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Sachtextanalyse Greiner

Der Text analysiert einen Kommentar von Ulrich Greiner, der die Bedeutung ästhetischer Bildung verteidigt. Obwohl diese nicht unmittelbar nützlich sei, mache sie den Menschen klüger und sei wichtiger als Alltagsfertigkeiten. Der Autor stellt Greiners Argumentationsgang dar und analysiert seine Argumente und Beispiele. Dabei werden auch Schwächen der Argumentation thematisiert.

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Sachtextanalyse Greiner

Der Text analysiert einen Kommentar von Ulrich Greiner, der die Bedeutung ästhetischer Bildung verteidigt. Obwohl diese nicht unmittelbar nützlich sei, mache sie den Menschen klüger und sei wichtiger als Alltagsfertigkeiten. Der Autor stellt Greiners Argumentationsgang dar und analysiert seine Argumente und Beispiele. Dabei werden auch Schwächen der Argumentation thematisiert.

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Beispiel einer Sachtextanalyse –

Greiner: Schönheit muss man lernen


1 Einleitung

Ulrich Greiners Kommentar »Schönheit muss man lernen«, der hier zur Analyse ansteht, Die wesentlichen Informationen
ist in Nummer 4 (2015) der Wochenzeitung Die Zeit als Leitartikel im Ressort »Chancen« über den Text werden kurz notiert.
erschienen. Der Autor reagiert damit auf eine Debatte um den Sinn und Zweck schulischer Das Thema wird benannt.
Bildung, die anlässlich eines Tweets von Naina1 und der Reaktion von Bildungsministerin
5 Johanna Wanka auf diesen neu eröffnet wird. Naina beschrieb ihre weit entwickelten
vielfältigen Fertigkeiten auf sprachlich-ästhetischem Gebiet, stellte diesen jedoch einen
Mangel an lebenspraktischem Wissen entgegen. Wanka bestätigte diesen Befund als pro-
blematisch und forderte ihrerseits eine deutlichere Ausrichtung der Schule an der späteren
Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler.
10 Ulrich Greiner stellt diesem Standpunkt ein – wie es schon im Untertitel des Artikels Nun folgt die Grundaussage und
heißt – »Plädoyer für die Künste und die alten Sprachen« entgegen, in dem er die huma- Intention. (Es ist vom Gesichtspunkt
des Schreibenden aus nicht sehr
nistisch geprägte ästhetische Bildung bewirbt, auch wenn sie möglicherweise ökonomisch sinnvoll, beides schon vor der Ana-
nicht von so hoher Relevanz sei wie spezifische andere Inhalte. Sie sei es, die den Menschen lyse benennen zu müssen, aber hey
»klüger« (20) mache. – es sind die Fachanforderungen
[Min13, S. 24], die uns das empfeh-
len, und wer wollte da diskutieren?)
15 2 Hauptteil Da der Artikel nicht in einer zei-
lennummerierten Version vorliegt,
2.1 Kurze Inhaltsangabe beziehen sich Zahlenangaben in
Klammern stets auf die Absatz-
Ausgehend von der nutzenorientierten Betrachtungsweise Wankas (1) benennt Greiner nummer; der Text insgesamt hat 19
eine Kernfrage der Diskussion: »Was ist nützlich?« In seiner Antwort darauf, es sei vor Absätze.
allem das, »was anwendbar ist und ertüchtigt«, schwingt bereits Kritik mit (2). Es gehe vor
20 allem um direkt im Beruf verwendbare Fertigkeiten und Kenntnisse (3), das Schöne trete
in den Hintergrund (4–10). Demgegenüber vertritt Greiner den Standpunkt des sich selbst
genügenden Schönen (5, 10–15), das bei Gegnern allerdings auch Aggressionen erzeuge
(16–19). Insgesamt aber sei der Nutzen ästhetischer Bildung für den Menschen wichtiger
als Alltagsfertigkeiten, die man ohnehin lerne.
25 Greiner begegnet in seinem Text dem Problem, ästhetische Bildung als Zweck an sich Zentrale Problemstellung des Textes
vor allem für diejenigen verdeutlichen zu müssen, die aufgrund ihres Nützlichkeitsdenkens
genau dafür kein Verständnis haben. Sein Plädoyer ist stark subjektiv gefärbt (Greiner Wie wird der Gegenstand behan-
greift auf seine eigene Bildung als musterhaft zurück), deutlich wertend ausgeführt. Mit delt?
seiner emphatisch vorgetragenen Position vertritt er einen humanistischen Bildungsbegriff, Position des Autors
30 der in seinem konservativen Beharren fast schon wieder revolutionär scheint – vor allem,
da er für ein Menschenbild eintritt, das nicht die Nützlichkeit des Arbeitnehmers und damit
die ökonomische Verwertbarkeit, sondern das Ausleben »interesselosen Wohlgefallens«
(Kant) in den Vordergrund stellt.

