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Die ZEIT Nr. 19 - 2020 (29.04.2020) - Zeitverlag Gerd Bucerius

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DIEZEIT

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PREIS DEUTSCHLAND 5,50 €
22.04.20 1 14:42
WO C H E N Z E I T U N G F Ü R P O L I T I K W I RTS C H A F T W I S S E N U N D KU LT U R 29. APRIL 2020 N o 19
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22.04.20 2 13:23

Yesterday
Pippi Langstrumpf wird 75 Ex-Beatle Paul
McCartney spricht
über sich und
seine verstorbene
erste Frau Linda
Magazin

Ein

Keine Angst
Supergauner
Der Betrüger Mike
Wappler erzählt, wie
er seine reichen

vor niemand!
Opfer blendete
Dossier, Seite 13

Wo bleiben
die Frauen?
Titelillustration: Golden Cosmos für DIE ZEIT

Wie eine anarchische Kinderbuch-Heldin Generationen von Menschen stark Julia Jäkel schlägt
gemacht hat. Und warum sie heute noch ein systemsprengendes Vorbild ist Alarm: Wieso
Z – ZEIT ZUM ENTDECKEN UND KINDERSEITE
dominieren in
der Krise plötz-
lich wieder
die Männer?
Streit, Seite 11
DISKUSSION UM CORONA-MASSNAHMEN STAATLICHE MILLIARDENHILFEN

Ein anderes Virus Was wirklich lohnt


Zweifel am Kurs der Politik müssen sein – aber der zunehmend giftige Es ist an der Zeit, dem Retten eine Richtung zu geben und die
Ton der Debatte wird der Lage nicht gerecht  VON GIOVANNI DI LORENZO Wirtschaft grüner und digitaler zu gestalten  VON UWE JEAN HEUSER

N D
PROMINENT IGNORIERT
eben Corona macht sich gerade riert, die hochseriöse New York T ­ imes fragt ­an­ eutschland wird weltweit be- Klimafrage zu verzahnen. Das Retten soll eine zu-
ein Virus breit, das zwar nicht erken­nend, wie Deutschland es wohl geschafft neidet, weil es sich riesige Ret-
kunftsgewandte Richtung, ja überhaupt einen
tötet, aber eine ganze Gesell- hat, eine so geringe Todesrate zu haben. tungspakete leisten kann. Dochgreifbaren und vorzeigbaren Inhalt bekommen.
schaft in Mitleidenschaft ziehen Tatsächlich hat das Land leicht verspätet, aber diese Großzügigkeit muss ein- Das spricht nicht gegen den »Corona-Schutz-
könnte. Es ist das Gift der Ver- dann doch effizient reagiert (von der Beschaffung malig bleiben und darf nicht schild« der Bundesregierung. Nicht gegen die­
harmlosung der Pandemie als der Masken und der überfälligen Einführung einer zum neuen Normal werden. Soforthilfe, die Kredite, die möglichen Staatsbetei-
kollektive Hysterie und der Verunglimpfung aller Corona-App einmal abgesehen), die Menschen sind Gerade die Deutschen haben ja in den vergange- ligungen, die vielen ihr Auskommen retten und das
Maßnahmen zum Schutz vor Corona als eine Art diszipliniert, das Gesundheitssystem hat sich als nen zehn Jahren die Erfahrung gemacht, dass es Vertrauen ins Land stärken. Doch statt diese Pro-
Virus-Diktatur. Daran beteiligen sich seit Anbe- besser erwiesen als sein Ruf. Doch nun läuft Psy- sich lohnt, sich einen Aufschwung zu erarbeiten gramme erst einmal wirken zu lassen, kommen
ginn Verschwörungstheoretiker, aber auch bis chologie gegen Mathematik. Die Psychologie lässt und dann zu sparen – um später im Krisenfall aus täglich neue Forderungen hinzu. Für Groß und
dahin unauffälligere Wutbürger, neuerdings zudem
Kommentatoren sowie Politiker, die offenbar dem
einen sagen: Ich kann nicht mehr! Oder: Ich brau-
che mehr Unterstützung als andere! Die Mathe-
dem Vollen schöpfen zu können. Umso mehr Klein, für die Gastronomie oder die Autoindustrie,
sollte man jetzt, da das Staatsgeld fließt, fragen,
ganz egal. Nur ist Wirtschaft schon zu normalen
Schicksal
nächsten Karrieresprung entgegenfiebern. matik hingegen misst Erkrankungskurven und wie eine leistungsfähige Wirtschaft nach der Kri- Zeiten ein Prozess von Schöpfung und Zerstörung. Während der Löscharbeiten an ei-
Mit jeder Woche, die der Lockdown andau- definiert Linien, unter denen die Ansteckungs- se aussehen soll. Will man da wirklich alle alten Strukturen retten nem Brand in Neuberg-Ravolz-
ert, sind Zweifel und Kritik zwar nötiger denn je, quote bleiben muss, damit sich die Zahl der Infi- Die erste Antwort lautet: am besten nicht wie – oder nicht besser neuen Wohlstand schaffen? hausen (Hessen), bei dem bloß
zu auffällig sind die Widersprüche der Corona- zierten erst stabilisiert und dann verringert – und vorher! Das Allgemeine beweist sich im Konkreten. Die Sachschaden entstand, wurde ein
Politik: Egal, ob es sich um die Schließung von mit ihr die Todesraten. Die Trends kann man leider Schon bevor die Viruskrise ausbrach, offen- Autoindustrie verlangt nach staatlichen Kaufprä- Feuerwehrmann wegen mutmaßli-
Kitas und Schulen, die Maskenpflicht oder die immer erst mit wochenlangem Abstand erkennen, barte die hiesige Wirtschaft ungewohnte Schwä- mien für ihre Autos – gerne, aber doch nicht für cher Brandstiftung verhaftet. In Max
Kontrolle von Grenzen handelt – Virologen, die deshalb mahnen die meisten Mediziner und die chen. Die Erfolgsmasche, der Welt immer mehr CO₂-Schleudern. Wenn schon, sollte Deutschland Frischs Drama Biedermann und die
das anfänglich forderten, wurden von Politik mathematikaffine Kanzlerin zur Vorsicht. Autos und Maschinen zu liefern, stieß an ihre den Kauf von Öko-Autos mit Strom-, Wasserstoff- Brandstifter heißt es: »Feuergefähr-
und Medizinerkollegen als profilsüchtige Panik- In diese explosive Gemengelage platzte dann Grenzen. Das liegt nicht nur am wachsenden­ oder wenigstens Hybridantrieb unterstützen und lich ist viel, / Aber nicht alles, was
macher diskreditiert, bevor dann eben genau noch ein Interview von Wolfgang Schäuble im Widerstand gegen das deutsche Exportmodell in gleichzeitig mehr Ladestellen aufbauen und Wind- feuert, ist Schicksal ...« Schicksal zu
diese Maßnahmen doch verabschiedet wurden. Tagesspiegel. Sein Wort, dass nicht alles vor dem Washington oder Paris, sondern auch daran, dass und Sonnenkraft forcieren. Das Land würde einen spielen steht selbst einem Feuer-
Und warum es für einen Menschen risikoreicher Schutz von Leben zurücktreten müsse, hat zwar die Weltwirtschaft in schnellen Schritten digitaler
Modernisierungsschub erleben. wehrmann nicht zu.  GRN.
sein soll, eine Kirche zu betreten als einen Bau- sein Wahres: Schließlich verbietet der Staat auch und grüner wird. Man sieht es am relativ kleinen Ungleich größer ist das Beispiel des europäi-
markt, oder warum ein Bekleidungsladen mit nicht das Rauchen, das Autofahren oder das­ kalifornischen E-Auto-Bauer Tesla, der inzwischen schen Konjunkturpakets, das vielleicht eine Bil­lion Kleine Bilder (v. o.): Watford/Mirrorpix/Getty
Images; allezhopp Studio für DIE ZEIT;
800 Quadratmeter Grundfläche gefährlicher Arbeiten im Haushalt, was allein mehr als an der Börse alle deutschen Auto-Riesen überholt Euro vor allem in die Krisenländer des Südens Westend61/Getty Images
sein soll als ein wuseliger Gemüseladen, ist in der 10.000 Tote im Jahr verursacht. Der Unterschied hat. Elon Musks Firma produziert keine klassischenspülen wird. Statt x-beliebige Ausgaben in Italien
Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG,
Tat kaum jemandem zu vermitteln. In weiser zu den Corona-Toten aber ist: Kaum ein Mensch oder Frankreich zu ermöglichen, sollte die EU­
Autos, sondern eine Art ­iPhone auf Rädern, digital 20079 Hamburg
Voraussicht hat der umständehalber besonders nimmt freiwillig in Kauf, sich mit dem Virus zu vernetzt und elektrisch angetrieben. damit bevorzugt die Infrastruktur für schnelles Telefon 040 / 32 80 ‑ 0; E-Mail:
aktive Gesundheitsminister Jens Spahn gerade infizieren. Und in der Abwägung, was für das Internet und grüne Energie finanzieren. DieZeit@[Link], Leserbriefe@[Link]
verkündet: »Wir werden in ein paar Monaten Wohlergehen eines Landes maßgebend ist, darf Die Lehre der Krise: Das Digitale läuft Und doch jagt der Klimaschutz vielen Ange- ZEIT ONLINE GmbH: [Link];
wahrscheinlich ein­an­der viel verzeihen müssen.« niemals das Kriterium eine Rolle spielen, dass weiter, wenn Geschäfte und Büros schließen stellten und Unternehmern Angst ein. Jetzt nicht ZEIT-Stellenmarkt: [Link]
etwa das Leben von Menschen über 80 oder das auch noch das, rufen sie, wir haben genug Proble-
Die Bürgerinnen und Bürger demonstrieren von Vorerkrankten nicht ganz so wichtig sei. Die Deutschen haben da einiges nachzuholen, sie me. Bestärkt werden sie in ihrer Furcht durch­ ABONNENTENSERVICE:
alles andere als Untertanendenken Aber man kann sehr wohl besonders Gefähr- brauchen Glasfasernetze fürs Internet genauso wie Kapitalismusgegner, die nun – die Krise als ­Chance Tel. 040 / 42 23 70 70,
Fax 040 / 42 23 70 90,
dete besser schützen, ohne sie in Pflegeheimen zu Stromtrassen für Wind- und Sonnenenergie. Und für alles, was man eh schon immer wollte – eine E-Mail: abo@[Link]
Alles in allem aber hat Deutschland keinen isolieren. Man kann anderen, die kein größeres sie machen gerade eine überraschende Erfahrung: Abkehr vom Wachstum verlangen. Doch Wachs-
Sonderweg beschritten, und seine Bürgerinnen Risiko eingehen, Freiheiten zurückgeben, ohne die So abgründig die digitale Wirtschaft mit ihren tum fehlt den Menschen nie so sehr wie zu Zeiten, PREISE IM AUSLAND:
und Bürger, die die Maßnahmen mit enorm keine Gesellschaft auf Dauer leben kann, auch und Fake-­News und Datenschutzverletzungen zuletzt in denen es in weite Ferne rückt. Deshalb muss klar DK 58,00/FIN 8,00/E 6,80/
CAN 7,30/F 6,80/NL 6,00/
hoher Zustimmung mittragen, demonstrieren vor allem, wenn es darum geht, den eigenen­ erschien, sichert sie in der jetzigen Krise doch­ sein: Klimaschutz ist ebenso wie die Digitalisierung A 5,70/CH 7.90/I 6,80/GR 7,30/
alles ­andere als Untertanendenken, wie ihnen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Man kann Arbeit. Das Digitale läuft einfach weiter, wenn ein Innovationsprogramm für mehr und nicht B 6,00/P 7,10/L 6,00/H 2560,00
schon unterstellt wurde. Fast alle vergleichbaren mehr testen und mehr tracken. Man kann und Geschäfte und Büros schließen müssen – im weniger Wohlstand. Der Staat gibt den Anstoß,
o
N 19
Länder haben ähnliche oder sogar noch stren­ muss auch mehr streiten. Was wir nicht ändern Home­office oder bei Amazon. damit die Wirtschaft sich modernisiert und neue
gere Einschränkungen beschlossen, und dort, können, ist eine Politik, die nach dem Prinzip Ver- Wer erst einmal an die Sicherung unserer Welt Arbeit schafft. Davon zeugen boomende Städte wie
wo am Anfang kleingeredet oder geleugnet wur- such und Irrtum agieren muss, ob es uns gefällt oder denkt, kommt um die Abwehr der Klima­be­ Kopenhagen oder Zürich, die in Richtung Klima-
de, wie in den USA oder Brasilien, ist das Desas- nicht. Doch sie kann sehr wohl ihren Kurs ändern, drohung kaum herum. Wenn Greta Thunberg vor neutralität vorneweg marschieren. 7 5. J A H RG A N G C 7 45 1 C
ter groß. Deutschland hingegen hat sich bislang manchmal muss sie es auch. Und sie kann den Corona recht hatte, dann jetzt keinen Deut weni- Es ist an der Zeit, dem Retten eine Richtung
in der Corona-Krise so verhalten, dass alle Welt Thesenrittern vom Orden der Corona mit Nüch- ger, denn die Klimakrise geht weiter, wie Bauern zu geben, weil es nur dann am Ende auch gelin-
ungläubig auf die Zahlen schaut. Die Internatio- ternheit und Geduld begegnen. gerade lebhaft berichten können. Sechzig deutsche gen kann. 19
nale der Quartalsirren mutmaßt bereits, bei uns Unternehmen riefen diese Woche die Bundesregie-
würden Leichen einfach versteckt oder ­umde­kla­ AA [Link]/audi rung zu Recht auf, die Corona-Rettung und die AA [Link]/audi 4 190745 105507
2 POLITIK 29. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 19

Gescheitert?
Inkompetenz, Verschwörungstheorien und Wunderheilmittel: Wie die Pandemie den Amerikanern zeigt, dass sie unter einem korrupten Regime leben  VON GEORGE PACKER
Foto: Thomas Höpker/Magnum Photos/Agentur Focus

Die Anschläge vom 11. September 2001 brachten die Amerikaner zusammen. Die Corona-Krise trennt sie voneinander

A
ls das Virus in den USA ein­ Wirtschaftskrise, Weltkrieg und Kalter Krieg in der Wie ein ungezogener Junge, der brennende siert. Stattdessen teilte sich die öffentliche Meinung Teststationen zu schaffen. Dazu kam es nie. Er
traf, fand es ein Land mit Erinnerung sehr präsent waren. Damals betrachteten Streichhölzer auf eine ausgetrocknete Wiese wirft, selbst dann, als das Virus sich vom Demokraten- auf machte inkompetente Gouverneure für den­
schweren Vorerkrankungen vor die Menschen im ländlichen Kernland New York begann Trump, das zu opfern, was vom staatsbürger­ das Republikaner-Terrain ausbreitete, entlang der Mangel an Ausrüstung und Schutzkleidung ver­
und nutzte sie skrupellos aus. noch nicht als fremdartige Ansammlung von Ein­ lichen Leben im Lande noch übrig war. Er hat nie bekannten parteipolitischen Fronten. antwortlich.
Chronische Leiden – eine kor­ wanderern und Liberalen, die ihr Schicksal verdient auch nur so getan, als wäre er der Präsident des ganzen Das Virus hätte auch ein starker Gleichmacher Das Hereinschneien dieses blassen Dilettanten im
rupte politische Klasse, eine er­ hatten, sondern als großartige amerikanische Stadt, Landes. Stattdessen hat er uns entlang der Grenzen sein müssen, doch von Anfang an wurden seine Aus­ schmalen Anzug mitten in eine tödliche Krise si­gna­
starrte Bürokratie, eine herzlose die im Namen des ganzen Landes einen schweren von ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht, Religion, wirkungen durch die Ungleichheit verzerrt, die wir li­siert den Zusammenbruch eines ganzen Regierungs­
Wirtschaft, eine gespaltene, abgelenkte Bevölke­ Schlag erlitten hatte. Feuerwehrleute aus Indiana Bildungsgrad, Region und parteipolitischer Präferenz schon so lange hinnehmen. Als Testkits nicht aufzu­ modus – mag er auch noch so sehr mit Ausdrücken
rung – waren seit Jahren nicht behandelt worden. legten über 1200 Kilometer zurück, um sich an den ge­gen­ein­an­der ausgespielt. Sein wichtigstes Werkzeug treiben waren, gelang es den Reichen und gut Ver­ aus dem BWL-Studium um sich werfen, um das
Wie schwerwiegend sie waren, offenbarte sich erst Rettungsmaßnahmen am Ground Zero zu beteiligen. beim Regieren war die Lüge. Ein Drittel des Landes netzten – Model und Reality-TV-Moderatorin Heidi eklatante Versagen der Regierung seines Schwieger­
durch die direkte Erfahrung einer Pandemie. Sie Unsere spontane Re­ak­tion als Bürger bestand darin, schloss sich in einem Spiegelkabinett ein, das es für Klum, sämtlichen Spielern der Basketball-Mannschaft vaters zu verschleiern. Wie sich zeigt, sind wissen­
erschütterte uns Amerikaner mit der Erkenntnis, zu trauern und uns gemeinsam stark zu machen. die Realität hielt; ein Drittel verlor bei dem Versuch, Brooklyn Nets, den konservativen Verbündeten des schaftliche Sachverständige und andere Staatsbeamte
dass wir zur Hochrisikogruppe gehören. Durch parteipolitisches Kalkül und katastrophale an der Vorstellung einer erfassbaren Wahrheit fest­ Präsidenten – irgendwie dennoch, sich testen zu las­ keine verräterischen Mitglieder eines deep ­state,
Die Krise erforderte rasches, rationales, gemein­ politische Entscheidungen, insbesondere zum Irak- zuhalten, fast den Verstand; und ein Drittel gab sogar sen, und das, obwohl viele von ihnen gar keine Symp­ sondern unverzichtbare Arbeitskräfte. Werden sie
sames Handeln. Stattdessen reagierten die Vereinig­ Krieg, wurde das Gefühl der nationalen Einheit aus­ diesen Versuch auf. tome hatten. Normale Bürger mit Fieber und Schüt­ zugunsten von Ideologen und Hofierern ausgegrenzt,
ten Staaten wie Pakistan oder Weißrussland – wie ein gelöscht und eine Verbitterung gegenüber der poli­ Trump übernahm eine Regierung, die nach jahre­ telfrost mussten in langen Schlangen warten, um am gefährdet das die Gesundheit der Bevölkerung. Wie
Land mit minderwertiger Infrastruktur und einer tischen Klasse gefördert, die nie ganz abgeklungen langen rechtsgerichteten ideologischen Angriffen, Ende doch abgewiesen zu werden. Im Internet kur­ sich zeigt, sind »agile« Unternehmen nicht in der
dysfunktionalen Regierung, deren Chefs zu korrupt ist. Durch die zweite Krise – den Zusammenbruch einer Politisierung durch beide Parteien und stetigem sierte der Witz, man könne nur auf eine Weise heraus­ Lage, sich auf eine Katastrophe vorzubereiten oder
oder zu dumm waren, um massenhaftes Leid abzu­ des Finanzsystems im Jahr 2008 – wurde sie noch Zusammenstreichen der Mittel gelähmt war. Er finden, ob man an dem Virus erkrankt sei: indem man lebensrettende Güter zu verteilen – das schafft nur
wenden. Die US-Regierung vergeudete zwei un­ verstärkt. Die verantwortlichen Spitzenbanker wur­ machte sich daran, die Sache zu Ende zu bringen und einem reichen Menschen ins Gesicht niese. eine kompetente Regierung. Wie sich zeigt, hat alles
wiederbringliche Monate, die sie zur Vorbereitung den öffentlich angeprangert, aber nicht strafrechtlichden Staatsapparat vollends zu zerstören. Er verjagte seinen Preis, und die jahrelangen Attacken auf den
hätte nutzen können. Der Präsident zeichnete sich verfolgt. Die meisten konnten ihr Vermögen behal­ einige der erfahrensten Beamten, ließ entscheidende Die jahrelangen Attacken auf den Staatsapparat, der ausgehöhlt und in seiner Moral
durch vorsätzliche Blindheit, Schuldzuweisungen, ten, einige auch ihre Stelle. Schon bald waren sie Stellen unbesetzt und setzte den eingeschüchterten Staatsapparat haben einen tödlichen Preis geschwächt wurde, bezahlt die Bevölkerung nun mit
Prahlereien und Lügen aus, seine Sprachrohre ver­ wieder voll dabei. Überlebenden loyale Anhänger vor die Nase – mit Menschenleben.
breiteten Verschwörungstheorien und priesen Wun­ All das dauerhafte Leid bekamen Amerikaner in einem einzigen Ziel: seinen eigenen Interessen zu In normalen Zeiten fällt den meisten Amerikanern Der Kampf zur Bewältigung der Pandemie muss
derheilmittel. der Mitte und am unteren Rand der Gesellschaft zu dienen. Durch seine legislative Hauptleistung, eine diese Art von Privileg kaum auf, doch in den ersten auch ein Kampf dafür sein, dass die Gesundheit
Den ganzen schier endlosen März über stellten spüren. Sie verloren ihre Arbeit, ihr Zuhause und ihreder größten Steuersenkungen in der Geschichte des Wochen der Pandemie löste sie Empörung aus. Die unseres Landes wiederhergestellt und es neu aufge­
die Amerikaner jeden Morgen beim Aufwachen fest, Altersvorsorge. Viele erholten sich nie wieder davon. Landes, flossen Unternehmen und Reichen Hunderte­ krasse Ungleichheit unseres Gesundheitssystems trat baut wird. Andernfalls können wir all das Elend und
dass sie in einem gescheiterten Staat lebten. Da es Die Ungleichheit verschärfte sich weiter. Mil­liar­den Dollar zu. Die Nutznießer strömten in angesichts der Leichen-Kühlwagen deutlich zutage, das Leid, das wir jetzt ertragen müssen, niemals
keinen nationalen Plan, keine einheitlichen Anwei­ Scharen in seine Ferienanlagen und ließen ihm Geld die vor staatlichen Krankenhäusern warteten. wiedergutmachen. Unter der jetzigen politischen
sungen gab, mussten Familien, Schulen und Büros Trump hat nie auch nur so getan, als wäre er zukommen, um seine Wiederwahl zu sichern. Waren Am unverfälschtesten verkörpert den politischen Führung wird sich nichts ändern. So wie sich durch
selbst entscheiden, ob sie einen Shutdown durch­ der Präsident des ganzen Landes Lügen sein Mittel bei der Machtausübung, so war Nihilismus Trumps Schwiegersohn und Berater Jared den 11. September und das Jahr 2008 das Vertrauen
führen und Schutz suchen sollten. Als sich heraus­ Korruption sein Ziel. Kushner. Er wurde 1981 in eine wohlhabende Fami­ in die alte politische Klasse abgenutzt hat, so wird das
stellte, dass Tests, Masken, Kittel und Beatmungs­ Diese zweite Krise trieb einen Keil zwischen Ober- Das war die Landschaft, die das Virus in den lie mit Immobilienimperium hineingeboren. Trotz Jahr 2020 der Vorstellung endgültig ein Ende setzen,
geräte knapp waren, baten Gouverneure das Weiße und Unterschicht, Republikaner und Demokraten, USA vorfand: In reichen Städten eine Schicht seiner mäßigen schulischen Leistungen bekam er Anti-Politik sei unsere Rettung. Doch ein Schluss­
Haus um Hilfe. Dieses jedoch zauderte und wandte Städter und Landbewohner, gebürtige Amerikaner weltweit vernetzter, in Büros arbeitender Men­ einen Studienplatz in Harvard, nachdem sein Vater­ strich unter dieses Re­gime, so notwendig und ver­
sich dann an die Wirtschaft, die aber nicht liefern und Einwanderer, gewöhnliche Bürger und politische schen, angewiesen auf eine prekäre Klasse unsicht­ Charles der Universität eine Spende in Höhe von 2,5 dient er auch sein mag, wäre erst der Anfang.
konnte. Die Bürger holten die Nähmaschinen heraus Führungskräfte. Schon seit Jahrzehnten waren die barer Arbeitskräfte im Dienstleistungsbereich. Auf Millionen US-Dollar zugesagt hatte. Der Vater half Die Krise macht unausweichlich klar, dass wir vor
und versuchten, das unzureichend ausgerüstete sozialen Bindungen einer immer stärkeren Belastung dem Land zugrunde gehende Gemeinden, die sich seinem Sohn auch beim Einstieg in das Familien­ einer Wahl stehen. Entweder wir verbarrikadieren
Krankenhauspersonal gesund und dessen Patienten ausgesetzt, nun begannen sie sich aufzulösen. gegen die moderne Welt auflehnten. In den sozia­ unternehmen mit Darlehen in Höhe von zehn Mil­ uns weiter in der Selbstisolation, meiden ein­an­der
am Leben zu halten. Russland, Taiwan und die Ver­ Beide Parteien begriffen erst langsam, wie stark len Medien gegenseitiger Hass und endlose wechsel­ lionen Dollar. Kushner setzte seine elitäre Ausbildung angstvoll und lassen zu, dass das, was uns verbindet,
einten Nationen schickten humanitäre Hilfe ins sie an Glaubwürdigkeit eingebüßt hatten. Politik seitige Beschimpfungen der verschiedenen Lager. an der New York University fort. Sein Vater hatte der vollends verschwindet.
reichste Land der Welt – in eine Bettlernation im würde von nun an populistisch sein. Die Vorreiterin In der Wirtschaft trotz Vollbeschäftigung eine gro­ Hochschule drei Millionen Dollar zukommen lassen. Oder wir lernen aus diesen furchtbaren Tagen,
heillosen ­Chaos. Donald Trump betrachtete die dieser Entwicklung war S­ arah ­Palin, die absurd un­ ße, wachsende Kluft zwischen triumphierendem Kushner ist als Wolkenkratzer-Besitzer und als dass Dummheit und Ungerechtigkeit lebensgefähr­
Krise nahezu ausschließlich aus persönlicher und vorbereitete Vizepräsidentschaftskandidatin, die für Kapital und Not leitenden Arbeitern. In Washing­ Zeitungsverleger gescheitert, hat aber immer jeman­ lich sind; dass Bürger zu sein Arbeit bedeutet, die für
politischer Perspektive. Aus Angst um seine Wieder­ Fachwissen nur Verachtung übrig hatte und sich am ton eine leere Regierung unter Führung eines den gefunden, der ihn rettete. Als sein Schwiegervater eine Demokratie wesentlich ist; dass die Alternative
wahl erklärte er die Corona-Pandemie zum Krieg und Prominentsein berauschte. Sie war ­Donald Trumps Hochstaplers und seiner geistig bankrotten Partei – Präsident wurde, erlangte er schnell Macht in einer zur Solidarität der Tod ist. Wenn wir alle wieder aus
sich selbst zum Kriegspräsidenten. Johannes der Täufer. und im ganzen Land eine von Zynismus und Er­ Regierung, die Dilettantismus, Vetternwirtschaft und unseren Verstecken aufgetaucht sind und die Schutz­
Trotz zahlloser Beispiele für Mut und Opfer­ Trumps Sieg fußte auf der Verschmähung des schöpfung geprägte Stimmung, ohne jegliche Visi­ Korruption zu Leitprinzipien erhob. Solange er sich masken abgenommen haben, sollten wir nicht ver­
bereitschaft von Menschen überall in den USA republikanischen Establishments. Doch schon bald on einer gemeinsamen Identität oder Zukunft. nur mit dem Frieden im Nahen Osten befasste, gessen, wie es sich anfühlte, allein zu sein.
handelt es sich um ein Scheitern auf nationaler wurden sich die konservative politische Klasse und Wenn es sich bei der Pandemie tatsächlich um konnte­den meisten Amerikanern sein überflüssiges
Ebene. Und dies sollte eine Frage aufwerfen, die der neue Mann an der Spitze einig. Ungeachtet ihrer eine Art Krieg handelt, ist es der erste seit anderthalb Hineinpfuschen egal sein. Doch seit er ein einfluss­ George Packer ist einer der bekanntesten Reporter der
die meisten Amerikaner sich nie stellen mussten: Meinungsverschiedenheiten bei Themen wie Handel Jahrhunderten, der auf diesem Boden ausgetragen reicher Berater des Präsidenten in der Coronavirus- USA. »Die Abwicklung«, sein Buch über die Folgen
Haben wir das nötige Vertrauen zu unserer poli­ und Zuwanderung verfolgten sie ein gemeinsames wird. Invasion und Besetzung bringen die Bruch­ Pandemie ist, ist das Resultat ein Massensterben. der Finanzkrise, gewann 2013 den National Book
tischen Führung und zu­ein­an­der, um gemeinsam Ziel: öffentliche Finanzen und Vermögen zugunsten linien einer Gesellschaft zum Vorschein, verdeut­ In der ersten Woche in dieser neuen Funktion Award. Er schreibt für »The Atlantic«
gegen eine tödliche Bedrohung vorzugehen? Kön­ privater Interessen auszubeuten. Geldgeber und lichen grundlegende Wahrheiten und lassen aus der verfasste Kushner die schlechteste Oval-Office-
nen wir uns noch selbst regieren? Poli­tiker der Republikaner, die wollten, dass die­ Tiefe den Gestank von Verwesung aufsteigen. Rede mit, an die man sich erinnert, er unterbrach Aus dem Englischen von  Bettina Röhricht
Dies ist die dritte große Krise im jungen 21. Jahr­ Regierung so wenig wie möglich für das Gemeinwohl Eigentlich hätte das Virus bewirken müssen, dass die wichtige Arbeit anderer Amtsträger und machte © 2020 The Atlantic Media Co., zuerst veröffentlicht
hundert. Die erste, die sich am 11. September 2001 tat, konnten mit einer Führung leben, die vom Re­ sich die Amerikaner gegen die gemeinsame Bedro­ törichte Versprechungen, die sich schon kurz da­ in »The Atlantic Magazine«
ereignete, kam zu einer Zeit, als die Amerikaner ge­ gieren kaum eine Ahnung hatte. Und sie machten hung zusammenschließen. Und vielleicht wäre das rauf in nichts auflösten. Er erklärte etwa, er werde
danklich noch im vorigen Jahrhundert lebten und sich zu Trumps Lakaien. unter einer anderen politischen Führung auch pas­ seine Beziehungen nutzen, um Drive-through- AA [Link]/audi
29. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 19 POLITIK 3

