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Der Spiegel - 2022-03-19

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Dänemark dkr 64,95 Frankreich €  7,10 Italien €  7,60 Österreich €  6,50 Schweiz sfr  8,50 Slowenien €  6,90 Spanien / Kanaren €   7,30 Ungarn Ft 2990,- in Germany

MASSENFLUCHT
Deutschlands neue
Willkommenskultur
Die TV-Rebellin über
Putins Lügen-System
MARINA OWSJANNIKOWA

Wie die Ukrainer der russischen Übermacht trotzen


DEUTSCHLAND € 5,80
Nr. 12 | 19.3.2022
RENAULT ZOE
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Der Renault ZOE E-Tech steht seit vielen Jahren für intelligente Elektromobilität im Alltag. Mit einer Reich-
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mit der 41-kWh-Batterie, optional erhältlich ist die 52-kWh-Batterie mit bis zu 395 km ermittelter Reichweite.
Faktoren wie Fahrweise, Geschwindigkeit, Topografie, Zuladung, Außentemperatur und Nutzungsgrad
elektrischer Verbraucher haben Einfluss auf die tatsächliche Reichweite. Bei WLTP handelt es sich um ein
neues, realistischeres Prüfverfahren zur Messung des Kraftstoff verbrauchs und der CO₂-Emissionen.
Renault Zoe: Stromverbrauch kombiniert (kWh/100 km): 17,7–17,2; CO₂-Emissionen kombiniert: 0–0 g/km;
Energieeffizienzklasse: A+++–A+++ (Werte nach gesetzl. Messverfahren).
Abb. zeigt Renault Zoe Intens mit Sonderausstattung. Eine Werbung der Renault Deutschland AG,
Renault Nissan Str. 6–10, 50321 Brühl.

[Link]/zoe
COMIC-WETTBEWERB

ZEICHNE DEN
HAUSMITTEILUNG
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»Dein SPIEGEL« und die Drogerie-

E. Ozmen / Magnum Photos / DER SPIEGEL


markt-Kette ROSSMANN suchen
die kreativsten Comics zu der Frage:
Anastasia Vlasova / DER SPIEGEL

Ilvy Njiokiktjien / DER SPIEGEL


Wie können wir
den Wald schützen?

privat
Titel  | Seiten 8 bis 26 DARUM GEHT’S
Den deutschen Wäldern geht es nicht gut.
Unter anderem das Klima und Schädlinge
Am Donnerstag sprach der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zum Deutschen­
wie der Borkenkäfer machen den Bäumen
Bundestag, per Liveübertragung. Zu sehen war ein Politiker, der sein Land mit Mut und
Probleme. Experten überlegen, wie man
­Menschlichkeit durch einen Krieg führt. Christian Esch, Leiter des SPIEGEL-Büros in Moskau,
Wälder am besten schützen kann, denn sie
­beschreibt die ­unwahrscheinliche Karriere von Selenskyj, dem Komiker, der als Quereinsteiger
sind wichtig für Tiere und Menschen. Wie
in die Politik ging – und jetzt die Rolle seines Lebens gefunden hat. Er ist die Symbolfigur des
toll wäre es, wenn es einen Wald-Meister
­Widerstands, doch es gibt im ganzen Land jetzt Tausende kleine Selenskyjs, die dafür sorgen, oder eine Wald-Meisterin gäbe? Eine Person
dass die Ukrainer der ­russischen Übermacht auch in der vierten Kriegswoche trotzen. SPIEGEL- (oder viele), die den Wald beschützt und sich
Redakteur Alexander Sarovic und »Weltwoche«-Reporter Kurt Pelda erlebten dies im umkämpf- darum kümmert, dass es ihm gut geht.
ten Kiew. Pelda beobachtete an der Front, wie die Ukrainer ihre Stadt verteidigen, und war
mit Freiwilligen unterwegs, die Bewohner mit Hilfsgütern und Nahrungsmitteln versorgten. Im WAS GENAU MÜSST IHR TUN?
Westen des Landes, in Lwiw, recherchierte Walter Mayr, wie sich die Stadt auf den Krieg vor­ Erst mal nachdenken, rumspinnen, Ideen
bereitet und Zehntausende Flüchtlinge versorgt, die hier Unterschlupf gefunden haben. Im ­Lwiwer haben. Wer könnte Wald-Meister sein?
Rathaus erlebte Mayr einen Bürgermeister, der offenkundig schwer zu erschüttern ist: »Wir ­müssen Und wie rettet er die Natur? Wenn ihr eine
diese Stadt und das restliche Land am Laufen halten.« Idee habt, zeichnet einen Comic. Ihr könnt
ihn schwarz-weiß machen oder knallbunt,
Geflüchtete  | Seite 40 lustig oder ernst, völlig egal. Aber wichtig:
Ihr müsst dafür eine unserer Vorlagen
Mehr als sechs Jahre ist es her, dass Hunderttausende Syrer, Afghanen und Iraker Schutz suchten benutzen. Es gibt drei Varianten mit unter-
in Deutschland, nun kommen erneut Geflüchtete in großer Zahl, dieses Mal aus der Ukraine. Bis schiedlich vielen Kästchen. Die Seiten findet
zu 10 000 sind es allein in Berlin, täglich. Wie viele noch folgen werden, kann niemand sagen. Ein ihr unter: [Link]/wettbewerb
SPIEGEL-Team um Jan Friedmann und Annette Großbongardt schildert die Situation in den deut-
schen Städten, die große Hilfsbereitschaft, aber auch die Probleme, etwa bei der Verteilung und WER K ANN TEILNEHMEN?
Aufnahme Zehntausender Kinder in Schulen. Friedmann urteilt: »Noch ist die Hilfsbereitschaft Kinder und Jugendliche können in zwei
groß, aber schon jetzt kommen erste Kommunen an ihre Grenzen.« Altersgruppen teilnehmen: Kinder von 8 bis
11, Jugendliche von 12 bis 16 Jahren. Ihr
Moldau  | Seite 60 könnt allein mitmachen oder als Gruppe
von maximal fünf Leuten.
Alexander Smoltczyk kannte von der Republik Moldau bis-
lang nur die Separatistenrepublik Transnistrien, in der er vor UND DAS KÖNNT IHR GEWINNEN:
einigen Jahren recherchierte. Bei seiner aktuellen Reise begeg- 1. PREIS: eine Reise ins Baumhaus-Hotel
Petrut Calinescu / DER SPIEGEL

nete er einem Land im Wartestand, dessen Zustand ihm auch »Tree Inn« im Wolfcenter Dörverden mit
von der Künstlerin Valeria Barbas erklärt wurde. »Die Ereig- einer Übernachtung
nisse in der Ukraine werden von vielen als Ausblick auf die 2. PREIS: ein großes Kreativ-Paket von
eigene Zukunft erlebt«, so Smoltczyk. »Eine Zukunft, der sie ROSSMANN mit allem, was man zum
wehrlos ausgesetzt wären.« Moldau grenzt an die Ukraine, ist Zeichnen braucht
weder Mitglied der EU noch der Nato. Seine Luftwaffe besteht 3. PREIS: ein Bücherpaket aus der
aus einer Transportmaschine aus Sowjetzeiten. »Dein SPIEGEL«-Redaktion

SPIEGEL GESCHICHTE WIE K ANN MAN MITMACHEN?


Alle Infos zum Wettbewerb, die Comic-
Vor 1400 Jahren verließ ein Mann namens Mohammed seine Heimatstadt Kästchen-Vorlagen, die Teilnahme-
Mekka und zog nach Medina, wo er Schutz vor seinen Gegnern fand und wei- bedingungen und das Ich-will-
tere Anhänger für die neue Religion: den Islam. Mit dem Auszug des Prophe- mitmachen-Formular findet ihr unter:
ten aus Mekka begann die Karriere Mohammeds als politischer Anführer und [Link]/wettbewerb
der Aufstieg einer neuen Macht. SPIEGEL GESCHICHTE »Der Islam im Mit-
Einsendeschluss ist der
telalter« beschreibt Überraschendes aus der Frühgeschichte des Islam, so war 30. April 2022
die Rolle der Frau weniger festgelegt, aber auch dunkle Kapitel, wie den Men-
schenhandel, die Polemik gegen die Juden. Das Heft erscheint am Dienstag.

Nr. 12 / 19.3.2022 DER SPIEGEL 3


INHALT TITEL

8 | Ukraine  Wie Präsident


­Wolodymyr Selenskyj den Wider-
stand gegen Russland anführt
DER SPIEGEL 76. Jahrgang | Heft 12 | 19.3.2022

12 | Militär  Was die ukraini-


schen Streitkräfte stark macht

14 | Gesellschaft  Reportage
von der Front vor Kiew

18 | Geopolitik  Der ehemalige


US-Sicherheitsberater H. R.
McMaster über die Aufrüstung
der Ukraine

20 | Zivilisten  Die humanitäre


Katastrophe von Mariupol

22 | Freiwillige  Warum Aus­


länder für die Ukraine kämpfen

24 | Identität  Die ungewisse


­Zukunft der Kulturstadt Lwiw

[Link] / Future Image / Snapshot


26 | Medien  Marina Owsjanni-
kowa über ihre ­Protestaktion
im russischen Staatsfernsehen

DEUTSCHLAND

6 | Leitartikel  Die Bundes­

Der Zauberer von Kiew regierung braucht einen Neustart

28 | Fragwürdige Verdächtigung
gegen Spahn / Radikalisierte
UKRAINEKRIEG  Seit Wochen halten ukrainische Streitkräfte und Freiwillige dem Corona-Protestszene / Der
Vormarsch der russischen Armee stand. Präsident Wolodymyr Selenskyj ist mit ­gesunde Menschenverstand /
So gesehen: Linke Waffe
seinen Videos und Auftritten vor Politikern weltweit zum Symbol des Widerstands
geworden. Kann es sogar gelingen, Putins Militärmacht zu schlagen? | 8 bis 26 32 | Union  Debatte über
Angela Merkels Russlandkurs

36 | Karrieren  Altbundespräsi-
dent Christian Wulff über seine
Begegnungen mit Wladimir Putin

38 | Corona  Öffentlich mahnt


Gesundheitsminister Karl
Lauterbach, intern gibt er nach

40 | Migration  Es könnten
mehr Flüchtlinge kommen
Niels Starnick / Bild am Sonntag

als 2015 – schaffen wir das?


Urban Zintel / DER SPIEGEL

Matt Baron / Shutterstock

45 | Innenministerin Nancy
Faeser drängt auf Verteilquote für
Flüchtlinge aus der Ukraine

46 | Ukrainekonflikt  Vom Riss


durch russlanddeutsche Familien
Barbara Schöneberger Boris Becker Shonda Rhimes
Die Entertainerin spricht über Die Londoner Insolvenzbehörde Sie sorgte für zig Serienhits – 48 | Ernährungskrise  Agrar­
Geld, ihre Omnipräsenz und fühlt sich von ihm hintergangen. die Frau hinter »Grey’s Anatomy« minister Cem Özdemir warnt vor
­Humor in Kriegszeiten. | 78 Muss er nun ins Gefängnis? | 92 und »Bridgerton«. | 116 Hungersnöten

4 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


50 | Hochwasser  Politiker 84 | USA  Amerika meldet
­sorgten sich offenbar mehr ums sich als westliche Führungsmacht
eigene Image als um Flutopfer zurück

52 | Zeitgeschichte  Die 88 | Frankreich  Wie der Ukra­


Frankfurter Sparkasse und ihre inekrieg den Präsidentschafts-
Rolle in der Nazizeit wahlkampf durcheinanderwirbelt

DEBAT TE SPORT

56 | Ukrainekrieg  Strategie 91 | Die lange Reise des Felix


für den Konflikt mit autoritären Magath / Was ist so verrückt an

Jens Schicke
Staaten Studenten-Basketball?

92 | Stars  Muss Boris Becker


REPORTER in den Knast? Zufluchtsort Deutschland
Der Krieg in ihrer Heimat treibt immer mehr Menschen weg aus der
58 | Familienalbum / Warum 94 | Poker  Weltmeister Koray
Ukraine. Die Bundesrepublik steht nach 2015 vor einer neuen großen
hamstern wir? Aldemir über seinen Millionensieg
Integrationsaufgabe – erste Städte warnen vor Überlastung. | 40
59 | Eine Meldung und ihre
­Geschichte Eine Amerikanerin WISSEN
bemalte 1000 Teller
mit ­Henkersmahlzeiten 98 | Intensivmediziner warnt
vor Abschaffung der Masken-
60 | Kriegsangst  Wird die pflicht / Analyse: Rückschlag für
Republik Moldau das nächste die Klimawende
Opfer Russlands?
100 | Gesundheit  Die Jung-
65 | Kolumne  Leitkultur brunnenformel – Medikamente
gegen das Altern

WIRTSCHAF T 103 | Archäologie  Die Wasser-

Patrick Semansky / AP
wirtschaft der alten Römer
66 | Benkos dubiose Wahl-
kampfspenden / Ein neues 104 | Sucht  Bundesdrogen­
­Zuhause für den ESM beauftragter Burkhard Blienert
über die Cannabislegalisierung
68 | Standort  Energiekosten Comeback der Führungsmacht
­gefährden Industriebetriebe 106 | Botanik  Das Geheimnis
US-Präsident Joe Biden hat in der Ukrainekrise den Westen
uralter Bäume
geeint. Schafft er es nun auch, die Vereinigten Staaten mit sich
71 | Wer profitiert vom Spritpreis?
selbst zu versöhnen? | 84
72 | Techindustrie  Intel-CEO KULTUR
Pat Gelsinger kämpft gegen den
­Abstieg 110 | Der Minirock ist wieder da /
Mike Mills’ neuer Film
74 | Klimawende  Hohe ­Kosten
durch Wärmepumpen 112 | Ukrainekrieg  Eine Reise
zu polnischen Schriftstellern, die
76 | Arbeitsmarkt  Wie Ukraine- seit Jahren vor Putin warnen
Laurence Mouton / PhotoAlto / Getty Images

flüchtlinge zu Kollegen werden


116 | Karrieren  Die Serien­
macherin Shonda Rhimes
MEDIEN ­bestimmt, was wir gucken

78 | Fernsehen  spiegel-Ge- 120 | Ausgehkultur  Vom Schlie-


spräch mit Barbara Schöneberger ßen der Bars in Coronazeiten
über Geld und Feminismus
123 | Filmkritik  Eine be­
eindruckende Dokumentation
AUSLAND über die Ostukraine
Hoffnung auf ewige Jugend
82 | Chinas dramatische Corona- SPIEGEL-TV-Programm | 23 Bestseller | 118 Biologen ist es gelungen, Organe von Mäusen zu verjüngen. Jetzt
Impressum, Leserservice | 124
welle / Schottland entschuldigt Nachrufe | 125 Personalien | 126
fließen Milliarden in die Entwicklung einer Jungbrunnenkur – doch
sich für Hexenverfolgungen Briefe | 128 Hohlspiegel / Rückspiegel | 130 die gesundheitlichen Gefahren sind schwer kalkulierbar. | 100

Titelfotos [M]: Aris Messinis / AFP (2), Maxim Dondyuk / DER SPIEGEL, ZUMA Press / dpa, Valentyn Ogirenko / REUTERS, Nr. 12 / 19.3.2022 DER SPIEGEL 5
Cozzoli / Fotogramma / ROPI, Andrea Filigheddu / ZUMA Press / picture alliance
Was nun, Herr Scholz?
LEITARTIKEL  Die Ampelkoalition ist erst 100 Tage im Amt – und ihr Koalitionsvertrag bereits überholt.
Aber der Bundeskanzler hat anscheinend keinen Plan für das neue »Zeitenwende«-Deutschland.

mutmaßlich einfach durchziehen, was in diesem Koali-


tionsvertrag steht, von dem keiner weiß, ob er überhaupt
noch gilt. Vermutlich plant die Bauministerin noch immer
den Bau von 400 000 Wohnungen, vermutlich kümmern
sich andere um neue Brücken, faire Arbeit oder die Di-
gitalisierung. Aber reicht das Geld dafür noch? Und wenn
nicht, was hat dann Priorität?
Die Regierung braucht einen »New Deal«. Die wenigen
Seiten des Koalitionsvertrags über Außen- und Sicherheits-
politik lesen sich teils wie archäologische Funde aus einer
an­tiken Zivilisation: Die Nato wird kurz abgehandelt, die
europäische Außenpolitik bleibt vage, über China nur Wort-
hülsen. Vor allem müsste die Ampel jetzt ehrlich Position
beziehen, wie viel Kraft und Geld unter dem Strich bleiben
werden für Klimaschutz, Wohnungsbau oder Staatsmoder-
John Macdougall / AFP nisierung, wenn zuerst Millionen geflüchtete Menschen
versorgt, die Bundeswehr aufgerüstet und die Heizkosten
von Millionen Menschen gedeckelt werden sollen.
Niemand erwartet von der Regierung, dass sie nach
dieser außenpolitischen Zäsur binnen Tagen alles neu
denken kann. Zumal der Krieg fundamentale Positionen

E
in Wort, über das die Ampelparteien in den Koali- von SPD und Grünen geradezu pulverisiert hat. Aber
tionsgesprächen viel gestritten haben, war »idealer- wann beginnt das Nachdenken? Wo bleibt die Debatte,
weise«. Damals einigten sie sich darauf, früher aus die vorausschauende Planung? Schon zu Coronazeiten
der Kohle auszusteigen, idealerweise bis 2030. Mit diesem stolperte die GroKo mit Vizekanzler Scholz von einer
Kompromiss konnten alle, SPD, Grüne und FDP, h ­ albwegs Infektionswelle zur nächsten. So scheint es wieder zu
leben, und in einer idealen Welt hätte dieser Plan zu den laufen. Die Ampel wirkt unwillig oder unfähig, innezu-
großen Kraftanstrengungen gehört, die auf Deutschland halten und sich zu fragen: Was nun? Wo wollen wir hin?
zugekommen wären. Die Antworten darauf könnten eine verstörte Gesell-
100 Tage später sieht die Welt anders aus, es herrscht schaft beruhigen. Die Kriegsgeneration, in der die schreck-
Krieg in Europa, Millionen Menschen sind auf der Flucht, lichen Bilder aus Mariupol oder Kiew tief sitzende Ängs-
100 Milliarden Euro werden benötigt, aber nicht für te wecken. Und all jene, die in einem friedlichen Europa
­Klimaschutz. Die energiepolitischen Ziele, die diese Re- aufgewachsen sind und nach zwei Jahren Pandemie nun
gierung idealerweise erreichen wollte, erscheinen fast auch noch den Schock dieses Kriegs verarbeiten müssen.
lächerlich in einer Lage, da Deutschlands komplette Ver- Nach Angela Merkel ist Scholz der zweite Kanzler, der
sorgung mit russischem Öl und Gas infrage steht. diese Gefühle zwar versteht, aber nicht auf sie eingehen
Der Koalitionsvertrag der Ampel gehört schon jetzt kann oder will. Scholz ist ein kühler Maschinist der Macht,
ins Museum, wenn nicht in den Papierkorb. Das Doku- der den Krieg in erster Linie als Problem angeht, dessen
ment, mit dem sie »Mehr Fortschritt wagen« wollte, eine Folgen es mit Gesetzentwürfen zu lösen gilt.
»feminist foreign policy« versprach und eine Zeitenwen- Doch gelingt wenigstens das? Scholz schweigt nicht
de mit Windrädern und Solaranlagen vorbereitete, hat nur öffentlich. Auch in der Koalition scheinen ihm Auto-
mit dem Krieg seine Geschäftsgrundlage verloren. rität und Führungsstärke zu fehlen. Oder wie ist es sonst
Doch auf welcher Basis wird Deutschland stattdessen zu erklären, dass sein Finanzminister einen Tankrabatt
Die Regierung regiert? Was sind die Werte und Ziele der Koalition in verspricht, den der Klimaminister gleich wieder kassiert?
braucht einen Kriegszeiten? Es gab eine Regierungserklärung dazu, und Scholz wollte eine geräuschlose Koalition schmieden,
»New Deal«. es gibt Interviews, sehr wenige mit Olaf Scholz, sehr vie-
le und sich teils widersprechende mit Koalitionspoliti-
in der alle gut aussehen. Daraus ist eine Koalition des Vor-
preschens und Zurückpfeifens geworden. Nach 100 Tagen
Und sollte kerinnen und -politikern. Viel mehr nicht. ist diese Ampel kein Team, sie hat keine Stimme und ak-
Position bezie- Die Bundesregierung teilt sich jetzt in Krisenmanager tuell auch kein gemeinsames Projekt mehr. Es ist nicht zu
und Verwalter. Die einen reisen und verhandeln, sie hel- spät für Scholz, seine Führungsrolle auszufüllen. Dem
hen, wofür die fen Flüchtlingen, rüsten die Bundeswehr auf, beschaffen Vernehmen nach hält er sich für den am besten auf sein
Kraft und das Gas, machen Milliarden locker – und viele überzeugen Amt vorbereiteten Kanzler aller Zeiten, und das könnte
dabei. Außenministerin Annalena Baerbock etwa hat sich sogar stimmen. Aber dann sollte es ihm möglich sein, das
Geld jetzt noch längst aus der Unsicherheit ihres Stolperwahlkampfs be- Vakuum an der Spitze seiner Regierung zu füllen.
reichen. freit. Und dann gibt es die Unsichtbaren im Kabinett, die Melanie Amann n

6 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


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Anders seit 1967.
TITEL

Die Rolle
seines Lebens
UKRAINE  Präsident Wolodymyr Selenskyj wurde zum weltweiten
Helden im Kampf gegen Putins Angriff. Ob sich sein Land in diesem
Krieg behaupten wird, hängt jetzt auch von ihm ab.

Staatschef
Selenskyj 2019
in Kiew

8 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


TITEL

E
s wirkt in diesen Tagen, als 1987, als dieser den damaligen Kreml­ Maß und Antlitz, und zu seinen be­
gäbe es nicht einen Selen­ chef Michail Gorbatschow aufforder­ Vom Komiker sonderen Gaben gehört, dass diese
skyj, sondern viele. Der te: Reißen Sie diese Mauer ein! zum Kämpfer Qualitäten weltweit zu funktionieren
ukrainische Präsident ist Selenskyjs Botschaft an den Wes­ Januar 1978 Selen­ scheinen. Seine Wärme und Empa­
im Europaparlament zu ten ist schlicht: Helft uns, ihr müsst skyj wird im süd­ thie wirken auf Neuseeländer offen­
sehen, spricht auf Frie­ viel mehr tun. ukrainischen Krywyj kundig so anrührend wie auf Deut­
densdemonstrationen von großen Unterdessen blockieren in Kiew, Rih geboren. sche, Griechen oder Brasilianer. Die­
Leinwänden zu jubelnden Massen in der ukrainischen Hauptstadt, Panzer­ 1997 Gründung seiner se Popularität setzt Selenskyj souve­
Prag oder Frankfurt und lässt sich sperren die Straßen, schlagen Rake­ Kabarettgruppe rän und unermüdlich ein, um rund
dann wieder, wie diese Woche, per ten in Wohnhäuser ein, suchen Men­ »Kwartal 95« um die Welt so viel Unterstützung
Video zu Parlamentariern in Ottawa, schen Schutz in U-Bahn-Stationen. 2006 Teilnahme an wie irgend möglich und in welcher
Washington und Berlin schalten. Über Nacht ist Selenskyj zum Hel­ der ukrainischen Form auch immer für sein Land ein­
Seine Reden sind dabei perfekt auf den geworden, er ist der David, der Version von »Dancing zuwerben. Geld, Waffen, Sanktionen,
with the Stars«
das Zielpublikum zugeschnitten, in gegen den Goliath kämpft, der Gute Söldner, Kleidung, Brot, Solidarität,
London wandelte er ein Zitat Wins­ gegen den Bösen. Der unwahrschein­ 2015 Start der Lieder, Liebe, es ist alles willkommen
TV-Satire »Diener des
ton Churchills ab, des in Großbritan­ liche Kriegspräsident, ein Churchill Volkes«. Selenskyj
und wird dankbar empfangen.
nien zutiefst verehrten Helden des in olivgrünem T-Shirt und Fleece­jacke, spielt einen Lehrer, Seine Auftritte beziehen ihre Kraft
Zweiten Weltkriegs, und rief: »Wir der bis vorgestern noch als Politclown der unversehens aus vielen Quellen. In regelmäßigen
werden in den Wäldern kämpfen, auf verspottet wurde und bis gestern ein Präsident wird. Videobotschaften verfließt die Welt des
den Äckern, an den Küsten und in Jedermann des internationalen Poli­ Mai 2019 Selenskyj Krieges und der sehr realen Lebens­
den Straßen.« tikbetriebs war, hat sich auf die Welt­ wird nach einem gefahr mit Zutaten heutiger TV-Serien.
In der kanadischen Hauptstadt Ot­ bühne katapultiert und erreicht nun klaren Wahlsieg Wenn er, zum Beweis seiner unbeug­
gegen Amtsinhaber
tawa flehte er Premierminister Justin eine globale Öffentlichkeit. Petro Poroschenko als samen Lebendigkeit, durch die Flure
Trudeau an, er solle sich in die ver­ Selenskyj ist beileibe nicht der Ein­ Präsident vereidigt. des Kiewer Amtssitzes spaziert, mit
zweifelte Lage seines Volks hineinver­ zige, der Widerstand gegen den rus­ der Handykamera im Selfie-Modus,
setzen: »Justin, kannst du dir vorstel­ sischen Angriff leistet. Hunderttau­ hat das die Authentizität von Amateur­
len, dass du und deine Kinder all diese sende Soldaten kämpfen gegen die aufnahmen, wie sie auf YouTube oder
schweren Explosionen hört, die Bom­ Invasoren, dazu sind die Mitglieder Instagram ständig zu sehen sind.
ben auf den Flughafen – was, wenn der Territorialarmee im Einsatz, Ärz­ Seine Botschaft an den Westen ist:
das der Flughafen in Ottawa wäre?« tinnen, Sanitäter, Logistiker, Köche, »Wenn die Ukraine nicht überlebt,
In Washington verglich er den Zu­ Helfer, ein Heer von Freiwilligen. Da überlebt ganz Europa nicht.« Oder,
stand der Ukraine mit dem Trauma ist außerdem der Bürgermeister der in einer positiven Variante: »Wenn
der USA nach den Angriffen von zweitgrößten Stadt Charkiw, die von wir siegen – und ich bin sicher, wir
Pearl Harbor und dem 11. September. russischen Truppen beschossen wird; werden siegen –, dann wird das ein
Dann zeigte er einen Videoclip von er spricht kein Ukrainisch, sondern Triumph der ganzen demokratischen
fallenden Bomben, fliehenden Men­ Russisch, lässt aber an der Zugehörig­ Welt sein.« Er ist das Gesicht dieser
schen, toten und verletzten Kindern, keit seiner Stadt zur Ukraine nicht Zeit, kein schöner Che Guevara, aber
es war ein derart bewegender, auf­ den geringsten Zweifel. Da ist der auch er wird zu einer Ikone werden:
wühlender Film, dass sich Abgeord­ junge Verwaltungschef des Gebiets der Freiheitskämpfer von nebenan,
nete Tränen aus dem Gesicht wisch­ Mykolajiw im umkämpften Süden, ein Mann fast wie du und ich.
ten und der Sender CNN sich an­ der mit regelmäßigen Videoauftritten Es ist viel geschrieben worden
schließend beim Publikum dafür ent­ selbst zu einem Medienstar wurde. über den einzigartigen Lebenslauf
schuldigte, nicht vor den drastischen Da ist auch der Bürgermeister der dieses Mannes. Da schlüpft jemand
Bildern gewarnt zu haben. Kleinstadt Melitopol, der von den gleich zweimal in die Rolle des Prä­
In Berlin, in einer Videoansprache Russen gefangen genommen und von sidenten – erst als Schauspieler in
vor dem Bundestag, schlug Selenskyj den Ukrainern wieder befreit wurde. einer TV-Komödie, gewissermaßen
einen strengeren Ton an und schalt »Es gibt so etwas wie einen kollekti­ nur zur Probe, und dann in echt. In
Deutschland für seine allzu engen Ge­ ven Selenskyj«, sagt der Kiewer Poli­ der Fernsehserie »Diener des Volkes«
schäftsbeziehungen mit Putins Re­ tologe Wolodymyr Fessenko. hat Selenskyj einen biederen Ge­
gime. »Wir haben gesehen, wie viele Und dann ist da natürlich Vitali schichtslehrer gespielt, der ohne eige­
Verbindungen Ihre Unternehmen zu Klitschko, der einstige Boxer, der im nes Zutun ins Amt des Staatsober­
Russland unterhalten«, sagte Selen­ Jahr 2014 zum Bürgermeister der Mil­ haupts gewählt wird und sich in
skyj. Seine Regierung habe die Bun­ lionenmetropole Kiew gewählt wurde. einem korrupten politischen System
desrepublik oft genug gewarnt, dass Klitschko hat zusammen mit seinem behaupten muss. Das Bild des ein­
Moskau die Erdgaspipeline Nord Bruder Wladimir schon zu erkennen fachen Präsidenten Holoborodko, der
Stream 2 als Waffe und zur Vorberei­ gegeben, dass er die Stadt nicht ver­ bescheiden wohnt und mit dem Fahr­
tung eines Krieges einsetzen könne, lassen werde und kämpfen wolle bis rad zur Arbeit fährt, war die beste
»aber ihr habt gesagt, es sei nur ein zum Schluss. Er steht an vorderster Werbung für den späteren Präsident­
privatwirtschaftliches Projekt«. Eine Front, besucht zerstörte Gebäude, schaftskandidaten Selenskyj.
neue Mauer werde in Europa gebaut, spricht Helferinnen Mut zu und küm­ Aber so einzigartig die Karriere
falls Putin den Krieg gewinne. mert sich um die Stadt, die russische wirkt, sie folgte doch einer Logik. An
Dann wandte er sich direkt an den Truppen einzukesseln versuchen.
»Wenn wir ihrem Beginn steht nicht das Talent
Alexey Furman / DER SPIEGEL

Kanzler: »Lieber Herr Bundeskanz­ Es ist aber Wolodymyr Selenskyj, Selenskyjs, sondern das Versagen
ler Scholz, zerstören Sie diese Mauer. der zum Gesicht des Widerstands siegen, wird einer ganzen politischen Klasse. Nach
Geben Sie Deutschland die Führungs­ gegen die russische Aggression wurde. es ein Triumph fast drei Jahrzehnten Unabhängigkeit,
rolle, die es verdient.« Auch das eine Der ukrainische Präsident, mit der einschließlich zweier Revolutionen,
Anspielung, in diesem Fall auf Ronald Statur und Haltung eines zähen Rin­ der demokra- gab es in der Ukraine kaum einen
Reagans berühmte Berlin-Rede von gers, ist ein Held mit menschlichem tischen Welt.« Politiker mehr, dem die Wählerinnen

Nr. 12 / 19.3.2022 DER SPIEGEL 9


TITEL

Hemd an. Am Nachmittag desselben Tages


zeigt er sich bei einem Briefing in Olivgrün,
und dieses Outfit wird er beibehalten. Aber
er spricht weiterhin in menschlichem Ton, ein
Zivilist in Militärkleidung. Er redet nicht wie
der Anzugträger Wladimir Putin mit hassver-
zerrtem Gesicht über Geopolitik oder histori­
sche Kränkungen. Er spricht in einfachen, kur-
zen Sätzen, macht Mut und spricht Trost zu.
Vor allem aber zeigt er: Er ist in Kiew, im
Regierungsviertel, in seinem Amtssitz. Das
ist nicht selbstverständlich. Putin hatte einen
Blitzkrieg geplant, Kiew sollte schnell fallen.
Das ist der Grund, warum der Kremlchef sei-
ne Truppen schon vor dem Angriff nach Bela­

Maxim Dondyuk / DER SPIEGEL


rus gebracht hatte, von dort sind es keine
150 Kilometer mehr bis zur Hauptstadt. So
gesehen gibt es seit Kriegsbeginn gute Grün-
de für Selenskyj, sich in Sicherheit zu bringen.
Das Gerücht, er sei geflohen, wird von den
Russen mehrfach verbreitet – unter anderem
Straße in Kiew nach russischem Angriff: »Alles wird okay«
vom Sprecher des russischen Unterhauses.
Am zweiten Tag des Krieges filmt Selenskyj
und Wähler noch vertraut hätten. Und mit weit härtere Schläge Putins erleiden würde sich zusammen mit seinem Stabschef Andrij
dem Vertrauensverlust schlägt die Stunde der als Poroschenko – und dass er einen beispiel- Jermak, seinem Premier Denys Schmyhal, dem
Populisten, der Quereinsteiger. haften Oberbefehlshaber abgeben würde. Fraktionschef der Regierungspartei Dawyd
Was Selenskyj damals für die ukrainische Und am wenigsten hat es vielleicht Selenskyj Arachamija und seinem Berater Mychajlo Po-
Politik bedeutete und wie fern sein Bild vom selbst geahnt. Sein Ehrgeiz war es, Frieden doljak. Es ist nachts, im Hintergrund sieht man
jetzigen Kriegspräsidenten war, das zeigt ein im Donbass zu schaffen, den immer noch sein Präsidialbüro in der Bankowa-Straße.
denkwürdiger Augenblick im Präsidenten- schwelenden Krieg dort zu beenden. Er hat »Unsere Soldaten sind hier«, sagt Selenskyj.
wahlkampf von 2019. Es war eine öffentliche sich die Rolle des Kriegspräsidenten nicht »Unsere Bürger und die Gesellschaft sind hier.
Debatte Selenskyjs mit dem Amtsinhaber ausgesucht. Er wollte ein Friedenspräsident Wir alle sind hier. Wir verteidigen unsere Un-
Petro Poroschenko, ausgetragen im Kiewer sein. Wenn er sich nach seiner Wahl Militär- abhängigkeit.« Er schaut dabei heiter.
Olympiastadion. Den Ort hatte Selenskyj aus- kleidung anzog und die Truppen an der Front Das Video zeigt seinen engsten Kreis. An-
gesucht. Er wollte möglichst viel TV-Spekta- im Donbass besuchte, dann sah man ihm den drij Jermak, ein Jurist und früherer Filmpro-
kel, möglichst wenig konkrete Debatte, er Zivilisten an, dem alles Militärische fremd ist. duzent, der das Präsidialamt leitet, ist Selen­
ging als Schwächerer in dieses Duell. Und es Und genau so einen wollten die Ukrainer skyjs Schlüsselfigur in den Bemühungen Kiews
war vor allem ein Argument, das Poroschen- damals, 2019. Sie hatten von Poroschenkos um Beistand und weltweite Hilfe. Am Ende
ko an jenem Tag in den Vordergrund stellte: nationalistischer Rhetorik genug, viele hegten der ersten Kriegswoche wendet sich Jermak
Selenskyj kann keinen Krieg, dieser Mann den Verdacht, die patriotischen Slogans seien direkt an die amerikanische Öffentlichkeit, mit
taugt nur für den Frieden. So einen kann sich bloß ein Schleier, unter dem eine überkom- einem Essay in der »New York Times«. Der
unser Land nicht leisten. mene politische Elite ihre Korruption ver- Titel: »Ich schreibe aus einem Bunker mit Prä-
Ob man sich den Komiker als Oberbefehls- berge. Sie wählten mit überwältigender Mehr- sident Selenskyj an meiner Seite. Wir werden
haber der ukrainischen Armee vorstellen heit den Komiker ins oberste Amt und seine bis zum letzten Atemzug kämpfen.«
könne, fragte der Amtsinhaber, um selbst die Retortenpartei »Diener des Volkes« (benannt Die derzeit sichtbarste Rolle in Selenskyjs
Antwort zu geben: »Ein Schauspieler, ein nach seiner Fernsehserie) zur mit Abstand Team kam zuletzt Mychajlo Podoljak zu. Der
Mensch mit Talent, aber ohne Erfahrung, stärksten Kraft im Parlament. Berater des Präsidenten lebte lange in Belarus
kann nicht Krieg mit dem russischen Aggres- Man kann auch sagen: Sie wählten einen und arbeitete dort als Journalist für eine Op-
sor führen.« Selenskyj werde »ein schwaches Traum statt der Wirklichkeit. Denn der Heraus­ positionszeitung. Er gehört ebenso wie der
Staatsoberhaupt« abgeben, »schwach, weil forderer hatte kein politisches Programm, Rada-Abgeordnete Arachamija zu den Unter-
er Putins Schläge nicht aushalten kann«. statt auf Wahlkampfveranstaltungen aufzu- händlern, die direkte Gespräche mit Vertre-
Poroschenko – einen Kopf größer als Se- treten, zog er es vor, weiter mit seiner Come- tern Russlands führen. Podoljak informiert
lenskyj, eine Generation älter und weitaus dy-Truppe durchs Land zu tingeln und Sket- die Öffentlichkeit regelmäßig per Twitter über
erfahrener in der Politik – war gleich nach che aufzuführen. Ein ganzes Volk hatte sich, den Fortgang der Verhandlungen. Es war auch
der Euromaidan-Revolution ins Amt gewählt um Poroschenkos Worte zu zitieren, für die Podoljak, der zuletzt einen Einblick in den
worden. Der Milliardär und Politiker hatte »Katze im Sack« entschieden – einen Mann, Alltag Selenskyjs gab: Der Präsident schlafe
die ukrainische Armee ab 2014 im Donbass dessen Gesicht den Bürgerinnen und Bürgern gerade mal drei bis vier Stunden und sei fast
gegen moskautreue Separatisten und russi- zwar aus dem Fernsehen vertraut war, dessen rund um die Uhr mit Mitarbeitern in Kontakt.
sche Soldaten eingesetzt, mit großen Verlus- Pläne ihnen aber unbekannt blieben. Denys Schmyhal, ein promovierter Öko-
ten für die eigenen Truppen und die Zivil- Die Verwandlung des Wolodymyr Selen­ nom aus dem Westen des Landes, komplet-
bevölkerung. Er wusste, was es heißt, gegen skyj in ein Symbol des nationalen Wider- tiert den engsten Kreis. Er wurde vor gut zwei
Putins verdeckte und offene Angriffe zu stands vollzieht sich vor aller Augen, kaum Jahren von Selenskyj als Ministerpräsident
kämpfen. Selenskyj, so unterstellte Poro- dass der Krieg angefangen hat. Am Morgen nominiert. Zuletzt war er beim Treffen Se-
schenko, habe sich dagegen in jenen schick- des 24. Februar unterrichtet Selenskyj in lenskyjs mit den Regierungschefs Polens,
salhaften Zeiten vor dem Wehrdienst ge- einem Selfie-Video sein Volk darüber, dass Tschechiens und Sloweniens in Kiew dabei.
drückt. Vielen galt er als unpatriotisch. Russlands Präsident Wladimir Putin seine Wie sich zeigt, ist der Präsident dazu in der
Niemand im Kiewer Olympiastadion Truppen in die Ukraine geschickt hat. Selen­ Lage, in einer chaotischen Situation den Über-
konnte damals ahnen, dass Selenskyj dereinst skyj hat da noch ein Jackett und ein weißes blick zu behalten und Aufgaben zu delegieren.

