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2012 Book Luhmann-Handbuch

Handbuch Luhmann

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Clemens Michael Kraft
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I

III

Herausgegeben
von Oliver Jahraus, Luhmann-
Armin Nassehi,
Mario Grizelj,
Irmhild Saake,
Handbuch
Christian Kirchmeier Leben – Werk – Wirkung
und Julian Müller

Verlag J. B. Metzler
Stuttgart · Weimar
IV

Die Herausgeber
Oliver Jahraus ist Professor für Literatur- und
Medienwissenschaft an der LMU München;
Dr. Mario Grizelj und Christian Kirchmeier
arbeiten am Institut für Deutsche Philologie der
LMU München.
Armin Nassehi ist Professor für Soziologie an der
LMU München; Dr. Irmhild Saake und Julian Müller
arbeiten am Institut für Soziologie der LMU
München.

Bibliografische Information der Deutschen National-


bibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
[Link] abrufbar.
© 2012 Springer-Verlag GmbH Deutschland
Urspr nglich erschienen bei J. B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung
ISBN 978-3-476-02368-1 und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 2012
ISBN 978-3-476-05271-1 (eBook) [Link]
DOI 10.1007/978-3-476-05271-1 info@[Link]

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist


urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der
engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustim-
mung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbe-
sondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikrover-
filmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in
elektronischen Systemen.
V

Inhaltsverzeichnis

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . IX 6. Erwartung (Katharina Seßler) . . . . . . . . . . . . 79


7. Evolution (Katja Mellmann) . . . . . . . . . . . . . . 81
8. Funktionale Analyse (Armin Nassehi) . . . . 83
I. Zur Biographie 9. Geschlossenheit / Offenheit
1. Niklas Luhmann: Der Werdegang (Katharina Mayr) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
(Dirk Baecker) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 10. Inklusion / Exklusion (Sina Farzin) . . . . . . 87
2. Sphinx ohne Geheimnis – 11. Interaktion / Organisation / Gesellschaft
Zur Unkenntlichkeitsbiographie Niklas (Gina Atzeni) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
Luhmanns (Peter Fuchs) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 12. Kommunikation (Peter Fuchs). . . . . . . . . . . . 90
3. Luhmanns Zettelkasten und seine 13. Komplexität (Klaus Mainzer) . . . . . . . . . . . . . 92
Publikationen (Johannes F. K. Schmidt) . . 7 14. Kultur (Irmhild Saake) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
15. Macht (Barbara Kuchler). . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
16. Medien (Mario Grizelj) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
II. Grundlagen 17. Mensch / Person (Peter Fuchs) . . . . . . . . . . . . 101
18. Moderne (Martin Stempfhuber) . . . . . . . . . . 103
1. Luhmann und Husserl (Armin Nassehi) . . 13 19. Moral (Christian Kirchmeier) . . . . . . . . . . . . . 105
2. Luhmann und Parsons (Richard Münch) . 19 20. Operation / Beobachtung
3. Luhmann und die Organisations- (Mario Grizelj) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
soziologie (Günther Ortmann) . . . . . . . . . . . 23 21. Paradoxie (Armin Nassehi). . . . . . . . . . . . . . . . 110
4. Luhmann, die Kybernetik und die Allge- 22. Psychisches System (Oliver Jahraus) . . . . . . 111
meine Systemtheorie (Mario Grizelj) . . . . . 29 23. Selbstbeschreibung (Andreas Göbel). . . . . . 113
5. Luhmann und Spencer-Brown 24. Semantik (Christian Kirchmeier) . . . . . . . . . 115
(Tatjana Schönwälder-Kuntze) . . . . . . . . . . . . 34 25. Sinn (Christian Kirchmeier). . . . . . . . . . . . . . . 117
26. Struktur (Victoria von Groddeck) . . . . . . . . . 119
III. Theoriestränge 27. Strukturelle Kopplung (Oliver Jahraus) . . 121
28. System / Umwelt (Jasmin Siri) . . . . . . . . . . . . 123
1. Systemtheorie als Differenzierungs- 29. Welt (Tobias Werron). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
theorie (Irmhild Saake) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 30. Zeit (Armin Nassehi) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
2. Systemtheorie als Evolutionstheorie
(Armin Nassehi) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
3. Systemtheorie als Kommunikations- V. Werke und Werkgruppen
theorie (Dirk Baecker) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 1. Funktionen und Folgen formaler
4. Systemtheorie als Medientheorie Organisation (1964) (André Kieserling) . . 129
(Julian Müller) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 2. Zweckbegriff und Systemrationalität.
5. Systemtheorie als Gesellschaftstheorie Über die Funktion von Zwecken
(Armin Nassehi) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 in sozialen Systemen (1968)
(André Kieserling) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
IV. Begriffe 3. Vertrauen. Ein Mechanismus der
Reduktion sozialer Komplexität (1968)
1. Autopoiesis (Iryna Klymenko). . . . . . . . . . . . . 69 (André Kieserling) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
2. Code / Programm (Florian Süssenguth) . . 71 4. Legitimation durch Verfahren (1969)
3. Differenz, Differenzierung (André Kieserling) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
(Julian Müller) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 5. Theorie der Gesellschaft oder Sozial-
4. Doppelte Kontingenz (Sven Opitz). . . . . . . . 75 technologie – Was leistet die System-
5. Erleben / Handeln (Irmhild Saake) . . . . . . . 77 forschung? (1971) (Elmar Koenen) . . . . . . . 150
VI Inhaltsverzeichnis

6. Liebe als Passion. Zur Codierung von 4. Ernst Cassirer (1874–1945)


Intimität (1982)(Niels Werber) . . . . . . . . . . . 157 (Julian Müller) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272
7. Soziale Systeme. Grundriß einer 5. Martin Heidegger (1889–1976)
allgemeinen Theorie (1984) (Oliver Jahraus) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276
(Armin Nassehi) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 6. Gotthard Günther (1900–1984)
8. Ökologische Kommunikation. Kann die (Nina Ort) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280
moderne Gesellschaft sich auf ökologische 7. Michel Foucault (1926–1984)
Gefährdungen einstellen? (1986) (Tanja Prokić) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 284
(Reiner Grundmann) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 8. Jürgen Habermas (* 1929) und die
9. Soziologie des Risikos (1991) Kritische Theorie (Hauke Brunkhorst) . . . 288
(Klaus P. Japp) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173 9. Harrison White (* 1930) (Jan Fuhse) . . . . . 296
10. Beobachtungen der Moderne (1992) 10. Jacques Derrida (1930–2004)
(Andreas Göbel) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 (Thomas Khurana) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 300
11. Die Realität der Massenmedien (1995) 11. Pierre Bourdieu (1930–2002)
(Natalie Binczek) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186 (Irmhild Saake) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305
12. Protest. Systemtheorie und soziale 12. Ernesto Laclau (* 1935) und Chantal
Bewegungen (1996) (Boris Holzer) . . . . . . . 193 Mouffe (* 1943) (Urs Stäheli) . . . . . . . . . . . . . 309
13. Die Gesellschaft der Gesellschaft (1997) 13. Semiotik (Frank Habermann) . . . . . . . . . . . . . 313
(Armin Nassehi) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197 14. Wissenssoziologie
14. Organisation und Entscheidung (2000) (Christian Kirchmeier) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 317
(Niels Åkerstrøm Andersen) . . . . . . . . . . . . . . . 202 15. Die ›Leipziger Schule‹ (Patrick Wöhrle /
15. Soziologische Aufklärung. 6 Bände Karl-Siegbert Rehberg) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321
(1970–1995) (Armin Nassehi) . . . . . . . . . . . . 210 16. Konstruktivismus (Bernd Scheffer). . . . . . . . 327
16. Gesellschaftsstruktur und Semantik.
4 Bände (1980–1995) (Urs Stäheli) . . . . . . 214
17. Theorie der Gesellschaft (1988–2002) . . . . . 219 VII. Rezeption
17.1 Die Wirtschaft der Gesellschaft (1988) 1. Erziehungswissenschaft
(Dirk Baecker) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 (Heinz-Elmar Tenorth) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331
17.2 Die Wissenschaft der Gesellschaft (1990) 2. Ethik (Detlef Horster) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 336
(Werner Vogd) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224 3. Gender Studies (Mario Grizelj). . . . . . . . . . . . 340
17.3 Das Recht der Gesellschaft (1993) 4. Geschichtswissenschaft (Frank Becker) . . . 347
(Alfons Bora) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230 5. Kommunikationswissenschaft
17.4 Die Kunst der Gesellschaft (1995) (Manuel Wendelin) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352
(Oliver Jahraus) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236 6. Kulturwissenschaft (Mario Grizelj) . . . . . . . 357
17.5 Die Politik der Gesellschaft (2000) 7. Kunstwissenschaft (Hans Dieter Huber) . . 364
(Kai-Uwe Hellmann) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241 8. Literatur- und Medienwissenschaft
17.6 Die Religion der Gesellschaft (2000) (Oliver Jahraus) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 369
(Peter Fuchs) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247 9. Organisationstheorie, Management und
17.7 Das Erziehungssystem der Gesellschaft Beratung (Rudolf Wimmer) . . . . . . . . . . . . . . . 373
(2002) (Michael Geiss / Jürgen Oelkers) . . 253 10. Philosophie (Tatjana Schönwälder-
Kuntze / Philip Göldner) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 379
VI. Verbindungen, Bezüge, 11. Politikwissenschaft (Edwin Czerwick). . . . . 384
12. Psychologie (Fritz B. Simon) . . . . . . . . . . . . . . 389
Differenzen 13. Rechtswissenschaft
1. Georg Wilhelm Friedrich Hegel (Bijan Fateh-Moghadam) . . . . . . . . . . . . . . . . . 393
(1770–1831) 14. Soziologie (Armin Nassehi). . . . . . . . . . . . . . . . 399
(Tatjana Schönwälder-Kuntze) . . . . . . . . . . . 261 15. Theologie (Isolde Karle) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 408
2. Gabriel Tarde (1843–1904) 16. Wirtschaftswissenschaft
(Julian Müller) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265 (Birger P. Priddat) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 414
3. George Herbert Mead (1863–1931)
(Armin Nassehi) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
VII

VIII. Diskussionen IX. Anhang


1. Theorie ohne Subjekt? (Armin Nassehi) . . 419 1. Zeittafel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 441
2. Theorie ohne Empirie? (Armin Nassehi). . 424 2. Siglen der Primärtexte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 442
3. Theorie ohne Kritik? (Elke Wagner) . . . . . . 428 3. Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 443
4. Supertheorie? (Oliver Jahraus) . . . . . . . . . . . . 432 4. Die Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . 465
5. Eine ›deutsche‹ grand theory? 5. Personenregister. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 467
(William Rasch) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 437
IX

Vorwort

Niklas Luhmanns Soziologie gehört zumindest im dern zur Hälfte aus Philologen besteht, die den Blick
deutschen Sprachraum zu den prominentesten, zu- auf Luhmanns Systemtheorie und ihre Wirkung
gleich aber auch zu den fremdesten Theorien. Als noch einmal erweitert haben.
fremd wird wohl empfunden, dass sich die Theorie Im Falle der Soziologie wird wohl am sperrigsten
nicht in ›natürlicher Sprache‹ den ›natürlichen Pro- empfunden, dass Luhmann anders als die meisten
blemen‹ widmet, die andere als soziologische Selbst- bedeutenden Autoren des 20. Jahrhunderts nicht für
beschreibungen der Gesellschaft anbieten. Wenn es bestimmte gesellschaftliche Probleme oder für die
stimmt, dass der Erfolg soziologischen Wirkens darin Symbolisierung einer weit über die Theorie hinaus
besteht, gesellschaftliche Probleme auf den Begriff zu strahlenden Aura steht. Ein Adorno-Handbuch lässt
bringen, gewissermaßen am Puls der Zeit die Gesell- sich mit dem Pathos verfassen, das dem öffentlichen
schaft mit den und über die Themen aufzuklären, die Phänomen Adorno und seiner auratischen Erschei-
sie selbst beschäftigen, dann muss der Erfolg von nung gerecht wird; ein Habermas-Handbuch ist zu-
Luhmanns Theorie eine andere Quelle haben. Nicht, gleich ein Handbuch, das den Denker der Bundesre-
dass es der luhmannschen Theorie nicht um gesell- publik in den Kontext großer öffentlicher Debatten
schaftliche Probleme geht. Es geht ihr letztlich um stellt; ein Foucault-Handbuch lebt geradezu von der
nichts anderes. Aber sie bemüht sich, als Theorie der Pariser intellektuellen Position dieses Denkers; und
Gesellschaft gesellschaftliche Probleme als wissen- ein Derrida-Handbuch wäre ein Ereignis, das sich
schaftliche Probleme zu reformulieren, das heißt: Sie selbst als unmöglich betrachten würde und darin sei-
möchte die Formulierung der zu lösenden Probleme ne Ausstrahlung hätte. Und ein Luhmann-Hand-
nicht der Gesellschaft bzw. anderen gesellschaftli- buch? Weder die Person noch die Theorie taugt dazu,
chen Reflexionsinstanzen überlassen, sondern auf eines der angedeuteten Narrative zu erreichen. So
selbst erzeugte Probleme reagieren. Selbst erzeugte streng Luhmann stets Problemgenese als Theoriege-
Probleme wären solche, die sich eben nicht den do- nese und Theoriegenese als Problemgenese begriffen
minanten Themen der Gesellschaft verdanken, son- hat, so trocken ist auch der Zugang zu seinem Werk.
dern dem Zuschnitt ihrer wissenschaftlichen Be- Kann man bei den erwähnten Fällen bisweilen den
schreibbarkeit. Insofern betreibt die luhmannsche Weltgeist wenigstens von Ferne erahnen – hier ist es
Theorie selbst das, was sie in ihrem Gegenstand vor- nur eine Bielefelder Werkstatt, in der sich ein Denker
findet: Sie hat einen sehr perspektivischen, einen auf daran gemacht hat, dabei zuzusehen, was im Großen
die eigene Beobachterposition beschränkten Blick passiert, wenn man kleine Begriffsumstellungen
auf ihren Gegenstand, der radikal an die eigenen macht. Ein Luhmann-Handbuch muss deshalb mit
Operationen gebunden ist. Als lösenswertes Problem solcher Detailarbeit fertig werden. Es kann sich we-
werden ausschließlich Probleme behandelt, die sich niger im Gestus der Bedeutung und der Erhabenheit
aus theoretischen Begriffsentscheidungen ergeben, der Debatten zeigen, sondern muss vielmehr klein-
deren Folgen sich dann in Lösungen niederschlagen, teilig das Handwerkszeug bereitstellen, mit dem sich
die man ohne ihre eigene Problemstellung gar nicht dann arbeiten lässt. Wenn Luhmanns Theorie also
bräuchte. gesellschaftliche Probleme nur als Begriffsprobleme
Dass die Soziologie mit diesem ihrem prominen- der eigenen Performanz behandeln kann und will,
ten Autor fremdelt und dieser mit ihr, ist kein Zufall, dann muss ein Luhmann-Handbuch dieser besonde-
sondern hat in erster Linie soziologische Gründe, auf ren Zugangsweise Rechnung tragen.
die es hier ankommt. Diese merkwürdige wechselsei- Dieses Handbuch führt Intellektualität vor, aber
tige Fremdheit macht die Theorie Luhmanns ohne keinen Intellektuellen im klassischen Sinne. Viel-
Zweifel sperrig – übrigens oftmals sperriger für Luh- leicht kann man die Figur des Intellektuellen analog
manns eigenes Fach als für andere Fächer, die pro- zu dem des klassischen Professionellen verstehen.
duktiv an Luhmann angeschlossen haben. Insofern Der klassische Professionelle – Arzt, Jurist, Priester –
ist es durchaus Programm, dass das Team der He- zeichnete sich dadurch aus, dass er nicht nur Sach-
rausgeber nicht nur aus der Soziologie kommt, son- kenntnis und spezifische Fertigkeiten besaß. Der
X Vorwort

klassische Professionelle war mit einem Habitus aus- im Augenblick und muss dann in die zweite Reihe zu-
gestattet, der ihn mehr sagen ließ, als ihm sachlich rücktreten.
zustand – so etwa der Arzt, ausgestattet mit einem Wenn dieses Handbuch also eine intellektuelle
Habitus des Unnahbaren und des Schamanen, der es Theorie darstellt, aber nicht einen Intellektuellen,
ihm erlaubte, Fragen der Lebensführung und der Or- dann trägt es der dahinter stehenden Person durch-
ganisation, der moralischen Richtigkeit und der äs- aus Rechnung, wie wir meinen. Und deshalb spielen
thetischen Urteilskraft zu beantworten. Noch die auch biographische Fragen keine Hauptrolle in die-
Professionssoziologie Talcott Parsons feierte die Ge- sem Handbuch. Umso glücklicher fügt es sich, dass
meinwohlorientierung der Professionen. Die Figur wir zwei Biographen gefunden haben, die je auf ihre
des Intellektuellen ist ähnlich gebaut – auch wenn sie Weise sensibel mit der Biographie Luhmanns umge-
weniger an den existentiellen Problemen des Lebens gangen sind – und das Zurücktreten der Person nicht
und des Körpers, des Seelenheils und der Gerechtig- ihrerseits zu einer großen Narration aufgerundet ha-
keit interessiert ist. Dafür kann sie der Welt oder der ben. Man könnte fast sagen: Sie haben ein Gespür für
Gesellschaft als Ganzer einen kommunikativen Aus- Takt gezeigt – der Person Luhmann gegenüber, aber
druck verleihen und sie in sozialmoralischen Begrif- auch einer Öffentlichkeit gegenüber, die mehr wissen
fen erfassen. will, als für die Erschließung der Theorie nötig ist.
Was das angeht, so hat sich Luhmann nicht als In- Der Schwerpunkt dieses Handbuchs liegt folge-
tellektueller stilisiert. Kam Jürgen Habermas etwa richtig auf den theoriekonstruktiven Fragen. Es ist
auf die Frage nach seiner Grundintuition auf jüdi- ein Manual, eine Toolbox, ein Begriffsregister. Es
sche Mystiker, auf Friedrich Schelling und auf das nimmt den luhmannschen Ausgangspunkt tatsäch-
Problem der Versöhnung von Autonomie und lich ernst, dass es auf die Arbeit des Begriffs an-
Zwang, so beschreibt Luhmann in einem Interview kommt und dass Begriffsentscheidungen Folgen
seine Grundintuition auf Nachfrage in unmittelbarer haben. Es weiß wohl auch um die Aura der Theorie,
Kontrastierung zu Habermas so: »Ich weiß nicht, ob um den Charme dieser strengen, darin aber oft iro-
ich es auf eine Formel bringen kann. Aber wenn, nischen, auch – wie Luhmann in seiner Abschieds-
dann ist es jedenfalls eine sehr viel begrifflichere oder vorlesung formulierte – parodistischen Form. Es
theoretischere Option. Ich halte es zum Beispiel für weiß auch um das Faszinierende des Autors der
fruchtbarer, Theorien nicht mit Einheit anzufangen, Theorie, dessen Performanz tatsächlich eine Wahl-
sondern mit Differenz, und auch nicht bei Einheit verwandtschaft zu seiner Theorie aufweist. Aber all
(im Sinne von Versöhnung) enden zu lassen, son- das soll gemäß der Theorie und seinem Autor der Sa-
dern bei einer, wie soll ich es sagen, besseren Diffe- che selbst nachgeordnet werden. Das Werk gruppiert
renz. Deswegen ist zum Beispiel das Verhältnis von sich nicht um die Biographie des Autors und seine
Systemen und Umwelt für mich wichtig, und auch Person, sondern orientiert sich an sich selbst – und
der Funktionalismus, weil er immer bedeutet, daß daran will sich auch das Handbuch halten.
man Verschiedenes miteinander vergleichen kann. Das Handbuch soll den Begriffs- und Theorieap-
Wenn ich also eine grundlegende Intuition angeben parat transparent darstellen, immanent entwickeln
kann, würde ich nicht notwendigerweise gerade auf und von außen beobachtbar machen. Wir haben uns
die eben geschilderte, aber auf etwas dieser Art ab- deshalb entschlossen, den Band sehr kleinteilig zu
stellen« (Luhmann: Archimedes und wir. Berlin 1987, gliedern. Der Schwerpunkt liegt auf kürzeren Beiträ-
127). gen, die einen Eindruck davon vermitteln sollen, wie
Dies nicht für eine Selbststilisierung zu halten, Begriffe und Theorieteile zu verstehen sind. Im Ein-
wäre naiv. Aber es ist eine, bei der sich Luhmann im zelnen geht es um Folgendes:
Hintergrund hält, eine, die die Form ›Person‹ in An- Nach bio-bibliographischen Hinweisen folgt im
spruch nimmt, um die Person hinter der Form ver- zweiten Kapitel eine Rekonstruktion jener Grundla-
schwinden zu lassen. Luhmann entscheidet sich in gen, die Luhmann selbst als Vorläufer seiner Theorie
seiner Theorie für die System/Umwelt-Differenz und ausgewiesen hat, namentlich Husserl, Parsons, die
andere Unterscheidungen, nicht für Versöhnung Organisationsforschung, die Kybernetik und allge-
oder gelungenes Leben. Vielleicht passt das zur Per- meine Systemtheorie sowie das spencer-brownsche
son – zu einer Person, die immer wieder auf eine ethi- Formenkalkül.
sche Maxime abstellt: Takt als Distanzmedium, das Das dritte Kapitel stellt die unterschiedlichen
die Distanz allenfalls ironisch aufzuheben vermag – Theoriekomponenten von Luhmanns Systemtheorie
wobei Ironie ein Gegenwartsmedium ist. Sie verfliegt vor. Denn das, was man zusammenfassend seine ›Sys-
Vorwort XI

temtheorie‹ nennt, speist sich aus differenzierungs- salitätsansprüchen, wird immer wieder betont – und
theoretischen, evolutionstheoretischen, kommuni- hier ausführlich diskutiert.
kationstheoretischen, medientheoretischen und ge- Das Handbuch wird durch einen technischen An-
sellschaftstheoretischen Elementen. Diese unter- hang abgerundet.
schiedlichen Theorien sind es, die die Gesamttheorie Wir hoffen, dass sich die Arbeit am Begriff gelohnt
von Luhmann ausmachen. hat. Gelungen wäre das Handbuch dann, wenn es
Das vierte Kapitel präsentiert in sehr kurzen Arti- dem Kenner die Möglichkeit gibt, sich in den Be-
keln die wichtigsten Grundbegriffe des luhmann- griffsbezügen und Theorieteilen genauer zu orientie-
schen Werkes und leitet sie genau her. Dieses ren und vielleicht sogar neue Verbindungen zu
Begriffskapitel zielt nicht einfach auf kanonisierte entdecken, und wenn es dem Anfänger die Chance
Definitionen, sondern zeigt auf, welche theorietech- für eine erste Orientierung bietet. Für uns selbst je-
nische Bedeutung die Begriffe haben und was sie in denfalls war bereits die Arbeit an der Arbeit am Be-
Luhmanns Theorie bewerkstelligen. griff eine Möglichkeit, den Formenreichtum der
Im fünften Kapitel werden Luhmanns wichtigste Theorie neu zu ermessen und festzustellen, dass es
Werke sowohl historisch als auch systematisch und immer wieder etwas zu lernen gibt, wenn man sich
theoretisch eingeordnet, so dass ein zwar selektiver, der Arbeit des Begriffs widmet.
aber repräsentativer Überblick über das Gesamtwerk Die Herausgeber, eingeschlossen die Herausgebe-
entsteht. rin, danken sich je gegenseitig, weil sie wirklich gut
Im sechsten Kapitel tragen wir Verbindungen, Be- zusammengearbeitet und dabei Komplexitätsproble-
züge und Differenzen zu anderen Theorien zusam- me bewältigt haben, die vorher nicht unbedingt zu
men, auch solche, die Luhmann selbst nicht thema- erwarten waren. Da Komplexität insbesondere durch
tisiert hat. Wir versprechen uns davon, das Werk Zeit gemildert wird, hat es etwas länger gedauert als
Luhmanns, das manchen in einem ersten Zugang geplant. Dass uns auch das noch zugestanden wurde,
womöglich monolithisch erscheint, im interdiszipli- ist der ebenso kompetenten wie strengen Betreuung
nären Raum der Kultur- und Sozialwissenschaften zu von Verlagsseite zu verdanken. Und ohne die redak-
relationieren und einzuordnen. tionelle Unterstützung von Melanie Atzesberger und
Das siebte Kapitel dann präsentiert die Rezeption Tanja Robnik wären wir immer noch weit vom Ab-
Luhmanns in unterschiedlichen wissenschaftlichen schluss dieses Buches entfernt. Am meisten haben
Disziplinen. Es ist uns gelungen, jeweils Autorinnen wir natürlich unseren Autorinnen und Autoren zu
und Autoren aus diesen Disziplinen zu gewinnen, die danken, an denen wir v. a. schätzen, dass sie die Vor-
aus ihrer Binnenperspektive die Wirkung Luhmanns gabe, Arbeit am Begriff zu betreiben und die Arbeit
auf ihr Fach diskutieren. Bei einigen Fächern, in de- des Begriffs vorzuführen, wirklich ernstgenommen
nen Luhmanns Theorie auf den ersten Blick kaum haben. Sie haben weder hagiographisch den Meister
wahrgenommen wird, waren wir überrascht, wie vie- verehrt, noch sich in exegetischer Geste um dessen
le Rezeptionslinien die Autoren dann doch nachwei- wahre Intentionen gekümmert, sondern das ge-
sen konnten. Vielleicht ist auch das ein Indiz dafür, macht, was diese Theorie will: die Folgen von Be-
dass die Rezeption Luhmanns in vielen Fächern ge- griffskonstellationen und -umstellungen wissen-
rade erst beginnt. schaftlich ernstnehmen.
Im achten Kapitel schließlich widmen wir uns,
wenn wir so formulieren dürfen, den wissenschaftli- München, im Juni 2012
chen Sprichwörtern über Luhmann. Dass es eine Oliver Jahraus, Armin Nassehi, Mario Grizelj,
Theorie ohne Subjekt, ohne Empirie und Kritik sei Irmhild Saake, Christian Kirchmeier
oder eine Supertheorie mit unangemessenen Univer- und Julian Müller
1

I. Zur Biographie

1. Niklas Luhmann: an der er jedoch »das Interesse verliert« (Luhmann


2004, 25), liest Hölderlin, Descartes, Malinowski,
Der Werdegang Radcliffe-Brown und Husserl und legt einen ersten
Zettelkasten an, der dem zweiten vorausgeht, mit
Niklas Luhmanns Abneigung gegen Biographien ist dem er bis an sein Lebensende arbeitet.
bekannt. Dennoch gibt es mindestens drei Inter- 1960 heiratet Luhmann Ursula von Walter. Mit ihr
views, in denen er sich zu biographischen Themen hat er drei Kinder, Jörg, Clemens und Veronika. 1977
befragen ließ (Luhmann 1987; 1997; 2004). Der Titel stirbt seine Frau. Luhmann zieht mit den Kindern
der folgenden kurzen Darstellung sowie einige Daten nach Oerlinghausen, wo er bis zu seinem Tod lebt.
orientieren sich an dem Blatt »Angaben zum wissen- 1960/61 geht Luhmann mit einem Stipendium der
schaftlichen Werdegang«, das Luhmann in seinem amerikanischen Regierung, das deutsche Verwal-
Büro für Interessenten bereithielt. Persönliche Erin- tungsbeamte zur Weiterbildung in die Vereinigten
nerungen an Luhmann finden sich in dem Band Staaten einlädt, an die School of Government der
»Gibt es eigentlich den Berliner Zoo noch?« Erinnerun- Harvard University. Er sucht den Kontakt zu Talcott
gen an Niklas Luhmann (Bardmann/Baecker 1999). Parsons und diskutiert mit ihm seinen Funktionsbe-
Niklas Luhmann wird am 8. Dezember 1927 in griff.
Lüneburg geboren. Der Vater betreibt eine Brauerei Nach seiner Rückkehr arbeitet Luhmann von 1962
und Mälzerei, die Mutter stammt aus einer Hoteliers- bis 1965 als Referent am Forschungsinstitut der
familie in Bern, der Großvater ist in Lüneburg Sena- Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Spey-
tor. Luhmann hat zwei jüngere Brüder. Von 1937 bis er. 1965 wird er von Helmut Schelsky zum Abtei-
1946 besucht er das Gymnasium Johanneum in Lü- lungsleiter an der Sozialforschungsstelle der Univer-
neburg. Ab 1943 wird er als Luftwaffenhelfer ausge- sität Münster mit Sitz in Dortmund ernannt und
bildet und Ende 1944 zum Kriegsdienst eingezogen. 1966 wird er in einem annus mirabilis (zwei Qualifi-
Mit dem Kriegsende gerät er in amerikanische Ge- kationsarbeiten in einem Jahr) von der Rechts- und
fangenschaft (zu diesen frühen Jahren vgl. Nitsche Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität
2011). Münster zum Doktor der Sozialwissenschaften pro-
Luhmann studiert von 1946 bis 1949 Rechtswis- moviert und für das Fach Soziologie habilitiert.
senschaften in Freiburg im Breisgau. Nachdem sich 1964 erscheint Luhmanns Buch Funktionen und
sein Wunsch, bei der Lufthansa zu arbeiten, um dort Folgen formaler Organisation, 1968 Zweckbegriff und
Syndikus für Luftrecht und Völkerrecht zu werden, Systemrationalität: Über die Funktion von Zwecken in
nicht erfüllt, arbeitet er zunächst als Referendar und sozialen Systemen. Beide Bücher tragen dazu bei, dass
Assistent des Präsidenten des Oberverwaltungsge- man ihn in der soziologischen Zunft primär als Ver-
richts in Lüneburg, beauftragt mit dem Aufbau einer waltungs- und Organisationssoziologen rezipiert.
Bibliothek nichtveröffentlichter Entscheidungen, Seine Antrittsvorlesung an der Universität Müns-
und 1956 bis 1962 als Referent im Niedersächsischen ter 1967 unter dem Titel »Soziologische Aufklärung«
Kultusministerium. Dort ist er unter anderem für markiert den Anfang eines Forschungsprojekts, an
Fragen der Wiedergutmachung des nationalsozialis- dem Luhmann bis zu seinem Tod festhält (SA1–6):
tischen Unrechts zuständig, zuletzt als Oberregie- die Gesellschaft mit Beobachtungsperspektiven zu
rungsrat. versorgen, die inkongruent zu ihrer Selbstbeschrei-
Während seines Studiums lernt Luhmann Fried- bung sind und ihr damit einen anderen Blick auf ihre
rich Rudolf Hohl kennen, mit dem ihn bis zu dessen Komplexität und auf deren Reduktionen ermöglicht.
Tod 1979 eine intensive Freundschaft verbindet. 1968 wird er Professor für Soziologie an der neu ge-
Hohl schreibt Gedichte, die durch Luhmanns Theo- gründeten Universität Bielefeld, wo er bis zu seiner
rie angeregt sind (Hohl 2012). Emeritierung im Jahr 1993 lehrt und forscht. Etliche
Parallel zu seinem Referendariat arbeitet Luh- Interessen anderer Universitäten, ihn zu berufen
mann an einer Dissertation über Beratungsorgane, (unter anderem nach Edmonton, Kanada, und an
2 Zur Biographie

das Europäische Hochschulinstitut in Florenz), lehnt übernimmt er die Theodor-Heuss-Professur an der


er bereits im Vorstadium mit dem Argument ab, er New School for Social Research in New York.
könne es nicht riskieren, seinen Zettelkasten bei ei- Ende der 1970er Jahre berät Luhmann die Christ-
nem Unfall mit dem Auto, Schiff, Zug oder Flugzeug lich Demokratische Union in Fragen der Zukunft des
zu verlieren. Wohlfahrtsstaats (Luhmann 1981). Als ihm die Auf-
Pläne, mit Jürgen Habermas um 1970 die Leitung traggeber mitteilen, sie müssten den Wählern sagen
des Max-Planck-Instituts für die Erforschung der Le- können, wer die Guten und wer die Bösen sind, ver-
bensbedingungen in der wissenschaftlich-techni- liert er das Interesse an weiterer Beratung. Im August
schen Welt in Starnberg zu übernehmen, zerschlagen und September 1980 ist er Gastprofessor am Depart-
sich rasch wieder. ment of Sociology der Universität Edmonton in Ka-
Im Wintersemester 1968/69 vertritt Luhmann nada.
Theodor W. Adornos Lehrstuhl an der Universität in 1980 erscheint der erste von vier Bänden unter
Frankfurt am Main mit einem Seminar über System- dem Titel Gesellschaftsstruktur und Semantik: Studien
theorie und die Soziologie der Liebe. Die Vertretung zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft, mit
war auf Vermittlung Ludwig von Friedeburgs zustan- denen Luhmann seine jahrelange Arbeit unter ande-
degekommen. Einen Text, der als Seminarvorlage rem in der Bibliothèque Nationale in Paris (in den
dient, Liebe: Eine Übung (Luhmann 2008), hat André Semesterferien) an einer historischen Analyse der
Kieserling aus dem Nachlass herausgegeben. Alexan- Verschiebungen der Semantik der Selbstbeschrei-
der Kluge hat die vermutlich persönlich nie stattge- bung der Gesellschaft im Übergang von der stratifi-
fundene Begegnung Luhmanns mit Adorno in zierten Adelsgesellschaft zur modernen Buchdruck-
dessen Todesjahr fiktional verarbeitet (Kluge 2009, gesellschaft vorlegt (GS1–4 1980–1995).
481 ff.). Klaus Lichtblau hat herausgearbeitet, wie 1980 lernt Luhmann Raffaele De Giorgi kennen,
ähnlich sich Luhmann und Adorno darin sind, auf mit dem er an der Universität von Lecce ein Centro di
die Möglichkeit einer Arbeit am Begriff der Gesell- Studi sul Rischio gründet, das vor allem aus einem
schaft zu vertrauen (Lichtblau 2012, 183 ff.). Raum mit Schreibmaschine in einem Olivenhain be-
Ein Satz aus einem Aufsatz von 1969 über »Kom- steht, in dem Luhmann eine Zwischenfassung seiner
plexität und Demokratie« verhilft Luhmann zu einer Gesellschaftstheorie »für italienische Universitäts-
Bekanntheit über die Fachgrenzen hinaus: »Alles zwecke« schreibt (Luhmann 1992).
könnte anders sein – und fast nichts kann ich än- In Wien trifft er 1983 auf Vermittlung von Stefan
dern.« Die erste Einführung in Luhmanns Denken, Titscher mit systemischen Organisationsberatern
geschrieben von dem protestantischen Theologen verschiedener Beratungsgesellschaften zusammen.
und Gemeindepfarrer Frithard Scholz (1982), In den folgenden Jahren tauscht Luhmann mit den
nimmt ihren Ausgangspunkt von diesem Satz. Beratern Theoriezumutungen und Fallerfahrungen
1971 erscheint das Buch Theorie der Gesellschaft aus.
oder Sozialtechnologie: Was leistet die Systemfor- 1984 erhält Luhmann seinen ersten Ehrendoktor
schung? mit Beiträgen von Jürgen Habermas und Ni- (Dr. iur. h.c.) an der Universität Gent, dem Ehren-
klas Luhmann im Suhrkamp Verlag. Die Rollen promotionen an den Universitäten Macerata, Bolo-
waren eindeutig verteilt: »Theorie der Gesellschaft« gna, Recife und Lecce folgen.
war Habermas’ Part, »Sozialtechnologie« – wenn Im Wintersemester 1986/87 ist Humberto R. Ma-
auch gegen dessen eigene Intention (vgl. GG, 11) – turana als Gastprofessor an der Universität Bielefeld
Luhmanns Part. Die Kontroverse macht Luhmann und bietet zusammen mit Luhmann ein Seminar an.
schlagartig bekannt. Ein Interesse der Columbia Uni- Maturana ist einer der Vordenker, an denen Luh-
versity Press, das Buch ins Englische zu übersetzen, mann die eigene Theoriearbeit orientiert. Husserl
wird von Habermas abschlägig beschieden. spielt diese Rolle in den 1950er und Parsons in den
1970 bis 1973 wird Luhmann unter anderem mit 1960er Jahren, Maturana mit Heinz von Foerster und
Renate Mayntz Mitglied einer Kommission für die Gotthard Günther in den 1970er und 1980er Jahren
Reform des Öffentlichen Dienstes. und schließlich George Spencer-Brown in den
Ab 1976 gibt Luhmann mit Jürgen Habermas, 1990er Jahren (wenn eine so grobe Einteilung erlaubt
Dieter Henrich und Hans Blumenberg bei Suhrkamp ist).
die Reihe »Theorie« heraus. 1984 erscheint der ursprünglich als Einleitungska-
Seit 1974 ist er Mitglied der Rheinisch-Westfäli- pitel in die Theorie der Gesellschaft geplante Band
schen Akademie der Wissenschaften und 1975/76 Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie,
Niklas Luhmann: Der Werdegang 3

dem 1988, 1990 und 1995 einzelne Bände über die sich mit den Nachwirkungen dieser Publikation be-
Funktionssysteme folgen: Die Wirtschaft der Gesell- schäftigt (Baecker u. a. 2007).
schaft, Die Wissenschaft der Gesellschaft und Die 2005 richtet die Universität Bielefeld mit der Spar-
Kunst der Gesellschaft. Gekrönt wird Luhmanns Ge- kasse Bielefeld eine Niklas-Luhmann-Gastprofessur
sellschaftstheorie schließlich 1997 in zwei Bänden ein, die bislang Harrison C. White, John W. Meyer,
von dem Buch Die Gesellschaft der Gesellschaft, mit Nils Brunsson, Alois Hahn, Ulrich Oevermann und
dem Projektvermerk im Vorwort: »Laufzeit: 30 Jahre; Saskia Sassen innehatten. 2012 ist die Professur va-
Kosten: keine« (GG, 11). kant.
1986, im Jahr der Tschernobyl-Katastrophe, er-
scheint das Buch Ökologische Kommunikation: Kann
die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefähr- Literatur
dungen einstellen?, mit dem Luhmann im Rahmen ei- Baecker, Dirk: »Niklas Luhmann (1927–1998)«. In: http://
ner Kurzdarstellung seiner Theorie der Gesellschaft [Link]/Main/NiklasLuhmannByDirkBaecker
den Versuch macht, die Partei DIE GRÜNEN auf die (29.6.2012).
Tendenz hinzuweisen, dass die moderne Gesellschaft – u. a. (Hg.): Zehn Jahre danach: Niklas Luhmanns »Die
Gesellschaft der Gesellschaft«. Stuttgart 2007.
mit sowohl zu viel als auch zu wenig Resonanz auf Bardmann, Theodor M./Baecker, Dirk (Hg.): »Gibt es ei-
ökologische Gefahren reagiert: Die Massenmedien gentlich den Berliner Zoo noch?« Erinnerungen an Ni-
und die Moral reagieren alarmistisch, die Funktions- klas Luhmann. Konstanz 1999.
systeme abwiegelnd. Das Buch Soziologie des Risikos Hohl, Friedrich Rudolf: Poesie als Passion: Gedichte aus
(1991) ergänzt diese Darstellung durch eine Perspek- Luhmanns Welt. Hg. von Clemens Luhmann. Paderborn
2012.
tive auf Organisationen, die in Wirtschaft, Politik, Kluge, Alexander: Das Labyrinth der zärtlichen Kraft: 166
Erziehung, Wissenschaft, Recht und Religion mit ris- Liebesgeschichten. Frankfurt a. M. 2009.
kanten Entscheidungen überlastet sind. Lichtblau, Klaus: »Theodor W. Adornos ›Theorie der Ge-
1988 erhält Luhmann den Hegel-Preis der Stadt sellschaft‹: Ein uneingelöstes Versprechen der Frankfur-
Stuttgart. ter Schule der Soziologie«. In: Soziologie 41. Jg., 2 (2012),
177–199.
Gastprofessuren nimmt Luhmann an der Law Luhmann, Niklas: »Komplexität und Demokratie«. In: Po-
School der Northwestern University in Chicago litische Vierteljahresschrift 10. Jg. (1969), 314–325.
(1989), als Jacob Burns Scholar an der Cardozo –: Politische Theorie im Wohlfahrtsstaat. München 1981.
School of Law der Yeshiva University in New York –: »Biographie, Attitüden, Zettelkasten« [Interview von
(1992), am Commonwealth Center der University of Rainer Erd und Andrea Maihofer]. In: Ders.: Archimedes
und wir. Hg. von Dirk Baecker/Georg Stanitzek. Berlin
Virginia (1993) und an weiteren Universitäten wahr.
1987, 125–166.
Zum Gedenken an Husserls Vorlesungen aus dem –: Teoria della società. Mailand 1992.
Jahr 1935 hält Luhmann die Wiener Rathausvorle- –: Die neuzeitlichen Wissenschaften und die Phänomeno-
sung 1995 und verknüpft sein frühes Interesse an der logie. Wien 1996.
Phänomenologie mit seiner späteren Arbeit an einer –: »Biographie im Interview« [Interview von Detlef Hors-
ter]. In: Detlef Horster: Niklas Luhmann. München
»Theorie unzuverlässiger Systeme« (Luhmann
1997, 25–47.
1996). –: »Es gibt keine Biografie« [Interview von Wolfgang Ha-
Am 6. November 1998 stirbt Luhmann. Er wird in gen]. In: Wolfgang Hagen (Hg.): Warum haben Sie kei-
Oerlinghausen begraben. Bis 2012 erscheinen zahl- nen Fernseher, Herr Luhmann? Letzte Gespräche mit
reiche Publikationen aus dem Nachlass und immer Niklas Luhmann. Berlin 2004, 13–47.
noch sind viele Texte unpubliziert. Wichtige post- –: Liebe: Eine Übung. Hg. von André Kieserling. Frankfurt
a. M. 2008.
hume Veröffentlichungen sind beispielsweise Orga- Nitsche, Lilli: Backsteingiebel und Systemtheorie: Niklas
nisation und Entscheidung (2000) sowie, herausgege- Luhmann – Wissenschaftler aus Lüneburg. Gifkendorf-
ben von André Kieserling, Die Politik der Gesellschaft Vastorf 2011.
(2000) und Die Religion der Gesellschaft (2000), und Scholz, Frithard: Freiheit als Indifferenz: Alteuropäische
im Jahr 2002, herausgegeben von Dieter Lenzen, Das Probleme mit der Systemtheorie Luhmanns. Frankfurt
a. M. 1982.
Erziehungssystem der Gesellschaft. Dirk Baecker
Zum zehnten Jahr des Erscheinens von Die Gesell-
schaft der Gesellschaft findet 2007 an der Universität
Luzern in der Schweiz unter der Gastgeberschaft von
Rudolf Stichweh eine internationale Tagung statt, die
4 Zur Biographie

2. Sphinx ohne Geheimnis – von Menschen, die ersichtlich maßlos viel an seltsa-
men Dingen arbeiten, ohne dazu gezwungen zu sein.
Zur Unkenntlichkeits- Ich meine jetzt die Tradition, in der von Käuzen, von
biographie Niklas Luhmanns Sonderlingen, von Besessenen die Rede ist.
Sie wird, wenn es um Luhmann geht, einerseits auf
Seit Niklas Luhmanns Tod im Jahr 1998 ist eine Bio- Mephistophelisch-Luziferisches umgesetzt (wozu
graphie dieses Soziologen ein vielfach bekundetes auch sein Name Anlass gegegeben hat, in dem laut
Bedürfnis. Die Frage ist immer: Was und wer steckte Schwanitz die Lohe, das flammenhafte Licht im
hinter seinem immensen Lebens- und Denkwerk? ›Luh‹, spielt); andererseits wird die Sphinx heranzi-
Luhmann hätte – fern von allen Pathosformeln – ge- tiert: »Als ich aufblickte, sah ich Luhmann mir gegen-
antwortet: ›Nichts steckt dahinter!‹ und damit viel- über sitzen. Er lächelte wie eine Sphinx, als ob er
leicht gemeint: nichts Nennenswertes, nichts, wo- schon ewig dort gesessen hätte. Nach und nach wur-
durch mehr befriedigt werden könnte als ›human de auch den anderen Anwesenden bewußt, daß Luh-
interest‹, nichts, was sein Werk erklären oder sein mann längst da war, obwohl offenbar niemand ihn
Verständnis gar bereichern würde. »[W]enn jemand hatte eintreten sehen« (Schwanitz 1999, 50).
das braucht, um zu verstehen, was ich geschrieben In all diesen Fällen geht es um Mystifizierungen,
habe, dann habe ich schlecht geschrieben« (Luh- die Luhmann vermutlich nicht geschätzt hätte. Ich
mann 1987, 19). erinnere mich eines Gespräches mit ihm, in dem er
Das Interesse an dem, der als Autor gilt, konnte er sagte, dass die Attribution ›Sphinx‹ von ihm nur in
soziologisch nachvollziehen, kaum aber theoretisch einer Wendung von Oscar Wilde akzeptiert werde:
billigen, denn dieses ›Wer?‹ signiert eine Ontologie Die Frau sei eine Sphinx ohne Geheimnis. Wenn das
des ›Ich‹, des ›Selbst‹, eine Instanz innerer Über- auch für ihn als Mann zutraf, lassen sich tatsächlich
schau, eine interne Supervision und Subjekthaftig- über Luhmann nur Geschichten erzählen, aber keine
keit, eine Idee also, gegen die Luhmann sich in klassische Biographie, die einen Zusammenhang von
seinem Werk abweisend verhalten hat, oder besser: Leben, Werk und Wirkung widerspiegeln könnte.
gegen die sich das Werk, das Luhmann zugeschrieben Ihm selbst hätte wohl eine einfache Liste genügt, die
wird, idiosynkratisch verhält. den Vorteil hat, auf Klischees verzichten zu können.
Biographien, auch Autobiographien sind allemal,
wie das Wort sagt: Geschriebenheiten, mithin immer
strikt selektiv, für kommunikative Zwecke eingerich- Der Biographieverzicht
tet, eingebettet in die semantischen und strukturel-
len Bedingungen der Zeit, in der sie entstehen, hier Vielleicht sollte ich sagen, dass ich einige Jahre mit
einer Zeit, in der Nachrichten über Individuelles im- Niklas Luhmann zusammengearbeitet habe, zu-
mer auf Interesse stoßen, obschon oder gerade weil nächst als studentische Hilfskraft, dann als Ko-Autor
nichts so sehr fraglich geworden ist wie die Möglich- des Buches Reden und Schreiben. Das heißt, wir hat-
keit von Individualität unter dividualen Weltbeob- ten viele Gespräche, in denen das, was ich erwartet
achtungsbedingungen. habe, nicht geschah: der Aufbau einer Nähe, die für
Eine Biographie zu verfassen, das ist ersichtlich: längere Bekanntschaften typisch ist. Er erzählte
eine mögliche unter anders möglichen Biographien nichts aus seinem Leben und verhinderte damit, dass
zu schreiben. Das Genre des Biographischen ist eben ich aus dem meinen hätte erzählen können. Er be-
deshalb nicht selten schwach komplex unterwegs; es richtete von Tagungen, Diskussionen, Reisen, aber
ist eher legendär, eher anekdotisch, eher romanhaft. immer in Hochkonzentration auf das, was dabei the-
Wenn man sich wie Luhmann nicht auf dieses Genre matisch verhandelt worden war und (nicht ohne iro-
einlässt, muss man damit rechnen, dass das Anekdo- nische Einschläge) von dem, was dabei systematisch
tische, das Sentenzenhafte, das Skurrile die Führung ausgeblendet wurde.
der dann doch applizierten biographischen Anstren- Jenes ›Aufleben‹, das sonst durch Nähe erzeugt
gungen übernimmt. Und tatsächlich sind zahlreiche wird, stieß ihm zu, wenn es um die Sache, also fast
Anekdoten über Luhmann im Umlauf. immer: um Hochabstraktionen ging, die das, was
Das ist aber nicht so ärgerlich wie die Übernahme man bisher zu einem Problem dachte, in ein anderes,
tradierter Muster, die sich auf die Einschätzung von ein überraschendes Licht tauchten. Er konnte sich bei
Menschen beziehen, die unbeirrbar Plänen nachge- solchen Gelegenheiten, wenn ich das so sagen darf,
hen, die sozial nicht ohne Weiteres plausibel sind, ›spitzbübisch‹ freuen. Wenn ich in sein Büro kam
Sphinx ohne Geheimnis – Zur Unkenntlichkeitsbiographie Niklas Luhmanns 5

und mir der obligate Hagebuttentee kredenzt wurde, schaft war, hat er mitunter gesprochen. Er muss
startete er schon während des Einschenkens mit un- Furchtbares gesehen und erlebt haben, aber er gab
serem jeweiligen Thema. Und: Er wirkte marode, dem, was er erzählte, eine lakonische Wendung: Er
wenn das Gespräch umsetzte auf das, was auch an habe bei diesen Ereignissen Kontingenz und soziale
Alltäglichem zu besprechen war. Unordnung kennengelernt. Die Rede bezog sich
Ich dachte damals oft an Robert Musils Mann ohne nicht auf durchschlagende, existentielle Erfahrun-
Eigenschaften und erfuhr später zu meinem stillen gen.
Vergnügen, dass dieser Roman auch zu seinen Lieb- Seine Erzählungen über diese Zeit waren pathos-
lingslektüren gehörte. Wenn mich nicht alles täuscht, frei, die Stimme bebte nicht und: Diese Erzählungen
kommt in ihm sinngemäß der Satz vor, das Interesse schienen nicht wirklich privat zu sein, sondern waren
sei die stärkste Macht, durch die Menschen be- lehrreich, Beispiele in Vorlesungen und Seminaren,
herrscht werden könnten. Offenbar fand das Biogra- wenn es um die Frage nach der Bedingung der Not-
phische im Blick auf ihn selbst nicht Luhmanns wendigkeit sozialer Ordnung ging. Sie blieben trotz
Interesse. Es wäre dagegen sofort angesprungen, oder gerade wegen ihrer Trockenheit nachdrücklich
wenn man etwa über die Form des Biographischen im Gedächtnis. ›Guter Geist ist trocken‹ – das war
gesprochen hätte, deren Erfolg mit der Umstellung eine seiner ihn selbst beschreibenden Sentenzen, ein
der Gesellschaft von Stratifikation auf funktionale Satz, der zu einem Meister der Lakonie passt wie sei-
Differenzierung koinzidiert, kaum aber, wenn es um ne markant spartanische Lebensführung.
Details seiner Biographie gegangen wäre, die in sei- Ein Beispiel für diese Lakonie aus einem Brief an
ner Sprache nur ›kontingent‹, also weder notwendig mich (16.10.89), in dem Luhmann anfragt, ob ich be-
noch unmöglich sein konnte: ein Arrangement aus reit sei, am Buch über ›Weltkunst‹ mitzuarbeiten:
den Selbst- und Fremdbeschreibungen, mit denen »Gedacht ist an ein kleines Büchlein, an dem eventu-
man im Laufe eines Lebens konfrontiert wird, ein Ar- ell auch ein Künstler mitwirkt – aber wie, weiß ich
rangement, das sich so einrichten lässt, dass es sozial noch nicht. Ich hatte einmal kurzen Kontakt mit Fre-
Anklang findet. derick Bunsen, ganz dichte durch Mißverständnisse
Anders gesagt: Biographien wie Autobiographien erleichterte Kommunikation und denke jetzt an diese
sind rahmendatengestützte Interpretationen, in Möglichkeit.«
Luhmanns Diktion: ›Deuteleien‹, die das Bedürfnis
nach ›Menschlichkeit‹ befriedigen. Für ihn, so stelle
ich es mir vor, waren sie Zeitverschwendungen, Denklineaturen
Nichtnützlichkeitsinformationen, mithin: Verzicht-
barkeiten. Luhmann verkörperte das Bild des hochkonzentrier-
ten, distanzierten, unablässig denkenden Denkers,
dem man sich annähern kann, wenn man zufällige
Die Pflege der Unkenntlichkeit und prägende, lebensgeschichtlich induzierte Ein-
flüsse imaginiert, durch die er Kontur und Wiederer-
Für etliche Leute, die ich kenne und die häufigeren kennbarkeit gewonnen hat. Sieht man von seiner
Kontakt mit ihm hatten, trat wie für mich auch die frühen familiären Sozialisation ab, über die man
Frage auf, ob der Biographieverzicht dezidierter Ver- kaum etwas weiß, wird man an seine Schulzeit auf ei-
zicht war oder ein Beiläufigkeitsphänomen, das bei nem altsprachlichen Gymnasium erinnern müssen,
Luhmanns Arbeitsleistung nicht unter seiner Kon- also an den Kontakt mit einer Bildungswelt, in deren
trolle stand. Mein Eindruck war, dass er, um es para- Zentrum die Antike, der Humanismus standen, da-
dox zu formulieren, den Habitus der Unnahbarkeit, mit auch Sprachen wie Latein und Griechisch, die
jene Unkenntlichkeit pflegte, die – vom Topos her ge- Befasstheit mit Dichtung von Homer bis zu Goethe,
sehen – für Ironiker bezeichnend ist. Man könnte mit der Philosophie, deren Leitgestalten Kant und
von einer perfekt zelebrierten Distanz sprechen, die Hegel waren – eine Bildungswelt, die im Zusammen-
dann als ›Vorführung‹ imponierte, wenn Luhmann – bruch des ›Dritten Reiches‹ unglaubhaft wurde, bei
ganz selten – Distanzbrüche zuließ. Luhmann aber immer einen paramount seiner Arbeit
Das war etwa dann der Fall, wenn er krank war darstellte, in einer Melange von Ironie und Wehmut
und lange über die Krankheit und ihre Bewandtnisse indiziert als die Welt Alteuropas, der er sich verbun-
redete, wie es sonst nur Hypochonder tun. Auch über den fühlte, obwohl sich wenige Wissenschaftler so
die Zeit, als er Flakhelfer und später in Gefangen- weit von ihr entfernt haben.
6 Zur Biographie

Zu diesem Hintergrund passt, was man Luh- im Blick auf das, was sich über die Moderne der Ge-
manns ›Sammelwut‹ nennen könnte. Schon 1951 be- sellschaft noch verantwortlich denken lässt.
gann er, an seinem berühmten ›Zettelkasten‹ zu
arbeiten, der am Ende seines Lebens mit ca. 90.000
Zetteln und einer die Verlinkungsmöglichkeiten des Liebhabereien
Internet präludierenden Verweis- und Kompilier-
technik eine geradezu optisch monströse Form ange- Niklas Luhmann reiste viel in der Welt herum, ein
nommen hatte, wovon man sich in Bielefeld leicht Jetsetter par excellence. Wenn man ihn fragte, warum
überzeugen kann. er sich das antue, pflegte er zu sagen, es gehe um Dif-
In ebendieser Zeit setzte er sich intensiv mit Ed- ferenzerfahrung. Was dabei mitunter herauskam,
mund Husserl auseinander und gewann ihm ent- waren Äußerungen wie die folgende, die sich in dem
scheidende Denkfiguren ab: Sinn, Horizont, Selekti- Brief an mich vom 16. Oktober 1989 ebenfalls findet:
on. Ein weiteres Schlüsselerlebnis war seine Begeg- »Chicago war in vielen Hinsichten lohnend, vor al-
nung mit Talcott Parsons an der Harvard University lem wegen einer guten Bibliothek im Bereich des
im Jahr 1960. Er sah sich mit einer soziologischen common law. Das hat den Anstoß gegeben für ein
Systemtheorie konfrontiert, für die ein ›universalisti- weiteres Buch über ›Das Recht der Gesellschaft‹. Im
scher‹ Geltungsgrad behauptet wurde. Der Ansatz übrigen bin ich immer wieder beeindruckt von der
war analytisch und – theorieästhetisch gesehen – sehr intellektuellen Isolierung Amerikas – mit wenigen
schematisch. In Gegenbewegung dazu begann Luh- Ausnahmen wie Derrida, die dann überdurch-
mann, das System als System/Umwelt-Differenz zu schnittliche Effekte erzeugen. Natürlich können die
bestimmen und in einer naturalen Epistemologie da- Amerikaner nicht wissen, daß sie 1992, wie man
von auszugehen: Es gibt Systeme. hofft, Europa entdecken werden.«
Das Denken jener Differenz verlangte dann mehr Er liebte vor allem die Sonne, arbeitete gern auf
und mehr nach anderen logischen Bordmitteln, die der Terrasse und hielt sich regelmäßig in Italien auf,
Luhmann in den 1980er Jahren in George Spencer- in einem Land, in dem die Rezeption seiner Theorie
Browns Laws of Form fand. Von da an datiert eine ful- schon sehr früh beachtliche Ausmaße annahm. Ein
minante Um- und Weiterentwicklung der Theorie, wichtiger Ort war Lecce in Calabrien, wohin er flüch-
bezeichnet durch Begriffe wie ›Referenz‹, ›Beobach- tete, als er nach seiner Emeritierung (absurde) Pro-
tungsebene erster Ordnung‹ und ›zweiter Ordnung‹. bleme mit der Weiterarbeit seiner Lehrstuhlsekretä-
Zuvor adoptierte er von Humberto Maturana den rin bekam – zur Zeit, als er an der Gesellschaft der
Ausdruck ›Autopoiesis‹ für Systeme, die sich selbst Gesellschaft schrieb. Deswegen ist die Erstausgabe
durch sich selbst auf der Basis ihrer jeweils originä- dieses Buches italienisch.
ren, zeitflüchtigen Elemente reproduzieren, ein Lecce, so hörte ich es von ihm, war vor allem nach
Theoriestück, mit dem sich die Logik Spencer- der Installation eines ›Luhmann-Institutes‹ an der
Browns bruchlos verbinden ließ. dortigen Universität der Ort, wo er gern seinen Le-
Ein anderes Thema wurde ihm lebensgeschicht- bensabend verbracht hätte. Dazu ist es nicht mehr
lich ›zugeflaggt‹ durch die Kontroverse mit Jürgen gekommen.
Habermas, die 1968, im Jahr der Berufung Luh-
manns nach Bielefeld, startete und seine spätere
Wahrnehmung durch die intellektuelle Öffentlich- Literatur
keit massiv bestimmte. Die Debatte fand in den, was Luhmann, Niklas: Archimedes und wir. Hg. von Dirk Bae-
Gesellschaftskritik angeht, hochhysterisierten Acht- cker/Georg Stanitzek. Berlin 1987.
undsechzigern statt. Habermas optierte für Kritik, Schwanitz, Dietrich: »Niklas Luhmann. Artifex mundi«. In:
Luhmann weder gegen sie noch für sie. Er legte den Rudolf Stichweh (Hg.): Niklas Luhmann. Wirkungen ei-
nes Theoretikers. Gedenkcolloquium der Universität
Akzent beharrlich auf Theorie, Nüchternheit, auf die Bielefeld am 8. Dezember 1998. Bielefeld 1999, 49–59.
wissenschaftliche Analyse der Bedingung der Mög-
lichkeit von Gesellschaft, unaufgeregt, glasklar. Seit- Peter Fuchs
dem gilt er vielen als Konservativer, als Systembestä-
tiger, als jemand, der für sich die richtige (rechte)
Meinung vertritt: eben eine ›Orthodoxia‹ – ein son-
derbares Urteil angesichts des unübersehbaren Um-
standes, dass seine Theorie explosive Folgen zeitigte
7

3. Luhmanns Zettelkasten schauen (ebd., 222). Die Differenz von Aufzeich-


nungssystem und Nutzer kann allerdings erst deshalb
und seine Publikationen produktiv werden, weil die interne Struktur der Zet-
telsammlung ganz verschiedene Kombinationen
Geist im Kasten? mehrerer Zettel zu einzelnen Fragestellungen ermög-
licht, so dass der Zettelkasten selbst zu einem inno-
Niklas Luhmann war ein in vielerlei Hinsicht heraus- vationsgenerierenden Mechanismus wird, der zwar
ragender Soziologe des 20. Jahrhunderts. Dies gilt immer der Anfrage durch den Nutzer bedarf, diesen
auch für seine Produktivität als wissenschaftlicher aber selbst dann, wenn er auch der Ersteller der Zettel
Autor: Seit Ende der 1960er Jahre erschienen jedes ist, mit seinen Antworten überrascht: »Ohne die Zet-
Jahr mindestens eine Monographie und mehr als tel, also allein durch Nachdenken, würde ich auf sol-
zehn Aufsätze, so dass seine Veröffentlichungsliste che Ideen nicht kommen. Natürlich ist mein Kopf
schon zu Lebzeiten ca. 500 Publikationen umfasste erforderlich, um die Einfälle zu notieren, aber er
(vgl. Luhmann 1998). Posthum wurden mittlerweile kann nicht allein dafür verantwortlich gemacht wer-
eine ganze Reihe neuerer Monographien und Aufsät- den« (Luhmann 1987, 144).
ze publiziert, und im Nachlass befinden sich weitere, Vor diesem Hintergrund soll im Folgenden die
bislang unveröffentlichte Manuskripte insbesondere Struktur des Zettelkastens näher beleuchtet und da-
aus den 1960er und 1970er Jahren, so dass man von mit die Grundlage des Verhältnisses von Zettelkasten
insgesamt über 50 Monographien und 500 Aufsätzen und Luhmanns wissenschaftlicher Produktivität
ausgehen muss, die in Luhmanns knapp vierzigjäh- skizziert werden. Dies geschieht auf der Basis einer
riger Theoriewerkstatt entstanden sind. Auf die in ei- ersten Sichtung der 2011 von der Universität Biele-
nem Interview geäußerte Frage, wie diese beispiello- feld mit Unterstützung der Krupp-Stiftung sowie des
se Publikationsleistung zu erklären sei, antwortete Stifterverbandes erworbenen Sammlung, die die ei-
Luhmann mit dem für ihn charakteristischen Under- gentliche wissenschaftliche Erschließung vorbereitet
statement: »Ich denke ja nicht alles allein, sondern hat. Deren Ziel ist es, die Zettel digital zu archivieren
das geschieht weitgehend im Zettelkasten. […] Mei- und anschließend die Digitalisate in eine internetba-
ne Produktivität ist im wesentlichen aus dem Zettel- sierte Datenbank zu überführen, die die von Luh-
kasten-System zu erklären« (Luhmann 1987, 142). mann angelegte Funktionalität des Zettelkastens
Auch aufgrund solcher Äußerungen wurde der reproduziert, um so eine allgemeine Zugänglichkeit
Zettelkasten zunehmend zu einem Mythos, obwohl des Zettelkastens für die Forschung sicherzustellen.
Luhmann selbst kein Geheimnis um den Gegenstand
machte, sondern Interessierten und sogar den Mas-
senmedien den Kasten durchaus vorführte. Zugleich Der Zettelkasten
stand er der Verklärung der Zettelsammlung aber in
der für ihn typischen Ironie distanziert gegenüber. So Der Zettelkasten umfasst ca. 90.000 Zettel und be-
gibt es im Zettelkasten eine kleine Abteilung, in der steht aus zwei weitgehend autonomen Zettelsamm-
Luhmann über den Zettelkasten selbst reflektiert; lungen: (1) eine frühe Sammlung (ca. 1951–1962;
dort findet man unter der Überschrift »Geist im Kas- sporadische Einträge noch bis ca. 1973), die primär
ten?« folgende Notiz: »Zuschauer kommen. Sie be- auf verwaltungs- bzw. staatswissenschaftlicher, phi-
kommen alles zu sehen, und nichts als das – wie beim losophischer, organisationstheoretischer und (weni-
Pornofilm. Und entsprechend ist die Enttäuschung« ger) soziologischer Lektüre Luhmanns aus der Zeit
(Zettel 9/8,3). seiner Tätigkeit als Rechtsreferendar in Lüneburg
Diese Enttäuschung resultierte wohl weniger aus bzw. Oberregierungsrat im Kultusministerium in
dem unscheinbaren Äußeren der Zettelsammlung als Niedersachsen beruht. Die Sammlung besteht aus ca.
vielmehr aus der Tatsache, dass – trotz der von Luh- 24.000 Zetteln, einer Bibliographie mit ca. 1800 Ti-
mann gerne gebrauchten Formulierung der sich na- teln und einem Schlagwortverzeichnis mit ca. 1250
hezu selbstschreibenden Texte – der Zettelkasten als Einträgen, wobei für jedes Schlagwort (nur) auf ein
»Zweitgedächtnis« (Luhmann 1981, 225) natürlich bis drei Zettel verwiesen wird; (2) eine spätere
zwingend auf eine Kooperation (also: Differenz!) Sammlung (ca. 1963–1996), die im Zuge der auch in-
zum ›Erstgedächtnis‹ angewiesen war: Der Zettelkas- stitutionellen Hinwendung Luhmanns zur Soziolo-
ten ist Partner in einem Kommunikationsprozess, in gie entsteht, nun auch durch einen eindeutig
dem sich die Teilnehmer wechselseitig nicht durch- soziologischen Zugriff gekennzeichnet ist und den
8 Zur Biographie

Großteil der luhmannschen Publikationsperiode ab- Die Struktur der Sammlung


deckt. Diese Sammlung besteht aus ca. 66.000 Zetteln
und enthält neben den Notizen auch einen umfang- In seinen Äußerungen über den Zettelkasten hat
reicheren, aber nicht vollständigen bibliographi- Luhmann (1981, 224 f.) immer wieder auf die beson-
schen Apparat mit ca. 16.000 Einträgen, ein ca. 3200 dere Struktur der Zettelsammlung abgestellt, die erst
Einträge umfassendes Schlagwortverzeichnis sowie die besondere Produktivität als ›Schreibmaschine‹
ein Personenverzeichnis mit ca. 300 Namen. Luh- erklären würde. Der Zettelkasten sei »ein kyberneti-
mann selbst gab keine Auskunft darüber, warum er sches System«, eine »Kombination von Unordnung
Anfang der 1960er Jahre eine zweite Sammlung an- und Ordnung, von Klumpenbildung und unvorher-
legte, die die erste zunächst offensichtlich weitge- sehbarer, im ad hoc Zugriff realisierter Kombinati-
hend ersetzen sollte, wie man aufgrund der Tatsache, on« (Zettel 9/8).
dass die Nummerierung der Zettel wieder bei 1 be- Auch wenn Luhmann betont, dass die Zettel-
ginnt, vermuten darf. Beide Sammlungen sind nur sammlung keine systematische Gliederung und in-
lose miteinander gekoppelt, d. h. es gibt – verglichen haltliche Ordnung aufweise, findet man (natürlich)
mit der internen Verweisungsdichte, die erstaunlich keine chaotische Ansammlung von Notizen, sondern
hoch ist (s. u.) – relativ wenige Verweise zwischen den eine Aggregation einer Vielzahl von Zetteln zu be-
beiden Sammlungen, selbst dann, wenn sie dieselben stimmten Begriffen und Einzelthemen, die sich auch
Begrifflichkeiten behandeln. (Eine Ausnahme stellen in der ersten (durch einen Schrägstrich bzw. ein
die Notizen zur Weltgesellschaft dar, bei denen es Komma von der eigentlichen Nummerierung des je-
nicht nur systematische Querverweise gibt, sondern weiligen Zettels getrennten) Zahl des Notationssys-
die auch noch bis in die 1970er Jahre hinein in die tems niederschlägt. So weist die zweite Zettelsamm-
erste Sammlung integriert wurden.) lung folgende Ordnungsstruktur auf: ›1 Organisati-
Auf den DIN-A-6-großen Notizzetteln notierte onstheorie‹, ›2 Funktionalismus‹, ›3 Entscheidungs-
Luhmann primär Lektüreergebnisse, aber auch eige- theorie‹, ›4 Amt‹, ›5 Formale/informale Ordnung‹,
ne Thesen oder noch zu klärende Fragen. Luhmann ›6 Souveränität/Staat‹, ›7 Einzelbegriffe/Einzelpro-
erstellte bei der Lektüre von Texten zwar (in der Regel bleme‹, ›8 Wirtschaft‹, ›9 Ad hoc Notizen‹, ›10 Ar-
sehr knappe) Exzerpte, die man z. T. auch auf den chaische Gesellschaften‹, ›11 Hochkulturen‹. In den
Rückseiten der bibliographischen Angaben der zwei- genannten Bereichen schließen sich an die themati-
ten Sammlung findet, nahm aber erst im Anschluss sche Erstentscheidung zunächst weitere thematische
daran in einem zweiten Arbeitsschritt eine Verzette- Blöcke mit bis zu vierstelligen Eingangsnummern an,
lung dieser Exzerpte vor, wobei er sich dann insbe- die mit den eingangs genannten Themen zumindest
sondere an den bereits vorliegenden Einträgen in lose gekoppelt sind (z. B. im Bereich ›3 Entschei-
dem Zettelkasten orientierte: Entscheidend war für dungstheorie‹: ›31 Handlungsbegriff‹, ›32 Entschei-
Luhmann, »was für welche bereits geschriebenen dungsmodelle‹, ›33 Konstruktionstypen für Ent-
Zettel wie auswertbar ist. Ich lese also immer mit scheidungsmodelle‹, ›331 Zweckmodelle‹, ›332 Opti-
Blick auf die Verzettelungsfähigkeit von Büchern« malmodelle‹, ›333 Brauchbarkeitsmodelle‹, ›34 Ent-
(Luhmann 1987, 150). Das Prinzip des Eintrags in scheidungsvereinfachung‹ usw.).
den Zettelkasten selbst orientierte sich nicht an einer Wie die Auflistung der Grobstruktur aber auch
letzten Durchdachtheit eines Gedankens, sondern an schon deutlich macht, handelt es sich bei dieser Ord-
der Annahme, dass über die Sinnhaftigkeit einer No- nungsstruktur nicht um eine Systematik im strengen
tiz erst später, nämlich durch die Relationierung mit Sinne (wie etwa bei einer Buchgliederung), die Plat-
anderen Notizen, entschieden werden kann (die zierung thematischer Blöcke wie auch der Stellplatz
Analogie zur luhmannschen Konzeption des Kom- einzelner Zettel in der Sammlung sind vielmehr ei-
munikationsbegriffs drängt sich hier unübersehbar nerseits das historische Produkt der Forschungs- und
auf). Luhmann bezeichnet in einer entsprechenden Lektüreinteressen Luhmanns und andererseits eine
Notiz den Zettelkasten als »Klärgrube« (Zettel 9/ Folge der Schwierigkeit, eine Fragestellung eindeutig
8a2): »Alle arbiträren Einfälle, alle Zufälle der Lektü- einem und nur einem (Ober-)Thema zuzuordnen.
ren können eingebracht werden. Es entscheidet dann So findet man auf der einen Seite z. B. umfangreiche
die interne Anschlussfähigkeit« (Zettel 9/8i). wirtschaftsbezogene Notizen zu Geld und Eigentum
nicht nur in der entsprechenden Abteilung zur Wirt-
schaft, sondern auch in der Abteilung ›3 Entschei-
dungstheorie‹ im Block ›352 Kommunikationstheo-
Luhmanns Zettelkasten und seine Publikationen 9

rie‹ während auf der anderen Seite z. B. die zum dann wiederum monothematisch 1b angeschlossen
Funktionssystem ›Wirtschaft‹ äquivalenten Notizen werden oder aber auch eine weitere Verzettelung fol-
zu ›Recht‹ nicht auch in einer eigenen Oberabteilung gen, wobei dieser Zettel dann mit 1a1 bezeichnet und
stehen, sondern in der Abteilung ›3 Entscheidungs- zwischen 1a und 1b eingeschoben wird. Im Extrem-
theorie‹ im Block 34 zur Entscheidungsvereinfa- fall erhält man dann Zettel mit bis zu dreizehn-
chung unter der Bezeichnung ›3414 Rechtsordnung‹. stelligen Zahlen-/Buchstabenkombinationen, z. B.
Im Unterschied dazu sind die Notizen zu ›Wissen- ›21/3a1p 5c4fB1a Vertraulichkeit‹ im Rahmen des ur-
schaft‹ größtenteils im Block ›Wahrheit‹ abgelegt sprünglichen Themas ›21 Funktionsbegriff‹. Durch
worden, der sich aber wiederum nicht im Ab- diese Ablagetechnik wird die zunächst vorhandene
schnitt 352 zu den Kommunikationsmedien (für die Ordnung der Zettelsammlung innerhalb der thema-
es im Übrigen unter ›32 Entscheidungsmodelle‹ tischen Blöcke also weitestgehend aufgebrochen.
noch eine zweite Systemstelle gibt) befindet, sondern Die Zettelkastensammlung weist so eine ganz ei-
in der Abteilung ›7 Einzelbegriffe/Einzelprobleme‹ gene Tiefenstruktur auf – Luhmann nennt das eine
unter der Nummer 7/25 – zwischen ›7/24 Rausch‹ »innere Verzweigungsfähigkeit« (1981, 224) –, wobei
und ›7/26 Energie‹. die Platzierung eines Themas innerhalb dieser Ord-
Darüber hinaus führt innerhalb der genannten nungsstruktur dann gerade nicht zwingend etwas
Großblöcke ein spezifisches Ordnungsprinzip dazu, über die theoretische Prominenz des Begriffs aussagt,
dass die thematische Erstentscheidung Luhmanns was man z. B. schon daran erkennt, dass die Notizen
nicht eine monothematische Reihung der dort zu zum Autopoiesisbegriff unter der Nummer 21/
findenden Zettel zur Folge hat. Vielmehr gibt es eine 3d26g1i ff. abgelegt sind. Entsprechend findet man
Strategie der Verzettelung, die diese ursprüngliche umgekehrt Notizen zu einem Thema bzw. Begriff an
Ordnung aufbricht: Findet sich in einer Notiz ein in- mehreren Stellen in der Sammlung, z. B. in der zwei-
teressanter Nebengedanke, so wird dieser (später) ten Sammlung zu ›Reflexion‹ (in chronologischer
weiterverfolgt. Diese zusätzlichen Einträge werden Reihenfolge) in einem Abschnitt zur funktionalen
auf einen an dieser Stelle dann einzuschiebenden Differenzierung, prominent in einem Block zum
Zettel notiert (es können auch mehrere Punkte auf Funktionalismus, zur Kunst, zur Religion, zum Indi-
einem zunächst erstellten Zettel sein, die dann zu vidualismus, zur Ideologie, zum Recht, zur Ethik, zu
mehreren eingeschobenen Zetteln führen), wie auch den Massenmedien, zur Evolutionstheorie, wieder-
dieses Verfahren wiederum auf den eingeschobenen um prominent zur Wahrheit, zur Soziologie, zur
Zettel selbst angewandt werden kann, so dass man Ökologie, zum Wohlfahrtsstaat, zur sozialen Gleich-
eine Zettelreihung erhält, die von dem ursprüngli- heit, zur Wirtschaft und zu Reflexionstheorien. Luh-
chen Thema immer weiter wegführt (z. B. findet sich mann rekurrierte in diesem Zusammenhang auf das
unter ›2 Funktionalismus‹ folgende Reihung: ›Funk- Prinzip des »›Multiple Storage‹ als Notwendigkeit
tionsbegriff‹ – ›Bezugseinheit der funktionalen Ana- der Speicherung von komplexen (komplex auszu-
lyse‹ – ›Begriff der Bestandsvoraussetzung‹ – ›Begriff wertenden) Informationen« (Zettel 9/8b2) und be-
des funktionalen Problems‹ – ›Erwartungsbegriff‹ – tonte in einem Interview: »In der Entscheidung, was
›Soziale Identität‹ – ›Aufrichtigkeit‹ – ›Geheimnis‹), ich an welcher Stelle in den Zettelkasten hineintue,
wodurch sich zwischen zwei ursprünglich einmal di- kann […] viel Belieben herrschen, sofern ich nur die
rekt hintereinanderstehenden, thematisch zusam- anderen Möglichkeiten durch Verweisung verknüp-
mengehörenden Zetteln schließlich mehrere hundert fe« (Luhmann 1987, 143).
später eingeschobene Zettel befinden können. Dem Verweisungssystem kommt deshalb eine ent-
Die skizzierte Ablagetechnik folgt also nicht pri- scheidende Bedeutung bei der Produktivität des Zet-
mär der Idee einer Sachordnung, sondern der einer telkastens zu. Insgesamt kann man von ca. 19.000
festen Stellordnung, die auch das besondere Notati- Verweisen in der ersten und ca. 27.000 Verweisen in
onssystem Luhmanns begründet: Jeder Zettel be- der zweiten Zettelsammlung ausgehen. Hierbei las-
kommt eine Nummer (so dass er für Verweise sen sich drei Fälle unterscheiden:
adressierbar wird) und damit einen festen Standort, (1) Einzelverweise: Auf einem Zettel findet sich ein
der im weiteren Verlauf nicht mehr verändert wird: Verweis auf einen anderen Zettel in der Sammlung,
auf 1 (bzw. 1/1) folgt 2 (bzw. 1/2) usw.; später einge- der für das behandelte Thema ebenfalls relevant ist.
schobene Zettel werden durch eine entsprechende Neben der durch die oben skizzierte Stellordnung be-
Nummerierung gekennzeichnet: 1a – der dann zwi- reits implizierten Verweisungsstruktur auf räumlich
schen den Zettel 1 und 2 eingestellt wird; daran kann nahestehende Zettel findet man Einzelverweise auf
10 Zur Biographie

andere Zettel, die für das auf dem Ausgangszettel be- Material selektiv wegziehen« (Zettel 9/8b1) und da-
handelte Thema bzw. den Begriff von Interesse sind, mit eine andere Lesart und Kontextierung der Noti-
die sich aber an einer ganz anderen Stelle des Kastens zen ermöglichen, als bei der Notierung und Einstel-
und damit dann häufig auch in einem ganz anderen lung in die Ordnungsstruktur selbst impliziert war.
Diskussionskontext wiederfinden. Der Verweisfall (2) und zum Teil auch (3) ist darüber
(2) Sammelverweise: Über solche Einzelverweise hinaus von Interesse, weil es sich bei diesen Zetteln
hinausgehend gibt es am Beginn eines thematischen um sogenannte ›hubs‹ handelt, also Zettel, die über-
Blocks häufiger einen Zettel, auf dem auf mehrere durchschnittlich viele Verbindungen zu anderen Zet-
andere Zettel in der Sammlung verwiesen wird, die in teln aufweisen und deshalb von einem Punkt aus
einem (unterschiedlichen) inhaltlichen Zusammen- einen großen Bereich der Sammlung erschließen.
hang mit dem in der Folge behandelten Thema bzw. Konstitutiv für die Sammlung sind also gerade nicht
Begriff stehen; auf einem solchen Zettel können bis (nur) die ursprünglichen Lese- und Notizwege Luh-
zu 25 Verweise aufgeführt werden. Die Verweise kön- manns, sondern die einerseits durch die spezielle Ab-
nen sich auf thematisch und räumlich nahestehende lagetechnik, andererseits durch die Verweistechnik
Zettel beziehen, aber auch auf weit entfernte Bereiche hergestellten (selektiven) Relationen zwischen den
der Sammlung. Notizen, die im Rahmen einer späteren Abfrage
(3) Verweise im Rahmen einer (systematischen) mehr auf einmal verfügbar machen, als bei der ur-
Gliederungsstruktur innerhalb eines Themenblocks: sprünglichen Notation intendiert war, wie Luhmann
Hier notiert Luhmann am Beginn eines Gedanken- auch selbst (1981, 227) notiert hat; insofern kann
gangs auf einem Zettel mehrere zu behandelnde man der Sammlung aufgrund ihrer Verweisungs-
Aspekte und markiert diese mit jeweils einem Groß- struktur eine eigene ›Kreativität‹ unterstellen.
buchstaben, der auf eine entsprechend nummerierte
Zettelfolge verweist, die zumindest in relativer räum-
licher Nähe zu dem Gliederungszettel steht. Diese Das Verhältnis von Zettelkasten
Struktur kommt der einer konventionellen Buchglie- und Publikationen
derung am nächsten.
Generell nimmt die skizzierte Verweisungsform Wie hat man sich nun vor diesem Hintergrund den
Luhmanns die für das Zeitalter des Computers gän- Zusammenhang von Zettelkasten und Publikationen
gige Technik der Hyperlinks (des Hypertexts) vor- zu denken? Luhmann selbst beschreibt die Entste-
weg, wobei die analoge Form des Kastens diese hung seiner Texte mittels des Rückgriffs auf den Zet-
Möglichkeiten technisch allerdings nur ansatzweise telkasten am Beispiel des Vortrags »Wie kann die
umsetzen konnte, da es statt eines einfachen Maus- moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefähr-
klicks immer des weitaus aufwendigeren physischen dungen einstellen?« (1985) als eine Art Collagetech-
Nachschlagens und Herausnehmens des entspre- nik, bei der er die für ein Thema relevanten
chenden Zettels bedurfte. Luhmann selbst nennt die Themenblöcke miteinander kombiniert (1987, 144).
Verweisungsstruktur ein »spinnenförmiges System« Zur Erstellung dieses Textes – so Luhmann – bedürfe
(1987, 143). An diese Metapher anschließend liegt es es (nur) der Kombination der Einträge zu den Begrif-
nahe, die Zettelsammlung als ein ›aristokratisches fen ›funktionale Differenzierung‹, ›selbstreferentielle
Netzwerk‹ zu interpretieren, also als ein Netzwerk, Systeme‹ und ›Binarität‹ (wobei die Frage unbeant-
dessen Knoten nicht alle eine ähnliche Zahl von Ver- wortet bleibt, ob bereits diese Idee der Relationierung
bindungen zu anderen Knoten aufweisen (zu diesem spezifischer Begriffe ein Produkt der Wechselwir-
Netzwerkmodell vgl. Watts 2004): Für die Produkti- kung von Zettelkasten und Autor ist). Ein Vergleich
vität des Zettelkastens ist im Fall von (1) und (2) ins- der entsprechenden, teilweise recht umfangreichen
besondere die Möglichkeit eines short cut von Textblöcke des Zettelkastens mit dem fraglichen Auf-
Bedeutung, also die Tatsache, dass ein Verweis in eine satz zeigt allerdings relativ schnell, dass sich die Kom-
ganz andere, auf den ersten Blick weit entfernte Re- plexität, die der Zettelkasten zu den genannten
gion des Netzwerks (Zettelkastens) führt. Diesen, die Begriffen aufbaut, in dem 14-seitigen Vortrag (logi-
erste Ordnungsstruktur der Sammlung unterlaufen- scherweise) nicht ansatzweise wiederfindet. Dieser
den Sachverhalt hatte auch schon Luhmann notiert: beschränkt sich fast ausschließlich auf eher kurze Be-
»die Verweisungen dürfen nicht […] die Leitge- merkungen zu funktionaler Differenzierung, wobei
sichtspunkte aggregierende[n] Sammelbegriffe er- sich in der entsprechenden Abteilung selbst dann
fassen, sondern müssen das unter ihnen gesammelte mehrere Zettel befinden, die ganz offensichtlich erst
Luhmanns Zettelkasten und seine Publikationen 11

im Rahmen der Vortragsvorbereitung erstellt wor- nikation‹ zurückzukommen: Eine Relationierung


den sind (und auch der o. g. Selbstreflexionsblock der genannten Themenbereiche (und weiterer wie
über den Zettelkasten dürfte wohl im Zuge der Er- etwa ›Resonanz‹, ›Beobachtung‹, ›Evolution‹) findet
stellung des Aufsatzes über den Zettelkasten von dann erst in der auf dem Vortrag aufbauenden Buch-
1981 entstanden sein). Diese Wechselwirkung von publikation Ökologische Kommunikation. Kann die
Publikationen und Zettelkasten legen den Schluss moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdun-
nahe, dass nicht der Zettelkasten allein schon das ky- gen einstellen? (1986) statt, die drei Monate nach dem
bernetische System ist, sondern erst die Differenz von Vortrag fertiggestellt wurde. Deutlich wird dabei,
Zettelkasten und Publikationen, da der Zettelkasten dass die Frage, welche Themenbereiche letztlich rela-
zumindest seit Mitte der 1960er Jahre kein reines Ar- tioniert werden, neben der Präferenz Luhmanns für
chiv ist, sondern zunehmend ein Arbeitsinstrument, das Inbeziehungsetzen von Heterogenem insbeson-
das im Zuge von Publikationsvorhaben nicht nur be- dere auch Ausfluss der durch die Verweisungsstruk-
fragt, sondern gleichzeitig auch (wieder) befüllt tur generierten Binnenkomplexität des Zettelkastens
wird. Dabei dokumentiert der Zettelkasten Gedan- ist. Allerdings reduziert selbst das Buch die im Zet-
ken- und Theorieentwicklungen, die im Zuge von telkasten zu den genannten Themen vorhandene
Publikationen entstehen – weshalb auch Zettel mit Komplexität wieder um ein Erhebliches, was u. a. an
Gedanken, die Luhmann später revidierte, von ihm der Begrenztheit des Platzes und der notwendigen Li-
nicht aus dem Kasten entfernt, sondern durch einen nearität der Darstellung liegt. Positiv formuliert,
entsprechenden (korrigierenden) Zettel ergänzt könnte man auch sagen, dass erst die Publikations-
wurden. form die im Zettelkasten vorhandene Komplexität
So kann man für eine Vielzahl von Publikationen verfügbar macht, indem sie sie vermindert. Denn den
ab Mitte der 1960er Jahre entsprechende Eintrags- vorhandenen Verweisungen kann letztlich wiederum
blöcke im Zettelkasten identifizieren, die man den nur selektiv nachgegangen werden, während der Zet-
einschlägigen Publikationen zuordnen kann, ohne telkasten selbst dafür gerade keine Stoppregel liefert
dass die Veröffentlichungen dann einfache Kopien – ganz im Gegenteil: Folgt man im Detail der im Kas-
dieser Abteilungen sind, da die entsprechenden No- ten angelegten Verweisungsstruktur, so eröffnen sich
tizen nicht linear erstellt wurden sowie die Verwei- ständig neue Themenpfade, über deren Nachverfol-
sungsstruktur die Anfrage immer über die jeweiligen gen bzw. Ignorieren letztlich nur eine konkrete Fra-
Abschnitte hinausführt und die Zettel in einen von gestellung und deren zeitlich befristete Beantwor-
ihrer Erstellung differierenden Kontext platzieren: tung im Rahmen eines Publikationsprojekts zu
»Der Zettelkasten gibt aus gegebenen Anlässen kom- entscheiden erlaubt, da man sich ansonsten in den
binatorische Möglichkeiten her, die so nie geplant, Tiefen der Zettelsammlung zu verlieren droht.
nie vorgedacht, nie konzipiert worden waren« (Luh-
mann 1981, 226). Der Zettelkasten war also nicht nur
ein Überraschungen generierendes Ablagesystem,
Literatur
sondern auch ein Denkwerkzeug Luhmanns. Eine
entsprechende Notiz findet man wiederum in der Luhmann, Niklas: »Kommunikation mit Zettelkästen. Ein
Selbstreflexion: »Ohne zu schreiben, kann man nicht Erfahrungsbericht«. In: Horst Baier/Hans Matthias
denken – jedenfalls nicht in anspruchsvollem selek- Kepplinger/Kurt Reumann (Hg.): Öffentliche Meinung
und sozialer Wandel. Für Elisabeth Noelle-Neumann.
tivem Zugriff aufs Gedächtnis« (Zettel 9/8g). Diese Wiesbaden 1981, 222–228.
Disziplinierung des Denkens durch Verschriftli- –: »Wie kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische
chung gilt bereits für die frühen Einträge aus den Gefährdungen einstellen?« Vorträge G 278 der Rhei-
1960er Jahren, die aber noch deutlicher die Spuren nisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften. Op-
einer Erarbeitung eines Sachstands und eine geringe- laden 1985.
–: Archimedes und wir. Interviews. Herausgegeben von
re Autonomie der Notizen vom Gelesenen aufweisen Dirk Baecker und Georg Stanitzek. Berlin 1987.
als die späteren Einträge, die eindeutiger problemori- –: »Schriftenverzeichnis«. In: Soziale Systeme 4. Jg. (1998),
entiert sind – und dabei auch deutlich stärker auf den 233–263.
Zettelkasten und seine bereits vorliegenden Einträge Watts, Duncan: »The ›New‹ Science of Networks«. In: An-
hin orientiert, also anschlussbezogen sind. nual Review of Sociology 30. Jg. (2004), 243–270.
Um auf das Beispiel der ›Ökologischen Kommu- Johannes F. K. Schmidt
13

II. Grundlagen

1. Luhmann und Husserl theoretische Motiv der selbstreferentiellen Erzeu-


gung von Sinn angeschlossen. In dem programmati-
schen Aufsatz »Sinn als Grundbegriff der Soziologie«
Edmund Husserls (1859–1938) Programm Zu den aus dem Debattenband mit Jürgen Habermas
Sachen selbst bezeichnet den erkenntniskritischen schreibt Luhmann: Am Rückgriff auf die Phänome-
Versuch, alles Seiende nach seiner ursprünglichen nologie, »die manchen eher eine Krankheit zu sein
Gegebenheitsweise hin zu befragen: als Phänomen. scheint als eine Methode«, befremde »just der ent-
Dieser Ausgangspunkt gibt Husserls Verfahren sei- scheidende Punkt: die Unklarheit des Verhältnisses
nen Namen. Die Phänomenologie hat davon auszu- von Sinn und System. Dieses Verhältnis bezeichnen
gehen, dass die unterstellte wirkliche Welt »kein wir als Konstitution […]. Gemeint ist der in näheren
phänomenologisches Datum ist« (Husserl 1980, Analysen aufzuhellende Befund: daß Sinn immer in
369), mithin also nur nach den Dingen in der subjek- abgrenzbaren Zusammenhängen auftritt und daß er
tiven Erfahrung und ihren Möglichkeits- und Kon- zugleich über den Zusammenhang, dem er angehört,
stitutionsbedingungen zu fragen ist. »Was die Dinge hinausverweist: andere Möglichkeiten vorstellbar
sind, […] sind sie als Dinge der Erfahrung«, wobei macht. Eine rein kontextuelle Sinntheorie wird die-
die Dinghaftigkeit der Dinge, d. h. ihre Bewusstseins- sem Problem nicht gerecht, eher schon Husserls The-
transzendenz, nirgendwoher zu schöpfen sei, »es sei se von der bewußtseinsimmanenten Transzendenz«
denn aus dem eigenen Wesensgehalte der Wahrneh- (TGS, 30).
mung, bzw. der bestimmt gearteten Zusammenhän- Luhmann nimmt also hier die konstitutionstheo-
ge, die wir ausweisende Erfahrung nennen« (Husserl retische Figur der Phänomenologie auf, um Sinn als
1950, 111). Es geht Husserl also um die Selbstausle- »Ordnungsform menschlichen Erlebens« (TGS, 31),
gung des Ego als Subjekt jeder möglichen Erkenntnis. nicht als spezielle Seinsregion zu fassen, macht aber
»Dieser Idealismus ist nicht ein Gebilde spielerischer an anderer Stelle kritisch auf das bei Husserl unge-
Argumentationen, im dialektischen Streit mit ›Rea- klärte Verhältnis von Weltbegriff und Horizontbe-
lismen‹ als Siegespreis zu gewinnen. Es ist die an je- griff aufmerksam (TGS, 301, Anm. 15). Er spielt
dem mir, dem Ego, je erdenklichen Typus von damit letztlich auf das gescheiterte Vorhaben von
Seiendem in wirklicher Arbeit durchgeführte Sinn- Husserl an, Welt und Horizont in »monadologischer
auslegung […]. Dasselbe aber sagt: systematische Intersubjektivität« (Husserl 1977, 91) zu versöhnen.
Enthüllung der konstituierenden Intentionalität Husserls halbherziger Versuch, das Intersubjektivi-
selbst« (Husserl 1977, 88 f.). tätsproblem phänomenologisch lösen zu wollen und
am Ende doch nur so etwas wie Kopräsenz ausma-
chen zu können (vgl. Nassehi 2008, 86 ff.), verweist
Operativität auf das, was für Luhmann an Husserl zugleich attrak-
tiv und nicht anschlussfähig war. Attraktiv für die
Entscheidend für die luhmannsche Systemtheorie ist, Systemtheorie ist der husserlsche Aufweis der Sinn-
dass Husserl jene Intentionalität als ein operatives form als einer Verweisungsform, die in selbstreferen-
Phänomen beschreibt, mithin also gegenwartsba- tiellen, noetisch-intentionalen Akten systemrelativ
siert. Ich möchte behaupten, dass diese operative erfolgt und in ihrer geschlossenen Operationsweise
Theorieanlage Husserls für Luhmann stilbildend ge- Offenheit ermöglicht.
wesen ist – womöglich stilbildender als der vielleicht Nicht anschlussfähig war für Luhmann dagegen
ungewöhnlichere und deshalb auffälligere Rekurs auf Husserls Versuch, die operative Theorieanlage dann
die biologische Autopoiesistheorie. Die operative doch zugunsten traditioneller Lösungen des Welt-
Theorieanlage spielt für Luhmann v. a. im Hinblick problems fahren zu lassen. Erst die Systemtheorie
auf die Temporalisierung seiner Systemtheorie nach weiß mit Kopräsenz umzugehen – eben weil sie mit
der sog. ›autopoietischen Wende‹ eine Rolle. Aber der konstituierenden Differenz von System und Um-
bereits vorher hat Luhmann an das konstitutions- welt auch den Weltbegriff systemrelativ ansetzen
14 Grundlagen

kann, als Horizontbegriff und damit als nicht negier- gen der Zeit ausschalten. Diese »wirkliche Welt« mit
bares Korrelat. In Soziale Systeme formuliert Luh- ihrem Verständnis »zeitlicher Objektivität« ist für
mann folgerichtig: »Wir gehen deshalb von einer Husserl kein »phänomenologisches Datum«. Er
phänomenologischen Beschreibung der Sinnerfah- schließt keineswegs aus, dass man sich mit der Frage
rung und des Sinn/Welt-Konstitutionszusammen- objektiver zeitlicher Extensionen, mit der Distributi-
hanges aus, gründen diese Beschreibung aber nicht on von Zeitintervallen, mit der »wirklichen objekti-
auf die ihr vorausliegende Existenz eines extramun- ven Zeit« beschäftigen könne: »Aber das sind keine
danen Subjekts (von dem jeder in sich selbst weiß, Aufgaben der Phänomenologie« (alle Zitate aus Hus-
daß es als Bewußtsein existiert), sondern fassen sie als serl 1966, 4). Sie hat es vielmehr mit der Frage zu tun,
Selbstbeschreibung der Welt in der Welt« (SS, 105). wie sich denn Bewusstseinsakte als immanente Zeit-
Damit erweist sich übrigens die systemtheoretische objekte konstituieren.
Soziologie Luhmanns als eine phänomenologischere Verbürgt wird die Einheit des Bewusstseins außer-
Soziologie als diejenige, die als phänomenologische dem durch die Umstellung von Erlebnis auf Erlebnis-
Soziologie diesen Titel in ihrer Selbstbezeichnung strom. Es geht also um das Verfließen der Zeit in der
führt, denn die phänomenologische Soziologie inte- selbstkonstituierten Dauer des Bewusstseins, d. h.
ressiert sich nur für das die soziale Welt erlebende um die Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und
Subjekt. Sie hat dagegen keine Möglichkeit, die sozia- Zukunft im sich selbst erlebenden Subjekt. Um dies
le, im Sinne Luhmanns also in kommunikativer zu verdeutlichen, entwickelt Husserl in einem zwei-
Selbstreferenz und Sinnverweisung erzeugte Sinn- ten Schritt die Theorie der Retention und Protention.
form auf den Begriff zu bringen (vgl. Nassehi 2011, Denn wenn die im ersten Schritt ausgeschaltete Ob-
82). jektivität einer realen Zeit ausfällt, um eine tempora-
Husserl beschreibt Sinnkonstitution ausschließ- le Kontinuität von Erscheinungen zu sichern, muss
lich mit der Systemreferenz auf das Bewusstsein. Was jene Kontinuierungsfunktion phänomenologisch im
an intentionalen Akten in einem Bewusstsein ge- Bewusstsein selbst aufgewiesen werden. Husserl
schieht, geschieht je in einer Gegenwart und erzeugt plausibilisiert dies am Beispiel des Hörens einer Me-
dadurch einen Wandel der Perspektiven. Ein solcher lodie: »Die Sache scheint zunächst sehr einfach: wir
Wandel impliziert, will er als Wandel wahrgenom- hören die Melodie, d. h. wir nehmen sie wahr, denn
men werden, dass »fortgilt als noch Behaltenes, was Hören ist ja Wahrnehmen. Indessen, der erste Ton er-
nicht mehr erscheint, und in der die einen kontinu- klingt, dann kommt der zweite, dann der dritte usw.
ierlichen Ablauf antizipierende Vormeinung, die Müssen wir nicht sagen: wenn der zweite Ton er-
Vorerwartung des ›Kommenden‹, sich zugleich er- klingt, so höre ich ihn, aber ich höre den ersten nicht
füllt und näher bestimmt« (Husserl 1962, 161). Es mehr usw.? Ich höre also in Wahrheit nicht die Me-
geht hier um die zeittheoretische Frage, wie sich Zeit lodie, sondern nur den einzelnen gegenwärtigen Ton.
als einheitsstiftende Perspektive trotz Wechsels der Daß das abgelaufene Stück der Melodie für mich ge-
Gegenwarten erhalten kann (vgl. Nassehi 2008, genständlich ist, verdanke ich – so wird man geneigt
39 ff.). sein zu sagen – der Erinnerung; und daß ich, bei dem
jeweiligen Ton angekommen, nicht voraussetze, daß
das alles sei, verdanke ich der vorblickenden Erwar-
Temporalisierung tung. Bei dieser Erklärung können wir uns aber nicht
beruhigen, denn alles Besagte überträgt sich auch auf
Husserl stellt zur Erklärung dieses Sachverhaltes vom den einzelnen Ton. Jeder Ton hat selbst eine zeitliche
Begriff des Bewusstseins auf den Begriff Bewusst- Extension, beim Anschlagen höre ich ihn als jetzt,
seinsstrom um, der es erlaubt, »den ganzen Erlebnis- beim Forttönen hat er aber ein immer neues Jetzt,
strom als Bewusstseinsstrom und als Einheit eines und das jeweilig vorausgehende wandelt sich in ein
Bewusstseins zu bezeichnen« (Husserl 1950, 203). Vergangen. Also höre ich jeweils nur die aktuelle Pha-
Die erste phänomenologische Reduktion in der Ana- se des Tones, und die Objektivität des ganzen dau-
lyse des Zeitbewusstseins besteht für Husserl in der ernden Tones konstituiert sich in einem Aktkontinu-
Ausschaltung der objektiven Zeit. Streng nach dem Er- um, das zu einem Teil Erinnerung, zu einem
fordernis der Phänomenreduktion auf das phäno- kleinsten, punktuellen Teil Wahrnehmung und zu ei-
menal Gegebene, d. h. auf das im und vom Bewusst- nem weiteren Teil Erwartung ist« (Husserl 1966, 23).
sein selbst Konstituierte, muss Husserl zunächst alle Der entscheidende ontologische Ausgangspunkt
uns in natürlicher Einstellung evidenten Vorstellun- für Husserls Phänomenologie des inneren Zeitbe-
Luhmann und Husserl 15

wusstseins aber ist die Gegenwärtigkeit der Operati- schreckt – eine Paradoxie, die sich dem Umstand ver-
onsweise. Man muss sich das Bewusstsein in diesem dankt, dass Husserl die operativen Aspekte retentio-
Sinne als einen Operator vorstellen, der gewisserma- naler und protentionaler Akte, die das innere
ßen von seiner eigenen Gegenwärtigkeit überrascht Zeitbewusstsein konstituieren, an eine weitere tem-
wird. Die klassische Bewusstseinsphilosophie hatte porale Bestimmung rückbindet, nämlich an die Ge-
das Regressproblem des Aufweises des erkennenden genwart urimpressionaler Akte – und modern
Ichs hinter dem Ich, das vorausgesetzt werden muss, gesprochen: an Ereignisse. Und hier schließt nun die
um das Ich widerspruchsfrei begründen zu können, Theorie ereignisbasierter Systeme an.
in der Sachdimension gelöst – um es in den luhmann- Für die Autopoiesistheorie Luhmanns steht Hus-
schen Begriffen der Sinndimensionen zu formulie- serls Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins
ren (vgl. SS, 112 ff.). Hinter dem Ich muss ein Pate. Husserls Analyse der Konstitution des Bewusst-
weiteres Ich lauern, und gelöst werden kann dies nur seinsstromes als das retentional und protentional
dadurch, dass man auf der Sachebene die Suche nach aufeinander bezogene Nacheinander von Bewusst-
weiteren empirischen ›Ichen‹ abbricht und ein tran- seinsereignissen beschreibt einen selbstreferentiellen
szendentales Ich postuliert. Husserl verfährt anders. Prozess von Ereignissen. Und indem Husserls Phä-
Er löst das Problem in der Zeitdimension, nämlich nomenologie die »wirkliche Welt« als »phänomeno-
durch Postulierung eines Dauerzerfalls von Ereignis- logisches Datum« zugunsten des unhintergehbaren
sen, d. h. dadurch, dass auf ein konkretes Jetzt stets Bewusstseins der Welt, also seiner kognitiven Reprä-
ein neues intentionales Jetzt folgt, in dem sich das sentanz ausschließt, ist bereits der Gedanke vorge-
Nacheinander von Ereignissen buchstäblich ereignet. dacht, dass Kognition nicht als asymptotische
Das Bezugsproblem dieses Denkens ist die Frage Annäherung an die Welt aufgefasst werden darf.
der operativen Herstellung von Einheit trotz des Nicht obwohl, sondern weil wir keinen unmittelbaren
Wandels der Perspektiven. Husserls Phänomenolo- Zugang zur Welt haben, müssen wir sie wahrneh-
gie laboriert am Problem der Differenz und strebt men, erkennen, sehen, abbilden, denken etc. Bei
nach Einheit – hier: temporale Differenz des Nachei- Husserl lässt sich am Beispiel des Bewusstseins in der
nanders gegen die Einheit des Bewusstseinsstroms Tat bereits jene Figur des selbstreferentiellen Systems
und damit des Subjekts. Es ist dem phänomenologi- finden, das nicht in seiner Umwelt operieren kann
schen Denken keineswegs nur darum zu tun, die und seine Selbstreferenz durch permanenten Dauer-
sachliche Ebene der Repräsentation der Welt als Phä- zerfall von Ereignissen – also: in der und durch die
nomen zu beschreiben. Also nicht nur eine, heute Zeit – sichert. Das System existiert demnach ontolo-
würde man sagen: kognitivistische Theorieanlage in gisch je nur in seiner operativen Gegenwart und
der Sachdimension ist das Entscheidende. Dies findet muss sich somit je neu – nichts anderes heißt ›auto-
sich letztlich in der gesamten Bewusstseinsphiloso- poietisch‹ – erzeugen. In dem angedeuteten Sinne
phie seit Descartes. Das Besondere an Husserl ist die schließt Luhmann unmittelbar an Husserls Phäno-
Verschiebung des Problems in die Zeitdimension. menologie an.
Hatte die klassische Bewusstseinsphilosophie die Pa- Analog konzipiert Luhmann autopoietische als
radoxie der Selbstkonstitution des Subjekts sachlich temporalisierte Systeme. Zunächst bindet er den Ele-
aufgelöst, geschieht dies hier temporal. Indem die ment-/Ereignisbegriff – gemäß dem konstruktivisti-
eine Urimpression sich selbst intransparent bleibt, schen Theorem der operativen Geschlossenheit – an
wird sie durch die nächste reflexiv wahrgenommen – die Operationen des Systems. Element ist hier nicht
und erzeugt damit eine neue Urimpression und so als unveränderlicher Baustein des Seienden oder als
weiter. Husserls Phänomenologie ist eine Reflexions- invarianter Bestandteil dynamischer Systeme zu ver-
philosophie. Zu sich selbst kommt das Bewusstsein stehen. Im Gegensatz dazu stellt Luhmann von ei-
nur durch Reflexion – durch die nachträgliche Beob- nem den Systemoperationen vorgeordneten Ele-
achtung von Ereignissen, die in der konkreten urim- mentbegriff auf einen systemrelativen Elementbe-
pressionalen Gegenwart nichts von sich wissen griff um. Mit dieser Umstellung beabsichtigt er, »die
können. Dieses revolutionäre Modell ist sehr modern Vorstellung eines letztlich substantiellen, ontologi-
in dem Sinne, dass es die gesamte Operativität späte- schen Charakters der Elemente« in der Weise zu re-
rer systemtheoretischer und operativer Kognitions- vidieren, als deren »Einheit erst durch das System
theorien vorwegnimmt. konstituiert [wird], das ein Element als Element für
Bei der Bestimmung von Zeit ergibt sich deshalb Relationierungen in Anspruch nimmt« (SS, 42). In-
eine Paradoxie, vor der Husserl freilich nicht zurück- dem ein Element als Ereignis wieder verschwindet
16 Grundlagen

und ein neues Ereignis die Autopoiesis fortsetzt, ent- das System an einer Zeitstelle, zugleich ist es mehr als
steht jener Ereignisstrom, der durch Rekurs auf min- es selbst, denn Ereignisse konstituieren sich immer in
destens das vorherige Ereignis Zeit konstituiert, die Relationierungen zu anderen Ereignissen, die sie ge-
einem Beobachter (!) als Zeitstrom erscheint. Dies ist rade nicht sind. Die Paradoxie besteht in einer
jedoch nur eine Metapher, die den Umstand ver- »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen« (SA5, 100),
deckt, dass der Strom der Zeit letztlich nur durch das da Vergangenheit und Zukunft immer nur gleichzei-
ermöglicht wird, was bei Whitehead oder auch bei tig bestehen, nämlich als Horizonte eines gegenwär-
Aristoteles Zeitschnitt genannt wird und bei Husserl tigen Ereignisses. Die Paradoxie der Zeit besteht also
die Differenz der Jetztpunkte meint; es geht also um in der Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Zeiten.
eine Differenz, die operativ gehandhabt werden muss Doch dieses Problem löst sich damit auf, dass es
und damit erst die Zeit konstituiert, und nicht um durchaus einen Unterschied macht, zwischen Ereig-
eine vorgängige Einheit des Zeitstroms. Dieser kann nis und System zu unterscheiden. Viel gravierender
nur als Einheit der Differenz von vorher und nachher ist ein anderes Problem, das sich im Zusammenhang
gedacht werden (vgl. SA5, 98). mit Husserls Phänomenologie des inneren Zeitbe-
Diese Einheit der Differenz als Akt bzw. als Sich- wusstseins stellt, aber im Lichte der Ereignistheorie
Ereignen lässt sich auch im systemtheoretischen und womöglich ganz anders diskutiert werden muss. Ho-
konstruktivistischen Paradigma mit Husserls Theo- listische Modelle von Selbstbewusstsein scheinen ei-
rie der Retention und Protention beschreiben. Luh- nem logischen Kategorienfehler zu unterliegen. Stellt
mann bezeichnet das als »basale Selbstreferenz«, der man von der Auffassung einer Seelensubstanz oder
»die Unterscheidung von Element und Relation zu funktionaler Äquivalente auf empirische Ereignisse
Grunde liegt« (SS, 600). Eine solche Mindestform um, bekommt man Folgendes in den Blick: Selbstre-
von Selbstreferenz bildet die Grundbedingung auto- ferentielle Operationen nehmen notwendigerweise
poietischer Verläufe: Ein Element schließt an ein an- die Form eines Paradoxons an. »Die Referenz verwen-
deres Element an, identifiziert sich durch diese det dann genau die Operation, die das Selbst konsti-
Relationierung als Element des Systems und wird tuiert, und wird unter dieser Bedingung entweder
nach seinem Verschwinden selbst Relatum einer Re- überflüssig oder paradox« (SS, 59). Die Paradoxie be-
lationierung, die wiederum eine neue Gegenwart steht darin, dass die bezeichnende Operation zum
konstituiert. Dadurch wird Zeit schon auf der Ebene Bezeichneten gehört und damit einen Zirkel verur-
der Autopoiesis erzeugt, was nicht weiter erklärungs- sacht, ähnlich dem Reflexionszirkel der Bewusst-
bedürftig zu sein scheint, da diese operative Konsti- seinsphilosophie. Löst man den Zirkel aber dahinge-
tutionstheorie der Zeit bereits von Husserl her hend auf, dass die je gegenwärtige Operation eine –
vorbereitet ist. Da Zeit schon auf der elementaren wie auch immer begründete – ursprüngliche Selbst-
Ebene autopoietischer Operationen durch das Auf- beziehung besitzt, unterstellt man einem operieren-
treten und Verschwinden von Ereignissen konstitu- den System eine invariante Substanz jenseits seiner
iert wird, kann man hier von Ereignistemporalitäten Operationen. Hält man dagegen wie Luhmann am
sprechen. Ereignisbegriff fest, muss das Problem der Referenz
Die Unterscheidung vorher/nachher, die den be- aufs Selbst wiederum mit Hilfe einer Unterscheidung
sagten Zeitschnitt schneidet, kann als grundlegende, beobachtet werden.
»nichteliminierbare Unterscheidung der Zeit« (RuS, Eine solche Unterscheidung ist die zwischen Beob-
106 f.) gelten, ohne die keine Zeithandhabung aus- achtung und Operation (vgl. SA5, 114 ff.; EaK, 222 f.).
kommen kann. Die Handhabung dieser Unterschei- Jede Beobachtung, also das Handhaben einer Unter-
dung ist, genau genommen, mit jedem Ereignis neu scheidung, ist selbst eine Operation des Systems. Die
gegeben, denn Ereignisse treten niemals im »freien explizite Referenz aufs Selbst liegt dann in der Form
Raum« auf, sondern werden durch die Systemauto- einer Selbstbeobachtung vor, d. h. in der Anwendung
poiesis erst konstituiert. Ein Ereignis ist sozusagen der System/Umwelt-Differenz auf sich selbst, die
zugleich constituens und constitutum: Es wird durch ebenfalls eine Operation des Systems ist (SS, 245).
einen autopoietischen Ereigniszusammenhang er- Die Paradoxie der Selbstbezüglichkeit tritt in auto-
möglicht, und es ermöglicht die Fortsetzung dieses poietischen Systemen dann auf, wenn das System die
Geschehens. Während der Ereignisgegenwart ist ein Unterscheidung von System und Umwelt auf sich an-
solches temporalisiertes Element sozusagen das Sys- wendet und sich damit – traditionell formuliert –
tem, was letztlich auf eine bekannte Paradoxie hi- Selbstbewusstsein bescheinigt (vgl. Esposito 1991;
nausläuft. Das Ereignis ist zwar, gegenwartsbasiert, Glanville 1988). Damit ist aber ausgeschlossen, dass
Luhmann und Husserl 17

die selbstbeobachtende Operation selbst in der Beob- ben und deshalb je nur in ein äußerliches Verhältnis,
achtung enthalten ist, denn eine Beobachtung kann in eine letztlich unüberwindbare Differenz zu ande-
nicht in der Lage sein, sich selbst zu beobachten. Luh- ren Systemen treten. Es war diese Tradition, die etwa
mann betont, »daß die Operation des Beobachtens aus der Perspektive von Jürgen Habermas’ Rekon-
sich in ihrem Vollzug nicht selbst […] bezeichnen struktion des Philosophischen Diskurses der Moderne
kann, sondern daß dies voraussetzt, daß nun diese Luhmann als »Nachfolger einer verabschiedeten
Beobachtung ihrerseits beobachtet wird« (WissG, Philosophie« (ebd.) erscheinen lässt, die allenfalls
85). Ein System ist sich sozusagen immer schon vor- die »Selbstbehauptung selbstbezüglicher Systeme«
weg, da es sich nie in seiner Gänze beobachten kann. (ebd., 430) postulieren kann. Vom normativen Hori-
Wir werden letztlich in unserem Bewusstsein von uns zont einer vernünftigen Identität für moderne Ge-
selbst überrascht, weil wir den operativen Akten un- sellschaften sei diese Denkungsart nicht nur weit,
seres Bewusstseins unhintergehbar ausgesetzt sind. sondern sogar kategorial entfernt. Freilich macht
Habermas mit dieser Rekonstruktion aus der Not
eine Untugend. Aus der – wenn man so will – sub-
Eine Theorie der Unentrinnbarkeit jektphilosophischen/systemtheoretischen Beschrei-
bung der Not der Systeme, aus ihrer operativen
Was die Systemtheorie von der Phänomenologie ge- Geschlossenheit nicht ausbrechen zu können, macht
lernt hat, ist die Einsicht in die Radikalität der Gegen- Habermas die Untugend des Vorwurfs, die System-
wartsbasiertheit operativer Theorieformen. Das Be- theorie interessiere sich nur für die funktionalen Be-
sondere bei Husserl ist die radikale Temporalisie- dingungen von Selbsterhaltungsimperativen. Darum
rung, die auf eine Praxis verweist, die für sich selbst geht es der Systemtheorie luhmannscher Prägung
weitgehend unhintergehbar ist, die eben keine Refle- aber gerade nicht, sondern nur um die Frage, wie
xivität hinter den Ereignissen mehr kennt, sondern operativ geschlossene Sozialsysteme sich wechselsei-
nur noch die strenge Immanenz allen Geschehens. tig irritieren, wie sie sich wechselseitig beobachten.
Soziologisch ist das insofern bedeutsam, als sich da- Es interessiert hier, wie Wechselseitigkeit und Koor-
mit eine Theorie der Unentrinnbarkeit zeichnen lässt. dination ohne das quasi-transzendentale Postulat ei-
Es gibt keine Möglichkeit, aus der eigenen Praxis aus- nes Dritten, einer kommunikativen Vernunft oder
zusteigen – was nicht nur die Lust an der theoreti- verständigungsorientierter Potentiale beschreibbar
schen Paradoxie befördern sollte, die man dann und denkbar gemacht werden können.
dekonstruieren kann. Viel interessanter ist die gewis- Luhmanns Antwort könnte lauten: durch Zeit. Die
sermaßen protosoziologische Einsicht, dass sich sozia- Beschreibung der unhintergehbaren Gleichzeitigkeit
le Ereignisketten, das Nacheinander von Handlun- von System und Umwelt und der unhintergehbaren
gen und Kommunikationen, die Anschlussfähigkeit Gegenwärtigkeit von Operationen lässt das Problem
von Ereignissen, praktisch ereignen und an ihre ope- der wechselseitigen Gegebenheit von Systemen unter
rativen Gegenwarten gebunden sind. Die empiri- anderem als Zeitproblem erscheinen. Das nachhalti-
schen Konsequenzen dieser Einsicht sollten nicht ge und empirisch evidente Problem der Unmöglich-
unterschätzt werden: Es sind in der Tat so etwas wie keit der Hervorbringung kausaler Wirkungen in
urimpressionale Gegenwarten, in denen sich Akteure anderen Systemen zwingt ja gerade dazu, den Kon-
vorfinden und durch die sie zu Akteuren konstituiert takt von Systemen untereinander in zeitlichen Ter-
werden. In diesem Sinne ist die Theorie autopoieti- mini zu beschreiben. Wenn es stimmt, dass das
scher Systeme eine phänomenologische Theorie, weil grundlegende Zeitproblem der modernen Gesell-
sie keine Referenz außerhalb der eigenen Praxis und schaft die Synchronisation von Systemprozessen sei
Konstitutionsweise zulässt. (vgl. Nassehi 2008, 299 ff.), dann meint das nicht nur
Luhmanns Theorie autopoietischer Sozialsysteme (eher banale) Probleme der Terminkoordinierung
nimmt in der Tat die »subjektphilosophische Erb- oder etwa der Just-in-time-Produktion. Das Syn-
masse« der Tradition auf, wie Habermas kritisch for- chronisationsproblem verweist vielmehr darauf, dass
muliert hat (Habermas 1985, 426), und zwar in Koordination von Systemgeschichten ohne ein terti-
zweifacher Hinsicht. Zum einen konzipiert sie Syste- um auskommen muss, dass sich soziale Systeme in
me nach dem Reflexionsmodell der Tradition als der Unmittelbarkeit ihrer Gleichzeitigkeit gegeben
operativ geschlossene Einheiten, die je selbst das sub- sind und dass sich deshalb die Moderne als Gesell-
iectum ihrer Welt sind; zum anderen konzipiert sie schaft ohne Spitze und Zentrum darstellt. In diesem
Systeme, die in dieser Geschlossenheit gefangen blei- Sinne rekonstruiert Luhmann in der Tat Figuren der
18 Grundlagen

Tradition. Und diese Tradition gebietet: Wie sich mit Nassehi, Armin: Die Zeit der Gesellschaft. Auf dem Weg zu
Husserls Phänomenologie allenfalls die Kopräsenz einer soziologischen Theorie der Zeit. Wiesbaden 22008.
–: Gesellschaft der Gegenwarten. Studien zur Theorie der
von Bewusstseinen denken lässt, aber Intersubjekti-
modernen Gesellschaft II. Berlin 2011.
vität (trotz aller Versuche Husserls) unbestimmbar Paul, Axel T.: »Organizing Husserl: On the Phenomenolo-
bleibt, so kann auch Luhmann, wenn man so will, gical Foundations of Luhmann’s Systems Theory«. In:
nur die Kopräsenz sozialer Systeme denken, nicht Journal of Classical Sociology 1. Jg., 3 (2001), 371–394.
aber so etwas wie Intersystemizität. So etwas scheint Armin Nassehi
Habermas ja vorzuschweben, wenn er Luhmann vor-
wirft, soziale Systeme seien dem Modell des erfolgs-
orientierten isolierten Subjekts nachempfunden.
Und exakt das ist es auch, was Luhmanns System-
theorie als Theoriemodell anbietet. Die Frage lautet:
Wie ist soziale Ordnung möglich, wenn soziale Sys-
teme keine andere Operationsweise kennen als dieje-
nige, die ihnen als je systemrelative Operationsweise
zur Verfügung steht? Die Antwort auf diese Frage
vermeidet die – letztlich gescheiterten – husserlschen
Versuche, Intersubjektivität subjektphilosophisch zu
begründen.
Luhmanns Antwort ist gesellschaftstheoretisch.
Die Differenz sozialer Systeme – etwa von Funktions-
systemen, Organisationen oder Interaktionen – fin-
det selbst innerhalb eines sozialen Systems statt, des
Gesellschaftssystems nämlich, dem nichts anderes
übrig bleibt, als die Kopräsenz von Unterschiedli-
chem mit Bordmitteln zu bewältigen. Andere stehen
nicht zur Verfügung. Und am Ende ist gerade das
dann doch wieder eine husserlsche Lösung.

Literatur
Esposito, Elena: »Paradoxien als Unterscheidung von Un-
terscheidungen«. In: Hans Ulrich Gumbrecht/Karl Lud-
wig Pfeiffer (Hg.): Paradoxien, Dissonanzen, Zusam-
menbrüche. Situationen offener Epistemologie. Frank-
furt a. M. 1991, 35–57.
Glanville, Ranulph: Objekte. Berlin 1988.
Habermas, Jürgen: Der philosophische Diskurs der Moder-
ne. Frankfurt a. M. 1985.
Husserl, Edmund: Ideen zu einer reinen Phänomenologie
und phänomenologischen Philosophie. Erstes Buch: All-
gemeine Einführung in die reine Phänomenologie. Hus-
serliana III. Den Haag 1950.
–: Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die
transzendentale Phänomenologie. Eine Einleitung in die
phänomenologische Philosophie. Husserliana VI. Den
Haag 1962.
–: Zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins
(1893–1917). Husserliana X. Den Haag 1966.
–: Cartesianische Meditationen. Eine Einleitung in die Phi-
losophie. Hg von Elisabeth Ströker. Hamburg 1977.
–: Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbe-
wußtseins [1928]. Tübingen 21980.
Luhmann, Niklas: »Gleichzeitigkeit und Synchronisation«.
In: SA5, 95–130.
19

2. Luhmann und Parsons ziell die Unterscheidung System/Umwelt, und die


Wiederholung der Unterscheidung in Systemen als
Systemdifferenzierung sind die entscheidenden Ant-
Vergleiche zwischen Niklas Luhmann und Talcott worten auf das Problem der Weltkomplexität, da sie
Parsons beginnen immer mit Luhmanns Diktum, die Reduktion von Komplexität ermöglichen. Kurz:
dass die von Parsons vertretene strukturell-funktio- Unterscheidungen, Systeme und Differenzierungen
nale Systemtheorie durch eine funktional-struktu- sind da, weil sie Komplexität reduzieren. Das legt
relle zu ersetzen sei, um über Beschränkungen des nahe, in allem Gegebenen eine Unterscheidung zu
Theoriebaus hinauszugelangen. Statt den Struktur- sehen, die da ist, weil sie Komplexität reduziert. Sie
begriff dem Funktionsbegriff voranzustellen, sei der existiert so lange, wie sie diese Funktion erfüllt und
Funktionsbegriff dem Strukturbegriff vorzuordnen, nicht durch eine andere Unterscheidung abgelöst
so Luhmann in dem zuerst 1967 in der Kölner Zeit- wird, die dieselbe Funktion in anderer Weise erfüllt.
schrift für Soziologie und Sozialpsychologie erschiene- Die interne Unterscheidung von Systemfunktionen
nen Aufsatz »Soziologie als Theorie sozialer Systeme« bzw. Bestandsproblemen – etwa nach dem Modell
(SA1, 113 f.). In der Luhmann-Rezeption wird dieses von Parsons’ AGIL-Schema die Unterscheidung von
Diktum in der Regel als ein Befreiungsakt betrachtet. Adaptation, Goal Attainment, Integration und La-
Es liegt allerdings ganz auf der Linie von Luhmanns tent Pattern Maintenance – lässt sich dann elegant als
Denken, darauf aufmerksam zu machen, dass ein sol- Unterproblem des übergeordneten Problems der Re-
cher Befreiungsakt auf einer Entscheidung bzw. Un- duktion von Weltkomplexität in den eigenen Theo-
terscheidung beruht, die andere Möglichkeiten des riebau inkorporieren, ohne sich aber darauf festlegen
Theoretisierens ausschließt. Genau auf diese aus der zu müssen. Vielmehr kann das dem alltäglichen Pro-
weiteren Theoriearbeit exkludierte Seite soll im Fol- zess des Unterscheidens bzw. dem Selektionsprozess
genden die Aufmerksamkeit gelenkt werden. der Evolution überlassen werden. In einem Aufsatz
zu Parsons’ AGIL-Schema mit dem Titel »Warum
AGIL?« (1988) schreibt Luhmann deshalb, dass sich
Weltkomplexität als Problem das AGIL-Schema in dem Maße als Analyseinstru-
ment bewährt, in dem sich die Systemdifferenzie-
Luhmann (SA1, 114–116) entscheidet sich dafür, die rung nach dem AGIL-Schema rekursiv im System/
Komplexität der Welt als Problem schlechthin zum Umwelt-Verhältnis herausbildet, sich also als Ant-
Ausgangspunkt der Theoriebildung zu machen. Mit wort auf Weltkomplexität bzw. spezifischer auf Um-
der Einführung der Welt als Bezugspunkt der Theo- weltkomplexität bewährt.
riebildung schließt er an Edmund Husserls Phäno-
menologie und seine Annahme an, dass ›Welt‹
sowohl auf das Unendliche der Möglichkeiten wie Das Problem der Ordnung
auch auf den jeweils nur endlichen Horizont des Er-
lebens verweise (SA1, 115, 131, Fn. 5). Ebenso greift Wie folgenreich Luhmanns Entscheidung für das
er auf Arnold Gehlens philosophische Anthropologie Problem der Weltkomplexität war und wie funda-
zurück. Seine Annahme, dass die Welt sich als Welt- mental ihn diese Entscheidung von Parsons unter-
komplexität und in dieser Hinsicht als Problem dar- schieden hat, kommt sehr klar in der jeweiligen
stelle, für das Systembildung – bzw. in seiner späteren Behandlung des Problems der sozialen Ordnung
Sprache: die Unterscheidung von System und Um- zum Ausdruck, das von beiden auch als Problem der
welt – die Lösung sei, reformuliert – wie Luhmann doppelten Kontingenz beschrieben wird (Parsons
(SA1, 113, Fn. 9) selbst feststellt – Gehlens Erklärung 1968b, 89–94; 1968a; Parsons/Shils 1951a; 1951b).
von sozialen Institutionen durch die Entlastungs- Doppelte Kontingenz heißt, dass Egos Wahl einer
funktion, die sie für den Menschen angesichts seiner Handlung von Alters Wahl abhängt und umgekehrt
mangelnden Instinktsteuerung und Weltoffenheit Alters Wahl von Egos Wahl. Infolgedessen können
erfüllen. beide nur in dem Maße die Erfolgschancen ihres
Luhmanns weitere Theoriearbeit lässt sich besser Handelns berechnen, in dem sie die Wahl des ande-
verstehen, wenn man sich seine Entscheidung für ren kennen. Da diese Kenntnis an die Grenzen der je-
diesen Ausgangspunkt klar vor Augen hält. Das gilt weils eigenen Psyche von Ego und Alter stößt, beide
gerade auch für seine Unterscheidung von Parsons’ als Personen füreinander eine Black Box darstellen,
Theoriebau. Das Treffen von Unterscheidungen, spe- besteht stets die Möglichkeit, dass Ego und Alter fal-
20 Grundlagen

sche Erwartungen übereinander hegen, sich gegen- Qualität zu erfassen. Das bedeutet dann beispielswei-
seitig im Weg stehen, in Konflikt geraten, sich nicht se, die Instabilität einer Ordnung dadurch zu erklä-
verständigen können. Für Parsons ist diese Situation ren, dass sie in eine Kultur mit einem fundamentalen
der Ausgangpunkt für seine normative Lösung des Wertkonflikt, etwa zwischen Freiheit und Gleichheit,
Ordnungsproblems (Münch 1988, 31–44). Das eingebettet ist und es nicht gelungen ist, eine norma-
heißt, dass Ego und Alter nur dann Frustration, Kon- tiv verbindliche Vermittlung zwischen diesen beiden
flikt und Missverstehen in der gegenseitigen Begeg- Werten zu schaffen, die festlegt, wie weit die Wah-
nung überwinden können, wenn sie auf eine rung von Gleichheit die Entfaltung von Freiheit mit
gemeinsame Sprache zur Verständigung zurückgrei- ungleichem Erfolg einschränken soll (vgl. Parsons
fen können, Verteilungsregeln im Konflikt um knap- 1977).
pe Güter und Konventionen im alltäglichen Umgang Luhmann folgt in seiner Auseinandersetzung mit
miteinander finden. Parsons’ ›normativer‹ Lösung des Ordnungspro-
Die Parsons-Folklore hat diesen Bedingungssatz blems nicht der Parsons-Folklore. Ihm ist klar, dass
in eine empirische Aussage umgewandelt, um Par- diese Lösung den Charakter eines Bedingungssatzes
sons vorzuhalten, dass in der Realität oft nur die hat und keineswegs die Behauptung beinhaltet, dass
Macht von Ego über Alter, Interessenkonstellationen, faktisch bestehende Ordnungen immer auf normati-
Belohnung und Bestrafung oder gegenseitiges in- vem Konsens beruhen, und auch nicht, dass Macht
strumentelles Lernen über das Verhalten des anderen und Interessenkonstellationen an der faktischen Ge-
eine Ordnung ohne normative Grundlage entstehen staltung von Ordnungen nicht beteiligt seien. Aber
lassen. Das ist von Parsons allerdings überhaupt auch Luhmann meint, dass man einen Schritt weiter
nicht bestritten worden. Er hat dafür den Begriff der zurückgehen müsse, um zu erklären, wie es über-
faktischen Ordnung verwendet und davon den Be- haupt zur Bewältigung des Problems der doppelten
griff der normativen Ordnung ausdrücklich abge- Kontingenz komme, wobei der Konsens über Nor-
grenzt (Parsons 1937/1968, 91 u. 346 f. u. 753). men für ihn eine mögliche Variante darstellt. Aber
Er meinte aber in der Tat, dass eine rein faktische auch dann, wenn diese Variante auftritt, müsse man
Ordnung auf Dauer nur schwer zu erhalten sein wird, erklären, wie es dazu komme. Luhmann trifft bei die-
weil sie entweder in eine Spirale von Gewalt und Ge- ser Fragestellung 1984 in Soziale Systeme wieder auf
gengewalt oder in eine Spirale des Vertrauensverlus- das Ausgangsproblem von 1967 in »Soziologie als
tes durch Enttäuschung gerät. De facto befinden sich Theorie sozialer Systeme«. ›Doppelte Kontingenz‹
aber auch Ordnungen der Gewalt und des Misstrau- steht jetzt für ›Weltkomplexität‹ und die Antwort auf
ens nicht in einem normativen Vakuum. Sie sind im- das Problem der doppelten Kontingenz ist dieselbe
mer in einen kulturellen Kontext eingebettet, aus wie die Antwort auf das Problem der Weltkomplexi-
dem heraus de facto die Frage der Legitimität gestellt tät, nämlich Systembildung, also das Treffen einer
wird. Die Antwort auf diese Frage kann prinzipiell Unterscheidung zwischen System und Umwelt. Luh-
wieder in symbolischer Gewalt oder in symboli- mann bezieht sich dabei sehr konkret auf Arbeiten
schem Lernen bestehen. Auch dabei würde man sich von Parsons (1968a, 436; 1968b, 89–94) sowie Par-
auf das beziehen, was Parsons als faktische Ordnung sons und Shils (1951a, 16; 1951b), und er profiliert
bezeichnet hat. darüber sein eigenes Argument, demzufolge es dem
Gewiss sind Legitimationsprozesse nicht frei von Zufall überlassen ist, ob und wie die Unterscheidung
Machtanwendung, Nutzenerwägungen und Lernen zwischen System und Umwelt getroffen wird. Er ge-
durch Belohnung und Bestrafung. Mit Parsons muss steht aber zu, dass doppelte Kontingenz ein »state of
man jedoch daran festhalten, dass Legitimationspro- conditional readiness« (SS, 172) sei, aus dem heraus
zesse nicht zureichend verstanden und erklärt wer- das Unwahrscheinliche wahrscheinlich werde, näm-
den, wenn sie nur auf Macht, Interessen und lich die Systembildung. Hier ist es die Emergenz eines
instrumentelles Lernen zurückgeführt werden. sozialen Systems aus der Interpenetration bzw. wech-
Wenn man Parsons richtig verstehen will, dann muss selseitigen Störung der beiden psychischen Systeme
man betonen, dass bei der Legitimation von Ord- von Ego und Alter. Er wird sogar so konkret, dass er
nungen deren Rückführung auf Normen und Werte sagt, die doppelte Kontingenz werde von Ego und Al-
und eben gerade auch die konflikthafte Auseinander- ter als »unbestimmbar, instabil, unerträglich« erfah-
setzung mit Werten und Normen im Vordergrund ren (ebd.). Deshalb greifen sie nach jedem Strohhalm
steht, es deshalb für die soziologische Analyse darauf der Anschlussmöglichkeit, woraus ein Kommunika-
ankommt, die normative Dimension in ihrer eigenen tionsprozess entsteht, der ein soziales System konsti-
Luhmann und Parsons 21

tuiert. Das muss nicht heißen, dass beide zum Aussichten auf Erfolg geltend machen kann, ist eine
Konsens gelangen. Es genügt, dass sie in Streit gera- Angelegenheit des Rechtssystems« (GG, 630).
ten und auf diese Weise ihre Handlungen und Erwar- Dabei werden leicht Akkumulationseffekte in
tungen aufeinander beziehen. Was im nächsten Gang gesetzt, die systemintern nicht korrigiert wer-
Moment passiert, wird schon dadurch eher wechsel- den können und systemextern nur entweder in ande-
seitig erwartbar als im Zustand der vollkommenen ren Funktionssystemen bearbeitet werden oder ganz
Beliebigkeit. unbearbeitet bleiben und als Irritation, Lärm bzw.
unbewältigter, systemisch nicht bearbeitbarer Rest
mitgeführt werden (GG, 631). Auf der Linie von
Inklusion und Exklusion funktionaler Differenzierung gedacht, könnte daraus
ein Bedarf für die Ausdifferenzierung eines Funkti-
Wie sehr sich genau an diesem Punkt Parsons und onssystems entstehen, das die durch funktionale Dif-
Luhmann unterscheiden, ist sehr klar zu erkennen, ferenzierung erzeugten Exklusionen bearbeitet. Luh-
wenn man Luhmanns Behandlung des Problems von mann (GG, 633 f.) sieht dafür Ansätze in der
Inklusion und Exklusion in seinem 1997 erschiene- Entwicklungshilfe und in der Sozialpolitik, ist sich
nen Werk Die Gesellschaft der Gesellschaft (GG, aber angesichts der großen Ressourcenabhängigkeit
618–634) mit Parsons’ Analyse von Gleichheit und eines solchen Funktionssystems nicht sicher, ob es so
Ungleichheit in dem zuerst 1970 in Sociological In- weit kommen wird.
quiry veröffentlichten, dann 1977 in Social Systems Ganz anders sieht die Bearbeitung der Problema-
and the Evolution of Action Theory wieder abgedruck- tik von Inklusion und Exklusion bei Parsons (1977)
ten Aufsatz »Equality and Inequality in Modern So- aus. Er hält daran fest, dass die Gesellschaft ein Zen-
ciety, or Social Stratification Revisited« vergleicht trum hat, in dem ihre Ordnung verankert ist, auf das
(Parsons 1977). Für Luhmann bestimmt die auf ei- ihre funktionale Differenzierung rückbezogen bleibt
ner jeweiligen Stufe der Evolution vorherrschende und durch das sie in ihrer Entfaltung auch kontrol-
Form der Differenzierung auch den Modus der In- liert wird. Das kann allerdings wieder nicht als Fak-
klusion und deren – in seinen Augen von Parsons tizität verstanden werden, sondern nur als eine
vernachlässigten – Kehrseite, der Exklusion (vgl. Bedingung dafür, dass das Faktische auch als legitim
auch Stichweh 2005). In segmentär differenzierten gilt. Parsons übernimmt von Thomas H. Marshall
Gesellschaften sind es Familie und Verwandtschaft, (1964) die Beschreibung des schrittweisen Ausbaus
in ständisch differenzierten Gesellschaften ist es der der Inklusion der Bevölkerung in die Gesellschaft in
Stand, in funktional differenzierten Gesellschaften Großbritannien durch zivile Rechte, politische Rech-
sind es die Funktionssysteme. Während Familie/Ver- te und soziale Rechte. Parallel dazu haben die indus-
wandtschaft und Stand für eine Vollinklusion bzw. trielle Revolution, die demokratische Revolution
für eine Exklusion derjenigen gesorgt haben, die von und die Bildungsrevolution eine wachsende Teilhabe
Familie und Verwandtschaft verstoßen wurden oder der Bürger an der Gesellschaft ermöglicht. Und er
keinem Stand angehörten, ist die Inklusion der Indi- sieht Ansätze für eine expressive Revolution in den
viduen in die funktional differenzierte Gesellschaft 1970er Jahren. Man könnte aus heutiger Sicht die
auf die einzelnen Funktionssysteme aufgeteilt. Es Kämpfe um die Anerkennung von Minderheitenkul-
gibt zwar eine Akkumulation von Inklusionsvortei- turen und der damit verbundenen Lebensstile dieser
len und -nachteilen über die einzelnen Funktionssys- expressiven Revolution zurechnen. Durchweg han-
teme hinweg. Daraus leitet sich aber weder ein delt es sich dabei genau um diejenige normative Ent-
Anspruch auf Führung in der Spitze noch ein An- wicklung der Gesellschaft, die er in den Fokus seiner
spruch auf Ausgleich am unteren Ende ab. Es handelt Lösung des Ordnungsproblems gerückt hat. Der
sich dabei nur noch um Koinzidenzen und nicht Schlüsselbegriff dafür ist die gesellschaftliche Ge-
mehr um formative Strukturen einer funktional dif- meinschaft, exemplarisch dargestellt am für ihn am
ferenzierten Gesellschaft. Und weil die Funktionssys- weitesten fortgeschrittenen Beispiel der USA. Darauf
teme allein nach funktionsspezifischem Code und bezieht sich auch seine Studie American Society
Programm inkludieren, wird automatisch alles ex- (2007), die posthum erst im Jahre 2007 publiziert
kludiert, was nicht funktionsspezifisch artikuliert wurde. In seiner Monographie The System of Modern
werden kann: »Ob und wieviel Geld dem Einzelnen Societies kommt der gesellschaftlichen Gemeinschaft
zur Verfügung steht, wird im Wirtschaftssystem ent- eine zentrale Bedeutung zu (Parsons 1971), ebenso in
schieden. Welche Rechtsansprüche man mit welchen dem erwähnten Aufsatz über »Equality and Inequa-
22 Grundlagen

lity in Modern Society« (Parsons 1977). Das Leitbild zelten Ordnung der funktional differenzierten Ge-
dafür ist die nationale, demokratisch verfasste Ge- sellschaft findet eine Grenze in der funktional diffe-
sellschaft von Staatsbürgern, die gleiche Rechte ge- renzierten Weltgesellschaft, in der sich die Funkti-
nießen und in der Aufrechterhaltung dieser Rechte onssysteme nicht mehr in räumliche Grenzen
eine grundlegende solidarische Einheit bilden. In zwingen lassen, so dass gehäuft Exklusion entsteht,
sich ist diese gesellschaftliche Gemeinschaft durch ohne dass es dagegen ausreichende Gegenkräfte
ein hohes Maß des Pluralismus von Gruppenmit- gibt. Das liegt daran, dass die nationalen gesell-
gliedschaften, Werthaltungen und Lebensstilen diffe- schaftlichen Gemeinschaften die räumlich entgrenz-
renziert. Die Integration dieser gesellschaftlichen ten Funktionssysteme nicht mehr unter Kontrolle
Gemeinschaft wird durch sich überschneidende Mit- halten können, eine weltgesellschaftliche Gemein-
gliedschaften in freiwilligen Vereinigungen, durch schaft aber nur schemenhaft erkennbar wird, etwa
Institutionen und Rituale der Staatsbürgerschaft und in den Aktivitäten von Internationalen Nichtregie-
durch ein darauf eingeschworenes Rechtssystem ge- rungsorganisationen (INGOs). Luhmann erkennt ja
währleistet. Eine gemeinsame Sprache erleichtert die selbst, dass die funktionale Differenzierung auf dem
Verständigung untereinander. Niveau der Weltgesellschaft ein Maß an Exklusions-
Die normativ begründete und durch eine vitale problemen erzeugt, das die Frage nach ihrer Lösung
gesellschaftliche Gemeinschaft gepflegte Gleichheit aufwirft. Auf der Linie seines Theorieentwurfs ist
der Staatsbürger steht dabei in einem grundsätzli- das nur durch die weltgesellschaftliche Ausdifferen-
chen Spannungsverhältnis zu den funktionalen Im- zierung eines dafür zuständigen neuen Funktions-
perativen der Wirtschaft, der Politik und der systems denkbar. Er war allerdings selbst skeptisch
professionellen Treuhänderschaft für die Kultur, ins- im Hinblick auf die Chancen eines solchen evolu-
besondere die Wissenschaft. Der Markt fördert wirt- tionären Schritts.
schaftliche Effizienz, erzeugt aber auch Einkom- Für die von Parsons angelegte Theorie stellt sich
mensungleichheit. Die Delegation von Macht an die Frage anders. Es geht für sie um Legitimations-
politische Repräsentanten und Verwaltungen ge- kämpfe im Kontext der modernen westlichen Kultur,
währleistet politische Effektivität, impliziert aber zu- ihres universalistischen Anspruchs und ihrer Kon-
gleich Machtungleichheit. Innerhalb der gesell- frontation mit nichtwestlichen Kulturtraditionen so-
schaftlichen Gemeinschaft ergibt sich aus ungleichen wie um die Rekonstruktion von Solidaritäten im
Beiträgen zum Gemeinwohl ein unterschiedlicher Kontext der Weltgesellschaft. Letzteres bedeutet, dass
Einfluss auf die Konsensbildung, der in einer Rang- erstens nationale Solidaritäten im Kontext der sich
ordnung nach Prestige fixiert wird und in einer Ge- herausbildenden weltgesellschaftlichen Gemein-
meinschaft von an sich Gleichen ein gewisses Maß an schaft und ihres gesteigerten Pluralismus relativiert
zulässiger Ungleichheit mit sich bringt. Grundsätz- werden und dass es zweitens zu einer Neujustierung
lich ergibt sich auch hier als sekundäres Ordnungs- von Binnen- und Außenmoral kommt (Münch 2001;
problem die Ausbalancierung von prinzipieller 2009). Es geht dabei nicht nur um die funktionale
Gleichheit und funktional erforderlicher Ungleich- Differenzierung der Weltgesellschaft, sondern auch
heit. Gelingt es, dann ist das an der Existenz einer le- um den Wandel von Solidarität und Gerechtigkeit
gitimen Ordnung zu erkennen, die Konflikte in und ihre Ausbalancierung mit den funktionalen Im-
normativ geregelte Bahnen lenkt. Gelingt es nicht, perativen. Dieser Wandel und die entsprechenden
dann sind normativ nicht geregelte Konflikte an der symbolischen Kämpfe um die Legitimation der welt-
Tagesordnung. gesellschaftlichen Ordnung sind ja auch tatsächlich
zu beobachten. Das kann mit den begrifflichen In-
strumenten von Parsons’ Gesellschaftstheorie in den
Weltgesellschaft Blick genommen werden, während es in der Perspek-
tive von Luhmanns Systemtheorie aus dem Blick ge-
Man könnte nun in Parsons’ Festhalten an der na- rät. Das spricht dafür, dass sich Luhmann zwar für
tionalen gesellschaftlichen Gemeinschaft als Zen- ein fundamental anderes Theorieprogramm als Par-
trum der funktional differenzierten Gesellschaft sons entschieden hat, damit aber nicht mehr sieht als
und Luhmanns Beobachtung wachsender, unbewäl- Parsons, sondern eben nur anderes. Offensichtlich
tigter Exklusion zwei Seiten ein und derselben Me- kann er etwas nicht sehen, das Relevanz besitzt, wenn
daille sehen. Das parsonssche Modell einer in der man mit Parsons auf der Linie des alteuropäischen
nationalen gesellschaftlichen Gemeinschaft verwur- Denkens bleibt. Zumindest steht eine entsprechende
Luhmann und die Organisationssoziologie 23

