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Rudolf Steiner Gesamtausgabe Vorträge

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE

VORTRÄGE

V O R T R Ä G E VOR M I T G L I E D E R N
DER A N T H R O P O S O P H I S C H E N GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER

KOSMISCHE UND MENSCHLICHE GESCHICHTE

Band I Das Rätsel des Menschen. Die geistigen Hintergründe der


menschlichen Geschichte
15 Vorträge, Dornach, vom 29. Juli bis 3. September 1916
Bibliographie-Nr. 170

Band II Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit. Goethe und


die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts
16 Vorträge, Dornach, vom 16. September bis 30. Oktober 1916
Bibliographie-Nr. 171

Band III Das Karma des Berufes des Menschen in Anknüpfung an


Goethes Leben
10 Vorträge, Dornach, vom 4. bis 27. November 1916
Bibliographie-Nr. 172

Band IV Zeitgeschichtliche Betrachtungen - Erster Teil


13 Vorträge, Dornach, vom 4. bis 31. Dezember, und in Basel am 21.
Dezember 1916
Bibliographie-Nr. 173

Band V Zeitgeschichtliche Betrachtungen - Zweiter Teil


12 Vorträge, Dornach, vom 1. bis 30. Januar 1917
Bibliographie-Nr. 174

Band VI Mitteleuropa zwischen Ost und West


12 Vorträge, München, zwischen dem 13. September 1914 und 4. Mai
1918
Bibliographie-Nr. 174a

Band VII Die geistigen Hintergründe des Ersten Weltkrieges


16 Vorträge, Stuttgart, zwischen dem 30. September 1914 und 21. März
1921.
Bibliographie-Nr. 174b
R U D O L F STEINER

Die geistigen Hintergründe


des Ersten Weltkrieges
Kosmische und menschliche Geschichte
Siebenter Band

Sechzehn Vorträge, gehalten in Stuttgart


zwischen dem 30. September 1914 und dem 26. April 1918
und am 21. März 1921

1994
RUDOLF STEINER VERLAG
D O R N A C H / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung
Die Herausgabe besorgten
Helmut von Wartburg und Robert Friedenthal

1. Auflage in dieser Zusammenstellung


Gesamtausgabe Dornach 1974

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1994

Einzelausgaben und Abdrucke in Zeitschriften siehe Seite 383

Bibliographie-Nr. 174b
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1974 by Rudolf Steiner-Nachlaß Verwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck, Bühl
ISBN 3-7274-1742-0
Zu. den Veröffentlichungen
aus dem Vortragsiverk von Rudolf Steiner

Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert


sich in die drei großen Abteilungen: Schriften - Vorträge - Künst-
lerisches Werk (siehe die Übersicht am Schluß des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl öffentlich wie für
Mitglieder der Theosophischen, später Anthroposophischen Gesell-
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vorträgen und Kursen hatte
Rudolf Steiner ursprünglich nicht gewollt, daß sie schriftlich festge-
halten würden, da sie von ihm als «mündliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend
unvollständige und fehlerhafte Hörernachschriften angefertigt und
verbreitet wurden, sah er sich veranlaßt, das Nachschreiben zu
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der
Nachschriften und die für die Herausgabe notwendige Durchsicht
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fällen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muß gegenüber
allen Vortragsveröffentlichungen sein Vorbehalt berücksichtigt
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden müssen, daß
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes
findet.»
Über das Verhältnis der Mitgliedervorträge, welche zunächst nur
als interne Manuskriptdrucke zugänglich waren, zu seinen öffent-
lichen Schriften äußerte sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra-
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut
ist am Schluß dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt
gleichermaßen auch für die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemäß
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nähere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT

ERSTER VORTRAG, Stuttgart, 30. September 1914 13


Die Gegenwart als Zeit der Prüfung. Die Verbindung von Deutschland und
Österreich und die unnatürliche Verbindung von Frankreich und England mit
Rußland. Verständnis für die heutigen Völkerschicksale durch den Volkssee-
lenzyklus. Das Ringen der Seelenkräfte in den Mysteriendramen als Bild für
das Ringen der Völker. Sinnlosigkeit der Kriegsschuldfrage. Herman Grimm
über die Deutschen. Die Seele des ermordeten Erzherzogs. Umwandlung der
Angstkräfte in Mut und Begeisterung. Hilfe durch die Gefallenen für die
Kämpfenden. Entwicklung der Liebefähigkeit durch Geisteswissenschaft. Der
Krieg als Lehrmeister der Spiritualität. Zitat eines ins Feld Ziehenden. Hilfe
durch den Spruch «Geister eurer Seelen ... ». Friedenswille der Deutschen.
Ausspruch von Jagows. Zu Objektivität gegenüber dem Volksgeist verhilft
uns der Spruch «Du, meines Erdenraumes Geist!». Hoffnung für die Zukunft.

ZWEITER VORTRAG, 13. Februar 1915 30


Wahrheiten über die Auseinandersetzungen der Völker nicht allgemein gültig,
dem Menschenverstand nicht faßbar. Die verschiedene Mission der Farbigen
und der Weißen. Zukünftige große Kämpfe zwischen weißer und farbiger
Rasse. Die Eigenheit der germanischen Völker. Baidur und Christus. Die
slawische Kultur als Vorläufer der sechsten Kulturepoche. Der Briefwechsel
Renan / Strauß. In Mitteleuropa die Möglichkeit, über das Nationale hinaus-
zukommen. In England Theosophie neben dem äußeren Geistesleben, in
Deutschland Anthroposophie im Zusammenhang mit dem übrigen Geistesle-
ben. Worte von 1870 über die Tendenz Rußlands zum Vordringen nach We-
sten. Bedeutung der heutigen Gedanken und Empfindungen für die Zukunft.

DRITTER VORTRAG, 14. Februar 1915 55


Die Verbindung des Menschen mit dem eigenen Volksgeist während des Wa-
chens, mit allen anderen Volksgeistern im Schlafe. Die Überwindung nationa-
ler Einseitigkeiten durch Geisteswissenschaft. Das Bündnis zwischen Frank-
reich und Rußland als äußere Maja, und der Gegensatz zwischen westlichen
und östlichen Seelen im Geiste. Die Bedeutung dieses Gegensatzes für die
Arbeit des Michael für die Vorbereitung der Erscheinung des Christus in
Äthergestalt. Die Aufgabe Mitteleuropas. Das Wirken des Christus in den
unbewußten Seelenkräften. Konstantin, die Jungfrau von Orleans, Olaf Äste-
son und die 13 heiligen Nächte. Schwierigkeiten der Selbsterkenntnis; ein
Beispiel dafür bei Ernst Mach. Der Unterschied von Bauch- und Kopfhellse-
hen. Erlebnisse der Seelen nach dem Tode. Theo Faiß und die Wirksamkeit
seines Ätherleibes im Goetheanumbau. Die Förderung der Menschheitsziele
durch die Ätherleiber der im Kriege Gefallenen.

VIERTER VORTRAG, 22. November 1915 79


Bedeutung der vielen Kriegstode. Sophie Stinde. Die Erinnerungsbilder der
Verstorbenen in unserem Astralleib und Ich, und das Aufleuchten dieser
Bilder während des Schlafens. Das Leben in der geistigen Welt nach dem
Tode. Das Hereinwirken der Hierarchien in das Dasein der Verstorbenen. Die
Bedeutung unseres Totengedenkens für die Verstorbenen, vergleichbar unse-
rem Erleben hoher Kunstwerke.

FüNFTER VORTRAG, 23. November 1915 94


Seelenerlebnisse nach dem Tode. Die Wahrnehmung des Verlassenwerdens
von allem Irdischen. Das Lebenspanorama. Das Hinblicken auf das Todeser-
lebnis während der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. Der Eintritt in das
Kamaloka. Das Erleben der eigenen Taten in ihrer Wirkung auf andere, und
die Bildung des Karmas. Das Wesen des Traumlebens. Die Beziehung unseres
Schlafbewußtseins zum Leben im Kamaloka. Die Wirkung der Ätherleiber
der zu früh Gestorbenen.

SECHSTER VORTRAG, 24. November 1915 113


Ein Bild für das Wirken der kosmischen Kräfte im Leben der Pflanze. Die
Bewahrung der Sonnenkraft im Samen während des Winters. Die Erlangung
der rechten Stimmung für die geisteswissenschaftliche Forschung. Die Rätsel-
haftigkeit des Todes. Das Wirken Frühverstorbener in der geistigen Welt
vergleichbar dem Wirken der Idealisten in der physischen Welt. Notwendig-
keit der Demut gegenüber der Größe der Welträtsel. Eine Entdeckung des
Moritz Benedikt über die physiologische Veranlagung zum Verbrechertum.
Die Möglichkeit der Verwandlung solcher Anlagen durch die geisteswissen-
schaftliche Arbeit. Die Bedeutung dieser Möglichkeit für die Entwicklung
zum Jupiter-Dasein.

SIEBENTER VORTRAG, 12. März 1916 138


Die Verleumdung der Anthroposophie durch Annie Besant. Wesenszüge des
russischen Volkes. Verwendung dieser Eigenschaften zu machtpolitischen
Zwecken. Notwendigkeit der Aufnahme mitteleuropäischer Impulse durch
das russische Volk. Der Gegensatz zwischen dem deutschen und dem englischen
Wesen. Das Hervorgehen des mitteleuropäischen Okkultismus aus dem
Geistesstreben des deutschen Volkstums. Die Ziele der angelsächsischen
Okkultisten. Die verborgenen Hintergründe der Entwicklung von H . P.
Blavatsky. Umtriebe des französischen Okkultismus im Zusammenhang mit
dem Ausbruch des Weltkriegs.

ACHTER VORTRAG, 15. März 1916 160


Der Zusammenhang des Gedankenlebens mit dem Ätherleib. Unsere Gedanken
als Arbeitsmaterial für die Wesenheiten der dritten Hierarchie. Das Verwan-
deln dieser Gedanken in Äthergewebe nach dem Tode. Das Innere wird Äu-
ßeres, das Äußere wird Inneres. Das Arbeiten der höheren Hierarchien im
Vorbereiten unserer kommenden Inkarnation. Ein Bild von Meister Bertram
als Beweis für das geistige Wissen früherer Zeiten. Die Schädlichkeit unklarer
pazifistischer Bestrebungen. Das Verkennen von Karl Christian Planck als
Zeichen für den Ungeist unserer Zeit. Der Materialismus Ernst Haeckels und
die geistige Weltauffassung seines Lehrers Ernst von Baer. Treibereien der
Freimaurerorden und des Panslawismus. Die Bedeutung geistgemäßer Ge-
danken für die Menschheitsentwicklung. Ein für die materialistische Gesinnung
charakteristischer Ausspruch von Lamettrie.
NEUNTER VORTRAG, 11. Mai 1917 183
Anthroposophie als Bedürfnis der gegenwärtigen Menschheit. Die Erziehung
zu selbständiger Urteilskraft durch Geisteswissenschaft. Das Mißverstehen
dieser Tatsache. Nicht wirklichkeitsgemäßes Denken als Charakteristikum
unserer Gegenwart. Eine Argumentation des Mathematikers Leo Königsberger
als Beispiel. Der Mangel an sachlicher Auseinandersetzung mit der Anthro-
posophie, und das Hinüberspielen dieser Auseinandersetzung ins Persönliche.
Einige Beispiele für die Bekämpfung und die Ausnützung der Anthroposophie
aus persönlichen Motiven: Erich Bamler, Max Seiling, Max Heindl. Zwei
notwendig gewordene Maßnahmen.

ZEHNTER VORTRAG, 13. Mai 1917 210


Der Materialismus als notwendige Phase der Menschheitsentwicklung. Die
Schwierigkeit, in unserer Zeit zu geistigen Erkenntnissen zu kommen. Beispiele
dafür in Aussprüchen von Ernest Renan, Richard Wähle und Maurice Barres.
Das Gesetz vom Jüngerwerden der Menschheit. Das Stehenbleiben heutiger
Menschen auf dem Standpunkt des Siebenundzwanzigjährigen. W. Wilson als
Beispiel dafür. Die Notwendigkeit der Überwindung dieses Standpunktes
durch spirituelle Impulse. Die Verbundenheit mit den Wesen höherer Hier-
archien als natürliche Fähigkeit früherer Epochen. Ein Wortlaut dazu bei
Plato. Ein Buch von Kjellen als Beispiel für wirklichkeitsfremdes Denken. Ein
anthroposophischer Zukunftsimpuls: Die Zeitschrift «Das Reich» von A. von
Bernus. Seine Verkennung durch einzelne Mitglieder. Die beiden Maßnahmen.

ELFTER VORTRAG, 15. Mai 1917 233


Zahlenmäßige Übereinstimmung in den Rhythmen des Makrokosmos, des
menschlichen Lebens und des Atems. Wahrnehmung des Weltgeistes als t ö -
nende Lichtgestalt in der indischen, als Licht und Dunkelheit in der persischen,
als inneres Seelenerlebnis in der ägyptischen Kulturepoche. In der griechischen
Epoche: Empfindung für das Zusammengehören von Leib und Seele. Ein
Ausspruch des Aristoteles über das Leben der Seele nach dem Tode, vermittelt
durch Franz Brentano. Das Erzwingen der Einweihung durch die römischen
Cäsaren und die Auswirkung dieses Geschehens in der Geschichte: Caligula,
Nero und Commodus. Die Neigung unserer Zeit zu abstrakten Idealen, und
die Notwendigkeit, zu wirklichkeitsgemäßen Vorstellungen zu kommen. Ein
Beispiel; Die Ideen von Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit als Abstrak-
tionen, und ihre Konkretisierung durch Geisteswissenschaft. Die Abschaffung
des Geistes durch das Konzil von Konstantinopel und ihre Auswirkung in der
heutigen materialistischen Wissenschaft. Die Feindschaft ehemaliger Schüler
gegen die Anthroposophie. Annie Besant, Edouard Schure.

ZWöLFTER VORTRAG, 23. Februar 1918 259


Vorstellen, Fühlen und Wollen als Wach-, Traum- und Schlafzustand. F. Th.
Vischers Abhandlung über die «Traumphantasie». Der Ursprung unserer
Gefühls- und Willensimpulse in dem Reich der Toten. Bedingungen für den
Verkehr mit den Seelen Verstorbener. Die Bedeutung der Momente des Ein-
schlafens und des Aufwachens für diesen Verkehr. Unsere Träume von Toten.
Die Mitwirkung der Toten im geschichtlichen Werden. Die Wirklichkeits-
fremdheit der gewöhnlichen Geschichtsbetrachtung. Eine Stelle aus der An-
trittsrede Friedrich Schillers als Beispiel. Der Unterschied unserer Beziehung
zu den Seelen jung verstorbener und zu im Alter verstorbener Menschen. Die
Notwendigkeit tiefgreifenden Umdenkens. Die Abkehr Gustave Herves vom
Kosmopolitismus als Beispiel oberflächlichen Umdenkens. Die Ansicht der
Orientalen über Mitteleuropa, der Amerikaner über das ganze mitteleuro-
päische Leben. Besinnung auf die Aufgabe der Geisteswissenschaft.

DREIZEHNTER VORTRAG, 24. Februar 1918 283


Die Hindeutung auf die sozialen Probleme unserer Zeit in früheren Vorträ-
gen. Die Spiritualität der modernen naturwissenschaftlichen Begriffe und ihre
rein materialistische Anwendung. Der Sturz der ahrimanischen Geister im
Jahre 1879. Die Vorbereitung dieses Ereignisses seit 1841 und seine Auswir-
kungen bis 1917. Die Notwendigkeit der Einbeziehung kosmischer Wirkens-
kräfte in die Naturbetrachtung. Die schnellere Entwicklung des Kopfes und
die langsamere des übrigen Organismus. Die Bedeutung dieser Tatsache für
die Pädagogik. Die sozialdemokratische Weltanschauung als Ausdruck rein
maschinellen Denkens. Die naturwissenschaftlich orientierte Psychologie von
Theodor Ziehen und ihre konsequente Übertragung in das soziale Leben
durch Lenin und Trotzkij. Bücher über Jesus als Psychopathen und das Buch
von Alexander Moszkowski über Sokrates als Idiot. Früher Hinweis auf die
Wirklichkeitsfremdheit der Schulweisheit von Woodrow Wilson. Bestätigung
der Geisteswissenschaft durch das Leben.

VIERZEHNTER VORTRAG, 23. April 1918 310


Die Bedeutung der halbbewußten und unbewußten Erlebnisse für das Traum-
leben und für das Leben nach dem Tode. Das Leben in Imaginationen, In-
spirationen und Intuitionen während des Daseins zwischen Tod und neuer
Geburt. Der Nachahmungstrieb der Kleinkinder als Nachwirkung des vor-
geburtlichen Lebens. Das Leugnen der Präexistenz durch die Kirche und
durch die heutige Philosophie. Die Verdammung des Origenes. Die Gedanken
über Geistiges als Seelen-Nahrung für das Leben nach dem Tode. Das ausge-
zeichnete Buch von Oscar Hertwig zur Widerlegung der darwinschen Zufalls-
theorie. Eduard von Hartmanns geistiger Kampf gegen den Darwinismus. Das
Ungenügende von O. Hertwigs Buch über das soziale Leben. Luziferische
und ahrimanische Impulse in unserem Geistesleben: Das Titel- und Ordens-
wesen und die Begabtenprüfungen. Eine Buch-Kritik Fritz Mauthners als
Beispiel für den mangelnden Wirklichkeitssinn unserer Zeit. Die Erziehung
zum selbständigen Urteilen durch die Geisteswissenschaft.

FüNFZEHNTER VORTRAG, 26. April 1918 332


Die Schwierigkeit, sinnenfällige Wirklichkeiten als Schöpfungen des Geistes
zu verstehen. Ein konkretes Beispiel dafür: Das Mitmachen der leiblichen
Entwicklung durch das Seelisch-Geistige bis in die Fünfziger Jahre während
der alt-indischen Epoche, und das immer frühere Aufhören dieses Mitmachens
in den folgenden Epochen. Die heutige Situation: Nur bis zum Ende der
Zwanziger Jahre gibt die natürliche Entwicklung Impulse für das geistige
Leben. Die Notwendigkeit, durch eigene Anstrengung geistige Erkenntnisse
aus der absteigenden Entwicklung des Leiblichen zu gewinnen. Die Erzie-
hung zum «erwartungsvollen Leben». Das Versäumen der Pflege eines geisti-
gen Lebens im Alter, und das Zerstäuben des Geistes als Folge davon. Bildhaf-
ter Unterricht, eine Forderung unserer Zeit. Ein Beispiel dafür: das lebendige
Erfassen des Unterschieds zwischen Tier und Mensch. Goethe als Führer zu
einem lebendigen Anschauen der Natur. Die Bedeutung solcher Geistes-
schulung für die Weiterentwicklung der Seelen nach dem Tode und für das
Hereinwirken der Verstorbenen in das Erdenleben. Eine Frage des Theologen
Loisy zur gegenwärtigen Weltlage.

SECHZEHNTER VORTRAG, 21. März 1921 354


Behandlung der Kriegs-Schuldfrage notwendig (Meinung von Außenminister
Simons). Die Entente hält diese Frage für entschieden. Eine Bemerkung dazu
von Lloyd George. Zwei Leitsätze führender Persönlichkeiten der angesäch-
sischen Politik: 1. Die Zukunft muß zur Weltherrschaft der angelsächsischen
Rasse führen. 2. Die Unmöglichkeit des Marxismus muß in Rußland auspro-
biert werden. Die Balkan-Politik Englands unter diesen Gesichtspunkten.
Unpraktischer Sinn der «Praktiker». Die unmöglichen politischen und wirt-
schaftlichen Verhältnisse in Österreich vor dem Weltkrieg. Die unbemerkte
Tendenz der Zeitprobleme zu einer Lösung durch die Dreigliederungs-Idee.
Die Verhältnisse in Berlin vor dem Ausbruch des Weltkriegs. Die einsame
Entscheidung General von Moltkes unter dem Zwang dieser Verhältnisse. Die
1919 geplante Veröffentlichung von Moltkes «Erinnerungen», und die Ver-
hinderung derselben durch einen deutschen General. Von den Versuchen,
durch die Idee der Dreigliederung einen Ausweg aus den katastrophalen Ver-
hältnissen zu finden, und von der Schwierigkeit, dafür Verständnis zu finden.

Hinweise
Zu dieser Ausgabe 383
Hinweise zum Text 384
Namenregister 398
Rudof Steiner über die Vortragsnachschriften 401
Übersicht über die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 403
"Während der Kriegsjahre wurden von Rudolf Steiner
vor jedem von ihm innerhalb der Anthroposophischen
Gesellschaft gehaltenen Vortrag in den vom Kriege be-
troffenen Ländern Worte gesprochen, die der im Felde
Stehenden sowie der durch die Pforte des Todes Ge-
gangenen gedachten. Sie lauteten:

Wir gedenken, meine lieben Freunde, der schützenden Geister derer,


die draußen stehen auf den großen Feldern der Ereignisse der Gegen-
wart:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen.
Daß, mit Eurer Macht geeint,
Unsere Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht!

Und für diejenigen, die infolge dieser Ereignisse schon durch die Pforte
des Todes gegangen sind:

Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter,


Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Sphärenmenschen.
Daß, mit Eurer Macht geeint,
Unsere Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht!

Und der Geist, den wir suchen durch unsere erstrebte Erkenntnis, der
Geist, der dem Erdenleben Sinn, Bedeutung, Inhalt gibt, der Geist,
der aus göttlichen Sonnenhöhen durch das Mysterium von Golgatha
gegangen ist, er sei mit Euch und Euren schweren Pflichten.
Bei anderen Gelegenheiten lauteten die Worte folgender-
maßen:

Wir wenden uns wiederum zuerst an die schützenden Geister der durch
so schwere Verhältnisse draußen im Felde Stehenden:

Die Ihr wachet über Erdenseelen,


Die Ihr webet an den Erdenseelen,
Geister, die Ihr über Menschenseelen schützend
Aus der Weltenweisheit liebend wirkt:
Höret unsere Bitte, schauet unsere Liebe,
Die mit Euren helfenden Kräftestrahlen sich
Einen möchten, Geist ergeben, Liebe sendend.

Und zu den schützenden Geistern derjenigen, die infolge dieser Ereig-


nisse schon durch des Todes Pforte gegangen sind:

Die Ihr wachet über Sphärenseelen,


Die Ihr webet an den Sphärenseelen,
Geister, die Ihr über Seelenmenschen schützend
Aus der Weltenweisheit liebend wirkt:
Höret unsere Bitte, schauet unsere Liebe,
Die mit Euren helfenden Kräfteströmen sich
Einen möchten, Geist erahnend, Liebe strahlend.

Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch unsere Geistwis-
senschaft, der Geist, der zu der Erde Heil, zu der Menschheit Freiheit
und Fortschritt durch das Mysterium von Golgatha gehen wollte, er
sei mit Euch und Euren schweren Pflichten.
ERSTER VORTRAG
Stuttgart, 30. September 1914"*

Was wir im Grunde genommen ja schon lange voraussehen konnten,


schnell ist es durch allerlei Ereignisse, die sich in der letzten Zeit ab-
gespielt haben, über die Welt hereingebrochen. Zeugen ernster Ereig-
nisse sind wir dadurch geworden, deren tiefe Bedeutung in vollem
Umfange erst eine spätere Zeit wird wirklich ermessen können. Und
vieles, ich möchte sagen, auch nur von Äußerlichkeiten desjenigen, was
diesen ernsten Ereignissen zugrunde liegt, entzieht sich heute durchaus
der Betrachtung. Für uns aber, meine lieben Freunde, sei vor allen
Dingen ein Wort bedeutsam in dieser ernsten Zeit, das ich etwa in fol-
gender Weise aussprechen will: Wir haben durch Jahre hindurch ver-
sucht, in uns die geistige Erkenntnis zu vertiefen, wir haben versucht,
das Wissen, Fühlen und Empfinden von den geistigen Welten zu unserer
Sache zu machen, und auch alles dasjenige, was mit diesem Wissen, Füh-
len und Empfinden zusammenhängt. Jetzt aber stehen wir tatsächlich
davor, in einem gewissen Sinne eine Prüfung ablegen zu müssen, ob wir
imstande sind, auch unter dem Eindruck all des Schweren, das jetzt ge-
schieht, festzuhalten an den großen Idealen, die uns vorgezeichnet sind
durch das Wissen und Fühlen der geistigen Welt. Da, wo in unseren
Zweigen Freunde zusammensitzen, die zum größten Teil ein gemein-
sames Fühlen vereint, da ist es ja gewiß leichter, festzuhalten an dem,
was Geisteswissenschaft der Menschheit bringen soll, aber wir müssen
immer und überall die großen Ideale, die schon in unserem ersten
Grundsatz ausgesprochen sind, nicht aus dem Auge lassen. Wir sind ja
nicht eine Gesellschaft, die ihre Ausbreitung innerhalb homogener Völ-
kermassen hat, wir suchen vielmehr den versöhnenden Geist über die
ganze Erde hin zu verbreiten. Damit hängt es zusammen, daß wir
einer gewissen Prüfung unterzogen werden, denn wahrhaftig schwie-

Anmerkung der Herausgeber: Die Nachschrift dieses Vortrags kann nicht als
durchwegs zuverlässig betrachtet werden. Manches deutet auf eine lückenhafte,
wenn nicht sogar fehlerhafte Überlieferung der gesprochenen Worte. Der Leser sei
auf die Hinweise am Schluß des Bandes verwiesen.
rig ist es in der Zeit, in der wir jetzt leben, den Sinn für Objektivität
gegenüber dem Höchsten, nämlich gegenüber der Gerechtigkeit, voll
zu entwickeln.
Gerade aus den Gründen, die aus meinen heutigen Worten hervor-
gehen werden, haben es in gewissem Sinne Mitteleuropas Bewohner,
hat es vor allem das deutsche Volk gegenwärtig leichter als andere,
objektiv gerecht zu sein. Aber auch da ist es notwendig, uns nicht bloß
den unmittelbaren Empfindungen zu überlassen, sondern als ernste An-
throposophen müssen wir versuchen, mit Verständnis in die Sprache
einzudringen, die heute die Gerechtigkeit im geistigen Sinne führen
muß.
Nicht weil ich es als etwas Persönliches vorbringen will, sondern
weil die Sache für mich symptomatisch ist, will ich folgendes erwäh-
nen: Der erste Band meines Buches «Die Rätsel der Philosophie» ist
vielleicht in den Händen mancher von Euch. Der zweite Band war in
der zweiten Hälfte des Juli bis Seite 204 gedruckt. Mitten in den Zei-
len schloß er ab. Die Stelle war gerade für mich das Merkwürdige,
Symptomatische. Ich hatte die beiden französischen Philosophen Bou-
troux und Bergson zu charakterisieren gehabt. Ich versuchte das so
objektiv als möglich zu tun. Dann hatte ich den Übergang zu machen
zu Preußy einem unbeachteten, gewaltigen Denker. Ich hatte, nachdem
ich die französische Philosophie der Gegenwart dargestellt hatte, über-
zugehen zu dem, was diesseits des Rheins, was in Deutschland an Ge-
danken ersprossen ist. Da aber war der Bogen leer, denn da hinein
brach der Krieg aus. Oft mußte ich mir die leeren Felder des dreizehn-
ten Bogens anschauen.
Und damals kamen verschiedene Stimmen von jenseits des Rheins.
Sie sind Ihnen ja hinlänglich bekannt, jene Stimmen. Da sprach man
von deutscher Barbarei und dergleichen und warf die gehässigsten Be-
schuldigungen und Verleumdungen gegen uns auf. Man möchte sagen,
es war betrübend, was man da zu erleben bekam. Gerade geachtete
Vertreter des französischen Geisteslebens wühlten Haß und Leiden-
schaft im Volke auf. Und in diesem Falle darf wohl das Persönliche
als symptomatisch angesehen werden: Wenn man in einem Buche über
die Entwickelungsgeschichte der Philosophie die französische Philo-
sophie zu behandeln hatte, wenn die Seele sich bemühte, ihr voll ge-
recht zu werden, da könnte es wahrlich die Seele mit Erbitterung er-
füllen, wenn sie erleben muß, während sie mit aller Kraft versucht, mit
der größtmöglichen Objektivität sich hineinzuleben in die Philosophie
des Westens, daß diese dann ungeachtet aller Tatsachen über die «barba-
rische Art jenseits des Rheins» schreit. Es war um so bitterer, als einer
der schlimmsten Angreifer und Hasser des deutschen Wesens Maurice
Maeterlinck war.
Es ist sonderbar: das erste Werk, das von Maeterlinck erschien und
das schon ganz sein Wesen und seine Eigenart zum Ausdruck bringt,
fußt ganz auf Novalis, ist ganz geschöpft aus Novalis, und Maurice
Maeterlinck wäre nichts ohne Novalis. Alle seine späteren Werke ent-
sprangen ganz aus diesem ersten, aus Novalis geschöpften Fundament.
Das wirft auch ein Licht darauf, wie unsere Zeit es versteht, die Ge-
rechtigkeit zu handhaben. Es ist heute durchaus nicht genügend, die
Stimmen zu hören, die da und dort unter dem Eindruck der Leiden-
schaft gesprochen werden, sondern nötig ist, daß wir uns die Tatsachen
vergegenwärtigen. Läßt man diese sprechen, so führt es zur Objektivi-
tät. Und solche Objektivität ist nicht einerlei mit einem Gleichgültig-
sein gegenüber diesen Beziehungen.
Großes geht in unserer Zeit vor, Ungeheures. Und eine künftige
Zeit wird nötig haben, für das, was in unserer Zeit vorgeht, im Sinne
dessen, wie wir von Wiederholungen sprechen, bedeutsame Ereignisse
vergangener Zeiten heranzuziehen. Nicht nur eines, vieles drängt sich
zusammen, um eine Wiederholung zu bilden, eine zusammengefügte
Wiederholung von bedeutenden geschichtlichen Ereignissen.
Wie einstmals, in der vollen Blüte der griechisch-lateinischen Kul-
tur, die Römer die Punischen Kriege gegen Karthago auskämpfen
mußten, wie damals die denkwürdige Schlacht bei Mylä entschied
über das Geschick der Römer, die ihre aufblühende griechisch-rö-
mische Kultur zu erhalten hatten gegenüber einem Überfluten unter-
gehender Kräfte von Seiten des zwar äußerlich noch starken Reiches
der Karthager, so finden wir am Ausgangspunkte des gegenwärtigen
Krieges etwas wie eine Wiederholung gewisser Ereignisse. Es darf das
an diesem Orte hier schon heute ausgesprochen werden. Es fand da-
mals zwischen den Römern und den Karthagern eine merkwürdige
Schlacht statt. Die Karthager hatten eine gewaltige Flotte, der gegen-
über Rom mit seinen wenigen Schiffen machtlos schien. Da kamen die
Römer auf die ungewöhnliche Idee, Enterbrücken herzustellen, die von
Schiff zu Schiff führten und gewissermaßen die Seeschlacht in eine
Landschlacht umwandelten, so daß die Römer auf dem ihnen vertrau-
ten Boden einen großen Sieg errangen. Wie nun damals etwas Uner-
hörtes für jene Zeit geschah, so hat sich etwas, was die wenigsten Men-
schen denken können, in Lüttich abgespielt, was eine gewisse Bezie-
hung zeigt zu den geschilderten Ereignissen und von dem künftige Zei-
ten als einem allerersten Ereignis sprechen werden. Ich erwähne diese
Dinge nur, weil ich aufmerksam machen möchte auf das Bedeutsame
der Geschehnisse, innerhalb derer wir in der Gegenwart stehen.
Sind es doch gerade diese Tage, in denen wichtige Entscheidungen
im Osten und im Westen auf des Messers Schneide stehen. Es möchte
einem das Herz zerreißen, wenn man bedenkt, was sich gegenüber-
steht, und es darf gerade in diesen Tagen, wo die Entscheidung sozusa-
gen wie etwas Ungewisses vor dem Blick des Menschen steht, auf etwas
anderes aufmerksam gemacht werden, was von ungeheurer Wichtig-
keit ist, gedacht zu werden.
Ich darf über diese Dinge so sprechen, wie ich sprechen werde, weil
ich gewissermaßen durch mein Karma dazu vorbereitet bin. Geboren
bin ich ja in demjenigen Reiche, von dem man sagt, daß es so viel bei-
getragen habe zu dem Völkerkriege; aber herangewachsen, sehe ich,
daß ich schon in der Kindheit zur Heimatlosigkeit bestimmt war. Ich
hatte keine Gelegenheit, die eigentümlichen Gefühle des Zusammen-
hangs mit den Land- und Volksgenossen selbst zu erleben. Außer-
dem fiel meine Kindheit in die Zeit, wo ich in Österreich selbst den
Deutschenhaß kennenlernte, wo Deutsch-Österreich noch stand unter
dem Eindruck der Siege Preußens, wo auch die Deutschen in Öster-
reich die Reichsdeutschen haßten. Eine Voreingenommenheit für
Deutschland in mir zu erzeugen, war keine Gelegenheit. Diese Heimat-
losigkeit, die mir durch mein Karma gegeben worden ist, berechtigt
mich, objektiv zu sprechen, voll Bewußtsein, daß gerade da die anthro-
posophische Gesinnung durch meine Worte sprechen kann.
Es geziemt sich heute nicht, prophetische Worte zu sprechen. Des-
halb mag derjenige unerwidert bleiben, der da sagt: Wo der Sieg zu-
letzt bleiben mag, sei zweifelhaft. Aber ein Sieg, ein wichtiger Sieg,
der zusammenhängt auch mit einer geistigen Betrachtung, der unaus-
löschlich ist für alle kommenden Zeiten, der ist schon errungen wor-
den. Welches ist dieser Sieg? Er wurde erfochten vor Ausbruch des
Krieges. Dieser Sieg läßt sich in folgender Weise charakterisieren:
War nicht Europas Mitte lange Zeit verbunden mit dem Osten? Wir
reden wahrlich nicht von dem Volke, das in Europas Osten wohnt.
Über dieses Volk sind wir gut unterrichtet, und wer da Wahres über
das Verhältnis dieses Volkes zu der Völkerentwickelung erfahren
will, der lese den Vortragszyklus «Die Mission einzelner Volksseelen
im Zusammenhange mit der germanisch-nordischen Mythologie».
Etwas anderes ist dieses Volk im Osten und etwas anderes das Tri-
folium, das gegenwärtig dort an der Spitze gegen deutsches Geistes-
tum steht: der Zarismus, der russische Militarismus, der eine Schlappe
erhalten hat, und der verlogene Panslawismus. Es gab Fäden, die von
Europas Herzen nach diesem Trifolium gingen, wenn auch nicht bis
zu seinem letzten Blatt.
Am 31. Juli dieses Jahres wurde durch die Kriegserklärung dieser
Faden zwischen Deutschlands und Österreichs Leitung und dem Zaris-
mus zerrissen, hinweggefegt. Das war ein großer Sieg . . . [Das Fol-
gende ist unklar. Der Sinn scheint etwa der zu sein, daß das Geschehen,
welches sich damals zwischen der europäischen Mitte, den Westmäch-
ten und Rußland abspielte, zur weltgeschichtlichen Besinnung auf-
rufe. Vgl. auch die Fußnote auf Seite 13.]
Darin liegen bedeutsame Züge der Weltgeschichte. Man braucht
sich nicht die Augen zu verschließen für die Unnatur des Bundes zwi-
schen Europas Westen und Nordwesten und dem Osten, wenn man
auf anthroposophischem Boden der Gerechtigkeit steht. Versuchen wir
nur, das weiter zu üben in dieser schweren Zeit, was wir durch die Gei-
steswissenschaft selbst und durch manches von dem auch, was uns auf-
gedrungen ist, gelernt haben.
Als wir im Streite mit Frau Besant waren, war es sogar ein indi-
scher Gelehrter, der über die Art, wie Frau Besant nach Toleranz
schrie, sagte, Mrs. Besant mache es so, wie wenn man einem Menschen,
dem die Hand abgehauen wird und der sich dagegen wehrt, zurufe:
Sei tolerant, sonst beginnst du den Streit! - Es zeugt von wenig Den-
ken, wenn man nicht einsieht, daß es eine Absurdität ist, zu ver-
langen, daß der andere sich die Hand abhauen lassen solle, ohne sich
zu wehren.
Ich habe es die letzten Wochen oft hören müssen, daß gesagt wurde:
Wenn Österreich den Krieg mit Serbien nicht begonnen hätte, so wäre
das «tolerant» gewesen. - Genau derselbe Fall! Man ruft dem zu, dem
die Hand abgehauen werden soll: Sei tolerant! - Wir haben mancher-
lei Möglichkeiten, durch das, was sich so schmerzhaft um uns herum
abspielt, Objektivität zu gewinnen; aber dazu müssen wir richtig den-
ken können. Denken lernen ist auch eine Aufgabe der Theosophie.
Es gibt jenen Zyklus über die Volksseelen. Aber wenn wir jetzt in
ernster Zeit ihn nicht in heiligstem Ernst verstehen könnten, dann
wäre alle unsere damalige Beschäftigung mit diesem Zyklus ein theo-
retisches Spiel. Erst dann sind uns diese Dinge in Fleisch und Blut über-
gegangen, wenn wir sie durchzufühlen wissen, wo es sich darum han-
delt, sich Klarheit zu verschaffen, wie es jetzt nötig ist. Im vorletzten
Vortrage des Zyklus versuchte ich darzustellen, daß sich die verschie-
denen Volksseelen so zueinander verhalten, wie ich es im letzten Bilde
der «Pforte der Einweihung» zu schildern versuchte in bezug auf das
Zusammenspiel der drei Seelenkräfte. Der Inhalt der Rede, die Worte,
die jede der drei Persönlichkeiten dort spricht, müssen genau so ge-
sprochen sein, wie sie sind, da jede der Persönlichkeiten eines der drei
Seelenglieder des Menschen darstellt.
Im vorletzten Vortrage des Volksseelenzyklus werden Sie hinge-
wiesen darauf, wie sich, wenn wir die Völker Italiens, Spaniens neh-
men, für unsere Zeit Nachklänge des dritten nachatlantischen Zeit-
alters zeigen: der Volkscharakter ist ausgeprägt als Empfindungsseele.
Bei Frankreich ist es die Verstandesseele, bei England die Bewußtseins-
seele, und in Europas Mitte ist es das Ich.
Wissen wir nicht, daß es Kämpfe in der eigenen Seele geben kann,
daß die einzelnen Glieder im Kampfe gegeneinander stehen können?
Aufmerksam darauf ist gemacht im zweiten Drama, der «Prüfung der
Seele». Wir können ein Bild davon gewinnen, was sich in unserer Zeit
abspielt, wenn wir alles das, was dort zum Ausdruck kommt, auf uns
wirken lassen. Und wir müssen versuchen, dieses Bild so in unserer
Seele zur Klarheit zu bringen, daß wir wissen, wie wir in Europas
Mitte das Ich zu suchen haben. So haben wir gleichsam mitten in den
Tagen des Friedens in stiller geistiger Arbeit in jenem Zyklus die Grund-
lagen von etwas vor unsere Seele gestellt, was heute als schweres Schick-
sal die Welt erfüllt. Im Grunde genommen wird uns vieles von dem,
was jetzt vorgeht, erklärlich werden, wenn wir alles das in Betracht
ziehen, was in dem oben genannten Zyklus ausgesprochen ist. Dann
erst werden wir die nötige Objektivität erlangen.
Es ist in allen Kriegen vorgekommen, daß der eine dem anderen
die Schuld gibt. Für uns, meine lieben Freunde, geziemt es sich nicht,
so zu denken; für uns geziemt sich ein anderes. Durch einen Vergleich
will ich es klarmachen.
Man nehme an, jemand sei alt geworden, und stelle sich daneben
vor ein Kind in Frische und voll Kraft. Ware es da gescheit, wenn der
Greis dem Kinde grollen würde und sagte: Du Kind in deiner jugend-
lichen Kraft, du bist schuld, daß ich die Gebrechen des Alters trage! -
Nicht gescheiter ist es, wenn jetzt zum Beispiel den Deutschen vor-
geworfen wird, sie seien schuld an dem Kriege. Wir müssen uns klar-
machen: Das, was geschieht, ist im Karma der Völker begründet. Auch
im Leben der Völker gibt es Jugend und Alter; und wie im mensch-
lichen Leben die frische Kraft des Kindes nicht schuld daran ist, daß
das Alter jene Frische nicht mehr hat, so ist es auch töricht, im Leben
der Völker solchen Vorwurf zu erheben.
Aber alles das, was geredet wird, darf uns nicht blind machen; wir
müssen hinblicken auf das Tatsächliche, auf das Objektive. Die tie-
feren Grundlagen der gegenwärtigen Ereignisse entziehen sich heute
noch der Besprechung - abgesehen davon, daß eine solche heute bei
manchem böses Blut machen würde -, aber in einer anderen Weise kann
ich auf das aufmerksam machen, worauf es ankommt.
Wir wissen als Anthroposophen: Im deutschen Geiste ruht Euro-
pas Ich. - Das ist eine objektive okkulte Tatsache. Ich möchte einen
Mann anrufen, der nicht Theosoph war - er lebte im deutschen Geiste - ,
um zu charakterisieren, wozu die Gesinnung des Ich es gebracht hatte.
Ich weiß, daß dies nicht die Gesinnung eines einzelnen Menschen ist.
Es ist die Herman Grimms, der noch im geistigen Sinne Goetheblut in
seinen Adern hatte. Er spricht die wunderbaren Worte: «Die Solida-
rität der sittlichen Überzeugungen aller Menschen ist heute die uns
alle verbindende Kirche. Wir suchen leidenschaftlicher als jemals nach
einem sichtbaren Ausdrucke dieser Gemeinschaft. Alle wirklich ern-
sten Bestrebungen der Massen kennen nur dies eine Ziel. Die Trennung
der Nationen existiert hier bereits nicht mehr. Wir fühlen, daß der
ethischen Weltanschauung gegenüber kein nationaler Unterschied
walte. Wir alle würden für unser Vaterland uns opfern; den Augen-
blick aber herbeizusehnen oder herbeizuführen, wo dies durch den
Krieg geschehen könne, sind wir weit entfernt. Die Versicherung, daß
Friede zu halten unser aller heiligster Wunsch sei, ist keine Lüge. <Friede
auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallem durchdringt uns.»
Nehmen Sie als Antwort darauf das, was die anthroposophische
Lehre uns bringt. Unsere geistige Bewegung will die Möglichkeit her-
beiführen, solche Sehnsucht zu befriedigen. Und dann noch andere
Worte Herman Grimms: «Die Menschen als Totalität anerkennen sich
als einem wie in den Wolken thronenden unsichtbaren Gerichtshofe
unterworfen, vor dem nicht bestehen zu dürfen, sie als ein Unglück
erachten und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre inneren Zwistig-
keiten anzupassen suchen. Mit ängstlichem Bestreben suchen sie hier
ihr Recht. Wie sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen
Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustel-
len, deren Anerkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deut-
schen selber fordern!»
Man nehme als Antwort auf dieses Bild, was die Anthroposophie
von den Reichen der Hierarchien sagt. Ergreifend ist, zu sehen, wie
der Menschengeist in seinen besten, höchsten Persönlichkeiten voll tief-
ster Sehnsucht ist nach dem, was die Geisteswissenschaft bringen will,
aber an ihr vorbeigeht, sie nicht findet, und wie dann mit ängstlichem
Bestreben die Menschen ihr Recht hier suchen.
Dann noch eine merkwürdige Tatsache. Herman Grimm sagt: «Wie
sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen Deutschland,
den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren An-
erkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deutschen selber
fordern!» Nur zu gut gedacht ist das. Die Anstrengung, diesen Krieg als
eine sittliche Forderung hinzustellen, kann man sie heute nicht be-
merken aus dem, was uns aus dem Westen entgegenkommt?
Und dann noch ein drittes Wort Herman Grimms möchte ich Ihnen
vorlesen. Wieder werden Sie finden, wie es seine Erfüllung findet in
dem, was unsere Bewegung bringt: «Die Bewohner unseres Planeten,
allesamt als Einheit gefaßt, erfüllt ein allverständliches Feingefühl,
das selbst die rohesten Völker ahnen, und das zu verletzen sie Scheu
tragen. Die Menschen von heute erkennen jedem Einzelnen in geisti-
gen Dingen das Recht individueller Selbstbestimmung zu. Selbst wilde
menschliche Geschöpfe lassen sich zu diesen Gedanken hinleiten.» Da-
mit aber spricht Herman Grimm nichts anderes aus als gerade den
ersten Grundsatz unserer Gesellschaft.
Da sehen Sie, wie unsere Anthroposophie eine Antwort ist auf den
Ruf, den der deutsche Geist ertönen ließ in den Stimmen der Besten
seines Geisteslebens. Das Herz Europas hegt eine tiefe Sehnsucht nach
Spiritualität. Eine Beleuchtung erfährt dadurch auch die Tatsache,
daß der Deutsche, wo er hinkommt, sich unter Opferung seiner bishe-
rigen Lebenssitten anpaßt den Landesgewohnheiten, nicht seine geistige
Kultur, wohl aber seine Nationalität hingebend.
Dies alles, meine lieben Freunde, ist auf der einen Seite geeignet,
uns gerecht sein zu lassen, und dabei doch nicht die Augen zu verschlie-
ßen vor dem, was wirklich beachtet werden muß.
Auch für den Okkultisten gab es Überraschungen in der letzten
Zeit; und ich darf sagen, während meines Kursus in Norrköping konnte
oder mußte ich ein Wort sprechen, das auf solcher Überraschung be-
ruht hat. Es ist wahr: Daß diese Ereignisse eintreten mußten, konnte
man seit Jahren voraussehen, auch daß sie schicksalsgemäß in diesem
Jahre kommen mußten. Aber Anfang Juli war nicht mehr zu sagen, als
daß wir uns zum Münchner Zyklus versammeln würden, und dann,
wenn wir auseinandergehen würden - so konnte man erwarten -, dann
würden wir bedeutungsvollen Ereignissen gegenüberstehen. Da kam
das Attentat von Sarajewo. Wenn ich oft betont habe, wie anders die
Dinge sind hier auf dem physischen Plane als auf dem geistigen Plane,
wie oft das Gegenbild sich zeigt, so war es doch auch zu meiner Über-
raschung, als ich vergleichen konnte die Individualität, die durch die-
ses Attentat gegangen ist, vor und nach dem Tode. Etwas Eigenartiges
ist da geschehen: Diese Persönlichkeit ist zu einer kosmischen Kraft ge-
worden. Ich erwähne dies, um darauf aufmerksam zu machen, wie die
Dinge auf dem physischen Plan Symbolum für Geistiges sind, und wie,
genau genommen, alle Ereignisse des physischen Planes erst erklärt
werden, wenn man hindurchsieht nach dem geistigen Plane. Einige von
Ihnen wissen von meinem früheren Ausspruch. Ich sagte: Das Schreck-
liche schwebte in der astralischen Welt, es konnte sich nur nicht nie-
dersenken auf den physischen Plan, weil astralische Kräfte auf dem
physischen Plan versammelt waren, Furchtkräfte, die ihm hindernd
entgegenwirkten. - Es war am 20. Juli, als ich wußte, daß die Furcht-
kräfte nun Kräfte des Mutes, der Kühnheit wurden. Eine unbeschreib-
lich großartige Tatsache: Die Kräfte der Furcht wurden zu Kräften
des Mutes. Da war es nicht mehr unerklärlich, was auf dem physischen
Plan als ein so einzigartiges Phänomen sich abspielte: jener Enthusias-
mus. Das ist eine Tatsache, die mir einzigartig war, und soviel mir be-
kannt ist, auch keinem Okkultisten vorher bekannt war.
Nun, Sie alle sind ja Zeugen gewesen, wie dieser Enthusiasmus in
einigen Tagen die Menschen ergriffen hat, die vorher wahrhaft fried-
liebende Menschen waren, wie eine Welle von Mut sich über sie ergoß.
Es kamen bald die Zeiten, wo man mit Betrübnis hörte, welche
ungeheuren Opfer dieser Krieg fordert. Und als ich in den ersten Ta-
gen des September in Berlin war, zog tiefer Schmerz in meine Seele,
als ich gewahr wurde, welche Blüten deutscher Seelen hingeopfert wer-
den mußten auf dem Feld. Ich mußte dem Schmerze nachhängen, und
der erzeugt — nicht aus eigenem Verdienst — okkulte Forschung. In
Schmerzen wird der Seele okkulte Erkenntnis geschenkt. Die bange
Frage stand vor meiner Seele: Wenn insbesondere die Blüte der Führer
der einzelnen Korpsmassen dahingerafft wird, was wird dann?
Und da konnte man sehen, wie die Gefallenen es waren, die nach
dem Tode auf dem Schlachtfelde denen halfen, die nach ihnen zu
kämpfen hatten. Das ergab die hellseherische Forschung. Wenn die
Toten den Lebenden helfen, dann ist das inmitten des Schmerzes ein
Trost. Meine lieben Freunde, hineingreifen muß das, was Geisteswis-
senschaft ist, in das Leben in den Momenten, wo jeder Trost unmöglich
erscheint, wo die rechte Seelenstimmung nicht gefunden werden kann.
Auch da vermag geistige Erkenntnis die rechte Seelenstimmung zu ge-
ben, sie kann auch da noch Trost gewähren. Ich weiß, es wird Seelen
geben aus unserer Gemeinschaft, die Mut schöpfen werden aus solcher
Erkenntnis inmitten der traurigen Ereignisse.
Aus dem Studium der Geisteswissenschaft wissen wir, daß Geistes-
wesen Lenker und Leiter des Menschheitsganges sind. In der geistigen
Welt ist es vorgeschrieben, daß bis zu einem gewissen Zeitpunkt annä-
hernd das eine oder andere geschieht. Nehmen wir an, bis zum Jahre
1950 oder 1970 sei es für die Menschheit der Erde bestimmt, ein ge-
wisses Maß von Liebefähigkeit zur Bekämpfung des Egoismus zu er-
reichen. Alles, was Geisteswissenschaft ist, will diese Liebefähigkeit
erzeugen. Sie tut es ähnlich, wie das Holz im Ofen Wärme erzeugt. Sie
kann erzeugt werden durch das Wort; und innerhalb unserer Strö-
mung wird es versucht, sie zu erzeugen durch die großen Lehren der
Anthroposophie. Aber wenn nicht genügend wäre das Entgegenkom-
men der menschlichen Seelen gegenüber dem Worte, wenn die Dinge
zu langsam vor sich gehen würden, so daß bis zu dem Zeitpunkt, der
vorgeschrieben ist, die Liebefähigkeit und Aufopferung nicht genü-
gend entfaltet wäre, dann muß ein anderer Lehrmeister eintreten.
In Dornach ist es symbolisch vorgeführt worden. Eigentlich war
die Absicht, den Bau Anfang August fertig zu haben. Daraus ist nichts
geworden; es war vom Karma nicht vorbestimmt, daß der ganze Bau
bis zu dieser Zeit fertig stehe und herunterschaue von seiner die Gegend
überragenden Anhöhe von Osten und Südosten als Wahrzeichen des
Geistes. Doch es erheben sich in die weite Landschaft hinein die Säu-
len mit den Kuppeln als Geisteswarte. In unserem Bau soll auch die
Frage der Beschaffung eines akustisch guten Raumes gelöst werden.
Ich konnte mich überzeugen, daß die rechte Akustik gefunden ist. Der
Klang, wie er von einem gewissen Punkte her geprüft wurde, ergab,
daß die Akustik die richtige für den Bau sei. Aber in diese Akustik hin-
ein konnten unsere Freunde nicht zuerst das Wort vom geistigen Leben
hören, sondern zuerst hörten sie den Widerhall des Kanonendonners
vom Süden des Elsaß, und anstatt des Lichtes aus der geistigen Welt
zogen von dem Scheinwerfer vom Fort Istein weite Lichtmassen in
den Bau hinein und durchleuchteten ihn. Eine eigentümliche Symbolik!
Eine Symbolik, die vielleicht doch angeführt werden darf. Ein anderer
Lehrmeister ist manchmal nötig!
War es nicht ein ungeheurer Lehrmeister? Stellt er sich nicht dem
Materialismus gewaltig entgegen? Was hat sich dann alles in einer
Woche vollzogen! Welche Summe von Bekämpfung des Egoismus!
Welche Summe von Aufopferungsfähigkeit, von Menschenliebe ist da
entstanden!
Als ich kürzlich von Wien zurückfuhr, spielte mir Karma eine Zei-
tung in die Hand. Darin stand eine Schilderung von einem österreichi-
schen Krieger, der in das Feld zog. Er beschreibt zuerst, wie während
der Fahrt zum Kriegsschauplatz den Soldaten von allen Seiten Liebes-
dienste erwiesen werden, und am Schluß kommt ein Passus - der Krie-
ger ist aller Wahrscheinlichkeit nach nie der Theosophie nahegetreten - ,
da sagt er: Wir, die wir in das Feld ziehen, versuchen mit all dem Mut
und mit all dem, was wir haben, für die gerechte Sache einzustehn;
aber auch die, die zu Hause bleiben, können wirken. - Dann kommen
die großen Worte, er sagt: «Wen Gott erhört, der bete - wer nicht beten
kann, der sammle alle seine Gedanken und Willenskräfte zu dem in-
brünstigen Wunsche nach dem Siege...», und er trägt so das Seine bei! -
Von der Kraft der Empfindung haben wir lange Jahre gesprochen. So
lebt jetzt in einem einfachen Soldaten, was wir in jahrelanger Arbeit
gepflegt haben. Mag das nächste Ergebnis dieses oder jenes sein, eines
wird das Ereignis zeitigen: Spiritualität in der menschlichen Seele, die
solche sonst noch lange nicht gefunden haben würde.
Groß sind diese Ereignisse. Zu vergleichen sind sie nur mit großen
Ereignissen der Vergangenheit, die sich zyklisch übereinanderlegen.
So wie der Kampf der Römer gegen die Punier, wie die Kriege der Völ-
kerwanderung wichtig und eingreifend waren für die werdende Kul-
tur der Völker, so ist nicht weniger bedeutsam der Kampf, in dessen
Mitte wir stehen. Und aus manchem Wort, das ich spreche, wird eines
in Euer Empfinden hineinleben können: daß diejenigen, die heute im
Felde, in der Schlacht ihr Blut vergießen, dieses Blut als Opfer brin-
gen für etwas, was geschehen muß. Geschehen muß es zum Heile der
Menschheit. Und wenn wir auf die großen Opfer schauen, auf die
Schmerzen, eines kann uns doch, wenn auch nicht freudig stimmen,
so doch innerlich mit großer Befriedigung erfüllen: daß heiliges Blut
fließt, geheiligt durch die Ereignisse; und die, die es vergossen haben,
werden die wichtigsten Mitglieder werden für zukünftige Zeiten. Vie-
les wird uns verständlich werden, wenn wir uns entschließen können,
in dem fließenden Blut geheiligtes Opferblut zu sehen. Wenn wir un-
sere Seelen mit dieser Wahrheit durchdringen, dann wird der Geist
Früchte in uns tragen. Sagen darf ich es: Erfüllen kann sich gerade in
den Seelen unserer lieben anthroposophischen Freunde das, was jener
einfache Soldat gesagt hat.
Die Gedanken, die in der anthroposophischen Seele als Überzeu-
gung gehegt werden, sie werden besonders stark hinaustönen; und das
ist nötig, wenn die Formel, die wir unseren Ausführungen voransetz-
ten, wirken soll. Unter den Kämpfern gibt es schon solche, die in dem
rechten Glauben dienen.

Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter,


Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daß, mit Eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.

Meine lieben Freunde! Daß wir den Sinn dessen, was wir an Gedanken
gelernt haben, jetzt den Ereignissen gegenüberstellen, damit wir die
Prüfung bestehen können, daß wir gerechten Auges die Ereignisse, die
Verhältnisse ins Auge fassen, das war der Zweck meines heutigen Vor-
trages. Spiritualität wird schon kommen auch durch jenen großen
Lehrmeister, der jetzt hinzieht durch Europa. Aber der Mensch ist
zur Freiheit geboren. Vieles liegt an denen, die mit uns vereint sind in
der geistigen Bewegung. Werden die anthroposophischen Gedanken
jetzt richtig in der Zeit der Prüfung in Euren Seelen sein, dann wird
jener Raum, der jetzt erfüllt ist von durcheinanderflutenden Leiden-
schaften, erfüllt sein mit hell leuchtenden Geistgedanken, mit heiligen,
echten Gefühlen. Solche Gefühle werden dauernd weiterleben.
Ich flehe in mancher Nacht, daß es viele Anthroposophen geben
möge, die solche lichtvoll strahlende Gedankenkraft hinaussenden;
und wenn wir dazu auch das richtige Wollen finden, werden wir die
Möglichkeit haben, unseren Platz auszufüllen in echtem Liebesdienst.
Seien wir achtsam, wo wir die Liebe auch werktätig in die Welt brin-
gen dürfen. Unser Karma wird es schon dahin bringen, ob wir da oder
dort stehen, daß dies oder jenes von uns gefordert wird, zu dem wir
gerade ausersehen sind.
Nur mit Tränen in den Augen konnte ich den Brief eines jungen
Österreichers an seine Mutter lesen, der am 26. Juli die Worte mit-
anhörte, die in Dornach gesprochen wurden, wie das, was Anthropo-
sophie an Gesinnung und an Kraft geben kann, in seinem Herzen lebt,
und ihn seine Pflicht erfüllen läßt da, wo das Schicksal ihn hingestellt
hat. Und dieselben Gefühle und Gedanken traten mir aus dem Brief
eines anderen jungen Freundes entgegen, der ebenfalls jener Zusam-
menkunft in Dornach beigewohnt hatte und dann ins Feld gezogen
war. Solche Gedanken und Gefühle sind es, die heute in den Seelen
leben müssen: Da, wo die Pflicht sich uns zeigt, sie zu erfüllen suchen,
unsere Urteilskraft walten lassen und achtsam sein, wo unsere Liebe
verlangt wird. Dann wird eines sich in der Zukunft erfüllen: Wenn
einstmals Europas Völker nicht mehr sich in den Schlachten gegenüber-
stehen werden, dann werden unter den Gedanken diese, die wir jetzt
hinaussenden, die bleibenden sein, die werden die stärksten sein, sie
werden ein Ewiges darstellen. Das, was wir jetzt fühlen, wird zum
Heile sein, wenn es verbunden wird mit dem Gefühl, daß ein Sieg un-
ausbleiblich ist: der Sieg des Geistes.
Merkwürdige Worte hat ein Staatsmann in Deutschland noch in
diesem Frühling gesprochen. Er sagte über unser Verhältnis zu Ruß-
land, daß Deutschland in freundschaftlichem Einvernehmen stehe mit
Petersburg, welches entschlossen sei, auf Pressetreibereien nicht zu ach-
ten. Und über England wurde im Juli gesagt, daß die Entspannung
Fortschritte mache, daß die Verhandlungen mit England noch nicht
abgeschlossen seien, daß sie aber in diesem Sinne weitergeführt würden.
So konnte ein namhafter Staatsmann im Juli noch sprechen. Man lese
diese Worte jetzt wieder und versuche sich zu vergegenwärtigen, wie
menschliche Urteilskraft vor den dahinflutenden Ereignissen steht.
Eines aber kann erhellen aus diesen Worten: Wir haben den Krieg
nicht gewollt! - Oh, man möchte - verstehen Sie mich recht! -, um es
grotesk auszudrücken, Nichtdeutscher sein, damit diese Worte die ge-
bührende Beachtung fänden, um ihnen den Nachdruck geben zu kön-
nen, der ihnen gebührt.
Aber die menschliche Seele braucht etwas, was bleibt, was nicht
so ist, daß man heute von Dingen spricht, die morgen schon sich als
unhaltbar erweisen; sie braucht etwas, was heute Wahrheit ist und was
morgen Wahrheit ist. Solche Wahrheit wird sie nur finden, wenn sie
sich mit dem Geiste verbindet. Auf die Sieghaftigkeit des Geistes dür-
fen wir vertrauen. Wer sich mit dem Geiste verbindet, wird den rechten
Weg finden zu jener Weisheit, die eben nur aus der Verbindung mit
dem Geiste entstehen kann. Gerade in der Woche vor dem Kriegsaus-
bruch mußte ich in einer Zeitung Sätze lesen, wie den folgenden:
Trotz Liebknechts Rüge halte ich dafür, daß man im politischen Leben
die Wahrheit nicht zu sagen braucht, außer wenn es herauskommen
würde oder einem selber schaden würde. - Der Ausspruch ist geprägt
aus dem Materialismus unserer Zeit, in dem wir erstickt wären ohne
diesen Krieg, und den zu überwinden Aufgabe unserer Bewegung ist,
die - im Gegensatz zu der Unglaublichkeit eines solchen Spruches -
als ersten Satz die Worte hat: «Die Weisheit liegt nur in der Wahr-
heit.»
Da zeigt es sich, wie sehr wir des Geistes der Wahrheit bedürfen,
wenn wir die Dinge in ihrer Wirklichkeit erfassen wollen. Denn dar-
um handelt es sich, daß wir zu jener Objektivität hindurchdringen, die
nur durch den Geist der Wahrheit errungen werden kann. Dann wird
man auch heute schon erkennen können, was eine spätere Zeit erken-
nen wird: daß dieser Krieg eine Verschwörung ist gegen deutsches
Geistesleben.
Zu solcher Objektivität kann uns verhelfen der Spruch, der an den
Volksgeist sich wendet:
Du, meines Erdenraumes Geist!
Enthülle Deines Alters Licht
Der Christ-begabten Seele,
Daß strebend sie finden kann
Im Chor der Friedenssphären
Dich, tönend von Lob und Macht
Des Christ-ergebenen Menschensinns!

Viel kann für unsere Seelen und für das Finden des rechten Weges her-
vorgehen, wenn wir lebendig mit dieser Seele vereinen, was aus solchem
Spruche uns werden kann. Dann aber weiß ich, daß etwas geschehen
wird, daß ein wichtiges Glied in dem, was sich entwickeln soll, da sein
wird, etwas, was in der anthroposophischen Seele leben wird und was
Anthroposophie in die Welt bringt, daß Hoffnungen entgegengekom-
men werden wird, die ich zusammenfassend aussprechen möchte mit
den Worten:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht -
Lenken Seelen geist-bewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.

Das ist es, meine lieben Freunde, worauf es ankommt: werktätige Liebe
wollen wir üben, aufmerksam wachen auf die Forderungen des Tages.
Und dann wollen wir vorurteilsfrei und klar hineinschauen in die Ver-
hältnisse, um solche Objektivität zu erlangen, wie sie heute notwen-
dig ist, und die so schwer zu erlangen ist für viele. Vielleicht können
hier auch diejenigen unserer auswärtigen Freunde klärend wirken, die
diese Worte hören.
Wenn wir zu solcher Objektivität durchdringen und zu solcher Be-
reitschaft werktätiger Liebe, dann kann aus solchem Streben eine
Kraft erstehen, die nutzbar sein kann für diejenigen Geister, die ihr
Wirken hineinsenden in die Geschicke der Völker und die auch in
diesen ernsten, schweren Zeiten helfend und führend der Menschheit
zur Seite stehen.
Z W E I T E R VORTRAG
Stuttgart, 13. Februar 1915

Immer wieder und wiederum muß betont werden, daß der wesent-
lichste Punkt unseres geisteswissenschaftlichen Strebens derjenige ist,
der uns zeigt, wie bloßes Wissen, bloße in Ideen und Vorstellungen
lebende Erkenntnisse immer mehr und mehr vergangenen Zeiten an-
gehören müssen, und wie wir eine Erkenntnis zu suchen haben, eine
Summe von Ideen und Vorstellungen, von Empfindungen und Willens-
impulsen, die uns wirkliches Leben werden, die uns im eminentesten
Sinne des Wortes lebendig werden. Es ist notwendig, daß wir zuweilen
unser Nachsinnen, unsere Meditation hinlenken gerade auf diesen Kar-
dinalpunkt unseres Strebens. Denn voll wird das Licht, das von die-
sem Punkte aus strahlen kann, nur dann unsere Seelen erleuchten kön-
nen, wenn wir immer wieder und wiederum in treulichem Nachsinnen
auf ihn zurückkommen. Es muß ja gerade für uns, die wir mit Seele
und Herz uns bekennen wollen zu einem geisteswissenschaftlichen Stre-
ben, in dieser unserer ernsten Zeit Herzensbedürfnis sein, dasjenige,
was uns durch Erkenntnisse werden kann, in das wirkliche Leben
überzuführen, in das unmittelbare Leben der Seele. Wir müssen etwas
dazu tun, daß alles dasjenige, was theoretische Einsicht nur, was bloß
wissenschaftliches Streben ist, allmählich wirklich übergeführt werde
in Erlebnisse, daß es bereichert werde aus der Geisteswelt heraus durch
das, wodurch es Erlebnis werden kann. Sonst gehen wir einer Zeit
der geistigen Ausdörrung entgegen; denn Theorien, bloß wissenschaft-
liche Überzeugungen, sind dazu geeignet, die Menschenseele und das
ganze menschliche Leben überhaupt auszudörren. Aber tief, tief ein-
gewurzelt ist in unserer Zeit der Glaube, daß man im Leben zurecht-
kommen müsse mit einer nach dem Muster von wissenschaftlicher Er-
kenntnis geordneten Überzeugung.
Die großen Ereignisse, die sich in unserer Zeit abspielen, sie sollten
insbesondere Aufforderungen sein an die zur Geisteswissenschaft ge-
neigten Seelen, einmal wirklich über die Verschiedenheit von Leben
und bloßem Wissen ins klare zu kommen, von Leben und bloßer, nach
wissenschaftlichem Muster gebildeter Überzeugung. Wir müssen da
schon einmal ein wenig versuchen, zu einer Art von Selbsterkenntnis,
von rein menschlicher Selbsterkenntnis zu kommen; wir müssen das
versuchen, müssen mit uns zu Rate gehen, wie sehr der Dämon der
theoretischen Überzeugung gegenwärtig in den menschlichen Herzen
lebt. Wir müssen das seelische Auge klar darauf hin richten, wie sich
einwurzeln will dieser Dämon der theoretischen Überzeugung. Und
das, was uns Anthroposophie sein soll, werden wir nicht zu unserem
innersten Erlebnis machen, wenn wir das nicht versuchen, wenn wir
nicht das Auge hinlenken auf Tatsachen, die auch den Anthroposo-
phen sozusagen in seinem eigenen Seelenleben überraschen können, die
darauf hinweisen, wie ferne man, wenn man sich so dem modernen
Seelenleben hingibt, dem unmittelbaren Erlebnis des Geistigen steht,
und wie nahe man dem Suchen nach einer theoretischen Überzeu-
gung steht. Ganz unbefangen muß man solchen Tatsachen ins Auge
schauen.
Ich konnte - und was ich jetzt anführe, soll nur als Beispiel ange-
führt werden -, seitdem die ernsten Ereignisse über Europa und die
Welt hereingebrochen sind, an den Verschiedensten Orten des deut-
schen Sprachgebietes über Erlebnisse sprechen, die mit unserer ernsten
Zeit im Zusammenhang stehen. Ich habe es ja auch hier in Stuttgart
tun dürfen. Da und dort wurde von mir über solche Erlebnisse ge-
sprochen. Was war eine der Folgen davon, daß solche Erlebnisse be-
sprochen worden sind? Eine der Folgen war die, daß Angehörige an-
derer Reiche gekommen sind mit der Anforderung, dasjenige, was
innerhalb unseres Sprachgebietes gesprochen worden ist, auch zu ihnen
zu bringen. Oftmals war das gefordert unter der gutgemeinten Voraus-
setzung, daß die Wahrheit für alle Menschen selbstverständlich die
gleiche sei, und daß solch ein Hintragen desjenigen, was an einem Orte
gesprochen wird, zum anderen Orte ohne weiteres zur Aufklärung der
Wahrheit in unserer schwierigen Zeit dienen könne. Es ist ja innerhalb
unserer Geistesströmung Mode geworden, alles, was gesprochen wird,
auch dasjenige, was gesprochen wird aus dem unmittelbaren Impuls
nicht nur der Zeit, sondern auch des Ortes und der Menschen heraus,
zu denen es gesprochen wird, aufzuschreiben und nun den Glauben
zu haben, daß das jedem in der gleichen Weise dienen müsse, weil man
die theoretische Voraussetzung macht, die Wahrheit könne nur auf
eine einzige Weise formuliert werden. Nun, meine lieben Freunde,
es würde sich jener Unfug, der darin besteht, daß man in genauer
Weise das gesprochene Wort nachschreibt und glaubt, daß es noch
immer den Inhalt habe, wenn es nun als nachgeschriebenes Wort da
oder dort vorgelesen werde oder wiedergesprochen werde, es würde
sich dieser Unfug ins Ungeheuerliche auswachsen, wenn man das glau-
ben könnte, was eben angedeutet worden ist.
Wenn diejenigen Dinge, welche die Menschen Europas und der
Welt gegenwärtig auszumachen haben, ausgemacht werden könnten
durch Worte, dann brauchten nicht jene ungeheuren Ströme von Blut
zu fließen, die aus den ewigen Notwendigkeiten der Erdenentwicke-
lung heute fließen müssen. Wenn ohne weiteres die Möglichkeit be-
stünde, daß die Seelen sich aus den nationalen Aspirationen heraus ver-
stehen würden, dann brauchten sie sich nicht mit Kanonen gegenein-
ander zu stellen. Wir müssen uns mit demjenigen, was als der Charak-
ter des Erlebnisses angegeben worden ist, wir müssen uns mit geistes-
wissenschaftlicher Erkenntnis gerade da bewähren, wo es darauf an-
kommt, dem großen Ernst entgegenzusehen. Für alltägliche Seelenbe-
dürfnisse spielerisch okkulte Wahrheiten zu gebrauchen, das kann nicht
die Aufgabe unseres geisteswissenschaftlichen Strebens sein. Solange
wir nicht in der Lage sind, es zu dem Verständnis zu bringen, daß in
den Weltenerscheinungen, die uns auf dem physischen Plan entgegen-
treten, wirklich spirituelle Mächte tätig sind, und daß wir Geistes-
wissenschaft brauchen, um Wert und innere Wahrheit dieser spirituel-
len Mächte abzuschätzen und zu durchschauen, solange wir das nicht
vermögen, haben wir noch nicht das richtige Verhältnis zu unserer
Geisteswissenschaft.
Das muß uns klar sein: Wenn wir auf rein anthroposophischem
Boden stehen, wenn wir die hohen Wahrheiten entwickeln für unsere
Seele, welche des Menschen höchstes Wesen berühren, dann stehen wir
auf einem Boden, der jenseits ist aller Nationalität, ja jenseits aller
Rassenunterschiede sogar. Stehen wir recht auf dem Boden desjenigen,
was wir über des Menschen Wesen aus der spirituellen Erkenntnis ge-
winnen können, dann gelten dieselben Wahrheiten über den ganzen
Erdkreis hin, ja innerhalb gewisser Horizonte für andere Planeten un-
seres Planetensystems: sobald wir auf diesem Boden stehen, sobald für
uns in Betracht kommen die höchsten, das menschliche Wesen betref-
fende Gedanken. Anders ist es, wenn Dinge in Betracht kommen, aus
denen etwas anderes spricht und sprechen muß als dieses allerhöchste
Wesen des Menschen: Wenn Völker einander gegenüberstehen, haben
wir es nicht zu tun mit demjenigen, was in des Menschen Wesen hin-
ausreicht über alle die Differenzierungen der Menschheit. Wenn Völ-
ker einander gegenüberstehen, so stehen nicht bloß Menschen, son-
dern spirituelle Welten einander gegenüber, stehen sich solche Wesen-
heiten in spirituellen Welten gegenüber, die durch die Menschen sich
betätigen, die in den Menschen leben. Und zu glauben, daß dasjenige,
was für Menschen gelten muß, auch gelten muß für jene komplizierte
Dämonen- und Geisterwelt, welche durch die Menschen wirkt, wenn
Völker miteinander kämpfen, zu glauben, daß man durch einfache
menschliche Logik etwas ausmachen könnte über dasjenige, was die
Dämonen gegeneinander treibt, das heißt doch, noch nicht den Glau-
ben an eine konkrete spirituelle Welt gefunden zu haben.
Was meine ich damit? — Nicht wahr, wenn wir jetzt hinaussehen
auf dasjenige, was draußen in der äußeren Welt geschieht, so finden
wir — ich will jetzt ganz absehen von den eigentlichen schmerzlichen
Kriegsereignissen - , daß Menschen verschiedener Nationalitäten ein-
ander gegenüberstehen. Wir finden, daß die eine Nationalität die an-
dere mit ihrem Haß manchmal in der furchtbarsten Weise überflutet.
Dann versuchen jetzt die Menschen zurechtzukommen damit, das
heißt, sich zu fragen, wer nun mehr Recht hat zu hassen, dieses Volk
oder jenes Volk, oder welches man mehr hassen soll als ein anderes.
Man denkt wohl auch nach, welches Volk die besondere Schuld habe
an diesem Krieg. Man denkt ungefähr über diese Angelegenheiten so
nach, wie man mit Recht nachdenkt bei einer Gerichtsverhandlung,
wo man die verschiedenen Umstände abwägt. Was tut man aber im
Grunde genommen, wenn man das tut, was eben charakterisiert wor-
den ist und was das jetzige Schrifttum beherrscht, was tut man dann?
Man stellt damit in Abrede alles spirituelle Leben, wenn man es auch
nicht zugeben wollte, denn man bekennt sich zu dem Dogma, daß jene
Dämonen zum Beispiel, die von Osten herübergetragen haben die Zwie-
tracht in das europäische Leben, nach dem Muster des Verstandes, sa-
gen wir, des Verstehens zu beurteilen sind, das der Mensch hat. Denn
man glaubt nicht, daß es einen anderen Verstand, eine andere Urteils-
kraft gibt als diejenige, die der Mensch hat. All dasjenige, was ge-
genüber solchen die Evolution aufwühlenden Ereignissen vom bloß
menschlichen Standpunkt aus beurteilt wird, ist eine Verleugnung des
geisteswissenschaftlichen Lebens. Nur dann bekennen wir uns zum
wirklichen geisteswissenschaftlichen Leben, wenn wir uns klar sind,
daß sich in den physischen Ereignissen geistige Ursachen ausleben, Ur-
sachen, die auch eine andere Urteilskraft notwendig machen als die
des physischen Planes. Wenn sich Menschen mit verschiedenen Ansich-
ten bekämpfen auf dem physischen Plan, dann kann man vielleicht
nach menschlichem Urteil entscheiden. Das kann man aber nicht, wenn
sich Völker bekämpfen, weil durch das Volksleben sich unsichtbare
Mächte zum Ausdruck bringen. Im Menschen bringen sich allerdings
auch unsichtbare Mächte zum Ausdruck, aber so, daß sie sich hinein-
fügen in das menschliche Urteil. Das tun sie im Völkerleben aber nicht.
Da handelt es sich eben darum, daß wir uns bewähren in der Aner-
kenntnis des konkreten spirituellen Lebens und einsehen, daß noch
ganz andere Impulse in der Menschenseele sprechen als diejenigen,
die man bewältigen kann mit dem Erdenverstand, wenn solch große
Ereignisse sich abspielen.
Wenn man heute dieses oder jenes liest, was da gesagt wird und was
reichlich nachgesprochen wird auch von denjenigen, die einen Impuls
von der Geisteswissenschaft haben empfangen wollen, dann findet
man, daß vieles davon so geschrieben oder gesprochen ist, als wenn die
Weltentwickelung erst am 20. Juli 1914 ungefähr begonnen hätte.
Selbst da, wo man die Ursachen der gegenwärtigen Verwicklungen
sucht, redet man so, als ob sie im vorigen Jahr begonnen hätten. Geistes-
wissenschaft wird neben vielem anderen auch das als praktisches Er-
gebnis zeitigen müssen, daß man etwas wird lernen wollen, daß man
nicht aus dem, was unmittelbar der Tag gibt, sondern aus den größe-
ren Zusammenhängen heraus sich ein Urteil wird bilden wollen. Das
wird das Elementarste sein; das Weitere wird erst daraus bestehen, daß
man das Urteil prüfen muß an dem, was Geisteswissenschaft zu geben
in der Lage ist. Machen wir uns einmal an einem Beispiel klar, wie diese
Geisteswissenschaft fruchtbar werden muß, wenn es sich darum han-
delt, unser Verständnis gegenüberzustellen dem Erleben, und das Er-
leben dann zu unserem eigenen zu machen.
Wir haben es ja immer wiederum betont, daß die Weltentwicke-
lung, die Erdenentwickelung, für die nachatlantische Zeit in deut-
lich voneinander verschiedenen Kulturperioden verläuft. Wir haben
diese Kulturperioden aufgezählt: die alte indische Kulturperiode, die
persische, die ägyptisch-chaldäische, die griechisch-lateinische, dann
diejenige, welche unsere eigene ist in der Gegenwart; dann haben wir
darauf aufmerksam gemacht, daß eine sechste, eine siebente Epoche
die unsrige wird ablösen müssen. Wir haben uns aber nicht damit be-
gnügt, schematisch die Aufeinanderfolge dieser Kulturperioden einfach
darzustellen, sondern wir haben versucht zu charakterisieren, welches
das Eigentümliche der einzelnen Kulturperioden ist. Und wir haben da-
durch versucht, ein Verständnis für unsere eigene Zeit zu gewinnen,
für die Ubergangsimpulse, die in unserer Zeit leben, in unserer fünften
nachatlantischen Zeitepoche. Und wir haben uns auch klargemacht,
daß keineswegs mit solchen Charakterisierungen irgend etwas Sche-
matisches gemeint sein kann, zum Beispiel daß man nicht sagen kann,
über die ganze Erde ziehe sich hin das Eigentümliche dieser Kultur-
epoche. An gewissen Orten tritt es auf, andere Erdenorte, andere Ter-
ritorien bleiben zurück. Nicht absolut brauchen sie zurückzubleiben,
aber sie bleiben mit alten Kräften zurück, um diese alten Kräfte später
mit der fortschreitenden Evolution in einer anderen Kulturepoche
entsprechend in Zusammenhang zu bringen. Man braucht nicht einmal
an Wertigkeiten zu denken, sondern nur an Charaktereigentümlich-
keiten. Wie sollte denn den Menschen nicht auffallen die tiefe Ver-
schiedenheit, wenn es sich um Geisteskultur handelt, sagen wir der
europäischen und der asiatischen Völker. Wie sollte denn nicht auf-
fallen die Differenzierung, die gebunden ist an die äußere Hautfär-
bung! Wenn wir das europäisch-amerikanische Wesen und das asia-
tische Wesen anschauen — sehen wir zunächst ganz ab von Wertig-
keiten - , dann müssen wir den Unterschied ins Auge fassen, daß die
asiatischen Volker zurückbehalten haben gewisse Kulturimpulse ver-
gangener Erdenepochen, während die europäisch-amerikanischen Völ-
ker hinweggeschritten sind über diese Kulturimpulse. Nur wenn man
in einem nicht ganz gesunden Seelenleben befangen ist, kann einem
dasjenige besonders imponieren, was als orientalische Mystik die orien-
talische Menschheit aus alten Zeiten bewahrt hat, wo die Menschen
es notwendig hatten, mit niederen Seherkräften zu leben. Solch un-
gesundes Geistesleben hat vielfach Europa allerdings ergriffen; man
hat geglaubt, den Weg in die geistigen Welten durch asiatisches Jogi-
tum und ähnliches lernen zu müssen. Diese Tendenz beweist aber
nichts anderes als ein ungesundes Seelenleben. Das gesunde Seelen-
leben muß sich aufbauen auf die Überführung der Erlebnisse der fünf-
ten nachatlantischen Kulturepoche in spirituelles Leben, in geisti-
ges Erkennen, und nicht auf das Herauftragen von irgend etwas in
der Menschheit, was ja ganz interessant ist, sozusagen naturwissen-
schaftlich zu erkennen, was aber nicht für die europäische Mensch-
heit erneuert werden darf, ohne daß sie zurückfallen würde in Zei-
ten, die ihr nicht angemessen sind. Aber andere Zeiten werden kommen
über die Erdenentwickelung, folgende Zeiten. In diesen folgenden Zei-
ten, da werden veraltete Kräfte mit vorgeschrittenen Kräften wieder-
um sich verbinden müssen. Daher müssen sie an irgendeiner Stelle
bleiben, um da zu sein, um sich verbinden zu können mit den vorge-
schrittenen Kräften. Eine sechste wird auf die fünfte Kulturepoche
folgen. Abstraktes Denken, dieses schreckliche abstrakte Denken, das
eine Tochter ist der rein theoretisch-wissenschaftlichen Überzeugung,
kann gar nicht umhin, das sechste Zeitalter höher zu schätzen als das
fünfte, weil das sechste eben spätere Entwickelung ist. Wir sollten uns
aber klar sein, daß es Zeiten des Aufgangs und Zeiten des Niedergangs
gibt; richtig klar sollten wir uns sein darüber, daß das sechste Zeitalter,
welches folgt auf das fünfte in der nachatlantischen Zeit, dem Nieder-
gang notwendig angehören muß, und daß dasjenige, was sich in der fünf-
ten nachatlantischen Zeitepoche herausentwickelt, der Keim sein muß
für die der siebenten Kulturepoche erst wiederum folgende Erdenzeit.
So lebendig muß man die Dinge betrachten, nicht abstrakt-theoretisch,
so daß man das sechste Zeitalter als ein vollkommeneres auf das fünfte
als unvollkommeneres folgen läßt.
In der atlantischen Zeit war die vierte Epoche diejenige, in der die
Keime lagen zu unserer Gegenwart. In unserer Zeit ist es die fünfte
Kulturepoche, in der die Keime liegen zu dem, was auf die nachatlan-
tische Zeit folgen muß. Und was ist das Charakteristische, das sich
insbesondere in dieser fünften Kulturepoche herausentwickeln muß?
Das ist das Charakteristische, was vorzugsweise durch das Mysterium
von Golgatha angefacht worden ist: daß die spirituellen Impulse hin-
untergeführt worden sind bis ins unmittelbar Physisch-Menschliche,
daß gewissermaßen das Fleisch von dem Geiste ergriffen werden muß.
Es ist noch nicht geschehen. Es wird erst geschehen sein, wenn die Gei-
steswissenschaft einmal einen größeren irdischen Boden hat und viel
mehr Menschen sie im unmittelbaren Leben zum Ausdruck bringen,
wenn der Geist in jeder Handbewegung, in jeder Fingerbewegung,
möchte man sagen, wenn er in den alleralltäglichsten Handlungen zum
Ausdruck kommt. Aber dieses Hinuntertragen der spirituellen Impulse
war es, um dessentwillen der Christus in einem menschlichen Leibe
Fleisch geworden ist. Und dieses Hinuntertragen, dieses Durchimpräg-
nieren des Fleisches mit dem Geiste, das ist das Charakteristische der Mis-
sion, die Mission überhaupt der weißen Menschheit. Die Menschen ha-
ben ihre weiße Hautfarbe aus dem Grunde, weil der Geist in der Haut
dann wirkt, wenn er auf den physischen Plan heruntersteigen will. Daß
dasjenige, was äußerer physischer Leib ist, Gehäuse wird für den Geist,
das ist die Aufgabe unserer fünften Kulturepoche, die vorbereitet wor-
den ist durch die anderen vier Kulturepochen. Und unsere Aufgabe
muß es sein, mit denjenigen Kulturimpulsen uns bekanntzumachen,
welche die Tendenz zeigen, den Geist einzuführen ins Fleisch, den
Geist einzuführen in die Alltäglichkeit. Wenn wir dies ganz erkennen,
dann werden wir uns auch klar sein darüber, daß da, wo der Geist noch
als Geist wirken soll, wo er in gewisser Weise zurückbleiben soll in
seiner Entwickelung - weil er in unserer Zeit die Aufgabe hat, ins
Fleisch hinunterzusteigen -, daß da, wo er zurückbleibt, wo er einen
dämonischen Charakter annimmt, das Fleisch nicht vollständig durch-
dringt, daß da weiße Hautfärbung nicht auftritt, weil atavistische
Kräfte da sind, die den Geist nicht vollständig mit dem Fleisch in Ein-
klang kommen lassen.
In der sechsten Kulturepoche der nachatlantischen Zeit wird die
Aufgabe die sein, den Geist vor allen Dingen als etwas sozusagen mehr
in der Umgebung Schwebendes zu erkennen als unmittelbar in sich, den
Geist mehr in der elementaren Welt anzuerkennen, weil diese sechste
Kulturepoche die Aufgabe hat, die Erkenntnis des Geistes in der phy-
sischen Umgebung vorzubereiten. Das kann nicht so ohne weiteres
erreicht werden, wenn nicht alte atavistische Kräfte aufgespart wer-
den, die den Geist in seinem rein elementarischen Leben anerkennen.
Aber ohne die heftigsten Kämpfe gehen diese Dinge in der Welt nicht
ab. Die weiße Menschheit ist noch auf dem Weg, immer tiefer und
tiefer den Geist in das eigene Wesen aufzunehmen. Die gelbe Mensch-
heit ist auf dem Wege, zu konservieren jene Zeitalter, in denen der
Geist ferne gehalten wird vom Leibe, in denen der Geist gesucht wird
außerhalb der menschlich-physischen Organisation, bloß dort. Das aber
muß dazu führen, daß der Übergang von der fünften Kulturepoche in
die sechste Kulturepoche sich nicht anders abspielen kann denn als ein
heftiger Kampf der weißen Menschheit mit der farbigen Menschheit
auf den mannigfaltigsten Gebieten. Und was diesen Kämpfen voran-
geht, die sich abspielen werden zwischen der weißen und der farbigen
Menschheit, das wird die Weltgeschichte beschäftigen bis zu der Aus-
tragung der großen Kämpfe zwischen der weißen und der farbigen
Menschheit. Die zukünftigen Ereignisse spiegeln sich vielfach in vor-
hergehenden Ereignissen. Wir stehen nämlich, wenn wir dasjenige, was
wir durch die verschiedensten Betrachtungen uns angeeignet haben,
im geisteswissenschaftlichen Sinn ansehen, vor etwas Kolossalem, das
wir in der Zukunft als notwendig sich abspielend erschauen können.
Da haben wir auf der einen Seite einen Teil der Menschheit mit
der Mission, den Geist in das physische Leben so hereinzuführen, daß
der Geist alles einzelne im physischen Leben durchdringe. Und auf der
anderen Seite haben wir einen Teil der Menschheit mit der Notwendig-
keit, gewissermaßen die absteigende Entwickelung nun zu überneh-
men. Das kann nicht anders geschehen, als wenn dasjenige, was wirk-
lich sich bekennt zur Durchdringung des Leiblichen mit dem Geistigen,
Kulturimpulse hervorbringt, lebendige Impulse hervorbringt, die für
die Erde bleibend sind, die von der Erde nicht wieder verschwinden
können. Denn was dann nachkommt als sechste, als siebente Kultur-
epoche, das muß geistig von den Schöpfungen der fünften leben, das
muß die Schöpfungen der fünften Kulturepoche in sich aufnehmen.
Die fünfte Kulturepoche hat die Aufgabe, das äußere idealistische Le-
ben zum spirituellen Leben zu vertiefen. Das aber, was so als spiri-
tuelles Leben vom Idealismus erobert wird, das muß später angenom-
men werden, das muß weiterleben. Denn im Osten wird man nicht
die Kräfte haben, ein eigenes Geistesleben produktiv hervorzubringen,
sondern nur dasjenige, was hervorgebracht ist, in sich aufzunehmen.
So muß sich die Geschichte abspielen, daß von der gegenwärtigen, die
eigentlichen Kulturimpulse in sich tragenden Menschheit eine spiri-
tuelle Kultur geschaffen wird, welche die eigentliche geschichtliche
Nachfolge der fünften Kultur ist, und daß diese Kultur verarbeitet
wird von dem, was nachfolgt.
Versuche man einmal, sich ganz objektiv, ohne Voreingenommen-
heit den Unterschied zwischen diesen beiden Menschheitsströmungen
klarzumachen. Man versuche sich einmal klarzumachen, wie seit dem
Eintritt desjenigen Teiles der Menschheit, den man germanische Völ-
ker nennt, gerungen worden ist um ein Durchdringen des äußeren Phy-
sischen mit dem Geistigen, und wie die Tiefen des Christentums ange-
nommen worden sind. Vom äußeren Physischen ist man ausgegangen,
von demjenigen, was gleichsam im Physischen den Keim enthielt zu
einem Physisch-Geistigen. Man blicke zurück auf das Sommeropfer,
auf das Sonnwendopfer des Gottes Baidur. Sein eigentlicher tieferer
Sinn ist ja früh verlorengegangen, aber was ist der eigentliche tiefere
Sinn? Er kann nur durchschaut werden, wenn man die Blicke hinlenkt
darauf, wie mit der heraufziehenden Frühlingssonne, im Lichte und in
der Wärme, geistige Mächte heraufsteigen, wie der Gott Lenz herauf-
zieht, und wie mit dem Anzünden des Johannisfeuers der Mensch hin-
neigt zu der Verbindung mit den in den Naturkräften herrschenden
Lenzeskräften, wie er sich Feuer anzündet zum Zeichen dafür, daß er
sein Verständnis verbindet mit dem Tode des Gottes Lenz zur Som-
mersonnenwende. Das ist die Bai dursage: Der Gott Lenz verbrennt
im Sonnwendfeuer, weil man das Fruchtende, das Keimende in der
Natur, in der äußeren physischen Natur empfand, weil man den Gott
Lenz liebte und ihm folgte in seinen Tod hinein. Darum aber, weil
man gleichsam in der äußeren physischen Welt das Vorbild hatte von
dem Christus, der nicht stirbt in der Sommerwende, aber der geboren
wird in der Winterwende - merken Sie diesen Gegensatz des Leiblichen
zu dem Geistigen - , weil man das Vorbild hatte an dem Sommerson-
nenwende-Gott für den Wintersonnenwende-Gott, weil man das um-
gekehrte Leibliche für das Geistige hatte, deshalb durchdrang man
sich mit dem Verwandten und doch Entgegengesetzten. Ist der Gott
Baidur der Gott Lenz, der in der Sommersonnenwende dahinstirbt, so
ist der Christengott derjenige, der in der Wintersonnenwende geboren
wird. Das eine und das andere durchdringen sich wie Leibliches, das
sich im äußeren Leiblich-Physischen abspielt, sich durchdringt mit Gei-
stigem, das verhüllt ist durch die leibliche Finsternis, durch die Winter-
finsternis. Der Wintergeist durchdringt den Sommerleib. Und wie
durchdringen sich diese Dinge? Im unmittelbar persönlichen Ringen
der Kulturimpulse. Was ist denn die Geschichte Mitteleuropas als ein
fortwährendes Ringen um das Aufgehen des göttlichen Funkens in der
persönlichen Seele, um das Aufgehen des Geistigen im Physischen?
Man kann von allem anderen absehen, aber die Wahrheit muß man
durchschauen, erkennen das Charakteristische dieses mitteleuropäi-
schen Wesens.
Und man nehme den anderen Teil der Menschheit. Wie ferne er im
Grunde genommen von diesem persönlichen Impuls des Sich-Empor-
ringens des Geistigen im Physischen steht! Man möchte sagen: «Na-
turhistorisch» ist es im höchsten Grade interessant, zu beobachten, wie
das Chinesentum seine Tao-, seine Konfuzius-Religion bewahrt hat,
wie sich überhaupt die asiatischen Religionen die ältesten Formen be-
wahrt haben, die abstraktesten Formen, diese Formen, bei denen sich
der theoretische Verstand so wohl fühlt, die aber Starrheit sind gegen-
über dem persönlichen Erleben, die das persönliche Erleben eben nicht
zum Ringen kommen lassen, weil dieses persönliche Erleben aufbe-
wahrt werden soll bis zu der Zeit, wo der Menschheitskultur das Er-
rungene so einverleibt wird, daß es aufgenommen werden kann. In der
fünften Kulturepoche muß ein Geistiges aus eigener Kraft errungen
werden; in der sechsten Kulturperiode werden die Menschen kommen
und das Erarbeitete, das Errungene annehmen als ihre Anschauung, als
ihr Erlebnis, aber als etwas, was sie nicht selbst errungen haben. Sie
werden aufbewahrt in den Kräften, die nicht ringen, sondern das Gei-
stige als etwas Äußerliches, Selbstverständliches entgegennehmen. Und
das Vorspiel für jenes viel weitere Ringen ist dasjenige, das sich all-
mählich entwickeln muß als das Ringen zwischen germanischer und
slawischer Welt. Man bedenke doch nur, daß die slawische Welt in ge-
wissem Sinne ein Vorposten ist für dasjenige, was sechste Kulturepoche
ist, ja daß in ihr der eigentliche Keim der sechsten Kulturepoche liegt.
Man bedenke das nur recht in wahrem, echtem, geisteswissenschaft-
lichem Sinne. Dann wird man sich klar darüber sein, daß in diesem
slawischen Element etwas Empfangendes liegen muß, etwas, was nichts
mit diesem Ringen zu tun hat, was das eigene Ringen geradezu abweist.
Man kann es mit Händen greifen. Während in Mitteleuropa die Seelen
gekämpft haben, mit ihrem Inneren gekämpft haben, um im persön-
lichen Erringen eine Gott-Erfassung zu bekommen, konserviert das
slawische Element die Religion, die Gott-Erfassung, den Kultus, der
eben einmal da ist; es konserviert, es macht den Geist nicht innerlich
lebendig, sondern laßt den Geist wie eine Wolke über sich hinziehen
und lebt in dieser Wolke, bleibt dem Geist gegenüber mit der Persön-
lichkeit fremd.
Nicht hat Mitteleuropa stehenbleiben können bei irgendeiner alten
Form des äußeren Christentums, weil es ringen mußte. Stehengeblie-
ben ist der Osten, und starr, abstrakt geworden sind selbst seine Kult-
formen, weil er sich vorbereiten soll zum äußerlichen Aufnehmen, zum
Annehmen desjenigen, was der Westen im persönlichen Erringen er-
wirbt, weil er nicht dazu bereitet ist, dieser Osten, im persönlichen Er-
ringen die Dinge zu bekommen. Und wie will man nach dem Muster
rein theoretischen Verstandes ein gegenseitiges Sich-Verstehen herbei-
führen, wenn ganz verschiedene geistige Impulse vorliegen? Wie will
man irgend etwas ausmachen über einen irgendwie gearteten Schieds-
spruch zwischen zwei voneinander verschiedenen Geistesströmungen,
die sich so verhalten, wie sich eben Differenziertes verhalten muß?
Mißverstehen Sie den Vergleich nicht: Wie will man ausmachen, ich
möchte sagen, nach Elefantenart dasjenige, was Löwenbrauch ist? Die
Ereignisse aber bilden sich heraus aus den ewigen Notwendigkeiten und
laufen so ab, wie die ewigen Notwendigkeiten fließen. Sträuben mußte
sich der Osten gegen dasjenige, was für ihn notwendig war und immer
notwendiger wird: die Verbindung mit dem Westen und seiner Kultur.
Denn im Grunde genommen konnte ihm vor seiner Reifung gar nicht
das rechte Verständnis gegeben sein. Und ein äußerer Ausdruck ist der
Konflikt zwischen dem, was man das Germanentum, und dem, was
man das Slawentum nennt, dasjenige, was sich im Grunde genommen
erst vorbereitet und als eine lange Beunruhigung über dem europäischen
Leben schweben wird: die Auseinandersetzung zwischen Germani-
schem und Slawischem. Man möchte sagen, wie sich ein Kind dagegen
sträubt, die Errungenschaften der Alten zu lernen, so sträubt sich der
Osten gegen die Errungenschaften des Westens, sträubt sich dagegen,
sträubt sich so weit, daß er ihn haßt, selbst wenn er sich gezwungen
fühlt, zuweilen seine Errungenschaften anzunehmen. Mit dem Lichte
der Wahrheit in diese Dinge hineinzuleuchten erfordert eben etwas
anderes als das, was man heute liebt; obwohl man dieses andere zu-
weilen verspürt, aber man ist abgeneigt, die Augen auf diese Dinge
hin zu richten und sie wirklich aus ihren innersten Impulsen heraus
zu verstehen. Denn wird man nur ein wenig von diesen innersten Im-
pulsen berührt, dann hört bald vieles von dem Geschwätz auf, muß
aufhören, was vollbracht wird und was bloß der Konfusion entspringt,
der Konfusion, die in der äußeren Maja befangen bleiben will.
Was wird man unter der sechsten Kulturepoche zu verstehen haben?
Man wird darunter eine Kulturepoche zu verstehen haben, innerhalb
welcher ein großer Teil der östlichen Menschen ihr Menschentum dem-
jenigen zum Opfer gebracht haben wird, was in der Volkskultur errun-
gen worden ist, indem gleichsam wie ein Weibliches das östliche sich
wird haben befruchten lassen von dem männlichen Westlichen. Das-
jenige, was leben wird in den Seelen der sechsten Kulturepoche, wird
dasselbe sein, was von den Seelen der fünften Kulturepoche errungen
worden ist. Das bedingt, daß von Osten her das Unreife und noch
nicht Gereifte sich walzt, sich wehrt gegen dasjenige, was ja doch ge-
schehen muß. Genau ebenso, wie das Griechisch-Römische sich einmal
zu wehren hatte gegen das Germanische, so muß sich das Slawische
gegen das Germanische wehren; aber genau ebenso wie beim Über-
gang vom Griechisch-Römischen zum Germanischen in der aufstei-
genden Entwickelung, so bei dem Übergang vom Germanischen ins
Slawische in der absteigenden. Indem die eigentliche Mission der fünf-
ten Kulturepoche von dem germanischen Element übernommen wor-
den ist, war dieses germanische Element dasjenige, welches für diese
fünfte Kulturepoche das eigentliche Verständnis des Christentums im
inneren Erringen in die Erdenevolution einzufügen hatte und noch
haben wird. Und es wäre das größte Unglück geschehen, wenn auf die
Dauer das germanische Element besiegt worden wäre von dem römi-
schen, denn dann hätte nicht geschehen können, was durch die fünfte
Kulturepoche geschehen ist: Dieses germanische Element hatte eben
das persönliche Erringen darzuleben. Und es wäre das größte Unglück,
wenn jemals das slawische Element das germanische besiegen würde.
Merken Sie den Unterschied. Der trostloseste abstrakteste Schematis-
mus wäre es, wenn man das als ein Unglück bezeichnen würde beim
Übergang von der fünften zur sechsten Kulturepoche, was man als ein
Unglück bezeichnen müßte beim Übergang von der vierten zur fünf-
ten Kulturepoche. Der Sieg der Römer würde bedeutet haben: das Un-
möglichmachen der Mission der fünften Kulturepoche; der Sieg des
slawischen Elementes würde ebenso diese Unmöglichkeit bedeuten für
die sechste Kulturepoche. Denn nur im passiven Annehmen desjenigen,
was die fünfte Kulturepoche hervorbringt, kann der Sinn der sechsten
bestehen.
Man muß fühlen, was ganz unabhängig von Ambitionen, von na-
tionalen Aspirationen aus diesen Erkenntnissen heraus folgt, wenn diese
Erkenntnisse Leben werden. Man muß aber auch sich klar sein dar-
über, wie schwer das Verständnis wird für die Menschen, wenn die
Wahrheit ihren Leidenschaften widerspricht, wenn eben die Wahrheit
ihren Aspirationen widerspricht. Wenn man durch menschlichen Ver-
stand heute etwa von Mitteleuropa aus einen Westeuropäer oder einen
Engländer überzeugen will, so tut man etwas, dessen Erfolglosigkeit
man einsehen sollte, wirklich einsehen sollte, sofern es sich um natio-
nale Gegensätze handelt. Auf rein geisteswissenschaftlichem Boden
verstehen wir uns als Menschen. Aber wenn man diesen Boden verläßt
und auf die Völkerkämpfe eingeht, sollte man sich klar sein, welche
Schwierigkeiten dem gegenseitigen Verständnis gegenüberstehen. Es
wird nur einen Weg geben, damit man zum Beispiel im französischen
Westen Europas Verständnis gewinnen wird für das, was man eigent-
lich tut. Es ist der Weg, der einmal aus der Erkenntnis entspringen
wird, welche Unnatur es eigentlich ist, daß man jetzt im französischen
Westen am Gängelband des europäischen Ostens sich vorwärtstreiben
läßt. Erst die Erkenntnis dessen, was man selbst getan hat, wird einiges
Verständnis über die Sache bringen, aber nicht das Wort, das von an-
deren kommt, das von denen kommt, die auf einem anderen nationalen
Boden stehen. Gefühlt, geahnt werden ja solche Dinge zuweilen, aber
wieder vergessen. Denn die charakteristischsten Dinge, die sich abspie-
len, die werden in der Regel vergessen. Wenn es doch gelungen wäre,
daß man in den letzten vierzig Jahren immer wieder und wiederum
jenen bedeutungsvollen Briefwechsel gedruckt hätte, der sich einmal
abgespielt hat zwischen Ernest Renan, dem Franzosen, und David
Friedrich Strauß, dem württembergischen Deutschen! Es wäre nütz-
lich gewesen, wenn man die maßgebenden Briefe, die gewechselt wor-
den sind, nun, sagen wir, alle vier Wochen einmal den Menschen wie-
derum ins Gedächtnis gerufen hätte: man würde dann einiges geahnt
haben von dem, was da kommen mußte. Man braucht ja nur auf das
eine in einem Brief Renans hinzuweisen, wo die Sehnsucht ausgespro-
chen wird, mit Mitteleuropa zusammenzuwirken für die westeuropäi-
sche Kultur: das war ein Impuls, der aus den Ewigkeitskräften her-
ausfloß. Aber dann sagt Renan sogleich: Das widerspricht aber mei-
nem Patriotismus. Denn wenn den Franzosen Elsaß-Lothringen abge-
nommen wird, so kann ich als Franzose nur dafür sein, daß die west-
liche Kultur gegen den Osten geschützt werde. Alles Spätere liegt
schon in einem solchen Ausspruch im Keim; das ist der Keim dessen,
was später geschehen wird. Es zeigt eben, daß auch ein aufgeklärter,
erleuchteter Geist im Grunde genommen offen gestand: Ja, einsehen
kann ich, wo der Weg liegt, der durch die ewigen Notwendigkeiten
vorgezeichnet ist, aber mitmachen will ich ihn nicht, weil ich mehr
Franzose als Mensch sein will. - Ich sage, man hat gefühlt, geahnt, wie
die Dinge liegen im Sinne der ewigen Notwendigkeit; aber man muß
durch Geisteswissenschaft allmählich lernen, den Ahnungen, den. Ge-
fühlen mit seinem Urteil nachzufolgen. Man muß lernen, wirklich mit
dem Urteil dahin zu kommen, wo die wirklichen Tatsachen sind. Und
die wirklichen Tatsachen überschaut man nicht, ohne die geistige Welt
zu durchschauen. Man kann es nicht, wenn man nicht zu dem seine
Zuflucht nimmt, was aus der geistigen Welt den Tatsachen ihre Evo-
lutionsimpulse gibt.
Wir sehen, wie für uns das fruchtbar werden kann, was aus der
Geisteswissenschaft heraus kommt, wie wir das Leben beleuchten kön-
nen in seinen ernstesten Ereignissen, wenn wir das mit unserem Gemüt
vereinigen, was aus der wirklichen geisteswissenschaftlichen Erkennt-
nis zum Beispiel über die nachatlantischen Kulturepochen folgt. Da
gewinnen wir einen objektiven Maßstab, da gewinnen wir die Mög-
lichkeit, über persönliche Aspirationen, auch auf dem heiklen Boden
des nationalen Erlebens, hinauszukommen. Und das ist das Eigentüm-
liche des mitteleuropäischen Erlebens, daß dieses mitteleuropäische
Erleben dem Menschen wirklich die Möglichkeit gibt, hinauszukom-
men über das, was bloß national ist. Man versuche nur einmal sich klar-
zumachen, wie in den aufeinanderfolgenden Kulturepochen gerade Mit-
teleuropa - in jenem Ringen der menschlichen Seele in Mitteleuropa -
im Persönlichen das Persönliche zugleich überwindet, da, wo es nicht
auf den Boden von Leidenschaften und unmittelbar triebartigen Im-
pulsen sich stellt.
Was Schönheit ist, haben gewiß auch andere Völker empfunden: so
innig nachgedacht über die Schönheit und die Stellung der Schönheit
im menschlichen Erleben, wie Schiller in seinen «Ästhetischen Briefen»
darüber nachdachte, hat man nur in Mitteleuropa. Kämpfe ausgefoch-
ten haben gewiß auch andere Völker und werden es tun: so eingegrif-
fen in einen Kampf, daß er die tiefsten philosophischen Impulse auf-
gerufen hat, um den Kampf mit diesen Impulsen zu durchseelen, wie
das Fichte in seinen «Reden an die deutsche Nation» getan hat, das hat
man nur in Mitteleuropa getan. Religiöse Kämpfe hat man auch an-
derswo ausgefochten: so verbunden mit allen Zweigen menschlichen
Erlebens, wie das der Fall war bei den religiösen Kämpfen in Mittel-
europa, waren sie nirgends in der Welt.
Und nehmen Sie unsere anthroposophische Bewegung selbst, neh-
men Sie sie so, wie wir sie unter uns entwickelt haben, wie wir in ihr -
wenigstens eine Anzahl von uns - gerungen, gekämpft und auch ge-
litten haben in den letzten Jahren. Wir waren eine Zeitlang verbun-
den mit der theosophischen Bewegung englischer Färbung. Was war
denn der tiefe Impuls, der diese Verbindung mit jener theosophischen
Bewegung nicht weiter zuließ? Werden wir uns über das klar, meine
lieben Freunde, was war der tiefe Impuls? Schauen Sie sich die Bewe-
gung doch an. Was konnte dort zu jener Absurdität von dem Krishna-
murti und dergleichen Torheiten führen? Das hat dazu geführt, daß
dort die Überzeugung von dem spirituellen Leben wie ein äußeres
Element angekoppelt ist an die übrige Kultur. Das sind zwei Dinge:
da ist die äußere Lebensauffassung und die philosophische Lebensauf-
fassung Englands, und dann angekoppelt daran, ohne daß die beiden
viel miteinander zu tun haben, eine spirituelle Überzeugung. Man hat
gar nicht einmal das Bedürfnis, die beiden miteinander zu durchdrin-
gen. Hier verspüren wir, daß wir zu einer spirituellen Überzeugung
nur kommen können, wenn sie uns sozusagen wie der Kopf aus dem
Leibe herauswächst, herauswächst aus alledem, was getrieben wurde
durch Johannes Tauler, Meister Eckhart, Angelus Silesius in der Mystik
der mittelalterlichen Zeit, was durch deutsche Philosophie, durch deut-
sche Dichtung hindurchgegangen ist an spirituellem Vorbereiten, wenn
daraus notwendig herauswächst wie ein neues organisches Glied das-
jenige, was wir wollen und wollen müssen. Wir können nicht das spi-
rituelle Leben ankoppeln an das übrige, wir brauchen Lebensorganis-
mus, nicht Lebensmechanismus. Man kann, ohne in Hochmut zu ver-
fallen, solche Dinge sich klarmachen, denn man braucht Klarheit dar-
über, wie das Spirituelle drinnenstehen muß im Leben, und wie man
durch das Spirituelle das übrige Leben erfassen, ergreifen kann. Wir
müssen als Bekenner der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung
Seelen werden können, welche so wollen, wie es im Sinne der eben
gegebenen Charakteristik im mitteleuropäischen Geistesleben sein muß.
Gewiß, auch da handelt es sich um ein Ringen; wirklich, darum han-
delt es sich, daß man sagen möchte: Das Wahre muß erst dadurch er-
rungen werden, daß die Irrtümer an beide Wegesränder gedrängt wer-
den. - Wie manchmal ist es schwer zu erkennen, daß man die Irrtümer
an beide Wegesränder drängen muß! Man konnte da im Erleben der
letzten Jahrzehnte tragische Erfahrungen machen.
Ich möchte Ihnen anschaulich etwas hinstellen. Es hat ja insbeson-
dere jetzt eine gewisse Bedeutung, so etwas hinzustellen, wie die natur-
gemäße Verbindung der beiden mitteleuropäischen Länder zu unserer
Zeit heraufgekommen ist. - In Österreich lebte in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts einer der deutschesten Poeten, Robert Hamerling.
Deutsch war er auch dadurch, daß er wirklich die ganze Welt in der
eigenen Seele wieder zu gebären suchte. Bis auf Kain leitet er zurück
die irrende Menschenseele in seinem «Ahasver in Rom», und in der
Gegenüberstellung des Ahasver mit Nero versuchte er tiefe Rätsel der
Menschenseele zu lösen. Das griechische Kulturleben versuchte er aus
der deutschen Seele wiederzugebären in seiner «Aspasia». Jene Vertie-
fung, welche zu einer gewissen Zeit gesucht worden ist im religiösen
Leben, suchte er in seinem Wiedertäufer-Epos «Der König von Sion»
für sich als Lebensrätsel zu lösen. Dasjenige, was an fortbewegenden
Impulsen in der Französischen Revolution war, versuchte er sich klar-
zumachen in seinem Drama «Danton und Robespierre». Und endlich,
die in die Zukunft hineingehenden, das Geistige überdämmenden Im-
pulse versuchte er klarzulegen in seinem «Homunculus». Aber ich
könnte vieles anführen, um zu zeigen, wie Robert Hamerling so rich-
tig ein mitteleuropäischer, ein deutscher Geist war. Dieser Robert Ha-
merling hat einen großen Teil seines Lebens im Bette zugebracht; die
drei letzten Jahrzehnte war er fast immer krank. Die größten Werke
schrieb er unter Schmerzen im Bett. Aber niemand merkt es diesen
Werken an, daß ein Schwerkranker sie geschrieben hat. Alles ist ge-
sund; man kann sonst darüber urteilen, wie man will, aber alles ist
gesund. Gewiß, die Werke haben eine größere Anzahl von Auflagen
erlebt; aber in den achtziger Jahren - ich könnte sagen, da trat mir
geradezu wie symbolisch anschaulich vor Augen, was ein solcher Geist
für einen Teil der Menschheit Mitteleuropas hätte werden können,
wenn seine Impulse in die Seelen eingeflossen wären. Als man einmal
gerade über solche Dinge, wie sie durch Robert Hamerling eintraten
in die Geistesentwickelung, in einer Gesellschaft sprach, da kam ein
Mensch herein, der gewohnt war, gerne hauptsächlich sich selbst zu
hören und nicht viel zu achten auf das, was die anderen sagen - es gibt
ja solche Menschen, die sich gerne selbst hören. Wie mit einem Bom-
benschlag erklärte er: das Größte, was in die Menschheit eintrete, das
sei «Raskolnikow» von Dostojewskijl Gewiß, man braucht nicht die
eigenartige Größe des Raskolnikow von Dostojewskij zu verkennen,
aber das Hängen am Materiellen, an der Seele, die im Materiellen steckt
und das Geistige außen läßt, das kontrastiert gewaltig gegen die Durch-
dringung von Geistigem und Materiellem, die Hamerling suchte. Es
mag gewiß interessanter und sensationeller sein, die Seele anzuschauen,
die nicht aus dem Materiellen heraus will und die Dostojewskij so
grandios schildert, aber für den mitteleuropäischen Menschen bedeutet
das Erkennen der Durchdringung des Geistigen und des Leiblichen ein
Erkennen seiner ganzen Wesenheit und seiner ganzen Aufgabe. Auch
da muß gerungen werden.
Zu dem äußeren Kampf wird der innere kommen, jener innere
Kampf gegen die widerstrebenden Mächte, die sich aufbäumen, das
Spirituelle anzuerkennen. Erleben wir doch jetzt schon die sonder-
barsten Tatsachen: Von einer Seite her sind wir ermahnt worden,
doch nicht gar zu sehr darauf zu achten, wie sich jetzt die geistigen
Potenzen in Europa gegenüberstünden; denn wenn das rein Deutsche
siegte - von deutscher Seite sind wir ermahnt worden! - , so würde man
dann ja auch wiederum ein Aufleben befürchten müssen solcher Ideen,
wie sie ein Hegel, Fichte, Schelling, Goethe hervorgebracht haben: ein
metaphysisches Träumen würde man befürchten müssen. - Es ist eine
eigentümliche Furcht, von der da gesprochen wird; aber diese Furcht
könnte immer größer werden, und diejenigen, die diese Furcht haben,
die werden das Spirituelle allerdings nicht annehmen können. In Wahr-
heit aber muß eingesehen werden, daß der Idealismus Mitteleuropas,
so wie das Kind zum Manne, sich entwickeln muß zum Spiritualismus;
denn dieser Idealismus Mitteleuropas ist das Kind des Spiritualismus,
das Kind, das zum Spiritualismus werden soll. Als Fichte sprach, sprach
er noch bloß vom Idealismus, aber von einem solchen Idealismus, der
zum Spiritualismus hinstrebt. Dieser Impuls des Spiritualismus darf
nicht aus der Erdenevolution verschwinden.
Mit diesen einfachen Worten kann man vieles vom Sinne der Zeit
zum Ausdruck bringen. Geahnt, gefühlt haben ja einzelne Menschen
solche Dinge. Aber diese Ahnungen gehen vorüber, ohne in ihrer Tiefe
genommen zu werden, ohne daß das Schwergewicht darin gesehen
wird. Man versäumt, Nebensächliches an Hauptsächliches anzuknüp-
fen. Und darum handelt es sich, daß man die großen Linien nicht aus
den Augen verliert, daß man wirklich sieht, was in den Strömungen,
die über die Erdenentwickelung hingehen, das Wesentliche ist. Und
zum Wesentlichsten kommen wir, wenn wir uns belehren lassen durch
dasjenige, was diese Erdenentwickelung uns im spirituellen Lichte
zeigt. In dem besonderen Fall, wenn wir wirklich ernst nehmen die
Lehre von den aufeinanderfolgenden nachatlantischen Kulturepochen -
immer wieder und wiederum muß es gesagt werden —, sollten die Men-
schen über jenen engen Standpunkt hinauskommen, welcher die Haupt-
sache nicht sehen kann.
Lassen Sie mich ein Beispiel anführen. Unter uns ist es notwendig,
auf solche Dinge aufmerksam zu machen. Nehmen wir an, es würde
jemand heute das Folgende sagen, und versuchen wir dann, uns Ge-
danken darüber zu machen, daß jemand heute das sagen würde: Was
mich betrifft, so bin ich keinen Augenblick im Zweifel, daß ein Kon-
flikt zwischen der germanischen und slawischen Welt bevorsteht, daß
derselbe sich entweder durch den Orient, speziell die Türkei, oder
durch den Nationalitätenstreit in Österreich, vielleicht durch beide,
entzünden, und daß Rußland in demselben die Führerschaft auf der
einen Seite übernehmen wird. Diese Macht bereitet sich schon jetzt auf
die Eventualität vor; die nationalrussische Presse speit Feuer und
Flamme gegen Deutschland. Die deutsche Presse läßt schon jetzt ihren
Warnungsruf erschallen. Seitdem nach dem Krimkriege Rußland sich
sammelte, ist eine lange Zeit verflossen, und wie es scheint, wird es
jetzt in Petersburg zweckmäßig gefunden, die orientalische Frage wie-
der einmal aufzunehmen.
Wenn das Mittelmeer einst, nach dem mehr pompösen als wahren
Ausdruck, «ein französischer See» werden sollte, so hat Rußland die
noch viel positivere Absicht, aus dem Schwarzen Meer einen «russi-
schen See» und aus dem Marmarameer einen «russischen Teich» zu ma-
chen. Daß Konstantinopel eine russische Stadt, Griechenland ein di-
rekter Vasallenstaat Rußlands werden müsse, ist ein feststehender Ziel-
punkt der russischen Politik, die ihren Unterstützungshebel in der ge-
meinsamen Religion und in dem Panslawismus findet. Die Donau
würde dann am Eisernen Tor etwa von dem russischen Schlagbaum
geschlossen werden. -
Nehmen wir an, einer würde so sprechen. Man könnte dann sagen:
Nun ja, dann ist er eben jetzt belehrt worden durch das, was geschehen
ist - , und es könnten doch diejenigen recht haben, die emphatisch pre-
digen, der Krieg sei nur von Mitteleuropa gewollt worden und habe
sich nicht vom Osten aus mit Notwendigkeit vorbereitet. - Aber das
ist geschrieben 1870! Und überhaupt ist nicht ein Jahr vergangen, wo
nicht solches hätte geschrieben werden können. Wie töricht ist es zu
glauben, daß man nicht bei den werdenden Kräften, die durch lange
Zeiten gespielt haben, die Ursache zu suchen habe zu dem, was heute
sich abspielt! Diese Worte sind 1870 geschrieben, während des fran-
zösischen Krieges. Zu glauben, daß die Dinge nicht hätten kommen
müssen, und zu glauben, daß nicht alle Impulse gegeben waren vom
Osten her, das ist, im gelindesten gesagt, unhistorisch, ein Verkennen
all desjenigen, was wirklich wirksame Kräfte sind. Das darf eben nicht
sein und muß durch Geisteswissenschaft verhindert werden, daß immer
wieder und wiederum die Menschen, auch die Journalisten, so urteilen,
als ob vor fünf oder sechs Monaten erst die Anfänge derjenigen Ereig-
nisse sich gebildet hätten, die sich jetzt abspielen! Wenn die Menschen
durch Geisteswissenschaft dahin geschult werden, zu wissen, daß das
Große sich im Kleinen vorbereitet, und daß nur aus dem Großen her-
aus das Kleine beurteilt werden kann, dann wird für das gewöhnliche
Leben auch etwas aus der Geisteswissenschaft errungen werden kön-
nen, dann wird in diesem gewöhnlichen Leben vorbereitet werden das-
jenige, was uns die Geisteswissenschaft zum Erleben macht.
Ich habe sprechen wollen, ja, ich könnte sagen, ich habe zu Ihnen
sprechen müssen in diesem heutigen einleitenden Vortrag wiederum von
einem gewissen Gesichtspunkte, der herausgefordert ist durch die Erleb-
nisse der Zeit, ich habe von dem sprechen müssen, was uns Geisteswis-
senschaft für die Beurteilung der Welt und unsere Stellung zur Welt
werden soll. Ich habe davon sprechen müssen. Im Grunde genommen
müssen wir uns immer wieder und wiederum diese Mahnung zuteil wer-
den lassen: ernst, tiefernst dasjenige zu nehmen, was Geisteswissenschaft
uns geben will, und nicht sozusagen zwei Leben leben zu wollen: das-
jenige Leben, wo wir einmal uns die Dinge der Welt im geisteswissen-
schaftlichen Sinne erklären, und dasjenige Leben, wo wir wiederum in
der Alltäglichkeit aufgehen und es so machen wie andere Leute auch.
Aber weniger durch Worte als durch die Art, wie ich die Dinge ausein-
andergesetzt habe hier in diesem engeren Kreise, möchte ich in Ihnen das
Gefühl und die Empfindung hervorrufen, daß diese Worte wirklich
nicht sein wollen etwas anderes als ewige Wahrheiten in dem Sinne, daß
ewige Wahrheiten auch die individuellsten sind. Zu Ihnen, meine lie-
ben Freunde, mit Ihren Gefühlen hier in Süddeutschland, sind diese
Worte gesprochen, mit jener Gefühlsnuance, die diesen Worten hier
zukommen muß. Und wenn es genügte, daß diese Worte nun einfach
nachgeschrieben werden und überall vorgelesen werden vor Leuten mit
anderen Lebenszusammenhängen, dann könnte es ja auch genügen,
wenn ich bloß meine Worte aufschriebe und nicht herumreiste. Daß
die Worte aus Gefühls- und Empfindungszusammenhängen heraus ge-
sprochen werden müssen, weil überall da, wo sich Menschen zusam-
menfinden, eine gemeinsame menschliche Aura ist, aus der heraus ge-
sprochen werden muß, das müssen wir endlich im spirituellen Leben
einsehen. Darauf kommt es an, daß wir die Dinge ins Leben überfüh-
ren, nicht daß man die Phrase mache, man müsse die Dinge ins Leben
überführen, sondern daß man sie wirklich ins Leben überführt. Und
dazu gehört, daß man sie wirklich individuell nimmt. Die Dinge ge-
schehen ja individuell, weil sie individuell geschehen müssen. Und es
ist ein abstrakter Glaube, wenn man annimmt, daß zum Beispiel das-
jenige, was ich übermorgen im öffentlichen Vortrage sagen werde in
jenem Hause, das vis-a-vis liegt dem Hause, an dem sich die Gedenkta-
fel für Hegel befindet, daß das, was im lebendigen unmittelbar Indivi-
duellen drinnen steht, daß das abstrakt für alle Empfindungsnuancen,
gleichsam zur Bekehrung der ganzen Welt gesprochen sein soll. Man
muß auch einsehen, daß das, was der eine begreifen kann, der andere
nicht begreifen kann. Und müssen schon die anthroposophischen Vor-
träge einen gewissen individuellen Charakter da und dort tragen, so
ist das dann in einem noch erhöhteren Maße der Fall, wenn man so
ernsten Dingen gegenübersteht, wie wir es jetzt tun. Nur dann aber,
wenn man es mit der Wahrheit ernst nimmt, und wenn man nicht
glaubt, daß dasjenige, was lebt, mit Worten erfaßt werden kann, die
leblos und regungslos sind und deshalb überall hingetragen werden
können, nur dann wird man gerade das allgemein Gültige verstehen,
das im Allerindividuellsten ist. Ich möchte, daß Sie auch einmal über
diese Seite des Lebens nachdenken. Es wird ein Weg dazu sein, daß
dasjenige, was ich in meiner Art aus der geistigen Welt zu holen habe,
in Ihren eigenen Seelen sich auf Ihre Art belebe, daß es nicht bloß eine
Wiederholung desjenigen ist, was in mir auf meine Art auftreten muß.
Denn wie sich das Sonnenlicht in jedem Steinchen anders spiegelt und
doch immer dasselbe Sonnenlicht ist, weil es im Leben drinnensteht,
so muß Geisteswissenschaft etwas werden, das in jedem einzelnen an-
ders lebt und doch immer und immer dasselbe ist. In dem Engländer,
Franzosen, Russen, Deutschen kann nicht auf eine Art, wenn es sich
um die nationalen Dinge handelt, Geisteswissenschaft leben, und durch
dasjenige, wodurch sich die Empfindung des einen am fruchtbarsten
belebt, kann der andere nicht bekehrt werden. Solche Bekehrungssucht
entsteht aus dem theoretischen Hang unserer Zeit. Was die äußere rein
materielle Wissenschaft tun kann, daß sie alles über einen Leisten
schlägt, das kann beim Spirituellen nicht der Fall sein, weil es ein Le-
bendiges ist, und weil ich zu Ihnen so sprechen muß, wie es von mir
nicht ein abstrakter wissenschaftlicher Geist fordert, sondern wie es
sich in mir belebt, indem ich gerade vor Ihnen stehe. Denn nicht aus
meinem Herzen, aus Ihrem Herzen heraus tue ich es, so gut ich es
kann. Und dienen möchte ich dem geisteswissenschaftlichen Impuls,
der denjenigen, welcher in die geistige Welt etwas hinaufschauen kann,
anweist, sich auszuschalten und auszusprechen, was in den Tiefen der
Seelen derjenigen liegt, die ihm zuhören. In gewissem Sinne darf ge-
sagt werden: Was ausgesprochen wird in dieser oder jener Betrachtung,
es entspringt aus den Tiefen der Seelen der Zuhörer. Denken Sie auch
über dieses nach! Wir müssen die Geisteswissenschaft nehmen als etwas,
was lebt, und nicht als ein Abstraktes gewußt wird. Das abstrakt Ge-
wußte spricht zu unserem Hochmut, spricht zu unserem Eigensinn, der
sich so gern in Überredungskunst auslebt. Was spirituell ist, will ein-
fach mitgeteilt sein. Und es wollte mitgeteilt sein, was ich mitzuteilen
habe, und wenn hier kein einziger säße, der mir auch nur ein Sterbens-
wörtchen glaubte. Wenn wir hingehen zu dem anderen mit der Mei-
nung, ihn durchaus überreden zu wollen, mit der Meinung, daß er un-
sere Meinung annehmen soll, so erleben wir schon nicht richtig spiri-
tuell. Und dieses Erleben, dieses Erfassen im unmittelbaren Erleben
der geistigen Welt, das wird die Aura hervorbringen, die die Mensch-
heit in der Zukunft haben muß.
Immer wieder und wieder muß es gesagt werden: Was wir jetzt
unter Strömen von Blut erleben, es wird für die Menschheit nur das
bedeuten, was es bedeuten soll, wenn sich wirklich etwas ganz Neues
auch in der Kultur, in der Menschheit zeigt. Dieses Neue aber wird
aufsprießen, wenn Menschen da sind, aus deren Seelen spirituelle Ge-
danken aufsteigen; diese Gedanken sind Mächte. Und in die Atmo-
sphäre, die erzeugt wird, wenn die Dämmerung des Krieges vergangen
und die Friedenssonne wieder leuchten wird, müssen die Gedanken
einfließen, die in den geistigen Horizont hinein sich ergießen. Dann
werden diejenigen, deren Seelen hinunterschauen, diejenigen, die früh-
zeitig ihre Leiber verlassen mußten auf den Schlachtfeldern, die wer-
den wissen, wofür sie eigentlich gefallen sind auf den Schlachtfeldern.
Und der Anthroposoph muß sich sagen, er durchlebt diese Zeit nur im
richtigen Sinne, wenn er diesen Charakter des geisteswissenschaftlichen
Strebens eben lebendig aufnimmt. Wenn gewisse Seelen im Bewußtsein
des Geistes ihren Sinn ins Geisterreich schicken, dann wird wirklich
aufsteigen aus unserem Blutes-Horizont ein Lichtes-Horizont für die
zukünftige Entwickelung der Menschheit.
Davon wollen wir dann, ein spezielles Thema besprechend, morgen
weiter fortfahren. Für heute aber wollen wir die Gedanken vor unsere
Seele rücken, die Gedanken, die uns zusammenbringen mit den ernsten
Ereignissen der Zeit:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht -
Lenken Seelen geist-bewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
DRITTER VORTRAG
Stuttgart, 14. Februar 1915

