AH Terror A4 Web
AH Terror A4 Web
TERROR
Eine DVD mit dem Recht zur nichtgewerblichen öffentlichen Vorführung erhalten Sie hier
Spielfilm, 97 Min.
Deutschland 2016
Der Film TERROR gehört in das Genre des Gerichtsdramas. Ursprünglich als Theaterstück1
konzipiert, wird im Film eine fiktive Verhandlung inszeniert, in der ein Gericht über den
Abschuss einer von einem Terroristen entführten, mit 164 Menschen besetzten Passagierma-
schine durch einen Kampfpiloten der Bundeswehr zu urteilen hat, der damit einen vom Entfüh-
rer geplanten Absturz auf ein mit 70.000 Menschen gefülltes Stadion verhindern will. Die
Zuschauer werden zu Beginn des Films in die Rolle von Schöffen (ehrenamtliche bzw. Laien-
Richter) versetzt, die am Ende des Prozesses ein Urteil fällen sollen. Je nach Urteil der
Zuschauer(innen) wird der Film mit einer Verurteilung (Schuldig) oder einem Freispruch (Nicht
schuldig) fortgesetzt. Die Erstausstrahlung des Films fand am 17. Oktober 2016 in der ARD mit
einer Onlinebefragung der Zuschauer(innen) statt.
Auf der DVD befindet sich keine Kapiteleinteilung. Die nach didaktischen Gesichtspunkten
erstellten Sequenzen entsprechen der Dramaturgie der Gerichtsverhandlung und sind via Time-
code aufrufbar.
ÜBERBLICK:
Sequenz 1: (00:00 – 09:58) Sie sind die Schöffen, die Laienrichter
Sequenz 2: (09:59 – 33:36) Zeuge Oberstleutnant Lauterbach – Die Chronologie des Terrors
Sequenz 3: (33:37 – 55:20) Major Koch – Die Motive des Angeklagten
Sequenz 4: (55:21 – 64:53) Frau Meiser – Das Recht der Opfer
Sequenz 5: (64:54 – 75:13) Staatsanwältin Nelson – Das Plädoyer der Anklage
Sequenz 6: (75:14 – 85:05) Rechtsanwalt Biegler – Das Plädoyer der Verteidigung
Sequenz 7 und 8: (jeweils ca. 6 Min.) Die Urteile – Schuldig oder Nicht schuldig
1 Schirach, Ferdinand von (2016): Terror – ein Theaterstück und eine Rede. München.
Im Kern des zur Entscheidung stehenden Sachverhalts steht das Dilemma, ob die Gewissens-
entscheidung eines Einzelnen, die aufgrund der Güterabwägung des kleineren Übels erfolgt,
höher zu bewerten ist als die Gesetzesgrundlage, gegen die die daraus folgende Tat verstößt
– und damit einen Freispruch rechtfertigt, oder nicht – und damit eine Verurteilung verlangt. Das
im Hintergrund eingeblendete Reichstagsgebäude symbolisiert also insofern das Forum, vor
dem das Urteil zu fällen ist und damit gleichzeitig eine unausgesprochene Mahnung an das
gesetzgebende Organ des Bundestages. Der Wunsch des Vorsitzenden Richters an die virtu-
ellen Schöffen, ihre Entscheidung nur aufgrund dessen zu fällen, was sie im Gerichtssaal hö-
ren, ist insofern bereits ein Dilemma, weil auch jede Entscheidung der Schöffen ein Abwägen
zwischen eigener Gewissensentscheidung und der formulierten Rechtslage ist. Insofern müsste
sich eigentlich schon jetzt jeder zuschauende Schöffe, jede Schöffin für befangen erklären,
wollte er der Aufforderung des Richters in diesem Fall Folge leisten. Dieses „Vorurteil“ der
Zuschauenden kann noch vor Beginn der Filmpräsentation zum Thema werden, wenn mit
Arbeitsblatt M1.1 zunächst eine Entscheidung und Begründung dieser Entscheidung ohne
grundlegende Kenntnis der Rechtslage erbeten wird.
Nach der Präsentation der ersten Sequenz wird vor Beginn der Beweisaufnahme mit den
Arbeitsblättern M1.2 und M1.3 erneut die Formulierung einer Begründung bzw. Änderung der
Begründung vor dem Hintergrund der Wahrnehmung der Atmosphäre im Gerichtssaal
gefordert.
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TERROR
Nicht nur fast wird die Staatsanwältin in dieser Sequenz zur Verteidigerin des Angeklagten Ma-
jor Koch und bringt, so sieht es auch Verteidiger Biegler, zum Ausdruck, dass Lauterbach und
damit die für die Führung der Kampjetpiloten verantwortlichen Militärs und Politiker auf die An-
klagebank gehören. Ihr Fehlverhalten, so die Argumentation der Staatsanwältin, macht Koch
zum Opfer, dessen gesetzwidriges Tun billigend in Kauf genommen wurde, um nicht selbst
gegen gesetzliche Vorschriften verstoßen zu müssen. Die Sequenz macht deutlich, dass die
gesetzlichen und politischen Ausgangslagen des verhandelten Falls, die die Menschen zum
Handeln motivieren, bedacht werden müssen, was deutlich macht, dass strukturelle Vorgaben
die Entscheidungen von Menschen, die in dieser Dilemmasituation zu fällen sind, beeinflussen
können. Individualethische Entscheidungen sind von strukturellen Rahmenbedingungen abhän-
gig, zu denen, neben den gesetzlichen Vorgaben, auch das Meinungsbild in der jeweiligen
Peer-Group gehört. Zudem muss, bevor die in diesem Fall zu beantwortende Frage, ob die
Gewissensentscheidung des Einzelnen oder die vorhandenen Gesetzesgrundlagen für eine
Entscheidung höher zu bewerten sind, – so wird in dieser Sequenz deutlich – die Frage zu dis-
kutieren sein, ob und wie alle Möglichkeiten innerhalb des Gesetzesrahmen ausgenutzt wur-
den, damit es nicht zu dem Dilemma kommt, in das der Einzelne geraten ist.
