesprochen werden. Warum
sollte denn der Geisteswissenschafter zu denjenigen, die seine Freunde
sind und die etwas hören möchten über die Geheimnisse der Zeit, nicht
im Konkreten sprechen dürfen?
Es ist mir nach wirklich reiflichen Untersuchungen unserer Zeit als
ein ganz charakteristisches Beispiel eine Persönlichkeit aufgefallen, die
ganz dazu verurteilt ist, so alt sie werden mag, nicht älter werden zu
können als achtundzwanzig Jahre, und das ist der Präsident der Ver-
einigten Staaten, Woodrow Wilson. Ja, Sie lachen, meine lieben
Freunde, für mich ist das eine sehr bedeutsame Erkenntnis gewesen,
die mir ungeheuer viele Rätsel unserer Zeit löst. Ich mußte mich im-
mer fragen: "Warum blenden denn die Ideale dieses Menschen, die er
in verschiedenen Noten an die Menschheit gerichtet hat, so sehr, und
warum verwandeln sie sich denn gerade zum Gegenteil von dem, was
an Worten in ihnen steht? "Weil es Jugendideale sind, die als solche
stehenbleiben, trotzdem der Mensch, der sie ausspricht, älter wird.
Weil sie abstrakte Jünglingsideale sind, die nicht eingehen wollen auf
die Wirklichkeit, die sich nicht von Wirklichkeit sättigen wollen, und
die daher nicht anwendbar sind auf das wirkliche praktische Leben,
in dem nicht bloß das äußere Materielle, sondern auch das Geistige
wirkt, insbesondere wenn es auf die Ordnung der sozialen Struktur
der Menschheit ankommt. So viel man heute denken kann, ohne das,
was nur im Inneren begründet werden kann, so viel kann er denken,
Woodrow Wilson, mehr nicht!
Ein Wilson des sechsten Zeitraumes würde gar nur einundzwanzig
Jahre alt werden können, und wenn er auch hundert Jahre alt würde.
Aber sehen Sie, immerhin liegt die Sache so: Wenn wir den vierten
Zeitraum ins Auge fassen, begegnen sich sozusagen das individuelle,
persönliche Lebensalter des Menschen im Mittelpunkt dieses fünfund-
dreißigsten Jahres mit dem herabsteigenden Lebensalter der Mensch-
heit bis zum fünfunddreißigsten Jahr. Da trifft es in der Mitte zusam-
men. Daher auch das merkwürdig harmonische Leben noch bei den
Griechen, daher dieses Zusammenstimmen des einzelnen Lebens des
Griechen mit dem Leben der griechischen Menschheit. Aber nun ist
die Menschheit zurückgegangen und macht nicht mehr die Jahre vom
achtundzwanzigsten Lebensjahr an durch. Und der Mensch muß sie
individuell durchmachen, richtig individuell durchmachen.
Sehen Sie, das hängt allerdings zusammen mit Dingen, die hinter
der sinnlich-physischen Welt stehen. Einiges von diesen Dingen, die
hinter der physisch-sinnlichen Welt stehen, können Sie entnehmen aus
meiner Schrift «Die geistige Führung des Menschen und der Mensch-
heit». Von einem anderen Gesichtspunkt. aus will ich das heute dar-
stellen.
Der Mensch gelangte in der ersten nachatlantischen Zeitperiode
durch seine individuelle Entwickelung, wenn er im achtundvierzigsten
Jahr war, dahin, den Anschluß zu finden an das Lebensalter der
Menschheit. Das hing aber damit zusammen, daß dazumal in diesem
ersten Zeitraum ein inniger Kontakt noch war zwischen gewissen We-
senheiten der höheren Hierarchien und zwischen der Menschheit hier
auf Erden. Die,Wesenheiten der höheren Hierarchien, die wir ange-
hörig denken der Hierarchie der Archai oder Geister der Persönlich-
keit, die stiegen dazumal gewissermaßen noch auf Erden herab und
vereinigten sich mit der menschlichen Entwickelung; sie inspirierten,
intuitierten eigentlich die Menschheit. Dadurch daß die Menschheit so
weit sich entwickeln konnte, daß sie erst hineinwuchs in das Lebens-
alter der Menschheit in einem so späten individuellen Alter, dadurch
wurde bewirkt, daß die Menschheit hier auf Erden mit den Archai in
einer besonderen Verbindung stand. Im zweiten nachatlantischen Zeit-
raum war dieselbe Verbindung mit den Archangeloi, im dritten mit
den Angeloi. Im vierten nachatlantischen Zeitraum aber, im griechisch-
lateinischen, da war der Mensch auf sich angewiesen. Im dritten Zeit-
raum war es also noch so, daß die Engel, die Angeloi herabkamen und
die Menschen inspirierten, intuitierten, ihnen Imaginationen verliehen.
Dann kam der griechisch-lateinische Zeitraum: da kamen sie nicht
mehr in derselben leichten Weise herab, die Geister der höheren Hier-
archien, da mußte der Mensch gewissermaßen anfangen hinauf und
hinab zu pendeln, in den Geist und wiederum ins Irdische herunter. Mit
anderen Worten: da mußte der Mensch sich selbst finden. Jetzt aber,
im fünften Zeitraum, sind wir in eine Epoche eingetreten, wo das Um-
gekehrte stattfinden muß. Jetzt müssen wir unser Inneres so stark
machen, daß wir allmählich während dieses fünften Zeitraumes wie-
derum durch unsere eigene Kraft in die Nähe der Angeloi kommen,
daß wir ihnen wieder begegnen, aber durch unsere eigene Kraft, und
daß der Angelos in uns den Entwickelungsimpuls hineinsetzt; daß wir
durch uns das finden können, was uns die Menschheit durch die höhe-
ren Hierarchien nicht mehr geben kann.
Da sehen Sie, warum wir den Materialismus in unserer Zeit haben.
Da sehen Sie, daß es Zeiten gegeben hat, in denen die Menschheit da-
durch, daß sie älter war, daß sie noch nicht so jung war wie jetzt,
weiter hinaufreichte in die geistigen Welten, wo sie gleichsam von Ur-
sprung an den geistigen Welten näher war als jetzt der Mensch, wenn
er dem Tode entgegengeht, den geistigen Welten nahe ist. Da sehen
Sie, wo der tiefere Grund des Materialismus liegt, wo aber auch der
notwendige Impuls liegt, nun wirklich etwas zu suchen, was den Men-
schen spirituell, im Inneren individuell anregen kann, was ihn über
dasjenige hinausführen kann, das man aus der Umgebung aufnehmen
kann.
Auch die Erziehung, die gewissermaßen nur von selbst dem Men-
schen zufließt, kann unmöglich das geben, was heute dem Menschen
mehr bringt als ein Lebensalter von achtundzwanzig Jahren. Daher
müssen die geistigen Verhältnisse spiritualisiert werden. Wenn die
Dinge so fortgehen würden, wenn also Geisteswissenschaft in Grund
und Boden gebohrt würde, wenn die Dinge so fortgehen würden, wie
alles von selber geht, dann würde ein allgemeines Stehenbleiben Platz
greifen beim achtundzwanzigsten Lebensjahr. Wenn man nur in na-
turwissenschaftlichen Laboratorien und Kliniken forschen würde und
das finden würde, was von außen gegeben werden kann, wenn nichts
angeregt würde in den Seelen von innen heraus, wenn keine Wissen-
schaft vom Geistigen in die Seelen gesenkt würde, sondern nur das sich
fortsetzen würde, was gerade die Größe der neueren Zeit, die Größe
des Materialismus gebracht hat: dann würde endlich der Fortschritt
so sein, daß die Menschen immer jung bleiben. Das wäre aber nur etwas,
wenn sie nicht nur in ihrem Inneren jung blieben, sondern auch mit
ihrem Körper. Aber mit dem Körper werden sie schon alt. Dadurch
stimmt dann das, was in ihnen lebt, nicht mehr überein mit der äußer-
lichen Körperlichkeit.
Heute ist es noch so, daß in vieler Beziehung gerade aus der Unan-
gemessenheit desjenigen, was wir mit der Menschheit erleben, gewisse
Kräfte angeregt werden in unserem Inneren. Wir können durch die
Menschheit nur achtundzwanzig Jahre alt werden, aber wir müssen
doch länger leben in der Welt in den verschiedenen Inkarnationen. Da
ist es so, daß vorläufig, wo die Menschheit erst siebenundzwanzig Jahre
alt ist, noch Kräfte sind, die dann in dem Leben zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt weiter entwickelt werden zum Angelos hin.
Heute ist das noch so. Wenn aber der sechste Zeitraum beginnen wird,
dann wird der Mensch auf der Erde durch das, was um ihn ist, nur
noch einundzwanzig Jahre alt werden können. Bis zum einundzwan-
zigsten Jahr, was ist denn da entwickelt? Der physische Leib bis zum
siebenten Jahr, der Bildekräfteleib bis zum vierzehnten Jahr, der Emp-
findungsleib bis zum einundzwanzigsten Jahr: das Leibliche nur ist ent-
wickelt. Das Seelische, wenn der Mensch es nicht von innen entwickelt,
die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele, die Bewußt-
seinsseele: sie werden dann gar nicht entwickelt. Das Leibliche wird
entwickelt bis zum einundzwanzigsten Jahr. Dann verlöre der Mensch
aus den eigenen Kräften heraus zu vieles, um selbst nach dem Tode,
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, nachholen zu können,
was er hier etwa versäumt, wenn er keine spirituelle Anregung emp-
fangen hat.
Sie sehen daraus, daß der Standpunkt, den die Menschheit erlangt,
nicht einem Zufall entspricht, sondern daß er eine tiefe Notwendig-
keit ist, daß er einem überraschenden Entwickelungsgesetz der Mensch-
heit entspricht. Man kann im einzelnen das heute vielfach sehen. Es
hat in der Tat noch keine Zeit gegeben in der Menschheitsentwickelung,
in welcher die Menschen so abgeneigt waren, Erfahrungen als etwas
anzuerkennen, Erfahrungen, die das Leben gibt. Jeder will heute schon
möglichst früh gescheit sein. Warum? Weil er es im Verborgenen spürt:
er muß mit achtundzwanzig Jahren ein Fertiger sein. Nach achtund-
zwanzig Jahren noch irgend etwas aufnehmen, das ist für viele Men-
schen heute eine absurde Idee, ein absurde Tatsache überhaupt. Dann
wickelt man das Leben so ab, aber aufnehmen will man nur bis zum
achtundzwanzigsten Jahr, sogar genau gefaßt - es stimmt mit den Tat-
sachen - bis zum siebenundzwanzigsten Jahr.
Man wird aber auch, wenn man ein solches Geheimnis der Mensch-
heitsentwickelung ins Auge faßt, das verständlich finden, daß man es
nicht wie eine Willkür ansieht, wenn von der Notwendigkeit einer spi-
rituellen Entwickelung gesprochen wird, sondern man faßt das so auf,
daß diese Notwendigkeit wirklich vorhanden ist, daß gewissermaßen
ein Mensch unvollkommen bleibt in unserer heutigen Zeit, wenn er
nicht einen spirituellen Impuls aufnehmen würde. Man fühlt das über-
all und überall, wo man das Leben heute nicht so anschaut, daß man
es auf seine Wirklichkeit hin anschaut. Gerade die merkwürdige Tat-
sache, daß viele Menschen so unfähig sind, in gewisse Gedankengänge
überhaupt sich nur hineinzufinden, das beruht ja darauf, daß die Leute
gar nicht das fünfunddreißigste Jahr erreichen, daß es so wenige gibt,
die einem etwas sagen können, was mit der reiferen Erfahrung des spä-
teren Lebens zusammenhängt.
Diese Dinge muß man ganz unbefangen und vorurteilslos ins Auge
fassen und daraus den Impuls empfangen, Spirituelles in sich aufzu-
nehmen. Tut man das nicht, so schließt man sich denjenigen an, die
eigentlich die Menschheit verurteilen wollen zu unreifer Jugendlich-
keit.
Ja, gewisse Gedanken, gewisse Erkenntnisse, die uns aus der Gei-
steswissenschaft kommen, die sind schon so, daß sie uns, wenn wir
Vollmenschen sind, tief, tief einschneidend erscheinen, aber wir müssen
wirklich nur jeden Augenblick geneigt sein, das Einschneidende zu
empfinden. Weil sie aus dem Einschneidenden hervorwächst, die Gei-
steswissenschaft, brauchen wir uns nicht zu verwundern, wenn diese
Geisteswissenschaft Widerstände findet. Sie findet sie ja nicht bloß aus
dem Eigensinn der Menschen, sondern aus der Natur der Menschheits-
entwickelung gehen die Widerstände hervor.
Ich habe Ihnen vielleicht manches Paradoxe jetzt gesagt. Paradox
ist jedenfalls für die heutigen Menschen schon, daß wenn man einmal
zurückgeht in den zweiten, dritten, vierten Kulturzeitraum, es so ist,
als ob dazumal die Menschen, die also wirklich den Anschluß gefun-
den haben an die Menschheit, nun, trivial gesprochen, dazumal auf
du und du mit den Engeln, den Erzengeln und Archai gewesen wären,
Umgang mit ihnen gehabt hatten. Ja, für den, der heute nicht älter
wird als achtundzwanzig Jahre, ist das natürlich ein verrückter Ge-
danke, zu behaupten: die Menschen haben einmal nicht nur unter sich
Dinge verabredet, sondern sie haben sich mit Angeloi, mit Archangeloi
und mit Archai verständigt, wie wir uns heute auf dem physischen
Plan einer mit dem anderen verständigen. Daß diese Ansicht herrscht
und die andere Ansicht eine Verrücktheit scheint, das ist aber nur, weil
die Menschen alte Erkenntnisse vergessen haben. Bei Plato finden Sie
eine merkwürdige, sehr wichtige Stelle, also noch während des Zeit-
raumes, in dem die Menschheit dem Menschen achtundzwanzig bis
fünfunddreißig Jahre darbot. Da sagte Plato: Bevor der Geistesmensch
in Sinnlichkeit versank und seine Schwingen verlor, lebte er unter den
Göttern in der vernünftigen geistigen Welt, wo alles wahr und rein
ist. - Und damit meint Plato nicht nur das Leben vor der Geburt, son-
dern das Leben in alten Zeiten, wo die Menschen noch aus dem Um-
gang mit den Göttern selber ihre Erkenntnisse hatten. - Ich habe das
auch angedeutet in dem einen Mysterienspiel, wo ein alter Eingeweihter
von den alten Lehrern spricht, die aus dem Umgang mit den Göttern,
das heißt mit den Geistern der höheren Hierarchien, ihre Erkenntnis
schöpfen.
Aber gewisse Dinge sind mit der Menschheitsentwickelung ver-
bunden, die eben, weil die Sache sich so verhält, ganz und gar nicht
mehr verstanden werden. Man macht da sonderbare Erfahrungen.
Lassen Sie mich eine erfreulich-unerfreuliche Erfahrung anführen.
Ein sonderbares Wort, nicht wahr, aber es ist schon so. Erfreulich des-
halb, weil ich den Namen eines Mannes erwähnen muß, der sehr freund-
lich meiner Schrift «Gedanken während der Zeit des Krieges» ent-
gegengekommen ist, aus den nördlichen Ländern, ein Mensch, der gerne,
soweit er kann, sich in die Welt hineinfindet, Kjellen, der Staatsfor-
scher, der jetzt in Uppsala ist. Ich will nicht den Mann angreifen,
nicht abkritisieren, sondern im Gegenteil, ich wähle dieses Beispiel,
weil Kjellen einer unserer Freunde ist. Er hat nun ein interessantes Buch
geschrieben in der letzten Zeit: «Der Staat als Lebensform.» Da will
er darstellen, wie man eine gewisse tiefere Auffassung vom Staate ha-
ben könnte. Ja, da versucht nun Kjellen wiederum so eine Art Ansicht
zu gewinnen, wie der Staat ein Organismus sein sollte. Für denjenigen,
der nun diese Dinge durchschaut und der aus der geisteswissenschaft-
lichen Untersuchung heraus weiß, wie eine Staatswissenschaft, wenn
es eine solche jetzt gäbe, aufgebaut werden müßte, damit sie fruchtbar
werden könnte im praktischen Staatsleben, für den ist das Lesen des
Kjellenschen Buches, wenn man auch den Verfasser sehr gerne hat, ge-
radezu eine Qual, eine richtige Qual. Warum? Ja, sehen Sie, Kjellen
bringt es auch nicht weiter, als zu fragen: Wenn man nun den Staat als
einen ganzen Organismus auffaßt, dann lebt der Mensch innerhalb des
Staates. Was ist denn dann der Mensch?- Es liegt nahe: eine Zelle! Also
der Mensch ist eine Zelle des Staatsorganismus für Kjellen. Auf diesem
Gedanken wird nun in dem Buche «Der Staat als Lebensform» viel
von Kjellen aufgebaut. Der Mensch ist eine Zelle, wie wir die Zellen
in uns haben, und der Staat ist der ganze Organismus, der durch seine
verschiedenen Zellen sich organisiert.
Sehen Sie, wenn man bloß auf Vergleiche ausgeht - mehr ist es ja
nicht - , dann kann man eigentlich alles mit allem vergleichen. Man
kann wirklich eigentlich jeden Gedanken logisch vertreten, denn wenn
man keine Konsequenzen zieht, kann man einen Organismus auch mit
einem Taschenmesser vergleichen. Es kommt aber überall darauf an,
daß man den Sinn hat für das Eindringen in die Wirklichkeit. Da
aber gelangt man gleich in sehr merkwürdige Sackgassen, wenn man
gerade das Kjellensche Buch ins Auge faßt, in merkwürdige Sack-
gassen. In einem Organismus sind die Zellen, die sind nebeneinander,
eine grenzt an die andere, und dadurch daß sie aneinandergrenzen und
die Wirksamkeit haben, die daher kommt, ist der Organismus ein Or-
ganismus. Das läßt sich schon auf das Zusammenwirken der Menschen
im sogenannten Staatsorganismus nicht mehr anwenden. Kurz, man
kommt überhaupt, wenn man abstrakt logisch bleiben will, mit jedem
geistreichen Gedanken dazu, daß man ein ziemlich dickes Buch schrei-
ben kann darüber, und dann sich der Idee hingeben kann, das sei auch
praktisch. Aber hat man Wirklichkeitsgeist, dann muß der Gedanke
weiter ausgebaut werden. Er muß wirklich in die Wirklichkeit hinein-
versenkt werden, das ist ja erst die Erkenntnis. Ich empfehle Ihnen,
lesen Sie das Buch, es ist ein repräsentatives Buch der jetzigen Zeit.
Kaufen Sie es und lesen Sie es und empfinden Sie diese Qual, von der
ich gesprochen habe. Es kommt mit dazu, daß einem der Gedanke
herausspringt: Was darf man denn nun dem Organismus vergleichen,
wenn man den Gedanken vom Organismus auf das soziale Leben der
Menschheit anwenden will? - Nur das Leben der Menschheit auf der
ganzen Erde. Und die einzelnen Staaten darf man nur mit Zellen ver-
gleichen.
Das Leben der Menschheit auf der ganzen Erde darf als ein Orga-
nismus bezeichnet werden, und die einzelnen Staaten dürfen als Zellen
bezeichnet werden, nicht aber ein Staat als Organismus und der ein-
zelne Mensch als Zelle. Damit aber wird das ganze überhaupt nur so,
daß man es vergleichen kann, das staatliche Leben, mit einer Pflanze.
Niemals mit etwas anderem als mit einem Pflanzenorganismus. Und
will man nun den Begriff vom Organismus festhalten, so müßte man
den Organismus nehmen und der Mensch müßte herausstehen. Denn
es entwickelt sich der Mensch über alles Staatsleben hinaus, er kann
nicht aufgehen wie die Zelle im einzelnen Organismus in diesem Staats-
leben, sondern muß heraus. Das heißt, es muß Gebiete geben in der
menschheitlichen Entwickelung, die nicht in den Staat fallen können.
Man wird sehen, daß der Mensch hinausreichen muß in ein geistiges
Gebiet, daß der Mensch nur in seiner unteren Verankerung in das
Staatsleben hineinragen kann, aber nach oben in die geistige Welt. Und
da ist es interessant, wie manche Forscher mit der Nase daraufgestoßen
werden, daß die Menschen in den alten Zeiten, wo die Mysterien noch
da waren, etwas davon gewußt haben. Und Kjellen weist selbst hin
auf ein interessantes Buch, ein Buch, das vor fünfzig Jahren geschrie-
ben worden ist von Fustel de Coulanges: «La Cite antique». Und er
kommt zu der merkwürdigen, sowohl dem Verfasser Fustel de Cou-
langes wie auch Kjellen unverständlichen Sache: Was war denn der
alte Staat? Was war denn das? - Da kommt Coulanges dazu, sich zu
sagen: Ja, die alten Staaten, die gründeten sich alle auf den Kultus.
Warum? Es war der Staat ein Gottesdienst, weil man da noch fühlte,
daß der Mensch hinaufragen mußte in die geistige Welt. Da konnte
jemand nur dann tonangebend im Staate sein, wenn er in die Mysterien
eingeweiht war und aus den Mysterien heraus über die soziale Struktur
Weisungen bekommen hat. Im dritten, im vierten Zeitraum war es
noch so. Die Leute kommen durch die äußere Forschung darauf, aber
sie können nichts damit anfangen, trotzdem sie es in der Geschichte
sogar lesen.
Es ist ungeheuer tragisch, die letzte Seite des Buches von Kjellen
«Der Staat als Lebensform» auf sich wirken zu lassen, wo man sieht,
daß er nun irgend etwas konstruieren will, was Staatswissenschaft ist,
aber doch ganz, ganz mutlos vor der Tatsache steht: Was fangen wir
denn nun an mit der Zelle? Man könnte ja, wenn man die Idee von
Kjellen verwirklichen wollte, eigentlich nur die Menschen köpfen,
denn sie können nicht mit ihrem Kopfe solch einem Staate angehören,
der so aufgebaut wäre, wie die Wissenschaft Kjell^ns ihn aufbaut, da sie
mit ihrem Geistigen hinausragen müssen über das Staatswesen.
Sehen Sie, da kommt man zu ganz merkwürdigen Dingen, wenn
man das Leben tiefer betrachtet. Und daher ist es, daß alles das, was
sich heute Staatswissenschaft noch nennt, überhaupt noch nicht weiß,
was es will. Nirgends gibt es noch für heutige Verhältnisse eine wirk-
liche Staatswissenschaft. Das ist alles noch Gerede. Denn eine wirk-
liche Staatswissenschaft wird erst entstehen können, wenn man wie-
derum hinorientiert ist nach der Art und Weise, wie der Mensch mit
der geistigen Welt zusammenhängt, wenn man wiederum wissen wird,
wieviel man organisieren kann im irdischen Zusammenleben und wie-
viel über die Organisation frei hinausgehen muß. Diese Dinge müssen
aus gewissen Tiefen geholt werden. Hier spüren Sie, meine lieben
Freunde, wie die Dinge tragisch werden. Die Menschheit muß ihre
Entwickelungsgesetze in sich tragen, muß etwas verspüren von die-
sen Entwickelungsgesetzen.
Im einzelnen - verzeihen Sie, wenn ich jetzt am Schlüsse auf ein-
zelnes komme - stößt man gerade fürchterlich an, wenn man es als
eine Notwendigkeit des Lebens empfindet, real zu denken. Real den-
ken heißt auch geistig denken, denn wer den Geist nicht mitdenkt,
denkt nicht das Reale, sondern er denkt ein wesenloses Abstraktum.
Wenn man es als seine Gewohnheit entwickelt hat, real zu denken, dann
stößt man heute vielfach an. Verzeihen Sie, wenn ich scheinbar trivial
ein naheliegendes Beispiel wähle.
Ich kann zum Beispiel sagen, daß mir nichts weniger imponiert, als
wenn heute jemand kommt innerhalb des deutschen Sprachgebietes und
sogenannte schöne Verse schreibt, tadellos schöne Verse, wie sie den mei-
sten Menschen noch gefallen. Etwas, was solch eineEntwickelung hinter
sich hat wie die deutsche Sprache, und solche Entwickelungsmöglich-
keiten vor sich hat wie die deutsche Sprache, in dem bilden sich heute
sogenannte schöne Verse wie von selbst, gerade in der unreifen Jugend
bis zum achtundzwanzigsten Jahr. Löst man künstlerisch Verspro-
bleme, dann kommt man nicht zu dem, was heute die Menschen viel-
fach für schöne Verse halten, denn die sind eigentlich zu dem gehörig,
was man genießt, wenn man sich in frühere Zeiten versetzt. Daher
treffen es heute sehr viele Leute auch ganz gut, schöne Verse zu ma-
chen, aber es handelt sich darum, weiterzukommen in der Entwicke-
lung. Da muß es oftmals geschehen, daß jemand vielleicht weniger
schöne Verse schreibt, aber versucht, von einem elementaren Stand-
punkte aus eine neue Kunstform zu gewinnen. Da kommen natürlich
dann viele und finden es schrecklich, wenn jemand den Versuch macht,
eine neue Kunstform zu gewinnen, die vielleicht mit Bezug auf das-
jenige, was sie werden soll, noch sehr unvollkommen ist. Sehen Sie, ich
möchte jetzt wiederum etwas Persönliches sagen. Ich will gar nicht
von meinem Urteil sprechen über die Verse, in denen Herr von Bernus
anthroposophische Gedanken vorgebracht hat im «Reich». Aber Sie
können alle ganz sicher sein, wenn auch dem oder jenem die Verse
noch so wenig gefallen haben: solche Verse, wie sie hätten gefallen
können, die hätte Herr von Bernus aus dem Ärmel schütteln können,
wenn er sie hätte machen wollen. Die Dinge sind doch nicht so einfach.
Und heute, wo so vieles existiert, was böswillig herabzieht und das-
jenige verleumdet, was bei uns gewollt wird, trat diese Zeitschrift «Das
Reich» hervor mit dem besten Willen, und sie hätte sollen eben wegen
dieses allerbesten Willens gefördert werden, gleichgültig wie man sich
zu dem einzelnen gestellt hat. Daher war es mir selbst schwer, zu hö-
ren, daß Herr von Bernus Schocke von Briefen bekommen hat aus dem
Kreise unserer Mitglieder, die dasjenige verlästert haben, was in der
Zeitschrift stand. Man hätte viel mehr Gelegenheit gehabt, auf das-
jenige hinzuschauen, was direkt darauf ausgeht, unsere Bewegung zu
vernichten. Und so erlebt man es denn, daß jemand, der sich vorge-
nommen hat, über alle Dinge bei uns die Unwahrheit zu sagen, be-
haupten kann: «<Das Reich>, das im Zeichen Steiners steht.» Nun, ich
habe mit dieser Zeitschrift keine andere Verbindung, als ich eventuell
auch mit einer anderen haben könnte; ich habe sie nicht begründet, sie
ist das eigene Werk des Herrn von Bernus, sie hängt nicht mit meiner
Persönlichkeit zusammen. Ich schreibe für diese Zeitschrift Artikel
und bin für nichts verantwortlich. Das kann aber derjenige auch wis-
sen, der verletzend nach der einen oder anderen Seite hin den verleum-
derischen Ausdruck brauchte - in einem solchen Falle ist es ein ver-
leumderischer Ausdruck - «diese Zeitschrift dient Steinerschen Zwek-
ken». Man sollte sich im Gegenteil doch auch einmal freuen können,
wenn auch etwas /#r, von ganz außenstehender Seite für uns auftritt.
Bis jetzt aber haben wir es vielfach erfahren, daß gerade denjenigen
Steine in den Weg geworfen worden sind von Seiten unserer Mitglieder,
welche sich für unsere Sache einsetzen wollten, daß aber abgeraten
worden ist, sich für unsere Sache einzusetzen in gutem Wollen und in
kühner Weise, während man sich nicht gekümmert hat um all das
Schmähende, das geschehen ist im großen ganzen.
Es wäre noch manches zu sagen. Ich wollte dies einmal anführen,
weil ich wirklich betonen möchte, daß es mir gar nicht eingefallen ist,
über dies oder jenes im «Reich» anders als diskutierend zu sprechen,
das heißt, zu sehen, ob vielleicht gerade hinter dem scheinbar Unvoll-
kommenen das Ringen nach einer Entwickelung steht, und es war mir
wirklich nicht darum zu tun, auf dasjenige zu sehen, worauf viele ge-
sehen haben, die sich berufen gefühlt haben zu dem, was ja ohnedies
ein Unsinn wäre, wenn es auch nicht geschmacklos wäre, ihr Urteil
in Briefen an den Dichter zu senden. Das ist der geschmackloseste und
schädlichste Weg. Denn an den, der sich angestrengt hat, die Sache aus-
zuschreiben, braucht man nicht persönlich mit einem schmähenden
Brief heranzutreten. Selbst wenn der Brief berechtigt wäre, könnte er
ihn nicht verstehen, er lebt in der Sache drinnen. Man sage seine Mei-
nung allen anderen, nur sende man sie nicht dem Dichter ins Haus.
Nun, meine lieben Freunde, alle die Dinge, die so gesagt werden,
treffen natürlich nur immer nach der einen Seite, nach der Seite von
wenigen. Aber es ist schon einmal so, daß durch die Gesellschaft der
Unschuldige mit den Schuldigen gefangen ist und nun büßen muß für
sie. Das ist das, was mir schmerzlicher ist als denen, die unter den heu-
tigen Maßnahmen leiden.
Aber eines möchte ich noch hinzufügen: Derjenige, der im Kreise
der Gesellschaft bloß die eine Maßregel etwa mitteilen wird, daß ich
keine persönlichen Angelegenheiten in Privatgesprächen in Zukunft
mehr besprechen werde, der würde nur Einseitiges sagen. Zum ganzen
gehört dazu: Ich entbinde ausdrücklich jeden des Versprechens, soweit
er es selber will, etwas, was in Privatgesprächen gesprochen wurde, ge-
heim zu halten. — Das gehört dazu, und das ist das Wichtige. Bei
jenem Verleumdungsfeldzug, glauben Sie es, sind diese Maßregeln so
notwendig, daß Ausnahmen nicht gemacht werden können. Aber nie-
mand soll etwas verlieren. Das, was esoterisch geleistet werden kann,
wird auch geleistet werden können, wenn es in voller Öffentlichkeit
sein muß. Und ich werde Mittel und Wege finden, trotzdem ich in
Privatgesprächen keine Ausnahmen machen kann und machen darf,
daß jeder die esoterischen Bedürfnisse, die er befriedigen will, auch in
der Zukunft wird befriedigen können. Haben Sie nur eine kurze Zeit
Geduld. Auch ohne Privatgespräche wird es Mittel und Wege geben,
daß alles das, was in berechtigter Weise für das esoterische Leben wird
gefordert werden können, befriedigt werde, ohne daß jene Schäden
entstehen, die durch die Verleumdung des Privatgesprächwesens in un-
serer Gesellschaft entstanden sind.
Und nun will ich noch sagen, daß ich gerne etwas vorbringen
möchte, was tief zusammenhängt mit dem, was uns zum Verständnis
unserer schweren Gegenwart führen kann, daß ich aber wahrhaftig
nicht fertig bin mit dem, was ich Ihnen während des diesmaligen Auf-
enthaltes habe sagen wollen. Für diejenigen, die kommen wollen, werde
ich daher am Dienstagabend noch einmal hier sprechen.
ELFTER VORTRAG
Stuttgart, 15. Mai 1917
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heit so gegliedert hat, daß dieser Gliederung das Blut zugrunde liegt,
das wurde von diesen ahrimanischen Geistern, aber unter der Leitung
von guten Geistern, gelenkt.
Nun sollte aber ein anderes Zeitalter eintreten. Solange die Men-
schen gewissermaßen durch das Blut geführt wurden, konnte der
Mensch nicht in der Weise, wie es öfter angedeutet worden ist, sein
Geschick selbst in die Hand nehmen. Dazu war notwendig, daß der
Dienst von diesen ahrimanischen Geistern, so wie er war, aus der gei-
stigen Welt ausgeschaltet wurde. Diese Geister wollten zunächst aus der
geistigen Welt her ihre Tätigkeit der Gliederung der Menschen nach
dem Blute fortsetzen; aber die Menschheit sollte zu einer mehr allge-
meinen Auffassung ihres gesamten Geistes getrieben werden. Dasje-
nige, was öfter gerade auf unserem Gebiet gesagt wird, daß die Mensch-
heit sich als eine Gesamtheit über die Erde hin zu begreifen habe, das
ist wahrhaftig keine Phrase, sondern eine neuzeitliche Notwendigkeit.
Und dem liegt eben die Tatsache zugrunde, daß ein starker, intensiver
Kampf stattgefunden hat zwischen den michaelischen Geistern und
den Geistern ahrimanischer Natur, welche früher die Menschen diffe-
renziert haben nach dem Blute.
