Ein Inspektor Kommt Text
Ein Inspektor Kommt Text
Darsteller:
Inspektor
Mr. Birling ............ Firmenvorstand, Ehemann u. Vater
Gerald ................. Schwiegersohn in spe
Eric ..................... Sohn des Hauses
Edward ............... Butler
Sheila.................. Tochter des Hauses
Mrs. Birling ......... Ehefrau
Erster Akt
Birling: Man weiß nie, was die jungen Leute heut so alles im Kopf haben. Sie
haben mehr Geld und freie Zeit als ich in Erics Alter.
Unsereins hat schwer arbeiten müssen für wenig Geld. Und trotzdem -
(steht auf) wir haben auch unsern Spaß gehabt.
Gerald: Das will ich meinen.
Birling: (ernsthaft) Ich will euch zwei jungen Leuten nicht noch einmal einen
Vortrag halten. Aber was so viele von euch, denen es doch so viel
besser geht als uns damals, nicht verstehen wollen, ist - dass jeder für
sich selbst sorgen muss und für sich selbst verantwortlich ist - für sich
und seine Familie natürlich, wenn er eine hat - und dass solange er das
tut, ihm nichts geschehen kann.
1
Edna: Inspektor Goole.
(Der Inspektor kommt herein, Edna geht ab und schließt die Tür hinter sich. - Der
Inspektor braucht kein großer Mann zu sein, aber er muss den Eindruck absoluter
Sicherheit und Überlegenheit machen. Er ist ungefähr 50 Jahre alt und trägt die
einfache, dunkle Uniform jener Epoche. Er spricht sorgfältig und mit Nachdruck und
hat die verwirrende Gewohnheit, jeden Menschen genau anzusehen, bevor er mit
ihm spricht).
(Steht auf und geht auf Birling zu, zeigt ihm das Foto, das er aus der Brusttasche
nimmt. Gerald und Eric stehen auch auf, um das Bild zu sehen, aber der Inspektor
stellt sich zwischen sie und das Bild. Birling betrachtet das Bild genau und erkennt
sie. Dann steckt der Inspektor das Bild wieder in die Tasche.)
Gerald: (ärgerlich) Gibt es einen Grund, weswegen ich das Bild nicht
sehen soll, Inspektor?
Inspektor (kühl, sieht ihn prüfend an) Vielleicht.
2
Eric: Und mich betrifft dasselbe, wie?
Inspektor: Ja.
Gerald: Ich möcht wohl wissen, was das für ein Grund ist.
Eric: Ich auch.
Birling: Ich wüsste auch nicht Inspektor ....
Inspektor: Das ist meine Arbeitsweise. Immer eins nach dem anderen. Sonst gibt
es ein Durcheinander.
Birling: Das stimmt, Sehr vernünftig. (Geht ruhelos auf und ab)
Inspektor: Sie erinnern sich jetzt an Eva Smith, nicht wahr?
Birling: Ja. Sie war eine meiner Angestellten und ich habe sie entlassen.
Eric: Hat sie deshalb Selbstmord begangen? Wann hast du sie entlassen?
Birling: Sei still, Eric und reg dich nicht auf. Das Mädel ist vor ungefähr
zwei Jahren entlassen worden.
Inspektor: Jawohl.
Gerald: Hören Sie - soll ich nicht lieber gehen?
Birling: Mir macht´s nichts aus, dass Sie dabei sind, Gerald und Ihnen auch
nicht Inspektor, nicht wahr?
Vielleicht muss ich zuerst noch sagen, dass dies Mr. Gerald Croft ist,
der Sohn von Sir George Croft - Sie wissen: Crofts Limited.
Inspektor: Mr. Gerald Croft?
Birling: Ja. Wir haben gerade seine Verlobung mit meiner Tochter Sheila
gefeiert.
Inspektor: So. Mr. Croft heiratet also Miss Sheila Birling.
Gerald: (lächelt) Ich hoffe es.
Inspektor: (ernst) Dann möchte ich Sie bitten, zu bleiben.
Gerald: (überrascht) Ja - natürlich.
Birling: (etwas ungeduldig) Sehen Sie - die Sache ist ein ganz klarer Fall. Und
da die Entlassung vor 18 Monaten, also beinah vor zwei Jahren
erfolgte, hat sie offensichtlich ganz und gar nichts mit dem Selbstmord
zu tun. Nicht wahr, Inspektor?
Inspektor: Da - bin ich andrer Meinung.
Birling: Warum?
Inspektor: Vielleicht hat das, was ihr damals geschah, ihre späteren Handlungen
beeinflusst und haben eben diese Handlungen sie in den Tod
getrieben. Eine Kausalitätskette.
Birling: Ja - natürlich, wenn Sie´s so ansehn, ist schon was dran. Aber ich kann
keinerlei Verantwortlichkeit meinerseits anerkennen. Wenn jeder für
jeden verantwortlich wäre, mit dem er mal zu tun gehabt hat - das wäre
doch sehr peinlich, nicht?
Inspektor: Ja, sehr peinlich.
Birling: Was das Mädel betrifft - die Eva Smith - so erinnere ich mich jetzt ganz
gut an sie. Sie war ein sehr aufgewecktes, hübsches Mädel. War auch
eine gute Arbeiterin. Der Meister hat sie zur Vorarbeiterin gemacht.
Aber nach den Sommerferien im August waren sie alle recht aufsässig
und mit einem Mal wollten sie höhere Löhne haben. Ich habe natürlich
abgelehnt!
Inspektor: Warum?
Birling: (überrascht) Sagen sie "warum"?
Inspektor: Ja. Warum haben Sie abgelehnt?
3
Birling: Nun, Inspektor, ich sehe nicht ein, dass es für Sie Bedeutung hat, wenn
ich Ihnen Einblick in mein Geschäftsgebaren gebe.
Inspektor: Es kann schon Bedeutung haben,
Birling: Hören Sie - was ist das für ein Ton?
Inspektor: Tut mir leid - aber Sie haben mir eine Frage gestellt.
Birling: Aber vorher haben Sie mir eine Frage gestellt und noch dazu eine
unnötige.
Inspektor: Es ist meine Pflicht, Fragen zu stellen.
Birling: Und es ist meine Pflicht, die Herstellungskosten so niedrig wie möglich
zu halten. Und bei höheren Löhnen wären die Herstellungskosten um
12 % gestiegen. Genügt Ihnen das?
Sie machten dann einen Streik. (Aber das dauerte natürlich nicht lange.
