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Ein Inspektor Kommt Text

Das Dokument beschreibt ein Gespräch zwischen einem Inspektor und Herrn Birling. Der Inspektor befragt Birling zu dem Selbstmord einer ehemaligen Angestellten namens Eva Smith. Birling hatte Eva Smith vor etwa zwei Jahren wegen ihrer Beteiligung an einem Streik um höhere Löhne entlassen.

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Ein Inspektor Kommt Text

Das Dokument beschreibt ein Gespräch zwischen einem Inspektor und Herrn Birling. Der Inspektor befragt Birling zu dem Selbstmord einer ehemaligen Angestellten namens Eva Smith. Birling hatte Eva Smith vor etwa zwei Jahren wegen ihrer Beteiligung an einem Streik um höhere Löhne entlassen.

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Ein Inspektor kommt

nach John B. Priestley

Darsteller:

Inspektor
Mr. Birling ............ Firmenvorstand, Ehemann u. Vater
Gerald ................. Schwiegersohn in spe
Eric ..................... Sohn des Hauses
Edward ............... Butler
Sheila.................. Tochter des Hauses
Mrs. Birling ......... Ehefrau

..................... Erzähler ......................................

Erster Akt

Birling: Man weiß nie, was die jungen Leute heut so alles im Kopf haben. Sie
haben mehr Geld und freie Zeit als ich in Erics Alter.
Unsereins hat schwer arbeiten müssen für wenig Geld. Und trotzdem -
(steht auf) wir haben auch unsern Spaß gehabt.
Gerald: Das will ich meinen.
Birling: (ernsthaft) Ich will euch zwei jungen Leuten nicht noch einmal einen
Vortrag halten. Aber was so viele von euch, denen es doch so viel
besser geht als uns damals, nicht verstehen wollen, ist - dass jeder für
sich selbst sorgen muss und für sich selbst verantwortlich ist - für sich
und seine Familie natürlich, wenn er eine hat - und dass solange er das
tut, ihm nichts geschehen kann.

(scharfes Klingeln an der Haustür. Bierling hält inne und lauscht.)

Eric: Da ist jemand an der Tür.


Birling: Edna wird schon öffnen. Trinken Sie noch ein Glas Portwein, Gerald -
dann wollen wir uns um die Damen kümmern.

(Edna kommt herein)

Edna: Gnädiger Herr, ein Inspektor ist gekommen.


Birling: Ein Inspektor? Was für ein Inspektor?

Edna: Ein Polizeiinspektor. Er sagt, sein Name ist Inspektor Goole.


Birling: Kenn ich nicht. Will er mich sprechen?
Edna: Jawohl, gnädiger Herr. Er sagt, es ist wichtig.
Birling: Gut, Edna, führen Sie ihn herein. (Edna ab)
Ich bin noch immer am Gericht, Vielleicht handelt es sich um eine
Vollmacht.

(Edna öffnet die Tür und kündigt an)

1
Edna: Inspektor Goole.

(Der Inspektor kommt herein, Edna geht ab und schließt die Tür hinter sich. - Der
Inspektor braucht kein großer Mann zu sein, aber er muss den Eindruck absoluter
Sicherheit und Überlegenheit machen. Er ist ungefähr 50 Jahre alt und trägt die
einfache, dunkle Uniform jener Epoche. Er spricht sorgfältig und mit Nachdruck und
hat die verwirrende Gewohnheit, jeden Menschen genau anzusehen, bevor er mit
ihm spricht).

Inspektor: Mr. Birling?


Birling: Jawohl. Nehmen Sie doch Platz Inspektor.
Inspektor: Danke.
Birling: Ein Glas Portwein - oder einen kleinen Whisky?
Inspektor: Nein, danke. Ich bin im Dienst.
Birling: Sie sind neu, nicht wahr?
Inspektor: Ja. Ich bin erst kürzlich hierher versetzt worden.
Birling: Dachte ich mir, Ich war nämlich jahrelang Stadtrat - und Bürgermeister
vor zwei Jahren. Und ich hab Sie noch nie gesehen.
Inspektor: Das stimmt.
Birling: Was kann ich für Sie tun?
Inspektor: Ich möchte - Ihre freundliche Hilfe vorausgesetzt - einige
Erkundigungen einziehen. - vor zwei Stunden starb eine junge Frau im
Krankenhaus. Sie ist heute Nachmittag dorthin überführt worden, weil
sie Salzsäure getrunken hatte. Sie hat sich innerlich natürlich
vollkommen verbrannt.

Eric: (unwillkürlich) Mein Gott!


Inspektor: Man tat, was man konnte im Krankenhaus, aber sie starb. Selbstmord
natürlich.
Birling: (ziemlich ungeduldig) Ja, ja - Fürchterlich. Aber warum ...
Inspektor: (schneidet ihm das Wort ab) Sie hatte einen Brief zurückgelassen und
eine Art Tagebuch. Sie lebte unter verschiedenen Namen. Aber ihr
richtiger Name war Eva Smith.
Birling: (nachdenklich) Eva Smith.
Inspektor: Erinnern Sie sich, Mr. Birling?
Birling: (langsam) Nein - aber ihr Name kommt mir irgendwie bekannt vor. -
Eva Smith.
Inspektor: Sie war eine Zeitlang bei ihnen angestellt.
Birling: Ach - das ist´s. Jaja, es arbeiten eine Menge junger Frauen bei uns,
und sie wechseln ständig, müssen Sie wissen.
Inspektor: Diese junge Frau, Eva Smith, gehörte nicht zum Durchschnitt. Ich fand
ein Foto in ihrer Wohnung. Vielleicht erinnern Sie sich.

(Steht auf und geht auf Birling zu, zeigt ihm das Foto, das er aus der Brusttasche
nimmt. Gerald und Eric stehen auch auf, um das Bild zu sehen, aber der Inspektor
stellt sich zwischen sie und das Bild. Birling betrachtet das Bild genau und erkennt
sie. Dann steckt der Inspektor das Bild wieder in die Tasche.)

Gerald: (ärgerlich) Gibt es einen Grund, weswegen ich das Bild nicht
sehen soll, Inspektor?
Inspektor (kühl, sieht ihn prüfend an) Vielleicht.
2
Eric: Und mich betrifft dasselbe, wie?
Inspektor: Ja.
Gerald: Ich möcht wohl wissen, was das für ein Grund ist.
Eric: Ich auch.
Birling: Ich wüsste auch nicht Inspektor ....
Inspektor: Das ist meine Arbeitsweise. Immer eins nach dem anderen. Sonst gibt
es ein Durcheinander.
Birling: Das stimmt, Sehr vernünftig. (Geht ruhelos auf und ab)
Inspektor: Sie erinnern sich jetzt an Eva Smith, nicht wahr?
Birling: Ja. Sie war eine meiner Angestellten und ich habe sie entlassen.
Eric: Hat sie deshalb Selbstmord begangen? Wann hast du sie entlassen?

Birling: Sei still, Eric und reg dich nicht auf. Das Mädel ist vor ungefähr
zwei Jahren entlassen worden.
Inspektor: Jawohl.
Gerald: Hören Sie - soll ich nicht lieber gehen?
Birling: Mir macht´s nichts aus, dass Sie dabei sind, Gerald und Ihnen auch
nicht Inspektor, nicht wahr?
Vielleicht muss ich zuerst noch sagen, dass dies Mr. Gerald Croft ist,
der Sohn von Sir George Croft - Sie wissen: Crofts Limited.
Inspektor: Mr. Gerald Croft?
Birling: Ja. Wir haben gerade seine Verlobung mit meiner Tochter Sheila
gefeiert.
Inspektor: So. Mr. Croft heiratet also Miss Sheila Birling.
Gerald: (lächelt) Ich hoffe es.
Inspektor: (ernst) Dann möchte ich Sie bitten, zu bleiben.
Gerald: (überrascht) Ja - natürlich.

Birling: (etwas ungeduldig) Sehen Sie - die Sache ist ein ganz klarer Fall. Und
da die Entlassung vor 18 Monaten, also beinah vor zwei Jahren
erfolgte, hat sie offensichtlich ganz und gar nichts mit dem Selbstmord
zu tun. Nicht wahr, Inspektor?
Inspektor: Da - bin ich andrer Meinung.
Birling: Warum?
Inspektor: Vielleicht hat das, was ihr damals geschah, ihre späteren Handlungen
beeinflusst und haben eben diese Handlungen sie in den Tod
getrieben. Eine Kausalitätskette.
Birling: Ja - natürlich, wenn Sie´s so ansehn, ist schon was dran. Aber ich kann
keinerlei Verantwortlichkeit meinerseits anerkennen. Wenn jeder für
jeden verantwortlich wäre, mit dem er mal zu tun gehabt hat - das wäre
doch sehr peinlich, nicht?
Inspektor: Ja, sehr peinlich.
Birling: Was das Mädel betrifft - die Eva Smith - so erinnere ich mich jetzt ganz
gut an sie. Sie war ein sehr aufgewecktes, hübsches Mädel. War auch
eine gute Arbeiterin. Der Meister hat sie zur Vorarbeiterin gemacht.
Aber nach den Sommerferien im August waren sie alle recht aufsässig
und mit einem Mal wollten sie höhere Löhne haben. Ich habe natürlich
abgelehnt!
Inspektor: Warum?
Birling: (überrascht) Sagen sie "warum"?
Inspektor: Ja. Warum haben Sie abgelehnt?
3
Birling: Nun, Inspektor, ich sehe nicht ein, dass es für Sie Bedeutung hat, wenn
ich Ihnen Einblick in mein Geschäftsgebaren gebe.
Inspektor: Es kann schon Bedeutung haben,
Birling: Hören Sie - was ist das für ein Ton?
Inspektor: Tut mir leid - aber Sie haben mir eine Frage gestellt.
Birling: Aber vorher haben Sie mir eine Frage gestellt und noch dazu eine
unnötige.
Inspektor: Es ist meine Pflicht, Fragen zu stellen.
Birling: Und es ist meine Pflicht, die Herstellungskosten so niedrig wie möglich
zu halten. Und bei höheren Löhnen wären die Herstellungskosten um
12 % gestiegen. Genügt Ihnen das?
Sie machten dann einen Streik. (Aber das dauerte natürlich nicht lange.
Traurige Geschichte – nach ein oder zwei Wochen war der Streik
gebrochen). Wir ließen sie alle wieder arbeiten - zu den alten Löhnen -
bis auf die vier oder fünf Rädelsführer. Und dies Mädel, die Eva Smith,
gehörte zu ihnen. So musste sie eben gehen.

Gerald: Und Sie hätten die Sache nicht anders regeln können?
Eric: Natürlich hätte er.
Birling: Unsinn. Wenn man diese Sorte Leute nicht hart anpackt, verlangen sie
Gott und die Welt von einem.
Gerald: Das stimmt.