Dieser Kampf hat damit geendet, daß die ahrimanischen Wesen-
heiten heruntergestoßen worden sind und nunmehr unter den Men-
schen walten. Unter den Menschen werden sie Verwirrung stiften, denn
das ist nach dieser Besiegung ihre Absicht: Verwirrung zu stiften mit
alledem, was aus allerlei Begriffen und Ideen, die mit Blutsbanden,
Blutsverwandtschaften zusammenhängen, gesogen werden kann. Be-
sonders wichtig ist eben, daß seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhun-
derts in alledem, was der Mensch hier auf dem physischen Plan durch
Gedanken und Empfindungen wirken kann, diese Impulse mit tätig
sind, und daß man die Wirklichkeit nicht versteht, wenn man diese
Impulse nicht mit in Rechnung zieht. Die Art und Weise, wie heute
gesprochen wird über gewisse Völkerbeziehungen und dergleichen, ist
verwirrt worden durch diese ahrimanischen Geister, die von dem Geiste
Michael besiegt worden sind.
Ich habe ja öfter erwähnt, daß wir schon sagen dürfen: Wir haben
seit dem Ende der siebziger Jahre das sogenannte Michaelische Zeit-
alter. Michael haben wir als Zeitgeist anzusehen, der Gabriel als Zeit-
geist abgelöst hat. Das bedeutet sehr viel: Michael als Zeitgeist! Die
Zeitgeister, die in den früheren Jahrhunderten da waren, haben an-
ders gewirkt als dieser Zeitgeist. Die anderen Zeitgeister, die in die
Menschheitsentwickelung hineinwirkten in früheren Jahrhunderten,
haben doch noch mehr oder weniger ins Unterbewußte hineingewirkt.
Die Aufgabe des Zeitgeistes Michael, der seit dem letzten Drittel des
19. Jahrhunderts in den Menschheitsgeschicken wirkt, ist diese: immer
mehr und mehr im menschlichen Bewußtsein selbst dasjenige auszu-
lösen, was in der Erdenentwickelung geschehen soll. Dieser michae-
lische Zeitgeist ist nämlich eigentlich heruntergestiegen und wirkt auf
dem physischen Erdenplan.
Mit alledem hängt etwas zusammen für unsere Zeit, das man unge-
mein leicht mißverstehen kann. Unsere Zeit ist eine sehr, sehr zwie-
spältige. Unsere Zeit könnte man, wenn man sie so oberflächlich be-
zeichnet, leicht eine bloß materialistische nennen. Das ist sie aber nicht
allein; die Sache liegt viel komplizierter. Im ganzen kann man sagen:
Diese neuere Zeit ist ihrem Grundcharakter nach außerordentlich spi-
rituell, gerade außerordentlich spirituell. Und spirituellere Begriffe,
spirituellere Vorstellungen als diejenigen sind, die durch die neuere
Naturwissenschaft an die Oberfläche gebracht wurden, hat es in der
Menschheitsentwickelung überhaupt noch nicht gegeben. Nur sind
diese Begriffe - wenn ich mich so ausdrücken darf - dünn, sind ab-
strakt. Sie sind in sich, ihrer Substanz nach, durchaus geistig; aber sie
sind nicht geeignet, so wie sie auftreten, wenn sie nicht richtig behan-
delt werden, Geistiges auszudrücken. Diese naturwissenschaftlichen
Begriffe, die heute aller Bildung eingeimpft werden, sind ein sehr zwei-
schneidiges Schwert, wenn ich dieses paradoxe Gleichnis gebrauchen
darf. Man kann sie so brauchen, wie sie heute von der akademischen
Wissenschaft gebraucht werden. Da sind sie zwar spirituell, werden
aber nur angewendet auf die äußere materielle Welt, ihre Spiritualität
wird verleugnet. Man kann aber diese naturwissenschaftlichen Begriffe
auch so anwenden, daß man sie als Meditationsstoff verwendet, daß
man darüber meditiert. Dann führen sie am sichersten in die geistige
Welt hinein. Würden diejenigen, die heute eine naturwissenschaftliche
Weltanschauung haben, nicht zu faul sein, um ihre Begriffe meditativ
anzuwenden, so würden diese Menschen mit naturwissenschaftlicher
Weltanschauung sehr bald in die Geisteswissenschaft hineinkommen.
Nicht an dem Inhalt der naturwissenschaftlichen Vorstellungen, son-
dern an der Art und Weise ihrer Behandlung liegt es. Die Begriffe sind
fein, sind intim, aber die Anwendung durch die Menschen ist eine im
materialistischen Sinne gehaltene. Das ist allerdings nicht so ohne wei-
teres in allen Einzelheiten gleich klarzumachen, aber wir müssen uns
verständigen; daher müssen wir schon manche solcher Wahrheiten ge-
wissermaßen nur durch eine Spiegelung an uns herantreten lassen.
So leben die Menschen in Begriffen, in Vorstellungen, in Ideen, die
dünn sind, die, ich möchte sagen, ganz destillierter Geist sind, so daß
man nur eine starke Kraft anzuwenden braucht, um von ihnen zur Gei-
steswissenschaft zu kommen; und diese Begriffe sind diejenigen, die
gerade durch das Michaelische Zeitalter in die Menschheitsentwicke-
lung hineinkommen sollen. Es sind aber auch diejenigen, die am meisten
verwirrt werden durch die angedeuteten, man kann schon sagen, vom
Himmel auf die Erde gestoßenen, im Himmel von Michael überwun-
denen ahrimanischen Geister der Hindernisse. Sie treten ja auf so un-
zähligen Gebieten auf, wo der Mensch heute glaubt, ganz richtig zu
denken, ganz richtig zu sinnen, wo er aber der Verwirrung dieser Gei-
ster in einem hohen Maße ausgesetzt ist.
Gerade bei der Betrachtung einer solchen Sache zeigt sich, wie ei-
gentlich die Entwickelung - bleiben wir zunächst bei der Menschheit
stehen - vor sich geht. Da müssen wir ein bedeutsames Entwickelungs-
gesetz, das wir von anderen Gesichtspunkten aus auch zu betrachten
haben, uns einmal vor die Seele führen. Es ist ja eine ungeheuer ober-
flächliche Betrachtungsart, wenn man meint, daß die Ereignisse im
geschichtlichen Leben einfach so auseinander hervorgehen, daß das,
was im Jahre 1918 geschieht, eine Folge ist von 1917, 1916 und so
weiter. Das ist eine oberflächliche Betrachtungsweise. Die Dinge voll-
ziehen sich doch ganz anders; sie vollziehen sich so, daß immer das-
jenige, was auf geistigem Gebiete geschehen ist, in den nächstfolgenden
Zeiten noch weiter wirkt, aber in einer gewissen Weise. Man kann jedes
Jahr herausgreifen; sagen wir zum Beispiel das Jahr 1879: so geschieht
im Jahre 1880 etwas, was dadurch mitbestimmt ist, daß sich das rück-
läufig wiederholt, was 1878 geschehen ist; 1881 wiederholt sich rück-
läufig in einer gewissen Beziehung dasjenige, was 1877 geschehen ist
und so weiter. Man kann von jedem Punkte der Menschheitsentwicke-
lung, so widerspruchsvoll das erscheint, ausgehen; man wird immer
finden, daß sich frühere Jahresläufe in späteren in wichtigen Impulsen
zeigen. Man kann daher erwarten, daß gerade in einem wichtigen Zeit-
abschnitt dieses Gesetz auch mit einer besonderen Deutlichkeit und
Wichtigkeit in die Menschheitsentwickelung eingreift.
Ich habe das öfters schon angedeutet, habe öfters schon vor diesen
katastrophalen Ereignissen gesprochen von dem wichtigen Zeitab-
schnitt 1879, und davon, daß er nur die Auswirkung desjenigen ist,
was seit den vierziger Jahren in der geistigen Welt sich abgespielt hat.
Wenden wir nun einmal dieses Gesetz an, das ich eben ausgesprochen
habe, so können wir folgendes sagen: 1879 ist ein wichtiger Zeitab-
schnitt; da sind gewisse Geister heruntergestoßen worden, die als Gei-
ster der Hindernisse früher in der geistigen Welt gewirkt haben, die
von da ab hier auf dem physischen Plan unter den Menschen hemmend
und verwirrend wirken. Das, was da 1879 geschehen ist, ist gewisser-
maßen der Abschluß eines Früheren, das von 1841 bis 1844 seinen An-
fang genommen hat und durch die Jahrzehnte dann gewirkt hat. Neh-
men wir nun das Jahr 1841, so haben wir von 1841 bis 1879 die Kampf-
zeit in der geistigen Welt. Jene Wesenheiten, die unter der Herrschaft
des Geistes stehen, den man Michael nennt - man könnte ihn auch mit
einem anderen Namen bezeichnen - , schickten sich also im Jahre 1841
an, den starken, intensiven Kampf in der geistigen Welt aufzunehmen,
der dann für die geistige Welt 1879 seinen Abschluß gefunden hat. Er
dauerte also achtunddreißig Jahre. Nun sagte ich: Dasjenige, was rück-
läufig geschieht, wirkt in der folgenden Zeit wiederum zurück. - Rech-
nen Sie jetzt weiter von 1879 durch weitere achtunddreißig Jahre:
1917. Wie sich also 1880 dasjenige wiederholt, was 1878 geschehen
ist, 1881 dasjenige, was 1877 geschehen ist, so wiederholt sich in einer
gewissen Weise 1917 innerhalb der physischen Welt dasjenige, was
1841 innerhalb der geistigen Welt aufgenommen worden ist als einer
der wichtigsten Kämpfe. Es ist tatsächlich so, daß dieses Jahr 1879
einen Einschnitt bedeutet, der ganz energische Impulse nach vorwärts
und nach rückwärts der Betrachtung zeigt. Und in gewisser Weise
wiederholen sich jetzt auf dem physischen Plan von 1917, 1918 an
diejenigen Dinge, die in der geistigen Welt vorgehen mußten in den
vierziger Jahren, und die man eben bezeichnen kann als einen Kampf
der normalen, vorwärtstreibenden Geister gegen gewisse Geister der
Hindernisse. Das ist eine Rechnung, die ich nicht heute erst anstelle,
sondern viele von Ihnen wissen, daß auf diese Ereignisse immer hin-
gewiesen worden ist, und daß von dem Gesichtspunkte dieser Ereig-
nisse aus das Jahr 1917 so angesehen werden muß, daß es ein wichtiger
Ausgangspunkt für folgende Geschehnisse ist.
Die Dinge dürfen natürlich nicht so betrachtet werden, daß man
sagt: Nun ja, wir haben das Jahr 1917 erlebt. Gewiß, man hat es erlebt;
aber was die Ereignisse eigentlich waren, die sich in diesem Jahr abge-
spielt haben, das haben doch nur wenige Menschen erlebt, da wenige
Menschen geneigt sind, sie im wachen Bewußtsein zu werten. Das ist
es, um was es sich handelt.
Nun, durch alle diese Dinge wollte ich nur darauf hinweisen, daß
wir tatsächlich in einem wichtigen Zeitpunkte der Menschheitsent-
wickelung leben, und daß es schon notwendig ist, manche Dinge in
diesem Zeitpunkte ernster zu nehmen, als sie von der gegenwärtigen
Menschheit in ihrer Masse genommen werden. Ich habe ja darauf hin-
gewiesen, wie es insbesondere notwendig ist, daß man die normalen
spirituellen Impulse in unserer Zeit nicht unbeachtet läßt. So wie diese
neuere Zeit sich herangebildet hat, was ist denn in ihr eigentlich ton-
angebend geworden? Was hat denn wirklich Einfluß gewonnen in die-
ser neueren Zeit? Was ist denn ausgestrahlt, ich möchte sagen, in die
gesamte allgemeine Bildung? Im Grunde genommen nur dasjenige, was
auf dem gröbsten Felde der naturwissenschaftlichen Weltanschauung
gewachsen ist. Dieses gröbste Feld der naturwissenschaftlichen Welt-
anschauung hat aber nur die Macht, das Tote, das Unlebendige, nie-
mals das Lebendige zu erfassen, was gerade in diesem naturwissen-
schaftlichen Zeitalter so unendlich notwendig wäre. Den Zusammen-
hang solcher Dinge mit den allgemeinen Weltereignissen will man eben
durchaus heute noch nicht einsehen. Man will heute noch nicht ein-
sehen, daß, je mehr sich die Menschheit bemüht, nur Begriffe auszu-
bilden, die sich auf das Tote beziehen, man vom Menschen aus auch
das soziale, auch das Gemeinschaftsleben zerstört. Notwendig ist, daß
man die naturwissenschaftlichen Begriffe in Fluß bringt und sie so
belebt, daß sie wirklich anwendbar sein können auf das menschliche
Zusammenleben, daß sie gewissermaßen geeignet sind, auch das mensch-
liche Zusammenleben zu erklären.
Der Gang der Entwickelung war ja so in dieser neueren, in dieser
neuesten Zeit: In dem, was man als eigentliche Wissenschaft hat gelten
lassen, bildeten sich nur diejenigen Begriffe aus, mit denen man die
äußere, tote Natur begreifen kann. Ganz ungeeignet waren diese Be-
griffe, das menschliche Leben zu erfassen. Man wollte aber mit ihnen
das menschliche Leben erfassen. Und so haben die offiziellen Wissen-
schafter diese Begriffe angewendet auf die Geschichte, auf die Sozial-
wissenschaft, auf die Sozialpolitik und so weiter. Da sind aber diese
Begriffe nicht brauchbar, und so gibt es überhaupt keinen brauchbaren
Begriff für das Gesellschaftsleben, und so ist das Gesellschaftsleben der
Erde dem Menschen über den Kopf gewachsen, ist zu dem geworden,
was es seit nahezu vier Jahren jetzt ist. Die Menschen werden lernen
müssen, ihre Begriffe zu verdichten, ihre Begriffe auch zu verleben-
digen.
Dasjenige, was die Naturwissenschafter selber ausbilden, das ist
gewiß geistvoll, brauchbar, ist gewissenhaft methodisch, aber nur für
die äußere Natur. Heute arbeitet ein jeder auf seinem Felde und dehnt
gar nicht die Begriffe, die auf irgendeinem Felde erarbeitet werden,
über die Gesamtheit der menschlichen Weltanschauung aus. Nehmen
Sie nur eines, da werden Sie gleich verstehen, was ich eigentlich meine.
Der gewöhnliche Schulphysiker, der heute die Magnetnadel betrach-
tet, die mit dem einen Ende nach Norden, mit dem anderen nach Sü-
den weist, erklärt seinen Buben schon, daß dieses ständige Weisen der
Magnetnadel nach Norden und nach Süden vom Erdmagnetismus her-
rührt, daß die Erde auch ein großer Magnet ist; und es wäre lächer-
lich, wenn dieser Schulphysiker in der Magnetnadel selber die Kräfte
suchen würde, die bewirken, daß die Nadel nach diesen Richtungen
zeigt. Er sucht das aus Eigenschaften der Erde zu erklären, er sucht
die Ursache im Kosmos draußen. Auf diesem rein toten Gebiet, da
taugen schon die naturwissenschaftlichen Begriffe noch etwas, da kann
man auf das eine oder andere noch kommen. Daher fällt es niemandem
ein, von der Magnetnadel zu sagen, sie habe in sich die Kraft, immer
nach der einen Richtung hinzuweisen. Man nimmt Richtkräfte vom
magnetischen Nordpol und Südpol der Erde an. Der Biologe tut das
schon nicht mehr. Dem fällt es gar nicht ein, einen ähnlichen Begriff
auszubilden. Der Biologe sieht das Huhn, in dem sich das Ei bildet. Es
fällt ihm gar nicht ein, dieselbe Frage so zu stellen, wie der Physiker
sie bei der Magnetnadel stellt. Der Biologe sagt einfach: Wenn sich das
Ei im Huhn bildet, so liegt die Ursache der Eibildung im Huhn. -
Würde er vorgehen wie der Physiker mit der Magnetnadel, so würde
er sich sagen: Zwar ist im Huhn der Platz, an dem sich das Ei ausbildet,
aber wie an der Magnetnadel der Kosmos mitwirkt, so wirken die
kosmischen Kräfte mit, wenn sich das Ei bildet. Ich muß hinausgehen
aus der eng begrenzten Natur und muß das, was draußen ist, zu Hilfe
nehmen. Im Huhn ist zwar der Ort, an dem sich der Eikeim bildet, aber
die Kräfte wirken herein aus dem Kosmos, wie sie aus dem Kosmos
der Magnetnadel Richtung geben.
Solch einen Begriff auszubilden, ihn methodisch durchzuführen,
wäre dringend notwendig. Aber vor der offiziellen Wissenschaft der
Biologie ist er töricht, phantastisch, ist er lächerlich, weil sie sich voll-
ständig in eine Sackgasse des Toten bloß verirrt hat. Diese offizielle
Wissenschaft kann nicht einmal auf solche Dinge die umfassenden Be-
griffe anwenden, viel weniger kann sie irgend etwas darüber sagen,
wie die Menschen politisch oder sozial in richtiger Weise zusammen-
leben könnten. Wie kann man darauf hoffen, daß aus dieser bloßen
naturwissenschaftlichen Weltanschauung etwas, was der Menschheit
so notwendig ist, herauskommen könne, nämlich eine Belebung, eine
Auffrischung dieser Begriffe. Gerade auf dem wichtigen Gebiet des
menschlichen Lebens kann das nicht sein. Wir wollen uns das klar-
machen an einem Begriff, den wir geisteswissenschaftlich einmal er-
fassen wollen.
Schon die bloße Betrachtung des menschlichen Skeletts zeigt etwas
außerordentlich Wichtiges, etwas, ich möchte sagen, Großartiges zeigt
sie. Wenn Sie das menschliche Skelett anschauen, so haben Sie das
Haupt, das eigentlich nur aufgesetzt ist auf dem übrigen Rumpfskelett;
es ist eine Welt für sich. Der andere Skeletteil ist ganz anders gebildet.
Sobald man die Goethesche Metamorphosenlehre anwendet, bekommt
man allerdings die Umwandlung des Rumpfes zum Hauptskelett, aber
das Hauptskelett ist kugelförmig gebildet, das Haupt ist ein Abbild
der ganzen Weltensphäre. Das andere ist mehr mondenförmig gebildet.
Das ist etwas außerordentlich Wesentliches und weist uns darauf hin,
daß wir, wenn wir über den Menschen schon aus seiner Gestalt heraus
fruchtbare Begriffe bekommen wollen, hinschauen müssen auf so etwas,
was schon in der Gestalt angedeutet ist. Unsere Naturwissenschaft ist
ja großartig, aber sie ist analphabetisch in bezug auf die Erkenntnis der
Welt. Sie geht so vor wie jemand, der die Seiten eines Buches nicht
liest, sondern beschreibt: A ist so, B ist so - , der also nicht liest, sondern
bloß die Buchstaben beschreibt. Man muß aber zum Lesen vorschrei-
ten, man muß verstehen, die Gestalten der Natur nicht bloß so zu be-
schreiben, wie es die Naturwissenschaft macht, sondern sie zu deuten
in ihren Beziehungen, in ihren Übergängen. Dann kommt man aus dem
Lesen der Naturgestalten und Naturerscheinungen zum Enträtseln des
Sinnes der Welt. Gewiß, die Menschen, die so etwas heute hören und
mit ihren dicken Köpfen ganz in dem Analphabetismus drinnen-
stecken, die finden eine solche Sache, wenn man sie sagt, ganz schau-
derhaft. Davon könnte man gute Beispiele anführen, wie man etwas
schauderhaft findet, was so vom menschlichen Skelett hergeholt ist,
was aber auf den ganzen menschlichen Organismus ausgedehnt wer-
den kann. Der Mensch ist eine Zwienatur, und diese Zwienatur drückt
sich schon aus in dem durchgreifenden Gegensatz des Hauptes und des
übrigen Organismus.
Geht man nun durch Geisteswissenschaft ein auf diese zwei Glie-
der der Zwienatur - man könnte noch weitere Glieder angeben, aber
darauf kommt es heute nicht an - , so kann man schon ungeheuer Be-
deutsames aus der bloßen Gestalt des Menschen herauslesen, wenn man
nur wirklich darauf eingeht. Geisteswissenschaftlich kann man näm-
lich ersehen, daß dieses menschliche Haupt von der Geburt durch das
physische Erdenleben eine Entwickelung durchmacht, die sich nun
ebenso von der Entwickelung des übrigen Organismus unterscheidet,
wie sich das Haupt schon der Gestalt nach unterscheidet von dem
übrigen Organismus. Es ist sehr interessant, wenn man verfolgt, daß
sich dieses Haupt drei- bis viermal schneller entwickelt als der übrige
Organismus. Wenn man den übrigen Organismus betrachtet, so kann
man ihn mit einem gemeinsamen Namen nennen, insofern er haupt-
sächlich durchorganisiert ist vom Herzen, so daß man dann einen Ge-
gensatz bekommt zwischen dem Kopforganismus und dem Herzens-
organismus. Dieser Herzensorganismus entwickelt sich wirklich drei-
bis viermal langsamer als der Kopforganismus. Würden wir nur Kopf
sein, so wären wir ungefähr im siebenundzwanzigsten, achtundzwan-
zigsten Jahr schon alte Leute, die sich zum Sterben anschicken, weil der
Kopf sich so schnell entwickelt. Der übrige Organismus entwickelt
sich viermal langsamer, und so leben wir bis in die Siebziger-, Acht-
zigerjahre hinein. Aber das ändert nichts daran, daß wir tatsächlich
eine Kopfentwickelung und eine Herzentwickelung, daß wir diese
zwei Naturen in uns tragen. Unsere Kopfentwickelung ist auch in der
Regel mit dem achtundzwanzigsten Jahre vollständig abgeschlossen;
der Kopf entwickelt sich nicht mehr weiter. Dasjenige, was sich dann
entwickelt, ist der übrige Organismus. Der sendet auch von sich aus
die Entwickelungsstrahlen in das Haupt herein. Wer nur anzuschauen
vermag die Gestalt, Charakteristisches der Gestaltentwickelung, der
könnte selbst aus äußerlichen Dingen, wenn auch nicht auf diese Sache
selbst kommen, so doch auf die Bestätigung. Darauf kommen muß man
allerdings durch Geisteswissenschaft. Aber sehen Sie, wer hat noch
nicht ein kleines Kind betrachtet und sich gesagt, wenn er es später wie-
der gesehen hat: Dieses Kind ist erst in späteren Jahren dem oder jenem
so ähnlich geworden. - Das hängt damit zusammen, daß die Ver-
erbungskräfte eigentlich im übrigen Organismus stecken. Der Kopf ist
ganz aus dem Kosmos heraus gebildet; und erst wenn die Vererbungs-
kräfte aus dem übrigen Organismus heraus arbeiten, was langsamer
geht, dann ähnelt sich auch die Physiognomie des Kopfes dem übri-
gen Organismus an. Das ist nur ein Beispiel, wie durch die äußeren
Tatsachen bestätigt werden kann, was die Geisteswissenschaft findet.
Das ist bedeutsam, daß man das festhält: Der Kopf macht in seiner
Ausbildung einen viel schnelleren Weg durch als der übrige Orga-
nismus.
Sehen Sie, das zu wissen hatte keine so große Bedeutung in den frü-
heren Zeiten, als die Menschen mehr unfrei waren, mehr geleitet wor-
den sind. Da haben die guten geistigen Mächte die Sache geregelt. Da
haben sie gewissermaßen zwischen dem Tempo der Kopf entwickelung
und dem Tempo der übrigen Entwickelung den Akkord hergestellt,
haben das in Einklang gebracht. Jetzt beginnt die Zeit, wo der Mensch
selber dafür sorgen muß, daß solche Dinge in Einklang kommen. Da-
her muß der Mensch solche Dinge richtig verstehen können, muß auf
sie eingehen können, und er sündigt gegen die Entwickelung, wenn er
das nicht kann. Und wir haben ein wichtiges Gebiet des Menschenle-
bens, wo gegen diese Dinge furchtbar gesündigt wird. Diese Sünde
kommt heute, weil wir seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts
drinnenstecken, sporadisch schon zum Ausdruck. Sie wird in furcht-
barer Weise zum Ausdruck kommen, wenn die Menschen die geistigen
Impulse nicht begreifen können. Heute kommen sie zunächst in der
folgenden Art zum Ausdruck: Man berücksichtigt nicht, daß dem
Menschen etwas gegeben werden muß, wenn er sich normal entwickeln
soll, was darauf Rücksicht nimmt, daß seine Kopfentwickelung drei-
bis viermal schneller geht als die des übrigen Organismus. Und ein Ge-
biet, auf dem dies ganz besonders schädigend zum Ausdruck kommt,
ist das der Erziehung, des Unterrichts, und zwar aus folgenden Grün-
den: Unter dem Einflüsse der naturwissenschaftlichen Weltanschauung
haben sich Begriffe herausgebildet, die nach und nach bloße Begriffe
für die Kopfbildung geworden sind, die der übrigen Entwickelung
nichts geben, Begriffe, die in dem Tempo erworben werden, wie der
Kopf sich entwickelt, die nicht in dem Tempo aufgenommen werden
können, in dem der übrige Organismus sich entwickelt.
Damit ist außerordentlich viel gesagt. Die Zeit hat allmählich lauter
Ideen ausgebildet, die den Kopf beschäftigen, die das Herz kühl und
leer lassen. Sie kommen heute schon, wie gesagt, sporadisch; aber die
Dinge werden immer mehr und mehr um sich greifen. Sie können die
Probe machen, wenn Sie das Leben beobachten können. Der Mensch ist
nämlich durch die Zwiespältigkeit seiner Kopf- und Herzensbildung
darauf angewiesen, daß er in seiner Jugend nicht bloß eine Kopfbil-
dung bekommt. In der Jugend kommt ja vorzugsweise der Kopf in Be-
tracht, weil das andere sich langsamer entwickelt. Wenn man den Men-
schen ebenso erziehen wollte für das übrige wie für den Kopf, so müßte
man ihn das ganze Leben in die Schule nehmen. Man kann in der
Schulerziehung nur den Kopf behandeln. Aber heute behandelt man
den Kopf so, daß dieser Kopf geistig-seelisch nichts zurückgeben kann
an den übrigen Organismus. Der übrige Organismus gibt ja seine ver-
erbten Impulse das ganze Leben hindurch an denKopf ab, sonst würden
wir mit siebenundzwanzig Jahren sterben, denn der Kopf ist dazu ver-
anlagt. Aber ebenso sollte der Kopf das wiederum abgeben, was in ihm
herangezogen wird. Daß die heutige Erziehung das nicht trifft, dafür
können Sie die Probe machen, indem Sie sich die Frage stellen: Ist es
denn nicht so, daß heute Menschen, welche die schulmäßige Erziehung
bekommen, sich im späteren Leben nur an das Gefühlsmäßige erin-
nern? - Sie tun meistens nicht einmal das, sondern sie sind froh, wenn
sie alles rasch vergessen können. Das bedeutet nur, daß der übrige Or-
ganismus anschaut die Bildung des Kopfes. Würde der übrige Orga-
nismus vom Kopfe als Lebensessenz das erhalten, was er braucht, so
würde man sich nicht nur gedächtnismäßig erinnern, sondern man
würde zurückblicken auf das, was einem der Lehrer gegeben hat, wie
auf ein Paradies, zu dem man jede Stunde im späteren Leben mit inni-
ger Zufriedenheit, mit Anhänglichkeit zurückdenkt, in das man sich
immer wieder und wiederum versenkt und in dem man eine Quelle von
Verjüngungen hat. Es wäre eine Quelle von Verjüngung, wenn es Her-
zensbildung enthalten würde, nicht bloß Kopfbildung. Dann würde
der Mensch sein ganzes Leben hindurch für den übrigen Organismus,
der sich viermal langsamer entwickelt, aus der Kindheitslehre etwas
haben, aus der Schule etwas haben, was auch zurückwirken würde auf
seinen Organismus. Heute fängt das erst an, immer schlimmer und
schlimmer wird es werden. Die Menschen werden früh greisenhaft wer-
den, weil sie höchstens gedächtnismäßig sich an das erinnern werden,
was sie nur für den Kopf aufgenommen haben, und was so nur bis zum
siebenundzwanzigsten Jahre eine Bedeutung hat. Nachher bleibt es
stehen, Unbrauchbares, an das man sich zurückerinnert; und der
Mensch altert. Er wird früh innerlich seelisch-geistig alt, weil die Kopf-
bildung nicht geeignet ist, überzufließen in die viermal langsamere
Herzensentwickelung.
Diese Dinge müssen berücksichtigt werden. Sollen sie aber berück-
sichtigt werden, dann muß unsere Schulerziehung eine total andere
werden, dann muß sie anstelle der toten Begriffe, die heute überall
herrschen, lebendige Begriffe haben. Bei einer Kant-Laplaceschen Theo-
rie werden sich die Menschen immer so zurückerinnern, daß sie dabei
vergreisen. Das, was wirklich ist: der geistig-seelische Ausgangspunkt
unseres Weltenalls, aus dem sich das Physische erst herausentwickelt
hat, das wird, wenn es richtig in den Unterrichtsstoff verarbeitet wird,
ein lebenslänglicher Quell der Verjüngung sein. Und möglich ist es,
den Unterrichtsstoff nicht bloß durch Methodisches, sondern durch
völlige Umarbeitung im anthroposophischen Sinn so zu gestalten, daß
der Mensch sein ganzes Leben hindurch etwas hat, an das er sich nicht
nur gedankenmäßig zurückerinnert, sondern was ein lebenslänglicher
Quell fortwährender Verjüngung ist. Das muß bewußt erreicht wer-
den, daß die Menschen nicht, wenn sie kaum fünfzig Jahre alt sind,
Greise sind, sondern daß sie innerlich seelisch von dem noch zehren
können, was sie in der Jugend aufgenommen haben; daß sie einen Er-
frischungsquell, einen Erfrischungstrank an dem haben können, was
sie als Kind aufgenommen haben. Dann muß es aber so gegeben wer-
den, daß es nicht bloß taugt für die Kopfentwickelung, sondern daß
es taugt für die Entwickelung des ganzen menschlichen Organismus,
die drei- bis viermal langsamer vor sich geht als die Kopf entwickelung.
Solche Dinge einsehen heißt: dasjenige, was bei dem Naturwissen-
schafter und deshalb auch bei unserer Allgemeinbildung tote Begriffe
sind, beleben. Unterschätzen Sie nicht die große soziale Bedeutung des-
sen, was damit gesagt ist. Sie könnten ja glauben, das habe nur Bedeu-
tung da, wo die Naturwissenschaft im engeren Sinne wirkt. Das ist
nicht wahr. Die Naturwissenschaft wirkt ja auf die ganze heutige Bil-
dung, auf die ganze Breite der heutigen Menschheitsentwickelung. Diese
naturwissenschaftlichen Begriffe dehnen sich aus bis in die Sonntags-
blättchen hinein; und selbst derjenige, der nur aus seinem Sonntags-
blättchen heraus alles dasjenige aufnimmt, was seinen Glauben heute
ausmacht, den wirklichen und wahrhaftigen Glauben, den er seiner
Kirche oder seinem Amte gegenüber heuchelt, der ist heute infiziert
durch die Naturwissenschaft, die nur Totes liefern kann, wenn auch
dieses Tote in der geistigsten Weise betrachtet werden mag. Diese Dinge
müssen klar durchschaut werden.
Sie sehen also: Es handelt sich bei der anthroposophisch orientierten
Geisteswissenschaft wahrhaftig nicht bloß um etwas, was so die sub-
jektive Neugierde befriedigen kann, sondern um etwas, was tief einzu-
schneiden hat in unsere ganze Zeitentwickelung. Und wiederum, dieses
Eingreifen in unsere Zeitentwickelung hängt für unser Bewußtsein,
das in der Anthroposophie herangeschult werden kann, zusammen mit
der Erkenntnis dessen, was da von den Jahren 1841 bis 1879 und bis
1917 sich in der Menschheitsentwickelung übersinnlich und sinnlich,
über dem physischen Plan und auf dem physischen Plan, abgespielt hat.
Man kann diese Dinge nicht ernst genug nehmen. Denn nicht ernst ge-
nommen worden ist vieles, recht vieles in der neueren Zeit. Und darin
wird gerade die Gesundung der Menschheit bestehen müssen, daß die
Menschen sich wiederum bequemen, Empfindungen, Begriffe, Gefühle
über die Weltentwickelung aufzunehmen. Besinne man sich nur ein-
mal über diese Dinge!