Traurige Geschichte – nach ein oder zwei Wochen war der Streik
gebrochen). Wir ließen sie alle wieder arbeiten - zu den alten Löhnen -
bis auf die vier oder fünf Rädelsführer. Und dies Mädel, die Eva Smith,
gehörte zu ihnen. So musste sie eben gehen.
Gerald: Und Sie hätten die Sache nicht anders regeln können?
Eric: Natürlich hätte er.
Birling: Unsinn. Wenn man diese Sorte Leute nicht hart anpackt, verlangen sie
Gott und die Welt von einem.
Gerald: Das stimmt.
Inspektor: Möglich.
Birling: (starrt den Inspektor an) Wie war doch Ihr Name, Inspektor?
Inspektor: Goole.
Birling: Wie stehen Sie sich eigentlich mit Ihrem Chef, Leutnant Roberts?
Inspektor: Ich bekomm ihn kaum zu sehen.
Birling: Ich bekomme ihn sehr oft zu sehen, er ist ein alter Freund von mir. Das
wollte ich Ihnen nur gesagt haben. Wir spielen manchmal Golf
zusammen in West Brumley….
Eric: Warum sollten die denn nicht versuchen, höhere Löhne zu erzielen?
Wir versuchen ja auch immer, die höchsten Preise zu erzielen. Und ich
seh auch nicht ein, warum sie rausgeworfen wurde, nur weil sie ein
bisschen mehr Grips hatte als die andern. Du hast doch selbst gesagt,
dass sie eine gute Arbeiterin war. Ich hätte sie dringelassen.
Birling: (ziemlich wütend) Wenn du deine Ansichten nicht änderst, wirst du
kaum je in der Lage sein, jemanden rauszuwerfen oder drinzulassen
mein Junge, Es wird Zeit, dass du lernst, was Verantwortung heißt.
Birling: (ärgerlich) Hören Sie, Inspektor, Ihr Diensteifer geht wirklich zu weit. Ich
sehen nicht den geringsten Grund, weshalb meine Tochter mit in diese
ärgerliche Angelegenheit hineingezogen werden soll.
Sheila: Was für eine Angelegenheit? Was ist denn los?
Inspektor: (mit Nachdruck) Ich bin Polizeiinspektor, Miss Birling. Heute Nachmittag
trank eine junge Frau Salzsäure und starb heut Abend im Krankenhaus.
Sheila: Wie schrecklich! War es ein Unfall?
Inspektor: Nein - sie wollte ihrem Leben ein Ende machen. Sie fühlte, dass es so
nicht mehr weiterging.
Birling: Nun behaupten Sie noch, dass ich daran schuld war, weil ich sie vor
zwei Jahren entlassen habe!
Eric: Damit kann es angefangen haben.
Sheila: Hast du das wirklich getan, Papa?
Birling: Ja. Das Mädel hatte im Werk Unheil angerichtet - ich war vollkommen
im Recht!
Inspektor: (langsam) Sind Sie ganz sicher, dass Sie nichts wissen?
Birling: Nehmen Sie an, dass einer von ihnen etwas über das Mädchen weiß?
Inspektor: Ja.
Birling: Sie sind also nicht nur meinetwegen hergekommen.
Inspektor: Nein.
Birling: (merklich höflicher). Jetzt sieht die Sache natürlich anders aus. - Sie
wissen - Tatsachen?
Inspektor: Ja.
Birling: Aber ich kann mir nicht denken, dass es sich um Wesentliches handelt.
Inspektor: Immerhin - das Mädchen ist jetzt tot.
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Sheila: Was meinen Sie damit? Sie reden, als ob wir verantwortlich ....
Birling (unterbricht sie) Einen Augenblick, Sheila. Hören Sie, Inspektor,
vielleicht können wir beide das in aller Ruhe allein besprechen.
Sheila: (unterbricht ihn) Warum? Mit dir ist er ja fertig. Er sagte doch, es ginge
einen von uns an.
Gerald: Was mich betrifft, ich habe nie eine Eva Smith gekannt.
Eric: Ich auch nicht.
Sheila: Wie hieß sie? Eva Smith?
Gerald: Ja.
Sheila: Nie gehört.
Gerald: Was nun, Inspektor?
Inspektor: Viele dieser jungen Frauen ändern ihren Namen, wie ich Ihnen schon
sagte. Sie war noch Eva Smith, als Mr. Birling sie entließ, weil sie 25
Shiling an Stelle von 22,60 haben wollte. Aber dann hörte sie auf, Eva
Smith zu sein. Vielleicht hatte sie es satt.
Eric: Kann man verstehen.
Sheila: (zu Birling) Es war doch recht gemein von dir. Vielleicht hast du ihr alles
verdorben.
Birling: Unsinn! (zum Inspektor) Wissen Sie, was aus dem Mädel wurde,
nachdem es meinen Betrieb verlassen hatte?
Inspektor: Ja. Die nächsten zwei Monate war sie arbeitslos. Ihre Eltern waren tot,
so hatte sie nirgends ein Zuhause. Und sie hatte ja auch kaum was
sparen können von dem, was sie bei Birling und Company verdient
hatte.
Sheila: (mit Wärme) Das kann man sich denken. Es ist eine Schande!
Inspektor: Viele junge Frauen leben so in jeder Stadt unseres Landes. Wenn es
nicht so wäre, gäbe es keine billigen Arbeitskräfte für die Fabriken und
Warenhäuser. Fragen Sie Ihren Vater, Miss Birling.
Sheila: Aber diese Mädchen sind doch nicht nur billige Arbeitskräfte, sie sind
doch Menschen!
Inspektor: Hin und wieder kam es mir selbst so vor. Wirklich, ich habe manchmal
gedacht, es würde uns allen ganz gut tun, wenn wir uns in die Lage der
jungen Frauen versetzen, die in den muffigen Hinterhäusern sitzen und
ihre Pfennige zählen.
Sheila: Ja, ganz gewiss. - Aber was wurde dann aus ihr?
Inspektor: Sie bekam eine Anstellung in einem Geschäft und in einem guten
Geschäft - Milwards.
Sheila: Milwards - aber da kaufen wir ja - heute Nachmittag war ich noch dort
(lustig zu Gerald) Dir zuliebe.
Gerald: (lächelt) Sehr schmeichelhaft.
Sheila: Ja - da hatte sie Glück, dass sie zu Milwards kam.
Inspektor: Das dachte sie auch. (geht auf Sheila zu) Das war etwas anderes als
die Fabrik: all die vielen schönen Kleider. Es war ein günstiger
Neuanfang für sie. Sie können sich das sicher vorstellen.