Lesart der luhmannschen Texte im Hinblick auf diese 3. Luhmann und die
Fragen noch aus.
Organisationssoziologie
Literatur
Anfänge, Vorläufer, Einflüsse
Luhmann, Niklas: »Soziologie als Theorie sozialer Systeme«
[1960]. In: SA1, 113–136. Luhmann hat wissenschaftlich – nach seiner Zeit als
–: »Talcott Parsons – Zur Zukunft eines Theoriepro- Verwaltungsjurist und einem Zweitstudium der So-
gramms«. In: Zeitschrift für Soziologie 1. Jg., 9 (1980), ziologie u. a. bei Talcott Parsons – als Organisations-
5–17.
–: »Warum AGIL?« In: Kölner Zeitschrift für Soziologie soziologe begonnen. Erste Aufsätze hatten die
und Sozialpsychologie 40. Jg. (1988), 127–139. Administration zum Thema, damals noch beinahe
Marshall, Thomas H.: Class, Citizenship and Social Deve- ein Synonym für Organisation. Auf dem Feld der Or-
lopment. New York 1964. ganisationssoziologie lagen dann auch Luhmanns
Münch, Richard: Theorie des Handelns. Zur Rekonstrukti- erste große Arbeiten, besonders Funktionen und Fol-
on der Beiträge von Talcott Parsons, Emile Durkheim
und Max Weber [1982]. Frankfurt a. M. 1988.
gen formaler Organisation (1964) und Zweckbegriff
–: Offene Räume. Soziale Integration diesseits und jenseits und Systemrationalität (1968).
des Nationalstaats. Frankfurt a. M. 2001. Organisationen, besonders Verwaltungsorganisa-
–: Das Regime des liberalen Kapitalismus. Inklusion und tionen, waren also der Gegenstand, an dem Luh-
Exklusion im neuen Wohlfahrtsstaat. Frankfurt a. M./ mann früh seine von Parsons übernommene Über-
New York 2009.
Parsons, Talcott: »Interaction: Social Interaction«. In: Da-
zeugung ausgearbeitet hat, das Soziale sei ohne einen
vid L. Sills (Hg.): International Encyclopedia of the So- scharfen Blick für Systeme und ihre Funktionserfor-
cial Sciences. Bd. 7. New York 1968a, 429–441. dernisse nicht angemessen zu studieren. Der erste
–: The Structure of Social Action [1937]. New York 1968b. große Organisationstheoretiker, der diese Weichen-
–: The System of Modern Societies. Englewood Cliffs, NJ stellung vornahm, war der von Parsons beeinflusste
1971.
Chester Barnard (1938). Er hatte vorgeschlagen, Or-
–: »Equality and Inequality in Modern Society, or Social
Stratification Revisited« [1970]. In: Ders.: Social Systems ganisationen als kooperative action systems aufzufas-
and the Evolution of Action Theory. New York 1977, sen, und dies schon mit der Konsequenz, für die
321–380. später immer Luhmann in Anspruch genommen
–: American Society: A Theory of the Societal Community. wurde: dass Menschen für die Organisation Umwelt
Hg. von Giuseppe Sciortino. Boulder, CO 2007.
seien. Organisationstheoretisch war Luhmann inso-
– /Shils, Edward A. (Hg.): Toward a General Theory of
Action. Cambridge, MA 1951a. fern zuallererst ein Nachfahre Barnards. Zweitens
– /–: »Values, Motives, and Systems of Action«. In: Parsons/ war er ein Erbe Herbert A. Simons (1945), dessen
Shils 1951a, 45–275 (= 1951b). Rückgriff auf die Systemperspektive – in der üblichen
Stichweh, Rudolf: Inklusion und Exklusion. Studien zur Simon-Rezeption eher unterbetont – von Prewo, Rit-
Gesellschaftstheorie. Bielefeld 2005. sert und Stracke herausgearbeitet wurde (1973; darin
Wenzel, Harald: Die Ordnung des Handelns. Talcott Par-
sons’ Theorie des allgemeinen Handlungssystems. eine instruktive Parsons- und eine frühe Luhmann-
Frankfurt a. M. 1991. Kritik). Von Simon hat Luhmann nicht zuletzt die
Richard Münch Konzepte der Entscheidungsprämissen und -pro-
gramme bezogen. Drittens schließlich hat er viel von
Karl E. Weick gelernt (deutsch 1985), auf den er gern
für rationalitätskritische Einsichten zurückgegriffen
hat, besonders aber, um den Prozesscharakter und
die Zeitverhältnisse von Entscheidungen in Organi-
sationen herauszuarbeiten (ein Stichwort: ›retro-
spective sensemaking‹, vgl. z. B. OuE, 169 u. passim;
PolG, 154).
Bereits das erste Kapitel von Funktionen und Fol-
gen formaler Organisation heißt »Soziale Systeme«
und enthält neben der Insistenz auf dem Funktions-
begriff die Berufung auf Parsons und Barnard. In
Zweckbegriff und Systemrationalität (ZuS, 171 ff.) fin-
den sich sodann erhebliche Anleihen an die moder-
24 Grundlagen

ne, damals unter dem Einfluss von Ludwig von entlastet sind, die Mitglieder zu motivieren (ZuS,
Bertalanffy stark ausgebaute und von der Kybernetik 128 ff.), ist von Gehlen inspiriert. Ohne Edmund
geprägte Systemtheorie (vgl. etwa ZuS, 157 ff.). Eine Husserls Sinnbegriff ist der luhmannsche – mitsamt
›General Systems Theory‹ (Bertalanffy; Boulding) den Konzepten der Verweisungsstruktur und des
schien damals in Reichweite. Organisationstheore- Horizonts – nicht denkbar (vgl. z. B. ZuS, 29, 49,
tisch folgenreich und anschlussfähig war die bereits 176 f. u. 304). Erst von daher werden die Eingrenzung
in Funktionen und Folgen vorgenommene Umstel- des Sozialen auf Kommunikation und die Besonder-
lung des Systemkonzepts vom Ganzes/Teil-Schema heiten so zentraler Konzepte wie ›Kommunikation‹,
auf die Innen/Außen-Differenz und die Differenz ›Erwartung‹ und ›Entscheidung‹ voll verständlich. Es
zwischen System – hier: Organisation – und Umwelt, gab da stets eine Nähe zur Phänomenologie, die
die in Zweckbegriff und Systemrationalität weiterge- manch einem (z. B. Berger 1996) zu weit ging. Luh-
trieben wird (ZuS, 171 ff.). mann diskutiert die Wertimplikationen des Han-
In der in Abbildung 1 wiedergegebenen Übersicht delns (ZuS, 46), aber auch das Phänomen des
von Walter-Busch würde man heute, wenn man im Entscheidens in Organisationen – Stichworte: Zu-
Rahmen der Organisationssoziologie bleibt und sich rechnung, Konstruktion, Entscheidungsfiktionen
auf das Wichtigste beschränkt, die Namen James G. und -mystifikationen (vgl. z. B. OuE, 135; PolG,
March (OuE, passim) und Karl Weick ergänzen, au- 140 ff.) – unter Rekurs auf die Figuren der phänome-
ßerdem die Systemtheorie Ludwig von Bertalanffys nologischen Neutralisierung bzw. Reduktion (zur
und Kenneth E. Bouldings, sodann die Einflüsse Epoché des Entscheidens vgl. etwa SA3, 354). Der
Humberto Maturanas, Francisco J. Varelas und ›Eulenblick‹ Luhmanns auf seine Gegenstände, dis-
Heinz von Foersters auf die konstruktivistische sowie tanziert, staunend, an Indifferenz grenzend, rührt
George Spencer-Browns auf die unterscheidungs- wohl, soweit nicht biografisch bedingt, daher.
und beobachtungstheoretische Auslegung (vgl. nur Luhmann ist mit seiner einschlägigen Rezeptions-
OuE, 123 ff., 227, 304) der luhmannschen Organisa- leistung und der großen, bis zu seinem Tod nicht er-
tionstheorie. lahmten Aufmerksamkeit für Organisationen, diese
so wichtigen und mächtigen Systeme der Moderne,
P. Janet M. Weber E. Durkheim V. Pareto
C. G. Jung
S. Freud abgesehen von James Coleman die Ausnahme unter
M. P. Follet den Autoren großer Theorie.
W. Donham
E. Mayo L. J. Henderson C. Barnard

Die wichtigsten organisationssoziologischen


T. Parsons H. A. Simon Arbeiten
Die organisationssoziologischen Arbeiten Luh-
N. Luhmann
manns lassen sich hier noch nicht einmal erschöp-
Abb. 1: Parsons, Luhmann, Harvards Organisations- fend aufzählen, geschweige denn würdigen. Viele
theoretiker und die Traditionen ›großer sozialwissen- wichtige kleinere Arbeiten, etwa »Der Funktionsbe-
schaftlicher Theorie‹ (Quelle: Walter-Busch 1996, 209) griff in der Verwaltungswissenschaft« (1958) oder
zum »Lob der Routine« (1964), müssen außer Be-
Ferner sollten zumindest zwei Denker nicht außer tracht bleiben, ebenso organisationstheoretisch
Acht bleiben, deren Einfluss auf die Organisations- durchaus relevante Bücher, etwa Macht (1975) und
theorie Luhmanns zwar nicht auf den ersten Blick ins Vertrauen (1989), ferner die Passagen zu Organisa-
Auge springt, aber immer stark geblieben ist: Gehlen tionen in Soziale Systeme (1984), Die Wirtschaft der
und Husserl. Arnold Gehlens Denkfigur der Entlas- Gesellschaft (1988), Das Recht der Gesellschaft (1993),
tung durch Institutionen erlebt ihre systemtheoreti- Die Politik der Gesellschaft (2000), Die Gesellschaft der
sche Wiederkehr und erhebliche Differenzierung in Gesellschaft (1997) u. a.
Luhmanns Formel ›Reduktion von Komplexität‹ Das organisationstheoretische Werk Niklas Luh-
(vgl. etwa ZuS, 184, 349), organisationstheoretisch manns wird aber maßgeblich markiert durch folgen-
u. a. ausbuchstabiert in Gestalt der Unsicherheitsab- de Arbeiten:
sorption als zentraler Funktion von Organisation • Funktionen und Folgen formaler Organisation
(OuE, 183–221). Auch die These der Beitragsmotiva- (1964),
tion, wonach die Zwecke in Organisationen davon • Theorie der Verwaltungswissenschaft (1966),
Luhmann und die Organisationssoziologie 25

• Zweckbegriff und Systemrationalität (1968, Neu- gesamte Band durchzogen von einer Simon-, March-
druck 1973), und Cyert-Rezeption, die besonders aus Simons
• Legitimation durch Verfahren (1969; Neuauflage Konzept der bounded rationality rationalitätskriti-
1975; 4. Auflage mit neuem Epilog 1985), sche Konsequenzen zieht.
• eine Reihe von Aufsätzen zum Komplex ›Organi- Legitimation durch Verfahren ist keine organisati-
sation, Gesellschaft und Entscheidung‹ aus den onssoziologische Arbeit, hat aber mit dem Konzept
Jahren 1975 bis 1984, des Verfahrens eine organisationstheoretische Grun-
• den Aufsatz »Organisation« (1988) und dierung und enthält – nach zwei zentralen Teilen
• das Buch Organisation und Entscheidung (2000). über Gerichts- und über Gesetzgebungsverfahren –
Funktionen und Folgen und Theorie der Verwaltungs- ein kleines Kapitel über »Entscheidungsprozesse in
wissenschaft etablieren bereits die systemtheoreti- der Verwaltung«. Die entscheidende Weichenstel-
sche, entschieden funktionalistische Ausrichtung der lung dieses Werks ist: Verfahren stiften Legitimation
Organisationstheorie, insbesondere die Frage nach nicht, weil sie für gute Gründe, sondern weil sie für
Funktionen und funktionalen Äquivalenten. Das Akzeptanz sorgen. Sie entmutigen und isolieren Wi-
erstgenannte Werk enthält schon für Luhmann zen- derspruch nach der Entscheidung. Sie sind der Lü-
trale Konzepte: generalisierte Verhaltenserwartun- ckenbüßer für gute Gründe, nach denen zu suchen
gen, Erwartungsstruktur, Systemvertrauen, Tren- Luhmann für illusorisch hält. Sie erzeugen einen not-
nung von Teilnahme- und Leistungsmotivation, um wendigen Schein: eben den der Richtigkeit der Ent-
nur einige zu nennen. Beide Bände zeigen Luhmann scheidung. Der Gegensatz zu Habermas (vgl. dessen
als Meister der Verknüpfung von Theorie mit immer triftige Kritik 1994, 573 ff.) könnte deutlicher nicht
wieder überraschenden praxisnahen Einsichten – sein. Noch eher als für Gerichts- und Gesetzgebungs-
etwa in die Funktion des Klatsches oder ›brauchbarer verfahren könnte Luhmanns wiederum extrem kühle
Illegalität‹ in Organisationen. Analyse für Entscheidungsverfahren in Organisatio-
Trotzdem war es erst der Text Zweckbegriff und nen Bedeutung erlangen. Merkwürdigerweise hat
Systemrationalität, zumal seit dessen Neudruck 1973, Luhmann diesen Weg in dem Kapitel über Entschei-
der außerhalb eines engeren Kreises verwaltungs- dungsprozesse in der Verwaltung aber nicht konse-
und organisationssoziologischer Fachleute Aufsehen quent beschritten, sondern postuliert, dass jedenfalls
erregte – zweifellos begünstigt durch die Habermas- »der ausführenden Verwaltung nicht zugleich Funk-
Luhmann-Kontroverse, die seit 1971 das Thema der tionen der Legitimation […] aufgetragen werden
sozialwissenschaftlichen Intelligenz in Deutschland sollten« (LdV, 211; Hervorh. durch den Verf.). Jedoch
geworden war. Das für viele damals Atemberaubende hat Luhmann die für die Legitimationsfrage so ein-
war die radikale, überraschende Frage nach der schlägige neo-institutionalistische Organisationsfor-
Funktion von Zwecken und die daraus resultierende schung mit ihren Konzepten der Rationalitätsmy-
Entthronung (nicht: Abschaffung!) des Zweck- then und -fassaden und der ›Organisation von
begriffs als Grundbegriff der Organisationstheorie. Scheinheiligkeit‹ (Brunsson) gut gekannt und seiner
Das Buch enthält zum Beispiel eine Rezeption der Theorie gern einverleibt.
betriebswirtschaftlichen Organisations-, Entschei- Die organisations- und entscheidungstheoreti-
dungs- und Zielforschung (ZuS, 55 ff. und besonders schen Aufsätze aus den Jahren 1975 bis 1984 (v. a.
106–128, ferner 251 f., 257 u. 322 ff.), die selbst inner- SA3, 335 ff. u. 390 ff.; Luhmann 1984) enthalten Aus-
halb der Betriebswirtschaftslehre bis heute ihresglei- arbeitungen, von denen hier nur die in Soziale Syste-
chen sucht. Das Kapitel über die Theorien der me weiter radikalisierte energische Bindung des
Beitragsmotivation verfolgt radikal den Gedanken Entscheidungs- an den Erwartungsbegriff (SS,
der Trennung von Motivationsstruktur und Ratio- 399 ff.; Luhmann 1984) und die stark forcierte Idee
nalstruktur und interpretiert diese als Mobilitäts- einer Fiktionalität des Phänomens von Entscheidun-
schub für Organisationen, die nun nicht länger an die gen in Organisationen hervorgehoben seien: »Orga-
Motivation ihrer Mitglieder durch Zwecke gebunden nisationen sind insofern soziale Systeme, die sich
sind. Um die Radikalität dieses Gedankens anzudeu- erlauben, menschliches Verhalten so zu behandeln, als
ten: Bei Marx heißt das, was Luhmann hier begrüßt, ob es ein Entscheiden wäre« (SA3, 354; ferner PolG,
›Entfremdung‹. Kühl analysiert Luhmann auch eine 140 ff.; kritisch zur allzu starken Forcierung vgl. Ort-
der Funktionen von Zwecken: Wertneutralisierung mann 2006).
(ZuS, 47). »Der Zweck soll die Mittel heiligen […]. Der Aufsatz »Organisation« hat insofern einen be-
Das ist seine Funktion« (ZuS, 46). Im Übrigen ist der sonderen Stellenwert, als Luhmann darin die inzwi-
26 Grundlagen

schen erfolgte autopoietische Wende erstmals für Organisationen und gesellschaftliche


seine Organisationstheorie fruchtbar macht. Organi- Teilsysteme
sationen bestimmt er nun als autopoietisch geschlos-
sene »Systeme, die aus Entscheidungen bestehen und Eine der Stärken der Organisationssoziologie Luh-
die Entscheidungen, aus denen sie bestehen, durch die manns ist es, dass sie integraler Bestandteil einer
Entscheidungen, aus denen sie bestehen, selbst anferti- Theorie der Gesellschaft ist, genauer: einer Theorie
gen« (Luhmann 1988, 166): Entscheidungen, ver- des sozialen Systems ›Gesellschaft‹ und näherhin ei-
standen »nicht als ein psychischer Vorgang […], ner Theorie gesellschaftlicher Evolution und Diffe-
sondern als Kommunikation« (ebd.). Um die Steuer- renzierung, die für die Moderne mit der Unterschei-
barkeit von Organisationen ist es daher schlecht be- dung ausdifferenzierter funktionaler Teilsysteme
stellt. Der Begriff der Systemrationalität terminiert in rechnet. Diese Teilsysteme – besonders Wirtschaft,
diesem Beitrag in einer »Laviermaxime« (ebd., 182): Recht, Politik, Wissenschaft, Religion, Erziehung
in der laufenden Justierung des Verhältnisses des Sys- und Gesundheit – sind sämtlich auf Organisati-
tems zu seiner Umwelt durch »Führungswechsel zwi- on(en) angewiesen, ohne dass sich ihre Grenzen mit
schen Redundanz und Varietät« (ebd.), zu dem die den jeweiligen Organisationsgrenzen deckten: Orga-
Organisation befähigt sein müsse. nisationen sind in ihrer Kommunikation nicht wie
Das posthum erschienene Buch Organisation und die Teilsysteme auf ein Kommunikationsmedium –
Entscheidung (2000) muss als summa der lebenslan- Geld oder Macht oder Recht oder Wahrheit etc. – be-
gen Bemühungen Luhmanns um eine seinen hohen schränkt. Aus Luhmanns überaus komplexen Be-
Ansprüchen genügende Organisationstheorie gelten. stimmungen des Verhältnisses von Organisation und
Darin hat die Unterscheidungs- und Beobachtungs- Gesellschaft seien nur diese erwähnt (für Näheres
theorie Spencer-Browns Eingang gefunden. Vieles – vgl. Martens 1997; Lieckweg/Wehrsig 2001; Tacke
etwa der Problemkreis ›Mitgliedschaft und Motivati- 2001; Drepper 2003): Erstens, Organisation sowie die
on‹, auch die von Simon entlehnten Konzepte der erwähnte Trennung von Organisationszwecken und
Entscheidungsprämissen und -programme – findet Mitgliedermotivation betrachtet er als enorme evo-
sich hier in elaborierter Form wieder, in je eigenen lutionäre Schübe. Zweitens, Organisationen und
Kapiteln. So auch das Thema »Unsicherheitsabsorp- Teilsysteme stehen zueinander im Verhältnis rekursi-
tion« und nunmehr eine ausführliche Ausarbeitung ver Konstitution und gegenseitiger Forcierung – und
der »Organisation als autopoietisches System«. Ein im Übrigen struktureller Kopplung. Drittens, weder
Kapitel über dia- und synchronische »Zeitverhältnis- die Gesellschaft noch ihre funktionalen Teilsysteme
se« versammelt die subtilen Reflexionen Luhmanns sind organisierbar, und Organisationen leiden um-
über Gleichzeitigkeit, Zeitbindung, Prozessualität gekehrt an einem Reflexionsdefizit hinsichtlich ge-
und die Rolle des Gedächtnisses. Mit seinen Reflexio- samtgesellschaftlicher und auch teilsystemspezifi-
nen des Phänomens und des Begriffs der Entschei- scher Funktionen.
dung steht er bei aller Entscheidungsorientierung in
der Organisationstheorie, der Politologie, den Wirt-
schaftswissenschaften, besonders auch der Betriebs- Niklas Luhmann: ein kontingenzbewusster
wirtschaftslehre nahezu allein da. Diese Reflexionen Skeptiker
sind immer stärker auf die »Paradoxie des Entschei-
dens« zugelaufen, der nun auch ein eigenes Kapitel Stark war immer Luhmanns Sinn für – und Sorge vor
gewidmet ist. Luhmanns Angebote dazu lauten: Os- – Kontingenz als dem »Midas-Gold der Moderne«
zillation, Paradoxieentfaltung und -verschiebung, (BdM, 94), zumal in der von Parsons übernomme-
Mystifikation. Das ist erfrischend, verglichen mit ra- nen Konstellation doppelter Kontingenz (»Zwei
tionalitätsgläubigen Theorien jedweder Provenienz. black boxes bekommen es […] miteinander zu tun«,
Der Begriff der Systemrationalität ist im Zuge dessen SS, 156). Das radikale Durchdenken der Kontingenz
allerdings immer abstrakter geraten. Postuliert wer- von Entscheidungen (vgl. auch PolG, 140 ff.) mündet
den »eine Temporalisierung von Komplexität«, eine in das Postulat ihrer Paradoxie – wenn sie nötig sind,
»redescription der vorangegangen Entscheidungen« sind sie immer auch anders möglich, aber Entschei-
zwecks Wahrung des Spielraums für eigene Kontin- den als Transformation von Kontingenz bedeutet ein
genz (OuE, 465 f.) sowie eine Oszillationsfähigkeit So-und-nicht-anders. Entscheidend ist insofern Pa-
des Systems. radoxieentfaltung. Im Lichte der Kontingenz, Kom-
plexität, Überfülle der Möglichkeiten und Intranspa-
Luhmann und die Organisationssoziologie 27

renz der Zukunft haben Organisationen vor allem rung zielendes Erkenntnisinteresse schlechte Nach-
diese Funktion: »Die Prämisse von Organisationen richten hat, zumal in Sachen Steuerung und Manage-
ist das Unbekanntsein der Zukunft und der Erfolg ment. Entsprechendes gilt für die Botschaft an
von Organisationen liegt in der Behandlung dieser Juristen: Legitimation durch Verfahren als Entmuti-
Ungewissheit« (OuE, 10). gung von Widerrede, das war vielleicht zu viel an
Mit Skepsis hat er auf den Common Sense ge- Desillusionierung. Im Übrigen mag eine gewisse
blickt, wo immer er ihn antraf: in der verbreiteten Hermetik des luhmannschen Theoriesystems einer
Rationalitätsgläubigkeit, in Entscheidungsmystifika- breiteren Rezeption bisher hinderlich gewesen sein.
tionen, im Vertrauen auf Konsens als sozialwissen- Auf dem engeren Felde der Organisationstheorie
schaftliches Passepartout, auf die Wahrscheinlichkeit weitergeführt wurde Luhmanns Ansatz u. a. von Dirk
gelingender Kommunikation, auf die Möglichkeit Baecker (z. B. 1999), von Thomas Drepper (2003),
der Steuerung komplexer – und autopoietisch ge- von Veronika Tacke (2001) mit dem Sammelband
schlossener! – sozialer Systeme, auf Moral und Werte, über Organisation und gesellschaftliche Differenzie-
ja sogar – man kann die Skepsis auch übertreiben – rung und von Helmut Willke (z. B. 1994), ferner von
auf Alarmsignale wie zum Beispiel »sagenhafte Wil Martens (u. a. 1997; zuletzt 2010, mit Anti-Kritik
Ozonlöcher« (WissG, 654). an Luhmanns Aversion gegen den Handlungsbe-
griff). Roswita Königswieser, Stefan Kühl, Fritz B. Si-
mon und Rudolf Wimmer haben Luhmanns Ansatz
Kritik besonders für eine systemische Organisationsbera-
tung fruchtbar gemacht. In der betriebswirtschaftli-
Als die vier wichtigsten Theorieeigenschaften, an die chen Organisations- und Managementforschung
sich Kritik geheftet hat, nennen Martens und Ort- sind vor allem Georg Schreyögg (schon 1984), Wer-
mann (2006, 455 ff.; Näheres dort): (1) Funktionalis- ner Kirsch (1992) und David Seidl (2005) zu nennen.
mus, Dezisionismus, moralischer Zynismus, (2) das
Postulat der autopoietischen Geschlossenheit von
Organisationen, (3) das Fehlen von Akteuren und Kompakte Einführungen und eine
Praxis und (4) die Fehlanzeige bei der Steuerung und
systematische Darstellung
Kontrolle der Organisationen.
Besonders die Bestimmung, nicht Handlungen, Kompakte Einführungen in Luhmanns Organisati-
sondern Kommunikationen und näherhin Entschei- onstheorie sind die von Martens (1997) und Mar-
dungen (aufgefasst als Kommunikationen) seien die tens/Ortmann (2006). Die Zeitschrift Organization
Elemente von Organisationen, war eine folgenreiche hat ein Sonderheft zu Luhmann mit einer Einfüh-
theoretische Weichenstellung. Die recht spät (explizit rung von Seidl und Becker (2006) publiziert, in der
dann in Luhmann 1988) vorgenommene Zuspitzung sie die unterscheidungstheoretische Auffassung von
des gesamten Organisationsgeschehens auf Entschei- Organisationen betonen. Der von diesen beiden
dungskommunikationen erlaubte überraschende (2005) herausgegebene englischsprachige Sammel-
Einsichten – für die Luhmann indes mit der Ab- oder band enthält eine Einführung von Seidl (21–53), die
Ausblendung der Dimension der Praxis einen hohen sich auf die autopoietische Zuspitzung der Theorie
Preis bezahlt hat. konzentriert.
Sehr lesenswert ist der anlässlich seines Todes von
Bardmann und Baecker (1999) herausgegebene
Rezeption und weiterführende Arbeiten Sammelband mit »Erinnerungen an Niklas Luh-
mann«; darin eine kleine kritische Hommage an den
Man kann nicht sagen, dass Luhmanns Organisati- Organisationssoziologen Luhmann von Ortmann.
onstheorie eine Rezeption seitens der nicht-luh- Eine umfassende, systematische Darstellung gibt
mannianischen organisationswissenschaftlichen Fach- Drepper (2003).
welt erfahren hat, die ihrer Raffinesse, Elaboriertheit,
literarischen Umsicht und gesellschaftstheoretischen
Fundiertheit gerecht geworden wäre. Das ist für die Literatur
betriebswirtschaftliche Organisationsforschung in- Baecker, Dirk: Organisation als System. Aufsätze. Frankfurt
sofern nachvollziehbar, als Luhmann für deren pra- a. M. 1999.
xeologisches, auf Effizienz, im Idealfall auf Optimie- Bardmann, Theodor M./Baecker, Dirk (Hg.): »Gibt es ei-
28 Grundlagen

gentlich den Berliner Zoo noch?« Erinnerungen an Ni- – /Becker, Kai Helge (Hg.): Niklas Luhmann and Organi-
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29

4. Luhmann, die Kybernetik und dieser Problemlage sind u.a Kybernetik, Mathematik,
Biologie, Chaos-, Spiel-, Komplexitäts-, Kommuni-
die Allgemeine Systemtheorie kations- und Automatentheorien, Informatik oder
die Evolutionstheorie beteiligt. Hierzu gehört auch
Niklas Luhmanns Soziologie zielt darauf ab, alle so- das im engeren Rahmen als ›Allgemeine Systemtheo-
zial beobachtbaren Phänomene – also auch sich rie‹ zu bezeichnende Forschungsprogramm des Zoo-
selbst als Theorie – mithilfe eines konsistenten Be- logen Ludwig von Bertalanffy aus den Jahren
griffsapparates beschreiben zu können. Dieser super- zwischen 1930 und 1960. Seine maßgebliche Aufsatz-
theoretische Universalismus ist indes nicht unbe- sammlung General System Theory erschien 1968 und
dingt Kennzeichen der akademischen Soziologie, die sollte prägend werden für die Systemtheorie im All-
sich eher auf empirische Sozialforschung oder dort, gemeinen und für Luhmanns soziologische System-
wo es doch um Theorie geht, auf die Exegese klassi- theorie im Besonderen.
scher Texte konzentriert (SS, 7). Luhmann beklagt Im Zuge der Frage nach Ordnung, Verhalten und
denn auch, dass die Soziologie in einer »Theoriekri- Umweltkontakt musste zuerst grundsätzlich geklärt
se« stecke (ebd.), der er mit seinem »Grundriß einer werden, was denn als eine geordnete Einheit zu be-
allgemeinen Theorie« (so der Untertitel seines theo- schreiben ist. Bertalanffy sah sich als Zoologe mit der
retischen Hauptwerks Soziale Systeme (1984)) begeg- Schwierigkeit konfrontiert, dass die Physik analy-
nen möchte. Wenn alles beobachtet werden soll, tisch Einzelelemente isolierte und deduktiv deren je-
braucht es eine allgemeine Theorie, die von konkre- weilige Besonderheiten beschrieb sowie von einem
tistischen Spezialdiskursen, ausgewählten Themen linearen Kausalitätsprinzip ausging, dass es jedoch
und der Heterogenität ihres Phänomenbereichs ab- gleichzeitig auch Phänomene gab, die sich eben nicht
sieht. Bei den Klassikern der Soziologie findet Luh- solchermaßen analysieren, also teilen ließen. Orga-
mann diesbezüglich wenig Vorarbeiten (nur bei Max nismen (Biologie) und andere »hochgradig interak-
Weber und Talcott Parsons) und so wendet er sich tive Kollektive« (de Zeeuw 2005, 146) wie beispiels-
Ideen zu, die nicht explizit soziologisch orientiert weise Gesellschaften (Soziologie) waren zu komplex
sind, die aber mit ihrem allgemeinen und transdis- für derartige analytische Beschreibungen: »Im Un-
ziplinären Theoriedesign abstrakt und formal genug terschied zu Erdnussbutter kann man Kühe nicht in
sind, um »der Soziologie das Fundament einer dis- Teile schneiden, die selbst (kleine) Kühe sind« (ebd.,
ziplinenweiten allgemeinen Theorie« geben zu kön- 150). Diese Schwierigkeit führte dazu, dass Berta-
nen (Kneer/Nassehi 2000, 9). Luhmann versucht lanffy seinen Blick abwandte von der Untersuchung
also, eine transdisziplinäre und zugleich »fachein- isolierter Elemente hin zur Erforschung des Zusam-
heitliche[] Theorie« der Soziologie (SS, 7) mithilfe menhangs der Elemente untereinander. Komplexe
fachfremder Theoriekonzepte zu formulieren. Zu Phänomene wie Organismen und Gesellschaften
diesen Theoriekonzepten zählen vor allem die hus- werden als Verbünde verstanden, die sich durch die
serlsche Phänomenologie, der Formenkalkül Spen- Relation ihrer Elemente konstituieren und diese
cer-Browns, die Allgemeine Systemtheorie und die Nichtisolierbarkeit der Elemente wird mit dem Be-
Kybernetik. griff ›System‹ belegt. Das Forschungsziel ist hierbei,
den »Paradigmenwechsel vom Einzelphänomen zum
System« zu vollziehen und »also zur Vernetzung von
Allgemeine Systemtheorie: Relation, Muster, Einzelphänomenen« zu gelangen (Kneer/Nassehi
Differenz 2000, 19).
Von ›System‹ ist dann die Rede, wenn Elemente
In einem größeren Rahmen wird mit ›Systemtheorie‹ geordnet zusammengestellt sind, es gibt somit keine
ein seit den 1930er Jahren prominentes Problem be- ungeordneten Systeme. In einem weiteren Schritt
zeichnet: Wie sind Einheiten – Maschinen, Organis- baut diese Systemordnung auf Wechselbeziehungen,
men, Nervensysteme, Menschen, Personen, Interak- also auf »reziproken Vernetzungsbedingungen« auf
tionen, Gedanken, Betriebe, Gesellschaften – geord- (ebd., 21; Bertalanffy 1968, 38), sie ist also nicht line-
net und wie verhalten sie sich im Kontakt mit einer ar kausal, sondern rekursiv kausal. Die Reziprozität
Umwelt, »die ihrerseits nicht determiniert, welche der Elementrelationen ist dabei keine materielle oder
Ordnung möglich ist, sondern Probleme stellt, die inhaltliche, sondern ausschließlich eine »strukturelle
[…] immer wieder neu, prekär und vorläufig zu lö- Gemeinsamkeit« der Systeme (Kneer/Nassehi 2000,
sen sind« (Baecker 2005b, 9). An der Beschreibung 20). Im Hinblick auf den für die Systemtheorie wich-
30 Grundlagen

tigen Begriff der ›Komplexität‹ lässt sich ein System kommt zu keinen Input-Output-Verhältnissen (Ber-
als ›organisierte Komplexität‹ (Bertalanffy 1956) und talanffy 1951, 122). Ein ›offenes System‹ ist hingegen
damit als Ergebnis einer »doppelte[n] Negation« zeitabhängig, es nimmt Zustände vorübergehend
(Willke 2005, 307, vgl. 314 f.) bestimmen: Es unter- ein, erreicht also »einen stationären Zustand der Ho-
scheidet sich sowohl von (reiner) Entropie als auch möostase« (Kneer/Nassehi 2000, 22) und verändert
von einem Zustand der Hyperordnung. Ein System sich dann wieder. Damit ist es dynamisch und um-
ist weder über- noch unterkomplex. weltoffen; es kommt zu Input-Output-Konstellatio-
Um der in diesem Systembegriff lauernden Gefahr nen, die die Struktur des Systems verändern.
des »Elementarismus« (Clam 2005, 260), also einer Änderungen der Elementrelationen durch Aus-
»Bauklötzchenwelt mit sich identischer und dann tausch, Wegfall und Neukonstituierung von Elemen-
nur noch zu addierender und miteinander zu inte- ten werden von offenen Systemen genutzt, um sich
grierender Elemente« zu entgehen (Baecker 2005b, von der Umwelt zu unterscheiden und damit zu er-
13), wird des Weiteren ein System nicht schlicht als halten. Bertalanffy spricht hier von einem »Fließ-
»die bloße Relation eines Elementes mit einem ande- gleichgewicht« (Bertalanffy 1951, 122). Im Zuge der
ren […], sondern […] als Gesamtheit der wechsel- Austauschprozesse mit der Umwelt kommt es zur
seitigen Relationen« (Kneer/Nassehi 2000, 20) defi- Etablierung einer das System fortifizierenden eigen-
niert. Es geht um eine Architektur bzw. Logik der logischen Struktur. Input-Output-Verhältnisse wer-
Vernetzung, in der die »Organisationsform« (ebd., den schon sehr früh von der Allgemeinen System-
21) des Relationierens im Mittelpunkt steht. Solcher- theorie nicht als Determinationsverhältnisse ge-
maßen kommen die »Muster ihrer funktionellen dacht. Nicht die Umwelt bestimmt, wie sich das
Koppelung« (Simon 2007, 16), also emergente Ord- System zu verhalten habe, vielmehr wird davon aus-
nungen in den Blick. Das System lässt sich nicht auf gegangen, dass es zwar einen Umweltinput in das
die Eigenschaften seiner Elemente zurückführen, es System gibt (noise), dass aber das System diesen In-
ist immer mehr und immer etwas anderes als die put auf der Grundlage seiner internen Organisation
Summe seiner Teile. Es lässt sich daher auch nicht strikt eigenlogisch verarbeitet und selbstkonditio-
mehr in einzelne Teile, die addierbar sind, dekompo- nierte Strukturen (order) ausbildet (›Order-from-
nieren, weil das System nicht aus Teilen, sondern aus noise-Prinzip‹ und ›Selbstorganisation‹). Diese spe-
Relationierungsmustern besteht. zifische Konzipierung des Input-Output-Verhältnis-
Schon vor der Orientierung am spencer- ses führte zur Einführung des Begriffs ›Black Box‹:
brownschen Formenkalkül wurde mithilfe der Un- »Man kann sehen, was in ein offenes System als Input
terscheidung System/Umwelt differenztheoretisches eingeht, man kann sehen, was das offene System als
Denken systemtheoretisch grundlegend. Ein System Output entläßt, man kann aber nicht sehen, wie es
kann zwar als geordnetes Netzwerk von Wechselbe- das Verhältnis von Input und Output organisiert.
ziehungen seiner Elemente definiert werden, aller- […] Man muß dann konzedieren, daß es nicht der
dings nur, wenn es sich im Zuge dessen von etwas Input ist, der den Output eindeutig determiniert,
unterscheidet, was es nicht ist. Dies bedeutet somit: sondern daß sich das System, hier die Black Box,
»Abgrenzung […] erfolgt über Ordnung« (Krieger selbst determiniert« (Kneer/Nassehi 2000, 22 f.). Das
1998, 12) und ebenso: Ordnung erfolgt über Abgren- entscheidende Problem ist dann, das dynamische
zung. Und die wichtige Frage lautet dann: Wie muss und instabile Verhältnis von Stabilität qua Selbstkon-
ein System geordnet sein, damit es seine Grenzen zu ditionierung einerseits und Veränderung qua Um-
dem, was es nicht ist, aufrechterhalten und stabilisie- welteinfluss andererseits zu beschreiben. Um dieses
ren kann, wie muss es geordnet sein, damit es sich Problem handhaben zu können, sind neben dem Be-
nicht in seiner Umwelt auflöst (Baecker 2005b, 10)? griff ›Black Box‹ weitere Konzepte formuliert wor-
Bertalanffy hat u. a. mit der Unterscheidung offe- den: u. a. ›Selbstorganisation‹, ›Autopoiesis‹, ›opera-
ne/geschlossene Systeme gearbeitet, um diesen Pro- tive Schließung‹, ›strukturelle Kopplung‹.
blemkomplex bewältigen zu können. Ein ›geschlos-
senes System‹ erreicht einen dauerhaften gleichge-
wichtigen Zustand. Es ist »homöostatisch, also Kybernetik: Abstraktion, Form, Beobachtung
binnenstabil« (Kneer/Nassehi 2000, 21) und damit
zeitunabhängig und völlig selbstgenügsam. Die Um- Der zweite große Anlehnungsdiskurs Luhmanns im
welt kann auf das System keinerlei Einfluss ausüben, Zuge der Entwicklung einer allgemeinen Theorie ist
das geschlossene System ist undurchlässig und es die Kybernetik. Sie entwickelte sich seit den späten
Luhmann, die Kybernetik und die Allgemeine Systemtheorie 31

1940er Jahren durch die Arbeiten ihrer Pioniere Nor- des Fragens implementiert, sie verschiebt die Form
bert Wiener und W. Ross Ashby und vor allem im des Argumentierens von der Ontologie auf die Onto-
Zuge der legendären Macy-Konferenzen (1949–55) genetik als der Frage nach dem »Entstehen[] von Sei-
in New York, auf denen das »Verständnis zirkulär ge- endem« (Baecker 2005b, 13 f.; 2005c, 55). Der
schlossener und rückgekoppelter Mechanismen in Kybernetik geht es nicht darum, was ein Ding ist,
lebenden, neuronalen und sozialen Systemen« im sondern darum, was es tut und wie es dies tut. Es geht
Mittelpunkt stand (Baecker 1993, 17; Pias 2003). Bis »nicht um Gegenstände, sondern um Verhaltenswei-
in die frühen 1980er Jahre hinein blieb sie ein ein sen« (Ashby 1974, 15). Es geht also darum, die Rela-
wichtiger wissenschaftstheoretischer Diskurs. tion von möglichem und tatsächlichem Verhalten zu
Die Kybernetik war an der Etablierung einer koordinieren, ohne wissen zu müssen, wie die Welt
transdisziplinären und allgemeinen Theorie sowie tatsächlich beschaffen ist (Baecker 2005d, 27). Die
systemischen Epistemologie beteiligt und als formale Kybernetik fragt also, wie sich Systeme (Selbstrefe-
Theorie ›zirkulär geschlossener und rückgekoppelter renz) im Umweltkontakt (Fremdreferenz) selbst re-
Mechanismen‹ ist sie das Produkt eines multidiszi- gulieren, wie sie sich selbst reproduzieren, wie sie
plinären Zusammenschlusses von Ingenieurswissen- selbstkonditionierte Strukturen entwickeln, wie sie
schaften, Mathematik, Informatik, Neurowissen- dabei lernen und Informationen generieren, wie sie
schaften, Psychiatrie, Physik, Biologie, Ethnographie evoluieren und wie sie dabei ihre Identität behalten
und Kommunikationswissenschaften. In diesem (Pask 1961). Damit impliziert die ontogenetische
Kontext etablierte sich die Kybernetik als Versuch, Fragestellung auch, dass Stabilität und Identität dy-
eine wissenschaftlich neutrale Sprache zu finden, die namisch und prozessual gedacht werden müssen; sie
jenseits der festgefahrenen Grenzen von Natur-, In- beruhen auf permanenten Veränderungen. Wie et-
genieurs- und Geisteswissenschaften vor einseitigen was inmitten von unentwegtem Wandel stabil und
ideologischen Instrumentalisierungen sowie diszi- identisch bleiben und dennoch evoluieren kann, ist
plinären Vereinnahmungen sicher sein sollte. Solch denn auch eine der wichtigsten kybernetischen Fra-
eine neutrale Sprache musste alles beschreiben kön- gen.
nen. Dies konnte sie nur, indem sie zum einen for- Auch die Kybernetik arbeitet mit der Unterschei-
malisiert wurde und indem sie zum anderen ein dung von Element und Relation, bedient sich eben-
transdisziplinär gültiges Set an übergreifenden Be- falls einer Konzeption von Netzwerk und zirkulärer
griffen und Konzepten entwickelte: Information, Kausalität und platziert in die Position ihres Beob-
Kontrolle, Steuerung, Regelung, Relation und Kom- achtungsobjekts ein solchermaßen konstituiertes
munikation. Mit seiner Hilfe war es möglich, hetero- System. Alle systemischen Prinzipien finden sich so-
gene Systeme − Maschinen, Organismen, soziale und mit auf der Objektebene. Der Beobachter und sein
psychische Systeme − auf Analogien hin zu untersu- Beobachtungsobjekt stehen sich analog zur klassi-
chen. Indem sie von den spezifischen Eigenschaften schen Subjekt-Objekt-Konstellation kategorial ge-
und Inhalten der jeweiligen Systeme, ihrer stofflich- genüber, d. h., dass »Aussagen über einen zu beob-
materiell-energetischen Verschiedenheit und Mor- achtenden Gegenstand […] unabhängig vom kon-
phologie abstrahiert – »[d]ie Art der Materie ist […] kreten Beobachter und seinen Bedingungen sein
irrelevant« (Ashby 1974, 16; Wiener 1961) –, richtet [sollen]. […] Der Gegenstand wird isoliert, nur dass
die Kybernetik ihren Fokus auf gemeinsame Schema- nun das ›Objekt‹ der Erkenntnis ein ›System‹ ist« (Si-
ta und die Isomorphie von Bauplänen (Wiener 1961, mon 2007, 41). Die Kybernetik hat diese nichtsyste-
15), wobei Zirkularität, Feed-Back und Rekursion als mische Betrachtung von Systemen selbstkritisch
maßgebliche Vergleichsgrößen sichtbar werden. Im hinterfragt und eine eminent wichtige Neubeschrei-
Zuge einer »Abstrahierung vom Konkreten« sollte bung des Verhältnisses von Objekt- und Metaebene
Vergleichbarkeit trotz Differenzialität sichergestellt geliefert: Ein System ist die Gesamtheit der wechsel-
werden (Hagner 2008, 55; Wiener 1961, 14; Ashby seitigen Relationen in einem Netzwerk zu dem auch
1974). Es geht letztlich darum, eine für heterogene der Beobachter dieses Netzwerks gehört. System und
Systeme »gleichermaßen gültige Theorie der Struk- Beobachter bilden zusammen das System, das beob-
turbildung[,] […] Selbststeuerung«, Selbstorganisa- achtet wird. Für diese explizite Involvierung des Be-
tion und Selbstkonditionierung zu entwerfen (Ell- obachters zeichnet epistemologisch elaboriert die
rich 2009, 29; vgl. Grizelj 2011). Kybernetik zweiter Ordnung (Foerster, Glanville)
Entscheidend ist, dass die Kybernetik, im Ver- verantwortlich (auch wenn sich erste Umrisse bereits
gleich zur klassischen Philosophie, eine andere Art bei Ashby und seiner Konzipierung der Black Box
32 Grundlagen

(Ashby 1974, 165) abzeichnen). Im Rahmen dieser Welt« (ebd., 296) und damit ist nicht die Realität der
Neubeschreibung geht es um die Entdeckung des Be- Welt, sondern die »Reflexivität der Beobachtung«
obachtens und nicht um die Entdeckungen des Beob- (ebd., 293) relevant. Diese epistemologische Position
achters, also nicht um das, was er entdeckt/ bindet die Kybernetik zweiter Ordnung sehr eng an
konstruiert hat: »Die Erforschung der Steuerung und die Epistemologie des Konstruktivismus (Foerster ist
Regelung des Verhaltens von Systemen, die von ihrer in diesem Sinne beides, Kybernetiker und Konstruk-
Umwelt und vom Beobachter isoliert sind, wurde tivist (Foerster 1981, 1993b u. 2003)).
von Norbert Wiener (1948) auf den Namen ›Kyber-
netik‹ getauft. Die Erforschung der Steuerung und
Regelung des Verhaltens in den übergeordneten Sys- Abstraktionsgewinne: Luhmann
temen, die entstehen, wenn man den Beobachter mit
einschließt (d. h. der Systeme, die aus beobachtetem Allgemeine Systemtheorie und Kybernetik haben in
System plus Beobachter bestehen), wurde analog der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wichtige Im-
dazu von Heinz von Foerster (1974) mit dem Namen pulse geliefert und eine Vielzahl von wichtigen Pro-
›Kybernetik der Kybernetik‹ versehen« (Simon 2007, blemstellungen, Begriffsbildungen, Konzepten, Me-
41). thoden- und Theoriefragen interdisziplinär zur
Der Übergang von der Kybernetik erster Ordnung Verfügung gestellt. Sie befanden sich von Beginn an
zur Kybernetik zweiter Ordnung wird am mittlerwei- in einem engen Dialog. Probleme der Reproduktion,
le berühmten Thermostat-Beispiel sichtbar. Die Ky- der Verhaltenskoordination, der Struktur und Orga-
bernetik zweiter Ordnung argumentiert, dass sich nisation, der Funktion und Differenzierung, der Evo-
hier Kontrolliertes (Heizung) und Kontrolleur lution und Adaption, der Stabilität und Dynamik,
(Thermostat) wechselseitig kontrollieren und dass der Prozessualität und Identität, der Kommunikati-
durch diese wechselseitige Kontrolle die klare Unter- on und Information, der Freiheit und Beschränkung
scheidung zwischen Kontrolleur und Kontrolliertem wurden von der Allgemeinen Systemtheorie und der
unmöglich wird. An die Stelle der klaren Unterschei- Kybernetik in wechselseitiger Inbezugnahme kon-
dung tritt eine »Kontrolle der Kontrolle« (Esposito trovers und produktiv diskutiert. Luhmann hat an
2005, 295). Dies bedeutet in letzter Konsequenz, dass diesem Diskurs mit seiner soziologischen System-
sowohl die Etablierung als auch die Dekonstruktion theorie intensiv partizipiert und direkt Modelle,
der Unterscheidung Kontrolliertes/Kontrolleur Zu- Konzepte und Begriffe übernommen und variiert:
schreibungsphänomene sind. Ein Beobachter beob- Code, Information, Kommunikation, Komplexität,
achtet ein Verhalten und markiert dann retroaktiv Ordnung, Struktur, Stabilität, Veränderung, Prozes-
eine Position als Kontrolliertes und die andere als sualität, Rekursion, Rückkopplung, Emergenz,
Kontrolleur (Glanville 1988, 205); somit ist auch das Selbstreferenz, Autopoiesis, Element/Relation, ope-
Konzept der ›Kontrolle der Kontrolle‹ ein Epiphäno- rative Geschlossenheit, strukturelle Kopplung und
men des Beobachtungsprozesses und die sich daraus Beobachtung sind maßgebliche Konzepte der luh-
ergebenden »Bindungen sind keine a priori gegebe- mannschen Systemtheorie. Auch Luhmann ging es
nen Daten, sondern a posteriori [von einem Beob- um die für die Allgemeine Systemtheorie und Kyber-
achter] erschlossene Folgen« (Esposito 2005, 295). netik entscheidende Frage, wie Konditionierungen
Mit der Kybernetik zweiter Ordnung wird »Beob- nicht-beliebige Zusammenhänge festlegen, wie sich
achtung […] als Letzt- oder Leitbegriff, der immer so Strukturen ausbilden und wie es zu beschränkten
vorausgesetzt ist«, verstanden (Fuchs 2004, 11) und Spielräumen und beschränkten Kombinationsmög-
so lässt sich von einer Super-Epistemität des Beobach- lichkeiten und dabei dennoch zu Variation und Ver-
tungsbegriffs sprechen. Die beiden Grundformeln änderung kommt (GG, 230). Als ein entscheidendes
lauten: »Alles, was gesagt wird, wird von einem Be- Konzept übernimmt Luhmann von der Kybernetik
obachter gesagt« (Maturana 2002, 24) und: »Alles die ›Prozessualität‹, weil ein System als stabile Insta-
Gesagte wird zu einem Beobachter gesagt« (Foerster bilität bzw. als dynamische Stabilität bezeichnet wer-
1993a, 85). Alle Qualitäten und Eigenschaften der den kann, die sich permanent ereignishaft von
Dinge, Objekte, Systeme usw. sind somit nicht die Moment zu Moment reproduzieren, also identifizie-
Qualitäten und Eigenschaften der Dinge, Objekte ren und verändern muss.
und Systeme, sondern diejenigen ihrer Beschreibung Luhmann greift von der Allgemeinen Systemtheo-
durch den sie beobachtenden Beobachter (Esposito rie und der Kybernetik (auch in seiner Auseinander-
2005, 298), radikaler gefasst: »Der Beobachter ist die setzung mit Talcott Parsons) den Systembegriff auf.
Luhmann, die Kybernetik und die Allgemeine Systemtheorie 33

Entscheidend ist, dass er dabei auch deren interne 13). Luhmann geht es vielmehr darum, durch Ab-
Paradigmenwechsel mitvollzieht. So konzipiert er in straktion potentiell alle tatsächlich und empirisch in
Auseinandersetzung mit Bertalanffy (soziale) Syste- der Welt stattfindende Operationen beschreibbar
me nicht als offene, sondern als autopoietische, ope- machen zu können. Abstraktion wird nicht zuguns-
rativ geschlossene, rekursiv selbstreferentielle Syste- ten der Theorie, sondern zugunsten der Beobach-
me (Maturana, Varela): »Die (inzwischen klassische) tung der Welt, in der es auch Theorie gibt, eingesetzt.
Unterscheidung von ›geschlossenen‹ und ›offenen‹
Systemen wird ersetzt durch die Frage, wie selbstre-
ferentielle Geschlossenheit Offenheit erzeugen kön-
Literatur
ne« (SS, 25). Ebenso übernimmt er die kyberneti-
schen Konzepte Element/Relation, Kontrolle und Ashby, W. Ross: Einführung in die Kybernetik. Frankfurt
Steuerung (Wiener, Ashby), überführt sie aber im a. M. 1974 (engl. 1956).
Zuge der Kybernetik zweiter Ordnung (Foerster, Baecker, Dirk: »Kybernetik zweiter Ordnung«. In: Foerster
1993b, 17–23.
Glanville) in eine Logik der prozessual rekursiven – (Hg.): Schlüsselwerke der Systemtheorie. Wiesbaden
Selbststeuerung der Systeme, die statt auf »Design 2005a.
und Kontrolle« auf »Autonomie und Umweltsensibi- –: »Einleitung«. In: Baecker 2005a, 9–19 (= 2005b).
lität«, statt auf »Planung« auf »Evolution« und statt –: »Die Umwelt als Element des Systems«. In: Baecker
auf »strukturelle« auf »dynamische Stabilität« ausge- 2005a, 55–63 (= 2005c).
–: Form und Formen der Kommunikation. Frankfurt a. M.
richtet ist (SS, 27). Dies führt dazu, dass Luhmann äl- 2005d.
tere Systemkonzepte, vor allem das prominente Bertalanffy, Ludwig von: »Zu einer allgemeinen Systemleh-
Konzept von Ganzheiten und Teilen, aber auch das re«. In: Biologia Generalis. Archiv für die allgemeinen
von Zentrum und Peripherie, zugunsten der nun Fragen der Lebensforschung 19. Jg. (1951), 114–129.
maßgeblichen Unterscheidung System/Umwelt ver- –: »General System Theory«. In: Ders./Anatol Rapoport
(Hg.): General Systems. Yearbook of the Society for the
abschiedet. Diese Verabschiedung geht auch mit ei- Advancement of General Systems Theory. Bd. 1. Ann Ar-
nem grundsätzlichen epistemologischen und theore- bor, MI 1956, 1–10.
tischen Umbau einher: »Für die Ausarbeitung einer –: General System Theory. Foundations, Development, Ap-
Theorie selbstreferentieller Systeme, die die System/ plications. New York 1968.
Umwelt-Theorie in sich aufnimmt, ist eine neue Leit- Clam, Jean: »Die Zentralität des Paradoxen«. In: Baecker
2005a, 253–265.
differenz, also ein neues Paradigma erforderlich.
Ellrich, Lutz: »Die Ideologie der Kybernetik«. In: Hans Es-
Hierfür bietet sich die Differenz von Identität und Dif- selborn (Hg.): Ordnung und Kontingenz. Das kyberne-
ferenz an. Denn Selbstreferenz kann in den aktuellen tische Modell in den Künsten. Würzburg 2009, 28–42.
Operationen des Systems nur realisiert werden, wenn Esposito, Elena: »Die Beobachtung der Kybernetik«. In:
ein Selbst (sei es als Element, als Prozeß oder als Sys- Baecker 2005a, 291–302.
Foerster, Heinz von (Hg.): Cybernetics of Cybernetics or
tem) durch es selbst identifiziert und gegen anderes
The Control of Control and The Communication of
different gesetzt werden kann. […] Reproduktion ist Communication. Urbana, IL 1974.
das Handhaben dieser Differenz« (SS, 26 f.). Diese –: Observing Systems. Seaside, CA 1981.
differenztheoretische Wendung der Systemtheorie –: KybernEthik. Berlin 1993a.
bleibt bestimmend bis hin zu Luhmanns letzten Ar- –: Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke. Hg. von
beiten und ist kompatibel mit der intensiven Ausei- Siegfried J. Schmidt. Frankfurt a. M. 1993b.
–: Understanding Understanding. Essays on Cybernetics
nandersetzung mit dem Formenkalkül George Spen- and Cognition. New York 2003.
cer-Browns. Auch die Überführung der Epistemolo- Fuchs, Peter: Der Sinn der Beobachtung. Begriffliche Unter-
gie des Beobachteten in eine konstruktivistisch- suchungen. Weilerswist 2004.
kybernetische Epistemologie des Beobachtens (sensu Glanville, Ranulph: Objekte. Hg. und übers. von Dirk Bae-
Foerster) ist ein Grundpfeiler des luhmannschen cker. Berlin 1988.
Grizelj, Mario: »(Fehl)Lektüren der Kybernetik«. In: Ders./
Denkens. Oliver Jahraus (Hg.): Theorietheorie. Wider die Theorie-
Luhmann baut also auf »Abstraktionsgewinne[n] müdigkeit in den Geisteswissenschaften. München 2011,
und Begriffsbildungerfahrungen« der Allgemeinen 111–134.
Systemtheorie und Kybernetik auf (SS, 28), jedoch Hagner, Michael: »Vom Aufstieg und Fall der Kybernetik als
nicht, um sich einem Formalismus zu verschreiben, Universalwissenschaft«. In: Ders./Erich Hörl (Hg.): Die
Transformation des Humanen. Beiträge zur Kulturge-
denn »Abstraktion darf […] weder als reine Artistik schichte der Kybernetik. Frankfurt a. M. 2008, 38–71.
noch als Rückzug auf eine ›nur analytisch‹ relevante, Kneer, Georg/Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie
formale Wissenschaft mißverstanden werden« (SS, sozialer Systeme. München 42000.
34 Grundlagen

Krieger, David J.: Einführung in die Allgemeine System-


theorie. München 21998.
5. Luhmann und Spencer-Brown
Maturana, Humberto R./Pörksen, Bernhard: Vom Sein
zum Tun. Die Ursprünge der Biologie des Erkennens.
Heidelberg 2002. »Als Niklas Luhmann mit Spencer-Browns Laws of
Pask, Gordon: An Approach to Cybernetics. London 1961. Form ankam, dachten wir zuerst alle: den hat er jetzt
Pias, Claus (Hg.): Cybernetics. The Macy-Conferences erfunden«. So schildert eine Bielefelder Mitarbeite-
1946–1953. Zürich u. a. 2003. rin Luhmanns die Situation in den frühen 1980er
Simon, Fritz B.: Einführung in Systemtheorie und Kon- Jahren. Ob es nun so war oder nicht – in jedem Fall
struktivismus. Heidelberg 22007.
Wiener, Norbert: Cybernetics or Control and Communica- erschien einiges aus den Laws of Form (1969) für
tion in the Animal and the Machine [1948]. Cambridge, Luhmanns systemtheoretisches Denken so adapti-
MA 21961. onsfähig, dass es zunächst kaum jemanden gewun-
Willke, Helmut: »Komplexität als Formprinzip«. In: Bae- dert hätte, wenn er sie sich selbst ausgedacht hätte.
cker 2005a, 303–323. Das bedeutet aber auch, dass die beiden von Spencer-
Zeeuw, Gerard de: »Auf der Suche nach Wissen«. In: Bae-
cker 2005a, 145–171. Brown (*1923) stammenden (Denk-)Figuren ›Form
Mario Grizelj der Unterscheidung‹ und ›Re-entry‹ im eigentlichen
Sinne keine ›Quellen‹ seines systemtheoretischen
Denkens darstellen, sondern vielmehr später hinzu-
gekommene Ausdrucksmittel. Die ›Form der Unter-
scheidung‹ ist das Resultat eines Unterscheidungs-
prozesses, das Bezeichnungen zulässt, und das ›Re-
entry‹ meint den selbstreferentiellen Eintritt in die
eigene Unterscheidungsform, der von Luhmann zum
paradoxalen Gründungsakt schlechthin erhoben
wird. Nachdem Luhmann diese Denkfiguren bei
Spencer-Brown entdeckt hatte, rekurrierte er unauf-
hörlich auf sie, um sie in plausibilisierender, legiti-
mierender Funktion für die Konstruktion seiner
Systemtheorie zu nutzen.
Wollte man beide Denker einer philosophischen
Richtung zuordnen, müsste man sie trotz aller Diffe-
renzen zu den Denkern rechnen, die seit Hegel ein
anti-substantialistisches, de-ontologisierendes bzw.
post-ontologisches Programm verfolgen (GG, 46 f.,
1147 f.; Clam 2002). In diesem Sinne verbindet sie
eine grundlegende Frage, die Heidegger nach Leibniz
gestellt hat, und die umformuliert lauten könnte:
Warum, aber vor allem wie, ist überhaupt Etwas (und
nicht vielmehr Nichts)? In Bezug auf den ersten Teil
des Satzes stimmen beide überein: Es geht darum zu
fragen, wie etwas überhaupt zu einem identifizierba-
ren Etwas werden konnte. Wie lässt sich dieser konsti-
tutive Prozess beschreiben? Sie identifizieren ihn als
das Treffen einer Unterscheidung (distinction). Des
Weiteren interessieren sie v. a. die Stabilisierungspro-
zesse, die dazu führen, dass ein erzeugtes Etwas dau-
erhaft verfügbar bleibt: Das geschieht durch den
wiederholten Gebrauch von Hinweisen oder Zeichen
(indications) auf das durch die Unterscheidung er-
zeugte, unterschiedene Resultat. Damit ist immer
auch die Wiederholung der Unterscheidung (mit
Luhmann: Beobachtung) impliziert und zugleich die
Frage nach Auflösungsprozessen gestellt.
Luhmann und Spencer-Brown 35

Der zweite Teil der Frage – warum nicht vielmehr werden kann. Beide Vorgänge werden im 12. und
Nichts ist – deutet auf eine grundlegende Differenz in letzten Kapitel als wesentliche Eigenschaften jedes
den Antworten beider Denker hin, wenn es darum Zeichens herausgestellt. Weil aber eine Unterschei-
geht, ob es gewissermaßen logisch vor der ersten Un- dung nicht nur das ›Etwas‹ hervorbringt, sondern
terscheidung schon irgendetwas gibt oder nicht. nach Spencer-Brown immer zugleich (s)eine Form
Luhmann geht hier von einer Art undifferenzierter der Unterscheidung mitkonstituiert, verweist jedes
Realität aus, die dann erst durch den Beobachter zu Zeichen nicht nur rekursiv auf sich selbst als Resultat
einer unterschiedenen »System/Umwelt«-Differenz einer Unterscheidung, sondern auch auf das, wovon
(ZaF, 48 f.) gemacht wird. Spencer-Brown hingegen es unterschieden wurde. Die Laws of Form stellen ins-
geht von Nichts aus, so dass die erste Unterscheidung gesamt betrachtet verschiedene Operationsmöglich-
einer creatio ex nihilo gleichkommt. Dennoch sind keiten mit einem Zeichen, Gleichungen und später
sich beide darin einig, dass ein adäquates Denken ar- Variablen dar, durch die auf die unterschiedenen Sei-
ché-ologisch – im griechischen Wortsinn als Denken ten einer Form der Unterscheidung – ›Etwas‹ und
eines ordnenden Anfangs – von gegebenen Identitä- das, was es nicht ist – hingewiesen werden kann.
ten auf zu vollziehende Differenzen als konstitutive Spencer-Brown beginnt die Laws of Form mit der
Prozesse umstellen muss (GG, 60). Das Erzeugen von Idee der Unterscheidung (distinction) und der Idee
Identitäten und ihr ›Gegebensein‹ erklären sie durch des Hinweisens (indication). Dabei bedarf der Hin-
die stabilisierende Wiederholung von Differenzie- weis notwendig der Unterscheidung, so dass die
rungsakten und von Hinweisen auf Differenzen. Form der Unterscheidung zugleich als die Form fest-
Ein weiterer Unterschied liegt in der Zielsetzung gelegt wird. Dass er hier Idee und Form synonym ver-
ihrer Theorien: Spencer-Brown ist um eine logische wendet, kann auf die ursprüngliche Bedeutung von
Grundlegung der Mathematik bemüht, indem er der ›idea‹ als Denkform zurückgeführt werden. Die
Logik selbst eine protologische Formtheorie als de- (Form der) Unterscheidung wird im Anschluss wie
ren Möglichkeitsbedingung voranstellt (Varga von folgt definiert: »Definition: Distinction is perfect con-
Kibéd/Matzka 1993). Sie stellt zugleich eine Zeichen- tinence« (Spencer-Brown 1994, 1). Aus dem gegebe-
entstehungs- und -verwendungstheorie dar. Demge- nen Beispiel – ein Kreis auf einem planen Unter-
genüber sucht Luhmann nach einer Möglichkeit, grund – wird ersichtlich, welche zugleich entstehen-
eine der Komplexität der Moderne angemessene den Aspekte eine Form der Unterscheidung ausma-
Theorie der Gesellschaft zu entwerfen. Die gesuchte chen: Die bereits erwähnten zwei Unterschiedenen,
Gesellschaftstheorie darf freilich die Frage nach einer die Grenze zwischen ihnen und ein Kontext, in dem
epistemologischen Grundlegung nicht scheuen, ge- die Unterscheidung einen Unterschied im Sinne
rade und obwohl sie zum einen rekursiv argumen- Spencer-Browns macht. Ist die Unterscheidung voll-
tiert und zum anderen trotz konstruktivistischer zogen oder die Form der Unterscheidung aufge-
Ausrichtung den Vorwurf postmoderner Beliebigkeit spannt, kann auf sie bzw. auf eine ihrer Seiten
abzuweisen vermag (WissG, 72). Auch dafür dient hingewiesen werden, indem ein Name genannt wird.
Luhmann der Rekurs auf die Laws of Form, die im Die beiden Axiome, die die Gesetze (laws) der
Folgenden kurz vorgestellt werden (kritisch zur Re- Form beschreiben, legen fest, auf welche verschiede-
zeption durch Luhmann vgl. Schulte 1993; Wagner nen Weisen auf die unterschiedenen Seiten hingewie-
1994; Hennig 2000; Hölscher 2009). Dieser Beitrag sen werden kann: durch Nennung eines Namens
beschränkt sich auf die Aspekte, an die Luhmann (Axiom 1. Law of calling), oder durch Überschreitung
hauptsächlich anschließt – er ist daher keinesfalls als der Grenze, die zwischen den beiden Seiten gezogen
vollständige Rekonstruktion aufzufassen, auch weil wurde (Axiom 2. Law of crossing). Durch die wieder-
sie die Entstehung des Kalküls stark verkürzt darstellt holte Verwendung der jeweiligen Hinweisart kann die
(Bergler 1999; Lau 2008; Schönwälder-Kuntze u. a. getroffene Unterscheidung entweder stabilisiert oder
2009). wieder aufgelöst werden. Da die Iteration verschiede-
ne Hinweise (indications) generiert, ergeben sich aus
den Axiomen vier unterschiedliche Arten, auf die
Die Form der Unterscheidung Seiten der Unterscheidungsform hinzuweisen: (1)
Durch einfache Nennung, (2) durch zweifache Nen-
Spencer-Brown beschreibt in den Laws of Form die nung des Namens und (3) durch einfache Über-
konstitutive Unterscheidung von und das Hinweisen schreitung der Grenze wird auf die eine, benannte
auf ›Etwas‹, das durch Wiederholung stabil gehalten Seite (marked space) bzw. auf ihre Form der Unter-
36 Grundlagen

scheidung hingewiesen; (4) durch eine zweifache nander geschriebene Haken bzw. durch: Nichts oder
Überschreitung der Grenze im Sinne einer Rück- Leere. = . Die Ersetzung der zweifachen Auffor-
überschreitung wird auf die andere, nicht benannte derung durch Nichts nennt Spencer-Brown ›form of
Seite (unmarked space) bzw. auf gar nichts mehr cancellation‹, also Form der Aufhebung oder Lö-
(void) hingewiesen. schung; die mögliche Ersetzung einer leeren Stelle
durch einen Doppelhaken ›form of compensation‹.
Unter Absehung zahlreicher Differenzierungen,
Die Darstellung der Form der Unterscheidung die im Laufe der Kalkülbildungen her- und darge-
stellt werden, lässt sich allgemein sagen, dass in bei-
Im weiteren Verlauf entwickelt Spencer-Brown an- den Kalkülen unterschiedlichste Hinweisformen,
hand eines einzigen Zeichens – des Hakens –, das Zeichenketten oder Gleichungen generiert werden,
ikonographisch nicht nur die Unterscheidungsform deren zunehmende Komplexität immer mehr Diffe-
nachzeichnet (2. Kapitel), sondern zunächst noch auf renzierungen erlaubt, die wiederum bezeichnet,
die ganze Form der Unterscheidung und auf eine ih- kondensiert, affirmiert, aufgehoben und ersetzt wer-
rer unterschiedenen Seiten hinweist, zwei Kalküle: ei- den können. Die so entstehenden, spezifischen Hin-
nen arithmetischen, den »calculus of indications« weisformen indizieren dabei nie etwas anderes als je
(3.–5. Kapitel), und einen algebraischen Kalkül eine der beiden Seiten der ersten (Form der) Unter-
(6.–10. Kapitel), in dem auch Variablen als Zeichen scheidung. Betrachtet man nur die beiden entstande-
zulässig sind. ›Generieren‹ heißt, dass unter Rekurs nen Kalküle, dann lesen sich die Laws of Form als eine
auf die beiden (Wiederholungs-)Axiome aus der Beobachtung der Möglichkeiten, die sich aus der
Verwendung der Zeichen Zusammenhänge entste- wiederholten Verwendung unterschiedlicher Hin-
hen und sichtbar werden, die ihrerseits benannt wer- weise ergeben, seien es namenhafte Zeichen oder
den und als Basis für weitere Operationen verwendet grenzüberschreitende Prozesse. Die Stabilisierung
werden können. eines ›Etwas‹ in (s)einer Form der Unterscheidung
So kann beispielsweise das erste der Axiome als erfolgt so über wiederholtes Unterscheiden und
Gleichung formalisiert werden, weil es festlegt, dass Hinweisen – in Form von Zeichen, Prozessen oder
eine wiederholte Nennung auf nichts anderes hin- Gleichungen, die gewissermaßen als Aussagen über
weist als auf die durch das Zeichen markierte Seite Stabilisierungsprozesse gelesen werden können.
der Unterscheidung. Wenn aber zwei Haken als
Symbolisierung der Wiederholung auf das Gleiche
hinweisen wie einer allein (form of confirmation), Die Generierung von Zeit oder der Eintritt
dann kann die Gleichung selbst als Aufforderung zur in die eigene Form
Generierung weiterer gleichbedeutender Zeichen ge-
lesen werden. Im Umkehrschluss: Wenn beliebig vie- Das 11. Kapitel schließt nicht etwa an den zweiten, al-
le produzierte Kopien des Hakens immer nur das gebraischen, sondern wie dieser, aber in anderer Wei-
Gleiche bezeichnen, lässt sich das, worauf sie hinwei- se, an den ersten arithmetischen Kalkül an. Zwar geht
sen, auch mit nur einem Haken bezeichnen. Das auch hier der eindeutige Charakter der Hinweisfor-
nennt Spencer-Brown die ›form of condensation‹, men verloren, allerdings aus anderen Gründen: In
weil die Vielzahl der Haken in ihrer Funktion auf die der Arithmetik ist festgelegt worden, dass entspre-
Bedeutung oder das ›Etwas‹ hinzuweisen, eben ohne chend den Grundgleichungen, die mit den vier oben
Funktionsverlust zu einem Einzigen kondensiert genannten forms bezeichnet wurden, unbegrenzt vie-
werden kann. Formal lässt sich das anhand einer le, aber eine dennoch abzählbare, d. h. endliche An-
Gleichung darstellen, wobei diese in beide Richtun- zahl von Tauschprozessen äquivalenter Hinweise
gen gelesen werden kann: Zwei (oder mehr) Zeichen stattfinden kann. Mit dieser Regel wird im 11. Kapitel
bezeichnen das gleiche, wie nur ein einziges und vice gebrochen, weil dort auf die endliche Abzählbarkeit
versa, weshalb sie äquivalent genannt werden kön- verzichtet wird. Daraus ergibt sich das Problem, dass
nen: = die Eindeutigkeit nicht nur materialiter – wie in der
Das zweite Axiom bezeichnet die je andere, un- Algebra –, sondern auch formaliter preisgegeben
markierte Seite oder das Nichts (void) vor der ersten wird: Die erzeugte Gleichung, E1, hat bei einer be-
Unterscheidung durch die zweifache (wiederholte) stimmten Variablenbelegung zwei Lösungen, so dass
Aufforderung zur Überschreitung der unterschei- eine Hinweisform generiert wurde, die zugleich beide
denden Grenze – formal dargestellt durch zwei inei- Seiten der ersten Unterscheidung bezeichnet. Den
Luhmann und Spencer-Brown 37

Verlust der Eindeutigkeit deutet Spencer-Brown scheidung. Die Experimente im letzten Kapitel »Re-
selbst als einen Wissensverlust »of where we are in the entry into the form« führen dies anhand eines ande-
form« (Spencer-Brown 1994, 58). Er lasse sich aber ren Notationssystems vor.
überwinden, indem ein Weg gefunden werde, die
beiden zugleich in einer Gleichung, d. h. in einem
Hinweis angezeigten Aufenthaltsorte als neue, gleich- Anschlüsse durch Luhmann
sam dritte ›Seite‹ – zusätzlich zum Etwas und zu sei-
ner anderen Seite – der Form der Unterscheidung zu Bereits 1974 finden sich erste Hinweise von Luh-
deuten. mann auf die Laws of Form (Luhmann 1974), aber
Dieses Dritte interpretiert Spencer-Brown als die seit Anfang der 1980er Jahre mit den beiden pro-
Zeit, die entsteht und vergeht, um die beiden Lösun- grammatischen Aufsätzen »Talcott Parsons – Zur Zu-
gen der Gleichung zu sehen oder zu denken. Da dies kunft eines Theorieprogramms« (Luhmann 1980)
nur sukzessive bzw. sequentiell möglich ist, so wie und »Vorbemerkungen zu einer Theorie sozialer Sys-
man ein Licht nicht zugleich, sondern nur nachei- teme« (SA3, 11–24) fehlen sie in keiner Publikation.
nander an- und ausschalten kann, generiert so eine Darüber hinaus finden sich auch zahlreiche Verweise
Gleichung mit zwei einander ausschließenden Lö- auf Only Two can play this game (1972) und auf Pro-
sungen, wenn sie gedacht wird, Zeit. Der Prozess zur bability and Scientific Inference (1957). In Die Gesell-
Herstellung von spezifischen und unspezifischen schaft der Gesellschaft geht Luhmann von der
Hinweisen auf die beiden Seiten der Form der Unter- historisch erfolgten Umstellung wissenschaftlicher
scheidung wird von Spencer-Brown demnach so weit Beobachtung von Objekten auf Unterscheidungen
getrieben, dass eine Gleichung entsteht, die auf beide aus. Sein Interesse gilt dabei weniger den gegebenen,
Seiten zugleich hinweisen kann. Das wird aber nicht entdeckbaren Unterschieden als dem Unterscheiden
als zu vermeidender Widerspruch gedeutet, sondern selbst, durch das Beobachtung allererst ermöglicht
es wird nach einer denkbaren Lösung gesucht, die wird. Er nennt dies die »am tiefsten eingreifende
den Widerspruch gleichsam produktiv werden lässt Umstellung« (GG, 60) in der jüngsten intellektuellen
und nutzbar macht. Zeit wird so als produktiver Um- Entwicklung. Sie lasse sich mit Spencer-Browns
gang mit paradoxalen Widersprüchen bestimmt. Zeit Formbegriff am besten verdeutlichen.
löst den vorhandenen Widerspruch nicht auf, aber Die unterschiedlichen Aspekte des Formbegriffs
sie entzerrt ihn, indem sie die logische Gleichzeitig- dienen Luhmann erstens zur Definition seines Beob-
keit des widersprüchlichen Hinweises in einen Pro- achtungsbegriffes, denn Beobachten ist »ein unter-
zess umwandelt. scheidendes Bezeichnen […] der einen […] Seite der
Dass die Aufhebung der Abzählbarkeit der Unterscheidung« (SA5, 22). Der Unterscheidungspro-
Tauschschritte an bestimmten Stellen als eine Funk- zess und die dadurch ermöglichten Hinweise durch
tionsgleichung dargestellt werden kann, die sich re- Zeichen oder weitere ›Operationen‹ stellen für Luh-
kursiv selbst zum Input macht, ist gleichsam ein mann das Modell für (s)ein Beobachtungsschema
Nebenprodukt der Argumentation – wenngleich auf erster Ordnung dar, weil jedes unmittelbare Beob-
diese Weise deutlich wird, dass die Kalküle der Form achten von etwas die Unterscheidung dieses Etwas
eben auch diese wesentliche Eigenschaft eines Zei- von seiner Umwelt impliziert und weil eine Unter-
chens zur Darstellung zu bringen vermögen: dass es scheidung nur durch Benennung einer Seite stabili-
zugleich auf sich selbst und seine Form der Unter- siert werden kann (P, 110).
scheidung hinweist, d. h. auch auf das, was es nicht Da die soziologische Beobachtung eine Beobach-
unmittelbar anzeigt und ist. Zudem verweist ein Zei- tung von Beobachtung, mithin eine Beobachtung
chen nicht nur auf das Resultat einer beliebigen Un- zweiter Ordnung ist, stellt sich die Frage, wie kom-
terscheidung, es ist auch selbst nur als Resultat einer plex die theoretische Grundfigur der Beschreibung
Unterscheidung denkbar. Jedes Zeichen weist so auf (der Gesellschaft) sein muss, um diese angemessen
wenigstens fünf unterschiedliche Aspekte hin: (1) auf beschreiben zu können. Damit kommt die andere
sich als Zeichen (und damit immer auch auf die fol- Grundfigur der Laws of Form ins Spiel: der Eintritt in
genden vier Aspekte, aber in Bezug auf sich selbst als die eigene Form – Luhmann übersetzt den spencer-
Zeichen), (2) auf die vollzogene Unterscheidung, (3) brownschen Neologismus ›Re-entry‹ mit Wiederein-
auf das, wofür es ein Zeichen ist, d. h. auf die Seite, die tritt, womit suggeriert wird, es gäbe irgendeinen
es markiert, (4) auf die andere, unmarkierte Seite so- Standpunkt außerhalb der Form; semantisch pas-
wie (5) auf die mit aufgespannte Form der Unter- send wäre wohl ›Rückwendung‹. Somit dienen ihm
38 Grundlagen

die Laws of Form zweitens dazu, das darzustellen, was blind bleiben, oder aber den Standpunktverlust hin-
er auf der Ebene der selbstreferentiellen Beobach- nehmen muss, indem sie Zeit generierend zwischen
tung zweiter Ordnung die ›Paradoxie der Form‹ der beobachtenden und der beobachteten Seite hin
nennt. Luhmann sieht den selbstreferentiellen Ein- und her pendelt. Für Luhmann ist das »Problem […]
tritt implizit in der durch den simplen Unterschei- schon am Anfang [der Laws of Form] präsent und be-
dungsprozess entstandenen Form der Unterschei- kommt am Ende seine eigene Form, […] einen Na-
dung bereits gegeben. Das paradoxe ›Re-entry‹ men, eine Bezeichnung« (PdF, 200). An der Beant-
expliziere nur den verdeckten, immer schon parado- wortung der Frage, ob die reflexive Betrachtung der
xalen Anfang. Diese Explizierung werde durch das Form bloß potentiell oder schon aktual im 1. Kapitel
Prozessieren von Zeit ›entparadoxiert‹, was das am- der Laws of Form angelegt ist – und damit tatsächlich
bigue Verweisungsproblem nicht löst, aber handhab- ein Anfangsparadox gedacht werden muss –, schei-
bar macht. den sich die Geister der Interpreten (Wagner 1994;
Zwei weitere Umgangsweisen mit der Anfangspa- Hölscher 2009). Sie lässt sich dahingehend beant-
radoxie sieht er in der Aufforderung zu unterschei- worten, dass Luhmann dann Recht hat, wenn man
den sowie in der Bildung eines Beobachtungssys- die durch die Unterscheidung aufgespannte Form
tems sui generis, d. h. durch Kommunikation (PdF, der Unterscheidung bereits als Zeichen betrachtet.
204). Damit findet drittens auch der exponierte Dann und nur dann ignoriert Spencer-Brown das
Kommunikationsbegriff seine Grundlegung in den Anfangsparadox (GG, 58).
spencer-brownschen Grundfiguren. Viertens helfen Beide Momente der Form dienen also Luhmann
ihm die Laws of Form, den Universalitätsanspruch nicht nur als heuristisches Instrumentarium, mit
seines theoretischen Zugriffs zu untermauern: »Der dem sich beispielsweise Theorieentscheidungen an-
Abstraktionsgrad dieses Ansatzes erlaubt es schließ- schlussfähig und explizit machen lassen (SS, 230). Sie
lich, und vor allem deshalb greifen wir auf Spencer- dienen auch und vor allem zur Klärung der eigenen
Brown zurück, zu erkennen, daß auch Logik und Grundlagen bzw. des eigenen (system-)theoretischen
Mathematik Kondensate und Regulative sozialer Standpunktes, der sich innerhalb der scientific com-
Operationen sind« (WissG, 75). Fünftens schließ- munity und auf dem Boden historisch gewachsener
lich findet Luhmann dort auch den Beobachter Ansprüche und Begrifflichkeiten behaupten können
selbst. muss. Daher stehen sie auch im Mittelpunkt der Aus-
Die oben beschriebene rekursive wie ambivalente einandersetzung Luhmanns mit den philosophi-
Eigenschaft jedes Zeichens wird schon von Spencer- schen Fragen der Moderne nach der Möglichkeit von
Brown in seinen Selbstkommentierungen (»notes«, Wissen und Wissenschaft, indem sie ihm das er-
Spencer-Brown 1994, 77–106) auf uns selbst als Be- kenntnistheoretische Problem des (begründenden)
obachter der Welt übertragen: Die Welt differenziert Anfangs und die ontologische Frage nach der Stabi-
sich aus und bedient sich gleichsam unser, die wir je lität von Etwas darzustellen und zu lösen helfen (SA5,
einen bestimmten Standort markieren, um sich passim). In diesem Sinne geht Luhmann so weit zu
selbst zu beobachten. Als solche sind wir zunächst konstatieren, die Welt lasse sich nur mit George
unmittelbare Beobachter unserer anderen (Welt-) Spencer-Browns Logik erfassen (WissG, 93) bzw.: Es
Seite in unserer eigenen Form der Unterscheidung. lasse sich nur so zugleich verstehen, dass die Welt,
Um uns als Beobachter und die Welt als von uns Be- »kein Gegenstand des Wissens« (GS4, 177) sein
obachtete reflektieren, also beide Seiten in den Blick kann.
nehmen zu können, müssen wir Zeit generieren, da Man kann sagen, dass sich Luhmann zu den Laws
wir nicht simultan uns selbst und die Welt beobach- of Form zunehmend offener verhielt, wodurch er ih-
ten können. Insofern kann Luhmann sagen: »daß die nen auch mehr gerecht wurde. Seine Formulierun-
Paradoxie der Form überhaupt nur dadurch entsteht, gen dazu, was Differenz, Unterscheidung und Form
daß ein Beobachter versucht, Einheit und Unter- in den Laws of Form bedeuten, verlieren an apodikti-
schiedenheit zugleich zu beobachten« (PdF, 204) scher Schärfe. Was damit gemeint ist, lässt sich bei-
bzw. dass »jede Beobachtung […] eine Unterschei- spielhaft an der Definition der ›Beobachtung‹ zeigen.
dung voraus[setzt], deren Einheit nur paradox be- Während er in Soziale Systeme formuliert, »Diskri-
zeichnet werden kann« (PdF, 211). minierung [sei] für den Grundvorgang zu halten und
Die Paradoxie, die durch den rekursiv generierten Integrieren und Beobachten [seien] als Varianten
Hinweis auf das Ganze entsteht, führt dazu, dass die dieses Grundvorgangs anzusehen, wenn nicht mit
Welt entweder einer Seite ihrer selbst gegenüber ihm zu identifizieren« (SS, 650), nennt er in Die Wis-
Luhmann und Spencer-Brown 39

senschaft der Gesellschaft die Beobachtung nur noch Hennig, Boris: »Luhmann und die formale Mathematik«.
eine »Sonderform« (WissG, 82) der spencer- In: Merz-Benz/Wagner 2000, 157–198.
Hölscher, Thomas: »Niklas Luhmanns Systemtheorie«. In:
brownschen Grundoperationen Unterscheiden und
Schönwälder-Kuntze u. a. 22009, 257–272.
Bezeichnen. Die System/Umwelt-Differenz wird Lau, Felix: Die Form der Paradoxie. Eine Einführung in die
zum »Anwendungs«- bzw. »Sonderfall« (GG, 62), Mathematik und Philosophie der Laws of Form von
eine Beobachtungsform bzw. ein Beobachtungssche- George Spencer Brown [2004]. Heidelberg 32008.
ma, das sie von anderem unterscheidet (GG, 64). In Luhmann, Niklas: »Symbiotische Mechanismen«. In: Ott-
jedem Fall gilt es aber nach Luhmann zur adäquaten hein Rammstedt (Hg.): Gewaltverhältnisse und die Ohn-
macht der Kritik. Frankfurt a. M. 1974, 107–131.
Theoriebildung einen differenz-logischen Ausgangs- –: »Vorbemerkungen zu einer Theorie sozialer Systeme«.
punkt zu wählen, wenn nicht als notwendig zu ak- In: SA3, 11–24.
zeptieren, soll eine Theorie der Gesellschaft entwor- –: »Identität – was oder wie?« In: SA5, 14–30.
fen werden, die ihren Namen verdient. Sie ist für –: »Die Soziologie des Wissens: Probleme ihrer theoreti-
Luhmann nur durch die Einsicht in die operativen schen Konstruktion«. In: GS4, 151–180.
–: »Zur Zukunft eines Theorieprogramms«. In: Zeitschrift
Instrumente zu haben: (Selbst-)Differenzierung, für Soziologie 9. Jg., 1 (1980), 5–17.
Stabilisierung und Wiederauflösung durch Wieder- Merz-Benz, Peter-Ulrich/Wagner, Gerhard (Hg.): Die Lo-
holungen, die Handhabung von paradoxalen Wider- gik der Systeme. Zur Kritik der systemtheoretischen So-
sprüchen und ihre Prozessierung durch Zeit. ziologie Niklas Luhmanns. Konstanz 2000.
Schönwälder-Kuntze, Tatjana/Wille, Katrin/Hölscher, Tho-
mas: George Spencer Brown. Eine Einführung in die
Literatur Laws of Form [2004]. Wiesbaden 22009.
Schulte, Günter: Der blinde Fleck in Luhmanns System-
Baecker, Dirk (Hg.): Kalkül der Form. Frankfurt a. M. theorie. Frankfurt a. M. 1993.
1993a. Spencer-Brown, George: Probability and Scientific Infe-
– (Hg.): Probleme der Form. Frankfurt a. M. 1993b. rence. London 1957 (dt. 1996).
Bergler, Andreas: Kommunikation als systemtheoretische – (alias James Keys): Only Two Can Play This Game. New
und dialektische Operation. München 1999. York 1972 (dt. 1994).
Clam, Jean: Was heißt, sich an Differenz statt an Identität –: Laws of Form [1969]. Portland, OR 41994 (dt. 2004).
orientieren? Zur De-ontologisierung in Philosophie und Varga von Kibéd, Matthias/Matzka, Rudolf: »Motive und
Sozialwissenschaft. Konstanz 2002. Grundgedanken der ›Gesetze der Form‹«. In: Baecker
Esposito, Elena: »Paradoxien als Unterscheidungen von Un- 1993a, 58–85.
terscheidungen«. In: Gumbrecht/Pfeiffer 1991, 35–57. Wagner, Gerhard: »Am Ende der systemtheoretischen So-
Fuchs, Peter: Niklas Luhmann – beobachtet. Wiesbaden ziologie«. In: Zeitschrift für Soziologie 23. Jg., 4 (1994),
2004. 275–291.
Gumbrecht, Hans Ulrich/Pfeiffer, Karl Ludwig (Hg.): Para- Tatjana Schönwälder-Kuntze
doxien, Dissonanzen, Zusammenbrüche: Situationen of-
fener Epistemologie. Frankfurt a. M. 1991.
41

III. Theoriestränge

1. Systemtheorie als klären zu können, dass sie nur unterscheiden können


und dass erst durch die Wiederholung von Differen-
Differenzierungstheorie zen Identitäten entstehen.
Um diese Abstraktionsebene zu erreichen,
Differenzierungstheorien interessieren sich für Un- schließt die luhmannsche Theorie nicht einfach an
terschiede und transportieren immer mit, dass man die Tradition an, und sie findet auch nicht in enger
eigentlich Gemeinsamkeiten erwartet hätte. Die Auseinandersetzung mit anderen theoretischen An-
Klassiker der soziologischen Differenzierungstheo- geboten statt, um nicht die Schwächen der Tradition,
rie, Auguste Comte, Herbert Spencer, Émile Durk- die kognitiven Restriktionen ihrer Vorgänger zu
heim, Max Weber, Talcott Parsons, zeigen sich beerben. Sie ist gedacht als ein Versuch, das zu benen-
überrascht davon, dass Gesellschaften radikal unter- nen, was tatsächlich beobachtbar ist: das Unterschei-
schiedliche Lösungen für das gleiche Problem ausbil- den.
den können. Sie beobachten zumeist unterschiedli- Im Unterschied zu anderen Theorien ist dies eine
che Status- oder Berufsgruppen und sind erstaunt, Grundlage, die nicht historisch gefasst ist, die also
dass von der einen Gruppe erwartet wird, was für die nicht in früheren Gesellschaften Aufklärung über das
andere Gruppe verboten ist. Ganz folgerichtig sind Funktionieren der modernen Gesellschaft sucht. Die
ihre Theorien vor allem dafür gemacht, diese Unter- Differenz als Charakteristikum des Sozialen findet
schiede miteinander zu versöhnen. Wie stark dabei sich am Beginn der Evolution genauso wie heute, in
aber auch das Erstaunen über radikale Differenzen den Anwendungsgebieten der Soziologie genauso
die Theoriearbeit geprägt hat, wird sichtbar, wenn wie in der Theorie, im Sprechen genauso wie in den
man die systemtheoretische Differenzierungstheorie über Sprache hinausgehenden Medien (Schrift, Geld,
in diese Tradition stellt. Luhmann beginnt seine Macht etc.). Sie stellt einen Anfang dar, mit dem man
Überlegungen mit der Frage danach, wie Gemein- überall anfangen kann, der keine Position privilegiert
samkeiten, Wiederholungen, Identitäten, Konsens und insofern auch keine moralischen Präferenzen
möglich sind – wo doch zunächst in einer Gesell- entfalten kann.
schaft erkennbar das Gegenteil passiert, nämlich Dif- Der Gewinn, der mit diesem spektakulären Neu-
ferenzen stabilisiert werden. anfang verbunden ist, besteht in kleinen Details einer
Unter dem Etikett ›System/Umwelt-Differenz‹ Korrektur der historischen Beschreibung von unter-
fasst Luhmann drei Befunde zusammen: (1) Alles Be- schiedlichen Phänomenen wie der veränderten Stel-
nennen, alles Bezeichnen erfolgt immer in Abgren- lung des Adels in einer funktional differenzierten
zung von anderem, als Unterscheidung, und bewährt Gesellschaft und der historisch erst relativ späten
sich also als Differenz; (2) alles Unterscheiden be- Entstehung von Herrschaft im Sinne einer systema-
währt sich als Unterscheidung von vorherigen Unter- tischen politischen Organisation. All dies präsentiert
scheidungen – rekursiv – und schafft so ein System; Luhmann jedoch nur als beiläufige Einsichten, die
(3) es gibt nicht die eine Umwelt, die eine Wirklich- ganz dem theoretischen Interesse untergeordnet
keit, auf die sich alles Unterscheiden bezieht – dann werden. Sie dienen nicht als (vielleicht konservative)
müsste es Seiendes geben, das für alle Systeme glei- Begründung für die Berechtigung dieser radikalen
chermaßen verbindlich ist –, es gibt viele Umwelten, Theorieumstellung – haben aber doch Folgen für das
die jeweils von den Systemen miterzeugt werden. Geschäft einer an Emanzipation interessierten Sozio-
Hiermit ist eine Abstraktionsebene gewonnen, die logie.
nur noch relationierbare Elemente kennt, für die – Um den Gewinn dieser Theorieentscheidung
dies ist nun der entscheidende Satz – »es in der Um- sichtbar zu machen, soll im Folgenden doch wieder-
welt des Systems keinerlei Entsprechung gibt« (GG, um auf die Tradition der klassischen Differenzie-
66). So frei, ohne jeden Außenhalt, ohne jede Kondi- rungstheorie zurückgegriffen werden. Erst im Ver-
tionierung durch eine schon vorhandene Umwelt gleich hierzu zeigt sich, wie folgenreich für die
muss man sich Kommunikationen vorstellen, um er- Theorie der Soziologie ein guter Anfang ist.
42 Theoriestränge

Ordnung ohne Moral einander übergingen, dass sie sich also nur reprodu-
zieren können, wenn ihre Autopoiesis erhalten bleibt
Am produktivsten lässt sich die luhmannsche Sys- (GG, 601).
temtheorie mit der durkheimschen Differenzie- Im Gegensatz zu Differenzierungstheorien, die
rungstheorie in Beziehung setzen. Bei Durkheim zunächst den Kontrast zwischen den einzelnen Teilen
wird die soziale Form der Differenzierung besonders sehr stark machen und die dann die Notwendigkeit
stark gemacht, wenn er sich fragt, wie die soziale der Integration des Verschiedenen als Problem erle-
Ordnung einer arbeitsteiligen Gesellschaft entsteht. ben, aber auch im Gegensatz zu Theorien, die sich
Die Lösung sieht er in einer Zunahme von (rechtli- vor allem für die Verschränkung und den Einfluss der
chen) Kontakten zwischen den Berufsgruppen, und Teile aufeinander interessieren und die die Stabilität
er unterstellt im gleichen Schritt, dass diese Kontakte der Trennung dabei vernachlässigen, versucht Luh-
Solidarität erzeugen. In einem Vorwort zur deut- mann, einen Mittelweg zu gehen: Er konzipiert die
schen Übersetzung von Durkheims Über soziale Ar- einzelnen Teile als über jeweils eigene Operationen
beitsteilung (1893/1999) setzt sich Luhmann grund- geschlossen und damit unhintergehbar nur an die je-
sätzlich mit Fragen einer differenzierungstheoreti- weils eigene Logik gebunden, dabei aber auch struk-
schen Theoriearchitektur auseinander (Luhmann turell über Sprache – und nicht über Operationen –
1999). Das gesamte Theorieprogramm Luhmanns an die Differenzen ihrer jeweiligen Umwelt gekop-
lässt sich aus dieser Perspektive als der Versuch re- pelt. Die älteren Klassiker konnten sich nicht vorstel-
konstruieren, ein Verhältnis unterschiedlicher Teile len, dass Unterschiede deshalb stabil sind, weil sie
zueinander als geordnet, gleichwohl aber nicht als Unterschiede sind. Unterschiede wurden stattdessen
moralisch geordnet zu beschreiben. Mit Blick auf immer als Hinweis auf ihre Versöhnungsbedürftig-
Durkheims Theorie verdeutlicht er, dass eine gute keit gelesen und Spezialisierungen nur als Teil eines
Theorie der Differenzierung auch die faktische Ent- Ganzen gesehen.
stehung sowohl nichtsolidarischer als auch mora- Luhmann spricht im Unterschied zu nur meta-
lisch neutralisierter Elemente der Gesellschaft erklä- phorischen theoretischen Verdichtungen, bei denen
ren können muss, und deshalb die soziale Differen- das eine schon rein sprachlich das andere bedingt,
zierung der Arbeitsteilung um eine sachliche Diffe- von ›operativen Verknüpfungen‹. Er meint damit Re-
renzierung anhand von Funktionen erweitert werden kursionen, also einen stetigen Rückbezug der ausdif-
muss. Nicht der Mensch und das Ausmaß seiner In- ferenzierten Systeme nur auf sich selbst mit Hilfe
dividualität kann Maßstab einer solchen Theorie spezialisierter Kommunikationen. In diesem »Ma-
sein; es muss um Operationen gehen, die gleicher- gnetfeld der Systeme« (GG, 605) entstehen erst die
maßen Interaktionen wie auch medienvermittelte Si- Freiheitsgrade, für die sich Modernisierungstheorien
tuationen umfassen, und das heißt: um Kommuni- interessieren, wenn sie die radikalen Unterschiede
kationen. der Moderne beschreiben. Die Kunst der Differenzie-
Wie funktioniert nun die Herauslösung morali- rungstheorie besteht Luhmann zufolge darin, ein
scher Implikationen aus dem gesamten Theorieap- adäquates Bild der Unabhängigkeit der Systeme von-
parat? Die Frage nach der Bedeutung von Moral einander zu entwerfen. Evolution ist demzufolge ein
entsteht auf gesellschaftstheoretischer Ebene als Fra- stetiger Abbau von Umweltabhängigkeiten und eine
ge nach dem Verhältnis der Teile zueinander und zunehmende Abhängigkeit von nur noch internen
zum Ganzen. Üblicherweise wird dieser Zusammen- Dispositionen (GG, 617).
hang moralisch gedacht, als Notwendigkeit von Nor-
men, die eine Einschränkung der Teile zugunsten des
Ganzen fordern. In dieser Argumentation gibt es also Systemdifferenzierung
ein transzendierendes Prinzip (Vernunft, Rationali-
sierung, Konsens), das den Kontakt der einzelnen ›Systemdifferenzierung‹ ist ein Kontrastbegriff zum
Teile untereinander ermöglicht, weil es sich zugleich klassischen Konzept einer sozialen Differenzierung
in allen Teilen wiederfindet. Luhmann möchte aber in Rollen oder Berufsgruppen. Sie umfasst den allge-
etwas ganz anderes beschreiben, dass nämlich in ei- meinen Fall der Differenzierung von Systemen und
ner wie auch immer differenzierten Gesellschaft die den speziellen Fall der Differenzierung von gesell-
einzelnen Teile zueinander Kontakt haben, dass aber schaftlichen Teilsystemen, und sie stellt im Gesamt
diese Teile sich in ihrer Selbständigkeit auflösen wür- der luhmannschen Systemtheorie doch nur einen
den, wenn sie – wie viel oder wenig auch immer – in- Teilaspekt einer Theorieentwicklung dar – neben ei-
Systemtheorie als Differenzierungstheorie 43

ner Medientheorie, einer Evolutionstheorie und ei- rum jeweils systemspezifische Operationen und
ner Gesellschaftstheorie. Der Begriff des Systems nicht Kommunikationen oder Sprache oder Hand-
wird von Luhmann folgendermaßen definiert: »Er lungen die Grundlage eines Systems bilden. »Wie bei
steht für die Einheit (oder für die Herstellung der allen autopoietischen Systemen so ziehen auch hier
Einheit) des Differenten« (GG, 595). Damit entwi- die Operationen die Grenzen des Systems. Indem sie
ckelt Luhmann ein Alternativkonzept zum Begriff geschehen, legen sie fest, was zum System, und da-
des Ganzen und seiner Teile. »Systemdifferenzierung mit, was zur Umwelt gehört. Da sie dies aber nur im
heißt gerade nicht, daß das Ganze in Teile zerlegt rekursiven Netzwerk früherer und möglicher späte-
wird und, auf dieser Ebene gesehen, dann nur noch rer Operationen desselben Systems tun können,
aus den Teilen und den ›Beziehungen‹ zwischen den müssen sie zugleich das System an Hand der Diffe-
Teilen besteht. Vielmehr rekonstruiert jedes Teilsys- renz von System und Umwelt beobachten. Sie legen
tem das umfassende System, dem es angehört und sich selbst fest – und das geschieht nur so, wie es ge-
das es mitvollzieht, durch eine eigene (teilsystemspe- schieht –, und benötigen dafür aber für die Beobach-
zifische) Differenz von System und Umwelt« (GG, tung dieser Festlegung die Unterscheidung von
598). Das luhmannsche Konzept der Differenzierung Selbstreferenz und Fremdreferenz« (GG, 754). Der
meint also nicht, dass das Ganze den Rahmen einer Begriff der Operation öffnet auf diese Weise den so-
Vielzahl von Teilen darstellt, sondern dass das Ganze ziologischen Blick für einerseits beliebige Anschluss-
(als Differenz von System und Umwelt) in jedem Teil möglichkeiten, die andererseits in ihrer Form darü-
neu entworfen wird und damit eine Vielzahl neuer ber festgelegt sind, dass sie die Differenz eines
Perspektiven (als Differenz von System und Umwelt) Systems in einer spezifischen Umwelt wiederholen.
geschaffen wird. Jedes System stabilisiert sich in der Damit wird eine Beschreibung ermöglicht, die der
Differenz zu seiner Umwelt und schafft sich damit Tatsache Rechnung trägt, dass in Systemen jeweils
eine jeweils eigene Vorstellung des Ganzen. Spezialisierungen entstehen, die nur auf das jeweili-
Wenn man im Unterschied dazu Differenzierung ge System verweisen und nicht für andere Systeme
als Verhältnis des Ganzen zu seinen Teilen denkt, plausibel sind. Es gibt Zusammenhänge zwischen
dann wären auch die kleinsten Teile noch bezogen der gesellschaftlichen »Ausdifferenzierung [eines
auf das Ganze. Dann aber wird zum Problem, dass Teilsystems, I.S.] und der internen Differenzierung
sich z. B. Bürokratien nach eigenen Regeln verselb- eines Systems, denn die interne Differenzierung
ständigen. Das erscheint absurd aus der Perspektive wählt Formen, für die es in der Umwelt keine Ent-
des Ganzen, für das die Bürokratie keinen erkennba- sprechung gibt. Funktionale Differenzierung ist die
ren Nutzen hat – es sei denn, man vermutet dahinter radikalste Form, in der diese Regel sich auswirkt, da
wie Max Weber einen allgemeinen Rationalisie- in der Umwelt natürlich keine Einteilungen vorkom-
rungsprozess, der dann aber seinerseits begründet men, die auf die Funktionen des Systems abge-
werden müsste. Die Frage danach, welchen Bezug stimmt sind« (GG, 744). Damit ist gemeint, dass die
diese Systeme zum Ganzen haben, ist also entschei- interne Differenzierung keine Probleme löst, die auf
dend. Mit Luhmann würde man nicht mehr von In- eine externe Umwelt verweisen, sondern nur solche,
tegration ausgehen, sondern von der operativen die sich auf eine systemintern erzeugte Umwelt be-
Unabhängigkeit der eben nicht integrierten Teile, die ziehen. Hier wiederholt sich, was bereits zu Beginn
sich ihren Blick aufs Ganze jeweils selbst ermöglichen des Textes betont wurde: Es gibt keine »Außenhalte«
und gerade deshalb leistungsfähig sind. (GG, 14) dessen, was die Systeme als Realität schaf-
Ein entscheidender Effekt dieser Figur der System- fen.
differenzierung ist, dass jedwede Änderung in der Um es noch einmal zusammenzufassen: Es geht
Umwelt eines Systems gleichzeitig auch für andere mit dieser Theorieumstellung nun um die Beschrei-
Systeme Bedeutung haben kann, aber aufgrund der bung von sich selbst stabilisierenden Kontexten, die
Perspektivendifferenz eine jeweils andere – »obwohl jeweils nur auf sich und nicht auf das Ganze der Ge-
es für alle Systeme dasselbe Ereignis ist« (GG, 599). sellschaft verweisen und die deshalb so leistungsfähig
Die Systeme selbst versuchen, sich dagegen durch sind. Die Weise, in der dies erfolgt, ist die Systemdif-
»Schwellen der Indifferenz zu schützen« (ebd.), was ferenzierung, also die Selbstanwendung des System-
wiederum zu mehr Abhängigkeiten und jeweils sys- begriffs auf seine Resultate. Systeme sind demzufolge
temspezifisch definierten Unabhängigkeiten führt. keine festen Einheiten, sondern rekursive Wiederho-
Die Form der systemischen Stabilisierung bezeichnet lungen des jeweiligen Systems, aus dem sie sich aus-
Luhmann als rekursiv und verdeutlicht damit, wa- differenziert haben. »Das Ergebnis rekursiver Sys-
44 Theoriestränge

tembildung ist ein Muster der Verschiedenheit ten wiederum von Schichten, und es entsteht eine
Desselben« (Fuchs 1992, 69). »Bestimmbarkeit anderer Teilsysteme durch eine
Unterscheidung, die sich dann ihrerseits in die Welt
des sonst noch Vorhandenen einkerbt« (GG, 610).
Differenzierungsformen Auf diese Weise verliert der Teilsystembegriff nun et-
was von seiner Abstraktheit. Er ist jedoch bewusst so
Wenn man sich in dieser Weise für die Stabilisierung allgemein formuliert, damit er Teile sowohl einer seg-
von eigenständigen Einheiten interessiert, dann ent- mentär differenzierten Gesellschaft (Clans, Dörfer)
steht auch die Frage danach, wie eine adäquate Be- als auch einer funktional differenzierten Gesellschaft
schreibung der modernen Gesellschaft bzw. von (Funktionssysteme) beschreiben kann.
historisch früheren Gesellschaften aussieht. Luh- Statt von einer einfachen Zunahme der Differen-
mann schlägt vor, von unterschiedlichen Differenzie- zierung, wie sie beispielsweise noch Durkheim ange-
rungsformen auszugehen, die jeweils den Differen- nommen hatte, geht Luhmann von einer Umstellung
zierungsstil einer ganzen Gesellschaft prägen. Er der Differenzierungsform mit der Weiterentwick-
unterscheidet zwischen segmentärer Differenzierung lung der Gesellschaft aus. Der Clou dieses Gedanken-
in gleiche Teile, der Zentrum-Peripherie-Differen- gangs besteht darin, dass sich mit einer Umstellung
zierung in ungleiche Segmente, der Stratifikation als des Differenzierungsprimats auch die gesamte Form
ranggeordneter Form der Ungleichheit und der der Verarbeitung von Komplexität ändert, ohne dass
funktionalen Differenzierung, deren Teilsysteme in dies auch automatisch zu einer Steigerung oder Op-
ihrer Ungleichheit gleich sind (GG, 613). timierung führt. Die Form der Differenzierung än-
Da für alle Systeme gilt, dass sie die Elemente, aus dert sich zunächst nur, weil sich die Gelegenheit für
denen sie bestehen, selbst erzeugen, bedeutet dies für die Stabilisierung von neuen Formen ergibt. Dass an-
die Beschreibung vormoderner Gesellschaften, dass dere Formen der Komplexität denkbar sind, also z. B.
die Orientierung an Menschen, Familien, Kasten und eine segmentär differenzierte Gesellschaft ›bessere
Ständen nur als systemspezifische Konstruktion gel- Familien‹ unterscheidet oder eine stratifizierte Ge-
ten kann. Das ist in Bezug auf Kasten und Stände un- sellschaft Erfahrungen mit Geld und seiner Funktion
ter der Bedingung von Modernität evident, aber es als »radikaler Leveller« macht, der »alle Unterschiede
betrifft auch die Orientierung an Menschen und Fa- aus[löscht]« (Marx 1988, 146), ergibt sich nicht au-
milien, die nicht als vorsoziale Einheiten vorausge- tomatisch aus der Form selbst, wird aber auf der
setzt werden dürfen. Grundlage einer bestimmten Differenzierungsform
Dies gilt zunächst für gesellschaftliche Teilsysteme wahrscheinlicher.
(Segmente, Schichten, Funktionssysteme), aber auch Für den Blick auf segmentär differenzierte Gesell-
für die Ausdifferenzierungen neuer Systeme in Teil- schaften bedeutet dies, dass sie vom Mythos der qua
systemen. Da Systemdifferenzierung rekursiv ist, Interaktion besonders gut integrierten einfachen Ge-
schließen die weiteren Differenzierungen im Teilsys- sellschaft befreit werden. Laut Luhmann ist für diese
tem als interne Differenzierungen auch an die Diffe- Gesellschaften nicht eine kulturelle Integration ty-
renzierung des Teilsystems wieder an und bestätigen pisch, wie sie Friedrich H. Tenbruck noch vorsieht
oder ›rekonstruieren‹ sie. Wie sich soziale Formen und dann als Norm der modernen Gesellschaft ge-
der Gleichheit, Ungleichheit und Rangordnung in genüberstellt (1972, 58). Nicht der Konsens einer So-
konkreten historischen Kontexten über unterschied- lidaritätsgemeinschaft prägt den Clan oder den
liche Situationen hinweg stabilisieren, würde man Stamm, sondern ein Alltag, in dem man schlicht mit
demzufolge nicht über Herrschaftsapparate, sondern Gleichen rechnet und davon profitiert zu wissen, wie
über schlichte Unterscheidungsroutinen erklären. man sich zueinander verhalten muss (GG, 642).
Dies gilt für moderne Funktionssysteme genauso wie Ein weiterer Unterschied ergibt sich im Hinblick
für vormoderne Dörfer und Kasten. Die Unterschei- auf die Frage danach, wie Herrschaft entsteht. Dies ist
dung in Dörfer und Kasten bleibt unangetastet, wenn für die luhmannsche Differenzierungstheorie keine
weitere dorfinterne oder kasteninterne Spezialisie- Frage nach der Entstehung von Ungleichheiten. Um-
rungen entstehen. gekehrt: Die Entstehung von Ungleichheiten wird er-
Teilsysteme sind also einfach nur selbständige Ein- wartbar, wenn zunächst das entscheidende Differen-
heiten (GG, 613 ff.), die beobachten können, dass sie zierungsprinzip das der Gleichheit ist. Auch da gibt
von gleichen oder ungleichen Teilsystemen umgeben es die Ungleichheit der ganz Anderen, aber die sind in
sind. So sind Clans von Clans umgeben und Schich- segmentär differenzierten Gesellschaften noch über
Systemtheorie als Differenzierungstheorie 45

die Bedingung der Herkunftsfamilie und des Territo- meinschaft angehöriger Partner« (GG, 784). Und
riums benennbar. Nach und nach lösen sich Diffe- erst jetzt entstehen Instrumente einer systematischen
renzierungsprozesse von diesem zentralen Prinzip politischen Verwaltung. Wenn man dies verallgemei-
der Herkunftsfamilie und des Territoriums, die nert, dann könnte man sagen, dass politische Herr-
schon in segmentär differenzierten Gesellschaften schaft und Kapitalismus zunächst ganz einfach
nicht einfach eine natürliche Kategorie darstellten, Folgen der Auflösung der Sippe sind, insofern da-
sondern Rituale brauchten, um als solche zu gelten. durch gesellschaftliche Kommunikationsmöglich-
Wenn Ungleichheit sich jedoch als zentrales Unter- keiten von den Begrenztheiten gleicher oder unglei-
scheidungsmerkmal stabilisiert, dann löst sich die cher Menschen mit »feste[n] Plätze[n] ›in‹ der
Ordnungsform der Gesellschaft noch einmal einen Gesellschaft« (GG, 745) befreit wurden.
weiteren Schritt von der Bedeutung der Herkunftsfa- Gleichheit findet sich als zentrales Strukturmerk-
milie. Bessere Familien und dann Adelige sind nur als mal der nur noch aus Kommunikationen bestehen-
Ungleiche, was sie sind. Nicht der Wohnort und auch den Teilsysteme der modernen Gesellschaft. Als
nicht die Geburt schaffen diese Ungleichheit, son- dezentrierte Gesellschaft kennt die moderne Gesell-
dern nur die Beachtung einer Tradition der bereits schaft verschiedene Logiken, deren Vergleichbarkeit
bestehenden Ungleichheit. Nur bestimmte Familien nun zu dem interessantesten Phänomen wird. Dass
einer Stadt sind dementsprechend ausgewiesen, und Funktionssysteme in ihrem Aufbau und ihrer Funk-
auch verarmter Adel ist immer noch Adel, aber durch tionsweise Ähnlichkeiten aufweisen, ist ein Merkmal
eine falsche Heirat, also eine Nichtbeachtung der der radikal gewordenen Befreiung von jeglichem Au-
Differenz selbst, kann man diesen Status verlieren. ßenhalt einer externen Umwelt. Von Systemen redet
Keine Rolle spielen dagegen mehr die bis dahin zen- Luhmann auch in Bezug auf Stämme oder Clans und
tralen Kategorien der familiären Abstammung und Schichten. Unter der Bedingung der funktionalen
des Territoriums. Differenzierung sind Systeme jedoch befreit von der
Die Ungleichheit, die damit entsteht, wird von Zumutung, sich an Menschen orientieren zu müs-
Luhmann nicht als politische Herrschaft beschrie- sen. Auch vorher waren sie schon Kommunikations-
ben. »In der älteren Ordnung erscheint politische systeme, insofern auch die Voraussetzung von
Herrschaft als die Ordnung der Gesellschaft selbst. miteinander verwandten Menschen eine soziale Kon-
Die Alternative zu ihr wäre Chaos« (GG, 714). Die struktion ist. Aber nun müssen Kommunikationen
Idee einer Herrschaft der Ranghöheren über die sich nicht mehr an dem Ausmaß der möglichen Zu-
Rangniederen ist mit dem zentralen Differenzie- mutbarkeit von Differenzen in Bezug auf eine Person
rungsprinzip der Gesellschaft selbst schon gegeben, bewähren. Sie orientieren sich nur noch an sich selbst
liegt also in der Unterscheidung der beiden Teile als und dem, was möglich ist.
ungleich begründet. Die Entstehung von Formen der Mit Hilfe von Codes und symbolisch generalisier-
politischen Verwaltung verdankt sich stattdessen ei- ten Kommunikationsmedien entsteht auf diese Wei-
nem ganz anderen Bezugsproblem, nämlich der se eine enorme Ausweitung der Kommunikations-
noch weitergehenden Auflösung der Zuordnung von möglichkeiten. »Immer geht es letztlich darum,
Personen zu festen Gruppierungen. Während sich Kommunikation durch hinzugesetzte Annahme-
für Jürgen Habermas und Max Weber im Amt eine chancen zu ermutigen, ja zu ermöglichen, und damit
erste Form der staatlich organisierten Herrschaft ein Terrain für Gesellschaft zu gewinnen, das ande-
zeigt, findet Luhmann hier nur die Vorbereitung ei- renfalls infolge natürlicher Unfruchtbarkeit unbe-
ner Loslösung von noch multifunktionalen Rollen zu ackert bliebe« (GG, 320). Während die allgemeinen
reinen Funktionsbeziehungen. Die immer weiterge- Codes die Anschlussfähigkeit ausweiten, erhöhen die
hende Auflösung von Familienverbänden setzt sich symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien
fort mit der sozusagen radikalsten Form der Diffe- die Annahmewahrscheinlichkeit von Kommunikati-
renzierung, nämlich der funktionalen Differenzie- on und schaffen die Bedingung für eine »zwangswei-
rung. Die Entstehung von symbolisch generalisierten se (das heißt unter anderem: situationsunabhän-
Kommunikationsmedien ermöglicht eine komplette gig[e])« (WirtG, 16) Umrechnung z. B. von allem,
Loslösung vom Abstammungs- und Territorialprin- was als Ware gelten kann, durch das Medium Geld.
zip. »Erst die rechtliche Freigabe und Konditionie- Wenn auf diese Weise an die Stelle von Qualitäts-
rung von Eigentum und Vertrag ermöglicht jene begriffen wie ›Gerechtigkeit‹ und ›Vernunft‹ der
gewaltige Expansion der Wirtschaft durch Einbezie- selbstbezügliche Bedingungszusammenhang von
hung völlig unbekannter, nicht derselben Lebensge- Selbst- (Geld) und Fremdreferenz (Ware) tritt, wird
46 Theoriestränge

deutlich, dass funktionale Differenzierung als Form Als Differenzierungstheorie rekonstruiert die luh-
der Differenzierung einer immer stärkeren Entkopp- mannsche Systemtheorie auf diese Weise eine Situa-
lung von Systemen untereinander entspricht, die erst tion, in der sich Kommunikationen immer stärker
dadurch ihre Leistungsfähigkeit erhalten. Aber auch von konkreten Individuen entkoppeln und eine Leis-
die strukturelle Vergleichbarkeit der Funktionssyste- tungsfähigkeit ermöglichen, die historisch einmalig
me untereinander ergibt sich exakt hierüber und da- ist. Wenn man sich Individuen vorstellt, die daran ge-
mit die Möglichkeit einer nur strukturellen, aber wöhnt sind, als personale Adressen in eine Vielzahl
nicht operativen Kopplung. »Die alte Bindung gesell- von modernen Organisationen eingebunden zu sein,
schaftlicher Funktionen an Familienhaushalte und dann kann man sich kaum noch vorstellen, dass die
an die soziale Schichtung dieser Familien muss gelöst normative Idee einer »Assoziation von Freien und
und ersetzt werden durch neue Formen struktureller Gleichen« (Habermas 1997, 642) über das semanti-
Kopplung, die die Funktionssysteme untereinander sche Potential von Protestbewegungen hinaus struk-
verbinden« (GG, 779). Abgaben und Steuern kop- turelle Konsequenzen haben kann. Anschlüsse wären
peln Wirtschaft und Politik aneinander, die Verfas- jedenfalls nur als katastrophische Formen der Eineb-
sung verbindet Politik und Recht, Eigentum und Ver- nung von Komplexität denkbar. Und gerade davor,
trag beziehen rechtliche und wirtschaftliche Opera- die Komplexität einer modernen Gesellschaft nur als
tionen aufeinander, Universitäten tun das gleiche für Irrtum und Übertreibung misszuverstehen, warnt
Wissenschaft und Erziehung, wissenschaftliche Ex- die luhmannsche Gesellschaftstheorie. Die moderne
perten beraten Politiker, schulische Zeugnisse die Gesellschaft ist laut Luhmann ein hochfragiles Gebil-
Wirtschaft (GG 780 ff.). Armin Nassehi hat hierfür de mit unüberschaubaren Abhängigkeiten und ver-
das Bild einer »Gesellschaft der Gegenwarten« (Nas- langt gerade deshalb nach einer leistungsfähigen
sehi 2003, 81; 2011) verwendet, um zu verdeutlichen, Theorie.
wie von Moment zu Moment Lösungen für Vermitt-
lungsprobleme in einer so komplex gewordenen Ge-
sellschaft gefunden werden. Literatur
All dies muss sich »einspielen«, entsteht also »ohne Alexander, Jeffrey C.: Soziale Differenzierung und kulturel-
Konsens« (GG, 604) und ist in dieser Abstraktion von ler Wandel. Essays zur neofunktionalistischen Gesell-
konkreten Individuen dann doch nur eine Variante schaftstheorie. Frankfurt a. M. 1993.
Baecker, Dirk: »Die Theorieform des Systems«. In: Soziale
der unterschiedlichen Formen der Systemdifferen-
Systeme 6. Jg., 2 (2000), 213–236.
zierung. Gleichwohl ist ein zeitdiagnostischer Rück- Berger, Johannes: »Neuerliche Anfragen an die Theorie
griff z. B. auf Ungleichheitsbegriffe einer stratifizier- funktionaler Differenzierung«. In: Hans-Joachim Giegel/
ten Gesellschaft damit unmöglich geworden. Die jede Uwe Schimank (Hg.): Beobachter der Moderne. Beiträge
Kommunikation mitbestimmende Ungleichheit ei- zu Niklas Luhmanns »Die Gesellschaft der Gesellschaft«.
Frankfurt a. M. 2003, 207–230.
ner stratifizierten Gesellschaft gibt es unter der Be-
Chernilo, Daniel: »The Theorization of Social Co-Ordina-
dingung von funktionaler Differenzierung nicht tions in Differentiated Societies: The Theory of Generali-
mehr, wohl aber Beispiele für Schichtung, die jedoch zed Symbolic Media in Parsons, Luhmann and Haber-
nicht mehr die entscheidende Differenz einer rekur- mas«. In: British Journal of Sociology 53. Jg., 3 (2002),
siven Systembildung darstellen. In seiner eigenen 431–449.
Einschätzung der Situation gelangt Luhmann – darin Durkheim, Émile: Über soziale Arbeitsteilung [1893].
Frankfurt a. M. 1999.
Habermas ganz ähnlich – am Ende seiner Ausführun- Fuchs, Peter: Die Erreichbarkeit der Gesellschaft. Zur Kon-
gen zur Differenzierungstheorie in Gesellschaft der struktion und Imagination gesellschaftlicher Einheit.
Gesellschaft zu der Beobachtung, dass Protestbewe- Frankfurt a. M. 1992.
gungen etwas Neues in der Gesellschaft darstellen. Sie Habermas, Jürgen: »Staatsbürgerschaft und nationale Iden-
entwickeln aus sich heraus Motive, die Organisatio- tität«. In: Ders.: Faktizität und Geltung. Frankfurt a. M.
1997, 632–661.
nen nur schwer erzeugen können, und binden The- Luhmann, Niklas: »Arbeitsteilung und Moral. Durkheims
men in einer Weise wieder an Individuen, wie man es Theorie«. In: Durkheim 1999, 19–38.
eigentlich nicht mehr für möglich gehalten hatte. Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie.
Luhmann rechnet damit, dass sich parallel zu allen Bd. 1: Der Produktionsprozeß des Kapitals (MEW 23).
Funktionssystemen soziale Bewegungen entwickeln Berlin 1988.
Nassehi, Armin: Differenzierungsfolgen. Beiträge zur So-
(vgl. GG, 859), die sozusagen den Widerstand gegen ziologie der Moderne. Opladen 1999.
»negative Begleiterscheinungen« (GG, 865) der je- –: Geschlossenheit und Offenheit. Studien zu einer Theorie
weiligen Funktionssysteme institutionalisieren. der modernen Gesellschaft. Frankfurt a. M. 2003.
Systemtheorie als Evolutionstheorie 47

–: Gesellschaft der Gegenwarten. Studien zur Theorie der


modernen Gesellschaft II. Berlin 2011.
2. Systemtheorie als
Schimank, Uwe: Theorien gesellschaftlicher Differenzie- Evolutionstheorie
rung. Opladen 1996.
Schwinn, Thomas: Differenzierung ohne Gesellschaft. Um-
stellung eines soziologischen Konzepts. Weilerswist Wenn in der Soziologie der Evolutionsbegriff ver-
2001. wendet wird, ist zumeist von gesellschaftlicher Evo-
Tenbruck, Friedrich H.: »Gesellschaft und Gesellschaften: lution die Rede, also nur von der Evolution des
Gesellschaftstypen«. In: Alfred Bellebaum (Hg.): Die Gesellschaftssystems, nicht aber von Evolution als ei-
moderne Gesellschaft. Freiburg 1972, 54–71.
Tyrell, Hartmann: »Anfragen an die Theorie der gesell- nem grundlegenden Mechanismus sozialer Systeme.
schaftlichen Differenzierung«. In: Zeitschrift für Soziolo- Evolutionstheorie ist regelmäßiger Bestandteil mo-
gie 7. Jg., 2 (1978), 175–193. dernisierungstheoretischer Bemühungen, aber letzt-
–: »Zur Diversität der Differenzierungstheorie. Soziologie- lich wurde dieses Theoriestück nicht wirklich syste-
historische Anmerkungen«. In: Soziale Systeme 4. Jg., matisch verfolgt. Im Umkreis differenzierungstheo-
1 (1998), 119–149.
–: Soziale und gesellschaftliche Differenzierung. Aufsätze retischer Ansätze von Herbert Spencer, Émile Durk-
zur soziologischen Theorie. Wiesbaden 2008. heim über Talcott Parsons bis Jeffrey Alexander und
Richard Münch spielten evolutionstheoretische Mo-
Irmhild Saake
tive zwar sehr wohl eine Rolle, ging es hier doch stets
um die Frage der Variation und Selektion einer Neu-
formierung gesellschaftsinterner Grenzlinien, also
darum, wie sich gesellschaftliche Handlungseinhei-
ten zuschneiden, ordnen und zueinander verhalten.
Aber eine ausgearbeitete Theorie sozialer Evolution
lag hier nirgendwo vor.
Was Luhmanns Perspektive von diesen Angeboten
unterscheidet, ist nicht nur eine tiefenscharfe Ausar-
beitung einer evolutionstheoretischen Perspektive
auf soziale Systeme, sondern v. a. die systematische
Entkopplung von Evolutionstheorie und Gesell-
schaftstheorie. Die folgende, eher kursorische Annä-
herung an die luhmannsche Evolutionstheorie wird
sich auf die theorietechnische Bedeutung der Evolu-
tionstheorie beschränken und keineswegs Evoluti-
onsprozesse empirisch nachzeichnen. Am Ende wird
das Ergebnis stehen, dass eine operativ gebaute
Theorie gar nicht anders kann, als evolutionstheore-
tisch zu denken.

Evolution und Komplexität


Es geht in der Systemtheorie nicht nur um die Evolu-
tion von gesamten Gesellschaften, sondern, wie Luh-
mann schreibt, um die Analyse der »Paradoxie der
Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen« (GG,
413). Es ist letztlich das Problem der Komplexität,
das hier bearbeitet wird – komplex ist ein System
dann, wenn es mehrere Anschlüsse an ein konkretes
Ereignis geben kann. Empirisch liegen also stets Si-
tuationen strukturierter oder organisierter Komple-
xität vor, d. h. es werden nur wenige Möglichkeiten
realisiert. Gemäß seinem Paradigma ereignisbasier-
ter, also temporalisierter Systeme geht es Luhmann
48 Theoriestränge

nicht nur um Komplexität oder komplexe Zustände. nachträglichen Modifikationen gehen so lange wei-
Es geht also nicht um Resultate, aus denen zu dedu- ter, wie ein autopoietisches System operiert.
zieren wäre, was sonst noch möglich gewesen wäre. Die Auflösung des Zirkels der Reflexion stellt in
Luhmann ist es vielmehr darum zu tun, die »Mor- der Theorie autopoietischer Systeme von Substanz
phogenese von Komplexität« (GG, 415) in den Blick auf Zeit um. Sobald ein neues Ereignis auftritt, ge-
zu nehmen, also die sukzessive Selektion eines Sys- hört die Beobachtung, die durch gleichzeitige Zuge-
tems aus mehreren Möglichkeiten. hörigkeit und Nichtzugehörigkeit zum System eine
Temporalisierte Systeme sind nach Luhmann ›au- Paradoxie verursacht hat, nun eindeutig zum System.
topoietische‹ Systeme. Er versteht darunter Systeme, Doch auch dies kann nur eine neue Beobachtung se-
die sukzessiv auf eigene Zustände reagieren. Ganz hen, die damit eine neue Paradoxie produziert. In
ähnlich wie in Husserls Modell des durch Retentio- diesem Sinne bemerkt Luhmann: »Eine erste Unter-
nen und Protentionen auf die urimpressionale Ge- scheidung kann nur operativ eingeführt, nicht ihrer-
genwart fixierten Bewusstseins (vgl. Husserl 1966, seits beobachtet (unterschieden) werden. Alles Un-
23 ff.) konzipiert Luhmann soziale Systeme als ereig- terscheiden von Unterscheidungen setzt diese ja
nisbasierte Systeme, die mit ihrem eigenen Fort- voraus, kann nur nachher erfolgen, erfordert also
schreiten selektiv Möglichkeiten eingrenzen und sich Zeit bzw., in anderen Worten, ein in Operation be-
so durch Variation und Selektion stabilisieren oder findliches autopoietisches System. Und alle Rationa-
verändern können. Luhmann dockt damit die Evolu- lisierung ist deshalb Postrationalisierung« (WG, 80).
tionstheorie an die Grundfesten seiner Systemtheo- Man könnte also sagen, dass die Aufhebung der Pa-
rie an. Letztlich evoluiert ein System stets, wenn es radoxie der Selbstbezüglichkeit durch die Zeit nur
operiert. Lapidar schreibt Luhmann: »Evolution ist zeitweise erfolgen kann, nämlich von Ereignis zu Er-
immer und überall« (GG, 431). eignis.
Allein die Variation von Ereignissen kann einem
System noch keinen Halt geben, keine Gestalt. Erst
Evolutionstheorie und Systemtheorie Selektionen, die auf Dauer gestellt werden können,
führen zu Strukturen. Entscheidend ist aber, dass all
Luhmanns Systemtheorie ist per se Evolutionstheo- dies stets und immer nur je in einer Gegenwart erfol-
rie. Soziale Systeme bestehen aus Kommunikations- gen kann. Wenn es stimmt, dass sich Systeme letztlich
ereignissen, die letztlich durch nichts weiter festge- nur in ihren und durch ihre Ereignisgegenwarten re-
legt sind als durch ihr eigenes Operieren. Die produzieren, besteht der Funktionssinn von Evolu-
›Elemente‹ in der Theorie autopoietischer psy- tion keineswegs bloß darin, dass es weiter geht,
chischer und sozialer Systeme werden folgerichtig als sondern dass es strukturiert weiter geht. Evolution
›Ereignisse‹ geführt, also als temporalisierte Elemente, schränkt Möglichkeiten ein, indem sie Strukturen
die nur in Kurzzuständen das System je gegenwärtig hervorbringt. All dies verweist darauf, dass sich die
sind. Damit eine Beobachtung eines Systems von ei- Sukzession von Ereignissen, v. a. aber die Selektion
ner zweiten Beobachtung desselben (!) Systems be- von Strukturen nur evolutionstheoretisch erklären
obachtet werden kann, bedarf es demnach keiner lässt.
Systemsubstanz, keines Systemgrundes und keiner Das Eigentümliche an Luhmanns Theorie sozialer
invarianten Elementstruktur des Systems, sondern Systeme ist seine Umkehrung einer Denkrichtung,
nur der Unterscheidung von Vorher und Nachher, die in der Soziologie zumeist die Geschäftsgrundlage
d. h. der Zeit. Wenn ein System sich beobachtet, tritt darstellt. Der übliche Blick richtet sich auf das Ein-
die Paradoxie auf, dass die Beobachtung zum Beob- zelereignis, etwa eine Handlung, deren Selektivität
achteten gehört. Im Moment der Beobachtung selbst aus vorgängigen, also strukturellen Vorgaben ermit-
kann das Ereignis dies aber nicht sehen. Die Beob- telt wird. Jemand handelt so, weil in ihm oder in einer
achtung ist selbst nicht in der Lage, den eigenen Voll- bestimmten Situation diese und jene äußeren und
zug zu beobachten. Sie tut, was sie tut, und kann inneren Faktoren kulminieren. Gegen diese Den-
demnach nicht einmal sehen, dass sie nicht sehen kungsart ist nichts zu sagen – sie muss aber letztlich
kann, was sie nicht sehen kann. Sobald das System den operativen Charakter des Strukturaufbaus und
sieht, dass die Beobachtung, die das System beobach- der Strukturgenese außer Acht lassen. Sie muss gewis-
tet, zum System gehört, ist diese Beobachtung bereits sermaßen das als unabhängige Variable behandeln,
eine nachträgliche Modifikation durch eine neue Be- was Luhmann als abhängige Variable behandelt – ab-
obachtung, die sich selbst nicht sehen kann. Diese je hängig vom strukturbildenden Evolutionsprozess.
Systemtheorie als Evolutionstheorie 49

Evolutionstheoretisches Denken wundert sich nicht flecht von Interaktionen in einer Gesellschaft, in
über die Abweichung, sondern darüber, dass es trotz der eine ungeheure Variationsbreite von Möglich-
der Gegenwartsbasiertheit von Ereignissen gelingen keiten aufscheint, von denen aber nur ein Bruch-
kann, dass es zu Stabilität, Struktur und Erwartbar- teil einen Strukturwert enthalten. Man denke etwa
keit kommt. Anders formuliert: Evolutionstheore- an ein Unternehmen, in dem neben der erwartba-
tisch gedacht wundert man sich nicht über Variation, ren Kommunikation permanent Abweichungen
sondern über Selektion. und Überraschungen passieren – in Meetings und
im Flurfunk, im Aufzug und in der Kantine, in E-
Mails und bisweilen sogar bei ganz offiziellen An-
Evolutionäre Mechanismen und lässen. Würde all das, was hier an Varietät auf-
Errungenschaften taucht, Strukturwert bekommen, würde die Orga-
nisation implodieren, in sich hineinfallen, weil sie
Als grundlegende evolutionäre Mechanismen gelten keinerlei selektive Struktur mehr hätte. Nichts
›Variation‹ und ›Selektion‹. Anschließend an den wäre entscheidbar, weil alles möglich wäre. Es sind
amerikanischen Psychologen und Sozialwissen- also nur wenige Variationen, die es auf die Ebene
schaftler Donald T. Campbell (1965), einen der Be- der Selektion schaffen.
gründer der ›evolutionären Erkenntnistheorie‹, er- • Die Möglichkeit zur Selektion entsteht vor allem
weitert Luhmann die evolutionären Mechanismen durch Wiederholung. Taucht eine Abweichung
um eine dritte Kategorie, die ›Restabilisierung‹ näm- immer wieder auf, bekommt sie einen Struktur-
lich. Campbell war es vor allem darum zu tun, neben wert, kann sich bewähren und wird erwartbar –
der Variation und Selektion auch den Mechanismus alle anderen Variationen verschwinden durch Ver-
der (Re-)Integration des Neuen in ein System be- gessen, durch Nicht-Anschlussfähigkeit. Man
schreibbar zu machen. Ein erfolgreicher Evolutions- kann dies in Diskussionen beobachten, wenn es ei-
schritt ist letztlich erst dann geschehen, wenn das nem nicht gelingt, Themen zu platzieren. Man er-
Neue so auf Dauer gestellt werden kann, dass seine wähnt etwas, und niemand geht darauf ein. In der
Struktur gesichert bleibt, etwa durch Institutionen Kommunikation kann dies dann keinen Struktur-
oder andere Formen der Stabilisierung von Erwar- wert bekommen, weil es nicht verstärkt wird, weil
tungen. Luhmanns angedeutetes Beispiel in diesem es keine Anschlusskommunikation daran gibt.
Zusammenhang ist etwa die durch Variation erfolg- Was man aber aus Debatten kennt, ist, dass sich
reiche Entdeckung der Landwirtschaft und ihre Redefiguren oder sogar Argumente wiederholen
durch Selektion erwartbar gemachte Strukturierung. und dadurch etablieren. Es wird für immer mehr
Variation und Selektion bringen also nicht nur eine Sprecher attraktiv, diese Figur zu verwenden, und
neue Technik hervor, sondern etablieren auch Mög- man wird durch erfolgreiche Verwendung einer
lichkeiten, diese Techniken weiter anzuwenden und solchen Sentenz geradezu in das Geschehen hi-
etwa von anderen Tätigkeiten zu unterscheiden. neingezogen. So bekommen bestimmte Partikel
Etabliert werden kann Landwirtschaft in einer sol- durch Selektion einen Strukturwert, weil regis-
chen Gesellschaft aber erst dann, wenn die nun mög- triert werden kann, dass es nun in dieser, nicht in
liche Selektion ihrerseits erwartungsstabil gemacht jener Weise weiter geht. All das geschieht aber per-
werden kann – durch Änderung von Routinen, durch manent, und es bedarf eines hohen Energieauf-
Ausdifferenzierung von Rollen oder was auch immer wandes, um eine solche Figur oder ein bestimmtes
denkbar ist. Evolutionäre Schritte ändern also nicht Argument auf Betriebstemperatur zu halten und
nur die Erwartungsstrukturen, sondern müssen sich für Weiterverwendung bereit zu halten.
in einem dritten Schritt flankierend in ein dauerhaf- • Hier entsteht nun das Bezugsproblem für den drit-
tes Verhältnis zur Systemstruktur setzen – und diese ten Mechanismus, die Restabilisierung. In einer In-
damit sowohl ändern als auch kontinuieren. teraktion mag dieser Mechanismus selten vorkom-
Um Luhmanns Konzeption der evolutionären men, weil Interaktionen unter Anwesenden ohne-
Mechanismen zusammenzufassen (vgl. dazu GG, hin wenig dauerhafte Strukturen ausbilden. Aber
454): geht man noch einmal auf das Beispiel der un-
• Auf der Ebene der Variation kommt es zu Abwei- strukturierten, dann strukturierter werdenden
chungen, zu neuen Elementen, man kann sagen: Kommunikationen in einem Unternehmen ein, so
zu Überraschungen. Variationen finden perma- ist etwa daran zu denken, dass das wiederholte
nent statt. Man denke etwa an das vibrierende Ge- Auftauchen eines Themas in einem bestimmten
50 Theoriestränge

Typus von Meetings dazu führt, dies restabilisie- Perspektive zu bezweifeln, negiert regelrecht den Zu-
rend zu etablieren – etwa durch Ankündigung auf schnitt evolutionstheoretischen Denkens. Evoluti-
der Mustertagesordnung, durch Ausdifferenzie- onstheoretisches Denken beginnt ja gerade gegen
rung einer zuständigen Stelle oder was auch im- geschichtsphilosophische Modelle damit, das Evolu-
mer einer solchen Organisation als Reaktionsform tionsgeschehen als ein ungeplantes, gleichsam für
zur Verfügung stehen könnte. sich selbst blindes, gegenwartsbasiertes Geschehen
Die Beispiele sind absichtlich eher einfach, ja ge- zu beschreiben – als ein Geschehen, das nicht inten-
radezu banal gewählt. Sie sollen aber verdeutlichen, tional gebaut ist und weder auf die Intention des
dass die Systemtheorie bis in ihre Grundfesten evo- Schöpfers einer creatio continua noch auf Intentiona-
lutionstheoretisch konzipiert ist – was im Übrigen lität im variierenden und selektiven Geschehen zu-
auch evolutionstheoretische Motive entdramatisiert. rückgeht.
Wenn es stimmt, was Luhmann sagt, wenn Evolution Ohne Zweifel kommen Intentionen und Motive in
tatsächlich immer und überall ist, dann muss sich der soziokulturellen Evolution vor, aber nicht als Vo-
dies eben auch an solch einfachen Beispielen ver- raussetzung, sondern als Ergebnis und Effekt der
deutlichen lassen. Und dann ergibt sich daraus auch Evolution – sowohl in ihrer kommunizierten Gestalt
ein deutlicher Hinweis auf die Theorieästhetik der als auch im Sinne der Ko-Evolution von sozialen und
Systemtheorie. Sie ist radikal ereignistheoretisch ge- psychischen Systemen. Was und wie Akteure denken
baut, operativ. Und sie nimmt die kybernetische Fi- und warum sie handeln, wie sie handeln, ist eben
gur der dynamischen Stabilität tatsächlich ernst. nicht Motor der Evolution, sondern Teil des Gesche-
Zunächst aber zurück zu den evolutionären Me- hens selbst. Wer in die Evolutionstheorie soziokultu-
chanismen. Der dritte Mechanismus sorgt dafür, dass reller Prozesse Motive als Movens einbauen will«
›Selektionsgewinne‹ auf Dauer gestellt werden. Da- macht aus dem Explanandum ein Explanans.
runter versteht Luhmann »evolutionäre Errungen- Womöglich wird der Funktionssinn evolutions-
schaften« (GG, 506), die nicht kausal und nicht theoretischen Denkens erst dort wirklich einsichtig,
notwendig entstehen, sondern Ergebnis evolutionär wo es gelingt, die Alltagsverkürzung sozialer Prozesse
kontingenter Prozesse sind – dann aber von hohem auf die Intentionen von Akteuren komplexer zu be-
Strukturwert und langer Strukturdauer sein können. schreiben. Erst dann wird man sehen können, wie
Man denke etwa an die Ausdifferenzierung von selbstreferentiell sich soziale Anschlüsse vollziehen
Funktionssystemen, also die Etablierung von symbo- und wie sehr sie einer Dynamik unterliegen, die Un-
lisch generalisierten Kommunikationsmedien, deren wahrscheinliches weniger unwahrscheinlich macht –
Wegdifferenzierung voneinander eine der evolutio- das dürfte doch eine der Erfahrungen gegenwärtiger
nären Errungenschaften der modernen Gesellschaft Modernität sein, bis in literarische Subjektkonzep-
ist. tionen hinein, die eben nicht mehr von der klassi-
schen bürgerlichen Idee des (kulturprotestantischen)
widerspruchsfreien oder wenigstens seine Wider-
Evolution und Intentionalität sprüche in sich aufhebenden, linear beschreibbaren,
biographisch gesättigten Individuums zehrt. Wo-
Ein strittiges Thema in den Debatten um soziokultu- möglich werden solche Selbstbeschreibungen selbst
relle Evolution ist die Bedeutung von Akteuren und inzwischen von der eigenen Variations- und Selekti-
ihren Intentionen für die Evolution. So wird – etwa onsgeschichte überrascht.
von Michael Schmid (Schmid 2003, vgl. auch
Hodgson 1988) – vorgetragen, die Evolutionstheorie
müsse intentionale Handlungen voraussetzen, um Evolution und Planung
das evolutive Geschehen sozialer Systeme beschrei-
ben zu können. Letztlich wird hier Variation und Se- Als letzter Punkt sei noch kurz das Verhältnis von
lektion nicht im kommunikativen Geschehen selbst Evolution und Planung angesprochen. Letztlich ist
lokalisiert, sondern in den Intentionen von Akteu- Planung als Versuch der bewussten Konditionierung
ren. Man kann natürlich trefflich darüber streiten, ob von Zukunft das explizite Gegenprogramm zur Evo-
eine Sozialtheorie möglich ist, die Intentionalität, lution, deren Grundcharakteristikum ja darin gese-
Motive und Subjektivität in der zweiten Reihe ihrer hen wird, ungeplant zu verlaufen. Auch Planung ist
Begrifflichkeiten platziert (Nassehi 2007; Saake/Nas- Teil der Evolution – ebenso wie Intentionen oder
sehi 2007). Dies aber aus evolutionstheoretischer Entscheidungen oder sonstige Zeitschnitte, die im
Systemtheorie als Evolutionstheorie 51

sozialen Leben aussehen, als änderten sie die Welt. umso eher lassen sich Variations- und Selektionspro-
Gerade aus evolutionstheoretischer Perspektive lässt zesse mitbeobachten. Es ist fast wie bei biologischen
sich viel über Planung lernen: Auch Planung findet Populationen mit extrem kurzen Generationszyklen
wie alles in einer Gegenwart statt, löst also, evoluti- (etwa bei Viren): Evolution scheint in der modernen
onstheoretisch gesprochen, Variations- und Selekti- Gesellschaft geradezu eine beobachtbar gewordene
onsprobleme in einer Gegenwart. Luhmann schlägt Erscheinung geworden zu sein. Das kommt jeden-
deshalb explizit vor, man sollte »Planungen nicht pri- falls der Selbsterfahrung der Bewohner moderner
mär danach beurteilen, ob sie ihre Ziele erreichen« Gesellschaften entgegen. Alles, was geschieht, ge-
(OuE, 356). Was fast wie ein augenzwinkerndes Bon- schieht in Gegenwarten, und stets müssen diese Ge-
mot klingt, ist eher eine soziologisch-methodische genwarten sich an und in ihrer jeweiligen Praxis neu
Regieanweisung. Gemeint ist Folgendes: Den Funk- bewähren. Diese Gesellschaft verändert sich stets kri-
tionssinn von Gegenwarten, in denen Zukünfte kon- senhaft, sie muss ihre Struktur gewissermaßen im-
ditioniert werden – also: Entscheidungen, Absichts- provisieren und kommt dennoch zu Selbststabilisie-
erklärungen, Planung –, wird man nur in diesen rungen, letztlich in einem permanenten Evolutions-
Gegenwarten selbst auffinden können. Dafür gibt es prozess, der sich immer weniger auf evolutionären
empirische Evidenzen. Wer plant, muss die Planung Errungenschaften ausruhen kann. Diese Gesellschaft
selbst, also den Akt der Planung, die Herstellung von ist fundamental eine Gesellschaft der Gegenwarten
Konsens oder Gefolgschaft, die Ressourcen für den (Nassehi 2003, 159 ff.; 2006, 359 ff.; 2011).
Planungsakt etc. in einer Gegenwart bereitstellen
und sich darin bewähren. Selbst die Antizipation von
Zukünften kann sich nur in Gegenwarten bewähren. Literatur
Campbell, Donald T.: »Variation and Selective Retention in
Socio-Cultural Evolution«. In: Herbert Barringer u. a.
(Hg.): Social Change in Developing Areas. Cambridge
Fazit 1965, 19–49.
Hodgson, Geoffrey: Economics and Evolution. Bringing
Die Rekonstruktion evolutionstheoretischer Motive Life Back into Economics. Cambridge/Oxford 1988.
in Luhmanns Systemtheorie zeigt: Gemeinsam ist all Husserl, Edmund: Zur Phänomenologie des inneren Zeit-
den genannten Motiven die Konzentration auf Ge- bewußtseins (1893–1917). Husserliana X. Hg. von Ru-
genwarten. Darin liegt ein entscheidender Schlüssel dolf Boehm. Den Haag 1966.
für ein Verständnis der aktuellen gesellschaftlichen Nassehi, Armin: Geschlossenheit und Offenheit. Studien
zur Theorie der modernen Gesellschaft. Frankfurt a. M.
Moderne. Ihre Komplexität und ihre Schnelllebig- 2003.
keit, die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Logiken –: Der soziologische Diskurs der Moderne. Frankfurt a. M.
und Kontexte sowie der permanente Wechsel von 2006.
Perspektiven lassen Situationen dieser Gesellschaft –: »The Person as an Effect of Communication«. In: Sabine
immer gegenwärtiger werden. Was geschieht, muss Maasen/Barbara Sutter (Hg.): On Willing Selves. Neoli-
beral Politics vis-à-vis the Neuroscientific Challenge.
sich in Gegenwarten bewähren – die Illusion langfris- Hampshire 2007, 100–120.
tiger Wirkmächtigkeit sowie ausgedehnter Gegen- –: Gesellschaft der Gegenwarten. Studien zur Theorie der
warten scheint ausgeträumt zu sein. Die Selbsterfah- modernen Gesellschaft II. Berlin 2011.
rung dieser Gesellschaft besteht darin, dass die Saake, Irmhild/Nassehi, Armin: »Warum Systeme? Metho-
Gesellschaft für sich selbst nicht erreichbar ist und dische Überlegungen zu einer sachlich, sozial und zeit-
lich verfassten Wirklichkeit«. In: Soziale Welt 58. Jg.
dass sie letztlich in unterschiedliche gleichzeitige Ge-
(2007).
genwarten zerfällt. Wir haben uns daran gewöhnt, Schmid, Michael: »Evolution. Bemerkungen zu einer Theo-
dass Zukünfte kaum konditionierbar sind und Pla- rie von Niklas Luhmann«. In: Hans-Joachim Giegel/Uwe
nungshorizonte den evolutionären Regeln von Varia- Schimank (Hg.): Beobachter der Moderne. Beiträge zu
tion und Selektion unterliegen. Restabilisierungen Niklas Luhmanns ›Gesellschaft der Gesellschaft‹. Frank-
furt a. M. 2003, 117–153.
scheinen immer unwahrscheinlicher oder wenigs-
Armin Nassehi
tens kurzfristiger zu werden.
Evolutionstheoretisches Denken im Sinne einer
gegenwartsbasierten Variation von Elementen und
Selektion von Strukturen muss heute nicht mehr mit
epochalen Maßstäben arbeiten. Je schneller und ge-
genwartsfixierter die moderne Gesellschaft wird,
52 Theoriestränge