Ich kann mir leicht vorstellen, daß jemand aus den Betrachtungen,
die gestern hier angestellt worden sind, die Schlußfolgerung zieht, daß
diejenigen Persönlichkeiten, welche den Menschengruppen, den Völ-
kern angehören, die erst in der sechsten Kulturperiode ihre besondere
Mission empfangen sollen, weil sie - wie der gestrige Ausdruck lau-
tete — der Zeit angehören, in der die Entwickelung bereits in absteigen-
der Linie erfolge, geringer bewertet seien als diejenigen, die Angehö-
rige sind von Menschengruppen der aufsteigenden Entwickelung. Ich
sage, ich kann mir leicht vorstellen, daß jemand diese Schlußfolge-
rung zieht. Mit anderen Worten: Ich kann mir leicht vorstellen, daß
gerade aus all dem, was gestern gesagt worden ist im Anschluß an
andere Bemerkungen, jemand erst recht ein Werturteil fällt unter dem
Eindruck von allerlei Emotionen und Gefühlen. Und so kann es sich
erfüllen, worauf ich ja aufmerksam machte, daß dasjenige, was insbe-
sondere in bezug auf diese Dinge an einem Orte gesprochen wird, an
anderen Orten mißverstanden werden muß. Nicht etwa deshalb, weil
es gefärbt ist nach den Bedürfnissen eines Ortes oder bestimmter Men-
schen, sondern weil es nicht aufgefaßt wird mit der nötigen Objek-
tivität, sondern mit Leidenschaft und allerlei nationalen Aspirationen.
Es könnte dann jemand sagen: Also hast du ja doch nur Worte ge-
braucht, um gewissermaßen der mitteleuropäischen Kultur zu schmei-
cheln, und wir fühlen uns, die wir der osteuropäischen Kultur ange-
hören, tief beleidigt von dem, was da gesagt worden ist. - Ja, wenn ein
solches Urteil gefällt wird, so beweist es nur, daß dasjenige dann ein-
tritt, was ich gestern gerade versuchte so darzustellen, daß es eben vom
geisteswissenschaftlichen Empfinden abgelöst werden muß, so abge-
löst werden muß, daß sich rein theoretisches, rein abstraktes Denken
umwandelt in unmittelbares Erleben, daß uns dasjenige, was sonst
bloß unserem Wissen angehört hat, empfindungsgemäß und erlebens-
gemäß nahetritt.
Wer so urteilen würde, wie eben angedeutet, der würde nur theo-
retisch abstrakt urteilen. Denn wie würde das konkrete, das ins Erleben
übertretende Urteil in einem solchen Falle lauten? So würde es lauten,
daß wir eben - wenn das, was auseinandergesetzt wurde, wahr ist -
einer Zeit entgegengehen, wo diejenigen, die da folgen wollen dem
Fortschritt der Kulturmission, nicht mehr aufgehen dürfen in dem
bloß nationalen Erleben. Die fünfte Kulturepoche war gerade durch
ihre Eigentümlichkeit dazu geeignet, daß die ihr angehörigen Persön-
lichkeiten in einer gewissen Weise aufgingen in dem nationalen Emp-
finden und sich wiederum persönlich aus ihm hinausrangen. Die sechste
und siebente Kulturepoche werden so sein, daß diejenigen, die bloß
national sein wollen, zurückbleiben hinter den Aufgaben der Mensch-
heit. Aber dies ist ja der Grund, warum wir geisteswissenschaftliche
Weltanschauung treiben: daß die Menschheit sich herausringe aus dem
bloß nationalen Empfinden, aus demjenigen Empfinden, das nicht all-
gemein menschliches Empfinden ist. Also, was geschlossen werden muß
aus dem gestern Gesagten, es ist etwas ganz, ganz anderes. Es ist: daß
die mitteleuropäischen Nationalkulturen diejenigen sind, die als Na-
tionalkulturen Impulse in sich haben, welche zusammenfallen mit der
großen Sendung der nachatlantischen Kultur, daß aber dann Kulturen
kommen, die ein Herauswachsen der Menschen aus den nationalen Im-
pulsen notwendig machen, und daß es nicht geht, wenn diejenigen, die
heute die Vorzügler sind - man sagt ja «Nachzügler», warum sollte
man nicht sagen «Vorzügler» - der späteren Kulturen, ganz in ihrem
nationalen Erleben, und zwar mit Prononcierung, aufgehen, wie es von
der Bevölkerung Osteuropas geschieht. Mit anderen Worten: Da sie in
diesem nationalen Empfinden noch nicht ihre Sendung empfangen
haben, sind sie darauf angewiesen, das, was als Geisteswissenschaft
erzeugt wird, in sich aufzunehmen, um über das Nationale hinauszu-
wachsen. Lebendiges Verstehen ist auch da notwendig.
Allerdings, man wird schwerlich in unserer heutigen Zeit, in der
sich die Leidenschaften und Vorurteile so gegenüberstehen, dasjenige
finden können, was notwendig ist, damit die Menschen auf den Boden
der ja wahrhaftig Objektivität erstrebenden Geisteswissenschaft sich
voll stellen können, sich voll stellen können auf den Boden des rein
Menschlichen. Geisteswissenschaft, wir treiben sie, damit gerade etwas
sich ausbreite über die ganze Erde, was über alle Differenzierungen
hinausgeht, und deshalb sollten diejenigen, die sich der Geisteswissen-
schaft zuwenden aus allen Nationen heraus, objektives Verständnis ge-
winnen können für so etwas, wie es ja auseinandergesetzt worden ist
in jenem Vortragszyklus, der den Titel trägt «Die Mission einzelner
Volksseelen», der überall, wo es Anthroposophen gibt, studiert werden
sollte. Seine Bedeutung hat er ja auch gerade dadurch, daß er Jahre
vor diesem Krieg gehalten worden ist, so daß ihm niemand vorwerfen
kann, er sei aus der Stimmung dieses Krieges heraus erzeugt worden.
Nicht darauf kommt es eben an, daß, was da oder dort gesprochen
wird, nicht allgemeingültige Wahrheiten enthielte, sondern darauf
kommt es an, daß man einsehen muß, wie man diese Wahrheiten nicht
überall verträgt. Als ich vor Monaten hier gesprochen habe, da habe
ich darauf aufmerksam gemacht, daß wir in Mitteleuropa es gewisser-
maßen leicht haben, objektiv zu sein, leichter als die anderen. Warum
wir es leichter haben, das geht gerade aus jenem Vortragszyklus auch
hervor. Alles, was die tieferen Lehren unserer ernsten Ereignisse sind,
weist uns darauf hin, daß aus den verschiedensten Untergründen un-
serer gegenwärtigen Weltenkultur etwas sich herausentwickeln muß,
das zusammenfällt mit unserem geisteswissenschaftlichen Streben. In
gewisser Beziehung kann man sagen: Diese ernsten Ereignisse sind
etwas wie eine mächtige Hindeutung auf die Notwendigkeit geisteswis-
senschaftlichen Erlebens in der Welt. Sie beweisen, daß dieses geistes-
wissenschaftliche Erleben kommen muß. Daher kann selbstverständ-
lich das doch nur etwas Sekundäres für uns sein, was zu den unmittel-
baren Empfindungen eines Ortes gehört; unsere eigentliche Aufgabe
ist, dasjenige in unser seelisches Erleben überzuführen, was jetzt schon
überall verstanden werden kann ohne innere Anstößigkeit, trotzdem
auf so vielen Gebieten eben Vorurteile über Vorurteile vorhanden sind.
Dasjenige, was Anschauungen sind aus der Geisteswissenschaft her-
aus über das allgemein Menschliche im Menschen, das bereitet uns ja
auch vor, objektiv all das übersehen zu können, in das wir durch die
Erdenentwickelung, die Weltenentwickelung hineinversetzt sind. Denn
dieses, wohinein wir versetzt sind, ist gewissermaßen der Boden, aus
dem wir herauswachsen, und dasjenige, wodurch wir herauswachsen
sollen, sind die Impulse, die wir durch die Geisteswissenschaft auf-
nehmen. Im Grunde genommen sind wir ja doch nur mit der einen
Hälfte unseres Wesens in all den Differenzierungen drinnen, die über
die Erde hin verbreitet sind, mit unserem physischen Leibe und unserem
Ätherleibe, die wir gewissermaßen der Erde auch zurücklassen, wenn
wir in den anderen Bewußtseinszustand eintreten, den wir als Schlaf
bezeichnen können. Mit dem Ich und dem Astralleib aber gehen wir
dann heraus aus unserem physischen Leib und Ätherleib und sind dann
mit unserem Ich und Astralleib in der Welt, die der Mensch sonst be-
tritt, wenn er durch die Pforte des Todes geht, in der Welt, wo alle
irdischen Differenzierungen aufhören, in der Welt, in welche uns die
Erkenntnisse der Geisteswissenschaft eben einführen sollen. Wer In-
itiationserkenntnisse zu seinen eigenen Erkenntnissen machen kann, der
ist durch diese Initiationserkenntnisse wahrhaftig schon geschützt da-
vor, in einseitiger Weise irgendeinem der Volksgeister einen besonderen
Vorzug zu geben. Denn, wie kommen wir denn mit dem besonderen
Volksgeist in Berührung, dem wir angehören?
Wenn wir vom Einschlafen bis zum Aufwachen in der geistigen
Welt weilen mit unserem Ich und Astralleib, da sind wir mit unserem
Volksgeist, mit dem Volksgeist, der unserer Nationalität gewisser-
maßen vorsteht, nicht in Berührung, sondern wir sind nur in Berüh-
rung mit diesem Volksgeist während unseres wachen Tageslebens, vom
Aufwachen bis zum Einschlafen. Unter den Kräften, in die wir unter-
tauchen, wenn wir in den physischen Leib und den Ätherleib unter-
tauchen, sind auch die Kräfte, in die hineinarbeitet der Volksgeist des
Volkes, dem wir angehören. Wir betreten sozusagen das Feld dieses
Volksgeistes, indem wir aufwachen; wir verlassen es wieder, wenn wir
einschlafen. Derjenige aber, welcher Initiationserkenntnisse sich er-
wirbt, der muß ja gerade während dieser Erwerbung in der Welt wei-
len, in der sein Volksgeist gerade nicht ist, denn er muß eintreten in
die Welt, in der wir leben zwischen Einschlafen und Aufwachen. Und
da stellt sich denn etwas Besonderes heraus. Nehmen wir an, ein
Mensch gehört also einem ganz bestimmten Volke an. Jeder gehört
ja einem solchen an, indem er sich zu einer bestimmten Nationalität
rechnen muß. Wenn der Mensch nun mit dem Einschlafen die Sphäre
seines Volksgeistes verläßt, dann steht er eben mit diesem Volksgeist
nicht mehr in Berührung, bis er wieder aufwacht. Da hinein begibt
sich auch derjenige, der sich Initiationserkenntnisse erwirbt, und er
kommt zusammen während der Zeit vom Einschlafen bis zum Auf-
wachen mit den anderen Geistern der Völker, die sonst auf der Erde
leben, nur nicht mit seinem eigenen Volksgeist. Also man durchlebt ein
Zusammensein mit den anderen Volksgeistern in der Zeit zwischen
Einschlafen und Aufwachen, und mit seinem Volksgeiste in der Zeit
zwischen Aufwachen und Einschlafen. Nur ist das Zusammenleben
mit den anderen Volksgeistern nicht sot daß man mit jedem einzelnen
lebt, sondern man lebt mit ihrer Verbindung, gleichsam mit ihrer Ge-
nossenschaft, mit dem, was sie im Verhältnis zueinander vollbringen,
mit der Gesamtheit der übrigen Volksgeister.
Also denken Sie sich, das menschliche Leben wechselt ab - so sagt
uns die Initiationserkenntnis - zwischen einem Erleben mit dem Volks-
geiste im Wachzustand und einem Erleben mit der Gesamtheit der an-
deren Volksgeister im Schlafzustand. Nur gibt es ein Mittel gleich-
sam, wodurch wir ein abnormes Zusammenleben haben mit den ande-
ren Volksgeistern, wodurch wir nicht mit ihrer Gesamtheit zusammen-
kommen im Schlafe, sondern mit einem besonderen Volksgeiste zusam-
menkommen. Das ist, wenn wir ein Volk besonders leidenschaftlich
hassen. Das ist das Abnorme: Wir können dem nicht entgehen, wenn
wir ein Volk besonders hassen, daß wir während des Schlafes in die
Sphäre seines Volksgeistes kommen. Und derjenige, der sich Initia-
tionserkenntnisse erwirbt, der würde, wenn er ein Volk aus rein per-
sönlichen nationalen Gründen besonders haßt, in die Sphäre seines
Volksgeistes sich begeben, gerade wenn er in das Feld der Initiation ein-
tritt, und es würde sich für ihn sehr bald die Unmöglichkeit ergeben,
da drinnen ordentlich zu weilen. Trivial ausgedrückt, könnte ich sagen:
Wer aus nationalen persönlichen Leidenschaften heraus ein anderes
Volk besonders haßt, ist dazu verurteilt, mit dessen Volksgeist zu schla-
fen. Das ist trivial ausgesprochen, aber ganz wörtlich zu nehmen.
Die Tatsachen der geistigen Welt, die sorgen schon dafür, daß das
ganze Menschengeschlecht eine Einheit ist, und daß ein Sich-Her-
aussondern nicht möglich ist. Aber wenn wir solche Tatsachen ins Auge
fassen, dann können wir daraus so manches lernen. Wir sprechen ja
davon, daß die Welt, in der wir äußerlich mit unseren Sinnen und mit
unserem Verstände, der an das Gehirn gebunden ist, leben, eine große
Täuschung, eine Maja ist; aber auch diese Wahrheit, daß die Welt eine
Maja ist, wir nehmen sie allzu abstrakt, wir nehmen sie bloß theore-
tisch. Ich möchte sagen, wir lassen uns noch herbei, diese Wahrheit ver-
standesmäßig zu fassen. Sie lebensvoll zu erfassen, dem widerstrebt nicht
nur unser Verstand, sondern oftmals sogar unser Wille. Denn dasje-
nige, was hinter der Welt der Täuschung ist, es sieht so aus, daß wir
nicht wollen, daß es so ausschaue. Wir scheuen uns davor, wir fürchten
uns davor, weil uns die Wahrheit unbequem ist. Zu wissen, daß die
ganze Menschheit im konkreten Sinne eine Einheit ist, das ist ja nicht
bequem, denn es gestattet nicht, daß man in einseitiger Weise Gefühle
und Enthusiasmen so betrachtet, wie sie heute vielfach betrachtet wer-
den, sondern es belehrt uns darüber, was das in der Welt der Wirklich-
keit bedeutet. Das aber ist unbequem. Der Wille scheut oftmals noch
mehr vor der Wahrheit zurück als die Einsicht, als der Verstand. Dar-
um braucht man sich nicht zu wundern, wenn in unserer Zeit die Wahr-
heiten der Geisteswissenschaft noch vielfach als Narretei gelten, denn
die Narretei der Zeit fürchtet sich vor der Weisheit der Welt. Hinter
die Erscheinungen zu blicken, das gibt aber erst die Möglichkeit, zu
verstehen, was eigentlich geschieht. Ich habe gestern bereits darauf
hingewiesen und will nun in einem speziellen Falle es noch ausführen.
Wenn wir den Menschen verfolgen, wie er durch die Pforte des
Todes in die geistige Welt hineingeht, in der er die Zeit zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt durchlebt, um sich vorzubereiten für ein
neues Erdenleben, dann müssen wir uns klar werden, inwiefern er in
seinem Leben zwischen Tod und neuer Geburt beeinflußt wird von
seinem letzten Erdenleben, inwiefern er gleichsam mitbringt durch die
Pforte des Todes in das geistige Leben hinein die Nachklänge, das
Nachtönen des letzten Erdenlebens. Wir wissen ja, daß der Mensch,
wenn er durch die Pforte des Todes schreitet, hindurchträgt durch diese
Pforte des Todes zunächst, nachdem er seinen physischen Leib den
Erdenelementen übergeben hat, seinen Ätherleib, den Astralleib und
das Ich. Wir wissen auch, daß dieser Ätherleib sich bald, sehr bald
trennt von Ich und Astralleib, mit Ausnahme eines Extraktes, der da-
von zurückbleibt, und daß der Ätherleib sich mit dem allgemeinen
Wirken des Kosmos ätherisch verbindet. Das alles haben wir ja öfters
ins Auge gefaßt. Nun aber ist es so, daß der Mensch nach dem Tode
durch seine Erkenntnisse, seine nach dem Tod ihm bleibenden Erkennt-
nisse dennoch zurückschaut auf die Schicksale des Ätherleibes, und daß
diese Schicksale für ihn etwas bedeuten. Es bedeutet für den Menschen
nach dem Tode etwas, wenn er anschaut die Schicksale seines Äther-
leibes, die so verlaufen, daß dieser Verlauf eine Art Resultat des Er-
denlebens ist. Und dieses Resultat, dieses Ergebnis des Erdenlebens
stellt sich verschieden heraus für die verschiedensten Verhältnisse der
Erde, unter anderem auch für das verschiedene Erleben im Nationalen
darinnen. Ganz anders stellen sich die Erdenreste, die für den Men-
schen eine Bedeutung haben nach dem Tode, sagen wir, bei einer Seele,
die aus einem französischen Körper herausgeht und übergeht in die
geistige Welt, und ganz anders bei einer solchen Seele, die heute aus
einem russischen Leibe in die geistige Welt übergeht. Seelen, die aus
einem französischen Leibe heute herausgehen, gehören einer Kultur
an, die gewissermaßen reif und überreif geworden ist, die vieles die-
sen Ätherleib erleben läßt auf der Erde. Das Eigentümliche der fran-
zösischen Volkskultur - nicht die Kultur des einzelnen - besteht darin,
daß der Ätherleib selber durcharbeitet wird, durchtränkt wird mit
Kräften und Kraftwirkungen, und in einer sehr scharf geprägten Weise
daher durch die Pforte des Todes tritt, und dann drinnen ist in der
geistigen Welt. Solche Ätherleiber lösen sich lange nicht auf, sie blei-
ben lange als Spektren vorhanden. In seiner Vorstellung hat der An-
gehörige des französischen Volkstums, insofern er ihm angehört, eine
ganz bestimmte Meinung von sich, von dem, was er gilt in der Welt.
Das ist aber nichts anderes als die Spiegelung von den fest arbeitenden
Kräften im Ätherleibe. Der Ätherleib ist plastisch fest gebildet und
tritt so über in die geistige Welt.
Ganz anders ist das bei einem Ätherleib eines russischen Menschen.
Der hat nicht eine so feste Prägung, der ist gewissermaßen elastischer,
er löst sich in der geistigen Welt leichter auf; daher sind die Seelen
durch ihn weniger gefesselt. Während durch das Hinschauen auf den
aus einer Hochkultur hervorgehenden Ätherleib des Franzosen die
französische Seele länger sozusagen verbunden ist mit dem Ätherleibe,
ist die Seele des russischen Menschen nur kurz verbunden mit dem
Ätherleibe. Es bedeutet das, was der Ätherleib durchmacht nach dem
Tode, weniger für diese Seele des Ostens. Das aber hat eine sehr be-
stimmte, tiefgehende, bedeutsame Wirkung für das, was gewisserma-
ßen hinter den Kulissen unseres Daseins in der Gegenwart geschieht.
Die Schicksale der russischen Seele sind ja ganz andere als die Schick-
sale der französischen Seele in der Zeit zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt.
Nun wissen wir ja aus den verschiedensten Betrachtungen, daß wir
entgegengehen im 20. Jahrhundert dem ätherischen Wirken des Chri-
stus-Geistes. Hingewiesen ist darauf schon im exoterischen Sinne an
der entsprechenden Stelle des Mysteriendramas «Die Pforte der Ein-
weihung» von der Wiedererscheinung des Christus als ätherische Kör-
perlichkeit. Und hingewiesen ist darauf auch schon in verschiedenen
Betrachtungen, daß dieses Erscheinen des Christus für diejenigen Men-
schen, die fähig sein werden, ihn zu schauen, vorbereitet wird seit
dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, indem der wirkende Zeitgeist
seit dieser Zeit ein anderer ist als früher. Durch Jahrhunderte vorher
war Gabriel der wirkende Zeitgeist; seit dem letzten Drittel des 19.
Jahrhunderts ist Michael der wirkende Zeitgeist. Michael ist es, der
gewissermaßen die Erscheinung des Christus als ätherische Wesenheit
vorzubereiten hat. Das alles muß aber vorbereitet werden, das alles
muß gewissermaßen in der Entwickelung gefördert werden, und es
wird gefördert. In der Art wird es gefördert, daß Michael für die Er-
scheinung des Christus gewissermaßen den Kampf führt, daß er die
Seelen in dem Erleben zwischen Tod und neuer Geburt vorbereitet auf
dasjenige, was in der Erdenaura zu geschehen hat. Nun würden scharf
geprägte Ätherleiber, die in der elementarischen Welt um uns herum
sind, immer störend sein in der Zeit, die herankommen muß, wo rein
gesehen werden soll diese Äthergestalt, die der Christus annehmen muß.
Näher stehen einer reinen Auffassung dieser Äthergestalt diejenigen
Seelen, die nach dem Tode durch ihre ätherischen Leiber weniger be-
rührt sind. Daher stellt sich folgendes heraus.
Wir sehen, wie ein Teil der Arbeit des Michael dahingeht, beizu-
tragen zur Auflösung der westeuropäischen hochkultivierten Äther-
leiber, die eine feste Gestalt haben, und wir sehen, wie sich Michael
bedient in diesem Kampfe der osteuropäischen Seelen. Und so sehen
wir Michael, gefolgt von den Scharen der osteuropäischen Seelen,
kämpfend gegen die westeuropäischen Ätherleiber und die Eindrücke,
welche die Seelen nach dem Tode haben. So gibt es einen lebendigen
Kampf hinter den Kulissen des heutigen Daseins. Dieser Kampf ist
vorhanden, dieser Kampf in der geistigen Welt. Dieser Kampf im
Himmel gleichsam, er spielt sich ab zwischen Rußland und Frankreich
in der geistigen Welt, ein lebendiger Kampf zwischen Osten und We-
sten. Und dieser Kampf ist die Wahrheit, und dasjenige, was sich in
der physischen Welt abspielt, das ist die äußere Maja, das ist die Ent-
stellung der Wahrheit. Und man bekommt auch da, wie so oft, wenn
man die geistigen Tatsachen betrachtet, auf diesem Gebiet den erschüt-
ternden Eindruck, daß oftmals dasjenige, was hier im Felde der Täu-
schung sich vollzieht, das gerade Gegenteil von dem ist, was in der
geistigen Welt als Wahrheit sich vollzieht.
Denken Sie sich das ungeheuer Erschütternde für denjenigen, der
Initiationserkenntnis erwirbt, daß ein Bündnis besteht zwischen Völ-
kern, die sich in der geistigen Welt aufs heißeste bekämpfen! Solche
Dinge dürfen natürlich nicht verallgemeinert werden, nicht etwa darf
die Schlußfolgerung gezogen werden, daß in der geistigen Welt alles
entgegengesetzt ist der physischen Welt. Jeder einzelne Fall muß unter-
sucht werden. Aber für diesen Fall bekommen wir auch diesen erschüt-
ternden Eindruck, diesen unsere Erkenntnis, man möchte sagen, zu-
nächst zermalmenden Eindruck. So sieht es eben vielfach anders aus
hinter den Kulissen des Daseins, als es in der äußeren Welt aussieht.
Aber begreiflich werden uns die Dinge in ihrem wahren Zusammen-
hang nur, wenn wir hinter die Kulissen des Daseins mit dem Gesichts-
punkte der Geisteswissenschaft leuchten können. Dann aber werden
sich auch in unsere ganze Auffassung hineinprägen diejenigen Gefühle,
welche gleichsam in die Wahrheit untertauchen lassen unsere Herzen
gegenüber den Vorurteilen, in denen wir befangen sein müssen, wenn
wir uns den Strömungen der äußeren physischen Welt hingeben. Wirk-
lieh ist Mitteleuropa heute hineingeschoben zwischen zwei kämpfende
Mächte und muß gewissermaßen sie auseinanderhalten. Daraus ergibt
sich aber der Zusammenhang zwischen demjenigen, was ich gestern als
das Ringen der mitteleuropäischen Kultur bezeichnet habe, gegenüber
dem, was links und rechts, wie umklammernd, diese mitteleuropäische
Kultur bedrängt. Das ist das Karma der mitteleuropäischen Kultur:
ihre Entwickelung sich abspielen zu sehen zwischen dem, was sich be-
kämpfen muß durch eine erdengeschichtliche Notwendigkeit. Die rech-
ten Gefühle für den tragischen Konflikt der Verhältnisse, insofern sie
jetzt Mitteleuropa betreffen, gehen ja erst aus einer solchen Betrach-
tung hervor. Dann erst, wenn wir eine solche Betrachtung zugrunde
legen, merken wir, daß im Grunde genommen Nichtbeteiligung an den
Händeln, die eigentlich auszufechten sind, das wirklich Charakteristi-
sche für Mitteleuropa ist, unschuldiges Verhalten zu diesen Händeln
und in das Karma mit hinein verwickelt sein. - Und wir haben nun
auch gesehen, wie der genaue Zusammenklang dessen ist, was da in der
Evolution enthalten ist: wir haben gesehen, wie beteiligt ist der Osten
und Westen Europas an dem kommenden Christus-Ereignis. Wenn wir
das Ringen der mitteleuropäischen Kultur mit ihrer Vereinigung, wie ich
es gestern charakterisiert habe, von Geistigem und Leiblichem ins Auge
fassen, dann haben wir auch die besondere Ausgestaltung des Christus-
Impulses, der ja der Träger dieser Vereinigung des Geistigen und Leib-
lichen ist. Mitten also in Europa das Phänomen, das Christentum über-
zuführen in die Erdenereignisse. Hier, sich abspielend auf dem physi-
schen Plan, etwas von ungeheurer Bedeutung, und rechts und links et-
was, was erst erkämpft wird auf den höheren Planen. Physischer Plan
und geistiger Plan schließen sich zusammen, wenn wir sie so betrachten.
Das ist die Ergänzung zu dem gestern Auseinandergesetzten. Und
so ist es im Grunde genommen mit aller Evolution, soweit sie sich unter
dem Einfluß des Christus-Impulses nach und nach entwickelt hat.
Denn was jetzt im 20. Jahrhundert geschieht, hat sich ja nach und nach
entwickelt. Der Christus-Impuls ist eingezogen durch das Mysterium
von Golgatha in die irdische Menschheitsentwickelung, und er hat dar-
innen gewirkt. Aber wenn er nur hätte so wirken können, der Christus-
Impuls, wie ihn die Menschen verstanden haben, hätte er wenig wir-
ken können bisher. Wir fangen ja erst an mit dem Verständnis, wir
fangen erst an, durch Geisteswissenschaft etwas zu begreifen von dem,
was das Mysterium von Golgatha ist. Der Christus-Impuls hat ge-
wirkt. Aber wahrhaftig wirkte er am wenigsten in dem, was das Ge-
zänk und Geschrei der Theologen war. Schlimm wäre es gewesen,
wenn nur so viel von dem Christus-Impuls hätte hereinkommen kön-
nen in die Erdenentwickelung, wie die Menschen begriffen haben in
den verschiedenen Epochen mit ihrem Verstände. Aber ich habe darauf
hingewiesen, wie der Christus-Impuls durch die Jahrhunderte in un-
bewußte Seelenkräfte gewirkt hat. Ich habe Ihnen geschildert, wie am
28. Oktober 312 Konstantin gegenüberstand dem Maxentius, und wie
da eine Schlacht geschlagen wurde, durch die das Schicksal von Eu-
ropa entschieden worden ist. Nicht durch die Kunst der Feldherren
wurde diese Schlacht geschlagen, sondern durch dasjenige, was sich im
Unterbewußtsein der Menschen zugetragen hat. Maxentius befragte
die sibyllinischen Bücher. Die verführten ihn, statt seine Heere in Rom
in Sicherheit zu lassen, sie aus den Toren Roms zu führen, den Heeren
Konstantins entgegen. Konstantin aber hatte den Traum: das Mono-
gramm Christi seinem Heere vorantragen zu lassen. Man folgte also
nicht den Gescheitheiten der Feldherren, sondern man folgte Träumen,
das heißt den Impulsen des Unterbewußtseins. Von dem, was daraus
entstand, hat Europa seine Gestaltung bekommen. Nicht von dem lei-
tete sich her die wirkliche Gestaltung des Christus-Impulses, worüber
die Theologen zankten, sondern von dem, was der lebendige Christus
auf den Feldern war, wo er wirken kann. Nicht die menschlichen Be-
griffe vom Christus - auf die kommt es nicht an - , sondern der leben-
dige Christus, der durch die Impulse wirkt, die die seinigen sind. Wenn
ihn die Menschen nicht verstanden, ging er in das hinein, wo man nicht
zu verstehen braucht, wo man in Träumen aufnimmt, was in die Wil-
lenssphäre übergehen soll.
Und wiederum einmal war es in Europa, daß der Christus-Impuls
hereingedrungen ist und Europa eine bestimmte Gestaltung gegeben
hat: im 15. Jahrhundert, als durch das einfache Landmädchen, die
Jungfrau von Orleans, Europa eine ganz andere Gestaltung bekommen
hat. Hätte dazumal England über Frankreich gesiegt - was die Jung-
frau von Orleans verhindert hat - , so wäre aller spatere geschichtliche
Verlauf ein anderer geworden. Aber wahrhaftig, das Hirtenmädchen
von Orleans hat nicht menschliche Weisheit gehabt, sondern in ihr hat
gewirkt der Christus-Impuls durch seinen michaelischen Vorläufer,
äußerlich zugunsten Frankreichs, in Wirklichkeit zugunsten Englands;
denn England hätte sonst nicht die Entwickelung durchmachen kön-
nen, die es durchgemacht hat. Aber es wirkte mit ungeheurer Deutlich-
keit für denjenigen, der die Welt geistig durchschauen will, der Chri-
stus-Impuls dazumal in dasjenige hinein, was geschehen sollte.
Ich habe öfters darauf aufmerksam gemacht, wie jene alten Legen-
den, jene alten Sagen und Mythen Wahrheiten enthalten, die darauf
hinweisen, daß in den dreizehn Nächten zwischen Weihnachten und
dem Fest der Erscheinung, dem Dreikönigsfest, daß in diesen Nächten
der tiefsten Winterfinsternis die Zeit ist, in der die Erdenkräfte dem
Hellsehertum ganz besonders günstig sind. Da, wo sozusagen die phy-
sischen Kräfte sich am meisten zurückziehen in Untätigkeit, da wir-
ken die geistigen Kräfte ganz besonders. Diese dreizehn Nächte, von
Weihnacht bis zum 6. Januar - so erzählt uns eine alte norwegische Le-
gende - , schlief Olaf Ästeson. Und in diesem Schlafe hat er all dasje-
nige in Imaginationen durchgemacht, was wir nun anthroposophisch
erkennen als Kamaloka, als Seelenwelt, als Geisteswelt. Das ist eine
Wahrheit. Und gar mancher, der, ich möchte sagen, am Tor steht der
Initiation, er kann dieser Initiation die letzte Vollendung geben, wenn
er es zu einem ganz besonderen konzentrierten inneren Erleben in die-
ser Zeit bringt, in die hinein deshalb mit Recht versetzt ist die Geburt
des Christus, des geistigen Sonnenlichtes. Man könnte sagen: Wenn
jemand eine unbewußte Initiation erleben soll, wann würde er sie am
besten erleben? - Dann würde er sie am besten erleben, wenn er zube-
reitet wird in diesen Nächten, wenn er in einem Schlafzustand ist, einer
Art weltentrücktem Zustand, bis zum 6. Januar. Könnten wir nicht
voraussetzen, daß auch das ganz gewiß nicht gelehrte oder geisteswis-
senschaftlich geschulte, aber innerlich spiritualisierte Hirtenmädchen,
die Jungfrau von Orleans, am besten initiiert hätte werden können,
wenn sie diese Nächte in einer Art Schlafzustand durchgemacht hätte,
einem Zustand, wo sie nicht durch die Sinne und den Verstand begrif-
fen hatte die äußere Welt? Das hat sie! Man ist in der Zeit, bevor die
physische Geburt eintritt, ganz gewiß nicht dazu veranlagt, durch die
äußeren Sinne die umliegende Welt wahrzunehmen, denn diese Sinne
wachen ja erst auf bei der Geburt im physischen Dasein. Man ist auch
nicht geeignet vor der Geburt, durch den Verstand nachzudenken, aber
der geistige Teil ist dann in Berührung mit der kosmischen geistigen
Umwelt.
Nun, die dreizehn Tage vor dem 6. Januar hat die Jungfrau von
Orleans im Leibe der Mutter zugebracht, denn am 6. Januar ist sie ge-
boren. Dies ist eine Tatsache, die tief bedeutsam über Weltenzusam-
menhänge spricht. Der die Evolution führende Weltengeist brauchte
in der Jungfrau von Orleans eine Menschenseele, die gerade die drei-
zehn letzten Tage der Schwangerschaft im Leibe der Mutter zubrachte
bis zum 6. Januar und dann geboren worden ist. Da sehen wir tief hin-
ein in jene Zusammenhänge, die hinter den Kulissen des Daseins sind.
Da sehen wir, wie die Welt geführt wird in geistiger Beziehung. Da
wurde eine Seele geboren, die gewissermaßen durch den Weltengeist
selbst initiiert worden ist bis zu ihrer Geburt hin. Es handelt sich daher
darum, daß wir uns eine Empfindung erwerben dafür, wie gewisser-
maßen vor uns der Teppich des äußeren Majadaseins ausgebreitet ist:
wenn wir ihn an verschiedenen Stellen zerreißen, so blicken wir in die
Geheimnisse des Daseins erst hinein. Und das muß Gefühl und Emp-
findung werden für das Umgestaltende der Geisteswissenschaft für
die Kultur der Menschheit. Das muß Empfindung werden, daß man,
um hineinzuschauen in die Geheimnisse der Welt, eben radikal wird
brechen müssen mit der bloßen Beobachtung der äußeren Maja, die ja
selbstverständlich eintreten mußte seit dem Glänze und dem Ruhm
des naturwissenschaftlichen Forschens. Aber dieser Glanz und Ruhm
muß für die Zukunft abgelöst werden von der Geisteswissenschaft.
Dasjenige, was die Menschheit zum wirklichen Einleben der Geistes-
wissenschaft in die Seelen braucht, wird aber vor allen Dingen sein
ein wirklich guter Wille für die Verbindung der eigenen Seele mit den
geistigen Welten. Das aber muß alles ausgehen von einer gewissen
Selbsterkenntnis. Doch Selbsterkenntnis ist gar nicht so leicht, und es
gehört zu den größten Täuschungen, denen man sich im gewöhnlichen
Leben hingeben kann, wenn man denkt, daß Selbsterkenntnis, die der
Anfang aller wahren Erkenntnis sein muß, leicht ist.
Selbst in bezug auf das Alleräußerlichste ist sie nicht einmal be-
sonders leicht. Ich habe hier ein Buch; es ist mir zufällig - was man
so zufällig nennt - , karmisch in diesen Tagen wieder in die Hände ge-
kommen: das Buch eines Philosophen der Gegenwart, der Philosophie-
professor an der Universität in Wien war: «Analyse der Empfindun-
gen.» Derjenige, der das Buch geschrieben hat, macht Selbstgeständ-
nisse, die sehr interessant sind. Auf Seite 3 sagt er: Als junger Mensch
erblickte ich einmal in einer Spiegelniederlage, als ich über die Straße
ging, mein Gesicht im Profil, aber ich erkannte es nicht als mein eige-
nes Gesicht. Ich dachte: Was für ein widerwärtiges, unsympathisches
Gesicht! - Also Sie sehen, selbst bis zu diesem Grade ist Selbsterkennt-
nis der rein äußeren Gestalt nicht einmal gar so sehr verbreitet. Der
gute Mann gesteht ganz offen: es kommt ihm entgegen ein höchst un-
sympathisches Gesicht, das einen abstoßenden Charakter hat, und dann
entdeckt er, daß es sein eigenes ist. So wenig hat er sich gekannt seiner
äußeren Gestalt nach. Sie sehen, nicht einmal äußere Selbsterkenntnis
kann man leicht erwerben. Universitätsprofessor kann man dabei sein,
ungehindert; das bezeugt dieses Beispiel. Ernst Mach, so heißt der Pro-
fessor, macht aber noch ein ähnliches Geständnis. Er ist ganz aufrich-
tig. Er sagt: Ich kam einmal recht ermüdet von einer Reise zurück und
bestieg einen Omnibus. Zu gleicher Zeit stieg ein anderer in den Omni-
bus ein. Ich dachte: Was für ein herabgekommener Schulmeister steigt
denn da ein! - Und siehe da, ich war es selbst. - Er hatte sich im Spie-
gel gesehen. - Der gute Mann wußte, wie ein herabgekommener Schul-
meister aussieht, da sah er einen einsteigen, aber er konnte sich nicht
damit identifizieren, er wußte nicht, daß er so aussah. Er fügt seiner
Erzählung hinzu: Also kannte ich den Standeshabitus besser als meinen
eigenen!
Noch viel schwieriger als das Wissen über die äußere Gestalt ist
das Wissen über die Seele, das Wissen desjenigen, was wir eigentlich
in unserem seelischen Wesen sind. Aber ohne dieses geht es nicht ab,
wenn man wirklich auf dem Felde der Initiation etwas vorwärtskom-
men will. Die Täuschung über sich selbst, sie gehört zu den verbreitet-
sten Eigentümlichkeiten des Menschen, und was in den Tiefen der
Menschenseele sich abspielt, man weiß es in der Regel nicht. Man denkt
sehr leicht: Ja, ich kenne mich, ich weiß, was ich will! - Man macht
sich gewisse Vorstellungen über sich selbst; nur sind diese meistens
nicht dazu angetan, wirklich auszudrücken, was wir in Wahrheit sind.
Da unten in der Seele sieht es oftmals ganz anders aus, als es in der
Region aussieht, wo wir uns die Vorstellungen über uns selbst machen.
Einige Beispiele seien angeführt, die sich nicht nur ereignen können,
sondern die oft sich ereignen im menschlichen Zusammenleben: Zwei
Menschen leben miteinander. Der eine hat gegen den anderen etwas,
so daß es ihm eigentlich gefällt, den anderen manchmal zu quälen, zu
peinigen, manchmal intensiver, manchmal weniger. Dasjenige, was die
Ursache dieses Quälens sein mag, kann ein ursprünglicher Trieb der
Grausamkeit sein. Ein Mensch kann nämlich scheinbar ganz harmlos
in der Welt herumgehen und doch eigentlich ein ganz grausamer Kum-
pan sein, der es als ein Bedürfnis empfindet, einen Nebenmenschen zu
quälen. Spricht man nun mit diesem Menschen, so wird er es einem
nicht verzeihen, wenn man ihn für einen grausamen Kumpan, für einen
ekelhaften Kerl hält, der sich nur befriedigt fühlt, wenn er seinen Ne-
benmenschen quälen kann, sondern er wird sagen: Ach, ich habe die-
sen Menschen so unendlich lieb, so furchtbar lieb, aber er macht halt
das und das und jenes, und gerade weil ich ihn so lieb habe, kann ich es
gar nicht ausstehen, daß er das tut! - Das ist im Oberbewußtsein des
Menschen, im Unterbewußtsein aber ist die Grausamkeit. Und die
Vorstellungen des Oberbewußtseins sind nur da, um zu verhüllen, um
uns vor uns selbst zu entschuldigen. Die Art, wie wir uns Vorstellun-
gen im Oberbewußtsein machen, ist nur da, um uns richtig vor uns
selbst zu entschuldigen. So habe ich einen Herrn gekannt, der bei jeder
Gelegenheit betonte, daß er eine gewisse geistige Richtung nur ein-
schlüge aus reiner Selbstlosigkeit, daß sie ihm gar nicht besonders sym-
pathisch sei, diese Richtung, aber aus Pflichtgefühl und Selbstlosig-
keit müsse er diese Richtung einschlagen. Ich sagte ihm: Was Sie für
eine Ansicht haben über die Dinge, die Sie tun, und warum Sie sie tun,
darauf kommt es nicht an, sondern darauf kommt es an, warum Sie es
wirklich tun. Und Sie tun es, weil es Ihnen Wollust macht, gerade dies
zu tun, weil es Ihrer Eitelkeit ganz besonders schmeichelt, dies zu tun. -
Es ist unangenehm, sich zu gestehen: Ich bin eigentlich recht eitel, des-
halb tue ich dies oder jenes. - Deshalb lieben wir unsere Maja, die
macht das anders. Die Maja, die wir in unserem Bewußtsein tragen
über uns selbst, ist oft noch unähnlicher der Wirklichkeit als die Maja,
die wir über die Geisteswissenschaft haben. Liebe ist ganz gewiß eine
wunderbare Sache, mit Recht auch, vor der menschlichen Meinung;
sie wird aber häufig mit Unrecht im Munde geführt, die Liebe! Als
wir noch mit der anderen Theosophischen Gesellschaft verbunden wa-
ren, da hörten wir immer wiederum, wie es darauf ankomme, daß die
Menschen sich ja, ja recht lieben! Oftmals war diese Liebe nur der
Schleier, der über die dogmatischen Zänkereien hinübergelegt war.
Denn Liebe kann oftmals die Maske sein für den allerstärksten Egois-
mus. Wenn man sich besonders wollüstig etwas darauf zugute tut, dieses
oder jenes zu tun, fälscht man oft das, was man tut und was einem ei-
gentlich Wollust bereitet, in Liebe um; und man entschuldigt sich wie-
derum vor dem, was man eigentlich niemals gestehen würde, was in
den Tiefen des Unterbewußtseins bleibt. Ja, wenn wir hinuntersteigen
in dieses menschliche Wesen, dann tauchen wir wirklich bald in einen
Abgrund hinunter. Wirklich erkennen kann der Mensch sich eigent-
lich nur dadurch, daß er sich hineinlebt in die Geheimnisse des geisti-
gen Daseins, daß er sich bekanntmacht mit dem, was die großen Ge-
setze dieses geistigen Daseins sind. Denn das menschliche Wesen ist
kompliziert, und der größte Irrtum ist es, wenn man glaubt, dieses
menschliche Wesen sei irgendwie einfach. Ich möchte sagen: Alle Wel-
tengeheimnisse sind zusammengenommen, um das menschliche Wesen
zusammenzubringen. Aber nur recht verstanden müssen die Dinge
werden.
Das Spielen mit der Selbsterkenntnis hört sehr bald auf, wenn
man etwas erkennt von den geistigen Geheimnissen des Menschenda-
seins. Nehmen wir einmal an, ein Mensch beginnt durch irgend etwas,
durch Schulung oder durch irgend etwas anderes, mit einem gewissen
Hellsehen, und er bringt es sogar dahin, daß ihm ganz wunderbare Ge-
bilde erscheinen, die er fixieren kann, so daß die Menschen kommen
und ganz entzückt sind über den bedeutungsvollen Zusammenhang
dieses Menschen mit der geistigen Welt. Der ist auch zweifellos vor-
handen, der Zusammenhang, aber man muß diesen geistigen Zusam-
menhang nur in seiner Wahrheit durchschauen, man muß durchschauen,
was er wirklich sein kann. Sehen Sie, demjenigen, was wir als physi-
schen Leib haben, liegt als sein Bildner der Ätherleib zugrunde, dann
der Astralleib, dann dasjenige, was wir den Ich-Träger nennen. Das
arbeitet alles am physischen Leibe, und jedes Höhere arbeitet wieder-
um an dem Niedrigeren. Wenn Sie den Ätherleib nehmen und unmittel-
bar hellsichtig erforschen, so ist er ein wunderbares Gebilde ineinander
flutender und schimmernder Farben. Was sind denn diese Farben, die
im Ätherleib fluten? Ja, das sind die Kräfte, die am physischen Leibe
bauen, die Kräfte, die nicht nur ihm Organe aufbauen, sondern auch
wirken in dem, was während des Lebens von den Organen des physi-
schen Leibes vollzogen wird. Aber die menschlichen Organe sind von
verschiedener Bedeutung. Nehmen wir zwei solcher Organe wie die
Eingeweide und das Gehirn. Die äußere Anatomie untersucht die Ge-
webe und alles, was in Betracht kommt, als gleichwertig. Das sind die
Dinge aber nicht, sie sind ganz verschieden. Wenn wir das menschliche
Gehirn anschauen, ist es als physisches Organ etwas Vollkommenes; das
kommt davon her, daß im Gehirn jene Farbenfluten verarbeitet sind.
Wenn wir den Ätherleib des menschlichen Gehirns anschauen, dann
sehen wir ihn in verhältnismäßig blasser Farbe, denn die Farben sind
dazu verwendet worden, den Bau des Gehirns hervorzubringen. Wenn
wir die Eingeweide anschauen, so finden wir die flutenden Farben
hellschimmernd wunderbar ineinanderfluten, denn die Eingeweide sind
wirklich gröbere Organe, da muß noch nicht so viel von Geistigem
verwendet werden, da bleiben die Kräfte noch zurück im Ätherleibe,
da wird ein kleinerer Teil nur zum Ausbau verwendet. Daher ist der
Ätherleib des Gehirns blaß, der Ätherleib der Gedärme aber von wun-
derbaren, flutenden Farben, schön.
Denken Sie nun, es kommt jemand, wie ich es geschildert habe, zum
Hellsehen. Da kann zweierlei eintreten: Es kann ein Hellsehen eintre-
ten dadurch, daß der Ätherleib des Gehirns gelockert wird, aber es
kann auch eintreten ein Hellsehen dadurch, daß der Ätherleib der Ein-
geweide gelockert wird. Beim Hellsehen wird nun der Mensch oft-
mals sein eigenes Innere gewahr. Derjenige, der den Ätherleib des Ge-
hirns herausbekommt, wird zunächst eine ziemlich blasse Welt vor sich
haben; aber der, welcher den Ätherleib seiner Eingeweide herausbe-
kommt, kann wunderbar flutende Farben in die Ätherwelt hinausspie-
geln. Um nämlich das Blasse des Gehirnätherleibes mit den flutenden
Farben des Kosmos in Berührung zu bringen, ist es nötig, daß wir die
flutenden Farben von der ganzen Sphäre des Kosmos erst heranziehen.
Um die flutenden Farben des Ätherleibes der Gedärme zu entwickeln,
können wir sie aus uns herausstrahlen, und so kann ein ganz wunder-
bares Gebilde geschaut werden auf dem Wege des Hellsehens. Gewiß,
es ist ein echtes hellsichtiges Gebilde, aber wenn man es untersucht, was
ist es? Es ist nichts anderes als der eigene Verdauungsprozeß, es ist das-
jenige, was der Ätherleib während des Verdauungsprozesses des Men-
schen tut; das projiziert sich in den Ätherraum hinaus. Das ist anato-
misch betrachtet höchst interessant, aber man muß sich klar sein dar-
über, daß man erst, wenn man herandringt an die Geheimnisse der gei-
stigen Welt, wirklich eine Ahnung bekommt von dem, was eigentlich
vorliegt in der geistigen Welt. Man bekommt ja erst dann eine Ahnung,
daß aus einem wunderbar flutenden Farbenmeer des Ätherleibes auch
dasjenige heraus entspringt, was im Ätherleib vorgehen muß, damit
die Gedärme in der richtigen Weise funktionieren. Wenn man das
dann hellsichtig schaut, so ist es gewiß ein hellsichtiger Vorgang; aber
es ist nichts, was mit himmlischen Geheimnissen zusammenhängt, es ist
nichts, was die großen kosmischen Tatsachen der Welt uns irgendwie
nahebringt, sondern es ist etwas, was uns unser gewöhnlichstes niederes
Selbst nahebringt.
Und gerade dann, wenn wir hellsichtig zur Selbsterkenntnis auf-
steigen, dann finden wir, daß das erste, was wir an wunderbaren Ge-
bilden erleben, unser Niedrigstes hinausspiegelt. Und erst dann, wenn
wir durch größere Anstrengung diejenigen Teile des Ätherleibes losbe-
kommen, die als geringere zurückgeblieben sind in uns selbst, weil die
Mehrzahl zu Herz und Gehirn verwendet worden ist, dann erst ge-
langen wir dazu, dasjenige, was in uns ist, hinauszustrahlen und einen
Eindruck zu machen durch die stärker angewandten Kräfte auf den
äußeren Äther. Und dann kommt es zu folgendem: Wenn wir den
Ätherleib der physischen Organe hinausprojizieren, stoßen wir das
hinaus in den Raum. Wenn wir höheres Hellsehen entwickeln, da ar-
beiten wir auch hinaus, aber wir arbeiten hinaus dasjenige von uns, was
wir uns aufbauen zwischen Geburt und Tod, auf daß es vorbereite das-
jenige, was zwischen Tod und neuer Geburt sich in uns entwickelt. Das
schreiben wir hinein in den Raum, da bilden wir eine Wirkung hinaus
in die ätherische Welt. Und da gehen wir entgegen demjenigen, was
durch diese Wirkungen gebildet wird, den kosmischen Wirkungen, den
kosmischen Tatsachen.
Gerade darauf wird durch uns unausgesetzt hingearbeitet. Die
Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» will das
im eminentesten Sinne zum Ausdruck bringen, daß die rechten Wege
gefunden werden, um eben nicht die niedere Wesenheit des Menschen
durch ein berückendes Hellsehen zu finden, sondern um die Geheim-
nisse der Welt zu ergründen. Immer wieder wird darauf aufmerksam
gemacht, daß dieses Hellsehen schwierig ist, daß es blaß auftritt, daß
man sich erst durch große Anstrengungen derjenigen Kräfte, die die
Kräfte sind des Menschen zwischen Geburt und Tod, zu dem wahren
Hellsehen hin entwickelt, daß einem dann die Weltengeheimnisse sich
enträtseln können. Wo diese Kräfte liegen, kann man sich vorstellen,
wenn man sich einläßt auf dasjenige, was im Wiener Zyklus 1914 ge-
sagt ist. Da ist von den Kräften gesprochen, die der Mensch zwischen
Tod und neuer Geburt entwickelt, von den Kräften, für die es nur
möglich ist, stammelnd Worte zu gebrauchen, weil die Worte ja für die
physische Welt geprägt sind, und man nur durch Wortzusammenset-
zungen das herausbringt, was in der geistigen Welt ganz anders ist als
in der physisch-sinnlichen Welt. Aber die Menschen finden es beque-
mer, in der geistigen Welt sich auch nichts anderes vorzustellen als eine
Art Fortsetzung der physischen Welt, nur etwas dünner, etwas flüch-
tiger. Die Menschen fänden es bequem, in der geistigen Welt die Ge-
stalten auch herumgehen zu sehen wie in der physischen Welt; aber sie
finden es unbequem, daß man sich eine neue Art des Auffassens ange-
wöhnen muß, wenn man in die geistige Welt eintreten will. All das soll
Ihnen beweisen, daß nicht nur das menschliche Verstehen, sondern vor
allen Dingen der menschliche Wille sich sträubt gegen dasjenige, was
Geisteswissenschaft jetzt in unserer Zeit in die Welt bringen muß.
Wir können wirklich sagen: Nicht bloß deshalb, weil die Menschen
heute noch in weiten Kreisen Geisteswissenschaft nicht verstehen, wei-
sen sie sie zurück, sondern weil sie sie nicht wollen, weil es ihnen im
Grunde genommen schrecklich ist, daß die Welt so ist, wie Geistes-
wissenschaft sie darstellen will und muß.
Ein besonders wichtiger Begriff ist derjenige, den man von Weisheit
und von Bewußtheit haben muß, wenn man das Erleben zwischen Tod
und neuer Geburt verstehen will. Im Grunde genommen kann man gar
nicht sagen, der Mensch, der durch die Pforte des Todes gegangen ist,
habe kein Bewußtsein und sein Bewußtsein müsse erst erwachen. Das
ist nicht einmal richtig, sondern richtig ist, daß er ein zu starkes Be-
wußtsein hat, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, daß er
von Bewußtsein ganz umflutet ist, daß er sich nicht auskennt, daß er
ganz betäubt ist von dem geistigen Sonnenlicht des Bewußtseins und
erst anfangen muß sich zu orientieren, wie ich es ja des näheren ausge-
führt habe in dem eben erwähnten Zyklus. Hier auf der Erde müssen
wir uns Weisheit notdürftig erwerben; drüben aber sind wir von Weis-
heit allseitig umflossen, da müssen wir sie dämpfen, daß wir sie an-
schauen können. Die Teile, die wir herabgedämpft haben bis zur mensch-
lichen Schwäche, die sind es, die wir anschauen können. So müssen wir
uns erst hineinfinden in das Herabdämpfen unseres Bewußtseins, bis wir
uns zurechtfinden können. Dies ist etwas, was einem ganz besonders
bemerkenswert vor Augen tritt, wenn man die Erscheinungen wirk-
lich betrachtet. Sehen Sie, man versucht dann allmählich die Worte so
zu prägen, daß sie ordentlich ausdrücken diese Erscheinungen. Vor nicht
langer Zeit ist ein liebes Mitglied unserer Gesellschaft in Zürich gestor-
ben. Das Karma hat es dahin gebracht, daß, obwohl ich das Mitglied
noch habe sehen wollen im physischen Leben, ich zu spät gekommen
bin und es nicht mehr sah. Dann aber hatten wir in Zürich nach einigen
Tagen die Kremation. Ich war veranlaßt, bei dieser Kremation zu
sprechen, und ich versuchte in Worte zu fassen dasjenige, was sich mir
innerlich darstellte als das Wesen dieses unseres lieben Mitglieds. Ich
versuchte mit einigen Worten festzuhalten dieses Wesen. Dann wurde
die Kremation vollzogen. Und zu bemerken war nun, daß das erste
orientierende Auftauchen aus dem überflutenden Bewußtsein heraus
in dem Moment eintrat, als der Körper überging in die Verbrennung,
als scheinbar die Flamme, in Wirklichkeit die Wärme diesen Körper
ergriff. In diesem Moment stand vor der Seele der Hingestorbenen die
Szene, die wir vorher gehabt hatten. Vorher hatte sie, während der Be-
stattungsrede, nicht daran teilgenommen, aber hinterher, als die Ver-
brennung anfing, da blickte sie zurück. Und wie man im physischen
Leben den Raum vor sich hat, so sieht der Tote die Dinge in der Zeit.
Was vergangen ist, ist neben dem Toten. Er sieht die Szenen vor sich
stehen. Die Zeit wird wirklich zum Räume. Das Vergangene ist nicht
vergangen, es bleibt da, es wird angeschaut. Dann ging die Tote wieder
hinab in ein allgemeines Betäubtsein, und es dauert dann längere Zeit,
bis das Orientieren stattfindet. Aber es bereiten sich solche Momente
vor, man möchte sagen, lichte Augenblicke, die dann weiter verarbeitet
werden. Dann kommt wieder ein Untertauchen in die allgemeine Über-
flutung des Bewußtseins, bis später ein vollständiges Orientieren ein-
tritt.
Und so muß man sagen, daß es ein wichtiger Begriff ist, der die
Weisheit, die Bewußtheit in anderer Weise denkt nach dem Tode als
vor dem Tode. Es ist nicht so, daß uns ein Grad von Bewußtheit erst
erwachsen müsse nach dem Tode, sondern es muß das unermeßliche
Bewußtsein bis zu einem gewissen Grade herabgedämpft werden. Das
müssen wir beachten. Und dann müssen wir ernst machen, richtig ernst
machen mit der Erkenntnis, daß für die Wahrheit die Dinge oftmals
gerade umgekehrt liegen gegenüber dem, was sich äußerlich darstellt.
Ich habe das ja schon öfter veranschaulicht an einem Beispiel. Ein
Mensch geht am Rande eines Baches, er fällt hinein in den Bach und
ertrinkt. Wir gehen ihm nach und finden ihn ertrunken, und an der
Stelle, wo er in den Bach hineingefallen ist, finden wir einen Stein.
Wir können dann mit vollem Recht den Schluß ziehen, der Mensch
sei über den Stein in den Bach hineingefallen und dadurch ertrunken.
Wenn wir nichts weiter tun, kommen wir zu keiner anderen Anschau-
ung. Hier kann aber mit Bezug auf die physischen Tatsachen die Tat-
sachenlogik falsch sein. Bei der Sektion kommen wir vielleicht dar-
auf, daß den Menschen der Schlag getroffen hat, und daß er infolge-
dessen ins Wasser gefallen ist, daß also Ursache und Wirkung sich um-
kehren. Wir meinten, der Mensch ist tot, weil er ins Wasser fiel; in
Wirklichkeit ist er ins Wasser gefallen, weil er tot war. Da war in be-
zug auf die äußeren Tatsachen die Logik falsch. So können wir oft gar
nicht zurechtkommen mit der Logik für die äußere Maja.
Nehmen wir den Fall, den wir im Herbst zu unserem Schmerz in
Dornach erlebt haben. Das Söhnlein eines Mitgliedes gerade des hie-
sigen Zweiges, der in Dornach ansässig geworden ist, das siebenjährige
Söhnchen wurde eines Abends vermißt. Und nachdem man sich klar
geworden war, daß das Kind unter einem umgefallenen Möbelwagen
liegen könnte, mußte mitten in der Nacht der Wagen gehoben werden,
und der kleine Theo Faiß wurde unter diesem Wagen hervorgezogen,
tot. Was war geschehen? Dort in der Gegend fährt sonst kein Möbel-
wagen, fährt überhaupt kein Wagen. Es ist der äußerste Ausnahmefall,
daß da ein Wagen fährt. Es ist lange vorher und nachher keiner ge-
fahren. Und der kleine Theo hat sonst immer, was er zu holen hatte,
eine Viertelstunde früher geholt. An jenem Abend war er veranlaßt
worden, eine Viertelstunde zu warten. Er hätte auch, während er an der
linken Seite des Wagens gegangen ist, an der rechten Seite gehen kön-
nen, aber man hatte ihn veranlaßt, zu einem anderen Ausgang hinauszu-
gehen als sonst. Alles hat sich so zusammengezogen, daß es auf die Se-
kunde hin sich so abgespielt hat, daß der Knabe gerade just unter diesen
Wagen kam. Untersucht man den Fall geistig in seinem karmischen Zu-
sammenhang, dann hat sich die Seele des Knaben diesen Wagen bestellt,
um den Tod zu finden in diesem Zeitpunkt; da war das alles so einge-
richtet, da ist das physische Ereignis eine Folge der geistigen Zusammen-
hänge. Dann begreift man die Dinge in einer ganz anderen Weise, dann
versteht man allerdings auch den Zusammenhang zwischen dem, was
geschehen ist, und dem weiteren Verlauf nach dem Tode. Der kleine
Theo hatte ja einen Ätherleib, den er im normalen Leben noch siebzig,
achtzig Jahre und noch länger hätte haben können. Das alles geht ja
nicht verloren, das bleibt da. Ein Ätherleib von einem siebenjährig ge-
storbenen Kinde hat noch die Kräfte in sich, die verwendet worden
wären im Leben, die sind in der geistigen Welt vorhanden. Und das ist
auch denjenigen, die mit der Ätheraura unseres Baues zu tun haben, sehr
wohl bemerklich; denn da ist der Ätherleib des kleinen Knaben seit
dem Tode drinnen, da sind die Kräfte, die starken geistigen Kräfte die-
ses klugen, lieben, gutgearteten Knaben. Das sind Hilfs- und Helfer-
kräfte desjenigen, was mit der Aura des Dornacher Baues zusammen-
hängt.
So hängen geistige und physische Wirkungen zusammen. Die Zeiten
sind nicht vergangen, wo man hinblicken mußte auf die geistigen Wel-
ten bei dem, was in der physischen Welt geschieht; die Zeiten sind noch
immer da. Einiges beginnen wir zu begreifen durch unsere Geisteswis-
senschaft. Vieles aber ist darin, wozu wir Hilfskräfte brauchen von
denen, die mit unverbrauchten Ätherkräften fortgehen aus dem phy-
sischen Leben. Denken Sie an die Tausende und Tausende, die drau-
ßen auf den großen Feldern der ernsten Zeitereignisse heute durch die
Pforte des Todes gehen, durchwegs Menschen mit unverbrauchten
Ätherleibern. Das alles sind geistige Kräfte, die noch lange hätten wirk-
sam sein können, wenn die betreffenden Menschen in der physischen
Welt geblieben wären. Für die Physik erkennt man heute schon an, daß
keine Kraft verlorengeht. Im eminentesten Sinne ist dieses Gesetz von
der Erhaltung der Kraft aber in der geistigen Welt vorhanden. Die
Kräfte, die ein Ätherleib hat, um ein Leben zwischen Geburt und Tod
bis zum achtzigsten, neunzigsten Jahre zu versorgen, die gehen nicht
verloren, wenn jemand früh durch die Pforte des Todes geht. Die
Kräfte sind da. Neben dem, was durch das Ich und den Astralleib in
die geistige Welt eingeht und für die Individualität einen Wert hat,
hat der Ätherleib einen allgemeinen Wert für dasjenige, was übergeht
in die allgemeine Aura der Menschen-Erdenentwickelung. So können
wir hinaufschauen zu den frischen, vollkräftigen, unverbrauchten
Ätherleibern, die hinunterwirken aus den geistigen Welten in die kom-
menden Zeiten.
So wie wir heute vielfach sehen, daß Tote mitkämpfen mit den
Lebenden, so sehen wir auf der anderen Seite das ätherische Feld, die
elementarische Welt durchsetzt mit Kräften, mit starken Menschen-
kräften, welche erworben werden in hoher Zuversicht in dem Glauben
an ideelle Menschheitsziele, welche zurückgelassen werden von Men-
schen, die mit diesem Glauben durch die Pforte des Todes gegangen
sind. Diejenigen, welche später leben werden, die werden aber hinauf-
schauen müssen zu diesen unverbrauchten Ätherkräften, die fortwir-
kend sein werden. Diese Ätherkfäfte Früh verstorben er, sie werden ganz
sicher verlangen, daß sie nicht umsonst den Übergang gefunden haben
in die geistige Welt und von dort aus herunterschauen. Sie werden ver-
langen, daß sie wirklich ihren Teil beitragen können zur Neugestal-
tung der geistigen Erdenwelt, welche von der Menschheit verlangt
wird. Wie Mahner sind sie da, diese Ätherleiber, Mahner, die da sagen:
Wir sind in die geistige Welt gegangen, damit euch von hier aus Kräfte,
die in eure Herzen und Seelen gehen können, zufließen können, mit
denen ihr noch stärker arbeiten könnet für den im geisteswissenschaft-
lichen Sinne gehaltenen Fortschritt der Erdenentwickelung. - Zusam-
menwirken des Leiblichen mit dem Geistigen, wir müssen es verstehen,
nicht nebulos, verschwommen, sondern als konkrete geistige Verbin-
dung zwischen den Menschen, die hier auf Erden im physischen Leibe
leben und den Seelen, die hinaufgegangen sind in die geistige Welt.
Eine Gemeinsamkeit wird da sein, wenn wir die Tatsachen verste-
hen und uns richtig erfüllen mit dem, was die Geisteswissenschaft ge-
ben kann. Ja wahrhaftig, die Einsicht in den Zusammenhang zwischen
Geistigem und Physischem, sie kann uns in der richtigen Weise stellen
auch zu dem großen Ernste unserer Zeit, und uns ganz fühlen lassen,
wie dasjenige, was geschieht, nur allein wird gerechtfertigt werden
können von uns vor der Zukunft, wenn es genommen wird zum An-
lasse eines großen, bedeutsamen Menschheitsringens und Menschheits-
arbeitens auch auf dem physischen Plan. Erfüllen muß sich dasjenige,
was wir schon gestern betonten, aus dem richtigen Verständnis zwi-
schen geistiger und physischer Welt, erfüllen muß sich dasjenige, was
in den Worten liegt:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht -
Lenken Seelen geist-bewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
VIERTER VORTRAG
Stuttgart, 22. November 1915

Es sind ja durch die großen Ereignisse der Zeit schon viele derjenigen
Seelen, die ihr Streben dem unsrigen verbunden haben, durch die Pforte
des Todes gegangen. Wie ich bereits im Verlaufe dieser kriegerischen
Zeiten hier von diesem Orte Ihnen andeuten durfte: gerade durch das-
jenige, was mit diesen Seelen erlebt worden ist, hat es sich bestätigen
können, daß die Seelen, die aus dem Kampfe heraus durch die Pforte
des Todes gegangen sind, weiterhin mitleben dasjenige, was die große
Zeit von ihnen fordert. Sie leben verbunden mit dem Geiste ihres Vol-
kes, sie kämpfen weiter mit den geistigen Waffen. Gerade das aber,
meine lieben Freunde, obliegt uns insbesondere diesen Seelen gegen-
über: unsere liebenden Gedanken, unsere innigsten, uns in Liebe mit
ihnen verbindenden Impulse zu vereinigen. Es wird, wenn der Sturm
der Ereignisse vorbei ist — in den ja insbesondere diese Seelen, auch wenn
sie schon durch die Pforte des Todes gegangen sind, hineinverflochten
sind, allerdings im besten Sinne - , oder wenn die Zeit überhaupt ge-
eignet ist, die Möglichkeit kommen, gerade mit jenen Gedanken und
Vorstellungen, die uns beseelen müssen für diese teuren Toten, deren
Totenfest zu begehen.
Auch sonst hat gerade in dieser sturmbewegten Zeit die Macht des
Todes ihre Mahnungen ausgebreitet innerhalb unserer Reihen. Gerade
am heutigen Tage haben wir den Elementen der Erde übergeben die
irdische Hülle unserer lieben Freundin Sophie Sünde. Zahlreiche See-
len auch aus dieser Stadt werden sich ja im tiefsten Sinne mit dieser,
einer der treuesten Mitarbeiterinnen innerhalb unserer Reihen, tief ver-
bunden fühlen. Es wird, wenn ich in den nächsten Tagen in München
in der Lage sein werde zu sprechen, zu meinen Pflichten gehören — aber
zu den Pflichten, die in tiefster Liebe geleistet werden - , auch noch in-
nerhalb unserer Geistesströmung der teuren Sophie Stinde zu gedenken.
In vieler Beziehung, meine lieben Freunde, sind wir so an dasjenige
gemahnt worden, was ja, all die anderen Lebensrätsel wie zusammen-
fassend, in der Mitte vieler Rätselfragen des Daseins steht: an den Tod.
An den Tod, der oftmals so schmerzvoll, immer aber so rätselhaft ge-
rade für diejenigen, die für Lebensrätsel Empfindung haben, sich hin-
einstellt in das irdische Dasein, und der innerhalb des irdischen Da-
seins selber etwas ist, was seine Aufklärung niemals durch dieses irdi-
sche Dasein selber finden kann. Es ist gewiß im tiefsten Sinne begrün-
det, wenn die beiden Gedanken zusammengebracht werden, welche
einmal gebracht wurden in dem Thema auch eines der öffentlichen
Vorträge «Das Geheimnis des Todes und die Rätsel des Lebens». Denn
eine Betrachtung, welche sich über den Tod ergeht, bezieht sich nicht,
wie so manche gerade im materialistischen Lager glauben, nur auf
etwas, was dem Erdenleben ferne steht, was den Erdenmenschen ei-
gentlich nichts angeht. Sondern auch eine Weltanschauungsbetrach-
tung über den Tod bringt aus den Tiefen des Daseins solche Erkennt-
nisse heraus, welche, gerade vom Todesgeheimnis aus, das Leben auch
hier auf der Erde zu einem starken, zu einem sinnvollen machen. Und
deshalb muß man sich auch nicht vom Gesichtspunkte der Weltan-
schauung aus abhalten lassen, gerade zur Erklärung, zur Aufhellung
des Lebens an das Rätsel, an das Geheimnis des Todes heranzugehen.
Und so sei denn in dieser Zeit, wo der Tod auf der einen Seite uns
gerade im letzten Jahr so viel auch in unseren Reihen nahegestanden
hat, und wo er außerdem so hundertfältig uns entgegentritt durch die
geschichtlichen Ereignisse, in denen wir stehen, das Geheimnis des To-
des in die Betrachtungen dieser Tage in mancherlei Weltanschauungs-
fragen hinein verwoben. Wir können, indem wir an das Geheimnis des
Todes herantreten, den Tod da betrachten, wo er sich sozusagen noch
voll in das unmittelbare Leben hineinstellt. Der Tote selber nimmt
ja Abschied von diesem Sinnenleben, er betritt eine neue Sphäre. Aber
er bleibt vorhanden in dem Schmerze derer, die er verlassen hat; er
bleibt vorhanden in den Gedanken, die in jenen leben, bei denen durch
den Toten Gedanken, Empfindungen, Gefühle angeregt werden durf-
ten, solange der Tote unter den Lebenden weilte. Und es war nicht nur
eine schöne, aus den tiefsten menschlichen Bedürfnissen hervorgehende
Sitte, allüberall, wo das menschliche Herz nicht kalt und dürr ist, auch
im allgemeinen für die Toten Feste anzusetzen, Totenfeste. Auch in
unsere Zeit ragen sie herein, die Totenfeste, im Allerseelentag der Ka-
tholiken, in dem Totenfeste der evangelischen Konfession, und man-
ches andere Totenfest ragt mehr oder weniger individuell auch in un-
sere Zeit herein. Wer sollte nicht das Gefühl haben, daß in dem Herein-
ragen dieser Totenfeste selbst eine materialistische Zeit ihren Tribut ab-
trägt an das spirituelle Leben? Selbst wenn der Materialismus die See-
len schon so angefressen hat, daß sie es nur unbewußt tun: auch ma-
terialistische Seelen werden davor zurückschrecken, anders als mit
vertiefter Seele, mit vertieftem Herzen an dasjenige heranzutreten, was
sich mit den üblichen Totenfesten verbindet. Die Toten bleiben in dem,
was die noch Lebenden für sie fühlen, empfinden und denken können,
im Leben herinnen. Und so können wir auch, wenn wir den Tod im
allerengsten Sinne betrachten, diese Betrachtung des Todes noch mitten
im Leben beginnen.
Wir wissen ja aus den allgemeinen Betrachtungen, die durch viele
Jahre hindurch gepflogen worden sind, daß wir niemals sagen dürfen:
Hier steht die physisch-sinnliche Welt, und abgesondert von ihr steht
die geistige Welt. - Die physisch-sinnliche Welt reicht in die geistige
Welt hinauf, und die geistige Welt reicht in die physisch-sinnliche Welt
herunter. Und wenn auch die äußeren Sinne des Menschen die physisch-
sinnliche Welt nur im Sinnensein sehen, so ist doch, wie die Luft im
groben Sinne sich unmittelbar ausbreitet, der Geist allüberall ausge-
breitet und durchwellt und durchwogt alles das, was der Mensch im
physischen Leben mit normalen Sinnen eben nur sinnlich sieht. Und
diejenigen, die durch die Pforte des Todes hindurchgegangen sind, die
in der geistigen Welt sind, ragen herein in unsere sinnliche Welt mit
ihren Impulsen und Kräften. So daß wir sagen können: Wenn auch
hinter der Schwelle des normalen Bewußtseins das Band liegt, das die
im physischen Leibe Lebenden mit den im Geiste lebenden Toten ver-
bindet, so ist dieses Band doch ein reales. Und demjenigen, der in Gei-
steswissenschaft sich vertieft, muß so manches Rätsel aufgehen, das
notwendig gelöst werden muß, um das Leben zu verstehen da, wo es
verstanden werden muß nicht vom theoretischen, sondern vom Le-
bensstandpunkt aus selber, von dem Lebensstandpunkt aus, den nicht
nur das Denken, den die Seele in ihrem ganzen Inhalt und in ihrem
ganzen Umfange einnimmt.
Versuchen wir uns das, was wir uns ja aus dem gewöhnlichen Le-
ben klarmachen können in bezug auf den Tod, einmal vorzustellen.
Der Tote geht von uns fort. Was sich äußerlich ändert, ist, daß unsere
Augen ihn nicht mehr sehen, daß wir unseren Händedruck nicht mehr
mit ihm tauschen können, unsere Worte gehen nicht mehr von uns zu
ihm, von ihm zu uns. Das, was von seinen Gefühlsströmen als Wärme in
unser Herz sich ergossen hat, strömt nicht mehr in der sinnlichen Welt
zu uns. Er hat uns während der Zeit, in der wir mit ihm zusammen-
leben konnten, mit Hilfe seines sinnlichen Leibes, desjenigen, womit er
sich umkleidet hat in der physischen Welt, das Bild immer von neuem
vorgezaubert, das wir von ihm haben konnten. Die eingetretene Ver-
änderung besteht darin, daß wir nun, wenn die Seele, der wir nahe-
gestanden haben, durch die Pforte des Todes von uns gegangen ist,
nicht mehr die Hilfe haben für unsere Verbindung mit dieser Seele, die
dadurch bewirkt wird, daß das Bild dieses Menschen mit Hilfe der
sinnlichen Impulse, die von ihm ausgehen, in uns erzeugt wird mit
alledem, was es wachruft an Empfindungen, Gefühlen, Willensimpul-
sen, an Liebefähigkeit, an Sympathie und Antipathie. Was von die-
sem Zeitpunkte an, wo die Seele von uns durch die Pforte des Todes
hinweggeschritten ist, in uns weiterlebt, ist das Bild, das nun in uns
selber sein muß, das uns innerlich durchdringt. Wenn wir dieses Bild
aus der Imagination, als welche es ja fortlebt in unserem Ätherleibe,
insbesondere aber im Astralleibe und im Ich - was uns allerdings im
normalen Bewußtsein unbewußt bleibt - , wenn wir dieses zum Be-
wußtsein des physischen Daseins erheben wollen, so müssen wir es von
innen heraus erstehen lassen. Das, was wir bewahrt haben in uns von
unserem Verhältnis zu dem Toten, müssen wir aus dem innersten See-
lengrund, das heißt aus dem Ich und Astralleib ergießen in die Teile
unseres Menschenwesens, die uns das Bewußtsein und die Vorstellung
erzeugen: in den Ätherleib und physischen Leib.
Als die Seele, die durch die Pforte des Todes gegangen ist, noch bei
uns war, erzeugte sie noch das Bild; das Bild strahlte uns von außen
an, wir brauchten mit dem, was unsere Seele zu geben hat, nur dem
Bild entgegenzukommen. Wenn der Tote von uns gegangen ist, dann
sind wir darauf angewiesen, selber dasjenige, was wir von ihm bewahrt
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haben, in unsere äußere Menschenhülle hineinzugießen, damit der Be-
griff, die Vorstellung, das Bild von ihm vor unsere Seele treten kann.
Uns unterstützt dann nicht mehr - wie bei der Erinnerung an den Be-
kannten, der noch im Leben auf der Erde weilt - der Gedanke, daß wir
diese Erinnerung nicht als einziges haben, daß wir ihn auch noch
äußerlich erblicken können. Das ist für uns eben der gewaltige Ein-
schnitt, daß wir uns von nun an, solange wir nicht selber durch die
Pforte des Todes gegangen sind, auf die Erinnerung angewiesen sehen.
Diese Erinnerung an unbewußte Kräfte in uns kann ja nimmer-
mehr ausgelöscht werden in unseren tiefen Seelengliedern, im Ich und
Astralleib. Und wenn wir des Nachts in den Schlaf hineingehen, wenn
aus unserem gewöhnlichen Tagesbewußtsein die Eindrücke der phy-
sischen Außenwelt versinken, wenn versinken alle die Gedanken, die
wir vom Aufwachen bis zum Einschlafen haben können, dann leuchten
auf in dem, was wir in unserem Ich und Astralleibe aus unserem Leibe
heraustragen, die Imaginationen, die lichten Bilder derjenigen Persön-
lichkeiten, mit denen wir verbunden waren und die von uns hinweg-
gegangen sind durch die Pforte des Todes. In dem Teile unseres We-
sens, der in uns lebt vom Einschlafen bis zum Aufwachen, da leben
die Toten mit uns, wie die Lebendigen der Erde mit uns leben vom
Aufwachen bis zum Einschlafen. Unser waches Tagesbewußtsein ver-
danken wir eben dem Umstand, daß wir mit unserem physischen Leibe,
der uns mit dem Ätherleibe zusammen das Tagesbewußtsein vermittelt,
durch vier Stadien unserer Erdenentwickelung gegangen sind. Und
es entzieht sich uns das nächtliche Bewußtsein aus dem Grunde, weil
unser Ich ja erst während der Erdenentwickelung in uns eingezogen
ist und der Astralleib erst während der Mondenentwickelung. Was
wir erleben können, wenn wir unsere Toten erheben in das Ich und den
Astralleib, das werden wir erst in späteren Epochen unserer Erdenent-
wickelung so erleben wie jetzt das Leben der Lebendigen der Erde, das
heißt im normalen, wachen Tagesbewußtsein. Das Ich ist das jüngste
Glied, das muß sich erst durchringen zu einem Bewußtsein, welches
so Wachbewußtsein sein kann wie das jetzige Tagesbewußtsein, das
dadurch errungen, verursacht wird, daß unser Ich und Astralleib ver-
bunden sind mit dem physischen und Ätherleib. Der physische Leib ist
durch vier Stadien der Erdenentwickelung gegangen, der Ätherleib ist
durch drei Stadien gegangen, der Astralleib aber nur durch zwei Sta-
dien, und das Ich ist erst durch ein Stadium gegangen.
So ruhen diejenigen, die Geister geworden sind, die unverkörperte
Seelen geworden sind, in dem Elemente, das wir selbst durchleben
während unseres Schlafes. Aber in unser Tagesbewußtsein herein kön-
nen wir sie nurmehr aus unseren Erinnerungen zur Vorstellung bringen.
Es ist ja eine andere Kraft, die da bewirkt, daß ein geistiger Impuls in
uns lebt, und eine andere Kraft, die bewirkt, daß ein solcher geistiger
Impuls in uns zum Bewußtsein kommt. Die Eindrücke auf unsere
Sinne entstehen dadurch, daß sie von außen auch in den physischen
Leib und den Ätherleib einfließen können. Für dasjenige aber, was
im Ich und Astralleibe nur sein kann, hat unsere jetzige normale Ent-
wicklung noch nicht genügend Kraft, es so in den Ätherleib und phy-
sischen Leib hinein zu drängen und zu pressen, daß es für uns Vorstel-
lung wird. Dennoch ist eine Verbindung tief geistiger Art vorhanden.
Denn gerade in den zartesten Gliedern unserer Wesenheit sind wir un-
zertrennlich verbunden mit den sogenannten Toten. Für diese Ver-
bindung bildet der äußere Tod keinen Einschnitt, kaum eine Umwand-
lung. In diesen zarten Gliedern, in dem Ich und Astralleibe, da leben
die Toten so wie die Lebendigen, da leben diejenigen, die aus unseren
Reihen heraus Geisteswesen geworden sind.
Blicken wir ihnen nach mit den Mitteln der Erkenntnis, die wir
haben gewinnen können im Laufe des Lebens. Es ist ja hier öfter betont
worden, wie ganz andersartig das Verhältnis eines Wesens überhaupt,
also auch eines Menschenwesens, ist zu seiner Umgebung, wenn dieses
Wesen nicht wie wir in der physischen Welt einen physischen Leib
oder einen Ätherleib hat. Wenn derjenige, der durch die Pforte der
Initiation gegangen ist, für seine Erkenntnis den physischen und den
Ätherleib verläßt, dann lebt er in seiner geistigen Umgebung; so lebt
er darin, wie auch der Tote darinnen lebt. Und ich habe es öfter be-
tonen müssen, wie ganz andersartig das Verhältnis zu der geistigen
Welt ist, welcher der Wahrnehmende dann selbst angehört, wenn er
ein entkörpertes Menschenwesen ist oder ein Wesen der Hierarchien
oder ein Wesen der elementaren Welt. Wir haben betonen müssen, daß
wir selbst die Worte anders wählen müssen, die andeuten sollen, wie
dann das Verhältnis ist des geistigen Wesens zu seiner Umgebung ge-
genüber dem Verhältnis eines im physischen Leibe verkörperten We-
sens zu seiner Umgebung.
Hier in der physischen Welt machen die Dinge und Wesenheiten
der Außenwelt auf uns einen Eindruck. Wir stehen da, die Wesenheiten
stehen außer uns. Das, was sie ausstrahlen, zieht durch unsere Sinne in
unsere Seele hinein. Und wir sagen, indem wir ein Bewußtsein davon
haben: Wir stehen hier eingeschlossen in die Grenzen des Leibes. Die
anderen Wesen stellen wir vor; wir nehmen sie wahr. — Wenn wir in
die geistige Welt hineinkommen, müssen wir schon das Wort anders
wählen: Als geistiges Wesen werden wir wahrgenommen von den an-
deren geistigen Wesen. Tiere nehmen wir wahr, insofern sie sinnliche
Verkörperungen sind, Pflanzen nehmen wir wahr, die Menschen neh-
men wir wahr. Indem wir nun selbst in die geistige Welt hineingehen,
werden wir wahrgenommen von den Wesen der Angeloi, der Archan-
geloi, der Archai und so weiter. Und während wir hier sagen: Wir
sehen die Pflanzen, die Tiere, die Menschen - , haben wir zu sagen,
wenn wir in die geistige Welt eintreten: Wir erleben in uns etwas, und
dieses Erleben bedeutet, die Geistesaugen eines anderen Wesens ruhen
auf uns. Wir werden wahrgenommen. - Dieses Wahrgenommenwerden,
dieses Wissen, daß auf uns geschaut wird, das unterscheidet unser Le-
ben in der geistigen Welt von dem Leben in der physischen Welt.
Die Worte schon müssen, wenn man im eigentlichen Sinne spricht,
umgewandelt werden, denn es ist alles ganz anders in der geistigen
Welt. Und um es figürlich und doch wiederum mehr als figürlich aus-
zudrücken: Wenn ein Wesen aus der geistigen Welt in die sinnliche
Verkörperung kommt, dann muß es sich darauf gefaßt machen, daß
es allmählich lernen muß - auch das Kind muß das ja lernen - , durch
die physischen Sinne nach außen zu schauen, eine Welt von außen zu
empfangen, ein Ich zu werden, das die Welt von außen empfängt.
Wenn ein Wesen durch die Pforte des Todes oder auf eine andere Art
in die geistige Welt aus der sinnlichen Welt eintritt, muß es sich daran
gewöhnen, sich zu sagen: Du bist ein Ich, aber ein Ich, das nicht iso-
liert in der Welt lebt, das innerlich immer wiederum etwas erlebt, so wie
es etwa die Erinnerungsvorstellungen erlebt hat, die aus dem Unter-
grunde der Seele herauftauchen. Aber jetzt weißt du: Was da auf-
taucht, sind die in dich hineingetretenen Vorstellungen, Gedanken,
Empfindungen der anderen Wesen, die mit dir in der geistigen Welt
zusammenleben. - So wie von außen in uns hereintreten die Eindrücke,
die wir von der Sinnenwelt, von den Sinneswesen bekommen, so treten
in unserem Inneren die Vorstellungen und Empfindungen von Wesen
auf, die in der geistigen Welt sind. Aber wir wissen, diese Vorstellungen
und Empfindungen, die in uns auftreten aus dem dann für uns wesent-
lichen Inneren, die rühren her von geistigen Wesen, die mit uns sind.
Da sind wir in der geistigen Welt, da tritt in uns eine Vorstellung auf,
die Vorstellung eines Wesens, das wir lieben müssen, eines Wesens,
das uns die Anregung gibt, dies oder jenes in der geistigen Welt zu voll-
bringen. Woher rührt diese Vorstellung, wie kommt es, daß sie in uns
auftritt, wie hier die Erinnerungen? Das rührt davon her: Ein anderes
Wesen, ein Wesen der geistigen Welt hat sich uns genähert. Wir schauen
es nicht von außen an, wir wissen, daß es da ist, weil es das, was in ihm
lebt, in uns hineinsendet. Wir werden vorgestellt, wir werden wahrge-
nommen, so müßten wir sprechen gegenüber dem, was in der geistigen
Welt lebt. Dadurch wird das Erleben in der geistigen Welt nicht etwa
abstrakter, nebelhafter, damit wird es nur um so lebendiger. Es wird
so lebendig, was wir in der geistigen Welt erleben, wie nur lebendig
sein kann das, was wir in der physischen Welt in unserer unmittelbaren
Umgebung gegenwärtig haben. So müssen wir uns bekanntmachen mit
dem ganz andersartigen Zusammenleben mit den Wesen, die in der
geistigen Welt sind.
Und nun blicken wir von diesem Gesichtspunkte aus nach jenen,
die durch die Pforte des Todes gegangen sind. Sie treten ein in die
Welt, von der sie sagen müssen: Ich lerne immer mehr kennen, wie ich
wahrgenommen werde, wie in mich ihre Vorstellungen, Empfindungen
und Gefühle hineinsenden die entkörperten Menschen, die Elementar-
wesen, die Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, der Archangeloi.
Alle diese Wesen leben in mir. — Und wir blicken hinauf zu einem
solchen Toten, und wir ahnen: So wie uns ein Mensch hier in der Sin-
nenwelt entgegentritt und wir durch seine Haut das Blut erahnen, wir
in seinen Zügen die Arbeit seiner Nerven erahnen, so erahnen wir,
indem wir den geistigen, den entkörperten Menschen schauen, wie
durch das, was von uns erlebt wird an ihm, die Gedanken, die Emp-
findungen der Angeloi, der Archangeloi, der Archai wirken.
Hier in der physischen Welt tritt uns der physische Mensch ent-
gegen. Er hat durch seine Seele und seine Entwicklung das tierische,
pflanzliche und mineralische Sein geadelt. Aber dieses tierische, pflanz-
liche und mineralische Sein, es tritt uns in ihm dennoch entgegen. Wenn
uns ein Mensch hier im physischen Dasein entgegentritt: tief verborgen
in seinem Inneren und leuchtend durch die Leibeshülle ist sein Seelisch-
Geistiges. Doch das, was von seinen Impulsen in unser Auge hinein-
strahlt, das, was in der Sinnenwelt auf uns wirkt, ist durchsetzt mit
der bis zum Menschentum veredelten tierischen Natur; es tritt uns im
Menschen die Tierheit geadelt entgegen, aber doch die Tierheit. Auch
die Pflanzenwelt und das Mineralische, sie treten uns entgegen im Men-
schen. Wir wissen: Die Reiche der Natur leben im Menschen auf einer
höheren Stufe. Und würde das Mineralreich nicht im Menschen leben,
so würde uns niemals an der Stelle, wo uns der Mensch entgegentritt
im Physischen, wirklich ein Mensch entgegentreten können, denn nur
durch das, was er an Mineralischem in sich schließt, kann er ja einen
Eindruck in uns hervorrufen. Stehen wir als Geist einem geistigen We-
sen gegenüber, so blicken wir - wie wir hier bei dem physischen Men-
schen die Tierheit sehen - bei dem geistigen Menschen in der geistigen
Welt auf dasjenige, was in ihn, in diesen geistigen Menschen hinein-
strömen lassen an Empfindungen, an Gedanken, seelenhaft die Ange-
loi. Es ist herunterorganisiert bis zum Menschenleibe, was die Angeloi
erleben. So wie hinauforganisiert ist die Tierheit in dem Menschen,
so ist herunterorganisiert in der geistigen Welt dasjenige, was die An-
geloi durchzuckt im Seelenleben des Menschen. Und wie hinauforga-
nisiert ist das Pflanzenreich im Menschen, so ist herunterorganisiert
in der geistigen Gestalt des Menschen dasjenige, was die Archangeloi
in ihn hineinströmen lassen. Und ebenso wie das Mineralreich im sinn-
lichen Menschen in uns aufglänzt und dadurch der sinnliche Mensch
in uns wahrnehmbar wird, so ist dasjenige, was uns als geistiger Mensch
in der geistigen Welt entgegentritt, dadurch eine in sich geschlossene
Imagination, daß die Archai das, was sie an formgebender Kraft, an
bildender, gestaltender Kraft haben, hineingießen in den Menschen.
So wie die drei Naturreiche hier den physischen Menschen durchsetzen,
so durchsetzen die Angeloi, Archangeloi und Archai den Geist des
Menschen in der geistigen Welt.
"Wenn dann der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist,
so ist er ja — mit Ausnahme der allerersten Zeit - durch lange Zeiten
verbunden mit seinem Astralleib und mit seinem Ich. Aber so, wie er
da nun ist der Mensch in der geistigen Welt und von der Erde sich be-
wahrt das Ich und den Astralleib, so können in ihn zunächst herein-
wirken, so daß sie ihn eigentlich wahrnehmbar machen, die Geister
der Form und diejenigen Geister, die wir kennenlernen als die Ange-
hörigen der Hierarchie der Archai. So wie das eigentliche Mineralreich
den Menschen hier sichtbar und fühlbar macht, so macht das Reich der
Archai und Geister der Form den Menschen zum festgeschlossenen We-
sen in der geistigen Welt. Und so wie das Pflanzliche schon nicht mehr
geschaut wird, sondern wie es hier in der physischen Welt im Menschen
nur erahnt wird, so wird erahnt in der festgeschlossenen Gestalt des
Menschen in der geistigen Welt dasjenige, was die Hierarchien in ihn
einströmen lassen. So wie das Tier im Menschen uns hier nicht mehr
tierisch entgegentritt, und nur die Geisteswissenschaft darauf aufmerk-
sam macht, inwiefern die Tierheit einen Anteil hat am Menschen, so
erkennt man in der geistigen Welt zunächst auch nicht den etwas ver-
borgen bleibenden Anteil der Angeloi, der noch stark ist, solange der
Mensch den Ätherleib nicht abgelegt hat. Der verborgene Anteil der
Angeloi bleibt, aber er kommt weniger zum Ausdruck, wenn man die
Geistgestalt des Menschen in der geistigen Welt sieht. So begegnet uns
in der Tat der Tote, wenn wir nach einiger Zeit zu ihm in Beziehung
treten, so daß wir sagen können: Er ist es; aber das, was ihm die fest-
geschlossene Wesenheit gibt, das ist die Art und Weise, wie in ihn hin-
einwirken die Geister der Form. Und was noch stark erahnt werden
kann an ihm, das sind die Geister der Persönlichkeit. - So gleichsam
von oben, von den Hierarchien her organisiert, tritt uns dann der Tote
entgegen, wie uns hier das Physische, durchorganisiert von der mine-
ralischen Welt, entgegentritt.
Wenn wir nun von einer Menschenseele verlassen worden sind, da-
durch daß sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, dann bewah-
ren wir hier im Rahmen unseres physischen Bewußtseins das Erinne-
rungsbild. Alles das, was uns teuer ist an dem Toten, bewahren wir in
uns. Das ist eine andere Erinnerung, als die Erinnerungen sind, die
wir sonst im äußeren Leben haben. Denken Sie nur, wie unsere ande-
ren Erinnerungen sind. Was sind sie denn? Sie sind Gedanken über
etwas, was nicht mehr da ist, denn dadurch sind sie gerade Erinnerun-
gen. Dasjenige, an das wir uns erinnern, das ist nicht da, es geschieht
nicht in dem Augenblicke, in dem wir uns erinnern. Der Inhalt un-
serer Erinnerungsvorstellungen ist nicht da, wirkt jetzt nicht. Wenn
wir uns desjenigen erinnern, was das Wesen einer Seele ist, die uns
verbunden war und die durch die Pforte des Todes gegangen ist, dann
haben wir den Gedanken an diesen Toten; aber er selbst, der Tote, ist
da, ist in unmittelbarer Gegenwart da, ist ein reales Wesen der gei-
stigen Welt. Da haben wir nicht bloß eine Erinnerungsvorstellung, da
haben wir eine Vorstellung in der Seele, die zwar auch eine Erinne-
rungsvorstellung ist, der aber ein reales geistiges Wesen entspricht. In
uns lebt die Vorstellung, und draußen in der geistigen Welt lebt der
Tote. Das Wesen ist da, und die Vorstellung ist da. In uns also, wenn
wir verehrend dem Toten nachblicken, wenn wir in treuem Gedenken
dasjenige in uns gegenwärtig machen, was der Tote uns war, in un-
serem Wachbewußtsein tritt die Imagination, tritt das Bild des Toten
auf. Da ist es. Was heißt das? Das heißt: es ist da in einem lebendig
tätigen Prozeß in unserem physischen und Ätherleibe.
In unserem physischen und in unserem Ätherleibe stellen wir für
das andere Leben, das nicht gewidmet ist der Erinnerung an teure
Tote, das vor, kombinieren in unseren Gedanken dasjenige, was in
der physischen Welt ist. Rufen wir das Bild, das Gedanken- oder
Empfindungsbild oder das Gefühlsbild des Toten in uns hervor, dann
lebt für dieses Bild in unmittelbarer Gegenwart ein Wesen, durch das
blicken, ihre Vorstellungen in ihm verbindend, Engel und Erzengel.
Bedenken Sie, wenn wir die Gedanken, die Empfindungen auf Hebe
Tote hinrichten, da ist mehr, viel mehr vorhanden, als im gewöhn-
lichen normalen Zusammenleben vorhanden ist an Beziehungen zwi-
sehen der geistigen und der sinnlichen Welt. Da ist etwas vorhanden,
was auch, ich möchte sagen, nicht vorhanden sein könnte. Und eine
Frage richtet sich auf vor dem Geistesforscher: Was bedeutet nun für
die Toten die Tatsache, daß wir leben in der Welt, die sie verlassen
haben, in dem Reiche, dessen Hülle sie abgelegt haben, was bedeutet
für diese Toten, die da leben, der Umstand, daß wir in unserem Wach-
bewußtsein, das heißt im physischen und Ätherleibe das, was uns mit
ihnen verbindet, hervorrufen? Für den Geistesforscher entsteht diese
Frage, eine Frage, die scheinbar recht intimer Natur ist, die aber, wenn
der Geistesforscher sie löst, ich glaube, viele Lichter wirft auf die Ge-
heimnisse des Lebens.
Denn wir können diese Frage noch anders, von dem Gesichtspunkte
des unmittelbaren Lebens aus stellen, des Lebens, das allerdings nicht
immer vorhanden ist, das aber die Menschen dennoch suchen auf die
Art, wie ich es vorhin angedeutet habe. Stellen wir die Frage so: Was
bedeutet es denn eigentlich für die gesamte Realität, wenn an einem
Totengedenktage, am Allerseelentage oder einem anderen Totenfest-
tage, die Seelen der Menschen, die hier auf Erden in ihren Leibeshüllen
leben, nach den Gräbern gehen oder in Gedanken sich mit ihren Toten
vereinigen? Was bedeutet es, wenn wir uns selber unsere Erinnerungs-
tage oder Erinnerungsstunden an die Toten machen? Wenn wir ihnen
in unserem Sinne vorlesen? Wenn wir etwas tun, um uns mit ihnen zu
vereinigen und besonders das lebendig zu machen, was uns mit ihnen
dauernd verbindet? Mit anderen Worten jetzt: Was bedeutet es, wenn
wir uns im Wachbewußtsein das wach rufen, was uns mit den Toten
verbindet? - So kann auch diese Frage vor das Bewußtsein des Geistes-
forschers hintreten.
Da muß er es ausdrücken durch etwas anderes, was sich ihm nun
aus der Geistesforschung heraus ergibt. Man kann gerade die wichtigsten
Tatsachen der geistigen Welt im Grunde nur bildlich ausdrücken. Man
muß nach Vergleichen suchen, wenn man die Dinge der geistigen Welt
ausdrücken will. Denn für das gewöhnliche Leben sind ja unsere Worte
geprägt, für die physische Welt, und so unmittelbar mit den Worten
der physischen Welt können wir nicht sprechen über die geistige Welt,
wenn wir ihre Tatsachen ausdrücken wollen. Wir müssen versuchen,
auf dem Umweg eines Vergleichs in unseren Seelen solche Vorstel-
lungen wachzurufen, welche uns das gegenwärtig machen, was wir
uns vorstellen wollen über die geistige Welt. Und es bietet sich dem
Geistesforscher etwas hier in der physischen Welt, wodurch er eine
Vorstellung hervorrufen kann von dem, was eben wie eine Frage vor
uns aufgetaucht ist. Wir finden hier in der physischen Welt etwas, das,
ohne daß der äußere, der Naturprozeß der sinnlichen Welt gestört
würde, auch nicht da sein könnte, das aber doch diejenigen Menschen
nicht missen möchten, die das Leben in seiner Gänze durchzuleben
streben. Was ist es, was wir hier in der physisch-sinnlichen Welt fin-
den, was nicht zum fortlaufenden Naturprozeß gehört, was wir aber
nicht missen möchten? Nun, wenn wir uns von dem, was da ist und
was sich auf das Natürliche bezieht, Bilder machen, seien es künst-
lerische Bilder, seien es solche, wie sie in neuerer Zeit durch die äußere
Photographie hervorgerufen werden, so ist das, was uns so in Bildern
der physisch-sinnlichen Welt von Wesen, die dieser Welt angehören,
entgegentritt, etwas, das zu dem Naturprozeß hinzukommt; der Na-
turprozeß würde auch ohne sie sein können.
Versuchen Sie einmal, sich das recht vorzustellen, wie das Leben
bereichert wird dadurch, daß wir uns Bilder machen von dem, was
sonst im Naturprozeß da ist. Wie sehr lechzen wir danach, außer dem
Naturprozeß noch die Kunst in unserer Welt zu haben. Wie sehr wol-
len wir von irgend etwas, was erlebt worden ist, ein Bild haben! Der
Weltenlauf könnte auch ohne das weitergehen. Ein Wesen bleibt, was
es ist, auch wenn wir kein Bild davon haben, aber wir brauchen in
gewissem Sinne ein Bild. An dieses nun wird der Geistesforscher er-
innert, wenn er sich Vorstellungen machen muß über das, was die
Toten dadurch haben, daß die Lebendigen sie in ihrer Seele aufleben
lassen.
Das, was der dem Naturprozeß entsprechende Geistesprozeß ist,
auf den die Toten, also die geistigen Wesen hinblicken, das wäre
da, auch wenn nicht in den Seelen der Menschen die teuren Erin-
nerungen auflebten. Aber öde und leer wäre dann für die Toten, für
diese geistigen Wesen der fortlaufende Geistesprozeß, so wie wir Leere
empfinden würden, wenn wir nur den Naturprozeß um uns hätten,
und nichts von Bildlichem hineingestellt wäre in das Menschenleben,
in den Naturprozeß.
Wahrhaftig, man kann folgenden Vergleich ziehen: Wenn eine
teure Freundin, ein teurer Freund lange von Ihnen abwesend waren,
Sie liebend ihrer gedenken und sie nicht sehen können, und nun schicken
Ihnen diese ein Bild, so ist Ihnen dieses Bild lieb. Es ist etwas, was Ihr
Herz mit Wärme erfüllt, etwas, was Sie brauchen. So wie Ihnen das
Bild teuer sein muß, so sind die Gedanken an die teuren Toten, die im
wachen Tagesbewußtsein der Menschen leben, für diese Toten, wenn
sie herunterschauen auf die Welt, die sie sonst nur als fortlaufenden
Geistesprozeß empfinden, den sie aber nun durchsetzt fühlen von dem,
was nicht da sein könnte und doch da sein muß - in dem einen oder
anderen Sinn sind die Worte zu nehmen —, wenn sie das, was fort-
laufender Geistesprozeß ist, mit dem durchsetzt fühlen, was ihnen
aus den Seelen, die hier geblieben sind, hinaufgestrahlt wird, etwa wie
ein Bild eines lieben Menschen. Darum kann man sagen: Wenn man
auf einen Friedhof geht, am Totensonntag oder am Allerseelentag,
und dort viele Menschen sieht, die in dieser Zeit erfüllt sind von dem
Bilde ihrer teuren Toten, und man blickt dann hinauf in die Seelen
derer, an die da erinnert wird, dann sind das die Dome, die Kunst-
werke für diese Toten. Dann durchleuchtet das, was ihnen da von der
Erde hinaufstrahlt, für diese Toten die Welt wie ein herrlicher Dom,
der uns Geheimnisse kündet, uns die Welt durchleuchtet, oder wie ein
Bild, das uns lieb und wert ist, einen lieben Menschen vergegenwärtigt.
Öde und leer wäre für die Toten die Welt, in die sie immerdar blicken
müssen; von ihrem Gesichtspunkte aus wäre diese Welt der Erde öde
und leer, wenn sie herunterblicken würden, und in den Seelen der hier
auf Erden Lebenden nicht das zu ihnen hinaufblickte, was ja auch
nicht sein kann, und doch sein muß: die Gedanken, welche die auf der
Erde Lebenden mit den geistig Lebenden, den Toten, verbinden.
Ein tief ergreifender Gegensatz kündet sich uns da an, zwischen
dem Erdenleben und dem Leben im Geiste. Wir müssen, um das Erden-
leben zu erhöhen, dasjenige, was nicht ist, im Bilde zum Erdenleben
hinzufügen für die auf der Erde Lebenden. Eine von allem Bild-
lichen entblößte Erde, eine bloße Naturerde, wie öde, wie leer wäre
sie! Und jetzt erheben wir uns zu dem Standpunkt der Toten. Sie wür-
den den fortlaufenden Geistesprozeß wahrnehmen, aber öde und leer
wäre er für sie, so öde und leer wie das bildlose Naturdasein für die
Erdenkinder, wenn die Erinnerungen an die Toten nicht lebendig wä-
ren, wenn das treue Gedenken nicht wach wäre in den Wachbewußt-
seinen, wenn innerhalb des fortlaufenden Geistesprozesses nicht die
Gedanken wären, die für die geistige Welt gleich Kunstwerken sind,
insofern sie schöne Gedanken sind, und nicht verwoben sind dem
Erdenprozeß, sondern hingerichtet werden auf die nicht mehr im Er-
denprozeß Lebenden. Und was hier auf der Erde ein Kunstwerk zum
Kunstwerk macht, was seine Schönheit erhöht, es ist ja etwas, was in
viel geringerem Sinne mit dem menschlichen Innersten zusammen-
hängt als das, was unsere Gedanken an die Toten für die geistige Welt
sind. Denn auch in der geistigen Welt gibt es in diesem Sinne eine
Schönheit, eine wirkliche, echte Schönheit. Sie entsteht aber nicht in
dem gleichen Maße durch Äußerlichkeit, wie sie doch vielfach hier in
der physischen Welt durch Äußerlichkeit in dem Bilde entsteht. Daß
die Gemälde von Raffael, von Leonardo, von Dürer schöner sind als
andere, rührt davon her, daß diese Meister eben mehr konnten als
andere Meister. Daß ein Toter ein schöneres Kunstwerk - analogisch
gesprochen - von der Erde hinauf sich entgegenstrahien fühlt, das
rührt her von der Tiefe der Innerlichkeit, von dem heiligen geistigen
Gefühl der Erinnerung, die wir an ihn fortdauernd hegen. Die Stärke
der Empfindung für die Toten greift ein in unser Seelenleben und ver-
tieft es im Anblick der Toten selber. Dies macht unsere Seele schöner
und schöner.
Verfolgen Sie diesen Gedanken in Ihrer eigenen Seele, meine lieben
Freunde, und Sie werden durch diese Vertiefung manches sich er-
meditieren, was Ihnen Aufschluß geben kann über den Zusammen-
hang zwischen der geistigen und der sinnlichen Welt und über das
spezielle Kapitel der geistigen Welt, in der die Toten leben, und der
sinnlichen Welt, in der die Erdenmenschen leben. Wir werden andere
Betrachtungen aufbauen, die uns in weitere Kreise der geistigen Welt
einführen können, nach diesem ersten Kapitel, das wir heute durch-
gearbeitet haben.
F Ü N F T E R VORTRAG
Stuttgart, 23. November 1915

Wenn man an das Geheimnis des Todes herantritt, dann muß man
sich vor allen Dingen immer gegenwärtig halten, wie es auch gestern
wieder betont worden ist, daß zur Charakteristik der geistigen Welten
schon notwendig ist, den Sinn, der in unseren gewöhnlichen, für die
physische Welt zugeschnittenen Worten liegt, zu wandeln. Denn der
Tote, der sogenannte Tote, tritt ein in die geistige Welt, und wie wir
ja schon wiederholt angedeutet haben, ist es eben in der geistigen Welt
von Grund aus anders als in der physischen Welt.
Nicht nur nach geisteswissenschaftlichen Einsichten, sondern schon
in Gemäßheit der gewöhnlichen physischen Vernunft kann gedacht
werden, daß beim Eintreten in die geistige Welt durch die Pforte des
Todes das erste für den Toten ist: das Lösen des physischen Leibes von
dem, was innerhalb dieses physischen Leibes seine andere Menschen-
wesenheit ist. Das ist ja natürlich eine ganz triviale Wahrheit. Wir
wollen nun heute in dem Sinne, wie das für die Geisteswissenschaft er-
forschbar ist, auf die Vorgänge, die in Betracht kommen beim Be-
schreiben der Pforte des Todes und dem weiteren Verfolg des Weges
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, auf die inneren Erlebnisse
des Toten hinschauen.
Für den Menschen, der hier im physischen Leben zurückbleibt, ist
es ja so, daß er die Empfindung hat, dasjenige, was so in der physischen
Leibeshülle eingeschlossen ist, verlasse den oder die Zurückbleibenden,
der Tote gehe fort in eine andere Welt. Die Wahrnehmung, die der
Tote - wie gesagt, nach dem, was für die Geisteswissenschaft erforsch-
bar ist - zunächst hat, ist die, daß er seinerseits verlassen wird von
den Erdenbewohnern und auch von seinem physischen Leibe, von dem,
was das Werkzeug war für seine Wahrnehmung, für sein Denken und
Fühlen und seine Willensfähigkeit zwischen Geburt und Tod. Diese
also, die um ihn waren, die mit ihm verbunden waren, gehen von ihm
weg: das ist seine erste Wahrnehmung. Diese Wahrnehmung ist zunächst
verknüpft mit den Vorgängen, die wir oft beschrieben haben: daß die
Erde selber in einem gewissen Sinne weggehe, so daß sie die physische
Leibeshülle von dem durch die Pforte des Todes Gehenden wegnimmt.
Es ist durchaus so, als ob gewissermaßen der Tote das Gefühl bekäme,
er bleibe hinter einer Bewegung zurück, die er eigentlich hier auf der
Erde gar nicht wahrgenommen hat, er bleibe hinter der eigenen Be-
wegung der Erde zurück; die Erde gehe von ihm fort und mit der
Erde alles dasjenige, was ihn auf der Erde umgeben hat. Und er werde
nun einer ganz anderen Welt eingegliedert, aber einer Welt, durch die
er nunmehr etwas wahrnimmt, was ihm vorher ganz verborgen war,
durch die er wahrnimmt, daß dasjenige, was ihm als Leibeshülle ge-
geben war, gebunden ist an die Erde, auch an die Bewegungen der Erde.
Er hat so gewissermaßen das Gefühl - obwohl das recht ungenau aus-
gedrückt ist -, er könne den Weg nicht mehr mitmachen, den die Erde
und ihre Geister machen; daher verlassen sie ihn. Er bleibe in einer
gewissen größeren Ruhelage zurück, er gliedere sich gewissermaßen
einer ruhigeren Welt ein.
Auf diese Wahrnehmung des Verlassenwerdens, namentlich auch
von der physischen Leibeshülle, von alledem, was man von Menschen
erfahren hat, was man mit den Menschen erlebt hat zwischen Geburt
und Tod, gründet sich nun für den Toten gar mancherlei. Der Besitz
seiner physischen Leibeshülle war ihm etwas Selbstverständliches wäh-
rend des Erdenlebens. Daher ist das, was er jetzt wahrnimmt, etwas
ganz Neues, und wir werden sehen, wie verschieden diese Wahrneh-
mungen sind, je nachdem man eines sogenannten natürlichen Todes
durch Krankheit oder Altersauflösung stirbt oder eines gewaltsamen
Todes, zum Beispiel eines solchen Todes, den jetzt viele Tausende
sterben müssen.
Diese Wahrnehmung, von demjenigen verlassen zu werden, was
einem selbstverständlich als Eigentum gehörte, bedingt, daß etwas ganz
Neues im Seelenleben auftritt. Es bedeutet, daß etwas im Seelenleben
auftritt, was man eben nicht hat kennenlernen können, solange man im
Leibe weilte. Das erste, was da im Seelenleben auftritt, ist, ich möchte
sagen, das umgekehrte Gefühl gegenüber dem Leben. Hier auf der
Erde hat man das Gefühl, daß einem das Leben von außen gegeben ist,
daß man lebt durch die Lebenskräfte, die einem vom Äußeren der
Erde gegeben sind. Nun geht sozusagen die Erde mit dem, was sie
einem gegeben hat, fort und sogleich tritt durch dieses Verlassen wer den
das Gefühl auf, daß von innen heraus nunmehr die Kraft des Belebens
sprudelt. Das erste also ist die Wahrnehmung des Sich-Belebens. Es
ist der Übergang zu einer gewissen Aktivität, während man bisher in
der Passivität verharrt hat: Du belebst dasjenige, was du nun bist.
Du bist in dir selber. Was du bisher Welt nanntest, das ist von dir fort-
gegangen. Das, in dem du jetzt lebst, indem du es aber ganz ausfüllst,
das erzeugt in sich selber die Kraft des Belebens, das belebt sich. - Und
im Konkreten ist das so, daß sich eben das ergibt, was ich oftmals das
Lebenspanorama genannt habe, das flutende Leben in alledem, was
man zwischen Geburt und Tod erlebt hat. Die Bilder dieses Lebens
treten ja vor die Seele. Es steigt gleichsam aus dem Punkte, in dem man
selber ist, wie ein mächtiger, sich erzeugender Traum das ganze letzte
Leben zwischen Geburt und Tod auf. Aber Kraft braucht dieses Bild,
damit es nicht ein Traum sei. Es wäre wie ein dahinflutender Traum,
wenn man nicht dadurch, daß man dieses Bewußtsein errungen hat:
die eigene Leibeshülle löst sich los von dem Geistig-Seelischen - , die
Kraft des Belebens bekommen hätte. Der Traum belebt sich. Es wird,
was sonst nur flutende, dunkle Traumesbilderwelt wäre, von dem-
selben Punkte aus belebt, es wird lebendige Welt, lebendiges Lebens-
panorama. Man ist selber Quell des Belebens für das, was also als
Traum auftaucht. Das ist ja das unmittelbare Erleben nach dem Tode.
Das alles ist so, während der Mensch noch kaum das Bewußtsein
hat, er sei aus seinem früheren Bewußtsein heraus, sondern als habe
sich nur in ihm etwas geregt wie aus dem Mittelpunkt seines Wesens,
das sich ausbreitet und dem entflieht jenes Leben, dem er sich bis nun
passiv hingegeben hat. Was man nicht gewußt hat zwischen Geburt und
Tod: daß Gedanken, die sonst bloß wie ein Ich-Traum auf und ab
wogen, leben, das weiß man jetzt. Und man lebt sich nun aus dem
früher fremden Leben heraus in dieses Eigenleben hinein. Man erlebt,
was es bedeutet, daß das, was bisher mehr äußerlich mit einem ver-
bunden war, das Innerste ergreift. Was bisher eben nicht Leben, son-
dern Bild des Lebens war, ergreift das Vorstellen, das Denken. Und
während man sich in diese Vorstellung hineinfindet, geht allmählich

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eine weitere auf. Das ist diese, die man nennen könnte: ein Sich-Hin-
einleben in ein Durchtönen des Lebenspanoramas mit dem Weltenall. -
Mehr im allgemeinen habe ich diese Dinge schon beschrieben. Man muß
sie aber immer genauer betrachten, damit man hinter die Geheimnisse
der Welt kommt.
Zuerst belebt sich gewissermaßen der innerste Lebenstraum, wird
selbst ein lebendes Universum, ein lebender Kosmos. Dann füllt er
sich gleichsam aus mit dem, was man nennen kann: Es durchtönt
die Sphärenmusik des Weltenalls diesen Lebenstraum. Man erlebt,
wie das, was man selber war zwischen Geburt und Tod als ein Aus-
schnitt aus dem Kosmos, nunmehr aufgenommen wird von dem Kos-
mos, wie sich das eingliedert demjenigen, was jetzt nicht irdisch ist.
Denn das Irdische hat man durchgemacht zwischen Geburt und Tod.
Und dann ist das Nächste, daß man fühlt, wie intim der Kosmos das-
jenige durchzieht, was man so als ein Ausschnitt war. Man hat das
Gefühl, wie wenn ein inneres Licht aufginge und dasjenige erhellte,
was man war. Das alles aber strömt und tönt sozusagen in das Lebens-
panorama hinein. Dann löst sich der Ätherleib ab - denn diese Vor-
gänge geschehen ja alle, solange der Mensch mit dem Ätherleibe ver-
bunden ist -, und es geschieht das, was man nennt die Loslösung des
Ätherleibes.
Nun ist dieses, was man da erlebt, dieses Wahrnehmen des Lebens-
panoramas, dieses Auskleiden des Lebenspanoramas mit den tönenden
und leuchtenden Substanzen des Kosmos, ähnlich dem Sich-Einglie-
dern des physischen Leibes in die menschliche Wesenheit, wenn man
durch die Geburt ins Dasein tritt. Wie da sozusagen die menschliche
Substanz, die einem von der Erde gegeben ist, sich in das menschliche
Seelenwesen hineingliedert, so gliedert sich nach dem Durchschreiten
der Todespforte hinein das Kosmische, das Allmäßige. Dieses Erleben,
das da beschrieben worden ist, es ist nötig. Und wenn man wirklich
geisteswissenschaftlich das Leben zwischen Tod und neuer Geburt ver-
folgt, dann bemerkt man, welche Bedeutung für dieses ganze Leben zwi-
schen Tod und neuer Geburt dieses erste Durchleben nach dem Durch-
schreiten der Todespforte hat. Hier im physischen Erdenleben - das
müssen wir uns ganz klarmachen, ich habe es öfters betont - haben
wir unser Ich-Bewußtsein dadurch, daß wir eben in dem physischen
Leibe leben. Ich betone ausdrücklich: das Ich-Bewußtsein, nicht das
Ich. Unser Ich ist uns ja zugeteilt von den Geistern der Form, das ist
etwas anderes. Aber unser Ich-Bewußtsein haben wir dadurch, daß
wir im physischen Leibe untergetaucht sind. Dieses Ich-Bewußtsein
im wachen Erdenzustand müssen wir uns nur seinem Wesen nach ganz
klarmachen. Sie können es sich am besten so klarmachen: Denken Sie
sich, Sie bewegen sich durch einen Raum. Zunächst spüren Sie nichts;
jetzt stoßen Sie an etwas. Die Außenwelt stößt an Sie, aber Sie werden
sich gewahr. Sie werden den Stoß, den Ihnen die Außenwelt versetzt,
in sich gewahr, Sie werden sich an der Außenwelt gewahr, Sie spüren
sich, der an die Außenwelt anstößt.
In der Tat haben wir unser Ich-Bewußtsein in der physischen Welt
dadurch, daß wir überall an die Außenwelt stoßen. Natürlich nicht
nur mit dem Tastsinn, sondern wenn wir die Augen aufmachen, stoßen
wir auch an, das heißt, wir stoßen auf das äußere Licht; wenn Töne
an unser Ohr dringen, so werden wir uns gewahr, indem unser Gehör
an die Töne anstößt.
So aber werden wir uns auch selbst gewahr dadurch, daß wir jeden
Morgen aus der geistigen Welt herauskommen und untertauchen in die
physische Welt. Dieses Untertauchen in unseren physischen Leib, das
heißt dieses Zusammenstoßen unseres Ich und Astralleibes mit dem
Ätherleibe und physischen Leibe, das erzeugt unser Ich-Bewußtsein.
Daher in der Regel das Fehlen des Ich-Bewußtseins in der Traumes-
welt: weil wir zum Ich-Bewußtsein eben dieses Zusammenstoßen mit
dem physischen Leibe und dem Ätherleibe brauchen.
Zum klaren, deutlichen, wachen Ich-Bewußtsein brauchen wir die-
ses Zusammenstoßen. Nun ist dem, der durch die Pforte des Todes ge-
gangen ist, der äußere physische Leib genommen. Auf dieselbe Weise,
wie zwischen Geburt und Tod, kann er das Ich-Bewußtsein nicht er-
zeugen. Er würde ohne Bewußtsein seines Ich den Weg zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt schreiten müssen, wenn nicht dieses Ich-
Bewußtsein nun auf einem anderen Wege erzeugt würde. Dieser andere
Weg ist der, daß alles dasjenige, was wir nun unmittelbar im Äther-
leibe durchleben, nachdem wir durch die Pforte des Todes geschritten
sind, die ganze Zeit über zwischen dem Tod und einer neuen Geburt
bestehen bleibt.
Auch in dieser Beziehung ist das Erleben in der geistigen Welt zwi-
schen dem Tod und einer neuen Geburt entgegengesetzt dem physi-
schen Erleben hier zwischen Geburt und Tod. Hier in der physischen
Welt kann sich im normalen Bewußtsein keiner des Momentes seiner
Geburt erinnern; das Erinnern setzt erst später ein. An sein Geboren-
werden erinnert sich der Mensch nicht, das steht sozusagen in einer
größeren zeitlichen Ferne, als der Erinnerungsweg rückwärts durch-
machen kann. Das aber, was der Mensch innerlich jetzt erlebt von
der anderen Seite des Todes aus, das bleibt das ganze Leben hindurch
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt für die Seele bestehen. Das
Todeserlebnis, das bleibt ebenso gewiß bestehen, wie das Geburtser-
lebnis verschwindet, wenn der Mensch in die physische Welt eintritt.
Zu seiner Geburt sieht der physische Mensch nicht zurück in der phy-
sischen Welt, auf den Tod sieht er zurück in der ganzen Zeit zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt. Dieses Zurückschauen, dieses Tref-
fen auf das Todeserlebnis, das ist es, was das Ich-Bewußtsein erzeugt
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, dem verdanken wir es.
Der Anblick des Todes ist ja nur von der Seite des physischen Er-
lebens aus gesehen, wenn überhaupt, etwas Schreckliches. Nur da hat er
Grausen und Schrecken, wenn man ihn von dieser Seite aus sieht. Der
Tote sieht ihn aber von der anderen Seite. Und von dieser Seite aus
gesehen, hat das Wissen wirklich nichts Furchtbares, daß gewisser-
maßen der Moment des Todes bleibend ist für das ganze Leben zwi-
schen Tod und neuer Geburt. Denn wenn er auch Vernichtung ist, an-
gesehen von dieser physischen Seite des Lebens, so ist er das Herrlichste,
das Größte, das Schönste, das Erhabenste, was immerfort gesehen
werden kann von der anderen Seite des Lebens aus. Da bezeugt er fort-
während den Sieg des Geistes über die Materie, die selbstschöpferische
Lebenskraft des Geistes. In diesem Erfühlen der selbstschöpferischen
Lebenskraft des Geistes ist das Ich-Bewußtsein vorhanden in den gei-
stigen Welten.
In den geistigen Welten hat man also dieses Ich-Bewußtsein gerade
dadurch, daß man fortwährend sich innerlich selbst erzeugt, daß man
niemals an ein bestehendes Sein appelliert, sondern immer sich selbst
erzeugt, und in diesem Selbst-Erzeugen gewissermaßen sich berührt
rückwärts hin nach dem Momente, da der Tod eingetreten ist. Also
wir können auch angeben, auf welche Weise das Ich-Bewußtsein, das
Selbst-Bewußtsein in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt er-
zeugt wird. Diese große Bedeutung der Geburt des Ich-Bewußtseins hat
dieses Erleben in der ersten Zeit nach dem Tode. Und natürlich ist
gerade dieses erste Erlebnis auch verschieden, je nachdem der Mensch,
sagen wir, ein höheres Alter erreicht, dann auf naturgemäße Weise
durch die Pforte des Todes geht, oder vielleicht im zartesten Kindes-
alter schon dahingerafft wird oder in der Blüte seiner Jahre. Und von
einer ganz besonderen Bedeutung in bezug auf den Unterschied auf
diesem Gebiet ist annähernd — natürlich nicht pedantisch genau - das
fünfunddreißigste Lebensjahr. Was jetzt in so tausendfältiger Weise
stattfindet, daß junge Leute in der Blüte ihres Lebens durch die Pforte
des Todes schreiten: es wird sich uns morgen zeigen, wie sich das noch
weiter modifiziert dadurch, daß der Tod von außen an sie herantritt.
Aber wenn ein Mensch überhaupt jung durch die Pforte des Todes
schreitet, dann ist das Erblicken dieses geschilderten Lebenstableaus
mit seinen belebenden Vorgängen schon anders, als wenn man etwa
nach dem fünfunddreißigsten Lebensjahr durch die Pforte des Todes
schreitet.
Man kann etwa so sagen - obwohl es natürlich schwierig ist, für
diese Verhältnisse die richtigen Worte zu finden - , jemand, der in
jugendlichem Alter dahinstirbt, der hat das Gefühl: Das Traumbild
deines Lebens taucht auf, du belebst es aus dem Mittelpunkt deines
Lebens heraus. Aber indem du deine eigenen belebenden Kräfte aus-
gießest über dieses Lebenstableau, steht hinter .diesem Lebenstableau
noch etwas wie ein Rest aus der Welt, aus der du herausgeschritten
bist, indem du durch die Geburt gegangen bist.
Stirbt ein Kind, dann ist das Lebenstableau ja außerordentlich kurz.
Wenn zum Beispiel ein sechsjähriges Kind stirbt, so ist das Lebens-
tableau noch wenig inhaltsreich. Dafür tritt aber gewissermaßen hin-
ter diesem Tableau, in dasselbe hereinschattierend, von hinten noch vieles
von dem auf, was vor der Geburt durchlebt wurde in der geistigen
Welt, oder, wie man auch in der deutschen Sprache früher gesagt hat -
Goethe hat den Ausdruck gebraucht —, bevor man «jung geworden»
ist. Ein schöner Ausdruck, der jetzt verlorengegangen ist. Und wenn
ein Kind stirbt, das noch keine Rückerinnerung besitzt, bei dem noch
nicht der Zeitpunkt eingetreten ist, bis zu dem man sich zurückerinnert,
so hat es eigentlich noch nicht ein solches Lebenstableau, in welchem es
sich so unmittelbar darinnen fühlt, wie der Mensch sich drinnen fühlt,
wenn er später stirbt; sondern es tritt durch das ganze Lebenstableau
heraus, bloß ein wenig modifiziert, dasjenige, was es um sich gehabt
hat vor der Geburt. Man kann sagen: Dieses Erschauen bestimmter
Reste der geistigen Welt, die man vor der Geburt durchlebt hat, verliert
sich erst für die Rückschau nach dem Tode, wenn man das fünfunddrei-
ßigste Lebensjahr durchschritten hat.
Man soll niemals - dieses sei in Einschaltung gesagt — in die Ver-
suchung kommen, ich betone das ausdrücklich, sich dem gar nicht un-
gefährlichen Gedanken hinzugeben, was nun für einen Menschen bes-
ser sein könnte: vor dem fünfunddreißigsten Lebensjahr zu sterben,
oder nach dem fünfunddreißigsten Lebensjahr zu sterben und das-
jenige durchzuleben, was wir noch beschreiben werden. Diesen Gedan-
ken soll man nicht nachgehen, man soll sie nicht hegen, sondern man
soll erwägen: Wann man durch die Pforte des Todes schreitet, das
soll man im strengsten Sinne des Wortes einzig und allein dem Karma
überlassen.
Aber diese Dinge verstehen, das ist wichtig. Stirbt man nach dem
fünfunddreißigsten Lebensjahr, dann ist allerdings nicht die Möglich-
keit gegeben, etwas von dem Reste des der Geburt vorangehenden gei-
stigen Lebens noch zu schauen. Das ist abgedunkelt. Aber das Lebens-
tableau tritt dennoch auf. Nur hat man ein starkes Gefühl, daß man
von innen heraus es erzeugt, daß man es gewissermaßen selber spinnt;
aber es wird durchbelebt, dieses Gespinst. Dadurch unterscheiden sich
ganz wesentlich das Sterben vor dem fünfunddreißigsten Jahr und
das Sterben nach dem fünfunddreißigsten Jahr in bezug auf das Le-
benstableau. Das vorfünfunddreißigjährige Lebenstableau hat noch
viel mehr den Charakter, daß es wie von außen an einen herankommt,
wie aus einer geistigen Welt heraus, und man ihm nur entgegenschiebt
dasjenige, was man selber erlebt hat. Das nachfünfunddreißigjährige
Lebenstableau ist so, daß einem eigentlich von außen entgegenkommt
zuerst mehr ein Leeres, ein Verdunkeltes, und daß man diesem Dun-
kel entgegenbringt, was man sich im Leben erworben hat. Aber es
entzündet sich dadurch nicht minder lebendig. Es ist das innere Er-
leben modifiziert dadurch, daß man es das eine Mal so wie das Her-
ankommen einer Fata Morgana hat, der man entgegengeht, während
das andere Mal der Mensch seine Welt in die Welt des Kosmos hin-
einträgt. Das alles hat für das Leben eine große Bedeutung, wie wir mor-
gen noch sehen werden. Dieser karmische Vorgang, daß uns unser phy-
sischer Leib in einem bestimmten Alter des physischen Lebens ent-
rissen wird, hat eine große Bedeutung für die Art des Lebens nach
dem Tode. Aber das hängt innig zusammen mit unserem ganzen Karma.
Dann kommt die Zeit, in der wir das Gefühl haben: Jetzt bist du
eigentlich erst draußen, aus dem Irdischen heraus. - Wenn man grob
sprechen würde, so könnte man so sagen: Unmittelbar beim Durch-
schreiten der Pforte des Todes hat man das Gefühl, der irdische Leib
geht von einem fort. Die Freunde, die Menschen, mit denen man zu-
sammen war, gehen von einem fort. Die Erlebnisse, die man mit ihnen
hatte, gehen von einem fort. Man ist für eine Weile mit sich allein,
allein mit dem, was man erlebt hat. Natürlich ist da alles in dem Le-
benstraum drinnen, was man mit den Menschen erlebt hat; man be-
schaut es als das, was die Menschen in einen eingegraben haben, aber
so, daß man die Tage über in sich lebt und in sich den Lebenstraum be-
lebt. Man hat da den Eindruck, auch die Erde gehe von einem fort, aber
man lebe noch durchaus in derselben Sphäre, in der sich die Erde befin-
det, in der Sphäre, die noch zur Erde gehört. - Und das Ablegen des
Ätherleibes erlebt man eigentlich auch so, daß man das Gefühl hat:
Jetzt bist du nicht nur aus der Erde und ihrer Substanz heraus, sondern
auch aus dem, was die unmittelbarste Umgebung der Erde ist, aus dem
Licht; du bist auch aus dem fort, was auf der Erde als dichte Substan-
tialität die Sphärenmusik unhörbar macht. Du bist - das ist der letzte
Eindruck vielleicht, der sehr bedeutsam ist, der dann etwas Bleiben-
des ist - , du bist fort aus der Gewohnheit, gewissermaßen dich und deine
Umgebung beleuchten zu lassen von äußerem Licht. - Ich bemerke ein-
schaltungsweise: Die dümmste Vorstellung haben diejenigen, die glau-
ben, wenn man von der Erde zur Sonne wegfliegen würde, so würde
man immerfort durch Licht fliegen. Diese phantastische Vorstellung
haben gegenwärtig die materialistischen Physiker. Der Glaube, daß die
Sonne in der Weise, wie man es in der Physik beschreibt, Licht ver-
breite, daß durch den Weltenraum das Licht gehe und auf die Erde
falle, das ist einer der ärgsten Aberglauben. Man merkt das nach dem
Tode dadurch, daß man, sich von dem Ätherleib frei wissend, die Er-
fahrung macht, daß nur in dem Gebiet, das zur Erde gehört, das ist, was
wir als Sonnenlicht hier im physischen Leben haben. Man hat die Wahr-
nehmung: Jetzt stört dich dieses Licht nicht mehr. Jetzt ist es die in-
nere Erzeugung des Lichtes, die sich ausbreitet in dem erst Durchtönten.
Das innere Licht kann nun wirksam werden, weil das äußere Licht
das innere nicht mehr stört.
Und nun beginnt eben mit dem Ablegen des Ätherleibes der Ein-
tritt in jene Welt, die so oft die Kamalokawelt genannt wird. Wir
wollen sie die Seelenwelt nennen, denn nachdem zuerst die innere Be-
lebekraft aufgetreten ist, erlebt man dann etwas wie inneres Durch-
tönen dessen, was man ist, da man nun mit sich allein ist. Und nach
dem inneren Durchleuchten tritt nun das auf, was wie ein inneres
Durchwärmen sich ausnimmt. Hier auf der Erde hat man das Durch-
wärmen, indem man Wärme von außen empfängt und darauf ange-
wiesen sich fühlt im physischen Leibe. Und nun tritt das innere Durch-
wärmen auf, und dieses Durchwärmen ist so, daß man nun wieder
fühlt: Du bist jetzt imstande, in dem Elemente, in dem du lebst, die
Empfindung in dir selbst hervorzurufen, die du früher auch hattest,
aber in der Form: Wärme wirkt auf dich. - Das durchzieht das Le-
benstableau mit Wärme. Dadurch tritt man in ein völlig neues Ele-
ment ein. Man hat das Gefühl, daß der Ätherleib einen nun verläßt.
Und das ist eben der Eintritt in die Welt, die mit vollem Bedacht in
meinem Buche «Theosophie» die Welt der Begierdenglut genannt wor-
den ist, weil die Wärme, die von innen auftritt, zugleich Begierde ist,
sich erzeugende, fließende Begierde, Empfinden des Wollenselementes.
Und in sie mischt sich schon hinein dasjenige, was uns jetzt für eine
gewisse längere Zeit bleibt: das Erleben der Seelenwelt, die ich ja öfters
geschildert habe - wir können diese Dinge nur nach und nach genauer
schildern - als ein Zurückerleben des Lebens. Man schreitet von dem
Erleben des Todes zurück gegen die Geburt hin. Und nun erlebt man
alles das von der anderen Seite wieder, was man hier im physischen Le-
ben durchlebt hat. Aber nicht so durchlebt man es, wie man es hier in
der physischen "Welt durchlebt hat, sondern man erlebt es auf moralische
Weise. Wenn man, sagen wir, an einem gewissen Zeitpunkt zwischen Ge-
burt und Tod jemandem eine Verletzung zugefügt hat, so hat man dazu-
mal in sich dasjenige gespürt, was man getan hat, nicht aber das Leid,
das der andere empfunden hat. Jetzt erlebt man dieselbe Sache wieder,
aber nicht das, was man selber an Zorn oder Antipathie in sich durch-
lebt hat, sondern so, wie der andere es erlebt hat. Man breitet sein eige-
nes Erleben, wenn ich mich so ausdrücken will, auf die Wirkungen sei-
ner Taten aus, die da waren zwischen Geburt und Tod. Man lebt sich
in alle Wirkungen der Taten hinein.
Das ist gewissermaßen die Grundlage des Lebens zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt, daß man sich während des Erlebens in der
Seelenwelt nach und nach in das, was man bewirkt hat zwischen Ge-
burt und Tod, hineinlebt, daß man in dieses allmählich untertaucht.
Wirklich so, wie man nach und nach hier von Kindheit auf sich in die
Natur hineinlebte, wie man lernte, die Natur wahrzunehmen, die Na-
tur zu verstehen, so lebt man sich in der Zeit nach dem Tode in die
Wirkungen seiner eigenen Taten, in die Wirkung seiner eigenen Ge-
danken und Worte, kurz in die gesamte Welt der Wirkungen hinein;
man strömt sich aus in die Welt der Wirkungen. Gewiß tauchen aus
diesem Untergrund schon geistige Wesen nach und nach auf: die Wesen
der höheren Hierarchien, die Wesen der Elementarwelt. So wie wir
hier nicht bloß die Natur erleben, sondern Tiere, Pflanzen, Mineralien
auftauchen auf dem Boden der Natur, so tauchen auf innerhalb dieses
Zurückerlebens, wo wir uns in die Wirkungen unserer Taten hinein-
leben - denn das ist eigentlich dann der Grundboden unserer Welt - ,
die geistigen Wesen in der geistigen Welt. Da kommen uns dann auch
entgegen, wie in der physischen Welt die physischen Wesen, unter den
geistigen Wesenheiten der Elementarreiche und der höheren Hierar-
chien die Seelen, die mit uns in Zusammenhang gestanden haben, die
Seelen, die schon früher verstorben und in der geistigen Welt sind, oder
die Seelen, die noch im physischen Leibe verkörpert sind, mit denen wir
hier Zusammenhang gehabt haben. Mit alledem belebt sich dieser
Grundboden des nachtodlichen Seins, dieses Sich-Auflösen in die Welt
seiner eigenen Taten.
Und da ist in einer gewissen Weise wahrzunehmen, daß ein Unter-
schied besteht zwischen dem Wahrnehmen einer Seele, die noch auf
Erden weilt, und einer Seele, die auch schon durch die Pforte des To-
des gegangen ist. Der Tote weiß natürlich, ob er es mit der einen oder
mit der anderen Seele zu tun hat. Wenn er es mit einer Seele zu tun
hat, die noch im irdischen Leibe weilt, dann hat der Tote das Ge-
fühl, daß diese Seele mehr wie von außen an ihn herandringe, daß sich
das Bild, die Imagination selber formt. Bei einer Seele, die auch schon
zu den entkörperten gehört, ist ein viel aktiveres Erleben da. Da hat
man das Gefühl, daß die Seele an einen herankommt, daß man aber
das Bild für diese Seele formen muß. Der Tote kommt mit seiner Wesen-
heit an einen heran, sein Bild muß man selber formen; der noch Le-
bende bringt einem sein Bild heran, wenn man auf ihn hinunterschaut.
Und nun durchlebt man also in einer gewissen Weise mit moralischer
Betonung dasjenige, was man seine Taten nennen kann, das heißt die
Wirkungen desjenigen, was man getan, gedacht, gewollt hat. Da taucht
man unter, da lebt man sich hinein. Und in einer ganz bestimmten
Weise taucht man ein, nämlich so, daß man eben zum Beispiel das Er-
leben hat: Du hast jemanden verletzt, jetzt erlebst du, was der andere
erlebt hat durch die Verletzung! - Das ist wirklich jetzt eigenes Er-
leben, was der andere hier in der physischen Welt erlebt hat. Das macht
man durch. Und indem man es durchmacht, taucht ganz wie durch
innere, elementare Notwendigkeit in einem die Kraft auf: Das mußt
du ausgleichen, das mußt du gutmachen! - Es ist wirklich so, daß Sie
den Vergleich gebrauchen können: Eine Stechmücke fliegt Ihnen ent-
gegen, Sie schließen die Augen. Sie führen eine Tätigkeit aus unter ei-
nem Eindruck. - Nach dem Tode erleben Sie das, was irgend etwas,
das Sie begangen haben, bewirkt hat; dann antworten Sie in sich selber
in dem Erzeugen der Kraft, das auszugleichen, also das auszugleichen,
was der andere durch die Verletzung erlitten hat. Das heißt, indem Sie
das durchleben, rückläufig im Seelenland erleben, nehmen Sie in sich
auf die Kraft, in diesem Menschen, der das durch Sie erlitten hat, das
wiederum wegzuschaffen. Damit ist der Wunsch erzeugt, mit ihm zu-
sammenzusein im Erdenleben, um das, was man ihm erwiesen hat, wie-
derum auszugleichen. Da erzeugen sich während dieses Rückerlebens
die ganzen Kräfte zum Karma, zum ausgleichenden Karma. Die nimmt
man da auf.
Also schon in diesen ersten Jahren oder Jahrzehnten nach dem
Durchgang durch die Todespforte erzeugt man das Ausleben des
Karma. Und so wahr, als im Keime eine wachsende Kraft ist, die später
erst in der Blüte sich auslebt, so wahr ist, daß jetzt schon, in der Zeit
nach dem Durchschreiten der Todespforte, in dem Toten die Kraft
als Wurzelkraft besteht, die dann bleibt fürs ganze Leben zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt, und die im neuen Erdenleben oder in spä-
teren Erdenleben sich auslebt als karmischer Ausgleich dessen, was man
verübt hat. So erzeugt sich der Wille, der dann unbewußter Wille zum
Karma wird.
Und nun kann man noch etwas näher betrachten, was wichtig ist
für die Erkenntnis dieses Bildes des Lebens zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt. Man kann es betrachten, wenn man noch einmal
einen Blick wirft auf Wechselwirkungen zwischen den Verhältnissen
des irdischen Lebens hier, die uns in ihrer äußeren Erscheinung gut be-
kannt sind und über die wir manche Betrachtung angestellt haben
ihrem inneren Geheimnisse nach, wenn wir auf die Wechselwirkung
blicken zwischen wachem Tagesleben und nächtlichem Schlafesleben.
Wir wollen heute von einem gewissen Punkte aus noch einmal auf
dieses Wachen und diesen Schlaf sehen. Äußerlich betrachtet besteht
ja der Schlaf darin, daß wir mit unserem Ich und Astralleibe außer-
halb des physischen und des Ätherleibes sind. Das Schlafesleben bleibt
zunächst, wenn es nicht auf eine gewisse Art vom Traumesleben durch-
setzt ist, unbewußt, doch bedeutet dies nicht Untätigkeit. Im Gegen-
teil, dieses Schlafesleben ist ein innerlich viel tätigeres Seelenleben -
wenn es auch zunächst während des normalen Erdenlebens unbewußt
bleibt - als das wache Seelenleben. Das wache Seelenleben ist nur des-
halb so intensiv, weil die Tätigkeit des Ich und des Astralleibes an dem
Ätherleibe und physischen Leibe einen Widerstand erfährt, und in die-
sem gegenseitigen Sich-Stoßen von Ich und Astralleib einerseits und
physischem und Ätherleib andererseits etwas entwickelt wird wie fort-
währende Stöße und Gegenstöße. Dieses ist es, was uns als waches Ta-
gesleben erscheint, wahrend wir im normalen Erdenleben noch nicht
in der Lage sind, die fortwährende, aber intensive Tätigkeit des Nacht-
lebens zum Bewußtsein zu bringen. Dieses stößt nicht an den physi-
schen und Ätherleib, daher wird es nicht bewußt. Aber an sich ist das
Tagesleben schwächer; es wird nur bewußt dadurch, daß es fortwäh-
rend antrommelt an Ätherleib und physischen Leib. Dieses Antrom-
meln nimmt man wahr, während die intensivere Tätigkeit des Schla-
feslebens ins Unbestimmte hinausgeht, nicht antrommeln kann an ir-
gend etwas und dadurch unbewußt bleibt.
Aber womit beschäftigt sich der Mensch während dieses Schlafes-
lebens? Wenn Träume auftreten im normalen Leben, so sind diese
Träume ja nicht die wirkliche Tätigkeit während des Schlafeslebens,
sondern sie sind eigentlich eine Verbildlichung der Tätigkeit durch die
Erinnerungen des gewöhnlichen Lebens. Die Bilder des Traumlebens
entstehen dadurch, daß das Leben seinen Teppich breitet über die ei-
gentliche innere Tätigkeit; und dadurch wird mancherlei wahrgenom-
men im Traumesleben. Da sind das Ich und der Astralleib in einer le-
bendigen Tätigkeit; wenn sich das berührt mit dem Ätherleibe und
der Mensch anstößt an den Ätherleib, dann entsteht der Traum. Aber
der Traum benützt aus dem Ätherleib heraus die physischen Lebens-
erinnerungen, um die unsichtbar bleibende Tätigkeit des Ich und des
Astralleibes sichtbar zu machen. Hinter den Traum kommt man daher
nur, wenn man diese Bilder in bezug auf ihren Charakterablauf nimmt,
wenn man also diese Bilder verstehen lernt. Träume müssen erst in der
richtigen Weise gelesen werden, es muß erst die richtige Auslegekunst
dazukommen. Dann weisen sie allerdings in diese bedeutungsvollste
Wirklichkeit hinein, die vom Ich und vom Astralleib im Schlafe aus-
geführt wird. Diese Tätigkeit also, die da der Mensch ausführt, ent-
hüllt sich dann der ernsten und würdigen Geistesforschung.
Worin besteht nun diese Tätigkeit vom Einschlafen bis zum Auf-
wachen? Sie besteht darin, daß man in viel intensiverer Weise inner-
lieh die Tageserlebnisse noch einmal durchlebt, daß man gewisserma-
ßen zum Selbstbeurteiler wird der Tageserlebnisse. Es ist trivial ausge-
drückt, aber tief innerlich wahr: man lebt in dem normalen Bewußt-
sein in den Tag hinein, man läßt die Ereignisse, die um einen sich ab-
spielen, abfluten. In der Nacht aber nimmt man ichlich und in dem
Astralleib - ichlich und seelisch - die Tagesereignisse viel ernster, viel
bedeutungsvoller. Man wägt sie, prüft sie in bezug auf ihren Welten-
wert. Man beschäftigt sich damit, was sie für eine Bedeutung haben im
ganzen Weltenzusammenhang. Eine ungeheure innerliche Gründlich-
keit in der Lebensbetrachtung ist ausgegossen über die Tätigkeit vom
Einschlafen bis zum Aufwachen; nur bleibt sie eben im normalen Le-
ben unbewußt. Alles dies, was da der Mensch wie ein nochmaliges
Durchleben des Tageslebens jede Nacht durchmacht, das hat eine große
Bedeutung als Vorbereitung für das Leben nach dem Durchschreiten
der Pforte des Todes.
Betrachten Sie doch einmal mit den Mitteln der gewöhnlichen phy-
sischen Betrachtung dieses fortlaufende Leben zwischen Geburt und
Tod. Man sagt natürlich nur, man erinnere sich bis zu einem gewissen
Zeitpunkt zurück in diesem Leben. In Wahrheit erinnert man sich nicht
an das ganze Leben zurück, sondern man erinnert sich am Abend an
das, was bis zum Morgen geht. Dann reißt die Erinnerung ab. Dann
kommt erst wiederum der vorhergehende Tag, dann wieder die Nacht,
an die man sich nicht erinnert. So erinnert man sich zurück, aber es
ist gleichsam Kettenglied an Kettenglied, ein weißes und ein schwarzes
Glied. An die Nacht erinnert man sich nicht in dem Leben zwischen
Geburt und Tod. Das Eigentümliche ist nun, daß man sich gerade er-
innert in dieser Zeit, in der man im Seelenlande lebt, an die Art, wie
man nun in den Nächten, Nacht für Nacht zurückgehend, die Tages-
erlebnisse durchlebt hat. Hier im physischen Leben erinnert man sich
an seine Tage; im Seelenland erinnert man sich an dasselbe, aber man
erinnert sich, wie man die Tage durchwirkt und durchlebt hat in den
Nächten. Man schreitet seine Nächte zurück. Dadurch blicken Sie hin-
ein in die ganze Art des Erlebens im Seelenlande.
Wenn Sie sich das im einzelnen klarmachen, ist es so: Sie haben
einen Menschen getroffen an einem bestimmten Tage des Lebens, Sie
haben mit ihm dieses oder jenes erlebt. Sie erleben es nicht nur mit
ihm am Tage, sondern auch in der Nacht noch einmal, auch in den
folgenden Nachten; dann ist es eine Art von Reminiszenz. Sie erleben
es da innerlich im Ich und Astralleib. Alles, was Sie hier erlebt haben
im Tagesbewußtsein, erleben Sie wiederum im Nachtbewußtsein. Und
so wie Sie es im Nachtbewußtsein erlebt haben, so gibt es Ihnen die
Handhabe für das, wie Sie es in der Seelenwelt brauchen. Sie erleben
Ihre Nächte zurück. Das ist eine sehr bedeutungsvolle Wahrheit der
Geistesforschung, und man kann durch eine solche Sache immer wie-
derum der Tatsache gedenken, daß das Forschen im Geistigen nicht so
ist, wie viele glauben. Viele glauben, daß wenn man einmal die geistige
Welt betreten hat, dann kenne der Geistesforscher auf einmal die ganze
geistige Welt und wisse über alles Bescheid. Dieser Glaube ist ebenso
naiv, wie es naiv ist zu glauben, daß einer, der über einen Teil der Erde
gegangen ist, die ganze Erde kennt. Stücke der Erde kennt er ganz gut,
aber von anderen Stücken der Erde weiß er nichts. Ebensowenig
braucht einer, der die geistige Welt an irgendeinem Punkte kennt,
alles von der geistigen Welt zu wissen. Das ist Gegenstand einer lang-
samen Forschung. Daher ist es so schwierig, über die Geisteswissen-
schaft zu sprechen, weil man immer wieder diesem Vorurteil begegnet.
Wenn geisteswissenschaftliche Vorträge gehalten werden, dann ver-
langen die Leute in der Fragenbeantwortung, daß über alle Dinge
Auskunft gegeben werde. Solche Fragen sind ebenso zu beurteilen, wie
wenn irgend jemand zum Beispiel eine bestimmte Anzahl von Mine-
ralien, von Pflanzen kennengelernt hätte, und man würde ihn dann
über die Geheimnisse der Tierwelt fragen und sagen: Er kennt das
eine, da muß er auch das andere kennen!
Es ist durchaus so, daß alle Einzelheiten der geistigen Welt erst
erarbeitet werden müssen. Und vor allem muß man warten können,
bis sich einem die eine oder die andere Sache ergibt. Nun haben Sie
ersehen können, daß ich in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß»
und «Theosophie» gesprochen habe über die ungefähre Länge des so-
genannten Kamalokalebens, des Lebens in der Seelenwelt. Von einem
gewissen Gesichtspunkte aus kann man das auch durchaus so sagen,
wie es da geschehen ist. Aber nun kommt der Geistesforscher in einen
bestimmten Zusammenhang, der sich wirklich vergleichen läßt mit dem
Bereisen von Ländern. Man kommt von einem Ort zum anderen, und
so kommt man hier von einem Gebiet zum anderen. So kann der Gei-
stesforscher zu einem anderen Gesichtspunkte kommen; und diesem
Gesichtspunkt ergibt sich auf die Frage: "Womit beschäftigt sich die
Tätigkeit des Ich und des Astralleibes in der Nacht? - als Antwort:
Die Erlebnisse der Nacht können so betrachtet werden, daß sie eine
nochmalige Verarbeitung der Tageserlebnisse sind. - Die Frage kann
sich aufwerfen: Wie nimmt sich da das Leben in der Seelenwelt aus,
wenn man weiß, die Nächte werden durchlebt in der Seelenwelt? - Ich
habe angegeben, daß das Leben in der Seelenwelt ungefähr ein Drittel
ausmacht des letzten Erdenlebens. Wenn man die Nächte durchlebt,
wie lange wird das Leben in der Seelenwelt dauern? Nun, man durch-
schläft ungefähr ein Drittel seines Lebens hier auf der Erde; einige
Leute verschlafen mehr, andere weniger, aber ungefähr ein Drittel des
Erdenlebens verschläft man.
So sind die ungeheuer bedeutungsvollen Eindrücke, die man haben
kann in bezug auf die Bewahrheitung der Geisteswissenschaft. Denn
so ist es ja in der Geisteswissenschaft: Da wird einem einmal von einem
gewissen Gesichtspunkte aus etwas gegeben, von dem aus man hinein-
schaut in die geistige Welt. Da ergibt sich eine Wahrheit. Es könnte sie
einer bezweifeln, diese Wahrheit. Nun geht man von einem anderen
Gesichtspunkte aus und kommt zu derselben Wahrheit, so wie es jetzt
mit dem Durchleben der Nächte der Fall ist. Das ergibt die Bewahrhei-
tung. Das ist ein wichtiges Kriterium, dieses innerliche Zusammen-
stimmen. Und das werden Sie überall in der Geisteswissenschaft, da wo
sie ernst und würdig betrieben wird, finden: daß von verschiedenen
Gesichtspunkten aus dieselbe Sache gesucht wird, und daß sich die-
selbe Wahrheit ergibt von diesen verschiedenen Gesichtspunkten aus.
Wenn die Menschen einmal ein Gefühl dafür bekommen, welcher
Wahrheitswert in dieser Art und Weise liegt, der geistigen Wahrheit
sich zu nähern und diese geistige Wahrheit dann zu finden, so werden
sie auch empfinden, wie ungeheuer viel wahrer dasjenige ist, was auf
diesem Gebiete erforscht werden kann, als alles das, was in der phy-
sischen Welt erforscht werden kann.
Das ist das Wesentliche, das Wichtige, daß wir hier im physischen
Erdenleben ein Gedächtnis haben für dasjenige, was im tagwachen Be-
wußtsein erfahren ist, und daß wir in der Zeit, in der wir durch die
Seelenwelt gehen, ein Erinnerungsvermögen haben für das, was in den
Nächten weitergearbeitet wird auf Grundlage dessen, was das tag-
wache Bewußtsein erlebt.
Damit wir recht fruchtbar uns den bedeutungsvollen Wahrheiten
nahen können, die wir morgen noch abzuhandeln haben, wollen wir
uns eines in die Erinnerung rufen, was ich auch hier schon in einem
anderen Zusammenhange mit Bezug auf die großen Ereignisse unserer
Zeit erwähnt habe: Wenn der Mensch so durch die Pforte des Todes
geht, daß sein Leben gewissermaßen von außen abgerissen ist, über-
haupt wenn er in jugendlichem Alter dahinstirbt, dann tritt, nachdem
er durch die Pforte des Todes gegangen ist, nach kurzer Zeit auch die
Trennung vom Ätherleibe ein. Aber dieser Ätherleib hätte ja in sich
die Kraft, den Rest des Lebens noch zu versorgen mit äußeren Lebens-
kräften. Normal bekommt der Mensch an Kräften des Ätherleibes das-
jenige mit, was ihn bis ins hohe Alter mit Lebenskräften versorgen
kann. Reißt nun das Leben ab, dann bleiben doch diese Kräfte. Im
abgelegten Ätherleibe sind diese Kräfte auch vorhanden. Und ge-
radeso wie in der physischen Welt nichts verlorengeht an Kräften, son-
dern nur verwandelt wird, so gehen auch diese Kräfte nicht verloren,
sondern sie bleiben vorhanden. Wenden Sie das konkret an, dann wer-
den Sie sich sagen: Wenn der Mensch im jugendlichen, im blühenden
Alter hinstirbt, hinterläßt er der Welt das, was er noch an Lebens-
kräften in seinem Ätherleibe hat, die er selber hätte verbrauchen kön-
nen. - Stellen Sie es sich noch konkreter vor. Nehmen Sie einen Men-
schen an, der, sagen wir, im fünfundzwanzigsten Lebensjahre durch
eine Kugel getroffen worden ist: er hinterläßt der Welt an Lebensäther-
kräften das, was er hätte aufbrauchen können vom sechsundzwanzig-
sten Lebensjahre ab für den Rest eines langen Lebens. Das bleibt, das
ist eine Gabe, die der Tote überläßt der geistigen Lebensatmosphäre, in
der wir sind. Von diesen Kräften bleiben wir umgeben. Und in diesen
Kräften stecken die Opfergesinnungen, von denen der also Geendete
seine Ätherkräfte durchzogen hat. Das bleibt. Und die Nachkommen-
den wissen gar nicht, wie sie in den von den Vorfahren auf diese Weise
hinterlassenen Kräften eigentlich leben, wie sie von denen umgeben
sind, und wie unsere geistige Lebensluft davon durchtränkt ist. Sie
achten nicht auf das, was zurückbleibt von den Hingegangenen in ei-
ner solchen Zeit, wo in verhältnismäßig kurzer Zeitspanne so viele
noch lebensbrauchbare Ätherleiber der geistigen Erdenatmosphäre
übergeben werden. - Von da ausgehend, werden wir morgen weiter-
sprechen.
Wir wollen nur noch den Blick hinlenken auf dasjenige, was sich
uns erschließt aus solchen tiefen Zusammenhängen, durch die wir in
die geistige Welt hineinblicken können, und nicht mehr in bloß ab-
strakter, trivialer Weise in der Sinneswelt auch noch verschwommen
den Geist schauen, sondern darin konkret Geistiges wesenhaft schauen.
Wir schauen darin - neben dem, was sich an Schicksal abspielt bei den
Menschen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind - Wesen der
höheren Hierarchien, Wesen der Elementarwelt. Aber wir schauen
auch, was innerlich verbunden bleibt mit der Erde: das, was in den
Ätherleibern zurückgeblieben ist. Es wird das in konkreter Weise wir-
ken, was die auf den großen Feldern der Ereignisse den Tod Finden-
den auch noch den Erdenkindern an unverbrauchten Ätherkräften zu-
rücklassen. Das wird sich verbinden mit dem, was diesen Keimen
an Verständnis entgegengebracht wird für die Zukunft von Seiten der
Erdenkinder. Und auf das blickend, sagen wir, was wir schon öfter
am Schlüsse unserer Betrachtung gesagt haben:

Aus dem Mut der Kämpfer,


Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht -
Lenken Seelen geist-bewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
SECHSTER VORTRAG
Stuttgart, 24. November 1915

Diesen Abend wollen wir noch dazu verwenden, einige Betrachtun-


gen anzustellen über das Zusammenwirken der geistigen und der phy-
sischen Welt. Es hat dies ja schon den Gegenstand anderer Betrach-
tungen in diesen Tagen gebildet. Es wird die Hauptsache sein, auf die
es uns ankommt, das Thema, das wir angeschlagen haben, weiter aus-
zubauen. Ich möchte aber von einer allgemeineren Betrachtung aus-
gehen, die uns zeigen wird, wie im Abstrakteren, im Allgemeineren ge-
dacht werden kann, mit einem einfachen Gedanken umfaßt werden
kann das Zusammenwirken des Geistigen und Physischen, des Über-
irdischen und des Irdischen. Und von dieser allgemeineren Betrachtung
wollen wir dann übergehen auf das, worauf es ankommt: auf die Be-
ziehung des entkörperten, durch die Pforte des Todes gegangenen Men-
schen, zu jenen Menschen, die verkörpert in diesem irdischen Leben sind.
Wir wollen einmal unsere Erde als den Schauplatz dessen betrach-
ten, was sich zunächst für unsere Sinne zum Ausdruck bringt. Ich will
ganz hypothetisch beginnen, will Gedanken, Vorstellungen anschlagen,
welche zunächst so wie erdacht sind, bloß erdacht sind, oder wenigstens
so aussehen. Nehmen wir einmal an, der ganze Umfang desjenigen,
was von einem gewissen Gesichtspunkt aus unsere Erde an Kräften hat,
sei wie konzentriert, sei wie zusammengedrängt in ein kleines, irgend-
wie geartetes Abbild der Erde. Also das wollen wir voraussetzen, daß
wir gewissermaßen eine kleine Erde hätten, einen kleinen, winzigen
Körper, der aber dasjenige, was die Erde an gewissen Kräften im Gro-
ßen birgt, im Kleinen in sich enthielte. Wir wollen uns das schematisch
darstellen. Wir wollen also denken, wir hätten eine kleine Erde, das
heißt einen kleinen, winzigen Körper, der in sich enthielte diejenigen
Kraftverhältnisse, die sonst im großen Inhalt des Erdenleibes, wir
können sagen, verteilt sind. Stellen wir uns vor, irgendwie sei dieser
kleine Erdenkörper mit der Erde in Verbindung.
Nun müssen wir, wenn wir uns die Erde richtig vorstellen, sie uns
nicht denken als ein beliebiges lebloses Wesen, so wie sie sich etwa dem
Geologen, dem Mineralogen darstellt, der sich diese Erde nur als ein
lebloses Wesen vorstellt. Denn wenn die Erde so mineralisch nur wäre,
wie sich der Geologe das vorstellt, so würde sie niemals Pflanzen, Tiere,
Menschen auf sich beherbergen können. Gewiß hat der Geologe recht,
sich das herauszuschälen, was tot ist, aber er müßte sich bewußt sein,
daß er damit nur einen Ausschnitt des Erdendaseins hat. Wenn wir uns
aber diese Erde als ein Lebendiges vorstellen, dann müssen wir sie uns
auch im Leben so vorstellen, daß der lebendige Verlauf in der Zeit zu
dem Sein der Erde dazugehört. So daß diese Erde im Winter - wir
haben das öfter besprochen - in einem ganz anderen Zustande ist als
im Sommer, ebenso wie der Mensch im Schlafe in einem anderen Zu-
stand ist als im Wachen. Wir müssen uns das nicht so vorstellen, daß
Winter und Sommer einfach über die Erde hinstreichen, sondern daß
sie etwas sind, was den Zustand der Erde, also das lebendige Wesen
ergreift, wie uns die Zustände von Wachen und Schlafen ergreifen.
Also dieser zeitliche Ablauf gehört zum Erdendasein dazu, wenn wir
dieses Erdendasein als ein Lebendiges betrachten. Damit aber sagen
wir zugleich, daß jedes Wesen, welches mit dieser Erde in Zusammen-
hang steht — also auch diese kleine Erde, von der wir hier sprechen - ,
mit der ganzen Erde in diesem wechselnden Zustande ist, daß es diesen
mitmacht.
Was bedeutet nun dieser Wechsel von Zuständen für unsere Erde?
Sagen wir zum Beispiel, es tritt der Frühling ein. Wenn der Frühling
eintritt, so bedeutet es, daß die Sonne in ihrer Wirksamkeit für die
Erde in ein ganz anderes Verhältnis tritt, als es während des Winters
besteht. Wir könnten auch sagen: Wenn der Frühling eintritt, wird die
Erde ergriffen von den Sonnen Wirkungen. Wenn während des Win-
ters unsere kleine Erde mit der großen Erde gewissermaßen auf sich
selbst angewiesen war, sich die Sonne nicht kümmerte um unsere kleine
Erde, wird jetzt von den Sonnenwirkungen, von dem, was außerhalb
unserer Erde ist, auch unsere kleine Erde ergriffen. Es wird die Summe
von Kräften, die in der kleinen Erde ist, der Erde entrissen. Unsere
kleine Erde ist sozusagen nicht mehr auf die Erde allein angewiesen; sie
wird von der Sonne in Anspruch genommen, sie wird der Erde ent-
rissen. Ja, wenn so unsere kleine Erde nun der Erde entrissen wird,
dann spielen in unsere kleine Erde eben andere Kräfte hinein als die
bloßen Erdenkräfte, dann teilen sich unserer kleinen Erde die Außen-
kräfte mit.
Nun müssen wir uns diese kleine Erde mit Stoffen ausgekleidet den-
ken. Was Stoff ist, kommt dabei jetzt nicht in Betracht. Vom Herbst
bis zum Frühling ist diese kleine Erde also mit sich allein, da kann sie
in sich ihre Kräfte entfalten. Dann aber kommt die Sonne, die reißt
die Kräfte heraus, so daß unter dem Einfluß der Sonnenwirkung das-
jenige, was zuerst in unserer kleinen Erde eingeschlossen war, jetzt
in außerirdische Wirkungskreise hineinkommt. Es wird herausgeris-
sen und kommt in außerirdische Wirkungskreise hinein. Das, was zu-
sammengedrängt war, kann sich ausdehnen und bekommt ein Ver-
hältnis auch zum umliegenden Weltenraum unter dem Einfluß der
Sonnenwirkung.
Jetzt hören nach einer gewissen Zeit, gegen den Herbst zu, die Son-
nenwirkungen wieder auf. Dann kann diese Entfaltung nicht statt-
finden, dann entziehen sich wiederum die Sonnenwirkungskräfte den
Erdenwirkungskräften, das heißt, diese Kraftzusammensetzung stellt
sich wiederum her. Sie sammelt den Stoff zusammen: die Erde ergreift
gleichsam das wieder, was sie eine gewisse Zeit der Sonne überlassen
mußte. Die Sonnenwirkungen bleiben jetzt eine Zeitlang weg, der
Winter kommt. Es würde, wenn das der Erde überlassen bliebe, eine
kleine Erde in der großen Erde die Sonne ganz in Anspruch nehmen.
Während des ganzen Winters muß das System der Erdenkräfte drinnen
wirksam sein. Die Sonne würde sonst diese kleine Erde ganz für sich
einheimsen. Es muß dafür gesorgt werden, daß die Sonne, wenn sie
wieder erscheint, diese kleine Erde ergreifen kann; sonst wird sie ein-
fach zu einem Kügelchen, das aufgezehrt wird von der großen Erde.
Es muß eine Kraft sich geltend machen, damit die Sonne, wenn sie
kommt, wieder heran kann an diese kleine Erde. Dafür aber muß vor-
gesorgt werden.
Wenn die Erde ihre eigene Kraft nur in diesem da jetzt drinnen hat
(es wird gezeichnet), so ist das eben eine kleine Erde. Die Sonne hat
sich zurückgezogen, jetzt ist diese kleine Erde mit der großen Erde für
sich allein. Wenn die Sonne wieder kommen würde, was soll sie jetzt
machen mit dem, was nur Erde geworden ist? Es muß in Wirklichkeit
die Sonne wiederum hereingreifen können - hier ist kein Unterschied,
ob die Sonne um die Erde geht oder die Erde um die Sonne -, es muß
die Sonne, wenn sie so in einem neuen Verhältnis zur Erde steht, ein-
greifen können. Sie können sich das etwa auf folgende Weise vorstellen:
Denken Sie einmal, ein Mensch stellt sich fest auf und wendet alle seine
Kräfte an, um stehenzubleiben. Sie kommen von der Seite und wollen
ihn weiterstoßen. Wenn er die Stehkraft in sich genügend erhärtet hat,
so werden Sie ihn nicht weiterbringen. Wenn er aber anfängt sich zu
bewegen, so werden Sie eingreifen können in seine Bewegungsrichtung.
Nehmen Sie an, es wäre da drinnen eine Kraft, welche die umkreisende
Bewegung der Sonne, respektive der Erde selber, wie eine innere
Schwungkraft da drinnen hätte; nehmen wir an, es würde der kleinen
Erde diese Schwungkraft der Sonne mitgeteilt: dann könnte die Sonne
wiederum in diese Bewegung, die sie erteilt hat, eingreifen. Dadurch
könnte sie wiederum diese kleine Erde der Erde entreißen, und der
Vorgang könnte sich wie beschrieben abspielen. Wir hätten da, mit
anderen Worten, gegen den Frühling zu eine kleine Erde, in welche
die Sonne eingreift durch Bewegungsimpulse, die sie im vorigen Herbst
schon erteilt hat. Die Sonne greift ein, entreißt die kleine Erde den
bloßen Erdenkräften, entfaltet in Gemäßheit der Sonnenwirkung im
Größeren das, was nur auf die kleine Erde beschränkt ist. Die Kräfte
müssen sich zusammenziehen, und der kleinen Erdkugel muß die
Schwungkraft der Sonne verliehen werden. Sie ahnen schon, um was
es sich handelt: ich habe skizzenhaft geschildert, was geschieht wäh-
rend des Wachstums der Pflanzen, der Entfaltung der Pflanzen in
Blätter, Blüten und Früchte. Ich habe Ihnen hier beschrieben die Mit-
wirkung des Sonnenschwunges: das ist die Befruchtung; der Same ist
befruchtet und bleibt so bis zum nächsten Jahre, wo er wiederum von
der Sonne ergriffen wird. Das kleine Körnchen, das die Befruchtung
bei der Pflanze ausführt, das ist das Wesen, in welches durch die Son-
nenreifung die Möglichkeit gelegt ist, diese Schwungkraft dem irdi-
schen Teile zu vermitteln.
Sie sehen, wir haben hier eine lebendige Wechselwirkung zwischen
Irdischem und räumlich Außerirdischem. Wir können uns nicht vor-
stellen, daß der Pflanze Wachstum weiter gedeihe, ohne daß die Sonne
ihr übrigläßt eine Nachbildung ihrer Schwungkraft, in die sie das
nächste Jahr wieder eingreifen kann. Mit anderen Worten: Wenn wir
die Pflanze betrachten, so betrachten wir wirklich nicht bloß etwas,
was mit der Erdenwirksamkeit zusammenhängt, sondern wir sehen in
dem ganzen Zyklus des Pflanzenvorganges eine Wechselwirkung von
Sonne und Erde. Es kommen noch andere planetarische Zustände in
Betracht; davon wollen wir aber jetzt absehen, wir wollen den Sinn
des ganzen Vorganges auffassen. Wir wollen uns vergegenwärtigen,
wie das, was wir auf der Erde sehen, nicht bloß ein irdisches Produkt
ist, sondern wie es auch ein Sonnenprodukt ist. Der Umstand, daß sich
das menschliche Wissen gewöhnlich beschränkt auf das, was auf der
Erde innen und außen vorgeht, verhindert, daß man zu einer wirk-
lichen Anschauung, zu einer wirklichen Erkenntnis über die Dinge
kommt. Denn mit bloßen Erdenkräften werden bloß unsere Mineralien
geformt. In dem Augenblick, wo wir über das bloß Mineralische hin-
ausgehen in das Pflanzliche, da müssen wir sagen, daß in dem Irdischen
selber nicht mehr die Kräfte sind, welche die Dinge formen.
Die Materialisten hoffen immer, daß sie einmal den Pflanzensamen
so wie irgendeine andere chemische Zusammensetzung im Laborato-
rium erzeugen werden. Nicht um dieses Erzeugen handelt es sich bei der
Gegnerschaft gegen den Materialismus, sondern darum, daß, indem
man vom Mineral zur Pflanze vorrückt, vom chemischen Produkt
zum Lebendigen, das Erzeugen nur durch einen überirdischen Prozeß
vor sich gehen kann. Und bevor es gelingen wird, dieses Ideal des Ma-
terialismus auszuführen, Pflanzensamen ebenso herzustellen wie mine-
ralische Produkte, chemische Substanzen, werden die Materialisten ler-
nen müssen - wenn ich mich grotesk ausdrücken will - , an die Astro-
logie zu glauben, zu glauben, daß sie einen Vorgang, den sie werden be-
wirken wollen, unter den Einfluß der Sternenwirkungen stellen müs-
sen. Es wird Laboratorien geben müssen, welche so arbeiten, daß sie
mit dem Gang des Jahres arbeiten, und daß sie ebenso berücksichtigen
müssen die Konstellation der Gestirne, wie draußen in der Natur die
Konstellation der Gestirne berücksichtigt wird. Man muß sich von der
Erde erheben, wenn man sich vom Toten zum Lebendigen erhebt. Denn
es muß mitarbeiten bei der Entstehung des Lebendigen das Ätherisch-
Leibliche. Dieses ist aber niemals bloß abhängig von dem bloß Irdi-
schen, sondern von dem, was in der ganzen Welt draußen verbreitet
ist. Dasjenige, was bloß physisch ist, das überschauen wir, wenn wir
unser Irdisches überschauen; vom irdischen Standpunkt überschauen
wir das Physische, indem wir das Irdische überschauen. Dasjenige, was
für unsere Erde ätherisch ist, das ist noch immer ausgesetzt dem ge-
samten Weltenall.
Wenn wir nun noch weitergehen zum Astralischen, dann kommen
wir zu einem Elemente, das überhaupt nicht mehr dem Sichtbaren aus-
gesetzt ist. Und würde ich Ihnen das, wie ich es für die Pflanze ent-
wickelt habe durch ein Schema, für das Tierische zu entwickeln haben,
so würde sich das komplizierter ausnehmen; aber Sie würden sehen,
daß da zu dem Irdischen nicht nur das Außerirdische und noch in der
Sternenwelt Sichtbare in Betracht kommt, sondern daß überhaupt
Übersinnliches in Betracht kommt, das nicht einmal beschlossen ist in
der Sternenwelt. Man muß aus dem Reiche des Sichtbaren hinausgehen.
Ich wollte eine solche Betrachtung vor Ihnen anstellen, damit Sie
sich einen Einblick verschaffen in das wirklich tief innerlich Geheim-
nisvolle desjenigen, was auch in der Alltäglichkeit, im täglichen Pflan-
zenwachstum vor sich geht, damit Sie einen Einblick gewinnen, wie
es in den befruchtenden Körnern der Pflanzenblüte, die um den Frucht-
knoten herum kreisförmig oder sonst verteilt sind, im wesentlichen
darauf ankommt, daß außerirdische Wirkungen in ihnen enthalten
sind, und wie es bei dem Samen selber darauf ankommt, daß er im
Grunde ein Abbild der ganzen Erdenwirkung ist, daß er eine kleine
Erde ist. Die Wechselwirkung, die in der Pflanzenblüte durch die Be-
fruchtung geschieht, ist ein Abbild des Vorganges, der sich abspielt zwi-
schen der Erde und der gesamten Sternenwelt des umliegenden Welten-
raumes.
Wir sind ja im Grunde überall von Geheimnissen umgeben, und die
Erkenntnis und das Erkenntnisstreben spornt immer zur tiefsten Be-
scheidenheit an. Denn denken Sie sich, wie weit der Weg ist von der
Anschauung einer solchen Sache im allgemeinen bis zu der konkreten
Anschauung der Einzelheiten von alledem, was als Pflanzendecke die
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Erde bedeckt. Das Feld der Erkenntnis eröffnet sich damit wirklich als
ein unendliches. Wir stehen sozusagen an jedem Punkte unseres Da-
seins der Unendlichkeit gegenüber. Und es gehört zu der rechten Stim-
mung, die der Mensch entfalten soll der Welt gegenüber, einen Sinn
zu haben dafür, daß man überall eigentlich in ein unendliches Dasein
hineinblickt. Dadurch fühlt man aber auch ein gewisses Band zwischen
dem einzelnen endlichen Menschendasein und dem Unendlichen, der
ganzen Welt. Und diese Stimmung müßte man eigentlich ausgießen
über alles einzelne, was die Geisteswissenschaft uns bringen kann, denn
ohne diese verehrungsvolle Stimmung gegenüber dem Unendlichen läßt
sich eigentlich nichts mit der richtigen Empfindung in der Geisteswis-
senschaft erfassen. Man muß zuweilen eine solche Stimmung in sich
erneuern, damit man aufhört, die Erkenntnis als etwas zu betrachten,
was so wie ein auch im Leben Verlaufendes nebenher aufgesucht wird,
während sie in der Tat zum allerheiligst Geistigen gehören muß, das
in unser Leben eingreift.
Wenn man sich solchen Stimmungen hingibt, dann wird man auch
dasjenige mit der richtigen Gesinnung entgegennehmen, was in unserer
Gegenwart aus den Quellen der Geisteswissenschaft heraus für den
notwendig in die Welt kommenden Fortschritt von unserer Gegenwart
an in die Zukunft hinein immer mehr wird verkündet werden müssen.
Und wenn man sich eine solche Gesinnung entwickelt hat, dann ist
diese Gesinnung in unserer Seele etwas Wirksames. Sie ist da wirklich
nicht bloß etwas Abstraktes, sondern sie ergreift unsere Seele, sie durch-
wärmt, sie durchleuchtet unsere Seele. Und dadurch kann erst das Rich-
tige aus der Geisteswissenschaft hervorgehen, daß unsere Seele gewis-
sermaßen eine andere wird dadurch, daß also durchfühlt werde das,
was durch die Geisteswissenschaft erforscht werden kann. Wenn wir
solche Stimmung in unsere Seele hineinbringen, dann gehen uns erst
in der rechten Weise über das, was sonst im Leben an uns vorbeifließt,
ohne daß wir in der rechten Weise uns dazu stellen können, die Rät-
sel auf.
Es ist wirklich ein innerer Seelenzusammenhang zwischen diesen
allgemeinen Betrachtungen, die ich jetzt angestellt habe, und dem, was
ich nun weiter mit Bezug auf das Menschenleben sagen will. Man kann,
wenn man den Blick hinrichtet zur Pflanze, wenn man sie hervorsprie-
ßen sieht aus der Erde, die Seele so stimmen, daß sie das Gefühl hat:
Was da als Grünes hervorsprießt, es nimmt seinen Ausgang von einem
so komplizierten kleinen Wesen, dem Samen, daß dieses kleine Wesen -
von gewissen Gesichtspunkten aus — ein Abbild der ganzen Erde ist,
daß bei dem, was ich da emporsprießen sehe vom Blatt zur Blüte, von
der Blüte zur Frucht, das ganze Weltenall mitwirkt. Wenn ich ein grü-
nes Pflanzenblatt am Stengel mir ansehe, so wird mir bewußt: In die-
sem Blatt, so wie es sich ansetzt, wie es grünt, wird von der Sonnen-
wirkung umspielt, was zuerst eingeschlossen war in der kleinen Erde,
was entrissen worden ist der Erde, bis die Sonnenwirkungen es ergrif-
fen haben. Dann lassen die Sonnenwirkungen ihr aber zurück ihre
Schwingungsimpulse, nachdem sie unmöglich gemacht haben, daß sich
das, was in der kleinen Erde war, ausbreitet, wenn es sich wiederum zu-
sammenziehen muß. Wir sehen gewissermaßen in der aufsprießenden,
sich entfaltenden Pflanze ein Bild gewisser Wirkungen des ganzen gro-
ßen Kosmos. Wir müssen das, was sich unseren Sinnen darbietet, in die-
ser Weise als etwas betrachten, das uns in jedem Punkte Geheimnisse
enthüllt, die den ganzen Kosmos durchwallen und durchweben.
So aber steht auch das Menschenleben selber mit dem ganzen Kos-
mos im Zusammenhang und jetzt auch mit dem, was von den außer-
irdisch-sichtbaren Körpern und Vorgängen uns gegenüber da ist.
Ganz besonders bedeutsam aber tritt uns das, was da in den irdischen
Vorgängen erscheint, vor das Auge, wenn wir, ich möchte sagen, die
Abweichungen von dem ins Auge fassen, was sich uns eingewöhnt als das
normale Erdenleben, das normale Menschenleben. Zwar sehen wir fort-
während viel mehr Abweichungen als eigentlich Normales im Leben,
aber das gewöhnliche Erkennen, das sich auf die Sinnenwelt beschränkt,
läßt sich nicht ein auf diese Abweichungen, man möchte sagen, es läßt
sich nicht ein auf den Sinn dieser Abweichungen. Wir leben in einer
Zeit, in der sich uns, zusammengedrängt, viele Abweichungen zeigen,
die zu gleicher Zeit so rechte Rätselfragen sind. Sehen wir nicht in die-
ser Zeit einer schweren Prüfung der Menschheit zahlreiche unserer
Menschenbrüder frühzeitig durch die Pforte des Todes gehen? Wir
sehen sie so durch die Pforte des Todes gehen, daß sie nun nicht durch
irgendeine Krankheit, also durch etwas, was im eigenen Organismus
ist, durch die Pforte des Todes gehen, sondern gewaltsam sehen wir sie
durch diese Pforte des Todes gehen. Denn es ist etwas anderes, ob eine
Menschenseele durch die Pforte des Todes geht so, daß sie durch eine
Krankheit im jugendlichen Alter stirbt oder dadurch, daß ihr Organis-
mus von einer Kugel getroffen wird, oder auf irgendeine andere Art
gewaltsam hinweggenommen wird von dem Seelisch-Geistigen. Aber
ich habe schon gestern davon gesprochen: Was sich hier vollzieht zwi-
schen Geburt und Tod, das ist alles bedeutsam im ganzen Zusammen-
hang des Lebens; wir müssen es als Karmazusammenhänge hinnehmen,
wir müssen uns in das Karma hineinfügen, wie es gegeben ist. Aber es
ist bedeutsam das, was geschieht.
Nun betrachten wir einmal den Fall, daß der physische Organismus
von dem Seelisch-Geistigen hinweggenommen wird durch eine Kugel
in verhältnismäßig jugendlichem Alter. Gegenüber dem, was wir in
uns eingewöhnt haben - daß der Mensch seinen Organismus selber
aufbraucht - , ist das ein Abnormes. Es ist daher eine doppelte Rätsel-
frage. Ist schon der Tod allein für das unmittelbare Anschauen ein
Rätsel, das eben durch die Geisteswissenschaft sich enthüllt, ein dop-
peltes Rätsel entsteht noch, wenn nun der Verlauf des Lebens nicht so
ist, daß durch innere organische Vorgänge der Organismus dem Gei-
stig-Seelischen weggenommen wird, sondern wenn dies etwa durch
eine Kugel geschieht.
Es gehört dem Universum, dem Kosmos gegenüber eine innere Stim-
mung in die Seele hinein, die sich erzeugt durch solche einfache Erwä-
gungen, die aber, mit aller Tiefe erfaßt, uns ergreift mit einem inneren
Stimmungszusammenhang gegenüber den Geheimnissen des Univer-
sums. Und dann, wenn die Seele so ergriffen ist, dann treten wir auch
mit der nötigen verehrungsvollen Stimmung und Würde und mit dem
nötigen Ernst dem Ereignisse entgegen, das ich eben angedeutet habe:
daß auf gewaltsame Weise dem menschlichen Geistig-Seelischen das
Physisch-Leibliche weggenommen wird. Und dann tritt diese Frage wie
eine Rätselfrage vor unserer Seele auf. Denn wie eine solche Frage
auftritt, darauf kommt es an, ob man irgend etwas beitragen kann zu
ihrer Lösung oder nicht. Wenn ein Mensch eben noch ein Festmahl durch-
gemacht hat und sich dann ausgeruht hat und nun an seine geistige
Arbeit sich setzt, dann wird er die tiefe Rätselfrage nicht lösen, dann
wird er nicht die Stimmung finden, auf die es ankommt. Wenn er aber
der Rätselfrage entgegentritt und seine Seele von der rechten Stimmung
durchtränkt hat gegenüber dem Universum, dann können ihm die Rät-
sel aufgehen.
Wenn nun der Geistesforscher mit einer solchen Stimmung der Seele
sich vor das Todesrätsel hinstellt, das so an uns herantritt, daß auf ge-
waltsame Weise dem Seelisch-Geistigen der physische Leib entrissen
wird, dann taucht allerlei in der Seele auf, was zur Lösung des Rätsels
beitragen kann. Dann kommen einem die richtigen Impressionen, die
man braucht, um eine solche Sache aufzuklären. Nicht aus jeder See-
lenstimmung können sie hervorgehen, diese Impressionen, sondern nur
aus der richtigen Seelenstimmung. Damit Sie dieses innerlich anschau-
lich vor sich haben, wählte ich gerade diesen Weg, den ich heute ge-
wählt habe, indem ich Ihnen gleichsam zeigte, wie dem Geistesforscher
sich eine solche Aufgabe vor seine Seele stellt. Dem Geistesforscher
tritt also, wenn er sich so gestimmt hat, die angedeutete Rätselfrage
vor die Seele. Dann taucht aber etwas ganz anderes auf: Wie sonst ge-
setzlos Gedanke neben Gedanke sich stellt, so stellt sich dann gesetz-
mäßig eine Impression vor die Seele hin, neben die Frage. Und dann
kann sich hinstellen, wenn man empfunden hat dieses Rätsel, das To-
desrätsel, dann kann man, wie etwas, was dazu gehört, empfinden die
andere Frage: Ja, wie nehmen die Menschen eigentlich - je nach ihrer
besonderen Artung - das Leben hin? - Und da entwickeln sich einem
allerlei Gedanken, Gedanken, die ich jetzt vor Ihrer Seele selber aus-
breiten will.
Gerade in unserem gegenwärtigen Zeitenzyklus lassen ja die Men-
schen nur das so recht als eine Wirklichkeit gelten, was nicht ein
«bloßer Gedanke» ist. Der Gedanke ist für sie eigentlich nichts Wirk-
liches. Und sie mögen von ihrem Standpunkt aus recht haben, aber es
ist eben eine gewisse Stimmung der Seele. Das, was wirklich ist, das
muß schon derber an den Menschen herantreten als ein bloßer Ge-
danke, recht sehr derb. Ein bloßer Gedanke ist eben - ein bloßer Ge-
danke! Aber das, was man als seiend bezeichnet, das darf für die ge-
genwärtigen Menschen nur ja kein bloßer Gedanke sein. Was sich als
bloßer Gedanke gibt, das bezeichnet der Mensch heute eben als nicht
seiend. Das Seiende muß derb sich hineinstellen in die Welt, muß
nicht bloß zum Gedanken sprechen. Aus dieser Stimmung heraus glau-
ben die Menschen nur dann in der Wirklichkeit zu stehen, wenn sie
von dieser Wirklichkeit als einem Seienden, einem Sein sprechen kön-
nen, wenn sie gezwungen werden, diese Wirklichkeit durch das Sein
anzuerkennen.
Nun, wenn wir von dieser Welt, in der wir hier stehen, in die gei-
stige Welt hinaufsteigen, die der Mensch bewohnt, wenn er durch die
Pforte des Todes gegangen ist, so ist der unbehaglichste Gedanke,
möchte man sagen, der Gedanke des Seins, der sich hier in der phy-
sischen Welt gebildet hat. Ein Sein, das so ist wie das Sein in der phy-
sischen Welt, das stört den entkörperten Menschen in der geistigen
Welt. Gerade das, was man hier in der Wirklichkeit als das Unwirk-
liche im Gegensatz zum Seienden bezeichnet, ist das Wirkliche in der
geistigen Welt. Was dort an einen herantreten würde so wie hier das
Seiende, das würde man abweisen, das würde schreckhaft sein, das
würde etwas sein, was nicht in die geistige Welt hineingehört. Es ist
das ein ungeheuer bedeutungsvoller Gedanke. Wenn man so trivial re-
den würde in der geistigen Welt wie hier, so könnte man als Geist etwa
sagen, wenn einem so etwas entgegentritt, wie die Dinge einem hier
entgegentreten: Was soll ich denn damit machen? Das ist ja gar nicht! -
Denn in der geistigen Welt muß ich die Möglichkeit haben, alles das,
was mir als Imagination entgegentritt, mitmachen zu können — es ist
das auf der untersten Stufe der Erkenntnis in der geistigen Welt - , das
heißt, es überführen zu können in die Anschauung durch meine eigene
Tätigkeit. Während in unserer Zeit die Menschen nur das als die Wirk-
lichkeit anerkennen, wozu sie nichts getan haben, kann man das jetzt
' nicht anerkennen in der geistigen Welt. Sondern in der geistigen Welt
ist es so, daß man etwas dazu tun muß, daß man mitarbeiten muß, da-
mit das entsteht, was einem dort als die Wirklichkeit erscheinen soll,
man muß überall mittun.
Es ist so, daß derjenige, der entkörpert in der geistigen Welt ist,
die geistige Welt um sich herum insoweit schaut, als er darinnen tätig
ist. Und was er schaut, ohne daß er tätig ist, das ist dort jenseitige Welt,
die Welt, die unsere diesseitige Welt ist. Wenn der EntkÖrperte auf die
Erde schaut, so sieht er das, was da ist, ohne daß er mittut. Wie wir
hier auf der Erde unsere sichtbare Welt, unsere wirkliche Welt, unsere
seiende Welt als das Diesseits bezeichnen und das, was nicht gesehen
wird, als Jenseits, so ist es gerade umgekehrt von dem Standpunkte der
geistigen Welt aus. In der geistigen Welt ist rein nichts außer dem, was
wir dadurch aus dem Nichts in die Gegenwart schaffen, daß wir mit-
tun: Das ist dann das Diesseits. Sonst ist das Diesseits in der geistigen
Welt finster und stumm und öde, wenn wir nicht darinnen handeln
seelisch-geistig. Das Jenseits aber ist da, ohne daß wir arbeiten. Wäh-
rend wir hier hinaufblicken zum Unbekannten, blicken wir von der
geistigen Welt auf das, was uns hier bekannt ist, aber das ist gerade das
Jenseits, das keine Wirklichkeit hat, weil es ist, ohne daß man etwas
dazu tut. - Mit solchen Vorstellungen muß man sich schon einmal be-
kanntmachen.
Nun gibt es jetzt innerhalb unseres physischen Diesseits, unserer
physischen Wirklichkeit etwas, was nicht alle, aber doch gewisse Men-
schen als etwas Bedeutungsvolles gelten lassen, trotzdem es nicht ist,
etwas, was einzelne Menschen hereintragen in diese sonst seiende Wirk-
lichkeit, und demgegenüber diejenigen, die ein Verständnis dafür ha-
ben, sich so verhalten, daß sie es gelten lassen, trotzdem es keine derb-
seiende Wirklichkeit hat: Das sind die Ideale, welche die Menschen
haben. Die Idealisten tragen in unsere sinnliche Wirklichkeit etwas
hinein, was wertvoll ist: die Ideale, nach denen sich der Mensch rich-
tet, die nicht derbe, materielle Wirklichkeit haben, und die nur der
grobe Materialist eben nicht gelten läßt. Nun sind diese Ideale aber
zu gleicher Zeit etwas ungeheuer Wertvolles im diesseitigen Leben, die
Ideale sind das, was die Richtungsimpulse für unser Leben gibt, sie sind
das, was wir begehren, damit wir uns daran halten können. In gewis-
ser Beziehung machen diese Ideale das Leben wertvoll, indem sich der
Mensch nach ihnen richtet. Es muß mit den Idealen etwas im materia-
listischen Sinne Unwirkliches in unsere sinnliche Wirklichkeit hinein-
getragen werden, damit nicht das entstehe, was wir etwa in dem Sinne
charakterisieren müssen: Das bloße Dasein wäre öde, wenn nicht die
Ideale da wären, wenn der Mensch sie nicht darinnen finden würde.
Unter diejenigen, welche keine Ideale haben, müssen die Idealisten tre-
ten, die gleichsam etwas entwickeln in unserer Wirklichkeit, was ein
Abbild ist der jenseitigen Wirklichkeit, was nicht ein Seiendes ist, was
nicht das Seiende beansprucht und dennoch ein Wertvolles ist, ja, einen
absoluten Wert hat.
Nachdem der Geistesforscher nun diese seine ihm naturgemäße Im-
pression entwickelt hat, führt ihn seine Forschung wiederum zurück
zu der Rätselfrage nach dem von einer Kugel im jugendlichen Alter
getroffenen Menschen. Und er muß nun fragen: Gibt es für die von
hier aus jenseitige Welt, in der die entkörperten Menschen und die
geistigen Wesen, die seelischen Wesen leben, etwas, was dem Idealis-
mus hier auf der Erde entspricht? Gibt es für die jenseitigen Wesen
etwas Ähnliches wie die Ideale hier auf der Erde? - Und siehe da, es
stellt sich das Folgende heraus. Nehmen wir einen Menschen, der im
jugendlichen Alter von einer Kugel getroffen worden ist: sein Äther-
leib trennt sich von dem physischen Leibe, der physische Leib ist auf
gewaltsame Weise weggegangen. Selbstverständlich muß die Gewalt
von außen kommen. Es kann niemals das, was ich gesagt habe, gelten,
wenn der eigene Entschluß vorliegt. Der Vorgang muß von außen
kommen. Der Ätherleib hat also, wie ich schon betonte, Kräfte in sich,
die noch weiter, vielleicht jahrzehntelang das Leben hätten versorgen
können hier auf der Erde. Diese Kräfte vergehen nicht, sie bleiben.
Derjenige, der so seinen Ätherleib nun ablegt, übergibt die Kräfte sei-
nes Ätherleibes der allgemeinen Welt. Er ist aber auf die angedeutete
Weise in die geistige Welt hineingekommen, beziehungsweise es ist ihm
sein Leib genommen worden. So geht er nun in die geistige Welt als
ein Entkörperter hinauf. Es bleibt von ihm etwas in der physischen
Welt zurück, was er selber noch hätte verbrauchen können, aber nicht
verbraucht hat. Bedenken Sie, was da vorliegt! Das betreffende Men-
schenwesen geht in die geistige Welt hinauf, ohne verbraucht zu ha-
ben etwas, was es hätte verbrauchen können.
Wir lenken jetzt den Blick auf die Individualität des Menschen
selber. Der Mensch kommt hinauf in die geistige Welt, ohne etwas
verbraucht zu haben, was er hätte verbrauchen können. Damit kommt
er in die geistige Welt hinauf mit etwas, was hier unten in der physi-
schen Welt hätte Wirklichkeit sein können, aber nicht Wirklichkeit
geworden ist im äußeren Sinn. Solche Menschen, die mit der Anlage
für einen längeren Verbrauch des Ätherleibes hier eingetreten sind in
die physische Welt, auf die Erde gekommen sind, aber diesen Verbrauch
nicht gehabt haben, die kommen anders in die geistige Welt hinauf als
diejenigen, die bis zur Neige des Daseins diesen Ätherleib verbraucht
haben. Sie kommen hinauf so, daß sie einverleibt haben dieser hiesigen
Erde etwas, was sein könnte, was aber nicht seiend geworden ist. Das
aber bewirkt in ihnen eine Stimmung, durch die sie etwas Ähnliches
werden für die geistige Welt wie die Idealisten hier für die physische
Welt. Derjenige also, der in dieser Weise durch die Pforte des Todes
tritt, tritt ein in die geistige Welt, indem er etwas hereinbringt, was
dort für die geistige Welt Idealismus ist, was ähnlich ist den Idealen,
die hier in die physische Welt durch die Idealisten hereingebracht wer-
den. Ein bedeutungsvoller Lebenszusammenhang!
Es treten also in die geistige Welt in solchen Märtyrerzeiten, wie
die jetzige ist, Seelen ein, die ein kürzeres Dasein durchmessen haben.
Sie haben hier auf der Erde so gelebt, daß etwas, das seiend hätte wer-
den können, nicht für sie zum Sein gekommen ist, und sie treten so ein
in die geistige Welt, daß sie dort den Zusammenhang mit der irdischen
Welt so darstellen, wie die Idealisten hier für die Erde den Zusammen-
hang mit der geistigen Welt darstellen in den Idealen. Mit anderen
Worten, diese Menschenwesen, die so durch die Pforte des Todes ge-
gangen sind, haben die Aufgabe, in der geistigen Welt zu verkündigen,
daß auf der Erde nicht alles so derbseiend ist wie dasjenige, was man
hier unter gewöhnlichen Umständen die Wirklichkeit nennt, daß die
Erde auch etwas birgt, das zwar zum Sein veranlagt ist, aber nicht
dieses Sein in derber Weise auslebt. Daß solches inneres Gestimmtsein
der Seele auch hinaufgetragen wird in die geistige Welt, das gibt in der
Zeit zwischen Tod und neuer Geburt etwas Ähnliches, wie der Idealis-
mus hier auf der Erde ist. Und wenn wir vom Standpunkt der Weis-
heit der Welt ein solches Zeitalter betrachten, wie das unsrige ist, dann
blicken wir - wenn wir uns die rechte Stimmung erzeugt haben bei
dem Anblick der Tode, die in dieser Weise entstehen - so in die Welt
hinein, daß wir uns sagen: Innerhalb des ganzen, weisheitsvollen Wel-
tenlaufes nehmen wir auch dieses so hin, daß wir uns ehrfurchtsvoll zu
seinem Verständnis emporarbeiten. - Wir erkennen dann: Den geisti-
gen Welten wird dadurch in einem großen, umfassenden Sinne in einem
solchen Märtyrerzeitalter dasjenige gegeben, was bei ihnen leben muß,
so wie bei uns der Idealismus auf der Erde leben muß, damit die Men-
schen, die als solche überhaupt hinaufgehen in die geistige Welt und
das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchleben,
etwas Ähnliches finden in dieser Welt, wie wir hier den Idealismus
finden. Daher müssen diese Zeitalter entstehen. Ob sie immer entstehen
müssen in der Zukunft, davon braucht heute nicht die Rede zu sein,
denn das hängt davon ab, in welcher Weise, nicht allein ob, sondern in
welcher Weise das Erkenntnisleben der Menschheit auf der Erde ver-
geistigt wird. Es soll niemand den Schluß aus dem Gesagten ziehen, daß
unbedingt für immer solche Zeitalter verteidigt werden sollen; aber
wenn man ihren Sinn erforscht, stellt sich für die Menschheitsgegen-
wart dar, was gesagt wurde.
Da blicken wir hinein in den weisheitsvollen Zusammenhang der
Welt und sagen uns: Wie gliedert sich da zusammen die Furcht und
der Schrecken, das Leid und der Schmerz und das, was notwendiger-
weise diejenigen finden müssen in der geistigen Welt, die durch die
Pforte des Todes gehen! - Wir sehen wie Leid, Schmerzen, Blut und
Märtyreropfer, die sich uns hier von der einen Seite zeigen, sich von
der anderen Seite ausnehmen. Man kann sich ja denken, daß es Men-
schen gibt, die gescheiter sein wollen als die Götter und die deshalb die
Frage aufwerfen: Hätten die Götter nicht auch ein solches dem Idea-
lismus auf der Erde Entsprechendes in der geistigen Welt zustande
gebracht, ohne daß sie über die Erde verhängt hätten, was in einem
solchen Märtyrerzeitalter der Erde auferlegt wird? - Solche Fragen
werfen nur diejenigen auf, die gescheiter sein wollen als die Götter. Die
Menschen, welche in der richtigen Weise in das Menschenzeitalter hin-
einblicken, wollen die Welt verstehen, weil sie überzeugt sind, daß es
so, wie es ist, eben sein muß, und daß alles das, was der Mensch aus-
spintisiert über etwas, was besser wäre für diese Welt, nur schlechter
sein könnte für sie.
Wir sehen hin auf die Idealisten, vielleicht auf einen so recht idea-
listisch gearteten Menschen in dieser Welt; wir sind vielleicht versucht,
wenn wir für Ideale einen Sinn haben, zu sagen: Seht den Menschen,
er trägt den Himmel in die Erde hinein, denn was nicht im derben
Sinne seiend ist, das bringt er als Wertvolles für das Seiende, als eine
Richtschnur an die Menschen heran! - Die Seelen, die normalerweise
durch die Pforte des Todes getreten sind und das Leben zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt durchmachen, sie erblicken in diesem
Leben auch solche Seelen, die in irgendeiner Weise einen Opfertod
durchgemacht haben, denen der physische Leib von außen genommen
ist durch irdische Notwendigkeit. Sie blicken auf diese Seelen hin als
auf diejenigen, die ihnen zu verkünden haben, daß da drunten auf
der Erde nicht bloß derb Seiendes ist, sondern daß mit der Erde ver-
bunden werden auch Menschenanlagen, welche seiend sein könnten
und dennoch nicht zum vollen Sein kommen, sondern, statt daß sie
dieses volle Sein verbrauchen, hinübergehen an einem früheren Zeit-
punkte ihres Lebens zwischen Geburt und Tod in die geistige Welt.
Gewiß entsteht dabei eine bedeutsame Frage, nämlich die nach dem
Unterschied zwischen einem solchen gewaltsamen Tode und einem
Tode, der durch eine frühe Krankheit erzeugt wird. Denn das, was ich
jetzt gesagt habe, ist nichts als das Konstatieren von Tatsachen. Ge-
rade diejenigen, die auf diese Weise das physische Leben beendet haben,
wie beschrieben, das sind gleichsam die Idealisten der geistigen Welt,
und sie sind Idealisten aus dem Grunde, weil ihnen - das zeigt sich
durch fernere Betrachtung - der physische Leib genommen worden
ist durch irdische Ereignisse, durch Ereignisse, die dem Erdenleben
bloß angehören.
Wenn der Mensch eine Krankheit durchmacht, so wird ihm der
Leib noch durch andere Kräfte genommen als durch Erdenkräfte.
Denn denken Sie, schon in dem Pflanzenwachstum wirken nicht bloß
Erdenkräfte, sondern außerirdische Kräfte wirken mit. Beim Tier ist
das natürlich auch der Fall und beim Menschen erst recht. Wir haben
unsere Krankheiten auch durchaus nicht bloß von der Erde. Bloß von
der Erde wird uns der Tod niemals auf andere Weise gebracht als da-
durch, daß wir gewaltsam sterben. Wie der Tod auch eintreten mag,
er ist niemals ein bloß durch irdische Verhältnisse herbeigeführter,
wenn er nicht auf die angedeutete Weise ein gewaltsamer ist. Ob der
Tod durch eine Krankheit an uns herantritt - auch Selbstmord ist kein
irdisches Ereignis, er kommt ja durch Seelenentschluß -, es gibt keinen
Tod, der bloß durch Erdenkräfte bewirkt wird, außer dem, der durch
Opfertode, durch Kräfte, die auf der Erde spielen, den Leib losmacht
vom Seelisch-Geistigen. So daß hier in Wechselverhältnisse treten ir-
dische Kräfte und Beziehungen mit demjenigen, was geistig ist. Sonst
ist der Tod immer etwas, was über die Erde vollständig hinausragt;
er ist niemals ein bloßes Wechselwirken zwischen der Erde und dem,
was in der geistigen Welt ist. Gerade rein irdischen Verhältnissen, ge-
rade etwas, was bloß irdisch ist, was bloß irdisches Geschehen ist, wird
hingegeben der früh seiner Tätigkeit entzogene Ätherleib; daraus ent-
steht, was man eben den Idealismus der geistigen Welt nennen kann.
Denn der Tod ist so - halten Sie das, was ich jetzt zu sagen habe, mit
manchen Gedanken dieser Tage zusammen -, daß er, wenn man ihn
von der physischen Seite anblickt, sich ganz anders ausnimmt, als wenn
man ihn von der geistigen Seite anblickt. Ich habe in verschiedener
Weise darauf hingedeutet. Aber immer ist der Tod, wenn er nicht auf
die Weise eintritt, wie ich es jetzt angedeutet habe, von der anderen
Seite gesehen etwas, was von dieser anderen Seite verständlich ist.
Tritt man durch einen Krankheitstod, durch einen Alterstod, auch
durch Selbstmord in die andere Welt, dann hat man dort, was man
braucht, um den Tod zu verstehen. Wenn der Tod durch eine Kugel
auf dem Schlachtfeld herbeigeführt wird, dann muß man auf rein ir-
dische Verhältnisse blicken, um ihn zu verstehen. Bei Unglücksfällen
ist es auch so. Man muß von der geistigen Welt hinabsehen, daß man
irdisch gewesen ist; der Tod ist aus irdischen Verhältnissen zu erklä-
ren. Und das macht, daß man aus dem Diesseits der geistigen Welt in
das Jenseits der physischen Welt hinunterblicken muß, um einen sol-
chen Tod zu verstehen.
Wie uns hier die Ideale mit dem Himmel verbinden, so verbinden
die himmlischen Ideale diese Toten mit der Erde. Daher ist dann der-
jenige, der also durch die Pforte des Todes schreitet, in dem Leben
zwischen Tod und neuer Geburt ein solcher, der all dem Geschehen,
das sich abspielt zwischen den Menschenseelen, die wiederum zur Ver-
körperung kommen, einverwebt dasjenige, was auf unserer Erde dann
Geistiges ergibt, was auf unserer Erde das ergibt, daß die Erde selber
auch aus unseren Gedanken, Gefühlen und nicht bloß aus Irdischem
besteht.
Es ist zuzugeben, daß die Charakteristik dieser Dinge, die ich da
besprochen habe, schwierig ist. Aber es ist begreiflich, daß das schwie-
rig sein muß, denn man redet mit solchen Worten, die für die physi-
schen Verhältnisse geprägt sind, über das, was weit, weit über die phy-
sischen Verhältnisse hinausragt. Es ist jedenfalls etwas anderes, ob
man, ich möchte sagen, stumpf und unverstehend hinblickt auf das
Rätselvolle solcher Ereignisse, die aus dem Schöße der Geschichte ins
Menschenleben eintreten, wie unsere jetzige schwere Prüfungszeit der
Menschheit, oder ob man so auf sie hinblickt, daß man sich sagt: Was
einem solchen Ereignis Sinn gibt, das hat nicht nur Bedeutung für un-
sere Erde, sondern für das Gesamtleben! - Und man wird wiederum
auch in diesem Fühlen hineingeführt in den tiefen Sinn und den weis-
heitsvollen Gang der Gesamtheit. Man lernt allmählich ahnen, was
alles mitwirken muß dazu, daß der Mensch in seinem gesamten Lebens-
verlauf in diese Welt hineingestellt ist.
Dieses wollte ich andeuten in dem zweiten Mysteriendrama aus dem
Munde des Capesius heraus, der davon spricht, daß vieler Götter Sin-
nen und vieler Götter Zusammenarbeiten notwendig ist, um den Men-
schen aus allen Welten heraus als ihr Ziel erscheinen zu lassen. Das,
was sich in diesem Drama herauslöst als eine Weltempfindung aus
der Seele des Capesius, es kann vielleicht gegenständlich werden, wenn
man versucht, sich solche Vorstellungen anzueignen, wie wir sie auch
heute wiederum in unsere Seelen haben versetzen wollen. In solchen
Persönlichkeiten wie Capesius treten solche Stimmungen aus dem
Grunde tragisch auf, weil sie sich auch ergeben können, ohne daß man
gleich in vollem Umfange die Lösung des Rätsels findet. Das ist das
eine, was dabei zu bemerken ist, das andere ist, daß immer darauf Rück-
sicht genommen werden muß, wie sehr zur Bescheidenheit und zur
Demut, nicht zum Hochmut, nicht zum menschlichen Größenwahn
wir durch solches Studium aufgefordert werden.
Im rechten Sinne sich das menschliche Selbstbewußtsein anzueig-
nen heißt doch, es sich bewußt innerlich zu vergegenwärtigen. Und
wenn wir anfangen zu ahnen, worüber wir unser Bewußtsein erstrek-
ken können, wie weit der Horizont der Weltenrätsel ist, so werden wir
uns hüten, auf den stolzen Gedanken zu verfallen: O Mensch, wie bist
du eigentlich eine Zusammenfassung des ganzen Kosmos! - Ich glaube,
gerade ein solcher Gedanke wird uns recht ferne liegen müssen. Da-
gegen wird uns nahe liegen der andere Gedanke: Wie wenig wissen
wir in unserem Bewußtsein von dem, was wißbar ist! - Unendliches
ist notwendig, um den Menschen zusammenzusetzen; wir aber haben
es niemals weiter gebracht, als ein sehr kleines Stück davon zu wissen.
Bescheidenheit und Demut ist das, was sich gerade aus dem Wissen
heraus, wenn es sich erweitert, in unsere Seele hineinsenkt. Niemals
kann man mehr erfahren, als man schon weiß über die geistige Welt,
ohne zugleich zu erfahren, daß das Wißbare ein Unendliches ist. Und
immer lebendiger wird die Empfindung von dieser Unendlichkeit, je
mehr man weiß. Und man lernt verstehen, wie ein Teil des Lebens
darin besteht, daß man sich also ergreifen läßt von den großen, ge-
waltigen Rätseln und Geheimnissen, die das Dasein durchpulsen.
Vieles von dem, was die Menschheit sich jetzt wieder erringen muß,
haben in uralten Zeiten innerhalb einer uralten Weisheit die Menschen
gewußt wie ein Erbgut. Was die Menschen heute besitzen, ist nur er-
rungen worden dadurch, daß diese Erbschaft aus den Seelen geschwun-
den ist. Damit die Menschenseelen sich wiederum diese Weisheit an-
eignen können, mußte sie zunächst verschwinden. Sie mußte verschwin-
den, damit sie erarbeitete Weisheit werden kann. Wir müssen uns wie-
derum hinaufarbeiten, um uns das zu erringen im ferneren Erdenleben,
im ferneren Dasein der Erde, was als Erbweisheit aus den Seelen ver-
schwunden ist. So müssen wir also in die Perspektive der menschlichen
Zukunft hineinsehen; dann werden wir die Notwendigkeit begreifen,
daß Geisteswissenschaft in die Welt eintritt. Gerade dieses lebendige
Sich-in-Verhältnis-Setzen zu dem Unendlichen, wie es charakterisiert
worden ist, gibt uns die Möglichkeit, das Geheimwissenschaftliche
wirklich als ein innerlich Lebendiges aufzufassen, das auch in uns
kraf tet und tätig ist, das uns zu wirklichen Mitarbeitern der Gestaltung
der Erde machen kann, zu denen wir werden müssen, wenn die Erde
sich weiterentwickeln soll.
Um das zu bekräftigen, möchte ich noch eines erwähnen. Es gibt
Leute, auf die wir wohl hinhorchen sollen, weil sie von dem Stand-
punkte der Gegenwart das Richtige sagen. Sie sagen: In früheren Zei-
ten hat man nicht gewußt, was ein Verbrecher ist, warum ein Mensch
als Verbrecher sich in der Welt entwickelt. Heute aber weiß man das.
Wenn man einen Verbrecherkopf seziert, so findet man, daß er eine
gewisse Eigenschaft hat: der Hinterhauptlappen bedeckt das Klein-
gehirn nicht völlig wie beim normalen Menschen. - Es war eine große,
bedeutsame Entdeckung, die Moriz Benedikt, der berühmte Kriminal-
anthropologe, machte, die zeigt, wie eine gewisse einfache Physiologie
des Hinterhauptes bedingt, daß man ein Verbrecher ist. Also beden-
ken Sie: Ein Verbrecher ist man dadurch, daß der hintere Gehirnlap-
pen Teile des Gehirnes nicht bedeckt, die bedeckt werden sollen! Gegen
diese Wahrheit ist nichts einzuwenden. Sie ist einmal da, und es wäre
ganz einfältig, sich dagegen aufzulehnen, denn es ist eben eine Wahr-
heit. Aber denken Sie: Wenn man nun Materialist ist, was muß man
dann sagen? - Ja nun, es werden eben Menschen so geboren, daß sie zu
kleine Gehirnlappen haben; die sind dann prädestiniert, Verbrecher
zu werden. Bedenken Sie — ich brauche das nicht weiter auszuführen -
das unendlich Trostlose einer solchen Anschauung der Welt! Bedenken
Sie, wie alles menschliche Fühlen verändert werden muß, wenn man
nichts anderes weiß als dieses, und wenn man sich sagen muß: Warum
werden Menschen zu Verbrechern? Weil sie von der Natur eben so hin-
eingestellt werden ins Leben, daß sie nicht anders können als Ver-
brecher werden. — Beginnt man aber zu wissen, daß der Mensch einen
Ätherleib hat, so weiß man zu der Sache etwas anderes zu sagen, man
weiß etwas anderes dazu. Man weiß, daß dieser Ätherleib alle Teile
umfaßt, und daß bei dem Menschen, der einen zu kurzen Hinterhaupts-
lappen hat im physischen Sinne, noch immer die entsprechenden Äther-
teile ihre volle Entwickelung erlangen können. Wie es sich dann auch
mit dem Physischen verhalten mag, die Korrektur kann auch mit dem
Ätherleib erreicht werden. Wenn es uns nun gelingt, solch eine Pädago-
gik zu haben, daß wir für sie nicht nur die physische Wissenschaft zu
Hilfe rufen, sondern die Geisteswissenschaft, dann können wir uns
einen Blick dafür aneignen aus der Art und Weise, wie sich ein Kind
verhält, um zu erkennen, was notwendig ist zu seiner Erziehung, und
was wir vorkehren müssen, damit der Ätherleib sich so entwickelt,
daß er die Wirkung der zu kurzen Hinterhauptslappen paralysiert.
Dann kann der Mensch, wenn im Ätherleibe sein Hinterhirn normal
ausgebildet ist, trotzdem ein guter Mensch werden, wenn er auch phy-
sisch prädestiniert ist zum Verbrecher. Hier sehen Sie, wie Geistes-
wissenschaft praktisch in das Leben eingreifen kann und muß. Denn
die rein physische Wissenschaft muß das Verbrecherhirn eben Ver-
brecherhirn sein lassen, weil sie nur eine Wissenschaft vom Physischen
ist. Nimmt man aber auf die Geisteswissenschaft Rücksicht, so para-
lysiert man die physischen Mängel. Hieraus ergibt sich Ihnen das, was
in die Zukunft hinein sich entwickein muß.
Und stellen Sie sich jetzt vor: Diese Geisteswissenschaft bestünde
nicht! Dann wird niemals die Möglichkeit entstehen, den Ätherleib in
einer solchen Weise zu entwickeln, wie ich gesagt habe. Das heißt, der-
jenige, der geboren wird in Zukunft mit einem verkümmerten Gehirn,
der wird sich so ausleben, wie es diesem Gehirn entspricht. Es wird
keine Möglichkeit geben, dies pädagogisch auszubessern. Die Folge da-
von wird sein, daß die Menschen so werden, wie es ihrer physischen
Organisation gemäß ist. Und das wird immer weitergehen. Und die
Menschen werden zum Jupiterzustand kommen, und das wird wahr
sein, was die Materialisten heute erträumen. Wenn durch Geisteswis-
senschaft nicht dasjenige, was aus der bloß materiellen Organisation
folgt, überwunden wird, so werden die Menschen nach und nach sich
so entwickeln, daß diese materielle Organisation maßgebend sein wird;
die Menschen würden dann bloß ein Ergebnis ihrer materiellen Ent-
wickelung sein. Dadurch, daß Geisteswissenschaft eingreift in das Le-
ben, wird das auf dem Jupiter nicht so sein, es wird der Ätherleib wie-
derum umgestalten den physischen Leib. Denn wenn dann in einem
Leben, in dem durch das Karma frühere Lebensursachen das physische
Gehirn verkümmert haben, der Ätherleib richtig entwickelt wird, so
wird sich in der nächsten Inkarnation das physische Gehirn richtig
entwickeln. Das berührt sich alles. So daß Geisteswissenschaft wirk-
lieh eine Realität wird, daß sie die Menschheit wiederum umgestaltet.
Wenn Sie diese Gedanken zusammenfassen, werden Sie sich sagen
können: Das, was die Materialisten heute denken von dem Menschen,
es ist heute noch keine Realität, denn heute ist der Mensch noch so ver-
anlagt, daß das Geistige eingreifen kann. Aber es könnte so werden,
wie die Materialisten denken, wenn es nach den Materialisten ginge,
wenn Geisteswissenschaft durch die Materialisten ausgerottet werden
könnte. So bloß als Folge ihrer materiellen Organisation würden die
Menschen auf dem Jupiter leben, wenn die Träume der Materialisten
sich erfüllen könnten. - Was sind denn die Materialisten eigentlich?
Sie haben eine Weltanschauung, welche heute nicht der Wirklichkeit
entspricht, welche aber einmal der Wirklichkeit entsprechen könnte
bei den Menschen. Diese Materialisten sind Propheten, nur falsche
Propheten! Sie träumen von einer Welt, die, wenn es nach ihnen ginge,
in ihrem Sinne hergestellt werden könnte. Die Materialisten sind Träu-
mer, aber mart muß ihren Träumereien entgegenarbeiten. Wenn man
einsehen wird, daß die Materialisten Träumer sind, daß man zu ihnen
sagen muß: Ihr geht durch die Welt und seht die Wirklichkeit nicht,
ihr träumt von einem Dasein, das höchstens durch eure Einsichtslo-
sigkeit gegenüber der Welt herbeigeführt werden könnte, ihr seid fal-
sche Propheten, ihr macht euch allerlei Hirngespinste! - in dem Mo-
ment wird man den Materialismus richtig taxieren. Also das entge-
gengesetzte Urteil von dem, was die Materialisten, nun, sagen wir, von
sich aus erträumen, das wird man haben müssen. Dann wird die Zeit
gekommen sein, wo man die Geisteswissenschaft wirklich verstehen
kann. In einem gewissen Sinne wird die Geisteswissenschaft schon von
diesem Gesichtspunkte aus die Welt umgestalten.
Ich habe versucht, Ihnen in diesen Tagen in einigen Andeutungen
dieses oder jenes zu sagen von dem Zusammenhange der physischen
mit der geistigen Welt. Ich habe es gesagt aus Impulsen heraus, die von
den bedeutsamen Ereignissen unserer Zeit ausgehen. In einer Zeit, in
der uns so tausendfältig, täglich, möchte man sagen, der Tod vor der
Seele steht, sind wohl gerade solche Betrachtungen, wenn sie als Mög-
lichkeit geboten werden, der Menschenseele naheliegend. Denn wie
könnte man absehen vom Forschen nach Sinn und Zweck des Daseins
in solch schweren Prüfungszeiten, wie die heutigen es sind! Daß wir ge-
rade über solche Fragen hier sprechen konnten, macht, daß es mir zur
tiefen Befriedigung gereicht, auch in dieser schweren Zeit wiederum
unter Ihnen sein zu können. Ich möchte damit nur die Bemerkung ver-
binden, daß in der Gegenwart schon einmal manches nach dem Cha-
rakter dieser Gegenwart angesehen werden muß. Es ist jetzt nicht so
einfach, überall hinzureisen wie sonst in Friedenszeiten. Daher müssen
schon auf unserem Gebiet unsere Mitglieder sich bewußt werden, wie
sich ja alle Menschen dessen bewußt sein müssen, daß kriegerische Zei-
ten andere sind als die normalen Zeiten, und daß wir nicht alles so ver-
langen können wie in den normalen Zeiten. Ich sage das ganz beson-
ders mit Rücksicht darauf, daß das oftmals gerade von unseren Mit-
gliedern sehr übersehen wird, während doch gerade unsere Mitglieder
recht viel Verständnis haben müßten für unsere Gegenwart, leben-
digen Zusammenhang damit haben müßten. Vielfach zeigt es sich,
daß unsere Mitglieder gar nicht begreifen können, daß man daran
denken muß, in welch schwerer Zeit man lebt, und daß nicht alles in
derselben Regelmäßigkeit geschehen kann wie sonst. Daran aber müs-
sen wir festhalten, daß wir auch treu in unserer Sache sind. Was ein
jeder von uns in dieser Zeit tun kann dadurch, daß die einzelnen
Zweige unserer Gesellschaft recht viel, recht gründlich in unserer Sache
arbeiten, das wird wirklich nicht nur zum Heile unserer Sache getan,
sondern das wird zu einem viel weiteren Heile getan.
Es ist natürlich, daß die Gemeinschaft jetzt eine losere sein muß;
um so intensiver muß das Arbeiten in unseren Zweigen sein, besonders
in Hinsicht der seelischen Vertiefung. Das ist es, was ich gerade in die-
ser Zeit und heute Ihnen besonders in die Seele und ans Herz legen
möchte. Versuchen wir, ein jeder, gerade in dieser Zeit heilig und treu
zu unseren Idealen zu halten, heilig und treu zu dem zu halten, was als
Gesinnung sich herausbilden konnte im Laufe der Zeit durch die Gei-
steswissenschaft. Geisteswissenschaft muß sich nicht nur in leichten,
sondern auch in schweren Zeiten bewähren. Es muß das, was man ja
freilich banal, aber doch als einen Grundton unseres ganzen Strebens
angeben kann, sich jetzt besonders tief mit unserer Seele verbinden:
der Versuch einer allseitigen Erfassung des Lebens. Im Gegensatz zu so
vielem, was jetzt in der Außenwelt, in der dem Materialismus zunei-
genden Außenwelt gegeben wird — oftmals in solcher Einseitigkeit - ,
wollen wir Vielseitigkeit des Lebens anstreben. Wir wollen wissen, daß
wir uns, weil wir in jedem Augenblick einer Unendlichkeit gegenüber-
stehen, vor jeder bequemen Einseitigkeit in jedem Augenblick hüten
müssen.
Der eine oder andere von Ihnen hat vielleicht gehört, daß an einem
Orte, an dem unsere Geisteswissenschaft gepflegt wird, über allerlei
Mängel gesprochen werden mußte, die da oder dort sich herausgestellt
haben. Wenn mit gewissen Worten diese oder jene Menschen getroffen
worden sind, so darf man darum nun nicht zur anderen Einseitigkeit
hinneigen. Ich sage das jetzt nicht, um auf diese Dinge näher einzu-
gehen, sondern nur als Beispiel. Wenn zum Beispiel Menschen, die von
allerlei okkulten Ereignissen, okkulten Erlebnissen sprachen, über diese
Erlebnisse nicht in der richtigen Weise gesprochen haben, so darf dar-
aus nicht der Schluß gezogen werden, daß etwa in unserer Gesellschaft
die okkulten Erlebnisse nicht die Hauptsache wären. Gewiß sind sie es,
denn wir streben ja aus dem Äußerlichen in das Innerliche hinein. Es
war auch nicht ein Bedürfnis vorhanden, gegen okkulte Erlebnisse an
sich etwas einzuwenden. Auf welcher Stufe diese Erlebnisse aber auf-
treten, das ist es, auf was man innerhalb unserer Bewegung sehen muß,
was zu gelten hat. Denn ein anderes ist es, in einer gewissen leichten
Weise über okkulte Erlebnisse zu sprechen, ein anderes wäre es, zu sa-
gen, man wolle überhaupt nichts mehr davon hören. Wir haben drei
Tage lang von den intimsten okkulten Erlebnissen gesprochen. Eine
bloße Denkwissenschaft kann das nicht sein, was in unserem Kreise
geschaffen wird. Dazu ist unsere Gesellschaft nicht da. Wir dürfen
nicht von einer Einseitigkeit in eine andere kommen.
Ich möchte namentlich auf das Intime, auf das so recht mit dem
Innersten unseres seelischen Empfindens Zusammenhängende unserer
Geisteswissenschaft aufmerksam machen. Daß wir unsere Seele zu
etwas anderem machen als sie vorher war, wenn wir durch die Geistes-
wissenschaft durchgehen, darauf kommt es an. Und das muß sich auch
in schweren Zeiten bewähren. Deshalb wollte ich einmal solche Be-
trachtungen anstellen, die vielleicht geeignet sind, uns in jene ehrfürch-
tige Stimmung gegenüber dem geistigen Leben zu versetzen, die dem
richtigen Geisteswissenschafter angemessen ist. Denn im Grunde ge-
nommen ist das größte und das kleinste Ereignis des Lebens, alles im
Leben, etwas, was uns mit tiefer Ehrfurcht erfüllt, wenn wir nur von
diesem Einzelnen tief genug in die geistigen Hintergründe hineinzu-
gehen in der Lage sind. Und auch die schmerzlichen Ereignisse des Le-
bens, die kleinsten und die größten, sie können durch die Geisteswissen-
schaft in ein solches Licht gestellt werden, daß ihre Betrachtung dazu
beiträgt, unsere Seele in das rechte Verhältnis zu der durch die Welt
wallenden und webenden Weisheit zu bringen.
Vom Gesichtspunkte der Weltenweisheit wollten wir einmal Le-
bensereignisse betrachten, die zusammenhängen mit dem, was so groß,
aber auch so prüfungsreich sich heute in unserer Umgebung abspielt.
Wenn wir so fühlen gegenüber unserer Zeit, dann fühlen wir recht ge-
genüber dem, was wir andeuten wollten mit den Worten:

Aus dem Mut der Kämpfer,


Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht —
Lenken Seelen geist-bewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.

Seien wir die Seelen, die in dieser Weise ihren Sinn ins Geisterreich
lenken! Dann werden wir beitragen können zu den Früchten, die son-
nenhaft heilsam für die Menschheit aufgehen müssen aus den Saaten,
die sich blutgetränkt über die Erde hinstreuen in unseren schicksals-
schweren Tagen.
S I E B E N T E R VORTRAG
Stuttgart, 12. März 1916

Ich möchte heute eine geisteswissenschaftlich-geschichtliche Betrach-


tung geben, die uns wichtig sein kann gerade mit Bezug auf die schwer-
wiegenden Ereignisse, innerhalb welcher wir stehen, innerhalb welcher
die ganze europäische Menschheit steht, und am nächsten Mittwoch
dann eine intimere Angelegenheit des geistigen Lebens des Menschen be-
rühren. "Wenn vielleicht manchem von uns dasjenige, was heute betrach-
tet werden soll, scheinbar ferne liegen könnte, so ist das doch nur schein-
bar und sollte uns nicht fernliegen, denn gerade Geisteswissenschaft
sollte unsere Seelen mit tiefster Aufmerksamkeit erfüllen für alles das,
was beitragen kann zu dem Verständnisse unserer Zeit. Wie gesagt,
am Mittwoch werden wir dann wiederum zu einer rein menschlichen
geisteswissenschaftlichen Angelegenheit kommen.
Ausgehen möchte ich heute von einer Frage. Aber erschrecken Sie
nicht, glauben Sie nicht, wenn ich diese Frage an die Spitze unserer
Betrachtungen stelle, daß ich auch nur im allergeringsten alte Streit-
fragen unserer Bewegung irgendwie aufwerfen möchte. Es wird sich,
wie Sie sehen werden, um etwas ganz, ganz anderes handeln, trotzdem
ich einleitend von vielleicht zunächst leicht mißzuverstehenden Fra-
gen ausgehen werde. Die Frage nämlich möchte ich aufwerfen: Warum
verleumdet Mrs. Besant, gerade während dieser Zeit des Krieges, in
ihren englischen Zeitschriften weiter unsere deutsche Bewegung? War-
um hat sie gleich in den ersten Monaten des Krieges es für notwendig
befunden, davon zu sprechen, daß unsere deutsche Bewegung nur die
Absicht gehabt habe, eine Art Agentur zu sein für englandfeindliche
politische Bestrebungen Deutschlands? Warum hat sie es für notwen-
dig befunden, zu sagen, daß diese unsere deutsche Bewegung die Ab-
sicht gehabt habe, ihre eigene - Mrs. Besants - Absetzung als Präsiden-
tin der Theosophischen Bewegung zu bewirken, um sich in Indien fest-
zusetzen und von da aus eine Art von englandfeindlicher, pangermani-
stischer Bewegung gegen England zu organisieren? Warum setzt Mrs.
Besant diese Verleumdungen, die sie gegen unsere deutsche Bewegung
während der Zeit dieses Krieges in so häßlicher Weise anbringt, jetzt
weiter fort und wird sie wahrscheinlich auch weiter fortsetzen?
Innerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung ist uns nichts
notwendiger, als einen klaren, einsichtsvollen Blick zu haben für das-
jenige, was in der Welt vorgeht. Dasjenige, was so leicht gerade dem
gefallen kann, der oftmals glaubt, so recht innerhalb unserer Bewegung
zu stehen, eine gewisse - verzeihen Sie den harten Ausdruck - geistige
Schlafsucht gegenüber den Vorgängen der Welt, das ist gerade inner-
halb einer solchen geistigen Bewegung von großem, großem Nachteil.
Der klarste Blick auch in bezug auf die Angelegenheiten des äußeren
Daseins muß angestrebt werden. Denn nichts ist leichter, als daß sich
an eine solche Bewegung anhängen alle möglichen scharlatanhaften,
schwindelhaften Bestrebungen innerhalb der Menschheitsentwicke-
lung. Und da ja in den Grenzen, die wir oftmals betont haben, in dem
gewiß kleinen Häuflein derer, die hier gewisse Dinge verstehen wollen,
schon einmal ein gewisses Vertrauen nötig ist, so liegt es auch nahe,
daß, verführt von einer gewissen Vertrauensseligkeit, gerade Persön-
lichkeiten unserer Bewegung gewissermaßen umnebelt werden von den-
jenigen, die ihnen doch nichts Rechtes sagen wollen, sondern die nur
in ihre Seele allerlei hineinpfropfen wollen, um auf dem Umwege der
theosophischen oder sonstigen geistigen Gläubigkeit gewissermaßen
eine geistige Leibgarde zu züchten für allerlei Bestrebungen, die im
richtigen Sinne doch nicht wahrhaft geistige Bestrebungen der Mensch-
heit sind.
Wir haben öfter darauf aufmerksam gemacht, welche Stellung das
russische Volk hat innerhalb der Entwickelung der fünften nachatlan-
tischen Kulturzeit, und ich will, da ich gerade in diesem Zweige hier
in Stuttgart das Diesbezügliche oftmals auch schon während dieser
Kriegszeit erörtert habe, auf das, was Sie ja in einzelnen Zyklen lesen
können, heute nicht zurückkommen. Vielmehr möchte ich aber dar-
auf aufmerksam machen, daß es gewisse Grundeigentümlichkeiten des
russischen Volkes gibt, welches dieses russische Volk ganz besonders
geeignet erscheinen lassen, gerade in der oftmals charakterisierten
Weise sich in den Entwickelungsgang der fünften nachatlantischen oder
auch sechsten nachatlantischen Kulturentwickelung hineinzustellen.
Da haben wir zuerst eine Eigenschaft des russischen Volkes, welche
man nennen könnte eine ganz besonders weitgehende Anpassungsfä-
higkeit der Seele an Geistiges, das dem russischen Menschen in irgend-
einer Weise entgegentritt, eine gewisse Anpassungsfähigkeit der Seele.
Es ist so, daß der russische Mensch weniger produktiv, weniger schöp-
ferisch in der eigenen Seele ist als der mitteleuropäische oder west-
europäische Mensch, daß er gewissermaßen darauf angewiesen ist, ent-
gegenzunehmen und das Entgegengenommene zwar intensiv zu durch-
leben, aber es nicht aus Eigenem heraus selbständig weiter zu gestal-
ten. So können Sie ja sehen, wie der russische Mensch die byzantinische
Religion entgegengenommen und auf dem Standpunkt gelassen hat, auf
dem sie war, als er sie entgegengenommen hat. Und heute kann man
noch immer aus den Zeremonien der russischen Kirche ersehen, wie
altorientalisches Wesen durch diese Zeremonien hindurchleuchtet.
Man kann, ich möchte sagen, durch die Form der russischen Kirche
auf uralt heiliges Orientalisches schauen und dieses uralt heilige Orien-
talische empfinden.
Vergleichen Sie damit dasjenige, was im Abendlande aufgetreten
ist, wo in einer ja, wie Sie wissen, vielfach angefochtenen Dogmen-
entwickelung und Zeremonienentwickelung ein fortwährendes Um-
gestalten, Umwandeln, also ein schöpferisches Eingreifen in das statt-
gefunden hat, was einstmals jene Gemeinschaft übernommen hat, die
dann zur römisch-katholischen Kirche, zum Protestantismus und so
weiter geworden ist. Diese Anpassungsfähigkeit, diese Aufnahmefä-
higkeit, das ist gewissermaßen die erste Grundeigenschaft des russi-
schen Volkstums.
Eine zweite Grundeigenschaft ist eine gewisse Abneigung des russi-
schen Menschen gegen das, was wir die Durchdringung des Lebens mit
Intellektualität nennen. Der russische Mensch liebt es nicht, einge-
spannt zu sein im sozialen Leben in viele genau umschriebene Gesetze.
Er verlangt gewissermaßen eine Art willkürlichen Dahinlebens des Ich.
Daß der Verstand ein Netz von Gesetzlichkeit ausspannt und daß sich
dann der einzelne streng an solche Verstandesformen im sozialen Le-
ben hält, das will der russische Mensch, praktisch wenigstens, nicht
begreifen, wenn er auch theoretisch zuweilen darauf eingeht. Er fragt
mehr nach dem, was das Ich aus der Eingebung des Augenblicks heraus
gerade will.
Ein drittes im Charakter des russischen Menschen ist - Herder ins-
besondere hat in gründlicher Weise darauf hingewiesen; die Slawo-
philen haben dann diese Herdersche Anschauung, also eine deutsche
Anschauung, aufgenommen und bis zu einer Art von Größenwahn
entwickelt -, daß der russische Mensch bewahrt hat dasjenige, was
man überhaupt im ganzen orientalischen Wesen findet, eine gewisse
Friedfertigkeit. So sonderbar es klingt, es ist schon im Wesen des russi-
schen Menschen, denn der russische Mensch hat diesen Krieg nicht als
solcher gemacht: den haben seine Machthaber angezettelt. Er hat eine
gewisse Friedfertigkeit. Er hat den tiefen Glauben, daß durch die Art
und Weise, wie sich die westeuropäische Religion entwickelt, Streit
und Zank entwickelt wird. Es liegt nicht im Charakter des orientali-
schen Menschen, wegen religiösen Dogmen seine Mitmenschen zu be-
kriegen. Das ist sogar etwas - sonderbar ist es ja, aber wahr ist es
doch -, was jetzt den Leuten so unendlich stark auffällt bei den Tür-
ken, die ja auch dieses Orientalische haben, daß sie nicht aggressiv wer-
den in bezug auf das religiöse Leben selber.
Wie gesagt, das liegt in dem Glauben, im Bewußtsein des russischen
Menschen. Diese drei Eigenschaften sind auf der anderen Seite ganz
besonders geeignet, mißbraucht zu werden von denjenigen, die sie
eben mißbrauchen wollen. Man kann eine Anpassungsfähigkeit, wie sie
der russische Mensch hat, sehr leicht, so wie die Slawophilen das getan
haben und jetzt wiederum die Panslawisten es in reichem Maße tun, da-
zu verwenden, dem russischen Volke einzureden, daß es berufen sei,
die abgelebte, greisenhafte, dem Tod doch verfallende europäische Kul-
tur abzulösen und das russische Leben an deren Stelle zu setzen.
Man kann wiederum, wenn man mißbraucht die zweite Eigen-
schaft, die ich angeführt habe, dem russischen Menschen einreden, daß
die ganze west- und mitteleuropäische Kultur greisenhaft geworden
sei wegen ihrer besonderen Vorliebe zum Intellektualismus, zu einer
gewissen Verstandesmäßigkeit, daß diese westeuropäische Kultur bar
sei jedes wirklich wahren mystischen Zuges.
Und man kann drittens, wenn man mißbrauchen will die dritte
Eigenschaft des russischen Volkes, die angeführt worden ist, gerade
die friedlichste Eigenschaft verkehren dahin, daß man die sonst fried-
liche Masse organisiert und zum blutigsten Kampfe aufruft. Denn wirk-
lich, die Gegensätze berühren sich in der Welt, und insbesondere solche
Gegensätze, von denen hier die Rede ist. Dasjenige aber, was das russi-
sche Volk zu bedeuten hat im Entwickelungsgange der europäischen
Kultur, das hängt nicht zusammen mit dem, was jetzt russische Macht-
haber aus diesem russischen Volke machen, sondern das hängt zusam-
men mit den genannten drei Eigenschaften.
. Und diese genannten drei Eigenschaften bestimmen daher das russi-
sche Wesen, eine gewisse Verbindung einzugehen mit dem mitteleuro-
päischen, westeuropäischen Wesen. Weil das russische Volkswesen an-
passungsfähig ist, ist es zunächst berufen, dasjenige, wovon wir oft
gesprochen haben, was es zu leisten hat im sechsten nachatlantischen
Kulturzeitraum, zunächst nicht durch Schöpferisches, sondern durch
sein Erleben zu leisten, indem es aufnimmt das, was ihm vom Westen
kommt. Eine Art von geistiger Ehe habe ich es oftmals genannt, Jahre,
ja ich darf sagen, Jahrzehnte vor dem Ausbruch dieses Krieges, eine
Art Ehe, die notwendig ist zwischen dem mitteleuropäischen Wesen
und zwischen dem russischen Wesen in bezug auf die seelische Ent-
wickelung.
Dadurch, daß das russische Volk eine gewisse Abneigung gegen den
Intellektualismus hat, werden gewisse soziale Einrichtungen geschaf-
fen werden können mit dem russischen Volke, die nur möglich sein
werden, wenn die eben angedeutete Ehe wirklich stattfindet.
Und in einer ähnlichen Weise wird sich das russische Volkswesen zu
verhalten haben gegen das, was innerhalb Mitteleuropas überhaupt ge-
geben werden kann. Morgen werden wir im öffentlichen Vortrag wie-
derum von solchen Dingen zu sprechen haben, die aus dem mittel-
europäischen Wesen zu folgen haben, und die als etwas Großes, Ge-
waltiges, Unvergängliches einverleibt werden müssen dem ganzen Ent-
wickelungsgange der Menschheit. Aber das russische Volk wird an-
nehmen müssen dasjenige, was vom mitteleuropäischen Wesen geleistet
wird. Selbstschöpferisch ist es zunächst nicht innerhalb dieser nach-
atlantischen Zeit.
Nun aber besteht demgegenüber, was man so als das Wesen des
russischen Volkstums charakterisieren kann, das mitteleuropäische
Volkstum und das westeuropäische Volkstum, jenes westeuropäische
Volkstum, das nach der Regierung der Königin Elisabeth von England
im wesentlichen ja ein britiisches Volkstum, ein angelsächsisches Volks-
tum geworden ist. Und unter den mancherlei Ergebnissen dieser gegen-
wärtigen bedeutsamen Ereignisse, die selbstverständlich irgendwie aus-
zumalen nicht mein Beruf sein kann, wird aber ganz gewiß dieses
sein, daß die anderen westeuropäischen Staaten, ganz gleich wie auch
der Ausgang dieser Ereignisse sein wird, allmählich Vasallen, abhän-
gige Völker Englands werden. Insbesondere werden die Franzosen die
bittersten Enttäuschungen zu erleben haben. Aber das sind nicht die
Dinge, auf die es eigentlich ankommt, sondern das, worauf es uns heute
ankommt, ist, hervorzuheben den großen Gegensatz, der besteht zwi-
schen mitteleuropäischem "Wesen und westeuropäischem, namentlich
britannischem Wesen, angelsächsischem Wesen.
Es hat vielleicht niemals - wenn es auch heute nicht bemerkt wird
von denjenigen, die nicht denken wollen, die namentlich nicht beob-
achten wollen - , einen größeren Gegensatz gegeben in der weltge-
schichtlichen Entwickelung als diesen Gegensatz zwischen mitteleuro-
päischem und angelsächsischem Wesen. Nicht als ob der einzelne, die
einzelne Persönlichkeit sich nicht darüber erheben könnte. Davon kann
nicht die Rede sein; vom Volkstum ist die Rede. Gewiß, es ist niemals
die Rede, wenn solche Dinge charakterisiert werden, von dem einzel-
nen Engländer, der sich selbstverständlich erheben kann über dasje-
nige, was dabei zu charakterisieren ist. Man braucht ja auch nicht
gleich zu denken, daß man irgendwie in die Fehler unserer kriegerischen
Gegner verfallen und das englische Wesen, weil es ein anderes ist, nun
durchaus beschimpfen müsse, sondern darum muß es sich handeln, in
scharfer Weise den Gegensatz zu charakterisieren. Freilich wäre vieles
notwendig, wenn ich versuchen würde, Ihnen alle möglichen Bau-
steine zusammenzutragen, die eigentlich nötig wären, um den ange-
deuteten Gegensatz voll zu verstehen. Aber es kann uns dieser Gegen-
satz klar werden von dem Gesichtspunkte aus: wenn wir einmal auf
der einen Seite das mitteleuropäische Wesen, in dessen Mittelpunkt
eben das deutsche Wesen steht, im Verhältnis zum russischen Wesen
des Ostens betrachten, und auf der anderen Seite das britannische,
französische Wesen in seinem Verhältnisse zum russischen Osten be-
trachten. Da ist eben einer der größten Gegensätze in der Mensch-
heitsentwickelung vorhanden. Ich muß Sie allerdings auf manches da-
bei heute nur hinweisen, was ich hier gerade im morgigen öffentlichen
Vortrage auszuführen habe. Aber ich möchte, daß das kleine Häuflein
derer, die der geisteswissenschaftlichen Bewegung angehören, solches,
wie das, was morgen genauer gesagt werden wird, eben tiefer verste-
hen, als es zunächst verstanden werden kann, wenn man nicht tiefer in
die Geisteswissenschaft eindringt.
Sehen Sie, dieses mitteleuropäische Wesen ist ein solches, das in
ganz anderer Art national ist als irgendein anderes Volkstum in der
ganzen Menschheitsentwickelung. Nehmen Sie alle westeuropäischen
Völker: Sie sind gewissermaßen national aus dem Blute heraus. Der
Deutsche ist national aus der Seele heraus. Der Deutsche ist national,
indem er sich unablässig bestrebt, gewisse Inhalte des Seelenlebens aus
dem allgemeinen Seelenleben herauszuheben und in die eigene Seele
hinein zu verpflanzen. Daher erleben wir innerhalb des deutschen We-
sens etwas so Großes, wie die Goetheschen Kunstwerke, die Herder-
sche Geschichtsbetrachtung oder die Weltanschauungsbestrebungen
Hegels, Scbellings, Fichtes sind.
Wenn diese Dinge auch heute noch weniger bekannt sind in weite-
ren Kreisen - sie werden schon bekannt werden. Denn entgegen allen
Meinungen, die darüber geäußert werden, muß ich das sagen: Sie kön-
nen populär werden, sie können so dargestellt werden - trotzdem man
das heute nicht glaubt - , daß jedes Kind sie verstehen kann. Das wird
schon geschehen. Alles dasjenige, was echte deutsche Weltanschauung
ist, wächst hervor aus dem tiefsten Seelenwesen des deutschen Volks-
tums. Und es würde niemals eine geisteswissenschaftliche Bewegung in-
nerhalb des deutschen Wesens entstehen können-wenn sie fruchtbar sein
soll - , welche einen ähnlichen Charakter hätte, wie ihn die geisteswissen-
schaftlichen Bestrebungen des Westens haben. Wir dürfen diesen Un-
terschied schon einmal nicht verschlafen, wir müssen ihn klar ins Auge
fassen. Innerhalb des deutschen Volkstums muß alles, was Inhalt der
Geisteswissenschaft ist, in harmonischem Zusammenhang stehen mit
dem, was das Volk als solches hervorbringt. Daher habe ich das letzte
Mal bei meiner Anwesenheit hier in Stuttgart gesagt: Wenn man die
Weltanschauung Schellings, Fichtes und Hegels betrachtet, so ist es,
wie wenn das ganze Volk meditieren würde. Man fühlt sich immer hin-
eingestellt in das Volkstum, aber in das Seelische des Volkstums, wenn
man vom deutschen Volkstum spricht. Man kann von deutschem Volks-
tum nicht anders sprechen, als indem man auf die seelischen Eigen-
schaften dieses deutschen Volkstums Rücksicht nimmt, auf dasjenige,
was erstrebt werden muß. Und es ist innerhalb des Deutschtums unmög-
lich, wie es in England möglich ist, daß die Wissenschaft auf der einen
Seite existiert und auf der anderen Seite diese Wissenschaft den Glau-
ben durchaus links liegen lassen will. Das ist innerhalb des deutschen
Volkstums auf die Dauer nicht möglich. Der Deutsche will Einheit
haben. Er will eine Geistigkeit haben, die voll auf dem Boden der Wis-
senschaftlichkeit stehen kann, und er will eine Wissenschaft haben,
welche sich zu rechtfertigen weiß vor dem geistigen Leben.
Am offensten tritt ja dieser Gegensatz zutage in der Goetheschen
und in der Newtonschen Farbenlehre. Seit mehr als dreißig Jahren be-
mühe ich mich, die Goethesche Farbenlehre zur Geltung zu bringen
gegenüber der Newtonschen. Während die Goethesche Farbenlehre
ganz hervorgeht aus dem tiefen Verwachsensein der Seele mit der Welt,
geht die Newtonsche von der mechanischen Betrachtung der Welt aus
und erstrebt nichts anderes. Und die Physik ist heute so verengländert,
daß sie gar nicht merkt, um was es sich auf diesem Gebiet handelt,
daß sie selbstverständlich jeden für einen Dummkopf ansieht, der die
Goethesche Farbenlehre ernst nimmt.
Es ist innerhalb des deutschen Volkstums ein Streben zur Geistig-
keit hin. Daher ist man auch verpflichtet innerhalb des deutschen
Volkstums, zu rechnen mit demjenigen, was in heißem Seelenstreben
von den Besten dieses Volkes, von denen, die wir schon genannt haben,
und von denjenigen, die wir morgen wieder nennen werden, gerade als
ein Weg zur Geisteswissenschaft hin gesucht worden ist. Aber es kann
dann dieses deutsche Volkstum nicht anders als sachlich streben, der
Sache selbst zugewendet sein. Das ist dasjenige, was englisches, franzö-
sisches Wesen nicht so verstehen kann. Der Franzose will ein schönes
Wort haben, in eine schöne Phrase alles geprägt haben, und ist dann
zufrieden. Der Engländer will nachfragen, wo der Nutzen von einem
Wissen oder dergleichen liegt. Daß aber erstrebtes Wissen etwas ist,
was aus der Seele herauswachsen muß wie die Blüte aus der Pflanze,
ohne das der Mensch sich nicht als ein ganzer Mensch fühlt, das ver-
stehen weder die Franzosen — als Franzosen selbstverständlich, vom
einzelnen ist nicht die Rede - , noch verstehen es die Angelsachsen.
Dasjenige, was seit dem Griechentum, das ein Höchstes geleistet
hat für die vierte nachatlantische Kulturperiode, zu leisten ist an Her-
ausgestaltung des seelischen Erlebens in eine Ideenwelt hinein, das ist
Aufgabe des deutschen Wesens. Und man braucht wirklich kein Na-
tionaler im engherzigen Sinne zu sein, sondern ein ganz objektiver Be-
trachter des Entwickelungsganges der Menschheit, wenn man dieses
hervorhebt. Und Sie wissen ja auch: Ich hebe es nicht erst bei Gele-
genheit dieses Krieges hervor, sondern diese Betrachtungen lagen in
vielem darin, was seit Jahren, seit anderthalb Jahrzehnten unter uns
von mir gesagt worden ist.
Dadurch aber, daß dieses deutsche Wesen so ist, dadurch ist es aus
seelisch-sachlichen Gründen berufen, die angedeutete seelische Ehe ein-
zugehen mit dem russischen Osten. Und niemals wird die Kulturauf-
gabe der Zukunft anders erfüllt werden können, als indem die russi-
sche Anpassungsfähigkeit das annimmt, was aus dem deutschen Volks-
tum heraus kommen kann. Und alle Kulturentwickelung der Zukunft
ist eine Frage dieser Verbindung Mitteleuropas mit Osteuropa.
Anders liegt das mit Westeuropa. Westeuropa hat dasjenige, was die
vierte nachatlantische Kulturperiode gebracht hat, übernommen und es
selbständig entwickelt, aber in der Weise, wie ich das oftmals darge-
stellt habe: nur durch die drei Seelenkräfte: Empfindungsseele, Ver-
standesseele, Bewußtseinsseele. Es ist nicht produktiv, was diese vierte
nachatlantische Kulturperiode im wesentlichen hinausschickt, und ins-
besondere die britannische Volksseele, die angelsächsische Volksseele
hat die Aufgabe, die Bewußtseinsseele auszubilden, auszubilden das-
jenige, was vor allen Dingen auf die Nützlichkeit in bezug auf den phy-
sischen Plan hingeordnet ist.
Daher alle die Erscheinungen, die wir auftreten sehen innerhalb
Westeuropas, besonders innerhalb des angelsächsischen Volkstums.
Aber nun fühlt besonders dieses angelsächsische Volkstum instinktiv,
daß das eigentlich Fruchtbare das Mitteleuropäische ist, im wesent-
lichen der deutsche Einschlag Mitteleuropas ist. Und diejenigen, wel-
che die sogenannten okkultistischen Bewegungen Westeuropas, nament-
lich des angelsächsischen Volkes leiten, die wissen, um was es sich han-
delt. Von zwei Gedankengängen sind diejenigen zunächst erfüllt, die
die okkultistischen Bewegungen im angelsächsischen Volkstum leiten:
Der eine Gedankengang ist der, daß sie sich sagen: Das römisch-katho-
lische Wesen ist abgetan, das gehört im wesentlichen der vierten nach-
atlantischen Zeit an. An die Stelle desjenigen, was im römischen Kult-
wesen war, muß das angelsächsische Wesen treten. - Und jeder Okkul-
tist einer gewissen Sorte, das heißt jeder Okkultist, der in seinem Volks-
tum aufgeht, und das sind, mit Ausnahme weniger, alle im Angelsach-
sentum, der weiß - das heißt, er bildet sich das ein, ein richtiges Wissen
zu haben -, daß die «angelsächsische Rasse», wie er sagt, an die Stelle
des römischen Wesens treten müsse. Das wird in allen okkultistischen
Schulen dort gelehrt. Das ist ein festes Dogma.
Und ebenso wissen die Leute instinktiv, daß gewissermaßen die
Rekruten für das Einführen in das Leben alles desjenigen, was die Kul-
tur bringen muß, die Rekruten, die aufnehmen müssen passiv durch
ihre Anpassung, die russischen Menschen sind.
Diese zwei Dinge wissen gerade die angelsächsischen Okkultisten
sehr genau, das heißt, sie sehen die Sache so an, das ist ihre Überzeu-
gung. Ihre Überzeugung ist auf der einen Seite: Angelsachsentum hat
abzulösen das römische Wesen; alles andere, Protestantismus, Calvi-
nismus und so weiter, das sind nur Anhängsel. Das Angelsachsentum
muß etwas erzeugen in der Welt - wie gesagt, ich spreche jetzt von den
Okkultisten - , was für die fünfte nachatlantische Kultur so sich hin-
stellt, wie sich das römisch-katholische Wesen hereingestellt hat in die
zweite Zeit der vierten nachatlantischen Kultur, selbst noch bis ins
14., 15., 16. Jahrhundert.
Und nun ist jeder Okkultist auf dieser Seite davon überzeugt, daß
vor allen Dingen die Brücke geschaffen werden muß zwischen dem-
jenigen, was das Angelsachsentum sich so zuschreibt, und dem russi-
schen Wesen. In die russische Seele hineingießen dasjenige, was an-
gelsächsischer Okkultismus lehren will, das ist dasjenige, was aus dem
zweiten, das ich angeführt habe, wie ein Ideal hervorgeht für jeden
angelsächsischen Okkultisten: die russische Seele zu benützen als eine
Art von Wachs, in das eingeprägt wird dasjenige, was der angelsäch-
sische Okkultismus will. Dieses Ideal überwuchert in den Kreisen, von
denen ich jetzt rede, weitaus alles dasjenige, was uns hier die Haupt-
sache ist.
Uns ist die Hauptsache wirkliche Erkenntnis, wirkliches Dringen
zur Wahrheit, und unsere ehrliche Grundüberzeugung ist die, daß,
wenn wir die Wahrheit finden, diese Wahrheit den Menschen geben
wird, was sie brauchen, und daß diese Wahrheit, wenn wir sie in der
richtigen Weise erstreben und suchen, auch in der richtigen Weise die
zukünftigen Kulturepochen befruchten wird, daß schon das gesche-
hen wird, was geschehen muß mit den Völkern Europas, wenn in der
richtigen Weise ehrlich die Wahrheit gesucht wird. Man braucht nichts
anderes, als ehrlich die Wahrheit suchen; das ist der wahre Grundsatz
der Geisteswissenschaft.
Aber dem steht gegenüber ein solcher Grundsatz, wie ich ihn eben
charakterisiert habe, eine besondere Rasse an die Spitze zu bringen,
eine besondere Rasse mächtig zu machen, mächtig vor allen Dingen
in bezug auf das Seelenleben. Nicht von Politischem sprechen wir jetzt,
wir sprechen von dem, was als okkultistische Wege in den Tiefen wur-
zelt: mächtig zu machen das angelsächsische Seelentum und zu benüt-
zen das, was anpassungs- und aufnahmefähig ist, das osteuropäische
Wesen, und in es hineinzugießen das, was man hineingießen will, damit
eine Ehe.entstehen könne zwischen Angelsachsentum und Russentum.
Die inneren Impulse der Menschheitsentwickelung sprechen von einer
Ehe des deutschen Wesens mit dem Russentum. Der egoistische Wille
des angelsächsischen Okkultismus redet davon, daß das Russentum
durchdrungen werden muß mit Angelsachsentum in bezug auf see-
lische okkulte Entwickelung.
Fassen Sie diese Dinge nur ganz klar ins Auge; sie sind außerordent-
lich wichtig. Sie werden von mir so angeführt, wie sie immer mehr
und mehr gelehrt werden in allen möglichen okkultistischen Richtun-
gen des Westens, namentlich in den angelsächsischen okkultistischen
Schulen. Dasjenige, was aber doch im Grunde genommen nur die Be-
wußtseinsseele zu pflegen hat, kann zu einem wirklichen Inhalt nicht
kommen. Wirklicher Okkultismus aber, der nicht Machtgelüste ent-
faltet, sondern nach der Wahrheit sucht, steht ganz im organischen, im
lebensvollen Zusammenhange mit der deutschen Entwickelung und ist
ganz innerhalb der deutschen Entwickelung verankert.
Aber was hat sich zugetragen, meine lieben Freunde? Wäre die Ent-
wickelung seit dem Mittelalter bis in unsere Zeit herauf nicht durch
ahrimanische Kräfte gestört worden, hätte sich dasjenige, was in Eu-
ropa für die Geisteswissenschaft geschehen ist - von einigem sehr spä-
ten Geschehen werden wir wiederum morgen zu reden haben - , orga-
nisch, ohne ahrimanische Einflüsse entwickelt, dann würde man heute
leichter ersehen, daß alles das, was das Abendland an Geisteswissen-
schaft geleistet hat, aus deutschem Wesen hervorgegangen ist. Aber
durchflutend Angelsächsisches, wurde deutsche Geisteswissenschaft in
Masken ins Angelsachsentum und auch nach Frankreich hineingetra-
gen. Nur die Terminologie, die Namengebung der einzelnen Tatsachen
hat man angepaßt der französischen, der englischen Sprache. Wenn
man aber auf den Grund geht, so ist all dasjenige, was im französischen
Okkultismus und im englischen Okkultismus enthalten ist, nur mas-
kiertes deutsches geisteswissenschaftliches Forschen, mitteleuropäisch-
geisteswissenschaftliches Forschen.
Auf eine Weise, die ich gleich erörtern werde, hat auch dasjenige,
was sich Theosophical Society genannt hat, nichts anderes enthalten,
als mit indischen oder sonstigen Namen belegte Tatsachen, die inner-
halb der deutschen Geisteswissenschaft gefunden worden sind. Und
das Bestreben der Theosophical Society war, den Deutschen diese Tat-
sache möglichst zu verschleiern. Denn darauf geht das Angelsachsen-
tum aus, die Wahrheit der mitteleuropäischen Entwickelung in bezug
auf die Geisteswissenschaft überall auszulöschen und sich selbst an
dessen Stelle zu setzen. Hier ist es das eminenteste Machtgelüste, das
dem Okkultismus entspringt. Und es war eine einfache Notwendig-
keit, daß jene Abschälung stattfand, die sich nun wirklich seit der
Jahrhundertwende vollzogen hat, daß wiederum zurückgeführt wor-
den ist das, was ursprünglich deutsch war und was leider unsere Deut-
schen nur allzusehr mit Kußhand empfangen haben vom Engländer-
tum, daß das wiederum hingestellt wurde in seiner ursprünglichen
Reinheit. Eine Wahrheit ist festgestellt worden. Die mußte festgestellt
werden. Daß diese Wahrheit festgestellt worden ist, das wird die eng-
lische Theosophische Gesellschaft unseren deutschen Bestrebungen, wie
sie vom Anfange an waren, niemals verzeihen. Das läßt sich nur mit
einem Nebel umhüllen durch Verleumdung.
Aber sehr systematisch, sehr zielbewußt, gehen alle diejenigen vor,
die innerhalb der okkultistischen Bestrebungen gerade Macht entfal-
ten wollen. Deshalb ist es so notwendig, daß man diesen Bestrebungen
gegenüber nicht schläft, sondern einige Klarheit entwickelt. Klarheit
ist vor allen Dingen gerade den bedeutenden Erscheinungen gegenüber
notwendig. Und Klarheit ist zum Beispiel ganz besonders notwendig
gegenüber der für die Theosophical Society ja ausschlaggebenden Per-
sönlichkeit von Helena Petrowna Blavatsky.
Was der Klarheit auf diesem Gebiete zugrunde liegt, das läßt sich
anknüpfen an zwei Tatsachen: Die erste Tatsache ist diese, daß Helena
Petrowna Blavatsky eine Russin war, aus dem Russentum herausge-
wachsen ist. Die zweite Tatsache ist diese, daß sie hinterlassen hat in
englischem Gewände eine Art Geheimwissenschaft, daß sie nach und
nach vollständig, aber auf Umwegen verschiedener Art, hineingewach-
sen ist in das, was der angelsächsische Okkultismus anstrebt, zum Teil
auf Umwegen, die bedingt waren durch die große Begabung dieser
Frau. Helena Petrowna Blavatsky war eine, ich möchte sagen, in ei-
nem gewissen Sinne mediumistische Persönlichkeit, die in einer solchen
Anpassungsfähigkeit auch der okkult-seelischen Eigenschaften eben nur
aus dem russischen Volkstum heraus sich entwickeln konnte. Dasje-
nige, was der Russe sonst als allgemein menschliche Eigenschaften hat,
hatte Helena Petrowna Blavatsky gerade mit Bezug auf okkulte Ei-
genschaften. Und daher kam es, daß sie in Westeuropa zuerst von dem
französischen Okkultismus, dann von dem britischen Okkultismus ei-
ner gewissen Sorte geeignet befunden worden ist, gerade in ihre Seele
hineinzugießen angelsächsisch-okkultes Wesen. Man glaubte der Welt
etwas geben zu sollen, was gleichsam vorausgenommen darstellt an-
gelsächsischen Okkultismus, sich offenbarend aus der russischen Seele
heraus. An die Stelle desjenigen, was kommen soll und kommen muß,
der Verbindung des mitteleuropäischen Wesens mit dem russischen
Wesen, wurde bewußt, absichtlich gestellt die Durchdringung der russi-
schen Natur - in Helena Petrowna Blavatsky als Repräsentantin des
russischen Volkstums — mit angelsächsischem Machtokkultismus. Dar-
an waren diejenigen Menschen nicht unbeteiligt, welche gewisserma-
ßen die Fäden des Lebens, wie es sich außen nach dem physischen Plan
entwickelt, in der Hand haben wollen. Um die arme Persönlichkeit
der Helena Petrowna Blavatsky hat sich mancherlei Tragisches ab-
gespielt, auf das ich heute nicht eingehen kann. Gerade wegen ihrer
tiefgehenden und umfassenden Medialität, in die alles mögliche hin-
eingegossen werden konnte, hat sich vieles, vieles abgespielt. Und es
war ein langer Weg von dem Ausgangspunkt, wo zunächst versucht
worden ist, Mitteleuropäisches direkt der armen Blavatsky zu über-
mitteln, was dann in einer allerdings kaleidoskopartigen, fast un-
brauchbaren Weise in der «Entschleierten Isis» zutage getreten ist. Aber
sehr bald kam sie, indem sich andere Persönlichkeiten ihrer bemächtig-
ten, unter ganz andere Einflüsse, und an die Stelle desjenigen, der ihr
Leiter war, und der sie zu mitteleuropäischem Wesen anleiten wollte,
trat später, indem sie in der Maske des ursprünglichen Leiters auftrat,
die sogenannte spätere Koot-Hoomi-Individualität, die aber nichts
anderes war, nach der Aussage der wirklich wissenden Okkultisten,
als ein Mensch, der im Solde des Russentums stand und in einer be-
wußten Weise zusammenschmieden wollte dasjenige, was hervorge-
hen konnte aus der seelischen Befähigung der Blavatsky und dem an-
gelsächsischen Okkultismus. Man hat es direkt zu tun mit dem Zu-
sammenstoßen, möchte ich sagen, einer ursprünglichen Individualität -
manche nennen es Meister, man kann es nennen, wie man will — und
einem späteren Wicht, einem Schwindler, der die Maske des ersten
angenommen und von seiten Osteuropas aus die Aufgabe erhalten hatte,
die ich eben angedeutet habe.
Dann begann die Zeit, wo die Blavatsky sich verbinden sollte mit
dem okkultistischen Franzosentum, wo sie rasch zu gewissen Zielen
kommen wollte und deshalb einer Okkultistenloge in Paris solche Be-
dingungen stellte, die dann nicht erfüllt werden konnten, so daß sie
bald wieder ausgeschlossen werden mußte, weil sie unter dem Einfluß
der hinter ihr stehenden Individualitäten immer verquickte okkulti-
stische Absichten mit politischen Machtimpulsen. Dann folgte die ame-
rikanische Episode, die wiederum einen politischen Hintergrund hatte.
Alle diese Dinge gingen darauf aus, vor Europa etwas hinzustellen, was
Europa überzeugen sollte, daß aus der Verbindung des seelischen Rus-
sentums und des angelsächsischen okkultistischen Machtgelüstes eine Art
neuer Weltenreligion für Europa hervorgehen könne. Das sollte vor
Europa hingestellt werden. Und überrannt sollte werden dasjenige,
was aus dem deutschen Wesen hervorgegangen ist.
O meine lieben Freunde, ich erinnere mich wohl -und es könnte man-
chen unangenehm sein, wie deutlich solche Dinge vor meiner Seele ste-
hen -, wie Mrs. Besant ihre allererste Versammlung innerhalb Deutsch-
lands in Hamburg hielt, und wie ich sie innerhalb eines kleinen Kreises
damals interpellierte, wie sie über die Entwickelung des Okkultismus
im 19. Jahrhundert denke, und wie sie damals in Hamburg die Antwort
gab: An der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert hat sich in Deutsch-
land so etwas geltend gemacht wie ein okkultes Streben, aber die
Deutschen sind steckengeblieben in reinen Abstraktionen, und es hat
sich gezeigt, daß die große - wie sie sich ausdrückte, sie drückte sich ja
immer groß aus - , daß die große Welle des spirituellen Lebens dem
britischen Volke zuerteilt war. — Selbstverständlich sagte sie das eng-
lisch; aber es war im Englischen noch größer!
Für Blavatsky kam dann die Zeit, wo es notwendig wurde, daß
alle diejenigen, die es mit der Geisteswissenschaft ernst meinten und
die sich nicht einlassen konnten auf angelsächsische Machtgelüste, etwas
taten. Und dadurch wurde das herbeigeführt, was man später in okkul-
ten Kreisen genannt hat die «okkulte Gefangenschaft» der Blavatsky.
Man konnte es auf keine andere Weise bewirken. Und der Beschluß,
die okkulte Gefangenschaft, wie man sagt, über die Blavatsky zu ver-
hängen, wurde durch eine Versammlung ehrlicher Okkultisten, wenig-
stens zum größten Teil ehrlicher Okkultisten, im letzten Drittel des 19.
Jahrhunderts gefaßt.
Die okkulte Gefangenschaft besteht darin, daß man - durch ge-
wisse Vorgänge ist das möglich — das Streben eines Menschen wie ein-
schließt in einer Sphäre, aus der er nicht hinaussehen kann, so daß sein
Streben zurückgeworfen wird und er gewisse Schäden, die er anrichten
würde, nicht anrichten kann.
Der Vorgang, den ich jetzt erzähle, dieses Verhängen der okkulten
Gefangenschaft, ist nicht einwandfrei; aber, wie gesagt, die Leute konn-
ten sich auf eine andere Weise nicht helfen. Blavatsky war eine starke
psychische Persönlichkeit und konnte stark wirken. Daher hat sie
auch jene auf der einen Seite überwältigende, auf der anderen Seite
übertölpelnde Kraft in ihren Schriften.
Dann stellte sich ja das ein, was man so schildern kann, daß gewisse
indische Okkultisten, die sich auf diese Weise ein wenig rächen wollten
wegen der englischen Umklammerung, sich der Persönlichkeit der Bla-
vatsky bemächtigten, und dadurch kam dann der indische Einschlag
hinein. Ich habe an anderen Orten das genauer auseinandergesetzt, hier
will ich das nur andeuten.
Da kam dann also der indische Einschlag, und dadurch entstand
jene bedenkliche okkulte Wissenschaft, die in der Theosophical Society
lange Zeit gepflegt worden ist und von der gereinigt werden mußte
dasjenige, was in Mitteleuropa als Geisteswissenschaft auftreten sollte.
Denn dasjenige, was in Mitteleuropa als Geisteswissenschaft auftreten
soll, das muß in dem Sinne, wie ich es angedeutet habe, grund-, grund-
ehrlich sein, das heißt, die Wahrheit als solche anstreben und überzeugt
davon sein, daß die Wahrheit, indem sie hinfließt durch unsere Seelen
und durch die Entwicklung der Menschheit, das rechte innerhalb von
Völkern und auch innerhalb des Daseins der Menschen, der sozialen
Ordnung der Menschen, bewirken werde: reines, ehrliches Wahrheits-
suchen! Und dieses reine, ehrliche Wahrheitssuchen ist ja zunächst noch
unsere Hauptaufgabe.
Ich wollte, man verstünde das gerade innerhalb unserer geisteswis-
senschaftlichen Bewegung hier genauer, dann würde man mir auch ge-
wisse Nebenbedingungen, die ich schon einmal stellen muß, vergeben,
würde sehen, daß diese Bedingungen genauer genommen werden müs-
sen. Wie oft ermahne ich unsere Freunde, man soll, damit rein bleiben
kann dasjenige, was als Geisteswissenschaft der Welt zu bringen ist,
damit das von keiner Seite eine Anpassung erfahren kann, mir nicht
kommen mit allerlei anderen Dingen, die man so leicht verquickt mit
geisteswissenschaftlichen Bestrebungen. Selbstverständlich, man tut
alles ganz gern, was Menschenwollen erfordern kann, und in freund-
schaftlicher Weise kann ja manches geschehen, aber jedenfalls muß zum
Beispiel einmal begriffen werden, -warum ich immer wieder und wie-
derum ermahne: Man soll nicht glauben, daß ich auch nur im entfern-
testen — ebensowenig wie in andere, nicht direkt geisteswissenschaft-
liche Gebiete — mich in die Arzneikunde hineinmische. Es wäre schon
notwendig, daß sich unsere Mitglieder angewöhnten, das ernst zu neh-
men, daß ich sage, im wesentlichen dürfte man mir eigentlich nicht
mit ärztlichen Dingen kommen. Es ist wesentlich, daß man diese Dinge
versteht, weil es wenigstens für heute noch notwendig ist, das geistes-
wissenschaftliche Bestreben, soweit ich es zu vertreten habe, fernzu-
halten von den anderen Dingen. Es sind genug ärztliche Persönlich-
keiten innerhalb unserer Bewegung, denen sich unsere Mitglieder an-
vertrauen können. Da ich das immer wieder und wieder betone, so
sollte man wenigstens im Prinzip das wirklich ernst nehmen, wenn ich
sage: Ich will mich in keiner Weise irgendwie aufs Kurieren einlassen;
denn dadurch wird die Welt dasjenige, was zunächst die geisteswissen-
schaftliche Bewegung durch mich tun soll, nur verkennen, und das soll
nicht verkannt werden.
Wie wenig im Grunde genommen im Angelsachsentum richtiges
Verständnis für das reine, objektive Wahrheitsstreben war, das konn-
ten diejenigen wissen, die einmal einen merkwürdigen Vortrag von
Mrs. Besant über «Theosophie und Imperialismus» gehört haben. Da
konnte man durch diesen Vortrag durchfühlen vieles von dem, was
ich heute aus den Tatsachen heraus sagen mußte: Niemals dürfte ver-
quickt werden mit irgendwelchen Machtgelüsten, mit irgendwelcher un-
mittelbar politischen Bestrebung dasjenige, was Geisteswissenschaft ist,
obwohl selbstverständlich derjenige, der ein guter Geisteswissenschaf-
ter ist, der beste Politiker sein kann. Aber darauf kommt es nicht an,
sondern es darf Geisteswissenschaft nicht so werden, wie es im Angel-
sachsentum der Okkultismus ist, den ich zu charakterisieren versuchte;
es darf Geisteswissenschaft nicht so etwas werden, was gerade durch die
Blavatsky, und dann in vieler Beziehung auch durch Mrs. Besant ange-
strebt worden ist, durch Mrs. Besant nur mit weniger Talent und mit
weniger Begabung als durch Helena Petrowna Blavatsky. Das Bestre-
ben war ja doch von seiten des Angelsachsentums, in blendender Weise
durch die Seelenerfahrungen einer solchen Persönlichkeit, wie die Bla-
vatsky es war, eine Art okkultistischer Religion zu begründen, die das
Angelsachsentum mit Überrennung des Deutschtums unmittelbar hin-
einträgt in das Russentum. In den Schulen, in denen jetzt nicht auf
Blavatskys Weise, sondern überhaupt in der Weise des angelsächsischen
Okkultismus die Dinge gelehrt werden, die ich ja auch schon angedeu-
tet habe, wurde immer wieder und wieder von diesem Kriege, in dem
wir jetzt drinnenstehen, als einem notwendigen gesprochen. Und im-
mer wieder und wiederum wird in solchen Schulen sehr suggestiv von
dem Ausgang dieses Krieges so gesprochen, daß man sagt: Das und das
muß geschehen durch diesen Krieg. - Man sagt es nicht aus einer Pro-
phetie heraus zunächst, sondern weil man es will, weil man möglichst
Einfluß gewinnen will, weil man möglichst die Menschen präparieren
will durch alle Kanäle, die gerade sich erreichen lassen. Denn wenn
man den Menschen allerlei Okkultismus in Masken beibringt, will man
die Menschen präparieren nach einer gewissen Richtung hin. Darum
muß ich fragen - ich muß diese Dinge besprechen, weil sie schon öffent-
lich besprochen werden, und weil derjenige, der Geisteswissenschaft so
zu vertreten hat wie ich, begreiflich machen muß, wie er zu diesen Din-
gen steht - : Warum ist denn eine okkultistische und den Okkultisten
bekannte Persönlichkeit von Paris, unmittelbar nachdem der Krieg
zwischen Deutschland, Rußland, England und Frankreich ausgebro-
chen war, immer wieder und noch im Oktober 1914 nach Rom gereist?
Warum spielte sie in Rom eine Rolle, die später auf die Verhältnisse
von Italien einen Einfluß hatte, eine ähnliche Rolle, wie sie gewisse
Leute spielten, die angehörten dem «Grand Orient de France» oder
in Verbindung stehen mit Freimaurern des Angelsachsentums, die ei-
nen tiefgehenden Einfluß hatten auf die ganze Gestaltung der gegen-
wärtigen Ereignisse, viel mehr als man glaubt?
Aber noch anderes muß ich fragen: Warum steht denn in dem Jahr-
buch, das dieselbe Persönlichkeit, die von gewissen Strömungen des
Okkultismus gebraucht wird, man könnte auch sagen, mißbraucht
wird für allerlei Zeug - wie gesagt, weil das schon in der Welt bespro-
chen wird, so muß ich zeigen, auf welcher Seite ich in diesen Dingen
stehe - , warum steht in dem Jahrbuch von 1913, das diese Persönlich-
keit herausgab und das eigentlich schon 1912 erschienen ist: Derjenige,
der glaubt Österreich zu regieren, wird nicht regieren, aber ein anderer,
jüngerer wird regieren, der jetzt noch nicht zum Regieren bestimmt
ist? — Warum steht das 1913 in einem Jahrbuch eines Mediums, das in
einer gewissen okkulten Strömung drinnensteht? Warum ist 1914 das-
selbe in dem Jahrbuch wiederholt - also bevor das Jahr 1914 kam, für
1914, aber schon 1913 erschienen: Die Tragik des Habsburger Hauses
wird sich schneller, als man meint, erfüllen. - Warum steht das in diesen
Jahrbüchern? Und noch mehr: Warum steht in einem Pariser Blatt,
das man in deutscher Sprache «Paris-Mittag» nennen könnte, 1913
schon der Wunsch ausgedrückt, daß der österreichische Thronfolger
Franz Ferdinand ermordet werden müsse? Es entspricht dieses Blatt
ungefähr dem, was in Berlin «B. Z. am Mittag» ist: «Paris midi» ist
das, viel gelesen. Warum steht in dem Almanach auf der einen Seite
dasjenige, was ich angeführt habe: Derjenige, der glaubt zu regieren,
wird nicht regieren, aber ein jüngerer wird regieren, und auf der an-
deren Seite geradezu der Wunsch, daß dieser Erzherzog ermordet wird?
Warum steht in diesem selben Blatt, als gerade die Debatte über die
drei Jahre Dienstzeit in Frankreich stattfand, mit zynischen Worten:
Wenn es einmal in Frankreich zum Mobilisieren kommen sollte, so
wird der erste, der ermordet werden wird, Jaures sein? — Halten Sie
das, meine lieben Freunde, für Prophetie? Ich möchte Ihnen eben zei-
gen, daß ich nicht auf seiten derjenigen stehe, die das für Prophetie
halten, sondern daß das alles hinweist auf tiefgehende, schauderhafte
Untergründe im Mißbrauch des scharlatanhaften, aber geradezu
menschheitsgefährdenden Okkultismus.
Ich wollte Ihnen heute etwas vielleicht nicht Erhebendes sagen,
aber etwas um so Ernsteres. Ich wollte Ihre Seele fragen, ob der Mensch
nicht wirklich recht klaren Blick sich aneignen müsse, wenn er gerade
in einer okkultistischen Strömung drinnenstehen will, und ob es da
nicht schlimm stehen könnte, wenn man die wichtigsten Dinge ver-
schlafen wollte. Meine lieben Freunde, wer auch die Verbindung der
Theosophical Society - wie sie nach und nach immer mehr geworden
ist - mit solchen Dingen studieren will, der braucht nur auf die Tätig-
keit solcher Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Mrs. Catherine Ttngley,
einmal ein scharfes Auge zu werfen. Und auch das ist lehrreich, daß,
als aus einer gewissermaßen noch mehr christlichen Anschauung, so-
gar auf einem stark medialen Wege etwas eingeführt werden sollte in
dasjenige, was allein angelsächsisch sein sollte, in dem Büchelchen
«Licht auf den Weg» von Mabel Collins, daß da die Verleumdung los-
ging. Denn das meiste, was gegen das Medium vorgebracht wurde,
durch welches «Licht auf den Weg» der Menschheit gegeben worden
ist, ist Verleumdung.
Mit etwas Ernst wollte ich heute zu Ihnen sprechen, damit aus die-
sem Ernst heraus recht viele unter uns einen Begriff davon bekommen,
wie notwendig es ist, sich bewußt zu werden der mitteleuropäischen
Sendung in bezug auf Geisteswissenschaft, und daß unbedingt not-
wendig ist, daß diese mitteleuropäische Sendung Weltensendung werde.
Diese mitteleuropäische Sendung muß vor allen Dingen reines, ehr-
liches Wahrheitsstreben sein. Aber dieses reine, ehrliche Wahrheitsstre-
ben wurde in einer sonderbaren Weise aufgefaßt, und die Entstellun-
gen gegenüber der Wahrheit wurden auch in einer sonderbaren Weise
aufgefaßt. Sie wissen, daß die Beziehungen zwischen der deutschen
geistigen Bewegung, der wir angehören, und der Theosophical So-
ciety lange vor dem Krieg gelöst worden sind. Das alles, was ich an-
deutete, wurde in einer sonderbaren Weise aufgefaßt. Bedenken Sie
nur, daß zum Beispiel Mrs. Besant es zustande gebracht hat, zu sagen,
daß ich angestrebt hätte, Präsident der Theosophical Society in Indien
zu werden, um sie von diesem Präsidentenstuhl zu verdrängen, und um
von dort aus pangermanische Strömungen auf dem Umwege durch In-
dien in englandfeindlicher Weise zugunsten des Deutschen Reiches
wirksam zu machen! Das werden Sie wirklich glauben, daß das nicht
wahr ist, daß das eine objektive Unwahrheit ist!
Dem steht folgendes gegenüber: 1909 war es, da begründete sich
gegen die Schreckensherrschaft des Herrn Leadbeater, und später auch
gegen den Humbug des Alcyone eine Gesellschaft, die international
alle Länder der Erde umfassen und gewissermaßen ein Gegengewicht
gegen die von Mrs. Besant Irregeführten sein sollte. Und dazumal
wurde ich von Indien her aufgefordert, Vorsitzender, Präsident dieser
internationalen Gesellschaft zu werden, und ich habe nicht nur abge-
lehnt, sondern 1909 in Budapest vor Zeugen Mrs. Besant erzählt, daß
ich niemals innerhalb der geistigen Bewegung der neueren Zeit etwas
anderes sein will als derjenige, der innerhalb des deutschen Volkswesens
diese Bewegung leite. Das sagte ich vor Zeugen 1909 in Budapest Mrs.
Besant. Nun nimmt sie es mit der Wahrheit so, daß sie jetzt in ihrer
englischen Zeitschrift schreibt, ich hätte angestrebt, nach Indien zu
gehen und so weiter, um sie von dort aus zu verdrängen! Da kann man
nicht mehr sprechen von objektiver Unwahrheit, da handelt es sich
selbstverständlich um bewußte Lüge. Aber es ist schon notwendig, daß
mit solchen Mitteln gearbeitet wird, wo das auf dem Spiele steht, daß
man gegen den Gang der Wahrheit selber zu kämpfen hat; und das
hat im Grunde genommen der angelsächsische Okkultismus. Denn die
Wahrheit ist diese: Grundverbunden ist mit mitteleuropäischem We-
sen dasjenige, was als Geisteswissenschaft die Menschenkultur zu
durchdringen hat. Das aber muß verschleiert, das muß verhüllt, das
muß maskiert werden in irgendeiner Weise von England aus. Und
immer mehr und mehr ist auch Mrs. Besant im 20. Jahrhundert zum
Instrument dieser Verschleierung geworden.
Notwendigkeit zum Nachdenken über dasjenige, was in unserer
Bewegung fließen soll, ist hinreichend vorhanden. Die geistig-irdische
Aufgabe ist wirklich da. Dazu haben wir ja keine Veranlassung, ohne
zu prüfen, dem einen oder dem anderen blinde Gefolgschaft zu leisten.
Das aber ist heute noch nicht gerade etwas, was sehr verlockend sein
kann: nichts anderes zu wollen als ehrlich bloß die Entwickelung der
Wahrheit. Sie wissen, wie von allen Seiten innerhalb und außerhalb
unserer Gesellschaft die Angriffe und auch der Spott und der Hohn
nur so hereinhageln. Aber zu alldem kommt ja noch etwas anderes: Zu
dem kommt, daß immer mehr und mehr dies aus unserer geisteswissen-
schaftlichen Bewegung auch draußen in diese oder jene Seele hinein-
fließt - wer einen Blick dafür hat, der fühlt es schon, was von unseren
Büchern oder unseren öffentlichen Vorträgen so hineinfließt in die
Seele der Menschen. Aber wenn diese Menschen, die zuweilen recht
gern das Tertreten, was sie so einfließen lassen, sich rückhaltlos beken-
nen sollten zu dem, was in so ernster Weise sich gerade als unsere Be-
wegung hineinstellen soll in den Geistesgang der Menschheit, dann
treten eigentümliche Erscheinungen zutage. Es ist manchmal wirklich
so, daß die Menschen zwar manche Wahrheit gern auffassen, die ge-
rade auf unserem Boden erzeugt wird, daß sie aber jedes ehrliche, voll-
kräftige Stehen zu uns so auffassen, als ob sie sich zum Beispiel durch
eine wirkliche Berührung mit mir selber die Finger verbrennen würden.
Es ist eine sehr häufige Erscheinung, häufiger als man meint! Unter
denjenigen, die es ehrlich nicht mit irgendeiner Persönlichkeit, sondern
mit dem meinen, was eben ehrliches geisteswissenschaftliches Wahrheits-
streben ist, von denen ist schon vorauszusetzen, daß sie auch in unbe-
dingter Weise sich dazu bekennen. Denn, meine lieben Freunde, der
Ernst ist groß, der Ernst ist ungeheuer.
Die Dinge, die ich gesagt habe, sollten nicht aus irgendeinem natio-
nalen Gefühle heraus gesprochen sein. Ich habe Ihnen ja im Grunde
genommen nur Tatsachen erzählt; sie sollten charakterisieren das, was
als okkultistische Gegensätze in Europa vorhanden ist und was für den,
der sehen will, vieles von den Gegensätzen des physischen Planes schon
auch erklären kann.
Und immer wieder möchte ich es betonen: Ernst brauchen wir,
Ernst, um in einer ernsten Zeit die rechte Richtung zu finden, damit
das werde, was ich auch schon hier betont habe, was in den Worten
liegt:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht -
Lenken Seelen geist-bewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
A C H T E R VORTRAG
Stuttgart, 15. März 1916