Sheila: Ja - natürlich.
Birling: Und dann ging´s da auch schief, wie?
Inspektor: Nach zwei Monaten, gerade als sie sich heimisch fühlte, wurde sie
entlassen.
Birling: Waren ihre Leistungen nicht ausreichend?
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Inspektor: Ihre Leistungen waren gut, das gestanden sie ihr zu.
Birling: Aber irgendeinen Grund müssen sie doch gehabt haben.
Inspektor: Alles, was sie erfuhr, war - dass eine Kundin sich beschwert hatte -
und so musste sie gehen.
Sheila: (starrt in an, erregt) Wann war das?
Inspektor: (mit Nachdruck) Ende Januar - im vorigen Jahr.
Sheila: Wie - wie sah das Mädchen aus?
Inspektor: Kommen Sie, ich will es Ihnen zeigen.
(Er zeigt ihr das Foto. Sie betrachtet es und erkennt es mit einem kleinen Schrei,
schluchzt unterdrückt auf und rennt fort. Der Inspektor steckt das Foto zu sich und
sieht ihr nachdenklich nach.)
Birling: Wir hatten so eine hübsche, kleine Familienfeier heut Abend. Was
haben sie nur angerichtet!
Inspektor: (unbewegt) Das dachte ich auch, als ich im Krankenhaus war und mir
das ansah, was von Eva Smith noch übrig war. Was haben Sie nur
angerichtet!
(Birling sieht ihn an, als ob er etwas erwidern wollte, dann überlegt er es sich, geht
ab und schließt die Tür energisch hinter sich. Gerald und Eric tauschen unruhige
Blicke. Der Inspektor beachtet sie nicht)
Gerald: Ich würde mir das Foto gern mal ansehn, Inspektor.
Inspektor: Das hat noch Zeit.
Gerald: Ich weiß gar nicht, warum .....
Inspektor: (unterbricht ihn energisch) Sie haben doch gehört, was ich gesagt
habe, Mr. Croft. Ein Verhör nach dem anderen. Wenn die Sache Sie
etwas angeht, werden Sie bald mitreden können.
Eric: (temperamentvoll) Jetzt hab ich aber genug davon.
Inspektor: (trocken) Das kann ich mir denken.
Eric: (unbehaglich) Verzeihung - aber - wir hatten ein kleines Fest - und ich
hab getrunken - und nun habe ich Kopfschmerzen - ich bin hier nur im
Weg - ich werd besser gehen.
Inspektor: Sie werden besser bleiben.
Eric: Aber warum?
Inspektor: Weniger Mühe für Sie. Wenn Sie gehen, werden Sie wiederkommen
müssen.
Gerald: Sie machen es uns schwer, Inspektor.
Inspektor: Vielleicht.
Gerald: Schließlich sind wir doch ehrliche Bürger und keine Kriminellen.
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7
(Sheila kommt zurück, man sieht, dass sie geweint hat)
Sheila: (traurig) Ich ging zum Geschäftsführer von Milwards und sagte, dass,
wenn sie das Mädel nciht entlassen würden, ich nie wieder zu ihnen
kommen und auch Mutter davon abhalten würde.
Inspektor: Und warum taten Sie das?
Sheila: Weil ich wütend war.
Inspektor: Aber was hatte das Mädchen denn verbrochen, dass Sie so die Geduld
verloren?
Sheila: Als ich in den Spiegel sah, bemerkte ich, dass sie der Verkäuferin
zublinzelte und darüber war ich wütend - ich hatte sowieso schlechte
Laune.
Inspektor: War das Mädchen schuld an Ihrer schlechten Laune?
Sheila: Nein. Ich selbst war schuld.
Inspektor: (zu Sheila) Und was war geschehen?
Sheila: Ich war hineingegangen, um etwas anzuprobieren. Also ich zog das
Ding an, sah, dass es mir nicht stand und bemerkte das Mädel, das die
Verkäuferin ansah, als wollte sie sagen: "Sieht sie nicht komisch aus?" -
Und da wurde ich einfach wütend. Ich ging dann zum Geschäftsführer
und sagte, dass das Mädel frech wäre und -und - (sie bricht fast
zusammen, fängt sich aber wieder) Wie konnte ich denn wissen, wie
das alles kommen würde?
Wenn sie eine hässliche, kleine Göre gewesen wäre, hätte ich
wahrscheinlich gar nichts unternommen. Aber sie war sehr hübsch und
sah selbstbewusst aus. Sie tat mir nicht leid.
Eric: Mein Gott - es ist ein bisschen reichlich, wenn man darüber nachdenkt.
Sheila: (stürmisch) Oh, halt den Mund, Eric. Ich weiß, ich weiß. Es ist das
einzige Mal, dass ich so etwas getan hab – Sie haben mich manchmal
so angesehen bei Milwards, .... Ich kann da nie wieder hingehen, nie
wieder. Ach, warum musste das geschehen?
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Inspektor: Weil Sie schlechte Laune hatten, und sie an ihr ausließen, musste
sie wieder von vorn anfangen. Zunächst nahm sie einen neuen Namen
an. Sie nannte sich Daisy Renton.
(Sheila nickt nur und starrt ihn an, wie er sich einen Whisky einschenkt)
(Eric steht auf, der Inspektor sieht von Sheila zu Gerald, dann geht er mit Eric ab)
(Sie sieht ihn fast triumphierend an. Er schaudert. Die Tür geht langsam auf, der
Inspektor kommt und sieht ihn ruhig prüfend an)
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ZWEITER AKT
Beim Aufgehen des Vorhanges ist die Situation genau die gleiche wie am Ende des
ersten Aktes. Der Inspektor steht ein paar Augenblicke an der Tür und sieht Sheila
und Gerald an.
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Mrs Birling: Sie haben das Kind sichtlich beeindruckt, Inspektor.
Inspektor: (kühl) Das kommt öfters vor bei jungen Menschen. Sie sind
empfänglicher.
Er und Mrs Birling sehen sich einen Augenblick an. Dann wendet sich Mrs Birling
wieder Sheila zu.
Mrs Birling: Du siehst so müde aus, Liebes. Du solltest schlafen gehen und die
ganze Sache vergessen. Morgen früh sieht alles anders aus.
Sheila: Ich kann nicht gehen. Das wäre das Schlimmste für mich. Ich bleibe
hier, bis ich weiß, warum das Mädchen Selbstmord begangen hat.
Mrs Birling: Nichts als Neugierde.