Wenn Sie auf die letzten Jahrzehnte zurücksehen: was hat denn,
mit Ausnahme von einzelnen Menschen, im Grunde genommen die
tonangebende Welt mit Weltanschauungsfragen, mit großen Weltan-
schauungsfragen gemacht? Sie hat sich höchstens die naturwissenschaft-
lichen Begriffe irgendwie popularisieren lassen, hat sich von diesen
naturwissenschaftlichen Begriffen, die sie sich hat popularisieren las-
sen mit den Mitteln der neueren Zeit, allerlei möglichst illustrative
Dinge vorführen lassen. Wenn man irgendwie hat ankündigen können,
daß irgend etwas aus der Naturwissenschaft mit Lichtbildern vorge-
führt wird, so hat man damit ganz besonderes Aufsehen gemacht und
besonderen Zuspruch erfahren. Was hat denn eigentlich gerade die ton-
angebende Gesellschaftsschicht mit Weltanschauungsfragen in der neue-
ren Zeit gemacht? Man hat sich sehr interessiert, wenn irgend jemand
erzählen konnte, was er als Nordpolfahrer, was er als Brasilienfor-
scher erlebt hat. Das soll nicht getadelt werden, daß man sich dafür in-
teressiert. Wenn einer darüber spricht, daß er die Geheimnisse des Ei-
keimes des Maikäfers irgendwie hat enträtseln können, so hat man die
Notwendigkeit gefühlt, daß man als gut bürgerlich gebildeter Mensch
der neueren Zeit in solche Vorträge hineingehört, wenn man auch nach
fünf Minuten, sofern einen nicht gerade ein Lichtbild aufgeweckt hat,
in Schlummer versunken ist. Aber der wirkliche Wille, die menschliche
Idee hinaufzuheben zu einer Weltanschauung, wo ist er denn eigentlich
vorhanden? Wo er vorhanden war, das ist sehr charakteristisch, und
darüber nachzudenken ist eigentlich heute jeder gezwungen. Wo gibt
es seit Jahrzehnten die regsten Weltanschauungsdebatten, die regsten
Interessen für Weltanschauungsfragen? Da, wo die Sozialdemokraten
ihre Versammlungen hatten. Da bildete man Weltanschauungen aus.
Das weiß man nur in anderen Gesellschaftsschichten nicht, weil man
sich womöglich, so gut es geht, davor hütet, das Menschenleben wirk-
lich kennenzulernen.
Aber was bildet man bei den Sozialdemokraten für eine Weltan-
schauung aus? Eine, die nur arbeitet mit denselben Begriffen, welche
in die Maschinen hineingeheimnißt sind; eine Weltanschauung, die An-
schauungen über die Welt nur ausbildet in dem Mechanischen: histo-
rischen Materialismus, materialistische Geschichtsauffassung, materia-
listische Auffassung des menschlichen Zusammenlebens. Sie können ja
über diese Begriffe in jeder sozialistischen Zeitschrift nachlesen. Das
tun ja die meisten nicht, aber das würde, um sich zu informieren, ganz
nützlich sein. Diejenigen Menschen, die in die Maschinen hineinge-
drängt worden sind, die von morgens bis abends mit nichts anderem
zu tun haben, und die, wenn sie am Abend von den Maschinen weg-
kommen, es wieder zu tun haben mit einer gesellschaftlichen Einrich-
tung, die eigentlich ein Abbild der Maschine ist, die haben eine Welt-
anschauung, welche die Welt so ansieht, als wenn sie eine Maschine
wäre. Sie haben eine Weltanschauung ausgebildet, welche mit nichts
Individuellem rechnet, welche alles über den ausgleichenden Begriff
des Toten spannt. Man hat ein recht gutes, ein wahres Sprichwort: Der
Tod macht alles gleich - ; aber man könnte auch sagen: Eine Weltan-
schauung, welche sich nur mit dem Maschinellen, dem Toten beschäftigt,
macht auch alles gleich, löscht alles individuelle Dasein, alles Leben
aus. - So würde alles individuelle Dasein, alles Leben ausgelöscht durch
diejenige Weltanschauung, die von der Maschine her ihr Ideal nähme.
Solange die Sache nicht sengerig wurde, hat man diese Dinge träu-
mend, schlafend über sich ergehen lassen, hat sich so verhalten, daß man
alle Weltanschauungsfragen abgelehnt hat und allmählich den Zusam-
menhang verloren hat mit all den Impulsen, die das menschliche Ge-
meinschaftsleben, das menschliche Erziehungsleben in verständnisvoller
Weise durchdringen können. Und im Grunde genommen ist in der neue-
ren Zeit in Weltanschauungsfragen nur da gearbeitet worden, wo man
maschinelle Begriffe hatte. Auch die Wissenschaft gab ja nur maschinelle
Begriffe her. Wenn Sie das Buch von Theodor Ziehen, das für die mo-
derne Wissenschaft ein Musterbuch ist, nehmen und die Schlußkapitel
lesen, so werden Sie sehen, daß er ja auch zu denjenigen gehört, welche
sagen: Naturwissenschaft kann nicht zu Begriffen kommen, die Ethik,
Moral, Ästhetik hergeben; aber nachher werden doch Begriffe ausge-
bildet, welche besagen, daß alles, was nicht Naturwissenschaft ist, nur
erträumtes Zeug sei. Zwischen den Zeilen wird doch alles das, was
nicht naturwissenschaftlich ist, verleumdet. Da sagt Theodor Ziehen
am Schlüsse zwar noch gnädig: Begriffe wie Freiheit, wie Ethik, Mo-
ral und so weiter, die müssen ja von anderen Seiten kommen; nur den
Begriff der Verantwortung, den müßte eigentlich die wirkliche Wis-
senschaft ablehnen. Verantwortlich könne der Mensch ebensowenig
sein, wie irgendeine Blume für ihre Häßlichkeit verantwortlich ge-
macht werden könne. - Das ist naturwissenschaftlich absolut richtig,
wenn man einseitig auf dem Boden der Naturwissenschaft steht, wenn
man bloße Begriffe des Toten anwendet. Aber man wendet dann eben
Begriffe an, die nicht einmal zu dem Lebendigen kommen, erst recht
nicht zum Ich.
Interessant ist ja, wie Theodor Ziehen über das Ich spricht. In die-
sen Vorträgen, die nachgeschrieben und dann gedruckt worden sind,
so daß sie den Ton des Vortrages festhalten, sagt er über das Ich: Meine
Herren, es ist ein komplizierter Begriff, das Ich; wenn Sie nachdenken,
was Sie eigentlich bei dem Wörtchen «Ich» denken, auf was kommen
Sie? Zuerst auf Ihre Leiblichkeit. Nachher auf Ihre verwandtschaft-
lichen Beziehungen. Nachher auf Ihre Eigentumsbeziehungen. Dann
denken Sie an Ihren Namen und Titel - die Orden laßt er aus -, nach-
her ..., nun, an lauter solche Dinge. Und dasjenige, meint er, was man-
cher Psychologe ausgebildet hat, ist nur eine Fiktion. Ja, der Naturfor-
scher kann auch, wenn er über das Ich spricht, zu nichts anderem kom-
men als zu dem, woran eigentlich kein Mensch denkt, wenn er ernst-
haft die Sache auffaßt, wenn er das Ich ins Auge faßt. Aber es ist ernst
mit der Sache, daß dasjenige, was an Begriffen nur aus dem Toten her-
aus ausgebildet ist, auch zur Ertötung, zur Zerstörung, zur Verwüstung
des Lebens führen muß. Eine Theorie, die aus der toten Maschine her-
aus als soziale Weltanschauungstheorie gemacht worden ist, wirkt,
wenn sie ins Leben eingeführt wird, nicht aufbauend, sondern zerstö-
rend. Die Menschheit hat sich nicht entschlossen, dies zu begreifen;
sie muß es daher am Extremsten erleben. Denn, was ist geschehen? In
demjenigen Gebiete, wo einstmals Quellen ungeheurer Zukunftsim-
pulse aufgehen werden, im Osten, wirkt die Toten-Theorie, die Fort-
setzung der maschinellen Weltanschauung in sozialen Anschauungen,
im Leninismus und Trotzkismus, zerstörend.
Betrachten Sie die Sache nur ganz ernst. Derjenige, der nur das Tote
gelten läßt, auch im Menschen nur das Tote gelten läßt, mag er auch
ein so großer Gelehrter sein wie Theodor Ziehen, wenn er über das Ich,
über die Verantwortlichkeit so redet wie Theodor Ziehen, dann ist sein
richtiger gesellschaftlicher Interpret nicht er selbst - der sich das nicht
getraut - , sondern Lenin und Trotzkij sind diejenigen, die die richtige
Konsequenz ziehen für die menschliche Gesellschaft. Was Lenin und
Trotzkij ausführen, das sind die Konsequenzen desjenigen, was von
der rein naturwissenschaftlichen Weltanschauung schon gepflegt wird.
Weil diese naturwissenschaftliche Weltanschauung aber Kompromisse
schließt mit dem, was nicht Konsequenz dieser Weltanschauung ist,
nur deshalb wird sie, weil sie eben nicht die Konsequenz zieht, nicht
Leninismus und Trotzkismus.
Darauf kommt es aber auch an, daß die Dinge dem Sinne der Wirk-
lichkeit nach genommen werden. Was nicht wahr ist, das wirkt als et-
was Objektives. Gedanken sind Wirklichkeiten, sind nicht bloße Be-
griffe. Man kann nicht nur sagen: Auch wenn kein Mensch von einer
Lüge etwas weiß, so wirkt sie doch als Macht. - Das ist wahr, aber
noch etwas anderes ist wahr: Wenn eine Lüge existiert, die man nicht
als Lüge ansieht, so ändert das nichts an der Wirkung; sie wirkt in der
realen Welt als Lüge. Und sie mag noch so gut gemeint sein, sie wirkt
doch als Lüge.
Es gibt heute schon Werke - ich habe es vielleicht auch hier schon
erwähnt -, welche vom Standpunkte der richtigen gegenwärtigen Na-
turwissenschaft aus die Christus Jesus-Frage behandeln. Sehr interes-
sante Bücher, weil sie kompromißlos vorgehen. Vor allen Dingen ein
dänisches Buch. Es gibt auch andere, die wirklich aussprechen, was der
gegenwärtige Psychologe, der gegenwärtige Psychiater, der naturwis-
senschaftlich denkt, über den Christus Jesus denken muß. Was wird da
der Christus Jesus? Er wird da ein Epileptiker, ein pathologischer
Mensch, eine krankhaft veranlagte Natur. Und die Evangelien wer-
den so interpretiert, daß man in jedem Kapitel sieht: sie sind Krank-
heitsgeschichten. Das ist natürlich alles Blödsinn; aber daß es Blödsinn
ist, das zu sagen, dazu hat heute nur derjenige das Recht, der die Sache
geistig durchschaut. Derjenige, der die naturwissenschaftliche Psycho-
logie und Psychiatrie heute gelten läßt, von dessen Standpunkt aus ist
diese Christus-Lehre die richtige, weil sie da die richtige Konsequenz
zieht. Und ein Mensch, der so als heutiger Psychiater spricht, ist noch
immer ein besserer Mensch, ein wahrerer, ein ehrlicherer Mensch als
derjenige, der die heutige Psychiatrie annimmt und doch im anderen
Sinne über den Christus denkt, im Sinne jener Pastoren oder Pfarrer,
die auch die Naturwissenschaft umfänglich gelten lassen und doch die
Kompromisse schließen.
Eine Lüge wirkt, wenn sie auch noch so fromm drapiert ist, denn
sie ist eine reale Macht. Vor allen Dingen ist heute notwendig, daß man
nicht das Leben zudeckt durch Kompromisse, sondern daß man überall
dasjenige ins Auge faßt, was notwendig ist ins Auge zu fassen von be-
stimmten Voraussetzungen aus. Will heute der moderne Psychiater
nicht den Christus als Epileptiker, als Irrsinnigen ansehen, der er nach
der heutigen Psychiatrie wäre, dann muß er die Psychiatrie aufgeben,
wie sie heute ausgestaltet ist; dann muß er sich auf den Boden der Gei-
steswissenschaft stellen. Würden die Menschen heute imstande sein,
sich wirklich scharf umrissen auf die Grundlagen desjenigen zu stellen,
was erkannt werden kann, dann würden wir mit dem, was erkannt
werden kann, erst die richtigen Impulse haben für das, was weiter wir-
ken muß.
In diesen Tagen ist mir ein Zettelchen in die Hand geschoben wor-
den über ein Buch, das mir aber schon bekannt war, das ja jedenfalls
das Entsetzen der Dame - denn eine Dame wird es ja wohl sein - her-
vorgerufen hat. In dem Zettelchen wird mitgeteilt, was Alexander
Moszkowski geschrieben hat. Ich habe das Buch nicht hier, aber aus
dem Zettelchen werden Sie den Inhalt des Buches erkennen können:
«Wer jemals die Bänke eines Gymnasiums gedrückt hat, dem werden
die Stunden unvergeßlich sein, da er in Plato die Gespräche zwischen
Sokrates und seinen Freunden <genoß>, unvergeßlich wegen der fabel-
haften Langeweile, die diesen Gesprächen entströmt. Und man erinnert
sich vielleicht, daß man die Gespräche des Sokrates eigentlich herz-
haft dumm fand; aber man wagte natürlich nicht, diese Ansicht zu
äußern, denn schließlich war der Mann, um den es sich handelte, ja
Sokrates, der griechische Philosoph>. Mit dieser ganz ungerechtfertig-
ten Überschätzung des braven Atheners räumt das Buch <Sokrates -
der Idiot> von Alexander Moszkowski (Verlag Dr. Eysler & Co. Ber-
lin) gehörig auf. Der Polyhistoriker Moszkowski unternimmt in dem
kleinen, unterhaltend geschriebenen Werke nichts Geringeres, als So-
krates seiner Philosophenwürde so ziemlich vollständig zu entkleiden.
Der Titel <Sokrates - der Idiot> ist wörtlich gemeint. Man wird nicht
fehlgehen in der Annahme, daß sich an das Buch noch wissenschaftliche
Auseinandersetzungen knüpfen werden.»
Es wird natürlich der heutige Kompromißlermensch sagen: Nun,
wir haben ja zur Genüge gelernt, daß Sokrates ein großer Mensch ist,
und kein Idiot; da kommt nun Moszkowski und sagt so etwas! - Aber
heute ist es notwendig, über eine solche Sache einen ganz anderen Ge-
danken zu haben. Wer Moszkowski kennt, weiß, daß dieser Moszkow-
ski im vollsten Sinne des Wortes auf dem Boden der naturwissenschaft-
lichen Weltanschauung steht, bis zu der Quantentheorie auf diesem
Boden steht, daß er also auf dem äußersten Flügel der heutigen natur-
wissenschaftlichen Weltanschauung steht. Und gesagt werden muß,
daß dieser Moszkowski ein viel ehrlicherer Mensch ist als die anderen,
die auch glauben, auf dem Standpunkte der naturwissenschaftlichen
Weltanschauung zu stehen und doch nicht denken, sie müßten Sokra-
tes für einen Dummkopf ansehen, der gar nichts zu sagen hat zu den
für die Weltanschauung wichtigen Begriffen; die trotzdem die Kom-
promisse schließen, Sokrates als einen großen Mann hinzustellen.
Das ist es, daß sich die Dinge heute nicht zurechtrücken aus dem
einfachen Grunde, weil man nicht den Wahrheitssinn hat, überall
kompromißlos die Konsequenz ins Auge zu fassen. Und derjenige, der
Sokrates heute gelten lassen will, darf eben nicht die Voraussetzungen,
die Moszkowski macht, gelten lassen.
Aber das ist heute schwierig, ist schwierig gewesen schon seit drei
bis vier Jahrhunderten. Daher hat man die Sache gehen lassen, bis sie
sich ausgewachsen hat zu dem, was in den letzten drei bis vier Jahren
geworden ist. Die Dinge müssen angefaßt werden bei ihrem seelisch-
geistigen Grundcharakter, da wo ihre wirklich tieferen Impulse liegen.
Das muß ins Auge gefaßt werden, was heute ganz besonders notwendig
ist, ins Auge zu fassen: daß Wahrheit und Wahrheitssinn namentlich
in die Seelen der Menschen einziehe! Dann werden die Dinge, die in
das Licht dieses Wahrheitssinnes gerückt werden, die von dem Lichte
dieses Wahrheitssinnes beleuchtet werden, ihr richtiges Gesicht zeigen
können. Dann wird man genötigt sein, einfach weil man das richtige
Gesicht der Dinge sieht, zur Geisteswissenschaft zu kommen. Denn die
Gegenwart spricht viel und spricht eindringlich, und die Dinge kön-
nen gelernt werden, wie die Erziehungsfragen, die Unterrichtsfragen
heute von der Geisteswissenschaft studiert werden müssen. Wie für den
Unterricht, für die Erziehung die Frage über das verschiedene Tempo
der Kopf- und Herzensbildung wichtig ist, so gibt es viele Fragen, die
für das soziale Leben, für das historische Leben, für das juristische
Leben grundlegend, wichtig, bedeutsam sind. Wir müssen nur heraus-
kommen aus dem, in das wir uns hineingebohrt haben, aus dem furcht-
baren Autoritätsglauben gegenüber dem, was die naturwissenschaft-
liche Weltanschauung allein gibt. Das ist schon einmal notwendig für
unsere Zeit. Das, was die naturwissenschaftliche Weltanschauung
«wirklich» nennt, gibt Begriffe, die niemals hinaufreichen können in
das Gebiet des menschlichen Zusammenlebens. Unter diesem Fehler
lebt heute die Menschheit. Wenn man die Dinge tiefer betrachtet, so
sieht man dieses.
Das ist es, was ich heute zu Ihnen sagen wollte. Ziehe nun jeder
einzelne daraus den Schluß, daß es darauf ankommt, die Augen auf-
zumachen, die Dinge zu beleuchten mit dem Lichte, das wir aus dem
Lichte der Geisteswissenschaft selber finden können.
Ich habe gestern davon gesprochen, wie dasjenige, was unsere Ent-
wicklung ist, dem Orientalen erscheint. In vieler Beziehung sieht der
Orientale gerade das, was das Kompromißlerische ist, das Unkonse-
quente, mit seinem naiven, intuitiven geistigen Vermögen. Und von
hervorragenden Orientalen gibt es gerade jetzt kritische Anschau-
ungen, die bedeutsam, interessant zu verfolgen sind. Immer mehr und
mehr bilden sich im asiatischen Osten die Anschauungen aus, daß der
Orient die weitere Entwickelung der Menschheit in die Hand nehmen
müsse. Diese Anschauungen, wie würden sie zunichte werden können,
wenn mehr Sinn wäre für dasjenige, was von hier als Geisteswissen-
schaft verkündet wird! Aber dann muß dieser Sinn auch wirklich ein
lebendiger sein; man muß nicht nur etwas Interessantes an der Gei-
steswissenschaft haben wollen, an dem man sich eine innere seelische
Wollust bereitet, sondern man muß etwas haben wollen, was das ganze
Leben durchdringt. Und die Anschauung muß man haben können, daß
durch die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft die sozialen, die sittli-
chen, die Rechtsbegriffe wirklich erst ins Auge gefaßt werden können.
Dasjenige, was die Menschheit gedacht hat unter dem Einfluß der na-
turwissenschaftlichen Weltanschauung durch Jahrzehnte, das ist dem
Geiste, der in der Wirklichkeit waltet, nicht gewachsen. Nein, das ist
höchstens gewachsen jenen Anschauungen, die heute Menschen aus-
bilden, welche die ganze Welt geistig ertöten möchten, weil sie ihre
Begriffe nur von der Welt des Toten hernehmen. Künftige Zeiten, in
denen man wieder objektiver denken wird über diese Dinge, in denen
die Leidenschaften verglommen sein werden, die heute so vielfach die
Urteile lenken und leiten, künftige Zeiten - ich bin voll davon über-
zeugt, daß es so sein kann - werden sagen: Eines der wichtigsten Cha-
rakteristika des Zeitalters um 1917 herum war, daß die Weltanschau-
ung, die nur für den Kopf gedacht ist und den Menschen eigentlich
ins Greisenhafte treibt, eine schulmäßige Weltanschauung geworden
ist. - Man wird sie künftig einmal - die Zukunft wird vielleicht noch
ferne liegen - Wilsonismus nennen, anknüpfend an den großen Schul-
meister, von dem sich heute ein großer Teil der Menschheit eine so-
zialpolitische Weltanschauung einprägen lassen will. Nicht umsonst
ist die bloße Schulweisheit, die sich vom Geistigen nichts träumen läßt,
heute eine der wichtigsten politischen Potenzen in der Form des Wil-
sonismus. Das ist wichtig, es ist ein ungeheuer bedeutungsvolles Zeit-
symptom. Es ist nur nicht möglich, heute schon über diese Dinge wirk-
lich eingehend und umfassend und alles ergreifend zu sprechen. Aber
aus meinen heutigen Andeutungen werden Sie entnommen haben, wie
wichtig es eigentlich ist, zu versuchen, diese Dinge durchgreifend zu
verstehen, wie unendlich wichtig es ist, nicht nur aus Affekten, aus
Emotionen heraus, sondern aus der Erkenntnis heraus diese Dinge ins
Auge zu fassen.
Ich habe vielleicht schon einmal auch hier erwähnt, erwähne es wie-
derum, weil es wichtig ist: Jetzt ist es ja nicht schwer, über Wilson sich
auszusprechen innerhalb Mitteleuropas; aber ich kann ja hinweisen dar-
auf, wie ich in einem Zyklus, der lange vor diesen Ereignissen gehalten
worden ist, als noch die ganze Welt einschließlich Mitteleuropas Wilson
bewunderte, dazumal ihn genau ebenso charakterisiert habe wie jetzt. Es
handelt sich darum, daß man aus viel tieferen Quellen heraus an die Im-
pulse, welche die heutige Zeit beherrschen, welche die heutige Zeit auch
als Irrtümer beherrschen, herangeht. Gerade auf unserem anthropo-
sophischen Gebiete hatten unsere Freunde Gelegenheit, zu sehen, wie,
lange bevor eine äußere Nötigung vorlag, die Dinge im rechten Lichte
zu sehen, immer wieder und wiederum auf das Richtige hingewiesen
worden ist. Möge man diese Dinge in der Zukunft besser verstehen,
als man sich in der Vergangenheit entschlossen hat, sie zu verstehen!
Und das lege ich Ihnen noch besonders ans Herz: Manches, was auf
dem Gebiete unserer anthroposophischen Wissenschaft zutage tritt, es
ist noch unendlich besser zu verstehen, als man sich bisher entschlos-
sen hat, es zu verstehen. Es kann noch tiefer in die Herzen und Seelen
der Menschen dringen und zu einem intensiveren Leben erweckt wer-
den, als es bisher geschehen ist. Möge es geschehen! Denn es wird das,
was dadurch geschieht, schon mit vielem zusammenhängen, was wahr-
haftig nicht zum Unheil, sondern zum Heil der künftigen Menschheits-
entwickelung geschehen kann, was geschehen kann zur Ausbesserung
von vielem, das versäumt worden ist, und das vielleicht weiter ver-
säumt werden wird, wenn man nur auf dasjenige, was außerhalb der
Geisteswissenschaft gewonnen werden kann, hören will. Auch unter
unseren Freunden haben viele eine doppelte Buchhaltung ihres Le-
bens. Die eine haben sie in den anthroposophischen Betrachtungen und
Büchern, um für den Privatgebrauch ihres Herzens und ihrer Seele
etwas daraus zu gewinnen. Die andere Buchhaltung ist für das Leben
draußen, wo sie einzig und allein auf die naturwissenschaftliche Auto-
rität etwas geben. Man merkt es oftmals nicht, daß es so ist; es ist aber
gut, in diesen Dingen ein wenig gewissenhaft mit seiner Seele zu Rate
zu gehen, damit Einklang bestehe zwischen diesen zwei Buchhaltungen.
Das Leben des Menschen läßt sich doch nur in einerlei Sinn ver-
walten. Auch in die naturwissenschaftliche Weltanschauung muß der
Geist eindringen. Und auch das religiöse Leben muß durchdrungen
werden von demjenigen Lichte, das an der Geisteswissenschaft gewon-
nen werden kann. Fassen Sie selbst solche Dinge, wie sie heute hier ge-
sagt und gemeint waren und die scheinbar die Zeitenbetrachtungen in
übersinnliche Höhen hinaufführen, so auf, wie sie in Ihren Vorstel-
lungen lebendig ergriffen werden können. Dann werden Sie schon
sehen, daß mit anthroposophischer Bildung nicht nur Kopfbildung,
daß damit Herzensbildung für die Menschheit gegeben werden kann.
Sie ist schon Herzensbildung. Sie dient schon der ganzen Menschheit,
nicht bloß derjenigen Menschheit, die eigentlich mit siebenundzwan-
zig Jahren sterben könnte. Sie dient schon dazu, den Menschen lebens-
mutig, lebenstüchtig das ganze Leben hindurch zu machen. Greisen-
haft, nervös, unharmonisch, zerrissen wird diejenige Bildung ihn ma-
chen, welche das verschiedene Tempo von Kopf- und Herzensent-
wickelung nicht beachtet. Sehen Sie ins Leben, Sie werden dies be-
stätigt finden, denn das Leben kann ein großer Lehrmeister sein mit
Bezug auf die Bestätigung desjenigen, was anthroposophisch orientierte
Geisteswissenschaft aus den geistigen Höhen herunterholt. Nehmen
Sie alles zusammen, was gesprochen ist, vor allen Dingen, wenn es von
solchen Gesichtspunkten aus gesprochen ist wie heute, als zu Ihrem
Herzen gesprochen, meine lieben Freunde, für die Bildung unseres Her-
zens durch den Geist der Welt; und halten Sie zusammen dasjenige,
was das Band sein soll, das uns gerade als Glieder unserer Bewegung
miteinander verknüpft. So wollen wir zusammenarbeiten, und so wol-
len wir uns vornehmen, weiterzuarbeiten, jeder an seinem Platz, so gut
er es kann.
V I E R Z E H N T E R VORTRAG
Stuttgart, 23. April 1918
Ich habe hier schon aufmerksam gemacht darauf, daß man immer wie-
der und wiederum einen Einwand gegen die Beschäftigung mit geistes-
wissenschaftlichen Wahrheiten hören kann, einen Einwand übrigens,
der es von vorneherein an der Stirn trägt, daß er aus der Überbequem-
lichkeit der menschlichen Seele entspringt. Es ist der Einwand derer,
die da sagen: Ich weise es ja nicht ab, daß der Mensch, wenn er durch die
Pforte des Todes gegangen ist, in eine andere, eine geistige Welt ein-
tritt; aber wie diese geistige Welt beschaffen ist, wie es mit dieser gei-
stigen Welt steht, das will ich abwarten! Hier auf dieser Erde muß man
sich seinen materiellen Pflichten widmen, man wird dann schon sehen,
wie es in einer anderen Welt zugeht, wenn man in diese andere Welt
versetzt wird. - Es kann nicht bestritten werden, daß dieser Einwand
sehr bequem ist. Allein, ihn sorgfältig zu prüfen, das geziemt dem, der
sich für geisteswissenschaftliche Wahrheiten interessiert, denn durch
solche Prüfung kann er bestärkt werden in der Anschauung von der
Notwendigkeit, sich wirklich mit geisteswissenschaftlichen Wahrhei-
ten zu befassen. Um diese Prüfung Ihnen einmal, ich möchte sagen,
vor die Seele hinzulegen, wollen wir von einem gewissen Gesichts-
punkte aus heute wiederum die Beziehungen uns vergegenwärtigen, die
da bestehen zwischen dem Menschenleben hier und dem Menschenle-
ben, das zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verfließt.
Seien wir uns doch klar darüber, daß der Mensch, indem er hier im
physischen Leibe durch das Leben wandelt, nur einen Teil von dem,
was mit seinem Leben zusammenhängt, wirklich in das gewöhnliche
Bewußtsein aufnimmt, denn fortwährend gehen Dinge vor, welche mit
unserem Leben zusammenhängen, die aber nicht so an diesem unserem
Leben vorüberrauschen, daß wir sie uns klar und deutlich vor das ge-
wöhnliche Bewußtsein brächten. Wir bringen uns manchmal die Tat-
sachen halb und halb zum Bewußtsein, nicht aber die ganze Tragweite,
die diese Tatsachen des alltäglichen Lebens für uns haben. Denken Sie
einmal am Abend über Ihr Tagwerk nach, denken Sie vor allen Dingen
darüber nach, welche Orte - wir könnten auch etwas anderes auswäh-
len, aber wir wollen einmal dies nehmen - Sie betreten haben, und wel-
chen Menschen Sie dadurch nahegekommen sind. Das alles hat ja für
Sie eine große Bedeutung, denn Ihre unmittelbare Umgebung spiegelt
sich in Ihrer Seele. Und von vielen Dingen, die sich so spiegeln in der
Seele, kommt wirklich das allerwenigste zum deutlichen Bewußtsein
im alltäglichen Leben. Es ist doch ein großer Unterschied, ob wir, sagen
wir, heute um neun Uhr morgens in der Nähe des Stuttgarter Bahnhofes
waren, oder ob wir draußen im Wald waren, denn in beiden Fällen hat
sich etwas ganz anderes in Ihrer Seele gespiegelt; etwas ganz anderes
lebt in Ihrer Seele in beiden Fällen. Wir machen uns gewöhnlich nicht
klar, daß das eine tiefgehende Bedeutung hat. Nur aus, ich möchte
sagen, leisen Andeutungen des Lebens können wir die Bedeutung sol-
cher Sachen oftmals entnehmen. Nehmen wir nur einmal das Folgende;
Sie können es konstatieren - natürlich nicht in diesem Falle, sondern in
anderen Fällen - , wenn Sie ein wenig auf das Leben achten. Nehmen
Sie an, Sie sind heute abend hergekommen. Irgend jemand in der ersten
Sitzreihe hätte Veranlassung, den Saal, bevor ich hier zu Ende geredet
habe, zu verlassen; er steht auf, bewegt sich durch den Gang und geht
hinaus. Jemand in der dritten Sitzreihe hat ihn gesehen, aber, ich nehme
das wenigstens so an, dieser in der dritten Sitzreihe hat aufmerksam zu-
gehört — was ja auch vorkommt, nicht wahr —, und er hat an seinem
gewöhnlichen Bewußtsein diese Persönlichkeit, die da hinausgegangen
ist, eigentlich nur so halb, so ein bißchen vorübergehen lassen. Er wird
bemerken können, daß er vielleicht außerordentlich wenig träumt von
dem, was ich hier gesprochen habe. Denn wahrscheinlich würden,
wenn man darüber eine Statistik aufnehmen könnte, diejenigen der
verehrten Zuhörer, die furchtbar viel träumen von dem, was hier ge-
sprochen worden ist, doch nicht allzu zahlreich sein. Aber Sie werden
leicht sehen können - vielleicht nicht an diesem Beispiel, aber an einem
ähnlichen - , daß Sie träumen von dem, der da aufgestanden und hin-
ausgegangen ist. Das heißt: Sie werden in zahlreichen Fällen des Lebens
bemerken können, daß Sie gerade im Schlafbewußtsein auf diejenigen
Dinge zurückgreifen, die während des Tages flüchtig an Ihrem Be-
wußtsein vorübergehen.
Darauf beruht es, daß die Menschen so wenig wissen, wovon sie ge-
träumt haben. Denn das meiste von dem, was geträumt wird, ist von
solcher Art, daß es bei Tage ziemlich unvermerkt vorübergeht. Das-
jenige, was ganz klar im Bewußtsein aufgefaßt wird, von dem wird
zumeist sehr wenig geträumt. Nur dann wird davon geträumt, wenn
es verknüpft ist mit gewissen Empfindungen, gewissen Gefühlen, die
man sich auch wiederum nicht klar und deutlich zum Bewußtsein
bringt. Und beim Aufwachen erinnert sich der Mensch so wenig an die
Träume, weil er eben das, was er geträumt hat, in der vorhergehenden
Lebenszeit wenig beachtet. Es hängt das mit der geringen Erinnerungs-
fähigkeit an die Träume doch auch zusammen. Kurz, was ich sagen
will, ist dieses, daß Unzähliges an dem Menschenleben vorüberrauscht,
das nur ganz flüchtig in das Bewußtsein hereinkommt, das aber eine
große Bedeutung hat, wenn es auch im Unbewußten oder Unterbewuß-
ten bleibt, für das menschliche Seelenleben. Alles, was so, ich möchte
sagen, zwischen den Zeilen des Lebens verläuft, hat zunächst große
Bedeutung, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschrit-
ten ist.