Gelungen?
In Wuhan, dem Epizentrum der Corona-Seuche, inszeniert Chinas KP die erfolgreiche Eindämmung des Virus  VON XIFAN YANG
Foto: Hector Retamal/AFP/Getty Images (gr); kl. Fotos (u., v. l.): Stringer/Getty Images (3)

Nach dem Ende des Lockdowns in Wuhan: Bewohner an einem der vielen Seen der Stadt

E
Wuhan Lu fragt sich seither, ob ihr Mann heute noch Wiedereröffnung am 11. Februar« steht an den der Corona-Krise das Fass der Unzufriedenheit lichen Medien war die Lebensmittelversorgung in
ine Glocke aus Nieselregen und am Leben wäre, hätte das Gesundheitssystem die verriegelten Türen von Geschäften. Noch öfter über die politische Führung zum Überlaufen ge- Wuhan zu jedem Zeitpunkt gesichert. Die Wirk-
Dunst hängt über Wuhan, als Lu beiden nicht im Stich gelassen. Sie fragt sich, wa- liest man: »Neue Mieter gesucht«. So schnell wer- bracht sei. Inzwischen, sagt er, habe er jegliches lichkeit sah in den ersten Wochen des Lockdowns
Nan* mit einer Tüte voller Papier- rum sie umgerechnet 1000 Euro in bar für ihre den sich vermutlich keine finden. Die Corona- Gefühl dafür verloren, wie groß der Frust wirklich anders aus, sagt Zhu Hai. Man muss sich den chi-
geld und kleiner Goldbarren aus Behandlung hinlegen musste, obwohl der Staat die Krise wird Wuhan mit seinen elf Millionen Ein- ist – und wie authentisch der Stolz vieler Lands- nesischen Staatsapparat vielleicht vorstellen wie
Pappe zum Grab ihres Mannes Kostenübernahme für alle Corona-Erkrankten ga- wohnern ein Viertel seiner Wirtschaftsleistung leute, das Virus mit erzwungener und freiwilliger ein Auto, das zwar auf Druck Vollgas geben kann,
aufbricht, Totengeschenke für den rantiert hatte. Und wie sie in Zukunft ihr Leben kosten, schätzen Ökonomen, Privatunternehmen Disziplin weitgehend eingedämmt zu haben. Ge- aber mit kaputtem Scheibenwischer und ohne
Verstorbenen. Sie steigt das ruß- bestreiten soll, falls sie nicht mehr arbeiten kann. gehen bereits reihenweise bankrott. Ladenbesitzer rade für die Mittelschicht habe der Tod des Arztes Licht durch den Regen fährt. Krankenhäuser wur-
schwarze Treppenhaus hinunter in den Hof, wirft Ihre Lunge schmerzt noch immer, ihren rechten fordern in kleinen Protestaktionen auf der Straße Li Wenliang einen Weckruf bedeutet. Doch die den binnen Tagen aus dem Boden gestampft, doch
einen Blick auf einen verblassten Zettel am Ein- Arm kann sie nur mit Mühe heben. Anspruch auf Mietminderung und Soforthilfe. Der Staat hat al- Gesellschaft habe sich wieder in ihrem gewohnten zugleich behinderte ein Dickicht widersinniger
gang, auf dem »Hier leben Bewohner mit Fieber« eine gesetzliche Rente hat sie in Wuhan nicht. lerdings Angst vor einer neuen Schuldenblase und Verdrängungsmodus eingerichtet, sagt Murong Vorschriften und Fahrverbote die Versorgung.
steht, geht vorbei an dem Wärter im Schutzanzug, Schicksale wie das von Lu Nan fallen aus dem geizt mit Unterstützung. Xuecun. Vielen reiche es, dass die Regierung sich So transportierten Behörden Gemüse in Müll-
dem sie einen grünen Gesundheitscode auf ihrem Raster der offiziellen Erzählung der chinesischen Und da sind die Ungewissheit und die Fragen: entschuldigt und die lokalen Verantwortlichen lastern. Bürger schmuggelten Hilfsgüter in Kran-
Handy entgegenstreckt. Er weicht einen Schritt Regierung. Die Menschen, so wünscht es die Wie hoch ist die Zahl der Corona-Toten in Wu- ausgetauscht habe. kenwagen, weil Lkw die Checkpoints nicht passie-
vor ihr zurück, aber winkt sie durchs Tor. Kommunistische Partei, sollen nach vorn blicken: han wirklich, nachdem am 17. April plötzlich die Die staatliche Propaganda dirigiert geschickt ren durften. Zhus Gruppe war eine Art Notfahr-
»Vor Kurzem ist er noch vor mir weggelaufen«, »Wuhan geht zurück an die Arbeit«, »Wuhan hat offizielle Bilanz um 1290 auf 3869 Opfer korrigiert die Fragen nach dem Ursprung der Corona-Epi- dienst. Privatleute aus dem ganzen Land schickten
sagt Lu, keine 1,50 Meter groß, 64 Jahre alt, durchgehalten«, so beglückwünscht die Stadtregie- wurde? Wo kam das Virus her? Wohin ist die kollek- demie. Die verblichenen Poster der Military World Schutzmaterial und Nahrung. Zhu Hai und ande-
schwarze Regenjacke, sanfte Augen hinter der OP- rung ihre Bürger in überlebensgroßen Leuchtbot- tive Wut über den Tod des Arztes Li Wenliang ent- ­Games im Oktober 2019 hängen noch immer in re verteilten sie an Krankenhäuser und Bewohner.
Maske. Mitte März war das. Ihr Gesundheitscode schaften, die jeden Abend über Hochhausfassaden wichen, der für seine frühen Warnungen vor dem der Stadt – ein wenig subtiler Hinweis auf die Ver- Das »Kleine Licht« hatte 80 Mitglieder. Es gab
leuchtete damals gelb. Lu war gerade aus dem flimmern. Der starken Hand der Partei sei es zu Virus von den Behörden gemaßregelt wurde und schwörungstheorie, wonach fünf US-Athleten, die unzählige weitere Gruppen, an die hunderttau-
größten Quarantäne-Lager der Stadt entlassen verdanken, dass 99 Prozent der Bezirke inzwischen schließlich selbst an Covid-19 starb? Was geschah in während der Wettkämpfe wegen Malaria-Fieber send Bürger engagierten sich ehrenamtlich. »Ein-
worden. 28.000 Quadratmeter, 3840 Betten. Ihr frei seien von der Epidemie, loben Staatsmedien. den dunklen Stunden des Lockdowns? behandelt wurden, das Coronavirus in die Stadt mal haben wir zweieinhalb Tonnen Gemüse in
Mann war zu dem Zeitpunkt bereits Asche. Die Nachbarschaftskader wachen, unterstützt von Auf der Suche nach Antworten trifft man auf gebracht haben sollen. Nach einer anderen Variante, eine Wohnanlage gebracht«, erzählt Zhu Hai. Die
Vor vierzig Jahren hatten sie in einem Bauern- Freiwilligen, an Kreuzungen und den Eingängen Schweigen und verwischte Spuren. Die Mitarbeiter die auch Wuhans Taxifahrer gerne aufwärmen, Rentner hätten sich dort um die Ware geprügelt,
dorf nördlich von Wuhan geheiratet, 2001 zogen der über 7000 Wohnanlagen Wuhans, wo überall in den Krematorien, so ist zu hören, wurden ausge- sollen unter den Millionen Grippekranken in weil ihre Kühlschränke seit Tagen leer gewesen
sie in die Großstadt, den Traum von einem besse- blaue Zelte der Katastrophenhilfe als Checkpoints tauscht, um das Personal vor neugierigen Fragen ab- den USA schon im September 2019 zahlreiche seien. Hausverwalter, die wie Kleinfürsten in ihren
ren Leben für sich und ihren Sohn im Gepäck. Ihr postiert sind. Nur Bewohner mit grünem Gesund- zuschirmen. Kritische Blogger sind verschwunden. Corona-­Infizierte gewesen sein. Eine Untersuchung Wohnanlagen regierten, unterschlugen Hilfsliefe-
Mann arbeitete als Wachmann, sie kellnerte hier heitscode dürfen passieren, das gilt auch für das Der berüchtigte Huanan Seafood Market, wo das der Herkunft des Virus durch internationale­ rungen oder verkauften sie an die Höchstbieten-
und da. Vor zwei Jahren heuerte sie als Putzfrau in Betreten von Shoppingmalls, U-Bahn-Stationen Virus auf den Menschen übergesprungen sein soll, Wissenschaftler lehnt Peking ab. den. Zhu Hai führte darum penibel Buch über
einer Zweigstelle des Wuhan Central Hospital an. und dem Nudelimbiss von nebenan. Elektronische ist mit Trennwänden abgesperrt. Geblieben ist ein Zhu Hai*, 22, glaubt der staatlichen Propagan- jede Spende, seine Akten füllen mehrere Ordner.
Lu schrubbte die Böden auf der Chi­rur­gie-­Sta­tion, Displays auf Taxidächern mahnen: »Mundschutz fauler Gestank von Tierkadavern, die offenbar nicht da schon deshalb nicht, weil er zu den Bürgern Das Netz der unsichtbaren Helfer widerlegt die
als die Ärzte im Januar auf den Gängen über ein tragen, Hände waschen, Abstand halten«. rechtzeitig entsorgt wurden. gehört, die die Bevölkerung versorgten, als der These der KP, dass nur sie Ordnung stiften kann.
neues Virus zu tuscheln begannen. Sie legte Son- Ohne die Selbstorganisation der Bürger hätten
derschichten ein, als sich die Intensivbetten füll- arme und ältere Menschen in Wuhan kaum über-
ten. Sie desinfizierte die Schuhe und Uniformen leben können, sagt Zhu Hai.
der Kollegen, als die Schutzanzüge ausgingen und Was wird von dieser Solidarität bleiben? Zhu
Ärzte und Pfleger zu husten begannen. Mehr als zuckt mit den Schultern. »Freiwillige wie wir sind
200 Mitarbeiter im Krankenhaus steckten sich mit Idioten«, sagt er. Er habe seine Ersparnisse, mehr
dem Coronavirus an, auch Lu Nan. als tausend Euro, für die Benzinkosten seiner Mit-
Am 29. Januar bekam sie Fieber. Lu zog in der streiter eingesetzt. Er zeigt auf den Stapel mit den
Patientenaufnahme eine Nummer, aber es waren Spendennachweisen, die er gesammelt hat. »So-
alle Plätze belegt. Angeblich hatte sie nicht die bald ich sie an die Geber verschickt habe, wird
nötigen Papiere, man schickte sie weg. nichts von uns übrig bleiben. Niemand wird sich
Ihre Brust zog sich zusammen, jeder Atemzug an unsere Namen erinnern.« Und wenn die zweite
fühlte sich an wie ein Messerstich. Weil in der Welle kommt? »Sind wir wieder zur Stelle. Wir
Stadt keine Busse mehr fuhren, nahmen sich Lu sind Idioten, sag ich doch.«
und ihr Mann Leihräder, und wo es keine gab, Vor seiner Hütte steht ein schwarzes Elektro­
gingen sie zu Fuß. Vor den Notaufnahmen war Morgensport am Yangtse-Fluss. Eine Mutter mit ihrem Kind. Bauarbeiter auf einem Wolkenkratzer motorrad. Um über die Runden zu kommen, liefert
kein Durchkommen, erzählt sie. Abend um Abend Zhu Hai nun Essen für einen Bestelldienst aus, für
kehrte das Paar wieder heim. Sie legten Beschwerde 60 Cent Lohn pro Auftrag. Nachts, wenn die Stadt
bei ihrem Nachbarschaftskomitee ein. Sie riefen Wuhan ist in diesen Tagen eine Stadt wider- In diesem Nebel des Unwissens versucht Mu- Staat sich nirgends blicken ließ. Er hat zu sich schläft, fährt er die Straßen ab und sucht nach den
die Hotline der Stadtregierung an. sprüchlicher Stimmungen. Da ist neben der ver- rong Xuecun die Wahrheit zu ermitteln. Der nach Hause in einem Altstadtviertel eingeladen: toten Winkeln der Überwachungskameras. Er hat
Am 7. Februar bekam Lus Mann Atemnot. Vier ordneten Freude eine spontane und unverfälschte Name ist das Pseudonym des Pekinger Schriftstel- Ein selbst gezimmerter Verschlag aus Holzbrettern wieder mit dem Sprühen angefangen. An die Mauer
Tage später holte endlich ein Krankenwagen die Erleichterung. Dieser neue Unglücksort der Welt- lers Hao Qun, 46 Jahre alt, ein prominenter Re- und Metallblech, über der Tür hängt das Schild des Krankenhauses, in dem der Arzt Li Wenliang
beiden ab. Lus Zustand besserte sich, ihr Mann wur- geschichte ist an vielen Ecken erstaunlich schön, gimekritiker, der seit Jahren nur noch im Ausland »Diaosi-Dorf«. »Diaosi« bedeutet »Loser«, so be- verstarb, schrieb er: »Es dauert drei Minuten, zu
de an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Am Morgen durchzogen von manikürten Parks und Dutzen- veröffentlichen kann. Seit Anfang April ist er in zeichnet sich Zhu Hai selbst. Er ist ein mittelloser trauern. Es dauert drei Sekunden, zu vergessen.« Am
des 12. Februar schlich sie sich vor Schichtbeginn der den Seen. Die Menschen gehen wieder joggen und Wuhan, um für ein Buch zu recherchieren. »Wir Lebenskünstler: Graffiti-Sprayer, Hobbymusiker, nächsten Morgen war das Graffito verschwunden.
Pfleger in sein Krankenzimmer. Sein Gesicht hatte spielen Federball, Kinder fahren Rollerblades, die Chinesen haben viele Katastrophen erlebt, sie ha- sein Geld verdiente er vor der Corona-Krise mit
eine gelbliche Farbe angenommen, erzählt Lu. Sie Schwertlilien blühen. ben sich in unserer Seele festgesetzt, aber wir sind kleinen Handwerksarbeiten. Als Wuhan abgerie- * Name auf Wunsch der Gesprächspartner geändert
brauche sich nicht zu sorgen, versicherte er. In der- Da sind die Spuren der Schockstarre des Lock- hart im Nehmen und zäh im Erdulden«, sagt er bei gelt wurde, griff er zum Handy und gründete die
selben Nacht starb er an Lungenversagen. downs. »Geschlossen über Chinesisch Neujahr, einem Spaziergang. Er glaubte anfangs, dass mit Freiwilligengruppe »Kleines Licht«. Laut staat­ AA [Link]/audi
4 POLITIK 29. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 19

Versuch und Irrtum


Immer ungeduldiger wird die Bundesregierung nach dem Zielpunkt ihrer Corona-Strategie gefragt. Aber die Zauberformel gibt es nicht 
VON MARIAM LAU