Mit Arbeitsblatt M2 wird dieser Fragenhorizont unter den Zuschauenden ins Gespräch gebracht.
Dazu erhalten die Zuschauenden die Möglichkeit, sich mit Kernaussagen der Prozessbeteilig-
ten zu beschäftigen und abschließend zu klären, welche Bedeutung die Vernehmung des Füh-
rungsoffiziers für die Reflexion des Tathergangs durch Major Koch bedeutet.
SEQUENZ 3:
MAJOR KOCH – DIE MOTIVE DES ANGEKLAGTEN (33:37 – 55:20)
Die Gerichtsverhandlung wird mit der Vernehmung des Angeklagten Major Koch fortgesetzt.
Major wird als intelligenter und hochqualifizierter Berufssoldat dargestellt, zu dessen Ausbil-
dung auch die Bereitschaft zu verantwortlichem Handeln gehört. Koch schildert die Vorgänge
aus seiner Sicht, sachlich und nur mit wenigen eigenen Emotionen: „Ich habe an meine Frau
gedacht und an meinen Sohn, Innereien eben … Ja, so nenne ich das. Ich habe an den Tod
gedacht, daran, dass sich jetzt alles in meinem Leben ändert … Sie haben gegen den aus-
drücklichen Befehl ihres Vorgesetzten gehandelt. Warum? – Weil ich es für richtig gehalten
habe. Ich habe es nicht fertiggebracht, 70.000 Menschen sterben zu lassen.“
Anschließend unterzieht die Staatsanwältin den Angeklagten einem Verhör, in dem es um die
Motive, die ihn zu seiner Entscheidung führten, geht.
Die ethische Entscheidung in einem derartigen Dilemma erfolgen nicht „aus dem Bauch
heraus“, sondern aufgrund von Vorschriften, wie in einer solchen Situation zu handeln sei. Auf
einige Aspekte kann bei der Vernehmung des Angeklagten durch die Staatsanwältin deshalb
besonders aufmerksam gemacht werden:
Die Vernehmung der Nebenklägerin dient im Szenario des Prozessverlaufs dazu, die Frage
nach dem Recht der Opfer und deren Hinterbliebenen bei der Entscheidungsfindung einzublen-
den. Dementsprechend ist diese Sequenz sehr emotional besetzt, bleibt aber vom zeitlichen
Umfang hinter den anderen Sequenzen des Films zurück. Aus dramaturgischen Gründen wurde
die Nebenklage auf nur eine Person reduziert. Es darf durchaus gefragt werden, welchen Ein-
fluss es auf die Entscheidungsfindung der Schöffen und Laienrichter in einem solchen Prozess
hat, wenn eine Vielzahl von Nebenklägern persönlich im Raum anwesend ist. Für die juristi-
schen Sachverhalte der Entscheidungsfindung ist diese Sequenz aber m.E. etwas zu ober-
flächlich ausgelegt und würde ggf. aktuell anders bewertet: Der Sicherheitsmechanismus der
geschlossenen Cockpittür gilt seit den Anschlägen vom 11. September 2001 als ein wichtiges
Element der Flugsicherheit. Wie also hat der Terrorist überhaupt Zugang zum Cockpit bekom-
men können? Seit dem 24. März 2015 ist diese Sicherheitsmaßnahme aber Anlass für heftige
Diskussionen:
An diesem Tag brachte ein Copilot, der allein im Cockpit war und den Piloten nicht zurück ins
Cockpit ließ, eine vollbesetzte Passagiermaschine über den französischen Alpen zum Absturz.
Er wollte Selbstmord begehen und riss dabei 149 Menschen mit in den Tod, unter ihnen eine
ganze Schulklasse. In der Originalfassung des Theaterstücks war dieser Vorfall noch nicht be-
kannt, dort erfolgt der Abschuss der entführten Maschine am 26. Mai 20132. Die Filmfassung
verlegt den Tag der Entführung auf den 26. Mai 2016, der Vorfall hätte also durchaus in die
Argumentation der Handlung eingefügt werden können.
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TERROR
Bedeutung hat die Vernehmung der Nebenklägerin auch aus der Perspektive ethischer Urteils-
findung: Im Sinne einer Diskursethik oder kommunikativen Ethik sollten alle Personen, die an
einer ethischen Dilemmasituation beteiligt sind, zur ethischen Urteilsbildung und der sich dar-
aus ergebenden Handlungsdisposition herangezogen werden. Die Vernehmung von Oberst-
leutnant Lauterbach, Major Koch und Frau Meiser sowie die wiederholte Einblendung der Ehe-
frau von Major Koch könnte ein Manko in der Vorbereitung auf diesen „Renegade“ aufzeigen,
die die Gewichtung von juristischer Faktenlage und ethischen Entscheidungskriterien in ein
besonderes Licht rücken: Unabhängig von der anschließenden Urteilsfindung könnte deshalb
an dieser Stelle diskutiert werden, wie diese vier Personen, die angesichts der Prozessvor-
schriften nicht miteinander reden, argumentieren würden, wenn sie zu viert – ohne juristischen
Beistand – miteinander außerhalb des Gerichts im Gespräch wären.
Arbeitsblatt M4 gibt einen Anstoß zur Inszenierung eines solchen fiktiven Gesprächs.