3. Systemtheorie als Ordnung regelt die Beziehungen unter den Personen;


und die Beziehungen unter den Personen sind bereits
Kommunikationstheorie eine Beziehung zur sozialen Ordnung. Nichttrivial
und nichttautologisch ist dies nur deshalb, weil beide
Drei Impulse Beziehungen die Möglichkeit enthalten, die jeweils
andere Beziehung abzulehnen.
In ihrer Fassung als Kommunikationstheorie ist die In der Ausarbeitung dieser drei Impulse ist die
Systemtheorie eine Theorie der Reproduktion von Kommunikationstheorie seither eine Theorie selek-
Sinn unter den Bedingungen der Teilnahme unab- tiver Kontrolle der Beziehung zwischen Individuen,
hängiger Lebewesen, der Absicherung in flüchtigen die die Möglichkeit haben, die jeweils gefundene
Ereignissen und des Bezugs auf ein mitlaufendes Ordnung abzulehnen. Die Systemtheorie ist eine
Nichtwissen. Das System ist Kommunikation, indem Kommunikationstheorie, wenn es ihr gelingt, die
jede seiner Operationen Systemzustände mitteilt, de- Spezifika verschiedener Systeme als Formen der se-
ren Reproduktion unwahrscheinlich ist. Und die lektiven Kontrolle unter Negationsvorbehalt zu be-
Kommunikation ist System, indem sich jede Mittei- stimmen und zu beschreiben.
lung auf vorherige und nachfolgende Mitteilungen War der Kommunikationsbegriff zunächst allge-
bezieht, deren Adressen, Momente und Inhalte aus- mein genug gehalten, um dieses Programm für Lebe-
wechselbar sind. wesen, Bewusstsein und Kultur gleichermaßen in
Mindestens drei Impulse waren dafür verantwort- Angriff zu nehmen (Ruesch/Bateson 1995), so grenzt
lich, dass sich die Systemtheorie immer auch als Niklas Luhmann den Begriff auf die Beschreibung
Kommunikationstheorie verstand. Der erste Impuls sozialer Systeme ein (SS). Der Begriff des sozialen
stammt aus der mathematischen Kommunikations- Systems kann in jüngerer Zeit auch die Kommunika-
theorie (Shannon/Weaver 1949). Diese Theorie hat, tion mit Computern und möglicherweise auch mit
angeregt durch die statistische Physik, einen Infor- anderen hinreichend komplexen Einheiten einschlie-
mationsbegriff formuliert, der eine Information als ßen, doch konzentrierte sich die Ausarbeitung der
Selektion einer Nachricht aus einer Menge möglicher Systemtheorie als Kommunikationstheorie auf eine
anderer Nachrichten definiert. Ausgehend von dieser Kommunikation, an der sich nur Menschen, ausge-
Definition kann ein Korrekturmechanismus be- stattet mit unabhängigen Körpern und Bewusstsein,
stimmt werden, der durch Rauschen verzerrte Nach- beteiligen können.
richten wiederherstellt, indem unwahrscheinliche
Nachrichten durch wahrscheinliche ersetzt werden.
Der zweite Impuls, mit dem ersten eng verwandt, Kommunikation sichert Redundanz
stammt aus der Kybernetik (Wiener 1948). Hier geht
es darum, Prozesse der Rückkopplung oder Kontrol- Eine Kommunikationstheorie erkennt man daran,
le zu beschreiben, in denen Wahrscheinlichkeitsver- dass sie keine Aussagen über die kommunizierten
teilungen möglicher Nachrichten errechnet und Gegenstände, etwa Symbole, Worte oder Nachrich-
laufend korrigiert werden. Die Selektion und Kor- ten, enthält (Foerster 1993, 269 ff.). Denn das hieße,
rektur der Nachrichten wird als Operation und Pro- dass man Kommunikation tautologisch mithilfe von
zess eines Beobachters verstanden, der mit der Kommunikabilia nachweist, das heißt Kommunika-
Festlegung und Veränderung von Weltzuständen tion dann für möglich hält, wenn es etwas zu kom-
durch Information identisch ist. munizieren gibt. Stattdessen fragt eine Kommunika-
Der dritte Impuls stammt aus einem Verständnis tionstheorie nach der unwahrscheinlichen Repro-
von Soziologie, das dieser zwei miteinander verbun- duktion von Kommunikabilia unter der doppelten
dene Problemstellungen attestiert (GS2, 195 ff.). Die Bedingung erstens ihrer Unterscheidung und Ver-
erste Problemstellung fragt nach der Möglichkeit von knüpfung und zweitens der selbst gewählten Abhän-
Beziehungen zwischen Personen mit je eigenem Be- gigkeit unabhängiger Teilnehmer an dieser Kommu-
wusstsein; und die zweite nach Beziehungen zwi- nikation. Sie handelt also nicht von der Bedeutung
schen einem Individuum und einer sozialen Ord- der Symbole, vom Sinn der Worte oder vom Inhalt
nung. Die Kommunikationstheorie beantwortet bei- der Nachrichten, sondern davon, wie diese Bedeu-
de Problemstellungen, indem sie jeweils eines der tung, dieser Sinn und dieser Inhalt entstehen, unter-
beiden Probleme als die Lösung des anderen be- schieden und erhalten werden, wenn Kommunikati-
schreibt (Serres 1991). Die Beziehung zur sozialen on dafür auf eigene Bestimmungsleistungen ange-
Systemtheorie als Kommunikationstheorie 53

wiesen ist und die Teilnehmer an der Kommunikati- Weaver 1949) wird für soziale Systeme durch die An-
on jeweils erst gewonnen werden müssen. nahme der endogen mitlaufenden Konstruktion pas-
Die Annahme der Unwahrscheinlichkeit der sender Kontexte jeder Selektion ersetzt (Baecker
Kommunikation ist deshalb zentral. Sie erlaubt es, 2002 u. 2005). Auch das statistische Wahrscheinlich-
Kommunikation nicht als Problem, sondern als Lö- keitskalkül von Redundanz und Varietät muss dann
sung eines Problems zu beschreiben und den theore- intern, als implizit mitlaufendes Errechnen mögli-
tischen und empirischen Aufwand darauf zu verwen- cher und unmöglicher Erwartungen und Erwar-
den, nach den Formen dieser Lösung zu fragen. tungserwartungen vollzogen werden (SS).
Die erste Bedingung der Unterscheidung und Ver- Kommunikation im System ist daher, auf den ein-
knüpfung der Kommunikabilia teilt die Kommuni- fachsten Nenner gebracht, redundante Produktion
kationstheorie mit der Sprachtheorie seit Ferdinand minimaler Überraschungen (TGS, 42 f.), nämlich
de Saussure: »dans la langue il n’y a que des diffé- Markierung einer Selektion aus einem damit bestä-
rences sans termes positifs« (Saussure 1972, 166). Die tigten und variierten Auswahlbereich möglicher an-
zweite Bedingung der selbst gewählten Abhängigkeit derer Selektionen. Diese Kommunikation ist nur im
unabhängiger Teilnehmer an dieser Kommunikation System möglich, da man andernfalls keine Ver-
bringt die Kommunikationstheorie in die Nachbar- gleichsmöglichkeiten der Selektionen untereinander
schaft der Soziologie, auch wenn es Letzterer schwer hätte. Und sie ist nur in einem komplexen System
fällt, einen Begriff der Kommunikation unter ihre möglich, da andernfalls der Auswahlbereich endlich
Grundbegriffe mit aufzunehmen. Nur der Sozialbe- wäre. Die Komplexität wird ebenfalls doppelt garan-
haviorismus George Herbert Meads unterhält einen tiert, nämlich zum einen durch die Vielfalt der Ele-
Kommunikationsbegriff, der an differentiellen und mente und Relationen des Systems, unter denen die
rekursiven Prozessen einer Symbolisierung interes- Selektionen die Wahl haben, und zum anderen durch
siert ist, die als emergentes Produkt der Interaktion die Differenz von System und Umwelt im Allgemei-
von Organismen verstanden wird, die ihrerseits ihre nen sowie durch die Differenz von Kommunikation
Identität erst aus dieser Symbolisierung gewinnen und Bewusstsein im Besonderen.
(Mead 1973, 81 ff. u. 177 ff.). Sucht man nach Theo- Der Beitrag der Kommunikation zum System ist
rien oder Philosophien, die von beiden Bedingungen unter diesen Bedingungen erstens die sachliche Aus-
handeln, wird man nur in Ludwig Wittgensteins Phi- differenzierung des Systems, das man an seinen Se-
losophie der Sprachspiele und in Harvey Sacks Un- lektionen im Unterschied zu den Selektionen anderer
tersuchungen zur Sequentialisierung von Konversa- Systeme erkennt, zweitens die zeitliche Reproduktion
tionen fündig, die beide Fragen der Reproduktion des Systems, das in jeder seiner Selektionen auf frü-
des Sinns und Fragen der Rekrutierung von Teilneh- here und spätere Selektionen zurückgreift und vo-
mern unterscheiden und parallel führen (Wittgen- rausgreift, und drittens die soziale Konstitution des
stein 1980; Sacks 1992). Systems, das laufend auf Perspektiven der beteiligten
Erst die Verbindung von Kommunikationstheorie Teilnehmer an der Kommunikation verweist, die sich
und Systemtheorie liefert mit den beiden Begriffen untereinander schon deshalb unterscheiden, weil die
der Redundanz und der Varietät weitere Schlüssel zu Unabhängigkeit dieser Teilnehmer gewahrt, gepflegt
einer Untersuchung von Prozessen der Kommunika- und gesteigert werden muss, wenn die Ausdifferen-
tion, die beides zugleich sind: Prozesse der Sicherstel- zierung und die Reproduktion strukturell gesichert
lung und Erhöhung von Redundanz und Prozesse werden sollen. Die Systemtheorie vertritt einen nor-
der Suche nach und Integration von Varietät (Bate- mativen bias zugunsten von Differenz, Vielfalt und
son 1972, 405 ff.). Der Begriff des Systems bringt die- Rückkopplung.
se beiden Prozesse zusammen, indem jede Kommu-
nikation als eine Selektion verstanden wird, die
auswählt, was sie auswählt, und dafür Anhaltspunkte Die Sozialdimension des Sinns
unter den vorherigen und nachfolgenden Selektio-
nen benötigt. Außerdem wird jede dieser Selektionen Die Theorie sozialer Systeme in den soziologischen
als eine Selektion in einem komplexen System begrif- Fassungen von Talcott Parsons und Niklas Luhmann
fen, in dem mehr Möglichkeiten der Selektion mit- rückt die soziale Konstitution des Systems in das
laufen als je aktuell realisiert werden können. Die für Zentrum der Aufmerksamkeit (Parsons 1951; SS). Es
technische Systeme gültige Annahme der exogen de- gibt zwar keine grundsätzliche Priorität oder Domi-
finierten Anzahl möglicher Selektionen (Shannon/ nanz der Sozialdimension des Sinns gegenüber den
54 Theoriestränge

Sach- und Zeitdimensionen, doch wird die Sozial- genz bezieht daraus seine Brisanz, dass es sowohl sys-
dimension als eine Art Engpassfaktor verstanden, temtheoretisch als auch kommunikationstheoretisch
der vorsteuert, welche Sach- und Zeithorizonte einer formuliert ist. Es ist ein Problem der Kommunikati-
Gesellschaft sowohl erreichbar als auch zur Ord- on, insofern es aus der Unabhängigkeit der Beteilig-
nung der eigenen Komplexität erforderlich sind. Das ten und der Wechselseitigkeit der Zuschreibung der
ist eine der wissenssoziologischen und konstrukti- Möglichkeit der Wahl entsteht. Und es ist ein Pro-
vistischen Ausgangsentscheidungen der Theorie so- blem des Systems, da es nur innerhalb der Geschichte
zialer Systeme (vgl. auch Berger/Luckmann 1970). der Selektionen des Systems sowohl entsteht als auch
Dinge und Ereignisse sind Formen im Medium des gelöst werden kann. Erst Letzteres zwingt zu einer
Sozialen (Heider 1926/2005). Sie bewähren sich als umständlichen, weil umgangssprachlich nicht ge-
Konstrukte einer Kommunikation, die ihrerseits Sys- wohnten Formulierung des Problems aus der sozio-
tem ist. logischen Sicht auf das soziale System und nicht aus
Dieses Interesse an der Sozialdimension des Sinns der psychologischen Sicht auf die beteiligten Perso-
dokumentiert sich in einer Reihe von Theoremen, nen und ihre Motive, Absichten und Interessen. Mo-
die die Ausarbeitung der Systemtheorie als Kommu- tive, Absichten und Interessen ebenso wie die
nikationstheorie anleiten. Das erste und wichtigste Personen sind vielmehr aus der soziologischen Per-
dieser Theoreme ist das Theorem vom Problem der spektive bereits Konstruktionen eines sozialen Sys-
doppelten Kontingenz, das von der Kommunikation tems. Sie entstehen im Zuge einer Lösung des
gelöst werden muss, wenn es zur Ausdifferenzierung Problems der doppelten Kontingenz, die als diese Lö-
und Reproduktion eines Systems kommen soll. Das sung eine Kommunikation ermöglicht, die ihrerseits
Problem der doppelten Kontingenz besteht in der die Voraussetzung für die Entstehung des Problems
Möglichkeit einer Blockade der Kommunikation ist. Begrifflichkeit wie Wirklichkeit der Theorie so-
durch ihre wichtigste Eigenschaft, die Freiheit bezie- zialer Systeme sind in jedem ihrer Züge zirkulär. Das
hungsweise Kontingenz der Wahl der Anschlussse- Problem der doppelten Kontingenz wird als Kataly-
lektion (Parsons u. a. 1951; SS, 148 ff.). Solange alle sator der Emergenz eines sozialen Systems verstan-
Teilnehmer an einer Kommunikation darauf warten, den, das dieses Problem nicht etwa ein für alle Mal
dass ihr Gegenüber die Möglichkeit der Wahl wahr- löst, sondern seinen eigenen reproduktiven Umgang
nimmt und sich festlegt, passiert nichts. Dies ist mit ihm und einer bestimmten Menge an möglichen
möglicherweise auch eine psychologische, vor allem Lösungen pflegt.
jedoch eine soziologische Problemstellung. Das für Nur weniges individualisiert ein soziales System
die Konstitution des sozialen Systems entscheidende mehr als diese Pfadabhängigkeit von einmal gefun-
Problem besteht nicht darin, dass sich die Teilnehmer denen Lösungen des Problems der doppelten Kon-
an der Kommunikation aus Mangel an Instinkt oder tingenz. Deshalb ist dieses Theorem einer der
Reflexion nicht entscheiden können. Sondern es be- bewährten Einstiege in die empirische Analyse eines
steht darin, dass die Kommunikation eine Situation konkreten Systems.
erzeugt, in der alle Beteiligten entdecken, dass sie sich Ein zweites Theorem einer als Kommunikations-
nur festlegen können, wenn andere sich bereits fest- theorie verstandenen Systemtheorie ist das Theorem
gelegt haben. In dieser Situation, in der man kom- von der Ausdifferenzierung eines sozialen Systems
muniziert, ohne zu kommunizieren (denn: »Man im Medium des Sinns. Laut Luhmann haben soziale
kann nicht nicht kommunizieren«, so Watzlawick/ Systeme diese Ausdifferenzierung im Medium des
Beavin/Jackson 1969, 53), hilft nur die Intervention Sinns zwar mit Bewusstseinssystemen gemeinsam
einer Norm oder eines Zufalls. Parsons nahm an, dass (SS, 346 ff. und Luhmann 1985), doch ist für den So-
die Kommunikation in solchen Situationen auf kon- ziologen mit Ausnahme des Sinns seines je individu-
ventionalisierte Orientierungen ausweicht, die nor- ellen eigenen Bewusstseins nur der Sinn eines
mativ festhalten, welches Verhalten belohnt oder sozialen Systems im Medium der Beobachtung von
bestraft wird, während Luhmann sich auf die Exis- Beobachtern (= Kommunikation) zugänglich und
tenz solcher Normen nicht verlassen will und statt- beschreibbar. Wir beschränken uns hier auf die Be-
dessen beobachtet, dass ein Zufall genügt, um einen schreibung sozialen Sinns, halten jedoch fest, dass so-
der Beteiligten zu einer Geste zu veranlassen, die der zialer Sinn elementar dadurch gekennzeichnet ist,
andere als Festlegung interpretiert, an die ein An- dass in ihm eine Reflexion auf seine differentielle Be-
schluss riskiert werden kann (SS, 149 f.). arbeitung durch ein individuelles Bewusstsein im-
Das Theorem des Problems der doppelten Kontin- mer mitläuft. Sozialer Sinn ist Sinn, der von einem
Systemtheorie als Kommunikationstheorie 55

Individuum dank dessen Bewusstsein anders ver- (Bateson 1972, 459). Eine Mitteilung ist eine »Erre-
standen wird. gung« innerhalb des Systems, die den Zustand des
Sinn wird von Luhmann als Verweisungsmedium Systems ändert (SS, 194). Und das Verstehen ermög-
verstanden und beschrieben (TGS, 25 ff. und SS, licht die Kommunikation »von hinten her«, indem es
92 ff.). Sinn verdoppelt die Welt, indem er Dinge, Er- anhand der Unterscheidung von Information und
eignisse und Perspektiven zu markieren erlaubt, die Mitteilung Bezeichnungen und Erregungen sortiert,
untereinander und mit anderen Dingen, Ereignissen zuordnet und als sinnhaft bestätigt (SS, 198). Kom-
und Perspektiven in einer Beziehung stehen, die sich munikation ist Synthese dieser drei Selektionen, das
jedoch jeweils nicht von selbst ergibt, sondern ge- heißt nur als emergentes Phänomen möglich. Keine
wählt werden muss. Sie wird in und von einem Sys- Bezeichnung, keine Erregung und kein Verstehen be-
tem gewählt, das genau dann kommuniziert, wenn es gründet für sich bereits Kommunikation. Deutlicher
dies tut, und das jede seiner Kommunikationen als kann man nicht sagen, dass Kommunikation ein ver-
Selektion in einem Raum von Alternativen kommu- teiltes Phänomen und insofern System ist. Sie ist im-
niziert, der mitkommuniziert wird. Sinn ist daher mer zugleich sachliche Ausdifferenzierung, zeitliche
endogen unruhig. Jede seiner Selektionen muss sich Reproduktion und soziale Konstitution, die sich in
laufend im Vergleich mit Alternativen bewähren, de- jeder Kommunikation als Trinität von Information,
ren Attraktivität und Ablehnung ihrerseits gesellig, Mitteilung und Verstehen wiederholen.
moralisch, religiös, politisch, wirtschaftlich, pädago- Dieses dritte Theorem verknüpft die Kommuni-
gisch, wissenschaftlich oder ästhetisch motiviert sein kationstheorie der Systemtheorie mit der sozialpsy-
mag, insofern es diesen Sach-, Zeit- und Sozialmoti- chologischen Attributionsforschung, insofern diese
ven der Kommunikation gelungen ist, sich als Ver- die Bedingungen untersucht, unter denen Kommu-
gleichskriterien zu etablieren. nikationen dazu neigen, entweder personale oder si-
Luhmann schlägt die Leitunterscheidung Aktuali- tuative Zurechnungen zu wählen, das heißt in einer
tät/Potentialität für dieses Sinnmedium vor, um da- Anschlusskommunikation entweder die Mitteilung
rauf hinzuweisen, dass Kommunikation im Medium oder die Information, die »Beziehung« oder den »In-
Sinn nur möglich ist, wenn mindestens das, was je halt« (Watzlawick/Beavin/Jackson 1969), als Bezugs-
aktuell der Fall ist, von dem unterschieden wird, was punkt zu wählen (Heider 1958). Auch damit können
möglich, aber nicht wirklich ist (Whitehead 1979). beide Aspekte, die uns hier interessieren, unterstri-
Beides, das Aktuelle und das Potentielle, gibt es je- chen werden, der kommunikative Aspekt einer in je-
weils positiv, negativ und imaginär, das heißt im Zu- dem Moment gegebenen Wahlfreiheit des Anschlus-
stand der Annahme, im Zustand der Ablehnung und ses und der systemische Aspekt der Eingeschränkt-
im Zustand der Unbestimmtheit (genauer: der Un- heit der Entscheidung in Abhängigkeit von früheren
entschiedenheit und damit Offenheit für noch un- und späteren Entscheidungen. Man ist zwar frei in
bestimmte Bestimmungen). Hieraus ergeben sich der Wahl der Zurechnung, muss aber entweder per-
Ansatzpunkte für eine Modalisierung der Kommuni- sonal oder situativ zurechnen. Ausweichen kann man
kation, die vermutlich nur durch eine mehrwertige allenfalls in die Emotion und in die Poesie und dort
Logik abgebildet werden kann (Peirce 1868; Günther Verwechslungen von Personen und Situationen pfle-
1976; Deleuze 1993). Innerhalb dieses Verweisungs- gen (Baecker 2004).
reichtums von Sinn bewähren sich Paradoxien in ih- Nicht zuletzt könnte man aus diesem dritten
rer doppelten Funktion als Attraktoren von Auf- Theorem so etwas wie die Unschärferelation der Sys-
merksamkeit und als Aufforderung zu kreativem temtheorie ableiten, nach der es einem Beobachter
Entscheiden (PdF). Sie markieren die Bruchstellen, entweder möglich ist, die Person oder die Situation
an denen die Kommunikation unmöglich, also not- zu bestimmen, aber nie beides zugleich. Denn sobald
wendig wird, weil das System an diesen Stellen nicht die Person bestimmt ist, ist die Situation offen, weil
weiterkommt. die Person durch ihre Wahlfreiheit bestimmt ist. Und
Das dritte Theorem der Systemtheorie als Kom- sobald die Situation bestimmt ist, ist die Person un-
munikationstheorie, das hier zu nennen ist, ist das bestimmt, weil ihre Wahlfreiheit nicht mehr gegeben
Theorem von der Synthese der Kommunikation aus ist.
den drei Selektionen Information, Mitteilung und Drei weitere Theoreme seien hier nur der Voll-
Verstehen (SS, 191 ff. u. SA6, 113 ff.). Eine Informa- ständigkeit halber genannt. Das Theorem der Unter-
tion ist eine Bezeichnung von etwas im Kontext von scheidung von Interaktion, Organisation und Gesell-
etwas anderem, »a difference that makes a difference« schaft formuliert die Systemtheorie als Theorie der
56 Theoriestränge

Kommunikation jeweils unter Anwesenden, unter Schon deshalb ist die begriffliche Rekonstruktion
Mitgliedern und unter Abwesenden (GG, 813 ff. und der Systemtheorie als Kommunikationstheorie und
826 ff.). Das Theorem der Unterscheidung von The- umgekehrt der Kommunikationstheorie als System-
men und Funktionen formuliert die Systemtheorie theorie hilfreich. Sie stellt uns die Begriffe bereit, mit
als eine Theorie der Kommunikation entweder von deren Hilfe wir eine möglicherweise weitreichende
Beiträgen zu Themen oder der Lösung von Proble- Umstellung der Strukturen der Gesellschaft von der
men (GG, 77 f.), um im Anschluss daran entweder modernen auf die nächste Gesellschaft beobachten
statistische oder funktionale Analyse zu betreiben. können. Die Einsicht, dass eine Kommunikation im-
Und das Theorem der Kommunikation im Medium mer und grundsätzlich unter Negationsvorbehalt
von Verbreitungs-, Erfolgs- und Massenmedien for- steht, informiert uns vorab über mögliche neue Teil-
muliert die Systemtheorie als eine Theorie der Kom- nehmer und über unseren eigenen Spielraum.
munikation, die ihre Formen aus dem dauernden
Zerfall dieser Formen gewinnt (GG, 190 ff.).
Literatur
Baecker, Dirk: »Kommunikation im Medium der Informa-
Abschied vom Privileg des Menschen tion«. In: Ders.: Wozu Systeme? Berlin 2002, 111–125.
–: »Wozu Gefühle?« In: Soziale Systeme 10. Jg. (2004), 5–20.
Es ist nicht ohne Ironie, dass die Theorie sozialer Sys- –: Form und Formen der Kommunikation. Frankfurt a. M.
2005.
teme in ihrem Selbstverständnis als Kommunikati- Bateson, Gregory: Steps to an Ecology of Mind [1972]. Chi-
onstheorie eine Nähe zum Menschen und seinem cago, MI 2000.
Bewusstsein als notwendig mitlaufender Umweltbe- Berger, Peter L./Luckmann, Thomas: Die gesellschaftliche
dingung des sozialen Systems gesucht und gepflegt Konstruktion der Wirklichkeit: Eine Theorie der Wis-
hat (GG, 103), die sie jetzt aufgeben muss, weil die senssoziologie. Frankfurt a. M. 1970 (engl. 1966).
Deleuze, Gilles: Logik des Sinns. Frankfurt a. M. 1993 (frz.
Präzision, mit der es ihr gelungen ist, das System als 1969).
Kommunikation zu beschreiben, darauf aufmerk- Foerster, Heinz von: Wissen und Gewissen: Versuch einer
sam macht, dass andere komplexe Einheiten in der Brücke. Hg. von Siegfried J. Schmidt. Frankfurt a. M.
Umwelt eines sozialen Systems möglicherweise eben- 1993.
falls die Voraussetzungen bieten, sich an Kommuni- Günther, Gotthard: »Cybernetic Ontology and Trans-
junctional Operations«. In: Ders.: Beiträge zur Grundle-
kation zu beteiligen.
gung einer operationsfähigen Dialektik. Bd. 1. Hamburg
Die entsprechende Forschung läuft unter dem Be- 1976, 249–328.
griff der strukturellen Kopplung und betont, dass die Heider, Fritz: Ding und Medium [1926]. Berlin 2005.
sachliche Ausdifferenzierung, zeitliche Reproduktion –: The Psychology of Interpersonal Relations. London
und soziale Konstitution von Kommunikation immer 1958.
Latour, Bruno: Wir sind nie modern gewesen: Versuch einer
dann möglich ist, wenn die Strukturen der Kommu-
symmetrischen Anthropologie. Frankfurt a. M. 1998
nikation Verweise auf unabhängige Einheiten mit der (frz. 1994).
Fähigkeit zu eigenen Wahrnehmungen und einem ei- Luhmann, Niklas: »Sinn als Grundbegriff der Soziologie«.
genen Gedächtnis enthalten. Das gilt gegenwärtig nur In: TGS, 25–100.
für Menschen, galt aber vor der modernen Gesell- –: »Wie ist soziale Ordnung möglich?« In: GS2, 195–285.
schaft auch für Geister, Götter und Tiere und könnte –: »Die Autopoiesis des Bewußtseins«. In: Soziale Welt
36. Jg. (1985), 402–446.
nach der modernen Gesellschaft für »Hybride« (La- –: »Was ist Kommunikation?« In: SA6, 113–124.
tour 1998) und für Computer gelten (GG, 117 f.). Mead, George Herbert: Geist, Identität und Gesellschaft aus
Nicht die Frage, ob Computer über ein Bewusst- der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt a. M. 1973
sein verfügen, empfiehlt Luhmann daher im Auge zu (engl. 1934).
behalten, sondern die Frage, ob sie sich an Kommu- Parsons, Talcott: The Social System. New York 1951.
– u. a.: »Some Fundamental Categories of the Theory of
nikation beteiligen können (OuE, 376 f.). Denn nicht Action: A General Statement«. In: Talcott Parsons/Ed-
auszuschließen ist, dass eine strukturelle Kopplung ward A. Shils (Hg.): Toward a General Theory of Action.
der Kommunikation an Computer zur Ausbildung Cambridge, MA 1951, 3–29.
von Strukturen der Kommunikation führt, die wir Peirce, Charles Sanders: »On a New List of Categories«. In:
Menschen schon deshalb nicht wiedererkennen, weil Proceedings of the American Academy of Arts and Sci-
ences 7. Jg. (1868), 287–298.
ihr Tempo und ihr Verweisungsreichtum uns über- Ruesch, Jürgen/Bateson, Gregory: Kommunikation: Die so-
fordern. Das mag für Interaktion, Organisation und ziale Matrix der Psychiatrie. Heidelberg 1995 (engl.
Gesellschaft je unterschiedlich gelten. 1951).
Systemtheorie als Medientheorie 57

Sacks, Harvey: Lectures on Conversation. Hg. von Gail Jef-


ferson, eingel. von Emmanuel A. Schegloff. Oxford 1992.
4. Systemtheorie als Medien-
Saussure, Ferdinand de: Cours de linguistique générale. Hg. theorie
von Charles Bally/Albert Sechehaye, kritisch ediert von
Tullio de Mauro. Paris 1972.
Serres, Michel: »Die Kommunikation der Substanzen, more »Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt,
mathematico bewiesen«. In: Ders.: Hermes I: Kommuni- in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Mas-
kation. Berlin 1991, 215–229 (frz. 1966). senmedien« (RdM, 9) – dieser Einleitungssatz aus
Shannon, Claude E./Weaver, Warren: The Mathematical Die Realität der Massenmedien ist gleichzeitig einer
Theory of Communication. Urbana, IL 1949.
Watzlawick, Paul/Beavin, Janet H./Jackson, Don D.: der erfolgreichsten und einer der problematischsten
Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Pa- Sätze Niklas Luhmanns. Erfolgreich, weil es sich da-
radoxien. Bern 1969 (engl. 1967). bei um einen bis in die nicht-akademische Öffent-
Whitehead, Alfred North: Process and Reality: An Essay in lichkeit vorgedrungenen Satz handelt; problema-
Cosmology. Hg. von David Ray Griffin/Donald W. Sher- tisch, weil er sich so gut dazu eignet, simplifiziert zu
burne. New York 1979.
Wiener, Norbert: Cybernetics, or Control and Communi- werden. Dass sich gerade ein Soziologe, der noch
cation in the Animal and the Machine [1948]. Cam- nicht einmal ein privates Fernsehgerät besaß, am
bridge, MA 21961. Ende seines Werkes ausgerechnet den modernen
Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. In: Massenmedien zuwendet, ist ein viel geäußerter Vor-
Ders.: Schriften 1. Frankfurt a. M. 41980, 269–544. wurf. Dem kann man nur entgegnen, dass dieser Satz
Dirk Baecker am Ende eines soziologischen Vorhabens steht, das
von Beginn an darauf hingewiesen hat, dass man
über die Gesellschaft nichts erfährt, wenn man nicht
auch die Medienanordnungen im Blick hat, die Ge-
sellschaft organisieren.
Bevor man also damit beginnt, die Systemtheorie
als Medientheorie zu rekonstruieren, ist es notwen-
dig, darauf hinzuweisen, dass sich die Systemtheorie
überhaupt als Medientheorie rekonstruieren lässt.
Das ist bereits eine entscheidende Information. Denn
innerhalb der Soziologie ist Luhmann zweifelsohne
derjenige Theoretiker, der am konsequentesten die
Ausarbeitung einer soziologischen Medientheorie
vorangetrieben hat.
Zwar hat sich die Soziologie als akademisches Fach
bereits seit ihren Anfängen mit Medien als Untersu-
chungsgegenständen beschäftigt, so etwa mit dem
Geld (Simmel 1989), dem Pressewesen (Habermas
1990, 275–292), dem Fernsehen (Adorno 1963) oder
der Fotografie (Bourdieu u. a. 2006), aber das alleine
kennzeichnet noch kein medientheoretisches Vorha-
ben. Medientheorien leisten mehr, sie setzen funda-
mentaler am Begriff des Mediums an. In der
Systemtheorie stößt man daher nicht nur auf der
Ebene der Untersuchungsgegenstände auf Medien,
sondern auch auf der Ebene der Theorie selbst.
Dieser Beitrag unternimmt den Versuch, inner-
halb der luhmannschen Theoriearchitektur einen
medientheoretischen ›Erzählstrang‹ herauszuarbei-
ten. Wiewohl es sich dabei um die vielleicht »diffu-
seste und inkonsistenteste Stelle innerhalb der
ganzen Theorie« (Esposito 2006, 55) handelt, eignet
sie sich gerade dazu, deutlich zu machen, dass das,
was unter dem Label ›Systemtheorie‹ firmiert, kei-
58 Theoriestränge

neswegs ein monolithischer Theorieblock ist, son- breitungsmedien‹ versteht Luhmann Schrift, aber
dern ganz unterschiedliche Theoriemotive versam- auch Buchdruck, Massenmedien und elektronische
melt (Medientheorie, Kommunikationstheorie, Dif- Medien, die es ermöglichen, die räumlich-zeitliche
ferenzierungstheorie, Evolutionstheorie, Gesell- Distanz zwischen Mitteilung und Verstehen zu ver-
schaftstheorie). Gerade an der Medientheorie kann größern. Verbreitungsmedien lösen die Kommuni-
man studieren, wie elegant diese verschiedenen Er- kation aus dem Rahmen unmittelbarer Anwesenheit,
zählstränge miteinander verwoben sind. steigern die Anzahl an Empfängern und tendieren
dazu, die Geschwindigkeit immer stärker zu erhö-
hen.
Medientheorie / Kommunikationstheorie Bereits hieran wird deutlich, dass Luhmanns
Kommunikationstheorie ohne Anbindung an den
Die Frage nach den Medien taucht bei Luhmann zu- Medienbegriff nicht zu haben ist. Auch sollte deut-
nächst im Rahmen der Ausarbeitung einer system- lich geworden sein, dass für Luhmann Kommunika-
theoretischen Kommunikationstheorie auf. Luh- tion und Sprache nicht einfach zusammenfallen (vgl.
mann stellt, wie Jürgen Habermas zur selben Zeit Luhmann 1987). Als Medium reagiert die Sprache
auch, vom Begriff der Handlung auf den Begriff der ebenso wie die Schrift oder das Telefon auf dasselbe
Kommunikation als Grundbegriff seiner Soziologie Bezugsproblem: die Unwahrscheinlichkeit von Kom-
um. Anders als Habermas aber will er den »Einbau munikation. Für eine normative oder theoretische
von Rationalitätsprätentionen« (GG, 200) in den Be- Privilegierung der Sprache sieht Luhmann daher
griff der Kommunikation strikt vermeiden. Zwar ist auch keinen Anlass.
Kommunikation für Luhmann die basale soziale Von vornherein ist Luhmanns Konzept von Kom-
Operationsweise, das heißt aber nicht, dass sich in ihr munikation gegen ein Übertragungsmodell der
auch eine emphatische Idee von Verständigung reali- Kommunikation gerichtet (vgl. SS, 193), es interes-
sieren muss. Luhmann fragt vielmehr danach, wie es siert sich für Kommunikation nicht auf der Ebene
überhaupt zu Kommunikation kommt. Denn sein von Bedeutungen, sondern auf der Ebene ihrer Ope-
theoretischer Ausgangspunkt ist es, Kommunikation rativität. Mit fast allen medientheoretischen Ansät-
zunächst für unwahrscheinlich zu halten (vgl. SA3, zen teilt seine Kommunikationstheorie daher auch
29–40). Genau an dieser Stelle kommen Medien ins einen dezidiert hermeneutikkritischen Impuls (vgl.
Spiel. Für Luhmann sind sie diejenigen evolutionä- Krämer 1998, 569; ähnlich auch Baecker 2008, 135).
ren Errungenschaften, die das Problem der Unwahr- Es geht ihm nicht um die kommunikative Übermitt-
scheinlichkeit von Kommunikation bearbeiten und lung von Bedeutung, sondern vielmehr um deren
denen es gelingt, »Unwahrscheinliches in Wahr- kommunikative Herstellung. Dass Medien dabei
scheinliches zu transformieren« (SS, 220). nicht einfach nur neutrale Mittler von Informatio-
Die erste Unwahrscheinlichkeit betrifft das Verste- nen sind, sondern in ihrer Medialität Effekte – vor al-
hen der Kommunikation: Zunächst einmal ist es un- lem auch soziale Effekte – haben, hat in der
wahrscheinlich, dass A versteht, was B meint. Soziologie niemand so deutlich herausgestellt wie
›Verstehen‹ wird hier nicht in einem starken, herme- Luhmann: »Medien […] veränder[n] auch die Art
neutischen Sinn, sondern in einem ganz praktischen und Weise der Kommunikation selbst« (SS, 223). Er
Sinn gebraucht. Es meint nichts anderes als das Wei- führt aus, dass durch Schrift zwar die Verbreitung
ter-Operieren, was auch Missverstehen, Rückfragen von Kommunikation gewährleistet wird, dass Schrift
und Widerspruch einschließen kann. Dasjenige Me- aber in ihrer medialen Struktur (nicht also das Ge-
dium, das die Wahrscheinlichkeit des Verstehens er- schriebene selbst) gleichzeitig auch das Risiko von
höht, ist die Sprache. Ihr gelingt es, Wahrnehmungen Nein-Stellungnahmen erhöht. Wird Kommunikati-
zu generalisieren und so erwartungsstabil für Kom- on vermehrt aus interaktiven Zusammenhängen he-
munikationen zur Verfügung zu stellen. rausgelöst, nimmt zwar die Fähigkeit zur Abstrakti-
Die zweite Unwahrscheinlichkeit bezieht sich auf on zu, aber gleichzeitig auch die Möglichkeit von
das Erreichen der Kommunikation: Dass Kommuni- Kritik, Dissens und Ablehnung, die in Interaktionen
kation nicht nur anwesende Personen erreicht, son- noch durch körperliche Anwesenheit aufgefangen
dern auch unmittelbar Abwesende, ist zunächst werden konnte (SA2, 216).
höchst unwahrscheinlich. Es ist das Verdienst von Aus diesem Grund weist Luhmann noch auf eine
Verbreitungsmedien, den Resonanzraum von Kom- dritte Unwahrscheinlichkeit hin: die Unwahrschein-
munikation immer weiter auszudehnen. Unter ›Ver- lichkeit des Erfolgs von Kommunikation. Warum
Systemtheorie als Medientheorie 59

sollte ein Kommunikationsangebot überhaupt ange- tionen ausstatten (vgl. GG, 203) und somit auf ein
nommen werden? Warum werden die meisten Kom- Ordnungsproblem reagieren, das in vormodernen
munikationen nicht einfach abgelehnt? Luhmanns Gesellschaften durch den Rückgriff auf normative
Antwort darauf lautet ganz einfach: weil es bestimm- Bedingungen, auf Autorität oder Schichtung gelöst
te Medien gibt, die den Erfolg von Kommunikatio- war. In der modernen, funktional differenzierten Ge-
nen wahrscheinlich machen. Solche ›Erfolgsmedien‹ sellschaft wird dieses Problem durch symbolisch ge-
nennt Luhmann auch symbolisch generalisierte neralisierte Kommunikationsmedien gelöst. Macht,
Kommunikationsmedien (vgl. GG, 316–396; SA2, Geld, Recht oder Liebe gelingt es (zwar je auf unter-
212–240), wie etwa Geld innerhalb der Wirtschaft, schiedliche Art und Weise, aber doch vergleichbar),
Macht innerhalb der Politik, Wahrheit innerhalb der soziale Situationen zu konditionieren und Motiva-
Wissenschaft, Liebe innerhalb von Intimbeziehun- tionen zu motivieren. Luhmann hat betont, dass die
gen oder Kunst innerhalb des Kunstsystems. Das Me- Mehrzahl an Kommunikationen in der modernen
dium ›Geld‹ ist sicherlich das anschaulichste Beispiel, Gesellschaft durch symbolisch generalisierte Kom-
um diesen Gedanken zu illustrieren. Wer in ein Kauf- munikationsmedien vermittelt ist. Diese sind des-
haus geht, bekommt etwas, nur weil er dafür zahlt. halb so erfolgreich, weil sie es ermöglichen, in einer
Mehr ist nicht notwendig, keine Sympathie, keine gegebenen Situation von fast allem anderen abzuse-
Überzeugungskraft, keine habituelle Nähe zu dem hen. Insofern sind sie zugleich symbolisch, weil sie
Verkäufer und auch keine Gewalt. Aus einer Situati- auf Sozialität abzielen, und diabolisch, weil sie per-
on, in der vieles möglich und denkbar wäre, wird eine manent neue Differenzen erzeugen (vgl. GG, 320).
Situation mit prinzipiell nur zwei Möglichkeiten: die Im Medium des Geldes geht es eben nicht um Moral,
Zahlung erfolgt oder die Zahlung erfolgt nicht: nicht um Recht und auch nicht um Schönheit.
»[E]ine ›analoge‹ Situation [wird] in eine ›digitale‹ Mit seinen Ausführungen zu den symbolisch ge-
Situation transformiert« (GG, 360). Dass die Zah- neralisierten Kommunikationsmedien schließt Luh-
lung nicht erfolgt, ist übrigens schon empirisch sehr mann unmittelbar an Parsons’ Konzept der »Symbo-
unwahrscheinlich, weshalb Luhmann in einer für ihn lic Media of Interchange« an (vgl. Parsons 1977,
untypisch unsachlichen Art formuliert hat, dass 204 ff.), distanziert sich aber auch gleichzeitig davon.
symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien Während Parsons Medien aus einer bereits stattge-
»auf wunderbare Weise« (GG, 320) Nein-Wahr- fundenen gesellschaftlichen Differenzierung ableitet
scheinlichkeiten in Ja-Wahrscheinlichkeiten über- (vgl. SA2, 225), sieht Luhmann in ihnen gerade auch
führen. »Katalysatoren […] für die Ausdifferenzierung von
Luhmann wäre nicht der erste Soziologe gewesen, Funktionssystemen der Gesellschaft« (GG, 358).
der auf die Bedeutung der Sprache, der Schrift oder Funktionale Differenzierung im luhmannschen Sin-
der Massenmedien für die Gesellschaft hingewiesen ne meint so gesehen die evolutionäre Etablierung un-
hätte, aber indem er sein Medienkonzept um den Ty- terschiedlicher medialer Anordnungen. Die Ökono-
pus der symbolisch generalisierten Kommunikati- mie, das Recht, die Kunst, die Politik oder die
onsmedien erweitert, geht er einen entscheidenden Wissenschaft sind nicht einfach nur unterschiedliche
Schritt weiter als die meisten sprach- oder medienso- Zuständigkeitsbereiche in der Gesellschaft mit festen
ziologischen Ansätze. Er schlägt damit den Bogen zu Aufgaben und formulierbaren Zwecken. Es handelt
seinem differenzierungstheoretischen Programm. sich vielmehr um unterschiedliche Medienanord-
nungen, die je unterschiedlich auf Welt Bezug neh-
men. Jedes symbolisch generalisierte Kommunikati-
Medientheorie / Differenzierungstheorie onsmedium ist daher »ein Medium der Weltkon-
struktion« (GG, 339).
Mithilfe des Konzepts symbolisch generalisierter Für eine derartige Verknüpfung medientheoreti-
Kommunikationsmedien ist Luhmann imstande, scher mit differenzierungstheoretischen Argumen-
nicht nur auf die Verbreitung von Kommunikation ten gibt es im Übrigen ein vergleichbares Beispiel
abzustellen, sondern ausdrücklich auch auf den Er- außerhalb der Soziologie: Ernst Cassirers groß ange-
folg von Kommunikation. Er kann somit etwas ver- legtes Projekt einer Philosophie der symbolischen For-
handeln, was die Soziologie üblicherweise unter dem men (1923–1929). Darin unternimmt Cassirer den
Schlagwort ›soziale Ordnung‹ diskutiert. Die Er- Versuch, die moderne Kultur vor dem Hintergrund
folgsmedien übernehmen selbst eine Ordnungsfunk- einer Pluralisierung von Sinnordnungen in den Blick
tion, indem sie Handlungen erwartbar mit Motiva- zu nehmen. Er spricht an dieser Stelle von ›symboli-
60 Theoriestränge

schen Formen‹ und interessiert sich für unterschied- lungen ist, Raum und Zeit zu überbrücken (vgl. Innis
liche und nicht konvertierbare Arten des Weltzu- 1997; 1972). In der Nachfolge konnte sich ein For-
gangs, etwa durch Sprache, wissenschaftliche Er- schungsprogramm etablieren, das vor allem histori-
kenntnis, Mythos, Kunst, Technik oder Religion. sche Medienumbrüche und -innovationen in den
Sowohl Cassirer mit seinem Konzept der symboli- Blick genommen hat, etwa die Entstehung des Al-
schen Formen als auch Luhmann mit seinem Kon- phabets (Havelock 1963) oder den Übergang von auf
zept der symbolisch generalisierten Kommunikati- Oralität basierenden hin zu auf Literalität basieren-
onsmedien weisen somit auf Zweierlei hin: auf die den Kulturen (Goody/Watt 1981; Ong 1982).
Pluralität von Medienanordnungen und auf den Die berühmte These des ›Innis-Schülers‹ Marshall
welterzeugenden Charakter dieser unterschiedlichen McLuhan, wonach das Medium selbst als Botschaft
Medienanordnungen (vgl. hierzu Krämer 1998, zu betrachten ist, wurde zum vielbeschworenen Dik-
564). tum eines Forschungsprogramms, das sich weniger
für die Inhalte von Medien als für deren technische
Anordnung zu interessieren begann. Seine pronon-
Eine gesellschaftstheoretische Variante cierteste und radikalste Fassung hat dieses Pro-
von Medientheorie gramm im Werk von Friedrich Kittler erhalten, der
Kulturgeschichte dann konsequent und ausschließ-
In Luhmanns spätem Hauptwerk Die Gesellschaft der lich als Medien- und Technikgeschichte rekonstru-
Gesellschaft (1997) lässt sich eine systematische und iert hat. Für Kittler gilt es, in den Blick zu nehmen,
ausführliche Darstellung seiner medientheoreti- mithilfe welcher Techniken und Institutionen es Kul-
schen Überlegungen finden. Nicht nur fasst er hier turen gelingt, Informationen zu adressieren, zu spei-
die Ergebnisse einer Theorie der Kommunikations- chern und zu verarbeiten (vgl. Kittler 1985, 501),
medien zusammen, er liefert auch eine historische wobei es wichtig ist zu betonen, dass ›Information‹
Übersicht über die verschiedenen Medienepochen für ihn ein ausschließlich »technisches und kein phi-
der Gesellschaft (GG, 813–846; vgl. Baecker 2007, losophisches Konzept« (Kittler 2012, 118) ist. Kittler
14 ff.). Seine Unterscheidung einer oralen Stammes- denkt kulturelle Evolution einzig als Resultat me-
gesellschaft, einer literalen aristokratischen Gesell- dientechnischer Veränderungen und hat dieses Ar-
schaft, einer auf Buchdruck und Lektüre basierenden gument immer wieder auch sehr materialreich
funktional differenzierten Gesellschaft und einer sich durchgespielt, etwa an der Erfindung von Grammo-
andeutenden Computergesellschaft erinnert stark an phon und Schreibmaschine (1986), an der Erfindung
die Befunde einer »historischen Medienwissen- optischer Medien wie Fotografie und Film (2002)
schaft« (Kittler 2003, 169) und doch unterscheidet oder an der Erfindung des Vokalalphabets (2007; vgl.
sie sich davon eklatant. Es ist wichtig, diesen Unter- auch Powell 1991, 236 f.).
schied herauszuarbeiten, um deutlich zu machen, Auf den ersten Blick scheint dieses kittlersche In-
worin der Mehrwert von Luhmanns gesellschafts- sistieren auf die medialen Bedingungen kultureller,
theoretisch fundierter Medientheorie liegt. d. h. sozialer Evolution dem luhmannschen Vorha-
Einen der frühesten und großartigsten Versuche ben sehr ähnlich zu sein. Und doch gibt es einen Un-
einer umfassenden Mediengenealogie verdanken wir terschied, der diese beiden Konzeptionen nur schwer
den am Imperial College in London gehaltenen Vor- vereinbar macht. Denn obwohl auch Luhmann in
lesungen von Harold A. Innis. Bereits in seiner frü- Die Gesellschaft der Gesellschaft verschiedene Gesell-
hen Studie zum kanadischen Eisenbahnnetz (Innis schaftsformen verschiedenen sie bestimmenden Me-
1923) hatte der Wirtschaftshistoriker Innis festge- dien zuordnet, vermeidet er jegliche Form medien-
stellt, dass Eisenbahnen nicht nur ein entscheidender theoretischer Kausalannahmen und geht somit auch
Wirtschaftsfaktor für großflächige Länder wie Kana- unausgesprochen auf Distanz zu jenem rigorosen
da sind, sondern im Grunde als Medien beschrieben Technizismus kittlerscher Prägung. Vielmehr stellt er
werden müssen, und zwar sowohl als Transportme- die These auf, dass Gesellschaften bereits auf Kultur-
dien als auch als Kommunikationsmedien, die Güter formen zurückgreifen können müssen, um mit dem
und Menschen, aber auch Informationen transpor- »Verweisungsüberschuß von Sinn« (GG, 409) umge-
tieren. Konsequent hat er fortan wirtschaftshistori- hen zu können, der mit der Entwicklung neuer Me-
sche in medienhistorische Fragen überführt und sich dien einhergeht (vgl. hierzu ausführlich Baecker
vermehrt dafür zu interessieren begonnen, mithilfe 2007, 14 ff.). Erklären lässt sich damit, dass Medien-
welcher Medien es unterschiedlichen Kulturen ge- technologien nicht kausal auf Gesellschaften eingrei-
Systemtheorie als Medientheorie 61

fen und diese formieren oder besser: formatieren, schließen lässt (vgl. Baecker 2002; Esposito 2006),
sondern dass diese selbst schon in sozial-kulturelle markiert die Einführung der Medium/Form-Unter-
Rückkopplungseffekte eingelassen sein müssen. Im scheidung den konsequenten Abschluss aller me-
Grunde wendet Luhmann damit das kittlersche Ar- dientheoretischen Bemühungen Luhmanns.
gument soziologisch und gibt der Medientheorie so Man begegnet dem Medienbegriff im Rahmen der
eine gesellschaftstheoretische Fundierung. Systemtheorie somit nicht nur auf der Ebene der Un-
tersuchungsgegenstände – Sprache, Schrift, Geld,
Massenmedien, Liebe – und auf der Ebene der Theo-
Medientheorie und Formtheorie riebegriffe – ›Verbreitungsmedien‹, ›symbolisch ge-
neralisierte Kommunikationsmedien‹ –, sondern
Abschließend soll an dieser Stelle noch etwas zur Me- bereits vor der Theorie selbst. Luhmann spricht
dium/Form-Unterscheidung gesagt werden, die in daher von der Medium/Form-Unterscheidung als ei-
den späteren Schriften Luhmanns eine immer wich- ner »gleichsam präsystemtheoretischen Unterschei-
tigere Rolle einnimmt (vgl. etwa SKL, 123–138; GG, dung« (ES, 227). Und genau das ist der Grund,
195 ff.). Mit dieser Unterscheidung greift Luhmann weshalb es sich lohnt, die luhmannsche Medientheo-
auf einen Vorschlag des Wahrnehmungspsychologen rie als eigenständigen und konstitutiven ›Erzähl-
Fritz Heider zurück, der in einem Aufsatz von 1926 strang‹ seiner Systemtheorie in den Blick zu nehmen.
von »Ding und Medium« gesprochen hat (Heider
2005). Heider geht davon aus, dass Medien Dinge zur
Literatur
Darstellung bringen, dabei selbst aber unsichtbar,
leer, »Nichts« (ebd., 66) bleiben. Wir können etwa im Adorno, Theodor W.: »Prolog zum Fernsehen«. In: Ders.:
Falle akustischer Wahrnehmung mithilfe von Luft Eingriffe. Neun kritische Modelle. Frankfurt a. M. 1963,
Töne hören, aber wir hören Töne und nicht die Luft 69–80.
Baecker, Dirk: »Beobachtung mit Medien«. In: Claudia Lie-
selbst. Wir können im Falle optischer Wahrnehmung brand/Irmela Schneider: Medien in Medien. Köln 2002,
mithilfe von Licht Dinge sehen, aber wir sehen Dinge 12–24.
und nicht das Licht selbst. –: Studien zur nächsten Gesellschaft. Frankfurt a. M. 2007.
Heider hat seinen Medienbegriff noch streng an –: »Medienforschung«. In: Stefan Münker/Alexander Roes-
die menschliche Wahrnehmung geknüpft. An dieses ler (Hg.): Was ist ein Medium? Frankfurt a. M. 2008,
131–143.
Konzept schließt Luhmann an, er erweitert es aber
Bourdieu, Pierre u. a.: Eine illegitime Kunst. Die sozialen
und spricht statt von ›Medium und Ding‹ von ›Me- Gebrauchsweisen der Fotographie. Hamburg 2006 (frz.
dium und Form‹. So gelingt es ihm, etwa auch die 1965).
Sprache in den Blick zu nehmen, die als Medium Cassirer, Ernst: Philosophie der symbolischen Formen. Ers-
selbst nicht wahrnehmbar ist und nur auf der Ebene ter Teil: Die Sprache. ECW Bd. 11 [1923]. Hamburg 2001.
–: Philosophie der symbolischen Formen. Zweiter Teil: Das
der Formen, also konkreter Wörter oder Sätze, wahr-
mythische Denken. ECW Bd. 12 [1925]. Hamburg 2002.
genommen werden kann. Da konkrete Sätze zwar –: Philosophie der symbolischen Formen. Dritter Teil: Phä-
schnell gebildet werden können, aber auch schnell nomenologie der Erkenntnis. ECW Bd. 13 [1929]. Ham-
wieder verklingen, die Sprache als Medium jedoch burg 2003.
nicht verbraucht, also jederzeit (in immer neuen For- Esposito, Elena: »Was man von den unsichtbaren Medien
men) weiterbenutzt werden kann, dreht Luhmann sehen kann«. In: Soziale Systeme 12. Jg., 1 (2006), 54–78.
Fuchs, Peter: Der Sinn der Beobachtung. Begriffliche Unter-
das Verhältnis von Medium und Form einfach um – suchungen. Weilerswist 2004.
und somit auch 2000 Jahre Philosophiegeschichte Goody, Jack/Watt, Ian: »Konsequenzen der Literalität«. In:
auf den Kopf. Denn während ›Formen‹ oder ›Dinge‹ Dies. (Hg.): Literalität in traditionalen Gesellschaften.
üblicherweise als stabil, zeitlos und mit sich identisch Frankfurt a. M. 1981, 45–104 (engl. 1968).
vorgestellt werden, weist Luhmann gerade darauf Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit
[1962]. Frankfurt a. M. 1990.
hin, dass es Formen nur in Medien geben kann, was Havelock, Eric A.: Preface to Plato. Cambridge, MA 1963.
auch heißt, dass das Medium selbst stabiler ist als die Heider, Fritz: Ding und Medium [1926]. Hg. von Dirk Bae-
Formbildung. So gesehen ist Luhmanns Medien- cker. Berlin 2005.
theorie auch eine »Formtheorie« (Fuchs 2004, 25), Innis, Harold A.: A History of the Canadian Pacific Rail-
interessiert sie sich doch in erster Linie für die Kon- road. London/Toronto 1923.
–: Empire and Communications. Toronto 1972.
stitution von Formen. Wiewohl sich diese Medien- –: »Das Problem des Raumes«. In: Karlheinz Barck (Hg.):
konzeption nicht ohne weiteres und problemlos an Harold A. Innis – Kreuzwege der Kommunikation.
Luhmanns Theorie der Kommunikationsmedien an- Wien/New York 1997, 147–181.
62 Theoriestränge

Kittler, Friedrich: Aufschreibesysteme 1800/1900. Mün-


chen 1985.
5. Systemtheorie als
–: Grammophon, Film, Typewriter. Berlin 1986. Gesellschaftstheorie
–: Optische Medien. Berliner Vorlesungen 1999. Berlin
2002.
–: »Geschichte der Kommunikationsmedien«. In: Jörg Hu- Eines der großen Missverständnisse in der Rezeption
ber/Alois Martin Müller (Hg.): Raum und Verfahren. Ba- der soziologischen Systemtheorie Luhmanns besteht
sel/Frankfurt a. M. 2003, 169–188. darin, sie für eine Makrotheorie zu halten oder Sys-
–: »Mousa oder Litteratura«. In: Ders./Ana Ofak (Hg.): Me- temtheorie und Gesellschaftstheorie gleichzusetzen.
dien vor den Medien. München 2007, 17–29.
–: »Aufschreibesysteme 1800/1900. Vorwort«. In: Zeit- Würde dies zutreffen, könnte die Systemtheorie
schrift für Medienwissenschaft 6 (2012), 117–126. schon ihren universalistischen Anspruch, also jegli-
Krämer, Sybille: »Form als Vollzug oder: Was gewinnen wir che Form sozialer Ordnung beschreiben zu können,
mit Niklas Luhmanns Unterscheidung von Medium und nicht erfüllen. Das angedeutete Rezeptionsproblem
Form?«. In: Rechtshistorisches Journal 17. Jg. (1998), verwundert insofern, als Luhmann den Gesell-
558–573.
Luhmann, Niklas: »Einführende Bemerkungen zu einer schaftsbegriff explizit von Interaktion und Organisa-
Theorie symbolisch generalisierter Kommunikations- tion unterscheidet. Basieren Interaktionssysteme auf
medien« [1974]. In: SA2, 212–240. Anwesenheit und wechselseitiger Wahrnehmbarkeit
–: »Sprache und Kommunikationsmedien. Ein schief lau- (vgl. GG, 812 ff.) und reproduzieren sich Organisati-
fender Vergleich«. In: Zeitschrift für Soziologie 16. Jg., onssysteme durch Entscheidungen und Mitglied-
6 (1987), 467–468.
–: »Das Medium der Kunst« [1986]. In: SKL, 123–138. schaftsbedingungen (vgl. GG, 826 ff.), ist das Gesell-
–: »Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation«. In: schaftssystem dasjenige soziale System, das alle
SA3, 29–40. sozialen Ereignisse umfasst. Gesellschaft bildet, so
Ong, Walter J.: Orality and Literacy. The Technologizing of Luhmann bereits zu Beginn der 1970er Jahre, »ein
the Word. New York 1982. System höherer Ordnung, ein System anderen Typs«
Parsons, Talcott: Social Systems and the Evolution of Action
Theory. New York 1977.
(SA2, 11), das die beiden anderen Systemtypen mit
Powell, Barry B.: Homer and the Origin of the Greek Alpha- umfasst, aber weder ein Interaktions- noch ein Orga-
bet. Cambridge 1991. nisationssystem ist. Zugleich ist zu betonen, dass der
Simmel, Georg: Philosophie des Geldes [1900]. Frankfurt Systemtyp ›Gesellschaft‹ kein ›Makro‹-Phänomen
a. M. 1989. ist, das sich irgendwie emergent aus Interaktionen
Julian Müller
hervorbringt, sondern ein Sozialsystem eigener Ord-
nung. Insofern ist die luhmannsche Systemtheorie
nicht in jedem Falle Gesellschaftstheorie, sondern
auch Interaktions- oder Organisationstheorie, aber
eben auch Gesellschaftstheorie.

Gesellschaft als soziales System


Luhmann betont ausdrücklich, dass er Gesellschaft
als Aggregatbegriff behandelt, nicht als Horizontbe-
griff, dem als Korrelat die Welt entspricht (vgl. GG,
153 f.). Gesellschaft ist nicht die Welt in ihrer un-
strukturierten Unendlichkeit. Gesellschaft, so Luh-
mann, habe eindeutige Grenzen, operative Grenzen
nämlich, außerhalb derer eben keine Kommunikati-
on mehr vorkommt, während der Weltbegriff die
Einheit aller System/Umwelt-Relationen bezeichne –
und gerade deshalb als grenzenloser Horizont er-
scheint. Luhmann lässt keinen Zweifel daran, Gesell-
schaft als soziales System zu konzipieren und nicht
einfach als »Korrelat der in ihr stattfindenden Ope-
rationen« (ebd.). Freilich gehört es zum Aggregatzu-
stand der Gesellschaft, Gesellschaft eben nicht als
Systemtheorie als Gesellschaftstheorie 63

gewissermaßen subjekthaft operationsfähige, son- schaft stiftender Kategorien – in erster Linie Religion
dern ausschließlich als operative Einheit beschreiben –, die das Problem der Koordination von Unter-
zu können. Wenn Luhmann selbst ausdrücklich den schiedlichem hervorbrachte. Denkt man nur an
operativen Charakter der Gesellschaft betont (GG, Durkheims Problematisierung der Arbeitsteilung als
70), ergibt sich schon daraus der nicht teleologische, Problem einer Koordination von Unterschiedlichem,
der echtzeitliche Charakter der Gesellschaft. das mit seiner Unterschiedlichkeit rechnet (vgl.
Gemeint ist damit die Beobachtung, dass in der Durkheim 1988), denkt man an Max Webers Stilisie-
modernen, funktional differenzierten Gesellschaft rung der Pluralität der Moderne als einen »Kampf
unterschiedliche funktionale Kontexte gleichzeitig der Götter« (vgl. Weber 1994) oder an Simmels Vor-
ablaufen und sich damit sowohl der gegenseitigen stellung einer Entkoppelung und Kreuzung »sozialer
Steuerbarkeit als auch der Koordination von gemein- Kreise« (vgl. Simmel 1992, 456 ff.), wird deutlich,
samen Zukünften entziehen. Das soziologische wie dass das Bezugsproblem der Soziologie offensichtlich
das ›gesellschaftliche‹ Konzept ›Gesellschaft‹ scheint darin besteht, die Ungeordnetheit des Unterschiedli-
ja gerade dafür entwickelt worden zu sein, das Be- chen mit der Ordnung ihrer Beziehung zusammen-
zugsproblem einer Gleichzeitigkeit von Unterschiedli- zubringen. Ein elaborierter soziologischer Gesell-
chem zu bearbeiten. Als Gesellschaft erscheint die schaftsbegriff hat also exakt dieses (Bezugs-)Problem
Welt dann, wenn sich die Koordination von Hand- zu lösen: Wie gerinnt die Entkoppelung von sozialen
lungen nicht mehr nur der Unmittelbarkeit des Un- Prozessen und Bezugsproblemen zu einer Form, in
mittelbaren, etwa interaktionsnaher Kommunikati- der die Gleichzeitigkeit von Unterschiedlichem als
on in einfachen Gesellschaften oder der einförmigen eine Einheit erscheint? Insofern ist der Begriff der
Indizierung aller Kommunikation durch Schichtung Gesellschaft bereits per se – hält er nicht als Metapher
und räumliche Verdichtung in Hochkulturen ver- an der Idee der Gemeinschaft aller Handelnden fest –
dankt. Auch hier gibt es stets unterschiedliche Kon- ein Differenzierungsbegriff, denn das Problem der
texte – aber nicht Kontexte, mit denen gleichzeitig zu Gesellschaft entsteht nur dort, wo sich die Koordina-
rechnen ist. tion des Unterschiedlichen nicht von selbst ergibt.
Erst mit dem Übergang zur funktional differen- Die Idee der Gesellschaft als der Gleichzeitigkeit
zierten Gesellschaft differenzieren sich Gleichzeitig- von Unterschiedlichem hat zur Konsequenz, dass
keiten voneinander weg, die je mit sich rechnen Gesellschaft gerade im systemtheoretischen Kontext
müssen. Die Semantik der ›Gesellschaft‹, wie wir sie nicht als »Subjekt-Aktant« erscheint, wie etwa Peter
etwa als die ›bürgerliche Gesellschaft‹ bei Hegel ken- V. Zima (2000, 333 f.) an die Adresse Luhmanns for-
nen, reagiert letztlich auf Unterschiedliches, das auf- muliert. Vielmehr gehört es offensichtlich zum Auf-
einander bezogen ist, dessen Interdependenzen aber bau von sozialen Systemen des Typs ›Gesellschaft‹,
nicht eineindeutig geregelt sind. Insofern ist es kein sich für sich selbst stets nur in Horizonten aufs Ganze
Zufall, dass Hegel den Begriff der bürgerlichen Ge- gegeben zu sein. Die Einheit der Gesellschaft ist dann
sellschaft wirtschaftsnah gebaut hat – bezogen auf nur jene subjektlose Einheit, die sich aus den empiri-
unterschiedliche Interessen an dem gleichen Gut und schen Anschlussfähigkeiten kontextualisierter Kom-
bezogen auf Arbeit, die auf unterschiedliche Tätigkei- munikationen ergibt, deren Gesamtform sich als
ten verweist. Waren die alte koinonía politiké ebenso solche nur einem Beobachter zeigt, der sich wie die
wie die societas civilis noch schlicht Gemeinschafts- systemtheoretische Soziologie für die Form der Dif-
begriffe, deren Bezugsproblem eher die Chiffrierung ferenzierung interessiert oder der sich in der Form ei-
des Gemeinsamen, des Einheitlichen war, ist das Be- nes ökonomischen, politischen oder religiösen Beob-
zugsproblem der bürgerlichen Gesellschaft gerade das achters auf ganz andere Formen kapriziert. Als
Gegenteil: die Gleichzeitigkeit von Unterschiedli- Gesellschaftstheorie nimmt Luhmanns Systemtheo-
chem in dem Sinne, dass das Gesellschaftliche sich rie deshalb die Form der Differenzierungstheorie an.
gerade den widerstreitenden Interessen verdankt, das Die Rede vom Gesellschaftssystem dispensiert also
nach einer ökonomischen Interessensdomestizie- nicht davon, Gesellschaft gerade nicht als operieren-
rung oder einer sittlichen Domestizierung der priva- de Einheit zu beschreiben, sondern als unerreichba-
ten und politischen Aspirationen verlangt. Gerade ren Zusammenhang von Kommunikationen, dessen
diese Divergenz der Perspektiven machte die Seman- System/Umwelt-Differenz ausschließlich durch seine
tik des Gesellschaftlichen gesellschaftlich plausibel. kommunikative Geschlossenheit gestiftet wird. Die
Für die frühe Soziologie schließlich war es gerade Form ihrer Einheit erscheint einem Beobachter dann
diese Erfahrung der Auflösung früherer Gemein- als eine Form, die die Einheit der unterschiedlichen
64 Theoriestränge

Horizonte in den Blick nimmt und in ihr jene Struk- Jenseits von Mikro und Makro
tur entdeckt, die die Unterschiedlichkeit des Diffe-
renten hervorbringt. Vielleicht liegt darin auch eine Die Systemtheorie in dem hier angedeuteten Sinne ist
Erklärung dafür, dass Luhmanns Theorie der Gesell- keine Theorie, die man als Strukturtheorie einer
schaft vor allem aus einer historischen Perspektive Handlungstheorie gegenüberstellen könnte. Es ist
argumentiert, von der her sich die Einheit der Ope- ein folgenreiches Missverständnis, die operative Sys-
rationen einer Gesellschaft, namentlich der Über- temtheorie für eine makrosoziologische Theorie zu
gang von einer stratifizierten zu einer funktional halten (so etwa Esser 2003). Letztlich entzieht sie sich
differenzierten Struktur, beobachtend erfassen lässt, sogar der Unterscheidung von mikro- und makro-
während eine tiefenscharfe Beobachtung der gesell- theoretischen Perspektiven, weil sie als ›operative‹
schaftlichen Gegenwart womöglich viel zu wenig Theorieform Systembildung als das Ergebnis der
Distanz aufbauen kann, um die Gleichzeitigkeit des Verkettung von Einzelereignissen und der rekursiven
Unterschiedlichen erfassen zu können. Damit taucht Rückwirkung von deren Strukturbildung auf dieje-
die Figur des Horizonts wieder auf – nun nicht als nigen Bedingungen auffasst, unter denen neue Ope-
Welthorizont, aber als interner Horizont der Gesell- rationen möglich sind – und weil sie den Begriff der
schaft, die aus je unterschiedlichen Teilsystemen je Gesellschaft zwar für das umfassendste Sozialsystem
unterschiedliche Horizonte ihrer selbst erzeugt. So ansetzt, aber das Bezugsproblem des Gesellschaftli-
vollzieht jedes Teilsystem Gesellschaft aus ihrer je ei- chen gerade darin sieht, dass es nicht um eine Ebe-
genen, nicht substituierbaren Perspektive. nendifferenzierung geht, sondern um den Vollzug
Luhmann hat diese operative Theorieanlage be- der Gesellschaft in konkreten Operationen. Anders
reits lange vor der sogenannten ›autopoietischen also als in emergenztheoretischen Handlungstheo-
Wende‹ auf den Begriff gebracht. Das Bezugspro- rien, etwa der Rational-Choice-Theorie, geht es der
blem des Gesellschaftlichen besteht darin, mit ande- Systemtheorie nicht allein um die Emergenz von
ren, aber gleichzeitigen Kontexten zu rechnen, die Mustern aufgrund der Kumulation von Handlungen,
sich dem unmittelbaren Zugriff der je konkreten die zwar auf Motive und Präferenzen zurückgeführt
Operation entziehen. Der Begriff der Gesellschaft werden, die aber dann selbst wiederum über Brü-
müsse »in der Lage sein, auch die möglichen Kom- ckenhypothesen an ihre strukturellen Antezedenzbe-
munikationen unter jeweils Anwesenden oder mit je- dingungen gebunden werden und »systemische«
weils Abwesenden mitzusystematisieren«, schreibt Strukturen entfalten (vgl. Coleman 1991, 6). Rudolf
Luhmann (SA2, 11), Gesellschaft sei »das umfassen- Stichweh (1995, 403 f.) hat darauf hingewiesen, die
de Sozialsystem aller kommunikativ füreinander er- Systemtheorie ersetze das Problem der Mikro-Ma-
reichbaren Handlungen«. Entscheidend an diesen kro-Unterscheidung durch die Unterscheidung von
Formulierungen ist der Hinweis auf mögliche Kom- Interaktions-, Organisations- und Funktions- bzw.
munikationen und auf die Potentialität ihrer wech- Gesellschaftssystem. Stichweh macht dabei das Argu-
selseitigen Erreichbarkeit. Es geht gerade nicht ment stark, dass die eigentlich interessante Frage
darum, dass sie faktisch geschehen, auch nicht darum, nicht die einer Ebenenhierarchie zwischen den ge-
dass sie sich tatsächlich erreichen. Das Problem der nannten Systemtypen ist, sondern wie sich innerhalb
Gesellschaft wird präzisiert als die Frage, wie sich (in von Sozialsystemen Ebenenübergänge darstellen, die
dieser Werkphase noch) Handlungen in den Kontext weder als Vorrang einer Mikro- noch als Vorrang ei-
möglicher anderer Handlungen stellen, die aus der ner Makroebene verstanden werden können – dann
Perspektive ihrer selbst nicht zugänglich sind, aber aber lässt sich das, was in der Soziologie üblicherwei-
prinzipiell als erreichbar gelten. Das Besondere des se als Mikro-Makro-Problem diskutiert wird, nicht
Gesellschaftssystems – im Vergleich zu Interaktionen über die Unterscheidung von Interaktion, Organisa-
und Organisationen – besteht darin, dass Handlun- tion und Gesellschaft klären.
gen weder über Anwesenheit kontrolliert werden, Für das Gesellschaftssystem lässt sich dieses Pro-
noch durch Mitgliedschaftsregeln und entsprechen- blem des Ebenenübergangs über die Theorie der
de Einschränkungen als vorstrukturiert gelten. Das symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien
Sozialsystem Gesellschaft ist als umfassendstes Sozi- bearbeiten, die jene Kriterien angibt, nach denen in-
alsystem zugleich dasjenige, das intern auf Perspekti- nerhalb einer Gesellschaft in Form ihrer Funktions-
ven, d. h. auf unterschiedliche Perspektiven abstellt – systeme Selektionskriterien für Kommunikation
eben im Sinne einer internen Differenzierung von über unterschiedliche Ebenen eines Systems hinweg
Horizonten und Perspektiven. vermittelt werden, ohne damit so etwas wie eine pro-
Systemtheorie als Gesellschaftstheorie 65

grammatische, normative oder kognitive Einheit vo- innergesellschaftliche Umwelt nur als Ansammlung
raussetzen zu müssen (vgl. GG, 316 ff.). Was bleibt, von gleichen oder ähnlichen Systemen. Das Gesamt-
ist wieder nur dies: die Einheit der Operationsweise, system kann dadurch eine geringe Komplexität von
die sich in der unerreichbaren Gleichzeitigkeit von Handlungsmöglichkeiten nicht überschreiten« (GS1,
Unterschiedlichem gegeben ist. 25). Diese Limitation von Handlungsmöglichkeiten
resultiert daher, dass segmentär differenzierte Gesell-
schaften sich in solche Teilsysteme ausdifferenzieren,
Differenzierungsformen die ihre Grenzen in Lokalitäten und konkreten
Handlungssituationen finden. Als wesentliches Kri-
Die Theorie sozialer Systeme stellt darauf ab, nicht terium für die Zugehörigkeit zum (Teil-)System fun-
nur den wie auch immer gearteten Differenzierungs- giert demnach die Anwesenheit von Personen, die
grad von Gesellschaften als zentralen Indikator für letztlich alle am gleichen Problem arbeiten (vgl. SA2,
die Charakterisierung von Gesellschaftstypen zu füh- 22).
ren, sondern vor allem die Form der Differenzierung. Auf diese Differenzierungsform folgt die stratifi-
Eine solche Perspektive liegt für einen systemtheore- katorische Differenzierung. Kommt es zu Komplexi-
tischen Ansatz schon deshalb nahe, weil, wenn Ge- tätssteigerungen, können nicht mehr alle am glei-
sellschaften als Systeme behandelt werden, gesell- chen Problem arbeiten. Darauf reagiert die Gesell-
schaftliche Differenzierung nur als Systemdifferen- schaft, indem sie Teilsysteme ausdifferenziert, die
zierung verstanden werden kann: »Systemdifferen- nicht mehr gleiche Segmente darstellen, sondern die
zierung ist nichts weiter als Wiederholung der ungleich sind. Wären sie gleich, wäre bezüglich des
Systembildung in Systemen« (SS, 37). Damit bilden funktionalen Erfordernisses der Verteilung von Kom-
differenzierte Systeme innerhalb ihrer selbst wieder- plexität nichts gewonnen, denn es soll ja gerade er-
um System/Umwelt-Differenzen aus, was für soziale reicht werden, die Limitationen, die eine Kombinati-
Systeme zur Folge hat, dass durch Teilsystembildung on von nun notwendiger Ungleichheit in der Sach-
das Gesamtsystem »für jedes Teilsystem auf je ver- dimension und Gleichheit in der Sozialdimension
schiedene Weise« (ebd., 262) erscheint und rekon- notwendig implizieren, zu umgehen. Logischerweise
struiert werden kann. Es liegt auf der Hand, dass eine bietet sich dazu eine Verschiebung des Problems in
solche theoretische Perspektive sich nicht allein mit die Sozialdimension an: Die Gesellschaft reagiert auf
der ohne Zweifel durch Systemdifferenzierung und die komplexitätssteigernde Notwendigkeit von Un-
Teilsystembildung bewirkten Komplexitätssteige- gleichheit in der Sachdimension durch die Ermögli-
rung zufriedengeben kann. Von entscheidender Be- chung von Ungleichheit in der Sozialdimension. Sie
deutung ist vielmehr, auf welche Weise die Differen- differenziert sich also in Teilsysteme aus, die ihren
zen der verschiedenen teilsystemrelativen Rekon- Mitgliedern unterschiedliche soziale Positionen und
struktionen des Gesamtsystems zusammenspielen – damit unterschiedliche Tätigkeitsbereiche, Rollen,
oder eben nicht zusammenspielen. Funktionen und v. a. unterschiedliche Status zuwei-
Die Hauptthese der systemtheoretischen Gesell- sen. Insbesondere Letzteres verweist auf die gesamt-
schaftstheorie luhmannscher Provenienz lautet, dass gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse, die zwischen
die moderne Gesellschaft primär durch Differenzie- den ungleichen Teilsystemen bestehen. Es ist dies ein
rung in verschiedene Teilsysteme geprägt ist. Diese Kräfteverhältnis der Hierarchie zwischen relativ ge-
Differenzierungsform hat frühere Differenzierungs- schlossenen Ständen und Schichten. Diese Differen-
formen evolutionär abgelöst, die segmentäre und die zierungsform ist charakteristisch für Hochkulturen
stratifikatorische Differenzierungsform nämlich. wie etwa die frühen Reiche Südamerikas, die antiken
Im Rahmen der evolutionären Typen gesellschaft- Gesellschaften Ägyptens, Griechenlands und Roms
licher Differenzierungsformen bildet die segmentäre oder auch des europäischen Mittelalters.
Differenzierung das einfachste Differenzierungsprin- Die eindeutige Anordnung der Teilsysteme in
zip. Sie ist einfachen Sozialsystemen, etwa archai- hierarchischen Differenzen birgt eine entscheidende
schen Gesellschaften, zuzuordnen. Das segmentie- Konsequenz für die Einheit des Gesellschaftssystems.
rende Differenzierungsprinzip teilt ein Sozialsystem Betrachtet man eine hierarchische Rangfolge und
in gleiche Teile, etwa Familien, Stämme, Dörfer etc. versetzt man sich nacheinander in unterschiedliche
Das Bezugsproblem des jeweiligen Handelns ist hier Positionen innerhalb dieser Rangfolge, fällt auf, dass
die unhintergehbare und alternativlose Gemeinsam- die rigide, unhintergehbare Leitdifferenz oben/unten
keit der sozialen Gruppe. »Jedes Teilsystem sieht die es erlaubt, Positionen innerhalb der Gesellschaft ein-
66 Theoriestränge

deutig auszumachen, unabhängig davon, von wo aus wahrer (und unwahrer) Beobachtungen, die der Ge-
man beobachtet. Die Schematik der Hierarchie bleibt sellschaft zur Verfügung gestellt werden, aber dort of-
notwendigerweise die gleiche, aus welcher Perspekti- fenbar ganz anders ankommen als sie ›gemeint‹
ve man sie auch immer beobachtet. Beobachtungen waren; Erziehung hat die Planung und Begleitung
des Systems konvergieren deshalb in der Bestim- von Sozialisationsprozessen im Blick; Religion sieht
mung der Einheit des Differenten, der »unitas multi- immer noch Schöpfung im ganzen, leidet aber laut
plex. Die Differenz hält gewissermaßen das Differen- an ihrem marginalisiertem Kommunikationsanteil
te auch zusammen; es ist eben different, und nicht an gesellschaftlicher Gesamtkommunikation, die im
indifferent« (SS, 38). Im Falle der hierarchischen Dif- Hinblick auf Erlösungsversprechen als defizient er-
ferenzierung ist – wie gesagt – die Beobachtung, Be- lebt wird.
schreibung und Bestimmung des Systems relativ Die moderne Gesellschaft zeichnet sich insbeson-
einfach (vgl. ebd., 39), und zwar einfach im quanti- dere dadurch aus, dass ihre innere, horizontale Dif-
tativen Sinne. Es gibt nur eine Leitdifferenz, mit der ferenzierungsform ein Zentrum ausschließt, von
sich fast alles, was geschieht, topologisch bestimmen dem her die Einheit der Gesellschaft für alle verbind-
lässt: die Differenz von oben und unten. lich repräsentiert werden könnte. Die Moderne muss
Auf Komplexitätsdruck reagiert das Gesellschafts- also mit der Kontingenz leben, dass teilsystemrelative
system wiederum durch Umstellung der Differenzie- Perspektiven zugleich unersetzbar und ersetzbar
rungsform. Je stärker sich nun Sachprobleme (etwa: sind: Sie sind, was ihre Funktion angeht, unersetzbar.
wissenschaftliche, ökonomische oder politische) da- Es gibt keine Zahlungen außerhalb der Wirtschaft
von emanzipieren, wer sie löst, und es vermehrt da- und keine wissenschaftliche Wahrheit außerhalb des
rum geht, wie sie gelöst werden, stellt sich strikte Wissenschaftssystems. Es ist entscheidend, diese Teil-
Stratifikation als Hindernis heraus. Das ermöglicht systeme nicht im Sinne der Summe von Handlungs-
die Ausdifferenzierung von Funktionssystemen als trägern – Investoren/Kapitaleigner oder Wissen-
Teilsystemen des Gesellschaftssystems. schaftler – oder als Organisationen – Betriebe/
Es handelt sich bei diesen um soziale Systeme, die Konzerne oder Universitäten/Forschungsinstitute –
sich um eine je eigene binäre Grundcodierung aus- zu verstehen. Die Unersetzbarkeit der Funktion er-
differenziert haben und die Welt nur durch Anwen- schließt sich erst, wenn man die Teilsysteme als An-
dung der durch die eigene Grundcodierung ermög- schlusszusammenhänge von Kommunikationen
lichten Leitdifferenzen beobachten können: Zahlen/ denkt, die etwa den wirtschaftlichen oder wissen-
Nicht-Zahlen in der Wirtschaft, Regierung/Opposi- schaftlichen Code benutzen. Die Unersetzbarkeit der
tion in der Politik, wahr/unwahr in der Wissenschaft, Perspektive resultiert aus der Unersetzbarkeit der je-
Recht/Unrecht im Recht usw. Die so ausdifferenzier- weiligen Funktion.
ten Teilsysteme erreichen ihre Leistungsfähigkeit vor Was jedoch ihre Beobachtungskapazität angeht,
allem dadurch, dass sie exklusiv und konkurrenzlos sind teilsystemrelative Perspektiven sehr wohl ersetz-
auf ihre Funktion beschränkt sind. Sie erhöhen ihre bar. Etwas in der Welt kann auch immer anders gese-
Kapazität der Bewältigung von Komplexität durch hen werden, nämlich zumindest aus der Perspektive
Limitierung von operativen Anschlüssen an andere eines anderen Teilsystems. Die moderne Gesellschaft
Teilsysteme. Sie können diese nur im Hinblick auf baut also die Kontingenz ihrer Kommunikationen als
den eigenen Code beobachten und sehen deshalb je Möglichkeit der Beobachtung zweiter Ordnung als
etwas eigenes, wenn sie die Welt beobachten: Wirt- Voraussetzung ihrer Differenzierung grundlegend in
schaft sieht in der Welt nur ein Anlageobjekt zur Ma- ihre eigene Differenzierungsform ein: Jede Perspek-
ximierung von Geldgewinn und zur Herstellung und tive kann und muss beobachten, dass das, was sie
Wiederherstellung von Zahlungsfähigkeit; Politik sieht, durch die eigene Beobachtung miterzeugt wird
macht die Welt als ein widerständiges Objekt aus, das (vgl. Luhmann 1992, 104 ff.). Die Ersetzbarkeit der
Entscheidungen und Steuerungskapazität einfordert jeweiligen Perspektive resultiert folgerichtig aus dem
und sich doch immer wieder der politischen Intenti- Umstand, dass die moderne Gesellschaft kein funk-
on versperrt und in dem, wenn schon nicht die Welt tionales Steuerungszentrum kennt, das als tertium
gesteuert werden kann, zumindest die eigene Macht comparationis eine synoptische Einheit der Differen-
gesichert werden muss; Recht sieht einen Konflikt- zen repräsentieren könnte.
und Geltungsbereich von Normen, deren Durchset-
zung unter Einhaltung prozessualer Regeln gesichert
werden muss; Wissenschaft stößt auf das Problem
Systemtheorie als Gesellschaftstheorie 67

Literatur (Hg.): Kritik der Theorie sozialer Systeme. Frankfurt


a. M. 1992, 371–386.
Coleman, James S.: Grundlagen der Sozialtheorie, Hand- Simmel, Georg: Soziologie. Untersuchungen über die For-
lungen und Handlungssysteme. Bd. 1. München 1991. men der Vergesellschaftung. Gesamtausgabe Bd. 11.
Durkheim, Émile: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über Frankfurt a. M. 1992.
die Organisation höherer Gesellschaften. Frankfurt a. M. Stichweh, Rudolf: »Systemtheorie und Rational Choice
1988. Theorie«. In: Zeitschrift für Soziologie 24. Jg. (1995),
Esser, Hartmut: »Wohin, zum Teufel, mit der Soziologie?« 395–406.
In: Soziologie 32. Jg., 2 (2003), 72–82. Weber, Max: »Wissenschaft als Beruf«. In: Ders.: Studien-
Luhmann, Niklas: »Interaktion, Organisation, Gesellschaft. ausgabe der Max-Weber-Gesamtausgabe. Bd. I/17. Tü-
Anwendungen der Systemtheorie«. In: SA2, 9–20. bingen 1994, 1–23.
–: »Einfache Sozialsysteme«. In: SA2, 21–38. Zima, Peter V.: Theorie des Subjekts. Subjektivität und
–: »Gesellschaftliche Struktur und semantische Tradition«. Identität zwischen Moderne und Postmoderne. Tübin-
In: GS1, 9–71. gen/Basel 2000.
–: »Stellungnahme«. In: Werner Krawietz/Michael Welker Armin Nassehi
69

IV. Begriffe

1. Autopoiesis seiner Organisation zugrunde liegen und die in ei-


nem Netzwerk interagierender Bestandteile so inte-
Bereits in den frühen 1980er Jahren nimmt Niklas griert sind, dass sie durch ihre Operationen ständig
Luhmann Bezug auf wissenschaftliche Innovationen, dieses Netzwerk erzeugen, wodurch sie wiederum
die im Wesentlichen auf biologischen und neurophy- selbst erzeugt werden. So ist jede Zelle das Ergebnis
siologischen Forschungen basieren, aber zu dieser des Netzwerks interner Operationen eines Systems,
Zeit noch keinen Eingang in die Soziologie gefunden dessen Bestandteil sie ist. Sie ist nicht das unmittel-
hatten. Hierbei handelt es sich vor allem um zwei ra- bare Ergebnis einer Intervention von außen, denn
dikale Veränderungen traditioneller systemtheoreti- autopoietische Systeme reagieren stets auf Eigenzu-
scher Ansichten über die Natur komplexer Einheiten. stände. Sie erzeugen – wie sich am Beispiel einer Zelle
So werden Systeme primär nicht mehr als ein aus Tei- zeigen lässt – sich selber und stellen nicht nur ihre ei-
len bestehendes Ganzes aufgefasst; vielmehr geht es genen Elemente und Strukturen her, sondern sind
nun um die Beschreibung von Differenzen zwischen auch auf der operationalen Ebene autonom.
System und Umwelt. Als Folge dieses Paradigmen- Niklas Luhmann nimmt das Konzept der Auto-
wechsels rückt die Frage, ob und wie eine bestehende poiesis in seine soziologische Theorie auf und erwei-
Einheit erhalten werden kann, zugunsten der wissen- tert seinen Bezugsrahmen, indem er auch soziale und
schaftlichen Beschreibung des Entstehens und der psychische Systeme, die durch ihre jeweiligen spezi-
Reproduktion von Differenzen in den Hintergrund. fischen Operationen gekennzeichnet sind, als selbst-
Systeme werden nunmehr hinsichtlich ihrer selbstre- referentiell und autopoietisch zu beschreiben sucht.
ferentiellen Konstitution untersucht, wobei Selbstre- Dennoch handelt es sich dabei nicht um eine rein
ferenz hierbei nicht mehr im Sinne von Reflexion technische Übernahme dieses im Rahmen der biolo-
oder Reflexivität eines Subjekts, sondern als das ope- gischen Forschung entwickelten Begriffs. Geprägt
rative Selbstverhältnis eines Systems definiert ist. durch sein spezifisch soziologisches Interesse sieht
Diese zunächst außerhalb soziologischer Forschun- Luhmann in der Generalisierung der Idee der Auto-
gen entwickelten systemtheoretischen Revisionen, poiesis zunächst eine Anregung, um nach selbständi-
die vor allem durch den Begriff ›Autopoiesis‹ eine gen Formen der Reproduktion der Einheit eines
wichtige Ergänzung erfahren haben, legt Niklas Luh- Systems in der sozialen Welt zu suchen. Er trennt sich
mann der Entwicklung eines neuen Typs von Gesell- dabei von der biologischen Theorie der Erkenntnis,
schaftstheorie zugrunde (SS) und macht so »der indem er verschiedene Systemarten streng an ihre je-
Soziologie den Vorschlag, den Begriff der Autopoie- weils eigenen Operationen bindet: »Sie müssen […]
sis zu übernehmen und damit eine tiefgreifende, ihre spezifische Operationsweise definieren oder
auch elementare Operationen einbeziehende Theo- über Reflexion ihre Identität bestimmen, um regeln
rie selbstreferentieller Systeme zu gewinnen« (Luh- zu können, welche Sinneinheiten intern die Selbstre-
mann 2001, 137). produktion des Systems ermöglichen, also immer
Das Konzept der Autopoiesis wurde in den 1970er wieder zu reproduzieren sind« (SS, 61). Der Begriff
Jahren von dem chilenischen Biologen Humberto der Autopoiesis verweist daher immer auf einen Her-
Maturana zur Beschreibung der spezifischen Organi- stellungsprozess. Während in der philosophischen
sationsform von Lebewesen entwickelt. Laut seiner Tradition seit Aristoteles mit dem Begriff práxis eine
Definition ist für ein lebendes System charakteris- selbstsuffiziente Tätigkeit beschrieben wurde, be-
tisch, dass es seine eigenen Operationen nur durch zeichnete der Begriff poiésis eine Tätigkeit, durch die
das Netzwerk eben dieser Operationen erzeugt. Die etwas anderes bewirkt oder hergestellt wird. Mit dem
Einheit solcher Systeme ist demnach ein Netzwerk Kompositum ›Autopoiesis‹ nimmt Luhmann also ei-
dieser internen Reproduktion von Elementen und nen Selbst-Herstellungsprozess in den Blick.
Operationen (Maturana 1981). Eine Zelle etwa bildet Die luhmannsche Theorie interessiert sich an die-
ein autopoietisches System, das auf molekularer Ebe- ser Stelle für sinnhaft operierende Systeme, die zu-
ne Elemente hervorbringt, die der Aufrechterhaltung nächst auf der Ebene der Selbstherstellung und
70 Begriffe

Selbsterhaltung auf sich selbst sowie auf die rekursive system par excellence. Gesellschaft betreibt Kommu-
Vernetzung von eigenen spezifischen Operationen nikation, und was immer Kommunikation betreibt,
angewiesen sind und in diesem Sinne autonom agie- ist Gesellschaft. Die Gesellschaft konstituiert die ele-
ren: »Als autopoietisch wollen wir Systeme bezeich- mentaren Einheiten (Kommunikationen), aus denen
nen, die die Elemente, aus denen sie bestehen, durch sie besteht, und was immer so konstituiert wird, wird
die Elemente, aus denen sie bestehen, selbst produ- Gesellschaft, wird Moment des Konstitutionsprozes-
zieren und reproduzieren. Alles, was solche Systeme ses selbst« (SS, 555).
als Einheit verwenden, ihre Elemente, ihre Prozesse, Innerhalb des Gesellschaftssystems können wie-
ihre Strukturen und sich selbst, wird durch eben sol- derum neue Differenzen von Teilsystemen und Teil-
che Einheiten im System erst bestimmt« (SA6, 56). systemumwelten entstehen, wenn eine spezifische
Operationen, die die Reproduktion der Einheit eines Kommunikationsweise zustande kommt, die nur in
Systems und seiner Elemente bewirken, entstehen dem jeweiligen Teilsystem auftritt. Die moderne Ge-
kontinuierlich als Konsequenz früherer Operationen sellschaft ist laut Luhmann durch Ausdifferenzierung
des jeweiligen Systems und sind zugleich Vorausset- von zahlreichen Funktionssystemen wie etwa Wis-
zung für anschließende Operationen, die wiederum senschaft, Politik, Wirtschaft, Recht, Kunst, Religion
Folgeoperationen hervorbringen. Folgt man Luh- gekennzeichnet, deren jeweils spezifische Kommuni-
manns Sichtweise, so repräsentieren soziale Systeme kationsweise sich von anderen gesellschaftlichen
nichts anderes als autopoietische Zusammenhänge Kommunikationen unterscheidet. Auch diese Funk-
von Kommunikationen. Kommunikationen sind tionssysteme lassen sich analog zu dem sie umfassen-
jene Operationen, die ausschließlich aufgrund ande- den Gesellschaftssystem als autopoietisch beschrei-
rer Kommunikationen erzeugt werden. Solange jede ben. Sie reproduzieren sich selbst und bestimmen
Kommunikation von vorheriger Kommunikation im ihre jeweiligen Umweltgrenzen durch die jeweiligen
System bestimmt wird und zugleich eine eigene spezifischen Operationen, die sie systemintern im
Nachfolgekommunikation in diesem System erzeugt, Bezug auf andere eigene Operationen vollziehen, wie
kann das jeweilige soziale System als Einheit beste- beispielsweise Zahlungen im Falle des Wirtschafts-
hen: »Bei sozialen Systemen handelt es sich immer systems oder kollektiv bindende Entscheidungen im
und nur um anschließbare Kommunikation« (SS, Rahmen des politischen Systems.
509). Außerdem generiert autopoietische Reproduk- Luhmann verwendet das Konzept der Autopoiesis
tion nicht nur die Einheit eines Systems mit all seinen nicht als eine Analogie, nicht im Sinne eines nur me-
Elementen und Operationen, sondern auch Grenzen taphorischen Sprachgebrauchs, nicht als eine nur
zur Umwelt, also zu allem, was nicht mehr zum Sys- linguistische Notlösung. Vielmehr bildet Autopoiesis
tem gehört und sich vom System unterscheidet. Ge- die Denkvoraussetzung seiner ganzen Theoriearchi-
rade diese systeminterne Erzeugung von Differenz tektur. Mit der soziologischen Reformulierung dieses
zwischen System und Umwelt ist für Systembildung Begriffs und seiner Übertragung auf den Bereich des
konstitutiv und für das System selbst identitätsstif- Sozialen wird das Interesse für sinnhaft operierende
tend. Autopoiesis besagt nicht, dass die Einheit eines selbstreferentielle Systeme nunmehr ins Zentrum der
Systems in Form einer bestimmten Gestalt produ- Erforschung sozialer Prozesse gestellt. Luhmann ver-
ziert wird. Vielmehr handelt es sich um die Fähigkeit, lässt damit vor allem jene subjektzentrierte soziolo-
durch ständige interne Reproduktion von Operatio- gische und philosophische Denktradition, die das
nen eine Abgrenzung zur Umwelt aufrechtzuerhalten soziale Geschehen auf das Bewusstsein der beteilig-
und sich von ihr zu unterscheiden. Nur solange diese ten Akteure zurückzuführen sucht. Dies markiert
systeminterne Abgrenzung gelingt, existiert das Sys- unter anderem den theoretischen Verzicht auf, »für
tem als Einheit weiter. die Soziologie wohl am schmerzlichsten, jede katego-
Das Konzept der Autopoiesis ermöglicht auf diese riale […] Verwendung des Handlungsbegriffs, die
Weise eine Gesellschaftstheorie, die die Gesellschaft nach üblichem Verständnis zwangsläufig auf ein
nicht als schon immer bestehende und auf Integrati- sinngebendes Subjekt verweist« (Luhmann 2001,
on beruhende Einheit voraussetzt, sondern zunächst 139 f.).
von der Frage nach der Entstehung von Differenzen Die theoretische Figur der Autopoiesis, die zur
ausgeht und Einheit nur als »Verknüpfungsweise des Zeit ihrer Entstehung und in dieser Anspruchslage
Systems« (SS, 240) fasst. Die selbstreferentielle Re- noch kaum konkurrierende Theorieangebote kann-
produktion der Gesellschaft erfolgt über Kommuni- te, wird auch heute noch von einer handlungsorien-
kationen: »Gesellschaft ist das autopoietische Sozial- tierten Soziologie scharf kritisiert (vgl. Greshoff
Code / Programm 71

2008; Schwinn 2001). Größere Akzeptanz findet die- gleichbarkeit über die einzelnen Funktionssysteme
se Figur in den Nachbardisziplinen Germanistik und hinweg.
Rechtswissenschaft, die mit ihrer Hilfe erklären, dass Luhmann optiert von Anfang an nicht für einen
semiotische und rechtliche Strukturen wiederum auf sprachwissenschaftlich, sondern für einen biogene-
sich selbst verweisen und sich nicht außerhalb von tisch inspirierten Codebegriff. Er fasst ihn als eine
semiotischen und rechtlichen Kommunikationen Duplikationsregel, die für jedes beobachtbare Ereig-
begründen lassen (Jahraus 2003; Teubner 1989). nis in der Welt – soziologisch: in der Gesellschaft –
zwei einander ausschließende Ausprägungen zur
Wahl stellt (SA3, 246). Bereits die Ja/Nein-Form, also
Literatur die in der Sprache angelegte Möglichkeit der Negati-
Greshoff, Rainer: »Ohne Akteure geht es nicht! Oder: Wa- on, stellt somit einen binären Code dar. Die weitere
rum die Fundamente der Luhmannschen Sozialtheorie Ausarbeitung dieses Arguments bezieht Luhmann je-
nicht tragen«. In: Zeitschrift für Soziologie 39. Jg., doch auf jene binären Codes, die kommunikative
6 (2008), 450–469. Anschlussfähigkeit in Form von Funktionssystemen
Jahraus, Oliver: Literatur als Medium. Sinnkonstitution
und Subjekterfahrung zwischen Bewusstsein und Kom- bereitstellen. Luhmanns erste Studien zum Thema
munikation. Weilerswist 2003. beziehen sich auf die Codierbarkeit von Kunst (SA3,
Luhmann, Niklas: »Autopoiesis als soziologischer Begriff«. 245–266) und Politik (SA3, 267–286). Mit der ›auto-
In: Ders.: Aufsätze und Reden. Stuttgart 2001, 137–158. poietischen Wende‹ rückt dieses Theorieelement in
–: »Gesellschaftliche Differenzierung«. In: SA4, 13–69. das Zentrum der Erklärung funktionaler Differenzie-
–: »Die Autopoiesis des Bewußtseins«. In: SA6, 55–108.
Maturana, Humberto R.: »Autopoiesis«. In: Milan Zeleny
rung: »Die grundlegende Struktur, die durch Opera-
(Hg.): Autopoiesis: A Theory of Living Organisations. tionen des Systems produziert und reproduziert
New York 1981, 21–32. wird, nennen wir im typischen Fall der Funktionssys-
– /Varela, Francisco J.: »Autopoietische Systeme: eine Be- teme einen Code« (KunstG, 301 f.).
stimmung der lebendigen Organisation«. In: Humberto Codes sind somit besondere Formen von einge-
Maturana (Hg.): Erkennen: Die Organisation und Ver-
körperung von Wirklichkeit [1982]. Braunschweig/
spielten Unterscheidungen, deren zwei Werte derart
Wiesbaden 1985, 170–236. aufeinander bezogen sind, dass eine Negation des ei-
Schwinn, Thomas: »Differenzierung und soziale Integrati- nen Werts genau den Gegenwert ergibt. So führt eine
on. Wider eine systemtheoretisch halbierte Soziologie«. Negation von Recht zu Unrecht, die Negation der
In: Hans Joachim Giegel/Uwe Schimank (Hg.): Beobach- Unwahrheit zur Wahrheit und nicht etwa zu Schön-
ter der Moderne. Beiträge zu Niklas Luhmanns »Die
heit oder Macht. Der Wechsel von einem Wert zum
Gesellschaft der Gesellschaft«. Frankfurt a. M. 2001,
231–260. anderen ist in dem Maße von Uneindeutigkeit be-
Teubner, Gunther: Recht als autopoietisches System. Frank- freit, dass Luhmann für die resultierende Leichtigkeit
furt a. M. 1989. des operativen Kreuzens von einer zur anderen Seite
Iryna Klymenko den Begriff der Technisierung wählt (WissG, 197).
Die Konsequenz dieser Technisierung besteht da-
rin, dass das theoretisch immer mögliche Optieren
für dritte Werte in einem hohen Maße unwahr-
2. Code / Programm scheinlich wird (GG, 359 ff.). Sie sind durch die Ent-
faltung und/oder Invisibilisierung der paradoxen
Praktiken der Rechtsprechung, des Herrschens oder Form ihrer Selbstbezüglichkeit auf keine höheren
auch der Formulierung von Wahrheit gab es lange Werte angewiesen, als die durch sie selbst formulierte
vor der historischen Umstellung der Gesellschafts- Leitdifferenz (GG, 369).
struktur auf primär funktionale Differenzierung. Die Frage danach, wie ein je spezifischer Code ent-
Das Novum der Moderne ist für Luhmann die Radi- steht, lässt sich nur im Rahmen der empirischen
kalität, mit der sich diese Bereiche auseinander diffe- Nachzeichnung dieses Prozesses beantworten. Ihre
renzieren und dabei Formen der Selbststeuerung evolutionäre Unwahrscheinlichkeit relativiert sich
etablieren, die nicht mehr über eine ständische Ge- jedoch insofern, als die weitere Evolution von Funk-
sellschaftsordnung eingehegt werden können. Mit tionssystemen darauf angewiesen ist, die Frage der
den Begriffen ›Code‹ und ›Programm‹ gelingt es ihm Annahme oder Ablehnung von Kommunikationen
zu erklären, wie sich diese Eigenlogiken zugleich sta- auf die Frage der Wahl zwischen zwei Codewerten zu
bilisieren (Code), aber auch dynamisch anpassen reduzieren. Die Kriterien dafür koppeln sich dabei
(Programme). Darüber hinaus schaffen sie eine Ver- weitgehend von alltäglichen Erwartungen ab und
72 Begriffe

spezifizieren sich so (SA3, 246). Fallen Schicht- ßende Sekundärcodierungen ist in vielen Fällen – so
schranken, Glaubensunterschiede oder ästhetische konkret in Bezug auf Liebe und Kunst – umstritten.
Präferenzen als Kriterien für die Wahl von Investiti- Immer aber stellt die binäre Codierung der Funkti-
onspartnern aus, herrscht keineswegs Ratlosigkeit, onssysteme das Oszillieren zwischen den Codewer-
sondern es entstehen Rationalitäten des Handelns, ten und damit die permanente Reproduktion der
die sich am jeweiligen Code (in diesem Beispiel: zah- Leitdifferenz sicher (GG, 749).
len/nicht zahlen) entlang entfalten und durch diesen Im Unterschied zum Code ermöglichen Program-
gleichzeitig in ihrer Reichweite begrenzt werden. me eine größere Flexibilität. Die Form der binären
Die Codes selbst sind amoralisch, denn kein Wert Codes ist zeitlich invariant und garantiert so die
kann eine eindeutige und universale moralische Identität des Systems. Jede Kommunikation, die sich
Überlegenheit über den anderen reklamieren (GG, nach der Unterscheidung von Wahrheit und Un-
751 f.). So kann man z. B. sein Geld den Waisen spen- wahrheit strukturiert, ordnet sich dem Wissen-
den oder damit Blutdiamanten kaufen. Und Politiker schaftssystem zu, jede Inanspruchnahme von Recht/
sind nicht allein durch ihre Platzierung in der Oppo- Unrecht verweist auf das Rechtssystem. Codes bieten
sition den Regierungsmitgliedern moralisch über- dem System aber keine Möglichkeit der Anpassung
oder gar unterlegen. an seine Umwelt und enthalten in sich noch keine
Es ist also nicht die Moral, sondern diese operative Anleitung zur richtigen Zuweisung der jeweiligen
Systemform, die die symmetrischen Codes re-asym- Codewerte. Diese Aufgabe erfüllen Programme
metrisiert und sie damit zu sogenannten Präferenz- (RechtG, 187 ff.).
codes macht: »Die Asymmetrie der Systemform »Programme sind Strukturen, die es ermöglichen,
sichert die Geschlossenheit des Systems auch bei Ori- richtiges und unrichtiges (oder brauchbares und un-
entierung seiner Operationen an der Umwelt. Die brauchbares) Verhalten zu unterscheiden – zum Bei-
Symmetrie des Codes sichert das ständige Kreuzen spiel Theorien im Bereich der Wissenschaft« (P, 55).
der Grenze, die den Code markiert. Das System kann, Funktionssysteme statten sich über Programme mit
wenn es Unrecht feststellt, das Unrecht nicht einfach Kriterien aus, aufgrund derer Codewerte zugewiesen
sich selbst überlassen, sondern muß Möglichkeiten werden können. Programme sind somit evolutionär
finden, mit Unrecht rechtmäßig umzugehen« entstandene und durch wiederholte Selektion eta-
(RechtG, 175). blierte Zusatzsemantiken, die erwartungskanalisie-
Für die Autopoiesis eines Funktionssystems sind rende Routinen, Suchstrategien und Klassifikations-
damit immer beide Seiten des Codes nutzbar und schemata zur Verfügung stellen. Luhmann betont,
notwendig. Der positive Designationswert stellt die dass Programme mit dieser Ordnungsfunktion nicht
Anschlussfähigkeit für zukünftige Operationen des als Trivialmaschinen missverstanden werden dürfen.
Systems bereit; so kann z. B. auf eine wissenschaftli- Deswegen rückt er sie in die Nähe des Strategiebe-
che Wahrheit bei künftigen Forschungen zurückge- griffs und schafft damit auch Distanz zum klassi-
griffen werden. Auch die Falsifikation einer Theorie schen starren Begriff der sozialen Rolle (SS, 432).
ist eine wahre Kommunikation und damit anschluss- Um noch einmal zusammenzufassen: In einem
fähig. Die widerlegte Theorie informiert zugleich als System kann es gleichzeitig mehrere konfligierende
explizit unwahre Kommunikation zukünftige Ope- Programme geben, aber nur einen Code. Programme
rationen des Systems, denn sie blockiert jene For- können sich im Laufe der Zeit ändern, ohne die Iden-
schungsvorhaben, die ihre Wahrheit voraussetzen tität des Systems selbst in Frage zu stellen (Kieserling
müssten. Der negative Wert – auch Reflexionswert 2004, 251). Neue Theorien und Methoden beispiels-
genannt – ist so ebenfalls ein Teil des Funktionssys- weise beziehen sich weiterhin auf den Code der Wis-
tems und liegt keineswegs außerhalb: Er konditio- senschaft. Und nach einer Revolution wird auch in
niert zukünftige Operationen des Systems und stellt der neuen Regierungsform über die Zuweisung von
Wege bereit, Operationen ins Anschlussfähige zu- Macht und Machtlosigkeit entschieden.
rückzuführen. Das System der Medizin stellt hier Luhmann unterscheidet hier idealtypisch zwi-
eine bemerkenswerte Ausnahme dar, eine »perverse schen Konditionalprogrammen und Zweckpro-
Vertauschung der Werte« (SA5, 187) findet statt, da grammen. Konditionalprogramme legen das korrekte
die erstrebte Gesundheit den negativen Wert, die zu Vorgehen bei angebbaren Rahmenbedingungen fest
bekämpfende Krankheit den positiven Wert darstellt. (Gerichtsverfahren) und sind damit ergebnisoffen.
Der empirisch geführte Beweis über neu entste- Zweckprogramme dagegen geben ein Ziel vor (Profit-
hende Codierungen, aber auch über sich anschlie- maximierung in Wirtschaftsorganisationen) (hierzu
Differenz, Differenzierung 73

ausführlich RechtG, 195 ff.), an dem sich das weitere 3. Differenz, Differenzierung
Prozessieren orientiert. In beiden Fällen läuft jedoch
die Orientierung an der Leitdifferenz mit und garan- Sein Hauptwerk Soziale Systeme beginnt Luhmann
tiert so die Autopoiesis des Systems. Erst das Zusam- gleich mit einem Seitenhieb auf die Dialektik. Als
menspiel von Code und Programmierung erlaubt »neues Paradigma« (SS, 26) innerhalb der Wissen-
den Funktionssystemen, operativ eine konditionierte schaften biete sich aus seiner Sicht die Differenz von
Form dynamischer Stabilität zu erreichen (GG, 493). Identität und Differenz an. Ohne nun bereits wissen
So ist die Rezeption der Figuren ›Code‹ und ›Pro- zu müssen, was damit genau gemeint ist: Dass die
gramm‹ dann auch untrennbar mit der Frage der In- Systemtheorie Luhmanns von Beginn an die Umstel-
tegration der Gesellschaft verknüpft. Die strikte lung von Einheit auf Differenz betont und auch prak-
operative Geschlossenheit und Heterarchie der tiziert hat, wird bereits demjenigen auffallen, der sich
Funktionssysteme wird dabei entweder als Quelle zum ersten Mal an die Lektüre Luhmanns wagt. Eine
(Brunkhorst 2009) oder aber gerade als die Lösung Vielzahl seiner Grundbegriffe nimmt die Gestalt von
(Nassehi 2003) des Integrationsproblems konzipiert. Unterscheidungen an. Egal ob von Operation/Beob-
Die Beschreibung der Codes und Programme weite- achtung, von Medium/Form oder von Aktualität/Po-
rer möglicher Funktionssysteme (exemplarisch für tentialität die Rede ist, der Schrägstrich ist als
›Terror‹ als Funktionssystem vgl. Fuchs 2004; für ›so- Sonderzeichen aus den Schriften Luhmanns schlicht-
ziale Hilfe‹ vgl. Baecker 2007a) stellt einen zweiten weg nicht wegzudenken. Er soll auf eine gleicherma-
prominenten Diskursstrang dar. In jüngster Zeit ßen schlichte wie voraussetzungsreiche Problematik
deutet sich eine Annäherung gesellschaftheoretischer aufmerksam machen, nämlich darauf, dass grund-
und empirischer Perspektiven an: Dirk Baecker son- sätzlich mitgesehen werden muss, wovon etwas un-
diert in seinen »Studien zur nächsten Gesellschaft« terschieden wird.
(Baecker 2007b) eine mögliche Ablösung des Primats Das gilt im Übrigen für Untersuchungsgegenstän-
funktionaler Differenzierung durch den Siegeszug de genauso wie für Begriffsentscheidungen in der
des Computers. Armin Nassehi vertritt eine Empiri- Theorie. So lässt sich etwa an Luhmanns Soziologie
sierung der Systemtheorie, die am operativen Praxis- des Risikos studieren, dass es einen Unterschied
vollzug nachzeichnet, wie an sich inkommensurable macht, ob man ›Risiko‹ als Gegenbegriff zu ›Gefahr‹
Codes und Programme dort aufeinandertreffen und oder als Gegenbegriff zu ›Sicherheit‹ einführt. In
miteinander punktuell vermittelt werden (Nassehi beiden Fällen hat man es mit verschiedenen Phäno-
2004). menen zu tun; und das kann nicht am Begriff
›Risiko‹ liegen, es liegt allein an der Unterschei-
dung. Diese Sensibilität für die Unterschiede von
Literatur Unterscheidungen geht u. a. auf Luhmanns Kontakt
Baecker, Dirk: »Soziale Hilfe als Funktionssystem der Ge- mit dem differentialistischen Formenkalkül George
sellschaft«. In: Ders. (Hg.): Wozu Gesellschaft? Berlin Spencer-Browns (1969) zurück. So startet die luh-
2007a. mannsche Systemtheorie auch gar nicht bei einem
–: Studien zur nächsten Gesellschaft. Frankfurt a. M. 2007b. Grundbegriff, sondern bei einer Differenz. »Als Aus-
Brunkhorst, Hauke: »There Will Be Blood. Konstitutionali-
sierung ohne Demokratie?« In: Ders. (Hg.): Demokratie gangspunkt jeder systemtheoretischen Analyse hat,
in der Weltgesellschaft. Baden-Baden 2009, 99–123. darüber besteht heute wohl fachlicher Konsens, die
Fuchs, Peter: Das System »Terror«. Bielefeld 2004. Differenz von System und Umwelt zu dienen« (SS, 35).
Kieserling, André: Selbstbeschreibung und Fremdbeschrei- Ein System wird von Luhmann als die Differenz
bung. Frankfurt a. M. 2004. von System und Umwelt definiert; eine Definition,
Luhmann, Niklas: »Ist Kunst codierbar?« In: SA3, 245–266.
–: »Der politische Code ›konservativ‹ und ›progressiv‹ in
die zugegebenermaßen paradox gebaut ist, taucht
systemtheoretischer Sicht«. In: SA3, 267–286. das System doch sowohl auf der Seite des Definiens
–: »Der medizinische Code«. In: SA5, 176–188. als auch auf der Seite des Definiendums auf. Diese
Nassehi, Armin: Geschlossenheit und Offenheit. Studien paradoxale Struktur soll darauf verweisen, dass
zur Theorie der modernen Gesellschaft. Frankfurt a. M. Systeme nicht als Objekte, als Dinge oder als Ein-
2003.
heiten konzipiert werden, sondern ausschließlich
–: »Die Theorie funktionaler Differenzierung im Horizont
ihrer Kritik«. In: Zeitschrift für Soziologie 33. Jg., 2 als Differenzen. So erstaunlich es klingen mag, ein
(2004), 98–118. System ist immer auch durch das bestimmt, was es
Florian Süssenguth nicht ist.
Hierin liegt der antiessentialistische Kern der Sys-
74 Begriffe

temtheorie. Die Identität eines Systems kann nicht scheidet Luhmann daher folgende Formen der
dadurch erklärt werden, dass ein System mit sich Differenzierung:
selbst identisch ist, sondern nur dadurch, dass es von • Segmentäre Differenzierung in verschiedene, aber
etwas anderem unterschieden ist. Systeme haben da- gleichartige Teilsysteme wie Stämme, Clans oder
her auch kein Wesen und keine Substanz, sondern Familien,
sind das Resultat einer Abgrenzung, die im System • Differenzierung in ungleiche, nach Zentrum und
selbst mit systemeigenen Mitteln hergestellt werden Peripherie organisierte Teilsysteme,
muss. »In diesem Sinne ist Grenzerhaltung Systemer- • Stratifizierte Differenzierung in ungleiche, hierar-
haltung« (SS, 35). Was hier als ›Grenze‹ bezeichnet chisierbare Teilsysteme wie Schichten, Stände oder
wird, darf allerdings nicht stabil oder fixierbar ge- Klassen sowie
dacht werden, vielmehr haben es Systeme mit der Re- • Funktionale Differenzierung in eigenständige
produktion dieser Grenze, d. h. der permanenten Funktionssysteme wie Politik, Wirtschaft, Recht,
Reaktualisierung der Differenz von System und Um- Wissenschaft oder Kunst.
welt zu tun. Der Begriff ›Reaktualisierung‹ sollte als Die moderne Gesellschaft kann für Luhmann in ers-
Hinweis darauf gelesen werden, dass Systemerhal- ter Linie dadurch gekennzeichnet werden, dass es zu
tung Wiederholungen voraussetzt und daher immer einem Primat funktionaler Differenzierung kommt.
auch Zeit in Anspruch nimmt. In der Soziologie ist er damit keineswegs der erste,
Der luhmannsche Systembegriff ist also konse- der die Gesellschaft vor dem Hintergrund gesell-
quent prozesshaft, d. h. operativ, gedacht; in seiner schaftlicher Differenzierungs- und Trennungspro-
Verknüpfung von Differentialität und Temporalität zesse beschreibt, vielmehr markiert die Diagnose
liegen Nähen zu poststrukturalistischen Theoriean- gesellschaftlicher Differenzierung so etwas wie den
geboten, etwa zu Gilles Deleuze’ Differenz und Wie- Ausgangspunkt soziologischen Denkens und auch
derholung (1997) oder zu Jacques Derridas Figur der den Ausgangspunkt der Soziologie als akademische
différance (1988), die zum Teil von Luhmann selbst Disziplin. Ob bei Max Weber, Émile Durkheim und
kritisch diskutiert (Luhmann 1995) und auch nach Georg Simmel, ob in der Nachfolge bei Talcott Par-
Luhmanns Tod vermehrt zum Gegenstand der For- sons, Jürgen Habermas oder Pierre Bourdieu, die So-
schung wurden (Stäheli 2000; Binczek 2000; Jahraus ziologie entdeckt in Differenzierung so etwas wie die
2001). Signatur moderner Gesellschaften. Sie hat dies als
Welche soziologischen Konsequenzen sich aus Arbeitsteilung beschrieben, als Entkopplung von
dieser Umstellung von Einheit auf Differenz ergeben, System und Lebenswelt, als das Nebeneinander un-
lässt sich vielleicht am deutlichsten an der luhmann- terschiedlicher Wertsphären, sozialer Kreise oder
schen Differenzierungstheorie veranschaulichen. Felder, und doch unterscheidet sich Luhmanns Dif-
Diese lässt sich nur dann in vollem Umfang begrei- ferenzierungstheorie davon radikal. Wo auch immer
fen, wenn man ihre differenztheoretische Fundie- die Soziologie bislang Differenzierungsprozesse in
rung mitberücksichtigt. Dabei muss allerdings be- den Blick genommen hat, hat sie Gesellschaft als ein
tont werden, dass ›Differenz‹ und ›Differenzierung‹ Ganzes, als Einheit vorausgesetzt und Differenzie-
zwei unterschiedliche Begriffe sind und auch auf un- rung als die Teilung dieser Einheit beschrieben (vgl.
terschiedlichen Ebenen innerhalb der Theorie liegen. dazu Nassehi 2004). In Gesellschaft der Gesellschaft
Während ›Differenz‹ ein metatheoretischer Begriff macht Luhmann deutlich, warum dieses Schema
ist, ist ›Differenzierung‹ ein Grundbegriff der Theo- Teil/Ganzes aus seiner Sicht nicht überzeugen kann:
rie. »Es geht nicht um eine Dekomposition eines ›Gan-
Unter ›Differenzierung‹ versteht man, dass es in- zen‹ in ›Teile‹, und zwar weder im begrifflichen Sinne
nerhalb eines Systems zur Ausbildung weiterer Sys- (divisio) noch im Sinne einer Realteilung (partitio).
tem/Umwelt-Differenzen kommen kann. In diesem […] Vielmehr rekonstruiert jedes Teilsystem das um-
Fall spricht man von Systemdifferenzierung. »Durch fassende System, dem es angehört und das es mitvoll-
Systemdifferenzierung multipliziert sich gewisser- zieht, durch eine eigene (teilsystemspezifische) Dif-
maßen das System in sich selbst durch immer neue ferenz von System und Umwelt« (GG, 598).
Unterscheidungen von Systemen und Umwelt im ›Funktionale Differenzierung‹ meint daher kei-
System« (GG, 598), wobei die Beziehungen zwischen neswegs die Unterteilung der Gesellschaft in unter-
System und Umwelt durch unterschiedliche Diffe- schiedliche abgeschlossene Zuständigkeitsbereiche,
renzierungsformen jeweils unterschiedlich arran- wie etwa Politik, Wirtschaft oder Kunst. ›Funktionale
giert werden. Bezogen auf die Gesellschaft unter- Differenzierung‹ meint die Ausdifferenzierung im-
Doppelte Kontingenz 75

mer neuer Differenzen. Hier zeigt sich deutlich, wie met, entstammt der Theorie Talcott Parsons’. Bei
stark die luhmannsche Differenzierungstheorie die Parsons bezeichnet er den Umstand, dass Egos Selek-
soziologische Weiterführung eines differenztheoreti- tionen kontingent sind und sich Alters Selektionen
schen Arguments ist. Denn mit der Politik differen- wiederum kontingent in Bezug auf Egos Selektionen
ziert sich gleichzeitig auch eine politikinterne Um- verhalten (Parsons/Shils 1951, 3 ff.). Damit verweist
welt aus, mit der Wirtschaft eine wirtschaftsinterne, der Begriff auf eine Art »Ursituation des Sozialen«
mit der Kunst eine kunstinterne usw. Die Konse- (Baecker 2007, 93): Der eine wie der andere könnte
quenz dieses Differenzierungsprozesses ist, dass es sich immer auch anders verhalten. Das dadurch um-
unmöglich wird, die Teile wieder zu einem Ganzen rissene Problem gewinnt seine besondere Schärfe
zusammenzufügen, denn »[j]ede Änderung eines aufgrund der Reflexivität der angezeigten Situation.
Teilsystems ist zugleich eine Änderung der Umwelt Nicht nur, dass jeder Interaktionsteilnehmer sowohl
anderer Teilsysteme« (GG, 599). die eigene Handlung als auch die Handlung des an-
Luhmann hat seine Differenzierungstheorie daher deren als kontingent erfährt – er weiß außerdem
absichtlich jenseits der Notwendigkeit gesellschaftli- noch, dass der andere das gleiche tut.
cher Integration ausformuliert. Die Frage, was die Die Kategorie der Kontingenz stellt zweifellos ei-
Gesellschaft im Inneren zusammenhält, kann für nen Leitbegriff moderner Sozialtheorie dar (Holzin-
Luhmann nicht durch Rückgriff auf Moral (wie bei ger 2007). Sie bringt zum Ausdruck, dass Sachverhal-
Durkheim), auf gesellschaftliche Gemeinschaft (wie te weder notwendig noch unmöglich, sondern
bei Parsons) oder auf Lebenswelt (wie bei Habermas) vielmehr auch anders möglich sind: »Der Begriff be-
zufriedenstellend beantwortet werden. Die Frage zeichnet mithin Gegebenes (Erfahrenes, Erwartetes,
wäre aus seiner Sicht aber auch falsch gestellt. Denn Gedachtes, Phantasiertes) im Hinblick auf mögliches
so wenig eine Differenzierungstheorie bei Einheit be- Anderssein; er bezeichnet Gegenstände im Horizont
ginnen muss, so wenig muss sie mit Einheit enden. möglicher Abwandlungen« (SS, 152). Schon bevor
die Kontingenzerfahrung zum herausragenden
Merkmal der Moderne werden sollte, bildet sie ein
Literatur Grenzproblem der Ontologie. Kontingent ist schließ-
Berg, Henk de/Prangel, Matthias (Hg.): Differenzen. Sys- lich ein Sein, das sein und gleichzeitig nicht sein
temtheorie zwischen Dekonstruktion und Konstrukti- kann. Während Aristoteles die Kontingenz alleine für
vismus. Tübingen/Basel 1995. zukünftige Sachverhalte gelten ließ, sah der Scholas-
Binczek, Natalie: Im Medium der Schrift. Zum dekonstruk- tiker Duns Scotus einen Akt dann als kontingent an,
tiven Anteil in der Systemtheorie Niklas Luhmanns.
München 2000. wenn dessen Gegenteil im Moment seines Stattfin-
Deleuze, Gilles: Differenz und Wiederholung. München dens hätte geschehen können (Agamben 1998, 50 ff.).
1997 (frz. 1968). Luhmann radikalisiert das Denken der Kontingenz,
Derrida, Jacques: »Die différance«. In: Ders.: Randgänge indem er ausnahmslos jede soziale Operation als ei-
der Philosophie. Wien 1988, 29–52 (frz. 1968). nen kontingenten, also auch anders möglichen Be-
Jahraus, Oliver: Theorieschleife. Systemtheorie, Dekon-
struktion und Medientheorie. Wien 2001.
zeichnungsakt auffasst. Dabei führt Luhmann zufol-
Luhmann, Niklas: »Dekonstruktion als Beobachtung zwei- ge jede Markierung im Sinnmedium einen Über-
ter Ordnung«. In: Berg/Prangel 1995, 9–35. schuss an Verweisungen immer schon mit sich, jede
Nassehi, Armin: »Die Theorie funktionaler Differenzierung Aktualisierung potenzialisiert folglich weitere Mög-
im Horizont ihrer Kritik«. In: Zeitschrift für Soziologie lichkeiten. Vor dem Hintergrund dieser theoreti-
33. Jg., 2 (2004), 98–118.
Spencer-Brown, George: Laws of Form. London 1969.
schen Disposition erkennt man, dass der Sonderfall
Stäheli, Urs: Sinnzusammenbrüche. Eine dekonstruktive der doppelten Kontingenz die Unwahrscheinlichkeit
Lektüre von Niklas Luhmanns Systemtheorie. Weilers- des Sozialen deutlich hervortreten lässt. Das soziale
wist 2000. Spiel erscheint als hochgradig unberechenbar, jeder
Julian Müller Akt als riskant. Aber wie ist dann soziale Ordnung
möglich?
Die Systemtheorie hält an dieser Theoriestelle eine
faszinierende Wendung bereit, indem sie im Problem
4. Doppelte Kontingenz doppelter Kontingenz selbst die Lösung dieser für die
Soziologie grundlegenden Frage erkennt. Es ist näm-
Der Begriff der doppelten Kontingenz, dem Luh- lich die radikale Unbestimmtheit einer entsprechen-
mann ein Kapitel in Soziale Systeme (SS 1984) wid- den Situation, die den Aktionsdruck ihrer Bestim-
76 Begriffe

mung erzeugt. Luhmann imaginiert den ›Naturzu- tifiziert wird, dem begegnet man nur ausnahmsweise
stand‹ der doppelten Kontingenz folgendermaßen: mit Fragen nach der politischen Gesinnung. Damit
»Alter bestimmt in einer noch unklaren Situation aber bringt jeder Auftritt einer sozialen Person das
sein Verhalten versuchsweise zuerst. Er beginnt mit Problem der doppelten Kontingenz im Moment sei-
einem freundlichen Blick, einer Geste, einem Ge- ner Abarbeitung hervor. Das Problem tritt also para-
schenk – und wartet ab, ob und wie Ego die vorge- doxerweise dann zutage, wenn der erste Schritt zu
schlagene Situationsdefinition annimmt« (SS, 150). seiner Lösung bereits vollzogen ist.
Egal wie Alter und Ego sich konkret verhalten, aus je- Insgesamt weist Luhmanns Theorie tiefgreifende
der ihrer kontingenten Aktionen wird das emergie- Unterschiede gegenüber konkurrierenden Angebo-
rende System einen kontingenzreduzierenden Effekt ten auf. Zunächst steht die Systemtheorie all jenen
ziehen. So führt die anfängliche Offenheit für Belie- Ansätzen diametral entgegen, die mit der Feststel-
biges dazu, dass selbst kleinste Zufälle oder bloße Ge- lung von Notwendigkeiten oder Unmöglichkeiten
bärden genutzt werden, um unstrukturierte in starten und Kontingenz lediglich als sekundäres Phä-
strukturierte Komplexität zu überführen. In Alltags- nomen ansehen. Denn die Theorie geht gerade von
situationen dienen darüber hinaus Semantiken und einem Primat der Kontingenz aus, auf deren Basis
Themen zur Einhegung der doppelten Kontingenz. sich nur mehr dynamische Stabilitäten einstellen.
Man denke an einfache Höflichkeitsformeln oder an Damit unterscheidet sich die Systemtheorie auch von
Pauschalthemen wie das Wetter. Aller Anfang er- Ansätzen, die das Problem der doppelten Kontingenz
scheint da leicht. zwar mehr oder weniger klar herausarbeiten, zur Lö-
Nicht selten wird die Figur der doppelten Kontin- sung aber auf »Letztrückversicherungskonzepte«
genz dann auch als Szene der Begegnung zweier Per- (SS, 172) setzen. Statt bei dritten Instanzen wie dem
sonen vorgestellt, die füreinander black boxes bleiben. Staat (Hobbes), der Erziehung (Rousseau) oder der
Entsprechend erklärt sich die Entstehung des Sozial- Vernunft (Kant) Zuflucht zu suchen, gründet Luh-
systems aus dem Umstand, dass Alter und Ego einan- mann soziale Systeme auf den Umgang mit der ihnen
der auf der Grundlage ihrer prinzipiellen Indetermi- inhärenten Kontingenz. Als konstitutives und ende-
niertheit Determinierbarkeit unterstellen: Man kann misches Problem ist die doppelte Kontingenz dem
den anderen nicht vollständig berechnen, durchaus System zudem permanent gegeben. Hier liegt
aber aus der Umwelt zu beeinflussen versuchen. Um schließlich ein wesentlicher Unterschied zur Theorie
den an dieser Theoriestelle aufscheinenden bewusst- Parsons’, die als Problemlösung einen kulturell prä-
seinsphilosophischen und handlungstheoretischen figurierten Wertekonsens unterstellt. Während Par-
Bias zu kontrollieren, gilt es jedoch, die ›doppelte sons die Lösung somit in der Vergangenheit der
Kontingenz‹ strikt als eine »dem Sozialsystem inhä- Sozialdimension vorzufinden glaubt, wird das Pro-
rente Dualität« (Fuchs 2004, 37) zu begreifen. Daraus blem der doppelten Kontingenz Luhmann zufolge
ergeben sich tiefgreifende Konsequenzen vor allem primär in der Zeitdimension abgearbeitet – und zwar
für das Verständnis dessen, was eine soziale Person ohne dass das Problem im Zuge seiner ›Lösung‹ auf-
ist. So gehen Personen dem Kommunikationsgesche- gehoben würde. Die doppelte Kontingenz ermög-
hen gerade nicht als Wesen aus Fleisch und Blut vo- licht demnach die kontinuierliche Autokatalyse des
raus, sondern entstehen erst im Zuge systemrelativer Sozialsystems, gerade weil sie selbst nicht verbraucht
Attributionsprozesse. Die Verleihung des Personen- oder gar eliminiert wird. Deshalb liegt doppelte Kon-
titels fungiert auf der einen Seite als Marker für tingenz auch niemals im Reinzustand, sondern im-
Handlungsfähigkeit: Wer als Person adressiert wird, mer in artikulierter Form vor.
dem wird das Vermögen zugeschrieben, eine freie Begreift man Systeme unter dem Gesichtspunkt
Wahl zu treffen und somit Kontingenz zu aktualisie- der Artikulation von doppelter Kontingenz, dann er-
ren. Auf der anderen Seite zieht jede Person Erwar- scheint nicht zuletzt die Engführung der Theoriefi-
tungen auf sich und strukturiert dadurch die soziale gur auf Interaktionssituationen als zu kurz gegriffen.
Situation. Luhmann zufolge bilden Personen als so- Sicherlich: Mit der Erosion der stratifizierten Ord-
ziale Formen »Erwartungskollagen« (SS, 178), die nung bedarf die Kommunikation unter Anwesenden
immer schon dazu beitragen, den Zustand der Er- neuer Anhaltspunkte. Hier springen ab dem 17. Jahr-
wartungslosigkeit zu überwinden. Als im autopoieti- hundert etwa Konversationsregeln und vor allem die
schen Spiel zirkulierende Identitätsmarken verknap- Mode ein (Esposito 2004). In der gleichen histori-
pen sie die Möglichkeiten der Relationierung von schen Situation übernimmt jedoch die Kommunika-
Anschlüssen. Wer etwa als potentieller Käufer iden- tion unter Abwesenden gesamtgesellschaftlich die
Erleben / Handeln 77