D
ie Zeit der großen Einmütig- wähnte: Die Ursache dieses Werts war die aus Man kann das alles als Planlosigkeit empfin- derzeit zu hoch, um jeden einzelnen Fall nachzuver- weiten Teilen der Bevölkerung, die aber dringend
keit in Deutschland ist vor- den Google-Bewegungsdaten ablesbare freiwillige den. Der SPD-Politiker und Gesundheitsexperte folgen und zu isolieren. Die Gesundheitsämter, so mitmachen muss, wenn das alles klappen soll.
bei. Sie ist einer nie gekann- Kontakteinschränkung der Bürger unter dem Ein- Karl Lauterbach, der die jetzige Lockerung der schätzt man im Kanzleramt, können etwa 300 Fälle Wenn die Leute eher Google vertrauen als dem
ten Ungleichzeitigkeit der druck von Bildern aus Italien und Warnungen aus Maßnahmen für ein »gefährliches, verfrühtes Ma- pro Tag bewältigen, aber es sind derzeit 1500 bis 2000 Robert Koch-Institut, kann man diesen Teil der
Wahrnehmungen gewichen, dem Kanzleramt. Homburgs Argument fand növer« hält, glaubt, die Bundesregierung habe drei täglich. Stattdessen jetzt »Mitigation«, also in Schach Seuchenbekämpfung vergessen (siehe auch Wirt-
von Panik und Euphorie, trotzdem seinen Weg in den Bundestag. wechselnde Strategien verfolgt. halten, moderate Schutzmaßnahmen aufrechterhal- schaft, Seite 25).
Angstschlottern und Unver- Eine gereizte Stimmung ist entstanden: Wir Sie habe zunächst, vor allem angesichts der ten, mit dem Virus leben lernen. Das bedeutet aller- Oder: Für den Virologen mag »Containment«,
wundbarkeitsgefühlen. Es ist geradezu eine Achter- brauchen das alles nicht mehr. Öffentliche In- Särge aus Bergamo und der Kühlwagen in New dings etwas, über das keiner offen spricht, vermutlich Austrocknung, der beste Weg sein, um mit Co-
bahnfahrt. Die Kanzlerin sitzt im ersten Waggon tellektuelle wie Alexander Kekulé, Juli Zeh oder York, sich besonders auf den Ausbau der Intensiv- nicht einmal im kleinsten Kreis, und das wohl trotz- vid-19 fertigzuwerden. Aber wenn zu viele Alte an
und blickt schon in den Abgrund, während Kriti- Julian Nida-Rümelin geben der Tendenz ein kapazitäten und Beatmungsplätze konzentriert. dem unvermeidlich ist: Man nimmt mit dieser Stra- ihrer Einsamkeit verzweifeln, zu viele Kinder in
ker der Kontaktbeschränkungen hinter ihr dem Gesicht. Die Maxime »flatten the curve« zielte in erster Linie tegie mehr Infizierte, infolgedessen auch mehr Tote den Wohnungen durchdrehen oder Schuhverkäu-
Höhepunkt zujubeln und die Rückkehr der Frei- Im Rückblick auf diese Tage werde man sich darauf, dass nicht zu viele Patienten gleichzeitig ins in Kauf, als wenn man noch länger an den bisherigen fer ihre Existenz verlieren, kann ein Kanzleramt
heit im Triumph über das Virus feiern. Der Ab- schon bald »gegenseitig viel verzeihen müssen«, Krankenhaus mussten. Kontaktbegrenzungen festhalten würde. nicht einfach auf Durchzug stellen.
grund – das ist die Gefahr einer zweiten Welle von hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Als sich abzeichnete, dass das Virus auf diese Konfrontiert man Mitglieder der Bundesregie- Keiner der Beteiligten verleugnet die täglichen
Covid-19-Infektionen, die sich eben nicht mehr vergangenen Mittwoch im Bundestag gesagt. Viel- Weise nicht ausreichend eingehegt wurde, habe rung mit dem Eindruck der Planlosigkeit, reagie- Lernprozesse, die dann auch Streitfragen der De-
aus wenigen, übersichtlichen Hotspots he- mokratie betreffen. Dass das Bundesverfas-
raus verbreiten, wie das zu Beginn der­ sungsgericht nicht nur die zeitliche Befris-
Pandemie etwa während des Karnevals in­ tung von Maßnahmen anmahnt, sondern
Gangelt im Kreis Heinsberg geschehen war. ein Demonstrationsverbot dann auch gege-
Stattdessen schleichen jetzt die Ansteckun- benenfalls zurückweist, wird im Regierungs-
gen geisterhaft und potenziell überall umher, viertel, so seltsam das klingt, fast mit Er-
bis sie sich im Herbst oder Winter vielleicht leichterung zur Kenntnis genommen. Bitte
zu einer viel größeren Wucht aufschaukeln sehr, da ist sie doch, die von euch vermisste
und all das verursachen könnten, was bisher demokratische Normalität!
vermieden wurde: Überlastung der Intensiv- Man tastet sich also voran. Dennoch
stationen, heulende Krankenschwestern, gibt es ein paar Leitplanken des Regie-
Rationierung der Beatmungsgeräte, Mas- rungshandelns. Sie seien eigentlich wenig
sensterben. Das stetig wiederholte Kern­ rätselhaft, so wird in der Koalition argu-
anliegen der Merkelschen Corona-Krisen- mentiert. Die absoluten Zahlen, die Ver-
politik ist die Vermeidung des gesellschafts- doppelungszahlen, die Kurve – alles müsse
politischen Horror-Szenarios schlechthin, runter. So würden doch im Grunde alle
der »Triage«: der Situation, in der Ärzte ge- »rationalen Länder« verfahren, von Schwe-
zwungen sind, zu entscheiden, wer behan- den, dem Mekka der Lockerungsbefürwor-
delt und wer aufgegeben wird. ter – wo man noch ins Café darf, aber eine
Erste Anzeichen für eine zweite Welle verhältnismäßig höhere Zahl von Toten hat
sehen Virologen wie der Charité-Professor als die Nachbarländer –, bis Frankreich, wo
Christian Drosten bereits. Das bisschen das Verlassen des eigenen Hauses nur für
mehr Bewegung und Kontakt, das die Leute eine Stunde am Tag möglich ist. Man sei
sich zu Ostern genehmigten – also bevor die erst »da raus«, wenn es einen Impfstoff
ersten Lockerungsmaßnahmen der vergan- gibt, also wahrscheinlich nicht vor 2021.
genen Woche in Kraft traten – erhöhte die Bis dahin werde man einfach besser und
Ansteckungsrate in Deutschland auf einen besser werden müssen.
Wert, der über dem Italiens lag. »Wir ver- Das gilt auch politisch. Natürlich habe man
spielen unseren Vorsprung«, fürchtet Dros- mittlerweile ein »Demokratieproblem«, heißt
ten, der für seine Warnungen inzwischen es aus dem Kabinett, nicht erst seit Merkels
Morddrohungen bekommt. »Öffnungsdiskussionsorgien«. Der Vorwurf,
Kritiker der Regierung dagegen sehen die Kanzlerin traue den Bürgern nichts zu, ob-
die Tagesmeldungen und finden nur Grün- wohl diese doch ganz von allein und auch ohne
de für Zuversicht: Jedes Mal übersteigt in- Kontaktverbote den Reproduktionsfaktor
zwischen die Zahl der Genesenen die Zahl unter 1 gedrückt hätten, hat gesessen. Auch
der neu Infizierten. Derzeit sind 39.000 die von Laschet geübte Kritik, Merkel orientie-
Menschen in Deutschland erkrankt. Das re sich zu einseitig an Virologen statt am Ge-
Robert Koch-Institut gibt die Gesamtzahl samtbild des menschlichen Elends, scheint im
der Infizierten mit 156.200 an (Stand Mon- Kanzleramt Eindruck gemacht zu haben, ob-
tagabend). Von 83 Millionen. Das soll be- wohl Merkel in ihrer Regierungserklärung
drohlich sein? Und weil es immer mindes- noch einmal gegen ein »zu forsches Vorgehen«
tens zwei Wochen dauert, bis sich messen der Länder schoss. Diskussion werde keines-
lässt, was man mit einer Entscheidung be- wegs unterbunden, nur nehme sich eben
wirkt hat, läuft jetzt die Wette: War das, was Merkel die Freiheit, auch eine Meinung zu
Bund und Länder am 14. April beschlossen äußern. Viel mehr kann sie gegenüber den
haben, ein Schritt Richtung Abgrund, oder Ministerpräsidenten allerdings auch gar
der längst fällige Befreiungsschlag? Und nicht tun.
gleich noch eine Frage: Anhand welcher Pa- Entgegen anderslautenden Berichten
rameter wird überhaupt entschieden, wie es war diesmal mit »zu forsch« nicht in erster
jetzt weitergehen soll? Linie Laschet gemeint. Denn er wiederum
»Wir haben dauernd die Bedingungen hat sich die Kritik aus dem Kanzleramt, er
verändert«, kritisierte NRW-Ministerpräsi- gefährde mit seiner Öffnungspolitik den
dent Armin Laschet (CDU) am Wochen- Zusammenhalt unter den Ministerpräsi-
ende. Erst sei es um die Überforderung des denten, zu Herzen genommen und ver-
Gesundheitssystems gegangen. Das habe suchte im Gespräch mit seinen Amtskolle-
man jetzt im Griff, 40 Prozent der Betten gen, einen Kompromiss zur Regelung der
stehen frei. Dann habe man sich auf die Ladenöffnungszeiten zu finden. Teilnehmer
Verdoppelungszahl der Infektionen konzen- der Ministerpräsidentenrunde berichten, es
triert. Nachdem die sich prima entwickelt seien vor allem SPD-geführte Länder wie
habe, sei die Reproduktionszahl R ins Spiel Rheinland-Pfalz gewesen, die große Ver-
gekommen, also die Zahl derer, die ein Infi- kaufsflächen und Tierparks wieder aufma-
zierter durchschnittlich ansteckt. Und nun chen wollten. (Ministerpräsidentin Malu
schließlich müsse die Zahl der Neuinfektio- Dreyer soll gerufen haben: »Mein Streichel-
nen auf wenige Hundert Fälle täglich ge- zoo muss weitermachen.«)
drückt werden. Bei Laschet klingt es, als Finanzminister Olaf Scholz soll sich in
suche die Regierung, seine Bundesregie- der Öffnungsfrage dermaßen liberal gezeigt
rung, nach immer neuen Gründen für eine haben, dass schon der Gedanke aufkam, er
»Repression« (Christian Lindner). wolle sich über dieses Thema womöglich
Was genau will die Regierung also – das wieder als Kanzlerkandidat in Position
Illustration: Erich Brechbühl für DIE ZEIT

Virus »austrocknen«, wie es beispielsweise bringen. Jedenfalls habe sich Merkel, als ihr
das Helmholtz-Zentrum für Infektionsfor- klar wurde, dass nun große Läden in den
schung anstrebt? Oder eine Art Koexistenz? Innenstädten öffnen und damit Menschen-
In den sozialen Medien wird knapper ge- schlangen entstehen würden, mit einem
fragt: Habt ihr überhaupt einen Plan? Satz gewehrt, der vielen noch aus der
Wo auch immer sich Mitglieder der Flüchtlingskrise in abgewandelter Form in
Bundesregierung dieser Tage dem Publikum Erinnerung ist: »Wenn wir das so machen,
stellen, sehen sie sich mit einem Paradox dann ist das nicht mehr mein Papier!«
konfrontiert: Es ist gerade der Erfolg der Aus einem ursprünglich am Bundesin-
Kontaktbeschränkungen, der ihnen jetzt nenministerium angedockten Expertenkreis
zum Problem wird. gelangte dieser Tage ein anderes Strategie-
Verblüfft stellte der Vizepräsident des Robert leicht habe man »an der ein oder anderen Stelle man auf die sogenannte Herdenimmunität ge- ren alle ähnlich wie CDU-Gesundheitsminister papier auf Angela Merkels Schreibtisch, das die
Koch-Instituts, Lars Schaade, bei einem mor- falschgelegen«. Spahn war nicht zu sprechen für hofft – also darauf, dass etwa 60 Prozent der Be- Jens Spahn im Bundestag: »Es gibt kein Corona- Not der gemeinsamen Achterbahnfahrt zur Tu-
gendlichen Corona-Update fest: »Die Tatsache, die Frage, ob er damit auch seine Erlaubnis für völkerung womöglich unbemerkt eine Infektion Lehrbuch, das wir jetzt Seite für Seite abarbeiten. gend der Gemeinschaftlichkeit umdeutet und et­
dass Deutschland vergleichsweise wenig Anste- Geisterspiele der Bundesliga gemeint hat – eine durchlaufen könnten, dann gesunden, immun Wir wissen noch sehr wenig über dieses Virus.« liche praktische und politische Vorschläge zum
ckungen und Todesfälle im internationalen Ver- Lizenz also für das völlige Aufgeben der Kontakt- sind und sich das Virus deswegen nicht mehr ver- Oder: »Wir arbeiten nicht unter Laborbedingun- Leben mit Sars-CoV-2 macht. Es liegt der ZEIT
gleich hat, führt nun dazu, dass das Erreichte in- beschränkungen vor Millionenpublikum. Oder breiten könne. Aber inzwischen zeigen alle ein- gen.« Mit anderen Worten: Versuch und Irrtum. vor. Darin heißt es: »Die deutsche Gesellschaft hat
frage gestellt wird.« seine Feststellung, die Pandemie sei »beherrschbar schlägigen Studien, dass die Zahl der Infizierten Ein beredtes Beispiel ist die schwere Geburt der gelernt, dass wir in der Situation eines drohenden
Noch immer genießen die derzeit geltenden und beherrschbarer« geworden. Man könnte ihm bei zwei bis vier Prozent der Bevölkerung liegt. Es Corona-App, die Kontakte mit Infizierten mittei- Kollapses unseres Gemeinwesens alle aufeinander
Maßnahmen die stabile Zustimmung einer Mehr- auch einen erstaunlichen Sinneswandel der Bun- würde also theoretisch etwa 25 Jahre dauern, bis len soll. Alle sind sich einig, dass eine derartige angewiesen sind. Die Solidarität ist die beste Me-
heit, aber sie wird geringer. Über eine Million Zu- desregierung – und etlicher Experten – vorhalten: in Deutschland eine Herdenimmunität erreicht Technologie unerlässlich ist. Es liegt auch auf der dizin, die wir haben.« In dem Papier wird unter
schauer riefen das YouTube-Video des Hannovera- Erst waren Masken überflüssig, dann waren sie ist, und außerdem Hunderttausende Todesopfer Hand, dass eine zentrale Sammlung dieser Daten anderem eine »Experimentierklausel« für innova-
ner Finanzwissenschaftlers Stefan Homburg von Virenschleudern und inzwischen sind sie unver- fordern. Die Strategie der Herdenimmunität für die Gesundheitsbehörden ein Riesenfortschritt tive Lösungen gefordert, wie mit der Gastrono-
der Leibniz Universität auf, in dem er darauf ver- zichtbar. Was womöglich damit zusammenhing, kommt also auch nicht infrage. wäre. Aber Jens Spahn musste dieses Vorhaben mie, dem Einzelhandel oder den Gottesdiensten
weist, dass die Reproduktionszahl schon vor dem dass man lange Zeit einfach nicht genügend Mas- Mittlerweile habe, so sieht es Lauterbach, die aufgeben: Es scheitert an datenschutzrechtlichen umzugehen sei.
Shutdown am 23. März auf einen beherrschbaren ken hatte (auch jetzt fehlt vielerorts medizinische Bundesregierung die Idee der Austrocknung des Vorbehalten. Diese werden keineswegs nur von Ob so etwas im Kanzleramt derzeit auf Sym-
Wert abgesunken sei. Was Homburg nicht er- Schutzausrüstung). Virus vorerst aufgegeben. Die Infektionszahlen sind den beteiligten Experten gehegt, sondern auch von pathie stößt, war nicht herauszufinden.
29 . A P R I L 20 20
o
D I E Z E I T N 19 POLITIK 5

Hart an der Grenze


Die Krisenmaßnahmen der Politik treiben die Schulden in die Höhe. Und je länger der wirtschaftliche Stillstand anhält,
desto mehr Unternehmen müssen gerettet werden – wie lange reicht das Geld noch?  VON MARK SCHIERITZ

W
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enn man die Politik der Andere Staaten sind deutlich höher verschuldet faserleitungen oder für die Bildung. Schlimmsten-
Bundesregierung zur als Deutschland. Der amerikanische Schulden- falls droht eine Spirale aus immer schneller steigen-
Rettung der Wirtschaft stand belief sich vor Ausbruch der Pandemie auf den Zinsen und immer höheren Schulden.
auf eine Zahl verdich- 109 Prozent der Wirtschaftsleistung, der ­japanische Deshalb ist eine zweite Größe in diesem­
ten wollte, dann wäre es sogar auf 237 Prozent. Wenn das amerikanische Zusammenhang von Bedeutung: das Wirtschafts-
diese: 453 Mil­liar­den. Vorkrisenniveau der Maßstab für die maximal wachstum. Denn je stärker die Wirtschaft wächst,
Auf 453 Mil­liar­den mögliche Staatsverschuldung in Deutschland desto stärker steigen die Steuereinnahmen, aus de-
Euro belaufen sich nach derzeitigem Stand die wäre, könnte die Regierung über die geplanten nen die Zinsen bezahlt werden. Eine ökonomische
staatlichen Gesamtkosten der bisher geplanten 435 Mil­liar­den Euro hinaus noch knapp 1300 Faustregel besagt: Wenn die Wachstumsrate über
Krisenmaßnahmen. So steht es in einer Aufstel- Mil­liar­den Euro zusätzlich ausgeben. Das reichte dem Zinsniveau liegt, dann sinkt eine gegebene
lung der Bundesregierung für die Europäische dann bis ins nächste Jahr hinein. Schuldenquote im Zeitverlauf auch ohne staatliches
Kommission in Brüssel. Die Regierung profitiert dabei von einer finanz- Zutun. Diese Quote ist ja ein Bruch: Im Zähler steht
Dabei wird es womöglich nicht bleiben. Die technischen Mechanik, die allen großen Krisen eigen der Schuldenstand, im Nenner das Bruttoinlands-
Wirtschaft wird nach den Pro­gno­sen der Regierung ist: Je weniger Geld die Menschen ausgeben, weil produkt. Wenn sich nun der Zähler (die Schulden)
in diesem Jahr so stark einbrechen wie nie zuvor in sie verunsichert sind oder weil viele Geschäfte ge- langsamer erhöht als der Nenner (die Wirtschafts-
der Geschichte der Republik, weil Geschäfte ge- schlossen sind, desto mehr Sparkapital steht dem leistung), dann sinkt der Wert dieses Bruchs. Und
schlossen sind und die Produktion ruht. Und je Staat für die Kreditaufnahme zur Verfügung. Das das, obwohl überhaupt keine Schulden zurück­
länger der Stillstand andauert, desto teurer werden bedeutet: Die ohnehin schon niedrigen Zinsen bezahlt werden. Warten, bis sich alles auswächst –
die Kompensationsprogramme, die den wirtschaft- fallen dank des hohen Kapitalangebots noch weiter. nach dieser Methode haben Länder wie die USA
lichen Zusammenbruch abwenden sollen. Erst in Die Schuldenfrage wird dadurch vom Kopf auf oder Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg
der vergangenen Woche hat die Regierung eine­ die Füße gestellt. Staaten existieren zumindest als ihre Staatsfinanzen saniert.
Erhöhung des Kurzarbeitergelds beschlossen und rechtliches Konstrukt für die Ewigkeit. Sie müssen Im Moment kann aber niemand sagen, ob die
die Mehrwertsteuer für Restaurants gesenkt, die also anders als Privathaushalte ihre Schulden nicht Wirtschaft die früher üblichen Wachstumsraten
Lufthansa soll eine Geldspritze erhalten, und hinter zurückzahlen, sondern können immer wieder alte erreicht, wenn die Auflagen gelockert werden. Viel-
den Kulissen denkt man bereits über ein Hilfspaket leicht strömen die Menschen wieder in die Geschäf-
für finanzschwache Kommunen nach. te, weil sie sich endlich etwas gönnen wollen. Viel-
Was die Frage aufwirft: Wie lange können wir leicht bleiben sie aber auch zu Hause, weil sie sich
uns das noch leisten?
Man kann diese Frage nicht letztgültig klä-
Nach oben Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen, vor allem da
noch nicht absehbar ist, wann in den für die deut-
ren. Niemand weiß zum Beispiel, inwieweit die Anteil der deutschen Staatsschulden an schen Firmen wichtigen Exportmärkten das Ge-
Betriebe die bereitgestellten Gelder auch tatsäch- der Wirtschaftsleistung in Prozent schäft wieder in Gang kommt.
lich abrufen werden. Und die Finanzwissen- In diesem Fall könnte die Schuldenquote
schaft ist wie fast alle ökonomischen Disziplinen doch noch außer Kontrolle geraten. Dann hat der
2020 (Prognose der
keine exakte Wissenschaft. Man kann sich einer 100 % Staat im Prinzip nur drei Möglichkeiten: höhere
Antwort aber annähern. Bundesregierung): Steuern, niedrigere staatliche Ausgaben oder­
Den zusätzlichen Finanzbedarf deckt die­ 75 % Inflation. Alles eher unangenehme Aussichten. In
Regierung durch neue Schulden. Das bedeutet der SPD wird bereits über einen Lastenausgleich
konkret: Sie leiht sich das Geld. Und zwar bei 80 diskutiert, eine einmalige Vermögensabgabe, wie

