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Känguru Unterm Christbaum

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Känguru unterm Christbaum - die etwas andere

Weihnachtsgeschichte
Was hat das Fest der Versöhnung mit den Kommentaren im SPIEGEL-Forum zu tun?
Marc-Uwe Klings "Känguru"-Bücher fanden Millionen Fans - für uns hat der
Bestsellerautor exklusiv seine eigene Weihnachtsgeschichte geschrieben.

Ein passabler Vorschlag

"Was ist dein Vorsatz für Weihnachten?", fragt das Känguru.

"Du meinst fürs neue Jahr?", sage ich.

"Nein, ich meine für Weihnachten. Ich mache Vorsätze für Weihnachten, und an
Silvester..."

"...singst du 'Stille Nacht'?"

"Erwarte ich, von dir beschenkt zu werden."

"Ist es nicht wirklich unglaublich anstrengend, alles immer umgekehrt zu machen als alle
anderen?"

"Es geht", sagt das Känguru. "Vieles wird auch einfacher. Zum Beispiel habe ich heute
schon 50 umgekehrte Liegestütze gemacht."

"Das heißt, du hast dich auf den Rücken gelegt und die Arme immer wieder in die Luft
gestreckt?"

"Ich hab sogar noch je zwanzig einarmige Liegestütze gemacht."

"Was ist denn eigentlich dein Vorsatz?", frage ich.

"Muss ich wirklich noch etwas an mir ändern? Bin ich nicht endlich so alt, dass die Leute
sagen: ›Ach, das Känguru, das ändert sich eh nicht mehr ‹?"

"Ich hätte einen Vorschlag", sage ich. "Weniger Screentime."

"Hm..."

"Zum Beispiel könntest du aufhören, Artikel auf SPIEGEL ONLINE zu lesen, während du
dich mit mir unterhältst."

"Stört dich das?", fragt das Känguru.

"Natürlich stört mich das!"


Das Känguru seufzt und packt mein Smartphone in seinen Beutel. Ich schreibe ein
Gedanken-Memo an mich, welches mich daran erinnern soll, dass ich später nicht mein
Handy zu suchen brauche. Wie immer wird das nicht funktionieren, denn der nächste
flüchtige Gedanke reißt all die mühsam angeklebten Post-its sowieso von der
Großhirnrinde und am Ende stehe ich wieder am Bahnhof in Bielefeld, obwohl mein
Auftritt in Hannover ist.

Das Känguru schnippst mit seinen Fingern vor meinen Augen.

"Hallo? McFly? Jemand zu Hause?", fragt es.

"Hm?"

"Ich lese die Artikel übrigens nicht", sagt das Känguru, "ich kommentiere sie nur."

"Ich glaube, das machen die meisten Kommentierer so."

"Aber ich schreibe keine Hasskommentare, sondern Liebeskommentare."

"Natürlich. Und wahrscheinlich sind sie sogar orthografisch und grammatikalisch


korrekt."

"Sie sind überdies logisch schlüssig und argumentativ kohärent."

"Auch das noch."

"Die missverstandene Meinungsfreiheit des Hasskommentars wird einst von Historikern


als eines der hervorstechendsten Merkmale unserer Generation gesehen werden."

"Ach, ich weiß nicht. So neu ist das doch gar nicht", sage ich. "Auch die alten Nachbarn
meiner Großeltern haben mehrere Stunden Screentime am Tag. Nur ist der Screen die
Fensterscheibe und die Hasskommentare werden noch per Schall übermittelt."

"Aber Schall trägt nicht so weit wie 4G."

"Das stimmt. Und heute sind die Nachbarn bestimmt sogar freundlich. Weil Weihnachten
ist ja das Fest der Versöhnung."

"Jetzt fang du nicht auch noch mit dem Quatsch an", sagt das Känguru.

"Wie meinst'n das?"

"Na, Versöhnung ist ja schön und gut, aber manche Gruppen kann man nicht versöhnen.
Wenn die einen sagen 'zwei plus zwei ist vier' und die anderen sagen 'zwei plus zwei ist
fünf', dann ist es bescheuert, wenn jemand als Kompromiss vorschlägt, dass zwei plus
zwei viereinhalb ist. Wenn du verstehst, was ich meine."