Führung. Die dabei zu bewältigende doppelte Kon- auf, von denen sich die eine wissenssoziologisch für
tingenz wird durch symbolisch generalisierte Medien die verstehende Deutung der Welt und das Erleben
wie Geld, Macht oder Wahrheit artikuliert. Insbe- von sozialen Unterschieden (Scheler, Mannheim),
sondere das Recht nimmt hier eine Schlüsselstellung die andere für Akteure und die Erklärung ihres Han-
ein. Indem es bestimmte Erwartung normativ absi- delns (Weber) interessiert (SA3, 67). Während Jür-
chert, eröffnet es die Möglichkeit, sich auf eine per se gen Habermas beide Theoriestränge in sehr präg-
ungewisse Zukunft einzulassen. Umgekehrt markiert nanter Form im Begriff des kommunikativen Han-
die hochmoderne Prominenz der Risikokommuni- delns aufeinander bezieht und das gegenseitige
kation eine Krise der Kontingenzbewältigung. Zu- Verstehen bzw. sogar den Konsens zum Ideal gelun-
mindest erscheint die Akzeptanz der kontingenten genen Handelns erhebt, entwirft Luhmann mit dem
Entscheidung des anderen dort höchst fraglich, wo Konzept der ›Zurechnungspraxis‹ ein Bild, bei dem
sie für einen selbst Gefahren bergen könnte. Noch ra- alle Formen des Aufeinanderbezogenseins von Erle-
dikaler tritt das Problem der doppelten Kontingenz ben und Handeln gleichermaßen auf ihre Leistungs-
angesichts von Exklusionsbereichen hervor, in denen fähigkeit hin überprüft werden.
sich die Relevanz von der sozialen Person auf ihre Dass Handlungen nicht außerhalb einer soziolo-
Körperlichkeit verlagert (SA6, 145 f.; Opitz 2008). gischen Beobachtung schon immer vorliegen, son-
Wo symbolisch generalisierte Medien nicht greifen, dern dass Kommunikationen als Handlungen »aus-
dort herrscht Erwartungsunsicherheit. Folglich er- geflaggt« (SS, 226) werden müssen, damit sie als
scheint die präventive Vermeidung von Kontakten solche erscheinen, erklärt sich über den systemtheo-
oder der schnelle Rückgriff auf Gewalt als probates retischen Kommunikationsbegriff. Erst wenn Kom-
Mittel, um die sprachimmanente Alternative zwi- munikationen auf ein Motiv zugerechnet werden
schen Annahme oder Ablehnung der Verhandlung und damit die webersche Form einer Erklärung über
zu entziehen. Die weltgesellschaftlichen Exklusions- Kausalitäten erhalten, nehmen sie die Form von
bereiche bilden mithin den Grenzfall der Sozialtheo- Handlungen an. Gleichzeitig entsteht damit auch ein
rie, insofern das Problem der doppelten Kontingenz Rahmen der Handlung mit, der motivlos erscheint
hier nur in äußerst beschränktem Maß autokataly- und so behandelt wird, als läge er als Weltgeschehen
tisch zum Aufbau komplexer Systeme motiviert. einfach vor. Luhmann erläutert diesen Zusammen-
hang von Handlungen in einer Welt in einem frühen
Text unter dem Titel »Erleben und Handeln« (1978/
Literatur 1981), aber auch viel später noch einmal, wenn es in
Agamben, Giorgio: Bartleby oder die Kontingenz. Berlin Die Gesellschaft der Gesellschaft (1997) um die Sche-
1998. matisierung von Kommunikation durch symbolisch
Baecker, Dirk: Form und Formen der Kommunikation. generalisierte Kommunikationsmedien geht. »Wenn
Frankfurt a. M. 2007. eine Selektion (von wem immer) dem System selbst
Esposito, Elena: Die Verbindlichkeit des Vorübergehenden:
Paradoxien der Mode. Frankfurt a. M. 2004. zugerechnet wird, wollen wir von Handlung spre-
Fuchs, Peter: Der Sinn der Beobachtung. Begriffliche Unter- chen, wird sie der Umwelt zugerechnet, von Erleben.
suchungen. Weilerswist 2004. Entsprechend unterscheiden sich die symbolisch ge-
Holzinger, Markus: Kontingenz in der Gegenwartsgesell- neralisierten Kommunikationsmedien danach, ob
schaft. Dimensionen eines Leitbegriffs moderner Sozial- sie die beiden sozialen Positionen Ego und Alter als
theorie. Bielefeld 2007.
Luhmann, Niklas: »Die Form ›Person‹«. In: SA6, 142–154.
erlebend oder als handelnd voraussetzen« (GG, 335).
Opitz, Sven: »Die Materialität der Exklusion: Vom ausge- Mit der stärkeren Zuspitzung der Differenzie-
schlossenen Körper zum Körper des Ausgeschlossenen«. rungstheorie über die Unterscheidung von symbo-
In: Soziale Systeme 17. Jg. (2008), 229–253. lisch generalisierten Kommunikationsmedien rü-
Parsons, Talcott/Shils, Edward (Hg.): Towards a General cken Zurechnungspraxen als Verstärkung von An-
Theory of Action. Cambridge, MA 1951.
nahmewahrscheinlichkeiten in den Mittelpunkt. Aus
Sven Opitz
der Unterscheidung einer immer schon vorausge-
setzten gemeinsam erlebten Welt und einem han-
delnden Selbst resultiert, »daß die Systemzurech-
5. Erleben / Handeln nung als Handeln Ungleichheit, die Weltzurechnung
als Erleben dagegen Gleichheit impliziert. Mit der
Luhmann greift mit der Unterscheidung von Erleben Zurechnung als Handeln konstituiert der Zurech-
und Handeln zwei soziologische Theorietraditionen nende für sich selbst und für andere die Freiheit, an-
78 Begriffe

ders zu handeln. Mit der Zurechnung als Erleben rade aufgrund ihrer Partikularität. Die Kommunika-
setzt der Zurechnende sich selbst und andere unter tion orientiert sich dann an der Besonderheit des
die Erwartung, gleich zu erleben« (SA3, 74). anderen und schafft auf diese Weise zumindest ein
Handeln und Erleben schaffen also zwei unter- Ego, das aus Liebe handelt. So wird eine Situation sta-
schiedliche Weltzugänge, die von symbolisch genera- bilisiert, in der sich maximal zwei Personen gegensei-
lisierten Kommunikationsmedien wie Geld, Wahr- tig als Horizont ihres Handelns erleben. Ego nimmt
heit, Liebe, Macht und Recht ganz unterschiedlich in seinem Handeln das Erleben von Alter vorweg. In
genutzt werden. Es entstehen dabei jeweils Zurech- exakt dieser Figur liegt die Entstehung von vorausset-
nungspraxen, die sich nur in der sehr vorausset- zungsreichen Formen der Individualität und ihrer
zungsreichen Form der soziologischen Beobachtung Selbstdarstellung in den entsprechenden Semantiken
auseinanderhalten lassen. Luhmann unterscheidet begründet (vgl. LaP).
sie »artifiziell« (GG, 334) in einer Vier-Felder-Tabel- (3) Ökonomie und Kunst stellen den umgekehr-
le, die die vier Formen der Kombination von Ego/Al- ten Fall auf Dauer: Ego erlebt, dass Alter handelt. Das
ter und Erleben/Handeln variiert: Kommunikationsmedium Geld fördert die Annah-
(1) Dass Alters Erleben an das Erleben von Ego an- mewahrscheinlichkeit von wirtschaftlicher Kommu-
schließt, trifft für den Fall der wissenschaftlichen nikation, insofern es Kaufen als Handlung Alter
Kommunikation zu. Für Wahrheit als symbolisch ge- zurechenbar macht, daraus aber keine Handlungs-
neralisiertes Kommunikationsmedium der Wissen- notwendigkeit für Ego ableitet. Jeder kann kaufen,
schaft ist typisch, dass sie ein gemeinsames Erleben was er will, sofern er Geld dafür hat. Diese spezielle
von Ego und Alter voraussetzt. »Der Wahrheitsgehalt Zurechnungskonstellation stabilisiert eine friedliche
einer Aussage kann deshalb nicht auf den Willen oder Aneignung von knappen Gütern. Wirtschaft er-
das Interesse eines der Beteiligten zurückgeführt wer- scheint nun als voraussetzungsreiche Form der Kon-
den, denn das hieße, daß er für die anderen nicht ver- fliktvermeidung. Auch Kunst positioniert Ego in der
bindlich ist« (GG, 339 f.). Eine wissenschaftliche Situation des Erlebenden, in dessen Umwelt jemand,
Wahrheit kann sich als solche nur dann plausibilisie- der Künstler, handelt. Bei diesen beiden Fällen kann
ren, wenn sie nicht als Handlung erscheint, wenn sie man sehen, dass es nicht um die Kaufhandlung selbst
nicht auf eine Handlung, auf ein Motiv eines Han- geht oder das Kunstschaffen, sondern um einen
delnden zurückgeführt werden kann. Andernfalls Kommunikationsstil, der Handelnde und Erlebende
könnte man durch bestimmte Handlungen Wahrhei- auseinanderhält. Die moderne Ökonomie schafft
ten sozusagen erzeugen. Was empirisch als Wissen- demzufolge zunächst einmal einen Konsumenten,
schaftssystem entstanden ist, verdankt sich Metho- der beobachtet, wie andere kaufen, was er selbst ger-
den (Experimenten), die das Erleben von Ego im ne hätte. Auch für die Kunst ist entscheidend, dass et-
Erleben von Alter bestätigen (Stichweh 1987, 452 f.) was einem Künstler zugerechnet werden kann, um
und die auf diese Weise eine gemeinsam erlebte Welt zwischen Kunst und Steckdose zu unterscheiden und
schaffen. Der Blick auf den historischen Verlauf ver- eine entsprechende künstlerische Virtuosität zu
deutlicht, wie diese spezielle Art von Zurechnungs- schaffen.
praxis als Konditionierung von Annahmewahr- (4) Im Fall von Macht und Recht liegt der »Keim
scheinlichkeiten der Kommunikation nach und nach für die Entfaltung unwahrscheinlicher Möglichkei-
entsteht. Eine hochunwahrscheinliche Form der ten« (GG, 355) in der Kombination von Handlun-
Kommunikation, das gemeinsame Erleben von gen: Ego handelt so, weil Alter dies will. Beide
Wahrheit, wird in wissenschaftlicher Kommunikati- verstehen sich als Handelnde, die mit Motiven ausge-
on erwartbar gemacht. Eine ähnliche symmetrische stattet sind. Die Durchsetzungsmöglichkeiten für
Konstellation findet sich bei der Kommunikation machtförmige Kommunikation werden rechtlich
von Werten, die eine für beide Seiten verbindliche konkretisiert.
Betroffenheit von ihrer Bedeutung einfach unterstel- Diese anspruchsvolle Typologie von Zurech-
len und auf Begründungen verzichten können. nungspraxen kann verdeutlichen, wie in der Kopp-
(2) Die Liebeskommunikation ist der Fall einer lung von Erleben und Handeln Kommunikationen
speziellen Kombination von Erleben und Handeln. jeweils unterschiedlich eingeschränkt werden. Sie
Wer liebt, der passt sich in seinem Handeln dem Er- verdeutlicht jedoch auch, dass sich all diese Praxen als
leben des anderen an. Das Besondere und Unwahr- Konditionierungen verstehen lassen und dass sich
scheinliche einer Liebesbeziehung besteht in der die an Konsens orientierte Produktion von Wahrheit
Akzeptanz der Perspektive des anderen, und zwar ge- ebenso sozialen Zwängen verdankt wie die Erzwin-
Erwartung 79

gung von zurechenbarem Handeln durch Macht und mann diesem Begriff hier einräumt, lässt sich leicht
Recht. an folgender Formulierung ablesen: »Immer wenn
Es lassen sich nur wenige Anschlüsse an diese sehr man Handlungen oder Handlungssysteme als pro-
voraussetzungsreichen Theoriefiguren finden. Ar- blematisch ansieht – und das ist der Ansatzpunkt für
min Nassehi entfaltet auf der Grundlage der Unter- eine funktionale Analyse –, muß man auf ihren Sinn,
scheidung von Erleben und Handeln eine Typologie d. h. auf eine bestimmte Ordnung von Erwartungen
biographischer Selbstbeschreibungen und überwin- zurückgreifen. […] Alle Systemprobleme lassen sich
det damit eine rein handlungstheoretisch fixierte letztlich auf Probleme der Erwartungsstabilisierung
Biographieforschung (Nassehi 1995). Irmhild Saake zurückführen« (FuF, 26 f.). Der Begriff der Erwar-
arbeitet diese Typologie weiter aus und rekonstruiert tung nimmt in der Theorie sozialer Systeme eine
unterschiedliche Formen der Selbst- und Weltbe- konstitutive Rolle ein, insofern mit ihm die Struktu-
schreibungen (Lebenswelt, asymmetrische Gesell- ren sozialer (und psychischer) Systeme beschrieben
schaft, Markt) (Saake 2006). Gerd Nollmann rekon- werden. Auf einer abstrakten Ebene fasst Luhmann
struiert auf der Basis der Unterscheidung von damit eine Tradition neu, die – zumeist vermittelt
Erleben und Handeln eine Soziologie der Ungleich- über den Rollenbegriff – zwischen konkreten Hand-
heit, die er als »sozial geregelte, sinnhafte Zurech- lungen und allgemeineren Erwartungen, formalen
nungspraxis« (Nollmann 2004) verstehen möchte, Normen und diffuseren Symbolen unterschieden
um auf dieser Grundlage Individualisierungs- mit hatte, um dann vor allem den Normen eine erwar-
Ungleichheitstheorie zu versöhnen. Soziale Unter- tungsstabilisierende Funktion zuzuschreiben (FuF,
schiede scheinen sich demzufolge durch eine verän- 19). Der Begriff der Funktion rückt dabei alternative
derte Zurechnungspraxis aufzulösen, bei der nun als Formen der Erwartungsstabilisierung in den Vorder-
Handeln zugerechnet wird, was früher nur erlebt grund, wie z. B. auch Konflikte oder an den Moment
wurde (Geschlechterunterschiede, Standesunter- gebundene Variationen, und rechtfertigt die allge-
schiede). meinere Formulierung, dass Erwartungen als (mit-
unter auf Dauer gestellte) Sinnverweisungen zu
verstehen sind.
Literatur Von Sinnverweisungen spricht Luhmann, um zu
Luhmann, Niklas: »Erleben und Handeln« [1978]. In: SA3, verdeutlichen, dass System und Welt stets mehr Mög-
67–80. lichkeiten bereithalten als jeweils aktualisiert werden
Nassehi, Armin: »Die Deportation als biographisches Ereig- können. Um operieren zu können, muss das System
nis. Eine biographieanalytische Untersuchung«. In: Ge- Komplexität reduzieren, indem es voraussetzungslos
org Weber u. a.: Die Deportation von Siebenbürger
Sachsen in die Sowjetunion 1945–49. Band 2. Köln/Wien für jede Situation bestimmte Erwartungen vor-
1995, 5–412. nimmt, also ein Bündel von Möglichkeiten selektiert.
Nollmann, Gerd: »Luhmann, Bourdieu und die Soziologie Was in einer Situation möglich und was unmöglich
des Sinnverstehens. Zur Theorie und Empirie geregelten ist, was als wahrscheinlich und was als unwahr-
Verstehens«. In: Armin Nassehi/Ders. (Hg.): Bourdieu scheinlich erscheint, entspricht dabei dem system-
und Luhmann. Ein Theorienvergleich. Frankfurt a. M.
2004, 118–155.
eigenen Blick auf die Welt, auf Situationen, Objekte,
Saake, Irmhild: »Selbstbeschreibungen als Weltbeschrei- Begriffe und Personen. Mit zunehmender Erfah-
bungen. Die Homologie-Annahme revisited«. In: Socio- rungsaufschichtung modifizieren und konkretisie-
logia Internationalis 44. Jg., 1–2 (2006), 99–140. ren sich Erwartungen, indem bestimmte Anschlüsse
Stichweh, Rudolf: »Die Autopoiesis der Wissenschaft«. In: Erwartungen enttäuschen oder bestätigen (SS, 363).
Dirk Baecker/Jürgen Markowitz/Ders. (Hg.): Theorie als
Das System kann sich so erinnern und eine Zukunft
Passion. Niklas Luhmann zum 60. Geburtstag. Frankfurt
a. M. 1987, 447–481. projizieren.
Irmhild Saake Es sind somit nicht in erster Linie voraussetzungs-
reiche und den konkreten sozialen Zusammenhän-
gen vorgängige Normen, die Situationen unproble-
matisch bearbeitbar machen. Sehr viel niedrig-
6. Erwartung schwelliger sichern Erwartungen und insbesondere
Erwartungen von Erwartungen die Anschlussfähig-
In Funktionen und Folgen formaler Organisation (FuF keit und die Reproduktion von Systemereignissen.
1964) wird der Begriff der Erwartung ausführlich Als Generalisierungen von Sinn werden Erwar-
eingeführt und dargelegt. Der Stellenwert, den Luh- tungen beschrieben, die über den Zeitpunkt konkre-
80 Begriffe

ter Ereignisse bzw. Operationen hinaus Stabilität Bereitstellung von Bearbeitungsmechanismen für
erhalten. Sie sind gegenüber einzelnen Abweichun- den Enttäuschungsfall. Je nachdem, welche Reaktion
gen oder Störungen immun und können immer wie- auf Erwartungsenttäuschungen folgt, kann man ana-
der in Anspruch genommen werden (FuF, 56). lytisch zwischen kognitiven und normativen Erwar-
Generalisierungen lassen sich im Hinblick auf die tungen unterscheiden (Luhmann 2008, 42 f.). Erstere
Zeit-, die Sach- und die Sozialdimension unterschei- sind dabei solche, für die im Fall der Enttäuschung
den. Erwartungen stabilisieren Systeme so gegen eine Anpassung der Erwartung an die Wirklichkeit,
künftige Enttäuschungen (zeitlich), Zusammen- also ein Lernen erfolgt. Vertrauen wird bei Enttäu-
hangslosigkeit oder Widerspruch (sachlich) und schungen in der Regel entzogen (V, 87) und wissen-
möglichen Dissens (sozial), wobei die Generalisie- schaftliche Hypothesen werden, sollten sie sich als
rung in den einzelnen Dimensionen nicht demselben falsch herausstellen, verworfen oder modifiziert (vgl.
Grad entsprechen muss. So kann Konsens oft nur er- hierzu WissG, 136; Luhmann 2008, 42 f.). Normative
reicht werden, wenn entweder der sachliche Bezug, Erwartungen werden hingegen auch im Enttäu-
die zeitliche Geltung oder die Zahl der betroffenen schungsfall, also kontrafaktisch stabilisiert, indem
Personen extrem beschränkt werden (FuF, 59). die Berechtigung der Erwartung besonders betont
Für die Gewährleistung von Erwartungssicherheit und gegebenenfalls der Normverstoß durch Sanktio-
lassen sich verschiedene (kontextabhängige) Mecha- nen geheilt wird. Das Rechtssystem reagiert bei-
nismen ausmachen: (1) Vertrauen in Personen, Si- spielsweise mit Strafe auf rechtliche Verstöße, aber
tuationen, Ereignisse, (2) formale Organisation als auch für nicht im Recht kodifizierte Normverstöße
Kopplung bestimmter Erwartungen an Mitglied- sind Folgen wie etwa Missachtung zu erwarten.
schaftsrollen, (3) Formulierung von mitunter als Mischformen beider Enttäuschungsreaktionen sind
Recht kodifizierten Normen als Sollens-Erwartun- selbstverständlich denkbar und sogar die Regel.
gen und (4) Formulierung von (wissenschaftlichen) Der Begriff der Erwartung, mit dem eine Lösung
Hypothesen und Theorien als begründetes In-Bezie- für Anschlussprobleme beschrieben werden soll,
hung-Setzen von Tatsachen-Erwartungen. zeichnet sich rückblickend durch seine offenkundig
Eine besondere Problemlage in der Theoriekon- mangelnde Anschlussfähigkeit aus. Die eingangs als
struktion ergibt sich für Erwartungen, die sich auf konstitutiv beschriebene Rolle des Erwartungsbe-
andere Personen beziehen. Wenn es um den Topos griffs muss im Nachhinein relativiert werden, da der
der Verhaltenserwartung (und mitgemeint sind hier Begriff insbesondere in den späteren Texten Luh-
auch Einstellungen, Eigenschaften, Vorlieben) geht, manns nicht mehr dieselbe Aufmerksamkeit genießt.
findet sich in anderen Theorien der Begriff der sozia- Während er in den früheren Schriften oder etwa in
len Rolle. Dieser wird in der luhmannschen Theorie Texten zur Rechtssoziologie noch an prominenter
jedoch nicht systematisch eingeführt, gleichwohl Stelle in Erscheinung tritt, finden sich in den späteren
aber im Sinne allgemeiner Theoriediskussionen auf- großen Werken wie Soziale Systeme (1984) oder Die
gegriffen (vgl. etwa FuF, 57 f.). Luhmann setzt später Gesellschaft der Gesellschaft (1997) weder Kapitel, die
an die Stelle des Rollenbegriffs seine Konzeption der mit ›Erwartung‹ überschrieben sind, noch erregt der
Form ›Person‹, bestimmt als »individuell attribuierte Begriff überhaupt durch nennenswert häufige Ver-
Einschränkung von Verhaltensmöglichkeiten« (SA6, wendung Aufmerksamkeit. Andere Begriffe wie
148). Personen kondensieren demzufolge als Neben- ›Code« ›Selbst- und Fremdreflexion‹, ›Akzeptabili-
produkt der Lösung des Problems doppelter Kontin- tätsbedingungen‹ oder ›symbolisch generalisierte
genz in sozialen Situationen (FuF, 143). Ego hat Kommunikationsmedien‹ treten im späteren Werk
Erwartungen an Alter, und Alter hat Erwartungen an zunehmend an seine Stelle. Aktuellere Texte, sowohl
Ego. Ego muss einerseits zusätzlich die Erwartungen solche von Luhmann selbst, als auch in Reaktion auf
Alters miterwarten und zudem noch erwarten, dass ihn, die sich dezidiert mit der terminologischen Kon-
Alter ebenfalls miterwartet, dass Ego ihm Erwartun- zeption des Erwartungsbegriffs auseinandersetzen,
gen entgegenbringt (für Alter gilt dies gleicherma- sind praktisch nicht zu finden. Gleichwohl lässt sich
ßen). der Begriff für alle Beschreibungen sozialer Zusam-
Wie bereits angedeutet, muss bei all dem stets die menhänge rekonstruieren, wenn es darum geht, die
Möglichkeit der Erwartungsenttäuschung mitgese- zeitlichen, sachlichen und sozialen Ausrichtungen
hen werden. Die Stabilisierung von Strukturen be- von Situationen zu analysieren. Exemplarisch kann
schränkt sich daher nicht nur auf eine Auswahl von auf Alois Hahn verwiesen werden, der mit seiner Un-
Möglichkeiten, sondern bedeutet auch immer die tersuchung junger Ehen gezeigt hat, dass eine Stabi-
81

lisierung von Erwartungen nicht von ihrer expliziten liege lediglich in der Systemreferenz. Luhmann sieht
Übereinstimmung mit dem Partner abhängt, son- in der Weiterentwicklung des Darwinismus in der
dern vielmehr von der Aufrechterhaltung latenter Theoretischen Biologie des 20. Jahrhunderts eine
Konsensfiktionen (Hahn 1983). Weitere Anschlüsse konsequent systemtheoretische Reformulierung der
ergeben sich beispielsweise im Hinblick auf die Dis- Evolutionstheorie (GG, 431) und somit jene allge-
kussion über die (Un-)Verzichtbarkeit von Normen meine Geschichtstheorie, die in Kombination mit
in modernen Gesellschaften (vgl. hierzu die von Wil- Kommunikationstheorie auch eine angemessene
liam Rasch herausgegebene Ausgabe von Soziale Sys- Theorie gesellschaftlichen Wandels – der Evolution
teme (14. Jg., Heft 1): »Tragic Choices«: Luhmann on von Kommunikationssystemen – bereithält.
Law and States of Exception). Eine vertiefte Auseinan- Der darwinsche Begriff ›Evolution‹ bezeichnet
dersetzung mit der Problematik der Konstruktion entgegen seiner wörtlichen Bedeutung ›Auswick-
von Vergangenheit(en) und Zukunft/Zukünften lie- lung‹, ›Entfaltung‹ nicht den entelechischen Ent-
fert Armin Nassehi in Die Zeit der Gesellschaft (2008), wicklungsprozess einer Sache (Ontogenese), son-
und hier insbesondere in den Ausführungen im An- dern den erst retrospektiv beobachtbaren Wandel
schluss an George Herbert Mead und Alfred North einer polymorphen Menge von Sachen (Phylogene-
Whitehead zum Begriff der Sozialität (Nassehi 2008, se), der sich auf die Kontinuität (und gegebenenfalls
130 ff.). Selbst wenn man also feststellen muss, dass Vervielfältigung) passender Varianten und die Dis-
der Erwartungsbegriff mit zunehmender Verfeine- kontinuität (und geringere Vervielfältigung) nicht
rung in der Theoriekonzeption seinen Stellenwert passender Varianten zurückführen lässt. Evolutionä-
zugunsten anderer Begrifflichkeiten eingebüßt hat, rer Wandel vollzieht sich also zielblind und nichtno-
so nimmt dies der Funktion, die mit ihm beschrieben mologisch. Zwar arbeitet die Rekonstruktion einzel-
wurde, nichts von ihrer Prominenz und ihrer konsti- ner Variationen, Selektionen oder Restabilisierungen
tutiven Rolle im Werk Niklas Luhmanns. durchaus mit Kausalannahmen, doch lassen sich aus
dem je einmaligen Verlauf evolutiver Prozesse keine
übergreifenden ›Entwicklungsgesetze‹ oder inhären-
Literatur ten Entwicklungsziele abstrahieren. Als »eine Theo-
Hahn, Alois: »Konsensfiktion in Kleingruppen. Dargestellt rie, die zu erklären versucht, wie Unvorhersehbares
am Beispiel von jungen Ehen«. In: Friedhelm Neidhardt entsteht« (GS1, 41), geht die Evolutionstheorie ent-
(Hg.): Gruppensoziologie. Köln 1983, 210–232. sprechend in Luhmanns historisch sensible Gesell-
Luhmann, Niklas: Ausdifferenzierung des Rechts. Beiträge schaftstheorie ein (GG, 575 f.). ›Variation‹ wird
zur Rechtssoziologie und Rechtstheorie. Frankfurt a. M.
1999. definiert als Ereignis auf der Ebene der Systemele-
–: »Die Form ›Person‹«. In: SA6, 137–148. mente, d. h. der einzelnen Kommunikationen. Varia-
–: Rechtssoziologie. Wiesbaden 42008. tion geschieht, wenn eine Kommunikation vom
Nassehi, Armin: Die Zeit der Gesellschaft. Auf dem Weg zu Erwartbaren abweicht. Die Selektion vollzieht sich
einer soziologischen Theorie der Zeit. Wiesbaden 22008. auf der Ebene eben dieser Erwartungen, d. h. der Sys-
Rasch, William (Hg.): »Tragic Choices«: Luhmann on Law
and States of Exception. Sonderheft von Soziale Systeme
temstrukturen. Eine positive Selektion nimmt die
14. Jg., 1 (2008). Abweichung in das Erwartbare auf, vollzieht also eine
Katharina Seßler Strukturänderung; bei negativer Selektion ver-
schwindet die Variation wieder und alles bleibt, wie
es ist. Den Evolutionsmechanismus der Restabilisie-
rung schließlich verortet Luhmann auf Systemebene:
7. Evolution Hier wird die Strukturänderung in die Einheit des
Systems integriert oder gegebenenfalls Anlass zu ei-
Im Unterschied zu den meisten früheren Versuchen, ner Systemdifferenzierung. Variation, Selektion und
Darwins Evolutionstheorie auch auf Gesellschafts-, Restabilisierung sind somit ständiger und unver-
Kultur- und Ideengeschichte anzuwenden (vgl. meidlicher Nebeneffekt der normalen Selbstrepro-
Schmidt-Wellenburg 2005, 13–51; Hodgson 2010), duktion des Gesellschaftssystems.
konzipiert Luhmann soziokulturelle Evolution nicht Ein evoluierendes System ist in dieser Konzeption
in Analogie zur biologischen Evolution, sondern geht immer ein existentes System und Angepasstheit so-
von einer allgemeinen Evolutionstheorie aus, die sich mit immer schon Voraussetzung (statt Wirkung) von
zur Beschreibung biologischer und nichtbiologischer Evolution. An nicht mehr existenten (weil nicht aus-
Evolutionen gleichermaßen eignet. Der Unterschied reichend angepassten) Systemen zeigt sich Luh-
82 Begriffe

manns Evolutionstheorie wenig interessiert. Selekti- hin entworfen werden, aber Evolution vollzieht sich
on entscheidet in seinem Modell nicht über Aufbau niemals zwingend, sondern höchstens eben ›zufällig‹
und Zerstörung von Systemen, sondern von System- solchen intentionalen Planungen gemäß.
strukturen; Systembildung ereignet sich stattdessen Die Verbindung von Evolutions- und Systemtheo-
als Vorgang der Restabilisierung, nämlich als opera- rie ermöglicht es außerdem, verschiedene eigenstän-
tive Schließung eines sich ausdifferenzierenden Teil- dige Evolutionen zu unterscheiden und auf diese
systems. Die Konzeption von Anpassungsdruck und Weise u. a. das Verhältnis von biologischer und sozio-
dazu funktionaler Strukturänderung (und damit kultureller Evolution präzise zu bestimmen. Geht
auch die Methode funktionaler Analyse) greift erst man davon aus, dass menschliche Kultur sich in den
auf der Ebene dessen, was Luhmann ›evolutionäre Effekten phänotypisch-manifesten Verhaltens bio-
Errungenschaften‹ nennt. Evolutionäre Errungen- logisch evolvierter Lebewesen (vgl. Voland 2007;
schaften sind Konsolidierungen von Strukturände- Zwierlein 2008) noch nicht erschöpft, sondern eine
rungen, die sich daraus ergeben, dass bestimmte für die menschliche Spezies charakteristische Eigen-
Strukturen sich durch wiederholtes Durchlaufen der dynamik entfaltet, dann wird man zu ihrer Beschrei-
Sequenz von Variation, Selektion und Restabilisie- bung von der Systemreferenz »lebendes System« auf
rung optimal ›abschleifen‹ und so in die System- »kommunizierendes System« umstellen müssen
struktur eingebaut werden, dass sie ohne größere (GG, 436 f., 452 f.; Stichweh 2007, 536). Das Verhält-
Folgen für das Funktionieren des Systems nicht mehr nis der gesellschaftlichen zur biologischen Evolution
entfernt werden können. Als Beispiele nennt Luh- lässt sich aus dieser Perspektive als Ausdifferenzie-
mann Landwirtschaft, Geld, Telekommunikation, rung fassen, die wesentlich durch die Entwicklung
überhaupt Technik (GG, 517–536) und – als Beispie- von Sprache ermöglicht wurde und Kommunikation
le aus der biologischen Evolution – das Auge oder als selbstreflexives System erst hervorgebracht hat
den beweglichen Daumen, die ebenfalls nicht auf (SS, 210 f.; GG, 440–443). Luhmann hat außerdem
eine einzige Mutation, sondern auf mehrere Hun- die Möglichkeit einer zweiten einschneidenden Aus-
derttausend minutiöser Strukturänderungen zu- differenzierung in Erwägung gezogen: die Ausdiffe-
rückgehen. Erst auf dieser Konsolidierungsstufe lässt renzierung einer eigenständigen Ideenevolution.
sich sinnvoll von funktionalen Adaptationen oder Eine zunehmend eigendynamische Entwicklung von
evolutionären ›Problemlösungen‹ sprechen. Semantik könnte durch die Erfindung von Schrift
Adaptationen in diesem Sinne sind folglich auch und schließlich Druck befördert worden sein und zur
nicht als direkte Anpassungen an einen externen Um- separaten (Co-)Evolution von einerseits Systemdiffe-
weltdruck zu erklären, sondern als systeminterne An- renzierungs- und andererseits semantischen Struk-
passungen. Die Umwelt hat evolutiv überhaupt nur turen geführt haben (GG, 536–556; GS1, 9–71).
Relevanz, soweit sie durch systemeigene Strukturen Mit dieser Unterscheidung von Gesellschafts-
als Irritationsfaktor vorgesehen, d. h. strukturell ge- struktur und Semantik in der modernen Gesellschaft
koppelt ist. Eine besondere Rolle spielt hier die struk- und seinen wissenssoziologischen Beispielstudien
turelle Kopplung von Bewusstsein und Kommunika- (GS1–4) hat Luhmann ein avanciertes Modell für
tion. Denn einerseits kann Umwelt überhaupt nur ideen- und wissensgeschichtliche Fragestellungen in
über Bewusstsein Kommunikation irritieren, ande- unterschiedlichen Disziplinen bereitgestellt, das
rerseits ist Bewusstsein (als psychisches System) für ohne schiefe Analogien zur biologischen Evolution
Kommunikation (als soziales System) immer Um- (wie z. B. Tradition als kulturelle ›Vererbung‹, das
welt. Das hat als Problem der Intentionalität in Ent- Mem (Richard Dawkins) als kultureller Replikator,
würfen soziokultureller Evolution immer wieder Variation als ›Kopierfehler‹) auskommt und durch
Schwierigkeiten bereitet. In Luhmanns Modell wer- seine Zweigliedrigkeit zudem eine wechselseitige Er-
den Intentionen als Zufälle gefasst, wobei Zufall hier klärungsmöglichkeit offenhält. Innerhalb der Sozio-
die Unkoordiniertheit (und Unkoordinierbarkeit) logie aber liegt der Forschungsschwerpunkt auf der
eines Prozesses durch systemeigene Strukturen be- Gesellschaftsstruktur. Die Evolutionstheorie dient
zeichnet. Intentionen und Motive als Phänomene ei- hier vor allem als Theorie über die »Morphogenese
nes psychischen Systems sind somit immer Umwelt von Komplexität« (GG, 415), d. h. als Beschreibungs-
(und nicht Teil) des als evoluierende Einheit ins Auge modell für Systemdifferenzierungsprozesse und die
gefassten Sozialsystems. Mit dieser Definition wird damit verbundene Transformation »geringe[r] Ent-
nicht ausgeschlossen, dass Planung vorkommt, d. h. stehungswahrscheinlichkeit in hohe Erhaltungs-
dass bestimmte Variationen bewusst auf Selektion wahrscheinlichkeit« (GG, 414). Speziell im Übergang
Funktionale Analyse 83

zur funktionalen Gesellschaftsdifferenzierung sieht phone Welt und Claude Lévi-Strauss für die franko-
Luhmann erneut einen Ausdifferenzierungsprozess, phone Welt bildeten dabei diejenigen Figuren, an
der zu eigenständigen Teilsystemevolutionen führt denen sich die soziologische Kritik des Funktionalis-
und deshalb im Unterschied zu früheren Formen ge- mus entzündete. Es war die Vorstellung einer Ganz-
sellschaftlicher Differenzierung irreversibel ist. heit, die man voraussetzen musste, um einen Bezug
zu funktionalen bzw. dysfunktionalen Lösungen her-
stellen zu können – ob man diese Ganzheit nun eher
Literatur anthropologisch oder eher soziologisch bestimmt.
Hodgson, Geoffrey M.: »Learning from Early Attempts to Insbesondere am Grundproblem der Bestandserhal-
Generalize Darwinian Principles to Social Evolution«. In: tung, wie es von Parsons formuliert wurde, hat sich
Journal of Evolutionary Psychology 8. Jg. (2010), die soziologische Debatte entzündet. Man unterstell-
153–167. te dem Sozialen gewissermaßen eine teleologische
Luhmann, Niklas: »Gesellschaftliche Struktur und seman-
tische Tradition«. In: GS1, 9–71. Struktur (als Beleg für Viele vgl. Giddens 1988, 350).
Müller, Stephan S. W.: Theorien sozialer Evolution. Zur Dass Parsons’ Orientierung an der Bestandserhal-
Plausibilität darwinistischer Erklärungen sozialen Wan- tung als oberstem Bezugsproblem eine teleologische
dels. Bielefeld 2010. Struktur zur Folge haben muss, darf bezweifelt wer-
Richter, Dirk: »Das Scheitern der Biologisierung der Sozio- den – aber exakt dies ist die herrschende Meinung in
logie. Zum Stand der Diskussion um die Soziobiologie
und anderer evolutionstheoretischer Ansätze«. In: Köl-
der Soziologie, deren unterschiedliche theoretische
ner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Innovationen sich seit den 1960er Jahren vor allem
57. Jg., 3 (2005), 523–542. an Parsons abgearbeitet haben.
Schmidt-Wellenburg, Christian: Evolution und sozialer Luhmanns systemtheoretischer Funktionalismus
Wandel. Neodarwinistische Mechanismen bei W. G. schließt ähnlich wie der parsonssche an der Relatio-
Runciman und N. Luhmann. Opladen 2005.
Stichweh, Rudolf: »Evolutionary Theory and the Theory of
nierung von Problem und Problemlösung an, setzt
World Society«. In: Soziale Systeme 13. Jg. (2007), aber andere Akzente. Schon in der Frühphase seines
528–542. Werkes betont Luhmann einen Vorrang der Funkti-
Voland, Eckart: »Seine Kultur ist des Menschen Natur«. In: on vor der Struktur (SA1, 114), was damals bedeuten
Karl Eibl/Katja Mellmann/Rüdiger Zymner (Hg.): Im sollte, dass Funktionen nicht einfach als Entfaltung
Rücken der Kulturen. Paderborn 2007, 11–30.
von Strukturen angesehen werden dürfen. Luhmann
Wortmann, Hendrik: Zum Desiderat einer Evolutionstheo-
rie des Sozialen. Darwinistische Konzepte in den Sozial- betont vielmehr, dass er sich empirisch für funktio-
wissenschaften. Konstanz 2010. nale Lösungen interessiert, die auf Strukturen ver-
Zwierlein, Cornel: »Diachrone Diskontinuitäten in der weisen. In Soziale Systeme (1984) präzisiert Luh-
frühneuzeitlichen Informationskommunikation und das mann dann: »Die funktionale Analyse benutzt
Problem von Modellen ›kultureller Evolution‹«. In:
Relationierungen mit dem Ziel, Vorhandenes als
Arndt Brendecke/Susanne Friedrich/Markus Friedrich
(Hg.): Information in der Frühen Neuzeit. Status, Be- kontingent und Verschiedenartiges als vergleichbar
stände, Strategien. Münster 2008, 423–453. zu erfassen« (SS, 83). Der systemtheoretische Blick
reagiert damit auf die Herausforderung, alles, was ge-
Katja Mellmann
schieht, als kontingent, aber keineswegs als beliebig
anzusehen. Die systemtheoretische Methode sieht
sich also ihren Gegenstand als eine Lösung an, be-
8. Funktionale Analyse zieht diese Lösung auf systemrelative Probleme und
entdeckt dabei Alternativen auf beiden Seiten. Diese
Der Funktionalismus hat in der Soziologie keine gute Relationierung ermöglicht es dem Beobachter, Ein-
Presse. Funktionalismus steht für stabile Strukturen, zelereignisse als Systemereignisse aufzufassen.
für holistische Strukturen, für Top-Down-Logiken. Es geht der funktionalen Methode also um die Be-
Der Funktionalismus – in der Tradition Alfred Rad- ziehung von Problem und Problemlösung. Eine ein-
cliffe-Browns und Bronislaw Malinowskis stehend – fache Relationierung von Problem und Problemlö-
stattete sich mit einem zentralen oder obersten Be- sung wäre entweder Kausalität oder der Rekurs auf
zugsproblem aus, das zu lösen den Funktionssinn al- Motive. Giddens’ Kritik der funktionalen Methode
ler sozialen Operationen darstellt. Im Falle Radcliffe- sieht insbesondere in Motiven von Akteuren jenen
Browns war das die normative Erhaltung der sozialen Angriffspunkt, an dem man das angeblich Teleologi-
Ordnung, im Falle Malinowskis die Kategorie der Be- sche der funktionalen Methode überwinden könnte
dürfnisbefriedigung. Talcott Parsons für die anglo- (vgl. Giddens 1988, 350 f.). Luhmanns Funktionalis-
84 Begriffe

mus schließt dabei den Rekurs auf Motive nicht aus, Welches Problem löst die funktionale Analyse? Sie
nur lässt sich im Sinne von Giddens’ Kritik dann die löst das grundlegende Forschungsproblem, das Vor-
Funktion von Motiven nicht mehr bestimmen, wenn wissen des Forschers und die Offenheit für mögliche
Motive und Intentionen als einzige Problemlöser äquivalente Ergebnisse methodisch handhabbar zu
herhalten müssen. An diesem Beispiel lässt sich der machen. Was in der interpretativen Soziologie als
Äquivalenzfunktionalismus gut nachvollziehen. »hermeneutischer Zirkel« auftritt und letztlich selbst
Denn ohne Zweifel ist der Rekurs auf Motive von Ak- ein Relationierungsproblem von Beobachter und Be-
teuren eine funktionale Lösung für Systemprobleme obachtung ist, erweist sich hier als »funktionalisti-
– aber eben nicht die einzig mögliche und auch nicht scher Zirkel«, an dem sich lernen lässt, was sich
die faktisch einzig praktizierte Lösung. soziologisch über den Gegenstand der Forschung sa-
Mit dieser Multiplizierung von Problemlösungs- gen lässt (vgl. Nassehi 2011, 65). Damit verbürgt die
möglichkeiten fällt auch Kausalität als Problemlö- funktionale Methode, dass die Systemtheorie am
sungstool aus. Luhmann schreibt: »Allerdings be- stärksten gegen die Gefahr gefeit sein müsste, sozio-
steht die funktionale Methode nicht einfach im logische Theoriebildung ausschließlich als Rekon-
Aufdecken von Kausalgesetzlichkeiten mit dem Ziele, struktion theoretischer Texte in philologischer und
bei Vorliegen bestimmter Ursachen bestimmte Wir- historisierender Absicht zu betreiben. Mit der funk-
kungen als notwendig (bzw. ausreichend wahr- tionalen Methode implodiert nämlich die Unter-
scheinlich) erklären zu können. Der Erkenntnisge- scheidung von theoretischer und empirischer Per-
winn liegt gleichsam quer zu den Kausalitäten, er spektive zugunsten der Unterscheidung von Problem
besteht in ihrem Vergleich« (SS, 84). Dieser Vergleich und Lösung. Diese Unterscheidung verbürgt zu-
ist es, der die eigentliche empirische Arbeit funktio- gleich die Möglichkeit, unterschiedliche Problem/
naler Analysen darstellt, denn erst die Ermittlung Lösung-Konstellationen am selben Gegenstand zu
möglicher Problemgesichtspunkte und ihrer Lö- testen. Das ermöglicht es der funktionalen Methode,
sung(en) ermöglicht die »Ausschaltung […] von Alternativen abzuwägen und damit auch, Theorien
funktionalen Äquivalenten« (SS, 85). miteinander zu vergleichen. Der Funktionalismus
Die funktionale Analyse Luhmanns lässt sich for- könnte damit Überzeugungen und idiosynkratische
mal so darstellen: Wenn y = f(x), also wenn y eine Theoriepräferenzen durch den Vergleich von Plausi-
Funktion von x ist, dann ist nicht nur y, sondern auch bilitäten ersetzen.
x kontingent zu setzen – und das verbietet es, den
Fehler des ›alten‹ Funktionalismus zu machen, nur
eine der beiden Seiten kontingent zu setzen, etwa Literatur
ausschließlich das Bestandsproblem. Dieses Bezugs- Giddens, Anthony: Die Konstitution der Gesellschaft.
problem bleibt übrigens auch bei Luhmann erhalten, Grundzüge einer Theorie der Strukturierung. Frankfurt
allerdings nur noch als die Frage der autopoietischen a. M./New York 1988.
Kontinuierung sozialer Systeme, die nicht selbst die Luhmann, Niklas: »Soziologie als Theorie sozialer Syste-
me«. In: SA1, 113–136.
Problemlösung darstellt, sondern nur Bedingung ih- Nassehi, Armin: Der soziologische Diskurs der Moderne.
rer Möglichkeit ist. Frankfurt a. M. 2006.
Luhmann gibt eine methodische Anweisung für –: Gesellschaft der Gegenwarten. Studien zur Theorie der
die empirische Arbeit mit der Theorie sozialer Syste- modernen Gesellschaft II. Berlin 2011.
me. Er betont, »die eigentliche Theorieleistung, die – /Saake, Irmhild: »Kontingenz: Methodisch verhindert
oder beobachtet? Ein Beitrag zur Methodologie der qua-
den Einsatz funktionaler Analysen vorbereitet, liegt litativen Sozialforschung«. In: Zeitschrift für Soziologie
demnach in der Problemkonstruktion« (SS, 86). Luh- 31. Jg., 1 (2002), 66–86.
mann setzt also gerade das, was der klassische Funk- Armin Nassehi
tionalismus vorausgesetzt hatte – als oberstes Bezugs-
problem – kontingent und macht damit die operative 9. Geschlossenheit / Offenheit
Theorieanlage empiriefähig. Letztlich kann diese me-
thodische Festlegung als ein interpretatives Verfahren ›Geschlossenheit‹ und ›Offenheit‹ sind zentrale Be-
rekonstruiert werden (vgl. Nassehi 2011, 65 f.; 2006, griffe für das Verständnis von Luhmanns Konzeption
449 ff.), das seine Verstehensleistungen nicht mehr von Systemen und funktionaler Differenzierung. Die
auf Motive und Kulturbedeutungen beschränkt, son- Gegenüberstellung dieser beiden Begriffe als Gegen-
dern auf den grundlegenden Mechanismus der »Be- satzpaar verführt zu Missverständnissen, denn Ge-
wältigung von Kontingenz« (Nassehi/Saake 2002). schlossenheit und Offenheit als Eigenschaften von
Geschlossenheit / Offenheit 85

Systemen in Bezug auf ihre Umwelt schließen sich chen und so können etwa Organisationen auch nicht
keineswegs aus, sondern sind in einer paradoxen Art aufhören zu entscheiden, außer sie entscheiden da-
und Weise aufeinander verwiesen. Eine systemtheo- rüber (OuE, 71).
retische Tradition, wie sie noch Talcott Parsons Ar- Der Begriff der Geschlossenheit bezieht sich also
beiten kennzeichnet, hatte soziale Systeme als offene, auf die spezifische Weise der Reproduktion des Sys-
adaptive, sich an ihrer Umwelt orientierende Entitä- tems. Als Konsequenz ihrer operativen Geschlossen-
ten im Blick, die aus ihrer Offenheit die Fähigkeit zur heit sind soziale Systeme auf Selbstorganisation
Selbststabilisierung in einer sich verändernden Um- verwiesen, d. h. Strukturbildung erfolgt nur auf Basis
welt gewinnen. In Abgrenzung zu dieser Tradition der eigenen Operationen, und die systemeigene Um-
und im Anschluss an kybernetische Überlegungen welt muss selbst hergestellt werden, denn jedes
konzipiert Luhmann soziale Systeme explizit als ge- selbstreferentielle System hat nur den Umweltkon-
schlossene Systeme, die keinen direkten Zugriff auf takt, den es sich selbst ermöglicht und keine Umwelt
die Welt haben und daher auf Selbstorganisation ver- an sich (SS, 146). Gerade weil soziale Systeme nicht
wiesen sind (GG, 92 f.). Dennoch betont er, dass au- durch ihre Umwelt determiniert sind, müssen sie sich
topoietische Systeme in Bezug auf ihre Umwelt selbst um ihre Umwelt kümmern. Im operativen
»zugleich geschlossen und offen sind« (SS, 558). Mit Vollzug reproduziert die Kommunikation die Ge-
›Geschlossenheit‹ ist auch mitnichten Isolierung, schlossenheit des Systems: Es entsteht ein System, das
Kontaktlosigkeit, kausale Abgeschlossenheit oder aufgrund seiner Geschlossenheit umweltoffen ope-
Autarkie gemeint (SA6, 15; OuE, 70) – zweifelsohne riert, weil seine basale Operation auf Beobachtung
sind Systeme auf Ressourcen außerhalb ihrer Selbst eingestellt ist (GG, 97). Soziale Systeme sind also
verwiesen und unterhalten vielfältige Interdepen- nicht umweltoffen, obwohl sie geschlossen sind, son-
denzen (GG, 96), allerdings sind sie geschlossen auf dern gerade weil sie geschlossen operieren müssen,
der Ebene ihrer Operationen. ermöglicht ihnen das einen spezifischen, weil selekti-
Luhmann geht es also um operative Geschlossen- ven Blick auf die Umwelt (SS, 359 f.; OuE, 54, 70 f.).
heit, worunter er den ständigen Rückbezug der Ele- Damit verlieren operativ geschlossene Systeme Of-
mente des Systems auf die Elemente des Systems fenheit für Beliebiges, gewinnen aber Sensibilität für
versteht (GG, 94). Aus einer allgemeinen Theorie au- Bestimmtes (SS, 185). Erst Geschlossenheit ermög-
topoietischer Systeme folgert er, dass dieser Modus licht Offenheit, da nur operativ geschlossene Systeme
des Operierens nicht nur für lebende Systeme, son- hinreichend Eigenkomplexität aufbauen können, die
dern ebenso für Bewusstseinssysteme (GG, 95) wie dann dazu dient, die Hinsichten zu spezifizieren, in
für alle soziale Systemarten gelten muss; für Interak- denen das System auf seine Umwelt reagiert, wäh-
tionssysteme, organisierte Sozialsysteme, Funktions- rend es sich in allen anderen Hinsichten Indifferenz
systeme und ebenso für Gesellschaft als umfassends- leisten kann (GG, 68). Der geschlossene Charakter
tes Sozialsystem. Ein operativ geschlossenes System und die Fähigkeit unter systeminternen Bedingun-
kann den Modus des eigenen Operierens nicht ver- gen auf die Umwelt zuzugreifen, erlauben eine maxi-
lassen; so erzeugt Gesellschaft als umweltempfindli- male Offenheit gegenüber der Komplexität der
ches, aber operativ geschlossenes System Kommuni- Umwelt (ES, 100 ff.).
kation durch Kommunikation, ohne die Möglich- Besonders augenscheinlich werden die Konse-
keit, in seiner Umwelt zu operieren und direkten quenzen operativer Geschlossenheit an der Operati-
Einfluss auf die Welt zu nehmen (SA6, 16 ff.): »Man onsweise von Funktionssystemen. Diese operieren
kann die Dinge nicht zurecht reden, so wenig wie auf der Basis binärer Codes, also zweiwertiger Unter-
man sie wegdenken oder umdenken kann« (GG, 95). scheidungen wie wahr/unwahr, Recht/Unrecht, zah-
Umgekehrt hat operative Geschlossenheit grund- len/nicht zahlen usw. Funktionssysteme bearbeiten
sätzlich zur Konsequenz, dass eigene Strukturen nur in der Gesellschaft je unterschiedliche Problemberei-
durch eigene Operationen aufgebaut und geändert che und können einander nicht ersetzen, weil opera-
werden können, Kommunikation kann nur durch tiv geschlossene Systeme schlicht nur die Möglichkeit
Kommunikation reguliert werden (ÖK, 63) und haben, sich intern an internen Problemen zu orien-
nicht unmittelbar durch Feuer, Erdbeben oder Wahr- tieren. ›Funktionale Differenzierung‹ bedeutet also
nehmungsleistungen des Einzelbewusstseins, wes- vor allem auch die operative Geschlossenheit der
halb Systeme lediglich mit »der Illusion eines Funktionssysteme: Ökonomisch kann man aus dem
Umweltkontaktes« operieren (GG,93). Kommunika- Zeichenuniversum des Geldes nicht ausbrechen,
tiv kann man nicht aus der Kommunikation ausbre- während Wahrheitsfragen sich gerade nicht auf der
86 Begriffe

Basis von Zahlungen entscheiden lassen. Die Codes was erkenntnistheoretische Folgen hat. Die Annah-
sorgen für die Geschlossenheit des Systems, die da- me operativer Geschlossenheit zieht eine Beobach-
durch erst spezifische Formen der Offenheit erlau- tungstheorie nach sich, die jede Beobachtung als
ben: »In bezug auf seinen Code operiert das System interne Aktivität mit Hilfe eigener Unterscheidungen
als geschlossenes System, indem jede Wertung wie ausweist (GG, 92). Nach Luhmann steht das aller-
wahr/unwahr immer nur auf den jeweils entgegenge- dings keinesfalls im Widerspruch zu den Bedingun-
setzten Wert desselben Codes und nie auf andere, ex- gen der Möglichkeit von Erkenntnis; das Gegenteil
terne Werte verweist. Zugleich aber ermöglicht die trifft zu (SA6, 24). Erst die Beschränkung auf eine
Programmierung des Systems, externe Gegebenhei- spezifische Perspektive erzeugt eine ordnende Selek-
ten in Betracht zu ziehen, das heißt, die Bedingungen tivität, die dann wiederum spezifische Einsichten zu-
zu fixieren, unter denen der eine oder andere Wert lässt (ES, 93).
gesetzt wird« (ÖK, 83). Die Differenzierung von Co- Wie schon angedeutet, verändert sich mit der Idee
dierung und Programmierung ermöglicht damit die operativer Geschlossenheit der Charakter des Sys-
Behandlung des Problems des eingeschlossenen tembegriffs. Die Einheit des Systems erscheint als
Dritten: »Keine Wissenschaft kann menschliches durch die eigenen Operationen selbst produzierte
Leid als dritten Wert neben Wahrheit und Unwahr- Einheit. Operative Geschlossenheit ersetzt im Theo-
heit einsetzen; aber man kann Forschungsprogram- riegerüst Existenzaussagen und sorgt für eine Dyna-
me entwerfen, die sich mit den Formen und misierung des Begriffes der Existenz (SA6, 28 f.).
Ursachen menschlichen Leidens befassen. […] Kein Solch einen dynamisierten, temporalisierten System-
monetär integriertes Wirtschaftssystem kann die Co- begriff macht auch Armin Nassehi (2011, 2003;
dierung seiner Operationen als Zahlen/Nichtzahlen Nassehi/Saake/Mayr 2008) stark, wenn er gemäß
von Geldsummen durch einen dritten Wert, etwa der Formel ›Offenheit durch Geschlossenheit‹ ein
den ›eigentlichen‹ Wert der Waren ergänzen; aber die Forschungsprogramm formuliert, welches sich exakt
Wertschätzungen können in Zahlungsprogrammen, dafür interessiert, wie Ordnung als Resultat der
in fluktuierenden Preisen zum Ausdruck kommen« Offenheit geschlossener Dynamiken entsteht, wie
(SA4, 210). Die Resonanz- oder Reaktionsfähigkeit sich trotz der selbsttragenden Konstruktion allen Be-
eines Funktionssystems basiert damit auf der Diffe- obachtens Eindeutigkeiten, Wiederholbarkeiten und
renzierung von Codierung und Programmierung Strukturen über die Zeit hinweg stabilisieren lassen.
(ÖK, 75ff).
Konsequenzen operationaler Schließung in Form
von funktionaler Differenzierung beschreibt Luh- Literatur
mann in »Theoretische und praktische Probleme der Baecker, Dirk: Wozu Systeme. Berlin 2002.
anwendungsbezogenen Sozialwissenschaften« (Luh- Luhmann, Niklas: »Theoretische und praktische Probleme
mann 1977). Zwar ist dieser Aufsatz noch vor der so- der anwendungsbezogenen Sozialwissenschaften: Zur
genannten autopoietischen Wende entstanden, aller- Einführung«. In: Wissenschaftszentrum Berlin (Hg.): In-
teraktion von Wissenschaft und Politik. Frankfurt a. M./
dings steht schon hier die Autonomie als Selbstbe- New York 1977.
schränkung der Funktionssysteme im Zentrum der –: »Zwischen Gesellschaft und Organisation. Zur Situation
Argumentation. Unter ›Autonomie‹ ist hier zu ver- der Universitäten«. In: SA4, 202–211.
stehen, dass verschiedene Funktionssysteme nach je –: »Probleme mit operativer Schließung«. In: SA6, 12–24.
eigenen Regeln verfahren. Demnach werden wissen- Nassehi, Armin: Geschlossenheit und Offenheit. Studien
zur Theorie der modernen Gesellschaft. Frankfurt a. M.
schaftliche Wahrheiten im Rahmen der Anwendung 2003.
nach nicht-wissenschaftlichen Maßgaben verarbei- –: Gesellschaft der Gegenwarten. Studien zur Theorie der
tet, auf die die Wissenschaft selbst keinen direkten modernen Gesellschaft II. Berlin 2011.
Einfluss hat. Dieser Befund wendet sich gegen instru- – /Saake, Irmhild/Mayr, Katharina: »Healthcare Ethics Co-
mentalistische, technokratische Konzepte. mitees without Function? Locations and Forms of Ethi-
cal Speech in a ›Society of Presents‹«. In: Advances of
›Operative Geschlossenheit‹ verweist also darauf,
Medical Sociology 1. Jg. (2008), 131–151.
dass alles Operieren nur die Probleme lösen kann, die
es sich selbst zumutet, wobei aus dieser Geschlossen- Katharina Mayr
heit eine eigene, spezifische Offenheit generiert wird.
Aus Geschlossenheit, Selbstreferenz und der Not-
wendigkeit der Selbstorganisation resultiert die sys-
teminterne Konstruktion einer systemexternen Welt,
87

10. Inklusion / Exklusion Funktionskontexte für alle Teilnehmer des gesell-


schaftlichen Lebens zugänglich gemacht werden«
Die Unterscheidung ›Inklusion/Exklusion‹ verwen- (SA2, 160). Ein solcher Prozess lässt sich beispiels-
det Niklas Luhmann, um die Beziehung von psy- weise für das politische System an der Entwicklung
chischen und sozialen Systemen zu beschreiben. des Wahlrechts nachvollziehen: Zunächst nur einer
Dabei verschiebt er die zentralen Begriffsaspekte, je kleinen Gruppe bürgerlicher Männer zugesprochen,
nachdem auf welche Seite der Unterscheidung sich weitet es sich in der Moderne zunehmend aus und
sein Interesse richtet und auf welcher theoretischen umfasst schließlich die gesamte Staatsbürgerschaft,
Ebene er argumentiert. Eine gesellschaftstheoreti- unabhängig von Geschlecht, sozialer oder ethnischer
sche Fassung des Inklusionsbegriffs übernimmt er Herkunft (SA2, 160). Der Ausschluss von solchen
bereits in den 1970er Jahren von Talcott Parsons, eine universalisierten Teilhaberechten kann dann in der
allgemeine systemtheoretische Bestimmung reagiert Moderne nur noch funktional legitimiert werden
Mitte der 1980er Jahre auf die sogenannte autopoie- (etwa im Fall des Wahlrechts durch Altersgrenzen
tische Wende. In beiden Fällen steht zunächst die In- oder formale Zugehörigkeitsregeln wie Staatsbürger-
klusionsseite der Unterscheidung differenzlos im schaft) und wird dort, wo das nicht geschieht, zum
Mittelpunkt. Eine ausführliche Auseinandersetzung Skandal und somit wieder zum Inklusionsmotor.
mit der Exklusionsseite findet hingegen erst im Spät- Diese stark modernisierungsoptimistische Fas-
werk Luhmanns statt. Besonders der hier zur Be- sung sozialer Inklusion behält Luhmann bis in die
schreibung extremer sozialer Ausgrenzungs- und 1990er Jahre bei. In dieser Zeit wird ›Exklusion‹ nicht
Ungleichheitslagen verwendete Exklusionsbegriff als Negationsbegriff verwendet, der auf fehlende
hat ab Mitte der 1990er Jahre zu einer intensiven so- oder scheiternde Inklusion zielt, sondern zur Be-
ziologischen Debatte geführt. schreibung des spezifisch modernen Konzept des In-
Systemtheoretisch ist ›Inklusion‹ auf die sozial- dividuums verwandt. Die beschriebene universale
theoretischen Konsequenzen des autopoietischen Öffnung der Funktionssysteme resultiert in eine ex-
Systemverständnisses für das Verhältnis von sozialen plosionsartige Steigerung sozialer Komplexität für
Systemen und Bewusstseinssystemen bezogen. Unter die beteiligten psychischen Systeme. Sie werden nicht
der Annahme der operativen Geschlossenheit beider mehr in nur einem Teilsystem als ganze Person reprä-
Systemtypen erarbeitet Luhmann eine Fassung des sentiert, sondern über die soziale Form der Rolle par-
Inklusionsbegriffs, die auf seiner Konzeption von tiell jeweils unterschiedlich adressiert. Man ist nicht
Sinn basiert, um die co-evolutive Verbindung dieser mehr nur König, Bauer oder Bettelmann, sondern
Systemtypen bei gleichzeitiger radikaler Unterschie- Konsument, Rechtsperson, Vereinsmitglied, Studen-
denheit zu betonen. ›Inklusion‹ bezeichnet dann den tin und vieles mehr zugleich sowie in veränderbaren
Aufbau sozialer Systeme durch den Rückgriff auf Konstellationen. Diese polykontexturalen Inklusi-
psychische Systeme, die hierfür ein gewisses Maß an onsoptionen werden an keiner Stelle in der Gesell-
Ressourcen wie etwa Aufmerksamkeit bereitstellen schaft als Einheit repräsentiert. Die daraus entste-
müssen (GS3, 162). In diesem Kontext wird kein ex- hende Erwartungsunsicherheit wird durch die mo-
pliziter Negationsbegriff etabliert, ›Exklusion‹ wird derne Erfindung des Individuums aufgefangen: Die
eher nebenbei zur Beschreibung der strikten Tren- Konstruktion der Einheit der verschiedenen Rollen
nung psychischer und sozialer Operationen erwähnt wird in den außergesellschaftlichen Bereich verlagert
(SS, 297 f.). und ist sozial nicht zugänglich, sie wird zur Exklu-
Gesellschaftstheoretisch wird mit beiden Begriffen sionsindividualität. »Das Individuum kann nicht
näher bestimmt, in welcher Form soziale Systeme die mehr durch Inklusion, sondern nur noch durch Ex-
psychischen Systeme in ihrer Umwelt als Person klusion definiert werden« (GS3, 158).
adressieren und wie diese Form sich in den unter- Ab Mitte der 1990er Jahre unterzieht Luhmann
schiedlichen Differenzierungstypen wandelt. Der die Bestimmung der Unterscheidung ›Inklusion/Ex-
Schwerpunkt liegt dabei auf der modernen Form der klusion‹ einer weitreichenden Umdeutung. Diese be-
funktionalen Differenzierung. Luhmann beschreibt trifft vor allem den Exklusionsbegriff. In mehreren
›Inklusion‹ bereits 1975 in Evolution und Geschichte Aufsätzen und Passagen der späten Schriften wird
als den Vorgang der zunehmenden Universalisierung ›Exklusion‹ als Schattenbegriff oder Gegenbegriff
aller gesellschaftlichen Teilsysteme und ihrer damit zum implizit modernisierungsoptimistischen In-
einhergehenden Öffnung gegenüber allen Gesell- klusionskonzept etabliert (GS4, 138–150; SA6,
schaftsmitgliedern. »Inklusion bedeutet, daß alle 237–264). Exklusion wird jetzt beschrieben als dau-
88 Begriffe

erhafter und sich über Systemgrenzen hinweg ver- Organisationen für die gesellschaftliche Inklusions-/
stärkender Ausschluss von Personen aus funktionaler Exklusionsordnung (Nassehi 2004; Stichweh 2005).
Kommunikation. Solche Verkettungen – keine Bil- Über die systemtheoretische Diskussion hinaus wirkt
dung, keine Arbeit, kein fester Wohnsitz, kein Zu- das Exklusionskonzept Luhmanns auch in eine die
gang zu Rechtsschutz etc. – vollziehen sich ungeach- Soziologie, Sozialpolitik und Öffentlichkeit umgrei-
tet der Autopoiesis der Funktionssysteme und fende Debatte zur Verschärfung sozialer Ungleich-
determinieren den gesamten Zugang zu funktions- heiten in der Spätmoderne hinein (Bude/Willisch
systemischer Kommunikation. Sie münden schließ- 2008). Die Hinwendung Luhmanns zu Fragen sozia-
lich in Bereiche sozialer Exklusion, die auch räumlich ler Exklusion wird hier als Möglichkeit der Verbin-
von den Sphären der funktionalen Inklusions-/Ex- dung ungleichheitssoziologischer und systemtheore-
klusionsordnung getrennt sind und in denen Perso- tischer Perspektiven begrüßt. Das Konzept wird
nen auf ihre körperliche Existenz reduziert zu sein seitdem sowohl theoretisch diskutiert als auch empi-
scheinen (GS4, 147). Paradigmatische Orte solcher risch angewendet, wobei durchaus Kritik am er-
Exklusionsbereiche sind für Luhmann etwa südame- kenntniserweiternden Potential gegenüber den tra-
rikanische favelas oder Slums in indischen Großstäd- dierten Konzepten der Ungleichheitsforschung be-
ten, die er immer wieder für dramatische Schilderun- steht (Stichweh/Windolf 2009; Kronauer 2010,
gen heranzieht (gemessen an dem ansonsten für ihn 233 ff.).
eher prägenden Tonfall ironischer Distanziertheit,
vgl. Farzin 2011). Diese Phänomene sieht Luhmann
nun nicht mehr als Übergangserscheinungen fort- Literatur
schreitender funktionaler Differenzierung. Vielmehr Bude, Heinz/Willisch, Andreas (Hg.): Exklusion. Die De-
warnt er vor einer neuen Supercodierung der Welt- batte über die »Überflüssigen«. Frankfurt a. M. 2008.
gesellschaft durch Inklusion/Exklusion, also vor Be- Farzin, Sina: Die Rhetorik der Exklusion. Zum Zusammen-
reichen funktionaler Differenzierung und davon hang von Exklusionsthematik und Sozialtheorie. Wei-
lerswist 2011.
ausgeschlossenen Zonen weitreichender Exklusion –: Inklusion/Exklusion. Entwicklungen und Probleme ei-
(SA6, 260). ner systemtheoretischen Unterscheidung. Bielefeld 2005.
Es ist besonders diese letzte Verschiebung in Luh- Kronauer, Martin: Exklusion. Die Gefährdung des Sozialen
manns Inklusions-/Exklusions-Konzept, die zu um- im hoch entwickelten Kapitalismus. Frankfurt a. M.
22010.
fassenden Debatten geführt hat. In der systemtheo-
Luhmann, Niklas: »Evolution und Geschichte«. In: SA2,
retischen Diskussion werden dabei vor allem die 150–169.
Widersprüche thematisiert, die eine solche Fassung –: »Individuum, Individualität, Individualismus«. In: GS3,
sozialer Exklusion innerhalb des übergeordneten 149–258.
Rahmens einer Theorie funktionaler Differenzie- –: »Jenseits von Barbarei«. In: GS4, 138–150.
rung erzeugt. Unklar ist etwa das Verhältnis von Kon- –: »Inklusion und Exklusion«. In: SA6, 237–264.
Nassehi, Armin: »Inklusion, Exklusion, Ungleichheit. Eine
zepten wie ›Körper‹ oder ›Raum‹ zur konstruktivis- kleine theoretische Skizze«. In: Thomas Schwinn (Hg.):
tischen Perspektive der Systemtheorie und deren Differenzierung und soziale Ungleichheit. Die zwei So-
Axiom der rein kommunikativen Verfasstheit alles ziologien und ihre Verknüpfung. Frankfurt a. M. 2004,
Sozialen. Auch wird in Luhmanns Beschreibungen 323–352.
nicht deutlich, wie es unter der Annahme autopoie- Stichweh, Rudolf: Inklusion und Exklusion. Bielefeld 2005.
– /Windolf, Paul (Hg.): Inklusion und Exklusion. Analysen
tischer Geschlossenheit zu den geschilderten Verket-
zur Sozialstruktur und sozialen Ungleichheit. Wiesbaden
tungen von Exklusionen kommen kann. Und 2009.
schließlich wird darauf verwiesen, dass gerade in ei- Sina Farzin
ner explizit a-normativen Theorie nicht jede sozial
problematische Form von Inklusion (etwa Armut
oder Bildungsdefizite) als Exklusion beschrieben
werden kann. Systemtheoretisch orientierte Autoren
lehnen vor diesem Hintergrund Luhmanns Vorstel- 11. Interaktion / Organisation /
lung von Zonen totaler Exklusion zumeist ab. Sie Gesellschaft
sprechen vielmehr von gesellschaftlichen Zuschrei-
bungsprozessen, die im Inklusionsbereich der Ge- Im 1975 erschienenen zweiten Band der Soziologi-
sellschaft Exklusionserfahrungen generieren und schen Aufklärung (SA2) führt Luhmann die Begriffs-
fokussieren anders als Luhmann u. a. die Rolle von trias ›Interaktion‹, ›Organisation‹ und ›Gesellschaft‹
Interaktion / Organisation / Gesellschaft 89

ein, um »den Gesellschaftsbegriff nicht nur, wie frü- steht, weil die Bewusstseinssysteme sich zwar wech-
her vorherrschend, gegen Individuen abzugrenzen, selseitig wahrnehmen, aber füreinander intranspa-
sondern zusätzlich gegen andere Typen sozialer Sys- rent bleiben. »Praktisch gilt: daß man in Interakti-
teme, nämlich Interaktion und Organisation« (SA2, onssystemen nicht nicht kommunizieren kann; man
5). Damit wendet er sich einerseits gegen die gängi- muß Abwesenheit wählen, wenn man Kommunika-
gen soziologischen Unterscheidungen von Individu- tion vermeiden will« (SS, 562). Dieser Typus sozialer
um/Gesellschaft und Mikro-/Makroebene; anderer- Systeme ist aufgrund seiner strukturellen Orientie-
seits verweist er auf die theoretische Notwendigkeit, rung an Anwesenheit in seiner Entstehung kaum an
die Ebene der Gesellschaftstheorie von der einer all- Voraussetzungen geknüpft, gerade dadurch jedoch
gemeinen Theorie sozialer Systeme zu unterschei- auch extrem instabil. Interaktionssysteme zerfallen,
den. sobald die Bedingung echtzeitlicher Kommunikation
Während Luhmann gesellschaftstheoretisch spe- unter Anwesenden entfällt. Auch thematisch sind sie
ziell die Besonderheiten der modernen, funktional durch die Basiertheit auf Anwesenheit und Echtzeit
differenzierten Gesellschaft (im Unterschied zu an- beschränkt. Gerade mit Blick auf die zeitliche und
deren historischen Gesellschaftsformen) im Blick thematische Begrenztheit wird die Differenz von In-
hat, interessiert ihn auf der Ebene der allgemeinen teraktionsystemen und Gesellschaft offenkundig.
Theorie sozialer Systeme zunächst schlicht, wie so- Gesellschaft ist für Luhmann nicht einfach die
ziale Systeme, indem sie Möglichkeiten einschrän- Summe aller Interaktionen. Die Entstehung von
ken, Weltkomplexität reduzieren und so auf je Strukturen auf Gesellschaftsebene erfolgt gerade
unterschiedliche Weise soziale Ordnung generieren. nicht exklusiv über Anwesenheit, sondern allgemein
Auf dieser Ebene unterscheiden sich Interaktions-, über kommunikative Erreichbarkeit. Gesellschaft als
Organisations- und Gesellschaftssysteme, die diese das soziale System, das alle potentiell erreichbare
Komplexitätsreduktion auf je verschiedene Weise Kommunikation umfasst, also gerade auch die Kom-
vollziehen. Gemeinsam ist den drei Typen sozialer munikation unter/mit Abwesenden, ist nicht durch
Systeme, dass sie sich durch ihre Kommunikations- die aktuell oder historisch realisierte Menge an Kom-
basiertheit von allem unterscheiden, was nicht Kom- munikation begrenzt: »Ihre eigenen Grenzen sind die
munikation ist. So sind etwa Körper, psychische Grenzen möglicher und sinnvoller Kommunikation,
Systeme, Gegenstände, wie alles Nicht-Kommunika- vor allem Grenzen der Erreichbarkeit und der Ver-
tive, nicht Bestandteil sozialer Systeme, sondern ständlichkeit. Sie sind viel abstrakter und […] sehr
deren Umwelt. Während also Kommunikation als viel unschärfer definiert als die Grenzen von Interak-
Grenze der System/Umwelt-Unterscheidung sozialer tionssystemen« (SA2, 12). Die Formen und Bedeu-
Systeme fungiert und alles ausschließt, was nicht-so- tungen aller drei Systemtypen, nicht nur der
zial ist, bezeichnet die Unterscheidung von Gesell- Gesellschaft, unterliegen historischen Wandlungs-
schaft, Interaktion und Organisation verschiedene prozessen, wie Luhmann explizit betont.
Modi sozialer Ordnungsbildung. »Soziale Systeme Für Organisationssysteme, die nicht in allen histo-
können sich auf verschiedene Weise bilden je nach rischen Gesellschaftsformen vorkommen und deren
dem [sic!], unter welchen Voraussetzungen der Pro- Betrachtung Luhmann deshalb in seinem theoreti-
zess der Selbstselektion und Grenzziehung abläuft. schen Hauptwerk Soziale Systeme (SS 1984) auch
Unter diesem Gesichtspunkt lassen sich Interaktions- ausklammert (SS, 551, Fn. 1), gilt dies besonders.
systeme, Organisationssysteme und Gesellschaftssyste- Während die Differenz von Interaktion und Gesell-
me unterscheiden« (SA2, 10). schaft historisch immer schon vorkommt, ist die
Interaktionssysteme entstehen dort, wo Anwesen- dritte Form sozialer Systembildung, die Ausbildung
de sich wechselseitig wahrnehmen. »Gesetzt den Fall, von Organisationssystemen, erst in komplexeren Ge-
zwei oder mehr Personen geraten einander ins Feld sellschaften zu beobachten. »Dabei stützt sich die
wechselseitiger Wahrnehmung, dann führt allein die Einrichtung von Organisationen auf Entwicklungen
Tatsache schon zwangsläufig zur Systembildung« im Wirtschaftssystem und im Erziehungssystem. Die
(SA2, 26). Diese Beschreibung der Konstitutionsbe- Ausdifferenzierung dieser Funktionssysteme schafft
dingungen widerspricht keineswegs der oben ge- die Voraussetzung für die Ausdifferenzierung von
nannten Prämisse, wonach nichts Nicht-Kommuni- Organisationen« (OuE, 381). In der Wirtschaft wer-
katives zu sozialen Systemen gehört. Die Bewusst- den durch Etablierung geldvergüteter Arbeit Anreize
seinssysteme der Beteiligten bleiben radikal vom zum Gelderwerb jenseits reiner Bedarfsdeckung ge-
Interaktionssystem getrennt, das gerade deshalb ent- schaffen, Erziehung bietet die Möglichkeit, bei der
90 Begriffe

Besetzung von bestimmten Positionen vom sozialen ne Ermöglichungsbedingungen und Beschränkun-


Status abzusehen und Qualifikation als Auswahlkri- gen in sozialen Situationen wirksam sind und die
terium zu installieren. So erhalten Organisationen Differenz von Interaktion, Organisation und Gesell-
die Ressourcen, die es ermöglichen, hochgradig un- schaft als Differenz einen Unterschied macht.
wahrscheinliche Verhaltensmuster auf Dauer zu stel-
len.
Organisationssysteme strukturieren sich dadurch, Literatur
dass sie ihre Organisationsmitglieder von einem Pu- Baecker, Dirk: Organisation als System. Frankfurt a. M.
blikum unterscheiden. Im Gegensatz zum Gesell- 1999.
schaftssystem unterscheiden sie also zwischen Kom- Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden.
munikation, die zum System gehört und solcher, die Studien über Interaktionssysteme. Frankfurt a. M. 1999.
Luhmann, Niklas: »Vorwort«. In: SA2, 5.
nicht zum System gehört. Kommunikation in Orga- –: »Interaktion, Organisation, Gesellschaft«. In: SA2, 9–20.
nisationssystemen nimmt dabei die Form von Ent- –: »Einfache Sozialsysteme«. In: SA2, 21–38.
scheidungen an. Man kann Organisationen »als Nassehi, Armin: Der soziologische Diskurs der Moderne.
autopoietische Systeme auf der operativen Basis der Frankfurt a. M. 2006.
Kommunikation von Entscheidungen charakterisie- Gina Atzeni
ren. Sie produzieren Entscheidungen aus Entschei-
dungen und sind in diesem Sinne operativ geschlos-
sene Systeme« (GG, 830). Dass der Ankerpunkt für
die Fortsetzung von systemkonstitutiver Kommuni- 12. Kommunikation
kation und somit das Fortbestehen des Systems hier
nicht wechselseitige Wahrnehmung, sondern das Man nähert sich dem systemtheoretischen Begriff
Prozessieren von Entscheidungen ist, macht Organi- der Kommunikation am besten dadurch an, dass
sationen zeitlich aber auch hinsichtlich thematischer man das Problem rekonstruiert, das Niklas Luhmann
Änderungen deutlich stabiler und flexibler als Inter- mit diesem Begriff zu lösen versucht. Im Prinzip geht
aktionssysteme. es darum, in einer universalen Theorie des Sozialen
Jenseits der einzelnen Anwendung und Ausarbei- das Genuine der Sozialität und damit auch der Sozio-
tung der Begrifflichkeiten (zu Interaktion vgl. Kieser- logie neu zu begründen – durch Rekurs auf eine ele-
ling 1999; zu Organisation vgl. Baecker 1999) erlaubt mentare Einheit sozialer Systeme, die nichts Psy-
die Unterscheidung sozialer Systeme in verschiedene chisches enthält und nicht wie ›Handeln‹ auf
Ebenen sozialen Strukturaufbaus davon abzusehen, Menschen zurückführt, die soziale Systeme ›ma-
sich entweder für soziale Phänomene auf der Mikro- chen‹. Deswegen war es einerseits erforderlich, eine
oder auf der Makroebene zu interessieren. Der ei- Auto-Reproduktivität solcher Systeme zu modellie-
gentliche Clou dieser Theoriekonstruktion liegt ren (Autopoiesis), andererseits das, was operativ die-
möglicherweise darin, Interaktionen nicht zu be- se Reproduktion leistet, so zu fixieren, dass die
trachten, als handle es sich bei ihnen um ein niedri- ›Münchhausiade‹ einer Eigenreproduktion plausibel
geres Niveau des Sozialen als bei Organisationen oder wird, die mit ihren Elementen immer nur Elemente
gar der Gesellschaft (Nassehi 2006). Es geht nicht da- derselben Form reproduziert. Genau in diese Funk-
rum, in Interaktionen den Nukleus von Gesellschaft tionsstelle tritt Kommunikation ein, die dann nicht
zu erkennen, nicht darum, Organisationen als die mehr eine Art verbindender Tätigkeit ist, die von
entscheidenden Instanzen der Generierung sozialer Menschen zwischen Menschen betrieben wird. Die
Ordnung auszumachen und auch nicht darum, aus zentrale These, die auf Anhieb kontraintuitiv wirkt,
gesellschaftstheoretischer Perspektive auf die Deter- lässt sich bündeln in der Formulierung: Niemand
mination aller sozialen Praxis zu schließen. Stattdes- ›tut‹ kommunizieren; Kommunikation kommuni-
sen ermöglicht die Unterscheidung von Interaktion, ziert, nichts sonst. Das bedeutet, »[…] daß in sozia-
Organisation und Gesellschaft, die Eigenlogik kon- len Systemen, die durch Kommunikation gebildet
kreter sozialer Situationen aus ihren je unterschied- werden, nur Kommunikation als Mittel der Auflö-
lichen Verweisungszusammenhängen zu erklären. sung von Elementen zur Verfügung steht. Man kann
Die Beobachtung der unterschiedlichen Arten der Aussagen analysieren, in zeitliche, sachliche und so-
Strukturierung sozialen Sinns auf der Ebene von In- ziale Sinnbezüge weiterverfolgen, kann im Detail im-
teraktionen bzw. Organisationen und auf der Gesell- mer kleinere Sinneinheiten bilden bis in die endlose
schaftsebene erlaubt die Einsicht, dass je verschiede- Tiefe des Innenhorizontes hinein – aber all dies im-
Kommunikation 91

mer nur durch Kommunikation, also in sehr zeitauf- rem darin, dass genau diese Theorieentscheidung,
wendiger und sozial anspruchsvoller Weise. Dem die Kommunikation unbeobachtbar stellt, dazu
sozialen System steht keine andere Weise der Zerle- führt, dass die Frage nach der ›Phänomenalisierung‹
gung zur Verfügung, es kann nicht auf chemische, einer Unbeobachtbarkeit aufgeworfen werden kann.
nicht auf neurophysiologische, nicht auf mentale Die Antwort ist das Konzept der Selbstsimplifikation
Prozesse zurückgreifen (obwohl all diese existieren von Kommunikation, die Annahme, dass sich Kom-
und mitwirken)« (SS, 226). munikation beobachtbar macht in einer Verkürzung,
Wenn man so optiert, wird es notwendig, den Be- in der die Mitteilung als Mitteilungshandeln er-
griff der Kommunikation nicht traditionslos, aber in scheint, als zeitstellenfixierbare Reduktion der Kom-
einigen Hinsichten radikal anders zu präparieren, als plexität ihrer eigenen Operativität, als, wie man
es die eingeschliffene Gewohnheit des ›Kommunizie- sagen könnte, Verkettung von Äußerungen, die getan
ren mit […]‹ suggeriert. In einem ersten Schritt wer- werden, mit Äußerungen, die getan werden – zu ei-
den Information, Mitteilung und Verstehen als die nem ›lesbaren‹ Sinnzusammenhang; lesbar für sinn-
Komponenten (Selektionen) begriffen, die in der deutungsfähige psychische Systeme, strukturbildend
Operation der Kommunikation synthetisiert wer- für soziale Systeme, die ohne jene Reduktion schwer-
den. ›Information‹ bezeichnet dabei den fremdrefe- lich ordnungsfähig wären.
rentiellen Aspekt der Operation, die quidditas, das Kommunikationen – als Ereignisse begriffen –
Was, worum es jeweils geht; die ›Mitteilung‹ ist der werden entlang jener Simplifikationen geordnet. Die
Ausdruck für die Selbstreferentialität der Kommuni- einschlägigen Begriffe sind Struktur und Prozess.
kation, also für dasjenige, woran sich erkennen lässt, Strukturen werden durch die Möglichkeit geschaf-
dass Kommunikation stattfindet und sich nicht ir- fen, dass sich in den Anschlüssen passende und
gendein beliebiges Verhalten abspult; das ›Verstehen« nichtpassende Ereignisse diskriminieren lassen.
ist dann die Beobachtung der Differenz von Mittei- Strukturen sind demnach anders als herkömmlich in
lung und Information, im Kern demnach der An- dieser Theorie nicht auf Festigkeit angelegt, sondern
schluss, der darüber befindet, ob eher an Selbstrefe- auf Spielräumigkeit. Anders ausgedrückt: Sie sind als
renz oder eher an Fremdreferenz angeschlossen Abweichungsdetektoren beschreibbar, die viele Er-
wurde. eignisse als kompatibel oder kompossibel mit gerade
Diese Synthetik ist freilich noch sehr dicht an psy- laufenden Geschehnissen behandeln können, aber
chischen Systemen angesiedelt. Man kann leicht den davon dasjenige, was ganz und gar nicht geht, unter-
Eindruck gewinnen, dass Informieren, Mitteilen, scheiden. Sie werden anhand von Irritationen er-
Verstehen psychische Operationen sind: Jemand teilt rechnet, die zu Korrekturen nötigen. Prozesse
etwas mit, das jemand anderer versteht. Das theore- dagegen sind selektivitätsverstärkende Strukturen, in
tische Erfordernis einer genuin sozialen Operation denen Ereignisse in ihrer Selektivität intensiviert
wird deswegen erst dann erfüllt, wenn Kommunika- werden – bis hin zur ›Unbeweglichkeit‹ im Blick auf
tion vom sozialen Verstehen her aufgezäumt wird. noch mögliche Veränderungen. Konflikte sind dafür
›Verstehen‹ meint dabei nichts weiter als den An- ein gutes Beispiel.
schluss, der im Nachtrag (in Gegenrichtung zur Nor- Eine zentrale Schwierigkeit für das Verständnis
malzeit) die Differenz von Selbst- und Fremdrefe- dieser Theorie bestand und besteht wohl noch darin,
renz, also Mitteilung und Information erzeugt. dass sich sinndeutende, sinnlesende und in diesem
Dieser Anschluss erfolgt aber genau nicht in einem Verständnis hermeneutische Operationen psychisch
abschließenden Sinne, sondern er ist selbst darauf leicht vorstellen lassen, aber es prima vista unmög-
angewiesen, dass ein Anschluss folgt, der den voran- lich scheint, die Reproduktion von Sinnzusammen-
gegangenen Nachtrag seinerseits als jene Differenz hängen an soziale Operationen zu knüpfen, die nicht
aufnimmt und so weiter und so fort. über Wahrnehmung, nicht über Körper, nicht über
Mit dieser temporalen Drehung werden Kommu- irgendein minimales Sensorium für Sinn verfügen.
nikationen zu Ereignissen, die sich nicht beobachten Darauf bezieht sich zunächst das Theoriestück der
lassen, da die Leistung der Synthetik immer zukünf- strukturellen Kopplung. Es hält daran fest, dass psy-
tig geschieht, oder (in Anlehnung an ein Diktum von chische und soziale Systeme jeweils autonom operie-
Paul Valéry): da die Kommunikation sich nicht im rende Einheiten sind, die ihre ereignishaften Elemen-
Blick auf ihre Synthese zuvorkommen kann. Es gibt te nicht untereinander austauschen können. Sie
sie nicht als ›beschaubare‹ Singularität. Die Raffines- kennen keine Überlappungen, Überschneidungen,
se dieser Konstruktion findet sich dann unter ande- keine Transitivität. Gleichwohl stehen sie in einem
92 Begriffe

reziproken Irritationsverhältnis. Sie offerieren einan- Operativität. Damit werden Zonen der Vergleichbar-
der nicht Durchgriffs-, sondern Auslösekausalität. keit geöffnet, die noch nicht ausgeschöpft und
Sie sind in dieser Hinsicht so verschränkt, dass sie durchbestimmt sind. Vor allem gewinnen Theoreme
sich wechselseitig ermöglichen. Ohne die hermeneu- konditionierter Koproduktion an Gewicht, die das
tische Kapazität psychischer Sinnsysteme gäbe es kei- Ausfällen, das Disseminieren von Sinn nicht mehr
ne Kommunikation; ohne Kommunikation gäbe es unbedingt nur an psychische Systeme und deren Ak-
keine durch Sinn in-formierte psychische Wahrneh- tivitäten binden müssen, sondern in einer eigentüm-
mungsverarbeitung. Soziale und psychische Systeme lichen Dramatik zeigen, wie sehr psychische Ereig-
stehen in der Relation konditionierter Ko-Originati- nisse formatiert sind durch Kontakte mit der Welt
on, damit auch in dem Verhältnis der Ko-Evolution. der Kommunikation.
Ein zweiter Theoriestrang, der das Problem bear-
beitet, dass Kommunikationen keine Sinnlese-Mög-
lichkeiten haben, eröffnet das Spiel einer weitrei- Literatur
chenden Abstraktion. Unter Rückgriff auf George Fuchs, Peter: Moderne Kommunikation. Zur Theorie des
Spencer-Browns Laws of Form (1969) entwickelt operativen Displacements. Frankfurt a. M. 1993.
Luhmann einen allgemeinen Begriff für sinnförmige –: »›Das ›Ich‹ ist jenseits der Kommunikation ein lärmen-
Operationen: ›Beobachtung‹. Dieser Begriff ist so an- der Kasper‹. Ein Gespräch mit Peter Fuchs«. In: Theodor
M. Bardmann (Hg.): Zirkuläre Positionen. Bd. 2: Die
gelegt, dass er psychische und soziale Systeme über- Konstruktion der Medien. Opladen 1998, 171–198.
greift. Psychischen Systemen können Beobachtun- –: »Die Form der autopoietischen Reproduktion am Bei-
gen zugerechnet werden, aber auch – und das ist ein spiel von Kommunikation und Bewußtsein«. In: Soziale
revolutionärer Schritt –: sozialen Systemen. Der Be- Systeme 8. Jg (2002), 333–351.
griff geht davon aus, dass Beobachten im Spiel ist, –: »Die Zeit der Kommunikation«. In: Helmut Richter/H.
Walter Schmitz (Hg.): Kommunikation – ein Schlüssel-
wenn Unterscheidungen aufgeblendet (beobachtet) begriff der Humanwissenschaften? Münster 2003,
werden, in deren Rahmen die eine oder andere Seite 321–329.
der je eingesetzten Unterscheidungen bezeichnet Luhmann, Niklas: »Die Unwahrscheinlichkeit der Kommu-
und zur weiteren Informationsverarbeitung selegiert nikation«. In: SA3, 25–34.
ist. Diese Selektion findet statt, wenn sie stattfindet. –: »Was ist Kommunikation?« In: Fritz B. Simon (Hg.): Le-
bende Systeme. Wirklichkeitskonstruktionen in der sys-
Sie muss nicht die Wahl eines bewussten Operateurs temischen Therapie. Berlin u. a. 1988, 10–18.
sein; sie ist als Form erfüllt, wenn durch ein Ereignis, –: »Wie ist Bewußtsein an Kommunikation beteiligt?« In:
das fällt, Vorereignisse als Unterscheidungsverwen- Hans Ulrich Gumbrecht/Karl Ludwig Pfeiffer (Hg.): Ma-
dungen aufgenommen werden. terialität der Kommunikation. Frankfurt a. M. 1988,
Wenn Kommunikation eine Operation ist, die 884–905.
Spencer-Brown, George: Laws of Form. London 1969.
durch Anschluss (Verstehen) Selbst- und Fremdrefe-
renz (Mitteilung und Information) in eine ansonsten Peter Fuchs
superkompakte Realität einschreibt, entspricht sie
der allgemeinen Form der Beobachtung. Kommu-
nikationen sind immer referierend-beobachtende
Ereigniskonstellationen. Jene oben beschriebene 13. Komplexität
Selbstsimplifikation der Kommunikation in Verket-
tungen von Mitteilungshandeln wird unter anderem Der Begriff ›Komplexität‹ und die Frage, wie Systeme
dadurch erzwungen, dass die Zurechnung auf Beob- Komplexität reduzieren, sind für die luhmannsche
achten den Beobachter ›heranzitiert‹ und ihn als Be- Systemtheorie von zentraler Bedeutung. Um zu ver-
obachtung ›tuende‹ Einheit stilisiert, im Normalfall stehen, was damit gemeint ist, lohnt ein Blick darauf,
als psychisches System, dem zugetraut wird, dass es wie Komplexität in den letzten Jahrzehnten erforscht
in seiner uneinsehbaren Innenwelt Unterscheidun- wurde. Als eigenständiger Wissenschaftsbereich
gen und Bezeichnungen lesen und operativ einsetzen führt die Komplexitätsforschung unterschiedliche
kann. Denkansätze zusammen, die aus den verschiedenen
Eine spannende Pointe dieser Überlegungen ist, Wissenschaften gewonnen werden. Einerseits sind
dass die allgemeine Form der Operation auch der die Wissenschaften heute hoch ausdifferenziert und
psychischen Operativität eignet. Sie ist als Kombina- in einer komplexen Vielfalt von Einzeldisziplinen
tion von Fremd- und Selbstreferenz durch An- spezialisiert. Andererseits haben es Wissenschaften
schlussmanagement isomorph mit kommunikativer selber in Natur und Gesellschaft mit hochkomplexen
Komplexität 93

Systemen zu tun – von komplexen atomaren, mole- als Soziologen wichtig ist. Denn traditionell ist hier
kularen und zellulären Systemen in der Natur bis zu das Feld von Juristen, Ökonomen, Sozial- und Geis-
komplexen sozialen und wirtschaftlichen Systemen teswissenschaftlern, während Mathematikern und
in der Gesellschaft. Komplexitätsforschung beschäf- Physikern Systeme der Gesellschaft mit ihren unge-
tigt sich fachübergreifend mit der Frage, wie durch heuer vielen Freiheitsgraden handelnder Personen
die Wechselwirkung vieler Elemente eines komple- viel zu kompliziert sind, um sich damit zu beschäf-
xen Systems (z. B. Moleküle in Materialien, Zellen in tigten – auch wenn inzwischen Methoden der Physik
Organismen oder Menschen in Märkten und Orga- aus dem Forschungsgebiet nichtlinearer Dynamik
nisationen) Ordnungen und Strukturen entstehen und komplexer Systeme auf soziale und ökonomi-
können, aber auch Chaos und Zusammenbrüche. sche Systeme angewendet werden.
Das Ziel der Komplexitätsforschung besteht darin, Alle Erfahrungen zeigen uns, dass Entscheidungs-
Chaos, Spannungen und Konflikte in komplexen verhalten in politischen und wirtschaftlichen Syste-
Systemen zu erkennen und ihre Ursachen zu verste- men letztlich auf einer tiefer liegenden Schicht
hen, um daraus Einsichten für neue Gestaltungspo- beruht: Menschen entscheiden und handeln bewusst
tentiale der Systeme zu gewinnen. oder unbewusst auf der Grundlage rechtlicher, kul-
›Komplexität‹ bestimmt die Wissenschaft des tureller und religiöser Wertvorstellungen, die seit
21. Jahrhunderts. Die Expansion des Universums, die Jahrhunderten weltweit in unterschiedlichen Tradi-
Evolution des Lebens und die Globalisierung von tionen gewachsen sind und sie prägen. Man kann
Wirtschaft, Gesellschaft und Kulturen führen zu diese Wertvorstellungen als Ordnungsparameter
Phasenübergängen komplexer dynamischer Syste- rechtlicher, kultureller und religiöser Dynamik auf-
me. Die sich abzeichnenden Schlüsselthemen dieses fassen. Kulturelle und religiöse Symbole treten an die
Jahrhunderts haben mit Komplexität zu tun. Globale Stelle mathematischer Zeichen von Modellen nicht-
Klimaveränderungen, Erdbeben und Tsunamis wer- linearer Dynamik. Es ist eine globale Herausforde-
den in Computermodellen komplexer dynamischer rung, friedliche Koexistenz und kulturelle Balance zu
Systeme untersucht. Die Nanotechnologie entwickelt fördern, um den Crash der Kulturen und Religionen
neue Materialien aus komplexen molekularen Struk- in ihrer komplexen nichtlinearen Dynamik zu ver-
turen. Die Gentechnologie analysiert DNA-Informa- hindern.
tion, die komplexe zelluläre Organismen wachsen Vom Standpunkt der nichtlinearen Dynamik aus
lässt. Die life sciences beschäftigen sich mit der Kom- betrachtet, geht es darum, gemeinsame ›Ordnungs-
plexität des Lebens. Artificial life simuliert die kom- parameter‹ zu schaffen, um die globale Regierbarkeit
plexe Selbstorganisation des Lebens in geeigneten (global governance) dieses Planeten zu sichern, Kon-
Computermodellen. flikte zu minimieren und Komplexität zu reduzieren.
Fasst man den Menschen als komplexen Organis- Wir müssen geeignete Impulse und Signale auslösen,
mus auf, so kann Komplexitätsforschung dabei hel- damit diese Integration wachsen und sich entwickeln
fen, Gräben zwischen Natur-, Geistes- und Sozial- kann. Verordnen und programmieren lässt sie sich
wissenschaften zu überwinden. Vom Standpunkt der nicht. Auch diese Einsicht vermittelt Komplexitäts-
Naturwissenschaften haben wir es beim Menschen forschung.
zunächst mit einem konkreten komplexen System zu Luhmanns Systemtheorie schließt hier an und er-
tun, dem aus Milliarden von Nervenzellen bestehen- weist sich terminologisch als kompatibel mit der mo-
den Gehirn. Dieses komplexe System zeigt uns, wie dernen mathematischen und empirischen Komple-
aus der Integration und den vielfältigen Wechselwir- xitätsforschung. Auch in Luhmanns Komplexitäts-
kungen seiner Elemente Ordnung und Struktur ent- konzept stehen die Unterscheidung von Element und
stehen kann: der menschliche Geist mit seinen Relation, damit die selektive Verknüpfbarkeit der
vielfältigen Fähigkeiten und Begabungen, aber auch Elemente und damit das Problem der Ordnungsbil-
mit seiner Gefährdung von Chaos, Desorientierung dung qua Wechselwirkungen im Mittelpunkt. Kom-
und Krankheit. plexität entsteht dann, wenn nicht alle Elemente
Menschen agieren in komplexen Organisationen zugleich miteinander in Relation treten können,
und Gesellschaften. Mit der menschlichen Gesell- wenn »nicht mehr jedes Element jederzeit mit jedem
schaft ist aber das komplexeste System genannt, das anderen verknüpft sein kann« (SS, 46), wenn also se-
wir derzeit überhaupt kennen. Wie ist Denken, Han- legiert werden muss und aufgrund dessen mehr
deln und Entscheiden in solchen komplexen Syste- Möglichkeiten entstehen als gerade aktualisiert wer-
men möglich? Dies ist eine Frage, die für Luhmann den (SS, 45 ff.; GG, 134–144; SA2, 204–220). Ent-
94 Begriffe

scheidend ist dabei, dass Elemente im Sinne Luh- immer dann, wenn ein System die Unterscheidung
manns nicht als Bauklötzchen missverstanden wer- von System und Umwelt trifft und dabei ein Komple-
den dürfen. Es geht nicht um die Elemente, sondern xitätsgefälle beobachten kann. Die Umwelt ist dabei
um ihre Relationierbarkeit, um die »Gesamtheit der immer komplexer als das System, da das System qua
wechselseitigen Relationen« (Kneer/Nassehi 2004, Selektionen interne Beschränkungen einbaut, um die
20) und die »Architekturen der Ordnung eines Sys- Relationierung von Relationen im System und in der
tems« (Willke 2005, 316). Alle Selektionen und Ak- Umwelt handhaben zu können (SS, 47 f.). Komplexi-
tualisierungen vollziehen sich sequentiell, weshalb tät kann nie endgültig bestimmt werden, da auf-
auch von einer dynamischen Komplexität gespro- grund der Rekursivität der Operationen und auf-
chen werden kann. grund der Unmöglichkeit der kompletten Verknüpf-
Gerade die Unterscheidung zwischen Systemele- barkeit der Elemente immer andere Selektionen von
menten und Systemrelationen ermöglicht es Luh- Möglichkeiten getroffen werden (GG, 142 f.). Daher
mann, die Eigenkomplexität von Systemen zu müssen Systeme auf die »Reduktion von Komplexi-
beschreiben. Eine wichtige Folge von Systemkomple- tät« (SS, 48) zurückgreifen, um ihre Umwelt zu mo-
xität ist die Entstehung von Emergenz, d. h. die Ent- dellieren. Diese Komplexitätsreduktion lässt sich von
wicklung von neuen Eigenschaften, die nicht auf die außen nicht direkt beobachten. Vielmehr müssen die
einzelnen Systemelemente zurückführbar sind, son- eigenen Beobachtungen eines Systems mit den Beob-
dern durch ihre Wechselwirkung (Relationen) er- achtungen anderer verglichen werden. Zudem muss
klärbar werden. Anschaulich eröffnet Luhmanns man die Beobachter des Systems beobachten (Beob-
Systemtheorie damit die Möglichkeit, bekannte so- achtung zweiter Ordnung), um so die von Beobach-
ziale Phänomene wie z. B. die Eigenkomplexität in tern abhängige Komplexität eines Systems sehen zu
Verwaltungen (›Wasserköpfe‹) oder in Märkten können. Daraus folgt für Luhmann schließlich, dass
(›Blasen‹) zu verstehen. Komplexität und Komplexitätsreduktion keine onto-
Es zeigen sich aber auch methodische Unterschie- logischen Größen sind, sondern systemrelativ auf-
de zur Komplexitätsforschung: Soziale Systeme sind tauchen. Somit sind auch die Umwelt und ihre
Luhmann zufolge autopoietisch, operativ geschlos- Komplexität systeminterne Größen, es gibt sie nur
sen, sinnverarbeitend und auf Kommunikationen dann, wenn ein System sie beobachtet (GG, 136):
basierend. ›Autopoiesis‹ bedeutet nach dem Biologen »Ohne Beobachter gibt es keine Komplexität« (GG,
Humberto R. Maturana zunächst Selbstreprodukti- 144), weder im System noch in der Umwelt.
on, d. h. ein System erzeugt seine eigenen Elemente Angetrieben wird die Komplexität durch die Evo-
unter Verwendung der Interaktion mit eigenen Ele- lution sozialer Systeme. Im Anschluss an Herbert
menten. Naturwissenschaftliche Beispiele sind die Spencer spricht Luhmann von einer ›Morphogenese‹
chemische Autokatalyse oder zelluläre Selbstrepro- der Komplexität. Als Folge von Selektion ist Kontin-
duktion. Maturana erweitert Autopoiesis schließlich genz (das »›auch anders möglich sein‹« (SS, 47); z. B.
auf Organismen, die sich aufgrund ihrer Nervensys- biologische Mutationen) ein wichtiger Faktor, um
teme selbst organisieren und damit von ihrer Umwelt Vielfalt zu ermöglichen. Leben entstand unter un-
abgrenzen. Dieser Mechanismus wird von Luhmann wahrscheinlichen Bedingungen, wurde dann aber,
auf soziale Systeme übertragen: Wie Organismen wie Luhmann sich ausdrückt, in hohe Erhaltungs-
sind soziale Systeme aufgrund ihrer Umweltwahr- wahrscheinlichkeit transformiert; heute hat Leben
nehmung offen, zugleich aber operativ geschlossen auf der Erde also weite Verbreitung gefunden und ist
(GG, 92–120), da sie mit ihren systemeigenen Ope- hoch wahrscheinlich. Selektion, Variation und Resta-
rationen die Abgrenzung gegenüber der Umwelt und bilisierung werden auf soziale Systeme übertragen.
den Fortbestand des Systems garantieren. Typisch Steigerung und Reduktion von Komplexität müssen
sind dabei Rekursionen, die immer wieder auf vorher in einem geeigneten Verhältnis stehen, »sie wider-
erzeugte Elemente zurückgreifen. Psychische und so- sprechen sich nicht, sondern setzen sich gegenseitig
ziale Systeme sind zudem sinnverarbeitende Systeme, voraus« (Baraldi/Corsi/Esposito 1997, 96), um evo-
da sie sich durch Selbstreferenz ein Bild (Modell) von lutionär vorteilhafte Entwicklungen von sozialen
sich selbst und durch Fremdreferenz ein Modell von Systemen zu erzeugen. In Luhmanns Beispiel eines
ihrer Umwelt verschaffen. Da dabei verschiedene Verkehrsnetzes heißt das: »So reduziert ein Straßen-
Möglichkeiten auftreten können, muss das System netz die Bewegungsmöglichkeiten, um leichtere und
Auswahlen treffen. schnellere Bewegung zu ermöglichen und damit die
Komplexität entsteht in autopoietischen Systemen Bewegungschancen zu vergrößern, aus denen man
Kultur 95

konkret auswählen kann. Steigerung durch Redukti- –: Symmetry and Complexity. The Spirit and Beauty of
on von Komplexität: evolutionäre Errungenschaften Nonlinear Science. Singapore 2005.
–: Thinking in Complexity. The Computational Dynamics
wählen Reduktionen so, daß sie mit höherer Kom-
of Matter, Mind, and Mankind. Berlin 2007a.
plexität kompatibel sind, ja sie oft erst (und oft erst –: Der kreative Zufall. Wie das Neue in die Welt kommt.
sehr allmählich) ermöglichen« (GG, 507). Reduktion München 2007b.
und Steigerung von Komplexität hängen eng mit der –: Komplexität. Paderborn 2008.
Systemstruktur zusammen, die das mögliche Kom- – (Hg.): Complexity. Themenheft der Zeitschrift European
plexitätsniveau eines Systems bestimmt. Gleichzeitig Review 17. Jg., 2 (2009), 219–452.
–: Leben als Maschine? Von der Systembiologie zur Robotik
führt die Evolution des Systems zu Strukturänderun- und Künstlichen Intelligenz. Paderborn 2010.
gen qua Komplexitätsreduktion und -steigerung. So- Mandelbrot, Benoit B.: Die fraktale Geometrie der Natur.
mit sind Komplexität und Gesellschaftstruktur eng Basel 1987.
miteinander gekoppelt: Wenn eine Struktur (bei- – /Hudson, Richard L.: The (Mis)Behavior of Markets.
spielsweise die Stratifikation) ihr tolerables Komple- A Fractal View of Risk, Ruin and Reward. New York 2004.
Mantegna, Rosario N./Stanley, H. Eugene: An Introduction
xitätsniveau erreicht hat und die anfallenden Proble- to Econophysics. Correlations and Complexity in Fi-
me mithilfe dieser Struktur nicht (mehr) lösen kann, nance. Cambridge 2000.
kommt es zur Strukturänderung (funktionale Diffe- McCauley, Joseph L.: Dynamics of Markets. Econophysics
renzierung), die ihrerseits Beschränkungen und ein and Finance. Cambridge 2004.
eigenes Komplexitätsniveau etabliert. Nicolis, Grégoire/Prigogine, Ilya: Die Erforschung des
Komplexen. München 1987.
Trotz der Kompatibilität mit mathematischen, Rescher, Nicholas: Complexity. A Philosophical Overview.
empirischen und soziologischen Komplexitätstheo- New Brunswick 1998.
rien bleibt ›Komplexität‹ bei Luhmann ein ambiva- Richter, Klaus/Rost, Jan-Michael: Komplexe Systeme.
lenter und offener Begriff zur Beschreibung von Frankfurt a. M. 22004.
sozialen Systemen, der von Beobachtern und Beob- Weidlich, Wolfgang: Sociodynamics. A Systematic Ap-
proach to Mathematical Modelling in the Social Sciences.
achtern von Beobachtern abhängt. Darin zeigt sich London 2002.
die Stärke und zugleich die Schwäche seines Ansat- Willke, Helmut: »Komplexität als Formprinzip. Über Niklas
zes: Offenheit und terminologische Anschlussfähig- Luhmann ›Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen
keit an viele soziale Anwendungsgebiete, aber zu- Theorie‹ (1984)«. In: Dirk Baecker (Hg.): Schlüsselwerke
gleich fehlende Quantifizierbarkeit, um mess- und der Systemtheorie. Wiesbaden 2005, 303–323.
überprüfbare Modelle abzuleiten. Klaus Mainzer

Literatur
14. Kultur
Arthur, W. Brian/Durlauf, Steven N./Lane, David A. (Hg.):
The Economy as an Evolving Complex System II. Rea-
ding, MA 1997. Am Kulturbegriff der luhmannschen Systemtheorie
Baraldi, Claudio/Corsi, Giancarlo/Esposito, Elena: GLU. ist überraschend, dass Niklas Luhmann ihm den Sta-
Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme. tus als Grundbegriff entschieden verweigert. Wäh-
Frankfurt a. M. 1997. rend Kulturwissenschaftler/innen und Kultursozio-
Ebeling, Werner/Freund, Jan/Schweitzer, Frank: Komplexe log/innen mit diesem Begriff zumeist sehr allgemein
Strukturen: Entropie und Information. Leipzig 1998.
Haken, Hermann: Synergetik. Eine Einführung. Berlin und unscharf das Phänomen einer gesellschaftlichen
31990. Ordnung des Gebrauchs von Symbolen beschreiben,
Kneer, Georg/Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie interessiert Luhmann sich dafür, warum überhaupt
sozialer Systeme. Eine Einführung. München 42004. eine Gesellschaft als Kultur beschrieben wird. Ihm
Lorenz, Hans-W.: Nonlinear Dynamical Economics and erscheint der Kulturbegriff als einer der »schlimms-
Chaotic Motion. Berlin 1989.
Luhmann, Niklas: »Komplexität«. In: SA2, 204–220. ten Begriffe, die je gebildet worden sind« (KunstG,
Mainzer, Klaus: Computernetze und virtuelle Realität. Le- 397 f.; vgl. Esposito 2004, 97; Baecker 2004, 60 f.), da
ben in der Wissensgesellschaft. Berlin 1999a. er immer auch die Idee der Vollkommenheit und
–: Komplexe Systeme und Nichtlineare Dynamik in Natur Überlegenheit einer Kultur im Vergleich zu anderen
und Gesellschaft. Komplexitätsforschung in Deutsch- Kulturen mittransportiere. »Verheerend« seien darü-
land auf dem Weg ins nächste Jahrhundert. Berlin 1999b.
–: Computerphilosophie. Hamburg 2003a. ber hinaus die Folgen einer Umwandlung von Kunst
–: KI – Künstliche Intelligenz. Grundlagen intelligenter und Religion in Kultur, da sie den Verlust einer nai-
Systeme. Darmstadt 2003b. ven Praxis des Bestaunens und Genießens mit sich
96 Begriffe

führten (KunstG, 341 f.). Eine zusammenfassende zweiter Ordnung: »Daß im Verschiedenen irgendet-
und systematische Auseinandersetzung mit dem Be- was Dasselbe sein müsse, regt zur Reflexion an, so-
griff der Kultur findet sich in dem 1995 erschienenen dann, wenn man darin geübt ist, zur immer
Artikel »Kultur als historischer Begriff«, in dem Luh- weitergehenden Abstraktion und schließlich zur An-
mann den Kulturbegriff auf seine – historisch erst erkennung der unvermeidbaren Kontingenz der Ver-
mit der Moderne entstehende – Funktion des Ver- gleichsgesichtspunkte. Vergleichsgesichtspunkte ste-
gleichbarmachens und Relativierens festlegt. hen bereits für einen Beobachter, der auch ein
Luhmann entfaltet in diesem Text eine Argumen- anderer sein könnte« (GS4, 38; vgl. RdM, 154).
tation, die dem im Allgemeinen so diffusen Begriff Dass aus dem Vergleichen nun wiederum Ord-
eine viel speziellere Bedeutung einräumt, als dies üb- nung, Erwartbarkeit und stabile Muster entstehen,
licherweise gesehen wird. Dass gesellschaftliche wird von Luhmann über die Gedächtnisfunktion
Selbstbeschreibungen entstehen, in denen etwas als der Kultur erklärt. An die Stelle der Idee des einen
›Kultur‹ beschrieben wird, ist demzufolge ein empi- Wissensvorrats treten in der modernen Gesellschaft
risch an die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts ge- viele Gedächtnisse (u. a. Massenmedien: Buchdruck,
knüpftes Phänomen. Industrialisierung, Französi- Fernsehen), mit deren Hilfe sich Kommunikationen
sche Revolution und die Entstehung einer sich selbst bestätigen und wiedererkennen. »Das Ge-
autonomisierenden Kunstszene, in der ambitionierte dächtnis legt, indem es bestimmte Sinnkondensate
Meinungen produziert werden, verortet Luhmann favorisiert und wiederholt, sich auf einen bestimm-
als historisch folgenreiche Ereignisse, die eine – viel- ten Charakter fest. Damit ist zugleich, mit welchen
leicht eher konservative – Praxis der Distanzierung Problemlagen immer, gewährleistet, daß das System
von den ambivalenten Folgen eben dieser Ereignisse aus seiner Umwelt als identisches beobachtet und be-
erzeugen. Hilfreich hierfür ist die bereits eingeführte handelt werden kann, was dann seinerseits die einge-
Technologie Buchdruck und der Kommunikations- übten Formen konfirmiert« (GS4, 46).
stil der systematisch gepflegten Reflexion. Auf diese Eine ähnliche Funktion wie die im 18. Jahrhun-
Weise wird das Ende der alteuropäischen Tradition dert mit dem Buchdruck an vielen Orten entstehen-
der Metaphysik eingeläutet. Sprache und Schrift wer- den kulturellen Gedächtnisse übernimmt die Stabili-
den von nun an als mögliche Bedeutungen, als Sym- sierung einer speziellen Form der Kommunikation:
bole und Zeichen verstanden und auf Perspektiven der Reflexion. Auch sie trägt dazu bei, die vormals
zurückgeführt, die sich unterschiedlichen Stand- hierarchische Konzeption von ›Sein‹ und ›Wahrheit‹
punkten verdanken. Die Orte, an denen gesellschaft- einer in metaphysischen Kategorien begriffenen Welt
liche Selbstbeschreibungen entstehen, vervielfältigen aufzuheben. Die Reflexion übergreift Zeit und Raum
sich und rechnen mit dem Blick des jeweils anderen. und ermöglicht auf diese Weise Vergleiche, die sehr
»Was jetzt zusammengestellt, gesichtet, kritisch ge- weitreichend sein können. Man kann hier und jetzt
prüft und geordnet wird, geht über das weit hinaus, etwas thematisieren, was einmal war oder noch nicht
was für öffentliche oder für handwerkliche Rollen be- ist, und braucht dazu eigentlich vor allem eine Viel-
nötigt wird. Es wird für den Buchdruck produziert. zahl an Abstraktionsanlässen, die zu neuen Genera-
Es wird als Kultur sichtbar gemacht« (GS4, 36). lisierungen stimulieren.
Strukturiert wird dieser neue Bedarf für Selbstver- Die luhmannsche Verortung des Kulturbegriffs in
ständigung jedoch im Unterschied zu vorherigen on- der europäischen Moderne ist entscheidend für den
tologisierenden Ordnungsversuchen in der heterar- Umgang mit den ›schlimmen‹ Seiten dieses Begriffs.
chischen, an vielen Orten gleichzeitig entstehenden Eine ›europäische Kultur‹, die sich als Schöpferin von
Form des kulturellen ›Gedächtnisses‹. Die Etikettie- Menschenrechten, Staat und Demokratie selbst aus-
rung als Kultur erfolgt gerade nicht mit dem An- zeichnet, gilt Luhmann als typisches Produkt einer
spruch auf eine hierarchisch bessere Beobachtungs- Perspektive, die den kulturellen Standpunkt des Be-
position, sondern beschreibt einen eigenständigen obachters verallgemeinert und damit den Beobach-
Mechanismus, der Beliebiges miteinander in Bezie- tungsprozess unsichtbar macht. Sie ist aber Resultat
hung setzen kann, der alles vergleichbar macht, der eines Beobachtungsprozesses und damit auch einer
aus sich heraus immer wieder neue Abstraktionsleis- Relativierung von dem Moment an, als sie sich als
tungen ermöglicht, die nebeneinander existieren Kultur von anderen unterscheidet. Diesen »Geburts-
und sich gegenseitig ablösen. Indem auf Kultur ge- fehler der Kontingenz« (GS4, 48) und die Unwahr-
schlossen wird, entsteht Kontingenzbewusstsein scheinlichkeit solcher Konzepte wie die der europäi-
bzw. eine Einübung in die Form der Beobachtung schen Moderne gilt es stattdessen zu berücksichtigen.
Macht 97

»Demnach überzieht die Semantik der Kultur alles, Literatur


was kommuniziert werden kann, mit Kontingenz. Sie
Baecker, Dirk: »Kulturelle Orientierung«. In: Burkart/Run-
befreit von jeder Art notwendigem Sinn – und auch kel 2004, 58–90.
das erklärt, daß Kultur erst in der modernen Gesell- Burkart, Günter/Runkel, Gunter (Hg.): Luhmann und die
schaft möglich wird, die sich erstmals als strukturell Kulturtheorie. Frankfurt a. M. 2004.
kontingent und zugleich nur noch so reflektieren Esposito, Elena: »Kulturbezug und Problembezug«. In:
kann« (GS4, 51). Wer von Kultur redet, hat bereits Burkart/Runkel 2004, 91–101.
Lentz, Carola: »Der Kampf um die Kultur. Zur Ent- und Re-
verglichen, und spannend ist es dann, mit zu beob- Soziologisierung eines ethnologischen Konzepts«. In:
achten, in Bezug worauf verglichen wurde. Die euro- Soziale Welt 60. Jg., 3 (2009), 305–324.
päische Moderne ist aus dieser Perspektive keine Luhmann, Niklas: »Kultur als historischer Begriff«. In: GS4,
eigenständige Kultur, sondern sie wird als solche – in 31–54.
je unterschiedlichen Konfigurationen – sichtbar ge- –: »Religion als Kultur«. In: Otto Kallscheuer (Hg.): Das
Europa der Religionen: Ein Kontinent zwischen Säkula-
macht, indem andere ›Kulturen‹ als Maßstab ver-
risierung und Fundamentalismus. Frankfurt a. M. 1996,
wendet werden. Die Konkretisierung des allgemei- 291–315.
nen Kulturbegriffs über seine spezielle Funktion des Nassehi, Armin: »Die Paradoxie der Sichtbarkeit und die
Vergleichbarmachens und Relativierens macht aus ›Kultur‹ der Kulturwissenschaften«. In: Ders.: Geschlos-
ihm einen leistungsfähigen Begriff der Kultursozio- senheit und Offenheit. Frankfurt a. M. 2003, 231–257.
Reckwitz, Andreas: »(Ent-)Kulturalisierungen und (Ent-)
logie, deren Aufgabe jedoch »gerade nicht darin be-
Soziologisierungen: Das Soziale, das Kulturelle und die
steht, Sicherheit zu vermitteln und die Ordnung der Macht«. In: Soziale Welt 60. Jg., 4 (2009), 411–419.
Welt darzustellen und zu beschreiben, sondern im Saake, Irmhild/Nassehi, Armin: »Die Kulturalisierung der
Gegenteil: eingelebte Sicherheiten aufzubrechen und Ethik. Eine zeitdiagnostische Anwendung des Luhmann-
Ordnung als Folge, nicht als Voraussetzung von Kul- schen Kulturbegriffs«. In: Burkart/Runkel 2004,
tur und Gesellschaft zu entlarven« (Nassehi 2003, 102–135.
Irmhild Saake
233).
Weiterführende Debatten zum Kulturbegriff las-
sen sich in Dirk Baeckers Organisationsstudien fin-
den. Er platziert den aktuellen Bedarf nach Organi- 15. Macht
sationskulturen in einer Gesellschaft turbulenter
Märkte und sieht ihn als »Antwort einer Organisati- In der modernen Gesellschaft gibt es »mehr Macht
on, die nach wie vor hierarchisch strukturiert ist, auf […], als ein Machthaber ausüben kann […]. Ketten-
die Zumutung, sich heterarchisch zu strukturieren« bildung ermöglicht […] Machtsteigerungen, die
(Baecker 2004, 87). Auch seine kultursoziologischen über die Selektionskapazität des einzelnen Machtha-
Studien profilieren eine Einübung in die Beobach- bers hinausreichen« (M, 41 f., Hervorhebung BK).
tung zweiter Ordnung und verstehen ›Kultur‹ als Das Problem der Macht hat Luhmann von frühen
Einwand gegen die naive Unterstellung des Soseins. Texten an – Macht (1975) sowie die posthum publi-
Irmhild Saake und Armin Nassehi entwickeln den zierten Werke Politische Soziologie (2010) und Macht
systemtheoretischen Kulturbegriff weiter im Hin- im System (2012) – bis zum Spätwerk Die Politik der
blick auf Folgen einer zunehmenden Kulturalisie- Gesellschaft (2000) verfolgt. Es gibt zwei Ansatzpunk-
rung. Sie versuchen zu zeigen, dass die moderne te für seine Theorie der Macht: zum einen die Defi-
Institutionalisierung des kulturellen Vergleichs nicht nition von Macht als Drohmacht, zum anderen die
nur Relativierungen erzeugt, sondern auch einen Frage, wie Macht zu großen, komplexen Systemzu-
ständigen Emanzipationsbedarf im Hinblick auf sammenhängen ausgebaut und als Medium des po-
neue Identitäten, der zu einer Inflation von kulturel- litischen Systems verwendet werden kann.
len Sprechern führt (Saake/Nassehi 2004). Als Kritik In einem ganz allgemeinen Sinn liegt Macht über-
des inflationären Gebrauchs des Kulturbegriffs im all dort vor, wo jemand einem anderen mit unange-
oben kritisierten Sinne lässt sich auch die Debatte nehmer Behandlung – einer Negativsanktion – droht
über die Kulturalisierung des Gesellschaftsbegriffs und gestützt auf diese Drohung bestimmte Handlun-
neu führen. Carola Lentz und Andreas Reckwitz ver- gen verlangt (M, 19 ff.). Es kann sich dabei um einen
suchen in diesem Sinne ethnologische und soziologi- Raubüberfall handeln: ›Du gibst mir dein Geld oder
sche Perspektiven aufeinander zu beziehen (vgl. ich erschieße dich‹, um einen Fall von Eltern-Kind-
Lentz 2009; Reckwitz 2009). Kommunikation: ›Du räumst dein Zimmer auf oder
es gibt kein Taschengeld‹, oder um eine (explizite
98 Begriffe

oder implizite) Verständigung zwischen Arbeitgeber Polizei- und/oder Militärapparates. Darüber hinaus
und Arbeitnehmer: ›Du machst Überstunden oder muss eine komplexe Ordnung von Stellen bzw. Äm-
du wirst entlassen‹. Einzige Voraussetzung dafür ist, tern aufgebaut werden, die über allgemein als legitim
dass einer der Beteiligten eine Handlungsoption bzw. betrachtete Macht verfügen (PS, 95 ff.) und in geord-
Sanktion – von Luhmann auch ›Vermeidungsalter- neter Weise Macht übereinander ausüben können, so
native‹ genannt – in der Hand hat, die für den ande- dass der Selektionseffekt und die Reichweite von
ren unangenehmer ist als für ihn selbst und mit der er Macht sich verstärken (Luhmann 2012, 88 ff.). Die
daher drohen kann. Der Einsatz von Macht kann da- Macht, die ein einzelner Machthaber ausüben kann,
mit einen Teil des Selektionsproblems und Selekti- bleibt immer eng begrenzt; um viel Macht zu bilden –
onsübertragungsproblems übernehmen, das mit der so viel, wie das moderne Politiksystem aufgebaut
allgemeinen Vermehrung von Möglichkeiten mit zu- hat –, muss sie auf viele Beteiligte und komplexe Pro-
nehmender sozialer Komplexität entsteht und auf zesse verteilt werden. Man darf sich Macht dann
das sich in anderer Weise auch die anderen Kommu- nicht mehr als etwas vorstellen, das eine Einzelperson
nikationsmedien wie Wahrheit, Geld oder Liebe be- oder eine begrenzte Gruppe von Machthabern ›hat‹;
ziehen. vielmehr ist Macht ein zirkulierendes Medium und
Drohmacht in diesem Sinn kann auch als ›Roh- Attribut eines Systems. Damit schreibt Luhmann sei-
macht‹ bezeichnet werden, bzw. als Macht »im Roh- ne Machttheorie implizit auch gegen ›machtkriti-
zustand« (M, 34). Drohungen können in allen sche‹ Sichtweisen, die auf Machtkonzentration in
möglichen sozialen Situationen, zwischen ganz ver- den Händen weniger abstellen und dabei die Macht-
schiedenen Beteiligten und mit ganz verschiedenen haber oder Macht als solche für irgendwie ›böse‹, ei-
Aktionsrichtungen vorkommen, und Macht kann gennützig und schädlich für die Gesellschaft im
deshalb auch nie auf das politische System be- Übrigen halten.
schränkt und von ihm monopolisiert werden, son- Im politischen System ist Macht nicht an einer
dern kommt überall in der Gesellschaft vor (SA4, Stelle konzentriert, sondern fließt in einem Macht-
117–125). Allerdings kommt man mit Rohmacht in kreislauf vom Volk bzw. politischen Publikum an die
diesem Sinn nicht sehr weit, denn solche Macht politischen Parteien, die gewählt oder abgewählt
bleibt situationsgebunden, erreicht meist nur wenige werden, von der Regierung weiter an den Staatsappa-
Adressaten und verschwindet schnell wieder, wenn rat bzw. die Verwaltung, die auf dem Weg von Gesetz-
die Vermeidungsalternative sich auflöst oder dem gebung programmiert werden, und von dort wieder
Bedrohten als nicht mehr so wichtig erscheint. Damit zum Publikum, das die aus den Programmen gene-
auf der Basis von Macht Systeme ausdifferenziert rierten Einzelentscheidungen zugestellt bekommt
werden können und Macht zum Kommunikations- (SA4, 142–151; PS, v. a. 130 ff.). Zusätzlich zu dieser
medium des politischen Systems (und evtl. auch zur ohnehin schon verteilten ›offiziellen‹ Machtstruktur
Operationsgrundlage von Organisationen; vgl. dazu identifiziert Luhmann aber auch noch einen gegen-
Luhmann 2012) werden kann, muss sie generalisiert läufigen, inoffiziellen Macht- oder Einflusskreislauf,
werden: sozial generalisiert in dem Sinn, dass alle Per- der weniger sichtbar und weniger gut darstellbar,
sonen für Macht ansprechbar sind, sachlich generali- aber nicht weniger wichtig ist: Macht fließt auch von
siert in dem Sinn, dass eine Vielzahl von Handlungen den Parteien ans Publikum, dem die richtige Wahl-
mit Macht durchgesetzt werden können, und zeitlich entscheidung eingeflüstert wird, vom Publikum –
generalisiert in dem Sinn, dass eine dauerhafte, er- insbesondere von seinem organisierten Teil – an die
wartbare Machtordnung mit eindeutig machtüberle- Verwaltung, die sich in ihren Entscheidungen von
genen und machtunterlegenen Stellen vorausgesetzt den Betroffenen mitsteuern lässt, und von der Ver-
werden kann. Dafür müssen zwei Dinge gegeben waltung an die Politiker und Parteien, die in ihrer
sein: erstens eine generalisierungsgünstige Macht- Willensbildung durch das administrativ Machbare
quelle (d. h. Quelle von Drohmöglichkeiten) und eingeschränkt werden.
zweitens strukturelle Arrangements, die die Vertei- Ähnlich beschreibt Luhmann im Übrigen auch
lung von Macht über viele Stellen und das Fließen von Organisationen als in zwei Richtungen laufende
Macht zwischen den Stellen ermöglichen (M, 4 ff. u. Macht- und Einflussordnung: Die Vorgesetzten
31 ff.). Als besonders gut generalisierbare Macht- üben, gestützt auf die Verfügung über Entlassungen
quelle bietet sich physische Gewalt an, und der Staat und Karrieren, Macht über die Untergebenen aus,
als Kern des politischen Systems verfügt deshalb über aber ebenso können die Untergebenen, gestützt vor
ein Gewaltmonopol in Form eines funktionierenden allem auf das Problem der Komplexitätsüberlastung,
Medien 99

ihre Vorgesetzten ›unterwachen‹ und steuern (vgl. Sonderform eines sozialen Systems, das alle Kommu-
auch FuF). Allerdings haben die gegenläufigen, von nikationen einschließt.
unten nach oben laufenden Prozesse – und dies gilt Luhmanns Medienkonzeption ist eingelagert in
sowohl für das politische System als auch für Orga- die funktionalistische Perspektive, »Theorien zu su-
nisationen – nicht immer die strenge Form von chen, denen es gelingt, Normales für unwahrschein-
Drohmacht. Der Untergebene kann seinem Chef lich zu erklären« (SS, 162). In diesem Rahmen wird
schlecht drohen, sondern wird eher subtilere, weni- auch die allenthalben stattfindende Kommunikation
ger brachiale Strategien der Beeinflussung einsetzen; als unwahrscheinlich beobachtet. In seinem Aufsatz
und ebenso werden im politischen System in der in- »Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation«
offiziellen Einflussrichtung eher ›weichere‹ Einfluss- (1981) markiert Luhmann drei Unwahrscheinlich-
mittel eingesetzt, die sich nicht auf die explizite keiten: Erstens ist es »unwahrscheinlich, daß einer
Drohung mit einer Vermeidungsalternative stützen, überhaupt versteht, was der andere meint« (SA3, 26).
sondern auf die allgemeine Komplexitätsüberlastung Zweitens: »Es ist unwahrscheinlich, daß eine Kom-
und die dankbare Entgegennahme von Selektionshil- munikation mehr Personen erreicht, als in einer kon-
fen. Macht vermischt sich also, wenn sie zu großen kreten Situation anwesend sind« (SA3, 26); und
Systemzusammenhängen ausgebaut wird, immer drittens ist der Erfolg unwahrscheinlich, da trotz Ver-
mit weicheren Formen der Selektionssteuerung und stehen und Erreichen nicht gewährleistet ist, dass die
Einflussnahme. »Wenn es überhaupt eine Einzelur- Kommunikation »auch angenommen wird« (SA3,
sache der Macht gibt, so liegt sie in dieser geringen 26). Medien werden als die Instanzen betrachtet, die
Fähigkeit zur Informationsverarbeitung, in dem Be- »funktionsgenau dazu dienen, Unwahrscheinliches
dürfnis nach ›Entlastung‹, und nicht etwa in einem in Wahrscheinliches zu transformieren« (SS, 220).
›Machtbetrieb‹« (Luhmann 2012, 51). Medien sind somit in der Systemtheorie Luhmanns
strikt als Kommunikationsmedien relevant und damit
immer auf die Lösung des grundlegenden Kommu-
Literatur nikationsproblems und auf die Bildung von sozialen
Luhmann, Niklas: »Gesellschaftliche Grundlagen der Systemen bezogen.
Macht: Steigerung und Verteilung« [1981]. In: SA4, Indem Kommunikation qua Medien wahrschein-
117–125. lich gemacht wird, verschwinden die Unwahrschein-
–: »Machtkreislauf und Recht in Demokratien« [1981]. In: lichkeiten jedoch nicht, vielmehr kommt es zu
SA4, 142–151.
–: Macht im System. Frankfurt a. M. 2012. einer »Routinisierung von Unwahrscheinlichkeiten«
(Luhmann 1987, 468) mithilfe dreier Medienkonzep-
Barbara Kuchler tionen, die genau den drei Unwahrscheinlichkeiten
entsprechen: Sprache, Verbreitungsmedien und sym-
bolisch generalisierte Kommunikationsmedien (auch
›Erfolgsmedien‹ genannt). Diese drei Medien sind
16. Medien aufeinander bezogen, indem sie sich »wechselseitig
ermöglichen, limitieren und mit Folgeproblemen be-
Medien werden von Luhmann im Kontext seiner so- lasten« (SS, 220).
ziologischen Theorie ausschließlich im Hinblick auf Sprache ist für Luhmann das »grundlegende Kom-
ihre Funktion bei der Etablierung und Fortsetzung munikationsmedium« (GG, 205), das die Funktion
von Kommunikation sowie der Beteiligung an der hat, zu gewährleisten, dass jemand jemand anderen
Systemdifferenzierung beobachtet. Luhmann liefert im Hinblick auf die Unterscheidung von Informati-
somit eine »rein funktionale Neufassung« (SS, 220, on und Mitteilung verstehen kann. Indem Sprache
Fn. 43) des Medienbegriffs und bettet diesen in seine die Differenz von Information und Mitteilung regu-
Theorie sozialer Systeme und seine Theorie der Gesell- liert, steigert sie das »Verstehen von Kommunikation
schaft ein. Das Bindeglied zwischen diesen beiden weit über das Wahrnehmbare hinaus« (SS, 220). Da-
Theoriekonzeptualisierungen ist der Begriff der mit wird es mithilfe von Sprache möglich, erstens et-
Kommunikation. Soziale Systeme bestehen in der was zu sagen, »was noch nie gesagt worden ist« (GG,
spezifisch luhmannschen Ausformulierung der Sys- 215) und damit auch nahezu alles als Information er-
temtheorie ausschließlich aus Kommunikationen, scheinen zu lassen und Kommunikation »ins prak-
die aneinander anschließen, und Gesellschaft ist die tisch Unendliche auszuweiten« (SS, 220), und
100 Begriffe

zweitens über Abwesendes, Fiktives und nur Mögli- nikation unwahrscheinlicher. Erfolgsmedien haben
ches zu sprechen (Krämer 2001, 162). die Funktion, die grundsätzliche und durch die Ver-
Verbreitungsmedien sind Schrift, Buchdruck und breitungsmedien radikalisierte Unwahrscheinlich-
elektronische Medien (Funk und Computer). Diese keit der Annahme in eine Ermutigung zur Kommu-
Medien interessieren Luhmann nicht als technische nikation umzuformen (GG, 316). Sie ermöglichen
Apparate oder als Dispositive, sondern ebenfalls als es, dass Ego den Selektionsvorschlag Alters befolgt
problemlösende Kommunikationsmedien. Das Pro- und als Anlass für das eigene Erleben und Handeln
blem, das hier gelöst wird, ist das der begrenz- annimmt (GG, 332–338). Erfolgsmedien sind Wahr-
ten Reichweite von Interaktionen und damit von heit, Liebe, Eigentum/Geld, Macht, Kunst, religiöser
Face-to-Face-Kommunikationen. Verbreitungsme- Glaube und Werte (SS, 222 u. GG, 339–358).
dien entbinden die Kommunikation von den Bedin- Wenn beispielsweise Marcel Duchamp sein be-
gungen von Mündlichkeit, Anwesenheit und Ge- rühmtes Pissoir ausstellt, so übernimmt Ego diese
dächtnisbindung (SS, 221). Dadurch wird die extravagante Selektion als Prämisse seines eigenen
Reichweite der Kommunikation beträchtlich erwei- Mitteilungsverhaltens, indem er es nicht als Abort
tert; es handelt sich hierbei um Telekommunikation, benutzt, sondern das Pissoir als Kunst beobachtet.
da nun räumlich und zeitlich Abwesende erreicht Das Erfolgsmedium ist symbolisch, weil Ego mit Du-
werden können. Indem somit Information, Mittei- champ darin übereinstimmt, dass es sich bei seinem
lung und Verstehen zeitlich und räumlich auseinan- Pissoir um Kunst und eben nicht um eine Toilette
dertreten, wird der Empfängerkreis vergrößert und handelt. Generalisierung markiert, dass die Überein-
gleichzeitig anonymisiert. Diese Loslösung von der stimmung nicht nur für Ego und Duchamp gilt, son-
Interaktion – beispielsweise durch einen schriftli- dern auch dann, »wenn die zugrundegelegte Ge-
chen, gedruckten und damit zirkulierbaren Text – meinsamkeit für mehr als nur eine Situation Bestand
lässt Dissens und Abweichung an die Stelle von Ein- haben soll« (GG, 318). So entsteht Übereinstim-
heits- und Einigungssemantiken treten. Dadurch mung, die auch zu anderen Zeiten, in anderen Räu-
wird Semantik »›modalisiert‹ [und] [d]ie Realität men und mit anderen Kommunikationspartnern
[…] auf Basis ihrer Möglichkeiten gesehen« (GG, gilt. Ebenso wie die Verbreitungsmedien korrelieren
277). Dies führt schließlich dazu, dass die Gesell- die Erfolgsmedien direkt mit der funktionalen Diffe-
schaft auf die Etablierung höherer Beobachtungsord- renzierung. Indem durch Verbreitungsmedien An-
nungen umstellen muss und nun nicht mehr nur die nahmeunwahrscheinlichkeiten und Kontingenz er-
Beobachtung der Dinge und der Verhaltensweisen höht werden und im Zuge dessen die soziale Bindung
wichtig ist (Beobachtung erster Ordnung), sondern und die Einheit der Gesellschaft auch nicht mehr
vor allem die Beobachtung von Beobachtungen (Be- durch Moral gewährleistet werden können, etablie-
obachtung zweiter Ordnung). Die Verbreitungsme- ren sich Erfolgsmedien als deren funktionales Äqui-
dien sind somit direkt an der Umformatierung der valent (Krämer 2001, 165). Die Gesellschaft reagiert
Gesellschaftsstruktur beteiligt, da mit ihrer Hilfe die auf erhöhte Unwahrscheinlichkeit und Kontingenz
Funktionssysteme der modernen Gesellschaft entste- mit Systemdifferenzierung und den korrelativen Er-
hen (GG, 279). Verbreitungsmedien und Systemdif- folgsmedien (GG, 205).
ferenzierung sind folglich ko-evolutiv als wechselsei- Ab Mitte der 1980er Jahre beginnt Luhmann in
tige Bedingungsfaktoren aufeinander bezogen. Anlehnung an Fritz Heider (1926) ein nicht nur so-
Erfolgsmedien werden von Luhmann in seinen ziologisch funktionalisiertes, sondern auch ein epis-
»Einführende[n] Bemerkungen zu einer Theorie temologisch und theoretisch basales Medienkonzept
symbolisch generalisierter Kommunikationsme- vorzulegen. Hierzu wird die Unterscheidung Medi-
dien« (1975) in Anlehnung an und Abgrenzung von um/Form (bei Heider hieß es noch Medium/Ding)
Talcott Parsons konzipiert (SA2, 170–192; GG, eingeführt. Das Medium ist dabei gekennzeichnet
316–396). Sprache und Verbreitungsmedien bear- durch lose, die Form durch feste Kopplung der Ele-
beiten erfolgreich die Unwahrscheinlichkeiten des mente. Wenn beispielsweise Sprache als Medium be-
Verstehens und des Erreichens, steigern aber gleich- obachtet wird, so können Sätze als Form beobachtet
zeitig die Unwahrscheinlichkeit der Annahme. Wäh- werden. Medien sind dabei latent und unsichtbar, sie
rend die Verbreitungsmedien Dissens, Interpretati- können erst wahrgenommen werden, wenn sie sich
onsspielräume und die Informationsfülle multipli- zu Formen verdichten. Wir sehen nicht das Licht
zieren und auf die Beobachtung zweiter Ordnung (Medium) oder die Sprache (Medium), sondern die
umstellen, wird dadurch die Annahme der Kommu- Gegenstände (Formen) oder die Sätze (Formen).
Mensch / Person 101

Entscheidend ist dabei, dass es sich bei der Medium- Heider, Fritz: »Ding und Medium«. In: Symposion. Philo-
Form-Unterscheidung um eine Unterscheidung des- sophische Zeitschrift für Forschung und Aussprache
1. Jg., 2 (1926), 109–157.
selben in demselben handelt (Fuchs 2002, 81; 2004,
Junge, Kay: »Medien als Selbstreferenzunterbrecher«. In:
28). Zwischen Sprache (Medium) und Sätzen (Form) Dirk Baecker (Hg.): Kalküle der Form. Frankfurt a. M.
oder zwischen dem Sand (Medium) und der Fußspur 1993, 112–151.
(Form) gibt es nur einen Unterschied im Hinblick Krämer, Sybille: Sprache. Sprechakt, Kommunikation.
auf lose und feste Kopplung gleichartiger Elemente, Sprachtheoretische Positionen des 20. Jahrhunderts.
aber keinen Unterschied im Hinblick auf Qualität Frankfurt a. M. 2001.
Luhmann, Niklas: »Die Unwahrscheinlichkeit der Kommu-
oder Material. Dies bedeutet, dass Medium und nikation«. In: SA3, 25–34.
Form strikt relationale Begriffe sind, die sich wech- –: »Sprache und Kommunikationsmedien. Ein schief lau-
selseitig bestimmen: »Weder gibt es ein Medium fender Vergleich«. In: Zeitschrift für Soziologie 16. Jg.,
ohne Form, noch eine Form ohne Medium« (SKL, 7 (1987), 467–468.
125; GG, 199). Und es bedeutet weiter, dass es vom Mario Grizelj
Beobachter abhängt, dass etwas überhaupt als Medi-
um und Form und was als Medium und was als Form
bezeichnet wird. Medium und Form besitzen somit 17. Mensch / Person
keine objektive Wirklichkeit. So ist es möglich, die
Sprache als Medium und Sätze als Form zu bezeich- Der schiefe Strich, die barre oblique, die im Titel die-
nen, ebenso aber Laute als Medium und Sprache als ses Textes zwischen ›Mensch‹ und ›Person‹ steht, si-
Form oder Sätze als Medium und Texte als Form usw. gnalisiert als Zeichen der Differenz, dass Mensch und
Damit ist die Medium/Form-Unterscheidung ein Person nicht dasselbe sind. Dennoch werden diese
»komplett de-ontologisierendes Schema« (Fuchs Ausdrücke durch die Differenz zugleich als zusam-
2004, 25) und mit Luhmanns konstruktivistischer mengehörig gekennzeichnet. Menschen sind dann
Beobachtungstheorie korreliert: Die Unterscheidung nicht einfach biologische Gegebenheiten; sie werden
Medium/Form dient dazu, »die Unterscheidung aufgefasst als ausgestattet mit einem Surplus, näm-
Substanz/Akzidenz oder Ding/Eigenschaften zu er- lich der okkulten Qualität des Person-Seins, der Per-
setzen« (KunstG, 166) und damit das »dingonto- sonalität, der Persönlichkeit. Niklas Luhmann löst
logische Konzept […] überflüssig [zu] machen« das damit verknüpfte Grübelproblem auf für ihn ty-
(KunstG, 166). pische, also auf gordische Art und Weise: Der
Die Medium/Form-Unterscheidung ist zwar als ›Mensch‹ (schon gar nicht: die ›Menschen‹) ist
medientheoretische Basisunterscheidung konzipiert, schlicht kein Theoriebegriff, er ist als Wort nicht sa-
allerdings besitzt sie keinen theoretischen Selbst- tisfaktions-, also begriffsfähig im Rahmen einer Sys-
zweck im Rahmen von Luhmanns soziologischer temtheorie, für die ›Mensch‹ kein System bezeichnet,
Systemtheorie. Sie dient vor allem dazu, den phäno- weil man ja nicht einmal zu sagen wüsste, welche
menologischen Sinnbegriff medientheoretisch ein- Operationen menschlich sind, welche nicht, und wie
zuholen. So ist es nun möglich, die Form des Sinns man sich seine Grenzen (Häute mit Löchern?) vor-
(potentiell/aktuell) mit loser und fester Kopplung zu stellen sollte. Dieses Verdikt schließt nicht aus, den
analogisieren. Dies bedeutet, dass es für Beobachter Menschen als semantisches Syndrom zu behandeln,
immer nur Welt-in-einem-Medium geben kann und als Konvolut mannigfacher Konstrukte, die sozial fol-
dieses »Universalmedium« (GG, 51) ist Sinn. Es gibt genreich fungieren, aber eben: Es unterbindet die Su-
keine Welt ohne Medium, heißt, es gibt keine Welt che nach dem Begriff des Menschen im Sinne einer
ohne Sinn. Medientheorie wird solchermaßen zu ei- konzisen Unterscheidung, die sich in die Limitatio-
ner »Phänomenologie der Welt« (GG, 49) bzw.: Eine nalität theoretischer Weltbeschreibungen konsistent
Phänomenologie der Welt ist ohne Medien nicht zu einordnen ließe. Dennoch: Für soziale Systeme sind
haben. Menschen unverzichtbar. Sie sind »auf Sensoren an-
gewiesen, die ihr die Umwelt vermitteln. Diese Sen-
Literatur soren sind die Menschen im Vollsinne ihrer Interpe-
netration: als psychische und körperliche Systeme«
Fuchs, Peter: »Die Beobachtung der Medium/Form-Unter- (SS, 558).
scheidung«. In: Jörg Brauns (Hg): Form und Medium.
Weimar 2002, 71–83. Es ist deswegen bemerkenswert, dass nicht das
–: Der Sinn der Beobachtung. Begriffliche Untersuchun- Wort ›Mensch‹, aber das scheinbar so verwandte
gen. Weilerswist 2004. Wort ›Person‹ gegen Ende der persönlichen Theorie-
102 Begriffe

entwicklung Luhmanns zunehmend an begrifflicher (als Bündel der Attribution von individuellen Ver-
Kontur gewinnt – allerdings als embedded distinction, haltenseinschränkungen), und nicht auf den ›Pa-
die eingefügt ist in das Theoriestück der sozialen thoskomplex‹ des üblichen Wortgebrauches. Statt-
Adressabilität. Es ist nicht der Bezeichnung, aber der dessen schimmert durch die Differenzseite der
Sache nach soziologisch vertraut: Adressen sind so- Unperson die alte Bedeutung des personare, einer
ziale Strukturen, die regulieren, wie ein s’adresser, ein durch Masken hindurchtönenden ›Eigentlichkeit‹.
Sich-Wenden-an-Leute oder leute-äquivalente Ein- Der Gedanke ist, dass mit jeder sozialen Adresse
heiten wie Organisationen typisch zu geschehen hat. ein Paket von Sinnzumutungen verbunden ist. Bezo-
Paradigmatisch steht dafür die Rollentheorie ein, die gen auf die Rolle, bestehen diese Zumutungen er-
– in kanonischer Formulierung – Rollen als standar- sichtlich darin, so genau wie möglich einem Rollen-
disierte Erwartungscollagen begreift, die sich an so- skript folgen zu müssen, um negative soziale
zial vorgegebenen Positionen orientieren, an Positio- Sanktionen zu vermeiden; bezogen auf die Person,
nen wie Polizist, Arzt, Mutter, Sohn, Frau, Mann, wird einem Menschen angesonnen, ein je Bestimmter
etc., die jeweils ›angemessenes‹, passendes Verhalten (Bestimmbarer) sein zu sollen, jemand ›Identitärer‹,
so nahelegen, dass es positiv sanktioniert bzw. im Ab- ein Ansinnen, das nicht nur, aber besonders in Le-
weichungsfall negativ sanktioniert werden kann. Die bensnahkontexten (Familie, Peergroup, Freund-
Position offeriert, wenn man so will, das Skript, das schaft, Bekanntschaft etc.) existentielle Bedeutung
durch die Rolle aus- und aufgeführt wird. annimmt, Kontexten mithin, in denen zentrale
Diesem soziale Ordnung erklärenden und weitge- Adressabilitäts- und damit Inklusionschancen auf
hend schematisierten Adressentyp stellt Luhmann dem Spiel stehen, wenn jemand nicht nur aus der
die Adresse der Person zur Seite. Wie die Rolle ist sie Rolle fällt, sondern aus der Person ›springt‹.
vor allem soziale Struktur, also keine Eigenschaft psy- An diese Überlegung schließt dann eine faszinie-
chischer Systeme. Niemand ist Person, so wenig, wie rende Bifurkation an. Sie beginnt damit, dass die so-
irgendjemand eine Rolle ist. Es geht, klassisch ausge- zialen Sinnzumutungen der Adresse ›Person‹ tat-
drückt, erneut um eine Erwartungscollage, die jetzt sächlich sozial sind und deswegen betroffenen
aber definiert ist als Konvolut von Verhaltensrestrik- psychischen Systemen die Chance zu internen Absetz-
tionen, die individuell zugerechnet werden (SA6, bewegungen eröffnen. Es ist psychisch möglich, ›nach
142 ff.). ›Person‹ ist aus dieser Sicht eine individuali- außen‹ der Erwartung zu genügen, dass man als ge-
sierende Adresse, die, wie man sagen könnte, an Ei- lassener, friedfertiger, konsens-seliger Mensch gilt,
gennamen eingeklinkt wird. Sie ist eine individuell aber intern zu wissen (oder zu glauben), dass man –
spezifizierende Sozialstruktur, sie schreibt nicht typi- uneinsehbar – eigentlich ein kochender Vulkan sei,
sche Rollenmerkmale vor, sondern attribuiert Indi- oder der Erwartung zu entsprechen, dass man ein
viduen für sie typische Abweichungen von einer langweiliger, weil weitgehend lasterfreier, aber des-
allgemeinen Typologie der Rollenskripte. Person ist wegen zuverlässiger Mensch sei, und wiederum in
dasjenige, woran sozial erkannt wird, dass die Leute der Lautlosigkeit der Psyche zu wissen, wie lasterhaft
nicht ›herumlaufende‹ Schemata sind, sondern sozial man sein könnte oder ist, wonach man sich tatsäch-
und ganz alltäglich traktierbar sind als: Menschen lich sehnt und wie oft man heimlich bestimmten Las-
mit mehr oder weniger prägnanten Eigenschaften, tern frönt. In konventioneller Sprache: Auf der
durch die sie unterscheidbar werden. Innenseite des Psychischen wird im Wege der Devi-
Allerdings: Um dies formulieren zu können, hätte anz der Eindruck, wenn man so sagen darf, faktisch
es der Systemtheorie nicht bedurft. Im Konzept der individueller Individualität erzeugt und fortwährend
Rollenidentität ist dergleichen vielfach und fruchtbar bestätigt; durch die Außenseite des Sozialen wird er-
diskutiert worden. Der systemtheoretische Kick zwungen, im Sinne Goffmans Stigmatisierung zu
kommt ins Spiel, wenn ›Person‹ nicht mehr essentiell vermeiden oder Stigmamanagement zu betreiben
definiert wird, sondern als eine eigentümliche Unter- (vgl. Goffman 1974), damit die ›Unperson‹ nicht in
scheidung. Sie ist nicht Einheit, sondern Differenz, die dann adressenschädigende Zone der sozialen Re-
von Luhmann markiert als: Person/Unperson. Der gistrierbarkeit gerät.
Ausdruck ›Unperson‹ ist, um es vorweg festzuhalten, Es versteht sich dann für Soziologen von selbst,
nicht pejorativ gemeint, wenn er auch unglücklicher- diesen grundlegenden Mechanismus nicht auf eine
weise solche Assoziationen wie zwangsläufig heran- Art anthropologischer Konstante zu reduzieren, son-
führt. Das ›Un‹ als deutsches Alpha privativum dern ihn als soziohistorisch konditioniert aufzufas-
bezieht sich auf die ›Person‹, wie sie hier definiert ist sen. Das die Moderne kennzeichnende Beispiel geht
Moderne 103

von der Umstellung der Gesellschaft von stratifizier- Literatur


ter (geschichteter) Sozialordnung auf funktionale
Fuchs, Peter: Der Eigensinn des Bewusstseins. Die Person,
Differenzierung aus. Gemeint ist, dass die dringli- die Psyche, die Signatur. Bielefeld 2003.
chen Funktionen der Lebensbewältigung nicht mehr –: Das Maß aller Dinge. Eine Abhandlung zur Metaphysik
lokal, nicht mehr schichtförmig bedient werden, des Menschen. Weilerswist 2007.
sondern gleichsam verteilt werden auf Funktionssys- – /Göbel, Andreas (Hg.): Der Mensch – das Medium der
teme wie Wirtschaft, Recht, Politik, Kunst, Religion Gesellschaft. Frankfurt a. M. 1994.
Goffman, Erving: Stigma. Über Techniken der Bewältigung
etc. Einer der Bei-Effekte dieser Transformation er- beschädigter Identität. Frankfurt a. M. 1974.
gibt sich daraus, dass Menschen, deren Lebenszu- Hahn, Alois: »Der Mensch in der deutschen Systemtheo-
schnitt an die Schicht gekoppelt war, sich weder rie«. In: Ulrich Bröckling/Axel T. Paul/Stefan Kaufmann
individualisieren noch das Bedürfnis entwickeln (Hg.): Vernunft – Entwicklung – Leben. Schlüsselbegrif-
konnten, als anders als die anderen zu gelten. Devi- fe der Moderne. München 2004, 279–290.
Lehmann, Maren: Inklusion. Beobachtungen einer sozialen
anz (im Sinne eines ›de via‹, eines ›Vom-Wege-Abge-
Form am Beispiel von Religion und Kirche. Frankfurt
hens‹) war hochriskant, insofern die Exklusion aus a. M. 2002.
der jeweiligen Schicht drohte, und dies bedeutete: aus –: Mit Individualität rechnen: Karriere als Organisations-
der sozialen Welt zu fallen – hinunter, hinaus in die problem. Weilerswist 2011.
Bezirke, wo es weder Heimstatt noch Herd gab. In der Luhmann, Niklas: »Die Form ›Person‹«. In: SA6, 142–154.
–: »Die Soziologie und der Mensch«. In: SA6, 265–274.
Terminologie, die wir oben benutzt haben, bot die
Schichtordnung kaum Chancen der Personalisie- Peter Fuchs
rung. Man lebte im genauesten Sinne: typisch oder
bei höher getriebenen Ansprüchen: legendär.
Mit der funktionalen Differenzierung wird die
›Einschweißung‹ in die Schicht gesprengt. Individua- 18. Moderne
lisierung wird möglich durch die Allokation von Zu-
griffsmöglichkeiten auf zentrale Funktionsbewandt- Ganz selbstverständlich spezifiziert Luhmann seine
nisse, durch die sich evolutionär einmendelnde zahlreichen Analysen zur Gesellschaftsstruktur und
Erschwingbarkeit individueller Karrieren. Jener Bei- Semantik (1980–1995) im Untertitel als Studien zur
Effekt ist, dass im Zuge dieser Individualisierung, ge- Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Noch
ballt formuliert, die Mensch/Person-Differenz auf in den letzten Sätzen seiner Arbeit zur Gesellschaft der
der Seite der Person ausgearbeitet wird. Auffällig ist Gesellschaft (1997) betont er, dass er seine Theorie als
dabei, dass sich mehr und mehr ›Anteile‹ der Unper- einen Beitrag zu einer Neubeschreibung der moder-
son als kommunikabel erweisen. Von der Psychoana- nen Gesellschaft verstanden wissen will. Und doch
lyse über die Psychotherapie bis zum massenmedia- findet sich in seinem Werk explizit kein ausgearbei-
len (das WWW einschließenden) Über/Unterschrei- teter Versuch einer Theorie der Moderne. Was kann
ten von Peinlichkeits- und Schamschwellen wird die man aber dann mit Luhmann beobachten, wenn
Unperson zur Signatur der Individualität. Eine span- man die Moderne beobachten will?
nende Anschlussfrage wäre dann, wie und ob dieser Luhmann beginnt seine Analysen der »Moderni-
Steigerung von Kontingenz, die als soziale Entdiszi- tät« oder des »Moderne[n] der modernen Gesell-
plinierung lesbar ist, evolutionär mit Strukturen und schaft« in Beobachtungen der Moderne (BdM 1992,
Prozessen der sozialen Re-Disziplinierung begegnet 11) unter Voraussetzung einer schon angedeuteten
wird. zentralen Unterscheidung: Er unterscheidet die Sozi-
Diese Frage ist hier aus Platzgründen nicht mehr alstruktur einer Gesellschaft von ihrer Semantik. Im-
diskutierbar. Mein Eindruck ist, dass das Schema mer wieder vermerkt Luhmann, dass die Diskussio-
Person/Unperson im Augenblick noch so etwas ist nen über die Moderne hauptsächlich auf der
wie ein mächtiges heuristisches Versprechen, das im semantischen Ebene geführt werden. Modern ist eine
Blick auf sachhaltige Analysen gegenwärtig kaum ge- Gesellschaft schlicht dann, wenn sie sich selbst als
nutzt wird, obwohl es gestattet, emphatisch ge- ›modern‹ beschreibt. An ausformulierten Theorien
stimmte und – so gesehen – anachronistische der Moderne bemängelt Luhmann in dieser Hin-
Individualisierungskonzepte zu ernüchtern. sicht, dass sie sich damit begnügen, lediglich Mo-
mente dieser semantischen Selbstbeschreibungen
einer Gesellschaft zu sammeln und unter dem Stich-
wort der Moderne zu verbuchen. Was dabei fehlt, ist
104 Begriffe

aber eine »adäquate strukturelle Beschreibung von sches Projekt, dessen Entwicklungsgesetze in ihm
Modernitätsmerkmalen« (BdM, 12). Genau hier will selbst liegen; sie ist aber auch nicht der ideologische
Luhmann ansetzen. Ein spezifisch soziologischer Ausdruck einer für sie unsichtbaren Strukturent-
Beitrag zur Theorie der Moderne als einer Theorie wicklung. Luhmann deutet vielmehr die Paradoxien,
der modernen Gesellschaft ist für Luhmann nur die er sich mit einer solchen Unterscheidung einhan-
dann möglich, wenn die semantische Ebene einer delt, als Charakteristik der modernen Gesellschaft.
Gesellschaft, die sich selbst als modern beschreibt, Die Beobachtung der Sozialstruktur ist nur seman-
mit sozialstrukturellen Entwicklungen korreliert tisch zu haben; auch in diesem Sinne sind alle »Beob-
wird. Luhmann liest die Semantik der Moderne also achtungen der modernen Gesellschaft« Beobachtun-
symptomatisch; er fasst die »Beobachtungen der Mo- gen »durch die moderne Gesellschaft« (BdM, 8). Das
derne« (Genitivus obiectivus) als die semantische verweist aber schon auf eine typische Einsicht der
Bearbeitung eines Problems auf, das ihnen sozial- modernen Gesellschaft: Es gibt keinen externen
strukturell dadurch gestellt ist, dass sie nur Beobach- Standpunkt, keinen archimedischen Punkt, keine
tungen in der modernen Gesellschaft – »Beobach- privilegierte Beobachterposition, von der aus eine
tungen der Moderne« (Genitivus subiectivus) – sein universell gültige Beschreibung der Moderne ange-
können. fertigt werden könnte. Das gilt schließlich auch noch
Luhmanns Vorschlag ist dabei, dass sich die mo- für die (wissenschaftliche) Beschreibung der moder-
derne Gesellschaft auf struktureller Ebene durch ihre nen Gesellschaft, die Luhmann selbst anzubieten hat.
Differenzierungsform bestimmen lässt: begreifen Als eine Beobachtung zweiter Ordnung, einer
lässt sich »die moderne Gesellschaft als funktional (modernen) Beobachtung von Beobachtungen (der
differenzierte Gesellschaft« (GG, 743). Die Moderne Moderne) zeichnet die luhmannsche Perspektive al-
beginnt für Luhmann letztlich da, wo die gesell- lerdings aus, dass sie die paradoxe Beziehung von
schaftlichen Selbstbeschreibungen (!) sich auf den einzelnen semantischen Motiven zu ihrem gesell-
Umstand einstellen müssen, dass sie in einer Gesell- schaftsstrukturellen Bezugsproblem thematisiert. So
schaft statthaben, deren primärer Differenzierungs- bestreitet Luhmann nicht, dass beispielsweise den
modus nach funktionalen Gesichtspunkten verläuft. Beobachtungen der modernen Kunst Einsichten
Damit ist die Grunderfahrung einer modernen Ge- über die Moderne zu entnehmen sind – die moderne
sellschaft eine Zuspitzung von Perspektivendifferen- Kunst ist »das Paradigma der modernen Gesell-
zen. Für die Wirtschaft nimmt sich die Moderne schaft«. Er liest ihre Eigenarten, etwa »Pluralismus,
anders aus als für die Kunst, für die Politik anders als Relativismus, Historismus«, aber als Vollzug der mo-
für die Liebe, für die Wissenschaft anders als für das dernen Gesellschaft – »all das sind nur verschiedene
Recht. Charakteristisch und typisch für die Moderne Anschnitte dieses Strukturschicksals der Moderne«
ist also paradoxerweise, dass sie in unterschiedlichen (KunstG, 499). Letztlich offenbart sich dann »die ge-
Teilsystemen unterschiedlich darauf reagiert, dass sellschaftliche Modernität der Kunst ebenso wie an-
sich diese zunehmend verselbständigen. Lediglich derer Funktionssysteme in ihrer Systemautonomie,
unter dem Gesichtspunkt ihrer Verschiedenheit las- die dann zum Thema der Selbstbeschreibung wird«
sen sich die einzelnen Funktionssysteme vergleichen. (KunstG, 471).
»Dies kann nur dadurch erklärt werden, daß es sich Konsequent hat Luhmann dieses Grundmotiv in
um Subsysteme eines Gesellschaftssystems handelt, Studien zu den einzelnen Funktionssystemen
die durch dessen Differenzierungsform ihre eigene (WirtG; WissG; RechtG; PolG; RelG) ausbuchsta-
Form erhalten. Wir können daraus also auf eine biert. Seine materialreichen Semantikanalysen
durchgehende Eigenart der modernen Gesellschaft (GS1–4) konzentrieren sich vor allem auf den Über-
schließen – auch wenn, und gerade weil, diese Eigen- gang von der primär stratifikatorisch differenzierten
art nur an den Funktionssystemen nachweisbar ist« Gesellschaft zur modernen, primär funktional diffe-
(BdM, 41). Wenn sich die Moderne also für Luh- renzierten Gesellschaft. Mit ausreichender histori-
mann als eine Einheit beschreiben lässt, dann nur scher Distanz lässt sich für Luhmann gerade in
noch als die Einheit einer Differenz. Umbruchszeiten an den semantischen Reaktionen
Man mag hier schon erkennen, dass Luhmann die Charakteristik einer modernen Gesellschaft
nichts ferner liegt, als die Unterscheidung von Gesell- nachzeichnen. Luhmann kann beobachten, wie sich
schaftsstruktur und Semantik als eine Version einer eine moderne Gesellschaft von ›alteuropäischen‹ se-
Vulgärunterscheidung von Basis und Überbau anzu- mantischen Traditionslasten befreien muss. Hier ge-
bieten. Die Moderne ist kein unvollendetes semanti- rät ihm die Moderne dann doch zur Bezeichnung
Moral 105