Inspektor: Möglich.
Birling: (starrt den Inspektor an) Wie war doch Ihr Name, Inspektor?
Inspektor: Goole.
Birling: Wie stehen Sie sich eigentlich mit Ihrem Chef, Leutnant Roberts?
Inspektor: Ich bekomm ihn kaum zu sehen.
Birling: Ich bekomme ihn sehr oft zu sehen, er ist ein alter Freund von mir. Das
wollte ich Ihnen nur gesagt haben. Wir spielen manchmal Golf
zusammen in West Brumley….

Eric: Warum sollten die denn nicht versuchen, höhere Löhne zu erzielen?
Wir versuchen ja auch immer, die höchsten Preise zu erzielen. Und ich
seh auch nicht ein, warum sie rausgeworfen wurde, nur weil sie ein
bisschen mehr Grips hatte als die andern. Du hast doch selbst gesagt,
dass sie eine gute Arbeiterin war. Ich hätte sie dringelassen.
Birling: (ziemlich wütend) Wenn du deine Ansichten nicht änderst, wirst du
kaum je in der Lage sein, jemanden rauszuwerfen oder drinzulassen
mein Junge, Es wird Zeit, dass du lernst, was Verantwortung heißt.

Eric: (finster) Müssen wir das vor dem Inspektor auspacken?


Birling: Ich glaube, wir brauchen dem Inspektor überhaupt nichts mehr zu
sagen. Ich wüsste wirklich nicht, was ich ihm noch erzählen sollte. Ich
sagte dem Mädel, dass es gehen sollte - und es ging.

(Sheila ist hereingekommen)

Sheila: (vergnügt) Wer ging? (Bemerkt den Inspektor)


Oh, Verzeihung - ich wusste nicht .... Mutti schickte mich - ob ihr nicht in
Salon kommen wollt.
4
Birling: Wir kommen sofort. Wir sind ohnehin am Ende.
Inspektor: Ich fürchte - nein.
Birling (schroff). Ich weiß nichts weiter darüber. Das hab ich Ihnen doch
gesagt.
Sheila: Worum handelt es sich denn?
Birling: Nichts, was dich betrifft, Sheila. Geh nur.
Inspektor: Nein, warten sie einen Augenblick, Miss Birling.

Birling: (ärgerlich) Hören Sie, Inspektor, Ihr Diensteifer geht wirklich zu weit. Ich
sehen nicht den geringsten Grund, weshalb meine Tochter mit in diese
ärgerliche Angelegenheit hineingezogen werden soll.
Sheila: Was für eine Angelegenheit? Was ist denn los?
Inspektor: (mit Nachdruck) Ich bin Polizeiinspektor, Miss Birling. Heute Nachmittag
trank eine junge Frau Salzsäure und starb heut Abend im Krankenhaus.
Sheila: Wie schrecklich! War es ein Unfall?
Inspektor: Nein - sie wollte ihrem Leben ein Ende machen. Sie fühlte, dass es so
nicht mehr weiterging.
Birling: Nun behaupten Sie noch, dass ich daran schuld war, weil ich sie vor
zwei Jahren entlassen habe!
Eric: Damit kann es angefangen haben.
Sheila: Hast du das wirklich getan, Papa?
Birling: Ja. Das Mädel hatte im Werk Unheil angerichtet - ich war vollkommen
im Recht!

Gerald: Das waren Sie. Wir hätten genauso gehandelt.


Sheila: (ziemlich niedergeschlagen) Verzeih! Aber ich muss immer an das
Mädel denken - sich selbst auf so furchtbare Art umzubringen. Wie sah
sie aus? War sie noch jung?
Inspektor: Ja. Vierundzwanzig.
Sheila: Hübsch?
Inspektor: Sie sah nicht mehr hübsch aus heut Abend, Aber sie war einmal
hübsch - sehr hübsch.
Birling: Ich glaube, wir haben jetzt genug davon gehört. Wir wissen darüber
nichts.

Inspektor: (langsam) Sind Sie ganz sicher, dass Sie nichts wissen?

(Er sieht Gerald an, dann Eric, dann Sheila)

Birling: Nehmen Sie an, dass einer von ihnen etwas über das Mädchen weiß?
Inspektor: Ja.
Birling: Sie sind also nicht nur meinetwegen hergekommen.
Inspektor: Nein.

(Die drei anderen sehen sich erstaunt und verwirrt an)

Birling: (merklich höflicher). Jetzt sieht die Sache natürlich anders aus. - Sie
wissen - Tatsachen?
Inspektor: Ja.
Birling: Aber ich kann mir nicht denken, dass es sich um Wesentliches handelt.
Inspektor: Immerhin - das Mädchen ist jetzt tot.
5
Sheila: Was meinen Sie damit? Sie reden, als ob wir verantwortlich ....
Birling (unterbricht sie) Einen Augenblick, Sheila. Hören Sie, Inspektor,
vielleicht können wir beide das in aller Ruhe allein besprechen.
Sheila: (unterbricht ihn) Warum? Mit dir ist er ja fertig. Er sagte doch, es ginge
einen von uns an.

Gerald: Was mich betrifft, ich habe nie eine Eva Smith gekannt.
Eric: Ich auch nicht.
Sheila: Wie hieß sie? Eva Smith?
Gerald: Ja.
Sheila: Nie gehört.
Gerald: Was nun, Inspektor?
Inspektor: Viele dieser jungen Frauen ändern ihren Namen, wie ich Ihnen schon
sagte. Sie war noch Eva Smith, als Mr. Birling sie entließ, weil sie 25
Shiling an Stelle von 22,60 haben wollte. Aber dann hörte sie auf, Eva
Smith zu sein. Vielleicht hatte sie es satt.
Eric: Kann man verstehen.
Sheila: (zu Birling) Es war doch recht gemein von dir. Vielleicht hast du ihr alles
verdorben.
Birling: Unsinn! (zum Inspektor) Wissen Sie, was aus dem Mädel wurde,
nachdem es meinen Betrieb verlassen hatte?
Inspektor: Ja. Die nächsten zwei Monate war sie arbeitslos. Ihre Eltern waren tot,
so hatte sie nirgends ein Zuhause. Und sie hatte ja auch kaum was
sparen können von dem, was sie bei Birling und Company verdient
hatte.

Sheila: (mit Wärme) Das kann man sich denken. Es ist eine Schande!
Inspektor: Viele junge Frauen leben so in jeder Stadt unseres Landes. Wenn es
nicht so wäre, gäbe es keine billigen Arbeitskräfte für die Fabriken und
Warenhäuser. Fragen Sie Ihren Vater, Miss Birling.
Sheila: Aber diese Mädchen sind doch nicht nur billige Arbeitskräfte, sie sind
doch Menschen!
Inspektor: Hin und wieder kam es mir selbst so vor. Wirklich, ich habe manchmal
gedacht, es würde uns allen ganz gut tun, wenn wir uns in die Lage der
jungen Frauen versetzen, die in den muffigen Hinterhäusern sitzen und
ihre Pfennige zählen.
Sheila: Ja, ganz gewiss. - Aber was wurde dann aus ihr?
Inspektor: Sie bekam eine Anstellung in einem Geschäft und in einem guten
Geschäft - Milwards.
Sheila: Milwards - aber da kaufen wir ja - heute Nachmittag war ich noch dort
(lustig zu Gerald) Dir zuliebe.
Gerald: (lächelt) Sehr schmeichelhaft.
Sheila: Ja - da hatte sie Glück, dass sie zu Milwards kam.
Inspektor: Das dachte sie auch. (geht auf Sheila zu) Das war etwas anderes als
die Fabrik: all die vielen schönen Kleider. Es war ein günstiger
Neuanfang für sie. Sie können sich das sicher vorstellen.
Sheila: Ja - natürlich.
Birling: Und dann ging´s da auch schief, wie?
Inspektor: Nach zwei Monaten, gerade als sie sich heimisch fühlte, wurde sie
entlassen.
Birling: Waren ihre Leistungen nicht ausreichend?
6
Inspektor: Ihre Leistungen waren gut, das gestanden sie ihr zu.
Birling: Aber irgendeinen Grund müssen sie doch gehabt haben.
Inspektor: Alles, was sie erfuhr, war - dass eine Kundin sich beschwert hatte -
und so musste sie gehen.
Sheila: (starrt in an, erregt) Wann war das?
Inspektor: (mit Nachdruck) Ende Januar - im vorigen Jahr.
Sheila: Wie - wie sah das Mädchen aus?
Inspektor: Kommen Sie, ich will es Ihnen zeigen.

(Er zeigt ihr das Foto. Sie betrachtet es und erkennt es mit einem kleinen Schrei,
schluchzt unterdrückt auf und rennt fort. Der Inspektor steckt das Foto zu sich und
sieht ihr nachdenklich nach.)

Gerald: Was hat sie denn?


Eric: Sie hat sie auf dem Foto erkannt, nicht?
Inspektor: Ja.
Birling: (ärgerlich) Warum, zum Teufel, haben sie das Kind so in Aufregung
versetzt?!
Inspektor: Es ist nicht meine Schuld.
Birling: Aber warum - warum ....
Inspektor: Ich weiß es nicht - noch nicht.

Birling: Wir hatten so eine hübsche, kleine Familienfeier heut Abend. Was
haben sie nur angerichtet!
Inspektor: (unbewegt) Das dachte ich auch, als ich im Krankenhaus war und mir
das ansah, was von Eva Smith noch übrig war. Was haben Sie nur
angerichtet!

(Birling sieht ihn an, als ob er etwas erwidern wollte, dann überlegt er es sich, geht
ab und schließt die Tür energisch hinter sich. Gerald und Eric tauschen unruhige
Blicke. Der Inspektor beachtet sie nicht)

Gerald: Ich würde mir das Foto gern mal ansehn, Inspektor.
Inspektor: Das hat noch Zeit.
Gerald: Ich weiß gar nicht, warum .....
Inspektor: (unterbricht ihn energisch) Sie haben doch gehört, was ich gesagt
habe, Mr. Croft. Ein Verhör nach dem anderen. Wenn die Sache Sie
etwas angeht, werden Sie bald mitreden können.
Eric: (temperamentvoll) Jetzt hab ich aber genug davon.
Inspektor: (trocken) Das kann ich mir denken.
Eric: (unbehaglich) Verzeihung - aber - wir hatten ein kleines Fest - und ich
hab getrunken - und nun habe ich Kopfschmerzen - ich bin hier nur im
Weg - ich werd besser gehen.
Inspektor: Sie werden besser bleiben.
Eric: Aber warum?
Inspektor: Weniger Mühe für Sie. Wenn Sie gehen, werden Sie wiederkommen
müssen.
Gerald: Sie machen es uns schwer, Inspektor.
Inspektor: Vielleicht.
Gerald: Schließlich sind wir doch ehrliche Bürger und keine Kriminellen.
.
7
(Sheila kommt zurück, man sieht, dass sie geweint hat)

Inspektor: Nun, Miss Birling?


