Entwicklung im Kleinkindalter
Grundlagen der Entwicklungspsychologie IV
Univ. Prof.in Dr.in Barbara Gasteiger Klicpera
Arbeitsbereich Integrationspädagogik und Heilpädagogische Psychologie
Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft
Wiederholung der letzten Einheit
Woran erinnern Sie sich?
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Wichtige Begriffe der letzten Einheit
• Erstes und zweites Lebensjahr
– Körperliche Entwicklung (Größen- und Gewichtszuwachs, Entwicklung
motorischer Fertigkeiten: cephalo-caudale und proximp-distale Richtung, Greifen,
sudden infant death syndrome, Sauberkeitstraining)
– Kognitive Entwicklung (Tiefenwahrnehmung „visual cliff“,
Konstanzphänomene, Assimilation, Akkomodation, Stufen der kognitiven Entwicklung
– sensumotorische Periode: Handlungsschemata und Kreisreaktionen,
Objektpermanenz, Spracherwerb: Aktiver < passiver Wortschatz)
– Sozio-emotionale Entwicklung (Lächeln „smiling response“, Fremdeln
„Achtmonatsangst“, Trennungsangst ohne Hauptbezugsperson in unbekannter
Umgebung)
– Soziale Bindung - Emotionale Bindung - Attachment
(„secure base“, 4 Phasen der emotionalen Bindung, Qualität von Attachment:
Fremde-Situations-Test – sicher, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent;
Videoanalyse: unsicher-desorientiert)
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Überblick: heutige Einheit
• Vorschulalter
• Körperliche Entwicklung
• Gesundheit und Ernährung
• Psychomotorik
• Verbesserung motorischer Fertigkeiten
• Piagets Äquilibrationsmodell
• Präoperatorisches Denken
• Repräsentatives Denken
• Merkmale des voroperatorischen, anschaulichen
Denkens
• Sprache
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Was versteht man unter dem Vorschulalter?
• Kinder mit zweieinhalb Jahren können relativ
sicher laufen
• Ende des Krabbelalters (toddlerhood) - Beginn des
Vorschulalters
• noch zu jung für Einschulung
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Körperliche Entwicklung
• Kinder mit zweieinhalb Jahren: 90 cm groß, 14kg
schwer
• Schätzung der Erwachsenengröße möglich
• Knaben: Körperlänge mit 2;6 Jahren x 1.94
• Knaben im Vorschulalter größer und schwerer als
Mädchen
• Veränderung der Körperproportionen
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Gesundheit und Ernährung
• Weniger schnelles Wachstum weniger hungrig
• unbekannte Speisen grundsätzlich ablehnen,
heikle und schwierige Esser
• gesundheitliche Probleme
• wichtig für Aktivimmunisierung
• weniger Schlaf, kein Mittagsschläfchen
• 6 Jahre 85% der Kinder auch in der Nacht trocken
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Psychomotorik
• Unaufhörliche körperliche Bewegung
• 3 Jahre: Dreirad oder Kettcarfahren
• Zehenspitzengang
• Treppen nach oben steigen
• nach unten freihändig mit vier Jahren
• auf einem Bein springen,
großen Ball fangen,
gerader Schnitt mit Schere,
selbständig anziehen
• 6 Jahre: Zweirad fahren
ohne Stützräder 4-Entwicklungspsychologie Gasteiger-Klicpera 8
Verbesserung motorischer Fertigkeiten
• Drei basale Faktoren (Harris & Liebert, 1992)
• Erlangen willentlicher Kontrolle über die Bewegungen
der verschiedenen Körperteile
• Erwerb einer korrekten Vorstellung vom eigenen Körper
(body image)
• Fähigkeit zur bilateralen
Koordination
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Verbesserung motorischer Fertigkeiten
• Verbesserung von Genauigkeit und
Geschwindigkeit
• Reaktionszeiten deutlich kürzer
• Studie von Brown, Sepehr, Ettlinger & Skreczek
(1986)
• Knopf drücken sobald er aufleuchtet; durchschnittliche
Reaktionszeit bei zweijährigen zwei Sekunden, bei
fünfjährigen eine halbe Sekunde
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Entwicklungstests
• Beurteilung der motorischen Entwicklung mit Hilfe
spezieller Entwicklungstests möglich
• DGPs Testzentrale jährlicher Testkatalog
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Piagets Äquilibrationsmodell
Strukturelle Veränderungen sind das Ergebnis eines
ständigen dynamischen Wechselspiels von
Anpassungsprozessen: Notwendigkeit zur
Veränderung einer Struktur, wenn zwischen dem
Situationsverständnis des Individuums und den
Anforderungen der Situation so große Diskrepanz
auftritt, dass ein Ungleichgewicht entsteht.
