Peter Bichsel
Der Milchmann
Der Milchmann schrieb auf einen Zettel: „Heute keine Butter mehr, leider.“ Frau
Blum las den Zettel und rechnete zusammen, schüttelte den Kopf und rechnete
noch einmal, dann schrieb sie: „Zwei Liter, 100 Gramm Butter, Sie hatten gestern
keine Butter und berechneten sie mir gleichwohl.“
Am andern Tag schrieb der Milchmann: „Entschuldigung.“ Der Milchmann kommt
morgens um vier, Frau Blum kennt ihn nicht, man sollte ihn kennen, denkt sie oft,
man sollte einmal um vier aufstehen, um ihn kennenzulernen.
Frau Blum fürchtet, der Milchmann könnte ihr böse sein, der Milchmann könnte
schlecht denken von ihr, ihr Topf ist verbeult.
Der Milchmann kennt den verbeulten Topf, es ist der von Frau Blum, sie nimmt
meistens 2 Liter und 100 Gramm Butter. Der Milchmann kennt Frau Blum.
Würde man ihn nach ihr fragen, würde er sagen: „Frau Blum nimmt 2 Liter und
100 Gramm, sie hat einen verbeulten Topf und eine gut lesbare Schrift.“ Der
Milchmann macht sich keine Gedanken, Frau Blum macht keine Schulden. Und
wenn es vorkommt - es kann ja vorkommen - dass 10 Rappen zu wenig daliegen,
dann schreibt er auf einen Zettel: „10 Rappen zu wenig.“ Am andern Tag hat er
die 10 Rappen anstandslos und auf dem Zettel steht: „Entschuldigung.“ 'Nicht der
Rede Wert' oder 'keine Ursache', denkt dann der Milchmann und würde er es auf
den Zettel schreiben, dann wäre das schon ein Briefwechsel. Er schreibt es nicht.
Den Milchmann interessiert es nicht, in welchem Stock Frau Blum wohnt, der Topf
steht unten an der Treppe. Er macht sich keine Gedanken, wenn er nicht dort
steht. In der ersten Mannschaft spielte einmal ein Blum, den kannte der
Milchmann, und der hatte abstehende Ohren. Vielleicht hat Frau Blum
abstehende Ohren.
Milchmänner haben unappetitlich saubere Hände, rosig, plump und verwaschen.
Frau Blum denkt daran, wenn sie seine Zettel sieht. Hoffentlich hat er die 10
Rappen gefunden. Frau Blum möchte nicht, dass der Milchmann schlecht von ihr
denkt, auch möchte sie nicht, dass er mit der Nachbarin ins Gespräch käme.
Aber niemand kennt den Milchmann, in unserm Quartier niemand. Bei uns
kommt er morgens um vier. Der Milchmann ist einer von denen, die ihre Pflicht
tun. Wer morgens um vier die Milch bringt, tut seine Pflicht, täglich, sonntags und
werktags.
Wahrscheinlich sind Milchmänner nicht gut bezahlt und wahrscheinlich fehlt
ihnen oft Geld bei der Abrechnung. Die Milchmänner haben keine Schuld daran,
dass die Milch teurer wird.
Und eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann gern kennenlernen.
Der Milchmann kennt Frau Blum, sie nimmt 2 Liter und 100 Gramm und
hat einen verbeulten Topf.
https://deutschunddeutlich.de/contentLD/GD/GT45kbMilchmann.pdf