einer Epoche – einer Epoche, die wir aus seiner Per- von Luhmanns Beobachtungen in Auseinanderset-
spektive nicht hinter uns gelassen haben. Die Rede zung mit anderen prominenten Beobachtern der
von der »sogenannten Postmoderne« (GG, 1143), die Moderne (und Postmoderne) wie Jürgen Habermas,
er fast ausschließlich in Anführungszeichen setzt, Jean-François Lyotard, Jacques Derrida und Chantal
wird von ihm dabei gleichzeitig verworfen und be- Mouffe stark zu machen. Luhmanns abgeklärte In-
grüßt. Sie wird als Epochenzäsur verworfen, weil er terventionen in die Debatte um die Modernität der
in ihr letztlich ein semantisches Phänomen vermutet, Moderne wollen letztlich nur soziologisch vorfüh-
das sich nicht mit grundlegenden sozialstrukturellen ren, worauf sich eine Gesellschaft einlässt, die sich ih-
Umbrüchen korrelieren lässt: »Unsere Analysen ha- rer konstitutiven Modernität nicht verweigern kann.
ben keinerlei Anhaltspunkte dafür gegeben, […] ei-
nen Übergang von einer modernen in eine postmo-
derne Gesellschaft zu behaupten« (GG, 1143). Sie Literatur
wird als Diskurszäsur begrüßt, weil sich in Auseinan- Gumbrecht, Hans-Ulrich: »Modern, Modernität, Moder-
dersetzung mit ihr zentrale Momente der Beobach- ne«. In: Reinhart Koselleck u. a. (Hg.): Geschichtliche
tung der Moderne noch einmal klarer herausstellen Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch zur politisch-
lassen. Luhmann weist vor allem darauf hin, wie sich sozialen Sprache. Bd. 4. Stuttgart 1978, 93–131.
Habermas, Jürgen: »Die Moderne – ein unvollendetes Pro-
die als ›postmodern‹ gefeierten Phänomene schon als jekt«. In: Ders.: Kleine Politische Schriften I-IV. Frank-
Problemformeln der modernen Gesellschaft aufge- furt a. M. 1981, 444–464.
drängt haben. Auch die Moderne hat sich über ein –: Der philosophische Diskurs der Moderne. Frankfurt
Zeitschema selbst bezeichnet: »Wenn die moderne a. M. 1985.
Gesellschaft sich selbst als ›modern‹ tituliert, identi- Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen. Wien
1999 (frz. 1979).
fiziert sie also sich selbst mit Hilfe eines Differenzver- Piepmeier, Rainer: »Modern, die Moderne«. In: Joachim
hältnisses zur Vergangenheit« (BdM, 14). Auch die Ritter u. a. (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philoso-
Moderne hat sich auf Kontingenz einstellen müssen, phie. Bd. 6. Basel 1984, 54–62.
hat die »Kontingenz als Eigenwert der modernen Ge- Rasch, William: Niklas Luhmann’s Modernity. The Parado-
sellschaft« entdeckt (BdM, 93). Auch die Moderne xes of Differentiation. Stanford, CA, 2000.
hat sich auf unausweichliche Perspektivenvielfalt, Martin Stempfhuber
Polykontexturalität, das Fehlen eines verbindlichen
Zentrums einstellen müssen. Auch die Moderne hat
sich schon mit den Konsequenzen der »Weltgesell-
schaft« auseinandersetzen müssen (GG, 1084). Auch 19. Moral
die Moderne hat sich damit abfinden müssen, dass
ihre Beobachtungen letztlich selbsterzeugte Beobach- Luhmanns Moralbegriff geht von einer theoretischen
tungen sind. Die »sogenannte Postmoderne« zieht Vorentscheidung aus. Moral ist für ihn kein Grund-
daraus lediglich unterschiedliche semantische Kon- begriff der Systemtheorie, sondern ein thematischer
sequenzen. Begriff. Diesen Unterschied exemplifiziert Luhmann
Insofern ist auch der zeitdiagnostische Beitrag in Abgrenzung zu Durkheim: Während Durkheim
Luhmanns zu einer Theorie der modernen Gesell- Moral als ein »Regulativ« (MdG, 16) begreift, das die
schaft einzigartig. Weder teilt er den Fortschritts- Gesellschaft gewissermaßen ›im Innersten zusam-
glauben einer Modernisierungstheorie, die sich als menhält‹, betrachtet Luhmann Moral als ein soziales
Erfüllungsgehilfin des unvollendeten Projekts der Phänomen (wie z. B. Liebe, Macht und Individuali-
Moderne (Habermas) versteht. Noch geht es ihm um tät). Er bezeichnet sie als »eine besondere Art von
die Entlarvung einer dunklen Seite der Moderne, die Kommunikation, die Hinweise auf Achtung oder
entweder ihre Entzweiung, ihr Auseinanderdriften Mißachtung mitführt« (MdG, 256). Die Systemtheo-
oder ihren verborgenen Totalitarismus zur Zielschei- rie versteht sich nicht als moralische (oder unmora-
be der Kritik erklärt. Schließlich geht es ihm auch lische) Theorie und stellt sich nicht auf die Seite des
nicht um eine Überwindung der Moderne, die auf moralisch Guten (oder Schlechten). Sie geht viel-
die postmoderne Überwindung Großer Erzählungen mehr davon aus, dass eine wertfreie Theorie der Ge-
(Lyotard) und den Pluralismus unterschiedlicher sellschaft möglich ist, ja mehr noch: dass eine solche
(kultureller) Sprachspiele setzt. Im anglo-amerikani- Theorie die Gesellschaft besser beschreiben kann.
schen Kontext hat sich insbesondere William Rasch Das muss man berücksichtigen, um zu verstehen,
(2000) darum verdient gemacht, die Besonderheit warum Konzepte wie die Selbsterhaltung von Syste-
106 Begriffe

men oder die funktionale Differenzierung keine ver- stimmte Anschlussfragen nahe, die sich in den
steckten ›Supernormen‹ sind, sondern lediglich meisten moralphilosophischen Ansätzen nicht oder
soziale Tatsachen beschreiben sollen. zumindest nicht in dieser systematischen Klarheit
Der Anfang von Luhmanns moralsoziologischen stellen. Die drei wichtigsten dieser Themen sind (1)
Überlegungen datiert in das Jahr 1975, als er mit Ste- das Problem von Inklusion/Exklusion, (2) die Kon-
phan H. Pfürtner ein Seminar zu dem Thema durch- fliktnähe moralischer Kommunikation und (3) die
führte. Daraus entstand die Abhandlung »Soziologie funktionalen Äquivalente zur Moral.
der Moral« (MdG, 56–162), in der es um eine moral- (1) Weil sich Achtung und Missachtung im luh-
freie Begriffsklärung des Gegenstands ›Moral‹ geht. mannschen Verständnis auf die ganze Person bezie-
Luhmann setzt seine Überlegungen an dem Problem hen und direkt an dem Problem ansetzen, wie
doppelter Kontingenz an, also an der heuristischen Gesellschaft ermöglicht wird, schwingt in morali-
Frage, wie es den Beteiligten in einer sozialen Situa- scher Kommunikation immer die Frage mit, wie in
tion gelingt, die Rolle des anderen einzunehmen und die Gesellschaft inkludiert oder aus ihr exkludiert
wechselseitige Erwartungen aufzubauen. Seine Idee wird. Während aber in frühen Stammesgesellschaf-
lautet, dass es einen Indikator gibt, der anzeigt, ob ten eine Totalexklusion durch den Ausschluss aus
Ego und Alter ihre Rollen abstimmen können oder dem Stamm noch möglich war, gibt es in der Weltge-
nicht, d. h. ob sie sich erwartungsgemäß verhalten sellschaft kein Außen mehr, in das man Personen
oder einander als unberechenbar erscheinen. Dieser ohne jeden Kontakt zu anderen abschieben könnte
Indikator ist die Zuteilung von Achtung bzw. Miss- (Stichweh 2005). Auch Gefängnisse und psychiatri-
achtung. Mit anderen Worten: Achtung und Miss- sche Anstalten befinden sich im Sinne der System-
achtung liefern Hinweise darauf, ob man es riskieren theorie innerhalb der Gesellschaft. Moralische Kom-
kann, mit einer Person zu interagieren, oder ob man munikation kann daher in einer funktional differen-
den sozialen Kontakt mit ihr meiden sollte. Luh- zierten Gesellschaft Exklusion nur signalisieren,
mann argumentiert, dass sich Achtung und Missach- nicht aber vollziehen – solange nicht aus moralischen
tung immer an die ganze Person richten und nicht Gründen getötet wird.
auf ein spezifisches Verhalten beschränken. Wer bei- (2) Luhmann nimmt nicht an, dass es in der Ge-
spielsweise als Wissenschaftler eines Plagiats über- sellschaft einen Konsens über moralische Werte gibt,
führt wurde, muss auch in seinem alltäglichen Leben sondern dass faktisch mehrere Moralen nebeneinan-
außerhalb der Wissenschaft mit Konsequenzen rech- der bestehen, die sich widersprechen können. Des-
nen. wegen würden moralische Kommunikationen zu
Moral entsteht Luhmann zufolge dann, wenn man Streit tendieren. Er spricht in diesem Zusammen-
sich darüber verständigt, unter welchen Bedingun- hang mit einem von Julien Freund entlehnten Begriff
gen Achtung und Missachtung verteilt werden. In von einem ›polemogenen‹ Zug der Moral. In der For-
dieser Konzeption verbirgt sich ein wichtiger Unter- schung wurde untersucht, welche Kulturtechniken
schied zu gängigen Moraltheorien: ›Moral‹ meint sich entwickelt haben, die moralische Auseinander-
hier keine geschlossene Menge moralisch gültiger setzungen verhindern. Beispielsweise findet die mo-
Sätze, sondern eine bestimmte Form von Kommuni- ralische Kommunikation zumeist nicht unmittelbar
kation, in der es um die Konditionierung von Ach- zwischen den Betroffenen statt, sondern geht den
tung und Missachtung geht. Moralische Kommuni- Umweg über Dritte, vor allem in Form des Klatsches
kationen sind in dieser Argumentation letztlich der über Abwesende (Kieserling 1998); zudem kann man
Versuch, das Problem der doppelten Kontingenz Luhmann zufolge seit der Frühen Neuzeit im gesell-
dauerhaft zu lösen. Luhmann konstatiert: »Moral ist schaftlichen Umgang taktvolles Verhalten einfor-
[…] ein Codierprozeß mit der spezifischen Funkti- dern, das offene Moralisierungen vermeidet. Insbe-
on, über Achtungsbedingungen Achtungskommuni- sondere wegen des Streitpotentials von Moral hat
kation und damit ein laufendes Abgleichen von Ego/ Luhmann darauf hingewiesen, dass Moral ein ris-
Alter-Synthesen zu steuern« (MdG, 107). Der Code kantes Unterfangen ist (MdG, 368–371), und es da-
der Moral (gut/schlecht bzw. gut/böse) erlaubt es da- her die Aufgabe der Ethik wäre, die Risiken der Moral
bei, die komplexen zugrundeliegenden Mechanis- zu reflektieren. Ob auch das Gegenteil gilt, ob also
men in einer einfachen Unterscheidung zu bündeln auch ein Verzicht auf Moral riskant ist, wurde in der
(Luhmann 1993) und so kommunikative Komplexi- Forschung diskutiert (Giegel 1997), von Luhmann
tät zu reduzieren. selbst jedoch nicht berücksichtigt.
Luhmanns soziologische Moraltheorie legt be- (3) In Luhmanns Theorie kommt Moral die Funk-
Operation / Beobachtung 107

tion zu, die Herstellung von Ego-Alter-Synthesen zu der Interaktion unter Anwesenden«. In: Soziale Systeme
erleichtern und damit die Wahrscheinlichkeit zu stei- 4. Jg. (1998), 387–411.
Kirchmeier, Christian: »Am Anfang war der Teufel ein En-
gern, dass es überhaupt zu Kommunikation kommt.
gel. Moral in systemtheoretischer Perspektive«. In: Franz
Moral ist aber nicht die einzige Lösung des Problems Fromholzer/Michael Preis/Bettina Wisiorek (Hg.): Noch
doppelter Kontingenz. In der funktional differen- nie war das Böse so gut. Die Aktualität einer alten Diffe-
zierten Gesellschaft sind es vor allem symbolisch ge- renz. Heidelberg 2011, 141–156.
neralisierte Kommunikationsmedien, die ebenfalls Krohn, Wolfgang: »Funktionen der Moralkommunikati-
die Annahmewahrscheinlichkeit von Kommunikati- on«. In: Soziale Systeme 5. Jg. (1999), 313–338.
Luhmann, Niklas: »The Code of the Moral«. In: Cardozo
on erhöhen und dabei nicht auf Moral rekurrieren. Law Review 14. Jg. (1993), 995–1009.
Im Sinne der Differenzierungstheorie lässt sich die – /Pfürtner, Stephan H. (Hg.): Theorietechnik und Moral.
Moderne nicht über die kompakte Einheit der Kalo- Frankfurt a. M. 1978.
kagathie, des Schönen, Guten und Wahren, beschrei- Martin, Dirk: »Moralische Kommunikation in der funktio-
ben. Was wahr oder schön ist, wer regiert, Eigentum nal differenzierten Gesellschaft. Zur Kritik der Soziologie
der Moral von Niklas Luhmann«. In: Alex Demirovic
besitzt oder in einem Gerichtsprozess gewinnt, muss (Hg.): Komplexität und Emanzipation. Kritische Gesell-
nicht moralisch gut sein – und was unwahr oder schaftstheorie und die Herausforderung der Systemtheo-
hässlich ist, wer zur Opposition gehört, nicht zahlen rie Niklas Luhmanns. Münster 2001, 177–195.
kann oder vor Gericht unterliegt, ist nicht schon des- Nassehi, Armin: »Religion und Moral. Zur Säkularisierung
wegen moralisch schlecht (MdG, 259 f., 332 f.). der Moral und der Moralisierung der Religion in der mo-
dernen Gesellschaft«. In: Gert Pickel/Michael Krüggeler
Es ist eine besondere Leistung von Luhmanns de- (Hg.): Religion und Moral. Entkoppelt oder Verknüpft?
skriptiver Moraltheorie, dass sie eine gesellschaftshis- Opladen 2001, 21–38.
torische Beschreibung moralischer Kommunikation Neckel, Sighard/Wolf, Jürgen: »The Fascination of Amora-
ermöglicht. Luhmann selbst hat sich vor allem mit lity. Luhmann’s Theory of Morality and its Resonances
der Geschichte der Ethik beschäftigt (MdG, among German Intellectuals«. In: Theory, Culture & So-
ciety 11. Jg., 2 (1994), 69–99.
270–347), seine Äußerungen zur Geschichte der Mo- Stichweh, Rudolf: »Inklusion/Exklusion, funktionale Diffe-
ral sind vergleichsweise spärlich. Die Überlegungen renzierung und die Theorie der Weltgesellschaft«. In:
kreisen vor allem um die Beobachtung, dass sich kein Ders.: Inklusion und Exklusion. Studien zur Gesell-
moralisches Funktionssystem ausgebildet hat. Den schaftstheorie. Bielefeld 2005, 45–63.
Grund dafür vermutet Luhmann in dem verhältnis- Christian Kirchmeier
mäßig unspezifischen Problembezug der Moral. Was
heute als spezifisch politische, wirtschaftliche oder
pädagogische Frage erscheint, konnte demzufolge in
früheren Gesellschaften als moralische Frage behan- 20. Operation / Beobachtung
delt werden. Und vieles von dem, was früher als mo-
ralischer Konflikt ausgetragen wurde, wird in der Mithilfe der Unterscheidung Operation/Beobach-
Moderne im ›moralisch unterkühlten‹ Rechtssystem tung werden vor allem drei Aspekte beschrieben: die
prozessiert (MdG, 128). Ohne eigenen Funktionsbe- Operationsweise autopoietischer Sinnsysteme, die
reich bleibt der Moral dann nur übrig, mit anderen Handhabung von Paradoxien und Luhmanns opera-
Funktionssystemen wie der Politik (MdG, 163–174, tiver Konstruktivismus.
175–195) oder der Religion (Nassehi 2001) zu inter- Eine Operation ist ein singulärer, momenthafter
ferieren, während sich umgekehrt die Codes der Vollzug und somit ein Ereignis. Ereignisse besitzen
Funktionssysteme vom Code der Moral distanzieren. keine Dauer, sie sind punktuell und damit zeitlich
Die Frage, wie sich diese historische Analyse mit Luh- nicht dehnbar und lösen sich quasi in ihrem Vollzug
manns systematischem Moralbegriff vereinbaren auf. Ereignishaftigkeit ist nun der Modus, in dem sich
lässt, wurde zu einem Ansatzpunkt für grundlegende die Elemente von sinnprozessierenden autopoieti-
Kritiken an der Systemtheorie (Neckel/Wolf 1994; schen (also von sozialen und psychischen) Systemen
Martin 2001). vollziehen. Mit ›Autopoiesis‹ ist ein allgemeines Or-
ganisationsprinzip gemeint, bei dem Systeme die
Elemente, aus denen sie bestehen, durch die Elemen-
Literatur te, aus denen sie bestehen, selbst reproduzieren. Au-
Giegel, Hans-Joachim: »Moral und funktionale Differen- topoietische Systeme sind operativ geschlossen, da
zierung«. In: Soziale Systeme 3. Jg. (1997), 327–350. sie ausschließlich ihre eigenen Operationen rekursiv
Kieserling, André: »Klatsch. Die Moral der Gesellschaft in für ihr weiteres Prozessieren verwenden. Mit Auto-
108 Begriffe

poiesis, Operation und Ereignis wird unabhängig Wiederholungen vorgenommen, können teleologi-
von Inhalten die Identität des Reproduzierens und sche Momente zugeschrieben, können Paradoxien,
nicht die Identität eines dinghaften Systems bezeich- Irritationen oder Störungen registriert oder Zeitver-
net. In diesem strikt prozessualen Modus vollziehen hältnisse (vorher/nachher, Vergangenheit/Zukunft)
sich Operationen nicht reflexiv, sondern blind und markiert werden. Während bloße Operationen für
naiv (WissG, 85). Konkret beobachtet Luhmann – als die Schließung des Systems zuständig sind, sind Be-
Soziologe – in erster Linie Operationen der Kommu- obachtungen für die Öffnung des Systems verant-
nikation und hierbei nicht das, worum es geht (Kom- wortlich (Stäheli 2000, 30–41). Wenn man nun bloße
munikabilien), sondern den Modus des Operierens, Operationen beobachtet, beobachtet man ›nur‹, dass
der Kommunikabilien (Inhalte, Zeichen, Symbole, sich etwas vollzieht, dass beispielsweise kommuni-
Informationen) zuallererst ermöglicht. ziert wird. Wenn man Beobachtungen beobachtet,
Unter einer Beobachtung versteht Luhmann in An- beobachtet man, was sich wie vollzieht, also worüber
lehnung an das Formenkalkül von George Spencer- kommuniziert wird (Kneer/Nassehi 2000, 98, Fn.
Brown das Treffen einer Unterscheidung qua gleich- 29).
zeitiger Bezeichnung der einen Seite der Unterschei- Operationen vollziehen sich blind, Beobachtun-
dung (und nicht der anderen) (KunstG, 99; WissG, gen reflexiv; weil aber Beobachtungen per definitio-
84 und insges. 68–121). Bezeichnen und Unterschei- nem in einem Augenblick immer nur eine Seite einer
den vollziehen sich in einem Zug, es gibt das eine Unterscheidung und nicht beide Seiten zugleich be-
nicht ohne das andere, und Beobachtung ist somit zeichnen können (dies-und-nicht-das, Frau-und-
die Einheit der Unterscheidung von Bezeichnen und nicht-Mann), können sie sich im Moment der Beob-
Unterscheiden (WissG, 81; KunstG, 100). Obwohl in achtung nicht selbst beobachten: »Jede Beobachtung
einem Moment nur die eine Seite der Unterschei- ist in ihrer Unterscheidungsabhängigkeit sich selbst
dung bezeichnet werden kann und nicht auch noch latent« (WissG, 91) und verwendet ihre gerade ein-
die andere, ist die andere Seite immer kopräsent, »so gesetzte Unterscheidung als blinden Fleck. Die Unter-
daß das Bezeichnen der einen Seite für das operieren- scheidung von Operation und Beobachtung – die
de System zur Information wird nach dem allgemei- nur analytisch zu ziehen ist, da jede Beobachtung
nen Muster: dies-und-nicht-etwas-anderes; dies- auch eine Operation ist –, hat nun die Funktion, die
und-nicht-das« (KunstG, 99). Dieser Beobachtungs- Paradoxie aufzufangen, dass sich das System im Be-
begriff ist extrem formalisiert und abstrakt (WissG, obachten nicht (vollständig) selbst beobachten kann,
73), da er vom Sehen und vom Menschen als wahr- da es ja nicht zugleich die Unterscheidung beobach-
nehmender Instanz absieht und sich strikt auf ein ten kann, die es gerade verwendet. Da Beobachtun-
differenztheoretisches Kalkül bezieht. gen instantan Operationen und Beobachtungen
Beobachtungen sind nun ihrerseits Operationen sind, können paradoxe Strukturen in einen fortlau-
im geschilderten Sinne und als solche reale und em- fenden Prozess aufgelöst werden. Paradoxien fungie-
pirische Ereignisse (WissG, 82); das Unterscheiden ren dann als Prozessantreiber und nicht als blockie-
von Operation und Beobachtung ist selbst eine »be- render circulus vitiosus. Für Luhmanns Soziologie ist
obachtende Operation« (PdF, 244). Das heißt, dass die Figur der Paradoxie so zentral, weil sie keine Aus-
sich auf beiden Seiten der Unterscheidung Operati- nahme markiert, sondern weil »alles, was überhaupt
on/Beobachtung Operationen finden: »bloße Opera- beobachtet oder nicht beobachtet wird, auf eine Pa-
tion […] auf der einen und eine beobachtende radoxie gegründet« ist (PdF, 244). Jedes soziale Sys-
Operation auf der anderen Seite« (KunstG, 70). Und tem, jede Interaktion, jede Kommunikation, damit
weiter: »Beim Beobachten (im Unterschied zum ein- die gesamte Gesellschaft und damit auch die System-
fachen Operieren) werden Unterscheiden und Be- theorie selbst gründen auf Paradoxien und ihrer Auf-
zeichnen zugleich (und nicht nacheinander im Sinne lösung (qua Operation ›Beobachtung‹).
von: erst Wahl einer Unterscheidung, dann Bezeich- Zur weiteren Entfaltung der Selbstblindheitspara-
nung) durchgeführt« (KunstG, 99 f.; vgl. hierzu auch doxie wird von Luhmann eine Staffelung zweier Be-
Fuchs 1993, 63 f.). Dies bedeutet, dass die Welt der obachterordnungen eingeführt. Die an ihrem blin-
bloßen Operationen eine nichtreflexiv-monolithi- den Fleck haftende Beobachtung wird von Luhmann
sche Welt ist, während die Welt der Beobachtungen als Beobachtung erster Ordnung bezeichnet. Ihr blin-
eine reflexiv-polyvalente Welt ist; mithilfe von Beob- der Fleck kann zu einem späteren Zeitpunkt mithilfe
achtungen kann die Umwelt spezifiziert werden, einer anderen Unterscheidung von einer weiteren
können Kausalbeziehungen angenommen, können Beobachtung beobachtet werden. Diese Beobachtung
Operation / Beobachtung 109

zweiter Ordnung beobachtet, dass ein Beobachter ers- auch dann reibungslos funktioniert, wenn es auf der
ter Ordnung sein eigenes Beobachten nicht beobach- Beobachtungsebene zu Schwierigkeiten in Form von
ten kann, was ein Beobachter erster Ordnung Irritationen oder Störungen kommt (Stäheli 2000,
aufgrund seines blinden Fleckes nicht beobachten 51 f.).
kann und beobachtet, wie beobachtet wird (WissG, Fuchs (1993 u. 1995), Stäheli (2000) und Grizelj
95). Jede Beobachtung zweiter Ordnung ist an die ei- (2008) hinterfragen diese lineare Konzeption und
gene Unterscheidung gebunden und besitzt nun führen eine retroaktive Logik ein. Mithilfe von Begrif-
selbst einen blinden Fleck, den eine weitere Beobach- fen wie ›Nachursprünglichkeit‹ (Fuchs), ›konstituti-
tung beobachten kann usw. Damit ist impliziert, dass ve Nachträglichkeit‹ (Stäheli) und ›De-Präsentation‹
die Beobachtung zweiter Ordnung nicht besser be- (Grizelj) wird nicht davon ausgegangen, dass Beob-
obachten kann; zwischen den Beobachtungsordnun- achtungen einfach komplexitätssteigernd zu Opera-
gen besteht kein hierarchisches Verhältnis. tionen hinzutreten, vielmehr sind es die Beobach-
Allerdings sind mit der Beobachtung der Beob- tungen, die retro-aktiv die Operativität und reale
achtung radikale Konsequenzen verbunden. Wäh- Faktizität von Operationen konstitutiv errichten:
rend die Beobachtung erster Ordnung an den »Die Operationen emergenter Sinn-Systeme sind
beobachteten Dingen und Ereignissen haftet, einen entsubstantiierte Operationen, sie haben keine Jetzt-
unmittelbaren Weltkontakt hat und die Welt nicht stellen ohne eine Beobachtung, die keine Jetztstelle
hinterfragt, modalisiert die Beobachtung zweiter ist, weil sie auch einer Beobachtung bedarf, für die
Ordnung die Welt: Es hätte auch anders kommen dasselbe gilt.« Das ›Sein‹ von Operationen ist »Kon-
können. »Die Beobachtung zweiter Ordnung verän- struktion post festum« (Fuchs 1995, 21 u. 23). Ope-
dert alles. Sie verwandelt auch das, was die Beobach- rationen kann es somit nicht unabhängig vor den
tung erster Ordnung beobachtet. Sie modalisiert Beobachtungen geben (Binczek 2000).
alles, was gegeben zu sein scheint, und verleiht ihm Diese Überlegungen berühren wichtige epistemo-
die Form der Kontingenz, des Auch-anders-möglich- logische und soziologische Fragestellungen. Episte-
Seins« (KunstG, 112). Luhmann spitzt diese These mologisch wird mit dieser retro-aktiven Logik eine
zu: »Das Beobachten zweiter Ordnung hat, auf seine »Auflösung oder Subversion einer Metaphysik der
Wirkungen hin beobachtet, offenbar toxische Quali- Präsenz« (Fuchs 1995, 18) geleistet, was Luhmanns
tät. Es verändert den unmittelbaren Weltkontakt« Konstruktivismus sowohl mit Derridas Dekonstruk-
(KunstG, 156). Dies hat die epistemologische Konse- tion korrelierbar macht als auch die heideggersche
quenz zur Folge, dass die Welt der Effekt von Unter- Frage nach der Ontologie des Seins neu diskutierbar
scheidungen und deren Beobachtungsbeobachtun- werden lässt (Khurana 2011). Soziologisch kann dis-
gen ist und dass für den operativen Konstruktivismus kutiert werden, was es bedeutet, wenn Operation/Be-
Luhmanns Beobachtung eine unhintergehbare obachtung mit Sozialstruktur/Semantik paralleli-
Letztkategorie ist. siert wird (Stäheli 2000, 209). Setzen Semantiken als
Mit der Unterscheidung Operation/Beobachtung Beobachtungen logisch die Sozialstruktur voraus, die
werden die traditionellen Unterscheidungen empi- sie nachträglich beschreiben oder ist an eine wechsel-
risch/transzendental und subjektiv/objektiv ersetzt, seitige rekursive Konstitution zu denken (GG, 539)?
weil nun jede Beobachtung (als Operation) real ist Womöglich erzeugen Operationen nicht nur evolu-
und eine »empirische[] Faktizität« besitzt (WissG, tionär wirksame Strukturen (Sozialstruktur), son-
77), jedoch nicht objektiv ist. Eine Beobachtung »ver- dern Beobachtungen (Semantik) werden auch
ändert die Welt, in der beobachtet wird« (WissG, 75); »durch ihre retroaktiven Effekte zum evolutionär be-
es gibt keine Welt jenseits und unabhängig von Be- deutsamen Faktor, indem sie die autopoietische Ope-
obachtungen und damit fällt die »Beobachtung der rativität des Systems miterzeugen« (Stäheli 2000,
Realität mit der Realität des Beobachters zusammen« 217).
(Jahraus 2003, 192; vgl. auch WissG, 75–79).
Die bisher geschilderte Relationierung von Opera-
tion und Beobachtung läuft darauf hinaus, dass Ope- Literatur
rationen logisch und zeitlich den Beobachtungen
vorgeordnet sind. Indem Operation, Ereignis und Binczek, Natalie: Im Medium der Schrift. Zum dekonstruk-
tiven Anteil in der Systemtheorie Niklas Luhmanns.
Autopoiesis isomorph gedacht werden, etablieren München 2000.
Operationen eine reale autonome Ebene, die unab- Fuchs, Peter: Moderne Kommunikation. Zur Theorie des
hängig ist von den folgenden Beobachtungen und operativen Displacements. Frankfurt a. M. 1993.
110 Begriffe

–: Die Umschrift. Zwei kommunikationstheoretische Stu- me trotz dieser Fragilität zu stabilen, zeitfesten Struk-
dien: »Japanische Kommunikation« und »Autismus«. turen kommen und eben nicht vor der Paradoxie
Frankfurt a. M. 1995.
erstarren, sondern weiter operieren. Wie kann ein
Grizelj, Mario: »Ich habe Angst vor dem Erzählen.« Eine
Systemtheorie experimenteller Prosa. Würzburg 2008. sich selbst beobachtendes System, also ein Beobach-
Jahraus, Oliver: Literatur als Medium. Sinnkonstitution ter zweiter Ordnung, die Einheit des Systems herstel-
und Subjekterfahrung zwischen Bewußtsein und Kom- len, wenn die Beobachtung selbst Teil dieser Einheit
munikation. Weilerswist 2003. ist? Aus rein logischen Gründen ist das unmöglich –
Khurana, Thomas: »Ontologie und Autonomie. Zur refle- was ein Hinweis darauf ist, dass man mit Logik nicht
xiven Vertiefung von Ontologie nach Heidegger und
Brandom«. In: Mario Grizelj/Oliver Jahraus (Hg.): weiter kommt, zumindest nicht mit einer allzu bewe-
Theorietheorie. Wider die Theoriemüdigkeit in den gungsfrei gedachten Logik. Worum es geht, ist viel-
Geisteswissenschaften. München 2011, 399–417. mehr eine Logik des Operierens selbst, und diese
Kneer, Georg/Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie Logik verweist auf eine Einheit des Systems, die nicht
sozialer Systeme. München 42000. immer schon vorausgesetzt wird, sondern die opera-
Stäheli, Urs: Sinnzusammenbrüche. Eine dekonstruktive
Lektüre von Niklas Luhmanns Systemtheorie. Weilers- tiv erzeugt werden muss. Diese Einheit des Systems
wist 2000. »ist Einheit aufgrund der im System selbst produzier-
Mario Grizelj ten Anschlußfähigkeit der systemeigenen Operatio-
nen. Sie ist das, was sich ergibt, wenn das System
rekursiv operiert« (ebd., 130). Was sich ergibt, heißt:
diese Einheit entsteht in der Zeit und ist nicht prä-
21. Paradoxie operativ immer schon da. Dies ist ein Hinweis auf die
besondere Bedeutung der Zeit für das Verständnis
Autopoietische Systeme, so Luhmann, unterliegen von Luhmanns Theorie autopoietischer Systeme –
der Paradoxie der Selbstbezüglichkeit, die sie sowohl ein Aspekt, der sich aus dem Problem der Anschluss-
operativ bearbeiten als auch unsichtbar machen fähigkeit des Systems ergibt. Es sind die nacheinander
müssen, um weiter operieren zu können. Was ist da- geschehenden Anschlüsse, die ein System stabilisie-
mit gemeint? ren. Wenn man so will: Stabilität durch Dynamik,
Es geht Luhmann dabei nicht um eine abstrakt- durch Tätigkeit: »Die Erzeugung von Geschlossen-
theoretische Figur, sondern um die theoretische heit ist der operative Vollzug der Erzeugung von Ge-
Deutung einer empirischen Erfahrung. Es sind stets schlossenheit, und nicht etwas, was man als Grund
gegenwärtige Operationen, Tätigkeiten, Ereignisse, vorfinden könnte« (ebd., 132 f.). Das verweist auf
Handlungen, die ein System je gegenwärtig kontinu- den temporalisierten Charakter sich selbst beobach-
ieren. Dieser Gedanke erlaubt es, die spezifischen In- tender Systeme.
visibilisierungstechniken zu beobachten, die Systeme Luhmann geht es also nicht um die Entlarvung ei-
anwenden, um sich zu kontinuieren und gegen die ner widerlogischen Struktur, sondern um die empi-
Erstarrung anzugehen, die bei der Selbstbeobach- rische Erfahrung, dass man in einer modernen
tung stets droht. Ob es um die Frage geht, wie ein Gesellschaft gar nicht anders kann, als darauf gesto-
Wirtschaftssystem den fragilen und paradoxen Wert ßen zu werden, dass man unterschiedlich beobachten
des Geldes unsichtbar macht oder wie eine Organi- kann/muss. Die ›Lösung‹ liegt also weder in der Ideo-
sation damit umgeht, dass ihre einzige Realitätsga- logisierung bestimmter Beobachtungen noch im
rantie darin besteht, die Sicherheit und das Kalkül Spott über ihre Unmöglichkeit. »Vielleicht lässt sich
von Abläufen gegen eine unsichere und unkalkulier- also das Problem auf eine Mehrheit von vernetzten
bare Welt zu behaupten; stets geht es um die Frage, Beobachtern verteilen. Jeder Beobachter beobachtet,
wie sich ein System per Selbstbeobachtung in die was er beobachten kann, aufgrund seiner für ihn un-
Lage versetzt, sich zu kontinuieren und dabei rekur- sichtbaren Paradoxie, aufgrund einer Unterschei-
sive Strukturen entstehen zu lassen. dung, deren Einheit sich seiner Beobachtung ent-
Luhmanns empirische Frage lautet, »wie Systeme, zieht« (ebd., 132). Auch der Beobachter zweiter
die sich selbst beobachten können, die dabei auftre- Ordnung ist also im Moment des Beobachtens ein
tenden Paradoxien ›invisibilisieren‹« (Luhmann Beobachter erster Ordnung, weil er zunächst einmal
1990, 122). Es geht also hier nicht um die Betonung, tut, was er tut.
wie fragil alle Perspektiven und Möglichkeiten aus Unterscheidungen/Bezeichnungen bringen asym-
logischen Gründen immer schon sind, sondern es metrische Verhältnisse hervor. Wenn etwas unter-
geht um die Frage, wie soziale und psychische Syste- schieden wird, wird eine bezeichnete Seite und eine
Psychisches System 111

nicht bezeichnete Seite erzeugt, eine Innenseite und zu wecken, die dann doch so stabile Welten hervor-
eine Außenseite: jemand ist Mann und nicht Frau. Es bringt. Es ist in der soziologischen Fachdiskussion
wird die Innenseite (›Mann‹) bezeichnet, indem sie immer wieder ein (erstaunlich uninformiertes)
von der Außenseite (›Frau‹) unterschieden wird. Missverständnis, in dem, was in der Soziologie ›Kon-
Würde es dann nicht ausreichen, ausschließlich die struktivismus‹ heißt, zwar die gesellschaftliche Kon-
eine Seite zu bezeichnen, wenn man die andere Seite struktion der Wirklichkeit in den Blick zu nehmen,
gar nicht braucht? Reicht es nicht, ›Mann‹ zu be- nicht aber die Wirklichkeit gesellschaftlicher Konstruk-
zeichnen, ohne ihn von ›Frau‹ zu unterscheiden? tionen. Luhmanns operative Systemtheorie enthält
Diese Frage ließe sich mit ›Ja‹ beantworten, wenn den Schlüssel für beides, denn die Operationsweise
›Mann‹ ein ontologisches Faktum wäre, dessen Sein von Systemen ist einerseits eine Chiffre für einen of-
bereits unabänderlich von allem anderen, also auch fenen Horizont von Möglichkeiten, andererseits aber
von ›Frau‹ unterschieden wäre, wenn Bezeichnungen eben auch ein Instrument zur Beobachtung selbster-
also bloße Abbilder von Seiendem wären. Vergegen- zeugter Restriktionen und Strukturen. Der Beobach-
wärtigt man sich aber, dass ›Mann‹ auch anders un- ter sieht nur, was er sieht, und er sieht nicht, dass er
terschieden/bezeichnet werden kann: Mann und nicht sieht, was er nicht sieht.
nicht Kind, Mann und nicht Schlappschwanz, Mann
und nicht Lebensgefährte, Mann und nicht Mensch,
sieht man, dass das ›Ja‹ offenbar voreilig war. Auch Literatur
diese Unterscheidungen bezeichnen. Und obwohl sie Luhmann, Niklas: »Sthenographie«. In: Ders. u. a. (Hg.):
das Gleiche unterscheiden, bezeichnen sie Unter- Beobachter. Konvergenz der Erkenntnistheorien? Mün-
schiedliches. Wie man (Mann? – nein: man) an die- chen 1990, 119–137.
sen Beispielen erkennen kann, hängt eine Bezeich- Armin Nassehi
nung offenbar unmittelbar damit zusammen, wovon
das Bezeichnete unterschieden wird. Wenn ich
Mann, aber keine Frau bin, werde ich nach meinem 22. Psychisches System
biologischen Geschlecht oder nach meiner Ge-
schlechtsrolle bezeichnet; wenn ich Mann, aber kein Würde man den Begriff des psychischen Systems le-
Kind bin, wird mein Lebensalter bezeichnet, das diglich als den systemtheoretischen Terminus für den
mich schon zum Mann gemacht hat; wenn ich ein Begriff des Bewusstseins verstehen, so hätte man
Mann, aber kein Schlappschwanz bin, werde ich nach zwar eine wesentliche Dimension erkannt, aber nicht
normativen Mustern maskuliner Stärke bezeichnet; die Problemkonstellation, die sich damit ergibt, im
wenn ich Mann, aber nicht Lebensgefährte bin, wird vollen Umfang umrissen. Zwei Aspekte sind zu be-
auf meinen juristischen Status im Hinblick auf eine achten: Zum einen ist zu fragen, welche Bedeutung
Frau (!) abgestellt; wenn ich als Mann, aber nicht als die Konzeption des psychischen Systems innerhalb
Mensch bezeichnet werde, wird auf den Vorrang des der Systemtheorie besitzt. Auch wenn sich die luh-
Geschlechts vor der Gattung hingewiesen. mannsche Systemtheorie vorrangig als Theorie so-
Übrigens kann man nicht sehen, was denn nun die zialer Systeme versteht, so führt der Begriff des
›richtige‹ oder ›wirkliche‹ Unterscheidung war, denn psychischen Systems doch ins Zentrum ihrer Theo-
das kann wiederum nur ein Beobachter sehen, der riearchitektur. Zum anderen aber ist zu fragen, in-
selbst wiederum nur von seiner eigenen Beobachter- wiefern sich dann die systemtheoretische Vorstellung
perspektive konditioniert wird. Das Beispiel sollte le- vom Bewusstsein, wie sie mit diesem Begriff benannt
diglich verdeutlichen, wie polykontextural die mo- wird, in das Feld von vor allem philosophischen und
derne Welt gebaut ist und welche empirischen nicht zuletzt transzendentalphilosophischen Be-
Möglichkeiten Luhmanns Beobachtungstheorie an- wusstseinstheorien einfügt.
bietet, etwas über die Selbststabilisierung von Sys- Zunächst legt die systemische Beobachtung des
temoperationen zu erfahren. Wie beobachtet wird, Bewusstseins die Rekonzeptualisierung als psy-
hängt allein von Anschlussfähigkeiten ab – und diese chisches System nahe. Damit wäre schon allein auf
von der jeweiligen Beobachterposition. Luhmanns der Ebene der Begriffsbildung eine Parallelität zum
›Zivilisierung‹ der Paradoxien dient also dazu, den Begriff des sozialen Systems gegeben. So wie Kom-
Umgang, in der Sprache der Kybernetik: die Entfal- munikationen dem sozialen System zugeschrieben
tung von Paradoxien in den Blick zu nehmen und da- werden, so Bewusstsein dem psychischen System. In
mit ein Verständnis für jene merkwürdige Fragilität beiden Fällen macht die Begrifflichkeit darauf auf-
112 Begriffe

merksam, dass die Systeme nicht in ihrem ontologi- er Bewusstsein in seiner traditionellen Definition als
schen Gegebensein, sondern in ihrer Prozessualität Instanz des Wissens in den Blick nimmt. Dass Wissen
und Operativität von der Systemtheorie beobachtet auf Bewusstsein zugerechnet wird, ist eine der
und konzipiert werden. Diese Parallelität der Be- Hauptthesen der Transzendentalphilosophie, na-
griffsbildung kann auf dieser Basis jedoch als Aus- mentlich von Fichtes groß angelegtem Projekt einer
druck einer grundsätzlichen prozessualen Ver- Wissenschaftslehre (maßgeblich hier die Wissen-
schränkung der Operationen der beiden Systemty- schaftslehre aus dem Jahre 1805). Wenn Habermas
pen angesehen werden, die als strukturelle Kopplung von der »Aneignung der subjektphilosophischen
beschrieben wird. Psychisches und soziales System Erbmasse« und vom »Übergang vom Subjekt zum
sind demzufolge operativ notwendige Komplemen- System« bzw. von der »Umstellung vom Subjekt aufs
te; keines kann ohne das Operieren des jeweils ande- System« (Habermas 1988, 426 u. 431 u. 433) spricht,
ren Systems selbst operieren. so kritisiert er damit auch die Idee, die Geschlossen-
Insofern macht dieser Begriff in besonderer Weise heit der Gesellschaft mit der Intransparenz des Be-
darauf aufmerksam, dass Bewusstsein zwar in diesem wusstseins zu parallelisieren. Im Begriff des psy-
Sinne selbst psychisch ist, aber natürlich sozial beob- chischen Systems wird die transzendentalphiloso-
achtet oder zumindest unterstellt werden kann. Das phische Vorstellung vom Bewusstsein als Selbstbe-
psychische System ist ebenso System wie jedes andere gründungsinstanz des Subjekts als Autopoiesis re-
System, das psychische Moment ist lediglich eine be- konzeptualisiert. Wenn also die Systemtheorie, wie
stimmte Auszeichnung, die Luhmann nicht qualita- Habermas schreibt, »die Grundbegriffe und Pro-
tiv versteht, sondern zunächst als Zuschreibung einer blemstellungen der Subjektphilosophie beerben und
Beobachtung. Wenn Bewusstsein im Sinne der Sys- zugleich deren Problemlösungskapazität überbie-
temtheorie beobachtet wird, in allererster und direk- ten« will (Habermas 1988, 426), so wird dies vor al-
tester Linie durch sich selbst, erscheint es als lem durch die Konzeption des psychischen Systems
psychisches System. So wird dieser Begriff zur Ab- erreicht. Um diesen Gedanken schematisch zu ver-
kürzung einer komplexen Rekonzeptualisierung des deutlichen: Während Hegel die Vernunft dem Be-
Bewusstseins: Auch Bewusstsein muss, wie Kommu- wusstsein attribuiert, würde sie Luhmann im kom-
nikation, absolut prozessual gedacht werden, es exis- munikativen Prozess verorten. Indem er so die
tiert aufgrund seiner Operationsweise, dem Denken, Aporien eines für sich selbst intransparenten Be-
und insofern nur in seinen Operationen, den Gedan- wusstseins vermeidet, kann er gerade diese Intrans-
ken – so wie soziale Systeme nur aus den Operationen parenz als Konstituente des Bewusstseins in der Idee
der Kommunikation existieren. Luhmann konzipiert des psychischen Systems sogar noch radikalisieren:
das Bewusstsein wie die sozialen Systeme als auto- Im Unterschied zu transzendentalphilosophischen
poietische (Luhmann 1987; SA6), und dafür steht der Bewusstseinsmodellen, die dann in die Aporie gelan-
Name des psychischen Systems. Autopoiesis wird zur gen, wenn sie versuchen, die Prozessualität des Be-
konstitutiven Voraussetzung von Bewusstsein; und wusstseins als Gegenstand des Selbst-Bewusstseins
Autopoiesis setzt den systematischen Charakter un- zu begreifen, kann Luhmann diese Intransparenz so-
abdingbar voraus: »Eben deshalb muss Bewußtsein, gar zum Motor der Operationen des psychischen Sys-
um sein zu können, System sein« (SA6, 62). tems machen. Nur weil das Bewusstsein sich in seiner
Allerdings wird dieser Begriff nicht konsequent Prozessualität nicht selbst transparent werden kann,
verwendet. Gerade wo es um das systemische Zusam- prozessiert es überhaupt – als psychisches System.
menspiel von sozialem und psychischem System Gerade die systemische Konzeptualisierung des
geht, spricht Luhmann auch von ›Bewusstsein‹ und Bewusstseins sollte aber nicht zu dem Missverständ-
›Kommunikation‹ so z. B. im ersten Kapitel seines nis führen, als würde mit dem Zusammenspiel von
Buches zur Wissenschaft der Gesellschaft (1990). Hier sozialem und psychischem System die traditionelle
wird die bewusstseinstheoretische und transzenden- Differenz von Gesellschaft und Individuum wieder
talphilosophische Herleitung der Vorstellung von eingeführt. Das psychische System darf nicht als in-
Bewusstsein entfaltet – mit der radikalsten Umdeu- dividuelles Bewusstsein missverstanden werden.
tung und gleichzeitig der radikalsten Überbietung Vielmehr ist die Konzeption eine Abstraktion jeder
traditioneller Bewusstseinsvorstellungen. Wenn möglichen empirischen und individuellen Aus-
Luhmann gerade in seiner Monographie über die drucksform von personalem und persönlichem Be-
Wissenschaft das Zusammenspiel von Bewusstsein wusstsein. Das psychische System ist eben nicht die
und Kommunikation thematisiert, so deswegen, weil Person. Vielmehr ist die Person für Luhmann nur
Selbstbeschreibung 113

eine soziale Adresse für Kommunikation (vgl. SA6, 23. Selbstbeschreibung


142–154). Insofern kann Luhmann hier ein Problem
umgehen, das im transzendentalphilosophischen Der Begriff der Selbstbeschreibung konturiert sich zu
Kontext, aber zum Beispiel auch noch bei Foucault einem eigenständigen Theoriebegriff erst im Laufe
virulent war, denn für Luhmann »liegt es nahe, auf der Entwicklung der soziologischen Systemtheorie.
die Unterscheidung von empirisch und transzenden- Auffällig ist zumindest, dass ab Die Wissenschaft der
tal ganz zu verzichten« (WissG, 13). Aus der Perspek- Gesellschaft (1990) fast alle funktionssystemspezifi-
tive der luhmannschen Konzeptualisierung ist also schen Monographien ein Kapitel über Selbstbe-
eine gewisse Skepsis angebracht gegenüber jenen schreibung enthalten und auch Die Gesellschaft der
Versuchen, das psychische System entweder zu indi- Gesellschaft (1997) diesem Begriff ein eigenes großes
vidualisieren oder aber – genau umgekehrt – voll- Kapitel widmet. Die auffällige Parallelstellung zu
ständig als sozialisiert zu betrachten. Beide Tenden- ›Kommunikationsmedien‹, ›Evolution‹ und ›Diffe-
zen finden sich beispielsweise in den Überlegungen renzierung‹ – der klassischen luhmannschen Trias
von Peter Fuchs (2010), der vom Eigensinn des Be- eines gesellschaftstheoretischen Integrationspro-
wusstseins und vom System ›Selbst‹ spricht. Seine gramms vormals disperser Theoriestücke – indiziert,
Überlegungen setzen ein mit der Differenz von Be- dass ›Selbstbeschreibung‹ ein Grundbegriff von
wusstsein und psychischem System, indem sie Be- höchster Relevanz vor allem für das gesellschafts-
wusstsein als System im Zustand der Bewusstheit theoretische Kernprogramm der luhmannschen
definieren. Ist aber erst einmal diese Differenz ge- Theorie ist. Und dies in einer doppelten Hinsicht:
setzt, so ist damit stillschweigend die Differenz von zum einen mit Blick auf die These, dass die historisch
transzendentalem und empirischem Bewusstsein ausdifferenzierten Sinnkomplexe der ›Funktionssys-
mit impliziert, was letztlich dazu führen muss, die teme‹ neben vielen anderen Grenzziehungsmecha-
systemtheoretische, luhmannsche Pointe aus dem nismen auch über eine spezifische Form der Selbst-
Blick zu verlieren, die darin besteht, die Vorstellung bezugnahme in Gestalt einer Beschreibung ihrer
von der absoluten, von ihm selbst schlechterdings selbst verfügen, zum anderen mit der wichtigen Im-
und konstitutiv unhintergehbaren Prozessualität des plikation, dass eine Theorie der modernen Gesell-
Bewusstseins im Begriff des psychischen Systems zu schaft selbst Teil des von ihr Beschriebenen ist und
fassen. deshalb – mit allen theoretischen Konsequenzen – als
eine Selbstbeschreibung der modernen Gesellschaft
qualifiziert werden kann: als eine Gesellschaft der Ge-
Literatur sellschaft.
Fuchs, Peter: Das System SELBST. Eine Studie zur Frage: Korrelat des Begriffs der Semantik ist der Sinnbe-
Wer liebt wen, wenn jemand sagt: »Ich liebe dich!«? Wei- griff. Korrelat des Begriffs der Selbstbeschreibung da-
lerswist 2010. gegen ist der Systembegriff. Das rechtfertigt es, beide
–: Die Psyche. Studien zur Innenwelt der Außenwelt der In- Ebenen separat zu verhandeln. Denn während das
nenwelt. Weilerswist 2005.
Konzept einer Semantik sehr allgemein auf die Typi-
–: Der Eigen-Sinn des Bewußtseins. Die Person, die Psyche,
die Signatur. Bielefeld 2003. sierungserfordernisse des Sinnprozessierens über-
Habermas, Jürgen: Der philosophische Diskurs der Moder- haupt hin orientiert ist, bezieht sich der Begriff der
ne. Zwölf Vorlesungen. Frankfurt a. M. 1988. Selbstbeschreibung auf die Einheit des Zusammen-
Jahraus, Oliver: »Bewußtsein und Kommunikation. Zur hangs eines Systems. Selbstbeschreibung ist in diesem
Konzeption der strukturellen Kopplung«. In: Ders./Nina Kontext die abstrakte Bezeichnung für die Art und
Ort (Hg.): Bewußtsein – Kommunikation – Zeichen. Tü-
bingen 2001, 23–47. Weise, in der ein soziales System die Einheit seines
–: Literatur als Medium. Sinnkonstitution und Subjekter- operativen Zusammenhangs in die Identität dieses
fahrung zwischen Bewußtsein und Kommunikation. Zusammenhangs transformiert. Man könnte deshalb
Weilerswist 2003. auch sagen, dass das Konzept der Selbstbeschreibung
Luhmann, Niklas: »Autopoiesis als soziologischer Begriff«. Ausdruck einer Systemidentitätstheorie ist.
In: Hans Haferkamp/Michael Schmid (Hg.): Sinn, Kom-
munikation und soziale Differenzierung. Beiträge zu Semantiken sind dagegen keine Selbstbeschrei-
Luhmanns Theorie sozialer Systeme. Frankfurt a. M. bungen. Sie sind keine begrifflich-deskriptiven Be-
1987, 307–324. zugnahmen eines Systemkomplexes auf sich selbst,
–: »Die Autopoiesis des Bewußtseins«. In: SA6, 55–112. sondern Implikationen der Strukturiertheit in der
–: »Die Form ›Person‹«. In: SA6, 142–154. Bezugnahme einzelner Operationen/Ereignisse auf-
Oliver Jahraus einander. Anders formuliert: Semantiken beschrei-
114 Begriffe

ben nicht. Selbstbeschreibung dagegen ist eine wäre etwa an wahrheitsförmige Kommunikationen
identitätslogische Figur. Mit ihr geht es darum, dass im Wissenschaftssystem, die sich als diesem System
ein vorgängig etablierter (und ›bewusstloser‹) Sinn- zugehörige qualifizieren müssen. Dieser Mechanis-
zusammenhang (also: ein System) sich in sich auf mus bleibt aber in gewisser Weise ›intransparent‹, er
sich selbst bezieht und also Re-flexion in einem sehr ist lediglich eine ›mitlaufende‹ Selbstbeobachtung.
genauen Sinne darstellt. Das kann man von Seman- Davon unterscheidet Luhmann Selbstbeschreibun-
tiken generell nicht behaupten. gen in Gestalt vor allem von Texten. In und mit ihnen
Der begrifflichen Arbeit an diesem Systemidenti- bezieht sich ein System auf sich selbst als Ganzes –
tätskonzept der Selbstbeschreibung gehen andere be- und keine ›normale‹ singuläre Operation, die als wei-
griffliche Intuitionen Luhmanns voraus. Früh schon terer Anschluss in einem operativen Gefüge mitlau-
schärft sich die Einsicht, dass semantische Großkom- fend ›selbstbeobachtet‹ wird, tut dies. Selbstbeschrei-
plexe wie die societas-civilis-Konzeption oder die bungen sind in dieser Form »Texte besonderer Art,
Formel der commercial society sich als Varianten ei- die sich, zunächst phänomenal, dadurch auszeich-
ner »Selbstthematisierung des Gesellschaftssystems« nen, dass sie sich auf das System als Einheit aller sei-
(SA2, 72 ff.) qualifizieren lassen, als (textförmig re- ner Operationen […] beziehen« (OuE, 419). Als
produzierte) Prämissen also, die ein nicht hintergeh- Selbstbeschreibungen können sie gelten, weil sie
bares Selbstverständigungsniveau markieren, das selbst Operationen im System sind. Obwohl also »das
sich freilich unter den Vorzeichen funktionaler Dif- System zum Satzsubjekt von Prädikaten« (ebd.)
ferenzierung als nicht mehr gültig erweist und zu wird, vollzieht sich dies im System und als eine wei-
dem eine systemtheoretisch angeleitete Gesell- tere Operation im System. Das macht sie paradoxie-
schaftstheorie eine moderne Alternative darzustellen trächtig in mehreren Hinsichten.
beansprucht. Selbstbeschreibungen sind notwendig Selbstsim-
Unter speziellen differenzierungstheoretischen plifikationen. Kein System ist in der Lage, die Kom-
Vorzeichen kommt dann der Trias von Funktion, plexität seiner Einheit auf den Begriff zu bringen.
Leistung und Reflexion als den Ebenen der mögli- Eine Selbstbeschreibung ist nicht die Fülle des Seins
chen Bezugnahme eines Funktionssystems eine wei- (eines Systems), sondern eine Verdichtungs- und
tere wichtige Vorläuferfunktion zu. Während ›Leis- Konzentrationsformel. Der Bedarf dazu ergibt sich –
tung‹ eine Bezugnahme auf ko-existente Funktions- und insofern sind Selbstbeschreibungen (nicht etwa
systeme ist und ›Funktion‹ die Relation zur Gesamt- Semantiken!) konstitutiv nachträglich (anders: Stä-
gesellschaft beschreibt, ist ›Reflexion‹ eine vor allem heli 1998; 2000) – ab einer bestimmten Komplexitäts-
in Gestalt von Theorien sich realisierende Form der stufe eines Systems und als eine weitere Verdichtung
Selbstbezugnahme. Die Überlegung ist hier noch, mitlaufender Selbstbeobachtung. Alle Elemente ei-
dass vor allem ein Überhandnehmen der Leistungs- nes Systems müssen als dem System zugehörige Ele-
kategorie zu einem Fragilwerden des Funktionsbe- mente fortlaufend qualifiziert werden. Die Einheit,
zugs führt, das dann wiederum Reflexionsanstren- als deren Elemente sie fungieren, bleibt dabei ›blind‹.
gungen provoziert. So wird z. B. einer wohlfahrts- »Das erfordert eine Operation, die wir gelegentlich
staatlichen Politik mit ihrer Vielzahl an Leistungsbe- schon als Selbstsimplifikation bezeichnet haben. Um
zügen ihre eigentliche gesamtgesellschaftliche Funk- als Einheit des Systems im System erscheinen zu kön-
tion – die Herstellung kollektiv verbindlicher Ent- nen, muß die Komplexität reduziert und dann sinn-
scheidungen – problematisch; das führt zu Reflexi- haft re-generalisiert werden. Die dafür angefertigte
onsbemühungen. So etwa mag man sich die ›Funkti- Semantik ist nicht das Ganze, aber sie referiert auf das
on‹ der Reflexion eines Funktionssystems vorstellen. Ganze als Einheit und stellt diese als einen immer mit-
Selbstbeschreibungen sind Operationen eines Sys- zubenutzenden Verweisungsstrang allen Operatio-
tems, die sich auf die Einheit dieses Systems beziehen, nen zur Verfügung« (SS, 624). Insofern strukturieren
also die Gesamtheit aller Operationen eines Systems Selbstbeschreibungen die Einheit eines Systems, in-
unter dem Gesichtspunkt der Einheit dieses Systems dem sie eine Zweitfassung dieser Einheit als Identität
zur Geltung bringen. Das unterscheidet sie von einer zur Verfügung stellen. »Die Funktion von Selbstbe-
Variante der Selbstbezugnahme, die unter dem Stich- schreibungstexten scheint […] darin zu liegen, die
wort der »mitlaufenden Selbstreferenz« (SS, 604) fir- fortlaufend anfallenden Selbstreferenzen zu raffen,
miert und mit der ein Mechanismus bezeichnet ist, zu bündeln, zu zentrieren, um damit deutlich zu ma-
der fortlaufende Kommunikationen als systemzuge- chen, dass es immer um dasselbe ›Selbst‹, immer um
hörige Kommunikationen qualifiziert. Zu denken ein mit sich identisches System geht« (OuE, 421).
Semantik 115

Selbstbeschreibungen sind notwendig paradoxe 24. Semantik


Unterfangen. Die luhmannsche Theorie sondiert
dies auf mehreren Ebenen. Paradox sind sie insofern, ›Semantik‹ ist der zentrale Begriff in Luhmanns his-
als sie sich selbst als Moment dessen, was sie beschrei- torisch-empirischer Forschung. Luhmann versteht
ben, auch mit beschreiben müssten. Und paradox darunter einen kulturellen Vorrat von Konzeptionen,
sind sie auch insofern, als sie als Prätention der Dar- den man untersuchen kann, um zu sehen, wie Gesell-
stellung der Einheit eines Zusammenhangs einen dif- schaften organisiert sind. Ursprünglich bezeichnet
ferenzerzeugenden Charakter haben. der Begriff einen Teilbereich der Linguistik, in dem es
Für die spätere luhmannsche Theorie insgesamt um die Bedeutung von Zeichen geht. Ausgelöst
ist dann eigentümlich, dass ihre paradoxe und nicht durch den Theorieexport des linguistic turn entwi-
aufzuhebende Grundfiguration im Rahmen einer ckelte sich in der Geschichtswissenschaft das Para-
Selbstbeschreibungsgeschichte der einzelnen Funkti- digma einer historischen Semantik, in dem der
onssysteme in eine Geschichte der jeweiligen Invisi- Bedeutungswandel von Begriffen erforscht wird, um
bilisierungen dieser Grundparadoxie transformiert Veränderungen in der Gesellschaftsstruktur zu er-
wird. Die Grundparadoxie wird dabei invisibilisiert kennen. Der prominenteste Vertreter im Bereich der
durch eine jeweils historisch für einen bestimmten historischen Semantik ist Reinhart Koselleck, auf den
Zeitraum einleuchtende und als plausibel erschei- sich Luhmann explizit bezieht (GS1, 19, Fn. 13). Be-
nende andere Paradoxie. Für die Selbstbeschrei- trachtet man Luhmanns semantische Studien, etwa
bungsgeschichte des sich ausdifferenzierenden poli- zu Liebe (LaP), Individualität (GS3, 149–258) oder
tischen Systems kann man dann etwa das Repräsen- Natur und Kultur (GS4, 9–54), dann lassen sich in
tationsparadox vom Souveränitätsparadox und vom anderen Theorien Konzepte finden, die – bei allen
Herrschaftsparadox unterscheiden (vgl. PolG, Differenzen – eine gewisse Ähnlichkeit zum Begriff
323 ff.). der Semantik aufweisen. Die Forschung hat bei-
spielsweise auf Parallelen zum Diskursbegriff im Sin-
ne Michel Foucaults (Stäheli 2004), zum Begriff der
Literatur Idee in der jüngeren Ideengeschichtsschreibung
Göbel, Andreas: Theoriegenese als Problemgenese. Eine (Stollberg-Rilinger 2010, 36–40), zum Wissensbe-
problemgeschichtliche Rekonstruktion der soziologi- griff der klassischen Wissenssoziologie (GS1, 11–21;
schen Systemtheorie Niklas Luhmanns. Konstanz 2000. GS4, 151–180), zum Kulturbegriff in den Kulturwis-
–: »Die Selbstbeschreibungen des politischen Systems. Eine senschaften (Burkart 2004, 14–20) sowie zum Begriff
systemtheoretische Perspektive auf die Ideengeschichte«.
In: Kai-Uwe Hellmann/Karsten Fischer/Harald Bluhm des sozialen Gedächtnisses in der Gedächtnistheorie
(Hg.): Das System der Politik. Niklas Luhmanns politi- (Holl 2003) hingewiesen.
sche Theorie. Wiesbaden 2003, 213–235. Im luhmannschen Theoriedesign kommt dem Be-
Kieserling, André: Selbstbeschreibung und Fremdbeschrei- griff ›Semantik‹ eine Schlüsselposition zu, weil er
bung. Beiträge zur Soziologie soziologischen Wissens. zwei unterschiedliche Aspekte verbindet, wie Gesell-
Frankfurt a. M. 2004.
Luhmann, Niklas: »Selbst-Thematisierungen des Gesell-
schaft konzipiert werden kann: als System und als
schaftssystems«. In: SA2, 72–102. Struktur. Als System besteht die Gesellschaft Luh-
Stäheli, Urs: »Die Nachträglichkeit der Semantik«. In: So- mann zufolge aus Kommunikationen, die aneinan-
ziale Systeme 4. Jg., 2 (1998), 315–340. der anschließen. Damit ist nicht nur gemeint, dass
–: Sinnzusammenbrüche. Eine dekonstruktive Lektüre von sich die Gesellschaft permanent verändert, sondern
Niklas Luhmanns Systemtheorie. Weilerswist 2000.
dass sie als operativ geschlossenes System nichts an-
Andreas Göbel deres als diese Veränderung ist. Der Strukturbegriff
zielt hingegen auf relativ stabile, dauerhafte Ord-
nungsmuster ab, die sich in einer Gesellschaft ausbil-
den. Dazu zählen insbesondere die drei Typen
segmentärer, stratifikatorischer und funktionaler
Differenzierung. In der Auseinandersetzung mit dem
Strukturbegriff stellt sich für die Systemtheorie die
Frage, wie sich die beiden Vorstellungen von Prozes-
sualität und Stabilität der Gesellschaft verbinden las-
sen.
Diese Frage beantwortet Luhmann in dem Aufsatz
116 Begriffe

»Gesellschaftliche Struktur und semantische Traditi- Unzahl alltäglicher Kommunikationen: »Hier zählt
on« (GS1, 9–71) ausgehend vom Sinnbegriff, der jeder Fluch der Ruderer in den Galeeren« (GS1, 19).
grundlegend für die Konzeption von Gesellschaft als Das spezifische Quellenmaterial, mit dem sich se-
System ist: Sinn könne nur im Prozessieren von mantische Untersuchungen befassen, nennt Luh-
Kommunikationen erfahren werden und sei deswe- mann ›gepflegte Semantik‹. Damit meint er einen
gen immer gegenwärtig und ereignishaft. Um aber in verhältnismäßig kleinen Anteil an Ideen, der in einer
einer sozialen Situation zu wissen, wie an eine Kom- Gesellschaft für einen längeren Zeitraum erhalten
munikation angeschlossen werden kann, was dabei bleibt. Das wichtigste Erkennungsmerkmal der ge-
zu erwarten ist und was nicht, müsse es ein zeitlich, pflegten Semantik ist die Medialität der Kommuni-
sozial und sachlich generalisiertes Wissen darüber kation, durch die sie vor dem Vergessen bewahrt
geben, was in vergangenen Situationen von anderen wird. Stammesgesellschaften speichern die gepflegte
Kommunikationsteilnehmern getan wurde, als es Semantik beispielsweise im Medium von Ritualen;
um etwas Ähnliches ging. Nur weil man auf typisier- seit den frühen Hochkulturen wird sie aber primär
ten Sinn zurückgreifen könne, bilde sich ein Netz von als schriftlicher Text konserviert. Die Abgrenzung ei-
sozialen Erwartungen und damit eine strukturelle nes Kommunikationsbereiches für gepflegte Seman-
Ordnung aus. Zwar gibt es Luhmann zufolge auch tik ist für Luhmanns Ansatz methodologisch folgen-
völlig überraschende Kommunikationen, doch diese reich, weil er sich damit auf publizierte Texte
würden sogleich mit schon Bekanntem verglichen, beschränken kann: In den Verbreitungsmedien des
damit überhaupt verständlich ist, was gerade ge- Buches oder der Zeitschrift können neue, abwei-
schieht. Die Gesamtheit des in einer Gesellschaft ver- chende Ideen formuliert werden, die auch entfernte
fügbaren typisierten Sinns nennt Luhmann Seman- Leser erreichen und dann, wenn sie plausibel erschei-
tik: »Unter Semantik verstehen wir […] einen nen, als stabile Dogmen in das Ideengut einer Kultur
höherstufig generalisierten, relativ situationsunab- übernommen werden. Damit hat sich Luhmann zu-
hängig verfügbaren Sinn« (GS1, 19; vgl. Luhmann folge ein eigenständiger Raum für die Evolution von
1996, 60). Ideen gebildet (GS1, 45–53; GG, 536–556; I, 55–61).
Wenn man nun mit Luhmann ›Semantik‹ als ei- Diese Ideenevolution habe sich mit der Erfindung
nen typisierten Sinnvorrat begreift, so lässt sie sich des Buchdrucks stark beschleunigt, weil dadurch in
nicht mehr eindeutig der Gesellschaft als System oder immer schnellerer Abfolge und größerer Variation
als Struktur zuordnen. Einerseits können Semanti- Ideen verschriftlicht wurden. Präzisierend müsste
ken nur beobachtet werden, weil sie im Gesellschafts- man im Sinne Luhmanns seit der Frühen Neuzeit al-
system kommuniziert werden, andererseits handelt lerdings von Ideenevolutionen im Plural sprechen,
es sich um eine besondere Art von Kommunikatio- weil sich Ideen in den verschiedenen Funktionssyste-
nen, die Erwartungen strukturieren. Diesen hybri- men unterschiedlich entwickeln (GS1, 44 f.; SA4,
den Charakter von Semantik präzisiert Luhmann in 13–31).
Die Gesellschaft der Gesellschaft anhand der Referen- In der jüngeren Forschung wurde diskutiert, wie
zen von Kommunikationen (GG, 537–539 u. die Verbindung von Gesellschaftsstruktur und Se-
879–893). Demnach lässt sich unterscheiden, ob der mantik zu denken ist (Stäheli 2000, 196–218; Stich-
Inhalt einer Kommunikation die Umwelt der Gesell- weh 2006, 162–169). Luhmann selbst ging davon aus,
schaft betrifft, dann handelt es sich um eine Fremd- dass sich Semantiken ohne Gesellschaftsbezug gar
referenz, oder ob es in der Kommunikation um die nicht stabilisieren könnten und schon deswegen Ide-
Gesellschaft selbst – und das heißt: um Kommunika- en und Gesellschaftsstruktur einem gemeinsamen
tion – geht, dann ist sie selbstreferentiell. Wenn man Evolutionsprozess unterlägen. Wenn Semantiken als
sich darüber verständigen will, was in bestimmten Si- Beobachtungen von Kommunikationen konzipiert
tuationen zu erwarten ist, muss man über Kommu- werden, setzen sie logisch eine Gesellschaftsstruktur
nikationen kommunizieren. Folglich ermöglichen voraus, die sie nachträglich beschreiben. Anderer-
nur selbstreferentielle Kommunikationen den Ver- seits weist Luhmann aber auch darauf hin, dass erst
gleich von sozialen Situationen, können Sinn typisie- durch die Semantik Kommunikation ermöglicht
ren und so eine Semantik bilden. Insofern sie selbst werde. Der späte Luhmann hat deswegen argumen-
Kommunikationen sind, sind sie Teil der Gesell- tiert, dass Sozialstruktur und Semantik doppelt
schaft; weil sie aber andere Kommunikationen beob- durch Latenzen getrennt sind: Die Semantik be-
achten, formen sie Strukturen. schreibt Veränderungen der Sozialstruktur erst,
Semantik bildet sich Luhmann zufolge aus einer wenn sie gefestigt sind, und die Sozialstruktur setzt
117

zeitlich eine Semantik voraus, auf die sie sich bezie- Stollberg-Rilinger, Barbara: »Einleitung«. In: Dies. (Hg.):
hen kann (GG, 539). In Hinsicht auf den Handlungs- Ideengeschichte. Stuttgart 2010, 7–42.
begriff könnte man formulieren, dass Semantiken Christian Kirchmeier
Handlungen voraussetzen, die sie beschreiben kön-
nen, aber auch umgekehrt Handlungen Semantiken
voraussetzen, nach denen sie sich richten können.
Daher hat sich in der Forschung ein Modell etabliert, 25. Sinn
wonach sich Gesellschaftsstruktur und Semantik
wechselseitig konstituieren. ›Sinn‹ ist einer der wichtigsten Begriffe in der luh-
Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts wurden mannschen Systemtheorie; in Soziale Systeme wid-
Zweifel laut, ob eine von Luhmann ausgehende Wis- met ihm Luhmann das gesamte zweite Kapitel (SS,
senssoziologie seiner einseitigen Bevorzugung der 92–147). Er ist aber zugleich einer der schwierigsten
gepflegten Semantik folgen soll (Stäheli 2000, Begriffe: Luhmanns Definition, »Sinnprozessieren«
218–223; Stichweh 2006, 160). Denn mit diesem Be- sei ein »ständiges Neuformieren der sinnkonstituti-
griff verbindet sich eine Selbsteinschränkung des ven Differenz von Aktualität und Möglichkeit« (SS,
Blicks auf schriftliche Texte, die zumindest einem mi- 100), lässt sich nur im Kontext der gesamten System-
nimalen Kanonisierungsprozess unterworfen waren, theorie verstehen. In erster Annäherung meint der
wohingegen Formen alltäglicher, privater Kommu- luhmannsche Sinnbegriff aber einfach den Verweis
nikation – beispielsweise Tagebücher, Briefkorres- auf etwas anderes: Der Sinn eines Wortes oder Satzes
pondenzen oder Verhörprotokolle sowie alle Formen ist das, was mit dem Wort oder Satz gemeint ist.
nichtschriftlicher Kommunikation – kaum beachtet Edmund Husserl, auf den sich Luhmann bezieht,
werden. Gerade die kulturwissenschaftliche For- hat diesen Sinnbegriff eng mit dem Bewusstsein in
schung hat aber zeigen können, wie ergiebig diese Verbindung gebracht. Er spricht von einem ›inten-
Textgattungen sind. tionalen Bewusstsein‹, also davon, dass Bewusst-
seinsakte immer auf einen Gegenstand gerichtet
Literatur sind. Luhmanns Idee ist nun, dass sich nicht nur das
Bewusstsein, sondern auch die Kommunikation
Burkart, Günter: »Niklas Luhmann: Ein Theoretiker der durch diesen sinnhaften Gegenstandsbezug aus-
Kultur?« In: Ders./Gunter Runkel (Hg.): Luhmann und
zeichnet (dagegen Schülein 1982, 654). Bewusstsein
die Kulturtheorie. Frankfurt a. M. 2004, 11–39.
Holl, Mirjam-Kerstin: Semantik und soziales Gedächtnis. ist immer Bewusstsein von etwas, genauso wie Kom-
Die Systemtheorie Niklas Luhmanns und die Gedächt- munikation immer Kommunikation über etwas ist.
nistheorie von Aleida und Jan Assmann. Würzburg 2003. Psychische Systeme (die Luhmann zufolge Bewusst-
Luhmann, Niklas: »Gesellschaftliche Struktur und seman- seinsakte prozessieren) und soziale Systeme (die
tische Tradition«. In: GS1, 9–71.
Luhmann zufolge Kommunikationen prozessieren)
–: »›Distinctions directrices‹. Über Codierung von Seman-
tiken und Systemen«. In: SA4, 13–31. hätten insofern eine Sonderstellung, als sie die einzi-
–: »Individuum, Individualität, Individualismus«. In: GS3, gen Systeme sind, die Sinn verwenden.
149–258. Schon in dem frühen, programmatischen Aufsatz
–: »Über Natur«. In: GS4, 9–30. »Sinn als Grundbegriff der Soziologie« (TGS,
–: »Kultur als historischer Begriff«. In: GS4, 31–54. 25–100) nimmt Luhmann noch einen zweiten Ge-
–: »Die Soziologie des Wissens: Probleme ihrer theoreti-
schen Konstruktion«. In: GS4, 151–180. danken Husserls auf, der über einen bloß statischen
–: »Complexity, Structural Contingencies and Value Con- Sinnbegriff als Referenz hinausführt. Luhmann ar-
flicts«. In: Paul Heelas/Scott Lash/Paul Morris (Hg.): De- gumentiert, dass sich Sinn zwar immer auf etwas Be-
traditionalization. Critical Reflections on Authority and stimmtes bezieht, aber dabei anderes, was gerade
Identity. Cambridge, MA/Oxford 1996, 59–71. nicht Thema ist, als Möglichkeiten mit sich führt.
Stäheli, Urs: Sinnzusammenbrüche. Eine dekonstruktive
Lektüre von Niklas Luhmanns Systemtheorie. Weilers- Der nächste Bewusstseinsakt oder die nächste Kom-
wist 2000. munikation kann dann eine dieser Möglichkeiten
–: »Semantik und/oder Diskurs. ›Updating‹ Luhmann mit auswählen, die so zum nächsten Sinnbezug wird und
Foucault?« In: kultuRRevolution Nr. 47 (2004), 14–19. ihrerseits wieder neue Möglichkeiten mitführt usw.
Stichweh, Rudolf: »Semantik und Sozialstruktur. Zur Logik Sinn stellt in diesem Verständnis nicht nur eine aktu-
einer systemtheoretischen Unterscheidung«. In: Dirk
Tänzler/Hubert Knoblauch/Hans-Georg Soeffner (Hg.): elle Referenz her, sondern ist auch dafür verantwort-
Neue Perspektiven der Wissenssoziologie. Konstanz lich, dass in einem permanenten Prozess Bewusstsein
2006, 157–171. an Bewusstsein und Kommunikation an Kommuni-
118 Begriffe

kation anschließt. Das expliziert Luhmann an einem temtheorie auch eine Negation von Sinn konzipiert
Beispiel: »Eine Rose ist eine Rose – aber nicht nur werden müsste (Hahn 1987; Lohmann 1987; Balke
eine Rose, sondern eine Rose in meinem Garten, die 1999, 144–148; Stäheli 2000, 64–92).
von Unkraut bedroht ist, das man chemisch bekämp- Die für den Sinnbegriff zentrale Unterscheidung
fen müßte, was man aber neuerdings wiederum nicht verläuft in der luhmannschen Systemtheorie demzu-
soll, weil die Umwelt geschont werden muß, usw. Die folge nicht zwischen Sinn und Nicht-Sinn, sondern
Selbstverweisung garantiert den jeweils aktuellen zwischen »Aktualität und Möglichkeit« (SS, 100),
Sinn als Platzhalter für eine Vielzahl von weiteren also zwischen der aktuell selektierten Information,
Verweisungen, weiteren Möglichkeiten des Erlebens auf die sich ein bestimmter Sinn bezieht, und den
und der Kommunikation, die jeweils neuen Aus- Möglichkeiten für weitere Anschlüsse, die der Sinn
gangssinn aktualisieren mit jeweils neuen Möglich- als Verweisungshorizont mit sich führt. Die zentrale
keiten der Selbstverweisung und des rekursiven evolutionäre Errungenschaft sinnverarbeitender Sys-
Wiederaktualisierens dessen, wovon man ausgegan- teme sieht Luhmann in der Reduktion von Weltkom-
gen war« (I, 13). plexität, weil Sinn immer einen aktuellen Verweis
Dieses Zitat führt zu einem weiteren Aspekt von selektiert und alles andere in einen Möglichkeitsho-
Luhmanns Sinnbegriff. Bewusstseinsakte und Kom- rizont aufschiebt (Luhmann 1990). Damit ein Sys-
munikationen verweisen demzufolge nicht nur auf tem Sinn verarbeiten und die Komplexität der
einen bestimmten Sachverhalt, sondern außerdem Sinnerfahrung reduzieren kann, muss Sinn typisiert
auf sich selbst, nämlich auf den aktuellen Bewusst- werden (SS, 122–141). Nur so kann bei einer Sinner-
seinsakt oder die aktuelle Kommunikation, sowie auf fahrung, die aus einer hohen Datenmenge besteht,
die ganze Welt, die als möglicher Sinnbezug den Ho- auch dann ein bestimmter Gegenstand identifiziert
rizont des je aktuellen Sinninhalts bildet. Das erklärt werden, wenn die Wahrnehmung von einer Idealvor-
auch, warum sich Luhmann explizit dagegen aus- stellung abweicht. Außerdem wird Luhmann zufolge
spricht, Sinn als Zeichen zu definieren. Zeichen jeder Sinnerfahrung eine bestimmte Dauer zuge-
könnten zwar einen Sinnbezug auf ein bestimmtes sprochen und davon ausgegangen, dass auch andere
Signifikat herstellen, sie seien aber nicht in der Lage, dieselbe Erfahrung machen könnten.
darüber hinaus zugleich sich selbst und die Univer- Luhmann argumentiert, dass die Typisierungen
salität der Welt zu bezeichnen (SS, 107). entlang dreier Differenzen erfolgen, die als Sinn-
In seinem Spätwerk setzt Luhmann den Sinnbe- dimensionen Bestandteil jeden Sinns sind (SS,
griff in Beziehung zur Medium/Form-Unterschei- 112–122): Unter Sachdimension versteht Luhmann,
dung. Einerseits sei jeder Sinn, der sich in einem dass Sinn immer aktuell auf einen bestimmten Ge-
Bewusstseinsakt oder einer Kommunikation ereig- genstand oder ein bestimmtes Thema bezogen ist.
net, eine Form, weil er aktuell auf etwas Bestimmtes Der Sachdimension liegt die Unterscheidung zwi-
bezogen ist. Wenn es in einer Kommunikation um schen ›Dieses‹ und ›Anderes‹ zugrunde. Damit
eine Rose geht, hat dieser Sinnbezug eine andere lässt sich entscheiden, ob verschiedene Bewusst-
›Form‹ als eine Kommunikation über den Dollar- seinsakte bzw. Kommunikationen noch innerhalb
kurs. Zugleich handle es sich bei Sinn aber um ein desselben Gegenstandsbereiches bzw. desselben
»Universalmedium« (GG, 51), weil es keine Kommu- Themas liegen, oder ob es um Verschiedenes geht.
nikation und keinen Bewusstseinsakt gibt, die/der Die Zeitdimension, die auf der Unterscheidung
nicht Sinn verarbeiten würde. Psychische und soziale zwischen Vorher und Nachher beruht, führt nicht
Systeme operieren demzufolge im Medium ›Sinn‹ – nur dazu, dass der bloße operationale Anschluss
und nie anders. Luhmann spricht von ›Sinn‹ auch als von Sinn an Sinn gesehen wird, sondern dass Sys-
einem ›differenzlosen‹, d. h. nicht-negierbaren Be- teme eine eigene Zeitsemantik von Vergangenheit,
griff (SS, 96 f.). Denn die Negation von Sinn ist für Gegenwart und Zukunft ausbilden. Als dritte Sinn-
soziale und psychische Systeme nur möglich, wenn differenz gibt Luhmann die Ego/Alter-Unterschei-
sie sich (auf der Metaebene) sinnhaft darauf bezie- dung an, die er der Sozialdimension zuschreibt.
hen. Über Sinnlosigkeit lässt sich definitionsgemäß Damit meint er allerdings nicht, dass sich Sinn auf
nur sinnhaft kommunizieren. Als Phänomen besteht eine Person bezieht, wie es beispielsweise der Fall
Sinnlosigkeit dann lediglich »in einer Verwirrung wäre, wenn man über jemanden kommuniziert –
von Zeichen« (SS, 96). Diese Äußerung ist in der For- denn ein solcher Bezug wäre der Sachdimension
schung auf Widerstand gestoßen, und es wurde zugeordnet. Die Sozialdimension bezieht sich viel-
mehrfach argumentiert, dass im Rahmen der Sys- mehr auf die Frage, ob eine Sinnerfahrung auch
Struktur 119

für andere gleichermaßen möglich wäre, ob sie 26. Struktur


also konsensfähig ist.
Die Sinndimensionen sind einer der wenigen Niklas Luhmann möchte seine Theorie nicht als
Theoriebausteine Luhmanns, die auf einer additiven ›strukturalistisch‹ verstanden wissen (SS, 377–382).
Ansammlung dreier Komponenten beruhen. Wäh- Gleichzeitig formuliert er: »Kein Systemtheoretiker
rend Luhmann beispielsweise begründet, warum wird leugnen, daß komplexe Systeme Strukturen
›Verstehen‹ als dritter Bestandteil von Kommunika- ausbilden und ohne Strukturen nicht existieren kön-
tion durch die Differenzierung von Information und nen« (SS, 382). Der Strukturbegriff hat in der Sys-
Mitteilung gebildet wird, bleibt in seinem Theorie- temtheorie auf den ersten Blick eine nachgeordnete
design unklar, warum es genau drei Sinndimensio- Position. Statt von einer Vorstellung strukturdeter-
nen geben sollte. In der Forschung wurde daher minierter Gesellschaft auszugehen, ordnet Luhmann
diskutiert, ob nicht eine vierte Sinndimension mög- den Strukturbegriff in die temporalisiert gedachte
lich wäre, beispielsweise als Dimension der Referenz, Theorie autopoietischer Systembildung ein. Struktu-
die auf der Unterscheidung Selbst-/Fremdreferenz ren werden genauso wie die Elemente des Systems im
beruht (Schützeichel 2003, 47 f.), oder als Raumdi- System produziert, aktualisiert, verändert oder stabil
mension, in der zwischen Ferne und Nähe unter- gehalten. Gerade diese Konzeption des Strukturbe-
schieden wird (Stichweh 2000, 187). Die Frage nach griffs führt dazu, die Eigendynamiken von Systemen
dem theorietechnischen Status der Sinndimensionen als eigenständige Realität analytisch nachvollziehen
ist bisher nicht befriedigend beantwortet. und beschreiben zu können. Der Strukturbegriff
wird somit insbesondere für den (wissenschaftli-
chen) Beobachter zu einer »unentbehrlichen Hilfe«
Literatur (SS, 382).
Luhmann nutzt den Strukturbegriff bereits in sei-
Balke, Friedrich: »Dichter, Denker und Niklas Luhmann.
Über den Sinnzwang in der Systemtheorie«. In: Albrecht
nen frühen organisationssoziologischen Studien,
Koschorke/Cornelia Vismann (Hg.): Widerstände der ohne ihn dort jedoch systematisch als Grundbegriff
Systemtheorie. Kulturtheoretische Analysen zum Werk seiner Theorie zu verwenden (FuF, 29). Erst in Soziale
von Niklas Luhmann. Berlin 1999, 135–157. Systeme widmet er sich in einem gesonderten Kapitel,
Hahn, Alois: »Sinn und Sinnlosigkeit«. In: Hans Hafer- »Struktur und Zeit«, einer theoretischen Ausarbei-
kamp/Michael Schmid (Hg.): Sinn, Kommunikation
tung des Strukturbegriffs und nimmt deutliche Ab-
und soziale Differenzierung. Beiträge zu Luhmanns
Theorie sozialer Systeme. Frankfurt a. M. 1987, 155–164. grenzungen zu strukturalistischen und struktur-
Lohmann, Georg: »Autopoiesis und die Unmöglichkeit von funktionalistischen Theorien vor. Insbesondere di-
Sinnverlust. Ein marginaler Zugang zu Niklas Luhmanns stanziert er sich vom Strukturalismus Claude Lévi-
Theorie ›Soziale Systeme‹«. In: Hans Haferkamp/Micha- Strauss’ und dem Strukturfunktionalismus Talcott
el Schmid (Hg.): Sinn, Kommunikation und soziale Dif-
Parsons’. Das Problem am Strukturalismus sieht Luh-
ferenzierung. Beiträge zu Luhmanns Theorie sozialer
Systeme. Frankfurt a. M. 1987, 165–184. mann darin, dass Sinn nur modellhaft über die Iden-
Luhmann, Niklas: »Sinn als Grundbegriff der Soziologie«. tifikation von stabilen Beziehungen zwischen Ele-
In: TGS, 25–100. menten rekonstruiert wird. Lévi-Strauss wirft er
–: »Complexity and Meaning«. In: Ders.: Essays on Self-Re- stellvertretend vor, dass der Strukturbegriff sich le-
ference. New York 1990, 80–85. diglich auf theoretische Modellabstraktionen empi-
–: »Sinn, Selbstreferenz und soziokulturelle Evolution«. In:
I, 7–71. rischer Realität bezieht und somit die Strukturmo-
Ort, Nina: »Sinn als Medium und Form. Ein Beitrag zur Be- delle, die die Realität selbst hervorbringt, nicht mehr
griffsklärung in Luhmanns Theoriedesign«. In: Soziale von der eigenen Analyse unterschieden werden kön-
Systeme 4. Jg. (1998), 207–218. nen (SS, 377–382). An der Gesellschaftstheorie Par-
Schülein, Johann: »Zur Konzeptionalisierung des Sinnbe- sons’ kritisiert er, dass sie von bestimmten Struktur-
griffs«. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozial-
psychologie 34. Jg. (1982), 649–664. vorgaben ausgeht, ohne diese zu problematisieren. Er
Schützeichel, Rainer: Sinn als Grundbegriff bei Niklas Luh- distanziert sich somit von der strukturfunktionalisti-
mann. Frankfurt a. M./New York 2003. schen Perspektive, die Handlungen nur in Hinblick
Stäheli, Urs: Sinnzusammenbrüche. Eine dekonstruktive auf bestimmte vorher festgelegte Funktionen unter-
Lektüre von Niklas Luhmanns Systemtheorie. Weilers- sucht, um zeigen zu können, wie sich soziale Struk-
wist 2000.
Stichweh, Rudolf: Die Weltgesellschaft. Soziologische Ana-
turen erhalten (ES, 18–40).
lysen. Frankfurt a. M. 2000. Grundsätzlich definiert Luhmann ›Struktur‹ als
Christian Kirchmeier »Einschränkung der im System zugelassenen Relatio-
120 Begriffe

nen« (SS, 384). Mit dieser Definition bricht Luh- begriff zu ›Varianz‹ zu verstehen sind. Aus der Per-
mann sowohl mit dem strukturalistischen als auch spektive der operativen Logik der Systemtheorie und
mit dem strukturfunktionalistischen Strukturbe- dem damit zusammenhängenden Zeitbegriff kön-
griff. Strukturen werden demzufolge nicht als etwas nen Strukturen dies gar nicht leisten, da auch sie im-
begriffen, das bestimmte Elemente in Beziehung mer nur in der Gegenwart fungieren können
setzt. Vielmehr geht es darum, grundsätzlich sowohl (Nassehi 2008, 182–210). So schreibt Luhmann:
von Strukturen als auch von Elementen auszugehen, »Strukturen gibt es nur als jeweils gegenwärtige; sie
die in einem dynamischen Verhältnis zueinander ste- durchgreifen die Zeit nur im Zeithorizont der Ge-
hen. Die jeweils aktuelle Beziehung konstituiert da- genwart, die gegenwärtige Zukunft mit der gegen-
bei die sinnhafte Qualität der Elemente des Systems. wärtigen Vergangenheit integrierend« (SS, 399).
Der Strukturbegriff erhält seine theoretische Leis- Strukturen stellen so – da sie selbst als Selektion mög-
tungsfähigkeit dadurch, dass Strukturen nicht an licher Relationen zu verstehen sind – einen je gegen-
konkrete Elemente bzw. Ereignisse gebunden wer- wärtigen Möglichkeitsspielraum dar, der einerseits
den, sondern Sinn darüber konstituiert wird, dass die ereignishaften Elemente miteinander verknüpft,
Strukturen Einschränkungen darstellen, die von un- anderseits jedoch nicht bestimmen kann, was im
terschiedlichen Elementen realisiert werden können. konkreten Moment, in der konkreten Praxis passiert.
Strukturwert gewinnen die Relationen von Elemen- Die Struktur eines Hochschulseminars schränkt so-
ten nur dadurch, »daß die jeweils realisierten Relatio- mit die Praxis einer Seminarsitzung ein, indem be-
nen eine Auswahl aus einer Vielzahl von kombinatori- stimmte Formen – wie Wortmeldungen, Referate,
schen Möglichkeiten darstellen und damit die Vortei- Diskussionen – wahrscheinlicher sind als andere.
le, aber auch die Risiken einer selektiven Reduktion Strukturen geben hierbei nicht vor, was konkret pas-
einbringen. Und nur diese Auswahl kann beim Aus- siert. Gleichzeitig ermöglichen sie jedoch die gegen-
wechseln der Elemente konstant gehalten werden, das wärtige Verknüpfung der Ereignisse in der Zeit. Man
heißt mit neuen Elementen reproduziert werden« kann z. B. an die Diskussion der letzten Sitzung erin-
(SS, 383 f.). Strukturen begrenzen das, was in kon- nern und Texte als gelesen voraussetzen.
kreten Praxen möglich ist. Strukturen leisten so »die Hier lässt sich sehen, dass das Konzept der Struk-
Überführung unstrukturierter in strukturierte Kom- tur in sozialen und psychischen Systemen immer die
plexität« (SS, 383). Ohne die Einschränkung von Form von Erwartungsstrukturen annimmt. Wenn
Möglichkeiten wären sinnvolle Anschlüsse ausge- Strukturen als Erwartungsstrukturen verstanden
schlossen und – bezogen auf soziale Systeme – keine werden, wird klar, dass Strukturen nicht als ein
Kommunikation verstehbar. Ein Gruß wäre nicht als Apriori der konkreten Praxis verstanden werden dür-
Gruß zu entschlüsseln, ein Streit nicht als Streit, fen, sondern immer als gegenwärtig aktualisierte
Handlung nicht als Handlung und Kommunikation Einschränkungen von Möglichkeiten in der konkre-
nicht als Kommunikation. Struktur ist der Autopoie- ten Situation (Bora 1999). Erwartungen führen dabei
sis von Systemen insofern vorausgesetzt, als sie die immer auch die Möglichkeit der Enttäuschung einer
Elemente eines Systems überhaupt erst als sinnhaft Erwartung mit, indem Abweichendes, Überraschen-
qualifiziert. Gleichzeitig ist Struktur aber nicht die des, Neues und Zufälliges registriert wird. Durch die-
Ursache von Autopoiesis, sondern immer nur die je se Konzeption des Strukturbegriffs wird deutlich,
aktuelle Einschränkung der Verknüpfbarkeit von dass in der systemtheoretischen Lesart Strukturen
Elementen. nicht für zeitstabile Invarianz stehen, da auch sie nur
Die theoretische Verbindung der Begriffe der Au- gegenwärtig zu haben sind und sich somit immer
topoiesis und der Struktur führt dazu, den Struktur- auch als veränderbar darstellen. Sie strukturieren in
begriff konsequent als einen temporalen Begriff zu der Gegenwart permanent Abweichendes, Überra-
fassen. Aus systemtheoretischer Sicht wird immer schendes, Neues und Zufälliges und verunsichern
schon von einer temporalisierten Komplexität ausge- und verändern sich dabei selbst. Wandel wird des-
gangen; Elemente sind demnach schlicht Ereignisse, halb systemtheoretisch konsequent als evolutionärer
die im Augenblick ihres Auftretens schon wieder ver- Prozess gedacht.
schwinden. Strukturen stellen die Anschlussfähigkeit Strukturen tragen dennoch und trotz ihrer Gegen-
von Ereignis zu Ereignis ›in der Zeit‹ sicher und wir- wartsabhängigkeit dazu bei, dass Systeme hohe Kom-
ken somit dem permanent drohenden Zerfall von plexität aufbauen können, da sie in ihrer Funktion
Systemen entgegen. Damit ist nicht gemeint, dass sie der Zeitvermittlung auf sich selbst zurückgreifen
als Garanten für Stabilität und damit als ein Gegen- können und so Strukturaufbau »im Nacheinander
Strukturelle Kopplung 121

geschieht« (SA6, 74). Der systemtheoretische Struk- ner Interaktion zwischen zwei geschlossenen, auto-
turbegriff ist somit konsequent in eine poststruktu- poietischen Systemen (wie z. B. Zellen), die sich
ralistische Theorietradition einzuordnen, die sich für durch diese Interaktion jeweils wechselseitig zu
Strukturaufbau in der Praxis interessiert (Stäheli Strukturveränderungen anregen, ohne diese deter-
2000). Der Strukturbegriff ist deshalb gerade für die minieren zu können.
empirisch ausgerichtete systemtheoretische For- In Rahmen der luhmannschen Systemtheorie
schung unerlässlich. Durch die Rekonstruktion von wird der Begriff auf soziale Systeme bezogen und da-
Strukturen kann sozialer Ordnungsaufbau und des- durch gegenüber der Verwendungsweise von Matu-
sen Veränderung nachgezeichnet werden (Schneider rana spezifiziert. Davon muss man jedoch den
2000; Groddeck 2011). Bei der Beobachtung von Begriff der Interpenetration abheben, der gerade in
konkreten Praxen gelingt es dann zu verstehen, wie früheren Überlegungen Luhmanns bisweilen syno-
Strukturen bestimmte sinnhafte Anschlüsse wahr- nym mit dem der strukturellen Kopplung verwendet
scheinlich und andere unwahrscheinlich machen. wird. Der Begriff der Interpenetration evoziert dabei
Dabei geht es insbesondere auch darum, die Aktua- die Vorstellung einer wechselseitigen Durchdringung
lisierung von Strukturen zu verstehen, die über die und wird insofern definiert als reziproke Inan-
konkrete Praxis ›hinausreichen‹, wie Erwartungen an spruchnahme operativer Momente eines Systems für
Personen, die hierarchischen Strukturen in Organi- die Operationen des anderen Systems. Eine solche
sation, gesellschaftliche Werte und Semantiken oder Definition hebt nicht zuletzt auf das Zusammenspiel
spezifische Sinnformen funktionaler Logiken. Nur funktional ausdifferenzierter Sozialsysteme ab.
die Rekonstruktion von Strukturen informiert einer- Luhmann bezieht sich mit dem Begriff der struk-
seits über konkrete Einschränkungen von Möglich- turellen Kopplung sehr viel stärker auf die Idee der
keiten in sozialen Praxen, verweist aber andererseits operativen Schließung eines Systems in der Art und
auf ihre zeitlichen, sachlichen und sozialen Kontexte. Weise, wie es prozessiert, und er stellt ihn in engen
Der Strukturbegriff ist somit die ›unentbehrliche Zusammenhang mit der Autopoiesis als System-
Hilfe‹ des Beobachters. eigenschaft. Gegenüber dem Begriff der Interpene-
tration ermöglicht er eine Präzisierung und Radikali-
sierung. Wo ›Interpenetration‹ definiert wird als
Literatur Inanspruchnahme fremder Komplexität zum Auf-
Bora, Alfons: Differenzierung und Inklusion. Partizipative bau eigener Komplexität in einem System, betont das
Öffentlichkeit im Rechtssystem moderner Gesellschaf- Konzept der strukturellen Kopplung, dass die Inan-
ten. Baden-Baden 1999. spruchnahme selbst wiederum prozessual vonstatten
Groddeck, Victoria von: Organisation und Werte. Formen, gehen muss. Interpenetration ist daher sowohl der
Funktionen, Folgen. Wiesbaden 2011.
Luhmann, Niklas: »Die Autopoiesis des Bewußtseins«. In: frühere Begriff als auch das allgemeinere Konzept.
SA6, 55–112. Insofern gewinnt der Begriff der strukturellen Kopp-
Nassehi, Armin: Die Zeit der Gesellschaft. Auf dem Weg zu lung in dem Maße an Bedeutung, in dem auch die
einer soziologischen Theorie der Zeit. Neuauflage mit ei- Konzeption der Autopoiesis an Bedeutung für die
nem Beitrag »Gegenwarten«. Wiesbaden 2008. Systemtheorie gewinnt. Denn mit der Konzeption
Schneider, Wolfgang Ludwig: »The Sequential Production
of Social Acts in Conversation«. In: Human Studies
der strukturellen Kopplung erklärt die Systemtheo-
23. Jg., 2 (2000), 123–144. rie, wie autopoietische Systeme trotz (oder vielmehr
Stäheli, Urs: Sinnzusammenbrüche: Eine dekonstruktive wegen) ihrer operativen Schließung einander beein-
Lektüre von Niklas Luhmanns Systemtheorie. Weilers- flussen können.
wist 2000. Aus der Konzeption der strukturellen Kopplung
Victoria von Groddeck
lassen sich spezifische Systembedingungen ableiten.
Strukturell gekoppelt können erstens nur Systeme
sein, nicht aber andere Entitäten, Gegenstände oder
Zustände. Und zweitens müssen diese Systeme zeit-
27. Strukturelle Kopplung abhängig und mithin ereignisbasiert sein. Es müssen
also prozessierende Systeme sein; Systeme, die nicht
Der Begriff der strukturellen Kopplung stammt ur- nur Operationen vollführen, sondern die aus ihren
sprünglich von Humberto Maturana und wurde im Operationen bestehen. Strukturell gekoppelt sind
Kontext seines biologischen Konstruktivismus ent- mithin nur Systeme, die sich ausschließlich selbst re-
wickelt. Er meint dort die stabile, rekursive Form ei- produzieren und in diesem Selbstvollzug operativ ge-
122 Begriffe

schlossen sind, somit überschneidungsfrei operieren, beobachtet werden können, können psychisches und
also kurz gesagt: autopoietische Systeme. Autopoie- soziales System nur als strukturell gekoppelte beob-
sis, operative Schließung und strukturelle Kopplung achtet werden – oder gar nicht. Luhmann setzt sich
sind notwendigerweise miteinander korreliert. insofern von Maturana ab, indem er die Konzeption
Strukturell gekoppelt sind in diesem Sinne Syste- der strukturellen Kopplung nur noch für soziale und
me, die – im Grunde genommen eine tautologische psychische Systeme in Anschlag bringt.
Formulierung – die Operativität des anderen Systems Das lässt nun den Schluss zu: Bewusstsein und
unabdingbar für ihre eigene Operativität vorausset- Kommunikation stellen eine ausgezeichnete struktu-
zen. Von struktureller Kopplung kann gesprochen relle Kopplung dar. Selbstverständlich räumt Luh-
werden, wenn ein Beobachter drei Sachverhalte be- mann ein, dass es kein Bewusstsein und keine
obachtet: erstens, wie in einem System Ereignisse im Kommunikation ohne Lebewesen gibt, denen Be-
Prozess der Selbstreproduktion so produziert wer- wusstsein und Kommunikation unterstellt werden
den, dass diese im anderen System wiederum jeweils kann. Aber dies gilt nicht umgekehrt; die Autopoiesis
systemspezifisch ko-produziert werden; sodann, dass von Lebewesen lässt sich durchaus ohne Bewusstsein
diese Ko-Produktion wiederum im anderen System und/oder Kommunikation denken, während Be-
als Eigenproduktion abläuft; und schließlich, dass wusstsein und Kommunikation notwendig, unab-
Produktion und Ko-Produktion jeweils wechselseitig dingbar und konstitutiv miteinander strukturell
austauschbar sind. Strukturelle Kopplung ist, wo sie gekoppelt sind!
auftritt, für die gekoppelten Systeme notwendig und Strukturelle Kopplung lautet also die Antwort auf
konstitutiv. Deswegen definiert sie den Prozesscha- den Titel eines der berühmtesten Aufsätze Luh-
rakter der jeweiligen Systeme und damit die Systeme manns: »Wie ist Bewußtsein an Kommunikation be-
selbst. Strukturell gekoppelt zu sein ist keine akziden- teiligt?« (SA6, 37–54). Nur in struktureller Kopplung
telle, sondern eine substantielle Systemeigenschaft, sind »Bewußtseinssysteme fähig, kommunikative
eine Conditio sine qua non der gekoppelten Systeme. Systeme zu beobachten, aber auch umgekehrt: kom-
Auch wenn alle Systeme, die diese Bedingungen munikative Systeme fähig, Bewußtseinssysteme zu
erfüllen, für strukturelle Kopplung in Frage kommen beobachten« (SA6, 47).
und damit automatisch als strukturell gekoppelte in Damit aber kann die Konzeption der strukturellen
Erscheinung treten, also beobachtbar sind, so werden Kopplung die in ihr zusammengefassten Konzeptio-
theoretisch zunächst einmal nur jene drei Systeme nen des Bewusstseins und der Kommunikation (des
interessant, die paradigmatisch Autopoiesis konsti- psychischen und des sozialen Systems) verändern,
tuieren und realisieren: das organische System (der und sogar ein anderes Licht auf die Theoriearchitek-
Körper eines Lebewesens), das psychische System tur der Systemtheorie insgesamt werfen. Insbesonde-
(Bewusstsein) und das soziale System (Gesellschaft re Peter Fuchs hat darauf aufmerksam gemacht, dass
als Kommunikationssystem). Doch schon allein auf- Kommunikation und Bewusstsein absolut nicht in-
grund der unterschiedlichen Autopoiesis-Konzepte, dividualistisch oder subjektiv verstanden werden
die für Lebewesen und ihre Organismen einerseits müssen. Vielmehr kann mit Hilfe der Konzeption der
(so wie dieses Konzept ursprünglich von Varela und strukturellen Kopplung der Systemcharakter der be-
Maturana im biologischen Kontext entwickelt wur- teiligten Systeme deutlich gemacht und mithin Be-
de) und für psychische bzw. soziale Systeme anderer- wusstsein und Kommunikation radikal parallelisiert
seits (wie es durch eine deutliche Redefinition durch werden. In die Operationsweise beider Systeme wird
Luhmann im systemtheoretischen Kontext ausgear- die in der strukturellen Kopplung operativ vollzoge-
beitet wurde) in Anschlag gebracht werden, kann ne Differenz über ein Re-entry im Prozess wieder
man erkennen, dass die strukturelle Kopplung mit hineinkopiert, so dass beide Systeme nicht nur struk-
Organismen von anderer Qualität ist als diejenige turell gekoppelt sind, sondern sich auch jeweils selbst
zwischen Bewusstsein und Kommunikation. Wäh- durch diese strukturelle Kopplung prozessual konsti-
rend sich lebende, organische Systeme materiell re- tuieren: Sowohl psychische als auch soziale Systeme
produzieren, existieren psychische und soziale Syste- müssen intern und je für sich zwischen Bewusstsein
me in ihrer Autopoiesis ausschließlich als der und Kommunikation unterscheiden. Damit über-
Prozess, in dessen Verlauf sie sich selbst reproduzie- nimmt diese Konzeption in der Theoriearchitektur
ren. Während also organische Systeme (z. B. Zellen) eine fundierende und konstitutive Funktion; man
zwar notwendigerweise strukturell gekoppelt sind, könnte sogar überlegen, ob die strukturelle Kopp-
aber dennoch auch ohne die strukturelle Kopplung lung, die so konzipierte Differenz von Bewusstsein
System / Umwelt 123

und Kommunikation, für die Systemtheorie nicht gleich hin vergleichbar sind« (SS, 16). Systemtheorie
noch grundlegender wäre als die System-Umwelt- ist also keine Theorie, die in der Welt auffindbare Sys-
Differenz. Sie bekäme eine transzendentale Dimen- teme und Teilsysteme identifiziert, sondern eine
sion, weil alles, was beobachtet werden kann, nur be- Theorie, die davon ausgeht, dass man durch die ana-
obachtet werden kann, weil Kommunikation und lytische Nutzung der Unterscheidung System/Um-
Bewusstsein strukturell gekoppelt sind. welt etwas über die Gesellschaft herausfinden kann.
Es gibt kein systemtheoretisches Argument, das
ohne die Nutzung der System/Umwelt-Unterschei-
Literatur dung auskommt. Die Unterscheidung ist keine klas-
Baecker, Dirk: »Die Unterscheidung zwischen Kommuni- sische soziologische Figur, sondern ein Hinweis
kation und Bewußtsein«. In: Wolfgang Krohn/Günter darauf, dass sich Luhmann durch naturwissenschaft-
Küppers (Hg.): Emergenz. Die Entstehung von Ord- liche, vor allem biologische Forschungen hat inspi-
nung, Organisation und Bedeutung. Frankfurt a. M. rieren lassen. Seine Systemtheorie reagiert auf
1992, 217–268.
Fuchs, Peter: Moderne Kommunikation. Zur Theorie des revolutionäre Veränderungen in der (Selbst-)Be-
operativen Displacements. Frankfurt a. M. 1993. schreibung von Natur- und Geisteswissenschaften,
Jahraus, Oliver: »Bewußtsein und Kommunikation. Zur die spätestens in den 1930er Jahren virulent werden.
Konzeption der strukturellen Kopplung«. In: Oliver Jahr- So wird das newtonsche Weltbild durch Forschungen
aus/Nina Ort (Hg.): Bewußtsein – Kommunikation – in der Physik – man denke an die Heisenbergsche
Zeichen. Tübingen 2001, 23–47.
Luhmann, Niklas: »Wie ist Bewußtsein an Kommunikation
Unschärferelation oder Albert Einsteins Relativitäts-
beteiligt?« In: SA6, 37–54. theorie – infrage gestellt. Zellforscher und Ingenieure
Maturana, Humberto R.: Erkennen. Die Organisation und zweifeln angesichts ihrer Forschungsergebnisse an
Verkörperung von Wirklichkeit. Ausgewählte Aufsätze der kausalen Wirkung absoluter Gesetzmäßigkeiten
zur biologischen Epistemologie. Braunschweig 1982. auf alle chemischen und physikalischen Elemente
– /Varela, Francisco J.: Der Baum der Erkenntnis. Die bio-
und der Gleichmäßigkeit von Raum und Zeit. Auch
logischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. Mün-
chen 1987. der Systembegriff – ein aus der Antike stammender
Oliver Jahraus Begriff, der in der Neuzeit von Philosophen zur Be-
schreibung einer aus Elementen bestehenden Ganz-
heit genutzt wird – wird zur Umschreibung dieses
neuen Bewusstseins herangezogen. Um 1950 be-
28. System / Umwelt gründet Norbert Wiener die Kybernetik. Gleichzeitig
entwirft Ludwig von Bertalanffy die ›General Sys-
»Die folgenden Überlegungen gehen davon aus, daß tems Theory‹, welche die »wichtigsten Vorarbeiten«
es Systeme gibt.« Dieser Satz, mit dem Luhmann das (SS, 12) für Luhmanns Werk enthält. Ausgehend von
erste Kapitel von Soziale Systeme eröffnet, ist einer biologischen Studien formuliert Bertalanffy die Er-
der wichtigsten aber auch missverständlichsten Sät- fahrung, dass die Wissenschaftstheorie seiner Zeit
ze, die das Buch zu bieten hat (SS, 30). Missverstan- defizitär sei und sie die Ergebnisse aktueller biologi-
den ist der Satz, wenn man liest: »Es gibt Systeme« scher Forschung nicht mehr angemessen einordnen
und dabei überliest, dass die folgenden Überlegungen könne. Zum Beispiel werde die Frage vernachlässigt,
davon ausgehen, es gäbe sie. Die erste Lesart ontolo- wie sich der lebendige Organismus selbst organisiere.
gisiert Systeme und riskiert damit den Mehrwert ei- Bertalanffy plädiert daher für eine interdisziplinäre
ner Theorie, die doch eigentlich mit Ontologie – der Theorie allgemeiner Systeme, die die Wechselwir-
Idee, dass die Dinge einfach ›da sind‹ – aufräumen kungen von Elementen als organisierte Komplexität
will. Luhmann argumentiert, dass außerhalb der Be- beobachtet, statt sie als linear miteinander gekoppelt
obachtung von Beobachtern nichts existiert. Er geht zu beschreiben. Hierzu führte er die Unterscheidung
daher auch nicht davon aus, dass die Welt wirklich geschlossener und offener Systeme ein (Bertalanffy
aus Systemen besteht: »Die Aussage ›es gibt Systeme‹ 1951).
besagt […] nur, daß es Forschungsgegenstände gibt, Soziale Systeme – und hier steigen wir mit Berta-
die Merkmale aufweisen, die es rechtfertigen, den lanffy in Luhmanns Theorie ein – sind im Gegensatz
Systembegriff anzuwenden; so wie umgekehrt dieser zu Maschinen mit Input-Output-Charakter ›offene‹
Begriff dazu dient, Sachverhalte herauszuabstrahie- Systeme, die sich aus eigener Kraft eine Vorstellung
ren, die unter diesem Gesichtspunkt miteinander von einer sie umgebenden, komplexeren Umwelt
und mit andersartigen Sachverhalten auf gleich/un- machen. Die wichtigste theoretische Darlegung der
124 Begriffe

Unterscheidung von System und Umwelt erfolgt der etwas als Moment des Systems oder als Moment
1984 mit Soziale Systeme. Durch die Aufnahme ky- seiner Umwelt bestimmt ist« (SS, 243). Die Unter-
bernetischer und biologischer Figuren in die Theorie scheidung von System und Umwelt wird, wie wir
sozialer Systeme – auch bekannt als ›autopoietische über den Umweg über die Biologie gesehen haben,
Wende‹ – emanzipiert sich Luhmann von seinem quasi ›vorsoziologisch‹ in die Theorie eingebaut.
Lehrer Talcott Parsons, der sich Systeme als Bestands- Und dennoch bildet sie das Fundament für die Sys-
systeme vorstellte, die spezifische Bedürfnisse hätten temtheorie Luhmanns, indem sie als Begriff der Dif-
und im Falle der Nichtbefriedigung kollabieren wür- ferenzierung wiederholt wird: »Systemdifferenzie-
den (Parsons 1951). Luhmann hingegen beschreibt rung ist nichts anderes als die Wiederholung der
Systeme als operativ geschlossen, autopoietisch und Differenz von System und Umwelt innerhalb von
selbstreferentiell. Das bedeutet, dass sich Systeme an- Systemen. Das Gesamtsystem benutzt dabei sich
hand ihrer eigenen Operationen (Kommunikatio- selbst als Umwelt für eigene Teilsystembildungen
nen) selbst herstellen. Die Geschlossenheit der Selbst- […]« (SS, 22). Mit der Formulierung des Differenz-
organisation ist also Voraussetzung für Offenheit begriffs tritt die Theorie in die Beschreibung der Ge-
gegenüber der Umwelt. Sowohl das Selbstverhältnis sellschaft ein. Hier schließen zahlreiche empirische
des Systems als auch das Verhältnis zur Umwelt wer- Untersuchungen Luhmanns zu Funktions-, Interak-
den ausschließlich im System selbst hergestellt. tions- und Organisationssystemen an.
Der Systembegriff Luhmanns lässt sich daher Dem Problem einer dem Systembegriff inhären-
nicht in räumliche Bilder übersetzen, auch wenn er ten Provokation, sich Systeme und Umwelt(en) sta-
auf den ersten Blick dazu einzuladen scheint. Syste- tisch und räumlich vorzustellen, lässt sich durch die
me setzen sich zur Umwelt mittels selbstgesteuerter Betonung der Gegenwärtigkeit, also der Echtzeitlich-
Selektionsleistungen in Beziehung. Die Umwelt ist keit operativer Praxen begegnen. Soziale Systeme be-
also weder übergeordnete Struktur des Systems, sitzen eine »systemeigene Zeit, die aber gleichwohl in
noch darf sie »als eine Art Restkategorie mißverstan- die Weltzeit passen muß« (SS, 253). »Es bleibt zwar
den werden« (SS, 242). »Umwelt ist ein systemrelati- richtig, daß interpenetrierende Systeme in einzelnen
ver Sachverhalt. Jedes System nimmt nur sich aus Elementen konvergieren, nämlich dieselben Elemen-
seiner Umwelt aus. […] ›Die‹ Umwelt ist nur ein Ne- te benutzen, aber sie geben ihnen jeweils unterschied-
gativkorrelat des Systems. Sie ist keine operationsfä- liche Selektivitäten und unterschiedliche Anschlußfä-
hige Einheit, sie kann das System nicht wahrnehmen, higkeit, unterschiedliche Vergangenheiten und unter-
nicht behandeln, nicht beeinflussen. Man kann des- schiedliche Zukünfte« (SS, 293). Für die Anfertigung
halb auch sagen, daß durch Bezug auf und Unbe- funktionaler Analysen und für jede empirische For-
stimmtlassen von Umwelt das System sich selbst schung mit Luhmanns Theorie bedeutet dies: Soziale
totalisiert. Die Umwelt ist einfach ›alles andere‹« (SS, Systeme stehen nie still. Im Falle des Stillstandes – so
249). Das bedeutet, dass jedes System sich eine eigene weit man sich das vorstellen mag – wären soziale Sys-
Umwelt vorstellt. Umwelten ›gibt‹ es also nur in Sys- teme für den wissenschaftlichen Beobachter unsicht-
temen (vgl. auch SS, 293), die sich diese immer kom- bar.
plexer vorstellen als sich selbst (SS, 249). Die Umwelt Was lässt sich aus der Unterscheidung von System
symbolisiert im System die Komplexität der Welt. und Umwelt für soziologische Analysen gewinnen?
Allen räumlichen Vorstellungen von Systemen Empirische Analysen können daraufhin befragt wer-
und in diesen aufgehobenen Teilsystemen (zum Bei- den, wie sie die Operativität und Echtzeitlichkeit so-
spiel des Systems der Politik mit darin aufgehobenen zialer Systeme in der Anordnung des Materials
Regierungen, Verwaltungen oder Parteiorganisatio- abbilden und in der Analyse berücksichtigen. Die Be-
nen) erklärt Luhmann eine klare Absage und ent- tonung der Zeitlichkeit moderner Gesellschaft lenkt
täuscht damit gezielt jede Hoffnung, mit seiner den Blick auf Studien, die die Gleichzeitigkeit des
Theorie die Welt als eine Welt der Systeme und Um- Ungleichzeitigen in der Moderne (Stichweh 2000)
welten (im Sinne eines Setzkastens) zu fixieren: »Al- oder die Gegenwärtigkeit sozialer Praxis (Nassehi
les, was vorkommt, ist immer zugleich zugehörig zu 2006) und ihre sozialtheoretische Rückbindung
einem System (oder zu mehreren Systemen) und zu- (Nassehi 2008) betonen. Die Handhabung der Un-
gehörig zur Umwelt anderer Systeme. Jede Bestimmt- terscheidung von System und Umwelt erzeugt also
heit setzt Reduktionsvollzug voraus, und jedes nicht automatisch einen soziologischen Mehrwert.
Beobachten, Beschreiben, Begreifen von Bestimmt- Dieser entsteht erst durch die Konsequenz, mit wel-
heit erfordert die Angabe einer Systemreferenz, in cher die Unterscheidung im Sinne Luhmanns als
Welt 125

echtzeitlich, operativ und abseits räumlicher Bilder wobei die Übertragung auf soziale Systeme in dieser
des Ganzen und seiner Teile gedacht wird. Werkphase noch durch den Handlungsbegriff ver-
mittelt wird: »Die systemeigene Handlung verweist
mit ihrem Kontext auf Umwelt, und Umweltereignis-
Literatur se eröffnen dem System Zugang zu sich selbst. Inso-
Bertalanffy, Ludwig von: »Zu einer allgemeinen Systemleh- fern kann man sagen: durch den Gebrauch von Sinn
re«. In: Biologia Generalis. Archiv für die allgemeinen wird Welt konstituiert als derjenige Gesamthorizont,
Fragen der Lebensforschung 19. Jg. (1951), 114–129. in dem das System sich selbst auf seine Umwelt und
Nassehi, Armin: Der soziologische Diskurs der Moderne. seine Umwelt auf sich selbst bezieht« (FdR, 22).
Frankfurt a. M. 2006.
–: Die Zeit der Gesellschaft. Auf dem Weg zu einer soziolo- Dieser Begriffskern bleibt in der weiteren Theorie-
gischen Theorie der Zeit. Neuauflage mit einem Beitrag entwicklung erhalten. Im Zuge des Austauschs des
»Gegenwarten«. Wiesbaden 2008. Operationstyps sozialer Systeme (Kommunikation
Parsons, Talcott: The Social System. London 1951. statt Handlung) sowie des Vordringens differenz-
Stichweh, Rudolf: Die Weltgesellschaft. Soziologische Ana- und beobachtertheoretischer Denkfiguren seit An-
lysen. Frankfurt a. M. 2000.
Jasmin Siri
fang der 1980er Jahre kommt es jedoch auch zu Prä-
zisierungsversuchen und Neuakzentuierungen: (1)
Neben der Horizontförmigkeit betont Luhmann nun
deutlicher auch die Unbeobachtbarkeit und paradoxe
Konstitution der Welt: »Die Einheit der Welt ist […]
29. Welt das Paradox eines Weltbeobachters, der sich in der
Welt aufhält, aber sich selbst im Beobachten nicht be-
›Welt‹ bezeichnet in Luhmanns Theorie die Einheit obachten kann« (GG, 154). Begrifflich manifestiert
der Differenz von System und Umwelt. Der Begriff sich dies auch in einer Adaption von George Spencer-
zählt neben den Begriffen ›Sinn‹ und ›Realität‹ zu den Browns Begriff des unmarked space, den Luhmann in
differenzlosen Begriffen. Damit meint Luhmann, zwei unterschiedlichen, die paradoxe Konstitution
dass Welt nur in der Welt negiert werden kann, da von Welt illustrierenden Bedeutungen aufnimmt
alles, was geschieht, in der Welt geschieht. Differenz- (KunstG, 51 f.): als »unterscheidungslosen Weltzu-
lose Begriffe schließen auf diese Weise ihre eigene stand«, den jede Unterscheidung voraussetze, ohne
Negation ein. Welt ist stets sinnhaft, Sinn stets welt- ihn je erreichen zu können (»unmarked state«); und
haft konstituiert. Während Sinn jedoch die Differenz als unbezeichnete Seite einer Unterscheidung, wie sie
zwischen gewählten und potentiellen Beobachtungs- durch jede Bezeichnung unvermeidlich mitprodu-
möglichkeiten akzentuiert, betont der Weltbegriff ziert werde (»unmarked space«). (2) Luhmann führt
die Einheit der Möglichkeiten und erfasst sie in der die Unterscheidung zwischen Beobachtung erster
Metapher des Horizonts. Die zirkuläre Geschlossen- und zweiter Ordnung ein und nutzt sie u. a., um
heit aller Sinnverweisungen »erscheint in ihrer Ein- Transformationen des Weltbegriffes in der Moderne zu
heit als Letzthorizont alles Sinnes: der Welt« (SS, erklären: »in dem Maße, in dem sich in der neuzeit-
105). Welt ist demnach stets systemrelativ und sinn- lichen Gesellschaft das Beobachten zweiter Ordnung
haft gegeben; sie kontinuiert und wandelt sich, in allen Funktionssystemen ausbreitet […], muß die
wächst und schrumpft mit dem Sinnhorizont eines Welt […] als ein Horizont begriffen werden, der sich
Systems. Ein systemunabhängiger Zugriff auf die mit allen Operationen verschiebt, ohne je erreichbar
Welt ist damit ausgeschlossen; es gibt so viele Welten zu sein oder gar etwas außerhalb der Welt Befindli-
wie es Systeme gibt, und jedes System richtet sich in ches in Aussicht zu stellen« (KunstG, 151; für eine be-
einer eigenen Welt ein. griffsgeschichtliche Einordnung dieser Position vgl.
Erste Fassungen des Begriffes finden sich in den Braun 1992, 506 f.).
Schriften der 1970er Jahre in Zusammenhang mit Damit ist bereits angedeutet, dass Luhmann, so-
Luhmanns Versuch, Husserls Phänomenologie des weit er seinen Weltbegriff empirisch fruchtbar zu
Bewusstseins in einen allgemeinen, auch auf soziale machen versucht, dies primär in seinen gesellschafts-
Systeme anwendbaren Sinnbegriff zu überführen theoretischen Schriften unternimmt und nicht auch
(TGS, 25–100). Welt wird dabei als Gesamthorizont an anderen Systemtypen, insbesondere nicht an Or-
oder Letzthorizont von Sinn eingeführt, der sich als ganisationen oder Interaktionssystemen, erprobt.
Aktkorrelat von Systemereignissen konstituiere und Zwei Schwerpunkte der gesellschaftstheoretischen
die Differenz von System und Umwelt übergreife, Anwendung des Weltbegriffes lassen sich unterschei-
126 Begriffe

den, solche mit Bezug auf das Gesellschaftssystem im nach einer historischen Untersuchung von Weltse-
Ganzen (Weltgesellschaft) und solche mit Bezug auf mantiken und der Globalisierungsgeschichten ein-
einzelne Funktionssysteme (Weltkunst, Weltreligion zelner Funktionssysteme eine zentrale Rolle spielt
usw.): (1) Bereits Anfang der 1970er Jahre postuliert (z. B. Stichweh 2000). Zugleich erweitert Stichweh
Luhmann die Existenz einer Weltgesellschaft sowie die Analysepotentiale des Weltbegriffes auf andere,
die Obsoletheit nationaler und territorial bestimm- von ihm ›globale Strukturmuster‹ genannte Struk-
ter Gesellschaftsbegriffe (SA2, 51–71). Dabei ermög- turformen (etwa ›Weltereignisse‹, Stichweh 2008).
licht ihm sein phänomenologischer Weltbegriff, Hier öffnet sich ein noch weitgehend unbearbeitetes
Weltgesellschaft als Folge des Zusammenspiels phä- Feld für gesellschaftstheoretische Studien, die Luh-
nomenologischer und struktureller – auf weltweite manns kommunikationstheoretischen Weltbegriff
Vernetzung abstellender – Mechanismen zu skizzie- mit empirischer Globalisierungsforschung und his-
ren: »Im Unterschied zu älteren Gesellschaften kon- torischem Material in Kontakt bringen (für Versuche
stituiert die Weltgesellschaft nicht nur eine projektive dieser Art vgl. Mersch 2005; Werron 2010).
(eigene Systembedürfnisse widerspiegelnde), son- In anderen Auseinandersetzungen mit Luhmanns
dern eine reale Einheit des Welthorizonts für alle. Weltbegriff geht es weniger um gesellschaftstheoreti-
Oder auch umgekehrt: die Weltgesellschaft ist da- sche Anknüpfung denn um eine direkte Kritik oder
durch entstanden, daß die Welt durch die Prämissen Verfeinerung des Begriffes: (1) Thomas (1992) dia-
weltweiten Verkehrs vereinheitlicht worden ist« gnostiziert eine Spannung zwischen systemrelativem
(SA2, 55). Entsprechend zählt Luhmann territorial und Horizontbegriff der Welt und kritisiert an Luh-
oder politisch bestimmte Gesellschaftsbegriffe später mann die Tendenz, die von ihm verabschiedete inter-
zu den (vier) Erkenntnisblockaden, die Fortschritte subjektive Zugänglichkeit der Welt in der Vorstellung
in der Formulierung einer Theorie der modernen einer »selbstreferentiellen Einheit des universellen
Gesellschaft behinderten (GG, 24 ff.). (2) Seine Vor- Sinngeschehens« wach zu halten (Thomas 1992, 352;
stellung einer faktischen Vereinheitlichung des Welt- hier gegen Pfeiffer 1998, 59 f.). Luhmann entgegnete
horizontes in der Weltgesellschaft stützt sich auf die auf diesen Einwand mit dem erneuten Hinweis auf
Annahme einer je eigenständigen Differenzierungs- den oben bereits zitierten historischen Zusammen-
und Expansionsdynamik einzelner Funktionssyste- hang zwischen soziologischem Weltbegriff einerseits
me: »In dem Maße, als sich Funktionsbereiche wie und der Differenzierungsform und -dynamik der
Religion, Wirtschaft, Erziehung, Forschung, Politik, modernen Gesellschaft andererseits. Damit betonte
Intimbeziehungen, Erholungstourismus, Massen- er implizit die Systemrelativität auch seines Weltbe-
kommunikation zu hoher Eigenständigkeit entfal- griffes (Luhmann 1992, 383 f.; näher GG, 147 f.). (2)
ten, sprengen sie die für alle gemeinsam geltenden Auf einen anderen problematischen Aspekt des Welt-
territorialen Gesellschaftsgrenzen« (Luhmann 1987, begriffes, empirisch möglicherweise nicht gedeckte glo-
334). bale Einheitssuggestionen, zielt ein Einwand, den Urs
Die in diesen frühen Thesen angelegten histori- Stäheli formuliert hat: Soweit der Weltbegriff die
schen Fragen zur faktischen Vereinheitlichung des Existenz einer Weltgesellschaft begründen solle, nei-
Welthorizonts der Weltgesellschaft oder zur Verein- ge er wie andere Begriffe des Globalen dazu, der
heitlichung der Welthorizonte einzelner Funktions- »Sehnsucht nach einer perfekten und allumfassen-
systeme hat Luhmann kaum weiter verfolgt. Wenn er den Einheit« Ausdruck zu geben sowie eine geheim-
später selbst von den Welten einzelner Funktionsbe- nisvolle »Kraft des Globalen jenseits der lokalen
reiche spricht (Weltkunst, Weltreligion, Weltrecht Orte« zu unterstellen (Stäheli 2008, 49, 53). Berück-
usw.), dann unter dem Gesichtspunkt des projektiven sichtigt man, dass Luhmanns zweite Prämisse der
Weltbezuges jener Systeme, kaum unter dem der modernen Weltgesellschaft – die faktische (nicht nur
faktischen Vereinheitlichung ihrer Welthorizonte projektive) Vereinheitlichung der Welthorizonte –
(KunstG; RelG). Seinen Grund mag dies auch da- noch kaum begrifflich konkretisiert und empirisch
rin haben, dass Luhmann kaum noch Gelegenheit überprüft worden ist, verdient dieser Einwand sicher
hatte, seine Theorieentwicklung mit der erst Ende ernstgenommen zu werden. Eine pragmatische Re-
der 1980er Jahre Dynamik gewinnenden neueren aktion auf solche Einwände könnte sein, nicht ohne
Globalisierungsforschung abzustimmen. Diese For- Vorbehalt davon auszugehen, ›die Weltgesellschaft‹
schungslücke ist eine der Anregungsquellen von Ru- habe sich bereits als System mit vereinheitlichtem
dolf Stichwehs programmatischen Beiträgen zu einer Welthorizont konstituiert, und sich umso mehr für
Theorie der Weltgesellschaft, in denen die Forderung den faktischen Gebrauch von Weltsemantiken (län-
Zeit 127

dervergleichende Statistiken, ökonomische Theorien Zeit bezeichnet auch nicht nur eine der drei Sinndi-
usw.) zu interessieren, die man im Verdacht haben mensionen, die eine »Interpretation der Realität im
kann, zur weltweiten Vereinheitlichung von Beob- Hinblick auf eine Differenz von Vergangenheit und
achtungs- und Vergleichshorizonten beizutragen. In- Zukunft« (SS, 116) ermöglicht. Zeit ist für Luhmann
sofern kann – beim heutigen Stand der Forschung – letztlich auch ein soziologischer Grundbegriff, denn
ein gewisses Unbehagen an Luhmanns Weltbegriff als autopoietische Systeme sind temporalisierte Syste-
Bedingung seiner fruchtbaren Verwendung gelten. me. Sie bearbeiten Komplexität in der Zeit, indem sie
durch ein Nacheinander von Ereignissen die Selekti-
vität ihrer Aktualität bestimmen. »Temporalisierung
Literatur der Komplexität führt zu einer selektiven Ordnung
Braun, Hermann: »Welt«. In: Otto Brunner/Werner Conze/ der Verknüpfung der Elemente im zeitlichen Nachei-
Reinhart Koselleck (Hg): Geschichtliche Grundbegriffe. nander« (SS, 77).
Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Die klassische Theorie der Temporalisierung von
Deutschland. Bd. 7. Stuttgart 1992, 433–510. Komplexität ist Husserls Phänomenologie des inneren
Luhmann, Niklas: Rechtssoziologie [1972]. Opladen 21987.
–: »Die Weltgesellschaft«. In: SA2, 51–71. Zeitbewusstseins (1980), die für Luhmanns Auto-
–: »Stellungnahme«. In: Werner Krawietz/Michael Welker poiesistheorie Pate steht. Husserls Beschreibung der
(Hg.): Kritik der Theorie sozialer Systeme. Auseinander- Konstitution des Bewusstseinsstromes als das reten-
setzungen mit Luhmanns Hauptwerk. Frankfurt a. M. tional und protentional aufeinander bezogene Nach-
1992, 371–386. einander von Bewusstseinsereignissen beschreibt
Mersch, Christian: »Die Welt der Patente. Eine soziologi-
sche Analyse des Weltpatentsystems«. In: Bettina Heintz/
einen selbstreferentiellen Prozess von Ereignissen.
Richard Münch/Hartmann Tyrell (Hg.): Weltgesell- Und indem Husserls Phänomenologie die ›wirkliche
schaft. Theoretische Zugänge und empirische Problem- Welt‹ als ›phänomenologisches Datum‹ zugunsten
lagen. Sonderband der Zeitschrift für Soziologie. Stutt- des unhintergehbaren Bewusstseins der Welt, also sei-
gart 2005, 239–259. ner kognitiven Repräsentanz ausschließt, ist bereits
Pfeiffer, Ricarda: Philosophie und Systemtheorie. Die Ar-
chitektonik der Luhmannschen Theorie. Wiesbaden
der Gedanke vorgedacht, dass Kognition nicht als
1998. asymptotische Annäherung an die Welt aufgefasst
Stäheli, Urs: »Die Dekonstruktion des Globalen«. In: Ulf werden darf. Nicht obwohl, sondern weil wir keinen
Reichardt (Hg.): Die Vermessung der Globalisierung. unmittelbaren Zugang zur Welt haben, müssen wir
Kulturwissenschaftliche Perspektiven. Heidelberg 2008, sie wahrnehmen, erkennen, sehen, abbilden, denken
49–61.
etc. Bei Husserl lässt sich am Beispiel des Bewusst-
Stichweh, Rudolf: »Zur Genese der Weltgesellschaft – Inno-
vationen und Mechanismen«. In: Ders.: Die Weltgesell- seins in der Tat bereits jene Figur des selbstreferen-
schaft. Soziologische Analysen. Frankfurt a. M. 2000, tiellen Systems finden, das nicht in seiner Umwelt
245–267. operieren kann und seine Selbstreferenz durch per-
–: »Zur Soziologie des Weltereignisses«. In: Stefan Nacke/ manenten Dauerzerfall von Ereignissen – also: in der
René Unkelbach/Tobias Werron (Hg.): Weltereignisse.
und durch die Zeit – sichert. Das System existiert
Theoretische und empirische Perspektiven. Wiesbaden
2008, 17–40. demnach ontologisch je nur in seiner operativen Ge-
Thomas, Günter: »Welt als relative Einheit oder als Letztho- genwart und muss sich somit je neu – nichts anderes
rizont? Zur Azentrizität des Weltbegriffs«. In: Werner heißt: autopoietisch – erzeugen. In dem angedeute-
Krawietz/Michael Welker (Hg.): Kritik der Theorie so- ten Sinne schließt Luhmann unmittelbar an Husserls
zialer Systeme. Auseinandersetzungen mit Luhmanns Phänomenologie an.
Hauptwerk. Frankfurt a. M. 1992, 327–354.
Werron, Tobias: Der Weltsport und sein Publikum. Weilers- Analog konzipiert Luhmann autopoietische als
wist 2010. temporalisierte Systeme. Zunächst bindet er den Ele-
Tobias Werron ment-/Ereignisbegriff – gemäß dem konstruktivisti-
schen Theorem der operativen Geschlossenheit – an
die Operationen des Systems. Element ist hier nicht
als unveränderlicher Baustein des Seienden oder als
30. Zeit invarianter Bestandteil dynamischer Systeme zu ver-
stehen. Im Gegenteil stellt Luhmann von einem den
Zeit ist für die Theorie sozialer Systeme nicht nur ein Systemoperationen vorgeordneten Elementbegriff
Gegenstandsbegriff im Sinne von zeitlichen Seman- auf einen systemrelativen Elementbegriff um. Mit
tiken, die in Abhängigkeit von gesellschaftlichen Dif- dieser Umstellung beabsichtigt er, »die Vorstellung
ferenzierungsformen entstehen (vgl. SA3, 102 ff.). eines letztlich substantiellen, ontologischen Charak-
128 Begriffe

ters der Elemente« in der Weise zu revidieren, dass es selbst, denn Ereignisse konstituieren sich immer in
deren »Einheit erst durch das System konstituiert Relationierungen zu anderen Ereignissen, die sie ge-
[wird], das ein Element als Element für Relationie- rade nicht sind. Die Paradoxie besteht in einer
rungen in Anspruch nimmt« (SS, 42). Indem ein Ele- »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen« (SA5, 100),
ment als Ereignis wieder verschwindet und ein neues da Vergangenheit und Zukunft immer nur gleichzei-
Ereignis die Autopoiesis fortsetzt, entsteht jener Er- tig bestehen, nämlich als Horizonte eines gegenwär-
eignisstrom, der durch Rekurs auf mindestens das tigen Ereignisses. Die Paradoxie der Zeit besteht also
vorherige Ereignis Zeit konstituiert, die einem Beob- in der Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Zeiten, die
achter (!) als Zeitstrom erscheint. Dies ist jedoch nur in der Zeit entparadoxiert wird.
eine Metapher, die den Umstand verdeckt, dass der Erst durch die Einführung des Zeitbegriffs als
Strom der Zeit letztlich nur durch das ermöglicht Grundbegriff wird die operative Bedeutung des Ge-
wird, was bei Whitehead oder auch bei Aristoteles genwärtigen für Luhmanns Systemtheorie plausibel
Zeitschnitt genannt wird und bei Husserl die Diffe- (vgl. Nassehi 2008, 24 ff.). Man kann von einer Ent-
renz der Jetztpunkte meint; es geht also um eine Dif- paradoxierung der Zeit durch die Zeit sprechen. Das
ferenz, die operativ gehandhabt werden muss und Argument operiert folgendermaßen: Die Auflösung
damit erst die Zeit konstituiert, und nicht um eine des Zirkels der Reflexion in der Theorie autopoieti-
vorgängige Einheit des Zeitstroms. Dieser kann nur scher Systeme stellt von Substanz auf Zeit um. Wäh-
als Einheit der Differenz von vorher und nachher ge- rend traditionelle Lösungen des Problems sich durch
dacht werden (vgl. SA5, 98). Annahme einer invarianten Substanz entparadoxie-
Die Einheit der Differenz als Akt bzw. als Sich-Er- ren, die den Akt der Selbstbeobachtung immer schon
eignen lässt sich auch im systemtheoretischen und enthält, entparadoxieren sich ereignisbasierte, auto-
konstruktivistischen Paradigma mit Husserls Theo- poietische Systeme durch Zeit. Sobald ein neues Ereig-
rie der Retention und Protention beschreiben. Die- nis auftritt, gehört die Beobachtung, die durch
sen Sachverhalt bezeichnet Luhmann als »basale gleichzeitige Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit
Selbstreferenz«, der »die Unterscheidung von Ele- zum System eine Paradoxie verursacht hat, nun ein-
ment und Relation zu Grunde liegt« (SS, 600). Jene deutig zum System, wie eine neue Beobachtung se-
»Mindestform von Selbstreferenz« bildet die Grund- hen kann, die aber selbst auch eine neue Paradoxie
bedingung autopoietischer Verläufe: Ein Element produziert. In diesem Sinne bemerkt Luhmann:
schließt an ein anderes Element an, identifiziert sich »Eine erste Unterscheidung kann nur operativ einge-
durch diese Relationierung als Element des Systems führt, nicht ihrerseits beobachtet (unterschieden)
und wird nach seinem Verschwinden selbst Relatum werden. Alles Unterscheiden von Unterscheidungen
einer Relationierung, die wiederum eine neue Ge- setzt diese ja voraus, kann nur nachher erfolgen, er-
genwart konstituiert. Dadurch wird Zeit schon auf fordert also Zeit bzw., in anderen Worten, ein in Ope-
der Ebene der Autopoiesis konstituiert. ration befindliches autopoietisches System. Und alle
Die Unterscheidung vorher/nachher, die den be- Rationalisierung ist deshalb Postrationalisierung«
sagten Zeitschnitt schneidet, kann als grundlegende, (WissG, 80). Die logische Aufhebung der Paradoxie
»nichteliminierbare Unterscheidung der Zeit« (RuS, der Selbstbezüglichkeit erfolgt demnach durch die
106 f.) gelten, ohne die keine Zeithandhabung aus- Zeit, d. h. zeitweise, nämlich von Ereignis zu Ereignis
kommen kann. Die Handhabung dieser Unterschei- – ihre praktische auch, denn wenn es weiter geht, geht
dung ist, genaugenommen, mit jedem Ereignis neu es weiter.
gegeben, denn Ereignisse treten niemals im ›freien
Raum‹ auf, sondern werden durch die Systemauto-
Literatur
poiesis erst konstituiert. Ein Ereignis ist sozusagen
zugleich constituens und constitutum: Es wird durch Husserl, Edmund: Vorlesungen zur Phänomenologie des
einen autopoietischen Ereigniszusammenhang er- inneren Zeitbewußtseins [1928]. Hg. von Martin Hei-
möglicht, und es ermöglicht die Fortsetzung dieses degger. Tübingen ²1980.
Geschehens. Während der Ereignisgegenwart ist ein Luhmann, Niklas: »Zeit und Handlung. Eine vergessene
Theorie«. In: SA3, 101–125.
solches temporalisiertes Element sozusagen das Sys- –: »Gleichzeitigkeit und Synchronisation«. In: SA5, 95–130.
tem, was letztlich auf eine bekannte Paradoxie hi- Nassehi, Armin: Die Zeit der Gesellschaft. Auf dem Weg zu
nausläuft. Das Ereignis ist zwar, gegenwartsbasiert, einer soziologischen Theorie der Zeit. Wiesbaden 22008.
das System an einer Zeitstelle, zugleich ist es mehr als Armin Nassehi
129

V. Werke und Werkgruppen

1. Funktionen und Folgen schaftsweit sinnvollen, universell zumutbaren Ver-


haltenserwartungen nicht die Form von Zwecken
formaler Organisation (1964) oder von andersartigen Handlungsprogrammen an-
nehmen, bei denen man feststellen könnte, ob Fehler
Es gibt mindestens drei Merkmale, die auch ein so- bei der Anwendung gemacht wurden.
ziologisch ungeschulter Beobachter intuitiv mit einer Klassische Theorien der Organisation hatten ver-
Organisation verbindet. Zum einen kann man der sucht, jene Dreiheit von Merkmalen im Ausgang von
Organisation eigene Zwecke zuordnen, die sie mit der Zweckbindung der Organisation zu verstehen.
den vereinten und dadurch potenzierten Kräften ih- Das lief auf eine instrumentelle Deutung sowohl des
rer Mitglieder verfolgt. Unter diesem Aspekt hat man Mitgliederbestandes als auch der Hierarchie hinaus.
Organisationen auch als Perfektionsformen sozialer Personen würden als Mittel für die Zwecke oder Un-
Kooperation beschrieben. Ferner fällt auf, dass es in terzwecke der Organisation rekrutiert, und die Hie-
allen Organisationen eine transitive Rangordnung rarchie sei notwendig, um die arbeitsteilig erbrach-
von Ämtern oder Stellen gibt, die man innehaben ten Beiträge zu koordinieren. In letzter Konsequenz
oder nicht innehaben, anstreben oder nicht anstre- gilt dieser instrumentellen Auffassung auch das so-
ben kann: angefangen von den Spitzenpositionen, ziale System der Organisation selbst nur als Mittel ih-
die das System leiten und es der Umwelt gegenüber res Zweckes. Der Zweck muss dann ein ihr gegenüber
repräsentieren, über mittlere Positionen für Zwi- selbständiges Datum sein, das von Umweltsystemen
schenvorgesetzte bis zu konsistent untergeordneten gesetzt wurde: dem Eigentümer im Falle des Produk-
Positionen. Bemerkenswert ist schließlich, dass die tionsbetriebs und den politischen Zentralen im Falle
Organisation keine geborenen Mitglieder kennt, der öffentlichen Verwaltung. Diese Auffassung hat
sondern nur solche, die per Entscheidung aufgenom- das Einsetzen von Organisationssoziologie nicht
men wurden. Entscheidungsabhängig sind freilich überstanden. In ihrer Ablehnung sind sich die sozio-
auch die anderen beiden Merkmale: Noch die obers- logischen Theorien einig. Freilich ergibt die bloße
ten Zwecke sind positiv gesetzt und damit im Prinzip Ablehnung der einen Theorie noch keine andere.
änderbar, und auch die Stellenhierarchie ist keine Eine solche Alternativtheorie entwickelt Luhmanns
Kopie anderer gesellschaftlicher Hierarchien, auch Buch, indem es nicht von den Zwecken der Organi-
nicht der Schichtungsstruktur, sondern ihr gegen- sation, sondern von den Besonderheiten der Mit-
über verselbständigt. gliedschaft in ihnen ausgeht.
Alle drei Merkmale fallen an den Organisationen Luhmanns Ausgangspunkt (FuF, 34 ff.) ist die pro-
auch darum sogleich auf, weil die moderne Gesell- blematische Beziehung zwischen zwei Leistungen der
schaft in all diesen Hinsichten anders gebaut ist. Ihre Systembildung: Jedes Sozialsystem muss für die An-
Mitglieder sind geborene Mitglieder, und dies gilt erkennung bestimmter Verhaltenserwartungen sor-
auch dann, wenn man von der Gesamtgesellschaft zu gen und an diesen Erwartungen festhalten, auch
ihren Teilsystemen übergeht (auch ihre Rechtsfähig- wenn gelegentlich gegen sie verstoßen wird, und je-
keit oder ihre Staatsbürgerschaft verdanken die Per- des Sozialsystem muss eigene Grenzen identifizieren,
sonen den leicht erkennbaren Umständen ihrer also zugehörige Personen gegen andere Personen
Geburt). Außerdem werden diese Teilsysteme nicht (oder im Falle der Gesellschaften: gegen kommuni-
länger in der Form sozialer Schichten, sondern mit kativ unerreichbare Wesen) differenzieren. Nun zeigt
Hinblick auf spezifische Funktionen wie Wirtschaft, aber jeder Blick auf Sozialsysteme mit geborenen
Politik, Wissenschaft und Religion gebildet, zwischen Mitgliedern, dass diese beiden Leistungen der Sys-
denen es keine zugleich dauerhafte und transitive tembildung in ihren Ergebnissen keineswegs harmo-
Rangordnung gibt. Durch diesen Verzicht auf Hie- nieren müssen. So müssen Familien ebenso wie
rarchie erreicht die moderne Gesellschaft eine sehr komplette Gesellschaften darauf eingestellt sein, dass
viel größere Komplexität, als es für Organisationen sie Mitglieder haben und behalten müssen, die sys-
möglich wäre, und daher können auch die gesell- temeigene Verhaltenserwartungen ablehnen. Der
130 Werke und Werkgruppen