AUF DIE DETAILS


den­jenigen, die so viel davon haben, dass sie es sie in Deutschland nach dem Krieg eingeführt
selbst nicht ausgeben können oder wollen. Das 1991: wurde, um die Kriegsschäden zu bezahlen. Die­
sind vor allem Banken und Versicherungen, die 39 % Union hingegen erwägt Sparprogramme.
das Geld ihrer Kunden verwalten. Die Schulden- 60 Die meisten Ökonomen raten deshalb dazu, die
aufnahme wandelt gewissermaßen privates Spar-
kapital in öffentliche Leistungen um.
Für einen Staat ist nicht die absolute Höhe seiner
40
Schulden aus Gründen der Vorsicht nicht zu sehr
steigen zu lassen, zumal die Rettungspolitik noch
aus einem weiteren Grund an ihre Grenzen stoßen
KOMMT ES AN.
Schulden entscheidend, sondern der Anteil dieser könnte: Viele Unternehmen werden vom Staat mit
Schulden an der Wirtschaftsleistung. Warum das so Krediten über Wasser gehalten. Doch je länger die
ist, zeigt die folgende Überlegung: Kredite werden Produktion ausfällt, desto schwieriger wird es für
aus Steuereinnahmen bedient, und wenn ein Staat 20 die Firmen werden, diese Darlehen wieder zurück- Der neue XPS 13. Gestaltet mit diamantgeschliffenen
viele Steuern einnimmt, dann kann er sich mehr zubezahlen. Nach einer im April durchgeführten Kanten, die Ihren Blick aus jedem Winkel einfangen.
Schulden leisten. Ein armes Land wie Mali wäre Umfrage des Münchner Ifo-Instituts droht schon
möglicherweise mit einem Kredit in Höhe von zehn nach drei Monaten Stillstand die erste große Pleite-
Mil­liar­den Euro schon überfordert, für das reiche welle, nach sechs Monaten die zweite. Das wäre [Link]/XPS
0
Deutschland mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) 1991 1997 2003 2009 2020 dann also im Juni beziehungsweise im September. Weitere Informationen erhalten
von rund 3500 Mil­liar­den Euro sind das Peanuts. Das Problem: Je größer die Finanzprobleme der Sie kostenlos unter 0800-000 42 30*.
ZEIT- GRAFIK/Quelle: Statistisches Bundesamt
Die Regierung nimmt derzeit an, dass die Staats- Unternehmen, desto weniger ist ihnen mit zusätz-
schuldenquote, also der Anteil der Schulden am BIP, lichen Krediten geholfen. Der Staat müsste also
auf etwa 75 Prozent steigt. Dabei ist unterstellt, dass Zuschüsse vergeben. Aber in welcher Form? Und
die Wirtschaft im ersten Halbjahr wieder anläuft. Kredite durch neue ersetzen. Die Vereinigten Staa- wer stellt sicher, dass mit dem Geld kein Unsinn
Geschieht das nicht, wird diese Pro­gno­se nicht zu ten waren seit der ersten Präsidentschaftswahl im angefangen wird? Es gibt in Deutschland fast
halten sein. Ein Grund: Einige der Posten im Kata- Jahr 1789 praktisch nie schuldenfrei; an den Finanz- 300.000 Firmen mit mehr als zehn Beschäftigten.
log der Hilfsmaßnahmen sind bislang in der Schul- märkten werden noch heute britische Staatsanleihen Soll da dann überall der Staat einsteigen? Wird es
denaufstellung nur zum Teil berücksichtigt. Das gilt aus der Zeit des Ersten Weltkriegs gehandelt. lange Diskussionen über Kontrollrechte und Ein-
etwa für staatliche Bürgschaften. Man geht davon Durch den faktischen Wegfall der Tilgungsver- flussmöglichkeiten geben, wie es jetzt bei der Luft-
aus, dass diese nicht gezogen werden müssen. Wenn pflichtung wird das Zinsniveau zur entscheidenden hansa der Fall ist? Solche Fragen stellt man sich ge-
sich aber die Lage so sehr verschlechtert, dass das Größe für die Tragfähigkeit der Schulden. Wenn die rade in der Bundesregierung.
doch nötig wird, steigt die Verschuldung. Die Öko- Zinsen niedrig sind, dann ist ein Anstieg der Staats- Selbst wenn das alles organisatorisch zu machen
nomen der Deutschen Bank haben ausgerechnet, verschuldung leichter zu verkraften. Ein Beispiel: wäre: Wäre die deutsche Wirtschaft dann im Ergeb-
dass eine Woche Stillstand die Schuldenquote um Im vergangenen Jahr musste Finanzminister Olaf nis noch eine Marktwirtschaft? Und welche Folge
etwa 0,3 Prozentpunkte erhöht. Wenn die Wirt- Scholz für die Schulden des Bundeshaushalts rund hätte es für den maximal möglichen Schuldenstand?
schaft bis ins zweite Halbjahr hinein ruht, ergäbe elf Mil­liar­den Euro an Zinsen ausgeben. Im Jahr Denn auch das geht aus den ökonomischen Stu­dien
sich ein Schuldenstand von 86,5 Prozent. 2009 fielen für ungefähr die gleiche nominale Schul- zum Thema Staatsverschuldung hervor: Hohe
Ist das viel? Das kommt auf die Perspektive an. densumme noch 38 Mil­liar­den an. Bei einem Zins- Defizite sind dann weniger problematisch, wenn die Windows 10 ist das sicherste Windows aller Zeiten.
Illustration: Erich Brechbühl für DIE ZEIT

Ökonomen haben sich in vielen Stu­dien mit der satz von null wäre – theoretisch – sogar ein unend- geborgten Beträge sinnvoll – was in diesem Fall Dell empfiehlt Windows 10 Pro für Unternehmen.
Frage befasst, wie hoch sich ein Staat verschulden lich hoher staatlicher Schuldenstand denkbar. heißt: wachstumssteigernd – ausgegeben werden.
kann. Ergebnis: Man weiß es nicht genau. »Ein In der Praxis ist das alles natürlich ein wenig Auch wenn der Geldvorrat noch eine Weile reicht,
abstrak­ter Schwellenwert lässt sich nicht definieren«, komplizierter. Denn auch wenn die Zinsen im wird die zielsichere Geldverteilung mit jeder Woche © 2020 Dell Inc. oder Tochtergesellschaften. Alle Rechte vorbehalten. Dell GmbH, Main Airport Center, Unterschweinstiege 10, 60549 Frankfurt am Main. Geschäftsführer:
sagt Rüdiger Bachmann, Fachmann für Staats- Moment sehr niedrig sind, folgt daraus nicht, dass eine größere Herausforderung. Stéphane Paté, Anne Haschke, Robert Potts. Vorsitzender des Aufsichtsrates: Jörg Twellmeyer. Eingetragen beim AG Frankfurt am Main unter HRB 75453, USt.-ID:
DE 113541 138, WEEE-Reg.-Nr.: DE 49515708. Dell, EMC und andere Marken sind Marken von Dell Inc. oder Tochtergesellschaften. Es gelten die allgemeinen
schulden an der Notre-­Dame-Universität in den sie nicht wieder steigen können. Dann müsste bei Wie lange können wir uns das noch leisten? Geschäftsbedingungen der Dell GmbH. Änderungen von Preisen, technischen Daten, Verfügbarkeit und Angebotskonditionen sind ohne Vorankündigung vorbehalten.
Druckfehler und Irrtümer vorbehalten. *Mo-Fr.: 8:30-17:30 Uhr (zum Nulltarif aus dem dt. Fest- und Mobilfunknetz).
USA. Was man weiß: In der Finanzkrise ist die sehr hohen Schulden womöglich ein großer Teil des Vielleicht lässt sich die Frage so beantworten: Theo-
Schuldenquote auf 82 Prozent gestiegen, und das Staatshaushalts für den Schuldendienst aufgewendet retisch noch ziemlich lange, in der Realität könnte
hat das Land relativ problemlos verkraftet. werden. Es bliebe wenig Geld für die Rente, für Glas- es irgendwann im Sommer schwierig werden.
6 POLITIK 29. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 19

W »Man wird Schritt


kommen. Die Angst wird dann erst mal ange-
olfgang Schäuble ist jetzt 77, äl- brüllt. Er will sagen: Die Angst gehört zum Leben
ter als die Republik. Jede Heraus- dazu. Das Sterben auch.
forderung, die dieses Land erlebt Dass die Angst bei Schäuble im Lauf des Le-
hat, hat er auch erlebt, an die bens abgenommen hat, liegt auch daran, dass er
meisten kann er sich erinnern, ein Überlebender ist, im wahrsten Sinne, seit er
oft hat er an ihrer Bewältigung als Politiker mit- nach einem Attentat im Rollstuhl sitzt. Mit dem

für Schritt kleiner«


gewirkt. Zuletzt wurden die Krisen immer häufi- klarzukommen, was man kann, und nicht unzu-
ger, gefühlt auch immer größer. Doch wenn man frieden zu sein über das, was man nicht kann, aber
ihm in den vergangenen Jahren mit der Frage kam, gerne können würde, das habe er sich in den letz-
ob das denn diesmal nicht die bislang schwerste ten 30 Jahren antrainiert, sagt Schäuble. Insofern
Krise sei, war seine zuver­läs­si­ge Re­ak­tion: Ach was! fühlt er sich coronamäßig gut gerüstet.
Dann begann Schäuble aufzuzählen, was es schon Sorgen macht er sich um andere. Um seine
so alles zu seinen Lebzeiten gab: Kubakrise, Öl- Kinder, seine Enkel, die er wie viele andere Bürger
krise, RAF, diverse Fluten, 9/11, Finanzkrise, Ban- in den vergangenen Wochen vor allem auf dem
kenkrise, Klimakrise. Dazwischen streute Schäuble Wolfgang Schäuble hat schon viel erlebt, aber diese Bildschirm gesehen hat. Diejenigen also, die das
reichlich Zitate, Bismarck, Tocque­ville, die Krisen Krise sei anders, sagt er. Ein Gespräch über Leben noch vor sich haben sollten. Auch das hat er
schrumpften so zu Anekdoten, etwas gut Be- gemeint, als er in einem Interview mit dem Tages­
herrschbarem. Regt euch mal nicht so auf, war die Enkelkinder und Apokalypse  VON TINA HILDEBR ANDT spie­gel vor ein paar Tagen gesagt hat, man dürfe
Botschaft, hatten wir alles schon, werden wir alles den Schutz von Leben nicht über alles stellen.
auch überstehen. Man werde da schnell falsch verstanden oder wirke
»Nein, das geht jetzt nicht mehr«, sagt Schäuble zynisch, deshalb habe er seine Worte gut abgewo-
am vergangenen Sonntag, bei einer Begegnung am gen, sagt Schäuble, es ist ihm wichtig, an dem
Telefon. Und schon daran merkt man, dass diese Punkt richtig verstanden zu werden.
Krise anders ist. Wolfgang Schäuble ist nämlich Eingeschlagen haben die Sätze trotzdem. Eini-
jemand, der äußerst ungern etwas zugibt. Nun ge haben sie als Relativierung von Leben verstan-
sagt er: »Etwas Vergleichbares haben wir zu Leb- den, andere als kleinen Beschleuniger einer ohne-
zeiten nicht erlebt.« Das Copyright auf diesen Satz hin schärfer werdenden Debatte. Was er also nicht
habe die Kanzlerin, und er stimme ihr da vollum- gemeint haben will: dass man verschiedene Leben
fänglich (ausnahmsweise) zu. In dem »wir« denkt ge­gen­ein­an­der aufrechnen kann oder soll. Son-
Schäuble übrigens ausdrücklich die Ostdeutschen dern: Absolut ist nur die Würde des Menschen,
mit, die 1989/90 auch schon ziemlich Grundstür- denn die Grundrechte können konkurrieren, und
zendes erlebt haben. jede Maßnahme hat einen Preis. Das alles muss
Schäuble ist gerade von der Terrasse ins Innere man, so sieht es Schäuble, ins Verhältnis setzen,
seines Hauses in Offenburg gerollt. Gut gehe es verantwortungsvoll abwägen – und man muss sich
ihm, versichert er, ausgezeichnet, wunderbares bei alldem auch klarmachen, dass der Staat nicht
Wetter. Wobei das mit dem wunderbaren Wetter allen wird alles garantieren können.
ja auch so eine Sache ist. Man kann darin nämlich Es kriegt momentan alles leicht etwas Biblisches,
das nächste Menetekel erblicken, aber dazu kommt Fundamentales. Artenvielfalt, Globalisierung, Seu-
er später noch. chen, Klima, das alles hänge eben doch zusam-
Auch er hat ein bisschen gebraucht, um zu be- men, sagt Schäuble, und wie sehr das der Fall sei,
greifen, dass das nun wirklich etwas Neues ist. auch das erlebten wir gerade. Trotzdem sei er
Hätte man das gleich verstanden, wär’s ja nichts überzeugt: »Die Menschheit muss nicht am Ende
Neues, sagt Schäuble lakonisch. Lange habe auch sein.« Womöglich werde einiges besser. Sehr kon-
er im Unterbewusstsein noch die Vorstellung ge- krete Dinge wie die Bezahlung von Pflegerinnen
habt, dass es diesmal vielleicht ein bisschen länger und Pflegern. Aber auch abstrakte Dinge wie der
dauern werde, dass danach aber wieder alles wie Wert der Familie, der Zusammenhalt. Die globale
vorher sein werde, normal eben. »Zunehmend Mobilität müsse »ein Stück zurückgefahren wer-
begreifen wir, dass auch das nicht so sicher ist«, den«, auch die Mi­gra­tion übrigens, allerdings un-
sagt Schäuble nun. Wobei er Wert darauf legt, ter der Voraussetzung, »dass wir diesen Ländern
dass es nicht unbedingt ausschließlich schlechter mehr helfen«.
werden müsse. Schäuble hält es sogar für möglich, dass Corona
Was bewirkt diese Erkenntnis für ihn selbst, am Ende den Frauen nützt, weil die Art von Ar-
was geht ihm momentan durch Kopf und Bauch? beit, die sie öfter als Männer machen, nun höher
»Man wird Schritt für Schritt kleiner«, entgegnet geschätzt werde – und vielleicht auch vergütet. Er
Schäuble. Jeden Tag werde das deutlicher: wie selbst, kleiner Exkurs, sei in Sachen Geschlechter-
klein der Mensch ist, wie relativ. Und auch, dass gerechtigkeit von seinen Töchtern weitergebildet
die größte Katastrophe womöglich der Mensch worden. Die Erziehungsbemühungen seiner Frau,
selbst ist, der mit seinem Raubbau an der Natur räumt Schäuble ein, »waren nicht so erfolgreich«.
vielleicht gerade im Begriff ist, sich selbst umzu- Das alles soll aber nicht so klingen, als halte er
bringen. So ungefähr hat er auch seinem Pfarrer die Situation für etwas Gutes. »Ich hätte mir das
geantwortet, als der vor Ostern eine aufmunternde nicht gewünscht. Aber es findet ja statt.« Es gehe
SMS geschickt hat. deshalb nicht um Zweckoptimismus, sondern da-
Auch mit der Angst ist es so eine Sache. Man kann rum, wie man Haltung bewahrt und damit auch
Angst um sich selbst haben. Die habe er nicht, sagt Würde. Schäuble betont das oft: dass er entspannt
Schäuble. Dazu sei er einfach schon zu alt. Man kann sei und grund­opti­mis­tisch. Man ahnt dann, wie
aber auch eine andere Angst haben, eine sehr ele- hart diese Entspanntheit errungen ist. Und dass er
mentare, eher metaphysische Angst. Schäuble würde deshalb so sehr darauf beharrt.
das natürlich nie so nennen. Er rettet sich nun erst Nicht gemeint haben will Schäuble seine Be-
mal ins Pragmatische: »Wir müssen von Tag zu Tag merkungen zum Lebensschutz übrigens als Seiten-
denken und politisch das tun, was wir können, was hieb auf die Kanzlerin, die gesagt hat, dieser stehe
wir müssen.« Was bleibe auch anderes übrig? Nur ist im Zentrum ihrer Motive. Summa summarum
das, was getan werden muss, eben nicht unumstritten, steht Schäuble in dieser Krise politisch an der Seite
und der Streit geht gerade erst los. Auch hier ist von Merkel. Natürlich, wie immer, ohne Ewig-
Schäuble sich mit der Kanzlerin einig: Der Lock- keitsgarantie.
Foto: Dominik Butzmann/laif

down, so brutal und unerhört er war, war vergleichs- Vielleicht kippt die relative Krisenstabilität ganz
weise einfach zu bewerkstelligen. Viel schwerer wird schnell um, vielleicht schlägt das momentane Ver-
die Lockerung. trauen in die Politik bald in Enttäuschung um.
Hatte Wolfgang Schäuble, gläubiger Christ, Schäuble hält das für möglich. Er hält aber auch das
Parlamentspräsident und Bundestagsdienstältester, Gegenteil für möglich. Vielleicht, so hofft er, »wächst
bei allem Pragmatismus in diesen Tagen manch- mit dem Vertrauen in die Politik auch die Bereit-
mal auch ein apokalyptisches Gefühl? »Ja.« Die schaft, wieder mehr Verantwortung zu übernehmen«.
Antwort kommt schnell und bestimmt. Er hat das Er jedenfalls habe bei seinen Hand­bike-­Aus­flü­gen,
Gefühl immer noch. Denn das gehört ja zum Be- die er mit einem Freund unternimmt, das Gefühl:
unruhigenden der Situation: die Ahnung, dass die »Die Menschheit muss nicht am Ende sein«, »Die Menschen sind eher freundlicher geworden.«
Apokalypse nicht an einem Tag passiert, mit einem Dann will Schäuble wieder hinaus, auf seine
großen Knall wie in einer bunten Kinderbibel, sagt Wolfgang Schäuble. »Die Menschen sind Terrasse, und noch ein bisschen lesen: Spiegel und
sondern vielleicht über einen Zeitraum von hun-
dert Jahren. Und dass wir womöglich in diesen
eher freundlicher geworden« Licht, den dritten Teil einer Trilogie von Hilary
Mantel. Das Buch handelt von Heinrich VIII. und
hundert Jahren leben. Thomas Cromwell, es spielt im England des
Schon die Babys erschrecken übrigens nach 16. Jahrhunderts, eine Geschichte von Macht,
seiner festen Überzeugung, wenn sie auf die Welt Aufstieg und Niedergang.

Alleingelassen
In Italien haben sich erschreckend viele Mediziner mit dem Coronavirus infiziert. Einer von ihnen war der Hausarzt Vincenzo Leone  VON ULRICH LADURNER

V
aleria Leone sitzt an der Kante ihres bardei unter Quarantäne gestellt wurden, begann »Was hätte er tun sollen?«, sagt seine Frau. Er war men, sie wohnen weiter weg. Seine Frau Valeria problem in Italien ist, dass solche Stellen häufig
Wohnzimmersofas. Eine schmale, kleine Vincenzo Leone Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Arzt, und es kam für ihn nicht infrage, sich aus- musste zu Hause bleiben, in Quarantäne. Erst vier nicht nach Eignung besetzt werden!«, sagt Aghazzi.
Frau, den Rücken hat sie durch ein Kis- »Er aß zu Hause allein, er wusch sich in einem se- gerechnet jetzt zurückzuziehen. Erst nach Wochen Wochen später bekam sie die Urne mit der Asche Das kann, wie die Corona-Krise zeigt, katastro-
sen gestützt. So kann sie sich leichter ge- paraten Bad und desinfizierte alles mit großer lieferten die Gesundheitsbehörden die erste Aus- ihres Mannes. Das Bestattungsunternehmen lie- phale Folgen haben.
rade halten. Aufrecht sitzen, das ist ihr jetzt wich- Sorgfalt«, berichtet seine Frau. Die Gemeinden, rüstung für Leones Praxis. »Er bekam 13 Schutz- fert nicht jede Urne sofort einzeln aus. Es gibt eine Die Nationale Ärztevereinigung Italiens listet
tig, da sie in einem Videogespräch vom Tod ihres die als Erstes unter Quarantäne gestellt wurden, masken und einen Wegwerfkittel«, sagt Valeria Stelle, an der die Urnen gesammelt werden, von jeden an Covid-19 gestorbenen Arzt auf. Am An-
Mannes berichtet. Vincenzo Leone ist an einer liegen nicht weit entfernt von Leones Praxis. Leone bitter. dort werden sie nach und nach verteilt. »Es gibt fang dieser immer länger werdenden Liste steht ein
Covid-19-Infektion gestorben. Trotzdem bekam er von den Gesundheitsbehörden Es half nichts, Vincenzo Leone infizierte sich. vielleicht so etwas wie Schicksal«, sagt Valeria Leo- Zitat des italienischen Dichters Giuseppe Ungaret-
Leicht fällt es ihr nicht, aber Valeria Leone hat nur wenige Informationen über das Virus. Am 15. März brachte ihn seine Frau ins Galeazzi- ne. »Aber es gibt auch irgendjemanden, der Ver- ti: »Die Toten machen keinen Lärm, sie machen
sich vorgenommen, die Geschichte zu erzählen. Vincenzo Leone informierte sich selbst, so gut Krankenhaus in Bergamo. »Das liegt in der Nähe antwortung übernehmen muss.« weniger Lärm als das wachsende Gras.« Die Ärzte-
Ihr Mann war niedergelassener Hausarzt in Urnia- er konnte. In den ersten Wochen gab es auch der Schule, in der ich dreißig Jahre lang unter- Nur wer? vereinigung schreibt weiter: »Die Namen unserer
no, einer kleinen Gemeinde unweit von Bergamo keine Schutzausrüstung, keine Masken, keine richtet habe«, sagt sie, und es klingt, als sei es für Marco Aghazzi von der Ärztegewerkschaft kri- Freunde, unserer Kollegen, die hier schwarz auf
in der Lombardei. Er wurde 65 Jahre alt. Vincenzo Kittel, nichts. Marco Aghazzi von der Unabhän- sie eine Hilfe gewesen, ihren Mann in einer ver- tisiert die Mitte-links-Regierung in Rom genauso weiß stehen, machen aber einen betäubenden
Leone ist einer von bislang 150 italienischen Ärz- gigen Nationalen Ärztegewerkschaft sagt, die trauten Umgebung zu begleiten. Als sie sich am wie die regionale Rechtsregierung in der Lombar- Lärm (...). Wir können nicht weiter zulassen, dass
ten, die gestorben sind, weil sie sich mit dem Co- Ärzte, insbesondere die Hausärzte, seien auf sich Krankenhauseingang von ihm verabschiedete, dei. Sie hätten die Provinz Bergamo viel früher unsere Ärzte, unser Krankenhauspersonal mit
ronavirus infiziert hatten. Das ist eine erschre- allein gestellt gewesen: »Wir mussten uns irgend- wusste sie nicht, dass sie ihn nicht mehr wieder­ unter Quarantäne stellen müssen. In den regio­ nackten Händen gegen das Virus kämpfen müs-
ckend hohe Zahl. Sie zeigt, dass vieles in Italiens wie arrangieren!« So hätten er und seine Kollegen sehen würde. Eine Woche nach seiner Einliefe- nalen Gesundheitsbehörden, sagt Aghazzi, säßen sen. Es ist ein ungleicher Kampf, der uns, den
Kampf gegen das Virus schiefgelaufen ist. sich anfangs Schutzmasken von einem befreunde- rung, am 22. März, starb Vincenzo Leone. viele Beamte nicht aufgrund ihrer Qualifikation, Bürgern und dem Land schadet.«
»Mein Mann hat das Virus von Anfang an sehr ten Zahnarzt besorgt. Wenige Tage später wurde der Leichnam ein- sondern weil sie das richtige Parteibuch hätten. Valeria Leone sagt zum Abschluss des Ge-
ernst genommen«, sagt Valeria Leone. Als in den Obwohl Vincenzo Leone das Risiko bewusst geäschert. Seine beiden erwachsenen Söhne Gia- Im entscheidenden Moment hätten viele von ih- sprächs: »Manchmal habe ich das Gefühl, mein
ersten Februartagen drei Gemeinden in der Lom- war, hielt er seine Praxis für die Patienten offen. como und Carlo durften ins Krematorium kom- nen nicht gewusst, was zu tun sei. »Das Haupt- Mann sei auf die Schlachtbank geführt worden.«
29. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 19 POLITIK 7

Das politische
Objekt

Der 150-Euro-Computer

Als die Bundesregierung vorige Woche das


Kurzarbeitergeld erhöhte und die Mehrwert-
steuer für die Gastronomie senkte, erhielt noch
eine weitere Gruppe ein, na ja, Geschenk: arme
Kinder. Arme Kinder bekommen jetzt 150
Euro, damit sie sich ein technisches Gerät kau-
fen können, um am digitalen Unterricht teil-
zunehmen. Die Einmalzahlung läuft unter
dem Stichwort »digitale Teilhabe«, auch wenn
das digitale Teil, das man für dieses Budget ha-
ben kann, wahrscheinlich nicht mal bis nach
den Sommerferien hält. Bei einer schnellen
eBay-Suche findet sich etwa das Angebot »Acer
Laptop defekt« für 130 Euro. Nur Abholung.