2.2 Analyse
35 2.2.1 Aufbau
In der Überschrift stellt Greiner seinem Artikel gleich auch die Hauptthese »Schönheit Bedeutung der Überschrift
muss man lernen« voran, die – je nach Betonung – aussagt, dass Schönheit zu empfinden
gelernt werden müsse, oder aber, dass der Fokus der Bildungsanstrengungen auf Schönheit
(und nicht etwa auf Alltagswissen) liegen solle.
Iwanowitsch – 2015-06-01

40 Seine argumentative Gliederung beinhaltet folgende Schritte: er nennt Anlass (Tweet) Darstellung des Argumentations-
und Reaktion und führt damit die Gegenposition ein (1). Das Nützlichkeitsprimat belegt er gangs – unter Berücksichtigung des
von These, Argument und Beispiel
mit Beispielen (2). Zwischen Absatz 2 und 3 zeigt sich ein (möglicherweise nicht beabsich- sowie anderen Bestandsstücken.
tigter) Gedankensprung, denn von »immer komplexeren Lebenswelten« – einem Einwand, Auch Schwächen in der Argumenta-
auf den Greiner vorgibt zu reagieren – war bislang nicht die Rede. In der Darstellung tion sollen benannt werden.
45 früherer Selbstverständlichkeit humanistischer Bildung (4) führt Greiner seinen eigenen
Ansatz ein und stützt diesen mit dem Autoritätsargument (5), es gebe – Ordine folgend – Die Art des Arguments sollte be-
nannt werden.

1 [Link]