Als wir das letzte Mal hier miteinander gesprochen haben bei meiner
vorigen Anwesenheit, da betrachteten wir einige geistige Tatsachen,
die sich auf das Leben der Menschenseele beziehen, nachdem der
Mensch durch die Todespforte hindurchgegangen ist. Wir wollen heute
zunächst einige mit diesem Ereignisse zusammenhängenden Tatsachen
der geistigen Welt betrachten, die ein weiteres Verständnis auf dieses
Ereignis werfen können, Tatsachen, die aber ebenso, wie sie auf das
Todesereignis Licht zu werfen geeignet sind, zugleich erhellen können
das, was im Leben sich abspielt zwischen Geburt und Tod des Men-
schen, was sich abspielt in dem physischen Leben, in dem wir darin-
stehen. Ich muß ja immer wieder und wiederum betonen, daß Geistes-
wissenschaft den Versuch machen muß, nicht bloß bei einer äußeren
Schematik in der Auffassung der Menschenwesenheit stehenzubleiben,
sondern immer tiefer und tiefer in die verschiedenen Glieder der
menschlichen Wesenheit einzudringen.
Nun wollen wir einmal unsere Betrachtungen auf das hinwenden,
was wir oftmals den menschlichen Ätherleib genannt haben. Schon im
öffentlichen Vortrage gestern habe ich darauf aufmerksam gemacht,
daß man sich diesen Ätherleib nicht nur wie einen verdünnten phy-
sischen Leib vorstellen soll - das wäre ja eine materialistische Auffas-
sung - , sondern daß man sich ihn als das vorstellen soll, als was er er-
scheint durch ein inneres Erlebnis. Und da kommen wir darauf, daß
sich dasjenige, was wir im engeren Sinne Denken, Vorstellen nennen,
so wie der Mensch hier auf dem physischen Plan lebt, eigentlich ab-
spielt im Ätherleib. Aber damit sich Gedanken bilden durch dieses
Denken, durch dieses Vorstellen, ist der physische Leib notwendig,
denn der physische Leib muß seine Eindrücke bekommen, wenn Ge-
danken hier im physischen Leben erinnerungsmäßig festgehalten wer-
den sollen.
Der Vorgang ist also der: Wenn wir denken, so geht natürlich das
Denken vom Ich aus, geht durch den astralischen Leib, aber es spielt
sich dann hauptsächlich in den Bewegungen des Ätherleibes ab. Was
wir immer denken, was wir vorstellen, spielt sich in den Bewegungen
des Ätherleibes ab. Diese Bewegungen des Ätherleibes drücken sich
förmlich ein in den physischen Leib. Das ist grob gesprochen, denn es
handelt sich um viel feinere Vorgänge als um ein grobes Einprägen,
aber man kann die Sache vergleichsweise so nennen. Und dadurch, daß
diese Bewegungen des Ätherleibes in den physischen Leib eingeprägt
werden, spielen sich für unser Bewußtsein die Gedanken ab, und da-
durch auch erhalten sich die Gedanken in der Erinnerung. Gewisser-
maßen ist es so: Wenn wir einen Gedanken haben und den später ein-
mal aus der Erinnerung hervorholen, so kommt bei dieser Arbeit des
Sich-Erinnern-Wollens unser Ätherleib in Bewegung, und er paßt sich
mit seinen Bewegungen dem physischen Leib an, und indem er hinein-
kommt in jene Eindrücke, die dieser Ätherleib bei dem entsprechen-
den Gedanken in den physischen Leib gemacht hat, kommt der Ge-
danke wieder herauf ins Bewußtsein. Also Erinnerung ist daran ge-
knüpft, daß die Bewegungen des Ätherleibes sich in den physischen
Leib einprägen können. Natürlich ist das Gedächtnis an den Äther-
leib gebunden, aber der Ätherleib muß eine Art von Bewahrer seiner
Bewegungen haben, damit im physischen Leben das Erinnern zustande
kommen könne. Und so leben wir denn unser Leben zwischen Geburt
und Tod, haben unsere Erlebnisse und erinnern uns unserer Erlebnisse,
das heißt, es läuft unser Gedankenleben in uns ab. Im wachen Zustande
haben wir immer mehr oder weniger dieses in unserem Inneren ab-
laufende Gedankenleben.
Man hat nun als Mensch im physischen Leib so die Empfindung,
das, was sich da abspielt in unserem Denken, in unserem Vorstellungs-
leben, das ist inneres Erleben, etwas, was sich in uns selber abspielt, was
unser Eigentum ist. Und für das physische Leben ist ja das auch zu-
nächst richtig, denn äußerlich ist ja für andere Menschen wirklich das-
jenige, was sich innerlich als Gedankenerlebnis abspielt, nicht sichtbar.
Es ist also unser Eigentum. Aber gegenüber der geistigen Welt ist das
gar nicht unser Eigentum, was sich da in unserem Gedankenleben ab-
spielt.
Ja, unser Gedankenleben hat noch eine ganz andere Bedeutung, als
wir oftmals vermeinen, wenn wir es so als unser Eigentum anspre-
chen. Und wir wollen einmal ein bißchen nachfragen nach dieser
Weltbedeutung unseres Gedankenlebens. Damit ich mich ganz gut ver-
ständlich machen kann, muß ich von einem Vergleich ausgehen: Wir
physischen Menschen arbeiten hier in der physischen Welt. Nehmen
wir an, unsere Arbeit bestünde darin, daß wir Maschinen machten. Sie
könnte ja auch in etwas anderem bestehen, aber nehmen wir an, sie be-
stünde darin, daß wir Maschinen machen. Um die Maschinen zu ma-
chen, die dann in den Dienst des menschlichen Lebens gestellt sind,
brauchen wir Holz oder Eisen oder was immer, woraus eben die Ma-
schinen gemacht werden. Wir brauchen die entsprechenden Materialien
dazu, und wir müssen diese Materialien bearbeiten. Die Materialien
müssen da sein in der Natur. Wir können als physische Menschen nicht
Eisen erschaffen, Holz erschaffen, diese Materialien müssen da sein.
Wir nehmen diese Materialien, formen sie, bearbeiten sie und setzen sie
zu unseren Maschinen zusammen. Da üben wir Menschen eine gewisse
Tätigkeit aus. Wir bewirken gewissermaßen, daß ein Reich der Ma-
schinen da ist, aber wir schaffen dieses Reich der Maschinen auf Grund-
lage der Materialien, die wir der Erde entnehmen.
Stellen Sie sich nun vor, wir hätten es nicht mit Menschen zu tun,
die aus irdischen Materialien, aus Eisen oder Holz Maschinen her-
stellen, sondern mit den Wesenheiten der nächsthöheren Hierarchie,
den Wesenheiten, denen wir die Namen geben: Angeloi, Archangeloi,
Archai. Man könnte nun fragen: Was haben denn diese Wesen eigent-
lich zu tun? Haben sie auch so etwas zu tun, was sich vielleicht ver-
gleichen ließe mit der Tätigkeit, von der eben gesprochen worden ist,
und die dazu führt, daß ein Reich der Maschinen geschaffen wird? -
Ja, diese Angeloi, Archangeloi und Archai, sie haben auch ihre Tätig-
keit. Diese Tätigkeit spielt sich eben nur in der geistigen Welt ab. Und
geradeso wie wir Menschen aus den untergeordneten Reichen, also zu-
nächst aus dem mineralischen, aus dem pflanzlichen Reiche unser Ei-
sen, unser Holz nehmen müssen, um unsere Maschinen zusammenzu-
stellen, so brauchen die Angeloi, Archangeloi, Archai auch Materialien,
um dasjenige, nun, sagen wir, zu erbauen - obwohl der Ausdruck na-
türlich sehr grob ist - , was sie erbauen sollen. Und was sind ihre Ma-
terialien? Zu vielem, was die Angeloi, Archangeloi, Archai zu leisten
haben in der geistigen Welt, sind die Materialien gerade die Gedanken,
die die Menschen als ihr Eigentum betrachten. Und es ist schon so:
Während wir durch die Welt gehen und unsere Gedanken hegen, unser
Gedankenleben gleichsam vom Inneren anschauen und als unser Eigen-
tum betrachten, arbeiten an unseren Gedanken, ohne daß wir es wis-
sen, die Angeloi, Archangeloi und Archai. Das allerwenigste, was in
unseren Gedanken lebt, kommt uns zum Bewußtsein, denn die Ge-
danken bedeuten noch viel anderes, als was uns zum Bewußtsein
kommt, viel anderes, als was in unseren Seelen lebt. Während wir den^-
ken und unsere Gedanken erinnern, arbeiten gleichsam von außen
nach ihrer Art, so wie sie unsere Gedanken brauchen können, die ge-
nannten Wesenheiten der höheren Hierarchie, der nächsten Hierarchie.
Also stellen Sie sich durchaus jeden Menschen so vor, daß das nur
eine Seite seines Gedankenlebens ist, was sich für sein Bewußtsein ab-
spielt. Während er denkt, umschweben ihn fortwährend die Wesen-
heiten der genannten Hierarchien und arbeiten mit Hilfe seiner Ge-
danken. Das sind ihre Materialien. Und das, was sie auf diese Art ar-
beiten, das gehört zu dem dazu, was gebraucht wird, damit aus der
Erde einmal Jupiter, Venus, Vulkan hervorgehen können. Das gehört
zu dem, was den Fortschritt in der Entwicklung des Weltenalls be-
wirkt. Und unser ganzes Leben bis zum Tode hin arbeiten an den Ge-
danken, insofern sie von unserem Wesen gleichsam umschlossen wer-
den, von außen herein die genannten Wesen der höheren Hierarchie.
Und wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, dann wird ja, wie
wir schon bei meiner vorigen Anwesenheit angedeutet haben, einige
Zeit nachdem wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, unser
Ätherleib von uns genommen und dem allgemeinen Weltenäther ein-
verwoben. Da wird nicht nur dasjenige einverwoben, was wir zuletzt
sehen, indem wir auf die eine Seite unseres Gedankengewebes hinsehen,
sondern da wird einverwoben dem allgemeinen Weltenäther auch das,
was die genannten Wesenheiten erarbeitet haben. Während sie gewis-
sermaßen an unserem einzelnen Gedankengewebe während unseres
Lebens arbeiten, fügen sie dann die einzelnen Gedankengewebe des
einen, des anderen, des dritten Menschen zusammen, so wie sie sie brau-
chen können, damit Neues entstehe im Fortentwickelungsgange der
Welt. Das muß hineinverwoben werden in den allgemeinen Welten-
äther, was sie da erwerben können durch das Zusammenfügen der ein-
zelnen Ätherleiber der Menschen, die sie während der Zeit des physi-
schen Lebens bearbeitet haben.
Sie sehen daraus, wie ernst es eigentlich steht mit unserem gedank-
lichen Innenleben. Recht ernst steht es damit. Je nachdem wir den-
ken, werden wir brauchbar gefunden für den allgemeinen Welten-
entwickelungsgang. Derjenige, der sein ganzes Leben sich nur bemüht
hat, Dummheiten zu denken, oder sich nur bemüht hat, die Dinge zu
denken, die Abbilder der physischen Welt sind, der wird nicht sehr
gute Baumaterialien liefern für dasjenige, was aus seinem Ätherleib
dem allgemeinen Weltenäther einverwoben werden soll. Eine ernste
Sache ist es um das innere Leben, um das innere Gedankenleben, das
uns während des Lebens zwischen Geburt und Tod wie unser Eigen-
tum erscheint. Es gehört auf diese geschilderte Weise eigentlich der
ganzen Welt an. Und so wenig wir Menschen Maschinen ohne Holz
und Eisen machen könnten, so wenig könnten die höheren Wesenheiten
fortarbeiten an dem Weltenwerdegang, wenn sie nicht ihre Baumate-
rialien finden würden an dem, was wir während unseres physischen
Lebens an Gedanken ihnen geben können. Wir sind für sie der Grund
und Boden, aus dem sie ihr Holz, ihr Eisen und so weiter, das heißt un-
sere Gedankengewebe, nehmen. Ihre erhabene Tätigkeit mit diesen
Materialien üben sie aus ihrer die menschliche Wesenheit überragenden
Weisheit aus; aber die Materialien muß ihnen das liefern, was in uns
liegt.
Dasjenige, was wir so diesen Wesenheiten, den Angeloi, Archangeloi,
Archai zu geben vermögen, das bildet für die ganze Zeit, die wir dann
durchleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, etwas, das wir
anzuschauen haben, auf das wir hinzublicken haben. Wir wissen ja, es
wird von uns genommen wenige Tage schon, nachdem wir durch die
Pforte des Todes geschritten sind. Aber so, wie wir weiterleben zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt, ist unser seelischer Blick unab-
lässig hingerichtet auf dasjenige, was wir so imstande waren hinzuge-
ben zu dem allgemeinen Weltenäther-Gewebe. Und wie wir selber nun
wiederum mitzuarbeiten haben an der Herstellung dessen, was sich
dann mit der physischen Materie verbindet, um uns eine neue Inkar-
nation zu geben, so wirkt in diese unsere Arbeit hinein der Anblick
dessen, was wir so der großen Welt gegeben haben. Kurz, ob wir auf
etwas zu blicken haben, woraus wir neue Antriebe für eine nächste
Inkarnation schöpfen können in diesem, dem Weltenäther einverwo-
benen Gedankengewebe, oder ob wir das nicht können, davon wird
vieles abhängen in bezug auf die Art, wie wir imstande sein werden,
für unsere neue Inkarnation vorzuarbeiten.
So sind unsere Gedanken an unsere Körperlichkeit gebunden, be-
vor wir durch die Pforte des Todes gehen. Dann werden sie uns in
einer gewissen Weise genommen, und sie werden in dem, was die ge-
nannten Wesenheiten aus ihnen gemacht haben, dem allgemeinen Wel-
tenäther einverwoben, um nun nicht ein Dasein in uns zu haben, son-
dern ein Dasein außer uns. Daher kann man in der Geisteswissenschaft
diesen Vorgang, um ihn sich immer zu merken, um ihn gewissermaßen
zur Meditation immer vor sich zu haben, mit den Worten bezeichnen:
Das Innere wird ein Äußeres. Denn genau so, wie wir hier mit dem
physischen Auge auf Berge, Flüsse, Wolken, Sterne sehen, so sehen wir
nach dem Tode auf das aus unserem Denken Gewobene hin als auf das
Äußere, das von uns genommen und dem allgemeinen Weltenäther
einverwoben ist. Außenwelt ist es jetzt, uns erhebende oder uns be-
trübende, uns stärkende oder schwächende Außenwelt. Das Innere
ist ein Äußeres geworden.
Dann wissen wir, daß es eine fernere, sehr lange Zeit dauert, in der
wir rückwärtsgehend auf eine gewisse Art dasjenige zu durchleben ha-
ben, was wir hier im Erdenleben durchgemacht haben, aber anders, als
wir es im Erdenleben durchgemacht haben. Wir durchleben ja, wie wir
wissen, mit dreifacher Schnelligkeit das abgelaufene Leben zwischen
dem Tode und der Geburt in umgekehrter Reihenfolge, also das, was
wir im letzten Jahre erlebt haben, zuerst, dann das vom vorletzten
Jahre und so weiter. So leben wir das Leben nach dem Tode in Ima-
ginationen zurück, aber anders, als wir es hier im physischen Leib ge-
lebt haben. Nachdem unser Ätherleib von uns getrennt ist, leben wir
das Leben zurück, so aber, daß wir jetzt nicht das erleben, was wir in
unserem Fühlen, in unseren Willensimpulsen während unseres phy-
sischen Daseins erlebt haben. Nehmen wir den extremen Fall, wir
hätten während unseres physischen Daseins jemanden verletzt, be-
leidigt, so haben wir etwas gefühlt, indem wir ihn beleidigt haben.
Aber er hat auch etwas gefühlt. Das, was wir gefühlt haben, ist das-
jenige, was uns aus unserem Fühlen heraus getrieben hat, ihn zu belei-
digen, dann auch, was wir gefühlt haben vielleicht sogar als eine ge-
wisse Befriedigung über die Tat. Kurz, Sie können sich ausmalen, was
ein Mensch fühlt, im guten oder im schlimmen Sinne fühlt, wenn er
irgend etwas auf dem physischen Plan bewirkt. Aber der andere, auf
den sich das richtete, was wir getan haben, der fühlt etwas anderes.
Derjenige, der beleidigt wird, fühlt etwas anderes als der, der beleidigt.
Nach dem Tode, bei diesem Zurücklaufen, das jetzt charakterisiert
werden soll, da fühlen wir die Wirkungen, die wir mit unseren Taten,
mit unseren Willensimpulsen, ja auch mit unseren Gedanken in ande-
ren Menschen, aber auch in anderen Wesenheiten angerichtet haben.
Also nicht das, was wir schon gefühlt haben, während wir im physi-
schen Leibe waren, fühlen wir jetzt, sondern das, was wir bewirkt ha-
ben in anderen Seelen, in anderen Wesenheiten. Das Äußere, das, was
Äußerliches geblieben ist während unseres physischen Lebens, das wird
jetzt Inneres. Wie durch die Abtrennung des Ätherleibes das Innere ein
Äußeres wird, so wird durch dieses Zurückleben das Äußere ein Inne-
res. Unsere Seele erfüllt sich mit dem, was wir innerhalb unseres phy-
sischen Daseins als Wirkungen angestellt haben. Das wird jetzt unser
Innenleben: das Äußere wird ein Inneres. So wird das Innere ein
Äußeres und das Äußere ein Inneres. So wird der Mensch gleichsam
gewendet, nachdem er durch die Pforte des Todes getreten ist.
Stellen Sie sich vor, wie Sie sich vorhin die Angeloi, Archangeloi
und Archai in einem gewissen Verhältnisse zur menschlichen Gedan-
kenwelt vorstellen mußten, jetzt die Geister der höheren Hierarchien
vor: die Geister der Form, die Geister der Bewegung, die Geister der
Weisheit, ja sogar noch die Geister des Willens, die Throne, die stellen
Sie sich so vor, daß sie nun auch in einer Art Verhältnis zu dem stehen,
was ich jetzt charakterisiert habe, wie der Mensch ein neues Inneres
erwirbt, das jetzt aus dem Äußeren zusammengeschweißt wird. Mit
ihrem geistigen Auge - wenn ich das Bild gebrauchen darf - sehen die
Formgeister, die Geister der Bewegung, die Geister der Weisheit, die
Geister des Willens herab auf jenes merkwürdige, bedeutungsvolle
Schauspiel, das sich abspielt, nachdem der Mensch zwischen der Ge-
burt und dem Tod dies oder jenes durch seine Taten, durch seine Wil-
lensimpulse innerlich erlebt hat; was er jetzt erlebt, nachdem er durch
die Pforte des Todes geschritten ist, wo er die Wirkungen aufsammelt
gleichsam, um sie zu einem neuen Inneren zu machen, zu jenem Inne-
ren, das dann im Karma sich weiter ausleben kann bei dem Aufbau der
späteren Inkarnation. Wie da alles, was sich draußen in der Welt als
unsere Wirkungen ausbreitet, Inneres wird, das schauen die genannten
Geister aus ihren geistigen Höhen an. Und das, was sie so anschauen,
ist für sie nun Material, um noch etwas anderes als die genannten
niedrigeren Geister der fortlaufenden Weltenentwickelung einzuverlei-
ben, um vor allen Dingen Hilfe zu leisten, damit das Karma bewirkt
werden kann, damit dasjenige, was so von außen nach innen gedrängt
wird, die Grundlage abgibt in einem langsamen Aufbau, der da
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt jenes Gewebe vereinigt,
das sich dann herabsenkt zu der physischen Vererbungssubstanz, um
sich als Geistiges mit dem zu verbinden, was der Mensch von Vater
und Mutter ererbt. Es ist vieles notwendig, damit das zustande komme,
was sich so herabsenkt aus den geistigen Höhen und sich verbinden
muß mit der Vererbungssubstanz, die von den Vorfahren abstammt.
Nachdem der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist, seinen
Ätherleib abgelegt hat, nachdem er jenen Rücklauf durch die Seelen-
welt bewirkt hat, von dem gesprochen worden ist, da beginnt ja bereits
die Arbeit, die verrichtet werden muß zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt, damit eben die neue Geburt, die neue Inkarnation zu-
stande kommen könne.
Was wird da gearbeitet? Es ist eigentlich unendlich schwierig, die
Art, wie da an uns gearbeitet wird im geistigen Weltenall draußen, zu
charakterisieren. Sollte ich das charakterisieren, so könnte ich es viel-
leicht in der folgenden Weise durch eine schematische Skizze tun.
Nehmen wir an, der Mensch tritt durch die Pforte des Todes. Sein
Ätherleib wird dann abgelegt. Dasjenige, was er selber noch überblickt,
bleibt ja verhältnismäßig lange Zeit irgendwie in der Umgebung der
Erde. Ich habe Ihnen solche Dinge im Laufe der Zeit charakterisiert.
Das aber, was die Angeloi, Archangeloi, Archai gewoben haben, geht
so weit hinaus, indem es der allgemeinen Ätherwelt einverwoben wird,
daß es sich in einer weiten Kugel entfaltet, deren Mittelpunkt die Erde
ist. Also wie eine Geistatmosphäre umgibt der Weltenäther die Erde.
Und diesem Weltenäther wird einverwoben, was wir aus unseren Ge-
danken gesponnen haben. Seien Sie nicht ängstlich darüber, wo Platz
sein könnte für alle diese Gewebe: das Geistige durchdringt sich, und
in dieser Sphäre sind alle diese Gewebe drinnen.
In seinem weiteren Verlauf sieht der Mensch nun, nicht von innen,
sondern von außen, dieses Gewebe. Und sein weiteres Leben ist eine
Art Vergrößerung, ein Aufgehen im Weltenall. Und während der gan-
zen Zeit, während sich das Leben zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt abspielt, sieht der Mensch immer von außen herein, sieht er:
Das bist du - , wie eine noch mächtigere, ausgedehntere Kugel, und auf
dieser Kugel stellen Sie sich vor so etwas wie eine mächtige Land-
karte. Es ist natürlich alles bildlich und grob ausgedrückt, aber es gibt
schon die Tatsachen wieder. - Da, an dieser Landkarte, an diesem
Globus wird gearbeitet, indem alles eingezeichnet, geistig eingearbeitet
wird: Erstens dasjenige, was da vom Menschen selber erarbeitet wor-
den ist in seinem Ätherleib, auf den der Mensch hinblicken kann, dann
aber auch das, was jetzt menschliches Inneres geworden ist auf die
Art, wie ich es geschildert habe. Das wird alles da eingearbeitet, in-
dem an dem Menschen zwischen Tod und neuer Geburt Formgeister,
Geister der Bewegung, Geister der Weisheit, Willensgeister arbeiten.
Und wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wo sich die neue Inkarnation
ergeben soll, dann ist dieses Gewebe fertig. Dann ist also eine mächtige
Kugel da. Sie brauchen wiederum keine Angst zu haben, daß kein
Platz da wäre für alle diese Kugeln; die können alle ineinander sein.
Es ist natürlich ein Bild für eine geistige Sache. - Dann beginnt diese
Kugel immer kleiner und kleiner zu werden, und sie wendet sich, so
wie Sie einen Handschuh umwenden, daß das Innere Äußeres wird
und das Äußere Inneres. Das, was gleichsam außen ist, das geht alles
nach innen hinein, das wendet sich vollständig und wird so klein, daß
es sich vereinigen kann mit dem menschlichen Keim, wie er sich aus-
bildet im Leibe der Mutter. Das ist auch ein Bild.
Man kann diese Dinge natürlich auch noch in einer anderen Bild-
lichkeit darstellen. Das ist ja hier auch schon geschehen. Aber wir wol-
len uns die Sache heute so vorstellen, daß nach Maßgabe desjenigen,
was der Mensch den Wesenheiten der höheren Hierarchien während
seines Lebens zwischen der Geburt und dem Tode hingegeben hat, diese
Geister der höheren Hierarchien sowohl an der Welt wie auch an der
Herstellung der geistigen Grundlagen für die neue Inkarnation des
Menschen arbeiten. Das, denke ich, ist ein gewaltiger Gedanke, wenn
er sich in gefühlsmäßiger Art festsetzt in unserer Seele, wenn wir ge-
wahr werden, was eigentlich, so betrachtet, unser Leben für das ge-
samte Weltenall bedeutet, wie wir drinnenstehen in diesem Weltenall.
Und notwendig ist es, daß immer mehr und mehr die Menschen sich
von der Gegenwart an mit dem Bewußtsein durchdringen, so im Zu-
sammenhange zu stehen durch ihr ganzes Leben mit einer geistigen
Welt.
Die sehr gescheiten Leute von heute, die Gegner der Geisteswissen-
schaft sind, werden sagen: Das menschliche Leben geht ja weiter,
auch wenn man nicht solche Kenntnisse unter den Menschen verbrei-
tet, sondern Kenntnisse viel einfacherer Art. Denn das wären doch nur
Dinge, die eben für das Denken da seien, womit man sich sein Denken
beschweren könne; aber man brauche ja nicht das Leben mit solchen
Gedanken zu belasten. - So sagen gewiß die ganz gescheiten Leute.
Und sie fügen dann vielleicht auch noch hinzu: Die Menschen haben
ja früher auch nicht solche unnötige Weisheit gewußt und haben auch
vorwärtskommen können. - Die Menschen, die solches sagen, haben
gar keine Ahnung, wie dumm das ist, was sie so sagen, weil nämlich eine
solche Behauptung unter der Voraussetzung getan wird, daß es wirk-
lich wahr sei, daß die Menschen immer so unwissend über die geistigen
Geheimnisse des Daseins waren, wie sie es jetzt sind. Aber es ist gar
nicht so lange her, daß die Menschen nicht so unwissend waren. Das
kann man sogar an Äußerlichkeiten überall zeigen.
Ich will Ihnen eine solche Äußerlichkeit anführen. Hier habe ich
noch niemals Gelegenheit gehabt, irgendeine Bildergalerie zu besuchen,
um nachzusehen, ob sich auch hier in Stuttgart ähnliche Stücke be-
finden. Aber vor kurzem besuchten wir einmal eine Bildergalerie in
Hamburg, und da stellte sich folgendes heraus. Sehen Sie, wenn heute
die Maler kommen und das malen sollen, was wir als ein großes, ge-
waltiges Bild kennen, aber ein Bild für eine Wahrheit, wie wir ja
wissen, den Sündenfall im Beginne des Alten Testaments, wenn die
Maler diesen Sündenfall malen sollen auf Grund dessen, was sie heute
für das Richtige halten, nun, da malen sie einen Baum, auf der einen
Seite Eva, auf der anderen Seite Adam. Je nachdem sie Expressionisten,
Impressionisten oder andere «isten» sind, malen sie diese menschlichen
Gestalten mehr oder weniger aus, ich will sagen, an; aber jedenfalls ma-
len sie dann an dem Baum eine Schlange. Das ist naturalistisch, nicht
wahr, das ist realistisch. Genauer zugesehen für den, der wirklich den-
ken kann, ist das aber gar nicht realistisch. Denn ich möchte das Weib
kennen, selbst wenn es eine Eva wäre, die sich von so einer gewöhn-
lichen Schlange mit einem richtigen bloßen Schlangenkopf verführen
ließe zu dem, wozu sich die Eva hat verführen lassen. Ich meine, das
gibt es ja nicht. Von einer solchen Schlange wird sich auch eine Eva
nicht verführen lassen. Wir wissen ja, daß es sich um eine Verführung
durch den Luzifer handelt. Aber kann denn Luzifer durch eine ge-
wöhnliche Schlange dargestellt werden? Diese kann höchstens das Bild
sein. Aber wir wissen von Luzifer, daß er sein Dasein eigentlich da-
durch erhalten hat, daß er zurückgeblieben ist auf der Mondenstufe.
Da hat es noch nicht solche Schlangen gegeben, wie sie sich während
der Erdenzeit gebildet haben. Es ist also ganz unnaturalistisch, eine
reine Schlange mit einem riesigen Schlangenkopf zu malen. Wie müßte
man denn Luzifer eigentlich malen, wenn man ihn richtig, realistisch
im Sinne unserer Geisteswissenschaft malen wollte? Man müßte ihn
so malen, daß man ausdrückte, wie Luzifer für eine, noch das Imagi-
native ausdrückende Entwickelung während der Mondenzeit war, so
wie ich es geschildert habe in der Akasha-Chronik. Das heißt, wenn
man näher darauf eingeht, wird man finden, daß das, was als Erden-
kopf beim Menschen jetzt physisch geworden ist, mit der dicken,
manchmal sehr dicken knöchernen Hirnschale, dazumal noch dünn
war. Es war imaginativ zu sehen. Aber das, was daran hängt - Sie
können es am Skelett sehen, wie der Mensch eigentlich aus den zwei
Teilen besteht, aus dem Hirn und dem Rückgrat - das hängt daran
nur wie ein ganz dünner Streifen. Das andere ist eigentlich Erdenwerk.
Und vom Menschen ist wesentlich dasjenige, was eigentlich Schädel ist,
vom Monde, und das Rückenmark ist als Anhänger herübergekommen.
Das andere alles ist durch das, was wir als Erdensein ausgebildet
haben, darangesetzt worden. Wie wird also Luzifer auszusehen haben
für ein imaginatives Erkenntnisschauen? Er wird einen menschlichen
Schädel gehabt haben, und daran hängend so etwas wie einen Schlan-
genleib, als damals Bewegliches ausgebildet, das Rückgrat. So wird
er ausgesehen haben. Wenn man realistisch malen wollte, müßte man
also den Baum malen, und an dem Baum den menschlichen Kopf mit
daranhängendem Schlangenleib, andeutend das Rückgrat. Dann würde
man wahr malen. Aber man müßte dann etwas wissen von dem Ge-
heimnis des Daseins, von den geistigen Welten, mit denen der Mensch
im Zusammenhang steht.
Im Hamburger Bildermuseum finden Sie ein Bild aus dem 13., 14.
Jahrhundert von dem sogenannten Meister Bertram. Da ist der Sün-
denfall genau so gemalt, wie ich es Ihnen jetzt geschildert habe. Da ist
nicht jenes Abbild einer bloßen Schlange gemalt, sondern da ist all das
gemalt an dem Baum, wie ich es Ihnen soeben geschildert habe. Was
heißt das? Das heißt, es ist höchstens ein paar Jahrhunderte her, seit
die Menschen nicht mehr wissen, wie sie mit der geistigen Welt im Zu-
sammenhang stehen und daß es eine geistige Welt im gekennzeichneten
Sinne überhaupt gibt. Also die Menschen sind so töricht geworden, daß
sie glauben, so wie die Menschen jetzt mit den bloßen physischen Sin-
nen und mit dem bloßen Verstände, der an das Gehirn gebunden ist, die
Welt anschauen, so hätte man sie immer angeschaut; sie wären nur
etwas kindischer gewesen und hatten sich allerlei Mythen ausgedacht.
So denkt heute die Universitätswissenschaft. Aber Unsinn ist das ganze,
denn ein paar Jahrhunderte ist es erst her, seit die Menschheit das le-
bendige Anschauen der geistigen Welt verloren hat. Und gegenüber
den großen Aufgaben der Erkenntnis ist die materialistische Wissen-
schaft der Gegenwart nichts anderes als der herumwandelnde Stumpf-
sinn gegenüber der geistigen Welt. Und dieser Stumpfsinn ist dasjenige,
was als das Autoritative unter den Menschen heute herumwandelt, das,
was als der große Fortschritt angestaunt wird. Er mußte einmal kom-
men. Wir wissen, warum er kommen mußte: damit die Menschen ge-
schützt sind durch ihre bloße physische Entwickelung und frei werden
können. Und das muß durchschaut werden. Und selbst von solchen
äußeren Dokumenten, wie ich sie Ihnen angeführt habe, könnten die
Menschen, wenn sie nur ein klein wenig, verzeihen Sie das, Grütze in
ihren Köpfen hätten, ersehen, wie kurze Zeit es erst her ist, daß das
geistige Anschauen den Menschen verlorengegangen ist. Aber es fällt
den Menschen heute gar nicht ein, diese Dinge wirklich denkend anzu-
schauen. Man wählt lieber äußere Machtmittel, weil das bequem ist,
weil man dabei nichts Besonderes zu lernen, sondern sich nur hinzu-
stellen braucht an irgendeinen Laboratoriumstisch und sich gewisse
Methoden eintrichtern lassen kann; und man erklärt dann durch äußere
Machtsprüche, daß alles Irrtum und Unsinn und Phantasterei ist, was
von der geistigen Welt redet. Das ist dasjenige, was statt des wirklichen
Hinneigens zur geistigen Welt gegenwärtig den Menschen gegeben
werden soll.
Aber, meine lieben Freunde, gegenwärtig ist es noch so, daß alles
das, wozu Erfindungsgabe gehört, noch als ein Erbgut von jenen alten
Zeiten, in denen man in die geistige Welt hineingeschaut hat, geblie-
ben ist. Wenn das auch einmal weg sein wird, dann werden die Men-
schen keine Erfindungen mehr machen. Und wenn Geisteswissenschaft
das menschliche Denken nicht wiederum neu erflammen würde, so
würde es keine fünfzig Jahre mehr dauern, dann würde alles, was so
arbeitet in dem bloßen Materialismus, ein Reden über die äußere Ma-
terie sein, und niemandem würde mehr etwas einfallen, das die Kunst
oder die Ideologie oder irgendwie das äußere Leben bereichern könnte.
Daher ist es die strengste Forderung der Zeit, nicht eine bloße Vorliebe
für irgendwelche spirituelle Träumerei, daß Platz greife ein Bewußt-
sein des Zusammenhanges der Menschheit mit der geistigen Welt, daß
die Menschen wiederum hinaufschauen können. Und das können sie,
nachdem das alte atavistische Hellsehen vergangen ist, indem sie durch
die Geisteswissenschaft hindurchgehen.
Und in diesem Sinne ist es schon notwendig, daß die Menschen
lernen, wie befruchtend nicht nur für ein Wissen von der geistigen
Welt, sondern für ein richtiges Denken auch über das ganze Leben das
Herantreten an die Geisteswissenschaft ist. Immer wieder und wieder
erfährt man, wie eigentlich die Menschen in der gegenwärtigen Zeit
ganz abgeneigt sind, sich in jenes etwas komplizierte innere Seelen-
leben einzulassen, das schon einmal entwickelt werden muß, wenn
man der geistigen Welt nahetreten will. Denken Sie sich doch nur ein-
mal: so ein richtiger Durchschnittsprofessor von heute - selbstver-
ständlich kann es Ausnahmen geben, es soll niemand getroffen werden,
und um so mehr muß es gelobt werden, wenn einer da sein sollte in
diesem Kreis - , so ein richtiger heutiger vortragender Universitätspro-
fessor, der wird diesen Dingen in der Regel gar nicht zuhören wollen,
das ist ihm viel zu fad. Wenn man heute nämlich von geistigen Din-
gen redet, dann muß man in allgemeinen, verschwommenen Redens-
arten reden, die möglichst wenig besagen, die dann aber auch möglichst
wenig bedeuten für das wirkliche Leben.
Als ich vor kurzem einmal in Leipzig denselben Vortrag gehalten
habe, den ich vorgestern hier über einen verklungenen Ton im deut-
schen Geistesleben hielt, da kamen zwei Herren nach dem Vortrag auf
mich zu, zwei Herren von der gescheiten Sorte der genannten Men-
schen natürlich, und der eine sagte, er hätte sich eigentlich gewundert,
daß ich so gesprochen hätte, denn er hätte erwartet, daß, wenn man
von theosophischen Gesichtspunkten aus redet, man mehr in seine Denk-
weise hineinschlüge; er sei nämlich Pazifist und müsse insbesondere
als Pazifist den gegenwärtigen Krieg betrachten.
Pazifismus, das ist diese Anschauung, welche seit einiger Zeit unter
der Ägide verschiedener Leute, der Bertha von Suttner, aber auch jenes
Wesens, das in Petersburg als Cäsar und Papst zugleich gilt, gepflegt
wird. Vor vielen Jahren habe ich in Berliner Vorträgen schon gesagt,
charakteristisch für die Friedensbestrebungen sei, daß, seit wir sie ha-
ben, die größten und blutigsten Kriege in der Weltgeschichte geführt
werden. Aber diese Bewegung ist gerade eine von denjenigen, die davon
leben, möglichst unklare Phrasen unter die Menschheit zu bringen, die
sich aber einschmieren in das menschliche Gefühlsleben, weil man sie
nur zu verbreiten braucht, und man verbreitet ja lauter Liebe und
lauter Güte. Ich erlaubte mir, dem Herrn zu sagen: Sehen Sie, wir
leben jetzt in dem furchtbarsten der Kriege, den die Weltgeschichte
bisher erlebt hat, wir haben es erlebt, daß im Juni oder Juli 1915 inner-
halb eines einzigen Tages mehr Munition verschossen worden ist wie im
ganzen Deutsch-Französischen Krieg! Wir haben bereits den Punkt
erreicht, daß jetzt in diesem Kriege so viel Munition verschossen ist wie
in allen Kriegen, die bisher mit dieser Munition überhaupt in der Welt,
in der Menschheitsentwickelung, geführt worden sind. Ich sagte: Ist
denn da nicht einzusehen, daß dasjenige, was sich nunmehr durch
Jahrhunderte als Kultur abgespielt hat, sich selbst ad absurdum geführt
hat, daß sich gezeigt hat, wozu es führt? - Nun, da wandte er ein: Ich
sehe diesen Krieg als eine Krankheit an, und die muß eben geheilt wer-
den; es ist ja nur eine Krankheit, die kann eintreten.
Es ist nun ein solcher Satz besonders tief einleuchtend aus dem
Grunde, weil er so selbstverständlich ist und weil er von irgendeiner
Seite her ganz selbstverständlich richtig ist. Aber darauf kommt es
nicht an, daß die Dinge richtig sind, sondern ob sie mehr oder weniger
oberflächlich sind, darauf kommt es an. Richtig ist der Satz selbstver-
ständlich: es ist eine Krankheit. Aber ich sagte ihm: Wenn Sie doch
die Krankheit tiefer betrachten würden, warum tritt sie denn in den
Menschen auf? Weil vorher etwas nicht in Ordnung ist! Die Krank-
heit ist ja erst die Reaktion gegen etwas, was vorher nicht in Ordnung
war. Also wenn Sie nur etwas weiter denken würden von Ihrem Ge-
sichtspunkte aus, so würden Sie darauf kommen, daß das eine Krank-
heit ist, die aber aufgetreten ist, weil vorher die Dinge nicht in Ordnung
waren. Weil das gerade nicht in Ordnung war, ist die Krankheit auf-
getreten, das stimmt. - Aber die Leute vermischen eben alle möglichen
richtigen Dinge, weil sie trivial und selbstverständlich sind und weil
sie eigentlich an tiefere Dinge nicht herankommen können. Das ist das
Ernste, das man einsehen muß in der gegenwärtigen Zeit.
Wenn Sie eine solche Tatsache nehmen, wie die, die ich vorgestern
vorgebracht habe mit Bezug auf Karl Christian Planck, dessen geistige
Kapazität einfach daraus hervorgeht, daß er im Jahre 1880 genau vor-
aussah, was sich heute abspielt, werden Sie aus der Art, wie er geschätzt
und anerkannt worden ist, einsehen, daß diese Kultur, die sich da her-
anentwickelt hat, ganz dazu angetan ist, die Herrschaft der alles wahr-
haftige Streben unterdrückenden Macht der Unfähigen gerade zur
Weltenmacht zu machen. Darüber sollte man sich nur keiner Unklar-
heit hingeben. Das ist dasjenige, was man im tiefsten Sinne einsehen
muß.
Ich will Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Ein Mensch hörte
einmal, daß Goethe einen «Faust» geschrieben hat, und er sagte, er
wollte kennenlernen, was eigentlich dieser Goethesche «Faust» ent-
hält. Da fand der, den er also befragt hat, er müsse die bequemste,
leichteste Methode herausfinden, damit der andere erfahren könne,
was dieser «Faust» eigentlich enthält, und er dachte tief nach: Wie
kann ich denn diesem Menschen, der nun keinen Sinn hat für die ein-
fachste Idee des Goetheschen «Faust», eigentlich beibringen, was er
enthält? - Da ging ihm ein Licht auf. Ihm fiel ein: es wird jetzt ja
gerade eine neue «Faust»-Ausgabe in einer bestimmten Buchdruckerei
gedruckt, da führe ich den Kerl hin, der wissen will, was im «Faust»
steht. Und da sagte er ihm: Sieh einmal, in drei Wochen wird hier der
«Faust» gedruckt. In all den Hunderten von Setzkästen liegen die ver-
schiedensten Buchstaben, und nun gib einmal acht, du wirst sehen, der
Setzer nimmt diesen und jenen Buchstaben heraus und setzt die ein-
zelnen Buchstaben zu Wörtern zusammen. Da wirst du genau sehen,
wie man Seite um Seite zusammensetzt, und wie dann zum Schluß der
«Faust» aus den einzelnen Buchstaben zusammenkommt. Da setzte
sich der andere also durch Wochen hin und sah, wie der ganze «Faust»
durch die Hände der Menschen durch die Buchstaben zusammenge-
kommen ist!
Ja, sehen Sie, ich kann das auch in etwas anderer Art erzählen. Es
kam die neuere Zeit herauf. Da wollten die Leute wissen, was eigent-
lich im geistig-seelischen Leben vorhanden ist, und sie hatten ein Be-
dürfnis danach, einzusehen, wie Vorstellungen, Gedanken, Willens-
impulse und Gefühle in der Menschenseele verwoben werden, was sie
für die Gesamtwelt bedeuten. Sie fragten - die Menschen. Nun, da
kam die neuere Wissenschaft, diese bloß naturalistische Wissenschaft,
und die sagte: Nun, das werden wir schon machen! Da schauen wir,
daß wir, soweit es jetzt schon sein kann, die einzelnen Gehirnbahnen,
die Nervenfäden, die Ganglien und das alles untersuchen, wie das mit-
einander verwoben ist. Und da haben wir das Seelenleben drinnen. -
Genau dasselbe hat man, was man vom Goetheschen «Faust» hat, wenn
man ihn so kennenlernt, wie der betreffende Mensch, der drei Wochen
in der Druckerei gesessen hat, genau dasselbe! Nehmen Sie alle die
Erzeugnisse, die heute fabriziert werden von den sogenannten Psycho-
Physiologen, da haben Sie in bezug auf die geistigen Erkenntnisse der
Welt dasjenige, was Sie über den ganzen «Faust» wissen, wenn Sie
zugesehen haben, wie der «Faust» fabriziert wird aus dem Setzerkasten
heraus. Das ist nur notwendig einzusehen, dann wird schon das er-
schütternde Gefühl die Seele überkommen, das nötig ist, um vorwärts-
zukommen im Entwickelungsgange der Menschheit.
Ihr seid schöne Gegner, werden nun die Leute vom Naturalismus
sagen, indem ihr unsere Wissenschaft, die wahre Wissenschaft, die
streng naturgemäß vorgeht, so anschwärzt! - Aber es fällt uns gar
nicht ein, sie anzuschwärzen. Wir stellen sie nur auf den rechten
Punkt, an den richtigen Lebenspunkt hin. Wenn der «Faust» zustande
kommen soll, muß für die «Faust»-Ausgabe selbstverständlich die Set-
zerarbeit gemacht werden; aber sie muß in ihrer richtigen Weltenlage
erkannt werden.
Das alles, was ich damit andeuten kann, gehört in dem Sinne, wie ich
es auch gestern gemeint habe, zu den ernsten, bedeutsamen Aufgaben,
die Mitteleuropa noch erwachsen werden. Das alles deutet auf diese
ernsten Aufgaben hin. Und dieser Dinge zu gedenken in unserer heu-
tigen ernsten Zeit, das ist schon dringend notwendig. Denn es ist un-
bedingt nötig, daß ein tieferer Sinn für wirkliche Wahrheit durch die
Welt gehe, als er wehen kann unter dem Einfluß der materialistischen
oder naturalistischen oder streng naturwissenschaftlichen Weltan-
schauung. Man braucht gar nicht Gegner davon zu sein, daß die Leute
setzen lernen, damit «Faust»-Ausgaben gemacht werden können. Man
braucht gar nicht Gegner davon zu sein, daß die Leute das Hirn, das
Nervensystem studieren. All das soll studiert werden, was heute wirk-
lich sehr wichtig ist zu studieren. Aber man muß in einer entschiedenen
Weise Gegner davon sein, daß jene anmaßende Hochmütigkeit auf-
tritt, die heute gerade in der materialistischen Wissenschaft ist, daß
in einer so furchtbaren Weise das Gefühl dafür leidet, wie ernst und
würdig gerade von Mitteleuropa aus - denn Westeuropa ist in bezug
auf diese Dinge abgestorben - die Vergeistigung der Kultur geleistet
werden muß. Ich sage das nicht bloß, um irgend etwas Paradoxes, ir-
gend etwas Starkes zu sagen, sondern ich sage das aus der Notwendig-
keit heraus, die für das Aussprechen solcher Dinge in unserer Zeit
wirkt. Es wird eine Zeit kommen, wo man wahrheitsgemäß auf ver-
schiedene Dinge wird hinsehen müssen; aber es ist heute noch nicht
viel Sinn vorhanden für ein solches wahrheitsgemäßes Hinschauen.
Tausende und Tausende von Beispielen für die innere Unwahrhaftig-
keit des gegenwärtigen Wissenschafts- und Literaturbetriebes könnte
ich Ihnen anführen. Lassen Sie mich eines wenigstens anführen, das
ich gern schon im gestrigen öffentlichen Vortrag angeführt hätte, aber
die Zeit ist ja immer zu kurz, und die Vorträge müssen leider so sehr
kurz gehalten werden.
Sie können zum Beispiel in vielen Büchern von Ernst Haeckel - Sie
wissen, ich schätze Ernst Haeckel sehr auf dem Gebiet, wo er zu schät-
zen ist - immer wieder und wiederum angeführt finden, daß er sich
beruft auf Karl Ernst von Baer, den ausgezeichneten Naturforscher,
den er seinen Lehrer nennt. Die Menschen nehmen heute selbstver-
ständlich Haeckels Bücher in die Hand, studieren sie, betrachten sie
als eine Art neuer Bibel oder wenigstens als eine Art von Schriften
neuer Kirchenväter. Denn der Unterschied ist ja nicht der, daß man
heute an ein eigenes Urteil glaubt, während man zur Zeit der Kirchen-
väter sich eben auf die Kirchenväter verlassen hat, sondern der Unter-
schied ist ein ganz anderer. Zu Tertullians, Gregors von Nazianz Zei-
ten, da waren diese die Kirchenväter, und auf sie haben die Leute ge-
schworen. Heute schwören namentlich diejenigen, die Monistenvereine
oder Vereine für eugenetische Weltanschauung oder ähnlich schöne
Dinge gründen, auf den heiligen Darwin, den heiligen Haeckel oder auf
den heiligen Helmholtz. Es ist - nur auf einem etwas anderen Gebiete -
ganz dasselbe! Man nennt es nicht heilig, aber das macht ja den Unter-
schied nicht aus. Also die Leute lesen Haeckel und haben, wenn er so
Karl Ernst von Baer anführt, die Meinung: Nun ja, man sieht schon,
dieser große Naturforscher Karl Ernst von Baer war in bezug auf die
Ablehnung jeder geistigen Welt mit Haeckel vollständig einig. Ich
möchte manchem, der heute, nachdem er so ein bißchen hineingerochen
hat in Haeckels, in Darwins Bücher, raten, bevor er daran geht, eine
Filiale für einen Monistenverein zu gründen, mancherlei anderes vor-
her zu tun: so zum Beispiel wenn Haeckel Ernst von Baer anführt, sel-
ber einmal Karl Ernst von Baer in die Hand zu nehmen und zu lesen.
Ich will Ihnen nur eine Stelle aus Karl Ernst von Baer vorlesen, wo er
sich darüber ausspricht, wie es mit der geistigen Welt im Verhältnis
zur Erdenwelt bestellt ist. Da sagt Baer: «Der Erdkörper ist nur das
Samenbeet, auf welchem das geistige Erbteil des Menschen wuchert,
und die Geschichte der Natur ist nur die Geschichte fortschreitender
Siege des Geistigen über den Stoff. Das ist der Grundgedanke der
Schöpfung, dem zu Gefallen, nein, zu dessen Erreichung sie Individuen
und Zeugungs-Reihen schwinden laßt und die Gegenwart auf dem Ge-
rüste einer unermeßlichen Vergangenheit erhebt.»
Was sagt also dieser Baer? Der Erdenkörper, die Erde ist das Sa-
menbeet, und da hinein werden versenkt die geistigen Keime, damit
sie sich umhüllen. - Die reine Wahrheit hat dieser Baer gesagt im Be-
ginne des 19. Jahrhunderts! Ernst Haeckel sucht sich diejenigen Sätze
von Baer heraus, die ihm genehm sind. Diejenigen, die nichts tun, als
höchstens Monistenvereine begründen, um die Weltenweisheit zu be-
fördern, die wissen ja von alledem nichts anderes, als was Haeckel
über Baer sagt, und leben in der Lüge weiter, ohne auch nur die leiseste
Neigung dazu zu haben, sich von der Sache, die zugrunde liegt, selbst
zu überzeugen. Von solchen Lügengeweben ist heute unsere Literatur
überall durchzogen. Und überall kommt, namentlich in unserer populä-
ren wissenschaftlichen Literatur, das über Europa ausgegossene Streben
nach möglichster Verwaschenheit und Verspieltheit, könnte man sogar
sagen, der geistigen Bestrebungen und eine möglichste Ungeneigtheit
zum Ausdruck, mit klaren, sicheren Menschenurteilen in diese Dinge
hineinzuschauen und zu urteilen.
Da gibt es zum Beispiel, um Ihnen konkrete Dinge anzuführen, im
Westen unter den Franzosen, unter den Briten, unter den Italienern,
allerlei Freimaurerorden mit hohen Graden, solche mit dreiunddreißig
Graden, aber es gibt auch solche mit über neunzig Graden. Gerade in
solchen Orden ist im Laufe der letzten Jahrhunderte viel im trüben ge-
fischt worden. Und wenn man einmal mit nüchternem, gesundem Urteil
den Einfluß allerlei ungesunder, törichter, aber wohl in bezug auf die
persönlichen und politischen Absichten bewußter Spielerei untersuchen
wird, wenn man die Einflüsse und die Strömungen der Freimaurerei,
die im Westen Europas existiert, auf den Anteil Italiens an diesem
Krieg studieren wird, dann wird man erst von mancherlei Unklarhei-
ten und Im-trüben-Fischereien in unserer sogenannten Kultur eine Ah-
nung bekommen! Das, was sich abgespielt hat, namentlich in solchen
freimaurerischen Orden seit dem Ausbruch des Krieges, das wird einst-
mals ein kurioses Kapitel werden. Die deutschen Freimaurer, werden
dabei verhältnismäßig am besten wegkommen, denn von ihnen wird
man das einzige sagen können: daß sie bei dem ganzen Spiel der Dumme
gewesen sind. Sie haben nämlich, insofern sie mit den anderen in Bru-
derschaft gelebt haben, nichts gemerkt. Und das ist ja etwas, was
noch - nun ja! - zu ihren Gunsten gesagt werden kann. Aber man soll
nur ja nicht glauben, daß das, was sich von solchen Seiten geltend
macht, ohne Einfluß sei auf das, was um uns herum lebt und wirkt iri
der sogenannten Kultur, und was nur wirken und leben kann, so lange
als die anderen Menschen nicht wollen, daß ihr Urteil geklärt, gekräf-
tigt wird durch den Einblick in die geistige Welt.
Ich habe in meinem Buch «Gedanken während der Zeit des Krie-
ges» aufmerksam gemacht, soweit man es in der öffentlichen Literatur
kann, um verstanden zu werden - es ist ja auch wenig verstanden wor-
den - , auf gewisse Strömungen, die überall im Osten und im Westen
sind. Diese Strömungen, sagen wir zum Beispiel die östliche der Sla-
wophilen, auf die ich in dem genannten Schriftchen hingewiesen habe,
wurzeln aber viel tiefer. Am Ende des 18. Jahrhunderts schon, und na-
mentlich am Ende des 19. Jahrhunderts, aber auch schon Jahrzehnte
früher, haben besonders die westlichen Freimaurerorden größeren Ein-
fluß auf das russische Geistesleben gehabt, haben da hinübergepflanzt,
haben da infiziert, eingeimpft dasjenige, was da auftauchen sollte.
Und in vieler Beziehung ist der Slawophilismus und der Panslawismus
wirklich die aufgegangene Saat dessen, was viele gerade aus diesen
Freimaurerorden gepflanzt haben. Unter der Maske, unter dem Man-
tel der Zeremonie wurden die Leute zunächst sozusagen benebelt, wurde
ihnen allerlei Firlefanz vorgemacht, damit sie dann geneigt sein können
für gewisse Pläne. Und welche Dinge gespielt haben im Osten Europas
von dieser westlichen Seite, davon wird sich die Menschheit dann,
wenn einmal an die Stelle der kriegerischen andere Ereignisse getreten
sein werden, entsprechend überzeugen!
Wenn diese Orte, an denen wir in unseren Zweigen beisammen
sind, die einzigen Orte sind, an denen man eben heute sprechen kann,
so muß es wenigstens hier besprochen werden.
Ich wollte heute anknüpfen an jenes Große, Erhabene des Zusam-
menhanges des Menschen mit ganzen Hierarchien, das vor unsere Seele
treten kann, wenn wir bedenken, daß das, was wir im Gedanken-, im
Gefühlsleben in uns tragen, schon innerhalb unserer physischen Hülle
zwischen Geburt und Tod, aber dann auch zwischen Tod und neuer
Geburt in einem Gewebe darin ist, einer Weltenarbeit, an der ganze
Hierarchien arbeiten im Weitenzusammenhange. Nicht darauf kommt
es an, daß wir so sehr das einzelne wissen, sondern darauf, daß wir uns
mit einer solchen Weltempfindung durchdringen können, und daß Sie,
meine lieben Freunde, aus einer solchen Betrachtung weggehen mit dem
Gefühl dafür, was der Mensch innerhalb der Welt eigentlich ist, und
was er wissen sollte über diesen seinen Zusammenhang mit der Welt.
Darauf kommt es an. Daß alles dies in Ihren Seelen, in Ihren Herzen
zusammenfließt in eine Weltenempfindung, und daß auf diese Weise
etwas in Ihnen aufleuchtet von der Kraft, die sich anfeuern kann daran,
was unserer Kultur einverleibt werden soll, soweit jeder es vermag
nach dem Platze, auf den er gestellt ist in der Welt. Offizielle Gelehrte
haben heute nicht gearbeitet an diesen Dingen; sie werden es nicht tun.
Daher muß den Menschen auch das Auge aufgehen über die Stellung,
die den offiziellen Gelehrten gebührt in der Welt: daß sie, insofern sie
Laboratoriumsarbeit machen, zu vergleichen sind mit den Setzern, oder
manche, die nicht Laboratoriumsarbeit machen, bloß mit Leuten, die
die Setzerei beschreiben. Das sind zumeist heute die Philosophen, die
an den Universitäten predigen.
Daß das so ist, das soll doch in einzelnen Seelen gewußt werden.
Denn das ist keine Kritik der Zeit, das ist eine Charakteristik. Nur da-
durch, daß man in den verschiedenen Zeitaltern gewußt hat, wie die
Dinge stehen, fanden sich die Kräfte, um die Entwickelung weiterzu-
bringen, nur dadurch.
Das wollte ich insbesondere in dieser schweren Zeit - wo man ja
nicht immer sagen kann, man wird sich wieder sehen - auf Ihre Seelen
legen: etwas von Erkenntnis, was sich, wenn wir es in der richtigen
Weise empfinden, verwandeln kann in eine heilige innere Pflicht der
Menschenseele gegenüber dem Weitenzusammenhange. Tode über Tode
umgeben uns heute in dem Ereignisse, das auf der einen Seite im an-
gedeuteten Sinne die Frucht der vorhergehenden Entwickelung ist, das
aber ein Merkzeichen sein muß für mancherlei, was zu geschehen hat,
damit die Menschheit nicht in der Weise vorrückt, wie es die Beschrei-
ber des Setzerkastens wollen, sondern so vorrücke, wie es der Notwen-
digkeit der Weltentwickelung entspricht.
Gewiß, ich habe gestern von dem Vater alles Materialismus, von
Lamettrie, angeführt, daß er gesagt hat — selbstverständlich, Wahrheit
ist auch das - , Erasmus hätte bloß notwendig gehabt, daß ein kleines
Rädchen in seinem Nervensystem anders geworden wäre, dann wäre
er vielleicht kein Erasmus, sondern ein Tor geworden. Ich habe gesagt,
daß man das nicht zu widerlegen braucht. Aber wir, die wir vielleicht
ein wenig vorbereitet sind, müssen ja auch noch ein wenig anderes dar-
über wissen.
Alles, was wir heute betrachtet haben, nehmen wir zusammen, las-
sen es Gefühl und Empfindung in uns werden, und wir sagen uns dann,
wie wahr das ist, daß die zahlreichen Opfertode, die gegenwärtig ge-
bracht werden, wirklich sich zum Erdendasein so verhalten, daß die
Ätherleiber, die in frühem Lebensalter den Menschen genommen wer-
den, lange, lange verbunden bleiben mit dem Erdendasein, und daß
nun Menschen da sein müssen, die sich bewußt werden können dessen,
was in diesen unverbrauchten Ätherleibern lebt, die alles dasjenige,
was diese Menschen noch hätten in ihrem irdischen Leben verwenden
können, wenn sie noch Jahrzehnte gelebt hätten, noch in sich enthiel-
ten. Das ist in dem Geistig-Ätherischen der Erde. Aber Menschen wer-
den da sein müssen, die sich dessen bewußt sind in der Folgezeit, damit
die Erdenkultur und nicht Ahriman die Früchte dessen bekommt, was
in diesen Ätherleibern enthalten ist. Durchdringen wir uns also wirk-
lich angesichts dessen, daß wir uns vorzubereiten haben in unseren See-
len für dasjenige, was geschieht, mit den Worten, die hier öfters aus-
gesprochen worden sind:

Aus dem Mut der Kämpfer,


Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht —
Lenken Seelen geist-bewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
N E U N T E R VORTRAG
Stuttgart, 11. Mai 1917

Es ist meine Absicht, Ihnen bei dieser meiner Anwesenheit von Dingen
zu sprechen, welche die Ereignisse der Gegenwart dem suchenden Men-
schensinn ein wenig tiefer verständlich machen können. Nicht in
äußerlicher Weise sollen diese Dinge besprochen werden, sondern es
soll auf einiges hingedeutet werden, wodurch der Mensch gewisser-
maßen in geistiger Erweiterung Verständnis dieser unserer Gegen-
wart gewinnen kann. Diese Absicht, welche bei mir seit langem bestand
für diesen Stuttgarter Besuch, wollen wir auch durchführen. Es steht
uns ja auch noch der Vortrag am nächsten Sonntag zur Verfügung.
Mit Rücksicht auf mancherlei, das, ich möchte sagen, wie Wellen-
schläge unserer Zeit - ich sage das mit vollem Bedacht - von außen
hereinspielt in unsere Bewegung, erscheint es mir aber zunächst notwen-
dig, heute in einer Art Einleitung einiges Prinzipielle vorzubringen,
das geeignet sein kann, manche Mißverständnisse zu zerstreuen, die
nur allzuleicht, in unserer die Tiefe des Gedankens und des Empfindens
ja hassenden Zeit, über Anthroposophie entstehen können, das auf der
anderen Seite geeignet sein kann, in uns selbst ein richtiges Verhältnis
zu dem, was uns Anthroposophie sein kann, zu gewinnen.
Versuchen wir einmal, uns die Frage so recht vorzulegen: Was
suchen wir, wenn wir den Weg wählen in die anthroposophische Be-
wegung hinein? - Wir suchen auf diesem Wege die Möglichkeit zu ge-
winnen, ein Verhältnis zur Geisteswelt zu finden, das den Bedürfnissen
nach dieser geistigen Welt entspricht, die in uns geboren werden aus
den Kräften, aus den Lebensverhältnissen der Gegenwart heraus. Kei-
ner kommt ja, wenn er nicht oberflächlich ist, zu uns, der auf gangba-
rerem Wege als bei uns ein Verhältnis zur geistigen Welt gewinnen
kann. Keiner kommt zu uns, der ein Verhältnis zur geistigen Welt ge-
winnen kann auf denjenigen Wegen, die seit Jahrhunderten draußen
voll anerkannt sind, und die ihre Gangbarkeit dem Umstände ver-
danken, daß die Menschen nachzudenken vergaßen über die Berech-
tigung dessen, was sich den allgemeinen Lebensnotwendigkeiten ein-
gefügt hat. Dagegen wird viel diskutiert über die Berechtigung, wenn
etwas gewissermaßen zuerst auftreten muß in der Welt. Wir können
nicht oft genug uns dasjenige, was aus dem Geiste unserer Zeit heraus
Anthroposophie sein soll und sein will, vor Augen halten und es in
Zusammenhang bringen mit dem in uns, was nach Anthroposophie
drängen kann, was uns zur Anthroposophie bringen will.
Sehen Sie, meine lieben Freunde, Anthroposophie würde nicht da
sein, wenn es nur den einen oder anderen Menschen gäbe, der es sym-
pathisch findet, für solche Ideen, wie sie in der Anthroposophie leben -
nun, gebrauchen wir den offiziösen Ausdruck - , zu agitieren. Anthro-
posophie entspringt durchaus der Erkenntnis, daß es in unserer Zeit
suchende Seelen gibt, die nur auf dem Wege der Anthroposophie das-
jenige finden können, was sie eben suchen. Nicht weil irgend jemand
Anthroposophie haben will, wird Anthroposophie getrieben, sondern
weil die Seelen nach Anthroposophie verlangen. Dagegen spricht nicht,
daß manche dieses leugnen, denn in der Seele lebt viel Unterbewußtes
und Unbewußtes, das, richtig gedeutet, nichts anderes darstellt als ge-
rade die Sehnsucht nach Anthroposophie. Die Sehnsucht vor allen
Dingen - wenn wir eines aus dieser Anthroposophie herausheben - ,
die Sehnsucht danach, den größten Impuls der Erdenentwickelung,
den Christus-Impuls, auf dem Wege zu erkennen, der dem Bedürfnis
der Gegenwart angemessen ist, den Weg zum Christus-Impuls auf die
Art zu finden, die das Herz ersehnen muß, wenn es sich wirklich inner-
halb der Lebensverhältnisse der Gegenwart verstehen will. Nun sind
solche allgemeinen, abstrakten Sätze, wie ich sie eben jetzt ausgespro-
chen habe, für denjenigen gewiß einleuchtend, der jahrelang auf dem
Boden der Anthroposophie steht. Aber um was es sich handelt, das ist
dieses: wirklich seine Seele so mit dem Geiste dieser Worte zu durch-
dringen, daß diese Worte nicht bloß abstrakt, nicht bloß theoretisch
in uns bleiben, sondern daß sie zum Inhalt unseres ganzen Lebens, vor
allen Dingen zum Inhalt unserer Gesinnung werden.
Ich habe wohl auch hier schon ein Beispiel erzählt, das besonders
charakteristisch ist: Ich hielt in einer süddeutschen Stadt einmal einen
Vortrag über das Thema «Bibel und Weisheit», worin ich versuchte
auseinanderzusetzen, wie auch der positiv christliche Mensch, gerade
wenn er sich recht versteht, den Weg zur Anthroposophie finden kann,
indem ich schilderte, wie Anthroposophie durch ihre Voraussetzungen
tiefer eindringen kann in die großen, ja niemals auszuschöpfenden Ge-
heimnisse des Urbuches der Menschheit, der Bibel. Nach dem Vortrage
kamen zwei katholische Priester an mich heran, die an dem Vortrag
teilgenommen hatten. Und aus ihren Worten ging klar hervor, daß
sie eigentlich aus ihrer christlichen Lehre, so wie sie sie auffaßten, wie
sie sie als Theologen kannten - vielleicht nicht so sehr als auf irgend-
welche Dinge hin verpflichtete Priester, sondern als Theologen kann-
ten -, nichts Besonderes einwenden konnten. So begaben sie sich denn
auf einen Seitenweg und sagten: Ja, sehen Sie, es ist ja nichts Beson-
deres zu sagen von unserem Standpunkte aus gegen das, was Sie gerade
heute vorgebracht haben, als dieses: Wenn wir reden, dann reden wir
so, daß jeder auffassen kann, was wir sagen. Sie reden allerdings auch
vom Christentum, aber nur für diejenigen, die einen gewissen Bil-
dungsgrad erreicht haben oder sich besonders für diese Art vorbereitet
haben. - Ich erwiderte darauf: Ja, sehen Sie, Hochwürden, darauf
kommt es nicht an, was Sie oder ich denken über die Frage, was zu
allen Menschen gesprochen werden soll, denn das führt das ganze
Thema auf den Abweg der persönlichen Meinung. Es ist gar nicht be-
sonders wunderbar, daß ein jeder von dem, was er treibt, glaubt, daß
es allgemein-menschlich gültig ist. Warum sollte man sich denn darüber
wundern; sonst würde er es ja nicht treiben! Aber darauf kommt es
eben nicht an, was Sie oder ich denken, daß es richtig ist. Unsere Art,
über den Geist zu forschen, fängt damit erst an, daß wir uns erheben
über diese persönliche Meinung, und die Wirklichkeit, die wahre Wirk-
lichkeit ins Auge fassen. In unserem Falle Hegt diese Wirklichkeit sehr
nahe. Sie liegt einfach in der Antwort auf die Frage: Kommen heute
alle Leute, für die Sie zu reden glauben - Sie glauben ja für alle Leute
zu reden - , noch zu Ihnen in die Kirche? Die Frage beantwortet eine
Tatsache - die Frage, ob Sie meinen, daß Sie für alle Leute reden. Daß
das allen Leuten gelten soll, das entspricht nur Ihrer Meinung; das
andere entspricht nur einer Tatsache. Sagen Sie mir, ob alle Leute in
die Kirche gehen! - Darauf konnten sie mir nichts anderes erwidern,
als daß eine Anzahl von Leuten eben nicht in die Kirche gehen. Das

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widerlegt Sie, sagte ich, denn dann sprechen Sie gerade für die nicht,
die nicht in die Kirche gehen. Und unter denen sind zahlreiche Men-
schen, zu denen ich zu sprechen habe, und die auch das Recht haben,
den Weg zum Christus in der Gegenwart zu finden.
Das heißt, sein Urteil nicht richten nach dem, was man persönlich
für wahr oder falsch hält, sondern sein Urteil den Forderungen und
Aufgaben der Wirklichkeit unterstellen. Es ist allerdings viel beque-
mer zu theoretisieren, was richtig oder falsch ist, als in allen Einzel-
heiten konkret die Wirklichkeit zu studieren, immerfort mit aufmerk-
samem Ohr hinzulauschen auf dasjenige, was die Wirklichkeit von uns
fordert. Anthroposophie will nicht etwas anderes sein, als was Ant-
wort gibt auf Fragen, die sie nicht selber stellt, sondern die die Herzen,
die Seelen in der Gegenwart stellen, wenn sie sich richtig verstehen.
Und ich bin mir bewußt: die Fragen, die in meinen ja allerdings schon
sehr zahlreich vorliegenden Schriften gestellt werden, sind nicht von
mir gestellt. Die Antworten sind vielfach von mir gegeben, die Fragen
aber sind nicht von mir gestellt. Die Fragen werden gerade von dem-
jenigen gestellt, was die Zeitkultur hervorbringt, was gerade zum Bei-
spiel die Naturwissenschaft in der Zeitkultur hervorbringt, was jeder
fragen muß, der Interesse hat an den Forderungen der Zeit, und dem
vor allen Dingen es ernst ist um die wichtigsten Bedürfnisse der Seelen
der Gegenwart.
Wenn man sich diese Voraussetzungen einmal einigermaßen vor
die Seele ruft, dann zeigt es sich uns als wahr, daß eine Grundintention
in der ganzen Ihnen vorliegenden anthroposophischen Literatur
herrscht, eine Grundansicht, eine Grundtendenz und eine Grundge-
sinnung. Geht man alle diese Schriften durch, nicht mit der wohlwol-
lenden Gesinnung, die wir vielleicht innerhalb unseres Kreises gewon-
nen haben, sondern mit dem kritischen Blick, den man gerade aus der
gegenwärtigen Zeitkultur heraus gewinnen kann, dann wird man eines
als den Kernpunkt dieser ganzen anthroposophischen Literatur finden.
Das ist, daß alles darauf ausgeht, der Menschenseele dasjenige zu brin-
gen, wonach diese Menschenseele vor allen Dingen in der Gegenwart
verlangen muß: Selbständigkeit, Urteilskraft aus dem eigenen Inneren
heraus. Ich habe öfter dem Drängen widerstehen müssen, das von die-
ser oder jener Seite an mich gestellt worden ist, populär zu schreiben.
Ich habe diesem Drängen immer widerstanden, aus dem einfachen
Grunde, weil es sich nicht darum handeln kann, innerhalb der anthro-
posophischen Literatur den Menschen Glaubensartikel zu geben, die
sie, wenn sie wollen, in leichtgeschürztem Verständnis entgegenneh-
men, sondern weil es sich nur darum handeln kann in dieser Literatur,
eigene Urteilsfähigkeit, das eigene Seelensuchen aufzurufen. Das
herrscht, wie sich jeder, der will, überzeugen kann, innerhalb dieser
ganzen anthroposophischen Literatur.
Nirgends wird darauf ausgegangen, einen blinden Glauben hervor-
zurufen. Gewiß, es werden Dinge erzählt, die nicht ohne weiteres nach-
geprüft werden können, aber sie werden erzählt als Tatsachen der gei-
stigen Welt, die jeder als Mitteilungen entgegennehmen kann und an
die er immer weiter und weitergehend seinen kritischen Maßstab schon
anlegen kann, wenn er will. Und wir haben ja gesehen, daß in der
letzten Zeit verständnisvoll auf die Sache eingehende Freunde es da-
hin gebracht haben, bis zu einem hohen Grade selbst an die subtilsten
Dinge mit der Sonde einer vorurteilslosen Kritik heranzugehen. Vor
dieser vorurteilslosen Kritik braucht dasjenige, was in der hier gemein-
ten anthroposophischen Literatur enthalten ist, niemals zurückzu-
schrecken. Diese vorurteilslose Kritik wird es bestehen; es wird sie um
so besser bestehen, je vorurteilsloser diese Kritik ist. Niemals wird von
mir jemand etwas anderes hören, wenn es sich um diese Frage handelt,
als dieses: Prüfet, prüfet, prüfet, aber bleibt nicht beim Prüfen, sondern
suchet gerade vor allen Dingen dadurch zu prüfen, daß ihr immer
tiefer und immer tiefer mit den Mitteln des gegenwärtigen Denkens in
die Dinge hereinzukommen versucht. - Weil dies angestrebt wird,
können die Schriften dieser Literatur die Menschen gerade selbständig
machen.
Nun allerdings erlebt man gar mancherlei, wenn man die Art und
Weise überblickt, wie Anthroposophie entgegengenommen wird. Die
Menschen begegneten mir ja immer wieder und wiederum, die den einen
oder anderen Vortrag sich anhörten, die eine oder andere kleine Schrift
lasen, und dann sich nicht mehr sehen ließen. Das ist ihr gutes Recht,
selbstverständlich, es soll das niemandem vorgeworfen werden. Und
wenn sie dann von einem Bekannten gefragt wurden, warum sie nicht
mehr erschienen sind - in aller Freundschaft selbstverständlich, nicht
wie mit irgendeinem Vorwurf - , dann gaben sie zur Antwort: Ja, wenn
wir näher auf die Sache eingehen, fürchten wir, überzeugt zu werden. -
Es ist dies ganz gewiß ein bedeutsames Wort, es weist aber auch auf be-
deutsame Tatsachen hin. Was versucht wird, ist ja gerade: loszukom-
men von dem Erbübel unserer Zeit, dem Aufstellen von persönlichen
Meinungen, dem Aufstellen von persönlichen Theorien, und die Seelen
hinzulenken auf dasjenige, was die Geistigkeit der Welt selber sagt,
wenn wir die Möglichkeit finden, uns dieser Geistigkeit der Welt mit
ganzer Seele hinzugeben und von den Methoden zu sprechen, von den
Mitteln zu sprechen, durch welche die Seele dahin gelangt, gewisser-
maßen die Geistigkeit der Welt selber anzuhören.
Eine in dieser Weise zwar aus den tiefsten Bedürfnissen der Zeit
hervorgehende Weltanschauung, die jedoch dem, was die Leute der
Gegenwart glauben, so gründlich widerspricht, nun, solche Weltan-
schauung wird nur langsam und allmählich sich in die Seelen der Men-
schen hineinfinden. Die Seelen der Menschen hängen an dem Gewohn-
ten, die Seelen der Menschen haben es am liebsten, wenn sie ihre eigene
Wasserklarheit von der Kanzel hören und sich sagen können von dem,
was sie hören: Das habe ich schon lange gedacht. — Solche Wahrheiten,
die «schon lange gedacht» worden sind, sind allerdings die in der Ge-
genwart auftretenden anthroposophischen Lehren nicht. Aber das ist
in den Augen vieler Menschen gerade der Hauptfehler, daß sie sich
nicht sagen können: Das habe ich schon lange gedacht ~, und daß sie
sich nicht sagen wollen: Wenn ich recht tief in meinem Inneren schürfe,
dann wird da nichts ausgesprochen, was eine persönliche Meinung ist,
sondern was zusammenhängt gerade mit den Entwickelungsfaktoren
der Menschheit. - Auf solche Entwickelungsfaktoren der Menschheit
werden wir während meines diesmaligen Aufenthaltes in Stuttgart
noch mannigfaltig zurückkommen. So ist es begreiflich, daß mancher-
lei Hindernisse und Hemmnisse entstehen, wenn die Menschen ver-
suchen, an die Anthroposophie, an die Geisteswissenschaft heranzu-
kommen.
Mein Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»
wird im Laufe der Zeit viel gelesen, nicht nur innerhalb derjenigen, die
den verschiedenen Kreisen der Anthroposophischen Gesellschaft an-
gehören, sondern es wird in der Gegenwart auch draußen viel gelesen.
Beim Lesen gerade dieses Buches kann immer wieder und wiederum
eine Erfahrung gemacht werden, die außerordentlich charakteristisch
ist. Es liest da oder dort jemand das Buch «Wie erlangt man Erkennt-
nisse der höheren Welten?» und schreibt mir einen Brief darüber. Und
selbstverständlich, ich bin jedesmal erfreut darüber, wenn mir jemand
einen verständigen Brief schreibt über irgendein Buch oder über ir-
gend etwas anderes, insbesondere aber über das Buch «Wie erlangt
man Erkenntnisse der höheren Welten?». Aber das gewöhnliche ist,
daß der Brief, der geschrieben wird, der klarste Beleg dafür ist, der
allerklarste Beleg, daß der Betreffende das Buch nicht verstanden hat,
überhaupt die aller wichtigsten Dinge des Buches sich in die materia-
listischste Gesinnung der Gegenwart umgesetzt hat. Denn dasjenige,
worauf die Menschen zumeist anbeißen, wenn sie an dieses Buch kom-
men, das ist das Folgende. Aber schicken wir noch etwas voraus: Es
kann eine ganze Summe von Zweifeln demjenigen aufstoßen, der das
Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» liest, und
es wird schon viele Menschen geben, welche Zeugnis davon ablegen
können, daß ich immer bereit bin, über diese Zweifel mit den Menschen
mich zu unterhalten, und daher möchte ich durchaus nicht, daß, was
ich jetzt sage, so erscheint, als ob es irgend jemand abschrecken sollte,
den Brief, von dem ich eben sprach, zu schreiben. Es soll nicht abge-
schreckt werden von dem Schreiben dieses Briefes, aber der Brief wird
sehr häufig geschrieben, indem die Menschen an eine besondere Sache
anbeißen, wo ihnen unmittelbar das Ding sich ins Materialistische um-
setzt. Es ist vieles gesagt in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse
der höheren Welten?», das bei richtiger Beobachtung den Menschen
gerade dazu führt, von sich aus, von seiner Seele aus den Weg in die
geistige Welt hinein zu finden. Gerade dieses Buch ist daraufhin an-
gelegt, den Menschen so selbständig wie möglich zu machen, ihm gar
nicht irgend etwas aufzudringen auf irgendeinem subjektiven Weg,
sondern ihm nur die Hindernisse hinwegzuräumen, damit er selber die
Wahrheit finden kann. Das beste Mittel zunächst, dieses Buch aufzu-
nehmen, das wäre: seinen Inhalt sich in innerer Tat anzueignen. Aber
da haken die Menschen ein bei dem Satz: Derjenige, bei dem die nötige
Reife eingetreten ist, der findet schon, wenn er nur richtig sucht, seinen
geistigen Lehrer. - Also, da haben wir es! Da schreibe ich einen Brief
an denjenigen, der das Buch geschrieben hat, da wird er mein geistiger
Lehrer; das ist das einfachste! - Da haben wir die Übersetzung ins
Materialistische. Daß diese Stelle gerade für einen nach Selbständig-
keit suchenden Menschen der heiligste Antrieb sein könnte, weiter zu
suchen, um den Weg zu finden, der vielleicht in etwas ganz anderem
bestehen könnte, als einen Brief an jemand zu schreiben: Du, gib mir
Anweisungen - , das ist sehr vielen Lesern des Buches eben unbequem.
Sie suchen nicht genügend in dem Buche. Und so gehört denn dieses
Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», trotzdem
es unter den so geschriebenen Büchern heute vielleicht zu den gelesen-
sten gehört innerhalb der deutschen Welt und sogar vielfach in fremde
Sprachen übersetzt ist, es gehört zu den Büchern, die am meisten miß-
verstanden werden. Und es ist doch kinderleicht zu verstehen, wenn
man es nur vorurteilslos auf sich wirken läßt und nicht es sich ins mate-
rialistisch Bequeme übersetzt.
Gewissermaßen suchen die Menschen heute auch hier dasjenige, was
sie gewohnt sind auf anderen Gebieten zu suchen. Wie sehr sind die
Menschen heute von der Gewohnheit durchdrungen, sich nicht selber
zu helfen, das heißt, nicht dasjenige zu lernen, womit man sich in der
einen oder anderen Lage helfen kann, sondern sich helfen zu lassen und
sich nicht zu bekümmern um die Prinzipien, nach denen ihnen geholfen
wird. Wozu braucht man sich heute viel zu bekümmern über die Art
und Weise, wie man gesundheitlich am besten lebt? Man laßt es sich
verschreiben von einem, der dafür da ist, und man braucht dann nicht
nachzuprüfen, nach welchen Prinzipien er verschreibt, man übergibt
sein Schicksal demjenigen, der als Autorität aufgestellt ist. Warum
sollte man denn nicht gerade auf dem geistigen Wege, auf dem mensch-
lich wichtigsten Wege zunächst den Drang haben, auch sein Schicksal
irgendeinem anderen zu übergeben? Aber wenn nun gerade dasjenige
Werk, wodurch man dazu angeregt wird, am allermeisten sich zur Auf-
gabe macht, die Menschenseele selbständig zu machen!
Man darf sagen: Gerade die naturwissenschaftliche Forschung hat
heute einen bestimmten Stand erreicht, und dieser Stand der natur-
wissenschaftlichen Forschung wäre zugänglich denjenigen, die heute
berufen sind, die naturwissenschaftlichen Fächer zu vertreten, wenn
nicht die meisten einfach sich in ihr Fach einspinnen und nicht über
die Grenzen ihres Faches hinausgehen würden. Wenn sich nur, ich will
sagen, ein Dutzend der offiziellen Vertreter - und nur diese werden ja
heute gehört - aufraffen würden mit innerster Ehrlichkeit, und dann
mit dem, was sich ergibt aus diesem naturwissenschaftlichen Stand,
dasjenige prüfen würden, was in meiner «GeheimWissenschaft im Um-
riß», in meiner «Theosophie» steht* dann würden sie alles von der Seite
her bewahrheitet finden, die man charakterisieren kann, indem man
sagt: Seht euch das Leben an, ob das Leben dasjenige nicht bestätigt,
was durch Geisteswissenschaft erfahren werden kann, was hier aus
der geistigen Welt heraus gesucht wird! - Wer heute Naturwissenschaft
wirklich beherrscht, kommt zur Beglaubigung desjenigen, was anthro-
posophisch orientierte Geisteswissenschaft gibt. Dies ist durchaus eine
Wahrheit. Aber wir stehen vor der eigentümlichen Tatsache, daß sich
gerade diejenigen, die eine solche Prüfung vornehmen könnten, absolut
nicht darum kümmern, bis jetzt nicht sich darum gekümmert haben,
daß niemand diese Fragen auch nur aufgeworfen hat - von denjenigen
sehe ich ab, die aus unseren Kreisen die Anregung dazu empfangen ha-
ben - , daß niemand die Aufgabe sich gestellt hat, die geisteswissen-
schaftlichen Resultate der Anthroposophie an der, aber voll verstan-
denen, naturwissenschaftlichen Forschung der Gegenwart wirklich zu
prüfen! Vor dieser Prüfung braucht die geisteswissenschaftliche For-
schung wahrhaftig nicht die geringste Angst zu haben, die wird sie be-
stehen. Sie soll nur angestellt werden, sie wird bestanden werden. Aber
allerdings, in einer Zeit, in der man nicht einmal die Geneigtheit hat,
auf die allerprimitivsten Wahrheiten einzugehen, wird diese Prüfung
vielleicht noch lange auf sich warten lassen.
Den Drang, nicht nur logisch zu sein, sondern wirklichkeitsgemäß
zu sein, das heißt, sein Urteil sich nicht nur nach abstrakter Logik,
sondern durch Versenkung in die Wirklichkeit zu bilden, diesen Drang
haben wenige in unserer Gegenwart. Logisch zu sein, das streben ja viele
an, aber erst ein gewisses Gehen hinter die Logik macht es möglich,
auch die Tragweite der Logik selber einzusehen, sonst merkt man gar
nicht, welche Konfusion man gerade mit solchen sehr zusammenstim-
menden Urteilen machen kann. Sehen Sie, mit seinem eigenen Urteil
immer übereinstimmend sein, oder mit dem Urteil eines anderen über-
einstimmend sein, ist gewiß logisch, es kann aber zu recht sonderbaren
Kollisionen führen. Zum gleichen Gedanken kamen Karl V.y der Öster-
reicher, und der französische König Franz I. Sie waren gewissermaßen
völlig einverstanden mit Bezug auf einen bestimmten Gedanken, den
sie verwirklichen wollten. Franz sagte: Mein lieber Bruder will ja ganz
genau dasselbe wie ich. Wir beide wollen genau dasselbe. - Sie wollten
nämlich beide Mailand erobern! Ja, sehen Sie, da merkt man es - näm-
lich wenn man den Nachsatz sagt. Aber daß solche Urteile ungeheuer
viel herumschwirren und gerade das Denken der Gegenwart beherr-
schen, zum Unheil dieser Gegenwart, darauf auch nur zu kommen, ha-
ben wenige in der Gegenwart die Neigung.
Es ist merkwürdig, wie - verzeihen Sie das philiströse Bild - er-
leuchtete Geister zuweilen die Urteilsfähigkeit heute beim Schwanz
aufzäumen, wie wenn einer ein Pferd aufzäumte am Schwanz, statt
vorne am Haupte. Aber solch ein Aufzäumen wird sofort gelten ge-
lassen, wenn der Betreffende offiziell autorisiert ist. Wer einen Sinn für
das Lebendige im Denken, Fühlen und Wollen hat, der konnte seit
langen Jahren wahre Qualen ausstehen bei der ganzen Art und For-
mung, wie manches Denken in der Gegenwart ist. Ich weiß mich jetzt
noch zu erinnern, wie ich meine erste Vorlesung in Wien über ellip-
tische Funktionenlehre hörte - verzeihen Sie das Wort, es kommt aber
auf den Geist desjenigen an, was ich ausdrücken will, und nicht darauf,
daß der eine oder andere das, was ich jetzt heranziehe, versteht. Ich
hörte also bei dem damals schon berühmten Professor Leo Königsberger
Vorlesungen. Er war so berühmt, daß er, als er zum Professor ernannt
war, gleich an die Regierung schreiben konnte, daß er zum Hofrat er-
nannt werden wolle, nicht bloß zum Professor. Als ich also die erste
Vorlesung bei ihm hörte, kam er auf die Frage: Wie verhält es sich mit
den Zahlen? Die Menschen nehmen an positive und negative Zahlen.
Positive Zahlen entsprechen dem Geld, das ich habe, negative Zahlen
dem Geld, das ich nicht habe, das ich schuldig bin. Es gibt aber noch
andere Zahlen. Nun bezeichnen die Mathematiker durch eine Linie, in
deren Mitte sie eine 0 schreiben, die positiven und negativen Zahlen:
plus 1, plus 2; minus 1, minus 2. Und dazu hat dann der berühmte Gauß
noch eine neue Zahlenlinie hinzugefügt, so daß man die Ebene anfüllen
kann mit verschiedenen Arten von Zahlen. Ich will über die Berechti-
gung dieser Zahlenebene nicht sprechen, aber Leo Königsberger begann
dazumal seine Vorlesung über die elliptischen Funktionen damit, daß
er sagte: Es könnte nun sein, daß jemand heute sagen würde, man
könne auch ebensogut senkrecht zu dieser Ebene Zahlen annehmen. -
Als ich als ganz junger Dachs von sechzehn, siebzehn Jahren die Ge-
schichte mit der Zahlenebene kennengelernt habe, da machte ich dazu-
mal schon einen Einwand: Ich sagte, dann könne man ja auch den
Raum mit Zahlen ausgefüllt denken. - Der Lehrer beruhigte mich
freundlich, indem er sagte: Na, warten's bis in die nächsten Jahrhun-
derte! - was selbstverständlich auf mich, den jungen Dachs, einen gro-
ßen Eindruck machte. Nun hörte ich Leo Königsberger in Wien die-
selbe Frage behandeln. Er sagte: Nehmen wir an, es gäbe diese drei
Arten von Zahlen, nicht nur die Zahlen, die in der Ebene der beiden
Linien liegen, sondern die Zahlen, die in der dritten Dimension liegen.
Wir nehmen hypothetisch an, solche Zahlen gäbe es, und ich würde
eine solche Zahl multiplizieren mit einer anderen Zahl. Nun werde ich
Ihnen zeigen, daß, wenn man sie multipliziert, das Produkt unter Um-
ständen null sein kann. Da das aber niemals sein kann, so kann es keine
solche Zahl geben. - Nun, sehen Sie, so etwas anzuhören ist eine Qual.
Ich will jetzt nicht davon sprechen, ob die ganze Geschichte richtig
ist oder nicht, aber wenn man das eine annimmt, das andere nicht an-
zunehmen, sondern die Behauptung aufzustellen: weil das Produkt null
sei, könne es keine solche Zahl geben - , so etwas anzuhören, das ist
eine Qual, weil selbstverständlich das Richtige dies ist, daß wenn man
zwei Zahlen hat, die null geben, man annehmen muß, daß dann null
entstehen könne durch Multiplizieren, nicht das Umgekehrte; das ist
das Nächstliegende. Aber ob diese Urteile nun in der Mathematik le-
ben, ob diese Urteile in politischen Noten leben, zum Beispiel in den
Noten des Herrn Wilson, sie führen eben immer auf dieselben Gedan-
kenformen zurück. Wenn aber diese Urteilsformen leben in denjenigen
Urteilen, die da wirksam sein wollen für das Schicksal der Menschheit,
dann bedeutet ein Irrtum im Urteil noch etwas ganz anderes als ein
Irrtum in einer bloß eingeschränkten wissenschaftlichen Spekulation,
wie es in vieler Beziehung die Lehre des Leo Königsberger ist.
Man muß schon darauf aufmerksam machen, wie es zur Charak-
teristik unserer Gegenwart gehört, daß sich die Menschen mit ihrem
Urteil nicht der Wirklichkeit anpassen wollen. Sie wollen nicht in der
Wirklichkeit leben, weil sie es in den einfachsten Dingen nicht wollen.
Sie wollen bei den einfachsten Dingen dasjenige voraussetzen, was
ihnen lieb ist, nicht was sich aus der Wirklichkeit ergibt. Daß man in
vieler Beziehung lernen muß, anders zu denken, um aus manchem Un-
heil der Gegenwart herauszukommen, daß man lernen muß, nicht bloß
über alles zu denken, sondern anders zu denken, darauf kommt unge-
heuer viel an. Wenn die Menschen mit ihren alten Denkgewohnheiten
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft so recht begreifen
könnten, dann würden sie sich schneller einleben können in die geistes-
wissenschaftlichen Wahrheiten. Die aber sollen nicht mit den alten
Denkgewohnheiten, sondern sie müssen gerade mit dem neuen Denken
erfaßt werden, und darauf lassen sich die Leute so ungeheuer schwer
ein.
Nun, das sind so Teile der Gründe, warum es in der Gegenwart so
schwierig ist, mit der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft durchzukommen, einfach weil sie stoßen muß an die alleraller-
nächstliegenden Vorurteile. Aber gerade weil diese Sache so ist, wird
Geisteswissenschaft nicht eigentlich bekämpft, denn das Bekämpfen
der Geisteswissenschaft steht ja, das muß man gestehen, auf sehr
schwachen Füßen. Suchen Sie sich diejenigen wissenschaftlichen Er-
örterungen einmal auf, welche versuchen, in ernster Weise und auf
die Sache eingehend, Geisteswissenschaft, wie sie vorliegt, zu behan-
deln, suchen Sie sich Abhandlungen oder dergleichen dieses Kalibers
auf! Wer sich jemals damit befaßt hat, wird sehen, wie wenig es nach
dieser Richtung gibt. Aber es mag ja vielleicht auch gar nicht bequem
sein, auf diesem Wege vorwärtszugehen. Denn sehen Sie, mir erzählte
vor einigen Jahren einmal ein Student, der eben sich anschickte, an
einer sehr bekannten Universität als Philosoph seinen Doktor zu ma-
chen: er wollte eine Dissertation schreiben, die ihm geraten worden
war von einem berühmten Professor. Diese Dissertation sollte handeln
über den großen russischen Denker Solowjow. Dazumal war von So-
lowjow nicht viel mehr gedruckt als ein paar Sachen, die von Nina
Hoff mann herausgegeben worden sind; später kam ja viel mehr heraus.
Ich früg den Studenten: Warum gibt Ihnen der Professor gerade den
Rat, über diesen Solowjow die Dissertation zu machen? - Ja, sagte der
Student, der Professor weiß von diesem Philosophen gar nichts und
möchte etwas erfahren. — Das ist also der beste Weg: Man läßt den
Schüler eine Doktorarbeit über Solowjow schreiben, wenn der Schü-
ler russisch kann; dann erfährt man etwas über ihn. So entstand denn
die Doktorarbeit über Solowjow. Aber ungefähr aus derselben Ge-
sinnung heraus entstehen sehr viele Doktorarbeiten. Es ist geradezu
dies vielfach eine Maxime, wie Themen für Doktorarbeiten gegeben
werden. Damit aber wird eine gewisse wissenschaftliche Gesinnung
herangezogen, herangezüchtet, könnte man sagen. Der betreffende Pro-
fessor hätte natürlich nur einen Weg haben können, den Solowjow
wirklich kennenzulernen, wenn er die Absicht gehabt hätte, nicht nur
Professor der Philosophie zu sein, sondern auch die Philosophie der
Gegenwart kennenzulernen in einem ihrer hervorragendsten Vertreter:
Er hätte versuchen müssen, Solowjow selber zu studieren, so gut es
geht, wenn auch das wenigste von Solowjow übersetzt ist, und er nicht
selbst russisch kann. Es ist ein unbequemer Weg, man darf aber schon
sagen: Für viele, die zu einem eigenen Urteil über Geisteswissenschaft
kommen wollten, ist heute der Weg viel unbequemer, Geisteswissen-
schaft kennenzulernen. Denn es ist noch ein Unterschied, ob nun ein
Professor eine Dissertation machen läßt über Solowjow, oder ob er
etwa eine Dissertation machen ließe über die Geisteswissenschaft. Über
Solowjow geht es noch halbwegs, ein Urteil zu gewinnen, wenn die
Dissertation fertig ist, denn der Schüler ist ja ohnehin gut dressiert,
dieses Urteil nur abzugeben in dem Sinne, wie eben Philosophie gelehrt
wird. Aber was sollte denn ein heutiger Professor zum Beispiel mit
einer Dissertation über Geisteswissenschaft anfangen? Er könnte ja
gar nichts damit anfangen. Er würde absolut ratlos davorstehen. Und
noch unbequemer ist natürlich der Weg, nicht auf dem Umweg einer
Dissertation die Sache kennenzulernen, sondern etwa gar irgendwie er-
schöpfend die Sache selbst zu studieren.
Aber alle diese Dinge sind für den ehrlich Suchenden, nach Wahr-
heit Strebenden der Gegenwart kein Hindernis; er lechzt vielleicht
gerade nach Geisteswissenschaft. Viele von Ihnen wissen das, meine
lieben Freunde. Aber sie sind ein Hindernis für die meisten, die heute
im gewohnheitsmäßigen Leben stehen, diese Geisteswissenschaft anzu-
erkennen, irgendwie etwas anderes zu tun, als diese Geisteswissenschaft
in Grund und Boden zu bohren. Sie geht nicht von ihnen aus, und da
sie nicht von ihnen kommt, muß sie in Grund und Boden gebohrt wer-
den. In sachlicher Weise kann man das nicht tun; das zeigen heute
schon die Tatsachen. Denn diejenigen, die es versucht haben, an die
Geisteswissenschaft heranzukommen, sind in der Regel nicht Gegner
geworden, sind gewiß keine blinden Anhänger geworden, aber auch
keine Gegner. Es gibt ja solche auch. Aber ein großer Teil unserer Zeit-
genossen hat eben einfach das persönliche Interesse, diese Geisteswis-
senschaft auszutilgen, ihr zunächst das Leben in der Gegenwart un-
möglich zu machen. Wird er es auf dem Wege versuchen, den man
selbstverständlich, wenn man auf dem Boden der Geisteswissenschaft
steht, voll anerkennen kann, wird er es versuchen, auf dem Wege des
ehrlichen literarischen Kampfes das ins Feld zu führen, was man da-
gegen zu sagen hat, was ein anderer zu sagen hat, so ist selbstverständ-
lich gar nichts dagegen einzuwenden. Allein das will man eben nicht,
das ist zu unbequem. Viel bequemer ist es, die ganze Sache auf das
persönliche Gebiet hinüberzuspielen, nicht über dasjenige zu sprechen,
was in der Geisteswissenschaft gesagt wird, sondern über allerlei an-
deres zu sprechen. Und das, sehen Sie, ist es gerade, was in unserer un-
mittelbaren Gegenwart heute versucht wird und in den nächsten Zei-
ten immer mehr versucht werden wird, und worauf ich einmal doch
Ihre Aufmerksamkeit hinlenken möchte. Denn das wird dazu führen,
daß zahlreiche Unzufriedene, die immer wiederum aus persönlichen
Gründen unzufrieden werden innerhalb unserer Gesellschaft, leicht
zu Werkzeugen gemacht werden können für diejenigen, die Anthro-
posophie aus der Welt schaffen wollen, aber es nicht auf dem ehrlichen
Wege anstreben - sie würden auch nicht ans Ziel gelangen auf dem ehr-
lichen Wege -, die nicht wissenschaftliche Diskussionen anstreben, son-
dern den ehrlichen Weg meiden, dafür aber danach streben, der geistes-
wissenschaftlichen Bewegung irgendeinen Skandal anzuhängen und
alles ins Persönliche zu übersetzen.
Da ja meine Zeit, über Sachliches zu sprechen, abgelaufen ist, so daß
niemand sagen kann, daß ich Ihre Zeit in Anspruch nehme für das, was
mit der Gesellschaft und ihren Interessen zu tun hat, statt die sach-
lichen Fragen zu behandeln, darf ich das Folgende jetzt hinzufügen:
Jene Menschen finden sich immer zahlreicher, welche sich geeignet er-
weisen, von den also charakterisierten Personen gebraucht zu werden,
und man hat die Verpflichtung, wenn man es mit der anthroposophisch
orientierten Geisteswissenschaft ehrlich meint, auf diese Dinge genauer
hinzuweisen.
Da ist ein Mensch - vor vielen Jahren kam sein Name zum ersten-
mal vor unsere Augen - , er stammt aus einer kleinen Stadt, und Frau
Dr. Steiner empfing eines Tages ein Schreiben, wie sie so oft vorkom-
men: Ich fühle mich unglücklich in meiner Lage, ich möchte meine
Lage verbessern. - Und einer der Briefe, die diesen Ton hatten, stellte
die Frage nach einem Rat, der dem betreffenden Menschen gegeben
werden sollte: ob er besser täte, in irgendein Haus, in ein Geschäft ein-
zuheiraten, oder aber auf irgendeine andere Weise seinen weiteren Weg
in der Welt zu suchen. Ja, man muß schon die Wahrheit ungeschminkt
sagen, wenn man den Dingen auf den Grund kommen will, und wenn
man nicht blind demjenigen, was sich in der nächsten Zeit abspielen
wird, gegenüberstehen will. Nun wurde dem Manne zwar begreiflich
gemacht, daß wir uns mit der Frage nicht beschäftigen können, ob er
irgendwo hineinheiraten solle oder nicht, aber da er nicht nachließ,
so wurde ihm auch bereitwillig manches zur Verfügung gestellt, was
geeignet war, seinen Bedürfnissen nach geistiger Belehrung, die er zu
haben vorgab, entgegenzukommen. Indem er sich solchen geistigen
Dingen hingab, wie er sie sich vorstellte, kam er sehr bald darauf, daß
es doch für einen so großen Geist nichts wäre, in einer kleinen Stadt
ein Geschäft zu versorgen. Er sehnte sich nach größeren Kreisen. Er
hatte sich offenbar einiges erspart und kam nach Berlin. Er fand, daß
es ja ganz schön ist, Geisteswissenschaft zu treiben, allein erfühlte in sich
auch ein besonderes künstlerisches Talent, und er verlangte nun von der
Gesellschaft, daß sie dieses fördere. Man kommt ja gerne den Leuten
zu Hilfe, nicht wahr. Die Proben, die der Betreffende aus seiner Kunst
gab, sprachen zwar gegen alles Talent, aber mancher lernt ja auch ohne
Talent so viel, daß es knappen Ansprüchen manchmal genügt. Und so
kam es denn, daß der Betreffende an verschiedene Mitglieder, die das
oder jenes ihm schaffen konnten, empfohlen wurde, daß man ihn för-
derte. Allein immer stellte es sich heraus, daß die Sache namentlich
daran scheiterte, daß der Betreffende zwar eine Kunst ausüben, aber
nichts lernen wollte, weil er der Ansicht war, mehr zu können als alle
die Lehrer, die für ihn sorgen wollten. Und die Folge war, daß, weil er
jedem Lehrer davonlief, man am Schlüsse gar nichts mehr tun konnte.
Man hatte Nachsicht über Nachsicht, konnte aber nichts Besonderes
mehr tun, es gefiel dem Betreffenden nichts. Denn selbstverständlich
war das wiederum in seinen Augen so ein eklatanter Fall, wie die Welt
das werdende Genie verkennt! Daß niemand anderer diese Ansicht in
ehrlicher Weise teilen konnte, ja, meine lieben Freunde, es war wahr-
haftig nicht unsere Schuld. Das ist die Hauptsache, alle anderen Dinge
sind Nebensache. Und so ging es denn bei diesem Menschen so, wie es
bei vielen geht. Sie suchen zuerst eine Förderung innerhalb unserer
Gesellschaft, und wenn ihnen diese Förderung nach ihrem Sinn nicht
zuteil wird, werden sie Gegner. Und dann treten sie mit allerlei Din-
gen auf. Von dem, was hinter den Dingen steht, davon reden sie nie,
selbstverständlich. Sie treten mit allerlei Dingen auf, die man dann
am besten widerlegt, wenn man erst die Gründe darlegt. Selbstver-
ständlich war es die purste gekränkte Eitelkeit und Unfähigkeit in die-
sem Falle. Und alles übrige, was nun als Brimborium darauf aufge-
richtet wurde, war die allertörichteste Erfindung, die allertörichteste
Phantasterei. Aber heute findet man selbstverständlich die Journale, die
diese Dinge aufnehmen. Denn der Betreffende, den ich meine, heißt
Erich Bamler. Und wenn man den Dingen bei solchen Unternehmungen
wahrhaftig auf den Grund geht, dann hat man nicht nötig, sich solch
einen Aufsatz herzunehmen, der zumeist gar nichts besagt, weil alle
einzelnen Dinge ja gar nicht das ausdrücken, was sie sagen, sondern

19R
sie gehen ja aus ganz anderen Dingen hervor. Und man ist eigentlich
töricht, wenn man das Wesenlose ernsthaftig widerlegen will. Denn
darauf kommt es ja gar nicht an, sondern auf dasjenige, was dahinter
liegt.
Nehmen wir einen anderen Fall: Ein Mann, dem es auch nicht ge-
rade an Eitelkeit fehlt, fand sich vor Jahren, nachdem er erst gegen die
Anthroposophie allerlei einzuwenden hatte, bei dieser Anthroposophie
ein. Ich war der allerletzte, der gerade diese Persönlichkeit geholt hätte.
Er fand sich ein. Es zeigte sich mancherlei, das nicht gerade darauf
hinauslief, daß diese Persönlichkeit ganz unpersönliche Zwecke in un-
serer Gesellschaft anstrebte. Das kann man ja auch nicht verlangen,
daher kann es auch nicht getadelt werden, wenn man manchmal auch
persönlich angestrebten Zwecken schon einigermaßen entgegenkommt.
Es wird auch solchen persönlichen Zwecken zuweilen entgegengekom-
men, weil man gerade auf diesem Umweg manche Menschen doch zum
Richtigen führen kann. Und so kam es denn, daß der Betreffende zu-
erst mit uns recht zufrieden war. Er schrieb nämlich eine Schrift. Ich
ließ mich sogar herbei, ein Nachwort dazu zu schreiben, und die Schrift
wurde auch aufgenommen in unseren Verlag. Er war gut mit uns; wir
waren Leute, mit denen sich reden ließ. Dann ließ der Betreffende eine
andere Schrift drucken, und nachdem diese Schrift mancherlei Schick-
sale gehabt hatte, die uns jetzt nichts angehen, bot er diese wieder dem
Philosophisch-Anthroposophischen Verlag an. Es war aber unmöglich,
diese Schrift im Philosophisch-Anthroposophischen Verlag aufzuneh-
men. Auf den ersten Seiten dieser Schrift steht, ich hätte gewisse Sachen
über das Christus-Problem nur angedeutet, und der betreffende Herr
möchte das Nähere ausführen. Ich sage das wahrhaftig nicht aus ge-
kränkter Eitelkeit, obwohl in diesem Falle mir dies vorgeworfen wird;
aber der Satz, in dem sie mir vorgeworfen wird, ist eine dreiste Un-
wahrheit, denn die Sache, die da erwähnt wird, hat nicht stattgefunden.
Ohne Rücksicht darauf, daß ich vielleicht Grund hatte, nicht weiter-
zugehen, werden dann Dinge weiter ausgeführt in einer Weise, die ei-
nen erinnern kann an eine andere Geschichte, die sich zugetragen hat,
und von der diese Geschichte wenigstens eine Miniaturausgabe ist. Auf
diese andere Geschichte muß ich auch wiederum zurückkommen und
werde es nachher kurz tun. In dieser Schrift des betreffenden Herrn
wurden allerlei Dinge, die nur in Vorträgen von mir gesagt waren, ein-
fach mitgeteilt. Frau Dr. Steiner nahm mit Recht daran Anstoß und
wies diese Schrift für den Verlag zurück. Und der Herr entwickelte
sich, weil ihm diese Schrift zurückgewiesen wurde, zu einem Gegner.
Nun kann man freilich nicht sagen, wenn man für ein Journal einen
Aufsatz schreibt: Die Anthroposophische Gesellschaft ist von Grund
aus schlecht, weil mir von dem Philosophisch-Anthroposophischen
Verlag meine Schrift zurückgewiesen worden ist. Das geht nicht! Aber
das wäre die Wahrheit gewesen! Also, man erfindet - trotzdem der
Betreffende unzählige Male über die Sache unterrichtet worden ist —
das Märchen über die Widersprüche. Der Betreffende weiß sehr gut,
wie es sich mit diesen Widersprüchen verhält, aber er macht darüber
Zeitungsartikel! Was in diesen Zeitungsartikeln steht, hat keinerlei Be-
deutung, denn Gegner ist der Betreffende nicht geworden wegen die-
ser Sache. Die Sache hätte er ja längst wissen können, als er eingetreten
ist. Gegner ist er geworden aus dem angegebenen Grunde. Manche be-
zweifeln ja, daß man so ohne weiteres die Hypothese aufstellen darf:
Was nachher ist, das ist auch kausal durch das Vorhergehende bedingt;
aber auffällig bleibt es immerhin, daß die Gegnerschaft des Herrn Max
Seiling unmittelbar auf die Zurückweisung seiner Schrift durch unse-
ren Verlag folgte. Selbstverständlich ist es, daß man eine solche Sache
leicht ableugnen kann, daß man allerlei einwenden kann, aber es kommt
eben nicht darauf an, was der eine oder andere einwendet, sondern
darauf, welches die Tatsachen sind.
Es erinnert das ja tatsächlich an einen etwas genialeren Fall; dies ist
nur eine Miniaturausgabe davon. Der genialere Fall ist der, daß ein
Herr, der früher in Amerika war, aber ein guter Europäer ist, vor eini-
gen Jahren durch ein altbewährtes Mitglied gerufen, hier in Deutschland
sich aufhielt und sich alle möglichen Vorträge angehört hat, überall
auch mit großer Emsigkeit die Vorträge zu bekommen suchte, die seit
Jahren gehalten worden waren, indem er sie dem oder jenem abver-
langte. Nachdem er alles getreulich eingepackt hatte, was er abge-
schrieben hatte, ging er wieder nach Amerika. Er sagte dort, daß er
hier gewesen sei, daß er sich mit meiner Lehre bekanntgemacht habe,
daß er aber nicht zufrieden sein könne mit meiner Lehre, sondern viel
tiefer gehen müsse, daher würde man bei ihm manches finden, was in
meinen Büchern noch nicht zu finden ist. Denn als er alles ausgeschürft
habe, was bei mir zu finden ist, da wäre er berufen worden zu einem
Meister, der da irgendwo in den Transsilvanischen Alpen haust; der
habe ihm dann vieles mitgeteilt, das er jetzt seinem Buche einverleibe.
Nun war aber alles das, was er seinem Buche einverleibte, dasjenige, was
er hier in den Vorträgen abgelauscht und was er abgeschrieben hatte!
Und dann wurde das Buch genannt: «Rosenkreuzerische Weltanschau-
ung». Es erschien in Amerika und machte dort großes Aufsehen: das
Buch also, das kombiniert war aus dem, was er hier von mir gehört
hatte, und dem, was der Meister dann in den Transsilvanischen Alpen
ihm gesagt haben soll. Nachzuprüfen brauchten die Leute nicht, was
von mir war, konnten es auch nicht, denn es war ja zum Teil in un-
seren interneren Vorträgen gesagt worden. Aber damit nicht genug,
daß das nun als ein englisch-amerikanisch geschriebenes Buch erschien,
sondern es fand sich eine deutsche Buchhandlung, die das Buch über-
setzte und als «Weltanschauung der Rosenkreuzer» herausgab. Der
Herausgeber war Dr. Vollrath.
Das sind nur so einige Proben der Praxis, wie man es macht, meine
lieben Freunde! Auf diese Dinge darf schon hingeschaut werden. Es
muß darauf hingeschaut werden, denn das sind die Mittel, mit denen
man auf der einen Seite benutzt, was auf unserem Boden wächst, und
wie man es auf der anderen Seite bekämpft. Es darf schon gesagt wer-
den: Vielleicht wurde niemals mit schlimmeren Mitteln gegen irgend
etwas zu kämpfen gesucht, wie jetzt angefangen wird gegen uns zu
kämpfen, gerade gegen die anthroposophisch orientierte Geisteswissen-
schaft! Daher werden Sie es begreiflich finden, wenn, gewissermaßen
einer eisernen Notwendigkeit folgend, zu dem einzigen Mittel gegriffen
wird, das die Sache zwar nicht abwenden, aber vielleicht einige Besse-
rung bringen kann, wenn auch alles sich zusammentun wird, um den
Persönlichkeiten, die mit der Sache verknüpft sind, die denkbar größ-
ten Schwierigkeiten zu machen. Allein das eine muß doch bedacht wer-
den: Geredet ist über diese Sache zuviel worden, aber immer eigentlich
für taube Ohren. Daher bleibt nichts anderes übrig, als - um der Sache,
der wir ja alle ergeben sein müssen, in entsprechender Weise zu dienen -
sich einer gewissen eisernen Notwendigkeit zu fügen. Diese eiserne
Notwendigkeit ergibt sich einfach. Nehmen Sie an, Geisteswissen-
schaft würde als Literatur auftreten, würde da sein als Literatur. Es
wäre dann ganz unmöglich - in der Theorie ist es möglich, aber gegen-
über den konkreten Tatsachen wäre es ganz unmöglich - , daß sich all
diese Dinge an die Geisteswissenschaft anschlössen, die sich angeschlos-
sen haben, und die sich in wahrhaft schlimmster, unwürdigster Weise
anschließen werden. Dasjenige, was wir unterscheiden müssen von der
geisteswissenschaftlichen Bewegung, die eine reine Erkenntnis-, eine
Weltanschauungsbewegung der Gegenwart sein will, ist die Anthro-
posophische Gesellschaft. In der Idee ist diese Anthroposophische Ge-
sellschaft sehr gut, aber in der Praxis entwickelt sie sich - nicht wie mir
scheint, sondern wie die Tatsachen lehren - vielfach so, daß jeden Tag
Dinge an uns herantreten, welche zeigen, es ist dies keine Übertrei-
bung, wie innerhalb dieser Anthroposophischen Gesellschaft sich mit
einer gewissen Leichtigkeit Cliquenwesen, speziell persönliche Inter-
essen pro und kontra, in der ausgiebigsten Weise entwickeln. Es ist
schwierig, die persönlichen Interessen von den rein sachlichen zu tren-
nen auf dem Boden einer Gesellschaft. Aber denken Sie, daß gerade
durch den gesellschaftlichen Betrieb Tür und Tor geöffnet wird den-
jenigen Leuten, die nicht durch ehrliche Diskussion der Geisteswissen-
schaft entgegentreten wollen, sondern die auf dem Umwege der per-
sönlichen Anschwärzung, durch persönliche Verleumdungen Geistes-
wissenschaft zu Fall bringen wollen. Denn das darf man schon sagen:
sie wollen Geisteswissenschaft zu Fall bringen.
Vor Jahren habe ich mich entschlossen, den Wünschen der verschie-
denen Mitglieder nach persönlichen Besprechungen entgegenzukom-
men, den jüngsten und ältesten Mitgliedern gegenüber in der weitge-
hendsten Weise. Nur in den letzten Jahren, als die Sachen schon so her-
ankamen, mußte von der alten Gepflogenheit manchmal sporadisch
abgegangen werden; aber eben nur sporadisch, in Ausnahmen. Trotz-
dem öfter betont worden ist, daß in dem, was in der Literatur vorliegt,
und in dem, was hier in den Vorträgen gesagt wird, reichlich vorhan-
den ist, was der einzelne gerade zu seiner selbständigen Entwickelung
braucht, so daß persönliche Rücksprachen sich nur beziehen konnten
auf ein Aussprechen eben von Mensch zu Mensch, wird es immer wie-
der vorkommen, daß an den persönlichen Verkehr der Mitglieder mit
mir das tollste Geflunker - verzeihen Sie den Ausdruck - innerhalb
der Gesellschaft sich angliedert, und von den Außenstehenden dann
die Wege gesucht werden zu allerlei Verunglimpfungen und Verleum-
dungen. Mit dem Geflunker meine ich, daß nur allzuoft innerhalb des
Kreises der Gesellschaft die Menschen recht geneigt sind, wenn sie so
ein gut klingendes Wörtchen haben, dieses gutklingende Wörtchen zu
ihrer eigenen tiefen Befriedigung zu brauchen. Wie wohl tut es zum
Beispiel doch manchem, wenn er sagen kann: Ich bin ein esoterischer
Schüler geworden. - Und wie wohl erst tut es manchem, wenn er sagen
kann: Ja, weißt du, das ist etwas ganz Geheimnisvolles, das darf ich
dir nicht sagen; darüber darf ich dir ja nichts sagen. - Sich in Szene zu
setzen, sich ein gewisses Ansehen zu geben, das steckt hinter manchem
Ausdruck, der gebraucht wird, und der dann von den Draußenstehen-
den oft in recht böswilliger Weise mißbraucht wird. Alle diese Dinge,
die jetzt gerade in böswilliger Absicht gebraucht werden, hätten nie-
mals sich abspielen können, wenn nicht in ein falsches Licht gerückt
würde dasjenige, was zwar berechtigten Wünschen und vielleicht ei-
nem ebenso berechtigten Entgegenkommen dieser Wünsche entspricht,
das aber nun angesichts dessen, was die Außenwelt daraus macht, nicht
weiter aufrechterhalten werden kann, so schwer es mir auch wird,
meine lieben Freunde. Selbstverständlich, in der Gesellschaft kann
jeder freundschaftliche Verkehr bestehen, aber die eiserne Notwen-
digkeit zwingt mich dazu, Privataudienzen einzustellen. Mir tut das
insbesondere deshalb leid, weil mancher sagen wird: Warum sollen
denn die Unschuldigen mit den Schuldigen leiden? - Aber wenn man
in einer Gesellschaft ist, so ist das selbstverständlich ein Karma der Ge-
sellschaft, und es läßt sich die Sache gar nicht anders machen. Alles
dasjenige, was sich abgespielt hat in Privatgesprächen, die gesucht wor-
den sind, das ist etwas, was angesichts jener böswilligen Verleumdun-
gen einfach aufhören muß.
Glauben Sie nicht, daß mir das weniger leid tut als Ihnen, aber ich
weiß, daß, wie alles, was ich über solche Dinge gesprochen habe, in den
Wind gesprochen war, auch mein heutiges Sprechen in den "Wind ge-
sprochen sein würde, wenn nicht Maßnahmen getroffen würden, die
einfach zwingen, sich den Ernst der Sache zum Bewußtsein zu bringen.
Es ist leicht, Verleumdungen anzuknüpfen an dasjenige, was im
Privatgespräch mit den einzelnen Mitgliedern gesagt wird, wenn diese
Verleumdungen den Grad erreichen, daß zum Beispiel da oder dort
gesagt wird, dieses oder jenes Mitglied sei hypnotisiert worden. Nun,
meine lieben Freunde, gegenüber diesen Dingen werde ich gleich eine
andere Maßregel ergreifen müssen, aus der Sie ersehen werden - und
ich rede wirklich aus einfachem Pflichtgefühl gegenüber unserer Be-
wegung heraus - , daß es mir heute und jetzt in dieser Sache der alier-
bitterste Ernst ist um der Heiligkeit der Geisteswissenschaft wegen.
Wenn einer Bewegung wie dieser einfach als Prinzip zugrunde liegt,
in niemandes Freiheitssphäre einzugreifen, und wenn dies streng be-
folgt wird, wenn alles streng abgelehnt wird, was in eines Menschen
Freiheitssphäre eingreift, und man dann gerade mit diesen Dingen
krebsen geht, dann ist es notwendig, daß einmal das eintrete, daß alles,
was auf unserem Boden wachsen soll, im vollsten Lichte der Öffent-
lichkeit wächst. Wenn die Dinge in voller Öffentlichkeit wachsen wer-
den, dann wird den Verleumdern der Boden entzogen werden. Aber
eine andere Methode gibt es in der Zukunft nicht mehr. Daher werde
ich, soweit es an mir ist, danach trachten, daß die anthroposophisch
orientierte Geisteswissenschaft sich in der Zukunft immer mehr und
mehr im vollen Lichte der Öffentlichkeit abspielt. Sie hat die Öffent-
lichkeit nicht zu scheuen. Und am heutigen Tage erkläre ich Ihnen aus-
drücklich: In bezug auf diejenigen Privatgespräche, die seit Jahren mit
den Mitgliedern stattgefunden haben, entbinde ich jeden des Verspre-
chens, nicht über den Inhalt des Gespräches zu sprechen. Jeder kann,
soviel ihm selber lieb ist, dasjenige mitteilen, was jemals vorgekommen
ist in einem Privatgespräch mit einem Mitglied. Nichts wird sich fin-
den, was das Licht der Öffentlichkeit zu scheuen hätte. Dann wird
man auch nicht mehr krebsen gehen können mit Dingen, die etwa auf
dem folgenden Boden stehen. Ich will Ihnen ein Beispiel sagen, wie man
diese Dinge brauchen kann vor der krassesten Unwissenheit und dem
Willen zur krassesten Unwissenheit.
Nicht nur jener Erich Bamler, sondern auch noch andere, die aber
ebenso «ehrlich» wie er kämpfen, haben vorgebracht und glauben im
Grunde, daß ihnen unter allerlei esoterisch genannten Grundsätzen
auch dieser gegeben worden wäre: «Sieh alles, was dich umgibt, an im
Lichte der Notwendigkeit, wie wenn es notwendig wäre, als ein gege-
benes notwendiges Geschick.» Es tut eine Zeitlang wohl, solange man
sich innerhalb der Gesellschaft gefördert glaubt, wenn man eine solche
Regel bekommen hat, zu sagen: Ich bin ein esoterischer Schüler, denn ich
meditiere immerfort: «Sieh alles, was dich umgibt, an im Lichte der
Notwendigkeit.» - Aber warum ist denn gerade jenen Leuten diese Re-
gel gegeben, diese Regel angeraten worden? Aus dem einfachen Grunde,
weil sie es nach ihrer Seelen Verfassung brauchten! Es war ein durchaus
nicht in ihre Freiheit eingreifender Ratschlag, sondern ein Ratschlag,
dessen Tragweite und dessen Esoterik Sie beurteilen wollen, wenn ich
Sie auf folgendes hinweise: Schopenhauer sagt in seiner Preisschrift
über die Freiheit des Willens gegen den Schluß seines Aufsatzes, unser
Verhalten gegen den Weltlauf und das Schicksal betreffend: «Alles
was geschieht, vom größten bis zum kleinsten, geschieht notwendig»;
und er spricht von der beruhigenden Wirkung der Erkenntnis des
Unvermeidlichen und Notwendigen. Es ist also den Leuten nichts
anderes angeraten worden als dasjenige, was selbst Schopenhauer für
ein erprobtes Mittel hält, über gewisse Seelendepressionen hinauszu-
kommen.
Nun, bei der Spekulation auf die krasseste Unwissenheit und auf
den Willen zur krassesten Unwissenheit lassen sich natürlich den Leu-
ten allerlei schöne Märchen erzählen: daß man grün und blau, beson-
ders an den Beinen, geworden ist, indem man solche Grundsätze be-
folgt hat. Und bei jenen, die bei allem etwas Esoterisches aus den Fin-
gern saugen wollen, lassen sich diese Dinge natürlich als Verleumdun-
gen anbringen. Aber eben gerade wenn wir wissen, daß die Dinge, die
in der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft getrieben
werden, von notwendigen Bedürfnissen tatsächlich gefordert werden,
dann werden wir es begreiflich finden können, daß eine solche Maß-
regel, wie die vorher erwähnte, einmal wirklich ergriffen werden muß;
einfach aus dem Grunde, damit man sieht, daß die Dinge ernst gemeint
sind, um welche es sich handelt. Beklagen Sie sich nicht bei mir, der es
ebenso hart empfindet wie Sie; beklagen Sie sich bei denjenigen, auf die
ich Sie deutlich hingewiesen habe, und die es unmöglich machen, daß
eine solche Maßregel vermieden werde. Mir ist es heute sehr schwer,
Privatgespräche, die ja zahlreiche Mitglieder wünschen, aus diesen
prinzipiellen Gründen ablehnen zu müssen. Ich weiß selbstverständlich
auch, daß dieses auch wiederum als Verleumdung gegen mich ausge-
nützt werden wird, aber ich kann mich nicht nach persönlichen Grün-
den richten, sondern nach dem muß ich mich richten, was für unsere
Bewegung notwendig ist. Das heißt, ich muß mich fügen dem Prinzip,
ernst zu machen mit dem, was immer wieder und wiederum auf der
einen Seite Anlaß gibt zum Geflunker, auf der anderen Seite der An-
laß ist zu den Verunglimpfungen und Verleumdungen von seiten der-
jenigen, die nicht ehrlich Geisteswissenschaft widerlegen wollen, son-
dern die sie auf andere Weise aus der "Welt schaffen wollen.
Prüfen Sie vieles von dem, was vorgegangen ist, Sie werden finden:
die Anlässe stammen immer aus der Gesellschaft heraus. Angegriffen
wird sehr selten die Gesellschaft, der Angriffspunkt bin gewöhnlich
ich oder meine allernächste Umgebung. Prüfen Sie die Dinge. Aber in-
dem man mich angreift, ist es schon so, daß man gerade in mir die Gei-
steswissenschaft treffen will. Denn es ist dem einen oder anderen höchst
gleichgültig, ob da oder dort ein törichter esoterischer Ratschlag ge-
geben wird; die werden in der Welt genug gegeben. Was den Leuten
aber nicht gleichgültig ist, das ist, daß Geisteswissenschaft in der an-
throposophischen Orientierung ein Kulturfaktor unserer Zeit ist, daß
sie mitsprechen will. Das ist den Leuten nicht gleichgültig. Winkeleso-
teriker, die sind den Leuten gleichgültig; derjenige aber nicht, der nach
seinem Schicksal nicht ein Winkelesoteriker bleiben kann. Den Winkel-
esoteriker würde man nicht treffen wollen, wenn er in Berlin vor fünf-
zig Leuten sitzt und denen Ratschläge geben würde. Man hat erst mit
den Angriffen angefangen, als die Bücher über eine gewisse Zahl hin-
ausgingen. Es wäre eine Sünde wider den Geist der anthroposophisch
orientierten Geisteswissenschaft, sie zugrunde gehen zu lassen, wenn
es sich vielleicht verhindern läßt dadurch, daß einmal, vielleicht nur
für eine Zeitlang, einiges entbehrt werden muß, weil sich die Mora-
lität der Menschen der Gegenwart so entpuppt, wie sie sich jetzt ent-
puppt hat.
Man hat oft erlebt, daß Dinge falsch dargestellt werden; aber wie
es den Dingen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
gegenüber gemacht wird, wie Dinge erfunden werden, die gar nicht da
sind und etwas ganz anderes, als stattgefunden hat, erzählt wird, das
gehört doch zu den allergrößten Seltenheiten, selbst in der Geschichte
der Menschheit. Und eine Neigung muß man haben, nicht bloß die
Lawine zu sehen, wenn sie die Dörfer unten verschüttet, sondern die
Neigung muß man haben, den Schneeball zu sehen, der von oben fällt,
denn der wird zur Lawine. Gewiß, ich habe lange zugesehen und im-
mer wieder und wiederum ermahnt, aber man hat die Ermahnungen
nicht recht gehört oder jedenfalls sich nicht viel daraus gemacht. Die
Menschen außerhalb unserer Gesellschaft werfen mir vor, einer mei-
ner größten Fehler sei — heute zählen sie schon größere auf, das war
vor einem Jahr - , daß ich blinde Anhänger mache, daß ich blind auto-
ritätsgläubige Anhänger habe. Ich darf wohl sagen: Wenn es auf irgend
etwas ankommt, wo man mir etwas Vertrauen von seiten der Mitglie-
der der Gesellschaft entgegenbringen und auf das Vertrauen hin das
eine oder andere tun sollte, da finde ich in der Regel nicht sehr viel
Anhängerschaft. Da geschieht in der Regel das Gegenteil von dem, was
meine Meinung ist. So war es die ganzen Jahre hindurch. Es ist eigent-
lich immer das Gegenteil von dem geschehen, was meine Meinung war.
Nur merkt man es nicht, weil ja in vielen Kreisen eine besondere Me-
thode befolgt worden ist: Man hat weniger nach meiner Meinung ge-
fragt, sondern nach der eigenen Meinung und hat dann den Leuten er-
zählt: Das hat er gesagt. - Ich war sehr weit entfernt davon, das ge-
sagt zu haben, aber der Betreffende hätte gerne gehabt, daß ich es ge-
sagt hätte; so hat er denn erzählt, ich hätte es gesagt. Es ist schon so:
Wenn in der Außenwelt erzählt wird, daß ich blinde Anhänger habe,
so zeigt die Praxis der Gesellschaft, daß das vollständige Gegenteil der
Fall ist, in bezug auf die Dinge wenigstens, wo man mir mit einigem
Vertrauen entgegenkommen müßte, weil ich mich manchmal jahrelang
um ein Urteil bemüht habe, und der andere nicht.
Das alles wird wirklich nicht ausgesprochen, um, wie man in öster-
reich sagt, zu raunzen oder zu greinen, oder gewissermaßen zu zetern,
sondern das wird gesagt, weil die Symptome sich täglich jetzt zeigen,
die darauf hinausgehen, daß auf dem angedeuteten Wege unserer gei-
stigen Bewegung der Garaus gemacht werden soll, und weil die Neigung
entstehen muß, den Schneeball oben zu sehen, und nicht erst die La-
wine, wenn sie unten angekommen ist. Gerade ein paar Stunden bevor
ich hierher gekommen bin, wurde mir unter anderem ein Brief vorge-
lesen, in dem wieder einmal erzählt wird, daß zwei aneinander gekom-
men sind; ich will keine Namen nennen, so kann man einen solchen
Fall einfach als Fall anführen. Dem einen wird zur Last gelegt, daß er
mit dem anderen Hypnose treibe, daß er sogar sich hinter den anderen
gesetzt und meditiert habe in dessen Genick hinein, damit dem Betref-
fenden allerlei Schädliches in der Seele entstehe. Und die Sache wird
dann weiter verfolgt. Es ist nur ein Fall, der letzte, nein, nicht der
letzte, es kam hinterher noch ein anderer, aber es ist der, den ich vor
drei Stunden gelesen habe. Das ist heute eine harmlose Sache, in ein
paar Jahren braucht sie es nicht mehr zu sein: daß der eine sich hinter
den anderen gesetzt haben soll, um ihm allerlei Schädliches ins Genick
hinein zu meditieren und dadurch Einfluß auszuüben. Daß der Be-
treffende so harmlos in der Sache ist, wie nur möglich, daran besteht
kein Zweifel. Aber heute, meine lieben Freunde, spielt das zwischen
zwei Mitgliedern; in ein paar Jahren ist es zu einem «Fall Steiner» ge-
macht, der wiederum für solche «Studien» einen ganz netten Fall ab-
gibt. Vielleicht geht es auch schneller und bedarf nicht erst der paar
Jahre.
Also, begreifen Sie es, daß wirklich eine für mich außerordentlich
harte Notwendigkeit vorliegt, wenn ich für die nächsten Zeiten zu dem
greifen muß, daß ich auf der einen Seite eben sage: Es muß versucht
werden, daß sich Geisteswissenschaft in der vollen Öffentlichkeit ab-
spielt. Niemand wird dadurch irgendwie zu kurz kommen, niemand
wird irgendwie das nicht finden, was er suchen muß, weil sich alles in
voller Öffentlichkeit abspielt. Aber all das Geschwätz: Das ist etwas
geheimnisvoll Mystisches, das darf man nicht sagen und so weiter - ,
das soll keine Veranlassung mehr geben können zu allerlei Verleum-
dungen. Unser Verkehr mag noch so freundschaftlich sein, er darf kein
anderer sein für die nächste Zeit als ein solcher, der von Freund zu
Freund stattfindet, denn Privatgespräche müssen prinzipiell für die
nächste Zeit aufhören. Vielleicht finden sich dadurch unsere lieben
Mitglieder genötigt, wenn es auch unbequem ist, den Dingen doch
etwas mehr nachzugehen und sich zu kümmern um die Dinge, um die
man sich bisher ja recht wenig gekümmert hat.
Wie gesagt, verzeihen Sie es, daß ich diese Sachen heute hier ange-
bracht habe; ich habe sie ja angebracht in der Zeit, als der eigentliche
Vortrag schon vorüber war, aber ich habe sie anbringen müssen, weil
sie mit den Lebensfragen der Anthroposophischen Gesellschaft, der an-
throposophischen Bewegung zusammenhängen. Dies, und nicht eine
Unfreundlichkeit ist es, wenn ich sehr, sehr bedauern muß, in der
nächsten Zeit die immer bereitwillig abgehaltenen Privatgespräche mit
den lieben Mitgliedern nicht abhalten zu können. Dann wird dasjenige
nicht entstehen können, wirklich im Konkreten nicht entstehen können,
was so gerne von den böswilligen Feinden gesucht wird. — Denn, meine
lieben Freunde, einen Einwand könnten Sie selbstverständlich machen,
und es macht ihn jeder von sich aus in begreiflicher Weise, indem er
nämlich findet: Mit mir könnte er aber sprechen. - Das hat jeder von
denjenigen gesagt, die jetzt in der unflätigsten Weise ihre Angriffe er-
folgen lassen; und manche von denjenigen, die jetzt die Werkzeuge ihrer
Protektoren sind, wurden von sehr, sehr angesehenen Mitgliedern der
Gesellschaft an die Gesellschaft herangebracht. In gewisser Beziehung
muß es schon anders werden, aber es kann nur durch die Mitglieder an-
ders werden.
ZEHNTER VORTRAG
Stuttgart, 13. Mai 1917