Für die Zuschauenden in ihrer Funktion als Schöffen bleibt für die Urteilsfindung die Abwägung
zwischen den beiden Grundsätzen, die die Plädoyers betonen:
●● Im Einzelfall ist das Gewissen des Einzelnen an den Grundsatz des kleineren Übels gebun-
den. Der Einzelne wird nach diesem Grundsatz sein Urteil fällen und damit seine Handlung
richten.
Das Genre Gerichtsdrama gewinnt seinen Unterhaltungswert durch eine Dramatik, die an man-
chen Stellen Sachverhalte verkürzen, verändern oder überspitzen muss, um den Spannungs-
bogen zu erhalten. Der Film arbeitet zudem mit einigen klassischen Elementen der Filmtechnik
wie Schuss und Gegenschuss oder die Einblendung der Reaktionen aus dem Zuschauerraum,
um die sonst eher langen Monologe und Dialoge des Films emotional zu unterlegen und in der
eher nüchternen Ausstattung eines Kammerspiels, das 90 Minuten in einem Raum spielt, für
den Zuschauenden Möglichkeiten von Nähe und Distanz zu schaffen. In der Realität könnte
eine solche Gerichtsverhandlung weit nüchterner ausfallen und würde vielleicht noch drei Sach-
verhalte berücksichtigen:
●● D
er im Film verhandelte Fall ließe mit dem Verweis auf §35 STGB eine mögliche „Hinter-
tür“ öffnen, über die das juristisch-ethische Dilemma zwar nicht gelöst, so doch abgemil-
dert werden könnte: Dieser Paragraf gewährt Schuldfreiheit für eine rechtswidrige Tat, „um
die Gefahr von sich, einem Angehörigen oder einer anderen ihm nahestehenden Person
abzuwenden.“7 Zwar wäre ein solches Beziehungsverhältnis zwischen Major Koch und den
70.000 Menschen im Stadion nicht direkt nachzuweisen, dennoch könnte ggf. auf dieser
Basis die Strafe nach § 49,1 Absatz 1 STGB abgemildert werden: „An die Stelle von le-
benslanger Haft tritt Freiheitsstrafe nicht unter drei Jahren.“8 Außerdem wäre es bei einer
Verurteilung des Angeklagten unter Umständen möglich, dass der Bundespräsident nach
Art. 60,2 GG von seinem Begnadigungsrecht gebraucht macht.9
●● „Wir haben auf ein Wunder gewartet.“ So der „Duty Commander“ Lauterbach. Das gut halb-
stündige Nichtstun im Führungszentrum würde in der Realität hoffentlich nicht eintreten,
sondern die von der Staatsanwältin angedeutete Evakuierung des Stadions und weiterer
möglicher Angriffsziele angeordnet. Vergleichbare Fälle wären u.a. die Absage des Länder-
spiels Deutschland-Niederlande am 17. November 2015 in Hannover oder die Reaktionen
auf den Amoklauf vom 22. Juli 2016 in München.
5 [Link]
6 [Link]
7 [Link]
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TERROR
Grundsätzlich kann nach der Aufforderung durch den Richter eine Abstimmung in der Zuschau-
ergruppe erfolgen. Dazu wird den Zuschauenden auf Arbeitsblatt M5 die Möglichkeit gegeben
und eine entsprechende Begründung eingetragen. Auf Arbeitsblatt M6 haben die Zuschauen-
den zunächst die Möglichkeit, sich mit den o.g. Beispielen und ihren Bezug zum vorliegenden
Fall auseinanderzusetzen. Mit Arbeitsblatt M7 werden die oben genannten Möglichkeiten der
Anwendung von § 35 und 49 STGB sowie des Art. 60 GG diskutiert.
In der Online-Abstimmung im Anschluss an die Erstausstrahlung des Films votierten 86,9 Pro-
zent der Zuschauenden für einen Freispruch. Beim Theaterstück, das bereits etwa 400 Mal
aufgeführt wurde, liegt das Abstimmungsverhältnis bei 60:40 für einen Freispruch.10 In diesem
Zusammenhang darf auch das Setting der Onlinebefragung im Szenario untersucht werden:
Welche Bedeutung hat es für die deutsche Rechtsprechung, dass es bei Gerichtsverfahren
bisher keine Live-Übertragungen gibt und damit ein Gerichtssaal nicht zur Showbühne wird11,
auch wenn dies in bestimmten Fällen nach einem Gesetzentwurf der Bundesregierung künftig
zugelassen werden soll? Und welche Bedeutung hat es, dass die Urteilsfindung eben nicht
durch „Online-Befragung“ einer zufällig virtuell anwesenden Zuschauergruppe erfolgen darf?
Der im Drehbuch vorgesehene Verweis des Richters bei der Urteilsverkündigung „Schuldig“ auf
einen historischen Fall der Tötung eines Menschen, um drei weitere zu retten, ein Fall, der mit
einer Verurteilung und anschließender Begnadigung der Verurteilten endete, wird in der Film-
fassung nicht verwendet.12
Arbeitsblatt M8 bietet die Möglichkeit, sich mit Auszügen aus den Urteilsverkündigungen zu
beschäftigen.
ZUM AUTOR
Dr. Manfred Karsch Referat für pädagogische Handlungsfelder in Schule und Kirche des Kir-
chenkreises Herford ([Link])
10 [Link]
siehe auch [Link]
11 [Link]
12 Siehe von Schirach, a.a.O., S. 136-138.
Erbgut
[Link]
Sommersonntag
[Link]
Zwischen Welten
[Link]
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TERROR
SCHULDIG oder FREISPRUCH – Welches Urteil fällen SIE nach dieser Beschreibung des
Vorfalls?