Foto: Ozan Kose/AFP/Getty Images; kl. Foto (o. r.): ddp


Dass der Staat jetzt überhaupt Geld für Lap-
tops oder Smartphones verschenken muss, ist
ein Eingeständnis. Denn das sogenannte »Digi-
tale« ist schlichtweg gesellschaftliche Normali-
tät. Wer sich in der digitalen Welt nicht zu-
rechtfindet, hat im Leben einen Nachteil. Dass
es Kinder in Deutschland gibt, die kein Gerät
besitzen, mit dem man vernünftig Texte lesen
oder Videoanrufe machen kann, ist ein Beweis
dafür, dass es Kinder in Deutschland gibt, de-
nen es am Nötigsten fehlt. Anstatt aber wäh-
rend der Krise die Umstände zu ändern, in de-
Erdoğan ruft nicht an: Bürgermeister Ekrem Imamoğlu lange vor Ausbruch der Krise, während seines Wahlkampfs 2019 im Ägyptischen Basar in Istanbul nen diese Kinder leben, verweist man sie auf
Geräte, die sie von diesen Umständen ablenken
sollen. Mit dem Laptop können sie in die
Wohnzimmer ihrer Mitschüler schauen, in de-

»Unsere Gesellschaft
nen es Platz gibt, Obstschalen und Eltern, die
bei den Hausaufgaben helfen.
Die Bundesregierung hat noch einmal spezifi-
ziert, dass die 150 Euro eben ein Zuschuss seien.
Dass die Familien also selbst noch etwas zuzahlen
müssten. Tatsächlich sind im Hartz-IV-Satz für

braucht Hoffnung«
Kinder im Schulalter ganze 55 Cent für »Bil-
dungswesen« vorgesehen. ANNA MAYR

Torten der
Ein Gespräch mit dem Bürgermeister von Istanbul, Ekrem Imamoğlu, über das Virus,
die Pressefreiheit und die Handynummer des Staatspräsidenten Wahrheit
VON K ATJA BERLIN

Wie beschreibt man in Zeiten von Corona die­ ZEIT: Das eine sind die Daten und die erkrank- Imamoğlu: Wir sorgen zum Beispiel dafür, dass Imamoğlu: Natürlich ist es in einer Pandemie
Stimmung in einer 16-Millionen-Stadt? Einer Stadt, ten Menschen – was macht Ihnen noch Sorge? 750 öffentliche Gebäude regelmäßig desinfiziert unmöglich, alles perfekt zu machen. Die Men-
die nie schläft, in der alles zu haben ist, jederzeit, Imamoğlu: Dass viele Menschen derzeit ihr Ein- werden. Wir tun alles in unserer Macht Stehende, schen haben aber ein Bedürfnis nach In­for­ma­ Wer schuld daran ist, dass wir
zumindest für die, die dafür bezahlen können? kommen verlieren. Da der Gesundheitsbereich um unseren Beitrag zum Gesundheitssystem zu tion und hinterfragen auch einiges. So gibt es gerade nicht in Fitnessstudios gehen
Vielleicht beschreibt man die Atmosphäre am b­ esten komplett dem Ministerium unterliegt, sich also leisten, so bringen wir Pflegekräfte in derzeit leer etwa die Einschätzung, dass das Verhältnis von
mit einem Bild. Ende März postete der türkische außerhalb unserer Entscheidungsgewalt befin- stehenden Hotels unter, damit sie nach ihrem Infektionszahlen zu geheilten Infizierten und
Gesundheitsminister ein Foto der berühmten Gala- det, konzentrieren wir uns als Stadtregierung auf Dienst nicht den oft sehr langen Weg nach Hau- Todesfällen kaum mit den Vergleichswerten an-
ta-Brücke. Wo sonst dicht an dicht die Angler ste- die sozialen Folgen der Krise. In normalen Zei- se antreten müssen. Wir verpflegen sie da auch, derswo auf der Welt in Einklang zu bringen ist.
hen, Istanbuler und Touristen spazieren gehen und ten bekommen ungefähr 230.000 Familien in das sind etwa 1500 Menschen. Doch eine der ZEIT: Laut New York Times sind im März und
verweilen, sieht man: Leere. Der Minister bedankte Istanbul Hilfsleistungen der Kommune. In den wichtigsten Maßnahmen wäre eine Ausgangs- April 2100 Menschen mehr in Istanbul gestor-
sich bei den Menschen, dass sie den Empfehlungen letzten 15 Tagen ist die Zahl der Familien, die sperre. Wir haben unzählige Male gesagt, dass ben als sonst üblich.
der Regierung folgten. solche Hilfen beantragt haben, auf mehr als wir sie brauchen. Aber darüber entscheidet allein Imamoğlu: Über unsere Internetseite kann jeder
Und was sagen die Menschen? Einige sagen: Wie 600.000 gestiegen. Das ist eine heftige Zahl. die Regierung. Es gab zwar Ausgangssperren, nachvollziehen, wie viele Menschen sterben. Corona
schön die Stadt plötzlich ist, diese Hauptstadt der ZEIT: Als Bürgermeister der wichtigsten Stadt in aber bislang nur an zwei Wochenenden. Beim Und wenn wir uns diese Zahlen anschauen, se-
Ellenbogen und der Herzlichkeit. Man kann ihre der Türkei sprechen Sie wahrscheinlich ständig ersten Mal verlief es sehr unglücklich ... hen wir, dass es da einen dramatischen Anstieg »Corona«
Schönheit oft vor lauter Menschen gar nicht er- mit der Regierung in Ankara. Haben Sie eigent- ZEIT: ... das Innenministerium hatte sie mit nur gibt. Wir erhalten die Totenscheine, aber erfah-
kennen. Aber da ist auch Traurigkeit, sie so verlas- lich die Handynummer von Präsident Erdoğan? zwei Stunden Vorlauf verkündet. Die Menschen ren nicht, ob dieser oder jener Kranke an Co-
sen zu sehen – jetzt im Frühjahr beginnt Istanbul Imamoğlu: (lächelt) Nein, die habe ich nicht. stürmten daraufhin in die Supermärkte und Bä- vid-19 gestorben ist. Das sollte das Ministerium Was für Deutsche bei einer
sich normalerweise mit Touristen zu füllen. Viele ZEIT: Wie oft konnten Sie ihn seit Beginn der ckereien, es bildeten sich lange Schlangen ... wissen und auch den Grund für den Anstieg der Maskenpflicht im ÖPNV noch
Menschen leben vom Tourismus. Und so gesellt sich Corona-Krise sprechen? Imamoğlu: ... dabei ist es fraglich, ob zwei Tage Todeszahlen erklären können. Wir haben dem ungewohnt ist
zur Traurigkeit die Angst, wie es weitergehen soll. Imamoğlu: Gar nicht. Ich habe dreimal um einen überhaupt etwas bringen. Die Stadt Istanbul hat Gesundheitsminister mitgeteilt, dass wir darüber
Die Regierung hatte das Zuhausebleiben empfoh- Termin beim Präsidenten gebeten, man hat sich einen eigenen Wissenschaftsrat zu Corona ein- informiert werden wollen.
len, nach und nach verfügte sie Reise- und Kon- nicht zurückgemeldet. berufen. Diese Experten sagen uns, die Men- ZEIT: Haben Sie eine Antwort erhalten?
taktbeschränkungen, aber keine Ausgangssperren ZEIT: Die Krise hat einige Konflikte zwischen schen sollten wenigstens zwei Wochen zu Hause Imamoğlu: Bis jetzt noch nicht.
wie in Spanien oder Italien. Die gab es zuletzt nur der Zentralregierung und manchen Bürgermeis- bleiben. Wir wiederholen daher unsere Forde- ZEIT: Als Sie zum Bürgermeister gewählt wur-
für unter 20-Jährige und über 65-Jährige. Heißt: tern offenbart, die der Op- rung nach einer Ausgangs- den, lautete Ihr Wahlslogan: »Alles wird sehr
Wer Arbeit hat, soll arbeiten. positionspartei angehören. sperre. Solange es nur eine schön werden«, man konnte das auch auf die
Ein Leben im Krisenmodus ist in Istanbul ja nichts Beispielsweise hatten Sie Empfehlung gibt, zu Hause Stärkung der Grundrechte beziehen, auch auf
Neues, vielleicht wirken deshalb viele Menschen so eine Spendenkampagne für »Istanbul ist zu bleiben, sehen wir etwa die Pressefreiheit. In der Türkei sitzen derzeit
gelassen. Oder sie wollen so wirken. Und sie versu- Bedürftige ins Leben geru- 15 Prozent der Istanbuler mehr als hundert Journalisten im Gefängnis. die Maske
chen, das Schöne zu erkennen. Wie etwa, dass nun fen – und haben deshalb das Zentrum der draußen. Das bedeutet 2,5 Nun haben Sie selbst drei regierungsnahe Jour- der ÖPNV
wieder häufiger Delfine im Bosporus zu sehen sind,
seit kaum noch Schiffe durch die Meerenge fahren.
eine behördliche Untersu-
chung am Hals. Präsident
Corona-Krise in bis 3 Millionen Menschen.
ZEIT: Warum verfügt An-
nalisten angezeigt (die Imamoğlus Werben für
eine allgemeine Ausgangssperre mit dem Putsch- ANZEIGE
Ekrem Imamoğlu, einer der populärsten Oppo­si­tions­
poli­ti­ker, ist seit bald einem Jahr Bürgermeister der
Erdoğan sagte: »Es geht
nicht darum, dem Volk zu
der Türkei« kara keine Ausgangssperre?
Imamoğlu: Mir wurde kein
versuch 2016 gleichgesetzt hatten, Anm. d.
Red.). Ist Journalismus, der Sie kritisiert, ein
Metropole. Die Wahl hatte er 2019 gleich zwei- helfen, sondern eine Show Grund genannt. Verbrechen?
mal gewonnen. Die erste wurde nach einem Ein- abzuziehen«, er sprach von ZEIT: Wie, meinen Sie, Imamoğlu: Die Pressefreiheit ist in unseren Au-
spruch der Regierungspartei AKP von Staatspräsident einem »Staat im Staate«. Wie erklären Sie sich wird es weitergehen? gen so wertvoll wie die Luft zum Atmen. Aber
Erdoğan annulliert. Beim zweiten Durchgang ge- diese Aus­ein­an­der­set­zung? Imamoğlu: Nach allen uns zugänglichen Daten Journalismus bedeutet nicht, einen Menschen
wann Imamoğlu noch mehr Stimmen. Das Gespräch Imamoğlu: Wir sind als Stadtverwaltung eine In­ würde ich vorsichtig vermuten, dass sich die Lage zum Terroristen zu erklären. Wer so etwas macht,
mit ihm findet per S­kype statt, der Bürgermeister sti­tu­tion des Staates, es ist unsere Pflicht, dem Mitte oder Ende Juni bessert. Als Bürgermeister tut nur so, als sei er ein Journalist, dabei tritt er
sitzt in seinem Büro, an der Wand hinter ihm hängt Bürger zu dienen. Unser Handlungsspielraum ist sorge ich mich nicht nur um die Gesundheit der die Würde eines Menschen mit Füßen. Wie oft
ein großes Porträt des Staatsgründers Atatürk. klar in der Verfassung abgesteckt, und eine unse- Bürger, sondern auch um die Zukunft der Stadt. bin ich von anderen Journalisten schon kritisiert
rer Aufgaben ist es, das Wohlstandsniveau der Ich denke, wir werden ein bis anderthalb Jahre worden und habe niemanden von ihnen ange-
DIE ZEIT: Herr Bürgermeister, wie schwer hat Bürger hoch zu halten. Zu helfen und dafür zu mit den wirtschaftlichen Folgen zu kämpfen ha- zeigt. Aber ich habe ein Recht darauf, mich ju-
das Coronavirus Istanbul getroffen? sorgen, dass keiner unter die Räder gerät. Des- ben. Die Welt wird nicht mehr die alte sein. ristisch zu verteidigen.
Ekrem Imamoğlu: Keine Frage, Istanbul ist das halb besteht aus unserer Sicht kein Grund für ZEIT: Teilt die Regierung in Ankara dies der ZEIT: Wird denn immer noch alles schön wer-
Zentrum der Corona-Krise in der Türkei. Aber eine Aus­ein­an­der­set­zung. Derzeit gibt es eine Bevölkerung hinreichend deutlich mit? den? Und wenn ja: wann?
wir haben keinerlei Daten über die Lage in unse- Untersuchung, ja, ich habe deshalb beim Innen- Imamoğlu: Natürlich müssen die Regierenden Imamoğlu: Nun, »Alles wird sehr schön werden«
rer Stadt. Ob es um Dia­gno­sen geht, die Zahl der minister und beim Gesundheitsminister angeru- der Gesellschaft transparent vermitteln, was uns ist eine Geisteshaltung, die Hoffnung nährt. Un-
Behandlungen oder andere Themen – alle Infor- fen und erklärt, dass das jeder Grundlage ent- erwartet. Die Lage zu beschönigen kann am sere Gesellschaft braucht diese Hoffnung. Sie
mationen unterliegen der Kontrolle des Gesund- behrt. Aber natürlich konnten sie mir nichts ant- Ende zu noch mehr Enttäuschung führen. Kri- braucht das Gefühl von Gleichheit, von Gerech- Das Politikteil
heitsministeriums in Ankara. Und das gibt nur worten. Auch dürfen Stadtverwaltungen, die von senmanagement lebt vom Kompromiss, von ge- tigkeit, von angemessenem Lohn; das Gefühl,
Illustration: Lea Dohle

Am Ende der Woche sprechen


Zahlen für die gesamte Türkei heraus. Wir schät- der Regierungspartei AKP geführt werden, Maß- meinsamen Überlegungen, von Transparenz. Da recht bekommen zu können. Sie braucht den wir über Politik. Der neue Podcast
zen, dass wenigstens 60 bis 65 Prozent der tür­ nahmen ergreifen, die uns Bürgermeistern der macht die Regierung leider keine gute Figur. Glauben daran, dass sich die Dinge wirklich än- der ZEIT – jeden Freitag unter:
kischen Corona-Infizierten in Istanbul leben. Opposition verboten werden. ZEIT: Der Gesundheitsminister tritt oft vor die dern lassen.
Diese Einschätzung hat auch der Gesundheits- ZEIT: Was tun Sie denn als Bürgermeister, um Kameras und teilt neueste Entwicklungen und [Link]/politikpodcast
minister kürzlich bestätigt. die Ausbreitung des Virus einzudämmen? Zahlen mit. Das überzeugt Sie nicht? Die Fragen stellte Özlem Topçu
8 POLITIK 29. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 19

Schwarzes Meer
Erdöl war ein Machtmittel. Heute verliert es dramatisch an Wert. Geht die fossile Weltordnung zu Ende?  VON MICHAEL THUMANN

A
m 9. April um 19.55 Uhr Zehnfachen davon gelegen hat. Die Coro- ginn der Pandemie einen Preiskrieg gegen- vin Cramer, der republikanische Senator von chen Flüchtlinge den Weg nach Europa über die
verlässt die Hercules I den na-Krise hat die USA als größten Öl-Produ- einander führten. Anfang März zerstritten North Dakota. Der Pakt von Roosevelt und Sahel-Staaten Mali und Burkina Faso, die von
saudischen Ölhafen Ras zenten der Welt hart getroffen. Flugzeuge, sich Saudi-Arabien und Russland, die bei- König Saud von 1945 verliert in diesen Tagen Dschihadisten- und Bandenkriegen geplagt sind.
Tanura und nimmt Kurs die nicht mehr abheben, Autos, die nicht den größten Ölförderländer nach den USA. seine letzten Unterstützer. Sollte Nigeria in inneren Konflikten zerfallen,
auf die Straße von Hor- mehr fahren, Fabrikschlote, die nicht mehr Da Russland seine Produktion nicht begren- Saudi-Arabien selbst kann sich mit zwei könnte das zu einem geopolitischen Drama wer-
mus. Der Supertanker rauchen: Das Virus entpuppt sich nicht nur als zen wollte, pumpten die Saudis einfach mehr Öl Fakten trösten. Erstens geht es seinem ewigen den – mit unmittelbaren Folgen für Europa.
durchpflügt die Meeren- Bedrohung der Menschheit, sondern auch als auf die Märkte, um den Russen das Geschäft zu Rivalen am Golf nicht besser – der Iran steht Für viele europäische Staaten jedoch wird die Zu-
ge mit 12,1 Knoten, ver- Feind des Öls. Denn wo die Produktion weit- verderben. Ein Kampf der Scheichs gegen die Oli- unter dem doppelten Druck von US-Sanktio- kunft der Petrosupermacht im Osten des Kontinents
rät die Internetseite MarineTraffic. Es ist eines gehend stillsteht, sinkt die Nachfrage nicht garchen, in dem beide Milliardensummen verlo- nen und niedrigen Ölpreisen. Zweitens verfü- am wichtigsten sein. Russland ist für sie Rohölquelle
der größten Schiffe der Welt und hat rund zwei nur, sie rauscht ins Bodenlose. ren. Als sich Russen und Saudis Mitte April end- gen die Saudis über einen gigantischen Staats- und Bedrohung zugleich. Das Land beliefert viele
Millionen Fass Rohöl an Bord. Das ist fast so Natürlich, wenn die Weltwirtschaft wieder lich auf Produktionskürzungen einigten, war es zu fonds in Höhe von einer halben Billion Dollar, EU-Staaten, auch Deutschland, mit Öl und Gas –
viel, wie ganz Deutschland an einem Tag ver- anspringt, wird auch kurzfristig mehr Öl ver- spät. Da hatte die Corona-Krise die Weltwirtschaft das Sparbuch der Nation, von dem sie noch und führt mit dem Geld Kriege. Wladimir Putin hat
braucht. Es geht weiter in Richtung Kap der braucht werden. Wohlgemerkt: kurzfristig. schon zum Erliegen gebracht – und damit den­ eine Weile zehren können. Doch die Zeit für im vergangenen Jahrzehnt viel von einer Wirtschaft
Guten Hoffnung, bei Redaktionsschluss am Die Corona-Krise beschleunigt mit Wucht Ölkreislauf. die großen Pläne von Kronprinz Mohammed jenseits des Öls gesprochen, aber nichts dafür getan.
Montag fährt der Tanker an der südafrikani- eine Entwicklung, die bereits vor der Pande- Die globale Krise trifft die Amerikaner unter bin Salman, sein Land zu modernisieren und »Die offizielle Doktrin unseres Landes ist die Kon-
schen Küste entlang. Ziel ist der amerikanische mie einsetzte und deren Folgen danach in ih- den großen Förderländern in dieser ersten Phase unabhängiger vom Öl zu machen, wird knapp. zentration auf fossile Energien«, klagt Michail Kru-
Hafen von Galveston-Houston in Texas. Doch rer ganzen Dramatik erkennbar werden: Die am härtesten. Die US-Ölindustrie ist privat, sie Viel Geld, das für Investitionen reserviert war, tichin von der Beratungsfirma RusEnergy. Ein Drit-
ob die Hercules I ihre Fracht dort wie geplant Weltordnung, in der das Verbrennen von Erd- kann sich nicht im gleichen Maße auf Subventio- dürfte bald für die Unterstützung und Einstel- tel der Steuereinnahmen speisten sich direkt aus Öl,
am 22. Mai entladen kann, ist völlig unklar. öl normal war und sich politische Macht auf nen und Staatsfonds verlassen wie die großen rus- lung junger Menschen nötig werden. Schon und die fielen bei einem Preis unter 50 Dollar pro
Denn die Vereinigten Staaten brauchen derzeit fossile Rohstoffe gründete, geht zu Ende. Die Erd- sischen und saudischen Konzerne. Im April ging heute gibt der Staat die Hälfte seines Etats allein Fass weg. Russland könne das nicht ausgleichen,
kein Öl aus dem Ausland. So wie die Welt in diesen erwärmung, der Aufschwung erneuerbarer Ener- einer der größten Produzenten von Schieferöl für Gehälter aus. Hinzu kommen die enormen sondern nur in die Ersparnisse greifen, in den Staats-
Tagen überhaupt wenig davon braucht. Aber das gien, die Dekarbonisierung der Wirtschaft – all pleite, das durch Aufbrechen von Gestein (Fra- Kosten des Jemen-Krieges. fonds von gut 125 Milliarden Dollar. Der reiche laut
Öl ist bestellt. Zwanzig solcher Supertanker sind in dies hatte den Stellenwert des Öls schon vor der cking) gewonnen wird. Für Donald Trump, der Deutlich dramatischer ist die Lage bereits Finanzministerium höchstens noch für zwei Jahre.
diesen Tagen mit rund 40 Million Fass Rohöl aus Corona-Krise beschädigt. Nun könnte das Petro- auch von der Ölindustrie an die Macht gesponsert heute schon im Irak. Neunzig Prozent der »So eine Krise hat Russland seit 1991 nicht er-
Saudi-Arabien unterwegs in die Vereinigten Staa- zeitalter in seine womöglich letzte Phase eintreten. wurde und seither im Amt mit der Kündigung des Staatseinnahmen stammen aus Ölverkäufen. lebt«, sagt der angesehene russische Ökonom Ser-

I
ten. Das macht die amerikanische Regierung und Pariser Klimaabkommens und Privilegien für die Die Regierung in Bagdad kann das Geld für gei Guriev. 1991 zerfiel die Sowjetunion, als Folge
die Behörden in Texas nervös. Denn die Rohöl­ n den vergangenen 150 Jahren richtete sich die Ölkonzerne zurückzahlt, ist das eine Katastrophe. Pensionen, Armenhilfen und Staatsgehälter von Misswirtschaft, Nationalismus und einseitiger
lager der USA mit einer Kapazität von immerhin Welt nach dem Öl und seinem Preis. Krisen Per Fracking wollte Trump die Weltmärkte er- nicht mehr aufbringen. Wer dem Land in der Ausrichtung auf das Öl. Der Petrofluch ist heute
650 Millionen Fass drohen überzulaufen. Viele und Kriege, Aufschwung und Niedergang, obern, jetzt beendet der Weltmarkt das Fracking, Krise beispringt, ist offen. Genauso wie die zurück. Guriev glaubt nicht, dass Russland seine
Schiffe wie die Hercules I werden als Lagerstätte Konsum und Armut, Reisen und Pendeln – weil es sich nicht mehr rechnet. Die Ölplattformen Frage, wer nebenan Syrien wiederaufbauen aggressive Außenpolitik so weiter fortführen kön-
Illustration: Martin Burgdorff für DIE ZEIT; ZEIT-Grafik: Reuters; [Link]; [Link] (u.)