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»Er handelt systematisch und schnell«, »Selenskyj gessen sind die Vorwürfe von früher: den. Es ist in seinem einfachen, ernsten
sagt Mychajlo Fedorow, Minister für dass Selenskyj rechtsstaatliche Prinzi­ Tonfall ein Meisterwerk der politischen
digitale Transformation in der ukra­i­ ist jetzt so pien brach, als er ihm unangenehme Rede. Punkt für Punkt zerpflückte er
nischen Regierung, dem SPIEGEL. »Er etwas wie der Oligarchen und Fernsehsender mit Putins Argumente für den Überfall auf
akzeptiert kein Nein, ist ständig er­
reichbar und 24 Stunden am Tag on­
ukrainische Sanktionen belegen ließ, oder dass er
die US-Warnungen vor einem unmit­
die Ukraine, er warb um die Russen,
aber ohne Anbiederung und Unterwür­
line.« Selenskyj sei kein Mikromana­ Che Guevara.« telbar bevorstehenden russischen An­ figkeit. »Wenn ihr angreift, dann wer­
ger, sagt Fedorow, stattdessen führe er Wolodymyr Fessenko, griff lange in den Wind schlug. det ihr unsere Gesichter sehen, nicht
Sitzungen im Kabinett und mit klei­ Politologe Selenskyj war vor seinem Eintritt unsere Rücken«, warnte er. »Wollen
neren Teams, in denen Ideen ausge­ in die Politik kein Anhänger einer die Russen Krieg? Ich würde gern auf
tauscht und die nächsten Schritte be­ Nato-Mitgliedschaft. Aber unter sei­ diese Frage antworten. Aber die Ant­
sprochen würden. nem Vorgänger Poroschenko wurden wort hängt nur von Ihnen ab, den Bür­
Selenskyj übernimmt die Aufgabe Nato-Beitritt und Westintegration als gern der Russischen Föderation.«
des Kommunikators nach innen und Ziele in die Verfassung geschrieben. Auch das gehört zum Widerstand
außen. »Es hat geschneit«, sagt er in Und so war Selenskyj schon vor die­ gegen den Angriff: ein neues Selbst­
einem Video, das er am 8. März pos­ sem Krieg in der merkwürdigen Rolle bewusstsein, ein neuer Tonfall im
tet. »Wie der Krieg, so der Frühling – eines Nato-Skeptikers, der lauthals Umgang mit den Nachbarn. Selenskyj
hart. Aber alles wird okay. Wir wer­ eine konkrete Beitrittsperspektive for­ spricht ohne Hass. Aber die ungeheu­
den siegen.« Dann zwinkert er in die derte – nicht, weil er sie für möglich re Verletzung, die Putins Überfall für
Kamera. Putin kann zwei Stunden hielte, sondern weil er die Doppelzün­ die Angegriffenen darstellt, wird da­
lang über Russlands Feinde herziehen, gigkeit des Westens aufzeigen wollte. durch nur noch hörbarer, ebenso wie
aber keine seiner Reden wird je so »Seit Jahren hören wir von angeblich die Fremdheit, die zwischen der rus­
viel Wirkung entfalten wie dieses offenen Türen. Aber wir haben auch sischen und der ukrainischen Gesell­
Zwinkern. Selenskyjs jahrelange Er­ gehört, dass wir nicht durch sie hin­ schaft entstanden ist.
fahrung als Schauspieler, sein perfek­ durchgehen dürfen«, sagte er. Der jüdische Professorensohn aus
tes Gefühl für Pointen, Pausen und Aus demselben Grund fordert er dem südukrainischen Krywyj Rih
Timing, der Einsatz seiner unnach­ jetzt eine Flugverbotszone über sei­ wirkt wie der lebende Gegenbeweis
ahmlich räusperigen Stimme – all nem Land, wohl wissend, dass die von Putins Propaganda, wonach die
diese Fähigkeiten sind plötzlich Waf­ Nato sie nicht zugestehen wird. Und Ukraine in der Hand von Nazis sei.
fen im Krieg geworden. Der Gegner auch sein Drängen auf eine EU-Mit­ »Wie kann ich selbst ein Nazi sein?
hat zwar die zweitmächtigste Armee gliedschaft hat mit der Enttäuschung Erzählen Sie das meinem Großvater,
der Welt, aber Selenskyj kann über­ über die Nato zu tun. Es ist offenkun­ der den ganzen Krieg als Infanterist
zeugen, mitreißen, Gefühle auslösen. dig, dass ein Frieden mit Russland nur der sowjetischen Armee durchmach­
Man hat den Eindruck: Dieser möglich ist, wenn Kiew auf seine Nato- te und als Oberst in der unabhängigen
Mann, der im Leben verschiedene Ambitionen verzichtet. Umso wichti­ Ukraine starb«, sagte er in seiner
Rollen gespielt hat und der sich auch ger ist es für Selenskyj, die in der Ver­ Rede an die Russen.
in der Rolle des Präsidenten manch­ fassung festgeschriebene Westintegra­ Wie der Kampf zwischen Russland
mal sichtlich unwohl fühlte, hat die tion in anderer Form voranzutreiben. und der Ukraine ausgehen wird, ist
Rolle seines Lebens gefunden. »Er Dass Russen und Ukrainer in Wahr­ ungewiss. Unwahrscheinlich ist, dass
hat die Möglichkeit erhalten, endlich heit ein Volk seien, wie Putin es be­ Putin diesen Krieg beenden wird, be­
er selbst zu sein – ein Mensch, kein hauptet hat, das haben die Reaktionen vor er greifbare Erfolge errungen hat.
Politiker«, sagt Ihor Nowikow, ein der Ukrainer auf diesen Angriffskrieg Und trotz der beachtlichen Gewinne
ehemaliger Berater Selenskyjs. widerlegt. Aber die Gesellschaften ste­ der Verteidiger ist klar: Russlands Ar­
Selenskyj wirkt plötzlich befreit hen einander nahe genug, dass Selen­ mee hat ein Mehrfaches an Ressour­
von Zwängen, die ihn früher einge­ skyj direkt zu den Einwohnern des cen. Wenn Putin auch nicht die Macht
engt haben. In die Politik, über die er Politiker Selenskyj Nachbarlands sprechen kann. haben sollte, die Ukraine zu erobern –
jahrelang im Fernsehen spottete, be­ beim Besuch einer Noch in der Nacht zum 24. Februar, zum Zerstören, Verwüsten, Vernich­
Kiewer Klinik: Er
gab er sich mit einer Art kindlichem kann überzeugen,
als sich die Anzeichen auf einen Krieg ten ihrer Städte reicht es allemal.
Zorn, er wollte ein korruptes System mitreißen, Gefühle verdichteten, wendete er sich an die Als Selenskyj 2019 sein Amt antrat,
besiegen, das er selbst nicht genau auslösen Russen, um ihnen ins Gewissen zu re­ sprach er im Kiewer Parlament davon,
begriffen hatte. Jetzt aber spielt das nicht er sei jetzt Präsident, sondern
keine Rolle mehr. Die Zeit verlangt jeder einzelne Ukrainer. Es war eine
jetzt nicht das nüchterne Aushandeln bewegende Rede, sie hatte denselben
hässlicher Kompromisse, sondern kräftigen, simplen Sound, der auch
Standhaftigkeit, Humor, Bildschirm­ in seinen jetzigen Auftritten steckt.
präsenz. »Ich erkenne den Selenskyj Damals erntete er Spott. Die Zeit war
wieder, den ich von früher kenne – den nicht reif für dieses Pathos.
Mann, der 2019 in die Politik ging«, Nun, da Selenskyj zum Anführer
Ukrainian Presidential Press Ser vice / REUTERS

sagt Ex-Berater Nowikow. und Motivator einer Nation in Not


Selenskyj sei zur Symbolfigur des geworden ist, klingt diese Rede in­
ukrainischen Widerstands geworden, spirierender, kraftvoller. Für viele, die
sagt der Politologe Wolodymyr Fes­ jetzt den Widerstand gegen die rus­
senko. »So wie Che Guevara zum sische Invasion führen müssen, hat
Symbol des linken Widerstands wurde, der Satz einen echten Klang: Sie alle
so ist Selenskyj jetzt so etwas wie der sind jetzt dieser Präsident.
ukrainische Che.« 93 Prozent der Uk­ Monika Bolliger, Christian Esch,
rainer unterstützen nach einer Um­ Ullrich Fichtner, Katja Lutska, Alexander
frage vom 1. März sein Handeln. Ver­ Sarovic, Christoph Scheuermann n

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bares Szenario. Wie haben die Ukra­


iner diese ersten Erfolge geschafft?
Und was ist ihre Strategie für die
kommenden Wochen?

Spiel auf Zeit


Einer der wichtigsten Strategen von
Kiew ist General Walerij Saluschny,
der Oberbefehlshaber der ukrainischen
Streitkräfte. Er hat sich schon vor dem
Krieg für einen respektvollen Umgang
MILITÄR  Die ukrainischen Streitkräfte behaupten sich gegen die vermeintliche mit den eigenen Soldaten eingesetzt
russische Übermacht. Wie gelingt ihnen das? und eine Erneuerung und Verjüngung
der Truppe forciert. Und er hat früh­
zeitig dafür gesorgt, seine Leute im

S
chnee fällt auf die E 95, als am Videos von Aktionen wie dieser Umgang mit Drohnen und Panzerab­
10. März ein russischer Konvoi zeugen von ei­nem erstaunlichen wehrraketen zu trainieren. Seine Trup­
in Richtung der Kiewer Vor­ Kriegsverlauf. Und es gibt viele solche pen können taktisch intelligent agieren,
stadt Browary rollt. Dicht an dicht Szenen ukrai­nischer Hinterhalte. Zu­ und sie profitieren von Waffenlieferun­
fahren etwa 20 Panzer die vierspuri­ sammengenommen zeigen sie das gen aus dem Westen. All das hilft ihnen
ge Schnellstraße entlang. Keine In­ Bild einer eigentlich weit unterlege­ nun im Kampf gegen Putins Armee,
fanterie bewegt sich neben dem Kon­ nen Kriegspartei, die ihrem vermeint­ die unter massiven Logistikproblemen
voi, niemand schaut nach potenziel­ lich übermächtigen Gegner mit mo­ und einer schlechten Moral leidet.
len Hinterhalten. Der Himmel ist derner Ausrüstung, taktischer Fines­ Rund ein Drittel der 900 000 ukra­
grau, die Felder sind dunkel, als die se und Mut zusetzt. inischen Reservisten war seit 2014
Soldaten von Wladimir Putin das Es ist die große Überraschung im zeitweise im Osten des Landes im
Dorf Skybyn erreichen und das Feuer Krieg gegen die Ukraine: Auch drei Kampfeinsatz. Die Soldaten sind er­
einsetzt. Wochen nach den ersten Angriffen fahrener als viele ihrer Gegner. »Russ­
Der ukrainische Beschuss mit Ar­ halten die Streitkräfte von Präsident land steht einer Kombination aus gut
tillerie und Antipanzerraketen über­ Wolodymyr Selenskyj der russischen ausgebildeten ukrainischen Militärs,
rascht die Russen. Die Fahrzeuge des Armee an vielen Orten im Land er­ erfahrenen Reservisten und unaus­
6. Regiments der 90. Panzerdivision folgreich stand. Die wenigsten west­ gebildeten Zivilisten gegenüber, die
stauen sich auf der Straße, sie sind so lichen Beobachter haben die Schwä­ ihnen zahlenmäßig weit überlegen
eng beieinander, dass ein Projektil che der Kreml-Armee vorausgese­ sind«, sagt John Spencer, Leiter der
gleich mehrere von ihnen beschädigt. hen. Zunächst schien ein Sieg Putins Urban Warfare Studies am New Yor­
Chaos bricht aus. Mehr Granaten und nur eine Frage der Zeit. Doch bald ker Thinktank Madison Policy Forum
Raketen schlagen ein. Rauchsäulen setzte in westlichen Militärkreisen und einer der renommiertesten Ex­
steigen in den Himmel, die Panzer­ ein Umdenken ein. Eine für Moskau Ukrainer inspizieren perten für den Städtekampf. Spencer
führer, die noch können, wenden. fatale, langwierige Zermürbungs­ einen zerstörten spricht von einem David-gegen-
russischen Panzer:
Vier Panzer werden zerstört, andere schlacht und sogar ein Sieg der An­ »Die Russen sind Goliath-Szenario im Ukrainekrieg.
schaffen es, über die Felder zu fliehen. gegriffenen gelten nun als ein denk­ jetzt der David« Dieses sei umgedreht worden. »Die
Russen sind jetzt David.«
Die ukrainischen Truppen verfol­
gen eine Doppelstrategie. Einerseits
ziehen sie sich in urbane Gebiete zu­
rück, denn Städte sind einfacher zu
verteidigen, Eroberungsversuche sind
verlustreich für den Feind. Anderer­
seits setzen sie in der Fläche auf zahl­
reiche Überfälle. Vor allem im Nor­
den, wo es viel bewaldetes, schlam­
miges Gelände gibt, in dem sich Fahr­
zeuge nur schwer abseits der Straßen
bewegen können, greifen die Ukra­
Irina Rybakova / Press ser vice of the Ukrainian Ground Forces / REUTERS

iner den Gegner an: Kleine, beweg­


liche Gruppen fügen dort mit Panzer­
abwehrwaffen den russischen Kon­
vois regelmäßig schwere Verluste zu.
»Die Ukrainer zwingen die russi­
schen Streitkräfte in einen Kampf, in
dem Masse oder eine größere zusam­
menhängende Truppe keinen Vorteil
bringen«, analysiert Michael Kofman,
der Leiter der Russlandabteilung des
Center for Naval Analyses, einer For­
schungseinrichtung der US-Marine.
Die Russen wollten schnell vorstoßen,
und die Angegriffenen nutzten ge­
schickt die Vorzüge des urbanen Ter­
rains.

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Ein weiterer Vorteil ist, dass Selenskyjs geliefert wurden, außerdem Schutzausrüstung,
Truppen zumindest bei kleineren Waffen ähn­ Maschinengewehre und Scharfschützen­
liche Systeme wie die Russen einsetzen. Ihre gewehre. Bald sollen auch moderne S-300-Flug­
mobilen Einheiten können sich deshalb selbst abwehrraketensysteme dazukommen.
mit Nachschub versorgen, indem sie vom »Wenn der Westen weiterhin Waffensys­
Feind erbeutete Waffen und Munition nutzen. teme in diesem Ausmaß liefert, werden die
Die Ukrainer haben zudem recht früh er­ ukrainischen Streitkräfte eine ernsthafte Be­
kannt, dass Putins Offiziere Probleme mit drohung für die russischen Truppen darstel­
ihrer Logistik haben. »Also konzentrieren sie len«, sagt Arnold. Zusätzlich unterstützt wer­
sich darauf, diese zu unterbrechen, was die den die ukrainischen Streitkräfte von Hun­

Ilvy Njiokiktjien / DER SPIEGEL


Probleme Russlands noch verstärkt«, sagt Ed derttausenden Freiwilligen.
Arnold, Militärexperte vom britischen Royal Trotzdem bleibt die militärische Bedro­
United Services Institute (Rusi). hung gewaltig. Die Verluste im Süden des
Zu Hilfe kommt den Ukrainern das Wetter: Landes sind groß, vor allem wohl, weil sich
Die russische Militärführung hat anschei­ die ukrainischen Streitkräfte zurzeit darauf
nend bei ihren Planungen auch Wetter und konzentrieren, ihre Hauptstadt zu verteidi­
Bodenverhältnisse nicht ausreichend be­ gen. Durch erfolgreiche Gegenangriffe ver­
Ukrainische Soldaten
dacht und ist vom frühen Frühlingsanfang in zögern sie bisher, dass Putins Armee ihren
einigen Teilen des Landes überrascht worden. medizinische Versorgung sowie die Logistik Belagerungsring um Kiew schließt.
»Schlamm«, sagt Spencer, »kann eine ganze zu professionalisieren. Und sie legten Wert Doch vermutlich müssen die Ukrainer da­
Armee zum Stillstand bringen.« darauf, dass ihre Einheiten in eigener Initia­ mit rechnen, dass sie eine Umschließung der
Selbst die Lufthoheit haben die russischen tive handeln können. Gerade das unterschei­ Stadt langfristig nicht verhindern können. Ihr
Streitkräfte nach wie vor nicht errungen. det ihre Streitkräfte nun eklatant vom streng Ziel scheint deswegen zu sein, Zeit zu gewin­
Ukrainische Drohnen und Jets fügen den rus­ hierarchisch organisierten russischen Militär­ nen – damit sie mehr Material nach Kiew
sischen Streitkräften weiterhin Verluste zu. apparat. bringen können: mehr Wasser, mehr Nah­
Sie zerstören die modernen Luftabwehr­ Darüber hinaus machten die Offiziere des rungsmittel, mehr Waffen und Munition, die
systeme wie Tor-M oder Pantsir S-1, mit ukrainischen Oberkommandos ihren west­ während einer Belagerung benötigt werden.
denen das russische Militär seine Konvois lichen Beratern unmissverständlich klar, was »Die Ukrainer sind vorbereitet«, so Irak­
schützen will. ihnen schlaflose Nächte bereitete: die Bedro­ veteran Spencer, »ich glaube nicht, dass die
Angaben des Rusi zufolge haben die rus­ hung durch eine groß angelegte russische In­ Russen auf den Kampf vorbereitet sind, der
sischen Streitkräfte auch deswegen bisher vasion. Für dieses Szenario wollten sie recht­ sie erwartet.« Ukrainischen Angaben zufolge,
mehr als 1000 Fahrzeuge verloren. Drama­ zeitig die notwendigen defensiven Fähigkei­ die sich nicht überprüfen lassen, befinden sich
tisch sind nach westlichen Schätzungen die ten erwerben und trainieren. 30 000 Kämpfer in Kiew. »Sollte das stim­
Verluste in Putins Truppe: 7000 bis 9000 Das alles ist für viele Militärstrategen al­ men, brauchten die Russen rund 150 000
Soldaten sind demnach in nur drei Wochen lerdings nicht der Hauptfaktor hinter den Mann, um die Stadt zu erobern.«
gefallen. Hinzu kommen laut US-Regierung ukra­inischen Erfolgen. »Es ist ihr Wille zu Immer mehr westliche Beobachter gehen
14 000 bis 21 000 verletzte Soldaten. Nach kämpfen«, sagt Irakveteran Spencer vom mittlerweile davon aus, dass die Ukrainer ihre
britischen Geheimdienstinformationen hat Madison Policy Forum. »Ausbildung, Waffen Hauptstadt im Falle eines russischen Vormar­
sich die russische Armee zum Großteil fest­ und Technik – das alles spielt keine Rolle, sches erfolgreich verteidigen könnten. Hinzu
gefahren. Die Zahl der getöteten ukrainischen wenn die Soldaten nicht bereit sind, zu kämp­ komme, so Justin Bronk, Militärexperte am
Soldaten wird von den Briten auf 3000 ge­ fen und Risiken einzugehen.« Die Motivation Rusi, dass es im Westen der Ukraine frisch
schätzt. Wobei über ukrainische Verluste der Ukrainer sei außergewöhnlich. »Denn mobilisierte Verbände gebe, Freiwillige und
und Truppenstärken viel weniger bekannt sie kämpfen für ihr Land, für ihre Familien, eine große Menge moderner, aus dem Westen
ist als über russische. Im Informationskrieg die nur eine Stunde entfernt sein könnten. gelieferter Waffen. Diese Truppen, so glaubt
haben die Ukrainer offenbar die Oberhand Das verändert die Dynamik dessen, was ein Bronk, würden bei einer Belagerung der Stadt
gewonnen. Militär in der Lage ist zu leisten. Das haben zu Hilfe eilen und versuchen, die Versor­
Aber mehr als ihr taktisches Vorgehen er­ die Russen nicht.« gungslinien der Belagerer zu durchbrechen.
staunt die Umsetzung ihrer Operationen Einen schwer zu überschätzenden Beitrag Auch in der südlichen Stadt Mykolajiw
internationale Beobachter. »Ich war über­ zur Moral leiste der Oberbefehlshaber der scheinen die ukrainischen Verbände zu ver­
rascht, wie gut sie kämpfen«, sagt Rusi-Ex­ ukrainischen Truppen, Präsident Selenskyj. suchen, Zeit zu gewinnen. Seit mehr als einer
perte Arnold. »Vieles ist ihm zuzuschreiben«, so Spencer. Woche halten sie dort einen größeren russi­
Beide Länder arbeiten seit Jahren daran, Seine Reden seien ein bedeutender Teil der schen Vorstoß nach Westen in Richtung der
ihre Armeen zu erneuern. Doch im Gegensatz ukrainischen Erfolge. »Helden können im strategisch wichtigen Hafenstadt Odessa auf.
zu den Russen, die offensichtlich zu sehr Krieg wichtiger sein als Generäle.« Das Ziel ist offenbar, eine Pattsituation zu
auf Hightechmaterial setzten, haben sich Denn es ist auch zu guten Teilen seinen schaffen. Und so Putin weiter unter Druck zu
die Ukrainer auf die taktische Ausbildung Auftritten geschuldet, dass bisher, so Rusi- setzen.
ihrer Truppe konzentriert. Mithilfe west­licher Fachmann Arnold, rund 17 000 Boden-Bo­ »Das Hauptspiel der Ukraine ist ein Spiel
Militärexperten etwa aus Großbritannien und den- und Boden-Luft-Raketen in die Ukraine auf Zeit«, sagt Kofman. »Der Versuch, etwas
den USA wurden Soldaten an Waffen aus­ anderes zu tun, würde eine Menge militä­
gebildet und für die Verteidigung von Städten risches Potenzial vergeuden.« Der Russland­
trainiert. experte des Center for Naval Analyses blickt
Das ukrainische Militärreformprogramm vergleichsweise optimistisch auf die Chancen
von 2016 konzentrierte sich angesichts der
»Sind die Ukrainer in der Lage, von Präsident Selenskyj und dessen Trup­
schlechten Ausgangslage der Streitkräfte auf die Russen zu vertreiben? Nein. pen. »Sind sie in der Lage, die russischen
das Wesentliche. Strategen und Ausbilder Sind sie in der Lage, den Krieg Streitkräfte aus der Ukraine zu vertreiben?
kümmerten sich darum, die Truppe zu mo­ Nein. Sind sie in der Lage, den Krieg zu ge­
dernisieren, Themen wie Führung, Kontrolle zu gewinnen? Ja.« winnen? Ja.«
und Militärplanung neu zu definieren und die Michael Kofman, Militärexperte Oliver Imhof, Fritz Schaap n

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Maxim Dondyuk / DER SPIEGEL


Gleb Garanich / REUTERS

1 2

zusammengebrochen, schon allein weil dann


die Soldaten an der Front und die Milizio­näre
an den unzähligen Straßensperren nicht ge-

Die Verteidiger von Kiew


nug zu essen hätten.
Auch aus dem Ausland kommt Hilfe. So
hat etwa eine Gruppe von Unterstützern in
Wien, München und Berlin mithilfe verschie-
dener Reiseunternehmen Buskonvois orga-
GESELLSCHAFT  Einst waren sie Lehrer oder Logistiker, nun sind sie nisiert, die Medikamente, Babynahrung und
Windeln nach Kiew transportieren und auf
im Widerstand: Zehntausende Freiwillige haben rund um die dem Rückweg Frauen und Kinder evakuieren.
ukrainische Hauptstadt ein schwer zu durchdringendes Bollwerk Begleitet werden die Fahrzeuge von Sicher-
entwickelt – und sie bunkern Treibstoff und Proviant. Von Kurt Pelda heitskräften, die von der Schweizer Firma
T3-Concepts zusammengetrommelt wurden
und ehrenamtlich arbeiten. Dank der Hilfs-

W
ie Pfeile jagen Boden-Luft-Raketen zeugter Kommunist. »Viele Ukrainer verste- bemühungen im In- und Ausland herrscht
einem unsichtbaren Ziel hinterher, hen das nicht«, meint er; sie haben schlechte zumindest in der Hauptstadt noch kein Man-
irgendwo über der Autobahn, die Erinnerungen an den Kommunismus. »Aber gel an lebensnotwendigen Gütern.
Kiew mit der Außenwelt verbindet. In kurzer ich glaube, dass jeder geben sollte, soviel er Wir fahren mit Daniel nach Wassylkiw,
Folge feuert die ukrainische Luftabwehr fünf kann, und nur so viel nehmen sollte, wie er etwas südwestlich von Kiew. Die Ortschaft
Lenkwaffen ab. Sie ziehen einen Feuerstrahl gerade braucht.« mit rund 40 000 Einwohnern liegt in dem
hinter sich her, ehe sie in eine große Kurve Daniel lebt selbst nach diesem Leitspruch. Korridor westlich des Dnjepr, über den Kiew
übergehen und weit oben im Blau des Him- Vergangenen Sommer hat er den Füh­ mit Nahrungsmitteln, Treibstoff und Kriegs-
mels explodieren. Wie bei einem Kondens- rerschein gemacht, jetzt fährt er als Freiwil- material beliefert wird. Wenn die russischen
streifen ist der Rauch der Raketentriebwerke liger Hilfsgüter und Nahrungsmittel zu Be­ Truppen Wassylkiw und seine Umgebung er-
noch minutenlang zu sehen. dürftigen  – kreuz und quer durch Kiew obern, könnten sie mit der Autobahn und der
»Sie zielen auf die Raketen, mit denen die und auch ins Umland. Seine Freundin arbei- daneben liegenden Eisenbahnstrecke diese
Russen unsere Städte zerstören wollen«, sagt tet als Logistikerin. Sie nimmt am Telefon wichtige Versorgungslinie der Hauptstadt
Daniel, der junge Fahrer, während er ver- und über soziale Medien Anfragen entgegen, kappen. Dann wäre Kiew nur noch über das
sucht, das Geschehen am Himmel durch die leitet Einkaufslisten und Zielorte an Daniel östliche Ufer des Dnjepr erreichbar, was mit
Windschutzscheibe zu verfolgen. »Fünf Ra- weiter. Das Geld für die Einkäufe stammt aus großen Umwegen verbunden und deutlich
keten für ein Ziel, an Munition scheint es Spenden. gefährlicher wäre. Der Landkorridor bei Was-
unserer Luftabwehr jedenfalls nicht zu man- Unbürokratisch und schnell zu helfen und sylkiw ist strategisch wichtig. Außerdem be-
geln«, fügt er hinzu. Freiwillige dort einzusetzen, wo ihre Fähig- herbergt die Stadt eine Luftwaffenbasis, die
Daniel ist 20 Jahre alt und kommt aus Lu- keiten am meisten Nutzen bringen – das ist von den russischen Truppen mehrfach atta-
hansk, der seit acht Jahren weitgehend von einer der Gründe für den erfolgreichen Wi- ckiert wurde, und große Kasernen.
prorussischen Rebellen besetzten Region im derstand der Ukrainer. Unzählige dezentrale Auf der Hauptstraße fahren wir an einem
ukrainischen Donbass. Weil er dort immer Netzwerke aus Aktivistinnen und Aktivisten Stützpunkt vorbei, gleich daneben befindet
noch Verwandte hat, soll sein Familienname organisieren im ganzen Land alles, was nötig sich eine Militärakademie. Sie war Ende Fe-
hier auf seinen Wunsch verschwiegen werden. ist: von Schlafplätzen für Vertriebene, Essen bruar wohl eines von mehreren Zielen, auf
Daniels Muttersprache ist Russisch, doch und Treibstoff bis hin zu Nachtsichtgeräten die Russland eine große Zahl von Raketen
er fühle sich als Ukrainer, sagt er – seit er 2014 und kommerziellen Drohnen, die von den abfeuerte. Eines dieser Geschosse verfehlte
mit seinen Eltern aus dem Donbass nach Streitkräften zur Luftaufklärung verwendet die Militärakademie um rund 100 Meter und
Kiew geflohen ist. Vielleicht weil er die Sow- werden. Ohne die private Initiative Zehn- schlug auf der gegenüberliegenden Straßen-
jetunion nie erlebt hat, ist Daniel ein über- tausender wäre der Widerstand wohl längst seite direkt vor einer Berufsschule ein.

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Emin Sansar / Anadolu Agency / Abaca / ddp

Den mittleren Teil der Schule hat 1 | Ukrainische allgemeinen Wehrpflicht nicht verlas- wir müssen unsere Papiere deshalb
die Detonation zum Einsturz ge- Soldaten mit sen dürfe. Er sehe schlecht, trage dicke nur selten vorweisen. Wir nähern uns
Panzerabwehrwaffe
bracht. Nun klafft ein großer Krater bei Kiew 2 | Von Brillengläser und sei wahrscheinlich dem Irpin-Fluss, der für die Russen
vor dem Ziegelgebäude. Da, wo sich russischer Artillerie gar nicht kriegstauglich. Doch Anna auf ihrem Vormarsch ein großes Hin-
zuvor wahrscheinlich das Eingangs- zerstörtes Wohnhaus würde sich schlecht fühlen, wenn sie dernis darstellt, auch weil die Ukrai-
portal befand, liegt jetzt ein Trüm- in Kiew 3 | Barrikade ihren Sohn jetzt einfach zurückließe. ner die meisten Brücken gesprengt
in Kiew
merhaufen. Genauso denke auch seine Freundin, haben.
Ein paar Kilometer entfernt liefert darum hätten sich am Ende alle zum Hier am Stadtrand gibt es viele
Daniel die mitgebrachten Nahrungs- Bleiben entschlossen. Dabei musste die Einkaufszentren mit weitläufigen
mittel in einer anderen, intakten Familie ihr Haus am nordwest­lichen Parkplätzen und auch vereinzelte
Schule ab. Er trägt konserviertes Stadtrand wegen Artillerie­beschusses Waldgebiete. Je weiter wir nach
Fleisch in den Lagerraum, wo zwei bereits verlassen. Zuflucht hat sie in Nordwesten kommen, desto lauter
Frauen gerade damit beschäftigt sind, einer Wohnung weiter im Stadtinnern wird das Grollen der Artillerie. Die
Möhren zu schälen. In der Küche gefunden. Sie gehört Freunden, die Ukrainer beschießen die russischen
nebenan dampft es aus den Töpfen, derzeit in Westeuropa leben. Positionen, die Russen feuern zurück.
es werden Teigwaren gekocht, für Am Abend nimmt mich Pavlo Hai- Das Hin und Her dauert den ganzen
Vertriebene und Bedürftige des um- dai mit an den nordwestlichen Stadt- Abend und den größten Teil der
liegenden Viertels. rand von Kiew. Haidai ist Chef einer Nacht über an. Manchmal hören sich
Auf dem Rückweg nach Kiew bil- Logistikfirma, doch jetzt trägt er die Einschläge, mutmaßlich von rus-
den sich lange Staus vor den Kontroll- die Armbinde der Territorialverteidi- sischen Mehrfachraketenwerfern ver-
posten am Eingang der Stadt. Viele gung, und neben ihm im Auto liegt ursacht, wie das Getöse eines Gewit-
Uniformierte, Angehörige der Terri- ein amerikanisches Barrett-Sturmge- ters an.
torialverteidigung, sprechen Russisch wehr. Wir übernachten in einem Stütz-
und nicht Ukrainisch. Dennoch haben Eigentlich würde er sich lieber punkt der Territorialverteidigung.
sie sich freiwillig zum Wehrdienst ge- über Anthropologie, Kunst oder Phi- Einheimische, die noch nicht geflüch-
meldet. »Wir wollen keine Kolonie losophie unterhalten, aber im Mo- tet sind, bringen Essen und kochen
Russlands sein« oder »Wir sind nicht ment bestimmt der Krieg sämtliche für die Kämpfer. Die meisten Unifor-
mehr die Sklaven Moskaus« sind Sät- Gespräche. Haidai glaubt nicht, dass mierten – alles Männer – sind um die
ze, die häufig zu hören sind. Manch- es wirklich zu einer Umzingelung 40 Jahre alt. Die regulären, meist
mal sind die Kontrollen streng. Einmal Kiews durch die Russen kommt. »Im jüngeren Soldaten der ukrainischen
will sich ein Milizionär das entsperrte Nordwesten der Stadt hat die russi- Armee sind nicht im Stadtgebiet sta-
Mobiltelefon zeigen lassen. Dann geht sche Armee vielleicht 20 000 Mann tioniert, sondern kämpfen außerhalb
er die Liste der letzten Anrufe durch, stehen«, sagt er. Es sei schon zweifel- in den kleineren Ortschaften und
bevor er den Weg freigibt. haft, ob das für einen Angriff auf eine Wäldern.
In der Gegenrichtung, also stadt- Metropole wie Kiew reiche. »Aber Der Kommandant des Stützpunkts
auswärts, ist deutlich weniger los. eine komplette Einkesselung ist mit ist ein beleibter Hüne mit dem
Maxim Dondyuk / DER SPIEGEL (2)

Menschen können immer noch aus so wenigen Soldaten illusorisch.« Es Kampfnamen »Drache«. In der Dun-
Kiew flüchten, aber von denen, die gebe bisher auch keine Anzeichen kelheit führt er mit der Taschenlam-
noch da sind, wollen viele weiter aus- dafür, dass die russische Streitmacht, pe durch ein System von Gräben und
harren. Anna, eine Lehrerin Ende die sich in der Gegend von Irpin, Bu- Bunkern mit Schießluken. Der Unter-
vierzig, die ihren Nachnamen eben- cha und dem Flughafen Hostomel grund der Schützengräben ist mit
falls nicht veröffentlicht wissen möch- aufhalte, nennenswerte Verstärkung Holzbrettern und -gittern ausgelegt,
te, ist eine dieser Unbeugsamen. aus Russland erhalten habe. sodass die Männer bei Regen nicht
Sie erzählt, dass ihr Sohn Anfang Helfer Flores-Cortez, Viele Milizionäre an den Kontroll- im Schlamm versinken. »Das haben
zwanzig sei und das Land wegen der Fahrer Daniel posten kennen Haidai und sein Auto, alles wir gebaut«, sagt er stolz. Sie

Nr. 12 / 19.3.2022 DER SPIEGEL 15


TITEL

hätten nur leichte Infanteriewaffen, daten, die an einem nahe gelegenen


AK-74-Sturmgewehre und ein paar Langsame Einkreisung Frontabschnitt stationiert sind, kom-
Maschinengewehre. »Unser Auftrag men hierher, um sich mit Essen ein-
ist es, die Fahrzeuge auf dieser Ver- Vormarsch der russischen Armee im Umfeld Kiews seit zudecken. Ein uniformiertes Paar – er
Beginn des Ukrainekriegs
kehrsachse zu kontrollieren, das ist mit Pistole und einem überdimensio-
der Eingang nach Kiew. Die Stellun- nierten Schalldämpfer im Holster –
24. Februar Nach Luft-
gen haben wir für die Truppen weiter und Raketenangriffen schiebt einen Einkaufswagen durch
vorn erstellt, damit sich diese im rücken russische die Gänge. An den Kassen werden
BELARUS
Falle eines Rückzugs bei uns mit Truppen vor. Starker weiterhin Kreditkarten akzeptiert.
ihren Panzerabwehrraketen einrich- Widerstand bremst sie Tschernihiw Später fahren wir zur großen Stau-
aus, Tschernihiw und
ten können.« der Flughafen Hosto- Kernkraftwerk mauer im Norden der Stadt und über-
In den ersten drei Kriegswochen mel bleiben umkämpft. Tschernobyl UKRAINE queren sie in Richtung Osten. Die
haben die Territorialverteidigung und Die Ukrainer sprengen Ukrainer haben hier eine Brücke
unzählige zivile Hilfskräfte zum Teil Brücken, z.B. am 25. 2. Luftlande- Chotjaniwka über einen Nebenkanal des Dnjepr
bei Chotjaniwka. truppen am
mit Baggern Stellungen, Bunker und Flughafen Kiew gesprengt, nun ist das Dorf Chotja-
Straßensperren entlang der Haupt- Hostomel nj
niwka am anderen Ufer schwer zu

D
ep
verkehrsachsen errichtet. Dort, wo 50 km r versorgen. Daniel und andere Helfer
abseits der Straßen Angriffe zu er- bringen deshalb mit ihren Autos Nah-
warten sind, wurden Panzerminen 2. März Nach einer rungsmittel – hauptsächlich Kartof-
Pause mit Nachschub-
vergraben. Schilder mit roter Auf- versorgung beginnen feln, Weißkohl und Fischkonserven
schrift warnen davor. Ein Eindringen russische Einheiten, – bis zur gesprengten Brücke. Dort
ins Stadtzentrum ist für die Angreifer die stark verteidigten verladen die Männer die Esswaren
damit schwer möglich. Vororte wie Irpin in ein Schlauchboot mit Außenbord-
westlich zu umkreisen.
Außerhalb der Stadt sind unzählige Kiew wird mit Artillerie, motor.
russische Panzer im Schlamm stecken Raketen und aus der Einer der Helfer heißt Alberto
geblieben und von ihren Besatzungen Luft angegriffen. Irpin ­Flores-Cortez. Sein Vater ist Bolivia-
aufgegeben worden. Manchmal ge- Zunehmend wird zivile ner, die Mutter Ukrainerin. Vor dem
Infrastruktur zerstört, Kiew Vorstoß
lingt es den Ukrainern, Fahrzeuge aus ukrainische Krieg betrieb er mehrere Kampf-
Zivilisten sterben. von Osten
Gegenoffensive
dem Dreck zu ziehen und wieder flott- bei Makariw sportstudios in Kiew, mit insgesamt
zumachen. Mitten in der Stadt sehen 75 Angestellten. »Mein Geschäft lief
wir einen erbeuteten T-72-Kampfpan- 16. März Nach gut, aber jetzt ist alles tot«, sagt er.
zer, den die Ukrainer mit ihren Natio- verstreuten Angriffen Um den ukrainischen Widerstand zu
auf Vororte in den erneuter Versuch,
nalfarben bemalt haben. vergangenen Tagen Tschernihiw zu unterstützen, habe er eine Stiftung
In einem Krankenhaus in einem umschließen gegründet und außerdem einen gro-
ist es den Russen
Außenviertel empfängt uns Chefchi- weiterhin nicht ßen Teil seiner Ersparnisse auf
rurg Igor Chomenko in seinem Büro. gelungen, Kiew ein Bankkonto der Regierung über-
einzukesseln oder ihre
Er ist eigentlich im Ruhestand, früher Kräfte für einen Angriff Huta- wiesen, damit sie Waffen kaufen
hatte er den Rang eines Generalma- zu bündeln. Laut Meschyhirska ­könne.
jors in der Armee. Jetzt trägt er wie- Vorhersagen ist das Browary Gemeinsam mit Flores-Cortez set-
Irpin
der Uniform. Stolz zeigt er auf seinem auch in der kommen- Kiew zen wir über den Kanal und fahren
den Woche unwahr- Landkorridor
Mobiltelefon ein Video einer Opera- scheinlich. bei Wassylkiw nach Chotjaniwka ins Gemeindezen-
tion, die er kürzlich am Herzen eines trum. Dort wartet bereits eine Fami-
Verwundeten durchgeführt hat. Der S Quelle: Rochan Consulting, Institute for the Study of War and
lie mit drei kleinen Kindern auf die
Mann sei von einem Schrapnell in der Essensausgabe. Die Eltern sprechen
—

Critical Threats Project; Stand: 16. März


Brust getroffen worden. Der Notein- leidlich Deutsch. Mehrere Jahre lang
griff habe ihm das Leben gerettet. von einer Mörsergranate getroffen. haben sie im bayerischen Ansbach
»Die meisten Verletzungen, die Granatsplitter haben ihn am Ober- gelebt, ehe sie in die Ukraine zurück-
wir hier sehen, gehen auf Splitterwir- schenkel verwundet. kehrten.
kung oder Geschosse aus Infanterie- Ein Rentner, der in der Nähe des Auf dem Rückweg nach Kiew er-
waffen zurück, meistens an den Ex­ von den Russen eroberten Flughafens zählt Flores-Cortez von seinen
tremitäten«, erzählt Chomenko. »Wir Hostomel lebt, wurde zusammen mit Kampfsportstudios. Sie heißen »Cor-
sind etwa 20 Kilometer vom Kampf- einem Freund auf der Straße von tez – Mixed Martial Arts«. Das Logo
gebiet entfernt und damit das erste einem russischen Raketenangriff ist in weißer Schrift auf schwarzem
Krankenhaus, in das die Verwundeten überrascht. »Obwohl wir uns sofort Grund gehalten – mit einem markan-
eingeliefert werden.« Man nehme auf den Boden warfen, wurden wir ten roten Z am Ende.
hier lebensrettende Maßnahmen vor, getroffen«, erzählt der alte Mann. Dieses Logo werde er ändern müs-
stabilisiere die Patienten und leite sie Splitterwunden sind an seinem Kopf sen, sagt Flores-Cortez. Der Buch-
dann an andere Krankenhäuser in und seinem Arm zu erkennen. »Mein stabe Z ist heute das Zeichen der rus-
weniger umkämpften Landesteilen Freund hat den Angriff nicht über- sischen Invasoren, er ist auf vielen
weiter. lebt.« Panzern und Lastwagen aufgemalt,
Viele Mitarbeiter der Klinik seien Danach begleite ich den Helfer Da- in Russland schwenken die Kriegs-
geflüchtet, doch im Moment reiche niel noch einmal zu einem Einsatz. befürworter Z-Fahnen.
es, da nur etwa jedes vierte Bett be- Er hat eine Einkaufsliste dabei, und »Ich muss mir etwas Neues ein-
legt sei. Da ist etwa ein Mann von der wir fahren zuerst in einen Supermarkt fallen lassen«, sagt Flores-Cortez
Territorialverteidigung, der schon im Westen Kiews. Selbst hier ist das schwermütig. »Das Z werden die
2014 im Donbass gekämpft habe. Sei- Artilleriefeuer zu hören. Die Kund- ­Ukrainer nie mehr vergessen.«  n
ne Stellung in der Nähe des großen schaft ist den Krach gewohnt und
Staudamms nördlich von Kiew wurde kümmert sich nicht darum. Auch Sol- Kurt Pelda ist Reporter der »Weltwoche«.

16 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


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TITEL

SPIEGEL: Die Annahme im Westen war immer,


dass Putin ein ruchloser, aber rationaler Ak-
teur ist. Stimmt das noch?
McMaster: Putin ist rational, aber er hat auch

»Putin ist ein unfähiger


eine Obsession. Sie lautet, Russland wieder
zu nationaler Größe zu führen. Und sein Ver-
haltensmuster war immer ähnlich. Bevor er

Stratege«
im Jahr 2000 Präsident wurde, führte er die
Zerstörung Grosnys an und war mitverant-
wortlich für den Tod von 80 000 Zivilisten
im tschetschenischen Bürgerkrieg. Er hat dem
syrischen Machthaber Baschar al-Assad dabei
GEOPOLITIK  Der ehemalige US-Sicherheitsberater H. R. McMaster fordert geholfen, Massenmord an seiner Bevölkerung
zu begehen. Was Putin gerade Charkiw und
den Westen auf, die Waffenlieferungen an die Ukraine drastisch Mariupol antut, hat seine Vorgeschichte in
­auszuweiten, Sanktionen gegen den Kreml zu verschärfen – und auch Aleppo. Es ist wichtig zu begreifen, dass Pu-
China mit Härte zu begegnen, wenn es Russland unterstützt. tin Cyberattacken ausgeführt hat und Jour-
nalisten und Oppositionelle ermorden ließ,
weil er glaubte, er komme damit davon. Wenn
Herbert Raymond McMaster, 59, blickt auf diese Städte unter Beschuss nehmen. Dazu wir uns die Sanktionen anschauen, die nach
eine lange Karriere in der U. S. Army zurück. gehören unter anderem bewaffnete Drohnen, der Annexion der Krim im Jahr 2014 verhängt
Als in Europa der Eiserne Vorhang fiel, war aber auch Luftabwehrsysteme mittlerer Reich- worden sind, dann muss man sagen: Sie waren
er in Bayern stationiert. Er war im zweiten weite, die nicht nur dazu dienen, russische äußerst mager.
Golfkrieg im Einsatz, in Afghanistan und im Flugzeuge abzufangen, sondern auch Raketen. SPIEGEL: Was heißt das für die Zukunft?
Irak. Im Februar 2017 ernannte Donald Trump Das französisch-italienische Modell Aster 30 McMaster: Putin glaubte bisher immer, dass
den Dreisternegeneral zum Nationalen Sicher­ SAMP/T wäre dazu gut geeignet. Und im Fall die Folgen für sein Verhalten beherrschbar
heitsberater. Im Weißen Haus geriet McMaster von Odessa brauchen die Ukrainer auch Schiffs- seien. Diesmal aber scheint dies nicht der
schnell in Konflikt mit dem Präsidenten. Als abwehrraketen mit einer kurzen Reichweite. Fall zu sein. Diesmal gibt es eine starke,
McMaster öffentlich erklärte, es sei »unbe­ SPIEGEL: War es ein Fehler, dass die US-­ ­einheitliche Antwort. Ich glaube, wir sind
streitbar«, dass der Kreml in die Präsident­ Regierung nicht bereit war, polnische MiG- ­dabei, wieder eine echte Abschreckung auf-
schaftswahl 2016 eingegriffen habe, dauerte 29-Kampfjets an die Ukraine zu liefern? zubauen. Und wenn ich mir Putin und seinen
es nicht lange, bis er seinen Job los war. Heute McMaster: Warum hören wir nicht damit auf, besten Freund, den chinesischen Präsidenten
forscht McMaster an der Stanford University darüber zu reden, was wir nicht bereit sind Xi J­ inping anschaue, dann glaube ich, dass
in Kalifornien. In seinem Buch »Battle­ zu tun? Warum beginnen wir nicht damit, wir an der Schwelle dazu sind, den zweiten
grounds« beschreibt er den Niedergang der Wladimir Putin Schwierigkeiten zu machen? kalten Krieg zu gewinnen – so wir denn ent-
USA als Führungsmacht. Wenn wir die Ukraine mit Waffen beliefern, schlossen bleiben. Ich denke, dass Putin in
sollten wir darüber sprechen, was unsere Zie- einer sehr schwachen Position ist – und wir
SPIEGEL: General McMaster, der Krieg in le sind. Ich sehe insgesamt vier. Erstens: Wir sollten den Mühlstein der russischen Invasion
der Ukraine hat schon Tausende Todesopfer müssen verhindern, dass sich Putin in der in die Ukra­ine um den Hals von Xi Jinping
gefordert, und noch immer ist kein Ende Ukraine mit seinen Absichten durchsetzt. hängen.
in Sicht. Sehen Sie die Gefahr, dass der Kon- Zweitens: Wir müssen dafür sorgen, die hu- SPIEGEL: Welche Ziele verfolgt Putin in der
flikt über die Grenzen der Ukraine hinaus manitäre Katastrophe abzumildern. Drittens: Ukraine? Will er die Regierung in Kiew stür-
eskaliert? Wir müssen die Eskalation des Krieges ver- zen oder nur Teile des Landes übernehmen?
McMaster: Das ist bereits geschehen, wie wir hindern. Viertens: Wir müssen die Gewichte McMaster: Von dem Geheimdienstmaterial,
an den Flüchtlingen nach Westeuropa sehen. global verschieben, weg von den beiden re- das veröffentlicht wurde, wissen wir, dass Pu-
Und er kann weiter eskalieren. Wir erleben visionistischen Diktaturen auf der eurasischen tin die ganze Ukraine einnehmen wollte. Aber
schon jetzt, dass der Kreml das Schwarze Landmasse – Russland und China –, hin zur alle Annahmen, auf denen die Invasion be-
Meer als ein russisches Gewässer betrachtet. freien Welt. Es ist klar, dass die Ziele in Kon- ruhte, haben sich als falsch erwiesen. Putin
Das ist sehr gefährlich. Für mich ist die ent- flikt miteinander geraten können. ist zum Opfer seiner eigenen Propaganda ge-
scheidende Frage: Bis zu welchem Grad sind SPIEGEL: Viele sagen, dass ein weiteres mili- worden. Er hat nicht nur den Willen des ukra­
die Nato, die Europäische Union und der Rest tärisches Engagement des Westens dazu bei- inischen Volks unterschätzt, sondern auch die
der Welt bereit, dem Massenmord an den tragen könnte, dass der Ukrainekonflikt in Führung des Landes. Er hat auf Wolodymyr
Ukra­inern zuzuschauen? Es gibt Schätzun- einen dritten Weltkrieg mündet. Selenskyj geschaut und sah einen Schauspie-
gen, dass es eine Million ukrainische Tote und McMaster: Das Gerede von einem dritten ler, Komiker und Showtänzer, der einem
zehn Millionen Flüchtlinge geben könnte, Weltkrieg ist nicht hilfreich. Es dient nur Pu- Mann, der mit nacktem Oberkörper auf
wenn Russland mit diesen wahllosen Bom- tins Einschüchterungsversuchen und seinem einem Pferd sitzt, nichts entgegenzusetzen
bardierungen fortfahren sollte. Bemühen, den Krieg weiter eskalieren zu las- hat. Außerdem dachte er, er könne Zwietracht
SPIEGEL: Was könnte der Westen über das sen, ohne dass es für Russland Konsequenzen zwischen russisch- und ukrainischsprachigen
hinaus tun, was er jetzt schon leistet? hätte. Wir müssen Putin klarmachen, dass Bürgern säen – indem er sagte, er würde für
McMaster: Wir sollten die Ukrainer mit der nukleares Säbelrasseln die Nato und den Wes- die »Entnazifizierung« der Ukraine sorgen.
Fähigkeit ausstatten, sich selbst zu verteidigen. ten nicht beeindrucken wird. Aber vielleicht hätte er vorher daran denken
Dazu gehört eine Reihe von Waffen, die wir sollen, dass die Ukraine von einem jüdischen
im Moment noch nicht liefern. Wenn wir auf Präsidenten regiert wird, der Russisch spricht.
die beiden Hauptschlachtfelder des Krieges Putin wurde immer als großer Schachspieler
schauen – Kiew und Odessa –, dann sollten »Die Russen müssen beschrieben. Aber wie sich nun zeigt, ist er
wir den Ukrainern die Mittel geben, die ver- ein unfähiger Stratege.
hindern, dass die Russen Artillerie- und Rake- begreifen, dass sie mit Gewalt SPIEGEL: Sind Sie von der Schwäche des rus-
tenpositionen beziehen, von denen aus sie nicht weiterkommen.« sischen Militärs überrascht?