Wir haben ja diese Zeit, die der Mensch zunächst zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt verbringt, öfter zu beschreiben gehabt
von den verschiedensten Gesichtspunkten aus. So mischt sich immer
eines in das andere hinein, und nur dadurch, daß man die verschie-
densten Gesichtspunkte wählt, kommt man zu einer gewissen Vollstän-
digkeit auf diesem Gebiet. Alles, was unvermerkt am gewöhnlichen
Bewußtsein vorübergeht, das wird dann entrollt, wenn der Mensch
durch die Pforte des Todes geschritten ist. Und ich möchte dasjenige,
was da der Mensch zunächst durch lange Zeit hindurch erlebt, nennen
das Entrollen der Bilder. Es ist im wesentlichen ein Durchmachen von
Erlebnissen des imaginativen Bewußtseins, was da der Mensch durch-
macht. Eine große, große Anzahl von Bildern wird entrollt über Le-
bensszenen, die wir uns sehr wenig zum Bewußtsein gebracht haben.
Und von dem wiederum, was wir uns hier zum Bewußtsein gebracht
haben, wird dasjenige entrollt, was hier vom Bewußtsein auch wenig
berührt worden ist. Das andere, was hier deutliches Bewußtsein war,
das tritt mehr als Erinnerung nach dem Tode auf, wie Gedächtnisbil-
der, wie Erinnerung; aber das, was hier wenig beachtet worden ist, ent-
rollt sich wie in Gegenwartsbildern.
Heute ist es mir besonders wichtig darauf hinzuweisen, daß das erste
Drittel des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt im we-
sentlichen zu tun hat mit diesem Entrollen der Bilder, im wesentlichen
zu tun hat mit einem Leben in Imaginationen. Diesen Imaginationen
können wir ja dadurch zu Hilfe kommen, daß wir eine Verbindung
herstellen zwischen uns, die wir hier übriggeblieben sind, und denen,
die als mit uns karmisch verbunden durch des Todes Pforte gegangen
sind. - Dann kommt das zweite Drittel, in dem dieses geistig-seelische
Menschenleben mehr ausgefüllt ist mit Inspirationen. Da findet das
statt, daß dem Menschen klar wird, welche Bedeutung die Bilder, die
er zuerst erlebt hat, im ganzen Weltzusammenhange haben, wie er sich
durch diese Bilder in den Weltenzusammenhang hineinstellt. Denn alles,
was der Mensch erlebt, hat Bedeutung für den Weltenzusammenhang.
Man darf nicht glauben, daß es gleichgültig ist, einen Menschen einmal
begegnet zu haben, den man vielleicht wenig beachtet hat, in seiner
Nähe gewesen zu sein. Es wird in Bildern entrollt, und das, was es im
gesamten Weltengeschehen für eine Bedeutung hat, das kommt in In-
spirationen in dem zweiten Drittel des Lebens zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt zur Offenbarung.
Im letzten Drittel ist das Leben hauptsächlich ein solches in Intui-
tionen. Da hat sich der Mensch hineinzuversetzen in dasjenige, was in
seiner geistig-seelischen Umgebung ist. Da lebt der Mensch wie unter-
getaucht mit seinem Bewußtsein in das, was in seiner geistig-seelischen
Umgebung ist. Und gerade in diesem letzten Drittel, durch dieses Un-
tertauchen, bereitet er vor das Untertauchen in den physischen Leib
nach der Geburt beziehungsweise der Empfängnis. Die Intuitionen im
letzten Drittel des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt
sind die Einleitung jener Intuition, die dann natürlich unterbewußt
oder unbewußt ist, die darin besteht, daß der Mensch in den Leib unter-
taucht, der ihm überliefert wird in der Vererbungsströmung von El-
tern, Großeltern und so weiter. Und es bleibt dem Menschen etwas,
wenn er nun aus der geistig-seelischen Welt in die physische Welt über-
getreten ist. Denken Sie, wenn Sie das ins Auge fassen, daß der Mensch
eigentlich durch lange Zeit in geistig-seelischen Intuitionen lebt, ge-
wöhnt ist, in solchen zu leben, so wird er an dieser Gewohnheit noch
etwas festhalten wollen, wenn er in den physischen Leib hineingegangen
ist. Das tut er in der Tat. Denn was ist denn - lesen Sie es nach in dem
Büchelchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Gei-
steswissenschaft» - die hauptsächliche Seelenbestrebung in den ersten
sieben Lebensjahren bis zum Zahnwechsel? Ich habe gesagt: Nach-
ahmungssucht. Das Kind versucht immer dasjenige zu tun, was in seiner
Umgebung getan wird; es geht nicht von eigenen Intentionen aus; es
versetzt sich in die Handlungen derjenigen, die in seiner Umgebung
leben und ahmt diese nach. Das ist der Nachklang der Intuitionen im
letzten Drittel des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Wir werden deshalb als nachahmende Wesen geboren, weil wir ins
physische Leben übersetzen dasjenige, was wir lange Zeit in geistig-see-
lischer Weise in der anderen Welt drüben getan haben. Und man ver-
steht das, wie der Mensch hereinwächst in dieses physische Leben, in-
dem man den Blick zurückwendet auf das, was der Mensch gewohnt
geworden ist in der geistigen Welt zu treiben.
Sie sehen hier einen Gedanken aus der Geisteswissenschaft vor Sie
hingestellt, der von solcher Art ist, wie viele kommen müssen für die
nächsten Jahrhunderte und Jahrtausende des menschlichen Geistes-
lebens. Diese Gedanken werden sich ja viel, viel ändern müssen gegen-
über dem, was bis jetzt die Menschen geistig beschäftigt hat. Bedenken
Sie, daß es seit den letzten Jahrhunderten üblich geworden ist, wenn
der Unsterblichkeitsfrage nachgedacht wird, hauptsächlich an das zu
denken, was nach dem Tode ist. Man denkt immer: Kann der Mensch
dasjenige, was er im physischen Leben entwickelt, über den Tod hin-
aus halten? - Das ist den Menschen vor allen Dingen wichtig. Diese
Unsterblichkeitsfrage ist gewiß wichtig, aber sie wird ein anderes Ge-
sicht bekommen, wenn man, ich möchte sagen, die andere Hälfte der
Unsterblichkeitsfrage ins Auge faßt, wenn man sich nicht interessieren
wird: Was schließt sich an den Tod an und wie stellt sich das als Folge
des Lebens hier auf der Erde heraus? - sondern wenn man fragen wird:
Wie schließt sich das, was wir hier im physischen Leibe erleben, an das
an, was wir vorher erlebt haben? - Für das Leben, das wir vorher er-
lebt haben, ist unser Leben hier das Jenseits. Vorzugsweise diese Rich-
tung wird der Gedanke nach dieser Seite hin empfangen. Die Menschen
werden einsehen, daß sie das Leben auf der Erde hier nur verstehen
können, wenn sie es als Fortsetzung begreifen des geistigen Lebens, aus
dem sie gekommen sind. Sie werden sich wieder zu interessieren an-
fangen für jenes Leben, das dem Erdenleben vorangegangen ist. Man
kann ja sagen, mit Ausnahme des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts
haben sich die Menschen im geistigen Leben doch noch etwas für die
Unsterblichkeitsfrage interessiert, aber sie haben sich nur interessiert
für die Unsterblichkeitsfrage, insofern das geistige Leben in der Un-
sterblichkeit eine Fortsetzung des Erdenlebens ist. Die philosophischen
Gelehrten haben es so getan, aber diese philosophischen Gelehrten wa-
ren ja im Grunde genommen, trotzdem sie behaupten, vorurteilslose
Wissenschaft zu treiben, in vieler Beziehung rechte Jammermenschen,
die, während sie glaubten vorurteilslose Wissenschaft zu treiben, doch
nichts anderes getan haben, als die Vorurteile fortzusetzen, die aus ge-
wissen Strömungen heraus gekommen sind. Bedenken Sie, daß die
Kirche zur Zeit des Origenes die Präexistenz der Seele verdammt hat,
daß sie den Origenes deshalb verdammt hat, weil er diese Präexistenz
gelehrt hat, so daß die Kirche in einer gewissen Zwangslage war: Da
war Origenes, der größte Kirchenlehrer, und es war nicht zu leugnen,
daß Origenes die Präexistenz gelehrt hat. Das ist aber in der Kirche
verboten. Da war man in einer großen Zwangslage. Man ist gewöhnt
worden, das ganze Mittelalter hindurch, von der Präexistenz nichts zu
lehren. Das haben die Professoren der Philosophie fein fortgesetzt, und
die Schriftsteller der Philosophie auch, aber sie haben geglaubt, vor-
aussetzungslos zu denken. In anderen Fragen haben sie es auch so ge-
macht, in Fragen, für die ich Beispiele ja schon hier angeführt habe.
Nun muß man sich vor allen Dingen klarmachen, daß die Richtung
der Gedanken, die Richtung des menschlichen Anschauens durch Gei-
steswissenschaft eine ernste Änderung erfahren muß. Dieses Erden-
leben wird erst mit dem rechten Werte erscheinen, wenn man sich be-
wußt werden wird, daß es eine Fortsetzung ist eines geistigen Lebens.
Und es kann nur verstanden werden, wenn es als solches aufgefaßt
wird. Dann aber wird man, wenn man die Sache so betrachtet, auch
für die andere Seite der Frage ein gesünderes Urteil gewinnen. Wenn
man sich klarer darüber wird, daß dieses Erdenleben eine Bedeutung
für das Leben im Jenseits hat, daß der Mensch im Jenseits danach strebt,
hier auf die Erde zu kommen, um dieses Erdenleben zu haben, weil er
es braucht, dann wird man viel mehr gerade aus solchen Voraussetzun-
gen heraus nach dem Werte dieses Erdenlebens fragen, als man es bis-
her getan hat.
Aber eine Sache wird Sie besonders darauf hinweisen können, wie
bedeutsam es ist, nach dem Werte dieses Erdenlebens zu fragen. Zwei
Dinge werden ja häufig nicht sehr voneinander unterschieden, näm-
lich: Der Mensch denkt - und: Der Mensch hat Gedanken. - Aber die
beiden Dinge sind wirklich sehr voneinander verschieden. Denken ist
eine Kraft, die der Mensch hat, eine Tätigkeit; und diese Tätigkeit
führt erst zu den Gedanken. Nun, die Tätigkeit des Denkens, diese
Kraft, die im Denken lebt, bringen wir uns aus dem Leben zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt in dieses Erdenleben herein. Diese
Kraft des Denkens betätigen wir an den äußeren Wahrnehmungen
durch die Sinne und machen uns die Gedanken über die Umgebung,
die wir hier haben. Aber diese Dinge in unserer Umgebung haben ja
keine Bedeutung für das Leben zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt, denn dort sind sie nichts. Sie sind nur hier für die Sinne. Des-
halb haben auch die Gedanken, die wir uns hier machen über dieje-
nigen Dinge, die vor unseren Sinnen ausgebreitet sind, keine Bedeu-
tung für das Leben nach dem Tode; aber eine Bedeutung für das Le-
ben nach dem Tode hat es, daß wir der Denkkraft überhaupt etwas
zuführen, denn diese Denkkraft, die bleibt uns für das ganze Leben
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Die Gedanken, die wir
von den sinnlichen Wahrnehmungen hinnehmen, die können uns nichts
fruchten nach dem Tode. Die dienen da nur, um Anhaltspunkte zu
haben zur Erinnerung an das Ich während des Lebens zwischen Ge-
burt und Tod.
Denken Sie sich zwei Menschen. Der eine kümmert sich gar nicht
um dasjenige, was man durch so etwas wie Geisteswissenschaft über
das Leben in den geistigen Welten erfahren kann. Er macht sich nur
Gedanken über das, was die Sinne darbieten und das, was die gewöhn-
liehe Wissenschaft lehrt; das ist aber auch nichts anderes, als was die
Sinne darbieten. Und er sagt: Ich will warten, wie es mit der geistigen
Welt steht, bis ich in sie eindringe. - Es sind das die, ich möchte sagen,
weniger Schlimmen von einem gewissen Gesichtspunkte aus, gegenüber
denjenigen, die im 19. Jahrhundert aufgetreten sind und glaubten,
mit aller Kraft der Wissenschaft überhaupt eine geistige Welt leugnen
zu müssen, nach dem Ausspruche, den der Dichter einen solchen Men-
schen tun läßt: So wahr ein Gott im Himmel ist, bin ich ein Atheist! -
Ungefähr aus solcher Gesinnung heraus war ja der Atheismus des 19.
Jahrhunderts zuweilen geboren, aus solchen «gedankenvollen Seelen-
inhalten» heraus. Aber nehmen wir einen Menschen, der sich einfach
nicht einläßt darauf, hier etwas an Gedanken sich zu bilden über die
geistigen Welten. Das wäre der eine Mensch. Der andere läßt sich dar-
auf ein, sich Gedanken zu bilden über die geistige Welt. Das sind an-
dere Gedanken als diejenigen, die man durch die Sinne aufnimmt.
Nicht wahr, daß es andere Gedanken sind, ist ja nicht zu leugnen. Denn
das zeigt sich schon darin: Die Gedanken, durch die nicht aufgenom-
men wird eine geistige Welt, die sind nach der Ansicht der meisten
heute lebenden Menschen die gescheiten Gedanken, die realen Ge-
danken; die Gedanken, welche die Geisteswissenschaft beschreibt,
sind die verrückten, die phantastischen, die tollen Gedanken und so
weiter.
Aber nehmen wir diese beiden Menschen. In welcher Lage sind diese
beiden Menschen, wenn sie durch die Pforte des Todes geschritten sind?
Derjenige, der hier keine Gedanken aufgenommen hat über die geisti-
gen Welten, der also nichts hat durch seine Seele ziehen lassen von Ge-
danken über die geistigen Welten, der ist als seelisches Wesen nach
dem Tode in derselben Lage wie einer, der einen physischen Organis-
mus hat, aber nichts zu essen, der hungern muß. Denn die Gedanken,
die wir uns hier machen über die geistigen Welten, sie sind die Nah-
rung für eine der hauptsächlichsten Kräfte, die uns bleiben nach dem
Tode: für die Denkkraft. Die Denkkraft haben wir, wie wir hier die
Hungerkraft haben, aber genährt werden kann diese Hungerkraft zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt gar nicht. Wir können zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt Imagination haben, Inspira-
tion und Intuition, aber wir können nicht Gedanken als solche haben.
Die müssen wir uns hier erwerben. Wir müssen eintreten in das Leben
zwischen Geburt und Tod, damit wir uns hier Gedanken erwerben.
Von diesen Gedanken, die wir uns hier erworben haben, zehren wir
die ganze Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und wir
hungern nach diesen Gedanken, wenn wir sie nicht haben. Das ist der
Unterschied. Ein geistiger Hungerleider zu werden, dazu ist derjenige
verurteilt, der sich hier keine Gedanken machen will über die geistigen
Welten. Und ein solcher, der sich zu sättigen und dadurch zu leben
vermag zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, ist derjenige, den
ich als zweiten angeführt habe, der sich solche Gedanken macht, wie
wir sie hier treiben. Würde daher der Materialismus einzig und allein
die Anschauung der Menschen werden, dann würden die Menschen,
wenn ich den Ausdruck brauchen darf, in der Zukunft zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt immer mehr und mehr dem geistigen Hun-
gertyphus verfallen. Die Folge davon wäre, daß sie durch die folgende
Inkarnation verkümmert hereintreten würden in die physische Welt.
Die geistige Welt würde verkümmern, und mit der geistigen Welt
würde die physische Welt verkümmern in der Zukunft, die die Mensch-
heit noch durchzumachen hat während dieser Erdenwelt. Es ist ge-
lungen, das «Nach uns die Sintflut» zu einer gewissen Gesinnung zu
machen für die ahnungslose Menschheit, die nicht weiß, worauf es an-
kommt. Dieser Ausspruch: Nach uns die Sintflut —, wenn er auch nicht
getan wird, er liegt auf dem Grunde der Seele in einer materialistischen
Zeit. Dieser Ausspruch hat gar keinen Sinn für denjenigen, der die
Wirklichkeit kennt. Denn dasjenige, was die Menschheit in der Ge-
genwart tut, ob sie die Seelen in die geistigen Welten eintauchen will
oder nicht, das ist dasjenige, was die Grundlage legt auch für die Zu-
kunft der Entwickelung. Das Heil der Erde selber hängt davon ab,
daß die Menschheit in der Gegenwart nicht davon abläßt, sich Ge-
danken zu machen über die geistigen Welten. Diejenigen, die in der
Gegenwart leben, müßten dieses immer mehr und mehr einsehen. Denn
daß der Gang der Menschheitsentwickelung geistig begriffen werde,
davon hängt ungeheuer viel ab.
Wir haben versucht,' wichtige Begriffe zu entwickeln über die gei-
stigen Welten, denn schließlich ragen ja die geistigen Welten in unsere
physische Welt herein, und man kann auch die physische Welt nicht
verstehen, wenn man nicht die geistigen Welten versteht. Und wir
haben die mannigfaltigsten Begriffe entwickelt. Nun, ein wirklich
denkender Mensch wird schon dazu kommen, gerade das für die Wirk-
lichkeit bedeutsame Moment dieses geisteswissenschaftlichen Denkens
einzusehen. Man kann einfach die gesamte Wirklichkeit nicht verste-
hen, wenn man nur naturwissenschaftlich denken will, wie man auch
das materielle Dasein nicht verstehen kann, wenn man nur naturwis-
senschaftlich und nicht geisteswissenschaftlich denkt. Ich will Ihnen
dafür ein sehr paradoxes, ein sonderbares Beispiel sagen.
Ich glaube, ich habe ja auch hier vor einiger Zeit hervorgehoben,
daß etwa vor anderthalb Jahren ein recht bedeutsames dickes Buch
erschienen ist von einem ausgezeichneten Naturforscher der Gegen-
wart, von Oscar Hertwig, einem Haeckel-Schüler, «Das Werden der
Organismen; eine Widerlegung der Darwinschen Zufallstheorie». Das
ist ein ausgezeichnetes Buch, das ganz auf der Höhe der naturwissen-
schaftlichen Forschung der Gegenwart steht. Und ich habe viele Ge-
legenheiten ergriffen, in der letzten Zeit, um da und dort das Bedeut-
same, das Tonangebende darin hervorzuheben. Denn auch kulturhisto-
risch ist es ein merkwürdiges Buch. Sie wissen, daß im Jahre 1869
Eduard von Hartmann aufgetreten ist mit seiner «Philosophie des Un-
bewußten», damals in der Blütezeit des Darwinismus, der seine mate-
rialistische Deutung damals gefunden hat. Eduard von Hartmann hat
sich dagegen gewendet. Da haben die Naturforscher geschrien: Nun,
es ist ein dilettantischer Philosoph, der von Geist redet und der nichts
versteht von Naturwissenschaft! - Die Sache kam so, wie ich es ja
schon öfter beschrieben habe. Es erschien eines Tages ein Buch, von
dem sogar der Haeckel-Schüler Oskar Schmidt schrieb: Da ist einmal
einer aufgetreten, der versteht etwas von Naturwissenschaft. Der hat
es dem Hartmann einmal gegeben! Wir selber könnten es nicht besser
sagen; er nenne sich uns, und wir werden ihn als einen der unsrigen
begrüßen! - Sie haben furchtbar Reklame gemacht. Eine zweite Auf-
lage wurde notwendig. Da nannte sich der Verfasser: es war Eduard
von Hartmann! Da haben sie aufgehört, dafür Reklame zu machen.
Es mußte einmal eine solche Abfuhr geschehen, um den Leuten zu zei-
gen, daß diejenigen, die vom Geiste reden, noch immer so gescheit sind
wie diejenigen, die den Geist leugnen. Eduard von Hartmann hat noch
verschiedenes geschrieben und hingewiesen darauf, wie einseitig der
Darwinismus denkt. Er hat damit nicht viel Anklang gefunden. Aber
man kann sagen: Nach ruhiger, gut geschulter Forschung ist gerade
ein Mann wie Oscar Hertwig dazu gekommen, nun so zu denken, wie
Eduard von Hartmann schon 1869 gesprochen hat. Er zitiert ihn so-
gar in seinem Werke häufig. Und es ist alles in mustergültiger Weise
aufgebaut in diesem Buch «Das Werden der Organismen». Man kann
da tatsächlich einmal ein Musterbeispiel studieren einer Sache, die aus
der naturwissenschaftlichen Methode der Gegenwart herauswachsen
konnte, herausgewachsen ist.
Nun sehen Sie, vor einigen Wochen ist von demselben Manne eine
Art Fortsetzung dieses Buches erschienen: «Zur Abwehr des sozialen,
des ethischen und des politischen Darwinismus.» Man kann sich kaum
ein dümmeres Buch denken als dieses, das Oscar Hertwig seinem ersten,
epochemachenden Werk hat folgen lassen. Man kann sich nichts Un-
genügenderes, nichts Blechigeres denken als dieses Buch. Sie sehen,
auf dem Boden unserer Geisteswissenschaft ist es schon notwendig,
einiges an Autoritätslosigkeit sich anzuerziehen, denn wenn unsere lie-
ben Freunde, nachdem ich das wirklich epochemachende Buch in alle
Himmel gehoben habe und es auch immer tun werde, jetzt auf die
Autorität hin das zweite Buch kaufen und sich sagen würden: Also
müssen wir das als etwas Großes ansehen - , so werden sie sich sehr
täuschen. Dasjenige, wozu uns Geisteswissenschaft dient, das ist: uns
wirklich ein freies Urteil anzueignen; nach jeder Richtung und in jedem
Augenblick bereit zu sein, frei den Erscheinungen gegenüberzustehen,
die uns entgegenkommen. Autoritätsglauben kann selbst bis in diese
Ecken hinein innerhalb des geisteswissenschaftlichen Strebens durch-
aus nicht irgendwie gepflegt werden, sonst kommt nicht Geisteswissen-
schaft, sondern eine Karikatur der Geisteswissenschaft heraus. Woher
rührt das, was ich geschildert habe? Das rührt davon her, daß man
heute ein großer, epochemachender Naturforscher sein kann, das heißt
in der Lage sein kann, alles, was das materielle Geschehen und seine
Erscheinungen betrifft, nach den Methoden des 19. und 20. Jahrhun-
derts zu entwickeln; sobald man dann aber anfängt nachzudenken über
dasjenige, was in der Menschensphäre liegt, was im Menschen lebt,
wenn die Menschen sozial zueinander stehen, wenn sie ethisch-sittlich
miteinander leben, wenn sie politisch sich entwickeln wollen, politische
Ideen entwickeln wollen, in dem Augenblick, wo man anfängt über
diejenigen Dinge nachzudenken, in die das geistige Element hinein-
spielt, kann man, trotzdem man ein genialer Naturforscher ist, ein ab-
solut dummer Kopf sein, denn da dient einem die Naturwissenschaft
eben gar nicht. Und gerade ein solches literarisches Beispiel ist in un-
serer Zeit aufgetreten, um dieses, was man ja einsehen kann aus der
Geisteswissenschaft heraus, auch wirklich zu erhärten; wirklich in der
Realität hinzustellen. Denn man lese dieses zweite Buch von Oscar
Hertwig, und man wird bemerken, daß man eigentlich keinen einzigen
Gedanken findet über das, was sich auf das soziale, das ethische, das
politische Leben bezieht, wie es sich ja ganz gut gehört in der Gegen-
wart, denn die Gegenwart ist eben wirklich nicht gerade allzu reich an
fruchtbaren sozialen, ethischen und namentlich politischen Ideen. Aber
das rührt auch wiederum davon her, daß eben das rein naturwissen-
schaftliche Denken völlig überschätzt worden ist. Und dabei liegt bei
Oscar Hertwig der beste Wille vor; er möchte dieses naturwissenschaft-
liche Denken wegbringen von dem sozialen, ethischen und politischen
Denken. Da er aber über das letztere gar nichts hat, nützt es nichts,
wenn er das andere abwehrt. In diesem Buche finden sich die kurio-
sesten geistigen Purzelbäume. Ich will nur auf eines aufmerksam ma-
chen, immer unter der Voraussetzung, daß das erste Buch, das ich an-
geführt habe, ein ausgezeichnetes ist.
Die Menschen bemerken es nicht: Oscar Hertwig ist eine Autorität;
unsere Zeit ist nicht autoritätsgläubig, aber sie fällt auf jede Autorität
herein, die ihr offiziell hingestellt wird. Da lassen sich die Leute be-
lehren; manches fällt ihnen gar nicht auf. Aber Oscar Hertwig will in
dem zweiten Buche dem Menschen klarmachen, was man tun muß, um
richtig naturwissenschaftlich zu denken. Er kann es, aber er versteht
nicht, was es ist. Man kann es ja auch instinktiv. Die Methoden sind
großartig; man braucht nur dazu erzogen zu sein, braucht nicht in Ge-
danken entwickeln zu müssen, was man tut. Daher kommt Oscar Hert-
wig zu folgendem sonderbarem Denken. Er spricht darüber, wie man
eigentlich naturwissenschaftlich forschen soll, um die Dinge in der
Umgebung zu erkennen. Da sagt er: Das große Vorbild für das phy-
sikalische, chemische und biologische Denken haben die Astronomen
geliefert, und es käme darauf an, daß die Menschen lernen, über phy-
sikalische, chemische und eigentliche Lebenserscheinungen so zu den-
ken, wie die Astronomen über die Himmelserscheinungen denken. -
Es ist sehr suggestiv, wenn man dann sagt: Ahmt die Größe des Den-
kens bei Kepler, bei Kopernikus, bei Newton nach, um die Erschei-
nungen, die um euch herum sind, zu verstehen! - Aber denken Sie
einmal, was dahinter steckt! Die Erscheinungen des Lebens, die physi-
kalischen, die chemischen Erscheinungen, die Lebenserscheinungen sind
um uns herum; die Tatsachen sind uns ganz nahe, und wir stoßen fort-
während darauf. Und nun sollen wir Wissenschaft erhalten dadurch,
daß wir uns auf die Tatsachen richten, die uns so fern wie möglich lie-
gen; also, weil wir den Tatsachen der Himmelserscheinungen so fern wie
möglich stehen, sollen wir uns davon die Kenntnisse ausbilden für dasje-
nige, was uns tatsächlich umgibt. Man kann sich keinen tolleren Gedan-
ken bilden als so etwas. Aber Tausende und Tausende von Menschen le-
sen über eine solche Tollheit hinweg und ahnen nichts davon, daß solche
Tollheiten das ganze Denken der Gegenwart korrumpieren, daß, wenn
es sich hineinfrißt, es die Menschen wirklichkeitsfremd und immer
wirklichkeitsfremder machen muß. Da kann man dann auch nicht in
irgendeine soziale oder ethische oder politische Struktur hineinschauen,
wenn man von solchem Denken und solchen Sätzen ausgeht. Es gehört
schon mit zu den Aufgaben unserer Geisteswissenschaft, mit klaren
Blicken dasjenige zu durchschauen, was im sogenannten Geistesleben
der Gegenwart ist.
Ich sagte, wir haben uns damit befassen müssen, auf die geistigen
Kräfte hinzuweisen, die ja in die gewöhnliche physische Welt hinein-
ragen. Und wir haben immer wieder und wiederum davon gesprochen,
daß der Mensch gewissermaßen in drei Kraftströmungen darinnensteht
mit seinem Leben, in der luziferischen, in der ahrimanischen und in
derjenigen, welche die eigentlich der Menschheitsentwickelung ange-
messene ist. Ich habe ja auch Öfter darauf hingewiesen, daß man nicht
sagen darf: Ich meide das luziferische, ich meide das ahrimanische —
wenn man es meidet, wird man erst recht hineintauchen, sondern man
muß sich darüber klar sein, muß das Drinnenstehen des Menschen in
diesen drei Strömungen wirklich studieren, kennenlernen. Das Wissen
von Luzifer und Ahriman muß man in das Leben hineinnehmen.
Nun war gerade vieles in der sozialen, der historischen Struktur der
Menschheit in den letzten Jahrhunderten oder Jahrtausenden sehr stark
unter luziferischen Impulsen, die aus dem Menschen herauskamen.
Man könnte vieles, vieles anführen, was unter luziferischen Impulsen
stand, aber ich will nur eines anführen, bei dem ja jeder das luziferische
sogleich durchschauen wird.
Nicht wahr, eine große Rolle in der Art und Weise, wie die Men-
schen sich hinstellen auf die verschiedenen Pole ihres Lebens, die ver-
schiedenen Standpunkte des Lebens, spielt der Ehrgeiz, die Eitelkeit.
Es hätte ja mancher niemals diesen oder jenen Posten angestrebt, wenn
nicht die soziale Struktur Veranlassung gewesen wäre, daß diese Eitel-
keit nach der einen oder anderen Richtung aufgestachelt wird. Alles
Titelwesen, alles Rangwesen und Ordenswesen ruht ja schließlich auf
dem luziferischen Element. Und versuchen Sie nur einmal, sich un-
befangen darüber Gedanken zu machen, wieviel in dem, wie die Men-
schen im Leben stehen, rein dadurch bewirkt worden ist, daß sie streb-
ten nach diesen Fischangeln des Ehrgeizes, nach diesen Ködern. Ver-
suchen Sie einmal zu bedenken, wie die Menschen, der eine über den
anderen, der eine unter den anderen gestellt werden; wie die sozialen
Einrichtungen mit diesem Ehrgeiz rechnen. Versuchen Sie sich klar-
zumachen, wie das die soziale Struktur aufgebaut hat. Auf diesem Ge-
biet hat Luzifer eine außerordentlich große Rolle gespielt.
Betrachten wir eine andere Erscheinung, die jetzt anfängt geübt
und bewundert zu werden. Und hier, innerhalb der geisteswissenschaft-
lichen Arbeit ist die Stätte, solche Dinge in ordentlicher Art sachgemäß,
wirklichkeitsgemäß ins Auge zu fassen. Achten Sie unter den verschie-
denen jetzt in der Gegenwart beliebt werdenden Dingen auf manches,
so werden Sie unter diesem Manchen das finden, was man jetzt die
«Begabtenprüfungen» nennt. Begabtenprüfungen dienen dazu, aus der
Reihe der Kinder und jungen Leute die begabten auszusondern. Es
droht der wahre Götzendienst mit diesen Begabtenprüfungen entwik-
kelt zu werden. Wie macht man das? Man hat geschulte Psychologen,
die zwar nichts von der Seele verstehen, die aber die Psychologie um
so besser verstehen; Psychologen, die nach den Methoden der Gegen-
wart ausgebildet sind, und die befähigt sind, dadurch aus einer Reihe
von jungen Leuten oder Kindern die begabten auszusuchen, damit der
rechte Mann später am rechten Platz stehen kann, selbstverständlich.
Man ködert nun weniger, glaubt man, in der Zukunft mit dem Ehrgeiz,
mit der Eitelkeit, aber man macht Begabtenprüfungen. Diese Begabten-
prüfungen beziehen sich auf die Schnelligkeit des Auffassens, auf das
Gedächtnis. Es werden sinnlose Wörter hingeschrieben, und derjenige,
der sie schneller behalten kann, hat ein besseres Gedächtnis als derje-
nige, welcher sie weniger schnell behalten kann. Intelligenzprüfungen
macht man. Ein Wort, ein zweites, ein drittes Wort, die keinen Zusam-
menhang haben, gibt man, und dann läßt man die Schüler einen Zusam-
menhang finden. Also man schreibt zum Beispiel auf: «Räuber» und
«Spiegel» und sagt: Nun denke du dir einmal etwas zwischen Räuber
und Spiegel. - Der eine denkt nun: Der Räuber sieht sich im Spiegel. -
Der andere denkt: Ich habe einen Spiegel in meinem Zimmer, ein Räu-
ber schleicht sich herein, und ich sehe dies im Spiegel. - Der letztere hat
komplizierter gedacht, der ist also begabter. Dann wird die Sache noch
statistisch gemacht, und es werden diejenigen ausgefischt, welche am
allerintelligentesten sind; die werden dann als diejenigen genommen,
welche als die richtigen Menschen an den richtigen Platz gestellt
werden.
Sehen Sie, derjenige, welcher von solchen Voraussetzungen aus,
wie sie jetzt hier gemacht werden, gegen diese großartige Errungen-
schaft der Gegenwart etwas einwendet, der gilt doch als ganz plumper
Narr, der nichts weiß von alledem, um was es sich handelt.