gebucht und schwimmen auf den Ozeanen, ohne die industrielle Moderne hing an diesem Stoff. verwaisen, die Angestellten werden entlassen, aus- kann. Der Nachbar Iran hat kein Geld, Saudi- ne. In der Wirtschaftskrise werde es schwer, der
Ziel, ohne Auftrag und ohne Ahnung, wann sie Diese Ordnung schufen Männer wie die Rockefel- gerechnet in Bundesstaaten wie North Dakota Arabien immer weniger, Europa muss sich erst Bevölkerung anstelle von ausreichenden Renten
ihre Fracht wieder loswerden können. lers, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA oder Texas, die bei der Wahl im Herbst wieder mal selbst retten. Trump hat ohnehin nichts und Einkommen »weiter geopolitische Siege zu
Mitte April wurden bereits 160 Millionen Fass Ölquellen, Raffinerien und Pipelines zusammen- Donald Trump wählen sollen. zu verschenken. Gut möglich also, dass sich verkaufen«, sagt er. Die Russen würden Putin
weltweit in Schiffen auf dem Meer gebunkert. rafften. Oder die Rothschilds, die sich mit den Doch was hier zerbricht, ist größer als eine dschihadistische Milizen in der Zukunft wie- nicht mehr glauben, dass die Kriege in der Ukraine
Ernie Barsamian, Vorstandsvorsitzender von Tank Nobel-Brüdern einen Wettlauf um das Öl am Kau- Wahlkalkulation oder ein Sponsorenverhältnis. der massiv als Arbeitgeber anbieten. und in Syrien sie nichts kosteten. Längst sinkt die
Tiger, einer Lager-Firma, sagt, die großen Schiffe kasus lieferten. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs Eine weltpolitische Konstellation endet, auf die in Das absehbare Ende der fossilen Ordnung Popularität des Präsidenten, der sich künftig mehr
seien ausgebucht. »Was es jetzt noch gibt, sind stellte der Erste Lord der Admiralität, Winston den Krisen der letzten 75 Jahre stets Verlass war: führt zu allererst zu neuer Unordnung, Un- anstrengen muss, sein Land zusammenhalten.
schwimmende Töpfe und Pfannen.« Die Super- Churchill, die britische Flotte von Kohle auf Öl um, die saudisch-amerikanische Freundschaft. Der Pe- übersichtlichkeit und Rivalität. Was den Petrogroßmächten im Gegensatz zu

D
macht USA ersäuft im Öl. Deshalb sieht der repu- um sie schlagkräftiger zu machen und die Deut- tropakt bestand im Wesentlichen darin, dass die früheren Krisen fehlt, ist Hoffnung. Früher verließen
blikanische Senator Ted Cruz aus dem Ölstaat schen zu besiegen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs Saudis das Öl lieferten und die USA die Waffen. iese Gefahr droht auch in Afrika, sie sich darauf, dass Preise fallen und steigen. Diesmal
Texas in zusätzlichen Lieferanten wie der Hercu- begründeten US-Präsident Franklin D. Roosevelt Dazu spannten sie ihren Sicherheitsschirm am wo die Petrogroßmächte Angola ist es anders. Die Kaffee- und Ölsatz-Leser erwarten
les I eine Bedrohung. Seine Forderung an die Sau- und der saudische König Abdel Asis ibn Saud eine Golf auf. Zwar wird Saudi-Arabien in den USA und Nigeria zu neunzig Prozent zumindest bis Ende des Jahres extrem niedrige Preise
dis: »Dreht zum Teufel noch mal eure Tanker um!« Petrofreundschaft, die zum Abstieg des britischen schon seit 2001 von manchen kritisch betrachtet, vom Öl-Export abhängig sind. von rund 20 Dollar pro Fass. Es schwindet die Angst,
Der Schock von letzter Woche sitzt tief. Am 21. Weltreichs beitrug – und in den 1980er-Jahren auch weil die meisten Attentäter des 11. September Sau- Auch politisch waren es bislang vor allem die dass uns der Rohstoff ausgeht. Aber die Befürchtun-
April sank der Ölpreis WTI in den USA kurzfristig die Sowjetunion in den Ruin trieb. Öl befeuerte dis waren, doch waren es zumeist Demokraten, die Öleinnahmen, die etwa das 200-Millionen- gen wachsen, was das Ende des Öls auslösen könnte.
auf minus 40 Dollar, zum ersten Mal in der Ge- ehrgeizige Mächte auf dem Weg nach oben und sich an den Menschenrechtsverletzungen und der Einwohner-Land Nigeria mit über 250 ethni- Die Corona-Pandemie wird nicht so bald vorbei sein,
schichte musste der Besitzer eines Fasses Öl beim trieb andere Staaten ins Verderben. Wer Zugang streitsüchtigen Außenpolitik des Königreichs stör- schen Gruppen und 500 Sprachen zusammen- die Klimakrise erst recht nicht. Diese Gleichzeitigkeit
Verkauf draufzahlen. Inzwischen pendelt sich welt- zum Öl hatte, gewann Kriege und Hegemonie. ten. Nun aber fragen sich superrealpolitische Re- hielten. Bleibt das Geld weg, drohen dem dürfte die Umstellung der Wirtschaft beschleunigen.
weit der Preis des Rohstoffs bei 15 bis 20 Dollar Heute dagegen kämpfen viele Ölunternehmen publikaner: Sind es nicht die Saudis, die mit ihrem größten afrikanischen Land zunächst Wohl- In der postfossilen Weltordnung werden Supertanker
pro Fass ein. Nachdem er vor drei Monaten noch um ihr Überleben. Das konnte nur so schnell ge- Preiskrieg das Fracking zerstört haben? »Die strate- standsverluste, dann Zerfall und der Aufstieg wie die Hercules I wohl nicht mehr den weiten Weg
bei dem Vierfachen und vor fünf Jahren bei dem hen, weil die großen Ölländer ausgerechnet zu Be- gische Allianz, die wir hatten, ist kaputt«, sagt Ke- dschihadistischer Gruppen. Schon heute su- von Saudi-Arabien in die USA fahren.

3 Mrd. Fass haben die westlichen 1. USA


Die zehn größten Ölförderländer der Welt

12,2
Angaben in Millionen Fass pro Tag

6. IR AK 4,7
160 Mio. Fass sind derzeit
Industrienationen als strategische Reserve 2. SAUDIAR ABIEN 11,8 7. V.A.E. 4,0 auf Schiffen unterwegs
eingelagert – die 35 Mitgliedsstaaten 3. RUSSLAND 11,5 8. BR ASILIEN 3,7
der Organization for 4. K ANADA 5,5 9. IR AN 3,2
Economic Development (OECD) 5. CHINA 4,9 10. KUWAIT 2,9
29. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 19 POLITIK 9
DER POLITISCHE FRAGEBOGEN

»Für andere zu leben ...«


1 Welches Tier ist das politischste? 19 Ist der Staat ein Mann oder eine Frau?
Wenn ich unsere Katze betrachte, würde Bitte begründen Sie.
ich sagen, die ist ein Idealbild. Sie ist un­ Der Staat ist weder ein Mann noch eine
abhängig von Zuneigung, auch für das Frau, so wie Vater Rhein in Wirklichkeit
größte Stück Zucker würde die sich nicht kein Vater und keine Mutter ist, sondern
auf die Hinterbeine stellen, im Gegen­ ein Fluss.
satz zum Pferd. Die macht, was sie will,
die lässt sich nicht bestechen. 20 Welche politische Phrase
So sind Politiker? möchten Sie verbieten?
Ich sage ja: Idealbild. Sie hat auch einen ... darin sah Norbert Blüm den Sinn seines Daseins. Ich höre nicht gern »Wir müssen die
Nachteil – sie ist nicht gesellig. Nehmen Wenige Monate vor seinem Tod hat er sich unseren Fragen gestellt. Menschen dort abholen, wo sie sind«.
wir doch was anderes. Die Wildsau. Die Eine Phrase, die nach verlorenen Wahlen
geht immer im Rudel oder gar nicht. Die Wir veröffentlichen seine 30 Antworten anstelle eines Nachrufs gängig ist, sie soll sagen: Die Wahlen
hat aber auch einen Nachteil. wurden nicht wegen falscher Inhalte ver­
Ja? loren, sondern weil man sie nicht rüber­
Die schaut immer nur auf den Boden. bringen konnte. Diese Phrase verwech­
Da wär die Giraffe gut, mit Fernblick. selt Wähler mit Kindergartenkindern.
Also, ich sage: eine Mischung aus Katze,
Wildsau und Giraffe. 21 Finden Sie es richtig, politische
Entscheidungen zu treffen,
2 Welcher politische Moment hat auch wenn Sie wissen, dass die
Sie geprägt – außer dem Mehrheit der Bürger dagegen ist?
Kniefall von Willy Brandt? Ja. Wenn ich weiß, dass diese Meinung
Ein Augenblick hat mich beeindruckt. verändert werden kann und verändert
Das liegt jetzt fast 40 Jahre zurück. Der werden muss, bleibe ich bei dem, was ich
Fotos: Jens Grossmann/laif (o. l.); Hannes Jung/laif (o. r.); Konrad Rufus Müller/Agentur Focus (u. l.); Thomas Imo/Photothek/Getty Images (M. r.); Jens Grossmann/laif (u. M.); Ulrich Baumgarten/Getty Images (u. r.)

chilenische Diktator Augusto Pinochet für richtig halte. Dafür gibt’s in der Ge­
war gestürzt, der neue Präsident war ge­ schichte gute Beispiele. Adenauers wei­
wählt und wurde im Stadion von Santiago chenstellende Entscheidungen der Nach­
in der Nacht vereidigt. Ich war da, in dem kriegszeit wären von keiner Meinungs­
Stadion, in dem Pinochet seine Gegner umfrage gedeckt gewesen, weder die
einst eingesperrt hatte. Da tanzten dann Westbindung noch Marktwirtschaft statt
in der Nacht zwanzig weiß gekleidete älte­ Planwirtschaft. Das hat er alles durchge­
re Frauen Walzer mit ihren ermordeten kämpft. Ich bin gegen Politiker, die sich
Männern. Mit anderen Worten: Sie tanz­ erst entscheiden, wenn sie mit dem nas­
ten, als hätten sie jemanden im Arm, hat­ sen Finger die Windrichtung kontrolliert
ten sie aber nicht, sie tanzten ganz allein. haben.
Dann erschien der neue Präsident Patricio
Aylwin im zivilen Anzug an der Hand 22 Was fehlt unserer Gesellschaft?
seiner Frau und wurde vereidigt. Ich habe Großes Wort: Empathie. Wenn wir diese
im Herbst seine Witwe getroffen, darf ich Fähigkeit etwas weiter entwickelt hätten,
das noch erzählen? hätten wir über Flüchtlinge nicht so re­
Ja, natürlich. den können, wie wir über sie geredet ha­
Ich habe sie gefragt: »Was haben Sie da ei­ ben. Da hätten wir Männer und Frauen,
gentlich gedacht, in dem Moment?« Da die geflüchtet sind, weil ihre Kinder ver­
hat sie gesagt, sie habe gedacht: Hoffent­ hungern oder verdursten, nicht als Tou­
lich bleibe ich mit meinen Stöckelschuhen risten bezeichnen können.
nicht im Gras stecken. Und dann sagte sie
meinen Lieblingssatz: »Ich glaube, wir 23 Welches grundsätzliche Problem
waren sehr glücklich.« Ist doch schön, kann Politik nie lösen?
oder? Besonders gefällt mir, dass sie sagte: Den Sinn des Lebens enträtseln. Camus’
»Ich glaube«. Frage »Selbstmord – ja oder nein?« ist die
einzige Frage, über die es sich zu streiten
3 Was ist Ihre erste Erinnerung an Politik? lohnt. Alles andere sind Nebensächlich­
Ich hab den Wahlabend 1949 schon mit­ keiten. »Selbstmord – ja oder nein?« ist die
bekommen, da war ich 14. Kurt Schu­ Frage nach dem Sinn des Lebens, und die
macher hat mich beeindruckt, ein Kriegs­ beantwortet die Politik nicht. Dafür ist sie
geschädigter, ihm haben ein Arm und ein auch nicht zuständig.
Bein gefehlt, er hat in den Reden ge­ Und wie beantworten Sie die Frage?
schrien, als ginge es um sein Leben. Ich Selbstmord – ja oder nein?
erinnere mich an Konrad Ade­nau­er, der Nein. Das Leben hat einen Sinn.
immer dastand wie Petrus auf den Welcher ist das?
Meeres­wellen, unbeeindruckt. Mit anderen und für andere zu leben.
Oder wenn Sie es weniger ausführlich
4 Wann und warum haben wollen: Liebe.
Sie wegen Politik geweint?
Ich bin tränenarm, ich kann mich nicht 24 Sind Sie Teil eines politischen Problems?
erinnern. Ja. Alte Leute sehen die Vergangenheit zu
rosig.
5 Haben Sie eine Überzeugung,
die sich mit den gesellschaftlichen 25 Nennen Sie ein politisches Buch,
Konventionen nicht verträgt? das man gelesen haben muss.
Im Notfall gönne ich mir, auch gegen Die Bibel.
den Strom zu schwimmen, aber nur im Ein politisches Buch, das man gelesen haben muss? »Die Bibel.« Norbert Blüm beim Besuch einer Schule für gehörlose Kinder in Kabul, Die ist politisch?
Notfall. in seiner Bonner Wohnung, mit Kanzler Helmut Kohl im Wahlkampf 1990, bei einer Kampagnenaktion als Arbeits- und Sozialminister, Das ist das politischste Buch, das ich über­
mit einem einjährigen Jungen im Arm im Irak und in dem Bildband »Licht Gestalten« von Konrad R. Müller (im Uhrzeigersinn) haupt kenne. Da ist alles drin, was das
6 Wann hatten Sie zum ersten Mal Leben zu bieten hat. Kriminalgeschichten.
das Gefühl, mächtig zu sein? Utopien. Wahrheitssentenzen. Spannende
Wahrscheinlich im Kindergarten, wenn Familiengeschichten. Liebeslyrik.
ich den Turm meines Nachbarn umge­
worfen hab. 26 Bitte auf einer Skala von eins bis zehn:
Wie verrückt ist die Welt gerade?
7 Und wann haben Sie sich Und wie verrückt sind Sie?
besonders ohnmächtig gefühlt? Also, die Welt würde ich so bei sieben
Och. Öfter. Auf Kundgebungen zum­ einordnen. Und, tja – wie verrückt bin
Paragrafen 116, dem Streikparagrafen, ich? Bisschen weniger, hoffe ich. Ich­
hat die tobende Masse mich ausgebuht. hoffe, dass ich unterdurchschnittlich ver­
Und ich hatte nicht den Hauch einer­ 11 Könnten Sie jemanden küssen, grund, das nicht dazugehört hat. Ich weiß gung mit Anlauf ist nicht mein Ding, sie rückt bin.
Chance, ein Argument vorzubringen. Das der aus Ihrer Sicht falsch wählt? also, wie unbarmherzig Kinder sein kön­ muss aus dem Bauch kommen.
wollten sie gar nicht hören. Ihre Argu­ Ich will Ihnen ein Geheimnis ver­raten: nen. Ich habe in den zwei Jahren nie die 27 Der beste politische Witz?
mente waren faule Eier, die mir am Kopf Wenn ich jemanden küsse, denke ich nie Schulglocke läuten dürfen, obwohl jede 17 Welche Politikerin, welcher Politiker Kurt Biedenkopf und Norbert Blüm be­
runtergelaufen sind, was kein schönes an die Wahl­urne. Woche ein anderer dran war und wir nur hat Ihnen zuletzt leidgetan? treten eine Kneipe und sagen: »Zwei
Gefühl ist. Ich weiß noch, wie ich dachte: 14 Schüler waren. Diese schwere kindliche Helmut Kohl. Kurze!« Sagt der Wirt: »Das sehe ich
Eigentlich müsst ihr euch schämen. 12 Haben Sie mal einen Freund oder eine Niederlage habe ich vor ungefähr zehn Warum? doch. Und was wollt ihr trinken?«
Freundin wegen Politik verloren? Jahren ausgeglichen. Da war ich wieder in Weil er mit sich und der Welt zerstritten
8 Wenn die Welt in einem Jahr untergeht – Und wenn ja – vermissen Sie ihn oder dem Dorf, beim Bürgermeister, und ich war. Weil er verbittert war. Weil am Ende 28 Was sagt Ihnen das bekannte Bild, das
was wäre bis dahin Ihre Aufgabe? sie? sagte zu ihm: »Ich möchte ein Mal die sein Abschied unverdient nicht gut war. den russischen Präsidenten Wladimir
Sie dürfen allerdings keinen Apfelbaum Ich habe Menschen verloren, weil die­ Schulglocke läuten.« Dann sind wir am Putin mit nacktem Oberkörper und Ge-
pflanzen. politischen Überzeugungen sich unter­ Samstagnachmittag zur Schule, die Glo­ 18 Welche Politikerin, welcher Politiker wehr in der Wildnis zeigt?
Ich würde kurz vor Toresschluss versu­ schieden haben, aber nie einen Freund. cke war inzwischen elektrisch. Und ich müsste Sie um Verzeihung bitten? Macho und Krieg sind ein Geschwister­
chen, Frieden zu schließen mit allen, mit Dann wäre er auch kein Freund. Ein habe den Schalter bedienen dürfen. Das kann ich wie aus der Pistole geschos­ paar. Abscheulich.
denen ich im Streit liege. Freund ist mehr als ein Parteifreund. sen sagen!
15 Welche politische Ansicht Ihrer Eltern Bitte. 29 Wovor haben Sie
9 Sind Sie lieber dafür oder dagegen? 13 Welches Gesetz haben Sie mal ­ war Ihnen als Kind peinlich? Olaf Scholz! Es gab vor vielen Jahren Angst – außer dem Tod?
Theoretisch immer dafür, praktisch oft gebrochen? Meine Eltern hatten keine politischen eine Fernsehdebatte über die Riester- Dass meine Enkel in einer Welt leben, in
dagegen. Als Kind habe ich Kohle aus fahrenden Ansichten. Sie waren politisch unbeleckt, Rente. Da hat er meine Behauptung, der sie ihren eigenen Kopf nicht mehr für
Güterzügen geklaut, weil wir nichts im aber das war mir nie peinlich. Zu einer dass der Riester-Faktor das Rentenniveau eigene Gedanken gebrauchen, sondern
10 Welche politischen Überzeugungen Ofen hatten. Das war natürlich Dieb­ Demokratie gehören auch Menschen, senke, als eine Lüge bezeichnet. Und ein Algorithmus dies für sie übernehmen
haben Sie über Bord geworfen? stahl. Aber das würde ich unter den Um­ die unpolitisch sind. Ich hätte nicht gern zwar so überzeugend! Scholzomatisch! wird. Eine Welt glücklicher Idioten.
Ich finde immer noch, dass man nicht ständen wieder tun. eine Gesellschaft, in der jeder politisch Kaltschnäuzig! Ich bin sicher, die Anwe­
lügen sollte, aber man muss auch nicht abkommandiert wird. senden und die Leute an den Fernsehern 30 Was macht Ihnen Hoffnung?
jedem immer die Wahrheit ins Gesicht 14 Waren Sie in Ihrer Schulzeit beliebt dachten: Der Scholz hat recht. So über­ Dass die menschliche Natur dem wider­
schleudern. Ich versuche inzwischen, die oder unbeliebt, und was 16 Nennen Sie eine gute Beleidigung für zeugend hat er ge­logen! sprechen wird. Dass es ein angeborenes
Wahrheit mit der Klugheit zu verbinden. haben Sie daraus politisch gelernt? einen bestimmten politischen Gegner. Und können Sie den nun aus dem Bauch Bedürfnis gibt, Besitzer des eigenen Kop­
Als junger Mann dachte ich, das sei gar Ich war ein Stadtkind, das durch den Eine gute Beleidigung ist ein Augen­ heraus beleidigen? fes zu bleiben.
nicht nötig, man könne und müsse je­ Krieg aufs Land verschlagen wurde. Da blickseinfall. Eine lang geplante politi­ Lügner! Aber das ist keine Beleidigung,
dem die volle Wahrheit sagen. war ich das Kind mit Mi­gra­tions­hin­ter­ sche Beleidigung ist eine Intrige. Beleidi­ das ist eine Beschreibung. Die Fragen stellte Britta Stuff

Norbert Blüm wurde 84 Jahre alt. Während der gesamten Regierungszeit von Helmut Kohl, 1982 bis 1998, gehörte er
als Arbeits- und Sozialminister dem Kabinett an. Der Doktor der Philosophie galt als das soziale Gewissen der CDU
10

Kinder lösen sich nicht in Luft auf, weil


STREIT 29. A P R I L 2020 D I E Z E I T N o 1 9

ihre Eltern gerade den Chef anrufen, zum


Glück nicht. Sie brauchen Zeit und
»Das ist
Zuwendung. Natürlich: Das ist der Job von
Eltern. Aber war es nicht jahrzehntelang
seit 30 Jahren so«
gesellschaftliches Ziel, dass beide Eltern Ich bin Ehefrau, Mutter, Putzfrau, Lehrerin,
auch bezahlte Jobs haben können? Kassiererin. Das bin ich gern. Zusammen mit
Der Beschluss, Kitas und Schulen weiter meinem Mann und meinen vier Kindern
geschlossen zu halten, fiel, obwohl Kinder- wohne ich auf 50 Quadratmetern am Münch-
betreuung für doppelt berufstätige Paare ner Stadtrand. Meine 20-jährige Tochter hat
unmöglich ist. Einer muss also im Job ihr eigenes Zimmer. Zwei Söhne, 17 und elf,
zurückstecken – und wer? Meistens die teilen sich eins. Der zweite der elfjährigen
Frauen. Diese Tendenz zeigt auch eine Um- Zwillinge schläft mit meinem Mann und mir
frage des Wissenschaftszentrums Berlin für im Wohnzimmer. Für eine größere Wohnung
Sozialforschung. Waren wir nicht schon viel fehlt das Geld.
weiter? Sieben Frauen geben Einblicke – In meiner Supermarktfiliale arbeiten viele
und die Managerin Julia Jäkel (Seite gegen- Frauen, die meisten von ihnen sind Mütter.
über) beschreibt, was sie als Rückfall erlebt. Seit die Schulen geschlossen sind, haben wir
Kassiererinnen ein Problem: Wer passt auf
unsere Kinder auf? Und: Wie sollen wir das
mit unserer Mehrarbeit vereinbaren? Eigent-
»Hier herrscht der lich bin ich nur 24 Wochenstunden an der
Kasse. Aber wegen der Pandemie kaufen die
reine Irrsinn« Kunden mehr ein, deswegen arbeite ich­
inzwischen mindestens sechs Stunden mehr,
Es gibt sicher Familien, in denen das partner- auch am Wochenende.
schaftlicher abläuft, aber für mich hat die­ Das Homeschooling meiner Söhne bleibt
Corona-Zeit die Frauenemanzipation um an mir hängen. Zwar ist mein Mann daheim,
Jahre zurückgedreht. In unserer Familie bin weil er berufsunfähig ist. Er hat es im Kreuz,
hauptsächlich ich es – nicht mein Mann –, die eine Folge jahrelanger Arbeit auf dem Bau. Aber
darauf achtet, dass unsere Kinder, sechs, elf sein Deutsch ist nicht so gut. Wir sprechen
und 13 Jahre alt, sich morgens an ihre Schreib- Serbokroatisch miteinander. Manchmal ver-
tische setzen, ich mache Essen und Wäsche sucht er, bei den Matheaufgaben zu helfen –
und muss nebenher sieben Stunden arbeiten. ansonsten sind die Kinder mein Job. Genau wie
Das Unternehmen, in dem ich als Juristin Kochen, Putzen und der Rest des Haushalts.
angestellt bin, hat die komplette Belegschaft ins Das ist seit 30 Jahren so. Ich habe damals und
Homeoffice geschickt. Ich war also eh zu Hause, jetzt nicht darüber nachgedacht, dass man es
als die Schulen dichtmachten. Mein Mann, auch aufteilen könnte. Ich bin es so gewohnt. Gele-
Jurist, kann aus Datenschutzgründen nicht im gentlich kaufen wir zusammen ein. Aber meist
Homeoffice arbeiten. Ich habe nicht den Ein- mache ich das, ich bin ja eh im Geschäft.
druck, dass er sich abends sehr beeilt, zu uns zu Meine Jungs sind auf derselben Schule, aber
stoßen. Hier herrscht der reine Irrsinn. Wenn in verschiedenen Klassen. Das ist besser für
ich morgens in die erste Videokonferenz muss, Zwillinge. Wenn der eine Hausaufgaben hatte,
hatten wir schon die erste Brüllerei. Das Corona- voll beschäftigt war, acht Blätter bearbeiten
Maßnahmen-Gesetz hat in meiner Firma zu musste, war es der andere nicht. Das hat mich
vielen neuen Fragen geführt, die wir rechtlich geärgert. Ich habe mich nicht beschwert, ich
prüfen müssen. Es ist enorm viel zu tun. Wenn versuche es nur zu schaffen. Die Kinder ziehen
ich lese, dass sich im Homeschooling keiner um mit. Wenn ich bei der Arbeit bin, müssen sie
Kinder aus sozial schwachen Familien kümmert, jetzt ihre Aufgaben allein machen. Dann wird
Foto: Courtesy by TOILETPAPER Magazine

denke ich: nicht nur die werden abgehängt. gegessen, dann kontrolliert, dann in einem
Unsere Elfjährige hat letztens eine Woche Corona-Tagebuch aufgeschrieben, was sie heu-
lang brav ihre Lateinaufgaben zum Imperativ te gelernt haben. Das habe ich mir ausgedacht,
abgearbeitet und fragt dann am Sonntag: Was sonst verliere ich den Überblick.
ist ein Imperativ? Hat ihr keiner erklärt. Mein
Mann regt sich wie ich darüber auf, dass Lehrer Tomas G., 48, aus München ist Kassiererin
die Kinder nur mit Arbeitsmaterial zuschütten
und die Stoffvermittlung den Eltern überlassen.
Für ihn ist das ein politisches Problem, für mich
ein praktisches – denn ich habe mich schon
immer um Schulsachen gekümmert. Vor Coro- »Es wird immer Mama