18 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


TITEL

McMaster: Ich kann mir nur schwer vorstellen,


dass Putin, nach all dem, was er getan hat, in
Brüssel oder Washington noch länger als Russ­
lands legitimer Staatschef auftreten kann. Wir
sollten alle Maßnahmen ergreifen, die uns zur
Verfügung stehen, das Putin-­Regime zu schwä­
chen, auch wenn uns das selbst wehtut. Das
bedeutet zum Beispiel, auf russisches Gas zu
verzichten. Wir sollten Russland auch als Ter­
rorsponsor einstufen. Denn Terror gegen Zivi­
listen zu verbreiten ist genau das, was Putin
macht. Und Russland gehört auch vollständig
aus dem internationalen Bankensystem aus­
geschlossen. Wir sollten deshalb auch den
Chinesen zu verstehen geben, dass sie mit
Sanktionen belegt werden, wenn sie Russland
finanziell bei­springen.
SPIEGEL: Steht China auf der Seite Putins?
McMaster: Absolut. Daran kann kein Zweifel
bestehen. Schauen Sie auf das Statement, das
beide Staaten während der Olympischen
Spiele herausgegeben haben. Darin heißt es,
dass die chinesisch-russische Partnerschaft
keine Grenzen kennt. Es ist ziemlich offen­
sichtlich, dass die Chinesen in Russlands Plä­
ne voll umfassend eingeweiht waren. Wahr­
scheinlich glaubten sie Putins Erzählung, dass
dieser Krieg rasch vorüber sei und dass
dann eine neue Ära in der internationalen
Politik anbrechen würde, eine Ära der Auto­
kratien. Es ist anders gekommen. Nun geht es
darum, die Lehren aus dieser Krise zu ziehen.
Für die EU-Staaten und die USA heißt das,
dass sie sich von chinesischer Infrastruktur,
Batterien etwa, nicht noch einmal so abhängig
Ray Kachatorian

machen dürfen wie von russischem Öl und Gas.


SPIEGEL: Donald Trump hat während seiner
Präsidentschaft ernsthaft mit dem Gedanken
Ex-General McMaster: »Wir sollten Russland als Terrorsponsor einstufen«
gespielt, die Nato zu verlassen. Sollten die
Europäer den Ukrainekrieg zum Anlass neh­
McMaster: Nein, bin ich nicht. Russland wird Herrschaft bedeuten. Und mehr als das. Putin men, ein eigenes Verteidigungsbündnis zu
seit dem Jahr 2000 von einem korrupten hat den Staat geplündert. Gerüchten zufolge schmieden?
­Regime regiert. Und das wirkt sich selbst­ ist er der reichste Mann der Welt. Doch er kann McMaster: Nein. Ich denke, dass die USA in
verständlich auf das Militär aus. Es fehlt an von diesem Reichtum nur Gebrauch machen, den vergangenen Wochen bewiesen haben,
professioneller Führung, an einer klaren Be­ solange er an der Macht ist. Deshalb wird er dass sie fest zur Nato stehen. Letztlich ging es
fehlsstruktur, in der Kommandeure bereit wohl nur dann zurückweichen, wenn er dazu auch Trump in erster Linie darum, die Lasten
sind, Verantwortung zu übernehmen und im gezwungen wird. Krieg ist letztlich eine Frage besser zu verteilen, etwa indem auch Staaten
Kampf eigenständig Entscheidungen zu tref­ des Willens. Und ich glaube, die Ukrainer wer­ wie Deutschland zwei Prozent ihres Brutto­
fen. Wir erleben eine Truppe, die nicht ge­ den den Russen durch ihre enorme Opfer­ inlandsprodukts für Verteidigung ausgeben.
schult darin ist, mit schwierigen Bedingungen bereitschaft zeigen, dass sie die Ukraine nicht Und genau das geschieht ja jetzt. Und das wird
fertigzuwerden. Es sieht ganz so aus, als wür­ dauerhaft unter ihre Kontrolle bringen können. auch die Abschreckung des Westens gegen
den viele Soldaten selbst nicht an die Mission SPIEGEL: Lässt sich mit Putin über Frieden Putin glaubhafter machen.
glauben. Sie sind nicht bereit, Opfer für diese verhandeln? SPIEGEL: Trump hat Putin als »Genie« be­
Mission und dieses Regime zu bringen. Es McMaster: Das hängt davon ab, wie groß der zeichnet. Ist es ein Nebeneffekt dieses Krie­
gibt das Sprichwort, wonach Soldaten nicht Druck auf Moskau ist. Die Russen müssen ges, dass sich die Republikaner von Trump
für das kämpfen, was vor ihnen steht, sondern begreifen, dass sie mit Gewalt nicht weiter­ lossagen?
für das, was hinter ihnen steht. Und das be­ kommen. Und deshalb ist es so wichtig, die McMaster: Es bedeutet, dass mehr und mehr
wahrheitet sich gerade. Aber das bedeutet Ukrainer so auszurüsten, dass sie Kiew und Amerikaner verstehen, dass unsere Sicherheit
nicht, dass die Russen der Ukraine nicht enor­ Odessa verteidigen können. mit der Sicherheit unserer Partner in der
me Schäden zufügen könnten. Es ist zu be­ SPIEGEL: Bedeutet das auch, eine Flugverbots­ freien Welt, insbesondere in der Nato und
fürchten, dass sie ihre Unzulänglichkeiten mit zone über der Ukraine einzurichten? natürlich der Ukraine, verbunden ist. Wir ha­
Brutalität ausgleichen, mit Luftangriffen McMaster: Es gibt verschiedene Wege zu ver­ ben seit 2000 eine Reihe von Traumata durch­
gegen Zivilisten. hindern, dass die russische Luftwaffe ungestraft lebt, die Kriege in Afghanistan und im Irak,
SPIEGEL: Sie sagen, Putin habe keine andere Städte bombardiert. Eine Flugverbotszone die Finanzkrise, die Coronapandemie. Aber
Wahl, als den Krieg weiter zu eskalieren? ist einer davon. Nichts sollte ausgeschlossen die Stärke von Demokratien besteht darin,
McMaster: Doch. Er kann sich zurückziehen. werden. dass sie, anders als Autokratien, lernfähig
Aber das ist unwahrscheinlich, denn das wür­ SPIEGEL: Gibt es für Putin einen Weg zurück sind.
de womöglich das Ende seiner 20-jährigen in die internationale Gemeinschaft? Interview: René Pfister, Maximilian Popp  n

Nr. 12 / 19.3.2022 DER SPIEGEL 19


TITEL

dere schlagen Brennholz. Um nicht zu


verdursten, schmelzen sie Schnee oder
zapfen Heizungsrohre an. Wenn sich
mit Einbruch der Dämmerung eine

Die Hölle von Mariupol


eisige Kälte über die Stadt legt, sam-
meln sich Freiwillige zum Teigkneten
in Backstuben, deren Maschinen nicht
mehr funktionieren. Um sich abzulen-
ken, hätten sie die ganze Nacht gesun-
ZIVILISTEN  Nach Wochen des Beschusses durch russische Truppen erlebt gen, sagt die Kulturmanagerin Diana
Berg, der Tage später die Flucht gelang.
die ostukrainische Stadt eine humanitäre Katastrophe. Menschen Mariupol ist eine Hölle.
werden in Massengräbern beerdigt, Mütter haben keine Milch für ihre Kinder, Die Frage ist: Wie lange steht man
das Essen ist knapp. so was durch? Was hat Putin davon?
Olga Baranowa, die Kinderärztin,
hat darauf keine Antworten. Sie weiß

W »Die Men-
enn die Kinderärztin Olga ein Angriff, der nicht nur so grausam nur, dass sie zum ersten Mal in ihrem
Baranowa an die Klinik Num- war, dass er sich ins Gedächtnis einer Leben Hass empfindet. Nächstes Jahr,
mer drei in Mariupol denkt, Generation einbrennen wird. Er lenk- schen sagt sie, wollten sie eigentlich einen
dann kommt ihr als Erstes die Inten- te auch den Blick auf eine Stadt, in ­ver­suchen nur neuen Bereich für Nachsorgeunter-
sivstation für Neugeborene in den
Kopf. Die hellen Räume, die sie erst
der sich nach drei Wochen Belage-
rung eine apokalyptisch anmutende
noch zu suchungen eröffnen.
»Und jetzt ist alles hin!«
im Sommer renoviert hatten. All die Katastrophe abspielt. überleben.« Zum Hass kommt ein Gefühl der
neuen, modernen Apparate. Die Brut- »Die Russen kämpfen nicht gegen Serhij Orlow, Ohnmacht, weil sie in Frankreich zu
kästen der Frühchen, vor denen junge die ukrainische Armee«, sagte der Vizebürgermeister weit weg ist, um zu helfen. Baranowa
Mütter mit bangen Blicken wachten. stellvertretende Bürgermeister Serhij von Mariupol wirft sich vor, eine Verräterin zu sein,
Dieses Haus, das seit 30 Jahren Orlow am Dienstag im Gespräch mit die abgehauen ist, als sie am drin-
­Baranowas Leben war, schien wie dem SPIEGEL . »Sie kämpfen gegen gendsten gebraucht wurde. Und dazu
das Versprechen einer besseren Zeit, unsere Zivilbevölkerung.« kommt die Wut über die Lügen, die
bis ein russischer Luftangriff es am 2358 tote Einwohner hätten sie seit die Russen nach dem Angriff verbrei-
9. März in Schutt und Asche legte. Beginn der Kämpfe gezählt, sagt Or- teten. Die Klinik, sagt sie, sei sicher
»Es bricht mein Herz«, sagt Ba­ low, aber die genauen Zahlen kennt kein Rückzugsort des rechtsextremen
ranowa, als sie am Dienstagmorgen niemand. Viele Leichen lägen immer Asow-Regiments gewesen, wie die
durch ihre große, runde Brille in die noch zwischen den Trümmern. Weil Russen behaupten. Es stimme zwar,
Kamera eines Computers blickt. es keine Feuerpausen gebe, sei ihre dass dessen Kämpfer Mariupol ver-
»Nur Tiere können so was tun.« Bergung zu gefährlich. Es gibt Auf- teidigten. Aber die Klinik liege in
Baranowa, 53, sitzt in der Pariser nahmen, die zeigen, wie Leichen in einem Wohnviertel, wo es keine mi-
Wohnung ihres Sohnes. Am Tag, als Massengräber geworfen werden. litärischen Ziele gebe. Baranowa
das russische Militär einmarschierte, »Es ist ein Albtraum«, sagte Peter selbst hat dort gelebt. Fünf Minuten
sagt sie, sei sie zu einer Freundin ins Maurer, der Präsident des Internatio- brauchte sie zu Fuß zur Arbeit.
Auto gestiegen. Abtauchen, bis dieser nalen Roten Kreuzes, dessen in der Was ist mit ihrer Wohnung?
Spuk vorbei ist, dachte Baranowa, die Stadt lebende Helfer mittlerweile Baranowa weiß es nicht. Sie weiß
in Sorge war, weil sie sich erst im Ja- selbst zu Hilfsbedürftigen geworden auch nicht, wie es ihren Kollegen
nuar einer Magen-OP unterzogen sind. Lkw, die dringend benötigte Le- geht. Wie die meisten Flüchtlinge ver-
hatte. Sie sortierte sich noch in Paris, bensmittel und Medikamente bringen bringt sie ihre Tage im Netz, sucht
als auf ihrem Smartphone plötzlich sollten, finden keinen sicheren Weg nach Bildern, nach Informationen,
diese Bilder aufleuchteten, die nun durch den Belagerungsring. Sie ste- nach Lebenszeichen von Freunden.
eines der Symbole für den Irrsinn die- cken fest wie auch all jene, die mit Als Baranowa am Dienstag liest,
ses Krieges sind. zunehmender Verzweiflung auf siche- dass russische Soldaten angeblich ein
Sie sah die Gitterbettchen auf der re Fluchtkorridore warten. Krankenhaus überfallen hätten, fährt
Neugeborenenstation, die sie in den Mindestens 300 000 Menschen ihr erneut der Schreck in die Glieder.
letzten Jahren leitete, die zerstörten harren vermutlich noch in Mariupol Ihre Schwester arbeitet als Kardio-
Brutkästen, die blutdurchtränkten aus. Sie haben keinen Strom, kein login in dem Haus. Seit Wochen war-
Matratzen, auf denen Frauen in den Gas, kein Wasser. Weil die Telefon- tet Baranowa auf ein Lebenszeichen.
Wehen lagen, als die Bombe über und Internetverbindungen gekappt Sie wartet darauf, dass sich die Häk-
ihnen einschlug. Im Hof stand eine wurden, haben sie seit Wochen kaum chen hinter ihren Nachrichten blau
Schwangere zwischen den Trüm- Kontakt zur Außenwelt. Auf Fotos färben. Dass sie sie entdeckt auf einer
mern, eingehüllt in eine Decke, und oder ­Videos, die es aus dem Inneren jener Facebook-Seiten, auf denen
blickte fassungslos in Richtung einer der Stadt herausschaffen, sind un- Bürger, die für einen Augenblick eine
Kamera. Eine andere lag auf einer wirkliche Schuttwüsten zu sehen, Verbindung zum Internet bekommen,
Trage und streichelte intuitiv das tote Kraterlandschaften. Greise, die ihre Fotos aus den Kellern posten.
Simone Perolari / DER SPIEGEL

Kind in ihrem Bauch. Habseligkeiten auf Handkarren ver- Es gibt einen Telegram-Kanal für
»Ich habe keine Worte«, sagt Ba­ schnürt haben, irren ziellos durch die Mariupol mit 84 000 Abonnenten,
ranowa. »Es traf die Wehrlosesten.« rauchenden Ruinen. auf dem Menschen nach Vermissten
Drei Menschen starben in der Kli- Bürger, die die Tage in den Kellern suchen. Alle paar Sekunden poppen
nik, die eigentlich ein Ort ist, an dem ihrer Wohnblöcke verbringen, riskie- in der Gruppe Fotos auf. Man sieht
Leben beginnt, darunter ein Kind. ren den Weg ans Licht, um in ihren Menschen am Strand, in Museen,
17 weitere wurden verwundet. Es war Hinterhöfen Gräber auszuheben. An- Ärztin Baranowa glückliche Gesichter aus der Zeit vor

20 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


TITEL

dem Krieg. Eine Anna sucht da ihre Schwes-


ter, von der sie zuletzt hörte, als sie auf dem
Weg in einen Luftschutzbunker war. Eine Frau
namens Darja war zuletzt am 5. März online.
Der letzte Kontakt zum elfjährigen Kirill: am
2. März. Es sind Hilferufe, die im virtuellen
Raum verhallen. Es sind einfach zu viele.
Das Problem der Menschen in Mariupol
ist, dass sie auf einem Flecken Erde leben, der
für Russland von strategischer Bedeutung ist.
Gelänge Putins Truppen die Einnahme der
Stadt, dann kontrollierten sie einen südlichen
Korridor entlang der Küste des Asowschen
Meeres, der den Osten der Ukraine mit der
Krim verbindet. Seit dem Wochenende, sagt
der stellvertretende Bürgermeister Orlow,
rückten russische Verbände immer tiefer ins

Mstyslav Chernov / AP
Stadtgebiet vor, wo Soldaten der ukrainischen
Armee bislang ihre Stellungen verteidigten.
»Allein gestern hatten wir 22 Luftangriffe,
die ganze Viertel dem Erdboden gleichmach-
ten«, sagt Orlow Anfang der Woche. Verletzte vor zerstörter Geburtsklinik: Ein Angriff, der sich ins Gedächtnis einbrennen wird
Wenn man ihn fragt, was der Grund ist für
die Angriffe, muss Orlow lange überlegen. dienen soll. Die Analystin Olga Oliker von Zehn Stunden waren sie unterwegs. Immer
Irgendwann sagt er: »Vielleicht, dass wir grö- der International Crisis Group formulierte es wieder hielten sie an Checkpoints. Am ersten,
ßere Furcht vor ihnen haben? Weil sie anders kürzlich so: Weil niemand glaube, dass eine gleich hinter der Stadt, sagt Karpenko, habe
nicht gewinnen können?« Seite diesen Krieg gewinnen könne, kämpfe ihnen ein auffällig freundlicher Russe eine Tüte
Seit Beginn des Krieges ist Orlow für die man in Städten wie Mariupol um eine besse- Milch der Marke Druschba Narodow, Freund-
Kommunikation zuständig, ein ernst blicken- re Position am Verhandlungstisch. schaft der Völker, geschenkt. Im Landesinneren
der Mann mit hoher Stirn und schwarzer Als es zum Wochenanfang danach aus- änderte sich dann der Ton. Ein Soldat be-
Windjacke, der immer irgendwo vor einer sieht, als würden sich die Kriegsparteien auf- schimpfte sie als Extremistin. Ein anderer öff-
weißen Wand steht. Aus Angst, wie andere einander zubewegen, scheint sich die Lage nete das Handy ihres Stiefvaters und fragte,
Bürgermeister entführt zu werden, will Orlow etwas zu entspannen. 6500 Privatautos, teil- was es mit dem Foto dieses abbrennenden
seinen Aufenthaltsort nicht kommentieren. te Bürgermeister Wadim Bojchenko in der Hauses auf sich habe. Als sie erklärten, dass
Auch Orlow hat seit Wochen keinen Kon- Nacht zu Donnerstag mit, hätten Mariupol es ihres sei, löschte er die Aufnahme.
takt zu seiner Familie. Stattdessen, sagt er, binnen zwei Tagen verlassen. In der Tele- Die Erinnerungen, sagt Karpenko, ließen
meldeten sich Mütter bei ihm, die befürchten, gram-Gruppe »Mariupol Now« melden sich sie nicht los. Wie die Fenster barsten und die
dass ihre Babys in ihren Armen sterben, weil nun Menschen, die bereit sind, 1500 Dollar Türen unter dem Druck zerbrachen. Dann
sie keine Milch mehr für sie haben. »Sie wei- für eine Mitfahrgelegenheit zu zahlen. Ein die Nachbarin, die draußen auf dem Gehsteig
nen nicht«, sagt Orlow. »Sie berichten nur. User warnte vor den Minen auf der Strecke schluchzend in einem Schaukelstuhl saß. Der
Die Menschen haben alle Gefühle eingefro- nach Berdjansk. Das Auto seiner Eltern, Schutzraum mit den Alten, die nicht glauben
ren. Sie versuchen nur noch zu überleben.« schrieb er, sei dort kürzlich explodiert. wollten, dass Putin das wirklich tut.
Was sich in der Stadt abspielt, ist in Orlows Die Schülerin Juliya Karpenko gehört zu »Wenn du solche Angst empfindest«, sagt
Augen ein »Genozid«. Wenn sich die Lage denen, die Mariupol an diesem Tag entkom- Karpenko, »dann verstehst du diese Leute,
nicht bald ändere, könnte es Zehntausende men sind. Am Mittwochmorgen sitzt sie frisch die denken, vielleicht wäre es besser für den
Tote geben. geduscht im Warmen einer Tankstelle hinter Ort, wenn die Kämpfer einfach aufgäben.
Um die Menschen aus der Stadt zu brin- Saporischschja. Sie habe Glück gehabt, sagt Vielleicht könnten wir dann einfach gehen.«
gen, brauchte es eine Waffenruhe entlang der Karpenko in die Kamera ihres Laptops. Hät- Karpenko lächelt.
Fluchtrouten. Es brauchte Vertrauen zwischen te der Hund nicht rausgemusst, dann hätte »Mariupol war mal ’ne coole Stadt.«
den Kriegsparteien, detaillierte Abkommen, ihre Mutter nicht den Mann getroffen, der In den nächsten Tagen wird sie erst mal in
die regeln, wer was wann wo bewegen darf, gerade draußen seinen Wagen packte. Lwiw bei ihrer Schwester unterkommen. Spä-
sagt Alexander Hug, der lange Zeit als OSZE- ter würde sie dann gern ihren Abschluss ma-
Beobachter in der Ostukraine war. »Sonst chen, vielleicht in Deutschland, wo sie mal
kommt es schnell zu Missverständnissen. UKRAINE zum Austausch war. »Ich bin erst 17«, sagt sie.
Schon ein Militärlaster, der Tote rausbringt, »Ich könnte überleben.«
kann falsch gedeutet werden und als Anlass moskautreue Karpenkos Worte hallen noch nach, als am
dienen, das Feuer wieder zu eröffnen.« Separatisten-
gebiete
RUSS- Mittwochmittag russische Bomben auf das
Offenbar fehlt aber der Wille, tatsächlich LAND Dramatheater in Mariupol fallen. Hunderte
Vormarsch der
so ein Abkommen zu schließen. »Die Bruta- russischen Armee wohnungslose Zivilisten, heißt es, hätten dort
lität der Bombardierungen ist eine bewusste Schutz gesucht. Satellitenbilder zeigen, dass
Strategie«, sagt der Militärexperte Justin auf dem Gebäude das Wort »Kinder« ge-
Bronk vom Londoner Royal United Services Mariupol schrieben stand, auf Russisch und so groß,
Institute for Defence and Security Studies dass es aus der Luft zu lesen war. Auch wenn
(Rusi). Es gehe darum, die Zivilisten so sehr zerstörte Klinik zunächst unklar blieb, ob Menschen starben
und zerstörtes
leiden zu lassen, dass die ukrainische Regie- Schauspielhaus er
– es ist nach der Klinik der zweite furchtbare
e
rung den Krieg nicht fortsetzen kann. sM Angriff auf ein ziviles Ziel der Stadt.
Asowsc h e
Andere sehen in der Zerstörung Mariupols S Quelle: Institute for the Study of War and Marian Blasberg, Ann-Dorit Boy, Francesco
20 km
ein Zeichen, das anderen Städten als Warnung


Critical Threats Project; Stand: 16. März Collini, Fritz Schaap, Lina Verschwele n

Nr. 12 / 19.3.2022 DER SPIEGEL 21


TITEL

eines Krieges gegen Europa«, sagte


er. Es gehe um Demokratie und Men-
schenrechte. Jeder, der diese Werte
verteidigen wolle, könne sich der
ukra­inischen Territorialverteidigung
anschließen.
Luka ist davon überzeugt, dass Se-
lenskyj recht hat. Er spricht leise und
überlegt, wie ein Draufgänger wirkt
er nicht. Zu Hause, in Watford, wartet
seine Tochter auf ihn. Sie ist sieben
Jahre alt. Die Bilder aus Mariupol hät-
ten ihn an sie erinnert: Ein kleines
Mädchen, ein Jahr jünger als seine
Tochter, wurde dort von russischen
Raketen getötet. Ein Arzt versuchte

Kai P faffenbach / REUTERS


verzweifelt, sie zu retten, die Mutter
stand weinend daneben, mit blutver-
schmierter Mütze. Luka schaute sich
die Bilder immer wieder an. Dann
fasste er den Entschluss, in die Ukrai-
Britische Kämpfer in der Ukraine: Solidarität aus aller Welt ne zu gehen. Die Mutter seiner Toch-
ter, mit der Luka inzwischen nicht
mehr zusammen ist, versuchte nicht,
ihn aufzuhalten. »Komm nur wieder«,
habe sie gesagt. Luka sagt, er rechne

»Freiheit ist nicht umsonst«


nicht damit. Er rechne nie ­damit.
Medyka, im Südosten Polens, ist
der wichtigste Grenzübergang zur
Ukraine. Tausende Ukrainerinnen
strömen hier jeden Tag mit ihren Kin-
FREIWILLIGE Tausende Ausländer reisen in die Ukraine, um gegen die russischen dern Richtung Westen. Trotz des
Krieges sind viele in die andere Rich-
Truppen zu kämpfen. Sie riskieren ihr Leben für ein Land, das sie tung unterwegs. Ukrainer fahren
kaum kennen – und könnten den Westen tiefer in den Konflikt hineinziehen. Hilfslieferungen zu ihren Landsleu-
ten. Ausländische Kämpfer sammeln
sich, um gemeinsam die Grenze zu

F
ür Luka begann der Weg in den Menschen aus aller Welt solidari- überqueren.
Krieg mit einer E-Mail. Es waren sieren sich in diesen Tagen mit der Neben Luka stehen am Mittwoch
nur ein paar Sätze, er tippte sie Ukraine. Sie demonstrieren gegen dieser Woche sechs weitere Männer,
in sein Handy, schickte sie an die Putins Angriffskrieg, sie schicken Bit- die alle kämpfen wollen. Zwei Briten
­ukrainische Botschaft. »Ich will mei- coins nach Kiew oder nehmen Flücht- tragen Tarnanzüge. Omid, ein Iraner,
nen Brüdern und Schwestern im linge auf. Tausende junge Männer der seinen Nachnamen aus Angst um
Kampf gegen den Teufel helfen. Was gehen noch einen Schritt weiter: Sie die Familie nicht veröffentlicht wissen
soll ich tun?«, schrieb Luka. Er könne wollen selbst an die Front, um die möchte, hat die Kapuze seiner Win-
die Schnellfeuerwaffen AK-47 und ukra­inischen Truppen zu verstärken. terjacke ins Gesicht gezogen.
PM-98 bedienen. Und er habe Erfah- Sie wollen ihr Leben für ein Land ris- 2015 floh Omid aus seiner Heimat,
rung mit Raketenwerfern. kieren, das sie kaum kennen. er lebt seitdem in Sorø, einer kleinen
Eine Woche später sitzt er am 20 000 Ausländer aus 52 Ländern Stadt im Osten Dänemarks. In einem
Piotr Malecki / DER SPIEGEL

Bahnhof von Przemyśl, kurz vor der haben sich nach ukrainischen Anga- Warenlager arbeitete er als Packer.
ukrainischen Grenze, und raucht eine ben freiwillig gemeldet. Im Internet Nun hat er seinen Job gekündigt, um
Zigarette. Luka, 33, trägt Wollmütze beraten sie, wie sie am einfachsten an in den Krieg zu ziehen.
und Strickschal. In seinen Rucksack die ukrainischen Grenzen gelangen Omid sagt, er wolle nicht einfach
hat er Kampfstiefel, Thermo-Unter- und wie sie sich vorbereiten sollen. nur kämpfen, sondern die Ukraine
wäsche und zwei Uniformen gepackt. Das Reddit-Forum »r/VolunteersFor­ verteidigen, das sei ein Unterschied.
Die kugelsichere Weste hat er zurück- Ukraine« hat mehr als 40 000 Mit- In Iran habe er erlebt, wie Demons­
gelassen. Zu schwer, sagt er. glieder. Unter den Freiwilligen sollen tranten niedergeschossen wurden.
Luka stammt aus einer Kleinstadt Veteranen aus den USA sein, ein kon- Während er an den Geflüchteten vor-
im Norden Polens, lebt aber in Groß- servativer Parlamentarier aus Lett- beigeht, erzählt er von dem freund-
britannien. Er hat sein ganzes Er- land und ein gefeierter Scharfschütze schaftlichen Verhältnis der Herrscher
Piotr Malecki / DER SPIEGEL

wachsenenleben lang gekämpft. Erst aus Kanada – aber auch Menschen in Teheran und Moskau. »Freiheit ist
in der französischen Fremdenlegion, ohne jegliche Kampferfahrung. Was nicht umsonst«, sagt Omid. »Manch-
später in anderen Ländern. »Ich bin treibt sie an? Und welchen Einfluss mal muss man sie verteidigen.«
ein Söldner«, sagt Luka. Seinen vol- werden sie auf den Konflikt haben? Westliche Sicherheitsbehörden ha-
len Namen soll man nicht veröffent- Der ukrainische Präsident Wolo- ben Freiwillige, die in die Ukraine
lichen. Jetzt gehe es ihm nicht ums dymyr Selenskyj richtete sich bereits reisten, bisher skeptisch beäugt. Im
Geld. »Jemand muss Putin stoppen.« wenige Tage nach Kriegsbeginn an Freiwillige Donbass kämpfen rechtsextreme Le-
Die Nato habe Angst. Er nicht. das Ausland. »Das ist der Beginn Luka, Omid gionäre seit Jahren auf beiden Seiten.

22 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


TITEL

Das neonazistische Asow-Regiment, das den


Süden der Ukraine verteidigt, wird für zahl- SPIEGEL TV Programm
reiche Kriegsverbrechen verantwortlich ge-
macht. Studien zeigen, dass es oft ideologisch
motivierte Ausländer sind, die Gräueltaten
begehen.
Doch Putins Brutalität hat die westliche
Haltung verändert. Einige Regierungschefs
ermutigen die Freiwilligen sogar. Manche füh-
len sich an die Rhetorik der internationalen
Brigaden im spanischen Bürgerkrieg erinnert.
Ab 1936 reisten Zehntausende Freiwillige
nach Spanien, um eine demokratische Regie-
rung gegen Faschisten zu verteidigen. Den
britischen Schriftsteller George Orwell be-
schlich damals das »bösartige Gefühl«, dass

Getty Images / Sasha Mordovets


der Krieg doch glorreich sei.
Omid starrt immer wieder auf die kurze
Mail der ukrainischen Botschaft, die ihm den
Weg weist. Nach dem Grenzübertritt soll er
sich an einer Tankstelle in der Nähe von Lwiw
melden. Dort gibt es eine Militärbasis, wo die
Ukraine ihre ausländischen Kämpfer ausbil-
det. Am vergangenen Sonntag feuerten rus- Präsident Wladimir Putin, Oligarch Alischer Usmanov 2013
sische Kampfjets Raketen auf die Anlage. Der
Angriff war eine Warnung. Man werde die SPIEGEL TV SPIEGEL Geschichte
Attacken auf die ausländischen Söldner fort-
setzen, verkündete Moskau. MONTAG, 21. 3., 23.25 – 0.00 Uhr, RTL DONNERSTAG, 24. 3., 20.15 – 21.45 Uhr, SKY
Die Nato hat sorgsam darauf geachtet, in
der Ukraine nicht zur Kriegspartei zu werden. Putin und die Oligarchen Die Schlacht um Berlin
Eine Flugverbotszone, wie Selenskyj sie for- Schwerpunktsendung über den russi­ April 1945: An den Stadtgrenzen Berlins
dert, schließt sie aus. Doch die ausländischen schen Präsidenten und seine willfährigen beginnt der Sturm der Roten Armee
Legionäre könnten den Westen tiefer in den Milliardäre, die in Berlin und London auf Hitlers Hauptstadt. Gegen den er­
Konflikt hineinziehen, als ihm lieb ist. riesige Villen besitzen, auf Megajachten bitterten Widerstand der deutschen
David Malet, der an der American Uni- um die Welt reisen und sich ganze Fuß­ Verteidiger rücken die sowjetischen
versity in Washington, D. C., zu ausländischen ballklubs leisten. Einheiten in blutigem Häuserkampf vor.
Kämpfern forscht, hält es für möglich, dass Militärhistoriker analysieren die drama­
russische Truppen Fremdenlegionäre gefan- tischen Ereignisse von der Planung bis
gen nehmen und exekutieren könnten. In ARTE Re: zur Kapitulation.
diesem Fall rechnet Malet mit einer emotio-
nalen Reaktion der westlichen Öffentlichkeit. MONTAG, 21. 3., 19.40 – 20.15 Uhr, ARTE
Er warnt vor »erheblichen unbeabsichtigten ZDFzoom
Konsequenzen«. Schottergärten im Visier –
Die meisten Militärexperten bezweifeln, Wenn Kies und Co. die Natur MITTWOCH, 23. 3., 22.45 – 23.15 Uhr, ZDF
dass die ausländischen Freiwilligen den verdrängen
Kriegsverlauf entscheidend beeinflussen kön- Ein umstrittener Trend hält Einzug in Endstation Krieg – Das
nen. Bis sie als Einheiten funktionieren, müss- Deutschlands Vorgärten: Schotter, Kiesel Scheitern der Diplomatie
ten sie wochenlang trainieren. Die interna- und Splitt als moderne Alternative zum
tionale Legion ist deshalb bisher vor allem wilden Grün. Die neue Lust auf Stein zeigt
ein Symbol. Sie erinnert die Ukrainer daran, sich eindrucksvoll bei einem Streifzug
Getty Images / Mikhail Metzel
dass sie in ihrem Kampf nicht allein sind. durch so manches Neubaugebiet. Pflege­
Die erste Nacht auf ukrainischem Boden leicht und ästhetisch, sagen Befürworter,
verbringt Luka in einer ehemaligen Schule, umweltschädlich und hässlich, klagen
die nun als Kaserne dient. Auf den Matratzen Naturschützer. Durch die Abdeckung mit
neben ihm schlafen neun Polen, drei Briten, Unkrautvlies oder Teichfolie würden
ein Schwede und ein Rumäne. Er habe bis Beete wasserfest versiegelt, unter dem
spät in die Nacht mit den Männern geredet Gewicht der Kiesel und des Splitts ver­ Gesprächspartner Biden, Putin 2021
und gelacht, berichtet Luka per WhatsApp. dichte sich der Boden.
Seine größte Sorge ist nun, dass sie nicht ge- Am 24. Februar startete Russland den
nug Munition bekommen könnten. Großangriff auf die Ukraine. Wie ist Euro­
Die sechs anderen Freiwilligen, mit denen pa in diesen Krieg hineingeraten? Wurde
Luka losgezogen war, sind umgekehrt. Omid in der Vergangenheit die Chance ver­
sagt, die Ukrainer hätten ihn aufgefordert, passt, Russland beizeiten stärker unter
sich für sechs Monate zu verpflichten. Aber Druck zu setzen? ZDFzoom spricht mit
dafür sei sein Aufenthaltsstatus in Dänemark namhaften Experten und Expertinnen
SPIEGEL TV

zu unsicher. Er will nun nach Sorø zurück und und untersucht vier Wochen nach Kriegs­
sich einen neuen Job suchen. beginn, wie die Welt in diese fatale
Karolina Jeznach, Steffen Lüdke n Botaniker Ulf Soltau Situation schlittern konnte.

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TITEL

Offiziere, schaffte er selbst es in den


Luftschutzbunker.
Im Lwiwer Hauptquartier seiner
Partei zeigt sich Koschulynsky, ein
drahtiger Kerl in Flecktarn, 52 Jahre
alt, mit einer Glock-Pistole im Hols-
ter. Um ihn herum wuseln Freiwillige,
die Hilfslieferungen fertig machen für
die Front. Behauptungen des russi-
schen Verteidigungsministeriums, bei
dem Anschlag auf Jaworiw seien bis
zu 180 ausländische »Söldner« ge-
tötet worden, nennt Koschulynsky
absurd. Putin habe dem Ausland eine
Lektion erteilen wollen: »Seht her,
was passiert, wenn die Ukraine vom
Westen mit Waffen aufgerüstet wird.«

Es sind Bilder am Ende dieser dritten


Kriegswoche in und um die west­
ukrainische Metropole Lwiw, die nicht

Ilvy Njiokiktjien / DER SPIEGEL


so recht zusammenpassen: Da sind
die Begräbnisse der toten Frontsolda-
ten; da sind Zivilisten, die sich im ehe-
maligen Lwiwer Filmcenter im Um-
gang mit dem Sturmgewehr ausbilden
lassen; da sind die Freiwilligen, die
Freiwillige beim Befüllen von Sandsäcken: Kriegsvorbereitungen und Kaffeehausgelassenheit Sand in Plastiksäcke schaufeln; und
da sind gellende Sirenen, die mehr-
mals täglich Luftalarm verkünden.
Gleichzeitig sitzen junge Frauen
und Männer, hippe Millennials, in den

Warten auf den Krieg


angesagten Bars der Unesco-Welt-
erbe-Altstadt vor ihren Laptops. An-
dere genießen auf Kaffeehausterras-
sen die ersten Strahlen der Märzsonne.
Wieder andere, dick vermummt und
IDENTITÄT Wie keine andere Stadt steht Lwiw für den multikulturellen, unschwer zu erkennen als Flüchtlinge
aus dem Norden und Osten des Lan-
proeuropäischen Charakter der Ukraine – und die Gräuel des 20. Jahrhunderts. des, tasten sich noch unsicher durch
Nun bereiten sich die Einwohner auch hier auf das Schlimmste vor. die Fußgängerzone – auf der Suche
nach einer Unterkunft oder einer
Möglichkeit zur Weiterreise. In den

D
er ukrainische Truppenübungs- volle St.-Peter-und-Paul-Kathedrale Straßen der Stadt, die als Hochburg
platz Jaworiw liegt keine zu Lwiw getragen. »Hospody pomy- ukrainischer Nationalisten gilt, ist
25 Kilometer von der polni- lyj«, Herr erbarme dich, singen die momentan mehr Russisch als
schen Grenze entfernt. Dahinter be- Gläubigen. ­Ukrainisch zu hören.
ginnt der Herrschaftsbereich der »Der Anschlag von Jaworiw, so Lwiw, im 19. Jahrhundert als
Nato. Der Weg nach Jaworiw führt nah an der Nato-Außengrenze, war »Klein-Wien« berühmt, war immer
von Lwiw aus, dem ehemaligen Lem- auch ein Schlag gegen unsere west­ eine Stadt der Widersprüche, der
berg, an sowjetischen Mietskasernen lichen Partner«, sagt der ukrainische Vielschichtigkeit. »Ein Ort beispiel-
und einer verlassenen Schwefelfabrik Offizier und Politiker Ruslan Koschu­ loser Paradoxien«, so nennt der His-
vorbei Richtung Norden. Kurz vor lynsky: »Dies hier ist schon längst toriker Karl Schlögel Lemberg, »von
den Kasernentoren ist schlagartig kein Krieg gegen die Ukraine mehr. unglaublicher Schönheit und nie da-
Schluss: Milizen fordern an einer Es geht den Russen um eine neue gewesenem Grauen, das immer
Straßensperre dazu auf umzukehren. Weltordnung.« Die Deutschen aber, BELARUS ­wieder über die Stadt hereinbrach,
Die Nervosität ist allen in dieser das wisse er seit seiner Zeit als So­ Labor der Moderne und Schauplatz
­Gegend anzusehen: In Jaworiw, wo wjetsoldat in der DDR, wollten nicht von Völkermord und Massendepor-
Kiew
einst Sowjettruppen das Sagen hat- wahrhaben, »dass Russen nur eine Lwiw tationen«.
ten, starben bei einem russischen Ra- Sprache verstehen – die der Gewalt«. UKRAINE Unter der Herrschaft der Habsbur-
ketenangriff am vergangenen Sonn- Koschulynsky, 2019 erfolgloser ger war die einst Galizien genannte
tag 35 ukrainische Einsatzkräfte. Präsidentschaftskandidat der rechts- Region nicht nur die östlichste, son-
Einer von ihnen war Wolodymyr nationalistischen Partei Swoboda, dern auch die ärmste Provinz im
Dazenko, 22 Jahre alt, Ehemann und war während des Raketenangriffs auf von Russland ­Kaiserreich. Im damaligen Lemberg
annektierte Krim
Vater aus dem westukrainischen Win- Jaworiw vor Ort. Er trainiert auf dem wimmelte es von »Schuhputzern und
nyzja. Bereits einen Tag nach dem Gelände Kommandeure der Artillerie- 250 km Lastträgern«, wie der Zeitzeuge Her-
Anschlag wird sein Sarg, bedeckt mit einheiten. Während seine Kameraden mann Blumenthal über die Stadt
der ukrainischen Flagge, in die pracht- starben, darunter mit ihm befreundete S Karte: OpenStreetMap Ende des 19. Jahrhunderts schrieb.