1
eine Nützlichkeit von Wissen ohne Zweckbestimmtheit. Dass der Rationalist unter den
Lesern sich hier fragen muss, was in aller Welt gemeint sein könnte (und warum nicht
stattdessen einfach die Nützlichkeit als fixes Ziel kritisiert würde), versucht Greiner mit
50 Ordines apokalyptischen Argument ad metum zu verhindern: schließlich stünden »Fantasie
und Kunst« allgemein auf dem Spiel.
Dass dies schon der Fall sein könnte, verdeutlicht Greiner mit einer längeren Passage
(6–9), in der er Beispiele für die Zweckbestimmung einzelner Fächer gibt, was sich aller-
dings – gezeigt am Beispiel des Lateinischen – auch umkehren lasse, wenn man nicht
55 anerkenne, dass der Wert beispielsweise des Lateinischen auch in sich selbst liegen könne.
Das Zweckdenken auch der Schulbehörden belegt Greiner mit einem Zitat aus den Kern-
lehrplänen NRW, der diesbezüglich Anforderungen stellt, die Greiner als für die Lehrkräfte
nicht zu verwirklichen ansieht.
Ausgehend von diesem Negativbild entwirft Greiner (10f.) die Vorstellung einer sich
60 selbst genügenden und unbegründbaren Schönheit, die überdies »evident« sei, was er durch
Beispiele belegt, die die unmittelbare Wirkung schöner Werke auf Menschen behaupten.
Wenn Greiner hier im Umkehrschluss alle Menschen als »stumpf« begreift, die Mozarts
Musik eben nicht als »schön« empfinden, wird ein erstes Problem seiner Argumentation
deutlich, ein zweites, wenn er nur wenige Zeilen später behauptet, es bedürfe für das
65 Erkennen der Schönheit eines geübten Auges und Ohres – was soll denn jetzt der Fall sein:
schlagartiges Erkennen oder mühsames Erarbeiten?
Sodann zeigt Greiner am Beispiel einer von Gerôme gemalten anekdotisch überlieferten
Szene (12) die Bedeutung der Schönheit auf – allerdings wenig überzeugend, da die Dar-
stellung der Schönheit bei Gerôme (im 19. Jahrhundert!) schon als gestört, nicht mehr ideal
70 präsent deklassiert wird, zudem die Überzeugungskraft einer aus der Antike überlieferten
Anekdote immer noch fragwürdiger ist als die eines Einzelbeispiels sowieso.
Dass es auch das Hässliche gibt, meint Greiner anhand eines Zitats einer weiteren
Autorität belegen zu können (13) – eigentlich geht es ihm dabei nur darum, den Verlust
des Ideals ein weiteres Mal zu behaupten. Die Tradierung dieser über die Zeiten dauernden
75 Schönheitsidee begreift Greiner als eine wesentliche Aufgabe von Schule. Von dieser
Notwendigkeit überzeugen sollen auch die folgenden Beispiele – die allerdings damit
erneut dem Evidenzgedanken widersprechen, weil sie Bildung als notwendig für das
Schönheitserlebnis behaupten.
Eine Gefahr für das Schöne sieht Greiner grundsätzlich in den Aggressionen, die das
80 Schöne bei seinem Gegner immer wieder auch evoziere (16–18), was er an einem literari-
schen (und damit erfundenen!) Beispiel, Melvilles Billy Budd, zu verdeutlichen sucht. Wer
Greiners Argumentation nicht folgt, wird damit implizit als aggressionsgesteuert begriffen,
damit aber auch als so zerstörerisch wie Claggart aus Billy Budd. Mit zwei Rückbezügen Zusammenhänge innerhalb des
(auf Ordine und Naina) stellt er wiederum die Bedeutung der ästhetischen Bildung heraus, Textes aufzeigen – auch über den
Absatz hinaus.
85 nennt allerdings als einziges Argument, dass sie uns klüger mache.

2.2.2 Sprache
Greiner schreibt in gehobenem Duktus, dabei meist sauber eigene Aussagen von frem- Stilebene
den, die im Konjunktiv erscheinen, scheidend. Er verwendet nicht nur alltäglich genutzte,
sondern auch weniger bekannte Fremdwörter (z.B. »veritabel« (1), »evident« (11), »He- Fremd-, Reiz-, Schlüsselwörter
90 täre« und »Apotheose« (12), »transzendental« (15), »Libretto« (16)) und bzw. auch in
fachsprachlich anmutenden Wendungen (philosophisch-ästhetische Kategorie (15), aber
auch »schwarze Pädagogik« (4)). Wortwahl und Ausdrucksweise insgesamt tragen zur Funktion und Wirkungsweise nicht
Reduzierung der potentiellen Leserschaft bei – Naina würde von diesem Artikel vermutlich vergessen!
nicht überzeugt werden, wenn sie ihn überhaupt bis zum Ende läse.
95 Die Diskussion der Bedeutung von Schönheit als Gegenentwurf zum Nützlichkeitsden- Diskussion der Auslegung von
ken nimmt weiten Raum ein. Zwar räumt Greiner ein, dass sich die Bedeutung wandele, Begrifflichkeiten
allerdings wird an keiner Stelle sichtbar, dass Greiner auch neuere Entwürfe gelten ließe –
vor allem, da er schon Gerôme als für das Ideal verloren ansieht.
Die rhetorische Überformung des Gedankens wird deutlich allgemein in lebendiger und
100 abwechslungsreicher Syntax , aber auch in Parallelismen (2, 4), einzelnen metaphorischen Satzbau
Fügungen (»Begründungsfalle« (6), schwül (12)), rhetorischen Fragen (2, 4), Ausrufen (9). Rhetorische Figuren
Der ganze Artikel ist – wie es dem Plädoyer zukommt – in dringlich-ernsthaftem Ton
gehalten – allein an einer Stelle (»Schön ist nur das Allerneueste« (15)) antizipiert er die