Nun, rücken wir einmal diese ganze Sache in unsere Erkenntnis
herein. Was prüft man denn, indem man so den Menschen prüft? Nichts
prüft man, was mit seiner Seele wirklich zu tun hat. Man braucht sich
ja nur eines zu überlegen: daß wahrscheinlich die bedeutendsten Men-
schen der Vergangenheit, die das Höchste geleistet haben, nach sol-
chen Prüfungen als die unbegabten hätten gelten müssen. Denken Sie
sich sogar den von den heutigen Menschen als Zelebrität angesehenen
Helmholtz; wenn er so einer Begabtenprüfung unterzogen worden
wäre, würde er ganz sicher nicht auf den Posten gekommen sein, auf
dem er später gestanden hat. Mit der Entwickelung der Seelenfähig-
keiten der menschlichen Individualität haben diese Begabtenprüfungen
gar nichts zu tun, wohl aber mit der Summe der ahrimanischen Kräfte,
die im Menschen liegen. Man prüft nicht den Menschen, sondern das,
was als ahrimanische Kräfte in ihm steckt, indem man diese Prüfung
macht. Und so, wie man bisher mit luziferischen Kräften gerechnet
hat, so beginnt man jetzt auf ahrimanische Kräfte zu zählen und eine
soziale Struktur zu begründen, die rein auf Ahrimanischem aufgebaut
ist. Allerdings werden solche Dinge nur diejenigen durchschauen kön-
nen, die wirklich auf geisteswissenschaftliche Inhalte eingehen, die die
Welt werden geistig durchschauen wollen. Denn das, was ich Ihnen
jetzt erzählt habe von den Begabtenprüfungen, das wird von einer
großen Anzahl von Leuten und ihrem journalistischen Nachläufertum
geradezu als eine der bedeutsamsten Errungenschaften der Gegenwart
hingestellt, so hingestellt, daß sich auf Grundlage dieser Prüfung die
soziale Struktur der Zukunft aufbauen kann. Und das Publikum, das
ja nicht autoritätsgläubig ist, dieses arme Publikum hat gar nicht die
Möglichkeit nachzudenken über das, um was es sich bei einer solchen
Sache eigentlich handelt. Es hat nicht die Möglichkeit, sich klare Be-
griffe über eine solche Sache zu bilden. Das ist es aber, worauf es an-
kommt.
Wenn Sie sich heute aus mancherlei von dem, was wir auf unsere
Seele haben wirken lassen, Begriffe davon bilden, was zunächst zu ge-
schehen hat für die Menschheit, was im Sinne des geistigen Entwicke-
lungsstromes zu geschehen hat, dann fragen Sie das Richtige. Dann
werden Sie aber bemüht sein, die menschlichen Individualitäten zu
erfassen, um ihnen dasjenige, wofür Interesse sein muß, beizubringen.
Da werden Sie nicht dazu kommen, die ahrimanischen Fähigkeiten zu
prüfen, denn diese ahrimanischen Fähigkeiten werden ja dahin führen,
daß die Menschheit vollständig nur noch als eine Summe von Ma-
schinen behandelt würde. Man prüft ja nur den Geist in der äußeren
Leiblichkeit. Man prüft den Menschen nur, sofern er Maschine ist,
wenn man ihn dieser Begabtenprüfung unterzieht. Und man stellt eine
soziale Auslese her, die nur die besten Arten der physischen Maschine
zu Leitern der Menschheit macht. Man reflektiert nirgends auf das-
jenige, was im Grunde der Seele ruht, und was bei solchen Prüfungen
niemals an die Oberfläche kommen kann. Aber ich werfe niemandem
vor, wenn er heute geradezu götzendienerisch solchen Dingen nach-
läuft, denn derjenige, der sich gar nicht mit Geisteswissenschaft befaßt,
kann ja nichts anderes tun, als sich dem Urteil hinzugeben, das sei
das Gescheiteste, was man in der Gegenwart machen kann. Aber die-
ses führt allmählich ganz weg von der realen menschlichen Leben-
digkeit, von der menschlichen Wirklichkeit. Es führt in abstrakte Ge-
biete, in dasjenige, was im Menschenleben tot ist und nur von der Gei-
stigkeit des Ahriman beherrscht wird. Man muß schon den vollen
Ernst solcher Sachen durchschauen, wie die Menschen abgezogen wer-
den von dem Wirklichen. Und das ist etwas, was einem in der Gegen-
wart mit besonderer Intensität entgegentritt: das Abgezogenwerden
der Menschen von der Wirklichkeit. Wer nämlich keinen Sinn hat für
die geistige Wirklichkeit, der verliert nach und nach auch den Sinn
für die gewöhnliche äußere Wirklichkeit, die ihn alltäglich umgibt,
wenn er nicht durch seinen Beruf oder anderes gezwungen wird, die
Wirklichkeit zu beachten.
Ich will Ihnen auch dafür ein Beispiel geben: Da ist etwas sehr Nied-
liches in den letzten Tagen passiert. In einer sehr gelesenen Zeitung er-
scheint ein Artikel von Fritz Mauthner, dem Kritiker der Sprache. In
diesem Artikel schimpft dieser Fritz Mauthner, der ein außerordent-
lich gescheiter Mensch ist, über ein Büchelchen, das in der Sammlung
«Aus Natur und Geisteswelt» erschienen ist, und das in einer ganz im
Sinne der gegenwärtigen materialistischen Wissenschaft gehaltenen
Weise entwickelt - und zwar so, wie es ein heutiger Universitätspro-
fessor macht - , wie die astrologischen Vorstellungen sind, die sich so
ergeben haben. Am Schlüsse entwickelt der Betreffende das Horoskop
von Goethe und setzt dabei auseinander, daß man an diesem zeigen
könne, wie die Dinge in Goethes Leben verlaufen sind. Aber eigent-
lich macht sich der gute Professor nur lustig über diejenigen, die auf
Horoskope etwas geben. Er will sie hinstellen als etwas, was so oder so
gedeutet werden kann. Fritz Mauthner schimpft und schimpft durch
drei Spalten des «Berliner Tageblattes» hindurch. Man konnte nicht
verstehen, warum er denn eigentlich schimpft. Es bestand nicht die
geringste Veranlassung zu schimpfen. Er hat eigentlich die gleiche
Meinung wie der, der das Büchelchen geschrieben hat, beide betrachten
die Astrologie von demselben Standpunkte aus. Und sehr bald hat
auch das Tageblatt eine Berichtigung des Verfassers gebracht, worin
dieser sagt, er verstehe Mauthner nicht, er habe zwar nicht auf jeder
dritten Zeile ausdrücklich gesagt: Ich schimpfe auf Astrologie - , aber
er habe eigentlich nicht mehr Interesse an der Astrologie als Fritz
Mauthner auch; er sei ganz einverstanden mit ihm. Das «Berliner
Tageblatt» - Zeitungen sind sehr gescheit - setzt hinzu, daß es keine
Veranlassung habe, sich des Verfassers anzunehmen und etwa Fritz
Mauthner Mißverständnisse vorzuwerfen. Fritz Mauthner war näm-
lich langjähriger Theaterkritiker des «Berliner Tageblattes» und
schreibt jetzt eine Art Theaterbriefe für diese Zeitung.
Fritz Mauthner seinerseits sagt, er habe auch nichts zu sagen zu die-
ser Antikritik des Autors. Man stand vor der sonderbaren Tatsache,
daß da zwei Leute eigentlich ganz miteinander einverstanden sind,
aber der eine haut auf den anderen drauf. Fritz Mauthner wird also
schon wild, wenn er nur etwas hört von Astrologie, oder wenn einer
von Horoskop etwas schreibt. Es wäre sonst nicht denkbar, daß er
diesen Artikel geschrieben hätte. Er schreibt so, als wenn der andere
der furchtbarste Astrologe wäre, der den Leuten die Gültigkeit des
Goetheschen Horoskopes an den Kopf werfen wollte. Da haben Sie
also ein Beispiel, wie zwei Leute sich gegenseitig bekämpfen, der eine
freiwillig, der Fritz Mauthner, der andere notgedrungen, weil Fritz
Mauthner ihn zuerst angegriffen hat, zwei Leute, zwischen denen nicht
die geringste Differenz ist. Wie kann das sein? So etwas kann doch nur
dann eintreten, wenn zwei überhaupt mit der selbst engbegrenzten
Wirklichkeit, um die es sich handelt, nichts zu tun haben, wenn beide
aus etwas anderem heraus leben als aus der Wirklichkeit. Das glori-
oseste Beispiel, daß man heute redet und redet, und sehr gescheit re-
det - Fritz Mauthner ist ein sehr gescheiter Mensch - , aber hinter dem
Gerede steckt gar nichts. Es ist nicht die geringste Veranlassung dazu,
daß man so redet.
Da haben Sie ein Beispiel für ein ganz logisches Aufbauen von Ge-
danken, die überhaupt gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben.
Dahin kommen Gedanken, die sich abgewöhnen, mit der geistigen
Wirklichkeit etwas zu tun zu haben, denn dann verliert der Gedanke
allmählich überhaupt seine Beziehungen zur Wirklichkeit. Das ist wich-
tig, so etwas einzusehen. Das ist auch der furchtbare Ernst der Sache.
Denn schließlich, ob der Fritz Mauthner und der Heidelberger Profes-
sor aufeinander loshacken und ihre Worte überhaupt keine Bedeutung
haben, weil keine Realität dahinter steckt, oder ob es zwei Politiker
sind, von denen der eine in Amerika und der andere in Europa redet,
und die vielleicht auch einmal einig reden, trotzdem sie total verschie-
den sind, darauf kommt es nicht an. Wenn alle Leute, die so reden,
absolut fremd sind der Wirklichkeit, nichts zu tun haben mit dem, was
real in den Dingen lebt, dann kommt eben dieses der Wirklichkeit Ent-
fremdetwerden, das breitet sich dann aus. Es hat sich ausgebreitet.
Denn das ist nur ein groteskes Beispiel, das ich angeführt habe, dieses
Beispiel von Fritz Mauthner und dem Professor Boll. Aber das ist über-
all vorhanden. So wird es heute überhaupt gemacht. Und wozu führt es?
Zum Streit führt es. Einig kann man verhältnismäßig leicht sein, wenn
man sich mit der Wirklichkeit befaßt; wenn man aber so zur Wirklich-
keit steht, führt das zum Streit. Nach und nach werden die Menschen
einsehen, wieviel von unseren katastrophalen Ereignissen mit dieser
Grundstimmung der Gegenwart zusammenhängt, was das für eine ernste
Sache ist. Denn gehen Sie einmal hinaus — es handelt sich um eine der
gelesensten Zeitungen in Deutschland - , fragen Sie bei den zahlreichen
Lesern, ob sie überhaupt auf das Groteske kommen, auf das Paradoxe,
das da zutage tritt! Das geht alles an den Menschen vorüber. Aber an
den Ereignissen geht es nicht vorüber; da hat es seine bitterbösen Wir-
kungen. Denn dasjenige, was da gemacht wird, ist ja nichts anderes
als der Mißbrauch menschlicher Geisteskraft. Denken Sie, wenn diese
Geisteskräfte, die da für nichts verbraucht werden, weil sie wirklich-
keitsfremd sind, in richtigem Sinne angewendet würden, dann würde
die Wirklichkeit gefördert, dann würde das in der normalen Strömung
drinnen stehen; so aber kommt es Ahriman zugute. Wirklichkeitsfremd
ist es für die mittlere Strömung, aber es geschieht, es rutscht in eine
Sphäre, und das ist es, worauf es ankommt. Das ist der Ernst der Sache.
Es geht nicht wie null vorüber, sondern es rutscht in eine andere
Sphäre und schafft Tatsachen. Tatsachen schafft es, die nicht den
wahren Verhältnissen entsprechen. Denn, schon äußerlich, rein ratio-
nalistisch, rein denkerisch läßt sich ja ausmalen, wie das Tatsachen
schafft.
Nicht wahr, unsere Zeit ist ja nicht autoritätsgläubig. Die Leute
prüfen alles, und das Beste behalten sie! Dennoch kommt es natürlich
vor, daß Menschen autoritätsgläubig sind. Ein Mensch wie Fritz
Mauthner hat unzählige Anhänger, die aufs Wort glauben, was er
sagt. Die werden natürlich durch solch einen Artikel beeindruckt. Den-
ken Sie, wie viele Gedanken angeregt werden durch solch einen Artikel.
Die werden alle mit hineingezogen in die ahrimanische Sphäre, in der
der Artikel fließt. Die Sache ist unwirklich, und die Dinge werden in
eine Unwirklichkeit dadurch gestoßen. Das ist es, worauf es ankommt.
Was man möchte mit solchen Dingen, meine lieben Freunde, ist dies:
auf den ungeheuren Ernst, der hinter solchen Betrachtungen steht, im-
mer wieder und wieder hinzuweisen. Denn es ist schon so: Dasjenige,
was ich in einzelnen Fällen charakterisierte, Sie treffen es heute auf
Schritt und Tritt. Wir sind in der Zeit, in der wir nur das Richtige wir-
ken, wenn wir uns dazu entschließen, unbedingt klar zu sehen, vorur-
teilslos, unbefangen zu sehen, dem Leben uns unbefangen gegenüberzu-
stellen. Das ist unsere Aufgabe. Und dazu soll eben Geisteswissenschaft
führen dadurch, daß sie in einer richtigen Weise die Brücke baut zwi-
schen dem menschlichen Innenleben und der Wirklichkeit. Denn in die-
ser Beziehung leben die Menschen in den fürchterlichsten Nebeldünsten.
Man kann gar nicht sagen, wenn man sich darauf einläßt, was da zutage
tritt, wie die Menschen in dieser Beziehung heute in Nebeldünsten
leben. Es muß so sein, denn die Menschen müssen lernen, sich auf sich
selbst zu stellen. Die Menschen müssen lernen, sich durch sich selbst
Klarheit zu schaffen, nicht auf Autorität hin Klarheit zu bekommen.
Das muß eine der besten, eine der wichtigsten Errungenschaften der
geisteswissenschaftlichen Beschäftigungen für die einzelne Menschen-
seele werden, ein freies, klares, unbefangenes Urteil zu gewinnen über
dasjenige, was das Leben ringsherum bietet; sich abgewöhnen dasje-
nige, was heute im Grunde genommen die ganze Menschheit beherrscht:
das Schlafen gegenüber den Ereignissen. Die Menschen verschlafen das-
jenige, was sie vor Augen haben. Und sie in Nebeldünste einzuhüllen
ist ja gerade das Bestreben derjenigen, die einseitig mit allerlei monisti-
schen oder «naturwissenschaftlich fundierten» - wie sie sagen - Ideen
kommen, die aber doch nichts weiter sind als Materialisten. Denn die
prätendieren, behaupten ja, daß sie gerade die Brücke zur Wirklichkeit
bauen. Sie führen von der Wirklichkeit hinweg. Sagen Sie dem Oscar
Hertwig, daß er auf unreale Art die Dinge betrachte, er wird Sie aus-
lachen, und er kann gar nicht einsehen, daß er das tut. Aber als Geistes-
wissenschafter müssen Sie etwas wie einen Stich bekommen, wenn Sie
lesen, es sollen die nächsten Tatsachen des Lebens nach dem Muster
der Himmelserscheinungen betrachtet werden, wo einem die Tatsachen
so ferne wie möglich liegen. So durch das Leben hindurch zu gehen: auf
das zu achten, was wir nicht in Büchern, sondern was wir vom Morgen
bis zum Abend vor unserer Nase erleben - selbstverständlich nicht,
wenn wir unter Anthroposophen sind - , das bietet lauter solche Dinge,
die wir unbefangen heute beachten müssen. Denn die Menschheit steht
an einem bedeutungsvollen Wendepunkte. Und was ich sagte, ist ja
nicht eine Kritik der Zeit, sondern nur eine Betonung desjenigen, was
notwendig ist, indem man sagt: Dieses ist so. - Es ist gut, daß es so ge-
kommen ist, denn dadurch sind die Menschen aufgerufen, sich auf ihre
eigenen Füße zu stellen, selbständig zu werden. Die Gottheit hat sich
nicht die Aufgabe gesetzt, die Menschen als unselbständige geistig-see-
lische Automaten durch die Entwicklung zu führen, deshalb mußte
sie sie auch in Lagen kommen lassen, wie die jetzige ist. Weise und gut
ist es, aber es muß auch in der richtigen Weise erkannt und danach ge-
handelt werden.
Diese Gesinnung hervorgehen zu lassen aus den tiefsten Impulsen
unseres Wesens als den innersten Stachel unserer Kraft für das Leben,
das muß eines der Ergebnisse unserer geisteswissenschaftlichen Be-
schäftigung werden. Dann begründen wir vielleicht nicht ein wollüsti-
ges, behagliches Schwelgen in weltfremden Ideen, was so gut tut, wenn
man das Leben verschlafen will; aber man begründet jenen echten Got-
tesdienst des Lebens, der die göttlich-geistigen Kräfte, die die Grund-
lage aller Wirklichkeit sind, durch das für diese Erde bedeutsamste
Instrument hinführt zur Verwirklichung dieses Göttlich-Geistigen in
diesem Erdenleben.
Davon dann das nächste Mal.
FÜNFZEHNTER VORTRAG
Daß ich heute spreche, das ist durch eine Fragestellung der vorange-
henden historischen Seminarstunde gefordert. Diese Fragestellung geht
nach der Schuldfrage an der letzten Kriegskatastrophe, und es liegt ja
gewiß da eine so wichtige, und man kann schon heute sagen, auch durch-
aus historisch wichtige Sache vor, daß die Beantwortung dieser Frage,
soweit sie in einem so engen Rahmen in einer kurzen Zeit möglich ist,
Ihnen nicht vorenthalten werden darf.
Ich möchte nur einige Bemerkungen voranschicken, damit Sie über
den Sinn, aus dem heraus ich über diese Frage sprechen will, unter-
richtet sind. Ich habe mit den Anschauungen, die ich mir bilden mußte
über das Thema dieser heutigen Auseinandersetzungen, niemals zu-
rückgehalten in Vorträgen, die ich im Goetheanum in Dornach ge-
halten habe, und ich habe da niemals ein Hehl daraus gemacht, daß
mir diese Anschauungen als diejenigen erscheinen, welche vor der gan-
zen Welt vor allen Dingen ausgesprochen werden müßten. Ich bin
nicht der Ansicht, daß in dieser wichtigen Frage die Sachen heute so
liegen, daß man immer wieder und wiederum sagen soll, man müsse
das objektive Urteil erst der Geschichte überlassen, man werde erst in
einer zukünftigen Zeit ein objektives Urteil über diese Angelegenheit
sich bilden können. Es wird im Laufe der Zeit, namentlich durch die
fortwirkenden Vorurteile, ebenso viel verloren werden an Möglich-
keiten, ein gesundes Urteil über diese Frage zu gewinnen, wie etwa
vielleicht durch das eine oder andere gewonnen werden könnte. Ich
sage ausdrücklich «vielleicht»; denn ich selbst glaube gar nicht, daß
man in dieser Frage in der Zukunft wird ein besseres Urteil gewinnen
können als schon in der Gegenwart.
Das ist das erste, was ich sagen möchte. Ich muß es aus folgendem
Grunde sagen: Wie Sie ja wissen, gehen jene Angriffe - ich möchte sie
mit keinem Epitheton jetzt bezeichnen —, die sich gerade auf die kul-
turpolitische Seite meiner Wirksamkeit beziehen innerhalb der Gren-
zen Deutschlands, hauptsächlich von derjenigen Seite aus, die man die
«alldeutsche» nennen kann, und ich muß natürlich gewärtig sein, daß
auf dieser Seite alles, was ich irgendwie vorbringe, in der wildesten
Weise ausgedeutet wird. Aber auf der anderen Seite glaube ich es nicht
nötig zu haben, nach dieser Richtung hin besondere Worte zur Ver-
teidigung zu sagen, denn die albernen Anschuldigungen, daß irgend
etwas gegen das Deutschtum geschehe, richten sich ja selbst durch die
Tatsache, daß schon während des Krieges hingestellt worden ist in die
nordwestlichste Ecke der Schweiz das Goetheanum, also ein Wahr-
zeichen für dasjenige, was nicht etwa bloß innerhalb Deutschlands,
sondern vor der ganzen Welt durch das deutsche Geistesleben geleistet
werden soll. Wenn man in einer solchen Weise Zeugnis abgelegt hat
für dasjenige, was das Deutschtum ist, so, denke ich, hat man nicht
nötig, viele Worte zu machen, um böswillige Anschuldigungen in
irgendeiner Weise zu widerlegen.
Was ich weiter zu sagen habe, ist dies, daß ich mich immer bemüht
habe, die Urteile derer, die hören, was ich nach dieser Richtung sage,
nicht in irgendeiner Weise zu beeinflussen, und ich möchte, soweit das
geht - selbstverständlich geht es ja nur in beschränktem Maße, wenn
man sich kurz zu fassen hat - , das auch heute möglichst einhalten. Ich
habe bei allem, was ich gesagt habe, im Auge gehabt, durch die Auf-
zählung dieser oder jener Tatsachen, dieser oder jener Momente, für
jeden Grundlagen zu geben zur Bildung eines eigenen Urteils. Und so,
wie ich es im ganzen Umfang der Geisteswissenschaft mache, daß ich
niemals ein Urteil vorausnehme, sondern nur die Materialien zur Bil-
dung eines Urteiles herbeizutragen versuche, so möchte ich es auch in
diesen auf die historische Außenwelt bezüglichen Dingen tun.
Nun, ich bemerke jetzt zur Sache selber: Mir scheint, daß die Dis-
kussionen, die heute über die Schuldfrage angestellt werden, sich mehr
oder weniger alle überall in der Welt im Grunde auf unmögliche Vor-
aussetzungen stützen. Ich glaube meinerseits, daß man mit diesen selben
Voraussetzungen, wenn man sie nur in der einen und anderen Art an-
wendet, ruhig beweisen kann, daß die gesamte Schuld am Kriege der
etwas merkwürdige Nikita, der König von Montenegro, trägt. Ich
glaube, daß man mit diesen Argumenten schließlich auch sogar den
Beweis führen kann, daß Helfferich ein außerordentlich weiser Mann
ist, oder daß sich der ehemals dicke Herr Erzberger während des
Krieges nicht in einer merkwürdig lebendigen Weise durch alle mög-
lichen Untergründe und Keller des europäischen Wollens durchge-
schlängelt hat. Kurz, ich glaube, daß man mit diesen Argumenten
außerordentlich wenig anfangen kann. Dagegen glaube ich, daß es
durchaus richtig ist, was der gegenwärtige deutsche Außenminister
Simons in seiner Stuttgarter Rede neulich gesagt hat; daß es nötig ist,
die Schuldfrage ernsthaft zu behandeln. Nur habe ich die dieses er-
gänzende Ansicht, daß das nun wirklich auch geschehen sollte. Denn
daß man betont, die Sache sei notwendig, damit hat man noch nicht
getan, was zu geschehen hat, sondern es ist eben notwendig, daß es
geschieht. Und daß es nötig ist, die Schuldfrage zu behandeln, das
geht ja daraus hervor, daß gewissermaßen an die Spitze dieser letzten,
unglückseligen Londoner Verhandlungen gestellt worden ist von dem
durchtriebensten Staatsmann der Gegenwart, Lloyd Georgey der - wie
soll man es nur nennen, man ist in Verlegenheit, über dasjenige, was
gegenwärtig da figuriert, zutreffende Worte zu finden - , der Satz:
Alles, was wir verhandeln, geht davon aus, daß für die Entente-Ver-
bündeten die Schuldfrage entschieden ist.
Nun, wenn alles das, was wir verhandeln können, überhaupt unter
dem Aspekt geschieht, daß die Schuldfrage entschieden sei, dann han-
delt es sich, wenn sie nicht entschieden ist, erst recht darum, beim An-
fang die Verhandlungen damit zu beginnen, daß man ernsthaft die
Schuldfrage aufwirft und sie in ernsthafter Weise behandelt. Es muß
durchaus betont werden, daß im Grunde genommen wirklichkeitsge-
mäß bis jetzt nichts anderes geschehen ist, in bezug auf diese Schuld-
frage, als ein sehr merkwürdiger Entscheid der Siegermächte. Dieser
Entscheid begründet sich, ganz nach den Regeln des heutigen Weltge-
schehens, nicht auf eine objektive Beurteilung der Tatsachen, sondern
einfach auf ein Diktat der Sieger. Die Sieger haben nötig, um ihren
Sieg in entsprechender Weise auszunützen, der Welt zu diktieren, die
andere Seite sei schuld am Kriege. Man kann ja den Sieg nicht aus-
nützen, wie man es auf Seiten der Entente möchte, wie man ihn sogar -
das kann ja zugestanden werden - von jenem Standpunkt aus aus-
nützen muß, wenn man nicht dem anderen die volle Schuld aufhalst.
Sie werden leicht einsehen, daß man so, wie man da handelt, nicht
handeln könnte, wenn man sagen würde: Ja, die Leute sind ja eigent-
lich gar nicht so zu beurteilen, wie es, sagen wir, während der Kriegs-
katastrophe geschehen ist.
Also es handelt sich darum - denn alles andere ist nur Literatur ge-
blieben oder nicht einmal Literatur geworden - , daß vorläufig für die
Schuldfrage nichts anderes getan worden ist, als daß ein Siegerdiktat
erflossen ist. Und daß auf unbegreifliche Weise das geschehen ist, was
im Grunde doch niemals hätte geschehen dürfen, daß dieses Sieger-
diktat unterschrieben worden ist, damit ist eine Tatsache geschaffen,
die man nicht genug bedauern kann. Denn man kann nicht sagen:
Diese Unterschrift hat gegeben werden müssen, um das Unglück nicht
noch größer zu machen. - Derjenige, der in die wirklichen Ereignisse
hineinsieht, weiß, daß man doch durchkommt durch die gegenwärtige
Weltsituation nur mit der Wahrheit und mit dem Willen zur vollen
Wahrheit. Mag auch vielleicht das, was zunächst durch das Bedürfnis
fließt, zu tragischen Situationen führen, man kommt heute doch mit
nichts anderem durch. Die Zeiten sind zu ernst, sie rufen zu große
Entscheidungen hervor, als daß sie anders gelöst werden können als
mit dem vollen Willen zur Wahrheit.
Ich möchte betonen: Da ich in der kurzen Zeit, die mir zur Ver-
fügung steht, nicht in der Lage bin, die Sache so zu geben, daß aus dem
Inhalt meiner Sätze voll dasjenige, was ich sage, auch beweiskräftig
erscheinen könnte, werde ich wenigstens in der Art, in der ich mich
bemühe, die Dinge darzustellen, im Nuancieren, in der Weise, wie die
Dinge gegeben werden, versuchen, Ihnen eine Grundlage zur Bildung
eines Urteils auf diesem Gebiet zu geben. Nun, ich habe durch wirk-
lich langjährige Erfahrungen, durch ein sorgfältiges Beobachten des-
sen, was im weltgeschichtlichen Werden sich vollzieht, herausbekom-
men, wie vor allen Dingen bei dem angelsächsischen Volk und insbe-
sondere bei gewissen Menschengruppen innerhalb dieses angelsächsi-
schen Volkes eine in einem gewissen Sinne durchaus weltgeschichtlich
großzügig gehaltene politische Anschauung besteht. Bei gewissen Hin-
termännern, wenn ich sie so nennen darf, der angelsächsischen Politik
besteht eine politische Anschauung, die ich in zwei Hauptsätzen zu-
sammenfassen mochte: Erstens besteht die Ansicht - und es ist eine
größere Anzahl von Persönlichkeiten, welche hinter den eigentlichen
äußeren Politikern, die zuweilen Strohmänner sind, stehen, durchdrun-
gen von dieser Ansicht - , daß der angelsächsischen Rasse durch ge-
wisse Weltentwickelungskräfte die Mission zufallen müsse, für die
Gegenwart und die Zukunft vieler Jahrhunderte eine Weltherrschaft,
eine wirkliche Weltherrschaft auszuüben. Es ist dieses festgewurzelt in
diesen Persönlichkeiten, wenn es auch, ich möchte sagen, auf materia-
listische Art und in materialistischen Vorstellungen von dem Welten-
wirken festgewurzelt ist, es ist aber so festgewurzelt in denjenigen, die
die wahren Führer der angelsächsischen Rasse sind, daß man es ver-
gleichen kann mit den inneren Impulsen, welche einstmals das alt-
jüdische Volk von seiner Weltmission hatte. Das altjüdische Volk stellte
sich allerdings die Sache mehr moralisch, mehr theologisch vor; aber
die Intensität des Vorstellens ist keine andere bei den eigentlich Füh-
renden der angelsächsischen Rasse wie bei dem altjüdischen Volk. Wir
haben es also in erster Linie mit diesem Grundsatz, den Sie verfolgen
können auch äußerlich, zu tun und mit der besonderen Art der Le-
bensauffassung, wie sie bei dem angelsächsischen Volk, bei seinen re-
präsentativen Männern gerade, vorhanden ist. Es herrscht die Ansicht,
daß dann, wenn so etwas vorliege, alles getan werden müsse, was im
Sinne eines solchen Weltimpulses liege, daß man vor nichts zurück-
schrecken dürfe, was im Sinne eines solchen Weltimpulses liegt. Dieser
Impuls wird in einer, man muß schon sagen, intellektualistisch außer-
ordentlich großartigen Weise hineingetragen in die Gemüter derer, die
dann in den mehr unteren Stellungen - wozu aber immer noch die-
jenigen der Staatssekretäre gehören - das politische Leben führen. Ich
glaube, wer die eben angeführte Tatsache nicht kennt, der kann un-
möglich den Gang der Weltentwickelung in der neueren Zeit ver-
stehen.
Das zweite, worauf sich diese ja für Mitteleuropa so traurige und
verderbliche Weltpolitik richtet, ist das Folgende. Man ist weitsichtig.
Diese Politik ist vom Gesichtspunkt des Angelsachsentums aus eben
großzügig, ist durchsetzt von dem Glauben, daß Weltimpulse die Welt
regieren und nicht die kleinen praktischen Impulse, von denen sich oft-
mals mit Überhebung diese oder jene Politiker leiten lassen. Diese
Politik des Angelsachsentums ist in diesem Sinne eine großzügige; sie
rechnet auch in einzelnen praktischen Maßnahmen mit dem weltge-
schichtlichen Impuls. Das zweite ist dies: Man weiß, daß die soziale
Frage ein weltgeschichtlicher Impuls ist, der unbedingt sich ausleben
muß. Es gibt keinen der Führenden unter den angelsächsischen Per-
sönlichkeiten, die in Betracht kommen, der nicht mit einem, ich möchte
sagen, außerordentlich kalten, nüchternen Blick sich sagte: Die soziale
Frage muß sich ausleben. - Aber er sagt sich dazu: Sie darf sich nicht
so ausleben, daß die westliche, die angelsächsische Mission dadurch
Schaden erleiden könnte. Er sagt da fast wörtlich, und diese Worte
sind oft gesprochen worden: Die westliche Welt ist nicht dazu ange-
tan, daß man sie ruinieren lasse durch sozialistische Experimente. Dazu
ist die östliche Welt angetan. - Und er ist dann von der Absicht beseelt,
diese östliche, namentlich die russische Welt, zum Felde sozialistischer
Experimente zu machen.
Dasjenige, was ich Ihnen jetzt sage, ist eine Anschauung, die ich
konstatieren konnte - vielleicht geht sie noch weiter zurück, das weiß
ich vorderhand nicht - bis in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts
zurück. Mit kaltem Blicke wußte man im angelsächsischen Volke, daß
sich die soziale Frage ausleben müsse, daß man durch diese das An-
gelsachsentum nicht ruinieren lassen wolle, daß daher Rußland wer-
den müsse das Experimentierland für sozialistische Versuche. Und
nach dieser Richtung hin wurde in der Politik tendiert, es wurde mit
aller Klarheit nach dieser Politik hin tendiert. Und namentlich alle
Balkanfragen, einschließlich derjenigen, durch die man im Berliner
Vertrag den ahnungslosen Mitteleuropäern Bosnien und die Herze-
gowina zugeschanzt hat, alle diese Fragen wurden schon unter diesem
Gesichtspunkte behandelt. Die ganze Behandlung des türkischen Pro-
blems von Seiten der angelsächsischen Welt steht unter diesem Gesichts-
punkt, und man hoffte, daß die sozialistischen Experimente, dadurch
daß sie sich so abspielen, wie sie sich abspielen müssen, wenn die in die
Irre gehende Proletarierwelt sich nach marxistischen oder ähnlichen
Prinzipien richtet, daß dann diese sozialistischen Experimente auch
für die Welt der Arbeiter eine deutliche Lehre sein werden in ihrem
Ausgehen, in der Nichtigkeit, in der Zerstörung eine deutliche Lehre
sein werden, daß man es so auch nicht machen könne. Man wird also
die westliche Welt dadurch schützen, daß man im Osten zeigen wird,
was der Sozialismus anrichtet, wenn er sich so verbreiten kann, wie
man es für die westliche Welt nicht will.