Sheila: Sie wussten ja die ganze Zeit, dass ich es war, nicht?
Inspektor: Ich dachte es mir.
Sheila: Ich komme mir schlecht vor und das wird immer schlimmer. Hat es sie
denn schwer getroffen?
Inspektor: Ich fürchte, ja. Es war die letzte feste Arbeit, die sie hatte.
Sheila: (schuldbewusst) So bin ich wirklich verantwortlich?
Inspektor: Nicht Sie allein. Es geschah noch eine ganze Menge danach. Aber
teilweise sind Sie schon schuldig, genau wie Ihr Vater.
Eric: Aber was hat Sheila denn getan?

Sheila: (traurig) Ich ging zum Geschäftsführer von Milwards und sagte, dass,
wenn sie das Mädel nciht entlassen würden, ich nie wieder zu ihnen
kommen und auch Mutter davon abhalten würde.
Inspektor: Und warum taten Sie das?
Sheila: Weil ich wütend war.
Inspektor: Aber was hatte das Mädchen denn verbrochen, dass Sie so die Geduld
verloren?
Sheila: Als ich in den Spiegel sah, bemerkte ich, dass sie der Verkäuferin
zublinzelte und darüber war ich wütend - ich hatte sowieso schlechte
Laune.
Inspektor: War das Mädchen schuld an Ihrer schlechten Laune?
Sheila: Nein. Ich selbst war schuld.
Inspektor: (zu Sheila) Und was war geschehen?
Sheila: Ich war hineingegangen, um etwas anzuprobieren. Also ich zog das
Ding an, sah, dass es mir nicht stand und bemerkte das Mädel, das die
Verkäuferin ansah, als wollte sie sagen: "Sieht sie nicht komisch aus?" -
Und da wurde ich einfach wütend. Ich ging dann zum Geschäftsführer
und sagte, dass das Mädel frech wäre und -und - (sie bricht fast
zusammen, fängt sich aber wieder) Wie konnte ich denn wissen, wie
das alles kommen würde?
Wenn sie eine hässliche, kleine Göre gewesen wäre, hätte ich
wahrscheinlich gar nichts unternommen. Aber sie war sehr hübsch und
sah selbstbewusst aus. Sie tat mir nicht leid.

Inspektor: Sie waren also gewissermaßen eifersüchtig auf sie.


Sheila: Ja.
Inspektor: Und so haben Sie die Macht, die Sie als Tochter einer guten Kundin
hatten ausgenützt, um das Mädel zu bestrafen.
Sheila: Ja - aber damals war es gar nicht so furchtbar. Verstehen Sie denn
nicht? Und wenn ich ihr jetzt helfen könnte ....
Inspektor: (erbarmungslos) Ja, aber das können Sie nicht mehr. Es ist zu spät -
sie ist tot.

Eric: Mein Gott - es ist ein bisschen reichlich, wenn man darüber nachdenkt.
Sheila: (stürmisch) Oh, halt den Mund, Eric. Ich weiß, ich weiß. Es ist das
einzige Mal, dass ich so etwas getan hab – Sie haben mich manchmal
so angesehen bei Milwards, .... Ich kann da nie wieder hingehen, nie
wieder. Ach, warum musste das geschehen?
8
Inspektor: Weil Sie schlechte Laune hatten, und sie an ihr ausließen, musste
sie wieder von vorn anfangen. Zunächst nahm sie einen neuen Namen
an. Sie nannte sich Daisy Renton.

Gerald: (entsetzt) Wie?


Inspektor: (ungerührt) Ich sagte, sie nannte sich Daisy Renton.
Gerald: (reißt sich zusammen) Hast du was dagegen, wenn ich einen Schluck
trinke, Sheila?

(Sheila nickt nur und starrt ihn an, wie er sich einen Whisky einschenkt)

Inspektor: Wo ist Ihr Vater, Miss Birling?


Sheila: Er ist in den Salon gegangen, um meiner Mutter Bescheid zu sagen.
Eric, begleite den Inspektor in den Salon.

(Eric steht auf, der Inspektor sieht von Sheila zu Gerald, dann geht er mit Eric ab)

Sheila: Nun, Gerald?


Gerald: (versucht zu lächeln) Was meinst du, Sheila?
Sheila: Wie hast du das Mädel kennengelernt, die Eva Smith?
Gerald: Ich habe sie nicht kennengelernt.
Sheila: Nun, wenn nicht Eva Smith, so Daisy Renton - aber das ist dasselbe.
Gerald: Warum soll ich sie gekannt haben?
Sheila: Leugne nicht, Gerald. Wir haben nicht viel Zeit. Du hast es dir
anmerken lassen.
Gerald: Nun gut. Ich habe sie gekannt. Aber lassen wir es dabei bleiben.
Sheila: Wir können es nicht dabei bleiben lassen.
Du hast sie nicht nur gekannt - du hast sie gut gekannt. Sonst würdest
du nicht so schuldbewusst aussehen. - Wann hast du sie kennen
gelernt?
(Er antwortet nicht) Warst du mit ihr im letzten Frühling oder Sommer
zusammen, als du dich bei uns kaum sehen ließest und sagtest, du
hättest so viel zu tun? Ja, war es damals?
(Er antwortet nicht, aber sieht sie an) Natürlich war es damals.
Gerald: Verzeih mir, Sheila. Aber es war zu Ende mit dem vorigen Sommer. Ich
habe das Mädel wenigstens ein halbes Jahr lang nicht mehr gesehen.
Ich habe mit der Selbstmordgeschichte nichts zu tun.
Sheila: Das dachte ich auch von mir, vor einer halben Stunde.
Gerald: Du hast auch nichts damit zu tun. Keiner von uns - Darum - ich bitte
dich, sag um Himmels willen nichts zum Inspektor.
Sheila: Du meinst - was dich und das Mädel angeht?
Gerald: Ja. Wir können es ihm verheimlichen.
Sheila: (lacht hysterisch) Ach - du Narr - er weiß es doch schon. natürlich weiß
er es schon. Und es ist grässlich, daran zu denken, was er sonst noch
alles weiß, was wir noch nicht wissen!
Du wirst es ja sehen. Du wirst es ja sehen!

(Sie sieht ihn fast triumphierend an. Er schaudert. Die Tür geht langsam auf, der
Inspektor kommt und sieht ihn ruhig prüfend an)

9
ZWEITER AKT

Beim Aufgehen des Vorhanges ist die Situation genau die gleiche wie am Ende des
ersten Aktes. Der Inspektor steht ein paar Augenblicke an der Tür und sieht Sheila
und Gerald an.

Inspektor: (zu Gerald) Nun?


Sheila: (lacht hysterisch auf, zu Gerald): Siehst du? Was hab ich dir gesagt?
Inspektor: Was haben Sie ihm denn gesagt?
Gerald: (mit Anstrengung) Inspektor, ich glaube, wir sollten Miss Birling nicht
mehr mit Fragen behelligen. Sie hat Ihnen nichts mehr zu sagen. Sie
hat einen langen, aufregenden und ermüdenden Tag hinter sich –
Sheila: Er meint, ich werde jetzt hysterisch.
Inspektor: Und stimmt das?
Sheila: Es scheint so.
Inspektor: Dann will ich Sie nicht länger aufhalten. Ich habe weiter keine Fragen
an Sie zu stellen.
Sheila: Aber grundsätzlich sind Sie noch nicht am Ende des Verhörs, nicht
wahr?
Inspektor: Nein.
Sheila: (zu Gerald) Siehst du? (Zum Inspektor) Dann bleibe ich.
Gerald: Aber warum denn, das alles ist doch, weiß Gott, nicht angenehm?
Inspektor: Und Sie meinen, man sollte junge Frauen vor unangenehmen Dingen
schützen?
Gerald: Wenn möglich – ja.
Inspektor: Aber wir kennen eine junge Frau, die keiner beschützt hat, nicht wahr?
Gerald: Warum willst du denn hierbleiben, wenn es dich doch quält?
Sheila: Es kann nicht mehr schlimmer für mich kommen – nur besser.
Gerald: (bitter) Meinst du?
Sheila: Ich weiß ja, dass ich schuld bin, aber ich kann nicht glauben –, dass
ich alleine schuld bin an ihrem Selbstmord.

Mrs Birling: (lächelt leutselig) Guten Abend, Inspektor.


Inspektor: Guten Abend, gnädige Frau.
Mrs Birling: (leichthin) Ich bin Mrs Birling. Mein Mann hat mir gerade gesagt,
weswegen Sie hier sind. Aber, so gern wir Ihnen alles sagen wollen,
was wir über die Sache wissen, glaube ich doch nicht, dass wir Ihnen
wesentlich helfen können.
Sheila: Mutter – bitte…
Mrs Birling: (tut überrascht) Aber was ist denn, Sheila?
Sheila: (zögernd) Ich weiß – es hört sich dumm an –

Mrs Birling: Was denn?


Sheila: Ich glaube – du fängst es falsch an. Du wirst sicher etwas tun oder
sagen, was dir nachher leid tut.
Mrs Birling: Aber ich weiß gar nicht, wovon du sprichst, Sheila.
Sheila: Sie haben alle so angefangen – so sicher, so selbstbewusst – bis er
uns die Fragen gestellt hat.

Mrs Birling blickt von Sheila zum Inspektor

10
Mrs Birling: Sie haben das Kind sichtlich beeindruckt, Inspektor.
Inspektor: (kühl) Das kommt öfters vor bei jungen Menschen. Sie sind
empfänglicher.

Er und Mrs Birling sehen sich einen Augenblick an. Dann wendet sich Mrs Birling
wieder Sheila zu.

Mrs Birling: Du siehst so müde aus, Liebes. Du solltest schlafen gehen und die
ganze Sache vergessen. Morgen früh sieht alles anders aus.
Sheila: Ich kann nicht gehen. Das wäre das Schlimmste für mich. Ich bleibe
hier, bis ich weiß, warum das Mädchen Selbstmord begangen hat.
Mrs Birling: Nichts als Neugierde.
Sheila: Nein – das ist nicht wahr.
Mrs Birling: (weist sie zurecht) Jetzt rede ich mit dem Inspektor, wenn ihr nichts
dagegen habt. (Zum Inspektor, ziemlich von oben herab) Offenbar
sollen Sie hier eine Art Verhör führen. Ich stelle aber fest, dass die Art
und Weise, wie Sie das tun, ziemlich eigenartig ist. Sie wissen sicher,
dass mein Mann vor zwei Jahren Bürgermeister war und noch am
Gericht ist.
Gerald: (unterbricht sie, ziemlich ungeduldig) Der Inspektor weiß das
alles. Und es ist kein sehr guter Einfall, ihn jetzt daran zu erinnern.
Sheila: (fällt ein) Es ist heller Wahnsinn, hör auf Mutter.