2
fremde Haltung im Indikativ wie ironisch, um sogleich darauf zwischen Schönheit und Haltung des Autors
105 Gefälligkeit zu differenzieren.
Die häufigen und ausführlichen Zitate sollen Greiners Standpunkt unterstützen, scheinen Auch Zitate sind rhetorische Mittel.
aber wie zufällig und möglichst abgelegen ausgewählt. Der Leser lernt im günstigsten
Falle zwar möglicherweise erfreut Neues kennen – dass er dadurch allerdings eher dem
Gedankengang des Autors folgt, erscheint zweifelhaft.

110 2.3 Synthese


Greiner hält ein Plädoyer, er will also nicht nur die Ästheten bestätigen, sondern auch Hier bewerten Sie ausgehend von
die Nützlichkeitsdenker überzeugen. Mag ersteres noch gelingen, wird er mit letzterem der zuvor erarbeiteten Analyse die
Wirkung des Textes im Hinblick auf
scheitern. Greiners Argumentation ist, wie gezeigt, lückenhaft, stellenweise gar wider- die Intention: gelingt dem Autor,
sprüchlich. Er führt mehrere (vermeintliche) Autoritäten an, vernachlässigt jedoch die was er erreichen will (beispielsweise
115 Entwicklung eines eigenen schlüssigen Gedankengangs. Jedem Diskussionsgegner bieten dass ein Appell auch verstanden
sich daher mannigfache Angriffspunkte. wird)?
Dies ist vor allem bedingt durch die Verlagerung der Diskussion aus dem Konkreten
(was können die Schülerinnen und Schüler brauchen?) ins Abstrakt-Nebulöse: inwiefern
die Bewahrung einer klassischen Idee von Schönheit für uns Wirksamkeit entfalten könnte,
120 wird nicht deutlich. Worin der Nutzen der Schönheitswahrnehmung liegt – und inwiefern
das Studium des griechischen Aorist diese befördern könnte –, ist auch nach der Lektüre
des Artikels nicht klar. Allein klüger zu werden kann der Sinn des Ganzen nicht sein, denn
das werden die Schüler möglicherweise auch durch natur- oder sozialwissenschaftlich
ausgerichtete Fächer.

125 3 Schluss

Nainas Tweet ist wenig ungewöhnlich: fast jede Schülerin, fast jeder Schüler hat sich Kurze begründete Stellungnahme
schon einmal gefragt, ob dieser oder jener Lerninhalt denn sinnvoll sei. Es geht dabei um (Schwerpunkt ist die Analyse!), ggf.
mit Aktualitätsbezug, Schlussfolge-
das Hinterfragen alltäglicher Praxis – eine gute philosophische Tradition, in der Naina rungen etc.
gewirkt hat. Das Ergebnis dieser Überprüfung muss dabei keineswegs eine Änderung
130 sein: man kann auch herausfinden, dass das Einüben alltagspraktischer Fertigkeiten im
außerschulischen Alltag am Besten aufgehoben ist. Insofern muss sich Greiner keine
Sorgen machen. Die nächste Diskussion über vermeintlich überflüssige Inhalte aus der
humanistischen Tradition aber folgt bestimmt – ein Beispiel ist die Forderung nach einer
Programmiersprache statt Latein –2 , und bis dahin wird er an einer klaren, analytischem
135 Blick standhaltenden Argumentation noch feilen müssen.

Literatur

[Min13] Ministerium für Bildung und Wissenschaft des Landes Schleswig-Holstein,


Hrsg.: Fachanforderungen Deutsch für die Abiturprüfung ab 2016 im Fach auf
grundlegendem und erhöhtem Anforderungsniveau des Beruflichen Gymnasiums.
Kiel: Ministerium für Bildung und Wissenschaft des Landes Schleswig-Holstein,
2013. URL: [Link]
665.

2 Vgl. beispielsweise [Link]/2012/12/01/kommunikation-der-zukunft-funf-faktoren-und-drei-


schlussfolgerungen/

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