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4-Entwicklungspsychologie Gasteiger-Klicpera 13
Voraussetzungen
• Denkfehler der Kinder
lassen bestimmte Form/Struktur des Denkens erkennen
• Das Kind kann sich bereits sprachlich äußern
Erschließung der Art seines Denkens möglich
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Präoperatorisches Denken
Repräsentatives Denken
• Symbole und Zeichen einbeziehen
• Auto:
– durch das Wort „Auto“
– durch sein Vorstellungsbild
eines Autos
– durch Bewegung - Lenkraddrehen
– durch das Modell eines Autos
– durch beliebigen anderen Gegenstand
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Repräsentatives Denken
• Fähigkeit, ein Objekt oder Phänomen durch ein
beliebiges anderes zu ersetzen: semiotische
Funktion
• Entwicklung des repräsentativen Denkens
ermöglicht den Gebrauch der Sprache
– Denken geht der Sprache voraus
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Merkmale des voroperatorischen,
anschaulichen Denkens
• Assimilation
• Fehlerhafte Assimilation
• Animistisches Denken
• Wahrnehmung unbelebter Gegenstände als Belebte
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Merkmale des präoperatorischen Denkens
• Piaget: Denken geht Sprache voraus
• Ende der sensumotorischen Phase: für jedes
Objekt ein Name
• Kennzeichen des präoperationalen Denkens:
• Egozentrismus: verschiedene Blickwinkel und
Perspektiven einnehmen
• mangelnde Reversibilität: Umkehrbarkeit von
Handlungen in Denkprozesse einbeziehen
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Egozentrismus
• Unfähigkeit, sich in die Rolle eines anderen
hineinzuversetzen
• Unfähigkeit, den Blickwinkel eines anderen
einzunehmen
• Unfähigkeit, die eigene aktuelle Sichtweise als eine
unter mehreren Möglichkeiten zu begreifen
• Eine Form: animistische Erklärungen
• Drei-Berge-Versuch
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Drei-Berge-Versuch
Pos. 2
Pos. 3
Pos. 1
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Mangelnde Reversibilität
• Umschüttaufgabe
• Gedankliche Umkehrung (Reversibilität) noch nicht möglich
• Zentrierung auf einen Aspekt
• Beschränkung des Urteilsfeldes
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Umschüttaufgabe
• Untersuchungen zum Erhaltungsbegriff: Menge,
Zahl, Länge, Gewicht, Volumen
• Kinder bis 6-7 Jahre nicht lösbar
• ab 8-9 Jahre Lösung ohne Probleme
• Umschüttvorgang gedanklich in umgekehrter
Reihenfolge =„Reversibilität“
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4-Entwicklungspsychologie Gasteiger-Klicpera 23
Stufe des voroperatorischen, anschaulichen
Denkens
• Folgen der Zentrierung auf einen Aspekt
• Ein Beispiel für:
• Eingeschränkte Beweglichkeit
• Fehlendes Gleichgewicht
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Eingeschränkte Beweglichkeit
• Kinder reflektieren nicht den Fall der
wechselseitigen Bedingung
Denken ist nicht konsistent
• Grenzen der Informationserfassung und
-verarbeitung
Informationen können nicht gemeinsam verarbeitet werden
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Fehlendes Gleichgewicht
• Denken des Kindes ist ständig in Gefahr in
Widersprüche – Ungleichgewicht – zu geraten
Das Kind bemerkt diese Widersprüche nicht
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Kritik am Konzept des kindlichen Egozentrismus
• Kinder (4 und 5 Jahre) sollten das Wissen eines
Babys, eines vier Jahre alten Kindes und eines
Erwachsenen berücksichtigen (Taylor et al. 1999)
– Weiß sie, wie das Tier aussieht, das Elefant heißt?
– Weiß sie, wie das Tier aussieht, das Lemur heißt?
• Wenn vierjährige Kinder zweijährigen etwas
erklären, benutzen sie einfachere, kürzere
Äußerungen
• Vorschulkinder können ihre Kommunikation an den
Gesprächspartner anpassen
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Theory of mind – Theorie des Bewusstseins
• Wie entwickeln Kinder grundlegende Theorien, um
ihre Erfahrungen von der Welt zu erklären?