24 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


TITEL

Daneben gab es das vornehme Lem- diesem Prozess« der Einigung einer sionsveranstaltungen russische und
berg der Kaffeehäuser im Wiener Nation, an dessen Ende »die Selbst- ukrainische Künstler an einen Tisch
Stil, wo Schriftsteller wie Joseph Roth findung und Reifung der ukrainischen geholt und auf Augenhöhe behandelt
mit Verlegern das Weltgeschehen er- Zivilgesellschaft« stehen könnte. würden. »Das ist fast so, als hätte man
örterten. Draußen vor dem Café haben früher gesagt – fünf Minuten hören

Ilvy Njiokiktjien / DER SPIEGEL


Das alte Lemberg, »eine kleine Fi- Handwerker gerade die gut 200 Jah- wir Adolf Hitler zu und fünf Minuten
liale der großen Welt«, so Roth, exis- re alte Adonis-Figur auf dem Spring- den Juden«, klagt Luschezky. »Wir
tiert heute fast nur noch in Gestalt brunnen vor dem Rathaus ver- sind für Putin das, was die Juden für
prachtvoller Palazzi aus Renaissance mummt – zum Schutz vor Granat- Hitler waren.«
und Barock. Mehr als 80 Prozent der splittern. Prochasko sagt, auch er
Einwohner waren noch bis weit ins schließe nicht mehr aus, dass Putin Über den Fernsehbildschirm von
20. Jahrhundert hinein polnischer einen Militärschlag gegen Lwiw, Sym- Lwiws Bürgermeister Andrij Sadowy
oder jüdischer Abstammung. Nach bolstadt der Vielfalt und Aufklärung, Am Ende des flimmern die Bilder von den Verwüs-
den Ermordungen und Vertreibungen erwägt. Im nur 130 Kilometer südlich tungen in Städten wie Mariupol, Char-
durch Hitlers Nazi- und Stalins So­ gelegenen Iwano-Frankiwsk wurde
Kriegs könnte kiw und Kiew. Sadowy aber sieht
wjettruppen blieb nur eine ver- bereits der Flughafen durch drei Luft- »die Selbst­ kaum hin. Es sind Bilder, wie sie den
schwindende Minderheit. schläge zerstört. findung Bewohnern von Lwiw und ihrem
Die Ukraine ist ein blutgetränkter Putin könne seine Agentenausbil- Stadtoberhaupt bisher erspart blieben.
Boden, eine europäische Schicksals- dung nicht verleugnen – die Neigung, und Reifung In seinem mit Ikonen geschmück-
region, am Schnittpunkt zwischen Ost Konflikte zu schüren, verrate die alte der ukrai­ ten Amtszimmer im Rathaus ist der
und West gelegen, zwischen Ortho-
doxie, Katholizismus und Judentum.
KGB-Handschrift, urteilt der Maler,
Bildhauer und Verleger Rostyslaw
nischen Zivil­ Bürgermeister immer nur kurz zu-
gegen. Am Vortag empfing er den
Ein Land an der Peripherie und zu- Luschezky. Seine Gattin, die renom- gesellschaft« Amtskollegen aus Przemyśl, einer
gleich im Zentrum Europas, je nach mierte ukrainische Autorin Oksana ­stehen. polnischen Stadt, die vom Truppen-
Standpunkt des Betrachters. Und Sabuschko, reist gerade von Straß- übungsplatz Jaworiw aus gesehen
Jurko Prochasko,
kaum eine andere Stadt strahlt diese burg über München nach Warschau, Publizist direkt hinter der Grenze liegt. An
Vielschichtigkeit so sehr aus wie Lwiw. um die Europäer wachzurütteln. diesem Morgen läuft er zu den Brenn-
Im holzvertäfelten Café Atlas aus Luschezky hat sich entschieden, punkten der Stadt, zum Bahnhof
dem Jahr 1871 erscheint kurz nach im Land zu bleiben, obwohl er wegen und zu den Notunterkünften. Dann
einem weiteren Luftalarm zur Mit- einer Erkrankung als nicht wehrfähig spricht er mit der Bürgermeisterin
tagszeit Jurko Prochasko, Übersetzer, gilt. Auf einer Bank vor den Resten von Danzig über benötigte Hilfe und
Publizist und Psychoanalytiker. Er der von Nazis zerstörten Tempel-Sy- legt in der Kathedrale Blumen am
spricht ein weiches, makelloses, nahe- nagoge sagt er, ihm sei es wichtig, in Sarg eines weiteren gefallenen Sol-
zu literarisches Deutsch. der eigenen Stadt zu helfen. Er berät daten nieder.
Eine »bizarre Mischung aus Naivi- Kranke und kümmert sich um Medi- Zurück im Büro sagt Sadowy, der
tät und Zynismus« in Berlins Umgang kamente. Als seine Ehefrau auf dem seit 16 Jahren amtiert, sein Haupt-
mit Moskau beklagt Prochasko, viel Handy anruft, reden beide kurz da­ augenmerk gelte den Geflüchteten.
zu lange habe man in Deutschland rüber, dass bei westlichen Diskus- Seine Stadt habe – nach ihm vorlie-
am Paradigma der Ostpolitik Willy genden Zahlen – schon vor Kriegs-
Brandts festgehalten. Prochasko hat ausbruch fast eine Million Einwohner
einen offenen Brief ukrainischer In- gezählt. Nun seien binnen zwei Wo-
tellektueller unterzeichnet: »Liebe chen 220 000 hinzugekommen. Er
Deutsche, schämen Sie sich nicht?« habe deshalb Turnhallen, Theater
Es ist eine Kritik unter anderem da­ und Schulen für die Flüchtlinge ge-
ran, dass sich die Bundesregierung öffnet. Teilt Sadowy die Sorge man-
weigert, auf Öl- und Gasimporte aus cher Bürger, dass der Zuzug russisch-
Russland zu verzichten. Wer sich das sprachiger Ukrainer aus östlicheren
antifaschistische »Nie wieder« anhef- Teilen des Landes das soziale Gefüge,
ten wolle, heißt es am Ende des den spezifischen Geist von Lwiw ver-
Briefs, dürfe nicht das Zerstörungs- ändern könnte? Knappe Antwort:
werk der russischen Angreifer mit­ »Die sind jetzt unsere Bürger und hier
finanzieren. zu Hause.«
Prochasko spannt in der Frage der Viele der Neuankömmlinge woll-
Nationenwerdung einen Bogen von ten bleiben, er sei bereits dabei, Bau-
ersten Aufwallungen 1848 über die grund zu besorgen und eine Wunsch-
ukrainische Unabhängigkeitserklä- liste mit dem Nötigsten an die EU-
rung von 1991 bis hin zur Gegenwart. Kommission vorzubereiten. Umge-
Die in West und Ost, ukrainisch- und rechnet eine Million Dollar pro Tag
russischsprachig gespaltene Bevölke- investiert Lwiw derzeit aus eigenen
rung sei vor allem bei den monate- Mitteln in die Unterstützung der Ge-
langen Demonstrationen am Kiewer flüchteten. »Wir haben alle Ausgaben
Ilvy Njiokiktjien / DER SPIEGEL

Maidan, 2004 und 2013/14, zusam- gestoppt, die nicht direkt mit der ak-
mengewachsen. Damals sei der Wille tuellen Situation zu tun haben«, sagt
spürbar geworden, »über Sprachen der Bürgermeister. Er versteht das als
und Ethnizität hinweg eine mündige, einen Akt der Solidarität mit dem
tüchtige Gesellschaft aufzubauen«, Rest des Landes: »Kiew ist das Herz
sagt Prochasko. Den laufenden Krieg der Ukraine, aber Lwiw ist die Seele.«
nennt er einen »weiteren Schritt in Verhüllte Statue: Verwüstungen bisher erspart geblieben Walter Mayr n

Nr. 12 / 19.3.2022 DER SPIEGEL 25


TITEL

le der Kreml auf Zeit. Wäre die Jour-


nalistin sofort zu Arrest oder einer
härteren Strafe verurteilt worden,
hätte das womöglich Proteste befeu-

»Natürlich habe ich Angst«


ert, Owsjannikowa zu einer noch grö-
ßeren Heldin gemacht. Mehr als
150 000 Menschen haben bereits
Likes und Kommentare auf ihrer
Facebook-Seite hinterlassen. »Danke
MEDIEN Die Fernsehjournalistin Marina Owsjannikowa protestierte für die Wahrheit«, schreiben sie.
»Was für ein Mut!« Selbst der ukra-
in den Abendnachrichten live gegen Machthaber Putin. Was inische Präsident Wolodymyr Selen-
hat sie dazu gebracht – und welche Folgen hat die Aktion für sie? skyj meldete sich mit Dankesworten.

SPIEGEL: Sie arbeiten schon lange für

M »Dann bin ich


arina Owsjannikowa meldet SPIEGEL: Frau Owsjannikowa, haben den Ersten Kanal. Warum haben Sie
sich per Telefon. Die Sie keine Angst? sich erst jetzt entschieden, Konse-
43-Jährige hat sich einige Owsjannikowa: Natürlich habe ich ins Studio quenzen zu ziehen?
Stunden ausruhen können, nach fast Angst, sogar große. Ich bin ja ein gelaufen – an Owsjannikowa: Wissen Sie, meine
zwei Tagen ohne Schlaf, wie sie er-
zählt. Sie wirkt fahrig, im Hinter-
Mensch. Es kann alles passieren, ein
Autounfall, alles, was die wollen, dessen
dem Polizisten Unzufriedenheit hat sich über all die
Jahre aufgestaut. Die Schrauben wur-
grund klingelt immer wieder ein bin ich mir bewusst. Aber das ist meine vorbei, der den hier schrittweise immer weiter
zweites Telefon. »Es ist einfach sehr Position als Bürgerin. Verstehen Sie, immer Dienst angezogen. Erst konnten wir die Lei-
viel gerade«, sagt sie. ich habe bereits den Punkt überschrit- ter der Regionen Russlands nicht
Owsjannikowa hat gegen Putins ten, an dem es kein Zurück mehr gibt. bei uns hat.« mehr so frei wählen wie vorher. Dann
Vorgehen in der Ukraine protestiert, SPIEGEL: Das Ermittlungskomitee, eine kamen all die Ereignisse in der
nicht irgendwo, sondern live während Strafverfolgungsbehörde, die direkt Ukraine 2014, das Ausrufen der
der Abendnachrichten im Studio des Putin unterstellt ist, hat bereits Er- »Volksrepubliken« Donezk und Lu-
Ersten Kanals. Sie hat ein Plakat mit mittlungen gegen Sie aufgenommen. hansk, die Vergiftung Alexej Nawal-
der Aufschrift »Kein Krieg / Stoppt Rechnen Sie mit einer harten Strafe? nys. Parallel schalteten die Behörden
den Krieg / Glaubt der Propaganda Owsjannikowa: Es wurde noch kein nach und nach die unabhängigen Me-
nicht / Hier werdet ihr belogen« auf Strafverfahren gegen mich eingelei- dien aus. Als ich am 24. Februar mor-
Englisch und Russisch ins Bild gehal- tet. Sie prüfen, ob Gründe für ein sol- gens aufwachte und hörte, dass Putin
ten, während die Moderatorin über ches vorliegen. Ich habe natürlich einen Krieg gegen die Ukraine be-
die Auswirkungen der westlichen gehört, dass hochrangige Vertreter gonnen hat, der sich eben nicht auf
Sanktionen sprach. »Stoppt den der Führung gefordert haben, gegen die »Volksrepubliken« Donezk und
Krieg, kein Krieg«, hat sie gerufen. mich vorzugehen. Ich weiß nicht, wie Luhansk beschränkt, sondern dass die
Fünf Sekunden lang war Owsjan- sich das alles weiterentwickeln wird. russische Armee nach Kiew vorrückt,
nikowa zu sehen, bis die Regie Bilder war das ein solcher Schock. Jedem
eines mutmaßlichen Krankenhauses Die TV-Journalistin wurde bisher zu normal denkenden Menschen in
einblendete. einer Geldstrafe von 30 000 Rubeln, Russland war bewusst, dass er nicht
Es sind die fünf Sekunden, die umgerechnet etwa 265 Euro, ver- mehr so wie früher weiterleben kann.
Owsjannikowa weltberühmt – und in urteilt. Angeblich habe sie einen nicht SPIEGEL: Sie sind in Odessa geboren.
Russland zur »Feindin Nummer eins« genehmigten Protest organisiert. Es War das auch ein Grund für Ihren
gemacht haben, wie sie es beschreibt. ist eine vergleichsweise milde Strafe, Protest?
Es war ein bemerkenswerter Akt des aber Owsjannikowa hat zwei Kinder, Owsjannikowa: Das ist ein Krieg
Widerstands: Owsjannikowa, Redak- eine Tochter, 11, einen Sohn, 17. gegen ein Brudervolk! Das kann kein
teurin des Staatssenders, wechselte Juristisch scheint die Sache für gesunder Mensch akzeptieren. Mein
demonstrativ die Seiten. Owsjannikowa noch lange nicht aus- Vater ist Ukrainer, meine Mutter Rus-
Fast 20 Jahre lang hatte sie zuvor gestanden zu sein. Es wirkt, als spie- sin. Als ich ein Jahr alt war, sind wir
bei dem Fernsehkanal gearbeitet. Der weg aus Odessa nach Russland. Ich
Sender ist berüchtigt für seine Staats- habe noch Verwandte in der Ukraine,
propaganda, Millionen Russinnen eine Tante, Cousins, aber wenig Kon-
und Russen, vor allem ältere Men- takt zu ihnen. Für mich war der Pro-
schen auf dem Land, verfolgen ihn. test in erster Linie eine pazifistische
Seit Beginn des Ukrainekriegs, der Aktion. Ich wollte zeigen, dass auch
in Russland offiziell als »militärische Russen gegen diesen Krieg sind, was
Sonderoperation« bezeichnet wird, viele Menschen im Westen nicht ver-
hat Machthaber Wladimir Putin die stehen. Die Mehrheit der klugen und
Gesetze noch einmal verschärft. Wer gebildeten Menschen hier lehnt die-
vermeintliche Falschinformationen sen Krieg ab.
über die russischen Streitkräfte und SPIEGEL: Es gibt Menschen, die glau-
ihr Vorgehen veröffentlicht, dem dro- ben, dass Ihr Protest womöglich in-
hen hohe Geldbußen, im schlimmsten szeniert worden sei, um vor allem den
Fall mehrjährige Haftstrafen. Ow- Westen von dem abzulenken, was in
sjannikowa spricht dennoch – auch der Ukraine passiert.
im Interview mit dem SPIEGEL – von Owsjannikowa: (lacht auf) Ich habe
»Krieg«. Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet. das gelesen, aber ich bin hier, eine rea-

26 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


TITEL

SPIEGEL: Was genau haben Sie als Redakteu-


rin beim Ersten Kanal gemacht?
Owsjannikowa: Ich habe im Bereich Auslands-
nachrichten gearbeitet, stand mit internatio-
nalen Agenturen wie Reuters und Medien-
diensten wie Eurovision in Kontakt, verfolgte
die westlichen Nachrichten, recherchierte,
nahm Interviews mit Politikern und Experten
aus dem Ausland auf, produzierte Beiträge
für unsere Sendungen.
SPIEGEL: Das heißt, Sie haben ständig eine
andere Realität gesehen – eine, die Sie im
Ersten Kanal nicht zeigten.
Owsjannikowa: Bei meiner Arbeit habe ich
das ganze Bild gesehen, die ukrainischen
Flüchtlinge, die jetzt in Polen und anderswo
sind. Ich habe die Ukrainer gesehen, die durch
den Krieg alles verloren haben, ihre zerstörten
Wohnhäuser, all die Verletzten und Toten. Die
Aufnahmen der internationalen Agenturen
liefen ständig bei uns auf den Bildschirmen

Mikhail Japaridze / action press


ein. Gezeigt haben wir die Bilder im Ersten
Kanal nicht. Auch nicht von unseren Toten.
SPIEGEL: Sie haben lange für die Staatspro-
paganda gearbeitet, wie hält man das aus?
Owsjannikowa: Die Arbeit wurde zu einer
schweren Last. Die meisten Menschen, die
Angeklagte Owsjannikowa nach Anhörung vor Gericht: »Es ist für mich psychisch schwierig«
für das Staatsfernsehen arbeiten, verstehen
sehr genau, was vor sich geht. Sie wissen nur
le Person. Es gibt keinen Fake, das war keine Ich hatte bis Sonntag frei. An dem Tag habe allzu gut, dass sie etwas Falsches machen. Sie
Montage. Ich war im Studio des Ersten Kanals, ich Papier und Stifte gekauft, das Plakat in sind keine überzeugten Propagandisten, oft
der Sender hat den Vorfall bestätigt. Der Pro- der Küche gemalt und das Video aufgenom- alles andere als das! Sie ringen ständig inner-
test war allein meine Idee. Ich verstehe, dass men, das ich nach der Aktion auf Facebook lich mit sich selbst, sind hin- und hergerissen
nun alle möglichen Versionen gestreut werden, veröffentlicht habe. Ich habe mit niemandem zwischen der Arbeit und dem eigenen mora-
alle Kräfte der Propaganda gegen mich ge- in der Familie, nicht mit Freunden oder Kol- lischen Kompass. Sie wissen, dass der Erste
richtet werden, um mich zu verleumden. legen über meinen Plan gesprochen. Kanal lügt, viele der Staatssender lügen. Die
SPIEGEL: Wie liefen die Verhöre ab? SPIEGEL: Was ist am Montag im Sender Kollegen müssen aber ihre Familie ernähren,
Owsjannikowa: Die Beamten wollten lange ­passiert? wissen, dass sie im derzeitigen politischen
nicht glauben, dass ich selbst entschieden habe Owsjannikowa: Ich habe meine Arbeit be- Klima keinen anderen Job finden werden.
zu protestieren. Sie fragten immer wieder gonnen wie immer, habe im Studio beobach- SPIEGEL: Hatten Sie Weisungen, wie Sie zu
nach, wie ich mit dem Westen verbunden sei, tet, wo genau die Kameras stehen, wie sie sich arbeiten haben?
wer mich beeinflusst habe. Dabei habe ich nur bewegen, wo ich mich hinstellen kann. Ich Owsjannikowa: Natürlich gibt es Vorgaben
meine Position als Bürgerin zum Ausdruck hatte große Angst, am Ende könnte alles um- aus dem Kreml darüber, was man sagen darf
gebracht. Mich hat auch ein Vizeleiter der Ab- sonst sein, wenn mich keiner zu sehen bekä- und was nicht. Die Weisungen werden von
teilung zur Bekämpfung des Extremismus be- me. Dann bin ich schnell ins Studio gelaufen – der Sendeleitung an die einfachen Mitarbeiter
fragt, er wurde ständig angerufen von irgend- an dem Polizisten vorbei, der immer Dienst weitergegeben. Was wir wie beim Namen
welchen Chefs. Ich habe bestimmt 20-mal nach bei uns hat und aufpasst. Der konnte nicht nennen konnten, mit welchen Formulierun-
einem Juristen gefragt. Es hieß immer: »Gleich mehr reagieren, das ausgerollte Plakat hatte gen, welche Experten wir einladen durften,
dürfen Sie einen anrufen.« Ich durfte es aber ich schon in den Händen und habe mich hin- welche nicht. In der Ukraine waren das meist
nicht. Ich durfte auch nicht meine Familie ver- ter die Moderatorin gestellt. Danach bin ich nur prorussische Vertreter.
ständigen, mehr als 18 Stunden lang. schnell wieder raus zu meinem Arbeitsplatz
SPIEGEL: Was hat Ihre Familie zu Ihrer Pro- und habe gewartet. Dann kamen viele Chefs Mindestens zehn Mitarbeiter russischer
testaktion gesagt? zu mir – alle fragten: »Waren Sie das?« Keiner Staatsmedien haben allein in den vergange-
Owsjannikowa: Für sie war das ein schwerer wollte das so recht glauben. nen Tagen gekündigt, meist leise. Sie haben
Schlag. Meine Mutter ist immer noch scho- sich oft erst gemeldet, wenn sie bereits im
ckiert, sie ist vollkommen erschöpft. Meinen Der Sender hat nun die Sicherheitsmaßnah- Ausland angekommen waren. Dort sind auch
Sohn trifft das alles sehr, er macht ohnehin in men verstärkt, Livesendungen werden nach viele Journalistinnen und Journalisten von
seinem Alter eine schwierige Phase durch. Er Medienberichten um bis zu zwei Minuten ver- unabhängigen Medien, die trotz der Repres-
hat mir vorgeworfen, dass ich das Leben von setzt übertragen. Owsjannikowa hat inzwi- sionen versuchten, bis zuletzt objektiv zu be-
uns allen zerstört habe. Es ist für mich psy- schen selbst gekündigt, sie schäme sich, zu- richten. Sie bedauere sehr, dass so viele kluge
chisch sehr schwierig, ich stehe zwischen den gelassen zu haben, dass Lügen über den Fern- Menschen vertrieben worden seien, sagt Ow­
Fronten. Meine Familie unterstützt mich nicht sehbildschirm verbreitet werden, sagt sie. sjannikowa. »Für unser Land heißt das, dass
richtig. Dazu gibt es die offizielle öffentliche Owsjannikowa hatte unter anderem in Ku- es in der Dunkelheit versinken wird.«
Meinung, die gegen mich ist. ban im Süden Russlands Journalistik studiert, Ausreisen aus Russland wolle sie aber nicht,
SPIEGEL: Wann haben Sie den Entschluss für an derselben Universität wie Margarita Si- dabei hatte ihr Frankreichs Präsident Emma-
die Aktion gefasst? monjan, Putin-Verbündete und Chefredak- nuel Macron sogar Asyl angeboten. »Ich will
Owsjannikowa: Wir arbeiten im Wochenwech- teurin des Staatssenders RT. Dort arbeitet auf keinen Fall weg, ich bin Patriotin.« 
sel im Sender, eine Woche Arbeit, eine frei. auch Owsjannikowas Ex-Mann. Interview: Christina Hebel  n

Nr. 12 / 19.3.2022 DER SPIEGEL 27


DEUTSCHLAND

Filip Singer / epa


In einer Kirche in Berlin beten ukrainische Gemeindemitglieder bei einem Gottesdienst für den Frieden. Um sie herum in den Gängen und auf den
Kirchenbänken stapeln sich Kisten und Kartons – Hilfspakete für die Opfer des russischen Angriffskrieges, unter dem die Ukraine seit
drei Wochen leidet. Etwa 24 000 Menschen mit ukrainischen Wurzeln lebten bereits vor Kriegsbeginn in Berlin. Derzeit kommen laut Berliner Senat
wegen des Krieges täglich etwa 10 000 Menschen in der Stadt an.

Ministerium lässt Exporte prüfen


KRIEGSGER ÄT  Ermittlungen sollen klären, ob Bosch Auflagen für Ausfuhren nach Russland missachtete.

D as Bundeswirtschaftsministerium hat gegen den deutschen


Technologiekonzern Bosch Ermittlungen auf den Weg ge-
bracht. Sie sollen klären, ob das Unternehmen gegen ein Ex-
portverbot für Güter verstoßen hat, die sowohl zivil als auch mili-
zuständigen Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden weiter, er-
klärte das Wirtschaftsministerium. Aus Regierungskreisen heißt es,
dies sei erfolgt. Zuständig sind die Staatsanwaltschaft Stuttgart und
das Zollkriminalamt in Köln. Bosch erklärt, man habe »umgehend
tärisch verwendet werden können. Das Bundesamt für Wirtschaft eine intensive Prüfung eingeleitet«. Es handle sich um »gewöhnli-
und Ausfuhrkontrolle (Bafa) bereitet das Verfahren vor. Im Raum che Steuergeräte für Nutzfahrzeuge«. Bosch habe diese nicht direkt
steht ein Verstoß gegen EU-Sanktionen, die seit Russlands Anne- an die Fahrzeughersteller geliefert. Nach SPIEGEL -Informationen
xion der Krim 2014 die Ausfuhr sogenannter Dual-Use-Güter nur könnten weitere Unternehmen in den Fokus geraten, etwa ZF
unter Auflagen zulassen. Hintergrund ist der Vorwurf des ukraini- Friedrichshafen. Der Zulieferer erklärt, man habe keine Erkennt-
schen Außenministers Dmytro Kuleba, man habe in russischen Mi- nisse, »dass Komponenten von ZF in militärischen Fahrzeugen der
litärfahrzeugen Komponenten von Bosch gefunden. Hinweise auf russischen Armee eingesetzt oder wissentlich von uns geliefert
Sanktionsverstöße gebe die Bundesregierung unmittelbar an die wurden«. Mit dem Bafa stehe man im Austausch. GT, MHS, SEV

28 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


Entscheidung über nun laut Bundesinnenministe-
DER GESUNDE MENSCHENVERSTAND
rium ändern. Vorausgegangen
Griechenland-Fälle
Zu viel verlangt
war ein Gespräch zwischen In-
FLÜCHTLINGE Asylanträge von nenministerin Nancy Faeser
rund 41 000 Geflüchteten liegen (SPD) und dem griechischen
beim Bundesamt für Migration Migrationsminister Notis Mi-
und Flüchtlinge (Bamf) auf Eis, tarachi. Darin einigten sich bei- Von Markus Feldenkirchen tiv eingreifen ist um einiges
zum Teil schon seit Jahren. Nun de Seiten über wesentliche schlimmer. Weil dies die Lage
will sich die Behörde mit den
Fällen befassen. Hintergrund
ist, dass die Geflüchteten in
Griechenland einen Schutzsta-
Punkte eines Programms, mit
dem Deutschland den Griechen
helfen will, Flüchtlinge unterzu-
bringen und zu versorgen. Wer
D er ukrainische Präsi-
dent Wolodymyr Se-
lenskyj kämpft dieser
Tage wie ein Löwe für sein
bis hin zum Atomkrieg eska-
lieren könnte.
Die Frage ist nur, wie lange
der westliche Konsens, diese
tus erhalten hatten, danach aber Deutschland verlassen muss, Land. Er macht das brillant. Forderung der Ukraine zu
nach Deutschland reisten und bleibt allerdings offen. Das Eines Tages, wenn die brutale ignorieren, noch anhält. Ab
hier einen neuen Asylantrag Bamf wird nach den üblichen russische Invasion überstan- wann fällt auch das letzte
stellten. Eigentlich müssten sie Asylkriterien entscheiden, wer den ist, wird sein Denkmal auf Tabu, wonach kein Nato-Staat
nach Griechenland zurück. Weil gehen muss. Auch dann wird dem Maidan in Kiew stehen. aktiv in diesen Krieg ein-
sie nach Ansicht deutscher Ver- sich aber noch zeigen müssen, Da bin ich mir sicher. greift? Bei manchen wie
waltungsgerichte dort aber ob den Verwaltungsgerichten Zu diesem Kampf für sein Springer-Chef Mathias Döpf-
nicht ausreichend versorgt wä- das deutsch-griechische Hilfs- Volk gehört auch die immer ner zeigt das Drängen der
ren, blieb eine Bamf-Entschei- abkommen für eine ausreichen- neue Forderung nach einer Ukrainer bereits Wirkung –
dung bislang aus. Das soll sich de Versorgung genügt. AMP Flugverbotszone über der und entfacht eine gewisse
Ukraine. Und ganz ehrlich: Lust, selbst in den Krieg zu
Wäre ich Präsident der Ukrai- ziehen, zumindest rhetorisch.
Rechtsextreme ken, es gebe aber auch »zumin- ne oder ihr Botschafter in »Sie müssen JETZT ihre Trup-
dest in Teilen der Szene« eine Deutschland oder einfach pen und Waffen dahin bewe-
springen auf »grundsätzliche Ablehnung nur ein ukrainischer Familien-
CORONA In Bayern hat sich ein staatlichen Handelns«. Im Jahr vater, der Angst um seine Die Forderung der
Teil der Protestszene gegen Co- 2021 registrierten die Behörden Liebsten hat, ich würde sie
rona-Schutzmaßnahmen radi- knapp 1000 politisch motivierte auch stellen. Zur Not zehnmal
Ukraine nach einer
kalisiert. Das geht aus der Ant- Straftaten im Zusammenhang am Tag. Flugverbotszone
wort des bayerischen Innenmi- mit Protesten gegen staatliche Die Forderung ist nicht nur heißt übersetzt: Liebe
nisteriums auf eine Anfrage der
Grünen im Münchner Landtag
Coronamaßnahmen, darunter
46 Gewaltdelikte, wovon sich
verständlich, sie ist auch ge-
schickt. Flugverbotszone
Nato, werdet endlich
hervor. »Zuletzt war festzustel- 26 Angriffe gegen Polizeibeam- klingt irgendwie harmlos, Teil dieses Krieges!
len, dass Rechtsextremisten in te richteten. »Der Freistaat nach blauem Himmel, nach
mehreren Teilen Bayerns ver- Bayern darf nicht länger zu- Vogelgezwitscher. Übersetzt gen, wo unsere Werte und
mehrt auf das Protestgeschehen sehen, wie eine kleine Minder- heißt die Forderung aber: Lie- unsere Zukunft NOCH vertei-
aufgesprungen sind«, heißt es heit unsere Demokratie be Nato, schickt endlich eure digt werden«, feuerte Döpfner
dort. Szeneangehörige wollten angreift«, kritisiert die Soldaten in den Kampf, wer- die Nato vom eigenen
»auch bei Personengruppen Fraktionsvorsitzende der Grü- det Teil dieses Krieges! Denn Schreibtisch aus an.
Gehör finden, die bislang durch nen, Katharina Schulze. Die genau das bedeutet die Ein- Hinter dieser Lust an der
offen rassistische und fremden- Oppositionspolitikerin fordert, richtung einer Flugverbots- Eskalation verbirgt sich eine
feindliche Agitation nicht er- für das gesamte Bundesland ein zone: Alle russischen Kampf- Gesinnungsethik, die man bis-
reichbar waren«. Mobilisierend Lagebild über gewaltbereite jets, Helikopter und Drohnen lang eher bei den Grünen fin-
könne das Thema Impfen wir- Proteste zu erstellen. ACL, FRI in der Ukraine müssten zer- den konnte. Einen Dringlich-
stört werden, ebenso Luftab- keitsrausch, einen missionari-
wehrstellungen in Belarus schen Eifer nach dem Motto:
oder Russland selbst, die eine Entweder wir schaffen JETZT
Nachgezählt Flugverbotszone gefährden die Welt, wie sie uns gefällt.
würden. Schon wäre die Nato Oder sie geht halt unter! Im-
Studienanfänger im ersten Semester an deutschen Hochschulen im Gefecht mit Russland. mer wenn man sich mit einer

9%
»Ist das zu viel verlangt?«, Sache allzu gemein macht,
fragt Selenskyj den Westen. und sei es mit einer guten, lei-
weniger Es klingt wie eine rhetorische det die Analysefähigkeit. Es
Frage. Dabei ist es völlig legi- fehlt dann der kühle Kopf.
2011
tim, ja geboten zu antworten: So hart es auch sein mag:
518.748 2021
»Ja, das ist zu viel verlangt.« Es gibt eine Verantwortung,
471.604
Es ist hart, so zu antworten, die über die Ukraine hinaus-
es zerreißt einem das Herz reicht. Sie umfasst die gesam-
Rund ein Viertel und führt einen an die Gren- te Menschheit. Und der wäre
der Studienanfänger
kommt inzwischen zen der eigenen Moral. Zuzu- mit einer Ausweitung des
aus dem Ausland: schauen, wie die Ukrainer Krieges zu einem Flächen-
52 % der Studien- sterben, ist schlimm. Aber ak- brand nicht geholfen. 
anfänger 2021 sind
Frauen (2011: 47 %). Männer Frauen
58.916 56.528 An dieser Stelle schreiben Anna Clauß, Markus Feldenkirchen und
Alexander Neubacher im Wechsel.
S Quelle: Statistisches Bundesamt

Nr. 12 / 19.3.2022 DER SPIEGEL 29


CHAPPATTES WELT Fragwürdige
Verdächtigung
JUSTIZ  Die Staatsanwaltschaft
Osnabrück geht davon aus, dass
es kein Treffen zwischen Jens
Spahn (CDU) und dem wegen
Betrug angeklagten Unterneh­
mer Hendrik Holt gegeben hat.
Bei einem Termin des Prozesses
gegen Holt vor dem Osnabrü­
cker Landgericht erregte eine
Behauptung des Angeklagten
Aufsehen. Holt hatte damals ge­
sagt, er habe Spahn im Vorfeld
eines geplanten Großauftrags
für Desinfektionsmittel in Ber­
lin getroffen. Im Barbereich des
Nobelhotels Adlon soll der da­
malige Bundesgesundheitsmi­
nister im Jahr 2020 laut Holt
sinngemäß sogar eine Beteili­
gung an dem Millionengeschäft
verlangt haben. In einem Tele­
fonat mit der Staatsanwaltschaft
bestritt Spahn, dass es ein Tref­
fen gegeben habe. Er kenne
Holt nicht persönlich. Ein von
dem Unternehmer benannter
Zeuge der angeblichen Zusam­
FDP verlangt Konzept gieversorgung mittel- und lang­ eingestuft. Zwar sei die ableh­ menkunft widersprach nach
fristig sichern, ohne auf Ener­ nende Position der Regierung SPIEGEL -Recherchen inzwi­
ENERGIESICHERHEIT  In der gieimporte aus Russland ange­ zur Atomkraft klar. Es sei aber schen Holts Version. Auch eine
Energiepolitik wird der Ton in wiesen zu sein«. Er erwarte, wichtig, dass der Neubau mo­ Überprüfung seines Handys
der Ampelkoalition rauer. Die dass »das Konzept von Herrn derner Gaskraftwerke erleich­ und anderer Datenträger liefer­
FDP drängt Bundeswirtschafts­ Habeck die Interessen des Lan­ tert werde. Der Ausbau erneu­ ten keine Hinweise auf einen
minister Robert Habeck (Grü­ des im Blick hat und nicht nur erbarer Energien komme zu persönlichen Kontakt zu Spahn.
ne), ein Konzept für die künfti­ auf die Zustimmung in der eige­ langsam voran, »als dass wir auf Die Staatsanwaltschaft Osna­
ge Energieversorgung Deutsch­ nen Partei abzielt«, sagt Djir- Gas als Brückentechnologie ver­ brück hat inzwischen ein Er­
lands vorzulegen. Angesichts Sarai. Zudem forderte er die Re­ zichten könnten«. In einer Stel­ mittlungsverfahren wegen »fal­
des russischen Angriffs auf die gierung auf, nicht gegen den lungnahme für die EU-Kommis­ scher Verdächtigung« gegen
Ukraine sollten darin nach An­ Vorschlag der EU-Kommission sion hatte die Regierung im Ja­ Holt eingeleitet. Er steht vor
sicht des designierten FDP-Ge­ zur Taxonomie zu stimmen. nuar sich gegen die Einstufung Gericht, weil er in großem Stil
neralsekretärs Bijan Djir-Sarai Darin werden Atomenergie und von Atomkraft als »nachhaltig« Windparkprojekte vermarktet
alle Möglichkeiten aufgeschlüs­ Gas im Zusammenhang mit ausgesprochen, unterstützte haben soll, die es offenbar nur
selt werden, »die unsere Ener­ dem Klimaschutz als nachhaltig aber Gas als Brückenlösung. SEV in seiner Fantasie gab. GUD

Linke Waffe
Nach seinem Austritt aus der worfen. Das Zerwürfnis war der rüstige Saarländer könnte
Linkspartei steht deren ehema­ und ist begleitet von einem be­ sein zersetzendes Werk bei ih­
liger Vorsitzender Oskar La­ ständigen Niedergang der nen fortsetzen. »Wir wollen
fontaine vor neuen politischen Wählerzustimmung für die ihn nicht«, heißt es in einer
SO GESEHEN  Oskar
Aufgaben. In einer knappen Linke. historisch beispiellosen ge­
Lafontaine auf Erklärung hatte der frühere Es ist Lafontaines zweiter meinsamen Erklärung von
neuer Mission Spitzenfunktionär der Partei spektakulärer Bruch mit einer Grünen, Union, FDP und AfD.
vorgeworfen, Mitglieder, die Partei: 2005 hatte er die SPD, Tatsächlich ist ihre Angst un­
für den »sozialen und friedens­ deren Vorsitzender er eben­ begründet, Lafontaine hat
politischen Gründungskon­ falls einmal gewesen war, im bereits eine neue Aufgabe.
sens« stünden, aus der Partei Streit um die Sozialpolitik ver­ Überraschenderweise steht er
drängen zu wollen – gemeint lassen. Auch die SPD galt da­ seit Neuestem ausgerechnet in
war er selbst. Vorangegangen mals als zerstritten und hatte den Diensten der Nato: In
waren Jahre der Entfremdung mit nachlassender Wähler­ einem verplombten Zugwag­
von der Parteilinie. Zuletzt gunst zu kämpfen. gon ist Lafontaine unterwegs
hatte Lafontaine dem Landes­ In den verbleibenden, bis­ nach Moskau. Er soll das
verband im Saarland betrüge­ her noch Lafontaine-freien System Putin von innen zer­
rische Machenschaften vorge­ Parteien wächst nun die Sorge, stören. Stefan Kuzmany

30 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


Fast nur mit Pass 1624 Nigerianern. Rund 10 000
dieser Nichtukrainer hatten
UKR AINEKRIEG  Die Vermu­ aber Ausweispapiere mit ukrai­
tung, mit ukrainischen Vertrie­ nischem Stempel dabei. Auch
benen könnten in größerer Zahl bei 1603 Nichtukrainern ohne
Geflüchtete aus anderen Staa­ Pass geht die Bundespolizei in
ten und von anderen Fluchtrou­ den meisten Fällen davon aus,
ten einreisen, hat sich laut Bun­ dass sie aus der Ukraine kamen.
despolizei bisher nicht bewahr­ Unmut unter Bundespolizisten
heitet. Demnach registrierte sie gibt es derweil, weil sie bei Per­
bis Mittwoch dieser Woche sonen ohne Pass wegen Aufent­
zwar auch 11 605 Nichtukrainer, haltsverstößen Strafanzeigen

Frank Molter / DER SPIEGEL


die angaben, vor dem Krieg aus erstellen müssten. Offenbar ver­
der Ukraine geflüchtet zu sein. zichten einige Staatsanwalt­
Darunter waren an erster Stelle schaften aber inzwischen schon
1734 Marokkaner, gefolgt von darauf. AMP

»Verleumderische
»Die Musik ist das Letzte,
SPIEGEL: Hauptindiz für die An­
schuldigungen gegen Ihren
Vorwürfe«
was sie hören«
Großvater ist die Abschrift
Mirjam de Gorter, 62, verteidigt eines anonymen Briefes aus der
ihren Großvater gegen den Nachkriegszeit. Darin wird er
Vorwurf, Anne Frank und deren als derjenige benannt, der Anne
DIE AUGENZEUGIN  Inga Hilsberg, 49, leitet seit
Familie verraten zu haben. Franks Versteck verriet. Wur­
den Sie mit dem Schreiben Februar das Marinemusikkorps Kiel. Vorher
SPIEGEL: Frau de Gorter, im konfrontiert? ­dirigierte sie die Kölner Symphoniker, jetzt spielt
Buch »The Betrayal of Anne De Gorter: Erst beim zweiten
Frank«, das im Januar erschien, Treffen hat mir ein anderes Mit­
ihr Orchester für auslaufende Marineschiffe.
wird Ihr Großvater, der jüdische glied des Cold-Case-Teams, der
Notar Arnold van den Bergh, Ex-FBI-Agent Vince Pan­koke, »Mein letztes großes Konzert nicht komplett überblicken,
beschuldigt, 1944 Anne Franks den Brief gezeigt. Ich war scho­ hatte ich vor zwei Jahren, am was auf mich zukommt. Was
Familie verraten zu haben. Wie ckiert und hatte den Eindruck, 8. März 2020. Wenig später ich wusste: Musikalisch wird
geht es Ihnen damit? dass jemand meinen Großvater hätten wir mit der Kammer­ es abwechslungsreich. Doch
De Gorter: Ich schlafe schlecht. in die Pfanne hauen wollte. oper Köln und den Kölner erst musste ich durch die mili­
Seit Wochen beschäftige ich SPIEGEL: Wann hat Sie das Symphonikern ›My Fair Lady‹ tärische Grundausbildung, mit
mich gedanklich mit kaum et­ Cold-Case-Team über den Ab­ gespielt, vor 1500 Zuschauern. 48 Jahren. Knapp drei Mona­
was anderem als den verleum­ schluss der Recherchen infor­ Abgesagt, wegen Corona. Ich te lang lernte ich Schießen,
derischen Vorwürfen gegen miert? könnte damit leben, nicht Taktik und wie ich mit einer
meinen Großvater. Der Medien­ De Gorter: Drei Tage vor Veröf­ spielen zu dürfen, wenn ich Zeltbahn im Wald überlebe.
sturm wurde so heftig, dass ich fentlichung. Pankoke rief an zu schlecht bin. Aber dass mir Seit dem Kriegsbeginn in der
befürchtete, jemand schmeißt und sagte, mein Großvater sei verboten wurde zu arbeiten, Ukra­ine blicke ich anders auf
uns zu Hause die Scheiben ein, mit über 85-prozentiger Sicher­ war schwer. Mir wurde be­ den Beruf des Soldaten. Wir
weil wir die Familie von Arnold heit der Verräter von Anne wusst, dass die Pandemie die erleben in Kiel, wie sich die
van den Bergh sind. Es ist sur­ Frank. Ich habe ihn nach Be­ Kulturbranche für lange Stimmung verändert hat.
real, wenn der eigene Groß­ weisen gefragt. Er verwies Zeit lähmen wird. Als ich im Neben den Benefizkonzer­
vater plötzlich in weltweiten wieder nur auf das anonyme Mai 2020 in einer Stellen­ ten, die wir mit den 50 Mu­
Schlagzeilen als Anne Franks Schreiben. Das hat mich anzeige der Bundeswehr las, sikerinnen und Musikern
Verräter verunglimpft wird. sprachlos gemacht. sie suchten einen Dirigenten, spielen, ist es üblich, dass wir
SPIEGEL: Das Buch basiert auf SPIEGEL: Das Cold-Case-Team ergriff ich die Chance. Marineschiffe musikalisch
den Recherchen eines soge­ reagiert uneinsichtig auf Kritik. Ich bin die erste Frau, die verabschieden und begrüßen.
nannten Cold-Case-Teams. Ih­ Wie bewerten Sie das? das Marinemusikkorps Kiel Wir spielen da Stücke wie ›In
nen als Enkelin ist ein Kapitel De Gorter: Für mich ist klar, dass leitet. Für mich ist das nichts the Navy‹ oder den Marine­
gewidmet. Wie kamen Sie mit es Fehlinformationen verbreitet. Besonderes. Schon im Stu­ marsch ›Gruß an Kiel‹. Es ist
dem Team in Kontakt? Der Verdacht des Verrats ist dium war ich die Ausnahme. für die Kameraden, aber auch
De Gorter: Der Filmemacher nicht ausreichend belegt. Die Ich saß in Symposien, in für ihre Angehörigen wichtig,
Thijs Bayens schrieb mir 2018, deutsche Ausgabe des Buches denen bekannte Dirigenten dass sie mit einem positiven
man plane eine Dokumentation ist noch nicht erschienen. Ich erklärten, warum Frauen Gefühl verabschiedet werden.
über die Familie Frank. Darü­ hoffe, es bleibt dabei. BHR nicht dirigieren könnten. Sie Die Musik ist das Letzte,
ber hinaus recherchiere sein sagten, ihnen fehle die Kraft. was sie hören. Und bei ihrer
Team zu weiteren untergetauch­ Mein Professor in Köln hatte Ankunft das Erste. Bevor wir
ten Juden. Er interessierte sich 106 Studenten, davon waren spielen, muss normalerweise
Judith Jockel / DER SPIEGEL

für meinen Großvater und mei­ 4 Frauen. Ich bin als einzige ein Antrag gestellt werden.
ne Mutter. Beide überlebten die noch als Dirigentin von gro­ Ich habe den Kameraden aber
Schoa in Verstecken. Ich stimm­ ßen Orchestern aktiv. angeboten, dass wir auch
te einem Gespräch zu. Bayens Ich hatte vorher keinen Be­ spontan vorbeikommen.«
versicherte, sensibel mit meinen zug zum Militär und konnte Aufgezeichnet von Christopher Piltz
Informationen umzugehen.