Sheila: Nein – das ist nicht wahr.
Mrs Birling: (weist sie zurecht) Jetzt rede ich mit dem Inspektor, wenn ihr nichts
dagegen habt. (Zum Inspektor, ziemlich von oben herab) Offenbar
sollen Sie hier eine Art Verhör führen. Ich stelle aber fest, dass die Art
und Weise, wie Sie das tun, ziemlich eigenartig ist. Sie wissen sicher,
dass mein Mann vor zwei Jahren Bürgermeister war und noch am
Gericht ist.
Gerald: (unterbricht sie, ziemlich ungeduldig) Der Inspektor weiß das
alles. Und es ist kein sehr guter Einfall, ihn jetzt daran zu erinnern.
Sheila: (fällt ein) Es ist heller Wahnsinn, hör auf Mutter.
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Mr Birling: (ziemlich erregt und bekümmert) Ich hab Eric überreden wollen,
schlafen zu gehen, aber er will nicht. Er sagt, Sie hätten ihn gebeten
aufzubleiben?
Inspektor: Ja.
Mr Birling: Warum?
Inspektor: Weil ich noch mit ihm reden muss, Mr Birling.
Mr Birling: (ärgerlich) Inspektor, ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass mir der
Ton nicht passt, den Sie hier anschlagen.
Inspektor: Darauf kommt es nicht an.
Sheila: (sehr erregt, mit einem kurzen Auflachen). Nein. Denn er wird uns so
weitermachen lassen, bis wir alle ins Unglück rennen.
Mr Birling: (zu Mrs Birling) Was ist denn mit dem Kind?
Mrs Birling: Überreizt. (Mit plötzlicher Wut zum Inspektor)
Nun los schon – was wollen Sie denn wissen?
Inspektor: (kühl) Ende Januar, im letzten Jahr, musste das Mädchen Milwards
Geschäft verlassen, weil Miss Birling die Inhaber gezwungen hatte, es
zu entlassen. Und dann war sie nicht mehr Eva Smith, sondern nannte
sich Daisy Renton und begann ein neues Leben. (Wendet sich rasch
um) Wann habe Sie sie kennengelernt, Mr Croft?
Gerald: Wie kommen Sie denn auf die Idee, dass ich sie gekannt haben soll?
Inspektor: Ich wusste es. Wann und wo haben Sie sie zuerst gesehen?
Gerald: Ich habe sie im März vorigen Jahres
kennengelernt, in der Bar im Palast. Ich meine Palast-Varieté hier in
Brumley.
Sheila: Es war klar, dass du nicht den Buckingham Palast meintest.
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Mr Birling: Das stimmt. Aber ich weiß nicht, warum wir über diese Sache
gerade jetzt… (weist auf Sheila hin)
Mrs Birling: Es wäre viel besser, wenn Sheila diese Geschichte nicht anhören
müsste.
Sheila: Aber schließlich bin ich mit dem Helden der Geschichte doch
sozusagen verlobt! Weiter, Gerald. Du gingst in die Bar, die ein
beliebter Aufenthaltsort der Halbweltdamen ist.
Gerald: Freut mich, dass ich zu deiner Unterhaltung beitrage (steht auf).
Inspektor: (scharf) Weiter, Mr Croft. Was geschah?
Gerald: Ich wollte eigentlich nicht lange dortbleiben. Ich kann diese grelläugigen
Frauen mit den stumpfen Gesichtern nicht leiden. Aber dann bemerkte
ich ein Mädchen, das sah ganz anders aus. Es war sehr hübsch –
feines braunes Haar und dunkle Augen – (Bricht ab) Mein Gott!
Inspektor: Was ist denn?
Gerald: (erschüttert) Verzeihen Sie – ich – es ist mir eben erst richtig klar
geworden, dass sie tot ist. –
Inspektor: (hart) Ja, sie ist tot.
Sheila: Und wahrscheinlich haben wir sie umgebracht.
Mrs Birling: (scharf) Sheila, red doch keinen Unsinn!
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Gerald: Ja. Ich fragte sie danach. Sie sagte mir, dass sie Daisy Renton
heiße, dass sie beide Eltern verloren hätte und dass sie von
irgendwoher in der Umgebung Brumleys käme. Sie sagte mir auch,
dass sie in einem der Werke hier gearbeitet hätte und dass sie nach
einem Streik entlassen worden wäre. Was ich heraushörte – obwohl sie
das nicht beabsichtigt hatte – war, dass es ihr im Augenblick recht
schlecht ging.
Inspektor: Und dann beschlossen Sie, sie zu ihrer Geliebten zu machen?
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Gerald: Das ist schwer zu sagen. Ich fühlte natürlich nicht so viel für sie, wie sie
für mich.
Sheila: (mit scharfem Sarkasmus) Natürlich nicht. Du warst der tolle
Märchenprinz. Du musst dir großartig vorgekommen sein in der Rolle.
Gerald: Das stimmt – eine Zeitlang schon. Es wäre jedem Mann so gegangen.
Sheila: Das ist wahrscheinlich das Beste, was du heut Abend gesagt hast. Es
war wenigstens ehrlich. Warst du jeden Abend bei ihr?
Gerald: Nein. Es war keine völlige Lüge, wenn ich dir sagte, dass ich im Werk
zu tun hätte. Ich hatte wirklich viel zu tun damals. Aber ich war doch
öfters mit ihr zusammen.
Mrs. Birling: Ich glaube, wir wollen keine Einzelheiten über diese ekelhafte Affäre
wissen.
Sheila: (fällt ein) Ich schon. Außerdem haben wir bis jetzt auch noch keine
Einzelheiten zu hören bekommen.
Gerald: Das werdet ihr auch nicht (zu Mrs. Birling) Und es war auch gar nicht
ekelhaft. Müssen Sie noch mehr wissen?
Inspektor: Ja.- Wann - war es zu Ende?
Gerald: Das kann ich Ihnen genau sagen. In der ersten Septemberwoche. Ich
musste ein paar Wochen auf eine Geschäftsreise gehen und Daisy
wusste, dass es dann zu Ende sein würde. Und so brach ich unsere
Beziehungen ab, kurz bevor ich abfuhr.
Inspektor: Wie nahm sie es auf?
Gerald: Besser, als ich es erwartet hatte. Sie war sehr - tapfer.
Sheila: (ironisch) Wie günstig für dich.