Schreiben Sie hier ihr Urteil auf und begründen Sie ihr Urteil mit einigen Sätzen:
Mein Urteil:
Meine Begründung:
Am 26. Mai 2016 ereignet sich der folgende Vorfall im Luftraum über Deutschland: Ein mit
164 Personen besetztes Passagierflugzeug der Lufthansa wird auf dem Flug von Berlin nach
München von einem Terroristen in seine Gewalt gebracht, der damit droht, das Flugzeug
über der mit 70.000 Menschen vollbesetzten Allianz-Arena in München abstürzen zu lassen.
Zwei Kampfjets der Bundeswehr, eine sog. Alarmrotte, werden – wie es für einen solchen
Vorfall üblich ist – in Sichtweite des Passagierflugzeuges geschickt. Als ein Abdrängungs-
versuch und ein Warnschuss erfolglos bleiben, entscheidet der Rottenführer, Major Lars
Koch, das Passagierflugzeug abzuschießen, ohne dafür einen Befehl erhalten zu haben.
Das Passagierflugzeug zerschellt auf einem Acker. Keiner der Passagiere überlebt. Noch auf
dem Rollfeld nach seiner Landung wird Major Koch verhaftet und sitzt seitdem in Untersu-
chungshaft. Die Gerichtsverhandlung steht unmittelbar bevor.
SCHULDIG oder FREISPRUCH – Welches Urteil fällen SIE nach dieser Beschreibung des
Vorfalls?
Schreiben Sie hier ihr Urteil auf und begründen Sie ihr Urteil mit einigen Sätzen:
Mein Urteil:
Meine Begründung:
Urteil: Schuldig. Mögliche Begründungen: Einen Menschen umzubringen, ist in diesem Fall
Mord / Er hatte ja keinen Befehl dazu. Wäre das Flugzeug in das Stadion geflogen, träfe ihn
keine Schuld / Selbst schuld, als Soldat muss man mit so einer Situation rechnen / Unsere
Gesetze sind nun mal so, auch wenn er eigentlich das Richtige gemacht hat / Naja, verste-
hen kann ich das schon, aber es gibt eben Vorschriften, an die man sich halten muss / Wo
kämen wir da hin, wenn das jeder machen würde? Er hat hier kein Recht auf Entscheidungs-
freiheit.
Urteil: Nicht Schuldig. Mögliche Begründungen: Einer musste entscheiden, er hat das
Richtige getan. / 164 gegen 70.000 – das ist schon eine Nummer! / Man muss sich auch mal
gegen einen Befehl aussprechen, wenn man erkennt, dass er falsch ist. / Jeder von uns hätte
genauso gehandelt. / Ihm sollte, statt einer Verurteilung, eine Beförderung zustehen – und
ein Orden!
Von der Staatsanwältin erfahren Sie die Anklage: Mord in 164 Fällen. Mit der Einbringung
durch seinen Verteidiger bestreitet der Angeklagte den Sachverhalt nicht, bezeichnet ihn
aber auch nicht als Mord.
Zur Rechtslage: Nach den Anschlägen auf das World Trade Center im September 2001 und
einem weiteren Vorfall in Deutschland hatte der Bundestag 2005 das Luftsicherheitsgesetz
verabschiedet, das in §14 vorsah:
(1) Zur Verhinderung des Eintritts eines besonders schweren Unglücksfalles dürfen die
Streitkräfte im Luftraum Luftfahrzeuge abdrängen, zur Landung zwingen, den Einsatz von
Waffengewalt androhen oder Warnschüsse abgeben.
(2) Von mehreren möglichen Maßnahmen ist diejenige auszuwählen, die den Einzelnen
und die Allgemeinheit voraussichtlich am wenigsten beeinträchtigt. Die Maßnahme darf nur
so lange und so weit durchgeführt werden, wie ihr Zweck es erfordert. Sie darf nicht zu
einem Nachteil führen, der zu dem erstrebten Erfolg erkennbar außer Verhältnis steht.
(3) Die unmittelbare Einwirkung mit Waffengewalt ist nur zulässig, wenn nach den Umstän-
den davon auszugehen ist, dass das Luftfahrzeug gegen das Leben von Menschen einge-
setzt werden soll, und sie das einzige Mittel zur Abwehr dieser gegenwärtigen Gefahr ist.
(4) Die Maßnahme nach Absatz 3 kann nur der Bundesminister der Verteidigung oder im
Vertretungsfall das zu seiner Vertretung berechtigte Mitglied der Bundesregierung anord-
nen. Im Übrigen kann der Bundesminister der Verteidigung den Inspekteur der Luftwaffe
generell ermächtigen, Maßnahmen nach Absatz 1 anzuordnen.13
Als Schöffe / Schöffin diskutieren Sie in einer Sitzungspause diese beiden Rechtsgrundla-
gen des Falls. Was bedeuten diese Grundlagen ggf. für ihr „Vorurteil“, dass sie vor dem Pro-
zess und vor ihrer Berufung als Laienrichter(in) getroffen haben?
13 [Link]
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Von der Staatsanwältin erfahren Sie die Anklage: Mord in 164 Fällen. Mit der Einbringung
durch seinen Verteidiger bestreitet der Angeklagte den Sachverhalt nicht, bezeichnet ihn
aber auch nicht als Mord.
Zur Rechtslage: Nach den Anschlägen auf das World Trade Center im September 2001 und
einem weiteren Vorfall in Deutschland hatte der Bundestag 2005 das Luftsicherheitsgesetz
verabschiedet, das in §14 vorsah:
(1) Zur Verhinderung des Eintritts eines besonders schweren Unglücksfalles dürfen die
Streitkräfte im Luftraum Luftfahrzeuge abdrängen, zur Landung zwingen, den Einsatz von
Waffengewalt androhen oder Warnschüsse abgeben.
