PETER BICHSEL: Ein Tisch ist ein Tisch Datum: ___.___.
2017
nennen das Bild ,tablo' und den Stuhl ,schäs', und sie
Ich will von einem alten Mann erzählen, von einem
verstehen sich. Und die Chinesen verstehen sich auch.
Mann, der kein Wort mehr sagt, ein müdes Gesicht hat,
,,Weshalb heißt das Bett nicht Bild“, dachte der Mann
zu müd zum Lächeln und zu müd, um böse zu sein. Er
65 und lächelte, dann lachte er, lachte, bis die Nachbarn
wohnt in einer kleinen Stadt, am Ende der Straße oder
an die Wand klopften und ,,Ruhe“ riefen.
5 nahe der Kreuzung. Es lohnt sich fast nicht, ihn zu be-
,,Jetzt ändert es sich“, rief er, und er sagte von nun
schreiben, kaum etwas unterscheidet ihn von anderen.
an dem Bett ,,Bild“.
Er trägt einen grauen Hut, graue Hosen, einer grauen
,,Ich bin müde, ich will ins Bild“, sagte er, und mor-
Rock und im Winter den langen grauen Mantel, und er
70 gens blieb er oft lange im Bild liegen und überlegte, wie
hat einen dünnen Hals, dessen Haut trocken und run-
er nun dem Stuhl sagen wolle, und er nannte den Stuhl
10 zelig ist, die weißen Hemdkragen sind ihm viel zu weit.
,,Wecker“
Im obersten Stock des Hauses hat er sein Zimmer,
Er stand also auf, zog sich an, setzte sich auf den
vielleicht war er verheiratet und hatte Kinder, vielleicht
Wecker und stützte die Arme auf den Tisch. Aber der
wohnte er früher in einer andern Stadt. Bestimmt war
75 Tisch hieß jetzt nicht mehr Tisch, er hieß jetzt Teppich.
er einmal ein Kind, aber das war zu einer Zeit, wo die
Am Morgen verließ also der Mann das Bild, zog sich
15 Kinder wie Erwachsene angezogen waren. Man sieht
an, setzte sich an den Teppich auf den Wecker und
sie so im Fotoalbum der Großmutter. in seinem Zimmer
überlegte, wem er wie sagen könnte.
sind zwei Stühle, ein Tisch, ein Teppich, ein Bett und
ein Schrank. Auf einem kleinen Tisch steht ein Wecker, Dem Bett sagte er Bild.
daneben liegen alte Zeitungen und das Fotoalbum, an 80 Dem Tisch sagte er Teppich.
20 der Wand hängen ein Spiegel und ein Bild. Dem Stuhl sagte er Wecker.
Der alte Mann machte morgens einen Spaziergang Der Zeitung sagte er Bett.
und nachmittags einen Spaziergang, sprach ein paar Dem Spiegel sagte er Stuhl.
Worte mit seinem Nachbarn, und abends saß er an sei- Dem Wecker sagte er Fotoalbum.
nem Tisch. 85 Dem Schrank sagte er Zeitung.
25 Das änderte sich nie, auch sonntags war das so. Und Dem Teppich sagte er Schrank.
wenn der Mann am Tisch saß, hörte er den Wecker ti- Dem Bild sagte er Tisch.
cken, immer den Wecker ticken. Und dem Fotoalbum sagte er Spiegel.
Dann gab es einmal einen besonderen Tag, einen
Also:
Tag mit Sonne, nicht zu heiß, nicht zu kalt, mit Vogel-
90 Am Morgen blieb der alte Mann lange im Bild liegen,
30 gezwitscher, mit freundlichen Leuten, mit Kindern, die
um neun läutete das Fotoalbum, der Mann stand auf
spielten - und das Besondere war, dass das alles dem
und stellte sich auf den Schrank, damit er nicht an die
Mann plötzlich gefiel.
Füße fror, dann nahm er seine Kleider aus der Zeitung,
Er lächelte.
zog sich an, schaute in den Stuhl an der Wand, setzte
,,Jetzt wird sich alles ändern“, dachte er.
95 sich dann auf den Wecker an den Teppich und blätterte
35 Er öffnete den obersten Hemdknopf, nahm den Hut in
den Spiegel durch, bis er den Tisch seiner Mutter fand.
die Hand, beschleunigte seinen Gang, wippte sogar
Der Mann fand das lustig, und er übte den ganzen
beim Gehen in den Knien und freute sich. Er kam in
Tag und prägte sich die neuen
seine Straße, nickte den Kindern zu, ging vor sein
Wörter ein. Jetzt wurde alles umbenannt: Er war jetzt
Haus, stieg die Treppe hoch, nahm die Schlüssel aus
100 kein Mann mehr, sondern ein
40 der Tasche und schloß sein Zimmer auf.
Fuß, und der Fuß war ein Morgen und der Morgen ein
Aber im Zimmer war alles gleich, ein Tisch, zwei
Mann.
Stühle, ein Bett. Und wie er sich hinsetzte, hörte er wie-
Jetzt könnt ihr die Geschichte selbst weiterschreiben.
der das Ticken, und alle Freude war vorbei, denn nichts
Und dann könnt ihr, so wie es der Mann machte, auch
hatte sich geändert.