Inspektor: Die beiden sind im Recht.


Mrs Birling: (will ihn in Verlegenheit bringen) Was Sie nicht sagen!
Inspektor: (ungerührt) Ja – Und was ist mit Mr Birling?
Mrs Birling: Er kommt gleich. Er hat nur eine Unterredung mit meinem Sohn Eric,
den das alles offenbar sehr mitgenommen hat.
Inspektor: Was ist denn mit ihm los?
Mrs Birling: Eric? Ach, ich fürchte, er hat ein bisschen zu viel getrunken. Wir hatten
hier eine kleine Familienfeier.
Inspektor: (unterbricht sie) Ist er das Trinken denn nicht gewohnt?
Mrs Birling: Natürlich nicht. Er ist doch noch ein Junge…
Inspektor: Er ist ein junger Mann. Und junge Leute trinken manchmal zu viel.
Sheila: Und Eric gehört zu diesen.
Mrs Birling: (sehr scharf) Sheila!
Sheila: Jeder weiß, dass er in den letzten zwei Jahren oft und oft zu viel
getrunken hat.
Mrs Birling: (betroffen) Das – ist nicht wahr. Du kennst ihn doch, Gerald – und du
bist ein Mann – du weißt, dass des nicht wahr ist.

Inspektor: (als Gerald zögert) Nun, Mr Croft?


Gerald: (verlegen zu Mrs Birling) Ich fürchte, es ist doch wahr.
Mrs Birling: (bitter) Und gerade heute müssen Sie mir das sagen. (Nach einer
Pause, reißt sich zusammen) Wenn es notwendig ist, will ich gern
Ihre Fragen beantworten, Inspektor. Obwohl ich natürlich gar nichts
über das Mädchen weiß.
Inspektor: (ernst) Das werden wir sehen, Mrs Birling.

Mr Birling kommt herein und schließt die Tür hinter sich.

11
Mr Birling: (ziemlich erregt und bekümmert) Ich hab Eric überreden wollen,
schlafen zu gehen, aber er will nicht. Er sagt, Sie hätten ihn gebeten
aufzubleiben?
Inspektor: Ja.
Mr Birling: Warum?
Inspektor: Weil ich noch mit ihm reden muss, Mr Birling.
Mr Birling: (ärgerlich) Inspektor, ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass mir der
Ton nicht passt, den Sie hier anschlagen.
Inspektor: Darauf kommt es nicht an.

Sheila: (sehr erregt, mit einem kurzen Auflachen). Nein. Denn er wird uns so
weitermachen lassen, bis wir alle ins Unglück rennen.
Mr Birling: (zu Mrs Birling) Was ist denn mit dem Kind?
Mrs Birling: Überreizt. (Mit plötzlicher Wut zum Inspektor)
Nun los schon – was wollen Sie denn wissen?

Inspektor: (kühl) Ende Januar, im letzten Jahr, musste das Mädchen Milwards
Geschäft verlassen, weil Miss Birling die Inhaber gezwungen hatte, es
zu entlassen. Und dann war sie nicht mehr Eva Smith, sondern nannte
sich Daisy Renton und begann ein neues Leben. (Wendet sich rasch
um) Wann habe Sie sie kennengelernt, Mr Croft?

Ausrufe des Erstaunens von Mr Birling und Mrs Birling

Gerald: Wie kommen Sie denn auf die Idee, dass ich sie gekannt haben soll?
Inspektor: Ich wusste es. Wann und wo haben Sie sie zuerst gesehen?
Gerald: Ich habe sie im März vorigen Jahres
kennengelernt, in der Bar im Palast. Ich meine Palast-Varieté hier in
Brumley.
Sheila: Es war klar, dass du nicht den Buckingham Palast meintest.

Gerald: (zu Sheila) Verbindlichsten Dank. Du hast doch gesagt, was du zu


sagen hattest, und offenbar ist dir die ganze Geschichte widerlich,
warum in aller Welt lässt du uns nicht damit allein?
Sheila: Es gibt nichts, was mich dazu bringen könnte! (Steht auf) Ich möchte
endlich wissen, was ein Mann wirklich tut, wenn er vorgibt, so viel zu
tun zu haben, dass er kaum Zeit hat, hin und wieder das Mädchen zu
besuchen, mit dem er sich verloben will. Ich möchte das nicht
versäumen.
Inspektor: (mit Nachdruck) Seien Sie bitte ruhig. Also Mr Croft – wir waren in der
Bar im Palast-Varieté.
Gerald: Ich gerade einmal hereingeschaut nach einem sehr langweiligen Tag.
Und da die Vorstellung nicht besonders war, bin ich in die Bar
gegangen, um etwas zu trinken. Wie Sie wissen, ist diese Bar ein
beliebter Aufenthaltsort der Halbweltdamen.
Mrs Birling: Halbweltdamen?
Inspektor: Prostituierte.
Mrs Birling: Ja – aber hier – in Brumley –
Inspektor: Brumley ist eine der verrufensten Städte des Landes, was
Prostitution betrifft.

12
Mr Birling: Das stimmt. Aber ich weiß nicht, warum wir über diese Sache
gerade jetzt… (weist auf Sheila hin)
Mrs Birling: Es wäre viel besser, wenn Sheila diese Geschichte nicht anhören
müsste.
Sheila: Aber schließlich bin ich mit dem Helden der Geschichte doch
sozusagen verlobt! Weiter, Gerald. Du gingst in die Bar, die ein
beliebter Aufenthaltsort der Halbweltdamen ist.
Gerald: Freut mich, dass ich zu deiner Unterhaltung beitrage (steht auf).
Inspektor: (scharf) Weiter, Mr Croft. Was geschah?
Gerald: Ich wollte eigentlich nicht lange dortbleiben. Ich kann diese grelläugigen
Frauen mit den stumpfen Gesichtern nicht leiden. Aber dann bemerkte
ich ein Mädchen, das sah ganz anders aus. Es war sehr hübsch –
feines braunes Haar und dunkle Augen – (Bricht ab) Mein Gott!
Inspektor: Was ist denn?
Gerald: (erschüttert) Verzeihen Sie – ich – es ist mir eben erst richtig klar
geworden, dass sie tot ist. –
Inspektor: (hart) Ja, sie ist tot.
Sheila: Und wahrscheinlich haben wir sie umgebracht.
Mrs Birling: (scharf) Sheila, red doch keinen Unsinn!

Sheila: Warte nur, Mutter.


Inspektor: (zu Gerald) Weiter.
Gerald: Sie passte nicht in die Bar. Und augenscheinlich machte ihr das Leben
dort auch gar keine Freude. Der alte Joe Meggarty, halb betrunken und
glotzäugig, hatte sie mit seinem fetten Schwergewicht in die Ecke
gedrängt –
Mrs Birling: (unterbricht ihn) Sie brauchen nicht gleich obszön zu werden. Und
sicher war es doch nicht der Stadtrat Meggarty.
Gerald: Natürlich war er’s. Er ist ein stadtbekannter Schürzenjäger und der
schlimmste Säufer und Raufbold in ganz Brumley.

Inspektor: Das stimmt.


Mrs Birling: (betroffen) Nein, Stadtrat Meggarty!
Sheila: (kühl) Das von dem grässlichen alten Meggarty weiß doch jeder. Ein
Mädel, das ich kenne, musste einmal wegen irgendeiner Sache zu ihm
aufs Rathaus. Sie entkam gerade noch mit zerrissener Bluse. –
Mr Birling: (entsetzt) Sheila!
Inspektor: (zu Gerald) Fahren Sie fort!
Gerald: Das Mädchen warf mir einen Blick zu, der war ein einziger Hilfeschrei.
So ging ich hin und erzählte Meggarty irgendwas - sodass er wegging -
und ich sagte dem Mädel, wenn es von dem Betrieb hier genug hätte,
wolle ich es gerne irgendwo anders hinbegleiten. Sie stimme sofort zu.
Inspektor: Wohin sind Sie gegangen?
Gerald: Wir gingen ins County-Hotel. Ich wusste, dass es dort um diese Zeit
sehr still war. Wir tranken und redeten.
Inspektor: Hat sie viel getrunken damals?
Gerald: Nein. Nur Portwein mit Selters oder so etwas.
Inspektor: Sprach sie über ihr Leben?

13
Gerald: Ja. Ich fragte sie danach. Sie sagte mir, dass sie Daisy Renton
heiße, dass sie beide Eltern verloren hätte und dass sie von
irgendwoher in der Umgebung Brumleys käme. Sie sagte mir auch,
dass sie in einem der Werke hier gearbeitet hätte und dass sie nach
einem Streik entlassen worden wäre. Was ich heraushörte – obwohl sie
das nicht beabsichtigt hatte – war, dass es ihr im Augenblick recht
schlecht ging.
Inspektor: Und dann beschlossen Sie, sie zu ihrer Geliebten zu machen?

Mrs Birling: Wie?


Sheila: Natürlich, Mutter. Das war von Anfang an klar. Weiter Gerald!
Gerald: (unbeeinflusst) Damals war gerade mein Freund Charlie Brunswick
nach Kanada gefahren und hatte mir den Schlüssel für seine kleine
Etagenwohnung überlassen. So bat ich Daisy, dorthin zu
ziehen und Geld zu ihrem Unterhalt von mir anzunehmen. Ich habe sie
nicht dorthin gebracht, um sie zu meiner Geliebten zu machen. Das
kam erst später.
Inspektor: Ich verstehe.
Sheila: Ja – aber warum sagst du ihm das! Das solltest es mir sagen!
Gerald: Ja, du hast recht. Verzeih mir Sheila. Aber Irgendwie ….
Sheila: (fällt ihm ins Wort) Irgendwie zwingt er dich dazu. Ich weiß.
(Zu ihrer Mutter) Wirklich Mutter. Du wirst es auch noch erleben.

Inspektor: Aber sie wurde Ihre Geliebte?


Gerald: Ja. Es war wohl unvermeidlich. Sie war jung und hübsch und
temperamentvoll – und vor allem ungeheuer dankbar. Verstehen Sie
das?
Inspektor: Ja. Sie war eine Frau. Sie war allein. Sie waren gut zu ihr gewesen,
hatten sich um sie gekümmert. Und Frauen müssen immer jemanden
haben, den sie lieben können. Das ist ihre Schwäche.
Sheila: Wie Sie das sagen -
Inspektor: Da die Welt nun mal ist, wie sie ist – mehr ein Schlachtfeld als eine
Heimstätte -, ist der Wunsch der Frau, lieben zu dürfen, eine
Schwäche. Vielleicht wäre es in einer anderen Welt eine Quelle der
Kraft. Aber nicht in der Welt, die wir uns aufgebaut haben. (Zu Gerald)
Haben Sie sie geliebt?
Sheila: Das wollte ich gerade fragen. - Hast du sie geliebt?