Das Patriarchat lebt!


na war ich am späteren Nachmittag zu Hause,
jetzt bin ich immer hier, aber habe nie Zeit. Dass
meine Kinder rückblickend über diese Wochen
gerufen, nie Papa«
denken werden: War ja auch ganz schön, damals »Mama, schnell Pipi!«, rief meine Zweijähri-
mit Mama zu Hause, ist völlig ausgeschlossen. ge, und ich rannte weg vom Computerbild-
schirm, wo in einer Videokonferenz neun
Julia, 45, aus Berlin ist Juristin Mütter darauf warteten, dass ich meiner
Tochter aufs Klo geholfen haben und mit
Die Corona-Krise zwingt Familien, ihre Kinder noch für Monate zu Hause zu betreuen. dem Rückbildungskurs beginnen würde.
Für viele berufstätige Frauen bringt das eine böse Erkenntnis mit sich: Wenn es drauf ankommt, ist es Als Familienbegleiterin berate ich Mütter mit
Baby. Die berufliche Selbstständigkeit habe ich
»Welcher schnell vorbei mit der Emanzipation. Woran liegt das? Berichte aus dem Stresstest Homeoffice mir hart erarbeitet, alle Kurse waren ausgebucht.
Dann kam Corona.
Mülleimer, Mama?« Seit März bin ich mit drei Kindern allein zu
Hause, zwei, neun und elf Jahre alt. Ich koche,
Neulich kam ich vom Einkaufen nach Hause,
da riefen mein Mann und mein 17-jähriger
»So läuft wenigstens »Ich vermisse eine »Sein Arbeitgeber putze, wasche, erkläre Mathe und gebe meine
Kurse online, während meine Jüngste vor der
Sohn vom Balkon: »Hungeeeer!« Der Früh-
stückstisch war nicht gedeckt, die Eier nicht
ein Business« ehrliche Debatte« zeigt kein Verständnis« Webcam turnt. Mein Mann sagt: »Warum tust
du dir das an? Lass die Kurse doch jetzt sein.«
gebraten, der Kaffee nicht gekocht. Seit Coro- Bis vor Kurzem habe ich Yoga und Ayurveda Ich bin Juristin, keine Virologin, ich kann Vor Corona hatte ich mit einer Kollegin ein Aber mein Job ist mir wichtig. Ich will nach
na fühle ich mich wie im Neandertal! »Mama, unterrichtet, neuerdings sind es Mathe und nicht beurteilen, ob es richtig ist, Kitas bis Modelabel, war selbstständige Fotografin und Corona nicht beruflich von vorn anfangen.
mach Essen!«, »Frau, wo sind meine Socken?«. Deutsch für die dritte und fünfte Klasse. Meine Sommer zu schließen. Was mich aber irritiert, Mutter – mein Freund arbeitete in einer Fest­ Als Chirurg gilt mein Mann als system­
Dabei arbeite ich Vollzeit weiter, eine Woche Töchter sind acht und zehn Jahre alt. Mein ist die Selbstverständlichkeit, mit der das ver- anstellung. Seit Corona bin ich noch stärker als relevant, aber so richtig viel zu tun hat er nicht.
zu Hause, eine im Büro. Mein Mann arbeitet Mann hat eine Firma zur Herstellung von Des- kündet wurde. Als hätte dies nicht massive Mutter eingespannt – mein Freund arbeitet Momentan operieren sie nur Notfälle. Trotzdem
sonst im Ausland, jetzt führt er seine Videokon- infektionsgeräten. Er ist jetzt natürlich gefragt. Konsequenzen für Familien. Als hätten wir weiter wie zuvor. Als Selbstständige könne ich ist er in Tag- und Nachtschichten in der Klinik.
ferenzen vom Esstisch aus. Ich bin trotzdem die Bei mir ist es umgekehrt: Meine Jobs bleiben in nicht seit Jahrzehnten auf die Berufstätigkeit mir meine Zeit halt besser einteilen, sagt er. Und ich kümmere mich um die Kinder. Ich bin
Einzige, die kocht, einkauft, die Putzfrau ersetzt der Krise aus, ich muss darum fürchten, alles zu von Müttern hingewirkt. Selbst als der Chef meines Mannes Corona- ja gerade eh zu Hause – normalerweise gebe ich
und die Wäschehilfe. Meine betagte Mutter verlieren, was ich in den vergangenen sieben Ich höre jetzt oft: »Es ist halt gerade für alle positiv getestet wurde und wir in Quarantäne meine Kurse in einem angemieteten Raum.
muss ich auch noch versorgen. Mein Mann Jahren aufgebaut habe. Zuerst habe ich überlegt, hart.« Aber wir reden doch hier nicht über eine waren, habe primär ich unsere Dreijährige be- Wirklich angezweifelt haben wir diese Auftei-
räumt auch mal die Küche auf, aber meist erst auf Online-Kurse umzustellen. Aber wie soll ich Frage des Engagements – sondern über ein Ding treut. Auch wenn ich sie abgebe, sucht sie mich lung bisher nicht. Es war immer klar, dass er
zwei Stunden nach der Mahlzeit. Da muss ich Ruhe und Achtsamkeit vermitteln, wenn meine der Unmöglichkeit! Meine Zwillinge werden im ständig, ich kann nicht konzentriert arbeiten. Hauptverdiener ist, er kann nicht einfach ent-
Protokolle von Miriam Dahlinger, Stefanie Flamm, Sarah Levy, Charlotte Parnack, Stefanie Witterauf

mich zusammenreißen, es nicht vorher zu über- Töchter im Hintergrund wuseln und die Spül- Mai zwei. Wenn sie um mich sind, kann ich Ich müsste gerade mit meiner Kollegin den Um- scheiden, weniger zu arbeiten. Ich habe ihm
nehmen. Mein Sohn ist Meister im Aussitzen. maschine rattert? Stattdessen halte ich meinem keine Sekunde konzentriert arbeiten. zug unseres Lagers organisieren – aber kaum auch nie das Gefühl gegeben, dass er zu Hause
Neulich habe ich ihn fünfmal gebeten, den Müll Mann den Rücken frei. Inzwischen kommt er Mein Mann und ich haben uns schon vor quengelt meine Tochter, bin wieder ich es, die bleiben soll, bisher kriege ich ja alles hin. Wenn
rauszubringen. Irgendwann habe ich ihm den nur noch zum Essen aus dem Kinderzimmer, Corona die Betreuung geteilt. Aktuell wechseln das regeln muss. Es ist, wie wenn das Kind krank er da ist, geht er einkaufen, räumt die Spülma-
vollen Mülleimer vor die Zimmertür gestellt, er wo er sich ein Büro eingerichtet hat. Ich mache wir uns alle 1,5 Stunden ab. Ich weiß, dass das ist: Da kümmern sich auch meist die Mütter. schine aus, saugt zweimal die Woche durch.
ist stundenlang einfach drübergestiegen. »Wel- ihm keinen Vorwurf, ich mache das gern. So noch Luxus ist. Lange nicht alle Familien kön- Über unsere Rollenaufteilung haben mein »Mama, darf ich zocken?«, »Mama, mir ist
cher Mülleimer?«, fragte er. läuft wenigstens ein Business. nen – oder wollen – sich die Betreuung so auf- Freund und ich schon vor Corona viel diskutiert, langweilig!«, »Mama, ich vermisse meine Freun-
Männer sind besser darin, ihren eigenen Die Schulen behaupten, die Kinder könnten teilen. Und doch bleibt die Aufgabe Wahnsinn: weil sie nicht immer fair war. Durch die Krise de«. Es wird immer »Mama« gerufen, nie »Papa«.
Bedürfnissen zu folgen. Sie schieben Aufga- die Aufgaben selbstständig schaffen. Aber ohne Die Zwillinge wachen um 5.30 Uhr auf, ab da hat sich das hochgeschaukelt. Die ersten drei Die Kleine muss ständig umgezogen werden,
ben auf, bis sie jemand anderes erledigt. Die mich würden sie gar nichts machen. Seit wir alle brauchen Sie volle Betreuung durch einen von Jahre habe ich unsere Tochter betreut und nur gefüttert, beschäftigt. Sie akzeptiert den Papa oft
meisten Frauen, die ich kenne, haben es gern zu Hause sind, bin ich nur noch am Putzen, uns, die Arbeit bleibt liegen. Dabei schrumpft gearbeitet, wenn sie geschlafen hat. Seit einem nicht. Diese Woche hat mein Mann Nacht-
schön. Ich auch. Wir kümmern uns wirklich Kochen und Lehrerin-Spielen. Mein Mann ist das Pensum ja nicht. Ich habe Drittmittel- halben Jahr ist sie im Kindergarten. Um sie auch dienst, tagsüber schläft er. Als wir die Schulauf-
um alles. Das geht nach hinten los. Hauptverdiener, die Hausarbeit war schon projekte, außerplanmäßige Lehrveranstaltun- mal abzuholen, müsste mein Freund früher gaben für die nächsten Wochen bekommen
Letztens forderten mein Mann und mein vorher meine Aufgabe. Ich wollte das so. Würde gen, Autorenaufträge und muss digital meine Feierabend machen. Dafür zeigt sein Arbeitgeber haben, war ich erst mal verzweifelt. Jetzt muss
Sohn: »Mach uns einen Plan, was wir am­ ich Vollzeit arbeiten, könnte ich weder dem Job regulären Vorlesungen halten. aber kein Verständnis. Das sehe ich im Bekann- ich neben Job, Betreuung und Haushalt auch
Wochenende so unternehmen können.« Sie noch den Kindern gerecht werden. Weil ich Ich vermisse eine ehrliche Debatte darüber, tenkreis oft: Viele Chefs verstehen nicht, dass noch Lehrerin spielen. Meine Jungs sind gute
fanden alle meine Vorschläge doof. Da bin ich mich entschieden habe, in der Krise beruflich wie das – oder jeder andere Job – mit der Kinder- auch Väter mal daheim bleiben. Dass die Frau Schüler, ich hoffe, dass sie das weitgehend allein
geplatzt. Jetzt habe ich Urlaub und bin zu­ zurückzustecken, bleibt mehr Zeit füreinander. betreuung vereinbar sein soll. Und darüber, dass sich kümmert, wenn das Kind fiebert oder die hinkriegen. Mein Mann sagt: »Wir müssen­
einer Freundin aufs Land geflüchtet. Das hat Abends machen wir jetzt häufig zu viert Spazier- es im Grunde eben nicht vereinbar ist mit dem Kita geschlossen ist, ist gesellschaftlich so ein- gucken, dass wir dich entlasten.« Aber dann
wahrscheinlich meine Ehe gerettet! gänge, das ist der schönste Teil des Tages. emanzipierten Ideal der arbeitenden Mutter. gesessen, da hat sich noch nicht viel geändert. passiert nichts. Wir wissen nicht, wie.

Anne Neuer (Name geändert), 47, aus Frankfurt Sunita Ehlers, 46, aus Hamburg ist Yoga- Elisa Hoven, 37, ist Professorin für Strafrecht Kerstin Rothkopf, 31, aus München ist ­ Sjoukje L., 39, aus Büdingen ist selbstständige
am Main ist Polizistin Lehrerin und Ayurveda-Coach an der Universität Leipzig Mitinhaberin des Modelabels Womom Familienbegleiterin
»Eine Demokratie,
in der nicht gestritten wird, ist keine.«
HELMUT SCHMIDT

29. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 19 STREIT 11

Zurück
in der
Männerwelt
Das Virus macht nicht nur die Luft klarer,
sondern auch die Wirklichkeit im Land: Frauen sind viel
weniger weit, als wir gedacht haben  VON JULIA JÄKEL

eit Tagen arbeitet es in mir, ich möchte etwas dazu weiß natürlich, dass die Dinge meist komplizierter ONLINE geschrieben und uns erinnert an eine Gleichzeitig wird mir ganz blümerant, wenn ich mir
schreiben, aber ich traue mich nicht. Schon immer sind als das Faktum per se, es geht aber auch gar nicht »männliche Expertendämmerung«. Sie rief uns die unsere politischen Strukturen genauer anschaue. Die
engagiere ich mich für mehr Frauen in Führung. um SAP. Es geht um mich. Die Nachricht war der Bilder vor Augen, die die Krise dominieren: Die­ Frankfurter Allgemeine Zeitung hat kürzlich der CDU
Nicht immer laut, vor allem versuche ich mich selbst letzte kleine Auslöser, der tipping point, der mich allermeisten Virologen, die Chefs der Kliniken und und ihren nicht vorhandenen Frauen in Führungsposi-
darum zu kümmern. Ich trage Verantwortung für nun doch dazu bewog, diesen Text zu schreiben. Pflege­ein­rich­tun­gen, die vielen Chefärzte, Verbands- tionen eine ganze kluge Seite gewidmet und gefragt:
viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; hier fühle Mir fällt es in den vergangenen Wochen wie chefs, der übergroße Teil der Ökonomen, der G ­ e­ Was wird da nur, wenn nun Ursula von der Leyen weg,
ich mich verpflichtet zu handeln und kann keinem Schuppen von den Augen: Die Corona-Krise, bei der sundheitsminister, die dominanten Ministerpräsi- AKK weg und absehbar auch die Kanzlerin weg ist?

I
die Schuld zuschieben. 46 Prozent der 160 Füh- es um Leben und Tod, um ganze Existenzen von­ denten, 24 der 26 Mitglieder der Nationalakademie
rungskräfte in unserem Verlagshaus, Gruner + Jahr, Familien und Unternehmen geht, macht offensicht- Leopoldina – alles Männer. ch erinnere mich noch gut an das berühmte, iko-
Illustration: Karsten Petrat für DIE ZEIT; kl. Fotos (v.o.): Carsten Milbret/kleinespresseteam; Urban Zintel für DIE ZEIT

sind Frauen, die Hälfte unserer Chefredakteure sind lich, wer in Deutschland wirklich, wirklich entschei- Wo sind nur die Frauen hin? Die Soziologin Jutta nenhafte Foto zur Ernennung von Annegret
-innen, Stellvertreterinnen nicht eingerechnet. det. Wie die realen Strukturen sind. Und dass das Ge- Allmendinger hat kürzlich darauf hingewiesen, dass Kramp-Karrenbauer als Verteidigungsministe-
Wir haben das alle gemeinsam hinbekommen, es bot der Diversität offenbar nur an ruhigen Tagen zählt. es vor allem die Frauen sind, die seit Wochen dafür rin. Sie links, rechts die Kanzlerin, in der Mitte
ist genauso das Verdienst meiner männlichen Kolle- Was passiert da gerade? Mir scheint, dass sich in sorgen, dass die Kinder im Home­schoo­ling mitkom- eingerahmt von der Leyen. Die taz schrieb dazu einen
gen. »Unsere« Männer wollen nicht in Monokulturen Zeiten der Krise neue Führungszirkel formieren. Zu- men und der Corona-Alltag mit allen zu Hause­ ziemlich witzigen Text, die Autorin konnte kaum
arbeiten, sondern erfolgreich sein. Und schlaue Frau- erst fiel es mir bei Gruner + Jahr selbst auf. Unser irgendwie läuft. Die also dem Mann den R ­ ücken frei glauben, dass ausgerechnet die CDU – die »Christli- Julia Jäkel, 48,
en ziehen schlaue Männer an und umgekehrt, so ein- »Corona-Kreis«, den wir direkt nach Ausbruch der halten, damit er seinen Mann stehen kann. che Damen-Union« – so viel Frauen-Power an die ist die Vorsitzende
fach kann das manchmal sein. Krise flugs installiert hatten und der sich bis vor Kur- Homeoffice bedeutet für Tausende Frauen gerade Spitze der Politik in Deutschland und Europa ge- der Geschäfts­
Ich wollte mich eigentlich nicht zu dem Thema zem täglich morgens um zehn Uhr zur Videokonfe- vor allem h­ ome und wenig office. Das ist auch deshalb bracht hat. Überschrieben war der Artikel mit der ver- führung von
äußern, denn jetzt ist Krise. Jetzt geht es darum, das renz traf, ist weniger weiblich als sonst bei uns üblich. bitter, weil jetzt Karrieren gemacht werden. Wer mit der gnüglichen Schlagzeile »So haben wir uns das Ende Gruner + Jahr.
Unternehmen gut durch diese Zeit zu bringen, die Ein Drittel der Entscheider sind hier Entscheiderin- Krise gut umgeht, wer dem Druck standhält, wer die des Patriarchats aber nicht vorgestellt«. Inzwischen Das Verlagshaus
Zukunft unseres Verlages zu sichern und zu gestalten. nen. Immerhin, verstecken müssen wir uns nicht. richtigen Prioritäten setzt, wer seine Leute mitnimmt muss man fragen: welches Ende? Die CDU, der ich ist eines der
Es ist ernst. Alles andere, so dachte ich einige Wo- Aber es sind eben nicht die 50 Prozent, die ich sonst und seine Teams lebendig hält, der kann gerade ganz wie der anderen großen Partei wünsche, dass sie wei- größten Europas,
chen lang, wirkt daneben wie »Gedöns«. Die Gefahr, in unseren Führungszirkeln erlebe. besonders auf sich aufmerksam machen. Und diesen ter eine Volkspartei bleibe, fehlt es an einem breiten es bringt über

D
dass man mich missverstehen könnte, schien mir zu Moment verpassen viele Frauen, weil sie – aus welchen weiblichen Unterbau, aus dem überhaupt erst starke 500 Magazine
groß. Denn selbstverständlich geht es jetzt in erster ann nahm ich an einer großen Telefon- Gründen auch immer – zurückstecken. Frauen in Führung hineinwachsen könnten. Denn und Digital­
Linie ums Anpacken. konferenz mit führenden Verlagsvertre- Diese Situation kontrastiert mit einem anderen über Nacht geht so was nun mal nicht. angebote heraus,
Doch dann las ich diese Meldung im Ticker: Jen- tern dieses Landes teil. Politiker wollten Erleben, nämlich wie wohltuend rational und klar So komme ich zu einem für mein Gemüt unge- darunter der
nifer Morgan, seit Oktober Co-Chefin von SAP und hören, wie wir aktuell die Lage er­leben unsere Kanzlerin, nun mal eine Frau, die Krise­ wöhnlich düsteren Zwischenfazit nach sieben Wo- »stern«, »Geo«
damit die erste Frau an der Spitze eines Dax-Kon- und uns ihr Ohr schenken. In der Leitung: aus- erläutert, die Zusammenhänge erklärt, uns alle be- chen Krise: Wie das Virus plötzlich unsere Luft klarer und »Brigitte«
zerns, muss gehen. Der Konzern wünsche sich in schließlich tiefe Männerstimmen. Ich war die einzige hutsam an die ziemlich harten Wahrheiten heran- macht und den Himmel blauer, so werden auch un-
dieser besonderen Krisensituation eine »klare Füh- Frau. In solchen Situationen, auch bei geschäftlichen führt, etwa was die Dauer der Einschränkungen in sere wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realitä-
rungsstruktur«, man brauche »klare Anweisungen«, Kontakten, bin ich es gewohnt, immerhin mit ein Wirtschaft und Gesellschaft angeht, und zur Beson- ten offenbarer. Wir Frauen sind so viel weniger weit,
so wird Chris­tian Klein zitiert, der mit ihr zusammen paar anderen Frauen zusammen im Raum zu sein. nenheit ermahnt. Ich höre die Familienministerin als wir es dachten.
als Doppelspitze inthronisiert worden war und von Plötzlich, in der Krise, sind alle Frauen weg. Franziska Giffey und höre ihr gern zu, ich nehme ihr
nun an alleiniger CEO ist. Die Frau muss gehen, der Ähnliches erleben wir in der öffentlichen Erklä- ab, dass sie die Sorgen der Frauen und Familien wirk- Siehe auch Wirtschaft, S. 20: Warum musste
Mann bleibt. Ich kenne die Hintergründe nicht und rung der Krise. Jana Hensel hat dazu klug auf ZEIT lich im Blick hat und versteht. Das erfrischt mich. SAP-Chefin Jennifer Morgan gehen?