Gerald: Nein. (er wartet einen Augenblick, dann langsam und traurig) Sie sagte
mir, dass es die glücklichste Zeit ihres Lebens gewesen sei - dass sie
aber gewusst hätte, dass es nicht von Dauer sein könnte und auch
nichts anderes erwartet hätte. Sie machte mir gar keine Vorwürfe. Ich
wünschte, sie hätte es getan!
Inspektor: Und aus der Wohnung musste sie ausziehn?
Gerald: Ja. Das hatten wir ausgemacht. Sie hatte sich während des Sommers
Geld gespart – sie war sehr haushälterisch mit dem Geld umgegangen.
Inspektor: Hat sie Ihnen gesagt, was sie tun wollte, nachdem Sie sie verlassen
hatten?
Gerald: Nein. Sie wollte darüber nicht sprechen. Ich nahm an, dass sie von
Brumley fort wollte. Ob sie wirklich abgereist ist, weiß ich nicht. Wissen
Sie es?
Inspektor: Ja, sie fuhr ungefähr 2 Monate weg. In ein Seebad.
Gerald: Allein?
Inspektor: Ja. Ich glaube, sie fuhr weg, um allein sein zu können, um Ruhe zu
haben, um sich noch einmal an alles erinnern zu können, was zwischen
ihnen gewesen war.
Gerald: Woher wissen Sie das?
Inspektor: Sie hat so eine Art Tagebuch geführt. Und darin steht, dass sie fort
wollte, um Ruhe zu haben und sich erinnern zu können:"damit es etwas
länger dauerte". Sie ahnte, dass es ihr nie wieder so gut gehen würde.
Gerald: (ernst) Ich verstehe. Ich habe sie nie wieder gesehen. Das ist alles, was
ich Ihnen dazu noch sagen kann.
Inspektor: Mehr wollte ich auch von Ihnen nicht wissen.
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Gerald: Dann möchte ich mich doch etwas zurückziehen - das alles hat mich
sehr mitgenommen.
Inspektor: Schon gut, Mr. Croft.
Sheila: Falls du es vergessen oder dich entschließen solltest, nicht zurück zu
kommen, Gerald, möchte ich dir lieber vorher dies zurückgeben. (Sie
gibt ihm den Ring)
Gerald: Ja. - Ich habe es nicht anders erwartet.
Sheila: Ich verachte dich nicht, wie ich es vor einer halben Stunde tat, Gerald.
Seltsamerweise schätze ich dich jetzt sogar mehr als je zuvor. Ich
wusste ja, dass du mir etwas vorgelogen hattest über die Monate im
vorigen Jahr, als du dich gar nicht bei uns blicken ließest. Ich wusste ja,
dass da etwas nicht in Ordnung war. Jetzt bist du nun endlich ehrlich
gewesen. Und ich glaube dir auch das, was du über den Anfang eurer
Beziehungen gesagt hast. Dass du ihr nur aus Mitleid geholfen hast.
Und ich hatte ja Schuld, dass du sie damals so verzweifelt trafst.
- Aber es ist doch etwas anders geworden zwischen uns. Du und ich
sind nicht mehr dieselben Menschen, die wir waren, als wir uns vorhin
zum Essen setzten. Wir müssen wieder von vorne anfangen – uns
kennenlernen.
Birling: Sheila - ich will ihn ja nicht verteidigen. Aber du musst wissen, dass die
meisten jungen Männer -
Sheila: Bitte, misch dich nicht ein, Vater. Gerald versteht, wie ich es meine - du
offenbar nicht.
Gerald: Ja, ich weiß, was du meinst. Aber ich komme wieder - wenn ich darf.
Sheila: Ja.
[Link]: Nein wirklich - ich meine, wir sind jetzt endlich am Schluss dieser
grässlichen Geschichte.
Gerald: Das glaube ich nicht. Entschuldigen Sie mich bitte.
(Gerald geht ab. Sie sehen ihm nach und hören die Haustür
zuschlagen.)
Sheila: (zum Inspektor) Sie haben ihm ja gar nicht das Foto gezeigt.
Inspektor: Nein, es war nicht notwendig. Es war wohl besser so.
Mrs. Birling: Sie haben ein Foto von dem Mädel?
Inspektor: Ja, Sie sollten es sich einmal ansehen.
(Sie dreht sich um. Man hört die Haustür ein zweites Mal zuschlagen)
Birling: Das war noch einmal die Tür.
Mrs. Birling: Gerald muss zurückgekommen sein.
Inspektor: Oder Ihr Sohn ist gegangen.
Birling: Ich will nachsehn.
(Er geht ab. Der Inspektor wendet sich Mrs. Birling zu)
Inspektor: Mrs. Birling, Sie sind ein Mitglied, sogar ein führendes Mitglied, des
Frauenhilfsvereins von Brumley, nicht wahr?
(Mrs. B. antwortet nicht)
Sheila: Aber Mutter - das kannst du doch zugeben. (Zum Inspektor) Ja, sie ist
Mitglied. Warum?
Inspektor: (ruhig) Das ist eine Vereinigung, an die sich Frauen in Not wenden
können, um Hilfe verschiedener Art zu erlangen. Nicht wahr?
Mrs. Birling: (würdevoll) Ja. wir haben schon einer Reihe von Frauen geholfe, wenn
sie es verdienten.
Inspektor: Vor 2 Wochen hatte das Antragskomitee eine Versammlung?
Mrs. Birling: Ich weiß nicht.
Inspektor: Sie wissen es sehr gut, Mrs. Birling. Sie hatten den Vorsitz.
Mrs. Birling: Und wenn - was geht das Sie an?
Inspektor: (ernst) Soll ich es Ihnen sagen - in ein paar Worten?
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Inspektor: Das werde ich Ihnen erklären, wenn Sie meine Frage beantwortet
haben, Mrs. Birling.
Birling: Aber was für einen Grund haben Sie denn, meine Frau auszufragen,
Inspektor?
Inspektor: Einen sehr guten Grund. Sie werden sich erinnern, dass Mr. Croft sagte
- wie ich glaube, wahrheitsgemäß, dass er Eva Smith seit dem vorigen
September nicht gesehen habe. Aber Mrs. Birling hat sie noch vor 2
Wochen gesehen und mit ihr gesprochen.
Sheila: (erschüttert) Mutter!
Birling: Ist das wahr?
Inspektor: Geschah es durch Ihren Einfluss - als dem Einfluss des bedeutendsten
Mitglieds, dass dem Mädchen die Hilfe verweigert wurde?
Mrs. Birling: Möglich.
Inspektor: Geschah es durch ihren Einfluss oder nicht?