"Du meinst, wenn die eine Gruppe recht hat und die andere Gruppe rechts ist?"
"Korrekt", sagt das Känguru. "Oder wenn die einen sagen 'CO2 plus CO2 gleich
Erderwärmung' und die anderen sagen 'CO2 plus CO2 gleich kein Problem', dann ist es
Quatsch, wenn die Regierung sagt 'CO2 plus CO2 gleich Erderwärmung, aber kein
Problem'."

"Immer noch besser, als wenn die Regierung ebenfalls sagt, dass zwei plus zwei fünf ist",
sage ich.

"Du redest von..."

"Ihm, dessen Name nicht mehr genannt werden soll. Aber sag mal, können wir nicht
zumindest an Weihnachten nicht über Politik reden?"

"Klar", sagt das Känguru und schweigt.

Und schweigt. Und schweigt.

"Du musst deswegen nicht gleich still sein", sage ich.

Das Känguru zuckt mit den Schultern und deutet auf seinen geschlossenen Mund.

"Jaja. Schon klar. Du willst mir zu verstehen geben, dass alles politisch ist."

Das Känguru klatscht in die Pfoten.

"Aber es gibt durchaus Themen, die nicht politisch sind", sage ich.

Das Känguru guckt fragend. Und herausfordernd.

"Zum Beispiel Weihnachtskekse", sage ich, nehme einen Keks aus der Schale auf dem
Tisch und schiebe ihn in den Mund.

Das Känguru macht "Gack, gack!" läuft im Kreis herum und tut so, als lege es ein Ei. Dann
kaut es, macht dabei kreisende Bewegungen mit seinem Unterkiefer und sagt: "Muh!"

"Kennst du diese Augenblicke bei Scharade", frage ich, "in denen sich jemand so zum
Affen, respektive zur Kuh macht, dass man ihn weiter Pantomime spielen lässt, obwohl
man schon längst die Lösung weiß?"

Das Känguru hört auf, sich zur Kuh zu machen, und schaut mich fragend an.

"Du meinst", sage ich, "Weihnachtskekse sind ein politisches Thema, weil man darüber
diskutieren kann, ob sie vegan sind oder nicht."

"Man könnte auch darüber diskutieren, dass die Zuckerindustrie die ganze Bevölkerung
süchtig gemacht hat und dass ihre Lobby alle in der Tasche hat inklusive der
Ernährungsministerin."
"Süßer die Klöckner nie klingt, als zu der Zeit, in der sie Loblieder auf Nestlé singt."

"Hui", sagt das Känguru. "Ein umgedichtetes Lied. Da ist aber wieder der Kleinkünstler
mit dir durchgegangen."

"Sorry."

"Man könnte anhand der Weihnachtskekse auch über Transportwege diskutieren,


darüber ob Bio immer Bio ist, über die Lebensbedingungen der Leute, die den Kakao
ernten müssen, über..."

"Ja. Ist ja schon gut."

"Und ich habe noch gar nichts zum Weihnachtsaspekt der Kekse gesagt. Religion,
Kommerz, Tannenbaummassaker. Don't get me started!"

"Keine Sorge", sage ich. "Aber sag mal, wie wäre es, wenn wir das alles morgen
diskutieren und die Kekse heute einfach nur essen?"

"Passabler Vorschlag", sagt das Känguru.

Ich nehme einen Dominostein und beiße hinein.

"Bäh", sage ich gleich darauf.

"Das sind keine Dominosteine", sagt das Känguru. "Das sind große Schnapspralinen."

Ich spucke die große Schnapspraline in eine Weihnachtsserviette. Dann überkommt mich
eine kaum erträgliche Nervosität, weil ich seit bestimmt mehr als fünf Minuten meine E-
Mails nicht gecheckt habe.

"Wo ist eigentlich mein Handy?", frage ich und blicke mich um.

"Keine Ahnung", sagt das Känguru.

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