Es ist gewiß nur zu verständlich, wenn in der Seele des gegenwärtigen


Menschen, mehr als es vielleicht sonst der Fall ist, das Bedürfnis auf-
taucht, die Zeit in ihrer Eigentümlichkeit etwas zu verstehen. Wir le-
ben ja in diesen Jahren innerhalb von Ereignissen, welche nicht nur die
ungeheuerlichsten Opfer von vielen Menschen verlangen, sondern wel-
che wahrhaftig dem menschlichen Denken schwere Rätsel aufgeben,
Rätsel der mannigfaltigsten Art. Warum mußten denn diese Dinge sich
in unserem Zeitalter gerade in einer so furchtbaren Katastrophe offen-
baren, wie sie nun durch die Entwickelung der Menschheit zieht? Das
ist gewiß eine Frage, die den heutigen Seelen nahegeht. Die äußeren
Ereignisse sehen wir wohl; wir müssen nur versuchen, immer mehr und
mehr uns bereit zu machen, nicht bloß die allernächsten Ursachen für
so schwerwiegende Ereignisse zu suchen, sondern zu den tieferen Kräf-
ten der Zeit unsere Augen hinlenken, und darauf, wie diese tieferen
Kräfte in der Gesamtentwickelung der Menschheit begründet sind.
Dann können wir für unser Gefühl, für unsere Empfindung vielleicht
auch manches verstehen, was uns sonst unverständlich bleibt, was wir
gewissermaßen nur anstarren können.
Fragen wir uns einmal: Welches ist denn im tiefsten Sinn ein schwer-
wiegendes Charakteristikon unserer Zeit? - Nun, wir können ja aus
Auseinandersetzungen, die hier des öfteren gepflogen worden sind, ge-
wiß uns nicht verhehlen, daß auf allen Gebieten in der neueren Zeit
sich heraufgedrängt hat das, was wir den Materialismus, den Mate-
rialismus im weitesten Sinne des Wortes nennen. Materialismus! -
fassen wir es wirklich gerade heute nicht so auf, daß wir nur unser Ge-
fühl, unsere Sympathie und unsere Antipathie dem zuwenden, was wir
mit dem Ausdruck Materialismus belegen; sondern versuchen wir zu
empfinden, daß schon einmal ein Zeitalter kommen mußte, in dem der
Materialismus gewissermaßen tonangebend ist in der Menschheitsent-
wickelung. Die Menschheit brauchte schon den Materialismus, das
Durchgehen durch den Materialismus. Sie darf sich nur innerhalb des
Materialismus nicht verlieren; sie darf sich nicht gewissermaßen diesem
Materialismus so stark hingeben, daß sie den Zusammenhang mit der
geistigen Welt nicht nur aus den Augen, sondern auch aus der Seele
verliert. Daß dies nicht geschehe, dafür zu sorgen, daß der Zusammen-
hang mit der geistigen Welt erhalten bleibe, ist ja gerade die Aufgäbe
der Geisteswissenschaft. Nun möchte ich heute versuchen, einiges vor
Ihre Seele zu führen von Entwickelungsgesetzen des Menschenge-
schlechts, welches, wenn wir es in der richtigen Weise verstehen,
beitragen kann zum Begreifen desjenigen, was rings um uns herum
wirkt.
Daß wir im Zeitalter des Materialismus leben, verdankt man ja kei-
neswegs etwa bloß der Schlechtigkeit und Schändlichkeit der mensch^
liehen Seele im großen, sondern eben gewissen Entwickelungsgesetzen.
Allerdings, das Angesicht des Materialismus in unserem Zeitalter ist
kein schönes, namentlich dann erscheint es nicht schön, wenn man die-
ses materialistische Antlitz mit dem Kulturantlitz älterer Zeitperioden
vergleichen kann. Es darf deshalb doch nicht jemand in die reaktio-
näre Gesinnung verfallen, daß er etwa glauben wollte, die alten Kultur-
entwickelungen müßten wiederum heraufgetragen werden. Ganz be<-
deutsam ist ja für uns diese Eigenschaft des Materialismus unserer Zeit,
daß auch hervorragende, geistig bedeutendste Persönlichkeiten ihre
Seelenimpulse gar nicht bis zu dem Verständnis der geistigen Welt
bringen können. Sie können einfach nicht. Man muß sich das einmal
ganz vorurteilslos gestehen. Nehmen wir einen charakteristischen Geist
aus dem 19. Jahrhundert, von dem in der zweiten Hälfte des 19. Jahr-
hunderts viel im internationalen Geistesleben Europas gesprochen
wurde, Ernest Renan, der sich bemühte, den Christus-Impuls so zu
verstehen, wie es eben seinem Zeitalter möglich war. «Das Leben Jesu»
von Ernest Renan hat ja in den weitesten Kreisen großes Aufsehen ge-
macht und großen Einfluß bekommen. Aber Ernest Renan ist auf der
einen Seite schon ein Geist, dem es ernst war um geistige Angelegen-
heiten, der aber auf der anderen Seite gar nicht sich Vorstellungen
darüber bilden konnte, daß der Mensch einen Weg finden könne zu
einer Anschauung über geistige Welten. Nehmen wir einen Ausspruch,
den Ernest Renan in ziemlicher Jugend getan hat; da sagte er: Der
Mensch der Gegenwart ist sich bewußt, daß er niemals etwas über die
höchsten Ursachen des Universums und über seine eigene Bestimmung
wissen wird. - D a s ist ein führender Geist der Gegenwart, der so spricht,
der es geradezu als eine wichtige Erkenntnis hinstellt, wenn der Mensch
sich bewußt wird, daß er niemals etwas über die Ursachen des Univer-
sums und über seine Bestimmung wissen kann. Und er war kein ober-
flächlicher Mann, dieser Ernest Renan. Er lebte ein Leben der Erkennt-
nis. Und charakteristisch ist es, daß der alte Renan, der Greis gewor-
dene Renan, einen anderen charakteristischen Ausspruch getan hat.
Dieser Mann, der sich sein ganzes Leben hindurch in den Glauben hin-
eingelebt hat, der Mensch könne nicht den Weg in die geistige Welt
hinein finden, ja er müsse sich das gerade als eine höhere Erkenntnis
einprägen, er sagte am Schlüsse seines Lebens: Ich wollte, ich wüßte
gewiß, daß es eine Hölle gäbe, denn besser die Hypothese der Hölle als
die des Nichts. - Da sehen Sie etwas aus dem gepreßten Herzen der
Gegenwart heraus gesprochen. Das Nichts starrt den Menschen an,
wenn er die Sehnsucht hat, das Verlangen hat, eine geistige Welt zu
gewinnen, eine geistige Welt, in die der Mensch etwa eintreten konnte,
wenn er durch die Pforte des Todes schreitet. Und ein Mensch, der
sich errungen zu haben glaubt, daß der Mensch darüber erhaben ist,
daß er auf ein solches Wissen verzichtet, der sagt am Ende seines Le-
bens: Besser wäre es zu wissen, daß es eine Hölle gibt, als das Nichts
anzuschauen. - Man muß solche Dinge nachfühlen, wenn man Cha-
rakteristisches für unsere Zeit empfinden will.
Nicht wahr, wir müssen ja doch uns klar sein: führende Geister
braucht die Menschheit in jedem Zeitalter. Waren es in alten Zeiten die
Mysterienpriester, so sind es für unser Zeitalter gewisse Philosophen,
die immer mehr und mehr einen naturwissenschaftlichen Charakter
annehmen. Ein Philosoph, den ich noch persönlich sehr gut gekannt
habe, hat in seinem letzten Werk, «Die Tragikomödie der Weisheit»,
folgende Aussprüche getan. Er sagt: Wir haben nicht mehr Philosophie
als ein Tier und unterscheiden uns nur von dem Tier durch die rasen-
den Versuche, zu einem Wissen kommen zu wollen, und durch die
schließliche Ergebung in das Nichtwissen. - Der Betreffende, der also
aus seinem Schürfen im Geistesleben zur Überzeugung gekommen ist,
der Mensch könne nicht mehr Philosophie haben als ein Tier, ist ein
Herr Professor der Philosophie und ein Universitätsprofessor gewor-
den. Daher ist es nicht zu verwundern, daß wiederum tiefer angelegte
Naturen doch irgendeinen Weg suchen wollen in die geistige Welt hin-
ein, und daß sie sich gewissermaßen, weil sie sich nicht dazu aufraffen
können aus den Impulsen, die ihnen die Zeit aus dem Materialismus
heraus bietet, sich dem Nächstliegenden in die Arme werfen. Das sehen
wir aus zahlreichen solchen Beispielen in unserer Gegenwart, wie etwa
Maurice Barres eines ist, der Franzose, der ja jetzt auch während der
Kriegszeit unter den rasend gewordenen Deutschenhassern eine gewisse
Berühmtheit erlangt hat. Vor dem Kriege war er charakteristisch als
der Führer jener Jungfranzosen, welche, so viel es möglich ist, einen
Weg zum Geistigen zu suchen, das eben versuchten. Maurice Barres
suchte lange, und nachdem er lange gesucht hatte, da warf er sich dem
landläufigen Katholizismus in die Arme, der katholischen Kirche, wie
das ja viele Jungfranzosen getan haben. Es ist das schließlich nur ein
besonderes Beispiel für einen weitgehenden Zug, wie er in unserer Zeit
lebt und in seinem Katholischwerden zum Ausdruck gekommen ist.
Aber versuchen wir nun einmal, in solche Seelen wie die des Mau-
rice Barres hineinzuschauen, wie sich der nun zu dem Suchen nach dem
geistigen Leben stellt. Da muß ich sagen, ist schon ein charakteristischer
Ausspruch dieses Maurice Barres der folgende. Also einem Geistsucher
der Gegenwart ist das folgende Wort entschlüpft: «Es ist vergebliche
Mühe, das Jenseits zu suchen. Es existiert vielleicht nicht einmal!»
Und dann sagt er weiter: «Und wie wir es auch anpacken, wir können
nichts davon erfahren. Überlassen wir jedweden Okkultismus den Er-
leuchteten und den Gauklern. Welche Form der Mystizismus auch an-
nehmen mag, er widerspricht der Vernunft. Aber geben wir uns den-
noch der Kirche hin, erstens, weil sie untrennbar verbunden ist mit der
Tradition Frankreichs, und dann, weil sie mit der Autorität der Jahr-
hunderte und großer praktischer Erfahrung das Wollen jener Ethik
formuliert, die man die Völker und die Kirche lehren muß, und end-
lich, weil sie, weit davon entfernt, uns dem Mystizismus auszuliefern,
uns direkt gegen ihn verteidigt, die Stimme der geheimnisvollen
Haine» - mit den geheimnisvollen Hainen meint er alles das, was etwa
aus den Mysterien heraus gekommen ist - «zum Schweigen bringt, die
Evangelien auslegt und den großmütigen Anarchismus des Heilands
den Bedürfnissen der modernen Gesellschaft opfert.»
Warum soll man sich der katholischen Kirche ergeben? Weil sie es
verstanden hat, meint er, die großmütige Weltanschauung des Hei-
lands dem lauwarmen Bedürfnis der modernen Menschheit zu opfern,
das heißt: das Christentum recht gut denen anzupassen - nun ja, die
eben mit dem Christentum dasjenige wollen, was heute etwa ein Durch-
schnittschrist mit seinem Christentum erlebt. Würde man nicht ver-
stehen, daß zu einer solchen Anschauung zu kommen eine gewisse Not-
wendigkeit vorliegt, so würde man doch eine solche Anschauung im
äußersten Sinne frivol nennen müssen, zynisch und frivol. Aber daß
gerade tiefere Geister zu einer solchen Anschauung kommen, das sollte
man empfinden, und das ist schon notwendig zu empfinden. Nur kön-
nen wir uns eine Frage vorlegen: Was ist denn die tiefere Ursache? Was
ist die tiefere Ursache, daß es den Menschen heute so schwer wird, den
Weg in die geistige Welt hinein zu finden? - Da müssen wir schon ein-
mal wiederum unseren Seelenblick hinlenken zu der Entwickelung der
Menschheit, wenigstens in derjenigen Zeit, die verflossen ist nach der
großen atlantischen Katastrophe und in deren fünftem Zeitraum wir
leben.
Wir haben ja bis jetzt diese Entwickelung der Menschheit eingeteilt
in den ersten Zeitraum, den wir den uralt indischen genannt haben,
den zweiten, den wir den urpersischen genannt haben, den dritten, den
wir genannt haben den ägyptisch-chaldäisch-babylonischen, den vier-
ten, den wir den griechisch-lateinischen nannten, und endlich haben
wir unseren fünften Zeitraum; darin leben wir. In diesem fünften Zeit-
raum sind eben diejenigen Dinge heraufgezogen, über die wir wieder-
um von einem gewissen Gesichtspunkte aus Andeutungen gemacht ha-
ben. Ich habe zu verschiedenen Zeiten versucht, Ihnen die Entwicke-
lung der Menschheit zu charakterisieren, um gerade die Gegenwart in
diese Entwickelung der Menschheit hineinzustellen. Ich will es heute
noch von einem anderen Gesichtspunkte aus tun. Dieser andere Ge-
sichtspunkt wird wiederum, wenn man ihn so das erstemal ins Auge
faßt, recht paradox erscheinen können, wirklich paradox, aber fassen
wir es doch zunächst wenigstens einmal vorurteilslos auf. Versuchen
wir uns auszurüsten mit derjenigen Art, die Dinge anzusehen, die wir
ja schon haben können, nachdem wir so viele Jahre Anthroposophie
entwickelt haben.
Aus dem, was wir bis jetzt schon in unsere Seelen aufgenommen
haben, können wir wissen, daß nicht nur der einzelne Mensch zwischen
Geburt und Tod in der physischen Welt eine Entwickelung durchmacht,
sondern daß auch die Menschheit selber eine Entwickelung durch-
macht. Wir fassen heute ins Auge jenes Stück Entwickelung, das in der
eben charakterisierten Weise auf die atlantische Katastrophe folgt, in
dessen fünftem Zeitraum wir stehen. Das Paradoxe wird sich einstellen
wollen, wenn wir uns fragen: Können wir bei der Menschheit, bei ei-
nem Stück Menschheitsentwickelung in einer genaueren Weise sprechen
von einer Entwickelung in der Zeit, so wie wir beim einzelnen Men-
schen von einer solchen Zeitentwickelung sprechen? - Wir sagen: Ein
Mensch wird zunächst so sich entwickeln, daß er die ersten sieben
Jahre durchlebt vom ersten bis siebenten Jahre. Dann durchlebt er
den Zeitraum vom siebenten bis vierzehnten Jahre - approximativ ge-
nommen, Sie wissen, was damit gemeint ist - , dann vom vierzehnten
bis einundzwanzigsten Jahr und so weiter. Der Mensch entwickelt
sich gewissermaßen etappenweise, indem er von der Geburt bis zum
Tode immer ein Jahr zusetzt, wenn ein Jahr vergangen ist.
Wie können wir nun denken, wenn wir über das angedeutete Stück
Menschheitsentwickelung einmal Betrachtungen anstellen wollen? Es
wird nützlich sein, wenn wir uns auch fragen: Wie alt ist denn eigent-
lich die Menschheit, wenn wir ihr Alter mit unserem einzelnen mensch-
lichen Alter vergleichen wollen? In welchem Lebensalter steht denn
eigentlich die heutige Menschheit? Es wird nicht uninteressant sein, das
einmal geisteswissenschaftlich ins Auge zu fassen. Und gerade dieses
geisteswissenschaftliche Ins-Auge-Fassen, das wirduns auf manches brin-
gen. - Vor Jahren habe ich schon dieselbe Sache charakterisiert. Es
ist in der Geisteswissenschaft so, daß man manches wissen kann und
erst nach Jahren es ordentlich formulieren kann oder wieder neu for-
mulieren kann. Eine Neuformulierung möchte ich Ihnen heute von
dem angedeuteten Rätsel geben.
Fassen wir zunächst schematisch ins Auge, wie die Entwickelung
war:
Erster Zeitraum, die urindische Entwickelung;
zweiter Zeitraum, die urpersische Entwickelung;
dritter Zeitraum, die ägyptisch-chaldäisch-babylonische
Entwickelung;
vierter Zeitraum, die griechisch-lateinische Entwickelung;
der fünfte Zeitraum ist der unsrige; dann kommt der sechste.

Wenn wir nun das Alter der Menschheit vergleichen mit den einzelnen
Altern des Menschen, wie alt ist dann die Menschheit im ersten Zeit-
raum nach der atlantischen Katastrophe eigentlich gewesen? Wie alt
war sie da? Sehen Sie, wenn wir wüßten, wie alt die ganze Menschheit
war, dann könnten wir vergleichen, wie wir uns selbst ansehen müssen,
wie wir uns hineinstellen in die Menschheitsentwickelung mit unseren
Lebensaltern. Es war gar nicht so leicht, geisteswissenschaftlich diese
Frage zu untersuchen. Man mußte zunächst auf die rein geisteswis-
senschaftliche Tatsache sehen, mußte einen Sinn verbinden mit dieser
rein geisteswissenschaftlichen Tatsache des ersten Zeitraumes. Und
wenn man eine Ansicht gewonnen hatte über die besondere geistige
Konfiguration der Menschheit, wie sie damals war, dann mußte man
fragen: Mit welchem individuellen, persönlichen Lebensalter wäre
diese Konfiguration der damaligen Zeit zu vergleichen? Und da kriegt
man heraus, daß die Menschheit als Menschheit - nicht der einzelne
Mensch, von dem sprechen wir später —, daß die Menschheit in diesem
ersten nachatlantischen Zeitraum ein Alter habe, das sich vergleichen
läßt mit dem heutigen menschlichen Alter zwischen dem achtundvier-
zigsten und sechsundfünfzigsten Jahr. Also denken Sie, wenn man die
Geisteskonfiguration desjenigen nimmt, was damals Kulturleben ist,
so kommt man darauf: die Menschheit hatte dazumal ein Lebensalter,
das man vergleichen kann mit dem heutigen Mannesalter, selbstver-
ständlich auch Frauenalter, von dem achtundvierzigsten bis zum sechs-
undfünfzigsten Jahr. Es war nicht sehr leicht, diese Sache herauszube-
kommen; aber hat man sie dann einmal, so ist sie eben ein tatsächliches
Ergebnis der Geisteswissenschaft.
Nun ist die Frage: Wie steht es mit dem zweiten, dem urpersischen
Zeitraum? Da mußte man wiederum dieselbe Betrachtung anstellen.
Da stellt sich denn heraus: wenn man die Geistesbeschaffenheit des-
jenigen, was dazumal Kultur war, ins Auge faßt, so läßt sich das nur
vergleichen mit dem Lebensalter von heute zwischen dem zweiund-
vierzigsten und dem achtundvierzigsten Jahr. Und geht man jetzt
weiter zum ägyptisch-chaldäisch-babylonischen Zeitalter, das ja etwa
im Jahre 747 endet, dann entspricht das dem menschlichen Lebensalter
vom fünfunddreißigsten bis zum zweiundvierzigsten Lebensjahr.
Kommt man nun zum griechisch-lateinischen Zeitraum, so entspricht
das dem menschlichen Lebensalter vom achtundzwanzigsten bis zum
fünfunddreißigsten Lebensjahr. Und kommt man zu unserem fünften
nachatlantischen Zeitalter, so entspricht das dem einzelnen mensch-
lichen Lebensalter zwischen dem einundzwanzigsten und achtund-
zwanzigsten Jahr. Und im sechsten Zeitraum wird das so sein - das
kann man gewissermaßen voraussehen - , daß das sechste Zeitalter ent-
spricht dem Lebensalter zwischen dem vierzehnten und einundzwan-
zigsten Jahr; und im letzten Zeitraum, vor einer neuen großen Ka-
tastrophe, dem Lebensalter vom siebenten bis vierzehnten Jahr.
Ich darf Ihnen wohl gestehen, meine lieben Freunde, daß mir das
Ergebnis, das da herausgekommen ist, als es formuliert war, wirklich
zu dem Überraschendsten gehörte, zu dem ich eigentlich gekommen
bin, zu dem Überraschendsten. Denn, nicht wahr, es liegt ja eine merk-
würdige Tatsache zugrunde: während der Mensch aufwärtsgeht in den
Zahlen, geht die Menschheitsentwickelung zurück. Die Menschheit
wird merkwürdigerweise immer jünger! So ist es: die Menschheit wird
immer jünger.
Nun, natürlich muß man sich fragen: Was bedeutet das ganze in
einem weiteren Umfang? Mit dieser Sache sind ja sehr viele Entwicke-
lungsrätsel verbunden. Ich habe mich zunächst gefragt: Was bedeutet
es denn für den ersten Kulturzeitraum, daß die Menschheit zwischen
dem achtundvierzigsten und sechsundfünfzigsten Jahre alt war? Da
ergibt sich das Folgende: Selbstverständlich, die Menschen, die damals
geboren worden sind und gelebt haben, die wurden zunächst ein, zwei,
drei Jahre alt. Das ist ja klar. Dann wurden sie aber auch achtund-
vierzig Jahre alt. Für jeden kam der Zeitpunkt, wo er zwischen dem
achtundvierzigsten und sechsundfünfzigsten Jahr der einzelnen indi-
viduellen Entwickelung lebte. Und da konnten sich diese Menschen
sagen: Jetzt rücken wir persönlich in ein Lebensalter ein, wo wir die
persönlichen Alterseigenschaften haben, die ringsherum um uns im
Gruppengeiste der ganzen Menschheit enthalten sind. Wir wachsen
hinein in das, was in unserer Umgebung ist. Früher, vor dem achtund-
vierzigsten Lebensjahr, hatten wir gewissermaßen eine Entwickelung
abgeschlossen, die uns angehörte, die für uns war; aber mit dem acht-
undvierzigsten Jahr wachsen wir hinein in das, was in unserer Umge-
bung ist. Wurde man dann älter als sechsundfünfzig Jahre, dann ent-
wickelte man sich weiter, man lebte eben weiter und wuchs gewisser-
maßen zurück, hinein in das, was vor der atlantischen Katastrophe da
war. Man machte dann etwas durch, was hinausging über das, was
ringsherum in der Gruppenseele der Menschheit sich offenbarte. Man
fand also mit dem ach tun d vi erzigsten Jahr den Anschluß an die Grup-
penseelenhaftigkeit der Menschheit.
Im nächsten, im zweiten Kulturzeitraum, da fand man diesen An-
schluß schon früher. Da wurde man zweiundvierzig Jahre alt und
wuchs hinein in das, was in der Umgebung war, wuchs hinein in das,
was aurisch in der ganzen Menschheit war.
Und dann wuchs man da hinein mit dem fünfunddreißigsten Jahr,
so daß man zwischen dem fünfunddreißigsten und zweiundvierzigsten
Lebensjahr sich sagen konnte: Es stimmt jetzt das, was in mir ist, mit
dem was um mich ist, überein. - Nach dem zweiundvierzigsten Lebens-
jahr, da konnte einem das, was um einen war, nichts mehr geben, da
mußte man sozusagen aus sich heraus weiterleben, denn das Alter der
Menschheit war um so viel jünger geworden. In der Zeit vom zweiund-
vierzigsten Jahr an war man nicht mehr in der Umgebung; da wuchs
man darüber hinaus, da war man auf sich angewiesen.
So war der alte Grieche, der alte Römer auf sich angewiesen, wenn
er ein Lebensalter von fünfunddreißig Jahren erreicht hatte. Zwischen
dem achtundzwanzigsten und dem fünfunddreißigsten Lebensjahr lebte
er mit der Umgebung, dann hatte die Menschheit nichts mehr hinzu-
zugeben von ihrem Alter, denn das war abgelebt; die Menschheit
konnte nicht mehr achtundvierzig Jahre alt werden, wenn sie beim
fünfunddreißigsten angelangt war bei ihrem Rückwärtsgang.
Und wir im fünften Zeitraum: denken Sie einmal, wir leben uns
hinein in den Gruppengeist der Menschheit, in das, was unsere Umge-
bung ist, zwischen dem einundzwanzigsten und achtundzwanzigsten
Jahr. Von da ab gibt die Umgebung nichts mehr her. Was des weite-
ren kommt, müssen wir durch unsere eigene Entwickelung erlangen,
müssen wir aus unserem Inneren heraus schöpfen, denn von außen
fließt uns nichts mehr zu. Die Menschheit hat die Jahre bis zum acht-
undzwanzigsten Jahr zurückgelegt, und wenn wir achtundzwanzig
Jahre alt geworden sind, dann, ja dann müssen wir einen Fond, dann
müssen wir etwas in uns haben, was wir weitertragen können; sonst
werden wir nie älter als achtundzwanzig Jahre. Und jetzt sogar ist
schon so viel vom fünften Zeitraum vergangen, daß die Menschheit
gerade zurückgekommen ist zum siebenundzwanzigsten Jahr. So daß,
wenn nichts dafür getan wird, daß sie ihr Inneres energisch entwickeln
und durch sich vorwärtskommen, die Menschen nur siebenundzwanzig
Jahre alt werden. Das heißt viel, meine lieben Freunde! Das heißt:
wenn alles gelassen wird, wie es ist, so erreicht die heutige Menschheit
nicht eine intellektuelle oder eine sonstige seelische Entwickelung, als
nur eine solche bis zum siebenundzwanzigsten Jahr. Und wird in ihre
Seelen nicht etwas gegossen, daß sie sich weiter entwickeln, dann
bleiben sie den ganzen Rest ihres Lebens siebenundzwanzig Jahre alt.
Sie bleiben den ganzen Rest ihres Lebens siebenundzwanzig Jahre
alt: das ist ein großes Geheimnis der gegenwärtigen Menschheitsent-
wickelung. Im sechsten nachatlantischen Zeitraum werden die Men-
schen überhaupt nicht älter als einundzwanzig Jahre. Wird dann nichts
getan, daß ihr Inneres sich erweitert, kräftig wird an Intellekt, an
Initiative, an Wille, dann würde eine allgemeine Dementia praecox
ausbrechen. Die Menschen müßten bei einer Lebensentwickelung blei-
ben, die mit dem einundzwanzigsten Jahre schließt.; Das Spätere wäre
lediglich eine wesenlose Draufgabe.
Fassen wir das einmal im Zusammenhang mit dem Individuellen
des Menschen. Denken Sie doch nur einmal, daß man ja nach seinen
individuellen, nach seinen persönlichen Anlagen immer reifer und rei-
fer wird. Das Kind ist eigentlich immer Materialist; der Jüngling wird
dann Idealist, aber seine Ideale sind abstrakt, sie gehen ins Wesenlose.
Erst in späteren Lebensjahren paßt man sich an, sich solche Ideale zu
machen, welche in die Wirklichkeit untertauchen, mit der Wirklich-
keit leben, die richtig wirklichkeitsgemäß sind. Nehmen Sie an, es ist
nun ein Mensch heute ganz ein Kind seiner Zeit. Was wird er denn
für eine Eigenschaft zeigen können, wenn ihm nicht in seiner Jugend
die Möglichkeit geboten worden wäre, daß er etwas Spirituelles auf-
genommen hat? Das allein bringt ja die Seele vorwärts. Wenn er dem
überlassen bleibt, was heutiger Zeitgeist ist, dann ist eines solchen Men-
schen Schicksal: nicht weiterzukommen als bis zu einer Entwickelung
von achtundzwanzig Jahren. Was später ist, bleibt stehen beim acht-
undzwanzigsten Jahr. Man kann ja, wenn man angeregt wird, schon
hinauskommen über das achtundzwanzigste Jahr, aber das andere ist
die Regel; was ich dargestellt habe, das ist das, was aus dem Gesetz der
Entwickelung folgt. Ein Mensch, der nun nicht über das achtundzwan-
zigste Lebensjahr hinauskommt, der achtundzwanzig Jahre alt bleibt,
trotzdem er fünfzig, sechsundfünfzig, sechzig Jahre alt wird, ein sol-
cher Mensch wird unter Umständen große abstrakte Ideale entwickeln
können, aber er wird nur sozusagen die Lehrjahre des Lebens mit ihren
abstrakten Idealen durchgemacht haben, nicht die Prüfungsjahre, die
ja im geistigen Sinne jene zu praktischen Menschen machen, die solche
Ideen bergen, wie sie sich verwirklichen lassen, die nicht nur die Men-
schen blenden durch Jugendkraft, sondern die sich verwirklichen
lassen.
Da tritt natürlich die Frage nah: Könnte denn ein Beispiel ange-
führt werden eines so richtigen Kindes unserer Zeit, das alt geworden
ist und doch nicht über das achtundzwanzigste Jahr hinausgekommen
ist? Selbstverständlich, wenn man ein solches Beispiel draußen heute
anführt, in der Welt, die nichts wissen will von geistigen Gesetzen,
welche auch in der Entwickelung der Menschheit wirken, wird man
als ein Narr verlacht. Aber hier unter uns, wo wir so vieles geisteswis-
senschaftlich entwickelt haben, darf vielleicht zum besseren Verständ-
nis unserer Zeit doch auch ganz konkret gesprochen werden. Warum
sollte denn der Geisteswissenschafter zu denjenigen, die seine Freunde
sind und die etwas hören möchten über die Geheimnisse der Zeit, nicht
im Konkreten sprechen dürfen?
Es ist mir nach wirklich reiflichen Untersuchungen unserer Zeit als
ein ganz charakteristisches Beispiel eine Persönlichkeit aufgefallen, die
ganz dazu verurteilt ist, so alt sie werden mag, nicht älter werden zu
können als achtundzwanzig Jahre, und das ist der Präsident der Ver-
einigten Staaten, Woodrow Wilson. Ja, Sie lachen, meine lieben
Freunde, für mich ist das eine sehr bedeutsame Erkenntnis gewesen,
die mir ungeheuer viele Rätsel unserer Zeit löst. Ich mußte mich im-
mer fragen: "Warum blenden denn die Ideale dieses Menschen, die er
in verschiedenen Noten an die Menschheit gerichtet hat, so sehr, und
warum verwandeln sie sich denn gerade zum Gegenteil von dem, was
an Worten in ihnen steht? "Weil es Jugendideale sind, die als solche
stehenbleiben, trotzdem der Mensch, der sie ausspricht, älter wird.
Weil sie abstrakte Jünglingsideale sind, die nicht eingehen wollen auf
die Wirklichkeit, die sich nicht von Wirklichkeit sättigen wollen, und
die daher nicht anwendbar sind auf das wirkliche praktische Leben,
in dem nicht bloß das äußere Materielle, sondern auch das Geistige
wirkt, insbesondere wenn es auf die Ordnung der sozialen Struktur
der Menschheit ankommt. So viel man heute denken kann, ohne das,
was nur im Inneren begründet werden kann, so viel kann er denken,
Woodrow Wilson, mehr nicht!
Ein Wilson des sechsten Zeitraumes würde gar nur einundzwanzig
Jahre alt werden können, und wenn er auch hundert Jahre alt würde.
Aber sehen Sie, immerhin liegt die Sache so: Wenn wir den vierten
Zeitraum ins Auge fassen, begegnen sich sozusagen das individuelle,
persönliche Lebensalter des Menschen im Mittelpunkt dieses fünfund-
dreißigsten Jahres mit dem herabsteigenden Lebensalter der Mensch-
heit bis zum fünfunddreißigsten Jahr. Da trifft es in der Mitte zusam-
men. Daher auch das merkwürdig harmonische Leben noch bei den
Griechen, daher dieses Zusammenstimmen des einzelnen Lebens des
Griechen mit dem Leben der griechischen Menschheit. Aber nun ist
die Menschheit zurückgegangen und macht nicht mehr die Jahre vom
achtundzwanzigsten Lebensjahr an durch. Und der Mensch muß sie
individuell durchmachen, richtig individuell durchmachen.
Sehen Sie, das hängt allerdings zusammen mit Dingen, die hinter
der sinnlich-physischen Welt stehen. Einiges von diesen Dingen, die
hinter der physisch-sinnlichen Welt stehen, können Sie entnehmen aus
meiner Schrift «Die geistige Führung des Menschen und der Mensch-
heit». Von einem anderen Gesichtspunkt. aus will ich das heute dar-
stellen.
Der Mensch gelangte in der ersten nachatlantischen Zeitperiode
durch seine individuelle Entwickelung, wenn er im achtundvierzigsten
Jahr war, dahin, den Anschluß zu finden an das Lebensalter der
Menschheit. Das hing aber damit zusammen, daß dazumal in diesem
ersten Zeitraum ein inniger Kontakt noch war zwischen gewissen We-
senheiten der höheren Hierarchien und zwischen der Menschheit hier
auf Erden. Die,Wesenheiten der höheren Hierarchien, die wir ange-
hörig denken der Hierarchie der Archai oder Geister der Persönlich-
keit, die stiegen dazumal gewissermaßen noch auf Erden herab und
vereinigten sich mit der menschlichen Entwickelung; sie inspirierten,
intuitierten eigentlich die Menschheit. Dadurch daß die Menschheit so
weit sich entwickeln konnte, daß sie erst hineinwuchs in das Lebens-
alter der Menschheit in einem so späten individuellen Alter, dadurch
wurde bewirkt, daß die Menschheit hier auf Erden mit den Archai in
einer besonderen Verbindung stand. Im zweiten nachatlantischen Zeit-
raum war dieselbe Verbindung mit den Archangeloi, im dritten mit
den Angeloi. Im vierten nachatlantischen Zeitraum aber, im griechisch-
lateinischen, da war der Mensch auf sich angewiesen. Im dritten Zeit-
raum war es also noch so, daß die Engel, die Angeloi herabkamen und
die Menschen inspirierten, intuitierten, ihnen Imaginationen verliehen.
Dann kam der griechisch-lateinische Zeitraum: da kamen sie nicht
mehr in derselben leichten Weise herab, die Geister der höheren Hier-
archien, da mußte der Mensch gewissermaßen anfangen hinauf und
hinab zu pendeln, in den Geist und wiederum ins Irdische herunter. Mit
anderen Worten: da mußte der Mensch sich selbst finden. Jetzt aber,
im fünften Zeitraum, sind wir in eine Epoche eingetreten, wo das Um-
gekehrte stattfinden muß. Jetzt müssen wir unser Inneres so stark
machen, daß wir allmählich während dieses fünften Zeitraumes wie-
derum durch unsere eigene Kraft in die Nähe der Angeloi kommen,
daß wir ihnen wieder begegnen, aber durch unsere eigene Kraft, und
daß der Angelos in uns den Entwickelungsimpuls hineinsetzt; daß wir
durch uns das finden können, was uns die Menschheit durch die höhe-
ren Hierarchien nicht mehr geben kann.
Da sehen Sie, warum wir den Materialismus in unserer Zeit haben.
Da sehen Sie, daß es Zeiten gegeben hat, in denen die Menschheit da-
durch, daß sie älter war, daß sie noch nicht so jung war wie jetzt,
weiter hinaufreichte in die geistigen Welten, wo sie gleichsam von Ur-
sprung an den geistigen Welten näher war als jetzt der Mensch, wenn
er dem Tode entgegengeht, den geistigen Welten nahe ist. Da sehen
Sie, wo der tiefere Grund des Materialismus liegt, wo aber auch der
notwendige Impuls liegt, nun wirklich etwas zu suchen, was den Men-
schen spirituell, im Inneren individuell anregen kann, was ihn über
dasjenige hinausführen kann, das man aus der Umgebung aufnehmen
kann.
Auch die Erziehung, die gewissermaßen nur von selbst dem Men-
schen zufließt, kann unmöglich das geben, was heute dem Menschen
mehr bringt als ein Lebensalter von achtundzwanzig Jahren. Daher
müssen die geistigen Verhältnisse spiritualisiert werden. Wenn die
Dinge so fortgehen würden, wenn also Geisteswissenschaft in Grund
und Boden gebohrt würde, wenn die Dinge so fortgehen würden, wie
alles von selber geht, dann würde ein allgemeines Stehenbleiben Platz
greifen beim achtundzwanzigsten Lebensjahr. Wenn man nur in na-
turwissenschaftlichen Laboratorien und Kliniken forschen würde und
das finden würde, was von außen gegeben werden kann, wenn nichts
angeregt würde in den Seelen von innen heraus, wenn keine Wissen-
schaft vom Geistigen in die Seelen gesenkt würde, sondern nur das sich
fortsetzen würde, was gerade die Größe der neueren Zeit, die Größe
des Materialismus gebracht hat: dann würde endlich der Fortschritt
so sein, daß die Menschen immer jung bleiben. Das wäre aber nur etwas,
wenn sie nicht nur in ihrem Inneren jung blieben, sondern auch mit
ihrem Körper. Aber mit dem Körper werden sie schon alt. Dadurch
stimmt dann das, was in ihnen lebt, nicht mehr überein mit der äußer-
lichen Körperlichkeit.
Heute ist es noch so, daß in vieler Beziehung gerade aus der Unan-
gemessenheit desjenigen, was wir mit der Menschheit erleben, gewisse
Kräfte angeregt werden in unserem Inneren. Wir können durch die
Menschheit nur achtundzwanzig Jahre alt werden, aber wir müssen
doch länger leben in der Welt in den verschiedenen Inkarnationen. Da
ist es so, daß vorläufig, wo die Menschheit erst siebenundzwanzig Jahre
alt ist, noch Kräfte sind, die dann in dem Leben zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt weiter entwickelt werden zum Angelos hin.
Heute ist das noch so. Wenn aber der sechste Zeitraum beginnen wird,
dann wird der Mensch auf der Erde durch das, was um ihn ist, nur
noch einundzwanzig Jahre alt werden können. Bis zum einundzwan-
zigsten Jahr, was ist denn da entwickelt? Der physische Leib bis zum
siebenten Jahr, der Bildekräfteleib bis zum vierzehnten Jahr, der Emp-
findungsleib bis zum einundzwanzigsten Jahr: das Leibliche nur ist ent-
wickelt. Das Seelische, wenn der Mensch es nicht von innen entwickelt,
die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele, die Bewußt-
seinsseele: sie werden dann gar nicht entwickelt. Das Leibliche wird
entwickelt bis zum einundzwanzigsten Jahr. Dann verlöre der Mensch
aus den eigenen Kräften heraus zu vieles, um selbst nach dem Tode,
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, nachholen zu können,
was er hier etwa versäumt, wenn er keine spirituelle Anregung emp-
fangen hat.
Sie sehen daraus, daß der Standpunkt, den die Menschheit erlangt,
nicht einem Zufall entspricht, sondern daß er eine tiefe Notwendig-
keit ist, daß er einem überraschenden Entwickelungsgesetz der Mensch-
heit entspricht. Man kann im einzelnen das heute vielfach sehen. Es
hat in der Tat noch keine Zeit gegeben in der Menschheitsentwickelung,
in welcher die Menschen so abgeneigt waren, Erfahrungen als etwas
anzuerkennen, Erfahrungen, die das Leben gibt. Jeder will heute schon
möglichst früh gescheit sein. Warum? Weil er es im Verborgenen spürt:
er muß mit achtundzwanzig Jahren ein Fertiger sein. Nach achtund-
zwanzig Jahren noch irgend etwas aufnehmen, das ist für viele Men-
schen heute eine absurde Idee, ein absurde Tatsache überhaupt. Dann
wickelt man das Leben so ab, aber aufnehmen will man nur bis zum
achtundzwanzigsten Jahr, sogar genau gefaßt - es stimmt mit den Tat-
sachen - bis zum siebenundzwanzigsten Jahr.
Man wird aber auch, wenn man ein solches Geheimnis der Mensch-
heitsentwickelung ins Auge faßt, das verständlich finden, daß man es
nicht wie eine Willkür ansieht, wenn von der Notwendigkeit einer spi-
rituellen Entwickelung gesprochen wird, sondern man faßt das so auf,
daß diese Notwendigkeit wirklich vorhanden ist, daß gewissermaßen
ein Mensch unvollkommen bleibt in unserer heutigen Zeit, wenn er
nicht einen spirituellen Impuls aufnehmen würde. Man fühlt das über-
all und überall, wo man das Leben heute nicht so anschaut, daß man
es auf seine Wirklichkeit hin anschaut. Gerade die merkwürdige Tat-
sache, daß viele Menschen so unfähig sind, in gewisse Gedankengänge
überhaupt sich nur hineinzufinden, das beruht ja darauf, daß die Leute
gar nicht das fünfunddreißigste Jahr erreichen, daß es so wenige gibt,
die einem etwas sagen können, was mit der reiferen Erfahrung des spä-
teren Lebens zusammenhängt.
Diese Dinge muß man ganz unbefangen und vorurteilslos ins Auge
fassen und daraus den Impuls empfangen, Spirituelles in sich aufzu-
nehmen. Tut man das nicht, so schließt man sich denjenigen an, die
eigentlich die Menschheit verurteilen wollen zu unreifer Jugendlich-
keit.
Ja, gewisse Gedanken, gewisse Erkenntnisse, die uns aus der Gei-
steswissenschaft kommen, die sind schon so, daß sie uns, wenn wir
Vollmenschen sind, tief, tief einschneidend erscheinen, aber wir müssen
wirklich nur jeden Augenblick geneigt sein, das Einschneidende zu
empfinden. Weil sie aus dem Einschneidenden hervorwächst, die Gei-
steswissenschaft, brauchen wir uns nicht zu verwundern, wenn diese
Geisteswissenschaft Widerstände findet. Sie findet sie ja nicht bloß aus
dem Eigensinn der Menschen, sondern aus der Natur der Menschheits-
entwickelung gehen die Widerstände hervor.
Ich habe Ihnen vielleicht manches Paradoxe jetzt gesagt. Paradox
ist jedenfalls für die heutigen Menschen schon, daß wenn man einmal
zurückgeht in den zweiten, dritten, vierten Kulturzeitraum, es so ist,
als ob dazumal die Menschen, die also wirklich den Anschluß gefun-
den haben an die Menschheit, nun, trivial gesprochen, dazumal auf
du und du mit den Engeln, den Erzengeln und Archai gewesen wären,
Umgang mit ihnen gehabt hatten. Ja, für den, der heute nicht älter
wird als achtundzwanzig Jahre, ist das natürlich ein verrückter Ge-
danke, zu behaupten: die Menschen haben einmal nicht nur unter sich
Dinge verabredet, sondern sie haben sich mit Angeloi, mit Archangeloi
und mit Archai verständigt, wie wir uns heute auf dem physischen
Plan einer mit dem anderen verständigen. Daß diese Ansicht herrscht
und die andere Ansicht eine Verrücktheit scheint, das ist aber nur, weil
die Menschen alte Erkenntnisse vergessen haben. Bei Plato finden Sie
eine merkwürdige, sehr wichtige Stelle, also noch während des Zeit-
raumes, in dem die Menschheit dem Menschen achtundzwanzig bis
fünfunddreißig Jahre darbot. Da sagte Plato: Bevor der Geistesmensch
in Sinnlichkeit versank und seine Schwingen verlor, lebte er unter den
Göttern in der vernünftigen geistigen Welt, wo alles wahr und rein
ist. - Und damit meint Plato nicht nur das Leben vor der Geburt, son-
dern das Leben in alten Zeiten, wo die Menschen noch aus dem Um-
gang mit den Göttern selber ihre Erkenntnisse hatten. - Ich habe das
auch angedeutet in dem einen Mysterienspiel, wo ein alter Eingeweihter
von den alten Lehrern spricht, die aus dem Umgang mit den Göttern,
das heißt mit den Geistern der höheren Hierarchien, ihre Erkenntnis
schöpfen.
Aber gewisse Dinge sind mit der Menschheitsentwickelung ver-
bunden, die eben, weil die Sache sich so verhält, ganz und gar nicht
mehr verstanden werden. Man macht da sonderbare Erfahrungen.
Lassen Sie mich eine erfreulich-unerfreuliche Erfahrung anführen.
Ein sonderbares Wort, nicht wahr, aber es ist schon so. Erfreulich des-
halb, weil ich den Namen eines Mannes erwähnen muß, der sehr freund-
lich meiner Schrift «Gedanken während der Zeit des Krieges» ent-
gegengekommen ist, aus den nördlichen Ländern, ein Mensch, der gerne,
soweit er kann, sich in die Welt hineinfindet, Kjellen, der Staatsfor-
scher, der jetzt in Uppsala ist. Ich will nicht den Mann angreifen,
nicht abkritisieren, sondern im Gegenteil, ich wähle dieses Beispiel,
weil Kjellen einer unserer Freunde ist. Er hat nun ein interessantes Buch
geschrieben in der letzten Zeit: «Der Staat als Lebensform.» Da will
er darstellen, wie man eine gewisse tiefere Auffassung vom Staate ha-
ben könnte. Ja, da versucht nun Kjellen wiederum so eine Art Ansicht
zu gewinnen, wie der Staat ein Organismus sein sollte. Für denjenigen,
der nun diese Dinge durchschaut und der aus der geisteswissenschaft-
lichen Untersuchung heraus weiß, wie eine Staatswissenschaft, wenn
es eine solche jetzt gäbe, aufgebaut werden müßte, damit sie fruchtbar
werden könnte im praktischen Staatsleben, für den ist das Lesen des
Kjellenschen Buches, wenn man auch den Verfasser sehr gerne hat, ge-
radezu eine Qual, eine richtige Qual. Warum? Ja, sehen Sie, Kjellen
bringt es auch nicht weiter, als zu fragen: Wenn man nun den Staat als
einen ganzen Organismus auffaßt, dann lebt der Mensch innerhalb des
Staates. Was ist denn dann der Mensch?- Es liegt nahe: eine Zelle! Also
der Mensch ist eine Zelle des Staatsorganismus für Kjellen. Auf diesem
Gedanken wird nun in dem Buche «Der Staat als Lebensform» viel
von Kjellen aufgebaut. Der Mensch ist eine Zelle, wie wir die Zellen
in uns haben, und der Staat ist der ganze Organismus, der durch seine
verschiedenen Zellen sich organisiert.
Sehen Sie, wenn man bloß auf Vergleiche ausgeht - mehr ist es ja
nicht - , dann kann man eigentlich alles mit allem vergleichen. Man
kann wirklich eigentlich jeden Gedanken logisch vertreten, denn wenn
man keine Konsequenzen zieht, kann man einen Organismus auch mit
einem Taschenmesser vergleichen. Es kommt aber überall darauf an,
daß man den Sinn hat für das Eindringen in die Wirklichkeit. Da
aber gelangt man gleich in sehr merkwürdige Sackgassen, wenn man
gerade das Kjellensche Buch ins Auge faßt, in merkwürdige Sack-
gassen. In einem Organismus sind die Zellen, die sind nebeneinander,
eine grenzt an die andere, und dadurch daß sie aneinandergrenzen und
die Wirksamkeit haben, die daher kommt, ist der Organismus ein Or-
ganismus. Das läßt sich schon auf das Zusammenwirken der Menschen
im sogenannten Staatsorganismus nicht mehr anwenden. Kurz, man
kommt überhaupt, wenn man abstrakt logisch bleiben will, mit jedem
geistreichen Gedanken dazu, daß man ein ziemlich dickes Buch schrei-
ben kann darüber, und dann sich der Idee hingeben kann, das sei auch
praktisch. Aber hat man Wirklichkeitsgeist, dann muß der Gedanke
weiter ausgebaut werden. Er muß wirklich in die Wirklichkeit hinein-
versenkt werden, das ist ja erst die Erkenntnis. Ich empfehle Ihnen,
lesen Sie das Buch, es ist ein repräsentatives Buch der jetzigen Zeit.
Kaufen Sie es und lesen Sie es und empfinden Sie diese Qual, von der
ich gesprochen habe. Es kommt mit dazu, daß einem der Gedanke
herausspringt: Was darf man denn nun dem Organismus vergleichen,
wenn man den Gedanken vom Organismus auf das soziale Leben der
Menschheit anwenden will? - Nur das Leben der Menschheit auf der
ganzen Erde. Und die einzelnen Staaten darf man nur mit Zellen ver-
gleichen.
Das Leben der Menschheit auf der ganzen Erde darf als ein Orga-
nismus bezeichnet werden, und die einzelnen Staaten dürfen als Zellen
bezeichnet werden, nicht aber ein Staat als Organismus und der ein-
zelne Mensch als Zelle. Damit aber wird das ganze überhaupt nur so,
daß man es vergleichen kann, das staatliche Leben, mit einer Pflanze.
Niemals mit etwas anderem als mit einem Pflanzenorganismus. Und
will man nun den Begriff vom Organismus festhalten, so müßte man
den Organismus nehmen und der Mensch müßte herausstehen. Denn
es entwickelt sich der Mensch über alles Staatsleben hinaus, er kann
nicht aufgehen wie die Zelle im einzelnen Organismus in diesem Staats-
leben, sondern muß heraus. Das heißt, es muß Gebiete geben in der
menschheitlichen Entwickelung, die nicht in den Staat fallen können.
Man wird sehen, daß der Mensch hinausreichen muß in ein geistiges
Gebiet, daß der Mensch nur in seiner unteren Verankerung in das
Staatsleben hineinragen kann, aber nach oben in die geistige Welt. Und
da ist es interessant, wie manche Forscher mit der Nase daraufgestoßen
werden, daß die Menschen in den alten Zeiten, wo die Mysterien noch
da waren, etwas davon gewußt haben. Und Kjellen weist selbst hin
auf ein interessantes Buch, ein Buch, das vor fünfzig Jahren geschrie-
ben worden ist von Fustel de Coulanges: «La Cite antique». Und er
kommt zu der merkwürdigen, sowohl dem Verfasser Fustel de Cou-
langes wie auch Kjellen unverständlichen Sache: Was war denn der
alte Staat? Was war denn das? - Da kommt Coulanges dazu, sich zu
sagen: Ja, die alten Staaten, die gründeten sich alle auf den Kultus.
Warum? Es war der Staat ein Gottesdienst, weil man da noch fühlte,
daß der Mensch hinaufragen mußte in die geistige Welt. Da konnte
jemand nur dann tonangebend im Staate sein, wenn er in die Mysterien
eingeweiht war und aus den Mysterien heraus über die soziale Struktur
Weisungen bekommen hat. Im dritten, im vierten Zeitraum war es
noch so. Die Leute kommen durch die äußere Forschung darauf, aber
sie können nichts damit anfangen, trotzdem sie es in der Geschichte
sogar lesen.
Es ist ungeheuer tragisch, die letzte Seite des Buches von Kjellen
«Der Staat als Lebensform» auf sich wirken zu lassen, wo man sieht,
daß er nun irgend etwas konstruieren will, was Staatswissenschaft ist,
aber doch ganz, ganz mutlos vor der Tatsache steht: Was fangen wir
denn nun an mit der Zelle? Man könnte ja, wenn man die Idee von
Kjellen verwirklichen wollte, eigentlich nur die Menschen köpfen,
denn sie können nicht mit ihrem Kopfe solch einem Staate angehören,
der so aufgebaut wäre, wie die Wissenschaft Kjell^ns ihn aufbaut, da sie
mit ihrem Geistigen hinausragen müssen über das Staatswesen.
Sehen Sie, da kommt man zu ganz merkwürdigen Dingen, wenn
man das Leben tiefer betrachtet. Und daher ist es, daß alles das, was
sich heute Staatswissenschaft noch nennt, überhaupt noch nicht weiß,
was es will. Nirgends gibt es noch für heutige Verhältnisse eine wirk-
liche Staatswissenschaft. Das ist alles noch Gerede. Denn eine wirk-
liche Staatswissenschaft wird erst entstehen können, wenn man wie-
derum hinorientiert ist nach der Art und Weise, wie der Mensch mit
der geistigen Welt zusammenhängt, wenn man wiederum wissen wird,
wieviel man organisieren kann im irdischen Zusammenleben und wie-
viel über die Organisation frei hinausgehen muß. Diese Dinge müssen
aus gewissen Tiefen geholt werden. Hier spüren Sie, meine lieben
Freunde, wie die Dinge tragisch werden. Die Menschheit muß ihre
Entwickelungsgesetze in sich tragen, muß etwas verspüren von die-
sen Entwickelungsgesetzen.
Im einzelnen - verzeihen Sie, wenn ich jetzt am Schlüsse auf ein-
zelnes komme - stößt man gerade fürchterlich an, wenn man es als
eine Notwendigkeit des Lebens empfindet, real zu denken. Real den-
ken heißt auch geistig denken, denn wer den Geist nicht mitdenkt,
denkt nicht das Reale, sondern er denkt ein wesenloses Abstraktum.
Wenn man es als seine Gewohnheit entwickelt hat, real zu denken, dann
stößt man heute vielfach an. Verzeihen Sie, wenn ich scheinbar trivial
ein naheliegendes Beispiel wähle.
Ich kann zum Beispiel sagen, daß mir nichts weniger imponiert, als
wenn heute jemand kommt innerhalb des deutschen Sprachgebietes und
sogenannte schöne Verse schreibt, tadellos schöne Verse, wie sie den mei-
sten Menschen noch gefallen. Etwas, was solch eineEntwickelung hinter
sich hat wie die deutsche Sprache, und solche Entwickelungsmöglich-
keiten vor sich hat wie die deutsche Sprache, in dem bilden sich heute
sogenannte schöne Verse wie von selbst, gerade in der unreifen Jugend
bis zum achtundzwanzigsten Jahr. Löst man künstlerisch Verspro-
bleme, dann kommt man nicht zu dem, was heute die Menschen viel-
fach für schöne Verse halten, denn die sind eigentlich zu dem gehörig,
was man genießt, wenn man sich in frühere Zeiten versetzt. Daher
treffen es heute sehr viele Leute auch ganz gut, schöne Verse zu ma-
chen, aber es handelt sich darum, weiterzukommen in der Entwicke-
lung. Da muß es oftmals geschehen, daß jemand vielleicht weniger
schöne Verse schreibt, aber versucht, von einem elementaren Stand-
punkte aus eine neue Kunstform zu gewinnen. Da kommen natürlich
dann viele und finden es schrecklich, wenn jemand den Versuch macht,
eine neue Kunstform zu gewinnen, die vielleicht mit Bezug auf das-
jenige, was sie werden soll, noch sehr unvollkommen ist. Sehen Sie, ich
möchte jetzt wiederum etwas Persönliches sagen. Ich will gar nicht
von meinem Urteil sprechen über die Verse, in denen Herr von Bernus
anthroposophische Gedanken vorgebracht hat im «Reich». Aber Sie
können alle ganz sicher sein, wenn auch dem oder jenem die Verse
noch so wenig gefallen haben: solche Verse, wie sie hätten gefallen
können, die hätte Herr von Bernus aus dem Ärmel schütteln können,
wenn er sie hätte machen wollen. Die Dinge sind doch nicht so einfach.
Und heute, wo so vieles existiert, was böswillig herabzieht und das-
jenige verleumdet, was bei uns gewollt wird, trat diese Zeitschrift «Das
Reich» hervor mit dem besten Willen, und sie hätte sollen eben wegen
dieses allerbesten Willens gefördert werden, gleichgültig wie man sich
zu dem einzelnen gestellt hat. Daher war es mir selbst schwer, zu hö-
ren, daß Herr von Bernus Schocke von Briefen bekommen hat aus dem
Kreise unserer Mitglieder, die dasjenige verlästert haben, was in der
Zeitschrift stand. Man hätte viel mehr Gelegenheit gehabt, auf das-
jenige hinzuschauen, was direkt darauf ausgeht, unsere Bewegung zu
vernichten. Und so erlebt man es denn, daß jemand, der sich vorge-
nommen hat, über alle Dinge bei uns die Unwahrheit zu sagen, be-
haupten kann: «<Das Reich>, das im Zeichen Steiners steht.» Nun, ich
habe mit dieser Zeitschrift keine andere Verbindung, als ich eventuell
auch mit einer anderen haben könnte; ich habe sie nicht begründet, sie
ist das eigene Werk des Herrn von Bernus, sie hängt nicht mit meiner
Persönlichkeit zusammen. Ich schreibe für diese Zeitschrift Artikel
und bin für nichts verantwortlich. Das kann aber derjenige auch wis-
sen, der verletzend nach der einen oder anderen Seite hin den verleum-
derischen Ausdruck brauchte - in einem solchen Falle ist es ein ver-
leumderischer Ausdruck - «diese Zeitschrift dient Steinerschen Zwek-
ken». Man sollte sich im Gegenteil doch auch einmal freuen können,
wenn auch etwas /#r, von ganz außenstehender Seite für uns auftritt.
Bis jetzt aber haben wir es vielfach erfahren, daß gerade denjenigen
Steine in den Weg geworfen worden sind von Seiten unserer Mitglieder,
welche sich für unsere Sache einsetzen wollten, daß aber abgeraten
worden ist, sich für unsere Sache einzusetzen in gutem Wollen und in
kühner Weise, während man sich nicht gekümmert hat um all das
Schmähende, das geschehen ist im großen ganzen.
Es wäre noch manches zu sagen. Ich wollte dies einmal anführen,
weil ich wirklich betonen möchte, daß es mir gar nicht eingefallen ist,
über dies oder jenes im «Reich» anders als diskutierend zu sprechen,
das heißt, zu sehen, ob vielleicht gerade hinter dem scheinbar Unvoll-
kommenen das Ringen nach einer Entwickelung steht, und es war mir
wirklich nicht darum zu tun, auf dasjenige zu sehen, worauf viele ge-
sehen haben, die sich berufen gefühlt haben zu dem, was ja ohnedies
ein Unsinn wäre, wenn es auch nicht geschmacklos wäre, ihr Urteil
in Briefen an den Dichter zu senden. Das ist der geschmackloseste und
schädlichste Weg. Denn an den, der sich angestrengt hat, die Sache aus-
zuschreiben, braucht man nicht persönlich mit einem schmähenden
Brief heranzutreten. Selbst wenn der Brief berechtigt wäre, könnte er
ihn nicht verstehen, er lebt in der Sache drinnen. Man sage seine Mei-
nung allen anderen, nur sende man sie nicht dem Dichter ins Haus.
Nun, meine lieben Freunde, alle die Dinge, die so gesagt werden,
treffen natürlich nur immer nach der einen Seite, nach der Seite von
wenigen. Aber es ist schon einmal so, daß durch die Gesellschaft der
Unschuldige mit den Schuldigen gefangen ist und nun büßen muß für
sie. Das ist das, was mir schmerzlicher ist als denen, die unter den heu-
tigen Maßnahmen leiden.
Aber eines möchte ich noch hinzufügen: Derjenige, der im Kreise
der Gesellschaft bloß die eine Maßregel etwa mitteilen wird, daß ich
keine persönlichen Angelegenheiten in Privatgesprächen in Zukunft
mehr besprechen werde, der würde nur Einseitiges sagen. Zum ganzen
gehört dazu: Ich entbinde ausdrücklich jeden des Versprechens, soweit
er es selber will, etwas, was in Privatgesprächen gesprochen wurde, ge-
heim zu halten. — Das gehört dazu, und das ist das Wichtige. Bei
jenem Verleumdungsfeldzug, glauben Sie es, sind diese Maßregeln so
notwendig, daß Ausnahmen nicht gemacht werden können. Aber nie-
mand soll etwas verlieren. Das, was esoterisch geleistet werden kann,
wird auch geleistet werden können, wenn es in voller Öffentlichkeit
sein muß. Und ich werde Mittel und Wege finden, trotzdem ich in
Privatgesprächen keine Ausnahmen machen kann und machen darf,
daß jeder die esoterischen Bedürfnisse, die er befriedigen will, auch in
der Zukunft wird befriedigen können. Haben Sie nur eine kurze Zeit
Geduld. Auch ohne Privatgespräche wird es Mittel und Wege geben,
daß alles das, was in berechtigter Weise für das esoterische Leben wird
gefordert werden können, befriedigt werde, ohne daß jene Schäden
entstehen, die durch die Verleumdung des Privatgesprächwesens in un-
serer Gesellschaft entstanden sind.
Und nun will ich noch sagen, daß ich gerne etwas vorbringen
möchte, was tief zusammenhängt mit dem, was uns zum Verständnis
unserer schweren Gegenwart führen kann, daß ich aber wahrhaftig
nicht fertig bin mit dem, was ich Ihnen während des diesmaligen Auf-
enthaltes habe sagen wollen. Für diejenigen, die kommen wollen, werde
ich daher am Dienstagabend noch einmal hier sprechen.
ELFTER VORTRAG
Stuttgart, 15. Mai 1917

Es wird sich in dieser heutigen ergänzenden Betrachtung zu den Aus-


einandersetzungen, die ich diesmal hier in Stuttgart geben durfte, dar-
um handeln, einiges hinzuzufügen zu dem schon Gesagten, um es ge-
wissermaßen abzurunden.
Zunächst wird es am besten sein, wenn ich anknüpfe an dasjenige,
was gerade im gestrigen öffentlichen Vortrag einen Teil der Ausfüh-
rungen gebildet hat. Da haben wir ja gesehen, wie des Menschen see-
lisches Wesen in seiner Dreiheit Beziehungen zum Leiblichen, Bezie-
hungen zum Geistigen hat. Und wir haben insbesondere hervorgehoben,
daß das Gefühlselement der Seele Beziehungen hat nach dem Leibe
hin zum Atmungsleben, daß gewissermaßen das, was im Leibe Atmung
ist, und zwar in umfassendem Sinne, mit allen Verzweigungen und
Verästelungen das Werkzeug ist für das Gefühlsleben. Auf der an-
deren Seite haben wir darauf hinweisen können, daß zu alledem, was
der Inspiration in der geistigen Welt zugänglich ist, das Gefühlsleben
eine besondere Beziehung hat. Was der Inspiration in der geistigen
Welt zugänglich ist, das ist aber auch zugleich alles das, was in der
Welt enthalten ist, der wir angehören mit dem Teile unseres Wesens,
der durch Geburten und Tode geht, der Welt also, die wir durchleben
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, der Welt, in der wir selbst-
verständlich auch leben zwischen Geburt und Tod. Nur ist diese Welt
verdeckt durch die Sinneswahrnehmungen und das gewöhnliche Vor-
stellen, also durch das Leibesleben. So daß uns dasjenige, was der
Atmung und dem Gefühl entspricht, eigentlich hinausweist in die
große, umfassende Welt, in die wir aufsteigen, wenn wir durch die
Pforte des Todes gehen, in die Welt, der wir angehören, wenn wir uns
nicht mehr des Werkzeuges unseres Leibeslebens bedienen. Das Werk-
zeug unseres Leibeslebens fesselt uns gewissermaßen an das irdische Da-
sein. Aus verschiedenen Vorträgen, die im Laufe der vielen Jahre ge-
halten wurden und in den Zyklen niedergelegt sind, wissen Sie, daß
die Seele, wenn sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, eben nicht
gefesselt ist an das irdische Leben, sondern aufsteigt in den Kosmos, um
in den geistigen "Welten dieses Kosmos zu leben, in demjenigen, was
eben die geistige Welt genannt werden kann. Ist es denn da nicht zu
erwarten, daß gerade das Gefühlsleben, das leiblich der Atmung ent-
spricht, geistig der inspirierten Welt, das Gefühlsleben mit dem At-
mungsleben also, in einer viel, viel umfassenderen Beziehung zum Kos-
mos, zur großen Welt, zum Makrokosmos steht als unser engbegrenz-
tes Wahrnehmen und Vorstellen? Was nehmen wir denn schließlich
wahr? Wir nehmen wahr wirklich ein recht kleines Stück Welt; ein
kleines Stück Welt spielt durch unsere Augen und unsere Ohren in un-
ser leibliches Dasein zwischen Geburt und Tod herein. Selbst wenn wir
vielgenießende Menschen sind und Umschau halten, was wir alles durch
unsere Sinne wahrnehmen und dann in den Vorstellungen verarbeiten:
es ist ein kleines Stück Welt, was da in unser Dasein hereinspielt.
Wie ist das nun aber, wenn wir uns wenden von dem Nervenleben,
zu dem das Vorstellungsleben gehört, zum Atmungsleben, zu dem das
Gefühlswesen gehört? Einen Begriff darüber, der zu gleicher Zeit ge-
eignet ist, unser Empfinden zu erheben, kann uns dasjenige geben, was
in der folgenden Weise etwa an unsere Seele herantreten kann: Sie
wissen ja alle, daß die Sonne im Frühling in einem gewissen Punkte
aufgeht. Im Frühlingsbeginn, am 21. März, geht die Sonne am Morgen
in einem bestimmten Punkte auf. Aber dieser Punkt ist nicht zu allen
Zeiten derselbe, das wissen Sie, sondern die Sonne ist in alten Zeiten
im Frühlingsanfang aufgegangen im Sternbild des Stieres, dann im
Sternbild des Widders; der Frühlingspunkt wandert also weiter und
ist nun in das Sternbild der Fische eingetreten. Wenn man sich wendet
zu dem, was ich jetzt meine, dann betrachtet man also den Fortgang
des Frühlingspunktes durch den Tierkreis. Der Frühlingspunkt selber
rückt im Tierkreis weiter. Wenn ein Punkt in einem Kreise weiterrückt,
so muß er natürlich nach einer bestimmten Zeit wiederum an derselben
Stelle ankommen. Nun kennt die ganz gewöhnliche Astronomie dieses
Weitergehen des Frühlingspunktes und das Wiederankommen an die-
selbe Stelle des Tierkreises. Das heißt, wenn in einem bestimmten Jahr
der Vergangenheit der Frühlingspunkt im Widder lag, im nächsten
Jahr ein Stückchen weiter, und so fort, und dann herausgegangen ist in
die Fische und so weiter, so wird er nach einer gewissen Zeit wieder
im Widder sein. Die Zeit, die so der Frühlingspunkt braucht, um durch
den ganzen Tierkreis sich zu bewegen, ist annähernd 25 900 Jahre,
ungefähr 26 000 Jahre. In dieser Zahl also von 26 000 Jahren liegt ein
Maß des äußeren Kosmos ausgedrückt: das Maß, in dem eben der Früh-
lingspunkt weiterschreitet. Wir haben in dieser Zahl gewissermaßen
dasjenige, womit der Gang der Sonne im Kosmos ausgemessen wird.
So könnten wir annähernd sagen. Halten wir an dieser Zahl fest, so
können wir an sie anfügen eine andere Betrachtung, die wir jetzt an-
stellen wollen.
Der Mensch atmet ein und aus, macht in einer Minute eine bestimmte
Zahl von Atemzügen. Wir machen nicht in jedem Lebensalter zwischen
Geburt und Tod gleichviel Atemzüge, aber ein gewisses Durchschnitts-
maß von Atemzügen ist da in der Minute, die ein mittelkräftiger Mann
durchschnittlich aufzuweisen hat. Das sind achtzehn Atemzüge in der
Minute. Nun rechnen wir uns einmal aus, wieviel Atemzüge der Mensch
im Laufe eines vierundzwanzigstündigen Tages macht. Da müssen wir
zunächst die Atemzüge, die er in einer Minute macht, multiplizieren
mit sechzig und bekommen heraus eintausendundachtzig, und dann
noch mit vierundzwanzig, dann bekommen wir die Atemzüge, die
der Mensch in einem Tage, also Tag und Nacht, macht: da bekommen
wir 25920 Atemzüge. Merkwürdig, wir bekommen, wenn wir die
Atemzüge eines Menschen im Verlauf eines vierundzwanzigstündigen
Tages zählen, dieselbe Zahl, wie wenn wir die Zahl der Jahre berech-
nen, die durch das Vorrücken der Sonne im großen Kosmos sich er-
gibt. So viele Jahre, immer ruckweise, rückt ja dieser Frühlingspunkt
vor: soviel mal der vorrückt, soviel mal atmet der Mensch in einem
Tage. Dieselbe Zahl! Denken Sie sich einmal, wie wunderbar sich da
bewahrheitet jener biblische Ausspruch: die Weisheit der Welt habe
alles nach Maß und Zahl geordnet. - Eine Zahl, die im Kosmos einge-
schrieben ist, tritt uns in unserem vierundzwanzigstündigen Atmen
wieder entgegen. Man kann also auch auf diese Zahl Rücksicht neh-
men, und man wird finden, daß schon das menschliche Atmen mit der
großen Welt so in Beziehung steht, wie das gestern aus der Geisteswis-
senschaft herausgeholt worden ist.
Aber nun betrachten wir gewissermaßen wiederum etwas, was auch
ein Atmen ist, denn Atmen ist nichts anderes als ein Spezialfall des all-
gemeinen Weltenrhythmus. Das Wesentliche in dem, was gestern mit
dem Atmen gemeint war, ist die rhythmische Bewegung, der Rhyth-
mus. Betrachten wir einmal etwas, das dem Atmen recht ähnlich ist,
eine andere rhythmische Bewegung, die wir kennen aus unseren geistes-
wissenschaftlichen Betrachtungen. Wenn wir einschlafen, geht unser
Ich und unser Astralleib aus unserem physischen Leibe und Äther-
leibe heraus; wenn wir wiederum aufwachen, geht unser Ich und un-
ser Astralleib in unseren physischen Leib und Ätherleib herein. Ich
habe öfter das eigentümliche Verhalten des Ich und des Astralleibes,
dieses Heraus- und Hereingehen in den physischen und Ätherleib, mit
Aus- und Einatmen verglichen. So wie wir die Luft aus- und einatmen
in einem achtzehnten Teile einer Minute, so atmen wir gewissermaßen
im Verlauf von vierundzwanzig Stunden als physischer Mensch unser
Ich und unseren Astralleib ein, indem wir aufwachen, aus, indem wir
einschlafen; indem wir wieder aufwachen, atmen wir sie wieder ein,
und indem wir wieder einschlafen, atmen wir sie aus. Es ist nur ein
umfassenderes Aus- und Einatmen unseres Ich und Astralleibes im
Verlauf der vierundzwanzig Stunden eines gewöhnlichen astronomi-
schen Tages. Sehr merkwürdig, da atmet etwas also; da atmet etwas!
Sehen wir zunächst davon ab, was atmet: es ist eben richtig ein Rhyth-
mus gegeben, der gewissermaßen ein langsames Atmen darstellt, wobei
ein Atemzug vierundzwanzig Stunden dauert. Nun wissen Sie, in der
Bibel wird vom Patriarchenalter gesprochen, von siebzig, einundsieb-
zig Jahren. Das bedeutet natürlich nicht, daß das etwas anderes ist als
das durchschnittliche Alter. Manche Menschen sterben sehr früh, man-
che werden hundert, ja über hundert Jahre alt, aber es ist etwas Durch-
schnittsmäßiges gemeint mit dem Patriarchenalter. So daß, wenn man
etwas Durchschnittliches meint beim menschlichen Lebensalter, man
sprechen kann von siebzig bis einundsiebzig Jahren. Rechnen wir uns
einmal aus, wieviel Tage das sind. Wenn wir das ausrechnen, so würden
wir herausbekommen, wieviel solcher großen Atemzüge wir in einem
irdischen Leben machen, wo wir im Verlauf von vierundzwanzig Stun-
den das Ich und den Astralleib ausatmen und wieder einatmen. Rech-
nen wir das aus: Solche Atemzüge machen wir in einem Jahr ungefähr
dreihundertfünfundsechzig, so viele, wie das Jahr Tage hat. In siebzig
Jahren also siebzigmal so viel: das würde 25550 geben. Nehmen wir
aber an, wir rechnen einundsiebzig Jahre, da kommen wir schon etwas
näher: das macht 25915. Also der Mensch braucht nur ein wenig über
einundsiebzig Jahre zu leben, so erreicht er 25 920 solcher Atemzüge.
Das heißt, wenn der Mensch etwas über einundsiebzig Jahre alt wird,
so hat er sein Ich und seinen Astralleib 25 920mal aus- und eingeatmet;
so oft also, wie der Mensch im Tage seinen gewöhnlichen Atem aus-
und einatmet. Denken Sie: wieder dieselbe Zahl!
Sie sehen also, daß wir ansehen können das menschliche Leben als
einen Tag, und den einzelnen Tag, den wir durchleben, als einen Atem-
zug: dann ist unser einundsiebzig- bis zweiundsiebzigjähriges Leben
gegeben durch diejenige Zahl, die auch die Zahl des Vorrückens des
Frühlingspunktes ist, die die Zahl der Atemzüge in einem Tage ist. Un-
ser Leben ist ein großer Tag, und das große Wesen, in dessen Mittel-
punkt man sich die Erde vorstellen kann, atmet so oft Ich und Astral-
leib aus und ein, wie wir mit unserem einzelnen Atem aus- und ein-
gehen. So wäre unser einzelnes Erdenleben ein Tag, ein Tag von irgend
etwas. Von was ist denn das ein Tag? Multiplizieren Sie einundsiebzig
mit dreihundertfünfundsechzig, so müssen Sie natürlich das Jahr be-
kommen für den Tag von einundsiebzig Jahren. Wenn Sie einundsieb-
zig Jahre als einen Tag rechnen und fragen: Was ist ein Jahr von die-
sem Tag, so ist es dreihundertfünfundsechzigmal so viel. Das ist aber
wiederum 25920 Jahre. Das heißt, wenn wir unser einzelnes Erden-
leben mit seinen 25 920 Atemzügen, die aber Wachen und Schlafen
sind, als einen Tag rechnen, ein Menschenleben als einen Tag rechnen,
und sehen, welches Jahr diesem einen Menschenleben mit seinen 25 920
Atemzügen entspricht: so ist es der Umgang des Frühlingspunktes,
25920 Jahre! Wir bekommen einen wunderbaren Zahlenrhythmus
heraus.
Deshalb sagte ich: Wir bekommen eine Idee, die für unsere Empfin-
dung erhebend sein muß, denn wir dürfen uns durch Maß und Zahl
hineingestellt fühlen in den Makrokosmos. Zahlen verraten uns das-
jenige, was uns bewahrheitet die Erkenntnis, daß das, was zum Atmen
gehört, und daher zum Gefühlsleben, die inspirierende Welt ist, die
große Welt, der wir angehören nicht nur zwischen Geburt und Tod,
sondern auch in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt
und in den wiederholten Erdenleben. Wir liegen gleichsam im Schöße
des Rhythmus unseres ganzen Sonnensystems, atmen in unseren ein-
zelnen Atembewegungen den großen makrokosmischen Rhythmus un-
seres ganzen Sonnensystems nach. Das ist ein Gedanke, der uns mit
Sicherheit hineinstellt in das ganze große Leben unseres Sonnen-Wel-
tenalls. Die Menschen werden im Laufe der Zeit noch mancherlei ähn-
liche Betrachtungen anstellen müssen, und dann werden sie sich über-
zeugen, daß sie auf diesem Wege wiederum zu geisterfüllten Empfin-
dungen kommen über die Beziehungen des Menschen zum Weltenall.
Geisterfüllte Empfindungen brauchen wir für unser Zeitalter und für
die folgenden Zeitalter in dem Sinne, wie das vorgestern hier ausge-
führt worden ist, als Anregungen des inneren Lebens. In alten Zeiten
war es ja so, daß dem Menschen die Erleuchtungen gewissermaßen von
außen zukamen. Das ist heute verlorengegangen durch die Art der
rückwärtsgehenden Zeitalter der Menschheit. Wir stehen jetzt in ei-
nem Zeitalter, in welchem, wenn die Menschheit nicht ganz in die
Dekadenz kommen soll, in energischer Weise eine Entwickelung be-
ginnen muß des menschlichen Seelenwesens von innen heraus. Und
nur derjenige versteht das, was unserer Zeit not tut, der als eine Not-
wendigkeit der irdischen Entwickelung begreift, daß geistiges Leben
das Innerste der menschlichen Seele ergreifen muß vom fünften nach-
atlantischen Zeitraum an, in dem wir leben, in die Zeit hinein, zu der
wir uns weiterentwickeln sollen. Das was die Geisteswissenschaft über
dieses sagt, ist nicht aus irgendeiner willkürlichen Idee oder aus einer
agitatorischen Empfindung heraus gesagt, sondern es ist gesagt aus der
Erkenntnis der Notwendigkeit der Menschheitsentwickelung.
Nun betrachten wir heute noch einmal von einem etwas anderen
Gesichtspunkte aus diese Menschheitsentwickelung. Gehen wir noch
einmal zurück zu dem ersten nachatlantischen Zeitalter, also dem Zeit-
alter unmittelbar nach der großen atlantischen Katastrophe. Wir ha-
ben vorgestern wiederum, nachdem wir es von einem anderen Gesichts-
punkte aus schon Öfter getan haben, betont, wie in diesem ersten nach-
atlantischen Zeitalter der Mensch noch in Beziehung gestanden hat zu
jener Wesenheitsreihe, die wir in den Hierarchien Archai nennen oder
Geister der Persönlichkeit. Das geistige Leben offenbarte sich noch in
diesen uralten Zeiten der Menschheit, weil eben das Lebensalter rück-
läufig in der damaligen Zeit ein solches war, daß wir es vergleichen
können mit dem jetzigen Lebensalter zwischen dem sechsundfünfzig-
sten und achtundvierzigsten Jahr, wie ich es vorgestern ausgeführt
habe. Der Mensch hatte gewissermaßen die Unterweisung von geistigen
Wesenheiten. Wie kamen diese geistigen Wesenheiten an den Menschen
heran? In der damaligen Zeit sah der Mensch nicht die Natur so an wie
heute. Die Natur ist für den Menschen heute eben so eine Art mecha-
nischer Ordnung. Abstrakte, fast mathematische Naturgesetze betrach-
tet der Mensch heute als sein Ideal, eine abstrakte Ordnung. Nehmen
Sie die Bilder, wie sie um Sie herum ausgebreitet sind, wenn Sie hinaus-
gehen in die Natur. Vergleichen Sie dasjenige, was da draußen ist, mit
dem, was in den botanischen, in den zoologischen Lehrbüchern steht
über Pflanzen und Tiere. Vergleichen Sie diese verzerrten, abstrakten
Vorstellungen mit dem Leben, und Sie können sagen: Was da in diesen
Büchern der Botanik, der Zoologie steht, das ist, was heute dem mensch-
lichen Geiste sich offenbart. Solche Botanik, solche Zoologie, auf wel-
che die heutige Menschheit so ungeheuer stolz ist, war in jenem Zeit-
alter nicht vorhanden. Wenn man dasjenige, was heutige Botanik,
heutige Zoologie und heutige Biologie über die Natur zu sagen hat,
vergleicht mit dem, was für jenes alte Erkennen in der Natur sprießte
und sproßte, so kommt man eben zu einer anderen Gesinnung. Solche
Botanik, solche Zoologie gab es damals nicht, aber es gab dafür etwas
anderes, etwas, was der heutigen Menschheit noch recht wenig ver-
ständlich ist. Es kam aus der Natur selber heraus, und nennen mochte
ich das, was da aus der Natur herauskam: das lichterfüllte, gestaltete
Wort. So wie wir durch unsere Sinne und unseren Verstand heute die
Natur sehen, so sahen sie diese Menschen nicht, sondern die Natur ent-
sendete ihnen Lichtgestalten, und diese Lichtgestalten tönten zugleich,
sagten etwas, sprachen sich aus über das, was sie sind. Und jeder Mensch
konnte in gewissen Zuständen seines Bewußtseins dieses atavistische
Hellsehen erfahren, wodurch ihm aus der Natur heraus das lichter-
füllte, gestaltete Wort entgegenkam; man könnte auch sagen Worte,
denn es kam eine Fülle von solchen Gestalten, die sich aussprachen,
heraus aus der Natur. Der Mensch wußte: Auch du gehörst zu dieser
Welt, aus der diese lichterfüllten Worte herauskommen. Du gehörst da
auch hinein. Jetzt aber bist du hier in der Natur, wo dich Mineralien,
Pflanzen und Tiere umgeben. Du bist dadurch in der Natur, daß du
einen äußeren physischen Leib an dir trägst; dadurch gehörst du zu die-
ser Natur dazu. Aber die Natur läßt heraussprießen das lichterfüllte
Wort: dem gehörst du deinem seelischen Wesen nach so an, wie dein
fleischlicher Leib der äußeren mineralischen, pflanzlichen, tierischen
Welt angehört. In dieser Welt des lichterfüllten, des lichtgestalteten
Wortes bist du gewesen vor deiner Geburt oder Empfängnis, und du
wirst darinnen sein nach deinem Tode. Du wirst darinnen wieder
leben.
Im ersten nachatlantischen Zeitraum hörte man wenigstens noch
einen Nachklang und sah einen Nachschein der Welt, in der man lebt
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, indem man in gewissen
Bewußtseinszuständen die Natur anschaute. Im zweiten nachatlan-
tischen Zeitraum war es schon etwas anders. Da verlor sich für diese
atavistischen Zustände das Wort. Die Gestalten sprachen sich nicht
mehr aus, aber sie waren noch da, lichterfüllte Gestalten waren noch
da, nur waren sie stumm geworden. Dasjenige, was äußerlich vor den
Sinnen lag, das empfand man als die Dunkelheit in diesem lichterfüllt
Gestalteten im Inneren, und seinen eigenen Leib empfand man als ein
Stück von der Dunkelheit. So daß man sich sagen konnte: Licht und
Dunkelheit! Der eigene Leib ist von der Dunkelheit beherrscht. Indem
er aus dem Lichte kommt und in die Dunkelheit geht, geht er durch
Geburt oder Empfängnis in das Erdenleben hinein; indem er durch
die Todespforte geht, geht er durch die dunkle Welt wiederum ins
Licht. In der Welt ist ein Kampf zwischen Lichtheit und Dunkelheit,
zwischen Ormuzd und Ahriman. So sprach Zarathustra, der der Leh-
rer war dieser zweiten nachatlantischen Kulturepoche, zu seinen Schü-
lern. Man versteht dasjenige, was der Zarathustrismus mit seiner Or-
muzd- und Ahriman-Lehre meint, nicht, wenn man es nicht bezieht
auf die Art der damaligen Anschauung der Menschen.
Wieder anders war die Sache geworden in der dritten nachatlan-
tischen Zeitperiode. Wenn man auf das Äußere schaut, so hatten sich
die lichterfüllten Gestalten für diesen äußeren Anblick in der dritten
nachatlantischen Periode nach und nach verloren. Aber die Menschen
hatten noch die Macht, sich, so wie wir uns heute in Schlaf versetzen,
in einen Zwischenzustand zu versetzen zwischen Schlafen und Wa-
chen. Sie mußten sich dazu nur ein wenig anstrengen. Beim Schlafen
braucht man sich ja nicht anzustrengen, in diesem andersartigen Zu-
stand aber mußte man sich etwas anstrengen. Wenn man sich aber an-
strengte, dann konnte man eine solche Lichtwelt um sich herauszau-
bern, die jetzt aus dem Inneren kam und die ähnlich war derjenigen,
die früher von der Natur, von außen kam. Wie war also eigentlich
der Fortgang von der zweiten nachatlantischen Kulturperiode zu der
dritten, der ägyptisch-chaldäisch-babylonischen Zeit? Wie war der
Übergang? Nun, in der zweiten, in der persischen Kulturperiode sahen
die Menschen noch, indem sie nach außen blickten, die Lichtgestalten
und konnten sich sagen: Meine Seele gehörte, bevor sie durch die Emp-
fängnis ging, dieser lichtgestalteten Weit an. Von außen hinein schien
diese lichtgestaltete Welt nicht mehr in der dritten Kulturperiode, aber
der Mensch konnte sie gleichsam aus sich herauspressen; dann hatte
er aus seiner Seele heraus sich selber das vor diese Seele hingezaubert,
was vor seiner Geburt oder Empfängnis da war in der geistigen Welt,
und was nach seinem Tode da sein wird in der geistigen Welt. So daß
wir sagen können: die dritte nachatlantische Zeit hatte die Lichtwelt
als Seelenerlebnis. Die Menschen hatten die Lichtwelt als Seelenerleb-
nis, der Mensch war also gewissermaßen von der Außenwelt mehr auf
sein Inneres zurückgewiesen worden. Es war nicht mehr die natur-
gemäße Art beim Menschen, in die äußere Welt zu blicken und die
Lichtwelt zu sehen, das heißt, die geistige Welt im Umkreis zu sehen.
Daher war notwendig geworden in dieser Zeit, immer einen kleinen
Kreis von Leuten auf Mysterienart einzuweihen, so daß sie in die Lage
kamen, wieder zu sehen die äußere Lichtwelt, und daß sie Zeugnis da-
für ablegen konnten, daß das, was aus dem Inneren der Seele herauf-
geholt wurde, wirklich dasselbe war, was im geistigen Umkreis ge-
lebt hat.
Nun kam die vierte nachatlantische Periode, die griechisch-latei-
nische. In dieser vierten Periode kam nicht mehr Licht herauf, wenn
der Mensch sich in einen besonderen Zustand versetzte, wie in der
dritten Periode. Das Licht kam nicht mehr, es kam nicht mehr dasjenige
herauf aus dem Untergrund des Menschenwesens, was ein Nachklang
gewesen wäre des Lebens der Seele vor der Empfängnis und des Lebens
der Seele nach dem Tode. Aber es kam noch eine Gewißheit herauf, daß
das Innere des Menschen seelenerfüllt ist. Diese Gewißheit kam her-
auf. Man verspürte noch etwas von dem, was man früher geschaut
hatte, wenn man die Seele innerlich zum Schauen brachte. Man schaute
nicht mehr das Licht, aber man verspürte noch des Lichtes Wärme.
So war es in der griechisch-lateinischen Zeit. Da müssen wir sagen: Es
wurde nicht mehr die Lichtwelt als Seelenerlebnis im Inneren erfahren,
aber es wurde die Seele selbst als Seelenerlebnis erfahreh.
Aber naturgemäß mußte das immer schwächer und schwächer wer-
den im Verlaufe der Zeit. Und wie drückt sich dann das ganze Verhält-
nis überhaupt aus? Es drückte sich aus in der folgenden Art. Nament-
lich auf die Griechen werden wir schauen müssen, wenn wir die Sache
verstehen wollen: Die Griechen hatten, wie der Durchschnittsmensch
von heute, das Bewußtsein ihres Leibes. Aber durch das, was ich ge-
schildert habe, hatten sie auch das Bewußtsein: die Seele durchseelt
den Leib. Sie verspürten die Seele als belebend, den Leib durchlebend.
Diese Empfindung, die die Griechen noch hatten, ist verlorengegangen.
Daß die Geschichte davon nichts spricht, daß diese Empfindung heute
verlorengegangen ist, das ist nur, weil wir im Zeitalter des Materialis-
mus leben. Niemand versteht Homer in Wirklichkeit, niemand ver-
steht Sophokles oder Äschylos, wenn er sie nicht liest mit der Empfin-
dung, daß der Grieche noch eine andere Seelenerfahrung hatte als der
heutige Mensch. Würde man Äschylos mit dieser Empfindung lesen,
so würde man andere Übersetzungen liefern als diejenigen, die heute
geliefert und manchmal bewundert werden, und die gerade in den
intimsten Dingen dem Äschylos wahrhaftig nicht ähnlich sehen. Aber
daß das so war, hatte für den Griechen eine ganz bestimmte Folge,
nämlich daß der Grieche gerade während der Zeit zwischen Geburt
und Tod im Leibe das belebende Seelenelement fühlte, und daher auch
zu einer anderen Empfindung noch kam, zu der Empfindung, daß der
Leib und die Seele eigentlich ganz innig zusammengehören. Niemals
in der Menschheitsentwickelung ist diese Empfindung überhaupt so
rege gewesen wie in der Griechenzeit. Denn in früheren Epochen, die
der Griechenzeit vorausgingen, hatten die Menschen eigentlich immer
das Gefühl, das Seelische gehöre der Lichtwelt, der Wortwelt, der Welt
des Logos an, in der der Mensch lebt vor der Geburt und nach dem
Tode. Jetzt, im materialistischen Zeitalter, ist es so, daß der Mensch
die Seele zunächst überhaupt nicht mehr verspürt. In der Griechenzeit,
und etwas abgeschwächt und ins Trockene und Verstandesmäßige um-
gesetzt in der römischen, der lateinischen Zeit, war die Empfindung
vorhanden des innigen Zusammengehörens von Leib und Seele. Den
Leib betrachtete der Grieche als die äußere Gestalt für die Seele. Wachs-
tum und Verfall des Leibes erschien den Griechen als Ausdruck für
Wachstum und Verfall des Seelenlebens. Der Grieche liebte den Leib,
so wie er die Seele liebte. Diese Empfindung, wie sie in dem Griechen
vorhanden war, war früher in derselben Weise nicht vorhanden - wie
ich eben ausgeführt habe - und ist heute wieder nicht vorhanden. Aber
die Folge davon war jene Empfindung, die so tief ausgedrückt ist in
den Worten, die Achilleus in den Mund gelegt werden: «Lieber ein
Bettler in der Oberwelt als ein König im Reich der Schatten.» Der
Grieche hat die schöne Harmonie, die er empfunden hat zwischen Leib
und Seele, zu bezahlen gehabt damit, daß ihm, wenn er nicht Ange-
höriger der Mysterien war, eine Vorstellung davon, wie es der Seele
in der geistigen Welt nach dem Tode ergeht, ganz geschwunden war.
Nun, das Merkwürdige ist eben, daß der große griechische Philosoph
Aristoteles, der ein großer Denker, aber nicht in die Mysterien ein-
geweiht war, in einer grandiosen Weise über das Erleben der Seele
nach dem Tode so gesprochen hat, wie man sprechen konnte in der
damaligen Zeit, wenn man die innige Harmonie zwischen Leib und
Seele ins Auge zu fassen vermochte nach der Art des griechischen Zeit-
alters.
Und als dann im Mittelalter in der sogenannten scholastischen Phi-
losophie Aristoteles wieder aufgelebt ist, da haben die Scholastiker
gesagt: In der Philosophie muß man so denken über die Seele, wie
Aristoteles gedacht hat. Will man mehr darüber wissen, so kann das
nur aus dem Glauben kommen. Mit der bloßen menschlichen Forschung
kann man nicht weiter kommen als Aristoteles. — Wie weit ist Aristo-
teles denn gekommen, er, der so recht der philosophische Ausdruck für
die griechische Art der Anschauung über Leib und Seele ist? Er ist wirk-
lich zu dem gekommen, was man so schön mit den Worten des kürz-
lich verstorbenen meisterhaften Aristoteles-Forschers Franz Brentano
aussprechen kann, der sagt: Wenn der Mensch ein Glied verloren hat,
so kann er sich dieses Gliedes nicht mehr bedienen, er ist gewissermaßen
nicht mehr ein ganzer Mensch. Wenn er zwei Glieder verloren hat, ist
er noch weniger ein ganzer Mensch. Wenn er nun den ganzen Leib
verloren hat — so sagt Aristoteles und mit ihm Franz Brentano - und
noch nach dem Tode Seele ist, was Aristoteles nicht leugnet, so ist er
in einem Zustande der UnvoUständigkeit gegenüber dem Zustand, in
dem er ist zwischen Geburt und Tod. Er ist kein vollständiger Mensch. -
Und das ist in der Tat die wahre Unsterblichkeitslehre des Aristoteles,
des größten Denkers der Griechenwelt, daß der Mensch nur hier zwi-
schen Geburt und Tod ein vollständiger, ein vollkommener Mensch ist.
Geht er durch die Pforte des Todes, so ist er nur ein Stück des Men-
schen; er ist zwar unsterblich, aber auf Kosten dessen, daß er kein
ganzer Mensch mehr ist. Das ist in der Tat dasjenige, womit das Grie-
chentum seine Schönheit, seine Harmonie zu bezahlen hatte, daß es in
dasjenige Menschenalter hineinkam - Sie wissen, verglichen mit dem
menschlichen Lebensalter - , wo man aus dem Inneren herauf zwar die
Seele verspüren konnte, wo man aber noch nicht das Leben der Seele
in der geistigen Welt schauen konnte, wo man von der Seele sagen
mußte: sie ist nach dem Tode kein vollständiger Mensch mehr. Nur
denjenigen, die in die Mysterien eingeweiht wurden, denen also Er-
kenntniskräfte einverleibt wurden, die über das Normale hinausgin-
gen, enthüllte sich dasjenige, was die Seele durchlebt zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt. Das ist ja der große Unterschied zwi-
schen Plato und Aristoteles, daß Plato in die Mysterien eingeweiht war
und Aristoteles nicht. Daher muß Plato in ganz anderem Sinne ver-
standen werden als Aristoteles, der zum «Chimborasso des Denkens»
kam, aber nicht zu den Geheimnissen der geistigen Welt dringen konnte.
Daher kam es, daß diejenigen, welche die Macht hatten in diesem
Zeitalter, nach etwas anderem strebten als das, was man im normalen
Menschenleben erreichen kann. Wer waren die Männer, die die Macht
hatten, die in der Lage waren, diese Macht zu entwickeln? Gewiß, es
gab eine große, bedeutsame Welt der Initiation, die durch die Myste-
rien da und dorthin ausgebreitet war und die damalige Kulturwelt
erfüllte; aber diese Mysterien, sie gaben den Menschen dasjenige, von
dem Plato sagte, daß es die Menschen über den Schlamm der Vergäng-
lichkeit hinweghebe. Diejenigen, welche die Macht hatten in diesem
vierten nachatlantischen Zeitraum, suchten vor allen Dingen nach ei-
nem solchen in der Seele, wodurch sie teilnehmen konnten an der gei-
stigen Welt. Nach dem allgemeinen Menschheitskarma mußte man im
Sinne des Initiationsprinzips der damaligen Zeit normalerweise war-
ten, bis man in die Mysterien hereingeholt wurde. In Griechenland war
das allgemein üblich. Das brauchten die römischen Cäsaren nicht. Die
römischen Cäsaren, die sich allmählich zur Beherrschung der damali-
gen Welt aufwarfen, die konnten ihre Macht dazu verwenden, sich ein-
weihen zu lassen in die Mysterien. Und so sehen wir denn, daß schon
von Augustus an die römischen Cäsaren die Initiation anstrebten, ein-
fach durch ihre Machtfülle. Sie zwangen die eine oder andere Priester-
schaft, sie in die Mysterien einzuweihen. So daß in diesem vierten Zeit-
raum eine eigentümliche Erscheinung zu beobachten ist: Wir haben
auf der einen Seite das Mysterienprinzip, das Mysterienwissen, das
noch da war, das aber allmählich hinschwand, allmählich niederging -
ich habe öfter geschildert, warum das so kommen mußte: weil eben
das Mysterium von Golgatha an die Stelle trat - , auf der anderen Seite
wurden die Priester gezwungen, ihre Geheimnisse den römischen Cä-
saren zu enthüllen. Augustus war der erste Kaiser, der eingeweiht
wurde im vierten nachatlantischen Zeitraum; aber auch seine Nach-
folger waren solche Eingeweihte, solche Initiierte. Sie unterschieden
sich in ihrem Wesen von den anderen Initiierten, die auf Grund mora-
lischer Eigenschaften, moralischer Entwickelung namentlich, in die
Mysterien eingeweiht waren. Die römischen Cäsaren wurden auf
Grund ihrer Machtfülle eingeweiht dadurch, daß sie die Priesterschaf-
ten zwingen konnten, ihnen ihre Geheimnisse zu enthüllen.
Und so sehen wir denn, daß auch solch ein Nachfolger des Augustus
wie Caligula ein Initiierter war. Dadurch aber war ein solcher Mensch
wie Caligula bekannt mit den Geheimnissen des geistigen Weltenalls.
Er war bekannt damit, daß die Impulse dieses geistigen Weltenalls in
der Seele wieder aufleben, daß das Ich des Menschen ein Göttliches in
dem Göttlichen ist. Dasjenige, was eine heilige Wahrheit der Demut
bei den initiierten Priestern war, das wurde den Cäsaren ein Symbolum
der äußeren Weltenmacht. Denn was wußte solch ein Caligula? Die
anderen starrten dasjenige an, was ihnen an mythologischen Figuren
der Götter heruntergekommen war aus alten Zeiten; das beteten sie
an. Solch ein Eingeweihter wie Caligula wußte, was diese Götter zu
bedeuten hatten. Er wußte vor allen Dingen, daß der Mensch derselben
Welt mit seiner innersten Wesenheit angehört. Aus Erfahrung wußte
Caligula, daß er derselben Welt angehörte wie diejenigen Wesen, die
in diesen Göttern: Bacchus, Herkules, Merkur, Apollo, Zeus ihre Ab-
bilder haben. Caligula wußte das Geheimnis, wie er in einem schlaf-
ähnlichen Zustande mit den Göttern der Mondenwelt verkehren
konnte. Und es ist nicht eine bloße Mythe, sondern durchaus eine
Wahrheit, wenn gerade von Caligula erzählt wird, daß er, wie man
sagte, im Schlafe - es ist aber gemeint, in einem anderen Bewußtseins-
zustande - mit Luna, der Mondgöttin, Umgang pflegte, und daraus
Nahrung söge für sein Machtbewußtsein. In mir lebt die Welt - sagte
er sich - denn ich bin in ihr drinnen. - Indem er auf die Götter blickte,
sah er sich selbst als einen Gott unter Göttern an. Und das war von
den initiierten römischen Kaisern ganz ernst gemeint, wenn sie das
sagten. Der initiierte Priester wußte, wie er in die Wohnung der Göt-
ter kam, und so erzwang sich der römische Cäsar die Gemeinschaft
mit den Göttern. «Mein Bruder Jupiter», «Mein Bruder Zeus»: das
waren Bezeichnungen, die gerade Caligula immer wieder gebrauchte.
Und Caligula war es, der einmal an einen Tragöden die Frage richtete,
wer größer sei, Jupiter oder er, Caligula. Und als der Tragöde nicht
antworten wollte, Caligula sei größer als Jupiter, ließ er ihn geißeln.
Das sind keine Mythen, das sind historische Dinge. Daher auch die
Aufzüge, in denen Caligula als Bacchus mit Thyrsus und Epheukranz
sich vor dem Volke zeigte, weil er das Bewußtsein hatte, daß er sich
verwandeln dürfe in diejenigen Gestalten, die er als Abbilder der Göt-
ter kannte. Als Herkules erschien er mit der Keule und der Löwenhaut,
als Merkur mit dem Hermesstab, als Apollo mit der Strahlenkrone und
von Chören umgeben. So trat er auf, um seinem Volke das Bewußtsein
beizubringen, daß er zu den Göttern und nicht zu den Menschen ge-
höre. So war es in jener Zeit, in welcher, möchte man sagen, sich in der
römischen Welt das minder gute Bild dessen zeigte, was in der Grie-
chenwelt groß war. Natürlich sah das niemand besser ein als solch ein
Caligula oder andere initiierte Kaiser wie Commodus und andere.
Caligula hörte einmal, daß eine Gerichtsverhandlung stattgefunden
hatte, in der ein Richter einen Angeklagten zum Tode verurteilte. Und
als ihm die Sache, da es ein besonderer Fall war, berichtet wurde, da
sagte er: Ebensogut hätte der Richter zum Tode verurteilt werden kön-
nen, denn er sei ebenso viel wert wie der andere. - So sah er die mora-
lische Verfassung seiner Zeit an. Im Römertum erscheint wirklich das
Gegenteil des Griechentums. Man hat gar keine Vorstellung mehr von
der inneren Verfassung des Römertums der Cäsarenzeit. Man muß
sich aber eine Vorstellung davon verschaffen, denn das ist eine der
Wurzeln, aus denen unsere neue, unsere fünfte Kulturepoche im Fort-
strömen sich entwickelt hat.
Auch Nero war ein solcher Eingeweihter, ein initiierter Kaiser. Und
dadurch gerade konnte Nero etwas ganz Besonderes einsehen. Dieje-
nigen, die in die Mysterien eingeweiht waren in der damaligen Zeit,
wußten: die Entwickelung ist bis zu einem gewissen Punkte abwärts
gegangen; sie muß wiederum aufsteigen, aber sie muß sich auch mehr
vergeistigen. Das ist ja in Wirklichkeit dasjenige, was gemeint ist mit
der «Parusie», mit dem neuen Zeitalter, von dem auch der Christus
Jesus spricht.
Wenn Sie das, was in all diesen alten Kulturepochen bis zum Grie-
chentum lebendig ist, vergleichen mit der späteren Zeit, so finden Sie:
In diesen alten Kulturepochen offenbart sich in einer gewissen Weise
durch das Körperliche noch das Seelisch-Geistige. Dann hört das auf;
es offenbart sich nicht mehr, es muß jetzt durch anderes gesucht wer-
den. Wenn der Mensch durch das, was er mit Augen sehen, mit Ohren
hören kann, das Geistig-Seelische suchen will, so kann er es nicht mehr
finden. Die Reiche der Himmel, sie offenbarten sich früher durch die
Leiber, jetzt müssen sie im Geiste heraufkommen. Die Reiche der Him-
mel müssen nahe kommen. Das ist die Prophetie des Täufers Johannes.
Das ist auch, was der Christus Jesus mit der Parusie meint. Nur stehen
in einer gewissen Weise die Theologen bis heute noch immer auf dem
sonderbaren Standpunkte, daß sie glauben, der Christus hätte mit der
Parusie gemeint, die Erde müsse sich physisch verwandeln. Auch die
Blavatsky tadelt den Ausspruch des Christus Jesus über die Parusie,
das Heraufkommen der Reiche der Himmel, indem sie sagt: Da wurde
vorausgesagt, daß die Reiche der Himmel auf die Erde kommen, das
Getreide ist aber nicht besser geworden; die Weintrauben sind nicht
reicher als früher; es sind keine Himmel auf die Erde gekommen. -
Alle die Leute, die so reden, verstehen nicht, was gemeint ist. Was der
Christus Jesus gemeint hat, was Johannes gemeint hat, das war schon
gekommen: die Reiche der Himmel waren schon auf die Erde herab-
gekommen, indem der Christus selber sich in dem Jesus von Nazareth
verkörpert hatte. Der Vorgang ist durchaus als ein geistiger aufzu-
fassen.
Aber ein Initiierter wie Nero, der wußte das auch aus den Myste-
rien heraus; er lehnte sich dagegen auf. Der kam wirklich zu der Wahn-
idee, daß er sich sagte: Nun ja, die Welt ist im Niedergang, so soll sie
auch untergehen' - Und das ist eigentlich der psychologische Grund,
warum der Nero Rom hat anzünden lassen - was er wirklich getan
hat - , weil er wenigstens das Schauspiel haben wollte, daß von da aus
der Feuerbrand komme, der die ganze Welt verbrennt. Denn er hielt
nichts mehr von dieser Welt. Er wollte die Erneuerung nicht zulassen,
die durch das Mysterium von Golgatha kam. Nur war er, wenn er
auch ein Wahnsinniger war, doch ein Genie. Durch seine Machtfülle
hatte er sich seine Initiation erzwungen, daher waren alle die Ideen
groß bei ihm, größer als sie bei anderen sind, die nicht diese Vorbe-
dingung hatten. Daher ist Nero auch in einem gewissen Sinn der erste
Psychoanalytiker, aber ein großzügiger, nicht ein Psychoanalytiker
wie diejenigen, die Freud oder anders heißen. Denn Nero vergötterte
das Leibliche, indem er wirklich wie der Psychoanalytiker aus dem Un-
terbewußten das Geistig-Seelische heraufholen wollte. Der heutige
Psychoanalytiker sagt: Was ist denn da unten in der Seele? Enttäu-
schungen, allerlei verglommenes Leben und so weiter - , und dann sagt
er: Der animalische Grundschlamm der Seele ist da unten, viel Schö-
nes ist da unten nicht. - Wenn man heute den Psychoanalytiker hört,
so ist es so, wie wenn ein Mensch einen Acker beschreibt, der eben ge-
düngt worden und dann bebaut worden ist mit den Saaten für die
nächste Zeit, aber der Mensch sieht nur den Dünger, den Mist. So sieht
der Psychoanalytiker nur das in der Seele, was wirklich Mist ist, ver-
gleichsweise gesprochen, selbstverständlich. Er sieht nicht das Ewige in
der Seele, das, was von Leben zu Leben geht. Daher ist die Psycho-
analyse so gefährlich, weil sie zwar zu dem Unterbewußten hinunter-
geht, aber statt des seelisch-geistigen Wesenskernes den animalischen
Grundschlamm sieht, wie wenn man nicht die keimende Saat, sondern
nur den Mist sieht. Nero war ein großer Psychoanalytiker, indem er
sagte: Im Menschen ist überhaupt nichts anderes als der animalische
Grundschlamm, alles andere ist einfach Schein; früher war es anders,
als die Menschen noch dem Göttlichen nahe waren, aber jetzt besteht
der Mensch nur noch aus diesem animalischen Grundschlamm, es gibt
auch nicht einen kleinsten Teil, der keusch ist, alles ist verlottert im
Menschen - , so sagte Nero. Man sieht daraus, man fühlt gerade bei
denjenigen, die auf diese Weise sich die Initiation erzwungen hatten,
das Materialistisch werden der Welt. Man übersetzte ja überhaupt das
alte, spirituelle Initiationsprinzip in diesen Kreisen recht ins Mate-
rielle. Als Commodus, der sich nicht nur zum Initiierten, sondern zum
Initiator machte, einem, den er selbst zu initiieren hatte, den symboli-
schen Schlag geben wollte, da schlug er ihn gleich tot. Statt ihn dem
geistigen Tod, das heißt der Auferweckung zu überliefern, schlug er
ihn tot! So Commodus, der Initiator. Es ist das eine historische Tat-
sache.
Dasjenige, was eingetreten war in diesem vierten Zeitraum, ist eben
das Mysterium von Golgatha. Und da nun nicht mehr vom Äußer-
lich-Stofflichen das Geistige kommen kann, so muß das Geistige wie-
derum erobert werden. Der Aufstieg im Inneren hat einen Impuls be-
kommen durch das Mysterium von Golgatha. Aber wir leben im fünf-
ten Zeitraum, wo diese Eroberung noch nicht weit gediehen ist, wo
gerade jene Kräfte, die in der Römerzeit so grotesk hervortreten, noch
stark in den Menschen sind und gegen den Impuls des Aufstieges
kämpfen, der durch das Mysterium von Golgatha gebracht worden
ist. Und so ist es denn begreiflich, daß in diesem fünften nachatlan-
tischen Zeitraum hauptsächlich das Zeitalter des Materialismus in der
Denkungsweise, in der Gefühlsweise heraufgestiegen ist.
Schon hat das Mysterium von Golgatha einen Anstoß gebracht, so
daß die große Verderbtheit der Römer zunächst etwas geschwunden
ist, aber der Mensch hat es noch nicht dazu gebracht, daß ihm auch
natürlicherweise in seiner Seele das Geistig-Seelische wiederum auf-
leuchtet. Dazu bedarf es weiterer Impulse, dazu bedarf es eines inten-
siveren, eines gründlicheren Bekanntwerdens mit dem Christus-Im-
puls. Der muß sich immer weiter und weiter einleben. Und so steht
denn in der fünften Kulturperiode der normale Mensch nicht der Seele
selbst gegenüber, wenn er sich erlebt. Das Verspüren, das innerliche
Erleben der Seele ist für den normalen Menschen verschwunden. Der
Mensch empfindet sich im Erleben des Leibes, er empfindet sich als
Leib, als natürlichen Leib.
Selbsterlebnis des Leibes! Und deshalb ist insbesondere der Wissen-
schaft das Seelische entschwunden und entschwindet ihr noch immer
mehr und mehr. Dieses Seelische muß eben von innen heraus wiederum
erobert werden. Der fünfte nachatlantische Kulturzeitraum, der an-
gefangen hat etwa im Jahre 1413, 1415, er steht ja erst im Anfang.
Die Menschheit wird sich so in ihm weiter zu entwickeln haben, daß
wirklich das Geistige immer mehr und mehr im Inneren erobert wird.
Aber es macht sich das zunächst geltend gerade auf seelischem Gebiet
durch eine eigentümliche Erscheinung, durch die Erscheinung, daß im
Menschen selber etwas materiell auftritt, was früher nicht so mate-
riell war: das Denken selber nämlich. Solch ein Denken, wie wir es
im fünften Zeitraum haben, wäre schon den Griechen, erst recht den
Ägyptern, Chaldäern oder den Urpersern unmöglich gewesen. Hinter
den Griechen standen noch bis zu einem gewissen Grade imaginative
Vorstellungen, in älteren Zeiten noch mehr; und wer Aristoteles wirk-
lich lesen kann, der merkt selbst bei dem trockenen Aristoteles noch
wirksame Imaginationen, weil das Denken noch mehr bewußt im
Ätherleibe vor sich ging. Jetzt ist das Denken ganz in den physischen
Leib hineingezogen, ist ganz Gehirndenken geworden, und da nimmt
es denn den abstrakten Charakter an, auf den unsere Zeit so stolz ist.
Das Denken, das ganz abstrakt wird, das ist das Denken, das wirklich
an die Materie, an die Materie des Gehirns gebunden ist. Und dieses
Denken, das zeigt sich gerade in den epochemachendsten Impulsen, die
wiederum vertieft werden müssen, sonst wird das Denken immer mate-
rialistischer und materialistischer. Und indem das Denken immer ma-
terialistischer wird, muß auch das Leben immer materialistischer wer-
den. Grundlegende Ideen - das ist das Charakteristische unserer jetzi-
gen fünften Epoche, die als Impulse wirken sollen, sie wirken nur als
abstrakte Ideen.
Und es gab eine Zeit, in der die Abstraktion als Lebensprinzip an
ihrem Höhepunkt angelangt war. Alles ist notwendig - verstehen Sie
mich recht —, ich will nicht etwa in Grund und Boden kritisieren, ich
spreche nicht vom Standpunkte der Sympathie und Antipathie, ich
charakterisiere, wie man wissenschaftlich charakterisiert. Ich will also
nicht tadeln - niemand soll das glauben -, daß es eine Epoche gegeben
hat, in der die abstrakten Weltideen ihren höchsten Triumph gefeiert
haben. Diese Epoche war damals, als man mit äußerster Abstraktion
drei Ideen aussprach: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Mit der
äußersten Abstraktion sprach man sie aus. Nicht aus einem konser-
vativen oder reaktionären Standpunkte ist das gesagt, sondern um die
Menschheitsentwickelung zu charakterisieren. Alles ruft nach Freiheit,
Gleichheit, Brüderlichkeit am Ende des 18. Jahrhunderts, nicht aus
der Seele, sondern aus dem denkerischen Gehirn heraus. Und das hat
sich im 19. Jahrhundert so fortgebildet, daß wir es noch heute überall
wie eine Gewohnheit nachklingen fühlen. Die Menschen haben sich
im Laufe des 19. Jahrhunderts furchtbar an die Abstraktion des Den-
kens gewöhnt und sind zufrieden in der Abstraktheit des Denkens, weil
sie sich dabei so gescheit vorkommen. Sie glauben, im Denken haben
sie die Wahrheit und empfinden kein Bedürfnis, in die Wirklichkeit
mit ihrem Denken unterzutauchen. Das muß wieder gelernt werden, in
die Wirklichkeit unterzutauchen; sonst bleibt es beim Deklamieren von
abstrakten Ideen, die keinen Lebenswert haben.
Das ist die große Krankheit unserer Zeit, das Deklamieren von ab-
strakten Ideen, die keinen Lebenswert haben. Wenn heute gesagt wird,
es müsse jetzt eine Zeit kommen, in der dem Tüchtigen freie Bahn ge-
boten wird in der Welt, wo der Tüchtige an den rechten Platz gestellt
wird, nun, was kann es denn Schöneres geben als diese Idee! Ist das
nicht ein wunderbares Ideal: Freie Bahn dem Tüchtigen! - Man glaubt
zuweilen aus der heutigen materialistischen Zeit heraus, indem man ein
solches Ideal ausspricht, die ganze Zukunft in seiner Brust zu tragen.
Was hilft aber ein solches abstraktes Ideal, wenn es dabei bleibt, daß
man seinen Schwiegersohn oder seinen Neffen für den Tüchtigsten hält?
Es kommt gar nicht darauf an, daß man ein abstraktes Ideal anerkennt,
ausspricht und deklamiert, sondern darauf, daß man mit seiner Seele in
die Wirklichkeit einzutauchen vermag, und die Wirklichkeit in ihrer
Wesenheit zu durchschauen, zu erkennen, zu durchdringen, zu erleben,
zu bearbeiten versteht. Schöne Ideen aussprechen und sich wohltun
im Aussprechen schöner Ideen wird sich immer mehr und mehr als
schädlich erweisen. Liebe zur Wirklichkeit, Erkenntnis, Anpassen an
die Wirklichkeit, das ist dasjenige, was in unsere Seele einziehen muß.
Das kann aber nur geschehen, wenn die Menschen wiederum lernen,
die ganze Wirklichkeit - denn die sinnliche Wirklichkeit ist nur die
äußere Schale der Wirklichkeit - zu erkennen. Wenn derjenige, der
einen Magneten in Hufeisenform sieht, sagt: Damit beschlägt man am
besten den Huf eines Pferdes - , hat er da die ganze Wirklichkeit? Nein,
erst wenn er erkennt, daß da drinnen in dem Eisen Magnetismus ist,
erst dann hat er die ganze Wirklichkeit. Aber wie der handelt, der mit
einem Magneten nichts anderes zu tun weiß, als ein Pferd zu beschla-
gen, so ist auch der, der eine äußere Naturwissenschaft oder Staats-
wissenschaft begründen will unter der Voraussetzung, daß alles nur
sichtbare Welt ist und mit Vorstellungen begriffen werden kann, die
aus der sichtbaren Welt entlehnt sind. Das gehört eben zur äußersten
Abstraktion, zur Schädlichkeit der abstrakten Ideale. Und man er-
kennt diese Schädlichkeit nicht, weil die Ideale wahr sind, weil sie auch
gut sind, aber sie sind wirkungslos. Sie dienen nur dem menschlichen
Erkenntnisegoismus, der Wollust dabei empfindet, in solchen Idealen
zu leben. Aber damit wird keine Welt regiert. Damit wird höchstens
eine Welt regiert, wie sie geworden ist in der ersten Hälfte des 20. Jahr-
hunderts.
Man muß schon solchen Empfindungen sich hingeben, wenn man
unsere Zeit tiefer verstehen will. Lebendig muß in dem Menschen wer-
den das seelische Leben, das so allmählich, wie ich das beschrieben
habe, herausgegangen ist aus unserer Umwelt, aus unserer angeschauten
Umwelt. Die Ideen müssen wieder konkret, wieder lebendig werden.
Brüderlichkeit ist eine schone Idee, als Abstraktion ausgesprochen be-
deutet sie gar nichts. Weiß man erstens, daß das menschliche Seelen-
wesen im Leibe, durch den Leib, auf dem physischen Plan hier lebt,
also leiblich-seelisch, seelisch-leiblich ist, weiß man zweitens, daß der
Mensch nicht nur seelisch-leiblich, sondern wirklich Seele ist, weiß man
drittens, daß die Seele geisterfüllt ist, kennt man also die Seele als drei-
gliederig und den Menschen als dreigliederig, kennt man den Menschen
in seiner Zusammensetzung aus Leib, Seele und Geist: dann hat man
den Anfang damit gemacht, die abstrakten drei Ideen von Brüderlich-
keit, Freiheit und Gleichheit konkret werden zu lassen. Vom Menschen
im allgemeinen, von diesem abstrakten Menschen zu sagen, er solle in
Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit leben, ist gar nichts als ein
Wortschwall. Notwendig ist, eine lebendige Erkenntnis davon zu er-
werben, daß der Mensch, insofern er im Leibe in der physischen Welt
lebt, eine soziale Ordnung braucht, die auf Grundlage der wirklichen
Brüderlichkeit begründet ist, daß aber Brüderlichkeit nur verstanden
werden kann, wenn man die Menschen als Leib betrachtet. Das ist der
Beginn der richtigen Idee von der Brüderlichkeit. Brüderlichkeit hat
nur einen Sinn, wenn man weiß, daß der Mensch eine Dreihei't ist und
die Brüderlichkeit anwendbar ist auf das Leibliche. Freiheit: Dazu
muß man wissen, daß der Mensch eine Seele hat, denn die Leiber kön-
nen nie frei werden. Es gibt keine Einrichtung, wodurch die Leiber
frei werden; die Entwickelung der Menschheit kann nur so sein, daß
die Seelen frei werden. Freiheit, als allgemeine Menschheitsidee aus-
gesprochen, ist eine Abstraktion. Freie Seelen zu den brüderlich le-
benden Leibern ist eine konkrete Idee. Gleich sind die Menschen
im Geiste. Ein altes Volkswort war sich dessen sogar bewußt: Nach
dem Tode werden alle gleich. - Man sah dabei auf den Geist. Indem
die Menschen als Geister leben, sind sie hier für die Erde gleich, aber
von Gleichheit zu sprechen hat nur einen Sinn, wenn man von diesem
dritten Gliede des Menschen, vom Geiste spricht. Lebendig muß es wer-
den, meine lieben Freunde, so daß man sagt: Dasjenige, was hier auf
der Erde in irgendeiner Ordnung herumwandelt, lebt in Leib, Seele
und Geist. Die Entwickelung muß so fortschreiten, daß die Leiber in
Brüderlichkeit, die Seelen in Freiheit, die Geister in Gleichheit leben. Es
reicht heute nicht die Zeit, die Sache weiter auszuführen, aber Sie wer-
den heute schon den ganz erheblichen Unterschied merken zwischen
abstrakten Ideen von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit und den
von Erkenntnis durchdrungenen konkreten Ideen, die dann auf das
Richtige angewendet sind.
Aber worauf beruht denn das ganze, daß man so abstrakt gewor-
den ist? Nun, es ist ja der Menschheit dasjenige ganz verlorengegangen,
was verhältnismäßig spat noch eine Mysterienwahrheit war: daß der
Mensch besteht aus Leib, Seele und Geist. Bei den Griechen war es noch
allgemein, den Menschen als Leib, Seele und Geist anzusehen. Bei den
ersten Kirchenvätern war es noch eine Selbstverständlichkeit. Das-
jenige, was im Niedergang der menschlichen Entwickelung lag, die
einen Aufstieg aus dem Christus-Prinzip wiederum braucht, das wurde
im Jahre 869 durch das Konzil zu Konstantinopel dogmatisch festgelegt,
indem der Geist abgeschafft worden ist. Verzeihen Sie, daß ich das so
grotesk ausdrücke. Es ist ja nur äußerlich dasjenige konstatiert worden,
was im Menschheitsbewußtsein auftrat durch die Verhältnisse, die ich
geschildert habe. Seit jener Zeit durfte man nicht mehr in der Theologie
lehren: Der Mensch besteht aus Leib, Seele und Geist - , sondern man
mußte lehren: Der Mensch besteht nur aus Leib und Seele - , wie es heute
die Philosophieprofessoren noch lehren. Und wenn so ein guter Wundt
oder ein anderer Philosophieprofessor unseres heutigen Zeitalters ei-
gentlich noch keine Ahnung davon hat, daß der Mensch eine Drei-
heit ist, sondern immerfort redet von Leib und Seele, so weiß er gar
nicht, daß er nur die Anordnungen des Konzils von Konstantinopel
vom Jahre 869 befolgt. Er weiß gar nicht, daß seine Lehre nur eine
Nachbildung dieses Konzilsbeschlusses ist. Ja, diese «voraussetzungs-
lose» Wissenschaft, die hat manchmal, wenn man genauer ihre Ent-
wickelungsgeschichte kennt, ganz merkwürdige Voraussetzungen. Die
voraussetzungslose Wissenschaft unseres jetzigen Zeitalters in der Phi-
losophie ist nämlich gar nicht zu denken ohne das Konzil zu Konstan-
tinopel, nur wissen es die Herren nicht.
Dasjenige, was da verdunkelt worden ist, daß der Mensch aus Leib,
Seele und Geist besteht, das muß durch Geisteswissenschaft wieder ge-
wonnen werden. Daher mußte mit vollem Bewußtsein gleich das erste,
was ich versuchte symptomatisch geltend zu machen gerade in unserer
mitteleuropäisch, anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft,
struktural durchdrungen sein, in dem Buche «Theosophie» nämlich,
von der Gliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist. Darauf ist
das ganze Buch aufgebaut. Das mußte radikal immer wieder und wie-
derum vor die Menschheit hingestellt werden; damit hatte sie aus der
Entwickelung heraus den dreigliederigen Menschen.
Sie sehen, wie bis ins einzelne herein, wenn man auf dem Boden der
Geisteswissenschaft steht, sich alles rechtfertigt, wie aber auch Geistes-
wissenschaft dazu geeignet ist, uns solche Vorstellungen, solche Ge-
fühls- und Willensimpulse zu geben, die uns zu wirklichen Mitarbei-
tern machen können im rechten Fortgang der neueren Menschheits-
entwickelung. Und ich möchte immer, daß ich eine Empfindung davon
hervorrufen könnte, daß Geisteswissenschaft nicht eine Theorie, nicht
eine Lehre bleiben darf, daß sie nicht etwas bleiben darf, was man so
als eine Wissenschaft pflegt, sondern was wirklich lebendiges, inneres
Seelenleben werden kann. Dieses erscheint mir viel wichtiger als die
bloße Bereicherung mit Begriffen, die ja selbstverständlich auch not-
wendig ist, denn wenn etwas belebt werden soll, so muß es zuerst be-
griffen sein. Wir müssen die Begriffe in uns haben, aber die Begriffe
dürfen nicht tot bleiben, sondern sie müssen lebendig werden. Geistes-
wissenschaft wirkt dann schon von selber so, daß wenn sie real er-
faßt wird, sie den ganzen Menschen anregt. Aber dann ist es auch not-
wendig, daß der ganze Mensch versucht, sie empfindend und willent-
lich zu verstehen. Wenn aber der ganze Mensch diese Geisteswissen-
schaft empfindend und willentlich versteht, dann kann er entsprechend
in ihr leben. Da darf ihm aber die Liebe niemals ausgehen zu der wirk-
lichen Erkenntnis und zu der sich fortentwickelnden Menschheit. Ge-
rade diese Liebe ist in unserer Zeit noch ein zartes Pflänzchen. Und
begreiflich ist es ja, wenn es auch unendlich traurig ist, wenn auf dem
Gebiet der geisteswissenschaftlichen Bewegung, wie wir sie auffassen,
dadurch daß persönliche Interessen manchmal nicht schöner Art das
zarte Pflänzchen der Liebe zur zeitgeforderten Erkenntnis heute noch
entstellen, der Haß seine Orgien gerade bei denjenigen feiert, die nicht
aus lauterer Erkenntnissehnsucht an die Geisteswissenschaft heran-
kommen, die so herankommen, daß, wenn einmal ihre Eitelkeit nicht
befriedigt wird, sich sogleich ihre Scheinliebe in Haß verwandelt. Denn
nur wirkliche Liebe kann zum Sieger werden über den Haß, Schein-
liebe ist sogar eine Erzeugerin des Hasses.
Wenn wir dies recht fühlen, dann werden wir auch zurechtkommen
mit den Erscheinungen, auf die ich ja schon zweimal hingewiesen habe,
mit jenen Erscheinungen, die so traurig heraufziehen über unsere An-
throposophische Gesellschaft, in der wir sehen, daß die starken Hasser
gerade aus den Kreisen der Anthroposophischen Gesellschaft hervor-
gehen. Besiegen werden wir diese Dinge nicht, solange wir auch ein
Prinzip unserer materialistischen Zeit anwenden, wie wir das ja heute
so gerne tun, das Prinzip: Ich will meine Ruhe haben! - wenn man sich
vor den Dingen verschließt oder die Dinge nicht beim rechten Namen
nennen will. Wenn jetzt Schmähschriften zahlreich erscheinen, so ist
nichts getan, wenn man diese Schmähschriften so ernst nimmt, daß
man die einzelnen Sätze widerlegt. Denn solchen Herren, wie die,
welche jetzt schreiben, kommt es nicht darauf an, ob sie das oder jenes
als Satz aufstellen. Solch einem Herrn zum Beispiel, der zurückge-
wiesen werden mußte, als er eine Schrift einreichte, die nicht bei uns
verlegt werden konnte, der dadurch in seinem Ehrgeiz sich gekränkt
fühlte, der, während er unserer Anthroposophischen Gesellschaft bis
dahin nachgelaufen ist, dann nachher zum Feinde wurde, dem muß
man sagen: Was du schreibst, ist einfach Unsinn, du weißt es selber
besser; du schreibst das alles aus dem Grunde, weil deine Schrift zu-
rückgewiesen worden ist. - Das ist die Wahrheit. Wenn man der Gei-
steswissenschaft zu dienen versteht, kommt es nicht darauf an, daß man
alle diese Dinge als Erfindung und Erdichtung im einzelnen widerlegt,
sondern daß man denjenigen in seinem wahren Lichte zeigt, der zum
Schein der geisteswissenschaftlichen Bewegung angehört hat und dann
nachher solche Dinge treibt, wie sie jetzt viele zu treiben anfangen,
und die noch mehr werden getrieben werden.
Oder es ist einer da - wie ich Ihnen vor einigen Tagen erzählt
habe - , der ein großer Maler werden wollte, es aber auf dem Wege ver-
suchte, daß er gebettelt hat, lernen zu dürfen; als man sich aber alle
Mühe gab, ihn vorwärtszubringen, wollte er alles besser wissen. Er
meinte, man werde nicht ein großer Maler, indem man lernt, sondern
indem man erklärt, man wäre ein Genie! Wenn man dann das Mal-
heur hat, das nicht zu werden, und, trotzdem man Lehrer beschafft
bekommt, nicht malen lernen kann, sondern nur kleckst, und wenn
andere nicht in der Lage sind, die Klecksereien als große Malereien an-
zuerkennen, dann kommt man und sagt: das sei Schuld der Übungen.
Einen solchen Menschen kuriert man in der richtigen Weise, indem
man die Wahrheit sagt. Es darf nicht aussehen, als ob die Geisteswis-
senschaft gefährdet wäre und die Dinge nicht zurechtgewiesen werden.
Die Dinge erfüllen sich schon karmisch. Es sollte schon auch in
mancher anderen Einzelheit das Richtige in unseren Kreisen geschehen,
wie es auf prinzipiell wichtigem Punkte geschehen ist. Denken Sie ein-
mal darüber nach, daß seit 1911 alle Fäden mit der Theosophischen
Gesellschaft der Mrs. Besant durchschnitten worden sind, und daß der
Krieg Englands gegen Deutschland erst 1914 begonnen hat. Das ist
etwas, wo gesagt werden darf: Prophetisch hat die Anthroposophische
Gesellschaft gehandelt. - Es wird im allgemeinen viel geschmäht -
das ist selbstverständlich nichts, was gegen das englische Volk gerichtet
ist, sondern gegen die Schmähenden, die heute das Nationalitatsprin-
zip in dieser Weise mißbrauchen - , aber so wider alles bessere Wissen,
wie Mrs. Besant unsere Anthroposophische Gesellschaft und mich
schmäht, ist das Schmähen doch eine Seltenheit. Und nachdem wir
das Buch «Die großen Eingeweihten» zuerst in Deutschland populär
gemacht haben, wir Schures Stücke aufgeführt haben, müssen wir nun-
mehr auch erleben, daß wir von Schure in der unmöglichsten Weise
angegriffen werden. Das sind Dinge, die sich gewissermaßen mehr in
den Weiten abspielen. Aber auch in der Enge bilden sich allmählich
die Feinde heraus.
17 1C7
Ein wenig Voraussicht muß sich der Anthroposoph aneignen und
ein wenig Wille zum Sehen dessen, was vorgeht, dessen, was kommen
wird. Man eignet sich diese Voraussicht an, wenn man dasjenige, was
auch in richtiger Weise als Devise, als Motto vorangesetzt worden ist
unserer Anthroposophischen Gesellschaft «Die Weisheit liegt nur in
der Wahrheit», ernst nimmt. Derjenige, der dies tief genug zu fassen
vermag «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit», der wird die richtige
Stellung einnehmen.
Damit, meine lieben Freunde, muß ich mich Ihnen für diesmal emp-
fehlen. Ich hoffe, daß unser diesmaliges Zusammensein der Ausgangs-
punkt sein kann eines guten Miteinanderarbeitens im Geiste, wenn wir
auch physisch nicht beisammen sein können. Versuchen wir in dem
Geiste unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zu
denken, zu empfinden und zu wollen, dann werden wir richtig zu-
sammen arbeiten.
ZWÖLFTER VORTRAG
Stuttgart, 23. Februar 1918