Mrs. Birling: (hochgestochen) Ja, es war mein Einfluss. Ich konnte ihr Benehmen
nicht ertragen. Sie hatte sich frecherweise unseres Namens bedient.
Inspektor: Weshalb bat sie um Hilfe?
Mrs. Birling: Das wissen Sie sehr gut - warum fragen Sie?
Inspektor: Ich weiß, warum sie Hilfe brauchte. Aber da ich nicht dabei war, kann
ich nicht sagen, was sie vom Komitee erbitten wollte.
Mrs. Birling: Ich glaube, wir brauchen das hier nicht zu erörtern.
Inspektor: Sie werden nicht darum herum kommen Mrs. Birling.
Mrs. Birling: Wenn Sie meinen, Sie könnten auf mich einen Druck ausüben,
Inspektor, dann sind Sie im Irrtum. Im Gegensatz zu den anderen
dreien habe ich nichts getan, dessen ich mich zu schämen hätte. Das
Mädchen hat um Hilfe gebeten. Wir müssen alle Anträge genau prüfen.
Der Antrag des Mädchens erschien mir nicht ausreichend - der ganze
Fall war unklar - so habe ich ihn ablehnen lassen. Und ich behaupte,
meine Pflicht getan zu haben, trotz allem, was dem Mädel nachher
zugestoßen ist. - Und wenn ich es jetzt vorziehe, die Sache nicht weiter
zu erörtern, so haben Sie keine Macht, mich zu etwas anderem zu
zwingen.
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Inspektor: Doch. Die habe ich.
Mrs. Birling: Nein, die haben Sie nicht. Einfach, weil ich nichts Böses getan habe.
Inspektor: (leichthin) Sie haben etwas Furchtbares getan - und Sie
werden ein Leben dazu brauchen, es zu bedauern. Ich wünschte, Sie
wären heute Abend im Krankenaus gewesen. Sie hätten gesehen ...
Sheila: (unterbricht ihn hastig) Nein, nein, bitte nicht! Nicht noch einmal. Ich
hab es mir schon oft genug vorgestellt.
Inspektor: (wohlüberlegt) Nun, wenn Sie es sich wieder vorstellen, bedenken Sie
dabei, dass das Mädel ein Kind erwartete.
Sheila: (entsetzt) Nein! Aber wie konnte sie sich da umbringen.
Inspektor: Weil es das Maß zum Überlaufen brachte. - Das war das Ende.
Sheila: Mutter, du musst es doch gewusst haben.
Inspektor: Sie bat um Hilfe, eben weil sie ein Kind erwartete.
Birling: Aber - das - das kann Gerald Croft doch gar nicht gewesen sein -
Inspektor: (unterbricht ihn) Nein, nein. Es hat gar nichts mit ihm zu tun.
Sheila: Gott sei Dank! - Wenn ich auch nicht weiß, was mich das noch angeht.
Inspektor (zu Mrs. Birling) Und Sie haben mir weiter nichts zu sagen?
Mrs. Birling: Ich werde Ihnen erzählen, was ich ihr gesagt habe. Suchen Sie nach
dem Vater des Kindes. Er ist schließlich verantwortlich.
Inspektor: Ja, aber Sie waren auch verantwortlich. Sie kam und bat um Hilfe, die
sie nötiger brauchte als jede andere Frau. Sie haben selbst Kinder. Sie
müssen wissen, wie ihr zumute war. Und Sie haben ihr die Tür vor der
Nase zugeschlagen.
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Mrs. Birling: Oh, sie hatte sich einen Grund zusammen phantasiert. Als ob ein Mädel
von der Sorte jemals Geld zurückweisen würde!
Inspektor: (ernst) Ich warne Sie. Sie machen die Sache nur schlimmer! Was für
einen Grund gab sie an, dass sie kein Geld mehr annehmen wollte?
Mrs. Birling: Sie meinte - er hätte eines Abends, als er betrunken war, ein Wort
fallenlassen, woraus sie entnommen hätte, dass es nicht sein Geld
wäre, das er ihr brachte.
Inspektor: Aber woher hatte er es dann?
Mrs. Birling: Er hätte es gestohlen.
Inspektor: So kam sie zu Ihnen und bat um Hilfe, weil sie kein gestohlenes Geld
annehmen wollte?
Mrs. Birling: Das war die Geschichte, die sie uns schließlich erzählte. Ich bereue
keinesfalls, was ich getan habe.
Inspektor: Aber wenn die Geschichte nun wahr gewesen ist, wenn der Junge ihr
gestohlenes Geld gebracht hatte - dann kam sie zu ihnen, um diesen
Jungen vor weiteren Unannehmlichkeiten zu schützen - nicht wahr?
Mrs. Birling: Möglich, Aber es kam mir unwahrscheinlich vor. So bin ich völlig
gerechtfertigt, dass ich das Komitee überzeugte, ihren Antrag auf Hilfe
zurückzuweisen.
Inspektor: Es tut Ihnen auch jetzt nicht leid, da Sie wissen was dem Mädel
passiert ist?
Mrs. Birling: Es tut mir leid, dass sie so ein entsetzliches Ende gehabt hat. Aber es
ist nicht meine Schuld.
Inspektor: Wessen Schuld dann?
Mrs. Birling: Zunächst des Mädels eigne Schuld. Zweitens ist der junge Mensch
schuld, der der Vater des Kindes war, das sie bekommen sollte. Gerade
wenn er, wie sie sagte, nicht ihrer Klasse angehörte, sondern nur
so ein Rumtreiber aus besseren Kreisen war, ist das um so mehr
Grund, ihn nicht leer ausgehen zu lassen. Man sollte ein Exempel
statuieren. Wenn irgendeiner schuld ist an dem Tod des Mädchens, ist
er es!
Inspektor: Und wenn die Geschichte wahr ist, dass er Geld gestohlen hat?
Mrs. Birling: Dann wäre er trotzdem voll verantwortlich. Denn das Mädel wäre nicht
zu uns gekommen und wäre nicht abgewiesen worden - wenn nicht
seinetwegen.
Inspektor: So ist er also der Hauptschuldige?
Mrs. Birling: Gewiss. Und man sollte ihn strengstens ....
Mrs. Birling (ernst) Du benimmst dich heute direkt hysterisch (Sheila fängt leise an
zu weinen. Mrs. Birling wendet sich an den Inspektor). Und wenn Sie
sich aufmachen würden, den jungen Mann zu suchen und zur
Verantwortung zu ziehen - statt hier herumzusitzen und unnütze Fragen
zu stellen - , dann täten Sie wirklich ihre Pflicht.