Birling: (ärgerlich) Ich muss doch bitten ….


Inspektor: (wendet sich ihm energisch zu) Um was wollen Sie bitten? SIE haben
doch damals das Mädchen als erster entlassen!
Birling: (zieml. erschrocken) Ja – aber ich habe doch nur gehandelt, wie jeder
andre Unternehmer auch gehandelt hätte. Und worum ich bitten wollte,
war, dass man meine Tocher, dies junge, unverheiratete Mädchen nicht
in die Geschichte hineinzieht.
Inspektor: (scharf) Ihre Tochter lebt nicht auf dem Mond. Die lebt hier in Brumley.
Sheila: Ja – und ICH habe das Mädchen aus seiner Stellung bei Milwards
vertrieben. Und ich bin sozusagen mit Gerald verlobt. Ich bin kein Kind
mehr – vergesst das nicht. Ich habe ein Recht, Bescheid zu wissen.
Hast du sie geliebt?

14
Gerald: Das ist schwer zu sagen. Ich fühlte natürlich nicht so viel für sie, wie sie
für mich.
Sheila: (mit scharfem Sarkasmus) Natürlich nicht. Du warst der tolle
Märchenprinz. Du musst dir großartig vorgekommen sein in der Rolle.
Gerald: Das stimmt – eine Zeitlang schon. Es wäre jedem Mann so gegangen.
Sheila: Das ist wahrscheinlich das Beste, was du heut Abend gesagt hast. Es
war wenigstens ehrlich. Warst du jeden Abend bei ihr?
Gerald: Nein. Es war keine völlige Lüge, wenn ich dir sagte, dass ich im Werk
zu tun hätte. Ich hatte wirklich viel zu tun damals. Aber ich war doch
öfters mit ihr zusammen.

Mrs. Birling: Ich glaube, wir wollen keine Einzelheiten über diese ekelhafte Affäre
wissen.
Sheila: (fällt ein) Ich schon. Außerdem haben wir bis jetzt auch noch keine
Einzelheiten zu hören bekommen.
Gerald: Das werdet ihr auch nicht (zu Mrs. Birling) Und es war auch gar nicht
ekelhaft. Müssen Sie noch mehr wissen?
Inspektor: Ja.- Wann - war es zu Ende?
Gerald: Das kann ich Ihnen genau sagen. In der ersten Septemberwoche. Ich
musste ein paar Wochen auf eine Geschäftsreise gehen und Daisy
wusste, dass es dann zu Ende sein würde. Und so brach ich unsere
Beziehungen ab, kurz bevor ich abfuhr.
Inspektor: Wie nahm sie es auf?
Gerald: Besser, als ich es erwartet hatte. Sie war sehr - tapfer.
Sheila: (ironisch) Wie günstig für dich.

Gerald: Nein. (er wartet einen Augenblick, dann langsam und traurig) Sie sagte
mir, dass es die glücklichste Zeit ihres Lebens gewesen sei - dass sie
aber gewusst hätte, dass es nicht von Dauer sein könnte und auch
nichts anderes erwartet hätte. Sie machte mir gar keine Vorwürfe. Ich
wünschte, sie hätte es getan!
Inspektor: Und aus der Wohnung musste sie ausziehn?
Gerald: Ja. Das hatten wir ausgemacht. Sie hatte sich während des Sommers
Geld gespart – sie war sehr haushälterisch mit dem Geld umgegangen.
Inspektor: Hat sie Ihnen gesagt, was sie tun wollte, nachdem Sie sie verlassen
hatten?
Gerald: Nein. Sie wollte darüber nicht sprechen. Ich nahm an, dass sie von
Brumley fort wollte. Ob sie wirklich abgereist ist, weiß ich nicht. Wissen
Sie es?
Inspektor: Ja, sie fuhr ungefähr 2 Monate weg. In ein Seebad.
Gerald: Allein?
Inspektor: Ja. Ich glaube, sie fuhr weg, um allein sein zu können, um Ruhe zu
haben, um sich noch einmal an alles erinnern zu können, was zwischen
ihnen gewesen war.
Gerald: Woher wissen Sie das?
Inspektor: Sie hat so eine Art Tagebuch geführt. Und darin steht, dass sie fort
wollte, um Ruhe zu haben und sich erinnern zu können:"damit es etwas
länger dauerte". Sie ahnte, dass es ihr nie wieder so gut gehen würde.
Gerald: (ernst) Ich verstehe. Ich habe sie nie wieder gesehen. Das ist alles, was
ich Ihnen dazu noch sagen kann.
Inspektor: Mehr wollte ich auch von Ihnen nicht wissen.
15
Gerald: Dann möchte ich mich doch etwas zurückziehen - das alles hat mich
sehr mitgenommen.
Inspektor: Schon gut, Mr. Croft.
Sheila: Falls du es vergessen oder dich entschließen solltest, nicht zurück zu
kommen, Gerald, möchte ich dir lieber vorher dies zurückgeben. (Sie
gibt ihm den Ring)
Gerald: Ja. - Ich habe es nicht anders erwartet.
Sheila: Ich verachte dich nicht, wie ich es vor einer halben Stunde tat, Gerald.
Seltsamerweise schätze ich dich jetzt sogar mehr als je zuvor. Ich
wusste ja, dass du mir etwas vorgelogen hattest über die Monate im
vorigen Jahr, als du dich gar nicht bei uns blicken ließest. Ich wusste ja,
dass da etwas nicht in Ordnung war. Jetzt bist du nun endlich ehrlich
gewesen. Und ich glaube dir auch das, was du über den Anfang eurer
Beziehungen gesagt hast. Dass du ihr nur aus Mitleid geholfen hast.
Und ich hatte ja Schuld, dass du sie damals so verzweifelt trafst.
- Aber es ist doch etwas anders geworden zwischen uns. Du und ich
sind nicht mehr dieselben Menschen, die wir waren, als wir uns vorhin
zum Essen setzten. Wir müssen wieder von vorne anfangen – uns
kennenlernen.
Birling: Sheila - ich will ihn ja nicht verteidigen. Aber du musst wissen, dass die
meisten jungen Männer -
Sheila: Bitte, misch dich nicht ein, Vater. Gerald versteht, wie ich es meine - du
offenbar nicht.
Gerald: Ja, ich weiß, was du meinst. Aber ich komme wieder - wenn ich darf.
Sheila: Ja.

[Link]: Nein wirklich - ich meine, wir sind jetzt endlich am Schluss dieser
grässlichen Geschichte.
Gerald: Das glaube ich nicht. Entschuldigen Sie mich bitte.
(Gerald geht ab. Sie sehen ihm nach und hören die Haustür
zuschlagen.)
Sheila: (zum Inspektor) Sie haben ihm ja gar nicht das Foto gezeigt.
Inspektor: Nein, es war nicht notwendig. Es war wohl besser so.
Mrs. Birling: Sie haben ein Foto von dem Mädel?
Inspektor: Ja, Sie sollten es sich einmal ansehen.

(Er zieht das Foto heraus und sie betrachtet es eingehend)


Inspektor: (Zieht das Foto zurück) Sie haben sie erkannt?
Mrs. Birling: Nein. Warum sollte ich?
Inspektor: Vielleicht hat sie sich etwas verändert - aber doch nicht so viel, dass Sie
sie nicht erkennen sollten.
Mrs. Birling: Inspektor, ich weiß nicht, was Sie wollen.
Inspektor: Wirklich, Mrs. Birling?
Mrs. Birling (ärgerlich). Ich meine, was ich sage.
Inspektor: Das stimmt nicht.
Mrs. Birling: Ich muss doch sehr bitten!
Birling: (ärgerlich zum Inspektor) Hören Sie mal, so geht das nicht, Inspektor.
Sie werden sich sofort entschuldigen.
Inspektor: Entschuldigen? Weswegen? Weil ich meine Pflicht tue?
Birling: Nein, weil Sie sich beleidigend benehmen. Ich bin ein Mann der
Öffentlichkeit ....
16
Inspektor: (gewichtig) Männer der Öffentlichkeit haben Rechte - aber auch
Pflichten, Mr. Birling.
Birling: Möglich. Aber Sie sind nicht hergekommen, um mir das zu sagen.
Sheila: Hoffentlich nicht. Obwohl es mir fast so vorkommt.
Mrs. Birling: Was soll das heißen, Sheila?
Sheila: Es heißt, dass wir im Augenblick gar keine Berechtigung haben,
vornehm zu tun. Und wenn wir ein bisschen gesunden
Menschenverstand haben, lassen wir es lieber bleiben.

(Sie dreht sich um. Man hört die Haustür ein zweites Mal zuschlagen)
Birling: Das war noch einmal die Tür.
Mrs. Birling: Gerald muss zurückgekommen sein.
Inspektor: Oder Ihr Sohn ist gegangen.
Birling: Ich will nachsehn.

(Er geht ab. Der Inspektor wendet sich Mrs. Birling zu)

Inspektor: Mrs. Birling, Sie sind ein Mitglied, sogar ein führendes Mitglied, des
Frauenhilfsvereins von Brumley, nicht wahr?
(Mrs. B. antwortet nicht)

Sheila: Aber Mutter - das kannst du doch zugeben. (Zum Inspektor) Ja, sie ist
Mitglied. Warum?
Inspektor: (ruhig) Das ist eine Vereinigung, an die sich Frauen in Not wenden
können, um Hilfe verschiedener Art zu erlangen. Nicht wahr?

Mrs. Birling: (würdevoll) Ja. wir haben schon einer Reihe von Frauen geholfe, wenn
sie es verdienten.
Inspektor: Vor 2 Wochen hatte das Antragskomitee eine Versammlung?
Mrs. Birling: Ich weiß nicht.
Inspektor: Sie wissen es sehr gut, Mrs. Birling. Sie hatten den Vorsitz.
Mrs. Birling: Und wenn - was geht das Sie an?
Inspektor: (ernst) Soll ich es Ihnen sagen - in ein paar Worten?

(Birling kommt herein, ziemlich erregt)


Birling: Das muss Eric gewesen sein.
Mrs. Birling: (erschreckt) Bist du in seinem Zimmer gewesen?
Birling: Ja, und ich habe in beiden Stockwerken nach ihm gerufen. Er muss
fortgegangen sein.
Mrs. Birling: Der dumme Junge - wo kann er hingegangen sein?
Birling: Ich kann´s mir gar nicht denken. Aber er war so aufgeregt und wenn wir
ihn hier auch nicht brauchen -
Inspektor: (fällt ihm ins Wort) Aber wir brauchen ihn hier. Und wenn er nicht bald
zurück ist, werde ich ihn holen müssen.