(2) Von mehreren möglichen Maßnahmen ist diejenige auszuwählen, die den Einzelnen
und die Allgemeinheit voraussichtlich am wenigsten beeinträchtigt. Die Maßnahme darf nur
so lange und so weit durchgeführt werden, wie ihr Zweck es erfordert. Sie darf nicht zu
einem Nachteil führen, der zu dem erstrebten Erfolg erkennbar außer Verhältnis steht.
(3) Die unmittelbare Einwirkung mit Waffengewalt ist nur zulässig, wenn nach den Umstän-
den davon auszugehen ist, dass das Luftfahrzeug gegen das Leben von Menschen einge-
setzt werden soll, und sie das einzige Mittel zur Abwehr dieser gegenwärtigen Gefahr ist.
(4) Die Maßnahme nach Absatz 3 kann nur der Bundesminister der Verteidigung oder im
Vertretungsfall das zu seiner Vertretung berechtigte Mitglied der Bundesregierung anord-
nen. Im Übrigen kann der Bundesminister der Verteidigung den Inspekteur der Luftwaffe
generell ermächtigen, Maßnahmen nach Absatz 1 anzuordnen.15
Als Schöffe / Schöffin diskutieren Sie in einer Sitzungspause diese beiden Rechtsgrundla-
gen des Falls. Was bedeuten diese Grundlagen ggf. für ihr „Vorurteil“, dass sie vor dem Pro-
zess und vor ihrer Berufung als Laienrichter(in) getroffen haben?
Ich wusste gar nicht, dass es dafür Gesetze gibt. Wenn das so ist, muss ich als Schöffe da-
nach urteilen. Aber das Bundesverfassungsgericht hat ja selbst Bedenken geäußert und das
Gesetz für unvereinbar mit dem GG erklärt. Also soll man sich nicht danach richten? Warum
gibt es denn kein Gesetz, dass die Rechtslage eindeutig klärt? Damit wäre doch allen – auch
mir als Laienrichter – geholfen? Irgendwie scheint es dann doch einen rechtsfreien Raum
oder zumindest eine Gesetzeslücke zu geben? Wie soll man da bloß entscheiden?
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AUFGABE
Sie finden auf diesem Arbeitsblatt einige Äußerungen der Prozessbeteiligten: Ordnen Sie die
Äußerungen den Personen zu: Welche Rolle spielte der Angeklagte in der Situation? Welche
Handlungsmöglichkeiten hatten er und die anderen?
AUFGABE
Sie finden auf diesem Arbeitsblatt einige Äußerungen der Prozessbeteiligten: Ordnen Sie die
Äußerungen den Personen zu: Welche Rolle spielte der Angeklagte in der Situation? Welche
Handlungsmöglichkeiten hatten er und die anderen?
RICHTIGE ZUORDNUNG
Staatsanwältin
●● Mir liegt hier der Notfallplan des Stadions vor. Danach kann das gesamte Station inner-
halb von 15 Minuten vollständig geräumt werden.
●● Ist ihnen bekannt, dass der früher Verteidigungsminister Franz Josef Jung gesagt hat,
er würde trotz des Beschlusses des Verfassungsgerichts entführte Passagierflugzeuge
abschießen lassen?
●● Es würden nur solche Piloten ausgewählt, die bereit sind, im Ernstfall eine solche Ma-
schine abzuschießen.
●● War es so, dass sie und ihre Kollegen sicher waren, dass Major Koch das Flugzeug ab-
schießt?
Lauterbach:
●● Ich gehe davon aus, dass die meisten der Kameraden genauso wie Major Koch gehan-
delt hätten. Vermutlich auch ich…
●● Dazu hatten wir keine Zeit.
●● Ich habe mir vorstellen können, dass Major Koch schießen würde.
●● In der Zwischenzeit würden wir unter Berufung auf einen „übergesetzlichen Notstand“
eingreifen.
●● Jeder in dieser Einheit überlegt ständig, was passiert, wenn der Renegade eintritt.
Koch:
●● Wenn ich nicht schieße, werden Zehntausende sterben.
Verteidiger
●● Waren Sie oder der Angeklagte für die Räumung des Stadions verantwortlich? Hätte der
Angeklagte die Möglichkeit gehabt, das Stadion zu räumen?
Richter
●● Die Wahrheit wäre hilfreich.
●● Es lag also ausschließlich in Major Kochs Hand
●● Jeder in dieser Einheit überlegt ständig, was passiert, wenn der Renegade eintritt.
Formulieren Sie einige Gedanken, die der Angeklagte am Ende der Vernehmung haben
könnte:
Koch: Den Eindruck hatte ich damals schon, dass die da unten im Führungszentrum auf ein
Wunder hoffen. Tun gar nichts und lassen mich da in der Luft hängen. Wette – die Staatsan-
wältin hat irgendwie recht. Die haben mich machen lassen, weil sie wussten: Ich werde
schießen und sie sind fein raus. Ich bin das Bauernopfer für sie.
In der Vernehmung des angeklagten Major Lars Koch werden einige wichtige Fakten darge-
stellt, die sowohl die Person als auch die Persönlichkeit des Angeklagten betreffen sowie die
Motive, die seine Entscheidung zum Abschuss der Passagiermaschine beeinflussten.
AUFGABEN
1. Beschreiben Sie Ihren Eindruck von der Persönlichkeit des
Angeklagten nach der Vernehmung durch den vorsitzenden
Richter:
2. Stellen Sie eine Liste der Argumente zusammen, die Major Koch für seine Entscheidung
vorbringt
In der Vernehmung des angeklagten Major Lars Koch werden einige wichtige Fakten darge-
stellt, die sowohl die Person als auch die Persönlichkeit des Angeklagten betreffen sowie die
Motive, die seine Entscheidung zum Abschuss der Passagiermaschine beeinflussten.