Sie sehen, diese Dinge, von denen es durchaus auch möglich sein
wird, sie vollhistorisch zu begründen, sind das, was seit Jahrzehnten
der europäischen Situation, der Weltsituation überhaupt zugrunde
liegt. Und aus diesen Dingen geht dann, ich möchte sagen, das hervor,
was eine mehr nun schon gegen die physische Welt zu gelegene Ebene
des weltgeschichtlichen Geschehens zeigt. Wir brauchen nur ganz auf-
merksam dasjenige zu lesen, was der Phantast Woodrow Wilson, der
aber doch im gegenwärtigen Sinne ein guter Historiker ist, in seinen
verschiedenen Reden durch seine Worte hindurchscheinen läßt. Aber
wir brauchen das nur, um ein Symptom für das zu haben, was ich
sagen will. Durch die ganze neuere Geschichte herauf hat sich ergeben,
daß der Orient, wenn man das auch gewöhnlich nicht bemerkt, eine
Art von Diskussionsproblem für die ganze europäische Zivilisation ist.
Es bleibt dem objektiven Beobachter doch nichts anderes übrig, als sich
zu sagen: Durch die weltgeschichtlichen Ereignisse der neueren Zeit
ist England begünstigt worden in einer gewissen Inaugurierung der
Ihnen charakterisierten Mission. Das geht weit zurück, zurück bis zu
der Auffindung der Möglichkeit, auf dem Seewege nach Indien zu
kommen. Von diesem Ereignis aus geht eigentlich im Grunde genom-
men auf verschiedenen Umwegen die ganze Konfiguration der neueren
englischen Politik, und da haben Sie - wenn ich Ihnen das kurz sche-
matisch andeuten darf; was ich jetzt sage, müßte man natürlich in
vielen Stunden auseinandersetzen, ich kann aber in dieser Fragenbe-
antwortung die Sache nur andeuten - , da haben Sie das, was ich den
Zug der von der englischen Mission getragenen Weltströmung nennen
möchte, da haben Sie es so: sie geht von England aus durch den Ozean
hindurch um Afrika herum nach Indien. An dieser Linie ist ungeheuer
viel zu lernen. Diese Linie ist diejenige, um welche die angelsächsische
Weltmission in Wahrheit kämpft und kämpfen wird bis aufs Messer,
auch wenn es nötig ist, gegen Amerika bis aufs Messer kämpfen wird.
Die andere Linie, die ebenso wichtig ist, das ist diese, die den Landweg
darstellt, welche im Mittelalter eine große Rolle spielte, aber durch die
Entdeckung Amerikas und durch den Einfall der Türken in Europa
für die neueren Wirtschaftsentwickelungen eine Unmöglichkeit gewor-
den ist. Aber zwischen diesen beiden Linien liegt der Balkan, und die
angelsächsische Politik geht darauf hin, das Balkanprobiem so zu be-
handeln, daß diese Linie völlig ausgeschaltet wird in bezug auf die
Wirtschaftsentwickelung, daß allein die Seelinie sich entwickeln kann.
Wer sehen will, kann das, was ich eben jetzt angedeutet habe, in all
dem sehen, was sich abgespielt hat vom Jahre 1900 und schon früher
bis zu den Balkankriegen, die dem sogenannten Weltkrieg unmittel-
bar vorangegangen sind, und bis zum Jahre 1914.
Ein anderes liegt da noch vor, das Verhältnis von England zu Ruß-
land. Diese Linie interessiert selbstverständlich Rußland gar nicht;
aber Rußland interessiert sein eigenes Verhalten zu dieser Linie. Eng-
land hat ja, wie Sie bereits gesehen haben, mit Rußland etwas Beson-
deres vor, das sozialistische Experiment, und es muß daher seine ganze
Politik daraufhin anlegen, daß auf der einen Seite diese Wirtschafts-
linie zustande komme, und auf der anderen Seite Rußland so einge-
engt und eingedämmt werde, daß es zu den sozialistischen Experimen-
ten eben den Boden hergeben könne. Das war im Grunde genommen
dennoch die Weltsituation. Alles dasjenige, was getan worden ist bis
zum Jahre 1914 auf dem Gebiete der Weltpolitik, steht unter dem Ein-
fluß dieser Welttendenz. Wie gesagt, es gehörten viele Stunden dazu,
um das im einzelnen auszuführen; ich wollte es aber hier zunächst we-
nigstens andeuten.
Dasjenige, was nun dem gegenübersteht, und was ich durchleuch-
ten ließ, als ich im Jahre 1919 meinen Aufruf «An das deutsche Volk
und die Kulturwelt» schrieb, das ist die andere Tatsache, daß man
sich leider immer in Mitteleuropa verschlossen hat dagegen, daran zu
glauben, daß man eine politische Einstellung gewinnen müsse unter
dem Gesichtspunkt solcher großzügigen historischen Impulse. Man
konnte es innerhalb Europas, innerhalb des Kontinentes leider nicht
dazu bringen, daß sich irgend jemand eingelassen hätte darauf, die
Maßregeln, die getroffen wurden, unter dem Gesichtswinkel zu be-
trachten, daß man es mit solch großzügigen Tendenzen zu tun hatte.
Sehen Sie, da kommen dann die Leute und sagen: Du mußt praktische
Politik machen! Der Politiker muß ein Praktiker sein! - Nun lassen
Sie mich durch ein Beispiel klarmachen, was eigentlich die Praktik
solcher Leute bedeutet. Es gibt zahlreiche Leute, die sagen: Das ist
alles Humbug, was da die Stuttgarter machen mit ihrer Dreigliederung,
mit ihrem «Kommenden Tag» und so weiter. Das ist alles unpraktisch,
das sind unpraktische Idealisten! - Nun, stellen Sie diese Leute jetzt
vor Ihre Seele hin und denken Sie, wie es hoffentlich sein wird, es
kämen die Jahre, wo wir - wenn ich mich so ausdrücken darf - Glück
gehabt haben, wo wir etwas geleistet haben, errungen haben, was in
der Welt dasteht. Dann werden Sie sehen, daß dieselben Leute, die jetzt
sagen: Das alles ist unpraktisches Zeug —, dann kommen und sich an-
stellen lassen wollen, daß sie ihre praktischen Kenntnisse dann aus-
nützen wollen, um mit all ihrer Redekraft und Tätigkeit das zu ver-
breiten, was sie vorher als das unpraktische Zeug ausgeschrien haben.
Dann wird die Sache plötzlich als praktisch angesehen. Das ist der
einzige Gesichtspunkt, den diese Leute für ihre Praxis haben. Worum
es sich dabei immer handelt, ist dies: man muß einsehen, daß die Dinge
an ihrem Ursprung betrachtet werden müssen und daß dasjenige, was
die «praktischen» Unpraktiker «unpraktisch» nennen, etwas ist, was
oftmals gerade als ihrer Praktik zugrunde liegend gesucht wird. Sie
wollen sich nur in die Dinge nicht versetzen, und dadurch sind sie zu-
nächst unbrauchbar für dasjenige, was in Wirklichkeit geschieht.
Solch eine Praxis ungefähr war auch diejenige, die von den Poli-
tikern Europas befolgt worden ist. Das kann schon nicht anders gesagt
werden. Und es handelt sich durchaus darum, einzusehen, daß die
Nichtigkeit, das Ankommen auf dem Nullpunkt in bezug auf diese
Politik ein tragisches Verhältnis Mitteleuropas war, als die Dinge sich
zur Entscheidung drängten. Das, um was es sich da handelt, ist also, daß
man auch einsehen muß: Unbedingt notwendig ist es, daß wir in Mittel-
europa dazu kommen, uns auf die Höhe eines großzügigen, vom Geist
getragenen politischen Gesichtspunktes zu erheben. Ohne das können
wir durchaus aus den Wirren der Gegenwart nicht herauskommen.
Entschließen wir uns nicht dazu, dann kommt immer nur das zu-
Stande, was wir jetzt sich abspielen sehen. Ich bin der Ansicht, daß die
politischen Probleme, die heute noch immer unter dem Einfluß der
alten Maximen behandelt werden, so verknäuelt und so verworren sind,
daß sie zunächst eben aus diesen alten Impulsen heraus überhaupt nicht
gelöst werden können. Und nehmen wir an, die Entente-Staatsmänner
hätten sich zusammengesetzt - ich sage Ihnen das als etwas, was ich
mir als ehrliche Ansicht gebildet habe - und hätten, meinetwillen so-
gar unter der Führung von Lloyd George, diejenigen Friedensforderun-
gen ausgeheckt, die sie vor der Londoner Konferenz in die Welt hin-
ausgesetzt haben; aber nehmen wir an, sie hätten dann durch irgend-
ein Ereignis die Ausarbeitungen dieser Friedensforderungen verloren
und sie hätten sogar vergessen, wie diese Friedensforderungen gewesen
waren - natürlich ist das eine unmögliche Hypothese, aber ich will da-
durch etwas ausdrücken - , und nun nehmen wir an, Simons hätte dieses
Elaborat zugestellt erhalten und hätte von seiner Seite aus diese selben
Forderungen gestellt, ganz wörtlich gestellt sogar, ich bin überzeugt,
sie wären zurückgewiesen worden mit derselben Entrüstung, mit der
die Angebote Simons auf der Londoner Konferenz zurückgewiesen
worden sind. Denn es handelt sich nicht um lösbare Probleme, sondern
darum, daß man herumredet über Probleme, die zunächst unlösbar
sind von diesem Gesichtspunkte aus. Das ist das, was durchaus für den-
jenigen, der die Wahrheit sucht auf diesem Gebiete, eben ausgesprochen
werden muß.
Nun, jetzt gehen wir noch, ich mochte sagen, um eine Schichte tie-
fer gegen die rein physischen Ereignisse herunter. Sie wissen, den äuße-
ren Anfang hat die Kriegskatastrophe genommen mit dem serbischen
Ultimatum. Über die Veranlassung desselben, über all dasjenige, was
vorangegangen ist diesem Ultimatum, habe ich ja so oft gesprochen,
und es wird Ihnen möglich sein, sich über diese Dinge zu informieren,
so daß ich eben heute durchaus mehr kursorisch reden darf. Es ging
aus von dem österreichischen Ultimatum an Serbien der ganze Kreis,
der ganze Zirkel von Verwicklungen. Nun, derjenige, der die öster-
reichische Politik kennt, der namentlich die historische Entwickelung
dieser österreichischen Politik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun-
derts kennt, der weiß, daß dieses österreichisch-serbische Ultimatum
zwar ein kriegerisches Vabanquespiel war, daß es aber, nachdem man
die Politik, die getrieben worden ist, gemacht hatte, dann eine histo-
rische Notwendigkeit war. Man kann nicht etwas anderes sagen als
dieses: Die österreichische Politik spielte sich auf einem Territorium
ab, in dem es einfach von den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
an unmöglich war, mit den alten Regierungsprinzipien fortzuwursteln,
und daß man fortwurstelte, das ist nicht ein von mir erfundener Aus-
druck, das hat der Graf Taaffe, dessen Namen man in Österreich oft-
mals geschrieben hat «Ta-affe», im Parlament ja selbst gesagt. Er hat
gesagt: Wir können nichts anderes machen, als fortwursteln.
Nun, die Notwendigkeit lag eben vor, gerade aus den komplizierten
österreichischen Verhältnissen heraus, überzugehen zu einer klaren Ein-
sicht in die Frage: Wie hat irgendeine Assoziation von Volkstümern
dasjenige zu studieren, was geistige Angelegenheiten sind -, und in einem
Assoziationsstaate, wie es der österreichische war, lag durchaus in den
nationalen Fragen so etwas vor wie die Ausflüsse des geistigen Lebens.
Diese Frage hat die österreichische Politik nicht einmal ordentlich an-
zuschauen begonnen, geschweige denn in Wirklichkeit studiert. Und
wenn ich Überschau halte mit einem gewissen Willen, die Dinge zu
wägen, sie nicht nach Leidenschaften bloß zu gruppieren oder aus der
äußeren Geschichte herzunehmen, so erscheinen mir doch in der Vor-
geschichte des serbischen Ultimatums andere Dinge ausschlaggebender
noch als das, wozu sich dann die Ereignisse zusammengeballt haben,
als die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand.
Ich sehe da hin zum Beispiel auf den Umstand, daß sich vom Herbste
des Jahres 1911 in das Jahr 1912 hinein wirtschaftliche Debatten im
österreichischen Parlament abgespielt haben, die ja bis auf die Straße
hinaus bedeutsam geworden sind, und die immer an die dazumal in
Österreich bestehenden Verhältnisse anknüpften. Auf der einen Seite
wurde dazumal eine ganze Anzahl von Betrieben stillgelegt aus dem
Grunde, weil die ganze österreichische Politik so in die Enge getrie-
ben war, daß sie sich nicht auskannte und in fruchtloser Weise ver-
suchte, neue Absatzmärkte zu finden, aber diese nicht finden konnte.
Das führte dann im Jahre 1912 zur Stillegung zahlreicher Betriebe
und dazu, daß die Preise ungeheuer stiegen. Teuerungsunruhen, die bis
zum Revolutionären gingen, entstanden dazumal in Wien und in an-
deren Gegenden Österreichs, und die Teuerungsdebatten, an denen der
verstorbene Abgeordnete Adler einen so großen Anteil nahm im öster-
reichischen Parlament, führten dazu, daß von der Galerie aus auf den
Justizminister fünf Schüsse abgegeben wurden. Diese waren das Si-
gnal; so läßt sich in Österreich nicht weiter fortwirtschaften, so läßt
sich das wirtschaftliche Leben nicht aufrechterhalten. Was hat der
Zwischenminister Gautscb dazumal als einen Hauptinhalt seiner Rede
gefunden? Er sagte, daß man sich mit aller Energie, das heißt mit den
alten administrativen Maßregeln Österreichs, dafür einsetzen müsse,
daß die Agitation gegen die Teuerung verschwinde. Das bezeugt Ihnen
die Stimmung nach der anderen Seite hin.
Das geistige Leben spielte sich in den nationalen Kämpfen ab. Das
wirtschaftliche Leben war in eine Sackgasse getrieben - das können Sie
in allen Einzelheiten studieren - , aber niemand hatte Herz und Sinn
dafür, daß es notwendig sei, die Bedingungen der weiteren Entwicke-
lung des geistigen Lebens und des wirtschaftlichen Lebens abgesondert
von den alten Staatsansichten, die gerade in Österreich sich in ihrer
Nullität zeigten, zu studieren. In Österreich zeigte sich die Notwendig-
keit, das Studium der weltgeschichtlichen Angelegenheiten so in An-
griff zu nehmen, daß die Sache hinarbeitete auf eine Dreigliederung des
sozialen Organismus. Das geht einfach aus solchen Tatsachen hervor,
wie ich sie jetzt geschildert habe. Daran wollte niemand denken, und
weil niemand daran denken wollte, deshalb spielten sich die Dinge
so ab. Sehen Sie, dasjenige, was sich in den achtziger Jahren des vo-
rigen Jahrhunderts, im Beginne derselben, unter dem Einfluß der Wir-
kungen des Berliner Kongresses abspielte in Österreich, man braucht
es nur mit ein paar Strichen zu beleuchten und man wird sehen, welche
Kräfte da spielten. In Österreich waren die Verhältnisse schon im Be-
ginne der achtziger Jahre so weit gediehen, ja sogar noch früher, daß
der polnische Abgeordnete Otto Hausner im öffentlichen Parlamente
die Worte aussprach: Wenn man so fortarbeitet in der österreichi-
schen Politik, so werden wir in drei Jahren überhaupt kein Parlament
mehr haben, sondern etwas ganz anderes. - Er meinte das staatliche
Chaos. Nun natürlich, man übertreibt in solchen Auseinandersetzun-
gen, man macht Hyperbeln. Es kam nicht in drei Jahren schon, es kam
aber in einigen Jahrzehnten, was er für die Zukunft der nächsten drei
Jahre prophezeit hatte.
Ich könnte Unzähliges anführen gerade aus den Parlamentsdebat-
ten Österreichs um die Wende der siebziger und achtziger Jahre, wor-
aus Ihnen hervorgehen würde, wie man in Österreich sah, daß auch das
Agrarproblem in furchtbarer Weise heraufrückte. Ich erinnere mich
zum Beispiel sehr gut, wie dazumal anschließend an die Rechtferti-
gung des Baues der Arlbergbahn es ausgesprochen wurde von einzel-
nen Politikern der verschiedensten Schattierungen, daß man den Bau
dieser Bahn in Angriff nehmen müsse, weil sich zeige, daß es einfach
nicht mehr gehe, agrarisch richtig fortzuarbeiten, wenn in derselben
Weise wie früher von Westen her die ungeheure Influenz mit land-
wirtschaftlichen Produkten so weiterginge. Selbstverständlich war das
Problem nicht in der richtigen Weise angefaßt, aber es war eine rich-
tige Prophetie gesprochen. Und alle diese Dinge-man könnte Hunderte
anführen - würden zeigen, wie Österreich zuletzt, im Jahre 1914, so
weit war, daß es sich sagen mußte: Entweder können wir nicht mehr
weiter, wir müssen als Staat abdanken, wir müssen sagen, wir sind
hilflos! — oder wir müssen durch ein Vabanquespiel, durch irgend etwas,
was einer Oberschichte Prestige schafft, irgendwie aus der Sache her-
auskommen. — Wer überhaupt auf dem Standpunkte stand, Österreich
solle weiterbestehen — und ich möchte wissen, wie ein österreichischer
Staatsmann hätte ein Staatsmann bleiben können, wenn er nicht diesen
Standpunkt gehabt hätte -, selbst wenn er ein solcher Tropf war wie
Graf Berchtold, konnte sich nicht anders sagen als: Es muß so etwas
geschehen - , man konnte eben nicht anders, als ein Vabanquespiel spie-
len. Mag es von gewissen Gesichtspunkten aus noch so eigenartig er-
scheinen, man muß das in seinen historischen Impulsen begreifen.
Nun, da haben wir sozusagen den Ausgangspunkt an einem Orte.
Betrachten Sie diesen Ausgangspunkt einmal an einem anderen Orte,
nämlich in Berlin. Nun, da möchte ich Ihnen zunächst ganz objektiv,
um Ihnen einen Begriff zu geben von dem, was da wirkte, einiges rein
Tatsächliche sagen: Sehen Sie - bitte, nehmen Sie es mir nicht übel,
wenn ich auch da ganz objektiv charakterisiere -, im Jahre 1905 wurde
derjenige Mann, auf dessen Schultern 1914 in Berlin dennoch die Ent-
scheidung lag über Krieg und Frieden, der damalige General und spä-
tere Generaloberst von Moltke, zum Generalstabschef ernannt. Damals
bei der Ernennung hat sich folgende Szene abgespielt - ich schildere so
kurz als möglich - : Der General von Moltke konnte seiner Überzeu-
gung nach das verantwortungsvolle Amt des Generalstabschefs nicht
übernehmen, wenn er sich nicht erst mit dem obersten Kriegsherrn,
dem Kaiser, auseinandersetzte über die Bedingungen der Annahme die-
ses Amtes. Und diese Auseinandersetzung hatte etwa folgenden Ver-
lauf. Es handelte sich darum, daß bis dahin durch die Stellung der Ge-
neralität zu dem obersten Kriegsherrn die Sache so war, daß dieser -
Sie haben das vielleicht da oder dort schon selber nachgelesen - oftmals
bei den Manövern den Oberbefehl auf der einen oder anderen Seite
führte, und Sie wissen ja, daß dieser oberste Kriegsherr auch regelmäßig
gewonnen hat. Nun sagte sich der Mann, der 1905 berufen werden sollte,
das verantwortungsvolle Amt des Generalstabschefs zu übernehmen:
Natürlich, unter solchen Bedingungen kann man es nicht übernehmen;
denn es kann auch einmal ernst werden, und dann soll man sehen, wie
man Krieg fuhren kann unter den Voraussetzungen, unter denen man
Manöver zusammenstellen muß, wenn man den obersten Kriegsherrn
zum Befehlshaber hat, der doch siegen muß. - Nun beschloß der Ge-
neral von Moltke, dieses in ganz unverhohlener Weise offen und ehr-
lich dem Kaiser vorzutragen. Der Kaiser war außerordentlich erstaunt
darüber, daß ihm seine zum Generalstabschef zu ernennende Persön-
lichkeit sagte, es ginge doch nicht, denn eigentlich verstünde der Kai-
ser nicht im Ernstfall einen Krieg zu führen. Also müsse man die Dinge
so vorbereiten, daß sie im Ernstfalle auch gelten könnten, und er
könne das Amt des Generalstabschefs nur übernehmen, wenn der Kai-
ser verzichte auf die Führung irgendeiner Seite. Der Kaiser sagte: Ja,
aber wie liegt denn die Sache? Habe ich denn nicht wirklich gesiegt?
Ist das so gemacht worden? - Er wußte nichts davon, was seine Um-
gebung gemacht hatte, und erst als man ihm die Augen öffnete, wurde
er sich klar darüber, daß das nicht weiterginge, und man muß sogar
sagen, er ging dann mit ziemlicher Bereitwilligkeit auf die Bedingun-
gen ein; das soll auch durchaus nicht verschwiegen werden.
Also, meine sehr verehrten Anwesenden, nachdem ich Ihnen diese
Tatsache vorgelegt habe zur Bildung eines eigenen Urteils, bitte ich
Sie - und ich darf vielleicht in Parenthese einfügen, es ist heute reich-
lich Veranlassung gegeben, daß ich in solchen Sachen nicht irgendwie
färbe, denn ich kann durch eine hier anwesende Persönlichkeit in jedem
Augenblick nachgeprüft werden - , nachdem ich Ihnen diese Tatsache
vorgelegt habe, bitte ich Sie auch, nun zu erwägen, wo irgendwelche
Verirrungen vorlagen, ob es nicht auch eine ganz eigentümliche Sache
war, daß sich um den obersten Kriegsherrn herum Persönlichkeiten
fanden - die auch ihre Nachfolgeschaft gefunden haben - , die minde-
stens nicht so gesprochen haben wie 1905 der spätere Generaloberst
von Moltke, sondern die auch nach Übernahme eines Amtes in anderem
Sinne gehandelt haben. Es ist heute gar nicht nötig, daß man der Welt
immerfort vormacht, man müsse warten bis man die objektiven Tat-
sachen feststellen könne; es handelt sich nur darum, daß man den
ernstlichen Willen habe, auf diese objektiven Tatsachen hinzuweisen.
Und nun braucht man wirklich nicht zu spintisieren über einen
Kronrat von 1914, von dem es sicher ist, daß Generaloberst von Moltke
keine Ahnung hatte, daß er stattgefunden hat, denn er war im Juli
1914 bis kurz vor Ausbruch des Krieges zur Kur in Karlsbad abwesend.
Das ist deshalb wichtig zu betonen, weil, wenn die Rede kommt auf
Deutschlands Kriegshetzer, man dann folgendes sagen muß: Gewiß,
solche Kriegshetzer hat es gegeben, und wenn man das spezielle Pro-
blem der Kriegshetzerei in Angriff nehmen würde, so würde es hapern
bei solchen Persönlichkeiten, die ich vorhin auch angeführt habe, wenn
man sie ganz weiß waschen wollte. Und schließlich das, was ich ge-
sagt habe, daß man dem - ich weiß nicht, ob er weiß oder schwarz ist -
Nikita von Montenegro auch eine harte Last der Kriegsschuld zu-
schreiben kann, das mag daraus hervorgehen, daß schon am 22. Juli
1914 die beiden Töchter, diese - verzeihen Sie den Ausdruck - dämo-
nischen Frauen in Petersburg, in Anwesenheit von Poincare, bei einer
besonders prunkvollen Hoffestlichkeit dem französischen Botschafter,
der das Merkwürdige sich geleistet hat, daß er in seinen Memoiren in
Altersgeschwätzigkeit die Sache selbst erzählt hat, gesagt haben: Wir
leben in einer historischen Zeit; eben kam ein Brief von unserem Vater
an, und der weist darauf hin, daß wir in den nächsten Tagen Krieg
haben werden. Es wird großartig werden. Deutschland und Österreich
werden verschwinden, wir werden uns in Berlin die Hände reichen. -
Nun, das haben die Töchter des Königs Nikita, Anastasia und Militza,
am 22. Juli - ich bitte das Datum zu beachten - dem französischen Bot-
schafter in Petersburg gesagt. Das ist auch eine Tatsache, auf die hin-
gewiesen werden kann.
Nun also, man braucht sich, ich möchte sagen, um alle die weniger
wichtigen Details im Grunde genommen nicht zu bekümmern. Dage-
gen wird doch eine bedeutsame Rolle das spielen, daß sich die Dinge
bis zum 31. Juli 1914 in Berlin so zuspitzten, daß eigentlich alle Ent-
scheide über Krieg und Frieden in Berlin auf die Schultern von Gene-
raloberst von Moltke gelegt worden sind, und der konnte selbstver-
ständlich aus keinen anderen als aus rein militärischen Untergründen
heraus sich ein Urteil bilden über die Situation. Das ist dasjenige, was
man wird berücksichtigen müssen; denn zur Beurteilung der Lage in
Berlin dazumal ist es eigentlich nötig, daß man genau kennt, ich möchte
fast sagen, von Stunde zu Stunde dasjenige, was sich in Berlin abspielte
vom Sonnabend etwa um vier Uhr nachmittags bis um elf Uhr nachts.
Das waren die entscheidungsvollen Stunden in Berlin, in denen sich
eine ungeheure weltgeschichtliche Tragik abgespielt hat. Diese welt-
geschichtliche Tragik spielte sich so ab, daß der damalige Generalstabs-
chef aus dem, was geschehen war, oder wenigstens aus alledem, was man
in Berlin über das Geschehen wissen konnte, gar nichts anderes tun
konnte, als den Generalstabsplan ausführen zu lassen und auszuführen,
der seit Jahren vorbereitet war für den Fall, daß etwa das einträte, was
zum Schluß doch nur als das Einzutretende hat vorausgesehen werden
können.
Die verschiedenen Verbündungen waren durchaus so, daß man in
keiner anderen Weise über die europäische Situation denken konnte,
als so: Wenn die Balkan wirren sich nach Österreich herübererstrecken,
wird sich Rußland unbedingt daran beteiligen. Rußland hat zu seinen
Verbündeten Frankreich und England. Sie müssen sich in irgendeiner
Weise daran beteiligen. Dann aber läuft automatisch die Sache so -
man braucht gar nicht weiter darüber zu fragen - , daß Deutschland
und Österreich zusammengehen müssen, und von Italien hatte man die
bestimmteste Zusicherung, sogar im einzelnen stipuliert durch eine kurz
vorher getroffene Vereinbarung, bis auf die Bestimmung der Divi-
sionszahl sogar, wie es sich an einem eventuellen Kriege beteiligen
werde. Das waren die Dinge, die man in Berlin wissen konnte, das
waren die Dinge, die ein Mann, der eigentlich gegenüber der Welt-
situation nur zweierlei kannte als Ausgangspunkte, vorliegen hatte.
Es waren die zwei Maximen, die Generaloberst von Moltke hatte:
Erstens, wenn es zu einem Kriege kommt, dann wird dieser Krieg
furchtbar sein, ein Entsetzliches wird sich abspielen. Und wer die ganz
feine Seele des Generalobersten von Moltke kannte, der wußte, daß
nun wahrhaftig leichten Herzens sich eine solche Seele nicht in das-
jenige, was sie für das Furchtbarste ansah, würde hineinstürzen kön-
nen. Das andere war aber eine grenzenlose Hingabe an das Pflicht-
und Verantwortungsgefühl, und das konnte wiederum nicht anders
als so wirken, wie es gewirkt hat.
Wenn dazumal dasjenige, was geschehen ist, hätte verhindert wer-
den sollen, dann hätte es verhindert werden müssen von seiten der deut-
schen Politik aus; es hätte dasjenige verhindert werden müssen, was
Sie vielleicht selbst als zu Verhinderndes heraus urteilen, wenn ich Sie
auf folgende Tatsachen aufmerksam mache: Es war am Sonnabend
Nachmittag; da nahte ja dasjenige heran, was zu einer Entscheidung
führen sollte, und da traf denn nach vier Uhr der Generalstabschef von
Moltke den Kaiser, Bethmann-Hollweg und eine Reihe von anderen
Herren in einer Verfassung, die eigentlich eine ziemlich rosige zu sein
schien. Es war eben eine Mitteilung von England gekommen - ich
glaube allerdings, man kann diese Mitteilung kaum ordentlich gelesen
haben, denn sonst könnte sie nicht so aufgefasst worden sein, wie sie
aufgefaßt worden ist - , diese Mitteilung besagte nach der Ansicht der
deutschen Politiker, daß man England doch noch zurechtkriegen
könnte. Es hatte niemand eine Ahnung von dem unerschütterlichen
Glauben an die Mission des Angelsachsentums, dagegen hatte man im-
mer Vogel-Strauß-Politik getrieben, das war tragisch. Jetzt glaubte
man, leichten Herzens aus einem solchen Telegramm herauslesen zu
können, daß sich die Dinge auch anders abspielen könnten, und es ge-
schah das, daß der Kaiser die Mobilisationsurkunde nicht unterschrieb.
Also, ich bemerke ausdrücklich, daß zunächst am Abend des 31. Juli
die Mobilisationsurkunde vom Kaiser nicht unterschrieben worden ist,
obwohl der Generalstabschef aus seinem militärischen Urteil heraus
die Meinung gehabt hat, daß man auf solch eine Depesche nichts ge-
ben dürfe, sondern unbedingt der Kriegsplan ausgeführt werden müsse.
Statt dessen wurde dem Offizier vom Tage der Auftrag gegeben, in
Gegenwart von Moltke, zu telephonieren, daß sich die Truppen im
Westen von der feindlichen Grenze zurückzuhalten haben, und der
Kaiser hat gesagt: Jetzt brauchen wir ganz gewiß nicht in Belgien ein-
zumarschieren.
Nun dasjenige, was ich Ihnen sage, steht in Aufzeichnungen, die
der Generaloberst von Moltke nach seiner sehr merkwürdig erfolgten
Verabschiedung selber aufgeschrieben hat, die veröffentlicht werden
sollten im Einverständnis mit Frau von Moltke im Mai 1919, in jenem
entscheidenden Augenblick, wo Deutschland davor stand, der Welt
die Wahrheit zu sagen unmittelbar vor dem Unterschreiben des Ver-
sailler Diktates. Und wer dasjenige liest, das dazumal veröffentlicht
werden sollte und was aus der Feder des Herrn von Moltke selber ge-
flossen war, wird keinen Augenblick das Urteil gewinnen können, da
diese Dinge so sehr den Ausdruck der innerlichen Ehrlichkeit und Red-
lichkeit durch sich selbst tragen, daß sie vor dem Versaiüer Diktat
auf die Welt nicht einen bedeutsamen Eindruck gemacht hätten. Nun,
die Sache war gedruckt, an einem Dienstagnachmittag gedruckt, am
Mittwoch sollte sie erscheinen. Ich will nicht in die Schilderung weite-
rer Einzelheiten mich einlassen. Es erschien bei mir ein deutscher Ge-
neral, der mir aus einem dicken Konvolut von Akten klarmachen
wollte, daß drei Punkte in diesen Aufzeichnungen unrichtig seien. Ich
mußte dem General sagen: Ich habe lange Zeit philologisch gearbeitet.
Aktenbündel imponieren mir nicht eher, bevor sie nicht in philolo-
gischem Sinne beurteilt sind, denn man muß nicht nur wissen, was
drinnen enthalten ist, sondern auch, was nicht drinnen enthalten ist,
und wer eine historische Untersuchung macht, untersucht auch nicht
nur, was drinnen enthalten ist, sondern auch dasjenige, was fehlt. -
Aber ich mußte folgendes sagen: Sie haben mitgearbeitet, die Welt nimmt
selbstverständlich an, daß Sie von den Dingen genau wissen. Werden
Sie beeidigen, wenn ich die Broschüre erscheinen lasse mit den Memoiren
von Moltke, daß diese drei Punkte unrichtig sind? - und er sagte: Ja! -
Ich bin völlig überzeugt, daß die drei Punkte richtig sind, denn sie sind
auch psychologisch als richtig zu konstatieren. Aber es hätte selbstver-
ständlich dazumal nichts genützt, wenn man die Broschüre hätte er-
scheinen lassen - es kamen alle anderen Schikanen dazu -, die Bro-
schüre würde einfach konfisziert worden sein, das sah man ganz ge-
nau. Ich konnte eine Broschüre nicht erscheinen lassen, der gegenüber
ein Eid geleistet worden wäre vor aller Welt, daß die drei Punkte darin
nicht richtig sind. Denn wir leben ja in einer Welt, in der es sich nicht
um das Richtige und Unrichtige handelt, sondern in der die Macht
entscheidet.
Ich weiß, daß man ganz besonders übelgenommen hat, was ich in
dieser Broschüre auf Seite V geschrieben habe, was ich aber für nötig
gehalten habe, um die Situation in der richtigen Weise zu beleuchten.