(Ehepaar Birling sieht sich erschrocken an)


Sheila: Er hat sich wohl nur ein bisschen abkühlen wollen. Er ist sicherlich
gleich zurück.
Inspektor: Hoffentlich.
Mrs. Birling: Warum hoffentlich?

17
Inspektor: Das werde ich Ihnen erklären, wenn Sie meine Frage beantwortet
haben, Mrs. Birling.
Birling: Aber was für einen Grund haben Sie denn, meine Frau auszufragen,
Inspektor?

Inspektor: Einen sehr guten Grund. Sie werden sich erinnern, dass Mr. Croft sagte
- wie ich glaube, wahrheitsgemäß, dass er Eva Smith seit dem vorigen
September nicht gesehen habe. Aber Mrs. Birling hat sie noch vor 2
Wochen gesehen und mit ihr gesprochen.
Sheila: (erschüttert) Mutter!
Birling: Ist das wahr?

Mrs. Birling: (nach einer Pause) Ja, es ist wahr.


Inspektor: Sie bat um Hilfe bei Ihrer Vereinigung?
Mrs. Birling: Ja.
Inspektor: Nicht als Eva Smith?
Mrs. Birling: Nein. Auch nicht als Daisy Renton.
Inspektor: Wie denn?
Mrs. Birling: Zuerst nannte sie sich Mrs. Birling -
Birling (erstaunt) Mrs. Birling!
Mrs. Birling: Ja. Das war doch schon eine ziemliche Frechheit - so ganz willkürlich -
und natürlich hat mich das von vornherein gegen sie eingenommen.
Birling: Kann ich mir denken! So eine Frechheit!
Inspektor: Sie geben zu, dass Sie voreingenommen waren?
Mrs. Birling: Ja.
Sheila: Mutter, sie ist eben erst gestorben - und auf so furchtbare Art - vergiss
das nicht.
Mrs. Birling: Es tut mir leid. Aber sie ist schließlich selbst schuld.

Inspektor: Geschah es durch Ihren Einfluss - als dem Einfluss des bedeutendsten
Mitglieds, dass dem Mädchen die Hilfe verweigert wurde?
Mrs. Birling: Möglich.
Inspektor: Geschah es durch ihren Einfluss oder nicht?
Mrs. Birling: (hochgestochen) Ja, es war mein Einfluss. Ich konnte ihr Benehmen
nicht ertragen. Sie hatte sich frecherweise unseres Namens bedient.
Inspektor: Weshalb bat sie um Hilfe?
Mrs. Birling: Das wissen Sie sehr gut - warum fragen Sie?
Inspektor: Ich weiß, warum sie Hilfe brauchte. Aber da ich nicht dabei war, kann
ich nicht sagen, was sie vom Komitee erbitten wollte.
Mrs. Birling: Ich glaube, wir brauchen das hier nicht zu erörtern.
Inspektor: Sie werden nicht darum herum kommen Mrs. Birling.
Mrs. Birling: Wenn Sie meinen, Sie könnten auf mich einen Druck ausüben,
Inspektor, dann sind Sie im Irrtum. Im Gegensatz zu den anderen
dreien habe ich nichts getan, dessen ich mich zu schämen hätte. Das
Mädchen hat um Hilfe gebeten. Wir müssen alle Anträge genau prüfen.
Der Antrag des Mädchens erschien mir nicht ausreichend - der ganze
Fall war unklar - so habe ich ihn ablehnen lassen. Und ich behaupte,
meine Pflicht getan zu haben, trotz allem, was dem Mädel nachher
zugestoßen ist. - Und wenn ich es jetzt vorziehe, die Sache nicht weiter
zu erörtern, so haben Sie keine Macht, mich zu etwas anderem zu
zwingen.
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Inspektor: Doch. Die habe ich.
Mrs. Birling: Nein, die haben Sie nicht. Einfach, weil ich nichts Böses getan habe.
Inspektor: (leichthin) Sie haben etwas Furchtbares getan - und Sie
werden ein Leben dazu brauchen, es zu bedauern. Ich wünschte, Sie
wären heute Abend im Krankenaus gewesen. Sie hätten gesehen ...
Sheila: (unterbricht ihn hastig) Nein, nein, bitte nicht! Nicht noch einmal. Ich
hab es mir schon oft genug vorgestellt.
Inspektor: (wohlüberlegt) Nun, wenn Sie es sich wieder vorstellen, bedenken Sie
dabei, dass das Mädel ein Kind erwartete.
Sheila: (entsetzt) Nein! Aber wie konnte sie sich da umbringen.
Inspektor: Weil es das Maß zum Überlaufen brachte. - Das war das Ende.
Sheila: Mutter, du musst es doch gewusst haben.
Inspektor: Sie bat um Hilfe, eben weil sie ein Kind erwartete.
Birling: Aber - das - das kann Gerald Croft doch gar nicht gewesen sein -
Inspektor: (unterbricht ihn) Nein, nein. Es hat gar nichts mit ihm zu tun.

Sheila: Gott sei Dank! - Wenn ich auch nicht weiß, was mich das noch angeht.
Inspektor (zu Mrs. Birling) Und Sie haben mir weiter nichts zu sagen?
Mrs. Birling: Ich werde Ihnen erzählen, was ich ihr gesagt habe. Suchen Sie nach
dem Vater des Kindes. Er ist schließlich verantwortlich.
Inspektor: Ja, aber Sie waren auch verantwortlich. Sie kam und bat um Hilfe, die
sie nötiger brauchte als jede andere Frau. Sie haben selbst Kinder. Sie
müssen wissen, wie ihr zumute war. Und Sie haben ihr die Tür vor der
Nase zugeschlagen.

Sheila: (tief empfunden) Mutter, das war grausam und gemein.


Birling: (nachdenklich) Ich muss schon sagen, Sybil, wenn das publik wird,
kann es uns sehr schaden. Die Presse kann es aufgreifen -
Mrs. Birling: (jetzt aufgeregt) Genug, ihr beiden! Ich sagte Ihr, dass sie den Vater
verantwortlich machen sollte. Wenn er sie nicht heiraten wollte - und ich
meine, dazu hätte man ihn zwingen sollen - , müsste er wenigstens für
sie sorgen.
Inspektor: Und was hat sie darauf geantwortet?
Mrs. Birling: Ach Unsinn - nichts als Unsinn.
Inspektor: Und - woraus bestand der Unsinn?
Mrs. Birling: Was immer es auch war, ich habe schließlich die Geduld verloren. Sie
gab sich ein geradezu lächerliches Ansehen. Entwickelte Skrupel und
Ressentiments, die für ein Mädel in ihrer Lage einfach lächerlich sind.
Inspektor: Ihre Lage ist jetzt, dass sie mit einem ausgebrannten Magen auf der
Bahre liegt. (als Birling widersprechen will) Jammern Sie mir nichts vor.
Ich verliere langsam die Geduld mit solchen Menschen. Was sagte sie
damals?
Mrs. Birling: (ziemlich eingeschüchtert) Sie sagte, dass der Vater ein ganz junger
Kerl sei - unerfahren, haltlos und trunksüchtig. Es stände ganz außer
Frage, ihn zu heiraten - es wäre falsch für sie beide. Er hatte ihr Geld
gegeben, aber sie wollte keins mehr von ihm.
Inspektor: Warum wollte sie kein Geld mehr von ihm nehmen?
Mrs. Birling: Ach, ich habe kein Wort davon geglaubt.
Inspektor: Ich frage nicht, was Sie geglaubt haben, ich will wissen, was sie gesagt
hat. Warum wollte sie kein Geld mehr von dem Jungen annehmen?

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Mrs. Birling: Oh, sie hatte sich einen Grund zusammen phantasiert. Als ob ein Mädel
von der Sorte jemals Geld zurückweisen würde!
Inspektor: (ernst) Ich warne Sie. Sie machen die Sache nur schlimmer! Was für
einen Grund gab sie an, dass sie kein Geld mehr annehmen wollte?
Mrs. Birling: Sie meinte - er hätte eines Abends, als er betrunken war, ein Wort
fallenlassen, woraus sie entnommen hätte, dass es nicht sein Geld
wäre, das er ihr brachte.
Inspektor: Aber woher hatte er es dann?
Mrs. Birling: Er hätte es gestohlen.
Inspektor: So kam sie zu Ihnen und bat um Hilfe, weil sie kein gestohlenes Geld
annehmen wollte?
Mrs. Birling: Das war die Geschichte, die sie uns schließlich erzählte. Ich bereue
keinesfalls, was ich getan habe.
Inspektor: Aber wenn die Geschichte nun wahr gewesen ist, wenn der Junge ihr
gestohlenes Geld gebracht hatte - dann kam sie zu ihnen, um diesen
Jungen vor weiteren Unannehmlichkeiten zu schützen - nicht wahr?
Mrs. Birling: Möglich, Aber es kam mir unwahrscheinlich vor. So bin ich völlig
gerechtfertigt, dass ich das Komitee überzeugte, ihren Antrag auf Hilfe
zurückzuweisen.
Inspektor: Es tut Ihnen auch jetzt nicht leid, da Sie wissen was dem Mädel
passiert ist?
Mrs. Birling: Es tut mir leid, dass sie so ein entsetzliches Ende gehabt hat. Aber es
ist nicht meine Schuld.
Inspektor: Wessen Schuld dann?
Mrs. Birling: Zunächst des Mädels eigne Schuld. Zweitens ist der junge Mensch
schuld, der der Vater des Kindes war, das sie bekommen sollte. Gerade
wenn er, wie sie sagte, nicht ihrer Klasse angehörte, sondern nur
so ein Rumtreiber aus besseren Kreisen war, ist das um so mehr
Grund, ihn nicht leer ausgehen zu lassen. Man sollte ein Exempel
statuieren. Wenn irgendeiner schuld ist an dem Tod des Mädchens, ist
er es!
Inspektor: Und wenn die Geschichte wahr ist, dass er Geld gestohlen hat?
Mrs. Birling: Dann wäre er trotzdem voll verantwortlich. Denn das Mädel wäre nicht
zu uns gekommen und wäre nicht abgewiesen worden - wenn nicht
seinetwegen.
Inspektor: So ist er also der Hauptschuldige?
Mrs. Birling: Gewiss. Und man sollte ihn strengstens ....

Sheila: (mit plötzlicher Unruhe) Mutter, halt - halt!


Birling: Sei ruhig, Sheila!
Sheila: Aber siehst du denn nicht ....