AUFGABEN
1. Beschreiben Sie ihren Eindruck von der Persönlichkeit des Angeklagten nach der Ver-
nehmung durch den Vorsitzenden Richter:
Der Angeklagte wird als ein hochintelligenter Mensch dargestellt, mit besten Schulnoten
und bester, hochqualifizierter Ausbildung, der seinen Beruf bewusst gewählt hat und sich
seinen Aufgaben als Soldat verpflichtet weiß.
2. Stellen Sie eine Liste der Argumente zusammen, die Major Koch für seine Entscheidung
vorbringt
●● Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Sache ist falsch.
●● Es muss das Verhältnis der Anzahl der zu rettenden Leben abgewogen werden.
●● Ein einzelnes Leben darf aufgegeben werden, wenn mehrere andere gerettet werden
können.
●● Ich bestimme nicht, wer lebt oder stirbt. Ich reagiere auf eine Situation.
●● Die Menschen in der Zivilmaschine hatten nur noch kurze Zeit zu leben.
●● Es geht um das unausweichliche Ergebnis.
●● Die Menschen in der Maschine gingen das Risiko ein, das ihre Maschine entführt werden
kann. Die Menschen sind mitschuldig für das, was ihnen passiert ist.
●● Ich habe die Maschine im letzten Augenblick abgeschossen. Ich habe nicht länger war-
ten können.
●● Die Menschen haben in ihre mögliche Tötung eingewilligt.
●● Die Zivilisten sind zum Teil einer Waffe geworden. Der Terrorist hat das Flugzeug in sei-
ne Waffe verwandelt und gegen diese Waffe muss ich kämpfen.
●● Ich bin da oben. Ich trage die Verantwortung. Ich kann mir keine Gedanken über das
Wesen des Menschseins erlauben. Ich muss entscheiden.
●● Ich habe einen Eid geschworen, das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes zu
verteidigen.
●● Der Staat schließt es nicht aus, dass ein Mensch bewusst geopfert wird.
●● Ich bin durch Befehl und Gehorsam gezwungen.
●● Die Entscheidung des BVG macht es Terroristen leicht, Unschuldige zu benutzen, weil
der Staat sich nicht mehr wehren kann. Die Entscheidung hat uns hilflos gemacht.
●● Die Menschen im Flugzeug mussten sich opfern, weil die Staatsraison es verlangt.
3. Die Staatsanwältin fragt: „Hätten Sie geschossen, wenn ihre Frau in dem Flugzeug ge-
sessen hätte?“ Major Koch: „Diese Frage kann ich nicht beantworten.“ Diskutieren Sie:
Ist diese Frage nicht beantwortbar oder ergibt sich aus den Argumenten des Angeklag-
ten eine mögliche Antwort?
Die Frage betrifft das private Leben des Angeklagten, seine Frau sitzt im Zuschauerraum.
In dieser Situation ist die Frage aus emotionalen Gründen nicht beantwortbar. Wenn der
Angeklagte aber seine Argumente unter 2. verallgemeinert, müsste er sie unabhängig
von der Beziehung zu einer Person gelten lassen. Seine Entscheidung wäre davon nicht
abhängig.
Mit der Vernehmung der Nebenklägerin ist die Beweisaufnahme in diesem Verfahren abge-
schlossen. Der Prozessverlauf lässt es nicht zu, dass die Zeugen und der Angeklagte direkt
miteinander reden. Dennoch treffen sich im Prozess öfter die Blicke des Führungsoffiziers
Lauterbach, der Nebenklägerin Meiser und des Angeklagten Koch sowie dessen Frau im
Zuschauerraum. Was würden oder könnten Sie sich sagen, wenn sie die Möglichkeit zu einer
Gesprächsrunde jenseits des juristischen Raumes hätten? Ein solcher Opfer-Täter-Ausgleich
kann fiktiv gestaltet werden. Dazu finden Sie auf dem Arbeitsblatt einige Aussagen der Per-
sonen, die Sie durch weitere Aussagen ergänzen können, um anschließend eine Gesprächs-
runde der vier Personen zu simulieren. Ergänzen Sie dazu vorbereitend die Sprechblasen
mit Sätzen, die Sie den Beteiligten in den Mund legen möchten, auch mit Fragen an die an-
deren Personen.
Was soll ich meiner Tochter sagen? – Die Menschen in der Maschine hätten
Vielleicht hätte mein Mann ja doch noch sich des Risikos bewusst sein müssen?
das Cockpit öffnen können. – Sie haben Ich musste entscheiden, ich musste
ihn umgebracht. abwägen.
Was hätte mein Mann getan, wenn ich Ich habe auf ein Wunder gehofft. Vermut-
und unser Sohn in der Maschine geses- lich hätten alle Kameraden so gehandelt.
sen hätte? – Ich habe von Anfang an ge- Ich auch. – Das war doch keine Wette. –
wusst, dass ich einen Soldaten heirate. Ich habe nichts getan. An die Evakuie-
rung hat niemand gedacht.
Mit der Vernehmung der Nebenklägerin ist die Beweisaufnahme in diesem Verfahren abge-
schlossen. Der Prozessverlauf lässt es nicht zu, dass die Zeugen und der Angeklagte direkt
miteinander reden. Dennoch treffen sich im Prozess öfter die Blicke des Führungsoffiziers
Lauterbach, der Nebenklägerin Meiser und des Angeklagten Koch sowie dessen Frau im
Zuschauerraum. Was würden oder könnten Sie sich sagen, wenn sie die Möglichkeit zu einer
Gesprächsrunde jenseits des juristischen Raumes hätten? Ein solcher Opfer-Täter-Ausgleich
kann fiktiv gestaltet werden. Dazu finden Sie auf dem Arbeitsblatt einige Aussagen der Per-
sonen, die Sie durch weitere Aussagen ergänzen können, um anschließend eine Gesprächs-
runde der vier Personen zu simulieren. Ergänzen Sie dazu vorbereitend die Sprechblasen
mit Sätzen, die Sie den Beteiligten in den Mund legen möchten, auch mit Fragen an die an-
deren Personen.