Nr. 12 / 19.3.2022 DER SPIEGEL 31


DEUTSCHLAND

Guido Bergmann / BPA / laif


Präsident Putin, Kanzlerin Merkel im Kreml 2021: Vor Demütigung schreckte er nicht zurück, ihre Leidensfähigkeit wurde immer wieder getestet

Abschied von Moskau


UNION  Angela Merkels Russlandpolitik ist für die CDU ein schweres Erbe. Obwohl sie
Putins Brutalität kannte, unterließ es die Kanzlerin, Deutschland aus seiner
Abhängigkeit von russischer Energie zu lösen. Nun steuert Parteichef Merz um.

A
ngela Merkel liebt Russisch: »Eine derer Spitzenpolitiker aus dem Ausland sie Kanzlerin üben, aber dass einiges schiefge-
schöne Sprache«, sagte sie einmal, so lange begleitet. Man könnte auch sagen: laufen sei, sei eine »stille allgemeine Sicht-
»ganz gefühlvoll, ein bisschen wie Mu- heimgesucht. Putin war Merkels Nemesis. weise«, sagt einer.
sik.« Sie habe Russisch vor allem im Gespräch Im Licht des Krieges stellen sich nun neue Christian von Stetten, CDU-Bundestags-
mit sowjetischen Soldaten gelernt, die zu Fragen: Warum wurde die Ukraine während abgeordneter und Wirtschaftspolitiker, ist
DDR-Zeiten in der Nähe ihres Wohnorts Tem- Merkels Kanzlerschaft nicht so eng an den einer der wenigen, die sich offen äußern: »Ich
plin stationiert waren. Die 15-jährige Angela Westen gebunden, dass Putin vielleicht davor habe schon vor zehn Jahren gewarnt, dass wir
schnitt bei der Schulolympiade im Russischen zurückgeschreckt hätte, das Land anzugrei- uns immer abhängiger von russischem Gas
so gut ab, dass sie mit einer Reise nach Mos- fen? Warum hat Merkel zugelassen, dass machen, wenn wir die erneuerbaren Energien
kau belohnt wurde. Dort kaufte sie sich eine Deutschland so überaus abhängig von Ener- ohne Energiespeicher ausbauen und gleich-
Schallplatte der Beatles. Ihr Lieblingswort ist gieimporten aus Russland ist? Es mag wohlfeil zeitig aus der 24 Stunden Energie produzie-
»Terpenije«, das sie mit »Leidensfähigkeit« klingen, solche Fragen hinterher zu stellen, renden deutschen Atomkraft und Kohle aus-
übersetzt. wenn sich die Katastrophe schon entfaltet hat. steigen.« Stetten ist Chef des einflussreichen
»Terpenije« könnte die Überschrift für ihre Und doch müssen sie gestellt werden, um zu Parlamentskreises Mittelstand (PKM) in der
Beziehung zu Wladimir Putin sein. Während verstehen, warum die Lage ist, wie sie ist. Unionsfraktion. Sein Vorwurf an Merkel und
ihrer gesamten 16 Jahre im Kanzleramt hatte Vor allem die SPD wird derzeit angegrif- die eigene Partei: »Die Kanzlerin und wir als
sie mit ihm zu tun, erst mit dem Staatspräsi- fen, weil sie lange als allzu russlandfreundlich CDU haben uns zu sehr treiben lassen vom
denten, dann dem Ministerpräsidenten, dann galt. Aber auch für die Union ist Russland Mainstream.«
wieder dem Staatspräsidenten. Außer dem kein rühmliches Kapitel. Kaum ein CDU-­ Ein Weggefährte der Kanzlerin stellt gar
Türken Recep Tayyip Erdoğan hat kein an- Politiker mag offen Kritik an der einstigen rhetorisch die Frage, ob es nicht besser für

32 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


DEUTSCHLAND

Deutschland sei, dass nun Olaf Scholz Assoziierungsabkommen mit der »Die Kanzlerin Bei den Verhandlungen in Minsk
im Kanzleramt sitze. Merkel habe Ukrai­ne verhandelte. Der russische Anfang 2015 erreichte Merkel zusam-
als ehemalige DDR-Bürgerin eher Präsident lockte und drohte. So muss- und wir als men mit dem damaligen französi-
freundlich auf die Sowjetunion ge- te die Regierung in Kiew letzten En- CDU haben schen Staatspräsidenten François
blickt.
Merkel hat tatsächlich eine gewis-
des zwischen Europa und Russland
wählen. Sie schraubte die Bedingungen
uns zu sehr Hollande einen formalen Waffenstill-
stand in der östlichen Ukraine, wirk-
se Affinität zu Russland. Sie liebt die immer höher, weshalb Merkel in einer treiben lassen lich eingehalten wurde er nie. In einer
großen Literaten Leo Tolstoi und Fjo- Verhandlungsrunde ausrief: »Ich vom Main- Umfrage sprach sich gut die Hälfte
dor Dostojewski, auf ihrem Schreib- komme mir wie auf einer Hochzeit der Deutschen dafür aus, die Anne-
tisch im Kanzleramt stand ein Bild vor, auf der der Bräutigam in der letz-
stream.« xion der Krim hinzunehmen.
der Zarin Katharina der Großen, die ten Minute neue Bedingungen stellt.« Christian von Dass hier nacktes Unrecht akzep-
aus dem deutschen Fürstentum An- 2013 entschied sich die Kiewer Re- Stetten, tiert wurde, begründete Merkel spä-
Bundestagsab­
halt-Zerbst stammte. gierung schließlich gegen das Abkom- geordneter ter mit einem Vergleich zum Bau der
Weil Merkel Russisch kann und men mit der EU. Das löste den so- Mauer 1961. Damals hätten die Ame-
mit Russen aus ihrer DDR-Zeit ver- genannten Euromaidan aus, einen rikaner auch nicht eingegriffen. Sie
traut war, galt sie im Kreis der west- Aufstand westlich orientierter Bürge- nehme ihnen das nicht übel, manch-
lichen Staats- und Regierungschefs rinnen und Bürgern. Der russland- mal müsse man, so ihre Logik, das
als Expertin für die Mentalität des freundliche Präsident floh ins Exil Unrecht der Gegenwart hinnehmen
Landes und Putins. Deshalb wurde nach Russland. Damals sagte Frank- und auf eine bessere Zukunft hoffen.
sie bald so etwas wie Europas Unter- Walter Steinmeier als SPD-Außen- Auch im Innern prüfte Putins Russ-
händlerin gegenüber Putin. minister bei seiner Antrittsrede: Man land die Leidensfähigkeit der Bundes-
Als die Kanzlerin ihn 2006 zum habe vielleicht unterschätzt, »dass es kanzlerin. Im Jahr 2015 gab es eine
ersten Mal auf deutschem Boden dieses Land überfordert, wenn es sich Cyberattacke auf die Computer des
empfing, in Dresden, war gerade die zwischen Europa und Russland ent- Bundestages, die Hacker griffen auch
regimekritische Journalistin Anna scheiden muss«. auf einen Rechner aus Merkels Parla-
Politkowskaja ermordet worden. Bei Kurz nach dem Maidan-Aufstand mentsbüro zu. In einer Befragung im
Putins Ankunft hielt ein Mann ein griff sich Putin die Krim und unter- Bundestag gab sie Jahre später einen
Plakat mit der Aufschrift »Mörder« stützte finanziell und militärisch die Einblick in ihre Gemütslage: »Ich darf
hoch. Kriminalität und Krieg waren Separatisten in den ukrainischen Re- sehr ehrlich sagen: Mich schmerzt
ab da zentrale Themen in Merkels gionen Luhansk und Donezk. Eine es«, weil »ich mich tagtäglich auch
Beziehung zu Putin. Sie konnte sich Verwestlichung der Ukraine wollte er um ein besseres Verhältnis zu Russ-
keine Illusionen über dessen brutales nicht hinnehmen. Ihm konnte klar land bemühe«.
Wesen machen. sein, dass er damit durchkommen Putin war daran nicht gelegen, wie
Entsetzt saß sie im August 2008 vor würde. Merkel rief ihn an, nannte die sich auch am »Fall Lisa« zeigte. 2016
dem Fernseher und sah, wie russische Annexion der Krim »unakzeptabel« verschwand kurzzeitig ein Mädchen
CDU-Chef Merz:
Panzer durch Georgien rollten. Da- und einen »Verstoß gegen das Völker- Mit offener
deutschrussischer Abstammung in
mals begann der russische Griff nach recht«. Dazu ein bisschen Boykott, Kritik an Merkel hält Berlin. Als die 13-Jährige wieder auf-
den Nachbarn. Wenige Monate zuvor das war’s. er sich zurück tauchte, behauptete sie, entführt und
hatte sich Merkel beim Nato-Gipfel in vergewaltigt worden zu sein, von Män-
Bukarest dagegen ausgesprochen, nern mit »südländischem« Aussehen.
Georgien und die Ukraine in die Nato Russlands Außenminister Sergej
aufzunehmen. Sie wollte offenkundig Lawrow schaltete sich ein, sprach von
verhindern, dass die westliche Militär- »unserem Mädchen« und warf der
allianz irgendwann einmal in einen Bundesregierung »Vertuschung« vor,
Krieg hineingezogen würde. um die Flüchtlingspolitik nicht in
War das ein Fehler? Eher ja, falls Misskredit zu bringen. Später stellte
Putin dann tatsächlich vor dem An- sich heraus, dass Lisa nur kurz bei
griff auf die Ukraine zurückgeschreckt einem Freund untergeschlüpft war.
wäre. Eher nein, falls er den Angriff Im Jahr 2019 ließ ein russischer Ge-
gleichwohl befohlen hätte, die Nato heimdienst einen angeblichen Regime-
heute dort in die Kämpfe verwickelt gegner im Berliner Tiergarten ermor-
wäre und die Welt vor einem Atom- den. Putin, schien es, hatte jeden Re-
krieg zittern müsste. spekt vor Deutschland verloren.
Merkels Beschwichtigungspolitik Über ihren Umgang miteinander
wurde von ihrem damaligen Koali- hat Merkel einmal gesagt: »Er testet
tionspartner noch übertroffen. »Wir Sie den ganzen Tag. Wenn Sie nicht
müssen gleiche Nähe haben zwischen dagegentakten, werden Sie immer
uns und Amerika einerseits und uns kleiner.« Vor Demütigung schreckte
und Russland andererseits«, sagte Putin nicht zurück, ließ Merkel bei
Mar tin Lengemann / WELT / ullstein bild

­Peter Struck, zwischen 2005 und 2009 einer Begegnung in Sotschi von sei-
Fraktionsvorsitzender der SPD. Äqui- nem Hund beschnüffeln, obwohl er,
distanz war lange ein deutscher wie Merkel später sagte, »genau wuss-
Schlachtruf, vor allem im linken Lager. te, dass ich nicht gerade begierig dar-
Merkel hielt nichts von Äquidis- auf war, seinen Hund zu begrüßen«.
tanz, sie war aber auch nicht bereit, Als der Geheimdienst Alexej Na-
Putin entschieden entgegenzutreten. walny 2020 bei einem Giftanschlag
Misstrauisch sah Putin zu, wie die schwer verletzte, ließ Merkel den Re-
Europäische Union jahrelang über ein gimegegner nach Berlin holen, damit

Nr. 12 / 19.3.2022 DER SPIEGEL 33


DEUTSCHLAND

sich Ärzte hier um ihn kümmern konnten. Sie fitieren. Merkel hat auch für diese Leute Poli- ist falsch«, bei jedem USA-Besuch habe er
sagte: »Das Verbrechen an Alexej Nawalny tik gemacht. Darüber hinaus galt eine ihrer das Gefühl gehabt, dass die Argumente der
richtet sich gegen die Grundwerte und Grund- größten Sorgen den Energiepreisen. Anstiege Amerikaner gegen die neue Pipeline richtig
rechte, für die wir einstehen.« wollte sie den Deutschen nicht zumuten, das seien. »Aber am Ende habe ich unseren Kurs
Angesichts ihrer Erlebnisse mit Putin muss- bremste ihre Klimapolitik und prägte ihr Ver- dennoch mitgetragen.«
te der Bundeskanzlerin vollkommen klar sein, hältnis zu Russland. Den Jüngeren in der Unionsfraktion fällt
dass diesem Mann alles zuzutrauen ist. Dass Für den neuen Partei- und Fraktionschef die Kritik leichter, einer von ihnen ist der Ham-
sie ihm politisch-militärisch nicht stärker die Friedrich Merz ist das ein schweres Erbe. Mit burger Abgeordnete Christoph Ploß. »Mit dem
Stirn bot, ist möglicherweise noch verständlich. Kritik hält er sich gleichwohl zurück. Zwar gleichzeitigen Ausstieg aus Kernkraft und Koh-
Unverständlich bleibt, warum Merkel nichts will er die Christdemokraten in der Opposi- le ist Deutschland bei der Energieversorgung
unternommen hat, um die wirtschaftliche Ver- tion neu aufstellen. Aber er weiß, dass er die bewusst ein Klumpenrisiko eingegangen«, sagt
flechtung von Deutschland und Russland zu Altkanzlerin nicht zu hart angehen darf. Sonst er. »Das war entgegen aller Warnungen ge-
lösen, vor allem in der Energiefrage. verlöre er die breite Rückendeckung, die er sellschaftlich breit so gewollt, die entstandene
Die Gaspipeline Nord Stream 2, die ihr derzeit genießt. Abhängigkeit von russischem Gas rächt sich
Vorgänger Gerhard Schröder nach Ausschei- Deshalb wagt es Merz in der Russland­frage nun aber angesichts des Angriffskriegs Putin-
den aus dem Amt initiierte, endet bei Greifs- höchstens indirekt, Fehler der Merkel-Jahre Russlands auf die Ukraine.«
wald, Teil von Merkels ehemaligem Wahl- anzusprechen. Bei »Maybrit Illner« sagte er Ähnlich sieht es die CDU-Bundestagsabge-
kreis. In einer kleinen Runde soll sie das kürzlich: Hätte man die Ukraine in die Nato ordnete Ronja Kemmer, Chefin der Jungen
Unterfangen ein »Teufelsprojekt« genannt aufgenommen, wäre es wohl nicht zum Über- Gruppe in der Unionsfraktion. »Spätestens
haben, ließ den Bau aber nicht stoppen. Wenn fall der Russen gekommen. jetzt erweist es sich als Fehler, dass wir in der
es um wirtschaftliche Fragen ging, schaute Anders als viele seiner Kolleginnen und Versorgung nicht diversifizierter aufgestellt
Merkel zuerst auf den Wohlstand der Deut- Kollegen trägt Merz keine Verantwortung für sind«, sagt Kemmer, die auch Mitglied des
schen. Der Großteil ihrer Partei folgte ihr gern die Politik der vergangenen Jahre. Von 2009 CDU-Präsidiums ist. »Dies hängt mit daran,
auf diesem Kurs. bis 2021 saß er nicht im Bundestag, sondern dass wir viele Fragen auch gesellschaftlich zu
In der Energiepolitik gegenüber Russland arbeitete in der Wirtschaft. Für andere gilt, ideologisch, zu wenig technologieoffen dis-
unterschied sich die Union nicht wesentlich was ein CDU-Abgeordneter so ausdrückt: kutiert haben.« Sie sagt mit Blick auf die Gas-
von der SPD. Russland werde selbst in der »Wer jetzt Merkel für ihre Energiepolitik kri- abhängigkeit von Russland: »Natürlich wären
schlimmsten politischen Krise Erdöl, Erdgas tisierte, würde sich ja auch selbst kritisieren.« wir aus heutiger Sicht besser erst aus der Koh-
und Kohle liefern, glaubte man. Das sei schon Ein ehemaliger CDU-Minister sagt: »Ich le, dann aus der Atomenergie ausgestiegen.«
im Kalten Krieg so gewesen. habe bei Nord Stream 2 immer gedacht, das Die Energiepolitik war in der CDU nie so
Überdies verfolgte die Union in ihrer Ener- umstritten wie Merkels Flüchtlingspolitik. Als
giepolitik wirtschaftsliberale Ideen. Der Gas- Merkel 2018 auf das Amt der CDU-Vorsit-
markt solle ohne staatlichen Einfluss von den Wachsende Abhängigkeit zenden verzichtete, folgten sofort eine De-
Energiekonzernen geregelt werden. Über batte und eine Revision ihres liberalen An-
Jahrzehnte erwuchs daraus eine gefährliche Anteil deutscher Importe aus Russland am satzes in der Flüchtlingsfrage. Darauf hatte
jeweiligen Gesamtrohstoffimport, in Prozent
Abhängigkeit. Mit der Fertigstellung von die innerparteiliche Opposition gedrängt.
Nord Stream 1 erreichten in Deutschland die Erdgas Steinkohle (inkl. Koks) Rohöl* Beim Thema Energie war die Opposition
russischen Erdgasimporte einen Anteil von dagegen recht klein. Einer der lautstärksten
60
rund 40 Prozent, geliefert allein vom Staats- Kritiker war der Außenpolitiker und frühere
konzern Gazprom. Merkels Amtsantritt 55 Bundesumweltminister Norbert Röttgen.
als Bundeskanzlerin 50
Noch heikler war, dass der Energieriese Nach der Annexion der Krim 2014 mahnte
aus Sankt Petersburg auch die Mehrzahl der 40 er an, die Energieimporte aus Russland zu
deutschen Erdgasspeicher übernahm. Schon verringern. Heute sieht er sich bestätigt.
34
vor dem Ukrainekrieg hat das Deutschland Der neue Kurs der CDU geht in diese Rich-
in die Enge getrieben. Denn seit vergangenem tung. Merz forderte schon, man solle die Pipe-
20
Sommer füllten sich die Speicher nicht aus- line Nord Stream 1 schnellstmöglich ab­
reichend. Im Februar waren sie fast leer. sperren, um Putin finanziell zu treffen. Die
Das widersprach der marktwirtschaft­ Unionsfraktion ist nun entschlossen, die er-
lichen Logik. Die hohen Gaspreise hätten 0 neuerbaren Energien radikal auszubauen, um
Gazprom eigentlich zu hohen Lieferungen von russischem Erdgas und Steinkohle zügig
2005 2010 2015 2021
verleiten müssen, schließlich winkten zusätz- wegzukommen. Insbesondere bei der Wind-
liche Milliardengewinne. Doch im Bundes- Handelsvolumen zwischen Deutschland und energie hatten Merkels Energiepolitiker ge-
wirtschaftsministerium, das bis Dezember Russland, in Mrd. Euro bremst, genauso Bayerns Ministerpräsident
von Merkels Intimus Peter Altmaier regiert Markus Söder von der CSU.
deutsche Importe deutsche Exporte
wurde, schien das niemandem aufzufallen. Wind- und Sonnenkraft galten unter den
Schon unter seinem SPD-Vorgänger Sigmar Top-Importgüter Marktliberalen in der Union lange Zeit als
Gabriel entwickelte sich im Ministerium eine Erdgas und Rohöl 19 teuer und schädlich für die Wirtschaft. Die
40 Metalle 5
heikle Nähe zu den russischen Konzernen, neuen Energiepolitiker der Fraktion, Ex-Ge-
unter Altmaier arbeiteten diese Seilschaften 33 sundheitsminister Jens Spahn und Andreas
fleißig weiter. Im Oktober stellten die Beamten Jung aus Baden-Württemberg, wollen die
27
den Betreibern der Pipeline Nord Stream 2 20 CDU hingegen auf Klimakurs bringen. »Der
noch einen Persilschein aus, den sie für eine Schutz der Schöpfung ist eine zutiefst christ-
Genehmigung dringend brauchten. Diese Ent- Top-Exportgüter liche Angelegenheit«, sagt Spahn.
Maschinen 6
scheidung fiel am letzten Tag der regulären Kfz und Kfz-Teile 4 Das galt seit je. Aber es brauchte einen
Amtszeit Altmaiers und Merkels. 0 ruchlosen Mann wie Putin, um diese Einsicht
Die CDU ist eben noch immer eine Wirt- 2005 2010 2015 2021 mit konsequenter Politik zu begleiten.
schaftspartei, mit Mitgliedern und Sympathi- * 2021: vorläufige Daten Florian Gathmann, Dirk Kurbjuweit,
santen, die von Geschäften mit Russland pro- S Quellen: Bafa, BP, Destatis, VDKi Gerald Traufetter n
€

34 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


Unsere Netze mit
100 % Grünstrom*

EVUM Motors wurde 2017 als


Spin-off eines Forschungsprojekts
der Technischen Universität
München gegründet. Ursprünglich
als Allzweckfahrzeug für Entwicklungs-
Referenzkunden-Erfolgsgeschichte: und Schwellenländer konzipiert,
bewährt sich sein bewusst einfach und
EVUM Motors und Vodafone Business robust konstruiertes Modell „aCar“
auch in Europa als wirtschaftliche und
umweltfreundliche Lösung für viel-
Digitale Flottenmanagement-Lösung und fältige Aufgaben.
IoT-Vernetzung für E-Nutzfahrzeuge.
Zusammen GigaGreen Da die Einsatzgebiete Anwendungen wie Die ausgelesenen Fahrzeugdaten werden
Digitalisierung und Klimaschutz gehen bei Flottenmanagement, Lokalisierung und von der SIM-Karte über das Vodafone-Netz an
uns Hand in Hand. Deswegen gestalten wir Batteriemonitoring erfordern, war das die Cloud und anschließend an den Flotten-
mit unserer GigaGreen-Strategie Digitalisie- Unternehmen auf der Suche nach einem manager weitergeleitet.
rung nachhaltig: Unsere Netze laufen mit Partner, der die komplette Flottenlösung und
Grünstrom*, die Mobilfunkmasten haben Vernetzung ermöglicht. Die Vorteile
integrierte Wind- und Solaranlagen. Und Die regelmäßig ausgelesenen Fahrzeugdaten
durch unsere smarten nachhaltigen Produkt- werden an das „My Vodafone Fleet -Portal von
lösungen, z. B. im Bereich IoT und Cloud, Für Vodafone Business haben wir Vodafone Business Fleet Analytics geliefert.
können wir zusammen mit unseren uns entschieden, weil das Flotten- Auf diese Weise lassen sich u. a. der Ladestand
Kund:innen Prozesse optimieren sowie management inklusive IoT-SIMs der Hochvoltbatterie, die aktuelle Position
Ressourcen und die Umwelt schonen. Bereits als echte Plug-and-Play-Lösung des Fahrzeugs sowie weitere Daten zu Nutzung
95 %** der Unternehmen, die ihre Nachhaltig- ausgelegt ist. Die Zusammen- und Zustand des aCar abrufen. Flotten-
keit vorantreiben, konnten Produktivität, arbeit hat sich dabei schnell von manager können so ihren Fuhrpark effizienter
Effizienz und Produktqualität steigern. So einer Zulieferpartnerschaft zu verwalten und überwachen. Mittels des
auch viele unserer Kund:innen. Lesen Sie hier, einer umfangreichen Kooperation Green-Fleet-Dashboards erhalten sie zudem
wie EVUM Motors unsere digitale Flotten- weiterentwickelt. einen Einblick in die Nachhaltigkeitsbilanz
management-Lösung und das IoT von und Stromkosteneffizienz ihrer Flotte.
Vodafone Business nutzt, um ein vernetztes Sascha Koberstaedt, Co-Gründer und
und nachhaltiges E-Nutzfahrzeug anzubieten. Co-Geschäftsführer EVUM Motors

Die Aufgabe Der grüne Beitrag


Die bewusst einfache und robuste Konstruk- Die Lösung
tion sowie der Allrad- und Elektroantrieb Das IoT und die digitale Flottenmanagement- Die Nutzung eines aCar reduziert den
machen das aCar von EVUM Motors zum Lösung „Vodafone Business Fleet Analytics lokalen CO2-Ausstoß um 100 %. Dies
vielseitigen Helfer in Landwirtschaft, Gewerbe realisieren die gewünschte Telematikanbin- entspricht 13.440 kg***. Gleichzeitig
und Industrie, für den kommunalen Einsatz dung des aCar. Hier wird die Telematikeinheit optimieren die digitale Flottenmanage-
oder auch in Freizeit und Tourismus. Schnell direkt bei der Produktion als Modul auf der ment-Lösung und das IoT von Vodafone
wurde EVUM Motors klar, dass sich viele On-Board-Diagnose-Schnittstelle (OBD) des Business die Auslastung der Flotte – und
Aspekte nachhaltiger Anwendung des aCar Fahrzeugs montiert. Sie enthält ein Mobil- sind damit wichtige Bausteine für nach-
nur über die Digitalisierung und somit Ver- funkmodem mit globaler IoT-SIM-Karte von haltiges Wirtschaften. Das ist gut fürs
netzung der Fahrzeuge lösen lassen. Vodafone und ein GPS-Modul zur Lokalisierung. Business – und für die Umwelt.

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100 % Grünstrom: Für Drittstandorte ohne Nutzung erneuerbarer Energien erfolgt ein Ausgleich über Grünstromzertifikate. ** Horváth & Partner, 2018.
***
Die Werte beziehen sich auf eine Nutzungsdauer von 8 Jahren. Es wurde ein durchschnittliches Nutzfahrzeug, welches im kommunalen und gewerblichen Gebrauch eingesetzt wird, mit dem EVUM Motors aCar verglichen.
DEUTSCHLAND

sisch-orthodoxen Kirche gerade Fastenzeit


sei. Aber die Fastenzeit gelte nicht für Rei-
sende und das Militär. Er sei beides. Das soll-
te nicht nur witzig sein.
SPIEGEL: Was wollte er Ihnen damit sagen?
Wulff: Ich glaube, dass wir alle wissen sollten,
wie stolz er auf seinen Status als Oberbefehls-
haber des Militärs in der Russischen Födera-
tion ist. Und dass er aus dem Strauß politi-
scher Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung
stehen, eine militärische stärker in sein Kalkül
einbezieht, als Vertreter von Demokratien es
tun. Putin ist ein Mann, der spätestens mit
seiner Ausbildung beim KGB alle Instrumente
der Infiltration, Täuschung und Lügen bis hin
zu militärischen und gewaltsamen Mitteln in
seinem Portfolio hatte. Fünf Jahre später war
ich als Bundespräsident auf Staatsbesuch in
Russland, da habe ich am Abend in seinem
Gästehaus erlebt, dass er zu unserem Pluralis-
mus, den Menschenrechten, der Pressefreiheit
ein zynisches Verhältnis hat. Vieles an uns
und bei uns verachtet er. Das berichteten mir

Peter Rigaud / DER SPIEGEL


auch Menschenrechtler, mit denen ich mich
in Moskau getroffen hatte.
SPIEGEL: Aber Sie haben auf Dialog gesetzt?
Christdemokrat Wulff Wulff: Ja. Das gilt für mich immer: zuhören,
miteinander reden. Ich hatte anfangs stark
auf Dmitrij Medwedew gesetzt, der damals
Präsident war. Medwedew hat mir dann bei
seinem Besuch in Deutschland erläutert, dass

»Unser Vertrauen wurde


zwischen ihn und Putin kein Blatt Papier
­passe, was sich ja in diesen Tagen bestätigt.
Medwedew ist die Speerspitze Putins, gera-

missbraucht«
de mit Stellungnahmen in sozialen Netz­
werken.
SPIEGEL: Es gibt also keinen alten und neuen
Putin?
Wulff: Ich glaube nicht. Es ist einfach so, dass
KARRIEREN  Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff, 62 (CDU), in den letzten Jahren die Demonstrationen
immer näher kamen, dass diese Putins Angst
über seine Begegnungen mit Wladimir Putin, die Gefahr »heiliger Kriege« genährt haben, dass das Streben nach Freiheit
und das unerklärliche Verhalten von Altkanzler Gerhard Schröder auch in Russland immer größer wird und das
Land sich gegen ihn richtet. Er muss einen
Ceaușescu-Moment fürchten …
SPIEGEL: Herr Wulff, es ist zehn Jahre her, seit rede kritisch eingefordert, dass zu wirtschaft- SPIEGEL: ... der rumänische Diktator Nicolae
Sie als Bundespräsident zurückgetreten sind. lichen Verbindungen auch zwingend eine Ceaușescu, der 1989 vom eigenen Volk ge-
Sie melden sich nur noch sehr selten in der gesellschaftliche Öffnung gehört. Und dass stürzt und schließlich erschossen wurde ...
Öffentlichkeit zu Wort. Wie geht es Ihnen? es in Russland Freiheiten geben muss. Das Wulff: ... einen solchen Moment fürchten alle
Wulff: Mich schockt, was in Europa vor unse- kam nicht gut bei ihm an. Gewaltherrscher, in dem sich das Volk gegen
ren Augen geschieht: ein menschenverachten- SPIEGEL: Sie haben 2005 auch von einer sie wendet, das Militär nicht eingreift, sie im
der kriegerischer Überfall auf die Ukraine, deutsch-russischen Partnerschaft »unter gu- Hubschrauber fliehen und man sie zur Re-
unter Bruch des Völkerrechts und all dessen, ten Freunden« gesprochen. Das klingt nicht chenschaft zieht. Es sind die erfolgreichen
was seit 1945 in Europa galt. 2019 war ich der nach scharfer Kritik. Demonstrationen am Maidan in Kiew, nun
Repräsentant Deutschlands bei der Amtsein- Wulff: Das russische und das deutsche Volk auch in Minsk, Belarus, und in Nursultan, Ka-
führung von Präsident Wolodymyr Selenskyj sollten sicher gute Freunde sein. Es gab bei sachstan, die Putin wohl zur Entscheidung
bei einer Videoschalte in Kiew. Ich habe die einem Besuch Putins in Hannover auch noch gebracht haben, sich mit militärischen Mitteln
großen Hoffnungen der Menschen nach sei- ein gemeinsames Mittagessen, zu dem mich Luft zu verschaffen – wie zu Sowjetzeiten in
nem Wahlsieg mit 73 Prozent der Stimmen der damalige Bundeskanzler Gerhard Schrö- Budapest 1956, in Prag 1968. Putin hätte an
erlebt und ihn persönlich sprechen können. Er der hinzugebeten hatte. Das war möglicher- der Stelle Gorbatschows Honecker 1989 ver-
und das ukrainische Volk haben unsere ganze – weise von Schröders Seite aus ein Essen mutlich beim Schießen aufs eigene Volk
und uns mögliche – Unterstützung verdient. »unter guten Freunden«. unterstützt, so wie kürzlich den kasachischen
SPIEGEL: Sie haben Putin mehrmals getroffen, SPIEGEL: Viele sagen, in der damaligen Zeit Präsidenten oder Assad in Syrien.
etwa 2005, als er Gast auf der Hannover Mes- hätten sie einen anderen Putin erlebt. SPIEGEL: Hätte man Putin gegenüber deutli-
se war. Wirkte er da auf Sie wie ein Mensch, Wulff: Das habe ich anders erlebt. Zu Beginn chere Worte wählen müssen?
mit dem man gut reden konnte? unseres Mittagessens in Hannover erklärte er Wulff: Bei ihm landet man mit Worten nicht.
Wulff: Zweimal in Hannover, später in Mos- uns, eigentlich dürfe er jetzt nicht an dem Nach meinem Staatsbesuch hat er seinem
kau. Ich hatte damals in meiner Begrüßungs- guten Essen teilnehmen, weil gemäß der rus- nächsten Gast süffisant erzählt, der deutsche

36 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


DEUTSCHLAND

Bundespräsident habe ihm gerade die Demo-


kratie zu erklären versucht.
»Bei Putin landet man mit Dessen Russland hat unser Selbstbestim-
mungsrecht respektiert. Seine Mutter und
SPIEGEL: Wenn Worte nicht fruchten, hätte Worten nicht. Vieles an uns seine Frau Raissa waren übrigens Ukraine-
man sicherheitspolitisch einen anderen Kurs
einschlagen müssen?
und bei uns verachtet er.« rinnen. Das hat aber nichts mehr mit Putin
gemein, der jetzt wieder vom zaristischen
Wulff: Ich glaube nicht, dass unsere Sicher- Russland und von Stalin redet. Die Verände-
heitspolitik komplett gescheitert ist, aber na- rung der russischen Politik dokumentiert jetzt
türlich hätten wir schneller das Zwei-Prozent- dieser mörderische Krieg. Als ich gemeinsam
Ziel gegen all die innenpolitischen Widerstän- der Weltmächte zu viele Konflikte für »ein- mit Lech Walesa 2019 Michail Gorbatschow
de erreichen müssen. Wir haben aber den gefroren« erklären und nicht entschlossen in Moskau traf, beklagte er, dass wieder Sta-
Nationalismus nicht scharf genug verurteilt genug versuchen, eine Lösung auszuverhan- lin-Denkmäler aufgestellt würden und dessen
und manche Art, wie bei uns über unsere li- deln. Zur Krim hätte etwa engagierter ver- Rolle wieder historisch verfälscht würde.
berale Gesellschaft gesprochen wird. Natio- sucht werden können, mit Russland und der SPIEGEL: War der Bau der Gaspipeline Nord
nalstaaten im Alleingang werden von der Flut Ukraine eine Lösung unter entscheidender Stream 2 ein Fehler?
mitgerissen, gemeinsam können Demokratien Einbeziehung der 2014 dort registrierten Be- Wulff: Mit dem Wissen von heute hätte man
und Allianzen, die für liberale Werte einste- völkerung zu finden, so wie man das nach schon Nord Stream 1 nicht beginnen dürfen.
hen, Krisen widerstehen, so formulierte es dem Zweiten Weltkrieg zwischen Deutsch- Aus damaliger Sicht aber war es ein nahelie-
nun zutreffend die Münchner Sicherheits- land und Frankreich zum Saarland vereinbart gender Versuch, Wandel durch Annäherung
konferenz. hatte. in Form wirtschaftlicher Beziehungen zu
SPIEGEL: Eine richtige, aber späte Erkenntnis. SPIEGEL: Der ehemalige Bundeskanzler Ger- ­erreichen. Das Vertrauen, das zwischen
Wulff: Zu viele haben zugesehen, wie die welt- hard Schröder hält trotz des Krieges an seiner Deutschland und Russland durch Nord
weite Rechte das Narrativ von Putin über- Freundschaft mit Putin und an seinen Posten ­Stream 2 entstehen sollte, ist leider miss-
nommen hat, über die angebliche Islamisie- in der russischen Energiewirtschaft fest. Er braucht worden.
rung des Westens, dessen Werteverfall und sagt, sie seien seine Privatangelegenheit. SPIEGEL: Wie finden Sie es, dass ausgerechnet
die angeblichen Gefahren durch Säkularisie- Wulff: Jeder, der mal Bundespräsident oder der SPD-Kanzler Olaf Scholz den Verteidi-
rung und unser Zusammenleben in Vielfalt. Bundeskanzler war, wird nie wieder zu gungsetat um 100 Milliarden Euro aufstockt?
Das verbindet ja Putin, Donald Trump, bei 100 Pro­zent Privatperson, sondern wird weiter Wulff: Wohl nur der Republikaner Richard
uns AfD und NPD und die Rechten in Öster- wahrgenommen auch als öffentliche Person Nixon konnte damals ins maoistische China
reich, Ungarn oder Frankreich. Die Gefahr mit Loyalitäten. Wenn man einmal Deutsch- fahren. Hätte Angela Merkel anstelle von
dieses Narrativs haben wir unterschätzt. Es land als Staatsmann vertreten hat, darf man Scholz die gleiche Rede gehalten, die gleiche
ist doch kein Zufall, dass Interviews mit sich nicht in ausländische Abhängigkeiten be- Summe für die Bundeswehr angekündigt, hät-
Trump-Anhängern eins zu eins bei Russia geben, sondern muss auch weiterhin deutsche te es innerhalb der SPD und bei den Grünen
Today gezeigt werden. Dieses Antichambrie- Interessen vertreten. Wenn Bundeskanzler wohl ablehnende Einlassungen gegeben.
ren, das Trump mit Putin betrieben hat, ist Schröder seine Ämter und seine Freundschaft Scholz wird damit noch zu kämpfen haben,
gefährlich, und seine Behauptungen, Putin mit Putin zur Befriedung des Konflikts mit wie Helmut Schmidt beim Nato-Doppel­
sei genial, schlau und geschickt, sind fatal. Der Erfolg eingesetzt hätte, wäre das das einzige beschluss. Es ist in der bundesdeutschen Ge-
Moskauer Patriarch Kirill gibt dem Krieg in Argument, das ich für vertretbar hielte. schichte meistens so, dass sich die CDU auch
der Ukraine nun seinen Segen und misst ihm SPIEGEL: Er hat es ja jetzt offenbar versucht. bei größten inhaltlichen Zweifeln hinter den
eine metaphysische Bedeutung bei. Halten Sie das für Erfolg versprechend? eigenen Kanzler stellt, während die SPD häu-
SPIEGEL: Sie meinen, der Krieg wird so zur Wulff: Wir werden es erst später beurteilen fig gerade dann nicht hinter ihrem Kanzler
vermeintlich religiösen Pflicht? können. Derzeit geht das Morden weiter. Und steht, wenn er etwas außenpolitisch Richtiges
Wulff: Einige sind tatsächlich unterwegs, Krie- das stärkste Zeichen dagegen ist, sich außer und Notwendiges macht.
ge heilig zu erklären, nicht nur im Islam, auch Dienst eines solchen Mannes zu stellen – SPIEGEL: Sie stehen für Mäßigung in der Poli-
im Christentum im Jahre 2022. Das sind bis- ­allerspätestens jetzt. tik, vielerorts gibt es heute aber den Ruf nach
her vollkommen unterschätzte Gefahren, SPIEGEL: Die Deutschen haben eine große dem starken Mann. Ist das ein Trend?
über die nicht entschlossen geredet wurde. Sympathie für das russische Volk, erklärt das Wulff: Seit meiner Präsidentschaft habe ich
Der Westen muss seine Art zu leben mit Stolz auch den manchmal vielleicht naiven Blick etwa weiter sehr freundschaftliche Beziehun-
und vor allem gemeinsam verfechten, um vieler Deutscher auf die russische Regierung? gen zum damaligen türkischen Präsidenten
Autokratien und Diktaturen zu widerstehen. Wulff: Ich würde das nicht naiv nennen. Die Abdullah Gül und zum damaligen polnischen
SPIEGEL: Hätte man nach der Vergiftung Ale- Deutschen haben ja mit Recht die Überzeu- Präsidenten Bronislaw Komorowski. Beide
xej Nawalnys, nach dem Berliner Tiergarten- gung, dass sie den Russen, auch der russischen waren für Ausgleich. Heute sind dort Erdoğan
mord härter gegen Putin vorgehen müssen? Regierung, viel zu verdanken haben, aber das und Duda die Nachfolger. Das könnte ein
Wulff: Spätestens seit 2014 wissen alle, woran war die Regierung von Michail Gorbatschow. Trend sein. Aber ich bin hoffnungsvoll: SPD
wir mit Putin sind. Trotzdem wurde leider und Grüne setzen jetzt 100 Milliarden Euro
ständig an den Sanktionen rumgemäkelt, zum für die Bundeswehr ein – und überraschen.
Teil naiv, zum Teil von Ultranationalisten. Wir haben Friedrich Merz als starken Vor-
Wenn die Demokratien noch stärker gegen sitzenden, der unserer Partei jetzt überzeu-
ihn vorgegangen wären, hätte es hinterher gend erklären könnte, dass wir die Versöh-
womöglich geheißen, wir hätten Putin pro- nung von Ökonomie und Ökologie und den
voziert, ihn in den Krieg getrieben. Deswegen Zusammenhalt in der Vielfalt einer multikul-
halte ich die Kritik an der europäischen Si- turellen, multiethnischen und multireligiösen
cherheitspolitik auch für falsch. Wir dürfen Gesellschaft dringend brauchen. Meine Hoff-
Johannes Eisele / ddp

jetzt nicht ausgerechnet Putins anderes Nar- nung ist, dass Merz die Partei von zentralen
rativ übernehmen, dass der Westen zu weich Zukunftsthemen überzeugen kann, von
sei und sich aufgegeben hätte. Die mutigen denen andere sie nicht überzeugen konnten.
Ukrainer zeigen gerade der Welt, dass er sich SPIEGEL: Glauben Sie, dass es klappt?
auch hier täuscht. Ich halte es eher für ein Wulff: Ich bin ein Optimist.
Problem, dass die verantwortlichen Politiker Politiker Schröder, Wulff Interview: Melanie Amann, Marc Hujer n

Nr. 12 / 19.3.2022 DER SPIEGEL 37


DEUTSCHLAND

hat, der FDP so weit nachzugeben. »Ich will


ja kein Fass aufmachen, aber die Masken­
pflicht abzuschaffen, während die Zahlen im­
mens steigen, ist einfach nicht die klügste

Fauler Kompromiss
Idee«, twitterte die SPD-Bundestagsabgeord­
nete Aydan Özoğuz.
In der FDP ist man mit dem Kompromiss
allerdings auch nicht glücklich. Viele Libera­
le glauben, ihr Justizminister habe Lauterbach
CORONA  Öffentlich mahnt er, intern gibt er nach – und lässt mit der Hotspot-Regel zu viel geschenkt, vor
allem, weil die Definition eines Hotspots sehr
sich auf eine weitgehende Abschaffung der Schutzmaßnahmen ein. weit gefasst sei. Ob man mit dem neuen Ge­
Seine ­Doppelrolle in der Pandemiepolitik verschafft setz auch ein ganzes Bundesland zum Hotspot
Gesundheitsminister Karl Lauterbach zunehmend Probleme. erklären könne, fragen sich viele – nicht nur
in der FDP. In der Bund-Länder-Runde sagte
Buschmann dem Vernehmen nach, dies sei

E
in Kompromiss zeichnet sich im Allge­ schutz zugunsten des Koalitionsfriedens »theoretisch« möglich, wenn die Vorausset­
meinen dadurch aus, dass sich Verhand­ schleifen zu lassen. zungen im ganzen Land gegeben seien.
lungspartner aufeinander zubewegen. »Ich gratuliere der FDP, die sich komplett Der Justizminister hatte extra eine Ana­
Jeder weicht ein Stück von seiner Position ab, durchgesetzt hat«, soll Bayerns Ministerprä­ lyse erstellen lassen, die den Fraktionskolle­
damit am Ende beide zufrieden sind. sident Markus Söder (CSU) in einer unge­ gen die Auswirkungen seines eigenen Gesetz­
Als Justizminister Marco Buschmann wöhnlich hitzigen Konferenz der Länderchefs entwurfs erläutern sollte. Das habe die Dis­
(FDP) und Gesundheitsminister Karl Lauter­ mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) am kussion versachlicht, sagen Abgeordnete, das
bach (SPD) vergangene Woche ihren Entwurf Donnerstagnachmittag Teilnehmern zufolge Misstrauen sei aber nicht beseitigt. Der desi­
für eine Änderung des Infektionsschutzgeset­ gesagt haben. »Aber, Herr Lauterbach, glau­ g­nierte FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai
zes vorstellten, wollten sie diesen Eindruck ben Sie wirklich, dass das die eigene Glaub­ drückt es so aus: »In der FDP gibt es nach wie
erwecken: Liberale und Sozialdemokraten würdigkeit erhöht? Sie warnen, warnen, war­ vor die Sorge, dass die Hotspot-Regelung
können sich sogar bei einem Thema einigen, nen – und geben jetzt alles auf, was da war.« dazu missbraucht werden könnte, in den Län­
bei dem ihre Positionen maximal weit aus­ Lauterbach war mit dem Versprechen in dern die früheren Coronaregeln einfach fort­
einanderliegen. sein neues Amt angetreten, eine wissenschaft­ zusetzen.«
Es gebe die »Normalsituation, dort kehren lich basierte Politik zu machen. Davon ist in Für die Liberalen ist das Thema in den an­
wir weitestgehend auch zur Normalität zu­ diesen Tagen wenig zu spüren. Angesichts stehenden Landtagswahlkämpfen wichtig. In
rück«, erklärte der Justizminister, warum ab bundesweit steigender Infektionszahlen war­ Nordrhein-Westfalen etwa wird im Mai ge­
dem 20. März Coronamaßnahmen fast über­ nen Expertinnen und Experten davor, die bis­ wählt, dort regiert die FDP an der Seite der
all wegfallen sollen. Selbst Masken in Super­ herigen Maßnahmen weitgehend auslaufen CDU. Ein Wahlkampfplakat spielt mit einer
märkten sind dann nicht mehr vorgeschrie­ zu lassen, wie es die von der Ampel vorge­ Zeile aus der Nationalhymne: »Es heißt nicht
ben. Punkt für Buschmann. legte Änderung vorsieht. Einigkeit und Recht und Freiheitsverbote«. Im
Es gebe aber Ausnahmen, erklärte der Ge­ Demnach dürfen zwar auch nach dem Saarland will die FDP am nächsten Sonntag
sundheitsminister, in sogenannten Hotspots, ­Auslaufen der bisherigen Coronaregeln am in den Landtag einziehen und setzt dafür auf
für die in Zukunft auch weitergehende Schutz­ 19. März inzidenzunabhängig gewisse Schutz­ eine »Exitstrategie« aus der Pandemiebekämp­
maßnahmen verhängt werden können, wenn maßnahmen angeordnet werden, darunter fung. Nun herrscht die Angst, dass die Hot­
die Landesparlamente dies entscheiden. Testpflichten zum Schutz gefährdeter Perso­ spot-Regelung den erhofften Freiheitsrausch
Punkt für Lauterbach. nen sowie eine Maskenpflicht im öffent­ nach zwei Jahren Pandemie dämpfen könnte.
Team Freiheit und Team Vorsicht vereint lichen Nahverkehr. Weitergehende Maßnah­ Der umstrittene Kompromiss war eine
in der Pandemiebekämpfung, so schien es für men wie eine Maskenpflicht in Innenräumen ­Verzweiflungstat, nachdem die Verhandlun­
einen Augenblick. dagegen sollen nur in den Hotspots lokal gen zum Infektionsschutzgesetz beinahe ge­
Doch nur wenige Tage nach dem gemein­ ­möglich sein. Wie ein Hotspot definiert ist, platzt wären. Die FDP hatte gefordert, alle
samen Auftritt zeichnet sich ab, dass der Ver­ bleibt nebulös. Basismaßnahmen am 19. März zu beenden,
such, Gegensätzliches zusammenzubringen, Nicht nur bei Twitter, wo Lauterbach eine also Maskenpflicht, Abstandsregeln, Hygiene-
beiden Ministern eher schaden denn nutzen große Fangemeinde hat, sondern auch in sei­ und Testkonzepte. Grüne und SPD waren
könnte. Vor allem Lauterbach muss sich den ner eigenen Partei fragen sich mittlerweile dagegen, also schlug Lauterbach die Hot­
Vorwurf gefallen lassen, den Gesundheits­ einige, was den SPD-Minister dazu veranlasst spots vor.