Mrs. Birling (ernst) Du benimmst dich heute direkt hysterisch (Sheila fängt leise an
zu weinen. Mrs. Birling wendet sich an den Inspektor). Und wenn Sie
sich aufmachen würden, den jungen Mann zu suchen und zur
Verantwortung zu ziehen - statt hier herumzusitzen und unnütze Fragen
zu stellen - , dann täten Sie wirklich ihre Pflicht.
Inspektor: (düster) Warten Sie ab, Mrs. Birling. Ich tue schon meine Pflicht (sieht
auf die Uhr)
Mrs. Birling: (triumphierend) Freut mich zu hören.
Inspektor: Kein Vertuschen, wie? Exempel statuieren an dem jungen Mann, wie?
20
Öffentlich zur Verantwortung ziehen?
Mrs. Birling: Gewiss. Das ist doch nur Ihre Pflicht. Und nun werden Sie uns wohl
gute Nacht sagen wollen.
Inspektor: Noch nicht. Ich muss noch warten.
Mrs. Birling: Worauf warten?
Inspektor: Dass ich meine Pflicht tun kann.
Sheila: (erschüttert) Nun Mutter - verstehst du jetzt?
Mrs. Birling (versteht mit einem Mal) Aber nein - das ist - das ist doch einfach
lächerlich (sie hält inne und wirft ihrem Gatten einen ängstlichen Blick
zu).
Birling: (entsetzt) Hören Sie, Inspektor, Sie wollen doch nicht behaupten, dass -
dass mein Junge - auch - auch in die Sache verwickelt ist?
Inspektor: Wenn er es ist, dann wissen wir wenigstens, was wir zu tun haben,
wie? - Mrs. Birling hat es uns eben erklärt!
Birling: (wie vom Blitz getroffen) Mein Gott! - Aber - hören Sie - hören Sie doch
....
Mrs. Birling: (sehr aufgeregt) Ich glaube es nicht. Ich will es einfach nicht glauben!
....
(Der Inspektor hebt die Hand. Man hört die Haustür gehen. Sie warten und sehen auf
die Tür. Eric kommt herein. Er sieht sehr blass und nervös aus. Er tritt in das Feuer
ihrer fragenden Blicke)
Eric: (sehr elend) Ihr wisst es schon, nicht?
Inspektor: (ernst) Ja, wir wissen es.

(Mrs. Birling schreit auf und bricht in ihrem Stuhl zusammen)

Mrs. Birling: Mein Gott!

3. AKT

Inspektor: Ja, wir wissen es!


Mrs. Birling: Eric, da muss doch irgendein Missverständnis sein. Du weißt doch gar
nicht, was wir gesagt haben.
Sheila: Und das ist ganz gut so!
Birling: Genug Sheila, genug!
Eric: Du hast es mir nicht gerade leichter gemacht, Mutter.
Mrs. Birling: Aber ich hab doch nicht im Traum daran gedacht, dass du es sein
könntest. Du bist doch kein Trinker!
Sheila: Natürlich ist er einer.
Berling: Wenn du ein bisschen Familiengefühl hättest …

Inspektor: Einen Augenblick, Mr. Berling. Ich muss jetzt hören, was ihr Sohn zu
sagen hat. Wann haben sie das Mädchen kennengelernt?
Eric: Im vergangenen November.
Inspektor: Und wo?
Eric: In der Palastbar. Ich habe mich dort mit einigen Freunden getroffen.
Und dieses Mädchen war auch dabei. Ich habe mich mit ihr unterhalten
und sie auf einige Drinks eingeladen. Wir waren alle ein wenig
betrunken.
21
Inspektor: Und sie sind mit ihr an jenem Abend nach Hause gegangen. In ihre
Wohnung?
Eric: ja. Und da ist es dann geschehen. Und ich kann mich nicht einmal
daran erinnern. Mein Gott, wie widerlich das alles ist!
Mrs. Birling: Ach Eric, wie konntest du nur!
Birling: Sheila, begleite deine Mutter in den Salon.
Sheila: Aber,… ich möchte …
Birling: Du hast gehört, was ich sagte. Geh nur Sybil.

Inspektor: Wann haben Sie sie wiedergetroffen?


Eric: Zwei Wochen später. Ich traf sie wieder in der Bar. Zufällig.
Inspektor: Und sie sind wieder mit ihr nach Hause gegangen?
Eric: Ja, ich mochte sie gern – sie war so hübsch und so ein guter Kamerad.
Birling Und darum musstest du mit ihr in Bett gehen?
Eric: Ich bin schließlich alt genug.
Inspektor: Und, haben sie sich danach verabredet?
Eric: Ja, und da sagte sie mir, dass sie ein Kind bekäme.
Inspektor: Und meinte sie, dass Sie sie heiraten müssten?
Eric: Nein, sie wollte nicht, dass ich sie heirate. Sie sagte, ich liebte sie ja
nicht. Sie behandelte mich wie einen kleinen Jungen.
Inspektor: Was wollte sie dann tun?
Eric: Sie hatte keine Arbeit und so bestand ich darauf ihr so viel Geld zu
geben, dass sie davon leben konnte.
Inspektor: Wie viel Geld hatten sie ihr insgesamt gegeben?
Eric: Ungefähr, rund fünfzig Pfund.
Birling: Fünfzig Pfund – und woher hattest du das Geld?
Eric: Aus dem … Geschäft.
Birling: Aus meinem Geschäft?
Eric: Ja.
Inspektor: Sie haben das Geld gestohlen?
(Sheila und Mrs. Birling kommen zurück)

Mrs. Birling: Es tut mir leid, Arthur, ich konnte einfach nicht draußen bleiben. Ich
muss wissen, was vorgeht.
Birling: Ich kann dir sagen, was vorgeht. Er hat gestanden, dass er für den
Zustand des Mädels verantwortlich ist und Geld aus dem Geschäft
gestohlen hat, um sie zu versorgen!
Mrs. Birling: Eric! Du hast Geld gestohlen?
Eric: Ich wollte es ja zurückzahlen.
Birling: Warum bist du denn nicht zu mir gekommen, als du nicht mehr weiter
wusstest?
Eric: Du bist doch nicht der Vater, dem man – mit so was – kommen kann!
Inspektor: Darüber können sie sich unterhalten, wenn ich fort bin. Noch eine
Frage: Das Mädchen merkte, dass es gestohlenes Geld war?
Eric: Ja, und sie wollte kein Geld mehr annehmen und wollte mich auch nicht
mehr wiedersehen …. aber woher wissen sie das, hat sie es ihnen
erzählt?
Inspektor: Nein, sie hat mir nichts erzählt; ich habe sie nie gesprochen.

Sheila: Sie hat es Mutter erzählt!


Mrs. Birling: (entsetzt) Sheila!
22
Eric: Sie hat es dir erzählt? Sag doch, was ist passiert?
Inspektor: Ich werde es ihnen sagen: Sie wandte sich an das Komitee ihrer Mutter
und bat um Hilfe. Ihre Mutter verweigerte ihr die Hilfe!
Eric: Dann hast du sie umgebracht! Sie kam zu dir, um mich zu schützen –
und du hast sie abgewiesen. Du hast sie umgebracht, sie und das Kind,
das sie erwartete, dein eigenes Enkelkind!
Mrs. Birling: Nein Eric, ich bitte dich, ich wusste es ja nicht.
Eric: Nein, natürlich nicht! Du hast ja nie etwas verstanden, was uns anging.
Sheila: Eric, lass – lass!
Birling: Hysterischer Affe!

Inspektor: Halt! Hören sie mir zu. Ich brauche jetzt nichts weiter zu wissen. Dieses
Mädchen hat Selbstmord verübt und sie alle haben es auf dem
Gewissen. Sie haben ihr ein bisschen Hilfe verweigert, sie haben sie für
ein betrunkenes Abenteuer mitgenommen, sie haben sie um ihre letzte
Stellung gebracht, sie haben ihr 25 Shilling die Stunde verweigert. Nun
ist sie tot – sie können ihr nicht einmal mehr sagen „es tut mir leid, Eva
Smith“.
Und bedenken sie, es gibt Millionen und Millionen von Eva Smiths, die
noch leben mit ihren Hoffnungen und Ängsten. Wir leben nicht in einem
luftleeren Raum. Wir sind Glieder eines Organismus. Wir sind
füreinander verantwortlich. Und ich sage ihnen, die Zeit wird kommen,
in der die Menschen das lernen werden, unter Feuer und Blut und
Tränen lernen werden. Gute Nacht! (Geht und lässt sie ratlos zurück –
ENDE Inspektor)

Birling: (zu Eric) Daran bist du schuld! Was das noch alles nach sich zieht!
Eric: Ich glaube, das ist mir jetzt gleich.
Mrs. Birling: Eric, ich schäme mich für dich.
Eric: Und ich schäme mich für euch beide!
Birling: Was deine Mutter und ich getan haben war durch die Umstände
bedingt. Das ist alles.

Sheila: (verächtlich) Das ist alles! Ich habe mich auch schlecht benommen.
Aber ihr, ihr scheint alle nichts daraus gelernt zu haben.
Birling: Meinst du? Mir ist eine Menge klar geworden heut Abend.
Sheila: Mir ist manches nicht ganz klar! War es wirklich ein Polizeiinspektor?
Merkt ihr denn nicht, dass, wenn alles, was heute herauskam, wahr ist,
es nicht wirklich darauf ankommt, wer uns zum Geständnis brachte?
Das ist das einzige, was Bedeutung hat, ob es nun ein Polizeiinspektor
war oder nicht.
Eric: Er war unser Polizeiinspektor!
Sheila: Das ist es was ich meine; mir schien es die ganze Zeit so, als ob er kein
gewöhnlicher Polizeiinspektor war.
Birling: Das stimmt! Mir kams auch so vor.
Mrs. Birling: Ja, er war so ungehobelt.
Sheila: Aber das ändert gar nichts an unserer Lage.
Mrs. Birling: Natürlich tut es das!
Eric: Sheila hat Recht. Es ändert nichts.
Sheila: Er wollte uns nur zum Geständnis bringen. wir haben ihm ja kaum
etwas gesagt, was er nicht schon vorher wusste.
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Mrs. Birling: Mich hat er nicht zum Geständnis gezwungen. Ich habe ihm nur gesagt,
dass ich denke, meine Pflicht getan zu haben.
Birling: Ihr habt euch einfach bluffen lassen. Vielleicht ist er ein Sozialist oder
sonst ein Wirrkopf. Irgen etwas muss geschehen – rasch geschehen.
(es klingelt) wer kann denn das sein? Edna soll nachsehen! (Edna
kommt herein)
Edna: Ich habe es gehört; soll ich nachsehen?
Birling: Ja, Edna, bitte. (Edna geht)
Sheila: Vielleicht kommt Gerald zurück!
Birling: Ja, natürlich. Ich hatte ihn ganz vergessen. (Edna kommt zurück)
Edna: Mr. Croft ist zurückgekommen. Er wartet im Flur.
Birling: Ja, bringen Sie ihn herein.

Gerald: Ich hoffe, ich störe nicht?