Inspektor: (düster) Warten Sie ab, Mrs. Birling. Ich tue schon meine Pflicht (sieht
auf die Uhr)
Mrs. Birling: (triumphierend) Freut mich zu hören.
Inspektor: Kein Vertuschen, wie? Exempel statuieren an dem jungen Mann, wie?
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Öffentlich zur Verantwortung ziehen?
Mrs. Birling: Gewiss. Das ist doch nur Ihre Pflicht. Und nun werden Sie uns wohl
gute Nacht sagen wollen.
Inspektor: Noch nicht. Ich muss noch warten.
Mrs. Birling: Worauf warten?
Inspektor: Dass ich meine Pflicht tun kann.
Sheila: (erschüttert) Nun Mutter - verstehst du jetzt?
Mrs. Birling (versteht mit einem Mal) Aber nein - das ist - das ist doch einfach
lächerlich (sie hält inne und wirft ihrem Gatten einen ängstlichen Blick
zu).
Birling: (entsetzt) Hören Sie, Inspektor, Sie wollen doch nicht behaupten, dass -
dass mein Junge - auch - auch in die Sache verwickelt ist?
Inspektor: Wenn er es ist, dann wissen wir wenigstens, was wir zu tun haben,
wie? - Mrs. Birling hat es uns eben erklärt!
Birling: (wie vom Blitz getroffen) Mein Gott! - Aber - hören Sie - hören Sie doch
....
Mrs. Birling: (sehr aufgeregt) Ich glaube es nicht. Ich will es einfach nicht glauben!
....
(Der Inspektor hebt die Hand. Man hört die Haustür gehen. Sie warten und sehen auf
die Tür. Eric kommt herein. Er sieht sehr blass und nervös aus. Er tritt in das Feuer
ihrer fragenden Blicke)
Eric: (sehr elend) Ihr wisst es schon, nicht?
Inspektor: (ernst) Ja, wir wissen es.
3. AKT
Inspektor: Einen Augenblick, Mr. Berling. Ich muss jetzt hören, was ihr Sohn zu
sagen hat. Wann haben sie das Mädchen kennengelernt?
Eric: Im vergangenen November.
Inspektor: Und wo?
Eric: In der Palastbar. Ich habe mich dort mit einigen Freunden getroffen.
Und dieses Mädchen war auch dabei. Ich habe mich mit ihr unterhalten
und sie auf einige Drinks eingeladen. Wir waren alle ein wenig
betrunken.
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Inspektor: Und sie sind mit ihr an jenem Abend nach Hause gegangen. In ihre
Wohnung?
Eric: ja. Und da ist es dann geschehen. Und ich kann mich nicht einmal
daran erinnern. Mein Gott, wie widerlich das alles ist!
Mrs. Birling: Ach Eric, wie konntest du nur!
Birling: Sheila, begleite deine Mutter in den Salon.
Sheila: Aber,… ich möchte …
Birling: Du hast gehört, was ich sagte. Geh nur Sybil.
Mrs. Birling: Es tut mir leid, Arthur, ich konnte einfach nicht draußen bleiben. Ich
muss wissen, was vorgeht.
Birling: Ich kann dir sagen, was vorgeht. Er hat gestanden, dass er für den
Zustand des Mädels verantwortlich ist und Geld aus dem Geschäft
gestohlen hat, um sie zu versorgen!
Mrs. Birling: Eric! Du hast Geld gestohlen?
Eric: Ich wollte es ja zurückzahlen.
Birling: Warum bist du denn nicht zu mir gekommen, als du nicht mehr weiter
wusstest?
Eric: Du bist doch nicht der Vater, dem man – mit so was – kommen kann!
Inspektor: Darüber können sie sich unterhalten, wenn ich fort bin. Noch eine
Frage: Das Mädchen merkte, dass es gestohlenes Geld war?
Eric: Ja, und sie wollte kein Geld mehr annehmen und wollte mich auch nicht
mehr wiedersehen …. aber woher wissen sie das, hat sie es ihnen
erzählt?
Inspektor: Nein, sie hat mir nichts erzählt; ich habe sie nie gesprochen.
Inspektor: Halt! Hören sie mir zu. Ich brauche jetzt nichts weiter zu wissen. Dieses
Mädchen hat Selbstmord verübt und sie alle haben es auf dem
Gewissen. Sie haben ihr ein bisschen Hilfe verweigert, sie haben sie für
ein betrunkenes Abenteuer mitgenommen, sie haben sie um ihre letzte
Stellung gebracht, sie haben ihr 25 Shilling die Stunde verweigert. Nun
ist sie tot – sie können ihr nicht einmal mehr sagen „es tut mir leid, Eva
Smith“.
Und bedenken sie, es gibt Millionen und Millionen von Eva Smiths, die
noch leben mit ihren Hoffnungen und Ängsten. Wir leben nicht in einem
luftleeren Raum. Wir sind Glieder eines Organismus. Wir sind
füreinander verantwortlich. Und ich sage ihnen, die Zeit wird kommen,
in der die Menschen das lernen werden, unter Feuer und Blut und
Tränen lernen werden. Gute Nacht! (Geht und lässt sie ratlos zurück –
ENDE Inspektor)
Birling: (zu Eric) Daran bist du schuld! Was das noch alles nach sich zieht!
Eric: Ich glaube, das ist mir jetzt gleich.
Mrs. Birling: Eric, ich schäme mich für dich.
Eric: Und ich schäme mich für euch beide!
Birling: Was deine Mutter und ich getan haben war durch die Umstände
bedingt. Das ist alles.
Sheila: (verächtlich) Das ist alles! Ich habe mich auch schlecht benommen.
Aber ihr, ihr scheint alle nichts daraus gelernt zu haben.
Birling: Meinst du? Mir ist eine Menge klar geworden heut Abend.
Sheila: Mir ist manches nicht ganz klar! War es wirklich ein Polizeiinspektor?
Merkt ihr denn nicht, dass, wenn alles, was heute herauskam, wahr ist,
es nicht wirklich darauf ankommt, wer uns zum Geständnis brachte?
Das ist das einzige, was Bedeutung hat, ob es nun ein Polizeiinspektor
war oder nicht.
Eric: Er war unser Polizeiinspektor!
Sheila: Das ist es was ich meine; mir schien es die ganze Zeit so, als ob er kein
gewöhnlicher Polizeiinspektor war.
Birling: Das stimmt! Mir kams auch so vor.
Mrs. Birling: Ja, er war so ungehobelt.
Sheila: Aber das ändert gar nichts an unserer Lage.