Die Masken- 5. Juli 2020


»Rheinische Post«
14. Juni 2021
»ZDF-Morgenmagazin«
11. Dezember 2021
»DER SPIEGEL«
9. März 2022
Karl Lauterbach und
Frage 200.000 Fälle Karl Lauterbach: »Wenn »Für die meisten »Wichtig ist, dass Marco Buschmann
schlagen den Basis-
es keine Maskenpflicht im größeren Zusammen- die Kinder in den
Bestätigte neue Handel mehr gibt, künfte in Innenräumen Schulen grundsätz- schutz ab 20. März vor.
Coronafälle in kontaminieren Infizierte ist die Maskenpflicht lich Maske tragen Eine Maskenpflicht soll
Deutschland auch die Ware, und nach wie vor sinnvoll.« und getestet demnach nur noch im
Kunden wie Beschäftigte werden.« Fernverkehr und in
100.000 Flugzeugen gelten. Für
täglich beim RKI werden durch die
eingegangene Werte Aerosole stark gefährdet.« bestimmte Orte, wie
etwa Pflegeheime,
Sieben-Tage- Kliniken und den ÖPNV
Durchschnitt sollen die Länder sie
0 weiterhin anordnen
1. April 1. Juli 1. Oktober 1. Januar 1. April 1. Juli 1. Oktober 1. Januar können*.
2020 2021 2022
S Quelle: RKI; Stand: 16. März 2022; * In Hotspots sind zudem abhängig vom Infektionsgeschehen weitergehende Regelungen der Bundesländer möglich.


38 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


DEUTSCHLAND

narien, die Virologe Christian Drosten kürz-


lich für die nächsten Monate formuliert hat.
Eine Omikronwelle im Herbst. Eine erneute
Delta-Varianten-Welle. Oder die Entwicklung
einer Kombinationsvariante, etwa »Delta-
kron«. Auch das Szenario, wonach sich Omi-
kron so entwickelt, dass das Virus tiefer als
bisher in die Lunge eindringt, wird diskutiert.
Lauterbach macht klar: »Die Wahrscheinlich-
keit, dass wir eine dieser Varianten sehen,
geht an fast 100 Prozent.«
Den Vorwurf, als Minister handle er
gegen die Empfehlungen der Wissenschaft,
weist Lauterbach zurück. Am Dienstag habe
er seine Pläne den 19 Sachverständigen des
Expertenrats vorgestellt – und grundsätz-
liche Zustimmung erfahren, wie er sagt.
»Lauterbach wirkt auf mich wie ein Gefan-
gener«, sagt dagegen die Virologin Melanie
Brinkmann, die Mitglied im Expertenrat ist.
»Er kann mit dieser Lösung nicht zufrieden
sein.«
Zuletzt erklärte die Wissenschaftlerin den
Abgeordneten im Gesundheitsausschuss auf
Fragen der SPD, wie wichtig das Maskentra-
gen und andere Schutzmaßnahmen sind, doch
an der Entscheidung änderte das nichts.

Andreas Chudowski / DER SPIEGEL


»Es ist mir völlig unverständlich, wie man
ein Gesetz so entkernen kann, dass es unmög-
lich ist, bei Bedarf flexibel und schnell zu han-
deln«, sagt Brinkmann. »Das Infektionsge-
schehen kann sich jederzeit so dynamisch
entwickeln, dass der Staat es ohne Schutz-
maßnahmen nicht mehr kontrollieren könnte.
Und nur weil die Schutzmaßnahmen im Ge-
Sozialdemokrat Lauterbach: »Eine bundesweite Maskenpflicht wäre epidemiologisch sinnvoll«
setz stehen, heißt das ja nicht, dass man will-
Bis zur letzten Minute zogen sich die Ver- Dahmen hat in den vergangenen Monaten kürlich davon Gebrauch macht.«
handlungen der beiden Minister. Erst in der die Rolle eingenommen, die Lauterbach spiel- Der Gesundheitsminister aber glaubt fest
Nacht, bevor die neuen Regeln vom Bundes- te, bevor er Minister wurde: die des seriösen daran, dass sein Plan mit den Hotspots auf-
kabinett verabschiedet werden mussten, Mahners, der immer wieder auf die wissen- geht. Mecklenburg-Vorpommern wolle das
schickten sie ihren Kompromissvorschlag an schaftliche Meinung hinweist. Lauterbach da- ganze Land zum Hotspot erklären. Wenn erst
die Abgeordneten, mit Bitte um Stellungnah- gegen muss als Mitglied des Kabinetts nun ak- ein Land Hotspots definiere, würden andere
me bis zum nächsten Morgen. Änderungen zeptieren, dass es neben der wissenschaftlichen folgen, sagt Lauterbach.
waren kaum möglich. Wahrheit noch andere Zwänge gibt, etwa die FDP-Parteivize Wolfgang Kubicki aller-
Der gesundheitspolitische Sprecher der Wahrung des Koalitionsfriedens. Während in dings warnt davor, die Hotspot-Regeln allzu
Grünenfraktion, Janosch Dahmen, ist augen- der Ukraine ein Krieg tobt, will keiner in der großzügig anzuwenden. Drohe etwa ein Eng-
scheinlich nicht glücklich darüber, was die Ampel einen Regierungskrach riskieren. pass der örtlichen Krankenhauskapazitäten,
SPD ihrem Koalitionspartner FDP da durch- »Eine bundesweite Maskenpflicht wäre müssten zuerst mildere Mittel angewendet
gehen lässt: »Wir sind damit angetreten, eine epidemiologisch sinnvoll«, sagt Lauterbach. werden. So könnten Patienten auf benach-
faktenbasierte Politik zu machen, und haben »Juristisch ist das aber nicht haltbar.« Hätte barte Krankenhäuser verteilt werden, sagt
dafür einen Expertenrat eingerichtet. Daran er darauf bestanden, wären die Verhandlun- Kubicki. Die »alleinige Behauptung« einer
müssen wir uns nun messen lassen.« Es mache gen wohl gescheitert. Daher habe er die Re- drohenden Überlastung werde nicht ausrei-
ihm Sorge, was nun beschlossen werde. Un- gelung mit den Hotspots hineinverhandelt, chen, um »landesweite Maßnahmen über die
bestritten sei doch, dass Masken am besten sagt der Gesundheitsminister. Hotspot-Regel ergreifen zu können«.
vor Ansteckungen schützten. Sogar der Bon- Dass ihn selbst die nun kritisieren, die ihm In den Ländern herrscht vor allem große
ner Virologe Hendrick Streeck, Mitglied im eigentlich gewogen sind, müsse er aushalten, Verwirrung über das Infektionsschutzge­
Expertenrat der Bundesregierung und Freund sagt Lauterbach, er habe jetzt eben einen an- setz – und großer Ärger über die Bundes-
einer eher liberalen Coronapolitik, habe im deren Job. Er werde nicht mehr fürs Kritisie- regierung. Mehrere Ministerpräsidentinnen
Gesundheitsausschuss darauf hingewiesen. ren, sondern fürs Machen bezahlt. Und er und Ministerpräsidenten, selbst aus den Am-
Trotz der Bedenken stimme er dem Gesetz habe ja auch nicht damit aufgehört zu warnen, pelparteien, äußerten ihre Wut in der Kon-
zu, sagt Dahmen, »weil es sonst gar keine wenn er es für angebracht halte. ferenz am Donnerstag. Die rheinland-pfälzi-
Maßnahmen mehr geben würde«. In seiner Auf Twitter wies Lauterbach kürzlich da- sche Landes­chefin Malu Dreyer (SPD) sprach
Fraktion ist er mit seiner kritischen Haltung rauf hin, dass Deutschland in Europa die laut Beteiligten von »großem Frust«. Es tref-
nicht allein. In der ersten Lesung der Ände- höchste Inzidenz habe, auf der Pressekonfe- fe die L­ änder ins Mark, sagte Markus Söder
rung des Infektionsschutzgesetzes sagt auch renz zur Coronalage erklärte er: »Die Lage aus Bayern. »Hier werden zwei Jahre Weg-
Maria Klein-Schmeink, Fraktionsvize der ist objektiv viel schlechter als die Stimmung.« strecke im Alleingang beendet.«
Grünen, dass der Kompromiss »uns Grüne Bei der Impfpflichtdebatte im Bundestag Markus Feldenkirchen, Milena Hassenkamp,
nicht zufriedenstellt«. beschrieb der Minister die verschiedenen Sze- ­Severin Weiland n

Nr. 12 / 19.3.2022 DER SPIEGEL 39


DEUTSCHLAND

»großen nationalen Aufgabe« und sagte


den umstrittenen Satz: »Wir schaffen das.«
Das war der Moment, als die Prognosen in
Deutschland von 400 000 auf 800 000 Men­

»Da kommt etwas ganz


schen erhöht wurden. Rund 900 000 kamen
schließlich – innerhalb eines Jahres.
Nun sind bereits mehr als drei Millionen

Großes auf uns zu«


Ukrainer vor Wladimir Putins Angriffskrieg
geflohen, es ist laut Uno die am schnellsten
wachsende Fluchtbewegung seit dem Zweiten
Weltkrieg. Meist sind es Frauen und Kinder,
die Männer müssen bleiben und kämpfen.
MIGRATION  Europa erlebt gerade die massivste Fluchtbewegung seit »Putin schreibt gerade ein neues Kapitel
in der Menschheitsgeschichte der Flucht«,
dem Zweiten Weltkrieg. Auch in Deutschland ist die Hilfsbereitschaft sagt der Historiker Andreas Kossert, »indem
riesig. Doch erste Städte geraten bereits an ihre Grenzen. er mit der archaischen Urgewalt des aggres­
siven Expansionskrieges Menschen innerhalb
Europas zwingt, ihre Heimat zu verlassen.«

V
origen Samstag hatte Tetiana Makhov­ Mehr als sechs Jahre nachdem Hundert­ Der Schock sei auch deshalb so groß, »weil
ska Geburtstag, sie wurde 40. Die tausende Syrer, aber auch Afghanen und Ira­ wir jetzt sehen, wie nah die Ukraine doch ist.
Ukra­inerin aus Kiew lief zum Alexan­ ker Schutz in Europa suchten, wird Deutsch­ Die Flüchtlinge erinnern uns daran, dass auch
derplatz, dann den Boulevard Unter den Lin­ land erneut als Nothelfer gebraucht. 2015 war wir nicht sicher sein können«.
den hinunter bis zum Brandenburger Tor. das Jahr, das Angela Merkel zur Flüchtlings­ Rund 750 Kilometer sind es von Berlin bis
Ohne ihren Mann, der in Kiew versucht, kanzlerin machte. Sie sprach damals von einer zur ukrainischen Grenze, nur wenig mehr als
am Leben zu bleiben. Ohne ihren volljährigen
Sohn, der gerade noch rechtzeitig ins Ausland
floh. Ohne ihre Schwester, die in Mariupol von
russischen Truppen eingekesselt war. Ohne
ihre Eltern, von denen sie seit Tagen keine
Nachricht hat, von denen sie nicht weiß, ob
sie überhaupt noch leben. »Ich schlafe nicht
mehr«, sagt Makhovska. Sie trägt eine Jogging­
hose, aber ihr Lidstrich ist makellos gezogen.
Mit drei Rucksäcken und einem Koffer war
die Buchhalterin eine Woche nach Kriegs­
beginn mit ihren zwei jüngsten Kindern,
sieben und elf, aus der Ukraine geflüchtet. In
fünf Tagen, erzählt sie, fuhren sie Tausende
Kilometer in überfüllten Zügen durch fünf
Länder, die Ukraine, Polen, Österreich, Italien
und schließlich Deutschland. Ein Freiwilliger
organisierte für sie eine Bleibe in Berlin-Fried­
richshain, bei einem Kameramann und dessen
Familie. Dort schlafen sie im Kinderzimmer.
Ihr Gastgeber hat sich in einer Telegram-
Gruppe registrieren lassen, in der europaweit
inzwischen mehr als 10 000 Menschen privat
Unterkünfte für Geflüchtete anbieten. »Jeder
tut, was er kann, und wir tun eben das«, sagt
der Kameramann. Auch die Freiwilligen am
Hauptbahnhof habe er schon unterstützt. Er
kann ein paar Brocken Russisch noch aus
der Schulzeit, ansonsten verständigt er sich
mit seinen ukrainischen Gästen per Überset­
zungs-App.
Makhovska hat Glück gehabt, so schnell bei
einer Familie aufgenommen zu werden, viele
ihrer Landsleute campieren auf Feldbetten in
Flughafenterminals oder Messehallen. Auf
dem Rollfeld des ehemaligen Flughafens Tegel
wird gerade eine Zeltstadt errichtet.
Hannibal Hanschke / Getty Images

Schätzungsweise 10 000 ukrainische Flücht­


linge kommen jeden Tag in Berlin an, die meis­
ten am Hauptbahnhof, wo freiwillige Helfer
sie mit warmem Essen und Hygieneartikeln
versorgen und sie Tickets für die Weiterfahrt
bekommen. Die Hauptstadt ist zum Hauptziel
der vor dem Krieg Fliehenden geworden.

40 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


DEUTSCHLAND

von Kiel nach München. In den Abendnach­ ben bereits konkrete Aufnahmezahlen zu­ Geflüchtete auf »wie alle anderen Bundes­
richten verfolgen deutsche Zuschauer nun gesagt. Bundespolizisten helfen den deut­ länder zusammen«, sagte sie. Giffey hat die
den Kriegsverlauf, lernen ukrainische Städte­ schen Diplomaten in Moldau mit den Passa­ Bundeswehr um zusätzliches Personal gebe­
namen wie Kiew, Lwiw, Sumy und Charkiw gierlisten. Die Bundesregierung wolle »darauf ten, die oppositionelle CDU forderte gar, den
kennen, bangen mit, ob es der Hilfskonvoi aufbauend schnellstmöglich auch aus anderen Katastrophenfall auszurufen. Aus Aufnahme­
diesmal ins belagerte Mariupol geschafft hat. europäischen Nachbarstaaten eine dauerhaf­ einrichtungen mussten schon syrische und
Seit am 24. Februar der Angriffskrieg be­ te logistische Schutzbrücke aufbauen«, so afghanische Bewohner ausziehen, um ukrai­
gann, trafen Zehntausende Menschen aus der Baerbock. Schutzsuchende »sollten europa­ nischen Neuankömmlingen Platz zu machen.
Ukra­ine in Deutschland ein. 187428 wurden weit sowie darüber hinaus auch in Drittstaa­ Die Migranten lebten zum Teil seit Jahren
bis Donnerstag offiziell registriert, tatsächlich ten« verteilt werden. dort, weil sich in Berlin keine Wohnungen für
sind es wohl viel mehr. Auf jeden Fall ist es In Deutschland ist die Hilfsbereitschaft ge­ sie finden ließen.
nur ein Bruchteil dessen, was die östlichen waltig. Viele haben Geflüchtete aufgenom­ In vielen Städten übersteigt die neue
Nachbarn leisten. Allein nach Polen reisten men. Hunderttausende kostenlose Unterkünf­ Fluchtwelle alles, was 2015 war. Hamburgs
1,9 Millionen Ukrainer ein, in die kleine Re­ te stellten Privatleute nach Angaben des Bun­ Innensenator Andy Grote (SPD) spricht von
publik Moldau, das ärmste Land Europas, desinnenministeriums schon bereit. Doch einer »Ausnahmesituation«. 2015 kamen ma­
350 800 Menschen. Von dort sollen nun Char­ mittlerweile geraten erste Kommunen an ihre ximal 6000 Flüchtlinge im Monat, heißt es
terflüge Geflüchtete direkt nach Deutschland Grenzen. Etliche Städte mussten Schulturn­ aus der Innenbehörde. Nun seien in der Han­
und in andere Länder bringen, vor allem Alte hallen zu Notquartieren umbauen, Hotelzim­ sestadt nach den ersten drei Wochen des Krie­
und Hilfsbedürftige, wie Außenministerin mer, Jugendherbergen und Schullandheime ges etwa 15 000 Ukraineflüchtlinge eingetrof­
Annalena Baerbock (Grüne) dem SPIEGEL anmieten oder Kasernen belegen. fen. Die Sozialbehörde teilt mit, man sei da­
sagte. In einem ersten Schritt sollen 2500 Berlins Regierende Bürgermeisterin Fran­ bei, schnell weitere verfügbare Plätze zu
Menschen nach Deutschland kommen. ziska Giffey (SPD) setzt beinahe täglich öf­ schaffen. Aber die Menschen müssten sich bis
Mehrere Bundesländer, darunter Baden- fentliche Hilferufe ab: Berlin schaffe das nicht dahin darauf einstellen, länger in den Inte­
Württemberg und Nordrhein-Westfalen, ha­ allein. Die Hauptstadt nehme derzeit so viel rimsquartieren zu bleiben. Dazu zählen um­
gebaute Bürogebäude und Hotels. Vor dem
HSV-Stadion ließ die Stadt Bundeswehrzelte
aufbauen.
In Thüringen wandten sich mehrere Ober­
bürgermeister mit einem Brandbrief an die
Landesregierung des Linken Bodo Ramelow.
»Thüringen läuft Gefahr, die Kontrolle zu ver­
lieren, wenn die Kommunen allein gelassen
werden«, warnte Geras Oberbürgermeister
Julian Vonarb. Er forderte vom Land klare Vor­
gaben und Verteilschlüssel, »damit wir den Ge­
flüchteten geordnet Zuflucht bieten können«.
Die Opposition in Berlin erhöht derweil den
Druck auf den Kanzler. Linkenvorsitzende Ja­
nine Wissler fordert mehr Unterstützung der
Bundesregierung: »Die Kommunen sind bei
der Aufnahme von Geflüchteten auf finanziel­
le Hilfe des Bundes angewiesen«, so Wissler.
»Der Bund muss diese Kosten übernehmen.«
In der Unionsfraktion verweist man auf
Polen als Beispiel für eine gelungene Aufnah­
me von Geflüchteten. Eine Delegation aus
CDU- und CSU-Abgeordneten reiste am Wo­
chenende an die polnisch-ukrainische Grenze.
Danach gebe es »noch weniger Verständnis
für das Chaos in Deutschland«, so die stell­
vertretende Fraktionsvorsitzende Andrea
Lindholz. In Polen liefe die Aufnahme der
Geflüchteten geordneter, die Menschen wür­
den systematisch registriert und dann je nach
Wunsch weiterverteilt.
»Wir brauchen auch in Deutschland eine
verpflichtende Erstregistrierung direkt nach
der Ankunft, damit wir wissen, wer hier an­
kommt und was mit den Menschen danach
passiert«, sagt Lindholz. Zudem sollten Kin­
der und Frauen an Bahnhöfen und Grenz­
übergängen besser geschützt werden. Für die
langfristige Verteilung und Betreuung der
Geflüchteten ist aus Sicht der Union ein stän­
diger Krisenstab aus Bund, Ländern und
Kommunen erforderlich.
Neuankömmlinge und Helfer am Berliner Hauptbahnhof
Doch im Kanzleramt war man zuletzt vor
allem mit Diplomatie beschäftigt, mehrmals

Nr. 12 / 19.3.2022 DER SPIEGEL 41


DEUTSCHLAND

gration und Migration. »Das ist ein kleiner


Lichtblick in dieser düsteren Zeit.«
Vor allem aber ist sich Europa diesmal ei-
nig, zumindest zunächst und auf dem Papier:
Es soll kein hässliches Gezanke um Geflüch-
tete geben.
Kurz nach Beginn von Putins Überfall ha-
ben alle 27 Mitgliedstaaten der Europäischen
Union Anfang März einen gemeinsamen Be-
schluss zur »Feststellung des Bestehens eines
Massenzustroms von Vertriebenen aus der
Ukraine« gefasst. So wurde erstmals eine
Richtlinie von 2001 aktiviert. Die Geflüchte-
ten bekommen einen temporären Schutzsta-
tus für mindestens ein Jahr. Ein langwieriges
Lisa Wassmann / DER SPIEGEL (2)

Asylverfahren ist nicht erforderlich, die


Schutzsuchenden dürfen sofort arbeiten, das
Gesundheitssystem in Anspruch nehmen, In-
tegrationskurse besuchen. Sie dürfen sich
prinzipiell innerhalb der EU frei bewegen.
Man will es anders machen als 2015: keine
endlosen Quotendiskussionen, kein Sperren
von Fluchtrouten, kein Zurückweisen an
BERLIN Tetiana Makhovska hat mit ihren beiden jüngsten Kindern bei einem den Grenzen. Bundesinnenministerin Nancy
freiwilligen Helfer eine vorläufige Bleibe gefunden, sie verständigen sich Faeser (SPD) lobte die Entscheidung der EU
per Übersetzungs-App. In Telegram-Gruppen wird Hilfe für Geflüchtete angeboten. als »historische Einigung«.
Allerdings ist nicht genau geregelt, welches
Land wie viele Geflüchtete aufnimmt. Deshalb
telefonierten Olaf Scholz (SPD) und Frankreichs schild »Kunsterziehung« durch einen weißen hat die Kommission eine »Solidaritätsplatt-
Präsident Emmanuel Macron mit dem russi- Zettel ergänzt ist: »Rotkreuzleitung«. form« zur Koordinierung aufgesetzt. Die steht
schen Staatschef Wladimir Putin. Der Umgang Gastberger läuft hinauf in den ersten allerdings noch am Anfang, wie Diplomaten
mit den Flüchtlingen war zunächst zweitrangig. Stock. Eine Helferin reibt in einem Klassen- einräumen. Vier Millionen Menschen könnten
In den vergangenen Tagen drängte das zimmer grüne Feldbetten mit Desinfektions- die Ukraine verlassen, schätzte der für Krisen-
Problem nach vorn: ins Sicherheitskabinett, mittel ab. Die Menschen drängen derweil management zuständige Kommissar Janez
in die Kabinettssitzungen, vor allem in die hinaus auf den Schulhof. Vor dem Test- und Lenarčič schon Ende Februar. Doch darauf ist
vertraulichen Vorbesprechungen. Klar sei, Impfzelt stehen die Shuttlebusse, die zur Zim- die EU nicht vorbereitet. Das zeigte sich auch
heißt es aus der Regierung, dass die Anfang mervermittlung fahren. Wie es danach für die vorvergangenen Donnerstag bei einem Krisen-
März prognostizierte Schätzung von insge- Erstbetreuten weitergeht? »Das weiß ich treffen von Vertretern der EU-Länder, der
samt 225 000 Ukrainern, die nach Deutsch- nicht«, sagt Gastberger. Mittlerweile hat die Kommission und des EU-Parlaments.
land flüchten könnten, längst überholt sei. Stadt Hotels angemietet, plant, eingemottete Italien, Griechenland und Luxemburg
Olaf Scholz kennt die Herausforderungen. Großzelte wieder aufzubauen, Messehallen mahnten langfristige Planungen »auch zur
Als Erster Bürgermeister von Hamburg muss- zu belegen, und ja, auch Turnhallen. nachhaltigen Unterbringung von Hunderttau-
te er 2015 dafür sorgen, Zehntausende Flücht- Kontrollverlust, das war eines der Schlüs- senden Flüchtlingen« an, wie es in einem ver-
linge in der Stadt unterzubringen. Umso in- selwörter, die 2015 die Debatte prägten. Die traulichen Bericht der deutschen EU-Vertretung
tensiver warnt er in internen Gesprächen Bilder von völlig überforderten Ämtern und heißt. Rom erwartet wieder mehr Menschen
davor, sich zwischen Kommunen, Ländern den langen Schlangen davor haben sich bis aus Afrika, da dort wegen des Ukrainekrieges
und dem Bund gegenseitig den Schwarzen heute eingeprägt. Vom Kontrollverlust ist mit wachsender Nahrungsmittelknappheit zu
Peter zuzuschieben. Es seien jetzt alle Ebenen Deutschland noch ein Stück entfernt, auch rechnen sei. Griechenland brachte seine alte
gefragt, auch der Bund werde unterstützen. wegen der allgegenwärtigen Hilfsbereitschaft Forderung einer »verpflichtenden Solidarität«
Dafür plant seine Regierung wegen der Aus- Tausender Freiwilliger. Ohne sie hätte das ins Spiel, da früher oder später Um­siedlungen
wirkungen des Ukrainekrieges jetzt einen Er- Land schon vor Tagen blamiert dagestanden. Geflüchteter notwendig sein würden. Ungarns
gänzungshaushalt. Doch die Helferinnen und Helfer werden Vertreter kanzelte den Vorstoß prompt ab:
Doch bis das Geld fließt, müssen viele Städ- müde, nun ist der Staat gefragt. Derart kontroverse Themen seien »kontrapro­
te improvisieren, auch München, das 2015 als Seine Aufgabe wird Monate, womöglich duktiv«. Gegenüber dem SPIEGEL mahnte
Hauptstadt der Willkommenskultur galt. Eine Jahre dauern: Die Geflüchteten müssen ver- EU-Innenkommissarin Ylva Johansson, »sich
Woche lang wurde sogar eine Schule in der sorgt und untergebracht werden, sie brauchen mit alarmistischen Spekulationen zurückzu-
Nähe des Hauptbahnhofs zur Kurzzeitunter- Geld, Wohnungen, medizinische Leistungen. halten« hinsichtlich einer möglicherweise
kunft umgewidmet, ausgerechnet, die Schüler Ihre Kinder sollen in die Kitas und in Schulen ebenfalls zunehmenden Flucht aus Afrika.
mussten so lange in den Distanzunterricht. gehen dürfen, die Erwachsenen benötigen Den von dem Flüchtlingsandrang betrof-
Florian Gastberger, 24, führt nun im Lauf- Jobs und Deutschkurse. Kommt es nicht bald fenen Ländern will die EU-Kommission mas-
schritt durch das Schulgebäude, er hat nicht zu einem Waffenstillstand, könnten wohl auch siv unter die Arme greifen. Schon jetzt stün-
viel Zeit und spricht in kurzen Sätzen: »Wir mehr Männer einreisen, viele von ihnen ver- den rund acht Milliarden Euro zur Verfügung,
sind hier quasi der Überlauf«, sagt der Schicht- wundet und traumatisiert. sagt Johansson, bis zu zehn Milliarden aus
leiter des Malteser Hilfsdienstes. »Wir betreu- »Wir haben durch unsere Erfahrungen, die dem mehrjährigen Finanzrahmen der EU
en für 24 bis 48 Stunden. Da geht es ums Essen, wir seit 2015 gesammelt haben, ein gutes Fun- würden demnächst folgen.
Schlafen, Handyaufladen.« Also hinaus aus dament, auf dem wir integrationspolitisch Die gegenwärtige Krise sei auch eine Chan-
seinem provisorischen Büro im Raum 044 des aufbauen können«, sagt Petra Bendel, Vor- ce, auf dem Weg zu einer gemeinsamen
Münchner Luisengymnasiums, wo das Tür- sitzende des Sachverständigenrats für Inte­ Flüchtlingspolitik in der EU voranzukommen,

42 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


DEUTSCHLAND

heißt es aus der Kommission. Zwar flüchtlingen und schon jetzt für die »Die Taschen Nach und nach sollen die Ukraine-
sei es unwahrscheinlich, dass Länder Zukunft zu planen. Europa müsse sich flüchtlinge nun samt Fingerabdrücken
wie Polen oder Ungarn einem Ver- auf eine längere Krise einstellen. Es von den Men- registriert werden, allein schon um
teilungsschlüssel zustimmten, so ein komme deshalb auf eine »kluge Ver- schen, die eine »gerechte Lastenverteilung« zu
EU-Beamter. »Aber es könnte zumin-
dest einfacher werden, sich auf eine
teilungspolitik« an, um Integration zu
erleichtern. Den Königsteiner Schlüs-
jetzt kommen, ermöglichen, wie es in einem Schrei-
ben des Bundesinnenministeriums
grundsätzliche Verteilung der Lasten sel hält er nicht für geeignet. Das Sys- werden im- heißt. Doch dafür fehlt es in den Äm-
zu einigen.« tem sei »zu starr«, da es kaum nach mer kleiner.« tern vielerorts an Geräten und Perso-
In Deutschland gibt es bisher kaum Qualifikationen, Kenntnissen und Be- nal. So findet sich ein Gutteil der
politischen Streit um die Aufnahme dürfnissen der Flüchtlinge frage. Ukra­iner bislang in keinem Compu-
der Flüchtlinge, selbst die AfD rührt Die Idee großzügiger und unbüro- tersystem. Der Deutsche Städtetag
das Thema nicht an. kratischer Hilfe hat auch eine Kehr- forderte daher Bund und Länder auf,
»Wer, wenn nicht wir, ist in der seite: Niemand weiß genau, wie vie- umgehend »steuernd einzugreifen«.
Lage, so etwas hinzukriegen«, sagte le Geflüchtete aus der Ukraine sich Es sei darüber hinaus »auch im
auch der bayerische Innenminister derzeit in Deutschland aufhalten und kommunalen Interesse zu wissen, wer
Joachim Herrmann (CSU), als er ver- wo sie sind. An den Grenzen gibt es sich in der Kommune aufhält«. Dazu
gangene Woche das Münchner An- nur stichprobenartige Kontrollen. Die brauche es »eine ehrliche Einschät-
kunftszentrum besuchte. Im Hinter- Ankömmlinge aus der Ukraine dürfen zung des Migrationsgeschehens, eine
grund spielten Kinder mit Fußbällen, ohne Visum einreisen und bis zu gesteuerte Verteilung und eine prak-
die Herrmann verteilt hatte. Deutsch- 90 Tage bleiben, bis sie sich bei den tikable Registrierung«. Und weiter:
land sei »eines der bestorganisierten Ämtern melden müssen. Es ist wahr- »Das ist im Moment nicht der Fall.«
Länder der Welt«, so Herrmann. Al- scheinlich, dass viele Geflüchtete be- Für die Kommunen heißt das, sie
lerdings: »Die größeren Herausforde- reits bei Verwandten untergekommen können schwer planen, vor allem,
rungen liegen noch vor uns.« sind – in Deutschland leben etwa wenn es um Schlafplätze geht. Viele
Dazu gehört vor allem die Frage: 331 000 Menschen ukrainischer Her- hatten zwar ihre Erstaufnahmeein-
Wie sollen Geflüchtete verteilt werden? kunft. richtungen vorgewarnt, sind aber in-
Bundesinnenministerin Faeser Es ist eine Parallele zu anderen zwischen überrascht, wie schnell sich
setzte zunächst auf ein freiwilliges Krisen, vom Flüchtlingsherbst 2015 diese füllen.
System, für das die Bundesländer täg- bis zu Corona: Wieder hat Deutsch- In München mussten schon einige
lich ihre freien Unterbringungsplätze land keine verlässlichen Zahlen und Geflüchtete auf dem Fußboden der
meldeten. Busse und Züge sollten Daten, zumindest noch nicht. Immer- Bahnhofshalle übernachten, weil sie
Ukrainerinnen und Ukrainer aus An- hin geht es diesmal nicht um Sicher- niemand erwartet hatte. »Leider ist
kunftsstädten wie Frankfurt/Oder heitsprobleme wie 2015, als Nach- oft nicht klar, wie viele Menschen aus
und Berlin weitertransportieren. Eine richtendienste und Polizei vor un- der Ukraine nachts noch am Haupt-
Stabsstelle im Bundesamt für Güter- erkannt ins Land einreisenden Isla- bahnhof ankommen«, klagte Ober-
verkehr kümmerte sich darum. Der misten warnten. bürgermeister Dieter Reiter (SPD).
Bahnhof Hannover-Messe/Laatzen »Wir erhalten keine verlässlichen
wurde zu einem Drehkreuz umfunk- Zahlen dazu.« München denkt jetzt
tioniert. Es war das Prinzip Hoffnung. Auf nach Westen über den Aufbau einer Zeltstadt nach.
Inzwischen ist Faeser umge- Auch auf dem Land schließen Pri-
schwenkt auf eine Verteilung nach fes- Menschen, die die Ukraine seit dem 24. Februar 200 km vatleute die Versorgungslücken, die
verlassen haben.
ten Quoten. Die Bundesländer hät­ der Staat lässt. In Unterfranken orga-
ten  freiwillig nicht mehr genügend BELARUS RUSSLAND nisierten Bürger mithilfe des Roten
2100 168.900
freie Unterkünfte gemeldet, sagte Kreuzes drei Reisebusse, die 125 Men-
Faeser dem SPIEGEL (siehe Seite 45). schen, hauptsächlich Frauen und Kin-
In Cottbus soll nun ein neuer Knoten- POLEN der, an der polnisch-ukrainischen
punkt entstehen. Dort wird eine »Er- 1.916.400 Grenze aufnahmen. Im bayerischen
kennungsstraße« aufgebaut, um die Sulzdorf an der Lederhecke hat nach
Personalien der Geflüchteten aufzu- eigener Angabe Bürgermeisterin An-
nehmen. Notfalls mit sanftem Druck UKRAINE gelika Götz bereits knapp 60 Geflüch-
sollen die Menschen dann in Städte 3.169.897 tete aus Kiew und Umgebung in Gast-
228.800 Geflüchtete
verteilt werden, »in Deutschland, aber SLOWAKEI familien untergebracht. Darunter
auch in Europa«, so Bundesverkehrs- seien Lehrerinnen, die nun digital
minister Volker Wissing (FDP). Kinder in der Ukraine unterrichteten.
282.600
Auf der Ministerpräsidentenkon- UNGARN 350.900
Je länger der Krieg dauere, sagt
ferenz am Donnerstag vereinbarten 491.400 MOLDAU Götz, desto hilfsbedürftiger würden
Bund und Länderchefs, die Geflüch- RUMÄNIEN Krim die Menschen. »Die Ersten, die ka-
Schwarzes
teten wie üblich nach dem sogenann- Meer men, hatten noch Hartschalenkoffer,
ten Königsteiner Schlüssel zu vertei- zum Vergleich: manche ein Auto. Die Taschen und
len. Der bemisst sich zu zwei Dritteln Kumulierte Zahl der Geflüchteten Ukraine Syrien Rucksäcke von den Menschen, die
nach dem Steueraufkommen eines 6 Mio. jetzt kommen, werden immer kleiner.«
Bundeslandes und zu einem Drittel Mit dem freiwilligen Engagement
nach dessen Einwohnerzahl. So sollen 3 Mio. in den ersten Wochen wird es nicht
die Lasten gerechter verteilt werden. getan sein, das ist erfahrenen Helfern
Der Migrationsexperte Steffen An- jetzt schon klar. »Wir wissen alle, dass
0 Tage ab Beginn der Massenflucht
genendt von der Stiftung Wissenschaft da gesellschaftlich etwas ganz Großes
und Politik fordert, strate­gischer zu 0 300 600 900 auf uns zukommt«, sagt Andrea Betz,
denken im Umgang mit Ukraine- S Quelle: UNHCR; Stand: 16. März Vorständin der Diakonie in München


Nr. 12 / 19.3.2022 DER SPIEGEL 43


DEUTSCHLAND

Geflüchteten besetzen können, vor al-


lem in der Gastronomie, Kinderbetreu-
ung und Pflege. Herbert Brücker vom
Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt-
und Berufsforschung ist da eher vor-
sichtig. 2015 seien viele Flüchtlinge aus
einem jahrelangen Bürgerkrieg nach
Deutschland gekommen, mit wenig
Hoffnung auf eine Rückkehr in ihre
Heimat. Das sei jetzt anders. »Die
meisten wollen zurück und warten erst
einmal ab«, sagt Brücker.
Bliebe ein Großteil der Menschen
dauerhaft in Deutschland, sei er »mit-
telfristig optimistisch«, dass eine Inte-
gration in den Arbeitsmarkt gut ge-