In kaum einer Zeit der Menschheitsentwickelung war es so notwendig


wie in dieser gegenwärtigen, sich in die Rätsel des übersinnlichen Le-
bens zu vertiefen, wenn auch kaum eine Zeit so viel Ablehnung hatte
gegen dieses Vertiefen in die übersinnlichen Probleme wie wiederum
diese gegenwärtige. Gerade die scheinbar entlegensten Fragen müssen
der heutigen Menschenseele ganz besonders naheliegen. Und so lassen
Sie uns heute zunächst dasjenige betrachten, was die materialistische
Gesinnung der Gegenwart glaubt, dem menschlichen Bewußtsein mög-
lichst fernrücken zu müssen, was aber doch dem Menschenleben un-
endlich nahe ist. Und zu wissen, daß das Gemeinte dem menschlichen
Leben unendlich nahe ist, das gehört eben zu den besonderen Aufgaben
unserer Zeit. Wir wollen von uns gut Bekanntem mit ein paar Bemer-
kungen ausgehen, um uns einen Stoff, den wir auch schon öfters von
diesem oder jenem Gesichtspunkte aus betrachtet haben, heute wie-
derum von einem anderen Gesichtspunkte aus nahe zu führen.
Wir wissen ja alle, daß es für die geisteswissenschaftliche Betrach-
tung eine besondere Bedeutung hat, das gesamte menschliche Leben
nach seinen zwei großen Gegensätzen, die in den Alltag hineinspie-
len, immer wieder und wiederum zu betrachten, es zu betrachten nach
der besonderen Wesenheit der abwechselnden Zustände des Schlafens
und des Wachens. Gerade diese polarischen Gegensätze von Schlafen
und Wachen haben wir ja von den verschiedensten Gesichtspunkten
aus immer wieder und wiederum durch unsere geisteswissenschaftliche
Untersuchung ins Auge fassen müssen.
Nun ist Ihnen ja schon aus den verschiedensten Mitteilungen be-
kannt, daß diese Unterscheidung, wie man sie gewöhnlich macht zwi-
schen Schlafen und Wachen, wonach sich das menschliche Leben eben
so einteilt, daß man etwa zwei Drittel oder mehr des Tages im wachen
Bewußtsein lebt - oder auch weniger - und ein Drittel in dem schla-
fenden Bewußtsein verbringt, eine zunächst nur äußerliche und ober-
flächliche Betrachtung ist. Auch wenn man die Sache, so wie sie un-
mittelbar in dieser Art gegeben ist, weiter ausführt, um hinter den Cha-
rakter des Schlafens und Wachens zu kommen, bleibt sie doch gegen-
über den Tiefen, die hier erreicht werden können, für geisteswissen-
schaftliche Anschauungen noch immer etwas oberflächlich. Denn wir
müssen uns klar sein darüber, daß der Schlafzustand nicht nur dann
in unserem Seelenleben vorhanden ist, wenn wir im oberflächlichen
Sinne schlafen, nicht nur in der Zeit, die zwischen Einschlafen und
Aufwachen vergeht, sondern daß unsere Seele den Schlafzustand in
einem gewissen Grade auch hineinträgt in den sogenannten Wach-
zustand. Wir sind ja eigentlich in Wahrheit auch dann, wenn wir für
das gewöhnliche Bewußtsein wachen, nur zum Teil wach. Wir sind in
diesem gewöhnlichen Bewußtseinszustand niemals vollständig wa-
chend. Und wenn wir uns vom geisteswissenschaftlichen Gesichts-
punkte aus fragen: Inwiefern sind wir vollständig wach? - so müssen
wir uns die Antwort geben: Wach sind wir mit Bezug auf alles das-
jenige, was wir Wahrnehmung der äußeren Sinneswelt nennen sowie
Verarbeitung dieser Wahrnehmungen der äußeren Sinneswelt durch
die Vorstellungen. In unserem Wahrnehmungs- und Vorstellungsleben,
in unserem Denkleben also sind wir zweifellos wach. Wir würden gar
nicht darauf kommen, von unserem Wachzustand zu sprechen, wenn
wir nicht eben als solchen Wachzustand bezeichnen wollten eine ge-
wisse innere Seelenverfassung, die vorhanden ist, wenn wir die äußere
Welt wahrnehmen im vollbewußten Zustand und über sie denken, über
sie Vorstellungen bilden.
Aber wir können nicht sagen, daß wir für unser Gefühlsleben in
demselben Sinne wach sind wie für unser Wahrnehmungs- und Vor-
stellungsleben. Es ist nur eine Täuschung, wenn der Mensch glaubt, daß
er mit Bezug auf sein Gefühlsleben, sein Affektleben, sein Emotions-
leben so wach ist vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wie er es ist
in bezug auf sein Wahrnehmen und Denken oder Vorstellen. Wer sich
dieser Täuschung hingibt, der tut das deshalb, weil wir ja unsere Ge-
fühle immer mit Vorstellungen begleiten. Wir stellen uns nicht nur
die äußeren Dinge vor, stellen uns nicht nur Tisch und Stuhl und
Baum und Wolke vor, sondern wir stellen uns auch unsere Gefühle
vor; und indem wir uns unsere Gefühle vorstellen, wachen wir in den
Vorstellungen der Gefühle. Aber die Gefühle selbst wogen aus unter-
bewußten Seelentiefen herauf. Für den, der die inneren Seelenvorgänge
beobachten kann, wogen die Gefühle, die Affekte, die Emotionen, auch
die Leidenschaften nicht in einer größeren inneren Wachheit herauf
als die Eindrücke des Traumes. Die Eindrücke des Traumes sind bild-
haft. Wir wissen sie ganz genau zu unterscheiden für das gewöhnliche
Bewußtsein von den äußeren Wahrnehmungen. Unser Bewußtsein ist
den wirklichen Gefühlen gegenüber nicht wacher als dem Traume ge-
genüber. Würden wir zu jedem Traum gleich beim Erwachen, ohne
daß wir zwischen dem Traume und der Vorstellung des Traumes un-
terscheiden könnten, ebenso eine Vorstellung hinzufügen, wie wir zu
unseren Gefühlen einen Gedanken, eine Vorstellung immer hinzufü-
gen, so würden wir auch unsere Träume für Inhalt eines wachen Er-
lebens halten. An sich selbst sind unsere Gefühle nicht in einem wa-
cheren Zustand erlebt als unsere Träume.
Und noch weniger werden unsere Willensimpulse in einem Wach-
zustand erlebt. Mit Bezug auf den Willen schläft der Mensch fort-
während. Er stellt sich etwas vor, wenn er etwas will; er hat eine Vor-
stellung, wenn er - nehmen wir einen einfachen Willensimpuls - , um
etwas zu ergreifen, die Hand ausstreckt. Aber was da eigentlich vor-
geht im Seelenleben und im Leibesleben, wenn wir eine Hand aus-
strecken, um irgend etwas heranzuziehen, das bleibt so im Unbewußten
wie der traumlose Schlaf. Während wir unsere Gefühle verträumen,
verschlafen wir in Wirklichkeit unsere Willensimpulse. Als Gefühls-
mensch träumen wir, als Willensmensch schlafen wir auch im soge-
nannten Wachzustand, so daß wir eigentlich auch dann, wenn wir im
Wachzustand sind, also vom Aufwachen bis zum Einschlafen, nur mit
der Hälfte unseres Wesens wach sind, während wir mit der anderen
Hälfte unseres Wesens fortschlafen. Wir wachen in bezug auf unsere
Wahrnehmungen und auf unser Gedankenleben, wir schlafen und träu-
men fort mit Bezug auf unser Willensleben und unser Gefühlsleben.
Solche Dinge lassen sich kaum durch Stärkeres beweisen, erhärten, als
durch dasjenige, was jetzt eben schon andeutend gesagt worden ist.
Denn daß man solche Dinge anerkennt, das hängt davon ab, ob man
das Seelenleben richtig beobachten kann. Wer dieses Seelenleben rieh-
tig beobachten kann, der wird unbedingt die innere seelische Gleich-
heit von Gefühlen, Affekten, Leidenschaften und Träumen herausfin-
den. Es gibt eine sehr schöne Abhandlung von Friedrich Theodor
Viseber, dem ja besonders in dieser Stadt sehr bekannten sogenannten
V-Vischer, über die «Traumphantasie», worin er diese richtige Beob-
achtung von der Verwandtschaft des Gefühls-, des Leidenschaftsle-
bens mit der Traumwelt in sehr schöner Weise hervorgehoben hat.
Wir gehen also auch wachend durchs Leben, indem wir nicht nur
umgeben sind von der Welt, die wir durch unsere Sinne wahrnehmen,
von der Welt, die wir denken, sondern indem wir umgeben sind von
einer Welt, von der wir eigentlich in unseren Gefühlen nur träumen
können, von der wir, als mit unseren Willensimpulsen drinnenstehend,
nicht mehr erleben, als wir von unserer Umgebung im Schlafe erleben,
nämlich eigentlich nichts. Aber eine Welt, von der man schlafend nichts
erlebt, ist doch eben um uns herum. So wie die Tische und Stühle und
die anderen Gegenstände in dem Zimmer sind, in dem ein Schlafender
ist, der aber von ihnen, während er schläft, nichts weiß, so weiß der
Mensch nichts von derjenigen Welt, aus der seine Gefühls- und Wil-
lensimpulse kommen, weil er mit Bezug auf diese Welt fortwährend
schläft. Nun ist aber gerade diese Welt, mit Bezug auf welche wir so
fortwährend schlafen, diejenige, die wir gemeinsam haben mit Men-
schenseelen, die nicht mehr im Leibe verkörpert sind.
Wir haben von den verschiedensten Gesichtspunkten aus versucht,
geisteswissenschaftlich die Brücke zu schlagen zwischen den sogenann-
ten Lebenden und den sogenannten Toten. Wir können diese Brücke
vorstellungsgemäß auch schlagen, indem wir uns bewußt werden, daß
wir mit den im physischen Leibe verkörperten Menschen, weil diese
unserem Wahrnehmungsvermögen und unserem Gedankenleben zu-
gänglich sind, in unserem gewöhnlichen Wachzustand verbunden sind.
Mit den sogenannten Toten sind wir im gewöhnlichen Wachzustand
nicht verbunden, weil wir einen Teil der uns umgebenden Welt ja fort-
während verschlafen. Würden wir eindringen in diese Welt, die wir
so verschlafen, so wären wir nicht mehr getrennt von der Welt, in
welcher der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt lebt.
So wie wir umgeben sind von der Luft, so sind wir umgeben von der
Welt, in der der Mensch sich zwischen dem Tod und einer neuen Ge-
burt befindet, nur wissen wir von dieser Welt nichts, eben aus dem
angeführten Grunde: weil wir sie verschlafen. Das hellsichtige Be-
wußtsein, in der Art, wie wir es öfters charakterisiert haben, führt da-
zu, diese Welt, die sonst verschlafen wird, anzuerkennen, diese Welt,
in der der Mensch sich befindet zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt. In diese Welt so einzudringen, daß man zu einer gewissen Si-
cherheit darüber kommt, daß die eigene Seele durch des Todes Pforte
seelisch lebendig geht, um in eine andere Welt einzutreten und in einem
neuen Erdenleben wiederzukehren, das ist ja verhältnismäßig nicht
schwierig, wenn man sorgfältig dasjenige auf die Seele wirken läßt, was
in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»
oder in ähnlichen Büchern enthalten ist.
Schon viel schwieriger ist es, in diese Welt, die der Mensch durch-
lebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, so einzudringen, daß
konkrete, bestimmte Beziehungen sich herstellen können zwischen dem
Menschen hier im physischen Leibe und konkreten Toten. Diese Be-
ziehungen, sie sind in einer gewissen Weise immer da, wenigstens zwi-
schen gewissen Lebenden und gewissen Toten. Aber gerade in dem,
was ich heute schon gesagt habe, kann man die Gründe sehen, weshalb
sich der Mensch nicht bewußt ist, daß Beziehungen zwischen ihm und
gewissen sogenannten Toten immer vorhanden sind. Und gerade das-
jenige, was das schauende Bewußtsein erlebt, wenn es sich in Bezie-
hung bringen kann zu einzelnen Toten, gerade das kann uns Belehrung
darüber bringen, warum der Mensch im gewöhnlichen Wachbewußtsein
nichts kennenlernt von seinen Beziehungen zu den Toten, die als wirk-
liche Beziehungen, wie gesagt, immer vorhanden sind. Man muß, wenn
solche bewußten Beziehungen hergestellt werden sollen zwischen dem
schauenden, dem aufwachenden Bewußtsein und gewissen Toten, sich
gewisse Seelenerlebnisse aneignen, die ganz anders sind als die Seelen-
erlebnisse, an die wir uns einmal im Wachbewußtsein gewöhnt haben.
Gerade auf diesem Gebiet zeigt es sich, wie man alle Gewohnheiten,
die man ausgebildet hat für das Erkennen der physischen Umwelt, ab-
legen und durch andere ersetzen muß, wenn man mit schauendem Be-
wußtsein in die konkrete geistige Welt eindringen will. Wenn der
Schauende einem ganz bestimmten einzelnen sogenannten Toten ge-
genübersteht, dann kann er sich allerdings mit ihm richtig verständi-
gen, aber er muß eben über gewisse Seelengewohnheiten hinauskom-
men. Die Art, wie man in einem solchen Falle seelisch erlebt, ruft in
dem, dem solche Vorstellungen ganz ungewohnt sind, naturgemäß Be-
fremden hervor.
Indem wir hier in der physischen Welt einem anderen Menschen
gegenüberstehen und uns mit ihm besprechen, ist es so, daß wir wissen:
Wenn wir zu dem anderen Menschen etwas sagen, dann kommt das
Gesagte aus unseren eigenen Stimmorganen, es strahlt gewissermaßen
von uns aus und geht zu dem anderen hin. Und wenn er uns antwortet
oder uns wiederum etwas mitteilt, so strahlt das von seinen Stimmor-
ganen aus und strahlt zu uns herüber. - Ganz anders ist es, wenn man
konkrete Beziehungen zwischen dem schauenden Bewußtsein und ei-
nem ganz bestimmten Toten hat. Da ist es so, daß man sich vollständig
umgewöhnen muß. Wenn wir selbst dem Toten etwas mitteilen, wenn
wir den Toten fragen, wenn wir ihm etwas sagen, dann müssen wir -
so sonderbar das klingt - uns die Fähigkeit angeeignet haben, daß das-
jenige, was wir selbst sagen, uns von ihm entgegenkommt, daß es von
ihm ausgeht und zu uns herstrahlt. Wir müssen in der Lage sein, um
einem Toten eine Mitteilung machen zu können, daß wir uns selber so
ausschalten und so in ihm leben, daß er eigentlich dann spricht, wenn
wir ihn fragen, wenn wir ihm eine Mitteilung machen. Und wiederum,
wenn er uns antwortet, wenn er uns eine Mitteilung machen will, dann
dringt das aus unserer eigenen Seele heraus, dann kündigt das sich so
an, daß wir wissen: von uns strahlt es gewissermaßen aus. Also wir
müssen uns völlig wenden, umkehren, wenn wir in ein reales Verhält-
nis zu einem konkreten Toten kommen wollen. Das ist, wenn es sich
auch in einfacher Weise charakterisieren läßt, im seelischen Erleben
eine außerordentlich schwierige Sache. Sich geradezu entgegengesetzt
zu verhalten zur Umwelt, als man es gewohnt ist in der physischen
Welt, das eignet man sich außerordentlich schwer an. Ein echter Ver-
kehr mit den sogenannten Toten ist aber nur unter diesen Vorausset-
zungen möglich.
Wenn Sie aber andererseits dies bedenken, daß man innerlich voll-
ständig umlernen muß, so werden Sie begreifen, daß Beziehungen immer
da sein können zwischen den sogenannten Lebenden und den sogenann-
ten Toten, daß aber die sogenannten Lebenden wenig Neigung zeigen
werden, diese Beziehungen anzuerkennen. Denn die Lebenden sind ge-
wöhnt — und eine solche Gewöhnung bedeutet mehr, als man gewöhn-
lich denkt - , wenn sie selber etwas sagen, es von sich ausstrahlend
wahrzunehmen; wenn der andere etwas sagt, es von dem anderen aus-
strahlend wahrzunehmen. Und wer ganz eingerostet ist in die Vor-
urteile der physischen "Welt, der wird von vorneherein so etwas, wie
ich es jetzt ausgesprochen habe, selbstverständlich ganz töricht finden
müssen. Aber es ist einmal so: In die geistige Welt kann man nicht ein-
dringen, wenn man sich nicht damit vertraut macht, daß eigentlich in
der geistigen Welt vieles - ich sage vieles, nicht alles - sich gerade ent-
gegengesetzt verhält zu den Gewohnheiten, die wir uns hier in der
physischen Welt angeeignet haben. Und ein so gründlich Entgegen-
gesetztes ist dasjenige, was ich eben auseinandergesetzt habe. Erst wenn
man sich durch eine sehr intime Übung in ein solch Ungewohntes hin-
eingefunden hat, kann man ein Urteil darüber haben, wie beschaffen
die gewöhnlichen Beziehungen eines jeden Menschen zu gewissen To-
ten sind, wie sich diese Beziehungen gestalten.
Wie gesagt, diese Beziehungen sind fortwährend vorhanden. Wir
müssen nur, wenn wir den Blick werfen wollen auf diese Beziehungen,
nicht außer acht lassen, daß wir zu den gewöhnlichen polarisch ent-
gegengesetzten Erlebnissen des Tages: Wachen und Schlafen - , noch
zwei andere hinzuzurechnen haben, die ganz besonders wichtig sind
für die Beziehungen der sogenannten Lebenden zu den sogenannten
Toten, die aber bewußt zu erleben wiederum gegen die üblichen Ge-
wohnheiten des Menschen geht. Außer dem gewöhnlichen Wachen
und Schlafen gibt es nämlich das Einschlafen und das Aufwachen.
Diese im Augenblick vorüberhuschenden Zustände des Einschlafens
und Aufwachens sind für das gesamte seelische Leben des Menschen
ebenso wichtig wie das langdauernde Schlafen und Wachen, aber sie
huschen eben vorüber. Den Moment des Aufwachens erlebt der Mensch
aus dem Grunde nicht, weil ja gerade darauf das volle Erwachen folgt,
und der Mensch nicht geneigt ist, so schnell wahrzunehmen, wie er
wahrnehmen müßte, wenn er den vorüberhuschenden Augenblick des
Erwachens ergreifen wollte; der wird übertönt, übertäubt, durch das
nachherige Wachleben. In naiveren Menschheitsverhältnissen, wo man
von solchen Dingen manches gewußt hat, hat man auch angedeutet,
was es in dieser Beziehung mit der menschlichen Seele für eine Be-
wandtnis hat. Nur verlieren sich nach und nach, je mehr der Mate-
rialismus fortschreitet, diese Dinge. Bei naiven, primitiven Menschen
auf dem Lande draußen hört man es öfters noch sagen: Man soll, wenn
man aufwacht, nicht gleich ins helle Fenster schauen, man soll nicht
gleich die Augen aufmachen. - Solch eine Rede geht aus einem sehr
tiefen Instinkte hervor, aus dem Instinkte, nicht sogleich durch das
wache Tagesleben den Moment des Aufwachens zu übertäuben, um
etwas festhalten zu können von dem, was im Moment des Aufwachens
da ist.
Ebenso wichtig aber ist der Moment des Einschlafens, nur schläft
man meist gleich hinterher ein. Das Bewußtsein hört dann auf. Und
daher wird der Moment des Einschlafens für das gewöhnliche Bewußt-
sein auch nicht in gehöriger Weise beachtet.
Gerade wichtig für die Beziehungen des Menschen, der hier in der
physischen Welt verkörpert ist, zu den Toten, erweist sich aber das-
jenige, was erlebt werden kann und auch wirklich erlebt wird im Mo-
mente des Einschlafens und im Momente des Aufwachens. Solche Dinge
können ja natürlich nur beobachtet werden mit dem schauenden Be-
wußtsein. Wenn aber das schauende Bewußtsein es dahin gebracht
hat, solche Beziehungen zu gewissen Toten herzustellen, die nur her-
gestellt werden können durch die angeführte vollständige Umwand-
lung, Umgewöhnung der Seelenverfassung, dann kann es auch beurtei-
len, wie die wirklichen, aber unbewußten Verhältnisse der sogenannten
Lebenden zu den sogenannten Toten sind. Am günstigsten, um allerlei,
was wir selber in der Seele an Beziehungen zu bestimmten Toten ent-
wickelt haben, an die Toten heranzubringen, ist der Moment des Ein-
schlafens. Und am günstigsten, um Antworten, um Mitteilungen von
den Toten ins physische Erdenleben hereinzubekommen, ist der Mo-
ment des Aufwachens.
Sie müssen sich nicht daran stoßen, daß dasjenige, was ich jetzt ge-
sagt habe, ja bedingt, daß der Mensch im Einschlafen irgendeine Frage
an den Toten richtet, eine Mitteilung an den Toten gelangen läßt, und
erst im Moment des Aufwachens eine Antwort oder eine Rückmittei-
lung bekommt. Mit Bezug auf die übersinnliche Welt sind die Zeit-
verhältnisse ganz anders. Was durch Stunden auseinandergerückt ist
hier für die physische Welt, braucht nicht auch auseinandergerückt zu
sein im wirklichen übersinnlichen Leben. Man kann durchaus sagen:
Während man hier im physischen Leben, wenn man jemand fragt, so-
gleich eine Antwort erwartet, empfindet man dort das Verhältnis ge-
rade so, daß, wenn man mit dem Einschlafen Fragen an den Toten
richtet, man die Antwort mit dem Aufwachen erhält. Diese Beziehung
ist wirklich zwischen Lebenden und Toten immer vorhanden.
Eigentlich hat jeder Mensch, der ihm zugehörige andere Menschen
für den physischen Plan dadurch verloren hat, daß sie durch die Pforte
des Todes gegangen sind, solche Beziehungen, die ihre wichtigste Ent-
faltung im Einschlafen und Aufwachen erleben. Sie werden nur aus
dem Grunde nicht in das Bewußtsein heraufgebracht, weil eben diese
günstigen Momente schnell vorüberhuschen und der Mensch nicht ge-
wöhnt ist, das ins Bewußtsein aufzunehmen, was in diesen schnell vor-
überhuschenden Momenten an seine Seele herantritt. Um das, was in
solchen vorüberhuschenden Momenten an uns herankommt, festzuhal-
ten, ist ja nichts geeigneter als die Beschäftigung mit den feineren, sub-
tileren Gedanken der Geisteswissenschaft. Wer Geisteswissenschaft
sich so aneignet, daß sie nicht ein bloßes Kopfwissen, sondern eine
innere Substanz der Seele selbst ist, etwas, das nicht nur mit Klugheit,
sondern mit Liebe ergriffen wird, so daß es ganz in die Seele übergeht,
wer nicht nur mit wissenschaftlicher Neugierde oder mit Wißbegierde
an den Gedanken der Geisteswissenschaft hängt, sondern mit Liebe
ihnen nachgeht, dem senkt gerade diese Liebe in die Seele solche Kraft,
daß er bei einiger Aufmerksamkeit schon nach und nach der hier an-
geführten großen Bedeutung der Momente des Einschlafens und des
Aufwachens gewahr wird. Und je mehr Geisteswissenschaft in die
Seelen der Menschen sich senken wird, desto mehr werden die Men-
schen in das reale Leben nicht nur das aufnehmen, was sie im Wachen
erleben, sondern auch dasjenige, was ihnen aus einer übersinnlichen
Welt zukommt im Einschlafen, namentlich aber im Aufwachen. Wir
müssen uns nur klar sein, daß wir solche realen Beziehungen, wie ich
sie jetzt meine, eigentlich nur immer zu solchen Toten herstellen kön-
nen, mit denen wir irgendwie karmisch verbunden sind. Aber wir sind
mit viel mehr Seelen karmisch verbunden, als wir glauben. Für den
bewußten oder unbewußten Verkehr zwischen Lebenden und Toten
ist allerdings die karmische Verbindung etwas so Notwendiges, wie
es notwendig ist, das Auge auf ein Sinnesobjekt zu richten, um es wahr-
zunehmen. Wie da die Sinnesbeziehung hergestellt werden muß, so
ist eine Voraussetzung für einen Verkehr zwischen Lebenden und
Toten, daß gewisse karmische Beziehungen zwischen ihnen herrschen
oder wenigstens hergestellt werden.
Wenn wir nun den Moment des Einschlafens zunächst ins Auge
fassen, so ist das derjenige Augenblick, der besonders günstig ist, um
an irgendeinen, der hinweggegangen ist, und der uns lieb und wert
war, der mit uns sonst karmisch verbunden war, dasjenige heranzu-
bringen, was wir zu ihm an Beziehungen entwickelt haben. Der Augen-
blick des Einschlafens ist dafür besonders gut. Wir entwickeln natürlich
unsere Beziehungen zu den Toten, mit denen wir karmisch verbunden
sind, in dem wachen Tagesleben vom Aufwachen bis zum Einschlafen.
Wir gedenken der Toten. Alles dasjenige, was wir in der Weise im Ver-
hältnis zu den Toten denken, daß wir es etwa gerne an sie heran-
bringen möchten, daß wir es ihnen gerne sagen möchten, das drängt
sich dann im Moment des Einschlafens zusammen und gelangt, wenn
es uns auch unbewußt bleibt, für das gewöhnliche Bewußtsein, zu den
Toten hin. Nur ist eine gewisse Seelenverfassung für diese Mittei-
lungen ganz besonders günstig, eine andere Seelenverfassung ungünstig.
Sehen Sie, ein bloß trockenes, kaltes Denken an die Toten, das ist
wenig geeignet, zu den Toten wirklich hinzugelangen, als Mitteilung
an sie heranzukommen. Wollen wir, daß gewissermaßen der Moment
des Einschlafens wirklich ein Tor wird, durch das unsere eigenen See-
lenerlebnisse, die zu den Toten Beziehungen haben, zu den Toten hin-
dringen, dann müssen wir uns mit den Toten in anderer Weise wachend
beschäftigen als durch kalte, trockene Gedanken. Wir müssen versuchen,
Gedanken rege zu machen, welche uns mit dem Toten, während er
noch selbst hier unter den sogenannten Lebenden weilte, verbunden
haben. Aber wir müssen in die Gedanken dann besonders dasjenige
hineinlegen, was eine gemüthafte Verbindung herstellen kann. In
gleichgültiger Weise an den Toten denken hilft nicht viel. Alles das-
jenige aber, was einen gemüthaft mit ihm verbunden hält, das ist gut,
sich vor die Seele zu rufen: Wie man mit dem Toten da oder dort war,
wie man gerade sich mit ihm unterhalten hat, dadurch daß man für
etwas, was ihn besonders interessierte, aus dem Gefühl heraus selber
ein reges Interesse entwickelte; oder eine Situation in sich wachzu-
rufen, wie man einmal mit dem Toten zusammen war hier im Leben
und etwas, was ihm nahegegangen ist, einem auch naheging, oder um-
gekehrt; wie man versucht war, etwas, was man erlebt hat, weil man
den anderen gerne hatte, dem anderen mitzuteilen, um es mit ihm
gemeinsam zu erleben. Nicht trockene Gedanken, sondern von Liebe,
von Gemüthaftigkeit durchsetzte Gedanken! Diese Gedanken, die
bleiben dann in unserer Seele bis zum Moment des Einschlafens. Und
da findet sich dann das Tor, durch das sie als Mitteilung sicher zu dem
Toten kommen.
Wir sollten uns über diese Dinge eigentlich nicht täuschen. Wir
träumen von einem Toten. Wenn wir von einem Toten träumen, so ist
das schon in sehr vielen Fällen - natürlich nicht in allen Fallen - her-
rührend von einer realen Beziehung zu dem Toten. Aber das, was wir
träumen, insofern es dem Moment des Einschlafens folgt, ist eigent-
lich nur eine traumartige, bildhafte Umgestaltung desjenigen, was
wir dem Toten mitteilen. Wir erleben nicht den Moment des Einschla-
fens, wo wirklich solche Gedanken, wie eben charakterisiert, zu dem
Toten hinübergehen, weil dieser Moment des Einschlafens so schnell
vorüberhuscht. Aber dieser Moment des Einschlafens klingt eigent-
lich nach in dem folgenden Schlafe, klingt in dem Traume aus. Wenn
wir die Sache richtig verstehen, so werden wir Träume von Toten
nicht auslegen als Botschaften von den Toten. Sie könnten es sein,
werden es aber in der Regel nicht sein. Es sind halb uns zum Bewußt-
sein kommende Impulse, die uns das Folgende besagen. Träumen wir
von einem Toten, so bedeutet das: Wir haben an einem vorhergehen-
den Tage einen solchen Gedanken an den Toten willkürlich oder un-
willkürlich gerichtet, wie ich ihn charakterisiert habe. Dieser Gedanke
hat den Weg zu dem Toten gefunden, und der Traum zeigt uns an, daß
wir eigentlich zu dem Toten gesprochen haben. Das, was der Tote
uns dann antwortet, was der Tote uns mitteilt, diese Botschaften vom
Toten, die kommen besonders leicht herein im Moment des Auf-
wachens. Und sie würden sich viel leichter einstellen für die soge-
nannten Lebenden, wenn diese in unserer gegenwärtigen Zeit nur über-
haupt Zeit hätten, Neigung hätten, ein wenig achtzugeben auf das-
jenige, was zwischen den Zeilen des Lebens aus tiefen Untergründen
des Bewußtseins heraufkommt.
Ja, der heutige Mensch ist eitel und selbstsüchtig, und wenn irgend
etwas in seiner Seele aufsteigt, dann ist er sich zumeist klar darüber,
daß es seine Genialität ist, die das hat aufsteigen lassen. Bescheiden
sein, das ist ja eine ins Leben hineingestellte Ermahnung; im Inneren
seines Wesens bescheiden zu sein ist für den Menschen nicht so ganz
leicht. Bescheiden zu sein bedeutet auch, daß man wirklich unterschei-
den lernt zwischen dem, was aus der eigenen Kraft der Seele herauf-
kommt, und dem, was von fremden, übersinnlichen Impulsen aus der
eigenen Seele heraufkommt. Wie derjenige, der das schauende Bewußt-
sein hat, die Antwort des Toten von der eigenen Seele aus aufsteigend
empfindet und wahrnimmt, so kommen diese Antworten der Toten,
diese Botschaften von den Toten in der Zeit des Wachens vom Aufwa-
chen bis zum Einschlafen aus den Tiefen der Seele herauf. Allein, man
kann sagen: Ebensowenig wie der Mensch während des Tages die Sterne
sieht - trotzdem sie fortwährend am Himmel stehen - , weil das Son-
nenlicht sie übertönt, ebensowenig nimmt der Mensch im gewöhn-
lichen Bewußtsein wahr, was da von dem Grunde seiner Seele fort-
während heraufkommt, weil das äußere Leben, das durch die Ein-
drücke der Sinne veranlaßt wird, das eben übertönt. Wird man intim,
möchte ich sagen, mit seiner eigenen Seele bekannt, lernt man unter-
scheiden dasjenige, von dem wir selbst der Ursprung sind, von dem,
was als Fremdes herauftönt aus der eigenen Seele, dann lernt man
nach und nach auch im wachen Tagesleben Botschaften der Toten
erkennen. Dann aber verbindet man mit dieser Erkenntnis etwas außer-
ordentlich Wichtiges. Dann sagt man sich: Wir sind ja eigentlich nicht
von den Toten getrennt, die Toten leben unter uns. Sie kündigen sich
eben nicht an so wie andere sinnliche Wesen, die uns von außen her
ihre Impulse senden, sondern sie kündigen sich von innen heraus an,
sie sprechen durch unser eigenes Innere zu uns, sie tragen uns.
Allerdings, die Menschheit der Gegenwart und der nächsten Zu-
kunft wird sich, so notwendig sie es hat, schwer daran gewöhnen, nicht
mehr zu glauben, daß die Impulse, unter denen sie handelt, nur von
der sinnlichen Außenwelt kommen, zu erkennen, daß in dem, was wir
unser soziales, unser sonstiges Leben nennen, nicht nur der sogenannte
Lebende lebt, sondern auch der sogenannte Verstorbene, daß die Toten
immer da sind und in uns und mit uns wirken. In mythischer Form
haben es die alten Menschen gewußt. Wenn die alten Menschen werte
Dahingestorbene als Stammesherren, als Ahnengötter verehrt haben,
so rührte das davon her, daß die alten Menschen im atavistischen Be-
wußtsein Erkenntnisse davon hatten, daß die Toten immer da sind,
daß sie durch die Lebenden immer wirken. Dieses Bewußtsein mußte
allerdings aus guten Gründen für die Menschheit verlorengehen, aber
es muß wiederkommen! Man wird wieder wissen müssen, daß in un-
serer Umgebung die Toten sind, daß durch unsere Seele die Toten
sprechen, daß wir Gemeinschaft mit den Toten haben. Man wird an-
erkennen müssen, daß die Geisteswissenschaft gefragt werden muß,
wie das Leben eigentlich beschaffen ist, und daß die äußere Wissen-
schaft über das Leben irreführen muß, weil sie nicht zu unterscheiden
weiß zwischen dem, was aus der sinnlichen Welt kommt, und dem,
was aus der übersinnlichen Welt kommt. Unsere Geschichtsschreibung
ist ja im Grunde genommen allmählich zu etwas ganz grotesk Unsin-
nigem geworden. Man spricht von Ideen, die in der Geschichte leben
sollen, als wenn die Ideen heranflögen wie Kolibris oder andere Vögel,
während in Wahrheit die Impulse, die vielfach als geschichtliche Im-
pulse da sind, eben die Impulse der Toten sind.
Dieses Bewußtsein von dem Gemeinschaftsleben mit den Toten,
das muß sich ausbilden. Und indem sich das Bewußtsein ausbildet,
und indem dann das menschliche Seelenleben verfeinert wird durch die
Begriffe der Geisteswissenschaft, die nur dann das menschliche Leben
nicht verfeinern, wenn sie theoretisch und nicht liebevoll gefaßt wer-
den - indem das alles eintritt, werden gewissermaßen die Toten auch
für das Bewußtsein der Menschheit gegenwärtig werden. Dann wird
derjenige große Teil der Wirklichkeit, der heute unbewußt bleibt und
unberücksichtigt bleibt, mitberücksichtigt werden. Man wird dann
erst mit der vollen Wirklichkeit und in der vollen Wirklichkeit leben.
Das ist eine Aufgabe für die Menschheit von dieser Zeit an. Denn die
Menschheit lebt gegenwärtig in einer großen Katastrophe. Die tie-
feren Gründe, warum diese Katastrophe entstanden ist, sind die, daß
die Menschen verlernt haben, in der Wirklichkeit zu leben. Die Men-
schen sind durch das materialistische Bewußtsein weit getrennt von
der Wirklichkeit. Sie glauben der Wirklichkeit nahe zu sein, weil sie
nur den einen Teil der Wirklichkeit, die sinnliche Wirklichkeit gelten
lassen und das andere für einen Gegenstand der bloßen Phantasterei
ansehen; aber gerade dadurch trennt man sich von der Wirklichkeit,
daß man die eine Hälfte der Wirklichkeit nicht anerkennt. Dadurch
kommt man nicht zu eindringlichen Begriffen von der Wirklichkeit.
Wenn man nur einsehen würde, daß mit so etwas, was ich eben jetzt
ausgesprochen habe, sehr, sehr viel und wirklich Praktisches für die
Gegenwart gesagt ist!
Unsere Kinder und jungen Leute lernen heute Geschichte. In der
heutigen Zeit und schon seit langem haben sich die Menschen daran
gewöhnt, Geschichte zu lernen, das heißt das, was sie als Geschichte
ansehen. Aber wieviel haben die Menschen von der Geschichte ge-
lernt? Nun ja, die Menschen sind heute sehr häufig aufgerufen gegen-
über den Ereignissen, die als Elementarereignisse in jeder Stunde ein-
treten, sich zu fragen: Was lehrt uns darüber die Geschichte? - Die
Phrase kann man ja immer wieder und wiederum lesen: Aus der Ge-
schichte kann man dies oder jenes lernen. - Die Menschen lernen eben
nichts von der Wirklichkeit. Noch nie hätte man von der Wirklichkeit
so viel lernen können wie in den letzten dreieinhalb Jahren. Aber un-
zählige Menschen verschlafen diese unendlich bedeutungsvolle Wirk-
lichkeit. Als diese katastrophalen Ereignisse begonnen haben, da ha-
ben sich sehr gescheite Leute, die geglaubt haben, gerade von der Ge-
schichte viel gelernt zu haben, darüber ausgesprochen, wie lange diese
Kriegsereignisse, wie sie sie nennen, dauern könnten. Mit den Grün-
den, die sie haben konnten, haben sie auch das belegen können, was sie
ausgesprochen haben; sie haben gesagt: Vier bis sechs Monate; länger
kann nach den Kenntnissen, die man haben kann, diese Kriegskata-
strophe gar nicht dauern. - Es waren durchaus Fachleute, die sich so
ausgesprochen haben. Nun, die Tatsachen kamen anders. Und man
braucht wahrhaftig kein unbedeutender Geist zu sein, um, verführt
durch das, was man in der neueren Zeit Geschichte nennt, so zu urtei-
len. Ein wahrhaftig nicht unbedeutender Mensch hat im Jahre 1789
seine Geschichtsprofessur an der Universität angetreten und eine An-
trittsrede gehalten, in der dieser wahrhaftig gar nicht unbedeutende
Mensch dazumal gesagt hat, die Geschichte lehre, es sei sehr wahr-
scheinlich, daß in der Zukunft die Völker Europas zwar allerlei Hän-
del miteinander haben werden, aber daß sie sich nicht mehr zerflei-
schen können; dazu sei doch die Menschheit zu fortgeschritten. 1789
hat ein nicht unbedeutender Mensch, hat Friedrich Schiller diesen Aus-
spruch bei Antritt seiner Professur getan aus der Geschichtsbetrachtung
heraus, der sich selbst Schiller hingeben konnte, mit Recht. Aber was
folgte auf dasjenige, was Schiller da gesagt hat? Die Französische Re-
volution; die großen Kriege im Anfang des 19. Jahrhunderts. Und
wenn es eine Lehre der Geschichte wäre, daß die Menschen Europas
als Mitglieder einer großen Familie sich niemals wieder zerfleischen
könnten, dann wären alle Ereignisse der Gegenwart erst recht un-
möglich.
So sonderbar es klingt, notwendig ist es, über diese Dinge umzu-
lernen. Dasjenige, was man Geschichte genannt hat, ist eben gar nicht
Geschichte. Im geschichtlichen Leben der Menschen wirken die Kräfte
mit, die die übersinnlichen sind. In das geschichtliche Leben wirken
die Toten herein, und ein Urteil aus der Geschichte wird sich erst dann
ergeben, wenn dieses Urteil auf geisteswissenschaftlicher Grundlage
gefaßt wird. Solange dies nicht geschieht, wird die Geschichte niemals
etwas lehren, wird die Geschichte niemals eine praktische Wissen-
schaft, wird sie niemals geeignet sein, Maximen abzugeben für das-
jenige, was zu geschehen hat. Daher steht der Mensch heute so hilflos
den Ereignissen gegenüber, weil es notwendig ist in unserer Zeit, daß
geisteswissenschaftliche Maximen zu praktischen Lebensgrundlagen
gemacht werden. Solange dies nicht geschieht, werden die katastropha-
len Ereignisse nicht in Wahrheit überwunden werden können.
Ich habe gesagt: Besonders günstig, um an den Toten heranzukom-
men, sind die Gedanken, welche aus einer Gemütsbeziehung zu dem
Toten heraus entsprungen sind, und die so erinnert werden, daß man
sich an diese Gemütsbeziehung miterinnert. Besonders günstig, um
Antwort von dem Toten zu bekommen, besonders günstig dafür, daß
der Tote in unser Leben hereinwirkt, ist es, wenn wir den Toten wirk-
lich kennen, wenn wir die Möglichkeit haben, uns in seine "Wesenheit zu
vertiefen. Sich in das Wesen anderer Menschen zu vertiefen, dazu wird
auch Geisteswissenschaft die Impulse geben können. Denn heute ist es
gerade durch die materialistische Seelen Verfassung wenig möglich, daß
sich die Menschen im Leben kennen. Sie glauben einander zu kennen,
aber sie gehen nur aneinander vorbei, reden aneinander vorbei. Man
kann heute dreißig oder mehr Jahre mit jemandem verheiratet sein -
und ihn sehr wenig kennen. Es gehört eine gewisse Verfeinerung der
Seele dazu, um das Wesen eines anderen zu kennen. Wenn man des an-
deren Wesen kennen kann wie sein eigenes, dann ist die Voraussetzung
gegeben, sich sein Wesen vor die Seele zu rufen. Wenn wir das Wesen
eines Toten, an den wir Fragen stellen wollen, uns dadurch vor die
Seele rufen, daß wir uns etwas vergegenwärtigen, was uns gemüthaft
mit ihm verbindet, und sein Wesen recht lebendig uns dazu vorstellen,
dann bekommen wir sicher auch Antwort; dann ist es nur an uns, die
nötige Aufmerksamkeit zu entwickeln für das Zusammenspiel dessen,
was wir an den Toten richten, mit dem, was sicher von dem Toten zu-
rückkommt, wenn die angeführten gemütvollen Beziehungen erinnert
werden. Es ist dann möglich, daß das, was wir an den Toten heran-
bringen, seine Antwort findet von dem Toten, wenn wir uns lebendig
vor die Seele stellen können, was wir von seinem Wesen wirklich ver-
ständnisvoll aufgenommen haben.
Über manche andere konkrete Beziehung zu den Toten kann das
schauende Bewußtsein Aufschluß geben. Ich will zunächst heute von
einer noch sprechen. Sehen Sie, diejenigen, die als unsere Angehörigen
oder unsere Freunde oder sonstwie karmisch zu uns gehörige Menschen
durch die Pforte des Todes gehen, sie gehen entweder als Kinder oder
junge Menschen dahin oder als ältere Menschen. Wenn man mit dem
schauenden Bewußtsein beobachtet, wie die Beziehungen zu den ver-
schiedenen Toten sind, so kann man in bezug auf dieses Hinweggehen
in verschiedenen Lebensaltern das Folgende sagen. Wenn Kinder oder
jüngere Menschen durch die Pforte des Todes gehen, so kann man das
Verhältnis, das sie zu den Zurückgebliebenen behalten, mit den Wor-
ten bezeichnen: Kinder oder jüngere Menschen haben diejenigen, die
hier ihre Angehörigen waren, nicht verloren, sie bleiben eigentlich un-
mittelbar da in der Umgebung. Und das, was wir als Schmerz, als
Trauer empfinden, bekommt dadurch seinen Charakter. Wenn der
Mensch, der mit schauendem Bewußtsein ausgestattet ist, den Seelen-
schmerz beobachtet, den eine Mutter oder ein Vater über ein hinweg-
gegangenes Kind haben, so ist dieser Seelenschmerz ein ganz anderer
als der Schmerz, den man empfindet als junger Mensch, wenn einem
ein Älterer hinwegstirbt. Gewiß, in oberflächlicher, äußerer Bezie-
hung sind diese Seelenerlebnisse mehr oder weniger gleich, aber wenn
man sie intimer auffaßt, sind sie grundverschieden. Die jünger dahin-
gestorbenen Menschen gehen nicht weg, sie bleiben eigentlich da - so
kann man das Verhältnis bezeichnen - , und sie leben mit unseren See-
len weiter, leben in unseren Seelen weiter. Und es ist eigentlich der
Schmerz, den wir empfinden, die Trauer, die wir empfinden, das-
jenige, was die jünger verstorbenen Toten selber in uns erleben. Das
überträgt sich in unseren Schmerz, in unsere Trauer. Sie bleiben bei
uns. Es ist eine Umsetzung ihres eigenen Schmerzes, der nicht Schmerz
sein muß, aber bei uns dann Schmerz wird, wenn er sich umsetzt in
unseren Seelen.
Die Trauer, die man empfindet einem älteren Menschen gegenüber,
die ist eigentlich persönlich empfundener Schmerz. Ich möchte sagen,
es ist weniger Mitgefühlsschmerz, mehr egoistischer Schmerz, eigener
egoistischer Schmerz. Denn wenn man vom Gesichtspunkte des schau-
enden Bewußtseins aus das Verhältnis des hier zurückgebliebenen jün-
geren Menschen zu dem älteren Abgeschiedenen bezeichnen will, so
kann man sagen: Der ältere Abgeschiedene verliert uns nicht. Wir
verlieren nicht den jüngeren Abgeschiedenen; der ältere Abgeschie-
dene verliert uns, den Zurückgebliebenen, nicht, er nimmt in gewis-
sem Grade die Seele mit, er trägt sie auf seinem weiteren Weg in ihren
Kräften mit sich. Er verliert die Hiergebliebenen nicht. Und daher
ist dieses Verhältnis zu einem solchen älteren Dahingeschiedenen auch
ein ganz anderes als zu einem jünger Dahingeschiedenen. Der älter
Dahingeschiedene hat nicht die Tendenz, in der Seele des Hiergeblie-
benen zu leben, weil er die innere Wesenheit, die Abprägung der in-
neren Wesenheit mitnimmt.
Was ich eben sagte, zu wissen, das ist gar nicht unbedeutend im Le-
ben, denn dasjenige, was wir das Andenken an die Toten nennen, be-
kommt dadurch eine ganz bestimmte Beleuchtung. Beim jüngeren Men-
schen ist es gut, dieses Andenken - ich möchte sagen, den Totenkultus -
so zu beleben, so auszugestalten, daß wir mehr im Allgemeinen blei-
ben, daß wir die Gedanken oder die Kulthandlungen oder sonstige
Dinge, welche das Andenken pflegen sollen, so einrichten, daß wir we-
niger auf das Individuelle, auf das Persönliche des Toten eingehen, son-
dern im Hinblick auf den Toten große Weltempfindungen, Weltgedan-
ken haben. Da drinnen fühlt sich dann derjenige, der ja als junger Hin-
gestorbener bei uns geblieben ist, wohl. Bei einem älter Dahingestor-
benen ist es besonders gut, wenn man auf sein Individuelles eingehen
kann, wenn die Gedanken, die man an ihn richtet, so gestaltet sind,
daß sie mit seiner Persönlichkeit etwas zu tun haben, auf seine Per-
sönlichkeit hin geprägt sind. Bei einem jünger Hingestorbenen, da ist es
besonders gut, wenn die Totenfeier so eingerichtet wird, daß man eine
Art Kultus, einen allgemein festgesetzten Kultus, der eine symbolische
Bedeutung hat, entwickelt. Für jünger dahingestorbene Menschen ist
die katholische Totenfeier besonders geeignet, die in den meisten Län-
dern weniger auf die individuellen Verhältnisse oder gar nicht darauf
eingeht, sondern eine symbolische allgemeine Totenfeier für jeden ist.
Für die jung verstorbenen Seelen, die ja dableiben, ist es das beste, mit
Riten, die für alle gleich gelten, allgemeine Weltsymbole, allgemeine
Weltempfindungen im Hinblick auf sie zu entwickeln. Für älter Hin-
gestorbene ist die protestantische Totenfeier, wo man mehr auf den
individuellen Lebensgang eingeht, sich mehr auf das Persönliche des
Dahingegangenen bezieht, das bessere. Und auch im individuellen An-
denken, das man einem solchen Toten widmet, ist dasjenige für den
älter Dahingestorbenen vorzuziehen, was mit ihm persönlich zusam-
menhängt, was nicht auf jeden Toten anwendbar ist, sondern nur
auf ihn.
Weiß man diese Dinge, dann wird auch unser Gefühlsleben mit Be-
zug auf die dahingegangenen Toten abgestuft, differenziert. Wir wis-
sen zu unterscheiden, wie sich die Seele verhalten soll gegenüber einem
jünger oder einem älter dahingegangenen Toten. Das Leben wird in
seinen intimsten Verhältnissen bereichert, wenn man so aus der Gei-
steswissenschaft den Gedanken aufnimmt, daß einem nicht nur die in
den physischen Leibern lebenden Seelen angehören, sondern auch die
entkörperten Seelen. Der Mensch taucht dann erst ein in die volle
Wirklichkeit. Es muß ja immer wieder und wiederum gesagt werden:
Vom Geiste im allgemeinen zu sprechen, das führt nicht sehr weit.
Vom geistigen Leben im allgemeinen zu sprechen, wie es gewisse Phi-
losophen tun, oder wie es solche Menschen tun, die heute auch glauben,
den Materialismus dadurch zu überwinden, daß sie im allgemeinen von
Geist und Geist und Geist sprechen: das führt eben nicht allzu weit.
Es muß schon der Mut aufgebracht werden - und es gehört ja heute
ein gewisser Mut dazu -, in das konkrete geistige Leben einzudringen.
Es muß der Mut dazu aufgebracht werden, solche Verhältnisse, wie
wir sie auch heute wiederum besprochen haben, rückhaltlos vor der
Mitwelt zu bekennen, so groß auch der Hohn der materialistisch Den-
kenden gegenwärtig noch sein mag. Man kann es ja heute gar nicht
sehen, wieviel unendlich Fatales für die Menschheit, unendlich Ka-
tastrophales damit zusammenhängt, daß die Menschen gerade in den
wichtigsten Teilen der Welt von diesen Dingen nichts wissen und des-
halb nicht darüber denken, und deshalb der Wirklichkeit so ferne-
stehen, welche dann verheerend über sie hereinbrechen muß. Allen
möglichen Impulsen wird man die gegenwärtige Erdkatastrophe zu-
schreiben, nur nicht denjenigen, in denen sie wirklich im tiefsten Sinne
ihren Ursprung hat.
Hier ist schon der Ort, sich einmal zu besinnen auf die ganze Be-
deutung, die eigentlich im europäischen Geistesleben eine anthroposo-
phisch orientierte geisteswissenschaftliche Weltanschauung haben muß
wie die, die wir hier meinen. Wie die Menschen sich zum Geiste und
zum Geistesinhalte stellen, das wird schon eine große Bedeutung ha-
ben in einer wahrhaftig gar nicht fernen Zukunft. Denn es bereiten
sich wichtige, bedeutungsvolle Dinge im Leben der Erdenmenschheit
vor. Man kann ja wirklich nicht umhin, wenn man nur ein wenig aus
dem schläfrigen Zustande herauskommt, in dem leider so viele Men-
schen sind, über gewisse Dinge tiefer nachzudenken, als durch Jahr-
hunderte in Europa nachgedacht worden ist. Die Zeiten drängen dazu,
daß die Menschen umdenken lernen. Eigentlich sieht man ja, daß die
Menschen umdenken; es fragt sich nur, ob sie dieses Umdenken in ei-
ner wirklich tiefen Weise besorgen oder ganz unterlassen, oder ob sie
es in jener Art besorgen, wie es jetzt sehr viele Menschen tun. Man
sieht schon, daß die Menschen umdenken, nur kommt es manchmal
ganz merkwürdig heraus. Man könnte da nicht Hunderte, sondern
Tausende von Beispielen angeben.
Sehen Sie, einer derjenigen Menschen, die furchtbar umgedacht ha-
ben im Laufe der letzten dreieinhalb Jahre, ist der französische frühere
Sozialist und Journalist Gustave Herve. Er gibt eine Zeitung heraus,
«Gloire» nennt er sie, was auch umgenannt ist aus einem weniger pro-
vozierenden Namen. Dieser Herve ist eigentlich einer derjenigen, die
gegenwärtig im Sinne des allerwütendsten französischen Chauvinis-
mus schreiben. Man kann sagen, selbst gegenüber einem solchen tiger-
haften, stierhaften chauvinistischen Menschen wie Clemenceau ist
Herve* eigentlich noch mehr französisch-chauvinistisch - und der hat
umgedacht. Der war vor vier Jahren noch ganz Kosmopolit, hat jeden
noch ausgelacht dazumal, der irgendwie, ich will gar nicht sagen,
französisch chauvinistisch war, sondern der nur irgendwie franzö-
sisch national gesinnt war. Er war ganz Kosmopolit, dieser Herve\
Jetzt ist dasjenige, was er schreibt, so giftig, daß man aus jeder Zeile,
die man von ihm liest, herauslesen kann: er möchte eigentlich am lieb-
sten, daß die französische Trikolore zu einem Instrument würde, um
alles dem Französischen Gegnerische zu erschlagen. Dennoch rührt
von Herve ein bedeutsamer Ausspruch her, den er allerdings vor die-
sem Kriege getan hat. Dieser Ausspruch ist der folgende: Die Trikolore
gehört auf den Misthaufen! - So wenig war dieser Mann, der jetzt einer
der allerchauvinistischsten Franzosen ist, französisch national gesinnt,
daß er sich dazu aufgeschwungen hat zu sagen: Die Trikolore - die
französische meint er - gehört auf den Misthaufen. - So verachtete er
alles Nationale. - Er hat schon umgelernt, umgedacht, nur natürlich
in einer Weise, die nicht gerade sehr tiefsinnig ist. Dasjenige, was in
einer Zeit geschehen soll, es geschieht - es ist wichtig, daß man das be-
achtet —; es fragt sich nur, wie es bei dem einen oder anderen heraus-
kommt, wie der eine oder andere seine Menschheitsaufgabe wirklich
beachtet. Das vor allen Dingen ist bei diesem Umlernen notwendig,
daß der europäische Mensch nicht die bedeutsamen Dinge verschläft,
die sich für die ganze Erdenmenschheit gegenwärtig vorbereiten.
Drüben in Asien, überhaupt im Orient, bereitet sich eine Summe
von Urteilen über Europa, namentlich über Mitteleuropa vor - uns
interessiert ja in der gegenwärtigen Zeit vorzugsweise Mitteleuropa —,
Urteile bereiten sich vor, die nach und nach tatsächlich sich zu histo-
rischen Impulsen verbinden werden. Der Orientale, der Japaner, der
Inder, der Chinese fühlt sich nach und nach herausgefordert, gewisse
Impulse bei sich auszubilden. Und bis zu einem hohen Grade haben
sich schon solche Impulse herausgebildet. Bis zu einem gewissen Grade
gibt es gerade bei führenden Orientalen Urteile, namentlich über mit-
teleuropäisches, über deutsches Wesen, die wohl beachtet werden soll-
ten, denn was da in diesen Impulsen lebt, wird Geschichte in gar nicht
zu ferner Zeit. Es sieht sehr sonderbar aus, aber man sollte eine feine
Empfindlichkeit heute sich ausbilden für solche Dinge; man sollte
wissen, daß es heute notwendig ist, ein wenig vorauszusehen, was kom-
men muß, um mit der Wirklichkeit einherzugehen. Die Orientalen, die
sich anschicken, mit Europa in ein Verhältnis zu kommen, die sich ihre
Urteile bilden, welche künftig Weltpolitik werden, diese Orientalen
haben ihre uralten Anschauungen über das geistige Leben. Sie sehen,
was in Europa seit Jahrhunderten vorgegangen ist, aber sie sehen es
nur in einer einseitigen Weise, weil ihnen dieses Europa, namentlich
dieses Mitteleuropa, in einer einseitigen Weise das eigene Wesen zeigt.
Ja, was glauben die führenden Orientalen zum Beispiel über dieses
mitteleuropäische Wesen? Sie glauben dasjenige, was sie glauben müs-
sen nach dem, was sie eigentlich vorzüglich sehen. Sie glauben daran,
daß dieses Mitteleuropa besonders begabt ist, staatliche, kommerzielle
und andere Verhältnisse zu organisieren; daß dieses Mitteleuropa be-
sonders begabt ist, sich der äußeren Wissenschaft, wie sie die Schulen
in Europa lehren, zu unterwerfen, der Autorität dieser Wissenschaft
sich hinzugeben. Diese Orientalen können das nicht besonders schät-
zen, weder was aus dieser Organisation noch was aus der Wissenschaft
stammt, denn dem gegenüber sind die sich bewußt, daß sie, aus ganz
anderen Impulsen heraus als wir Europäer es haben können, eine ur-
alte Geistigkeit haben. Gerade dem führenden Orientalen wird nie-
mals imponieren, was die europäische Naturwissenschaft zum Beispiel
gibt; es wird ihm niemals imponieren, was die europäische Industrie
hervorbringt, wenn er es auch in äußerlicher Weise, wie der Japaner,
annehmen wird; es wird ihm niemals imponieren dasjenige, was die
europäische Organisation zu bewirken vermag. Denn er ist sich be-
wußt: das alles stellt zum wirklichen Wesen der Dinge kein Verhältnis
her. Dieses Verhältnis fühlt er hergestellt zwischen seiner Seele und
der Seele des Weltenalls. Er fühlt sich der Seele des Weltenalls geistig
verwandt. Dessen seien wir uns nur ganz klar. Mit demjenigen, was
gleichkommt solcher Betrachtungsweise, wie wir sie heute hier oder
sonst gepflogen haben, würde sich der Orientale ganz anders zu stellen
wissen als mit dem europäischen Maschinenwesen, mit der europäischen
Organisation, mit der europäischen äußeren Verstandeswissenschaft.
Und man darf schon einmal, so sonderbar es aussieht, auch den Sinn
darauf lenken: Was würde der Orient sagen, wenn er wissen könnte,
daß aus dem, was das Geistesleben in Europa hervorgebracht hat durch
Herder, Schiller, Goethe, durch die Romantiker, eine wahre, konkrete
geistige Betrachtung der Welt werden kann, die zu der orientalischen
Geistesbetrachtung etwas Besonderes hinzugibt, das der Orientale
durch seine Anlage nicht finden kann, das er aber schätzen könnte, mit
dem er zusammengehen könnte? - Gewiß, Sie können sagen: Goethe
ist ja genügend der ganzen Welt bekannt, und die Führer des orienta-
lischen Geisteslebens können auch Goethe kennenlernen, und Goethe
ist ein Quell, ein unendlicher Quell für das geistige Leben Mitteleuro-
pas. - Wahr ist das alles, durchaus wahr. Aber hat es Mitteleuropa
schon dahin gebracht, Goethe wirklich als solchen Quell anzuerken-
nen? Man könnte vieles über diesen Punkt reden. Der Orientale sieht
auf dasjenige, was Mitteleuropa aus Goethe hat machen können. Nun
könnte vieles angeführt werden; nur als Beispiel will ich eines anfüh-
ren: Mitteleuropa hat gewußt, die wichtigsten Impulse Goethes mit
Stillschweigen zu übergehen, aber es hat eine Goethe-Geseilschaft. In
einem wahrhaft höchst günstigen Zeitpunkte ist diese Goethe-Gesell-
schaft begründet worden. Der Ausgangspunkt war ein vorzüglicher.
Man kann sagen, wenige Konstellationen waren für solche Dinge so
günstig wie diese am Ende der achtziger Jahre. Als der letzte Nach-
komme Goethes einer Fürstin den Nachlaß übergab, da hätte alles gut
eingeleitet werden können, wäre auch gut in Angriff genommen wor-
den, gab einen Anfangsimpuls, von dem man hätte glauben können:
jetzt wird man die geistigen Quellen aus Goethe herausholen! Es ist
vieles geschehen, auch die Goethe-Gesellschaft ist dazumal gegründet
worden. Aber nehmen wir einmal den Orientalen, der da fragt: Wir
haben im Orient ein Leben, welches die Seele unmittelbar an die Welten-
seele anschließt. Da drüben haben sie Organisationen von staatlichen,
von gesellschaftlichen Verhältnissen, da drüben haben sie Maschinen
und eine Industrie, haben eine Wissenschaft, die in der Schule gelehrt
wird und mit ungeheurer Autorität auf die Seelen drückt; aber sie ha-
ben keine Beziehung der Seele des Menschen zur Seele des Weltenalls. -
Wüßte er, welche Beziehungen latent daliegen, wüßte er, was sein
könnte nach dem, was an Goethe erlebt werden könnte, er würde an-
ders reden und denken und empfinden. Aber was sieht er? Nun, er
fragt sich vielleicht: Ja, dieses Mitteleuropa hat es dahin gebracht, eine
Goethe-Gesellschaft zu begründen, um einen seiner allergrößten Gei-
ster zu ehren. Es hat es aber auch dahin gebracht, zum Präsidenten die-
ser Goethe-Gesellschaft heute einen ehemaligen Finanzminister zu ha-
ben. - Es ist nur symbolisch für vieles. Man kann sagen: Es muß in un-
serer Seele der Impuls leben, die Welt wissen zu machen: Aus dem
Quell des deutschen Geistes kann dasjenige hervorgehen, was die Im-
pulse der Geisteswissenschaft sind. Die werden nicht übersehen wer-
den drüben im Orient. Würden sie übersehen, dann würde sich als
historischer Impuls im Orient bilden müssen das Urteil: Diese mittel-
europäische Kultur ist eigentlich der Menschheit schädlich. - Und die-
ses Urteil hat sich in hohem Grade festgesetzt. Es würde ganz gewiß
korrigiert, wenn gewußt würde, daß dieses mitteleuropäische Geistes-
leben imstande ist, selbst das Mechanischste des Mechanismus in Schön-
heit, in Seele umzugießen durch jene Impulse, die es in sich hat, und
die es zum wirklichen Erkennen und zum wirklichen Verarbeiten des
Übersinnlichen ausgestalten kann. So könnte es eigentlich nach der ei-
nen Seite hin wirken.
Und blicken wir nach der anderen Seite: Im Westen, in Amerika
betrachtet man nicht nur das mitteleuropäische, sondern das ganze
europäische Leben auch so, wie man es nur von der Außenseite ken-
nenlernen kann, weil man natürlich nicht nur die Goethe-Gesellschaft
mit dem gewesenen Finanzminister an der Spitze, sondern auch die
anderen Dinge in einer ähnlichen Weise sieht, nicht aber, was in den
Seelen so leben kann wie das, was heute durch unsere Seelen gezogen
ist. Während man im Orient sagt: Dieses Europa, dieses europäische
Leben ist schädlich - , findet man es drüben in Amerika überflüssig.
Denn Maschinen bauen, Industrieorganisation treiben, Goethe-Gesell-
schaften begründen mit Leuten, die von Goethe-Wissenschaft so viel
verstehen, wie dasjenige ist, was man beim Zusammenstellen von Fi-
nanzbudgets nötig hat, das können die Amerikaner auch. Aber das,
was aus Goethe als tiefster Quell spirituellen Lebens fließt, das können
die Amerikaner nicht; das können sie nur dann haben, wenn sie es
von den Mitteleuropäern nehmen.
Es ist nicht bloß irgendeine mystische Verschrobenheit, meine lie-
ben Freunde, es ist eine mit den praktischen Lebensbedürfnissen der
Gegenwart tief zusammenhängende Frage, wie wir uns stellen zu den
Impulsen, um möglichst, was an uns ist, zu tun, die Welt wissen zu las-
sen, fühlen zu lassen, was innerhalb der europäischen Kultur an Gei-
stigkeit leben könnte, welche Wege sie zum Übersinnlichen gegenwärtig
haben könnte. Heute mehr als je ist es notwendig, sich darauf zu besin-
nen, daß Geisteswissenschaft in unserem Sinn nicht nur etwas ist, wo-
mit wir unserer eigenen Seele wohl tun wollen, sondern daß Geistes-
wissenschaft etwas werden muß, wodurch wir als Menschen im rech-
ten Sinne, als Menschen Mitteleuropas, unsere Aufgabe in der Ent-
wicklung der Menschheit erfüllen können.
D R E I Z E H N T E R VORTRAG
Stuttgart, 24. Februar 1918

Wir haben gestern versucht, des genaueren jene Welt kennenzulernen,


die uns so umgibt, daß wir sie gemeinsam haben mit denjenigen, die
durch des Todes Pforte gegangen sind, und die wir auch gemeinschaft-
lich haben mit jenen geistig-seelischen Wesenheiten, die wir zu den
Wesenheiten der höheren Hierarchien rechnen. Damit haben wir uns
einer Betrachtung hingegeben, welche geeignet ist, uns einen Teil jener
Wirklichkeit zu erschließen, die in das menschliche Leben hereinspielt,
ohne daß der Mensch mit seiner sinnlichen Wahrnehmung und auch mit
seinem an die sinnliche Wahrnehmung gefesselten Verstand etwas von
ihr im gewöhnlichen wachen Bewußtsein wissen kann. Da diese Welt
eine Wirklichkeit ist, eine bei der Gestaltung des menschlichen Le-
bens mitwirkende Wirklichkeit, so ist es wohl begreiflich, daß in der
Zeit, in die wir uns hineinleben, in welcher der Mensch immer mehr
und mehr aufgerufen wird, aus seinem freien Willen heraus - wie wir
das öfter sagten - das allgemeine Menschheitsentwickelungsgeschick
in die Hand zu nehmen, daß in einer solchen Zeit ein Wissen auch über
diese übersinnlichen Dinge sich in die Menschenseele senkt. In der An-
deutung, daß in unserer Zeit dies ganz besonders notwendig ist, haben
wir gestern die Betrachtung ausklingen lassen, die eben als eine Be-
trachtung über das Leben der sogenannten Toten jeder einzelnen Men-
schenseele tief eindringlich sein muß. Auf der anderen Seite muß es
aber auch wiederum ein intensives Bedürfnis sein, gerade über solche
Dinge sich genauere Gedanken zu machen, wie die waren, die wir
gestern in unserer Betrachtung haben anklingen lassen. Denn in un-
serer Zeit sollten selbst halbwache Menschen, träumende Menschen
ahnen, daß sich außerordentlich wichtige Entscheidungen bilden.
Ich habe ja da oder dort im Laufe unserer Auseinandersetzungen
immer wieder und wiederum auch Andeutungen gegeben über das-
jenige, was man aus den Quellen der Geistesforschung heraus über den
Charakter der neueren Zeit, den Charakter unserer Zeit selber und der
nächsten Zukunft zu sagen vermag. Solche Dinge konnte man aller-
dings der gegenwärtigen Menschheit, auch mehr oder weniger der an-
throposophisch gesinnten Menschheit nur in vorsichtiger Weise geben.
Sehen Sie nur einmal nach, wieviel zum Verständnis gerade dieser
unserer schweren, katastrophalen Zeit sich hineingefügt findet in die
Vorträge, die viele Jahre vor diesen katastrophalen Ereignissen in Kri-
stiania über die Völkerseelen gehalten worden sind. Und vielleicht
darf auch daran erinnert werden, daß in einer Zeit, in der es wohl
nötig gewesen wäre, in der einen oder anderen Weise hinzuzeigen auf
den Ernst der Impulse, die da vorliegen, in dem Vortragszyklus, der
in Wien gehalten worden ist im Vorfrühling 1914 ~ also vor dem Aus-
bruch unserer gegenwärtigen Weltkatastrophe - , von dem sozialen
Leben, von dem menschlichen Zusammenleben unserer Zeit so gespro-
chen worden ist, daß ich damals einen scharfen, einen starken Aus-
druck gewählt habe: Ich habe dazumal in diesen Vorträgen, die im
wesentlichen auch handelten von dem Leben des Menschen zwischen
Tod und einer neuen Geburt, davon gesprochen, daß durch das mora-
lisch-soziale Leben der Gegenwart etwas vorgeht, was man als ein so-
ziales Karzinom, als eine schreckliche soziale Krebskrankheit bezeich-
nen kann. Vielleicht hat das der eine oder andere damals als einen
starken Ausdruck empfunden. Vielleicht hat sich aber auch der eine
oder andere seither überzeugen können, daß die Tatsachen schon da-
für sprechen, daß dazumal solch ein starker Ausdruck hat gewählt
werden dürfen.
Allerdings, das was ich schon gestern angedeutet habe, ist richtig
und sollte tief zu denken geben: Trotz alledem, trotzdem leicht erahnt
werden kann, was für schwerwiegende Impulse in unserer Zeiten
Schoß liegen, ist die Menschheit heute wenig geneigt, die Erscheinun-
gen in ihrer ganzen Schwere wirklich zu fassen. Die Menschheit ist
heute dazu viel zu bequem, gibt sich viel zu gerne jenen bequemen Be-
griffen hin, die man heute in der naturwissenschaftlichen Weltanschau-
ung finden kann, weil diese Begriffe am Gängelband der äußeren Er-
fahrung gewonnen werden können, weil sie nicht viel innere Geistes-
anstrengung erfordern und dennoch der Eitelkeit der Menschen so sehr
schmeicheln. Aber was notwendig ist, das ist, daß die Menschheit ge-
rade mit Bezug auf sehr vieles, was die Zeit heute lehren muß, auf-
wache, wirklich aufwache, nicht weiterschlafe. Das Aufwachen wird
allerdings nur möglich sein, wenn gewisse tieferliegende Tatsachen
nicht mehr als eine Phantasterei, nicht mehr als eine Träumerei, son-
dern als eine in unsere Zeitereignisse hereinspielende Wirklichkeit be-
trachtet werden. Und so habe ich denn auch öfter im Verlaufe unserer
Auseinandersetzungen angedeutet, wie gerade im letzten Drittel des
19. Jahrhunderts mit der Menschheit ein bedeutender Umschwung ge-
schehen ist. Auch hier in Stuttgart habe ich diese Dinge angedeutet.
Wir wollen sie uns von einem gewissen Gesichtspunkt aus heute wie-
der einmal vor die Seele rufen.
Ich habe den Herbst 1879 angegeben für die Wende dieser Mensch-
heitsentwickelung der neueren Zeit. Will man diese Menschheitsent-
wickelung der neueren Zeit genauer verstehen, so muß man sagen: Das-
jenige, was da im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts geschehen ist, das
ist nur die Auswirkung von etwas, was vorher in der geistigen Welt
sich abgespielt hat. In der geistigen Welt hat es begonnen mit den vier-
ziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Und die Zeit von den vierziger Jah-
ren bis Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts ist eine wichtige
und wesentliche, eine bedeutungsvolle Zeit. Was sich damals zugetra-
gen hat, hat sich nicht auf dem physischen Plan zugetragen; aber im
Jahre 1879 sind die Nachwirkungen auf den physischen Plan herab-
gestiegen, und seit jener Zeit tragen sich diese Nachwirkungen auf dem
physischen Plane zu. Sie sind eine Art Abbild dessen, was vorher in
der geistigen Welt geschehen ist. Soll man dasjenige bezeichnen, was
da zugrunde liegt, so kann man sagen: Es ist auf einem besonderen Ge-
biet in einer besonderen Sphäre die Ausgestaltung dessen, was sonst
öfter in der Entwickelung der Menschheit geschieht, und was von
denen, die solche Dinge noch zu beobachten wußten, immer bezeichnet
worden ist als ein Kampf des Michael mit dem Drachen. Auf den ver-
schiedensten Gebieten haben solche Kämpfe normal fortschreitender
geistiger Wesenheiten der höheren Hierarchien gegen Geister der Hin-
dernisse, der Hemmnisse stattgefunden. Für die Kulturentwickelung
der Menschheit hat ein solcher Kampf in geistigen Höhen, und zwar in
denjenigen geistigen Höhen, die unmittelbar an die Erde angrenzen,
stattgefunden in den Jahrzehnten von den vierziger Jahren bis zum
Ende der siebziger Jahre. Damals, 1879, endete dieser Kampf mit
einem Sieg, wenn man so sagen will, der guten Mächte gegen gewisse
Geister der Hindernisse, die damals - man kann das schon so aus-
drücken - aus den geistigen Welten heruntergestürzt worden sind in
die irdischen Verhältnisse, so daß sie seither in den irdischen Verhält-
nissen wirken und weben. Man hat innerhalb desjenigen, was sich in
der geistigen Menschheitsentwickelung ausbildet, Geister der Hinder-
nisse, die erst mit dem Ende der siebziger Jahre als besiegte Geister, be-
siegt für die obere Welt, in die untere Welt hinuntergestürzt worden
sind und nunmehr in den Menschen walten.
Wenn man hinblicken will auf diese Geister der Hindernisse, diese
Geister ahrimanischer Natur, mit denen diejenigen Geister, die man
michaelische Geister nennen kann, einen starken Kampf ausgefochten
haben, so muß man sagen: Diese ahrimanischen Geister hatten in ver-
flossenen Zeiten der Menschheitsentwickelung ihre gute Bedeutung,
sie hatten ihre Aufgaben in verflossenen Zeiten der Geistesentwicke-
lung. Diese Aufgaben vollzogen sich so, daß sie geleitet wurden von
guten höheren Geistern. Wir dürfen uns die sogenannten bösen Geister
nicht so vorstellen, daß wir denken, man müsse sie nur fliehen, um sie
möglichst loszuwerden. Das ist nämlich das beste Mittel, sie an sich zu
heften, wenn man sie in egoistischer Weise loswerden will, man hat
sich vielmehr vorzustellen, daß diese sogenannten bösen Geister eben
auch im Dienste der weisen Weltordnung stehen. Wenn sie nur an ihren
richtigen Ort gestellt werden, dann verrichten sie Dienste, die notwen-
dig sind im Sinne der weisen Weltordnung. Und so kann man sagen:
Durch Jahrhunderte, ja durch Jahrtausende verrichteten diese Geister
ahrimanischer Natur die Aufgabe, die Menschen zu gliedern in die-
jenigen Gemeinschaftszusammenhänge, die mit den Banden des Blutes
zu tun haben. Die Menschen hängen ja in ihren irdischen Verbänden
so zusammen, daß die Bande des Blutes auch gewisse Bande der Liebe
auslösen, bewirken. Die Menschen gliedern sich in Familienzusammen-
hänge, in Stammeszusammenhänge, in Völkerzusammenhänge, in Ras-
senzusammenhänge. Alle diese Dinge unterliegen ja gewissen Gesetzen
der Zeiten. Diese werden dirigiert von Wesenheiten der höheren Wel-
ten. Dasjenige, was die Menschheit spezialisiert hat, was die Mensch-

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heit so gegliedert hat, daß dieser Gliederung das Blut zugrunde liegt,
das wurde von diesen ahrimanischen Geistern, aber unter der Leitung
von guten Geistern, gelenkt.
Nun sollte aber ein anderes Zeitalter eintreten. Solange die Men-
schen gewissermaßen durch das Blut geführt wurden, konnte der
Mensch nicht in der Weise, wie es öfter angedeutet worden ist, sein
Geschick selbst in die Hand nehmen. Dazu war notwendig, daß der
Dienst von diesen ahrimanischen Geistern, so wie er war, aus der gei-
stigen Welt ausgeschaltet wurde. Diese Geister wollten zunächst aus der
geistigen Welt her ihre Tätigkeit der Gliederung der Menschen nach
dem Blute fortsetzen; aber die Menschheit sollte zu einer mehr allge-
meinen Auffassung ihres gesamten Geistes getrieben werden. Dasje-
nige, was öfter gerade auf unserem Gebiet gesagt wird, daß die Mensch-
heit sich als eine Gesamtheit über die Erde hin zu begreifen habe, das
ist wahrhaftig keine Phrase, sondern eine neuzeitliche Notwendigkeit.
Und dem liegt eben die Tatsache zugrunde, daß ein starker, intensiver
Kampf stattgefunden hat zwischen den michaelischen Geistern und
den Geistern ahrimanischer Natur, welche früher die Menschen diffe-
renziert haben nach dem Blute.
Dieser Kampf hat damit geendet, daß die ahrimanischen Wesen-
heiten heruntergestoßen worden sind und nunmehr unter den Men-
schen walten. Unter den Menschen werden sie Verwirrung stiften, denn
das ist nach dieser Besiegung ihre Absicht: Verwirrung zu stiften mit
alledem, was aus allerlei Begriffen und Ideen, die mit Blutsbanden,
Blutsverwandtschaften zusammenhängen, gesogen werden kann. Be-
sonders wichtig ist eben, daß seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhun-
derts in alledem, was der Mensch hier auf dem physischen Plan durch
Gedanken und Empfindungen wirken kann, diese Impulse mit tätig
sind, und daß man die Wirklichkeit nicht versteht, wenn man diese
Impulse nicht mit in Rechnung zieht. Die Art und Weise, wie heute
gesprochen wird über gewisse Völkerbeziehungen und dergleichen, ist
verwirrt worden durch diese ahrimanischen Geister, die von dem Geiste
Michael besiegt worden sind.
Ich habe ja öfter erwähnt, daß wir schon sagen dürfen: Wir haben
seit dem Ende der siebziger Jahre das sogenannte Michaelische Zeit-
alter. Michael haben wir als Zeitgeist anzusehen, der Gabriel als Zeit-
geist abgelöst hat. Das bedeutet sehr viel: Michael als Zeitgeist! Die
Zeitgeister, die in den früheren Jahrhunderten da waren, haben an-
ders gewirkt als dieser Zeitgeist. Die anderen Zeitgeister, die in die
Menschheitsentwickelung hineinwirkten in früheren Jahrhunderten,
haben doch noch mehr oder weniger ins Unterbewußte hineingewirkt.
Die Aufgabe des Zeitgeistes Michael, der seit dem letzten Drittel des
19. Jahrhunderts in den Menschheitsgeschicken wirkt, ist diese: immer
mehr und mehr im menschlichen Bewußtsein selbst dasjenige auszu-
lösen, was in der Erdenentwickelung geschehen soll. Dieser michae-
lische Zeitgeist ist nämlich eigentlich heruntergestiegen und wirkt auf
dem physischen Erdenplan.
Mit alledem hängt etwas zusammen für unsere Zeit, das man unge-
mein leicht mißverstehen kann. Unsere Zeit ist eine sehr, sehr zwie-
spältige. Unsere Zeit könnte man, wenn man sie so oberflächlich be-
zeichnet, leicht eine bloß materialistische nennen. Das ist sie aber nicht
allein; die Sache liegt viel komplizierter. Im ganzen kann man sagen:
Diese neuere Zeit ist ihrem Grundcharakter nach außerordentlich spi-
rituell, gerade außerordentlich spirituell. Und spirituellere Begriffe,
spirituellere Vorstellungen als diejenigen sind, die durch die neuere
Naturwissenschaft an die Oberfläche gebracht wurden, hat es in der
Menschheitsentwickelung überhaupt noch nicht gegeben. Nur sind
diese Begriffe - wenn ich mich so ausdrücken darf - dünn, sind ab-
strakt. Sie sind in sich, ihrer Substanz nach, durchaus geistig; aber sie
sind nicht geeignet, so wie sie auftreten, wenn sie nicht richtig behan-
delt werden, Geistiges auszudrücken. Diese naturwissenschaftlichen
Begriffe, die heute aller Bildung eingeimpft werden, sind ein sehr zwei-
schneidiges Schwert, wenn ich dieses paradoxe Gleichnis gebrauchen
darf. Man kann sie so brauchen, wie sie heute von der akademischen
Wissenschaft gebraucht werden. Da sind sie zwar spirituell, werden
aber nur angewendet auf die äußere materielle Welt, ihre Spiritualität
wird verleugnet. Man kann aber diese naturwissenschaftlichen Begriffe
auch so anwenden, daß man sie als Meditationsstoff verwendet, daß
man darüber meditiert. Dann führen sie am sichersten in die geistige
Welt hinein. Würden diejenigen, die heute eine naturwissenschaftliche
Weltanschauung haben, nicht zu faul sein, um ihre Begriffe meditativ
anzuwenden, so würden diese Menschen mit naturwissenschaftlicher
Weltanschauung sehr bald in die Geisteswissenschaft hineinkommen.
Nicht an dem Inhalt der naturwissenschaftlichen Vorstellungen, son-
dern an der Art und Weise ihrer Behandlung liegt es. Die Begriffe sind
fein, sind intim, aber die Anwendung durch die Menschen ist eine im
materialistischen Sinne gehaltene. Das ist allerdings nicht so ohne wei-
teres in allen Einzelheiten gleich klarzumachen, aber wir müssen uns
verständigen; daher müssen wir schon manche solcher Wahrheiten ge-
wissermaßen nur durch eine Spiegelung an uns herantreten lassen.
So leben die Menschen in Begriffen, in Vorstellungen, in Ideen, die
dünn sind, die, ich möchte sagen, ganz destillierter Geist sind, so daß
man nur eine starke Kraft anzuwenden braucht, um von ihnen zur Gei-
steswissenschaft zu kommen; und diese Begriffe sind diejenigen, die
gerade durch das Michaelische Zeitalter in die Menschheitsentwicke-
lung hineinkommen sollen. Es sind aber auch diejenigen, die am meisten
verwirrt werden durch die angedeuteten, man kann schon sagen, vom
Himmel auf die Erde gestoßenen, im Himmel von Michael überwun-
denen ahrimanischen Geister der Hindernisse. Sie treten ja auf so un-
zähligen Gebieten auf, wo der Mensch heute glaubt, ganz richtig zu
denken, ganz richtig zu sinnen, wo er aber der Verwirrung dieser Gei-
ster in einem hohen Maße ausgesetzt ist.
Gerade bei der Betrachtung einer solchen Sache zeigt sich, wie ei-
gentlich die Entwickelung - bleiben wir zunächst bei der Menschheit
stehen - vor sich geht. Da müssen wir ein bedeutsames Entwickelungs-
gesetz, das wir von anderen Gesichtspunkten aus auch zu betrachten
haben, uns einmal vor die Seele führen. Es ist ja eine ungeheuer ober-
flächliche Betrachtungsart, wenn man meint, daß die Ereignisse im
geschichtlichen Leben einfach so auseinander hervorgehen, daß das,
was im Jahre 1918 geschieht, eine Folge ist von 1917, 1916 und so
weiter. Das ist eine oberflächliche Betrachtungsweise. Die Dinge voll-
ziehen sich doch ganz anders; sie vollziehen sich so, daß immer das-
jenige, was auf geistigem Gebiete geschehen ist, in den nächstfolgenden
Zeiten noch weiter wirkt, aber in einer gewissen Weise. Man kann jedes
Jahr herausgreifen; sagen wir zum Beispiel das Jahr 1879: so geschieht
im Jahre 1880 etwas, was dadurch mitbestimmt ist, daß sich das rück-
läufig wiederholt, was 1878 geschehen ist; 1881 wiederholt sich rück-
läufig in einer gewissen Beziehung dasjenige, was 1877 geschehen ist
und so weiter. Man kann von jedem Punkte der Menschheitsentwicke-
lung, so widerspruchsvoll das erscheint, ausgehen; man wird immer
finden, daß sich frühere Jahresläufe in späteren in wichtigen Impulsen
zeigen. Man kann daher erwarten, daß gerade in einem wichtigen Zeit-
abschnitt dieses Gesetz auch mit einer besonderen Deutlichkeit und
Wichtigkeit in die Menschheitsentwickelung eingreift.
Ich habe das öfters schon angedeutet, habe öfters schon vor diesen
katastrophalen Ereignissen gesprochen von dem wichtigen Zeitab-
schnitt 1879, und davon, daß er nur die Auswirkung desjenigen ist,
was seit den vierziger Jahren in der geistigen Welt sich abgespielt hat.
Wenden wir nun einmal dieses Gesetz an, das ich eben ausgesprochen
habe, so können wir folgendes sagen: 1879 ist ein wichtiger Zeitab-
schnitt; da sind gewisse Geister heruntergestoßen worden, die als Gei-
ster der Hindernisse früher in der geistigen Welt gewirkt haben, die
von da ab hier auf dem physischen Plan unter den Menschen hemmend
und verwirrend wirken. Das, was da 1879 geschehen ist, ist gewisser-
maßen der Abschluß eines Früheren, das von 1841 bis 1844 seinen An-
fang genommen hat und durch die Jahrzehnte dann gewirkt hat. Neh-
men wir nun das Jahr 1841, so haben wir von 1841 bis 1879 die Kampf-
zeit in der geistigen Welt. Jene Wesenheiten, die unter der Herrschaft
des Geistes stehen, den man Michael nennt - man könnte ihn auch mit
einem anderen Namen bezeichnen - , schickten sich also im Jahre 1841
an, den starken, intensiven Kampf in der geistigen Welt aufzunehmen,
der dann für die geistige Welt 1879 seinen Abschluß gefunden hat. Er
dauerte also achtunddreißig Jahre. Nun sagte ich: Dasjenige, was rück-
läufig geschieht, wirkt in der folgenden Zeit wiederum zurück. - Rech-
nen Sie jetzt weiter von 1879 durch weitere achtunddreißig Jahre:
1917. Wie sich also 1880 dasjenige wiederholt, was 1878 geschehen
ist, 1881 dasjenige, was 1877 geschehen ist, so wiederholt sich in einer
gewissen Weise 1917 innerhalb der physischen Welt dasjenige, was
1841 innerhalb der geistigen Welt aufgenommen worden ist als einer
der wichtigsten Kämpfe. Es ist tatsächlich so, daß dieses Jahr 1879
einen Einschnitt bedeutet, der ganz energische Impulse nach vorwärts
und nach rückwärts der Betrachtung zeigt. Und in gewisser Weise
wiederholen sich jetzt auf dem physischen Plan von 1917, 1918 an
diejenigen Dinge, die in der geistigen Welt vorgehen mußten in den
vierziger Jahren, und die man eben bezeichnen kann als einen Kampf
der normalen, vorwärtstreibenden Geister gegen gewisse Geister der
Hindernisse. Das ist eine Rechnung, die ich nicht heute erst anstelle,
sondern viele von Ihnen wissen, daß auf diese Ereignisse immer hin-
gewiesen worden ist, und daß von dem Gesichtspunkte dieser Ereig-
nisse aus das Jahr 1917 so angesehen werden muß, daß es ein wichtiger
Ausgangspunkt für folgende Geschehnisse ist.
Die Dinge dürfen natürlich nicht so betrachtet werden, daß man
sagt: Nun ja, wir haben das Jahr 1917 erlebt. Gewiß, man hat es erlebt;
aber was die Ereignisse eigentlich waren, die sich in diesem Jahr abge-
spielt haben, das haben doch nur wenige Menschen erlebt, da wenige
Menschen geneigt sind, sie im wachen Bewußtsein zu werten. Das ist
es, um was es sich handelt.
Nun, durch alle diese Dinge wollte ich nur darauf hinweisen, daß
wir tatsächlich in einem wichtigen Zeitpunkte der Menschheitsent-
wickelung leben, und daß es schon notwendig ist, manche Dinge in
diesem Zeitpunkte ernster zu nehmen, als sie von der gegenwärtigen
Menschheit in ihrer Masse genommen werden. Ich habe ja darauf hin-
gewiesen, wie es insbesondere notwendig ist, daß man die normalen
spirituellen Impulse in unserer Zeit nicht unbeachtet läßt. So wie diese
neuere Zeit sich herangebildet hat, was ist denn in ihr eigentlich ton-
angebend geworden? Was hat denn wirklich Einfluß gewonnen in die-
ser neueren Zeit? Was ist denn ausgestrahlt, ich möchte sagen, in die
gesamte allgemeine Bildung? Im Grunde genommen nur dasjenige, was
auf dem gröbsten Felde der naturwissenschaftlichen Weltanschauung
gewachsen ist. Dieses gröbste Feld der naturwissenschaftlichen Welt-
anschauung hat aber nur die Macht, das Tote, das Unlebendige, nie-
mals das Lebendige zu erfassen, was gerade in diesem naturwissen-
schaftlichen Zeitalter so unendlich notwendig wäre. Den Zusammen-
hang solcher Dinge mit den allgemeinen Weltereignissen will man eben
durchaus heute noch nicht einsehen. Man will heute noch nicht ein-
sehen, daß, je mehr sich die Menschheit bemüht, nur Begriffe auszu-
bilden, die sich auf das Tote beziehen, man vom Menschen aus auch
das soziale, auch das Gemeinschaftsleben zerstört. Notwendig ist, daß
man die naturwissenschaftlichen Begriffe in Fluß bringt und sie so
belebt, daß sie wirklich anwendbar sein können auf das menschliche
Zusammenleben, daß sie gewissermaßen geeignet sind, auch das mensch-
liche Zusammenleben zu erklären.
Der Gang der Entwickelung war ja so in dieser neueren, in dieser
neuesten Zeit: In dem, was man als eigentliche Wissenschaft hat gelten
lassen, bildeten sich nur diejenigen Begriffe aus, mit denen man die
äußere, tote Natur begreifen kann. Ganz ungeeignet waren diese Be-
griffe, das menschliche Leben zu erfassen. Man wollte aber mit ihnen
das menschliche Leben erfassen. Und so haben die offiziellen Wissen-
schafter diese Begriffe angewendet auf die Geschichte, auf die Sozial-
wissenschaft, auf die Sozialpolitik und so weiter. Da sind aber diese
Begriffe nicht brauchbar, und so gibt es überhaupt keinen brauchbaren
Begriff für das Gesellschaftsleben, und so ist das Gesellschaftsleben der
Erde dem Menschen über den Kopf gewachsen, ist zu dem geworden,
was es seit nahezu vier Jahren jetzt ist. Die Menschen werden lernen
müssen, ihre Begriffe zu verdichten, ihre Begriffe auch zu verleben-
digen.
Dasjenige, was die Naturwissenschafter selber ausbilden, das ist
gewiß geistvoll, brauchbar, ist gewissenhaft methodisch, aber nur für
die äußere Natur. Heute arbeitet ein jeder auf seinem Felde und dehnt
gar nicht die Begriffe, die auf irgendeinem Felde erarbeitet werden,
über die Gesamtheit der menschlichen Weltanschauung aus. Nehmen
Sie nur eines, da werden Sie gleich verstehen, was ich eigentlich meine.
Der gewöhnliche Schulphysiker, der heute die Magnetnadel betrach-
tet, die mit dem einen Ende nach Norden, mit dem anderen nach Sü-
den weist, erklärt seinen Buben schon, daß dieses ständige Weisen der
Magnetnadel nach Norden und nach Süden vom Erdmagnetismus her-
rührt, daß die Erde auch ein großer Magnet ist; und es wäre lächer-
lich, wenn dieser Schulphysiker in der Magnetnadel selber die Kräfte
suchen würde, die bewirken, daß die Nadel nach diesen Richtungen
zeigt. Er sucht das aus Eigenschaften der Erde zu erklären, er sucht
die Ursache im Kosmos draußen. Auf diesem rein toten Gebiet, da
taugen schon die naturwissenschaftlichen Begriffe noch etwas, da kann
man auf das eine oder andere noch kommen. Daher fällt es niemandem
ein, von der Magnetnadel zu sagen, sie habe in sich die Kraft, immer
nach der einen Richtung hinzuweisen. Man nimmt Richtkräfte vom
magnetischen Nordpol und Südpol der Erde an. Der Biologe tut das
schon nicht mehr. Dem fällt es gar nicht ein, einen ähnlichen Begriff
auszubilden. Der Biologe sieht das Huhn, in dem sich das Ei bildet. Es
fällt ihm gar nicht ein, dieselbe Frage so zu stellen, wie der Physiker
sie bei der Magnetnadel stellt. Der Biologe sagt einfach: Wenn sich das
Ei im Huhn bildet, so liegt die Ursache der Eibildung im Huhn. -
Würde er vorgehen wie der Physiker mit der Magnetnadel, so würde
er sich sagen: Zwar ist im Huhn der Platz, an dem sich das Ei ausbildet,
aber wie an der Magnetnadel der Kosmos mitwirkt, so wirken die
kosmischen Kräfte mit, wenn sich das Ei bildet. Ich muß hinausgehen
aus der eng begrenzten Natur und muß das, was draußen ist, zu Hilfe
nehmen. Im Huhn ist zwar der Ort, an dem sich der Eikeim bildet, aber
die Kräfte wirken herein aus dem Kosmos, wie sie aus dem Kosmos
der Magnetnadel Richtung geben.
Solch einen Begriff auszubilden, ihn methodisch durchzuführen,
wäre dringend notwendig. Aber vor der offiziellen Wissenschaft der
Biologie ist er töricht, phantastisch, ist er lächerlich, weil sie sich voll-
ständig in eine Sackgasse des Toten bloß verirrt hat. Diese offizielle
Wissenschaft kann nicht einmal auf solche Dinge die umfassenden Be-
griffe anwenden, viel weniger kann sie irgend etwas darüber sagen,
wie die Menschen politisch oder sozial in richtiger Weise zusammen-
leben könnten. Wie kann man darauf hoffen, daß aus dieser bloßen
naturwissenschaftlichen Weltanschauung etwas, was der Menschheit
so notwendig ist, herauskommen könne, nämlich eine Belebung, eine
Auffrischung dieser Begriffe. Gerade auf dem wichtigen Gebiet des
menschlichen Lebens kann das nicht sein. Wir wollen uns das klar-
machen an einem Begriff, den wir geisteswissenschaftlich einmal er-
fassen wollen.
Schon die bloße Betrachtung des menschlichen Skeletts zeigt etwas
außerordentlich Wichtiges, etwas, ich möchte sagen, Großartiges zeigt
sie. Wenn Sie das menschliche Skelett anschauen, so haben Sie das
Haupt, das eigentlich nur aufgesetzt ist auf dem übrigen Rumpfskelett;
es ist eine Welt für sich. Der andere Skeletteil ist ganz anders gebildet.
Sobald man die Goethesche Metamorphosenlehre anwendet, bekommt
man allerdings die Umwandlung des Rumpfes zum Hauptskelett, aber
das Hauptskelett ist kugelförmig gebildet, das Haupt ist ein Abbild
der ganzen Weltensphäre. Das andere ist mehr mondenförmig gebildet.
Das ist etwas außerordentlich Wesentliches und weist uns darauf hin,
daß wir, wenn wir über den Menschen schon aus seiner Gestalt heraus
fruchtbare Begriffe bekommen wollen, hinschauen müssen auf so etwas,
was schon in der Gestalt angedeutet ist. Unsere Naturwissenschaft ist
ja großartig, aber sie ist analphabetisch in bezug auf die Erkenntnis der
Welt. Sie geht so vor wie jemand, der die Seiten eines Buches nicht
liest, sondern beschreibt: A ist so, B ist so - , der also nicht liest, sondern
bloß die Buchstaben beschreibt. Man muß aber zum Lesen vorschrei-
ten, man muß verstehen, die Gestalten der Natur nicht bloß so zu be-
schreiben, wie es die Naturwissenschaft macht, sondern sie zu deuten
in ihren Beziehungen, in ihren Übergängen. Dann kommt man aus dem
Lesen der Naturgestalten und Naturerscheinungen zum Enträtseln des
Sinnes der Welt. Gewiß, die Menschen, die so etwas heute hören und
mit ihren dicken Köpfen ganz in dem Analphabetismus drinnen-
stecken, die finden eine solche Sache, wenn man sie sagt, ganz schau-
derhaft. Davon könnte man gute Beispiele anführen, wie man etwas
schauderhaft findet, was so vom menschlichen Skelett hergeholt ist,
was aber auf den ganzen menschlichen Organismus ausgedehnt wer-
den kann. Der Mensch ist eine Zwienatur, und diese Zwienatur drückt
sich schon aus in dem durchgreifenden Gegensatz des Hauptes und des
übrigen Organismus.
Geht man nun durch Geisteswissenschaft ein auf diese zwei Glie-
der der Zwienatur - man könnte noch weitere Glieder angeben, aber
darauf kommt es heute nicht an - , so kann man schon ungeheuer Be-
deutsames aus der bloßen Gestalt des Menschen herauslesen, wenn man
nur wirklich darauf eingeht. Geisteswissenschaftlich kann man näm-
lich ersehen, daß dieses menschliche Haupt von der Geburt durch das
physische Erdenleben eine Entwickelung durchmacht, die sich nun
ebenso von der Entwickelung des übrigen Organismus unterscheidet,
wie sich das Haupt schon der Gestalt nach unterscheidet von dem
übrigen Organismus. Es ist sehr interessant, wenn man verfolgt, daß
sich dieses Haupt drei- bis viermal schneller entwickelt als der übrige
Organismus. Wenn man den übrigen Organismus betrachtet, so kann
man ihn mit einem gemeinsamen Namen nennen, insofern er haupt-
sächlich durchorganisiert ist vom Herzen, so daß man dann einen Ge-
gensatz bekommt zwischen dem Kopforganismus und dem Herzens-
organismus. Dieser Herzensorganismus entwickelt sich wirklich drei-
bis viermal langsamer als der Kopforganismus. Würden wir nur Kopf
sein, so wären wir ungefähr im siebenundzwanzigsten, achtundzwan-
zigsten Jahr schon alte Leute, die sich zum Sterben anschicken, weil der
Kopf sich so schnell entwickelt. Der übrige Organismus entwickelt
sich viermal langsamer, und so leben wir bis in die Siebziger-, Acht-
zigerjahre hinein. Aber das ändert nichts daran, daß wir tatsächlich
eine Kopfentwickelung und eine Herzentwickelung, daß wir diese
zwei Naturen in uns tragen. Unsere Kopfentwickelung ist auch in der
Regel mit dem achtundzwanzigsten Jahre vollständig abgeschlossen;
der Kopf entwickelt sich nicht mehr weiter. Dasjenige, was sich dann
entwickelt, ist der übrige Organismus. Der sendet auch von sich aus
die Entwickelungsstrahlen in das Haupt herein. Wer nur anzuschauen
vermag die Gestalt, Charakteristisches der Gestaltentwickelung, der
könnte selbst aus äußerlichen Dingen, wenn auch nicht auf diese Sache
selbst kommen, so doch auf die Bestätigung. Darauf kommen muß man
allerdings durch Geisteswissenschaft. Aber sehen Sie, wer hat noch
nicht ein kleines Kind betrachtet und sich gesagt, wenn er es später wie-
der gesehen hat: Dieses Kind ist erst in späteren Jahren dem oder jenem
so ähnlich geworden. - Das hängt damit zusammen, daß die Ver-
erbungskräfte eigentlich im übrigen Organismus stecken. Der Kopf ist
ganz aus dem Kosmos heraus gebildet; und erst wenn die Vererbungs-
kräfte aus dem übrigen Organismus heraus arbeiten, was langsamer
geht, dann ähnelt sich auch die Physiognomie des Kopfes dem übri-
gen Organismus an. Das ist nur ein Beispiel, wie durch die äußeren
Tatsachen bestätigt werden kann, was die Geisteswissenschaft findet.
Das ist bedeutsam, daß man das festhält: Der Kopf macht in seiner
Ausbildung einen viel schnelleren Weg durch als der übrige Orga-
nismus.
Sehen Sie, das zu wissen hatte keine so große Bedeutung in den frü-
heren Zeiten, als die Menschen mehr unfrei waren, mehr geleitet wor-
den sind. Da haben die guten geistigen Mächte die Sache geregelt. Da
haben sie gewissermaßen zwischen dem Tempo der Kopf entwickelung
und dem Tempo der übrigen Entwickelung den Akkord hergestellt,
haben das in Einklang gebracht. Jetzt beginnt die Zeit, wo der Mensch
selber dafür sorgen muß, daß solche Dinge in Einklang kommen. Da-
her muß der Mensch solche Dinge richtig verstehen können, muß auf
sie eingehen können, und er sündigt gegen die Entwickelung, wenn er
das nicht kann. Und wir haben ein wichtiges Gebiet des Menschenle-
bens, wo gegen diese Dinge furchtbar gesündigt wird. Diese Sünde
kommt heute, weil wir seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts
drinnenstecken, sporadisch schon zum Ausdruck. Sie wird in furcht-
barer Weise zum Ausdruck kommen, wenn die Menschen die geistigen
Impulse nicht begreifen können. Heute kommen sie zunächst in der
folgenden Art zum Ausdruck: Man berücksichtigt nicht, daß dem
Menschen etwas gegeben werden muß, wenn er sich normal entwickeln
soll, was darauf Rücksicht nimmt, daß seine Kopfentwickelung drei-
bis viermal schneller geht als die des übrigen Organismus. Und ein Ge-
biet, auf dem dies ganz besonders schädigend zum Ausdruck kommt,
ist das der Erziehung, des Unterrichts, und zwar aus folgenden Grün-
den: Unter dem Einflüsse der naturwissenschaftlichen Weltanschauung
haben sich Begriffe herausgebildet, die nach und nach bloße Begriffe
für die Kopfbildung geworden sind, die der übrigen Entwickelung
nichts geben, Begriffe, die in dem Tempo erworben werden, wie der
Kopf sich entwickelt, die nicht in dem Tempo aufgenommen werden
können, in dem der übrige Organismus sich entwickelt.
Damit ist außerordentlich viel gesagt. Die Zeit hat allmählich lauter
Ideen ausgebildet, die den Kopf beschäftigen, die das Herz kühl und
leer lassen. Sie kommen heute schon, wie gesagt, sporadisch; aber die
Dinge werden immer mehr und mehr um sich greifen. Sie können die
Probe machen, wenn Sie das Leben beobachten können. Der Mensch ist
nämlich durch die Zwiespältigkeit seiner Kopf- und Herzensbildung
darauf angewiesen, daß er in seiner Jugend nicht bloß eine Kopfbil-
dung bekommt. In der Jugend kommt ja vorzugsweise der Kopf in Be-
tracht, weil das andere sich langsamer entwickelt. Wenn man den Men-
schen ebenso erziehen wollte für das übrige wie für den Kopf, so müßte
man ihn das ganze Leben in die Schule nehmen. Man kann in der
Schulerziehung nur den Kopf behandeln. Aber heute behandelt man
den Kopf so, daß dieser Kopf geistig-seelisch nichts zurückgeben kann
an den übrigen Organismus. Der übrige Organismus gibt ja seine ver-
erbten Impulse das ganze Leben hindurch an denKopf ab, sonst würden
wir mit siebenundzwanzig Jahren sterben, denn der Kopf ist dazu ver-
anlagt. Aber ebenso sollte der Kopf das wiederum abgeben, was in ihm
herangezogen wird. Daß die heutige Erziehung das nicht trifft, dafür
können Sie die Probe machen, indem Sie sich die Frage stellen: Ist es
denn nicht so, daß heute Menschen, welche die schulmäßige Erziehung
bekommen, sich im späteren Leben nur an das Gefühlsmäßige erin-
nern? - Sie tun meistens nicht einmal das, sondern sie sind froh, wenn
sie alles rasch vergessen können. Das bedeutet nur, daß der übrige Or-
ganismus anschaut die Bildung des Kopfes. Würde der übrige Orga-
nismus vom Kopfe als Lebensessenz das erhalten, was er braucht, so
würde man sich nicht nur gedächtnismäßig erinnern, sondern man
würde zurückblicken auf das, was einem der Lehrer gegeben hat, wie
auf ein Paradies, zu dem man jede Stunde im späteren Leben mit inni-
ger Zufriedenheit, mit Anhänglichkeit zurückdenkt, in das man sich
immer wieder und wiederum versenkt und in dem man eine Quelle von
Verjüngungen hat. Es wäre eine Quelle von Verjüngung, wenn es Her-
zensbildung enthalten würde, nicht bloß Kopfbildung. Dann würde
der Mensch sein ganzes Leben hindurch für den übrigen Organismus,
der sich viermal langsamer entwickelt, aus der Kindheitslehre etwas
haben, aus der Schule etwas haben, was auch zurückwirken würde auf
seinen Organismus. Heute fängt das erst an, immer schlimmer und
schlimmer wird es werden. Die Menschen werden früh greisenhaft wer-
den, weil sie höchstens gedächtnismäßig sich an das erinnern werden,
was sie nur für den Kopf aufgenommen haben, und was so nur bis zum
siebenundzwanzigsten Jahre eine Bedeutung hat. Nachher bleibt es
stehen, Unbrauchbares, an das man sich zurückerinnert; und der
Mensch altert. Er wird früh innerlich seelisch-geistig alt, weil die Kopf-
bildung nicht geeignet ist, überzufließen in die viermal langsamere
Herzensentwickelung.
Diese Dinge müssen berücksichtigt werden. Sollen sie aber berück-
sichtigt werden, dann muß unsere Schulerziehung eine total andere
werden, dann muß sie anstelle der toten Begriffe, die heute überall
herrschen, lebendige Begriffe haben. Bei einer Kant-Laplaceschen Theo-
rie werden sich die Menschen immer so zurückerinnern, daß sie dabei
vergreisen. Das, was wirklich ist: der geistig-seelische Ausgangspunkt
unseres Weltenalls, aus dem sich das Physische erst herausentwickelt
hat, das wird, wenn es richtig in den Unterrichtsstoff verarbeitet wird,
ein lebenslänglicher Quell der Verjüngung sein. Und möglich ist es,
den Unterrichtsstoff nicht bloß durch Methodisches, sondern durch
völlige Umarbeitung im anthroposophischen Sinn so zu gestalten, daß
der Mensch sein ganzes Leben hindurch etwas hat, an das er sich nicht
nur gedankenmäßig zurückerinnert, sondern was ein lebenslänglicher
Quell fortwährender Verjüngung ist. Das muß bewußt erreicht wer-
den, daß die Menschen nicht, wenn sie kaum fünfzig Jahre alt sind,
Greise sind, sondern daß sie innerlich seelisch von dem noch zehren
können, was sie in der Jugend aufgenommen haben; daß sie einen Er-
frischungsquell, einen Erfrischungstrank an dem haben können, was
sie als Kind aufgenommen haben. Dann muß es aber so gegeben wer-
den, daß es nicht bloß taugt für die Kopfentwickelung, sondern daß
es taugt für die Entwickelung des ganzen menschlichen Organismus,
die drei- bis viermal langsamer vor sich geht als die Kopf entwickelung.
Solche Dinge einsehen heißt: dasjenige, was bei dem Naturwissen-
schafter und deshalb auch bei unserer Allgemeinbildung tote Begriffe
sind, beleben. Unterschätzen Sie nicht die große soziale Bedeutung des-
sen, was damit gesagt ist. Sie könnten ja glauben, das habe nur Bedeu-
tung da, wo die Naturwissenschaft im engeren Sinne wirkt. Das ist
nicht wahr. Die Naturwissenschaft wirkt ja auf die ganze heutige Bil-
dung, auf die ganze Breite der heutigen Menschheitsentwickelung. Diese
naturwissenschaftlichen Begriffe dehnen sich aus bis in die Sonntags-
blättchen hinein; und selbst derjenige, der nur aus seinem Sonntags-
blättchen heraus alles dasjenige aufnimmt, was seinen Glauben heute
ausmacht, den wirklichen und wahrhaftigen Glauben, den er seiner
Kirche oder seinem Amte gegenüber heuchelt, der ist heute infiziert
durch die Naturwissenschaft, die nur Totes liefern kann, wenn auch
dieses Tote in der geistigsten Weise betrachtet werden mag. Diese Dinge
müssen klar durchschaut werden.
Sie sehen also: Es handelt sich bei der anthroposophisch orientierten
Geisteswissenschaft wahrhaftig nicht bloß um etwas, was so die sub-
jektive Neugierde befriedigen kann, sondern um etwas, was tief einzu-
schneiden hat in unsere ganze Zeitentwickelung. Und wiederum, dieses
Eingreifen in unsere Zeitentwickelung hängt für unser Bewußtsein,
das in der Anthroposophie herangeschult werden kann, zusammen mit
der Erkenntnis dessen, was da von den Jahren 1841 bis 1879 und bis
1917 sich in der Menschheitsentwickelung übersinnlich und sinnlich,
über dem physischen Plan und auf dem physischen Plan, abgespielt hat.
Man kann diese Dinge nicht ernst genug nehmen. Denn nicht ernst ge-
nommen worden ist vieles, recht vieles in der neueren Zeit. Und darin
wird gerade die Gesundung der Menschheit bestehen müssen, daß die
Menschen sich wiederum bequemen, Empfindungen, Begriffe, Gefühle
über die Weltentwickelung aufzunehmen. Besinne man sich nur ein-
mal über diese Dinge!
Wenn Sie auf die letzten Jahrzehnte zurücksehen: was hat denn,
mit Ausnahme von einzelnen Menschen, im Grunde genommen die
tonangebende Welt mit Weltanschauungsfragen, mit großen Weltan-
schauungsfragen gemacht? Sie hat sich höchstens die naturwissenschaft-
lichen Begriffe irgendwie popularisieren lassen, hat sich von diesen
naturwissenschaftlichen Begriffen, die sie sich hat popularisieren las-
sen mit den Mitteln der neueren Zeit, allerlei möglichst illustrative
Dinge vorführen lassen. Wenn man irgendwie hat ankündigen können,
daß irgend etwas aus der Naturwissenschaft mit Lichtbildern vorge-
führt wird, so hat man damit ganz besonderes Aufsehen gemacht und
besonderen Zuspruch erfahren. Was hat denn eigentlich gerade die ton-
angebende Gesellschaftsschicht mit Weltanschauungsfragen in der neue-
ren Zeit gemacht? Man hat sich sehr interessiert, wenn irgend jemand
erzählen konnte, was er als Nordpolfahrer, was er als Brasilienfor-
scher erlebt hat. Das soll nicht getadelt werden, daß man sich dafür in-
teressiert. Wenn einer darüber spricht, daß er die Geheimnisse des Ei-
keimes des Maikäfers irgendwie hat enträtseln können, so hat man die
Notwendigkeit gefühlt, daß man als gut bürgerlich gebildeter Mensch
der neueren Zeit in solche Vorträge hineingehört, wenn man auch nach
fünf Minuten, sofern einen nicht gerade ein Lichtbild aufgeweckt hat,
in Schlummer versunken ist. Aber der wirkliche Wille, die menschliche
Idee hinaufzuheben zu einer Weltanschauung, wo ist er denn eigentlich
vorhanden? Wo er vorhanden war, das ist sehr charakteristisch, und
darüber nachzudenken ist eigentlich heute jeder gezwungen. Wo gibt
es seit Jahrzehnten die regsten Weltanschauungsdebatten, die regsten
Interessen für Weltanschauungsfragen? Da, wo die Sozialdemokraten
ihre Versammlungen hatten. Da bildete man Weltanschauungen aus.
Das weiß man nur in anderen Gesellschaftsschichten nicht, weil man
sich womöglich, so gut es geht, davor hütet, das Menschenleben wirk-
lich kennenzulernen.
Aber was bildet man bei den Sozialdemokraten für eine Weltan-
schauung aus? Eine, die nur arbeitet mit denselben Begriffen, welche
in die Maschinen hineingeheimnißt sind; eine Weltanschauung, die An-
schauungen über die Welt nur ausbildet in dem Mechanischen: histo-
rischen Materialismus, materialistische Geschichtsauffassung, materia-
listische Auffassung des menschlichen Zusammenlebens. Sie können ja
über diese Begriffe in jeder sozialistischen Zeitschrift nachlesen. Das
tun ja die meisten nicht, aber das würde, um sich zu informieren, ganz
nützlich sein. Diejenigen Menschen, die in die Maschinen hineinge-
drängt worden sind, die von morgens bis abends mit nichts anderem
zu tun haben, und die, wenn sie am Abend von den Maschinen weg-
kommen, es wieder zu tun haben mit einer gesellschaftlichen Einrich-
tung, die eigentlich ein Abbild der Maschine ist, die haben eine Welt-
anschauung, welche die Welt so ansieht, als wenn sie eine Maschine
wäre. Sie haben eine Weltanschauung ausgebildet, welche mit nichts
Individuellem rechnet, welche alles über den ausgleichenden Begriff
des Toten spannt. Man hat ein recht gutes, ein wahres Sprichwort: Der
Tod macht alles gleich - ; aber man könnte auch sagen: Eine Weltan-
schauung, welche sich nur mit dem Maschinellen, dem Toten beschäftigt,
macht auch alles gleich, löscht alles individuelle Dasein, alles Leben
aus. - So würde alles individuelle Dasein, alles Leben ausgelöscht durch
diejenige Weltanschauung, die von der Maschine her ihr Ideal nähme.
Solange die Sache nicht sengerig wurde, hat man diese Dinge träu-
mend, schlafend über sich ergehen lassen, hat sich so verhalten, daß man
alle Weltanschauungsfragen abgelehnt hat und allmählich den Zusam-
menhang verloren hat mit all den Impulsen, die das menschliche Ge-
meinschaftsleben, das menschliche Erziehungsleben in verständnisvoller
Weise durchdringen können. Und im Grunde genommen ist in der neue-
ren Zeit in Weltanschauungsfragen nur da gearbeitet worden, wo man
maschinelle Begriffe hatte. Auch die Wissenschaft gab ja nur maschinelle
Begriffe her. Wenn Sie das Buch von Theodor Ziehen, das für die mo-
derne Wissenschaft ein Musterbuch ist, nehmen und die Schlußkapitel
lesen, so werden Sie sehen, daß er ja auch zu denjenigen gehört, welche
sagen: Naturwissenschaft kann nicht zu Begriffen kommen, die Ethik,
Moral, Ästhetik hergeben; aber nachher werden doch Begriffe ausge-
bildet, welche besagen, daß alles, was nicht Naturwissenschaft ist, nur
erträumtes Zeug sei. Zwischen den Zeilen wird doch alles das, was
nicht naturwissenschaftlich ist, verleumdet. Da sagt Theodor Ziehen
am Schlüsse zwar noch gnädig: Begriffe wie Freiheit, wie Ethik, Mo-
ral und so weiter, die müssen ja von anderen Seiten kommen; nur den
Begriff der Verantwortung, den müßte eigentlich die wirkliche Wis-
senschaft ablehnen. Verantwortlich könne der Mensch ebensowenig
sein, wie irgendeine Blume für ihre Häßlichkeit verantwortlich ge-
macht werden könne. - Das ist naturwissenschaftlich absolut richtig,
wenn man einseitig auf dem Boden der Naturwissenschaft steht, wenn
man bloße Begriffe des Toten anwendet. Aber man wendet dann eben
Begriffe an, die nicht einmal zu dem Lebendigen kommen, erst recht
nicht zum Ich.
Interessant ist ja, wie Theodor Ziehen über das Ich spricht. In die-
sen Vorträgen, die nachgeschrieben und dann gedruckt worden sind,
so daß sie den Ton des Vortrages festhalten, sagt er über das Ich: Meine
Herren, es ist ein komplizierter Begriff, das Ich; wenn Sie nachdenken,
was Sie eigentlich bei dem Wörtchen «Ich» denken, auf was kommen
Sie? Zuerst auf Ihre Leiblichkeit. Nachher auf Ihre verwandtschaft-
lichen Beziehungen. Nachher auf Ihre Eigentumsbeziehungen. Dann
denken Sie an Ihren Namen und Titel - die Orden laßt er aus -, nach-
her ..., nun, an lauter solche Dinge. Und dasjenige, meint er, was man-
cher Psychologe ausgebildet hat, ist nur eine Fiktion. Ja, der Naturfor-
scher kann auch, wenn er über das Ich spricht, zu nichts anderem kom-
men als zu dem, woran eigentlich kein Mensch denkt, wenn er ernst-
haft die Sache auffaßt, wenn er das Ich ins Auge faßt. Aber es ist ernst
mit der Sache, daß dasjenige, was an Begriffen nur aus dem Toten her-
aus ausgebildet ist, auch zur Ertötung, zur Zerstörung, zur Verwüstung
des Lebens führen muß. Eine Theorie, die aus der toten Maschine her-
aus als soziale Weltanschauungstheorie gemacht worden ist, wirkt,
wenn sie ins Leben eingeführt wird, nicht aufbauend, sondern zerstö-
rend. Die Menschheit hat sich nicht entschlossen, dies zu begreifen;
sie muß es daher am Extremsten erleben. Denn, was ist geschehen? In
demjenigen Gebiete, wo einstmals Quellen ungeheurer Zukunftsim-
pulse aufgehen werden, im Osten, wirkt die Toten-Theorie, die Fort-
setzung der maschinellen Weltanschauung in sozialen Anschauungen,
im Leninismus und Trotzkismus, zerstörend.
Betrachten Sie die Sache nur ganz ernst. Derjenige, der nur das Tote
gelten läßt, auch im Menschen nur das Tote gelten läßt, mag er auch
ein so großer Gelehrter sein wie Theodor Ziehen, wenn er über das Ich,
über die Verantwortlichkeit so redet wie Theodor Ziehen, dann ist sein
richtiger gesellschaftlicher Interpret nicht er selbst - der sich das nicht
getraut - , sondern Lenin und Trotzkij sind diejenigen, die die richtige
Konsequenz ziehen für die menschliche Gesellschaft. Was Lenin und
Trotzkij ausführen, das sind die Konsequenzen desjenigen, was von
der rein naturwissenschaftlichen Weltanschauung schon gepflegt wird.
Weil diese naturwissenschaftliche Weltanschauung aber Kompromisse
schließt mit dem, was nicht Konsequenz dieser Weltanschauung ist,
nur deshalb wird sie, weil sie eben nicht die Konsequenz zieht, nicht
Leninismus und Trotzkismus.
Darauf kommt es aber auch an, daß die Dinge dem Sinne der Wirk-
lichkeit nach genommen werden. Was nicht wahr ist, das wirkt als et-
was Objektives. Gedanken sind Wirklichkeiten, sind nicht bloße Be-
griffe. Man kann nicht nur sagen: Auch wenn kein Mensch von einer
Lüge etwas weiß, so wirkt sie doch als Macht. - Das ist wahr, aber
noch etwas anderes ist wahr: Wenn eine Lüge existiert, die man nicht
als Lüge ansieht, so ändert das nichts an der Wirkung; sie wirkt in der
realen Welt als Lüge. Und sie mag noch so gut gemeint sein, sie wirkt
doch als Lüge.
Es gibt heute schon Werke - ich habe es vielleicht auch hier schon
erwähnt -, welche vom Standpunkte der richtigen gegenwärtigen Na-
turwissenschaft aus die Christus Jesus-Frage behandeln. Sehr interes-
sante Bücher, weil sie kompromißlos vorgehen. Vor allen Dingen ein
dänisches Buch. Es gibt auch andere, die wirklich aussprechen, was der
gegenwärtige Psychologe, der gegenwärtige Psychiater, der naturwis-
senschaftlich denkt, über den Christus Jesus denken muß. Was wird da
der Christus Jesus? Er wird da ein Epileptiker, ein pathologischer
Mensch, eine krankhaft veranlagte Natur. Und die Evangelien wer-
den so interpretiert, daß man in jedem Kapitel sieht: sie sind Krank-
heitsgeschichten. Das ist natürlich alles Blödsinn; aber daß es Blödsinn
ist, das zu sagen, dazu hat heute nur derjenige das Recht, der die Sache
geistig durchschaut. Derjenige, der die naturwissenschaftliche Psycho-
logie und Psychiatrie heute gelten läßt, von dessen Standpunkt aus ist
diese Christus-Lehre die richtige, weil sie da die richtige Konsequenz
zieht. Und ein Mensch, der so als heutiger Psychiater spricht, ist noch
immer ein besserer Mensch, ein wahrerer, ein ehrlicherer Mensch als
derjenige, der die heutige Psychiatrie annimmt und doch im anderen
Sinne über den Christus denkt, im Sinne jener Pastoren oder Pfarrer,
die auch die Naturwissenschaft umfänglich gelten lassen und doch die
Kompromisse schließen.
Eine Lüge wirkt, wenn sie auch noch so fromm drapiert ist, denn
sie ist eine reale Macht. Vor allen Dingen ist heute notwendig, daß man
nicht das Leben zudeckt durch Kompromisse, sondern daß man überall
dasjenige ins Auge faßt, was notwendig ist ins Auge zu fassen von be-
stimmten Voraussetzungen aus. Will heute der moderne Psychiater
nicht den Christus als Epileptiker, als Irrsinnigen ansehen, der er nach
der heutigen Psychiatrie wäre, dann muß er die Psychiatrie aufgeben,
wie sie heute ausgestaltet ist; dann muß er sich auf den Boden der Gei-
steswissenschaft stellen. Würden die Menschen heute imstande sein,
sich wirklich scharf umrissen auf die Grundlagen desjenigen zu stellen,
was erkannt werden kann, dann würden wir mit dem, was erkannt
werden kann, erst die richtigen Impulse haben für das, was weiter wir-
ken muß.
In diesen Tagen ist mir ein Zettelchen in die Hand geschoben wor-
den über ein Buch, das mir aber schon bekannt war, das ja jedenfalls
das Entsetzen der Dame - denn eine Dame wird es ja wohl sein - her-
vorgerufen hat. In dem Zettelchen wird mitgeteilt, was Alexander
Moszkowski geschrieben hat. Ich habe das Buch nicht hier, aber aus
dem Zettelchen werden Sie den Inhalt des Buches erkennen können:
«Wer jemals die Bänke eines Gymnasiums gedrückt hat, dem werden
die Stunden unvergeßlich sein, da er in Plato die Gespräche zwischen
Sokrates und seinen Freunden <genoß>, unvergeßlich wegen der fabel-
haften Langeweile, die diesen Gesprächen entströmt. Und man erinnert
sich vielleicht, daß man die Gespräche des Sokrates eigentlich herz-
haft dumm fand; aber man wagte natürlich nicht, diese Ansicht zu
äußern, denn schließlich war der Mann, um den es sich handelte, ja
Sokrates, der griechische Philosoph>. Mit dieser ganz ungerechtfertig-
ten Überschätzung des braven Atheners räumt das Buch <Sokrates -
der Idiot> von Alexander Moszkowski (Verlag Dr. Eysler & Co. Ber-
lin) gehörig auf. Der Polyhistoriker Moszkowski unternimmt in dem
kleinen, unterhaltend geschriebenen Werke nichts Geringeres, als So-
krates seiner Philosophenwürde so ziemlich vollständig zu entkleiden.
Der Titel <Sokrates - der Idiot> ist wörtlich gemeint. Man wird nicht
fehlgehen in der Annahme, daß sich an das Buch noch wissenschaftliche
Auseinandersetzungen knüpfen werden.»
Es wird natürlich der heutige Kompromißlermensch sagen: Nun,
wir haben ja zur Genüge gelernt, daß Sokrates ein großer Mensch ist,
und kein Idiot; da kommt nun Moszkowski und sagt so etwas! - Aber
heute ist es notwendig, über eine solche Sache einen ganz anderen Ge-
danken zu haben. Wer Moszkowski kennt, weiß, daß dieser Moszkow-
ski im vollsten Sinne des Wortes auf dem Boden der naturwissenschaft-
lichen Weltanschauung steht, bis zu der Quantentheorie auf diesem
Boden steht, daß er also auf dem äußersten Flügel der heutigen natur-
wissenschaftlichen Weltanschauung steht. Und gesagt werden muß,
daß dieser Moszkowski ein viel ehrlicherer Mensch ist als die anderen,
die auch glauben, auf dem Standpunkte der naturwissenschaftlichen
Weltanschauung zu stehen und doch nicht denken, sie müßten Sokra-
tes für einen Dummkopf ansehen, der gar nichts zu sagen hat zu den
für die Weltanschauung wichtigen Begriffen; die trotzdem die Kom-
promisse schließen, Sokrates als einen großen Mann hinzustellen.
Das ist es, daß sich die Dinge heute nicht zurechtrücken aus dem
einfachen Grunde, weil man nicht den Wahrheitssinn hat, überall
kompromißlos die Konsequenz ins Auge zu fassen. Und derjenige, der
Sokrates heute gelten lassen will, darf eben nicht die Voraussetzungen,
die Moszkowski macht, gelten lassen.
Aber das ist heute schwierig, ist schwierig gewesen schon seit drei
bis vier Jahrhunderten. Daher hat man die Sache gehen lassen, bis sie
sich ausgewachsen hat zu dem, was in den letzten drei bis vier Jahren
geworden ist. Die Dinge müssen angefaßt werden bei ihrem seelisch-
geistigen Grundcharakter, da wo ihre wirklich tieferen Impulse liegen.
Das muß ins Auge gefaßt werden, was heute ganz besonders notwendig
ist, ins Auge zu fassen: daß Wahrheit und Wahrheitssinn namentlich
in die Seelen der Menschen einziehe! Dann werden die Dinge, die in
das Licht dieses Wahrheitssinnes gerückt werden, die von dem Lichte
dieses Wahrheitssinnes beleuchtet werden, ihr richtiges Gesicht zeigen
können. Dann wird man genötigt sein, einfach weil man das richtige
Gesicht der Dinge sieht, zur Geisteswissenschaft zu kommen. Denn die
Gegenwart spricht viel und spricht eindringlich, und die Dinge kön-
nen gelernt werden, wie die Erziehungsfragen, die Unterrichtsfragen
heute von der Geisteswissenschaft studiert werden müssen. Wie für den
Unterricht, für die Erziehung die Frage über das verschiedene Tempo
der Kopf- und Herzensbildung wichtig ist, so gibt es viele Fragen, die
für das soziale Leben, für das historische Leben, für das juristische
Leben grundlegend, wichtig, bedeutsam sind. Wir müssen nur heraus-
kommen aus dem, in das wir uns hineingebohrt haben, aus dem furcht-
baren Autoritätsglauben gegenüber dem, was die naturwissenschaft-
liche Weltanschauung allein gibt. Das ist schon einmal notwendig für
unsere Zeit. Das, was die naturwissenschaftliche Weltanschauung
«wirklich» nennt, gibt Begriffe, die niemals hinaufreichen können in
das Gebiet des menschlichen Zusammenlebens. Unter diesem Fehler
lebt heute die Menschheit. Wenn man die Dinge tiefer betrachtet, so
sieht man dieses.
Das ist es, was ich heute zu Ihnen sagen wollte. Ziehe nun jeder
einzelne daraus den Schluß, daß es darauf ankommt, die Augen auf-
zumachen, die Dinge zu beleuchten mit dem Lichte, das wir aus dem
Lichte der Geisteswissenschaft selber finden können.
Ich habe gestern davon gesprochen, wie dasjenige, was unsere Ent-
wicklung ist, dem Orientalen erscheint. In vieler Beziehung sieht der
Orientale gerade das, was das Kompromißlerische ist, das Unkonse-
quente, mit seinem naiven, intuitiven geistigen Vermögen. Und von
hervorragenden Orientalen gibt es gerade jetzt kritische Anschau-
ungen, die bedeutsam, interessant zu verfolgen sind. Immer mehr und
mehr bilden sich im asiatischen Osten die Anschauungen aus, daß der
Orient die weitere Entwickelung der Menschheit in die Hand nehmen
müsse. Diese Anschauungen, wie würden sie zunichte werden können,
wenn mehr Sinn wäre für dasjenige, was von hier als Geisteswissen-
schaft verkündet wird! Aber dann muß dieser Sinn auch wirklich ein
lebendiger sein; man muß nicht nur etwas Interessantes an der Gei-
steswissenschaft haben wollen, an dem man sich eine innere seelische
Wollust bereitet, sondern man muß etwas haben wollen, was das ganze
Leben durchdringt. Und die Anschauung muß man haben können, daß
durch die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft die sozialen, die sittli-
chen, die Rechtsbegriffe wirklich erst ins Auge gefaßt werden können.
Dasjenige, was die Menschheit gedacht hat unter dem Einfluß der na-
turwissenschaftlichen Weltanschauung durch Jahrzehnte, das ist dem
Geiste, der in der Wirklichkeit waltet, nicht gewachsen. Nein, das ist
höchstens gewachsen jenen Anschauungen, die heute Menschen aus-
bilden, welche die ganze Welt geistig ertöten möchten, weil sie ihre
Begriffe nur von der Welt des Toten hernehmen. Künftige Zeiten, in
denen man wieder objektiver denken wird über diese Dinge, in denen
die Leidenschaften verglommen sein werden, die heute so vielfach die
Urteile lenken und leiten, künftige Zeiten - ich bin voll davon über-
zeugt, daß es so sein kann - werden sagen: Eines der wichtigsten Cha-
rakteristika des Zeitalters um 1917 herum war, daß die Weltanschau-
ung, die nur für den Kopf gedacht ist und den Menschen eigentlich
ins Greisenhafte treibt, eine schulmäßige Weltanschauung geworden
ist. - Man wird sie künftig einmal - die Zukunft wird vielleicht noch
ferne liegen - Wilsonismus nennen, anknüpfend an den großen Schul-
meister, von dem sich heute ein großer Teil der Menschheit eine so-
zialpolitische Weltanschauung einprägen lassen will. Nicht umsonst
ist die bloße Schulweisheit, die sich vom Geistigen nichts träumen läßt,
heute eine der wichtigsten politischen Potenzen in der Form des Wil-
sonismus. Das ist wichtig, es ist ein ungeheuer bedeutungsvolles Zeit-
symptom. Es ist nur nicht möglich, heute schon über diese Dinge wirk-
lich eingehend und umfassend und alles ergreifend zu sprechen. Aber
aus meinen heutigen Andeutungen werden Sie entnommen haben, wie
wichtig es eigentlich ist, zu versuchen, diese Dinge durchgreifend zu
verstehen, wie unendlich wichtig es ist, nicht nur aus Affekten, aus
Emotionen heraus, sondern aus der Erkenntnis heraus diese Dinge ins
Auge zu fassen.
Ich habe vielleicht schon einmal auch hier erwähnt, erwähne es wie-
derum, weil es wichtig ist: Jetzt ist es ja nicht schwer, über Wilson sich
auszusprechen innerhalb Mitteleuropas; aber ich kann ja hinweisen dar-
auf, wie ich in einem Zyklus, der lange vor diesen Ereignissen gehalten
worden ist, als noch die ganze Welt einschließlich Mitteleuropas Wilson
bewunderte, dazumal ihn genau ebenso charakterisiert habe wie jetzt. Es
handelt sich darum, daß man aus viel tieferen Quellen heraus an die Im-
pulse, welche die heutige Zeit beherrschen, welche die heutige Zeit auch
als Irrtümer beherrschen, herangeht. Gerade auf unserem anthropo-
sophischen Gebiete hatten unsere Freunde Gelegenheit, zu sehen, wie,
lange bevor eine äußere Nötigung vorlag, die Dinge im rechten Lichte
zu sehen, immer wieder und wiederum auf das Richtige hingewiesen
worden ist. Möge man diese Dinge in der Zukunft besser verstehen,
als man sich in der Vergangenheit entschlossen hat, sie zu verstehen!
Und das lege ich Ihnen noch besonders ans Herz: Manches, was auf
dem Gebiete unserer anthroposophischen Wissenschaft zutage tritt, es
ist noch unendlich besser zu verstehen, als man sich bisher entschlos-
sen hat, es zu verstehen. Es kann noch tiefer in die Herzen und Seelen
der Menschen dringen und zu einem intensiveren Leben erweckt wer-
den, als es bisher geschehen ist. Möge es geschehen! Denn es wird das,
was dadurch geschieht, schon mit vielem zusammenhängen, was wahr-
haftig nicht zum Unheil, sondern zum Heil der künftigen Menschheits-
entwickelung geschehen kann, was geschehen kann zur Ausbesserung
von vielem, das versäumt worden ist, und das vielleicht weiter ver-
säumt werden wird, wenn man nur auf dasjenige, was außerhalb der
Geisteswissenschaft gewonnen werden kann, hören will. Auch unter
unseren Freunden haben viele eine doppelte Buchhaltung ihres Le-
bens. Die eine haben sie in den anthroposophischen Betrachtungen und
Büchern, um für den Privatgebrauch ihres Herzens und ihrer Seele
etwas daraus zu gewinnen. Die andere Buchhaltung ist für das Leben
draußen, wo sie einzig und allein auf die naturwissenschaftliche Auto-
rität etwas geben. Man merkt es oftmals nicht, daß es so ist; es ist aber
gut, in diesen Dingen ein wenig gewissenhaft mit seiner Seele zu Rate
zu gehen, damit Einklang bestehe zwischen diesen zwei Buchhaltungen.
Das Leben des Menschen läßt sich doch nur in einerlei Sinn ver-
walten. Auch in die naturwissenschaftliche Weltanschauung muß der
Geist eindringen. Und auch das religiöse Leben muß durchdrungen
werden von demjenigen Lichte, das an der Geisteswissenschaft gewon-
nen werden kann. Fassen Sie selbst solche Dinge, wie sie heute hier ge-
sagt und gemeint waren und die scheinbar die Zeitenbetrachtungen in
übersinnliche Höhen hinaufführen, so auf, wie sie in Ihren Vorstel-
lungen lebendig ergriffen werden können. Dann werden Sie schon
sehen, daß mit anthroposophischer Bildung nicht nur Kopfbildung,
daß damit Herzensbildung für die Menschheit gegeben werden kann.
Sie ist schon Herzensbildung. Sie dient schon der ganzen Menschheit,
nicht bloß derjenigen Menschheit, die eigentlich mit siebenundzwan-
zig Jahren sterben könnte. Sie dient schon dazu, den Menschen lebens-
mutig, lebenstüchtig das ganze Leben hindurch zu machen. Greisen-
haft, nervös, unharmonisch, zerrissen wird diejenige Bildung ihn ma-
chen, welche das verschiedene Tempo von Kopf- und Herzensent-
wickelung nicht beachtet. Sehen Sie ins Leben, Sie werden dies be-
stätigt finden, denn das Leben kann ein großer Lehrmeister sein mit
Bezug auf die Bestätigung desjenigen, was anthroposophisch orientierte
Geisteswissenschaft aus den geistigen Höhen herunterholt. Nehmen
Sie alles zusammen, was gesprochen ist, vor allen Dingen, wenn es von
solchen Gesichtspunkten aus gesprochen ist wie heute, als zu Ihrem
Herzen gesprochen, meine lieben Freunde, für die Bildung unseres Her-
zens durch den Geist der Welt; und halten Sie zusammen dasjenige,
was das Band sein soll, das uns gerade als Glieder unserer Bewegung
miteinander verknüpft. So wollen wir zusammenarbeiten, und so wol-
len wir uns vornehmen, weiterzuarbeiten, jeder an seinem Platz, so gut
er es kann.
V I E R Z E H N T E R VORTRAG
Stuttgart, 23. April 1918