Heranwachsende, der seine Identität im Protest ge- also in beiden Hinsichten: als Handelnder und als Be-
gen die Eltern finden und festigen will, kann von die- obachter der anderen Mitglieder verpflichtet, und
sen nicht einfach aus der Familie verbannt werden, erst diese Doppelung ergibt den vollen Ertrag, weil
und auch die Gesellschaft kann ihre Verbrecher nicht damit nicht nur das Handeln einzelner Mitglieder,
aus dem eigenen System, sondern nur aus gewissen sondern auch das Erwarten aller anderen zuverlässig
Kontaktchancen im System ausschließen, und auch dirigiert und umdirigiert werden kann. Eine Organi-
dies nur zeitweise und nur mit Aussichten auf Rück- sation, die eine Funktionsrolle festlegt oder ändert,
kehr in eine normale Lebensführung. verpflichtet also nicht nur den Träger dieser Rollen,
Für die Organisation als Systemtyp ist eine andere sondern auch alle anderen Mitglieder. Auch unbe-
Konstellation charakteristisch. Sie erreicht für einen kannte Mitglieder sind dann gehalten, ihn nach
kritischen Teil der für sie wichtigen Verhaltenserwar- Maßgabe seiner Funktionsrolle zu erwarten und ihm
tungen, dass er von allen Mitgliedern eindeutig aner- gegebenenfalls bei deren Erfüllung behilflich zu sein,
kannt wird, und sie hat außerdem völlig eindeutige selbst wenn es sich dabei um Misstrauensrollen für
Vorstellungen darüber, wer Mitglied ist und wer Kontrolleure oder um Dominanzrollen für Vorge-
nicht. Halbe Mitgliedschaften oder unklare Misch- setzte handelt. Der gleichsam natürliche Widerstand
formen zwischen Geltung und Nichtgeltung einer gegen solche Rollentypen, der ohne Organisations-
Verhaltenserwartung sind nicht vorgesehen. Diese vermittlung sofort spürbar wäre, ist unter den Mit-
artifizielle Eindeutigkeit in beiden Bereichen wird gliedern des Systems also ausgeräumt.
nach Luhmann dadurch erzielt, dass man sie aufei- Schon die eigentümliche Reichweite dieses Bin-
nander bezieht: Organisationen bilden soziale Syste- dungseffektes lässt erkennen, dass bei Auswahl sol-
me dadurch, dass sie die Mitgliedschaft an die cher systemeinheitlich geltenden Erwartungen be-
Anerkennung bestimmter Verhaltenserwartungen sondere Vorkehrungen beachtet werden müssen. Der
binden, also Inklusion in das System an Konformität Kollege, der mir bei meinen Aufgaben helfen soll,
mit dessen Erwartungen knüpfen. Wer Mitglied ei- muss das tun können, ohne eigenen Aufgaben ent-
ner Organisation sein und bleiben will, der ist in der fremdet zu werden, und wenn dies für alle Kollegen
Frage, welche Verhaltenserwartungen er anerkennt, gelten soll, dann müssen die Aufgaben so bestimmt
nicht mehr frei, sondern muss im System geltende werden, dass sie mindestens optisch widerspruchs-
Erwartungen anerkennen. Erlischt die Bereitschaft frei wirken. Folglich kann man den Prozess der Auf-
dazu und wird dies bemerkt oder mitgeteilt, muss er gabenbestimmung nicht der Gewohnheitsbildung in
das System verlassen. Erwartungen, die in dieser Wei- jenen kleinen, interaktionsnahen Arbeitsgruppen
se als konstitutiv für Mitgliedschaft gelten, heißen in überlassen, aus denen die Organisation letztlich be-
der Terminologie von Luhmann formale Erwartun- steht, denn dann wären Widersprüche zwischen den
gen, und den Entscheidungsvorgang, der sie in diese Erwartungen verschiedener Gruppen wahrschein-
prominente Stellung bringt und vor anderen Verhal- lich. Um dies zu verhindern, wird mit der Vorgesetz-
tenserwartungen, auch solchen der Organisation tenhierarchie ein Mechanismus für die verbindliche
selbst, auszeichnet, nennt Luhmann Formalisierung. Auswahl der formalen Erwartungen geschaffen, von
Den tragenden Mechanismus, der diese Bindung dem anzunehmen ist, dass er in seinen Resultaten ei-
von Inklusion an konformes Erwarten herstellt, sieht nigermaßen konsistent operiert, da etwaige Wider-
er darin, dass die Systemmitgliedschaft zu einer iso- sprüche zwischen den Erwartungen gleichrangiger
liert disponiblen Rolle verselbständigt wird. Das Vorgesetzter durch Entscheidungen höherer Instan-
macht es möglich, den Zugang zu dieser Rolle zu zen aufgelöst werden können.
konditionieren. Die Mitgliedschaftsrolle geht über Dies gelingt freilich nur dann, wenn die Anerken-
den Verpflichtungsgehalt der je eigenen Funktions- nung der Vorgesetztenhierarchie und ihrer Entschei-
rolle (als Pförtner, Sachbearbeiter, Leiter der Produk- dungen ihrerseits zu den Dienstpflichten gehört.
tionsabteilung usw.) weit hinaus. Zur Rolle des Mithilfe des Formalisierungsbegriffes, der sich zu-
Systemmitglieds gehört nicht nur, dass man bereit nächst nur auf den Inklusionsmodus der Mitglied-
ist, die spezifisch an einen selbst adressierten Erwar- schaft bezieht, kann man also auch das zweite der
tungen anzuerkennen und dementsprechend zu oben genannten Merkmale von Organisationen gut
handeln, sondern auch, dass man alle anderen Er- rekonstruieren: Auch die organisationseigene Hie-
wartungen unterstützt, die im Namen des Systems rarchie ist formalisiert. Und nichts anderes gilt
kommuniziert werden, gleichviel an wen sie sich schließlich für das dritte jener Merkmale, also für die
richten und was sie verlangen. Jedes Mitglied wird Zwecke und Unterzwecke der Organisation, die
Funktionen und Folgen formaler Organisation (1964) 131

gleichfalls nicht offen abgelehnt werden können, und näheren Bestimmung der formalen Erwartun-
ohne die Mitgliedschaft zu gefährden. Zwecke und gen zu bedenken, dass sie nicht nur systemweite Gel-
Hierarchien sind demnach nichts weiter als Themen tung beanspruchen und folglich untereinander nicht
für Formalisierungsprozesse. inkonsistent sein dürfen, sondern dass sie auch bei
etwaiger Anwesenheit oder etwaigem Nachfragen
von Nichtmitgliedern eine legitime Handlungs-
Grenzen der Formalisierung grundlage abgeben sollen, also auf mögliche Publizi-
tät eingestellt sein müssen. Dass nur ein gesellschaft-
An der Definition der formalen Erwartung durch ih- lich legales Verhalten auch formalisiert werden kann,
ren Bezug zur Mitgliedschaftsfrage fällt zunächst auf, ist eine weitere Einschränkung, die nicht erst aus der
dass sie inhaltlich ganz unbestimmt bleibt. Das mag arbeitsrechtlichen Relevanz der formalen Struktu-
den Eindruck erwecken, eine Organisation könne ren, sondern schon aus jenem Erfordernis der breiten
beliebige Erwartungen jederzeit zur Mitgliedschafts- Zugänglichkeit auch für Außenstehende und Unbe-
pflicht erklären, könne also auch beliebige System- teiligte resultiert. Schließlich unterscheiden sich for-
probleme jederzeit durch Formalisierung lösen oder male Erwartungen von anderen Systemstrukturen
doch in eine gut lösbare Form bringen. Sie müsse nur dadurch, dass sie so lange gelten, bis sie ausdrücklich
dafür sorgen, dass die Mitgliedschaft ausreichend at- geändert werden, womit eine allmähliche Anpassung
traktiv bleibt, also ihrerseits zahlungsfähig bleiben, an sich ändernde Umweltbedingungen, auch wo sie
und dann könne sie ihre Mitglieder zu allen gesell- sinnvoll wäre, ausgeschlossen ist. Formale Struktu-
schaftlich erlaubten Handlungen verpflichten, von ren sind demnach Musterbeispiele für manifeste
denen sie sich abhängig weiß. Strukturen.
Die kürzeste Charakterisierung des Buches von In der Perspektive einer rationalistischen Organi-
Luhmann würde besagen, dass es der Widerlegung sationstheorie liegt es nahe, in solchen Merkmalen
dieser Auffassung dient. Sein Thema sind die imma- nur die Vorzüge zu sehen: nämlich gegenüber den
nenten Grenzen dessen, was man durch Formalisie- weithin unformulierten, für Außenstehende un-
rung von Verhaltenserwartungen erreichen kann. Es durchsichtigen, untereinander widerspruchvollen
geht also um die strukturelle Selektivität dieses Ver- und dabei zugleich unmerklich sich verschiebenden
fahrens der Strukturbildung – und nicht einfach nur Strukturvorstellungen andersartiger Sozialsysteme,
um die Nachteile dieser oder jener bestimmten For- wie man sie etwa aus ethnologischen Untersuchun-
malstruktur, die man ja jederzeit durch eine inhalt- gen einfacher Gesellschaften, aber auch aus der
lich geänderte Struktur gleichen Typs würde ersetzen Kleingruppentheorie oder aus der soziologischen Er-
können. Luhmann zufolge wirkt der Systembezug, forschung elementarer Kontakte des täglichen Le-
der dadurch hergestellt wird, dass eine Erwartung bens kennt. Und natürlich werden auch bei Luh-
formale Verbindlichkeit beansprucht, hochgradig se- mann die Rationalitätsvorteile deutlich gesehen. Der
lektiv. Nicht jede Handlung, die positive Funktionen zweite der insgesamt vier Teile des Buches (FuF,
für die Organisation trägt, kann auch zur Mitglied- 54–156) dient primär dazu, sie herauszuarbeiten.
schaftspflicht erklärt werden; nicht jede Erwartung, In einer systemtheoretischen Betrachtung fallen
auf die Mitglieder sich im Umgang miteinander ver- aber neben den Vorteilen auch Nachteile ins Ge-
lassen müssen, lässt sich auch formalisieren. Es gibt wicht. Hier nämlich ist zusätzlich zu beachten, dass
in jeder Organisation eine Reihe von Handlungen, an Systemstrukturen ein adäquates Verhältnis zur ho-
denen das lebhafteste Interesse besteht und die sich hen Komplexität des Systems und zur noch höheren
gleichwohl nicht in offizielle Dienstpflichten trans- Komplexität der Systemumwelt benötigen. Und an
formieren lassen. Aus dem Zusammenhang mit der der vorgeblichen Rationalität der formalen Struktur
Mitgliedschaftsfrage, der die Leistungsfähigkeit des fällt daher auf, dass lückenlose Konformität mit ihren
Formalisierungsmechanismus begründet, ergeben Vorgaben das Fassungsvermögen der Organisation
sich demnach zugleich auch erhebliche Einschrän- für Komplexität sehr stark beschneiden würde. Nicht
kungen dessen, was auf diese Weise erreicht werden alle Handlungen, die für ein komplexes und vielseitig
kann. interessiertes Sozialsystem sinnvoll sind, werden sich
Es muss sich zum Beispiel um vollständig expli- in Übereinstimmung mit Erwartungen bringen las-
zierte Erwartungen handeln, weil anders der Ver- sen, für die zugleich rechtlich einwandfreie Formu-
pflichtungsgehalt der Mitgliedschaftsrolle nicht ge- liertheit, schrankenlos mögliche Publizität, pragma-
klärt werden könnte. Außerdem ist bei der Auswahl tische Konsistenz, wenn nicht gar logische Wider-
132 Werke und Werkgruppen

spruchsfreiheit, und schließlich eindeutige Zeitgren- vertrauenerweckenden Eigenschaften mehr, als


zen für Geltung bzw. Nichtgeltung verlangt werden. durch Realitäten gedeckt ist. Es liegt auf der Hand,
Die soziologische Analyse von Organisationen dass mit der Aufgabe, solche unzutreffenden Darstel-
hatte immer schon betont, vor allem in ihren Fallstu- lungen herzustellen, eine zugleich notwendige und
dien, dass Konformität mit den formalen Strukturen gleichwohl nicht formalisierbare Funktion, also eine
offenbar nicht alle Probleme löst. Dabei war jedoch immanente Grenze des Formalisierungsprozesses
unklar geblieben, ob es an diesen bestimmten Struk- identifiziert ist. Man kann dem Pressechef nicht auf-
turen liegt, wenn die reine Programmtreue nicht aus- geben, für das System zu lügen, und man kann ihn
reicht, oder ob es sich um Folgeprobleme der für nicht entlassen, weil sein Verhältnis zur Wahrheit
Organisationen typischen Art der Strukturbildung nicht flexibel genug ist, obwohl es genau darum geht.
handelt, also um Folgeprobleme der Formalisierung Eine weitere Grenze, auf die der Formalisierungs-
schlechthin, die in anderer Weise auch bei geänder- mechanismus stößt, betrifft Rollen, die auf Kontakte
ten Formalstrukturen auftreten würden. Die ältere zu Nichtmitgliedern spezialisiert sind, zum Beispiel
Soziologie hatte eher der Lesart zugeneigt, dass es an Kellner oder Handelsvertreter. Für diese von Luh-
der inhaltlichen Spezifikation der Struktur liegt: mann (FuF, 220 ff.) so genannten ›Grenzstellen‹ ist es
Strukturwandel und Widerstand gegen Struktur- charakteristisch, dass sie einen direkten Zugang zu
wandel waren darum viel diskutierte Themen. Wenn der für das System relevanten Umwelt haben. Die
diese Themen bei Luhmann zurücktreten, dann des- Grenzrolle kann daher in die Lage geraten, beunru-
halb, weil er für die zweite und radikalere Antwort- higende Entwicklungen in der Systemumwelt zu be-
version eintritt. Sein Thema ist, wie schon gesagt, die merken, und zwar rascher als die Systemspitze, die
notwendige Selektivität der Strukturbildung durch auf solche Entwicklungen reagieren müsste. Daraus
Formalisierung schlechthin. Große Teile der Vertie- ergibt sich ein verändertes Verständnis der Hierar-
fungsthemen, an denen er seine Konzeption erläu- chie. Während nämlich die offizielle Beschreibung in
tert, sind daher so gewählt, dass man sie als Antwort der Hierarchie ein Instrument sieht, Informationen
auf eine Frage verstehen kann: Was wäre eine un- von oben, wo die Übersicht vermutet wird, nach un-
mögliche Mitgliedschaftspflicht? ten zu befördern, müsste man diese Perspektive ge-
radezu umkehren und fragen, wie die kritische
Information von unten nach oben gelangt. Die Be-
Zwei Modellanalysen: fürchtung ist weit verbreitet, dass schlechte Nach-
Systemdarstellung und Grenzrollen richten am Überbringer gerächt werden, vor allem
wenn er, wie für viele Grenzrollen typisch, an der Er-
Als ein leicht fassliches Paradigma dieser Fragestel- zeugung der Probleme nicht in jeder Hinsicht unbe-
lung eignet sich das achte Kapitel, das die Außendar- teiligt gewesen ist. Gerade das unschematische
stellung des Systems, seine Präsentation für Nicht- Sensorium einer Grenzrolle, ihre Fähigkeit, Ereignis-
mitglieder behandelt. Ausgangspunkt ist die Annah- se auch dann als beunruhigend zu erkennen, wenn
me, dass jede Organisation sich in den nach außen sie nicht in die Alarmkategorien ihres Programms
hin sichtbaren Handlungen ihrer Mitglieder als Sozi- fallen, ist für ihre Funktion wesentlich, und insofern
alsystem darstellt, und zwar einfach deshalb, weil Be- stößt man auch hier auf eine genuine Grenze der For-
obachter den Ausdruckswert solcher Handlungen malisierbarkeit.
zunächst einmal der Organisation zurechnen (und Die beiden Erträge dieser Modellanalysen über
nicht etwa: dem Mitglied als konkreter Person). Das Systemdarstellung und Grenzrollen lassen sich wie
gibt diesen Handlungen eine symbolische Tragweite, folgt resümieren: (1) Formale Erwartungen eignen
die über ihre unmittelbaren Anlässe und Themen hi- sich nicht, um Mitgliedschaftspflichten zu statuieren,
nausgeht. Kleine Darstellungsfehler können das ge- die den Test möglicher Publizität nicht bestehen wür-
samte System in Verruf bringen. Nach allem, was den, obwohl sicher ist, dass jedes System einige seiner
man soziologisch über das Innenleben von Organi- Handlungen besser im Geheimen vollzieht, da ihre
sationen weiß, muss man davon ausgehen, dass sich Sichtbarkeit für Nichtmitglieder seiner öffentlichen
eine überzeugende Außendarstellung nicht in bruch- Darstellung schaden würde, darunter nicht zuletzt
loser Kontinuität aus den internen Prozessen ergeben auch Handlungen, die der Herstellung und Pflege
kann, sondern sorgfältig hergestellt werden muss. eben dieser Darstellung dienen. Und (2): Formale Er-
Das System stellt sich nicht ganz dar, sondern nur wartungen eignen sich auch nicht, um die laufende
auszugsweise, und es betont dabei die positiven und Kritik dieser Erwartungen angesichts einer sich än-
Funktionen und Folgen formaler Organisation (1964) 133

dernden Umwelt anzuleiten, oder jedenfalls zeigen verselbständigen und sie dadurch für eine größere
sich deutliche Grenzen dieser Eignung, wenn der pri- Vielfalt von Phänomenen zu öffnen. An die Stelle der
vilegierte Träger einer derartigen Kritik auf einer un- Integration dieser organisationssoziologischen Teil-
tergeordneten Stelle sitzt. theorie durch den Gruppenbegriff tritt dabei die In-
tegration durch den hier betonten Gedanken, dass
jede Organisation auf zahllose Handlungen angewie-
Funktionen informaler Ordnungsbildung sen ist, die sie gleichwohl nicht formalisieren kann.
Von dem Reichtum der Analysen, die Luhmann
Wenn es aber richtig ist, dass nicht jedes Systembe- auf der Grundlage dieser Überlegungen vorlegt, kann
dürfnis auch formalisiert werden kann, dann kann eine knappe Übersicht keinen auch nur annähernd
die Formalstruktur einer Organisation auch nicht vollständigen Eindruck vermitteln. Schon mit dem
das soziologische Kriterium für die Beurteilung von Versuch, lediglich die Themen dieser Analysen auf-
Handlungen oder Erwartungen sein, die in ihrem zuzählen und zu erläutern, würde man Seite um Seite
System vorkommen. Eine Präferenz zugunsten von füllen können, ohne damit mehr zu erreichen als eine
Konformität mit der Formalstruktur wäre soziolo- angereicherte Version des Inhaltsverzeichnisses. Ich
gisch unbegründet. Auch formal freiwillige Hand- wähle daher nochmals die Form einer exemplari-
lungen mögen eine positive Funktion im System schen Erläuterung, und zwar anhand einer Frage, die
haben, und dasselbe gilt für Abweichungen von der bei Luhmann (FuF, 129, Anm. 12) nur gestreift wird:
Formalstruktur. Es ist diese Überlegung, die Luh- Welche Rolle spielt die soziale Form des Tausches
mann nutzt, um die Unterscheidung von formalen beim Aufbau von Führungsleistungen in Organisatio-
und informalen Erwartungen zu klären. nen? Ausgewählt habe ich die Frage nach der Tausch-
Dabei profitiert die Bestimmung des Informalen form, weil ihre Beantwortung auf weit entfernt
von der Sorgfalt, mit der zuvor über den Begriff des liegende Stellen des Buches zurückgreifen muss –
Formalen disponiert wurde: Informale Erwartungen und auf diese Weise die innere Einheit seiner Kon-
sind solche, denen der Zusammenhang mit der Mit- zeption vielleicht besser beleuchten kann, als dies bei
gliedschaftsfrage fehlt, die also nicht durch Aussich- größerer Treue zur Kapitelfolge möglich wäre. Das
ten auf Entlassung oder auf andere, mildere Typen Thema der Führung aber liegt nahe, weil informale
formal legitimer Sanktion unterstützt werden kön- Gruppenbildungen, die auch den direkt Vorgesetzten
nen. Gleichwohl gehören auch solche Erwartungen einschließen, als prekär gelten und selten sind. Die
zum System der Organisation selbst. Sie können Beziehung zum Vorgesetzten eignet sich darum bes-
nicht externalisiert, also nicht der Umwelt zugerech- ser als andere Beziehungen, die Unterscheidung von
net werden. Die Analyse des Formalisierungsmecha- Informalität und Gruppenbildung zu klären.
nismus hat gezeigt, dass man die Systemprobleme Elementare Formen von Führung, wie man sie
der Organisation nicht lückenlos in ihrer manifesten etwa in der Kleingruppenforschung untersucht hat,
Struktur wiedergeben kann. Genau das macht es werden tauschförmig aufgebaut. Und zwar ist es ge-
möglich, nun auch die latenten Strukturen mit ein- rade die Anerkennung des Führungsanspruches, die
zubeziehen, und zwar ohne Änderung der System- das eigentliche Tauschgut der Geführten bildet (Thi-
referenz. Informale Strukturen können formalen baut/Kelley 1959, 230 ff.). Es dient ihnen dazu, den
Strukturen auf vielfältige Weise widersprechen, zum Führer im System zu halten und ihn zugleich der
Beispiel in ihren Anforderungen an das Handeln der Gruppe selber gefügig zu machen. Er führt die Grup-
Mitglieder. Es handelt sich gleichwohl um Strukturen pe dann nach Art eines Fremdenführers: Zielen ent-
der Organisation selbst – und nicht etwa um persön- gegen, zu denen sie auch von sich aus tendiert. Eine
liche Liebes- oder Freundschaftsbeziehungen unter ernsthafte Entfremdung zwischen Führern und Ge-
den Mitgliedern, die sich in einer für die Organisati- führten kann es unter diesen Umständen kaum ge-
on zufälligen Weise ergeben. ben. Das ist die eigentümliche Humanität dieser Art
Die ältere Theorie hatte informale Erwartungen von Führung. Aber dieser freundliche Zug limitiert
nur als Struktur ungeplant entstandener Kleingrup- auch die Ziele, die man auf diese Weise erreichen
pen thematisiert, wie man sie vor allem an Produkti- kann. Würde der Führer nämlich versuchen, die
onsbetrieben studiert hatte, und sie dabei nur als Gruppe in den Dienst eines Zieles zu stellen, das in
Lösung von deren eigenen Systemproblemen behan- der lokalen Perspektive der Geführten nicht ein-
delt. Luhmann gelingt es, die Theorie der informalen leuchtet, da es von einem Makrosystem aus konzi-
Erwartungen gegenüber dem Gruppenkonzept zu piert wurde und nur als dessen Systemstrategie
134 Werke und Werkgruppen

überhaupt sinnvoll ist, würde er seinen Führungsan- Luhmanns erstes Buch über Organisationen er-
spruch gefährden. Gibt es nur diese Art von Führung, schien bereits 1964. In der Rezeption seines Werkes
dann kann die Verselbständigung des Makrosystems spielt es fünfzig Jahre später immer noch nicht die
gegenüber der Logik von Kleingruppen nicht sehr Rolle, die ihm gebührt. In den Jahren nach seiner Pu-
weit getrieben werden. Beim Aufbau solcher Makro- blikation blieb es relativ unbemerkt, da sein Autor
systeme muss diese elementare Führungstechnik da- seit der wenig später geführten Kontroverse mit Ha-
her ersetzt werden. bermas eher als Gesellschaftstheoretiker denn als Or-
Organisationen gelingt dies dadurch, dass sie die ganisationssoziologe rezipiert wurde. Der unterdes-
Anerkennung des Vorgesetzten durch seine Unterge- sen erfolgten Korrektur dieses Urteils lagen andere
benen formalisieren. Dadurch wird zweierlei er- Formulierungen und neuere Fassungen der Organi-
reicht: Die Anerkennung seiner Weisungsberechti- sationstheorie zugrunde (so vor allem OuE). Es gibt
gung ist eine immer schon bezahlte Mitgliedschafts- nicht viele Soziologen, die an Funktionen und Folgen
pflicht, so dass der Vorgesetzte sich seinen formalen formaler Organisation anschließen (vgl. aber Kieser-
Status nicht durch besonderes Entgegenkommen bei ling 1994; 1999, 335 ff.; sowie für eine Lehrbuchdar-
den Untergebenen erst noch verdienen muss. Es han- stellung Kühl 2011). Den Leistungen dieses frühen
delt sich vielmehr um einen stabilen Aspekt seiner Organisationsbuchs wird diese Wirkungsgeschichte
Rolle, den er zusammen mit dieser von seinem Vor- durchaus nicht gerecht. Es bietet nicht nur eine Or-
gänger übernimmt. Eben deshalb kann er sich, und ganisationssoziologie, die an ihren eigenen Themen
das ist der zweite und eigentlich entscheidende bis heute nicht übertroffen wurde, es zeigt auch deut-
Punkt, in der Auswahl seiner Führungsziele an fer- licher als jeder andere Text seines Autors, wie jene
nerstehenden Bezugsgruppen orientieren. Er kann nicht mehr strukturalistische Version des sozialwis-
diese Ziele sich von den eigenen Vorgesetzten und senschaftlichen Funktionalismus aussehen könnte,
letztlich von der Systemleitung vorgeben lassen. Die- die Luhmann in den programmatischen Aufsätzen
se wiederum gewinnt in Beziehungen zu wichtigen jener Zeit projektiert hatte (vgl. etwa SA1, 9–30).
Umweltpartnern des Systems an Beweglichkeit, weil Auch darum kann man Uwe Schimank nur zustim-
sie sicher sein kann, extern gemachte Zusagen auch men, der schon vor Jahren notierte, dass Funktionen
intern durchziehen zu können, ohne an der eigen- und Folgen formaler Organisation in Luhmanns an
tümlichen Geschichtsbindung und Unlenkbarkeit guten und sehr guten Büchern so reichem Lebens-
autonom gebildeter Kleingruppen zu scheitern. werk einen zweiten und gleichrangigen Gipfelpunkt
Freilich hat diese Substitution der elementaren neben Soziale Systeme (1984) bildet.
und tauschförmig konstituierten Führung durch
eine technisch potentere Lösung auch ihre Nachteile.
Der vielleicht wichtigste davon: Der Vorgesetzte Literatur
kann kraft seines formalen Status nur solche Anwei-
Bensman, Joseph/Gerver, Israel: »Crime and Punishment in
sungen geben, die ihrerseits formal einwandfrei sind the Factory: The Function of Deviancy in Maintaining
und entsprechende Prüfungen, etwa mit Hinblick the Social System«. In: American Sociological Review
auf mögliche Publizität, jederzeit überstehen wür- 28. Jg., 4 (1963), 588–598.
den. Im Rahmen der von Luhmann vorgeschlagenen Kieserling, André: »Interaktion in Organisationen«. In:
Konzeption muss man es als normal ansehen, dass Klaus Dammann/Dieter Grunow/Klaus P. Japp (Hg.):
Die Verwaltung des politischen Systems. Neue system-
der Vorgesetzte sich von Leistungen seiner Unterge- theoretische Zugriffe auf ein altes Thema. Opladen 1994,
benen abhängig weiß, die er formal nicht verlangen 168–182.
könnte. Er kann zum Beispiel nicht gesellschaftlich –: Kommunikation unter Anwesenden. Studien über Inter-
illegales Handeln anordnen, auch wenn sicher ist, aktionssysteme. Frankfurt a. M. 1999.
dass es der Organisation nützen würde (vgl. dazu die Kühl, Stefan: Organisationen. Eine sehr kurze Einführung.
Wiesbaden 2011.
Fallstudie von Bensman/Gerver 1963). In Situatio- Luhmann, Niklas: »Der neue Chef«. In: Verwaltungsarchiv
nen dieser Art liegt es nahe, sich tauschförmig zu ei- 53. Jg. (1962), 11–24.
nigen. Das wichtigste Tauschgut dessen, der alle –: »Funktion und Kausalität« [1962]. In: SA1, 9–30.
formalen Normen durchsetzen könnte, ist aber der –: »Spontane Ordnungsbildung«. In: Fritz Morstein Marx
partielle Verzicht darauf. Es ist daher eine Strategie (Hg.): Verwaltung. Eine einführende Darstellung. Berlin
1965, 163–183.
von Vorgesetzten, auf formal Durchsetzbares zu ver- Thibaut, John W./Kelley, Harold H. (Hg.): The Social Psy-
zichten, um im Austausch dafür etwas formal Nicht- chology of Groups. New York 1959.
durchsetzbares zu erhalten. André Kieserling
135

2. Zweckbegriff und erleichtert es, den Systemzweck zu ändern, wenn Än-


derungen in den Wünschen oder Empfindlichkeiten
Systemrationalität. Über die der Nichtmitglieder dies nahelegen.
Funktion von Zwecken in Solche Einsichten in die Bedeutung des Zweckes
sozialen Systemen (1968) für Selbstrationalisierung, Binnendifferenzierung,
Umweltanpassung (aber eben nicht auch: Mitglied-
schaftsmotivation) formal organisierter Sozialsyste-
Nicht alle, aber viele Sozialsysteme, und unter ihnen me sind nicht wirklich kontrovers. Von den entspre-
vor allem Organisationen, binden sich mit der Wahl chenden Tatsachen kann man sich leicht überzeugen,
ihrer Struktur an einen spezifischen Zweck und ver- und jede von ihnen hat sozialwissenschaftliche For-
suchen, das Handeln ihrer Mitglieder von dort aus zu schung auf sich gezogen. Die Frage ist freilich, wie sie
rationalisieren. In solchen zweckspezifisch struktu- in die Theorie eingehen. Auf diese Frage sucht das
rierten Systemen gilt ein Handeln als richtig, wenn es Buch von Niklas Luhmann eine neuartige Antwort,
den einmal angenommenen Systemzweck unter Be- indem es zunächst die klassische Theorie der Orga-
achtung gewisser Nebenbedingungen befördert, und nisation kritisch rekonstruiert, und zwar anhand der
es muss mit Rückfragen oder Kritik rechnen, wenn Unterscheidung zwischen Handlung und Hand-
dies nicht der Fall ist. lungssystem, um sodann eine alternative Theorie zu
In großen Organisationen wird der Zweck außer- skizzieren, die Schwächen der älteren Auffassung ver-
dem genutzt, um die strukturelle Differenzierung des meidet. Deren eigentlichen Fehler sieht Luhmann
Systems, also die Einrichtung von Untersystemen an- darin, dass sie von handlungstheoretischen Begrif-
zuleiten. Dazu wird der Zweck gedanklich in Mittel fen, nämlich von der Unterscheidung zwischen Zwe-
zerlegt, die zu seiner Erreichung kombiniert werden cken und Mitteln, einen systemtheoretischen Ge-
müssen, und jeder Abteilung der Organisation wird brauch gemacht hatte, ohne die Komplexitätsdiffe-
eines dieser Mittel in der Form eines verselbständig- renz zwischen der Einzelhandlung und ihrem System
ten Unterzwecks aufgetragen. Auf dieser Ebene kann zu würdigen (ZuS, 7 ff.). Die hier versuchte Darstel-
man also jeder Organisation mehrere Zwecke zuord- lung von Zweckbegriff und Systemrationalität (für ei-
nen, von denen aber angenommen wird, dass sie nen Aufsatz mit ähnlicher Thematik vgl. auch
nicht nur zum Gesamtzweck, sondern eben deshalb Luhmann 1971) konzentriert sich auf diesen Punkt,
auch untereinander in einem harmonischen Verhält- weil er nach meinem Verständnis des Buches der tra-
nis, in einer Beziehung sinnvoller Fortsetzung und gende ist.
Ergänzung stehen: Zwischen Planung, Herstellung
und Vertrieb sollte es keine unüberwindlichen Mei-
nungsverschiedenheiten geben, da es ja um Planung, Die Komplexitätsdifferenz von Handlung
Herstellung und Vertrieb desselben Produkts geht. und System
Wie wir noch sehen werden, ist es Luhmann zufolge
vor allem diese Prämisse, die man negieren muss, Gegen ein naheliegendes Missverständnis der Unter-
und zwar nicht nur mit Blick auf die faktischen scheidung von Handlung und System muss man sich
Frontlinien innerorganisatorischer Konflikte, son- zunächst klarmachen, dass Luhmann sie anders,
dern auch im Interesse an Systemrationalität. nämlich präziser verwendet als in der Soziologie üb-
Schließlich dient der Zweck auch dazu, das System lich. Dort verschmilzt diese Unterscheidung regel-
seiner Umwelt anzupassen, und zwar in der Regel ei- mäßig mit der zwischen personalen und sozialen
ner Umwelt von Nichtmitgliedern, die die im Zweck Einheiten: So gilt eine Erklärungsstrategie als ›hand-
bezeichnete Leistung schätzen und darum bereit lungstheoretisch‹, wenn sie bei den Individuen an-
sind, für ihren Empfang oder für ihre Bereitstellung setzt und diesen eine maßgebliche Bedeutung für das
zugunsten bzw. zulasten Dritter zu zahlen. Solche Verständnis sozialer Sachverhalte zuschreibt. Luh-
Tauschbeziehungen führen der Organisation diejeni- mann dagegen nimmt an, dass es eine Differenz zwi-
gen Finanzmittel zu, mit denen sie auch das persön- schen System und (systemeigener) Handlung gibt,
liche Interesse ihrer Mitglieder ansprechen und die sich an allen Systemen beobachten lässt, die Sinn-
binden kann. Deren Interesse an Erwerb und Erhalt beziehungen zwischen mehreren Handlungen ord-
der Systemmitgliedschaft wird dann durch regelmä- nen müssen, also auch an den Individuen selbst. So
ßige Geldzahlungen statt durch den Zweck selbst verstanden, bezeichnet die Differenz von System und
motiviert, und diese Abstraktheit der Interessenlage Handlung (oder mit einer anderen Formulierung:
136 Werke und Werkgruppen

von System und Entscheidung) nicht mehr verschie- teiligten, sondern auch durch ihre ungehemmte Ge-
denartige Systemtypen, die man gegeneinander aus- meinwohlorientierung ausgelöst werden. Die ge-
spielen könnte – so wie Individuum und Kollektiv. meinsame Orientierung der Handelnden reicht nicht
Sie wird vielmehr als Sonderfall der allgemeinen Un- aus, den Streit unter ihnen oder die wechselseitige
terscheidung von System und Systemelement einge- Behinderung ihrer Handlungen auszuschließen, und
führt und muss in dieser Form immer berücksichtigt zwar deshalb nicht, weil der einheitliche Bezugs-
werden, wenn man überhaupt ein Handlungssystem punkt dieser Orientierung dafür als System zu kom-
(oder Entscheidungssystem) analysieren will. Sie plex ist.
muss also auch dann verwendet werden, wenn man Soziale Systeme, die dieses Schicksal vermeiden
nur eine einzige Sorte solcher Systeme vor Augen hat. wollen, müssen die Handlungen nicht an der eigenen
In diesem Sinne bezieht sich das Buch von Luh- Komplexität, sondern an einer enger gefassten Sys-
mann ausschließlich auf soziale Systeme und insbe- temstruktur orientieren, die nur noch vergleichswei-
sondere auf Organisationen. Entsprechend sind die se wenige Handlungen zulässt, diese dafür aber mit
Handlungen, um die es ihm geht, Handlungen in der praktisch ausreichender Eindeutigkeit als richtig zu
Organisation. Die Frage nach den Beziehungen des qualifizieren und ohne unlösbare Konflikte mitei-
Sozialsystems zu den Individuen, die diese Handlun- nander zu kombinieren vermag. Diese Sicherheit ge-
gen durchführen sollen und also dazu motiviert wer- bende Leistung der Struktur wird freilich erkauft
den müssen, sich gleichsam als Agenten der Organi- durch das Risiko, dass sie systemeigenen Möglichkei-
sation zu verhalten, gehört nicht zu den Themen ten nur selektiv gerecht werden: Unter den ausge-
dieses Buches – auch wenn sie in einem Rückblick auf schiedenen Handlungen mag gerade die sein, die in
Theorien der Beitragsmotivation einmal berührt einer konkreten Situation voll adäquat wäre – in wel-
wird (ZuS, 128 ff.). Sie sind vielmehr Gegenstand ei- chem Falle, der keineswegs selten ist, dem System nur
ner zweiten, um wenige Jahre älteren Schrift (FuF unter Bruch seiner eigenen Regeln zu helfen ist. In-
1964). Wenn in Zweckbegriff und Systemrationalität sofern beruht jede als bindend angenommene Richt-
von Individuen die Rede ist, dann im Sinne eines in- linie für Handlungen, jede Maxime zu ihrer Bestim-
struktiven Vergleichsfalls: ebenfalls Handlungssyste- mung, jede Struktur eines Handlungssystems auf
me, kommen die Individuen in ihrem privaten Leben einer Täuschung, nämlich auf einer notwendigen
ohne irgendwelche Dauerbindungen an spezifische Selbsttäuschung des Handlungssystems über seine
Zwecke aus und legen so die Frage nahe, wie funktio- eigene Komplexität. Diese Einsicht bezeichnet für
nale Äquivalente zu den Zweckbindungen der Orga- Luhmann den Punkt, an dem alle handlungstheore-
nisationswelt aussehen könnten (s. u.). tischen Begriffe systemtheoretisch inadäquat wer-
Worauf aber bezieht sich die Formel von der Kom- den, und bildet damit die Grundlage sowohl für die
plexitätsdifferenz zwischen Handlung und System? Kritik, die er an der Auffassung von der Organisation
Die dieser Formel entsprechende Einsicht besagt: als Zweckverband übt, als auch für seinen Gegenent-
Komplexe Systeme eignen sich nicht als praktisches wurf.
Kriterium für die Wahl oder Beurteilung einer Hand- Denn auch Zwecke sind ja Systemstrukturen, die
lung. Man kann also nicht einfach ›im Sinne des Sys- ihre orientierende Funktion für die Auswahl und Ab-
tems‹ handeln, und entsprechend ist auch ›Systemer- stimmung von Handlungen nur erfüllen können,
haltung‹ kein möglicher Zweck. Denn infolge ihrer wenn sie von voller Berücksichtung der systemeige-
Komplexität gibt es in diesen Systemen immer sehr nen Möglichkeiten absehen. Zwecke sind nur dann
viel mehr Handlungen, die ›dem System dienen‹, als gut gewählt, wenn sie in relativ einfach strukturierten
miteinander vereinbar wären. Das gilt insbesondere Wahlsituationen etwas Bestimmtes besagen. Sie
dann, wenn sämtliche Arten von Systemdienlichkeit müssen also auf die geringe Komplexität solcher
– die direkte und die indirekte, die kurzfristige und Wahlsituationen (und letztlich: des wählenden Be-
die langfristige, die manifeste und die latente – glei- wusstseins bzw. der wählenden Kommunikation)
chermaßen zugelassen und möglich sind. Eine in die- eingestellt sein. Eben deshalb können sie die sehr viel
sem Sinne unmittelbare Systemorientierung würde höhere Komplexität der Organisation und ihrer Um-
den Handelnden daher in Widersprüche zu sich weltbeziehungen nicht einfach ›realistisch‹ wieder-
selbst verstricken oder zu Dauerkonflikten unter geben, sondern müssen sie reduzieren. In ihren
mehreren Handelnden führen. In komplexen Sozial- Zwecken und Unterzwecken ist die Organisation sich
systemen kann der Kampf aller gegen alle nämlich also nur teilweise zugänglich. Nicht der Inbegriff aller
nicht nur durch den ungehemmten Egoismus der Be- Systeminteressen, sondern nur eine Auswahl daraus
Zweckbegriff und Systemrationalität (1968) 137

lässt sich in einer Zweckformel einfangen, immer vo- scheidet es sich auch je nach dem Funktionskontext,
rausgesetzt, dass diese Formel handlungsnah und so in dem die Organisation agiert, und je nachdem, um
formuliert werden soll, dass beliebiges Handeln aus- welche Organisation es sich handelt. Aber es umfasst
geschlossen ist und etwaige Fehler erkennbar wer- doch in jedem Fall mehrere Werte, und auch gewinn-
den. orientiert arbeitende Produktionsbetriebe sind in
Wenn das aber so ist, dann sind Handlungszwecke diesem schwachen Sinne wertpluralistisch einge-
schon ihrer bloßen Form nach ganz ungeeignet, ei- stellt. Die dem entsprechenden Wertelisten bilden,
nen Aufschluss über die Einheit einer Organisation und zwar gerade dann, wenn die verschiedenen Wer-
oder sonst eines Systems zu geben. Dies vor allem te einfach nur nebeneinander stehen und jede tran-
spricht Luhmann zufolge gegen die Vorstellung, die sitive Rangordnung fehlt, einen bereits vereinfach-
Organisation sei Zweckverband. Wer ihr folgt, müss- ten, aber in seiner eigenen Komplexität und Wider-
te Handlungen, die dem Organisationszweck scha- sprüchlichkeit immer noch adäquaten Ausdruck der
den, und ebenso Handlungen, die von ihm aus Bestandsbedingungen des Systems. Sie kommen da-
neutral sind, aber organisationsinterne Kosten reprä- her einer systemtheoretischen, auf hohe Komplexität
sentieren, aus jener Einheit ausnehmen, ohne auch eingestellten Sicht der Dinge entgegen.
nur fragen zu können, ob nicht das unzweckmäßige Der komplementäre Nachteil liegt darin, dass ein
oder zweckschädliche Handeln, obwohl an der Zitieren der Systemwerte für die Bestimmungen kon-
Struktur gemessen ein Fehler, eine gleichwohl positi- kreter Handlungen wenig besagen würde. Achtet
ve Funktion im System trägt. Er könnte die unver- man nämlich unbefangen (und ohne sich den eigen-
meidliche Spannung zwischen Systemeinheit und tümlichen Sichtbeschränkungen eines Zweckes zu
Systemstruktur nur verdrängen, nicht austragen, fügen) auf die Folgen des Handelns, dann führt kein
und müsste darum alle strukturwidrigen Handlun- Weg an der Feststellung vorbei, dass diese Folgen im-
gen den privaten Motiven der beteiligten Personen, mer mehrere untereinander inkommensurable Sys-
also einer organisationsexternen Größe zur Last le- temwerte berühren, und zwar die einen positiv,
gen. Für eine Soziologie, die daran gewöhnt ist, nach indem sie sie fördern, die anderen negativ. Vergliche
den negativen Funktionen der Konformität ebenso man sie einfach nur mit ›den Systemwerten‹, dann
zu fragen wie nach den positiven der Abweichung, ist wäre jede Handlung zugleich richtig und falsch. Der
das keine tragfähige Grundlage. Daraus ergibt sich Preis für die hohe Komplexität und Systemadäquität
das Desiderat einer soziologischen Theorie, die auch dieser Orientierung an Werten liegt also darin, alles
den Bereich des vom Zweck her Unzugänglichen auf- Handeln in Tragik zu tauchen und alle Handelnden
schließen – und in ihren eigenen Begriff der Organi- zu verunsichern. Offensichtlich können die Werte ei-
sation einschließen kann. nes Systems die Wahl seiner Handlungen nicht anlei-
ten, nicht erwartbar machen, nicht rechtfertigen.
Diese Leistung muss vielmehr durch zusätzliche Ein-
Die Differenz von systemeigenen Werten schränkungen erbracht werden.
und Zwecken Vor diesem Hintergrund besteht die Funktion der
Zwecksetzung darin, positive und negative Wert-
Als rationales Modell einer solchen Theorie bietet aspekte der Folgen verschiedener Handlungen ver-
Luhmann die Differenz zwischen systemeigenen gleichbar und damit entscheidbar zu machen. Nach
Werten und systemeigenen Zwecken an (ZuS, 33 ff.). dieser Vereinfachung kann man sich vorstellen, dass
Unter den systemeigenen Werten mag man diejenige eine Handlung entweder überwiegend positive oder
Auswahl aus gesamtgesellschaftlichen Werten wie überwiegend negative Aspekte aufweist und dass sie
Rechtstreue oder Sparsamkeit, Gewinnmaximierung demgemäß entweder richtig oder falsch ist, nicht
oder Frauengleichstellung verstehen, zu denen man aber beides zugleich. Man muss sich immer erneut
sich innerhalb der Organisation jederzeit gefahrlos klarmachen, dass der Hinweis auf die Komplexität
bekennen kann, weil offensichtlich ist, dass das Sys- des Systems, und so auch der Hinweis auf die kom-
tem diese Werte nicht schlechthin negieren oder plexe Betroffenheit systemeigener Werte durch die
missachten kann, ohne sich ernsthafte Probleme, Folgen systemeigener Handlungen bei Luhmann vor
etwa in Umweltbeziehungen, einzuhandeln. Das allem dazu dient, diese scheinbar selbstverständliche
Werteberücksichtigungspotential einer Organisation Annahme eines tragikfreien (oder nach der späteren
ist deutlich geringer (und insofern: handlungsgüns- Formulierung: eines paradoxiefreien) Handelns zu
tiger) als das der Gesellschaft, und natürlich unter- problematisieren.
138 Werke und Werkgruppen

Von den Systemwerten her gesehen, stehen ver- Ausgleich dafür kann das Paar nach bestandener Prü-
schiedene Handlungen für verschiedene Folgenkom- fung eine gemeinsame Reise unternehmen, bei der
plexe, die unvergleichbar sind. Auch Zwecke können Fachbücher im Koffer verboten sind. Von Personen
ihre Vergleichbarkeit nur dadurch garantieren, dass wird die symbolische Einheit von Handlungszweck
sie den Werthorizont scharf einschränken. Der und Handlungssystem also gerade vermieden, und
Zweck konzentriert die wertende Analyse auf einige entsprechend müssten die meisten unter ihnen wohl
wenige Handlungsfolgen. Die Wertimplikationen al- passen, wenn man sie nach ›ihrem Zweck‹ im Singu-
ler anderen Handlungsfolgen können mehr oder lar fragen würde.
minder unberücksichtigt bleiben. Entweder werden Eine Organisation, die alle ihre Mitglieder lang-
sie externalisiert, also der Umwelt zugemutet; oder fristig auf einen einzigen Zweck oder auf eine einzige
sie tauchen als internalisierte Kosten der Mittel im Gruppe von Zwecken zu verpflichten versucht, um so
System selbst auf, werden dann aber um des Zweckes ihre Kooperation miteinander zu strukturieren und
willen in Kauf genommen. Die Gleichheit der Hand- Leistungserwartungen ihrer Umwelt zu binden, ver-
lungen bezieht sich ausschließlich auf ihr Verhältnis zichtet auf diese elastische Strategie des Alltags. Sie
zu den bezweckten Folgen, und sie besteht nur, wenn kann daher das Risiko jeder Zwecksetzung – nämlich
man von den Wertaspekten anderer Folgen absieht. eine im Verhältnis zur Systemumwelt zu starke Limi-
Unter den dadurch ausgeblendeten Folgen kön- tierung ihres Werteberücksichtigungspotentials –
nen aber durchaus solche sein, die anderen System- nur tragbar machen, wenn sie funktionale Äquivalen-
werten als den im Zweck fixierten schaden. Für te für den Opportunismus der Lebenswelt findet.
komplexe, vielseitig interessierte Systeme muss man Die naheliegende Ersatzlösung, die in der Ver-
es geradezu als den Normalfall ansehen, dass um der pflichtung auf eine zugleich transitive und zeitab-
Vereinfachung willen ein Zweck akzeptiert wird, der strakt geltende Ordnung zwischen verschiedenen
zahlreiche Wertgesichtspunkte ausblendet, über die Werten besteht, scheidet aus. Sie könnte zwar Ent-
sich ein komplexes Handlungssystem nicht dauer- scheidungsregeln für jeden nur denkbaren Wertkon-
haft und nicht konsistent hinwegsetzen kann. Zu den flikt garantieren, aber nur um den Preis eines
Problemen jeder Zwecksetzung gehört mithin ihre vollständigen Verzichts auf Anpassungsfähigkeit an
gewagte Einseitigkeit. Sie passt zwar zur geringen unvorhersehbar wechselnde Situationen. Eine feste
Komplexität der Einzelhandlung, wird aber der viel Rangordnung unter den Werten A, B und C müsste
höheren Komplexität des Systems und seiner Um- sich ganz unabhängig von Erfüllungstand und Be-
weltbeziehungen nicht gerecht. Was gut ist für die friedigungschance dieser Einzelwerte durchhalten
Einzelhandlung, kann schlecht sein für das System, lassen. Eine derart starre Ordnung wäre aber nur für
und eben deshalb können Zwecke nicht in beiden Systeme in überraschungsfreien Umwelten, nicht
Perspektiven zugleich überzeugen, eben deshalb las- aber für Organisationen empfehlenswert.
sen sie sich nicht aus der Handlungstheorie in die Ein weiteres Äquivalent, nämlich die Geldrech-
Systemtheorie übertragen. nung (ZuS, 109 ff.), teilt mit dem Transitivitätsprin-
zip das Merkmal, mehrere Werte berücksichtigen zu
können, sofern sie sich nämlich in Preisen ausdrü-
Opportunismus und funktionale Äquivalente cken lassen, und gleichwohl anpassungsfähig zu blei-
ben, nämlich Preisänderungen folgen zu können.
Im organisationsfernen Alltag der Individuen wird Hier liegt das Problem darin, dass nur quantitative,
dieses Problem durch Opportunismus gelöst: Man nicht aber qualitative Differenzen zwischen den Wer-
verfolgt einmal diesen und dann wieder einen ande- ten beachtet werden. Arbeitskosten und Maschinen-
ren Zweck je nachdem, welches Bedürfnis gerade als kosten werden gegeneinander verrechnet, obwohl
besonders vordringlich erscheint (ZuS, 47 f.). Das Menschen in einem ganz anderen Sinne arbeiten als
Werteberücksichtigungspotential wird durch Aus- Maschinen. Immerhin sind die Chancen, diese Ori-
weichen in die Zeitdimension erhöht. Künftige entierung auch auf Systemebene zu verwenden, bes-
Handlungen, die geänderten Zwecken dienen, kön- ser als im Falle der Transitivität. Auch sie kann
nen den Wert fördern, über den gegenwärtige Zwe- freilich nur in einem durch Zwecksetzung bereits ver-
cke sich hinwegsetzen: Die konzentrierte Arbeit an einfachten Folgenhorizont praktiziert werden.
einer akademischen Qualifikationsschrift geht auf Luhmann kombiniert daher systemtheoretische
Kosten einer Liebesbeziehung, die der Arbeitende mit entscheidungstheoretischen Denkmitteln, um
neben seiner Karriere ebenfalls schätzt, aber zum nach weiteren Äquivalenten zu suchen. Dadurch ent-
Zweckbegriff und Systemrationalität (1968) 139

steht eine Perspektive, die vor allem die scheinbaren immer ein Theoriekombinat. So kombiniert seine
Pathologien der Organisation in veränderter Be- Gesellschaftstheorie, wie allseits bekannt, drei Theo-
leuchtung erscheinen lässt. Häufig wird zum Beispiel rien, die nach Maßgabe der Sinndimensionen unter-
darüber geklagt, dass nach Zerlegung des Gesamt- schieden werden, und ordnet die Systemtheorie der
zweckes in Unterzwecke Konflikte zwischen den da- Sachdimension zu. Die soziologische Organisations-
rauf angesetzten Abteilungen der Organisation auf- theorie, die in dem hier zu referierenden Buch vorge-
treten. Schon Herbert Simon hatte dies auf unver- stellt wird, unterscheidet die von ihr kombinierten
meidliche Wertwidersprüche zurückgeführt. Für Teiltheorien dagegen nach der Komplexität ihrer Ge-
Luhmann sind solche Konflikte im Prinzip sogar be- genstände. Sie ordnet der Systemtheorie einen Ge-
grüßenswert. Sie sprengen die evaluative Scheinhar- genstand von hoher Komplexität, der komplementär
monie des ›einen Zweckes‹ und machen einen Teil angelegten Handlungs- bzw. Entscheidungstheorie
der ursprünglichen Wertkomplexität innerhalb des dagegen einen Gegenstand von geringer Komplexität
Systems wieder zugänglich. Ein wichtiges Äquivalent zu. Mit den Ausführungen über Werte und Zwecke
für den Opportunismus liegt für zweckspezifisch ist die Pointe dieser Theoriedifferenzierung bereits
strukturierte Systeme also in der Systemdifferenzie- angedeutet: Sie liegt darin, dass beide Theorien auf
rung durch Zweckzerlegung. Der Umstand, dass die denselben Typ von System angesetzt werden, näm-
Sprecher der Teilzwecke auch den Gesamtzweck der lich auf formal organisierte Sozialsysteme.
Organisation in einer je eigenen Optik erfassen, Um das Innovative an dieser Theoriekombinato-
bringt die Kritik an dessen Einseitigkeit in die Reich- rik zu erkennen, die übrigens bis heute nicht einmal
weite systemeigener Prozesse der Konfliktentschei- ansatzweise rezipiert wurde, hilft ein kurzer Blick in
dung. Die »Kritik der instrumentellen Vernunft« die Wissenschaftsgeschichte. Die Vorstellung, dass
muss dann nicht Außenstehenden überlassen wer- man je nach Komplexitätsgrad des zu erforschenden
den, sondern kann im System selbst artikuliert wer- Gegenstandes andere Arten von wissenschaftlicher
den. Und erst diese Artikulation erfüllt den Begriff Theorie benötigt, wurde im 19. Jahrhundert verwen-
der Systemrationalität (ZuS, 276 ff.). Eine ähnliche det, um Typdifferenzen zwischen verschiedenen
Funktion kann – mit einer anderen Konstellation von Wissenschaften in Komplexitätsdifferenzen ihrer je-
Folgeproblemen – auch durch Widersprüchlichkeit weiligen Gegenstände rückzuversichern. Biologen
oder Unbestimmtheit der Zwecksetzung, aber bei- brauchen demnach nicht nur andere Theorien, sie
spielsweise auch durch Systemkrisen erfüllt werden. brauchen andere Sorten von Theorien als Physiker,
und zwar deshalb, weil lebende Systeme komplexer
sind als physische Systeme. Nach dieser Auffassung,
Soziologische Anschlüsse die von Comte bis Elias auch für die Soziologie und
für die von ihr erforschten Sozialsysteme vertreten
Luhmanns Buch kombiniert eine schon rationali- wurde, wird der Wechsel des Theorietyps nur bei ei-
tätsskeptisch gewordene Entscheidungstheorie vom nem Wechsel des Systemtyps erforderlich. Die Tren-
Typus Herbert Simon mit dem seinerzeit fortge- nung der Theorien durch logische Diskontinuität
schrittensten Stand einer umweltbezogen argumen- entspricht also der Disziplinendifferenzierung. In-
tierenden Systemtheorie. Es ist darin ohne Nachfolge nerhalb einer Disziplin sind logische Kontinuität
geblieben. Eine niveaugleiche Alternative zeichnet und theoretische Einheit vorgesehen. Auch die übli-
sich erst mit dem neuerlichen Paradigmawechsel in chen Emergenzthesen, die ja nur das Sachkorrelat
der Systemtheorie selbst ab, also erst mit dem Begriff dieser logischen Diskontinuität im Gegenstandsbe-
der operativen Geschlossenheit. Dessen Implikatio- reich sind, trennen nur zwischen physischen und le-
nen für den Rationalitätsbegriff sind freilich noch benden, psychischen und sozialen Systemen. Schwel-
längst nicht geklärt. len und Diskontinuitäten innerhalb desselben Sys-
Zum Schluss dieser knappen Übersicht soll noch temtyps oder gar Brüche und Unableitbarkeiten
eine Bemerkung zur Theorieform ergänzt werden. innerhalb des Einzelsystems sind bei dieser Lage der
Luhmann hat seine Systemtheorie eigentlich stets als Dinge nicht vorgesehen. Noch heute wird die sozio-
eine von mehreren Theorien behandelt und dabei logische Diskussion über Emergenz unter diesen ver-
immer auch selber an den jeweiligen Komplementär- gleichsweise einfachen Prämissen geführt.
theorien gearbeitet. Theoriedifferenzierung heißt Auch dies könnte ein Grund sein, ein insgesamt
dabei vor allem: logische Diskontinuität. Was man wenig diskutiertes Buch (Mayntz 1971; Obermeyer
›seine Theorie‹ im Singular nennt, das ist insofern 1988; Stichweh 1990), das an diesem Punkt anders
140 Werke und Werkgruppen

optiert, nicht einfach der Fachgeschichte zu überlas- 3. Vertrauen. Ein Mechanismus


sen: Organisationen werden, so wie Sinnsysteme
schlechthin, zugleich als Gegenstände von hoher und
der Reduktion sozialer Kom-
als Gegenstände von geringer Komplexität begriffen. plexität (1968)
Damit steht man vor der Frage, wie man sich die Ein-
heit oder den Zusammenhang von hoher und gerin- Es gibt Bücher von Niklas Luhmann, die soziologisch
ger, von unbestimmter und von bestimmter Komple- naheliegende Themen aufgreifen, und es gibt andere
xität eigentlich vorzustellen habe. Wie kann eine Publikationen, mit denen er auf aktuelle Interessen
Organisation zugleich von geringerer bzw. von höhe- einer breiteren Öffentlichkeit reagiert. Das Buch über
rer Komplexität sein als sie selbst? Es ist diese Diffe- Vertrauen, das erstmals im Jahr 1968 erschien, gehört
renz, die eine Differenz des Sozialsystems zu sich in keine der beiden Rubriken. Wäre der Text damals
selbst bezeichnet, auf die sich die Unterscheidung nicht publiziert worden, so hätte ihn wohl niemand
von Handlung und System bei Luhmann bezieht. vermisst: weder in der Soziologie, die das Vertrauens-
thema erst später entdecken wird, noch in der Welt
der Massenmedien, in der man seinerzeit andere Fra-
Literatur gen vordringlich fand. Man darf daher annehmen,
Luhmann, Niklas: »Zweck – Herrschaft – System: Grundbe- dass die Themenwahl in erster Linie theorieimma-
griffe und Prämissen Max Webers«. In: Ders.: Politische nent motiviert war.
Planung. Opladen 1971, 90–113. Das Buch beginnt mit sehr allgemein gehaltenen
Mayntz, Renate: »Besprechung von: Niklas Luhmann, Überlegungen, die, wie für Luhmann in dieser Zeit
Zweckbegriff und Systemrationalität. Über die Funktion
von Zwecken in sozialen Systemen, Tübingen 1968«. In: typisch, phänomenologische mit systemtheoreti-
Schmollers Jahrbuch 91. Jg., 1 (1971), 57–63. schen Denkmitteln zusammenfügen. Gegen den ob-
Obermeier, Otto-Peter: Zweck – Funktion – System. Kri- jektiven Zeitbegriff der neuzeitlichen Wissenschaf-
tisch konstruktive Untersuchung zu Niklas Luhmanns ten, der sich auf Mengen datierter Ereignisse bezieht,
Theoriekonzeptionen. Freiburg 1988. macht Luhmann geltend, dass die von dort aus gese-
Stichweh, Rudolf: »Besprechung von: Otto-Peter Obermei-
er, Zweck – Funktion – System«. In: Soziologische Revue
hen nur subjektive Einstufung dieser Ereignisse als
13. Jg. (1990), 174–176. künftig bzw. gegenwärtig bzw. vergangen im Bezug-
André Kieserling rahmen einer soziologischen Theorie nicht einfach
ausgeblendet oder neutralisiert werden darf. Für die
Ordnung sozialer Kontakte seien diese Zeitmodi
nämlich keineswegs als symmetrisch anzusehen;
vielmehr gebe es eine Sonderstellung der sinnkonsti-
tuierenden Gegenwart, in der allein kommuniziert
werden kann, gegenüber der Vergangenheit und ge-
genüber der Zukunft, die beide nur als Horizonte
dieser beständigen, wenn auch ereignisabhängig sich
bewegenden Gegenwart zählten.
Diesen Analysen entnimmt Luhmann (V, 8 ff.) die
These, dass der Zeitbezug des Vertrauens nur aufge-
klärt werden kann, wenn man es als Vergegenwärti-
gung einer offen bleibenden Zukunft begreift.
Vertrauen beruht nicht darauf, dass das künftige
Handeln anderer Menschen jetzt schon ganz sicher
wäre. Es setzt keine effektive Verhaltenskontrolle vo-
raus. Die Freiheit des anderen Menschen wird also
nicht negiert, indem ich ihm vertraue. Ihre beunru-
higenden Aspekte nehmen nur eine Form an, die es
erleichtert, sich ihnen in der Gegenwart zu stellen.
Begriffe wie ›Symbol‹, ›Generalisierung‹, ›Erwar-
tung‹, die alle den Sinn einer ›Appräsentation‹ (Hus-
serl) von etwas nicht voll Gegenwärtigem haben, sind
Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität (1968) 141

daher auch für die Theorie des Vertrauens von tra- dem. Vertrauen und Misstrauen hängen also in der
gender Bedeutung. Form einer Alternative miteinander zusammen, und
zwar nicht nur im Augenblick der Entscheidung,
sondern dauerhaft und so, dass auch das einmal er-
Der Umgang mit Enttäuschungsgefahren wiesene Vertrauen sich den Umschlag in Misstrauen
vorbehält und sich mit kritischen Sensibilitäten für
Von solchen Prämissen ausgehend, behandelt das diesen Ernstfall umgibt (78 ff.). Vertrauen kann zu
Buch dann schwerpunktmäßig ein Thema, nämlich Misstrauen werden, und das weiß und berücksichtigt
die Gewähr und den Gewinn persönlichen Vertrauens auch der, dem es gilt.
(V, 40 ff.), und zwar unter Abgrenzung gegen zwei Ganz abstrakt gesehen, bezieht sich der Begriff des
andere Tatbestände: gegen die lokale Vertrautheit mit persönlichen Vertrauens auf Lagen, in denen die all-
gewissen Dingen, Menschen, typischen Situationen gemeinen Vorteile einer sozialen Ordnung, nämlich
(17 ff.), und gegen das mehr oder minder unaus- die Erweiterung des Bereichs erwartbarer Handlun-
weichliche Systemvertrauen in die anonymen Institu- gen, nur dadurch zustande kommen können, dass ei-
tionenkomplexe der Wirtschaft, der Wissenschaft ner der Beteiligten sich mit eigenem Handeln
und der Politik sowie in die sie fundierenden Kom- vorwagt, auch wenn er noch nicht weiß, wie der an-
munikationsmedien des Geldes, der Wahrheit, der dere darauf reagieren wird. Situationen dieser Art
Macht (50 ff.). In allen drei Fällen verlässt man sich fallen massenhaft an, und noch die trivialste Bitte um
auf Verhaltenserwartungen, die letztlich nur von für- etwas Nichtselbstverständliches wäre ein Beispiel da-
einander unberechenbaren Menschen erfüllt – und für. Zu einem besonderen Vertrauensproblem
die eben darum auch in jedem Fall enttäuscht werden kommt es nur dort, wo jene erste Festlegung beson-
können. Der Unterschied liegt zum einen in der Fra- ders riskant ist, zum Beispiel weil sie einer unvertrau-
ge, ob man sich den projektiven Charakter der Er- ten Person gegenüber erfolgt und diese zugleich in
wartung bewusst macht, die Enttäuschungsgefahr die Lage versetzt, nicht nur wenig hilfreich zu sein,
also überhaupt sieht und nicht vielmehr verdrängt, sondern übergroßen Schaden anzurichten (23 ff.).
und er liegt zum anderen darin, ob man diese Gefahr Übergroß ist ein Schaden immer dann, wenn er nicht
auch als Risiko, nämlich auch als Folge einer eigenen einfach zu den notwendigen Unkosten gezählt wer-
Entscheidung erlebt. Im Bereich der Vertrautheit den kann, sondern dazu zwingen würde, dass man
fehlt es schon an der Möglichkeit, die Erwartung von das eigene Engagement im Rückblick bereut. So ver-
ihrem Thema zu unterscheiden und sich ihre Subjek- hält es sich zum Beispiel, wenn man einmal nicht die
tivität bzw. Systemrelativität klarzumachen: Der ver- eigene Schwester, sondern einen Unbekannten da-
traute Mensch ist einfach so, wie man ihn kennenge- rum bittet, einen Abend lang auf das Kind aufzupas-
lernt hat. Im Bereich des Systemvertrauens sieht man sen – und ihn so erst dazu befähigt, richtig gefährlich
zusammen mit dem Erwartungscharakter einer Zu- zu werden. Oder wenn man im Zugabteil einen Mit-
kunftsprojektion auch die Enttäuschungsgefahren, reisenden fragt, ob er das eigene Gepäck beaufsichti-
hat aber keine Möglichkeit, ihnen durch eigenes Ent- gen kann – und ihn so darüber informiert, dass dies
scheiden auszuweichen. Man weiß zum Beispiel, dass der richtige Zeitpunkt für einen unbemerkt bleiben-
die Wirtschaft von periodischen Krisen und Geldent- den Diebstahl wäre. Oder wenn man einem Kollegen
wertungen heimgesucht wird, zieht aber nicht ernst- anvertraut, dass man den Vorgesetzten für hoff-
haft in Betracht, sein Leben von der Geldwirtschaft nungslos inkompetent hält – und ihm so die Gele-
abzukoppeln und kann daher auch die etwaige Be- genheit bietet, die Indiskretion zu begehen.
troffenheit von solchen Krisen nicht als Folge eigener Die Alternative zum Vertrauen wäre in all diesen
Entscheidungen, also nicht als Risiko, sondern nur Fällen, nur solche Möglichkeiten in Betracht zu zie-
als Gefahr sehen. hen, als deren Bedingung man selbst fungiert. Man
Nur im Bereich des persönlichen Vertrauens ist müsste sich dann mit einem dementsprechend enge-
das anders. Hier wird die Enttäuschungsgefahr als ren Handlungsradius abfinden: ohne Vertrauen in
Folge einer eigenen Entscheidung – und damit auch den Babysitter kein Kinoabend mit Freunden, ohne
Gegenstand möglicher Reue gesehen: Man sieht den Vertrauen in Mitreisende keine Möglichkeit, den
möglichen Sinn, nämlich die mögliche Schutzfunk- Speisewagen ohne Gepäck aufzusuchen, ohne Ver-
tion einer misstrauischen Einstellung gegenüber trauen in Kollegen keine Teilnahme an informaler
dem anderen Menschen – und vertraut ihm um der Kommunikation usw. Das ist die Strategie des Miss-
nur so zu erreichenden Vorteile willen dann trotz- trauischen, die Luhmann in einer doppelten Per-
142 Werke und Werkgruppen

spektive behandelt: einmal als individuelle Strategie siert natürlich auch das darin gelegene Risiko, und
mit stark projektiven Zügen (78 ff.) und danach auch genau das mag ein vertrauensvolles Engagement er-
als mögliches Thema einer sozialen Regulierung, die schweren.
dann etwa zu erhöhtem Misstrauen gegenüber Frem- Das führt zu der Frage, die vielleicht am direktes-
den oder Unbekannten rät (94 ff.) und nur unter be- ten mit dem Normthema zusammenhängt, nämlich
sonderen Vorkehrungen, wie sie etwa in Organisatio- auf welche Weise die Verteilung der rechtlich gesi-
nen gegeben sind, auch Misstrauen gegenüber den cherten Sanktionsmöglichkeiten die Vertrauensge-
›eigenen Leuten‹ zu legitimieren vermag. währ erleichtern kann (33 ff.). Es ist keine neue
Die Strategie des Vertrauens hat demgegenüber soziologische These, dass Vertrauen in Unbekannte
den Vorzug, den eigenen Handlungsradius zu erwei- leichter fällt, wenn man davon ausgehen kann, dass
tern, wenn auch nur unter Übernahme und Innen- dem anderen im Falle eines Vertrauensbruchs eine
absicherung eines Risikos (27 ff.). Mit Innenabsiche- harte Strafe droht. Die eigentlich interessante These
rung meint Luhmann, dass der Vertrauende sich auf besagt nun, dass ein solches Rechnen mit Sanktions-
eine subjektive Sicht des anderen festlegt, nämlich möglichkeiten dem expressiven Stil des Vertrauens
diesen für vertrauenswürdig hält, und dann die Risi- zuwider ist, und zwar einfach deswegen, weil es Miss-
ken dieser Optik an bestimmten objektiven Anhalts- trauen bezeugt. Die Annahme, der andere könne nur
punkten im Verhalten des anderen laufend kontrol- durch Sanktionen davon abgehalten werden, mich zu
liert. Kontrolliert wird also nicht die Vertrauensper- betrügen, kann ihm gegenüber nicht kommuniziert
son – wenn man das könnte, wäre Vertrauen werden, ohne ihn offen als Gegner zu definieren.
überflüssig bzw. mit Misstrauen identisch –, sondern Folglich wird eine solche Überlegung am besten still-
kontrolliert wird die eigene Einstellung zum ande- schweigend vollzogen. Hier liegt im Übrigen auch
ren, und dafür reicht es aus, die vertrauenskritischen eine Erklärung dafür, warum eine explizite Einigung
Aspekte seines Verhaltens einschätzen zu können. auf Verträge auch und gerade im Wirtschaftsleben
Eben wegen dieser symptomatischen Bedeutung vielfach vermieden wird (Macauley 1963). Der darin
können auch kleine Unebenheiten eine große sym- gelegene Vorgriff auf einen Rechtsstreit bringt die Be-
bolische Tragweite gewinnen – ein typischer Sachver- ziehung in ein vertrauensungünstiges Klima.
halt angesichts generalisierter Erwartungen.
Beziehungen, die auf persönlichem Vertrauen be-
ruhen, müssen ihren Halt an sich selbst finden. Sie Der selbsttragende Charakter des Vertrauens
können von der Gesellschaft nicht vorgeschrieben,
sondern allenfalls erleichtert werden. Das ergibt sich Einmal erwiesenes Vertrauen wirkt selbstverstär-
nicht zuletzt aus ihrer Funktion, den normativen Ap- kend. Es fällt schwer, es zu enttäuschen (V, 66 ff.). Das
parat der Gesellschaft zu entlasten. Luhmanns Di- ist nicht nur eine Folge der moralischen Missbilli-
stanz zu einer normativen Sicht auf das Vertrauens- gung. Es folgt vor allem aus der Überforderung, die
thema, so wie sie von Parsons her naheläge, wird an dann eintreten würde. Wer das in ihn gesetzte Ver-
verschiedenen Stellen deutlich. So wird der Einsatz trauen enttäuschen will, muss zwei Identitäten
des Vertrauenden nicht als Pflichterfüllung, sondern gleichzeitig kontrollieren: die Identität, auf die der
als ›supererogatorisches‹ Handeln gesehen, also als andere kontinuierlich, aber keineswegs unkritisch
eine Handlung, die normativ nicht erwartet werden vertraut, und die im Vertrauensbruch sich konstitu-
kann, wohl aber Achtung einträgt, wenn sie trotzdem ierende Identität. Das überfordert die normale Leis-
vorkommt. Dem Fehlen einer gesellschaftlichen Vor- tungsfähigkeit all derjenigen, die keine Ausbildung
zeichnung entspricht es, dass solche Beziehungen auf zum Geheimagenten durchlaufen haben und sich
dem bindenden Charakter gerade des frei gewählten keiner kompetenten Unterstützung ihres Doppelle-
Handelns beruhen. Sie setzen unerwartete Initiativen bens durch große Organisationen erfreuen. Leichter
voraus, die nach Themen- und Partnerwahl persön- fällt der Missbrauch erwiesenen Vertrauens, so die
lich zurechenbar sind – und die gerade deshalb auch These Luhmanns, wenn weitere Kontakte zum Betro-
den so Angesprochenen nicht einfach verpflichten genen vermieden werden können. Der Umstand,
können, sondern ihn nur zu eigenen Entscheidungen dass diese Bedingung beim Liebesbetrug am Ehe-
provozieren. Mehr als durch bloße Pflichterfüllung partner nicht erfüllt werden kann, macht Seiten-
kann man daher in solchen unverlangbaren Aktio- sprünge zu einer bekannt strapaziösen Angelegen-
nen als Individuum sichtbar werden. Das ist ein heit, die, wie Luhmann zu bedenken gibt, »selten
wichtiges Motiv für Vertrauen – aber es individuali- abgewogener Überlegung entspringen« (70).
Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität (1968) 143

Nicht die untadelige Gesinnung, sondern die an- vermeintlich vertrauensfrei vorliegenden Tatbestand
dernfalls drohende Komplexitätsüberlastung lehrt auf etwas richtet, das selber schon durch Vertrauen
also die Treue zum vertrauenden Partner. Darin liegt konstituiert ist (72 ff.). So beruht das Vertrauen in
auch eine Erklärung dafür, warum stabile Vertrau- Geld, ohne dass es seinen Verwendern immer ganz
ensbeziehungen sehr wohl mit nur vorgetäuschter klar wäre oder sein müsste, letztlich nur darauf, dass
Vertrauenswürdigkeit anfangen können. Wer sie auch andere in Geld vertrauen – und nicht etwa auf
fortsetzen will, der muss auch jene zunächst nur fin- einer Deckung durch irgendwelche Sachäquivalente.
gierte Identität fortsetzen, und auch das fällt leichter, Aber nicht nur dem Vertrauen Dritter, sondern auch
wenn man die Wirklichkeit der Fiktion anpasst und dem Vertrauen, das der andere mir erweist, und nicht
zu demjenigen wird, der zu sein man vormals nur si- zuletzt meinem eigenen Vertrauen in einen anderen
muliert hatte. Am Schicksal des routinierten Verfüh- kann ich mit reflexivem Vertrauen begegnen – in die-
rers, der am Ende dann ernsthaft lieben muss, kennt sem letztgenannten Fall dadurch, dass ich mir klar-
man dieses Motiv auch aus der Romanliteratur. mache, dass mein Vertrauen den anderen nicht nur
Die konventionelle Ethik des Vertrauens (man sol- binden und verpflichten, sondern auch bessern kann
le nur dann vertrauen, wenn der andere es auch wirk- – und mir selbst dadurch ein weiteres Vertrauensmo-
lich verdient) gibt Luhmann so wieder: Man solle nur tiv verschaffen.
dann vertrauen, wenn es eigentlich nicht nötig ist. Einen ähnlichen Sachverhalt erläutert Luhmann
Das Problem sei aber nicht das gerechtfertigte Ver- an der Institution des durchschauenden Taktes. Takt
trauen, sondern das ungerechtfertigte, »das sich heißt ja zunächst, dass man die Selbstdarstellung des
selbst rechtfertigt und dadurch schöpferisch wird« anderen schont, auch wenn man ihre Bruchstellen
(86). Es geht also nicht um die in objektiven Merk- erkannt hat und bloßlegen könnte. Man weiß etwa,
malen des anderen bereits reduzierte Komplexität, dass der andere sich besser darstellt, als er ist, aber
die man nur zutreffend zu erkennen hätte, sondern man verzichtet darauf, den schönen Schein zu zerstö-
um eine Komplexitätsreduktion, die der sozialen Be- ren. Vielleicht möchte man einfach die Interaktion
ziehung als Eigenleistung zurechenbar ist. Der Um- ungestört fortsetzen, und als bloße Interaktionstech-
stand, dass erwiesenes Vertrauen erziehen, also seine nik wurde der Takt ja zunächst auch erfunden. Diese
Bezugspersonen verändern kann, ist für diesen ›kon- Art von Takt steht freilich, wie alles höfliche Verhal-
struktivistischen Effekt‹ des Vertrauens nur ein Bei- ten, unter dem Vorbehalt, dass ihr Adressat sie nicht
spiel neben anderen. ernst nehmen darf. Es ist aber auch möglich, sich zu
Solche Einsichten in den teilweise selbsttragenden überlegen, dass die idealisierende Selbstdarstellung
Charakter eines Vertrauens, das den Mangel an ob- den anderen dazu verpflichten wird, bei ihr zu blei-
jektiven Gründen durch eigene Leistungen kompen- ben, und damit gewinnt man ein zusätzliches Motiv,
siert, sind zunächst ein Stück soziologischer Theorie, sie zu schonen, das dann auch ernsthaft und mit Aus-
entwickelt für die Zwecke der Wissenschaft und also sicht auf Fortgeltung in anderen Situationen darge-
ohne Rücksicht darauf, ob man diese Theorie oder stellt werden kann.
ein ihr entsprechendes Sozialwissen auch den Betei- In reflexiven Einstellungen und Verhaltensmus-
ligten würde zumuten können, oder ob eine genauere tern dieses Typs, die freilich anspruchsvoll sind und
Kenntnis der Funktionsweise des Vertrauens es un- nicht in beliebigen Situationen erwartet werden kön-
tergraben würde. Ist nicht eine Ethik, die dem Han- nen, sieht Luhmann gewisse Anzeichen dafür, dass
delnden weismacht, es gäbe vertrauensunabhängig eine Art von postontologischem Vertrauen möglich
feststellbare Merkmale, die sein Vertrauen rechtferti- ist und auch bereits praktiziert wird, das den anderen
gen, gerade in ihrer eigentümlichen Schlichtheit ein Menschen schon von sich aus als System in einer Um-
seinerseits notwendiger Beitrag zum Reduktionsge- welt sieht, in der der Vertrauende seinerseits wieder
schehen, den eine komplexer ansetzende Theorie nur vorkommt, statt nur als Objekt mit bestimmten Ei-
beschreiben, aber nicht ersetzen kann? genschaften. Ein solches Vertrauen ist auch durch so-
ziologische Analysen nicht zu verunsichern.
Im vorletzten Kapitel vertritt Luhmann die These,
Das Reflexivwerden des Vertrauens dass dieses reflexive Vertrauen auch andere Grundla-
gen in den Personen voraussetzt, die es aufbringen
Um diese Frage zu beantworten, bildet Luhmann ei- sollen (85 ff.). An die Stelle einer unbeweglichen Ge-
nen Begriff für das Reflexivwerden des Vertrauen, fühlsbindung an den anderen, die den möglichen
also für den Sachverhalt, dass es sich statt auf einen Vertrauensbruch einfach verdrängt und darum über-
144 Werke und Werkgruppen

fordert wird, wenn es dazu kommt, tritt eine beweg- Friends: Interpersonal Relations and the Structure of
lichere Einstellung, die im Wesentlichen darauf Trust in Society. Cambridge 1984.
Gambetta, Diego (Hg.): Making and Breaking of Coopera-
beruht, dass man der eigenen Fähigkeit zur adaptiven
tive Relations. New York 1988.
Selbstdarstellung sowie der Bereitschaft der anderen, Giddens, Anthony: The Consequences of Modernity. Stan-
sie taktvoll zu interpretieren, vertraut – und zwar ford, CA 1990.
auch und gerade für den besonders kritischen Fall, Hartmann, Martin/Offe, Claus (Hg.): Vertrauen. Die
dass man irgendwann einmal als Opfer eines Ver- Grundlage des sozialen Zusammenhalts. Frankfurt a. M.
trauensbruchs dasteht. 2001.
Luhmann, Niklas: Trust and Power. Chichester 1979.
–: »Familiarity, Confidence, Trust: Problems and Alterna-
tives«. In: Gambetta 1988, 94–109.
Macauley, Steward: »Non-Contractual Relations in Busi-
Soziologische Anschlüsse ness«. In: American Sociological Review 28. Jg., 1 (1963),
55–67.
Eine soziologische Diskussion über Vertrauen, die André Kieserling
den Begriff nicht einfach mit Solidarität gleichsetzt –
so die Kritik von Luhmann (1988, 94) an Eisenstadt
(1984) –, kommt eigentlich erst zu Beginn der 1980er
Jahre in Gang. Zu diesem Zeitpunkt gibt es Luh-
manns Buch bereits in einer englischen Übersetzung
(vgl. Luhmann 1979), und Autoren wie Bernard Bar-
ber (1983), Diego Gambetta (1988), später sehr deut-
lich auch Anthony Giddens (1990) können darauf
verweisen. Der Sammelband von Hartmann und
Offe (2001) dokumentiert Teile dieses Sachstandes
für das deutsche Publikum. Das Buch gehört also zu
den wenigen Publikationen Luhmanns, die auch au-
ßerhalb des deutschen Sprachraums gelesen werden.
In der Werkgeschichte seines Autors bildet der
Text dagegen einen vergleichsweise isolierten Kom-
plex. Während andere Themen immer erneut behan-
delt werden, gibt es für das Vertrauensthema nur eine
ergiebige Stelle, die älter ist als das Vertrauensbuch
(FuF, 71 ff.), und nur wenige Einlassungen jüngeren
Datums. Die Sozialen Systeme (1984) resümieren die
Argumentation des Buches auf wenigen Seiten (SS,
179 ff.); ein wenige Jahre später publizierter Aufsatz
in englischer Sprache fügt den bekannten Thesen
über Systemvertrauen lediglich einige Überlegungen
hinzu, die sich bereits am Formenkalkül von George
Spencer-Brown orientieren (Luhmann 1988), und
das Buch über Risiko (SdR, 132 ff.) hält schließlich
fest, dass persönliches Vertrauen durch eine Perso-
nalunion von Entscheidungsrisiko und Betroffenheit
charakterisiert ist, während die eigentlichen Risiko-
themen ihre Brisanz dadurch haben, dass man sich
durch die riskanten Entscheidungen anderer betrof-
fen, nämlich gefährdet sieht.

Literatur
Barber, Bernard: The Logic and Limits of Trust. New Bruns-
wick, NJ 1983.
Eisenstadt, Shmuel N./Roniger, Luis: Patrons, Clients and
145

4. Legitimation durch Verfahren Gerichtsverfahren


(1969) Unter der Legitimation einer Entscheidung versteht
Luhmann ihre faktische Hinnahme, und zwar auch
Die Idee einer Legitimation durch Verfahren gehört durch diejenigen, die sich durch eigenes Handeln be-
in den liberalen, das alteuropäische Denken ablösen- reits auf die Erwartung des Gegenteils festgelegt hat-
den Vorstellungskreis. Ihren Grundgedanken mag ten. Wie man sich an der sozialen und biographi-
man in einem Tausch von allgemeinem Einfluss ge- schen Lage dessen klarmachen kann, der ein
gen Anerkennung sehen: Wenn man die Leute nur Gerichtsverfahren verloren hat, möglicherweise nach
anhört, ihre Wünsche ernstnimmt, ihre Stimmen jahrelangem Rechtsstreit, heißt ›Hinnahme‹ hier,
zählt, akzeptieren sie im Einzelfall auch Entscheidun- dass man in einem sehr anspruchsvollen Sinne zu ler-
gen, die ihnen nicht zusagen. Es geht also um eine nen bereit sein muss. Der Prozessverlierer kann nicht
Generalisierung der Motive des Entscheidungsemp- einfach dadurch lernen, dass er einem schon vorhan-
fängers, um eine Mobilisierung seiner Folgebereit- denen Wissensbestand etwas Neues hinzufügt, er
schaft gegenüber seinen handfesten Interessen. Grob muss vielmehr zusammen mit seiner Rechtsauffas-
mag man sich das in Analogie zu Sport und Gesell- sung auf mehr oder minder zentrale Aspekte einer
schaftsspiel vorstellen: der Bürger als guter Verlierer vor anderen bereits dargestellten Identität verzich-
eines fair ausgetragenen Wettkampfes. ten. Er muss, um es ganz deutlich zu sagen, ein ande-
Die hohe Affinität dieser Idee zu einer interessen- rer Mensch werden.
pluralistischen Gesellschaft liegt auf der Hand. In ei- Es gehört zum gesicherten Wissen der Soziologie,
ner solchen Gesellschaft ist es nämlich völlig normal, dass existentielle Lernprozesse dieses Typs durch so-
dass politische Entscheidungen differenzierte Inte- ziale Unterstützung wesentlich erleichtert werden
ressen ungleich treffen, also Gewinner und Verlierer können. Sie werden in diesem speziellen Fall zum
erzeugen. Ein Bedürfnis nach Möglichkeiten, Verlie- Beispiel dadurch erleichtert, dass unbeteiligte Dritte
rer zu beruhigen und zu befrieden, ist in einer sol- die geforderte Lernleistung als objektive Konsequenz
chen Gesellschaft strukturell angelegt, und Verfahren der richterlichen Entscheidung ansehen, sie also
sind eine Art, es zu erfüllen. nicht persönlich zurechnen und nicht als Ausdruck
Jener Zusammenhang zwischen Verfahrensbetei- von Feigheit oder Faulheit, Wankelmut oder Willens-
ligung und Folgebereitschaft war zunächst als mögli- schwäche erleben und vorwerfen. Der Verlierer ver-
cher Gegenstand des Bewusstseins und damit als liert nicht das Vertrauen seiner Mitmenschen, wenn
motivfähig gedacht: Auch die Unzufriedenen können er das Urteil akzeptiert, er stellt sich vielmehr gerade
ihn einsehen und fügen sich eben deshalb. Nachdem in dieser Lernleistung als vertrauenswürdig, nämlich
die Idee des wohlinformierten und mündigen Bür- als ›vernünftig‹ und ›realitätsangepasst‹ dar. Im Un-
gers, die man dabei voraussetzen musste, der empi- terschied zum Normfall kann hier also gerade der
rischen Forschung nicht standgehalten hat, scheint Umbau einer Persönlichkeit auf sozial unauffällige
eine Revision der Verfahrensidee angebracht. Eine Weise geschehen, und auffällig wird nur, wer ihn ver-
solche Revision schlägt Luhmann in seinem Buch vor. weigert. Solche institutionellen Erleichterungen, in
Auch bei ihm wird das Verfahren als generalisierender denen sich die allgemeine Legitimität einer Rechts-
Mechanismus begriffen, aber er nutzt soziologische ordnung niederschlägt, werden von Luhmann deut-
und insbesondere systemtheoretische Denkmöglich- lich gewürdigt (LdV, 27 ff., 107 ff.). Seine Hauptfrage
keiten, um auch latente Funktionen zu berücksichti- lautet indessen, ob nicht auch die Beteiligung an In-
gen, die nicht voraussetzen, dass die Generalisie- teraktionen, nämlich am Gerichtsverfahren, zusätz-
rungsleistung, und damit der eigentlich legitimieren- liche Lernhilfen erzeugen kann.
de Vorgang, als solche gewusst und gewollt wird. Ihrer offiziellen Beschreibung zufolge sind Verfah-
Luhmann führt das für die drei Verfahrenstypen ren keine therapeutischen Einrichtungen. Sie dienen
der Rechtsprechung, der politischen Wahl und der nicht dazu, unwahrscheinliche Änderungen von Per-
parlamentarischen Gesetzgebung vor. Zur Ergän- sönlichkeitsstrukturen in die Wege zu leiten. Sie sol-
zung enthält das Buch außerdem noch ein Kapitel len vielmehr, gebunden an feste Programme, ver-
über die Entscheidungsprozesse der Verwaltung, die bindliche Streitentscheidungen anfertigen. Die vor-
in der Regel ohne Bürgerbeteiligung ablaufen und je- gesehene Beteiligung der davon Betroffenen in
denfalls nicht als Vorstufe zum Verwaltungsgerichts- verfahrenseigenen Rollen dient ihrerseits nur dazu,
verfahren angelegt sein müssen. die Qualität dieses Entscheidungsprozesses zu si-
146 Werke und Werkgruppen

chern und zu verbessern. Im Idealfall gelangt der durch bestätigt. Der Beitrag des Richters zum
Prozess zu Entscheidungen, die in einem erkenntnis- sozialen System des Verfahrens aber besteht darin,
analog begriffenen Sinne ihrer Sache entsprechen, die Offenheit des Entscheidungsprozesses darzustel-
also wahr oder gerecht sind – und die aufgrund dieser len, und zwar auch und gerade dann, wenn diese
Qualität auch von den Beteiligten akzeptiert werden, Darstellung fiktiv ist, weil der erfahrene Jurist bereits
und zwar unabhängig davon, ob die Entscheidung weiß oder ahnt, wer den Prozess am Ende verlieren
nun mit ihren vormaligen Ansprüchen und Projek- wird. Denn die Offenheit des Ausgangs ist für die
tionen harmoniert oder nicht. Diese Theorie unter- Verfahrensbeteiligung wesentlich. Nur weil noch
scheidet also nicht systematisch zwischen Gewinner nicht feststeht, wie das Gericht entscheiden wird, ha-
und Verlierer – so wenig wie die Urteilsbegründung, ben beide Parteien ein Motiv für eigene Teilnahme.
die ja für beide Parteien dieselbe ist. Die einzige Lern- Aus dieser ›Offenheitsdarstellung‹ des Richters
hilfe liegt ihr zufolge darin, dass beide Parteien sich wiederum ergibt sich ein Druck in Richtung auf
von der Richtigkeit (Wahrheit, Gerechtigkeit) der komplementäres Verhalten der anderen Prozessbe-
Entscheidung überzeugen können. Zu einer fakti- teiligten. Jede Partei würde sich schaden, wollte sie
schen Hinnahme unrichtiger oder sonstwie unvoll- dem Richter gegenüber darauf bestehen, dass ja wohl
kommener Entscheidungen kann das Verfahren nur sie und nicht auch der Gegner im Recht sein kön-
demnach nichts beitragen. Für Luhmann ist dies eine ne. Auch hier gilt wieder: Psychologisch mögen sie es
Auffassung, die nur die manifeste Funktion des Ver- so sehen, aber kommunikativ müssen sie mindestens
fahrens trifft – und die als Theorie über die Motivlage so tun, als könnten sie sich vorstellen, dass die Mei-
des Verlierers offenbar unzutreffend ist. nung des Prozessgegners die juristisch überlegene ist.
Nach Luhmanns Auffassung, die er am deutlichs- So werden sie dazu gebracht, eine Lernfähigkeit dar-
ten in einem Vorwort zur zweiten Auflage des Buches zustellen, die möglicherweise gar nicht vorhanden
formuliert, ist das Verfahren ein soziales System, das ist. Muss am Ende dann wirklich gelernt werden, ver-
mit jenem Entscheidungsprozess nur teilweise iden- fügt auch der, den dies trifft, über eine Darstellungs-
tisch ist. Es kann daher auch nicht ausschließlich von geschichte, in der dieses Lernen auch Fortsetzung ist.
jenem Prozess her, also nicht ausschließlich als ko- Und umgekehrt: Seine Freiheit, das Verfahren für ein
operative Anwendung von Rechtsprogrammen zum abgekartetes Spiel und den Richter für eine Mario-
Zwecke der Herstellung eines Urteils begriffen wer- nette mächtiger Hintergrundfiguren zu halten, hat er
den. Es dient nicht nur dazu, dem Richter zu Ent- durch die symbolischen Implikationen der eigenen
scheidungsgesichtspunkten zu verhelfen, die er für Mitwirkung am Verfahren verspielt, und den Weg
die Auswahl und Begründung des Urteils benötigt, es dahin zurück anzutreten, würde nun seinerseits als
hat auch noch eine latente Funktion. Diese sieht Luh- Bruch wirken.
mann darin, dass beide Streitparteien im Verfahren Die begrifflichen Mittel, mit denen Luhmann die-
dazu gebracht werden, sich als lernfähig darzustellen, se These bestreitet, waren damals neuartig und sind
und zwar als lernfähig auch im Bereich eigener bis heute nicht so geläufig, dass man sich ihre Erläu-
Normprojektionen und Ansprüche, und dass diese terung sparen könnte. Der wichtigste Punkt ist ver-
Darstellung es dann speziell dem Verlierer erleich- mutlich die Soziologie der Freiheit, die er hier
tert, die allseits erwartete Lernleistung auch wirklich voraussetzt. ›Freiheit‹ wird von ihm nicht als Ursa-
zu vollbringen. Die Zumutung, sich von einem nor- chelosigkeit, sondern als Institutionalisierung eines
mativen Anspruch zu lösen, trifft ihn am Ende eines Bereiches von Handlungen verstanden, die persön-
Verfahrens nicht völlig unvorbereitet, nachdem ihm lich zurechenbar sind. Das soziale Interesse an Hand-
schon das Verfahren selbst eine Lockerung seiner lungen dieser Art besteht darin, dass sie, anders als
Identifikation mit dem Anspruch abverlangt hat. Handlungen, die sozialer Fremdbestimmung unter-
Um zu verstehen, wie es zu dieser Darstellung von liegen, die individuelle Selbstdarstellung des Han-
Lernfähigkeit kommt, mag man von der sozialen delnden binden und ihn auf diese Weise zur
Rolle des Richters ausgehen. Die Rollen der Parteien Fortsetzung verpflichten. Frei gewählte Handlungen
und der Parteienvertreter können dann als Komple- stehen also für selbsterzeugte Beschränkungen im
mentärrollen analysiert werden, in denen man stra- Handlungspotential einer Person. Der Handelnde
tegisch gut beraten ist, wenn man eigenes Verhalten hat eigene Möglichkeiten selbst negiert und steht da-
so wählt, dass es die dominierende Rollenauffassung her als Person für die Kontinuität dieser Negations-
und Situationsdefinition des Richters nicht diskredi- leistung gerade. Andere können sich darauf verlas-
tiert, sondern symbolisch zurückspiegelt und da- sen, wenn sie eigene Erwartungen bilden und eigene
Legitimation durch Verfahren (1969) 147

Handlungen wählen. Die Sanktionsform für Abwei- die Entscheidungssituationen von höherer Komple-
chungen von Erwartungen, an deren Aufbau man in xität ordnen sollen. An ihnen stößt man auf ganz an-
dieser Weise beteiligt war, besteht darin, dass man die dere Arten von Mitwirkungsmöglichkeit, die den
elementare Reputation als ernstzunehmender Kom- Modellcharakter des Gerichtsverfahrens aufheben.
munikationsteilnehmer riskiert. Freies Handeln hat Im Gesetzgebungsverfahren ist die Mitwirkung des
also so gut wie zwangsläufig strukturelle Effekte, die Laienpublikums aufs Zuschauen reduziert, während
auch psychisch abgesichert sind, stellt also die Bin- die aktiv Beteiligten in Rollen für hauptberufliche
dungsfähigkeit externer Systeme in den Dienst der Arbeit (Juristen und Berufspolitiker) mitwirken. Das
Sozialordnung. Eben deshalb ist die Institutionalisie- Verfahren der politischen Wahl wiederum ordnet
rung von Freiheit so aufschlussreich für ein genuin zwar ein Handeln in Publikumsrollen, ist aber ande-
soziales Ordnungsinteresse. rerseits so angelegt, dass eine persönliche Zurech-
Diese These über die sozialen Funktionen der nung dieser Handlungen gerade blockiert wird: als
Freiheit wird besser verständlich, sobald man sie mit geheimes Handeln aus jeder sozialen Kontrolle ent-
dem Gegenfall des erkennbar unfreien Handelns ver- lassen, muss die Stimmabgabe als eigenes Handeln
gleicht. Was eine Person unter Zwang oder auf Befehl nicht einmal dargestellt werden. Man kann zutref-
anderer tat, kann ihr nicht zugerechnet werden. Al- fend mitteilen, wie man gewählt hat, aber man muss
lenfalls das soziale System, in dessen Name der Befehl es nicht. Die Bindung kommt nur durch Entschei-
erging, kann die Kontinuität des Sinnes solcher dung des Wählers und nicht, wie im Gerichtsverfah-
Handlungen garantieren. Gebunden wird das soziale ren, als unausweichliche Selbstverstrickung zustan-
System, während die ausführenden Individuen, die de. Außerdem lassen sich, während jedes Gerichts-
hier als Funktionäre des Sozialsystems agieren, als verfahren mit einer einzigen Entscheidung endet,
Personen ganz unverpflichtet bleiben. jeder politischen Wahl so viele und so verschiedenar-
Gerade das freie Handeln ist also ein Mechanis- tige Anschlussentscheidungen zuordnen, dass die
mus der Reduktion sozialer Komplexität – ein Bei- Vorstellung fiktiv wird, an jede einzelne davon fühle
trag zur Lösung des Problems doppelter Kontingenz. sich der Bürger schon darum gebunden, weil man
Das erklärt ganz gut, warum gerade Systeme von ho- ihm einmal die Gelegenheit bot, zwischen konkur-
her Komplexität nicht nur mehr Reduktionsmecha- rierenden Führungsgruppen zu wählen.
nismen unpersönlicher Art, sondern auch mehr freie Das bedeutet nach Luhmann durchaus nicht, dass
Reduktionen benötigen – und deshalb anfangen, die moderne Politik chronisch unterlegitimiert wäre.
auch kulturell in das Individuum zu investieren. Das Wohl aber bedeutet es, dass man den Legitimations-
Gerichtsverfahren ist ein schönes Beispiel für diese begriff von seinem anschaulichen Interaktionsmo-
Kombination. dell ablösen und neu bestimmen muss. Luhmanns
Thesen über das Verfahren der politischen Wahl und
über das Gesetzgebungsverfahren setzen diese Neu-
Gesetzgebung und politische Wahl bestimmung voraus.
Systemtheoretisch rekonstruiert, liegt das eigent-
Die Vorstellung einer motivstarken Verfahrensbetei- liche Problem der Legitimation in der Nichtidentität
ligung liest Luhmann an der sozialen Situation der zweier Systemreferenzen: Das politische System, das
Rechtsprechung ab. Ihm schwebt damit ein kleines die Entscheidungen trifft, ist nur ein Teilsystem der
Interaktionssystem vor, das in die letzte Phase eines Gesellschaft, das sie respektieren soll. In dieser Sys-
langen Entscheidungsprozesses gehört, in der es eine temdifferenzierung liegt die Gefahr, dass Entschei-
vergleichsweise übersichtliche Situation vorfindet, in dungen getroffen, aber nicht respektiert werden, und
der es noch wenig zu entscheiden gibt. Vor Gericht ein politisches System, das nur noch solche Entschei-
geht es nur noch um Einzelfälle, und nur wenige Tat- dungen treffen könnte, wäre nicht legitim. System-
bestände und wenige Normen werden dafür über- theoretisch gesehen, ist Legitimation also eine
haupt relevant. Unter diesen Umständen ist es Formel für die Überbrückung jener Systemdifferenz.
durchaus sinnvoll, den Adressaten der Entscheidung Die Formel bezeichnet den gesellschaftlichen Erfolg
in einer aktiven Publikumsrolle zu beteiligen, die des politischen Teilsystems.
ihm eigenes Handeln abverlangt und damit seine In einfacheren Gesellschaften war es möglich, dem
Persönlichkeit engagiert. politischen System die Bedingungen solcher Erfolge
Denkt man dagegen an frühere Phasen desselben von außen her vorzugeben. Politische Legitimität
Prozesses, treten andersartige Verfahren in den Blick, wurde auf dem Wege der Anpassung an die Natur, an
148 Werke und Werkgruppen

die Vernunft, an die Ratschlüsse der öffentlichen angleichen, und zwar in Richtung auf höhere Unbe-
Meinung gesucht. Die moderne Gesellschaft hat die- stimmtheit ihrer gefälligen Programme, und dass
se Möglichkeit hinter sich gelassen. Die Komplexität dem Wähler dadurch die Möglichkeit genommen
ihres eigenen Systems muss als politisch unbestimm- wird, über die programmatische Ausrichtung der
te Größe gedacht werden. Damit wird der gesell- künftigen Politik zu entscheiden. Er kann eine Um-
schaftliche Erfolg der Politik von der Komplexität besetzung der Ämter, aber er kann keinen Kurswech-
ihres eigenen Systems abhängig. Der politische Ent- sel herbeiführen. In der klassischen Konzeption
scheidungsprozess muss so viele Alternativen erfas- dieses Verfahrens würde dies bedeuten, dass die Ge-
sen und ordnen können, dass er dem Konfliktpoten- sellschaft an Einfluss auf die Politik verliert. Nach
tial und dem davon abhängigen Entscheidungsbe- Luhmann bedeutet es, dass die beiden Verfahren der
darf einer differenzierten Gesellschaft gerecht wird. politischen Wahl und der politischen Gesetzgebung
Die eigentlich legitimierenden Einrichtungen sind deutlicher gegeneinander differenziert werden: Der
folglich solche, die dem politischen System das Erfas- Ausgang der Wahl legt den siegreichen Politiker nicht
sen und Reduzieren hoher Komplexität gestatten. auf diese oder jene Gesetzgebung fest. Durch keinen
In Anwendung auf das Verfahrensthema hat diese irgend greifbaren ›Wählerauftrag‹ gebunden, hat er
Rekonstruktion des Legitimationsproblems zwei den Interessenten wie auch der Verwaltung gegen-
Konsequenzen. Sie macht zum einen erkennbar, dass über (die ja beide an der Gesetzgebung teilnehmen,
institutionalisierte Mitwirkungsmöglichkeiten nur wenn auch in sehr verschiedener Weise) die Möglich-
eine Form der Problemlösung neben anderen sind. keit, ja oder nein zu sagen (Luhmann 1971).
In den sozialistisch regierten Entwicklungsländern Verglichen mit der programmatischen Anglei-
gab es anstelle der Wahldemokratie eine Gesell- chung der Parteien läge die größere Gefahr darin,
schaftsideologie, die hohe Komplexität durch das dass sie die politische Unterstützung ihrer Wähler
analytische System ihrer eigenen Grundbegriffe zu durch konkrete Entscheidungszusagen, letztlich also
erfassen und durch dessen laufende Interpretation zu tauschförmig, zu gewinnen versuchen, denn eben
reduzieren versuchte. Der Vergleich mit anderen damit wären sie im Falle eines Wahlerfolges auch für
Entwicklungsländern zwingt nicht zu dem Urteil, die Gesetzgebung schon gebunden, und diese verlöre
dies sei schlechthin inadäquat gewesen. Ähnlich mag den Charakter eines zweiten Verfahrens. Dieses Pro-
es nur eine Frage der Zeit sein, bis man im bürokra- blem war so lange auch in der Bundesrepublik aktu-
tisch regierten Europa aufhört, sich für politische ell, wie ökologische Parteien noch die Züge einer
Wahlen zu interessieren. Eine solche Entwicklung monothematischen Unternehmung trugen. Ihrer
wäre nicht deshalb beklagenswert, weil sie nach neu- Klientel gegenüber auf ein einziges Thema fixiert,
ester Modeterminologie ›postdemokratisch‹ wäre, hatten sie nicht diejenige Bewegungsfreiheit, die der
sondern allenfalls deshalb, weil sie das Wertberück- größere und opportunistisch agierende Koalitions-
sichtigungspotential des politischen Prozesses zu partner ihnen abverlangte.
stark limitiert. Die Systemtheorie ist also nicht unkri- Gelingt es dagegen, die politische Wahl und die
tisch, wie man ihr manchmal nachsagt, sie verzichtet Gesetzgebung zu differenzieren, muss man im Ge-
nur darauf, sich an Partizipationsideologien zu ket- setzgebungsverfahren mit hoher und unstrukturier-
ten. ter Komplexität rechnen. Die Entscheidungslasten
Eine zweite Konsequenz ergibt sich daraus, dass liegen dementsprechend hoch, und jedes Ja impli-
man über Sinn und Funktion von politischer Wahl ziert viele Neins. Dieser Rahmenbedingung ist es an-
und politischer Gesetzgebung anders urteilen muss, gemessen, dass die aktive Beteiligung an diesem
wenn man sie im Kontext der Erfassung und Bestim- Verfahren eine Beteiligung an Rollen für hauptberuf-
mung hoher politischer Komplexität sieht. Luhmann liche Arbeit ist. In solchen Rollen ist man verfahrens-
betont unter diesem Aspekt vor allem die Komplexi- unspezifisch, also nicht durch die Themen der
tätsvorteile, die sich durch strukturelle Differenzie- jeweiligen Entscheidung motiviert, so dass es schon
rung dieser beiden Verfahren gewinnen lassen – also darum leichter fällt, sich auch mit unbefriedigenden
dadurch, dass die politische Wahl nur die Personen in Entscheidungen abzufinden. Außerdem sind die Be-
die Ämter bringt, aber nicht auch die Gesetze festlegt, ziehungen der Abgeordneten zu den Verwaltungsbe-
die sie dort machen werden. amten und zu den Interessenvertretern häufig als
Man kann sich die Implikationen dieser Auffas- langfristige Beziehungen angelegt. Sie müssen nicht
sung am Beispiel der politischen Wahl klar machen: nur für die Dauer eines einzelnen Verfahrens halten,
Es wird oft notiert, dass die Parteien sich inhaltlich sondern nehmen die Form eines eigenen Kontaktsys-
Legitimation durch Verfahren (1969) 149

tems der ›guten Beziehungen‹ an. Auch dadurch wird der klassischen Theorie der Gesetzgebung möglich
ein kampfloses Nachgeben im Einzelverfahren er- war.
leichtert, denn Intransigenz könnte die Beziehung als Entscheidend für diese Einschätzung ist dabei,
solche vergiften. dass alle diese sozialen Konstellationen innerhalb des
Vor allem aber führt diese Rahmenbedingung ho- Gesetzgebungsverfahrens auch miteinander vernetzt
her und unstrukturierter Komplexität dazu, dass ge- sind, dass sie nämlich füreinander Beschränkungen
läufige Vorstellungen über Rationalität revidiert setzen. Dadurch wird verhindert, dass das Verfahren
werden müssen. Auch diese Vorstellungen kleben von einer einzigen Gruppe von Teilnehmern be-
Luhmann zufolge, ähnlich wie die über soziale Betei- herrscht wird, also ihr gegenüber seine Autonomie
ligung, am Vorbild einfacher Interaktionssysteme. verliert. Den Interessenten gegenüber kann der Poli-
Sie messen das Gerichtsverfahren an einem Rational- tiker in überzeugender Weise darauf verweisen, dass
modell, das nur für Entscheidungssituationen von auch großzügige Parteispenden kein Grund für Steu-
sehr geringer Komplexität passt, und finden darum erbefreiungen sind, den die universalistisch arbeiten-
keinen Zugang zu der Frage, warum die Realität die- de Verwaltung anerkennen würde, gegenüber der
sem Modell nicht entspricht. Verwaltung kann er geltend machen, dass seine Wäh-
So wurde die parlamentarische Arbeit als ergeb- ler oder die seiner Koalitionspartner eine solche Re-
nisoffene Diskussion unter sozial ungebundenen gelung nicht akzeptieren würden, und außerdem
Teilnehmern modelliert. Dieser Konzeption musste stehen diese beiden Arten von nicht-öffentlichen Si-
daher unverständlich bleiben, warum solche Diskus- tuationen unter der Zumutung, dass mindestens die
sionen aus sich heraus Parteien erzeugen, die vorge- Entscheidungen, zu denen sie führen, mindestens
tragene Argumente partikularistisch würdigen, sich also die Gesetze selbst, auch durch den Filter einer öf-
also durch sozial Fernstehende und insbesondere fentlichen Darstellung hindurchmüssen. Die Rolle
durch den politischen Gegner nicht mehr umstim- des Bürgers im Gesetzgebungsverfahren ist die eines
men lassen, und warum man infolgedessen garan- Zuschauers, der dafür sorgt, dass der Zensureffekt ei-
tierte Möglichkeiten der Überstimmung, also zuver- ner öffentlichen Präsentation auch wirklich zustande
lässige Parlamentsmehrheiten braucht, um zur Ent- kommt. Und auch auf mangelnde Darstellbarkeit
scheidung zu kommen. Die öffentlichen Phasen des kann sich der Politiker berufen, etwa wenn er Wün-
Gesetzgebungsverfahrens werden vom Sozialmodell sche von Interessenten ablehnen will.
der Diskussion, das keine strukturelle Trennung von Luhmanns Buch über Verfahren ist oft kritisiert,
Kooperation und Konflikt kennt, auf reine Konflikte aber selten genau gelesen worden. So hatte selbst Jür-
zwischen nur noch intern kooperierenden Gruppen gen Habermas es durchgängig im Sinne des älteren
umgestellt (Kieserling 2010). Luhmann sieht in die- Rechtspositivismus verstanden, also im Sinne einer
sem Übergang von universalistischer zu partikularis- Legitimation durch Verfahrensrecht. Andere Kritiker,
tischer Themenbehandlung in erster Linie eine mit denen Luhmann im Vorwort zur zweiten Auflage
Entscheidungsvereinfachung durch soziale Gegner- des Buches diskutiert, hatten die Nichtidentität von
schaft, die angesichts hoher Komplexität schwer zu Verfahren und Entscheidungsprozess übersehen und
ersetzten ist. ihm vorgehalten, den Entscheidungsprozessen des
Diese Umstellung ist aber nur eine der Abwei- Richters nicht gerecht zu werden. An beiden Linien
chungen vom Modell parlamentarischer Arbeit, die der Kritik fällt auf, dass sie sich auf die Soziologie des
Luhmann kommentiert, und zwar diejenige, an die Gerichtsverfahrens beschränken. Einer der Gründe
man sich unterdessen gewöhnt hat. Daneben behan- für diese Mischung aus Missverständnis und Miss-
delt er auch noch zwei Umstellungen im Bereich der verhältnis dürfte sein, dass die politische Soziologie,
nicht-öffentlichen Episoden des Gesetzgebungsver- an der Luhmann neben dem Verfahrensbuch arbei-
fahrens, die nach wie vor Ablehnung und Kritik auf tete und in deren Konzeption es sich als eine ihrer
sich ziehen: den Rückzug der sachbezogenen Arbeit Anwendungen einfügen sollte, seinerzeit ungedruckt
aus den Plenarsitzungen in die Ausschüsse, in denen blieb. Inzwischen kann man auch diesen Hinter-
die offizielle Parteienkonkurrenz unterdrückt ist und grundtext lesen (PS). Man möchte sich wünschen,
die Verwaltung aufgrund ihres überlegen Sachver- dass er dem Verfahrensbuch eine zweite Generation
stands dominiert, und die inoffizielle Beteiligung der von kritischen Lesern zuführt, die es sachgerechter
Interessenverbände an der legislativen Arbeit. Auch einschätzen kann.
diese Abweichungen sieht Luhmann positiver, als es
150 Werke und Werkgruppen

Literatur 5. Theorie der Gesellschaft


Kieserling, André: »Simmels Formen in Luhmanns Verfah- oder Sozialtechnologie –
ren«. In: Barbara Stollberg-Rilinger/André Krischer
(Hg.): Herstellung und Darstellung von Entscheidungen. Was leistet die System-
Berlin 2010, 109–129. forschung? (1971; mit Jürgen
Luhmann, Niklas: »Komplexität und Demokratie«. In:
Ders.: Politische Planung. Opladen 1971, 35–46. Habermas)
André Kieserling
Zur Entstehung – Take off in der Frankfurter
Fremde
»Ich habe erfahren«, notiert der Suhrkamp-Verleger
Siegfried Unseld im Frühjahr 1968, »daß auf dem So-
ziologentag sich als Einziger der junge und noch re-
lativ unbekannte Professor Dr. Niklas Luhmann (aus
Speyer) in den Vordergrund gerückt hat. Er hat ein
Buch über Vertrauen geschrieben und soll jetzt als
Professor für Soziologie an die neue Universität Bie-
lefeld gerufen werden. Er wäre der Mann, der für die
Reihe THEORIE 2 eine Theorie der Intuition [sic, In-
stitution? E.K.] also eine Systemtheorie der Gesamt-
gesellschaft schreiben könnte« (Aktennotiz, abge-
druckt in Süddeutsche Zeitung Magazin, Heft 22/
2010, 4).
Diese wenigen Sätze markieren den Beginn der
Vorgeschichte von Luhmanns öffentlicher Sichtbar-
keit weit über seine engeren Fachkontexte hinaus; sie
ist eng mit dem Kontakt zum Suhrkamp-Verlag und
zu Jürgen Habermas verknüpft. Bereits drei Jahre
nach Unselds Notiz erscheint 1971 der Diskussions-
band mit Habermas über Theorie der Gesellschaft
oder Sozialtechnologie. Trotz der nicht unerheblichen
Schwierigkeiten, die der Band auch einer professio-
nellen Lektüre bietet, zeigte sich schon bald, dass er
zu einem verlegerischen Erfolg werden sollte: Etwa
6000 Exemplare wurden in den ersten drei Jahren
verkauft, 1990 werden es ca. 50.000 gewesen sein.
Spätestens seit Luhmann 1976, fünf Jahre nach Er-
scheinen des Diskussionsbands, neben Habermas
und Dieter Henrich als wissenschaftlicher Beirat der
Reihe »Suhrkamp Theorie« fungierte, war er im Kreis
der bestimmenden Intellektuellen der späteren Bun-
desrepublik etabliert.
Der Diskussionsband, der eine frühe Stufe der
Auseinandersetzung mit Jürgen Habermas’ Sozial-
philosophie repräsentiert, nimmt in Luhmanns
Werk in mehrfacher Hinsicht eine Sonderstellung
ein. Er gehört zu den wenigen Veröffentlichungen,
die Luhmanns direkte Auseinandersetzung mit ver-
gleichbar anspruchsvollen Theorieansätzen doku-
mentieren. Der Band spiegelt zugleich gesellschafts-
theoretische Diskussionen der späten 1960er Jahre,
Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung? (1971) 151

in denen Luhmann mit seinen Arbeiten, nicht zuletzt lich übliches und notwendiges Vor- oder Nachwort
mit dem Diskussionsband, einer größeren, interes- verzichten. Auch fehlt eine hinführende Einleitung
sierten Öffentlichkeit bekannt wurde. Im Rückblick der Autoren. Stattdessen beginnt der Band mit Luh-
lassen sich die Kontroverse und die darauf reagieren- manns berühmtem Programm »Moderne System-
den Diskussionen als Höhepunkt und vorläufiges theorien als Form gesamtgesellschaftlicher Analyse«,
Ende einer Entzweiungsgeschichte der Sozialtheorie das er 1968 auf dem Frankfurter Soziologentag vor-
lesen, die zunächst als ›Werturteilsstreit‹ aufgetreten gestellt hatte. Daran schließt Luhmanns erwähnter
war und sich später als ›Positivismusstreit‹ fortsetzte. Text »Sinn als Grundbegriff der Soziologie« aus dem
Der besondere Status und die Struktur des Bandes gleichen Jahr an. In dieser Zeit sind offenbar auch
werden schon in seiner Vorgeschichte deutlich. Habermas’ im Band nachfolgende »Vorbereitende
Luhmann hat Habermas – nach seinem viel be- Bemerkungen zur Theorie der kommunikativen
achteten Auftritt auf dem Soziologentag 1968 in Kompetenz« entstanden. Den Hauptteil des Bandes
Frankfurt – spätestens im Zusammenhang einer bilden dann zwei umfangreiche, gegliederte Abhand-
Lehrstuhlvertretung für den beurlaubten Theodor lungen, von denen die habermassche ca. 150, die luh-
W. Adorno kennengelernt (zur folgenden Darstel- mannsche ca. 110 Seiten umfasst.
lung vgl. v. a. Rammstedt 1999, 16 ff.). Im Rahmen ei- Von Anfang an war klar, dass es in diesem Band
nes Seminars im Sommersemester 1969, zu dem nicht um ›Sozialtechnologie‹ gehen würde, weil keine
Habermas Luhmann eingeladen hatte, entstand bei Seite damit angemessen bezeichnet gewesen wäre.
›linken‹ Studierenden – neben ihrem grundsätzli- Unverständlich bleibt, warum Luhmann, dessen An-
chen politischen Misstrauen gegenüber Luhmann – satz diese Zuschreibung galt, den Titel akzeptiert hat.
ein wachsendes Interesse an dem Kritikpotential sei- Sein späterer nicht-ironischer Kommentar: »Die Iro-
ner Theorie gegenüber dem ›reformistischen‹ haber- nie dieses Titels lag darin, daß keiner der Autoren
masschen Diskursansatz. sich für Sozialtechnologie stark machen wollte, aber
Bei den Seminardiskussionen zum Sinnbegriff be- Meinungsverschiedenheiten darüber bestanden, wie
zog sich Luhmann auf einen thematisch einschlägi- eine Theorie der Gesellschaft auszusehen habe; und
gen Aufsatz, den er gerade fertiggestellt hatte und den es hat symptomatische Bedeutung, daß der Platz ei-
er Habermas auf dessen Nachfrage zur Kenntnis gab ner Theorie der Gesellschaft in der öffentlichen
(»Sinn als Grundbegriff der Soziologie«, TGS, 25 ff.). Wahrnehmung zunächst nicht durch eine Theorie,
Habermas plante daraufhin, diesen Text zusammen sondern durch eine Kontroverse eingenommen wur-
mit seiner Kritik »Meaning of Meaning oder: Ist de« (GG, 11; vgl. dazu z. B. Kneer/Moebius 2010;
›Sinn‹ eine sprachunabhängige Kategorie?« (171 ff.) Koenen 2005).
und einem Gegenentwurf, den »Vorbereitende[n]
Bemerkungen zu einer Theorie der kommunikativen
Kompetenz« (101 ff.) bei Suhrkamp zu veröffentli- Luhmanns Programm: Von der ›Komplexität‹
chen. Luhmann, der befürchtete, dass damit sein Text zur ›Sozialen Kontingenz‹
»Sinn als Grundbegriff der Soziologie« fälschlicher-
weise als Kern seiner Theorie wahrgenommen wer- Der erste Text des Bandes, »Moderne Systemtheorien
den könnte, stimmte nur unter der dann zugestande- als Form gesellschaftlicher Analyse«, versucht die Be-
nen Bedingung zu, dass er nach Habermas’ Kritik an hauptung zu begründen, dass moderne Gesellschaf-
seinem Sinn-Text noch einmal replizieren dürfe. Aus ten als Systeme angemessen begriffen werden kön-
diesem Motiv entstanden später die »Systemtheore- nen. Um das zu zeigen, rekonstruiert Luhmann zwei
tische[n] Argumentationen. Eine Entgegnung auf theoretische Entwicklungslinien – die der Gesell-
Jürgen Habermas« (291 ff.). schaftsphilosophie und die der Systemtheorie –, um
sie am Ende zu verknüpfen.
Die Gesellschaftsphilosophie, die in der aristoteli-
Die erratische Struktur des Bandes schen Tradition mit Fragen des ›guten Lebens‹ und
des ›gerechten Herrschers‹, also solchen der ›politi-
Der Entstehungskontext macht die Struktur des Ban- schen Kontingenz‹ begonnen hat, sei spätestens seit
des etwas verständlicher: Zunächst fällt auf, dass so- Husserl mit ungelösten – und mit ihren eigenen Mit-
wohl die beiden Autoren als auch der renommierte teln unlösbaren – Problemen konfrontiert. Immer
Redakteur der »Theorie-Diskussion«-Reihe, Karl weniger könne sie ›moderne‹ gesellschaftliche Wirk-
Markus Michel, auf ein in einem solchen Fall eigent- lichkeiten und ihren ›Sinn‹ als Resultate intersubjek-
152 Werke und Werkgruppen

tiver Leistungen Einzelner verständlich machen. weiß, dass es damit zugleich unbestimmt viele andere
Ohne angemessenes begriffliches Instrumentarium Erlebnismöglichkeiten ›negieren‹ muss. Eine Zusage
stünden die Vertreter dieser Denktradition vor den setzt viele Absagen voraus, ein ›Ja‹ impliziert unzäh-
von der Gesellschaft selbst erzeugten, dabei grund- lige ›Neins‹. »Unausweichlich bleibt daher das Pro-
legend neuartigen ›modernen‹ gesellschaftlichen blem, die Aktualität des Erlebens mit der Transzen-
Möglichkeiten. Sie sehen sich Luhmann zufolge mit denz seiner anderen Möglichkeiten zu integrieren,
einer ›sozialen Kontingenz‹ konfrontiert, die die Ge- und unausweichlich auch die Form der Erlebnisver-
sellschaft als Ganze nicht länger durch intersubjekti- arbeitung, die dies leistet. Sie nennen wir Sinn«
ven Sinn bestimmbar noch durch interaktive Akteure (ebd.). Indem diese Form der Erlebnisverarbeitung
steuerbar erscheinen lässt. dauernd auf andere sinnhafte Möglichkeiten des Er-
Unabhängig von dieser Theorietradition entwi- lebens verweist, zeigt sie, dass ihre Fokussierung auf
ckelt die Systemtheorie, so Luhmann weiter, nach ih- jeweils nur ein bestimmtes Erleben andere Möglich-
ren Anfängen als Beschreibung des Verhältnisses von keiten nicht ›vernichtet‹, sondern nur aktuell inakti-
Ganzheiten zu ihren Teilen zunächst die Vorstellung viert. Sie bleiben wie eine Ressource oder wie
grenzerhaltender Systeme, deren Grenzen als Kom- Optionen für zukünftiges Erleben aufgehoben. Die
plexitätsgefälle zu ihren Umwelten konzipiert sind. Operation des sinnhaften Erlebens besteht damit im
Prinzipiell gelten damit alle Systemleistungen als Negieren nicht aktuellen, nicht präferierten, mo-
funktional beziehbar auf das Problem der Grenzer- mentan nicht anschlussfähigen Erlebens. Es geht da-
haltung durch das asymmetrische Verhältnis von sys- rum, aus der Fülle von Möglichkeiten auszuwählen,
teminterner und (höherer) systemexterner Komple- z. B. die komplexe Gleichzeitigkeit von Erlebnisange-
xität. boten in das Nacheinander einer zeitlichen Ordnung
Die gesellschaftsphilosophische und die system- umzuwandeln.
theoretische Entwicklung schaffen, so Luhmanns Be- Im Rückblick kann man den Sinn-Text auch als
hauptung, Voraussetzungen, die es der Systemtheo- eine der Vorstudien zu Luhmanns späterer kommu-
rie ermöglichen, sich mit dem »Problem der sozialen nikationstheoretischer Neufundierung seiner Theo-
Kontingenz der Welt« zu befassen (TGS, 11). Dazu rie lesen. Nach einem längeren Abschnitt über
muss sie »Kontingenz« nur noch in eine bearbeitbare ›Kommunikation‹ scheint es ihm zwar fraglich, »ob
und funktional rekonstruierbare »Komplexität« um- man in der sprachlichen Kommunikation das Hand-
deuten (ebd.). Die soziale Kontingenz sinnhaften Er- lungsmodell schlechthin sehen kann« (TGS, 44),
lebens erscheint demnach als Umweltkomplexität, aber »[d]as Verlockende dieses Gedankens sei […]
die durch grenzerhaltende Systembildung reduziert eingeräumt: Handlung einmal nicht von ihrer ein-
wahrgenommen werden kann. fachsten, sondern von ihrer komplexesten Form her
zu begreifen« (ebd., Anm. 19). Dieser ›Verlockung‹
wird er später mit dem Buch Soziale Systeme (1984)
Luhmanns Sinn fürs Negieren nachgeben.

Der anschließende Text »Sinn als Grundbegriff der


Soziologie« fungiert im Diskussionskontext des Ban- Habermas’ Vorbereitungen auf seine
des als Luhmanns spezielles Theorieangebot an Ha- ›Kommunikation‹
bermas; zumindest thematisch scheint er die größte
Anschlussfähigkeit an dessen Denken aufzuweisen. Mit den »Vorbereitende[n] Bemerkungen zu einer
Allerdings macht Luhmann sofort klar, dass er mit Theorie der kommunikativen Kompetenz«, die sich,
dem sozialphilosophischen Mainstream bricht, der scheinbar anspruchslos, als »Vorlage für Zwecke ei-
›Sinn‹ an die ›Subjektivität‹ von Individuen bindet. ner Seminardiskussion« ankündigen, betritt Haber-
Luhmann fasst ›Sinn‹ dagegen nur mehr als »Ord- mas in seinem ersten Beitrag ein thematisch völlig
nungsform menschlichen Erlebens« (TGS, 31). Als andersartiges Gelände (TGS, 101 ff.). Dort auf dem
Form verstanden, kann Sinn keine bestimmten In- soziolinguistischen Themenfeld legt er die Grundla-
halte bezeichnen, die als sinnvoll oder sinnlos er- gen für seine Gegenposition. Die Argumentation
scheinen. Indem Luhmann ›Sinn‹ hier zugleich auf führt zu der abschließenden These, dass Sprechakte
›menschliches Erleben‹ bezieht, entwickelt er die ideale Sprechsituationen vorwegnehmen: »Die ideale
Vorstellung von einem Bewusstsein, das immer auf Sprechsituation schließt systematische Verzerrung
nur ein bestimmtes Erleben fokussiert ist, während es der Kommunikation aus. Nur dann herrscht aus-
Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung? (1971) 153

schließlich der eigentümlich zwanglose Zwang des der von Luhmann behaupteten, vorsprachlichen
besseren Argumentes, der die methodische Überprü- Konstitution von ›Sinn‹ durch entsprechende Nega-
fung von Behauptungen sachverständig zum Zuge tionen (s. o.) sieht er sich in seinem Sinnkonzept be-
kommen läßt und die Entscheidung praktischer Fra- stätigt: »Der Sinn des Sinnes besteht zunächst darin,
gen rational motivieren kann« (137). daß er intersubjektiv geteilt werden, daß er für eine
Die kontrafaktische Unterstellung einer idealen Gemeinschaft von Sprechern und Handelnden iden-
Sprechsituation in der alltäglichen Kommunikation tisch sein kann. Identität der Bedeutung verweist
macht Habermas zum normativen Ausgangspunkt nicht auf Negation, sondern auf die Bürgschaft inter-
einer Kritischen Theorie der Gesellschaft. Es geht subjektiver Geltung. Diese Fragestellung bleibt Luh-
ihm um die Begründung ihres normativen Potenti- mann verschlossen« (188).
als, um die Möglichkeit, die Notwendigkeit und den Im Mittelteil des Aufsatzes führt Habermas seine
Willen zur Verständigung. Der Nachweis seiner Her- Kritik an der Unterscheidung von Sprache und Ar-
kunft aus den allgemeinen Grundbedingungen beit sowie an den Begriffen ›Wahrheit‹ und ›Ideolo-
sprachlicher Praxis begründet den Geltungsan- gie‹ fort: In Kapitel III begründet er die für ihn – seit
spruch der kommunikativen Normen und ihre Re- seiner frühen Theorieentscheidung, ›Arbeit‹ und ›In-
produzierbarkeit in der Lebenswelt. teraktion‹ kategorial zu trennen – zentrale Differenz
zwischen »Konstitution der Erfahrungswelt und
sprachliche[r] Kommunikation« (202 ff.), die er bei
Habermas antwortet der ›Systemtheorie‹ Luhmann vermisst. Das vierte Kapitel kritisiert den
funktionalistisch begründeten »systemtheoreti-
Habermas’ »Auseinandersetzung mit Niklas Luh- sche[n] Begriff der Wahrheit«, weil er eine »falsche
mann« – so der Untertitel des Beitrags (TGS, 142 ff.) Einheit von Theorie und Praxis« nach sich ziehe
– beginnt mit der Frage, ob Luhmann eine »System- (221 ff.). Im fünften Kapitel (239 ff.) verdächtigt Ha-
theorie der Gesellschaft« oder doch eher eine »So- bermas Luhmanns Rechtfertigungsfigur ›Legitimati-
zialkybernetik« vorlege (146). In seiner Antwort on durch Verfahren‹ der Ideologie, räumt allerdings
bestätigt Habermas zwar zunächst den systemtheo- ein, dass »das motivlose Akzeptieren amtlicher Ent-
retischen Anspruch; dann aber formuliert er zwei, scheidungen ›zur Sache vorwurfsloser Routine‹ ge-
wie er meint, unlösbare Grundprobleme. worden ist« (264), während der Legitimationsbedarf
Zum einen scheitere Luhmanns Konzept der Sys- weiter zunehme.
temerhaltung durch Reduktion von Umweltkomple- Kapitel VI, »Luhmanns Beitrag zu einer Theorie
xität daran, dass er die Weltkomplexität einfach der gesellschaftlichen Evolution« (270 ff.), enthält
voraussetzen müsse, damit sie für ein System zu ei- jene Gesichtspunkte, unter denen Habermas Luh-
nem Problem werden könne. Problembezüge seien manns Systemtheorie der Gesellschaft ›lehrreich‹ fin-
aber – der Kybernetik zufolge – ohne Systeme nicht det. Der Systembegriff selbst sei für die weitere
denkbar, sie seien grundsätzlich nicht objektivierbar soziologische Debatte hilfreich, insofern er »über-
und müssten stattdessen auf eine Lebenspraxis in ei- subjektive Lernprozesse« (271) beschreibe, die je-
nem System zurückgeführt werden. Zum anderen er- doch – so sein Einwand – nur als umgangssprachli-
hebt Habermas Luhmann gegenüber einen Pragma- che Kommunikation angemessen rekonstruiert wer-
tismusvorwurf: Die Umdeutung von Systembe- den können. Habermas schließt hier seine von Marx’
standsproblemen (z. B. Überkomplexität) in Bezugs- frühen Schriften inspirierten Reformulierungen sei-
probleme (z. B. Informationsüberschuss), die ihrer- ner kritisch-theoretischen Überlegungen an.
seits nur an Folgeproblemen abgelesen werden
können (z. B. gesellschaftliche Desorientierung),
habe einen pragmatischen, am Status quo orientier- Luhmann vergleicht Habermas mit Luhmann
ten Dezisionismus zur Folge.
Das zweite Kapitel reagiert auf Luhmanns Sinn- Die etwa 110 Seiten umfassende Replik Luhmanns
Text mit der Frage, ob ›Sinn‹ eine sprachunabhängige gliedert sich in sechs Abschnitte. Zunächst rekon-
Kategorie ist. Habermas verneint die Frage. Während struiert er seine Auseinandersetzung um »Das Pro-
er selbst ›Sinn‹ in den »Zusammenhang einer Theo- blem der Komplexität« (292 ff.) als Kontroverse über
rie der umgangssprachlichen Kommunikation« ein- das Verhältnis von »Praxis« und »Technik« (294).
führen möchte, wolle Luhmann »ihn der System- Weder die verengte Zweckrationalität der ›Sozial-
theorie einverleiben« (180). Durch seine Kritik an technologie‹ noch die kritisch-theoretisch inspirier-
154 Werke und Werkgruppen

ten ›praktischen Diskurse‹ sieht Luhmann in der Macht – ein. Die spezifische Leistung von ›Wahrheit‹
Lage, dem Komplexitätsproblem gerecht zu werden, liegt für Luhmann nicht in ihrem Gehalt, sondern in
das er (damals noch) als zentral ansieht. Luhmann einer extrem gesteigerten Möglichkeit zur kommuni-
erkennt daher keinen sozialtheoretischen Sinn darin, kativen ›Übertragung‹ von Selektionsleistungen. Da-
sich vor dieser Alternative für eine Seite zu entschei- bei motiviert die spezifische Selektionsform ›Wahr-
den, wie z. B. Habermas, der für »ein Handeln ande- heit‹ die Kommunikationspartner zur Annahme der
ren Stils, nämlich Praxis« optiere (297). Er dagegen entsprechenden Selektionen.
sucht nach einer »Ausdehnung des Begreifbaren In Abschnitt IV zur »Gesellschaftliche[n] Evoluti-
durch Überschreiten der Systeme auf die Welt hin« on« (361 ff.) bezieht sich Luhmann auf Vorgaben aus
(ebd.). In Abgrenzung zu philosophischen Weltbe- Habermas’ »Exkurs über Grundannahmen des His-
griffen meint er »die Weltbeziehung aller wirklichen torischen Materialismus« (285 ff.). Der »Reprodukti-
Systeme«, und möchte daher »einen weltkorrelativen on der Produktivkräfte und Produktionsverhältnis-
Systembegriff festhalten« (298). – Daran, so vermu- se« stellt er eine »›Reproduktion von Komplexität‹«
tet Luhmann, »scheint sich Habermas zu stoßen« gegenüber (363). Die evolutionären Veränderungen
(ebd.). erscheinen im Rahmen der System/Umwelt-Theorie
Die für Luhmann wie für Habermas zentrale sozi- als Veränderungen des Verhältnisses von bestimmba-
altheoretische Frage besteht darin, ob und wie es rer System- und unbestimmbarer Umweltkomplexi-
möglich ist, »nicht nur Maschinen und Organismen, tät. Jedes neuartige systeminterne Ereignis, jede
sondern auch sinnkonstituierende Systeme in eine bestimmte Systemveränderung bedeutet für alle an-
allgemeine Systemtheorie einzubeziehen« (299). deren Systeme eine Veränderung ihrer Umwelten.
Luhmann vermutet, dass es ausreicht, einen neuarti- Darauf müssen alle diese Systeme u. a. mit ihren evo-
gen, mit dem organischer Systeme nicht vergleichba- lutionären Mechanismen (Variation, Selektion, Sta-
ren Selektionsstil zu rekonstruieren, der Möglichkei- bilisierung) reagieren. Bezogen auf Gesellschaftssys-
ten zum Negieren und Virtualisieren enthält »und teme ordnet Luhmann den Mechanismus der Varia-
mit dem Begriff des ›Bestimmens‹ bezeichnet werden tion primär der Sprache zu, den der Selektion primär
könnte« (300). den symbolisch generalisierten Kommunikations-
Das zweite Kapitel »Diskussion als System« medien und den der Stabilisierung primär den Sys-
(316 ff.) ist »der Versuch, Habermas zum Vergleich tembildungen der Gesellschaft.
das Systemkonzept anzubieten« (316). Dabei geht es Im folgenden, fünften Abschnitt zur »Universali-
um die Leistungsfähigkeit der habermasschen Dis- tät und Begründbarkeit der Systemtheorie« versucht
kurstheorie im Gegensatz zu Luhmanns Ansatz, der Luhmann, den universalen Geltungsanspruch der
soziale und psychische Systeme unterscheidet. Im Systemtheorie mit der Realität des Theoriepluralis-
Zentrum von Luhmanns Kritik steht die von Haber- mus kompatibel zu machen (378 ff.). Nach weitläufi-
mas’ Theorie generell unterstellte Möglichkeit, im gen, hochabstrahierenden Überlegungen zu Welt
Diskurs jederzeit kritisierbare Begründungen einzu- und System, Handeln und Erleben, Reflexivität der
fordern. Diese Möglichkeit sei aber beispielsweise Wissenschaft, Geltung als Kontingenzausschaltung,
weder im Fall der Liebe noch im Fall des Streites ge- Reflexivität der Systemtheorie sowie der Selbststeue-
geben. Luhmann folgert, dass sich Situationen auch rung von Wissenschaft und ihrer Fremdsteuerung
ohne einen begründeten Konsens stabilisieren und durch Werte, skizziert Luhmann abschließend drei
ein »operativer Konsens« ausreichend sei (321). verschiedene Deutungen davon, wie die veränderte
Beim Thema »Wahrheit als Kommunikationsme- Lage des Gesellschaftssystems die Bedingungen von
dium« (Kapitel III, 342 ff.) besteht eine grundsätz- Wahrheit und Wissenschaft ändern: eine im parso-
liche Übereinstimmung zwischen Luhmann und nianischen System rekonstruierte Variante, die eine
Habermas. Beide beziehen Wahrheit auf Intersubjek- Entdifferenzierung von sozialem und kulturellem
tivität (statt auf ›Entsprechungen‹). Doch ist ihr Ver- System sichtbar macht, ohne die ›Wahrheit‹ von Wis-
ständnis von ›Intersubjektivität‹ völlig unterschied- senschaft innerhalb ihrer Theorie lokalisieren zu
lich. Während Habermas ›Wahrheit‹ als idealisieren- können; eine habermasianische Variante, die die Fol-
den Ausdruck einer Intersubjektivität versteht, der es geprobleme eines doppelten Wahrheitsbegriffs nur
ermöglicht, praktische Geltungsansprüche zu be- im ›Diskurs‹ auffangen könne; und schließlich Luh-
haupten, reiht Luhmann ›Wahrheit‹ in die (an Par- manns eigene Deutung, die das Komplexitätsgefälle
sons angelehnte) Reihe der ›symbolisch generalisier- zwischen (dem System) Wissenschaft und ihrer Um-
ten Kommunikationsmedien‹ – wie Geld, Liebe oder welt »in die Norm adäquater Begrifflichkeit transfor-
Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung? (1971) 155

miert« (TGS, 398; vgl. Koenen/Steinbacher 1974, ke allein an die für Luhmanns Theorieentwicklung
92). Wissenschaftliches »Wissen [ist] nicht deshalb folgenreichen Kontakte zur Palo-Alto-Schule (Gre-
wahr, weil es die Welt getreulich abbildet, sondern gory Bateson, Paul Watzlawick, Heinz von Foerster).
weil es entsprechende Komplexität hat und deshalb Der 1971 erschienene Diskussionsband ist zehn
übertragbar ist« (TGS, 398). Mal, zuletzt 1990, aufgelegt worden; heute (2012) ist
Der letzte kurze Abschnitt »Kritik oder Apologie – er nur noch antiquarisch greifbar oder in Bibliothe-
oder die Unsicherheit der Gesellschaftstheorie« skiz- ken zugänglich. In englischer Übersetzung liegen die
ziert zunächst einen gesellschaftspolitischen Hori- von Luhmann verfassten Teile vor, verschiedene Aus-
zont, in dem (für Luhmann bereits Ende der 1960er wahlen auch auf Italienisch, Spanisch und Japanisch.
Jahre!) alle Positionen und Optionen durcheinan- Der Redakteur der »Theorie«-Reihe Karl Markus
dergeraten sind (398 ff.). Konservative sind zu Op- Michel hatte darüber hinaus eine zwanglose Folge
portunisten geworden, ›Linke‹ zu Konservativen von »Theorie-Diskussions«-Heften geplant, zu de-
usw. Vor diesem Hintergrund erstaunt Luhmann, nen auch die Leser beitragen sollten (TGS, 407). Es
dass es Habermas zu gelingen scheint, eine deutliche erschienen in den folgenden Jahren zwei von Franz
politische Trennlinie zu finden und sich daran zu ori- Maciejewski herausgegebene Supplement-Bände mit
entieren. Das aber ist Luhmann zufolge nur möglich zwölf Aufsätzen zur Kontroverse (Maciejewski 1973;
um den Preis starker Vereinfachungen, einer proble- 1974), sowie noch ein Jahr danach, als dritter Supple-
matischen, internen Politisierung der Wissenschaft ment-Band, eine längere Studie von Hans-Joachim
und einer Kritik von ›Herrschaft‹, deren Begriff in Giegel mit dem Titel System und Krise. Kritik der Luh-
hochentwickelten Gesellschaften »eine zu unbe- mannschen Gesellschaftstheorie (1975). Giegel misst
stimmte, für analytische wie für kritische Zwecke un- den luhmannschen Ansatz am Maßstab unabhängi-
geeignete Kategorie« geworden ist (399). Damit ger Gegenstandskonstitution und diagnostiziert bei
versucht er, den politischen Vorwurf an die System- ihm ein vorgängiges Interesse an der Steuerung einer
theorie zurückzuweisen, herrschaftsstabilisierende naturwüchsigen gesellschaftlichen Entwicklung, de-
Funktionen zu erfüllen. ren Krisen und Widersprüche damit unverstanden
bleiben. Damit formuliert Giegel eine linksorthodo-
xe Luhmann-Kritik, freilich ohne sich auf die Seite
Folgen und Funktionen von Habermas zu stellen.
Das gilt auch für die meisten der zwölf Beiträge
Bei so vielen Verschiedenheiten im Einzelnen geht aus den ersten beiden Supplement-Bänden: »Daß die
leicht die Aufmerksamkeit für die Ähnlichkeiten der Diskussion nicht auf der Stelle tritt, zeigt sich etwa in
beiden Universaltheorien im Grundsätzlichen verlo- der Schwierigkeit, die Dialogrollen der sich hier zu
ren. Das gemeinsame Festhalten am Begriff der Ge- Wort meldenden Autoren zu definieren. Weder han-
sellschaft, die Zentralität von – wie immer unter- delt es sich um enthaltsame Sekundanten, die kurz
schiedlich gefasster – ›Kommunikation‹, ›Legitimi- und bündig einer der beiden Seiten zugeschlagen
tät‹ und ›Verfahren‹ können als Beispiele gelten. werden könnten, noch um eilfertige Schlichter, die
Bemerkenswert ist außerdem, wie viel beide den Streit mit dem Siegel der Gemeinsamkeit be-
Theoretiker, trotz divergenter politischer Intentio- schließen möchten. […] Das bedeutet freilich nicht,
nen, voneinander gelernt haben. Habermas hat das, daß schon Markiertes seinen Orientierungswert
im Unterschied zu Luhmann, immer wieder betont. verlöre« (Maciejewski 1973, 7 f.). So lassen sich die
Auf der Hand liegt zum Beispiel seine Übernahme Beiträge von Klaus Eder, Bernard Willms, Karl-Her-
des Systembegriffs in den Grundriss seines 1981 er- mann Tjaden und Wolf-Dieter Narr/Dieter H. Runze
schienenen Hauptwerks Theorie des kommunikativen zwanglos als marxsche bzw. linksorthodoxe Kritiken
Handelns. Umgekehrt ist Luhmanns Entscheidung, an Luhmann, z. T. auch an Habermas und ihrer Dis-
Anfang der 1980er Jahre das grundlegende Bezugs- kussion lesen. Andere thematisieren einzelne wichti-
problem seiner Theorie, ›Komplexität‹ und die Pro- ge Aspekte ohne Bezug auf den ursprünglichen
bleme ihrer ›Reduktion‹, gegen eine letztlich ans Frontverlauf (Harald Weinrich zum Diskurs; Hart-
Verstehen gebundene ›Kommunikation‹ auszutau- mut von Hentig zu Komplexität; Elmar Koenen/Karl
schen, ohne die Auseinandersetzung mit Habermas’ Steinbacher zu Evolution und Wahrheit). Einige nut-
Kommunikationstheorie, aber auch ohne die damals zen die Diskussion als Anlass für eigenständige Theo-
sich abzeichnende Konjunktur von ›Kommunikati- rieansätze (Wolf-Dieter Narr/Dieter H. Runze zur
on‹ in der Sozialtheorie kaum vorstellbar – man den- ›Politischen Systemanalyse‹; Bernhard Heidtmann/
156 Werke und Werkgruppen

Peter Hejl zu einer ›polyadischen Grundkonzeption Giegel, Hans-Joachim: System und Krise. Kritik der Luh-
der Systemtheorie‹; Wolfgang Lipp zu einem ›initia- mannschen Gesellschaftstheorie. Beitrag zur Habermas-
Luhmann-Diskussion. Frankfurt a. M. 1975.
tiven Begriff von Geschichte‹). An solchen themati-
Kneer, Georg/Moebius, Stephan (Hg.): Soziologische Kon-
schen und disziplinären Differenzierungen werden troversen. Frankfurt a. M. 2010.
einige der Folgen sichtbar, die der Diskussionsband Koenen, Elmar: Ȇber die fast leere Mitte der Disziplin. So-
v. a. in der Politikwissenschaft, in der Pädagogik und ziologInnen über Funktionen und Eigenwerte sozialwis-
der Linguistik ausgelöst hat. senschaftlicher Zeitschriften«. In: Soziale Systeme 11. Jg.,
Die längerfristigen Auswirkungen der damaligen 1 (2005), 83–103.
– /Steinbacher, Karl: »Die Wahrheitsfähigkeit von Evoluti-
Kontroverse reichen bis in die Gegenwart. Anlässlich onstheorien und die Evolutionsabhängigkeit von Wahr-
der Berichte zur Schlichtung der Konflikte über den heit«. In: Maciejewski 1974, 92–129.
Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs im Novem- Luhmann, Niklas/Schorr, Karl-Eberhard: Reflexionspro-
ber 2010 hat der Autor und Journalist Nikolaus von bleme im Erziehungssystem. Stuttgart 1979.
Festenberg in einem SPIEGEL-Essay (48/2010) an Maciejewski, Franz (Hg.): Theorie der Gesellschaft oder So-
zialtechnologie: Beiträge zur Habermas-Luhmann-Dis-
den Diskussionsband erinnert: »Das Wort Diskurs kussion von: Klaus Eder, Bernard Willms, Karl Hermann
liegt lange schon als graue verdrängte Theorie im Be- Tjaden, Karl Otto Hondrich, Hartmut von Hentig, Ha-
wusstseinskeller der Soziologie. 1971 war bei Suhr- rald von Weinreich und Wolfgang Lipp. Frankfurt a. M.
kamp ein Band erschienen, den der Philosophiepro- 1973.
fessor Jürgen Habermas und der Systemtheoretiker – (Hg.): Neue Beiträge zur Habermas-Luhmann-Diskussi-
on von: Wolf-Dieter Narr/Dieter H. Runze, Elmar Koe-
Niklas Luhmann zusammengestellt hatten: ›Theorie nen/Karl Steinbacher, Lothar Eley, Bernd Heidtmann/
der Gesellschaft oder Sozialtechnologie‹. Wer den Peter Hejl. Frankfurt a. M. 1974.
408-Seiten-Ziegel heute hervorholt, entdeckt Unter- Neves, Marcelo: »Systemtheorie«. In: Hauke Brunkhorst/
streichungen, angesichts deren man sich fragt: Das Regina Kreide/Cristina Lafont (Hg.): Habermas-Hand-
abstrakte Zeug soll ich mal begriffen haben?« (Fes- buch. Stuttgart/Weimar 2009, 61–65.
Rammstedt, Otthein: »In Memoriam: Niklas Luhmann«.
tenberg 2010, 174). Danach referiert der Autor noch In: Theodor M. Bardmann/Dirk Baecker (Hg.): »Gibt es
kurz die Grundzüge der Habermas/Luhmann-Kon- eigentlich den Berliner Zoo noch?« Erinnerungen an Ni-
troverse. Vor diesem Hintergrund äußert er schließ- klas Luhmann. Konstanz 1999, 16–20.
lich die Vermutung, dass Heiner Geißlers erfolgrei- Scholz, Frithard: Freiheit als Indifferenz. Alteuropäische
ches deeskalierendes Konfliktmanagement vielleicht Probleme mit der Systemtheorie. Frankfurt a. M. 1982.
Seibt, Gustav: »Sensationen aus dem Archiv«. In: SZ-Maga-
den Beginn einer ›Diskursrepublik‹ bedeuten könn- zin 22 (2010).
te. Unseld, Siegfried: »Aktennotiz«. In: Seibt 2010.
Ob Beginn oder Ende einer ›Diskursrepublik‹ –
Elmar Koenen
mit den Auswirkungen des Diskussionsbandes hätte
beides nichts zu tun. Bedeutung hatte der Band ei-
nerseits für die beiden Autoren als Beschreibung ei-
ner Demarkationslinie im Reich der Gesellschafts-
theorie, andererseits als Medium, in dem interessier-
te Sozialtheoretiker eine Zeit lang ihre Bemühungen
um eine anspruchsvolle disziplinäre Identität spie-
geln konnten.