Mrs. Birling: Natürlich tut es das!
Eric: Sheila hat Recht. Es ändert nichts.
Sheila: Er wollte uns nur zum Geständnis bringen. wir haben ihm ja kaum
etwas gesagt, was er nicht schon vorher wusste.
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Mrs. Birling: Mich hat er nicht zum Geständnis gezwungen. Ich habe ihm nur gesagt,
dass ich denke, meine Pflicht getan zu haben.
Birling: Ihr habt euch einfach bluffen lassen. Vielleicht ist er ein Sozialist oder
sonst ein Wirrkopf. Irgen etwas muss geschehen – rasch geschehen.
(es klingelt) wer kann denn das sein? Edna soll nachsehen! (Edna
kommt herein)
Edna: Ich habe es gehört; soll ich nachsehen?
Birling: Ja, Edna, bitte. (Edna geht)
Sheila: Vielleicht kommt Gerald zurück!
Birling: Ja, natürlich. Ich hatte ihn ganz vergessen. (Edna kommt zurück)
Edna: Mr. Croft ist zurückgekommen. Er wartet im Flur.
Birling: Ja, bringen Sie ihn herein.
Gerald: Was denken Sie nun, Mr. Birling. War es ein Betrug?
Birling: Natürlich! Jemand hat den Burschen hierher gehetzt, um uns zu foppen.
Ja, der Kerl war ein Betrüger und wir sind gefoppt worden. Eric, setz
dich!
Eric: Muss das sein?
Birling; Du bist schließlich der, der am meisten betroffen ist. Du solltest
immerhin ein gewisses Interesse zeigen.
Eric: Ich bin durchaus interessiert – viel zu interessiert. Aber du willst jetzt so
tun, als ob gar nichts passiert wäre. Aber das ist nicht so. Sie ist
schließlich tot. Keiner hat sie wieder zum Leben erweckt.
Sheila: Erich hat vollkommen recht. Ihr fangt schon wieder mit eurem
Selbstbetrug an.
Birling: Hör sich das einer an. Sie wollen nicht verstehen, was es für uns
bedeutet, wenn die ganze Sache in die Öffentlichkeit dringt.
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Eric: (laut) Und ich sage, sie ist tot und wir alle haben sie umgebracht und
das ist das Einzige, worauf es ankommt.
Birling: Und ich sage, entweder du hörst auf zu brüllen, oder du verlässt das
Zimmer!
Sheila: Durch all euer Gerede wird das Mädchen nicht wieder lebendig.
Eric: Und wir werden nicht von der Schuld freigesprochen sie umgebracht zu
haben.
Gerald: Wer sagt denn das? Denk einmal nach. Ein Mensch kommt hierher und
behauptet er wäre ein Polizeiinspektor. Er arbeitet sehr geschickt mit
einigen Unterlagen, die er sich irgendwie beschafft hat und zwingt uns
zu dem Geständnis, dass wir alle irgendwie in das Leben dieses
Mädchens hineinverwoben sind.
Eric: Und das sind wir ja schließlich auch.
Gerald: Aber woher weißt du, dass es sich immer um dasselbe Mädchen
handelt?
Eric: Wir haben es doch alle zugeben müssen.
Gerald: Gut, ihr habt alle zugegeben, dass ihr etwas mit einem Mädchen zu tun
gehabt habt.
Aber woher wisst ihr, dass es dasselbe Mädchen war?
Sie Mr. Birling haben ein Mädchen namens Eva Smith entlassen. Der
Inspektor zeigte ihnen eine Fotografie und da erinnerten sie sich.
Dann wusste er zufällig, dass Sheila bei Milwards ein Mädchen um
seine Stellung gebracht hatte und zeigte ihr ebenfalls eine Fotografie.
Sheila: Ja. Dieselbe Fotografie.
Gerald: War es dieselbe Fotografie, die er deinem Vater zeigte?
Sheila: Das kann ich nicht sagen. Jetzt weiß ich, worauf du hinauswillst!
Gerald: Wir haben keinen Beweis, dass es dieselbe Fotografie war, daher
wissen wir auch nicht, ob es dasselbe Mädchen war.
Sheila: Mutter, auch dir hat er ein Bild gezeigt, und du hast das Mädchen
darauf erkannt.
Gerald: Hat sonst noch jemand das Bild gesehen?
Mrs. Birling: Nein, er hat es nur mir gezeigt.
Gerald: Er hätte ihnen ein Foto von jedem beliebigen Mädchen zeigen können,
das beim Komitee vorgesprochen hat. Wie wollen sie wissen, dass es
wirklich Eva Smith oder Daisy Renton war? Hat er dir das Foto auch
gezeigt. Eric?
Eric: Nein. Aber offensichtlich handelte es sich um dasselbe Mädel, das ich
kannte und das Mutter aufgesucht und sie um Hilfe gebeten hatte.
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Birling: Diese Unterredung mit Mutter kann genau so gut fingiert gewesen sein
wie die ganze Sache mit dem Inspektor.
Eric: Wieso denn das? Das Mädchen ist schließlich tot, nicht wahr?
Gerald: Welches Mädchen? Es handelt sich wahrscheinlich um verschiedene
Mädchen.
Eric: Die ich kannte, ist jedenfalls tot!
Gerald: Woher willst du wissen, dass überhaupt ein Mädchen heute Selbstmord
begangen hat?
Birling: (triumphierend) Das beantworte mir mal einer!
Gerald: Dann ist das der endgültige Beweis, dass die Sache ein Schwindel ist.
(er wählt)
Hier spricht Mr. Gerald Croft, von Crofts Limiteds. Wir machen uns
Sorgen um eine unserer Angestellten. Ist heut Nachmittag ein Mädchen
eingeliefert worden, das Selbstmord verübt hat? … Ja, ich warte.
(nervöse Spannung im Raum) Ja? … Sind sie sicher …. Ja gut, besten
Dank …. Guten Abend!
Sie haben schon seit Monaten keinen Selbstmordfall gehabt!
Birling: Nun seht euch die beiden an: Die berühmte junge Generation und
können nicht einmal einen Scherz vertragen….
Ja? Hier Mr. Birling am Apparat. Was? Hier – (legt Hörer langsam auf)
Das war die Polizei! Ein Mädchen ist gerade gestorben – auf dem Weg
zum Krankenhaus – sie hat Salzsäure getrunken. Und ein
Polizeiinspektor ist auf dem Weg hierher, um – ein – paar – Fragen – zu
stellen ---
VORHANG
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