Was soll ich meiner Tochter sagen? – Die Menschen in der Maschine hätten
Vielleicht hätte mein Mann ja doch noch sich des Risikos bewusst sein müssen?
das Cockpit öffnen können. – Sie haben Ich musste entscheiden, ich musste
ihn umgebracht. abwägen.
Das war Mord. Niemand hat in diesem Augen- Ich weiß, dass ich ihren Mann umgebracht habe.
blick an die Angehörigen gedacht. Warum haben Aber es war kein Mord. Als Soldat musste ich
sie auf die Frage, ob sie geschossen hätten, so handeln. Persönlich tut es mir leid und ich
wenn ihre Frau im Flugzeug gesessen hat, werde diese Schuld ein Leben lang mit mir
geschwiegen? herumtragen.
Auch ich möchte darauf eine Antwort haben: Ehrlich gesagt: Wir waren auf eine solche
Hättest du geschossen? Wie ich dich und Situation doch nicht richtig vorbereitet. Der
deinen Soldatengehorsam kenne: Du hättest Ernstfall ist doch anders als die Entscheidungen
geschossen! bei den Simulationen. Hätte ich den Mut aufge-
bracht, den Befehl zu geben, säße ich jetzt
dort, wo sie sitzen!
Was hätte mein Mann getan, wenn ich Ich habe auf ein Wunder gehofft. Vermut-
und unser Sohn in der Maschine geses- lich hätten alle Kameraden so gehandelt.
sen hätte? – Ich habe von Anfang an ge- Ich auch. – Das war doch keine Wette. –
wusst, dass ich einen Soldaten heirate. Ich habe nichts getan. An die Evakuie-
rung hat niemand gedacht.
Meine Damen und Herren, nun ist es an Ihnen: Freispruch oder Ver-
urteilung? Lassen Sie sich nicht durch Sympathie oder Antipathie für
den Verteidiger oder die Staatsanwältin leiten. Urteilen Sie aus-
schließlich nach dem, was Sie selbst für richtig halten. Wenn Sie
sich entschieden haben, fällen Sie Ihr Urteil. Ich werde es dann ver-
künden:
AUFGABE
Bitte fällen Sie ihr Urteil und begründen Sie ihre Entscheidung unter dem Button. Wenn Sie
möchten, können Sie auch Argumente für ein anderes Urteil unter dem anderen Button sam-
meln, um sich auf eine Diskussion mit ihrer Zuschauergruppe vorzubereiten:
Meine Damen und Herren, nun ist es an Ihnen: Freispruch oder Ver-
urteilung? Lassen Sie sich nicht durch Sympathie oder Antipathie für
den Verteidiger oder die Staatsanwältin leiten. Urteilen Sie aus-
schließlich nach dem, was Sie selbst für richtig halten. Wenn Sie
sich entschieden haben, fällen Sie Ihr Urteil. Ich werde es dann ver-
künden:
AUFGABE
Bitte lesen Sie, bevor sie Ihr Urteil fällen, noch einmal die Beispielgeschichten, die die Staats-
anwältin und der Verteidiger in ihren Plädoyers benutzen. Notieren Sie mit einigen Sätzen,
ob Sie die Beispiele für den vorliegenden Fall für wichtig halten.
Fällen Sie anschließend Ihr Urteil und begründen Sie Ihre Entscheidung unter dem Button.
Wenn Sie möchten, können Sie auch Argumente für ein anderes Urteil unter dem anderen
Button sammeln, um sich auf eine Diskussion mit Ihrer Zuschauergruppe vorzubereiten:
Das deutsche Strafrecht und das Grundgesetz sehen zwei Möglichkeiten vor, die den ver-
handelten Fall zumindest juristisch in einem neuen Licht scheinen lassen:
(1) Wer in einer gegenwärtigen, nicht anders abwendbaren Gefahr für Leben, Leib oder
Freiheit eine rechtswidrige Tat begeht, um die Gefahr von sich, einem Angehörigen oder
einer anderen ihm nahestehenden Person abzuwenden, handelt ohne Schuld. Dies gilt
nicht, soweit dem Täter nach den Umständen, namentlich weil er die Gefahr selbst verur-
sacht hat oder weil er in einem besonderen Rechtsverhältnis stand, zugemutet werden
konnte, die Gefahr hinzunehmen; jedoch kann die Strafe nach § 49 Abs. 1 gemildert wer-
den, wenn der Täter nicht mit Rücksicht auf ein besonderes Rechtsverhältnis die Gefahr
hinzunehmen hatte.17
Würde Major Koch nach diesem Paragrafen verurteilt werden, könnte die zu erwartende
lebenslange Haftstrafe nach § 49 STGB auf drei Jahre abgemildert werden.
Schließlich sieht der Art. 60 des Grundgesetzes vor, dass der Bundespräsident das Recht
der Begnadigung ausüben kann. Major Koch könnte also auf eine Begnadigung hoffen. In
beiden Fällen wäre Major Koch aber schuldig verurteilt.
AUFGABE
2. Halten Sie es für richtig, dass der Bundespräsident in diesem Fall von seinem Begnadi-
gungsrecht Gebrauch machen sollte? Schreiben Sie dazu einen Kommentar Pro oder
Contra, der in einer renommierten deutschen Tageszeitung erscheinen würde.