Literatur
Beavin, Janet H./Jackson, Don D./Watzlawick, Paul:
Menschliche Kommunikation – Formen, Störungen, Pa-
radoxien. Bern 1969.
Breuer, Stefan: »Adorno/Luhmann: Die moderne Gesell-
schaft zwischen Selbstreferenz und Selbstdestruktion«.
In: Ders.: Die Gesellschaft des Verschwindens. München/
Wien 1992, 65–102.
Festenberg, Nikolaus von: »Der Umzug der Käfer«. In: DER
SPIEGEL 48. Jg (2010).
Füllsack, Manfred: »Die Habermas-Luhmann-Debatte.« In:
Kneer/Moebius 2010, 154–181.
157

6. Liebe als Passion. lassen. Gottesbeweise, Wahlversprechen und Liebes-


schwüre – auch wenn dort von Wahrheit die Rede
Zur Codierung von Intimität sein mag – sind keine Sache des Wissenschaftssys-
(1982) tems. Differenzierung und Spezialisierung gehen
hier Hand in Hand. Was wahr oder falsch ist, ent-
Von der stratifikatorischen zur funktionalen scheiden Methoden. Was gute oder schlechte Politik
Differenzierung ist, entscheidet dagegen nicht die Politologie, son-
dern der Wähler.
Die Monographie trägt den einnehmenden Titel Lie- In dieser Differenzierung von Funktionssystemen
be als Passion und den vergleichsweise unverständli- und entsprechenden Personenrollen (Wähler, For-
chen Untertitel Zur Codierung von Intimität. Der Text scher, Ehemann, Christ usw.) besteht im historischen
bestätigt diesen ambivalenten Eindruck mit gut les- Rückblick auch die Herausforderung der Liebe als ei-
baren Passagen zur europäischen Liebesliteratur und ner sozialen Einrichtung, die Paarbindungen wahr-
abstrakten Skizzen systemtheoretischer Grundan- scheinlich macht. Denn auch im Falle der Liebe setzt
nahmen. Der Band gehört zu Luhmanns For- ein Differenzierungs- und Spezialisierungsschub ein,
schungsprojekt zum Thema ›Gesellschaftsstruktur der letztlich dazu führt, dass »für die Liebe nur die
und Semantik‹, aus dem zwischen 1980 und 1995 Liebe zählt« (177). In derartigen Tautologien (174 f.)
insgesamt vier Bände mit Aufsätzen hervorgegangen findet Luhmann einen Ausweis von Autonomie und
sind. Allesamt gehen sie von der »These aus, daß der Reflexivität; zugleich besteht in dieser »selbstreferen-
Umbau des Gesellschaftssystems von stratifikatori- tiellen Geschlossenheit« auch das Problem des »Me-
scher in funktionale Systemdifferenzierung tiefgrei- diums Liebe« (178). Denn die Liebenden müssen ja
fende Veränderungen des Ideenguts der Semantik irgendwie motiviert werden, und externe Gründe
erzeugt, mit dem die Gesellschaft die Kontinuität kommen nicht in Betracht. Reichtum und Stand ge-
ihrer eigenen Reproduktion, des Anschließens von nügen nicht, um eine Dienstmagd wie Pamela zu ver-
Handlung an Handlung ermöglicht« (LaP, 9). Funk- führen, wie Samuel Richardsons Mr. B zur Kenntnis
tionale statt stratifikatorischer Systemdifferenzierung nehmen muss, der von Pamela so lange auf Distanz
meint, dass die Anschlussfähigkeit und der Erfolg gehalten wird, bis er seine Dienstmagd schließlich
von Kommunikationsofferten nicht länger vor allem heiratet. Sie kann nun glauben, dass er sie nicht nur
vom Rang desjenigen abhängen, der kommuniziert, »unsittlich zu berühren« wünscht, sondern sie liebt
sondern primär von den Erfolgsbedingungen, die ein (SKL, 312).
bestimmtes Funktionssystem für ganz bestimmte Seine Überlegungen zum Zusammenhang von
Problemlösungen zur Verfügung stellt, also etwa po- funktionaler Ausdifferenzierung der Gesellschaft
sitives Recht und Verfahrensregeln im Bereich der und der Codierung von Liebe als eines Kommunika-
Justiz oder Mehrheitsentscheidungen im System der tionsmediums koppelt Luhmann mit Beobachtun-
Politik. »Standesdifferenzen« (59) fungierten in Alt- gen der historischen Semantik und ihres Umbaus
europa als Filter und Barrieren, und es kam weniger (LaP 108; vgl. GS1–4). Zum Befund seiner Lektüren
auf den Sachgehalt einer Kommunikation an als auf zählt die Beobachtung, dass die Menschen im 17.
den Rang ihres Absenders, um etwa Recht, Macht, oder 18. Jahrhundert auch in den unteren Schichten
Seligkeit oder auch eine Frau zu bekommen. ein Problemgefühl für die (Art der) Wahl des Part-
Sobald dagegen Funktionssysteme wie Recht, Po- ners und die Formen des Eingehens aufeinander ent-
litik oder Liebe autonom operieren, hilft es nicht wickeln, das historisch gesehen neu ist (Luhmann
viel, auf vornehme Geburt zu pochen, um einen 1987, 61 f.). Im Verlauf des 18. Jahrhunderts findet
Prozess, Wahlen oder einen Lebenspartner zu ge- Europa dann zu der weltweit ungewöhnlichen und
winnen. Stattdessen muss man jene Kommunikati- unwahrscheinlichen Vorstellung, dass nur die Liebe
onsregeln der Systeme beherrschen, die Luhmann über die Ehe entscheiden sollte. Erst jetzt neutrali-
als ›Codes‹ bezeichnet hat (22 f.). Alle Funktionssys- siert das Prinzip der Liebesheirat, zumindest der Idee
teme sind mit je eigentümlich codierten »Kommuni- nach, das Primat der sozialen Schichtung (GG, 731).
kationsanweisungen« (22) ausgestattet, wahr/falsch Die freiere gesellschaftliche Stellung der Frau und
etwa oder recht/unrecht oder schön/hässlich, die aus ihre Möglichkeit zu eigener Entscheidung ermög-
dem Meer der Kommunikationen jene herausfi- licht eine Form der Liebe, die auf sich selbst, ihrer ei-
schen, die sich in die Wissenschaft, dem Rechtssys- genen Geschichte beruht – und nicht Paarbindungen
tem oder der Kunst einspeisen und verarbeiten allein auf Stand, Vermögen oder andere äußere Be-
158 Werke und Werkgruppen

dingungen gründet (LaP, 59). Im 18. Jahrhundert Liebe selbst liegen.« Das Medium steuert sich nun
und in Europa – und also nicht in einer andere Epo- selbst, es wird autonom (36).
che oder einem anderen Kulturraum – löst sich die Der Verweis auf eine Mitgift, den Einfluss der Fa-
Paarbindung von externen Vorgaben; und diese neue milien, die Maximierung der politischen oder öko-
Freiheit der Liebe führt zu dem Problem, wie und wer nomischen Chancen reicht daher bei einer Kontakt-
zu lieben sei. Luhmann denkt dieses Problem evolu- anbahnung keineswegs mehr aus, ja er würde
tionstheoretisch, also in Wahrscheinlichkeiten: Wie schaden. Aus dem angeborenen »sozialen Status«
lässt sich gerade das eine Individuum, für das man (16) der Person ist – wie vor Gericht, wie bei einer
sich entscheidet, gegen die Bedeutungslosigkeit Prüfung, wie beim Sport oder auf der Börse – auch
schützen, nur eines von Milliarden zu sein (GG, mit Blick auf die Intimkommunikation nicht mehr
1027)? Auf die Problematik einer aus der ständi- viel abzuleiten. Dies führt wieder zur zentralen These
schen, familiären und religiösen Bevormundung des Forschungsprogramms: Die Bedeutung der Stra-
entlassenen Liebe gibt die Ausdifferenzierung ei- tifikation tritt zurück, und wer lieben will, muss auch
nes Codes zur intimen Kommunikation eine Ant- in diesem Fall den Notwendigkeiten eines Funktions-
wort. Der Code der Liebe – das ist die kulturelle systems genügen. Diese Entwicklung macht die Aus-
Vorschrift dafür, was man sich dabei vorzustellen hat, differenzierung der Liebe vergleichbar mit anderen
wie man eine Liebe anzufangen hat, was man zu Differenzierungsgeschichten, etwa denen der Wis-
erwarten hat, was man verlangen kann (Luhmann senschaft, der Wirtschaft oder der Politik (11). Da-
1987, 61). von ging Luhmann seit langem aus (vgl. SA1, 127). In
Der Aufbau von Intimbeziehungen wird im Zuge Liebe als Passion wird jedoch, wie in den anderen Bei-
des Umbaus der Gesellschaftsstruktur einerseits ent- trägen zu Gesellschaftsstruktur und Semantik, der Fo-
lastet: Denn es hängt nicht mehr das Schicksal des kus erweitert um eine historische Betrachtung des
Reiches von der Zahl der Prinzessinnen ab, die ver- »Ideenguts«, der »Wortkleider, Floskeln, Weisheiten
heiratet werden können, sondern nur noch das eige- und Erfahrungssätze«, die nicht nur im Zuge des
ne Glück. Michel Foucault hatte die Einheit politi- Umbaus der Gesellschaftsstruktur ihren Sinn än-
scher, ökonomischer, religiöser und familiärer Inte- dern, sondern ihrerseits »tiefgreifende Veränderun-
ressen bei der Aushandlung von Ehen »Allianzdis- gen in den Sozialstrukturen vorbereiten, begleiten
positiv« genannt (Foucault 1983, 128 f.). All diese und hinreichend rasch plausibilisieren« (LaP, 9).
Faktoren, die berücksichtigt werden mussten, um ein »Der Begriff der Passion zeigt an«, erläutert Luh-
match zu arrangieren, können dagegen dann igno- mann 1968 auf dem Soziologentag, »daß die Gesell-
riert werden, wenn die Partner sich bei der Begrün- schaft auf soziale Kontrolle verzichtet. Liebe kann
dung ihrer Wahl allein auf ihre Liebe verlassen. Darin daher nicht als gesellschaftliche Basis einer einheit-
liegt die Entlastung. Anderseits stellt genau diese Ent- lichen Weltauslegung gelten, sondern allenfalls als
wicklung den Code der Intimität vor hohe Anforde- Basis für individuell verschieden erlebte konkrete
rungen, denn er muss nun allein selbsttragende Nahwelten« (TGS, 17). 1971 ging es nur um ein »Bei-
Begründungen dafür liefern, warum aus Tausenden spiel« für systemspezifische »Reduktionsleistungen«:
von Interaktionskontakten gerade dieser eine für »Wahrheit, Recht und Liebe haben je andere Thema-
eine höchstpersönliche Beziehung ausgesucht wor- tiken und je andere Grenzen der Verbindlichkeit«
den ist. Diese Unwahrscheinlichkeit abzubauen, (TGS, 17). Auch Liebe als Passion ist insofern eine
macht die zentrale Funktion der Liebessemantik aus. exemplarische Studie, als sie in monographischer
Sie kann gerade an der Individualität des Anderen Breite diese These der funktionssystemspezifischen
ansetzen, die ein ›Passen‹ eigentlich unwahrschein- Reduktion von Komplexität ausführt und als Prozess
lich macht, um diese Besonderheit dann zur Einzig- modelliert. Doch ist sie mehr als das, denn sie lässt sich
artigkeit zu steigern: Geliebt wird der andere nicht ein auf die Problemstellung einer Fülle literarischer
aufgrund von Eigenschaften (›gut‹, ›schön‹, ›edel‹, und philosophischer Texte, vor allem aber von Ro-
›reich‹), die auch andere vorweisen können (LaP, manen. Im Vorwort bekennt Luhmann seine Bewun-
175), sondern weil Alter es Ego ermöglicht, auch sich derung für die »sprachliche Eleganz der Formulie-
selbst als »einzigartiges Individuum« zu sehen (135). rung«, die seine »Zitatauswahl« orientiert habe, und
Die Entwicklung eines eigenen Codes für intime eine »persönliche Verliebtheit in den Stoff« (LaP, 12).
Kommunikation im Kontext weiterer Ausdifferen- Dies mag einen Grund für die Beliebtheit gerade die-
zierungen »erzwingt eine zunehmende Neutralisie- ser Monographie bei Kultur- und Literaturwissen-
rung aller Voraussetzungen für Liebe, die nicht in der schaftlern geben.
Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität (1982) 159

Foucault hat im ersten Band von Sexualität und oder auf »Latrinenwänden«, die das Individuum
Wahrheit (1983) den Übergang vom Allianzdisposi- nicht ausschlagen darf, wenn es seine Chancen bei
tiv zum Sexualitätsdispositiv beschrieben; Luhmann der Kontaktanbahnung nicht riskieren will (Luh-
macht in dieser Zeit drei sich abwechselnde Typen mann 2008, 73). Als Vorstudie zu Liebe als Passion,
aus: die vernünftige Liebe, die galante Liebe und die die erst ein Dutzend Jahre später erscheint (1982),
romantische Liebe. Die Ausdifferenzierung verläuft ist diese Übung von Interesse, weil man hier beobach-
in Etappen. Reflektiert wird dieser Prozess nach Luh- ten kann, wie Luhmann das Phänomen der Intim-
manns Ansicht vor allem auch in literarischen Tex- kommunikation schon zu Beginn seiner universi-
ten. Man könnte vermuten, dass die von unmittelba- tären Arbeit in den Zusammenhang einer Theorie
ren sozialen Auswirkungen entlastete Literatur als der Gesellschaft stellt (ebd., 10). Diese Theorie aber
Experimentierfeld unterschiedlicher Konzeptionen ›vereist‹ ihr Thema. Von freier Liebe spricht Luh-
der Liebe dient und schließlich ein Konzept aus die- mann nicht wie einer, den es angesichts befreiungs-
sen Experimenten hervorgeht: die ›bürgerliche‹ Lie- bereiter Körper bei seiner Ehefrau nicht mehr hält,
be als Einheit von Sexualität, Liebe und Freundschaft sondern im Vergleich zu freier Kunst, freier Wissen-
in der Ehe. schaft, freier politischer Willensbildung oder freier
Wirtschaft.
Die Methode, die hier zur Anwendung kommt, ist
Funktionale Vergleiche die des funktionalen Vergleichs. »Liebe wird dabei
nicht in der konkreten Einzigartigkeit des Phäno-
Niklas Luhmann hat in Frankfurt den Lehrstuhl von mens auf sich selbst isoliert, sondern als Problemlö-
Adorno vertreten und für ein Seminar des Winterse- sung behandelt, die von Systemstrukturen abhängt
mesters 1968/69 das Thema ›Liebe‹ gewählt. In sei- und anderen Problemlösungen vergleichbar ist«
nem kurzen und konzisen Text, den Luhmann im (ebd., 10). Im Falle der Liebe meint ›frei‹: frei zur
März 1969 an der Dortmunder Sozialforschungsstel- Ausbildung eigener Regeln und frei von externen
le der Universität Münster abschließt, ist denn auch, Dirigismen (ebd., 36). Die Eltern mögen ihre Töch-
passend zum Umfeld, von »freier« Liebe die Rede, ter zur Heirat zwingen können, aber nicht zur Liebe.
von Sex als Basis der Liebe, von Selbstverwirklichung So wie das Gegenteil von Planwirtschaft nicht die
und Selbstbefriedigung, von wechselnden Partner- Marktanarchie ist, besteht die Alternative zur
schaften, von Pornographie und Prostitution (Luh- Zwangsheirat nicht in einer Orgie im Darkroom.
mann 2008, 36 u. 45 ff. u. 74 f.). Aber auch in diesen Partner- und Preisbindung folgen selbstgesetzten Re-
Fällen wird Liebe als funktional ausdifferenziertes, geln – und nicht politischen Dekreten oder morali-
symbolisch generalisiertes »Kommunikationsmedi- schen Ansprüchen. Darin besteht ihre Autonomie.
um« konzipiert, dessen Codierungsvorschlägen sich Funktionale Ausdifferenzierung besagt im Kern: Wer
die »Gefühlslagen« der Akteure anpassen (ebd., 11). liebt, liebt – nichts anderes. »Liebe um Liebe«, for-
Von »amour passion« ist hier die Rede, freilich im muliert Jean Paul selbstbezüglich, das Zitat reüssiert
Sinne eines »Deutungsschemas« für Kommunikati- bei Luhmann zum locus classicus (ebd., 40).
onsofferten (ebd., 31). Passion ist gleichsam ein se- Setzten sich noch im 17. Jahrhundert die Notare
mantischer Trick, eine paradoxe Interaktion, die der Familien zusammen, um einen Ehevertrag aus-
»leidenschaftliches Handeln« erlaubt, weil der zuhandeln, geht es in der modernen Liebe um Indi-
Grund dafür einem Erleiden: der Passion zugerech- vidualität. Vermögen lässt sich vergleichen, der
net wird. Auch sozial unpassende Kontaktanbahnun- besondere Andere ist unvergleichlich. Liebe bedeute,
gen können so legitimiert werden, denn der Han- »den Unterschied zwischen einer Frau und anderen
delnde ist ja seiner Passion unterworfen. Liebe als Frauen zu übertreiben«, zitiert Luhmann Bernard
Passion wird so »zum Prinzip der Aktivität, und daß Shaw (ebd., 51). Eine komplizierte Semantik regt die
dieses Prinzip Passion genannt wird, bedeutet nur Liebenden zum Aufbau eines Sonderhorizontes an, in
noch, daß man sein Aktivsein nicht erklären, nicht dem alle noch so kleinen Dinge deshalb Bedeutung
begründen, nicht entschuldigen muß« (LaP, 75). bekommen, weil sie dem anderen wichtig oder eigen-
Auch die Passion wird so zu einem semantischen tümlich sind (LaP, 178). Der Liebescode ermöglicht
Wegbereiter der Ausdifferenzierung der Liebe. es, dem anderen bereits dadurch etwas zu geben, dass
Die Semantik der Liebe, so mussten die Frankfur- man so ist, wie man ist. Doch überzeugt die Ehe als
ter Studierenden zur Kenntnis nehmen, stellt »Lern- das Institut, das der Liebe Dauer verleihen soll, 1969
möglichkeiten« zur Verfügung, auch in »Filmen« nicht mehr jeden; und Luhmann erwägt mit ge-
160 Werke und Werkgruppen

wohnter Kühle die Möglichkeit, ob die in der Form Person und virtuell »alle Eigenschaften einer indivi-
episodischer Verabredungen zum unverbindlichen duellen Person bedeutsam werden« (LaP, 14). Sie
Sex betriebene Intimkommunikation als Funktions- verlangt und ermöglicht, dass man allen möglichen
äquivalent zu Parties, Fernsehen oder Sport gesehen Idiosynkrasien in der Kommunikation Rechnung
werden müsse (Luhmann 2008, 65). Das 18. Jahrhun- trägt (GG, 345). Ego liebt also dann, wenn es sein
dert hatte Romane, das 19. Bordelle und das 20. »Handeln darauf einstellt, was Alter erlebt, und insbe-
Wohngemeinschaften. Nach aller Abkühlung wird es sondere natürlich: wie Alter Ego erlebt« (GG, 344,
heiß, wenn Luhmann ein »voreheliches Testen sexu- Hervorh. durch den Verf.). Liebe schafft eine Sphäre,
eller Kompatibilität« begrüßt (ebd., 75). Näher ist er in der sich der eine auf die Andersheit des anderen
den 68ern wohl nie gekommen. einlässt, um sie, »wenn nicht zu ›genießen‹, so doch
Es sei nicht ungewöhnlich, sexuelle Beziehungen zu bestätigen ohne Absicht auf Angleichung, Umer-
ohne Liebe aufzunehmen, einfach so (Luhmann ziehung, Besserung« (GG, 346).
1987, 71). Liebe und Sexualität müssen deshalb un- Nicht mit jedem Kollegen oder Klienten, Beamten
terschieden werden. Liebe ist für Luhmann der sozia- oder Verkäufer muss ich privat werden. Die moderne
le Rahmen, in dem man aus Intimbeziehungen etwas Welt lässt jedem bei Personenkontakten die Wahl
machen kann. ›Liebe‹ ist der kulturelle Begriff dafür, zwischen unpersönlichen und persönlichen Bezie-
dass Intimbeziehungen etwas Höchstpersönliches hungen, und das Potential für persönliche Beziehun-
bedeuten und dass das, was sie einem selbst bedeutet, gen ist von engen Grenzen umgeben (Luhmann
gleichzeitig auch dem anderen etwas bedeutet (Luh- 1987, 68). Ein besonderer Code für Liebe bildet sich
mann 1987, 73). Wie dies zu kommunizieren ist, da- dann aus, wenn alle Informationen dupliziert wer-
für gibt der Code der Liebe Anhaltspunkte (ebd.). den im Hinblick auf das, was in der allgemeinen,
Seit dem 17. Jahrhundert ist dies in gedruckten lite- anonym konstituierten Welt, und das, was sie für
rarischen Texten nachzulesen, und man kann zu- Dich, für uns, für unsere Welt bedeuten (LaP, 25).
gleich voraussetzen, dass der andere auch die Dies fällt oft erst im Rückblick auf, etwa wenn Pamela
einschlägigen Romane rezipiert hat und den gängi- ihr Tagebuch liest und entdeckt, dass sie sich selbst
gen Code daher kennt (LaP, 37). Heute mögen Soaps längst mit den Augen von Mr. B sieht. In der anony-
und Filme, Songs oder soziale Netzwerke eine ähnli- men Welt der Wahrheiten und Werte wird so ein
che Rolle spielen. Sonderhorizont ausdifferenziert, in der die eigene
Liebe hat nichts mit Interessen zu tun, nichts mit Weltsicht Zustimmung und Unterstützung findet,
Geld, nicht einmal mit gutem Aussehen. Wenn Mo- nicht weil sie wahr oder gut begründet ist, sondern
tive den Ausschlag geben, handelt es sich eben nicht weil es die Weltsicht desjenigen ist, der geliebt wird
um Liebe. Genau diese Ausdifferenzierung macht (GG, 345). Personen senken also in diesem Sonder-
Liebe zum Medium einer Weltkonstruktion, die mit fall intimer Kommunikation »im Verhältnis zuei-
den Augen des anderen sieht und hier – ähnlich wie nander die Relevanzschwelle mit der Folge, daß das,
die Kunst im Genie oder das Recht im Urheber – un- was für den einen relevant ist, fast immer auch für
vergleichbare Originalität findet (GG, 347). In der den anderen relevant ist« (LaP, 200).
Literatur laufen diese Semantiken daher gerne paral-
lel (Werber 2003): Werther setzt in allen sozialen Be-
reichen auf Singularität und stößt entsprechend auf Liebe ist kein Gefühl – Liebe ist ein
das Problem der Inkommunikabilität von Indivi- Kommunikationscode
dualität. Die Semantik folgt eher dem Rat Alberts
und achtet auf Kompatibilität: »Die Verlobte des Relevanz zu kommunizieren, ist kein psychisches,
Studenten darf es nicht als Vernachlässigung emp- sondern ein soziales Problem (GG, 45). Es wird
finden, wenn seine Passion aussetzt, während er sich durch die Ausdifferenzierung eines Sets von Kom-
aufs Examen vorbereitet« (Luhmann 2008, 67). Alle munikationsanweisungen gelöst (LaP, 22). Der Be-
»Maßlosigkeit«, und das war Lottes Vorwurf gegen zugspunkt ›Gesellschaft‹ ist nach dieser Auffassung
Werther, sei »auf das gesellschaftlich Mögliche zu- Luhmanns also allein ausschlaggebend, das heißt, es
rückzuschneiden« (ebd., 67). Dennoch ermöglicht geht überhaupt nicht darum, was Einzelpersonen
gerade Liebe in einer ansonsten aus unpersönlichen fühlen oder denken, wenn sie sich verlieben, sondern
Beziehungen (Rollen) beruhenden modernen Ge- darum, wie man diese Sachverhalte kommuniziert.
sellschaft soziale Beziehungen, in denen mehr und Ohne Kommunikation bleibt auch der Verliebteste
mehr individuelle, einzigartige Eigenschaften der allein, oder genauer: Er wüsste nicht einmal, was das
Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität (1982) 161

sein könnte. Denn Liebe ist kein Gefühl, das es im- tiefe Zweifel, ob Aufrichtigkeit überhaupt kommuni-
mer und überall schon gab und immer und überall zierbar ist (Luhmann 1987, 64 f.). Weil Liebe ein
geben wird. Liebe ist ein Kommunikationscode, nach Code ist, kann sie simuliert und dissimuliert werden.
dessen Regeln man Gefühle ausdrücken, bilden, si- Dies öffnet der Literatur ein weites Feld, da sie dank
mulieren, anderen unterstellen oder leugnen kann ihrer verschiedenen Fokalisierungsmöglichkeiten
(23). Alles, was als Liebe kommuniziert wird, ist der- verschiedene Perspektiven auf die Kommunikation,
art codiert (53). Sie stellt die historisch wechselnden, das Bewusstsein und selbst das Unbewusste ihrer
dann aber recht verbindlichen kulturellen Leitvor- Protagonisten eröffnen und so Simulationen, Dissi-
schriften und Bilder zur Verfügung, in deren Rahmen mulationen, ihre Motive und Folgen beobachtbar
das einzelne Paar dann etwas daraus machen kann. machen kann.
Die Funktionen und Effekte dieses Codes lassen sich
nicht auf der »Ebene faktischer Qualitäten, Gefühle,
Ursächlichkeiten erfassen, sondern diese sind immer Liebeskommunikation ist kontingent
schon sozial vermittelt durch eine Verständigung
über Möglichkeiten der Kommunikation« (23). Kommunikation generell teilt Informationen mit.
Ohne Code keine Liebe, und nur weil man den Code Sowohl bei der Information als auch bei der Art der
der Liebe schon kennt, fällt das Fehlen eines beson- Mitteilung handelt es sich um Selektionen. Die Kom-
deren Partners für eine intime Sonderwelt auf. Nur munikation könnte also immer auch anders ausfal-
deshalb fühlen sich Singles so allein. len. Auch in der Form der Liebeskommunikation ist
»Der Code ermutigt, entsprechende Gefühle zu Kommunikation kontingent. Sie balanciert auf ei-
bilden und zu kommunizieren« (9). Es genügt ein nem Grat zwischen Unmöglichkeit und Notwendig-
Zufall (180), um die Kommunikation in Gang zu keit. Diese Kontingenz gibt der Liebe die Freiheit,
bringen. Man erhält eine unbedeutende Einladung, einen Partner für Intimbeziehungen selber zu finden,
holt noch jemanden ab, plaudert ein wenig – und ist mit dem man dann zu regeln (zu entscheiden) hat,
bereits gefangen von den Regeln intimer Kommuni- welche Form für diese Beziehung gefunden wird
kation. Auch kann man seit dem 17. Jahrhundert wis- (Luhmann 1987, 68). Die Form der Liebe hängt nicht
sen, dass auch die Welt der körperlichen Zeichen vom Schicksal, sondern von den eigenen Entschei-
vom Erröten bis zu den Tränen zum Register der dungen ab, denn die Paarbindung ist von der Gesell-
»Sprachen der Verstellung« gehört und ihre Authen- schaft »heute« für individuelle Behandlung freigege-
tizität in Zweifel steht (Geitner 1992). Auch dies hat ben: »Es kommt darauf an, was man daraus macht«
seinen Grund in der Codierung der Liebe, die Kom- (Luhmann 1987, 70). Die von Verpflichtungen (ge-
munikationsanweisungen unabhängig davon liefert, genüber Familien, Klans, Vermögensverhältnissen,
ob Gefühle vorliegen oder nicht (LaP, 22 f.). Damit Stand, Religion, Zünfte usw.) weitgehend freigestellte
stellt sich das Problem der Inkommunikabilität von Liebe begründet aber zugleich ein Risiko, das man
Authentizität (54). Denn das Wissen um die Codie- eingeht, wenn man sich selbst für den einen und
rung der Anbahnung und Erhaltung von Liebesver- nicht den anderen Partner entscheidet (SdR). Man
hältnissen führt dazu, die Intimkommunikation für kann sich entscheiden, etwa ob man Kinder haben
tendenziell unaufrichtig zu halten (131). will oder nicht, ob man eine Familie gründet oder ein
Seit dem 18. Jahrhundert verlangt die autonom ›Single zu zweit‹ bleiben möchte, in welcher Weise
gewordene Liebe nach Individualität. Nun wird die man Sexualität einbaut, ob man einen Versorgungs-
schematisch wiederholte Geste zur Floskel (53) und ausgleich dranhängt (Luhmann 1987, 72 f.), ob man
die vorhersehbare Rhetorik zur unerträglichen Pe- dem Studenten im Examensstress für die Zukunft
danterie (62). Die Beobachtung von aus Büchern co- eine Chance gibt oder ahnt, dass nach den Prüfungen
pierten Formen der Kommunikation führt zum andere Ablenkungen von der Passion folgen werden
Problem der Unterscheidung zwischen aufrichtiger etc. All diese Entscheidungen begründen die Auto-
und unaufrichtiger Liebe (159). Wenn jemand liebt nomie der Liebe wie ihre Risiken, ihre Freiheit wie ihr
und also kommuniziert ›wie ein Buch‹, dann fehlt es Scheitern. Die Risiken der Bindung können kalku-
an Individualität oder an Glaubwürdigkeit. Doch liert werden – aber die Entscheidung trifft man
wer bei seiner Variation des Codes auf forcierte Indi- selbst.
vidualität setzt, der riskiert Verständnismöglichkei- Die andere Seite der Entscheidung ist ihre Kontin-
ten. In diesem selbstgestrickten Netz verfängt sich genz. Wird dies registriert, fällt auf, dass vieles mög-
die Kommunikation. Das 18. Jahrhundert entwickelt lich, aber nichts zwingend ist. Wie soll man lieben,
162 Werke und Werkgruppen

wenn die Kommunikation von Intimität kontingent Literatur


ist und andere Formen der Liebe möglich sind? Wa-
Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und
rum so – und nicht anders? Warum diese(n) – und Wahrheit 1 [1977]. Frankfurt a. M. 1983.
niemanden anderen? Eine solche Beobachtung des Geitner, Ursula: Die Sprache der Verstellung. Studien zum
Codes kann (selbst-)zerstörerische Folgen haben (SS, rhetorischen und anthropologischen Wissen im 17. und
459). Kontingenzen werden daher mit Latenzschutz 18. Jahrhundert. Tübingen 1992.
ausgestattet. Man schaut nicht hin. Die Semantik Luhmann, Niklas: »Soziologie als Theorie sozialer Systeme«
[1967]. In: JA1, 113–136.
kompensiert ihre eigene Kontingenz mit einer Meta- –: »Darum Liebe«. In: Dirk Baecker/Georg Stanitzek (Hg.):
phorik, die das Gegenteil behauptet. Es war dann Archimedes und wir. Berlin 1987, 61–73.
kein Zufall, dass man sich in der Disco oder beim –: »Die Welt der Kunst« [1991]. JKL, 299–315.
Ball, im Zug oder der Postkutsche getroffen hat, son- –: Liebe. Eine Übung. Frankfurt a. M. 2008.
dern Schicksal. ›Liebe auf den ersten Blick‹, ›jeman- Werber, Niels: Liebe als Roman. Zur Koevolution intimer
und literarischer Kommunikation. München 2003.
dem verfallen‹, ›füreinander Bestimmtsein‹, ›auf den
Richtigen gewartet haben‹ sind Beispiele für For- Niels Werber
meln, welche die Unwahrscheinlichkeit abblenden,
gerade diesen Menschen der großen Gruppe aller üb-
rigen vorzuziehen. Auch die Liebe als Passion zeich-
net sich durch eine semantische Operation aus, die
das wie immer motivierte Interesse Egos an Alter aus
dem Verantwortungsbereich Egos auslagert: Es sei
Alter gewesen, der eine unwiderstehliche Passion er-
weckt habe, die Ego wie eine Krankheit erdulde, de-
ren einzige Arznei wiederum Alter bieten könne.
»Aktivität wird als Passivität, Freiheit als Zwang ge-
tarnt« (LaP, 73). Diese Umattribution, die für einen
Vicomte de Valmont nur ein rhetorisches Instrument
der Eroberung ist, erlebt Werther als unausweichli-
ches Schicksal. Wer dagegen die in der Intimkommu-
nikation latent gehaltene Kontingenz thematisiert
und etwa nach besseren Gründen sucht, riskiert das
Ende der Liebe. Deshalb heiraten Reiche und Be-
rühmte lieber unter sich.
Die Einsicht in die Kontingenz der Form erzeugt
Distanz: Um 1800 tritt sie auf als romantische Ironie.
Alles ist nur ein Code, und man weiß, dass die Liebe
ein literarisch präformiertes, geradezu vorgeschrie-
benes Gefühl ist (LaP, 53). Die Beobachtung des In-
timcodes aus einer Beobachterposition, die jede
Liebesgeschichte in einen kontingenten Fall verwan-
delt, verhindert Liebe aber nicht, sondern macht sie
reflexiv. Statt ein Objekt zu lieben, von dem man
weiß, es könnte ein anderes sein, wird das »Lieben
des Liebens« geliebt (LaP, 174). ›Liebe um Liebe‹ wird
daher zur Kontingenzformel der Romantik. Aus die-
ser Selbstreflexivität folgt aber auch: Die Liebe berei-
tet sich alles Glück und Unglück, was sie erfährt,
selbst (SS, 621).
163

7. Soziale Systeme. Grundriß erhoben. Universalität meint in diesem Zusammen-


hang nicht eine Aspiration auf universale Geltung
einer allgemeinen Theorie oder Wahrheit, sondern den Anspruch, »den gesam-
(1984) ten Gegenstandsbereich der Soziologie zu erfassen
und in diesem Sinne universelle soziologische Theo-
In einem Interview aus dem Jahr 1985, also ein Jahr rie zu sein« (ebd.). Ein »Selektionsprinzip« sei ein
nach Erscheinen von Soziale Systeme, nennt Luh- solcher Anspruch, also keine Universalität im Sinne
mann dieses Buch seine erste »richtige Publikation« – von Vollständigkeit oder Allgültigkeit, sondern nur
nachdem von ihm bereits etwa 30 Bücher und über in dem Sinne, eine Theorie des Sozialen schlechthin
100 Aufsätze vorlagen: »Ich habe bei Büchern und sein zu wollen.
Aufsätzen keine Perfektions-Vorstellung, so wie Ausgangspunkt der systemtheoretischen Fundie-
manche, die meinen, bereits bei dem ersten Buch ein rung soziologischer Theorie ist ein von Luhmann
endgültiges Werk schreiben zu müssen. Was ich bis- diagnostizierter »Paradigmawechsel in der System-
her geschrieben habe, ist alles noch Null-Serie der theorie« (15 ff.) von der Vorstellung offener Systeme,
Theorieproduktion – mit Ausnahme vielleicht des die Austauschprozesse mit ihrer Umwelt unterhalten,
zuletzt erschienen Buches ›Soziale Systeme‹« (Luh- zur Konzeption von geschlossenen, selbstreferentiel-
mann 1987, 142). len Systemen. »Die Theorie selbstreferentieller Syste-
Im Werk von Luhmann markiert dieses Buch je- me behauptet, daß eine Ausdifferenzierung von
nen Punkt, an dem die Theorie selbstreferentiellen Systemen nur durch Selbstreferenz zustandekom-
Operierens, wie sie in der allgemeinen Systemtheorie men kann, das heißt dadurch, daß die Systeme in der
und in der von Luhmann dann adaptierten Theorie Konstitution ihrer Elemente und ihrer elementaren
der Autopoiesis vorbereitet worden ist, auf eine Operationen auf sich selbst […] Bezug nehmen«
Theorie sozialer Systeme appliziert werden sollte. (25). Solche Systeme erwerben ihren Umweltkontakt
Gemäß einer Selbstauskunft im Vorwort seines spä- insbesondere durch Selbstkontakt, d. h. die Aufnah-
ten Hauptwerkes Die Gesellschaft der Gesellschaft von me von Umweltreizen wird ausschließlich als inter-
1997 hatte Luhmann vor, eine Theorie der Gesell- nes Geschehen verstanden. Keineswegs sind selbstre-
schaft zu verfassen, die aus drei Kapiteln bestehen ferentielle Systeme von ihrer Umwelt isoliert oder gar
sollte: aus »einem systemtheoretischen Einleitungs- umweltunabhängig, die Geschlossenheit ihrer Ope-
kapitel, einer Darstellung des Gesellschaftssystems rationsweise freilich zwingt solche Systeme dazu, sich
und einem dritten Teil mit einer Darstellung der selektiv, und zwar: selbstselektiv auf ihre Umwelt zu
wichtigsten Funktionssysteme der Gesellschaft« beziehen. »Die (inzwischen klassische) Unterschei-
(GG, 11). An diesem Plan hat Luhmann tatsächlich dung von ›geschlossenen‹ und ›offenen‹ Systemen
festgehalten, aber die Publikationsstrategie geändert, wird ersetzt durch die Frage, wie selbstreferentielle
da all das nicht zwischen zwei Buchdeckel passte. Die Geschlossenheit Offenheit erzeugen könne« (25).
Darstellung des Gesellschaftssystems war dann be- Die operative Geschlossenheit selbstreferentieller
sagtes Buch Die Gesellschaft der Gesellschaft, und die Systeme macht sie zu autopoietischen Systemen. Ein
Darstellungen der Funktionssysteme hat Luhmann System operiert dann autopoietisch, wenn »die Ele-
dann als Die Wirtschaft der Gesellschaft (1988), Die mente, aus denen das System besteht, durch das Sys-
Wissenschaft der Gesellschaft (1990) usw. in einzelnen tem selbst als Einheiten konstituiert werden« (61).
Monografien vorgelegt. Als das so genannte »Einlei- Luhmann folgt damit einem Begriffsvorschlag von
tungskapitel« schließlich bezeichnet Luhmann in je- Humberto R. Maturana (1982), schließt aber auch an
nem Vorwort das 1984 publizierte Buch Soziale ältere Theoriefiguren der Bewusstseinsphilosophie
Systeme. an, die letztlich auch schon mit der Frage zu tun hat-
te, wie ein allein auf seinen eigenen Operationen ba-
sierendes System so viel Stabilität aus sich selbst
Eine universalistische Theorieanlage heraus entwickeln kann, dass es ein Level geordneter
Komplexität und damit Anschlussfähigkeit an sich
Luhmann gibt zwei entscheidende Referenzpunkte selbst erreichen kann. Die sich daraus ergebenden
seiner Theorie an: Zum einen orientiert sich die Paradoxien der Selbstreferenz werden in Soziale Sys-
Theorie sozialer Systeme an einer allgemeinen Sys- teme nur gestreift, von Luhmann aber in späteren
temtheorie als interdisziplinärem Paradigma. Zum Arbeiten ausführlich behandelt. Unter dem Titel
anderen werden »Universalitätsansprüche« (SS, 33) »Konsequenzen für Erkenntnistheorie« freilich
164 Werke und Werkgruppen

macht Luhmann im Schlusskapitel auf einen Um- len, dann stellt sich die Frage nach den für ein soziales
stand aufmerksam, den man letztlich als die beson- System nicht weiter dekomponierbaren Letztele-
dere ästhetische Verfassung seiner Theorie bezeich- menten, die Luhmann im Falle sozialer Systeme als
nen könnte. Er betont, dass Erkenntnistheorie, also ›Kommunikationen‹ bezeichnet. Soziales Geschehen
die Reflexion über den Erkenntnisprozess, selbst mit ist demnach ein selbstreferentieller Prozess der Er-
den Mitteln der Erkenntnis arbeite. Erkenntnistheo- zeugung von Kommunikation durch Kommunikati-
rien »sind selbst auch ein Moment selbstreferentiel- on. Damit verabschiedet sich Luhmann vom Kon-
ler Autopoiesis« (647). Um dennoch einen quasi- zept der Handlungssysteme, ohne dabei den Hand-
objektivierbaren Standpunkt einnehmen zu können, lungsbegriff fahren zu lassen. Er schreibt: »Der
könnte man auf transzendentale oder metaphysische elementare, Soziales als besondere Realität konstitu-
Positionen zurückgreifen – einfach so zu tun, als ierende Prozeß ist ein Kommunikationsprozeß. Die-
könne man einen unmittelbaren Zugang zur Wirk- ser Prozeß muß aber, um sich selbst steuern zu
lichkeit durch geeignete Methoden garantieren, wür- können, auf Handlungen reduziert, in Handlungen
de den Reflexionsstand der Erkenntnistheorie unter- dekomponiert werden« (193). Der Handlungsbegriff
schreiten. tritt damit in die zweite Reihe zurück. Handlungen
Luhmann wählt nun weder einen transzendenta- lassen sich nach diesem Verständnis nur als beson-
len noch einen realistischen Ausweg, sondern einen ders beobachtete Teile eines Kommunikationspro-
schlicht empirischen, denn für alle Erkenntnistheo- zesses auffassen. Kommunikation ist hier demnach
rien gilt: »Sie betreiben, was sie beschreiben, selbst« nicht als idealisierende Übertragung von Informati-
(647). Soziologisch bedeutet dieses empirische Argu- on von einem zu einem anderen Kommunikanden
ment, dass die Theorie sozialer Systeme selbst als zu verstehen, sondern als das Geschehen, das Infor-
Kommunikation fungiert und dass eine Theorie der mation durch den Anschluss und die Anschlussbe-
Gesellschaft in jener Gesellschaft statthat, in der sie dingungen kommunikativer Abläufe erzeugt und
geschrieben wird. »Eine Theorie der Kommunikati- stabilisiert. Damit schließt Luhmann an mathemati-
on ist selbst nichts anderes als eine Anweisung für sche Kommunikationstheorien von Norbert Wiener
Kommunikation, und sie muß auch als Anweisung oder Claude Shannon an (einführend dazu vgl. Bae-
noch kommunizierbar sein. Sie muß sich also vorse- cker 2005, 15 ff.).
hen, jedenfalls: umsehen: Sie kann über ihren Gegen- ›Kommunikation‹ entwickelt Luhmann in Soziale
stand nichts behaupten, was sie nicht als Aussage Systeme dementsprechend als dreistellige Selektion
über sich selbst hinzunehmen bereit ist« (651). Dies aus Information, Mitteilung und Verstehen. Jede In-
ist alles andere als eine logische Spielerei oder Spitz- formation ist eine Selektion aus einem Horizont von
findigkeit, sondern verweist auf den Grundzug einer Möglichkeiten, was kommuniziert werden kann, und
Theorie sozialer Systeme, die nichts Soziales kennt, es stehen mehrere Mitteilungsmöglichkeiten zur Ver-
das außerhalb sozialer Systeme und außerhalb des fügung, wie eine Information kommuniziert wird.
Gesellschaftssystems situiert wäre. Damit dürfte Entscheidend ist freilich die dritte Selektion, das Ver-
noch deutlicher werden, dass das Selektionskrite- stehen. Wäre Kommunikation ausschließlich Mittei-
rium einer »universalistischen« Theorieanlage zu- lung einer Information, läge ein Kommunikations-
gleich eine einschränkende Bedingung ist – ein- modell im Sinne einer Übertragung von Informatio-
schränkend, weil die theoretische Beobachtung selbst nen durch das Medium der Mitteilung zugrunde.
Gegenstand und Teil der theoretischen Beobachtung Um Kommunikation aber als selbstreferentiellen Er-
ist. eigniszusammenhang beschreiben zu können, führt
Luhmann das Verstehen als Anschlussselektion ein.
Kommunikation ist erst dann vollzogen, wenn an
Operative Geschlossenheit eine mitgeteilte Information wiederum kommunika-
tiv angeschlossen wird. Entscheidend ist, dass alle
Die Adaption der Theorie selbstreferentieller, auto- drei Selektionen, auch das Verstehen, ausschließlich
poietischer Systeme auf die Soziologie erfolgt mit als Selektionen der Kommunikation angesehen wer-
dem Ziel, auch soziale Systeme als operativ geschlos- den. Was die beteiligten Menschen/Bewusstseine ver-
sene, autopoietische Einheiten zu konzipieren, die stehen, ist vom Kommunikationsgeschehen zwar
ihren Umwelt- und Realitätskontakt in erster Linie nicht unabhängig, aber doch operativ getrennt. In
über Selbstkontakt herstellen. Wenn soziale Systeme diesem Sinne kann nur die Kommunikation kom-
als autopoietische Einheiten beschrieben werden sol- munizieren, nicht der Mensch (vgl. WissG, 31). Das
Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie (1984) 165

verweist auf das Verhältnis von sozialen und psy- sondern durch die Emergenz eines dritten Systems
chischen Systemen. ermöglicht wird. Anders als Parsons löst Luhmann
»Wir gehen davon aus, daß die sozialen Systeme dies nicht durch das funktionale Erfordernis gemein-
nicht aus psychischen Systemen, geschweige denn samer (sic!) Normen oder Konventionen, sondern
aus leibhaftigen Menschen bestehen. Demnach ge- operativ, gewissermaßen durch trial and error. »Ein
hören die psychischen Systeme zur Umwelt sozialer soziales System baut nicht darauf auf und ist auch
Systeme« (SS, 346). Wie soziale Systeme ausschließ- nicht darauf angewiesen, daß diejenigen Systeme, die
lich aus dem operativ geschlossenen Nacheinander in doppelter Kontingenz stehen, sich wechselseitig
von kommunikativen Ereignissen bestehen, so sind durchschauen und prognostizieren können. Das so-
auch psychische Systeme operativ geschlossen, d. h. ziale System ist gerade deshalb System, weil es keine
kein Bewusstsein kann aus dem autopoietischen Er- basale Zustandsgewißheit und keine darauf aufbau-
eigniszusammenhang seiner Gedanken operativ aus- enden Verhaltensvorhersagen gibt. Kontrolliert wer-
brechen. Dass Bewusstsein und Kommunikation den nur die daraus folgenden Ungewißheiten in
freilich als überschneidungsfreie Systeme gedacht Bezug auf das eigene Verhalten der Teilnehmer«
werden, bedeutet keineswegs eine wechselseitige Un- (157).
abhängigkeit. Explizit schreibt Luhmann: »Denn die Die einzige unterstellte Gemeinsamkeit psy-
Auffassung, daß soziale Systeme nicht aus Individuen chischer und sozialer Systeme liegt in der Operati-
bestehen und auch nicht durch körperliche oder psy- onsweise. Sowohl psychische als auch soziale Systeme
chische Prozesse erzeugt werden könnten, besagt na- operieren, wiewohl operativ getrennt, sinnförmig. Je-
türlich nicht, daß es in der Welt sozialer Systeme der Sinn, so Luhmann, »reformuliert […] den in aller
keine Individuen gäbe. Im Gegenteil: eine Theorie Komplexität implizierten Selektionszwang, und je-
selbstreferentieller autopoietischer Sozialsysteme der bestimmte Sinn qualifiziert sich dadurch, daß er
provoziert geradezu die Frage nach der selbstreferen- bestimmte Anschlußmöglichkeiten nahelegt und an-
tiellen Autopoiesis psychischer Systeme und mit ihr dere unwahrscheinlich oder schwierig oder weitläu-
die Frage, wie psychische Systeme ihre Selbstrepro- fig macht oder (vorläufig) ausschließt. Sinn ist […] –
duktion von Moment zu Moment, den ›Strom‹ ihres der Form, nicht dem Inhalt nach – Wiedergabe von
›Bewußtseinslebens‹, so einrichten können, daß ihre Komplexität« (94). Sinn ordnet gewissermaßen die
Geschlossenheit mit einer Umwelt sozialer Systeme Welt – aber dies nicht vor der Systembildung, son-
kompatibel ist« (347 f.). Ohne die Beteiligung von dern stets als Systemoperation. Der Sinnbegriff in So-
psychischen Systemen kann es keine Kommunikati- ziale Systeme unterscheidet nicht sinnvolle von
on geben, und ebensowenig können psychische Sys- sinnlosen Möglichkeiten (vgl. Hahn 1987), sondern
teme, die füreinander intransparent sind, miteinan- verweist darauf, wie in sozialen und psychischen Sys-
der Kontakt aufnehmen, ohne dass Kommunikation temen die Weltkomplexität so geordnet wird, dass
als emergente Ebene entsteht. Luhmann versucht Anschlussmöglichkeiten nicht unstrukturiert, nicht
also nicht, Bedingungen anzugeben, unter denen haltlos und nicht beliebig, aber eben auch nicht not-
Kommunikation möglich ist, obwohl Bewusstseine – wendig oder gar festgelegt erscheinen. Sinn verweist,
wenn man so will: Menschen – füreinander intrans- als Unterscheidung von Aktualität und Möglichkeit,
parent sind, sondern er versucht zu zeigen, dass stets auf andere Möglichkeiten, weist also jeden Zu-
Kommunikation als operativ eigenständige, emer- griff auf die Welt als Selektion aus. Sinn kann nach
gente Ebene entsteht, weil Bewusstseinssysteme für- diesem Verständnis nicht verfehlt werden, sondern
einander irreduzibel intransparent sind und es in der ist die unvermeidliche Operationsgrundlage psy-
Kommunikation auch bleiben. chischer und sozialer Systeme. Als evolutionär er-
folgreichstes, aber keineswegs einziges Verweisungs-
system und damit als Sinnspeicher fungiert Sprache
Doppelte Kontingenz (SS, 137).

Um dies zu verdeutlichen, bedient sich Luhmann des


von Talcott Parsons stammenden Modells der ›dop- Gegen die Unterscheidung von Mikro- und
pelten Kontingenz‹ – also des Gegenübers zweier für- Makroebenen
einander intransparenter, ihr Verhalten jeweils von
Alter Ego abhängig machender Entitäten, deren Gemäß der Anlage als »Einleitungskapitel« zu einer
wechselseitiger Kontakt nicht durch Verschmelzung, geplanten Theorie der Gesellschaft spielt die Unter-
166 Werke und Werkgruppen

scheidung unterschiedlicher Systemtypen – nament- Operativität als Verzeitlichung


lich Interaktion, Organisation und Gesellschaft – in
Soziale Systeme keine systematische Rolle. Erst im Mit dem Buch Soziale Systeme und der Adaption der
Anschluss an dieses Buch veröffentlicht Luhmann allgemeinen Theorie selbstreferentieller Systeme auf
eine Reihe von Büchern über einzelne Funktionssys- die Soziologie gelingt Luhmann aber vor allem dies:
teme mit der Systemreferenz ›Gesellschaft‹. Die Wie- die Etablierung einer Theorie des Operativen in der
deraufnahme seiner frühen organisationssoziologi- Soziologie. Das Buch ist insofern ein wirklich radika-
schen Arbeiten mit Verwendung der neuen Theorie- les Buch, als es das selbstreferentielle Geschehen au-
anlage erfolgt dann noch später, und die Conclusio topoietischer Systeme radikal verzeitlicht. Autopoie-
findet sich, wie schon erwähnt, erst 1997 mit Die Ge- tische Systeme sind dann ereignisbasierte Systeme,
sellschaft der Gesellschaft. An einer Stelle aber nimmt und Strukturen sind der Ereignishaftigkeit nicht vor-
Luhmann auch in Soziale Systeme schon die Frage der geordnet, sondern werden im Sich-Ereignen erst er-
Systemreferenz auf, in dem Kapitel »Gesellschaft und zeugt. »Jedes Ereignis vollzieht in diesem Sinne eine
Interaktion« nämlich. In diesem Kapitel geht es um Gesamtmodifikation der Zeit. Die zeitliche Punktua-
die Frage der Ebenendifferenzierung – oder besser: lisierung der Elemente als Ereignisse ist nur in der
um die Vermeidung von Ebenendifferenzierung. Üb- Zeit und nur Dank der Zeit möglich; aber sie realisiert
licherweise wird in der Soziologie zwischen Mikro-, durch Verschwinden und durch Gesamtmodifikati-
Meso- und Makroebenen unterschieden, wobei es on ein Maximum an Freiheit gegenüber der Zeit. Die-
sich hierbei lediglich um Kumulationsebenen unter- ser Freiheitsgewinn muß durch Strukturbildung
schiedlicher Allgemeinheitsgrade handelt. Aus- bezahlt werden; denn es wird daraufhin nötig, die
gangspunkt sind stets interaktionsnahe oder hand- Reproduktion der Ereignisse durch Ereignisse zu re-
lungsnah gebaute Operationen. Hier treffen sich der gulieren« (SS, 390). Strukturbildung ist also nichts
symbolische Interaktionismus eines George Herbert den Ereignissen Äußerliches, sondern Strukturbil-
Mead durchaus mit Theorien, die die Mikrofundiert- dung erfolgt durch die erwartungsgestützte Repro-
heit aller Makrophänomene zum Ausgangspunkt ih- duktion von Ereignissen. In aller Radikalität formu-
rer Überlegungen machen, so etwa in James Cole- liert Luhmann: »Strukturen gibt es nur als jeweils
mans berühmtem »Badewannenmodell«, in dem gegenwärtige; sie durchgreifen die Zeit nur im Zeit-
Makrophänomene gewissermaßen als Summe von horizont der Gegenwart, die gegenwärtige Zukunft
Mikrophänomenen behandelt werden (vgl. Coleman mit der gegenwärtigen Vergangenheit integrierend«
1981, 10 ff.). Eine solche soziologische Theorie ließe (399). Diese Integration, zu der sowohl die erwar-
sich aber nicht auf solche sozialen Prozesse anwen- tungskonforme Kontinuität gehört als auch die
den, die nicht auf die Anwesenheit von Handelnden Überraschung, die selektive Abweichung und der
angewiesen sind – exakt deshalb sind solche Theo- Bruch, kann immer nur je gegenwärtig erfolgen und
rien der Ebenendifferenzierung stets Handlungs- ist gerade deshalb dem System nicht vorgeordnet und
theorien, weil sie Selbstreferenz an die Sichtbarkeit insofern dem System auch nicht transparent in dem
Alter Egos binden müssen, dann aber alle über An- Sinne, dass es eine Identität seiner selbst voraussetzen
wesenheit hinausgehende Sozialität nur noch im Sin- müsste, um kontinuieren zu können (vgl. Nassehi
ne normativer Integration, durch Unterstellung eines 2008, 182 ff.).
generalisierten Anderen oder als Kultur erklären Aus dieser Theorieanlage ergeben sich erhebliche
können. Konsequenzen für den Struktur- und den Prozessbe-
Mit der Unterscheidung von Interaktion und Ge- griff – und noch größer sind die Konsequenzen da-
sellschaft kann es Luhmann aber gelingen, Sozialfor- für, was eine systemtheoretische Soziologie im Sinne
men, die nicht auf Anwesenheit setzen, nicht einfach Luhmanns eigentlich meint. Letztlich ist das Buch
als Kollektivphänomene oder als eine allgemeinere nicht nur ein Meilenstein in der Geschichte soziolo-
Ebene zu fassen, sondern als Ordnungsebene eigenen gischer Theoriebildung, sondern leistet auch dem
Rechts. Gesellschaft und Organisation sind nicht ein- Missverständnis Vorschub, dass es sich bei der Sys-
fach allgemeinere Sozialsysteme, sondern Sozialsys- temtheorie um eine Theorie handle, die Einzelereig-
teme anderen Typs als Interaktionen. nisse stets nur als das Ergebnis von Systembildung
betrachte. Der semantische Gehalt des Begriffs ›Sys-
tem‹ besteht üblicherweise immer noch im Verständ-
nis einer stabilen, reifizierten Einheit, gewisserma-
ßen einer ›Top-Down-Struktur‹, die das individuelle
Ökologische Kommunikation (1986) 167

Ereignis eben nicht ernst nimmt, sondern nur als 8. Ökologische Kommunikation.
Ausdruck einer Systemlogik oder eines Systemimpe-
rativs. Exakt das Gegenteil ist gemeint: Systeme wer-
Kann die moderne Gesell-
den durch Einzelereignisse erst strukturiert, sie sind schaft sich auf ökologische
die letzten, nicht dekomponierbaren Elemente, auf Gefährdungen einstellen?
deren Basis Systembildung erfolgt.
Dies ist in der Rezeption des Buches kaum explizit
(1986)
gesehen worden – und womöglich besteht die Tragik
des Buches darin, dass es mit der Begriffsentschei- 1986 war das Jahr, in dem Ökologische Kommunika-
dung für Systemtheorie gerade die Adaption tempo- tion veröffentlicht wurde. Es war auch ein Jahr von
ralisierter Systemtheorien auf die Soziologie schwie- akuten Umweltproblemen: Das Ozonloch wurde
riger macht. Wollte man die Wirkung des Buches entdeckt, der Kernreaktor in Tschernobyl explodier-
innerhalb der Soziologie auf eine Formel bringen, so te, das Waldsterben war in vollem Gang und am
könnte man womöglich von der Überforderung ei- Rhein ereigneten sich Chemieunfälle. Die Semantik
ner Disziplin sprechen, die sich in ihren Begriffsrou- der Massenmedien fügte der ›Umweltkatastrophe‹
tinen allzu eindeutig eingerichtet hat. Genau besehen eine ›Klimakatastrophe‹ hinzu, die auf dem Titelblatt
aber dekonstruiert Soziale Systeme die Lieblingsun- des Nachrichtenmagazins Der Spiegel ikonischen
terscheidungen des Faches: Es bietet weder eine Ma- Ausdruck fand. Nicht nur Luhmanns Buch erschien
kro-, noch eine Mikrosoziologie, es ist weder eine damit zu einem ›günstigen‹ Zeitpunkt, ganz so, als ob
subjektivistische noch eine objektivistische Theorie- die Krisen nach einer kompetenten Erklärung ver-
anlage. Nicht einmal, ob sie eher kritisch oder affir- langten. Ulrich Becks Risikogesellschaft erschien im
mativ sei, wird klar entscheiden – eben weil dieses selben Jahr. Seitdem werden beide Bücher oft in ei-
»Einleitungskapitel« sich diesen fach- und lehrbuch- nem Zug erwähnt und nicht nur als Seminarliteratur
konstituierenden Unterscheidungen des Faches ent- empfohlen. Sie fanden ihren Weg in breite Debatten
ziehen wollte und Ausgangspunkt einer Systemtheo- über die moderne Gesellschaft und ihre selbstge-
rie ist, die dem Systembegriff all jene Assoziationen machten Umweltkrisen. Die Stunde der Risikosozio-
auszutreiben angetreten ist, die im Fach seit Parsons logie hatte geschlagen, zumindest in Deutschland.
gelten. Die Rezeption beider Werke durch die akademische
Literatur zeigt, dass Luhmanns Wirkung vor allem
im deutschen Sprachraum erfolgt, während Becks
Literatur Studie insbesondere im angelsächsischen Raum
Baecker, Dirk: Form und Formen der Kommunikation. deutlich stärker rezipiert wird.
Frankfurt a. M. 2005. Das Buch Ökologische Kommunikation ist kein ge-
Coleman, James: Grundlagen der Sozialtheorie. Band 1. wöhnliches Luhmann-Buch. Es erschien nur zwei
München 1981. Jahre nach dem bahnbrechenden Werk Soziale Syste-
Hahn, Alois: »Sinn und Sinnlosigkeit«. In: Hans Hafer-
kamp/Michael Schmid (Hg.): Sinn, Kommunikation me (1984), noch bevor Luhmann Darstellungen der
und soziale Differenzierung. Beiträge zu Luhmanns anderen Teilsysteme veröffentlichte (v. a. Das Recht
Theorie sozialer Systeme. Frankfurt a. M. 1987, 155–164. der Gesellschaft, Die Wirtschaft der Gesellschaft, Die
Luhmann, Niklas: Archimedes und wir. Berlin 1987. Wissenschaft der Gesellschaft und Die Gesellschaft der
Maturana, Humberto R.: Erkennen. Die Organisation und Gesellschaft). Seine Auseinandersetzung mit dem
Verkörperung von Wirklichkeit. Ausgewählte Arbeiten
zur biologischen Epistemologie. Braunschweig 1982.
Thema ›Ökologie‹ gleicht eher den zeitdiagnosti-
Nassehi, Armin: Die Zeit der Gesellschaft. Auf dem Weg zu schen Büchern Realität der Massenmedien (1995)
einer soziologischen Theorie der Zeit. Wiesbaden 22008. und Beobachtungen der Moderne (1992), die, wie
Armin Nassehi
Ökologische Kommunikation, ebenfalls außerhalb des
Suhrkamp Verlages erschienen. Wahrscheinlich hätte
Luhmann ähnliche Diagnosen zum Terrorismus und
zur Finanzkrise geschrieben. Aber zu jener Zeit war
die ›Umweltkrise‹ in aller Munde und die grünen
Protestbewegungen schafften es, die Grünen als Par-
tei im deutschen Bundestag zu etablieren. Luhmann
sah das Thema als Herausforderung, da es sich so of-
fensichtlich quer stellte zu den funktionalen Scheide-
168 Werke und Werkgruppen

wänden der modernen Gesellschaft. In gewisser In weiten Teilen des Buches finden sich denn auch
Weise schien die ökologische Problematik nicht nur Ausführungen, die das Programm der autopoieti-
die herkömmliche Politik hinter sich zu lassen, son- schen Systemtheorie ausbuchstabieren. Einzelne Ka-
dern auch die Gesellschaftstheorie. In diesem Beitrag pitel zu Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Politik,
soll es deshalb nicht nur um eine theorieimmanente Religion und Erziehung leisten dies. Andere Zentral-
Würdigung eines nun schon klassischen Textes gehen aspekte wie Beobachtung zweiter Ordnung, Codie-
(Baecker 2006). Vielmehr sollen auch Luhmanns rung und Programmierung sowie funktionale Diffe-
Thesen zum Problembereich ›Ökologie‹ kritisch dis- renzierung kommen hinzu. Eingerahmt wird das
kutiert werden. Ganze jedoch von einem Begriff, der sonst nicht so
»Was wir über die Stratosphäre wissen, gleicht prominent aus Luhmanns Werk herausragt, dem Be-
dem, was Platon über Atlantis weiß: Man hat davon griff der Resonanz. Dieser Begriff wird metaphorisch
gehört« (RdM, 9), schreibt Niklas Luhmann neun eingeführt und erfüllt seinen Zweck in der Argumen-
Jahre nach der Veröffentlichung von Ökologische tation sehr effektiv. Man kann sich vorstellen, wie
Kommunikation, nachdem das Montreal-Protokoll verschiedene soziale ›Sphären‹ oder ›Körper‹ auf ein
zum Schutz der Ozonschicht unterzeichnet wurde Geräusch ansprechen und unterschiedlich mit-
und als die internationalen Verhandlungen zum Kli- schwingen. Das kann zu einem musikalischen Wohl-
maschutz in eine kritische Phase traten. Luhmann klang führen oder zur Kakophonie. Man hat in
fügte dem obigen Bonmot bekanntlich ein anderes, diesem Zusammenhang auch von zerspringenden
etwas enigmatischeres, hinzu: »Oder wie Horatio es Gläsern gehört oder von einstürzenden Brücken. In-
ausdrückt: So I have heard, and do in part believe it« dem Luhmann dieses Bild evoziert, impliziert er, dass
(RdM, 9). Man kennt bestimmte Dinge also vom Hö- auch gesellschaftliche Subsysteme durch Geräusche
rensagen und glaubt teilweise daran. Das Misstrauen aus der Umwelt in Schwingung versetzt werden. Luh-
gegen die Massenmedien ist von den Massenmedien mann meint, es kann zu wenig und zu viel Resonanz
nicht wegzudenken. Doch interessanterweise wid- geben. Im ersten Fall hat die Gesellschaft keine Mög-
met Luhmann den Massenmedien kein eigenes Kapi- lichkeit auf reale Gefahren zu reagieren, weil die
tel in Ökologische Kommunikation und geht auch Kommunikation nicht ankommt. Im zweiten Fall
sonst nicht auf sie ein. kommt die Kommunikation an, führt aber zu Panik.
Beide Fälle sind eine Bedrohung für den Fortbestand
der Gesellschaft. Freilich verlässt sich Luhmann nicht
Ökologische Kommunikation: auf die Metapher allein. Die Selbstgefährdung der
Subsysteme, Resonanz und Redundanz Gesellschaft wird auch theorieimmanent abgeleitet:
»Die ökologische Selbstgefährdung liegt […] durch-
Zunächst führt er die Thematik der Beziehung zwi- aus im Rahmen der Möglichkeiten von Evolution.
schen Gesellschaft und Umwelt ein durch einen Ver- Bedrohliche Lagen entstehen nicht nur dadurch, daß
weis auf die historische Entwicklung der klassischen ein hoher Grad an Spezialisierung sich bei Verände-
Soziologie, die sich ja bekanntlich (zumindest seit rungen der Umwelt als Fehlspezialisierung erweist.
Weber und Durkheim) auf die Binnenverhältnisse Man muß mindestens auch mit der Möglichkeit
der Gesellschaft konzentriert hatte. Die Neuheit der rechnen, daß ein System so auf seine Umwelt ein-
Problematik erforderte ein Umdenken, das für die wirkt, daß es später in dieser Umwelt nicht mehr
Ebene der Gesellschaftstheorie radikal sein musste. existieren kann. Die primäre Zielsetzung autopoieti-
Theorien, die auf der Höhe der Zeit sein wollten, scher Systeme ist immer die Fortsetzung der Auto-
konnten kaum in die alten Denktraditionen des Um- poiesis ohne Rücksicht auf Umwelt, und dabei wird
weltdeterminismus zurückfallen. Auch fiel die Op- der nächste Schritt typisch wichtiger sein als die Rück-
tion weg, die Beziehung zwischen Gesellschaft und sicht auf Zukunft, die ja gar nicht erreichbar ist, wenn
Natur im Rahmen einer marxschen Dialektik zu in- die Autopoiesis nicht fortgesetzt wird« (ÖK, 38).
terpretieren (Grundmann 1991), obwohl Luhmanns Moderne Gesellschaften zeichnen sich dadurch
Bemerkungen zu Marx in Ökologische Kommunikati- aus, dass sie hoch spezialisierte Funktionssysteme
on durchweg positiv ausfallen. Wie radikal die Um- ausgebildet haben. Dadurch kommt es im Vergleich
orientierung der Gesellschaftstheorie sein musste, zu vormodernen Gesellschaften zu einem Verlust von
hatte Luhmann ja einige Jahre zuvor verdeutlicht, als Redundanz. Einfacher gebaute Gesellschaften waren
er der soziologischen Systemtheorie eine autopoieti- Multifunktionssysteme, d. h. ein System konnte für
sche Wende gab. ein anderes einspringen. Das war durchaus ein Vor-
Ökologische Kommunikation (1986) 169

teil, wie Luhmann ausführt: »Daraus wäre zu folgern, Luhmann geht davon aus, dass vor allem das poli-
daß ein funktional differenziertes System sich weni- tische System mit Erwartungen konfrontiert wird,
ger gut auf Umweltveränderungen einstellen kann als ›etwas zu ändern‹. Da die Politik aber nicht als Ein-
einfacher gebaute Systeme, obwohl es zugleich in heit der Gesellschaft auftreten kann, erzeugt sie die
verstärktem Maße Umweltveränderungen auslöst« Illusion, etwas verändern zu können. »Nichts hindert
(210). den Politiker, […] eine ökologische Anpassung der
Luhmann ist jedoch optimistischer, was die Reak- Wirtschaft zu fordern […]; er ist ja nicht gehalten,
tionsfähigkeit funktional differenzierter Gesellschaf- wirtschaftlich zu denken und zu handeln, operiert
ten angeht. Er schreibt, dass funktionale Differenzie- also gar nicht innerhalb desjenigen Systems, das seine
rung »durch die abstrakte Codierung und funktiona- Forderung letztlich scheitern lassen wird« (225). Es
le Spezifikation der Teilsysteme auf dieser Ebene ein besteht die Gefahr, dass das politische System zu viel
höheres Maß an Sensibilität und Lernfähigkeit« Resonanz erzeugt, es sogar zu einer Steigerung von
(ebd.) ermöglicht. Resonanz in anderen Subsystemen kommt. Luh-
Auch an dieser Stelle rekurriert Luhmann auf die mann denkt, dass dies langfristig nicht gut gehen
Resonanzmetapher. In einer Analogie zur Ausdiffe- kann.
renzierung des biologischen Organismus führt er Deutschland hat nun seit den 1980er Jahren Er-
aus, dass »Augen, Ohren, Nervensysteme und Im- fahrung mit Politik, die sich als ökologisch ausgibt.
munsysteme nur in engen, aber evolutionär erprob- Hier ist nicht der Ort, eine empirische Überprüfung
ten Frequenzbereichen resonanzfähig sind. Diese der in Ökologische Kommunikation vorgestellten
Reduktionen können dann durch organisierte Lern- Thesen anzustellen. Überhaupt ist es ein schwieriges
fähigkeit ausgeglichen werden« (218). Leider wird Unterfangen, die theoretischen Arbeiten Luhmanns
dieser Gedanke im Folgenden nicht wieder aufgegrif- auf konkrete empirische Beispiele (›Gesellschaften‹)
fen. Luhmann deutet darauf hin, dass Organisatio- anzuwenden. Einer der Hauptgründe dürfte darin
nen lernen können (OuE; Wiesenthal 1995), ob aber liegen, dass es nach Luhmann ja nur eine Weltgesell-
auch Gesellschaften lernen können, ist eine andere, schaft geben kann und ein nationaler/komparativer
sehr viel schwieriger zu beantwortende Frage. Wie Ansatz wahrscheinlich als Versuch der unzulässigen
sich zeigen wird, vermeidet es Luhmann, diese Frage Fragmentierung erscheint (vgl. GG; Luhmann 1971;
a priori negativ zu beantworten. Hasse/Krucken 2005; Willke 2006; Wobbe 2000;
Moderne Gesellschaften lassen sich Luhmann zu- Mayntz/Scharpf 2005; Neves/Voigt 2007). Dennoch
folge nicht steuern, es gibt kein Zentrum und keine ist eine knappe Bemerkung vonnöten. Tatsächlich
Spitze, von wo aus dies versucht werden könnte. hat sich die deutsche Politik weltweit wahrscheinlich
»Man sucht mithin vergeblich, wenn man die Einheit am weitesten in Richtung ökologischer Politik vorge-
der modernen Gesellschaft in der Organisation eines wagt, nicht zuletzt durch die Präsenz der Grünen in
Netzwerkes von Kommunikationsbahnen, von Parlament und (zeitweise) Regierung. Die Frage ist,
Steuerungszentren und Impulsempfängern begreift« wieweit sich die Kommunikation in Richtung Angst-
(ÖK, 203). Da solche Ideen keine Entsprechung in kommunikation (s. u.) aufgeschaukelt hat, mit de-
der Realität haben, so Luhmann, wird man »dann struktiven Folgen für die Gesellschaft. Im Länderver-
rasch zu dem Eindruck gelangen, daß die guten Ab- gleich lässt sich beobachten, wie verschiedene
sichten sich nicht realisieren lassen, weil irgendwo ir- nationale Gesellschaftssysteme in unterschiedlicher
gendetwas gegensteuert, und man endet bei eher Weise das Thema ›Ökologie‹ prozessieren. Tatsäch-
mythologischen Erklärungen dieses Sachverhalts lich ist die Spannung zwischen Ökonomie und Öko-
durch Kapitalismus, Bürokratie oder Komplexität« logie ein Dauerthema in verschiedenen Ländern, egal
(203 f.). wie viel Angstkommunikation stattfindet und wie
Man bemerke, dass Luhmann die Komplexität als weit sie sich zu ökologischen Programmen (und Illu-
solche nicht gelten lässt für ein Scheitern von Steue- sionen) bekennen.
rungsversuchen. Das Problem sitzt tiefer. Steue- Ein anderer Aspekt verdient in diesem Zusam-
rungsversuche von Seiten der Politik führen dazu, menhang Aufmerksamkeit. Das Thema ›Ökologie‹
dass die Einheit der Gesellschaft aus dieser Perspek- gibt es nicht mehr in dieser Form. Es hat sich seit der
tive, nämlich der der Politik, konstruiert wird. Ande- Veröffentlichung von Ökologische Kommunikation
re Subsysteme verfahren genauso, mit der Folge, dass breit aufgefächert, wobei der Klimawandel in vieler
jedes Teilsystem für sich beansprucht, die Gesell- Hinsicht zum Hauptthema der ökologischen Diskus-
schaft zu sein. sion wurde (Mike Hulme nennt ihn »the mother of
170 Werke und Werkgruppen

all issues«, Hulme 2009). Insofern hat sich die Pro- Kausaldeterminismus für verfehlt. Dennoch bildet
blemlage ausdifferenziert. Die Politik hat damit rea- diese Herangehensweise nach wie vor die Grundvo-
giert, dass sie Klimapolitik entwickelt, woran die raussetzung und geteilte Überzeugung der meisten
Wissenschaft (in Gestalt der Klimawissenschaft) Akteure in einigen Bereichen der Umweltpolitik. Um
maßgeblichen Anteil hat (vgl. Hansen 2009; Schnei- auf das Beispiel der Ozonpolitik zurückzukommen:
der 2009). Die Wirtschaft ist auf der Suche nach pro- Hier waren es wissenschaftliche Theorien und Be-
fitablen, klimaneutralen Technologien, und es ist obachtungen, die Kausalbeziehungen aufstellten
umstritten, wie stark klimapolitische Ziele technolo- (FCKW zerstören die Ozonschicht) und Schuldzu-
gisch machbar und ökonomisch profitabel sind. Er- weisungen vornahmen (FCKW-Produzenten). Die
neuerbare Energien konnten in gewissem Umfang vereinbarten Regulierungen waren im Wesentlichen
Fuß fassen, allerdings nur auf Basis großzügiger Sub- Verbote (Produktionsverbote), die (notfalls) durch
ventionen. Wie es scheint, sind manche Technolo- »adaptiertes Polizeirecht« durchgesetzt werden.
gien profitabler als andere – wobei ausgerechnet die Wendet man diese Logik aber auf die Problematik
Reduktion von Kohlendioxid kostspielig erscheint. des Klimawandels an, so zeigt sich die Aktualität
Pielke (2010) spricht in dieser Hinsicht von einem Luhmanns. Hier versagt eine einfache Kausalzurech-
›eisernen Gesetz‹, wonach die Ökonomie im Kon- nung und Schuldzuweisung, da die Ursachen des Kli-
fliktfall de facto immer Vorrang vor klimapolitischen mawandels vielfältig sind. Selbst wenn man sich auf
Zielsetzungen hat, und bestätigt damit eine luh- CO2 als Hauptursache einigte, wäre die Schuldzuwei-
mannsche Vermutung. sung wenig produktiv, tragen doch alle Erdbewohner
Als Zwischenbilanz ließe sich sagen, dass die Hy- zu seiner Produktion bei. In der Folge bliebe auch ein
pothese der destruktiven Folgen von ›zu viel Reso- neues Polizeirecht wirkungslos.
nanz‹ in der Gesellschaft nicht zutrifft. Wo es
Zielkonflikte gibt, etwa zwischen Arbeitsplatzsiche-
rung und Unternehmensfreiheit auf der einen und Angst, Moral und Theorie
Klimapolitik auf der anderen Seite, hat die deutsche
Gesellschaft in gewohnter Kompromissmanier rea- Luhmann sieht die Angstkommunikation als natür-
giert. Als Kontrastbeispiel können die USA gelten, lichen Modus der sozialen Bewegungen an, insofern
wo eine klimaskeptische Bewegung anspruchsvolle diese Entwicklungen blockieren wollen. Richtig pro-
Klimapolitik aus ökonomischen Gründen strikt ab- phezeit er der grünen Partei, dass sie ein breiteres
lehnt, eine Vorgabe, die von US-Regierungen unter- Programm anbieten müsse, wenn sie Regierungsver-
schiedlicher Couleur befolgt wird. antwortung übernehmen will. Allgemeiner gespro-
Kann man also das Scheitern der Klimapolitik chen, hat Angst spezifische Auswirkungen auf
durch die Autonomie der Subsysteme und deren Ei- gesellschaftliche Kommunikation, insbesondere
genlogik erklären? Wenn dem so wäre, dürfte es gar macht sie den rationalistischen Versuch zunichte,
keine erfolgreiche Umweltpolitik (oder Wirtschafts- durch mehr Aufklärung und Kommunikation Angst
politik) geben. Es gibt allerdings solche erfolgreichen zu verringern: »Versuche, die komplizierte Struktur
Beispiele, etwa die Politik zum Schutz der Ozon- von Risiko- und Sicherheitsproblemen unter wissen-
schicht (Grundmann 1999). Wie lässt sich dies mit schaftlicher Verantwortung aufzuklären, liefern der
der Theorie vereinbaren? Ein Ansatz dazu findet sich Angst nur neue Nahrung und Argumente« (ÖK,
in Luhmanns Ausführungen zu Kausalität und Zu- 238). Es gibt zahllose Beispiele dafür, dass eine solche
rechnung von Verantwortlichkeit, die er für veraltete Strategie scheitert, von der Atomkraft bis zu Impf-
Methoden der Problembewältigung hält. Luhmanns programmen. Nichtsdestotrotz scheint es die Stan-
Spott ist deutlich: »[S]o kann man vorgehen, wenn dardreaktion von Experten und Entscheidungsträ-
man sieht, daß ein Chemiewerk giftige Stoffe auf gern zu sein. »Angst widersteht jeder Kritik der
Müllhalden kippt oder Abwässer in Flüsse leitet mit reinen Vernunft […]. Sie ist das Prinzip, das nicht
der Folge, daß Fische sterben und die Wasserversor- versagt, wenn alle Prinzipien versagen« (240).
gung gefährdet wird. Für solche Probleme reicht ein Man kann die Gültigkeit dieser Aussagen sehr ge-
adaptiertes Polizeirecht aus« (ÖK, 26). Als Begrün- nau am Beispiel der Klimadebatte überprüfen, wo
dung für die Unangemessenheit eines solchen Ansat- sich seit etwa der Jahrtausendwende eine Tendenz ge-
zes führt er zweierlei an, die Neuartigkeit der zeigt hat, durch Warnungen (und damit durch Er-
Probleme und die systemtheoretische Betrachtungs- zeugung von Angst) politische Entscheidungen
weise. Er hält Schuldzurechnungen auf Basis eines herbeizuführen, bislang allerdings mit wenig Erfolg
Ökologische Kommunikation (1986) 171

(Grundmann/Stehr 2011; Prins/Rayner 2007; Prins in erster Linie als jemand, der Beobachtungen (d. h.
u. a. 2010; Pielke 2010; Hulme 2007; O’Neill/Nichol- Beschreibungen) anfertigt und nicht weiß, wie es
son-Cole 2009). besser gemacht werden sollte. Dennoch sieht er eine
Doch Luhmanns Einsicht von 1986 – »Ein Glück Herausforderung für die Theorie darin, dass die Fra-
nur, daß die Rhetorik der Angst wahrscheinlich nicht ge nach der Rationalität ökologischer Kommunika-
in der Lage ist, wirkliche Angst zu erzeugen« (ÖK, tion gestellt und beantwortet werden muss. Die
240) – verhallte ungehört bei den Politikern, Wissen- Ausdifferenzierung in Funktionssysteme macht es
schaftlern und NGOs, die im Modus der Angstkom- unmöglich, von einem Bezug ›des Systems‹ zu seiner
munikation operieren. Angst ist gesellschaftsfähig Umwelt zu sprechen, denn es ist nicht klar, wie die
geworden, kann sogar den Anspruch erheben, volon- Einheit des Systems hergestellt werden kann. Folgt
té générale zu sein. Die Kehrseite ist freilich, dass man daraus, dass der Begriff der Systemrationalität aufge-
nicht weiß, wie ernst das Bekenntnis gemeint ist: geben werden muss? Luhmann verneint dies. Das ist
»Meinungsumfragen können deshalb ohne Schwie- überraschend und vielleicht der Grund, warum er
rigkeiten Zunahme von Angst registrieren und ihre ein Buch über Umweltprobleme geschrieben hat.
Ergebnisse in die Öffentliche Kommunikation zu- Denn Luhmann sieht sich der ›Reizfrage‹ ausge-
rückleiten« (ÖK, 241). Es kostet nichts, Angst vor setzt, »worin eigentlich die Einheit der Leitdifferenz
Zukunftsentwicklungen zu bekunden, im Gegenteil: solcher Codes und worin eigentlich die Rationalität
Es gibt eine gewisse gesellschaftliche Erwartung, dies einer Unterscheidung besteht. Was immer in einem
zu tun; ein Bekenntnis zur Nicht-Angst würde wahr- solchen System als ›richtig‹ erscheint, ist auf vorco-
scheinlich als abnormal angesehen. Demnach wäre dierte Informationsgewinnung und Informations-
mit einer ›frei flottierenden Angst‹ zu rechnen, die verarbeitung bezogen und hat seinen Sinn im Bezug
sich an beliebige Themen der Kommunikation an- auf die dadurch eröffnete und strukturierte Kontin-
heftet und diese damit zu politischen Themen macht. genz« (ÖK, 253). Daraus folgt, dass der herkömmli-
Sogar wenn eine solche gesellschaftliche Konvention che Rationalitätsbegriff, als Selbstreferenz der Ver-
der Angstkommunikation authentisch ist, kann sie nunft, oder nach Habermas, als diskursiv vermittelte
nicht wirkungsvoll mit Mitteln der Vernunft be- Selbstreferenz der Vernunft, uns nicht weiterhilft.
kämpft werden. Jeder Versuch, dies zu tun, verstärkt Wie der Begriff der Rationalität doch noch gerettet
die Angst nur. Diese Paradoxien sind aus anderen werden kann, führt Luhmann nur auf knappen zwei
Kontexten bekannt, etwa dort, wo ein der Lüge Ver- Seiten aus (264 ff.).
dächtigter seine Ehrlichkeit beteuert. Solche Versu- Das Problem ist, dass wir keinen übergreifenden
che laufen ständig in Paradoxien und sind dadurch Begriff davon haben (können), was ›richtig‹ ist jen-
kontraproduktiv. seits der systemisch festgelegten Codes und Program-
Luhmann ist sich bewusst, dass die Systemtheorie me. Ein anderer Ausdruck dafür ist, dass wir die
keine überzeugende Alternative zur Angstkommuni- Einheit der Differenz nicht operational einführen
kation darstellt, nicht zuletzt deshalb, da sie gegen können, ohne neue Paradoxien zu erzeugen. Und es
Angst keine Rezepte anzubieten hat, auch keine sozi- bleibt das Problem, dass verschiedene Rationalitäten
altherapeutischen. Dennoch hofft er auf einen kom- miteinander in Konflikt geraten. Doch Luhmann
munikativen Austausch dieser grundverschiedenen spricht plötzlich von einem Konflikt zwischen Sys-
Ansätze. Es ist interessant zu sehen, dass genau diese temrationalität und Welt- bzw. Gesellschaftsrationa-
Forderung im Klimadiskurs aktuell wird, wo Prota- lität: »In dem Maße, als Systemrationalität realisierba-
gonisten der Angstkommunikation den Skeptikern rer erscheint, ist sie zugleich weniger weltrational und
gegenüberstehen und in der Mitte eine Position sich auch weniger gesellschaftsrational« (257). Luhmann
zu etablieren versucht, die der gesellschaftlichen belässt es bei dieser enigmatischen Anmerkung und
Selbstbeobachtung verpflichtet ist (Hulme 2009; führt die Begriffe ›weltrational‹ und ›gesellschaftsra-
Pielke 2007; Storch u. a. 2011). tional‹ nicht weiter aus. Wir können vermuten, dass er
diese in Analogie zu Webers prozeduraler und mate-
rieller Rationalität ansetzt, zumal dies der Kontext sei-
Die Rationalität ökologischer Kommunikation ner Bemerkung ist. Damit geht er zurück auf
grundlegende soziologische Unterscheidungen, die
Unter dem Stichwort der Rationalität knüpft Luh- der autopoietischen Systemtheorie vorausgehen.
mann an die Frage an, wie eine Kritik der bestehen- Was Luhmann dann auch als Lösung anbietet, ist
den Verhältnisse denkbar sei. Er sieht sich natürlich die generelle Regel, standortfrei »von Bezugsproble-
172 Werke und Werkgruppen

men auszugehen und nach funktional äquivalenten mit der Richtungsangabe Umweltethik falsch diri-
Möglichkeiten ihrer Behandlung Ausschau zu hal- giert« (265).
ten« (255), also nach einem verallgemeinerungsfähi- Abschließend lässt sich sagen, dass Luhmann die
gen Prinzip zu suchen, das Einheit nur als Problem ökologische Problematik als Herausforderung so-
sieht, sie also nur um der damit erzeugbaren Diffe- wohl für moderne Gesellschaften als auch für die
renz willen akzeptiert. Luhmann plädiert dafür, diese Gesellschaftstheorie betrachtet. Er gesteht ein, dass
Orientierung in anderen Funktionssytemen »ohne auch und gerade die Systemtheorie gefordert ist,
wissenschaftliche Absicherung zu praktizieren« und zeigt auf, wie schwierig es ist, mit adäquaten
(ebd.). Gewiss, dies sind tastende Schritte, und nur Antworten aufzuwarten. Wer sich deshalb auf theo-
knappe Ausführungen. Was daran überzeugt, ist die retischer Ebene enttäuscht sieht, sollte nicht verges-
Betonung der Herausforderungen, die die Umwelt- sen, welche Einsichten Luhmann uns en passant
problematik für die moderne Gesellschaft und die vermittelt, und wie hochaktuell diese geblieben
gesellschaftliche Reflexion bedeutet. Trotz der Er- sind.
nüchterung über seine bescheidenen Schlussfolge-
rungen aus der Systemtheorie, bleibt die pragmati-
Literatur
sche Orientierung überzeugend, die hier durch-
scheint. Sie ist allemal attraktiver als Moralisierung, Baecker, Dirk: »Zu viel Kausalität, zu wenig Resonanz?
Angstkommunikation oder eine generelle Verharm- Becks Risikogesellschaft und Luhmanns Ökologische
Kommunikation«. In: politische oekologie 100 (2006),
losung der Umweltprobleme. 41–45.
Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine ande-
re Moderne. Frankfurt a. M. 1986.
Grundmann, Reiner: Marxism and Ecology. Oxford 1991.
Umweltethik –: Transnationale Umweltpolitik zum Schutz der Ozon-
schicht: USA und Deutschland im Vergleich. Frankfurt
Luhmann zufolge wird von Umweltethik zu viel er- a. M./New York 1999.
wartet. Man traut ihr Lösungen zu, die unmöglich in – /Stehr, Nico: Die Macht der Erkenntnis. Berlin 2011.
ihrer Reichweite liegen. Er fügt an, Umweltethik Hansen, James: Storms of My Grandchildren: The Truth
brauche einen »Pansen für Paradoxien« (265). Das About the Coming Climate Catastrophe and Our Last
Thema der Paradoxien durchzieht sein Buch und Chance to Save Humanity. London 2009.
Hasse, Raimund/Krücken, Georg: »Der Stellenwert von Or-
kommt vor allem zum Schluss nochmals zum Vor-
ganisationen in Theorien der Weltgesellschaft. Eine kri-
schein, wo es um die Frage geht, wie man gesell- tische Weiterentwicklung systemtheoretischer und neo-
schaftliche Rationalität definieren könne. Was aber institutionalistischer Forschungsperspektiven«. In: Bet-
ist mit der Formulierung vom »Pansen für Parado- tina Heintz/Richard Münch/Hartmann Tyrell: Weltge-
xien« gemeint? Ein Pansen ist bei Wiederkäuern ein sellschaft. Theoretische Zugänge und empirische Pro-
blemlagen. Zeitschrift für Soziologie, Sonderband. Stutt-
Teil des Verdauungstrakts, der der Vorverdauung
gart 2005, 186–204.
dient. Damit deutet Luhmann gewissermaßen an, Hulme, Mike: »Newspaper Scare Headlines Can Be Coun-
dass Paradoxien der modernen Gesellschaft nicht di- ter-productive«. In: Nature 445 (2007), 818.
rekt bekömmlich sind, sondern erst einmal eingelegt –: Why We Disagree About Climate Change: Understan-
werden müssen, bevor man sich ihnen aussetzen ding Controversy, Inaction and Opportunity. Cambridge
kann. Umweltethik sollte hier eine Aufgabe bekom- 2009.
Luhmann, Niklas: »Die Weltgesellschaft«. In: Archiv für
men, indem sie vorsortiert und die Debatten begriff- Rechts- und Sozialphilosophie 57. Jg. (1971), 1–35.
lich vorbereitet. Die Aufgabenstellung des ›Einla- Mayntz, Renate/Scharpf, Fritz W.: »Politische Steuerung –
gerns von Paradoxien‹ unterscheidet sich radikal von Heute?« In: Zeitschrift für Soziologie 34. Jg., 3 (2005),
der landläufigen Auffassung, wonach Umweltethik 236–243.
synonym zur Moral gesetzt wird und die Lösung von Neves, Marcelo/Voigt, Rüdiger: Die Staaten der Weltgesell-
schaft: Niklas Luhmanns Staatsverständnis. Baden-Ba-
Umweltproblemen von der Einsicht und Einübung den 2007.
in richtiges Verhalten erwartet wird. O’Neill, Saffron/Nicholson-Cole, Sophie: »›Fear Won’t Do
Es ist bezeichnend, dass Luhmann sein Buch mit It‹: Promoting Positive Engagement With Climate
einer starken Warnung vor Moralisierung beendet, ja Change Through Visual and Iconic Representations«. In:
dies geradezu als Hauptaufgabe einer Umweltethik Science Communication 30. Jg., 3 (2009), 355–379.
Pielke, Roger A. Jr.: The Honest Broker. Making Sense of
ansieht: »Jedenfalls wird die ökologische Kommuni- Science in Policy and Politics. Cambridge 2007.
kation, solange es eine solche Ethik nicht gibt, selbst –: The Climate Fix: What Scientists and Politicians Won’t
auf Distanz zur Moral achten müssen. Sie ist heute Tell You About Global Warming. New York 2010.
Soziologie des Risikos (1991) 173

Prins, Gwyn/Rayner, Steve: »Time to Ditch Kyoto«. In: Na-


ture 449 (2007), 973–975.
9. Soziologie des Risikos (1991)
Prins, Gwyn u. a.: The Hartwell Paper: A New Direction for
Climate Policy After the Crash of 2009. London 2010.
Schneider, Stephen H.: Science as a Contact Sport: Inside In allen Arbeiten, die Niklas Luhmann neben den
the Battle to Save Earth’s Climate. Washington 2009. großen Monographien zu den Funktionssystemen
Storch, Hans von u. a.: »Regional Climate Services Illustra- der Gesellschaft als Beiträge zu speziellen Soziologien
ted With Experiences From Northern Europe«. In: Zeit- verfasst hat (Konflikt, Moral, Organisation, Protest,
schrift für Umweltpolitik und Umweltrecht 34 Jg., 1 Risiko), wird immer der Bezug auf die systemtheore-
(2011), 1–15.
Wiesenthal, Helmut: »Konventionelles und unkonventio- tischen Grundbegriffe gewahrt. So ist es auch mit der
nelles Organisationslernen: Literaturreport und Ergän- Soziologie des Risikos (SdR) aus dem Jahr 1991. Der
zungsvorschlag«. In: Zeitschrift für Soziologie 24. Jg., 2 Mainstream der sich entwickelnden Risikosoziologie
(1995), 137–155. (Beck 1997; Douglas 1992; Perrow 1987; Wildavsky
Willke, Helmut: Global Governance. Bielefeld 2006. 1988; Wynne 1987 u. a.) verwendet einen Risikobe-
Wobbe, Theresa: Weltgesellschaft. Bielefeld 2000.
griff, der die Alltagsintuition des Gefährlichen und
Reiner Grundmann Ungewissen (exponiert Beck 1988; unverändert
1997/2007) mit der Expertenformel von Eintritts-
wahrscheinlichkeit und Schadensausmaß kontras-
tiert.
Während jener Mainstream der Risikosoziolo-
gie sich zu einem amerikanischen constructivism
(Clarke/Short 1993) entwickelt, der akteurstheore-
tisch beschränkt bleibt, rekurriert Luhmann auf die
Unterscheidung von Risiko und Gefahr (SdR, 30 ff.).
Diese resultiert aus der Unterscheidung von Selbst-
und Fremdreferenz und diese wiederum aus der von
System und Umwelt: Risiken ergeben sich aus der Zu-
rechnung von Nachteilen auf die eigene Entschei-
dung, Gefahren ergeben sich aus der Zurechnung
von Nachteilen auf fremde Entscheidungen, von de-
ren Folgen man betroffen ist. Dass dies keine
Begriffsakrobatik ist, kann man daran erkennen, dass
Entscheider tatsächlich so zurechnen, um überhaupt
das Problem der Risikokalkulation mit ihrer in der
aktuellen Gegenwart unerreichbaren zukünftigen
Gegenwart und den für sie selbst relevanten Ent-
scheidungsfolgen in Verbindung bringen zu können.
Und man erkennt es daran, dass von den Entschei-
dungen Anderer Betroffene tatsächlich fremdzurech-
nen, um protestieren zu können. Man befindet sich
hier gleichsam im Zentrum der luhmannschen Risi-
kosoziologie, denn mit dieser Unterscheidung hängt
einerseits die Distanz zum Mainstream zusammen
(vgl. MacCrimmon/Wehrung 1988), der sich mit der
(alltagstauglichen) Unterscheidung von Risiko und
Sicherheit (neben der von Risiko und Unsicherheit:
Knight 1921) zufrieden gibt, und andererseits orga-
nisiert Luhmann von hier aus seine zentralen Folge-
unterscheidungen für die Zeitdimension (SdR, 41 ff.)
und für die Sozialdimension riskanten Entscheidens
(111 ff.).
174 Werke und Werkgruppen

Zeit Ordnung kann genau dies sehen: Dass die ›andere


Seite‹ des Risikos nicht Sicherheit, sondern Gefahr
In der Zeitdimension sozialen Sinns ist zunächst ist. Mit anderen Worten: Es mag Beobachter geben,
maßgeblich, dass sich soziale Systeme aufgrund ihrer die etwas als sicher bezeichnen. Aber es gibt keinen
operativen Geschlossenheit grundsätzlich nur an der objektiven Standpunkt für diese Bezeichnung, denn
eigenen unmittelbaren Vergangenheit in ihrer je ge- die ihr zugrundeliegende Unterscheidung von Hori-
gebenen Gegenwart orientieren können – die Zu- zonten der Vergangenheit und der Zukunft wird mit
kunft ist für sie operativ unerreichbar. Soziale jeder anderen Beobachtung eine andere sein. Also
Systeme bilden ein Gedächtnis aus, mittels dessen Kernkraftwerke vor und nach Tschernobyl (Krohn/
eine zeitliche Form der Ordnungsbildung ermöglicht Weingart 1985), Feuerdämmungsstoffe vor und nach
wird, die es erlaubt, dem Chaos der Gleichzeitigkeit Asbest oder Schmerzmittel während der Schwanger-
aller Operationen in der Gegenwart durch die Unter- schaft vor und nach Contergan. Aber auch ganz ohne
scheidung von Vergangenheit und Zukunft zu entge- spektakuläre Schadensereignisse – beispielsweise in
hen (SdR, 43 f.). Es gibt dann aktuelle und inaktuelle Gestalt entgangener Vorteile – sind Entscheidungen
Operationen, obwohl auch diese Unterscheidung immer riskant. Und selbst, wenn es gut geht, also kei-
nur in der Gegenwart genutzt werden kann. Die Ge- ne offensichtlichen Nachteile auftreten, hat man
genwart wird verkürzt zum ›Umschaltpunkt‹ zwi- doch die Möglichkeiten, die vor der Entscheidung
schen Vergangenheit und Zukunft, deren Unsicher- gegeben waren, verschenkt. Nach der Entscheidung
heit zur Beobachtungsform ›Risiko‹ zwingt. Diese kann man den vergebenen Möglichkeiten eben nur
operativ erzeugte Ordnungsform – die faktische noch nachtrauern (zu diesem konstitutiven Risiko-
Gleichzeitigkeit aller Ereignisse wäre als solche verständnis vgl. PolG, 235).
gleichbedeutend mit kompletter Unordnung – wird Das mag verblüffen, denn wie oft fahren oder ge-
gestützt durch die Primärrelevanz der Zeitdimensi- hen wir über Brücken, ohne uns unsicher zu fühlen,
on. Im Unterschied zur alten Welt gibt es in der funk- nehmen wir unbesorgt Schmerzmittel und glauben
tional differenzierten Gesellschaft eine strukturelle an die Sicherheit neuer Feuerdämmstoffe. Aber in
Differenz zwischen Neuem und Altem, und diese Er- solchen Situationen haben wir es eben nicht mit Ent-
fahrung ermöglicht erst die Unterscheidung von Ver- scheidungen zu tun! Wer vertraut, muss nicht ent-
gangenheit und Zukunft. Gleichwohl können ver- scheiden. Sobald eine Situation durch Alternativen
gangene Ereignisse nur in der Gegenwart erinnert gekennzeichnet ist, muss entschieden werden, gerade
und zukünftige Ereignisse nur in der aktuellen Ge- weil das Wissen für die ›richtige‹ Alternative fehlt.
genwart vergegenwärtigt werden. Gegenwärtige Ent- Und dann gilt, dass es zur »Riskanz des Risikos [ge-
scheidungen orientieren sich an einer Zukunft, die hört], dass [dessen] Einschätzung mit der Zeit vari-
wiederum von einer Gegenwart abhängt, in der über iert« (SdR, 51). Die Zukunft ist unsicher, aber gerade
mögliche Zukünfte entschieden wird. auch durch das Entscheiden selbst, durch das Auf-
Diese zirkuläre Konstellation lässt keine rationale spannen eines enttäuschungsanfälligen Erwartungs-
Kalkulation zu und führt dazu, dass ein Risiko in der horizonts wird die Zukunft unsicher. Man könnte
zukünftigen Gegenwart anders gesehen wird als in sagen: Die Entscheidung sorgt selbst dafür. Das ist ja
der dann vergangenen Gegenwart – allein schon weil auch ganz unvermeidlich, denn nur, wenn die Zu-
man entschieden hat. Man hat dann Anlass, die Ent- kunft nicht interessiert oder man nicht zu entschei-
scheidung zu bedauern, weil die Möglichkeit, anders den hat, ist die Zukunft unproblematisch gegeben.
zu entscheiden, verstrichen ist: Die Entscheidungs- Einerseits nutzen soziale Systeme diese, durch Ent-
theorie kennt das als post decisional regret (Harrison/ scheiden selbst erzeugte, Unbestimmtheit für die Su-
March 1984), die Theologie als Vertreibung aus dem che nach Chancen. Andererseits geschieht dies
Paradies. Wer aber seine frühere Entscheidung be- notwendig in der Form des Risikos. Vor der Entschei-
dauert, der beobachtet seine Zukunft als Risiko. Die dung und vor allem nach der Entscheidung ist der
Unterscheidung von Risiko und Sicherheit doku- Zeithorizont dann jeweils ein anderer. Mit der Zu-
mentiert sich damit als Beobachtung erster Ord- nahme von Situationen, in denen entschieden wer-
nung, die nicht sehen kann, dass (völlige) Sicherheit den muss, bzw. in denen erwartet wird, dass
nicht zu erreichen ist. Allerdings wird vom Ingenieur entschieden wird, wird es zugleich immer wichtiger,
nicht erwartet, dass er diese Perspektive auf Sicher- diese strukturelle Einschätzungsdifferenz latent zu
heit aufgibt, denn wer würde dann noch von ihm ge- halten: Dieser Ausfall der Möglichkeit, objektiv zu
baute Brücken betreten. Aber der Beobachter zweiter entscheiden, welche Einschätzung die richtige ist,
Soziologie des Risikos (1991) 175

wird dann zu einem zentralen Problem des ›Um- Sprengkraft auf der anderen Seite gerade durch die
gangs mit Unsicherheit‹ (Bonß 1995). durchschnittliche Akzeptanz von Rechtsnormen be-
Ein Beispiel für die Zukunft als Risiko und den be- grenzt wird.
gleitenden Normalisierungszwang kann man in der Ähnlich verhält es sich mit ›Knappheit‹ als zweiter
Liebe sehen (SdR, 53): Das Risiko der Partnerwahl Form von Zeitbindung. Knappheiten bedeuten für
wird abgefedert durch die Passion, die von der Lie- die einen Chancen, für die anderen Exklusion, wobei
bessemantik eingefordert wird, nicht zuletzt um der wieder die daraus entstehenden Konflikte (vom Klas-
Neutralisierung von Alternativen oder gar einer viel- senkampf bis zur geregelten Tarifauseinanderset-
leicht misslichen Zukunft willen. Ein anderes Medi- zung) in ihrer Riskanz durch die durchschnittliche –
um für diesen Zusammenhang von entscheidungs- sozialstaatlich gestützte – Akzeptanz ausgebremst
bedingter Unsicherheit und deren zu gewährleisten- werden. Recht und Eigentum erscheinen so als Ein-
der Latenz ist Professionalität. Ohne diese würden richtungen, die Risiken der sozialen Beziehungen ab-
viele, wenn nicht die allermeisten Aktivitäten (Rei- sorbieren. Man denke an Genehmigungsvorbehalte
sen, Zahnarztbesuche, Berufswahl, Wertpapierkäu- im Umweltrecht und an Kündigungsschutz gegen Ei-
fe) der modernen Gesellschaft zum Erliegen kom- gentümer. Die Risiken, die diese Einrichtungen in
men. Gleichwohl gilt: Es gibt kein risikofreies Gestalt gleichsam höherstufiger Konflikte selber her-
Entscheiden. Und wenn es nur die vergebenen Mög- vorbringen, werden durch breite (eben durchschnitt-
lichkeiten sind, die man bedauert: Wer entscheidet, liche) Akzeptanz, wenn auch nach langen Kämpfen,
der hat es mit Zukunft als Risiko zu tun. Ob es gra- eingedämmt. Und genau diese Selbstbegrenzungslo-
vierende Schäden sind oder ›nur‹ entgangene Vortei- gik der klassischen Zeitbindungen scheint im moder-
le (Opportunitätskosten), sachlich gesehen sind alle nen Fall des Risikos nicht mehr zu funktionieren.
Entscheidungen mit Unsicherheit belastet; es gibt Nach dem Erfolg einer »Ökologischen Kommuni-
keine absolute Sicherheit. Und alles Entscheiden re- kation« (vgl. ÖK 1986; Büscher/Japp 2010) in den
produziert die Differenz von Risiko und Gefahr. Man 1980er Jahren ist eine Situation entstanden, in der die
wird immer jemanden finden, der von den Entschei- Thematisierung von Risiken eine Dimension erreicht
dungen anderer betroffen ist, insbesondere, weil es hat, die durch Rechtsnormen (etwa ›Gefährdungs-
hier nicht um objektive Sachverhalte, sondern um haftung‹) und Knappheiten (etwa ›Emissionsrechte-
Zurechnungen geht. Deshalb kann Luhmann sagen, handel‹) nicht mehr aufgefangen werden kann.
dass Risikoprobleme sachlich beliebig generalisier- Risiko ist zu einer Form geworden, die alle sozialen
bar sind (SdR, 36) und dass somit das gesuchte Pro- Ereignisse in die Unterscheidung wahrscheinlich/un-
blem (riskanten Entscheidens) nicht in der Sachdi- wahrscheinlich presst (SdR, 81). Die Gesellschaft
mension, sondern im Verhältnis von Zeit- und verliert Sicherheiten, die durch rechtliche, wirt-
Sozialdimension liegen muss. schaftliche und natürlich politische Institutionalisie-
rungen einmal gegeben waren, gerade weil der für
diese Sicherheiten erforderliche überzogene Konsens
Zeit- und Sozialdimension im Risikofall nicht mehr gegeben ist. Und dies gilt
auch für die Kommunikation mit Experten, die ver-
Luhmann analysiert die Spannung im Verhältnis von geblich Sicherheit beschwören, wo vom Gefahren-
Zeit- und Sozialdimension unter den Titeln »Zeit- schema aus nur Unsicherheit gesehen wird. Auch
bindung« (SdR, 59 ff.) und »Entscheider und Betrof- Konsens – etwa in Fragen des Einsatzes von Gentech-
fene« (111 ff.). Zeitbindungen bestehen in Struktu- nik – ist dann nur noch mehr oder minder wahr-
ren, die kommunikative Ereignisse binden. In der scheinlich oder (wahrscheinlich!) unwahrscheinlich.
Geschichte Europas kann dies in der Ausdifferenzie- Risiko als Zeitbindungsform der gänzlich zu sich
rung von Recht und Wirtschaft gesehen werden. selbst gekommenen modernen Gesellschaft bringt in
Rechtsnormen, etwa das Wahlrecht im 19. Jahrhun- diese ein Moment an Unbeherrschbarkeit hinein, das
dert, aber auch Verbote besonders riskant erschei- für Recht und Wirtschaft einmal undenkbar war.
nender Technologien im 20. Jahrhundert, schränken
die Handlungsoptionen von diesen Normen Betrof-
fener ein, greifen also auf die Sozialdimension re- Protest
striktiv zu. Sie riskieren dadurch einerseits Konflikte
(etwa historische Kämpfe um das Wahlrecht oder Diese Unbeherrschbarkeit dokumentiert sich u. a. im
Widerstand gegen Beweislastregelungen), deren Konflikt zwischen Entscheidern und Betroffenen, die
176 Werke und Werkgruppen

sich nicht auf Gemeinsames einigen können, weil sie troffensein und Entscheiden, gibt Anlass zur Entfal-
Zurechnungen schematisieren, die sich wechselseitig tung von Protestbewegungen (SdR, 135 ff.; Japp
ausschließen. Obwohl Recht und Wirtschaft als Risi- 1996, 178 ff.). Wie sicher auch immer man Kern-
koregulative unentbehrlich sind, sind sie doch kraftwerke baut, wie sicher auch immer man Banken
machtlos, wenn es um Gefahren geht, etwa der nu- gegen Spekulationsverluste macht, die (unbestimm-
klearen Strahlung oder einfach einer Großbaustelle te) Gefahrenperspektive wird gerade in dieser An-
in der Innenstadt, die von den Entscheidern als ei- strengung sichtbar. Protestbewegungen erzeugen
genverantwortlich kontrollierte Risiken beobachtet eine Unterscheidung, mit der man trotz sachlicher
werden. Die Betroffenen rechnen auf die Umwelt zu, und sozialer Unbestimmtheit etwas anfangen kann:
möglicherweise auf dort lokalisierbare Entscheider, die Unterscheidung von Protest und Gegenseite. Weil
mit all den kommunikativen Anschlüssen, die aus es aber zunehmend schwierig ist, Entscheider zu
der Gefahrenperspektive als fremdbestimmt beob- identifizieren (s. Attac oder Frauenbewegung), pro-
achtet werden. Es geht nicht mehr nur um Technik filieren sich die Forderungen als ›Ansprüche an Poli-
oder Umwelt oder Gesundheit, es geht um Gesell- tik‹ (SdR, 155 ff.). Und das Neue an diesen Bewegun-
schaft (Japp 2000, 78 f.). Sogar das religiöse Bekennt- gen ist eben, dass sie sich nicht für Rechte und nicht
nis wird wieder riskant (Stichworte sind ›Migration‹ für Umverteilung interessieren, sondern dafür, dass
und ›Integration‹), wenn es als Entscheidung zuge- sie Opfer der riskanten Entscheidungen anderer sind
rechnet wird. oder werden können. Wie jene generalisierte Form
Aufs Ganze gesehen, kann man sagen: Das Risiko des Wahrscheinlichen/Unwahrscheinlichen es nahe-
des einen ist die Gefahr des anderen. Solange die Auf- legt, wird der Protest reproduziert durch laufende
merksamkeit der Gesellschaft im Hinblick auf Risi- Erneuerung von Dissens. Und es ist dieser gegen die
ken noch an Recht und Wirtschaft hing, war genau Gesellschaft hochprojizierte Dissens, der dazu nötigt,
dies nicht der Fall. Dass Frauen in den Entscheidun- die eigene Beobachterposition außerhalb der Gesell-
gen ›der Männer‹ eine Gefahr sehen, war bis weit ins schaft zu fingieren. Diese Positionierung erlaubt eine
20. Jahrhundert nicht bekannt und lässt sich weder Kritik der Gesellschaft, wie sie von den Funktionssys-
rechtlich noch wirtschaftlich regulieren. Es ist eine temen her nicht zu leisten wäre. Es werden also Be-
›soziale Frage‹, in deren Reichweite sich die Tiefe der obachtungen angeboten, die die Gesellschaft von der
gesellschaftlichen Sozialspaltung durch die Differenz Unterscheidung von Risiko und Gefahr aus beschrei-
von Risiko und Gefahr bzw. Entscheider und Betrof- ben, also eine der möglichen Selbstbeschreibungen
fene zeigt. Auch die Härte dieser Unterscheidung der Gesellschaft bilden. Das spiegelt sich in entspre-
frappiert. Die meisten Versuche, sie zu überbrücken, chenden Aufmerksamkeiten der Massenmedien (an
sind bislang gescheitert. Partizipation, Ethik und Ri- dramatischen Auftritten von Protestierern jeglicher
sikokommunikation (Otway/Wynne 1989) haben Couleur) und in der Bereitschaft, diese Beschreibun-
das Misstrauen derer, die Betroffenheit kommunizie- gen zum Thema der Wissenschaft zu machen (Beck
ren, nicht kompensieren können. Oft ist eher das Ge- 1997). Allerdings wird hier wie dort der Mangel an
genteil der Fall, insbesondere wenn die Entscheider Theorie zur Bedingung der Reproduktion von expli-
nur schwer zu identifizieren sind, also im Fall chemi- zitem (Bewegung) oder implizitem Protest (Wissen-
scher Großunfälle, ökologischer Katastrophen und schaft). Schärfere Einstellungen führen nicht zu
weltwirtschaftlicher Krisen. Betroffenheit äußert Protest, sondern zu dessen Beschreibung, und sie er-
sich dann eher diffus im bloßen Protest ohne genau- zeugen so immerhin Themen (wie »Ökologische
en Gegner und ist verfahrensmäßig schon gar nicht Kommunikation«, vgl. Büscher/Japp 2010; ÖK), die
mehr zu kontrollieren. Umgekehrt gilt dann, dass es ohne Protest vielleicht gar nicht oder jedenfalls
auch Betroffenheit in immer mehr Fällen weder ein- nicht auf Gesellschaft bezogen gäbe.
gegrenzt noch ausdifferenziert werden kann. Luh-
mann selbst hat Zweifeln an der Treffsicherheit der
Unterscheidung von Risiko und Gefahr für solche Tragic Choices
Fälle Nahrung gegeben (SdR, 131).
Aus all diesen Gründen scheint sich eine Art quasi- Aus all diesen Konditionen der ›Risikogesellschaft‹
transzendentale, nämlich generalisierte und auch ergeben sich laufend Situationen, in denen entschie-
noch wechselseitige Ablehnung zu konsolidieren. den werden muss, ohne dass dies mit Attributen wie
Genau diese generalisierte Ablehnung (inklusive Ex- Rationalität, Vernunft und dergleichen verknüpft
pertenrationalität), also die Unbestimmtheit von Be- werden könnte. Solche Verknüpfungen werden zwar
Soziologie des Risikos (1991) 177

behauptet, aber man kann sie durchschauen. Wegen Genehmigungen mit Vorbehalten ausstatten, werden
der basalen Unbekanntheit der Zukunft kann man sie zur Gefahr für ihre (investierende) Umwelt (SdR,
nicht einfach von Risikobereitschaft zu Risikoaversi- 211). Wenn Organisationen dagegen hohe (etwa fi-
on übergehen. Diese ist riskant wegen der möglicher- nanzwirtschaftliche) Risikobereitschaft zeigen und
weise entscheidend (!) wichtigen, aber ausgelassenen die Steuerzahler am Ende die Rettung der Banken be-
Möglichkeiten, etwa bei der Ablehnung von – für die zahlen, tritt derselbe Effekt aus entgegengesetzten
moderne Gesellschaft nicht wegzudenkenden – Gründen ein. Auch eine Art Gesamtrationalität hilft
›Hochtechnologien‹ (SdR, 93 ff.). Die Fälle häufen hier nicht wirklich weiter: Organisationen, die Erfolg
sich (Perrow 1987), die die Grenze zwischen kontrol- haben, setzen auf das Bewährte und müssen das be-
lierter Komplexität (eines Kernkraftwerkes, einer reuen, falls sich etwas ändert. Wenn sie dann den
Großchemieanlage usw.) und unkontrollierter Kom- Misserfolg als Anweisung zu übertriebener Risiko-
plexität (von unkalkulierbaren ›Nebenfolgen‹) durch neigung interpretieren, driften sie über eine solche
den zusätzlichen Einbau von Sicherheitssystemen »failure trap« (March/Olsen 1995, 183 ff.) aus den
unsicher machen. Letztlich ist dies durch die Para- Märkten heraus, deren Chancen sie ihrer Misser-
doxie bedingt, dass die zusätzlichen Sicherheitstech- folgsaversion opfern. Der Rationalitätsfall, ein ›aus-
nologien das System komplexer machen als die gewogenes‹ Verhältnis von Redundanz und Varietät
eigentliche Technologie. Perrow (1987) fokussiert (Luhmann 1988; March/Olsen 1995, 183 ff.), kann
diese Zusammenhänge auf Großtechnologien, die nicht entschieden werden. Er ergibt sich aus der Ku-
aufgrund von Mehrfachkomponenten nicht-linear mulation von tragic choices, wenn eine Organisation
bzw. komplex operieren und eng an Fehlerverkettun- diese überlebt – oder, was wahrscheinlicher ist: er er-
gen gekoppelt sind. Diese Risiken (eigentlich: Gefah- gibt sich nicht. Vielleicht muss man sich – günstigs-
ren) nicht-linearer Komplexitätssteigerungen und tenfalls – eine Art Oszillation um den Rationalitäts-
fester Kopplungen von Störungen im Falle von fall vorstellen, mit gelegentlichen Ausbrüchen ins
›Hochtechnologien‹ zu vermeiden, also auf ›Niedrig- Katastrophale. Und von der Wissenschaft kann in
technologien‹ umzuorientieren, würde zu einem dieser Situation keine Hilfe erwartet werden. Wie der
Rückbau von Sicherheiten im Hinblick auf Versor- Vertrauensverlust der Experten und die Praxis der
gung mit Energie, Medikamenten, Mobilitätschan- Gegengutachten zeigen, operiert sie selbst längst in
cen usw. führen. Zwar würde die Gesellschaft einer einem Bereich des unsicheren Wissens (bzw. des
Art folgenorientierter Verantwortungsethik gerecht Nichtwissens, vgl. Funtowicz/Ravetz 1992), der auch
(Beck 1988), aber niemand könnte sich daran beru- für die Produktion von wissenschaftlich gestütztem
higen, wenn zu viele Verlustrisiken an gesellschaftli- Risikowissen keine Position oberhalb der tragischen
cher Wohlfahrt die Risiken aus dem Betrieb der ›Dialektik‹ von Risikobereitschaft (Innovation) und
Hochtechnologien bei weitem übersteigen. Risikoaversion (Routine) mehr zulässt.
Man darf das jedenfalls annehmen, ausprobiert
hat es bezeichnenderweise – womöglich aus Grün-
den der Risikovermeidung – noch niemand. Die Po- Beobachten
litik verlegt sich auf talk (Brunsson 1989), um der
Tragik unentscheidbarer Entscheidungen zu entge- In ihrem den Forschungsstand der frühen 1990er
hen oder sie verschiebt die Probleme in andere Funk- Jahre resümierenden Überblicksartikel monieren
tionssysteme, um beispielsweise Grenzwerte oder Clarke und Short (1993), dass es keine unifying theo-
vorbehaltliche Genehmigungen festzulegen. Irgend- ry für die Spezialdisziplin ›Risikosoziologie‹ gäbe.
wann müssen sich Organisationen mit den aufgelau- Von da an bis heute hat sich in dieser Hinsicht nicht
fenen Problemen befassen. Und für diesen Fall viel getan. Gelegentliche, aber auch sehr zögerliche
besteht die Hoffnung, dass Organisationen den Um- Adaptionen des beckschen Werkes haben nicht zu ei-
gang mit Risiken lernen können. Aber genauso oft ner das Risikoproblem umfassenden Theorie geführt
wie diese Hoffnung erfüllt wird, wird sie auch ent- (vgl. Aradau/Munster 2007; Japp 2008). Wenn von
täuscht (Clarke/Short 1993). Sehr häufig neigen Or- einer wissenschaftlichen Theorie hohes Auflösever-
ganisationen zu einer Art Kleinformatisierung von mögen in Bezug auf Alltagskonzepte erwartet wird,
Risiken durch Bürokratisierung. Das betrifft vor al- dann greifen im Kontext einer unifying theory eigent-
lem – aber nicht nur – öffentliche Verwaltungen. lich nur systemtheoretische Konzepte. Nur diese lö-
Wenn diese aus Gründen der Risikoaversion Ent- sen (im Gegensatz zum Mainstream) den Risikobe-
scheidungswege verlängern (Planfeststellung) oder griff aus der Alltagsintuition des Schädlichen und
178 Werke und Werkgruppen

Gefährlichen heraus. Dies geschieht durch die Ver- Treibsand immer weiterer Unterscheidungen gerät,
knüpfung des Risikobegriffs mit dem Entschei- denn auch Unterscheidungen zweiter Ordnung sind
dungsbegriff und daran anschließend durch die intransparent im Hinblick auf die Unterscheidung,
basale Unterscheidung von Risiko und Gefahr. Diese die sie selbst benutzen, und müssen das durch weite-
Unterscheidung setzt eine Beobachtung zweiter Ord- res Unterscheiden kompensieren. Vor allem lassen
nung voraus, die Beobachter dabei beobachtet, wie sich Beobachtungen zweiter Ordnung, wegen ihrer je
sie zurechnen (extern/intern). eigenen und nicht auszuschaltenden ›Unvollkom-
Auch auf der sog. Mesoebene erlaubt der system- menheit‹ – die sich Beobachtungen erster Ordnung
theoretische Konstruktivismus, mehr zu sehen als durch ihren Objektbezug verbergen – nicht hierar-
der amerikanische constructivism, der sich z. B. damit chisieren (SdR, 243).
begnügt zu zeigen, dass es organisierte Akteure sind, Gegen die daraus resultierende Kommunikations-
die die relevanten Risikodefinitionen und deren überlast richten sich »Kommunikationsunterbre-
Kommunikation dominieren (Clarke/Short 1993). chungen« (244), die als solche nur von einer Theorie
Das wäre auch ohne einen constructivism möglich ge- gesehen werden können, die Beobachtung zweiter
wesen, der Halt macht bei der Einsicht, dass großen und erster Ordnung systematisch differenziert. Luh-
Organisationen Definitionsmacht zuzurechnen sei, mann beschreibt solche Kommunikationsunterbre-
und der insinuiert, dass damit von einer irgendwie chungen als ›Verständigungen‹, d. h. als Umgehung
doch wieder ›objektiven‹ Risikodefinition abgewi- oder auch Abbruch von Risikoreflexionen, die als
chen wird. Luhmann zeigt, dass es unter der Bedin- Beobachtungen zweiter Ordnung keine Stoppregeln
gung unsicherer Zukünfte keine objektiv richtigen bereit halten: konditionierte (insofern temporäre)
Risikomaße gibt. Und man kann sehen, dass Organi- Übereinkünfte zwischen Entscheidern und Betroffe-
sationen nicht nur um des Profites willen Risiken er- nen (MdG, 348–361) etwa um die Betriebstempera-
zeugen (Exxon Valdez) und Schuldzurechnungen auf tur von Müllverbrennungsanlagen, ohne deren Bau
betrunkene Kapitäne durchsetzen, sondern über all selbst in Frage zu stellen; motivstarke Ideologien
dies entscheiden müssen und insofern auch ihre Pro- (Brunsson 1985), die humanitäre Interventionen
bleme mit zirkulären, ausweglosen Risikostrukturen trotz hoher Unsicherheiten ermöglichen; temporär
haben. Rationalität von Organisationen besteht dann stabile, gewissermaßen verständige Verhandlungser-
nicht in der – ohnehin vergeblichen – Kontrolle von gebnisse etwa in Tarifverhandlungen (Hahn 1989),
Nebenfolgen (Clarke/Short 1993), sondern im be- die die Einkommensverteilung selbst nicht mehr in
standssichernden Zusammenspiel von Risikobereit- Frage stellen. In diesen Fällen setzen sich Verständi-
schaft und Risikoaversion, in der Vermeidung von gungen durch, schon um Handlungsfähigkeit trotz
Risiken bei Wahrung der Chancennutzung. Aber ge- Unsicherheit zurückzugewinnen, deren Resultate
nau dies würde als Entscheidungsproblem in den dann wieder Beobachtungen zweiter Ordnung aus-
Treibsand nicht beendbarer Beobachtungen von Be- gesetzt werden. Und auf dieser Ebene wird es dann
obachtungen führen. Man beobachtet nicht Objekte, wieder zwingend, das Erreichte und das Gewünschte
sondern Beobachter, zu denen man selbst zählen in die Unterscheidung von Redundanz (Risikoaver-
kann, daraufhin, wann Katastrophenschwellen er- sion) und Varietät (Risikobereitschaft) einzubauen.
reicht werden, was wahrscheinlich, was unwahr- Eine risikosoziologische, womöglich rationalitäts-
scheinlich ist, welche Kosten intern, welche extern verbürgende Abschlussformel gibt dieses komplexe
anfallen usw. Arrangement nicht her. Kein in die Beobachtung der
Diese Art zu beobachten verbindet die Makroebe- Zukunft als Risiko verwickelter Beobachter kann sich
ne der Theorie (Funktionssysteme) mit der Mikro- den tragic choices entziehen, die sich daraus ergeben,
und der Mesoebene, insofern auf allen drei Ebenen wie er selbst beobachtet – und beobachten muss.
Beobachtungen zweiter Ordnung eintrainiert wer-
den, was unter Bedingungen funktionaler Differen-
Literatur
zierung und hoher Systemkomplexität unausweich-
lich ist. Es ist nicht interessant, die eigene Beobach- Aradau, Claudia/Munster, Rens van: »Governing Terrorism
tung auf ein Objekt, Aktienwerte etwa, zu richten. Es Through Risk: Taking Precautions, (Un)Knowing the
kommt alles darauf an, wie andere dieses Phänomen Future«. In: European Journal of International Relations
13. Jg., 1 (2007), 89–115.
unterscheiden, also beobachten. Ein Problem ergibt Beck, Ulrich: Gegengifte. Frankfurt a. M. 1988.
sich aus dieser Art des Beobachtens von Beobachtun- –: Weltrisikogesellschaft, Weltöffentlichkeit und globale
gen, insofern sie – einmal angelaufen – in jenen Subpolitik. Wien 1997.
Soziologie des Risikos (1991) 179

–: Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlore- Wildavsky, Aaron: Searching for Safety. New Brunswick/
nen Sicherheit. Frankfurt a. M. 2007. London 1988.
Bonß, Wolfgang: Vom Risiko. Unsicherheit und Ungewiß- Wynne, Brian: Risk Management and Hazardous Waste:
heit in der Moderne. Hamburg 1995. Implementation and the Dialectics of Credibility. Berlin/
Brunsson, Nils: The Irrational Organization. Chichester New York 1987.
1985. Klaus P. Japp
–: The Organization of Hypocrisy. Chichester 1989.
Büscher, Christian/Japp, Klaus P. (Hg.): Ökologische Auf-
klärung. 25 Jahre »Ökologische Kommunikation«. Wies-
baden 2010.
Clarke, Lee/Short, James F. Jr.: »Social Organization and
Risk: Some Current Controversies«. In: Annual Reviews
of Sociology 19. Jg. (1993), 375–399.
Douglas, Mary: Risk and Blame. Essays in Cultural Theory.
London 1992.
– /Wildavsky, Aaron: Risk and Culture. Berkeley/Los An-
geles, CA 1983.
Funtowicz, Silvio O./Ravetz, Jerome R.: »Three Types of
Risk Assessment and the Emergence of Post-Normal Sci-
ence«. In: Sheldon Krimsky/Dominic Golding (Hg): So-
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180 Werke und Werkgruppen

10. Beobachtungen der Moderne eine um begriffliche Homogenität bemühte neue


leitbegriffliche Gesamtorientierung der Theorie re-
(1992) konstruiert. Sie führt zu einer grundsätzlichen re-
description der eigenen Theorie, zu einem Umschrei-
Auf den ersten Blick ist Beobachtungen der Moderne ben bisheriger theoretischer Setzungen in (nicht ka-
eine Sammlung von ausgearbeiteten Vortragsnoti- tegoriale, aber doch partielle und um theoriebegriff-
zen. Ihr thematischer Anlass und Aufhänger ist die liche Homogenität bemühte) neue Optionen. In
postmoderne These des Endes der großen Erzählun- dieser Versuchsreihe steht auch der vorliegende Text.
gen. Den thematischen Fokus bildet der Versuch, die- Sein Hauptthema ist die Moderne und ihre Kontin-
se Diagnose mit den theoretischen Bordmitteln der genz. Damit greift Luhmann zwei schon vorher und
soziologischen Systemtheorie gesellschaftstheore- für die eigene Theorieentwicklung prominente Be-
tisch zu verfeinern. Dadurch rückt der Begriff der griffe auf und bemüht sich, diese beobachtungstheo-
Kontingenz in das begriffliche Zentrum des Buches. retisch neu zu formulieren. Zugleich freilich sind die
Denn Kontingenz – der Hinweis auf das Nicht-not- einzelnen Beiträge in unterschiedlicher Intensität
wendig-Sein und Nicht-zufällig-Sein, also das Auch- durchwoben von mehr oder weniger essayistischen
anders-möglich-Sein von Etwas (hier: der Struktur Randbemerkungen; eine Ebene des Kommentars zu
der modernen Gesellschaft) – bringt just das auf den einigen zeitgenössischen Phänomenen (etwa zum
Punkt, was der postmoderne Diskurs seit Jean-Fran- massenmedialen Palaver oder zu Formen der kata-
çois Lyotard ahnungsvoll umkreiste: die Abkehr von strophischen Geschwätzigkeit) lässt sich parallel
aller geschichtsphilosophischen Selbstbegründung durchaus auch beobachten.
der Moderne und der Hinweis darauf, dass es sich bei Das Buch versammelt fünf Beiträge: (1) »Das Mo-
den Versuchen, die der Postmoderne-Diskurs aufs derne der modernen Gesellschaft«, (2) »Europäische
Korn nimmt, um Selbstbeobachtungen (im Plural) Rationalität«, (3) »Kontingenz als Eigenwert der mo-
der modernen Gesellschaft handelt. Dabei werden dernen Gesellschaft«, (4) »Die Beschreibung der Zu-
diese Selbstbegründungsversuche, weil sie nichts an- kunft« und (5) »Ökologie des Nicht-Wissens«. Auf
deres als Kommunikationen sind, von Beobachtun- den ersten Blick ist über die einzelnen Themenprofile
gen solcher Beobachtungen dekonstruiert und so nicht immer nur Neues zu erfahren. Dass (1) die mo-
ihres (deshalb nur scheinbaren) Notwendigkeitscha- derne Gesellschaft vor allem über ihr Strukturprofil
rakters beraubt. »Beobachtungen der Moderne« ist funktionaler Differenzierung qualifiziert ist, dass (2)
mit Blick darauf ein mindestens doppeldeutiger Ti- sich im Verbund dieser Ausdifferenzierungsge-
tel, der sowohl als Genitivus subiectivus wie als Ge- schichte in Europa seit der Frühen Neuzeit eine sie
nitivus obiectivus gelesen werden kann: im Sinne begleitende Semantik ausgebildet hat, die diese Ge-
einer theoretischen Beobachtung davon, wie die mo- schichte zwar nicht einfach beschreibt, die aber his-
derne Gesellschaft sich selbst beobachtet, aber auch torisch-semantisch als eine sich für diese Transfor-
im Sinne einer Umstellung der Operationsform auf mation sensibilisierende Übergangssemantik unter
den Modus einer Beobachtung zweiter Ordnung. Die verschiedenen Aspekten (hier: dem der Rationalität)
»Beobachtungen der Moderne«: das sind Beobach- gelesen werden kann, dass (3) zu diesem neuen Be-
tungen zweiter Ordnung. wusstsein auch und zentral das Bewusstsein der Kon-
Vor einer Bündelung der wichtigsten Gedanken tingenz aller sozialen Phänomene gehört, dass (4) in
dieses Buches ist es wichtig, seinen Stellenwert im einem weiteren Verständnis auch das Bewusstsein ei-
Fortgang der luhmannschen Schriften zu markieren. ner unbekannten und offenen Zukunft und die da-
Beobachtungen der Moderne erscheint 1992. Voraus- raus resultierenden Folgeprobleme gehören und dass
gegangen ist das, was in der Sekundärliteratur gerne (5) schließlich auch Komplexe der Expertokratie mit
als die ›autopoietische Wende‹ der luhmannschen Blick auf eine ökologisch gefährdete Zukunft dieses
Theorie beschrieben wird. Ihr folgen später dann Problem nicht bewältigen, sondern es durch Dauer-
aber – prominent seit Die Wissenschaft der Gesell- kommunikation von Nichtwissen lediglich zum Aus-
schaft (1990) – weitere Überlegungen, die diese auto- druck bringen: Das alles sind nicht unbedingt neue
poietische Wende als eine eigentlich banale Wende Themen. Sie erscheinen aber im Lichte neuerer theo-
erscheinen lassen. Im Zentrum von Luhmanns Spät- retischer Ansätze nicht lediglich als zeitgeistige
werk steht ein generalisierter Begriff der Beobach- Randphänomene, sondern als typische ›Folgeproble-
tung als bezeichnendem Unterscheiden, und man me funktionaler Differenzierung‹. In diesem Ver-
wird nicht übertreiben, wenn man dessen Status als ständnis versorgt der Gesellschaftstheoretiker den
Beobachtungen der Moderne (1992) 181

Gegenwarts- und Diskursbeobachter mit Hinweisen ›Stil‹ moderner Wissenschaft Hinweise auf eine die
auf den Fall hinter dem Fall. Die einzelnen An- und Moderne kennzeichnende neue Beobachtungsform,
Aufsätze seien im Folgenden in ihren wesentlichen die nicht mehr auf ein ›Was‹ der Beobachtung, son-
Passagen rekonstruiert. dern – distanzierend – auf ihr ›Wie‹, auf eine Beob-
achtung von Beobachtungen rekurriert.
Hinzu kommt die (an Marx abgelesene und nach
»Das Moderne der modernen Gesellschaft« ihm generalisierbare) Einsicht in die Sozialkonstruk-
tivität nicht nur der modernen Wirtschaft, sondern
Die Diagnose ist klar: Auf Basis der Ausgangsunter- aller sozialen Zusammenhänge, die dergestalt nicht
scheidung von Sozialstruktur und Semantik – die als mehr als natürliche, sondern als soziale, sich selbst
eine erste, nicht selbst begründete, insofern kontin- begründende und validierende Kontexte begriffen
gente, insofern moderne Unterscheidung eingeführt werden. Alle (Fremd-)Referenzen der Wirtschaft
wird – profiliert sich die These, dass der Postmoder- (etwa auf natürliche Bedürfnisse der Individuen, auf
ne-Diskurs auf der semantischen Ebene als eine ›die‹ Natur) sind eben dies: Referenzen der Wirt-
Variante der Selbstbeschreibung der Moderne zu schaft. Alle Referenz auf extrasoziale Objektivitäten
platzieren ist. Nur ist eine Selbstbeschreibung oder bleibt eine soziale Referenz.
Zeitdiagnose noch keine Gesellschaftstheorie. Die Es ›gibt‹ also nicht die Wirtschaft und dazu ein
weitere Dynamik dieses Texts lässt sich als eine Suche komplementäres und objektivierbares Außen. Es
nach historischen Theoriemotiven für den Aufbau ›gibt‹ stattdessen nur unterschiedliche Formen des
einer solchen Gesellschaftstheorie begreifen. In ihr Referierens der Wirtschaft auf sich selbst oder auf ihr
konkretisiert sich, was an anderer Stelle als »Nach- Äußeres. Die Einheit dieser Differenz von Fremdre-
holbedarf« »auf semantischer Ebene« (BdM, 42) for- ferenz und Selbstreferenz – also der ›Ort‹, von dem
muliert wird. Leitmotivisch kommt dabei eine aus ein Selbst als ein Selbst, ein ›Fremd‹ als ein
Variante einer ›perspective by incongruity‹ (Kenneth ›Fremd‹ referierend erscheint – »wird als Einheit
Burke) zur Geltung: Es geht um »die Möglichkeit, operativ benutzt, ohne als Einheit beobachtbar zu
unbestrittene Sachverhalte mit variierten Theorie- sein« (27). Will man das theoretisch auf den Begriff
konzepten, mit anderen Unterscheidungen anders bringen, landet man wieder bei einer abstrakt anset-
zu beschreiben« (19). Die Hoffnung ist, dass sich zenden Theorie der Beobachtung von Beobachtun-
nur derart, mit distanzierendem Blick auf moderne gen. Prägnant heißt es: »Die Einheit der Unterschei-
Semantiken, ein »Herausdestillieren abstrakterer dung von Selbstreferenz und Fremdreferenz liegt
Merkmale von Modernität« (26) organisieren lässt. mithin in der Spezifik der Bedingungen der Möglich-
An den Theorien von Karl Marx und Edmund keit einer Beobachtung zweiter Ordnung« (30).
Husserl zum Beispiel wird – in inkongruenter Per- Dies alles, so Luhmann deutlich, diene der hoch
spektive – ein generalisierter Technikbegriff als ›Ab- abstrakten »Ausformulierung des Begriffs der Auto-
sehen von‹, als ›funktionierende Simplifikation‹ nomie funktionsspezifischer Teilsysteme« (ebd.). Die
sondiert. In der marxschen Beobachtung, wie ein theoretische Arbeit daran habe früher vor allem auf
komplexes Phänomen namens ›Arbeit‹ unter kapita- den Oszillationsraum referiert, der zwischen dem
listischen Gesichtspunkten auf einen Verrechnungs- positiven und dem negativen Codewert eines Funk-
wert reduziert wird, findet sich dasselbe Muster wie tionssystems aufgespannt ist und in dessen ›Imma-
in der husserlschen Kritik am galileischen Wissen- nenz‹ sich ein Verständnis der operativen Autonomie
schaftsstil, der Natur auf ein kontrolliert beobachtba- eines Funktionssystems konzentrieren ließ. Diese der
res Objekt reduziert. In beiden Fällen, auch wenn sie Kybernetik abgelesene Beschreibungssprache wird
theoretisch jeweils kritisiert werden, findet sich diese zwar nicht aufgegeben, aber durch Momente einer
Typik des ›Absehens von‹, findet sich ein Technisie- Kybernetik zweiter Ordnung, die den Hintergrund
rungseffekt, dessen zentrale Folge die Freisetzung des der neueren Beobachtungstheorie bildet, angerei-
singulären Individuums von solcher (die Moderne in chert.
ihrer Struktur kennzeichnenden) Technik ist. Vor al- Die weitere Arbeit gilt entsprechend einigen Hin-
lem aber eröffnet sich in ihnen damit die Chance, weisen auf die Unterscheidung von Referenz und Co-
sich selbst (beim Beobachten) zu beobachten. Unter dierung. Die Nicht-Identität der Differenzen von
diesem Gesichtspunkt liegen in den marxschen Ana- Selbstreferenz und Fremdreferenz einerseits, von po-
lysen der Formen kapitalistischer Reproduktion sitivem und negativem Codewert eines Funktions-
ebenso wie in den husserlschen Bemerkungen zum systems andererseits glaubt Luhmann an einigen
182 Werke und Werkgruppen

funktionssystemspezifischen Mechanismen genera- die mit dem Dual von Struktur und Semantik arbei-
lisierend nachzeichnen zu können. tet, rekonstruiert solche Beobachtungen als Seman-
Für den Fall des Wissenschaftssystems, dessen tiken und liefert dazu die alternative, weil struktur-
Einheit die Gesamtheit aller auf den Wahr/falsch- adäquate Beschreibung. Insofern ist die Beobach-
Code bezogenen Kommunikationen bildet, macht tung anderer Theorien als moderne Semantiken
Luhmann zunächst die Nicht-Identität dieses Codes respektive Selbstbeschreibungen der modernen Ge-
mit der in diesem System praktizierten Unterschei- sellschaft eine Beobachtung ihrer begrifflichen Pass-
dung von Selbst- und Fremdreferenz geltend. Letzte- genauigkeit mit Blick auf die Strukturen, die aus
re vermutet er in der wissenschaftstheoretischen einer soziologischen Perspektive auffallen.
Unterscheidung von Realismus und Konstruktivis-
mus. Die epistemologische Unterscheidung von Rea-
lismus und Konstruktivismus oder – mit Willard Van »Europäische Rationalität«
Orman Quine – von analytischen und synthetischen
Wahrheiten »muß […] aufgegeben werden« (32) Der zweite Text des Bandes variiert diese Beobach-
und kann ›aufgehoben‹ werden in die wissenschafts- tung von modernen Semantiken entlang einer vor-
systemspezifische Unterscheidung von Selbst- und sichtigen Rekonstruktion der Spezifik, mit der
Fremdreferenz. Beide Ebenen sind für beide Code- europäische Semantiken den Prozess der Bildung ei-
werte des Systems – wahr/falsch – zugänglich. Und nes Arrangements funktionaler Differenzierung be-
insgesamt, so Luhmann, führt dies zu einem Verzicht gleiten. Die Vermutung ist, dass diese europäische
auf »Verankerung« von Wahrheit »in präkonstrukti- Rationalität »sich von anderen vergleichbaren Se-
vistischen Sicherheiten«: »Wahrheit ist dann nichts mantiken durch ihren Umgang mit Unterscheidun-
anderes als der positive Wert […] eines Codes […]. gen« (BdM, 52) unterscheidet. Auch hier wiederholt
Die Eigentümlichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis Luhmann den Gedanken, dass sich in der Ideenge-
besteht dann darin, alle Beobachtungen, die den An- schichte des europäischen Rationalismus Motive für
spruch erheben, Wissen zu vermitteln, einer Zweit- eine unbegriffene Umstellung auf die Form funktio-
beobachtung mit Hilfe eben dieses binären Codes zu naler Differenzierung als einer Form der Beobach-
unterwerfen« (34). Dadurch aber stellt sich insge- tung von Beobachtungen finden lassen.
samt das moderne Wissenschaftssystem auf den Mo- Diese These wird entfaltet über eine revueartige
dus der Beobachtung zweiter Ordnung um; es Rekonstruktion des abendländischen Rationalismus
distanziert sich von der Form seinsunmittelbarer seit der Spätscholastik und seit Descartes bis hin zu
Wahrheiten und beobachtet nunmehr andere Beob- »seiner Auslaufphase« (62) im 20. Jahrhundert. Die
achtungen. Alle Referenzen auf die ›Welt draußen‹, Geschichte dieses Rationalismus wird als eine »Ge-
über die Aussagen mit Wahrheitsanspruch formu- schichte der Auflösung eines Rationalitätskontinu-
liert werden, referieren ›nur‹ auf dieses Draußen, ums« gelesen, »das den Beobachter in der Welt mit
sind aber nicht das Draußen. Sie bleiben insofern sys- der Welt verbunden hatte« (53). Die damit verknüpf-
temeigene Referenzen. ten Prämissen der »Konvergenz von Denken und
In diesem Versuch, sich die Strukturlogik der Mo- Sein« (ebd.), der Annahme einer Welt der seienden
derne unter der Bedingung funktionaler Differenzie- Dinge (congregatio corporum), einer insgesamt eher
rung als eine Institutionalisierung der Form eines passiv akzentuierten Erkenntnistheorie, lösen sich
Beobachtens von Beobachtungen zu vergegenwärti- spätestens im 17. Jahrhundert auf. Der subjektive Ra-
gen, sieht Luhmann die begriffene Alternative zu ei- tionalismus, der dabei entsteht, ist aber nur der Start-
ner Semantik, die unbegriffen und nur ahnungsvoll – punkt einer Entwicklung, in der Rationalität zuneh-
hier unter dem Stichwort ›Postmoderne‹ – diese mend pluralisiert und spezialisiert verstanden wird,
Strukturform lediglich andeutet, aber nicht soziolo- in deren weiterem Verlauf auch ›das Andere der Ver-
gisch durchbuchstabiert. »Wenn man unter Postmo- nunft‹ in Gestalt von Irrationalitäten, »zum Beispiel
derne das Fehlen einer einheitlichen Weltbeschrei- Genuß, Phantasie, Imagination« (58), eine themati-
bung, einer für alle verbindlichen Vernunft oder sierungsfähige Gestalt erhält – bis hin zu Max Webers
auch nur einer gemeinsam-richtigen Einstellung zur Wert(sphären)-Rationalismus. Diese – sehr kurso-
Welt und zur Gesellschaft versteht, dann ist genau risch angesprochene – Geschichte liest Luhmann als
dies das Resultat der strukturellen Bedingungen, de- einen Hinweis auf die Unmöglichkeit, die eine Welt
nen die moderne Gesellschaft sich selbst ausliefert« und ihre Einheit vernunfttheoretisch einzuholen.
(42). Und eine soziologische Gesellschaftstheorie, Insgesamt, so die Quintessenz, wird »die Vorstellung
Beobachtungen der Moderne (1992) 183

einer Vernunft, die Einheit und Gewissheit der Welt- that we cannot make an indication without drawing a
sicht garantieren könnte« (59), ideenhistorisch syste- distinction« (zit.n. BdM, 72). Hier wäre vieles zu dis-
matisch dekonstruiert und untergraben. Weder der kutieren. Im vorliegenden Zusammenhang interes-
Transzendentalismus eines »extramundane[n] Sub- siert vor allem das Moment der Setzung, des »we take
jekt[s]« (ebd.) noch die Varianten einer »Philosophie as given«, das sich nicht vorab begründet, das also
der Unmittelbarkeit« (60), wie sie sich in Lebens-, grundlos eingesetzt wird und das erst im weiteren
Existenz- oder Zeichenphilosophie zur Geltung brin- Verlauf der Ausdifferenzierung dieses mathemati-
gen, ändern etwas daran. schen Kalküls mit der Figur des Re-entry aufgegriffen
Aus einer systemtheoretischen Perspektive heraus wird. Dieser Kalkül hat kein Anfang und kein Ende;
erscheint dies symptomatisch: »Historisch sieht man er ist grundlos – klassisch rationalitätstheoretisch
eine deutliche Entsprechung zwischen der traditio- müsste man sogar sagen: er ist vernunftlos. Genau
nellen Annahme einer ontologisch […] beschreibba- diese Form der »Selbstexplikation des Unterschei-
ren Welt und einem nur zweiwertigen logischen dens im Aufbau von Komplexität« (73) erscheint
Instrumentarium. Das setzt eine Gesellschaft voraus, aber systemtheoretisch interessant. Denn eine Unter-
in der Differenzen zwischen verschiedenen Welt- scheidungstheorie unterscheidet – hat also immer
und Gesellschaftsbeschreibungen nicht allzu groß schon das vollzogen, was sie expliziert. Sie expliziert,
werden und von unbestrittenen Standpunkten […] was sie vollzieht. Sie ist in diesem Sinne, wie Luh-
verbindlich entschieden werden können« (63). Es mann Spencer-Brown zitiert, »perfect continence«
setzt, so könnte man dann auch formulieren, eine (ebd.); sie enthält sich selbst und hat immer schon
Gesellschaft voraus, die sich mit dem Modus einer begonnen. Sie kennt kein Außerhalb zu ihrem Ge-
Beobachtung erster Ordnung begnügen kann. Diese genstand. Sie ist Subjekt und Objekt zugleich und da-
Gesellschaft ist freilich – strukturell gesehen – nicht mit weder Subjekt noch Objekt.
mehr die unsere. Und wo die frühe soziologische Sys- Genau diese Theorieform kann dann systemtheo-
temtheorie an dieser Stelle die Überlegungen Gott- retisch eingesetzt werden. Denn auch die System-
hard Günthers zur Möglichkeit einer mehrwertigen, theorie »beschreibt […] nicht bestimmte Objekte,
nicht-aristotelischen Logik als einem Schema-Pen- genannt Systeme, sondern orientiert ihre Beobach-
dant für die ›polykontexturale‹ Strukturform funk- tung der Welt an einer bestimmten (und keiner an-
tionaler Differenzierung platzierte, lautet der Hin- deren) Unterscheidung – eben der von System und
weis nun: Beobachtung von Beobachtungen, Kyber- Umwelt. Das zwingt zu durchgehend ›autologischen‹
netik zweiter Ordnung. Erst mit ihr sei die Auflösung Konzepten; denn auch der Beobachter selbst muß
überkommener Erkenntnisblockaden (obstacles épis- sich, sofern er Beobachtungen operativ durchführt
témologiques im Sinne von Gaston Bachelard) mög- und sie dabei rekursiv verknüpft, als System-in-ei-
lich. Die Figur, die diese Auflösungen beschleunigt ner-Umwelt erkennen. Der Erzähler kommt in dem,
bzw. an der entlang sich neue Einsichten langsam was er erzählt, selber vor. Er ist als Beobachter beob-
verfügbar machen, ist die des Kollapses zunächst ei- achtbar. Er konstituiert sich selbst in seinem eigenen
ner Unterscheidung und schließlich auch der Denk- Feld – und daher zwangsläufig im Modus der Kon-
möglichkeit des Wiedereintritts einer Unterschei- tingenz, also mit Seitenblick auf andere Möglichkei-
dung in sich selbst. Exemplifiziert an dem für das ten« (74). Derart führt die Beobachtungstheorie –
ontologische Denken charakteristischen Schema von gelesen als die Epistemologie der Moderne, als Alter-
Denken und Sein kann Luhmann zeigen, wie die Ein- native zum unvollständigen subjektiven Rationalis-
sicht, dass z. B. das Denken selbst ein Sein ist, zur mus der europäischen Moderne – wieder zu Kontin-
langsamen Erosion einer Leitunterscheidung führt, genz als Eigenwert der modernen Gesellschaft.
an deren Ende die von George Spencer-Brown aus-
gewiesene Figur des Re-entry steht. In dieser Figur
wird der Kern einer Beobachtungs- und Unterschei- »Kontingenz als Eigenwert der modernen
dungstheorie sichtbar, in der die luhmannsche Theo- Gesellschaft«
rie die Quintessenz einer strukturadäquaten Selbst-
beschreibung der modernen Gesellschaft vermutet. Der beobachtungstheoretischen re-description des
Im Zentrum einer solchen Beobachtungstheorie Kontingenzbegriffs gilt die dritte Studie dieses Ban-
steht ein Begriff des unterscheidenden Bezeichnens des. Sie wird eröffnet mit der Leitfrage: »Gibt es über-
und die vielfach zitierte Formel: »We take as given the haupt eine Theorie, die den Begriff der Kontingenz
idea of distinction and the idea of indication, and verwenden kann?« (BdM, 98) – eine durchaus unge-
184 Werke und Werkgruppen

wöhnliche Frage, wenn man bedenkt, dass der ne Welt semantisch vorzubereiten« (114). Ob, so die
Grundbegriff ›Sinn‹, auf den hin die luhmannsche anschließende Überlegung, die moderne Gesell-
Theorie sich früh orientiert hatte, gerade dessen schaft Kontingenz als Eigenwert institutionalisiert
Kontingenzsensibilität (und nicht etwa irgend eine hat, lässt sich also daran beobachten, inwieweit sich
Variante einer verstehenden Soziologie) zum Aus- in ihrem operativen Prozedere Momente einer Um-
gangspunkt der ›Wahl‹ dieses Grundbegriffs gemacht stellung auf die Beobachtung von Beobachtungen
hatte. beobachten (!) lassen.
Eben deshalb ist die beobachtungstheoretische Die Belege erscheinen schlagend und verweisen
Rekonstruktion dieses Begriffs offenbar doch eher auf »›Tiefenstrukturen‹ der modernen Gesellschaft«
theoretisch-begrifflichen Homogenisierungsbemü- (125), die sich in solchen Gemeinsamkeiten offenba-
hungen geschuldet. Diese organisieren sich im vor- ren. Die Wissenschaft ist nicht mehr »Verkündungs-
liegenden Fall über die Differenz von Beobachtungen autorität« (119), sondern operiert auf der Basis von
erster und zweiter Ordnung. Vor allem Letztere ha- Publikationen in ihrer spezifisch modernen Form,
ben – evidentermaßen – kontingenzsteigernde Effek- also so, dass beobachtbar wird, was und wie beobach-
te. Während Beobachtungen erster Ordnung nur tet wurde. Die moderne Kunst bewegt sich weg vom
sehen, was sie sehen, und das ›Was‹ der Beobachtung Selbstverständnis einer imitatio naturae und hin zur
in ihrem Vollzug nicht als kontingent erscheint, liegt »Betonung der im Kunstwerk verwirklichten Formen
die Sache bei Beobachtungen zweiter Ordnung an- (Unterscheidungen), die das herstellende bzw. be-
ders. Mit ihnen, also mit der Beobachtung von Beob- trachtende Beobachten koordinieren« (120). Moder-
achtungen, kommt Kontingenz ins Spiel. Ob es um ne Politik lässt sich nicht mehr ohne ihre Orientie-
Beobachtungen von anderen Beobachtern oder Be- rung an öffentlicher Meinung verstehen, also wieder:
obachtungen ›desselben‹ Beobachters zu einem spä- an einer Form, die beobachtet, wie andere (die Poli-
teren Zeitpunkt geht: Das ›Was‹ der Beobachtung tik) beobachten. Für die (kapitalistisch produzieren-
erster Ordnung, also seine Sachdimension, erscheint de) Wirtschaft ist die Ausdifferenzierung eines
als kontingent, »wenn die Sozialdimension und die modernen Marktverständnisses und die damit insti-
Zeitdimension Beobachtungen auseinanderziehen« tutionalisierte Beobachtung anderer Beobachter
(100). über den Mechanismus ›Preis‹ maßgeblich. Dass mo-
Im Effekt gilt dann: »[A]lles wird kontingent, dernes Recht positiv gesetztes, also änderbares, also
wenn das, was beobachtet wird, davon abhängt, wer kontingentes Recht ist, ist nicht neu. Beobachtungs-
beobachtet wird« (ebd.). Im Prozessieren von Beob- theoretisch kann man diesen Befund lesen als die
achtungen von Beobachtungen (die ja, weil dieselbe Umstellung auf die leitende Unterscheidung Verfas-
Form wie eine jede Beobachtung erster Ordnung be- sungsrecht vs. normales Recht (statt Naturrecht/po-
nutzend, in gleicher Weise als Operationen eines Sys- sitives Recht) und damit auf einen Mechanismus, für
tems fungieren) entsteht ein »Kontingenzzugeständ- den die Beobachtung leitend ist, »wie entschieden
nis« und mit ihm ein Eigenwert, dessen Quintessenz worden ist oder wie entschieden werden wird« (123).
»es kann auch anders sein« lautet (103). Weil auch Recht sich über die textförmige Interpre-
Der nun im Buch folgende historische Rekurs auf tation anderer Rechtstexte reproduziert, vermutet
Aristoteles’ De interpretatione und die mittelalterli- Luhmann auch hier Umstellung auf die Beobachtung
che Diskussion de futuris contingentibus sowie die Be- zweiter Ordnung. Ähnliches gilt sowohl für Liebe,
obachtung des christlichen Schöpfergottes als Beob- das Sozialsystem Familie und für die Autonomisie-
achter durch Nikolaus von Kues fungieren als Abriss rung eines ›Erziehungssystems der Gesellschaft‹, in
einer »soziologischen Studie über Genese und Be- dem die Erfindung des Kindes und mit ihm die Be-
deutung der Kontingenzsemantik der modernen Ge- obachtung, wie es (die äußere und soziale, zuneh-
sellschaft« (112), die ganz offenbar den Sinn hat, die mend auch seine eigene innere) Welt beobachtet,
Selbsterosionen erkenntnistheoretischer und theolo- institutionalisiert wird.
gischer Art als Vorläufertraditionen zu beobachten, Auch die Religion autonomisiert sich und be-
weil ansonsten die Transformation hin zu einem mo- schreibt dies sowie das Autonomwerden der anderen
dernen Kontingenzverständnis als zu abrupt und zu Sinnuniversen als Säkularisierung. Aber offenbar
unwahrscheinlich zum Vorschein kommen würde. greift hier die ›Tiefenstruktur‹ der Moderne nicht
»Rückblickend erscheint es […] so, als ob die Gesell- vorbehaltlos. Zumindest fällt auf, dass Luhmann sie
schaft am Gottesbegriff nur trainiert hätte mit dem nicht ohne Vorbehalte in diese Reihung aufnimmt.
ungeplanten Nebeneffekt, den Eintritt in die moder- Ohne weiteres lässt sich die Theoriesprache einer
Beobachtungen der Moderne (1992) 185