Ich habe geschrieben: Wie auf die Spitze des militärischen Urteils in
den Zeiten, die dem Kriegsausbruch vorausgingen, alles in Deutschland
gestellt war, das zeigt der unglückselige Einfall in Belgien, der eine
militärische Notwendigkeit und eine politische Unmöglichkeit war.
Der Schreiber dieser Zeilen hat Herrn von Moltke, mit dem er jahre-
lang befreundet war, im November 1914 gefragt: Wie hat der Kaiser
über diesen Einfall gedacht? - und es wurde geantwortet: Der hat vor
den Tagen, die dem Kriegsausbruch vorangingen, nichts davon gewußt,
denn bei seiner Eigenart hätte man befürchten müssen, daß er die
Sache aller Welt ausgeschwätzt hätte. Das durfte nicht geschehen, denn
der Einfall konnte nur Erfolg haben, wenn die Gegner unvorbereitet
waren. - Und ich fragte: Wußte der Reichskanzler davon? - Die Ant-
wort lautete: Ja, der wußte davon. - Es mußte also so Politik getrieben
werden in Mitteleuropa, daß man Rücksicht nehmen mußte auf Ge-
schwätzigkeit, und ich frage Sie: Ist es nicht eine furchtbare Tragik,
wenn so Politik getrieben werden muß? - Daher kann durchaus aus
diesen Untergründen heraus der volle Beweis geführt werden, daß das
richtig ist, was der mir sonst unangenehme Tirpitz über Bethmann-
Hollweg sagt, daß dieser in die Kniekehle gesunken wäre und auch
äußerlich die Nullität seiner Politik schon in der Physiognomie zum
Ausdruck gebracht hätte. Diese Nullität ist auch später dadurch zum
Ausdruck gekommen, daß er dem englischen Botschafter gegenüber
betont hat, daß, wenn nun England doch losschlägt, seine ganze Po-
litik sich als ein Kartenhaus erweise. Das war sie auch in Wirklichkeit,
und dieses Kartenhaus stürzte zusammen, und der Generalstabschef
mußte in seinen Memoiren über die Situation, in der er dazumal, Sams-
tag abends, war, schreiben: Die Stimmung wurde immer erregter, und
ich stand ganz allein da.
Das militärische Urteil stand also ganz allein da, die Politik war
in die Nullität verfallen. Das hat den Deutschen der Umstand ge-
bracht, daß sie sich nicht mehr zu den großen Gesichtspunkten auf-
schwingen wollten, zu denen sie ganz besonders berufen gewesen wären,
die sich zeigen in den großen, bedeutsamen Epochen der deutschen
Kulturentwickelung, auf die man nicht hinsehen wollte am Ende des
19. und Beginn des 20. Jahrhunderts. Daß aus einer solchen Situation
nur Unheil folgen konnte, das lastete nun schwer auf der Seele des
Generalstabschefs, und als ein Offizier zu ihm kam, damit er die Wei-
sung unterschreibe, die der telephonischen Zurückhaltung der Truppen
von der belgisch-französischen Grenze nachgeschickt werden sollte,
da stieß der Generalstabschef die Feder auf den Tisch, daß sie zerbrach,
und sagte, er werde niemals einen solchen Befehl unterschreiben, die
Truppen würden unsicher werden, wenn ein solcher Befehl auch vom
Generalstabschef käme. Und aus der schmerzlichsten, verzweiflungs-
vollsten Stimmung heraus wurde der Generalstabschef dann geholt. Es
war mittlerweile weit nach zehn Uhr geworden. Ein anderes Tele-
gramm von England war gekommen, und - ich will die Einzelheiten
lieber nicht erwähnen - nun fielen die Worte von Seiten des obersten
Kriegsherrn: Nun können Sie machen, was Sie wollen!
Sie sehen, man muß schon auf die Einzelheiten eingehen, und ich
habe nur ein paar Hauptzüge angegeben von dem, was gewissermaßen
auf dem Kontinente geschah. Ich möchte auch den Gegenzug nun er-
wähnen, der auf der anderen Seite geschah. Es wird einmal authentisch
werden - wiederum kann ich sagen, daß ich Ihnen nicht leichtsinnig
das erzähle - , es wird einmal authentisch werden, daß die beiden Leute
Asquith und Grey in derselben Zeit, in der in Berlin das geschah, wovon
ich jetzt erzählt habe, sagten: Ja, was ist denn das eigentlich? Haben wir
bis jetzt mit verbundenen Augen englische Politik gemacht? Sie mein-
ten, diese englische Politik wäre von ganz anderer Seite gemacht wor-
den; ihnen wären die Augen verbunden gewesen. Und sie sagten: Jetzt
ist uns die Binde abgenommen worden - das war Samstag abends ~,
jetzt, da wir sehend werden, stehen wir vor dem Abgrund; jetzt kön-
nen wir nurmehr in den Krieg hinein. - Das ist das Spiegelbild drüben
jenseits des Kanals, und das alles bitte ich Sie so zu nehmen, daß es
reichlich vermehrt werden könnte, denn ich kann in der mir zuge-
messenen Zeit nichts anderes tun, als eine Art von Stimmung einmal
geben, Ihnen vorlegen dasjenige, was wenigstens einiges Licht wirft
auf die Dinge, die geschehen sind.
Und dann, wenn Sie das alles nehmen, dann bitte ich Sie, mit die-
ser Voraussetzung dasjenige zu lesen, was ich in meinen «Gedanken
während der Zeit des Krieges» geschrieben habe, die ich wohl überlegt
betitelte als gerichtet «Für Deutsche und solche, die nicht glauben, sie
hassen zu müssen». Alles einzelne ist darin überlegt. Ich bitte Sie, von
diesen Gesichtspunkten aus zu bedenken, was ich dort schrieb, daß es
sich nicht um dasjenige handelt, was man im gewöhnlichen Sinn mo-
ralische Schuld oder moralische Unschuld nennt, sondern daß die
Dinge hinaufgehoben werden müssen auf die Höhe geschichtlichen
Werdens, indem sich außerordentlich Tragisches vollzog, indem sich
etwas vollzog, wo man anfangen kann zu sprechen von historischen
Notwendigkeiten, in die man im Grunde genommen mit solchen Ur-
teilen, wie ich sie anfangs angedeutet habe, nicht hineinschwätzen
sollte. Die Dinge liegen viel ernster, als die Welt heute hüben und drü-
ben noch meint; dennoch liegen sie so, daß sie unbedingt der Welt be-
kanntwerden müßten, daß von ihnen der Ausgang zu der Ordnung der
Wirren eigentlich genommen werden müßte. Aber man findet ja wahr-
haftig gegenwärtig keine Möglichkeit, daß dasjenige, was man nach
dieser Richtung unternimmt, in irgendeiner Weise anders in die Welt
hineingestellt wird als dadurch, daß es entstellt, verleumdet wird.
Dasjenige, was ich Ihnen heute über den Generaloberst von Moltke
gesagt habe, das gibt eine Möglichkeit, diesen Mann in dieser entschei-
dungsvollen Stunde zu beurteilen; aber es finden sich ja, wie Sie wissen,
Leute, von denen gesagt wird, daß sie selbst im Generalstab tätig wa-
ren, die bringen es zustande, die verleumderischsten Dinge über den
Generaloberst von Moltke zu sagen, unter anderem auch die erlogene
Absurdität, in Luxemburg wären vor der Marneschlacht anthroposo-
phische Veranstaltungen getroffen worden, und dadurch hätte der Ge-
neraloberst seine Pflicht nicht getan. Wenn diese Dinge gesagt werden
können von solcher Seite her, dann sieht man daraus, in welche mora-
lische Verfassung wir heute hineingekommen sind, und es ist schwierig,
innerhalb dieser moralischen Verfassung für die Wahrheit eine rechte
Gasse zu bahnen. Dazu brauchten wir eigentlich viele, recht viele Per-
sönlichkeiten, und erst nachdem ich Ihnen die Voraussetzungen gege-
ben habe, von denen ich gesprochen habe, erst jetzt möchte ich aus
Moltkes Memoiren einen Satz vorlesen, der Ihnen zeigen wird, was in
der Seele dieses Mannes lebte erstens in bezug auf seine Meinung über
die Kriegsnotwendigkeit und zweitens in bezug auf sein Verantwor-
tungsgefühl. Denn es handelt sich durchaus darum, daß man nicht ei-
nen brutalen Begriff von Schuld konstruiere, sondern daß man auf das
eingehe, was dazumal in den Seelen gelebt hat. Es ist ein sehr ein-
facher Satz, den da Moltke geschrieben hat, ein Satz, der oftmals aus-
gesprochen worden ist, aber es ist ein Unterschied, ob er von den
Nächstbesten ausgesprochen wird oder von demjenigen, auf dessen
Seele dazumal die Entscheidung über den Krieg lag. Er schrieb:
«Deutschland hat den Krieg nicht herbeigeführt, es ist nicht in ihn
eingetreten aus Eroberungslust oder aus aggressiven Absichten gegen
seine Nachbarn. Der Krieg ist ihm von seinen Gegnern aufgezwungen
worden und wir kämpfen um unsere nationale Existenz, um das Fort-
bestehen unseres Volkes, unseres nationalen Lebens.»
Wenn man Tatsächlichkeiten untersucht, kommt man nicht auf das
Richtige, indem man irgendwo einsetzt; man muß dort einsetzen, wo
die Wirklichkeiten, die Tatsächlichkeiten spielen, und wenn man nach-
weisen kann, daß ein Wesentliches von den Tatsächlichkeiten in der
Seele eines Mannes spielt, dann gehört es zu den Tatsachen, die die
Lage geschaffen haben, wenn ein solches Bewußtsein in dieser Seele
waltete. Es gehört auch zum Wesentlichen dazu, wenn man die Situa-
tion beurteilen will, gerade hinzuschauen auf dasjenige, was sich bei
den vierzig bis fünfzig Persönlichkeiten abspielte, die eigentlich be-
teiligt waren an dem Ausbruch dieser entsetzlichen Katastrophe, und
wer sich nicht aus Vorurteilen, sondern aus Sachkunde über diese Dinge
ein Urteil aneignet, der weiß, daß im Grunde genommen eigentlich
alle ziemlich ahnungslos waren außer den vierzig bis fünfzig Persön-
lichkeiten, die den Kriegsausbruch herbeiführten, die überhaupt Tätig-
keiten unter der Konstellation der europäischen Verhältnisse ent-
falteten.
Ich habe während des Krieges wahrhaftig Gelegenheit gehabt,
mit vielen Menschen, die schon etwas von der Situation beurtei-
len konnten, über die Angelegenheiten zu sprechen, und ich habe mir
da niemals ein Blatt vor den Mund genommen. Ich habe zum Beispiel
zu einer Persönlichkeit, die der Lenkung eines neutralen Staates nahe-
stand, gesagt: Es kann als notorisch betrachtet werden, daß in unserer
demokratisch sich nennenden Zeit etwa vierzig bis fünfzig Persön-
lichkeiten, unter denen - es sind nicht nur innerhalb der Anthroposo-
phischen Gesellschaft Frauen - durchaus auch Frauen waren, und
zwar in gar nicht so geringer Anzahl, daß etwa vierzig bis fünfzig
Persönlichkeiten für diese Katastrophe in der internationalen Welt
unmittelbar tätig waren. — Es wäre schon nötig, daß man sich erst
etwas heraufschwingen würde zu den Gesichtspunkten, von denen aus
man diese Situation erst im Grunde genommen beurteilen könnte. Statt
dessen wird ungeheuer viel über diese ernsten, weltumwälzenden Er-
eignisse gesprochen aus den Oberflächlichkeiten der Weißbücher und
ähnlichem heraus, und es ist für denjenigen, der nicht reden würde,
wenn er die Dinge nicht anders kennte als viele andere, außerordent-
lich schwer immer gewesen, das Nötige da oder dort zur Geltung zu
bringen, wo seit dem Jahre 1914 über die Situation geurteilt worden
ist. Das begann für mich schon in der Zeit, als mir in der Schweiz über-
all entgegengeworfen wurden die «J'accuse»-Bücher, und ich den Leu-
ten - Sie wissen, wie gefährlich die Situationen manchmal waren -
nichts anderes sagen konnte als dasjenige, was wahr ist, obwohl das
oftmals am wenigsten verstanden wurde: Leset, sagte ich, in einem
solchen Buch nicht dasjenige, was mit juristischer Spitzfindigkeit dar-
innen geschrieben ist, leset dasjenige, was im Stile liegt, leset den ganzen
Aufbau, die ganze Aufmachung des Buches, und wenn ihr Geschmack
habt, müßt ihr sagen: politische Hintertreppenliteratur! - Ich habe
es Leuten, die neutralen und nicht neutralen Gebieten angehörten,
wiederholt immer wieder und wiederum sagen müssen. Natürlich sage
ich damit nicht, daß in diesem «J*accuse»-Buch nicht manches Rich-
tige drinnensteht; aber am allerwenigsten geht es von einem solchen Ge-
sichtspunkt aus, der geeignet ist, die weltgeschichtlich tragische Situa-
tion zu beurteilen, in der sich, man kann schon sagen, die Welt im
Jahre 1914 befand. Und man muß auf die Untergründe hinweisen,
wenn man auch nur in einigem genötigt ist, über die Schuldfrage zu
sprechen.
Ja, diese Schuldfrage soll aber auch noch etwas lehren. Sehen Sie,
ich bin gleich, nachdem die unglückselige Friedenswillenserklärung im
Herbst oder Winter 1916 von Deutschland ausgegangen war und dann
der ganze phantastische Zug mit den Vierzehn Punkten des Woodrow
Wilson sich vollzog, ich bin gleich dazumal — ich war nirgends auf-
dringlich, die Leute sind mir sehr stark, weit über den halben Weg
entgegengekommen - herangetreten an diejenigen, die Verantwortung
hatten, mit dem Ansinnen, das allerdings manchen paradox erschie-
nen ist, es könnte gegenüber diesen weltfremden Vierzehn Punkten
Wilsons, die aber trotz ihrer Weltfremdheit Schiffe, Kanonen und
Menschen reichlich auf den Plan zu bringen vermochten, die Idee der
Dreigliederung des sozialen Organismus vor der Welt geltend ge-
macht werden. Und ich habe es erleben müssen, daß ja manche recht
gut eingesehen haben, daß so etwas geschehen müßte, daß aber nie-
mand eigentlich den Mut hatte, nach dieser Richtung hin irgend etwas
zu tun, niemand geradezu. Für das Gespräch, das ich mit Kühlmann
hatte, ist, wie ich denke, der Zeuge, der dabeigewesen ist, heute wieder
da. Ich kann also in diesen Dingen in keiner Art irgendein Geflunker
treiben. Aber ich habe doch das zu erklären, und auch da würde ich
heute ganz gewiß Ihnen nicht etwas Unrichtiges erzählen, da man ge-
nau weiß, wie sich die Sache vollzogen hat.
Auch da muß ich zum Beispiel folgendes sagen: Sehen Sie, ich hielt
schon im Januar 1918 die Frühjahrsoffensive von 1918 für eine ab-
solute Unmöglichkeit, und ich kam in die Lage auf einer Reise, die ich
von Dornach nach Berlin zu machen hatte, mit einer gewissen Per-
sönlichkeit - man wußte, daß, wenn die entscheidungsvollen Augen-
blicke herannahen würden, diese Persönlichkeit zur Leitung der Ge-
schäfte berufen würde - über die Verhältnisse zu sprechen, die eigent-
lich dann erst eintraten im November 1918, und als ich dann auch da
eigentlich ein gewisses Verständnis gefunden hatte für die Dreiglie-
derung des sozialen Organismus, kam ich nach Berlin. Da hatte ich
mit einer Persönlichkeit zu sprechen. Diejenigen, die sich dazumal
informieren konnten über die Art, wie der Hase läuft, die wußten ja
schon von der Offensive im Januar 1918; man konnte nur nicht da-
von sprechen. Und ich hatte zu sprechen mit einer militärischen Per-
sönlichkeit, die dem General Ludendorff außerordentlich nahe stand.
Das Gespräch nahm ungefähr die Wendung, daß ich sagte: Ich will
mich nicht der Gefahr aussetzen, daß man mir vorwerfen könnte, ich
wolle in militärisch-strategische Dinge hineinreden, sondern ich will
von einem gewissen Ausgangspunkt sprechen, von dem aus dieser mi-
litärische Dilettantismus, den ich haben könnte, nicht in Betracht
käme. - Ich sagte, daß in einer Frühjahrsoffensive Ludendorff mög-
licherweise alles das erreiche, was er sich überhaupt nur träumen lassen
könne; aber ich halte trotzdem diese Offensive für ein Unding - , und
ich führte die drei Gründe an, die ich dafür hatte. Der Mann, zu dem
ich sprach, wurde recht aufgeregt und er sagte: Was wollen Sie? Der
Kühlmann hat ja Ihr Elaborat in der Tasche. Damit ist er ja nach
Brest-Litowsk gezogen. So werden wir von der Politik bedient. Die
Politik ist nichts bei uns. Wir Militärs können nichts anderes tun als
kämpfen, kämpfen, kämpfen. - Im Jahre 1914 war der Generalstabs-
chef in einer Lage, daß er schreiben mußte für die Situation in der
Abendstunde: «Die Stimmung wurde immer erregter und ich stand
ganz allein da.» Für die Stimmung zwischen zehn und elf Uhr mußte
er schreiben: Der Kaiser hat gesagt: «Nun können Sie machen, was
Sie wollen!» - Und im Jahre 1918 konnte einem gesagt werden: Die
Politik kommt überhaupt nicht in Betracht, die ist in der Nullität;
wir können nichts anderes tun als kämpfen, kämpfen. - Meine sehr
verehrten Anwesenden, es war nicht anders geworden und es ist heute
nicht anders geworden, und ich möchte Ihnen einen negativen, aller-
dings nur subjektiven Beweis liefern, daß es nicht anders geworden ist.
Wiederum ist gesprochen worden mit derselben Weltfremdheit, mit
derselben Abstraktheit, mit der Woodrow Wilson gesprochen hat, die
bewiesen worden ist durch die Art und Weise, wie Woodrow Wilson
in Versailles gestanden hat. Wiederum ist gesprochen worden von der-
selben Stelle aus von Harding, und ich sehe in der Rede Hardings, die
so konfus wie möglich ist, die mit Ausschluß jedes Wirklichkeitssinnes
gehalten ist, die wiederum nur die alten Phrasen bringt jetzt, wo wir
ebenso vor wirtschaftlichen Entscheidungen stehen wie dazumal vor
politischen, ich sehe in dieser Rede nichts davon, daß sich die Leute
irgendwie beschäftigen mit dem, was da wiederum heraufzieht. Es ist
fast unmöglich, die Menschen zu einem Urteil zu bringen. Ob wir den
ersten Wilson haben, der in Versailles seine Konfusion zeigt, oder ob
wir aus derselben Gegend heraus gesprochen haben etwas später, dar-
auf kommt es nicht an. Darauf käme es an, daß man mit Wirklichkeits-
sinn ein waches Auge hätte.
Dann würde man auch auf solche Dinge hinschauen wie die Tat-
sache, die geradezu unerhört ist für denjenigen, der ein Gefühl hat für
die Beurteilung politischer Situationen, daß dieser gerade in dem
heutigen Sinn charakteristische Staatsmann Lloyd George vor kurzem
noch gesagt hat: Man kann nicht in dem alten Sinn Deutschland mo-
ralische Schuld am Krieg geben; die Leute sind in ihrer Dummheit
hineingerutscht. - So hat er gesprochen vor einigen Wochen, und Sie
wissen, wie er gesprochen hat in London gegenüber Simons. Sie kön-
nen daraus ermessen, welcher Wahrheitswert in den Reden liegt, die
die Leute halten, und haben die Menschen noch keinen Impetus, auf
diese Dinge zu schauen - sie müssen ihn bekommen, müssen ihn be-
kommen dadurch, daß sie sich Sinn verschaffen für die großen Ge-
sichtspunkte. In dieser Katastrophe haben sie gespielt, diese großen
Gesichtspunkte, und unser Unglück ist, daß niemand eine Ahnung
hatte von diesen großen Gesichtspunkten. Es muß die Möglichkeit ge-
geben werden, daß die großen Gesichtspunkte, von denen die Dinge
abhängen, heute auch in Mitteleuropa in die Entscheidung hineinge-
worfen werden.
Solange aber dasjenige, was wahr ist, von Seiten derer, die das
Deutschtum in einer etwas eigentümlichen Weise gepachtet zu haben
glauben, verleumdet wird, solange man von solchen Leuten Verräter
am Deutschtum genannt wird, trotzdem dasjenige, was da gesagt wird,
wenn es wirklich verstanden würde, einzig und allein geeignet wäre,
dem wirklichen deutschen Volkstum seine ihm gebührende Stellung
zu verschaffen, so lange kann es nicht besser werden. Die Menschen,
die ganz anderen Willens sind, die vor allen Dingen des Willens sind,
die Wahrheit zu erkennen, müssen sich zusammenfinden.
Gewiß, es hat auch in Deutschland Kriegshetzer gegeben; aber
alles, was von ihnen ausgegangen ist, ist im entscheidenden Augenblick
gar nicht von Bedeutung gewesen. Von Bedeutung aber ist gewesen,
was ich im letzten Kapitel meiner «Kernpunkte» ausgeführt habe, daß
man durch das Verlieren der großen Gesichtspunkte auf dem Null-
punkt der politischen Wirksamkeit angekommen war. In dem Deutsch-
tum werden wir uns nur dann erheben, wenn wir uns zu großen Ge-
sichtspunkten erheben; denn derjenige, der mit warmem Herzen, nicht
bloß mit dem Maule - verzeihen Sie den etwas groben Ausdruck - im
Deutschtum drinnensteht, der weiß, daß wahres Deutschtum gerade
heißt: Mit großen Gesichtspunkten verwachsen sein. — Aber wir müs-
sen wiederum den Weg zu den großen Gesichtspunkten des deutschen
Volkes zurückfinden. Und es ist im Grunde genommen auch aus einer
Erfahrung heraus, daß ich diese Dinge heute zu Ihnen spreche. Trotz
der Stellung der Frage hätte ich ja vielleicht nicht zu antworten brau-
chen; aber ich wollte gerade diese Frage beantworten, und etwas, was
zur Beantwortung solcher Fragen führt, das wird sich Ihnen zeigen,
wenn ich Ihnen den Schlußpassus vorlege, den mir der Fragesteller
noch in einem Nachtrag übergeben hat. Er schreibt: Ich hielte es für
sehr wertvoll, die richtige, klare Anschauung über diese ganze Frage
der Kriegsschuld etwa in einer Denkschrift zu veröffentlichen und
weit zu verbreiten. - Nun, das hätte im Mai 1919 geschehen sollen.
Die Denkschrift war auch gedruckt. Die Welt innerhalb Deutschlands
hat verhindert, daß diese Denkschrift erscheinen konnte. Bleiben wir
nicht dabei, bloß uns das Urteil zu bilden, so etwas müßte geschehen;
unterstütze man diejenigen, die sich nicht bei diesem Urteil beruhigen
wollen, sondern dasjenige, was hier vorgeschlagen wird, vor langer
Zeit schon versucht haben, gerade im entscheidenden Augenblick zu
tun. Dann werden wir weiterkommen.
Meine sehr verehrten Anwesenden, weil ich doch glaube, daß in
der deutschen Jugend Persönlichkeiten sind, die den Weg zu wahrem
Deutschtum wiederum zurückfinden, die Sinn und Herz und offenes
Gemüt haben für das Empfangen der Wahrheit, deshalb, weil ich hier
vielleicht doch mit einiger Aussicht gerade zu jüngeren Leuten, zu dem
besten Teil vielleicht unserer Jugend sprechen konnte, deshalb habe
ich mich entschlossen, heute zu Ihnen diese Andeutungen zu sprechen.
HINWEISE
Zu dieser Ausgabe
Textunterlagen: Auf wen die einzelnen Nachschriften zurückgehen, ist nur noch
teilweise festzustellen. Der 1. Vortrag ist ein Referat, das Adolf Arenson aus dem
Gedächtnis und nach Notizen verschiedener Teilnehmer ausgearbeitet hat. Die
Vorträge 9 - 15 wurden mitstenographiert von Hedda Hummel (Köln). Wer die
übrigen Vorträge mitgeschrieben hat, ist nicht bekannt.
Der Titel des Bandes wurde von den Herausgebern der 1. Auflage gewählt.
Einzelausgaben
13.-14. Februar 1915 «Der Christus-Impuls als Träger der Vereinigung des
Geistigen und Leiblichen», Dornach 1944
22. - 24. November 1915 «Das Geheimnis des Todes. Treue - Wahrheitssinn -
Richtungsfestigkeit», Dornach 1945
IL, 13., 15. Mai 1917 «Entwicklungsfaktoren der Menschheit. Die gegen das
Wissen vom Geist sich auftürmenden Widerstände», Dornach 1941
Veröffentlichungen in Zeitschriften
23. u. 24. November 1915 in «Was in der Anthroposophischen Gesellschaft
vorgeht - Nachrichten für deren Mitglieder» 1937,14. Jahrg. Nr. 37 - 45.
23. Februar 1918 in «Das Goetheanum» 1939, 18. Jahrg. Nr. 27 - 31.
24. Februar 1918 in «Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht -
Nachrichten für deren Mitglieder» 1940, 17. Jahrg. Nr. 39 - 4L
23. April 1918 in «Das Goetheanum» 1940,19. Jahrg. N r . 45 - 48 (Anfang) u n d
«Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht - Nachrichten für deren
Mitglieder» 1940, 17. Jahrg. N r . 50 (Schluß).
26. April 1918 in «Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht -
Nachrichten für deren Mitglieder» 1941, 18. Jahrg. N r . 1 - 5 ; «Die Menschen-
schule», Zürich, 1957, 31. Jahrg. Heft 9.
Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit
der Bibliographie-Nummer angeführt. Siehe auch die Übersicht am Schluß des Bandes.
zu Seite
13 Vortrag vom 30. Sept, 1914: Der Text folgt einer maschinengeschriebenen Nach-
schrift. Eine Überprüfung des ursprünglichen Stenogramms war nicht möglich.
Zum Inhaltlichen vgl. den Vortrag vom 13. Sept. 1914 in München (GA 174 a).
in unserem ersten Grundsatz: «Es können in der Gesellschaft alle diejenigen
Menschen brüderlich zusammenwirken, welche als Grundlage eines liebevollen
Zusammenwirkens ein gemeinsames Geistiges in allen Menschenseelen betrach-
ten, wie auch diese verschieden sein mögen in bezug auf Glauben, Nation, Stand,
Geschlecht.»
14 Der erste Band meines Buches: Innerhalb der Gesamtausgabe ist das Werk «Die
Rätsel der Philosophie» in einem Bande erschienen (GA 18). Die entsprechende
Stelle mit dem Übergang von den französischen Philosophen Boutroux (1845 -
1921) und Bergson (1859 - 1890) zu dem deutschen Philosophen Wilhelm
Heinrich Preuß (1843 - 1909) findet sich auf Seite 564.
15 Maurice Maeterlinck, 1862 - 1949, belgischer Schriftsteller und Dichter. Sein
erstes philosophisches Werk «Le Tresor des Humbles» erschien 1896, in
deutscher Sprache 1898 unter dem Titel «Der Schatz der Armen». Darin ist ein
Kapitel Novalis gewidmet, das mit den Worten beginnt: «Die Menschen gehen
verschiedene Wege, sagt unser Autor; wer ihnen folgt und sie vergleicht, wird
seltsame Gebilde entstehen sehen. Ich habe drei solche Menschen gewählt, deren
Wege uns auf verschiedene Gipfel führen.» Darauf nennt er den flämischen
Mystiker Ruysbroeck, Ermerson und Novalis. - Schon 1895 hatte er den
unvollendeten Roman «Die Lehrlinge zu Sais» und die «Fragmente» des Novalis
in die französische Sprache übertragen und so veröffentlicht.
die Punischen Kriege: Die erwähnte Schlacht bei Mylä fand statt im ersten
Punischen Krieg, der von 264 bis 241 v. Chr. dauerte, unter dem römischen
Feldherrn C. Duilius.
16 so hat sich in Lüttich etwas abgespielt: Die Eroberung Lüttichs in der Nacht vom
5./6. August durch die 14. Infanteriebrigade unter Ludendorff. Hierdurch wurde
die äußerst gefährdete Durchführung des deutschen Feldzugsplans erst ermög-
licht.
17 der lese den Vortragszyklus: «Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammen-
hange mit der germanisch-nordischen Mythologie», elf Vorträge, gehalten im
Juni 1910 in Kristiania (Oslo), GA 121.
17 als wir im Streite mit Frau Besant waren: Annie Besant (1847 - 1933) war von
1907 an Präsidentin der Theologischen Gesellschaft. Als sie den Inderknaben
Krishnamurti zum Träger einer zur erwartenden irdischen Neugeburt des
Christus erklärte, mußte sich Rudolf Steiner gegen diese These stellen. Das führte
zum Ausschluß der unter seiner Leitung stehenden Deutschen Sektion aus der
Theosophischen Gesellschaft und zur Gründung der Anthroposophischen
Gesellschaft (1912/13).
18 der «Pforte der Einweihung»: Das erste der vier Mysteriendramen, die in den
Jahren 1910 - 1913 entstanden (GA 14). Die drei Persönlichkeiten sind Philia,
Astrid und Luna, die im Personenverzeichnis «Freundinnen Marias» genannt
werden, «deren Urbilder im Verlaufe als Geister von Marias Seelenkräften sich
offenbaren».
20 Herman Grimms, der noch im geistigen Sinne Goetheblut in seinen Adern hatte:
Dazu schreibt Rudolf Steiner in «Mein Lebensgang», GA 28, 1961, S. 204: «Als
Kunsthistoriker ist Herman Grimm an Goethe herangetreten; als solcher hat er
an der Berliner Universität Vorlesungen über Goethe gehalten, die er dann als
Buch veröffentlicht hat. Aber er konnte sich zugleich als eine Art geistiger
Nachkomme Goethes betrachten. Er wuchs aus denjenigen Kreisen des deut-
schen Geistesleben heraus, die stets eine lebendige Tradition von Goethe bewahrt
hatten und die sich gewissermaßen in einer persönlichen Verbindung mit ihm
denken konnten. Die Frau HermanGrimms war Gisela von Arnim, die Tochter
Bettinas, der Verfasserin des Buches <Goethes Briefwechsel mit einem Kinde>.»
Herman Grimm lebte 1828 —1901. Die drei zitierten Wortlaute stammen aus dem
Buche «Homers Ilias», 2 Bände, 1890-95. Sie finden sich in der 2. in einem Band
erschienenen Auflage (1907) auf S. 214.
21 während meines Kursus in Norrköping: Vier Vorträge zwischen dem 12. und 16.
Juli 1914, veröffentlicht unter dem Titel «Christus und die menschliche Seele»
GA 155. Die erwähnten Ausführungen über die «in der letzten Zeit» eingetrete-
nen «Überraschungen» wurden wohl innerhalb einer Ansprache gemacht, die
Rudolf Steiner in den Tagen jenes Zyklus' hielt, von der aber nur ungenügende
Notizen vorhanden sind (Ansprache vom 16. Juli 1914 über den Johannesbau
[später Goetheanum]).
zum Münchner Zyklus: In den Jahren 1909 bis 1913 fanden in München jährlich
in der zweiten Hälfte des Monats August Veranstaltungen der Theosophischen,
1913 der Anthroposophischen Gesellschaft statt. Anschließend an eine dramati-
sche Aufführung hielt Rudolf Steiner jeweils einen Vortragszyklus. Auch für den
August 1914 war eine solche Veranstaltung vorgesehen und angekündigt. Sie
konnte dann infolge des Kriegsausbruches nicht stattfinden.
Da kam das Attentat von Sarajewo: Das Attentat war am 28. Juni. Vermutlich
eine Lücke in der Nachschrift.
22 als ich ... in Berlin war: Rudolf Steiner hielt dort am 1. September einen
Mitgliedervortrag «Um Menschenschicksale und Völkerschicksale», der in GA
157 als erster Vortrag veröffentlicht ist.
24 Als ich kürzlich von Wien zurückfuhr: Im September 1914 hielt sich Rudolf
Steiner auf der Durchreise kurz in Wien auf, aus Berlin kommend, in die Schweiz
zurückkehrend. Das Zitat ist aus einem Artikel von Robert Michel in «Österrei-
chische Rundschau», 40. Jg., Heft 5, 1. 9.1914, S. 302 - 306.
26 der am 26. Juli die Worte mitanhörte: Im Vortrag «Die schöpferische Welt der
Farbe» in «Wege zu einem neuen Baustil», GA 286.
ein Staatsmann in Deutschland: Gottlieb von Jagow (1863 - 1935) war während
der Jahre 1913 - 1916 Staatssekretär des deutschen Auswärtigen Amtes.