Peter Schinzler / DER SPIEGEL


lingen werde. Ukrainische Zuwanderer
seien in der Vergangenheit überdurch-
schnittlich hoch qualifiziert gewesen,
der Akademikeranteil in dieser Grup-
pe lag bei etwa 50 Prozent.
Dazu gehören Frauen wie die
Anäs­thesistin Anzhelika Sorokina,
MÜNCHEN Florian Gastberger versorgt als Schichtleiter des Malteser Hilfsdienstes 32, sie stammt aus Irpin. Die Stadt bei
Geflüchtete nach deren Ankunft mit dem Nötigsten – wegen des Andrangs am nahen Kiew geriet unter besonders heftigen
Hauptbahnhof musste die Stadt zeitweise ein Gymnasium als Notunterkunft belegen. Beschuss, tagelang zeigten die Nach-
richten Bilder einer gesprengten Brü-
cke, Menschen versuchten, sich über
und Oberbayern. »Die Neuankömm- meinde Schönberg zwei ukrainische eine Behelfskonstruktion zu retten.
linge stehen vor uns mit großen Zu- Brüder, 6 und 11, nun mit sechs ande- Am 24. Februar, als der Angriffs-
kunfts- und Existenzängsten.« Dabei ren Kindern und einer Lehrerin im krieg begann, trat die Ärztin noch
kämen die Haupt- wie Ehrenamtli- Stuhlkreis. »Ich heiße Frau Kitzing ihren Dienst im Krankenhaus in Kiew
chen selbst häufig aus einer ermüden- und komme aus Deutschland«, sagt an, nicht weit vom Präsidentenpalast
den Lebensphase. »Anders als 2015 die und klatscht im Takt der Silben in entfernt. Sie habe nur ihre Hand­
ist: Uns steckt noch Corona in den die Hände. Dann sagen die Kinder, wie tasche dabeigehabt, Schlüssel, Aus-
Knochen«, so Betz. sie heißen und wo sie herkommen: aus weisdokumente, ein bisschen Bar-
Hinzu kommt, dass die Pandemie dem Irak, Afghanistan, Syrien, Russ- geld, sagt sie. Sie kehrte nie nach Irpin
in den Massenunterkünften selbst zu land, Eritrea und aus der Ukraine. zurück. Nach zehn Tagen im Kran-
einem massiven Problem werden Seit rund zehn Jahren betreut Re- kenhaus entschloss sie sich zur Flucht
kann. Die Impfquote in der Ukraine gina Kitzing-Treichel zugewanderte mit dem Auto nach Westen, noch im-
liegt bei gerade einmal 35 Prozent. Massenflucht Kinder, die zuerst in einer Kleingrup- mer in dem Sweatshirt und den Jeans,
Um Flüchtlingen möglichst un- pe Deutsch lernen, bevor sie zunächst in denen sie zehn Tage zuvor zur
kompliziert zum Impfschutz zu ver- In Deutschland regis- stundenweise und dann vollständig Arbeit gekommen war. »Es gab eine
trierte* Geflüchtete
helfen, hat die Solinger Stadtverwal- aus der Ukraine, in eine Regelklasse wechseln. In eini- riesige Explosion, als ich Kiew ver-
tung im Erdgeschoss einer leer ste- kumulierte Werte gen Bundesländern heißt dieses Kon- ließ, ich hatte furchtbare Angst.«
henden Peek-&-Cloppenburg-Filiale zept »Vorbereitungs- oder Willkom- Seit gut einer Woche ist sie in Sten-
das neue Willkommenszentrum samt 187.400 mensklasse«, in Schönberg ist es der dal privat bei einem befreundeten
Impfstelle eingerichtet. Bloß: »Die DaZ-Basiskurs – DaZ für Deutsch als Arzt untergekommen. »Ich bin dank-
wenigsten möchten das«, sagt Ärztin 150 Tsd. Zweitsprache. bar«, sagt Sorokina. »Ich bin jetzt in
Carla Adelmann. Die Menschen seien Die Massenflucht ist auch für die Sicherheit, das ist das Wichtigste. Ich
müde und erschöpft, viele müssten Schulen eine Herausforderung. Sie kann mich bloß auf nichts konzen­
erst einmal ankommen. Manche sollen die Kinder »unbürokratisch« trieren, ich hänge den ganzen Tag an
fürchteten sich auch. aufnehmen, wünscht sich die Kultus- den Nachrichten.« Es sei schwer, ein
100 Tsd.
Höher ist die Erfolgsquote an den ministerkonferenz. Was das konkret Flüchtling zu sein. »Ich hatte in der
Registrierungsplätzen, wo das Ein- heißt, bleibt einmal mehr den Schulen Ukraine alles, was ich brauchte, um
wohnermeldeamt Computer, Dru- überlassen. Geflüchtete Lehrerinnen, glücklich zu sein«, sagt sie, »jetzt
cker, Finger-Scangerät und Plexi­ so die Hoffnung, könnten fehlendes habe ich nichts mehr.«
glasscheiben aufgebaut hat. Fast alle 50 Tsd. Personal ersetzen. Mehrere Bundes- Markus Becker, Jörg Diehl, Katrin Elger,
hätten ihre Pässe dabei, lobt ein Be- länder haben bereits angekündigt, Silke Fokken, Jan Friedmann,
amter, und Geburtsurkunden für die dieses Potenzial nutzen zu wollen. Sophie Garbe, Annette Großbongardt,
Kinder – ein Riesenunterschied zu »Dabei scheint es wichtig, dass es für Julia Jüttner, Martin Knobbe,
2015 und 2016, als viele ohne Papiere die Schüler eine Perspektive gibt, in Roman Leh­berger, Timo Lehmann,
0 Ralf Neukirch, Miriam Olbrisch,
kamen. die Regelklassen überzugehen und Hannes Schrader, Christoph Schult,
Ukrainische Kinder sollen schnell 2. 17. nicht endlos in den Willkommens-
März Ansgar Siemens, Gerald Traufetter,
am Schulunterricht teilnehmen. In et- * Die Zahl der nach Deutsch-
klassen zu verbleiben«, sagt der Bil- Wolf Wiedmann-Schmidt, Steffen Winter
lichen Ländern sind sie bereits dabei, land Geflüchteten ist wahr- dungsforscher Kai Maaz. Lesen Sie auch ‣ Unternehmen stellen sich
scheinlich deutlich höher.
in Schleswig-Holstein sind es mehr als Auch viele deutsche Unternehmen auf neue Mitarbeiter ein – die Geflüchteten aus
S Quellen:
300 Kinder. Dort sitzen in der Ge- fragen sich, ob sie bald freie Stellen mit


Tagesschau/dpa, BMI der Ukraine | 76

44 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


DEUTSCHLAND

MIGRATION

»Anpacken, nicht meckern«


Bundesinnenministerin Nancy Faeser, 51 (SPD), über die Probleme bei der Verteilung der ukrainischen
Geflüchteten in Deutschland – und die Frage, warum sie gegen feste Grenzkontrollen ist

SPIEGEL: Frau Faeser, wissen Sie, wie helfen oder ihnen spontan ein Dach über wird. Das gilt auch für den weiteren Ver-
viele Ukrainevertriebene bislang nach dem Kopf anbieten, wäre die Lage nicht lauf: Niemand hat eine Glaskugel und
Deutschland gekommen sind? zu bewältigen. weiß, was noch auf uns zukommt. Daher
Faeser: Wir haben eine ziemlich präzise Faeser: Die Ehrenamtlichen dort wie über- halten wir uns auch mit Prognosen zurück,
Erfassung durch die Bundespolizei, die all im Land zeigen eine unglaubliche Hilfs- sondern betrachten permanent realistisch
in den Zügen und Bussen nach Deutsch- bereitschaft, Menschlichkeit und Solidari- die aktuelle Lage.
land Passkontrollen durchführt. Wir tät. Aber auch die Länder haben alles dafür SPIEGEL: Die EU hat für ukrainische
gehen, Stand heute, von 200 000 Geflüch- getan, dass den Menschen eine Unterkunft Flüchtlinge erstmals die »Massenzustrom-
teten aus. zur Verfügung gestellt wurde. Die Lage Richtlinie« aktiviert, damit sie schnell ein
SPIEGEL: Die wahre Zahl dürfte deutlich war anfangs schwierig, weil die Geflüchte- Aufenthaltsrecht erhalten.
höher sein, weil die Menschen auch mit ten vor allem in den Großstädten ange- Faeser: Damit haben wir einen histori-
Autos oder auf anderen Wegen kommen. kommen sind. Nicht nur in Berlin übrigens, schen Schulterschluss erreicht, der bis vor
Faeser: In den ersten Tagen sind Menschen sondern auch in Hamburg, München, Köln Kurzem undenkbar war. Die Entscheidung
noch mit ihren privaten Autos geflüchtet, oder Bremen. Es geht nun darum, die Ge- bedeutet, dass alle EU-Staaten solidarisch
aber das scheint weitgehend aufgehört zu flüchteten so gerecht wie möglich zu vertei- handeln und Geflüchtete aufnehmen.
haben. Davon konnte ich mir an der pol- len, auch auf die vielen kleineren Kommu- SPIEGEL: Bisher trägt Polen die Hauptlast.
nisch-ukrainischen Grenze selbst ein Bild nen in Deutschland, die schon 2015 Groß- Wo bleibt die Solidarität der anderen?
machen, wo Frauen und Kinder zu Fuß artiges geleistet haben. Wovon ich gar Faeser: Polen hat fast zwei Millionen Men-
über die Grenze kamen. Was wir nicht ge- nichts halte, ist, wenn man in Krisen- und schen aufgenommen und leistet gerade He-
nau wissen, ist, wie viele Geflüchtete in Kriegszeiten gegenseitig mit dem Finger rausragendes. Wie auch andere Nachbar-
Deutschland bleiben. Viele reisen auch aufeinander zeigt. Jeder muss jetzt seinen staaten der Ukraine. Diese Länder müssen
weiter, etwa nach Italien oder Spanien, wo Beitrag leisten. Anpacken, nicht meckern, nun entlastet werden. Wir leisten dazu
es große ukrainische Communitys gibt. lautet da mein Motto. einen großen Beitrag. Das Ziel muss eine
SPIEGEL: Warum führen Sie keine festen SPIEGEL: Haben Sie Ausmaß und Tempo Verteilung der Ukrainegeflüchteten inner-
Grenzkontrollen ein, wie manche Polizei- der Fluchtbewegung unterschätzt? halb Europas nach festen Quoten sein. Da-
gewerkschafter es fordern? Faeser: Nein. Vor drei Wochen hätte doch rauf arbeite ich mit Außenministerin Anna-
Faeser: Es kommen vor allem Frauen und kaum einer geglaubt, dass Wladimir Putin lena Baerbock und Verkehrsminister Vol-
Kinder. Sie fliehen aus dem Bombenhagel mitten in Europa einen Angriffskrieg auf ker Wissing hin. Es wäre auch gut, wenn es
in der Ukraine und sind schwer traumati- die gesamte Ukraine beginnt. Er lässt international eine große Bereitschaft gäbe,
siert. Mitunter mussten sie schon stunden- Städte und zivile Gebäude bombardieren, Geflüchtete aufzunehmen, etwa seitens der
oder tagelang in der Kälte ausharren. Ich russische Truppen rücken nun von mehre- USA, Kanadas oder Japans.
will nicht, dass sie an den deutschen Gren- ren Seiten vehement auf die Hauptstadt SPIEGEL: Haben Sie Sorge, dass der
zen campieren müssen, schon gar nicht Kiew vor. Niemand konnte am ersten Tag Ukraine­krieg sich auch auf die innere
jetzt im Winter. Sie sind in großer Not. Sie voraussehen, wie schlimm dieser Krieg Sicher­heit in Deutschland auswirkt?
brauchen schnell unsere Hilfe. Faeser: Die Sicherheitsbehörden haben
SPIEGEL: Bei der Verteilung der Geflüchte- das sehr genau im Blick. Und natürlich
ten innerhalb Deutschlands geht es machen wir uns auch Sorgen darüber, was
drunter und drüber. Dachten Sie, das wird der Krieg für Menschen mit russischen
sich von allein regeln? oder ukrainischen Wurzeln in Deutsch-
Faeser: Nein. Es ging auch nie drunter und land bedeutet.
drüber. Wir haben uns von Anfang an mit SPIEGEL: In Krefeld brannte das Auto
den Ländern eng abgestimmt, Tag und einer ukrainischen Flüchtlingsfamilie, in
Nacht. Es hat sich schnell gezeigt, dass in Berlin wurde offenbar ein Brandanschlag
Städten wie Berlin sehr viele Geflüchtete auf eine deutsch-russische Schule verübt.
ankamen. Deshalb hat der Bund Züge Faeser: Es ist Putins Angriffskrieg, es ist
und Busse eingesetzt, um die Menschen nicht der Krieg aller Russen. Deshalb darf
auch in andere Städte zu bringen, etwa dieser Konflikt auch nicht stellvertretend
über einen Verteilknoten in Hannover. in Deutschland gegen unschuldige Men-
Das ging so lange gut, wie die Bundeslän- schen mit russischen Wurzeln ausgetragen
der uns freiwillig genügend freie Unter- werden. Über soziale Netzwerke wird das
künfte gemeldet haben. Das war in der Narrativ gesteuert, in Deutschland seien
Julia Steinigeweg / Agentur FOCUS

vergangenen Woche nicht mehr der Fall, alle russlandfeindlich. Das sind organisier-
sodass wir uns entschieden haben, die te Desinformationskampagnen. Dieser
Menschen jetzt nach einer festen Quote Krieg ist auch ein Informationskrieg. Wir
innerhalb Deutschlands zu verteilen, dem beobachten das sehr genau und halten mit
sogenannten Königsteiner Schlüssel. den Fakten dagegen.
SPIEGEL: Ohne die Ehrenamtlichen, die SPD-Politikerin Faeser Interview: Martin Knobbe, Wolf
den Menschen am Berliner Hauptbahnhof Wiedmann-Schmidt n

Nr. 12 / 19.3.2022 DER SPIEGEL 45


DEUTSCHLAND

waren wir immer die Deutschen. Und in


Deutschland wurden wir immer nur als Rus-
sen betrachtet.‹« Es ist diese doppelte Fremd-
heit, die vielen Russlanddeutschen nun wie-

Krieg am Küchentisch
der schmerzlich bewusst wird.
Auf einer Zugfahrt nach Frankfurt am
Main, wo Daniel Heinz an einer Diskussion
über »antiosteuropäischen Rassismus« teil-
nehmen wird, erzählt er die erstaunliche Fa-
UKRAINEKONFLIKT  Wie ist es, wenn die Oma auf Putins Propaganda miliengeschichte seiner Sippe, die so oder
ähnlich die Geschichte aller russlanddeut-
hört? Der Überfall auf die Ukraine treibt Risse durch die schen Spätaussiedler ist. Im 18. Jahrhundert
Familien der Russlanddeutschen. Ein Sohn und ein Enkel erzählen. folgten seine Vorfahren dem Ruf von Katha-
rina der Großen, der deutschen Kaiserin Russ-
lands, die in ihrem Kolonistenbrief von 1763

A
ls Daniel Heinz seiner Großmutter in sind. Ein Großteil verurteilt vermutlich Putins deutsche Siedler anwarb, ihr großes, leeres
Hessen sagt, dass er ukrainische Flücht- Ukraine-Invasion, doch viele, vor allem ältere Land zu bevölkern. Zehntausende nahmen
linge in seiner Berliner Wohnung Russlanddeutsche halten dem Aggressor die die Einladung an.
aufgenommen hat, ist diese darüber alles an- Treue. Sie informieren sich, so wie Daniel Dann, im 20. Jahrhundert, gerieten die
dere als glücklich. Sie warnt ihn am Telefon. Heinz’ Großeltern in ihrem Dorf im Hessi- Deutschen in Russland zwischen die Räder
Er setze sich großer Gefahr aus. Er soll den schen, überwiegend über russische Staats- der Historie, wurden im Ersten Weltkrieg
Ukrainern bloß nicht verraten, wo seine El- medien. Und sie misstrauen allen »westli- dem deutschen Gegner zugerechnet und ver-
tern herkommen. »Sag ihnen nicht, dass du chen« Nachrichten. folgt, waren später Opfer des Großen Terrors
Russlanddeutscher bist.« »Bei ihnen läuft den ganzen Tag Rossija 1, unter Stalin, wurden im und nach dem Zwei-
Heinz ist in Deutschland geboren und auf- und dort wird seit Jahren erzählt, dass in der ten Weltkrieg deportiert, verbannt oder in
gewachsen, er spricht Russisch, seine Eltern Ukraine Faschisten an der Macht sind«, sagt die »Arbeitsarmee« gezwungen, lebten zu
und Großeltern kommen aus Kasachstan. Er Heinz. Bomben, die auf Häuser von Zivilisten Sowjetzeiten als diskriminierte Schicksals-
trägt in sich viele Identitäten, ukrainisch ist niedergehen, oder tote Kinder in den Straßen, gemeinschaft. Was ihnen blieb, waren ihre
er auch ein bisschen, von den anderen Groß- das haben seine Großeltern schon seit der deutschen Familiennamen und Reste deut-
eltern her, väterlicherseits. Und er ist queer, Krim-Annexion im russischen Fernsehen ge- scher Sprache. Sie sind Strandgut der Ge-
und er nennt sich »Post-Ost-Migrant«. Und sehen – aber mit umgekehrten Vorzeichen: schichte. Als schließlich die Sowjetunion zer-
er ist natürlich gegen diesen Krieg, der Euro- als vermeintliche Gräueltaten angeblich fa- fiel, gingen sie nach Deutschland.
pa und die Welt erschüttert und den seine schistischer Ukrainer gegen die russische Be- Auch Waldemar Zeilers Familie siedelte in
Großeltern, die hier keine Namen haben sol- völkerung in Donezk oder Luhansk, als Bild- dieser Zeit aus, sie stammt ebenfalls aus
len, gutheißen. Mit dem SPIEGEL darüber zu montagen, Fake News, Desinformation. ­Kasachstan, man landete, verteilt nach dem
sprechen haben sie abgelehnt. So wütet der Territorial- und Informations- Königsteiner Schlüssel, in einem Ort am Bo-
Heinz, 25, groß gewachsen, mit schwarzen krieg, den Putin in der Ukraine angezettelt densee, 1989. Zeiler, 39, war damals sieben
langen Locken, ist der Sohn von Spätaussied- hat, auch in den Köpfen der Russland­ Jahre alt, und die Familie war kaum ange-
lern, und wie in vielen russlanddeutschen deutschen, zeigt sich als Widerstreit verwun- kommen, da tauften die Eltern auf Anraten
Familien gibt es auch in seiner Verwandtschaft deter Identitäten, wird laut als ewig ungeklär- deutscher Behörden den Jungen um – aus
einen tiefen Graben, der sich lange notdürftig te Heimatfrage: Wer sind wir eigentlich? Wo Vladimir wurde Waldemar. »Damit ich nicht
mit Schweigen überbrücken ließ, den der gehören wir hin? Wem gebührt unsere Soli- als russisch auffiel«, sagt Zeiler heute. »Dass
Ukrainekrieg nun aber unvermeidlich sicht- darität? Waldemar für einen siebenjährigen Jungen
bar macht. Die rund 2,5 Millionen Russland- Heinz, der Politikwissenschaft studiert hat in Deutschland ein extrem uncooler Name
deutschen, eine der größten Migrantengrup- und jetzt eine Doktorarbeit über postsowje- war, daran hat keiner gedacht«, sagt er la-
pen Deutschlands, müssen jetzt Position be- tische Migration schreibt, liebt seine Groß- chend. Seine Mutter, Irina, machte sich zu
ziehen, wenn nicht öffentlich, so doch am eltern trotzdem – und er kennt die lebens- Irene. Es ging darum, sich zu integrieren,
Familientisch, die Älteren gegenüber den langen Erfahrungen, aus denen sich ihr Den- möglichst schnell und bis zur Unsichtbarkeit.
Kindern und Enkeln, während auf dem Fern- ken formte. »Sie sagen mir: ›In Russland Zeiler, mit Hornbrille und Hipstervollbart,
sehbildschirm die Panzer rollen und die Bom- führt heute in Berlin das Start-up Einhorn,
ben fallen: Bist du für Putin oder gegen ihn? das Millionen umsetzt mit veganen Kondo-
Manchmal ist die Antwort erschreckend men und Menstruationsprodukten. Er hat ein
eindeutig. TV- und Radioreporter gehen jetzt Buch namens »Unfuck the Economy« ge-
nach Berlin-Marzahn oder nach Pforzheim- schrieben und propagiert eine neue Arbeits-
Haidach und halten den Menschen vor den welt, ohne Chefs, ohne Hierarchien, ohne
Filialen russischer »Mix«-Supermärkte Dienst- und ohne Urlaubspläne, wie er das
Mikro­fone vors Gesicht. Man hört dann in mit den 27 Angestellten seiner Firma vorlebt.
gebrochenem Deutsch Sätze wie diese: Kurz nach Kriegsbeginn hat Waldemar
»Russland macht alles richtig.« Zeiler auf seinem Instagram-Kanal ein Video
»Das ist alles von Amerika gekauft.« gepostet, in dem er sich eindringlich an die
»Ich wünsche Putin 1000 Jahre Gesund- »lieben Russlanddeutschen« wendet. Er wis-
Milos Djuric / DER SPIEGEL

heit.« se, sagt er darin, »dass viele von euch in der


»Die Europäer haben das provoziert.« Familie Streit haben oder den Kontakt zuei-
»Ich vertraue nur Putin.« nander ganz abgebrochen haben«, wegen der
Doch das ist kein taugliches Gesamtbild unterschiedlichen Sichtweisen auf diesen
der russlanddeutschen Gefühlslage während Krieg. Aber es sei jetzt nicht die Zeit für Zwist.
dieses Krieges – wie überhaupt die Russland- »Lasst uns die Diskussion über das Warum
deutschen eine äußerst heterogene Gruppe Doktorand Heinz: Post-Ost-Migrant verschieben und jetzt und hier helfen.« Zeiler

46 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


DEUTSCHLAND

will seine Community mobilisieren, gefangener der Russen. Die Eltern der
will die mehr als zwei Millionen Russ- Mutter wurden nach Baschkirien
landdeutschen, deren Sprachkennt- deportiert, wo Irene Zeiler 1953 in
nisse jetzt sehr hilfreich sein können, einem Arbeitslager des Gulag zur
»aus ihrer Schockstarre befreien«, sie Welt kam. Aufgewachsen sind beide
zu Flüchtlingshelfern machen. in Schachtinsk in Kasachstan, »wo
Auch Zeiler hat von seinen Eltern wir regelmäßig als deutsche Faschis-
am Bodensee Sätze gehört, die er der ten beschimpft wurden«, erinnert sich
russischen Propaganda zuschreibt. Irene Zeiler, »was für eine Ironie«.
Dass die Nato ihre Versprechen ge- Sie träumten von einem besseren Le-
brochen habe; dass Putin einen Geno- ben in Deutschland.
zid an Russen in der Ostukraine ver- Die Russlanddeutschen, glaubt
hindern müsse. Doch er und seine Waldemar Zeiler, seien nicht nur die
Eltern haben eine Art familiären Waf- bestintegrierte Migrantengruppe
fenstillstand geschlossen: Sie reden Deutschlands, sondern auch die un-
nicht über Politik und versuchen statt- bekannteste, trotz ihrer großen Zahl.
dessen, den Ukrainern zu helfen. »Sie haben weiße Haut und deutsche
Zeilers Mutter Irene, 69, hat den Vi- Namen«, sagt er, »man erkennt sie
deoaufruf ihres Sohnes ins Russische nicht.« Das sei Segen und Fluch zu-
übersetzt, die Eltern haben Kleider gleich. Die Deutschen nehmen sie
und Bettzeug gespendet, sie würden nicht wahr und wissen nichts über sie.
auch Flüchtlinge aufnehmen. Und Daniel Heinz fühlt sich seinen
Irene und Valentin Zeiler tun etwas, Großeltern weiterhin nah, trotz der

Milos Djuric / DER SPIEGEL


was derzeit selten ist unter russland- Ideologie in ihren Köpfen. Er besucht
freundlichen Russlanddeutschen: Sie sie gern und regelmäßig, lässt sich mit
geben Auskunft, beantworten Fragen Borschtsch und Manti bekochen,
eines Journalisten, wagen sich mit Teigtaschen nach usbekischer Art, er
ihren Namen in die Öffentlichkeit. nutzt im Sommer ihr Schrebergarten-
Einzige Bedingung: keine Fragen zu häuschen, um an seiner Dissertation
Putin. zu arbeiten.
Irene Zeiler: »Wir stehen voll hin- Sie sind auch ein Studienobjekt für
ter unserem Sohn und allem, was er ihn. Er sitzt mit ihnen auf ihrem Sofa,
macht.« wenn russische Militärexperten in
Valentin Zeiler: »Wenn man jetzt Talkshows vorrechnen, wie lang es
in dieser Notsituation helfen kann, dauert, bis die Nato besiegt wäre. Er
muss man helfen. Uns wurde auch schaut ihnen zu, wenn Putin sein Volk
geholfen, als wir hier ankamen.« als »Russkij Mir« anspricht, als »rus-
Irene Zeiler: »Wir haben Freunde sische Welt«, der sich auch die deut-
in Belarus und in Russland. Wir hören sche Diaspora zugehörig fühlen soll.
viele Stimmen zu diesem Krieg, nicht Heinz sagt: »Sie sehen ihn als fast
nur eine.« gottgleiche Figur, die im Kreml sitzt
Valentin Zeiler: »Wir glauben an und nur ein paar Knöpfe drücken
Gott. Richte nicht, damit du nicht ge- muss, und dann sind wir alle weg.«
richtet werdest. Man kann sich jetzt In den vergangenen Tagen berich-
Privat

nicht für eine Seite entscheiden.« teten ihm seine Großeltern wieder-
Irene Zeiler: »Wir beten für beide holt von Meldungen über russland-
Seiten.« Kurzem neu erwacht sei, vielleicht Unternehmer feindliche Vorfälle in Deutschland.
Valentin Zeiler, 69, erzählt, wie er seit der Rente. Er glaubt, sie hätten Waldemar Zeiler in Bekannte von ihnen seien ange-
Berlin, Waldemar,
seinem Sohn die ganze Situation zu die russischen Schauspieler und die Valentin, Nelly, Irene
schrien worden, als sie auf der Straße
erklären versucht hat: Wenn vier alten Filme aus ihrem ersten Leben Zeiler in Kasachstan Russisch sprachen. Russische Kinder
Menschen an vier Seiten eines Tisches vermisst. Ihre neue Russophilie hält 1983: »Wir beten für würden in der Schule gemobbt. Rus-
sitzen und auf eine Kaffeetasse in der er für Nostalgie, für eine Rückbesin- beide Seiten« sische Restaurants hätten Hass- und
Mitte blicken, sieht keiner die ganze nung auf einen Kultur- und Lebens- Drohbotschaften erhalten. Während
Tasse, jeder nur ein Stück. Das soll raum, in dem sie immerhin 36 Jahre etliche Anfeindungen belegt sind,
heißen: Es gibt keine absolute Wahr- lang zu Hause waren, bevor sie sich sind andere nachweislich erfunden.
heit der Kaffeetasse – und es gibt sei- auf den Weg machten. Irene Zeiler Unabhängig vom Wahrheitsgehalt
ner Meinung nach auch keine Wahr- sagt über sich: »Die Seele ist die sla- finden solche Nachrichten tausend-
heit zu diesem Krieg. Jeder hat nur wische geblieben.« fache Verbreitung, es ist ein mediales
seinen beschränkten Blick darauf. Hört man Valentin Zeiler am Tele- Zerrspiegelkabinett, in dem sich das
»Die Wahrheit«, glaubt Irene Zeiler, fon zu, wie er die Migrationsgeschich- Publikum verirrt. Bei vielen Russland-
»wird vielleicht in 10 oder 20 Jahren te seiner Familie erzählt, so erfährt Bei den Groß- deutschen entsteht so ein Gefühl der
herauskommen. So war es in Afgha- man von einer fortdauernden Ver- Bedrohung, des Ungewolltseins –
nistan auch.« schleppung. Sein Vater, der aus einer
eltern läuft auch bei Daniel Heinz’ Großeltern.
Ungefragt betont der Sohn, dass deutschen Kolonie am Schwarzen den ganzen »Sie fühlen sich nun umso russi-
er seine Eltern »sehr lieb hat«. Fast Meer stammt, wurde im Zweiten Tag russi- scher«, sagt Heinz. »Und sie sagen
entschuldigend sagt er, dass ihr Inte- Weltkrieg von der Wehrmacht zu- mir: ›Siehst du jetzt, was sie mit uns
resse für russisches Fernsehen, für nächst nach Deutschland entführt, sches Staats- machen?‹«
alles Russische überhaupt, erst vor dann, 1945, kam er zurück, als Kriegs- fernsehen. Guido Mingels  n

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DEUTSCHLAND

Wort zurück. Im Gegenteil, ich wer­


de nachlegen.
SPIEGEL: Bräuchte es in der aktuellen
Lage nicht vielmehr eine Brotpreis­

»Weniger Fleisch zu essen


bremse?
Özdemir: Lassen Sie es mich so sagen:
Wir können nicht mit dem Füllhorn

wäre ein Beitrag gegen Putin«


durchs Land gehen, sondern müssen
zielgerichtet helfen. Die Leute müs­
sen Auto fahren, natürlich, nur längst
nicht jeder hat ein Auto oder ist da­
rauf angewiesen. Aber jeder muss sich
ERNÄHRUNGSKRISE   Agrarminister Cem Özdemir, 56 (Grüne), über ernähren. Darauf sind alle angewie­
sen. Deshalb muss man schon fragen,
drohende Hungersnöte durch den Krieg, steigende Preise ob eine Entlastung hier nicht zielge­
und die Gefahr, in dieser Extremsituation den Klimaschutz zu vergessen richteter ist als beim Benzinpreis und
allen zugutekommt, insbesondere
denjenigen, die wirklich Not leiden.
SPIEGEL: Herr Özdemir, mit Russland also höher sein müsse. Fordern Sie SPIEGEL: Also Brotrabatt statt Tank­
und der Ukraine befinden sich zwei das immer noch? rabatt?
Länder mit den größten Kornkam­ Özdemir: Ich habe von Ramschprei­ Özdemir: Hilfen müssen aufrichtig
mern der Welt im Krieg. Könnten in sen beim Fleisch gesprochen, wenn und effektiv sein. Ich habe nicht den
Deutschland Lebensmittel knapp Lebensmittel zum Teil weit unter Eindruck, dass das für jeden Vor­
werden? Herstellungskosten verkauft oder schlag gilt, der gerade gemacht wird.
Özdemir: Nein, wir können uns mit wenn die wahren ökologischen Kos­ Ich bin verwundert, dass es immer
vielen Nahrungsmitteln selbst versor­ »Putins ten der Allgemeinheit aufgebürdet heißt, der Markt regelt das schon, also
gen, Gott sei Dank. Auch in der Euro­
päischen Union ist die Lebensmittel­
­perfide werden. Wir alle bezahlen dann in­
direkt diese Kosten, wenn das Wasser
für Energie, Lebensmittel, Wohnen
– nur nicht für Sprit. Auf der Haben­
versorgung gesichert, da muss sich ­Strategie ist belastet ist, Insekten sterben und der seite stelle ich fest, dass breit erkannt
niemand Sorgen machen. Aber an­ es, dass Regenwald abgeholzt wird. Das ist worden ist, dass der Markt vieles,
derswo in der Welt kann es drama­ am Ende viel, viel teurer, und das aber eben nicht alles von ganz allein
tisch werden. Das gehört ja zu Putins es Engpässe geht zulasten der Landwirtinnen und regelt. Manches Marktversagen muss
Strategie, dass er den Hunger in der gibt.« Landwirte. Deshalb nehme ich kein durch Politik behoben werden. Nur
Welt anfeuert und damit Millionen gilt halt auch: Die, die am lautesten
Menschen als Geiseln nimmt. rufen, sind nicht automatisch am
SPIEGEL: Deutschland produziert meisten in Not.
mehr Getreide, als es braucht, aber SPIEGEL: Nutzt Russland Nahrung in
Öle und Fette müssen importiert wer­ diesem Krieg als Waffe?
den. Sonnenblumenöl wird fast voll­ Özdemir: Das ist offensichtlich so. Ich
ständig eingeführt, es kommt zu habe neulich mit meinem ukraini­
­relevanten Teilen aus der Ukraine. schen Amtskollegen Roman Lesch­
Droht da ein Engpass? tschenko per Video konferiert. Er saß
Özdemir: Wir können alle mithelfen, vor Sandsäcken und erzählte, dass er
indem wir verantwortungsvoll ein­ ständig den Ort wechselt, weil Putin
kaufen – nur das, was wir brauchen. Jagd auf alle Vertreter des Staates
Niemand muss etwas zu Hause hams­ macht, um den Staat zu schwächen.
tern, weder Klopapier noch Sonnen­ So was vergessen Sie nicht, egal wie
blumenöl. Das würde erst recht dafür lange Sie schon in der Politik sind.
sorgen, dass die Preise durch die De­ Putin zerstört Krankenhäuser, Kitas,
cke schießen und die Händler gewis­ Orte der Nahrungsmittelversorgung
se Produkte rationieren. Putins per­ – und natürlich nutzt er auch seine
fide Strategie ist es, dass es Engpässe Exportmacht.
gibt – er braucht Bilder von leeren SPIEGEL: Wie gut sind wir auf diese
Regalen, um Unsicherheit zu streuen. Art von Angriff vorbereitet?
Ich rate dazu, seiner Propaganda Özdemir: Es rächt sich, dass in den
nicht unnötig weiter Munition zu lie­ letzten Jahren verhindert wurde, eine
fern! nachhaltige und krisenfestere Land­
SPIEGEL: Wie teuer werden Brot, Öl wirtschaft zu etablieren. Aber dass
und andere Lebensmittel? Putin Versorgungsengpässe gezielt
Özdemir: Ich werde sicher nicht mit einsetzt und Menschenleben gefähr­
Zahlen um mich werfen. Das wäre det, auf so etwas kann man nur be­
Andreas Chudowski / DER SPIEGEL

nicht seriös. Aber man muss auf jeden grenzt vorbereitet sein. Unsere staat­
Fall davon ausgehen, dass manche lichen Maßnahmen, die wir jetzt
Lebensmittel teurer werden. ­ergreifen, können die Folgen des
SPIEGEL: I​​ m Dezember, weit vor dem Krieges nicht ungeschehen machen,
Krieg, haben Sie für Nahrungsmittel höchstens abfedern. Das gehört zur
einen Preis gefordert, der die »öko­  Minister Özdemir Wahrheit dazu. Die eigentliche Frage
logische Wahrheit« besser abbilde – lautet für mich: Sind wir in der Lage,

48 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


DEUTSCHLAND

dem Druck standzuhalten? Oder hat Putin 21 Cent beim Erzeuger landen, Tendenz sin-
recht, und liberale Demokratien sind Leere Kornkammer kend, dann ist das absurd. Noch dieses Jahr
schwach? will ich ein Gesetz für ein Kennzeichen auf
SPIEGEL: Sind wir schwach? Weltmarktpreis für Weizen, in Dollar pro Tonne den Weg bringen, das die Tierhaltung trans-
Özdemir: Unsere Debatten müssen moralisch parent macht. Ich will strengere Regeln und
Bestand haben vor dem, was anderswo auf 400
+ 64 % ein Stallumbauprogramm, denn wenn wir we-
der Welt passiert. Bei uns geht es darum, was ggü. 1. März niger Tiere haben, müssen die Bauern einen
2021
mit den Preisen passiert, anderswo geht es Ausgleich bekommen. Dann bekommen wir
darum, ob man den nächsten Morgen erlebt. Klimaschutz, Tierschutz und eine Zukunft für
Wir werden das durchhalten, wenn wir uns die Landwirtinnen und Landwirte.
200
den Ernst der Lage bewusst machen und wenn SPIEGEL: Der Plan stand schon vor dem Krieg.
wir vorausschauend handeln. Eine Zeitenwende in der Agrarpolitik gibt es
SPIEGEL: In einigen der Länder, die auf Wei- also nicht?
zen aus der Ukraine und Russland besonders Özdemir: Doch, wir müssen nachholen, was
angewiesen sind, mangelt es sowieso schon 0 unsere Vorgänger leider über viele Jahre ver-
an Nahrung – im Jemen, in Äthiopien, Soma- 1. März 1. Juni 1. Sept. 1. Dez. 1. März
schlafen oder verweigert haben. Diese Krise
lia. Drohen katastrophale Hungersnöte? 2021 2022 muss der Anlass sein, um zu verstehen, dass
Özdemir: Ich hoffe nicht, aber die Gefahr ist uns die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen
Anteil am Weizenimport 2021, Auswahl,
real. Das World Food Programme der Ver- in Prozent schadet, wie real die Gefahr von Hungers-
einten Nationen bezieht 50 Prozent seines aus Ukraine aus Russland nöten ist und dass die Klimakrise sie extrem
Weizens aus der Ukraine. Ich habe deshalb vergrößert. Für meinen Bereich heißt das:
die G-7-Agrarminister zusammengerufen, den Eritrea Jetzt ist die Zeit, das Landwirtschaftssystem
ukrainischen Minister und die internationalen 47 53 100 nachhaltig zu machen. Schließlich war der
Organisationen hinzugezogen. Als westliche Somalia Hunger auch schon vor dem Angriffskrieg
Nationen haben wir zuallererst die Pflicht, 48 43 91 Putins zu groß.
die Agrarmärkte offen zu halten und die welt- SPIEGEL: Gerade sieht es aber so aus: Die Am-
Libanon
weite Versorgung mit Getreide zu gewähr- pel denkt über Entlastungen für Autofahrer
61 13 74
leisten. Sonst spielen wir Putin in die Hände. nach, es werden neue Gasterminals gebaut.
SPIEGEL: Russland hat einen Exportstopp für Madagaskar Zugleich werden Forderungen laut, die Öko-
Getreide in viele Länder verkündet. Argen- 24 50 74 vorgaben der EU-Agrarpolitik zu lockern.
tinien hat Ähnliches schon vor dem Krieg Äthiopien
Muss die ökologische Wende warten, um die
erwogen, um die Preise zu senken. Ungarn 26 14 40
Menschen nicht zu überfordern?
geht in diese Richtung. Özdemir: Bloß nicht! Wir können es uns
Özdemir: Wenn alle die Märkte schließen und S Quellen: Macrotrends, Stand: 16. März; FAO schlicht nicht erlauben, die eine Krise gegen


nur an sich denken, werden viele Menschen die andere auszuspielen. Dann fahren wir
fürchterlich leiden. statten. Dafür hat meine Kollegin Annalena gegen die Wand.
SPIEGEL: Zusätzlich zum Krieg erwartet Chi- Baerbock meine volle Unterstützung. Zudem SPIEGEL: Aber auch aus den Reihen Ihres Ko-
na, der weltgrößte Weizenproduzent, eine werden die betroffenen Ressorts – also Land- alitionspartners, der FDP, kommen Forderun-
historisch schlechte Winterweizenernte. Die wirtschaft, Auswärtiges, Entwicklung und gen, in ökologischen Fragen jetzt zwei Augen
Lieferketten sind noch von der Pandemie ge- Finanzen – die Welternährungssicherung in zuzudrücken, außerdem von Bauernvertre-
stört. Muss Deutschland helfen, die interna- den Blick nehmen. Diese Zusammenarbeit tern oder europäischen Partnern.
tionalen Ausfälle zu ersetzen? wird mein Haus koordinieren. Natürlich muss Özdemir: Das sage ich mal ganz direkt an die
Özdemir: Natürlich ist das die Aufgabe der man auch Lebensmittel global umlenken. Opposition und auch den ein oder anderen
internationalen Gemeinschaft, aber man muss Aber ich würde lügen, wenn ich behaupten in den Regierungsfraktionen: Lasst uns diesen
die Grenzen des Machbaren sehen: Deutsch- würde, dass wir damit alle Probleme gelöst verbrecherischen Krieg nicht dafür nutzen,
land wird die Kornkammer der Ukraine nicht hätten. um den Klimaschutz zu schädigen. Das wür-
ersetzen können. Wer so etwas in den Raum SPIEGEL: Fast 60 Prozent der deutschen Ge- de uns nicht nur nichts nützen, es würde sogar
stellt, spielt mit den Sorgen der Menschen treideproduktion enden als Tierfutter – nur wie ein Brandbeschleuniger wirken. Das ist
und tut das auf Kosten unserer Landwirtinnen etwa 20 Prozent auf dem Teller. Müsste man mit mir nicht zu machen.
und Landwirte. Denn für Versorgungssicher- das nicht ändern, um den Hunger zu lindern? SPIEGEL: Aber Sie selbst haben erlaubt, über-
heit in Deutschland sind wir vor allem darauf Özdemir: Auch wenn ich Vegetarier bin, wer- gangsweise ökologische Vorrangflächen zu
angewiesen, dass wir das Sterben der Höfe de ich nicht predigen, dass alle zum Vegetaris- nutzen, um die dort wachsenden Pflanzen als
endlich beenden. Faire Preise, faire Einkom- mus konvertieren müssen. Aber sagen wir es Tierfutter zu verwenden.
men, mehr Klima-, Umwelt- und Tierschutz. so: Weniger Fleisch zu essen wäre ein Beitrag Özdemir: Auf konkrete Probleme gibt es von
Das ist breiter Konsens, und den drehen wir gegen Herrn Putin. Bewusst einzukaufen und mir pragmatische Lösungen. Das wurde in
jetzt nicht zurück. Und global: Unsere wich- weniger Lebensmittel wegzuschmeißen ge- Dürrejahren bereits so gehandhabt. Da geht
tigste Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass der nauso. Und grundsätzlich ist ein System nicht es um schnelle und konkrete Hilfen für Tier-
Krieg schnell endet und die Verantwortlichen nachhaltig, in dem 60 Prozent des Getreides halter, weil die Futtermittelpreise schon so
nicht wieder davonkommen wie 2014 nach in den Futtertrögen landen wie in Deutsch- hoch sind. Die können wir damit abpuffern.
der Annexion der Krim. land. Das ist nicht tragbar und funktioniert Wir bauen jetzt außerdem die bestehende
SPIEGEL: Wahrscheinlicher ist, dass der Krieg nicht im globalen Kontext. Eiweißpflanzenstrategie aus, weil wir so die
noch länger andauert. Was kann Deutschland SPIEGEL: Das heißt, so schnell wollen Sie Unabhängigkeit von Futterimporten vergrö-
dann tun? nichts ändern? Die Menge an Getreide, das ßern. Und wir helfen bei der Antriebswende.
Özdemir: Wir müssen gegen Spekulation mit in Deutschland verfüttert wird, entspricht in Ich schließe außerdem nicht aus, dass es noch
Nahrungsmitteln vorgehen, da werden wir etwa den ukrainischen Weizenexporten. ein zweites Hilfspaket geben wird. Gute Vor-
nicht tatenlos zusehen, wenn sich hier Ver- Özdemir: Ich will das System der Fleischerzeu- schläge schaue ich mir an, egal von wem sie
dachtsmomente erhärten. Wir werden außer- gung vom Kopf auf die Füße stehen. Wenn kommen. So mache ich Politik.
dem das World Food Programme besser aus- von einem Euro für Schweinefleisch nur Interview: Martin Knobbe, Jonas Schaible n

Nr. 12 / 19.3.2022 DER SPIEGEL 49


DEUTSCHLAND

nen E-Mails lesen, ging es bei den ge-


planten Besuchen in erster Linie da­
rum, dem Ministerpräsidenten zu
helfen. Und weniger der Bevölkerung.
Die vertraulichen Nachrichten aus
der Düsseldorfer Staatskanzlei könn-
ten nun dafür sorgen, dass mit Armin
Laschet das Verhalten des nächsten
Politikers in der Flut hinterfragt wird.
Seit vergangener Woche sieht sich
bereits die Grüne Anne Spiegel mas-
siver Kritik ausgesetzt. Die heutige
Bundesfamilienministerin stand im
Sommer 2021 an der Spitze des Um-
weltressorts in Mainz. Inzwischen gilt
Zitat groß ihr Fall als beispielhaft für schwere
Versäumnisse in der Hochwasserka-
Marginalie tastrophe und ein gesteigertes Inte­
hier wären resse am eigenen politischen Über-
fünf Zeilen leben. Darauf deutet jedenfalls der
bekannt gewordene SMS-Dialog zwi-
sehr schön schen ihr und dem damaligen stell-
Zitat Autor vertretenden Regierungssprecher hin.
Nordrhein-Westfalen und Rhein-
land-Pfalz waren die am stärksten

Rolf Vennenbernd / dpa


betroffenen Bundesländer in der Flut.
Mittlerweile versuchen neben Staats-
anwaltschaften auch zwei Untersu-
chungsausschüsse die Frage zu klären,
Kanzlerkandidat Laschet in Schleiden im August 2021: »Bild vor dem großen Müllhaufen«
ob Tod und Leid zu verhindern ge-
wesen wären. Antworten suchen die
Parlamentarier dabei vor allem in der
Kommunikation zwischen Behörden
und Ministerien in den Tagen und

»Mitgefühl demonstrieren«
Nächten der Katastrophe und danach.
Die Suche ist kompliziert, die Daten-
menge groß. Doch schon jetzt wird
klar, dass es den Verantwortlichen
entgegen ihren mitfühlenden Gesten
HOCHWASSER  Nach der Flutkatastrophe, bei der mehr als 180 Menschen vielfach auch um ihr eigenes Schicksal
ging.
­starben, waren Politiker und ihre Berater mit Imagepflege ­ Eine E-Mail zu einem Laschet-
beschäftigt. Chats und Mails enthüllen, wie Armin Laschet und Termin im nordrhein-westfälischen
Anne Spiegel präsentiert werden sollten. Schleiden zeigt, welche Prioritäten
für dessen Fluteinsätze galten. Der
Besuch fand am 2. August statt, am

A
m 30. Juli 2021, gut zwei Wo- in den betroffenen Gebieten« sei. 1. August schrieb Laschet-Berater
chen nach der verheerenden Auch ein Termin in Erftstadt-Blessem Liminski: »Unsere Botschaften wer-
Flutkatastrophe mit mehr als böte sich an, ein Gespräch mit Flut- den dort sehr gut einschlagen und er-
180 Toten in Deutschland, schickt ein opfern am Krater, der »zum Symbol widert.« Man sei damit »auch vor
Referatsleiter eine E-Mail an Natha- der Flutkatastrophe« geworden sei. Scholz draußen«, weil der erst am
nael Liminski, den Chef der Staats- Der Besuch »würde nach der Lach- 3. August nach Schleiden komme.
kanzlei in Düsseldorf. Liminski war Szene sicher besondere Aufmerksam- Olaf Scholz reiste damals als Bun-
zu dieser Zeit Armin Laschets wich- keit erfahren, jedoch vor allem das desfinanzminister und SPD-Kanzler-
tigster Berater und Laschet nicht nur ernste Interesse und Mitgefühl des kandidat ins Hochwassergebiet. Bei
Ministerpräsident von Nordrhein- Ministerpräsidenten demonstrieren«. einem seiner öffentlichen Auftritte
Westfalen, sondern auch Kanzlerkan- Bei einem Besuch in der Hoch­ während des Hochwassers äußerte
didat der Union. Doch es lief schlecht wasserregion waren zuvor Bilder von sich Laschet so, als spielte der Wahl-
für ihn. In der Nachricht, die dem Laschet entstanden, auf denen er kampf für ihn keine Rolle: »Jeder Mi-
SPIEGEL vorliegt, sind »Vorschläge lachte und die Zunge herausstreckte. »Wir brauchen nisterpräsident, der sein Amt ernst
für Vor-Ort-Termine« aufgelistet. Be- Ein feixender Politiker, mitten in ein Wording, nimmt, ist in einem solchen Moment
suche im Flutgebiet, die für Laschet einem Katastrophengebiet. Es war bei den Menschen vor Ort, Wahl-
nützlich sein sollten. der Super-GAU für den Wahlkampf,
dass wir kampf hin oder her«, sagte er. Er wol-
In Rheinbach könnte der Minis­ also überlegten Laschets Strategen, rechtzeitig le den Betroffenen beistehen und
terpräsident »mit Bundeswehr-Sol- wie sie die Panne kontern konnten. gewarnt keine medialen Bilder erzeugen. Kurz
daten« sprechen, schrieb der Refe- Man war auf der Suche nach Gelegen- darauf ließ sich Laschet per Handy-
ratsleiter, in Stolberg »unterstreichen, heiten, um Laschet in ein besseres haben.« video von der »Bild«-Zeitung inter-
wie wichtig ihm der Schulbeginn auch Licht zu rücken. So wie sich die inter- Anne Spiegel viewen.