Ich habe hier schon aufmerksam gemacht darauf, daß man immer wie-
der und wiederum einen Einwand gegen die Beschäftigung mit geistes-
wissenschaftlichen Wahrheiten hören kann, einen Einwand übrigens,
der es von vorneherein an der Stirn trägt, daß er aus der Überbequem-
lichkeit der menschlichen Seele entspringt. Es ist der Einwand derer,
die da sagen: Ich weise es ja nicht ab, daß der Mensch, wenn er durch die
Pforte des Todes gegangen ist, in eine andere, eine geistige Welt ein-
tritt; aber wie diese geistige Welt beschaffen ist, wie es mit dieser gei-
stigen Welt steht, das will ich abwarten! Hier auf dieser Erde muß man
sich seinen materiellen Pflichten widmen, man wird dann schon sehen,
wie es in einer anderen Welt zugeht, wenn man in diese andere Welt
versetzt wird. - Es kann nicht bestritten werden, daß dieser Einwand
sehr bequem ist. Allein, ihn sorgfältig zu prüfen, das geziemt dem, der
sich für geisteswissenschaftliche Wahrheiten interessiert, denn durch
solche Prüfung kann er bestärkt werden in der Anschauung von der
Notwendigkeit, sich wirklich mit geisteswissenschaftlichen Wahrhei-
ten zu befassen. Um diese Prüfung Ihnen einmal, ich möchte sagen,
vor die Seele hinzulegen, wollen wir von einem gewissen Gesichts-
punkte aus heute wiederum die Beziehungen uns vergegenwärtigen, die
da bestehen zwischen dem Menschenleben hier und dem Menschenle-
ben, das zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verfließt.
Seien wir uns doch klar darüber, daß der Mensch, indem er hier im
physischen Leibe durch das Leben wandelt, nur einen Teil von dem,
was mit seinem Leben zusammenhängt, wirklich in das gewöhnliche
Bewußtsein aufnimmt, denn fortwährend gehen Dinge vor, welche mit
unserem Leben zusammenhängen, die aber nicht so an diesem unserem
Leben vorüberrauschen, daß wir sie uns klar und deutlich vor das ge-
wöhnliche Bewußtsein brächten. Wir bringen uns manchmal die Tat-
sachen halb und halb zum Bewußtsein, nicht aber die ganze Tragweite,
die diese Tatsachen des alltäglichen Lebens für uns haben. Denken Sie
einmal am Abend über Ihr Tagwerk nach, denken Sie vor allen Dingen
darüber nach, welche Orte - wir könnten auch etwas anderes auswäh-
len, aber wir wollen einmal dies nehmen - Sie betreten haben, und wel-
chen Menschen Sie dadurch nahegekommen sind. Das alles hat ja für
Sie eine große Bedeutung, denn Ihre unmittelbare Umgebung spiegelt
sich in Ihrer Seele. Und von vielen Dingen, die sich so spiegeln in der
Seele, kommt wirklich das allerwenigste zum deutlichen Bewußtsein
im alltäglichen Leben. Es ist doch ein großer Unterschied, ob wir, sagen
wir, heute um neun Uhr morgens in der Nähe des Stuttgarter Bahnhofes
waren, oder ob wir draußen im Wald waren, denn in beiden Fällen hat
sich etwas ganz anderes in Ihrer Seele gespiegelt; etwas ganz anderes
lebt in Ihrer Seele in beiden Fällen. Wir machen uns gewöhnlich nicht
klar, daß das eine tiefgehende Bedeutung hat. Nur aus, ich möchte
sagen, leisen Andeutungen des Lebens können wir die Bedeutung sol-
cher Sachen oftmals entnehmen. Nehmen wir nur einmal das Folgende;
Sie können es konstatieren - natürlich nicht in diesem Falle, sondern in
anderen Fällen - , wenn Sie ein wenig auf das Leben achten. Nehmen
Sie an, Sie sind heute abend hergekommen. Irgend jemand in der ersten
Sitzreihe hätte Veranlassung, den Saal, bevor ich hier zu Ende geredet
habe, zu verlassen; er steht auf, bewegt sich durch den Gang und geht
hinaus. Jemand in der dritten Sitzreihe hat ihn gesehen, aber, ich nehme
das wenigstens so an, dieser in der dritten Sitzreihe hat aufmerksam zu-
gehört — was ja auch vorkommt, nicht wahr —, und er hat an seinem
gewöhnlichen Bewußtsein diese Persönlichkeit, die da hinausgegangen
ist, eigentlich nur so halb, so ein bißchen vorübergehen lassen. Er wird
bemerken können, daß er vielleicht außerordentlich wenig träumt von
dem, was ich hier gesprochen habe. Denn wahrscheinlich würden,
wenn man darüber eine Statistik aufnehmen könnte, diejenigen der
verehrten Zuhörer, die furchtbar viel träumen von dem, was hier ge-
sprochen worden ist, doch nicht allzu zahlreich sein. Aber Sie werden
leicht sehen können - vielleicht nicht an diesem Beispiel, aber an einem
ähnlichen - , daß Sie träumen von dem, der da aufgestanden und hin-
ausgegangen ist. Das heißt: Sie werden in zahlreichen Fällen des Lebens
bemerken können, daß Sie gerade im Schlafbewußtsein auf diejenigen
Dinge zurückgreifen, die während des Tages flüchtig an Ihrem Be-
wußtsein vorübergehen.
Darauf beruht es, daß die Menschen so wenig wissen, wovon sie ge-
träumt haben. Denn das meiste von dem, was geträumt wird, ist von
solcher Art, daß es bei Tage ziemlich unvermerkt vorübergeht. Das-
jenige, was ganz klar im Bewußtsein aufgefaßt wird, von dem wird
zumeist sehr wenig geträumt. Nur dann wird davon geträumt, wenn
es verknüpft ist mit gewissen Empfindungen, gewissen Gefühlen, die
man sich auch wiederum nicht klar und deutlich zum Bewußtsein
bringt. Und beim Aufwachen erinnert sich der Mensch so wenig an die
Träume, weil er eben das, was er geträumt hat, in der vorhergehenden
Lebenszeit wenig beachtet. Es hängt das mit der geringen Erinnerungs-
fähigkeit an die Träume doch auch zusammen. Kurz, was ich sagen
will, ist dieses, daß Unzähliges an dem Menschenleben vorüberrauscht,
das nur ganz flüchtig in das Bewußtsein hereinkommt, das aber eine
große Bedeutung hat, wenn es auch im Unbewußten oder Unterbewuß-
ten bleibt, für das menschliche Seelenleben. Alles, was so, ich möchte
sagen, zwischen den Zeilen des Lebens verläuft, hat zunächst große
Bedeutung, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschrit-
ten ist.
Wir haben ja diese Zeit, die der Mensch zunächst zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt verbringt, öfter zu beschreiben gehabt
von den verschiedensten Gesichtspunkten aus. So mischt sich immer
eines in das andere hinein, und nur dadurch, daß man die verschie-
densten Gesichtspunkte wählt, kommt man zu einer gewissen Vollstän-
digkeit auf diesem Gebiet. Alles, was unvermerkt am gewöhnlichen
Bewußtsein vorübergeht, das wird dann entrollt, wenn der Mensch
durch die Pforte des Todes geschritten ist. Und ich möchte dasjenige,
was da der Mensch zunächst durch lange Zeit hindurch erlebt, nennen
das Entrollen der Bilder. Es ist im wesentlichen ein Durchmachen von
Erlebnissen des imaginativen Bewußtseins, was da der Mensch durch-
macht. Eine große, große Anzahl von Bildern wird entrollt über Le-
bensszenen, die wir uns sehr wenig zum Bewußtsein gebracht haben.
Und von dem wiederum, was wir uns hier zum Bewußtsein gebracht
haben, wird dasjenige entrollt, was hier vom Bewußtsein auch wenig
berührt worden ist. Das andere, was hier deutliches Bewußtsein war,
das tritt mehr als Erinnerung nach dem Tode auf, wie Gedächtnisbil-
der, wie Erinnerung; aber das, was hier wenig beachtet worden ist, ent-
rollt sich wie in Gegenwartsbildern.
Heute ist es mir besonders wichtig darauf hinzuweisen, daß das erste
Drittel des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt im we-
sentlichen zu tun hat mit diesem Entrollen der Bilder, im wesentlichen
zu tun hat mit einem Leben in Imaginationen. Diesen Imaginationen
können wir ja dadurch zu Hilfe kommen, daß wir eine Verbindung
herstellen zwischen uns, die wir hier übriggeblieben sind, und denen,
die als mit uns karmisch verbunden durch des Todes Pforte gegangen
sind. - Dann kommt das zweite Drittel, in dem dieses geistig-seelische
Menschenleben mehr ausgefüllt ist mit Inspirationen. Da findet das
statt, daß dem Menschen klar wird, welche Bedeutung die Bilder, die
er zuerst erlebt hat, im ganzen Weltzusammenhange haben, wie er sich
durch diese Bilder in den Weltenzusammenhang hineinstellt. Denn alles,
was der Mensch erlebt, hat Bedeutung für den Weltenzusammenhang.
Man darf nicht glauben, daß es gleichgültig ist, einen Menschen einmal
begegnet zu haben, den man vielleicht wenig beachtet hat, in seiner
Nähe gewesen zu sein. Es wird in Bildern entrollt, und das, was es im
gesamten Weltengeschehen für eine Bedeutung hat, das kommt in In-
spirationen in dem zweiten Drittel des Lebens zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt zur Offenbarung.
Im letzten Drittel ist das Leben hauptsächlich ein solches in Intui-
tionen. Da hat sich der Mensch hineinzuversetzen in dasjenige, was in
seiner geistig-seelischen Umgebung ist. Da lebt der Mensch wie unter-
getaucht mit seinem Bewußtsein in das, was in seiner geistig-seelischen
Umgebung ist. Und gerade in diesem letzten Drittel, durch dieses Un-
tertauchen, bereitet er vor das Untertauchen in den physischen Leib
nach der Geburt beziehungsweise der Empfängnis. Die Intuitionen im
letzten Drittel des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt
sind die Einleitung jener Intuition, die dann natürlich unterbewußt
oder unbewußt ist, die darin besteht, daß der Mensch in den Leib unter-
taucht, der ihm überliefert wird in der Vererbungsströmung von El-
tern, Großeltern und so weiter. Und es bleibt dem Menschen etwas,
wenn er nun aus der geistig-seelischen Welt in die physische Welt über-
getreten ist. Denken Sie, wenn Sie das ins Auge fassen, daß der Mensch
eigentlich durch lange Zeit in geistig-seelischen Intuitionen lebt, ge-
wöhnt ist, in solchen zu leben, so wird er an dieser Gewohnheit noch
etwas festhalten wollen, wenn er in den physischen Leib hineingegangen
ist. Das tut er in der Tat. Denn was ist denn - lesen Sie es nach in dem
Büchelchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Gei-
steswissenschaft» - die hauptsächliche Seelenbestrebung in den ersten
sieben Lebensjahren bis zum Zahnwechsel? Ich habe gesagt: Nach-
ahmungssucht. Das Kind versucht immer dasjenige zu tun, was in seiner
Umgebung getan wird; es geht nicht von eigenen Intentionen aus; es
versetzt sich in die Handlungen derjenigen, die in seiner Umgebung
leben und ahmt diese nach. Das ist der Nachklang der Intuitionen im
letzten Drittel des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Wir werden deshalb als nachahmende Wesen geboren, weil wir ins
physische Leben übersetzen dasjenige, was wir lange Zeit in geistig-see-
lischer Weise in der anderen Welt drüben getan haben. Und man ver-
steht das, wie der Mensch hereinwächst in dieses physische Leben, in-
dem man den Blick zurückwendet auf das, was der Mensch gewohnt
geworden ist in der geistigen Welt zu treiben.
Sie sehen hier einen Gedanken aus der Geisteswissenschaft vor Sie
hingestellt, der von solcher Art ist, wie viele kommen müssen für die
nächsten Jahrhunderte und Jahrtausende des menschlichen Geistes-
lebens. Diese Gedanken werden sich ja viel, viel ändern müssen gegen-
über dem, was bis jetzt die Menschen geistig beschäftigt hat. Bedenken
Sie, daß es seit den letzten Jahrhunderten üblich geworden ist, wenn
der Unsterblichkeitsfrage nachgedacht wird, hauptsächlich an das zu
denken, was nach dem Tode ist. Man denkt immer: Kann der Mensch
dasjenige, was er im physischen Leben entwickelt, über den Tod hin-
aus halten? - Das ist den Menschen vor allen Dingen wichtig. Diese
Unsterblichkeitsfrage ist gewiß wichtig, aber sie wird ein anderes Ge-
sicht bekommen, wenn man, ich möchte sagen, die andere Hälfte der
Unsterblichkeitsfrage ins Auge faßt, wenn man sich nicht interessieren
wird: Was schließt sich an den Tod an und wie stellt sich das als Folge
des Lebens hier auf der Erde heraus? - sondern wenn man fragen wird:
Wie schließt sich das, was wir hier im physischen Leibe erleben, an das
an, was wir vorher erlebt haben? - Für das Leben, das wir vorher er-
lebt haben, ist unser Leben hier das Jenseits. Vorzugsweise diese Rich-
tung wird der Gedanke nach dieser Seite hin empfangen. Die Menschen
werden einsehen, daß sie das Leben auf der Erde hier nur verstehen
können, wenn sie es als Fortsetzung begreifen des geistigen Lebens, aus
dem sie gekommen sind. Sie werden sich wieder zu interessieren an-
fangen für jenes Leben, das dem Erdenleben vorangegangen ist. Man
kann ja sagen, mit Ausnahme des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts
haben sich die Menschen im geistigen Leben doch noch etwas für die
Unsterblichkeitsfrage interessiert, aber sie haben sich nur interessiert
für die Unsterblichkeitsfrage, insofern das geistige Leben in der Un-
sterblichkeit eine Fortsetzung des Erdenlebens ist. Die philosophischen
Gelehrten haben es so getan, aber diese philosophischen Gelehrten wa-
ren ja im Grunde genommen, trotzdem sie behaupten, vorurteilslose
Wissenschaft zu treiben, in vieler Beziehung rechte Jammermenschen,
die, während sie glaubten vorurteilslose Wissenschaft zu treiben, doch
nichts anderes getan haben, als die Vorurteile fortzusetzen, die aus ge-
wissen Strömungen heraus gekommen sind. Bedenken Sie, daß die
Kirche zur Zeit des Origenes die Präexistenz der Seele verdammt hat,
daß sie den Origenes deshalb verdammt hat, weil er diese Präexistenz
gelehrt hat, so daß die Kirche in einer gewissen Zwangslage war: Da
war Origenes, der größte Kirchenlehrer, und es war nicht zu leugnen,
daß Origenes die Präexistenz gelehrt hat. Das ist aber in der Kirche
verboten. Da war man in einer großen Zwangslage. Man ist gewöhnt
worden, das ganze Mittelalter hindurch, von der Präexistenz nichts zu
lehren. Das haben die Professoren der Philosophie fein fortgesetzt, und
die Schriftsteller der Philosophie auch, aber sie haben geglaubt, vor-
aussetzungslos zu denken. In anderen Fragen haben sie es auch so ge-
macht, in Fragen, für die ich Beispiele ja schon hier angeführt habe.
Nun muß man sich vor allen Dingen klarmachen, daß die Richtung
der Gedanken, die Richtung des menschlichen Anschauens durch Gei-
steswissenschaft eine ernste Änderung erfahren muß. Dieses Erden-
leben wird erst mit dem rechten Werte erscheinen, wenn man sich be-
wußt werden wird, daß es eine Fortsetzung ist eines geistigen Lebens.
Und es kann nur verstanden werden, wenn es als solches aufgefaßt
wird. Dann aber wird man, wenn man die Sache so betrachtet, auch
für die andere Seite der Frage ein gesünderes Urteil gewinnen. Wenn
man sich klarer darüber wird, daß dieses Erdenleben eine Bedeutung
für das Leben im Jenseits hat, daß der Mensch im Jenseits danach strebt,
hier auf die Erde zu kommen, um dieses Erdenleben zu haben, weil er
es braucht, dann wird man viel mehr gerade aus solchen Voraussetzun-
gen heraus nach dem Werte dieses Erdenlebens fragen, als man es bis-
her getan hat.
Aber eine Sache wird Sie besonders darauf hinweisen können, wie
bedeutsam es ist, nach dem Werte dieses Erdenlebens zu fragen. Zwei
Dinge werden ja häufig nicht sehr voneinander unterschieden, näm-
lich: Der Mensch denkt - und: Der Mensch hat Gedanken. - Aber die
beiden Dinge sind wirklich sehr voneinander verschieden. Denken ist
eine Kraft, die der Mensch hat, eine Tätigkeit; und diese Tätigkeit
führt erst zu den Gedanken. Nun, die Tätigkeit des Denkens, diese
Kraft, die im Denken lebt, bringen wir uns aus dem Leben zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt in dieses Erdenleben herein. Diese
Kraft des Denkens betätigen wir an den äußeren Wahrnehmungen
durch die Sinne und machen uns die Gedanken über die Umgebung,
die wir hier haben. Aber diese Dinge in unserer Umgebung haben ja
keine Bedeutung für das Leben zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt, denn dort sind sie nichts. Sie sind nur hier für die Sinne. Des-
halb haben auch die Gedanken, die wir uns hier machen über dieje-
nigen Dinge, die vor unseren Sinnen ausgebreitet sind, keine Bedeu-
tung für das Leben nach dem Tode; aber eine Bedeutung für das Le-
ben nach dem Tode hat es, daß wir der Denkkraft überhaupt etwas
zuführen, denn diese Denkkraft, die bleibt uns für das ganze Leben
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Die Gedanken, die wir
von den sinnlichen Wahrnehmungen hinnehmen, die können uns nichts
fruchten nach dem Tode. Die dienen da nur, um Anhaltspunkte zu
haben zur Erinnerung an das Ich während des Lebens zwischen Ge-
burt und Tod.
Denken Sie sich zwei Menschen. Der eine kümmert sich gar nicht
um dasjenige, was man durch so etwas wie Geisteswissenschaft über
das Leben in den geistigen Welten erfahren kann. Er macht sich nur
Gedanken über das, was die Sinne darbieten und das, was die gewöhn-
liehe Wissenschaft lehrt; das ist aber auch nichts anderes, als was die
Sinne darbieten. Und er sagt: Ich will warten, wie es mit der geistigen
Welt steht, bis ich in sie eindringe. - Es sind das die, ich möchte sagen,
weniger Schlimmen von einem gewissen Gesichtspunkte aus, gegenüber
denjenigen, die im 19. Jahrhundert aufgetreten sind und glaubten,
mit aller Kraft der Wissenschaft überhaupt eine geistige Welt leugnen
zu müssen, nach dem Ausspruche, den der Dichter einen solchen Men-
schen tun läßt: So wahr ein Gott im Himmel ist, bin ich ein Atheist! -
Ungefähr aus solcher Gesinnung heraus war ja der Atheismus des 19.
Jahrhunderts zuweilen geboren, aus solchen «gedankenvollen Seelen-
inhalten» heraus. Aber nehmen wir einen Menschen, der sich einfach
nicht einläßt darauf, hier etwas an Gedanken sich zu bilden über die
geistigen Welten. Das wäre der eine Mensch. Der andere läßt sich dar-
auf ein, sich Gedanken zu bilden über die geistige Welt. Das sind an-
dere Gedanken als diejenigen, die man durch die Sinne aufnimmt.
Nicht wahr, daß es andere Gedanken sind, ist ja nicht zu leugnen. Denn
das zeigt sich schon darin: Die Gedanken, durch die nicht aufgenom-
men wird eine geistige Welt, die sind nach der Ansicht der meisten
heute lebenden Menschen die gescheiten Gedanken, die realen Ge-
danken; die Gedanken, welche die Geisteswissenschaft beschreibt,
sind die verrückten, die phantastischen, die tollen Gedanken und so
weiter.
Aber nehmen wir diese beiden Menschen. In welcher Lage sind diese
beiden Menschen, wenn sie durch die Pforte des Todes geschritten sind?
Derjenige, der hier keine Gedanken aufgenommen hat über die geisti-
gen Welten, der also nichts hat durch seine Seele ziehen lassen von Ge-
danken über die geistigen Welten, der ist als seelisches Wesen nach
dem Tode in derselben Lage wie einer, der einen physischen Organis-
mus hat, aber nichts zu essen, der hungern muß. Denn die Gedanken,
die wir uns hier machen über die geistigen Welten, sie sind die Nah-
rung für eine der hauptsächlichsten Kräfte, die uns bleiben nach dem
Tode: für die Denkkraft. Die Denkkraft haben wir, wie wir hier die
Hungerkraft haben, aber genährt werden kann diese Hungerkraft zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt gar nicht. Wir können zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt Imagination haben, Inspira-
tion und Intuition, aber wir können nicht Gedanken als solche haben.
Die müssen wir uns hier erwerben. Wir müssen eintreten in das Leben
zwischen Geburt und Tod, damit wir uns hier Gedanken erwerben.
Von diesen Gedanken, die wir uns hier erworben haben, zehren wir
die ganze Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und wir
hungern nach diesen Gedanken, wenn wir sie nicht haben. Das ist der
Unterschied. Ein geistiger Hungerleider zu werden, dazu ist derjenige
verurteilt, der sich hier keine Gedanken machen will über die geistigen
Welten. Und ein solcher, der sich zu sättigen und dadurch zu leben
vermag zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, ist derjenige, den
ich als zweiten angeführt habe, der sich solche Gedanken macht, wie
wir sie hier treiben. Würde daher der Materialismus einzig und allein
die Anschauung der Menschen werden, dann würden die Menschen,
wenn ich den Ausdruck brauchen darf, in der Zukunft zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt immer mehr und mehr dem geistigen Hun-
gertyphus verfallen. Die Folge davon wäre, daß sie durch die folgende
Inkarnation verkümmert hereintreten würden in die physische Welt.
Die geistige Welt würde verkümmern, und mit der geistigen Welt
würde die physische Welt verkümmern in der Zukunft, die die Mensch-
heit noch durchzumachen hat während dieser Erdenwelt. Es ist ge-
lungen, das «Nach uns die Sintflut» zu einer gewissen Gesinnung zu
machen für die ahnungslose Menschheit, die nicht weiß, worauf es an-
kommt. Dieser Ausspruch: Nach uns die Sintflut —, wenn er auch nicht
getan wird, er liegt auf dem Grunde der Seele in einer materialistischen
Zeit. Dieser Ausspruch hat gar keinen Sinn für denjenigen, der die
Wirklichkeit kennt. Denn dasjenige, was die Menschheit in der Ge-
genwart tut, ob sie die Seelen in die geistigen Welten eintauchen will
oder nicht, das ist dasjenige, was die Grundlage legt auch für die Zu-
kunft der Entwickelung. Das Heil der Erde selber hängt davon ab,
daß die Menschheit in der Gegenwart nicht davon abläßt, sich Ge-
danken zu machen über die geistigen Welten. Diejenigen, die in der
Gegenwart leben, müßten dieses immer mehr und mehr einsehen. Denn
daß der Gang der Menschheitsentwickelung geistig begriffen werde,
davon hängt ungeheuer viel ab.
Wir haben versucht,' wichtige Begriffe zu entwickeln über die gei-
stigen Welten, denn schließlich ragen ja die geistigen Welten in unsere
physische Welt herein, und man kann auch die physische Welt nicht
verstehen, wenn man nicht die geistigen Welten versteht. Und wir
haben die mannigfaltigsten Begriffe entwickelt. Nun, ein wirklich
denkender Mensch wird schon dazu kommen, gerade das für die Wirk-
lichkeit bedeutsame Moment dieses geisteswissenschaftlichen Denkens
einzusehen. Man kann einfach die gesamte Wirklichkeit nicht verste-
hen, wenn man nur naturwissenschaftlich denken will, wie man auch
das materielle Dasein nicht verstehen kann, wenn man nur naturwis-
senschaftlich und nicht geisteswissenschaftlich denkt. Ich will Ihnen
dafür ein sehr paradoxes, ein sonderbares Beispiel sagen.
Ich glaube, ich habe ja auch hier vor einiger Zeit hervorgehoben,
daß etwa vor anderthalb Jahren ein recht bedeutsames dickes Buch
erschienen ist von einem ausgezeichneten Naturforscher der Gegen-
wart, von Oscar Hertwig, einem Haeckel-Schüler, «Das Werden der
Organismen; eine Widerlegung der Darwinschen Zufallstheorie». Das
ist ein ausgezeichnetes Buch, das ganz auf der Höhe der naturwissen-
schaftlichen Forschung der Gegenwart steht. Und ich habe viele Ge-
legenheiten ergriffen, in der letzten Zeit, um da und dort das Bedeut-
same, das Tonangebende darin hervorzuheben. Denn auch kulturhisto-
risch ist es ein merkwürdiges Buch. Sie wissen, daß im Jahre 1869
Eduard von Hartmann aufgetreten ist mit seiner «Philosophie des Un-
bewußten», damals in der Blütezeit des Darwinismus, der seine mate-
rialistische Deutung damals gefunden hat. Eduard von Hartmann hat
sich dagegen gewendet. Da haben die Naturforscher geschrien: Nun,
es ist ein dilettantischer Philosoph, der von Geist redet und der nichts
versteht von Naturwissenschaft! - Die Sache kam so, wie ich es ja
schon öfter beschrieben habe. Es erschien eines Tages ein Buch, von
dem sogar der Haeckel-Schüler Oskar Schmidt schrieb: Da ist einmal
einer aufgetreten, der versteht etwas von Naturwissenschaft. Der hat
es dem Hartmann einmal gegeben! Wir selber könnten es nicht besser
sagen; er nenne sich uns, und wir werden ihn als einen der unsrigen
begrüßen! - Sie haben furchtbar Reklame gemacht. Eine zweite Auf-
lage wurde notwendig. Da nannte sich der Verfasser: es war Eduard
von Hartmann! Da haben sie aufgehört, dafür Reklame zu machen.
Es mußte einmal eine solche Abfuhr geschehen, um den Leuten zu zei-
gen, daß diejenigen, die vom Geiste reden, noch immer so gescheit sind
wie diejenigen, die den Geist leugnen. Eduard von Hartmann hat noch
verschiedenes geschrieben und hingewiesen darauf, wie einseitig der
Darwinismus denkt. Er hat damit nicht viel Anklang gefunden. Aber
man kann sagen: Nach ruhiger, gut geschulter Forschung ist gerade
ein Mann wie Oscar Hertwig dazu gekommen, nun so zu denken, wie
Eduard von Hartmann schon 1869 gesprochen hat. Er zitiert ihn so-
gar in seinem Werke häufig. Und es ist alles in mustergültiger Weise
aufgebaut in diesem Buch «Das Werden der Organismen». Man kann
da tatsächlich einmal ein Musterbeispiel studieren einer Sache, die aus
der naturwissenschaftlichen Methode der Gegenwart herauswachsen
konnte, herausgewachsen ist.
Nun sehen Sie, vor einigen Wochen ist von demselben Manne eine
Art Fortsetzung dieses Buches erschienen: «Zur Abwehr des sozialen,
des ethischen und des politischen Darwinismus.» Man kann sich kaum
ein dümmeres Buch denken als dieses, das Oscar Hertwig seinem ersten,
epochemachenden Werk hat folgen lassen. Man kann sich nichts Un-
genügenderes, nichts Blechigeres denken als dieses Buch. Sie sehen,
auf dem Boden unserer Geisteswissenschaft ist es schon notwendig,
einiges an Autoritätslosigkeit sich anzuerziehen, denn wenn unsere lie-
ben Freunde, nachdem ich das wirklich epochemachende Buch in alle
Himmel gehoben habe und es auch immer tun werde, jetzt auf die
Autorität hin das zweite Buch kaufen und sich sagen würden: Also
müssen wir das als etwas Großes ansehen - , so werden sie sich sehr
täuschen. Dasjenige, wozu uns Geisteswissenschaft dient, das ist: uns
wirklich ein freies Urteil anzueignen; nach jeder Richtung und in jedem
Augenblick bereit zu sein, frei den Erscheinungen gegenüberzustehen,
die uns entgegenkommen. Autoritätsglauben kann selbst bis in diese
Ecken hinein innerhalb des geisteswissenschaftlichen Strebens durch-
aus nicht irgendwie gepflegt werden, sonst kommt nicht Geisteswissen-
schaft, sondern eine Karikatur der Geisteswissenschaft heraus. Woher
rührt das, was ich geschildert habe? Das rührt davon her, daß man
heute ein großer, epochemachender Naturforscher sein kann, das heißt
in der Lage sein kann, alles, was das materielle Geschehen und seine
Erscheinungen betrifft, nach den Methoden des 19. und 20. Jahrhun-
derts zu entwickeln; sobald man dann aber anfängt nachzudenken über
dasjenige, was in der Menschensphäre liegt, was im Menschen lebt,
wenn die Menschen sozial zueinander stehen, wenn sie ethisch-sittlich
miteinander leben, wenn sie politisch sich entwickeln wollen, politische
Ideen entwickeln wollen, in dem Augenblick, wo man anfängt über
diejenigen Dinge nachzudenken, in die das geistige Element hinein-
spielt, kann man, trotzdem man ein genialer Naturforscher ist, ein ab-
solut dummer Kopf sein, denn da dient einem die Naturwissenschaft
eben gar nicht. Und gerade ein solches literarisches Beispiel ist in un-
serer Zeit aufgetreten, um dieses, was man ja einsehen kann aus der
Geisteswissenschaft heraus, auch wirklich zu erhärten; wirklich in der
Realität hinzustellen. Denn man lese dieses zweite Buch von Oscar
Hertwig, und man wird bemerken, daß man eigentlich keinen einzigen
Gedanken findet über das, was sich auf das soziale, das ethische, das
politische Leben bezieht, wie es sich ja ganz gut gehört in der Gegen-
wart, denn die Gegenwart ist eben wirklich nicht gerade allzu reich an
fruchtbaren sozialen, ethischen und namentlich politischen Ideen. Aber
das rührt auch wiederum davon her, daß eben das rein naturwissen-
schaftliche Denken völlig überschätzt worden ist. Und dabei liegt bei
Oscar Hertwig der beste Wille vor; er möchte dieses naturwissenschaft-
liche Denken wegbringen von dem sozialen, ethischen und politischen
Denken. Da er aber über das letztere gar nichts hat, nützt es nichts,
wenn er das andere abwehrt. In diesem Buche finden sich die kurio-
sesten geistigen Purzelbäume. Ich will nur auf eines aufmerksam ma-
chen, immer unter der Voraussetzung, daß das erste Buch, das ich an-
geführt habe, ein ausgezeichnetes ist.
Die Menschen bemerken es nicht: Oscar Hertwig ist eine Autorität;
unsere Zeit ist nicht autoritätsgläubig, aber sie fällt auf jede Autorität
herein, die ihr offiziell hingestellt wird. Da lassen sich die Leute be-
lehren; manches fällt ihnen gar nicht auf. Aber Oscar Hertwig will in
dem zweiten Buche dem Menschen klarmachen, was man tun muß, um
richtig naturwissenschaftlich zu denken. Er kann es, aber er versteht
nicht, was es ist. Man kann es ja auch instinktiv. Die Methoden sind
großartig; man braucht nur dazu erzogen zu sein, braucht nicht in Ge-
danken entwickeln zu müssen, was man tut. Daher kommt Oscar Hert-
wig zu folgendem sonderbarem Denken. Er spricht darüber, wie man
eigentlich naturwissenschaftlich forschen soll, um die Dinge in der
Umgebung zu erkennen. Da sagt er: Das große Vorbild für das phy-
sikalische, chemische und biologische Denken haben die Astronomen
geliefert, und es käme darauf an, daß die Menschen lernen, über phy-
sikalische, chemische und eigentliche Lebenserscheinungen so zu den-
ken, wie die Astronomen über die Himmelserscheinungen denken. -
Es ist sehr suggestiv, wenn man dann sagt: Ahmt die Größe des Den-
kens bei Kepler, bei Kopernikus, bei Newton nach, um die Erschei-
nungen, die um euch herum sind, zu verstehen! - Aber denken Sie
einmal, was dahinter steckt! Die Erscheinungen des Lebens, die physi-
kalischen, die chemischen Erscheinungen, die Lebenserscheinungen sind
um uns herum; die Tatsachen sind uns ganz nahe, und wir stoßen fort-
während darauf. Und nun sollen wir Wissenschaft erhalten dadurch,
daß wir uns auf die Tatsachen richten, die uns so fern wie möglich lie-
gen; also, weil wir den Tatsachen der Himmelserscheinungen so fern wie
möglich stehen, sollen wir uns davon die Kenntnisse ausbilden für dasje-
nige, was uns tatsächlich umgibt. Man kann sich keinen tolleren Gedan-
ken bilden als so etwas. Aber Tausende und Tausende von Menschen le-
sen über eine solche Tollheit hinweg und ahnen nichts davon, daß solche
Tollheiten das ganze Denken der Gegenwart korrumpieren, daß, wenn
es sich hineinfrißt, es die Menschen wirklichkeitsfremd und immer
wirklichkeitsfremder machen muß. Da kann man dann auch nicht in
irgendeine soziale oder ethische oder politische Struktur hineinschauen,
wenn man von solchem Denken und solchen Sätzen ausgeht. Es gehört
schon mit zu den Aufgaben unserer Geisteswissenschaft, mit klaren
Blicken dasjenige zu durchschauen, was im sogenannten Geistesleben
der Gegenwart ist.
Ich sagte, wir haben uns damit befassen müssen, auf die geistigen
Kräfte hinzuweisen, die ja in die gewöhnliche physische Welt hinein-
ragen. Und wir haben immer wieder und wiederum davon gesprochen,
daß der Mensch gewissermaßen in drei Kraftströmungen darinnensteht
mit seinem Leben, in der luziferischen, in der ahrimanischen und in
derjenigen, welche die eigentlich der Menschheitsentwickelung ange-
messene ist. Ich habe ja auch Öfter darauf hingewiesen, daß man nicht
sagen darf: Ich meide das luziferische, ich meide das ahrimanische —
wenn man es meidet, wird man erst recht hineintauchen, sondern man
muß sich darüber klar sein, muß das Drinnenstehen des Menschen in
diesen drei Strömungen wirklich studieren, kennenlernen. Das Wissen
von Luzifer und Ahriman muß man in das Leben hineinnehmen.
Nun war gerade vieles in der sozialen, der historischen Struktur der
Menschheit in den letzten Jahrhunderten oder Jahrtausenden sehr stark
unter luziferischen Impulsen, die aus dem Menschen herauskamen.
Man könnte vieles, vieles anführen, was unter luziferischen Impulsen
stand, aber ich will nur eines anführen, bei dem ja jeder das luziferische
sogleich durchschauen wird.
Nicht wahr, eine große Rolle in der Art und Weise, wie die Men-
schen sich hinstellen auf die verschiedenen Pole ihres Lebens, die ver-
schiedenen Standpunkte des Lebens, spielt der Ehrgeiz, die Eitelkeit.
Es hätte ja mancher niemals diesen oder jenen Posten angestrebt, wenn
nicht die soziale Struktur Veranlassung gewesen wäre, daß diese Eitel-
keit nach der einen oder anderen Richtung aufgestachelt wird. Alles
Titelwesen, alles Rangwesen und Ordenswesen ruht ja schließlich auf
dem luziferischen Element. Und versuchen Sie nur einmal, sich un-
befangen darüber Gedanken zu machen, wieviel in dem, wie die Men-
schen im Leben stehen, rein dadurch bewirkt worden ist, daß sie streb-
ten nach diesen Fischangeln des Ehrgeizes, nach diesen Ködern. Ver-
suchen Sie einmal zu bedenken, wie die Menschen, der eine über den
anderen, der eine unter den anderen gestellt werden; wie die sozialen
Einrichtungen mit diesem Ehrgeiz rechnen. Versuchen Sie sich klar-
zumachen, wie das die soziale Struktur aufgebaut hat. Auf diesem Ge-
biet hat Luzifer eine außerordentlich große Rolle gespielt.
Betrachten wir eine andere Erscheinung, die jetzt anfängt geübt
und bewundert zu werden. Und hier, innerhalb der geisteswissenschaft-
lichen Arbeit ist die Stätte, solche Dinge in ordentlicher Art sachgemäß,
wirklichkeitsgemäß ins Auge zu fassen. Achten Sie unter den verschie-
denen jetzt in der Gegenwart beliebt werdenden Dingen auf manches,
so werden Sie unter diesem Manchen das finden, was man jetzt die
«Begabtenprüfungen» nennt. Begabtenprüfungen dienen dazu, aus der
Reihe der Kinder und jungen Leute die begabten auszusondern. Es
droht der wahre Götzendienst mit diesen Begabtenprüfungen entwik-
kelt zu werden. Wie macht man das? Man hat geschulte Psychologen,
die zwar nichts von der Seele verstehen, die aber die Psychologie um
so besser verstehen; Psychologen, die nach den Methoden der Gegen-
wart ausgebildet sind, und die befähigt sind, dadurch aus einer Reihe
von jungen Leuten oder Kindern die begabten auszusuchen, damit der
rechte Mann später am rechten Platz stehen kann, selbstverständlich.
Man ködert nun weniger, glaubt man, in der Zukunft mit dem Ehrgeiz,
mit der Eitelkeit, aber man macht Begabtenprüfungen. Diese Begabten-
prüfungen beziehen sich auf die Schnelligkeit des Auffassens, auf das
Gedächtnis. Es werden sinnlose Wörter hingeschrieben, und derjenige,
der sie schneller behalten kann, hat ein besseres Gedächtnis als derje-
nige, welcher sie weniger schnell behalten kann. Intelligenzprüfungen
macht man. Ein Wort, ein zweites, ein drittes Wort, die keinen Zusam-
menhang haben, gibt man, und dann läßt man die Schüler einen Zusam-
menhang finden. Also man schreibt zum Beispiel auf: «Räuber» und
«Spiegel» und sagt: Nun denke du dir einmal etwas zwischen Räuber
und Spiegel. - Der eine denkt nun: Der Räuber sieht sich im Spiegel. -
Der andere denkt: Ich habe einen Spiegel in meinem Zimmer, ein Räu-
ber schleicht sich herein, und ich sehe dies im Spiegel. - Der letztere hat
komplizierter gedacht, der ist also begabter. Dann wird die Sache noch
statistisch gemacht, und es werden diejenigen ausgefischt, welche am
allerintelligentesten sind; die werden dann als diejenigen genommen,
welche als die richtigen Menschen an den richtigen Platz gestellt
werden.
Sehen Sie, derjenige, welcher von solchen Voraussetzungen aus,
wie sie jetzt hier gemacht werden, gegen diese großartige Errungen-
schaft der Gegenwart etwas einwendet, der gilt doch als ganz plumper
Narr, der nichts weiß von alledem, um was es sich handelt.
Nun, rücken wir einmal diese ganze Sache in unsere Erkenntnis
herein. Was prüft man denn, indem man so den Menschen prüft? Nichts
prüft man, was mit seiner Seele wirklich zu tun hat. Man braucht sich
ja nur eines zu überlegen: daß wahrscheinlich die bedeutendsten Men-
schen der Vergangenheit, die das Höchste geleistet haben, nach sol-
chen Prüfungen als die unbegabten hätten gelten müssen. Denken Sie
sich sogar den von den heutigen Menschen als Zelebrität angesehenen
Helmholtz; wenn er so einer Begabtenprüfung unterzogen worden
wäre, würde er ganz sicher nicht auf den Posten gekommen sein, auf
dem er später gestanden hat. Mit der Entwickelung der Seelenfähig-
keiten der menschlichen Individualität haben diese Begabtenprüfungen
gar nichts zu tun, wohl aber mit der Summe der ahrimanischen Kräfte,
die im Menschen liegen. Man prüft nicht den Menschen, sondern das,
was als ahrimanische Kräfte in ihm steckt, indem man diese Prüfung
macht. Und so, wie man bisher mit luziferischen Kräften gerechnet
hat, so beginnt man jetzt auf ahrimanische Kräfte zu zählen und eine
soziale Struktur zu begründen, die rein auf Ahrimanischem aufgebaut
ist. Allerdings werden solche Dinge nur diejenigen durchschauen kön-
nen, die wirklich auf geisteswissenschaftliche Inhalte eingehen, die die
Welt werden geistig durchschauen wollen. Denn das, was ich Ihnen
jetzt erzählt habe von den Begabtenprüfungen, das wird von einer
großen Anzahl von Leuten und ihrem journalistischen Nachläufertum
geradezu als eine der bedeutsamsten Errungenschaften der Gegenwart
hingestellt, so hingestellt, daß sich auf Grundlage dieser Prüfung die
soziale Struktur der Zukunft aufbauen kann. Und das Publikum, das
ja nicht autoritätsgläubig ist, dieses arme Publikum hat gar nicht die
Möglichkeit nachzudenken über das, um was es sich bei einer solchen
Sache eigentlich handelt. Es hat nicht die Möglichkeit, sich klare Be-
griffe über eine solche Sache zu bilden. Das ist es aber, worauf es an-
kommt.
Wenn Sie sich heute aus mancherlei von dem, was wir auf unsere
Seele haben wirken lassen, Begriffe davon bilden, was zunächst zu ge-
schehen hat für die Menschheit, was im Sinne des geistigen Entwicke-
lungsstromes zu geschehen hat, dann fragen Sie das Richtige. Dann
werden Sie aber bemüht sein, die menschlichen Individualitäten zu
erfassen, um ihnen dasjenige, wofür Interesse sein muß, beizubringen.
Da werden Sie nicht dazu kommen, die ahrimanischen Fähigkeiten zu
prüfen, denn diese ahrimanischen Fähigkeiten werden ja dahin führen,
daß die Menschheit vollständig nur noch als eine Summe von Ma-
schinen behandelt würde. Man prüft ja nur den Geist in der äußeren
Leiblichkeit. Man prüft den Menschen nur, sofern er Maschine ist,
wenn man ihn dieser Begabtenprüfung unterzieht. Und man stellt eine
soziale Auslese her, die nur die besten Arten der physischen Maschine
zu Leitern der Menschheit macht. Man reflektiert nirgends auf das-
jenige, was im Grunde der Seele ruht, und was bei solchen Prüfungen
niemals an die Oberfläche kommen kann. Aber ich werfe niemandem
vor, wenn er heute geradezu götzendienerisch solchen Dingen nach-
läuft, denn derjenige, der sich gar nicht mit Geisteswissenschaft befaßt,
kann ja nichts anderes tun, als sich dem Urteil hinzugeben, das sei
das Gescheiteste, was man in der Gegenwart machen kann. Aber die-
ses führt allmählich ganz weg von der realen menschlichen Leben-
digkeit, von der menschlichen Wirklichkeit. Es führt in abstrakte Ge-
biete, in dasjenige, was im Menschenleben tot ist und nur von der Gei-
stigkeit des Ahriman beherrscht wird. Man muß schon den vollen
Ernst solcher Sachen durchschauen, wie die Menschen abgezogen wer-
den von dem Wirklichen. Und das ist etwas, was einem in der Gegen-
wart mit besonderer Intensität entgegentritt: das Abgezogenwerden
der Menschen von der Wirklichkeit. Wer nämlich keinen Sinn hat für
die geistige Wirklichkeit, der verliert nach und nach auch den Sinn
für die gewöhnliche äußere Wirklichkeit, die ihn alltäglich umgibt,
wenn er nicht durch seinen Beruf oder anderes gezwungen wird, die
Wirklichkeit zu beachten.
Ich will Ihnen auch dafür ein Beispiel geben: Da ist etwas sehr Nied-
liches in den letzten Tagen passiert. In einer sehr gelesenen Zeitung er-
scheint ein Artikel von Fritz Mauthner, dem Kritiker der Sprache. In
diesem Artikel schimpft dieser Fritz Mauthner, der ein außerordent-
lich gescheiter Mensch ist, über ein Büchelchen, das in der Sammlung
«Aus Natur und Geisteswelt» erschienen ist, und das in einer ganz im
Sinne der gegenwärtigen materialistischen Wissenschaft gehaltenen
Weise entwickelt - und zwar so, wie es ein heutiger Universitätspro-
fessor macht - , wie die astrologischen Vorstellungen sind, die sich so
ergeben haben. Am Schlüsse entwickelt der Betreffende das Horoskop
von Goethe und setzt dabei auseinander, daß man an diesem zeigen
könne, wie die Dinge in Goethes Leben verlaufen sind. Aber eigent-
lich macht sich der gute Professor nur lustig über diejenigen, die auf
Horoskope etwas geben. Er will sie hinstellen als etwas, was so oder so
gedeutet werden kann. Fritz Mauthner schimpft und schimpft durch
drei Spalten des «Berliner Tageblattes» hindurch. Man konnte nicht
verstehen, warum er denn eigentlich schimpft. Es bestand nicht die
geringste Veranlassung zu schimpfen. Er hat eigentlich die gleiche
Meinung wie der, der das Büchelchen geschrieben hat, beide betrachten
die Astrologie von demselben Standpunkte aus. Und sehr bald hat
auch das Tageblatt eine Berichtigung des Verfassers gebracht, worin
dieser sagt, er verstehe Mauthner nicht, er habe zwar nicht auf jeder
dritten Zeile ausdrücklich gesagt: Ich schimpfe auf Astrologie - , aber
er habe eigentlich nicht mehr Interesse an der Astrologie als Fritz
Mauthner auch; er sei ganz einverstanden mit ihm. Das «Berliner
Tageblatt» - Zeitungen sind sehr gescheit - setzt hinzu, daß es keine
Veranlassung habe, sich des Verfassers anzunehmen und etwa Fritz
Mauthner Mißverständnisse vorzuwerfen. Fritz Mauthner war näm-
lich langjähriger Theaterkritiker des «Berliner Tageblattes» und
schreibt jetzt eine Art Theaterbriefe für diese Zeitung.
Fritz Mauthner seinerseits sagt, er habe auch nichts zu sagen zu die-
ser Antikritik des Autors. Man stand vor der sonderbaren Tatsache,
daß da zwei Leute eigentlich ganz miteinander einverstanden sind,
aber der eine haut auf den anderen drauf. Fritz Mauthner wird also
schon wild, wenn er nur etwas hört von Astrologie, oder wenn einer
von Horoskop etwas schreibt. Es wäre sonst nicht denkbar, daß er
diesen Artikel geschrieben hätte. Er schreibt so, als wenn der andere
der furchtbarste Astrologe wäre, der den Leuten die Gültigkeit des
Goetheschen Horoskopes an den Kopf werfen wollte. Da haben Sie
also ein Beispiel, wie zwei Leute sich gegenseitig bekämpfen, der eine
freiwillig, der Fritz Mauthner, der andere notgedrungen, weil Fritz
Mauthner ihn zuerst angegriffen hat, zwei Leute, zwischen denen nicht
die geringste Differenz ist. Wie kann das sein? So etwas kann doch nur
dann eintreten, wenn zwei überhaupt mit der selbst engbegrenzten
Wirklichkeit, um die es sich handelt, nichts zu tun haben, wenn beide
aus etwas anderem heraus leben als aus der Wirklichkeit. Das glori-
oseste Beispiel, daß man heute redet und redet, und sehr gescheit re-
det - Fritz Mauthner ist ein sehr gescheiter Mensch - , aber hinter dem
Gerede steckt gar nichts. Es ist nicht die geringste Veranlassung dazu,
daß man so redet.
Da haben Sie ein Beispiel für ein ganz logisches Aufbauen von Ge-
danken, die überhaupt gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben.
Dahin kommen Gedanken, die sich abgewöhnen, mit der geistigen
Wirklichkeit etwas zu tun zu haben, denn dann verliert der Gedanke
allmählich überhaupt seine Beziehungen zur Wirklichkeit. Das ist wich-
tig, so etwas einzusehen. Das ist auch der furchtbare Ernst der Sache.
Denn schließlich, ob der Fritz Mauthner und der Heidelberger Profes-
sor aufeinander loshacken und ihre Worte überhaupt keine Bedeutung
haben, weil keine Realität dahinter steckt, oder ob es zwei Politiker
sind, von denen der eine in Amerika und der andere in Europa redet,
und die vielleicht auch einmal einig reden, trotzdem sie total verschie-
den sind, darauf kommt es nicht an. Wenn alle Leute, die so reden,
absolut fremd sind der Wirklichkeit, nichts zu tun haben mit dem, was
real in den Dingen lebt, dann kommt eben dieses der Wirklichkeit Ent-
fremdetwerden, das breitet sich dann aus. Es hat sich ausgebreitet.
Denn das ist nur ein groteskes Beispiel, das ich angeführt habe, dieses
Beispiel von Fritz Mauthner und dem Professor Boll. Aber das ist über-
all vorhanden. So wird es heute überhaupt gemacht. Und wozu führt es?
Zum Streit führt es. Einig kann man verhältnismäßig leicht sein, wenn
man sich mit der Wirklichkeit befaßt; wenn man aber so zur Wirklich-
keit steht, führt das zum Streit. Nach und nach werden die Menschen
einsehen, wieviel von unseren katastrophalen Ereignissen mit dieser
Grundstimmung der Gegenwart zusammenhängt, was das für eine ernste
Sache ist. Denn gehen Sie einmal hinaus — es handelt sich um eine der
gelesensten Zeitungen in Deutschland - , fragen Sie bei den zahlreichen
Lesern, ob sie überhaupt auf das Groteske kommen, auf das Paradoxe,
das da zutage tritt! Das geht alles an den Menschen vorüber. Aber an
den Ereignissen geht es nicht vorüber; da hat es seine bitterbösen Wir-
kungen. Denn dasjenige, was da gemacht wird, ist ja nichts anderes
als der Mißbrauch menschlicher Geisteskraft. Denken Sie, wenn diese
Geisteskräfte, die da für nichts verbraucht werden, weil sie wirklich-
keitsfremd sind, in richtigem Sinne angewendet würden, dann würde
die Wirklichkeit gefördert, dann würde das in der normalen Strömung
drinnen stehen; so aber kommt es Ahriman zugute. Wirklichkeitsfremd
ist es für die mittlere Strömung, aber es geschieht, es rutscht in eine
Sphäre, und das ist es, worauf es ankommt. Das ist der Ernst der Sache.
Es geht nicht wie null vorüber, sondern es rutscht in eine andere
Sphäre und schafft Tatsachen. Tatsachen schafft es, die nicht den
wahren Verhältnissen entsprechen. Denn, schon äußerlich, rein ratio-
nalistisch, rein denkerisch läßt sich ja ausmalen, wie das Tatsachen
schafft.
Nicht wahr, unsere Zeit ist ja nicht autoritätsgläubig. Die Leute
prüfen alles, und das Beste behalten sie! Dennoch kommt es natürlich
vor, daß Menschen autoritätsgläubig sind. Ein Mensch wie Fritz
Mauthner hat unzählige Anhänger, die aufs Wort glauben, was er
sagt. Die werden natürlich durch solch einen Artikel beeindruckt. Den-
ken Sie, wie viele Gedanken angeregt werden durch solch einen Artikel.
Die werden alle mit hineingezogen in die ahrimanische Sphäre, in der
der Artikel fließt. Die Sache ist unwirklich, und die Dinge werden in
eine Unwirklichkeit dadurch gestoßen. Das ist es, worauf es ankommt.
Was man möchte mit solchen Dingen, meine lieben Freunde, ist dies:
auf den ungeheuren Ernst, der hinter solchen Betrachtungen steht, im-
mer wieder und wieder hinzuweisen. Denn es ist schon so: Dasjenige,
was ich in einzelnen Fällen charakterisierte, Sie treffen es heute auf
Schritt und Tritt. Wir sind in der Zeit, in der wir nur das Richtige wir-
ken, wenn wir uns dazu entschließen, unbedingt klar zu sehen, vorur-
teilslos, unbefangen zu sehen, dem Leben uns unbefangen gegenüberzu-
stellen. Das ist unsere Aufgabe. Und dazu soll eben Geisteswissenschaft
führen dadurch, daß sie in einer richtigen Weise die Brücke baut zwi-
schen dem menschlichen Innenleben und der Wirklichkeit. Denn in die-
ser Beziehung leben die Menschen in den fürchterlichsten Nebeldünsten.
Man kann gar nicht sagen, wenn man sich darauf einläßt, was da zutage
tritt, wie die Menschen in dieser Beziehung heute in Nebeldünsten
leben. Es muß so sein, denn die Menschen müssen lernen, sich auf sich
selbst zu stellen. Die Menschen müssen lernen, sich durch sich selbst
Klarheit zu schaffen, nicht auf Autorität hin Klarheit zu bekommen.
Das muß eine der besten, eine der wichtigsten Errungenschaften der
geisteswissenschaftlichen Beschäftigungen für die einzelne Menschen-
seele werden, ein freies, klares, unbefangenes Urteil zu gewinnen über
dasjenige, was das Leben ringsherum bietet; sich abgewöhnen dasje-
nige, was heute im Grunde genommen die ganze Menschheit beherrscht:
das Schlafen gegenüber den Ereignissen. Die Menschen verschlafen das-
jenige, was sie vor Augen haben. Und sie in Nebeldünste einzuhüllen
ist ja gerade das Bestreben derjenigen, die einseitig mit allerlei monisti-
schen oder «naturwissenschaftlich fundierten» - wie sie sagen - Ideen
kommen, die aber doch nichts weiter sind als Materialisten. Denn die
prätendieren, behaupten ja, daß sie gerade die Brücke zur Wirklichkeit
bauen. Sie führen von der Wirklichkeit hinweg. Sagen Sie dem Oscar
Hertwig, daß er auf unreale Art die Dinge betrachte, er wird Sie aus-
lachen, und er kann gar nicht einsehen, daß er das tut. Aber als Geistes-
wissenschafter müssen Sie etwas wie einen Stich bekommen, wenn Sie
lesen, es sollen die nächsten Tatsachen des Lebens nach dem Muster
der Himmelserscheinungen betrachtet werden, wo einem die Tatsachen
so ferne wie möglich liegen. So durch das Leben hindurch zu gehen: auf
das zu achten, was wir nicht in Büchern, sondern was wir vom Morgen
bis zum Abend vor unserer Nase erleben - selbstverständlich nicht,
wenn wir unter Anthroposophen sind - , das bietet lauter solche Dinge,
die wir unbefangen heute beachten müssen. Denn die Menschheit steht
an einem bedeutungsvollen Wendepunkte. Und was ich sagte, ist ja
nicht eine Kritik der Zeit, sondern nur eine Betonung desjenigen, was
notwendig ist, indem man sagt: Dieses ist so. - Es ist gut, daß es so ge-
kommen ist, denn dadurch sind die Menschen aufgerufen, sich auf ihre
eigenen Füße zu stellen, selbständig zu werden. Die Gottheit hat sich
nicht die Aufgabe gesetzt, die Menschen als unselbständige geistig-see-
lische Automaten durch die Entwicklung zu führen, deshalb mußte
sie sie auch in Lagen kommen lassen, wie die jetzige ist. Weise und gut
ist es, aber es muß auch in der richtigen Weise erkannt und danach ge-
handelt werden.
Diese Gesinnung hervorgehen zu lassen aus den tiefsten Impulsen
unseres Wesens als den innersten Stachel unserer Kraft für das Leben,
das muß eines der Ergebnisse unserer geisteswissenschaftlichen Be-
schäftigung werden. Dann begründen wir vielleicht nicht ein wollüsti-
ges, behagliches Schwelgen in weltfremden Ideen, was so gut tut, wenn
man das Leben verschlafen will; aber man begründet jenen echten Got-
tesdienst des Lebens, der die göttlich-geistigen Kräfte, die die Grund-
lage aller Wirklichkeit sind, durch das für diese Erde bedeutsamste
Instrument hinführt zur Verwirklichung dieses Göttlich-Geistigen in
diesem Erdenleben.
Davon dann das nächste Mal.
FÜNFZEHNTER VORTRAG

Stuttgart, 26. April 1918

Eine Grundeigenschaft derjenigen geisteswissenschaftlichen Betrach-


tung, die unter uns gepflogen wird, wird auch unter uns selbst ihrer
vollen Bedeutung nach wenig gewürdigt. Ja es liegt sogar vielen viel-
leicht auch unter uns nicht so fern, wenn man auf diese Grundeigen-
schaft unseres geisteswissenschaftlichen Strebens zunächst mit abstrak-
ten Worten hinweist, zu denken: Das ist ja selbstverständlich, wie sollte
das nicht sein! - Und dennoch ist es nicht so. Diese Grundeigenschaft,
die ich meine, ist die, daß unsere Geisteswissenschaft bestrebt ist, nicht
nur im allgemeinen darauf hinzuweisen, daß die geistige Welt eine
Wirklichkeit ist, daß innerhalb der geistigen Welt einzelne Weltwesen-
heiten als Wirklichkeiten leben, sondern im einzelnen immer wieder
und wiederum zu zeigen, wie das, was sich in unserem gewöhnlichen
Leben zwischen Geburt und Tod um uns herum und in uns abspielt,
eine Schöpfung der geistigen Welt ist. Ich sage: Es könnte die Meinung
bestehen, daß, wenn man im Ernste das Geistesauge hinwendet auf die
geistige Welt, es schon mitgegeben sei, dasjenige, was rings um uns her-
um ist, als eine Schöpfung der geistigen Welt anzusehen. Aber es ist
weit, von diesen allgemeinen, ganz abstrakten, leeren, nichtssagenden
Gedanken hinzudringen bis zu den Geistesorten, wo im einzelnen kon-
kret erfaßt wird, wie die sinnenfällige Wirklichkeit eine Schöpfung des
Geistes ist. An einem besonderen Beispiel soll sich uns das heute zeigen.
An einem Beispiel, das zu gleicher Zeit den Beweis liefern kann, wie
weit die gegenwärtige Menschheit davon entfernt ist, auch nur zu
ahnen, was das bedeutet: Die sinnenfällige Schöpfung um uns herum,
wie wir sie erleben zwischen Geburt und Tod, ist eine Schöpfung der
geistigen Wirklichkeit.
Um das besondere Beispiel, dem wir heute nahetreten wollen, im
einzelnen auszuführen, möchte ich Sie erinnern an dasjenige, was ich
genötigt war, schon gestern im öffentlichen Vortrag zu sagen. Wir
wollen die Sache heute eingehender und näher mit Bezug auf gewisse
Nutzanwendungen vor unsere Seele führen.
Ich sprach gestern und auch schon früher hier in diesem Zweige
von dem, was ich nennen möchte das Jüngerwerden der Menschheit im
Laufe der Entwickelung. Wenn wir nämlich - rekapitulieren wir
schnell, um was es sich handelt — zurückgehen in der Menschheitsent-
wickelung bis zu jener Katastrophe im Erdenwerden, die wir die atlan-
tische Katastrophe nennen, wo der Kontinent, der einmal zwischen
dem heutigen Europa und Amerika lag, unterging und dafür die west-
liche amerikanische und die östliche europäische Welt entstand, so fin-
den wir, von unserer Epoche ausgehend, fünf Menschheitsepochen. Die
erste nachatlantische Epoche, die unmittelbar als Kulturepoche auf die
atlantische Katastrophe folgte, ist die urindische Kultur. Sie geht weit
zurück hinter dasjenige, was man durch äußere historische Dokumente
erkunden kann. Sie finden sie beschrieben, soweit das nötig ist, in mei-
ner «Geheimwissenschaft im Umriß». Das Wichtige aber ist für uns
heute, daß wir uns klar vor die Seele führen: In jener Kulturepoche
lebten die Menschen so, daß sie mit ihrem Geistig-Seelischen mitmach-
ten ihre leibliche Entwickelung bis in die Fünfzigerjähre hinauf. Man
versteht unter diesem Mitmachen nicht das, was man heute erlebt.
Wenn man sich müde fühlt, wenn man sich alt fühlt, ist dies nicht so ein
Mitmachen, wie das Kind die leiblich-körperliche Entwickelung in den
ersten Lebensjahren mitmacht. Nein, das, was wir im späteren Alter
heute körperlich-leiblich erleben, das wird von dem Geistig-Seelischen
eigentlich nicht unmittelbar gewußt. Wir nehmen nicht teil an dem
Abstieg unserer Entwickelung. Gerade dann, wenn wir leiblich-phy-
sisch teilnehmen könnten an dem Abstieg dieser Entwickelung, wür-
den wir dadurch, daß wir eine Rückentwickelung durchmachen - ein
Zusammensinken, ein Mineralisieren der Gehirnmasse, ein Skieroti-
sieren des Leibes - , ungeheuer viel über die geistige Welt erfahren. Wir
würden durch unseren Leib erfahren, was wir heute durch die Geistes-
wissenschaft erfahren müssen, wenn wir überhaupt an dasselbe heran-
kommen wollen. In der altindischen Kultur machte man diese abstei-
gende Entwickelung bis in die fünfziger Jahre hinein mit. Man war
bis in die Fünfzigerjahre hinein Kind, nur eben altwerdendes Kind.
Dann kam die zweite nachatlantische Kultur, die urpersische, wie-
derum eine vorgeschichtliche; in der machten die Menschen dasjenige,
was sie seelisch-geistig durchmachten in Abhängigkeit von dem Leibe,
noch bis zum Ende der Vierzigerjähre mit. Dann, in der dritten Kultur-
periode, war die Menschheit als ganze wieder jünger geworden. In der
ägyptisch-chaldäischen Zeit emanzipierten sich die Seelen vom Leibe
ungefähr vom fünfunddreißigsten bis zum zweiundvierzigsten Jahre.
Dann kam das Zeitalter der griechisch-lateinischen Kultur, in die das
Mysterium von Golgatha fiel. Da machten die Menschen mit dem
Leibe eine solche Entwickelung durch, wie sie heute nur das Kind
durchmacht, bis in das fünfunddreißigste Jahr hinein. Und heute sind
wir in der fünften nachatlantischen Kulturepoche - wir sind ja nun
schon seit dem 15. Jahrhundert fortgeschritten in dieser Kulturepoche - ,
da machen wir bis zum Ende der Zwanzigerjahre das mit, was der
Leib erlebt; da erleben wir überhaupt die absteigende Entwickelung
nicht mehr. Daher ist der Mensch durch seine natürliche Anlage heute
so wenig geneigt, das Geistige als solches in seine Seele aufzunehmen.
In alten Zeiten hat das Körperlich-Physische selber den Geist gege-
ben; heute gibt das Körperlich-Physische den Geist nicht mehr. Daher
muß der Geist durch die Seele selbst aufgenommen werden. Das zu
tun, weigert sich die Seele, In alten Zeiten war es ein Unsinn für den
Menschen, nicht an den Geist zu glauben. Um nicht an den Geist zu
glauben, hätte er sterben müssen vor dem fünfunddreißigsten Jahr.
Erlebte er die Zeit nach dem fünfunddreißigsten Jahr, so erlebte er
durch das, was in seinem Leibe in absteigender Entwickelung vorging,
etwas, das sich unmittelbar als Geist darstellte. Es war gar nicht denk-
bar, daß die Menschen in alten Zeiten nicht an den Geist glaubten. Aber
indem sich die Sachen so entwickelt haben, ist ein moralischer Impuls,
ein großartiger moralischer Impuls der Menschheit, insofern ihre na-
türliche Entwickelung in Betracht kommt, verlorengegangen. Ich bitte,
nicht zu unterschätzen diesen großartigen moralischen Impuls, der
verlorengegangen ist auf naturgemäße Weise, und der auf geistig-
ethische Weise, auf spirituell-ethische Weise wieder gefunden werden
muß. In jenen alten Zeiten wußten die Kinder von den Älteren: Wenn
man das fünfunddreißigste Jahr überschritten hat, dann erfährt man
etwas als Mensch, was man im jüngeren Alter nicht erfahren kann. -
Versetzen Sie sich lebendig in dieses Gefühl, daß die Kinder und jun-
gen Menschen unter dem Eindruck heranwuchsen: Ich habe etwas zu
erwarten, wenn ich in die absteigende Entwickelung hereinkomme; ich
habe dann etwas zu erfahren, was ich jetzt nicht wissen kann, was ein-
fach jetzt mein Leiblich-Physisches nicht hergibt. - Denken Sie sich
die Empfindung, die ganz anders war als die heutige, in der man das
Altern unter solchen Voraussetzungen erwartete. Es ist ja etwas von
dem Heutigen ungeheuer Verschiedenes im Leben, wenn man so das
Altern erwartet, daß man weiß: Da kommt etwas, was früher gar
nicht kommen kann.
Das ist anders geworden, aber doch nicht in so schroffer Weise, wie
man sich vielleicht vorstellt. Nicht wahr, wenn man eine solche Wahr-
heit ausspricht, wie die eben angedeutete, dann hat die heutige den-
kerische Unart sogleich das Bedürfnis nach einem Entweder-Oder.
So liegen aber die Sachen in Wirklichkeit nie, daß man es mit Entwe-
der-Oder zu tun hat, sondern man hat es in der Regel mit Sowohl-als-
auch zu tun. Von selbst kommt es nicht, das Geistige, wenn man jetzt
wieder aufsteigt in die Altersentwickelung. Aber wenn der Funke des
Geistigen auf die Weise, wie es in der Geisteswissenschaft gemeint ist,
in der Seele erregt wird, dann kommt einem doch das zugute, daß man
alt wird, dann steigt doch aus dem niedergehenden Leibe etwas auf,
was sich besonders hineinlebt in das, was man auf geisteswissenschaft-
lichem Wege wissen gelernt hat, kennengelernt hat. Wenn Sie heute
ohne eine wissenschaftliche Berührung mit dem Geiste bleiben - diese
wissenschaftliche Berührung ist ja nicht in fachmännischer Weise ge-
meint, sondern so, daß sie jedem, auch dem einfachsten Gemüte zu-
gänglich werden kann, denn die Geisteswissenschaft kann populär wer-
den, wenn die Menschheit will - , dann werden Sie nichts Besonderes
erleben, wenn Sie alt werden; Sie werden nicht zu schätzen wissen das
Altwerden. Sie werden auch gar keine besondere Erwartung hegen in
der Kindheit und in der Jugend für das Altwerden. Anders ist es, wenn
der Funke der Geist-Erkenntnis in der Seele jetzt nicht durch natur-
gemäße, sondern durch erzieherische Entwickelung, durch eine an die
Seelen der menschlichen Gemeinschaft herantretende Entwickelung,
erregt wird. Da wird, wenn recht verstanden wird dasjenige, was Gei-
steswissenschaft in lebendiger Weise für die Seele sein kann, gerade
durch diese Geisteswissenschaft die Stimmung, jetzt in bewußter Weise,
wieder erzeugt werden: Ich habe etwas zu erwarten, wenn ich alt
werde. Das Altwerden bedeutet etwas. Wenn ich fünfunddreißig Jahre
alt sein werde, wird mir dasjenige, was in mir selber lebt, ein anderes
sein als jetzt, da ich ein junger Dachs von zwanzig Jahren bin. - Diese
Stimmung ist etwas Ungeheures für die Menschenseele, diese Stim-
mung, die ich als die Stimmung des erwartungsvollen Lebens bezeich-
nen möchte, des Lebens, das einfach weiß: Die Schöpfung, die du an
dir selbst erlebst, die mußt du im Ernste als eine Schöpfung aus dem
Geiste betrachten.
Betrachtet man heute, wo man sich von dem Wissen vom Geiste
nicht berühren lassen will, die Menschenschöpfung — selbst wenn man
es in phrasenhafter Weise ausspricht - ernsthaft als Schöpfung des Gei-
stes? Nein, in Praxis tut man das durchaus nicht. Denn wenn man es
täte, würde man sich sagen: Es hat einen Sinn, daß man alt wird. Der
ganze menschliche Lebenslauf ist eine geistige Schöpfung; man wird
nicht umsonst alt, es lebt sich das Geistige immer neu in uns aus. Das-
jenige, was da in uns ersteht, was sich in uns offenbart von innen her-
aus, das wird immer neue Seiten zeigen. - Erwartungsvoll leben, etwas
erwarten vom Älter- und Älterwerden mit jedem Jahr, das ist eine
Konsequenz, die sich ergibt aus dem Ernstnehmen des Satzes, daß das-
jenige, was um uns und in uns ist, eine Schöpfung des Geistes ist. Das
ist eine Stimmung, dieses Erwartungsvoll-Leben, die sich einbürgern
muß in alles Erziehungswesen, die hineinströmen muß in die ganze
Verfassung, die dem Erziehungswesen gegeben wird. So daß die Kin-
der von klein auf und wenn sie Jünglinge und Jungfrauen werden, und
noch später, das Gefühl bekommen: Solange wir jung sind, gibt uns der
Geist noch nicht alles; aber indem man alt wird, offenbart er immer
Neues und Neues, das in der Seele aufsteigt. - Man braucht nur die An-
regung vom Wissen des Geistes, um nicht zu übersehen, um nicht un-
berücksichtigt zu lassen dasjenige, was da herauf will aus den Tiefen
unseres Wesens, weil es nicht sinnlos, sondern weil es sinnvoll ist, daß
wir alt werden. Heute ärgert es die jüngsten Leute schon, wenn man
ihnen eine solche Empfindung noch zumutet; denn die jüngsten Leute
schon fühlen sich heute reif, in Parlamente und in die Staatsvertretun-
gen gewählt zu werden, selbstverständlich, obwohl sie da nicht hin-
gehören, weil es sich darum handelt, daß man nur aus der reifen Le-
bensüberschau heraus über menschliche soziale Strukturverhältnisse ein
Urteil fällen kann. Hat man überhaupt die Stimmung des erwartungs-
vollen Lebens, dann weiß man: Das, was man von den äußeren Ein-
richtungen voraussetzt, das kann man noch nicht lebendig wissen, noch
nicht empfindend wissen, wenn man nicht ein gewisses Alter erreicht
hat.
Man sage nicht, daß Geisteswissenschaft, wenn sie richtig verstan-
den wird, irgend etwas Abstraktes ist, das nicht ins praktische Leben
eingreift. Geisteswissenschaft wird, wenn sie immer mehr und richti-
ger verstanden wird, gar sehr ins praktische Leben eingreifen, denn
sie wird sich bis in die konkreten Empfindungen einleben; sie wird be-
wirken, daß der Mensch anders heranwächst, anders das erwartet, was
ihm jedes neue Jahr seines Lebens wieder bringen kann. Geisteswissen-
schaft enthält die energischsten Erziehungsfermente, die energischsten
Erziehungsimpulse. Sie enthält moralische Impulse, die noch ganz an-
ders auf das Menschengemüt wirken als diejenigen moralischen Im-
pulse, deren sich die Menschen der Gegenwart rühmen; denn sie ent-
hält Impulse, die aus dem ganzen Sinn des Lebens, aus dem univer-
sellen Sinn des Lebens der Menschenseele zuströmen. Damit will ich
selbstverständlich nicht sagen, daß bei jedem, der Geisteswissenschaft
kennt, auch gleich alle Ideale erfüllt sein müßten. Aber so ist es ja
überhaupt mit dem Moralischen, daß es zunächst als ein Ideal über
dem Menschen hängt, und daß er es sich selbst einzuverleiben hat nach
seinem freien Willensimpuls. Aber Geisteswissenschaft als solche ent-
hält diese bedeutsamen moralischen Impulse. Sie ist nicht nur eine
Pflegerin irdischer Moral, sondern sie ist eine Pflegerin universeller
Moral. Diese Dinge muß man nur in entsprechender Weise durch-
schauen. Das aber ist außerordentlich notwendig, daß eine Gesinnung,
die mit dem zusammenhängt, was ich jetzt ausgeführt habe, durch die
Geisteswissenschaft in die Menschengemüter hinein Zugang gewinne.
Denn was unsere Zeit in eine solche verhängnisvolle Katastrophe hin-
eingeführt hat, das ist eben, daß wir in jenem Übergang leben, der da
Neues in die Menschenseele hineingießen will, und daß die Menschen
das Hängen am Alten noch nicht verloren haben, daß sie nicht solche
neuen Empfindungen aufnehmen wollen, insbesondere nicht in die
Erziehungsprinzipien solche Empfindungen aufnehmen wollen. Im
äußeren, aus der materialistischen Kultur hervorgehenden Leben fin-
det man vielfach geradezu das Entgegengesetzte gepflegt von dem, was
die Zukunft so energisch von der Menschheit fordert. Es ist notwen-
dig, daß vor allen Dingen den heranwachsenden Menschen einverleibt
werde dieses Hinschauen auf den Sinn des werdenden Lebens. Und
heute ist in dieser Beziehung jeder noch ein heranwachsender Mensch,
denn Geisteswissenschaft hat sich noch so wenig einverleibt, daß jeder
sich erst mit dem durchdringen muß, was Geisteswissenschaft an Er-
ziehung der menschlichen Seele geben kann. Denn heraus muß aus
der Menschheit der Glaube, man sei mit dem zwanzigsten oder
fünfundzwanzigsten Jahr ein fertiger Mensch, der alles entwickelt hat
und der nur noch loszuleben braucht, und für den das Leben höchstens
insofern noch einen Sinn hat, als man dasjenige anwendet, was man
gelernt hat, oder indem man das Leben genießt, und dergleichen mehr.
Schaut man tiefer hinein in die Lebenszusammenhänge, so tritt ei-
nem das Gesagte in einer sehr, sehr tiefen Weise vor die Seele. Es ist
das etwas, was im Menschen in alten Zeiten von selbst sich entwickelt
hat, was in neueren Zeiten durch die erzieherische Pflege in dem
menschlichen Gefühl sich entwickeln soll: das erwartungsvolle Leben.
Oh, es ist etwas Bedeutendes, wenn der Mensch sich mit dreißig Jahren
sagt: In der Zukunft werden sich mir rein dadurch, daß ich um fünf,
um zehn Jahre älter werde, Geheimnisse durch dieses Älterwerden ent-
hüllen; ich habe etwas zu erwarten. - Bedenken Sie nur, was das ist und
was es heißt, solches in die Erziehung einzuführen! Aber es ist auch
etwas Reales. Es ist ein strömendes Wesen, das da im Menschen zur
Geltung kommt, das in alten Zeiten von selbst zur Geltung kam, das in
der neueren Zeit gepflegt werden soll. Denn da ist es ja, was im Men-
schen auftritt; dadurch daß wir nicht darauf achtgeben, uns nicht dar-
um kümmern, dadurch ist es ja nicht etwa nicht da. Glauben Sie nicht,
daß Sie dem Weiserwerden, dem Empfangen von Geheimnissen, indem
Sie älter werden, entgehen, wenn Sie diese Geheimnisse nicht beach-
ten. Der Geist wirkt in Ihnen. Alle werden Sie geist-reich! Der Unter-
schied ist nur der, daß der eine es willentlich aufnimmt, und der andere,
wenn er sich dazu entschlossen hat, ein gescheiter Mann schon in den
Zwanzigerjahren zu werden - heute ist man das ja insbesondere auch
in der sogenannten Welt der Intelligenz - , weist es ab, irgend etwas
später in seine Entwickelung aufzunehmen. Die jüngsten Leute heute,
sie schreiben, sie dichten, sie machen noch ganz andere Sachen. Und
was hat man diesen Dingen gegenüber alles für Gefühle! Wie wenig
hat man Empfindung für den Sinn des Lebens, der in dem Hervorge-
hen des Menschwerdens als einer Schöpfung aus dem Geiste besteht.
Aber der Geist läßt nicht locker, selbst wenn die jüngsten Leute heute
Dramen dichten oder Feuilletons schreiben und dergleichen. Es kann
trotzdem sein, daß sie noch Geist haben, nur wissen sie von dem Geiste,
der sich in ihnen entwickelt, nichts.
Was geschieht mit diesem Geiste, mit dem wirklichen Geiste, der
in alten Zeiten sich von selbst entwickelt hat? Ja, meine lieben Freunde,
dieser Geist muß zerstäuben. Wahrhaftig, er zerstäubt. Er verbreitet
sich in der geistigen Atmosphäre, er verbreitet sich in der Menschheits-
aura. Und das ist etwas, was unserer heutigen Zeit immer wieder und
wiederum gesagt werden muß, woran sie aber natürlich nicht glaubt
aus dem einfachen Grunde, weil sie es natürlich als Phantasie ansieht,
wenn man ihr sagt: Nun, da ist ein junger Feuilletonschreiber, der sich
für sehr gescheit hält. Er weiß nichts von dem Geiste, aber der Geist
geht in die Menschheitsaura über, er zerstäubt. Sein Geist ist trotz-
dem da. - Ganz imprägniert von solchem zerstäubtem Geiste ist heute
die Menschheitsaura. Dieser Geist muß wieder zusammengehalten wer-
den von den Menschen, eben durch die Stimmung, von der ich gespro-
chen habe. Denn wir sind heute schon hart an dem Punkte, wo ein
furchtbares Übel entstehen müßte, wenn dieser zerstäubende Geist
weiter und immer weiter entwickelt würde. Denn es ist ein bedeutsames
Gesetz des geistigen Lebens, daß ein Geist etwas ganz anderes wird, als
er ursprünglich ist, wenn er seinen Träger verläßt. Fassen Sie das nur
genau auf: Ein Geist, der seinen Träger verläßt, der zerstäubt, der
wird etwas ganz anderes, als wenn er von seinem Träger zusammen-
gehalten bleibt. Er wird im wesentlichen verschlechtert, verschlimmert,
er wird in ahrimanischer Art umgestaltet. Und dasjenige, was heraus-
kommen muß, was heute noch nicht deutlich herauskommt, weil wir
im Anfange dessen stehen, was furchtbar werden kann, wenn man es
nicht berücksichtigt, das ist eine furchtbare Geistesöde. Die Menschen
werden suchen nach etwas, das sie beschäftigt, weil sie den Geist haben
zerstäuben lassen, der sie eigentlich beschäftigen sollte. Ein Suchen
nach etwas, ohne daß man weiß, was man sucht, das ist etwas, was sich
immer mehr verbreiten muß, wenn dem Übel nicht gesteuert wird.
Wir sehen heute schon die Anfänge in mancherlei von dem, was ich
auch schon erwähnt habe.
Was tut heute der Mensch, wenn er es unterlassen hat, auf seinen
Geist aufmerksam zu sein? Da sucht er vorzugsweise nach irgend etwas;
nur kommt dieses Suchen in einer sonderbaren Weise zum Austrag auf
den verschiedensten Gebieten. Ein sehr gebräuchliches Gebiet ist: Man
gründet Vereine, Vereine mit guten Programmen. Man setzt vor die
Menschen allerlei Forderungen hin. Das können recht gescheite Sachen
sein, aber es sind zumeist solche Sachen, welche nur dadurch entstehen,
daß man stehengeblieben ist bei dem Kindheitsstandpunkt und dann
die Kindheitsidee verknöchert, bis man sie in einem spätem Lebens-
alter in Form von Vereinsprogrammen auf die Welt losläßt. Auf die-
sem Gebiet wissen ja die Menschen heute ungeheuer viel zu tun. Sie
wissen aber wenig davon, real im Geiste zu wirken, von kleinem Kerne
der Geisteswirksamkeit auszugehen, die Menschen von selbst sich an-
gliedern zu lassen und lebendig und rege zu erhalten so etwas, was eine
Menschengemeinschaft ist.
Sehen Sie, davon rührt es her, daß so viele Konflikte entstehen in
unserer Gesellschaft, die ja latent bleiben aus gewissen Gründen und die
ich jetzt hier nicht erörtern will. Überall da, wo ich selber irgend-
wie einen Impuls ausüben kann, da möchte ich, daß so ferne wie mög-
lich alle Statuten, alle Regeln, alle Gesetze bleiben. Denn schließlich,
wozu braucht man Statuten, wenn sich eine Anzahl von Menschen zur
Pflege des geistigen Lebens vereinigen? Man kann solche Statuten auf-
stellen, um sie den Behörden zu zeigen; das ist eine andere Sache, das
hat nichts zu tun mit der Sache selbst, aber worauf es ankommt, das
ist, was uns selber solche Statuten sind. Da handelt es sich darum, daß
eine solche Gemeinschaft leben soll, daß jeder neue Mensch Neues hin-
einbringen kann. Eine solche Gemeinschaft soll leben, sie kann sich
nicht festlegen durch irgendwelche Statuten, sie muß, wenn sie fünf
Jahre bestanden hat, geradeso gut etwas anderes sein, wie ein Kind
etwas anderes ist mit zwölf Jahren, als es war mit sieben. Aber das
ist nicht eine Denkweise der heutigen Zeit. Die Denkweise der heutigen
Zeit ist, möglichst unlebendig zu leben, möglichst alles einzuschnüren
in Abstraktionen. Das ist eines. Man könnte viele Beispiele anführen,
die alle aus dem hervorgehen, daß man kein Bewußtsein hat von dem
zerstäubenden Geistesleben. Man sucht, man sucht auf alle mögliche
Weise. Denken Sie nur, wie viele Frauen- und andere Vereine es heute
schon in einer einigermaßen größeren Stadt gibt! Man sucht und sucht,
weil man nicht weiß, daß das, was man halten soll, zerstäubt. Also
sucht man, weil man das nicht hat, worauf man eben keine Aufmerk-
samkeit verwendet. Dieses Suchen bedeutet Lebensöde. Diese Lebens-
öde würde furchtbar überhandnehmen, wenn es nicht begriffen würde
von der Menschheit, daß die Stimmung des Lebens entstehen muß,
von der ich eben gesprochen habe.
Nicht wahr, das ist es ja, was man heute nicht verstehen will: das
unmittelbare Leben! Das Prinzip, daß dasjenige, was da ist, eine Schöp-
fung des lebendigen Geistes ist, das fordert allerdings Beweglichkeit des
Erlebens. Daß man sich nie für abgeschlossen, nie für fertig erklärt,
das ist in gewisser Beziehung unbequem. Aber das ist eine Notwendig-
keit, wenn die Geistesentwickelung der Menschheit vorwärtsschreiten
soll. Und so die Geisteswissenschaft zu verstehen, daß sie die Anregerin
ist für ein lebendiges Leben, daß sie sich wirklich hineinfindet in das,
was die Zeit im gegenwärtigen Entwickelungspunkte der Menschheit
fordert, das ist eben die Aufgabe derjenigen, die sich der Geisteswis-
senschaft wirklich widmen: mit der Menschheit zu leben und zu er-
kennen, was sie im Laufe der Zeitenentwickelung durchzumachen hat,
was ihr durchzumachen vorgesetzt ist.
Versuchen Sie eine unbefangene Ansicht zu gewinnen über das,
was Sie heute als Ereignisse umgibt. Eigentlich verschlafen ja die mei-
sten Menschen dasjenige, was heute um uns herum vorgeht. Sie den-
ken nur, es müsse wieder ein solcher Zustand kommen, wie er vor 1914
war, und warten darauf, bis ein solcher Zustand kommt. Sie begreifen
gar nicht, wie tief einschneidend dasjenige ist, um was es sich eigentlich
handelt, und wie notwendig es ist, daß sich die Menschheit zu ganz
neuen Begriffen durcharbeitet, die vorher nicht da waren. Das Leben
begreifen auch im geschichtlichen Werden, das ist vor allen Dingen
die Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Denkrichtung.
Das ist das eine: daß der Geist zerstäubt, indem er von den Men-
schen nicht beachtet wird, wie es so vielfach heute geschieht. Aber nur
ein Teil zerstäubt, der andere bleibt zurück, der staut sich im mensch-
lichen Organismus, aber er tritt nicht ins Bewußtsein. Er imprägniert
unbewußt den Organismus. Er geht ins Blut, ins Fleisch; im Unbe-
wußten wirkt er. Teilweise zerstäubt das, dessen sich der Mensch be-
wußt sein soll im Laufe seines Lebens, teilweise wird es ins Unterbe-
wußte hinuntergetrieben. Was tut es denn in diesem Unterbewußten?
Sehen wir uns noch ein bißchen genauer an, was die besondere Ver-
anlassung ist, daß der Geist teilweise ins Unterbewußte hinunterge-
trieben wird. Die Veranlassung dazu sind meist jene falschen Erzie-
hungsprinzipien, welche bei den Kindern und jungen Menschen nach
dem Altklugwerden hinarbeiten, darauf hinarbeiten, daß die Kinder
möglichst wenig kindlich bleiben. Wieviel tut man sich doch heute zu-
gute, das Kind möglichst früh zu einem eigenen Urteil zu bringen, das
Kind möglichst früh in anderer Weise zu erziehen, als wie es dargestellt
ist in meinem Schriftchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichts-
punkte der Geisteswissenschaft». Es ist notwendig, daß das Kind vor
allen Dingen in bildlichen Vorstellungen lebe, daß das Verstandes-
mäßige so spät wie möglich an das Kind herantrete. Dafür hat man ja
heute recht wenig Sinn. Schon die Kultur selbst hat dafür wenig Sinn.
Aber diese Kultur soll man nicht zurückstauen wollen, reaktionär wird
Geisteswissenschaft niemals werden. Sie wird selbstverständlich mit
dem äußeren, materiellen Kulturfortschritt rechnen; aber dieser äußere,
materielle Kulturfortschritt fordert eben gerade, daß man ein Gegen-
gewicht schaffe. Anders war es mit dem Menschen in den Zeiten, in
denen man nicht in den Jugendjahren lesen und schreiben gelernt hat.
Ich will nicht dem Analphabetismus das Wort reden, mißverstehen
Sie mich nicht in der Weise, aber heute betrachtet man es als ein Un-
glück, wenn die Leute Analphabeten sind, denn man sieht den Wert
des Menschen nicht in dem, was in der Seele lebendig lebt, sondern
in dem, was an den Menschen herangebracht wird, was schließlich mit
der eigentlichen Menschenseele furchtbar wenig zu tun hat. In jenen
alten Zeiten, als die Schrift noch eine Bilderschrift war, als der Buch-
stabe wiedergab ein Wortgeheimnis, da war die Schrift etwas. Aber
heute: Jene kleinen Geister, die auf weißem Papier vor die Augen der
jüngsten Kinder treten und enträtselt werden müssen, jene kleinen
Geister, die die Kinder selber auf das Papier zaubern, was haben sie
denn für eine Beziehung zur Seele? Zeichen sind sie doch nur, will-
kürliche Zeichen. Man könnte sich denken, daß das ganze, was man
da als Schriftwerk hat, ganz anders angeordnet wäre. Manche Leute
haben ja heute schon die Tendenz, daß dies anders eingerichtet werde.
Man hat ja auch die Stenographie eingerichtet. Keine Notwendigkeit
besteht, daß das, was da ist, so an die Menschen herantritt, es könnte
auch ganz anders sein. Aber das ist ein notwendiges Erfordernis der
Erdenkultur; gegen das wendet sich der Reaktionär, nicht der Geistes-
wissenschafter. Das mußte kommen, selbstverständlich. Aber ein Ge-
gengewicht wird kommen. Geisteswissenschaft wird es nicht als ein
Ideal betrachten, die Schule abzuschaffen; aber ein Gegengewicht wird
sein, daß die Kinder bildhaften Unterricht bekommen, jenen Unter-
richt, welcher Hinweis über Hinweis auf die Weltengeheimnisse ent-
hält, einen Unterricht, welcher das Gemüt durch alles dasjenige, was
man lernt, in Zusammenhang bringt mit den Weltengeheimnissen. Jedes
Tier, jede Pflanze in ihren Formen, sie drücken etwas aus, was in ge-
heimnisvoller Weise mit der ganzen Schöpfung zusammenhängt. Die
rechte Frische des Gemütes, um solchen Ausdruck zu empfinden, hat
man nur in einem gewissen Lebensalter. Man muß in einem gewissen
Lebensalter zusammenwachsen mit der Schöpfung.
Nehmen wir auch da ein Beispiel. Ich habe schon früher erinnert
an ein Wort, das mein alter Freund Vinzenz Knauer, der Geschichts-
schreiber der Philosophie, öfter gebraucht hat. Er sagte aus seinem gut
mittelalterlichen Scholastikerbewußtsein heraus denen gegenüber, die
da behaupten, alles ist in gleichartiger Materie: Nun, man soll nur ein-
mal anschauen die gleiche Materie, wie sie in einem Wolf und in einem
Lamm ist; man sperre einmal einen Wolf ein, so daß er keine andere
Nahrung bekommen kann, und gebe ihm nur Lämmer. Wenn wirk-
lich die Lamm-Materie dieselbe ist wie die Wolf-Materie, so müßte
der Wolf ja ein Lamm werden nach und nach, wenigstens müßte er
lammfromm werden. - Das bezeichnet ganz klar, daß in demjenigen,
was den Wolf formt - wir nennen es die Gruppenseele - , in jenem Le-
bendigen, das die Struktur des Wolfes bestimmt, etwas anderes liegt
als die Struktur des Lammes. Auf die bloße Materie hinzuschauen, nicht
auf die geformte Materie, nicht auf die durchgeistigte Materie, das führt
nicht in die Schöpfung hinein, sondern aus ihr hinaus. Die Tiere um uns
herum sind in den mannigfaltigsten Formen aufgebaut. Man schaue
nur einmal hin, wie in dieser Beziehung der Mensch anders ist als die
Tiere. Man bedenke das recht genau, was da eigentlich vorliegt. Die
Menschen sind, von kleinen Unterschieden abgesehen, die in den ver-
schiedenen Rassencharakteren liegen, die groß sein können, aber nicht
heranreichen an die Unterschiede der Tiergattungen, gleichgeformt
über die Erde hin. Warum? Weil die Gleichgewichtsverhältnisse in
ihnen anders liegen als bei den Tieren. Das Tier ist ein Ergebnis der
Gleichgewichtsverhältnisse, die in bezug auf die Erde sich ausbilden.
Beim Affen, der nahezu aufrecht sich gestaltet, können Sie das sehen.
Das Tier ist so gestaltet, daß sein Rückgrat eigentlich dazu veranlagt
ist, parallel der Erdoberfläche zu sein, daß sein Hinterleib in der glei-
chen Höhe liegt wie der Vorderleib. Das allerbedeutsamste ist, daß der
Mensch von vorneherein so veranlagt ist, daß dasjenige, was beim
Tier neben dem Hinterleib ist, über den Hinterleib gebaut ist, daß es
den Hinterleib überdeckt. Beim Menschen fällt die Linie, welche durch
den Kopf zur Erde geht, in die Schwerpunktslinie hinein, beim Tier
aber nicht. Dadurch, daß der Mensch dazu berufen ist, sich seine eigene
Gleichgewichtslage zur Erde zu geben, die im Affen zur Karikatur
wird, im Menschen die selbstverständliche Wesenheit ist, dadurch hebt
er sich hinaus aus der bestimmten Gestalt, die jede Tiergattung hat.
Der Mensch hat deshalb nicht eine so bestimmte Konfiguration wie die
Tiergattungen, weil er sich hinaushebt, weil er die Gestalt aufhebt, den
Kopf über den Hinterleib setzen kann. Das ist etwas ungeheuer Be-
deutsames. Die Darwinisten haben daran noch gar nicht gedacht. Das
ist es aber, worauf es ankommt.
Ich kann es heute nur andeuten; wenn ich es weiter ausführen
wollte, müßte ich viele Vorträge halten, und es würde die tief bedeut-
same Frage nach dem Unterschied der Tiere von dem Menschen be-
leuchten. Aber das interessiert uns heute weniger, uns interessiert heute,
daß der Mensch die Tiergestalt in sich überwindet, indem er sich seine
aufrechte Stellung gibt, indem er sich eine andere Gleichgewichtslage
auf der Erde gibt. Er macht sich dadurch von der Erde unabhängig.
Aber das ist er nur als physischer Mensch. Gehen wir zum Ätherleibe
hin, da ist das anders. Dieser Ätherleib ist in sich beweglich; der ist
alle Augenblicke in jedem einzelnen Menschen anders gestaltet. Wenn
jemand einen Löwen anschaut: hellsichtig sehen Sie die Löwengestalt
an dem anschauenden Menschen. Sehen Sie eine Hyäne an, so werden
Sie im Übersinnlichen selber hyänenartig. Der Mensch überwindet im
Physischen die äußeren Gestaltungen, aber im Ätherleibe paßt er sich
dem an, was in seiner Umgebung auftritt. Das ist gerade wiederum
dasjenige, was den Menschen so bedeutsam vom Tiere unterscheidet:
das Tier hat seine bestimmte Gestalt; der Lowe, der dem Hund gegen-
übertritt, kann in seinem Ätherleibe die Gestalt des Hundes nicht nach-
ahmen, er bleibt immer, auch innerlich, der Löwe, er erkennt in Wahr-
heit nur einen anderen Löwen. Schauen Sie hin, wie das gleichartige
Tier dem gleichartigen Tier ganz anders gegenübersteht als dem un-
gleichartigen. Der Mensch ist aber versatil, er ist vielseitig, er paßt
sich in bezug auf den Ätherleib seiner Umgebung an. Aber darum han-
delt es sich, ob diese Anpassung eine regelmäßige oder eine unregel-
mäßige wird, ob diese Anpassung sinnlos oder sinnvoll ins Leben ein-
greift. Daß die Tiere so mannigfaltig gestaltet sind, daß die Tiere fest-
halten in ihrer physischen Gestalt das, was der Mensch, immer wieder,
sich verwandelnd, werden kann, das macht, daß das ganze Tierreich
nicht nur das ist, was der heutige Zoologe sieht, sondern daß jede Tier-
gestalt einen bestimmten Sinn hat, und die Zusammenhänge unter den
Tieren einen bestimmten Sinn ergeben. Man kann in einer gewissen Weise
diesen Sinn des ganzen Tierreiches lesen. Dadurch aber baut man eine
Brücke zwischen sich und der geistigen Welt, daß einem der Sinn des-
jenigen aufgeht, was draußen in fester Gestalt ist, und was man dann
sinnvoll nacherlebt, indem man es selber wird.
In alten Zeiten haben die Menschen versucht, den Sinn der Um-
welt instinktiv zu empfinden. Dasjenige, was in historische Zeiten
davon hereinragt, sind die verschiedenen sinnbildlichen Erzählungen
über die Tiere: die Tiermärchen, die Tiersagen, die Tierfabeln und
ähnliches. Zu dem können wir nicht wieder zurückkehren. Aber etwas
anderes muß dafür ausgebildet werden, so daß die Menschen nicht
nur das lernen, was sie sich jetzt in ganz abstrakter Weise einochsen
über die Tiergestalt. Wie sind solche Tiere beschrieben in den heutigen
Schulbüchern! Die Beschreibungen wirken ja auf die Kinder deshalb
so langweilig, weil sie ganz äußerliche sind. Lassen Sie die Beschrei-
bung eine sinnvolle sein, lassen Sie den Löwen wieder etwas werden,
was sich herausgestaltet in der Schöpfung in anderer Weise als die
Hyäne, als das Känguruh. Dann wird der Mensch sich auch wiederum
sinnvoll in die Schöpfung hineinleben, dann wird er die Schöpfung
lebendig aufnehmen. Es wird allerdings eine bestimmte Folge haben,
denn der Geist wird beweglich, der Geist wird inhaltvoll, wenn er so
sich in die Schöpfung vertieft. Dann ist er nicht zufrieden mit dem,
was ihm die offizielle Wissenschaft heute vielfach gibt. Da können Sie
ja heute mancherlei erleben. Wenn man die Entwickelung der Tier-
reihe verfolgt, so wie sich die heutige offizielle Wissenschaft sie vor-
stellt, selbst da, wo sie etwas unbefangener ist, können Sie sonderbare
Dinge erleben. Man braucht nicht einmal bis zum Darwinismus zu
gehen, man kann bei Lamarck bleiben, der noch viel gescheiter ist, als
was sich in materialistischer Weise aus dem Darwinismus entwickelt
hat. Da können Sie auch dargestellt finden, wie sich die verschiedenen
Tierformen durch Anpassung an die Lebensverhältnisse gebildet ha-
ben. Gewisse Tiere haben sich Schwimmfüße gebildet, indem sich für
sie die Lebensverhältnisse herausgestaltet haben, im Wasser zu leben.
Andere Tiere haben Greiforgane bekommen, weil sie ihre Nahrung
finden mußten oben an den Bäumen und dergleichen. Ja, wenn sich
durch solche Gewohnheiten die Organe ausgebildet haben, müssen sie
doch vorher anders gewesen sein. Tiere, die Schwimmfüße gekriegt
haben, müssen vorher keine gehabt haben, müssen andere gehabt ha-
ben; die späteren haben sie dann durch ihre Lebensverhältnisse ge-
bildet. Man kommt allmählich darauf, daß diejenigen Tiere, denen
Schwimmfüße eigen sind, sich diese aus anderen Füßen gebildet haben,
und die keine Schwimmfüße haben, die haben aus den früheren sich
die andersgestalteten gebildet. - Das ist schon so. Man merkt es nur
nicht, man lernt fleißig, aber man merkt es nicht. Wenn die Giraffe
einen langen Hals hat, erklärt man: Aus einem kurzen ist er so gewor-
den, weil die Giraffe auf den Baum langen mußte. - Wenn die Giraffe
einen kurzen Hals hätte, würde er aus einem langen Halse zum kurzen
Halse geworden sein durch andere Lebensgewohnheiten. Man merkt
gar nicht, daß man die Dinge herumkugelt und herumkollert. In wel-
chen Wirrnissen, in welchem wirrnisvollen Denken eine Weltanschau-
ung lebt, die nicht die sinnvolle Brücke herstellt zu dem, was in der
menschlichen Umgebung ist, davon macht man sich heute gar keine
Vorstellung.
Aber das ist es, was der Erziehung einverleibt werden muß, um nur
eines zu erwähnen: dieses sinnvolle Miterleben der Umgebung; nicht
bloß verstandesmäßig die Umgebung auffassen, sondern sinnvoll mit-
erleben, so daß man wirklich mit der ganzen Seele die Formen des
Tierreiches, des Pflanzenreiches und des Mineralreiches in sich auf-
nimmt. Was würde man so einem vierzehn-, fünfzehnjährigen Jungen
oder Mädchen für eine Wohltat tun, wenn man sie einmal auf einen
Spaziergang mitnimmt und sagt: Sieh einmal diese Wolkenbildungen
an! - Dann wieder auf einem nächsten Spaziergang, wo die Wolken
anders gebildet sind: Nun sieh dir diese Wolken an. Präge dir das ein,
so daß du ein Bild hast von diesen Formen! - Nachdem man das Kind
eine Zeitlang das Ganze hat anschauen lassen, geht man zu seinem
Regal und nimmt Goethes «Naturwissenschaftliche Schriften» heraus,
wo er die verschiedenen Wolkenformen, wie sie ineinander und aus-
einander entstehen, in sinnvoller Weise darstellt. Das Kind wird das
sogleich verstehen, wird sogleich in dieses lebendige, sinnvolle Vorstel-
len der Wolkenformen sich einleben, wird etwas Wunderbares durch-
machen.
Oder man lasse das Kind im Garten eine Pflanze beobachten, wie
sie im Frühling, im Sommer, im Herbste ist, und lese ihm dann aus
Goethes Gedichten die «Metamorphose der Pflanzen» vor. Da hat
man etwas, was sinnvoll in die Natur hineinführt.
Solche Dinge gehören dazu, die Stimmung des erwartungsvollen
Lebens zu erzeugen, solche Dinge gehören dazu, wenn erreicht werden
soll, daß nicht der Geist zurückgestaut wird und ins Blut, ins Fleisch
hineingeht, sondern in entsprechender Weise im Inneren von der Seele
ergriffen wird. Gewisse Dinge dürfen eben nicht im Laufe der Ent-
wickelung ins Fleisch gehen, sondern müssen in der Seele bleiben. Was
geschieht denn, wenn sie ins Fleisch, ins Blut gehen? Dann begründen
sie im Unterbewußten Affekte, Leidenschaften, denen Namen gegeben
werden, denen Masken gegeben werden, und die manchmal etwas ganz
anderes sind als die Masken, die ihnen gegeben werden. Heute lebt so
vieles - und es kommt in der menschlichen Entwickelung zum Aus-
druck - , was dadurch entstanden ist, daß ins Blut, ins Fleisch überge-
gangen ist, was in der Seele hätte bleiben sollen. Und was wird dadurch
begründet? Es begründet Streit, Zwietracht, Disharmonie über die Erde
hin. Das maskiert sich in allen möglichen Formen, das maskiert sich
darin, daß der Italiener den Germanen, daß der Engländer den Deut-
schen, daß der Germane den Romanen nicht ausstehen kann; das mas-
kiert sich in diesen Leidenschaften, die über die Erde hin wüten. Man
muß für diese Dinge nur die tieferen Gründe wissen, und man muß ein-
sehen, was der Menschheit obliegt, was der Menschheit Mission ist,
um dasjenige zu erreichen, was unbedingt erreicht werden muß.
Was in der Gegenwart ist, sollen nur deutliche Zeichen sein für das,
was wir lernen sollen, um die Menschheit einer gedeihlichen Zukunft
entgegenzuführen. Man soll nicht an der Oberfläche bleiben, wie es
die Menschen heute tun, sondern in die Tiefen der Menschenseelen
hineinschauen. Daß das 19. Jahrhundert einen Erziehungsfehler ge-
macht hat, weil es eine Übergangszeit war, weil es ins Fleisch, ins
Blut hat gehen lassen, was in die Seelen hätte gehen sollen, das wird
heute auf den Schlachtfeldern ausgekämpft. Das Blut, das aufgenom-
men hat dasjenige, was hätte in die Seelen gehen sollen, waltet heute
in den wild über die Erde hinstürmenden Leidenschaften. Das macht,
daß sich die Menschen nicht verstehen können. Das macht, daß die
Menschen aneinander vorbeireden. Das macht, daß sie so wenig Sinn
haben für das Miteinander-Empfinden, das Miteinander-Leben.
Die Zeichen der Zeit sind ernst, sehr ernst, aber sie sind eine Auf-
forderung, in die Tiefen des Weltenwerdens hineinzuschauen, um aus
diesen Tiefen zu erkennen, was unsere Aufgabe ist. Ich habe schon das
vorige Mal gesagt: Das ist nicht ein Einwand gegen die Welten Weisheit,
gegen die göttliche Weisheit. Die göttliche Weisheit muß diese Zeichen
über die Menschheit hinführen, weil die Menschheit nicht eine Automa-
ten-Wesenheit, sondern selbständig werden soll. Es handelt sich nicht
darum, zu fragen: Warum ist die Menschheit in dieses alles hineinge-
kommen? - sondern: Was ist zu tun zum Heile der Menschheit? - Um
die Tat und um die großen universalistisch-ethischen Impulse handelt es
sich. Das ist dasjenige, was uns von Woche zu Woche, von Stunde zu
Stunde, von Minute zu Minute obliegt: uns einzulassen darauf, was zu
geschehen hat. Und derjenige, der in solcher Weise, wie es heute an-
gedeutet worden ist, erwartet hat, daß ihm jedes neue Lebensjahr
etwas bringt, was ihm vorher Geheimnis war, der entzündet in seiner
Seele das, was die Menschheit auch in der Zukunft brauchen wird: den
lebendigen, nicht den toten Unsterblichkeitssinn. Derjenige, der weiß,
daß ihm jedes neue Jahr neue Geheimnisse bringt, weiß auch, daß ihm
das Leben nach dem Tode neue Geheimnisse bringt; für ihn hat der
Zweifel an dem Fortbestehen dessen, was der Entwickelung des Leibes
entgegen Neues bringt, keinen Sinn. Für ihn wird aber auch dieses
Leben nach dem Tode real, recht real: es wird nicht nur jenes egoisti-
sche Prinzip, als was es heute so vielfach auftritt, sondern es wird
Menschheitsprinzip.
Wir treten heute durch die Pforte des Todes und bringen vieles mit
an Lebensbeobachtungen, was wir hier nicht verarbeitet haben. Das
aber hat noch eine Bedeutung für die Erde. Es kommt unsere Weisheit,
die wir uns hier angeeignet haben, der Erde auch noch zugute, wenn
wir durch die Pforte des Todes geschritten sind. Aber hier auf der
Erde müssen Menschen da sein, die sie brauchen wollen. Jene, die Er-
fahrungen haben, wissen von diesen Erfahrungen zu berichten, öffent-
lich muß man, um sich nicht ganz und gar lächerlich zu machen, diese
Dinge noch so sagen, wie ich es zum Beispiel gestern tat: daß Planck
heute anders denken würde, als er in den achtziger Jahren gedacht hat.
Man meint damit als Geisteswissenschafter eigentlich noch etwas an-
deres. Man weiß: Die Seele dieses Menschen hat so vieles durch die
Pforte des Todes hindurchgetragen, daß reichlich vorhanden ist, was
der Erde noch nützlich sein kann. Ja, derjenige, der weiß, daß sein
lebendiges Gefühl für die lebendige Seele durch die Pforte des Todes
nicht beeinträchtigt wird, weiß auch, daß die sogenannten Toten mit
uns in fortwährender Verbindung stehen, daß wir nur entgegenzuneh-
men haben dasjenige, was von ihnen gewirkt wird.Wer Erfahrung dar-
in hat, darf vielleicht auch aus der persönlichen Erfahrung in bescheide-
ner Weise von diesen Dingen sprechen. Ich weiß, daß ich nicht nur an
Goethes Weltanschauung angeknüpft habe, sondern daß ich dasjenige,
was ich über Goethes Weltanschauung in der verschiedensten Weise ge-
schrieben habe, nur deshalb geschrieben habe, weil ich wußte, daß es
aus der Inspiration der Goetheseele selber herrührt, natürlich soweit
man es als schwacher Nachkomme aufnehmen kann.
Aber dazu gehört das lebendige Sich-in-ein-Verhältnis-Setzen mit
der lebendiggebliebenen Seele, nicht bloß jenes abstrakte Verehren der
Toten, sondern das Aufnehmen der lebendigen Wesenheit der Toten in
unsere Seelen, die hier im physischen Leibe verkörpert sind. Oh, es
wird viel, sehr viel Fruchtbringendes, bedeutungsvoll Wesenhaftes her-
einfließen in die Erdenentwickelung, wenn die Toten durch die Ge-
sinnung der Lebenden werden die Ratgeber sein können der Mensch-
heit. Ich weiß, wie weit unsere Gesinnung noch davon entfernt ist.
Ich weiß, daß man zwar heute fragt: Was sagt der Zweiundzwanzig-
jährige, der Dreiundzwanzigjährige - oder was sonst die Altersgrenze
für die verschiedenen Parlamente sein mag - , was sagt der Vierund-
zwanzigjährige zu irgend etwas, was Gesetz werden soll? - Aber man
fragt nicht: Was sagt Goethe heute zu dem, was Gesetz werden soll? -
Das wird aber auch noch kommen. Die Toten werden unsere Mitbürger
sein. Wenn man die Stimmung in die Seele aufnimmt, daß jedes Jahr
ein neues Geheimnis für uns enthüllt werden kann, dann wird man
auch noch weitergehen: dann wird man auch wissen, was es bedeutet,
mit der Summe der Erdenentwickelung den großen Übergang zu ma-
chen durch die Pforte des Todes hindurch. Dann werden die Toten
die Mitberater der Lebenden sein. Denn nicht auf den Glauben an die
Unsterblichkeit kommt es bloß an, sondern darauf kommt es an, daß
dasjenige, was unsterblich ist, auf all den Feldern fruchtbar werden
kann, wo es wirklich fruchtbar werden soll. Kraft braucht der Mensch,
um durchzudrücken die Decke, die ihn heute trennt von dem, was die
geistige Welt noch in sich birgt.
Sehen Sie, die heutige Denkweise ist eigentlich mehr oder weniger
dazu da, daß wir in ihr die starke Kraft entwickeln, um zum Geiste
durchzudringen. Aber es ist heute schon der Zeitpunkt gekommen, wo
die Menschen manches in klarer Weise durchdringen müssen, weil sie
es selbst verstehen sollen. Daher sind die Zeichen vor die Menschen-
seele hingestellt, weil die Menschen lernen müssen: Dieses darf ganz
und gar nicht da sein, jenes muß ganz und gar überwunden werden. -
Und weil sie es selbst überwinden sollen, deshalb mußte es unter ihnen
auftreten.
Zwei Extreme stehen im äußeren Leben - aber es gibt viele solche
Extreme - einander gegenüber: der Wilsonismus und ihm gegenüber
der Trotzkismus oder Leninismus, nennen Sie ihn, wie Sie wollen. Die
beiden Dinge stehen da, herausgeboren aus einer ungeistigen Weltan-
schauung, der ungeistigsten Weltanschauung, die sich denken läßt.
Aufgabe der Menschheit ist es, zu sehen, daß ausgelöscht werde alles
dasjenige, was in den letzten Konsequenzen zum Leninismus oder zum
Wilsonismus führt. Aber viel Wilsonismus, viel Leninismus ist überall
zu finden; sie sind sehr, sehr verbreitet, man merkt es nur nicht. Man
muß den Dingen nur ins Auge schauen. Derjenige aber, der sich ein
wenig mit Geisteswissenschaft befaßt, der weiß, daß ihm diese Geistes-
wissenschaft das Seelenauge gibt, um auch auf diesem Gebiet den Din-
gen klar ins Auge zu schauen. Heute ist es für die Menschen eine Le-
bensnotwendigkeit, klar in die Welt zu schauen, sich die Dinge anzu-
schauen, sie nicht zu verschlafen. Denn nur allzuviel Grund haben die
Menschen, vielfach Masken über das zu breiten, was wahr ist. Und
allzu leichtgläubig sind die Menschen; deshalb glauben sie an die Mas-
ken und sehen nicht auf dasjenige, was hinter den Masken verborgen
ist. Man kann nicht jene Denkweise entwickeln, die eine gewisse Be-
weglichkeit des Geistes möglich macht, welche für Geisteswissen-
schaft notwendig ist, ohne in einer gewissen Zeit, wenn man sich wirk-
lich in diese Beweglichkeit hineinfindet, sich eine klare, ruhige An-
schauungsweise zu verschaffen über das, was in der Welt vorgeht. Man
darf nicht die Dinge verschlafen, man muß aufwachen durch die Gei-
steswissenschaft, wenn man sich nicht selber aus einer gewissen Le-
bensbequemlichkeit heraus einlullen will. Bedürfnis ist viel vorhan-
den, solche Geistesart in die Seele hineinströmen zu lassen, aber der
Wille, namentlich vieler, die sich als Führer der Menschheit fühlen, mit
diesem Bedürfnis zu rechnen, ist nicht vorhanden. Der Wille zum Geiste
ist heute in den einfachsten Naturen vorhanden; sie verstehen sich nur
selbst noch nicht, weil sie irregeführt sind durch dasjenige, was heute
vielfach als «öffentliche Meinung» - Schopenhauer nannte sie «private
Dummheit» - verbreitet wird. Die Führenden sind vielfach geneigt, da
von Grenzen des menschlichen Wesens zu sprechen, wo sie die Men-
schen über die Grenzen nicht hinausführen wollen. Auf allen Gebieten
finden Sie das heute. Wie wohl tut es den Menschen - um nur das eine
Beispiel zu erwähnen —, wenn so etwas geschehen kann, wie es jetzt mit
dem französischen Theologen Loisy geschieht, der auch so eine merk-
würdig schwankende Stellung zwischen Modernismus und Nichtmo-
dernismus eingenommen hat, obwohl er sich scheinbar eine Zeitlang auf
eigene Beine gestellt hatte. Jetzt aber, gegenüber den katastrophalen Er-
eignissen, hat er sich die Frage vorgelegt: Ja, was ist denn eigentlich
mit dem Christentum geworden bei den Ereignissen der heute geschaf-
fenen Weltenlage? Hat dieses Christentum vielleicht nicht versagt? -
Nicht den Christus als solchen, meint Loisy, aber er fragt sich: Hat
dieses Christentum vielleicht nicht manches versäumt? - Es haben ei-
nige über diese Gewissensfrage des Loisy etwas geschrieben. Einer hat
gesagt: Nun ja, man muß eben rechnen mit der Unvollkommenheit
der Menschen. Das Christentum will zwar etwas anderes, als was jetzt
über die Erde hin geschieht, aber das, was geschieht, das muß geschehen,
weil die Menschen unvollkommen sind. - Darüber nachzudenken, das
ist nicht dasjenige, um was es sich handelt, sondern das, um was es
sich handelt, ist: nachzudenken und nachzusinnen und nachzuempfin-
den, wie der Mensch vollkommener werden kann, wie der Mensch sich
veredeln kann, wie der Mensch ethisch höher kommen kann dadurch,
daß er sich dem universellen Weltenwesen immer mehr und mehr ein-
gliedert. Die Fragen müssen vielfach ganz anders gestellt werden, als
man heute geneigt ist, diese Fragen zu stellen.
Das sind die Empfindungen, die ich während unseres diesmaligen
Zusammenseins in Ihre Seelen legen wollte. Mehr noch als früher kommt
es mir diesmal darauf an, daß meine Worte nicht nur mit dem Ver-
stand begriffen, sondern daß sie so aufgefaßt werden, wie sie gemeint
sind: daß sie unser Gemüt anregen, damit sie in unserem Gemüte die
Keime werden für verständnisvolles Eindringen in das, was in der
Menschheitsentwickelung, im Menschheitslaufe zu geschehen hat. Denn
jeder wird in vielleicht nicht gar zu langer Zeit, nach seiner Art und
nach seinem Karma, auf diesem oder jenem Posten sich umringt sehen
von wichtigen Lebensfragen, denen er nicht gewachsen ist, wenn er
nur bei den alten bequemen Vorstellungen bleiben will. Lernen müssen
wir, neue Vorstellungen uns anzueignen. Geisteswissenschaft wird uns
eine Führerin sein können zu solch neuen Vorstellungen. Zum Wach-
sein die Seelen anzuregen, das haben meine Worte gewollt. Wenn sie
auch scheinbar von Tatsachen ausgegangen sind, so waren die Tat-
sachen so gewählt, daß sie gerade dasjenige berührten, was mit Bezug
auf das Empfindungsleben, mit Bezug auf das ganze Gemütsleben im
gegenwärtigen Augenblick für den Menschen das Allerwichtigste ist.
S E C H Z E H N T E R VORTRAG
Stuttgart, 21. März 1921