17 [Link]
AUFGABE 1
●● Bewerten Sie diese sehr unterschiedlichen Ergebnisse. Welchen Einfluss hat nach Ihrer
Meinung die individuelle Entscheidung durch „Klicks“ im Online-Verfahren gegenüber
dem Votum durch ein Theaterpublikum? Was könnte dies für juristische und ethische
Entscheidungen bedeuten?
●● Nach einem Gesetzentwurf der Bundesregierung soll es bald in bestimmten Fällen mög-
lich sein, dass Live-Aufnahme aus dem Gerichtssaal gesendet werden können. Könnte
dies Ihrer Meinung nach Einfluss auf eine Gerichtsverhandlung haben?
AUFGABE 2
Vergleichen Sie einige Argumente aus der Urteilsbegründung. Ist es möglich, jedes Argu-
ment so zu formulieren oder zu ergänzen, dass es als Begründung für das jeweils andere
Urteil dient. Versuchen Sie es!
Lars Koch schoss nicht aus persönlichen Dieses Gericht hält es jedenfalls für falsch,
Gründen, sondern um die Menschen Leben gegen Leben, gleich in welcher Zahl,
im Stadion zu retten. Er wählte also das abzuwägen. Es verstößt gegen unsere Ver-
objektiv kleinere Übel. Deshalb trifft ihn fassung, gegen die Grundnormen unseres
kein strafrechtlicher Makel. Zusammenlebens … Ihr oberstes Prinzip –
die Würde des Menschen – ist zwar eine
Erfindung, aber das macht sie nicht weniger
schützenswert.
Infrage kommt hier der sogenannte überge- Die Passagiere der Lufthansa-Maschine
setzliche Notstand. Tatsächlich hat sich der waren nicht nur dem Terroristen, sondern
frühere Verteidigungsminister Jung auch auch Lars Koch hilf- und wehrlos ausgelie-
darauf berufen. fert. Sie wurden getötet, ihre Würde, ihr un-
veräußerliches Recht, ihr ganzes Mensch-
sein wurde missachtet.
Auch wenn es schwer zu ertragen ist, müs- Das heutige Urteil dieses Gerichts soll also
sen wir doch akzeptieren, dass unser Recht auch als erneute Warnung vor den schreck-
offenbar nicht in der Lage ist, jedes morali- lichen Gefahren verstanden werden, die es
sche Problem widerspruchsfrei zu lösen. bedeutet, die Grundwerte der Verfassung
zu verletzen.
Bei der Onlinebefragung nach der Erstausstrahlung des Films urteilten gut 87 % der Zu-
schauenden für „Nicht schuldig“, bei den mehr als 400 Theateraufführungen des Stücks
waren es 60:40 für „Nicht schuldig“
AUFGABE 1
●● Bewerten Sie diese sehr unterschiedlichen Ergebnisse. Welchen Einfluss hat nach ihrer
Meinung die individuelle Entscheidung durch „Klicks“ im Online-Verfahren gegenüber
dem Votum durch ein Theaterpublikum? Was könnte dies für juristische und ethische
Entscheidungen bedeuten?
Es könnte sein, dass die Entscheidung anders ausfällt, wenn man sie vorher diskutiert.
Vor dem Fernseher geschieht sie vielleicht eher „aus dem Bauch heraus“. Nicht umsonst
zieht sich auch das Gericht „zur Beratung“ zurück.
●● Nach einem Gesetzentwurf der Bundesregierung soll es bald in bestimmten Fällen mög-
lich sein, dass Live-Aufnahme aus dem Gerichtssaal gesendet werden können. Könnte
dies nach ihrer Meinung Einfluss auf eine Gerichtsverhandlung haben?
Nicht umsonst kennen wir die Gewaltenteilung in Legislative – Jurisdiktion – Exekutive.
Wir sind nicht mehr im Mittelalter, wo vielleicht der ganze „Stamm“ sein Urteil fällt. Fehl-
urteile gibt es immer wieder, aber die Begrenzung auf die Urteilsfindung im Gericht hat
durchaus Sinn. Wenn alle Verhandlungen per Video übertragen und diskutiert werden,
könnte dies die Richter beeinflussen und „nach Volkes Meinung“ und nicht nach Gesetz
entscheiden lassen.
AUFGABE 2
Vergleichen Sie einige Argumente aus der Urteilsbegründung. Ist es möglich, jedes Argu-
ment so zu formulieren oder zu ergänzen, dass es als Begründung für das jeweils andere
Urteil dient. Versuchen Sie es!
Lars Kochs strafrechtlicher Makel ist es, Der Verfassungsgrundsatz der Würde eines
dass er in seiner Gewissensentscheidung Menschen ist eine Erfindung und wird in der
nach dem Grundsatz des kleineren Übels Realität auch in anderen Fällen nicht beach-
entschied und nicht nach der Gesetzeslage. tet. So wären Sie schuldfrei, wenn Sie ei-
nen Radfahrer überfahren, weil sie ihrer
Tochter ausweichen wollen, die vor ihr Auto
läuft.
Der sogenannte „übergesetzliche Notstand“ Im anderen Fall hätte Lars Koch die Würde
ist rechtlich gar nicht festgelegt und auch und das Menschsein von ca. 70.000 Men-
der ehemalige Bundesverteidigungsminister schen missachtet. So aber hat er ihnen zum
kann sich darauf nicht berufen. Leben verholfen.
Gerade weil es in moralischen Fragen keine Wo kämen wir hin, wenn niemand mehr die
zweifelsfreie Lösung gibt, muss das Recht Möglichkeit hat, aufgrund seines eigenen
entscheiden, auch wenn die Moral gegen Gewissens zu entscheiden. In diesem
die Entscheidung spricht. Sinne haben ja z.B. die Menschen, die das
Attentat gegen Hitler verübt haben, auf-
grund ihres Gewissens gegen herrschendes
Recht verstoßen.