50 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


DEUTSCHLAND

Zudem gibt es E-Mails aus der NRW-Staats-


kanzlei, in denen darüber räsoniert wird, wie
Laschet möglichst pfiffig in Szene gesetzt wer-
den könnte. Während eines Besuchs sollte er
über das Problem mit dem Schutt sprechen.
Laschets Mitarbeiter planten den Termin mit
einem Bürgermeister, dabei entstand die Idee,
dass ein »Bild vor dem großen Müllhaufen«
passend sei. Wenige Tage später gab Laschet
in Schleiden ein Statement vor einem meter-
hohen Berg aus kaputten Waschmaschinen Interne Mail aus der NRW-Staatskanzlei: »Mediale Krisenbegleitung«
und Möbelstücken ab.
Auf die Frage, ob bei Laschets Terminen Sprecher zurück und forderte: »Wir brauchen »Es ging um mediale Krisenbegleitung statt
vor allem die Inszenierung seiner Person im ein Wording, dass wir rechtzeitig gewarnt um weitere Krisenverhinderung«, so Remmel.
Mittelpunkt gestanden habe, geht die Staats- haben« und dass »ohne unsere Präventions- Laschet, damals auf Wahlkampftour in
kanzlei nicht ein. Ein Sprecher teilt nur mit, maßnahmen … alles noch schlimmer gewor- Süddeutschland unterwegs, kehrte noch am
dass die Landesregierung und Laschet »zu den wäre«. 14. Juli schnell nach NRW zurück. Aber nie-
jeder Zeit alles in ihrer Macht Stehende ge- Spiegel fürchtete offenbar vor allem Lan- mand, so Remmel, habe sich an diesem Tag
tan« hätten, um den Betroffenen »schnell und desinnenminister Roger Lewentz (SPD): »Ich die Frage gestellt, was in den folgenden
unbürokratisch« zu helfen und über das Aus- traue es Roger zu, dass er sagt, die Katastro- 20 Stunden noch kommen könnte. »Das war
maß der Katastrophe zu informieren. phe hätte verhindert werden können oder bei keinem Mitglied der Landesregierung
Anders als die politische Karriere Laschets, wäre nicht so schlimm geworden, wenn wir Thema.« In der Nacht richtete das Unwetter
der im Herbst eine bittere Niederlage bei der als Umweltministerium früher gewarnt hät- noch weitaus größere Schäden an.
Bundestagswahl erlebte, konnte die von Anne ten.« Tatsächlich war Lewentz im Unterschied Es gibt Politikerinnen und Politiker, die
Spiegel bis Mitte vergangener Woche als ste- zu Spiegel noch am Vorabend in die beson- einen Ausnahmezustand nutzen, um zur
ter Aufstieg bezeichnet werden. Doch nun ders betroffene Ahr-Region gefahren und hat- Hochform aufzulaufen. Laschet war nach der
holt sie ihre Vergangenheit ein. te die Einsatzleitzentrale des Landkreises Katastrophe fast täglich unterwegs, er stellte
Spiegel war als Umweltministerin in Mainz Ahrweiler besucht. Geholfen hatte das nicht. sich dem Frust der Flutopfer, hörte sich Ge-
zuständig für vorbeugenden Hochwasser- Lewentz will dort einen »konzentriert arbei- schichten von zerstörten Häusern und ver-
schutz und Hochwasserprognosen. Noch am tenden« Krisenstab vorgefunden haben, so nichteten Existenzen an. Auch wenn es ihm
Nachmittag des 14. Juli, als sich am Ufer der sagte er später, obwohl die Truppe im Keller am Ende nicht gelang, er versuchte immerhin,
Ahr bereits Menschen auf der Flucht vor dem des Landratsamts ohne Handyempfang und in der Krise ein Kümmerer zu sein. Andere
Wasser auf die Dächer ihrer Campingwagen ohne Zugang zu wichtigen Informationen aus seinem Kabinett versuchten es offenbar
retteten, ließ sie sich in einer Presseerklärung wurstelte und nach Überzeugung zahlreicher noch nicht einmal.
damit zitieren, die Lage in den Hochwasser- Experten viel zu spät Katastrophenalarm aus- Seit knapp zwei Wochen wird in Düssel-
gebieten sei zwar ernst, es drohe jedoch »kein löste. dorf darüber diskutiert, wie sich Ursula Hei-
Extremhochwasser«. Dabei hatte ihre eigene In Düsseldorf hat der Flut-Untersuchungs- nen-Esser verhielt. Die CDU-Politikerin ist
Umweltbehörde zu diesem Zeitpunkt schon ausschuss inzwischen mehr als eine Million Umweltministerin in NRW und war während
seit über einer Stunde Pegelstände vorher- Seiten Dokumente aus den Ministerien be- der Katastrophe im Urlaub auf Mallorca. Sie
gesagt, die weit über Werten des »Jahrhun- kommen. Für den grünen Oppositionspoliti- flog am 15. Juli zwar zurück nach Düsseldorf.
derthochwassers« von 2016 lagen. Die Minis- ker Johannes Remmel ergibt sich daraus ein Doch schon zwei Tage später jettete sie wie-
terin verzichtete jedoch auch später am fatales Bild: Als die Katastrophe in der Stadt der auf die Baleareninsel. Eine Umweltminis-
Abend noch darauf, die Bewohner an der Ahr Hagen am 14. Juli ihren Anfang nahm, habe terin, die kurz nach der schlimmsten Natur-
aufzurufen, sich schnellstmöglich in Sicher- Laschets Team in den PR-Modus geschaltet. katastrophe in der Geschichte ihres Bundes-
heit zu bringen. landes nach Mallorca fliegt, wie kann das
Am Morgen danach meldete sich der Vize- sein? Im Landtag sagte Heinen-Esser, dass sie
Regierungssprecher mit einer kurzen Be- in Spanien ihre 15-jährige Tochter abgeholt
schreibung der Lage: »Die Starkregen-Ka- habe, weil diese zunächst allein geblieben
tastrophe wird das beherrschende Thema war. Allerdings hielt sich die Ministerin noch
dieser und nächster Woche sein.« In dem einmal vier Tage lang dort auf, ehe sie zurück-
Chatverlauf, der dem SPIEGEL vorliegt, folgte kehrte.
eine strategische Rollenaufteilung für die Das Umweltministerium möchte dazu auf
Öffentlichkeitsarbeit: »Anteilnahme macht Anfrage nichts sagen. Ein Sprecher teilt nur
MP«, schrieb der Sprecher und meinte damit mit, dass »eine Erreichbarkeit der Ministerin«
die Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). in den Tagen nach der Katastrophe »jederzeit
»Annes Rolle«, also die der Ministerin, müs- gewährleistet« gewesen sei.
se dagegen »immer mit einer konkreten Rol- Heinen-Esser hat auf Mallorca einen
le und/oder Zuständigkeit verbunden sein«. Zweitwohnsitz. Sie habe nach dem Hochwas-
Der Sprecher schlug verschiedene Auftritte ser von Spanien aus die Amtsgeschäfte ge-
vor: »Anne bei Reparaturarbeiten, bei Hoch- führt, sagte sie. Für viele in Düsseldorf klingen
wasserschutzprojekten« oder ein »Besuch die Erklärungsversuche der Ministerin bizarr,
Nerea Lakuntza / F.A .Z.-Foto

mit Journalisten« in einem Hochwassermelde- selbst für Leute aus ihrer Partei. Hier die töd-
zentrum. Spiegel antwortete, das decke sich liche Flut, die ganze Landstriche verwüstete,
mit ihren Überlegungen. Allerdings fürchte- und dort eine Ministerin am Mittelmeer. Im-
te sie ganz offensichtlich, wegen der versäum- merhin kann man ihr nicht vorwerfen, sich
ten Warnungen in der Außendarstellung mi- zu sehr um ihr Image gesorgt zu haben.
serabel wegzukommen. »Das Blame-Game Matthias Bartsch, Lukas Eberle,
könnte sofort losgehen«, schrieb sie dem Umweltministerin Spiegel im August 2021 Tobias Großekemper n

Nr. 12 / 19.3.2022 DER SPIEGEL 51


DEUTSCHLAND

Unter Räubern
ZEITGESCHICHTE  Die Frankfurter Sparkasse will ihr 200-jähriges Bestehen mit einer Festschrift feiern.
Das Kapitel zur Enteignung von Juden in der Nazizeit hätte sie aber gern
kurz und bündig. Weil ein Historiker nicht mitspielt, soll er nun ersetzt werden.

D
ie Eppsteiner Straße im Frank- Sie wolle das Thema kurz und bündig Madsack und bei Likörhersteller Jä-
furter Westend. Vor der Haus- abhandeln. Verweigere eine längst germeister (SPIEGEL 32/2017).
nummer 5 Stolpersteine; in überfällige Tiefenbohrung in das dun- Bei der Fraspa, der fünftgrößten
Messing gestanzt die Namen von Paul kelste Kapitel ihrer Geschichte. Sparkasse der Republik mit 73 Filia-
Gross und seiner Frau Elsa. Von hier Jedenfalls zaudert die Sparkasse len, rund 1600 Mitarbeitern und einer
aus wurden sie deportiert, am 19. Ok- seit Wochen in Sachen Nazi-Aufarbei- Bilanzsumme von 21 Milliarden Euro,
tober 1941. Ins Judengetto Łódź. In tung und lässt bisher auch eine Idee bahnt sich nun aber ein besonders
den Tod. der Polytechnischen Gesellschaft hässliches Zerwürfnis an. Während
Am Ende hatte man ihnen noch Frankfurt ins Leere laufen. Die ge- die Sparkasse darauf pocht, sich mit
das Leben genommen, nachdem man meinnützige Institution hatte die Fra- der Festschrift auch der NS-Vergan-
ihnen vorher schon alles andere weg- spa vor 200 Jahren gegründet und genheit zu stellen, nennt der renom-
genommen hatte. Auch ihr letztes war bis 2005 ihre Eigentümerin, be- mierte amerikanische NS-Forscher
Geld, »eingezogen zugunsten des vor die Sparkasse unter das Dach der Peter Hayes ihren Umgang mit den
Deutschen Reiches«, wie es damals Landesbank Hessen-Thüringen zog. braunen Jahren »skandalös« und »be-
in einem Formblatt hieß. Und daran Die Polytechniker schlugen der Spar- schämend«. Harvard-Historiker Sven
beteiligt war mit der Zuverlässigkeit kasse vor, es nicht bei der Festschrift Beckert spricht von einem »völligen
eines NS-Musterbetriebs jene Spar- zu belassen, sondern die gemeinsame Versagen des Vorstands«. Es sei »er-
kasse, die im Briefkopf damit warb, NS-Geschichte mit einer Studie zu staunlich und schockierend«, dass
dass Geld bei ihr »mündelsicher« an- jüdischen und anderen Opfern auf- sich ein deutsches Unternehmen,
gelegt sei, seit mehr als 100 Jahren. arbeiten zu lassen. Gründlich, um- noch dazu der öffentlichen Hand, der-
Die Frankfurter Sparkasse von 1822. fassend. Doch dazu konnte sich der maßen sperre, seine NS-Geschichte
In diesem Jahr feiert die Fraspa, Fraspa-Vorstand bis jetzt nicht durch- aufzuklären. »Das hätte ich 1962 er-
wie sie in Frankfurt kurz heißt, ihr ringen. Mehr noch: Jetzt sollen Roths wartet, nicht 2022.«
200-jähriges Bestehen. Sie gilt als offenbar missliebige Kapitel in der Dabei überrascht es kaum, dass
Freundin und Förderin der schönen Festschrift ersetzt werden. Zwei His- das Naziregime für seine Raubzüge
Künste in der Stadt; ihr Name und toriker bekamen kürzlich eine An- auch die Sparkassen einspannte. Sie
der ihres Nachkriegschefs Emil Emge frage, ob sie einspringen würden. waren die Heimat der Kleinsparer,
sind eng verbunden mit dem Wieder- Es ist nicht das erste Mal, dass auch Zigtausend jüdischer. Belege lie-
aufbau der zerbombten Alten Oper, Unternehmen ihre Geschichte auf- ferte schon 2005 eine Studie des Bon-
der Gründung des Kammermusikver- arbeiten lassen wollen und es dabei ner Historikers Hans Pohl. Unklar
eins. Und zum Jubiläum soll nun eine zum Streit kommt. So lief es beim blieb jedoch, wie sehr sich die Insti-
Festschrift die Geschichte der Spar- Siemens-Konzern, dem wohl Passa- Zentrale der tute in Zwänge fügten, etwa Anord-
Frankfurter Spar­
kasse, ihr Wirken und ihre Wichtig- gen zu seinem Korruptionsskandal kasse: Was nungen der NS-Finanzbehörden,
keit für Frankfurt darstellen. Nur of- nicht passten (SPIEGEL 12/2017); so passierte mit den oder sich allzu willig in den Dienst
fenbar nicht all ihr Wissen – oder was lief es anfangs auch beim Verlagshaus NS-Akten? von Führer, Volk und Vollstreckung
die Sparkasse wissen sollte: Welche stellten. Dazu hatte Pohl weitere For-
Rolle sie bei der Enteignung mutmaß- schung und »dokumentierte Einzel-
lich Tausender jüdischer Kleinsparer beispiele« angemahnt.
in der Nazizeit gespielt hat. Doch weder die Frankfurter Spar-
Für die Bank wird das nun selbst kasse von 1822 noch die alte Konkur-
zum Stolperstein. Ralf Roth, einer der rentin, die Frankfurter Stadtsparkas-
beiden Historiker, die das Werk ge- se, die 1989 mit ihr fusionierte, waren
schrieben haben, hat im November da eine große Hilfe. 1960, in einer
eine Mail an den Vorstand geschickt; Chronik zum 100-Jährigen der Stadt-
sie liest sich wie ein Fanal: »Die sparkasse, passten ihre zwölf NS-­
Frankfurter Sparkasse hat sich aktiv Jahre auf drei Seiten – kein Wort über
am Holocaust beteiligt.« Sie habe die Opfer, außer denen, die Sparkas-
Tim Wegner / DER SPIEGEL

»sich zu diesen Opfern bisher nie öf- senangestellte bringen mussten, um


fentlich geäußert. Sie schweigt seit in harten Zeiten den Laden am Lau-
über siebzig Jahren zu diesem Punkt fen zu halten.
ihrer Geschichte«. Und auch jetzt, mit 1984 kam eine Geschichte der Fra-
dieser Festschrift, drücke sie sich wei- spa hinzu, geschrieben von einem
ter vor der notwendigen Aufklärung. Ex-Vorständler. Das Wort »Jude«

52 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


Fotos: Tim Wegner / DER SPIEGEL
DEUTSCHLAND

Historiker Roth, Stolpersteine für das jüdische Ehepaar Gross: Den Auftraggeber zufriedenstellen

tauchte im Kriegskapitel kein einziges Mal buch hatten, ist unbekannt; Roth schätzt die die NSDAP eintrat, 1940 den Chefposten der
auf. Bis ins Detail erklärte der Autor statt- Zahl auf 12 000 bei der Fraspa, 5000 bis 6000 Sparkasse übernahm und bis zur Kapitulation
dessen, wie die 1939 gekauften Hollerith- bei der Stadtsparkasse, das Vermögen auf blieb. 1950 kehrte er an die Spitze zurück,
Lochmaschinen funktionierten und dass 1936 einen zweistelligen Millionenbetrag. leitete die Sparkasse bis 1965. Eine typisch
die »Geburt einer neuen Kontoart« in die Wer es nach der Pogromnacht 1938 über- deutsche Vita.
Annalen einging, das sogenannte Buchkonto. haupt noch aus dem Land schaffte, durfte nur In der Sparkasse machte er sich so un-
Nichts dagegen über die »Geburt« einer an- zehn Reichsmark in der Tasche haben. Und ersetzlich, dass ihre Gremien nach dem Krieg
deren Kontoart, der sogenannten Sicherungs- wer blieb, dessen Vermögen kam auf ein die Landesregierung drängten, ihn umgehend
konten, auf denen später das Geld jüdischer Sicherungskonto, von dem nur Kleinbeträge zu entnazifizieren und zurückzuholen. Dafür
Sparer eingefroren wurde, bis die Eigentümer abgehen durften. Elsa und Paul Gross konn­ hatte Emge Zeugenaussagen vorgelegt, die
ins Gas gingen und ihre Gelder an den Staat. ten von diesem Sperrkonto bei der Fraspa bestätigen sollten, dass er nur »im Interesse
Die Chronik enthielt Persilschein-Sätze wie 250 Reichsmark im Monat abholen oder über- der alten Sparkasse« in die Partei gegangen
den, dass den Fraspa-Leuten doch »nichts weisen. So hatte es die Devisenstelle Frank- war. Dem Mann einer Jüdin habe er sogar
anderes übrig geblieben« sei, »als sich um des furt angeordnet, die der Oberfinanzdirektion einen Job gegeben, in der Partei nur das Nö-
Überlebens der Sparkasse willen zunächst Kassel unterstand. Die Sparkasse überwach- tigste gemacht.
anzupassen«. Und auch hier nur eine Sorte te für die Behörde den Zahlungsverkehr, mel- Tatsächlich stufte ihn eine Frankfurter
Kriegsopfer: die Banker. dete Überschreitungen; nach der Deportation Spruchkammer 1946 als »Mitläufer« ein. Emge
Nun aber, im Herbst 2019, gab der Vor- der Juden übertrug sie an den NS-Staat, was musste 2000 Reichsmark zahlen, dann konn-
stand den Auftrag für eine Festschrift zum noch übrig war. te er zurückkommen. Die Entscheidung war
200-Jährigen an das Institut für Bank- und Für ihren Verfolgungseifer verdiente sich allerdings umstritten, wie Akten des Hessi-
Finanzgeschichte. Das bankennahe IBF, von die Fraspa, die sich ab 1940 mit der Auszeich- schen Hauptstaatsarchivs in Wiesbaden zeigen.
Finanzwissenschaftlern geleitet, rekrutierte nung »NS-Musterbetrieb« schmückte, ein Ein anonymer Hinweisgeber schrieb empört
schließlich zwei Autoren. Roth, Historiker der Sonderlob der Nazi-Geldräuber. »Die Wach- an die Militärregierung, man dürfe doch nicht
Uni Frankfurt, sollte dabei die Ära von 1822 samkeit dürfte daher dazu beigetragen haben, nur Emges Entlastungszeugen hören, man
bis 1970 abhandeln. Dass der Experte für dass seitens ihrer jüdischen Kundschaft An- müsse auch Personalakten der Sparkasse he­
Unternehmensgeschichte im »Dritten Reich« träge zu verdächtigen Zahlungen entweder ranziehen und weitere Zeugen vernehmen. Da
die braunen Jahre besonders ins Auge fassen gar nicht oder nur in geringer Anzahl gestellt werde man erfahren, dass Emge die Nazipar-
würde, dürfte der Sparkasse und dem IBF worden sind«, hieß es in einem Vermerk der tei mit »reichlichen Geldspenden« unterstützt
zwar klar gewesen sein. Offenbar aber nicht, Oberfinanzdirektion. und Sparkassenbeschäftigte, die am Endsieg
dass er die Gelegenheit nutzen würde, eine Zuständig für solche Vermögen war in der zweifelten, an die Front geschickt habe. Für
umfassende Aufarbeitung der NS-Geschichte Sparkasse das Dezernat 3 mit der Sparabtei- einen Ex-Hauptabteilungsleiter, der sich bei
einzufordern. lung. Es unterstand jenem Emil Emge, der verschiedenen Stellen beklagte, war Emge »ein
Dagegen wollte die Sparkasse 200 Jahre sechs Wochen nach Hitlers Machtübernahme ausgesprochener Nutznießer des Systems«.
auf rund 200 Seiten skizziert sehen, Nazi­ zum Vizedirektor aufstieg, am 1. Mai 1933 in Und: Die Enteignung von Juden spielte im
verstrickung und Nachkriegsverdrängung in- Entnazifizierungsverfahren nie eine Rolle.
klusive. Die Länge müsse leider »sklavisch Es gäbe daher einiges aufzuklären, über
eingehalten« werden, schrieb eine IBF-Mit- Emge, die Sparkasse, das Blut, das an Akten
arbeiterin an Roth. Für die Zeit bis 1970 soll- Die Sparkasse bekam und Auszügen klebt, auch wenn sich die Fra-
te Roth 120 Seiten haben.
Frankfurt war neben Berlin das jüdische
von den Naziräubern spa vermutlich nicht selbst an den Geldern
der Toten bereichert hat. Doch an Aufklärung
Zentrum des Deutschen Reichs. 26 000 Juden ein Sonderlob für ihre hat die Fraspa offenbar nur ein begrenztes
lebten hier 1933, jeder 20. Frankfurter war
Jude. Rund 15 000 von ihnen konnten flüch-
»Wachsamkeit« bei Interesse. »Bitte haben Sie Verständnis, dass
Ihre Anregungen deutlich über den ursprüng-
ten, 11 000 starben. Wie viele Juden ein Spar- jüdischen Vermögen. lichen Auftrag hinausgehen«, schrieb Spar-

Nr. 12 / 19.3.2022 DER SPIEGEL 53


DEUTSCHLAND

Auch ein Künstler wollte stand an Fraspa-Konten. Genauere Zahlen zu


jüdischen Konten könnte man aber, so Roth,
schon mal NS-Akten der mit etwas Aufwand ermitteln. Wenn die Spar­
Sparkasse sehen. Danach, kasse denn wolle. Genau daran hat er Zweifel.
Schon einmal nämlich zeigte sich die Fra­
sagt er, habe man seine spa auffallend verkrampft, als es um die Nazi­
Ausstellung abgesagt. jahre ging. 2002 sollte der Installationskünst­
ler Thomas Kilpper in ihren Räumen eine
Ausstellung machen. Als Kilpper vorschlug,
»mit Hilfe von Material aus dem Archiv der
kassenchef Ingo Wiedemeier am 7. Dezember Sparkasse« auch die NS-Zeit »kritisch zu
2021 an Roth, nachdem der mal wieder die beleuchten«, blockte der Vorstand ab. Man
große Aufarbeitung eingefordert hatte. habe ihm den Zugang zu Dokumenten ver­
Im Januar teilte Wiedemeier ebenso knapp weigert, so Kilpper; angeblich, um Kunden
mit, man erwarte die Festschrift noch im Jubi­ und Bankgeheimnis zu schützen. Kilpper ließ
läumsjahr, also schnell; wenn Roth »weitere nicht locker. Was dann passierte, schildert er
Sachverhalte berücksichtigen« wolle, möge so: »Aufgrund meiner Recherche und kriti­
er sich bitte an das IBF wenden. Nun im Fe­ schen Aussage zum Verhalten und Selbstver­
bruar fragte das IBF den Bielefelder Histori­ ständnis der Bank insbesondere bezüglich
ker Christopher Kopper, ob er Roth ersetzen der Zeit des ›Dritten Reiches‹ wurde ich
2.2 könne für das Nachkriegskapitel. »Ich habe ausgeladen und die Ausstellung kurzfristig
das abgelehnt, weil ich das gegenüber Herrn abgesagt.«
Roth unfair fand«, sagt Kopper; er habe an Immerhin hieß es laut Kilpper damals noch
dessen Kapitel nichts auszusetzen. nicht, dass keine Dokumente mehr existier­
Der Bochumer Dieter Ziegler, Mitglied im ten. Die Frage, ob Akten inzwischen woan­
Wissenschaftlichen Beirat des IBF, hatte we­ ders lagern oder gar vernichtet wurden, ist
niger Bedenken: Er warf Roth mit anderen denn auch einer der neuralgischen Punkte im
IBF-nahen Historikern schwere Versäumnis­ Streit zwischen Roth und der Sparkasse. Noch
se vor und erklärte sich bereit, das NS-Kapi­ im Juli 2021 mailte eine IBF-Vertreterin an
tel neu zu schreiben. Schließlich, so erfuhr Roth: »Ich war heute im Keller der Frank­
Roth aus einem Schreiben des IBF, zeige furter Sparkasse«; man solle telefonieren.
seine Arbeit in Teilen so »grundlegende und Roth behauptet, die IBF-Frau habe ihm von
umfassende Mängel« hinsichtlich des »For­ möglicherweise interessanten Akten berich­
schungsstands, der Thematisierung aller er­ tet. Kurz danach, bei einem Treffen mit Vor­
forderlichen Aspekte« sowie in der »Fundie­ standschef Wiedemeier, will Roth ausdrück­
rung und Differenzierung der Aussagen«, dass lich nach dem Hausarchiv gefragt haben.
nur andere Experten das Werk vollenden Wiedemeiers angebliche Antwort: Die Akten
könnten. Und: Auf keinen Fall sei die Kritik seien »durch das unbedachte Wirken einer
vorgeschoben, um dunkle Punkte in der Spar­ Frau vernichtet« worden. Alles weg also.
kassengeschichte zu vertuschen. Die Sparkasse sagt dazu auf SPIEGEL -An­
Es ist die letzte Eskalationsstufe in einem frage kein Wort, weder zu Kilppers Vorwür­
monatelangen Streit, in dem sich das IBF fen noch zu den zitierten Aussagen von Wie­
schnell auf die Seite der Sparkasse geschlagen demeier. Sie lässt nur wissen, dass bei ihr
hatte. Eine Mitarbeiterin ermahnte die Auto­ »kaum Dokumente aus der Vorkriegszeit
ren, sie sollten die Festschrift mit den »ver­ erhalten« seien. Und aus der Kriegszeit sowie
fügbaren Informationen im erwünschten Um­ den Jahren danach? Auch das lässt sie offen.
fang« vorlegen. Dass damit »keine systema­ Sie bestreitet aber, Einfluss auf den Inhalt der
tische Aufarbeitung geleistet ist«, sei schon Festschrift genommen zu haben. Man habe
»klar«, denn das würde eine »sehr aufwändi­ die Arbeit in die Hände des IBF gelegt. Wann
ge Spurensuche bedeuten«. Und, fast panisch: die Festschrift nun komme, sei unklar, man
»Für das IBF hängt an diesem Projekt sehr habe aber weiter ein großes Interesse an der
viel«, man solle den »Auftraggeber zufrieden­ Veröffentlichung.
stellen«. Auch das IBF verteidigt sich. Roth habe
Im November 2021 nochmals der Versuch immer gewusst, wie viele Seiten er zu liefern
des IBF, die Autoren auf Linie zu bringen. habe und »keine Bedenken« geäußert. Auch
Nach einem Gespräch mit der Sparkasse hieß dass er nicht mit Akten aus der Sparkasse
es: »Was befremdet, ist die mehrfache Wie­ rechnen könne, sei ihm sofort klargemacht
derholung der anklageartigen Feststellung worden. Zur Suche in anderen Archiven habe
von Versäumnissen in der bisherigen Aus­ man ihn aber ermuntert, ihn dabei aktiv
einandersetzung mit der eigenen Vergangen­ unterstützt. Und nein, an Roths Hinweis, die
heit.« Vor allem an Roths Hochrechnungen NS-Zeit der Sparkasse müsse tiefer erforscht
zur Zahl der jüdischen Kunden und den ge­ werden, habe man nichts auszusetzen.
raubten Geldern stört sich das IBF. Tausende Nur: Seinem Appell für eine große Studie
Konten, mehrere Millionen Reichsmark? Da­ mochte sich das IBF nicht anschließen. Und
für seien Hochrechnungen »kein probates Mit­ auch die Fraspa lässt nicht erkennen, dass sie
tel« und ersetzten keine belastbaren Quellen. es noch mal genauer wissen will.
Eben, kontert Roth, das seien Schätzungen Matthias Bartsch, Jürgen Dahlkamp,
anhand soziografischer Daten und dem Be­ Gunther Latsch  n

54 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


SPIEGEL EDITION  Leseprobe

Kleiner Satz im Gesetz, großer Schritt für Frauen Pflichten.« Ansonsten jedoch galt das Bürgerliche Gesetzbuch,
Die Juristin Elisabeth Selbert kämpfte dafür, dass die Gleich­ anno 1896 beschlossen und schon damals von Frauenrechtlerin­
berechtigung zwischen Mann und Frau im Grundgesetz verankert nen wegen seines patriarchalischen Ehe- und Familienmodells
wurde. Ihr selbst brachte das kein Glück. angefeindet.
Mit der Heirat mussten Frauen ihren Namen aufgeben. Ohne
Inmitten von totem Getier versammelte sich der Parlamentarische Einwilligung ihres Mannes konnten sie weder arbeiten noch
Rat am 1. September 1948 im Zoologischen Museum Koenig in ­Verträge schließen oder ein Konto eröffnen. Er hatte die Entschei­
Bonn zum Festakt. In der Atmosphäre einer »Krematoriumsfeier«, dungsmacht in allen familiären Angelegenheiten – sie die Pflicht,
wie Elisabeth Selbert schrieb: »Es war also nicht etwa ein Fan­ den Haushalt zu führen.
farenstoß zum neuen Anfang, sondern der Ausklang vom Ende.« Ein Unding, fand SPD-Politikerin Elisabeth Selbert und setzte
Die Anwältin Elisabeth Selbert, 51, war eine von nur vier Frauen alles daran, den Satz »Männer und Frauen sind gleichberechtigt«
im Parlamentarischen Rat. Im Auftrag der Alliierten sollte das im Grundgesetz zu verankern.
65-köpfige Gremium auf dem Scherbenhaufen der Nazidiktatur Anfangs unterstützten sie weder die Genossen noch die
das Fundament für einen demokratischen Staat schaffen. ­anderen drei Frauen. »Du kannst doch nicht das ganze Familien­
Eine Herkulesaufgabe – und eine Riesenchance. Sie bot die recht außer Kraft setzen oder ändern wollen, das bedeutet
Gelegenheit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau ja ein Rechtschaos«, gab Wohlfahrtspflegerin und Parteikollegin
festzuschreiben. Friederike Nadig zu bedenken.
Zwar konnten Frauen wählen und gewählt werden, die Wei­ Am 3. Dezember 1948 platzte Selbert der Kragen. Sie drohte
marer Verfassung hatte 1919 festgelegt: »Männer und Frauen mit einer Mobilisierung der Öffentlichkeit. Wer sie kannte, wusste:
haben grundsätzlich die gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Diese Frau gibt weder nach noch auf.

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75 Männer und Frauen, die das Land prägten – Menschen, die man kennen sollte.

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D E B AT T E U K R A I N E K R I E G

Schluss mit dem Schlafwandeln   Die Demokratien brauchen


eine Strategie für den Konflikt mit autoritären Staaten.
Von Dirk Kurbjuweit

I
m Laufe seiner Geschichte hat der autoritären Herrscher es austreten nung absichern sollte. Zwar bildeten
Westen mindestens zwei dunkle wollen, ist ihm die eigene Sicherheit sich nach dem Ersten Weltkrieg viele
Traditionen entwickelt: Doppel- lieber als die Freiheit der anderen, oft Demokratien in Europa, aber bis
moral und Im-Stich-Lassen. Sie stehen auch der eigene Wohlstand. Beson- Ende der Dreißigerjahre hatten sich
neben den hellen Botschaften, Frei- ders schäbig wirkt das, wenn im Wes- fast alle in autoritäre Staaten verwan-
heit, Demokratie, Menschenrechte. In ten behauptet wird, die Ukrainer delt. Niemand hatte den Freunden
Wahrheit sind sie sogar miteinander kämpften für die Demokratie und der Freiheit geholfen.
verknüpft, die helle Seite gibt es nicht die Freiheit insgesamt, also für das Die Tschechoslowakei hielt mit am
ohne die dunkle. So bitter das ist. genuine Projekt des Westens, leider längsten durch, wurde aber von Nazi-
Doppelmoral heißt in diesem Fall, ohne Truppen und Kampfflugzeuge deutschland erst zerstückelt, dann
dass demokratische Staaten den eige- des Westens. besetzt, ohne dass die Westmächte
nen Ansprüchen nicht immer gerecht Dieses Problem könnte wachsen. eingriffen. Das Münchner Abkom-
werden, zum Beispiel selbst gegen Es zeichnet sich ab, dass der Krieg men von 1938 steht für dieses große
Menschenrechte verstoßen wie die gegen die Ukraine nur ein Vorläufer Im-Stich-Lassen, genauso der Begriff
Amerikaner in Abu Ghuraib oder in des großen Konflikts zwischen den Appeasement.
Guantanamo. Im Stich lassen heißt, autoritären und den demokratischen Im Kalten Krieg ging es im Prinzip
dass der Westen Menschen und Staa- Staaten ist. Chinas Wohlwollen so weiter. Niemand half den Men-
ten, die jenseits der Bündnisgebiete gegenüber Russland belegt, dass es schen, die hinter dem Eisernen Vor-
für ihre Freiheit kämpfen, nicht ent- sich im selben Lager sieht. Die Angst hang Aufstände riskierten, in Ungarn,
schlossen hilft, so wie derzeit im Fall der russischen Herrscher ist auch die der DDR, der Tschechoslowakei, in
der Ukraine, die vergebens um mili- der chinesischen: bloß keine Demo- Polen. Die gleiche Erfahrung machten
tärischen Beistand bittet. kratie, denn sie wäre das eigene Ende. später die Männer und Frauen der
Das ist schwer auszuhalten, sehr Langfristig werden sie nicht mit dieser Arabellion, vor allem in Syrien, ge-
schwer. Wer die Freiheit liebt, kann Angst leben wollen. nauso die Unterdrückten in China,
sie nicht nur für sich selbst lieben. Der Es wäre gefährlich, sollte sich der Myanmar, Belarus. Die USA unter-
Anspruch muss universal sein. Aber Westen weiterhin durch diesen Kon- stützten sogar autoritäre Regime,
ist er auch durchsetzbar? flikt treiben lassen wie bisher, ohne wenn ihnen das nützlich schien, vor
Im Prinzip will der Westen, dass eine Idee, ohne eine Strategie, schlaf- allem in Süd- und Mittelamerika.
sich die Welt demokratisiert. Das ist wandlerisch. Die Attraktivität der Wer in Afghanistan auf das Ver-
sein expansives Projekt. Er fördert Freiheit schafft eine Verantwortung sprechen des Westens gesetzt hatte,
den Traum von der Freiheit, unter- bei denen, die sie als ihr Projekt be- eine Demokratie zu etablieren, wur-
stützt freiheitliche Bewegungen mit greifen. Wie könnte der Westen dieser de enttäuscht, als die letzten Truppen
Worten, mit Geld, manchmal mit Verantwortung gerecht werden? Es 2021 Hals über Kopf abzogen und den
Boykotten oder Waffen. Die Europäi- geht dabei um etwas so Profanes wie Taliban das Feld überließen. Im Irak
sche Union schloss ein Assoziierungs- Erwartungsmanagement. war es nicht viel anders.
abkommen mit der Ukraine, und ein Am 2. April 1917 hat US-Präsident

A
Beitritt zur Nato wurde dem Land in Woodrow Wilson vor dem Kongress ls der Westen ausnahmsweise
Aussicht gestellt. Das weckte Hoff- diese Worte gesagt: »Die Welt muss mal half, den Kosovo-Albanern
nungen. sicher gemacht werden für die Demo- gegen die Serben, tat er das
Die Attraktivität von Demokratie kratie.« Damals warb er für den ohne Uno-Mandat. Putin zitiert das
und Freiheit macht aber auch vielen Kriegseintritt der Vereinigten Staaten jetzt genüsslich, wenn er seinen Krieg
Angst. Den fanatischen Islamisten, die gegen das Deutsche Kaiserreich, ohne gegen die Ukraine rechtfertigen will.
am 11. September 2001 die USA an- die immensen Gefahren zu ver- Wer die Freiheit liebt, für den ist
gegriffen haben. Den autoritären Herr- schweigen. »Aber das Recht ist wert- diese Bilanz kaum auszuhalten. Aber
schern in aller Welt. Demokratische voller als der Frieden«, rief Wilson gab es eine Alternative? Für die Zeit
Bewegungen in den eigenen Ländern aus, »und wir sollten kämpfen für die des Kalten Krieges eindeutig nicht.
oder in der Nachbarschaft bedrohen Dinge, die uns am Herzen liegen«, für Hätte der Westen in Ungarn oder der
ihre Macht, deshalb werden sie unter- die Unterdrückten, für die Rechte der Tschechoslowakei eingegriffen, wäre
drückt. Putin will sicherlich das russi- kleinen Staaten, für die Freiheit der wahrscheinlich ein Atomkrieg aus-
sche Imperium zum Teil wiederher- ganzen Welt. Jubel im Kongress. gebrochen. Dieses Risiko gab es
stellen, aber er will auch seine Macht Damit war der universale An- zu Lebzeiten von Woodrow Wilson
erhalten. Er führt in der Ukraine einen spruch formuliert, und damit begann noch nicht, weshalb er leichter sagen
Ole Witt

Krieg gegen die eigene Angst. die Geschichte des Im-Stich-Lassens. konnte, das Recht sei wichtiger als
So entsteht der Eindruck des Im- Kurbjuweit, Jahr-
Wenig später verweigerte der Kon- der Frieden.
Stich-Lassens: Der Westen schürt das gang 1962, ist gress den Beitritt der USA zum Völ- Es ist immer ein Problem, in die
demokratische Feuer, aber wenn die SPIEGEL-Redakteur. kerbund, der die neue Friedensord- inneren Angelegenheiten von Staaten

56 DER SPIEGEL Nr. 12 / 19.3.2022


Volkswagen bestimmt als von der
Bundesregierung. Im Sinne der Pro­
fite und des Wohlstands entwickelte
sich eine Abhängigkeit, die es schwer
machte, China zu kritisieren. Der
Leitbegriff für die Zukunft sollte da­
her Entflechtung sein, vor allem im
Energiebereich. Man muss nicht alle
Verbindungen kappen, sollte sich
aber auf Flexibilität einstellen. Wenn
nötig, zum Beispiel für einen großen
Boykott, können sie dann schnell ge­
kappt werden.
Eine weitere Richtlinie: Demokra­
tien sind friedlich, aber wehrhaft. Der
Angriff auf die Ukraine beendet den
sanften Blick auf Diktatoren wie
­Putin. Ihnen ist alles zuzutrauen. Des­
halb sollten die demokratischen Staa­
ten und ihre Bündnisse für alles ge­

Hesther Ng / action press


wappnet sein, sollten vehement auf­
rüsten, um abzuschrecken und im
äußersten Fall einen Krieg zu gewin­
nen. Das ist der Abschied von der
Friedensdividende, nicht aber vom
Frieden als Ziel.
einzugreifen. Und Widerstand gegen Der G7 gehören nur die größten In­ Antikriegsdemons­ Der Bund muss jedoch deutlich
ein autoritäres Regime ist eine innere dustrienationen an. Afrika und La­ trierende in London machen: Jenseits der Bündnisse gibt
im Februar: Wer
Angelegenheit, auch wenn viele Auf­ teinamerika sind nirgendwo vertre­ die ­Freiheit liebt, kann es keinen Anspruch auf militärische
stände und Rebellionen heute zum ten. Die Demokratie hat keine ein­ sie nicht nur für Intervention. Er sollte sie sogar aus­
Weltereignis werden, weil alle über heitliche Stimme auf der Weltbühne. sich selbst lieben schließen, um Verlässlichkeit zu
die sozialen und die journalistischen