deutsch lk q4 pascal burkhardt 24.1.
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Das 1954 veröffentlichtete Gedicht "Heimkehr" von Hans Bender handelt von der Heimkehr eines deutschen
Soldaten, der kurz zuvor aus sowjetischer Gefangenschaft entlassen wurde. Bender möchte die Rezipienten mit
seinem Gedicht in die Gefühlswelt eines ehemaligen Soldaten/Kriegsgfangenen eintauchen lassen, der mit der
Rückkehr in seine Heimat wortwörtlich die ersten Schritte zur Resozialisierung in die Nachkriegsgesellschaft
antritt. Das Gedicht ist aufgrund des Erscheinungsdatums und seiner thematischen Auseinandersetzung in die
Nachkriegslyrik einzuordnen.
Das Gedicht besteht aus zehn Versen, die sich auf zwei Sätze aufteilen und nicht in Strophen unterteilt sind. Es
gibt kein durchgängiges Metrum und auch kein erkennbares Reimschema. Diese unkonventionelle und freie
Form der Gedichtsschreibung ist charakteristisch für die Nachkriegslyrik, die sich ungeschönt und unmittelbar
der Realität widmete. H.Bender hat das Gedicht in der 2.Person verfasst, womit man sich als Leser direkt
angesprochen fühlt. Desweiteren ist die deskriptive Sprache des Autors auffällig, die sich in der zahlreichen
Verwendung von adjektivischen/adverbialen Attributen widerspiegelt ("...großen Schuhen(...)blattgefleckten
Wegen(...)zögernd pocht(...)stumme,neue Tür.",vgl.V.2-10) und zusammen mit der "Du-Form" dem Rezipienten
die Möglichkeit bietet, sich gedanklich in die Gefühlswelt und Umgebung der vom Autor aufgebauten Szene
hineinzuversetzen.
In den ersten beiden Versen greift der Autor die Armut und Mittellosigkeit des ehemaligen Kriegsgefangenen
auf, der sich "im Rock des Feindes"(V.1) und "in zu großen Schuhen"(V.2) auf dem Heimweg befindet. Da alle
deutsche Kriegsgefangene der alliierten Westmächte bereits 1948 entlassen wurden, entstammte der
Protagonist wahrscheinlich einem Gulag der Sowjetunion, im Gegensatz zu den Kriegsgefangenenlagern der
Westalliierten, wo die Wärter oftmals ein fast freundschaftliches Verhältnis zu den deutschen Insassen
pflegten, mussten die Insassen im Gulag Schwerstarbeit bei Kälte und mangelnder Verpflegung verrichten. Dies
würde dann nämlich auch die Bezeichung "des Feindes"(V.1) erklären. Nach dieser Beschreibung der Kleidung,
wird der Leser in die Jahreszeit der Szene eingeführt, den Herbst(vgl.V.3). Der Herbst steht symbolisch für das
Loslösen von Allem, dass überflüssig oder unterdrückend ist. Auf dieselbe Art wie die Bäume langsam Blatt für
Blatt fallen lassen, befreit sich dazu analog die Seele des ehemaligen Kriegsgefangenen auf der Heimkehr
Schritt für Schritt von all der negativen Energie/den negativen Erlebnissen der vergangenen Zeit. Passend zu
meiner These verhält sich dazu der Neologismus "blattgefleckten"(V.3) und die offensichtliche Anspielung auf
das martialisch-kriegerische Wort "blutbefleckt". Während der erste Satz von Vers 1-3 sich mit
äußerlichen Beschreibungen befasst, wird im zweiten Satz von Vers 4-10 mehr auf die Gefühlswelt des
Heimkehrers eingegangen. Sinnbildlich für die Aufbruchsstimmung und den Beginn eines neuen
Lebensabschnittes werden krähende Hähne in Vers 5 eingeführt, die mit ihrem Krähruf bekannterweise einen
neuen Tag einläuten und, in diesem Falle, die (Vor-)Freude des Protagonisten auf seine Heimat in den Wind
krähen (vgl.V.5f.). Die doch recht positiv-feierliche Stimmung wird in den folgenden Versen unterbrochen,
einerseits durch einen kurzen Einblick auf die körperliche Verfassung des ehemaligen Kriegsgefangenen, der
augenscheinlich abgemagert ist("Knöchel",V.8), und dadurch dass er, wie ich annehme, nun vor der "stummen,
neue Tür"(V.9f.) des Hauses "zögernd hält"(vgl.V.7), in dem er vor Kriegsbeginn wohnhaft war. Das zögerhafte
Halten des Heimkehrers vor der neuen Tür interpretiere ich als Angst vor der Veränderung oder aber auch als
Angst vor dem Unbekannten, da er mit Sicherheit in der Gefangenschaft desöfteren sein altes Leben potenziert
hat und die kleine Veränderung, einer neuen, ihm unbekannten Tür, seine Traumvorstellung, dass alles wieder
so wie früher wird, aus dem Gleichgewicht gebracht hat.
Das Gedicht "Heimkehr" beschäftigt sich vorrangig mit den psychischen Folgeschäden und
Resozialisierungsschwierigkeiten von Soldaten/Kriegsgefangenen nach dem 2.Weltkrieg. Hans Bender hat in
dem zehnverskurzem Gedicht die Problematik von Leuten beschrieben, die über einen längeren Zeitraum von
ihrer Heimat getrennt waren und mit Veränderungen konfrontiert wurden. Die zwischen Vorfreude und Angst
vor dem Ungewissen schwankende Gefühlswelt der Heimkehrer wurde trotz der Kürze des Gedichtes und des
überwiegenden Verzichtes von stilistischen FIguren eindrucksstark rübergebracht. Meiner Meinung nach ist die
Thematik des Gedichtes zeitlos, da sie sich problemlos auf Gefängnisinsassen, Flüchtlinge und Obdachlose der
heutigen Zeit beziehen lässt, sodass das Gedicht nie an Aktualität einbüßen wird.