27 in einer Zeitung Sätze lesen: Konnte nicht nachgewiesen werden.
als ersten Satz die Worte: Der Spruch (wörtlich: «Die Weisheit ist nur in der
Wahrheit») stammt von Goethe und findet sich in «Goethes Naturwissenschaft-
liche Schriften», von Rudolf Steiner mit Einleitungen, Fußnoten und Erläuterun-
gen im Text herausgegeben in Kürschners «Deutsche National-Litteratur» 1884
bis 1897, 5 Bände, Nachdruck Dornach 1975, GA la-e, Band 4, 2. Abteilung,
«Sprüche in Prosa», 1. Abteilung «Das Erkennen». - Rudolf Steiner wählte den
Spruch als Motto für die Grundsätze, die er 1913 der neu gegründeten
Anthroposophischen Gesellschaft gab. Siehe 2. Vortrag in «Die Geschichte und
die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Verhältnis zur Anthro-
posophischen Gesellschaft», GA 258.
28 Du meines Erdenraumes Geist: Rudolf Steiner änderte später die vorletzte Zeile
um in: «Dich, tönend von Licht und Macht».
31 auch hier in Stuttgart: Außer am 30. September 1914 (siehe den ersten Vortrag
dieses Bandes) hielt Rudolf Steiner auch am 6. Dezember 1914 in Stuttgart einen
Zweigvortrag, von dem aber keine Nachschrift vorhanden ist.
43 Und es wäre das größte Unglück: Dieser Satz lautet im Stenogramm und in der
früheren Ausgabe folgendermaßen: «Und es wäre das größte Unglück, - und
wird von keiner Notwendigkeit jemals herbeigeführt werden können , wenn
jemals das slawische Element das germanische besiegen würde.» Der mittlere Teil
des Satzes wurde gestrichen, da er sich inhaltlich und sprachlich nicht ins Ganze
einfügt.
44 jenen bedeutungsvollen Briefwechsel: David Friedrich Strauß (1808 - 1874),
«Krieg und Friede, zwei Briefe an Ernest Renan nebst dessen Antwort auf den
ersten», Leipzig 1870. Siehe D. F. Strauß, «Gesammelte Schriften», Bonn 1876 -
78, Bd. I, S. 31 lf.. Der Brief Renans ist vom 13. September 1870 datiert.
45 wie Schiller in seinen «Ästhetischen Briefen»: Das Werk «Über die ästhetische
Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen», 1759 - 1805, erschien im
Jahre 1795.
Johann Gottlieb Fichte, 1762 - 1814, hielt seine «Reden an die deutsche Nation»
im Winter 1807/08 in Berlin. Es war die Zeit unmittelbar nach der Niederlage
Preußens gegen Napoleon. Die Stadt war noch von französischen Truppen
besetzt.
46 zu jener Absurdität von dem Krishnamurti: Innerhalb der Theosophischen Ge-
sellschaft wurde einige Jahre vor dem ersten Weltkrieg der später als der
Philosoph Krishnamurti bekannt gewordene Inderknabe als Träger einer zu
erwartenden Wiedergeburt Christi im Irdischen ausgegeben. Daß Rudolf Steiner
sich gegen diese These stellte, führte zum Ausschluß der unter seiner Leitung
stehenden Deutschen Sektion aus der Theosophischen Gesellschaft und zur
Neugründung einer Anthroposophischen Gesellschaft. Krishnamurti hat später
die ihm zugedachte Rolle selbst von sich gewiesen.
Johannes Taulery um 1300 - 1361.
46 Meister Eckhart, 1260 - 1327.
Angelus Silesius, 1624 - 1677.
47 Robert Hamerling, 1830 - 1889. Die erste Gesamtausgabe seiner Werke (in vier
Bänden) erschien erst im Jahre 1900. Zehn Jahre später erschien eine durch
Michael Maria Rabenlechner besorgte Ausgabe der «Sämtlichen Werke» in 16
Bänden. Der erste Band derselben enthält eine ausführliche Schilderung von
Hamerlings Leben und Schaffen.
48 «Raskolnikow» von Dostojewskij: Raskolnikow ist der Name des Haupthelden in
dem berühmten 1867 erschienenen Roman «Schuld und Sühne» von Dostojews-
kij (1818 - 1881).
von deutscher Seite sind wir ermahnt worden: Konnte bisher nicht nachgewiesen
werden.
49 Nehmen wir an ... daß jemand das heute sagen würde: Es handelt sich um Carl
Vogt (1817-1895), Naturforscher; «Politische Briefe an Friedrich Kolb», Separat-
druck aus dem «Schweizer Handels-Courier», Biel 1870.
51 im öffentlichen Vortrage: «Warum nennen <sie> das Volk Fichtes und Schillers ein
Barbarenvolk?», Stuttgart 15. Februar 1915. Innerhalb der Gesamtausgabe ist der
Berliner Parallelvortrag vom 15. November 1914 abgedruckt in dem Band «Aus
schicksaltragender Zeit», GA 64.
57 «Die Mission einzelner Volksseelen»: GA 121.
vor Monaten hier gesprochen: Siehe den ersten Vortrag des vorliegenden Bandes.
62 «Die Pforte der Einweihung»: Das erste der vier Mysteriendramen Rudolf
Steiners, geschrieben 1910. Die erwähnte Stelle findet sich im ersten Bild. -
Innerhalb der Gesamtausgabe erschienen die vier Dramen in einem Band, GA 14.
in verschiedenen Betrachtungen: Siehe vor allem den Band «Das Ereignis der
Christus-Erscheinung in der ätherischen Welt», GA 118.
65 Ich habe Ihnen geschildert: Z. B. im Vortrag vom 1. Januar 1914, 4. Vortrag in
«Christus und die geistige Welt»; GA 149, und in dem vom 17. Januar 1915, 4.
Vortrag in «Menschenschicksale und Völkerschicksale», GA 157.
das Schicksal von Europa entschieden worden ist: Konstantin, der von 313 bis 337
in Rom herrschte (seit 323 als Alleinherrscher), begünstigte und anerkannte das
Christentum, während seine Vorgänger die Christen noch hatten verfolgen
lassen.
die Jungfrau von Orleans: Jeanne d'Arc, 1412 - 1431.
66 so erzählt uns eine alte norwegische Legende: Sie ist uns überliefert als «Das
Traumlied vom Olaf Ästeson». Rudolf Steiner hat es ins Deutsche übertragen
und mehrfach darüber gesprochen, vor allem in der Weihnachts- und Neujahrs-
zeit der Jahre 1912 bis 1915. Die betreffenden Vorträge sind abgedruckt in dem
Band «Der Zusammenhang des Menschen mit der elementarischen Welt», GA
158. Dort ist auch der Text des Traumliedes auf den Seiten 155-164 wieder-
gegeben.
68 das Buch eines Philosophen: Ernst Mach (1838 - 1916), «Beiträge zur Analyse der
Empfindungen», erstmals erschienen Jena 1886, viele Auflagen. - Das Zitat ist
nicht wörtlich.
70 mit der anderen Theosophischen Gesellschaft: Siehe Hinweis zu S. 46.
73 im Wiener Zyklus 1914: «Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod
und neuer Geburt», 8 Vorträge, Wien, April 1914, GA 153.
74 ein liebes Mitglied unserer Gesellschaft: Sibyl Colazza, gestorben im Januar 1915.
Die Trauerfeier in Zürich fand am 31. Januar 1915 statt. Siehe «Unsere Toten.
Ansprachen, Gedenkworte und Meditationssprüche 1912 bis 1924», GA 261, S.
116 - 121.
76 der kleine Theo Faiß: A. a. O., S. 101 ff..
79 Sophie Sünde, 1853 — 1915. Sie wirkte seit 1902 im Vorstand des Münchner
Zweiges, dann im Vorstand der Deutschen Sektion der Theosophischen
Geseilschaft. Sie half auch tatkräftig bei der Aufführung der Mysteriendramen
Rudolf Steiner in München und bei der Verwirklichung des Baugedankens.
in den nächsten Tagen in München: Die Gedenkworte wurden am 30. November
in München gesprochen, siehe «Unsere Toten», GA 261, S. 162 - 172.
80 eines der öffentlichen Vorträge: Gemeint ist wohl der Vortrag vom 26. November
1914, abgedruckt im Band «Aus schicksaltragender Zeit», GA 64.
101 Goethe hat den Ausdruck gebraucht: Im «Faust» II, 2. Akt, Laboratorium, sagt
Homunculus zu Mephistopheles: «Du aus Norden, / Im Nebelalter jung
geworden.».
109 in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» und «Theosophie»: Die betreffenden
Ausführungen finden sich im Kapitel «Schlaf und Tod» der «Geheimwissen-
schaft» (GA 13), und im Kapitel «Die Seele in der Seelenwelt nach dem Tode» der
«Theosophie» (GA 9).
129 Ich habe ... darauf hingedeutet: Im vierten und besonders im fünften Vortrag
dieses Bandes.
130 in dem zweiten Mysteriendrama: «Die Prüfung der Seele», erstes Bild; siehe
Hinweis zu S. 62.
132 Moriz Benedict, 1835 - 1920, Professor in Wien. Begründete mit Lombroso die
Kriminalanthropologie. «Anatomische Studien an Verbrechergehirnen», 1878.
136 Der Abschnitt von «Der eine oder andere ...» bis «... in eine andere kommen.»
wurde bei der ersten Auflage 1945 ausgelassen und erst 1974 eingefügt.
138 Mrs. Besant: Siehe Hinweis zu S. 17.
139 in diesem Zweige: Vgl. den zweiten und dritten Vortrag dieses Bandes.
in einzelnen Zyklen: Vgl. u. a. «Die Mission der einzelnen Volksseelen ...», GA
121, sowie «Menschenschicksale und Völkerschicksale», GA 157.
141 Herder ... hat ... darauf hingewiesen: Johann Gottlieb Herder, 1744 - 1803.
Besonders in dem Kapitel «Slavische Völker» im sechzehnten Band seiner «Ideen
zur Philosophie der Geschichte der Menschheit».
142 im öffentlichen Vortrag: Der am 13. März 1916 in Stuttgart gehaltene Vortrag
«Ein vergessenes Streben nach Geisteswissenschaft innerhalb der deutschen
Gedankenentwickelung» ist nicht erhalten. Der in Berlin gehaltene Parallelvor-
trag ist jedoch abgedruckt in dem Bande «Aus dem mitteleuropäischen
Geistesleben», GA 65.
143 Königin Elisabeth von England: Sie herrschte 1558 - 1603. Unter ihrer Regierung
wurde die mächtige Flotte Spaniens von den Engländern besiegt und der Grund
gelegt zur Vorherrschaft von Großbritannien in Westeuropa.
144 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, 1770 - 1831.
Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, 1775 - 1854.
Johann Gottlieb Fichte, 1762 - 1814.
145 hier in Stuttgart gesagt: In dem öffentlichen Vortrag vom 25. November 1915,
abgedruckt in der Zeitschrift «Anthroposophie» 1931/32, Heft 1 - 2 , unter dem
Titel «Das Weltbild des deutschen Idealismus. Eine Betrachtung im Hinblick auf
unsere schicksaltragende Zeit». Vgl. auch den Parallelvortrag in dem Band «Aus
schicksaltragender Zeit»; GA 64.
Seit mehr als dreißig Jahren bemühe ich mich: Rudolf Steiner gab in Kürschners
«Deutsche National-Litteratur» Goethes «Naturwissenschaftliche Schriften»
heraus und versah sie mit Einleitungen und Anmerkungen (1884 - 1897). Die
Einleitungen erschienen als selbständige Ausgabe unter dem Titel «Einleitungen
zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften. Zugleich eine Grundlegung der
Geisteswissenschaft (Anthroposophie)», GA 1. Vergleiche auch das Buch
«Goethes Weltanschauung» (1897), GA 6.
149 jene Abschälung: Vgl. Hinweis zu S. 46.
150 Helena Petrowna Blavatsky, 1831-1891. Gründete zusammen mit H. S. Oleott
die Theosophische Gesellschaft. Vgl. dazu Rudolf Steiner: «Die okkulte
Bewegung im 19. Jahrhundert», GA 254.
152 Annie Besants erste Versammlung in Hamburg: Annie Besant kam im Herbst
1904 auf Einladung Rudolf Steiners nach Deutschland und hielt in Hamburg und
in einer Reihe anderer deutscher Städte Vorträge. Siehe den Aüfsatzband
«Lucifer - Gnosis», GA 34, 1960, S. 553 ff.
153 an anderen Orten auseinandergesetzt: Vgl. Hinweis zu S. 150.
154 Man soll nicht glauben, daß ich mich in die Arzneikunde hineinmische: Im Vor-
trag vom 18. März 1916 sagt Rudolf Steiner: «... es muß von meiner Person
freigehalten werden alles dasjenige, was mit ärztlichen Ratschlägen zusammen-
hängt ...» in «Mitteleuropa zwischen Ost und West», GA 174 a, 1971, S. 125.
Besant, Theosophie und Imperialismus: «Theosophy and Imperialism», lecture,
London 1902.
155 eine okkultistische Persönlichkeit: «Madame de Thebes», Pseudonym einer an-
geblichen Anne Victorine de Savigny, die alljährlich in Paris einen okkulten
Almanach veröffentlichte. Vgl. den folgenden Hinweis.
155/156 Jahrbuch: «Almanach de Mme de Thebes. Conseils pour etre heureux», Paris
1912. Vgl. dazu auch den Vortrag vom 24. März 1916 in «Aus dem mitteleuropäi-
schen Geistesleben», GA 65, S. 584.
156 Pariser Blatt: «Paris - Midi», vgl. GA 65 a. a. O. sowie den folgenden Hinweis.
Jean Jaures, 1859 - 1914, Führer der französischen Sozialisten. Gegner des
Eintritts Frankreichs in den Krieg 1914. Wurde in den ersten Kriegstagen
ermordet. «Paris - Midi» (Maurice de Wallef) und eine ganze Anzahl anderer
Pariser Blätter hatten entsprechende «Voranzeigen» und Drohungen gebracht
(vergl. Jaures' Rede in der Kammer vom 4. Juli 1913: «... dans vos journaux, dans
vos articles, chez ceux qui vous soutiennent, il y a contre nous, vous m'entendez,
unperpetuel appel ä l'assasinat! ... et M. Paul Adam ajoutait pour vous que tous
ces hommes tomberaient frappes au premier jour de la declaration de guerre»).
(«... aus euren Zeitungen, aus euren Artikeln, bei euren Helfershelfern tönt - ihr
versteht mich - fortgesetzt die Aufforderung zu einem Attentat gegen uns ...
und M. Paul Adam fügte in eurem Sinne hinzu, daß alle diese Männer [die
nämlich wie Jaures als Gegner der dreijährigen Dienstzeit nach Ansicht der
damaligen rechtsstehenden französischen Presse «mit dem Feind paktierten»] am
Tag der Kriegserklärung zu allererst niedergeschlagen würden». Vergl. La voix
d'outre-tombe. Discours de Jean Jaures. Recueillis et commentes par Victor
Schiff, Berlin 1919, S. 18: Discours ä la Chambre le 4 juillet 1913). - Jaures
strebte für eine Art Milizsystem die zweijährige Dienstzeit an.
212 Philosoph, den ich ... gekannt habe: Richard Wähle, 1857 - 1935. «Die Tragiko-
mödie der Weisheit», Wien und Leipzig 1915. Das Zitat lautet wörtlich: «Wir
haben nicht mehr Philosophie als ein Tier, und nur die rasenden Versuche, zu
einer Philosophie zu kommen, und die endliche Ergebung in Nichtwissen
unterscheiden uns von dem Tier», S. 132.
213 Maurice Barres, 1862 - 1923. Die Zitate sind entnommen einem Artikel in der
«Internationalen Rundschau», 1. Jahrg. 3. Heft, Zürich, 20. Juli 1915: «Abschied
vom Führer der Jugend: Maurice Barres.» Eine Plauderei von Andre Germain.
221 Woodrow Wilson, 1856 - 1924, Präsident der Vereinigten Staaten von 1913 bis
1921. Wilsons Reden: «Die neue Freiheit», München 1914, Wilsons Noten: in
«Der Krieg. Der Friede», Zürich 1918.
226 angedeutet im Mysterienspiel: Im dritten Myteriendrama «Der Hüter der
Schwelle», 1. Bild (Worte des Hilarius), in «Vier Mysteriendramen» (1910 - 13),
GA14.
Da sagte Plato: In dem Dialog «Phaidros», Kapitel 25 - 29.
Rudolf Kjellen, 1864 - 1922: «Der Staat als Lebensform», Leipzig 1916.
228 Numa Denis, Fustel de Coulanges, 1830 - 1889. «La Cite antique.»
230 Alexander von Bernus, 1880 - 1965. Herausgeber der Zeitschrift «Das Reich»,
München 1916 - 1920.
231 jemand, der sich vorgenommen hat, über alle Dinge bei uns die Unwahrheit zu
sagen: Auf wen sich dies bezieht, war nicht festzustellen.
235 biblischer Ausspruch: Weisheit der Welt, nach Maß und Zahl geordnet: Moses I
15/5,1 22/17, Siehe Rudolf Steiner «Die tieferen Geheimnisse des Menschheits-
werdens im Lichte der Evangelien», GA 117, 1966, Seite 43: «In dem
althebräischen Volke mußte ... geordnet sein.»
236 in der Bibel wird vom Patriarchenalter gesprochen: Psalm 90, Vers 10.
242 so würde man andere Übersetzungen liefern: In anderen Vorträgen erwähnt
Rudolf Steiner in diesem Zusammenhang den zu seiner Zeit sehr berühmten
Altphilologen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (1848 - 1931); so z.B. in
dem Band «Perspektiven der Menschheitsentwickelung», GA 204, S. 144, wo es
heißt: «der Urphilister der modernen Zivilisation ..., Wilamowitz, ... der die
griechischen Tragiker in ein modernes triviales Gewand gekleidet hat, das dann
unendlich bewundert worden ist von all denjenigen, die ebenso tief eingedrungen
sind in das griechische Wort, wie sie fernestehen dem griechischen Geiste».
243 «Lieber ein Bettler in der Oberwelt...»; Odyssee, 11. Gesang, Vers 488 ff.
der große griechische Philosoph Aristoteles: Von den Äußerungen des Aristoteles
über das Erleben der Seele nach dem Tode, die in verschiedenen Werken zerstreut
sind, gibt es eine zusammenfassende Darstellung durch Franz Brentano in seinem
Werk «Aristoteles und seine Weltanschauung» in dem Kapitel «Das Diesseits als
Vorbereitung auf ein allbeseligendes und jedem gerecht vergeltendes Jenseits».
244 Franz Brentano, 1838 - 1917. «Die Psychologie des Aristoteles», Mainz 1867, Es
handelt sich um eine freie Wiedergabe der Ausführungen Brentanos auf S. 196.
245 von dem Plato sagte: Im 13. Kapitel des Dialogs «Phaidon». Die Stelle lautet:
«Und so mögen auch diejenigen, welche uns die Weihen angeordnet haben, gar
nicht schlechte Leute sein, sondern schon seit langer Zeit uns andeuten, wenn
einer ungeweiht und ungeheiligt in der Unterwelt anlangt, daß er in den Schlamm
zu liegen kommt, der Gereinigte aber und Geweihte, wenn er dort angelangt ist,
bei den Göttern wohnt.»
246 solch ein Nachfolger des Augustus: Gaius Julius Caligula (12 - 41 n. Chr.),
römischer Kaiser 37 - 41 n. Chr. Siehe z.B.: Sueton, «Lebensbeschreibungen der
Kaiser», ins Deutsche übertragen von Adolph Stahr, Stuttgart 1864 (Neuausgabe
1926 - 28) in dem Kapitel «Cajus Caesar Caligula».
248 Parusie: Wiederkunft Christi.
Helena Petrowna Blavatsky, 1831 - 1891. In «Geheimlehre» Bd. III, Kap. 39
«Zyklen und Avatare».
254 Konzil von Konstantinopel: Seit diesem Konzil wurde die sog. Trichotomie,
wonach der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht, in der Kirche als Ketzerei
verworfen.
Wilhelm Wundt, 1832 - 1920, Arzt, Philosoph, Psychologe, gründete in Leipzig
das erste Institut für experimentelle Psychologie; schrieb u. a. «Grundzüge der
physiologischen Psychologie» und «Völkerpsychologie».
256 wenn jetzt Schmähschriften: Siehe Hinweise zu S. 198 und 199.
257 alle Fäden durchschnitten: Im Jahre 1911 fanden die entscheidenden Auseinan-
dersetzungen zwischen der Leitung der Theosophischen Gesellschaft in Adyar
und der Deutschen Sektion unter Rudolf Steiner statt, und zwar im Zusammenhang
mit der Gründung des sog. «Ordens des Sterns des Ostens» durch Annie Besant.
Die formelle Trennung erfolgte erst Ende 1912.
Edouard Schure, 1841 - 1929. Schure, seit 1906 mit Rudolf Steiner und Marie von
Sivers verbunden, hatte während des ersten Weltkrieges einen gehässigen Artikel
gegen Steiner in Frankreich veröffentlicht. Nach Kriegsende bedauerte er seine
von chauvinistischer Leidenschaft diktierte Handlungsweise und bat mündlich
und brieflich um Verzeihung. Schure nahm im Herbst 1922 am sog. «Französi-
schen Kurs» Rudolf Steiners («Kosmologie, Religion und Philosophie», GA 25)
teil
258 «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit»: Siehe Hinweis zu S. 27.
262 Friedrich Theodor Visther, 1807 - 1887: «Der Traum. Eine Studie zu der Schrift
<Die Traumphantasio von Dr. Johannes Volkelt» in «Altes und Neues», Stuttgart
1881.
273 Schillers Antrittsvorlesung: Am 25. Mai 1789 für das Lehramt für Geschichte an
der Universität Jena: «Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universal-
geschichte?»
278 Gustave Herve, 1871 - 1944. Journalist und Schriftsteller.
George Clemenceau, 1841 - 1929, französischer Ministerpräsident mit dem
Beinamen «der Tiger».
281 ehemaliger Finanzminister: Im Jahre 1918 war Vorsitzender der Goethe-
Gesellschaft der preußische Staats- und Finanzminister a. D., Oberpräsident der
Rheinprovinz, Georg Kreuzwendedich Freiherr von Rheinbaben.
284 Vorträge in Kristiania: «Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhang
mit der germanisch-nordischen Mythologie» (1910), GA 121.
Vortragszyklus in Wien: «Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod
und neuer Geburt», GA 153.
285 im Verlauf unserer Auseinandersetzungen: Vgl. u. a. «Die spirituellen Hinter-
gründe der äußeren Welt. - Der Sturz der Geister der Finsternis», GA 177.
301 das Buch von Theodor Ziehen: «Leitfaden der physiologischen Psychologie in 15
Vorlesungen», 5. Aufl. Jena 1900, S. 161 und 205 (Zitate nicht wörtlich).
302 Wladimir Iljitsch Lenin, 1870 - 1924.
Leo Davidowitsch Trotzkij, 1879 - 1940.
303 dänisches Buch: Es handelt sich wohl um E. Rasmussen: «Jesus, eine vergleichen-
de psychopathologische Studie», Leipzig 1905.
304 Alexander Moszkowski: Berliner Journalist, Herausgeber der «Lustigen Blätter».
307 über Wilson in einem Zyklus lange vor diesen Ereignissen: In «Die okkulten
Grundlagen der Bhagavad Gita», 5. Vortrag, GA 146.
315 Origines, 1 8 2 - 2 5 3 .
317 so wahr ein Gott im Himmel ist, bin ich ein Atheist: Das Zitat stammt aus Ludwig
Anzengruber (1839 - 1889), «Ein Faustschlag», Schauspiel in drei Akten, 3. Akt,
6. Szene, Kammauf: «... Bleiben Sie mir mit allen veralteten Traditionen vom
Leibe, das greift bei mir nicht an, denn - so wahr ein Gott lebt! - ich bin
Atheist!».
318 «Nach uns die Sintflut»: «Apres nous le deluge», ein Ausspruch, der dem
französischen König Ludwig XV. (1710 - 74) zugeschrieben wird.
319 Oscar Hertwig, 1849 - 1922. «Das Werden der Organismen», Jena 1916.
Eduard von Hartmann, 1842 - 1906. Philosophie des Unbewußten. Versuch
einer Weltanschauung.» Berlin 1869.
Es erschien eines Tages ein Buch: «Das Unbewußte vom Standpunkt der Physio-
logie und Deszendenztheorie. Eine kristische Beleuchtung des naturphilosophi-
schen Teils der <Philosophie des Unbewußtem», Berlin 1872, 2. Aufl. unter dem
Namen Hartmann und mit «Allgemeinen Vorbemerkungen» und Zusätzen
versehen, 1877.
Oskar Schmidt, 1823 - 1886, Zoologe, «Die naturwissenschaftlichen Grundlagen
der Philosophie des Unbewußten», Leipzig 1877. Über die Schrift des Anonymus
(Eduard v. Hartmann): «Sie haben alle, welche nicht auf das Unbewußte
eingeschworen sind, in ihrer Überzeugung vollkommen bestätigt, daß der
Darwinismus im Rechte sei», S. 3.
320 «Zur Abwehr des ... Darwinismus»: Oscar Hertwig: «Zur Abwehr des sozialen,
des ethischen und des politischen Darwinismus», Jena 1918.
326 Fritz Mauthner, 1849 - 1923. Autor von «Wörterbuch der Philosophie». Der
Artikel «Goethes Horoskop» erschien im «Berliner Tageblatt» 47. Jahrg. 1918,
Nr. 161 (Abendausgabe des 28. März).
332 gestern im öffentlichen Vortrag: «Die Rätsel des geschichtlichen Lebens der
Menschheit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft», 25. April 1918. Abge-
druckt in «Die Menschenschule», 1961, 35. Jahrg., Heft 10. Über das gleiche
Thema spricht Rudolf Steiner auch in dem Vortrag vom 14. März 1918 in Berlin,
erschienen in dem Band «Das Ewige in der Menschenseele», GA 67.
343 Vinzenz Knauer, 1828 - 1894, Professor der Philosophie in Wien, mit dem
Rudolf Steiner im Haus delle Grazie in Wien zusammenzukommen pflegte. Vgl.
Rudolf Steiner «Mein Lebensgang», 7. Kapitel. Die erwähnte Stelle findet sich in:
«Hauptprobleme der Philosophie», Wien und Leipzig 1892,21. Vorlesung, L Die
Erkenntnisquellen, S. 136 ff.
349 Karl Christian Planck, 1819 - 1880. Vgl. Rudolf Steiner «Die Rätsel der
Philosophie», GA 18, und «Vom Menschenrätsel», GA 20.
352 Alfred Loisy, 1857 - 1940, Religionshistoriker. Wegen bibelkritischer Werke ex-
kommuniziert.
Schopenhauer nannte sie: Vgl. «Die beiden Grundprobleme der Ethik», Vorrede
zur 1. Auflage, und Friedrich Nietzsche, «Menschliches - Allzumenschliches», 8.
Hauptstück 482.
354 Vorangehende historische Seminarstunde: Vom 12. bis 23. März 1921 fand in
Stuttgart im Rahmen der «Freien anthroposophischen Hochschulkurse» ein
Seminar «Weltgeschichte im Sinne der Anthroposophie» statt unter der Leitung
von Dr. W. J. Stein, Dr. Karl Heyer und Dr. Eugen Kolisko.
Kulturpolitische Angriffe: Konnte bisher nicht nachgewiesen werden.
355 Nikita: Nikola oder Nikita, Fürst und König von Montenegro, 1860 - 1918.
Karl Helfferich, 1872 - 1924, deutscher Staatssekretär und deutschnationaler
Parteiführer, Gegner von Erzberger.
356 Matthias Erzberger, 1875 - 1921, deutscher Zentrumsführer, Gegner von
Helfferich. Wurde von Vorläufern des Nationalsozialismus ermordet.
Walter Simons, 1861 - 1937, 1920 - 1921 Reichsaußenminister, danach Präsident
des Reichsgerichts in Leipzig.
David Lloyd George, 1863 - 1945. Von 1902 - 1922 dominierende Persönlichkeit
der britischen Politik.
359 Berliner Vertrag: Ergebnis des Berliner Kongresses 1878 über den Balkan.
Österreich wurde mit der Okkupation von Bosnien und der Herzegowina (bis
dahin türkisch) beauftragt.
360 Wilson in seinen verschiedenen Reden: Vgl. Hinweis zu S. 221.
diese Linie: Die Zeichnung, auf die sich diese Ausführung bezieht, ist nicht
erhalten.
361 Aufruf: «An das deutsche Volk und die Kulturwelt», abgedruckt in «Die
Kernpunkte der sozialen Frage» (1919), GA 23.
365 Victor Adler, 1852 - 1918, damals der unbestrittene Führer der Sozialisten in
Österreich. Vgl. Rudolf Steiner «Mein Lebensgang», 8. Kapitel.
Zivischenminister Gautsch: Paul Freiherr Gautsch von Frankenthurn, 1851-1918,
1897 - 98 österreichischer Ministerpräsident.
Otto Hausner, 1827 - 1890. Vgl. «Mein Lebensgang», 4. Kapitel, sowie
«Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge», Bd. 2, GA 236.
366 Leopold Anton Graf Berchtold, 1863 - 1942, österreichischer Diplomat, Außen-
minister von 1912 - 1915.
367 Helmuth von Moltke, \%77 — 1916, der jüngere, Neffe des «älteren» Generalfeld-
marschalls gleichen Namens (1800 - 1891).
368 eine hier anwesende Persönlichheit: Es kann sich nur um die Gräfin Eliza Moltke-
Huitfeld handeln.
dämonische Frauen in Petersburg: Zwei Töchter, Anastasia und Militza, des
montenegrinischen Königs Nikita waren am Zarenhof verheiratet.
368 Raymond Poincare, 1860 - 1934, einer der maßgebendsten französischen Politi-
ker vor, während und nach dem 1. Weltkrieg. Besuchte Rußland 21. - 23. Juli
1914.
französischer Botschafter: Maurice Paleologue, 1859 - 1944, Botschafter in
Petersburg 1913 - 1917. Schrieb «Am Zarenhof während des Weltkriegs», 3 Bde.,
deutsch 1925.
371 Aufzeichnungen von Moltke: H . v. Moltke, «Erinnerungen, Briefe, Dokumente
1877 - 1916», Stuttgart 1922. Die geplante Veröffentlichung im Jahre 1916
unterblieb aus den von R. Steiner angegebenen Gründen; die bereits gedruckte
Broschüre wurde zurückgezogen. Rudolf Steiners Vorwort ist abgedruckt in
«Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage
1915 bis 1921», G A 24.
372 Alfred von Tirpitz, 1849 - 1930. Deutscher Großadmiral und Staatssekretär der
Marine, Schöpfer der deutschen Sehlachtflotte vor dem 1. Weltkrieg. Schrieb
«Erinnerungen», Leipzig 1919.
Theohald von Bethmann-Hollweg, 1856 - 1921. Deutscher Reichskanzler 1909 -
1917. Tirpitz über Bethmann: Vgl. dessen «Erinnerungen», 16. Kap. «Der
Ausbruch des Krieges».
374 Asquith und Grey: Englische Minister (Asquith Ministerpräsident 1908 - 1916,
Grey Außenminister 1905 - 1916).
Gedanken während der Zeit des Krieges: Vgl. Hinweis zu S. 179.
375 Satz, den Moltke geschreiben hat: Siehe Hinweis zu S. 371. Moltke a. a. O., S. 14.
377 J'accuse-Bücher: «J'accuse, von einem Deutschen», 2. Auflage Lausanne 1915.
Unter diesem Titel ließ ein Anonymus, hinter dem sich ein gewisser Grelling
verbarg, während des 1. Weltkriegs deutschfeindliche Pamphlete erscheinen.
Friedenswillenserklärung: im Dezember 1916 seitens der deutschen Regierung.
Richard von Kühlmann, 1873 - 1948. Deutscher Diplomat, 1917 - 18 Staatssek-
retär des Auswärtigen Amts.
378 Erich Ludendorff, 1865 - 1937. Deutscher Heerführer im 1. Weltkrieg.
Die Stimmung wurde immer erregter: Siehe Moltke a. a. O., S. 20 und 23.
379 Warren Gamaliel Harding, 1865 - 1923,1920 als Nachfolger Wilsons Präsident
der Vereinigten Staaten.
Walter Simons: Vgl. Hinweis zu S. 356. Simons war Leiter der deutschen
Friedensdelegation in Versailles 1919.
NAMENREGISTER
(* = ohne Namensnennung)