Daß ich heute spreche, das ist durch eine Fragestellung der vorange-
henden historischen Seminarstunde gefordert. Diese Fragestellung geht
nach der Schuldfrage an der letzten Kriegskatastrophe, und es liegt ja
gewiß da eine so wichtige, und man kann schon heute sagen, auch durch-
aus historisch wichtige Sache vor, daß die Beantwortung dieser Frage,
soweit sie in einem so engen Rahmen in einer kurzen Zeit möglich ist,
Ihnen nicht vorenthalten werden darf.
Ich möchte nur einige Bemerkungen voranschicken, damit Sie über
den Sinn, aus dem heraus ich über diese Frage sprechen will, unter-
richtet sind. Ich habe mit den Anschauungen, die ich mir bilden mußte
über das Thema dieser heutigen Auseinandersetzungen, niemals zu-
rückgehalten in Vorträgen, die ich im Goetheanum in Dornach ge-
halten habe, und ich habe da niemals ein Hehl daraus gemacht, daß
mir diese Anschauungen als diejenigen erscheinen, welche vor der gan-
zen Welt vor allen Dingen ausgesprochen werden müßten. Ich bin
nicht der Ansicht, daß in dieser wichtigen Frage die Sachen heute so
liegen, daß man immer wieder und wiederum sagen soll, man müsse
das objektive Urteil erst der Geschichte überlassen, man werde erst in
einer zukünftigen Zeit ein objektives Urteil über diese Angelegenheit
sich bilden können. Es wird im Laufe der Zeit, namentlich durch die
fortwirkenden Vorurteile, ebenso viel verloren werden an Möglich-
keiten, ein gesundes Urteil über diese Frage zu gewinnen, wie etwa
vielleicht durch das eine oder andere gewonnen werden könnte. Ich
sage ausdrücklich «vielleicht»; denn ich selbst glaube gar nicht, daß
man in dieser Frage in der Zukunft wird ein besseres Urteil gewinnen
können als schon in der Gegenwart.
Das ist das erste, was ich sagen möchte. Ich muß es aus folgendem
Grunde sagen: Wie Sie ja wissen, gehen jene Angriffe - ich möchte sie
mit keinem Epitheton jetzt bezeichnen —, die sich gerade auf die kul-
turpolitische Seite meiner Wirksamkeit beziehen innerhalb der Gren-
zen Deutschlands, hauptsächlich von derjenigen Seite aus, die man die
«alldeutsche» nennen kann, und ich muß natürlich gewärtig sein, daß
auf dieser Seite alles, was ich irgendwie vorbringe, in der wildesten
Weise ausgedeutet wird. Aber auf der anderen Seite glaube ich es nicht
nötig zu haben, nach dieser Richtung hin besondere Worte zur Ver-
teidigung zu sagen, denn die albernen Anschuldigungen, daß irgend
etwas gegen das Deutschtum geschehe, richten sich ja selbst durch die
Tatsache, daß schon während des Krieges hingestellt worden ist in die
nordwestlichste Ecke der Schweiz das Goetheanum, also ein Wahr-
zeichen für dasjenige, was nicht etwa bloß innerhalb Deutschlands,
sondern vor der ganzen Welt durch das deutsche Geistesleben geleistet
werden soll. Wenn man in einer solchen Weise Zeugnis abgelegt hat
für dasjenige, was das Deutschtum ist, so, denke ich, hat man nicht
nötig, viele Worte zu machen, um böswillige Anschuldigungen in
irgendeiner Weise zu widerlegen.
Was ich weiter zu sagen habe, ist dies, daß ich mich immer bemüht
habe, die Urteile derer, die hören, was ich nach dieser Richtung sage,
nicht in irgendeiner Weise zu beeinflussen, und ich möchte, soweit das
geht - selbstverständlich geht es ja nur in beschränktem Maße, wenn
man sich kurz zu fassen hat - , das auch heute möglichst einhalten. Ich
habe bei allem, was ich gesagt habe, im Auge gehabt, durch die Auf-
zählung dieser oder jener Tatsachen, dieser oder jener Momente, für
jeden Grundlagen zu geben zur Bildung eines eigenen Urteils. Und so,
wie ich es im ganzen Umfang der Geisteswissenschaft mache, daß ich
niemals ein Urteil vorausnehme, sondern nur die Materialien zur Bil-
dung eines Urteiles herbeizutragen versuche, so möchte ich es auch in
diesen auf die historische Außenwelt bezüglichen Dingen tun.
Nun, ich bemerke jetzt zur Sache selber: Mir scheint, daß die Dis-
kussionen, die heute über die Schuldfrage angestellt werden, sich mehr
oder weniger alle überall in der Welt im Grunde auf unmögliche Vor-
aussetzungen stützen. Ich glaube meinerseits, daß man mit diesen selben
Voraussetzungen, wenn man sie nur in der einen und anderen Art an-
wendet, ruhig beweisen kann, daß die gesamte Schuld am Kriege der
etwas merkwürdige Nikita, der König von Montenegro, trägt. Ich
glaube, daß man mit diesen Argumenten schließlich auch sogar den
Beweis führen kann, daß Helfferich ein außerordentlich weiser Mann
ist, oder daß sich der ehemals dicke Herr Erzberger während des
Krieges nicht in einer merkwürdig lebendigen Weise durch alle mög-
lichen Untergründe und Keller des europäischen Wollens durchge-
schlängelt hat. Kurz, ich glaube, daß man mit diesen Argumenten
außerordentlich wenig anfangen kann. Dagegen glaube ich, daß es
durchaus richtig ist, was der gegenwärtige deutsche Außenminister
Simons in seiner Stuttgarter Rede neulich gesagt hat; daß es nötig ist,
die Schuldfrage ernsthaft zu behandeln. Nur habe ich die dieses er-
gänzende Ansicht, daß das nun wirklich auch geschehen sollte. Denn
daß man betont, die Sache sei notwendig, damit hat man noch nicht
getan, was zu geschehen hat, sondern es ist eben notwendig, daß es
geschieht. Und daß es nötig ist, die Schuldfrage zu behandeln, das
geht ja daraus hervor, daß gewissermaßen an die Spitze dieser letzten,
unglückseligen Londoner Verhandlungen gestellt worden ist von dem
durchtriebensten Staatsmann der Gegenwart, Lloyd Georgey der - wie
soll man es nur nennen, man ist in Verlegenheit, über dasjenige, was
gegenwärtig da figuriert, zutreffende Worte zu finden - , der Satz:
Alles, was wir verhandeln, geht davon aus, daß für die Entente-Ver-
bündeten die Schuldfrage entschieden ist.
Nun, wenn alles das, was wir verhandeln können, überhaupt unter
dem Aspekt geschieht, daß die Schuldfrage entschieden sei, dann han-
delt es sich, wenn sie nicht entschieden ist, erst recht darum, beim An-
fang die Verhandlungen damit zu beginnen, daß man ernsthaft die
Schuldfrage aufwirft und sie in ernsthafter Weise behandelt. Es muß
durchaus betont werden, daß im Grunde genommen wirklichkeitsge-
mäß bis jetzt nichts anderes geschehen ist, in bezug auf diese Schuld-
frage, als ein sehr merkwürdiger Entscheid der Siegermächte. Dieser
Entscheid begründet sich, ganz nach den Regeln des heutigen Weltge-
schehens, nicht auf eine objektive Beurteilung der Tatsachen, sondern
einfach auf ein Diktat der Sieger. Die Sieger haben nötig, um ihren
Sieg in entsprechender Weise auszunützen, der Welt zu diktieren, die
andere Seite sei schuld am Kriege. Man kann ja den Sieg nicht aus-
nützen, wie man es auf Seiten der Entente möchte, wie man ihn sogar -
das kann ja zugestanden werden - von jenem Standpunkt aus aus-
nützen muß, wenn man nicht dem anderen die volle Schuld aufhalst.
Sie werden leicht einsehen, daß man so, wie man da handelt, nicht
handeln könnte, wenn man sagen würde: Ja, die Leute sind ja eigent-
lich gar nicht so zu beurteilen, wie es, sagen wir, während der Kriegs-
katastrophe geschehen ist.
Also es handelt sich darum - denn alles andere ist nur Literatur ge-
blieben oder nicht einmal Literatur geworden - , daß vorläufig für die
Schuldfrage nichts anderes getan worden ist, als daß ein Siegerdiktat
erflossen ist. Und daß auf unbegreifliche Weise das geschehen ist, was
im Grunde doch niemals hätte geschehen dürfen, daß dieses Sieger-
diktat unterschrieben worden ist, damit ist eine Tatsache geschaffen,
die man nicht genug bedauern kann. Denn man kann nicht sagen:
Diese Unterschrift hat gegeben werden müssen, um das Unglück nicht
noch größer zu machen. - Derjenige, der in die wirklichen Ereignisse
hineinsieht, weiß, daß man doch durchkommt durch die gegenwärtige
Weltsituation nur mit der Wahrheit und mit dem Willen zur vollen
Wahrheit. Mag auch vielleicht das, was zunächst durch das Bedürfnis
fließt, zu tragischen Situationen führen, man kommt heute doch mit
nichts anderem durch. Die Zeiten sind zu ernst, sie rufen zu große
Entscheidungen hervor, als daß sie anders gelöst werden können als
mit dem vollen Willen zur Wahrheit.
Ich möchte betonen: Da ich in der kurzen Zeit, die mir zur Ver-
fügung steht, nicht in der Lage bin, die Sache so zu geben, daß aus dem
Inhalt meiner Sätze voll dasjenige, was ich sage, auch beweiskräftig
erscheinen könnte, werde ich wenigstens in der Art, in der ich mich
bemühe, die Dinge darzustellen, im Nuancieren, in der Weise, wie die
Dinge gegeben werden, versuchen, Ihnen eine Grundlage zur Bildung
eines Urteils auf diesem Gebiet zu geben. Nun, ich habe durch wirk-
lich langjährige Erfahrungen, durch ein sorgfältiges Beobachten des-
sen, was im weltgeschichtlichen Werden sich vollzieht, herausbekom-
men, wie vor allen Dingen bei dem angelsächsischen Volk und insbe-
sondere bei gewissen Menschengruppen innerhalb dieses angelsächsi-
schen Volkes eine in einem gewissen Sinne durchaus weltgeschichtlich
großzügig gehaltene politische Anschauung besteht. Bei gewissen Hin-
termännern, wenn ich sie so nennen darf, der angelsächsischen Politik
besteht eine politische Anschauung, die ich in zwei Hauptsätzen zu-
sammenfassen mochte: Erstens besteht die Ansicht - und es ist eine
größere Anzahl von Persönlichkeiten, welche hinter den eigentlichen
äußeren Politikern, die zuweilen Strohmänner sind, stehen, durchdrun-
gen von dieser Ansicht - , daß der angelsächsischen Rasse durch ge-
wisse Weltentwickelungskräfte die Mission zufallen müsse, für die
Gegenwart und die Zukunft vieler Jahrhunderte eine Weltherrschaft,
eine wirkliche Weltherrschaft auszuüben. Es ist dieses festgewurzelt in
diesen Persönlichkeiten, wenn es auch, ich möchte sagen, auf materia-
listische Art und in materialistischen Vorstellungen von dem Welten-
wirken festgewurzelt ist, es ist aber so festgewurzelt in denjenigen, die
die wahren Führer der angelsächsischen Rasse sind, daß man es ver-
gleichen kann mit den inneren Impulsen, welche einstmals das alt-
jüdische Volk von seiner Weltmission hatte. Das altjüdische Volk stellte
sich allerdings die Sache mehr moralisch, mehr theologisch vor; aber
die Intensität des Vorstellens ist keine andere bei den eigentlich Füh-
renden der angelsächsischen Rasse wie bei dem altjüdischen Volk. Wir
haben es also in erster Linie mit diesem Grundsatz, den Sie verfolgen
können auch äußerlich, zu tun und mit der besonderen Art der Le-
bensauffassung, wie sie bei dem angelsächsischen Volk, bei seinen re-
präsentativen Männern gerade, vorhanden ist. Es herrscht die Ansicht,
daß dann, wenn so etwas vorliege, alles getan werden müsse, was im
Sinne eines solchen Weltimpulses liege, daß man vor nichts zurück-
schrecken dürfe, was im Sinne eines solchen Weltimpulses liegt. Dieser
Impuls wird in einer, man muß schon sagen, intellektualistisch außer-
ordentlich großartigen Weise hineingetragen in die Gemüter derer, die
dann in den mehr unteren Stellungen - wozu aber immer noch die-
jenigen der Staatssekretäre gehören - das politische Leben führen. Ich
glaube, wer die eben angeführte Tatsache nicht kennt, der kann un-
möglich den Gang der Weltentwickelung in der neueren Zeit ver-
stehen.
Das zweite, worauf sich diese ja für Mitteleuropa so traurige und
verderbliche Weltpolitik richtet, ist das Folgende. Man ist weitsichtig.
Diese Politik ist vom Gesichtspunkt des Angelsachsentums aus eben
großzügig, ist durchsetzt von dem Glauben, daß Weltimpulse die Welt
regieren und nicht die kleinen praktischen Impulse, von denen sich oft-
mals mit Überhebung diese oder jene Politiker leiten lassen. Diese
Politik des Angelsachsentums ist in diesem Sinne eine großzügige; sie
rechnet auch in einzelnen praktischen Maßnahmen mit dem weltge-
schichtlichen Impuls. Das zweite ist dies: Man weiß, daß die soziale
Frage ein weltgeschichtlicher Impuls ist, der unbedingt sich ausleben
muß. Es gibt keinen der Führenden unter den angelsächsischen Per-
sönlichkeiten, die in Betracht kommen, der nicht mit einem, ich möchte
sagen, außerordentlich kalten, nüchternen Blick sich sagte: Die soziale
Frage muß sich ausleben. - Aber er sagt sich dazu: Sie darf sich nicht
so ausleben, daß die westliche, die angelsächsische Mission dadurch
Schaden erleiden könnte. Er sagt da fast wörtlich, und diese Worte
sind oft gesprochen worden: Die westliche Welt ist nicht dazu ange-
tan, daß man sie ruinieren lasse durch sozialistische Experimente. Dazu
ist die östliche Welt angetan. - Und er ist dann von der Absicht beseelt,
diese östliche, namentlich die russische Welt, zum Felde sozialistischer
Experimente zu machen.
Dasjenige, was ich Ihnen jetzt sage, ist eine Anschauung, die ich
konstatieren konnte - vielleicht geht sie noch weiter zurück, das weiß
ich vorderhand nicht - bis in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts
zurück. Mit kaltem Blicke wußte man im angelsächsischen Volke, daß
sich die soziale Frage ausleben müsse, daß man durch diese das An-
gelsachsentum nicht ruinieren lassen wolle, daß daher Rußland wer-
den müsse das Experimentierland für sozialistische Versuche. Und
nach dieser Richtung hin wurde in der Politik tendiert, es wurde mit
aller Klarheit nach dieser Politik hin tendiert. Und namentlich alle
Balkanfragen, einschließlich derjenigen, durch die man im Berliner
Vertrag den ahnungslosen Mitteleuropäern Bosnien und die Herze-
gowina zugeschanzt hat, alle diese Fragen wurden schon unter diesem
Gesichtspunkte behandelt. Die ganze Behandlung des türkischen Pro-
blems von Seiten der angelsächsischen Welt steht unter diesem Gesichts-
punkt, und man hoffte, daß die sozialistischen Experimente, dadurch
daß sie sich so abspielen, wie sie sich abspielen müssen, wenn die in die
Irre gehende Proletarierwelt sich nach marxistischen oder ähnlichen
Prinzipien richtet, daß dann diese sozialistischen Experimente auch
für die Welt der Arbeiter eine deutliche Lehre sein werden in ihrem
Ausgehen, in der Nichtigkeit, in der Zerstörung eine deutliche Lehre
sein werden, daß man es so auch nicht machen könne. Man wird also
die westliche Welt dadurch schützen, daß man im Osten zeigen wird,
was der Sozialismus anrichtet, wenn er sich so verbreiten kann, wie
man es für die westliche Welt nicht will.
Sie sehen, diese Dinge, von denen es durchaus auch möglich sein
wird, sie vollhistorisch zu begründen, sind das, was seit Jahrzehnten
der europäischen Situation, der Weltsituation überhaupt zugrunde
liegt. Und aus diesen Dingen geht dann, ich möchte sagen, das hervor,
was eine mehr nun schon gegen die physische Welt zu gelegene Ebene
des weltgeschichtlichen Geschehens zeigt. Wir brauchen nur ganz auf-
merksam dasjenige zu lesen, was der Phantast Woodrow Wilson, der
aber doch im gegenwärtigen Sinne ein guter Historiker ist, in seinen
verschiedenen Reden durch seine Worte hindurchscheinen läßt. Aber
wir brauchen das nur, um ein Symptom für das zu haben, was ich
sagen will. Durch die ganze neuere Geschichte herauf hat sich ergeben,
daß der Orient, wenn man das auch gewöhnlich nicht bemerkt, eine
Art von Diskussionsproblem für die ganze europäische Zivilisation ist.
Es bleibt dem objektiven Beobachter doch nichts anderes übrig, als sich
zu sagen: Durch die weltgeschichtlichen Ereignisse der neueren Zeit
ist England begünstigt worden in einer gewissen Inaugurierung der
Ihnen charakterisierten Mission. Das geht weit zurück, zurück bis zu
der Auffindung der Möglichkeit, auf dem Seewege nach Indien zu
kommen. Von diesem Ereignis aus geht eigentlich im Grunde genom-
men auf verschiedenen Umwegen die ganze Konfiguration der neueren
englischen Politik, und da haben Sie - wenn ich Ihnen das kurz sche-
matisch andeuten darf; was ich jetzt sage, müßte man natürlich in
vielen Stunden auseinandersetzen, ich kann aber in dieser Fragenbe-
antwortung die Sache nur andeuten - , da haben Sie das, was ich den
Zug der von der englischen Mission getragenen Weltströmung nennen
möchte, da haben Sie es so: sie geht von England aus durch den Ozean
hindurch um Afrika herum nach Indien. An dieser Linie ist ungeheuer
viel zu lernen. Diese Linie ist diejenige, um welche die angelsächsische
Weltmission in Wahrheit kämpft und kämpfen wird bis aufs Messer,
auch wenn es nötig ist, gegen Amerika bis aufs Messer kämpfen wird.
Die andere Linie, die ebenso wichtig ist, das ist diese, die den Landweg
darstellt, welche im Mittelalter eine große Rolle spielte, aber durch die
Entdeckung Amerikas und durch den Einfall der Türken in Europa
für die neueren Wirtschaftsentwickelungen eine Unmöglichkeit gewor-
den ist. Aber zwischen diesen beiden Linien liegt der Balkan, und die
angelsächsische Politik geht darauf hin, das Balkanprobiem so zu be-
handeln, daß diese Linie völlig ausgeschaltet wird in bezug auf die
Wirtschaftsentwickelung, daß allein die Seelinie sich entwickeln kann.
Wer sehen will, kann das, was ich eben jetzt angedeutet habe, in all
dem sehen, was sich abgespielt hat vom Jahre 1900 und schon früher
bis zu den Balkankriegen, die dem sogenannten Weltkrieg unmittel-
bar vorangegangen sind, und bis zum Jahre 1914.
Ein anderes liegt da noch vor, das Verhältnis von England zu Ruß-
land. Diese Linie interessiert selbstverständlich Rußland gar nicht;
aber Rußland interessiert sein eigenes Verhalten zu dieser Linie. Eng-
land hat ja, wie Sie bereits gesehen haben, mit Rußland etwas Beson-
deres vor, das sozialistische Experiment, und es muß daher seine ganze
Politik daraufhin anlegen, daß auf der einen Seite diese Wirtschafts-
linie zustande komme, und auf der anderen Seite Rußland so einge-
engt und eingedämmt werde, daß es zu den sozialistischen Experimen-
ten eben den Boden hergeben könne. Das war im Grunde genommen
dennoch die Weltsituation. Alles dasjenige, was getan worden ist bis
zum Jahre 1914 auf dem Gebiete der Weltpolitik, steht unter dem Ein-
fluß dieser Welttendenz. Wie gesagt, es gehörten viele Stunden dazu,
um das im einzelnen auszuführen; ich wollte es aber hier zunächst we-
nigstens andeuten.
Dasjenige, was nun dem gegenübersteht, und was ich durchleuch-
ten ließ, als ich im Jahre 1919 meinen Aufruf «An das deutsche Volk
und die Kulturwelt» schrieb, das ist die andere Tatsache, daß man
sich leider immer in Mitteleuropa verschlossen hat dagegen, daran zu
glauben, daß man eine politische Einstellung gewinnen müsse unter
dem Gesichtspunkt solcher großzügigen historischen Impulse. Man
konnte es innerhalb Europas, innerhalb des Kontinentes leider nicht
dazu bringen, daß sich irgend jemand eingelassen hätte darauf, die
Maßregeln, die getroffen wurden, unter dem Gesichtswinkel zu be-
trachten, daß man es mit solch großzügigen Tendenzen zu tun hatte.
Sehen Sie, da kommen dann die Leute und sagen: Du mußt praktische
Politik machen! Der Politiker muß ein Praktiker sein! - Nun lassen
Sie mich durch ein Beispiel klarmachen, was eigentlich die Praktik
solcher Leute bedeutet. Es gibt zahlreiche Leute, die sagen: Das ist
alles Humbug, was da die Stuttgarter machen mit ihrer Dreigliederung,
mit ihrem «Kommenden Tag» und so weiter. Das ist alles unpraktisch,
das sind unpraktische Idealisten! - Nun, stellen Sie diese Leute jetzt
vor Ihre Seele hin und denken Sie, wie es hoffentlich sein wird, es
kämen die Jahre, wo wir - wenn ich mich so ausdrücken darf - Glück
gehabt haben, wo wir etwas geleistet haben, errungen haben, was in
der Welt dasteht. Dann werden Sie sehen, daß dieselben Leute, die jetzt
sagen: Das alles ist unpraktisches Zeug —, dann kommen und sich an-
stellen lassen wollen, daß sie ihre praktischen Kenntnisse dann aus-
nützen wollen, um mit all ihrer Redekraft und Tätigkeit das zu ver-
breiten, was sie vorher als das unpraktische Zeug ausgeschrien haben.
Dann wird die Sache plötzlich als praktisch angesehen. Das ist der
einzige Gesichtspunkt, den diese Leute für ihre Praxis haben. Worum
es sich dabei immer handelt, ist dies: man muß einsehen, daß die Dinge
an ihrem Ursprung betrachtet werden müssen und daß dasjenige, was
die «praktischen» Unpraktiker «unpraktisch» nennen, etwas ist, was
oftmals gerade als ihrer Praktik zugrunde liegend gesucht wird. Sie
wollen sich nur in die Dinge nicht versetzen, und dadurch sind sie zu-
nächst unbrauchbar für dasjenige, was in Wirklichkeit geschieht.
Solch eine Praxis ungefähr war auch diejenige, die von den Poli-
tikern Europas befolgt worden ist. Das kann schon nicht anders gesagt
werden. Und es handelt sich durchaus darum, einzusehen, daß die
Nichtigkeit, das Ankommen auf dem Nullpunkt in bezug auf diese
Politik ein tragisches Verhältnis Mitteleuropas war, als die Dinge sich
zur Entscheidung drängten. Das, um was es sich da handelt, ist also, daß
man auch einsehen muß: Unbedingt notwendig ist es, daß wir in Mittel-
europa dazu kommen, uns auf die Höhe eines großzügigen, vom Geist
getragenen politischen Gesichtspunktes zu erheben. Ohne das können
wir durchaus aus den Wirren der Gegenwart nicht herauskommen.
Entschließen wir uns nicht dazu, dann kommt immer nur das zu-
Stande, was wir jetzt sich abspielen sehen. Ich bin der Ansicht, daß die
politischen Probleme, die heute noch immer unter dem Einfluß der
alten Maximen behandelt werden, so verknäuelt und so verworren sind,
daß sie zunächst eben aus diesen alten Impulsen heraus überhaupt nicht
gelöst werden können. Und nehmen wir an, die Entente-Staatsmänner
hätten sich zusammengesetzt - ich sage Ihnen das als etwas, was ich
mir als ehrliche Ansicht gebildet habe - und hätten, meinetwillen so-
gar unter der Führung von Lloyd George, diejenigen Friedensforderun-
gen ausgeheckt, die sie vor der Londoner Konferenz in die Welt hin-
ausgesetzt haben; aber nehmen wir an, sie hätten dann durch irgend-
ein Ereignis die Ausarbeitungen dieser Friedensforderungen verloren
und sie hätten sogar vergessen, wie diese Friedensforderungen gewesen
waren - natürlich ist das eine unmögliche Hypothese, aber ich will da-
durch etwas ausdrücken - , und nun nehmen wir an, Simons hätte dieses
Elaborat zugestellt erhalten und hätte von seiner Seite aus diese selben
Forderungen gestellt, ganz wörtlich gestellt sogar, ich bin überzeugt,
sie wären zurückgewiesen worden mit derselben Entrüstung, mit der
die Angebote Simons auf der Londoner Konferenz zurückgewiesen
worden sind. Denn es handelt sich nicht um lösbare Probleme, sondern
darum, daß man herumredet über Probleme, die zunächst unlösbar
sind von diesem Gesichtspunkte aus. Das ist das, was durchaus für den-
jenigen, der die Wahrheit sucht auf diesem Gebiete, eben ausgesprochen
werden muß.
Nun, jetzt gehen wir noch, ich mochte sagen, um eine Schichte tie-
fer gegen die rein physischen Ereignisse herunter. Sie wissen, den äuße-
ren Anfang hat die Kriegskatastrophe genommen mit dem serbischen
Ultimatum. Über die Veranlassung desselben, über all dasjenige, was
vorangegangen ist diesem Ultimatum, habe ich ja so oft gesprochen,
und es wird Ihnen möglich sein, sich über diese Dinge zu informieren,
so daß ich eben heute durchaus mehr kursorisch reden darf. Es ging
aus von dem österreichischen Ultimatum an Serbien der ganze Kreis,
der ganze Zirkel von Verwicklungen. Nun, derjenige, der die öster-
reichische Politik kennt, der namentlich die historische Entwickelung
dieser österreichischen Politik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun-
derts kennt, der weiß, daß dieses österreichisch-serbische Ultimatum
zwar ein kriegerisches Vabanquespiel war, daß es aber, nachdem man
die Politik, die getrieben worden ist, gemacht hatte, dann eine histo-
rische Notwendigkeit war. Man kann nicht etwas anderes sagen als
dieses: Die österreichische Politik spielte sich auf einem Territorium
ab, in dem es einfach von den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
an unmöglich war, mit den alten Regierungsprinzipien fortzuwursteln,
und daß man fortwurstelte, das ist nicht ein von mir erfundener Aus-
druck, das hat der Graf Taaffe, dessen Namen man in Österreich oft-
mals geschrieben hat «Ta-affe», im Parlament ja selbst gesagt. Er hat
gesagt: Wir können nichts anderes machen, als fortwursteln.
Nun, die Notwendigkeit lag eben vor, gerade aus den komplizierten
österreichischen Verhältnissen heraus, überzugehen zu einer klaren Ein-
sicht in die Frage: Wie hat irgendeine Assoziation von Volkstümern
dasjenige zu studieren, was geistige Angelegenheiten sind -, und in einem
Assoziationsstaate, wie es der österreichische war, lag durchaus in den
nationalen Fragen so etwas vor wie die Ausflüsse des geistigen Lebens.
Diese Frage hat die österreichische Politik nicht einmal ordentlich an-
zuschauen begonnen, geschweige denn in Wirklichkeit studiert. Und
wenn ich Überschau halte mit einem gewissen Willen, die Dinge zu
wägen, sie nicht nach Leidenschaften bloß zu gruppieren oder aus der
äußeren Geschichte herzunehmen, so erscheinen mir doch in der Vor-
geschichte des serbischen Ultimatums andere Dinge ausschlaggebender
noch als das, wozu sich dann die Ereignisse zusammengeballt haben,
als die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand.
Ich sehe da hin zum Beispiel auf den Umstand, daß sich vom Herbste
des Jahres 1911 in das Jahr 1912 hinein wirtschaftliche Debatten im
österreichischen Parlament abgespielt haben, die ja bis auf die Straße
hinaus bedeutsam geworden sind, und die immer an die dazumal in
Österreich bestehenden Verhältnisse anknüpften. Auf der einen Seite
wurde dazumal eine ganze Anzahl von Betrieben stillgelegt aus dem
Grunde, weil die ganze österreichische Politik so in die Enge getrie-
ben war, daß sie sich nicht auskannte und in fruchtloser Weise ver-
suchte, neue Absatzmärkte zu finden, aber diese nicht finden konnte.
Das führte dann im Jahre 1912 zur Stillegung zahlreicher Betriebe
und dazu, daß die Preise ungeheuer stiegen. Teuerungsunruhen, die bis
zum Revolutionären gingen, entstanden dazumal in Wien und in an-
deren Gegenden Österreichs, und die Teuerungsdebatten, an denen der
verstorbene Abgeordnete Adler einen so großen Anteil nahm im öster-
reichischen Parlament, führten dazu, daß von der Galerie aus auf den
Justizminister fünf Schüsse abgegeben wurden. Diese waren das Si-
gnal; so läßt sich in Österreich nicht weiter fortwirtschaften, so läßt
sich das wirtschaftliche Leben nicht aufrechterhalten. Was hat der
Zwischenminister Gautscb dazumal als einen Hauptinhalt seiner Rede
gefunden? Er sagte, daß man sich mit aller Energie, das heißt mit den
alten administrativen Maßregeln Österreichs, dafür einsetzen müsse,
daß die Agitation gegen die Teuerung verschwinde. Das bezeugt Ihnen
die Stimmung nach der anderen Seite hin.
Das geistige Leben spielte sich in den nationalen Kämpfen ab. Das
wirtschaftliche Leben war in eine Sackgasse getrieben - das können Sie
in allen Einzelheiten studieren - , aber niemand hatte Herz und Sinn
dafür, daß es notwendig sei, die Bedingungen der weiteren Entwicke-
lung des geistigen Lebens und des wirtschaftlichen Lebens abgesondert
von den alten Staatsansichten, die gerade in Österreich sich in ihrer
Nullität zeigten, zu studieren. In Österreich zeigte sich die Notwendig-
keit, das Studium der weltgeschichtlichen Angelegenheiten so in An-
griff zu nehmen, daß die Sache hinarbeitete auf eine Dreigliederung des
sozialen Organismus. Das geht einfach aus solchen Tatsachen hervor,
wie ich sie jetzt geschildert habe. Daran wollte niemand denken, und
weil niemand daran denken wollte, deshalb spielten sich die Dinge
so ab. Sehen Sie, dasjenige, was sich in den achtziger Jahren des vo-
rigen Jahrhunderts, im Beginne derselben, unter dem Einfluß der Wir-
kungen des Berliner Kongresses abspielte in Österreich, man braucht
es nur mit ein paar Strichen zu beleuchten und man wird sehen, welche
Kräfte da spielten. In Österreich waren die Verhältnisse schon im Be-
ginne der achtziger Jahre so weit gediehen, ja sogar noch früher, daß
der polnische Abgeordnete Otto Hausner im öffentlichen Parlamente
die Worte aussprach: Wenn man so fortarbeitet in der österreichi-
schen Politik, so werden wir in drei Jahren überhaupt kein Parlament
mehr haben, sondern etwas ganz anderes. - Er meinte das staatliche
Chaos. Nun natürlich, man übertreibt in solchen Auseinandersetzun-
gen, man macht Hyperbeln. Es kam nicht in drei Jahren schon, es kam
aber in einigen Jahrzehnten, was er für die Zukunft der nächsten drei
Jahre prophezeit hatte.
Ich könnte Unzähliges anführen gerade aus den Parlamentsdebat-
ten Österreichs um die Wende der siebziger und achtziger Jahre, wor-
aus Ihnen hervorgehen würde, wie man in Österreich sah, daß auch das
Agrarproblem in furchtbarer Weise heraufrückte. Ich erinnere mich
zum Beispiel sehr gut, wie dazumal anschließend an die Rechtferti-
gung des Baues der Arlbergbahn es ausgesprochen wurde von einzel-
nen Politikern der verschiedensten Schattierungen, daß man den Bau
dieser Bahn in Angriff nehmen müsse, weil sich zeige, daß es einfach
nicht mehr gehe, agrarisch richtig fortzuarbeiten, wenn in derselben
Weise wie früher von Westen her die ungeheure Influenz mit land-
wirtschaftlichen Produkten so weiterginge. Selbstverständlich war das
Problem nicht in der richtigen Weise angefaßt, aber es war eine rich-
tige Prophetie gesprochen. Und alle diese Dinge-man könnte Hunderte
anführen - würden zeigen, wie Österreich zuletzt, im Jahre 1914, so
weit war, daß es sich sagen mußte: Entweder können wir nicht mehr
weiter, wir müssen als Staat abdanken, wir müssen sagen, wir sind
hilflos! — oder wir müssen durch ein Vabanquespiel, durch irgend etwas,
was einer Oberschichte Prestige schafft, irgendwie aus der Sache her-
auskommen. — Wer überhaupt auf dem Standpunkte stand, Österreich
solle weiterbestehen — und ich möchte wissen, wie ein österreichischer
Staatsmann hätte ein Staatsmann bleiben können, wenn er nicht diesen
Standpunkt gehabt hätte -, selbst wenn er ein solcher Tropf war wie
Graf Berchtold, konnte sich nicht anders sagen als: Es muß so etwas
geschehen - , man konnte eben nicht anders, als ein Vabanquespiel spie-
len. Mag es von gewissen Gesichtspunkten aus noch so eigenartig er-
scheinen, man muß das in seinen historischen Impulsen begreifen.
Nun, da haben wir sozusagen den Ausgangspunkt an einem Orte.
Betrachten Sie diesen Ausgangspunkt einmal an einem anderen Orte,
nämlich in Berlin. Nun, da möchte ich Ihnen zunächst ganz objektiv,
um Ihnen einen Begriff zu geben von dem, was da wirkte, einiges rein
Tatsächliche sagen: Sehen Sie - bitte, nehmen Sie es mir nicht übel,
wenn ich auch da ganz objektiv charakterisiere -, im Jahre 1905 wurde
derjenige Mann, auf dessen Schultern 1914 in Berlin dennoch die Ent-
scheidung lag über Krieg und Frieden, der damalige General und spä-
tere Generaloberst von Moltke, zum Generalstabschef ernannt. Damals
bei der Ernennung hat sich folgende Szene abgespielt - ich schildere so
kurz als möglich - : Der General von Moltke konnte seiner Überzeu-
gung nach das verantwortungsvolle Amt des Generalstabschefs nicht
übernehmen, wenn er sich nicht erst mit dem obersten Kriegsherrn,
dem Kaiser, auseinandersetzte über die Bedingungen der Annahme die-
ses Amtes. Und diese Auseinandersetzung hatte etwa folgenden Ver-
lauf. Es handelte sich darum, daß bis dahin durch die Stellung der Ge-
neralität zu dem obersten Kriegsherrn die Sache so war, daß dieser -
Sie haben das vielleicht da oder dort schon selber nachgelesen - oftmals
bei den Manövern den Oberbefehl auf der einen oder anderen Seite
führte, und Sie wissen ja, daß dieser oberste Kriegsherr auch regelmäßig
gewonnen hat. Nun sagte sich der Mann, der 1905 berufen werden sollte,
das verantwortungsvolle Amt des Generalstabschefs zu übernehmen:
Natürlich, unter solchen Bedingungen kann man es nicht übernehmen;
denn es kann auch einmal ernst werden, und dann soll man sehen, wie
man Krieg fuhren kann unter den Voraussetzungen, unter denen man
Manöver zusammenstellen muß, wenn man den obersten Kriegsherrn
zum Befehlshaber hat, der doch siegen muß. - Nun beschloß der Ge-
neral von Moltke, dieses in ganz unverhohlener Weise offen und ehr-
lich dem Kaiser vorzutragen. Der Kaiser war außerordentlich erstaunt
darüber, daß ihm seine zum Generalstabschef zu ernennende Persön-
lichkeit sagte, es ginge doch nicht, denn eigentlich verstünde der Kai-
ser nicht im Ernstfall einen Krieg zu führen. Also müsse man die Dinge
so vorbereiten, daß sie im Ernstfalle auch gelten könnten, und er
könne das Amt des Generalstabschefs nur übernehmen, wenn der Kai-
ser verzichte auf die Führung irgendeiner Seite. Der Kaiser sagte: Ja,
aber wie liegt denn die Sache? Habe ich denn nicht wirklich gesiegt?
Ist das so gemacht worden? - Er wußte nichts davon, was seine Um-
gebung gemacht hatte, und erst als man ihm die Augen öffnete, wurde
er sich klar darüber, daß das nicht weiterginge, und man muß sogar
sagen, er ging dann mit ziemlicher Bereitwilligkeit auf die Bedingun-
gen ein; das soll auch durchaus nicht verschwiegen werden.
Also, meine sehr verehrten Anwesenden, nachdem ich Ihnen diese
Tatsache vorgelegt habe zur Bildung eines eigenen Urteils, bitte ich
Sie - und ich darf vielleicht in Parenthese einfügen, es ist heute reich-
lich Veranlassung gegeben, daß ich in solchen Sachen nicht irgendwie
färbe, denn ich kann durch eine hier anwesende Persönlichkeit in jedem
Augenblick nachgeprüft werden - , nachdem ich Ihnen diese Tatsache
vorgelegt habe, bitte ich Sie auch, nun zu erwägen, wo irgendwelche
Verirrungen vorlagen, ob es nicht auch eine ganz eigentümliche Sache
war, daß sich um den obersten Kriegsherrn herum Persönlichkeiten
fanden - die auch ihre Nachfolgeschaft gefunden haben - , die minde-
stens nicht so gesprochen haben wie 1905 der spätere Generaloberst
von Moltke, sondern die auch nach Übernahme eines Amtes in anderem
Sinne gehandelt haben. Es ist heute gar nicht nötig, daß man der Welt
immerfort vormacht, man müsse warten bis man die objektiven Tat-
sachen feststellen könne; es handelt sich nur darum, daß man den
ernstlichen Willen habe, auf diese objektiven Tatsachen hinzuweisen.
Und nun braucht man wirklich nicht zu spintisieren über einen
Kronrat von 1914, von dem es sicher ist, daß Generaloberst von Moltke
keine Ahnung hatte, daß er stattgefunden hat, denn er war im Juli
1914 bis kurz vor Ausbruch des Krieges zur Kur in Karlsbad abwesend.
Das ist deshalb wichtig zu betonen, weil, wenn die Rede kommt auf
Deutschlands Kriegshetzer, man dann folgendes sagen muß: Gewiß,
solche Kriegshetzer hat es gegeben, und wenn man das spezielle Pro-
blem der Kriegshetzerei in Angriff nehmen würde, so würde es hapern
bei solchen Persönlichkeiten, die ich vorhin auch angeführt habe, wenn
man sie ganz weiß waschen wollte. Und schließlich das, was ich ge-
sagt habe, daß man dem - ich weiß nicht, ob er weiß oder schwarz ist -
Nikita von Montenegro auch eine harte Last der Kriegsschuld zu-
schreiben kann, das mag daraus hervorgehen, daß schon am 22. Juli
1914 die beiden Töchter, diese - verzeihen Sie den Ausdruck - dämo-
nischen Frauen in Petersburg, in Anwesenheit von Poincare, bei einer
besonders prunkvollen Hoffestlichkeit dem französischen Botschafter,
der das Merkwürdige sich geleistet hat, daß er in seinen Memoiren in
Altersgeschwätzigkeit die Sache selbst erzählt hat, gesagt haben: Wir
leben in einer historischen Zeit; eben kam ein Brief von unserem Vater
an, und der weist darauf hin, daß wir in den nächsten Tagen Krieg
haben werden. Es wird großartig werden. Deutschland und Österreich
werden verschwinden, wir werden uns in Berlin die Hände reichen. -
Nun, das haben die Töchter des Königs Nikita, Anastasia und Militza,
am 22. Juli - ich bitte das Datum zu beachten - dem französischen Bot-
schafter in Petersburg gesagt. Das ist auch eine Tatsache, auf die hin-
gewiesen werden kann.
Nun also, man braucht sich, ich möchte sagen, um alle die weniger
wichtigen Details im Grunde genommen nicht zu bekümmern. Dage-
gen wird doch eine bedeutsame Rolle das spielen, daß sich die Dinge
bis zum 31. Juli 1914 in Berlin so zuspitzten, daß eigentlich alle Ent-
scheide über Krieg und Frieden in Berlin auf die Schultern von Gene-
raloberst von Moltke gelegt worden sind, und der konnte selbstver-
ständlich aus keinen anderen als aus rein militärischen Untergründen
heraus sich ein Urteil bilden über die Situation. Das ist dasjenige, was
man wird berücksichtigen müssen; denn zur Beurteilung der Lage in
Berlin dazumal ist es eigentlich nötig, daß man genau kennt, ich möchte
fast sagen, von Stunde zu Stunde dasjenige, was sich in Berlin abspielte
vom Sonnabend etwa um vier Uhr nachmittags bis um elf Uhr nachts.
Das waren die entscheidungsvollen Stunden in Berlin, in denen sich
eine ungeheure weltgeschichtliche Tragik abgespielt hat. Diese welt-
geschichtliche Tragik spielte sich so ab, daß der damalige Generalstabs-
chef aus dem, was geschehen war, oder wenigstens aus alledem, was man
in Berlin über das Geschehen wissen konnte, gar nichts anderes tun
konnte, als den Generalstabsplan ausführen zu lassen und auszuführen,
der seit Jahren vorbereitet war für den Fall, daß etwa das einträte, was
zum Schluß doch nur als das Einzutretende hat vorausgesehen werden
können.
Die verschiedenen Verbündungen waren durchaus so, daß man in
keiner anderen Weise über die europäische Situation denken konnte,
als so: Wenn die Balkan wirren sich nach Österreich herübererstrecken,
wird sich Rußland unbedingt daran beteiligen. Rußland hat zu seinen
Verbündeten Frankreich und England. Sie müssen sich in irgendeiner
Weise daran beteiligen. Dann aber läuft automatisch die Sache so -
man braucht gar nicht weiter darüber zu fragen - , daß Deutschland
und Österreich zusammengehen müssen, und von Italien hatte man die
bestimmteste Zusicherung, sogar im einzelnen stipuliert durch eine kurz
vorher getroffene Vereinbarung, bis auf die Bestimmung der Divi-
sionszahl sogar, wie es sich an einem eventuellen Kriege beteiligen
werde. Das waren die Dinge, die man in Berlin wissen konnte, das
waren die Dinge, die ein Mann, der eigentlich gegenüber der Welt-
situation nur zweierlei kannte als Ausgangspunkte, vorliegen hatte.
Es waren die zwei Maximen, die Generaloberst von Moltke hatte:
Erstens, wenn es zu einem Kriege kommt, dann wird dieser Krieg
furchtbar sein, ein Entsetzliches wird sich abspielen. Und wer die ganz
feine Seele des Generalobersten von Moltke kannte, der wußte, daß
nun wahrhaftig leichten Herzens sich eine solche Seele nicht in das-
jenige, was sie für das Furchtbarste ansah, würde hineinstürzen kön-
nen. Das andere war aber eine grenzenlose Hingabe an das Pflicht-
und Verantwortungsgefühl, und das konnte wiederum nicht anders
als so wirken, wie es gewirkt hat.
Wenn dazumal dasjenige, was geschehen ist, hätte verhindert wer-
den sollen, dann hätte es verhindert werden müssen von seiten der deut-
schen Politik aus; es hätte dasjenige verhindert werden müssen, was
Sie vielleicht selbst als zu Verhinderndes heraus urteilen, wenn ich Sie
auf folgende Tatsachen aufmerksam mache: Es war am Sonnabend
Nachmittag; da nahte ja dasjenige heran, was zu einer Entscheidung
führen sollte, und da traf denn nach vier Uhr der Generalstabschef von
Moltke den Kaiser, Bethmann-Hollweg und eine Reihe von anderen
Herren in einer Verfassung, die eigentlich eine ziemlich rosige zu sein
schien. Es war eben eine Mitteilung von England gekommen - ich
glaube allerdings, man kann diese Mitteilung kaum ordentlich gelesen
haben, denn sonst könnte sie nicht so aufgefasst worden sein, wie sie
aufgefaßt worden ist - , diese Mitteilung besagte nach der Ansicht der
deutschen Politiker, daß man England doch noch zurechtkriegen
könnte. Es hatte niemand eine Ahnung von dem unerschütterlichen
Glauben an die Mission des Angelsachsentums, dagegen hatte man im-
mer Vogel-Strauß-Politik getrieben, das war tragisch. Jetzt glaubte
man, leichten Herzens aus einem solchen Telegramm herauslesen zu
können, daß sich die Dinge auch anders abspielen könnten, und es ge-
schah das, daß der Kaiser die Mobilisationsurkunde nicht unterschrieb.
Also, ich bemerke ausdrücklich, daß zunächst am Abend des 31. Juli
die Mobilisationsurkunde vom Kaiser nicht unterschrieben worden ist,
obwohl der Generalstabschef aus seinem militärischen Urteil heraus
die Meinung gehabt hat, daß man auf solch eine Depesche nichts ge-
ben dürfe, sondern unbedingt der Kriegsplan ausgeführt werden müsse.
Statt dessen wurde dem Offizier vom Tage der Auftrag gegeben, in
Gegenwart von Moltke, zu telephonieren, daß sich die Truppen im
Westen von der feindlichen Grenze zurückzuhalten haben, und der
Kaiser hat gesagt: Jetzt brauchen wir ganz gewiß nicht in Belgien ein-
zumarschieren.
Nun dasjenige, was ich Ihnen sage, steht in Aufzeichnungen, die
der Generaloberst von Moltke nach seiner sehr merkwürdig erfolgten
Verabschiedung selber aufgeschrieben hat, die veröffentlicht werden
sollten im Einverständnis mit Frau von Moltke im Mai 1919, in jenem
entscheidenden Augenblick, wo Deutschland davor stand, der Welt
die Wahrheit zu sagen unmittelbar vor dem Unterschreiben des Ver-
sailler Diktates. Und wer dasjenige liest, das dazumal veröffentlicht
werden sollte und was aus der Feder des Herrn von Moltke selber ge-
flossen war, wird keinen Augenblick das Urteil gewinnen können, da
diese Dinge so sehr den Ausdruck der innerlichen Ehrlichkeit und Red-
lichkeit durch sich selbst tragen, daß sie vor dem Versaiüer Diktat
auf die Welt nicht einen bedeutsamen Eindruck gemacht hätten. Nun,
die Sache war gedruckt, an einem Dienstagnachmittag gedruckt, am
Mittwoch sollte sie erscheinen. Ich will nicht in die Schilderung weite-
rer Einzelheiten mich einlassen. Es erschien bei mir ein deutscher Ge-
neral, der mir aus einem dicken Konvolut von Akten klarmachen
wollte, daß drei Punkte in diesen Aufzeichnungen unrichtig seien. Ich
mußte dem General sagen: Ich habe lange Zeit philologisch gearbeitet.
Aktenbündel imponieren mir nicht eher, bevor sie nicht in philolo-
gischem Sinne beurteilt sind, denn man muß nicht nur wissen, was
drinnen enthalten ist, sondern auch, was nicht drinnen enthalten ist,
und wer eine historische Untersuchung macht, untersucht auch nicht
nur, was drinnen enthalten ist, sondern auch dasjenige, was fehlt. -
Aber ich mußte folgendes sagen: Sie haben mitgearbeitet, die Welt nimmt
selbstverständlich an, daß Sie von den Dingen genau wissen. Werden
Sie beeidigen, wenn ich die Broschüre erscheinen lasse mit den Memoiren
von Moltke, daß diese drei Punkte unrichtig sind? - und er sagte: Ja! -
Ich bin völlig überzeugt, daß die drei Punkte richtig sind, denn sie sind
auch psychologisch als richtig zu konstatieren. Aber es hätte selbstver-
ständlich dazumal nichts genützt, wenn man die Broschüre hätte er-
scheinen lassen - es kamen alle anderen Schikanen dazu -, die Bro-
schüre würde einfach konfisziert worden sein, das sah man ganz ge-
nau. Ich konnte eine Broschüre nicht erscheinen lassen, der gegenüber
ein Eid geleistet worden wäre vor aller Welt, daß die drei Punkte darin
nicht richtig sind. Denn wir leben ja in einer Welt, in der es sich nicht
um das Richtige und Unrichtige handelt, sondern in der die Macht
entscheidet.
Ich weiß, daß man ganz besonders übelgenommen hat, was ich in
dieser Broschüre auf Seite V geschrieben habe, was ich aber für nötig
gehalten habe, um die Situation in der richtigen Weise zu beleuchten.
Ich habe geschrieben: Wie auf die Spitze des militärischen Urteils in
den Zeiten, die dem Kriegsausbruch vorausgingen, alles in Deutschland
gestellt war, das zeigt der unglückselige Einfall in Belgien, der eine
militärische Notwendigkeit und eine politische Unmöglichkeit war.
Der Schreiber dieser Zeilen hat Herrn von Moltke, mit dem er jahre-
lang befreundet war, im November 1914 gefragt: Wie hat der Kaiser
über diesen Einfall gedacht? - und es wurde geantwortet: Der hat vor
den Tagen, die dem Kriegsausbruch vorangingen, nichts davon gewußt,
denn bei seiner Eigenart hätte man befürchten müssen, daß er die
Sache aller Welt ausgeschwätzt hätte. Das durfte nicht geschehen, denn
der Einfall konnte nur Erfolg haben, wenn die Gegner unvorbereitet
waren. - Und ich fragte: Wußte der Reichskanzler davon? - Die Ant-
wort lautete: Ja, der wußte davon. - Es mußte also so Politik getrieben
werden in Mitteleuropa, daß man Rücksicht nehmen mußte auf Ge-
schwätzigkeit, und ich frage Sie: Ist es nicht eine furchtbare Tragik,
wenn so Politik getrieben werden muß? - Daher kann durchaus aus
diesen Untergründen heraus der volle Beweis geführt werden, daß das
richtig ist, was der mir sonst unangenehme Tirpitz über Bethmann-
Hollweg sagt, daß dieser in die Kniekehle gesunken wäre und auch
äußerlich die Nullität seiner Politik schon in der Physiognomie zum
Ausdruck gebracht hätte. Diese Nullität ist auch später dadurch zum
Ausdruck gekommen, daß er dem englischen Botschafter gegenüber
betont hat, daß, wenn nun England doch losschlägt, seine ganze Po-
litik sich als ein Kartenhaus erweise. Das war sie auch in Wirklichkeit,
und dieses Kartenhaus stürzte zusammen, und der Generalstabschef
mußte in seinen Memoiren über die Situation, in der er dazumal, Sams-
tag abends, war, schreiben: Die Stimmung wurde immer erregter, und
ich stand ganz allein da.
Das militärische Urteil stand also ganz allein da, die Politik war
in die Nullität verfallen. Das hat den Deutschen der Umstand ge-
bracht, daß sie sich nicht mehr zu den großen Gesichtspunkten auf-
schwingen wollten, zu denen sie ganz besonders berufen gewesen wären,
die sich zeigen in den großen, bedeutsamen Epochen der deutschen
Kulturentwickelung, auf die man nicht hinsehen wollte am Ende des
19. und Beginn des 20. Jahrhunderts. Daß aus einer solchen Situation
nur Unheil folgen konnte, das lastete nun schwer auf der Seele des
Generalstabschefs, und als ein Offizier zu ihm kam, damit er die Wei-
sung unterschreibe, die der telephonischen Zurückhaltung der Truppen
von der belgisch-französischen Grenze nachgeschickt werden sollte,
da stieß der Generalstabschef die Feder auf den Tisch, daß sie zerbrach,
und sagte, er werde niemals einen solchen Befehl unterschreiben, die
Truppen würden unsicher werden, wenn ein solcher Befehl auch vom
Generalstabschef käme. Und aus der schmerzlichsten, verzweiflungs-
vollsten Stimmung heraus wurde der Generalstabschef dann geholt. Es
war mittlerweile weit nach zehn Uhr geworden. Ein anderes Tele-
gramm von England war gekommen, und - ich will die Einzelheiten
lieber nicht erwähnen - nun fielen die Worte von Seiten des obersten
Kriegsherrn: Nun können Sie machen, was Sie wollen!
Sie sehen, man muß schon auf die Einzelheiten eingehen, und ich
habe nur ein paar Hauptzüge angegeben von dem, was gewissermaßen
auf dem Kontinente geschah. Ich möchte auch den Gegenzug nun er-
wähnen, der auf der anderen Seite geschah. Es wird einmal authentisch
werden - wiederum kann ich sagen, daß ich Ihnen nicht leichtsinnig
das erzähle - , es wird einmal authentisch werden, daß die beiden Leute
Asquith und Grey in derselben Zeit, in der in Berlin das geschah, wovon
ich jetzt erzählt habe, sagten: Ja, was ist denn das eigentlich? Haben wir
bis jetzt mit verbundenen Augen englische Politik gemacht? Sie mein-
ten, diese englische Politik wäre von ganz anderer Seite gemacht wor-
den; ihnen wären die Augen verbunden gewesen. Und sie sagten: Jetzt
ist uns die Binde abgenommen worden - das war Samstag abends ~,
jetzt, da wir sehend werden, stehen wir vor dem Abgrund; jetzt kön-
nen wir nurmehr in den Krieg hinein. - Das ist das Spiegelbild drüben
jenseits des Kanals, und das alles bitte ich Sie so zu nehmen, daß es
reichlich vermehrt werden könnte, denn ich kann in der mir zuge-
messenen Zeit nichts anderes tun, als eine Art von Stimmung einmal
geben, Ihnen vorlegen dasjenige, was wenigstens einiges Licht wirft
auf die Dinge, die geschehen sind.
Und dann, wenn Sie das alles nehmen, dann bitte ich Sie, mit die-
ser Voraussetzung dasjenige zu lesen, was ich in meinen «Gedanken
während der Zeit des Krieges» geschrieben habe, die ich wohl überlegt
betitelte als gerichtet «Für Deutsche und solche, die nicht glauben, sie
hassen zu müssen». Alles einzelne ist darin überlegt. Ich bitte Sie, von
diesen Gesichtspunkten aus zu bedenken, was ich dort schrieb, daß es
sich nicht um dasjenige handelt, was man im gewöhnlichen Sinn mo-
ralische Schuld oder moralische Unschuld nennt, sondern daß die
Dinge hinaufgehoben werden müssen auf die Höhe geschichtlichen
Werdens, indem sich außerordentlich Tragisches vollzog, indem sich
etwas vollzog, wo man anfangen kann zu sprechen von historischen
Notwendigkeiten, in die man im Grunde genommen mit solchen Ur-
teilen, wie ich sie anfangs angedeutet habe, nicht hineinschwätzen
sollte. Die Dinge liegen viel ernster, als die Welt heute hüben und drü-
ben noch meint; dennoch liegen sie so, daß sie unbedingt der Welt be-
kanntwerden müßten, daß von ihnen der Ausgang zu der Ordnung der
Wirren eigentlich genommen werden müßte. Aber man findet ja wahr-
haftig gegenwärtig keine Möglichkeit, daß dasjenige, was man nach
dieser Richtung unternimmt, in irgendeiner Weise anders in die Welt
hineingestellt wird als dadurch, daß es entstellt, verleumdet wird.
Dasjenige, was ich Ihnen heute über den Generaloberst von Moltke
gesagt habe, das gibt eine Möglichkeit, diesen Mann in dieser entschei-
dungsvollen Stunde zu beurteilen; aber es finden sich ja, wie Sie wissen,
Leute, von denen gesagt wird, daß sie selbst im Generalstab tätig wa-
ren, die bringen es zustande, die verleumderischsten Dinge über den
Generaloberst von Moltke zu sagen, unter anderem auch die erlogene
Absurdität, in Luxemburg wären vor der Marneschlacht anthroposo-
phische Veranstaltungen getroffen worden, und dadurch hätte der Ge-
neraloberst seine Pflicht nicht getan. Wenn diese Dinge gesagt werden
können von solcher Seite her, dann sieht man daraus, in welche mora-
lische Verfassung wir heute hineingekommen sind, und es ist schwierig,
innerhalb dieser moralischen Verfassung für die Wahrheit eine rechte
Gasse zu bahnen. Dazu brauchten wir eigentlich viele, recht viele Per-
sönlichkeiten, und erst nachdem ich Ihnen die Voraussetzungen gege-
ben habe, von denen ich gesprochen habe, erst jetzt möchte ich aus
Moltkes Memoiren einen Satz vorlesen, der Ihnen zeigen wird, was in
der Seele dieses Mannes lebte erstens in bezug auf seine Meinung über
die Kriegsnotwendigkeit und zweitens in bezug auf sein Verantwor-
tungsgefühl. Denn es handelt sich durchaus darum, daß man nicht ei-
nen brutalen Begriff von Schuld konstruiere, sondern daß man auf das
eingehe, was dazumal in den Seelen gelebt hat. Es ist ein sehr ein-
facher Satz, den da Moltke geschrieben hat, ein Satz, der oftmals aus-
gesprochen worden ist, aber es ist ein Unterschied, ob er von den
Nächstbesten ausgesprochen wird oder von demjenigen, auf dessen
Seele dazumal die Entscheidung über den Krieg lag. Er schrieb:
«Deutschland hat den Krieg nicht herbeigeführt, es ist nicht in ihn
eingetreten aus Eroberungslust oder aus aggressiven Absichten gegen
seine Nachbarn. Der Krieg ist ihm von seinen Gegnern aufgezwungen
worden und wir kämpfen um unsere nationale Existenz, um das Fort-
bestehen unseres Volkes, unseres nationalen Lebens.»
Wenn man Tatsächlichkeiten untersucht, kommt man nicht auf das
Richtige, indem man irgendwo einsetzt; man muß dort einsetzen, wo
die Wirklichkeiten, die Tatsächlichkeiten spielen, und wenn man nach-
weisen kann, daß ein Wesentliches von den Tatsächlichkeiten in der
Seele eines Mannes spielt, dann gehört es zu den Tatsachen, die die
Lage geschaffen haben, wenn ein solches Bewußtsein in dieser Seele
waltete. Es gehört auch zum Wesentlichen dazu, wenn man die Situa-
tion beurteilen will, gerade hinzuschauen auf dasjenige, was sich bei
den vierzig bis fünfzig Persönlichkeiten abspielte, die eigentlich be-
teiligt waren an dem Ausbruch dieser entsetzlichen Katastrophe, und
wer sich nicht aus Vorurteilen, sondern aus Sachkunde über diese Dinge
ein Urteil aneignet, der weiß, daß im Grunde genommen eigentlich
alle ziemlich ahnungslos waren außer den vierzig bis fünfzig Persön-
lichkeiten, die den Kriegsausbruch herbeiführten, die überhaupt Tätig-
keiten unter der Konstellation der europäischen Verhältnisse ent-
falteten.
Ich habe während des Krieges wahrhaftig Gelegenheit gehabt,
mit vielen Menschen, die schon etwas von der Situation beurtei-
len konnten, über die Angelegenheiten zu sprechen, und ich habe mir
da niemals ein Blatt vor den Mund genommen. Ich habe zum Beispiel
zu einer Persönlichkeit, die der Lenkung eines neutralen Staates nahe-
stand, gesagt: Es kann als notorisch betrachtet werden, daß in unserer
demokratisch sich nennenden Zeit etwa vierzig bis fünfzig Persön-
lichkeiten, unter denen - es sind nicht nur innerhalb der Anthroposo-
phischen Gesellschaft Frauen - durchaus auch Frauen waren, und
zwar in gar nicht so geringer Anzahl, daß etwa vierzig bis fünfzig
Persönlichkeiten für diese Katastrophe in der internationalen Welt
unmittelbar tätig waren. — Es wäre schon nötig, daß man sich erst
etwas heraufschwingen würde zu den Gesichtspunkten, von denen aus
man diese Situation erst im Grunde genommen beurteilen könnte. Statt
dessen wird ungeheuer viel über diese ernsten, weltumwälzenden Er-
eignisse gesprochen aus den Oberflächlichkeiten der Weißbücher und
ähnlichem heraus, und es ist für denjenigen, der nicht reden würde,
wenn er die Dinge nicht anders kennte als viele andere, außerordent-
lich schwer immer gewesen, das Nötige da oder dort zur Geltung zu
bringen, wo seit dem Jahre 1914 über die Situation geurteilt worden
ist. Das begann für mich schon in der Zeit, als mir in der Schweiz über-
all entgegengeworfen wurden die «J'accuse»-Bücher, und ich den Leu-
ten - Sie wissen, wie gefährlich die Situationen manchmal waren -
nichts anderes sagen konnte als dasjenige, was wahr ist, obwohl das
oftmals am wenigsten verstanden wurde: Leset, sagte ich, in einem
solchen Buch nicht dasjenige, was mit juristischer Spitzfindigkeit dar-
innen geschrieben ist, leset dasjenige, was im Stile liegt, leset den ganzen
Aufbau, die ganze Aufmachung des Buches, und wenn ihr Geschmack
habt, müßt ihr sagen: politische Hintertreppenliteratur! - Ich habe
es Leuten, die neutralen und nicht neutralen Gebieten angehörten,
wiederholt immer wieder und wiederum sagen müssen. Natürlich sage
ich damit nicht, daß in diesem «J*accuse»-Buch nicht manches Rich-
tige drinnensteht; aber am allerwenigsten geht es von einem solchen Ge-
sichtspunkt aus, der geeignet ist, die weltgeschichtlich tragische Situa-
tion zu beurteilen, in der sich, man kann schon sagen, die Welt im
Jahre 1914 befand. Und man muß auf die Untergründe hinweisen,
wenn man auch nur in einigem genötigt ist, über die Schuldfrage zu
sprechen.
Ja, diese Schuldfrage soll aber auch noch etwas lehren. Sehen Sie,
ich bin gleich, nachdem die unglückselige Friedenswillenserklärung im
Herbst oder Winter 1916 von Deutschland ausgegangen war und dann
der ganze phantastische Zug mit den Vierzehn Punkten des Woodrow
Wilson sich vollzog, ich bin gleich dazumal — ich war nirgends auf-
dringlich, die Leute sind mir sehr stark, weit über den halben Weg
entgegengekommen - herangetreten an diejenigen, die Verantwortung
hatten, mit dem Ansinnen, das allerdings manchen paradox erschie-
nen ist, es könnte gegenüber diesen weltfremden Vierzehn Punkten
Wilsons, die aber trotz ihrer Weltfremdheit Schiffe, Kanonen und
Menschen reichlich auf den Plan zu bringen vermochten, die Idee der
Dreigliederung des sozialen Organismus vor der Welt geltend ge-
macht werden. Und ich habe es erleben müssen, daß ja manche recht
gut eingesehen haben, daß so etwas geschehen müßte, daß aber nie-
mand eigentlich den Mut hatte, nach dieser Richtung hin irgend etwas
zu tun, niemand geradezu. Für das Gespräch, das ich mit Kühlmann
hatte, ist, wie ich denke, der Zeuge, der dabeigewesen ist, heute wieder
da. Ich kann also in diesen Dingen in keiner Art irgendein Geflunker
treiben. Aber ich habe doch das zu erklären, und auch da würde ich
heute ganz gewiß Ihnen nicht etwas Unrichtiges erzählen, da man ge-
nau weiß, wie sich die Sache vollzogen hat.
Auch da muß ich zum Beispiel folgendes sagen: Sehen Sie, ich hielt
schon im Januar 1918 die Frühjahrsoffensive von 1918 für eine ab-
solute Unmöglichkeit, und ich kam in die Lage auf einer Reise, die ich
von Dornach nach Berlin zu machen hatte, mit einer gewissen Per-
sönlichkeit - man wußte, daß, wenn die entscheidungsvollen Augen-
blicke herannahen würden, diese Persönlichkeit zur Leitung der Ge-
schäfte berufen würde - über die Verhältnisse zu sprechen, die eigent-
lich dann erst eintraten im November 1918, und als ich dann auch da
eigentlich ein gewisses Verständnis gefunden hatte für die Dreiglie-
derung des sozialen Organismus, kam ich nach Berlin. Da hatte ich
mit einer Persönlichkeit zu sprechen. Diejenigen, die sich dazumal
informieren konnten über die Art, wie der Hase läuft, die wußten ja
schon von der Offensive im Januar 1918; man konnte nur nicht da-
von sprechen. Und ich hatte zu sprechen mit einer militärischen Per-
sönlichkeit, die dem General Ludendorff außerordentlich nahe stand.
Das Gespräch nahm ungefähr die Wendung, daß ich sagte: Ich will
mich nicht der Gefahr aussetzen, daß man mir vorwerfen könnte, ich
wolle in militärisch-strategische Dinge hineinreden, sondern ich will
von einem gewissen Ausgangspunkt sprechen, von dem aus dieser mi-
litärische Dilettantismus, den ich haben könnte, nicht in Betracht
käme. - Ich sagte, daß in einer Frühjahrsoffensive Ludendorff mög-
licherweise alles das erreiche, was er sich überhaupt nur träumen lassen
könne; aber ich halte trotzdem diese Offensive für ein Unding - , und
ich führte die drei Gründe an, die ich dafür hatte. Der Mann, zu dem
ich sprach, wurde recht aufgeregt und er sagte: Was wollen Sie? Der
Kühlmann hat ja Ihr Elaborat in der Tasche. Damit ist er ja nach
Brest-Litowsk gezogen. So werden wir von der Politik bedient. Die
Politik ist nichts bei uns. Wir Militärs können nichts anderes tun als
kämpfen, kämpfen, kämpfen. - Im Jahre 1914 war der Generalstabs-
chef in einer Lage, daß er schreiben mußte für die Situation in der
Abendstunde: «Die Stimmung wurde immer erregter und ich stand
ganz allein da.» Für die Stimmung zwischen zehn und elf Uhr mußte
er schreiben: Der Kaiser hat gesagt: «Nun können Sie machen, was
Sie wollen!» - Und im Jahre 1918 konnte einem gesagt werden: Die
Politik kommt überhaupt nicht in Betracht, die ist in der Nullität;
wir können nichts anderes tun als kämpfen, kämpfen. - Meine sehr
verehrten Anwesenden, es war nicht anders geworden und es ist heute
nicht anders geworden, und ich möchte Ihnen einen negativen, aller-
dings nur subjektiven Beweis liefern, daß es nicht anders geworden ist.
Wiederum ist gesprochen worden mit derselben Weltfremdheit, mit
derselben Abstraktheit, mit der Woodrow Wilson gesprochen hat, die
bewiesen worden ist durch die Art und Weise, wie Woodrow Wilson
in Versailles gestanden hat. Wiederum ist gesprochen worden von der-
selben Stelle aus von Harding, und ich sehe in der Rede Hardings, die
so konfus wie möglich ist, die mit Ausschluß jedes Wirklichkeitssinnes
gehalten ist, die wiederum nur die alten Phrasen bringt jetzt, wo wir
ebenso vor wirtschaftlichen Entscheidungen stehen wie dazumal vor
politischen, ich sehe in dieser Rede nichts davon, daß sich die Leute
irgendwie beschäftigen mit dem, was da wiederum heraufzieht. Es ist
fast unmöglich, die Menschen zu einem Urteil zu bringen. Ob wir den
ersten Wilson haben, der in Versailles seine Konfusion zeigt, oder ob
wir aus derselben Gegend heraus gesprochen haben etwas später, dar-
auf kommt es nicht an. Darauf käme es an, daß man mit Wirklichkeits-
sinn ein waches Auge hätte.
Dann würde man auch auf solche Dinge hinschauen wie die Tat-
sache, die geradezu unerhört ist für denjenigen, der ein Gefühl hat für
die Beurteilung politischer Situationen, daß dieser gerade in dem
heutigen Sinn charakteristische Staatsmann Lloyd George vor kurzem
noch gesagt hat: Man kann nicht in dem alten Sinn Deutschland mo-
ralische Schuld am Krieg geben; die Leute sind in ihrer Dummheit
hineingerutscht. - So hat er gesprochen vor einigen Wochen, und Sie
wissen, wie er gesprochen hat in London gegenüber Simons. Sie kön-
nen daraus ermessen, welcher Wahrheitswert in den Reden liegt, die
die Leute halten, und haben die Menschen noch keinen Impetus, auf
diese Dinge zu schauen - sie müssen ihn bekommen, müssen ihn be-
kommen dadurch, daß sie sich Sinn verschaffen für die großen Ge-
sichtspunkte. In dieser Katastrophe haben sie gespielt, diese großen
Gesichtspunkte, und unser Unglück ist, daß niemand eine Ahnung
hatte von diesen großen Gesichtspunkten. Es muß die Möglichkeit ge-
geben werden, daß die großen Gesichtspunkte, von denen die Dinge
abhängen, heute auch in Mitteleuropa in die Entscheidung hineinge-
worfen werden.
Solange aber dasjenige, was wahr ist, von Seiten derer, die das
Deutschtum in einer etwas eigentümlichen Weise gepachtet zu haben
glauben, verleumdet wird, solange man von solchen Leuten Verräter
am Deutschtum genannt wird, trotzdem dasjenige, was da gesagt wird,
wenn es wirklich verstanden würde, einzig und allein geeignet wäre,
dem wirklichen deutschen Volkstum seine ihm gebührende Stellung
zu verschaffen, so lange kann es nicht besser werden. Die Menschen,
die ganz anderen Willens sind, die vor allen Dingen des Willens sind,
die Wahrheit zu erkennen, müssen sich zusammenfinden.
Gewiß, es hat auch in Deutschland Kriegshetzer gegeben; aber
alles, was von ihnen ausgegangen ist, ist im entscheidenden Augenblick
gar nicht von Bedeutung gewesen. Von Bedeutung aber ist gewesen,
was ich im letzten Kapitel meiner «Kernpunkte» ausgeführt habe, daß
man durch das Verlieren der großen Gesichtspunkte auf dem Null-
punkt der politischen Wirksamkeit angekommen war. In dem Deutsch-
tum werden wir uns nur dann erheben, wenn wir uns zu großen Ge-
sichtspunkten erheben; denn derjenige, der mit warmem Herzen, nicht
bloß mit dem Maule - verzeihen Sie den etwas groben Ausdruck - im
Deutschtum drinnensteht, der weiß, daß wahres Deutschtum gerade
heißt: Mit großen Gesichtspunkten verwachsen sein. — Aber wir müs-
sen wiederum den Weg zu den großen Gesichtspunkten des deutschen
Volkes zurückfinden. Und es ist im Grunde genommen auch aus einer
Erfahrung heraus, daß ich diese Dinge heute zu Ihnen spreche. Trotz
der Stellung der Frage hätte ich ja vielleicht nicht zu antworten brau-
chen; aber ich wollte gerade diese Frage beantworten, und etwas, was
zur Beantwortung solcher Fragen führt, das wird sich Ihnen zeigen,
wenn ich Ihnen den Schlußpassus vorlege, den mir der Fragesteller
noch in einem Nachtrag übergeben hat. Er schreibt: Ich hielte es für
sehr wertvoll, die richtige, klare Anschauung über diese ganze Frage
der Kriegsschuld etwa in einer Denkschrift zu veröffentlichen und
weit zu verbreiten. - Nun, das hätte im Mai 1919 geschehen sollen.
Die Denkschrift war auch gedruckt. Die Welt innerhalb Deutschlands
hat verhindert, daß diese Denkschrift erscheinen konnte. Bleiben wir
nicht dabei, bloß uns das Urteil zu bilden, so etwas müßte geschehen;
unterstütze man diejenigen, die sich nicht bei diesem Urteil beruhigen
wollen, sondern dasjenige, was hier vorgeschlagen wird, vor langer
Zeit schon versucht haben, gerade im entscheidenden Augenblick zu
tun. Dann werden wir weiterkommen.
Meine sehr verehrten Anwesenden, weil ich doch glaube, daß in
der deutschen Jugend Persönlichkeiten sind, die den Weg zu wahrem
Deutschtum wiederum zurückfinden, die Sinn und Herz und offenes
Gemüt haben für das Empfangen der Wahrheit, deshalb, weil ich hier
vielleicht doch mit einiger Aussicht gerade zu jüngeren Leuten, zu dem
besten Teil vielleicht unserer Jugend sprechen konnte, deshalb habe
ich mich entschlossen, heute zu Ihnen diese Andeutungen zu sprechen.
HINWEISE

Zu dieser Ausgabe

Zu den Vorträgen: Der vorliegende Band Bibliographie-Nr. 174b der Gesamt-


ausgabe (GA) faßt Vorträge zusammen, die während des Ersten Weltkrieges in
Stuttgart gehalten wurden. Sie waren ursprünglich in folgende Bände der
Bibliographischen Übersicht, herausgegeben 1961 von der Rudolf Steiner-Nach-
laßverwaltung, eingeteilt:
30. September 1914: GA 173
13./14. Februar 1915: GA 160
22. - 24. November 1915: GA 159
12. und 15. März 1916: GA 167
IL, 13. und 15. Mai 1917: GA 254
23724. Februar, 23. und 26. April 1918: GA 182
21. März 1921: GA 174
Die Neugruppierung erfolgte, um Wiederholungen zu vermeiden. Der vorange-
hende Band GA 174 a («Mitteleuropa zwischen Ost und West») enthält Vorträge
aus der Zeit des Ersten Weltkrieges in München.

Textunterlagen: Auf wen die einzelnen Nachschriften zurückgehen, ist nur noch
teilweise festzustellen. Der 1. Vortrag ist ein Referat, das Adolf Arenson aus dem
Gedächtnis und nach Notizen verschiedener Teilnehmer ausgearbeitet hat. Die
Vorträge 9 - 15 wurden mitstenographiert von Hedda Hummel (Köln). Wer die
übrigen Vorträge mitgeschrieben hat, ist nicht bekannt.

Der Titel des Bandes wurde von den Herausgebern der 1. Auflage gewählt.

Einzelausgaben
13.-14. Februar 1915 «Der Christus-Impuls als Träger der Vereinigung des
Geistigen und Leiblichen», Dornach 1944
22. - 24. November 1915 «Das Geheimnis des Todes. Treue - Wahrheitssinn -
Richtungsfestigkeit», Dornach 1945
IL, 13., 15. Mai 1917 «Entwicklungsfaktoren der Menschheit. Die gegen das
Wissen vom Geist sich auftürmenden Widerstände», Dornach 1941

Veröffentlichungen in Zeitschriften
23. u. 24. November 1915 in «Was in der Anthroposophischen Gesellschaft
vorgeht - Nachrichten für deren Mitglieder» 1937,14. Jahrg. Nr. 37 - 45.
23. Februar 1918 in «Das Goetheanum» 1939, 18. Jahrg. Nr. 27 - 31.
24. Februar 1918 in «Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht -
Nachrichten für deren Mitglieder» 1940, 17. Jahrg. Nr. 39 - 4L
23. April 1918 in «Das Goetheanum» 1940,19. Jahrg. N r . 45 - 48 (Anfang) u n d
«Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht - Nachrichten für deren
Mitglieder» 1940, 17. Jahrg. N r . 50 (Schluß).
26. April 1918 in «Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht -
Nachrichten für deren Mitglieder» 1941, 18. Jahrg. N r . 1 - 5 ; «Die Menschen-
schule», Zürich, 1957, 31. Jahrg. Heft 9.

Hinweise zum Text

Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit
der Bibliographie-Nummer angeführt. Siehe auch die Übersicht am Schluß des Bandes.
zu Seite

13 Vortrag vom 30. Sept, 1914: Der Text folgt einer maschinengeschriebenen Nach-
schrift. Eine Überprüfung des ursprünglichen Stenogramms war nicht möglich.
Zum Inhaltlichen vgl. den Vortrag vom 13. Sept. 1914 in München (GA 174 a).
in unserem ersten Grundsatz: «Es können in der Gesellschaft alle diejenigen
Menschen brüderlich zusammenwirken, welche als Grundlage eines liebevollen
Zusammenwirkens ein gemeinsames Geistiges in allen Menschenseelen betrach-
ten, wie auch diese verschieden sein mögen in bezug auf Glauben, Nation, Stand,
Geschlecht.»
14 Der erste Band meines Buches: Innerhalb der Gesamtausgabe ist das Werk «Die
Rätsel der Philosophie» in einem Bande erschienen (GA 18). Die entsprechende
Stelle mit dem Übergang von den französischen Philosophen Boutroux (1845 -
1921) und Bergson (1859 - 1890) zu dem deutschen Philosophen Wilhelm
Heinrich Preuß (1843 - 1909) findet sich auf Seite 564.
15 Maurice Maeterlinck, 1862 - 1949, belgischer Schriftsteller und Dichter. Sein
erstes philosophisches Werk «Le Tresor des Humbles» erschien 1896, in
deutscher Sprache 1898 unter dem Titel «Der Schatz der Armen». Darin ist ein
Kapitel Novalis gewidmet, das mit den Worten beginnt: «Die Menschen gehen
verschiedene Wege, sagt unser Autor; wer ihnen folgt und sie vergleicht, wird
seltsame Gebilde entstehen sehen. Ich habe drei solche Menschen gewählt, deren
Wege uns auf verschiedene Gipfel führen.» Darauf nennt er den flämischen
Mystiker Ruysbroeck, Ermerson und Novalis. - Schon 1895 hatte er den
unvollendeten Roman «Die Lehrlinge zu Sais» und die «Fragmente» des Novalis
in die französische Sprache übertragen und so veröffentlicht.
die Punischen Kriege: Die erwähnte Schlacht bei Mylä fand statt im ersten
Punischen Krieg, der von 264 bis 241 v. Chr. dauerte, unter dem römischen
Feldherrn C. Duilius.
16 so hat sich in Lüttich etwas abgespielt: Die Eroberung Lüttichs in der Nacht vom
5./6. August durch die 14. Infanteriebrigade unter Ludendorff. Hierdurch wurde
die äußerst gefährdete Durchführung des deutschen Feldzugsplans erst ermög-
licht.
17 der lese den Vortragszyklus: «Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammen-
hange mit der germanisch-nordischen Mythologie», elf Vorträge, gehalten im
Juni 1910 in Kristiania (Oslo), GA 121.
17 als wir im Streite mit Frau Besant waren: Annie Besant (1847 - 1933) war von
1907 an Präsidentin der Theologischen Gesellschaft. Als sie den Inderknaben
Krishnamurti zum Träger einer zur erwartenden irdischen Neugeburt des
Christus erklärte, mußte sich Rudolf Steiner gegen diese These stellen. Das führte
zum Ausschluß der unter seiner Leitung stehenden Deutschen Sektion aus der
Theosophischen Gesellschaft und zur Gründung der Anthroposophischen
Gesellschaft (1912/13).

18 der «Pforte der Einweihung»: Das erste der vier Mysteriendramen, die in den
Jahren 1910 - 1913 entstanden (GA 14). Die drei Persönlichkeiten sind Philia,
Astrid und Luna, die im Personenverzeichnis «Freundinnen Marias» genannt
werden, «deren Urbilder im Verlaufe als Geister von Marias Seelenkräften sich
offenbaren».

20 Herman Grimms, der noch im geistigen Sinne Goetheblut in seinen Adern hatte:
Dazu schreibt Rudolf Steiner in «Mein Lebensgang», GA 28, 1961, S. 204: «Als
Kunsthistoriker ist Herman Grimm an Goethe herangetreten; als solcher hat er
an der Berliner Universität Vorlesungen über Goethe gehalten, die er dann als
Buch veröffentlicht hat. Aber er konnte sich zugleich als eine Art geistiger
Nachkomme Goethes betrachten. Er wuchs aus denjenigen Kreisen des deut-
schen Geistesleben heraus, die stets eine lebendige Tradition von Goethe bewahrt
hatten und die sich gewissermaßen in einer persönlichen Verbindung mit ihm
denken konnten. Die Frau HermanGrimms war Gisela von Arnim, die Tochter
Bettinas, der Verfasserin des Buches <Goethes Briefwechsel mit einem Kinde>.»
Herman Grimm lebte 1828 —1901. Die drei zitierten Wortlaute stammen aus dem
Buche «Homers Ilias», 2 Bände, 1890-95. Sie finden sich in der 2. in einem Band
erschienenen Auflage (1907) auf S. 214.

21 während meines Kursus in Norrköping: Vier Vorträge zwischen dem 12. und 16.
Juli 1914, veröffentlicht unter dem Titel «Christus und die menschliche Seele»
GA 155. Die erwähnten Ausführungen über die «in der letzten Zeit» eingetrete-
nen «Überraschungen» wurden wohl innerhalb einer Ansprache gemacht, die
Rudolf Steiner in den Tagen jenes Zyklus' hielt, von der aber nur ungenügende
Notizen vorhanden sind (Ansprache vom 16. Juli 1914 über den Johannesbau
[später Goetheanum]).

zum Münchner Zyklus: In den Jahren 1909 bis 1913 fanden in München jährlich
in der zweiten Hälfte des Monats August Veranstaltungen der Theosophischen,
1913 der Anthroposophischen Gesellschaft statt. Anschließend an eine dramati-
sche Aufführung hielt Rudolf Steiner jeweils einen Vortragszyklus. Auch für den
August 1914 war eine solche Veranstaltung vorgesehen und angekündigt. Sie
konnte dann infolge des Kriegsausbruches nicht stattfinden.

Da kam das Attentat von Sarajewo: Das Attentat war am 28. Juni. Vermutlich
eine Lücke in der Nachschrift.

22 als ich ... in Berlin war: Rudolf Steiner hielt dort am 1. September einen
Mitgliedervortrag «Um Menschenschicksale und Völkerschicksale», der in GA
157 als erster Vortrag veröffentlicht ist.

24 Als ich kürzlich von Wien zurückfuhr: Im September 1914 hielt sich Rudolf
Steiner auf der Durchreise kurz in Wien auf, aus Berlin kommend, in die Schweiz
zurückkehrend. Das Zitat ist aus einem Artikel von Robert Michel in «Österrei-
chische Rundschau», 40. Jg., Heft 5, 1. 9.1914, S. 302 - 306.
26 der am 26. Juli die Worte mitanhörte: Im Vortrag «Die schöpferische Welt der
Farbe» in «Wege zu einem neuen Baustil», GA 286.
ein Staatsmann in Deutschland: Gottlieb von Jagow (1863 - 1935) war während
der Jahre 1913 - 1916 Staatssekretär des deutschen Auswärtigen Amtes.
27 in einer Zeitung Sätze lesen: Konnte nicht nachgewiesen werden.
als ersten Satz die Worte: Der Spruch (wörtlich: «Die Weisheit ist nur in der
Wahrheit») stammt von Goethe und findet sich in «Goethes Naturwissenschaft-
liche Schriften», von Rudolf Steiner mit Einleitungen, Fußnoten und Erläuterun-
gen im Text herausgegeben in Kürschners «Deutsche National-Litteratur» 1884
bis 1897, 5 Bände, Nachdruck Dornach 1975, GA la-e, Band 4, 2. Abteilung,
«Sprüche in Prosa», 1. Abteilung «Das Erkennen». - Rudolf Steiner wählte den
Spruch als Motto für die Grundsätze, die er 1913 der neu gegründeten
Anthroposophischen Gesellschaft gab. Siehe 2. Vortrag in «Die Geschichte und
die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Verhältnis zur Anthro-
posophischen Gesellschaft», GA 258.
28 Du meines Erdenraumes Geist: Rudolf Steiner änderte später die vorletzte Zeile
um in: «Dich, tönend von Licht und Macht».
31 auch hier in Stuttgart: Außer am 30. September 1914 (siehe den ersten Vortrag
dieses Bandes) hielt Rudolf Steiner auch am 6. Dezember 1914 in Stuttgart einen
Zweigvortrag, von dem aber keine Nachschrift vorhanden ist.
43 Und es wäre das größte Unglück: Dieser Satz lautet im Stenogramm und in der
früheren Ausgabe folgendermaßen: «Und es wäre das größte Unglück, - und
wird von keiner Notwendigkeit jemals herbeigeführt werden können , wenn
jemals das slawische Element das germanische besiegen würde.» Der mittlere Teil
des Satzes wurde gestrichen, da er sich inhaltlich und sprachlich nicht ins Ganze
einfügt.
44 jenen bedeutungsvollen Briefwechsel: David Friedrich Strauß (1808 - 1874),
«Krieg und Friede, zwei Briefe an Ernest Renan nebst dessen Antwort auf den
ersten», Leipzig 1870. Siehe D. F. Strauß, «Gesammelte Schriften», Bonn 1876 -
78, Bd. I, S. 31 lf.. Der Brief Renans ist vom 13. September 1870 datiert.
45 wie Schiller in seinen «Ästhetischen Briefen»: Das Werk «Über die ästhetische
Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen», 1759 - 1805, erschien im
Jahre 1795.
Johann Gottlieb Fichte, 1762 - 1814, hielt seine «Reden an die deutsche Nation»
im Winter 1807/08 in Berlin. Es war die Zeit unmittelbar nach der Niederlage
Preußens gegen Napoleon. Die Stadt war noch von französischen Truppen
besetzt.
46 zu jener Absurdität von dem Krishnamurti: Innerhalb der Theosophischen Ge-
sellschaft wurde einige Jahre vor dem ersten Weltkrieg der später als der
Philosoph Krishnamurti bekannt gewordene Inderknabe als Träger einer zu
erwartenden Wiedergeburt Christi im Irdischen ausgegeben. Daß Rudolf Steiner
sich gegen diese These stellte, führte zum Ausschluß der unter seiner Leitung
stehenden Deutschen Sektion aus der Theosophischen Gesellschaft und zur
Neugründung einer Anthroposophischen Gesellschaft. Krishnamurti hat später
die ihm zugedachte Rolle selbst von sich gewiesen.
Johannes Taulery um 1300 - 1361.
46 Meister Eckhart, 1260 - 1327.
Angelus Silesius, 1624 - 1677.
47 Robert Hamerling, 1830 - 1889. Die erste Gesamtausgabe seiner Werke (in vier
Bänden) erschien erst im Jahre 1900. Zehn Jahre später erschien eine durch
Michael Maria Rabenlechner besorgte Ausgabe der «Sämtlichen Werke» in 16
Bänden. Der erste Band derselben enthält eine ausführliche Schilderung von
Hamerlings Leben und Schaffen.
48 «Raskolnikow» von Dostojewskij: Raskolnikow ist der Name des Haupthelden in
dem berühmten 1867 erschienenen Roman «Schuld und Sühne» von Dostojews-
kij (1818 - 1881).
von deutscher Seite sind wir ermahnt worden: Konnte bisher nicht nachgewiesen
werden.
49 Nehmen wir an ... daß jemand das heute sagen würde: Es handelt sich um Carl
Vogt (1817-1895), Naturforscher; «Politische Briefe an Friedrich Kolb», Separat-
druck aus dem «Schweizer Handels-Courier», Biel 1870.
51 im öffentlichen Vortrage: «Warum nennen <sie> das Volk Fichtes und Schillers ein
Barbarenvolk?», Stuttgart 15. Februar 1915. Innerhalb der Gesamtausgabe ist der
Berliner Parallelvortrag vom 15. November 1914 abgedruckt in dem Band «Aus
schicksaltragender Zeit», GA 64.
57 «Die Mission einzelner Volksseelen»: GA 121.
vor Monaten hier gesprochen: Siehe den ersten Vortrag des vorliegenden Bandes.
62 «Die Pforte der Einweihung»: Das erste der vier Mysteriendramen Rudolf
Steiners, geschrieben 1910. Die erwähnte Stelle findet sich im ersten Bild. -
Innerhalb der Gesamtausgabe erschienen die vier Dramen in einem Band, GA 14.
in verschiedenen Betrachtungen: Siehe vor allem den Band «Das Ereignis der
Christus-Erscheinung in der ätherischen Welt», GA 118.
65 Ich habe Ihnen geschildert: Z. B. im Vortrag vom 1. Januar 1914, 4. Vortrag in
«Christus und die geistige Welt»; GA 149, und in dem vom 17. Januar 1915, 4.
Vortrag in «Menschenschicksale und Völkerschicksale», GA 157.
das Schicksal von Europa entschieden worden ist: Konstantin, der von 313 bis 337
in Rom herrschte (seit 323 als Alleinherrscher), begünstigte und anerkannte das
Christentum, während seine Vorgänger die Christen noch hatten verfolgen
lassen.
die Jungfrau von Orleans: Jeanne d'Arc, 1412 - 1431.
66 so erzählt uns eine alte norwegische Legende: Sie ist uns überliefert als «Das
Traumlied vom Olaf Ästeson». Rudolf Steiner hat es ins Deutsche übertragen
und mehrfach darüber gesprochen, vor allem in der Weihnachts- und Neujahrs-
zeit der Jahre 1912 bis 1915. Die betreffenden Vorträge sind abgedruckt in dem
Band «Der Zusammenhang des Menschen mit der elementarischen Welt», GA
158. Dort ist auch der Text des Traumliedes auf den Seiten 155-164 wieder-
gegeben.
68 das Buch eines Philosophen: Ernst Mach (1838 - 1916), «Beiträge zur Analyse der
Empfindungen», erstmals erschienen Jena 1886, viele Auflagen. - Das Zitat ist
nicht wörtlich.
70 mit der anderen Theosophischen Gesellschaft: Siehe Hinweis zu S. 46.
73 im Wiener Zyklus 1914: «Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod
und neuer Geburt», 8 Vorträge, Wien, April 1914, GA 153.
74 ein liebes Mitglied unserer Gesellschaft: Sibyl Colazza, gestorben im Januar 1915.
Die Trauerfeier in Zürich fand am 31. Januar 1915 statt. Siehe «Unsere Toten.
Ansprachen, Gedenkworte und Meditationssprüche 1912 bis 1924», GA 261, S.
116 - 121.
76 der kleine Theo Faiß: A. a. O., S. 101 ff..
79 Sophie Sünde, 1853 — 1915. Sie wirkte seit 1902 im Vorstand des Münchner
Zweiges, dann im Vorstand der Deutschen Sektion der Theosophischen
Geseilschaft. Sie half auch tatkräftig bei der Aufführung der Mysteriendramen
Rudolf Steiner in München und bei der Verwirklichung des Baugedankens.
in den nächsten Tagen in München: Die Gedenkworte wurden am 30. November
in München gesprochen, siehe «Unsere Toten», GA 261, S. 162 - 172.
80 eines der öffentlichen Vorträge: Gemeint ist wohl der Vortrag vom 26. November
1914, abgedruckt im Band «Aus schicksaltragender Zeit», GA 64.
101 Goethe hat den Ausdruck gebraucht: Im «Faust» II, 2. Akt, Laboratorium, sagt
Homunculus zu Mephistopheles: «Du aus Norden, / Im Nebelalter jung
geworden.».
109 in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» und «Theosophie»: Die betreffenden
Ausführungen finden sich im Kapitel «Schlaf und Tod» der «Geheimwissen-
schaft» (GA 13), und im Kapitel «Die Seele in der Seelenwelt nach dem Tode» der
«Theosophie» (GA 9).
129 Ich habe ... darauf hingedeutet: Im vierten und besonders im fünften Vortrag
dieses Bandes.
130 in dem zweiten Mysteriendrama: «Die Prüfung der Seele», erstes Bild; siehe
Hinweis zu S. 62.
132 Moriz Benedict, 1835 - 1920, Professor in Wien. Begründete mit Lombroso die
Kriminalanthropologie. «Anatomische Studien an Verbrechergehirnen», 1878.
136 Der Abschnitt von «Der eine oder andere ...» bis «... in eine andere kommen.»
wurde bei der ersten Auflage 1945 ausgelassen und erst 1974 eingefügt.
138 Mrs. Besant: Siehe Hinweis zu S. 17.
139 in diesem Zweige: Vgl. den zweiten und dritten Vortrag dieses Bandes.
in einzelnen Zyklen: Vgl. u. a. «Die Mission der einzelnen Volksseelen ...», GA
121, sowie «Menschenschicksale und Völkerschicksale», GA 157.
141 Herder ... hat ... darauf hingewiesen: Johann Gottlieb Herder, 1744 - 1803.
Besonders in dem Kapitel «Slavische Völker» im sechzehnten Band seiner «Ideen
zur Philosophie der Geschichte der Menschheit».
142 im öffentlichen Vortrag: Der am 13. März 1916 in Stuttgart gehaltene Vortrag
«Ein vergessenes Streben nach Geisteswissenschaft innerhalb der deutschen
Gedankenentwickelung» ist nicht erhalten. Der in Berlin gehaltene Parallelvor-
trag ist jedoch abgedruckt in dem Bande «Aus dem mitteleuropäischen
Geistesleben», GA 65.
143 Königin Elisabeth von England: Sie herrschte 1558 - 1603. Unter ihrer Regierung
wurde die mächtige Flotte Spaniens von den Engländern besiegt und der Grund
gelegt zur Vorherrschaft von Großbritannien in Westeuropa.
144 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, 1770 - 1831.
Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, 1775 - 1854.
Johann Gottlieb Fichte, 1762 - 1814.
145 hier in Stuttgart gesagt: In dem öffentlichen Vortrag vom 25. November 1915,
abgedruckt in der Zeitschrift «Anthroposophie» 1931/32, Heft 1 - 2 , unter dem
Titel «Das Weltbild des deutschen Idealismus. Eine Betrachtung im Hinblick auf
unsere schicksaltragende Zeit». Vgl. auch den Parallelvortrag in dem Band «Aus
schicksaltragender Zeit»; GA 64.
Seit mehr als dreißig Jahren bemühe ich mich: Rudolf Steiner gab in Kürschners
«Deutsche National-Litteratur» Goethes «Naturwissenschaftliche Schriften»
heraus und versah sie mit Einleitungen und Anmerkungen (1884 - 1897). Die
Einleitungen erschienen als selbständige Ausgabe unter dem Titel «Einleitungen
zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften. Zugleich eine Grundlegung der
Geisteswissenschaft (Anthroposophie)», GA 1. Vergleiche auch das Buch
«Goethes Weltanschauung» (1897), GA 6.
149 jene Abschälung: Vgl. Hinweis zu S. 46.
150 Helena Petrowna Blavatsky, 1831-1891. Gründete zusammen mit H. S. Oleott
die Theosophische Gesellschaft. Vgl. dazu Rudolf Steiner: «Die okkulte
Bewegung im 19. Jahrhundert», GA 254.
152 Annie Besants erste Versammlung in Hamburg: Annie Besant kam im Herbst
1904 auf Einladung Rudolf Steiners nach Deutschland und hielt in Hamburg und
in einer Reihe anderer deutscher Städte Vorträge. Siehe den Aüfsatzband
«Lucifer - Gnosis», GA 34, 1960, S. 553 ff.
153 an anderen Orten auseinandergesetzt: Vgl. Hinweis zu S. 150.
154 Man soll nicht glauben, daß ich mich in die Arzneikunde hineinmische: Im Vor-
trag vom 18. März 1916 sagt Rudolf Steiner: «... es muß von meiner Person
freigehalten werden alles dasjenige, was mit ärztlichen Ratschlägen zusammen-
hängt ...» in «Mitteleuropa zwischen Ost und West», GA 174 a, 1971, S. 125.
Besant, Theosophie und Imperialismus: «Theosophy and Imperialism», lecture,
London 1902.
155 eine okkultistische Persönlichkeit: «Madame de Thebes», Pseudonym einer an-
geblichen Anne Victorine de Savigny, die alljährlich in Paris einen okkulten
Almanach veröffentlichte. Vgl. den folgenden Hinweis.
155/156 Jahrbuch: «Almanach de Mme de Thebes. Conseils pour etre heureux», Paris
1912. Vgl. dazu auch den Vortrag vom 24. März 1916 in «Aus dem mitteleuropäi-
schen Geistesleben», GA 65, S. 584.
156 Pariser Blatt: «Paris - Midi», vgl. GA 65 a. a. O. sowie den folgenden Hinweis.
Jean Jaures, 1859 - 1914, Führer der französischen Sozialisten. Gegner des
Eintritts Frankreichs in den Krieg 1914. Wurde in den ersten Kriegstagen
ermordet. «Paris - Midi» (Maurice de Wallef) und eine ganze Anzahl anderer
Pariser Blätter hatten entsprechende «Voranzeigen» und Drohungen gebracht
(vergl. Jaures' Rede in der Kammer vom 4. Juli 1913: «... dans vos journaux, dans
vos articles, chez ceux qui vous soutiennent, il y a contre nous, vous m'entendez,
unperpetuel appel ä l'assasinat! ... et M. Paul Adam ajoutait pour vous que tous
ces hommes tomberaient frappes au premier jour de la declaration de guerre»).
(«... aus euren Zeitungen, aus euren Artikeln, bei euren Helfershelfern tönt - ihr
versteht mich - fortgesetzt die Aufforderung zu einem Attentat gegen uns ...
und M. Paul Adam fügte in eurem Sinne hinzu, daß alle diese Männer [die
nämlich wie Jaures als Gegner der dreijährigen Dienstzeit nach Ansicht der
damaligen rechtsstehenden französischen Presse «mit dem Feind paktierten»] am
Tag der Kriegserklärung zu allererst niedergeschlagen würden». Vergl. La voix
d'outre-tombe. Discours de Jean Jaures. Recueillis et commentes par Victor
Schiff, Berlin 1919, S. 18: Discours ä la Chambre le 4 juillet 1913). - Jaures
strebte für eine Art Milizsystem die zweijährige Dienstzeit an.

(Die Hinweise zu S. 155/156 gehen auf C. S. Picht zurück, in seiner Herausgabe


des Vortrages vom 24. März 1916 in der Zeitschrift «Anthroposophie» 16. Jahrg.
1933/34, Buch 2.)
157 Catherine A. Tingley: Gründete 1897 eine Abspaltung der Theosophischen
Gesellschaft, genannt «Universal Brotherhood», in Point Loma, Kalifornien.
Mabel Collins: «Licht auf den Weg. Eine Schrift zum Frommen derer, welche,
unbekannt mit des Morgenlandes Weisheit, unter deren Einfluß zu treten
begehren.» Übersetzung aus dem Englischen, 2. Aufl. Leipzig 1888. Vgl. dazu
Rudolf Steiners «Exegese» in «Anweisungen für eine esoterische Schulung», GA
245.
160 bei meiner vorigen Anwesenheit: Siehe den 4. bis 6. Vortrag dieses Bandes.
im öffentlichen Vortrag: Siehe Hinweis zu S. 142.
171 Meister Bertram, ca. 1345 - 1415. Tafel vom Grabower Altar von 1379, Kunst-
halle Hamburg. Vgl. auch «Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste»,
GA 167, 1982, S. 45.
173 vor kurzem in Leipzig: 21. Februar 1916: «Ein vergessenes Streben nach Geistes-
wissenschaft innerhalb der deutschen Gedankenentwickelung», bisher unge-
druckt. Vgl. den Parallelvortrag in Berlin am 25. Februar 1916, in «Aus dem
mitteleuropäischen Geistesleben», GA 65.
Bertha von Suttner, 1843 - 1914. Pazifistische Schriftstellerin, Verfasserin von
«Die Waffen nieder», leitete ein «Internationales Friedensbureau», erhielt 1905
den Friedensnobelpreis.
jenes Wesen, das in Petersburg als Cäsar und Papst gilt: Zar Nikolaus II. hatte
1908 eine allgemeine Friedenskonferenz in den Haag vorgeschlagen, an der die
Beschränkung der Rüstungen und die Erhaltung des Status quo besprochen
wurde.
vor vielen Jahren gesagt: In dem Vortrag «Unsere Weltlage. Krieg, Frieden und
die Wissenschaft des Geistes», vom 12. Oktober 1905, abgedruckt in «Die
Welträtsel und die Anthroposophie», GA 54.
174 vorgestern über Karl Christian Planck: Stuttgart, 12. März 1916: «Ein vergessenes
Streben nach Geisteswissenschaft in der deutschen Gedankenentwickelung.»
Karl Christian Planck (1819 - 1880), von Rudolf Steiner besonders im Jahre 1916
häufig erwähnt. Vgl. «Aus dem mitteleuropäischen Geistesleben», GA 65.
177 Ernst Haeckel, 1834 - 1919,
Karl Ernst von Baer, 1792 - 1876. Das Zitat auf S. 178 stammt aus «Reden und
kleinere Aufsätze vermischten Inhalts», St. Petersburg 1864 - 76,1. Band., S. 71 ff.
Tertullian, 160 - 220, Kirchenschriftsteller.
Gregor von Nazianz, 329 - 390, Kirchenvater.
Hermann von Helmholtz, 1821 - 1894.
179 mein Buch «Gedanken während der Zeit des Krieges» (1915): Abgedruckt in
«Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage
1915 - 1921», GA 24.
181 Julien Offray de Lamettrie, 1709 - 1751. Das Zitat ist aus «L'homme machine»,
deutsch «Der Mensch, eine Maschine».
183 Es ist meine Absicht: Dem Vortrag waren vorausgegangen Gedenkworte an die
verstorbenen Mitglieder Barth, Rettich und Dieterle. Sie sind abgedruckt in
«Unsere Toten», GA 261, 1963, S. 209 ff.
184 Vortrag über «Bibel und Weisheit»: Wie aus Rudolf Steiners Brief vom 20.
November 1905 an Marie von Sivers ersichtlich, handelt es sich um den Vortrag
in Colmar am 19. November 1905. Vgl. «Briefwechsel Rudolf Steiner / Marie
Steiner», GA 262.
190 Satz in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»: (GA 10). Im Ab-
schnitt «Bedingungen». Vgl. auch Vorrede zur 5. Auflage 1914 und Nachwort
zum 8 . - 1 1 . Tausend.
192 Karl V.y 1500 - 1558.
Franz l , 1494 - 1547.
Leo Königsberger, 1 8 3 7 - 1 9 2 1 .
193 Woodrow Wilson: Siehe Hinweise zu S. 221.
195 er wollte eine Dissertation schreiben: Es handelt sich wahrscheinlich um die
Dissertation von F. Stepun «Wladimir Solowjew», Heidelberg 1910. In deutscher
Sprache war 1907 erschienen «Die religiösen Grundlagen des Lebens», übersetzt
von Nina Hoffmann. Später kam dazu «Judentum und Christentum» (1911) und
«Nationale Ethik» (1912), beide übersetzt von Ernst Keuchel. In den Jahren 1914
und 1916 erschienen dann die ersten beiden Bände der «Ausgewählten Werke»,
übersetzt von Harry Köhler (Pseudonym von Harriet von Vacano). Diese
Ausgabe wurde 1921/22 um zwei weitere Bände erweitert; zum 3. Band schrieb
Rudolf Steiner eine Einführung. Wladimir Solowjow lebte 1853 - 1900.
197 Da meine Zeit... abgelaufen ist: Siehe Hinweis zu S. 183.
Frau Dr. Steiner: Marie Steiner-von Sivers, 1867 - 1948.
198 Erich Bamler: Vgl. die Vorträge vom 29. Mai 1917 in GA 176, und 10. Juni 1917,
vorgesehen für GA 255.
199 Ein Mann, dem es ... nicht an Eitelkeit fehlt: Max Seiling, 1852 - 1928.
Er schrieb eine Schrift: «Theosophie und Christentum», Berlin 1910.
Dann ließ der Betreffende eine andere Schrift drucken: «Wer war Christus?»,
München 1917.
199 die Sache, die da erwähnt wird, hat nicht stattgefunden: Der erwähnte Zei-
tungsartikel von Seiling liegt nicht vor.
200 Herr, der früher in Amerika war: Max Heindel, der sich auch Graßhoff nannte.
Über den Plagiator Heindel, der aus Werken und Vortragszyklen Rudolf Steiners
Bücher zusammenschrieb, die er unter seinem Namen veröffentlichte, und der in
Kalifornien eine okkulte Gesellschaft begründete, vgl. Rudolf Steiner in
«Mitteilungen für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft (Theoso-
phischen Gesellschaft)», Nr. 1,1. Teil, Köln März 1913, S. 23.
201 Das Buch: «The Rosicrucian Cosmo-Conception, or Christian Occult Science.
Issued by The Rosicrucian Fellowship», 1. Aufl. Chicago 1909. Deutsche
Übersetzung «Die Weltanschauung der Rosenkreuzer, oder mystisches Chri-
stentum», Leipzig o. J.
Dr. Hugo Vollrath: Damals Inhaber des «Theosophischen Verlagshauses» in
Leipzig.
205 Arthur Schopenhauer, 1788 - 1860. «Die beiden Grundprobleme der Ethik.» I.
«Über die Freiheit des menschlichen Willens», Frankfurt 1841. «Alles, was
geschieht, vom Größten bis zum Kleinsten, geschieht notwendig», S. 93.
211 Ernest Renan, 1823 - 1892: «Das Leben Jesu», zuerst erschienen 1863. Deutsche
Übers. Leipzig o. J. (Reclam).
Nehmen wir einen Ausspruch, den Renan ... getan hat: In «Erinnerungen aus
meiner Kindheit und Jugendzeit», Basel 1883, im Brief an Abbe Cognat vom 6.
Sept. 1845, S. 311. Das Zitat ist nicht wörtlich.

212 Philosoph, den ich ... gekannt habe: Richard Wähle, 1857 - 1935. «Die Tragiko-
mödie der Weisheit», Wien und Leipzig 1915. Das Zitat lautet wörtlich: «Wir
haben nicht mehr Philosophie als ein Tier, und nur die rasenden Versuche, zu
einer Philosophie zu kommen, und die endliche Ergebung in Nichtwissen
unterscheiden uns von dem Tier», S. 132.

er sagte am Schluß seines Lehens: Ernest Renan, «Jugenderinnerungen», Frankfurt/


Main 1925, S. 318. Nicht wörtliches Zitat.

213 Maurice Barres, 1862 - 1923. Die Zitate sind entnommen einem Artikel in der
«Internationalen Rundschau», 1. Jahrg. 3. Heft, Zürich, 20. Juli 1915: «Abschied
vom Führer der Jugend: Maurice Barres.» Eine Plauderei von Andre Germain.
221 Woodrow Wilson, 1856 - 1924, Präsident der Vereinigten Staaten von 1913 bis
1921. Wilsons Reden: «Die neue Freiheit», München 1914, Wilsons Noten: in
«Der Krieg. Der Friede», Zürich 1918.
226 angedeutet im Mysterienspiel: Im dritten Myteriendrama «Der Hüter der
Schwelle», 1. Bild (Worte des Hilarius), in «Vier Mysteriendramen» (1910 - 13),
GA14.
Da sagte Plato: In dem Dialog «Phaidros», Kapitel 25 - 29.
Rudolf Kjellen, 1864 - 1922: «Der Staat als Lebensform», Leipzig 1916.
228 Numa Denis, Fustel de Coulanges, 1830 - 1889. «La Cite antique.»
230 Alexander von Bernus, 1880 - 1965. Herausgeber der Zeitschrift «Das Reich»,
München 1916 - 1920.
231 jemand, der sich vorgenommen hat, über alle Dinge bei uns die Unwahrheit zu
sagen: Auf wen sich dies bezieht, war nicht festzustellen.

233 gestriger öffentlicher Vortrag: «Menschenseele und Menschenleib in Natur- und


Geist-Erkenntnis», 14. Mai 1917, bisher ungedruckt.

235 biblischer Ausspruch: Weisheit der Welt, nach Maß und Zahl geordnet: Moses I
15/5,1 22/17, Siehe Rudolf Steiner «Die tieferen Geheimnisse des Menschheits-
werdens im Lichte der Evangelien», GA 117, 1966, Seite 43: «In dem
althebräischen Volke mußte ... geordnet sein.»

236 in der Bibel wird vom Patriarchenalter gesprochen: Psalm 90, Vers 10.
242 so würde man andere Übersetzungen liefern: In anderen Vorträgen erwähnt
Rudolf Steiner in diesem Zusammenhang den zu seiner Zeit sehr berühmten
Altphilologen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (1848 - 1931); so z.B. in
dem Band «Perspektiven der Menschheitsentwickelung», GA 204, S. 144, wo es
heißt: «der Urphilister der modernen Zivilisation ..., Wilamowitz, ... der die
griechischen Tragiker in ein modernes triviales Gewand gekleidet hat, das dann
unendlich bewundert worden ist von all denjenigen, die ebenso tief eingedrungen
sind in das griechische Wort, wie sie fernestehen dem griechischen Geiste».

243 «Lieber ein Bettler in der Oberwelt...»; Odyssee, 11. Gesang, Vers 488 ff.

der große griechische Philosoph Aristoteles: Von den Äußerungen des Aristoteles
über das Erleben der Seele nach dem Tode, die in verschiedenen Werken zerstreut
sind, gibt es eine zusammenfassende Darstellung durch Franz Brentano in seinem
Werk «Aristoteles und seine Weltanschauung» in dem Kapitel «Das Diesseits als
Vorbereitung auf ein allbeseligendes und jedem gerecht vergeltendes Jenseits».

244 Franz Brentano, 1838 - 1917. «Die Psychologie des Aristoteles», Mainz 1867, Es
handelt sich um eine freie Wiedergabe der Ausführungen Brentanos auf S. 196.
245 von dem Plato sagte: Im 13. Kapitel des Dialogs «Phaidon». Die Stelle lautet:
«Und so mögen auch diejenigen, welche uns die Weihen angeordnet haben, gar
nicht schlechte Leute sein, sondern schon seit langer Zeit uns andeuten, wenn
einer ungeweiht und ungeheiligt in der Unterwelt anlangt, daß er in den Schlamm
zu liegen kommt, der Gereinigte aber und Geweihte, wenn er dort angelangt ist,
bei den Göttern wohnt.»
246 solch ein Nachfolger des Augustus: Gaius Julius Caligula (12 - 41 n. Chr.),
römischer Kaiser 37 - 41 n. Chr. Siehe z.B.: Sueton, «Lebensbeschreibungen der
Kaiser», ins Deutsche übertragen von Adolph Stahr, Stuttgart 1864 (Neuausgabe
1926 - 28) in dem Kapitel «Cajus Caesar Caligula».
248 Parusie: Wiederkunft Christi.
Helena Petrowna Blavatsky, 1831 - 1891. In «Geheimlehre» Bd. III, Kap. 39
«Zyklen und Avatare».
254 Konzil von Konstantinopel: Seit diesem Konzil wurde die sog. Trichotomie,
wonach der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht, in der Kirche als Ketzerei
verworfen.
Wilhelm Wundt, 1832 - 1920, Arzt, Philosoph, Psychologe, gründete in Leipzig
das erste Institut für experimentelle Psychologie; schrieb u. a. «Grundzüge der
physiologischen Psychologie» und «Völkerpsychologie».
256 wenn jetzt Schmähschriften: Siehe Hinweise zu S. 198 und 199.
257 alle Fäden durchschnitten: Im Jahre 1911 fanden die entscheidenden Auseinan-
dersetzungen zwischen der Leitung der Theosophischen Gesellschaft in Adyar
und der Deutschen Sektion unter Rudolf Steiner statt, und zwar im Zusammenhang
mit der Gründung des sog. «Ordens des Sterns des Ostens» durch Annie Besant.
Die formelle Trennung erfolgte erst Ende 1912.
Edouard Schure, 1841 - 1929. Schure, seit 1906 mit Rudolf Steiner und Marie von
Sivers verbunden, hatte während des ersten Weltkrieges einen gehässigen Artikel
gegen Steiner in Frankreich veröffentlicht. Nach Kriegsende bedauerte er seine
von chauvinistischer Leidenschaft diktierte Handlungsweise und bat mündlich
und brieflich um Verzeihung. Schure nahm im Herbst 1922 am sog. «Französi-
schen Kurs» Rudolf Steiners («Kosmologie, Religion und Philosophie», GA 25)
teil
258 «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit»: Siehe Hinweis zu S. 27.
262 Friedrich Theodor Visther, 1807 - 1887: «Der Traum. Eine Studie zu der Schrift
<Die Traumphantasio von Dr. Johannes Volkelt» in «Altes und Neues», Stuttgart
1881.
273 Schillers Antrittsvorlesung: Am 25. Mai 1789 für das Lehramt für Geschichte an
der Universität Jena: «Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universal-
geschichte?»
278 Gustave Herve, 1871 - 1944. Journalist und Schriftsteller.
George Clemenceau, 1841 - 1929, französischer Ministerpräsident mit dem
Beinamen «der Tiger».
281 ehemaliger Finanzminister: Im Jahre 1918 war Vorsitzender der Goethe-
Gesellschaft der preußische Staats- und Finanzminister a. D., Oberpräsident der
Rheinprovinz, Georg Kreuzwendedich Freiherr von Rheinbaben.
284 Vorträge in Kristiania: «Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhang
mit der germanisch-nordischen Mythologie» (1910), GA 121.
Vortragszyklus in Wien: «Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod
und neuer Geburt», GA 153.
285 im Verlauf unserer Auseinandersetzungen: Vgl. u. a. «Die spirituellen Hinter-
gründe der äußeren Welt. - Der Sturz der Geister der Finsternis», GA 177.
301 das Buch von Theodor Ziehen: «Leitfaden der physiologischen Psychologie in 15
Vorlesungen», 5. Aufl. Jena 1900, S. 161 und 205 (Zitate nicht wörtlich).
302 Wladimir Iljitsch Lenin, 1870 - 1924.
Leo Davidowitsch Trotzkij, 1879 - 1940.
303 dänisches Buch: Es handelt sich wohl um E. Rasmussen: «Jesus, eine vergleichen-
de psychopathologische Studie», Leipzig 1905.
304 Alexander Moszkowski: Berliner Journalist, Herausgeber der «Lustigen Blätter».
307 über Wilson in einem Zyklus lange vor diesen Ereignissen: In «Die okkulten
Grundlagen der Bhagavad Gita», 5. Vortrag, GA 146.
315 Origines, 1 8 2 - 2 5 3 .
317 so wahr ein Gott im Himmel ist, bin ich ein Atheist: Das Zitat stammt aus Ludwig
Anzengruber (1839 - 1889), «Ein Faustschlag», Schauspiel in drei Akten, 3. Akt,
6. Szene, Kammauf: «... Bleiben Sie mir mit allen veralteten Traditionen vom
Leibe, das greift bei mir nicht an, denn - so wahr ein Gott lebt! - ich bin
Atheist!».
318 «Nach uns die Sintflut»: «Apres nous le deluge», ein Ausspruch, der dem
französischen König Ludwig XV. (1710 - 74) zugeschrieben wird.
319 Oscar Hertwig, 1849 - 1922. «Das Werden der Organismen», Jena 1916.
Eduard von Hartmann, 1842 - 1906. Philosophie des Unbewußten. Versuch
einer Weltanschauung.» Berlin 1869.
Es erschien eines Tages ein Buch: «Das Unbewußte vom Standpunkt der Physio-
logie und Deszendenztheorie. Eine kristische Beleuchtung des naturphilosophi-
schen Teils der <Philosophie des Unbewußtem», Berlin 1872, 2. Aufl. unter dem
Namen Hartmann und mit «Allgemeinen Vorbemerkungen» und Zusätzen
versehen, 1877.
Oskar Schmidt, 1823 - 1886, Zoologe, «Die naturwissenschaftlichen Grundlagen
der Philosophie des Unbewußten», Leipzig 1877. Über die Schrift des Anonymus
(Eduard v. Hartmann): «Sie haben alle, welche nicht auf das Unbewußte
eingeschworen sind, in ihrer Überzeugung vollkommen bestätigt, daß der
Darwinismus im Rechte sei», S. 3.
320 «Zur Abwehr des ... Darwinismus»: Oscar Hertwig: «Zur Abwehr des sozialen,
des ethischen und des politischen Darwinismus», Jena 1918.
326 Fritz Mauthner, 1849 - 1923. Autor von «Wörterbuch der Philosophie». Der
Artikel «Goethes Horoskop» erschien im «Berliner Tageblatt» 47. Jahrg. 1918,
Nr. 161 (Abendausgabe des 28. März).

Büchelchen der Sammlung «Aus Natur und Geistesweh»: «Sternglaube und


Sterndeutung. Die Geschichte und das Wesen der Astrologie.» Unter Mitwir-
kung von Prof. Carl Bezold dargestellt von Prof. Dr. Franz Boll, Leipzig und
Berlin 1918. (Aus Natur und Geisteswelt Bd. 638.)

332 gestern im öffentlichen Vortrag: «Die Rätsel des geschichtlichen Lebens der
Menschheit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft», 25. April 1918. Abge-
druckt in «Die Menschenschule», 1961, 35. Jahrg., Heft 10. Über das gleiche
Thema spricht Rudolf Steiner auch in dem Vortrag vom 14. März 1918 in Berlin,
erschienen in dem Band «Das Ewige in der Menschenseele», GA 67.

343 Vinzenz Knauer, 1828 - 1894, Professor der Philosophie in Wien, mit dem
Rudolf Steiner im Haus delle Grazie in Wien zusammenzukommen pflegte. Vgl.
Rudolf Steiner «Mein Lebensgang», 7. Kapitel. Die erwähnte Stelle findet sich in:
«Hauptprobleme der Philosophie», Wien und Leipzig 1892,21. Vorlesung, L Die
Erkenntnisquellen, S. 136 ff.

346 Jean Baptiste Lamarck, 1744 - 1829, französischer Naturforscher.

347 Goethe über Wolkenbildungen: «Goethes Naturwissenschaftliche Schriften», Bd.


II, Meteorologie; siehe Hinweis zu S. 27.

349 Karl Christian Planck, 1819 - 1880. Vgl. Rudolf Steiner «Die Rätsel der
Philosophie», GA 18, und «Vom Menschenrätsel», GA 20.
352 Alfred Loisy, 1857 - 1940, Religionshistoriker. Wegen bibelkritischer Werke ex-
kommuniziert.
Schopenhauer nannte sie: Vgl. «Die beiden Grundprobleme der Ethik», Vorrede
zur 1. Auflage, und Friedrich Nietzsche, «Menschliches - Allzumenschliches», 8.
Hauptstück 482.
354 Vorangehende historische Seminarstunde: Vom 12. bis 23. März 1921 fand in
Stuttgart im Rahmen der «Freien anthroposophischen Hochschulkurse» ein
Seminar «Weltgeschichte im Sinne der Anthroposophie» statt unter der Leitung
von Dr. W. J. Stein, Dr. Karl Heyer und Dr. Eugen Kolisko.
Kulturpolitische Angriffe: Konnte bisher nicht nachgewiesen werden.
355 Nikita: Nikola oder Nikita, Fürst und König von Montenegro, 1860 - 1918.
Karl Helfferich, 1872 - 1924, deutscher Staatssekretär und deutschnationaler
Parteiführer, Gegner von Erzberger.
356 Matthias Erzberger, 1875 - 1921, deutscher Zentrumsführer, Gegner von
Helfferich. Wurde von Vorläufern des Nationalsozialismus ermordet.
Walter Simons, 1861 - 1937, 1920 - 1921 Reichsaußenminister, danach Präsident
des Reichsgerichts in Leipzig.
David Lloyd George, 1863 - 1945. Von 1902 - 1922 dominierende Persönlichkeit
der britischen Politik.
359 Berliner Vertrag: Ergebnis des Berliner Kongresses 1878 über den Balkan.
Österreich wurde mit der Okkupation von Bosnien und der Herzegowina (bis
dahin türkisch) beauftragt.
360 Wilson in seinen verschiedenen Reden: Vgl. Hinweis zu S. 221.
diese Linie: Die Zeichnung, auf die sich diese Ausführung bezieht, ist nicht
erhalten.
361 Aufruf: «An das deutsche Volk und die Kulturwelt», abgedruckt in «Die
Kernpunkte der sozialen Frage» (1919), GA 23.
365 Victor Adler, 1852 - 1918, damals der unbestrittene Führer der Sozialisten in
Österreich. Vgl. Rudolf Steiner «Mein Lebensgang», 8. Kapitel.
Zivischenminister Gautsch: Paul Freiherr Gautsch von Frankenthurn, 1851-1918,
1897 - 98 österreichischer Ministerpräsident.
Otto Hausner, 1827 - 1890. Vgl. «Mein Lebensgang», 4. Kapitel, sowie
«Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge», Bd. 2, GA 236.
366 Leopold Anton Graf Berchtold, 1863 - 1942, österreichischer Diplomat, Außen-
minister von 1912 - 1915.
367 Helmuth von Moltke, \%77 — 1916, der jüngere, Neffe des «älteren» Generalfeld-
marschalls gleichen Namens (1800 - 1891).
368 eine hier anwesende Persönlichheit: Es kann sich nur um die Gräfin Eliza Moltke-
Huitfeld handeln.
dämonische Frauen in Petersburg: Zwei Töchter, Anastasia und Militza, des
montenegrinischen Königs Nikita waren am Zarenhof verheiratet.
368 Raymond Poincare, 1860 - 1934, einer der maßgebendsten französischen Politi-
ker vor, während und nach dem 1. Weltkrieg. Besuchte Rußland 21. - 23. Juli
1914.
französischer Botschafter: Maurice Paleologue, 1859 - 1944, Botschafter in
Petersburg 1913 - 1917. Schrieb «Am Zarenhof während des Weltkriegs», 3 Bde.,
deutsch 1925.
371 Aufzeichnungen von Moltke: H . v. Moltke, «Erinnerungen, Briefe, Dokumente
1877 - 1916», Stuttgart 1922. Die geplante Veröffentlichung im Jahre 1916
unterblieb aus den von R. Steiner angegebenen Gründen; die bereits gedruckte
Broschüre wurde zurückgezogen. Rudolf Steiners Vorwort ist abgedruckt in
«Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage
1915 bis 1921», G A 24.
372 Alfred von Tirpitz, 1849 - 1930. Deutscher Großadmiral und Staatssekretär der
Marine, Schöpfer der deutschen Sehlachtflotte vor dem 1. Weltkrieg. Schrieb
«Erinnerungen», Leipzig 1919.
Theohald von Bethmann-Hollweg, 1856 - 1921. Deutscher Reichskanzler 1909 -
1917. Tirpitz über Bethmann: Vgl. dessen «Erinnerungen», 16. Kap. «Der
Ausbruch des Krieges».
374 Asquith und Grey: Englische Minister (Asquith Ministerpräsident 1908 - 1916,
Grey Außenminister 1905 - 1916).
Gedanken während der Zeit des Krieges: Vgl. Hinweis zu S. 179.
375 Satz, den Moltke geschreiben hat: Siehe Hinweis zu S. 371. Moltke a. a. O., S. 14.
377 J'accuse-Bücher: «J'accuse, von einem Deutschen», 2. Auflage Lausanne 1915.
Unter diesem Titel ließ ein Anonymus, hinter dem sich ein gewisser Grelling
verbarg, während des 1. Weltkriegs deutschfeindliche Pamphlete erscheinen.
Friedenswillenserklärung: im Dezember 1916 seitens der deutschen Regierung.
Richard von Kühlmann, 1873 - 1948. Deutscher Diplomat, 1917 - 18 Staatssek-
retär des Auswärtigen Amts.
378 Erich Ludendorff, 1865 - 1937. Deutscher Heerführer im 1. Weltkrieg.
Die Stimmung wurde immer erregter: Siehe Moltke a. a. O., S. 20 und 23.
379 Warren Gamaliel Harding, 1865 - 1923,1920 als Nachfolger Wilsons Präsident
der Vereinigten Staaten.
Walter Simons: Vgl. Hinweis zu S. 356. Simons war Leiter der deutschen
Friedensdelegation in Versailles 1919.
NAMENREGISTER

(* = ohne Namensnennung)

Adler, Viktor 365 Gautsch und Frankenthurn, Paul Frei-


Äschylos 242 herr von 365
Alcyone (Krishnamurti) 158 Goethe, Johann Wolfgang von 20, 48,
Ahashver 47 101, 144, 145, 175, 176, 280, 281, 294,
Aristoteles 243, 244, 250 326, 347
Asquith, Herbert 374 Gregor von Nazianz 177
Augustus (römischer Kaiser) 245, 246 Grey, Edward 374
Grimm, Herman 20, 21
Baer, Karl Ernst von 177, 178
Baidur 39,40
Ball, Professor in Heidelberg 328 Habsburger 156
Bamler, Erich 198, 205 Haeckel, Ernst 177, 178, 319
Barres, Maurice 213 Hamerling, Robert 47,48
Benedikt, Moriz 132 Harding, Warren Gamaliel 379
Berchtold, Leopold Anton Graf 366 Hartmann, Eduard von 319, 320
Bernus, Alexander von 230, 231 Hausner, Otto 365
Bergson, Henry 14 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich 48,51,
Besant, Annie 17, 138, 152, 154, 155, 144,145
Heindel,Max 200*
157,158, 257
Helfferich, Karl 355
Bethmann-Hollweg, Theobald von 370,
Helmholtz, Hermann von 177, 325
372
Herder, Johann Gottlieb 141, 144, 280
Blavatsky, Helena Petrowna 150-153,
Hertwig, Oscar 319-322, 330
155,248
Herve, Gustave 278
Boutroux, Emil 14
Hoffmann, Lina 195
Brentano, Franz 244
Homer 242
Caligula (römischer Kaiser) 246, 247
Clemenceau, George 278 Jagow, Gottlieb von 26* 27*
Colazza, Sibyl 74* Jaures, Jean 156
Collins, Mabel 157 Johannes der Täufer 248
Commodus (römischer Kaiser) 247,249 Jungfrau von Orleans (Jeanne d'Arc) 65-
67
Darwin, Charles 177,178,319, 344
Deutscher Kaiser (Wilhelm II.) 367,370, Kain 47
371, 372, 378 Kant, Imanuel 298
Dostojewski), Fjodor 48 Karl V. (deutscher Kaiser) 192
Dürer, Albrecht 93 Kepler, Johannes 322
Kjellen, Rudolf 226-229
Elisabeth von England (Königin) 143 Knauer, Vinzenz 343
Erasmus von Rotterdam 181 Königsberger, Leo 192-194
Erzberger, Matthias 356 Konfuzius 40
Faiß, Theo 76 Konstantin (römischer Kaiser) 65
Fichte, Johann Gottlieb 45,48, 144, 145 Koot-Hoomi 151
Franz Ferdinand (österreichischer Kopernikus, Nikolaus 322
Thronfolger) 364 Krishnamurti 46
Franz; I. (französischer König) 192 Kreuzwendedich Freiherr von
Freud, Sigmund 248 Rheinbaben, Georg 281*
Fustel de Coulanges, Numa Denis 228 Kühlmann, Richard von 377, 378
Lamarck, Jean Baptiste 346 Raffael 93
Lamettrie, Julien Offray de 181 RasmUssen, Emil 303*
Laplace, Pierre Simon 298 Renan, Ernest 44,211
Leadbeater, Charles 157
Lenin, Wladimir Iljitsch (Uljanow) 302 Savigny, Anne Victorine de (Madame de
Liebknecht, Karl 27 Thebes) 155*
Lloyd George, David 356, 363, 379 ScheÜing, Friedrich Wilhelm Joseph 48,
Loisy, Alfred 352 144 145
Ludendorff, Erich 378 Schaler, Friedrich 45, 273, 280
Schmidt, Oskar 319
Mach, Ernst 68 Schopenhauer, Arthur 205, 352
Madame de Thebes (Savigny, Anne Schure, Edouard 257
Victorine de) 155* Seiling, Max 199*, 200
Maeterlinck, Maurice 15 Silesius, Angelus 46
Marx, Karl 359 Simons, Walter 356,379
Mauthner, Fritz 326-329 Sokrates 304,305
Maxentius (römischer Kaiser) 65 Solowjow, Wladimir 195
Meister Bertram 171 Sophokles 242
Meister Eckhart 46 Steiner-von Sivers, Marie 197
Moltke, Helmuth von 367-375*, 378* Stinde, Sophie 79
Moltke-Huitfeld, Eliza von 368*, 371 Strauß, David Friedrich 44
Moszkowski, Alexander 304 Suttner, Bertha von 173

Nero (römischer Kaiser) 47,247-249 Taaffe, Eduard 364


Newton, Isaac 145, 322 Tauler, Johannes 46
NIkita (König von Montenegro) 355, Tertullian 177
368, 369 Tingley, Catherine A. 157
- Anastasia, Tochter Nikitas 369 Tirpitz, Alfred von 372
- Militza, Tochter Nikitas 369 Trotzkij, Leo Davidowitsch (Bron-
Nikolaus IL (Zar) 173* stein) 302
Novalis 15
Vinci, Leonardo da 93
Origines 315 Vischer, Friedrich Theodor 262
Vollrath, Hugo 201
Paleologue, Maurice 368*
Planck, Karl Christian 174, 349 Wähle, Richard 212*
Plato 244 Wilson, Woodrow 193, 221, 307, 360,
Poincare, Raymond 368, 369* 379
Preuß, Wilhelm Heinrich 14 Wundt, Wilhelm 254
ÜBER DIE V O R T R A G S N A C H S C H R I F T E N

Aus Rudolf Steiners Autobiographie


«Mein Lebensgang» (35. Kap., 1925)

Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergebnisse


vor; erstens meine vor aller Welt veröffentlichten Bücher, zweitens eine
große Reihe von Kursen, die zunächst als Privatdruck gedacht und ver-
käuflich nur an Mitglieder der Theosophischen (später Anthroposophi-
schen) Gesellschaft sein sollten. Es waren dies Nachschriften, die bei
den Vorträgen mehr oder weniger gut gemacht worden sind und die -
wegen mangelnder Zeit - nicht von mir korrigiert werden konnten. Mir
wäre es am liebsten gewesen, wenn mündlich gesprochenes Wort münd-
lich gesprochenes Wort geblieben wäre. Aber die Mitglieder wollten den
Privatdruck der Kurse. Und so kam er zustande. Hätte ich Zeit gehabt,
die Dinge zu korrigieren, so hätte vom Anfange an die Einschränkung
«Nur für Mitglieder» nicht zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr
als einem Jahre ja fallen gelassen.
Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, wie
sich die beiden: meine veröffentlichten Bücher und diese Privatdrucke in
das einfügen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete.
Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten für das Hinstellen der
Anthroposophie vor das Bewußtsein der gegenwärtigen Zeit verfolgen
will, der muß das an Hand der allgemein veröffentlichten Schriften tun.
In ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an Erkennt-
nisstreben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mir in
«geistigem Schauen» immer mehr gestaltete, was zum Gebäude der An-
throposophie - allerdings in vieler Hinsicht in unvollkommener Art -
wurde.
Neben diese Forderung, die «Anthroposophie» aufzubauen und da-
bei nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der
Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von heute zu übergeben hat,
trat nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus der
Mitgliedschaft heraus als Seelenbedürfnis, als Geistessehnsucht sich
offenbarte.
Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien und
den Schrift-Inhalt der Bibel überhaupt in dem Lichte dargestellt zu hö-
ren, das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte in
Kursen über diese der Menschheit gegebenen Offenbarungen hören.
Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten
wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vorträgen waren nur
Mitglieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposo-
phie bekannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorge-
schrittenen auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser
internen Vorträge war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein
konnte, die ganz für die Öffentlichkeit bestimmt waren.
Ich durfte in internen Kreisen in einer Art über Dinge sprechen, die
ich für die öffentliche Darstellung, wenn sie für sie von Anfang an
bestimmt gewesen wären, hätte anders gestalten müssen.
So liegt in der Zweiheit, den öffentlichen und den privaten Schriften,
in der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergründen stammt.
Die ganz öffentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir
rang und arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die Gesell-
schaft mit. Ich höre auf die Schwingungen im Seelenleben der Mit-
gliedschaft, und in meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich
da höre, entsteht die Haltung der Vorträge.
Es ist nirgends auch nur in geringstem Maße etwas gesagt, was nicht
reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie wäre. Von
irgend einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der Mit-
gliedschaft kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann sie
im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen
hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach die-
ser Richtung zu drängend wurden, von der Einrichtung abgegangen
werden, diese Drucke nur im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es
wird eben nur hingenommen werden müssen, daß in den von mir nicht
nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.
Ein Urteil über den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird ja aller-
dings nur demjenigen zugestanden werden können, der kennt, was als
Urteils-Voraussetzung angenommen wird. Und das ist für die allermei-
sten dieser Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des
Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie
dargestellt wird, und dessen, was als «anthroposophische Geschichte»
in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich findet.

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