Mrs. Birling: Natürlich nicht, Gerald!
Gerald: Ich habe einen bestimmten Grund für meine Rückkehr.
Birling: Sie wissen etwas. Was ist es?
Gerald: Der Mann war kein Polizeiinspektor.
Mrs. Birling: Sind Sie sicher?
Gerald: Ja. Ich traf einen Sergeanten, den ich kenne und fragte ihn nach
Inspektor Goole.
Er sagte mir, dass es keinen Inspektor Goole hier in Brumley gebe.
Birling: Donnerwetter! Ein Schwindel.
Mrs. Birling: Hab ich es dir nicht gesagt, dass ein echter Polizeiinspektor so mit uns
nicht redet.
Gerald: Sie hatten recht. Man hat uns eine Falle gestellt.
Birling: Ich werde jetzt Leutnant Roberts anrufen, den Polizeichef. (telefoniert)
Ja, hier ist Birling – Leutnant Roberts, bitte! Hallo Roberts – hier ist
Birling. entschuldige den späten Anruf, aber kannst du mir sagen ob ein
gewisser Inspektor Goole bei euch eingestellt worden ist? G-o-o-l-e, ja,
ein Neuer; kräftiger Bursche mit Bart und vollem Krausehaar? Nein!
Nein, nein, wir hatten hier nur eine kleine Auseinandersetzung darüber.
Danke, und gute Nacht.
- Es gibt keinen Inspektor Goole bei der hiesigen Polizei.
Mrs. Birling: Das kam mir die ganze Zeit so vor…

Gerald: Was denken Sie nun, Mr. Birling. War es ein Betrug?
Birling: Natürlich! Jemand hat den Burschen hierher gehetzt, um uns zu foppen.
Ja, der Kerl war ein Betrüger und wir sind gefoppt worden. Eric, setz
dich!
Eric: Muss das sein?
Birling; Du bist schließlich der, der am meisten betroffen ist. Du solltest
immerhin ein gewisses Interesse zeigen.
Eric: Ich bin durchaus interessiert – viel zu interessiert. Aber du willst jetzt so
tun, als ob gar nichts passiert wäre. Aber das ist nicht so. Sie ist
schließlich tot. Keiner hat sie wieder zum Leben erweckt.
Sheila: Erich hat vollkommen recht. Ihr fangt schon wieder mit eurem
Selbstbetrug an.
Birling: Hör sich das einer an. Sie wollen nicht verstehen, was es für uns
bedeutet, wenn die ganze Sache in die Öffentlichkeit dringt.

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Eric: (laut) Und ich sage, sie ist tot und wir alle haben sie umgebracht und
das ist das Einzige, worauf es ankommt.
Birling: Und ich sage, entweder du hörst auf zu brüllen, oder du verlässt das
Zimmer!
Sheila: Durch all euer Gerede wird das Mädchen nicht wieder lebendig.
Eric: Und wir werden nicht von der Schuld freigesprochen sie umgebracht zu
haben.

Gerald: Aber ist das wirklich eine Tatsache?


Sheila: Du willst wohl jetzt wegbeweisen, dass du dir im letzten Sommer eine
Geliebte gehalten hast, statt dich um mich zu kümmern.
Gerald: Das Verhältnis habe ich zugegeben. Ich kann dich nur um Verzeihung
bitten.
Sheila: Du hast dich immerhin noch besser gehalten als wir anderen. Das hat
der Inspektor auch gesagt.
Birling: Er war ja gar kein Inspektor.
Sheila: Hört auf den Kopf in den Sand zu stecken. Wir haben das Mädchen in
den Tod getrieben.

Gerald: Wer sagt denn das? Denk einmal nach. Ein Mensch kommt hierher und
behauptet er wäre ein Polizeiinspektor. Er arbeitet sehr geschickt mit
einigen Unterlagen, die er sich irgendwie beschafft hat und zwingt uns
zu dem Geständnis, dass wir alle irgendwie in das Leben dieses
Mädchens hineinverwoben sind.
Eric: Und das sind wir ja schließlich auch.
Gerald: Aber woher weißt du, dass es sich immer um dasselbe Mädchen
handelt?
Eric: Wir haben es doch alle zugeben müssen.
Gerald: Gut, ihr habt alle zugegeben, dass ihr etwas mit einem Mädchen zu tun
gehabt habt.
Aber woher wisst ihr, dass es dasselbe Mädchen war?
Sie Mr. Birling haben ein Mädchen namens Eva Smith entlassen. Der
Inspektor zeigte ihnen eine Fotografie und da erinnerten sie sich.
Dann wusste er zufällig, dass Sheila bei Milwards ein Mädchen um
seine Stellung gebracht hatte und zeigte ihr ebenfalls eine Fotografie.
Sheila: Ja. Dieselbe Fotografie.
Gerald: War es dieselbe Fotografie, die er deinem Vater zeigte?
Sheila: Das kann ich nicht sagen. Jetzt weiß ich, worauf du hinauswillst!
Gerald: Wir haben keinen Beweis, dass es dieselbe Fotografie war, daher
wissen wir auch nicht, ob es dasselbe Mädchen war.
Sheila: Mutter, auch dir hat er ein Bild gezeigt, und du hast das Mädchen
darauf erkannt.
Gerald: Hat sonst noch jemand das Bild gesehen?
Mrs. Birling: Nein, er hat es nur mir gezeigt.
Gerald: Er hätte ihnen ein Foto von jedem beliebigen Mädchen zeigen können,
das beim Komitee vorgesprochen hat. Wie wollen sie wissen, dass es
wirklich Eva Smith oder Daisy Renton war? Hat er dir das Foto auch
gezeigt. Eric?
Eric: Nein. Aber offensichtlich handelte es sich um dasselbe Mädel, das ich
kannte und das Mutter aufgesucht und sie um Hilfe gebeten hatte.

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Birling: Diese Unterredung mit Mutter kann genau so gut fingiert gewesen sein
wie die ganze Sache mit dem Inspektor.

Eric: Wieso denn das? Das Mädchen ist schließlich tot, nicht wahr?
Gerald: Welches Mädchen? Es handelt sich wahrscheinlich um verschiedene
Mädchen.
Eric: Die ich kannte, ist jedenfalls tot!
Gerald: Woher willst du wissen, dass überhaupt ein Mädchen heute Selbstmord
begangen hat?
Birling: (triumphierend) Das beantworte mir mal einer!

Eric: Aber – aber – damit hat doch alles angefangen!


Birling: Er musste uns von Anfang an gleich verblüffen, dass wir ihm nachher
alles glaubten:
Ein Mädchen ist im Krankenhaus gestorben. Sie hatte Salzsäure
getrunken, starb unter Qualen.
Eric: Hör auf, hör auf, hör auf!!
Birling: Siehst du, da hast du es! Schon die Wiederholung allein macht dich
nervös. Und das war´s, was er bezweckte. Er wollte uns unsicher
machen, damit er mit seinen Fragen anfangen konnte – bis wir nicht
mehr wussten, was rechts und was links war. …. Er wird sich in
Fäustchen lachen.
Eric: Von mir aus kann er sich totlachen – wenn ich wüsste, dass es wirklich
nur ein Jux war.

Birling: Ich bin überzeugt, das war kein polizeiliches Verhör.


Sheila: Und auch kein Selbstmord?
Gerald: Das können wir gleich feststellen, wir rufen das Krankenhaus an.
Birling: Aber das wird ein bisschen komisch aussehen, da anzurufen, mitten in
der Nacht.
Gerald: Das macht mir nichts aus.
Mrs. Birling: Und wenn kein Mädchen eingeliefert wurde?

Gerald: Dann ist das der endgültige Beweis, dass die Sache ein Schwindel ist.
(er wählt)
Hier spricht Mr. Gerald Croft, von Crofts Limiteds. Wir machen uns
Sorgen um eine unserer Angestellten. Ist heut Nachmittag ein Mädchen
eingeliefert worden, das Selbstmord verübt hat? … Ja, ich warte.
(nervöse Spannung im Raum) Ja? … Sind sie sicher …. Ja gut, besten
Dank …. Guten Abend!
Sie haben schon seit Monaten keinen Selbstmordfall gehabt!

Birling: Da habt ihrs! Eindeutiger Beweis. Nichts als Schwindel. Ein


Hirngespinst!
Mrs. Birling: Das haben sie sehr schlau angestellt, Gerald. Ich bin ihnen sehr
dankbar!
Gerald: Während ich draußen war, hatte ich ja die Möglichkeit Abstand zu
gewinnen und mir die Sache zu überlegen.
Birling: Ja, sie hat er nicht so außer Atem gebracht wie uns. Ich gebe zu, er hat
mir keinen kleinen Schreck versetzt! Aber ich habe ja auch genug
Grund, einen öffentlichen Skandal zu vermeiden. Auf unser Wohl!
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Sheilamädchen, mach nicht so ein Gesicht. Es ist alles vorüber. Das
siehst du doch ein. „Sie alle haben sie auf dem Gewissen!“, … ihr hättet
eure Gesichter sehen sollen, als er das sagte!
Sheila: Ja, das Schlimmste ist vorüber. Aber alles was wir gestanden haben,
hat sich doch wirklich zugetragen. Ihr tut ganz so, als ob alles wie
vorher wäre. Es gibt nichts zu bereuen und nichts zu beherzigen. Wir
können alle so weiterleben wie zuvor.
Mrs. Birling: Ja, warum denn auch nicht?
Sheila: Ich will euch eins sagen – wer immer der Inspektor auch war – das war
mehr als ein Scherz! Und das habt ihr vorhin auch durchaus gemerkt.
Aber jetzt seid ihr schon wieder drüber hinweg. Ihr seid schon wieder im
alten Trott.
Birling: Du etwa nicht?
Sheila: Nein! Weil ich mich genau an das erinnere, was er gesagt hat und an
das seltsame Gefühl, das ich dabei hatte. Und ich bekomme Angst,
wenn ich dich so leichtfertig reden höre.

Birling: Nun, dann ist es am besten, du gehst jetzt schlafen. Du bist ja


hysterisch, Mädchen, hysterisch.
Mrs. Birling: Sie ist nur übermüdet. Morgen wird sie genauso darüber lachen, wie
wir.
Gerald: Es ist alles wieder in Ordnung, Sheila. Und wie denkst du über den
Ring?
Sheila: Nein. Bitte! Noch nicht! Ich muss darüber nachdenken!

Birling: Nun seht euch die beiden an: Die berühmte junge Generation und
können nicht einmal einen Scherz vertragen….

(Das Telefon schrillt. Absolute Stille. Birling geht zum Apparat)

Ja? Hier Mr. Birling am Apparat. Was? Hier – (legt Hörer langsam auf)
Das war die Polizei! Ein Mädchen ist gerade gestorben – auf dem Weg
zum Krankenhaus – sie hat Salzsäure getrunken. Und ein
Polizeiinspektor ist auf dem Weg hierher, um – ein – paar – Fragen – zu
stellen ---

VORHANG

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