• Entwicklung wissenschaftlicher Begriffe
– Welche Tiere schlafen und haben Knochen? Ähnlichkeit
zum Menschen ausschlaggebend
– Später Strukturen im Tierreich, formale Unterscheidung
zwischen Wirbeltieren und Wirbellosen
– Dinge in einem Objekt beeinflussen die Funktion des
Objektes, z.B. Hund
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Theory of mind – Theorie des Bewusstseins
• Die Maxi-Geschichte (nach Wimmer und Perner, 1983)
• Verständnis falscher Überzeugung
• Lügen und Täuschung
• Dreijährige informieren fast immer wahrheitsgemäß in
Mogel-Situationen
• Differenzierung zwischen Überzeugung und
Realität
• Aussehen und Realität
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Spracherwerb im Vorschulalter
• Beim Studium der Sprachentwicklung:
• Semantischer Aspekt
• grammatischer (syntaktischer) Aspekt
• pragmatischer Aspekt
• Semantik: Lehre von der Wortbedeutung
• Grammatik: Lehre von den Regeln einer Sprache (Verwandter Begriff:
Syntax: Regelsystem einer Sprache)
• Pragmatik: Lehre von den Beziehungen zwischen Sprachzeichen und
SprachbenutzerInnen
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Erwerb von Wortbedeutungen
• Beispiele für Beschränkungen, „constraints“:
• Objekt oder Handlung, Ganzheitsannahme, Prinzip des
Kontrasts
• „Das verchromte Tablett“ (Carey & Bartlett, 1978)
• Überextension: Bedeutungsüberdehnung,
Übergeneralisierung
• Unterextension: Bedeutungseinengung,
Überdiskriminierung
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Erwerb von Wortbedeutungen
• Beginn der Grammatikentwicklung gegen Ende der
sensumotorischen Periode
• Pivot-Strukturen: offenes Wort + „Pivot“
• Wauwau da
• da Brille
• Mami da
• weg Teddy
• Häufige Bedeutung von Pivot-Strukturen:
• 1. Vorhandensein
• 2. Verschwinden
• 3. Wieder-Vorhandensein
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Erwerb von Wortbedeutungen
• Phoneme: Grundlaute einer Sprache
• Morpheme: kleinste bedeutungstragende Einheiten
• Freie und gebundene Morpheme
• cat: 1 Morphem
• a cat: 2 Morpheme
• two cats: 3 Morpheme
• two cats sitting: 5 Morpheme
• “Mean Length of Utterance” MLU
(Brown, 1973)
• Durchschnittliche Anzahl von
Morphemen pro Äußerung eines
Kindes
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Sprache im Gehirn
Zur „Verortung“ von Sprache im Gehirn:
• "Ausschaltungsexperimente"
Reizexperimente
Ableitung elektrischer Nerventätigkeit
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Areale der Großhirnrinde
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Areale der Großhirnrinde
• sensorisches Sprachzentrum (Wernicke)
• motorisches Sprachzentrum (Broca)
• Lesezentrum
• sensorische Aphasie
• motorische Aphasie
• Alexie
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Lernfragen
• Wie kann man das Vorschulalter definieren?
• Beschreiben Sie wichtige Kennzeichen der
psychomotorischen Entwicklung im Vorschulalter
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Lernfragen
• Was versteht Piaget unter
einer „semiotischen
Funktion“?
• Wichtige Kennzeichen des
präoperationalen Denkens
nach Piaget!
• Beschreiben Sie den
Versuch der
Umschüttaufgabe und
erklären Sie, was Piaget
damit beweisen konnte!
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Zusammenfassung der heutigen Einheit
• Vorschulalter
• Körperliche Entwicklung (90cm, ~14kg, Knaben größer schwerer als Mädchen,
Veränderung der Körperproportionen)
• Gesundheit und Ernährung (heikle Esser, gesundheitliche Probleme, Aktivimmunisierung,
weniger Schlaf, 85% der 6-jährigen in der Nacht trocken)
• Psychomotorik (Zehenspitzengang, unaufhörliche körperliche Bewegung)
• Verbesserung motorischer Fertigkeiten (3 basale Faktoren: willentliche Kontrolle, body
image, bilaterale Koordination; Verbesserung der Genauigkeit und der Geschwindigkeit,
kürzere Reaktionszeiten)
• Piagets Äquilibrationsmodell (Strukturelle Veränderungen: Wechselspiel von
Anpassungsprozessen)
• Präoperatorisches Denken (Einbeziehen von Symbolen und Zeichen)
• Repräsentatives Denken (semiotische Funktion von Objekten; Denken geht Sprache
voraus)
• Merkmale des voroperatorischen, anschaulichen Denkens ((Fehlerhafte) Assimilation,
Animistisches Denken, Ende der sensumotorischen Phase, Egozentrismus, Mangelnde
Reversibilität, Grenzen der Informationserfassung und –verarbeitung, fehlendes
Gleichgewicht, Theory of mind)
• Sprache (Semantik, Grammatik, Pragmatik, constraints, Über-& Unterextension, Pivot-
Strukturen, Wortbedeutungen, Phoneme, Morpheme, Areale im Gehirn)
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Danke für Ihre Aufmerksamkeit
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