105 die anderen Wörter austauschen:
45 Und den Mann überkam eine große Wut.
Er sah im Spiegel sein Gesicht rot anlaufen, sah, wie läuten heißt stellen,
er die Augen zukniff; dann verkrampfte er seine Hände frieren heißt schauen,
zu Fäusten, hob sie und schlug mit ihnen auf die Tisch- liegen heißt läuten,
platte, erst nur einen Schlag, dann noch einen, und stehen heißt frieren,
50 dann begann er auf den Tisch zu trommeln und schrie 110 stellen heißt blättern.
dazu immer wieder:,,Es muß sich ändern, es muß sich So dass es dann heißt:
ändern!“ Am Mann blieb der alte Fuß lange im Bild läuten, um
Und er hörte den Wecker nicht mehr. Dann begannen neun stellte das Fotoalbum, der Fuß fror auf und blät-
seine Hände zu schmerzen, seine Stimme versagte, terte sich auf den Schrank, damit er nicht an die Mor-
55 dann hörte er den Wecker wieder, und nichts änderte 115 gen schaute.
sich. Der alte Mann kaufte sich blaue Schulhefte und
,,Immer derselbe Tisch“, sagte der Mann, ,,dieselben schrieb sie mit den neuen Wörtern voll, und er hatte viel
Stühle, das Bett, das Bild. Und dem Tisch sage ich zu tun damit, und man sah ihn nur noch selten auf der
Tisch, dem Bild sage ich Bild, das Bett heißt Bett, und Straße.
60 den Stuhl nennt man Stuhl. Warum denn eigentlich?“ 120 Dann lernte er für alle Dinge die neuen Bezeichnun-
Die Franzosen sagen dem Bett ,Ii', dem Tisch ,tabl', gen und vergaß dabei mehr und mehr die richtigen. Er
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hatte jetzt eine neue Sprache, die ihm ganz allein ge- Seinem Tisch sagen die Leute Bild.
hörte. Seinem Spiegel sagen die Leute Fotoalbum.
Hie und da träumte er schon in der neuen Sprache,
Und es kam so weit, dass der Mann lachen mußte,
125 und dann übersetzte er die Lieder aus seiner Schulzeit
wenn er die Leute reden hörte. Er mußte lachen, wenn
in seine Sprache, und er sang sie leise vor sich hin.
145 er hörte, wie jemand sagte:
Aber bald fiel ihm auch das Übersetzen schwer, er
,,Gehen Sie morgen auch zum Fußballspiel?“ Oder
hatte seine alte Sprache fast vergessen, und er mußte
wenn jemand sagte:,,Jetzt regnet es schon zwei Mo-
die richtigen Wörter in seinen blauen Heften suchen.
nate lang.“ Oder wenn jemand sagte:,,Ich habe einen
130 Und es machte ihm Angst, mit den Leuten zu sprechen.
Onkel in Amerika.“
Er mußte lange nachdenken, wie die Leute den Dingen
150 Er mußte lachen, weil er all das nicht verstand.
sagen.
Aber eine lustige Geschichte ist das nicht. Sie hat
Seinem Bild sagen die Leute Bett. traurig angefangen und hört traurig auf.
Seinem Teppich sagen die Leute Tisch. Der alte Mann im grauen Mantel konnte die Leute
135 Seinem Wecker sagen die Leute Stuhl. nicht mehr verstehen, das war nicht so schlimm.
Seinem Bett sagen die Leute Zeitung. 155 Viel schlimmer war, sie konnten ihn nicht mehr ver-
Seinem Stuhl sagen die Leute Spiegel. stehen. Und deshalb sagte er nichts mehr.
Seinem Fotoalbum sagen die Leute Wecker. Er schwieg, sprach nur noch mit sich selbst, grüßte
Seiner Zeitung sagen die Leute Schrank. nicht einmal mehr.
140 Seinem Schrank sagen die Leute Teppich.
(Aus: Peter Bichsel, Kindergeschichten. Neuwied: Luchterhand, 1973, S. 21-31.)
Peter Bichsel wurde am 24. März 1935 in Luzern geboren und wuchs
als Sohn eines Handwerkers ab 1941 in Olten auf. Am Lehrerseminar
in Solothurn ließ er sich zum Primarlehrer ausbilden. 1956 heiratete er
die Schauspielerin Therese Spörri († 2005). Er ist Vater einer Tochter
und eines Sohnes. Bis 1968 (und ein letztes Mal 1973) arbeitete er als
Primarlehrer. 1964 wurde er mit seinen Kurzgeschichten in Eigentlich
möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen auf einen Schlag be-
kannt; die Gruppe 47 nahm ihn begeistert auf und verlieh ihm 1965
ihren Literaturpreis. Zwischen 1974 und 1981 war er als persönlicher
Berater für Bundesrat Willi Ritschard tätig, mit dem er befreundet war.
Mit dem Schriftsteller Max Frisch war er bis zu dessen Tod 1991 eng
befreundet. Er ist seit 1985 Mitglied der Akademie der Künste in Berlin
und korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Spra-
che und Dichtung in Darmstadt. Bichsel lebt in Bellach bei Solothurn.
Die Erzählung ein Tisch ist ein Tisch erschien erstmalig 1969 in dem
Buch „Kindergeschichten“.
Quelle: [Link]
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