60
ZEILEN
...

LIEBE
Wenn der DHL-Mann zweimal klingelt: Warum die alltäglichen Videokonferenzen unser Leben bereichern  VON PETER DAUSEND

In dem Film Peeping Tom setzt ein psychisch gestörter Ich hingegen liebe Videokonferenzen. Da ich Aus der Menschwerdung des Kollegen ergibt sich Videokonferenz hört nicht genau hin. Er sammelt
Killer wehrlosen Opfern ein Messer an den Hals und meine Chefs immer nur dann Vollidiot genannt ein Kollateralnutzen: Da es ja nun nicht mehr nur Argumente für die nächste Gehaltsverhandlung.
richtet seine Kamera auf ihr Gesicht. Er will nicht nur habe, wenn meine Kinder nicht dabei waren, und um berufliche Professionalität geht, kann man die Auch gescannt zu werden, kann man zu seinem Vor-
ihre Todesangst, sondern auch den entsetzten letzten ich Sprüche nicht aufhänge, kann ich mich da völlig Wohnungen der anderen ein bisschen genauer scan- teil nutzen. Dafür setzt man sich vor eine Bücherwand.
Blick von ihnen einfangen. Nun, manche, die sich zur- angstfrei dazuschalten. Und wenn bei den anderen nen. Gab es die Stehlampe dahinten nicht in schön? Bücherwände gehen immer. Im Bildausschnitt platziert
zeit täglich in Videokonferenzen ihrem Chef stellen Kleinkinder durchs Bild irren, wenn zwischendurch Ist das ein Bild, oder schmieren die sich ihre Wände man Passendes: Thomas Mann, die Dark Comedies von
müssen, mögen sich ein wenig so fühlen wie die Opfer der Teekessel pfeift, das Nudelwasser überkocht und mit Tomatensoße voll und klecksen dann Senf drauf? Shakespeare im Original, Bildbände von Goya und
in Peeping Tom. Etwa wenn der fünfjährige Sprössling der DHL-Mann zweimal klingelt; wenn die Bude, Ist das Ikea, oder kann das weg? Vor allem aber: Sind Mondrian, die neuesten Romane von Jonathan Safran Peter Dausend
dazwischenbrabbelt: »Papa, ist das der Vollidiot, von die man da erblickt, so chaotisch unaufgeräumt aus- das nicht original ­Eames Plastic ­Side Chairs? Und Foer und Virginie Despentes, so was in der Art. Und ist Politischer
dem du immer erzählst?« Oder wenn man vergessen sieht, als würde man selbst dort wohnen, dann fühlt warum kann der sich eine Wohnung mit Dachterras- wenn der Chef das alles in der Videoschalte sieht, denkt Korrespondent
hat, das Plakat mit dem Spruch »Ein Chef ist auch nur man sich seltsam verbunden – der Kollege wird so se leisten, während auf meinen Balkon gerade mal er: Mensch, den Kollegen hab ich wohl unterschätzt. im Hauptstadt-
ein Mensch. Er weiß es nur nicht« abzuhängen. zum Menschen. Hätte man gar nicht gedacht. ein Kasten Bier passt? Der gewiefte Teilnehmer einer Vielleicht sollte ich den mal Kolumnen schreiben lassen. büro der ZEIT

Online mitdiskutieren: Mehr Streit finden Sie unter [Link]/streit


29. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 19 IN DER ZEIT 12
TITELTHEMA
Keine Angst vor niemand! Pippi Langstrumpf wird 75

ZEITNAH
POLITIK WHO  Die Organisation wird zum FEUILLETON

INHALT
Spielfeld der Konkurrenz zwischen den
USA  Der Präsident hat das mächtigste Gesellschaft  Über den gefährlichen
USA und China  Widerspruch von Willkür und Freiheit
Land der Welt in einen gescheiterten Staat
VON CHRI STIANE GRE FE U ND in der Corona-Krise 
verwandelt 
KE RSTIN KOHLE NBE RG A 21 A 41
A2 VON J E N S J ES S E N

VON G EORG E PACKE R

China  Eine Reportage aus Wuhan, wo Otto Group  Der Vorstandschef TV  Eine ARD-Dokumentation
die Corona-Pandemie begann und die Alexander Birken spricht im Interview zeigt überraschende Seiten der einstigen
Kommunistische Partei den Menschen über die Konsumwünsche der Deutschen Kanzlergattin Hannelore Kohl 
Normalität verordnen will  und die Konkurrenz durch Amazon  22 VON ALE X ANDE R CAMMANN 41
VON XIFAN YANG A3 Nachruf  Zum Tod von
Kinderprogramm 
Krisenpolitik  Wie gut wird die Republik Die »Sendung mit der Maus« lief in Sir Peter Jonas, dem früheren Intendanten
regiert?  der Bayerischen Staatsoper 
den vergangenen Wochen täglich im TV.
4 VON CHRI STINE LE MKE- MAT WEY 41
VON MARIAM L AU Das verdient einen Applaus 
VON INGO MALCHE R 22 1. Mai  »Woran arbeiten Sie gerade?«
Finanzen  Die Wirtschaftsrettung wird
Künstlerinnen, Künstler und Kultur­
teuer. Was können wir uns leisten?  Konzertmanagement  Der Unternehmer schaffende erzählen zum Tag der Arbeit
VON MARK SCHIE RITZ 5 Peter Schwenkow im Gespräch darüber, von ihren aktuellen Projekten  42
Corona und die Folgen  Ein Gespräch wie sich privat finanzierte Kultur in Zeiten
Kolumne  Über den Linden 
Foto: Fu Beimeng

mit Wolfgang Schäuble über Epidemie von Corona retten lässt  24


VON MA XIM BILLE R 44
und Apokalypse  6
Corona-App  Warum die Politik so ­ Film  Denis Côtés »Ghost Town
Italien  Warum der Hausarzt Vincenzo zögerlich handelt  Anthology« 
Leone an Covid-19 starb  VON ANNA MAYR 25 VON K ATJA NICODE M U S A 44
Dinner für zwei in Wuhan VON U LRICH L ADU RNE R 6
Gefährdet die App die Demokratie? Debatte  Der Streit um Achille Mbembe
Türkei  Corona wütet auch in Istanbul. wirft einen Schatten auf
Ein Pro und Contra 
Als Xifan Yang, China-Korrespondentin der ZEIT, und ihre Mitarbeiterin Jiang Huihui (re.) Aber die Regierung Erdoğan schneidet
von Tom Fischermann und die Postkolonialismus-Forschung 
vor zwei Wochen in Wuhan ankamen, hatte kaum ein Restaurant geöffnet. Doch inzwischen die Metropole von allen Informationen ab.
Jens Tönnesmann 25 VON IJOMA MANGOLD 45
Ein Interview mit dem Bürgermeister
sieht es am Ursprungsort der Corona-Pandemie anders aus: Trotz des Verbots, sich zum Essen Ekrem Imamoğlu  7 Pop  Das neue Album »Fetch the Bolt
Serie: Die Erste (15)  Die Engländerin
zu treffen, werden die Bürgersteige zu Gaststätten. Gastronomen stellen Hocker auf Bürgersteige, Felicity Aston durchquerte als erster Mensch Cutters« der Songwriterin Fiona Apple 
Energie  Der Preisverfall beim Öl
von Social Distancing kaum mehr eine Spur. Das sei typisch China, sagt Yang: »Es finden sich kündigt einschneidende weltpolitische den Kontinent Antarktika ohne VON J E N S BALZE R 46
immer tolerierte Wege, Gesetze kreativ zu umgehen«  POLITIK , SEITE 3 Veränderungen an  technische Hilfsmittel  Ausstellung  Das Deutsche Historische
VON MICHAE L TH U MANN 8 VON U RS WILLMANN 26 Museum ehrt Hannah Arendt 
VON THOMAS E . SCHMIDT 46
Der politische Fragebogen 
Wenige Monate vor seinem Tod gab der WISSEN Roman  Téa Obreht »Herzland« 
Politiker Norbert Blüm Auskunft  9 VON SAR AH PINES 47
Bildung  Die Schulen in Deutschland
Sachbuch  Kate Devlin »Turned on.
öffnen wieder. Und schon entstehen
STREIT Intimität und Künstliche Intelligenz« 
ungewohnte Herausforderungen: Wann
VON EVA WE BE R- G U S K AR 48
Das Patriarchat lebt!  In der Krise brauchen Schüler überhaupt einen Lehrer?
ist es schnell vorbei mit der Und wozu? 
Gleichberechtigung. Sieben Protokolle  1
0 VON J EANNETTE OTTO U ND GLAUBEN & ZWEIFELN 
Die Emanzipation schläft!  Das MARTIN S PIEWAK  A 27 Nächstenliebe  Die Fotografin
Foto: Roderick Aichinger für DIE ZEIT

Virus zeigt: In der Wirtschaftswelt sind Johanna-Maria Fritz zeigt ihre Porträts von
Foto: Jonas Wresch für DIE ZEIT

Frühkindliche Pädagogik  In der


Frauen viel weniger weit als gedacht  Obdachlosen  50
Debatte um die Kleinsten wird vergessen,
VON J U LIA JÄKE L 11 Michael Kaib, Vorstandschef der Reemtsma
wie viel sie in der Kita lernen – und
60 Zeilen Liebe  zurzeit eben verpassen. Ein Cigarettenfabriken, im Interview über
VON PETE R DAU S E ND 11 Gespräch mit der Bildungsökonomin seine Hilfsaktion für Wohnungslose  50
C. Katharina Spieß  28

DOSSIER Corona  Mit dem wachsenden Wissen Z – ZEIT ZUM ENTDECKEN

Am Boden Schule auf – und jetzt? Hochstapelei  Der verurteilte Betrüger


Mike Wappler, genannt Milliarden-Mike,
über die Covid-19-Pandemie tauchen neue
Fragen auf – epidemiologische,
Titelthema: Keine Angst vor niemand! 
Warum Pippi Langstrumpf weltweit zum
medizinische und soziale. Ein Update  Vorbild für Frauen wurde 
Carsten Spohrs Karriere ging Überall werden Abiturklausuren geschrieben, und auch für erklärt, wie er es schaffte, als Analphabet
vermögende, gebildete Menschen zu ­ VON K ATHARINA ME NNE , VON NINA PAU E R 51
stets nur aufwärts. Nun wird die Schüler der unteren Klassen soll nach und nach der
blenden. Ein Gespräch hinter Gittern  ANNA- LE NA SCHOLZ U ND
der Lufthansa-Chef vom Virus Alltag wieder beginnen. Doch die Lehrer überlegen schon, VON STE PHAN LE BE RT U ND JAN SCHWE ITZE R 29
So verwalten die Nachkommen von
Astrid Lindgren das Pippi-Erbe 
gebremst  WIRTSCHAFT, SEITE 19 in welche Normalität sie eigentlich zurückwollen  WISSEN , S . 27 STE FAN WILLE KE 13 VON KATRIN HÖRNLEIN 53
Raumfahrt  Zur Internationalen Raum-
station ISS gelangten Astronauten Hausbesuch  Wir treffen Menschen beim
GESCHICHTE jahrelang allein mit russischer Hilfe. Das Videochat in den eigenen vier Wänden.
soll nun anders werden  In dieser Woche: Die Klima-Aktivistin
IN DEN REGIONALAUSGABEN A ZUM HÖREN Serie: Zum 8. Mai 1945 (3)  Wie halten Luisa Neubauer  55
es die Deutschen mit der Erinnerung VON STE FAN SCHMITT  31
ZEIT:Hamburg Bohley – und die Mitschuld des Die so gekennzeichneten
Ein Rektor moderiert in seiner Westens am Rechtsruck  16 Artikel finden Sie an den Nationalsozialismus? Ergebnisse Das Dekameron-Projekt (6)  Als im
Infografik  Die Banane ist nach dem
geschlossenen Schule eine Late- als Audiodatei einer ZEIT-Umfrage  14. Jahrhundert in Europa die Pest wütete,
ZEIT Schweiz Apfel die Lieblingsfrucht der Deutschen. schrieb Giovanni Boccaccio seine
Night-Show  VO N O S K AR PI EG SA 1 im »Premiumbereich« VON CHRI STIAN STA AS 17
Die Corona-Krise wird die Infra- unter [Link]/audio Zeit für einen Blick über den Novellensammlung »Das Dekameron«.
Die Kreuzfahrtbranche boomte struktur des Landes verändern  Obsttellerrand hinaus  32 Wir haben zeitgenössische Schriftsteller
vor Corona – jetzt sucht sie VO N M . DAU M & P. S C H N E E B E RG E R 16 ANZEIGEN IN um eine Neuauflage gebeten. Diesmal:
verzweifelt nach Auswegen  RECHT & UNRECHT Psychotherapie  Im Irak werden erstmals
Der Eishockey-Nati-Coach DIESER AUSGABE EVA MENASSE mit der Erzählung
3 Patrick Fischer ist in Kurzarbeit  Linktipps (Seite 14), Therapeuten an der Universität A 56
VO N KR I STI NA L ÄS KE R
Serie: Meine Urteile (10)  Ein sadisti-
Foto: Ina Niehoff

»Folgeschäden«
VO N WI LLIAM STE R N 18 Museen und Galerien scher Pensionswirt im Märkischen hält sich ausgebildet. Sie sollen einer Generation
Wie Krankenhäuser versuchen,
(Seite 49), Spielpläne von Traumatisierten helfen und den ­ Wie es wirklich ist ...  sich die
den Ausbruch des Virus auf den ZEIT Österreich einen Spielsüchtigen als Sklaven 
(Seite 49), Bildungsange- Turnschuhe zu teilen 
Stationen zu verhindern  Entsteht in der Krise eine neue VON THOMAS ME LZE R 18 Kreislauf der Gewalt unterbrechen 
bote und Stellenmarkt VON JOHANNES LE HNE N 58
VO N N I KE H E I N E N 5 Form des Theaters im digitalen VON ANNA-THE RESA BACHMANN A 33

Die 13-jährige Buch-­ (ab Seite 35)
Die Architekten der Elbphilhar- Raum?  VO N TH O MAS M I E S SGAN G 16
Bloggerin Mirai Mens WIRTSCHAFT
monie planen den Umbau des FRÜHER
träumt von einer Welt, in Schwarzarbeiter fallen derzeit RUBRIKEN
der alle so akzeptiert Kleinen Grasbrooks in ein durch alle Sicherheitsnetze  INFORMIERT!
Lufthansa  Vorstandschef Carsten Spohr
LEO – DIE SEITE FÜR KINDER
Wohnquartier  VO N C . T WI C KE L 13 18 Die aktuellen Themen Leserbriefe 16
werden, wie sie sind VO N S I M O N E B RU N N E R
der ZEIT schon am kämpft um das Überleben seines Konzerns  Titelthema: Keine Angst vor niemand!  Der Zweifel 27
ZEIT im Osten Stephan Hering-Hagenbeck muss Mittwoch im ZEIT- VON CLA AS TATJ E A 19 Warum es das Buch über Pippi Lang-
Eine Deutschlandkarte zu Stimmt’s? A 33
Ein Gespräch mit dem DDR- als neuer Direktor des Tiergartens Brief, dem kostenlosen
SAP  Jennifer Morgan war die erste strumpf, das stärkste Mädchen der Welt, Die Position 35
brutalistischer Architektur Oppositionellen Klaus Wolfram Schönbrunn den Zoo zusperren   Newsletter
über 1989, seine Freundin Bärbel VO N VE R E NA R AN D O LF 26 [Link]/brief Chefin eines Dax-Unternehmens. Warum beinahe nicht gegeben hätte. Eine Impressum 44
musste sie nach nur sechs Monaten gehen?  fantastische Geschichte  Sachbuch-Bestenliste 48
Die ZEIT inklusive aller Regional- und Wechselseiten finden Sie in der ZEIT-App und im E-Paper. VON ANN - K ATHRIN NEZIK 20 VON ASTRID LINDG RE N 40 Was mein Leben reicher macht 58

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29. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 19 DOSSIER 13

» D E U T S C H L A N D

I S T V O L L E R

S C H W A R Z G E L D ,

D A S W A R I M M E R Foto: Armin Smailovic für DIE ZEIT

M E I N G L Ü C K «

Mike Wappler beim Fotoshooting im Besucherraum der JVA, hinter einer Zimmerpalme sitzend

Der Betrüger Mike Wappler sitzt wieder im Gefängnis. Dort sprach er mit  STEPHAN LEBERT UND STEFAN WILLEKE darüber, wie er es schaffte, als Analphabet gebildete Menschen zu blenden

DIE ZEIT: Herr Wappler, Sie sind 64 Jahre alt und An diesem ZEIT-Gespräch ist vieles ungewöhnlich. heißt und ein alter Freund ist. Carlo sei früher mal Wappler: Das stimmt. Das Buch, das ein Journalist Achtzigerjahren an. Wappler versprach seinen Opfern
blicken auf ein Leben voller Betrügereien zurück. Es fand im Besuchszentrum der Untersuchungshaft- Wärter in Santa Fu gewesen, dem Gefängnis in Ham- für mich geschrieben hatte, habe ich öffentlich Ware und kassierte einen Vorschuss, mit dem er dann
Sie haben, mit Unterbrechungen, mehr als 18 Jahre anstalt in Hamburg statt. In diesem Gefängnis war burg-Fuhlsbüttel. Dort hätten sie sich ken­nen­gelernt. vorlesen lassen. Wenn ich mich sehr anstrenge, verschwand, ohne etwas geliefert zu haben. Er ver-
im Gefängnis gesessen. Bei Ihrer letzten Verurtei- ­Mike Wappler vorübergehend untergebracht, dann Wappler gibt uns Carlos Telefonnummer, »rufen Sie kann ich manche Wörter entziffern und vielleicht kaufte auch prächtige Villen, die ihm nicht gehörten.
lung sagte der Richter, Sie wären »ein richtig guter saß er in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Berlin-Moabit,­ ihn an, der weiß viel über mich«. Aber als wir Carlo auch schreiben. Aber nur sehr kurze Wörter. Es Das gelang ihm, indem er teure Häuser in einem vor-
Unternehmer« geworden, wenn Sie jemals den in der das Gespräch fortgesetzt wurde. Inzwischen später anrufen, will er nicht reden. Er kenne zu viele dauert ewig. nehmen Hamburger Viertel mietete, dem Eigentümer
Schritt in die Legalität gewagt hätten. Bereuen Sie wurde er nach Brandenburg verlegt. Im vergangenen Geheimnisse, sagt er. Und als ehemaliger Bediensteter ZEIT: »Ich liebe Dich«, das kriegen Sie hin? die üppige Miete sofort für mehrere Monate bar über-
Ihre kriminelle Laufbahn manchmal? Dezember wurde er wegen gewerbsmäßigen Betrugs eines Gefängnisses dürfe er darüber nicht sprechen. Wappler: Kriege ich hin. Meine Liebesbriefe sind reichte und das Anwesen in der Zeitung inserierte: zu
Mike Wappler: Ich habe vor Gericht oft erklärt: zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. eben etwas kürzer. verkaufen. Den Interessenten, die sich bei ihm vor-
Es tut mir nicht leid, was ich getan habe. 99 Pro- Ungewöhnlich ist zudem, dass auch Menschen aus ZEIT: Herr Wappler, wir wünschen Ihnen natür- ZEIT: Zahlen bereiten Ihnen keine Mühe? stellten, erzählte er etwas von einem Notverkauf zu
zent der Angeklagten behaupten, dass es ihnen Wapplers persönlichem Umfeld zu Wort kommen: lich ein langes Leben. Aber mal angenommen, Sie Wappler: Natürlich nicht! Was glauben Sie denn, einem Spottpreis, alles müsse sehr schnell gehen. Viele
leidtut, aber diese Leute lügen. Ich bin ein er- eine Anwältin, ein Staatsanwalt, eine zornige Ex- müssten sich über Ihre Beerdigung Gedanken wie ich sonst existieren könnte? Ohne Zahlen zu ließen sich darauf ein, Wappler den gewünschten
wachsener Mensch, und ich weiß, was ich mache. Partnerin, ein Manager. Einige von ihnen erzählen machen. Glauben Sie, dass an Ihrem Grab viele kapieren, kann ich niemanden reinlegen. Ich muss Vorschuss bar auszuhändigen, um sich das Objekt
Da kann es mir doch hinterher nicht leidtun. mehr von diesem Mann, als er selbst preiszugeben Trauernde stehen werden? ja auch ständig Geld zählen. Ein Bankauszug ist unbedingt zu sichern. Dutzende Male wurde er jede
Wenn ich irgendwo einbreche, und dabei kommt bereit ist. Um Wapplers Erzählungen zu überprüfen, Wappler: Das glaube ich schon. Ich habe einen für mich kein Problem. der Villen auf diese Weise los und setzte sich nach
versehentlich ein Mensch um, dann tut es mir haben wir mit vielen Freunden und Nicht-so-sehr- sehr großen Bekanntenkreis. Ich habe früher viel ZEIT: Wissen die Menschen in Ihrem persön­ kurzer Zeit mit dem Geld ab.
natürlich leid. Aber doch nicht bei einer Sache, Freunden gesprochen. Manche dieser Leute sind nicht geboxt, und mich haben im Gefängnis berühmte lichen Umfeld von diesem Defizit? Diese Tricks brachten ihm mehrere Haftstrafen ein,
die ich geplant habe, um mich zu bereichern. Ich unbedingt Kandidaten für das Bundesverdienstkreuz. Boxer besucht. Dariusz Michalczewski, Henry Wappler: Enge Freunde ja, den Angestellten im bis er auf eine andere Masche verfiel. Er bot Kunden
wollte hinterher mehr Geld haben als vorher. Ich Sie sind in einer Welt zu Hause, die weit weg ist von Maske, Regina Halmich, die Klitschko-Brüder. Büro habe ich es nie erzählt. Die bescheißen mich an, gegen ein hohes Honorar Schulden einzutreiben. Er
verstehe auch nie, wenn ein Mann seine Frau be- bürgerlichen Normen, einer Parallelwelt, in der ­Mike Auch Peter Maffay war mal da. Und in Ost- ja, wenn sie wissen, dass ich Dokumente nicht habe, behauptete Wappler, eine Truppe schlagkräftiger
trügt und dann behauptet: Tut mir alles sehr leid. Wappler den Herrscher spielt. deutschland habe ich eine richtige Fangemeinde, lesen kann. Männer unter seinem Kommando, die angeblich auch
Das stimmt einfach nicht. Er hat seinen Spaß ge- Auf den ersten Weggefährten, der allerdings nicht da gibt es einen Mil­liar­den-­Mike-­Fan­club. In Nor- Millionenbeträge zurückholen könnten. So wurde
habt, er hat sie betrogen, und es tut ihm eben so gesprächig ist, treffen wir zufällig für einen kurzen derstedt bei Hamburg habe ich mal eine Lesung Mike Wapplers Spezialität sind Luftgeschäfte. Er ver- Wappler zu einem Inkassodienst für Menschen, die viel
nicht leid. Moment vor den Panzerglasscheiben der Besucher- veranstaltet. Ich hab sie alle abgezockt, so heißt kauft etwas, das er nicht hat. Dann steht er da mit Geld auf dem Konto haben und sich betrogen fühlen.
ZEIT: Keine Reue, nichts? schleuse im Gefängnis. Der Mann hat in einem mein Buch. seinem gewinnenden Lächeln, das ihn weder vor Ge- Auch dabei verlangte Wappler sein Honorar im Vo