Umstellung auf zweite Beobachtungsordnungen auf »Ökologie des Nichtwissens«


die Religion nicht anwenden. Das könnte daran lie-
gen, dass die theologische Historie wohl den take off, Auch die den Band abschließende Studie kann als
die preadaptive advances, nicht aber die Strukturge- eine re-description älterer Überlegungen Luhmanns
gebenheit der Kontingenz im Modus der Beobach- gelesen werden. Der Aufsatz traktiert unter wieder-
tung zweiter Ordnung geliefert hat. Zumindest um beobachtungstheoretischen Vorzeichen – d. h.
reduziert Luhmann in diesem Zusammenhang Reli- mit dem Hinweis auf das Nicht-Sehen-Können der
gion zu dem Muster, auf dessen Basis allein das eige- Einheit der Unterscheidung, auf deren Basis man be-
ne Tun als gut (und damit: als nicht kontingent) zeichnet – Varianten ökologischer Kommunikation
erscheint. im Sinne des Hinweises auf eine mögliche ökologi-
sche Katastrophe. Die früheren Studien sowohl zum
Komplex ökologischer Kommunikation und dem
»Die Beschreibung der Zukunft« zentralen Folgeproblem funktionaler Differenzie-
rung – dass die Funktionssysteme der Moderne zu
»Die Beschreibung der Zukunft« kann als eine zeit- viel (weil vielfältige) und zu wenig (weil nicht zu syn-
dimensional enggeführte Ergänzung zu Soziologie des thetisierende) Resonanz zugleich erzeugen – wie zu
Risikos (1991), die ja vor allem eine Studie über das den Formen der Angstkommunikation sozialer Be-
Zeitverständnis im Umgang mit den Unsicherheiten wegungen werden hier beobachtungstheoretisch neu
einer ungewissen Zukunft ist, gelesen werden. Ihre aufgenommen. Die dabei leitende Vermutung ist,
Leitfragen sind: Wie beschreiben wir die Zukunft? dass sich in der Dauerkommunikation über solche
»Wie können wir wissen, was künftig der Fall sein Themen eine spezifische Form des Nichtwissens zur
wird? Und: Wie können wir in Bezug auf die Zu- Geltung bringt: »Daß man die Zukunft nicht kennen
kunft, die noch gar nicht greifbar ist, etwas Bestimm- kann, kommt in der Gegenwart als Kommunikation
tes wollen? Oder nochmals anders gefragt: In zum Ausdruck« (BdM, 154). Diese Kommunikation
welchen Formen präsentiert sich die Zukunft in der des Nichtwissens, die sich in Gestalten wie der Pro-
Gegenwart?« (129). babilistik, der Prognose und anderen Formen der
Auch hier gilt das Interesse entsprechend einem Kommunikation einer unbekannten Zukunft zeigt,
Hinweis auf die Differenz der Zeitverständnisse von offenbart sich als ein Wissen, das, weil beobachtbar,
vormoderner und moderner Gesellschaft. Während zugleich als ein Nichtwissen offenbart wird. Zu ei-
Zukunftsvorstellungen unter den Bedingungen eines nem gesellschaftstheoretischen Thema wird dies,
Essenzenkosmos auf Perfektion und Teleologie zie- weil an dieser Dauerkommunikation Erosionen von
len, lassen sich historisch-semantisch Erosionen die- Autorität (in Gestalt von unhinterfragtem Status,
ses Verständnisses ab dem 18. Jahrhundert beobach- Adel, Weisheit etc.) sichtbar werden, die der Gesell-
ten. Wenn nicht mehr Perfektion, sondern Perfekti- schaftstheoretiker mit der Strukturform funktiona-
bilität (ein rousseauscher Neologismus) zur neuen ler Differenzierung und dem systematischen Verlust
Leitformel wird, dann resultiert daraus ein begin- aller Repräsentation und Repräsentativität in Zu-
nender Historisierungseffekt, der zwar die Garantie sammenhang bringt.
einer auf Perfektion getrimmten Welt (wenn nicht
auf die Gegenwart, dann) auf die Zukunft zu proji- Man kann die Quintessenz des Buches in einem
zieren vermag, sich freilich auf die Dauer semantisch kurzen Zitat gegen Ende des letzten Beitrags finden.
aber nicht halten lässt. Hier vermutet der soziologische System- und Beob-
Prägnant formuliert Luhmann das neue, für die achtungstheoretiker, dass sich von verschiedenen
Moderne maßgebliche Zukunftsverständnis am be- Ausgangspositionen aus, ähnliche »Denkdispositio-
rühmten Seeschlachtbeispiel aus Aristoteles’ De in- nen« finden lassen, die allesamt indizieren, dass »die
terpretatione. »[O]b eine künftige Seeschlacht statt- ontologische Metaphysik der Tradition« sich auflöst.
finden werde oder nicht« (137), kann man nicht »Und die Vermutung des Soziologen ist dann, daß
wissen. Die aristotelische Konsequenz ist dann: »Ur- die moderne Gesellschaft begonnen hat, mit einem
teilsenthaltung. So als ob jetzt schon feststünde, daß für sie adäquaten Denken zu experimentieren«
die Seeschlacht stattfinden werde oder nicht, aber (212).
man es noch nicht wissen könne. Aber unser Pro- Die wichtigsten dieser Tendenzen sind: eine Theo-
blem wäre: ob wir eine Seeschlacht riskieren sollen rie operativ geschlossener Systeme, eine operative
oder nicht« (ebd.). Wendung der Systemtheorie hin zur Ereignisförmig-
186 Werke und Werkgruppen

keit der Elemente (sozialer und anderer) Systeme, der 11. Die Realität der Massen-
De-Ontologisierungseffekt einer Zeichentheorie, die
sich von der Differenz von Zeichen und Sache verab-
medien (1995)
schiedet und Zeichen als ein Differenzphänomen
deutet, George Spencer-Browns Laws of Form (1969) Die Realität der Massenmedien im Kontext
und mit ihr vor allem die anfangs- und endlose, über der systemtheoretischen Medientheorie
die Re-entry-Figur eingebaute, sich selbst enthalten-
de unterscheidende Bezeichnung von Unterschei- Bereits in seinem zuerst 1975 veröffentlichten Auf-
dung und Bezeichnung, sowie Jacques Derridas satz »Veränderungen im System gesellschaftlicher
Dekonstruktivismus, gelesen als Differenztheorie. Kommunikation und die Massenmedien« wendet
Die Ahnung der semantischen Spur, auf der sich die- sich Niklas Luhmann dezidiert den Massenmedien
se Ansätze bewegen, und die gesellschaftstheore- als »Verbreitungstechniken« zu (SA3, 312), die er
tisch-strukturelle Interpretation dieser Spur, das ist hinsichtlich ihrer Leistung, eine kommunikative In-
die soziologische Beobachtung der Moderne. tegration der Weltgesellschaft zu ermöglichen, analy-
siert. Knapp zwanzig Jahre später, nämlich 1995,
erscheint die erste, auf einen Vortrag an der Nord-
Literatur rhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften
Bachelard, Gaston: La formation scientifique. Paris 1947. zurückgehende Fassung der 1996 in erweiterter Form
Baecker, Dirk u. a. (Hg.): Zehn Jahre danach. Niklas Luh- publizierten Abhandlung Die Realität der Massenme-
manns ›Die Gesellschaft der Gesellschaft‹. Stuttgart 2007. dien, worin die Frage nach dem Stellenwert von Mas-
Blumenberg, Hans: »Kontingenz«. In: Die Religion in Ge- senmedien in der modernen Gesellschaft von Luh-
schichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie
und Religionswissenschaft. Bd. 3. Tübingen 1959, Sp. mann erneut aufgegriffen, gegenüber dem früheren
1793–1794. Text jedoch umfassender und systemisch erörtert
Burke, Kenneth: A Grammar of Motives. New York 1945. wird. Hier werden die Massenmedien in Bezug auf
Göbel, Andreas: Theoriegenese als Problemgenese. Eine ihre spezifische Systemfunktion, mithin im Rahmen
problemgeschichtliche Rekonstruktion der soziologi- der Ausdifferenzierung eines Systems der Massenme-
schen Systemtheorie Niklas Luhmanns. Konstanz 2000.
Luhmann, Niklas: »Gesellschaftliche Struktur und seman-
dien beleuchtet.
tische Tradition«. In: GS1, 9–71. Es mag dabei mit der für Luhmann ungewohnten
Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen. Wien Orientierung an den medientechnischen Vorausset-
52006 (frz. 1979).
zungen zusammenhängen, dass die von ihm in Die
Nassehi, Armin: Geschlossenheit und Offenheit. Studien Realität der Massenmedien vorgenommenen Ausfüh-
zur Theorie der modernen Gesellschaft. Frankfurt a. M.
2003.
rungen im Vergleich zu seinen anderen Beschreibun-
Quine, Willard Van Orman: From a Logical Point of View. gen sozialer Teilsysteme markante Abweichungen
Cambridge, MA 1961. aufweisen. Entscheidend ist zudem der in stärkerem
Spencer-Brown, George: Laws of Form. London 1969. Maße als sonst betonte Versuchscharakter der Unter-
Andreas Göbel suchung. Wie schon an der Titelstruktur ablesbar, die
im Unterschied zu der symmetrisch angelegten Reihe
etwa der Wirtschaft (1988), Wissenschaft (1990) oder
Kunst der Gesellschaft (1995) den Systemstatus von
Massenmedien nicht programmatisch behauptet,
lässt die Abhandlung immer wieder die Unsicherheit
erkennen, ob und inwiefern sich ein selbstorganisier-
tes, autopoietisch bestimmtes Funktionssystem der
Massenmedien überhaupt rekonstruieren lasse.
Hervorgehoben wird im Titel die konstruktiv(is-
tisch)e Dimension. Zwar zieht Luhmann die Ausdif-
ferenzierung eines solchen Systems nicht explizit in
Zweifel, anhand der argumentativen Disposition des
Textes deutet sich allerdings an, dass diese These vor
allem als ein testend-experimenteller Ansatz zu ver-
stehen ist. Im Zuge ihrer Erprobung werden in Die
Realität der Massenmedien die zentralen Konzepte
Die Realität der Massenmedien (1995) 187

und Begriffe systemtheoretischer Analytik hinsicht- men wirksam sind. In diesem Sinn profitieren die
lich ihrer Effizienz geprüft, wobei mit besonderer übrigen Funktionssysteme davon, dass Massenme-
Dringlichkeit der Frage nach einer spezifischen binä- dien eine gesellschaftlich akzeptierte ›Realität‹ bereit-
ren Codierung sowie einer nur dem massenmedialen stellen. Damit einhergehend, deutet Luhmann auf
Teilsystem eigenen Funktion nachgegangen wird. die selbstreferentielle Dimension seiner Ausgangs-
Festzuhalten ist indes, dass obgleich die Vorausset- these hin, wenn er die Angewiesenheit auf massen-
zungsbedingungen einer funktional ausdifferenzier- medial verfügbar gemachte Informationen auch den
ten Systemeinheit gemäß den zentralen Kriterien als Soziologen bescheinigt, da diese »ihr Wissen nicht
erfüllt bestätigt werden, sie sich im Einzelnen gleich- mehr im Herumschlendern und auch nicht mit blo-
wohl als problematisch darstellen. ßen Augen und Ohren gewinnen können« (RdM, 9,
Zur wichtigen Plausibilisierungsleistung der Stu- Anm. 1). Insofern sich also eine Theorie der Massen-
die gehört, dass sie sich um Anschluss an etablierte, medien selbst auf massenmedial distribuierte Infor-
vorrangig konstruktivistisch orientierte kommuni- mationen stützt, unterhält sie – obgleich primär dem
kations- und medienwissenschaftliche Erkenntnisse Wissenschaftssystem zugehörig – immer auch eine
bemüht, was Luhmann die Kritik einbrachte, er grundlegende Beziehung zu den Massenmedien. Ne-
übersetze lediglich gut eingebürgertes Wissen in die ben dieser in Form einer strukturellen Kopplung be-
systemtheoretische Terminologie, ohne dabei inno- schreibbaren Interaktion sind Massenmedien über-
vative Einsichten in die Kultur der Massenmedien dies an der Herausbildung eines eigenen Funktions-
und ihrer Funktionsweise zu befördern. Bereits vor systems beteiligt. Vor allem in dieser Hinsicht sind sie
dem Erscheinen von Die Realität der Massenmedien für die Ausführungen in Luhmanns Studie bedeut-
hat es zudem Ansätze gegeben, welche die Publizistik sam. Grundsätzlich muss daher festgehalten werden,
– womit zumindest ein Bereich dessen, was Luh- dass im Rahmen der systemtheoretischen Anord-
mann den Massenmedien zurechnet, abgedeckt war nung die Massenmedien eine Doppelstellung ein-
– als ein autopoietisches System zu beschreiben vor- nehmen: Sie beziehen sich sowohl auf die Gesell-
schlugen (Marcinkowski 1993; Blöbaum 1994). Tat- schaft insgesamt als auch auf eine systemische
sächlich zeigt die Abhandlung, dort wo sie die Teilperspektive.
Strukturen der Nachrichtenproduktion und -selekti- Luhmanns Abhandlung liefert einen entscheiden-
on erklärt, Übereinstimmungen mit Überlegungen den Beitrag zur Erweiterung der systemtheoretischen
der publizistischen bzw. kommunikationswissen- Medienreflexion, die einen ebenso zentralen wie
schaftlichen Medienwissenschaft auf, ohne auf diese komplexen Bereich dieser Theorie darstellt. Denn
jedoch immer ausdrücklich zu referieren. Anknüp- zum einen wird Kommunikation immer wieder un-
fungspunkte an kulturwissenschaftliche Ansätze der ter Rekurs auf unterschiedliche mediale Vorausset-
Medienwissenschaft werden von Luhmann kaum zungen bzw. Einrichtungen erklärt, zum anderen
kenntlich gemacht, obschon sich solche in mehrfa- werden dementsprechend systemtheoretisch unter-
cher Hinsicht auch feststellen ließen. schiedliche Mediendefinitionen entworfen. Prinzi-
Insofern der funktionssystemischen Perspektive piell lassen sich dabei folgende, miteinander kombi-
verpflichtet, verfolgt Die Realität der Massenmedien nierbare Konzepte differenzieren: das symbolisch
das zentrale systemtheoretische Anliegen, autonome generalisierte Kommunikationsmedium, die Medi-
Teilsysteme der modernen Gesellschaft zu unter- um/Form-Unterscheidung sowie technische Appa-
scheiden und in ihrer jeweiligen Spezifik zu profilie- rate und Verbreitungsmedien. Die Massenmedien
ren. Wenn Luhmann jedoch mit dem viel zitierten werden zunächst hinsichtlich ihrer Distributionsleis-
Satz beginnt: »Was wir über Gesellschaft, ja über die tung als Verbreitungsmedien fokussiert, womit Luh-
Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die mann an eine bereits zuvor von ihm entwickelte
Massenmedien« (RdM, 9), formuliert er zunächst ei- Medienbestimmung andockt. Jedoch betont er hier
nen generalistischen Anspruch, mit dem die beson- ferner – womit ein neuer Aspekt der systemtheoreti-
dere Bestimmung der Massenmedien auch auf schen Erklärungsweise angesprochen ist – die sys-
andere Funktionssysteme und Bereiche der Gesell- temkonstitutierende Bedeutung von Medientechno-
schaft übergreift. Angesprochen ist nämlich der Um- logien. Zumindest als Auslöser einer systemischen
stand, dass unter den Bedingungen der Moderne Emergenz, also nicht nach dem Muster der Ursache-
massenmedial konstituierte Realitätsentwürfe und Wirkung-Struktur, werden von Luhmann technische
Kommunikationsprozesse in der gesamten Gesell- Apparate und ihre medialen Funktionen hier skiz-
schaft und daher auch in allen ihren Funktionssyste- ziert.
188 Werke und Werkgruppen

Unter Massenmedien versteht er »alle Einrichtun- akustisch zwar eine unmittelbare Interaktionsstruk-
gen der Gesellschaft […], die sich zur Verbreitung tur, eine Voice-to-voice-Kommunikation, suggeriert,
von Kommunikation technischer Mittel der Kom- technisch jedoch auch auf der Unterbrechung der
munikation bedienen« (RdM, 10). Ausdrücklich Anwesenheit von Kommunikationspartnern beruht.
nennt er Bücher, Zeitschriften und Zeitungen, sofern Ungeachtet der Schwierigkeit, nicht immer ein-
sie »durch die Druckpresse hergestellt werden; aber deutig entscheiden zu können, ob es sich um unmit-
auch photographische oder elektronische Kopierver- telbaren Kontakt oder dessen Unterbrechung han-
fahren jeder Art« (ebd.). Erwähnt werden zudem die delt, ist ein weiteres Argument hervorzuheben.
Verbreitungsmedien Funk, Film und Diskette. Diese Luhmann hält nämlich fest, dass aufgrund der Un-
massenmedialen Erzeugnisse werden von der »Mas- terbrechung des Face-to-Face-Kontaktes ein Über-
senproduktion von Manuskripten nach Diktat wie in schuss an kommunikativen Möglichkeiten hervorge-
mittelalterlichen Schreibwerkstätten« ebenso wie rufen werde, der nur systemintern, d. h. durch
von Telefonkommunikation und »Vorträge[n], Selbstorganisation gesteuert werden kann. Während
Theateraufführungen, Ausstellungen, Konzerte[n]« in Situationen unmittelbaren Kontaktes, so die An-
(10 f.) als Reproduktions- und Distributionsverfah- nahme, Zeichen eindeutig festgelegt werden können,
ren abgegrenzt. Letztere gehören dem Bereich der lockert bzw. löst die maschinell reproduzierte oder
Massenmedien folglich nicht an. Das Kriterium zur vermittelte Kommunikation solche Eindeutigkeiten,
Kennzeichnung von Massenmedien besteht nicht um stattdessen vielfältige, über eine bestimmte Si-
primär in der Quantifizierung der Kommunikate, tuation hinausweisende Bedeutungspotentiale zu
sondern, wie Luhmann hervorhebt, in der »maschi- schaffen. Diese erst machen ein System notwendig,
nelle[n] Herstellung eines Produktes als Träger der das sie zu regulieren vermag: ein System der Massen-
Kommunikation« (11). Das bedeutet erstens, dass medien. Mit anderen Worten: Die massenmedial
Massenmedien auf maschinelle, man könnte auch prozessierte Kommunikation fällt nicht unter die
sagen, apparative Produktionsverhältnisse angewie- Kontrolle einzelner, unmittelbar an ihr beteiligter
sen sind, und dass sie zweitens zu Zwecken der Kom- Kommunikationsteilnehmer, insofern sie sich der
munikation genutzt werden. Dabei konzediert Luh- Reichweite ihrer Einflussnahme entzieht, sondern er-
mann durchaus selbst im Hinblick auf diese »Ab- fordert eine systemische Regelung. So wird die Emer-
grenzung«, sie »mag etwas willkürlich erscheinen« genz eines auf Selbstorganisation und Eigendetermi-
(ebd.). Betreffs der Quantifizierungsleistung sind nation angelegten Funktionssystems erklärt.
tatsächlich Fälle und Situationen vorstellbar, in wel- In seiner Studie widmet sich Luhmann gemäß die-
chen die Unterschiede zwischen maschineller und sem Fokus weniger der Erfassung von medientech-
manueller Reproduktion eines Kommunikats hin- nisch bedingten kommunikativen Strukturen, wie sie
sichtlich seiner Reproduktionshöhe und Distribu- etwa die Kommunikationsforschung (vgl. Maletzke
tionsweite etwa schwinden können. Wenn sich die 1991) interessiert, als vielmehr den Strategien, nach
Abgrenzung also nicht grundsätzlich in der Quanti- welchen das System der Massenmedien den erwähn-
fizierungsleistung spiegelt, wie lässt sie sich dann be- ten Überschuss an Kommunikationsmöglichkeiten
gründen? steuert und zur Reproduktion seines eigenen kom-
Zum entscheidenden Kriterium der massenmedi- munikativen Anschlusses nutzt.
al bedingten Kommunikation erklärt Luhmann die
Unterbrechung des unmittelbaren Kontaktes zwi-
schen Sender und Empfänger. Wenn er allerdings die Binäre Codierung
Voraussetzung der Entstehung eines Systems der
Massenmedien in der Unterbindung der Face-to- Zwar gilt Medientechnologie als unumgängliche Vo-
face-Interaktion verankert, dann setzt er die zuvor in raussetzung der Entstehung eines massenmedialen
Anschlag gebrachte Abgrenzung zwischen manueller Systems, dennoch gehört sie nicht zu dessen inter-
und maschineller Vervielfältigung in gewisser Weise nen, da ausschließlich in Form von kommunikativen
außer Kraft, da recht besehen auch ein handschrift- Beobachtungen realisierten Operationen. Insofern
lich abgeschriebenes Manuskript den unmittelbaren sie aber als und in dessen Umwelt wirksam ist, stimu-
Kontakt zwischen Sender, also Verfasser, und Emp- liert sie das System unentwegt über strukturelle
fänger, also Leser, unterbricht. Als problematisch er- Kopplungen. Wie jedes andere ist auch das System
weist sich das Kriterium weiterhin im Zusammen- der Massenmedien ohne seine Umwelt, in diesem
hang mit der Telefonkommunikation, da diese Fall insbesondere ohne seine medientechnische Um-
Die Realität der Massenmedien (1995) 189

welt, nicht überlebensfähig. Anders ausgedrückt: xive bzw. beobachtende Position einnimmt. Ohne
Technische Apparate sind zwar für die Hervorbrin- dass Luhmann dies explizit betonte, lässt sich aus sei-
gung einer massenmedialen Mitteilung von Infor- ner Darstellung für das System der Massenmedien
mationen unerlässlich, jedoch teilen sie sich selbst somit schlussfolgern, es veranschauliche, wenngleich
nicht mit. Nicht das Fernsehen als technische Appa- nur im Rahmen seiner systeminternen Funktions-
ratur kommuniziert, sondern mit seiner Hilfe wer- struktur, wie Informationen in allen gesellschaftli-
den etwa politische Nachrichten in einer Nachrich- chen Bereichen zustande kommen und verarbeitet
tensendung kommuniziert. Die (medientechnische) werden. Das System der Massenmedien hätte dem-
Umwelt tritt in die massenmediale Systemkommuni- nach gegenüber der kommunikativen Struktur der
kation ausschließlich referentiell, d. h. mit Hilfe der Gesamtgesellschaft, also auch gegenüber allen ande-
Unterscheidung von Selbst- und Fremdreferenz ein. ren sozialen Teilsystemen, die Aufgabe, diesen ihre
So kann von einer Realitätsverdoppelung innerhalb Kommunikationsbedingungen vorzuführen. Zu fra-
des massenmedialen Systems gesprochen werden, in gen bleibt aber, ob eine solche Aufgabe sinnvoll im
deren Rahmen eine Referenz auch auf die techni- Rückgriff auf eine Systemeinheit zu beschreiben ist.
schen Bedingungen der Kommunikation als etwas, Für die vom System der Massenmedien prozes-
das als Umwelt auf das System einwirkt, stattfinden sierten Informationen stellt Luhmann zwei zentrale
kann. Entscheidend ist, dass diese Referenz eine in- Gesichtspunkte heraus. Zum einen seien die Infor-
nersystemische Konstruktion darstellt und daher als mationen stets an Programme gebunden. Dieser Be-
eine vom System selbst vollzogene Beobachtung auf- griff weist im hier verhandelten Zusammenhang eine
gefasst werden muss. Demnach ist jede Sendung über vielschichtige Bedeutung auf, impliziert er doch so-
das Fernsehen, die im Fernsehen läuft, stets auch das wohl die systemtheoretische Konzeption des Pro-
Ergebnis einer fernsehspezifischen Beobachtung, gramms als einer den kommunikativen Anschluss
also Produkt massenmedialer Kommunikation. sichernden und die systemischen Code-Differenzen
Grundsätzlich lässt sich daher resümieren, dass die begleitenden Zusatzeinrichtung. Überdies wird mit
Massenmedien auf ihre eigenen medientechnischen ihm auch die für massenmediale Kommunikation
Bedingungen ausschließlich aus der Perspektive ihres insgesamt, vorrangig aber für den Rundfunk kon-
eigendeterminierten Beobachtungsinteresses bzw. stitutive Ordnungskategorie angesprochen, welche
ihrer spezifischen Code-Differenz Bezug nehmen Luhmann in Die Realität der Massenmedien unter der
können. Perspektive der Programmbereiche eingehender be-
Die Unterscheidung von Information und Nicht- trachtet. Zum zweiten müsse die Ereignisdimension
information wird als Leitcode des Systems der Mas- der Information hervorgehoben werden, denn der
senmedien bezeichnet. Das bedeutet, dass das System Code Information/Nichtinformation ist in einer be-
alle von ihm vollzogenen Operationen gemäß der Be- sonderen Weise temporal determiniert. Danach kön-
obachtung organisiert, ob etwas informativ oder nen Informationen nicht wiederholt werden, sonst
nicht-informativ ist. Mit dieser Festlegung formu- werden sie zu Nichtinformationen (RdM, 41). Die
liert Luhmann einen Vorschlag, der dem System der Informationsproduktion steht mithin unter einem
Massenmedien zumindest unter der Hand einen ge- enormen Druck, unentwegt Neues, Aktuelles und
genüber allen anderen sozialen Funktionssystemen Überraschendes zu präsentieren. Repetitionen sind
herausgehobenen Status einräumt. Da nämlich alle hingegen in der Regel zu vermeiden, es sei denn, sie
Kommunikationsprozesse systemtheoretisch als selbst werden mit einem Informationswert belegt,
dreistellige Selektion der Komponenten Mitteilung, z. B. um einer Nachricht Nachdruck zu verleihen.
Information und Verstehen funktionieren, gilt die Wird ein solcher Effekt jedoch nicht angestrebt, so
Unterscheidung von Information und Nichtinfor- behält zwar eine zum zweiten Mal gebrachte Nach-
mation als eine basale, die Gesamtgesellschaft betref- richt ihren Sinn, sie verliert jedoch ihren Informati-
fende Selektionsleistung. Über die kommunikative onswert.
Komponente der Information ist das System der Zugleich bringt Luhmann in Anschlag, dass jeder
Massenmedien potentiell an jede Kommunikation Neuigkeitswert einer Information auch einen Bezug
angeschlossen. Indem es die Unterscheidung Infor- zum Bekannten aufweisen müsse, denn nur im Kon-
mation/Nichtinformation als seine grundlegende text des Vertrauten können neue Erkenntnisse ge-
Code-Differenz in Anspruch nimmt, kommt erneut wonnen werden. Was jeweils massenmedial als
zum Vorschein, dass es eine im Hinblick auf das aktuelle, neue Information Geltung erlangen kann,
Funktionieren der Kommunikation überhaupt refle- hängt deshalb davon ab, in welcher Weise und was
190 Werke und Werkgruppen

zuvor massenmedial als Information präsentiert Programmbereiche


worden ist. Deutlich wird damit, dass die Unterschei-
dung von Nachrichten, die der Informationsseite, Luhmann unterscheidet mehrere »Selektoren« (58),
und solchen, die der Nichtinformationsseite zuge- die die Aufmerksamkeit zu konzentrieren helfen und
rechnet werden, ausschließlich innersystemisch, also zur Erhöhung der Wahrscheinlichkeit beitragen, so
durch interne Bezüge erfolgt. Denn das System selbst dass sich massenmediale Kommunikation fortsetzt
selektiert die Informationen und unterzieht sie im und eine Nachricht als Information zur Kenntnis ge-
Zuge dessen einer zeitlichen Wertung, der zufolge es nommen wird. In diesem Zusammenhang werden
Mitteilungen mit Informationswert von Mitteilun- z. B. Quantitäten oder Lokalisierungen erwähnt.
gen ohne Informationswert diskriminiert. Alle Pro- Durch Hinzufügung von Zahlen oder Vergleichszah-
grammbereiche der Massenmedien unterliegen die- len könne der Informationswert gesteigert werden,
ser Dynamik, d. h. sie selektieren Informationen ebenso wie er durch eine lokale Festlegung – etwa die
nach Maßgabe des stets gegenwärtig bzw. aktuell ge- Angabe einer Region oder eines Ortes, an dem sich
gebenen Informationswertes vor dem Hintergrund die referierten Ereignisse zugetragen haben – pro-
nicht-gegenwärtiger, inaktueller Informationsereig- nonciert wird. Bedeutsam ist des Weiteren, dass Mas-
nisse. Aber auch die somit konstituierte Zeitdimen- senmedien Meldungen vorziehen, die als »Einzelfälle
sion muss als eine innersystemische Konstruktion – Vorfälle, Unfälle, Störfälle, Einfälle« (68) zu kenn-
verstanden werden. Sie wird nämlich nur vom Sys- zeichnen sind. Einen wichtigen Gesichtspunkt hebt
tem aus beobachtet. Jedoch führt Luhmann aus, dass Luhmann zudem in der Modellierung von Nachrich-
sich die Gesellschaft der vom System der Massenme- ten als Handlungen, d. h. als Ereignisse, die auf Per-
dien generierten Zeit anpasst. Besonderes Gewicht sonen bezogen sind, hervor. So weist er ihren
wird dabei dem Gegenwartsbezug verliehen, präfe- narrativen Charakter nach. Zu den Usancen der mas-
rieren und akzentuieren Massenmedien doch Aktua- senmedialen Nachrichtenproduktion gehört näm-
lität. Der Begriff der Gegenwart indiziert aber nur lich, dass sie Nachrichten als ›Einzelfälle‹ formen, die
einen Umbruchpunkt bzw. einen Beobachter, wel- zugleich mit einem Kontext versehen und nach Er-
cher die Gegenwart als die Differenz zwischen Zu- zählschemata vorgeführt werden, in deren Zentrum
kunft und Vergangenheit bestimmt. Personen stehen oder agieren. Charakteristisch ist
Luhmann unterscheidet drei Programmbereiche, schließlich die Verknüpfung von Realereignissen mit
nämlich Nachrichten und Berichte, Werbung sowie Meinungen, die sich nicht nur kommentierend auf
Unterhaltung, womit er eine moderne Spartendiffe- erstere beziehen, sondern auch selbst als Nachrichten
renzierung anspricht, insofern im 16. Jahrhundert behandelt werden können. Im Unterschied zu Nach-
etwa Nachrichten und Unterhaltung noch nicht richten, die als aktuelle, also in der unmittelbaren
trennscharf gegeneinander abgegrenzt wurden (54). Gegenwart sich zutragende Ereignisse zum Vor-
Vor allem innerhalb des ersten Programmbereiches schein kommen, bemisst sich der Informations- und
werden, so hebt er hervor, die Erarbeitung und Ver- damit Neuigkeitswert in Berichten eher danach, was
arbeitung von Informationen nachvollziehbar. Zum beim Rezipienten als bekannt vorausgesetzt werden
Tragen kommt hierin die Unwahrscheinlichkeit der kann. Entscheidend ist jedoch insgesamt, dass ob-
massenmedialen Erwartung, dass es stets genügend schon für den als ›Nachrichten und Berichte‹ betitel-
Mitteilungen mit (neuem) Informationswert geben ten Programmbereich die Bezugnahme auf Wahrheit
soll. Das System der Massenmedien baut folglich auf oder zumindest Wahrheitsvermutung verbindlich
der Unwahrscheinlichkeit der Unerschöpflichkeit ist, Massenmedien ihre Kommunikation nicht ge-
von Neuigkeiten auf. Dies manifestiert sich insbe- mäß dem für das Funktionssystem der Wissenschaft
sondere anhand des Programmbereiches ›Nachrich- konstitutiven wahr/unwahr-Code auswählen. Pri-
ten und Berichte‹, insofern dort zumindest heute mär für die Selektionsentscheidungen ist vielmehr
täglich, wenn nicht sogar stündlich, neue Informa- das Kriterium, inwiefern es sich bei einer Mitteilung
tionen verbreitet werden. In evolutionärer Perspek- um eine informative und das heißt neue Meldung
tive wird dabei deutlich, dass die Entstehung des handelt.
Berufsstandes Journalist, der an der Informationsbe- Der zweite in Die Realität der Massenmedien un-
schaffung als permanenter Produktion von Neuig- tersuchte Programmbereich ist die Werbung. Als Be-
keiten arbeitet, eine Möglichkeit bildet, auf diese standteil des Systems der Massenmedien prozessiert
Unwahrscheinlichkeit zu reagieren. auch sie mit Hilfe des Codes Information/Nichtin-
formation, wobei sie ihn, wie Luhmanns Erörterun-
Die Realität der Massenmedien (1995) 191

gen nahelegen, vorrangig unter dem Aspekt der det. Historisch leitet Luhmann die Unterhaltung
›Neuheit‹ reflektiert. Demzufolge bemühe sich die nämlich einerseits vom Bühnentheater des 16. Jahr-
Werbung um die Entstehung der Illusion, dass sie, hunderts, andererseits vom buchdrucktechnisch re-
obzwar sie dasselbe Produkt immer wieder in dersel- produzierten Roman her, womit er zwei Phänomene
ben Weise präsentiere, sich dennoch stets auf etwas in den Blick nimmt, in welchen sich die systemischen
Neues beziehe. Der Werbung im 20. Jahrhundert at- Zuordnungsschwierigkeiten verdichten. Deutlich
testiert Luhmann, dass sie zugunsten und mithilfe wird, in welchem Maße sich Kunst und Massenme-
schöner Form Information vernichte. Mit dieser dien gegenseitig bedingen und miteinander interfe-
Aussage erklärt er sie allerdings zu einem Grenzfall rieren. Für die Unterhaltung gilt jedoch, dass sie sich
der massenmedialen Kommunikation. Ein Eindruck, im Gegensatz zur Kunst nicht selbst als Unterhaltung
der dadurch noch verstärkt wird, dass sie, wie Luh- im Hinblick auf die sie erzeugenden Mechanismen
mann unterstreicht, keinen Anlass zu weiteren Kom- beobachtet (106), diesbezüglich also nicht selbstre-
munikationen biete und daher nicht an ihrer flexiv ist. Jedoch formuliert Luhmann hiermit eine
Reproduktion arbeite. Fraglich erscheint in Anbe- These, die sich aus aktueller medientheoretischer
tracht einer solchen Beschreibung, ob zumindest ak- und -analytischer Sicht als recht angreifbar darstellt.
tuelle Tendenzen der Werbung im Rahmen einer Insofern nämlich auch für den Unterhaltungsbereich
massenmedialen Systemanalyse noch sinnvoll be- geltend gemacht werden kann, dass er fiktionale Rea-
trachtet werden können. Mit dem Verweis auf die lität und reale Realität unterscheidet, wird er nicht
schöne Form rückt Luhmann die Werbung sogar in nur – darin mit Literatur vergleichbar – mittels des
unmittelbare Nähe zur Kunst des Ornaments (92), Spielbegriffs umschrieben, sondern zeigt auch selbst-
womit er einen Die Realität der Massenmedien in toto reflexive Züge auf. Unterhaltung macht dem Rezi-
betreffenden Problemzusammenhang anspricht, pienten das Angebot, immersiv in die Illusion der
nämlich deren Beziehung zum Kunstsystem. Dieser dargestellten Welt bzw. fiktionalen Realität des Spiels
Kontext ist bislang kaum erforscht. Wie komplex er einzutauchen. Obwohl Luhmann auch der Literatur
ist, lässt sich bereits an den Konsequenzen der ein- und dem Theater nicht nur in ihren historisch frühen
gangs vorgenommenen Definition der Massenme- Ausprägungen einen solchen Unterhaltungswert at-
dien als Einrichtungen, »die sich zur Verbreitung von testiert, sieht er ihn vorrangig in bestimmten Fern-
Kommunikation technischer Mittel der Kommuni- sehformaten – z. B. in Quizsendungen oder Übertra-
kation bedienen« (10), ablesen. Wird Literatur näm- gungen von Sportveranstaltungen – sowie in Spielfil-
lich, sofern sie unter modernen Bedingungen in der men umgesetzt.
Regel mit Hilfe des Buchdrucks distribuiert wird, von
dieser Bestimmung in weiten Teilen eingeschlossen,
so fällt die bildende Kunst hingegen nur dann in ih- Funktionale Spezifikation
ren Gegenstandsbereich, wenn sie sich etwa der Fo-
tografie oder anderer Medientechniken bedient. Massenmedien verfügen zum einen über Markierun-
Einen maßgeblichen und medienwissenschaftlich gen der Rahmung, die die Identität des jeweiligen
innovativen Ertrag bietet Luhmanns Studie im mitt- Programmbereiches ermöglichen, zum anderen gibt
leren Teil, wo sowohl die zwischen den Programmbe- es aber auch Formen der Rezeption – etwa das mehr
reichen erfolgenden Interaktionen als auch die oder weniger geplante Umschalten ›switching‹/›zap-
vielfältigen strukturellen Kopplungen des Systems ping‹ zwischen verschiedenen Fernsehprogrammen
der Massenmedien mit anderen Funktionssystemen –, die solche Rahmungen unterlaufen und entspre-
der Gesellschaft (z. B. der Werbung mit dem der chende Irritationen bezüglich der Programmbe-
Wirtschaft, der Unterhaltung mit dem des Sports reichzuordnung evozieren. Ungeachtet der zwischen
oder der Kunst sowie der Nachrichten mit dem der den Programmbereichen und ihren jeweiligen Kom-
Politik) in den Fokus rücken. Für die drei unterschie- munikationsmodi sowie den vielfältigen Rezeptions-
denen Programmbereiche muss zudem festgehalten weisen bestehenden Unterschiede sieht Luhmann –
werden, dass sie sich auch aneinander anlehnen kön- worin die konstruktivistische Dimension seines An-
nen. Diese Beobachtung ist etwa im Kontext des drit- satzes besonders deutlich zum Tragen kommt – die
ten Programmbereichs, der Unterhaltung, virulent, Funktion des Systems der Massenmedien in der Be-
wo häufig eine starke, in gewissen Fällen sogar unent- reitstellung einer Hintergrundrealität (120) bzw. ei-
scheidbare Affinität zur Kunst, präziser zur Literatur, nes Hintergrundwissens (121). Dieses lasse sich nicht
konstatiert wird, die sich auch evolutionär begrün- als die Gesamtheit von jeweils in unterschiedlichen
192 Werke und Werkgruppen

Medien aktualisierten Informationen auffassen, son- noch nicht vollständig ausgeschöpftes theoretisch-
dern werde mittels des massenmedial hergestellten deskriptives Potential.
Gedächtnisses stets aufs Neue hervorgerufen. Da die
Bestimmung eine gesamtgesellschaftliche Stoßrich-
tung impliziert, liegt die Funktion des Systems der Literatur
Massenmedien somit im »Dirigieren der Selbstbeob- Blöbaum, Bernd: Journalismus als soziales System. Ge-
achtung des Gesellschaftssystems« (173). Auf diese schichte, Ausdifferenzierung und Verselbständigung.
Weise wird ihm eine herausragende soziale Bedeu- Opladen 1994.
tung zugeschrieben. Alle Programmbereiche wirken Brill, Andreas: »›Lost at sea‹: Die Realität der Massenme-
dien«. In: Soziale Systeme. Zeitschrift für soziologische
an dem im Hintergrund aller sozialen Kommunika- Theorie 2. Jg., 2 (1996), 419–428.
tionen operierenden Gedächtnis mit. Dieses ist nicht Esposito, Elena: Soziales Vergessen. Formen und Medien
als ein Speichermedium zu verstehen, es ist vielmehr des Gedächtnisses der Gesellschaft. Frankfurt a. M. 2002.
eine Operation, welche unablässig zwischen Verges- –: Die Fiktion der wahrscheinlichen Realität. Frankfurt
sen und Erinnern diskriminiert. Da die Konstruktion a. M. 2007.
Luhmann, Niklas: »Veränderungen im System gesellschaft-
eines Gegenwartsbezugs nur auf dem Hintergrund licher Kommunikation und die Massenmedien«. In: SA3,
der Unterscheidung von Vorher und Nachher bzw. 309–320.
Erinnern und Vergessen möglich ist, setzen Massen- Maletzke, Gerhard: Kommunikationswissenschaft im
medien ein Gedächtnis voraus, das sie zugleich in Überblick: Grundlagen, Probleme, Perspektiven. Opla-
Form eines rekursiv verfahrenden Netzwerks kon- den 1991.
Marcinkowski, Frank: Publizistik als autopoietisches Sys-
struieren. tem. Opladen 1993.
Insofern sie also einerseits mittels der Code-Diffe- –: »Die Massenmedien der Gesellschaft als soziales Sys-
renz Information/Nichtinformation einen Gegen- tem?« In: Soziale Systeme. Zeitschrift für soziologische
wartsbezug ermöglichen, stellen Massenmedien an- Theorie 2. Jg., 2 (1996), 429–440.
dererseits ein Gedächtnis bereit, das eine Vielfalt Spangenberg, Peter. M.: »Stabilität und Entgrenzung von
Wirklichkeiten. Systemtheoretische Überlegungen zu
divergenter, aktueller und inaktueller Positionen ko-
Funktion und Leistung der Massenmedien«. In: Siegfried
ordiniert. Als eines der wichtigsten Strukturelemente J. Schmidt (Hg.): Literaturwissenschaft und Systemtheo-
der massenmedialen Kommunikation nennt Luh- rie. Opladen 1993, 66–100.
mann daher das Aufspannen einer auch aus der He- Weischenberg, Siegfried: »Luhmanns Realität der Massen-
terogenität der Positionen resultierenden, selbster- medien. Zu Theorie und Empirie eines aktuellen Objek-
tes der Systemtheorie«. In: Helga Gripp-Hagelstange
zeugten Ungewissheit. Obgleich Massenmedien die
(Hg.): Niklas Luhmanns Denken. Interdisziplinäre Ein-
Gesellschaft mit einer gleichsam verbindlichen, weil flüsse und Wirkungen. Konstanz 2000, 157–178.
bindenden Hintergrundrealität versehen, tun sie dies Witt, Jan Michael: Systemtheorie konkret. Zu Niklas Luh-
nicht auf der Grundlage einer konsensuellen Über- manns »Realität der Massenmedien«. Marburg 2010.
einstimmung. Indem er Anschlusskommunikation Natalie Binczek
provoziert, leistet gerade der massenmedial konstitu-
ierte Dissens einen wichtigen Beitrag zur Stabilität
der Gesellschaft, da diese nur über die Reproduktion
von Kommunikation gewährleistet werden kann.
Luhmanns Massenmedien-Studie gehört zu sei-
nen bekanntesten Veröffentlichungen, auch wenn
ihre Rezeption bislang zu vergleichsweise wenig sys-
tematisch-eingehender Forschungsliteratur geführt
hat. Stärker als an dem hier unternommenen syste-
mischen Ansatz hat sich eine systemtheoretisch, vor
allem aber kulturwissenschaftlich orientierte Me-
dienanalyse an das Medium/Form-Konzept ange-
lehnt. Indes bieten insbesondere die in Die Realität
der Massenmedien skizzierten strukturellen Kopp-
lungen zwischen den Massenmedien und dem Sys-
tem der Massenmedien sowie die Beziehung zwi-
schen diesem und anderen Funktionssystemen ein
193

12. Protest. Systemtheorie und Rhetorik der Angst und Theoriedefizit


soziale Bewegungen (1996) Am meisten Aufmerksamkeit widmet Luhmann dem
nachhaltigen Erfolg und den gesellschaftlichen Fol-
Der Band Protest. Systemtheorie und soziale Bewe- gen der Umweltbewegung; er kommt aber zunächst
gungen (P) versammelt Aufsätze und Interviews zum zu einem distanziert-skeptischen Fazit. Klassische
Thema soziale Bewegungen, mit dem sich Luhmann ebenso wie ›neue‹ soziale Bewegungen reagieren mit
seit Mitte der 1980er auseinandergesetzt hatte. Den ihrer Kritik auf die funktionale Differenzierung der
Anstoß hierzu gab offensichtlich die Umweltbewe- modernen Gesellschaft. Doch eben diese funktional
gung, die Luhmann insbesondere in Ökologische differenzierte Gesellschaft bietet keine »privilegier-
Kommunikation (1986) analysierte. Das Interesse am ten Positionen, von denen aus Normen oder Perfek-
Phänomen ›soziale Bewegungen‹ hatte zwar bereits tionsvorstellungen mit Verbindlichkeit für alle Funk-
in Soziale Systeme (1984) seinen Niederschlag gefun- tionssysteme kommuniziert werden könnten« (P,
den, dort jedoch unter dem allgemeineren Gesichts- 62). Was bleibt, so Luhmann, ist eine »Rhetorik der
punkt, inwiefern Widerspruch und Konflikt eine Art Angst«, die der Indifferenz und mangelnden Reso-
›Immunsystem‹ der Gesellschaft darstellen (SS, nanz der Funktionssysteme nur »Moralisierung und
546 ff.). Nur lose daran anknüpfend, setzt Luhmann Emotionalisierung« entgegensetzen könne. Diese
sich in seinem Vortrag »Kann die moderne Gesell- Diagnose beruht einerseits auf einer unverhohlenen
schaft sich auf ökologische Gefährdungen einstel- Distanz zu der Art und Weise, in der insbesondere die
len?«, der das später in Ökologische Kommunikation Ökologiebewegung ihre Anliegen politisch artiku-
ausgearbeitete Argument vorwegnimmt, erstmals liert: »Die Grünen haben also völlig recht, man kann
mit der Umweltbewegung auseinander (P, 46–63) ihnen nur nicht zuhören« (62). Andererseits ist es
und in einem längeren Aufsatz auch mit der Frauen- aber nicht nur die Form der Präsentation, die den so-
bewegung (107–155). Diese Arbeiten werden ergänzt ziologischen Beobachter irritiert, sondern dass sie
durch den Aufsatz »Tautologie und Paradoxie in den theorielos bleibt bzw. dass die angebotenen Theorien
Selbstbeschreibungen der modernen Gesellschaft« »so billig und unzulänglich« sind (63; siehe auch ÖK,
(1987; P, 79–106), der die Gesellschaftskritik sozialer 234 ff.).
Bewegungen unter die Lupe nimmt, durch den Bei- Mit der Vorstellung, gerade die in der Form des
trag »Umweltrisiko und Politik« (1990; P, 160–174) Protests vorgebrachte Kritik der Gesellschaft sei Teil
sowie durch kürzere Stellungnahmen und Interviews der Selbstbeschreibung der Gesellschaft und diese
Luhmanns, darunter eines mit dem Herausgeber müsse sich an den verfügbaren Theorieressourcen
Kai-Uwe Hellmann zur Theorie der Protestbewe- der Soziologie messen lassen, wird den sozialen Be-
gungen (175–200). Den Abschluss bildet der Entwurf wegungen eine beträchtliche Fallhöhe zugeschrie-
zum Kapitel »Protestbewegungen« in Die Gesellschaft ben. Allenfalls dem marxistischen Theoriehinter-
der Gesellschaft (P, 201–215; vgl. GG, 847 ff.). Schon grund der Arbeitsbewegung gesteht Luhmann zu,
die zeitliche Spanne deutet an, dass Luhmann sich diesem Anspruch noch gerecht geworden zu sein
zwar über einen längeren Zeitraum, aber niemals (ÖK, 235). Im Vergleich dazu erscheint ihm das, was
ausführlich und systematisch mit dem Thema be- die Umweltbewegung anzubieten hat, als unzurei-
schäftigt hat. Vieles ist entwurfsweise formuliert, und chende Semantik und »blasierte moralische Selbstge-
Luhmann gibt in den Interviews deutlich zu erken- rechtigkeit« (ebd.). Dieses harte Urteil muss wohl auf
nen, dass er keine abschließende Formulierung ge- die Enttäuschung des soziologischen Beobachters
funden hat. Soziale Bewegungen gerieten eher rückgeführt werden, der im Vergleich der neuen so-
nebenbei, im Zusammenhang mit anderen Themen zialen Bewegungen mit ihren Vorläufern ein Verfeh-
in sein Blickfeld, waren aber im Gegensatz zu gesell- len der gesellschaftstheoretischen Aufgabenstellung
schaftlichen Teilsystemen oder klassischen Formen konstatiert: »Im Keime enthalten diese Bewegungen
sozialer Systembildung wie Interaktion und Organi- die Möglichkeiten zu einer radikalen Kritik der Ge-
sation lange kein eigenständiges Thema. sellschaft, die weit über das hinausgeht, was Marx
hätte sehen und wagen können« (P, 103). Doch dazu
wäre es nötig, vom Protestieren gegen die Moderne
und ihre Folgen zu einer Kritik funktionaler Diffe-
renzierung vorzustoßen. Ohne eine solche theoriege-
führte Kritik am Bestehenden, so Luhmann, bliebe
194 Werke und Werkgruppen

lediglich zu notieren, dass die Alternativen »gar keine grund rückt die Frage, ob man bei Protestbewegun-
Alternativen anzubieten haben« (P, 104). gen von sozialen Systemen sprechen kann. Präzisiert
Die Enttäuschung des Theoretikers über die unzu- wird der Begriff des Protests als eine Form der Kom-
reichende Selbstreflexion der Protestbewegungen munikation, die eine »andere Seite voraussetzt, die
und deren ambivalentes Verhältnis zur modernen, auf den Protest zu reagieren hat«; und auf der Grund-
funktional differenzierten Gesellschaft steht auch im lage dieser Unterscheidung kann Protest zum »Kata-
Vordergrund von Luhmanns Überlegungen zur lysator einer eigenen Systembildung« werden (SdR,
Frauenbewegung bzw. zur durch sie aufgeworfenen 136). Mithilfe variabler Themen gelingt es der ›Form‹
Gender-Frage. Im Text »Frauen, Männer und George Protest, sich von der Gesellschaft, gegen die und in
Spencer-Brown« (P, 107–155) versucht er zu zeigen, der protestiert wird, abzugrenzen. Dabei gehören
dass die Unterscheidung Mann/Frau erst im Zuge Protest und Thema zusammen: »Man kann ja nicht
funktionaler Differenzierung problematisch und da- protestieren, ohne zu sagen, wogegen oder weshalb,
mit zum Anlass von Protest wird. In der stratifizier- so daß sich aus der Orientierung an einem Protest
ten Gesellschaft konnte die Asymmetrie der Unter- immer die Notwendigkeit ergibt, ein Thema zu er-
scheidung noch Plausibilität beanspruchen, weil sie greifen« (P, 177). Der Protest und sein Thema kön-
mit unterschiedlichen Rollen von Mann und Frau bei nen also – anders als etwa die Codes und Programme
der Repräsentation der gesellschaftlichen Ordnung der Funktionssysteme – nicht systematisch getrennt
korrelierte. Die Asymmetrie im Verhältnis zwischen werden.
Mann und Frau war mit der Differenzierungsform
abgestimmt und gewann in diesem Rahmen ihren
Sinn. Im Zuge der Durchsetzung funktionaler Diffe- Protest und Politik
renzierung verliert die Asymmetrie aber ihre Plausi-
bilität und wird vor dem Hintergrund von Gleich- Die Variabilität der Themen der ›neuen‹ Protestbe-
heitsnormen kritisiert. Gegen die Vorstellung, wegungen legt nahe, darin einen wichtigen Unter-
Gleichheit könne an die Stelle der asymmetrischen schied zu den klassischen sozialen Bewegungen zu
Differenz treten, wendet Luhmann ein, dass jede Un- sehen. In der Tat lassen sich ältere Protestformen zu-
terscheidung Asymmetrie voraussetzen muss. Folg- meist auf eine von zwei Konfliktkonstellationen zu-
lich zielt eine wichtige Strategie der Frauenbewegung rückführen: Es ging entweder um Fragen von Recht
auch nicht einfach auf Gleichheit ab, sondern viel- und Unrecht oder um soziale Ungleichheit (SdR,
mehr auf »Resymmetrisierung«, d. h. auf Formen der 139 ff.). Man kann dementsprechend unterscheiden
Bevorzugung der bislang Benachteiligten (P, 126 f.). zwischen Unruhen und Revolten in traditionellen
Gleichheit dient als Folie für die Formulierung von Gesellschaften, die sich in der Regel am unrechtmä-
Ansprüchen, die sich aus der Feststellung ungleicher ßigen Gebrauch von Herrschaft entzündeten, und
Verteilungen ableiten lassen. Die Gleichheitsidee ist der sozialistischen Bewegung, die sich primär an der
aber eine Konsequenz funktionaler Differenzierung, ungleichen Verteilung knapper Güter und damit an
die für die Unterscheidung Mann/Frau keinen gesell- Knappheitsfragen orientierte. Das ›Neue‹ der neuen
schaftlichen Platz vorsieht. Aus diesem Grund sieht sozialen Bewegungen liegt einerseits in der ver-
Luhmann die feministische Bewegung in der parado- gleichsweise hohen Mobilität der Protestthemen, die
xen Situation, angesichts der »Irrelevanz der Unter- sich jedoch zwei grundsätzlichen Formen der »The-
scheidung von Mann und Frau« immer wieder menerzeugung« verdankt: Es wird entweder die
betonen zu müssen, dass das Geschlecht keinen Un- »Sonde der internen Gleichheit« oder die »Sonde des
terschied machen dürfe. Weil die Unterscheidung externen Gleichgewichts« zur Identifikation und
von Männern und Frauen in den Funktionssystemen Produktion von Themen verwendet (P, 207). Im ers-
keine Relevanz habe, eigne sie sich nur noch dazu, so- ten Fall werden soziale Ungleichheiten sichtbar, im
ziale Bewegungen zu stimulieren, die Gleichheit zweiten das ökologische Ungleichgewicht der Gesell-
dann als Ideologie ohne Rücksicht auf die Codes der schaft. In der zunehmenden Bedeutung des zweiten,
Funktionssysteme postulieren müssten. auf Ökologie bezogenen Komplexes von Protestthe-
Im Kapitel »Protestbewegungen« und in einem men liegt der Kern einer neuen Form des Protests: die
Interview zum Thema »Systemtheorie und Protest- »Ablehnung von Situationen, in denen man das Op-
bewegungen« sowie in der Soziologie des Risikos (SdR fer des riskanten Verhaltens anderer werden könnte«
1991) wird diese Darstellung ein wenig modifiziert (SdR, 146). Protest bedient sich immer mehr des
und in wesentlichen Punkten ergänzt. In den Vorder- Schemas von Risiko und Gefahr und wird zum
Protest. Systemtheorie und soziale Bewegungen (1996) 195

Sprachrohr der Betroffenheit durch riskante Ent- dem Protestthemen in die mikropolitische Entschei-
scheidungen. dungspraxis von Organisationen und Familien Ein-
›Protest‹ wird demnach nicht mehr nur als mora- gang finden (und sie in diesem Sinne ›politisieren‹),
lisierende Irritation der modernen Gesellschaft, son- verstärken sie den Eindruck breiter gesellschaftlicher
dern als Ausdruck neuer Risikokonstellationen ver- Resonanz.
standen: Was Entscheider als Risiko einer Investition,
einer technischen Installation oder einer politischen
Festlegung auffassen, wird für Betroffene zu einer Massenmedien und gesellschaftliche
von ihnen selbst nicht kontrollierbaren Gefahr, und Selbstbeschreibung
ihr Protest richtet sich dementsprechend auf Gefähr-
dungen durch das riskante Entscheiden anderer. Die Über das Engagement ihrer Anhängerinnen und An-
Engführung mit dem Risikothema begründet, wa- hänger hinausgehende Wirkung entfalten Protestbe-
rum Luhmann von Protest statt von sozialen Bewe- wegungen nur mittels massenmedialer Aufmerk-
gungen spricht: Es geht nicht um den Gegensatz von samkeit. Der Protest richtet sich an andere, die
Stabilität und Wandel, sondern um öffentlich artiku- Missständen abhelfen sollen. Er muss deshalb Ein-
lierten, auf ein bestimmtes Thema bezogenen Wider- fluss auf die öffentliche Meinung nehmen, um auf
spruch. Der Protest ›bewegt‹ weder sich selbst noch diesem Weg politische und andere Entscheidungsträ-
die Gesellschaft. Er muss vielmehr »andere voraus- ger unter Druck setzen zu können. Nur wenn der
setzen, die das, was verlangt wird, ausführen« (P, Protest und seine Darstellungsformen in den Mas-
205). Diese können, müssen aber nicht im engeren senmedien vorkommen, kann er politische Entschei-
Sinne politische Adressaten sein. Denn hier liegt ein dungen informieren. Protestbewegungen sind also
weiterer wichtiger Unterschied zwischen neuen und abhängig von der Berichterstattung der Massenme-
klassischen Protestbewegungen: Während beispiels- dien. Die Abhängigkeit ist aber eine wechselseitige,
weise die Arbeiterbewegung darauf abzielte, die insofern auch die Massenmedien von Protestereig-
Staatsmacht zu beeinflussen oder sogar zu überneh- nissen, über die berichtet werden kann, profitieren.
men, nutzen die Ökologie- und die Frauenbewegung Luhmann spricht deshalb von einer »strukturellen
ihre Themen, um unterschiedlichste Teile der Gesell- Kopplung« zwischen Protestbewegungen und Mas-
schaft auf ihre Protestrelevanz hin abzutasten. senmedien (P, 211 f.). Sie drückt sich einerseits darin
Neben der Politik geraten dabei Organisationen aus, dass Protestbewegungen ihre Aktivitäten auf die
und insbesondere Wirtschaftsunternehmen unter Selektionskriterien der Massenmedien einstellen, an-
dem Gesichtspunkt ins Blickfeld, dass sie entweder dererseits darin, dass die Massenmedien über die da-
für Missstände verantwortlich gemacht werden oder durch produzierten und inszenierten Konflikte
man sich von ihnen Abhilfe erhofft. Doch auch die berichten.
Familie wird unter dem Einfluss des Emanzipations- Die Kopplung von Mikro- und Makropolitik so-
themas zu einem Gegenstand und Schauplatz von wie die Abhängigkeit von den Massenmedien weisen
Protesten. Das Motto »Das Private ist Politisch« wur- darauf hin, dass Protestbewegungen zur Peripherie
de zu einem Markenzeichen der Frauenbewegung, des politischen Systems gehören: Sie sind nicht direkt
gilt aber nicht minder für ökologische Belange. Zeit- an der Produktion kollektiv bindender Entscheidun-
diagnostische Beobachter fassen dies unter die Titel gen beteiligt, wie das für Parlamente und Verwaltun-
›Lebensstilpolitik‹ (Giddens 1991) bzw. ›Subpolitik‹ gen gilt, sondern liefern Themen und Probleme, die
(Beck 1993). Aus systemtheoretischer Perspektive dort bearbeitet werden können. Es griffe aber zu
lässt sich dies so interpretieren, dass es den Protest- kurz, die Rolle von Protestbewegungen allein darin
bewegungen gelingt, ihre ursprünglich ›makropoliti- zu sehen, Probleme zur politischen Entscheidung
schen‹ Themen in die ›Mikropolitik‹ anderer Sozial- vorzubereiten. Die großen Themen gerade der neuen
system einzuschleusen bzw. sie diesen aufzudrängen sozialen Bewegungen betreffen Probleme, »die die
(Kieserling 2003). Ein Vehikel hierfür sind die ver- Funktionssysteme strukturell nicht lösen können
schiedenen sozialen Rollen, in denen Anhänger von oder schlecht lösen« (190 f.). Sie fügen sich deshalb
Protestbewegungen ihr Thema artikulieren können, nicht in das Schema funktionaler Differenzierung,
insbesondere berufliche und familiäre. Die Mobili- sondern sind wesentlich mit der Kritik der Dysfunk-
sierung der eigenen Mitglieder, auch und gerade in tionen der Funktionssysteme beschäftigt. Ein wissen-
ihren nichtpolitischen Rollen, ist eine zentrale Res- schaftlicher Beobachter wie Luhmann mag daraus
source von Protestbewegungen (Holzer 2006). In- den Schluss ziehen, genau dies – die ›kritische‹
196 Werke und Werkgruppen

Selbstbeschreibung der modernen Gesellschaft – sei Kieserling, André: »Mikropolitik, Makropolitik, Politik
so etwas wie die Funktion von Protestbewegungen. der Protestbewegungen«. In: Armin Nassehi/Markus
Schroer (Hg.): Der Begriff des Politischen. Baden-Baden
Doch ähnlich wie in den Funktionssystemen ist nicht
2003, 419–439.
davon auszugehen, dass diese Funktion in den Pro- Boris Holzer
testbewegungen selbst eine wichtige Rolle spielen
würde. Bewegungen begreifen ihre Probleme und
Ziele handlungsnäher und strategischer. Dass dem so
ist und die dem Protest zuzurechnende Selbstbe-
schreibung der modernen Gesellschaft deshalb so-
ziologisch verkürzt bis naiv bleiben muss, wird die
Soziologie kaum überraschen. Erst vor dem Hinter-
grund einer derart anspruchsvollen Aufgabenbe-
schreibung wird jedoch verständlich, warum Luh-
manns Urteil über zeitgenössische soziale Bewegun-
gen so wenig schmeichelhaft ausfiel: Er hatte sich
offensichtlich mehr versprochen – oder zumindest
für möglich gehalten.

Literatur
Beck, Ulrich: Die Erfindung des Politischen. Zu einer Theo-
rie reflexiver Modernisierung. Frankfurt a. M. 1993.
Bonacker, Thorsten: »Die Ironie des Protests. Zur Rationa-
lität von Protestbewegungen«. In: Ders./André Brodocz/
Thomas Noetzel (Hg.): Ironie der Politik. Zur Konstruk-
tion politischer Wirklichkeiten. Frankfurt a. M./New
York 2003, 195–212.
Giddens, Anthony: Modernity and Self-Identity. Self and
Society in the Late Modern Age. Cambridge, MA 1991.
Hellmann, Kai-Uwe: Systemtheorie und neue soziale Bewe-
gungen. Identitätsprobleme in der Risikogesellschaft.
Opladen 1996.
–: »›… und ein größeres Stück Landschaft mit den erlo-
schenen Vulkanen des Marxismus.‹ Oder: Warum rezi-
piert die Bewegungsforschung Luhmann nicht?« In:
Henk de Berg/Johannes F. K. Schmidt (Hg.): Rezeption
und Reflexion: Zur Resonanz der Systemtheorie Niklas
Luhmanns außerhalb Soziologie. Frankfurt a. M. 2000,
411–439.
– /Koopmans, Ruud (Hg.): Paradigmen der Bewegungs-
forschung. Entstehung und Entwicklung von neuen so-
zialen Bewegungen und Rechtsextremismus. Opladen/
Wiesbaden 1998.
Holzer, Boris: »Political Consumerism Between Individual
Choice and Collective Action: Social Movements, Role
Mobilization and Signalling«. In: International Journal
of Consumer Studies 30. Jg., 5 (2006), 406–415.
Japp, Klaus P.: »Neue soziale Bewegungen und die Konti-
nuität der Moderne«. In: Johannes Berger (Hg.): Die Mo-
derne – Kontinuitäten und Zäsuren. Göttingen 1986,
311–333.
–: »Die Form des Protests in den neuen sozialen Bewegun-
gen«. In: Dirk Baecker (Hg.): Probleme der Form. Frank-
furt a. M. 1993, 230–252.
–: Soziologische Risikotheorie. Funktionale Differenzie-
rung, Politisierung und Reflexion. Weinheim/München
1996.
197

13. Die Gesellschaft der Die Systemreferenz Gesellschaft


Gesellschaft (1997) Zunächst schließt Luhmann im ersten Kapitel gewis-
sermaßen an das 1984 publizierte »Einleitungskapi-
Die Gesellschaft der Gesellschaft (GG) ist der Ab- tel« an, rekonstruiert die kommunikationstheoreti-
schluss von Niklas Luhmanns Lebenswerk – wie 1969 sche Fassung der Theorie selbstreferentieller Sozial-
angekündigt, nach fast 30 Jahren vorgelegt und ein systeme und erläutert die Grundlagen der allgemei-
gutes Jahr vor seinem Tod erschienen. Das Vorwort nen Theorie sozialer Systeme im Hinblick auf die
weist aus, dass dieses gesellschaftstheoretische Buch, Systemreferenz ›Gesellschaft‹. Gesellschaft besteht in
das wegen seiner Stärke von 1164 Druckseiten in zwei diesem Sinne weder aus Menschen und ihren Bezie-
Halbbänden publiziert wurde, in unmittelbarer Kon- hungen, möglichem Konsens oder sonstigen Über-
tinuität zu Soziale Systeme von 1984 steht. Jener einstimmungen, noch sind die Außengrenzen von
»Grundriß einer allgemeinen Theorie« war ur- Gesellschaft regional oder territorial bestimmt
sprünglich als »Einleitungskapitel« (GG, 11) für die (24 f.). Gesellschaft ist im Sinne der Theorie sozialer
projektierte Gesellschaftstheorie geplant, die nach Systeme lediglich ein autopoietischer Kommunikati-
Fertigstellung des allgemeinen Theoriemodells je- onszusammenhang. Sie wird als »umfassendes Sozi-
doch noch 13 Jahre Zeit brauchte. In der Zwischen- alsystem« (78) konzipiert, außerhalb dessen keinerlei
zeit hatte Luhmann Studien zu einzelnen Funktions- Kommunikation mehr vorkommt, weil alles Kom-
systemen publiziert – Die Wirtschaft der Gesellschaft munizieren nur innerhalb der Gesellschaft möglich
(1988), Die Wissenschaft der Gesellschaft (1990), Das ist. Mit dem Hinweis auf Gesellschaft als ›umfassen-
Recht der Gesellschaft (1993), Die Kunst der Gesell- des‹ Sozialsystem nimmt Luhmann ein aristoteli-
schaft (1995), sowie posthum publiziert Die Politik sches Motiv auf, nach dem die koinonía politiké die
der Gesellschaft (2000), Die Religion der Gesellschaft umfassendste Gemeinschaft sei, die alle anderen in
(2000) und Das Erziehungssystem der Gesellschaft sich vereinigt. »Wir schließen mithin an die alteuro-
(2002) –, denen der Grundgedanke der strukturellen päische Tradition an, sofern es um den Begriff der
Vergleichbarkeit der Funktionssysteme zugrunde Gesellschaft geht. Freilich werden alle Komponenten
lag. Erst mit Die Gesellschaft der Gesellschaft liegt eine der Definition (einschließlich des Begriffs des Einge-
systematische Ausarbeitung einer mit der Systemre- schlossenseins = periéchon, den wir mit dem Kon-
ferenz ›Gesellschaft‹ operierenden Theorie vor. zept der Differenzierung systemtheoretisch auflösen
Der auf den ersten Blick merkwürdige Titel des werden) anders aufgefaßt, denn es geht uns um eine
Werkes enthält letztlich das gesamte Programm der Theorie der modernen Gesellschaft für die moderne
vorgelegten Gesellschaftstheorie. Ausgehend von der Gesellschaft« (78 f.). Anders als die Tradition, so Luh-
kommunikationstheoretischen Fundierung der all- mann, wird diese Einheit des Eingeschlossenseins
gemeinen Theorie sozialer Systeme muss auch der nicht über Wesensmerkmale, auch nicht durch die
Text der vorgelegten Theorie der Gesellschaft als Emphase oder Ethisierung des Politischen wie bei
Kommunikation gelten – damit beschreibt er seinen Aristoteles hergestellt, sondern in einem radikalen
Gegenstand nicht von außen, sondern gewisserma- Sinne operativ. Das einzige Unterscheidungskriteri-
ßen von innen. Die Theorie der gesellschaftlichen um, das das Eingeschlossene ausschließlich ein-
Autopoiesis, also des Hervorbringens von Kommu- schließt, kann für Luhmann nur Kommunikation als
nikation durch Kommunikation, vollzieht diese Au- Letztelement aller sozialen Systeme sein. Luhmanns
topoiesis mit und befindet sich damit immer schon Gesellschaftstheorie ist also keine jener Theorien, die
in einem autologischen Bezug zu ihrem Gegenstand. als zeitdiagnostische Theorien an bestimmten empi-
»Wenn die Kommunikation einer Gesellschaftstheo- rischen Wesenheiten interessiert sind – so etwa an der
rie als Kommunikation gelingt, verändert sie die Be- Risikoorientierung einer Risikogesellschaft, an der
schreibung ihres Gegenstandes und damit den diese kapitalistischen Wirtschaftsweise der kapitalisti-
Beschreibung aufnehmenden Gegenstand. Um das schen Gesellschaft oder an der Bevorzugung von
von vornherein im Blick zu halten, heißt der Titel Männern in einer patriarchalischen Gesellschaft.
dieses Buches ›Die Gesellschaft der Gesellschaft‹« Solche Theorien können auf einen elaborierten Ge-
(GG, 15). sellschaftsbegriff verzichten – nein, sie müssen es so-
gar, weil sie sonst das wesensgebende Kriterium
universalisieren müssten.
Für Luhmann hat Gesellschaft kein Wesen. »Ihre
198 Werke und Werkgruppen

Einheit läßt sich nicht durch Reduktion aufs Essen- ein Kapitel über »Kommunikationsmedien« an. Das
tielle erschließen, mit der Folge, daß widersprechen- Bezugsproblem dieses Kapitels lautet, »daß der An-
de Auffassungen sich als Irrtum abweisen ließen schluß von Kommunikation an Kommunikation
(denn auch dies müßte ja in der Gesellschaft kom- nicht willkürlich, nicht zufällig geschehen kann,
muniziert werden und würde damit das ändern, wo- denn sonst wäre Kommunikation für Kommunikati-
von die Rede ist). Die Einheit des Gesellschaftssys- on nicht als Kommunikation erkennbar« (190), will
tems liegt also lediglich in der Abgrenzung nach heißen: Der autopoietische Anschlusszusammen-
außen, in der Form des Systems, in der operativ lau- hang von Kommunikation muss durch strukturge-
fend reproduzierten Differenz. Genau das ist der bende Wahrscheinlichkeit eingeschränkt werden, um
Punkt, auf den die ›redescription‹ der alteuropäi- nicht in der völligen Beliebigkeit von Anschlussselek-
schen Tradition Wert legen muss« (89 f.). Die Einheit tionen zu verschwinden. Letztlich geht es also um die
der Gesellschaft besteht für Luhmann ausschließlich Frage, wie der autopoietische Anschlusszusammen-
in der Tatsache, dass ihr autopoietischer Zusammen- hang gesellschaftlicher Kommunikation höhere
hang durch Kommunikationen gebildet wird. Diese Wahrscheinlichkeiten des Anschlusses in eine un-
niedrigschwellige Bedingung für das, was ›Gesell- wahrscheinliche Form von Ordnung einbaut.
schaft‹ genannt wird, ermöglicht es der luhmann- Mit Hilfe der Unterscheidung von Medium und
schen Gesellschaftstheorie, theoretisch und grund- Form zeigt Luhmann, dass Kommunikationsprozes-
begrifflich nicht schon über die Substanz, den se Formbildung durch den Gebrauch selbstgesetzter
Charakter oder die Diagnose der Gesellschaft zu ent- Medien erleichtern. »Die Unterscheidung von me-
scheiden. Insofern besteht die Gesellschaft schlicht dialem Substrat und Form dekomponiert das allge-
aus dem autopoietischem Zusammenhang aller meine Problem der strukturierten Komplexität mit
Kommunikationen. »›Alle Kommunikationen‹ be- Hilfe der weiteren Unterscheidung von lose und
sagt: Kommunikationen wirken autopoietisch inso- strikt gekoppelten Elementen. Diese Unterscheidung
fern, als ihr Unterschied keinen Unterschied macht. geht davon aus, dass nicht jedes Element mit jedem
Daß kommuniziert wird, ist in der Gesellschaft mit- anderen verknüpft werden kann« (196). Soziale Sys-
hin keine Überraschung, also auch keine Informati- teme binden gewissermaßen ihre eigenen Formen an
on. (Anders natürlich für psychische Systeme, die das eigene Medium, ohne dass das Medium dabei
unvermutet angesprochen werden.) Andererseits ist selbst sichtbar werden muss. Wie der Ton als Form
Kommunikation gerade das Aktualisieren von Infor- die Luft als Medium voraussetzt, ohne Luft zu ver-
mation. Mithin besteht die Gesellschaft aus dem Zu- brauchen, ohne Luft zu thematisieren, ohne von Luft
sammenhang derjenigen Operationen, die insofern explizit ausgehen zu müssen, so nutzt etwa sprach-
keinen Unterschied machen, als sie einen Unter- förmige Kommunikation das Medium Sprache, um
schied machen« (90 f.). Das hört sich womöglich zu sprachlichen Formen zu kommen. Sprache als
kryptisch an, meint aber lediglich, dass Gesellschaft Medium selbst wird dabei letztlich nicht weiter zum
nicht dadurch überrascht werden kann, dass kom- Thema, sondern lediglich in sprachliche Formen ge-
muniziert wird, sondern nur dadurch, was wann wie setzt. Und selbst dort, wo das sprachliche Medium
und von wem kommuniziert wird. Es geht also um sprachlich thematisiert wird, muss es unhintergeh-
Formenbildung jeglicher Art – und die abstrakte bar in sprachliche Formen gebracht werden. Neben
Theorieanlage soll nur dazu dienen, jegliche Art von Sprache (205 ff.) diskutiert Luhmann die Schrift
Konkretheit abbilden zu können. Letztlich sichert (249 ff.), den Buchdruck (291 ff.) und elektronische
Luhmann damit einen empirischen Zugang zur Ge- Medien (302 ff.) als Verbreitungsmedien.
sellschaft – empirisch deshalb, weil man eben exakt Diesen Verbreitungsmedien rechnet Luhmann
auf jene Formen achten muss, die solche Gesell- eine starke evolutionäre Bedeutung zu: »Wenn es in
schaftstheorien immer schon kennen, die wissen, der Evolution der Verbreitungsmedien durchgehen-
dass wir in einer Risiko-, einer kapitalistischen oder de Trends gibt, die mit der Erfindung der Schrift be-
säkularisierten Gesellschaft leben. ginnen und in den modernen elektronischen Medien
ihren Abschluß finden, dann sind es […] der Trend
von hierarchischer zu heterarchischer Ordnung und
Die Formen der Kommunikationsmedien der Verzicht auf räumliche Integration gesellschaftli-
cher Operationen« (312). Verbreitungsmedien sor-
An diese allgemeine kommunikationstheoretische gen dafür, dass so etwas wie ein Raum von
Grundlegung des Gesellschaftsbegriffs schließt sich Bedeutungen, von Sinn, von Verweisungen erschlos-
Die Gesellschaft der Gesellschaft (1997) 199

sen wird, der immer weniger auf die Anwesenheit dium lässt sich die Funktion von Medien darin sehen,
von Personen angewiesen ist. Die »heterarchische dass etwa Formen des Liebens nur deshalb jene Viel-
Ordnung«, von der Luhmann spricht, ist eine Ord- falt und Variationsbreite herausbilden können, weil
nung, in der gleichzeitig Unterschiedliches geschieht, sie in ihrer Unwahrscheinlichkeit durch das Medium
was dann in Spannung mit der hierarchischen Ord- Liebe gemildert und damit wahrscheinlicher werden.
nung der Gesellschaft tritt. Am Buchdruck lässt sich Zugleich ermöglicht es gerade die Konzentration auf
das gut studieren. Einerseits erzeugt der Buchdruck dieses Medium, zunächst (!) von rechtlichen, ökono-
eine Asymmetrie zwischen Experte und Laie, zwi- mischen, religiösen oder politischen Erwartungen
schen Autor und Leser, andererseits korrumpiert er abzusehen. Wie zuvor Moral für Annahme und Ab-
die konkrete Asymmetrie unter Anwesenden, weil er lehnung von Kommunikation zuständig war, dabei
Verweisungszusammenhänge verfügbar macht, die aber stets auf Vereinheitlichung setzen musste, er-
zuvor nicht abgerufen werden konnten und die die möglichen die symbolisch generalisierten Kommu-
klare Asymmetrie der Situation in Frage zu stellen in nikationsmedien die Diversifizierung von Annahme-
der Lage sind. Es sind dann gewissermaßen sachliche kriterien. »Sie bilden, in einem sehr abstrakten Sinne,
Differenzen, die in die soziale Differenz von Hierar- ein funktionales Äquivalent zur Moral. Sie konditio-
chien eindringen, was dann differenzierungstheore- nieren ihrerseits dann wieder die Annahme- bzw.
tisch auf die funktionale Differenzierung der moder- Ablehnungswahrscheinlichkeiten. Während aber die
nen Gesellschaft verweist. Moral wegen ihrer Streitnähe und Gefährlichkeit
Um diese sachlichen Differenzen zu ordnen, ent- präpariertes Terrain mit guten Plausibilitäten vo-
steht eine andere Art von Medien, nämlich symbo- raussetzt, werden symbolisch generalisierte Medien
lisch generalisierte Kommunikationsmedien, die – ausdifferenziert, um gegen die Plausibilität zu moti-
etwa als Geld, Wahrheit, Liebe, Recht oder Macht – vieren« (317). Ihre Technik ist, Plausibilitäten zu
ein »rekursives Netzwerk der Wiederverwendbarkeit multiplizieren und so Anschlussmöglichkeiten so-
desselben Mediums« (394) ermöglichen. Dass es sich wohl einzugrenzen als auch zu vervielfältigen. Inso-
um ein rekursives Netzwerk handelt, bedeutet, dass fern bilden symbolisch generalisierte Kommunikati-
etwa Zahlungen nur im Hinblick auf andere Zahlun- onsmedien wie Geld, Macht, Wissen, Recht und
gen oder Liebesbeweise nur im Kontext anderer oder Liebe und die sich mit ihnen etablierenden Codie-
anders möglicher Liebesbeweise so stabilisiert wer- rungen »Kristallisationskerne […] für die Ausdiffe-
den können, dass daraus eine symbolische Generali- renzierung entsprechender Funktionssysteme«, weil
sierung erwachsen kann. Diese Medien sind stark an sie in der Lage sind, »auf verschiedene Probleme ver-
Sprache gebunden, ohne freilich so etwas wie eine schieden« (393) zu reagieren.
Orientierung oder gar Sicherheit zu bieten. »Symbo-
lisch generalisierte Kommunikationsmedien dienen
nicht […] primär der Absicherung von Erwartungen Eine operative Evolutionstheorie
gegen Enttäuschungen. Sie sind eigenständige Me-
dien mit einem direkten Bezug zum Problem der Un- Eine derart sachliche Ausdifferenzierung von Funk-
wahrscheinlichkeit der Kommunikation. Sie setzen tionen ereignet sich in der Zeit, also durch Evolution.
jedoch die Ja/Nein-Codierung der Sprache voraus Das Bezugsproblem der Evolution ist »die Paradoxie
und übernehmen die Funktion, die Annahme einer der Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen«
Kommunikation erwartbar zu machen in Fällen, in (413). Die evolutionstheoretische Fassung der luh-
denen die Ablehnung wahrscheinlich ist« (316). An- mannschen System- und Gesellschaftstheorie ent-
nahme einer Kommunikation heißt übrigens nicht, spricht ihrer operativen Anlage. »Die neueren
dass in der Ja/Nein-Codierung der Sprache nur auf Ja Evolutionstheorien erklären die Morphogenese von
gesetzt wird. Angenommen ist eine durch Geld me- Komplexität nicht durch ein entsprechendes Gesetz,
diatisierte Form der Kommunikation etwa auch, (das dann empirisch verifiziert werden kann) und
wenn man nicht zahlt oder sogar nicht zahlen kann, auch nicht durch Rationalitätsvorteile von Komplexi-
denn nicht zahlen kann ich nur, wenn ich mich be- tät, was eine zielstrebige, wenn nicht intentionale
reits innerhalb des Mediums Geld bewege. Ebenso Deutung von Evolution nahelegen würde. Vielmehr
setzt die Ablehnung einer Liebesofferte die Annahme nimmt man an, dass die Evolution sich rekursiv ver-
des Liebescodes voraus – sonst kommt es zu merk- hält, das heißt: dasselbe Verfahren iterativ auf die
würdigen Verstrickungen. eigenen Resultate anwendet« (415). Evolutionäre
Im Sinne der Unterscheidung von Form und Me- Entwicklungen bringen sich durch rekursive Selbst-
200 Werke und Werkgruppen

bezüglichkeiten hervor: »Die Evolution verdankt sich Die Differenzierungstheorie gehört zu den dienst-
der Evolution. Sie ermöglicht sich selbst, indem sie ältesten gesellschaftstheoretischen Figuren in der So-
die Bedingungen für die Differenzierung ihrer Me- ziologie. Differenzierungstheorie wurde dabei stets
chanismen aufbaut. Wie alles angefangen hat, müs- in Zusammenhang mit Integration gedacht – etwa als
sen wir dem ›Big Bang‹ oder ähnlichen Mythen normative Integration oder als Integration durch den
überlassen. Für alle späteren Einsatzpunkte der Evo- Primat eines Teilsystems. Die klassische Referenz
lution kann man immer schon System/Umwelt-Dif- dazu ist sicher das Postulat einer ›neuen Moral‹ für
ferenzen voraussetzen« (499 f.), was dann zugleich die moderne Gesellschaft durch Émile Durkheim.
bedeutet, den Grund des Geschehens »nicht mehr in Luhmann dagegen beginnt eben nicht mit der Ein-
den Anfang (arché, principium)« (500), sondern in heit der Integration, sondern mit der Differenz der
die je aktuelle Gegenwart von Variation und Selekti- Differenzierung, eben weil er stets von einer operati-
on zu setzen, die dann zu einer neuen Restabilisie- ven Theorieanlage aus denkt. Zu dieser operativen
rung führt – oder eben nicht. Solche Restabilisierun- Theorieanlage gehört die sehr einfache Beobach-
gen führen in der Systemreferenz ›Gesellschaft‹ dann tung, dass alles, was geschieht, in einer Gegenwart ge-
auf eine gesellschaftliche Strukturbildung, die in der schieht – was dann für differenzierte Systeme
Zeitdimension v. a. eine Differenzierung der Gesell- bedeutet, dass alles, was geschieht, gleichzeitig ge-
schaft in der Sachdimension mit sich bringt, funktio- schieht. »Die Konsequenz ist zunächst, daß gleichzei-
nale Differenzierung nämlich. tig Ereignisse einander wechselseitig nicht beeinflus-
sen und nicht kontrollieren können; denn Kausalität
erfordert eine Zeitdifferenz zwischen Ursachen und
Systemdifferenzierung als Wirkungen, also ein Überschreiten der Zeitgrenzen
Interdependenzunterbrechung des Gleichzeitig-Aktuellen« (605). Systemdifferen-
zierung besteht also stets in der Etablierung von In-
Der zweite Teilband von Gesellschaft der Gesellschaft terdependenzunterbrechungen – und im Hinblick
beginnt mit dem umfangreichsten und zentralen Ka- auf gesellschaftliche Differenzierung sind diese Inter-
pitel des Buches, nämlich mit dem Kapitel »Differen- dependenzunterbrechungen dann gleichbedeutend
zierung«. Hier führt Luhmann die drei vorherigen mit der Differenzierung in gesellschaftliche Teilsyste-
Perspektiven zusammen – erstens die systemtheoreti- me. Luhmann rekonstruiert dies als evolutionäres
sche Grundlegung des Gesellschaftsbegriffs als um- Geschehen, das von segmentär differenzierten Ge-
fassendem Sozialsystem, das alles einschließt, was sellschaften über die Differenzierung von Zentrum
Kommunikation ist, und einen möglichst niedrig- und Peripherie zu den stratifizierten Gesellschaften
schwelligen Begriff der Gesellschaft zur Folge hat; der Hochkulturen führt. In ihnen sind Teilsysteme
zweitens die Theorie der Kommunikationsmedien, mit Schichtenbildungen identisch. »Von Stratifikati-
die das Problem der Unwahrscheinlichkeit kommu- on wollen wir nur sprechen, wenn die Gesellschaft als
nikativer Anschlüsse und damit kommunikativer Rangordnung repräsentiert wird und Ordnung ohne
Ordnung behandelt und mit der Theorie symbolisch Rangdifferenzen unvorstellbar geworden ist« (679).
generalisierter Kommunikationsmedien das diffe- Dabei geht es v. a. um die Rangordnung von Perso-
renzierungstheoretische Design der Gesellschafts- nen, Personengruppen, Schichten, aber stets auch
theorie kommunikationstheoretisch vorbeitet; drit- um den prinzipiell hierarchischen Aufbau von Ord-
tens die evolutionstheoretische Grundüberlegung, nung. Luhmann legt eindrucksvoll dar, dass dies
dass sich die Restabilisierung selegierter Variationen durchaus mit Mobilität zwischen den Schichten (v. a.
in der Strukturierung durch alternative Differenzie- Aufwärtsmobilität) kompatibel ist und freilich die
rungsordnungen auszeichnet. kommunikativen Systemdifferenzen nicht aufhebt,
Luhmann beschreibt Systemdifferenzierung als weil die Personen eben ihren Status wechseln, wenn
»eine rekursive Systembildung, die Anwendung von sie wechseln (vgl. 705).
Systembildung auf ihr eigenes Resultat. Dabei wird Wie es dann zum Wechsel von stratifikatorischer
das System, in dem weitere Systeme entstehen, re- zu funktionaler Differenzierung kam, lässt sich nicht
konstruiert durch eine weitere Unterscheidung von monokausal bestimmen, was auch dem evolutions-
Teilsystem und Umwelt. Vom Teilsystem aus gesehen, theoretischen Gedanken der operativen und un-
ist der Rest des umfassenden Systems jetzt Umwelt. wahrscheinlichen Genese von Ordnung widerspre-
[…] Die Systemdifferenzierung generiert […] sys- chen würde. Es handelt sich auch nicht um ein
teminterne Umwelten« (597). revolutionäres, eruptives Geschehen, und um ein in-
Die Gesellschaft der Gesellschaft (1997) 201

tendiertes schon gar nicht. »Es ist kaum denkbar, daß und ohne Spitze, was v. a. im Hinblick auf die gesell-
die Umstellung von einer Differenzierungsform auf schaftliche Reaktion auf selbstinduzierte Folgen zu
eine andere nach einem Plan vollzogen werden dem Problem führt, dass Gesellschaft nie als solche,
könnte. Ausdifferenzierungen beginnen in einer sie sondern stets gebrochen durch je teilsystemische Per-
begünstigenden gesellschaftlichen Umwelt« (710). spektiven jene Folgen beobachten und bearbeiten
Diese begünstigende Umwelt bestand in Europa ins- kann.
besondere in der semantischen Etablierung unter-
schiedlicher Formen wissenschaftlicher, ökonomi-
scher, politischer, auch rechtlicher Variationen und Selbstbeschreibungen der Gesellschaft
Anschlussselektionen, die sich dadurch restabilisie-
ren konnten, dass ihre Annahmewahrscheinlichkei- Gesellschaft ist für sich selbst nicht erreichbar, zum
ten erleichtert werden konnten. Luhmann beschreibt einen weil sie keine zentrale Repräsentationsinstanz
dies etwa am Beispiel der Etablierung von unter- hat, zum anderen weil solche Repräsentationen selbst
schiedlichen Staats- und Rechtsordnungen nach glei- ihren Gegenstand gewissermaßen in Echtzeit mitver-
chem Muster. Solche Muster konnten immer weniger ändern – das gilt unverändert auch für die Theorie
durch alleinigen Rekurs auf Schichtung bzw. stratifi- der Gesellschaft selbst. Freilich sieht Luhmann »statt
zierte Ordnungsvariablen stabilisiert werden, wo- dessen imaginäre Konstruktionen der Einheit des
durch Schichtung nicht einfach verschwand, sondern Systems, die es ermöglichen, in der Gesellschaft zwar
sich selbst an die neuen Bedingungen anpassen nicht mit der Gesellschaft, aber über die Gesellschaft
musste. Die Potenz von Schichtung als Differenzie- zu kommunizieren. Wir werden solche Konstruktio-
rungskriterium bestand v. a. darin, dass sie ein ge- nen ›Selbstbeschreibungen‹ des Gesellschaftssystems
meinsames Differenzschema war – oben und unten nennen« (866 f.). Das fünfte und letzte Kapitel von
war von allen Positionen aus dasselbe, ob von oben Die Gesellschaft der Gesellschaft beschäftigt sich mit
oder von unten betrachtet. Das gab der Gesellschaft solchen Selbstbeschreibungen, die Luhmann nicht in
so etwas wie ein konkurrenzloses Ordnungsschema. dem Sinne rekonstruiert, ob sie zutreffende oder so-
»Mit dem Übergang zu funktionaler Differenzie- ziologisch befriedigende Beschreibungen abgeben.
rung verzichtet die Gesellschaft darauf, den Teilsyste- Vielmehr handelt es sich um eine letztlich empirische
men ein gemeinsames Differenzierungsschema zu Analyse der Selbstthematisierung der modernen Ge-
oktroyieren. Während im Falle der Stratifikation je- sellschaft, mit der sie zunächst auf die Umstellung
des Teilsystem sich selbst durch eine Rangdifferenz von stratifikatorischer auf funktionale Differenzie-
zu anderen bestimmen mußte und nur so zu einer ei- rung reagiert, später dann auf die Eigenzustände
genen Identität gelangen konnte, bestimmt im Falle ihrer funktional differenzierten Verfassung. Diese
funktionaler Differenzierung jedes Funktionssystem Selbstbeschreibungen werden von Luhmann nicht
die eigene Identität selbst« (745). Damit erscheint die einfach soziologisch verworfen, sondern empirisch
Gesellschaft aus der Perspektive der Funktionssyste- ernst genommen – als Versuche der Gesellschaft, mit
me durchaus unterschiedlich, je nach Funktion und ihrer Operationsweise zurande zu kommen.
symbolisch generalisiertem Kommunikationsmedi- Nach einer Rekonstruktion der zentralen Seman-
um. Das hat mindestens zwei erhebliche Konsequen- tiken Alteuropas macht Luhmann in der Entstehung
zen. Erstens lässt sich Gesellschaft aufgrund der von »Reflexionstheorien der Funktionssysteme« und
Ausdifferenzierung unterschiedlicher Perspektiven – dem damit einhergehenden Verzicht auf »feste Posi-
Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Politik, Kunst etc. – tionen für richtiges Beobachten« (958) erste moderne
nicht mehr konkurrenzfrei beschreiben, was den Selbstbeschreibungsformen des Gesellschaftssystems
Entscheidungsspielraum einzelner Perspektiven zu- aus. »Seit etwa 1600 entstehen bereichsspezifische
gleich erheblich steigert und einschränkt: Er wird ge- Reflexionstheorien, die mit Formeln wie Staatsräson
steigert, weil sich subsystemische Perspektiven nicht oder balance of trade Funktionslogiken ausarbeiten«
mehr wechselseitig einschränken, und er wird einge- (961). Wiewohl freilich diese auseinanderstrebenden
schränkt, da jedes Teilsystem in den Grenzen seines Momente der Moderne zunehmend an Persistenz ge-
Codes gefangen bleibt; zweitens schließt der Verzicht winnen, verzichtet die Gesellschaft keineswegs auf
auf ein gemeinsames Differenzschema die Möglich- Versuche von Einheitskonstruktionen. Luhmann
keit der Repräsentation des Ganzen im Ganzen kate- zeichnet diese im Schlusskapitel unter den Stichwor-
gorial aus. In diesem Sinne führt funktionale ten der ›Temporalisierung‹, der Erfindung des ›Sub-
Differenzierung zu einer Gesellschaft ohne Zentrum jekts‹, der ›Universalisierung der Moral‹, der Unter-
202 Werke und Werkgruppen

scheidung von ›Nationen‹, der ›Klassengesellschaft‹ 14. Organisation und


und des ›Risikos‹ nach. Er rekonstruiert diese Se-
mantiken nicht mit ideengeschichtlichem oder ge-
Entscheidung (2000)
nealogischem Interesse, sondern sieht in ihnen
Folgesemantiken der Umstellung auf funktionale »Was immer eine Entscheidung ›ist‹: innerhalb von
Differenzierung, die die einheitliche Beschreibung Organisationssystemen kommt sie nur als Kommu-
der Welt in einer Gesellschaft, die eine solche Einheit nikation zu Stande. Für uns ist demnach die Ent-
strukturell ausschließt, zugleich prekär und beson- scheidung ein kommunikatives Ereignis und nicht
ders wünschenswert erscheinen lassen. etwas, was im Kopf eines Individuums stattfindet«
Zugleich dient diese Rekonstruktion der Beobach- (OuE, 141 f.). Diese Aussage birgt bereits den Schlüs-
tung konkurrierender (soziologischer) Beschreibun- sel für ein Verständnis der Radikalität der Organisa-
gen der modernen Gesellschaft. Luhmanns Argu- tionstheorie Niklas Luhmanns. Entscheidungen wer-
mentation gipfelt in der Selbstanwendung des den dezidiert nicht als Akte individueller Wahl
Problems der Selbstbeschreibung. Erstens führt er konzipiert, sondern als basale Kommunikationsele-
den Beobachter in die Beobachtung ein, will heißen: mente, die die Autopoiesis der Organisation sichern.
Es sollen Semantiken als Semantiken, also bloß Be- Indem Luhmann Entscheidungen als Kommunika-
schreibungen decouvriert werden, die dann sehen tionen fasst, entwirft er eine Theorie der Organisati-
könnten, dass sie nicht schlicht wiedergeben, »was on, die in einem kontraintuitiven Verhältnis zur
der Fall ist oder doch sein sollte« (1110). Zweitens Alltagserfahrung in Organisationen steht. Er beginnt
wendet er dies als »reflektierte Autologie« auf seine damit, dass Entscheidungen immer einen paradoxen
Theorie der Gesellschaft an, die als Beobachter Charakter haben, da Unentscheidbarkeit die Voraus-
schlicht Beobachter beobachtet und nicht, was der setzung ist, damit Entscheidungen überhaupt getrof-
Fall ist. »Die moderne Gesellschaft beobachtet sich fen werden können. Aus dieser Perspektive lässt sich
als Beobachter, beschreibt sich als Beschreiber; und eine Organisation als eine Entscheidungsprämisse
erst das ist in einem logisch strengen Sinne Selbstbe- verstehen, die von der Organisation selbst entschie-
obachtung bzw. Selbstbeschreibung. Nun erst ist das den wurde. Die Organisationstheorie Luhmanns
›Selbst‹ der Beobachtung der Beobachter, das ›Selbst‹ könnte so als eine ›dekonstruktive‹ Organisations-
der Beschreibung der Beschreiber selbst« (1142). theorie beschrieben werden, die ins Zentrum rückt,
Aber: »Der Beobachter des Beobachters ist kein ›bes- dass die Möglichkeit organisationalen Handelns auf
serer‹ Beobachter, nur ein anderer. Er mag Wertfrei- der Unmöglichkeit von Entscheidungen beruht (vgl.
heit bewerten oder dem Vorurteil der Vorurteils- etwa Derrida 2003).
losigkeit folgen; er sollte dabei aber, wie diese Organisationen als autopoietische Systeme bilden
Formulierungen anzeigen, zumindest bemerken, sich, indem Entscheidungen an Entscheidungen an-
daß er autologisch operiert« (1142). knüpfen, d. h. Entscheidungen werden selbst von
Es ist wohl dies, ein anderer Beobachter zu sein, Entscheidungen entschieden. Es gibt kein ›Außen‹,
was das hohe Anregungspotential der luhmannschen das wie auch immer auf Entscheidungen einwirken
Gesellschaftstheorie ausmacht, nämlich die, dem so- kann. Selbst die Figur des Entscheiders muss durch
ziologisch-professionellen Erwartungsstil entgegen- eine Entscheidung des Systems hervorgebracht wer-
gesetzte Lesarten vorzulegen und verbreitete Bedürf- den, oder wie Luhmann es ausdrückt: »Der Entschei-
nisse nach Kritik, nach Lösung und Auflösung, nach der ist der Parasit seines Entscheidens« (OuE, 137).
Versöhnung oder auch nur Umsetzbarkeit und Pra- Eine Einführung in die Organisationstheorie Luh-
xisbezug schlicht nicht zu bedienen. Herausgekom- manns mit dem Konzept der Entscheidung beginnen
men ist ein Text von scheinbar neutraler Diktion und zu lassen, ist selbst eine Entscheidung, denn es gibt
verfremdender Erkenntnis, dessen Stil Luhmann auch andere plausible Möglichkeiten, zumal sich
selbst als »Reflexionsform der (romantischen) Iro- Luhmanns Organisationstheorie selbst im Lauf der
nie« andeutet, »die das Verwickeltsein in die Angele- Zeit radikal verändert und sich zu unterschiedlichen
genheiten malgré tout als Distanz zum Ausdruck Zeitpunkten ganz unterschiedlichen Aspekten ge-
bringt« (1129). Die Soziologie hat bis dato selbst eher widmet hat. Als Konstante lässt sich jedoch anführen,
Distanz zu diesem Text gepflegt – von romantischer dass Luhmann sich während seiner gesamten Wis-
Ironie freilich keine Spur. senschaftskarriere mit dem Phänomen der Organisa-
Armin Nassehi tion auseinandergesetzt hat. In vielerlei Hinsicht
kann man sogar argumentieren, dass seine frühen
Organisation und Entscheidung (2000) 203

systemtheoretischen Arbeiten aus der Beschäftigung In der zweiten Phase, die in den späten 1970er be-
mit Organisationstheorie entstanden sind. Dabei hat ginnt und bis zu den frühen 1980er Jahren andauert,
er sich eingehend mit internationalen organisations- widmet sich Luhmann parallel zur Ausarbeitung ei-
theoretischen Debatten und Theoretikern wie Ches- ner allgemeinen Theorie funktionaler Differenzie-
ter Barnard, Herbert A. Simon und James G. March rung einer Beschreibung der Evolution moderner
beschäftigt. Organisationen. Hier entstehen kleinere Artikel wie
Grob lassen sich Luhmanns organisationstheore- »Interaktion, Organisation und Gesellschaft« (1975)
tische Arbeiten in drei Phasen unterteilen. Die erste und »The Evolutionary Differentiation Between So-
Phase, die ungefähr in den 1960er Jahren beginnt ciety and Interaction« (1987).
und bis in die 1970er Jahre andauert, ist geprägt Die dritte Phase beginnt in den 1990er Jahren und
durch das Thema ›öffentliche Verwaltung‹ und die mündet abschließend in der (posthumen) Veröffent-
Beschreibung der Spannung, die sich aus einer juris- lichung seines organisationstheoretischen Haupt-
tischen Verwaltungsperspektive und einem sich neu werkes Organisation und Entscheidung (2000). Ande-
bildenden Planungs- und Zieldenken ergibt. In die- re wichtige Artikel, die die Argumentation des
ser Zeit entstehen Artikel wie »Kann die Verwaltung Buches vorbereiten, sind: »Die Paradoxie des Ent-
wirtschaftlich handeln?« (1960), »Theorie der Ver- scheidens« (1993) und »Membership and Motives in
waltungswissenschaft« (1966) und Buchpublikatio- Social Systems« (1996).
nen wie Politische Planung – Aufsätze zur Soziologie Organisation und Entscheidung kann als Äquiva-
von Politik und Verwaltung (1971) sowie Personal im lent zu Funktionen und Folgen formaler Organisation
öffentlichen Dienst (1973, gemeinsam mit Renate verstanden werden, denn hier verfasst Luhmann er-
Mayntz). Das Hauptwerk aus dieser Zeit ist Funktio- neut eine Systemtheorie der Organisation, die aber
nen und Folgen formaler Organisation von 1964. Die- stark auf das Konzept der Autopoiesis und den Form-
ses Buch ist Luhmanns erster Versuch, eine konsis- kalkül George Spencer-Browns rekurriert. Das Buch
tente Systemtheorie der formalen Organisation zu beinhaltet u. a. folgende Kapitel: »Mitgliedschaft und
formulieren. Es enthält Ausführungen zu theoreti- Motive«, »Die Paradoxie des Entscheidens«, »Zeit-
schen Grundbegriffen wie ›Mitgliedschaft‹, ›Grenz- verhältnisse«, »Selbstbeschreibung« und »Rationali-
ziehung‹ und ›Erwartungsstruktur‹ sowie Beschrei- tät«. Im Kapitel »Zeitverhältnisse« beispielsweise
bungen von Rang- und Hierarchiefragen und Aspek- zeigt Luhmann, dass die grundsätzliche Möglichkeit
ten der Personalpolitik. Er definiert in diesem Werk der Entstehung und Stabilhaltung von Organisatio-
die Grenzen der Organisation als eine Unterschei- nen und ihren Entscheidungen auf folgender Ein-
dung zwischen der Relevanz und Irrelevanz einer sicht beruht: »Als reine Differenz ist die Gegenwart
Entscheidung. Eine Organisation hört demnach dort aus sich selbst heraus undeterminiert. Das begründet
auf, wo ihre Entscheidungen als irrelevant beobach- die Möglichkeit des Entscheidens. Anders gesagt: Die
tet und Erwartungen durch diese nicht mehr stabili- Gegenwart ist in jedem Moment neu, in jedem Mo-
siert werden können (FuF, 58 f.). Die späteren ment der Beginn einer neuen Geschichte, und des-
Arbeiten dieser Phase widmen sich den Themen ›Pla- halb muss sie Information und Entscheidung wer-
nung‹ und ›Reform‹ als reflexive Mechanismen der den, um durch Bezeichnung ihrer Vergangenheit und
öffentlichen Verwaltung. Hier sind für Luhmann ihrer Zukunft für sich selbst Form zu gewinnen«
Entwicklungen von Interesse, die durch die Einfüh- (OuE, 156).
rung einer neuen Vorstellung von Planung und neuer Im Folgenden soll die Organisationstheorie Niklas
Reformvorhaben in der öffentlichen Verwaltung ent- Luhmanns anhand der wesentlichen Grundbegriffe
stehen. Er beschreibt ›Planung‹ als eine Entscheidung ›Entscheidung‹, ›Entscheidungsprämisse‹ und ›Or-
zweiter Ordnung (als Entscheidung über Prämissen ganisation‹ näher bestimmt werden. Dabei wird ins-
für weitere Entscheidungen) und Reformen als Re- besondere die Bedeutung des Operativen als Schlüs-
formen der Modi, wie öffentliche Verwaltungen Re- sel für die Organisationstheorie Luhmanns heraus-
formen durchführen, um so zeigen zu können, dass gearbeitet. Am Ende des Beitrags soll angedeutet
Planungs- und Reformvorhaben als Formen der werden, wie eine systemtheoretische Perspektive für
Komplexitätsreduktion zu verstehen sind, die jedoch die Analyse aktueller Themen der Organisationsfor-
zwangsläufig neue Komplexität produzieren. In die- schung genutzt werden kann.
sem Sinne sind seine Arbeiten als Kritik an den Hoff-
nungen in eindeutige und zielgerechte Steuerung
dieser Zeit zu verstehen.
204 Werke und Werkgruppen

Die Form der Entscheidung mit immer einen Unterschied zwischen fixierter und
offener Kontingenz in Hinblick auf Erwartungen
Luhmann schlägt vor, ›Organisation‹ als ein Kom- (Luhmann 1993).
munikationssystem zu begreifen, das mithilfe der Eine Entscheidung repräsentiert auf diese Weise
Operation ›Entscheidung‹ kommuniziert und sich die Einheit der Differenz von fixierter und offener
dadurch stabilisiert und verändert. Organisationen Kontingenz und als Einheit vereint eine Entschei-
bestehen dabei aus einem Netzwerk schon entschie- dung sowohl das, was die Welt in zwei Seiten teilt, als
dener Entscheidungsprämissen, die den Raum für auch das, was sie zusammenhält. Dies bedeutet, dass
weitere Entscheidungen eröffnen. jede Entscheidung nicht nur Erwartungen reguliert,
Entscheidungen determinieren nicht die Zukunft. sondern auch Unsicherheit produziert, weil die Ent-
Entscheidungen sind vielmehr Kommunikations- scheidung immer darauf hinweist, dass die Entschei-
formen, die einen Bewertungsrahmen für zeitliche, dung anders hätte ausfallen können. Soziale Kontin-
sachliche oder soziale Erwartungen, die in Interak- genz wird durch die Operativität von Entscheidun-
tionen entstehen, zur Verfügung stellen. Interaktio- gen sowohl fixiert als auch offengehalten, da fixierte
nen sind dabei nicht Teil der Organisation selbst, Erwartungen im Horizont anderer möglicher Regu-
sondern gehören ihrer Umwelt an. Eine Organisati- lierungen stehen. Deshalb entstehen neue Entschei-
on entsteht folglich als ein System, das Entscheidun- dungsmöglichkeiten in dem Moment, in dem eine
gen angesichts dieser interaktionalen Erwartungen Entscheidung getroffen wird. So produzieren Ent-
trifft. Dabei kann es sich um völlig unterschiedliche scheidungen immer auch weiteren Entscheidungsbe-
Erwartungen handeln, die auf Unterschiedliches darf.
verweisen. Durch Entscheidungskommunikation Die Form der Entscheidung birgt verschiedene Pa-
entsteht auf diese Weise ein Rahmen, anhand dessen radoxien. Die erste Paradoxie besteht darin, dass Ent-
bewertet werden kann, wie mit den vielen unter- scheidungen immer Erwartungen in Bezug auf die
schiedlichen oder sogar widersprüchlichen Erwar- Zukunft regulieren, aber retrospektiv getroffen werden.
tungen in der Organisation umgegangen werden Erst wenn eine Entscheidung getroffen wurde, ist es
soll. möglich festzustellen, ob eine Entscheidung vorliegt,
Eine Entscheidung trennt die Welt in ein ›Vorher‹ also ob Erwartungen reguliert und Kontingenz wirk-
und ein ›Nachher‹. Diese Unterscheidung ist dabei lich fixiert wurde, oder ob es sich nur um ›Talk‹ ge-
eine Unterscheidung innerhalb der Operation der handelt hat. Erst wenn eine Entscheidung als
Entscheidung. Wenn eine Entscheidung entscheidet, Entscheidungsprämisse für weitere Entscheidungen
zeigt sie an, dass die Entscheidung bereits getroffen behandelt wird, ist die Entscheidung entschieden.
wurde. Das Vorherige entsteht nur durch die Beob- Entscheidungskommunikation ist nicht lediglich
achtung der getroffenen Entscheidung. Aus der Per- Kommunikation in Form einer Entscheidung, son-
spektive der Entscheidung ist das Vorherige der dern auch immer eine Entscheidung über weitere
Entscheidung als ein Raum offener Kontingenz zu Entscheidungen (OuE, 222–256).
verstehen, der all die Erwartungen berücksichtigt, Eine zweite Paradoxie besteht darin, dass nur
nach denen sich die Organisation in Zukunft richten grundsätzlich unentscheidbare Sachverhalte entschie-
könnte. Das Vorherige der Entscheidung stellt sozu- den werden können (Foerster 1989; 1992; Luhmann
sagen unterschiedliche Lösungen für ein bestimmtes 1993; OuE, 132). Es gibt keine Möglichkeit, die einzig
Problem gleichwertig nebeneinander. Es ist eine Si- richtige Alternative der Entscheidung zu errechnen.
tuation, in der viel verändert werden kann. Nachdem Entscheidungen lenken den Blick immer auf alterna-
die Entscheidung getroffen wurde, liegen die Kontin- tive Entscheidungen und verweisen so auf die eigene
genz und die Offenheit unterschiedlicher Lösungen Unentschiedenheit. Nur wenn es möglich wäre, Ent-
in einer fixierten Form vor, die wiederum anzeigt, scheidungen zu errechnen oder abschließende Grün-
dass die Entscheidung auch anders hätte getroffen de anzuführen, könnten Entscheidungen Kontin-
werden können. Man hat sich für eine Lösung ent- genz so fixieren, dass sie keine weiteren Alternativen
schieden, während auch andere Lösungsmöglichkei- hervorrufen. Würden derartige sachliche Analysen
ten zur Verfügung gestanden und gleichermaßen gelingen, würde es sich gerade nicht um eine Ent-
hätten gewählt werden können. Das, was zu ändern scheidung, sondern nur um Kalkulation und Deduk-
war, ist jetzt determiniert. Man hätte viele andere tion handeln. Entscheidungen entstehen nur in
Dinge tun können, aber man hat sich für eine Sache einem Raum der Freiheit, der nicht weggerechnet
entschieden. Entscheidungsoperationen bilden so- werden kann.
Organisation und Entscheidung (2000) 205

Eine dritte Paradoxie besteht darin, dass das, was treibende Kraft der Autopoiesis von Organisations-
eine Entscheidung als Entscheidung kenntlich macht, systemen, die ständig dazu gezwungen werden,
nur in der Form einer Entscheidung markiert werden neue Entscheidungskommunikationen zu produ-
kann. In Organisationen kann nur über Entschei- zieren.
dungen selbst festgestellt werden, ob eine bestimmte Wenn Entscheidungen auf frühere Entscheidun-
Kommunikation als Entscheidung zu behandeln ist. gen Bezug nehmen, werden diese zu Entscheidungs-
Organisationen treffen permanent Entscheidungen prämissen für weitere Entscheidungen. Organisatio-
darüber, was eine Entscheidung zu einer Entschei- nen sind damit nichts anderes als eine Begleiterschei-
dung macht. Wer z. B. ist überhaupt dazu autorisiert, nung der permanenten Auflösungen von Entschei-
eine Entscheidung zu treffen? Die Frage, wann und dungsparadoxien. Organisationen und ihre Kristalli-
wie eine soziale Erwartung fixiert wird, ist nicht ein- sationspunkte, wie Arbeitsverhältnisse, Strukturen,
fach da. Entscheidungen müssen sich selbst entschei- Ziele, Strategien und Visionen usw., entstehen durch
den und lassen dabei immer einen Rest Unentscheid- Entscheidungskommunikationen; Entscheidungen
barkeit übrig. Die Form der Entscheidung kann provozieren weitere Entscheidungen und werden so
dabei als ein Re-entry der Unterscheidung von fixier- zu Entscheidungsprämissen. Was eine Organisation
ter und offener Kontingenz verstanden werden, der genau ist und aus was sie besteht, folgt daraus, wie
einen paradoxen Sachverhalt konstituiert und so Organisationen Entscheidungen entparadoxieren
grundlegend für die Autopoiesis jeder Organisation und wie diese in Entscheidungsprämissen umgewan-
ist: delt werden.
Die Entstehung und Entwicklung von Organisa-
Fixierte tionen lässt sich somit anhand ihrer Strategien zur
Kontingenz Entparadoxierung von Entscheidungen beobachten.
Die Entparadoxierung von Entscheidungskommu-
nikation gelingt also, indem Freiheit als Einschrän-
Fixierte Offene Offene kung behandelt wird.
Kontingenz Kontingenz Kontingenz Aus systemtheoretischer Perspektive bietet gera-
de die Beobachtung der unterschiedlichen Formen
der Entparadoxierung den Zugang zur empirischen
Entscheidung Untersuchung von organisationalen Phänomenen.
Indem man unterschiedliche Formen der Entpara-
Die Form der Entscheidung und die Paradoxie der doxierung identifiziert und dabei nachvollzieht, wie
Entscheidung die Verschiebungen der Semantiken des Organisie-
rens und des Managements die Bedingungen der
Entparadoxierung verändern, erhält man Einsich-
ten darüber, wie Organisationen entstehen, sich
Entparadoxierung und die Autopoiesis verändern und auch stabil halten. Dabei ist es von
der Organisation Bedeutung zu untersuchen, wie sich Entparadoxie-
rung auf sachlicher, zeitlicher und sozialer Ebene
Die autopoietische Maschinerie der Organisations- vollzieht.
systeme wird durch diese inhärenten Paradoxien, Bei sachlicher Entparadoxierung wird die Entschei-
die der Form der Entscheidung innewohnen, am dung als eine unvermeidbare Reaktion auf einen ›na-
Laufen gehalten. Denn Entscheidungen können nie turgegebenen Sachverhalt‹ behandelt. Indem die
endgültig und für immer getroffen werden, sondern Umwelt als gegeben und quasi naturalisiert verstan-
potenzieren permanent Alternativen und nähren den wird und Veränderungen in dieser als folgen-
ständig den Zweifel über die Richtigkeit und Ange- reich für die Organisation gewertet werden, wird die
messenheit von Entscheidungen. Daher ziehen Ent- Entscheidung zu einer zwangsläufigen Reaktion auf
scheidungen auch immer weitere Entscheidungen Umweltveränderungen. Der ›Markt‹, die ›Globalisie-
nach sich. Wegen dieser paradoxalen Ausgangslage rung‹ oder die ›Finanzkrise‹ werden von der Organi-
können Entscheidungen nie abschließend entschie- sation adressiert und so wird die Umwelt zu einem
den werden, vielmehr müssen die Paradoxien per- Referenzpunkt, der entscheidet, dass eine Entschei-
manent durch neue Entscheidungskaskaden ver- dung getroffen werden muss und der gleichzeitig
schoben und so aufgelöst werden. Dies ist die mitbestimmt, welche Alternative zu präferieren ist.
206 Werke und Werkgruppen

Die Unendlichkeit der Unentscheidbarkeit wird so seits Entscheidungsprämissen durch Entschei-


gestoppt. dungskommunikation entstehen und welche Kon-
Bei zeitlicher Entparadoxierung wird die Entschei- sequenzen andererseits der paradoxe Gehalt von
dung als eine unvermeidbare Reaktion auf einen be- Entscheidungen für diese Prämissen aufweist.
deutenden Moment behandelt. Entschieden werden Grundsätzlich geht es um die Absorption von Unsi-
kann nur dann, wenn es wirklich dringend ist und cherheit, um Erwartungsstabilisierung und um den
wenn kein weiterer Aufschub mehr zugelassen wer- Sachverhalt, dass Fixierung immer auch Kontingenz
den kann. Eine Entscheidung fixiert das Vorangegan- produziert. Luhmanns organisationstheoretische
gene, ›Talk‹ wird durch die Entscheidung unterbro- Ausführungen in diesem Buch sind stark von den
chen. Der Moment der Entscheidung ist immer ein Diskussionen der 1970er und 1980er Jahre über
endgültiger und abrupter Moment, abgesehen davon Formalität und Informalität bzw. über Umweltan-
wie viel Zeit die Entscheidung in Anspruch nimmt. passung geprägt. Diese aus heutiger Perspektive et-
Die Entparadoxierung gelingt durch die Konstrukti- was altmodische Debatte könnte dazu führen, seine
on eines Zeitpunktes, an dem die Entscheidung nicht Organisationstheorie als ›veraltet‹ zu bewerten.
einmal mehr für einen Moment aufgeschoben wer- Luhmanns analytische Herangehensweise, Formen
den kann. Umgangssprachlich zeugen Phrasen wie der Entparadoxierung zu identifizieren und zu ana-
›Der Moment ist gekommen‹, ›Die Zeit ist reif‹ oder lysieren, lässt sich jedoch problemlos auf aktuelle
im umgekehrten Sinne ›Die Zeit ist noch nicht ge- organisationstheoretische Fragestellungen anwen-
kommen‹ davon, wie vertraut wir mit diesen Pro- den. Gerade angesichts aktueller Veränderungen
blem sind. von Organisationssemantiken liefert die Untersu-
Bei der sozialen Entparadoxierung wird die Ent- chung neuer Formen der Entparadoxierung pro-
scheidung so behandelt, als ob ihre Realisierung in duktive Einsichten.
Anbetracht politischer oder interessenorientierter In der europäischen Organisationsforschung las-
Gegebenheiten unausweichlich scheint. Indem man sen sich momentan deutliche Umbrüche beobach-
auf zentrale Figuren in der Umwelt verweist und ten, die zur Konsequenz haben, dass sich die
diesen Autorität, Präferenzen und Strategien zu- Vorstellung von Organisationen und die Bilder des-
schreibt, werden Entscheidungen zu sozialen Impe- sen, was als Organisieren bezeichnet wird, verän-
rativen. dern. Ich möchte kurz drei Entwicklungslinien
andeuten. Der affective turn beschreibt Entwicklun-
gen, die zunehmend die Bedeutung von Emotionen
Formen der Entscheidungsprämissen für das Management herausstellen. Dabei wird das
Konzept der ›Emotion‹ nicht allein auf Phänomene
Alle Entscheidungsprämissen einer Organisation der ›emotionalen Arbeit‹ wie etwa Dienstleistungen
sind Produkte der Entfaltung von Entscheidungspa- und Fürsorge bezogen (vgl. Fineman 1993), sondern
radoxien. Dabei ist die Frage grundsätzlich offen, wie als ein grundsätzlicher Zugang für die Analyse von
eine Entscheidung zu einer Entscheidungsprämisse Organisationen gewertet. Zweitens lässt sich ein An-
wird und welche Form eine Entscheidungsprämisse stieg der Literatur zum Thema ›Spiel und Manage-
annimmt. Es geht nicht darum festzustellen, was zu ment‹ beobachten. Spiele sollen die Innovationsfä-
einer Entscheidungsprämisse wird, sondern in wel- higkeit, die eigenständige Entwicklung von Mitarbei-
cher Form dies geschieht. Anhand der Formung von tern und Teambuilding-Prozesse fördern (vgl. Schra-
Entscheidungsprämissen kann die Autopoiesis der ge 2000). Eine dritte Entwicklungslinie nähert sich
Organisation nachvollzogen werden, und genau an Organisationsphänomenen aus ästhetischer bzw.
diesem Punkt wird die Systemtheorie für die Organi- kunsttheoretischer Perspektive, die beispielsweise
sationsforschung relevant, da sie eine Perspektive be- auf die Relevanz des storytellings in Organisationen
reit hält, anhand derer die Emergenz und Evolution aufmerksam macht. Diesen drei aktuellen Entwick-
des Organisierens analytisch untersucht werden lungen in der Organisationstheorie ist gemein, dass
kann. sie herkömmliche Organisationsbegriffe grundsätz-
In Organisation und Entscheidung diskutiert Luh- lich in Frage stellen. Oft scheint es sogar, dass in die-
mann unterschiedliche Formen von Entscheidungs- sen Diskursen das Konzept der Organisation kolla-
prämissen, beispielsweise Mitgliedschaft, Program- biert bzw. der Begriff der Organisation überflüssig
me, Personal, Selbstbeschreibungen und Technik. wird.
Ihm gelingt es in diesem Werk zu zeigen, wie einer- Luhmanns Systemtheorie macht es möglich, diese
Organisation und Entscheidung (2000) 207

Diskurse und die Phänomene, die sie beschreiben, ei-


nerseits in den Blick zu nehmen und anderseits einen Generalisierte Motive Person
starken Begriff der Organisation beizubehalten und
diesen für empirische Analysen produktiv zu nutzen.
Die Systemtheorie ist imstande, zu beobachten, was Generalisierte Person
sich in Organisationen vollzieht, die sich mit diesen Motive als Ent-
neuen Diskursen auseinandersetzen. Es geht dann scheidung zur
beispielsweise nicht darum zu untersuchen, wie Mit- Selbstmotivation
arbeiter sich mit den Gefühlen anderer auseinander-
setzen, sondern darum, aus einer Position der Selbstverpflichtende Mitgliedschaft
Beobachtung zweiter Ordnung die Kommunikatio- Mitgliedschaft
nen der Organisation zu untersuchen. Die For-
schungsfrage lautet dann: Was ereignet sich, wenn Verschiebung der Form der Mitgliedschaft
eine Organisation dazu übergeht, persönliche Ge-
fühle als Entscheidungsprämissen zu behandeln? Mit diesem Schaubild lässt sich zeigen, wie die Form
Die Systemtheorie ermöglicht es hier, die Verände- der Mitgliedschaft wieder in sich selbst eingeführt
rungen in und von modernen Organisationen zu be- wird (Re-entry). Die generalisierten Motive werden
schreiben und kann so auch als ein Instrument für dabei in die paradoxe Anforderung, sich selbst im
die Generierung von Zeitdiagnosen genutzt werden. Sinne der Organisation zu motivieren, überführt.
Dies soll anhand dreier Beispiele kurz skizziert wer- Das Re-entry der Unterscheidung der Mitgliedschaft
den. bedeutet auf der einen Seite, dass die Trennung von
Mitgliedschaft: Luhmann hat sich ausführlich mit generalisierten Motiven der Organisation und der
dem Thema der Mitgliedschaft beschäftigt. Er kon- Person aufrechterhalten wird. Auf der anderen Seite
struiert sie als ein Element, das die Organisation wird aber das generalisierte Motiv personalisiert. Es
grundsätzlich konstituiert (Luhmann 1982). Mit- wird die Entscheidung getroffen, dass das generali-
gliedschaft wird dabei als eine bestimmte Form von sierte Motiv selbstmotivierend für das Mitglied sein
Entscheidungsprämissen definiert, die die Einheit soll. Das generalisierte Motiv fällt nun mit der Erwar-
der Unterscheidung zwischen generalisierten Moti- tung zusammen, dass sich das Mitglied selbst im Sin-
ven und Personen repräsentiert. Eine Entscheidung ne der Organisation motivieren soll. Die Motive der
über Mitgliedschaft unterscheidet und verbindet die Person werden so mit den Motiven der Organisation
generellen Motive einer Organisation mit Personen identisch gesetzt.
und auch mit ihren Motiven. Mit anderen Worten: Aus dieser Verschiebung ergeben sich weitreichen-
Eine Entscheidung über Mitgliedschaft ist sowohl de Konsequenzen für die Kommunikation der Orga-
eine Entscheidung über generalisierte Motive einer nisation. Organisationen müssen sich nun mehr für
Organisation – oft in Form von funktionalen, typi- die Interessen und Motive der individuellen Perso-
sierten Arbeitsanweisungen ohne Berücksichtigung nen interessieren, um in der Lage zu sein, der Person
der situativen und persönlichen Bedingungen – als die Verantwortung für die Selbst-Inkludierung in die
auch eine Entscheidung, die einer spezifischen Per- Organisation zu überlassen.
son eine bestimmte Rolle zuweist, ohne die persönli- Vertrag: Aus der Perspektive eines Organisations-
chen Gründe und Motive der Person dabei zu systems ist ein Vertrag eine Entscheidung, durch die
berücksichtigen. sich die Organisation abhängig von einer anderen
Aktuell lässt sich in vielen Organisationen der Ein- Organisation in ihrer Umwelt macht. Luhmann be-
zug von Semantiken wie ›lebenslanges Lernen‹, ›per- schreibt einen Vertrag als Einheit der Unterschei-
sönliches Engagement‹, ›Selbstmanagement‹ und dung von Bindung und Freiheit (1981). Ein Vertrag
›ganzheitliche Mitarbeiteridentität‹ beobachten. ist darüber hinaus ein Element, das in mindestens
Diese Semantiken scheinen zunächst konträr zum zwei Systemen gleichzeitig produziert wird. Aus Sicht
Mitgliedschaftsbegriff bei Luhmann zu stehen. Es eines Organisationssystems bedeutet dies, dass die
lässt sich jedoch sehr gut gerade mit systemtheoreti- Beziehung zwischen Organisation und Vertrag im-
schen Mitteln untersuchen, wie diese neuen Diskurse mer eine interne Beziehung innerhalb der spezifi-
die Form der Mitgliedschaft beeinflussen (Andersen/ schen Organisation hinsichtlich der eigenen Ver-
Born 2008). Die Konsequenzen für Mitgliedschaft pflichtung repräsentiert, dabei aber auch immer die
ließen sich etwa so formalisieren: Beziehung von Organisation und Vertrag des ande-
208 Werke und Werkgruppen

ren Vertragspartners im Blick hat. Gunther Teubner nerschaften – als Verträge zweiter Ordnung – die Be-
nimmt diesen Gedanken auf, wenn er einen Vertrag dingungen des Entscheidens. Diese Verschiebung in
als vielfältig begreift, da eine vertragliche Bindung der Form des Vertrages kreiert eine Entscheidungs-
immer unterschiedliche ›Nachleben‹ in einem spezi- prämisse mit ambivalentem Charakter, da gleichzei-
fischen System produziert (Teubner 2000). Dieser tig entschieden und nicht entschieden wurde, sich
Sachverhalt kann folgendermaßen formalisiert wer- von einer anderen Organisation in der Umwelt ab-
den: hängig zu machen. Eine Partnerschaft stellt eine Ent-
scheidung dar, die offen lässt, ob sie als Entschei-
Bindung Freiheit dungsprämisse zu behandeln ist oder nicht.
Spielerische Entscheidungen: Das letzte Beispiel ist
Bindung Freiheit Bindung” die Form der Entscheidung selbst. Die Semantik
ständigen Wandels impliziert die Idee, dass sich auch
Organisationen permanent wandelfähig halten sol-
len. Dabei besteht der Anspruch nicht nur darin, im-
mer in der Lage zu sein, die Richtung zu ändern,
Vertrag in A’s Vertrag in B’s Vertrag sondern auch ein Sensorium dafür zu entwickeln,
Kommunikation Kommunikation dass sich bestimmte Entwicklungsmöglichkeiten ge-
genseitig ausschließen und Pfadabhängigkeiten pro-
Die Vielfältigkeit des Vertrags duzieren. Auf diesen Sachverhalt reagiert die Be-
schreibung der post-bürokratischen Organisation.
Eine solche Organisation erkennt, dass ihre Praxis
Derzeit scheint gerade in Organisationen nichts so riskant ist, da ihre Operationen die Geschwindigkeit
präsent zu sein wie die Rede vom ständigen Wandel. des Wandels verlangsamen und somit die eigenen
In projektförmigen Arbeitszusammenhängen sollen Optionen einschränken. Vor diesem Hintergrund
Ziele, Erwartungen und Präferenzen in jeder Phase entwickeln Organisationen unterschiedliche Spiel-
flexibel und veränderbar gehalten werden. So kommt programme, z. B. Innovationsspiele, Teamspiele,
es, dass die Form des klassischen Vertrags angesichts Selbstentwicklungsspiele und Diversityspiele (Kane
von hoher Komplexität, von Turbulenz und Wandel 2004; Schrage 2000; Scannell/Newstrom/Nilson
für Organisationen zum Problem wird. Die zentrale 1998). Dirk Baecker weist darauf hin, dass »in play,
Herausforderung bei der Vertragsgestaltung lässt socialness is experienced as what it is, namely as con-
sich mit der folgenden Frage auf den Punkt bringen: tingent, roughly meaning that it is neither necessary
Wie sollen gegenseitige Erwartungen fixiert werden, nor impossible, or again, given yet changeable. Play
wenn man mit der Erwartung operiert, dass sich die in general reveals the form of the social by which the
Erwartungen permanent ändern? Dieser Sachverhalt play infects the world« (Baecker 1999, 103). In die-
führt dazu, dass Verträge vor allem so flexibel wie sem Sinne stellt das Spiel die Entscheidungskommu-
möglich gehalten werden sollen. Doch dies scheint nikation auf den Kopf, indem es Erwartungen nicht
nicht der einzige Anspruch zu sein. Vielmehr lässt fixiert, sondern öffnet (Andersen 2009). So stellen
sich empirisch beobachten, dass Verträge immer we- Spiele in Organisationen Entscheidungsprogramme
niger die Form eines Vertrages annehmen sollen. Es für zunehmende Unentscheidbarkeit dar. Sie sind
geht um die Realisierung nicht-bindender Bindun- Programme, die Entscheidungsprämissen auflösen.
gen. Dies führt dazu, dass Verträge zunehmend Eine der großen Herausforderungen für die Orga-
durch Partnerschaften als Verträge zweiter Ordnung nisationsforschung besteht aktuell darin, Beschrei-
ersetzt werden. Partnerschaften sind so als Verträge bungen zweiter Ordnung anzufertigen, die fassen
über zukünftige Verträge zu verstehen (Andersen können, wie sich die Bedingungen des Organisierens
2008); man verspricht sich lediglich, sich später etwas verändern. Im Kontext der Organisation entstehen
zu versprechen. Teil dieses Versprechens ist die Ab- momentan sehr viele neue Praxen und Management-
sichtserklärung, sich so zu entwickeln, dass man in tools, und neue Semantiken ziehen in die unter-
der Zukunft zu einem relevanten Partner wird. Eine schiedlichsten Bereiche des Organisierens ein. Orga-
Partnerschaft ist somit eine Form, um mit verscho- nisationen selbst reflektieren aber nur selten, wie sich
benen Bindungen zu arbeiten. Wenn ein klassischer diese Veränderungen auf die Autopoiesis des Organi-
Vertrag in einer Organisation als eine Entscheidung sationssystems auswirken. Viele, die diese neuen Pra-
für Abhängigkeit gelesen wird, dann verändern Part- xen, Tools und Semantiken in Anspruch nehmen,
Organisation und Entscheidung (2000) 209

tun so, als könnten sie Organisationen ohne Ein- –: »Interaktion, Organisation, Gesellschaft« [1975]. In:
schränkungen formen und strukturieren. Sie halten SA2, 9–20.
–: »Communication about Law in Interaction Systems«. In:
trotz post-bürokratischer Ansätze an einer klassi-
Karin Knorr-Cetina/Aaron Victor Cicourel (Hg.): Ad-
schen Organisationsvorstellung der intentionalen vances in Social Theory and Methodology. Toward an In-
Steuerbarkeit fest. Diese Spannung zwischen einer tegration of Micro- and Macro-Sociologies. London
klassischen Vorstellung von Steuerung und den 1981, 234–256.
selbstgestellten Ansprüchen im obigen Sinne gefähr- –: The Differentiation of Society. New York 1982.
det deren Realisierung. –: »The Evolutionary Differentiation between Society and
Interaction«. In: Jeffrey C. Alexander u. a. (Hg.): The Mi-
An diesem Punkt können systemtheoretische Be- cro-Macro Link. Berkeley 1987.
schreibungen des Organisierens einen großen Bei- –: »Die Paradoxie des Entscheidens«. In: Verwaltungsarchiv
trag leisten. Gerade die sehr präzisen – wenn auch 84. Jg., 3 (1993), 287–299.
durchaus komplexen – Begriffe der Entscheidung, –: »Membership and Motives in Social Systems«. In: System
der Entscheidungsprämisse und der Organisation, Research 13. Jg., 3 (1996), 341–348.
– /Mayntz, Renate: Personal im öffentlichen Dienst. Ein-
können genutzt werden, um kühle, nüchterne Beob- tritt und Karrieren. Baden-Baden 1973.
achtungen zweiter Ordnung dieser Entwicklungen Scannell, Edward/Newstrom, John/Nilson, Carolyn: The
anzufertigen. Mit systemtheoretischen Mitteln lässt Complete Games Trainers Play. Volume II. New York
sich beobachten, wie sich Organisationen beobach- 1998.
ten. Gerade dadurch gelingt es, sich empirisch offen Schrage, Michael: Serious Play. Boston 2000.
Teubner, Gunther: »Contracting Worlds: The Many Auto-
für unterschiedliche Formen der Emergenz und der nomies of Private Law«. In: Social and Legal Studies 9. Jg.,
Evolution von Organisationen zu halten. Die System- 3 (2000), 399–417.
theorie bietet eine deskriptive Plattform (die Form Niels Åkerstrøm Andersen
der Entscheidung), die es ermöglicht zu diagnostizie- (Aus dem Englischen von Victoria von Groddeck)
ren, was sich in der organisationalen Autopoiesis ver-
ändert, wenn neue Semantiken in die Organisation
eingeführt werden. Es gibt sicherlich einfachere Or-
ganisationstheorien, aber die Einsichten, die Luh-
manns systemtheoretische Beobachtungen zweiter
Ordnung ermöglichen, sind die Anstrengung wert.

Literatur
Andersen, Niels Åkerstrøm: Partnerships: Machines of Pos-
sibility. Bristol 2008.
–: Power at Play. The Relationships between Play, Work and
Governance. London 2009.
– /Born, Asmund: »The Employee in the Sign of Love«. In:
Culture and Organization 14. Jg., 4 (2008), 225–343.
Baecker, Dirk: »The Form Game«. In: Ders. (Hg.): Problems
of Form. Stanford 1999, 99–106.
Derrida, Jacques: Eine gewisse unmögliche Möglichkeit,
vom Ereignis zu sprechen. Berlin 2003.
Fineman, Stephen (Hg.): Emotion in Organizations. Lon-
don 1993.
Foerster, Heinz von: »Wahrnehmung«. In: Jean Baudrillard
u. a. (Hg.): Philosophien der neuen Technologie. Berlin
1989, 27–41.
–: »Ethics and Second-order Cybernetics«. In: Cyberne-
tics & Human Knowing 1. Jg., 1 (1992), 9–19.
Kane, Pat: The Play Ethic: A Manifesto for a Different Way
of Living. London 2004.
Luhmann, Niklas: »Kann die Verwaltung wirtschaftlich
handeln?«. In: Verwaltungsarchiv 51. Jg., 2 (1960),
97–115.
–: Theorie der Verwaltungswissenschaft. Berlin 1966.
–: Politische Planung. Aufsätze zur Soziologie von Politik
und Verwaltung. Opladen 1971.
210 Werke und Werkgruppen

15. Soziologische Aufklärung. In dem programmatischen Aufsatz »Soziologie als


Theorie sozialer Systeme« (1967) kritisiert Luhmann
6 Bände (1970–1995) die strukturfunktionalistische Theorie. Ihr Mangel
liege darin, »daß sie den Strukturbegriff dem Funk-
Von 1970 bis 1995 hat Luhmann sechs Bände unter tionsbegriff vorordnet« (SA1, 144). Letztlich finden
dem Titel Soziologische Aufklärung publiziert, die sich hier schon wichtige Hinweise auf die dann erst
teils bereits veröffentlichte Aufsätze, teils Originalar- später, in den 1980er Jahren entfaltete operative
beiten versammeln. Der erste Band ist 1970 erschie- Theorieanlage. Lesenswert dazu ist der Kopfaufsatz
nen, also kurz nach seiner Berufung als Professor für »Funktion und Kausalität« (1962), in dem Luhmann
Soziologie nach Bielefeld. Darf man der nachträgli- eine Kritik des »kausalwissenschaftliche[n] Funktio-
chen Absichtsbekundung Glauben schenken, ist dies nalismus« (SA1, 23) zugunsten eines Äquivalenz-
die Zeit, in der jener Plan Gestalt annahm, eine um- funktionalismus vorlegt, der sowohl Problem als
fassende Theorie der modernen Gesellschaft vorzu- auch Lösung kontingent ansetzt. In diesem ersten
legen, für die Luhmann 1969 eine dreißigjährige Band begründet Luhmann die Formel von der Erfas-
Laufzeit avisierte. »Kosten: keine. Die Schwierigkei- sung und Reduktion von Komplexität und gibt dem
ten des Projekts waren, was die Laufzeit angeht, rea- Problem eine systemtheoretische Wendung. Er
listisch eingeschätzt worden« (GG, 11), schreibt schreibt in dem Aufsatz »Soziologie als Theorie so-
Luhmann 1997 im Vorwort seines späten gesell- zialer Systeme«: »Mit steigender Eigenkomplexität
schaftstheoretischen Hauptwerks Die Gesellschaft der sind Systeme mehr und mehr in der Lage, eigene Pro-
Gesellschaft. Im Vorwort zum ersten Band von Sozio- bleme zu bilden. Das Problem der Weltkomplexität
logische Aufklärung beginnt Luhmann denn auch mit kann dadurch in Systemprobleme übersetzt und so in
der Problematisierung einer theoretischen Konsoli- eine Form gebracht werden, die nur noch systemre-
dierung der Soziologie, die er noch in weiter Ferne lativ gilt, dafür aber selektive Informationsverarbei-
sieht. Luhmann bescheinigt der Soziologie, letztlich tung anleiten kann. Es wird sozusagen auf das System
im Status der Vorläufigkeit zu verharren. »All ihren bezogen, von außen nach innen verschoben und da-
Beständen und jedem ihrer Einsätze fehlt die Gewiß- durch konkretisiert« (SA1, 117).
heit, dauerhafte Erkenntnis zu sein. Das gilt selbst für Es lohnt sich, nach der Lektüre des ersten Bandes
empirische Forschung, besonders aber für rein theo- den fünften von 1990 zur Hand zu nehmen. In dem
retische Überlegungen. In dieser Lage wäre ein Ver- Aufsatz »Das Erkenntnisprogramm des Konstrukti-
zicht auf zusammenfassende Theorie verhängnisvoll, vismus und die unbekannt bleibende Realität«
aber es empfiehlt sich, solche Theorie zunächst ein- nimmt Luhmann Bezug auf den, wie er meint, in je-
mal ins Unreine zu schreiben« (SA1, 5). Damit ist ner Zeit »mehr epidemisch als epistemisch« (SA5,
zweierlei umrissen – zum einen das Programm einer 31) expandierenden Konstruktivismus, den er wie-
theoretischen Konsolidierung der Soziologie, zum derum systemtheoretisch wendet. »Der Effekt dieser
anderen ein Publikationsprogramm, das zunächst Intervention von Systemtheorie kann als De-Ontolo-
ins Unreine experimentiert, das an sich selbst Thesen gisierung der Realität beschrieben werden. Das heißt
testet und Theorieentwicklung an konkreten Frage- nicht, daß die Realität geleugnet würde, denn sonst
stellungen ausprobiert. So kann man die sechs Bände gäbe es nichts, was operieren, nichts, was beobach-
gewissermaßen als Skizzenheft für die Theorieent- ten, und nichts was man mit Unterscheidungen grei-
wicklung lesen, die die Arbeit Luhmanns über 25 Jah- fen könnte. Bestritten wird nur die erkenntnistheo-
re bis 1995 begleiten. Ab der dritten Auflage von 1972 retische Relevanz einer ontologischen Darstellung
firmiert die erste Ausgabe von Soziologische Aufklä- der Realität« (SA5, 37). Diese Irrelevanz ergibt sich
rung übrigens als Band 1, dem dann erst 1975 der für Luhmann nicht bezüglich der Frage von Sein oder
zweite Band folgen sollte. Nicht-Sein bestimmter Sachverhalte/Erkenntnisse,
sondern es geht ihm um die schlichte Frage, warum
die Welt gerade so, gerade mit dieser Unterscheidung
Skizzenheft der Theoriebildung beobachtet/erzeugt wird. Statt dann freilich ontolo-
gische Fragen lösen zu wollen, »schlägt die System-
Liest man die Bände in dem angedeuteten Sinne als theorie die Unterscheidung von System und Umwelt
Skizzenheft, so beinhaltet der erste Band Aufsätze vor« (SA5, 37). Exakt das hatte Luhmann bereits im
Luhmanns zur Konsolidierung der funktional-struk- ersten Band angedacht, um den Funktionalismus
turellen Theorie als Weiterentwicklung von Parsons. von seinem gewissermaßen ontologischen Primat
Soziologische Aufklärung. 6 Bände (1970–1995) 211

bestimmter Bezugsprobleme zu befreien und um das Eigentumsordnung und ihre monetäre Integration
Verhältnis von Problem und Problemlösung als sys- selbstverständlich auf Recht beruhen. Unterschiedli-
temrelatives Geschehen zu beschreiben. Inzwischen, che Codes führen zu einer unterschiedlichen Quali-